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Kain L.

von Spreewinkl

Meine Dämonen
Anamnestische Autobiographie eines chronisch Kranken

Kain von Spreewinkl


04.08.2009
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Meine Dämonen
Anamnestische Autobiographie eines chronisch Kranken

Autor: Kain L. von Spreewinkl

Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis...................................................................................................2
Präambel................................................................................................................ 4
Meine Dämonen..................................................................................................... 8
Das Gesicht der tausend Augen..........................................................................9
Das Arschgesicht...............................................................................................11
Der Parasit.........................................................................................................12
Schlaf und Traum..............................................................................................13
Traumsequenz I..............................................................................................14
Traumsequenz II.............................................................................................15
Traumsequenz III............................................................................................18
Meine Rufer.......................................................................................................... 20
Meine weiteren Komplikationen...........................................................................23
Depressionen....................................................................................................26
Gefühle, oder was ich dafür halte......................................................................30
Zwangshandlungen...........................................................................................33
Gedanken über den Tod....................................................................................34
Der eigene Tod...............................................................................................35
Der Tod der Anderen......................................................................................38
Dissoziationen...................................................................................................39
Anwesend abwesend......................................................................................40
Existieren in synthetischer Realität................................................................42
Dyssomnien.......................................................................................................45
Somnambulismus oder: wo bin ich, wenn ich schlafe?...................................47
Meine Schmerzen I...............................................................................................50
Mein nebendiagnostisches Intermezzo.................................................................53
Meine Schmerzen II..............................................................................................58
Meine Ärzte.......................................................................................................... 62

© KvS Meine Dämonen 11-01-20


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Nachwort.............................................................................................................. 72
Danksagung......................................................................................................... 73
Anhang.................................................................................................................75
Meine Diagnosen...............................................................................................75
Literatur............................................................................................................ 76
Mein Abschlussstatement..................................................................................77

mens sana in corpore sano1

eine aus dem Zusammenhang gerissene Sentenz aus den Satiren des
altrömischen Dichters Juvenal
(Decimus Iunius Iuvenalis)
um 60 – um 130

1
Meist falsch als „In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist“ übersetzt;
genauer wäre jedoch, im Gefüge des ganzen Satzes betrachtet: „Das einzige, um das wir
die Götter bitten können, ist, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnen
soll“, denn das Originalzitat lautet (Satiren 10, 356): „Orandum est, ut sit mens sana in
corpore sano“

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Präambel
Dieses autobiographisch konzipierte Manifest (oder sollte ich dieses mühsam
erstellte Elaborat besser als ein ‚psycholiterarisches Mentalexperiment‘
apostrophieren?) zeigt in seinem ersten, größeren Abschnitt meine
gegenwärtigen psychopathologischen Verhältnisse, Komplikationen und
Beeinträchtigungen – sowie ihren z.T. mehrere Jahrzehnte dauernden
anamnestischen Werdegang – auf. Die philosophische Relevanz dieser im Prinzip
selbstinkulpierenden Aufzeichnungen ist folgende: ich evaluiere sie als eine
hoffentlich hilfreiche Art von tentativer Autotherapie – vielleicht bessert sich ja
mein grenzwertiger Zustand aufgrund der schriftlichen Niederlegung und
demzufolge der aktiven Aufarbeitung (und intellektuellen Auseinandersetzung
mit) meiner derzeitigen inneren fragil bist instabilen Konsistenz. Des weiteren
sollte dieses kleine Manuskript den momentan und zukünftig mich betreuenden
Ärzten und Therapeuten helfen können, sich in meiner intraindividuellen labil-
düsteren Gedankenwelt (– bei der kontinuierlich fortschreitenden Expansion
meiner subjektiven Apperzeption sollte ich es wohl bereits als ein endlos dunkles,
kaltes ‚Gedankenuniversum‘ deklarieren –) einigermaßen zurechtzufinden, und
mich und meine u.U. ein wenig abstrakt oder obskur anmutenden Aktionen (–
sowie meine ebensolchen sozialen wie sozietären Interaktionen –) besser zu
verstehen – sozusagen als eine Art schriftgewordener mentaler Wegführer, eine
detaillierte Straßenkarte des Geistes, ein psychologisches Vademekum meiner
Seele. Denn es ist auf Dauer eine äußerst anödende, eine ennuyant monotone
Angelegenheit, nach jedem erfolgten Arztwechsel – freiwillig oder erzwungen –
oder einer weiteren Überweisung zu anderen Therapeuten (ganz zu schweigen
von den Legionen der verschiedentlichen Konsiliar-, Vertrauens- oder Amtsärzte),
alles an – über nun knapp vier Dezennien angesammelten – persönlichen
Gedanken und stattgefundenen Ereignissen zum wiederholten Male zu erzählen
(sofern überhaupt noch zerebral verfügbar, denn mein interner
hochspezialisierter Verdrängungsmechanismus funktioniert mit überaus
effizienter und konzentrierter Präzision, die kaum mehr zu intensivieren ist;
näheres hierzu findet sich an mehreren Stellen im folgenden Haupttext) – und
während meines ermüdend verbosen, deprimierenden Monologs das ganze
Grauen meiner maroden Existenz erneut durchleben zu müssen. Auch ist die
knappe Stunde, die man bei therapeutischen Sitzungen meist nur zur Verfügung
hat (durchschnittlich 45 bis 55 Minuten), grundsätzlich viel zu gering bemessen,
als dass man in der viel zu kurzen Zeit überhaupt zum Kern – oder auch nur zu
tieferen Schichten – eines seelischen Anliegens durchdringen kann, zumeist wird
nur ein wenig an der äußersten oberen Schale gekratzt; und wenn man dann
tatsächlich ins erzählen kommen sollte, d.h. eine zögernde psychische Öffnung
entsteht, oder, anders formuliert, sukzessiv eine realistische innerliche
Retrospektive beginnt – ist unversehens die Therapiestunde bereits wieder
vorbei, und zwar rigoros und ohne die geringste Chance auf Verlängerung, da der
nächste hilfesuchende Patient schon in den Startlöchern, also vor der Türe steht.
Man sollte aus barmherziger Humanität Doppel- oder Dreifachstunden einführen,
oder wenigstens die bei diversen Patienten sicher nicht unwillkommene Option

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anbieten, von Zeit zu Zeit solche zu offerieren, vielleicht einmal pro Monat bzw.
im Quartal.

Im anschließenden zweiten Abschnitt, beginnend mit dem Kapitel Meine


Schmerzen I, beschreibe ich einen exemplarischen Teil meiner diversen
körperlichen Defekte und schmerzinduzierten Behinderungen, da diese partiell
sicherlich auch psychisch generiert und/oder beeinflusst wurden bzw. sind; nicht
umsonst war ich bis vor kurzem stationär in einer mehr oder minder
renommierten Psychosomatischen Klinik in Süddeutschland (in der Nähe des
Chiemsees), die mir jedoch zu meinem tiefen Bedauern im mehrwöchigen Verlauf
meiner dortigen Präsenz auch nicht viel geholfen hat. Während des tristen,
desillusionierenden Entlassungsgesprächs bescheinigte mir mein während des
Aufenthalts für mich zuständig gewesener Therapeut, dass ich fraglos eindeutig
‚zu intelligent‘ (Originalzitat) für deren verhaltenstherapeutisch fundierte
Standardbehandlungsansätze sei. Aufgrund meiner überaus vielseitigen
Kenntnisse und außergewöhnlichen Belesenheit, u.a. eben auch in der
vielschichtigen psychiatrischen und psychotherapeutischen Materie (– was soll
man denn sonst all die Jahre über tun, wenn man ständig krank und mehr oder
minder bewegungsunfähig Zuhause liegt? – da bietet sich das Lesen doch
geradezu an (und mein wiederholt verifizierter Intelligenzquotient von 132
Punkten tat wohl sein übriges…); so las ich beispielsweise ein aus 24 Bänden
bestehendes Lexikon komplett von A bis Z durch, gleiches vollbrachte ich mit
diversen Wörterbüchern sowie ausgewiesenen Spezial- und Fachlexika, ich las die
Werke der großen Psychiater und die der französischen Vertreter der
Antipsychiatrie (Stichwort: ‚Anti-Ödipus‘2 oder ‚Tausend Plateaus‘3 von
Deleuze/Guattari; außerdem denke ich an Michel Foucault4 und Michel Serres5,
zwei der interessantesten meiner gegenwärtigen Lieblingsautoren), ich las die
Philosophen der Vergangenheit und die der Gegenwart, ja, einmal kam ich sogar
auf die skurrile Idee, das Telefonbuch zu lesen, weil mir bedauerlicherweise
meine sonstige Lektüre ausgegangen war. Als ich dann endlich wieder
einigermaßen interessanten Nachschub bekam, hatte ich bereits den Buchstaben
F beendet… –), konnten sie mir in ihrer Institution leider mit keinem adäquaten
Analyseverfahren dienen, welches mir vielleicht neu oder unvertraut gewesen
wäre und sich nicht negativ von mir manipulieren ließe. Es wurde mir als
Alternative dringlich angeraten, ich solle mir doch auf privater Basis einen
ebenso versierten wie routinierten Therapeuten suchen, der mit deutlich
renitenten Patienten, wie ich wohl einer wäre, besser zurechtkäme und der
außerdem eine minimale, eine mögliche Erfolgsaussicht in meinem komplexen
Falle annähme. In diesem Sinne wurde mir jedoch von verschiedenen
Psychologen bereits öfter signalisiert, dass dies mit Sicherheit ein ziemlich
schwieriges und langfristiges Unterfangen werden könnte (denn auch in dieser
akademischen Disziplin wird bedauerlicherweise mehr auf Quantität denn auf
Qualität geachtet). Mein dortiger Aufenthalt hatte aber immerhin dahingehend
einen positiven Effekt, indem ich daselbst einigen höchst interessanten und
sympathischen Leidenskonfidenten begegnete, mit denen ich erstaunlicherweise
2
Deleuze/Guattari, 1977
3
Deleuze/Guattari, 2005
4
Foucault, 1973
5
Serres, 1987

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heute noch relativ intensiven Kontakt halte und einen unregelmäßigen, jedoch
gegenseitig äußerst aufbauenden Meinungsaustausch kommuniziere und
kultiviere (zumindest hoffe ich, dass die wenigen optimistisch stimmenden
Resultate dieser privaten Kolloquien auf einer bilateral/multilateral fundierten
Basis stehen; es wäre mir schon ein kleines bisschen peinlich, würde ich allein
und exklusiv einen mentalen Nutzen daraus ziehen – ich mag zwar ein wenig
egozentrisch sein, aber auch ich habe meine mehr oder weniger klar
abgesteckten Grenzen (jedenfalls in meinen lichten Momenten)). Ihnen bin ich
exorbitant dankbar, denn wer weiß, wo mein episodisch insuffizienter Intellekt
und mein frei flottierender morbider Geist heute wären, wüsste ich sie nicht an
meiner Seite.

Doch hier beginnt leider auch schon eine meiner diagnostizierten psychiatrischen
Diagnosen, mir – aber nicht nur mir – übel mitzuspielen, nominatim die
sogenannte Schizoide Persönlichkeitsstörung. Diese ‚Störung‘ zeitigt nämlich
unter anderem eine starke, fast ausschließliche Fokussierung auf eine einzige,
singuläre Kontakt- bzw. Bezugsperson außerhalb der Familie ersten Grades.
Weitere mögliche Bekannte (falls überhaupt vorhanden) laufen eher locker und
en passant am weit entfernten, äußersten Rande meiner sozialen Wahrnehmung
mit. So geschehen zu meinem großen Bedauern just eben auch mit zweien dieser
drei wirklich angenehmen, freundlichen und überaus hilfsbereiten
Klinikgefährten. Und diese negative Entwicklung verlief folgendermaßen und
innerhalb weniger Tage nach vollzogener Niederschrift des vorigen Absatzes ab:
Bei einem von ihnen nistete ich mich – selbstverständlich mit seinem kordialen
Einvernehmen – über ein Wochenende im Mai 2009 ein und hatte während
meines kurzen, angenehmen Aufenthalts grandiose, unglaublich inspirierende
Gespräche mit ihm; außerdem konnte ich reichlich positive Energie, viele neue
Ideen und faszinierende Anregungen mit auf den langen Heimweg nehmen.
Endlich wieder Zuhause angekommen erhielt ich kurze Zeit später einen
mittlerweile schon völlig unerwarteten Anruf vom zweiten dieser
bedauernswerten Freunde. Zu meinem nicht minderen Erschrecken erkannte ich
kaum noch seine an sich markante Stimme, ja, ich konnte mich anfangs nicht
einmal mehr an seinen Namen, sein Gesicht und seinen Habitus erinnern! Und
das Schlimmste daran war, ich hatte noch nicht einmal die geringste Lust,
überhaupt kein wie auch immer geartetes Interesse, mich mit ihm zu unterhalten
(ich wusste auch nicht wirklich, worüber ich mit ihm eigentlich hätte reden sollen)
oder sogar nur, ihm ein wenig zuzuhören, und so beendete ich das – für mich –
unerfreuliche, missliche Telefonat, sobald ich die erstbeste Möglichkeit dazu
hatte. Von der dritten Klinikbekanntschaft möchte ich hier gar nicht mehr weiter
erzählen, da ich sie schon einige Zeit zuvor als einen längst abgeschlossenen Teil
meiner bereits verwichenen und damit fast vergessenen bzw. verdrängten
Vergangenheit betrachtete. Diese unwürdige, verwerfliche Behandlung haben die
beiden Letztgenannten schlichtweg nicht verdient, doch so oder so ähnlich erging
es, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, auch sämtlichen Freunden meiner
Kindheit und Jugend, jenen aus meiner Schul- und Studienzeit und selbst denen,
die ich später erst kennenlernte (oder kennenlernen musste), beispielsweise
meinen Arbeitskollegen und erst recht irgendwelchen völlig uninteressant
gewordenen Reisebekanntschaften oder sonstigen Personen, denen ich irgendwo

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anders begegnete. (…was soll ich dazu sagen…? mea culpa, mea culpa, mea
maxima culpa…6) – Aus den Augen, aus dem Sinn…

Falls nun den geneigten Leser dieser Elukubration während seiner Lektüre das
vage intellektuelle Befinden anheischt, der Text des hier vorliegenden
Manuskripts wäre grundsätzlich in sich inhomogen und nicht nur stellenweise
nicht flüssig wie ‚aus einem Guss‘ niedergeschrieben, dann hat er damit
sicherlich recht. Dieses liegt beispielsweise an meiner allgemeinen
gegenwärtigen Verfassung und Medikation, aber auch an meiner derzeitig
präferierten und praktizierten Schreibweise. So verbalisiere ich manche
Gedanken und erhalten gebliebene Traumfetzen direkt nach dem erwachen (will
heißen, so direkt wie es geht, und so unverzüglich wie meine aktuellen
Schmerzen und meine Morbidität es zulassen), während an anderen, speziellen
Formulierungen längere Zeit akribisch, ja, fast pedantisch gefeilt wird/wurde. Des
weiteren entschloss ich mich aber auch, meine unmittelbar zu Papier gebrachten
spontanen Einfälle und Gedanken nicht mehr allzu sehr sprachlich und stilistisch
zu verändern, damit das massiv Ursprüngliche dieser inneren Eingebungen
weitgehend erhalten bleibt. Auch ändert sich mein eingesetzter Stil je nach
prävalentem Müdigkeitsgrad und psychischer Gestimmtheit. Letzteres ist dann
auch der ausschlaggebende Punkt, falls sich einige, mich allgemein nachhaltiger
belastende und beschäftigende Passagen stark ähneln oder sich sogar partiell
wiederholen sollten (oder aber auch, dass sich desultorisch und relativ
unzusammenhängend das ursprünglich behandelte Thema ändert). Ein Impetus
zur leserindignierenden Verärgerung könnten auch die zwei oder drei obszönen
Wortauswahlen sein, die ich kurzerhand der Fäkalsprache, respektive dem
Soziolekt der Plebejer, dem Slang der Straße entliehen habe, aber just in diesem
akuten Augenblick, in dem ich die wenigen davon betroffenen Absätze zu Papier
brachte, schienen sie mir die akkuratesten zu sein; oder sie ließen sich schlicht
nicht vermeiden bzw. den Umständen nach nicht angemessen und sinngemäß
korrekt umschreiben. Ich bitte darum, dies rücksichtsvoll zu tolerieren und
cordialiter zu ignoszieren.

Doch nun beginne ich einfach einmal mit der expliziten Darstellung und
Ausarbeitung meiner Gedanken und Behinderungen, denn sonst habe ich schon
alles im Vorwort erzählt, bevor ich überhaupt richtig angefangen habe.

Der Verfasser
am Mittwoch, 3. Juni 2009

6
Lat.: meine Schuld, meine Schuld, meine größte Schuld; Teil des katholischen Gebets
Confiteor (‚Ich bekenne‘)

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Meine Dämonen
Zu Beginn dieser im Prinzip kurzfristig angesetzten anamnestischen
Autobiographie möchte ich auf einen Großteil meiner Träume, respektive meiner
Albträume eingehen. Restlos alles zu diesem subtilen, gewalttätigen,
beängstigenden, sehr persönlichen Thema werde und kann ich hier jedoch nicht
niederschreiben, da mir einige der hinterlassenen (und zumeist selbst – also
autoaggressiv – zugefügten) seelischen Verletzungen und tiefgreifenden
individuellen Wunden noch viel zu frisch und zu präsent sind, und mir die einst
geträumten Begebenheiten noch allzu negativ meinem ohnehin geschwächten
Gedächtnis imponieren, als dass ich mich gegenwärtig nochmals ausführlicher
daran erinnern und dabei vielleicht sogar alte Narben aufreißen und langsam
verblassende Blessuren auffrischen möchte. Auch leisten hier meine – über
etliche Jahrzehnte antrainierten und dementsprechend hochspezialisierten –
mentalen Verdrängungsmechanismen ganze Arbeit (kaum erlebt – schon wieder
vergessen; so hielt ich es mein ganzes Leben). Doch dessen ungeachtet ist dies
für mich der einfachste Weg zu meinem tieferen, verborgenen Inneren, denn
Träume begleiten mich, neben den allgegenwärtigen körperlichen Schmerzen,
beinahe Tag für Tag und Nacht für Nacht. Nach der detaillierten Beschreibung
meiner persönlichen Dämonen, die sich vielfach in meinen Träumen tummeln,
gehe ich schließlich auf die diffizilen, spezielleren Nachterlebnisse ein, die mir
partiell sogar noch gefährlicher und beeinflussender erscheinen als die
intermittierenden Dämonenträume, an die ich mich erstaunlicherweise sogar
langsam gewöhne.

Dämonen nenne ich jene unerquicklichen Gestalten – oder Wesenheiten, oder


Existenzen, oder wie auch immer man sie bezeichnen (und als was auch immer
deklarieren) mag –, die sich permanent bzw. rezidivierend (warum nicht ein
medizinischer Fachausdruck, ein Terminus technicus? Es ist ja schließlich auch
eine prekäre psychopathologische Kontrarietät) in etwa einem bis zu zwei Drittel
(je nach allgemeinem Empfinden) meiner Träume manifestieren und sich dort
degoutant gerieren; mit anderen, einfachen Worten: eine absolute Scheiß-
Situation (sit venia verbo), diese sinisteren, brutalen, mephistophelischen
Konfrontationen der geträumten Art, und all das sonst noch Partizipierende, was
sich inzidenter ereignet – ein ständig wiederkehrender, verdrießlicher Albtraum in
Serie, ein schauderhafter Horrorfilm mit unendlichen, furchtbaren Fortsetzungen.
Diese sogenannten Dämonen also, meine Dämonen, repräsentieren in meinen
Augen meine tiefsitzenden intraindividuellen Emotionen; oder jedenfalls das, was
ich als solche präsumiere – in meiner inneren Welt personifizierte Ängste, denen
ich einfach nicht entkommen kann; und vor denen ich mich bedauerlicherweise
auch nirgendwo verstecken, respektive mich auf irgendeine andere Weise
unsichtbar – und somit für alle unangreifbar – machen kann (zumindest zur Zeit
noch nicht). Was viele der Personen in meinem sozialen Umfeld, also
Familienangehörige, Ärzte, Therapeuten, Apotheker, ehemalige Arbeitskollegen
und Leidensgenossen, auch nicht wirklich bzw. nicht richtig verstehen (oder nicht
verstehen können/wollen?), ist meine schon öfter getätigte Enunziation, ich
würde Zuhause in meinem kleinen Refugium und in meinen etappenhaften

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Träumen gegen meine ureigensten Dämonen kämpfen; dies ist mitnichten nur
eine wohlklingende Metapher, sondern eine gnadenlos feststehende Tatsache,
eine erschreckend rohe und grausame Realität – jedenfalls für mich.

Gegenwärtig drängen sich permanent bis zu drei dieser horriblen Kreaturen, man
könnte sie dem eben ausgeführten nach ‚Ober- oder Hauptdämonen‘ heißen, in
den rabiaten, blutbefleckten Vordergrund meiner makabren Träume, auf die
nächtliche Hauptbühne meiner soporösen Dyssomnien, welche zwischen
Hypersomnie, Narkolepsie und Insomnie oszillieren (auch ein wenig
Somnambulismus spielt hier mit, doch dazu komme ich erst später, denn diesem
habe ich weiter unten einen eigenständigen Passus gewidmet; siehe Kapitel
Dyssomnien, Unterkapitel Somnambulismus oder: wo bin ich, wenn ich schlafe?).
Dieses fürchterliche pandämonische Triumvirat also ist mir in meinen wachen
Augenblicken zumeist noch am besten in meiner porös-rudimentären
Kommemoration geblieben, demgemäß deskribiere ich sie als erste. Auf geht’s:

Das Gesicht der tausend Augen


Man stelle sich einen vergleichsweise normal gewachsenen, durchschnittlich
geformten menschlichen Schädel vor, mit heller Haut überzogen und halblangen,
dunklen Haaren bedeckt, nur mit dem gravierenden Unterschied, dass (fast)
keine der primären Erkennungsmerkmale, also weder Ohren, Mund noch Nase,
vorhanden sind – stattdessen ist das gesamte Antlitz mehr oder weniger
asymmetrisch mit unterschiedlich großen und mit den unterschiedlichsten
Augenfarben ausgestatteten Sehorganen übersät. Der Rest der Gestalt, also vom
Halse an abwärts, ist wohl überwiegend anthropomorph, doch im allgemeinen so
mit einem permanenten verhüllenden Nebelschleier bedeckt, dass man ihn nur
schemenhaft erahnen, aber nicht wirklich erkennen und beschreiben kann; nur
der monströse Kopf zeigt sich in seiner unerträglichen Klarheit. Bisweilen
bezeichne ich diesen Dämon allegorisch auch als ‚Argus‘, da er mich schwer an
diesen hundertäugigen Wächter aus der griechischen Mythologie erinnert7.

Meinem persönlichen Dafürhalten nach repräsentiert diese äußerst seltsam


anmutende Gestalt wohl mein seit längerem bestehendes und nun offensichtlich
progredientes Persekutionsdelirium. Ob meiner verschiedentlichen zynisch-
giftigen antireligiösen und antigesellschaftlichen Publikationen (welche einige
philiströs-orthodoxe Geister offensichtlich auch als persönliche Invektive
interpretieren) befürchte ich bereits einige Zeit schon ein hinterhältiges Attentat
gewaltbereiter islamistischer oder christlicher Fundamentalisten (oder aber
geplant und ausgeführt durch sogenannte Menschen, die sich einfach so, ohne
konkreten, tieferen Grund oder aus purem Missverständnis, durch meine
offenherzigen Schriften diskreditiert oder insultiert sehen – rabiate berufsmäßige
Anstoßnehmer gibt es leider immer und überall), auch sehe ich von Zeit zu Zeit
ein eindeutiges Observationsverfahren gegen meine Person laufen,
augenscheinlich seitens einer mir bis jetzt noch nicht klar erkennbaren
staatlichen Institution (schließlich gibt es ihrer viele, als da wären der

7
Argus, auch Argos (Άργος – manchmal auch Panoptes (Πανόπτης), der Allesseher,
genannt) sollte für Göttin Hera die schöne Io bewachen, damit ihr Zeus nicht zu nahe
käme. Argus wurde jedoch von Hermes getötet. Das Federkleid des Pfaus repräsentiert
seither die hundert Augen Argus‘

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Verfassungsschutz, der MAD (Militärischer Abschirmdienst), das


Innenministerium, die Polizei etc.) – ob zu meinem Schutz oder nicht, wird wohl
erst die mittelfristige Zukunft zeigen müssen (vermutlich aber eher nicht). Diese
installierte Überwachung zu konstatieren war aufgrund diverser dubioser
Begebenheiten im Laufe der vergangenen dreißig oder vierzig Monate nicht
besonders schwer; skurrile Telefonprobleme verschiedenster Art und Herkunft
(inklusive nicht erwünschten – aber bemerkten – Lauschern bei Privatgesprächen,
denn selbst unterdrücktes atmen hört man; oder auch mir unbekannte Anrufer,
die mich partout in eine persönliche Zwiesprache verwickeln wollen),
unprofessionell, respektive offensichtlich geöffnete und halbherzig wieder
geschlossene Briefe und Pakete, mehr oder weniger als solche erkennbare
Beobachter und Verfolger, fremde Menschen, die mich fotografieren (eindeutig so
geschehen beispielsweise am 29. Mai 2009 im Parkhaus eines Einkaufscenters)
etc. Falls ich aber auf sie zugehe um mit ihnen zu reden, suchen sie schleunigst
das Weite und verschwinden in normalerweise abgeschlossene Geschäfts- oder
Privathäuser, oder gehen im Gewirr der Menschenmasse der U-Bahnpassagiere
unter. Also lauter obskure Geschehnisse und unheimliche Gestalten, die es vor
einigen Jahren mit Sicherheit noch nicht gab, jedenfalls nicht so auffällig und
offensichtlich, und ich glaube, mich erinnern zu können, dass das alles etwa um
die Zeit der Jahre 2004/2005 begann. Ab und zu überfällt mich aber auch die
dumpfe Art einer diffusen Divination, eine ausnehmend befremdliche Ahnung,
dass das alles nur phantasmagorische Hirngespinste und schiere,
halluzinatorische Einbildungen sind – mit Ausnahme der harten,
nachvollziehbaren Fakten (wie etwa die der geöffneten Briefe und Pakete) –, aber
wenn ich akut in einer solchen Situation bin, ist sie in diesem Augenblick wahr.

Was mich in dieser Richtung noch zusätzlich belastet ist die ungemütliche
Tatsache, dass mein Vermieter noch immer einen eigenen Ersatzschlüssel zu
meiner Wohnung, meinem persönlichen Schutz und Refugium, besitzt. Leider ist
das wohl sein gutes Recht und eine akute Gefahr sehe ich auch nicht direkt von
ihm ausgehen, aber man weiß ja nie. Außerdem kann er diesen brisanten
Schlüssel auch versehentlich verlieren, verlegen, verleihen, verkaufen oder sonst
wie an den Meistbietenden versteigern – vielleicht wird er ihm auch einfach nur
gestohlen. Beruhigende Sicherheit verspüre ich in der Hinsicht jedenfalls keine,
und wenn ich mir selbst schon nicht trauen kann, wie dann jemand anderem? Ein
weiteres leicht phobisches Angstgefühl möchte ich hier nur ganz am Rande
bemerken, wenn ich schon von meinem gelinden, bzw. noch einigermaßen
erträglichen Verfolgungswahn schreibe; es ist dies das schlechte Sentiment in
der Nähe von offiziell uniformierten Personen im allgemeinen und von Polizisten
und Soldaten im besonderen. Ich weiß nicht, woher diese fast körperliche
Übelkeit und ekelerregende Abneigung kommt, denn ich bin weder kriminell
veranlagt noch habe ich irgendwelche gesetzeswidrigen Geheimnisse oder
unstatthafte Illegalitäten zu verbergen (jedenfalls nicht aktiv und wissentlich) –
trotzdem beschleicht mich ständig ein vergleichsweise ungutes, panisches
Gefühl, wenn ich einen Polizisten oder einen Soldaten etc. auch nur in der Ferne
gewahre, und ich versuche stets, einen großen Bogen um sie zu machen, um
ihnen nicht versehentlich in die Arme zu laufen. Dieser in facto absurde und
evident müßige Horror vor amtlichen Uniformen war dann wohl auch einer der
effizierenden Gründe, weswegen ich weiland vehement und mit allen mir zur
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Verfügung stehenden Mitteln aufbegehrt und mich rigoros geweigert habe, den
allgemeinen Wehrdienst für die Bundesrepublik Deutschland abzuleisten
(ausgemustert wurde ich letzten Endes jedoch aus rein medizinischen Gründen,
da ich schon damals mit den verschiedensten körperlichen Gebrechen belastet
war, so z.B. mit einem Morbus Crohn, mit dem chronischen Schmerzsyndrom und
noch einigen weiteren körperlichen Krankheiten, die aber weiter unten im und
nach dem Kapitel Meine Schmerzen I noch ausführlich behandelt werden).

Das Arschgesicht
Man stelle sich einen vergleichsweise normal gewachsenen, durchschnittlich
geformten menschlichen Schädel vor, mit heller Haut überzogen und halblangen,
dunklen Haaren bedeckt, nur mit absolut leeren Augenhöhlen und kurioserweise
ausgestattet mit dem gravierenden und offensichtlichen Unterschied, dass
anstelle des obligatorischen Mundes ein musculus sphincter ani internus et
externus prangt – mit anderen, volksnahen Worten: eine Rosette, ein Arschloch.
Der übrige Körper der Gestalt zeigt sich ähnlich verschwommen, nebelhaft und
undefinierbar wie der von Argus, der vorangegangenen Kreatur.

Diese doch recht auffällige und groteske Erscheinung repräsentiert meiner


Ansicht nach wohl meine grundsätzliche, eigentlich sogar kongenitale
Misanthropie und deren zwangsläufig auftretenden Folgen und antisozialen
Verhaltensweisen. So etwa meine zynische Position, alle diese sogenannten
Menschen um mich herum reden den ganzen Tag – und wenn es denn sein muss,
die ganze Nacht über auch noch –, mit Verlaub gesagt, gequirlte Scheiße (sit
venia verbo; und: Ausnahmen, so selten sie auch seien, bestätigen die Regel);
alles nur geistige Blähungen, impertinente Flatulenzen, die mit hohem Druck den
mit zersetzenden Gasen oder lauer Luft gefüllten Schädeln entweichen. Die
meisten dieser anthropomorphen Kreaturen haben nur deswegen einen Kopf,
damit man etwas zum draufschlagen hat und sie ihre Augen nicht in den Händen
tragen müssen. Meine offenbar ebenfalls angeborene nihilistische Meinung über
das grundsätzlich unzulängliche Menschengeschlecht im allgemeinen und
selbstverständlich auch im besonderen habe ich jedoch bereits an anderer Stelle
ausführlich zum Besten gegeben und möchte sie hier nicht weiter vertiefen oder
gar wiederholen. Den hieran interessierten Lesern seien deshalb meine früher
publizierten Werke wärmstens ans Herz gelegt8, sofern sie sie noch irgendwo
erhalten können.

Der eben beschriebene Dämon hat, ebenso wie der zuvor deskribierte Argus, das
Gesicht der tausend Augen, wohl nur eine eher untergeordnete Rolle in meinen
Träumen. Sie führen nur das aus, wozu sie offensichtlich geschaffen wurden:
Argus verfolgt und beobachtet mich permanent und äußerst penetrant, ohne mir
auch nur ein winziges Fünkchen Ruhe oder Freiraum zu gestatten, während
Arschgesicht ständig mit unglaublich bösartigen und endlosen Texten absolut
aggressiv auf mich einredet. Sie greifen mich zwar nicht körperlich an, trotzdem
sind sie in meinen Träumen höchst beängstigend und nicht gerade harmlos, weil
sich meine diesbezüglichen Symptome und Ängste in ihrer unangenehmen Nähe
um das Vielfache verstärken. Im wachen Zustand hingegen kann ich sehr gut
über sie sprechen und sie beinahe bildlich imaginieren, ohne irgendwelche
8
Spreewinkl, 2006 (a)(b)

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psychischen Probleme zu bekommen, aber in meinen periodisch auftretenden


Alpträumen mutieren sie zu grausamen, hochgefährlichen und gnadenlos
bösartigen Dämonen.

Der Parasit
Dies ist nun der von dieser dämonischen Dreifaltigkeit am schwierigsten zu
beschreibende Charakter. Meiner bescheidenen Ansicht nach ist er zweifelsohne
der gefährlichste und uneingeschränkt bösartigste der drei ‚Oberdämonen‘, auch
scheint er unmissverständlich der unangefochtene diktatorische Anführer des
infernalischen Trios zu sein – also der alleinherrschende Tyrann, sozusagen der
‚Alpha-Dämon‘ –, der die beiden anderen exhaustiv und absolut rigoros
dominiert, dirigiert und kontrolliert, bzw. kontrollieren kann. Er hat statt eines
normal ausgeformten Schädels einen (von mir so geheißenen) Tentakelkopf, d.h.
die unzähligen größenunterschiedlichen Tentakeln seines ansonsten kahlen, aber
proportional durchschnittlich gewachsenen Hauptes weisen alle nach vorn (ob er
Augen, Sensoren, Detektoren oder andere, mir unbekannte Sehwerkzeuge hat,
ist durch die Myriaden von Fangarmen nur entfernt zu erahnen), ein paar von den
stärker ausgebildeten saugen sich bei einem seiner seltenen aggressiven
Übergriffe mittels Noppen am gesamten Kopf des potentiellen Gegenüber fest
(die gesamte entsetzliche Aktion und die animalische Art und Weise des
professionellen Gebrauchs der Fangarme erinnern stark an einen Kraken, an
einen Okto- bzw. Zephalopoden), worauf er andere, feinere, durch die
Gesamtheit der menschlichen Gesichtsöffnungen (also Mund, Nase, Augen und
Ohren) bis zum Gehirn vor- und in dieses eindringen lässt, das er dann nach
seinem niederträchtigen und heimtückischen Gutdünken missbraucht und zu
seinen klandestinen Zwecken manipuliert oder, bei nicht weiter definierter
Entbehrlichkeit und konkomitanter Unzweckmäßigkeit der angezapften
Zielperson, einfach verflüssigt und aussaugt. Derjenige, der letztgenannte
Prozedur unglücklicherweise überleben sollte, bleibt für den kläglichen, kurzen,
verwirkten Rest seines nun sinnlos gewordenen Lebens eine leere, seelenlose
menschliche Hülle, ein hirnloser Zombie, der dumpf und torpid auf den
erlösenden Tod wartet – wenn er denn in seiner immerwährenden Somnolenz
noch weiß, was das überhaupt ist. Der Parasit hat eine längere und erhabenere
Statur als die vorgehend beschriebenen Dämonen, d.h. er ist etwa einen Kopf
größer, wenn er neben diesen steht, doch ist diesmal auch der schlanke,
geschmeidige Körper, der stets in eleganten schwarzen Anzügen steckt, klar zu
erkennen. Und obwohl er wesentlich gefährlicher und stärker ist, als die beiden
anderen zusammen, hält er sich doch mehr im schützenden Hintergrund –
sozusagen als eine alles und jeden überwachende und koordinierende graue
Eminenz.

Offensichtlich repräsentiert diese als höchst bedrohlich imponierende Kreatur


meine panische Angst vor akuter oder sukzessiver geistiger Aushöhlung (oder
besser gesagt: vor einer allumfassenden, irreparablen Sinnentleerung), externer
Beeinflussung aller Art und einer ungewollten Fremdbestimmung, der man sich
nicht aus eigener Kraft entziehen kann – es sei denn durch den alles beendenden
Tod. So oder so ähnlich ist meine persönliche Interpretation des Parasiten; da er
mir aber kontinuierlich so undefiniert neblig und schwammig in dunkler
Erinnerung bleibt (– vielleicht kann er die analysierenden Gedanken an und über

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ihn löschen? –), kann es sich aber auch um etwas ganz anderes handeln, etwas,
woran ich bis jetzt nur noch nicht dachte, noch nicht denken konnte/sollte/wollte;
doch bisher erscheint mir diese vorgestellte Lösung der manipulativen
Existenzmodifizierung als die opportunste.

Schlaf und Traum


Soviel zu den immer wiederkehrenden dämonischen Hauptakteuren meiner
bösen Träume, besser gesagt die, an die ich ein wenig mehr und detailliertere
Erinnerungen habe als an all die anderen Kreaturen, die ebenfalls die
unterschiedlichsten Albtraumwelten meines unruhigen Schlafes allein durch ihre
üble, unliebsame Anwesenheit besudeln. Von einem nicht zu unterschätzenden
Vorteil für mich und meine überforderte Psyche ist hierbei allerdings die leicht
positiv stimmende Tatsache, dass sich diese grauenhaften Gestalten nur
periodisch anfinden, also nicht jede Nacht und nicht in jedem Traum in
Erscheinung treten. Je nach meiner gegenwärtig prävalenten psychischen
Disposition läuft das gesamte Traumgeschehen entweder nebelhaft
verschwommen und dementsprechend nur leicht verstörend ab, die klareren aber
enden meist nach gerade einmal ein bis zwei Stunden angespanntem Schlaf mit
einem Pavor nocturnus, da dieser mich als essentielle ultima ratio vor meinem
finalen Auftritt, einem qualvollen Tod in Morpheus‘ Reich, errettet. Ich erwache
dann entweder spontan mit einem lauten, markerschütternden Schrei, aber viel
öfter jedoch schlaftrunken, leicht verwirrt, angsterfüllt und phobisch, mit einem
würgenden, panischen Erstickungsgefühl, begleitet von üblen, gurgelnden,
gutturalen Geräuschen, die ungewollt meiner heiseren und ausgetrockneten
Kehle entrinnen. Mitunter habe ich dann auch einen fürchterlich ekelerregenden
Geschmack in Hals und Mund, der sich selbst durch mehrmaliges Zähneputzen
inklusive ausgiebiger Verwendung von Mundwasser nur sehr schwer beseitigen
bzw. übertünchen lässt; auch das überaus widerwärtige, gleichsam
atemberaubende (im wahrsten Sinne des Wortes) Gefühl, ein mit diversen
Angelhaken, Nadeln und Rasierklingen durchsetztes Fadenknäuel im Rachen
respektive dem oberen Ösophagus stecken zu haben (– einschließlich den
dadurch provozierten Schluckschwierigkeiten –), gehört hierzu. Unbedarfte
Personen in meiner näheren Umgebung, die ein solch aktives ‚Erwachen‘
meinerseits erstmals miterleben müssen, reagieren ziemlich besorgt und wollen
zumeist instantan den Notarzt rufen, bis ich sie einigermaßen beruhigen und
ihnen schonend beibringen kann, dass dies in meiner gegenwärtigen psychischen
Situation relativ ‚normal‘ und wirklich nichts besonderes sei.

Ähnliches, nur im Prinzip nicht ganz so Erschreckendes für unbeteiligte Personen,


geschieht während meiner ohnehin unruhigen Einschlafphase. Während diesem
Halbschlaf verfalle ich (bzw. mein Körper) häufig in heftige spastische
Zuckungen, die z.T. mich und andere Anwesende nicht unerheblich gefährden
können, da ich sie in ihrer Stärke und Richtung in keiner Weise koordinieren
kann. Schon öfter zog ich mir peinigende Prellungen und blaue Flecken an den
Armen, Schienbeinen und Füßen zu, weil ich wieder einmal unkontrolliert
irgendwo dagegen trat oder schlug. Aus mir zugetragenen Erzählungen weiß ich,
dass dann wohl meine gesamte sogenannte ‚Nachtruhe‘ in dieser
temperamentvollen, aber höchst ungesunden Unruhe verläuft. Nicht selten
erwache ich nach einer längeren Schlafphase mit diversen blaugrünen Beulen am

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Kopf oder brennend schmerzhaften Schürfwunden am restlichen Körper, die am


vorangegangenen Tag noch nicht vorhanden waren (– was aber partiell auch an
meinen diversen schlafwandlerischen nächtlichen Ausflügen liegt, bzw. liegen
kann, welche ich aber erst später im Kapitel Dyssomnien, Unterkapitel
Somnambulismus oder: wo bin ich, wenn ich schlafe? ausführlicher bespreche).

Traumsequenz I
Ich gehe durch die menschenleeren Straßen meiner alten, bereits langsam
verfallenden und offenbar seit vielen Jahren unbewohnten Heimatstadt. Wie ich
dorthin kam und was ich dort wollte, weiß ich nicht mehr. Alles ist in tristes
schmutziggrau getaucht und erscheint lange schon nicht mehr bevölkert und
benutzt, wie eine seit Ewigkeiten vergessene, staubbedeckte Geisterstadt (Das
hier aufgezeigte Thema der verwitterten, untergegangenen Heimatstadt ist öfter
der Ausgangspunkt meiner Träume, doch die dortigen Lokalitäten, an denen ich
mich befinde, können sich ändern). Das fahle, kalte Sonnenlicht kommt kaum
durch die dichte Dunstglocke, die träge, schwer und dräuend über der trostlosen
Stadt liegt. Plötzlich höre ich vage einen entfernten Schuss, und aus dem alten
Putz der Hausfassade, an der ich gerade vorübergehe, steigt neben mir eine
feine Staubwolke empor, dort, wo offensichtlich eben das Projektil einschlug. Der
zweite Schuss trifft mit voller Wucht meinen rechten Unterarm, der als eine
heiße, undefinierbare Masse aus zerkochtem Blut, zerfetztem Fleisch, zerrissenen
Sehnen und geborstenen, kleinen Knochensplittern aus dem Ellbogengelenk
gesprengt wird und mich und die nähere Umgebung aspergiert. Ich reagiere eher
überrascht (und leicht verärgert ob des Verlustes meiner Hand) als besorgt und
fühle in diesem Moment nicht die geringsten Schmerzen, während ich stoisch und
insensibel beobachte, wie das warme Blut weiter wie ein pulsierender Sturzbach
aus der schrecklichen Wunde sprudelt, den näheren Boden um mich herum rot
einfärbt (obwohl der Rest der gesamten Traumszene ansonsten in schwarz/weiß
bzw. in grauen Schattierungen gehalten ist) und schließlich tröpfelnd und
plätschernd in einem nahegelegenen Kanalschacht am Straßenrand
verschwindet…

Mitunter widerfahren mir desaströse Träume, die sich nicht so schemenhaft,


diffus und schlecht abgegrenzt darbieten, nein, diese strotzen fatalerweise nur so
von schreiend grausamer Realität. Sie sind gänzlich durchzogen von einem
gnadenlos radikalen Zynismus, in ihnen geschehen abartig sadistische, unsagbar
grauenvolle und pervers entmenschte Atrozitäten mit mir, mir bekannten und mir
unbekannten Personen (aber nicht nur, partiell werden diese barbarischen,
bluttriefenden Massaker – mehr oder weniger unbeabsichtigt bzw. zufällig – durch
mich verursacht, oder, in einer anderen, selteneren Version, aktiv von mir
strukturiert, arrangiert und letzten Endes – eiskalt und unerbittlich durchgeführt.
Obwohl es sich sicher nicht für jeden gleich zu Anfang erschließt, sind die
tiefschwarzen Träume der letzteren Art für mich und meine fragile innere
Struktur, meine distanziert reservierte Persönlichkeit, jedoch auch die besten und
positivsten – wenn man das so nennen kann –, denn in ihnen bin ich nicht mehr

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der bedrängte, bedrohte und torquierte Leidtragende, sondern endlich einmal der
frei und selbständig Agierende, sozusagen ein eminent ambitionierter Exzedent),
die ich hier hoffentlich verständlicherweise nicht weiter beschreiben will und
kann – ich versuche meist, sie so schnell wie möglich zu vergessen oder
wenigstens weitestgehend zu verdrängen, falls sich ersteres als nicht umsetzbar
erweist (obwohl – manche dieser destruktiven Desaster empfinde ich a posteriori
gar nicht einmal mehr als so negativ, ja, okkasionell gefalle ich mir sogar in
ihnen! (cf. ut supra)). Nach dem endgültigen Erwachen aus solcherart plastisch-
realistischer Träume, das ab und an aus wohl erklärlichen Gründen mit einem
weiter oben bereits beschriebenen Pavor nocturnus einhergeht, drängt es mich
geradezu apodiktisch, direkt und kontrollierend nachzusehen, ob die sogenannte
reale Welt um mich herum nun wirklich und tatsächlich so aussieht, wie es mir in
meinem lebensechten Traum in extenso suggeriert wurde, oder ob alles beim
tristen, langweiligen, monotonen alten geblieben ist.

Bei der ungleich harmloseren Variante der ungewöhnlich realistischen bzw.


realitätsbezogenen Träume geht es bei weitem rationaler und wesentlich
ungefährlicher zu. In ihnen befasse ich mich für gewöhnlich mit dem aktuellen,
profanen Tagesgeschehen meines normalen, tagtäglichen Lebens, also im Prinzip
mit privaten und halbprivaten Angelegenheiten, die in meiner persönlichen
Gegenwart und in meiner näheren Umgebung geschahen oder mich für einige
Zeit geistig beschäftigten, aber eben auch so plastisch und wahrheitsgetreu, dass
ich nach erfolgtem Aufwachen nicht mehr genau weiß, ob ich die manchmal doch
recht wichtigen Fragen, die ich im Traum stellte oder beantwortete, auch wirklich
gestellt oder beantwortet habe, oder ob ich meine diversen Tätigkeiten, die ich
während des Traumes verrichtete, auch in der wachen Realität vollzogen habe.
Ein banales Exempel hierfür ist ein einfaches, relativ unbedeutendes Telefonat
mit einem entfernten Bekannten, dem ich zu seinem Geburtstag gratulierte. Bei
unserem nächsten Gespräch etwa zwei bis drei Wochen später war er doch noch
immer ein wenig indigniert ob der offensichtlichen Tatsache, dass ich seinen
Ehrentag vergessen hatte und ihm nicht zu diesem gratulierte – obwohl ich mir
hundertprozentig sicher war (und eigentlich auch immer noch bin), dass ich ihn
weiland extra deswegen angerufen habe. Nach expliziter Kontrolle meiner
diesbezüglichen Telefondaten musste ich ihm in der Tat recht geben – ich hatte
definitiv nicht bei ihm angerufen. Gelegentlich entstehen aus solchen geträumten
– aber nicht realisierten – Aktionen, wenn ich schließlich jemanden darauf
anspreche oder von jemandem darauf angesprochen werde, die denkbar
merkwürdigsten Konstellationen und z.T. folgerichtig und erwartungsgemäß auch
wirklich komische und lustige Situationen, die ich so selbstverständlich nicht
prognostizieren konnte.

Traumsequenz II
Der großgewachsene, ehrfurchtgebietende Mann stand trotz seines sichtbar
fortgeschrittenen Alters bei der kleinen Willkommensabordnung am Rande des
gut versteckten, aber idyllisch am Fuße eines gewaltigen Bergmassivs gelegenen
Eingeborenendorfes. Seine stolze, aufrechte Statur, seine klaren, scharfen,
wissenden Augen und seine sanften, fließenden Bewegungen zeugten zweifellos

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von einer uralten und hohen aristokratischen Abkunft. Der mit einem riesigen
bunten Federschmuck ausgestattete Dorfälteste wies devot bewundernd auf den
uralten, stolzen Mann, der in seiner friedvollen Weisheit und Sanftmut Liebe und
Wohlwollen – fast könnte man sagen, eine höhere, besondere Art von gütiger
Heiligkeit – ausstrahlte, und erklärte dem eben erst aus der in Marokko
gelegenen Stadt Casablanca eingetroffenen Archäologen feierlich: „Dies ist der
hochgeschätzte Meister To-Fu, der erlauchte Alte aus den uralten, heiligen
Bergen, die Du hinter uns emporsteigen siehst. Er ist die lange schon
hochangesehene Stütze unserer kleinen friedlichen Dorfgemeinschaft und wird
von allen unseren Einwohnern respektiert, verehrt und geliebt. Nächsten
Vollmond wird er unglaubliche 400 Jahre alt.“ Indiana Jones zog lässig seinen
großkalibrigen Revolver aus seinem Gürtelholster und pumpte sein gesamtes
Magazin in Meister To-Fu. Der schöne, feinziselierte Schädel des allgemein
bewunderten und hochgepriesenen Mannes platzte wie eine überreife Melone, als
seine toten Augen aus den Höhlen poppten – und auch sonst blieb nicht viel von
ihm übrig. Er war schon längst elend verendet, bevor seine zerfetzten Körperteile
und zerrissenen Eingeweide mit einem satten Schmatzen auf den sanft gewellten
Hügel klatschten. Ein gewaltiger Schwall aus Blut, Schleim, Magen- und
Darminhalt sowie anderen stinkenden Körperflüssigkeiten ergoss sich über die
entsetzten Anwesenden, und Indiana Jones meinte nur trocken und lapidar: „Jetzt
nicht mehr…“

Traum nach einem vorhergegangenen fast sechs Stunden dauernden Triple-


Feature der Indiana Jones-Trilogie9

Die Mehrzahl meiner derzeitigen Albträume trieft vor Blut, Schleim, Eiter,
Exkrementen, Innereien und Verwesung, und ist angefüllt mit dem – eine
abominable, eigentümlich widerwärtige Übelkeit verbreitenden – abscheulich
ekelerregenden Gestank derselben. Dämonen, Monster, Leichen, Harpyien,
Skorpione und ähnliches Spinnengetier, Insekten, Gewürm und andere unsägliche
Kreaturen der Dunkelheit bevölkern kriechend, humpelnd, schleimend, fliegend
und sich obszön windend die weitläufigen trostlosen Ödnisse, die schwülen
unwirtlichen Unterwelten und die kalten toten Städte meiner abseitigen und
häretischen phantasmagorischen Traumlandschaften. Sie sind abgrundtief
nihilistisch und blutig durchzogen von seit vielen Äonen andauerndem, endlos
zynischem Kampf, Mord und Totschlag; von namenloser Folter, grauenhaften
Verstümmelungen, unglaublichem Hass und gnadenloser Grausamkeit. All das
unermessliche Übel, das sich tagtäglich auf dieser halbtoten, widerwärtigen Erde
zuträgt, ist nur ein marginales, nichtiges Kinderspiel, akzidentelle Quisquilien im
direkten Vergleich zu meinen grenzenlos pervertierten, überbordend blühenden
Innenwelten – und alles atmet schwärzesten Tod. Erst vor kurzem versank ich in
einem tiefen, uferlosen Meer von grauen Asseln, deren Körpergröße etwa
zwischen zehn und sechzig Zentimetern variierte, und die ich intuitiv als Jungtiere
mit ihren Eltern agnoszierte. Wie ich letztlich in dieses widerliche, hektische
Gewühl hineingeriet, weiß ich nicht mehr, da ich mich kurz zuvor noch mit einer
mir schwach als hyperaktiver ‚Wächter‘ in Erinnerung gebliebenen anthropoiden
9
Indiana Jones 1981/1984/1989

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Gestalt, gewandet in einer schmutzigblauen Uniform, in einer kleinen,


quadratischen, windschiefen Holzhütte am Rande eines etwa eineinhalb Meter
hohen Dammes befand, der ein unfruchtbares, schwarzes, vertrocknetes Feld
umschloss. Wie dem auch sei, allem Anschein nach war ich der Asseln Kraftfutter
– sie zwängten sich in meinen Mund oder bohrten sich langsam durch die Haut,
durch die Augen, Nase und Ohren, fraßen genüsslich mein Fleisch, saugten mein
warmes Blut auf und nagten mich bis auf die Knochen ab, die sie schließlich mit
ihren immens kräftigen Kauwerkzeugen sprengten, um auch noch an das
nahrhafte Mark zu gelangen. Seltsamerweise überlebte ich diese vernichtende
Prozedur auf eine höchst unkonventionelle, phantastische Art, die in
menschlichen Worten zu beschreiben mir nicht möglich ist, jedoch gewahrte ich
jeden einzelnen schmerzhaften und todbringenden Biss…

Zu meiner persönlichen Rettung und meinem inneren Glück kann ich


erfreulicherweise postulieren, dass sich alle diese unterschiedlichen Traum- und
Albtraumarten – die negativen, die neutralen und die positiven – phasenweise
abwechseln (das destruktive Schlafwandeln nicht zu vergessen, doch dem widme
ich, wie bereits weiter oben erwähnt, später noch einen eigenen Passus – siehe
Kapitel Dyssomnien, Unterkapitel Somnambulismus oder: wo bin ich, wenn ich
schlafe?), auch gibt es etliche Nächte und über den Tag verteilte Ruhezeiten, die
bei mir, nach dem erwachen, nicht die geringsten Erinnerungen an irgendwelche
Trauminhalte, seien sie gut oder schlecht, zurücklassen, d.h. ich mag zwar
geträumt haben, vielleicht hatte ich sogar einen üblen Albtraum oder den
schönsten Traum meines Lebens, nur weiß ich absolut nichts mehr davon oder
habe es bereits wieder vergessen (oder höchst effizient verdrängt). Diese mehr
oder weniger traumlosen Perioden sind mir dann aber auch die liebsten, denn
dass ich in letzter Zeit einmal einen konträren oder antagonistischen, also einen
friedlichen oder freudvollen Traum hatte, kann ich guten Gewissens und ohne
lange überlegen zu müssen vollständig negieren. Ich kenne selbstverständlich
solche positiven, kraftvollen und seelisch motivierenden Träume von früher, nur
sind sie seit einigen Jahren bei mir nicht mehr aufgetreten (jedenfalls nicht
gehäuft und nicht bewusst).

Ein weiteres kurioses Traumgeschehen, das mich seit einigen kurzen Jahren dann
und wann heimsucht, ist das sogenannte Traum-im-Traum-Erlebnis, welches ich
ursprünglich aus den verschiedensten Kinofilmen – meist waren es Horrorfilme –
kenne und dort immer hybrid und insolent belächelte, da es mir einfach zu
unwahrscheinlich und konstruiert vorkam – bis es mir vor etwa drei oder vier
Jahren eben selbst das erste Mal widerfuhr. Ein typisches Exempel hierfür: eine
wirre Horde merkwürdig anthropoider Kreaturen hatte grundlos beschlossen,
mich – gegen meinen Willen, jedoch ohne nach einem ‚Warum‘ zu fragen – am
einzigen, letzten Baum, einem toten, ausgebleichten, lange schon abgestorbenen
Gewächs in einer ansonsten kahlen, leeren und offenkundig seit Urzeiten
unbewohnten, wüstenähnlichen, trostlosen Umgebung, aufzuhängen. Sie
zwangen mir also mit roher Brutalität die Schlinge um den Hals und zogen mich
den letzten übriggebliebenen Ast, der augenscheinlich für dieserart
ausgelassener, ungehemmter, nonchalanter Freizeitaktivitäten für fröhlich-
glückliche Perverse prädestiniert war, empor. Ich spürte, wie sich die spröde
Schlinge immer fester zuzog und das Gehirn aufgrund der gewaltsam

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unterbundenen Blutzufuhr heftig zu pochen anfing, weil die Karotiden durch das
harte, unelastische Seil zusammengequetscht und verschlossen wurden,
während sich das Zungenbein sukzessive nach innen bog und langsam zu
zerbrechen drohte. Im letzten Augenblick vor dem rabiaten Tod durch den Strang
erwachte ich, musste aber umgehend und peinlich berührt feststellen, dass eine
mir nicht unbekannte Frau – da meinem engeren Familienkreis angehörend – auf
mir saß und angestrengt dabei war, mich mit ihren bloßen Händen zu erwürgen,
was ich jedoch irgendwie noch zu verhindern wusste (das vorhergehende und
darauffolgende Traumvorkommnis, das grob umschrieben von Erpressung,
Entführung, Mord und finsterster Sklaverei handelte, ist hier irrelevant). Was mir
dieses kleine, unwillkürlich auserwählte Traumevenement wieder einmal
unmissverständlich und in optima forma beweist ist, dass es in den unglaublich
vielfältigen Visionen und Phantasmagorien des vielschichtigen Schlafes nichts
gibt, was es nicht gibt – und nur weil man etwas bestimmtes bisher noch nicht
selbst erfahren und erlebt hat, heißt das noch lange nicht, dass es das nicht gibt
und es offensichtlich wie hundertprozentig ausschließlich auf purer künstlerischer
Imagination beruhen muss; und dass es nicht doch irgendwann, zumeist wenn
man es am wenigsten erwartet, das erste Mal ist – dann muss man sich eben
doch noch ein wenig intensiver und investigativer mit der neuen, bisher
unbekannten Sachlage auseinandersetzen, wenn sie einen nicht hoffnungslos
überrollen und vollständig einvernehmen soll (ich hege die leise Hoffnung, dass
dieses systematisierte Satzkonstrukt generell einigermaßen verständlich war,
und der von mir pro primo hineingelegte Sinn halbwegs befriedigend
herausgelesen werden konnte. Ich denke, ihm – dem Satz – ist weidlich
anzumerken, dass es mir am Tag seiner Formulierung und Niederschrift nicht
sonderlich gut ging, und das in jeder Beziehung; doch auch das gehört
selbstverständlich mit zur allgemeinen Anamnese).

Weiteres und Ausführlicheres zum Thema Schlafstörungen im allgemeinen findet


sich weiter unten im Kapitel Dyssomnien und seinen Unterkapiteln (cf. ut infra).

Traumsequenz III
Die Lokalität des blutigen Tatorts ist ein dunkler, kalter, fensterloser Raum mit
nur einer Tür; es könnte sich um ein altes, lange schon vergessenes
Kellergewölbe handeln. Die Wände bestehen vollständig aus rohen, roten,
unverputzten Ziegelsteinen, in den Ecken zwischen den Wänden und der
Zimmerdecke finden sich alte, verstaubte Spinngewebe. In der Mitte der kahlen,
einstmals wohl weiß gewesenen Decke hängt eine einsame nackte Glühbirne und
wirft ein fahl flackerndes, steriles Licht auf den tristen Schauplatz der Ereignisse.
Ein Brett aus dicken Bohlen, etwa drei Meter hoch und zwei Meter breit, lehnt an
der Wand gegenüber der Türe. Daneben steht ein kleiner Beistelltisch mit einigen
Werkzeugen, davor ein hölzerner Stuhl. [Schnitt] An dem Brett vor dem Stuhl
hängt, von mir mit diversen langen und breiten Nägeln befestigt, ein jammernder
ehemaliger Therapeut von mir und blutet gemächlich vor sich hin. Zuerst
betrachte ich ihn auf dem Stuhl sitzend recht eingehend und emotionslos, doch
dann, nachdem ich ihn mit einer langen, dünnen, stumpfen Nadel an aller Art
schmerzhafter Stellen seines Körpers punktiert habe, ziehe ich ihm langsam mit

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einem stumpfen Messer Stück für Stück die Haut ab. Während der blutigen
Prozedur ist er stets bei vollem Bewusstsein; falls er zwischendurch Ohnmächtig
werden sollte, warte ich ab, bis er wieder erwacht – dann mache ich weiter…

[NB: Mein damaliger Therapeut, ebenjener aus dem gerade geschilderten Traum,
forderte mich bereits nach der ersten Sitzung immer eingehend auf, meine
verschiedenen Träume morgens, oder auch, falls ich während der Nacht
erwachen sollte, aufzuschreiben und ihm beim nächsten Treffen zu erzählen –
also habe ich ihm, nach ein paar anderen, harmloseren und friedfertigeren auch
diesen Traum vorgetragen. Ich hatte ihn kurz nach unserer vierten Stunde, und
ich überlegte ernsthaft, ob ich ihn wirklich erzählen solle, da er doch, sagen wir
mal, etwas unüblich, ungewöhnlich ist (ein Traum für mich – aber ein Albtraum
für ihn); deswegen offerierte ich ihn nicht gleich in der darauffolgenden Sitzung,
doch letztlich beschloss ich, den Psychologen doch mit dieser Traumsequenz zu
konfrontieren und somit ein wenig auf Integrität zu testen; was soll ich sagen – er
hat nicht bestanden. Nachdem er sich die Begebenheit angehört hatte, beendete
er hic et nunc und von sich aus die noch nicht einmal richtig begonnene Therapie
(es war ja erst die sechste oder siebte Sitzung) und meinte beim folgenden
endgültigen Abschiedsgespräch noch, mit mir könne er auf einer so feindseligen
Basis nicht mehr unvoreingenommen und professionell zusammenarbeiten, und
ich solle mich doch möglichst schnell in eine geschlossene Anstalt einweisen
lassen, da ich erschreckend soziopathische Züge erkennen ließe, die unbedingt
medikamentös behandelt werden müssten. Ich war damals 16 Jahre alt – und ich
ließ mich selbstverständlich nicht einweisen; auch habe ich bis heute keine
solche Einrichtung von innen gesehen. Im Nachhinein betrachtet war das
vielleicht ein Fehler… KvS]

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Meine Rufer
Meine Rufer nenne ich die körperlosen , aber sich als äußerst realistisch
darbietenden Stimmen, die ab und an mit den mir über lange Zeit vertraut
gewesenen, detailgetreuen Sprachfärbungen meiner bisher schon verstorbenen
Familienmitglieder nach mir rufen (besser gesagt: vermutlich körperlosen
Stimmen; ich präsupponiere diesen befremdlichen Sachverhalt schlechterdings
auf diese Art und Weise – denn schließlich habe ich noch keinen dieser
sogenannten Rufer optisch wahrgenommen; dementsprechend gehe ich der
Einfachheit halber auch davon aus, dass diese mysteriösen, ominösen
Lautäußerungen bzw. Lautempfindungen halluzinatorischen Ursprungs sind). Ich
kann ihre genaue Anzahl ohne Schwierigkeiten an den fünf Fingern einer Hand
abzählen; es sind dies unbezweifelbar einer meiner Großväter (und zwar der
mütterlicherseits), beide Großmütter, mein Vater und, mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit, mein älterer Bruder – zumindest vermute ich
explizit und aus tiefstem Herzen, letzteren Rufer als meinen älteren Bruder
identifizieren zu können. Er starb zwar bereits etwa eineinhalb Jahre bevor ich
geboren wurde, aber in Anbetracht der sonstigen sich präsentierenden
Verwandtschaftsverhältnisse der anderen Rufer zu mir scheint mir diese simple
Annahme die einfachste und plausibelste Erklärung zu sein, denn auch die zu
Gehör gebrachte Stimmlage und intonierte Klangfarbe wären im Prinzip seinem
jetzigen Alter angemessen und entsprechend – außerdem, wer sollte bzw. könnte
es denn sonst sein? Bis auf meinen Bruder habe ich alle der genannten
Verstorbenen noch zu ihren Lebzeiten gekannt, jedoch wurde nicht jedes
verblichene Familienmitglied zu einem Rufer; zumindest von dreien der
dahingegangenen Verwandtschaft habe ich seit ihrem Tod nichts mehr gehört –
und ich hoffe, das bleibt auch so; mir sind schon die fünf, die da sind, fünf zu viel.

Diese meine Rufer also rufen nach mir – wie der Name schon sagt –, d.h. ich höre
sie meinen Namen rufen (meinen Vornamen) – und zwar ausschließlich, exklusiv
und akustisch gut erkennbar meinen Namen – sonst nichts; aber sie rufen nicht
alle gemeinsam oder in verschiedentlicher Kombination, sondern stets allein und
in keiner geordneten, als determiniert wahrnehmbaren Reihenfolge. Auch ist
meinen noch präsenten Erinnerungen nach keine besondere Häufung eines
bestimmten Rufers erkennbar, oder auch ein möglicherweise vorhandenes
Muster – es erscheint alles recht willkürlich, ad libitum. Eine etwaige akustische
Seitendominanz konnte ich auch zu keiner Zeit feststellen; ich höre die Stimmen
völlig unsystematisch, mal von links, mal von rechts, mal von vorne oder von
hinten, wie es gerade beliebt, nur die vertikal verlaufenden Richtungen oben und
unten waren nicht dabei – das phonetische Geschehen läuft also grundsätzlich in
gleichbleibend normaler Hör- oder Ohrenhöhe ab (– oder wie man das auch
immer nennen mag; ich hoffe, es liest sich einigermaßen verständlich).
Außerdem ist das Rufen nach mir an keine bestimmte Tages- oder Nachtzeit
geknüpft, desgleichen ist es nicht an Voll- oder Neumond, an einen speziellen
Wochentag oder gar an Jahreszeiten gebunden, ebenso nimmt mein aktueller
persönlicher Daseinszustand augenscheinlich auch keinen direkten Einfluss auf

© KvS Meine Dämonen 11-01-20


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das halluzinatorische Phänomen; mir kann es subjektiv gut gehen oder schlecht,
ich kann krank sein oder gesund, ich kann müde sein oder hellwach, es macht
absolut keinen Unterschied – irgendwann meldet sich einer der Rufer wieder und
ruft nach mir mit meinen Namen. Des weiteren zeigt sich die präsentierte
zeitliche Frequenz als ebenfalls völlig imponderabel; manchmal höre ich sie
mehrmals täglich (ich glaube, das meiste waren etwa fünf Rufe innerhalb zwölf
Stunden), manchmal ein- bis dreimal pro Woche, dann höre ich wieder
monatelang überhaupt nichts von ihnen. Deswegen weiß ich auch nicht, ob sie
irgendwann vielleicht damit aufhören, ob sie es bereits taten, oder ob sie nur
wieder eine kleine Ruhepause eingelegt haben, um mich demnächst erneut zu
schrecken und zu konsternieren. Das bleibt demnach einfach abzuwarten und
zeigt wohl erst die mittel- bis langfristige Zukunft.

Wenn ich nun einen meiner fünf determinierten Rufer höre – und hier muss ich
noch einmal konsequent und unzweideutig einfügen, dass sich die von mir
wahrgenommenen Stimmen als absolut klar artikuliert und akustisch
hundertprozentig verständlich präsentieren; ich höre sie so präzise und eindeutig
wie jede andere menschliche Stimme in meiner Umgebung auch –, können zwei
höchst divergente Dinge geschehen. Falls ich also eine zur Kenntnis genommene
Stimme als die einer meiner persönlichen Rufer identifiziere, reagiere ich zum
einen bestenfalls nicht weiter darauf, d.h. ich missachte sie schlicht und einfach,
und gehe, ohne weiteres Aufhebens daraus zu machen, meinen aktuellen
Aktivitäten nach; oder, aber das ist bereits der absolute Endpunkt meiner
diesbezüglichen Aktionen, ich sehe höchstens noch kurz im benachbarten Raum
nach, ob sich nicht doch jemand dort befindet, den ich versehentlich mit einem
meiner Rufer verwechselt habe; – oder alternativ: ich frage, wenn das der Fall ist,
die sich gleichfalls mit mir im Zimmer befindlichen Personen, ob sie vielleicht
etwas zu mir gesagt oder auch jemanden rufen gehört hätten, auch auf die
potentielle Gefahr hin, dass sie mich ein wenig seltsam und mit einem erstaunten
‚Nein‘ auf den Lippen ansehen. Bei einer solch pragmatischen, grundsätzlich
völlig angemessenen Reaktion auf die halluzinierte Anrufung hin geschieht
anschließend auch nichts Beunruhigendes mehr, und ich bin offensichtlich bis auf
weiteres von der Stimme dispensiert.

Mein größeres Problem manifestiert sich jedoch erst, falls ich zum anderen die
fatale Unaufmerksamkeit begehe und unseligerweise phonetisch auf die
offensichtlich nur von mir hörbare Stimme eines Rufers reagiere, also
versehentlich bzw. leichtfertig darauf antworte (dies kann ein im Prinzip
harmloses ‚ja?‘, ein freundlich fragendes ‚hallo?‘ oder sonst eine auditive
Resonanz sein) – denn dann beginnen die Stimmen, diesmal aber alle
miteinander (jedoch nicht unisono), ebenso aktiv wie aggressiv mit mir zu
kommunizieren und bohrend offensiv auf mich einzureden! Bisher vernehme ich
davon zwar nur ein relativ leises, drängend dräuendes Flüstern, und es erscheint
mir so, als redeten alle meine Rufer zusammenhangslos und völlig durcheinander
auf einmal mich ein (ich weiß jedoch erschreckenderweise auch nicht, ob sich
dieses gedämpfte, absolut verwirrende Stimmenkonglomerat ausschließlich aus
meinen eigenen, persönlichen, mir bekannten Rufern assoziiert, oder ob sich
nicht vielleicht noch andere, mir bis dato fremde und daher möglicherweise
gefährliche Stimmen mit ihnen konföderieren), außerdem ist das von ihnen

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Gesagte, dieses bemerkenswert disharmonisch-kakophonische Stimmengeflecht,


so unsäglich chaotisch und (glücklicherweise) noch viel zu leise, als dass ich
daraus einzelne Stimmen identifizieren oder gar vollständige Worte bzw. einzelne
Satzfetzen auch nur ansatzweise erkennen könnte. Doch in mir mehrt sich das
ausnehmend ungute Gefühl und es manifestiert sich immer mehr eine vage,
namenlose Angst, dass sich etwas unvorstellbar Schreckliches oder zumindest
etwas zutiefst Negatives ereignen wird, wenn ich erst einmal die einzelnen
Stimmen klar unterscheiden kann und endlich (?) erfahre, was sie eigentlich von
mir wollen. Und ich habe leider den unliebsamen Eindruck, dass die Stimmen peu
à peu lauter und verständlicher werden…

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Meine weiteren Komplikationen


Die mühseligen Beeinträchtigungen, über die ich an dieser Stelle berichten will,
beziehen sich ausschließlich auf psychische Störungen, also auf seelische Leiden
und mentale Defekte. Körperliche Beschwerden werde ich erst später ab dem
Kapitel Meine Schmerzen I eingehender besprechen. Viele dieser zermürbenden
und kräftezehrenden Symptome, die ich die nächsten Kapitel über beschreiben
möchte, suchen mich schon seit längerem heim, manche sogar seit mehreren
Jahrzehnten (ja, selbst als dreijähriger Vorschüler im Kindergarten befand ich
mich bereits das erste Mal in einer Psychotherapie, und das etwa neun Monate
lang, zweimal pro Woche; näheres darüber findet sich weiter unten im Kapitel
Depressionen), doch erst seitdem ich mich in neuerer Zeit, seit etwa zwei bis drei
Jahren, in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung befinde,
erhielten diese befremdlichen Krankheitszeichen im großen und ganzen einen
konkreten und medizinisch fundierten Namen (– wodurch sie sich aber auch nicht
besser anfühlen, bzw. das komplizierte Leben mit ihnen auch nicht einfacher und
hoffnungsfreudiger wird).

Eine akzidentelle Symptomatik möchte ich aber gleich zu Beginn einfügen, weil
sie im Prinzip (jedenfalls meiner bescheidenen Meinung nach) für sich kein
wirklich eigenständiges Krankheitsbild darstellt, sondern eher als das periphere
Ergebnis oder als ein marginaler Mitläufer einer autonomen Störung zu
betrachten ist. Es ist dies eine andauernde angespannte innerliche Unruhe, die
mich beinahe täglich mehrmals überkommt und dann etwa zwanzig Minuten bis
eine Stunde anhält. Diese ausgeprägte Agitatio lässt mich dann die ganze Zeit
über nicht zur Ruhe kommen – geistig kann ich mich auf nichts konzentrieren,
schlafen oder dösen geht sowieso nicht, ich irre nur wirr durch die Wohnung,
völlig plan- und ziellos von einem Zimmer in das nächste und wieder zurück, und
weiß nicht, was ich eigentlich will und was ich tun soll. Auch lässt mich diese
nervöse, hektische Rastlosigkeit am ganzen Körper erzittern – manchmal ist der
Tremor in meinen Händen so stark, dass ich Getränke verschütte, den Schlüssel
nicht ins Schloss bekomme etc., d.h. Tätigkeiten, die ein gewisses Maß an Akribie
und Feinmotorik benötigen, sind absolut nicht auszuführen; also kann ich – in
dieser getriebenen, ahasverischen Hexis –, als möglicherweise angedachte
Versuche zur mentalen Beruhigung, weder kontemplatives malen, zeichnen,
schreiben oder ähnliches exerzieren. Am besten könnte man diesen
ungemütlichen inneren Hochspannungszustand noch mit einer gewaltigen
Überdosis Kaffee, einem exorbitanten Koffeinrausch vergleichen. Ab und zu, aber
viel seltener als der eben beschriebene psychisch induzierte physische Tremor
(und auch absolut zeitlich unabhängig von diesem), etwa vier bis fünfmal pro
Monat – manchmal auch weniger –, zittern für wenige Sekunden bis zu maximal
zwei Minuten meine Augen; oder, besser gesagt, mein Blick zittert. Meine
Pupillen tremolieren kurzfristig wie ein zu schnell eingestelltes Metronom, und ich
kann während dieser Zeit mit meinen Sehorganen keine immobilen Gegenstände
fixieren oder gar Bewegungen folgen. Eine qualitative Verschlechterung der
Sehleistung, per exemplum Schleier vor den Augen oder gar unscharfes,

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verschwommenes Sehen, findet hingegen nicht statt. Gleichzeitig jedoch löst


dieses okulomotorische Vibrieren ein übelkeitserregendes Schwindelgefühl aus,
es beeinträchtigt also additional massiv mein Gleichgewichtssystem.

Was sich in dieser desolaten psychischen Situation auch als eine schwierige und
äußerst langwierige Tätigkeit erweist, ist das anstrengende, ermüdende und
zusätzlich deprimierende Suchen und Finden einer geeigneten
Therapieeinrichtung in der für meinen Fall prädestinierten Fachrichtung bzw.
fachlichen Abzweigung. Da geht es einem sowieso schon nicht gut, leidet
körperlich und geistig unter schier unglaublichen Qualen, denn nicht umsonst
sucht man verzweifelt und ohne Unterlass nach einer solch hilfreichen
Einrichtung, und muss dann trotzdem diesen schier endlos dauernden Marathon
der Therapeutensuche durchmachen, mit all seinen diversen Vorgesprächen und
Testsitzungen, die dann eventuell doch negativ ausfallen; und das, nachdem man
bis zu einem halben Jahr (teilweise auch länger) auf solch einen offensichtlich
äußerst raren Termin zu warten gezwungen war – der Gipfel der Unmöglichkeit
dieser partiell sicher auch patientengefährdenden Auswüchse waren aber volle
zehn Monate Wartezeit, die mir eine psychiatrische Gemeinschaftspraxis
tatsächlich zumutete! So wurde ich zuerst, wie es hier in der Bundesrepublik
Deutschland wohl üblich ist, zur Gilde der Verhaltenstherapeuten geschickt, die
dann auch anfänglich versuchten, mich im determinierten Rahmen ihrer
vorgegebenen Optionen einigermaßen zu verstehen, einen möglichen
Therapieansatz erarbeiteten und demnach einen provisorischen Therapieplan
aufstellten. So wurde an mir dann fast zwei Jahre verhaltenstherapeutisch vor
sich hin laboriert, auch in einer psychosomatischen Klinik mit
verhaltenstherapeutischem Hintergrund war ich, doch recht viel hat mir das alles
nicht gebracht. Nun gut, im Juni 2009 hatte ich endlich ein bemerkenswert
positives Treffen mit einem verständnisvollen Psychologen, der sich wohl recht
gut in seinen professionellen Tätigkeiten auskennt und der letzten Endes, nach
einem niederschmetternden Resümee meiner bisherigen psychotherapeutischen
Odyssee und einem kleinen beratenden, überaus konstruktiven Gespräch, mit
mir überein kam, dass eine tiefenpsychologische Therapie, respektive eine
Psychoanalyse eindeutig die besseren Instrumente zu meiner Behandlung seien;
therapeutische Instrumente, die zwar recht schmerzhaft sein und sich eventuell
über viele Jahre dahinziehen können, aber im Endeffekt sollte es mir doch nach
einiger Zeit wesentlich besser gehen im direkten Vergleich zu heute, auch sollte
ich danach mein Leben besser in meiner Hand halten und steuern können, als es
zur Zeit noch möglich ist. Nach diesem kurzfristig positiv aufbauenden
Beratungsgespräch begann ich schließlich die erneute, wiederum zeitraubende
Suche nach einem geeigneten und qualifizierten Psychoanalysten, die bis heute
noch nicht abgeschlossen ist.

Eine soziokulturell auffällige Komplikation möchte ich auch gleich hier


ansprechen, und zwar deswegen, weil sie in diesen psychopathologischen
Themenkreis passt und dementsprechend zu dieser großen Überschrift gehört,
sich jedoch in keine der nun weiter unten folgenden Unterkapitel problemlos
einfügen lässt, ohne inadäquat und deplaciert zu wirken – es handelt sich hierbei
um meine mehr oder weniger temporäre Wortfindungsstörung. Was sich aus dem
gesamten niedergeschriebenen Text dieses Manuskripts mit Sicherheit nicht

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herauslesen und nachvollziehen lässt, ist die Tatsache, dass ich im direkten,
offenen, bilateralen Gespräch mit einem arbiträren Gegenüber, also bei mit
Verbalisierung und Formulierung einhergehenden sozialen Interaktionen, von
kaum merklichen bis hin zu massiven Wortfindungsstörungen, je nach externer
Situation und persönlichem Befinden, geplagt werde. Kaum merklich sind diese
artikulatorischen Beeinträchtigungen fast ausschließlich bei mir in meiner
wohlbekannten, schützenden Burg, und unter diversen privatimen Umständen
noch in den heimatlichen Behausungen oder Aufenthaltsorten mir expressis
verbis äußerst nahestehender Personen. Außerhalb dieser angenehm
anachoretischen Eremitagen nehmen die bisweilen sich ziemlich peinlich und
unpassend ausnehmenden Wortfindungsstörungen zu, teilweise so stark, dass
mir die simpelsten und trivialsten Termini partout nicht mehr einfallen. Ich
spreche hier also nicht von irgendwelchen komplizierten Fachbezeichnungen,
komplexen Technizismen, allgemein unbekannten Anglizismen oder Slang-
Ausdrücken, die mir par force nicht in den Sinn kommen wollen, nein, es handelt
sich um einfachste konstitutive Begriffe aus dem deutschen Grundwortschatz,
wie etwa ‚Brot‘, ‚Katze‘, ‚Fahrrad‘ oder ‚Haus‘. Deswegen fällt es mir auch so
unglaublich schwer, einem Arzt oder Therapeuten, mit dem ich das erste Mal in
seiner Praxis, also in einer mir völlig unbekannten und unvertrauten Umgebung,
zusammentreffe, klar und substantiiert zu explizieren, weswegen ich zu ihm
komme und was ich überhaupt von ihm erwarte.

Seltener als die eben dargestellten Wortfindungsstörungen befällt mich etwas


ähnliches, gewissermaßen kontradiktorisches, d.h. ich höre ein arbiträres Wort,
das mir eigentlich auch aus dem täglichen Leben bekannt ist, bzw. bekannt sein
sollte (wie etwa den simplen Terminus ‚Sofa‘), kann aber just in diesem speziellen
Augenblick nicht wirklich etwas damit anfangen; die direkte sprachliche,
inhaltliche Bedeutung des im Prinzip harmlosen Ausdrucks ist mir temporär
intellektuell nicht zugänglich (zum Glück ist mir dies noch nie während eines
Gesprächs geschehen, sondern immer nur, wenn ich alleine bin, so
beispielsweise beim lesen, schreiben oder einfachem wälzen von Gedanken).
Dann beginne ich, den betreffenden Begriff in seine einzelnen Terme (falls
vorhanden) zu zerlegen, um eventuell so auf dessen Sinn zu kommen, danach in
seine Silben, doch dann ist es auch vorbei – denn einzelne Buchstaben zur
investigativen Wortfindung zu sezieren und zu analysieren ist sowieso zwecklos.
Ich erkläre mir dann den kurioserweise unbekannten Ausdruck meist aus dem
gewöhnlichen Satzzusammenhang, aus dem umgebenden Satzgefüge, in das er
sich integriert. Etwas heftiger wird diese antagonistische Wortfindungsstörung,
wenn ich ein normalerweise ebenso geläufiges Wort a priori als solches nicht
erkenne – es wird für mich zu einem ‚Unwort‘, einem Wort ohne Wert und
Substanz. Eine unverständliche Sequenz von Buchstaben, die zwar klingen als
gehörten sie zusammen, die aber für mich in dieser Form ohne jeden
linguistischen Belang sind und keine sinnliche Relevanz besitzen. Diese
artikulatorischen Symptome verschwinden nach einiger Zeit von selbst – so
unerwartet, wie sie gekommen sind, gehen sie auch wieder, deswegen kann ich
auch nicht genau sagen, wie lange sie normalerweise dauern; vielleicht eine
halbe bis eine Stunde, zumindest sind es nicht mehrere Stunden hintereinander.

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Depressionen
Bereits seit meiner frühesten Kindheit hatte ich – den historischen Erzählungen
und erhalten gebliebenen Memorabilien meiner Mutter zufolge – einen äußerst
starken Hang zur Melancholie, zur Misanthropie und zur Asozialität (wobei mir die
Expression ‚Antisozialität‘ persönlich mehr zusagt; sie klingt nicht so – ‚asozial‘),
und dementsprechend zum ausgiebigen, ungestörten Alleinsein, denn auch allzu
große körperliche Nähe, wie sie in unserer Familie eigentlich auch nicht vorkam,
war und ist mir immer noch höchst zuwider. Meine diesbezüglich ersten
psychotherapeutischen Erfahrungen machte ich ab dem dritten Lebensjahr, da
ich den offensichtlich aufmerksamen Betreuern des Kindergartens, den ich
damals besuchen musste, ein wenig zu auffällig geworden war – sozusagen
auffällig durch Unauffälligkeit, da ich stets für mich alleine spielte und, wo es nur
eben ging, alle anderen Kinder von meinen Aktivitäten ausschloss; doch jedes
Mal lautstarke Wein- und Tobsuchtsanfälle bekam, wenn ich an einem Gruppen-
oder Gesellschaftsspiel teilnehmen sollte (aber auch, wenn eine im Prinzip
harmlose und allgemein als lustig empfundene Pumuckl-Schallplatte lief; ich
hatte eine fast körperliche Antipathie gegen diesen widerlichen,
unsympathischen Gnom, und ich mag diesen deprimierenden Wicht auch heute
noch nicht). Damals war ich für neun Monate zweimal die Woche in einem eigens
für Kinder- und Jugendtherapie umgebautes Kloster in Behandlung, doch an diese
kann ich mich nicht mehr richtig erinnern (– eigentlich nur noch an die
Einrichtung, die angenehm und kindgerecht in einem mit reichlich Spielzeug,
Musikinstrumenten und Sportgeräten ausgestatteten Kellergewölbe
untergebracht war –), auch nicht, ob sie einen längerfristigen (oder überhaupt
einen) positiven Erfolg zeitigte.

Im Alter von sechzehn Jahren erhielt ich schließlich einen zweiten


Therapieversuch, der jedoch nach einer sensationell kurzen Behandlungszeit von
nicht einmal vier Wochen von dem behandelnden Psychologen selbst
abgebrochen wurde, weil er mir, ungeachtet meines jugendlichen Alters, in
Sachen Psychospielchen mitnichten gewachsen war (der genaue Ablauf und
effizierende Grund hierfür ist weiter oben im Kapitel Schlaf und Traum,
Unterkapitel Traumsequenz III nachzulesen). Als aufmunternde Abschiedsworte
verkündete er mir nur, dass ich seiner professionellen Meinung nach in einer
geschlossenen psychiatrischen Anstalt besser aufgehoben wäre. Damals
widerfuhr mir auch eine temporäre Phase der massiven Selbstverletzungen – so
schnitzte ich mir beispielsweise mit Glasscherben und Messern verschiedener
Größe diverse bösartige Symbole und feindselige Wörter (wie etwa ‚Tod‘, ‚Hass‘,
‚Ekel‘, ‚Apokalypse‘, ‚Horror‘, ‚de Sade‘ etc.) in den Körper und trieb unsterile
Sicherheitsnadeln durch meine Ohrläppchen – Die Narben sind immer noch
existent –, und mit ein oder zwei belanglosen, ziemlich naiv ins Werk gesetzten
Selbstmordversuchen (– insgesamt waren es ganze drei suizidale Anläufe
zwischen den Jahren 1984 und 1988 –), welche, a posteriori betrachtet, eher
verzweifelte (jedoch ungehörte) Hilferufe denn ernstgemeinte Tötungsabsichten
als psychologischen Hintergrund hatten – denn sonst wären sie, bei meiner
allgemeinen Akkuratesse und meiner speziellen Akribie in wichtigen
Angelegenheiten, sicherlich problemlos gelungen (– vielleicht waren es ja auch
nur sondierende Testläufe…).

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Von da an lebte ich meinen sukzessiv eskalierenden Menschenhass und


schwermütigen Weltschmerz voll aus, sogar meine Berufswahl richtete ich direkt
nach meiner – leicht sadistisch angehauchten – anachoretischen Misanthropie
aus. Nach meinem positiv absolvierten Schulabschluss wählte ich den allgemein
als relativ makaber angesehenen Weg eines medizinischen Präparators und
arbeitete nach dem bestandenen Staatsexamen in diversen Kliniken in der
Pathologie, in denen ich beispielsweise selbständig und unbeaufsichtigt
komplette Sektionen durchführte, Amputate aller Art, also Hände, Arme, Füße,
Ober- und Unterschenkel etc., präparierte und per exemplum für anatomische
Ausstellungen in Museen oder Universitäten vorbereitete, außerdem war ich für
die medizinische Dokumentation zuständig (teilweise ‚entliehen‘ sich andere
Krankenhäuser mich und meine offensichtlich qualitativ hochwertige Arbeit,
wobei ich viele andere aufschlussreiche Obduktionssäle und attraktive
pathologische Institute kennenlernen durfte, auch in der Gerichtsmedizin von
Berlin war ich für eine äußerst interessante, doch leider etwas zu kurze Zeit
tätig). Nebenbei forschte ich an einem chemischen Verfahren, welches mit dem
bloßen Auge nicht lokalisierbare Gehirntumore durch verschiedene
Färbeprozeduren sicht- und abgrenzbar machen konnte. Auf diesem Posten war
ich fast immer allein, und mit meinen angenehm schweigsamen ‚Kunden‘ musste
ich mich auch nicht interindividuell auseinandersetzen – in meinen Augen war es
die schönste und befriedigendste berufliche Stellung in meinem ganzen
bisherigen Leben, die ich leider durch meine unerquicklichen körperlichen
Krankheiten verlor und niemals wieder eine vergleichbare angeboten bekam.

Einmal versuchte ich noch, eine independente, relativ isolierte Arbeitsstelle zu


bekommen, als mir um das Jahr 2000 herum von meinem Arbeitgeber empfohlen
wurde, ich solle doch eine einjährige Umschulung zum Microsoft Netzwerk- und
Systemspezialisten (MCSE) durchführen, diese würden immer gebraucht und ich
nach erfolgreichem Abschluss der Qualifizierungsmaßnahme problemlos
übernommen. Eine Stellung, die meiner ausgeprägten Neigung allein zu sein,
absolut entgegenkam, und mit Computern kannte ich mich ohnehin schon vorher
aus. Also leitete ich alles Erforderliche in die Wege, konferierte mit dem
Arbeitsamt zwecks Kostenübernahme, sprach mit der Personalstelle wegen der
einjährigen Freistellung, und, und, und… Schließlich war der ganze Ablauf
genehmigt, ich war bei einem renommierten Institut eingeschrieben und das
Arbeitsamt übernahm zwei Drittel meiner Miete und die Fahrkosten, den nicht
gerade geringen Rest musste ich über meine Ersparnisse finanzieren. Der Kurs
verlief alles in allem relativ reibungslos, außer, dass ich zumeist nur die ersten
zwei Stunden anwesend war, dann fuhr ich nach Hause und lernte privat für mich
allein. Das ganze Spezialisierungsprojekt, welches zudem noch die Zertifizierung
zum Certified Novell Administrator (CNA) beinhaltete, schloss ich als Zweitbester
ab (und das auch nur aufgrund meiner Fehlzeiten); nebenbei, also nicht als
Kursinhalt, absolvierte ich noch selbstfinanziert die Prüfungen zur Führung der
informationstechnologischen Titel MCSA und MCDBA – mit anderen Worten, ich
war ziemlich aktiv und tat viel mehr, als ich eigentlich sollte, da ich unbedingt
eine dieser Stellen als Netzwerkspezialist bei meinem Arbeitgeber wollte. Der
ganze Spaß kostete mich etwa 20.000 Euro extra, ausgegeben für Bücher, Hard-
und Software, Essen und diverses Zusatzmaterial, außerdem deckte, wie bereits
erwähnt, der Zuschuss vom Arbeitsamt nicht einmal die Miete ab. Als nun die
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Maßnahme beendet war, fragte ich nach der weiland offerierten Arbeitsstelle und
bekam unglaublicherweise zu hören, dass es diese Posten nicht mehr gibt, dass
sie ersatzlos wegrationalisiert wurden, da alles auf ein alternatives
Betriebssystem eines anderen Herstellers umgestellt wurde, und
selbstverständlich war dieses mit meinen vorgelegten Zertifizierungen zu
einhundert Prozent inkompatibel – also alles vergebens (aber nicht umsonst)! Wie
es mir die nächsten Monate psychisch erging, kann sich wohl jeder vorstellen, der
diesen Text liest…

Ende Juli des Jahres 1990 lernte ich schließlich auf einem halbprivaten Open-Air-
Konzert meine zukünftige Frau kennen, und Anfang November desselben Jahres
heirateten wir bereits, worauf sich meine physischen und psychischen Symptome
allgemein ein wenig besserten, bzw. einigermaßen in den Hintergrund rückten,
und mein Leben das darauffolgende Dezennium in annähernd geordneten
Bahnen weiterlief – ich hatte anfangs sogar kurzfristig und intermittierend etwas,
das man vielleicht vorsichtig als so etwas wie eine ‚glückliche Zeit‘ interpretieren
konnte. Diese wenigen Jahre waren die ruhigsten und angenehmsten in meinem
bisherigen schmerzbelasteten Dasein; doch mit der Jahrtausendwende meldeten
sich auch meine altbekannten Krankheiten und Symptome zurück, wurden
ausgeprägter als vorher und brachten zu ihrer Unterstützung auch noch neue,
andere Beschwerden und Defekte mit, die sich sukzessive sammelten und
aufstauten, und in meiner großen Krise 2006/2007 geballt losbrachen.

Aus meiner schon seit frühesten Kindertagen bestehenden – sozusagen


kongenitalen –, schwerwiegenden Misanthropie entwickelte sich im psychisch
inhomogenen Laufe der letzten drei Jahrzehnte eine allgemeingültige
Soziopathie, gleichzeitig jedoch auch eine offensichtlich partizipierende,
ausgeprägte Soziophobie. Ich habe also eine alte, dunkle, tiefsitzende Angst
davor, unter Menschen, unter die chthonische Allgemeinheit zu gehen (oder gar
zu öffentlichen, offiziellen Veranstaltungen, wie etwa Kundgebungen, Konzerte,
Vorführungen, Demonstrationen etc., also zu allem, wo a priori größere
Menschenansammlungen zu erwarten sind – ohnehin ist dies aufgrund meiner
abnormen Blutwerte und der latenten Ansteckungsgefahr an solchen Lokalitäten
gewiss nicht ratsam), weil ich mich dort nicht immer so verhalte, wie man es von
mir, respektive von einem durchschnittlichen, ‚normalen‘ Bürger erwartet;
außerdem bin ich ohnehin nicht gerne unter den anthropomorphen Kreaturen,
weil ich sie von vornherein in ihrer globalen Gesamtheit verabscheue. Ein
weiterer interpersoneller Konfliktpunkt zeigt sich in meinem besonderen Unmut,
meinem auserlesenen Missvergnügen bei allzu vertrauter und aufdringlicher
körperlicher Nähe, vor allem, wenn mir die Person nicht bekannt ist; doch selbst
da gibt es Ausnahmen. Ich präferiere als einen bilateralen Mindestabstand ein
absolutes Minimum von einem bis eineinhalb Metern – und das generell und
permanent. Einen noch größeren Verdruss allerdings bereitet mir eine
ungewollte, ja, sogar eine uneingeschränkt unbeabsichtigte körperliche
Berührung in der Menge. Der unbeschreibliche Gipfel der bitteren Ekelhaftigkeit
ist jedoch das mit einem euphemistischen Anglizismus versehene Shakehands,
der freundschaftsbekundende Handschlag. Das in Europa leider weitverbreitete
und allumfassend als sozialer Standard betrachtete Händeschütteln ist mir ein
unerträglicher Graus. Verschwitzte, schmierige Finger anfassen zu müssen, von

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denen man nicht weiß (und vermutlich gar nicht wissen will), in welch
unappetitlichen Widerwärtigkeiten sie vorher steckten, bereitet mir ab dem
ersten Hautkontakt eine heftige physische und psychische Übelkeit, und den
apodiktischen Drang, mir umgehend die Hände zu waschen und zu desinfizieren.
Leider wird meine tiefgreifende, profunde Angst vor dieser im Prinzip
vertrauensbildenden Maßnahme und meine z.T. hartnäckige Weigerung, diese
anzunehmen oder durchzuführen, nur allzu oft als taktlose, unfreundliche
Exzentrizität oder unangebrachte Arroganz fehlinterpretiert; doch ich denke,
damit kann ich (muss ich) leben…

Als sich meine physischen Beschwerden ab etwa dem Jahr 2005 zusehends
verschlimmerten, begannen auch meine psychischen Leiden wieder stärker in
Erscheinung zu treten und rasant zuzunehmen, wohl auch im Zuge der
erstgenannten Insuffizienzen. Rund um den Jahreswechsel 2006/2007 bekam ich
dann meinen großen körperlichen und geistigen Zusammenbruch. Ich litt an
stärksten, menschenunwürdigen Schmerzen am ganzen Körper und fiel seelisch
in ein schwarzes, tiefes, bodenloses Loch mit all seinen autoaggressiven,
niederschlagenden Konsequenzen. Über die abgründig perfiden, eminent
malignen Symptome möchte ich hier im Moment noch nicht schreiben, außerdem
kann ich mich an viele der wirren Geschehnisse aus dieser horriblen Zeit nur
noch sehr vage oder gar nicht mehr erinnern (– vielleicht will das meine Seele
auch gar nicht und hat diese unangenehmen Kommemorationen bereits
erfolgreich in tiefere, gut verschlossene Katakomben verdrängt –). Jedenfalls
wurden meine geistigen Zustände nach einiger Zeit der Einnahme diverser
Psychopharmaka, also Antidepressiva, langsam wieder besser. Seitdem erfahre
ich im Prinzip eine an und für sich gleichbleibende seelische Neutralität, die nur
noch von mehr oder weniger kurzen depressiven Episoden unterbrochen wird
(wobei meine anderen auf diesen Seiten noch präsentierten psychischen Defekte
in diesen psychopathologischen Sektor nicht immer bzw. nur partiell und
sporadisch involviert sind). Ein vergleichsweise längerfristiger positiver Aspekt ist
mir dennoch bis heute nicht zuteil geworden. Noch eine kleine Nebendiagnose,
die ich schon vor einiger Zeit gewahrte und die ich hier erwähnen möchte, ist
mein seit dieser Krise rasant angestiegener Zigarettenkonsum; vorher rauchte
ich über viele Jahre hinweg konstant eine gewöhnliche Schachtel in etwa zwei bis
drei Tagen, mittlerweile sind es bereits ein bis zwei Schachteln pro Tag –
Bigpacks, versteht sich! Diese rapide extensive (oder exzessive?) Erhöhung des
Tabakverbrauchs geschah schleichend und ungewollt, doch gegenwärtig gibt mir
der zweifellos ungesunde Nikotinabusus sogar ein merkwürdig angenehmes und
positives Gefühl des Lebens, das ich nicht mehr missen möchte (– oder ist es ein
unterbewusster, verlängerter Selbstmord auf Raten?).

Die primären Auslöser, die mentalen Triggerpunkte für meine kurzen depressiven
Episoden können recht vielfältig sein: ein falsches Lied zur falschen Zeit im Radio
gespielt, Filme im Fernsehen oder auf DVD, die ich manchmal sogar zuvor
eigentlich noch sehen wollte, aber spätestens nach einer halben Stunde
abschalten muss, weil sie mich zu sehr in die Tiefe ziehen (in meiner Kindheit war
es der weiter oben bereits negativ erwähnte ekelhafte Gnom Pumuckl, heute sind
es frustrierende Komödien, auf neudeutsch Comedy-Filme oder -Serien;
anwidernd pseudolustige Streifen, die mich auf brechreizerregende Weise in

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außerordentlich kurzer Zeit extrem deprimieren können – der demoralisierende,


niederdrückende Humor der Welt bzw. der sogenannten Menschheit ist wahrlich
nicht der meine) etc. Selbst die geringsten, marginalsten Kleinigkeiten können
mich in meinem momentanen seelischen Zustand sofort und restlos überfordern.
Auch wenn ich, was selten genug vorkommt, in ein Geschäft oder ein Kaufhaus
gehe, um mir ein paar Dinge für mich zu besorgen: wenn es schon bei dem
ersten Artikel auf meiner ohnehin nicht langen Liste irgendwelche Probleme gibt
(à la das gesuchte Produkt ist ausverkauft, oder es entspricht nicht meinen
Vorstellungen und Erwartungen), breche ich geistig zusammen, gehe
postwendend und relativ verwirrt nach Hause (ohne mich auch nur noch um
einen Deut um die anderen Gegenstände auf meiner Liste zu kümmern; ja, ich
weiß gar nicht mehr, dass da noch andere Sachen waren) und bin für den Rest
des Tages zu nichts mehr zu gebrauchen, weil ich nun nur noch stundenlang die
Wand anstarre oder völlig erschöpft einschlafe. Meistens sind diese Anfälle
spätestens am nächsten Morgen vorbei, doch aus manchen kann sich auch eine
länger währende Episode entwickeln, die dann über Tage oder Wochen andauern
kann. Während dieser dunklen Phasen meiner Existenz bin ich kaum lebensfähig;
ich vernachlässige mein Aussehen, meine Kleidung, meine körperliche Hygiene,
ebenso die Sauberkeit und Aufgeräumtheit meiner Wohnung. Sämtliche
anstehenden Termine, private wie geschäftliche, werden telefonisch abgesagt
oder verschoben (wenn ich denn die Kraft zum Anrufen finde, ansonsten lasse ich
sie einfach sang- und klanglos verstreichen) – und dann liege oder sitze ich
stumm herum, suhle mich in meiner Depression und wälze immer wieder die
gleichen müßigen Gedanken, die doch zu keinem Ergebnis führen, aber die ich
trotzdem nicht aus meinem zermarterten Kopf bringen kann. Eventuell läuft noch
der Fernseher nebenher, den ich jedoch die meiste Zeit nicht beachte, doch
selbst diese leichte, seichte Ablenkung wird mir stets ziemlich bald zu viel. Am
liebsten ist mir dann immer noch absolute, sterile Ruhe.

Gefühle, oder was ich dafür halte


Wenn ich von Gefühlen oder Emotionen spreche, ist das eigentlich ausgemachte,
blühende Makulatur, aber ich versuche es trotzdem; doch vielleicht anders als zu
erwarten wäre. Es fällt mir unheimlich schwer, mich über innere Empfindungen
zu äußern, weil ich nicht weiß, ob das, was ich glaube zu empfinden, Gefühle sind
– auch merke ich eigentlich nur, wenn es mir subjektiv schlecht geht. Freude,
richtige Freude kenne ich seit meiner Kindheit nicht mehr, denn bei jedem
vermeintlich positiven Erlebnis schwingen immer irgendwelche negativen
Hintergedanken mit, die ich nicht verdrängen kann; ich habe ein irgendwie
immer betont gleichbleibendes, permanentes ‚Ungefühl‘. Ich kann zwar auf rein
optischer oder haptischer Basis etwas Schönes oder Gutes als solches
wahrnehmen und auch anerkennen, aber es berührt mich nicht in meinem
Inneren – es kommt einfach nicht bei meinem Herzen bzw. auf der
gefühlsbetonten Ebene an. „Die Menschen hören das Eis klirren, wenn ich
vorübergehe… oder, wie E.M. Cioran es treffend formulierte10: „Wo ich
vorbeikomme, sinken die Hoffnungen in Schlaf, verkümmern die Blumen, wanken
die Instinkte: alles hört auf zu wollen, alles bereut, je gewollt zu haben. Ein jedes
Wesen raunt mir zu: ‚Ich wünschte, ein anderer lebte mein Leben, sei es Gott, sei

10
Cioran, 1978, S. 188

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es die Wegschnecke. Ich sehne mich nach einem Willen zur Untätigkeit, nach
einer noch unausgelösten Unendlichkeit, nach einer ekstatischen Atonie der
Elemente, nach einem sonnenüberglühten Winterschlaf, der alles erstarren ließe,
vom Schwein bis zur Libelle…’““11 Eine weitere seltsame Emotion, wenn es denn
eine ist, ist der merkwürdige, unbefriedigende Eindruck, dass ständig
irgendetwas fehlt (aber nicht so, als ob ich es vorher verloren hätte, nein, es fehlt
eben nur so). Aber ich weiß weder, was, noch wo, noch habe ich sonst eine
Ahnung, was es ist, was es repräsentiert oder wie ich es sonst beschreiben
könnte – es fehlt einfach etwas…

Zwei weitere Gefühle der körperlichen Art hingegen kenne ich zu meinem
Bedauern sehr gut, weil sie mir beinahe täglich widerfahren. Zum einen ist dies
die unangenehme Empfindung, dass mir ex abrupto der offensichtlich feste
Boden unter den Füßen weggezogen wird – oder er sich von selbst von mir
wegbewegt, wie auch immer –, und ich dabei einen drohenden, zwischen Fiktion
und Faktizität oszillierenden Sturz abfangen muss, was mir leider nicht immer
gelingt (dieses emotionale, gleichzeitig jedoch auch ausgeprägt
realitätsbezogene Ereignis steht zudem des Öfteren in engerem Zusammenhang
mit der bei mir diagnostizierten dissoziativen Bewegungsstörung, die weiter
unten im Kapitel Dissoziationen noch genauer besprochen wird). Zum anderen
äußert sich diese bizarre Apperzeption in der verwirrenden Annahme, dass sich,
ebenso schlagartig und unvermutet, der augenscheinlich feste Untergrund unter
mir plötzlich öffnet und ich geradewegs abwärts in eine bodenlose, schwarze
Tiefe falle, wobei diese gefühlte Gegebenheit grundsätzlich ohne einem realen
Sturzereignis, wie ich es im vorigen Sachverhalt beschrieb, vorübergeht. Beide
fundamental unwillkommenen und misslichen Impressionen laufen im Normalfall
– soweit man hier von ‚Normal‘ sprechen kann – im Bruchteil einer Sekunde ab,
können sich dafür jedoch mehrmals hintereinander in kurzen Abständen
wiederholen, durchschnittlich etwa vier bis fünfmal. Anzumerken wäre hierbei
noch, dass sich diese unerwartet auftretenden Sinneseindrücke nicht nur im
freien Stand äußern, sondern auch in liegender bzw. halbliegender Position.
Wenn ich also, von etlichen Decken und Kissen gestützt, auf genau der längeren
Seite der Couch liege, kann es sein, dass mich jählings der seltsame Eindruck
überfällt, das Sofa würde nach vorneweg unter mir weggezogen, oder alternativ,
dass ich nach hinten in die Polsterungen gesaugt und von ihnen verschluckt
werde. Eine an- bzw. abschließende geistige Verwirrung oder körperliche
Missempfindung besteht erfreulicherweise bei keinem der beschriebenen
Phänomene.

In manch ruhigen Momenten, und hierbei ist es völlig einerlei ob ich stehe, sitze
oder liege, fühle ich ein leichtes, sanftes vibrieren des Untergrundes bzw., der
Auflagefläche. So verweile ich beispielsweise gerade ein Bild o.ä. betrachtend auf
dem Sofa oder ich sitze lesend auf dem Balkon, und auf einmal nehme ich an den
Kontaktbereichen zwischen mir und der Umwelt ein minimales, summendes
Erbeben war – ein relativ seltenes, wundersames Gefühl, das ich einfach nur als
gegenwärtig präsent registriere, aber mit dem ich sonst absolut nichts
anzufangen weiß und das ich in keinen Bereich wirklich ein- bzw. zuordnen kann,
und das auch rein garnichts in mir effiziert. Es ist eine völlig eigenständige,
11
Spreewinkl,2006 (b), §147 S. 66

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singuläre Sinnesempfindung, die sporadisch und ohne irgendwelche anderen


Auffälligkeiten, weder körperlich noch geistig, in Erscheinung tritt. Sie hält im
Prinzip gerade einmal so lange an, wie ich in etwa die momentane Position und
Positur einhalte, doch bei der nächsten größeren Bewegung verschwindet sie –
und wird sich vermutlich auch die nächste Zeit nicht wieder manifestieren.

Nun möchte ich noch über die sadistisch-perniziösen Aggressionen schreiben, die
latent tief in mir schlummern und die im Prinzip noch nie in vollem Umfang
öffentlich zutage traten. Nach außen hin bin ich wohl eher ein ruhiger und relativ
angenehmer Zeitgenosse, zumindest für die Personen, die mich nicht besonders
gut kennen, also für fast jeden (bis auf zwei oder drei elitäre Ausnahmen), da ich
mich aufgrund meiner gesteigerten Misanthropie in der missliebigen
Allgemeinheit höchst distanziert und zurückhaltend gebe. Meine autoaggressiven
Verhaltensmuster lasse ich ohnehin nur an mir und gegen mich selbst aus,
meistens innerlich (sporadisch auch äußerlich), was vermutlich meine physischen
und psychischen Erkrankungen mit unterstützt und sie unterschwellig verstärkt;
die einzig sichtbare Reaktion nach außen hin ist mein außerordentlich
gesteigerter Trieb zu schreiben, dem ich einen eminenten geistigen Lustgewinn
zuerkenne und bei dem ich aktiv – und angenehmerweise nebenbei auch
produktiv – meine diversen intraindividuellen Frustrationen abarbeiten kann.
Aggressionen gegen andere sind essentiell von differenter Art, da ich mich
grundsätzlich nicht von den mikrologischen anthropomorphen Kreaturen
provozieren lasse (bzw. provozieren lassen will) – dafür interessieren sie mich zu
wenig (das einzige, was tatsächlich einen leichten Hauch von Zorn hervorruft ist,
wenn sie mich permanent mit ihrer himmelschreienden Naivität, Primitivität und
Dummheit konfrontieren und molestieren, und sich dann trotz substantiierter,
hundertprozentig nachvollziehbarer Argumente keines Besseren belehren
lassen). Ich trete erst dann disziplinarisch in Aktion, wenn ich körperlich
angegriffen werde, dann aber mit größter gewalttätiger Vehemenz, mit einer
rücksichtslos drakonischen Atrozität, die mich, falls ich Pech habe, eventuell
sogar irgendwann einmal zu einem Mörder oder Totschläger werden lassen
könnte. Bis dato hatte ich in meinem Leben nur eine einzige körperliche
Auseinandersetzung, bei dem der ruch- und skrupellose Angreifer – ich sollte
ursprünglich das unterlegene Opfer sein – nur deswegen mit seinem kleinen,
erbärmlichen Leben davonkam, weil ihm etliche seiner Freunde zu Hilfe kamen
und uns gerade noch rechtzeitig trennten (mein Kontrahent war zu diesem
Zeitpunkt bereits blau im Gesicht). Solchen hirnlosen Schlägertypen kann man
leider nicht mit guten, schönen Worten beikommen, sondern eben nur mit
größtmöglicher gnadenloser Gegenbrutalität – der einzigen Sprache, die sie
halbwegs verstehen. Dieser ungute Zwischenfall, der mittlerweile auch schon
mehr als zwanzig Jahre zurückliegt, war das erste und einzige Mal, dass sich
meine intern aufgestaute Wut und mein tiefer Hass auf die unzulängliche
Menschheit ungebändigt und gezielt ihren Weg nach außen brachen. In mir steigt
ohnehin bereits ein negatives Ekelgefühl auf, wenn jemand ungefragt meinen
persönlichen Umkreis missachtet und intendiert durchbricht, und wird er dann
noch bösartig oder gar handgreiflich, brennen bei mir die Sicherungen durch – ich
greife reflexartig nach seinem Hals und drücke zu (– aber auch die Augen wären

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ein passables primäres Ziel – ein Gegner ohne Augen ist keiner mehr…). Ich hoffe
inständig, dass ich nie wieder in so eine prekäre Situation gerate…12

Zwangshandlungen
Schon seit frühester Kindheit, solange ich mich zurückerinnern kann, habe ich mir
diverse missliche Zwangshandlungen angeeignet (‚angeeignet‘ ist hier wohl das
falsche Wort; es waren eher kurzfristige persönliche physische Anwandlungen,
die, nachdem sie erst einmal auftraten, einfach blieben). Diese waren von
unterschiedlicher Art und nicht permanent gleich stark ausgeprägt. Zum Glück
habe ich die meisten Zwänge im Laufe der Zeit verloren, doch tauchen sie in
bestimmten Situationen immer wieder auf, und einer ist mir durchgehend bis
heute geblieben. Mit diesem einen, dem von mir sogenannten ‚Verschließen der
Ohren‘ (cf. ut infra), kompensiere ich augenscheinlich – jedoch suboptimal – die
Unterdrückung der anderen. Ich werde nun einige der Zwangshandlungen, soweit
sie mir erinnerlich sind oder aktuell temporär noch aufglimmen, hier aufführen.

• Treppensteigen: Wenn eine arbiträre Treppe eine gerade Anzahl von


Stufen hat (14, 18, 22 etc.), entsteht normalerweise kein Zwangsproblem.
Falls jedoch zufällig eine ‚negative‘, eine ungerade Stufenzahl vorhanden
ist (15, 19, 23 etc.), dann muss ich, damit letztendlich wieder eine
‚positive‘, eine gerade Zahl entsteht, entweder die letzte Stufe
überspringen, indem ich zwei auf einmal nehme, oder ich befleißige mich,
nachdem ich oben ankomme, einer ‚Luftstufe‘ – d.h. ich trete im Leeren
nach wie auf eine tatsächlich vorhandene Stufe. Treppab zeigen sich
solche mentalen Beschwernisse nicht. Seltener, also nur ab und zu, äußert
sich diese Manie auch damit, dass ich Aufzüge und Paternoster nur in
Stockwerken mit gerader Nummer verlasse bzw. verlassen kann.

• Fliesen, Platten oder Pflastersteine: Hier beachte ich dezidiert, dass ich
entweder keine oder nur bestimmte Fugen auf meinen Wegen betrete.
Mein zwangsgesteuerter Gang bietet ahnungslosen Passanten
dementsprechend des Öfteren wohl einen ziemlich befremdlichen,
konsternierenden, vielleicht auch komischen Anblick. An dieser Stelle
möchte ich anfügen, dass diese Zwangshandlungen keinen wie auch
immer gearteten abergläubischen Hintergrund haben, d.h. ich habe keine
Angst, dass etwas negatives passiert, wenn ich beispielsweise auf eine
‚falsche‘ Fuge trete (zumindest keine ausgeprägte und/oder
panikerzeugende); es bringt einzig und allein mein labiles Innenleben
durcheinander. Mit anderen Worten: Ich weiß genau, die Welt dreht sich
weiter, auch wenn ich mir dann und wann einen ‚Fehltritt‘ erlauben sollte.
Aber ich kann es einfach nicht – der Zwang ‚zwingt‘ mich schlicht dazu
(nomen est omen).

12
Ursprünglich sollte dieser Absatz über Aggressionen, also über Wut und Zorn im
allgemeinen, gar nicht in diesem Manuskript aufgenommen werden, sondern die
einzelnen spezifischen Aspekte in anderen mehr oder weniger diesbezüglichen
Abschnitten mit einfließen. Da sich dies aber aus diversen technischen Gründen nicht
wirklich konvenabel realisieren ließ, wurde er nun schließlich doch als eigenständiger
Passus am Ende dieses Kapitels von mir beigefügt

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• Wiederholtes, krampfartiges Zusammenballen und Öffnen der Hände


und/oder der Zehen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, sowie
konvulsivisch zuckendes Zukneifen der Augen – dies geschieht meist in
Stresssituationen, kann aber auch ex abrupto ohne erkennbare externe
oder interne Stimulanzien auftreten. In diesem Rahmen bewegt sich auch
der folgende Punkt:

• Das ‚Verschließen der Ohren‘: Ich kann aktiv meine Innenohrmuskeln so


anspannen, dass ich außer einem hellen Brummen nichts mehr von der
Umwelt höre. Leider hat sich dieses merkwürdige Talent weiland
verselbständigt und läuft nun autodynamisch und ohne mein aktives
Dazutun ab. Diese spasmodische Hypermotilität in den Gehörorganen
begleitet mich nun schon seit über 30 Jahren und ist die einzige
Zwangshandlung, die endlos durchgehend Tag für Tag vorhanden ist. Sie
äußert bzw. vollzieht sich an normalen Tagen geringstenfalls ein- bis
zweimal pro Minute und kann sich in akuten Stresssituationen auf eine
höchst unangenehme, mindestens viertelsekündliche Frequenz steigern.
Und somit manifestiert sich als Kollateralschaden zusätzlich eine eminent
eingeschränkte Wahrnehmung der näheren Umgebung und der Realität.
Seit einiger Zeit muss ich zudem leider feststellen, dass sich die
durchschnittliche Häufigkeit der ungewollten Muskelanspannungen
quantitativ sukzessive potenziert, und das in einer mittlerweile so
anstrengenden Penetranz, die kaum noch steigerungsfähig ist – inzwischen
gibt es sogar Tage und Situationen, in denen mich die Zwangshandlung
nicht einmal mehr ruhen oder einschlafen lässt.

Gedanken über den Tod


Meine persönlichen Gedanken und Überlegungen zum Thema Tod im allgemeinen
respektive was eventuell darauf folgt, oder, je nach persönlich bevorzugter
Religion oder Philosophie, vielleicht darauf folgen könnte – das sogenannte,
oftmals bereits beschriebene und beschworene ‚Leben nach dem Tod‘, oder das
Nichts, die Seele, das Fegefeuer, der Orkus, Himmel und Hölle, Engel, das
Paradies, die Huris, das Nirwana, möglicherweise sogar die vollständige,
physische Resurrektion etc.pp. –, habe ich bereits an diversen anderen Stellen
höchst detailliert und auf das genaueste (um nicht zu sagen: ad nauseam)
expliziert13 und möchte es deswegen hier nicht noch einmal unnötigerweise
verbalisieren; dies soll hier auch nicht der primäre Gegenstand der
autobiographischen Analyse sein, sondern der eigene, persönliche Tod – mein
Tod – und der Tod mir nahestehender Personen. Und deswegen nur einen kurzen
Syllabus: Meinem ehrlichen Dafürhalten nach ist mit dem medizinisch
konstatierten menschlichen Tod, dem exitus letalis, dem vollständigen erliegen
sämtlicher neuronaler Gehirnaktivitäten, alles, aber auch wirklich alles, vorbei –
aus ist aus (spätestens jedoch nach einer Obduktion, oder der vollzogenen
Bestattung, ganz sicher aber nach einer etwaigen Einäscherung); Asche zu
Asche, Staub zu Staub – und danach gibt es nichts von den schönen, tröstenden
Wunschvorstellungen, die ich oben aufgeführt habe (und die selbstverständlich
auch nur euphemistische Schimären, desiderable Hirngespinste bleiben), und die

13
Spreewinkl, 2006 (a)(b)

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sich die timiden Menschen ausgedacht haben, um das definitiv irreversible Ende
ihres irdischen Daseins leichter ertragen zu können. Tot ist tot; und was tot ist,
wird es auch bleiben; und es ist und bleibt völlig egal, was sich die
leichtgläubigen und meist Sinnloses hoffenden Menschen auch noch so wünschen
oder nicht einsehen mögen. Keine Seele, keine Auferstehung, kein Nirwana –
nichts, ein endloses, kaltes, leeres Nichts ad infinitum; tut mir wirklich unendlich
leid, Sorry…

Und noch ein kleines Zitat zum Thema Euthanasie14: „In mancher tragischen
medizinischen Ausnahmesituation, wie etwa einer diagnostizierten Inkurabilität
bei austherapierten Tumor- oder Schmerzpatienten, sollte dem
menschenunwürdig leidenden, todgeweihten Kranken legitim die humane
Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe angeboten werden, bei der er mittels einer
adäquaten humantoxischen Substanz physisch schmerzfrei und mental
entspannt entschlafen darf – wenn klinisch vertretbar, sogar in bekannter,
heimischer Umgebung. Lieber ein schnelles, würdevolles, selbstinszeniertes
Lebensende, als schleichendes, qualvolles, elendes Siechtum – denn sterben wird
der Unheilbare ohnehin, früher oder später. Also warum soll er nicht selbst in
Ruhe – und solange er es noch kann – den Zeitpunkt seines irdischen Abgangs
determinieren? Leider müssen wir überbürokratisierten Deutschen für diese
hehre Gnade des individuellen Todes immer noch ins benachbarte Ausland
fahren, weil im eigenen Land die ethisch unglaublich verklemmte Staatsführung
die altertümliche medizinpolitische Doktrin des desperaten ‚Überlebens um jeden
Preis’ hochhält und sogar verbissen per Gesetz (§ 216 StGB) verteidigt. Doch wer
das global verbriefte Recht auf Leben hat (Artikel 3 der Internationalen
Menschenrechte), sollte auch das garantierte persönliche Recht haben,
selbstbestimmt und ohne richterliche Stolpersteine aus selbigem zu scheiden;
wobei im Prinzip der zweite Artikel des deutschen Grundgesetzes eigentlich
gereichen sollte – von wegen ‚ Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner
Persönlichkeit […]’ respektive ‚Die Freiheit der Person ist unverletzlich.’ Mit
anderen Worten: lasst doch die Leute sterben, wenn sie wollen…“

Der eigene Tod


Um über meinen eigenen Tod zu sprechen, muss ich partiell auch über mein
bisheriges Leben reflektieren. Die philosophischen Ansichten über mein eigenes,
mit Sicherheit bevorstehendes Lebensende ändern sich, je nach körperlichem
Befinden und prävalierender Gemütslage, zum Teil ziemlich heftig, um nicht zu
sagen, bis zum völligen Antagonismus. Wobei diese schöne Expression auch nicht
unbedingt korrekt ist, da sich die imaginäre Waagschale des Lebens im
allgemeinen eher dem Negativen zuneigt, d.h. sie pendelt zwischen schwach
Positiv bis hin zum absolut negativen Anschlag. Es ist ziemlich schwer,
ausführlich und detailliert über etwas zu schreiben, was einen im Prinzip nicht
sonderlich tangiert. Womit ich nicht sagen will, dass ich nicht an den Tod denke
oder mich nicht mit ihm allegorisch auseinandersetze, das tue ich sehr wohl (und
wahrscheinlich sogar mehr und diffiziler als die meisten Personen – ‚Menschen‘
wäre zu viel gesagt – dieser gegenwärtig allseitig todesverdrängenden Welt
(Früher war der Tod in der Bevölkerung noch viel präsenter und wurde mehr
öffentlich thematisiert, doch heutzutage hat er sich in eine generell tabuisierte
14
Spreewinkl, 2006 (b), §212 S. 96

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Materie gewandelt, an die meistens nur dann gedacht wird, wenn sie jemanden
persönlich tangiert, entweder bei seinem eigenen Tod oder dem eines
Verwandten oder Bekannten)). Was ich eigentlich konkret zum unzweideutigen
Ausdruck bringen will ist, dass ich vermutlich nicht so unbedingt, gnadenlos und
um jeden Preis an meinem irdischen Leben hänge, wie es die soziale
Allgemeinheit einvernehmlich und frenetisch für sich annimmt, ja, sogar dezidiert
diktiert (vor allem hier in der westlichen Spaßgesellschaft mit integriertem
Jugendwahn).

Die emotionalen Gedanken über meinen Tod im allgemeinen häufen sich


verständlicherweise in den (angeblich) mittelgradigen depressiven Episoden, die
von Zeit zu Zeit gnadenlos über mich hereinbrechen. Während dieser schwarzen
Phasen falle ich in ein tiefes, bodenloses, seelisches Loch, starre stundenlang die
Wand an, wälze immerzu dieselben hoffnungs-, freud- und sinnlosen
Überlegungen ad nauseam im Kreis herum, bin gelangweilt ob meines
überflüssigen Daseins und verliere mich unrettbar in den letzten Winkeln meiner
trostlosen Innenwelten. Eine vage Art von bizarrer Todessehnsucht zeigt sich
dann als treue, ständige Begleiterin, die sich in bestimmten Momenten bis hin zu
konkreten suizidalen Überlegungen auswachsen kann. Im Prinzip habe ich mein
persönliches Ableben bereits detailliert geplant (und diesmal nicht so halbherzig
und dilettantisch wie die ersten bzw. letzten drei gescheiterten Versuche, denn,
wie der aufmerksame Leser sicherlich schon bemerkt haben wird, bin ich immer
noch hier und schreibe diese dunklen Zeilen meiner negativen Existenz);
ausführen werde ich den vorsätzlichen, willentlichen Selbstmord aber erst dann,
wenn mir das Leben – mein Leben – zu viel, zu überdrüssig wird, mir alles
desperat und ausweglos über den Kopf wächst, oder meine Schmerzen, sowohl
die physischen als auch die psychischen, sich in nicht mehr hinnehmbare
Sphären steigern – oder einfach, wenn es an der Zeit ist. Und sollte es mit
meinem Plan A nicht funktionieren, so habe ich selbstverständlich bereits eine
Alternative, einen Plan B entwickelt. Ich wurde ungefragt in diese Welt geworfen,
also habe ich auch das in meinen Augen unbestreitbare Recht, sie
selbstbestimmt und jederzeit wieder verlassen zu können, wenn ich der
begründeten Meinung bin, dass es jetzt reicht. Auch hoffe ich inständig darauf,
dass es keine Art von irgendeiner postmortalen Resurrektion gibt, denn ein Leben
unter den anthropomorphen Kreaturen ist bereits fast schon eines zu viel…

Eine akute Suizidgefährdung ist, trotz meiner u.U. darauf hindeutenden


Äußerungen im letzten Absatz, im Moment – und vermutlich auch die nächste
Zeit noch, denn ich habe gegenwärtig verschiedene Projekte laufen, die ich
zumindest vorher noch realisiert sehen möchte – sicher nicht gegeben, obwohl
ich hin und wieder zu ziemlich düsteren gedanklichen Tendenzen neige, die man
allgemein als ‚Lebensüberdruss‘ bezeichnen könnte, d.h. es wäre mir in diesen
hoffnungsleeren Augenblicken des abgründigen Weltschmerzes schlichtweg
gleichgültig, ob mein kleines, unbedeutendes irdisches Dasein instantan und auf
der Stelle beendet werden würde oder nicht. In diesen immer wiederkehrenden
Stunden habe ich eine tiefe, kalte Leere in mir, die sich noch am ehesten mit
dem rücksichtslosen Gefühl charakterisieren ließe, dass ich im Hier und Jetzt der
nackten, trostlosen Welt nichts und niemanden habe, für das oder für den sich
die unaufhörliche Qual des sinnentleerten Weiterlebens lohnte. Am besten wäre

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da ein schlagartiges Verschwinden, eine unmittelbare Daseinsnullifikation, eine


exhaustive Existenzannullierung ex abrupto, ohne irgendwelcher vorhergehender
Schmerzen oder sonstiger Leiden physischer und psychischer Art, und
selbstverständlich auch ohne aktives fremdes oder eigenes dazutun. Einfach zack
und weg… Und in mir wächst und reift ein vages, noch relativ unbestimmbares
Gefühl, als steuere ich unaufhaltsam auf das eine oder andere Ende zu (oder
anders ausgedrückt: auf das oder ein Ende zu), denn so, wie es jetzt ist, kann es
auf Dauer mit Sicherheit nicht weitergehen…

Wenn ich die lange Historie meiner Familie die vergangenen Jahrzehnte und
Jahrhunderte so überblicke (mein Stammbaum lässt sich, zumindest in einigen
Zweigen, bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen), zeigt sich immer wieder, dass
sie offensichtlich prädestiniert ist für kuriose, unerwartete und selbst
herbeigeführte Todesfälle. So beispielshalber stürzte sich ein Großonkel,
nachdem er sich im intimen Kreise seiner Lieben ein wenig Mut und
Schmerzfreiheit angetrunken hatte, akkurat die Kellertreppe hinunter und brach
sich dabei das Genick. Ein anderer, seit langem schon in den Vereinigten Staaten
von Amerika wohnender Onkel, der unter ähnlich starken Schmerzen zu leiden
hatte wie ich, blies sich eines Nachts mit einer großkalibrigen Handfeuerwaffe
das Gehirn aus dem Schädel, als er seine Leiden nicht mehr ertragen konnte bzw.
wollte (ach ja, Amerika – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten…). Diese
beiden unbewusst aus mindestens einer Handvoll weiterer merkwürdiger Un- und
Zwischenfälle mit Todesfolge herausgegriffenen Begebenheiten in meiner
familiären Umgebung weisen für mich persönlich jedoch eindeutig negative
Prämissen und ein nicht praktizierbares Substrat aus. Der erste hier präsentierte
Fall (im wahrsten Sinne des Wortes) wäre mir meinem Erachten nach schlicht zu
unsicher und zu schmerzhaft – wenn man die anvisierte, angepeilte
Treppenstufe, auf der man auch noch ideal und im korrekten Winkel aufschlagen
muss, nicht auf Anhieb und hundertprozentig richtig beim ersten Versuch trifft,
hat man meist keinen zweiten mehr, denn man bleibt unbeweglich – weil
querschnittsgelähmt – liegen. Und diese höchst unwillkommene Situation bleibt
auch so bis zum regulären, konventionellen Lebensende – wenn man nicht vorher
einer fürsorglichen Person begegnet, die freundlicherweise ein wenig
unterstützend Hand anlegt (doch an sowas sollte und darf man ja in Deutschland
nicht einmal denken oder gar real näher in Erwägung ziehen… – also ab in die
schöne Schweiz oder in die Niederlande; dort sind die kompetitiven
Entscheidungsträger zum Glück nicht so herz- und gnadenlos unmenschlich und
pseudoethisch verklemmt wie hier in heimatlichen Gefilden). Beim zweiten Fall
gebricht es schlechterdings am nicht vorhandenen Tatwerkzeug; es wäre
sicherlich kein unüberwindbares Problem, in den grauen Halb- und Unterwelten
des Großstadtdschungels passable und praktikable Artikel zu erhalten, nur finde
ich den hierbei zu leistenden Aufwand bei weitem zu hoch – und wenn man Pech
hat, gerät man bei seinem finalen Einkauf unglücklicherweise auch noch an die
Zivilpolizei und wandert ins Gefängnis, was die ungestörte Ausführung des
geplanten Vorhabens mit Sicherheit weiter erschwert (oder auch nicht – denn
dort findet sich fraglos in kürzester Zeit jemand, der einen bei diesem
endgültigen Vorhaben tatkräftig unterstützt; entweder freiwillig oder dazu
manipuliert, sozusagen zur Freiwilligkeit verdammt). Aber egal, wie weiter oben

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bereits erwähnt, gibt es ja auch andere, einfachere Wege – schmerzfrei, im


Prinzip auch legal (zumindest halb) und in jeder Hinsicht sicher…

Der Tod der Anderen


Wenn andere Personen sterben, wie etwa enge Familienangehörige, sehr
nahestehende Freunde oder ebensolche Bekannte, ist das selbstverständlich
etwas völlig divergentes, als wenn man selbst das Leben beendet. Denn zum
einen kann man dieses fundamental endgültige Ereignis (zumeist) nicht selbst
beeinflussen, zum anderen trifft es einen (ebenfalls zumeist) mehr oder weniger
unerwartet. Und hier beginnt auch schon eines meiner psychischen Probleme zu
wirken, nominatim meine soziale Beziehungsunfähigkeit, meine profunde
Emotionsschwäche bzw. kongenitale Gefühlskälte, die ich in solch ethischen
Fällen nur sehr schlecht bis gar nicht kaschieren oder bemänteln kann, und die
manche Menschen, denen meine komplizierten mentalen Kontrarietäten nicht
geläufig sind, mir dann als eiskalten Zynismus, fehlendes menschliches Mitgefühl
oder rohe Herzlosigkeit vorwerfen; d.h. wenn eine solcherart vertraute Person
also schwer erkrankt und beispielsweise in einem Krankenhaus moribund
dahinsiecht, und es für alle behandelnden Ärzte und Angehörigen mehr als
offensichtlich ist, dass sie die Klinik nicht mehr lebend verlassen wird, dann kann
dieser teilweise bedrückend langwierige Sterbeprozess für mich nicht schnell
genug vonstattengehen. Auch besuche ich den bedauernswerten Todgeweihten
recht selten und höchst ungern, und bei jeder dieser meiner ungeliebten
sporadischen Visitationen hoffe ich während der – vorsätzlich ziemlich langsamen
– Fahrt zum Krankenhaus inständig, dass ich bereits zu spät komme (– damit ich
mich mit dem elendig Dahinsterbenden nicht mehr geistig abgeben und
auseinandersetzen muss – denn für mich ist er in dieser frei flottierenden Phase
bereits gestorben und als ein längst und endgültig Dahingeschiedener schon ein
kleiner Teil meiner verflossenen, nach Kategorien des Todes abgelegten
Vergangenheit). Bei den ohnehin wenigen noch lebenden Mitgliedern meines
sozialen Umfelds präferiere ich einen kurzen, knackigen, möglichst schmerzlosen
Tod, denn da fällt die lange ennuyante Wartezeit weg, bis der oder die Betroffene
endlich tot ist.

Ich empfinde und empfand das unausweichliche Sterben von mir bekannten
Personen, selbst in meinem engeren Umfeld und der Familie, immer als etwas
zutiefst Unangenehmes, Ärgerliches (um nicht zu sagen: ausnehmend Lästiges);
etwas, das mich temporär schwer belastet und kurzfristig aus den gewohnt
ausgetretenen Bahnen wirft (– jedoch nicht wirklich betrifft, bzw. betroffen
macht). Aber nicht der endgültige, irreversible Verlust eines mir nahestehenden
Menschen ist es, was mir so stark zu schaffen macht (denn aus ist aus, und fort
ist fort) – vielmehr ist es das ganze pseudoethisch-moralische Brimborium darum:
Die überstürzte und überteuerte Organisation der anstehenden Beerdigung, die
diversen aufgesetzten Trauerfeiern, das unausweichliche, ekelerregende Treffen
mit uninteressanten, bigotten Verwandten, die mir völlig gleichgültig und die mir
gegenüber menschlich grausam und in hohem Maße feindlich gesinnt sind, die
standardisiert vonstattengehende Beerdigung und der leidige, abschließende
obligatorische Leichenschmaus. Dann, nachdem man das alles als glücklich
überstanden und beendet wähnt, kommt man endlich ein wenig zur
wohlverdienten Ruhe, bis auf das typisch endlose Gequake und die notorisch

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üblen Nachreden der entfernten, hochgeschätzten Verwandtschaft, weil man


beispielsweise das ach! so kostspielige Grab respektive die Gräber des/der teuren
Verblichenen noch kein einziges Mal besucht hat – jedenfalls nicht offiziell und
ohne die dafür unabdingbaren Beweisphotographien. Doch was soll ich auf dem
Friedhof anfangen? Dadurch wird der Tote auch nicht mehr lebendig, und eine
andere, bessere oder deutlichere Erinnerung an ihn als Zuhause oder anderswo
bekomme ich dadurch auch nicht; zudem bin ich auf keine Art und Weise religiös
disponiert oder sonstig gläubig veranlagt, als dass mir der Besuch der Grabstätte
spirituell irgendetwas bringen würde. Und so sind mir die endgültigen
Bestattungen, bei denen nichts stationär Anbetungswürdiges mehr übrigbleibt,
selbstverständlich die liebsten, so etwa das Kremieren mit dem an- bzw.
abschließenden Verstreuen der Asche auf einem Feld, in ein stehendes oder
fließendes Gewässer, in den Wind eines Berges oder dem Pressen der Asche zu
einem Diamanten – den kann man dann, je nach Belieben der trauernden
Angehörigen, in einen Ring fassen, an eine Kette hängen oder in den Setzkasten
stellen. Oder jemand kreiert, installiert und inszeniert damit einen kleinen
Privataltar in seinen heimatlichen Gefilden, und wenn er möchte, kann er jedes
Mal an Voll- oder Neumond ein Schälchen Blut opfern – den vielfältigen
Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt.

Dissoziationen
Dissoziationen sind verschiedenartige Fehlinterpretationen des Geistes in
direktem Bezug auf seine Umwelt, also intraindividuelle inkorrekte Exegesen der
intellektuellen Reflexion des eigenen Körpers und/oder der grundsätzlich
autozentriert ablaufenden Realität. Eine spezielle Unterart ist beispielsweise
meine im Jahr 2008 diagnostizierte dissoziative Bewegungsstörung, d.h. der
Körper macht im Prinzip was er will und steht kurzfristig nicht mehr unter der
dominierenden Steuerung des Geistes. Ergebnisse daraus sind unkontrollierte
Bewegungsabläufe und ebensolche Stürze, weil z.B. schlicht und einfach die Knie
nachgeben, einknicken, und danach den Körper nicht mehr tragen. Ein aktives
Einschreiten oder ein eventuell kontrolliertes Abfangen des Sturzes ist in den
meisten Fällen unerfreulicherweise nicht mehr möglich. Man könnte die ganze
Sache auch als eine spezielle Art oder eine Form von Ataxie beschreiben. Auf
diese unangenehme Weise kam ich auch ungewollt in den zweifelhaften Genuss
einer notfallmäßig angesetzten Augenoperation, weil ich, während eines
Klinikaufenthalts, eines Nachts so unglücklich aus dem Sitzen nach vorne auf
mein Gesicht fiel, sodass sich ein kleiner Teil meiner Brille, namentlich das aus
Hartkunststoff bestehende Nasenpad, äußerst heftig in mein rechtes Auge bohrte
und ich einen höchst schmerzhaften und stark blutenden Riss im Unterlid
davontrug. Wenn ich also eine sukzessive Häufung der nicht mehr
beeinflussbaren Stürze bemerke, versuche ich, regelmäßig mit einem sichernden
Stock zu gehen, um das gröbste zu vermeiden. Ein unangenehmer Nebeneffekt
davon ist dann aber leider, dass mir, je nach Zustand, Tageszeit und Situation,
mehrmals pro Stunde der Stock entgleitet und ein peinlich lautes Geräusch dabei
verursacht (selbstverständlich vorausgesetzt, ich denke überhaupt daran, die
unterstützende Gehhilfe zu benutzen und mitzunehmen).

Bevor ich nun aber mit der ausführlichen Beschreibung meiner anderen
psychischen Dissoziationen (Depersonalisation und Derealisation) beginne,

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möchte ich eines noch vorausschicken. Bereits seit meiner frühen Jugendzeit
schrieb ich kurze Texte, Geschichten, Berichte, Gedichte etc., doch erst in den
Jahren 2003/2004 begann ich, ausgiebiger und komplexer zu schreiben, bis
endlich richtige, professionelle Bücher daraus wurden. Mittlerweile stellte ich vier
Bücher komplett fertig, von denen drei bereits in den Jahren 2005 und 2006 von
einem kleineren Verlag publiziert wurden (leider sind diese frühen Werke offiziell
nicht mehr erhältlich, höchstens vielleicht noch in Büchereien, Antiquariaten und
Archiven, weil der Verlag bedauerlicherweise Insolvenz anmelden und somit die
Produktion einstellen musste, doch dies nur als Anmerkung nebenbei). Schon
während der Erstellung des ersten größeren Manuskripts begann ich, einen
euphemistischen Künstlernamen, ein sogenanntes Aristonym zu verwenden.
Während ich also meine schwarzen Gedanken verbalisiere, werde ich sozusagen
zu einem anderen Menschen, zu ebendiesem Pseudonym, und schreibe mir so
die gesamte angesammelte Lebensfrustration von der Seele. Etliche meiner
treuen Leser, die ich persönlich kenne, aber auch meine hilfreichen Lektoren,
haben mir gegenüber bereits mehrfach kundgetan, dass sie es kaum glauben,
wie ich solch düstere, destruktive, zynisch-nihilistische Texte auf diese Art und
Weise verfassen könne – schließlich hätte ich im richtigen Leben einen völlig
anderen Stil als mein angebliches alter ego, und auch die affektiert pathetische
Ausdrucksform und die manierierte Wortwahl seien wohl nicht die meine. Auch
mir ist bereits aufgefallen, dass mir im Verlauf des Schreibens seltene und z.T.
veraltete Expressionen in den Sinn kommen – die ich vermutlich schon vor
Dezennien in antiquierten Büchern oder in mehrere Jahrhunderte alten
Originalausgaben gelesen und seither in verschlossener Erinnerung behalten
habe –, die ich dann natürlich auch verwende, im normalen Leben aber
manchmal nicht einmal erklären, sozusagen in aktuelles Standarddeutsch
‚übersetzen‘ könnte. Mit anderen Worten: während ich meine individuellen
Positionen und Überlegungen in Worte fasse und schriftlich zum Ausdruck bringe,
werde ich tatsächlich zu einem anderen Menschen, eben zu meinem Inkognito.
Ich glaube zwar nicht, dass es sich hier um eine holotische
Persönlichkeitsspaltung handelt, da ich immer noch weiß, dass mein alter ego
eben auch ein solches ist, d.h. dass ich, wenn ich nicht schreibe, gleichwohl
erkenne, was die graue Realität ist und was nicht. Trotzdem beginne ich langsam,
mich in meinem anonymen Pseudonym wohler und geborgener zu fühlen als in
der tristen Wirklichkeit.

Anwesend abwesend
Eine meiner psychischen Komplikationen bewirkt, dass ich in einer arbiträren
Situation – beim Einkaufen, im Wartezimmer eines Arztes/Therapeuten oder im
Restaurant, per exemplum – plötzlich neben mir stehe. Aber nicht so, wie man oft
sagt, man stünde neben sich, wenn man eine komplexe Situation nicht sofort
erfasst, nein, ich stehe dann tatsächlich neben mir, im Prinzip immer rechts
hinter mir, und beobachte mich und meine nun seltsam unerfindlichen, meist
jedoch recht unbeholfen anmutenden Aktivitäten. Ab und zu sehe ich diese
Depersonalisation genannte Dissoziation kommen – im wahrsten Sinne des
Wortes –, denn kurz vor dem ungewollten Hinaustreten aus meinem Körper,
respektive seiner Verdoppelung, verändert sich meine Optik, meine spezifische
Sichtweise: ich sehe dann die Dinge um mich herum überscharf – so überscharf,
schillernd und präzise, dass es fast schon wieder zu grell ist, in sich verfließt und
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in den Augen schmerzt (ich weiß nicht, wie ich es sonst formulieren könnte).
Dann befällt mich ein passagerer, starrer Blick, der gänzlich unfokussiert in die
Unendlichkeit reicht, ohne etwas aktiv mit den Augen fixieren zu können – und
schon bin ich nur noch der außenstehende Beobachter meines Körpers. Dieser
außerordentlich beklemmende Zustand der ‚externen Selbstbeobachtung‘ kann
von wenigen Minuten bis zu einigen Stunden andauern, wobei das ersehnte Ende
dieser zutiefst verstörenden Aggravation weder absehbar noch aktiv
manipulierbar ist. Es ist vorbei, wenn es vorbei ist; und bis jetzt war es
glücklicherweise immer spätestens am nachfolgenden Morgen beendet – und ich
hoffe inständig, dass es auch so bleibt und nicht weiter expandiert oder,
schlimmer noch, sich nicht mehr dirigierbar verselbständigt. Denn das ist meine
größte Angst und Sorge dabei, meine tiefgreifende, unerträgliche Befürchtung,
die ständig dräuend im Hintergrund mitschwingt: dass ich nicht mehr in meinen
eigenen Körper zurückkomme bzw. zurückkommen kann; dies wäre dann
unvermeidlich das essentiell ungewollte, jedoch schlechterdings endgültige,
finale dissidieren aus meiner mir frei zur Verfügung stehenden, momentan noch
relativ selbstbestimmten Existenz. Meine zutiefst deprimierende Vision davon
zeigt sich als ein doppeltes Ende: zum einen ein siecher Körper, der als lebendes
Gemüse vor sich hinvegetiert und langsam abstirbt, zum anderen ein
umherstreifender, sukzessive wahnsinnig werdender Geist, der, auf Gedeih und
Verderb gefesselt an diesen kranken Leib, doch nicht mehr in seine angestammte
chthonische Existenz zurück kann…

Während der desolaten Phasen der Depersonalisation besitze ich


erschreckenderweise nur relativ bedingten Einfluss auf meine realen
Handlungen, also auf die tatsächlichen Machenschaften meines nun ethisch und
moralisch völlig ungebundenen Körpers in der wirklichen Welt. Selbstverständlich
ist während dieser unbeschreiblich grotesk anmutenden, rational kaum zu
begreifenden Zeit der virtuell duplizierten An-, oder besser gesagt: Abwesenheit,
jegliche Art von konzentrationserfordernder Tätigkeit grundsätzlich
ausgeschlossen und schlicht nicht möglich. Einfach alles, was ein gewisses
Mindestmaß an geistiger Aufmerksamkeit bedarf, erweist sich von vornherein als
schwerfälliges, fehlerbehaftetes Unterfangen, dessen Ergebnisse, wenn es denn
überhaupt zu solchen kommt, letztendlich nicht einmal ansatzweise zu
gebrauchen sind. Ich kann eigentlich nur apprehensiv abwarten, bestürzt
zusehen und inständig hoffen, dass meinem Soma nichts Negatives, Peinliches
oder Illegales widerfährt bzw. ich solches aufgrund einer meist nichtvorhandenen
Selbstkontrolle nicht begehe (quasi ‚aus Versehen‘…). Mit dem kleinen bisschen
‚Rest-Ich‘, mit dem ich dann zumeist geringfügig noch in geistiger Verbindung
stehe, versuche ich wenigstens, soweit wie möglich die noch vorhandenen
motorischen Fähigkeiten meines Körpers zu okkupieren, zu steuern und so
schnell nach Hause (oder wenigstens in anachoretisch isolierte Sicherheit) zu
kommen, wie es in dieser horriblen Situation, welche sich ein Nichtbetroffener
mit absoluter Sicherheit noch nicht einmal annähernd vorstellen oder diese gar
mental nachvollziehen kann, möglich ist. Zum Glück ist es mir bis jetzt immer
noch rechtzeitig gelungen…

Zu diesem doch beängstigenden Krankheitsbild oder Symptomenkreis zähle ich


auch meine sich passager manifestierenden Absenzen, also mehr oder weniger

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kurzfristige Gedächtnislücken oder Erinnerungsstörungen. So stehe ich, als ein


erst vor einigen Tagen geschehenes Exempel, unvermittelt bei meiner zwei
Querstraßen weiter gelegenen Stammbäckerei an der Kasse, ohne zu wissen, was
ich dort eigentlich holen will, geschweige denn, wie ich überhaupt dort
hingekommen bin. Um keine Peinlichkeiten aufkommen zu lassen, kaufe ich dann
zur Tarnung ein bis zwei Gebäckstücke und sehe zu, dass ich möglichst schnell
wieder in einen gesicherten Hafen einlaufe, sprich: nach Hause komme. Was
leider auch öfter vorkommt: ich beginne mit meinem Gegenüber ein Gespräch
über ein Thema, das mir interessant und wichtig erscheint, und werde erstaunt
darauf hingewiesen, dass wir uns genau über diese Materie bereits ausführlich
auseinandergesetzt haben – und das vor gerade einmal fünf oder zehn Minuten!
Oder, als weitere unliebsame Erscheinungsform: ich muss meinen Partner fragen,
was ich soeben sagte, weil ich mich schlicht und einfach nicht mehr an den von
mir geäußerten Inhalt erinnern kann; ich weiß zwar noch, dass ich etwas sagte,
aber nicht mehr annähernd, was es war. In einem anderen Fall, und das
verunsichert mich eigentlich noch mehr, habe ich etwas anderes gesagt als ich
ursprünglich beabsichtigte. Dies ist äußerst genant und unangenehm, vor allem,
wenn es eine ostensive Themaverfehlung beinhaltet und mit der gegenwärtigen
Konversation absolut nicht in Verbindung zu bringen ist. Letztes deprimierendes
Beispiel so gelagerter Situationen: ich befinde mich in einer angeregten
Unterhaltung und bemerke, wie ich gerade noch den Satzfetzen ‚…was sagst du
denn da dazu?‘ erhasche. Nun muss ich tatsächlich bei meinem jetzt
verständlicherweise indignierten Gesprächspartner nachfragen, worum es in
seinem Gesagten ging, da ich trotz konzentrierter Aufmerksamkeit (so dachte ich
zumindest) nicht mehr weiß, was er eben, vor wenigen Sekunden erst, zu mir
sagte.

Existieren in synthetischer Realität


Eine weitere dissoziative Störung, der ich des Öfteren anheimfalle, nennt sich
wohlklingend in der medizinischen Vernakularsprache Derealisation (man könnte
sie auch einfach als eine ‚verschobene Realitätswahrnehmung‘ titulieren), und sie
zeigt sich völlig divergent zur eben dargestellten Depersonalisation. Im
hochgradigen Gegensatz zu dieser schleicht sie sich langsam und unbemerkt in
meine Psyche, bis ich sie blitzartig und übergangslos bemerke; das Ende verläuft
ebenso unauffällig und diskret – irgendwann stelle ich erstaunt fest, dass es
vorbei ist. Die Dauer dieses Paroxysmus beträgt meist weniger als zwei oder drei
Stunden, und ich kann mir (subjektiv) a priori sicher sein, dass mein labiler Geist
nicht permanent in diesem heterogenen Zustand verharren bleibt; auch sind die
pathologischen Eigenschaften, die psychisch negative Qualität, und die
inzidenten Auswirkungen dieser mentalen Beeinträchtigung bei weitem nicht so
ausgeprägt beängstigend und tiefgreifend erschütternd wie bei der
Depersonalisation.

Während des Stadiums der Derealisation besitze ich die völlige (will sagen, nur
die im Rahmen meiner physisch gegebenen Möglichkeiten eingeschränkte)
Kontrolle über meinen stofflichen Körper, und auch sonst agiere ich im großen
und ganzen absolut ‚normal‘; auch habe ich nicht das Gefühl, auf irgendeine Art
fremdgesteuert zu sein oder womöglich nicht als Herr meiner Gedanken zu
gelten. Die Symptomatik dieser Störung kann man als verschobene optische

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Realitätswahrnehmung charakterisieren. Das heißt, ich befinde mich zwar in der


mir bekannten Umgebung mit den mir bekannten Menschen, aber ich erkenne sie
nicht wirklich als solche. Irgendwas ist nicht richtig, nicht ganz normal – ich fühle
mich, als ob ich mich in einer fremden Realität aufhielte; in einer Faktizität, die
nicht die usuelle, mir vertraute ist. Auch erscheint alles um mich herum eine
winzige Abstufung dunkler, gedämpfter, abgeblendeter; es dokumentiert sich fast
so, als ob ich mein mich umgebendes Umfeld durch einen ganz leichten, fast
nicht bemerkbaren Graufilter wahrnehme. Es ist schon leicht verwirrend – aber
dennoch auch irgendwie phantastisch –, frühmorgens arglos aus dem Haus zu
gehen und festzustellen: Diese Welt ist nicht die meine. Auch mein Spiegelbild ist
nicht meins. Letztlich erkannte ich nach der morgendlichen Dusche nur mehr
meine rechte Gesichtshälfte, die linke hing irgendwie verschoben herunter, als ob
sie nicht zu mir gehörte. Dieser befremdliche Zustand erschwerte die
Morgentoilette ungemein – ich wusste nicht, wo ich beim Rasieren anfangen
sollte und wie ich den normalerweise simplen Ablauf gestalten könnte, ohne mich
ernsthaft zu verletzen. Ich habe mich schließlich an diesem Tag nicht rasiert. Das
sind höchst merkwürdige Momente; doch ich weiß, wenn ich mich irgendwo
hinsetze und einfach einige Zeit abwarte, geht dieser Anfall auch von selbst
wieder vorbei.

Meine Emotionen (bzw. das, was ich als solche für mich bewerte) während
dieserart dissoziativer Zwischenfälle schwanken meist zwischen neutral bis
negativ. Wirklich Positiv (in der Perzeptibilität meiner Möglichkeiten; d.h. positiv
ist nicht negativ, und gerade einmal einen angedeuteten Hauch, eine minimale
Nuance besser als neutral) gestalten sie sich ausschließlich dann, wenn ich
während dem Zeitraum dieser bizarren Wahrnehmungsverschiebung still und
möglichst unbemerkt irgendwo sitzen kann, während ich die illusorische Realität
und ihre wundersamen anthropomorphen Kreaturen betrachte und als
indifferenter, unbeteiligter Beobachter an mir vorbeiziehen lasse. Falls jedoch
eine dieser vitiösen Gestalten die evidente Ungeheuerlichkeit begeht und
tatsächlich meint, mich in diesem surrealen Zustand mit ihrer widerwärtig
ekelerregenden Gegenwart und ihren abstrusen Worten (welche ich ohnehin
zumeist fehlinterpretiere, und das auf eine höchst ungesunde Art und Weise)
belästigen zu müssen, schlägt meine sowieso schon labile Stimmung instantan in
eine höchst negative um und ich versuche verzweifelt, auf schnellstem Wege
diesem unangenehmen Dilemma zu entkommen.

Eine andere Art der Realitätsverschiebung oder -wahrnehmung imponiert


wiederum divergent zu den oben dargestellten, und ich weiß auch nicht, ob sie
tatsächlich zu dieser speziellen Störungsform dazugehört, ob sie sozusagen eine
‚echte‘ ist. Sie zeigt sich mehr als exhaustive Realitätsverdoppelung, d.h. ich
befinde mich in einem eigentümlichen geistigen Wechselzustand; so bin ich in
der normalen, ‚richtigen‘ Welt, doch sobald ich die Augen schließe, auch wenn es
nur ganz kurzzeitig ist, wechselt die perzipierte Existenz in eine differente – ich
befinde mich also an einem anderen Ort, manchmal in einer anderen Zeit (schon
in meiner eigenen, nur vielleicht eine Woche vorher; ergo ein echtes, absolutes
Déjà-vu-Erlebnis) und mit anderen Personen, falls überhaupt welche anwesend
sind. Die Transformation vollzieht sich instantan und übergangslos, und ich bin
sofort wieder in medias res, ohne mich erst recht aufwendig zurechtfinden zu

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müssen, sowohl in die eine wie auch in die andere Richtung. Das größte Problem
dabei ist der nachteilige Umstand, dass ich die physischen Bewegungen, die ich
in der zweiten Realität ausführe, zum Teil in die erste übertrage, natürlich
ungewollt und unbemerkt, was partiell leider wieder in äußerst schmerzhaften,
unkontrollierten, jedoch gegenwärtig unvermeidbaren Unfällen endet. So möchte
ich mich beispielsweise auf einen Stuhl setzen, vollführe die dazu notwendigen
Bewegungen und – liege plötzlich auf dem Boden, da die betreffende
Sitzgelegenheit in der, nennen wir sie ‚Hauptwirklichkeit‘, gar nicht existent ist.
Hierin, in dieser unbewussten körperlichen Aktionsadaption, könnte zumindest
eine der Ursachen meiner somnambulen Ausflüge liegen (cf. ut infra). Dieses hin
und her des oszillierenden Daseinserlebens kann in seltenen Fällen bis zu einer
Stunde anhalten.

Die letzte der verschiedenen Realitätsveränderungen, die mich des Öfteren


heimsuchen, modifiziert weder mich noch meine Umgebung – jedenfalls nicht
direkt –, sie transformiert ausschließlich die perzeptible Zeit, und zwar in der
mental äußerst strapazierenden Art und Weise, dass ich sie extrem verlangsamt
wahrnehme. Dieses anstrengende Phänomen geschieht vornehmlich in der
Nacht, und das auch nur, wenn ich alleine bin. Dabei ist es jedoch völlig
gleichgültig, was ich gerade mache oder nicht mache, ob ich aktiv bin oder nicht,
mir kommt die ablaufende Zeit wie Stunden vor, dabei sind nur Sekunden oder
wenige Minuten verstrichen; es fehlt nur noch, dass der Sekundenzeiger meiner
Uhr stehenbleibt. Falle ich in der Folge irgendwann innerlich leer und völlig
aufgezehrt in einen unruhigen, schlafähnlichen Zustand und erwache einige Zeit
später wieder, nachdem meiner Meinung nach mindestens zwei oder drei
Stunden vergangen sein müssten, und blicke hoffnungsvoll auf die Uhr, dann
waren es doch wieder nur einige Minuten. Wenn dann die schier endlos
erscheinende Nacht voller Qual und Pein endlich ihrem langersehnten Ende
zugeht, welches sich meist nach dem Morgengrauen und dem Sonnenaufgang
richtet, habe ich das Gefühl, als hätte ich mindestens drei oder vier Tage
schlaflos in dieser überfordernden und vollkommen entkräftigenden Situation
durchgemacht. Meistens falle ich schließlich, völlig ausgebrannt, mit glühenden
Augen und psychisch wie physisch am Ende, zu guter Letzt doch noch in einen
relativ ruhigen und regenerierenden Schlaf, der dann auch bis zum späteren
Vormittag anhalten kann. Während einer solcherart ungünstigen und
unwillkommenen nächtlichen Konstellation helfen auch die mir verschriebenen
Schlaftabletten nicht weiter; ich kann die normalerweise ausreichende Dosis von
einer halben bis einer Tablette auf zwei bis drei Tabletten steigern, ohne auch
nur die geringste Wirkung zu erzielen – deshalb nehme ich sie in solchen Nächten
auch nicht mehr, da dies reine, ineffektive Materialverschwendung wäre, die nur
die Frequenz meiner Arztbesuche steigern würde.

Zur Zeit kollidiert meine persönliche Realität des Öfteren mit der Realität an sich
(– jedenfalls um ein Vielfaches mehr als es noch vor einigen Jahren der Fall war
–), oder anders ausgedrückt, meine individuelle Realität prallt ungebremst auf die
wahre, richtige, im Prinzip allgemeingültige Realität der menschlichen Masse.
Meine Realität ist zwar auch wahr und richtig, aber eben nur privatim für mich,
und so geschieht es häufiger, dass ich beide parallel existenten Realitäten
versehentlich miteinander vermische oder sie verwechsle. Die denkwürdigen

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Situationen, die daraus entstehen und noch entstehen könnten, sind sicher nicht
die angenehmsten und behaglichsten, weder für mich, noch für andere, die
davon betroffen sind bzw. werden (besser gesagt, die bereits durch mich davon
betroffen gemacht wurden oder zukünftig noch werden), auch könnten sich
daraus relativ peinliche, aber auch vergleichsweise gefährliche Begebenheiten
entwickeln, wenn ich nicht ständig aufpasse, was ich wem und zu welchem
Zeitpunkt sage oder zukommen lasse – und in welcher der Existenzen. Diese
meine intrapersonelle Intriganz (ich möchte es mal so nennen) hält mich, wenn
ich mit anderen Leuten zusammentreffe, permanent und intensiv auf höchster
psychischer Alarm- und Anspannungsstufe, auf dass ich das zweigleisig und
simultan extrem anwachsende, bereits hypermonumentale und hyperabstrakte
Mentalkonstrukt nicht zum sofortigen Einsturz bringe – welches mich vermutlich
vollständig unter sich begraben und um einiges mehr aus der Bahn werfen würde
als alle anderen, je nachdem, wen es betrifft und worum es sich handelt. Der
grundsätzlich bestehende Unterschied zwischen meiner Realität und der Realität
der Welt mag zwar substantiell marginal sein, trotzdem ist es ein kontinuierlicher
Kampf der Wahrheiten, bei der die meinige mit Sicherheit auf Dauer zwangsläufig
unterliegen muss – irgendwann muss ich versuchen, beide wieder einigermaßen
anzugleichen, in ein stabiles systemisches Gleichgewicht zu bringen, das mich
mehr in der trostlos dumpfen Realität der chthonischen Menschheit hält als in
meiner eigenen kleinen, phantasmagorisch bunten, privaten Realität.

Dyssomnien
Dyssomnie ist der medizinisch festgesetzte Terminus technicus für
Schlafstörungen im allgemeinen, näheres wird über die systematische Einteilung
in verschiedene Untergruppen definiert, wie etwa Pavor nocturnus, Insomnie oder
Somnambulismus. Kurzfristige Schlafstörungen, per exemplum zeitweilige Ein-
oder Durchschlafstörungen, wird wohl jeder Mensch kennen und mehrmals in
seinem Leben durchmachen. Zermürbend wird diese unglückselige
Angelegenheit erst dann, wenn sie längere Zeit, also über mehrere Monate oder
gar Jahre hin anhält – oder wenn noch weitere entmutigende, die Sachlage
erschwerende Komplikationen hinzukommen, beispielsweise immer
wiederkehrende, zutiefst verstörende Albträume, unkontrolliertes Schlafwandeln
oder intermittierender Pavor nocturnus. Auch die intraindividuell erlebte
Heftigkeit und Intensität der stattfindenden Dyssomnien können einen a priori
schon labilen Zeitgenossen massiv demoralisieren und für das allgemeine
soziale, öffentliche Leben immens decouragieren. An manch bleiernen Tagen
graut es mir schon mittags vor der kommenden Nacht, da ich nicht weiß, welch
niederschmetternder, aufzehrender Unbill mich wieder erwartet, falls ich doch in
ein generell ungesteuertes Traumerlebnis der negativen Art hinein gleiten sollte.

Über meine intermittierenden Albträume möchte ich mich an dieser Stelle nicht
weiter auslassen, die habe ich schon mehr oder minder detailliert im Kapitel
Meine Dämonen, Unterkapitel Schlaf und Traum (cf. ut supra) abgehandelt. Auch
der medizinisch sogenannte Pavor nocturnus findet sich in diesem
ebengenannten Kapitel beschrieben, wobei eigentlich nur noch hinzuzufügen
wäre, dass er sich bei mir eben nicht nur des Nächtens einstellt, sondern stets
auch dann, falls ich tagsüber ein wenig schlafen sollte. Das hier charakterisierte
Krankheitsbild nennt sich eben so, weil die meisten Menschen eigentlich in der

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Nacht schlafen (außer sie werden, meist aus beruflichen Gründen, daran
gehindert), und nicht so wie ich, der ich immer dann versuche zu ruhen, wenn es
mir möglich ist und ich es aufgrund meiner vielfältigen pathologischen
Beschwerden überhaupt kann. Diese extrem ungesunden Schlafangewohnheiten
(eine durchschnittliche Ruhedauer – im ‚Normalfall‘– um die zwei bis drei
Stunden, im Wechsel mit zumeist ebenso langen wachen Abschnitten (teilweise
aber auch einige wenige Stunden länger), ab und an unterbrochen von
aufreibenden Wachphasen bis zu 36 Stunden, dann wieder devastierende,
absolut nicht erholsame Schlaf- bzw. Narkolepsieanfälle von zwei bis zu 24
Stunden etc.) begannen sich um bzw. ab dem Jahr 2006 sukzessive zu
manifestieren. Also seit der Zeit, in der sich sowohl meine physischen als auch
meine psychischen Indispositionen gravierend verschlechterten.

Eine sporadisch manifestierende Insomnie beginnt bei mir völlig unauffällig, der
Tag fängt im Prinzip wie jeder andere durchschnittliche Tag eigentlich auch an.
Doch schon gegen Abend bemerke ich, meist beiläufig und eher leise erahnend,
dass die vor mir liegende Nacht wohl wieder eine qualvoll unangenehme und
langwierige werden wird. Und in etwa einem Drittel bis zur Hälfte der erwarteten
Fälle bewahrheitet sich leider meine zuvor aufgestellte Prognose – trotz meiner
doch relativ starken, hochpotenten Schmerzmittel, unterstützt von gleichfalls
beachtenswert starken Schlaftabletten, kommt mein unaufhörlich arbeitender,
unsteter, sich ständig im Kreise drehender, getriebener Geist einfach nicht zur
Ruhe. Ab Mitternacht lege ich mich dann, so gut es aufgrund meiner allgemeinen
physischen Schmerzen eben geht, auf meine Couch, und versuche trotzdem ein
wenig zu schlafen, da auch mein ziemlich morbider, ermatteter Körper nach der
nötigen Erholung schreit. Meist stehe ich nach etwa einer Stunde erfolglosem hin-
und her wälzen (selbst die Augenlider flattern ohne Unterlass) wieder auf, womit
das nächtliche Drama erst so richtig anfängt. In einer Art psychisch überdrehter
Somnolenz, will sagen, nicht richtig schlafen könnend aber auch nicht wirklich
wach seiend – aber der normale Halbschlaf ist es auch nicht (das klingt vielleicht
etwas seltsam oder albern, entspricht so aber mehr oder weniger der bizarren
Realität dieser Konstellation) –, schlingere ich durch die Wohnung und über den
Balkon, laufe mit voller Wucht gegen Türen und Wände, stolpere über Tische,
Stühle und sonstige Möbel, oder falle schlechterdings, so wie ich bin, aus dem
freien Stand um. Mich hinsetzen, entspannen und eine gelassene Tranquilität
suchen und über mich kommen lassen, das kann ich in dieser gehetzten,
getriebenen Situation gerade nicht – kaum lege ich mich nieder, wache ich auch
schon wieder auf, weil ich just im Moment gegen den Sekretär im Flur o.ä.
gestoßen bin. Das sind äußerst missliche Umstände, die ich zu erleben
gezwungen bin, und ich hoffe immer, dass die lange, unbehagliche Nacht
möglichst schnell vorübergeht. Den ganzen darauffolgenden Tag bin ich dann
selbstredend zu nichts sinnvollem mehr zu gebrauchen, ich liege irgendwo
herum, starre die Wand an (und die diversen Kratzer und Blutflecken, die ich dort
des Nächtens hinterließ), oder sitze vor dem Fernseher, den ich jedoch auch nicht
richtig beachte; und ich denke voller Grauen auf die mit Sicherheit kommende
nächste Nacht, die, wenn ich Pech habe, wieder genauso spannungs- und
aktionsreich verläuft, wie die vorhergegangene. Spätestens nach drei oder vier
dieserart durchlebten (eigentlich eher durchexistierten) Nächten ist es schließlich
vorbei, da mein geschundener Körper und mein verwirrter Geist das
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natürlicherweise nicht mehr mitmachen, nicht mehr mitmachen können. Ich lege
mich ausgebrannt, völlig zermürbt, entnervt und todmüde auf mein Sofa und falle
instantan in einen bis zu 24 Stunden andauernden, aber leider nicht wirklich
erholsamen Schlaf – welch krönender, aufbauender, erhebender Abschluss…

Auch unvermutet einsetzende Schlafattacken sind mir nicht fremd; so ziehe ich
mich beispielsweise ausgehfertig an, um einen ärztlichen oder therapeutischen
Termin o.ä. wahrzunehmen – und wache zwei Stunden später in Mantel und
Schuhen auf meinem Sofa wieder auf! Ich weiß dann zwar nicht, wie ich dorthin
kam, aber ich weiß wenigstens (bzw. ich glaube zu wissen), dass ich meine
angesetzten Termine verpasst habe. Selbiges passiert mir jedoch auch Zuhause,
wenn ich nicht meine schützende Burg verlassen müsste. So etwa, wenn ich
telefonieren möchte: ich nehme den Hörer in die Hand – und erwache nach
einiger Zeit wieder, den Hörer immer noch fest in der Hand haltend. Oder, als
letztes dergestaltiges Exempel, ich möchte abwaschen und die Küche
aufräumen; also kremple ich mir die Ärmel hoch, nehme meine Ringe ab – und
werde von meiner Frau geweckt, wenn sie wieder aus der Arbeit oder vom
Einkaufen kommt. Grundsätzlich gesehen könnte man sich mit solch
übergangslos einsetzenden narkolepsieähnlichen Attacken noch einigermaßen
arrangieren, wenn sie ausschließlich im abgeschirmten häuslichen Bereich
stattfänden. Unglücklicherweise geschehen diese urplötzlichen Anfälle auch auf
freier Wildbahn in meinem Großstadtdschungel, so etwa in Bussen und Bahnen,
in Wartezimmern von Ärzten und Therapeuten, auf Sitz- bzw. an
Anlehnmöglichkeiten in Cafés und Kaufhäusern etc. Und so kam ich schon
mehrmals zu spät zu irgendwelchen wichtigen Terminen, weil ich wieder einmal,
völlig unerwartet und ohne etwas dagegen machen zu können, auf dem Weg
dorthin einschlief. Auch wurde ich schon, während meines Weges zu einem
geplanten Treffen, etliche Male von zumeist freundlichen Zugbegleitern oder
Kontrolleuren – bisweilen aber auch von leicht verärgerten Zugführern – geweckt,
weil die Bahn in ihr Depot sollte, nur ich allein hinderte sie noch daran, die letzte
Haltestelle zu verlassen (dies betrifft jedoch nicht nur die Bahn, sondern auch
Busse und andere öffentliche Verkehrsmittel).

Somnambulismus oder: wo bin ich, wenn ich schlafe?


Unkontrolliertes Schlafwandeln ist eine äußerst unangenehme und höchst
gefährliche nächtliche Tätigkeit, die womöglich nicht zu einer dauerhaften
Gewohnheit werden sollte – doch wie will man das verwirklichen, wenn man nicht
einmal weiß, dass der seltsame Traum, den man gerade träumt, ein nicht
unerheblicher Teil der wachen Realität ist? In meinem bisherigen Leben
widerfuhren mir bis jetzt zwei größere Abschnitte, während denen ich unter mehr
oder weniger ausgeprägtem Somnambulismus litt bzw. leide. Die erste (– sich
retrospektiv als überwiegend harmlos präsentierende –) Etappe war während
meiner Kindheit und Jugendzeit, in der es nicht selten vorkam, dass ich morgens
wie gerädert in einem Schrank (oder unter dem Bett, in einem anderen Raum, in
einer anderen Etage meines Elternhauses etc.) erwachte, ohne zu wissen, wie ich
dorthin kam. Außer diesen sporadischen Streifzügen geschah aber nichts
Weiteres – ich wandelte nur. Im Verlauf der Adoleszenz verschwanden dann
langsam diese nächtlichen Symptome, und ab etwa dem 20. Lebensjahr hatte ich
keine derartigen Zwischenfälle mehr; jedenfalls ist mir nichts davon bekannt,

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dass ich welche gehabt hätte. Die zweite belangvolle Teilstrecke begann während
meines großen körperlichen und geistigen Zusammenbruchs im Jahre 2006 und
hält immer noch an. Zu erwähnen hierbei ist, dass das Schlafwandeln meiner
Jugend bei weitem nicht so extrem auffällig und häufig war, wie es das aktuelle
ist; auch habe ich mir früher weder irgendwelche Blessuren (wie etwa Beulen,
Hämatome, Schürfwunden, Schnittverletzungen etc.) zugezogen, noch habe ich
meine damaligen Mitbewohner, also meine Großeltern, meine Eltern und meine
ältere Schwester, auf irgendeine Weise gestört oder gar geweckt.

Mein gegenwärtiger Somnambulismus nun zeigt sich wiederum als ein


phasenweises Phänomen; nach einer passageren Zeit des schweren, bleiernen
Schlafes, während der ich nur im näheren Umkreis meines gewohnten
Ruheplatzes im weitläufigen Rahmen meiner anderen Dyssomnien aktiv bin
(siehe Kapitel Dyssomnien und Kapitel Schlaf und Traum), beginne ich früher
oder später unangekündigt wieder mit einer zumeist zwischen drei Tage und
einer Woche andauernden Periode des unkontrollierten Umherwanderns,
während der ich mir – meist bei unvermeidbaren Sturzereignissen –
verständlicherweise die meisten Verletzungen zuziehe, und, aufgrund etwaiger
sinnloser, jedoch unnötig lärmerzeugender Operationen meinerseits, ungewollte
lautstarke Machinationen auf die wohlverdiente Nachtruhe meiner dadurch
extrem belästigten Mitmenschen verübe. Außerdem beobachte ich seit einiger
Zeit das seltsame und schmerzhafte Phänomen, dass ich aufwache, weil ich
unvermutet mit dem Kopf gegen eine Wand (o.ä.) stoße, dann aber sofort wieder
einschlafe – und gleich wieder erwache, weil ich erneut mit dem Kopf gegen
dieselbe Stelle an der Wand (o.ä.) stoße. Diese ungesunde Kumulierung
geschieht vier-, fünf-, ja, auch sechsmal hintereinander, wenn ich es nicht
irgendwann mit einer gewaltigen geistigen Anstrengung schaffe, kurzfristig wach
zu bleiben und die Richtung zu ändern, bevor ich wieder einschlafe.

Während des akuten Stadiums meines Somnambulismus geschieht es mitunter


auch, dass ich während meines ohnehin unruhigen Schlafes körperlich
offensichtlich aktiver bin als in meinen wachen Zeiten dazwischen. So bemerke
ich dann und wann nach dem morgendlichen aufstehen (oder werde akkurat
darauf hingewiesen – oder, seltener, sehe dann vor meinem inneren Auge
bruchstückhafte Fetzen und kurz aufblitzende Reminiszenzen der größtenteils in
fast vollständiger Dunkelheit über die Bühne gegangenen Performance ablaufen),
dass ich Nächtens exempli causa wohl ein mehr oder weniger opulentes Mahl zu
mir genommen habe, mich rasiert oder auch Teile der Wohnung umgeräumt und
in einem gewissen Chaos hinterlassen habe, inklusive dem planlosen Verschieben
von Möbelstücken und dem unorganisierten Umhängen von Bildern und
Gemälden – oder aber auch, dass ich bei 25° Celsius Außentemperatur die
Zentralheizung voll aufgedreht habe und in der Wohnung angenehme 27° bis 28°
Celsius herrschen – mollig warm zwar, aber eine immense, unnötige
Energieverschwendung, die die jährliche Nebenkostenabrechnung inadäquat in
die Höhe treibt. Die negative, respektive destruktive Seite dieser grundsätzlich
unbewusst vor sich gehenden Geschäftigkeit zeigt sich allgemein in klar
ersichtlicher Form von zerstörten Haushaltsgeräten, zerkratzten
Einrichtungsgegenständen und verschmutzten Wänden oder Teppichen. Da mich
dieses unbedachte nächtliche Wüten aber nun verständlicherweise zutiefst

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negativ stimmt, mir a posteriori furchtbar leid tut und dementsprechend seelisch
schwer belastet, falle ich nur noch tiefer in meine latent im Unterbewussten
lauernde Depression, was wiederum erheblich die vermaledeite Schlafwandlerei
fördert – diese ständig wiederkehrende, sich permanent wiederholende Situation
ist ohne jeden Zweifel ein genuiner, authentischer Circulus vitiosus par
excellence, den es hier holotisch und durabel zu durchbrechen gilt; was sich
aber, nicht nur bei näherer Betrachtung, als ein höchst komplexes, schwieriges,
zusätzlich zeit- und energieraubendes Unterfangen erweist, dem ich mich
gegenwärtig absolut nicht gewachsen fühle.

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Meine Schmerzen I
Viele dieser hier vorliegenden Seiten schrieb ich unter ständiger Begleitung von
starken bis stärksten Schmerzen, nur fähig, sie mit einer gesteigerten Dosis
opioidhaltiger Schmerzmittel niederzulegen. Und selbst das banale und
unschuldige Wort ‚Schreiben‘ zeigt sich hier ein wenig fehl am Platze, denn
aufgrund der höchst qualvollen Berührungsschmerzen in meinen entzündeten
Fingern und akut schmerzsensitiven Fingerkuppen konnte ich oftmals nicht
einmal einen Stift halten, geschweige denn mit diesem einen mehr oder weniger
lesbaren Satz zu Papier bringen; ich verwende deshalb zur schriftlichen Fixierung
meiner gegenwärtigen Gedankengänge in großen Teilen, man könnte schon fast
behaupten: ausschließlich, die mit einem leichten Anschlag versehene Tastatur
meines Laptops. Diesen tragbaren Rechner kann ich zu meinem Glück überall mit
hinnehmen, um mit ihm in den vielleicht optisch unmöglichsten, aber dafür den
physisch möglichst schmerzreduzierenden Posen und Stellungen zu schreiben –
er avancierte über die letzte Zeit zu meinem portablen externen Zweitgehirn,
dessen vielfältige Unterstützung meines eingeschränkten Lebens ich nicht mehr
missen möchte. Ein Nichtbetroffener kann es sich vermutlich nicht einmal
annähernd vorstellen und es nicht wirklich und vollständig begreifen, wie es ist
und was es heißt, infolge permanenter höllischer Schmerzen, die sich manches
Mal bis zu einem psychisch höchst destruktiven, fast nicht mehr aushaltbaren
Vernichtungsschmerz hinauswachsen, nicht einmal in der normalerweise trivialen
und alltäglichen Lage zu sein, einen simplen Einkaufszettel oder auch nur eine
Glückwunschkarte mittels Bleistift, Füllfederhalter oder Kugelschreiber zu
verfassen bzw. zu unterschreiben – oder schlicht und einfach nur zu ‚leben‘. „An
manchen Tagen, wenn die physischen Schmerzen ungeahnte Qualitäten
erreichen und mein fieberndes Soma in eine exhaustive kataplektische Paralyse
gleitet, stürzt das gepeinigte Ich in die klandestinen, in die dunkelsten Abgründe
meiner zersplitterten Psyche. Dort wandert das morbide Selbst unbeholfen und
sich ziellos treiben lassend durch ungesunde Gedanken-Gänge und
klaustrophobische Korridore, durch mentale Hallen und spirituelle Verliese der
schwärzesten und destruktivsten Vorstellungen. Meine nähere Umgebung sollte
sich wahrlich glücklich preisen, dass mein gequälter Körper während dieser Zeit
jede aktive Kooperation verweigert… [NB: Apophthegma geschrieben im März
2007, KvS]“15

Falls ich nun den anamnestischen Werdegang meiner chronischen


Schmerzerkrankung chronologisch aufarbeiten würde, müsste ich über mehr als
drei Dezennien in der Zeit zurückgehen, denn beim ersten groben Ausbruch des
höchst schmerzhaften Leidens war ich gerade einmal acht oder neun Jahre alt.
Damals kamen die ersten Schmerzen sozusagen über Nacht, d.h. als ich mich
abends zum Schlafen vorbereitete und nichts böses ahnend ins Bett ging, hatte
ich keine wie auch immer gearteten medizinischen Probleme, nicht einmal einen
harmlosen Schnupfen oder vergleichbares (jedenfalls nichts, woran ich mich
heute noch zweifelsfrei erinnern würde). Am nächsten Morgen erwachte ich

15
Spreewinkl, (c)

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jedoch steif wie ein Brett, unfähig, auch nur kleinere Bewegungen ohne die
qualvollsten Schmerzen ausführen zu können. Von aufstehen, anziehen oder gar
einige kleine Schritte gehen konnte nicht mehr die Rede sein – ich war schließlich
froh, mich langsam und auf allen Vieren vorwärtstastend ins Bad und auf die
Toilette zu schleppen, später band ich mir dann Kissen unter die Füße; nebenbei
belastete mich noch ein hohes Fieber, dessen Temperatur durchgehend über
mehrere Tage zwischen 40° und 41° Celsius schwankte. Das alles beängstigte
mich, der ich damals zusätzlich schon eine fragil-labile Psyche hatte und ein paar
kurze Jahre zuvor eine anstrengende verhaltenstherapeutische
Behandlungsstrecke beendet hatte, verständlicherweise außerordentlich, und ich
hatte das dramatisch phobische Gefühl, mein Lebensende sei nun gekommen
und ich müsse recht bald sterben. Mein damaliger Hausarzt (siehe hierzu auch
das Kapitel Meine Ärzte weiter unten im Text) konnte mit den für jeden
offensichtlichen, ihm jedoch völlig unbekannten Symptomen und meiner
gesamten miserablen Allgemeinsituation, dem überaus schlechten Befinden,
absolut nichts anfangen, und nach ein paar zaghaften, plan-, ziel- und erfolglosen
Therapieversuchen seinerseits überwies er mich in eine Klinik zu einem Facharzt
für Rheumatologie, in der leisen Hoffnung, dieser könne mir irgendwie
weiterhelfen.

Was nun aber schlagartig und vollständig unerwartet über mich hereinbrach, war
eine unglaubliche und schier endlose Odyssee durch alle möglichen und
unmöglichen Krankenhäuser, diversen Spezialkliniken und medizinischen
Institutionen, auch lernte ich mindestens zehn Praxen in dieser Zeit von innen
kennen; Scharen von Ärzten und solche, die gerne welche wären bzw. noch
welche werden wollten – also Studenten und Famulanten –, pilgerten wie endlose
Karawanen Tag und Nacht an mein schweißgetränktes Krankenlager und
erfreuten sich des interessanten und außergewöhnlichen Falls und der völlig
verwirrten und verängstigten Versuchsperson – meiner Wenigkeit. Ein
medizinischer Konsens bezüglich Diagnose und Behandlung war bei ihnen zwar
nicht wirklich auszumachen – fragte man zehn Ärzte, hatte man zehn gänzlich
unterschiedliche Meinungen; das einzige, worin sich viele dieser sogenannten
Koryphäen, Spezialisten und Experten erstaunlicherweise doch einig waren, das
war der von mir oftmals gehörte und höchst deprimierende und leichte Panik
erzeugende Satz: ‚Es tut uns ja leid, aber mit Deinem ungewöhnlichen
Krankheitsbild mit einer totalen Therapieresistenz wirst Du vermutlich keine
zwanzig Jahre alt werden.‘ Doch selbst damit irrten sie gewaltig – sie hatten
damals schlicht und einfach nicht die geringste Ahnung und dementsprechend
keine einzige eventuell mögliche Hypothese zu offerieren. Hierzu nur eine kleine
Anmerkung: vor etwa hundert Jahren hätten diese hochkompetenten Mediziner
mit ihrer düsteren Theorie wohl sicher recht behalten, doch heutzutage, dank der
modernen Forschungen in diesem akademischen Fachbereich sind solche
unsinnigen Spekulationen in vielen Fällen müßig geworden. Mir ist natürlich klar,
dass ich mit meinen ganzen chronischen und chronifizierten Krankheiten keine
hundert Jahre alt werde, aber das will ich auch gar nicht. Trotzdem sollten sich
manche dieser mitteilungsfreudigen Ärzte und Therapeuten mit der
gedankenlosen und völlig ungehemmten Verbreitung ihrer teils beängstigenden
Überlebensquoten ein wenig zurückhalten, denn zum einen sind sie meist nur
grob geschätzte, pure Mutmaßung, zum anderen können sie die ohnehin leicht
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furchtsamen Patienten derart in Verzweiflung und nacktes Entsetzen stürzen,


dass manche unbedacht prognostizierte Sterbezeit sogar als eine self-fulfilling
prophecy gelten muss.

Als nun ein paar qualvolle Jahre später, ich war damals knapp Anfang Zwanzig,
meine intermittierenden Schmerzattacken sich – und ich mich mit ihnen – zu
organisieren begannen, d.h. die großen, heftigen, giftigen Anfälle traten nur noch
etwa ein- bis zweimal im Monat auf (später noch etwas weniger), dazwischen gab
es nur noch viele kleinere, meist lokalisierte und mehr oder minder aushaltbare
Schmerzherde und entzündete Schwellungen, schwand auch langsam das
anfangs ach! so sensationelle Interesse der versammelten Ärzteschaft. Sie
nannten es nun frustriert Rheuma, rheumatisches Fieber, rheumatoides
Schmerzsyndrom oder Fibromyalgie, Verdacht auf Borreliose, Verdacht auf
systemischen Lupus erythematodes, Verdacht auf dies oder Verdacht auf das
(selbst AIDS- und Krebstests vergaßen sie nicht bei ihren umfangreichen
Analysen, ebenso komplizierte und teils schmerzhafte Untersuchungen auf alle
möglichen exotischen Leiden, nicht zu vergessen die seltenen Tropenkrankheiten
– ich war noch nie in den Tropen…), und letztendlich hießen sie es ein
chronisches Schmerzsyndrom, weil ihnen zu meiner prekären Situation nichts
intelligentes oder innovatives mehr einfiel und auch keine einzige der zuhauf
getesteten Therapien anschlug – und ich habe wirklich vieles ausprobiert
(respektive ausprobieren müssen, denn ich wurde mehrfach freundlich
nachdrücklich und in schriftlicher Form von meiner zuständigen Krankenkasse
darauf hingewiesen, dass, sollte ich es tatsächlich wagen, die persönliche
Mitarbeit bei den diversen Heilbehandlungen und -versuchen zu verweigern, mir
das Krankengeld gestrichen oder zumindest stark gekürzt werden würde)!
Seitdem nehme ich als diesbezügliche Medikation ausschließlich Schmerzmittel,
welche zumindest die heftigsten Schmerzspitzen kappen und die anderen
Beschwerden ein wenig abdämpfen. Und von Zeit zu Zeit wird wieder eine neue,
unwirksame Therapie getestet… [NB: Von wegen dem vielfach apostrophierten
Ärzteschwund: Was der medizinischen Fakultät wirklich fehlt ist Qualität, nicht
Quantität, denn es kann in der heutigen Zeit sehr, sehr lange dauern, bis man in
einer bestimmten Fachrichtung endlich an einen Doktor gerät, der auch
tatsächlich die Bezeichnung ‚Facharzt‘ verdient, obwohl man bereits mindestens
fünf Ärzte vorher besucht und bedauerlicherweise negativ auf Kompetenz und
Brauchbarkeit getestet hat, KvS]

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Mein nebendiagnostisches Intermezzo


Nun erfolgt ein Zeitsprung in das Jahr 2006. Doch bevor ich bei diesem
folgenschweren Datum, das eine weitere drastische und eklatante Zäsur in
meinem bisherigen Leben repräsentiert, über mein chronisches Schmerzsyndrom
weiterschreibe, möchte ich noch kurz die übrigen medizinischen Diagnosen
aufzeigen, die sich bis dahin manifestierten und als grundsätzlich gesichert
anzusehen sind – und die laut meinen behandelnden Ärzten alle irgendwie im
engeren Zusammenhang mit meinen Schmerzen zu sehen und zu bewerten sind.
Es ist dies zum einen (und gravierendsten) das Antiphospholipidsyndrom (APL;
auch APS, seltener auch Hughes-Syndrom genannt), eine noch relativ
unerforschte Haut- und Bluterkrankung, die etwa im Jahr 1995 bei mir festgestellt
wurde. Dieses beachtlich vielseitige Syndrom verursacht per exemplum bei
direkter Sonneneinstrahlung Effloreszenzen und ähnliche (u.U. krebserregende
oder sonstig maligne) Erscheinungen auf der Haut, außerdem verändert es die
körpereigene Blutgerinnung (Koagulopathie) und effiziert so spontane
Verschlüsse von Blutgefäßen (Thrombembolien). Dieserart entstand
beispielsweise auch die tiefe Bein- und Beckenvenenthrombose, die ich im
Sommer des Jahres 1990 erlitt und die mir seither ein sogenanntes
postthrombotisches Syndrom (PTS) beschert – mit wechselnden Schmerz- und
Juckreizattacken an dem beschädigten Bein. Des weiteren verdanke ich dem
Antiphospholipidsyndrom auch ein seit meiner Adoleszenz bestehendes
beidseitiges chronisches Gehörgangsekzem und eine gesteigerte Neigung zur
Ausbildung von Abszessen. So musste ich mich im Laufe der Jahre bereits fünfmal
unters Messer legen, um diese schmerzhaften und, je nach Lokalisation, ziemlich
bewegungseinschränkenden Abszesse spalten zu lassen, damit sie in einem
mehrere Wochen andauernden Prozess von innen heraus abheilen. Leider ist hier
die prognostizierte Rezidivrate recht hoch, d.h. wo einmal ein Abszess war, wird
sich irgendwann mutmaßlich wieder einer entwickeln; dann beginnt die
langwierige Prozedur aufs neue. Zu guter Letzt muss noch die Genese eines
sogenannten Raynaud-Syndroms dem Antiphospholipidsyndrom zugeschrieben
werden. Dieses bewirkt, dass bei niedrigen Temperaturen, also hauptsächlich im
Winter, und bei Stresssituationen sich das Blut aus den Fingern und Zehen
zurückzieht (bei singulären Fingern nennt sich dieser Defekt digitus mortus),
worauf diese weiß und absolut gefühllos werden, wobei auch immer die sicherlich
nicht unbegründete Angst mitschwingt, dass, je länger diese unangenehmen
Symptome anhalten, die Finger bzw. Zehen hochgradig geschädigt werden,
irreparabel degenerieren, nekrotisieren, und letztendlich amputiert werden
müssen. Deswegen habe ich an kühlen Tagen immer einen kleinen Taschenofen
auf chemischer Basis bei mir, um die betroffenen Finger oder Zehen möglichst
schnell wieder warm werden und zur lebenserhaltenden Durchblutung führen
kann; wobei dieser reanimierende Akt typischerweise auch noch ein höchst
schmerzhafter ist. Die Nerven meiner beiden Großzehen wurden von diesem
prosperierend destruktiven Syndrom bereits vollständig in Mitleidenschaft
gezogen und restlos zerstört, und so habe ich seit etlichen Jahren schon
überhaupt kein Tast- und Berührungsgefühl mehr in ihnen (bei den Fingern und

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anderen Zehen zeigt sich dieses seltsam dumpfe Taubheitsgefühl als direkte
Folge des Raynaud-Syndroms zum Glück nur temporär, zumindest im Moment
noch). Nur an der leicht rötlichen Färbung der Haut lässt sich noch erkennen,
dass tatsächlich noch ein kleines Fünkchen Leben in ihnen pocht.

Mitte der Achtziger des vorigen Jahrhunderts begann sich eine bis heute
hundertprozentig therapieresistente alopecia areata auf meiner gesamten
Kopfhaut auszubreiten. Auf Deutsch heißt diese kosmetisch massiv
einschneidende Krankheit ob ihres allgemeinen Erscheinungsbildes ‚kreisrunder
Haarausfall‘, und muss sich nicht nur auf das Haupthaar beschränken, sie kann
sich bis auf den ganzen Körper ausbreiten und nennt sich dann alopecia totalis.
Bei mir bildeten sich anfangs mehrere kleine, mit akneähnlichen Pusteln
gesäumte kahle Stellen auf der Kopfhaut hinter den Ohren und den sogenannten
Geheimratsecken, die später ständig die Lokalisation änderten, größer oder
kleiner wurden oder sich miteinander verschmolzen. Mittlerweile betrifft die
Krankheit auch die Körperbehaarung, außerdem habe ich nicht mehr viele kleine
kahle Stellen auf dem Kopf, sondern nur noch eine große – ich trage seit etwa 15
Jahren eine Glatze (und gehe dementsprechend nur gut behütet auf die Straße –
ich schaffe es mental einfach nicht, ohne Kopfbedeckung meine Wohnung zu
verlassen (lieber verhungere ich Zuhause)). Auch hier tendiert die Möglichkeit
einer Rekonvaleszenz gegen Null. Etwa zur gleichen Zeit diagnostizierte ein
Berliner Proktologe einen Morbus Crohn bei mir, eine Erkrankung des gesamten
Verdauungsapparates, der von der Mundhöhle bis zu Enddarm reicht (dies nicht
zwangsläufig bei jedem Betroffenen, aber bei mir ist es so). Zum Glück ist es aber
nur eine relativ leichte Form, die sich Hauptsächlich durch einen permanenten
Reizdarm bemerkbar macht, d.h. Obstipation und Diarrhö im regen Wechsel,
begleitet von heftigen, überaus schmerzhaften Koliken und Darmkrämpfen (‚zum
Glück‘ heißt hier, dass ich mich bis jetzt deswegen wenigstens nicht operieren
lassen musste, und somit noch alle Innereien beisammen habe). Irgendwie
beschleicht mich das unbestimmte Gefühl, dass es ohne Schmerzen bei mir wohl
nicht geht. Apropos Schmerz – zu den diagnostizierten Nebendiagnosen gehört
auch eine Migräne, die mich von Zeit zu Zeit heimsucht (auch mein EEG weist
laut neurologischem Befund migränetypische Veränderungen auf). Sie beginnt
dann meist mit einem klassischen Flimmerskotom, steigert sich in Schmerz,
Licht- und Geräuschüberempfindlichkeit sowie der typischen Übelkeit, und
schleicht irgendwann wieder aus. Meist dauert so eine okkasionelle,
schauderhafte Migräneattacke zwischen zwölf und 24 Stunden, wobei die schier
endlosen Zeiten während der Nacht selbstredend die schlimmsten und
qualvollsten sind. Migränegeplagte Mitbürger und Leidensgenossen können dies
vermutlich noch am besten nachvollziehen.

Der eben erwähnte Morbus Crohn hat es noch weiter in sich, aber nicht gerade
etwas Positives. Während der vielen Jahrzehnte seiner toxischen Gegenwart zog
er zum einen eine globale Lymphadenopathie nach sich, d.h. die Lymphknoten
meines Körpers vermehrten sich unglaublich und vergrößerten sich drastisch bis
zu einem Durchmesser von zweieinhalb bis drei Zentimetern (normal sind ein
halber bis ein Zentimeter), hauptsächlich jedoch im Torso und dort speziell im
Abdominalraum. Aufgrund dieser ungewöhnlichen Häufung und extraordinären
Größe meiner Lymphknoten wurde ich bereits des Öfteren ausgedehnten

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Tumorsuchen unterzogen, rein zur abklärenden Sicherheit und als persönlich


beruhigende Ausschlussdiagnostik, denn die meisten bekannten Krebsarten
gehen eben mit solchen oder so ähnlichen Lymphknotenveränderungen einher.
Zum anderen verursachte der Morbus Crohn eine primäre biliäre Leberzirrhose
(PBC), welche unbehandelt innerhalb von fünf Jahren zum Tode führt. Zum Glück
wurde sie in meinem Falle noch relativ rechtzeitig diagnostiziert, und mit den
speziellen Medikamenten, die ich seither dafür einnehmen muss, sanken die
betreffenden Leberwerte in einen durchaus noch annehmbaren Bereich. Durch
diese primärbiliäre Zirrhose, welche, und das möchte ich hier aus- und
nachdrücklich betonen, außer dem Namen absolut nichts mit einer
alkoholinduzierten toxischen Leberzirrhose gemein hat (im allgemeinen trank ich
noch nie übermäßig Alkohol, und jetzt ungefähr seit fünf Jahren überhaupt keinen
mehr; zum einen fehlt mir das menschliche Bedürfnis dazu, und zum anderen
möchte ich nicht unbedingt in einem unbedachten Selbstversuch ausprobieren,
welche unerwarteten Wirkungen und u.U. lebensbedrohlichen Nebenwirkungen
meine ohnehin schon starken und hochdosierten Medikamente unter
Alkoholeinfluss entfalten können), bekam ich als Begleiterkrankung leider noch
einen höchst unangenehmen Pruritus mit auf dem Weg – einen
Ganzkörperjuckreiz sozusagen; manchmal bin ich nach einer unruhigen Nacht so
blutig und zerkratzt, dass ich zu Fasching als lebende Schürfwunde oder als
Unfallopfer gehen könnte!

Meine gegenwärtig letzte gesicherte Nebendiagnose der körperlichen Art äußert


sich in den sporadisch in Erscheinung tretenden unterschiedlichsten Parästhesien
der Unterschenkel und der Füße, also von den Knien an abwärts, und das
beidseits und in den meisten Fällen synchron. Manche dieser vielseitigen
Missempfindungen präsentieren sich als so überaus real und überzeugend, dass
ich je nach Qualität und Intensität des Gefühls nachsehe, ja, nachsehen muss, ob
es nicht der Wirklichkeit entspricht. Die Parästhesien äußern sich auf unglaublich
vielfältige Art: manchmal ist es so, als ob eine arbiträre Flüssigkeit das Bein hinab
läuft, mal schnell wie Wasser, mal zäh wie Honig, mal kalt, mal warm, dann
wieder kochend; manchmal krabbeln tausend kleine Tierchen das Bein auf und
ab, oder es fühlt sich wie hunderte wiederholt gesetzte Nadelstiche an;
manchmal ist es auch einfach nur ein wahnsinniger Schmerz, der keine Art von
Kleidungsstücken oder sonstigen Stoffen auf dem betroffenen Gebiet duldet, d.h.
ich kann mir des Öfteren weder Socken noch Schuhe anziehen; manchmal ist es
brennend, ziehend, pochend, stechend, glühend, dumpf, schwer, fließend,
kochend, kribbelnd, summend, frierend, taub, berührungssensitiv etc. – aber
immer ist es unbeschreiblich unangenehm16.

Zum komplettierenden Abschluss dieses illustren Hexenreigens der


Nebendiagnosen erwähne ich noch eine, die im Prinzip keine ist, weil sie nicht zu
den eigenständigen Diagnosen zählt, aber bei vielen von ihnen en passant
mitläuft, sozusagen als ein ungewollter morbider Bonus – es ist dies die
kongenitale Neigung zu Krämpfen und Krampfanfällen (inklusive Koliken) der
verschiedensten Art und Ausprägung (und welche vermutlich genetischen

16
Wenn ich hier ab und zu ‚das Bein‘ geschrieben habe, so ist das u.U. irreführend, denn
vielfach treten die neurologischen Ausfälle und Symptome parallel an beiden Beinen
zugleich auf, also sollte die Expression im möglichen Plural gelesen werden

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Ursprungs sind, denn meine Mutter leidet unter den gleichen spasmischen
Phänomenen). Es ist schon enorm, wo der menschliche Körper überall Muskeln
und Sehnen hat, von denen man normalerweise nichts weiß und sie nicht aktiv
(sondern höchstens indirekt) nutzt, bis sie einem durch einen schmerzhaften
Krampf akut und unerwartet in Erinnerung gebracht werden. Glücklicherweise
gehen diese absolut unangenehmen Spasmen zumeist nach einer kurzen Weile –
und der aktiven Unterstützung von einem Beutel Magnesium und etwas
Bewegung oder Massage der verkrampften Stelle – von selbst wieder vorbei. Die
gemeinsten, übelsten Schmerzen bringt jedoch ein Spasmus mit sich, der nicht
nur einen singulären Muskel, sondern abscheulicherweise gleichzeitig auch
seinen Antagonisten betrifft, am besten gleich noch eine gesamte Muskelgruppe
auf einmal. Je nach Dauer dieser fürchterlichen Beschwerden würde man sich
nach einiger Zeit am liebsten das betroffene Körperteil abhacken, abschneiden
oder sonst wie amputieren, nur damit dieser unsäglich infernalische Schmerz
endlich ein Ende findet. Auch innere Krämpfe, sogenannte Koliken, kenne ich nur
zu gut. Dank des Morbus Crohn beispielsweise muss ich etwa seit drei Dezennien
immer wieder erfahren, wie unangenehm und höllisch schmerzhaft Magen-
und/oder Darmkrämpfe werden können. Manchmal habe ich das degoutante
Gefühl, der Darm, vor allem das Colon im Bereich des Sigmas (colon
sigmoideum), würde reißen oder müsse jeden Augenblick platzen – und alles
fröhlich begleitet von heftigen Schweißausbrüchen, flimmern vor den Augen,
zittern und zucken des gesamten Körpers und einem kuriosen Blutdruck, der
pausenlos Achterbahn fährt.

Die chronische Variante der Krämpfe hat da eine völlig andere Qualität. So habe
ich permanente Muskelverspannungen und -verhärtungen im Bereich der
gesamten Wirbelsäule (HWS, BWS und LWS), ebenso der Schulterblätter, bis in
die Oberarme und zum Sternum ausstrahlend, die selbst durch ausgedehnte und
häufige Massagen nur kurzfristig, etwa zwei bis vier Stunden, leichter werden,
bevor sich die Rückenmuskulatur wieder sukzessive zu verkrampfen beginnt.
Meine Masseurin meinte dazu, ich sei bisher der erste und einzige Patient, bei
dem es mit der Zeit schlechter statt besser werde. Zusätzlich ist die linke Seite
kontinuierlich mehr betroffen als die rechte, sodass ich im Laufe der Jahre auch
eine körperliche Fehlhaltung bekam und ich deshalb mehr oder weniger schief
gehe. Obendrein verkrampfen sich meine Kiefermuskeln von Zeit zu Zeit, und
dann gleich so heftig, dass es eine erhebliche Schwierigkeit für mich darstellt,
diese vorsichtig zu lockern und den Mund wieder zu öffnen. Und selbst die vom
Zahnarzt verschriebene und angepasste Beißschiene konnte nicht verhindern,
dass sich durch das andauernde Zusammenpressen der Kiefer mittlerweile die
Zähne verschoben haben. Eine weitere Version der muskulären Spasmen stellt
sich folgendermaßen dar: wenn ich mich mit einem Kissen unter dem Kopf zum
geistig regenerierenden meditieren hinlege – was normalerweise eigentlich zur
ganzheitlichen Entspannung dienen soll und den meisten Menschen wohl auch
dabei hilft –, merke ich bereits nach wenigen Minuten, wie sich meine
Rückenmuskulatur ineinanderschiebt uns sich langsam zu verkrampfen beginnt.
Nach etwa zehn bis zwanzig Minuten kann man mir das Kissen unter dem Kopf
wegziehen, doch der Körper bleibt trotzdem in seiner Stellung, in seiner
bewegungslosen Starre verharren, als ob das Kopfkissen noch da wäre. Dass
dieses von mir sogenannte versteinernde Verhalten nicht unbedingt zur inneren
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und äußeren Entspannung und Ruhe beiträgt, wird wohl jedem, auch medizinisch
völlig Unbedarften, auf den ersten Blick verständlich sein. Die theoretisch
lockernden Massagen, die ich diesbezüglich zweimal pro Woche erhalte, helfen
leider auch nicht in der von mir gewünschten Form. Sie geben mir zwar
wohltuende Erleichterung und bessere, befreite Bewegungsmöglichkeiten, doch
dies leider nur sehr begrenzt und kurzfristig, etwa zwei bis vier Stunden (ich
erwähnte es bereits), je nach aktuellem ‚Härtegrad‘ der Muskulatur vor der
therapeutischen Behandlung. Und beim nächsten Massagetermin fängt alles
wieder von vorne an, d.h. es zeigt sich bedauerlicherweise nicht ein Hauch einer
ersehnten Langzeitwirkung.

Dass nach all diesen folgenschweren Krankheiten und nachteiligen Syndromen,


die fast alle chronisch verlaufen und im Prinzip nicht heilbar sind, außerdem so
nebenher ein gerüttelt Maß an Zusatzdiagnosen nach sich ziehen, als neueste
Krankheitsbestimmung noch der dringende Verdacht auf ein sogenanntes
chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS) – schon wieder ein Syndrom (und schon
wieder chronisch) – im Raume steht, ist da wohl uneingeschränkt
nachzuvollziehen und absolut verständlich…

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Meine Schmerzen II
Nun befinde ich mich wieder bei meinem chronischen Schmerzsyndrom und ich
bin, wie oben schon gesagt, mit meiner kleinen anamnestischen
Schmerzbiographie mittlerweile im Jahr 2006 angekommen. Einem hartes,
tragisches Schicksalsjahr, das eine höchst einschneidende Zäsur meines bis
dahin mehr oder minder aushaltbar arrangierten Lebens mit sich brachte. Im
Verlauf dieses langen Jahres, aber auch schon in etwas geringerem Maße ein bis
zwei Jahre zuvor, begann ich, körperlich sukzessive abzubauen, während sich
meine psychischen Probleme stetig steigerten. In dieser unschönen Zeit nahm ich
von einem einstmaligen Körpergewicht von 72 Kilogramm, das ich gleichmäßig
und gleichbleibend die vergangenen zwei Dezennien über hatte, bis auf 54
Kilogramm ab, und das bei einer Körpergröße von 1,73 Metern. Der fulminante
Ausbruch der Krisis dieser ganzen medizinischen Unannehmlichkeiten geschah
etwa um den Jahreswechsel von 2006 auf 2007. Damals stürzte ich in ein
schwarzes, bodenloses psychisches Loch, in eine tiefe und langanhaltende
depressive Episode, während mein körperliches Befinden auf einem absoluten
Tiefststand angekommen war. Zeitweise konnte ich mit meinen Händen weder
eine Flasche öffnen, eine Tasse halten oder gar mich selbständig anziehen, aber
nicht aus physischer Schwäche, sondern aus puren somatischen Schmerzen
heraus. Diese treten, wenn ich gerade einem akuten, mehrtägigen oder gar
wochenlangen Schub ausgesetzt bin, im beinahe täglichen Wechsel oder aber
gleichzeitig, überall am gesamten Körper auf, selbst Zähne, Augen, Ohrläppchen
und die Nasenspitze bleiben da nicht ausgespart, ja, selbst eine avernalische Art
von Phantomschmerz kommt gelegentlich vor, so beispielsweise schmerzt hin
und wieder ein Weisheitszahn oben rechts (und das nicht wenig), nur wurde
dieser vor mehreren Jahren bereits extrahiert (eine wahrlich üble und blutige
Erinnerung). Auch die allgemein sichtbaren Erscheinungsformen bleiben nicht
immer gleich; manchmal sind die entzündeten Stellen oder Körperpartien
überwärmt, rot und/oder angeschwollen, ab und zu kann man diverse subkutane
(aber auch muskuläre) Knoten oder ganze verhärtete Muskelstränge ertasten,
doch meistens sind die schmerzhaften Stellen, die sich dann und wann sogar kalt
anfühlen können, für einen unbedarften Laien optisch nicht wirklich zu erkennen,
dann sieht man die verschiedenen Entzündungsherde nur mittels eines
modernen Ultraschallgeräts und eines speziell ausgebildeten Facharztes, der das
medizinische Equipment auch richtig zu verwenden und bedienen weiß.

Zu dieser dunklen Zeit begann nun mein zweiter Ärztemarathon – den ersten,
den in meiner Kindheit und Jugend, beschrieb ich ja bereits im Kapitel Meine
Schmerzen I –, der bis heute immer noch nicht richtig abgeschlossen ist. Im Jahr
2007 wurden ich und meine Körperflüssigkeiten also permanent und höchst
intensiv von allen möglichen Ärzten und medizinischen Institutionen auf das
genaueste untersucht, geröntgt, punktiert, zentrifugiert etc. – um nicht zu sagen:
fachgerecht auseinandergenommen und bis ins kleinste zerlegt. Die
abschließenden Ergebnisse dieses geballten Einsatzes an intellektuellem Wissen
und ärztlichem Forschungsgeist (und den immensen Beiträgen der

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Krankenkassenmitglieder) waren die aktualisierte Sicherung bereits bestehender


Diagnosen und die Entdeckung bzw. Feststellung diverser neuer Krankheitsbilder
– nur eines wurde dabei nicht enträtselt: die Ursachen meiner Schmerzen. Und so
wurde ich – zum wiederholten Male – zum Versuchskaninchen für Therapien und
Medikamente aller Art (u.a. auch das beliebte, gern und oft verwendete Cortison
in allen möglichen Dosierungen und Darreichungsformen), ganz gleich, ob
zugelassen oder nicht, oder die sich sogar noch in der Erprobungsphase
befanden, die, außer einem gewissen Quantum an Nebenwirkungen, alle nicht
sonderlich erfolgreich anschlugen – und wenn ich so darüber nachdenke,
eigentlich gar nicht. Denn im Prinzip betrachtet mich die versammelte
Ärzteschaft in toto von medizinischer Seite als ‚austherapiert‘ (ein hässliches
kleines Wort; ein Unwort, das der desaströsen Lage nicht im mindesten gerecht
wird), alles weitere ist rein experimentelle Versuchsanordnung. Zur Zeit, während
ich diese Zeilen schreibe, teste ich ein Medikament (bzw. wird an mir getestet),
welches in Spritzenform verabreicht und subkutan appliziert wird. Alle zwei
Wochen gibt es eine Spritze, die im Kühlschrank aufzubewahrende Schachtel
beinhaltet zwei Spritzen und kostet unglaubliche 1.500 Euro, also 750 Euro pro
Injektion. Dieses Präparat soll die Entzündungen bekämpfen, die permanent in
allen meinen Gelenken toben und teilweise für meine unmenschlichen
Schmerzen verantwortlich sind (bzw. von meinen Doktoren dafür verantwortlich
gemacht werden). Angeblich sollen die entsprechenden Entzündungswerte in
meinem Blutbild innerhalb kurzer Zeit, etwa in ein bis zwei Wochen, merklich
besser werden. Nun, ich lasse mich überraschen, etwas anderes kann ich ohnehin
nicht tun, aber bis jetzt merke ich körperlich noch keine Besserung, nur einige
der vielen, vielen Nebenwirkungen, so z.B. in Form einer fast vollständig
lahmgelegten Peristaltik und der selbstverständlich daran anschließenden
starken Obstipation, Harnverhalt, Vereiterung der Nasennebenhöhlen, dünner
und brüchiger werdender Haut und leichten Halluzinationen, schlagen voll durch.
Und noch eine andere seltsame Veränderung an meinem Knochenbau registrierte
ich, und zwar hat sich das ursprüngliche, lange Zeit schon bestehende hörbare
Knacken in den Gelenken in einigen in ein lautes Knirschen gewandelt, aber ich
weiß nicht, was das medizinisch signalisieren soll, ob es therapeutisch gut ist
oder schlecht, oder ob es überhaupt etwas bedeutet.

Seit Anfang des Jahres 2007 also marschiere ich unentwegt durch alle möglichen
medizinischen Instanzen; ich war bei Orthopäden, bei Endokrinologen, bei
Kardiologen, bei Gastroenterologen, bei Rheumatologen, bei Zahnärzten, bei
Psychiatern und Psychotherapeuten, in einer Art Versuchsklinik für unbekannte
rheumatoide Erkrankungen, in einer psychosomatischen Klinik, in
Schmerzambulanzen etc.pp. Ich hörte merkwürdige, a priori schon vollkommen
unwahrscheinlich klingende kuriose bis exotische Diagnosen, ich hörte völlig
unpassende und absolut unprofessionelle Sätze, wie etwa: ‚ Nun stellen Sie Sich
doch nicht so wehleidig an, anderen Leuten geht es viel schlechter als Ihnen‘
(welcher in meinen Augen eine der übelsten, primitivsten, unmenschlichsten
Phrasen überhaupt darstellt), manche Ärzte und Institutionen wussten erst gar
nicht, was sie überhaupt mit mir anfangen sollten, manche stritten aufs heftigste
untereinander und hatten angesichts einer möglichen Therapie völlig diametrale
Ansatzpunkte (falls sie generell welche hatten), manche weigerten sich rigoros,
mich zu behandeln (einige von Anfang an, einige erst später – vermutlich wurde
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ich bzw. meine langwierige Behandlung mit selten gebrauchten Medikamenten


auf Dauer zu teuer; so hörte ich auch mehrfach den mental aufbauenden Spruch,
ich sei nicht wirtschaftlich genug – einmal sogar nach mehrjähriger Behandlung
bei ein und demselben Arzt; diese herzlose, schäbige Platitude in einer solch
desolaten Situation traf mich dann doch menschlich und persönlich wie ein
imaginärer Hammerschlag und stürzte mich in die nächste, in eine dreiwöchige
depressive Episode, da ich bis dahin eigentlich dachte, wir hätten ein
einigermaßen solides, partnerschaftliches Arzt-Patient-Verhältnis), doch das
höchste der negativen Gefühle ist es, wenn einen so eine angeblich kompetente
Koryphäe trotz aller handgreiflichen, für jeden medizinischen Laien
offensichtlichen Daten und vielfach untermauerten Unterlagen allen Ernstes und
ohne auch nur rot zu werden als einen ‚asozialen Simulanten‘ hinstellt, nur weil
sie selbst nicht mehr weiter weiß – denn das ist das letzte, was ich in meiner
ohnehin schon angespannten und angeschlagenen Situation gebrauchen und
verarbeiten kann.

Für die vielen bedauernswerten Menschen weltweit, die, ebenso wie ich, unter
teilweise den unerträglichsten Schmerzen leiden, wäre es sicherlich von
erheblichem Vorteil, hätte Mutter Natur es weiland eingerichtet, dass sich
betroffene Stellen am Körper auffällig einfärben würden, z.B. grün, und je stärker
der zu ertragende Schmerz, desto intensiver und greller das lokale Kolorit. Dann
müssten sich etliche Erkrankte nicht permanent von unfähigen, unsensiblen, aber
unglaublich selbstgefälligen und impertinenten Ärzten als arbeitsscheue Lügner,
wahnhafte Hypochonder oder schlicht als faule Simulanten futieren und
beleidigen lassen, die zu allem privaten Unglück auch noch die ungebührende
Macht in ihren Händen halten, den ohnehin schon physisch wie psychisch
gepeinigten Patienten aus reiner aufgeblasener, arroganter und hybrider Insolenz
die mit Sicherheit nötige Behandlung strikt zu verweigern – eine solche ‚Therapie‘
haben diese schmerzgeplagten Menschen wahrhaftig nicht verdient (und der
angebliche, meiner Meinung nach supraokular infraluminierte ‚Doktor‘ sein
Honorar eigentlich auch nicht – Ärzte sollten erst nach einer Behandlung und nur
bei Erfolg entlohnt werden). Ein wenig mehr zu solcherart unqualifizierten und
inkompetenten Medizinern findet sich weiter unten im anschließenden Kapitel
Meine Ärzte, aus dem auch eindeutig ersichtlich wird, warum ich nicht besonders
viel von dieser hochwohlgeborenen, vielfach überschätzten Gattung halte, und
woher ich denn eigentlich meine ätzende Meinung und ablehnend zynische
Haltung ihnen gegenüber habe.

Das chronische Schmerzsyndrom erweist sich in seiner bereits mehrere


Jahrzehnte anhaltenden Langwierigkeit als äußerst hinterhältige, heimtückische
Erkrankung. Ein typisches Exempel: nach einer mehrere Wochen oder gar ein
oder zwei Monate dauernden Phase des permanenten Schmerzes, nur wechselnd
zwischen starken, stärkeren und stärksten Beschwerden (natürlich begleitet von
dementsprechend deprimierenden psychischen Indispositionen), klingen
innerhalb kürzester Zeit, in etwa ein bis zwei Tagen, die signifikantesten
Symptome ab und es bleibt nur mehr ein relativ geringer, mithilfe der
verschriebenen Schmerztabletten einigermaßen aushaltbarer Grundschmerz auf
vergleichsweise niedrigem Level zurück. Nach etwa einer Woche ohne eine
feststellbare negative Steigerung in der durchschnittlichen Krankheitsqualität

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überfällt mich eine dunkle, ominöse Skepsis ob des langen, im Prinzip


schmerzfreien Zeitraums. Ab der zweiten Woche beginnt meine labile,
angeschlagene Psyche sich langsam zu erholen und sukzessive aufzuhellen, und
eine positive Erwartungshaltung breitet sich aus, ob sich die desolaten,
desaströsen Störungen meines gequälten Körpers eventuell doch verbessern
könnten. Bereits nach der dritten Woche verhältnismäßiger Schmerzfreiheit wird
es mir schon langsam peinlich, wenn ich sozusagen den Rest der Menschheit
arbeiten sehe und daran denken muss, dass ich sie Monat für Monat finanziell mit
meiner frühen Rente respektive meinen immensen Medikamentenkosten belaste.
Spätestens nach der vierten, höchstens jedenfalls nach der fünften Woche aber
schlägt das chronische Schmerzsyndrom wieder voll zu und alles Angenehme und
Positive ist auf einmal wie weggeblasen (denn wozu nennt man es sonst
‚chronisch‘?). Die altbekannten körperlichen Beschwerden schießen schier endlos
in die Höhe, während synchron das geistige Befinden unhaltbar ins Bodenlose
zurückstürzt – ein perfekter Circulus vitiosus in aeternum.

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Meine Ärzte
Wer sich nun erfolgreich bis hierher, bis zu diesem Kapitel durch mein Manuskript
vorgearbeitet hat, kann sich vermutlich unschwer vorstellen, dass ich in meinem
relativ kurzen Leben im allgemeinen – und in meiner relativ langen
Krankheitsgeschichte im besonderen – mit nicht gerade wenigen Ärzten,
Doktoren, Professoren, Krankenschwestern und -pfleger, Therapeuten,
sogenannten Fachkoryphäen und brillanten Autoritäten ihrer Fakultät (à la bonne
heure) zusammentraf und mich, meist unfreiwillig, hinsichtlich meiner diversen
medizinischen Indispositionen mit ihnen zusammen- und auseinandersetzen
musste. In den wenigsten Fällen entwickelte sich zu meinem Leidwesen eine
fundiert professionelle, konstruktive Kooperation mit einer gewissen Art von
defensivem Vertrauensverhältnis (im engen Rahmen meiner oben dargestellten
psychischen Möglichkeiten), welches auf freundlich-distanzierter bilateraler
Ästimation beruhte; öfter jedoch erwuchs eine fast aggressive, kontroverse
diagnostische Konfrontation daraus, die für beide Seiten selbstverständlich kein
positives Ende fand (– doch für mich noch wesentlich weniger als für meinen
nicht krankheitsbetroffenen Kontrahenten, der aufgrund dessen auch nicht
emphatisch nachvollziehen konnte, was tatsächlich mit mir und in mir vorgeht –
ein arrogant-hybrider Fachidiot, mit Verlaub gesagt, dem sein Titel und Salär
wichtiger sind als hilfesuchende Patienten; aber ich habe es, nach meinen ersten
abschlägigen Erfahrungen, auch nicht anders erwartet (außerdem sollte der Text
in der Klammer im Plural interpretiert werden)).

Die erste, älteste Erinnerung meines Lebens ist die an einen höchst
unprofessionellen Arzt, einen Chirurgen, und es ist, wie sollte es auch anders
sein, eine überaus negative. Als Kind und auch noch als Jugendlicher hatte ich
einen ständig wiederkehrenden Traum, nein, eigentlich war es schon eher ein
böser, tiefsitzender Albtraum. Ich sah mich, den weit aufgerissenen Mund voller
medizinischer Geräte, weinend in einem übergroßen OP-Stuhl sitzen, während
jemand, den ich nicht richtig erkennen konnte, aus vollem Halse schimpfend
ständig auf mich einschlug. Als ich mich mit etwa 14 Jahren überwand und den
periodisch auftretenden Traum meiner Mutter erzählte, war sie sehr erstaunt
darüber und berichtete, dass mir im zarten Alter von etwa zweieinhalb Jahren die
Mandeln gekappt werden mussten, da sie permanent unter Eiter standen und ich
noch um einiges zu jung war, um sie vollständig zu exstirpieren. Im weiteren
Verlauf der offensichtlich ziemlich roh und stümperhaft ausgeführten Operation
wollte ich vor lauter Schmerzen den Mund nicht öffnen, obwohl längst einige der
kalten metallenen Geräte in meinem Hals steckten (– bereits damals war ich
offensichtlich schon ein wenig renitent unqualifizierten Akademikern gegenüber).
Zur freundlichen Ermunterung und liebenswürdigen Ansporn, doch noch bis zum
Ende der chirurgischen Intervention einigermaßen kooperativ zu sein, gab mir
der augenscheinlich ostensiv gewalttätige Operateur daraufhin ein paar kräftige
Ohrfeigen, während er mich lautstark verunglimpfte. Nun denn, wenigstens habe
ich diesen medizinischen Eingriff (oder sollte man es hier klar und deutlich einen
– in meinen Augen bereits kriminellen – ‚Übergriff‘ nennen?) überlebt. Ist das

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nicht schön, eine solch absolut unnötige und höchst unangenehme Erinnerung als
die erste seines Lebens nennen zu können? Danke, Doktor! (anathema sit)

Einen sogenannten Kinderarzt hatte ich damals als Kind nie, ich wurde sofort und
ungefragt vom langjährigen Hausarzt meiner Eltern und Geschwister
vollumfänglich in Beschlag genommen, annektiert, konfisziert und absorbiert.
Dieser war ein überaus gemütlicher und jovial inkompetenter Doktor vom Lande,
der schlichtweg alles, was sich nicht als simpler bakterieller Schnupfen
entpuppte, sogleich weiter zu den entsprechenden Fachärzten oder Kliniken
überwies; nur höchst selten (und vermutlich auch ungern) übernahm er selbst
einige inadäquate, deplacierte Heilungsversuche. Dann sammelte er alle
diagnostischen Befunde der beauftragten Konsiliarärzte wieder ein, bzw. wartete
darauf, bis alle medizinischen Testergebnisse langsam eintrudelten, und orakelte
letztendlich eine eventuelle Krankheit daraus. Dieser einnehmend leutselige,
konziliante Doktor war dann auch der erste, der mit meinen damals schon allseits
vorhandenen Gebrechen nicht zurechtkam und mir sibyllinisch prophezeite, dass
ich mit all meinen exotischen Erkrankungen keine zwanzig Jahre alt werden
würde. Und damit ich das Ganze in meinen jungen Jahren alles so verkrafte,
schickte er mich wohlwollend zu einem angeblich versierten Psychotherapeuten –
ebenjenem, der bereits nach der sechsten oder siebten Sitzung die noch nicht
einmal richtig begonnene Therapie von sich aus abbrach, da er vorgeblich mit
mir nicht konstruktiv zusammenarbeiten konnte (ich erwähnte ihn bereits des
Öfteren (cf. ut supra)). Doch wenn jemand – wie etwa dieser sogenannte
‚fachkundige‘ Psychologe – es a priori nicht verkraftet, dass andere Personen
(auch Laien) in seinem professionellen Hauptressort u.U. besser und
sachkundiger sein können als er selbst, dann hätte er nicht so einen fast
ausschließlich kontaktzentrierten, auf sozialer und psychotherapeutischer
Zwischenmenschlichkeit basierenden Beruf wählen sollen. Meiner bescheidenen
Meinung nach hatte dieser freundliche, aber selbstgerecht sensible Herr komplett
das für ihn optimale Arbeitsgebiet verfehlt (– oder er hatte es von Beginn an
falsch angegangen).

Etwa zur gleichen Zeit, so um mein sechzehntes Lebensjahr herum, gab es in


meinem noch jungen Dasein eine kurze, aber gewaltig einschneidende Etappe
von vier Wochen, in der mich das – weiland noch unter dem Namen HTLV-III
bekannte und firmierte – AIDS-Virus heimsuchte (ein außerordentlich
unglaublicher Vorfall ärztlicher Stümperei und primitiv aversiver
Voreingenommenheit!). Es begann vollkommen harmlos und unspektakulär
damit, dass ich während der Schulferien wegen einer manifesten
Tracheobronchitis in ein Krankenhaus meiner Heimatstadt eingeliefert wurde, wo
ich mich fortan unzähligen medizinischen Untersuchungen und tagtäglichen
Blutabnahmen ausgesetzt sah. Soweit, so gut (– und wenn es mir gesundheitlich
hilft, noch akzeptabel) – doch nach etwa einer Woche begann das plötzlich
vermummt auftretende Pflegepersonal langsam und auffällig unauffällig, meine
vier oder fünf Mitpatienten des Krankenzimmers in andere Räume zu verlegen,
bis ich letztlich alleine in dem großen, steril weißen Schlafsaal war. Dann erschien
eine Horde Weißkittel an meinem Bett und eröffnete mir kurz und knapp, dass ich
bzw. mein Blut positiv auf AIDS getestet worden wäre und ich somit
dementsprechend zum Sterben auf die geschlossene Quarantänestation des

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Krankenhauses München Schwabing verlegt werden würde. Umgehend standen


auch schon zwei mit Gasmasken und Ganzkörper-ABC-Schutzanzügen verkleidete
Sanitäter im Zimmer, verpassten mir instantan einen Mundschutz und karrten
mich blitzartig auf die Münchner AIDS-Station. Dort verblieb ich nun
eingesperrterweise für die nächsten zwei Wochen, untergebracht in einem relativ
normalen, aber abgeschlossenen Zweibettzimmer, und musste wiederum
zahllose Untersuchungen (u.a. eine absolut unangenehme, schmerzhafte und
widerliche starre Bronchoskopie) und bis zu drei Blutabnahmen täglich (je zehn
bis fünfzehn Röhrchen) über mich ergehen lassen – ich war nach der ersten
Woche auf der Quarantänestation schon regelrecht blutarm. Und da im gesamten
gesammelten Untersuchungsmaterial leider keine andere medizinische Ursache
für die Erkrankung gefunden wurde und auch mein Körper keine suspekten
Einstichstellen zu bieten hatte (denn sie wollten mir ursprünglich als primären
Krankheitsauslöser einen massiven Drogenkonsum und den damit verbundenen
unsachgemäßen Gebrauch unsteriler Kanülen anhängen), versuchten die
Stationsärzte verzweifelt, mir eine Homosexualität – zumindest eine latente –
einzureden, die ich jedoch zu ihrem Bedauern weder hatte noch zugab; geglaubt
haben sie mir trotzdem nicht. Das Bett neben mir wurde währenddessen
permanent mit irgendwelchen spindeldürren, kachektischen Halbleichen belegt,
die, kaum hatte ich mich ein wenig an sie gewöhnt, auch schon wieder
wegstarben. Als nun die dritte Woche anbrach, kam zur täglichen Visite
erstaunlicherweise nur ein einzelner Arzt zu mir (und das ohne den
obligatorischen Mundschutz) und meinte lapidar, ich könne jetzt meine Sachen
packen und nach Hause gehen, ich hätte wohl doch kein AIDS und alles beruhe
nur auf einem unbedeutenden, marginalen Missverständnis – das Labor des
Krankenhauses meiner Heimatstadt hätte wohl unerfreulicherweise die
relevanten Blutröhrchen verwechselt (die einzige bescheidene Sanktion, die völlig
unzureichende Konsequenz auf diesen offensichtlichen Kunstfehler, denn das
mutmaßlich positive Ergebnis hätte zumindest noch einmal verifiziert gehört, war
die aktionistische Suspendierung der betreffenden Mitarbeiterin; obwohl meiner
Meinung nach der für die Untersuchung verantwortliche Arzt seinen Hut hätte
nehmen müssen). Doch zur persönlichen Absicherung solle ich mir doch noch für
ein Jahr monatlich das Blut auf das AIDS-Virus testen lassen, denn vielleicht habe
mich ja zufällig einer meiner verstorbenen Zimmergenossen angesteckt. Doch zu
meinem Glück blieb auch in Zukunft alles negativ (im wahrsten Sinne des
Wortes) – bis dato wurden bei mir schon über 40 HIV-Tests durchgeführt.

Was meine Eltern, meine damalige Freundin und ich während den
darauffolgenden Monaten durchleben mussten, ist mit Worten kaum zu
beschreiben – es war die oft zitierte Hölle auf Erden. Zum Glück war es damals
mit den öffentlichen Medien und dem üblen Investigativjournalismus noch nicht
so pervers und penetrant wie heute, doch in einer bayrischen Kleinstadt, einem
größeren Dorf in der Provinz mit etwas mehr als zehntausend Einwohnern,
veranstaltete die höchst unsensible, neugierige und attraktionslüsterne
Bevölkerung alleine schon eine penetrante Hexenjagd, denn schließlich wusste,
dank der Fama, die mit wehenden Fahnen in Windeseile und mit Feuereifer unter
das inquisitorisch veranlagte Volk gebracht wurde, jeder, aber wirklich jeder bis
hin zum letzten Dorfdeppen Bescheid, als ich aus der Münchner Klinik kam – und
letzten Endes war ich nun einmal das erste AIDS-Opfer in der näheren
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Umgebung, welch herrliche Sensation! Zuerst war es für mein persönliches


Umfeld ein Grauen, mich in der Klinik auf den offenbar nahen Tod warten zu
sehen (verständlicherweise inklusive einiger körperlicher wie auch geistiger
Zusammenbrüche; vermutlich hatten sie noch mehr seelische Probleme, da ich
aber nicht wirklich mit der Gabe der interpersonellen Empathie gesegnet bin,
wäre alles weitere nur inakkurate und unpräzise Spekulation), danach ging das
Grausen aber weiter, da keiner wirklich glaubte, dass ich nicht an AIDS erkrankt
war. Wir wurden gemieden wo es nur ging, man weigerte sich, uns die Hand zu
geben, und wenn mich die Leute in der Stadt kommen sahen, deuteten sie offen
und ohne Skrupel mit dem Finger auf mich und wechselten flugs die Straßenseite
– ich könnte sie ja mit meinem hochtoxischen Odem des Todes anatmen. Meine
ohnehin wenigen Bekanntschaften aus der Schule wurden noch weniger, da ihre
hypersensiblen, übervorsichtigen Eltern ihnen strikt jeden direkten Umgang mit
mir verboten; denn, wenn ich schon kein AIDS hatte, dann sicher irgendetwas
anderes infizierendes, tödliches, und wenn es nur giftige Läuse und Flöhe sind.
Schließlich steckt in jedem Gerücht ein Körnchen Wahrheit – und ich war ja auf
der Sterbestation in der Hauptstadt, da muss doch was gewesen sein! Und so
mutierte ich zur von allen gemiedenen Persona ingrata Nummer Eins in meiner
eigenen Heimatstadt – ein wahrlich elendes, scheußliches Gefühl. Es dauerte eine
kleine Ewigkeit, bis ich zumindest mein näheres soziales Umfeld (Schule etc.)
einigermaßen davon überzeugen konnte, dass ich weder schwul, krank noch
ansteckend sei (zumindest mit dieser speziellen Unpässlichkeit), und dass ich
nicht hic et nunc tot umfallen würde (obwohl das manche sicher gern gesehen
hätten – ein wandelnder Problemfall weniger). Dies war auch die Zeit meiner
ersten zaghaften Suizidversuche, die, wie man wohl merkt, allesamt
fehlschlugen, nur einige der äußeren und inneren Narben sind bis heute
zurückgeblieben. Besser wurde die gesamte verfahrene Situation eigentlich erst
dann, als ich der perfiden Kleinstadt und ihren rechtschaffen kleingeistigen und
impertinenten Bürgern endgültig den Rücken kehrte und in die damals noch
geteilte Stadt Berlin dislozierte. Dort, fern der Heimat in meiner kleinen
anachoretischen Eremitage, absolvierte ich schließlich mit Erfolg das
Staatsexamen zur Erlaubnis der Führung des beruflichen Titels ‚Medizinischer
Präparator‘. Anschließend zog ich der Arbeit wegen nach München, der
bayrischen Metropole (– fast hätte ich ‚Nekropole‘ geschrieben –) an der Isar und
Regierungssitz Bayerns; ich habe meine mikrologische, aporetische Heimatstadt
seit nunmehr über fünfzehn Jahren nicht mehr richtig gesehen, höchstens noch
dann und wann für einen ausnehmend seltenen ein- bis zweistündigen
Blitzbesuch zur Erledigung irgendwelcher amtlicher oder halbprivater
Formalitäten. Und wenn ich die Ergebnisse der massiven städtischen
Umbaumaßnahmen sehe, muss ich zugeben, dass ich mich dort einfach nicht
mehr zurechtfinde und alles ziemlich fremd und absolut nicht mehr heimatlich
auf mich wirkt; selbst mein Elternhaus, in dem ich mehr als zwanzig Jahre
wohnte, gibt es so nicht mehr, wie ich es in Erinnerung habe – und das alles nur
wegen einer einstmals im Laboratorium versehentlich verwechselten Blutprobe;
und wenn man schon den angeblich sicheren offiziellen Laborergebnissen nicht
vertrauen kann, wie dann den Ärzten und Doktoren allgemein?

Während meiner Studienzeit in Berlin West von 1987 bis 1988 konfrontierten
mich die dort ansässigen Medizinmänner mit der nächsten unglaublichen,
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niederschmetternden Fehldiagnose, denn auf einmal hatte ich TBC, eine


hochinfektiöse, offene Lungentuberkulose! Und das kam so: eines schönen
Morgen im Oktober – die Sonne schien, die Vögel zwitscherten – hustete ich beim
obligatorischen Zähneputzen ein wenig Blut aus. Ohne mir etwas böses dabei zu
denken, erzählte ich diesen kleinen, in meinen Augen relativ unbedeutenden,
nebensächlichen Zwischenfall vor der ersten Vorlesung meinem damaligen
Physiologiedozenten, doch das war, wie ich sofort bemerken sollte, ein
extraordinär großer Fehler – denn binnen einer Stunde war ich in Quarantäne und
eine weitere Stunde später wusste die gesamte Universitätsklinik bis hin zur
letzten Aushilfsputzfrau, dass ich todkrank, hochansteckend und absolut zu
meiden war. Meine – zu ihrem Glück weit entfernt weilenden – Eltern waren
diesen medizinisch inszenierten Zirkus mittlerweile einigermaßen gewohnt und
regten sich nicht weiter auf, vor allem auch, weil ich ihnen während des
informativen Telefongesprächs nur das unbedingt nötigste erzählte, doch ich
wartete wieder einmal auf meinen baldigen Tod – und irgendwie kam mir die
ganze phantasmagorische Situation seltsam bekannt, ja, geradezu vertraut vor,
ein lupenreines Déjà-vu-Erlebnis. Während der weiteren Untersuchungen wurde
als Zufallsdiagnose noch ein manifester Morbus Crohn verifiziert, doch in Sachen
TBC waren alle zur Verfügung gestandenen und durchgeführten Tests (Röntgen,
Blutuntersuchungen, Bronchoskopien inklusive diverser Biopsien etc.) negativ
ausgefallen, zum höchsten Erstaunen – und einigem Unmut – der versammelten
Fakultät. Schließlich konnte der mysteriöse Fall doch noch zufriedenstellend (vor
allem für mich) gelöst und vollständig aufgeklärt werden: in meiner Nase bzw. in
einer Nebenhöhle saß ein einsamer Polyp, der in besagter Nacht wohl ein wenig
traurig vor sich hin blutete, das Blut lief mir in den Hals-Rachen-Raum, von wo ich
es am Morgen wieder heraus hustete – das war’s. Wie dem auch sei, für den Rest
dieses Semesters wurde ich von meinen mitfühlenden Dozenten und
verständnisvoll sensiblen Kommilitonen gemieden, wo sie nur konnten (um nicht
zu sagen: gemieden wie die Pest – das wäre näher an der trostlosen Realität),
denn, wie ich bereits weiter oben geschrieben habe: in jedem Gerücht steckt ein
Körnchen Wahrheit. Meine psychische Konstellation während dieses äußerst
bitteren, verwirrenden und in sich malignen Envenements kann man sich
sicherlich vorstellen (es wurde mal wieder höchste Zeit für einen zünftigen
Suizidversuch), so dass ich sie aus hoffentlich verständlichen Gründen nicht
weiter und ausführlicher darlegen möchte.

Das nächste deprimierende, skandalöse Erlebnis mit der ärztlichen Gilde ließ
nicht lange auf sich warten – es geschah anno 1990, knappe zwei Jahre nach
meiner Pseudotuberkulose, und war eine weitere katastrophale, äußerst
schmerzhafte und zudem höchst lebensbedrohliche Fehldiagnose. Im Sommer, es
war etwa Ende Juli, Anfang August, begann urplötzlich und ohne Vorankündigung
mein linkes Bein an, auf grausame, unmenschliche Art und Weise zu schmerzen,
es wurde feuerrot und schwoll bis auf fast den doppelten Normalumfang an; es
passte kaum mehr in eine Hose, doch auch die reine, leichteste Berührung des
Stoffes auf der Haut ließ mich vor Qualen schreien, aber in diesem jämmerlichen
Zustand konnte ich ohnehin nicht mehr gehen. Für meinen Hausarzt, ja, der von
vorhin, war die Sache sonnenklar; es wäre eine simple Muskelentzündung,
konstatierte er voller Elan und Überzeugung, und verschrieb mir als Therapie der
Wahl zwölf Lymphdrainagen und zwei Krücken. Um es vorauszuschicken: dieses
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war das letzte Mal in meinem Leben, dass ich einem Mediziner vertraute – es soll
nie wieder vorkommen! Doch weiter im Text: nach etwa zwei Monaten wurden
die Verhältnisse ganz langsam besser, zumindest konnte ich einigermaßen mit
den Gehhilfen laufen, wenn auch keine längeren Strecken, und die Schwellung
ging gleichfalls ein wenig zurück. Nachdem aber schließlich ein halbes Jahr ohne
deutliche Besserung verstrich, kam der Arzt endlich auf die glorreiche Idee, mich
zu jemandem zu überweisen, der sich vielleicht etwas besser damit auskennt. Als
ich dann bei diesem Kollegen vorstellig wurde und ihm die ganze tragische
Misere berichtete, warf er einen kurzen, prüfenden Blick auf das Bein, schlug
entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen, wies mich umgehend in ein
Krankenhaus ein und meinte zu mir, dass ich unendlich froh sein könne,
überhaupt noch zu leben oder mein Bein noch zu haben; die demoralisierende
Diagnose: tiefe Bein- und Beckenvenenthrombose mit einem frei flottierenden
Thrombus im oberen Bereich; d.h. wenn die weiland verschriebene
Lymphdrainage nur eine kleine Nuance fester angewandt worden wäre, hätte
sich das lockere Teil mit Sicherheit gelöst und wäre entweder ins Herz, in die
Lunge oder ins Gehirn geschossen, und hätte so eine massive, hundertprozentig
letale Embolie ausgelöst! Auch hätte das betroffene Bein wegen des anfangs
akuten und dann permanenten, chronifizierten Sauerstoffmangels nekrotisieren
und letztendlich amputiert werden können! Die durchgängig heftigen Schmerzen
entstanden u.a. durch die mechanische Weitung der Blutgefäße bei der Bildung
sogenannter Umgehungskreisläufe, dem körpereigenen Versuch, die erkrankte
Extremität ausreichend mit Blut und dem damit verbundenen Sauerstoff zu
versorgen, und dieses auch wieder vollständig zurück in Richtung Herz zu
transportieren. Und wieder einmal war ich an einem psychischen Endpunkt
angelangt, der mich über Monate hinweg von meinem ‚normalen‘ Leben
ausschloss. Natürlich konnte man mir bei der schweren Thrombose nicht mehr
helfen, da sie eindeutig ein halbes Jahr zu spät diagnostiziert wurde, und so
bekam ich ein postthrombotisches Syndrom (PTS), ein hochpotentes Cumarin-
Derivat zur Blutverdünnung und einen unbequemen Gummistrumpf, einen
prophylaktischen Kompressionsstrumpf, auf das ich künftig keine Thrombose
mehr bekäme, zumindest nicht in diesem ohnehin schon lädierten Bein…

Die nun folgenden Jahre, wie sollte es auch anders sein, wenn man die
dramatische und indignierende Vorgeschichte betrachtet, verliefen ähnlich
desolat und trostlos wie die vielen vorangegangenen, wenn ich so allgemein an
meine freiwilligen wie unfreiwilligen Begegnungen mit Ärzten oder ähnlich
weißgekleideten Personen zurückdenke. Die nächste kolossale Fehldiagnose ließ
dann auch nicht lange auf sich warten – genauer gesagt, nur etwa vier Jahre –,
kam von einer angeblich renommierten Universitätsklinik und lautete diesmal auf
systemischen Lupus erythematodes, i.e. eine sogenannte Autoimmunerkrankung,
eine Kollagenose aus dem rheumatoiden Formenkreis, von dem die
dithyrambisch motivierten Doktoren diesmal so hellauf begeistert und grenzenlos
überzeugt waren, dass ich mich sogar einigermaßen zuversichtlich auf einen
Rechtsstreit auf Anerkennung einer Behinderung gegen den Freistaat Bayern vor
dem Sozialgericht einließ. Eigentlich hätte ich es ja aufgrund meiner bisherigen
Erfahrungen besser wissen müssen – denn als es dann ernst wurde und an
meinen ach! so stringent enthusiasmierten Ärzten war, mir ein wenig
wohlwollend und unterstützend zur Seite zu stehen, zogen sie sich mit diversen
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menschlich fragwürdigen und fachlich fadenscheinigen Argumenten aus dem


laufenden Verfahren, dem gesamten gerichtlichen Vorgang zurück; es wäre wohl
alles nicht so gemeint gewesen wie es jetzt offiziell präsentiert werde, außerdem
bestehe ja nur ein dringender Verdacht auf, so hätten sie es nie gesagt, wir sind
noch in der abschließenden Untersuchungsphase, tatsächlich verifiziert sei noch
gar nichts, Blablabla (und ähnlich deprimierendes, intrigantes und überflüssiges
Geseiere mehr). Und so stand ich wieder einmal völlig allein im Regen
(metaphorisch gesprochen) und von allen guten und bösen Geistern verlassen
(ebenfalls metaphorisch gemeint). Dass ich mich in dem unangemessen
hochgelobten Krankenhaus bei diesen rückgratlosen Quacksalbern und
hinterhältigen Scharlatanen nie wieder blicken ließ, versteht sich wohl von selbst,
und von einem etwaigen systemischen Lupus erythematodes hat seither kein
Mensch oder Mediziner mehr gesprochen – und wieder einmal eine enigmatische,
spontane Selbst- bzw. Wunderheilung; ich bin eben ein medizinisches Rätsel.

Um nun die unglaublich abenteuerlichen und seelisch äußerst belastenden


Geschehnisse noch einmal retrospektiv klar und deutlich zu explizieren: die bis
hierher in diesem Kapitel Meine Ärzte deskribierten unfassbaren Ereignisse aus
meinem maroden, gesundheitlich ziemlich angeschlagenen Leben repräsentieren
nur einige rudimentäre Fragmente, einen absolut minimalen Teil meiner im
Prinzip permanent negativen und zutiefst deprimierenden Erfahrungen mit
Krankheiten, Kliniken und Doktoren (wobei so mancher Doktor selbst auch eine
Krankheit ist; nicht umsonst wird so manche Erkrankung nach einem Mediziner
benannt, z.B. Morbus Bechterew); diese empörende Kollektion des kalten
Grauens, dieses haarsträubende Sammelsurium der evident lebensbedrohlichen
Fehldiagnosen und unerhört skandalösen Kunstfehler illustriert sozusagen nur die
horrende Spitze eines gigantischen Eisbergs. Auf die kleineren Debakel,
Katastrophen und Desaster der heilkundlichen Disziplin, die man mir über die
verstrichenen Jahrzehnte hinweg angedeihen ließ, bin ich also bis dato noch gar
nicht weiter bzw. tiefgreifender eingegangen und werde es auch nicht mehr tun,
denn es würde diesen – ursprünglich als kleine anamnestische Autobiographie
gedachten – Text zu einem tragischen, riesigen, übermütig detailreichen und
zumindest mehrbändigen Mammutprojekt aufblähen, welches sicherlich auch
einige straf- oder zivilrechtliche Prozesse nach sich zöge, die ich aber auf diese
anonymisierende, andeutende Art und Weise zu verhindern suche. Immerhin
lässt sich aus dem bisher Niedergelegten wieder einmal eindeutig und
offensichtlich erkennen, dass die hochgelobte medizinische Disziplin mitnichten
eine definitive, apodiktische Wissenschaft verkörpert, eher ein mehr oder
weniger halbblindes Suchen und Stochern in Myriaden von bekannten und
unbekannten Krankheiten, die dann letztlich meist wieder auf die gute, alte,
relativ bewährte Ausschlussdiagnostik zurückgreift. Auf alle Fälle hatte ich nach
der letzten himmelschreienden Geschichte erst einmal mehr als genug von
alledem und verweigerte in der darauffolgenden Zeit bewusst und vehement
jegliche medizinische Intervention in mein gesundheitlich angeschlagenes Leben
– bis es dann im weiteren Verlauf der ersten Jahre des neuen Millenniums
schließlich nicht mehr gefahrlos durchzuführen war und das Ganze in einem
kompletten, alles tangierenden psychischen und physischen Zusammenbruch
endete, ich also ungebremst in eine vollumfängliche Dekompensation stürzte.
Alles, was danach mit mir geschah und immer noch geschieht, gehört zum
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aktuellen Krankheitsbild und wurde bereits ausführlich im Rest dieser


Niederschrift präsentiert und präzisiert.

An dieser dafür prädestinierten Stelle möchte ich noch einmal ein wenig genauer
auf jene anthropomorphen Kreaturen eingehen, die trotz allgemeiner fachlicher
Unwissenheit und offensichtlicher humaner Defizite die aberwitzige Frechheit
besitzen und völlig unverfroren ein euphemistisches ‚Dr.med.‘ vor ihren Namen
auf das Türschild setzen, sich aber ihren bedauernswerten Patienten gegenüber
so geben und benehmen, als hätten sie dieses akademische Prädikat irgendwo
auf dem Schwarzmarkt gekauft oder in einer Tombola gewonnen – sozusagen ein
echter Titel ohne wahren Wert. Es sind dies die Ärzte, die einen Kranken
frohgemut und ohne weiter nachzudenken als psychotischen Hypochonder
und/oder als arbeitsscheuen Simulanten hinstellen und beleidigen, nur weil sie
selbst keine Ahnung von der speziellen Krankheit des armen Betroffenen haben,
und ohne auch nur im Ansatz zu ahnen, was für menschliche Tragödien sie mit
solchen unbedachten Expressionen auslösen können; ich spreche da aus eigener
leidvoller Erfahrung. Manches Mal haben sie mit dieser devastierenden Diagnose
sicherlich recht, oftmals aber auch nicht, zum Leidwesen der Betroffenen, und
dementsprechend sollte bei solch unsicheren Aussagen immer, und zwar ohne
Ausnahme, eine zweite Meinung gehört werden, und wenn es sei muss, auch eine
dritte – kein Arzt kennt alle Erkrankungs- und Symptomformen. Auch der weiter
oben bereits erwähnte Satz: ‚Nun stellen Sie Sich mal nicht so wehleidig an,
anderen Menschen geht es viel schlechter als Ihnen.‘ beweist eine geradezu
himmelschreiende Missachtung des menschlichen Lebens und eine
unzulängliche, niveaulose, vulgäre Primitivität sondergleichen, denn es gibt
immer jemanden, dem es schlechter geht – außer Leichen, denen kann es
naturbedingt nicht mehr schlechter gehen. Diesen personifizierten Eisblöcken
fehlen fraglos diverse, unbedingt benötigte Eigenschaften und positive
Qualitäten, die einen wirklichen Arzt und Mediziner erst richtig ausmachen und
die er zur beidseitig zufriedenstellenden Berufsausübung notwendigerweise
besitzen muss; hier nur die wichtigsten:

• Respekt: Dies ist der erste und wichtigste Punkt in dieser kleinen Liste.
Ohne aktiven, wirklichen Respekt verliert der Arzt den Draht, die
menschliche Verbindung zu seinen Patienten. Bei vielen Medizinern musste
ich leidvoll miterleben, wie die Menschen, die ihrerseits höchst respektvoll
und voller Vertrauen in die moderne Medizin und deren offizielle Vertreter
ihre kostbare Gesundheit, ja, ihr einzigartiges Leben in ärztliche Hände
legten, von diesen arrogant und menschlich unaufmerksam fast
ausschließlich als Arbeits-, Versuchs- und Testmaterial behandelt und wie
seelenlose Objekte be- und ausgenutzt wurden; es gibt ihrer ja so viele,
und wenn die diskutierte Therapie nicht anschlägt und einer wegstirbt,
kommt ohnehin gleich der nächste – außerdem kann man die Leiche, den
Kadaver, immer noch als Obduktions- und Anschauungsmaterial an der
Universität, beispielsweise im Präparationskurs, verwenden; so ist er
wenigstens nicht umsonst gestorben…

• Aufmerksamkeit: Es wäre sicherlich von großem Nutzen, wenn Ärzte ihren


Patienten auch wirklich und mit konsequenter Aufmerksamkeit zuhören

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würden, und zwar nicht nur dem, was sie sagen, sondern auch dem, was
sie nicht sagen; damit ließen sich mit Sicherheit viele Missverständnisse,
Fehldiagnosen und falsche Therapien a priori vermeiden. Denn die
grundsätzliche Problematik ist hier, dass fast alle Kranken in jeder
Beziehung medizinische Laien sind, die manches Mal (um nicht zu sagen:
meistens bis immer) nicht einmal wissen, was sie eigentlich haben, wo es
genau schmerzt, wie es sich anfühlt und vor allem, wie sie es
einigermaßen verständlich beschreiben und kundtun sollen.
Bedauerlicherweise herrscht mittlerweile auch bei den Medizinern akuter
Zeitmangel, und so kommt es eben des Öfteren vor, dass aufgrund dieses
Aufmerksamkeitsdefizits einige Patienten fehlerhaft diagnostiziert und
therapiert werden – mit anderen Worten: dass sie nach dem Arztbesuch
kränker sind als vorher…

• Ehrlichkeit: Ein wenig zurückhaltende, aber trotzdem offenherzige


Ehrlichkeit würde manchem Mediziner auch gut zu Gesichte stehen, was
aber nicht gleich heißt, dass er bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine
persönliche Meinung ausposaunen soll – schließlich gibt es einen
immensen Unterschied zwischen objektiver Wahrheit und subjektiver
Betrachtungsweise. Bevor also ein ohnehin phobischer und labiler Patient
überstürzt und unbedacht mit irgendwelchen todbringenden Diagnosen
konfrontiert wird, sollte man sie erst ausreichend und u.U. sogar mehrfach
(soll heißen, mit unterschiedlichen Verfahrensweisen) verifizieren, sonst
springt der fälschlich Todgeweihte vielleicht umsonst aus dem Fenster.
Ebenso verhält es sich mit der pseudodiagnostischen Verbalinjurie
‚Simulant‘ bzw. ‚Hypochonder‘, denn nur weil Arzt A keine Erkrankung
feststellt, heißt das noch lange nicht, dass nicht Arzt B doch eine findet;
denn niemand, auch kein Doktor, ist infallibel…

• Freundlichkeit: Ich denke, zu diesem letzten Passus in dieser kurzen


Enumeration muss ich nicht allzu viel erklären – ich hoffe es zumindest
inständig; es sollte eigentlich eine nicht erwähnenswerte
Selbstverständlich sein, dass ein wenig bilaterale Freundlichkeit im
sozialen interpersonellen Umgang einfach mit dazugehört. Das ich dieses
aber extra aufführen muss, zeugt davon, dass sie im Allgemeinen leider
nicht am normalen zwischenmenschlichen Modus in der Praxis oder im
Krankenhaus, also dem existentiellen, höchst relevanten Arzt-Patient-
Verhältnis, partizipiert.

Es sind dies alles Punkte der im Prinzip allseits bekannten Humanität, die jeder
Mediziner noch aus der Studienzeit, der Famulatur etc. weiß, nur werfen viele im
Laufe der berufstätigen Jahre ihre einstmals guten Vorsätze über Bord, stumpfen
seelisch ab oder brennen innerlich aus. Einige bräuchten mit Sicherheit selbst
eine psychotherapeutische Behandlung und medizinische Therapie, nur sind sie
sich selbst gegenüber nicht ehrlich genug, um sich das auch einzugestehen. Ein
kranker Arzt – ein Paradoxon, das nicht sein darf. Also werden sie zynisch und
nihilistisch und lassen ihre privaten Probleme an den Patienten aus, die letzten
Endes aber auch nichts dafür können.

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Was ich zum Schluss dieses Kapitels, in dem unsere einheimischen Mediziner
nicht wirklich positiv charakterisiert wurden (wobei sie die ganze blamable
Kalamität, diese fatale, extraordinär peinliche Malaise, wie gesehen bzw. gelesen,
ungewöhnlich intensiv und sua sponte selbst provoziert und somit auch einzig
und allein sich selbst zuzuschreiben haben – außerdem deskribierte ich auch nur
jene insuffizienten Doktoren, mit denen ich persönlich das exklusive
Missvergnügen hatte, ihnen zu begegnen und mich von ihnen untersuchen und
so etwas ähnliches wie behandeln (‚therapieren‘ wäre hier wohl die faktisch
falsche, übertrieben euphemistische Expression) lassen zu müssen; es gibt sicher
noch andere, qualifiziertere, doch je länger ich nach diesen suche, desto öfter
stelle ich frustriert und demoralisiert fest: ein wirklich fachlich versierter und
menschlich kompetenter Doktor ist ohne Frage ein rara avis, sozusagen), doch
noch anmerken möchte: Ärzte, die tatsächlich so mutig sind, ehrlich zuzugeben,
dass sie bei einem speziellen Krankheitsfall keine Ahnung und dementsprechend
auch keine passende Diagnose anzubieten haben, sind mir tausendmal lieber als
solche, die mir irgendeine Diagnose aufstempeln und als gesichert aufschwatzen
wollen, obwohl sie ebenfalls keine Ahnung haben; denn jeder mehr oder weniger
interpretationsfähige ‚Verdacht auf‘ bleibt auch ein solcher, bis er in toto
verifiziert werden kann oder eben nicht. Doch für viele unserer Doktoren geht es
wohl gegen ihren akademischen Ehrenkodex und/oder ihren intellektuellen Stolz,
eine potentielle Unwissenheit offiziell zu konzedieren und zu akzeptieren –
Schade.

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Nachwort
Die realen Namen der vielen Ärzte und Therapeuten, die – aus wohlüberlegtem
Selbstschutz (und ein wenig Paranoia) durch mich anonymisiert – in dieser
schwarzen Tragödie meines schmerzerfüllten Lebens mitspielen, sind mir zumeist
noch einigermaßen geläufig, viele sind aber auch bereits seit langem dem tiefen,
endgültigen Vergessen anheimgefallen oder wurden schon kurz nach Abschluss
der traurigen Begegnung mit ihren Trägern erfolgreich verdrängt. Auch manche
Kliniken und anderweitige Institutionen sind mir mittlerweile entfallen, sowohl
ihre explizite Bezeichnung als auch ihre geographische Lokalität; doch wenn es
tatsächlich sein müsste, denke ich, könnte man sie immer noch qua intensiver
investigativer Recherche eruieren, da die gesammelten medizinischen Befunde
bei meinen jetzigen oder ehemaligen Hausärzten, bzw. deren Nachfolgern
vermutlich noch zu finden sind. Doch ich glaube, die meisten dieser laienhaften
Akteure dürften tief in ihrem Inneren froh sein, wenn man sich, ob ihrer
dilettantischen Arbeitsweise und stümperhaften Quacksalberei, ihrer nicht
erinnert. Der eben erwähnte Selbstschutz bezieht sich darauf, dass ich, da ich
meine persönliche, durch viele selbst erlittene Begebenheiten solide fundierte
Meinung über manche der hier vorgestellten Personen recht offenherzig,
teilweise auch ziemlich drastisch und mit plakativen Expressionen zum Ausdruck
brachte, keine Klagen hören und mich auch keinen Klagen ausgesetzt sehen
möchte. Die Ärzte und Therapeuten, die ich in meinem Manuskript mit partiell
negativen, eventuell auch leicht insultierenden Worten bedachte, erkennen sich,
obwohl ich weder ihre Namen noch ihre Praxisadressen preisgab (höchstens noch
die Stadt ihres suspekten Wirkens), vielleicht wieder – aber wenn sie sich
tatsächlich und hundertprozentig wiedererkennen sollten, beweist das doch nur
klar und eindeutig, dass ich mit meinen schriftgewordenen Deskriptionen recht
hatte bzw. habe; aber zur Einleitung rechtlicher Schritte gegen mich oder meinen
Text (z.B. zur Erwirkung einer einstweiligen Verfügung gegen die Publizierung
meines Buches) sollte es in meinen Augen nicht ausreichen, denn die medizinisch
akademisierten Attentäter sind zwar persönlich gemeint, aber nicht persönlich
genannt worden.

All das, was ich hier niedergelegt habe, ist praktisch nur ein Resümee, ein
Syllabus meines bisherigen Lebens und eine determinierte Momentaufnahme aus
dem Sommer des Jahres 2009, d.h. das tragische Ende des bereits etliche
Dezennien andauernden Trauerspiels ist mit Abschluss dieser kleinen
Elukubration noch längst nicht erreicht. Je nachdem, was dereinst noch alles
geschieht und wie lange ich noch auf Erden weile, noch weilen möchte, gibt es
vielleicht irgendwann noch einen zweiten Teil; und danach? – eventuell schreibe
ich damit ja meinen eigenen Nachruf (mit dem ihm eigenen bitteren
Nachgeschmack einer chronisch kranken Existenz), der dann erst postum
publiziert wird; wer weiß denn schon, was die Zukunft, wenn es denn eine gibt, so
alles mit sich bringt?

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Danksagung
Diese kleine Niederschrift widme ich meiner geliebten Frau S., die mir mit ihrer
gefühlvollen Zuneigung und dem größtmöglichen Verständnis seit vielen Jahren
schon protegierend zur Seite steht; ohne sie wären diese autobiographischen
Texte auf sehr reale und drastische Weise wohl nie geschrieben worden. Sie hat
mir zu meinem Glück immer hilfreich beigestanden, obwohl ich bereits seit
längerem diese – hier deskribierten – unangenehmen, teilweise schwer
verständlichen physischen und psychischen Leiden habe, die fatalerweise zudem
eine unerquickliche, prekäre Progredienz ihr unseliges Eigen nennen. Sie half mir
durch dunkle, schmerzhafte Tage, an denen ich mich nicht einmal selbständig
ankleiden konnte, geschweige denn laufen oder auch nur eine Flasche öffnen.
Auch während der schwarzen, trostlosen Zeiten meiner depressiven Episoden
war und ist sie mittlerweile ein unentbehrlich gewordener, ungemein
konstruktiver und außerordentlich stabilisierender Faktor meines ansonsten
tristen Bestehens. Das persönliche Zusammensein, das tägliche Leben mit mir ist
nicht einfach geworden, vor allem, wenn ich wieder einmal Nächtens recht
lärmintensiv schlafwandele oder gar unglücklich stürze und um Hilfe rufen muss.
Nicht selten war sie gezwungen, bei nachtschlafender Zeit aufzustehen und mir
wieder auf die Beine zu helfen, ab und zu kommt sie sogar nicht umhin, mich und
meine Wunden ärztlich sowie pflegerisch zu versorgen, obwohl sie selbst zur
Arbeit geht und bei Schichtdienst um fünf Uhr früh antreten muss. Sie ist die
unschätzbare, unersetzliche Stütze meines morbid-maroden Daseins, und ich
weiß nicht einmal ansatzweise, wie und ob ich ihr das jemals zurückgeben oder
angemessen honorieren kann. Ihr danke ich aus vollstem Herzen.

Ich bedanke mich recht vielmals und auf das denkbar herzlichste bei Frau G.W.,
deren höchst saturierende Bekanntschaft ich während eines (für mich ansonsten
ziemlich trost-, reiz- und erfolglos gebliebenen) Krankenhausaufenthalts in einer
nahe des Chiemsees gelegenen psychosomatischen Klinik machen durfte. Bei ihr
fühle ich mich in besonderem Maße verstanden und geborgen, außerdem
empfinde ich eine tiefe, angenehme Seelenverwandtschaft, die ich bereits mein
ganzes Leben suchte, und die sich beispielsweise auf unseren partiell relativ
ähnlich gelagerten psychischen Indispositionen gründet (aber nicht nur). Mit ihr
gründete ich auf privater Basis eine kleine, aber höchst erfolgversprechende und
positiv aufbauende (natürlich unmoderierte) Selbsthilfegruppe, da wir der
grundlegenden Meinung sind, dass wir uns aufgrund unserer mehr oder weniger
vergleichbaren Erlebnisse und Erfahrungen besser verstehen und eventuell auch
besser helfen und unterstützen können als jeder noch so versierte externe
Therapeut, der im Prinzip noch nie solch tiefgreifende und lebensverändernde
Erfahrungen durchmachen musste, sondern sich nur aus einigen diesbezüglichen
Fachbüchern und über Patientenerzählungen darüber informieren konnte. Einige
spezielle Redewendungen und sozietären Konstellationen im vorliegenden Text
habe ich direkt aus unseren therapeutischen Zwiegesprächen übernommen, da
ich sie alleine nicht treffender hätte formulieren können. Ich glaube, Du wirst sie
erkennen…

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Vielen Dank!

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Anhang
Meine Diagnosen
1. Chronisches Schmerzsyndrom
2. Antiphospholipidsyndrom (APL; auch APS, seltener Hughes-Syndrom)
3. Raynaudsyndrom
4. Morbus Crohn, incl. Reizdarm
5. Primärbiliäre Leberzirrhose (PBC) bei [4.]
6. Tiefe Beinvenenthrombose links bei [2.]
7. Postthrombotisches Syndrom (PTS) bei [6.]
8. Alopecia areata
9. Lymphadenopathie
10.Rezidivierende Abszesse (Achseln, Kniegelenke, Leiste) bei [2.]
11.Chronische Gehörgangsekzeme bei [2.]
12.Pruritus
13.Migräne
14.Mittelgradige depressive Episoden
15.Dysthymia
16.Schizoide Persönlichkeitsstörung
17.Dissoziative Bewegungsstörung
18.Zwangshandlungen bei [14.]
19.Schlafstörungen bei [14.]:
a. Ein- und Durchschlafstörungen
b. Vorzeitiges Erwachen incl. Pavor nocturnus
c. Albträume
d. Somnambulismus, z.T. mit Selbstgefährdung
20.Dissoziative Störungen wie
a. Depersonalisation
b. Derealisation
21.Parästhesien der unteren Extremitäten
22.Taubheit beider Großzehen
23.V.a. Chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS)
Stand: II. Quartal 2009

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Literatur

Cioran, E.M.: Lehre vom Zerfall; Stuttgart 1978

Deleuze, Gilles/Guattari, Fèlix: Anti-Ödipus, Kapitalismus und Schizophrenie I;


Frankfurt/Main 1977
Deleuze, Gilles/Guattari, Fèlix: Tausend Plateaus, Kapitalismus und Schizophrenie
II; Berlin 2005

Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft, Eine Geschichte des Wahns im


Zeitalter der Vernunft; Frankfurt/Main 1973

Indiana Jones – Jäger des verlorenen Schatzes, USA 1981, Regie: Steven
Spielberg
Indiana Jones und der Tempel des Todes, USA 1984, Regie: Steven Spielberg
Indiana Jones und der letzte Kreuzzug, USA 1989, Regie: Steven Spielberg

Serres, Michel: Der Parasit; Frankfurt/Main 1987

Spreewinkl ,Kain L. von: Gedanken zur Todesstrafe, Eine Gesellschaftskritik;


Hamburg 2006
Spreewinkl ,Kain L. von: Gedankensplitter, Aphorismen und Fragmente; Hamburg
2006
Spreewinkl, Kain L. von: An manchen Tagen…; unveröffentlicht

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Mein Abschlussstatement

Leave me alone!

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