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Homer

Odyssee

Entnommen aus Homer: Werke in zwei Bänden. Aus dem Griechischen übersetzt von Dietrich Ebener. 2. Auflage. Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag, 1976.

Erster Gesang

Wie die Götter beschlossen, Odysseus die Heimfahrt zu ermöglichen, und Telemachos von Athene ermutigt wurde, Nachforschungen über den Verbleib seines Vaters anzustellen

Singe mir, Muse, das Lied von dem listigen Helden, der weithin schweifte, nachdem er die heilige Festung von Troja vernichtet! Städte und Denkart zahlreicher Menschen lernte er kennen, mußte auf See gar mancherlei bitteres Leid überwinden, um sein Leben bemüht und die glückliche Heimkehr der Freunde. Aber er rettete nicht die Gefährten, trotz emsigen Strebens; jagte sie doch ihr eigener Frevel hinein ins Verderben, sie, die aus Dummheit die Rinder des Gottes der Höhe verzehrten; dafür zur Sühne vereitelte Helios ihnen die Rückkehr. Davon beginne, du Tochter des Zeus, auch uns zu erzählen!

Sämtliche übrigen Helden, die dem Unglück entrannen, weilten daheim schon, enthoben den Nöten des Kriegs und des Meeres. Lediglich ihn, der innig sich sehnte nach Heimat und Gattin, hielt die erhabene Gottheit, die mächtige Nymphe Kalypso, fest in gewölbter Grotte; sie wollte zum Manne ihn haben. Auch als der Zeitpunkt herangenaht war im Kreislauf der Jahre, da ihm die Götter die Heimfahrt nach Ithaka festgesetzt hatten, fand er sich dennoch nicht ledig der Leiden, obwohl er schon weilte unter den Seinen. Mitleid erwiesen die Götter ihm alle, außer Poseidon; der grollte dem göttlichen Helden Odysseus unablässig, so lange, bis er die Heimat erreichte.

Doch er besuchte gerade die Aithiopen, den Volksstamm, der, in zwei Gruppen geteilt, an den Enden der Welt wohnt, der eine dort, wo die Sonne versinkt, und der andere dort, wo sie aufgeht. Üppige Opfer wollte der Gott bei ihnen empfangen, saß dort und speiste mit vollem Behagen. Die übrigen Götter waren im Haus des olympischen Herrschers alle versammelt. Unter ihnen begann der Vater der Menschen und Götter - weil er soeben des trefflichen Fürsten Aigisthos gedachte, den der Sohn Agamemnons erschlug, der berühmte Orestes -, sagte, im Bann der Erinnerung, zu den Unsterblichen: »Seltsam, welcherlei Vorwürfe richten die Sterblichen gegen die Götter!

Schuld an dem Unglück geben sie uns, doch ziehen durch eignen Frevel sie Leiden sich zu, entgegen dem Willen des Schicksals! Derart nahm auch Aigisthos die Frau Agamemnons zum Weibe, wider das Schicksal, den Gatten erschlug er nach glücklicher Heimkehr! Dabei war ihm sein Unglück bekannt, wir hatten ermahnt ihn vorher, durch Hermes, den spähenden Töter des Argos, er solle ja nicht ermorden den Mann und ja nicht freien die Gattin; denn dem Atriden werde Orestes als Rächer erstehen, wuchs er heran und trieb ihn die Sehnsucht zur Fahrt in die Heimat. So sprach Hermes, doch konnte er, trotz der löblichen Absicht, nicht den Aigisthos bewegen; der büßte jetzt alles auf einmal.«

Ihm gab Antwort die helläugig blickende Göttin Athene:

»Sprößling des Kronos, unser Vater, erhabenster Herrscher, freilich, Aigisthos verfiel der gebührenden Strafe; genauso möge ein jeder sterben, der solch ein Verbrechen verübte! Aber mir nagt am Herzen die Not des klugen Odysseus, der schon so lange, ferne den Lieben, Unglück erduldet auf der von Fluten umbrandeten Insel, mitten im Meere. Bäume beschatten die Insel; ein göttliches Wesen bewohnt sie, Tochter des höchst verständigen Atlas, der völlig sich auskennt in den Tiefen des Meeres, auch stützt die riesigen Säulen, die voneinander trennen Erdkreis und Himmelsgewölbe. Festhält dessen Tochter den armen, den klagenden Helden, sucht zu bewegen ihn immer aufs neue mit zärtlichem Schmeicheln, Ithaka ganz zu vergessen. Doch möchte Odysseus nur einmal noch von den Häusern der Heimat den Rauch emporsteigen sehen, darauf den Tod erleiden. Spendet ihm, Herr des Olympos, keinerlei Mitleid dein gütiges Herz? Hat etwa Odysseus nicht bei den Schiffen der Griechen im weiten Troja durch Opfer reich dich erquickt? Was zürnst du dem Helden so grimmig, Kronide?«

Zeus, der wolkenballende Vater, gab ihr zur Antwort:

»Welch ein Vorwurf entfloh, mein Kind, dem Geheg deiner Zähne! Wie denn - ich sollte den göttlichen Helden Odysseus vergessen, der vor den Menschen durch Klugheit sich auszeichnet, üppige Opfer auch den Göttern gebracht, die den weiten Himmel bewohnen? Nein, nur Poseidon, der Träger der Erde, zürnt ihm noch immer, um des Kyklopen willen, dem er das Augenlicht raubte, des Polyphemos, des göttlichen, der doch alle Kyklopen

weitaus an Kraft übertrifft; ihn gebar Thoosa, die Nymphe, Tochter des Phorkys, des Herrschers im ruhelos wogenden Meere, die in gewölbter Grotte sich einst mit Poseidon verbunden. Seitdem bedroht zwar der Gott, der die Erde erschüttert, Odysseus nicht mit dem Tode, doch läßt ihn umherirren, ferne der Heimat. Aber wir wollen uns jetzt gemeinsam beraten, auf welche Weise Odysseus heimkehren kann; es wird schon Poseidon seinem Zorne entsagen. Er kann doch nicht weiterhin streiten, er als der einzige, gegen den Willen sämtlicher Götter!«

Ihm gab Antwort die helläugig blickende Göttin Athene:

»Sprößling des Kronos, unser Vater, erhabenster Herrscher, wenn es demnach die seligen Götter beschlossen, dem klugen Helden Odysseus die Fahrt zurück in die Heimat zu gönnen, lasset uns Hermes sogleich, den geleitenden Töter des Argos, senden zur Insel Ogygia; mitteilen soll er aufs schnellste unseren festen Beschluß der Nymphe, der lockengeschmückten:

heimkehren muß der standhafte, mutige Dulder Odysseus! Ich will aber nach Ithaka eilen; den Sohn des Geprüften möchte ich heftiger spornen, ihm Mut und Tatkraft verleihen. Sammeln zum Rat soll er die haupthaarumwallten Achaier und den Freiern ihr Treiben verbieten, die blökende Schafe ständig ihm schlachten und krummgehörnte, trottende Rinder. Schicken will ich nach Sparta ihn dann und zum sandigen Pylos. Über die Heimfahrt des Vaters möge er Auskunft sich holen, selber dadurch bei den Sterblichen hohen Ruhm sich gewinnen.«

Derart sprach sie und band sich unter die Füße die schmucken, göttlichen, goldnen Sandalen; die pflegten auf Flügeln des Windes über das Wasser sie und die unendliche Erde zu tragen. Danach ergriff sie die ehern gespitzte, wuchtige, schwere, riesige Lanze, mit der sie im Kampfe die Reihen der Männer, denen sie zürnt, dahinstreckt, als Tochter des machtvollen Vaters. Eilend schwang sie sich nieder vom Haupte des hohen Olympos, trat auf der Insel Ithaka vor den Palast des Odysseus, an die Schwelle der Hoftür, den ehernen Speer in der Rechten, in der Gestalt des Gastfreunds, des Herrschers der Taphier, Mentes. Dort entdeckte sie gleich die übermütigen Freier. Diese vergnügten sich vor dem Tor des Palastes am Brettspiel, saßen dabei auf den Fellen der Rinder, die sie geschlachtet.

Herolde waren tätig für sie und emsige Diener; einige gossen in Krügen Wein und Wasser zusammen, andere wischten mit porigen Schwämmen die Tische und stellten richtig sie hin; auch schnitten das reichliche Fleisch sie in Scheiben.

Weitaus als erster erblickte den Gastfreund der wackere, göttlich schöne Telemachos. Traurig saß er im Kreise der Freier, hatte vor Augen das Bild des vortrefflichen Vaters und wünschte, heimkehren möge er und die Freier im Schlosse verscheuchen, ausüben wieder sein Recht und Herr sein im eigenen Hause. Daran dachte er unter den Freiern. Da sah er Athene, eilte sogleich ans Hoftor; es ärgerte ihn, daß ein Gastfreund lange am Tore verharren mußte. Er trat zu dem Fremden, drückte die Rechte ihm, nahm ihm ab die eherne Lanze und sprach freundlich zu ihm die im Fluge enteilenden Worte:

»Herzlich willkommen, Fremdling! Wir bieten dir Obdach. Sobald du dich an der Mahlzeit erquickt hast, sage uns, was du dir wünschest!«

Derart sprach er und ging voran; ihm folgte Athene. Als sie betreten hatten den Saal des hohen Palastes, lehnte Telemachos gleich den Speer an die ragende Säule, in den geglätteten Lanzenbehälter, wo außerdem viele Waffen des tapferen Dulders Odysseus aufbewahrt standen. Platz nehmen hieß er den Gast auf dem Sessel, auf kunstreichem, schönem linnenen Tuche; die Fußbank befand sich darunter. Er selber setzte sich neben den Gast, auf den farbig gezeichneten Lehnstuhl, fern von den Freiern; dem Fremden sollte im Kreise der Frevler nicht die Mahlzeit verleidet werden durch lautes Getümmel; Auskunft gedachte er auch zu erbitten über den Vater. Waschwasser brachte die Magd in prächtiger goldener Kanne, goß es zum Waschen über die Hände ins silberne Becken, setzte darauf vor den Gast und den Herrn die geglättete Tafel. Brot trug auf die achtbare Schaffnerin, setzte mit Freuden ihnen die Speisen reichlich hin vom vorhandenen Vorrat. Schüsseln mit vielerlei Fleischstücken brachte herbei der Zerleger von der Fleischbank und stellte vor beide die goldenen Becher. Immer aufs neue versorgte mit Wein sie geschäftig der Herold.

Nunmehr betraten den Saal die übermütigen Freier, nahmen in Reihen Platz auf den Lehnstühlen und auf den Sesseln.

Waschwasser gossen Herolde ihnen über die Hände, Mägde setzten das Brot, in den Körben gehäuft, auf die Tische. Voll bis zum Rande gossen die jungen Leute die Krüge. Wacker sprachen sie zu den dargebotenen Speisen. Aber sobald sie den ersten Durst gestillt und den Hunger, waren die Freier noch weiter bedacht auf Zerstreuung, auf Spielen, Singen und Tanzen; denn darin besteht die Würze der Mahlzeit. Und der Herold reichte die prächtige Harfe dem Sänger Phemios, der vor den Freiern zu singen pflegte, gezwungen. Kräftig schlug er die Saiten und stimmte ein herrliches Lied an. Aber Telemachos neigte sich dicht zu Athene hinüber - sollten ihn doch die anderen ja nicht verstehen - und sagte:

»Wirst du mir, lieber Gastfreund, ein offenes Wort nicht verübeln? Die dort können sich sorglos ergötzen am Spielen und Singen; ohne Ersatz zu leisten, verprassen sie fremdes Vermögen, während das weiße Gebein des Besitzers vielleicht schon im Regen fault an entlegener Küste oder im Meere dahintreibt. Sähen sie meinen Vater nach Ithaka heimkehren, würden allesamt lieber sie hurtige Füße zum Laufen sich wünschen als die reichsten Schätze an Gold und teuren Gewändern! Aber jetzt hat er so elend sein Schicksal erfüllt, und wir brauchen nicht mehr zu hoffen, mag manchmal ein Fremder auch sagen, er werde heimkehren - ach, die Heimkehr ward ihm auf immer zunichte! Aber wohlan denn, sprich und erteile untrüglich mir Auskunft:

Was für ein Landsmann bist du? Wo hast du Heimat und Eltern? Welch ein Schiff beförderte dich? Wie brachten die Schiffer dich nach Ithaka? Welcher Herkunft rühmen sich diese? Schwerlich bist du zu Fuß auf unsere Insel gepilgert! Sag mir auch wahrheitsgemäß, ich möchte genau es erfahren:

Kamst du zum ersten Male? Bist du ein Gastfreund des Vaters? Pflegten doch zahlreiche Männer unser Haus zu besuchen, da auch Odysseus den freundlichen Umgang mit anderen liebte.«

Ihm gab Antwort die helläugig blickende Göttin Athene:

»All das will ich dir unumwunden berichten. Ich nenne stolz als Vater den klugen Anchialos, trage den Namen Mentes und herrsche über die Taphier, die Freunde der Ruder. Heute gelangte ich hierher, zu Schiff, mit Gefährten. Ich fahre über das funkelnde Meer, zu Menschen anderer Zunge, bis nach Temesa, um Kupfer zu kaufen für glänzendes Eisen.

Außerhalb, ferne der Stadt, liegt hier mein Schiff vor der Küste, in der Reithronbucht, am Fuß des bewaldeten Neion. Gastfreunde rühmen wir uns zu sein, seit jeher, den Zeiten unserer Väter - falls du den greisen Helden Laërtes aufsuchen wolltest und fragen; er kommt ja nicht länger, erzählt man, her in die Stadt, nein, quält sich fern auf dem Lande, von einer alten Magd nur betreut, die Essen und Trinken ihm vorsetzt, wenn ihn, beim mühsamen Wanken über die fruchtbaren Hänge seines Weingartens, Müdigkeit packt und zur Rückkehr ihn nötigt. Heute kam ich, weil man mir sagte, es weile dein Vater schon in der Heimat; doch scheinen ihm Götter den Weg zu erschweren. Noch ist auf Erden durchaus nicht gestorben der edle Odysseus, sondern er lebt, wird freilich gehemmt auf dem Meere, auf einer rings umbrandeten Insel; dort halten ihn grausame Feinde immer noch fest, sie zwingen ihn unnachgiebig zum Bleiben. Weissagen will ich dir jetzt, wie es mir die unsterblichen Götter eingeben, wie es auch eintreten wird; das glaube ich sicher, ohne ein Seher zu sein noch ein kundiger Vogelbeschauer:

Wahrlich, nicht lange mehr wird er vom teuren Lande der Väter ferne verweilen, auch dann nicht, wenn eiserne Fesseln ihn hindern. Planen wird er die Flucht, er kennt ja Mittel und Wege. Aber wohlan denn, sprich und erteile untrüglich mir Auskunft:

Bist du, so wie ich dich sehe, ein leiblicher Sohn des Odysseus? Außergewöhnlich gleichest du ihm, dein Haupt und dein Antlitz! Pflegten dein Vater und ich doch häufig Verkehr miteinander, ehe nach Troja er aufbrach, damals, als auch die andern griechischen Helden in See stachen auf den geräumigen Schiffen. Seitdem haben wir beide einander nicht wieder gesehen.«

Der verständige Jüngling Telemachos gab ihr zur Antwort:

»Lieber Gastfreund, so will ich denn offen dir Auskunft erteilen:

Ich bin sein Sohn - behauptet die Mutter. Ich weiß es nicht selber. Niemand brachte den eignen Erzeuger genau in Erfahrung. Wäre ich doch der Sprößling eines glücklichen Mannes, den im vollen Genuß des Besitzes das Alter ereilte! Nunmehr aber, so heißt es, ist der am schwersten geprüfte Mensch mein Vater - du möchtest von mir ja genau es erfahren!«

Weiter erkundigte sich die helläugig blickende Göttin:

»Auslöschen werden die Götter deine Familie bestimmt nicht,

wo Penelope in dir solch tüchtigen Sprößling geboren! Aber berichte mir noch und erteile untrüglich die Auskunft:

Was bedeutet das Schmausen, das Lärmen? Was hast du zu geben:

Festessen? Hochzeit? Das ist doch keine bescheidne Gesellschaft! Ausnehmend schamlos verschlingt die Bande das Essen in deinem Hause, so möchte ich meinen; der Anblick des schändlichen Treibens dürfte wohl jeden besonnenen Mann, der dazukommt, entrüsten!«

Der verständige Jüngling Telemachos gab ihr zur Antwort:

»Lieber Gastfreund, der du auch danach genau dich erkundigst, lasse dir sagen: Einst mochte das Haus hier als trefflich verwaltet gelten und reich, zur Zeit, da Odysseus im Lande noch weilte. Aber die Götter, auf Unheil bedacht, beschlossen es anders; spurlos vertilgten sie ihn wie keinen anderen Menschen. Selbst um den Toten würde ich schwerlich so bitter mich grämen, wäre vor Ilion er im Kreis der Gefährten gefallen oder, nach Abschluß des Kriegs, in den Armen der Lieben gestorben. Hätte ihm doch das Volk der Achaier ein Grabmal errichtet, hätte er seinem Sohn auch noch herrlichen Ruhm hinterlassen. Nunmehr jedoch entrafften ihn, ohne Ruhm, die Harpyien. Spurlos verschwand er, ließ mir zurück nur Jammer und Klage. Nicht dem Toten allein gilt aber mein Seufzen und Stöhnen; denn die Unsterblichen schlugen mich jetzt mit weiterem Unheil. Sämtliche Fürsten nämlich, die über Dulichion herrschen, über Same und über das waldbedeckte Zakynthos, die auch im felsigen Ithaka eine Herrschaft besitzen, werben um meine Mutter, verprassen darüber den Hausstand. Meine Mutter verweigert nicht die erzwungene Hochzeit, kann sie freilich auch nicht vollziehen. Die Freier indessen zehren mein Gut auf und werden in Kürze mich selber zerreißen.«

Pallas Athene empfand Entrüstung und sprach zu dem Jüngling:

»Schändlich! Dir fehlt tatsächlich der lange verschollene Vater, er bestrafte die schamlosen Freier mit kraftvollen Fäusten! Käm er doch jetzt und träte er vorn in den Eingang des Saales, mit dem Helm und dem Schild und den beiden Lanzen gerüstet, so wie ich damals ihn zum ersten Male erblickte, als er in unserem Schloß sich an Trank und Speise erquickte! Grad aus Ephyra kam er, vom Sohne des Mermeros, Ilos; dorthin war Odysseus gesegelt auf eilendem Schiffe,

tödliches Gift sich zu holen; er wollte es haben, um damit seine ehernen Pfeile zu tränken. Doch hatte sich Ilos seinem Wunsche verschlossen, aus Scheu vor den ewigen Göttern. Aber mein Vater gab ihm das Gift; denn er schätzte ihn höchlich. Ja, so müßte Odysseus unter den Freiern sich zeigen! Sterben müßten sie gleich, sie feierten traurige Hochzeit! Aber der Ausgang liegt im Schoße der ewigen Götter, mag er nun heimkehren und im Palaste die Rache vollziehen oder auch nicht. Du gehe doch, bitte, mit dir jetzt zu Rate, wie du die Freier aus deinem Hause fortbringen könntest! Auf denn, schenk mir Gehör und beherzige folgenden Vorschlag:

Morgen berufe die Helden von Ithaka ein zur Versammlung, sag, was du planest, vor allen, und Zeugen seien die Götter! Fordre die Freier zur Rückkehr auf ins eigne Besitztum; mahne die Mutter, falls sie noch einmal heiraten möchte, heimzukehren ins Haus des hochvermögenden Vaters. Hochzeit werden die Freier betreiben und Brautgaben rüsten, reichlich, so viele, wie Eltern den lieben Töchtern sie spenden. Dir persönlich rate ich dringend - gehorche mir, bitte -:

Rüste dein tüchtigstes Schiff und zwanzig Matrosen und fahre, Nachricht vom lange verschollenen Vater dir zu verschaffen; Menschen berichten vielleicht, vielleicht auch vernimmst vom Kroniden du ein Gerücht, wie es meistens den Sterblichen Botschaft vermittelt. Fahre zuerst nach Pylos und frage den göttlichen Nestor, höchlich. Ja, so müßte Odysseus unter den Freiern sich zeigen! Sterben müßten sie gleich, sie feierten traurige Hochzeit! Aber der Ausgang liegt im Schoße der ewigen Götter, mag er nun heimkehren und im Palaste die Rache vollziehen oder auch nicht. Du gehe doch, bitte, mit dir jetzt zu Rate, wie du die Freier aus deinem Hause fortbringen könntest! Auf denn, schenk mir Gehör und beherzige folgenden Vorschlag:

Morgen berufe die Helden von Ithaka ein zur Versammlung, sag, was du planest, vor allen, und Zeugen seien die Götter! Fordre die Freier zur Rückkehr auf ins eigne Besitztum; mahne die Mutter, falls sie noch einmal heiraten möchte, heimzukehren ins Haus des hochvermögenden Vaters. Hochzeit werden die Freier betreiben und Brautgaben rüsten, reichlich, so viele, wie Eltern den lieben Töchtern sie spenden. Dir persönlich rate ich dringend - gehorche mir, bitte -:

Rüste dein tüchtigstes Schiff und zwanzig Matrosen und fahre,

Nachricht vom lange verschollenen Vater dir zu verschaffen; Menschen berichten vielleicht, vielleicht auch vernimmst vom Kroniden du ein Gerücht, wie es meistens den Sterblichen Botschaft vermittelt. Fahre zuerst nach Pylos und frage den göttlichen Nestor, weiter von dort nach Sparta, zu Fürst Menelaos, dem blonden; dieser gelangte als letzter des griechischen Heeres zur Heimat. Hörst du, dein Vater sei noch am Leben und strebe nach Hause, schicke dich noch ein Jahr lang in deine Bedrängnis; sofern du aber vernimmst, daß er nicht mehr im Kreise der Lebenden weile, kehre zurück zum teuren Lande der Väter, errichte dort ihm ein Grabmal und opfere für den Verstorbenen, reichlich, wie es sich ziemt; dann lasse die Mutter neu sich vermählen. Hast du dich aller dieser Verpflichtungen völlig entledigt, gehe genau und gründlich mit dir selber zu Rate, wie du die Bande der Freier in deinem Hause vernichtest, sei es durch List, sei es offen; du darfst kein kindisches Wesen zeigen, du stehst nicht mehr in einem entsprechenden Alter. Weißt du nicht, welch herrlichen Ruhm sich der edle Orestes weltweit erwarb, weil er den tückischen Mörder Aigisthos mutig erschlug, der ihm den ruhmreichen Vater getötet? Du auch, mein Lieber, bewähre dich wacker - ich sehe ja deinen hohen und stattlichen Wuchs -, damit dich die Späteren loben. An das Gestade will ich jetzt gehen zum eilenden Schiffe und den Gefährten, die meiner vermutlich voll Ungeduld harren. Kümmre dich selbst um die Pflichten, beherzige, was ich dir sagte!«

Der verständige Jüngling Telemachos gab ihr zur Antwort:

»Teurer Gastfreund, du rätst mir im Sinne herzlicher Freundschaft, wie ein Vater dem Sohne. Nie will ich die Mahnung vergessen. Aber entschließ dich doch, bitte, trotz eiliger Reise, zum Bleiben; bade dich erst und erquicke und stärke dich gründlich, dann gehe, freudig gestimmt, an Bord, mit einem wertvollen, äußerst schönen Geschenk; es sei dir ein Kleinod, das ich dir verehrte, so wie es Gastfreunde liebevoll ihren Gastfreunden bieten.«

Darauf entgegnete ihm die helläugig blickende Göttin:

»Halte mich jetzt nicht länger zurück auf eiliger Reise! Und das Geschenk, das du herzlich gern mir darreichen möchtest, gib auf der Rückfahrt mir, damit ich nach Hause es bringe. Wähle mir nur ein recht schönes! Du wirst den Ausgleich erhalten.«

Damit entschwand die helläugig blickende Göttin Athene, flog in die Luft wie ein Vogel. Dem Jüngling flößte sie Tatkraft ein und Zuversicht, ließ die Erinnerung ihm an den Vater stärker noch aufleben als zuvor. Er bemerkte es staunend, und es beschlich ihn die Ahnung, ein Gott sei der Gastfreund gewesen. Da begab sich der göttliche Jüngling sogleich zu den Freiern.

Vortrug ihnen der ruhmreiche Sänger sein Lied, und sie saßen schweigend und lauschten; er sang von der traurigen Heimfahrt aus Troja, die den Achaiern die Göttin Athene auferlegt hatte. In dem oberen Stockwerk vernahm des Ikarios Tochter, die verständige Frau, Penelope, die herrlichen Klänge. Über die Treppe herab verließ sie ihre Gemächer, nicht allein; zwei Mägde bildeten ihre Begleitung. Als die göttliche Fürstin zum Platz der Freier gelangte, blieb sie stehen am Eingang des fest errichteten Saales, hatte den glänzenden Schleier sich über die Wangen gezogen; beiderseits traten die treuen Mägde neben die Herrin. Sie brach aus in Tränen und sprach zu dem heiligen Sänger:

»Phemios, andre bezaubernde Lieder beherrschst du in Menge, Taten von Menschen und Göttern, wie die Sänger sie preisen. Sing in dem Kreise doch davon eines, die Zuhörer sollen schweigend trinken den Wein; doch höre mir, bitte, mit diesem traurigen Lied auf; es quält mein Herz stets wieder aufs neue. Trifft mich der furchtbare Schmerz doch in ganz besonderem Grade! Derart hervorragend war der Held, den ich ewig vermisse, er, der berühmt ist in Hellas wie im inneren Argos!«

Aber der kluge Telemachos wandte sich zu ihr und sagte:

»Mutter, weswegen verwehrst du dem teuren Sänger, den Hörern Freude zu spenden nach seinem Ermessen? Den Stoff für die Lieder schaffen durchaus nicht die Sänger, nein, Zeus, der den tätigen Menschen, jedem von ihnen, nach Gutdünken, wechselnde Schicksale zuteilt. Tadel verdient er nicht, wenn er singt vom Unglück der Griechen; spenden die Menschen doch immer den stärksten Beifall dem Liede, das den Ohren des Hörers die neusten Ereignisse bietet. Fasse dich nur in Geduld beim Anhören dieses Gesanges! Nicht als einziger mußte Odysseus im troischen Feldzug auf die Heimkehr verzichten; es starben auch zahlreiche andre. Geh jetzt in deine Gemächer, erledige deine Geschäfte:

Wirke mit Webstuhl und Spindel und halte die Mägde zu stetem Arbeiten an! Die Rede ist Sache sämtlicher Männer, aber die meine vor allen; denn ich bin Gebieter im Hause.«

Staunen ergriff die Fürstin, zurück in ihre Gemächer schritt sie sogleich; sie erwog das Wort des verständigen Sohnes. Als sie das obere Stockwerk mit ihren Mägden erreichte, weinte sie wieder um ihren geliebten Gatten Odysseus, bis ihr Athene die Augen schloß mit erquickendem Schlummer. Aber die Freier begannen zu lärmen im schattigen Saale; jeden bewegte der Wunsch, mit der Fürstin das Lager zu teilen. Aber der kluge Telemachos richtete an sie die Worte:

»Freier ihr meiner Mutter, maßlos in üppiger Frechheit! Setzen wir fort das erfreuliche Mahl, und das Lärmen verstumme! Angenehm ist es, einem Sänger zu lauschen wie diesem, dessen Gesang so anmutig klingt wie die Stimmen der Götter. Morgen wollen wir uns zur Volksversammlung begeben, alle, damit ich euch freimütig meine Ansicht eröffne:

Geht aus dem Hause! Besorgt euch Essen aus anderen Quellen, zehrt von dem Euren, wechselt euch ab in den einzelnen Häusern! Wenn ihr es aber für günstiger und für bequemer erachtet, ohne Ersatz zu leisten, des einen Gut zu verprassen, schlinget nur weiter! Anrufen will ich die ewigen Götter:

Einmal vielleicht wird Zeus Vergeltung üben; dann sollt ihr, ohne Sühne zu finden, in diesem Festsaale sterben!«

Derart rief er. Da bissen sie alle sich fest auf die Lippen und bestaunten des jungen Mannes furchtlose Worte. Aber Antinoos gab ihm zur Antwort, der Sohn des Eupeithes:

»Ha, dich lehren, Telemachos, wohl die Götter persönlich, stolz dich als Redner zu brüsten und trotzige Reden zu schwingen! Nie übergebe dir Zeus die Herrschergewalt auf der Insel Ithaka - freilich, ein Recht, das dir nach der Abstammung zusteht!«

Darauf entgegnete ihm der kluge Telemachos mutig:

»Willst du mir wirklich, Antinoos, meine Bemerkung verübeln? Gern übernähme ich, gönnte es Zeus mir, die Pflichten des Königs! Oder bezeichnest du sie als das Übelste unter den Menschen? König zu sein, das ist doch nichts Übles! Schnell füllen sich seine Kammern mit Schätzen, ihm selber winken höhere Ehren.

Aber es leben ja auf der Insel Ithaka andre griechische Fürsten noch, junge wie alte; von ihnen ergreife einer das Zepter, sobald der edle Odysseus gestorben! Herr nur in meinem Hausstand möchte ich werden und über sämtliche Sklaven, die mir der edle Odysseus erworben.«

Ihm erteilte Eurymachos, Sohn des Polybos, Antwort:

»Sicherlich ruht es, Telemachos, noch im Schoße der Götter, welcher Achaier in Zukunft als König auf Ithaka waltet. Du behalte dein Gut und herrsche im eigenen Hause! Niemand sollte dir nahen, der wagte, gewaltsam das Deine dir zu entreißen, solange noch Menschen auf Ithaka wohnen! Aber ich möchte dich fragen, mein Bester: Wer war denn der Fremdling? Woher ist er gekommen? Zu welcher Heimat bekennt er sich voll Stolz? Wo lebt sein Geschlecht, erstreckt sich sein Erbgut? Brachte er eine Nachricht für dich von der Rückkehr des Vaters? Suchte er Ithaka auf in Erfüllung eigener Pflichten? Wie er so plötzlich verschwand und unsre Bekanntschaft verschmähte! Unedel war er durchaus nicht, nach seinem Antlitz zu schließen.«

Zu ihm sagte Telemachos, der verständige Jüngling:

»Nicht mehr besteht, Eurymachos, Aussicht auf Heimkehr des Vaters. Botschaften traue ich nicht mehr, falls wirklich noch eine gebracht wird, achte auch nicht auf Orakel, falls meine Mutter sich einen Wahrsager kommen läßt und ihn um den Götterspruch bittet. Jener Besucher war des Vaters Gastfreund aus Taphos, nennt sich mit Stolz den Sohn des klugen Anchialos, Mentes; über die Taphier führt er die Herrschaft, die Freunde der Ruder.«

Derart sprach er; ihm wurde bewußt das Walten der Gottheit. Weiterhin suchten die Freier im Tanzen und lieblichen Singen ihr Vergnügen und blieben im Saal bis zum Anbruch des Dunkels. Über dem heiteren Treiben nahte der finstere Abend. Nunmehr begab sich ein jeder nach Haus, um sich schlafen zu legen. Auch Telemachos suchte sein Schlafgemach auf. An geschützter Stelle des stattlichen Hofes war es, hochragend, errichtet. Dorthin ging er zur nächtlichen Ruhe, in schweren Gedanken. Neben ihm schritt mit brennenden Fackeln die treulich besorgte Eurykleia, die Tochter des Ops, des Sohnes Peisenors. Einstmals hatte Laërtes gekauft sie aus eigenen Mitteln;

zwanzig Rinder gab er für sie, die jugendlich schöne; ganz wie die sittsame Gattin ehrte er sie im Palaste, rührte sie freilich nicht an, aus Scheu vor dem Groll der Gemahlin. Diese trug ihm die Fackeln; sie liebte von sämtlichen Mägden ihn am meisten, sie hatte betreut ihn seit frühester Kindheit. Nunmehr öffnete er die fest errichtete Kammer, setzte aufs Bett sich und zog den weichen Rock sich vom Leibe, reichte ihn dann der verständigen Greisin hinüber. Sie legte gleich das Gewand in Falten und strich es glatt mit den Händen, hängte es über den Pflock am festgegurteten Lager und verließ das Gemach. An dem Silberring zog sie die Türe hinter sich zu und legte am Riemen den Riegel dahinter. Hier überdachte Telemachos, unter wollener Decke, während der Nacht die Fahrt, zu der ihm Athene geraten.

Zweiter Gesang

Wie Telemachos mit Athenes Hilfe gegen den Widerstand der Freier seine Absicht durchsetzte und die geplante Reise antrat

Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, sprang der geliebte Sohn des Odysseus empor von dem Lager, zog die Gewänder an, legte das schneidende Schwert um die Schulter, band sich unter die glänzenden Füße die schmucken Sandalen und verließ das Gemach, ein Gott, so schön und so stattlich. Gleich befahl er den hellstimmig rufenden Herolden, alle haupthaarumwallten Achaier zur Volksversammlung zu laden. Jene gehorchten, und eilig strömte die Menge zusammen. Als zur Versammlung die Männer alle sich eingestellt hatten, trat er hinein in den Kreis, in der Faust die eherne Lanze, nicht allein; ihm folgten zwei Hunde, schnellfüßige Tiere. Über ihn breitete Pallas Athene bezaubernde Anmut; staunend betrachteten ihn beim Eintreten sämtliche Männer. Platz nahm er auf des Vaters Sitz, die Ältesten ließen ihm den Vorrang. Als erster ergriff das Wort in dem Kreise Held Aigyptios, altersgebückt, voll reicher Erfahrung. Dessen Sohn war dem edlen Odysseus gefolgt, hin nach Troja, auf den geräumigen Schiffen, ins Land der stattlichen Rosse, Antiphos, Meister im Speerwurf; ihn hatte erschlagen in weiter Höhle der rohe Kyklop und als letzten zur Mahlzeit bereitet. Noch drei Söhne besaß er. Eurynomos hielt zu den Freiern, die zwei andern bestellten die Ländereien des Vaters. Dennoch gedachte er ständig des ersten in schmerzlicher Trauer. Weinend ergriff er nunmehr das Wort und sprach zu den Männern:

»Höret jetzt, Bürger von Ithaka, was ich zu sagen gedenke! Keine Versammlung hat stattgefunden, keine Beratung, seit auf den bauchigen Schiffen der edle Odysseus in See stach. Wer rief heute zusammen das Volk? Welch wichtiger Umstand drängte so zwingend einen der Jüngeren oder der Alten? Hörte er etwa die Nachricht über die Ankunft des Heeres, die er, als erster Zeuge, uns deutlich mitteilen möchte? Hat er noch andres, was alle betrifft, zur Sprache zu bringen? Tüchtig erscheint er mir und reichlich gesegnet. Es möge Zeus ihm das Gute, das er von Herzen sich wünscht, auch erfüllen!«

Über die glückverheißenden Worte freute der teure Sohn des Odysseus sich sehr. Er verharrte nicht länger, er wollte sprechen und trat in die Mitte des Kreises. Ihm reichte das Zepter Herold Peisenor, ein Mann, besonnener Ratschläge fähig. An den betagten Aigyptios wandte zuerst sich der Jüngling:

»Alter, der Mann, der die Bürger berief, weilt nahe. Erkennen sollst du ihn gleich: Ich war es. Mich peinigt der Kummer am ärgsten. Weder empfing ich die Nachricht über die Ankunft des Heeres, die ich, als erster Zeuge, euch deutlich mitteilen möchte, noch will andres, was alle betrifft, zur Sprache ich bringen, nein, mein eigenes Leid nur, das zwiefach mein Haus überstürmte:

Erstlich verlor ich den wackeren Vater, der einstmals als König über euch herrschte; er waltete, wahrlich, so mild wie ein Vater! Nunmehr bedrängt mich noch schwereres Unglück, das bald mir den Hausstand völlig zerrüttet, auch bald das Vermögen gänzlich mir aufzehrt. Aufdringlich werben um meine Mutter, wie sehr sie sich weigert, Söhne aus den Familien unserer edelsten Bürger, sträuben sich, an Ikarios sich geziemend zu wenden, an Penelopes Vater, damit er die Tochter verlobe und sie nach seinem Wunsch und seinem Gefallen vermähle. Vielmehr tummeln sie Tag für Tag sich in unserem Hause, schlachten unsere fetten Ziegen und Schafe und Rinder, halten Festschmäuse ab und trinken vom funkelnden Weine, ohne Rücksicht. Verbraucht wird vieles. Ein Mann wie Odysseus fehlt uns, befähigt, von solcher Plage das Haus zu erlösen. Wir sind nicht imstande dazu; wir werden auch künftig jämmerlich schwach sein und ohne Erfahrung in kraftvoller Abwehr. Wahrlich, ich brächte Erlösung, sofern ich die Kraft nur besäße! Nicht zu ertragen ist dieses Treiben, schmachvoll vergeudet wird mein gesamtes Vermögen. Zeiget doch gleichfalls Entrüstung, heget doch Scheu und Scham vor den Menschen, die weithin als Nachbarn rings euch umwohnen! Fürchtet den Groll der Götter: Sie könnten, über das Treiben empört, mit Macht den Wandel erzwingen! Flehentlich bitte ich bei dem Olympier Zeus und bei Themis, die der Menschen Beratungen auflöst und wiederum ansetzt:

Schweiget, ihr Freunde, und lasset ohne die Freier am bittren Schmerze mich leiden - wofern nicht mein Vater, der edle Odysseus, feindselig handelte an den trefflich gewappneten Griechen, was ihr vergeltet durch feindliches Handeln am Sohne, indem ihr diese Bande ermuntert! Es böte mir größeren Vorteil,

schlänget ihr selber mein Gut, was liegt und was weidet, hinunter! Falls ihr es tätet, so gäbe es einmal Entschädigung wieder; heimsuchen würden wir euch in der Stadt so lange mit Bitten um die verlorenen Güter, bis alles zurückgezahlt wäre. Nunmehr jedoch belastet ihr mich mit unstillbarem Kummer!«

Zornig sprach er die Worte, das Zepter warf er zu Boden, Tränen stiegen empor ihm; Mitleid packte die Hörer. Alle verharrten in tiefem Schweigen; nicht einer entschloß sich, Antwort dem Sohn des Odysseus in schroffen Worten zu geben. Einer nur wagte, Antinoos, eine Entgegnung und sagte:

»Prahlender Redner Telemachos, gar nicht zu hemmen im Trotze, wie beschimpftest du uns! Du möchtest mit Schmach uns bedecken, aber an dir vergingen sich nicht die Freier Achaias, sondern die eigene Mutter, die trefflich in Ränken sich auskennt! Schon drei Jahre flossen dahin - bald naht sich das vierte -, seit sie mit List die Achaier weidlich betrügt und verspottet. Allen erweckt sie Hoffnung und macht durch Botschaften immer wieder Versprechungen; aber sie hat ganz andres im Sinne. Folgende List auch, unter anderen, hat sie gesponnen:

Einen Webstuhl stellte sie auf im Gemach und begann ein feines und riesiges Linnen zu weben. Uns gab sie die Auskunft:

'Jünglinge, die ihr um mich euch bewerbt, ach, dränget mich, bitte - da ja der edle Odysseus starb -, nicht länger zur Heirat, bis ich das Laken vollendet - nicht unnütz verderbe der Faden! - für den Helden Laërtes als Leichentuch, Gabe der Stunde, da ihn das düstre Geschick des schmerzlichen Todes dahinrafft; keine Achaierin soll im Lande mir Vorwürfe machen, läge der Fürst, der so vieles erworben, ohne Bedeckung!' Derart sprach sie und konnte uns mannhafte Helden beschwatzen. Eifrig webte sie nun am Tage das riesige Linnen, trennte es aber zur Nacht, im Fackelschein, stets auseinander! Damit betrog sie die Freier und hielt sie im Glauben, drei Jahre. Als dann endlich das vierte Jahr kam und die Horen sich nahten, plauderte eine der Mägde es aus, die unfehlbar es wußte, und wir ertappten die Frau beim Trennen des prächtigen Lakens. Nunmehr mußte sie, wider Willen, die Arbeit vollenden. Jetzt erteilen die Freier dir Antwort; du sollst sie zur Kenntnis nehmen, das Gleiche sollen auch sämtliche andern Achaier! Schicke die Mutter fort und befiehl ihr, zum Gatten zu nehmen,

wen der Vater ihr wählt und zu wem sie Neigung empfindet. Hält sie jedoch noch lange die Söhne Achaias zum Narren, stolz sich der Gaben bewußt, die ihr Athene verliehen, herrliche Handarbeiten zu schaffen, verständig zu denken, Listen zu spinnen, wie wir sie noch niemals vernahmen von einer jener lockengeschmückten achaischen Frauen der Vorzeit, nicht von Alkmene und Tyro und der bekränzten Mykene - keine von ihnen war Penelope an Einsicht gewachsen -, nun, so faßte sie diesen Plan durchaus nicht zum Vorteil! Werden so lange die Freier doch zehren von deinem Vermögen, wie sie an diesen Vorsatz sich klammert, den ihr wohl Götter eingaben. Herrlichen Ruhm vermag sie dadurch sich freilich selbst zu verschaffen; doch - dich beraubt sie reichen Vermögens. Dann erst begeben wir uns zu unsern Besitztümern oder anderswohin, wenn sie einen Achaier zum Gatten sich wählte.«

Ihm erwiderte der verständige Sohn des Odysseus:

»Niemals, Antinoos, kann ich die Frau gewaltsam verstoßen, die mich gebar und mich nährte. Mein Vater ist in der Fremde, lebend oder gar tot. Dem Ikarios müßte ich schwere Buße entrichten, entließe ich eigenmächtig die Mutter. Streng auch würde mein Vater mich strafen, noch strenger der Daimon, wenn beim Verlassen des Hauses die Mutter die finstren Erinyen anriefe. Aber auch Tadel von seiten der übrigen Menschen würde mich treffen. So kann ich denn diesen Befehl nicht erteilen. Solltet ihr heftig euch über meine Weigerung ärgern, geht aus dem Hause, besorgt euch Essen aus anderen Quellen, zehrt von dem Euren, wechselt euch ab in den einzelnen Häusern! Wenn ihr es aber für günstiger und für bequemer erachtet, ohne Ersatz zu leisten, des einen Gut zu verprassen, schlinget nur weiter! Anrufen will ich die ewigen Götter:

Einmal vielleicht wird Zeus Vergeltung üben; dann sollt ihr, ohne Sühne zu finden, in meinem Festsaale sterben!«

Derart sprach er. Und Zeus, der weithin schauende Vater, ließ von der Höhe des Berges für ihn zwei Adler entfliegen. Eine Weile schwebten sie hin mit dem Hauche des Windes, dicht beieinander, und hielten ausgebreitet die Schwingen. Als sie jedoch die Mitte der lauten Versammlung erreichten, fingen sie an, mit raschen Schlägen im Kreise zu fliegen,

schauten herab auf die Häupter der Menge und blickten, Verderben drohend, zerkratzten selbst mit den Fängen sich Köpfe und Hälse, schossen dann schließlich nach rechts hin über die Stadt und die Häuser. Staunen und Schrecken empfand die Menge beim Anblick der Vögel. Angestrengt dachte man nach, was die Adler wohl anzeigen mochten. Unter ihnen ergriff der betagte Held Halitherses, Sohn des Mastor, das Wort; er schlug die Altersgenossen in der Gabe der Vogelschau und der richtigen Deutung. Dieser begann verständig zu sprechen und sagte zum Volke:

»Höret, ihr Bürger von Ithaka, jetzt auf meine Erklärung! Was ich prophetisch verkünde, das gilt für die Freier vor allen:

Gegen sie wälzt sich heran ein furchtbares Unglück; Odysseus wird nicht lange mehr ferne den Seinen verweilen, schon nahe ist er gekommen, und Tod und Verderben stiftet er allen Freiern; auch manchem andren von uns wird Unheil er bringen, die wir im weithin sichtbaren Ithaka leben. Erwägen vorher wir noch, wie wir ihren Übermut dämpfen! Sie sollten selber ihn zügeln, bald dürfte es ihnen Vorteil verschaffen! Ich prophezeie nicht blindlings, sondern mit reicher Erfahrung. Auch für Odysseus ergab sich, meine ich, alles genauso, wie ich es ihm prophezeite, als die Argeier nach Troja zogen, mit ihnen der kluge Gebieter zum Feldzuge aufbrach:

mancherlei Unheil werde er dulden, alle Gefährten einbüßen, schließlich die Heimat erreichen, im zwanzigsten Jahre, nicht erkannt von den Seinen; das wird sich jetzt alles erfüllen!«

Ihm erteilte Eurymachos, Sohn des Polybos, Antwort:

»Gehe nach Hause, Alter, und gib die weisen Orakel deinen Kindern, damit sie nicht etwa ein Unglück erleiden! Ich verstehe die Lage weit besser als du zu erklären. Zahlreiche Vögel fliegen unter den Strahlen der Sonne, aber nicht alle sind Boten des Schicksals. Tatsächlich, Odysseus fand in der Ferne den Tod. Du hättest ihm in das Verderben folgen sollen! Dann gäbest du nicht so dumme Orakel, schürtest auch nicht den Groll des Telemachos, in der Erwartung, Gaben werde vielleicht er deinem Hause gewähren! Deutlich will ich dir sagen, und sicher naht die Erfüllung:

Reizt du, gestützt auf lange und reiche Erfahrung, den jungen Mann durch billiges Schwatzen noch weiter zu trotziger Haltung, wird er, fürs erste, nur selber noch Schwereres durchmachen müssen,

wird, was die Freier betrifft, auch gar nichts ausrichten können! Alter, dir werden Buße wir auferlegen, worüber schwer du dich ärgern sollst; du wirst dich bitter noch grämen. Doch dem Telemachos will ich vor allen Versammelten raten:

Heimschicken zu dem Palaste des Vaters soll er die Mutter; dort werden Freier die Hochzeit betreiben und Brautgaben rüsten, reichlich, so viele, wie Eltern den lieben Töchtern sie spenden. Dann erst werden die Söhne Achaias die leidige Werbung einstellen, meine ich, da wir durchweg niemanden scheuen, weder Telemachos, weiß er auch lange Reden zu halten, noch die Orakel, die, ohne Erfüllung, du, Alter, uns vorschwatzt, dabei freilich nur heftiger noch mit uns dich verfeindest! Weiterhin wird man die Güter wacker verprassen, Erstattung wird es nicht geben, solange die Frau mit dem Eheversprechen die Achaier nur hinhält; erwartungsvoll ringen wir ständig wetteifernd um das treffliche Weib und verschmähen die andern, die zu umwerben jedem aus unserem Kreise wohl ansteht.«

Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort:

»Du, Eurymachos, und ihr anderen würdigen Freier, darüber will ich mit euch nicht länger flehentlich reden, darüber wissen die Götter Bescheid und alle Achaier. Gebt mir jetzt, bitte, ein schnelles Schiff und zwanzig Gefährten, die mit mir, auf Hinfahrt wie Rückfahrt, die Fluten durcheilen. Reisen will ich nach Sparta und zum sandigen Pylos, Nachricht vom lange verschollenen Vater mir zu verschaffen; Menschen berichten vielleicht, vielleicht auch schickt der Kronide mir ein Gerücht, wie es meistens den Sterblichen Botschaft vermittelt. Höre ich dann, mein Vater lebe und rüste die Heimfahrt, schicke ich mich noch ein Jahr lang ruhig in meine Bedrängnis; höre ich aber, vom Kreise der Lebenden sei er geschieden, kehre zurück ich zum teuren Lande der Väter, errichte hier ihm ein Grabmal und opfere für den Verstorbenen, reichlich, wie es sich ziemt, und lasse die Mutter neu sich vermählen.«

Derart sprach er und setzte sich. Nunmehr erhob sich im Kreise Mentor, ein treuer Freund des untadligen Helden Odysseus; ihm übertrug der Fürst bei der Abfahrt die Aufsicht im Hause, unter der Leitung des greisen Vaters es treulich zu hüten. Mentor ergriff verständig das Wort und sprach zu dem Volke:

»Höret, ihr Bürger von Ithaka, jetzt auf meine Erklärung! Sollte doch künftig keiner als zeptertragender Herrscher aufrichtig, freundlich und milde mehr sein und Gerechtigkeit üben! Nein, er verhalte sich bösartig und verübe Verbrechen! Niemand gedenkt ja des göttlichen Königs Odysseus von allen, die er beherrschte - doch waltete er so mild wie ein Vater! Aber ich möchte es gar nicht den frechen Freiern verargen, daß sie in tückischer Absicht, gewaltsam, Frevel verüben, setzen sie doch die eigenen Köpfe aufs Spiel, wenn sie trotzig zehren vom Gut des Odysseus, der, wie sie wähnen, nicht heimkehrt. Vielmehr empört mich die Haltung des übrigen Volkes: Ihr sitzet schweigend herum und gebietet nicht einmal mit scheltenden Worten Einhalt der Handvoll von Freiern, obwohl ihr die Überzahl bildet!«

Gegen ihn wandte sich gleich Leiokritos, Sohn des Euenor:

»Mentor, du Unverschämter, du Wirrkopf, was hetzt du und trachtest unserem Tun ein Ende zu setzen? Es wäre wohl schwierig, selbst für die Mehrzahl, den Kampf zu beginnen - um Essen und Trinken! Käme auch Ithakas Held Odysseus persönlich und faßte dreist den Entschluß, die in seinem Palaste schmausenden edlen Freier mit roher Gewalt aus dem Männersaale zu treiben - trotzdem könnte die Gattin, wie sehr sie sich sehnte, der Ankunft niemals sich freuen; nein, auf der Stelle fiele er, schmählich, kämpfte er gegen die Übermacht. Unsinn hast du geredet! Aber so geht auseinander, ihr Männer, zur Arbeit ein jeder! Schleunigst auf Reisen mögen ihn Mentor und Halitherses schicken; die waren seit jeher schon mit Odysseus befreundet! Aber ich glaube, er wird noch lange in Ithaka hocken und auf Nachrichten lauschen; nie bringt er die Reise zustande!«

So sprach er und entließ die Versammlung, die schnell sich zerstreute. Alles lief auseinander, zu seinem Hause ein jeder. Doch zum Palaste des edlen Odysseus eilten die Freier.

Abseits begab sich Telemachos, hin zum Gestade des Meeres, wusch sich die Hände im schäumenden Wasser und flehte zu Pallas:

»Schenk mir Gehör, du Gottheit, die gestern mein Haus du betratest und mir befahlest, zu Schiff das unendliche Meer zu durchfahren, Nachricht vom lange verschollenen Vater mir zu verschaffen! Jeglichen Plan hintertreiben mir die Achaier, die Freier

ganz besonders mit ihrem übermütigen Treiben.«

Derart flehte er. Nahe kam ihm Pallas Athene, in der Gestalt und mit der Stimme des Mentor. Sie wandte sich an den Jüngling und sprach die im Fluge enteilenden Worte:

»Auch in der Zukunft wirst du nicht feige und töricht dich zeigen, ward in die Seele gepflanzt dir die hohe Tatkraft des Vaters, so, wie jener gewesen, befähigt zum Raten und Handeln. Gar nicht umsonst wirst folglich du reisen und gar nicht erfolglos. Bist du indessen nicht sein Sohn, nicht Sohn Penelopes, wirst du, fürchte ich, niemals deine Pläne erfüllen. Wenige Kinder entwickeln sich ihren Vätern entsprechend, meistens werden sie schlechter, in seltenen Fällen nur besser. Wenn du dich aber in Zukunft nicht feige beträgst und nicht töricht und dir nicht völlig abgeht der scharfe Verstand des Odysseus, dann ist zu hoffen auf günstigen Ausgang deines Bemühens. Darum beachte nicht länger das Denken und Trachten der Freier; töricht sind sie, denn ihnen fehlt das Recht und die Einsicht. Auch von dem Tode ahnen sie nichts und dem düstren Verderben; nahe schon lauert es, will sie an einem Tage vernichten. Bald wirst du unternehmen die Reise, die du geplant hast. Solche Treue bewahre ich dir, als Gefährte des Vaters, daß ich dir rüste ein schnelles Schiff und dich selber begleite. Gehe nach Haus, verkehre weiter im Kreise der Freier, Wegzehrung mache dir fertig, verwahre sie gut in Gefäßen, Wein in Krügen und Gerstenmehl, die Kraftkost für Männer, sicher verwahrt in Schläuchen. Freiwillige werde ich schleunigst sammeln unter dem Volk, als Begleiter für dich. Auf der Insel Ithaka gibt es zahlreiche Schiffe, neue wie alte; auswählen will ich für dich das beste von ihnen, wir werden eilig es rüsten, dann lossegeln über die weiten Gewässer.«

Derart mahnte die Tochter des Zeus. Telemachos aber säumte nicht länger, nachdem er die Stimme der Göttin vernommen. Schleunig begab er sich in den Palast, mit bekümmertem Herzen. In dem Hofraum traf er die übermütigen Freier; Ziegen enthäuteten sie und sengten von Schweinen die Borsten. Auflachend trat Antinoos zu dem Sohn des Odysseus, drückte ihm kräftig die Hand und sprach in freundlichem Tone:

»Mächtiger Redner Telemachos, gar nicht zu hemmen im Trotze,

wälze nicht länger Gedanken an schlimme Taten und Worte! Leiste mir lieber Gesellschaft beim Essen und Trinken wie früher! Sämtliche Anliegen werden dir die Achaier erfüllen, Schiff und vorzügliche Mannschaft; du sollst das heilige Pylos schnellstens erreichen und Nachricht vom ruhmreichen Vater erhalten!«

Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort:

»Niemals kann ich, Antinoos, unter euch maßlosen Frevlern schweigend sitzen beim festlichen Schmaus und behaglich mich freuen. Oder genügt es euch nicht, schon früher mein reiches und schönes Gut vergeudet zu haben, ihr Freier, als ich noch Kind war? Nunmehr bin ich erwachsen, ich kann die Worte von andern gründlich verstehen, es hebt sich mein Mut, es stärkt sich mein Willen; deshalb will ich versuchen, euch ins Verderben zu stürzen, sei es von Pylos aus oder sei es auf Ithaka selber. Aufbrechen will ich - und nicht vergeblich werde ich reisen -, Fahrgast auf fremdem Schiff; denn ein eigenes Fahrzeug mit Leuten bleibt mir versagt. So wäre es euch wohl lieber gewesen.«

Damit entzog er der Hand des Antinoos ruhig die seine. Aber die Freier bemühten sich eifrig im Haus um die Mahlzeit. Schmähend und stichelnd verhöhnten sie den Sohn des Odysseus. Unter den übermütigen Jünglingen spottete mancher:

»Wirklich, Telemachos plant im Ernste, uns zu ermorden! Entweder wird er vom sandigen Pylos Helfer sich holen oder sogar aus Sparta, bei seinem schrecklichen Eifer! Oder er will nach Ephyra fahren, der fruchtbaren Landschaft, um sich tödliche Gifte von dort zu besorgen, in unsern Wein sie zu mischen und damit uns alle zugrunde zu richten!«

Mancher andre der übermütigen Jünglinge höhnte:

»Wer kann wissen, ob er nicht selbst, auf geräumigem Schiffe, fern von den Seinen, stirbt, verschlagen genau wie Odysseus? Größere Mühe noch bürdete damit er uns auf die Schultern, müßten wir uns doch teilen das ganze Vermögen und seiner Mutter und ihrem neuen Gatten das Haus überlassen!«

Aber Telemachos stieg derweil in die hohe und weite Schatzkammer seines Vaters hinab. Dort lagen gestapelt Kupfer und Gold, Gewänder in Truhen, auch duftendes Salböl.

Krüge auch standen darinnen voll alten, köstlichen Weines, bargen den unvermischten göttlichen Trank, in der Reihe gegen die Mauer gelehnt, für den Fall, daß einmal Odysseus wieder die Heimat erreichte nach seiner bitteren Mühsal. Sicher verschlossen, schützte den Raum die Tür mit zwei Flügeln, fest in den Fugen. Die Schaffnerin waltete, Nächte wie Tage, drinnen, sie hütete sämtliche Schätze mit Sorgfalt und Klugheit, Eurykleia, die Tochter des Ops, des Sohnes Peisenors. In das Gemach rief sie der Sohn des Odysseus und sagte:

»Mütterchen, schöpfe mir, bitte, köstlichen Wein in die Krüge, ihn, der am lieblichsten mundet nach jenem, den du behütest in dem Gedanken an den Geprüften - sollte Odysseus heimkehren einst, der Sprößling des Zeus, dem Verderben entronnen. Fülle mir zwölf und schließe sie alle sicher mit Deckeln. Gerstenmehl schütte mir auch in die Schläuche, die trefflich genähten; zwanzig Maß betrage die Menge geschrotenen Kornes. Du nur darfst es erfahren. Das alles stelle zusammen. Denn am Abend will ich es holen, wenn sich die Mutter hoch in ihr Zimmer begibt und gedenkt, sich schlafen zu legen. Reisen will ich nach Sparta und zum sandigen Pylos, Nachrichten mir zu verschaffen vom lange verschollenen Vater.«

Derart sprach er. Aufschluchzte Eurykleia, die Amme; jammernd gab sie zur Antwort die flugs enteilenden Worte:

»Warum, mein lieber Junge, konntest du solchen Gedanken fassen? Hinziehen willst du über so weite Gebiete, du, der geliebte, der einzige? Ging doch, ferne der Heimat, schon Odysseus zugrunde, der Sprößling des Zeus, in der Fremde! Gleich bei dem Aufbruch werden die Freier voll Tücke auf deinen Untergang sinnen, dann all die Schätze hier unter sich teilen! Bleibe doch ruhig auf deinem Besitztum! Du hast es nicht nötig, über die wogende See zu irren und Not zu ertragen.«

Ihr entgegnete gleich der verständige Sohn des Odysseus:

»Ruhig, Mütterchen! Meine Absicht fördern die Götter. Schwöre mir jetzt, der teuren Mutter nichts zu verraten, wenigstens nicht vor dem elften Tage oder dem zwölften, außer wenn sie mich vermißt und Kunde erhält von der Reise; soll sie doch nicht durch Tränen ihr liebliches Antlitz entstellen!«

Darauf sprach die Greisin den großen Eidschwur der Götter. Als sie die Worte gesprochen und richtig den Eidschwur geleistet, schöpfte sie ihm sogleich den köstlichen Wein in die Krüge, schüttete auch das Mehl in die Schläuche, die trefflich genähten. Aber Telemachos trat in den Männersaal, unter die Freier.

Weiteres plante inzwischen die helläugig blickende Göttin. In der Gestalt des Telemachos zog durch die Stadt sie, nach allen Seiten, und sprach zu jedem der Männer, die sie erkoren; für den Abend bestellte sie diese zum eilenden Schiffe. Anschließend bat sie des Phronios stattlichen Sprößling, Noëmon, um ein schnelles Fahrzeug; er stellte es gern zur Verfügung. Unter ging die Sonne, in Dunkelheit sanken die Straßen. Nunmehr zog Noëmon das Schiff ins Wasser und legte alle Geräte an Bord, die zu tüchtigen Schiffen gehören, stellte zur Fahrt es bereit am Ausgang des Hafens. Die wackren Leute versammelten sich, und jeden ermahnte Athene.

Weiteres plante jedoch die helläugig blickende Göttin. Eilig begab sie sich zum Palaste des edlen Odysseus. Dort übergoß sie die Lider der Freier mit köstlichem Schlummer, brachte Verwirrung den Trinkenden, schlug aus den Händen die Becher. Schlaftrunken taumelten sie zur Stadt, sie blieben nicht länger sitzen, da ihnen der Schlummer über die Lider gesunken. Doch den Telemachos rief die helläugig blickende Pallas aus dem wohnlichen Schloß heraus vor die Türe und mahnte, völlig dem Mentor gleichend, im Körperbau wie in der Stimme:

»Schon, Telemachos, sitzen die trefflich gerüsteten Leute abfahrbereit an den Rudern und harren deiner zum Aufbruch. Auf denn, wir wollen den Antritt der Reise nicht länger verzögern!«

Derart ermahnte Pallas Athene den Jüngling und schritt ihm eilig voran; er folgte der Göttin sogleich auf dem Fuße. Als sie ans Schiff und an das Gestade des Meeres gelangten, fanden sie dort am Strande die haupthaarumwallten Gefährten. Unter ihnen sagte der kraftvolle Sohn des Odysseus:

»Freunde, herbei, wir wollen Verpflegung uns holen! Beisammen liegt sie bereits im Hause. Noch nicht unterrichtet ist meine Mutter, genau wie die Mägde. Nur eine ist eingeweiht worden.«

Derart sprach er und ging voran, ihm folgten die andern. Alles brachten sie her und legten im sicher gebauten Schiffe es nieder, wie es der Sohn des Odysseus befohlen. Und Telemachos ging an Bord, ihn führte Athene. Auf dem Hinterdeck ließ sie sich nieder. Dicht neben sie setzte sich Telemachos hin. Die Gefährten lösten die Seile, gingen dann gleichfalls an Bord und nahmen Platz an den Dollen. Günstigen Wind entsandte für sie die Göttin Athene, frischen Zephyros; aufrauschen ließ er die schimmernden Fluten. Da befahl Telemachos eifrig seinen Gefährten, klarzumachen das Takelwerk. Sie gehorchten dem Auftrag, richteten hoch empor den Mastbaum aus fichtenem Holze in der Höhlung des Mastbarrens, spannten ihn fest in die Stagen, hißten das leuchtende Segel mit wohlgeflochtenen Riemen. Schwellend fiel in das Leinen der Wind, und rings um den Steven donnerten wallend die Wogen beim schnellen Gleiten des Schiffes. Eilig legte das Fahrzeug den Weg zurück durch die Fluten. Fest auch banden sie auf dem dunklen Schiffe die Taue, stellten zum Trinken Krüge dann auf, gefüllt mit dem Weine, spendeten schließlich den ewigen, niemals sterbenden Göttern, aber der helläugig blickenden Tochter des Zeus vor den andern.

Während der Nacht und der Frühe fuhren sie ununterbrochen.

Dritter Gesang

Wie Telemachos in Pylos den König Nestor um Auskunft über seinen Vater bat, der König jedoch von den Schicksalen des Odysseus nichts zu berichten wußte

Helios stieg empor aus dem herrlichen Busen des Meeres, auf zum ehernen Himmel, um den unsterblichen Göttern wie auch den Menschen auf der nährenden Erde zu leuchten. Da erreichten sie Pylos, des Neleus trefflich erbaute Hauptstadt. Die Pylier opferten eben am Meeresgestade schwärzliche Stiere dem dunkelgelockten Beweger der Erde. Sitzreihen gab es neun; es saßen in jeder fünfhundert Männer und hielten vor ihrer Reihe neun Stiere. Gerade kosteten sie vom Vorschmaus, verbrannten dem Gotte die Schenkel, als die Ithaker einliefen in den Hafen, das Segel refften auf schaukelndem Schiffe, das Fahrzeug vertäuten und eiligst ausstiegen. Auch Telemachos trat ans Ufer, Athene ging ihm voran. Dann sprach die helläugig blickende Göttin:

»Zeige, Telemachos, keinerlei Scheu, auch nicht im geringsten! Denn du befuhrst das Meer, um genau zu erforschen, wo deinen Vater die Erde bedeckt und welch ein Los ihn getroffen. Auf, besuche sogleich den Rossebändiger Nestor! Wissen wollen wir, was er besitzt an sicherer Kenntnis. Flehe persönlich ihn an, damit er die Wahrheit dir mitteilt! Unwahres wird er nicht aussprechen; ist er doch äußerst besonnen.«

Ihr entgegnete der verständige Sohn des Odysseus:

»Mentor, wie soll ich gehen? Wie ihm mein Anliegen nennen? Keinerlei Übung besitze ich im treffenden Ausdruck; Schüchternheit hemmt mich, als jüngerer Mensch den Greis zu befragen.«

Ihm gab Antwort die helläugig blickende Göttin Athene:

»Manches, Telemachos, wirst du durch eigenes Nachdenken finden, manches auch wird ein Daimon dir raten. Du wurdest geboren, meine ich, wie auch erzogen nicht gegen den Willen der Götter.«

Derart ermutigte Pallas Athene den Jüngling und schritt ihm eilig voran; er folgte der Göttin sogleich auf dem Fuße. Sie erreichten den Platz, wo die Männer von Pylos versammelt saßen, auch Nestor mit seinen Söhnen, und rings die Gefährten

für die Mahlzeit das Fleisch auf Spieße steckten und brieten. Als sie die Fremden erblickten, strömten sie alle zusammen, grüßten sie freundlich mit Handschlag und luden sie ein, sich zu setzen. Nestors Sohn Peisistratos nahte sich ihnen als erster, nahm bei den Händen die zwei, wies ihnen den Platz an beim Essen neben dem Sandstrand des Meeres, auf schmeichelnden, zottigen Fellen, zwischen dem Vater und Thrasymedes, dem ältesten Bruder. Stücke des Voropfers bot er ihnen und goß in den goldnen Becher den Wein; dann reichte er ihn zum Willkommen und sagte zu der Tochter des Trägers der Aigis, zu Pallas Athene:

»Bete jetzt, Fremdling, zu dem Gebieter des Meeres, Poseidon! Sein ist die Mahlzeit, in die ihr bei eurer Ankunft geratet. Hast du gespendet und hast du gebetet, dem Brauche entsprechend, reich auch dem Freund den Becher voll süßen Weines zur Spende; pflegt er doch gleichfalls, glaube ich, zu den Göttern zu flehen. Sämtliche Menschen bedürfen des Waltens göttlicher Mächte. Freilich, er ist der Jüngere, ist mein Altersgenosse; deshalb reiche ich dir zuerst den goldenen Becher.«

Damit bot er ihr dar den Becher voll köstlichen Weines. Freude empfand Athene, weil ihr der rechtschaffne, kluge Jüngling den goldenen Becher zuerst überreichte. Und innig flehte sie gleich zum Gebieter des Meeres, dem Gotte Poseidon:

»Hör mich, Poseidon, du Träger der Erde, verweigere unsrem Flehen um eine erfolgreiche Fahrt nicht deine Erfüllung! Nestor vor allen und seinen Söhnen vergönne Gedeihen, aber verleihe auch den übrigen Pyliern allen einen erfreulichen Lohn für ihr so prachtvolles Opfer. Mich und Telemachos lasse heimkehren nach dem Erreichen dessen, was wir als Ziel mit dem eilenden Schiffe erstrebten!«

Derart betete sie, und sie selber erfüllte die Wünsche. Darauf gab sie den herrlichen, doppelt gehenkelten Becher an Telemachos. Ebenso flehte der Sohn des Odysseus. Als sie das Fleisch gebraten und von den Spießen gezogen hatten, teilten sie aus die Stücke und schmausten behaglich. Aber sobald sie gestillt den ersten Durst und den Hunger, da sprach Nestor zu ihnen, Gerenias Kämpfer zu Wagen:

»Nunmehr, nachdem sich die Gäste erquickt an Trank und an Speise, schickt es sich eher, genau sie nach ihren Namen zu fragen.

Freunde, wer seid ihr? Von wo aus befahrt ihr die Bahnen des Meeres? Reist ihr umher in Geschäften? Schweifet ihr ziellos und planlos über die Fluten, wie Seeräuber, die sich herumtreiben, dabei unter dem Einsatz des Lebens Verderben bringen den Fremden?« Antwort gab ihm der kluge Telemachos - Zuversicht hatte frisch er gefaßt; denn ihn hatte Athene persönlich ermutigt, Nestor um Auskunft über den fernen Vater zu bitten und sich im Kreise der Sterblichen hohen Ruhm zu gewinnen -:

»Nestor, Sohn des Neleus, du Stolz der Achaier, du fragst uns nach der Herkunft. Ich will dir darüber berichten. Wir kommen her aus Ithaka, von dem Fuße des Neiongebirges, nicht in staatlichem Auftrag, sondern in eignen Geschäften. Nachforschen will ich dem weitverbreiteten Ruhme des edlen Dulders Odysseus, meines Vaters, der einstmals, so heißt es, treu dir im Kampfe verbündet, die Festung von Troja zerstörte. Wir erfuhren von sämtlichen andern, die gegen die Troer fochten, die Stätte, an der sie dem bitteren Tode erlagen. Seinen Untergang aber barg der Kronide im Dunkel. Niemand vermag den Ort, wo er starb, genau zu bezeichnen, ob auf dem Festland ihn Feinde erschlugen, ob er im offnen Meere verschlungen wurde vom wogenden Schwall Amphitrites. Kniefällig flehe ich deshalb dich an, mir Auskunft zu geben über sein bitteres Ende, hast du mit eigenen Augen davon Kenntnis genommen - oder vernahmst du von andern, wie er umherirrte; denn zum Elend gebar ihn die Mutter. Aber beschönige nichts, aus Rücksicht oder aus Mitleid, sondern berichte genau, wie du es persönlich erfuhrest! Inständig bitte ich dich, wenn mein Vater, der edle Odysseus, jemals mit Wort oder Tat dir wichtige Dienste geleistet in dem Gebiet von Troja, wo Schweres ihr littet, Achaier:

dessen erinnre dich jetzt und gib mir aufrichtig Auskunft!«

Ihm entgegnete Nestor, Gerenias Kämpfer zu Wagen:

»Freund, du erinnerst mich an das Elend, das wir in jenem Lande ertragen mußten, wir mutigen Söhne Achaias - alle die Streifzüge, die wir zu Schiff auf unendlichem Meere unternahmen nach Beute, wohin auch Achilleus uns führte - alle die Kämpfe, die gleichzeitig wir um des Priamos Festung führten -, dort fielen denn auch die tapfersten unserer Helden! Don liegt Aias, so tapfer wie Ares; dort liegt auch Achilleus,

liegt auch Patroklos, als Ratgeber ebenso klug wie die Götter, liegt auch mein teurer Sohn Antilochos, tapfer, untadlig, überaus schnell im Wettlauf, überaus tüchtig im Kampfe! Andere furchtbare Leiden erduldeten wir noch zu diesen. Wer von den sterblichen Menschen könnte sie alle erzählen? Bliebest du auch fünf Jahre, ja, sechs, und fragtest nach allem, was die edlen Achaier dort an Unglück erlitten - satt nur bekämst du es, kehrtest noch vorher zurück in die Heimat. Nutzten wir doch, neun Jahre, sämtliche Kriegslisten zähe gegen die Feinde, doch spät erst ließ der Kronide uns siegen. Dort begehrte es keiner, sich je dem edlen Odysseus offen an Einsicht gleichzustellen; er schlug sie bei weitem alle im listigen Denken, dein Vater - sofern du tatsächlich abstammst von ihm; in Staunen und Ehrfurcht versetzt mich dein Anblick. Wirklich, dein Sprechen ähnelt dem seinen; man möchte doch solche Gleichheit im Ausdruck nicht zutrauen einem jüngeren Manne! Damals, im Kriege, vertraten ich und der edle Odysseus niemals verschiedene Meinungen, nicht in der Heeresversammlung, nicht im Rate der Fürsten, nein, klug und besonnen erwogen einmütig wir das bei weitem Nützlichste für die Achaier. Als wir die ragende Festung des Priamos ausgetilgt hatten, gingen an Bord wir; jedoch zerstreute ein Gott die Achaier. Denn der Kronide verhängte jetzt eine bittere Heimkehr über die Griechen, da sie nicht alle gerecht und verständig waren. Die meisten erlitten den Tod schon infolge des bösen Zornes der helläugig blickenden Tochter des mächtigen Vaters, die im Streit die beiden Söhne des Atreus entzweite. Beide beriefen alle Achaier zur Heeresversammlung, leichtfertig, nicht in gehöriger Ordnung, beim Sinken der Sonne - schwer vom Weine berauscht erschienen die Söhne Achaias - und erklärten, weshalb sie das Volk zur Beratung entboten. Fürst Menelaos befahl dem ganzen Heer der Achaier, heimwärts zu fahren über den weiten Rücken des Meeres. Doch Agamemnon verwarf den Befehl; er wollte die Männer festhalten noch und üppige Festopfer darbringen lassen, um zu besänftigen den gefährlichen Groll der Athene - töricht: Er wußte noch nicht, daß sie niemals nachgeben würde; umstimmen lassen sich nicht in Eile die ewigen Götter. Derart standen die beiden im Kreis und stritten sich heftig. Aber die trefflich gewappneten Griechen erhoben sich unter

tosendem Lärm, sie spalteten sich in ihren Entschlüssen. Wir verbrachten die Nacht, erregt in erbitterter Zwietracht; Zeus verhängte ja über uns Griechen ein furchtbares Unheil! Morgens zogen wir in die heiligen Fluten die Schiffe, brachten die Schätze an Bord und die tiefgegürteten Frauen. Aber die übrige Hälfte des Heeres verharrte am Platze bei Agamemnon, dem Sohne des Atreus, dem Hirten der Völker. Schleunig stachen in See wir; die Schiffe eilten, uns bahnte eine Gottheit die Strecke über die Schlünde des Meeres. Tenedos liefen wir an und brachten Opfer den Göttern, voller Heimweh; doch Zeus verwehrte noch immer die Rückfahrt. Er, der Schreckliche, schürte aufs neue die furchtbare Zwietracht! Kehrten doch einige um auf den Schiffen, den doppelt geschweiften, unter der Führung des tapferen, listigen Fürsten Odysseus, hiermit dem Sohne des Atreus, Fürst Agamemnon, gefällig. Aber ich selbst floh weiter mit meinen sämtlichen Schiffen, da ich zur Einsicht kam, daß ein Daimon Verderben uns drohte. Ebenfalls floh der tapfre Tydide und drängte die Freunde. Spät erst erreichte uns auch der blonde Held Menelaos, stieß auf Lesbos zu uns, als wir die Hauptfahrt berieten:

Sollten wir westlich des wildzerklüfteten Chios uns halten, gradenwegs zu auf die Insel Psyria, Chios zur Linken, oder ostwärts von Chios, längs des stürmischen Mimas? Dringend erflehten wir von der Gottheit ein Zeichen; sie sandte uns ein solches und hieß uns fahren über das offne Meer nach Euboia, damit wir aufs schnellste dem Unheil entkämen. Günstiger Wind begann zu wehen; es legten die Schiffe schleunig den Weg zurück durch die fischreiche Flut und gelangten nachts bis Geraistos. Wir brachten Poseidon Schenkel von Stieren reichlich zum Opfer nach glattem Durchqueren des offenen Meeres. Schon an dem vierten Tage landeten des Diomedes Freunde mit ihren schaukelnden Schiffen am Strande von Argos. Weiter nach Pylos steuerte ich die Schiffe; der Fahrwind legte sich nicht, seitdem ihn die Gottheit hergesandt hatte. Derart kam ich nach Hause, mein Sohn, und erfuhr nicht und konnte selbst auch nicht sehen, wer von den Griechen verstarb, wer davonkam. Alles indessen, was ich in meinem Hause erfahren, sollst, nach Gebühr, du wissen, ich will dir gar nichts verhehlen. Glücklich gelangten, so heißt es, nach Hause die ruhmreichen Kämpfer der Myrmidonen - sie führte der strahlende Sohn des Achilleus -,

glücklich auch Philoktetes, der stattliche Sprößling des Poias; Held Idomeneus brachte nach Kreta alle Gefährten, die den Krieg überlebten; das Meer entriß ihm nicht einen. Daß Agamemnon heimkam, hörtet ihr selbst schon, obwohl ihr ferne verweiltet, und daß ihn Aigisthos schmählich ermordet. Freilich, der Täter büßte den Mord in schrecklicher Weise; bringt es doch Vorteil, wenn ein Sohn des Opfers zurückbleibt! Also bestrafte denn auch Orestes den listigen Meuchler, den Aigisthos, der ihm den ruhmreichen Vater getötet. Du auch, mein Lieber, halte dich wacker - ich sehe ja deinen hohen und stattlichen Wuchs -, damit dich die Späteren rühmen!«

Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort:

»Nestor, du Sprößling des Neleus, du Stolz der Achaier, ja, furchtbar rächte sich jener, und rühmliche Kunde werden von seiner Tat die Achaier verbreiten, auch für die Nachwelt zur Kenntnis. Wenn doch die Götter auch mir solch mächtige Stärke vergönnten, daß ich sie rächen könnte, die leidigen Frevel der Freier, die mich in ihrem Übermut schmählich und trotzig behandeln! Doch die Unsterblichen haben mir solch ein Glück nicht beschieden, meinem Vater und mir, wir üben uns ständig im Dulden!«

Ihm entgegnete Nestor, Gerenias Kämpfer zu Wagen:

»Ja, du erinnerst mich daran, mein Freund, und sprichst auch darüber:

Zahlreiche Freier sollen in deinem Palaste, auf deine Mutter erpicht und dir zum Trotze, sich schändlich benehmen. Sage mir: Fügst du dich willig? Oder hassen die Männer deines Volkes dich etwa, veranlaßt von einem Orakel? Wer weiß, ob nicht Odysseus für ihre Gewalttaten einmal Rache vollzieht, allein nur oder mit Ithakas Heerschar? Sollte die helläugig blickende Göttin so innig dich lieben, wie sie sich damals um den ruhmreichen Helden Odysseus sorgte vor Troja, wo wir Achaier so Schweres erlitten - niemals erlebte ich derart sinnfällig göttliche Liebe wie in der Hilfe Athenes für ihren Liebling Odysseus -, sollte sie also derart dich lieben und herzlich umsorgen, nun, dann verginge manchem der Freier die Hoffnung auf Hochzeit!«

Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort:

»Schwerlich, du greiser Fürst, wird dieses Wort sich erfüllen!

Allzu vermessen war es. Ich staune und zweifle. Solch Hoffen würde sich nie mir bewähren, auch dann nicht, wenn Götter es wünschten!«

Ihm erwiderte darauf die helläugig blickende Göttin:

»Welch ein Vorwurf entfloh, mein Kind, dem Geheg deiner Zähne! Auch aus der Ferne errettet ein Gott, der es wünscht, den Geplagten Ich für mein Teil wollte, wenn auch nach bitterer Mühsal, lieber nach Hause gelangen und noch die Heimkehr erleben als nach der Ankunft sterben am eigenen Herd, wie der König, den die eigene Frau und Aigisthos tückisch erschlugen! Nur vor dem Sterben, das allen bestimmt ist, vermögen die Götter selbst den geliebten Schützling nicht zu bewahren, zur Stunde, da ihn das düstre Geschick des schmerzlichen Todes hinwegrafft.«

Ihr entgegnete der verständige Sohn des Odysseus:

»Reden wir, Mentor, trotz unserer Sorge, nicht länger darüber! Nicht mehr vergönnt ist meinem Vater die Heimkehr, längst haben ihm die Götter den Tod und das finstre Verhängnis beschlossen. Etwas anderes möchte ich jetzt von Nestor erfragen, da er Gerechtigkeit übt und Weisheit vor sämtlichen Menschen; denn, so erzählt man, er führe die Herrschaft drei Menschengeschlechter; wie ein unsterblicher Gott, so steht er mir deshalb vor Augen. Nestor, du Sprößling des Neleus, enthüll mir die lautere Wahrheit:

Wie verstarb Agamemnon, der weithin gebietende Feldherr? Wo hielt Fürst Menelaos sich auf? Welch tückische Falle stellte Aigisthos dem Opfer, den stärkeren Helden zu töten? War Menelaos noch nicht im achaischen Argos, nein, schweifte irgendwo über die Welt, daß der Mörder die Freveltat wagte?« Nestor, Gerenias Kämpfer zu Wagen, gab ihm zur Antwort:

»Alles, mein Sohn, will ich dir, der Wahrheit entsprechend, berichten. Selber vermutest du schon den Hergang der grausigen Untat. Hätte, von Troja kommend, der blonde Held Menelaos den Aigisthos noch lebend im Hause des Bruders getroffen, würde man niemals den Toten mit Erde zugedeckt haben; nein, den Leichnam hätten die Hunde und Vögel gefressen, fern von der Stadt, auf freiem Felde; es hätte ihn keine Frau aus Achaia beweint, so fürchterlich war sein Verbrechen. Während vor Troja wir lagen, in blutige Kämpfe verwickelt, hockte er müßig im Winkel des rosseernährenden Argos und versuchte die Frau Agamemnons beredt zu verführen.

Anfangs verwies ihm zwar sein schmähliches Treiben die edle Klytaimestra; denn rechtschaffen lebte sie dort und verständig. Außerdem weilte ein Sänger bei ihr, dem Fürst Agamemnon, als er nach Troja aufbrach, den Schutz der Gemahlin vertraute. Aber da göttliche Macht sie zwang, sich schwächlich zu fügen, schickte Aigisthos den Sänger auf eine einsame Insel, reißenden Vögeln zur Beute, und führte die Königin, beide jäh überwältigt von ihrem Verlangen, zu seinem Palaste. Zahlreiche Schenkel verbrannte er auf den Altären der Götter, zahlreiche Prunkstücke hängte er auf, Gewebe und Goldschmuck, nach der kaum noch erhofften Erfüllung des schwierigen Werkes. Miteinander verließen auf unseren Schiffen wir Troja, Held Menelaos und ich, in enger Freundschaft verbunden. Als wir zum heiligen Sunion kamen, an Attikas Spitze, tötete Phoibos Apollon den Steuermann des Menelaos ganz überraschend mit seinen sanften, schmerzlosen Pfeilen, während er noch mit seinen Händen das Schiffsruder führte, Phrontis, den Sohn des Onetor, der alle Welt überragte in der Kunst, ein Schiff im Andrang der Stürme zu lenken. Deshalb hielt Menelaos inne im eiligen Fahren, um die letzten Ehren dem toten Freund zu erweisen. Dann überquerte auch er die schimmernde Flut und erreichte auf den gewölbten Schiffen schleunig die ragenden Höhen Kap Maleas. Der weithin schauende Vater erschwerte jetzt ihm freilich die Fahrt, ließ heftige Sturmwinde pfeifen; hochauf türmten sich schwellende Wogen, so riesig wie Berge. Dabei zerschlug er die Flotte; den Hauptteil trieb er nach Kreta, wo die Kydonen am Iardanosstrom die Wohnsitze hatten. Jäh fällt dort ein geglätteter Felsen ab in die Fluten, im gortynischen Grenzgebiet, am unendlichen Meere. Dort peitscht ständig der Notos die Flut an die westliche Spitze, gegen Phaistos; der Felsen ist klein, doch hemmt er die Brandung. Dahin gelangte der Hauptteil; dem Untergang konnte die Mannschaft knapp noch entrinnen, die Schiffe zerbrach der Schwall auf den Klippen. Aber die restlichen fünf der düstergeschnäbelten Schiffe trieben der Sturm und die Strömung an die aigyptische Küste. Dort fuhr Held Menelaos zu Schiffe bei Volksstämmen fremder Zunge umher und gewann sich Nahrung und Schätze in Fülle. Währenddessen verübte Aigisthos zu Haus das Verbrechen. Sieben Jahre beherrschte er die Goldstadt Mykene

nach Agamemnons Ermordung, ihm hatte das Volk zu gehorchen. Aber es kam im achten Jahre der edle Orestes, ihm zum Verderben, aus Athen, und erlegte den schlauen Meuchler Aigisthos, der ihm den ruhmreichen Vater gemordet. Danach gab er das Leichenmahl dem Volk der Argeier für die verabscheute Mutter und für den Feigling Aigisthos. Held Menelaos, der Meister im Schlachtruf, kam an dem gleichen Tage mit Schätzen in Menge, soweit die Schiffe sie faßten. Du auch, mein Lieber, weile nicht lange so fern von der Heimat, wo du doch Güter zurück im Hause gelassen und derart maßlose Frevler! Sie sollen nur nicht dein Vermögen sich teilen und verprassen, indes du erfolglos die Reise beendest! Aber ich gebe dir freilich den dringenden Rat, Menelaos noch zu besuchen; er kehrte ja kürzlich zurück aus der Fremde, aus dem Gebiet von Menschen, aus dem noch keiner auf Heimkehr hoffte, den einmal der Sturmwind über das riesige Weltmeer so weit getrieben - aus dem die Vögel sogar in demselben Jahre nicht wiederkehren, so ausgedehnt ist es und furchtbar! Fahre sogleich mit deinem Schiffe und deinen Gefährten! Möchtest zu Lande du reisen, so stehen dir Wagen und Rosse, meine Söhne auch zur Verfügung; sie werden dich bringen zu Menelaos, dem blonden, ins herrliche Land Lakedaimon. Flehe persönlich ihn an, damit er die Wahrheit dir mitteilt! Unwahres wird er nicht aussprechen; ist er doch äußerst besonnen.«

Derart sprach er. Da sank die Sonne, die Dunkelheit nahte. Unter ihnen begann jetzt die helläugig blickende Göttin:

»Greiser König, du hast in gehöriger Weise berichtet. Auf denn, schneidet die Zungen der Opfer, mischet den Wein auch, lasset Poseidon uns spenden sowie den anderen Göttern, dann an die Nachtruhe denken; die Stunde dafür ist gekommen. Sank doch die Sonne hinab schon ins Dunkel; man soll nicht zu lange sitzen beim Schmause der Götter, sondern rechtzeitig gehen!«

Derart mahnte die Tochter des Zeus; sie folgten der Weisung. Herolde gossen ihnen das Waschwasser über die Hände; Jünglinge füllten mit dem Getränk bis zum Rande die Krüge, reichten allen die Becher und schenkten ein für die Weihe. Und man verbrannte die Zungen und goß die Spenden darüber. Als sie gespendet hatten und, nach Belieben, getrunken,

wollten Athene, mit ihr der göttliche Sohn des Odysseus, sich zurück zu ihrem geräumigen Schiffe begeben. Nestor jedoch verwehrte es ihnen mit Worten des Vorwurfs:

»Zeus und alle unsterblichen Götter mögen verhüten, daß ihr hinweggeht von mir zu eurem eilenden Schiffe, so, als wäre ich ohne Bekleidung und arm wie ein Bettler, dem im Hause nicht Mäntel und Decken reichlich gehören, für ihn selbst und die Gäste zu sanftem, behaglichem Schlummer! Nein, ich besitze in Fülle Mäntel und prächtige Decken. Sicherlich wird sich der teure Sohn des Helden Odysseus nicht auf die Planken des Schiffes betten, solange ich lebe und für die Zukunft noch Kinder in meinem Hause verbleiben, jeden Gast, der meine Wohnung erreicht, zu bewirten!«

Ihm gab Antwort darauf die helläugig blickende Göttin:

»Trefflich, du greiser König, hast du gesprochen. Natürlich wird dir Telemachos folgen; das schickt sich in höherem Grade. Anschließen wird er sogleich sich an dich, um in deinem Palaste nächtlich zu ruhen; doch möchte ich selber gehen zum dunklen Schiff, zu ermuntern die Freunde und alles genau zu berichten, bin ich doch unter ihnen der einzige Ältere, wirklich! Alle die anderen, die uns aus Freundschaft begleiten, sind jünger, in dem Alter des wackren Telemachos stehen sie sämtlich. Niederlegen will ich mich heute am bauchigen, dunklen Schiffe und früh mich zum mutigen Volk der Kaukonen begeben; Schulden habe ich, erst seit kurzem und keine geringen, dort zu fordern. Doch ihn, der dein Haus betreten als Gastfreund, lasse zu Wagen reisen, von deinem Sohne begleitet; gib als Gespann ihm mit die schnellsten und kräftigsten Rosse!«

Damit entschwebte die helläugig blickende Göttin Athene in der Gestalt des Seeadlers; alle bestaunten das Schauspiel. Staunen ergriff auch den greisen Herrscher beim Anblick des Wunders. Herzlich nahm er die Hand des Odysseussohnes und sagte:

»Freund, ich erwarte, nie werdest du feige und kraftlos dich zeigen, wo dich als Jüngling die Götter durch ihre Begleitung schon ehren! Wirklich, das war kein anderer von den olympischen Göttern als die Tochter des Zeus, die ruhmreiche Tritogeneia, die bei den Griechen auch deinen wackeren Vater hoch schätzte. Herrin, sei gnädig, herrlichen Ruhm verleihe mir weiter,

mir persönlich, den Kindern und meiner ehrbaren Gattin! Opfern will ich dir eine feiste, breitstirnige Sterke, deren Nacken noch niemand bisher mit dem Joche beschwerte; opfern will ich sie dir, nachdem ich die Hörner vergoldet.«

Derart flehte er; ihn erhörte Pallas Athene. Dann ging Nestor, Gerenias Kämpfer zu Wagen, den Söhnen und den Schwiegersöhnen voran zu seinem Palaste. Als sie das prächtige Schloß des Herrschers erreicht hatten, nahmen sie der Reihe nach Platz auf den Lehnstühlen und auf den Sesseln. Ihnen ließ der greise Gebieter im Mischkruge süßen Wein anmischen; die Schaffnerin hatte das Fäßchen geöffnet, das zehn Jahre schon lagerte, und den Deckel gehoben. Davon mischte der Greis und flehte beim Spenden des Trankes innig zu Pallas, der Tochter des Zeus, des Trägers der Aigis. Als sie gespendet hatten und, nach Belieben, getrunken, gingen sie fort zum Schlafen, in seine Wohnung ein jeder. Doch den geliebten Sohn des göttlichen Helden Odysseus hieß an Ort und Stelle der König zur Ruhe sich betten, unter der dröhnenden Halle, auf dichtgegurtetem Lager, neben ihm den Helden Peisistratos, Meister im Speerwurf; er nur lebte von Nestors Söhnen noch ledig im Hause. Nestor selber schlief in dem Innern des ragenden Schlosses; mit ihm teilte die Gattin das Lager, die Herrin des Hauses.

Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, da erhob sich vom Lager Gerenias Kämpfer zu Wagen, trat aus dem Schlosse und setzte sich auf die geglätteten Steine, die sich vor seines Palastes hohem Tore befanden, weiß und vom Öle hellglänzend; früher pflegte auf ihnen Neleus zu sitzen, als Ratgeber ebenso klug wie die Götter. Aber er war schon gestorben und in den Hades gezogen. Jetzt saß Nestor darauf, der Schutz der Achaier, mit seinem Zepter. Aus ihren Wohnungen kamen die Söhne und scharten alle sich um den Vater: Echephron, Stratios, Perseus und Aretos, dazu der göttliche Held Thrasymedes; Held Peisistratos auch schloß ihnen sich an als der sechste. Neben sich hießen Telemachos sie, den göttlichen, sitzen. Unter ihnen begann Gerenias Kämpfer zu Wagen:

»Schleunig, ihr lieben Kinder, erfüllt mir, was ich verlange!

Muß ich vor allen Göttern Athene doch gnädig mir stimmen, die mir leibhaftig erschien zum köstlichen Festmahl Poseidons. Gehe gleich einer aufs Feld, ein Rind zu beschaffen in höchster Schnelligkeit, einer der Hirten möge es führen! Ein andrer eile zum dunklen Schiffe des wackren Telemachos, rufe seine Gefährten herbei und lasse zurück nur zwei Wächter! Rufe ein dritter sodann den Goldschmied Laërkes zur Stelle; Goldplättchen möge er legen um die Hörner der Sterke! Aber ihr anderen bleibt hier zusammen und gebet den Mägden drinnen im Hause den Auftrag, ein prächtiges Essen zu richten, Sessel und Bänke, auch Brennholz und klares Wasser zu holen!«

Derart befahl er; da tummelten alle sich emsig. Es nahte von der Weide das Rind; es nahten vom schaukelnden schnellen Schiff die Gefährten des edlen Telemachos, nahte der Goldschmied, in den Händen das Werkzeug, die Geräte zum Schmieden, Amboß und Hammer und trefflich gefertigte Zange, mit denen er das Gold zu verarbeiten pflegte; es kam auch Athene, um ihr Opfer entgegenzunehmen. Dem Schmied überreichte Nestor das Gold, und der Meister legte den Hörnern der Sterke sorgsam es an, damit sich die Göttin des Schmuckes erfreue. Stratios und Echephron führten das Tier an den Hörnern. Wasser trug in blumenverziertem Kessel Aretos aus dem Gemach, an der Linken im Korb die Gerste zum Streuen. Held Thrasymedes, der tapfere Streiter, stand, die geschärfte Axt in den Fäusten, bereit, das Opfertier tödlich zu treffen. Perseus hielt die Schale, das Blut aufzufangen. Nun sprengte Nestor zur Weihe das Wasser und streute die Gerste und flehte innig zu Pallas, schnitt das Stirnhaar und warf es ins Feuer. Als sie gebetet und die Gerste ausgestreut hatten, trat der tapfere Held Thrasymedes näher und führte wuchtig den Schlag; die Axt durchtrennte die Sehnen am Nacken, brach die Kräfte des Tieres. Aufjauchzten beim Beten die Töchter, Schwiegertöchter sowie die sittsame Gattin des Nestor, Eurydike, des Königs Klymenos älteste Tochter. Hoch von der Erde hob man den Kopf und den Nacken des Rindes, und Peisistratos schnitt, der Fürst, durch die Ader des Halses. Dunkel entströmte das Blut der Wunde, die Glieder erstarrten. Gleich zerstückelten sie den Körper, schnitten gehörig Schenkelteile heraus und hüllten in doppelte Fettschicht

sorglich sie ein; dann legten sie rohe Schnitzel darüber. All das verbrannte der Greis auf den Scheitern; als Spende vergoß er funkelnden Wein. Die Jünglinge standen mit Gabeln daneben. Als sie die Schenkel verbrannt und den Vorschmaus aufgezehrt hatten, schnitten das übrige Fleisch sie in kleinere Stücke und steckten es auf die Spieße; dann brieten sie es, die Spieße in Händen.

Aber inzwischen badete Polykaste, das schöne Mädchen, die jüngste der Töchter Nestors, den Sohn des Odysseus. Als sie ihn fertig gebadet und glänzend eingeölt hatte, ihn auch umhüllt mit einem Leibrock und prachtvollem Mantel, da verließ er das Bad, so stattlich wie einer der Götter. Neben Nestor ließ er sich nieder, dem Hirten der Völker.

Nunmehr hatten das Fleisch sie gebraten und gleich von den Spießen abgezogen. Man setzte sich nieder zum Essen, und edle Männer bedienten, schenkten den Wein in die goldenen Becher. Aber sobald sie den Durst gestillt und den Hunger, da sagte Nestor, Gerenias Kämpfer zu Wagen, im Kreis der Gefährten:

»Schirrt für Telemachos, liebe Kinder, die trefflich bemähnten Rosse ins Joch des Fahrzeugs! Er möge die Reise beginnen!«

Seinen Worten lauschten sie willig und leisteten Folge. Schleunig spannten sie vor das Fahrzeug die eilenden Rosse. Brot und Wein verstaute die Schaffnerin sorglich im Kasten, Braten dazu, wie ihn zeusgeförderte Könige speisen. Darauf bestieg der Sohn des Odysseus das prächtige Fahrzeug. Neben ihn trat in den Wagen Peisistratos, Sprößling des Nestor, Führer der Männer, und ergriff mit den Händen die Zügel. Mit der Geißel trieb er die Rosse, froh stürmten sie vorwärts, nieder zur Ebene, ließen zurück das ragende Pylos. Über den Tag hin schüttelten sie das Joch, das sie trugen. Und die Sonne versank, und Dunkel bedeckte die Wege. Da erreichten sie Pherai, das Haus des Diokles, des Sohnes des Ortilochos, den der Flußgott Alpheios einst zeugte. Dort übernachteten sie; Diokles betreute sie gastlich.

Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, schirrten die Pferde sie an und bestiegen den kunstreichen Wagen, lenkten zum Hoftor hinaus und aus der dröhnenden Halle,

spornten darauf mit der Geißel die Rosse; froh stürmten sie vorwärts. Weizenfelder erreichten sie und legten die weitre Strecke geschwind zurück; so tüchtig zogen die Pferde. Und die Sonne versank, und Dunkel bedeckte die Wege.

Vierter Gesang

Wie Telemachos in Sparta von Menelaos Auskunft über den Aufenthalt seines Vaters erhielt und die Freier den Beschluß faßten, den Sohn des Odysseus zu ermorden

Sie erreichten den schluchtendurchzogenen Bergkessel Spartas, lenkten zum Schlosse des Menelaos, des ruhmreichen Helden. Diesen trafen sie, wie er mit vielen Verwandten die Hochzeit seines Sohnes beging und seiner untadligen Tochter. Zu dem Sohn des Achilleus, des Schreckens der Feinde, gedachte er das Mädchen zu senden; er hatte sie jenem vor Troja fest schon versprochen, jetzt wünschten die Götter den Bund zu vollziehen. Abfahren ließ er sie heute mit Rossen und Wagen zur schönen Hauptstadt der Myrmidonen, in der Neoptolemos herrschte. Seinem Sohn Megapenthes gab er zum Weibe Alektors Tochter aus Sparta; den kraftvollen Sprößling hatte ihm spät erst eine Sklavin geboren. Der Helena hatten die Götter kein Kind wieder geschenkt, nachdem sie die liebliche Tochter Hermione geboren, so schön wie die goldene Kypris.

Demnach schmausten im hochgebauten Palaste die Nachbarn und die Verwandten des Menelaos, des ruhmreichen Helden, freudig bewegt. Es spielte bei ihnen ein göttlicher Sänger auf der Harfe; inmitten der Gäste führten zwei Gaukler ihre Kunststücke auf, sobald der Spielende anhub. Aber die Ankömmlinge hielten ihr Fahrzeug am Hoftor, Held Telemachos, mit ihm Nestors stattlicher Sprößling. Und Eteoneus, der aufsichtführende emsige Diener des Menelaos, des ruhmreichen, trat vor das Haus und erblickte beide. Er lief durch die Räume, um Meldung sogleich zu erstatten, trat zu dem Hirten der Völker und sprach die enteilenden Worte:

»Ausländer sind gekommen, du Günstling des Zeus, Menelaos, wie vom Geschlechte des großen Kroniden, so stattlich, zwei Männer! Sage mir: Sollen wir ausspannen ihre eilenden Rosse oder sie einem anderen zur Bewirtung empfehlen?«

Ärgerlich gab ihm der blonde Held Menelaos zur Antwort:

»Einfältig warst du nie, Eteoneus, Sohn des Boëthos; Dummheiten redest du heute jedoch wie ein törichter Knabe!

Zahlreiche gastliche Gaben empfingen wir beide von andern Menschen auf unserer Heimfahrt, voll Hoffnung, es werde uns künftig Zeus von dem Elend erlösen - nein, lasse die Pferde der Fremden abschirren, führe sie selber herein zu fröhlichem Schmause!«

Derart befahl er. Der Sohn des Boëthos durcheilte den Festsaal und hieß mitkommen gleich die anderen flinken Bedienten. Unter dem Joche führten sie die vom Schweiße bedeckten Rosse hervor und banden im Stall sie fest an die Krippen, schütteten Mais vor und mischten ihn mit leuchtender Gerste, stellten das Fahrzeug danach an die schimmernde Wand in dem Hofraum. Schließlich geleitete man in den prachtvollen Festsaal die Gäste, und sie bestaunten das Schloß des zeusbegünstigten Königs; denn genauso wie Strahlen der Sonne oder des Mondes leuchtete blendend der hohe Palast des ruhmreichen Fürsten. Als sich die Fremden das Haus zur Genüge angeschaut hatten, stiegen sie in die geglätteten Wannen und badeten. Mägde wuschen sie, salbten sie ein mit dem Öle und kleideten beide sorglich mit wolligem Mantel und Leibrock. Dann ließen die Gäste neben dem Atreussohn Menelaos auf Sesseln sich nieder. Waschwasser brachte die Magd in prächtiger goldener Kanne, goß es zum Waschen über die Hände ins silberne Becken, stellte danach die geglättete Tafel bereit für die Mahlzeit. Brot trug auf die achtbare Schaffnerin, stellte mit Freuden ihnen die Speisen reichlich hin vom vorhandenen Vorrat. Schüsseln mit vielerlei Fleischstücken brachte herbei der Zerleger von der Fleischbank und setzte vor beide die goldenen Becher. Ihnen entbot das Willkommen der Held Menelaos und sagte:

»Sprechet zu den Speisen, es mag euch bekommen! Und habt ihr satt euch gegessen, so wollen wir nach der Herkunft euch fragen. Wahrlich, der Adel eures Geschlechts ging niemals verloren, nein, von Königen, zeusbegünstigten Trägern der Zepter, stammt ihr: Unedle zeugen nicht derart stattliche Helden!«

Fette, gebratene Stücke vom Rindsrücken legte den Gästen damit er vor; man hatte ihm selbst sie zur Ehre geboten. Wacker sprachen sie zu den dargebotenen Speisen. Aber sobald sie den ersten Durst gestillt und den Hunger, beugte Telemachos sich mit dem Kopfe hinüber zum Sohne Nestors und flüsterte - denn ihn sollten die andern nicht hören -:

»Sohn des Nestor, mein teurer Gefährte, beachte genau das Schimmern des Erzes überall in den hallenden Räumen, weiter des Goldes und Silbers, des Elfenbeins und des Bernsteins! Prachtvoll wie dieser erstrahlt der Palast des Zeus vom Olympos - solch unermeßlicher Reichtum! In Staunen versetzt mich der Anblick.«

Doch Menelaos, der blonde, verstand sehr wohl, was er sagte, und er sprach zu den Gästen die flugs enteilenden Worte:

»Liebe Söhne, mit Zeus darf schwerlich ein Mensch sich vergleichen; ewig bestehen Palast und Schätze des obersten Gottes! Mag sich an Reichtum mit mir doch mancher der Sterblichen messen oder auch nicht! Viel Bittres erlitt ich auf widriger Irrfahrt, bis ich im achten Jahr mit den Schätzen die Heimat erreichte, auf dem Umwege über Kypros, Phoinike, Aigyptos, kam zu den Aithiopen, Sidoniern wie den Erembern, auch nach Libyen, wo das Lamm gleich Hörner sich mitbringt, dreimal in dem Verlaufe des Jahres werfen die Schafe. Don braucht weder ein grundbesitzender Herr noch ein Hirte Käse und Fleisch und köstlich erquickende Milch zu entbehren, sondern beständig bieten die Herden Milch für den Melker. Lange durchschweifte ich diese Gebiete und sammelte reichlich Güter mir ein; unterdessen erschlug mir ein Mörder den Bruder, heimlich und meuchlings, ihn stachelte tückisch die treulose Gattin; deshalb bin ich, als Herr so großen Vermögens, nicht glücklich. Schon von den Vätern vernahmt ihr es sicherlich, wer sie auch seien, weil ich so vieles erlitt und meinen wohnlichen Hausstand lange entbehrte mit seinen zahlreichen kostbaren Schätzen. Davon ein Drittel brauchte ich nur zum Leben im Hause, wären die Helden noch heute am Leben, die damals im weiten Troja fielen, ferne dem rosseernährenden Argos! Aber obwohl ich alle Gefallenen schmerzlich beklage, oftmals in unserem Hause sitze und jammernd mich gründlich ausweine, dann auch wieder den Tränen Einhalt gebiete - Überdruß regt sich schnell beim bitteren, heftigen Klagen -, traure ich doch, trotz meines Kummers, um keinen so innig wie um den einen, der Schlaf mir und Nahrung verleidet, sofern ich seiner gedenke! Denn keiner der Griechen hat so viel erlitten, wie es Odysseus erlitt und zu tragen bemüht war! Er sollte Unglück erdulden - ich sollte ihn unablässig beklagen. Ach, wie lange schon ist er verschollen, und uns fehlt die Kenntnis,

ob er noch lebt, ob er starb! Vermutlich beweinen ihn heute schon Laërtes, der Alte, und Penelope, die kluge, auch Telemachos, den er als Knäblein im Hause zurückließ.«

Derart sprach er und weckte im Sohn den Schmerz um den Vater. Tränen entströmten den Augen des Jünglings, als er die Worte über Odysseus vernahm, und er zog sich den purpurnen Mantel vor das Gesicht, mit beiden Händen. Das sah Menelaos und überlegte, im Widerstreit von Verstand und Empfindung, ob er ihn selber sein Wissen vom Vater vorbringen lassen oder zuerst ihn allseitig prüfen und ausfragen solle.

Während er dies noch erwog, im Streit von Verstand und Empfindung, trat aus dem duftenden hohen Frauengemache die Gattin Helena, stattlich wie Artemis mit den goldenen Pfeilen. Nach trug ihr Adraste den kunstreich gezimmerten Lehnstuhl, brachte Alkippe die Decke aus dichter, schmeichelnder Wolle, Phylo dazu den silbernen Korb, den Alkandre der Fürstin schenkte, die Gattin des Polybos, der im aigyptischen Theben wohnte, wo üppige Reichtümer in den Palästen sich finden. Dieser verehrte dem Menelaos zwei silberne Wannen, auch zwei Dreifüße, außerdem noch zehn goldne Talente. Ihrerseits schenkte Alkandre der Helena prächtige Gaben, eine Spindel aus Gold und den fahrbaren Spinnkorb aus reinem Silber; das herrliche Stück war an den Rändern vergoldet. Phylo, die Dienerin, setzte ihn vor der Fürstin zu Boden, voll von sauber gesponnenem Garn; und über den Fäden lag die Spindel, mit veilchenfarbener Wolle umwunden. Helena ließ sich nieder, die Fußbank stützte die Füße. Gleich begann sie dem Gatten umfassend Fragen zu stellen:

»Wissen wir schon, du Günstling des Zeus, Menelaos, wie diese Männer voll Stolz sich nennen, die unsere Wohnung betraten? Narrt mich ein Irrtum? Habe ich recht? Doch will ich es sagen:

Derartig ähnlich ist mir noch niemals ein Fremdling erschienen, weder ein Mann noch ein Weib - in Staunen versetzt mich der Anblick -, wie der Besucher dort! Für den Sohn des edlen Odysseus halte ich ihn, den der Vater als Knäblein im Hause zurückließ, als ihr Achaier um meinetwillen, der schamlosen Hündin, unter die Mauern von Ilion zoget zu wütendem Kampfe!«

Ihr gab Antwort darauf der blonde Held Menelaos:

»Jetzt bestätigt auch mein Erwägen deine Vermutung. Wirklich, so waren die Hände und Füße des Helden Odysseus, waren desgleichen sein Blick und sein Haupt und die Haare darüber! Eben erzählte ich auch von dem Helden in treuem Gedenken, was er an Mühsal, mir zuliebe, standhaft getragen; dabei entströmten schmerzliche Tränen den Augen des Jünglings, und er zog sich über das Antlitz den purpurnen Mantel!«

Zustimmung gab ihm Peisistratos, Nestors Sohn, mit den Worten:

»Günstling des Zeus, Menelaos, Atride, Gebieter der Völker, ja, mein Begleiter ist, wie du sagst, der Sohn des Odysseus! Aber Bescheidenheit übt er und scheut sich, sofort nach der Ankunft vorlaut sich ins Gespräch zu drängen dir gegenüber, dessen Worten beglückt wir lauschten, wie denen der Gottheit. Mich entsandte Gerenias Wagenkämpfer, Fürst Nestor, ihn hierher zu geleiten; er wünschte dich nämlich zu sehen, in der Erwartung, du werdest mit Rat ihn und Tat unterstützen. Eines verschollenen Vaters Sohn muß Schweres in seinem Hause erleiden, stehen ihm keinerlei Helfer zur Seite, so wie Telemachos jetzt den Vater entbehrt und kein andrer in der Gemeinde vorhanden ist, der ihn vor Unrecht beschützte.«

Ihm gab Antwort darauf der blonde Held Menelaos:

»Ha! So besucht mich tatsächlich der Sohn des teuersten Freundes, der, um meinetwillen, gefährlichen Mühsalen trotzte! Ihm gedachte ich bei der Ankunft vor allen Argeiern Gutes zu spenden, vergönnte uns beiden auf eilenden Schiffen Heimfahrt zur See der weithin schauende Herr des Olympos! Eine Stadt mit Palast in Argos hätte als Wohnsitz ihm ich geschenkt, mit Sohn ihn und Untertanen und Schätzen kommen lassen aus Ithaka, von den Städten im Umkreis eine, die ich persönlich beherrsche, geräumt von Bewohnern! Wieder und wieder hätten wir hier uns aufsuchen können, und in der Freundschaft und im glücklichen Austausche hätte erst uns die finster umhüllende Wolke des Todes geschieden. Aber wahrscheinlich beneidete uns ein Gott um die Freude, er, der dem armen Odysseus allein die Heimfahrt versagte!«

Allen erweckte er mit den Worten Verlangen zur Klage.

Tränen vergoß die Argeierin Helena, Tochter Kronions, Tränen Telemachos auch und des Atreus Sohn Menelaos. Nestors Sohn auch konnte sich nicht der Tränen erwehren; an den untadligen Helden Antilochos mußte er denken, den der stattliche Sohn der strahlenden Eos erlegte. Ihn vor Augen, sprach er die flugs enteilenden Worte:

»Überaus klug vor sämtlichen Menschen, Atride, so pflegte Nestor, der greise Fürst, dich zu nennen, gedachten in unsrem Schlosse wir deiner und saßen zur Unterhaltung beisammen. Jetzt auch, wenn irgend möglich, folge mir, bitte! Nach Tische liebe ich Wehklagen nicht; auch morgen wird in der Frühe Eos sich zeigen. Freilich verarge ich keinem die Tränen, schied ein Mensch aus dem Leben und erfüllte sein Schicksal. Darin allein besteht die Ehrung der elenden Menschen, daß man die Haare sich schert und mit Tränen die Wangen befeuchtet. Sterben auch mußte mein Bruder, gewiß nicht der schlechteste Kämpfer unter den Griechen. Du kennst ihn wahrscheinlich. Ich selber erblickte nie ihn von Angesicht. Aber Antilochos tat sich vor allen rühmlich hervor, so heißt es, im Wettlauf wie auf dem Schlachtfeld.«

Ihm gab Antwort darauf der blonde Held Menelaos:

»Alles, mein Freund, was du vorbringst, entspricht dem Reden und Handeln eines verständigen Mannes, auch in höherem Alter. Ebenso tat es dein Vater; daher auch sprichst du verständig. Mühelos ist zu erkennen der echte Sprößling des Mannes, dem der Kronide Glück bei Geburt und Heirat vergönnte, so wie er Nestor fortwährend, täglich aufs neue, begünstigt durch ein behagliches Altern in seinem eignen Palaste und durch verständige wie auch im Speerkampf vortreffliche Söhne. Laßt uns die Tränen, in die wir vorhin ausbrachen, trocknen, denken erneut wir ans Essen! Waschwasser gieße man über unsere Hände! Telemachos und ich selber, wir werden morgen uns noch, in der Frühe, gründlich aussprechen können.«

Derart sprach er, es goß Asphalion ihnen das Wasser über die Hände, der emsige Diener des ruhmreichen Fürsten. Wacker sprachen sie zu den dargebotenen Speisen.

Weiteres plante Helena nunmehr, die Tochter Kronions. In den Wein, den sie tranken, warf sie ein Mittel, das gegen

Kummer und Groll sich richtet und böse Erinnerung austilgt. Schluckt man es hinter, nachdem man im Krug mit dem Trank es gemischt hat, netzt man am selben Tage mit keiner Träne die Wangen, sollte man durch den Tod auch Mutter und Vater verlieren, schlügen auch Feinde vor einem den teuren Sohn und den Bruder tot mit dem Schwerte und sähe man dies mit eigenen Augen! Solch ein wirksames, nützliches Mittel besaß des Kroniden Tochter. Das hatte die Gattin des Thon ihr geschenkt, Polydamna, fern in Aigyptos, wo der fruchtbare Boden sehr viele Kräuter hervorbringt, nützliche, schädliche, wirr durcheinander. Jeder ist dort ein Arzt, der an Kenntnis die übrigen Menschen weit übertrifft; sie stammen von dem Geschlechte Paieons. Als sie eingerührt hatte den Trank und einschenken lassen, mischte sie sich erneut ins Gespräch und sagte die Worte:

»Günstling des Zeus, Menelaos, Atride, auch ihr dort, ihr Söhne tüchtiger Helden! Zeus verleiht bald diesem, bald jenem Sterblichen Glück wie Unglück; er ist zu allem befähigt. Bleibet denn sitzen in unserem Schloß, schmaust weiter und freut euch muntrer Gespräche! Etwas Erheiterndes will ich erzählen. Freilich vermag ich kaum die Taten sämtlich zu nennen, die der verwegne und standhafte Held Odysseus vollbrachte, sondern bloß eine - und was für eine! -, die der Beherzte wagte in Troja, wo ihr Achaier so Schweres erlittet. Übel richtete selbst er sich zu mit schmählichen Hieben, warf um die Schultern sich Lumpen und schlich sich, genau wie ein Sklave, ein in die feindliche Festung, die Burg mit den mächtigen Straßen. Listig verstellte er sich und spielte den lungernden Bettler, wie er doch keineswegs bei den Schiffen der Griechen sich zeigte! Derart schlich er in Troja sich ein. Es entdeckte ihn niemand. Ich nur erkannte ihn unter der täuschenden Hülle und stellte gleich ihn zur Rede; er gab mir, mit Vorbedacht, ausweichend Antwort. Aber ich badete ihn und salbte den Körper mit Öl ihm, gab ihm neue Gewänder und sprach den verbindlichen Eidschwur, ihn als Odysseus unter den Troern nicht zu verraten, bis ihm der Rückweg geglückt zu den schnellen Schiffen und Zelten. Darauf enthüllte er mir den ganzen Plan der Achaier. Schließlich erschlug er mit langem Erze noch zahlreiche Troer und erreichte mit wichtigen Kenntnissen wieder das Lager. Laute Klagen erhoben die troischen Frauen; ich selber freute mich innig, da ich schon lange die Heimfahrt ersehnte,

aber die Torheit beklagte, mit der mich Kypris geschlagen, als sie mich aus dem teuren Vaterland hierher entführte, mich von der Tochter trennte, dem Ehegemach und dem Gatten, der doch an Einsicht und Stattlichkeit hinter keinem zurückstand.«

Held Menelaos, der blonde, bemerkte zu ihrer Erzählung:

»Was du berichtest, Helena, ist die lautere Wahrheit. Einsicht und Denkkraft zahlreicher Helden lernte ich kennen, früher bereits; mich führte mein Weg durch mancherlei Länder. Aber noch nie trat mir solch ein trefflicher Mann vor die Augen wie der teure, der hartgeprüfte und kühne Odysseus. Eine Gefahr - und welche! - bestand er auch, der Beherzte, in dem hölzernen Pferde, in dem wir allesamt saßen, wir, die Fürsten der Griechen, den Troern zu Tod und Verderben. Dorthin begabst du dich, Helena; sicherlich trieb dich zu diesem Handeln ein Daimon, der Ruhm den Troern zu spenden gedachte. Held Dëiphobos begleitete dich, der göttliche Streiter. Dreimal umschrittest du das Versteck in der Höhlung, befühltest rings mit den Fingern das Holz und riefest, indem du die Stimmen ihrer Gemahlinnen annahmst, die griechischen Helden bei Namen. Ich und der Sprößling des Tydeus und der edle Odysseus saßen inmitten des hölzernen Rosses und hörten dein Rufen. Aufspringen wollten sogleich Diomedes und ich in der Absicht, auszusteigen oder von innen den Ruf zu erwidern. Aber Odysseus hielt uns zurück in dem törichten Streben. Lautlos hockten auf ihren Plätzen die Söhne Achaias. Held Antiklos als einziger wollte dir Antwort erteilen. Aber mit kräftigen Händen preßte der kluge Odysseus fest ihm den Mund zu und rettete dadurch alle Achaier. Solange hielt er ihn fest, bis Athene dich wieder entfernte.«

Der verständige Jüngling Telemachos gab ihm zur Antwort:

»Günstling des Zeus, Menelaos, Atride, Führer der Männer, ach, um so bitterer! Was er geleistet, bewahrte ihn trotzdem nicht vor dem Tode, und hätte ein Herz er von Eisen besessen! Aber so lasset bitte das Lager uns richten, damit wir nunmehr, zur Ruhe gebettet, den köstlichen Schlaf auch genießen!«

Derart sprach er, und Helena ließ, die Fürstin von Argos, Mägde die Betten aufschlagen in der Vorhalle, schöne

purpurne Kissen daraufpacken, sie mit Laken beziehen, wollene Decken dazu, als Überbetten, noch breiten. Aus dem Gemache eilten die Mägde, Fackeln in Händen, richteten emsig die Lager. Ein Herold führte die Gäste aus dem Saale. Im Vorbau legten zur Ruhe sich nieder Held Telemachos und der stattliche Sprößling des Nestor. Der Atride ruhte im Innern des ragenden Schlosses, bei ihm die göttliche Helena, reizend im langen Gewände.

Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, sprang vom Lager empor Menelaos, der Meister im Schlachtruf, zog die Gewänder an, legte das schneidende Schwert um die Schulter, band sich unter die glänzenden Füße die schmucken Sandalen und verließ das Gemach, ein Gott, so schön und so stattlich. Neben Telemachos setzte er sich und stellte die Fragen:

»Welch ein Wunsch, du edler Telemachos, führte dich her zum göttlichen Sparta, über den weiten Rücken des Meeres? Staatlicher Auftrag? Eigne Geschäfte? Sag es mir offen!«

Ihm gab Antwort darauf der verständige Sohn des Odysseus:

»Günstling des Zeus, Menelaos, Atride, Führer der Männer, in der Erwartung kam ich, du gäbest mir Nachricht vom Vater! Man verpraßt mir den Hausstand, mein Hab und Gut ist verloren. Feinde wimmeln in meinem Palaste, sie schlachten mir ständig blökende Schafe und krummgehörnte, trottende Rinder, tummeln, Bewerber um meine Mutter, sich schamlos und maßlos. Kniefällig flehe ich deshalb dich an, mir Auskunft zu geben über sein bitteres Ende, hast du mit eigenen Augen davon Kenntnis genommen - oder vernahmst du von andern, wie er umherirrte; denn zum Elend gebar ihn die Mutter. Aber beschönige nichts, aus Rücksicht oder aus Mitleid, sondern berichte genau, wie du es persönlich erfuhrest! Inständig bitte ich dich, wenn mein Vater, der edle Odysseus, jemals mit Wort oder Tat dir wichtige Dienste geleistet in dem Gebiet von Troja, wo Schweres ihr littet, Achaier:

dessen erinnre dich jetzt und gib mir aufrichtig Auskunft!« Heftig empört gab Antwort der blonde Fürst Menelaos:

»Schande! Sie wollten tatsächlich auf des tapferen Helden Lager sich betten, sie, die kraftlos und feige sich zeigen! Wie in dem Wildlager eines gewaltigen Löwen die Hirschkuh

ihre noch zarten, saugenden Kälbchen ablegt und selber weidend die Wälder durchstreift und die grasreichen Schluchten der Berge, ganz überraschend der Löwe sodann in sein Lager zurückkehrt und die Hirschkuh und ihre Jungen erbarmungslos tötet:

ebenso wird Odysseus die Freier erbarmungslos töten! Käme doch, Vater Zeus, Athene und Phoibos Apollon, käme Odysseus, so stark, wie er einstmals im wohnlichen Lesbos gegen den König Philomeleides zum Wettringen antrat und ihn zu Boden schmetterte, allen Achaiern zur Freude - käme Odysseus derart gewaltig über die Freier:

sterben würden sie gleich, sie feierten traurige Hochzeit! Aber wonach du mich fragst und worum du mich bittest, das werde offen und ohne Umschweif ich sagen und werde nicht lügen, sondern von dem, was der ehrliche Meergreis genau mir erzählte, nicht ein einziges Wort dir verschweigen oder verhehlen.

In Aigyptos hielten mich, meinem Heimweh zum Trotze, Götter noch fest, weil ich ihnen unzureichend geopfert. Stete Befolgung ihrer Gebote verlangen die Götter! Vor der aigyptischen Küste, im heftig brandenden Meere, da erstreckt sich ein Eiland; Pharos lautet sein Name. So weit liegt es entfernt, wie ein bauchiges Lastschiff an einem Tage dahinfährt, wenn pfeifender Rückenwind kräftig ihm nachbraust. Einen bequemen Hafen besitzt die Insel; dort schöpfen dunkles Wasser die schaukelnden Schiffe vor weiterer Meerfahrt. Auf dem Eiland hemmten mich zwanzig Tage die Götter. Niemals wehte zur See hin günstiger Wind, wie er Schiffe über den weiten Rücken des Meeres sicher geleitet. Vorräte wie auch die Kräfte der Mannschaft drohten zu schwinden. Doch es erbarmte sich meiner die Göttin und bot mir die Rettung, Eidothea, die Tochter des mächtigen Alten vom Meere Proteus; erregte ich doch ihr innigstes Mitleid. Sie traf mich, während ich fern von meinen Gefährten traurig umherschlich; diese durchstreiften ständig die Insel und suchten mit krummen Haken sich Fische zu angeln; es quälte sie wütender Hunger. Zu mir trat sie und würdigte mich der fragenden Worte:

'Bist du in solchem Grade töricht und einfältig, Fremdling, oder säumst du mit Absicht und leidest Not zum Vergnügen? Lange verweilst du auf dieser Insel, vermagst für dich keinen Ausweg zu finden, es schwindet die Zuversicht deiner Gefährten!'

Derart sprach sie. Ich aber erteilte ihr folgende Antwort:

'Wer du auch seist von den Göttinnen, ich erkläre dir offen, daß ich gezwungen verweile. Vermutlich habe ich Frevel gegen die Götter, des weiten Himmels Bewohner, begangen! Sage mir, bitte - denn Götter sind wohlunterrichtet von allem -, wer mich vom Kreis der Unsterblichen an der Weiterfahrt hindert, dann, wie ich über das fischreiche Meer in die Heimat gelange!'

Derart bat ich. Sogleich gab Antwort die herrliche Göttin:

'Fremdling, ich werde dir unumwunden Auskunft erteilen. Hierher pflegt ein Bekenner der Wahrheit zu kommen, der Meergreis Proteus, unsterblich, aus Aigyptos, der völlig sich auskennt in den Tiefen der See, ein redlicher Diener Poseidons. Dieser Gott, so erzählt man, ist mein leiblicher Vater. Könntest du auflauern ihm und in deine Gewalt ihn bekommen, würde er dir die Richtung und Länge der Strecke enthüllen und wie du über das fischreiche Meer in die Heimat gelangtest, würde dir, Günstling des Zeus, auch verraten, sofern du es wünschtest, was an Glück oder Unglück geschah in deinem Palaste, während du abwesend warst auf langer, gefährlicher Reise.'

Derart sprach sie. Ich aber erteilte ihr folgende Antwort:

'Bitte, sag selber: Wie soll ich den greisen Meergott belauern? Sieht er oder bemerkt er mich vorher, wird er entrinnen. Schwer nur läßt sich ein Gott von einem Menschen bezwingen.'

Derart sprach ich. Sogleich gab Antwort die herrliche Göttin:

'All dies will ich dir, Fremdling, unumwunden berichten. Hat die steigende Sonne die Mitte des Himmels erklommen, taucht aus den Fluten der Bote der Wahrheit, der Alte vom Meere, unter dem Wehen des Zephyros, heimlich im Wellengekräusel, steigt an das Ufer und legt in gewölbter Grotte sich schlafen. Um ihn schlummern, den schäumenden Wellen entstiegen, in dichten Scharen die Robben, die Kinder der lieblichen Tochter des Meeres, und verbreiten den scharfen Geruch der salzigen Schlünde. Dorthin will ich, bei Anbruch der Morgenröte, dich führen, zwischen die Robben dich legen. Doch vorher wähle mit Sorgfalt drei Gefährten, die besten Leute der tüchtigen Flotte. Nunmehr will ich die Tücken des Alten sämtlich dir nennen. Anfangs wird er die Robben musternd durchschreiten und zählen;

hat er sie alle zu fünfen abgezählt und besichtigt, legt er in ihrer Mitte sich hin, wie der Hirt bei den Schafen. Aber sobald ihr erkennt, daß der Greis in Schlummer gesunken, wendet entschlossen Gewalt an und Kraft und haltet an seinem Platze ihn fest, wie ungestüm er auch versucht zu entfliehen. Annehmen wird er Gestalten sämtlicher Wesen, die wandeln über die Erde, auch jene des Wassers und lodernden Feuers. Haltet ihn aber standhaft fest und zwingt ihn noch stärker! Richtet er schließlich Fragen an dich, aus eigenem Antrieb, in der Gestalt, in der ihr ihn vorher einschlafen sahet, dann erst verzichte, du Held, auf Gewalt und lasse den Alten los und befrage ihn, welcher Gott dich feindlich behandelt, dann, wie du über das fischreiche Meer gelangst in die Heimat!'

Derart sprach sie und tauchte hinein in die wogenden Fluten. Ich begab mich zur Liegestelle der Schiffe am Strande; während des Ganges quälten mich zahlreiche schwere Gedanken. Als ich mein Schiff und das Gestade des Meeres erreichte, rüsteten wir die Mahlzeit; es nahte das göttliche Dunkel. Und wir legten uns schlafen, dicht neben der tobenden Brandung. Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, ging ich entlang am weithin befahrenen Meere und flehte dringend empor zu den Göttern. Mitnahm ich von meinen Gefährten drei, auf die ich vor allen bei jeglichem Vorhaben baute. Eidothea, inzwischen hinuntergetaucht in die Tiefe, hatte vier Robbenfelle gebracht aus dem Schoße des Meeres, alle frisch abgezogen; den Vater wollte sie täuschen. Mulden hatte sie in den Seesand gegraben, und wartend saß sie bei ihnen. Wir nahten ihr, und sie bettete jeden in den Sand, nacheinander, und deckte ihn zu mit dem Felle. Übel wäre in diesem Versteck uns geworden; uns quälte grausam der scharfe Gestank der im Meere heimischen Robben. Wer vermag wohl zu schlafen bei einem Untier des Meeres? Aber uns schützte die Göttin und gab uns ein Linderungsmittel. Jedem rieb sie ein wenig Ambrosia unter die Nase; köstlich duftete dies und vertrieb den Dunsthauch der Robben. Über den ganzen Vormittag lagen wir standhaft auf Lauer. Robben in Scharen tauchten empor aus dem Wasser und legten dicht aneinander zur Ruhe sich, neben der tobenden Brandung. Mittags erschien der Greis aus den Fluten und stieß auf die starken

Robben; er musterte alle mit Sorgfalt und zählte die Menge. Uns auch, am Anfang der Reihe, hielt er für Tiere und schöpfte keinerlei Argwohn; dann bettete er sich selber zur Ruhe. Auf ihn stürzten wir uns mit Geschrei und packten ihn kräftig. Aber der Alte vergaß nicht seine listigen Kniffe. Gleich am Anfang ward er ein Löwe mit stattlicher Mähne, dann ein Drachen, ein Panther darauf und ein riesiger Eber, wurde ein rinnendes Wasser, ein Baum mit ragender Krone. Aber wir hielten ihn fest gepackt, mit Geduld und Vertrauen. Endlich bekam der Alte es satt, die tückischen Künste anzuwenden, er sprach mich an und stellte die Fragen:

'Wer von den Göttern, Atride, riet dir, mich zu belauern und mich gewaltsam gefangenzunehmen? Was möchtest du haben?'

Derart sprach er. Ich gab ihm zur Antwort: 'Du weißt doch, betagter Gott des Meeres - was stellst du mir, ausweichend, listige Fragen? -, daß ich schon lange auf dieser Insel verweile, auch keinen Ausweg zu finden vermag und meine Zuversicht schwindet! Sage mir, bitte - denn Götter sind wohlunterrichtet von allem -, wer mich vom Kreis der Unsterblichen an der Weiterfahrt hindert, dann, wie ich über das fischreiche Meer in die Heimat gelange!'

Derart sprach ich. Sogleich erteilte der Meergreis mir Antwort:

'Richtige Opfer hättest du Zeus und den übrigen Göttern darbringen sollen, bevor du in Troja an Bord gingst, um eiligst über die schimmernden Fluten in deine Heimat zu segeln! Dann erst erlaubt dir das Schicksal, die Lieben wiederzusehen und in dein prachtvolles Haus und die teure Heimat zu kommen, wenn du die Rückfahrt antrittst zum Wasser des himmelentströmten Flusses im Lande Aigyptos und üppige Festopfer darbringst den Unsterblichen, die den weiten Himmel bewohnen. Darauf werden die Götter den Heimweg nach Wunsch dir vergönnen.'

Derart sprach er, und mich erschütterten Schmerz und Enttäuschung, weil er mich zwang, erneut das unendliche Meer zu durchfahren bis zum Lande Aigyptos, auf weitem, gefahrvollem Wege. Trotzdem ermannte ich mich sogleich und gab ihm zur Antwort:

'Deinem Befehle, du göttlicher Meergreis, will ich gehorchen. Aber berichte mir doch und erteile untrüglich mir Auskunft:

Kamen zu Schiffe gefahrlos nach Hause alle Achaier,

die Fürst Nestor und ich beim Aufbruch von Troja verließen? Oder verstarb noch mancher an Bord auf schreckliche Weise oder gar unter den Lieben, nachdem er den Krieg überstanden?'

Derart fragte ich, und der Meergreis gab mir zur Antwort:

'Warum fragst du mich danach, Atride? Alles erfahren darfst du nicht, brauchst nicht mein Wissen zu prüfen. Nicht lange könntest du dich der Tränen erwehren, erführest du alles! Viele der Griechen starben, viele blieben am Leben. Aber nur zwei von den Fürsten der erzgewappneten Griechen fanden den Tod auf der Heimfahrt; selbst kämpftest du mit in dem Kriege. Einer verweilt auf weitem Meere, wahrscheinlich noch lebend. Aias ertrank in der Flut mit den langberuderten Schiffen. Gegen die riesigen, schroffen gyraiischen Felsklippen drängte ihn Poseidon. Erst ließ er ihn freilich den Wellen entkommen; leben geblieben wäre der Held, wenn auch Pallas ihn haßte, hätte er nicht gelästert voll Trotz und töricht gefrevelt:

Gegen den Willen der Götter, so rief er, sei er des Meeres Schlünden entronnen! Poseidon vernahm sein schamloses Prahlen, packte sogleich mit seinen gewaltigen Fäusten den Dreizack, hieb ihn auf den gyraiischen Felsen und spaltete diesen. Eines der Bruchstücke blieb, das andre versank in den Fluten. Auf ihm saß der gerettete Aias und hatte gelästert. Tief in die endlos wogende See riß jetzt ihn der Felsblock. Derart ging der Frevler zugrunde, ertrank in der Salzflut. Fürst Agamemnon, dein Bruder, entrann zwar glücklich dem Tode auf den gewölbten Schiffen; ihn schirmte die machtvolle Hera. Aber sobald er dem ragenden Kap von Malea sich nahte, packte ihn jäh ein wilder Orkan und jagte ihn weithin über das fischreiche Meer, indes er bitterlich klagte, bis an die Grenze des Landes, wo früher Thyestes den Wohnsitz hatte, doch nunmehr Aigisthos lebte, der Sohn des Thyestes. Aber von hier auch winkte ihm glückliche Heimkehr, die Götter ließen es umgekehrt wehen, die Männer kamen nach Hause. Freudig betrat er den Boden der Heimat, ergriff ihn und küßte innig die Scholle der Väter. Heiße Tränen entstürzten seinen Augen, so glücklich war er beim Anblick der Landschaft. Doch von der Warte erspähte der Wächter den König; voll Tücke hatte Aigisthos den Posten gestellt und zwei goldne Talente Lohn ihm versprochen. Ein Jahr lang hielt der Wächter schon Ausschau:

Heimlich sollte der Fürst nicht kommen und Widerstand planen! Schnell überbrachte er jetzt ins Schloß dem Aigisthos die Botschaft. Dieser erdachte sich einen listigen Anschlag; er wählte unter dem Volke zwanzig der tapfersten Männer und legte sie in den Hinterhalt; ein Festmahl ließ er auf andrer Stelle bereiten. Dann zog er aus mit Rossen und Wagen, einzuladen den Hirten der Völker, im Sinn das Verbrechen. Dem Nichtsahnenden gab er Geleit, dann schlug er beim Essen plötzlich ihn tot; so fällt den Stier an der Krippe ein Schlächter! Von dem Gefolge des Atreussohns blieb keiner am Leben, keiner von dem des Aigisthos; sie fielen sämtlich im Saale.'

Derart sprach er, doch mich erschütterten Schmerz und Entsetzen. Auf dem sandigen Strande saß ich und weinte; nicht länger mochte ich leben und aufschauen zu den Strahlen der Sonne. Als ich sattsam geweint und klagend gewälzt mich am Boden, tröstete mich der Alte vom Meere, der Bote der Wahrheit:

'Unaufhörlich darfst du nicht Tränen vergießen, Atride; damit werden wir gar nichts erreichen. Versuche jetzt lieber schleunigst, dein Ziel zu erlangen, den teuren Boden der Väter! Lebend noch wirst du den Mörder antreffen, oder Orestes hat ihn erschlagen bereits, dann kommst du vielleicht zur Bestattung.'

Derart sprach er, und trotz des Schmerzes, der bitter mich quälte, fühlte mein Herz sich von zuversichtlicher Freude durchdrungen, und ich entgegnete ihm die flugs enteilenden Worte:

'Beider Schicksale kenne ich jetzt. Nun sprich von dem dritten, der auf dem weiten Meere verweilt, wahrscheinlich noch lebend - oder schon tot. Ich möchte es hören, auch wenn es mir weh tut.'

Derart sprach ich, und gleich erteilte der Meergreis mir Antwort:

'Das ist der Held, der auf Ithaka wohnt, der Sohn des Laërtes. Perlende Tränen sah ich auf einer Insel ihn weinen, in dem Palast der Nymphe Kalypso, die ihn gewaltsam festhält; die teure Heimat vermag er nicht zu erreichen. Ruderschiffe und Mannschaft stehen ihm nicht zur Verfügung, die ihn geleiteten über den weiten Rücken des Meeres. Dir, Menelaos, du Günstling des Zeus, bestimmten die Götter, nicht im rosseernährenden Argos dein Ende zu finden, nein, zur Elysischen Flur, zu den Grenzen des Erdkreises, werden

dich die Unsterblichen führen, wo Rhadamanthys, der blonde, waltet und Menschen ihr Leben aufs angenehmste verbringen. Dort fällt niemals Schnee, es stürmt nicht, kein Platzregen prasselt, sondern es läßt der Okeanos ständig den Zephyros säuseln, um den Menschen Erquickung zu spenden. Als Helenas Gatten achten die Götter dich, folglich als Schwiegersohn des Kroniden.'

Derart sprach er und tauchte hinein in die wogenden Fluten. Ich ging zu den Schiffen zurück mit den wackren Gefährten; während des Ganges quälten mich zahlreiche schwere Gedanken. Als ich mein Schiff und das Gestade des Meeres erreichte, rüsteten wir die Mahlzeit; es nahte das göttliche Dunkel, und wir legten uns schlafen neben der tobenden Brandung. Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, zogen zuerst wir die Schiffe hinab in die göttlichen Fluten, legten auch Masten und Segel hinein in die schaukelnden Schiffe; schließlich ging die Mannschaft an Bord und besetzte die Bänke, peitschte in ihren Reihen die schäumende See mit den Rudern. Wieder gelangt zu den himmelentströmten Wassern des Niltals, legte ich an und brachte erfolgreiche, üppige Opfer. Als ich beschwichtigt den Groll der ewigen Götter, erbaute ich Agamemnon ein Grabmal, zu unauslöschlichem Ruhme. Nach der Vollendung des Bauwerks stach ich in See, und die Götter schickten mir günstigen Wind und brachten mich schnell in die Heimat. Aber wohlan denn, bleibe für jetzt in meinem Palaste wenigstens bis zum elften Tage oder dem zwölften! Dann erst will ich, der Ordnung gemäß, dich entlassen, dir schöne Gaben verehren, drei Rosse und einen geglätteten Wagen, weiterhin einen prachtvollen Becher, damit du den Göttern Spenden darbringen kannst zu meinem steten Gedächtnis!«

Ihm gab Antwort darauf der verständige Sohn des Odysseus:

»Suche mich, bitte, Atride, hier nicht länger zu halten! Freilich, ich würde sehr gern ein Jahr lang in deinem Palaste sitzen und sehnte mich nicht nach Hause und nicht nach den Eltern; derart gewaltig ergreift mich dein Wort und deine Erzählung. Aber es warten auf mich voll Ungeduld meine Gefährten im hochheiligen Pylos, du hältst mich ja lange zurück schon! Was du als Gabe mir bietest, sei nur ein liegendes Kleinod. Mitnehmen kann ich nicht Rosse nach Ithaka, sondern dir selber

will ich als Prunkstück sie lassen. Du herrschest in weitem und flachem Lande, wo reichlich Steinklee wuchert, auch Zypergras, Weizen, Spelt und breitgewachsene, weißlich schimmernde Gerste. Ithaka bietet jedoch nicht geräumige Bahnen und Wiesen; Ziegen ernährt es, doch lockt es mich mehr als die Heimat der Pferde. Keine der meerumbrandeten Inseln vermag ja den Pferden Raum und Weide zu geben, am wenigsten Ithakas Bergland!«

Derart sprach er, und lächeln mußte der Meister im Schlachtruf, Held Menelaos, beruhigte ihn durch Streicheln und sagte:

»Edler Herkunft bist du, Junge, nach deiner Entgegnung! Andere Gaben will ich dir also verehren; das kann ich. Mancherlei ruht, zum Geschenke geeignet, in meinem Palaste; davon will ich das schönste und wertvollste dir überreichen. Einen kunstreichen Mischkrug will ich dir geben; aus reinem Silber besteht er, und an den Rändern ist er vergoldet, Arbeit des Gottes Hephaistos. Der tapfere König von Sidon, Phaidimos, schenkte ihn mir; sein Haus gewährte mir Obdach während der Heimfahrt. Das Schmuckstück werde ich dir überlassen.«

Derart führten der Wirt und der Gast ihr Gespräch miteinander. Tischgenossen betraten das Haus des göttlichen Königs; Kleinvieh brachten die einen, Wein zur Stärkung die andern; weitere Zukost schickten die prächtig verschleierten Frauen. Derart bereiteten sie im Saale des Schlosses die Mahlzeit.

Vor dem Palast des Odysseus übten inzwischen die Freier fröhlich das Werfen mit Diskos und Jagdspieß, auf wacker gestampftem Boden, dem üblichen Platze, übermütig und maßlos. Aber als Anführer saßen Antinoos, bei ihm der göttlich schöne Eurymachos, da, bei weitem die tüchtigsten Freier. Ihnen näherte sich des Phronios Sprößling Noëmon, wandte sogleich sich Antinoos zu und stellte die Frage:

»Haben wir Nachricht, Antinoos, oder haben wir keine, wann Telemachos heimkehrt vom sandigen Pylos? Mit meinem Schiffe stach er in See; jetzt brauche ich dringend es selber, um in das weite Elis hinüberzufahren. Zwölf Stuten habe ich dort, sie säugen junge, zur Arbeit geschickte Maulesel; einen von ihnen möchte ich holen und zähmen.«

Derart sprach er. Die beiden erschraken; sie hatten den Jüngling nicht im nelëischen Pylos vermutet, sondern zu Hause, auf den Feldern vielleicht, bei den Herden, dem Hüter der Schweine. Und Antinoos fragte ihn gleich, der Sohn des Eupeithes:

»Sag mir die Wahrheit! Wann reiste er ab? Und wer von den jungen Leuten aus Ithaka folgte ihm? Oder waren es eigne Tagelöhner und Knechte? Das brächte er auch noch zustande! Aufrichtig gib mir auch Auskunft - ich muß genau es erfahren -, ob er mit bloßer Gewalt das dunkle Schiff dir entführte oder ob du es ihm freiwillig liehest auf dringendes Bitten!«

Und Noëmon, der Sohn des Phronios, gab ihm zur Antwort:

»Freiwillig lieh ich es ihm. So würde ein jeder verfahren, wenn ihn ein solcher Mann, von bitterem Kummer gepeinigt, darum ersuchte. Es wäre zu hart, ihm den Wunsch zu verweigern. Seine Begleiter sind Jünglinge, Ithakas tapferste Leute nächst euch Freiern und mir. An Bord ging Mentor als Führer, wie ich bemerkte - oder ein Gott mit dem Aussehen Mentors. Muß ich doch staunen: Den göttlichen Mentor erblickte ich gestern morgen noch hier, und vorgestern ist er nach Pylos gefahren!«

Damit begab sich Noëmon wieder zum Hause des Vaters. Aber die beiden trotzigen Freier packte Entrüstung, sie unterbrachen den Wettkampf und hießen die andern sich setzen. Unter ihnen ergriff das Wort der Sohn des Eupeithes, heftig erregt; vor Wut war völlig umnebelt sein Denken, seine Augen funkelten hell wie loderndes Feuer:

»Ha! Telemachos hat es geschafft! Er reiste tatsächlich frech nach Pylos, während wir glaubten, er schaffe es niemals! Uns - so vielen! - zum Trotz verschwindet der Knabe im stillen, zieht sich ein Schiff ins Wasser und wählt sich die tüchtigsten Leute! Anrichten wird er auch weiterhin Schaden. Zeus lähme ihm aber selber die Kräfte, bevor er zu voller Stärke heranreift! Stellt mir ein schnelles Schiff zur Verfügung und zwanzig Gefährten:

Auflauern will ich ihm auf der Fahrt, in der Enge des Meeres zwischen der Insel Ithaka und dem zerklüfteten Same; übel bekomme dem Knaben die Seefahrerei nach dem Vater!«

Derart sprach er, und keiner sparte mit Beifall und Zuspruch. Alle begaben sich gleich in das Schloß des edlen Odysseus.

Doch Penelope sollte nicht lange in Unkenntnis bleiben über den Plan, den die Freier in tückischer Absicht ersannen. Medon, der Herold, verriet ihr den Anschlag; er hatte von draußen zugehört, während sie drinnen heimlich den Hinterhalt planten. Eilig durchschritt er das Schloß, Penelope die Meldung zu bringen. Über die Schwelle trat er, als ihn die Herrin schon fragte:

»Herold, warum entsandten dich die adligen Freier? Sollst du den Mägden des edlen Odysseus den Auftrag erteilen, einzustellen die Arbeit, den Freiern die Mahlzeit zu rüsten? Sollten sie nie sich als Gatten bewerben noch sonst sich versammeln, sondern heute zum letzten, zum letzten Male hier schmausen! Ihr, die ihr stets euch versammelt und reichliche Güter verprasset, die doch dem klugen Telemachos sämtlich gehören - von euren Vätern ließet ihr früher euch nicht, in der Kindheit, erzählen, wie sich Odysseus als König zu euren Eltern verhalten, wie er im Volke niemandem, weder durch Taten noch Worte, Unrecht getan nach dem Brauche der gottbegünstigten Herrscher; launisch erweisen dem einen sie Haß und dem anderen Gnade. Niemals verübte Odysseus an einem der Ithaker Frevel. Nein, nur eure Gesinnung und euer schändliches Handeln kommen ans Licht, es bedankt sich keiner für reichliche Wohltat!«

Ihr gab Antwort der Herold, der verständige Medon:

»Wäre doch, Herrin, dieses Treiben das furchtbarste Übel! Aber die Freier planen noch weitaus schlimmeres, weitaus schwereres Unheil! Mag der Kronide es gütig verhindern! Deinen Telemachos wollen sie töten mit schneidendem Schwerte, wenn er nach Hause zurückkehrt! Um Nachricht vom Vater zu holen, fuhr er zum heiligen Pylos und ins fruchtbare Sparta.«

Derart sprach er. Der Herrin erbebten die Knie vor Entsetzen, sprachlos stand sie geraume Zeit. Ihr quollen die Augen über von Tränen; sie wollte sich äußern, doch stockte die Stimme. Endlich fand sie die Sprache wieder und gab ihm zur Antwort:

»Herold, warum verließ mich mein Sohn? Er brauchte die schnellen Schiffe doch nicht zu besteigen, die als Gespanne des Meeres dienen den Männern und weithin die flutenden Bahnen durcheilen! Wollte den eigenen Namen sogar vor der Nachwelt er löschen?« Ihr gab Antwort der Herold, der verständige Medon:

»Herrin, ich weiß nicht, ob ein Gott zur Reise ihn spornte

oder sein Wille nach Pylos ihn trieb, sich Nachricht zu holen über den Vater, die Heimkehr oder sein sonstiges Schicksal.«

Damit begab sich der Herold hinweg durch das Schloß des Odysseus. Herzzerreißender Kummer umfing sie, auf keinem der vielen Sessel im Zimmer vermochte sie mehr sich niederzulassen, sondern sie sank auf die Schwelle des prächtig errichteten Raumes nieder und schluchzte kläglich. Mitjammerten sämtliche Mägde, die sich im Hause befanden, die jüngeren wie die betagten. Unter schmerzlichen Klagen sprach Penelope zu ihnen:

»Hört mich, ihr Lieben! Der Herr des Olympos traf mich von allen Frauen, die mit mir geboren wurden und leben, am schwersten. Erst verlor ich den Gatten; edel, beherzt wie ein Löwe war er und übertraf die Achaier an vielerlei Gaben, tüchtig, gepriesen in Hellas wie im inneren Argos. Nunmehr entrafften mir Stürme den Sohn, den geliebten, vom Hause, ruhmlos; als er auf See ging, erhielt ich keinerlei Nachricht. Grausame Mädchen, von euch auch gedachte nicht eine, nicht eine, mich aus dem Bette zu holen, obwohl ihr genau doch den Zeitpunkt wußtet, an dem er zum dunklen, geräumigen Schiff sich begeben! Hätte ich Kenntnis erhalten von seiner Absicht zur Reise, wäre er sicher geblieben, wie sehr es zur Abfahrt ihn drängte, oder er hätte mich tot zurück im Hause gelassen. Aber so rufe mir schleunigst jemand den alten Dolios, meinen Diener, den mir der Vater nach Ithaka mitgab, der mir den baumbestandenen Garten betreut: Zu Laërtes eile er, setze sich zu ihm und berichte ihm alles! Rat weiß jener vielleicht, kommt her vom Lande und richtet jammernd vor allem Volke die Klage gegen die Freier, die ihm den Sohn des edlen Odysseus umbringen wollen!«

Eurykleia, die teure Amme, erteilte ihr Antwort:

»Liebes Kind, mit dem grausamen Erze erschlage mich oder dulde mich weiter im Hause! Ich kann es nicht länger verschweigen:

Eingeweiht war ich in alles! Ich gab ihm, was er verlangte, Nahrung und köstlichen Wein. Dann ließ er mich feierlich schwören, frühestens dir am zwölften Tage Bericht zu erstatten, außer daß du ihn vermißtest und Kunde erhieltst von der Reise; solltest du doch nicht durch Tränen dein liebliches Antlitz entstellen. Bade dich jetzt und ziehe saubere Kleider dir über,

gehe mit deinen Dienerinnen hinauf in dein Zimmer, flehe zu Pallas Athene, der Tochter des Trägers der Aigis! Dann wird sie ihn bestimmt, sogar aus dem Tode, erretten. Doch den bekümmerten Alten verschone mit weiterem Kummer! Kaum ist den seligen Göttern der Stamm des Arkeisiossohnes so sehr verhaßt - ein Nachkomme wird ihm noch bleiben als Herrscher über den hohen Palast und die fruchtbaren Äcker im Umkreis!«

Derart sprach sie und stillte den Jammer, ließ trocknen die Tränen. Und Penelope wusch sich, zog saubere Kleider sich über, ging mit den Dienerinnen hinauf in das obere Stockwerk, füllte die Gerste hinein in den Korb und flehte zu Pallas:

»Höre mich, siegreiche Tochter des Zeus, des Trägers der Aigis, wenn dir jemals in seinem Palaste der kluge Odysseus üppige Schenkelstücke von Rindern und Schafen verbrannte, denke jetzt, bitte, daran, errette den Sohn mir, den teuren, biete ihm Schutz vor den schändlich übermütigen Freiern!«

Aufjammernd schloß sie ihr Flehen. Athene erhörte die Bitte. Aber die Freier begannen zu lärmen im schattigen Saale; unter den übermütigen Jünglingen spottete mancher:

»Sicherlich rüstet die eifrig umworbene Fürstin die Hochzeit, ohne zu ahnen, daß ihrem Sohne ein Blutbad bevorsteht!«

So sprach mancher; sie wußten noch nicht, was sich wirklich begeben. Da ergriff Antinoos warnend das Wort in dem Kreise:

»Narren, vermeidet freche und höhnische Reden, in gleicher Weise ihr alle! Man soll sie im Hause nicht weiterverbreiten! Los, wir erheben uns jetzt, in völliger Stille, und führen aus den Anschlag, den ihr ja sämtlich mit Beifall begrüßtet!«

Darauf suchte er zwanzig sich aus, die tapfersten Streiter. Eilig begaben sie sich zum schnellen Schiff ans Gestade, zogen zunächst das Fahrzeug hinab ins tiefere Wasser, legten hinein in das dunkle Schiff den Mast und das Segel, hängten danach die Ruder fest in die ledernen Schlingen, ordnungsgemäß, und setzten schließlich das leuchtende Segel. Waffen und Rüstungen brachten ihnen die mutigen Diener. Fest verankerten sie das schwimmende Schiff am Gestade, gingen an Bord, verzehrten die Mahlzeit und harrten des Abends.

Doch Penelope lag inzwischen im oberen Stockwerk, ohne nur etwas von Speise und Trank zu genießen, und dachte kummervoll nach, ob ihr tüchtiger Sohn dem Tode entginge oder ob ihn die übermütigen Freier erschlügen. Sorgen, die im Getümmel der Jäger die jählings erschreckte Löwin bewegen, wenn die Verfolger sie tückisch umzingeln, hegte die Fürstin; darüber beschlich sie erquickender Schlummer. Hingestreckt schlief sie, und ihre Glieder entspannten sich wohlig.

Weiteres plante indessen die helläugig blickende Göttin. Eine Gestalt erschuf sie, ein weibliches Traumbild, so stattlich wie Iphthime, des mutigen Helden Ikarios Tochter, Gattin des Königs Eumelos, der in Pherai sich aufhielt. Diese entsandte die Göttin ins Haus des edlen Odysseus; Einhalt gebieten sollte sie dort Penelope, der bitter klagenden, in dem Gejammer und ihren strömenden Tränen. An dem Riemen des Riegels vorüber flog sie ins Zimmer, trat zu Häupten der Fürstin und richtete an sie die Worte:

»Du, Penelope, du schläfst, du teure, so innig betrübte! Nicht länger werden die selig lebenden Götter gestatten, daß du dich abhärmst und weinst; denn deinem Sohn ist die Heimkehr sicher; hat er sich doch niemals gegen die Götter vergangen.«

Ihr gab Antwort darauf die verständige Frau des Odysseus, tief in behaglichen Schlummer versunken, am Tor schon der Träume:

»Warum, Schwester, kamst du hierher? Du pflegtest mich früher nie zu besuchen; du bist ja in weiter Ferne zu Hause. Heute ermahnest du mich, ein Ende zu setzen dem bittren Jammer und bittrem Schmerz, die mich im Innersten quälen:

Erst verlor ich den Gatten; edel, beherzt wie ein Löwe war er und übertraf die Achaier an vielerlei Gaben, tüchtig, gepriesen in Hellas wie im inneren Argos. Nunmehr verließ mich mein teurer Sohn auf geräumigem Schiffe, einfältig noch und ohne Erfahrung im Reden und Handeln. Schmerzlicher traure ich heute um ihn als um meinen Odysseus. Um ihn zittere ich und fürchte, ihn träfe ein Unglück unter dem Volk, das er aufsucht, oder auf offenem Meere. Stellen doch zahlreiche Gegner ihm nach in tückischer Absicht, wollen ihn töten, bevor er wieder im Vaterland eintrifft.«

Ihr gab Antwort darauf das schattenhaft düstere Traumbild:

»Sei nur getrost, du brauchst dich durchaus nicht heftig zu fürchten! Eine Begleiterin geht ihm zur Seite, wie sie auch andre Männer zur Hilfe sich wünschen; denn Hilfe vermag sie zu leisten:

Pallas Athene; für deinen Kummer empfindet sie Mitleid. Sie entsandte mich heute, dir diese Nachricht zu bringen.«

Zu der Besucherin sprach die verständige Frau des Odysseus:

»Bist du ein göttliches Wesen und hörst auf göttliche Stimmen, nun, so erzähl mir, bitte, vom Gatten, dem bitter geprüften! Weilt er noch unter den Lebenden, schaut noch die Strahlen der Sonne? Ist er gestorben bereits und weilt im Reiche des Hades?«

Ihr gab Antwort darauf das schattenhaft düstere Traumbild:

»Gar nichts Genaues darf ich dir sagen, mag er noch leben, mag er schon tot sein. Verderben nur bringt ein leeres Gerede.«

Damit entwich die Gestalt, vorüber am Riegel des Eingangs, und verschwand in der Luft. Da fuhr des Ikarios Tochter plötzlich empor aus dem Schlaf und verspürte herzliche Freude, weil ihr das Traumbild so deutlich gezeigt sich im nächtlichen Dunkel.

Aber die Freier gingen an Bord und befuhren des Meeres Bahnen, dem jungen Telemachos jäh das Leben zu rauben. Mitten im Meere befindet sich eine felsige Insel, zwischen der Insel Ithaka und dem zerklüfteten Same, Asteris, klein an Umfang; Häfen besitzt sie auf beiden Seiten. Dort lauerten auf die Ankunft des Opfers die Freier.

Fünfter Gesang

Wie Odysseus auf einem Floß von der Insel Ogygia aus in See stach und als Schiffbrüchiger das Land der Phaiaken erreichte

Eos erhob sich vom Bett, von der Seite des edlen Tithonos, um ihr Licht den Göttern wie auch den Menschen zu bringen. Nieder zum Rate ließen sogleich sich die Götter, in ihrem Kreise der donnernde Zeus, der weitaus stärkste von ihnen. Unter ihnen gedachte Athene der bitteren Leiden des Odysseus; sie schmerzte sein Weilen im Hause der Nymphe:

»Vater Zeus und ihr anderen ewigen, glücklichen Götter, sollte doch künftig niemand als zeptertragender Herrscher aufrichtig freundlich und milde noch sein und Gerechtigkeit üben! Nein, er verhalte sich bösartig stets und verübe Verbrechen! Keiner gedenkt ja des göttlichen Königs Odysseus von allen, die er beherrschte - doch waltete er so mild wie ein Vater! Ferne auf einer Insel verweilt er, müßig, in Qualen, in dem Palast der Nymphe Kalypso, die ihn gewaltsam festhält; die teure Heimat vermag er nicht zu erreichen. Nicht zur Verfügung stehen ihm Ruderschiffe und Mannschaft, die ihn geleiteten über den weiten Rücken des Meeres. Nunmehr möchte man ihm noch den Sohn, den geliebten, ermorden, wenn er nach Hause zurückfährt! Um Nachricht vom Vater zu holen, fuhr er zum heiligen Pylos und ins fruchtbare Sparta.«

Antwort gab ihr darauf der wolkenballende Vater:

»Welche Beschwerde entfloh, mein Kind, dem Geheg deiner Zähne! Hast du nicht selber bereits ersonnen den Plan, daß Odysseus heimkehren soll und die Strafe vollziehen am Schwarme der Freier? Doch dem Telemachos biete verständig Geleitschutz - befähigt bist du dafür -, damit er glücklich die Heimat erreiche, aber die Freier erfolglos die Rückfahrt antreten müssen!«

Darauf wandte er sich an Hermes, den Sohn, den er liebte:

»Hermes, der du auch sonst als Bote uns dienest, verkünde unseren festen Beschluß der Nymphe, der lockengeschmückten:

Heimkehren soll der mutige, standhafte Dulder Odysseus, ohne Geleit von seiten der Götter oder der Menschen; unter Gefahren soll er auf sicher verklammertem Floße

Scherias fruchtbaren Boden am zwanzigsten Tage erreichen, das Gebiet der Phaiaken, der nahen Verwandten der Götter, die ihm von Herzen, wie einem Unsterblichen, Ehren erweisen und ihn geleiten werden zum teuren Lande der Väter, ihn auch beschenken mit Erz und Gold und Gewändern, so reichlich, wie er es schwerlich aus Ilion hätte mitbringen können, wäre verlustlos mit seiner Beute nach Haus er gekommen. Derart erlaubt ihm das Schicksal, die Lieben wiederzusehen und in sein ragendes Haus und die teure Heimat zu ziehen.«

Ihm gehorchte aufs Wort der geleitende Töter des Argos. Unter die Füße band er sich gleich die göttlichen, goldnen, schönen Sandalen, die pflegten ihn, auf den Flügeln des Windes, über das Wasser und die unendliche Erde zu tragen. Danach ergriff er den Stab, mit dem er die Augen der Menschen schließt, nach Belieben, zum Schlummer, doch andre erweckt aus dem Schlafe. Diesen in Händen, flog der machtvolle Bote von dannen. Über Piëria hin glitt rasch er vom Äther hernieder auf die See, schoß über die Fluten hinweg wie die Möwe, die auf den riesigen Busen des ruhelos wogenden Meeres Fische erhascht und dabei benetzt ihr dichtes Gefieder. Ebenso schoß jetzt Hermes über die endlosen Wogen. Aber sobald er die fern gelegene Insel erreichte, stieg er an Land, heraus aus dem veilchenfarbenen Meere, um in die riesige Grotte zu kommen, in der die gelockte Nymphe zu Haus war; er traf die Gesuchte im Innern der Grotte. Mächtiges Feuer flackerte auf dem Herde, und weithin strömte der Duft des zerspaltenen Zedern- und Lebensbaumholzes über die Insel; drin sang die Nymphe mit lieblicher Stimme, ging an dem Webstuhle hin und wider und webte mit goldnem Schiffchen. Ein saftig grünender Hain umkränzte die Grotte, Erlen und Schwarzpappeln, auch Zypressen mit köstlichem Dufte. Vögel nisteten dort und spreizten die mächtigen Schwingen, Eulen und Falken und zungenstreckende Krähen des Meeres, die auf der See sich tummeln und ihre Nahrung sich fangen. Rings um die Wölbung der Höhle wuchs ein veredelter Weinstock, üppig rankend, und über und über hing er voll Trauben. Quellen entsprangen, vier an der Zahl, dicht nebeneinander, ließen ihr klares Naß nach verschiedenen Richtungen strömen. Liebliche Matten von Veilchen und Eppich blühten im Umkreis.

Auch ein Unsterblicher hätte, sofern er dorthin gekommen, staunend verweilt bei dem Anblick und freudevoll satt sich gesehen. Staunend verweilte dort auch der geleitende Töter des Argos. Als er nach Herzenslust den köstlichen Anblick genossen, trat er sofort in die riesige Höhle. Und deutlich erkannte ihn von Angesicht gleich die herrliche Göttin Kalypso; denn die unsterblichen Götter erkennen sich untereinander sehr genau, mag mancher in weiter Ferne auch wohnen. Nicht in der Höhle traf er den mutigen Helden Odysseus; dieser saß auf gewohnter Stelle am Ufer und weinte, härmte sich ab mit Tränen und Seufzen in bitterem Kummer; weinend schaute er über die ruhelos wogenden Fluten. Aber die herrliche Göttin Kalypso hieß den Besucher Platz nehmen auf dem blanken, schimmernden Sessel und fragte:

»Warum besuchst du mich, Hermes, Träger des goldenen Stabes, du, den ich achte und liebe? Du kamst ja doch früher nur selten! Nenne mir deinen Wunsch. Ich möchte ihn gern dir erfüllen, bin ich befähigt dazu und ist das Begehren erfüllbar. Aber so tritt doch näher, ich will dich gastlich bewirten.«

Derart sprach die Göttin und setzte dem Gaste die Tafel voller Ambrosia vor; dann mischte sie rötlichen Nektar. Essen und Trinken genoß der geleitende Töter des Argos. Als er gegessen hatte und sich erquickt an der Mahlzeit, wandte er sich an Kalypso und gab ihr Bescheid mit den Worten:

»Mich befragst du beim Kommen, die Göttin den Gott; unumwunden will ich dir also die Auskunft erteilen; du forderst es selber. Hierher zu eilen befahl mir Zeus; ich wollte es gar nicht. Wer überquerte wohl gern die unermeßliche Salzflut derart weit? Hier siedeln nicht Menschen, die emsig den Göttern Gaben gewähren und auserlesene Festopfer bringen. Aber dem Willen des Trägers der Aigis vermag sich kein andrer Gott zu entziehen, vermag ihm erst recht nicht die Wirkung zu nehmen. Bei dir verweilt - so behauptet es Zeus - der am schwersten geprüfte sämtlicher Helden, die um die Festung des Priamos kämpften ganze neun Jahre, im zehnten Troja zerstörten und heimwärts kehrten, doch während der Fahrt sich an Pallas Athene vergingen, die sie mit wildem Orkan und schwellenden Wogen bedrängte. Alle die übrigen edlen Gefährten gingen zugrunde, ihn nur verschlugen Wind und Wellen zu deinem Gestade.

Heute befiehlt dir Zeus, ihn auf schnellstem Weg zu entlassen. Denn ihm verbietet sein Schicksal, hier, ferne den Seinen, zu sterben, vielmehr soll er die Lieben wiedersehen und glücklich seinen hohen Palast und die Heimat der Väter erreichen.«

Derart sprach er, und Schrecken durchzuckte die herrliche Göttin, und sie entgegnete ihm die im Fluge enteilenden Worte:

»Grausam, ihr Götter, seid ihr, und eifersüchtig vor allen, neidet den Göttinnen offene Bindung zu sterblichen Männern, wenn sie sich einen zu ihrem geliebten Gatten erwählten! Als den Orion die rosenfingrige Eos entführte, plagte der Neid euch selig lebende Götter so lange, bis auf Ortygia ihn die goldenthronende reine Artemis jählings erlegte mit ihren schmerzlosen Pfeilen. Als die herrlich gelockte Demeter der Leidenschaft nachgab und mit Iasion sich auf dreimal beackertem Felde innig in Liebe vereinte, erfuhr es sehr bald der Kronide, und mit dem flammenden Blitzstrahl traf den Geliebten er tödlich. Derart mißgönnt ihr jetzt mir die Umarmung des sterblichen Helden! Dabei errettete ich ihn, als er allein, auf dem Schiffskiel reitend, dahintrieb; ihm hatte ja Zeus auf offenem Meere völlig das eilende Schiff mit leuchtendem Blitzstrahl zertrümmert. Alle die übrigen edlen Gefährten gingen zugrunde, ihn nur verschlugen Winde und Wellen zu meinem Gestade. Herzlich nahm ich ihn auf, betreute ihn, gab das Versprechen, ewiges Leben ihm und ewige Jugend zu schenken. Aber dem Willen des Trägers der Aigis vermag sich kein andrer Gott zu entziehen, vermag ihm erst recht nicht die Wirkung zu nehmen. Gehe Odysseus denn fort, wenn Zeus es so dringend gebietet, über die wogende See! Doch kann ich Geleit ihm nicht geben; nicht zur Verfügung stehen mir Ruderschiffe und Mannschaft, die ihn beförderten über den weiten Rücken des Meeres. Freilich werde ich gerne ihm raten und nichts ihm verschweigen; soll er doch wohlbehalten in seine Heimat gelangen.«

Ihr gab Antwort darauf der geleitende Töter des Argos:

»So entlasse ihn jetzt und scheue den Groll des Kroniden; möge dich ja nicht Zeus hinterdrein mit Ingrimm verfolgen!«

Damit entschwebte der Bote, der mächtige Töter des Argos.

Aber sobald nun die würdige Nymphe den Wunsch des Kroniden deutlich vernommen, begab sie sich zu dem standhaften Helden. Sie traf ihn am Gestade. Dort saß er, ihm schwammen die Augen ständig in Tränen, dahin rann ihm das wonnige Leben über dem Heimweh; nicht länger gefiel ihm Kalypsos Betreuung. Freilich, er ruhte - doch ungern - des Nachts in der riesigen Grotte, er, der sie gar nicht mehr mochte, bei ihr, die ihn heftig begehrte; aber tagsüber saß er am Strande, auf Felsen und Dünen, härmte sich ab mit Tränen und Seufzen in bitterem Kummer; weinend schaute er über die ruhelos wogenden Fluten. Da trat zu ihm Kalypso, die herrliche Göttin, und sagte:

»Unglücklicher, ach, klag mir nicht länger, hier soll nicht dein Leben welken! Heut ist es mir völliger Ernst, dich ziehen zu lassen. Fäll mit der Axt dir ragende Bäume und zimmre aus ihnen ein geräumiges Floß, zum Verdeck schlag Balken darüber; sicher soll es dich über die endlosen Fluten geleiten. Reichlich Verpflegung will ich und rötlichen Wein wie auch Wasser aufladen, die dir den quälenden Hunger fernhalten können, will dich auch einkleiden, günstige Winde zum Segeln dir senden; sollst du doch wohlbehalten in deine Heimat gelangen, sind dir die Götter geneigt, die Bewohner des riesigen Himmels, die mich im Planen und rechten Vollbringen auch weit übertreffen.«

Derart sprach sie, und Schrecken durchzuckte den Dulder Odysseus, und er gab ihr zur Antwort die flugs enteilenden Worte:

»Anderes, Göttin, hast du wahrscheinlich im Sinn als die Heimfahrt, wenn du mich antreibst, die riesige, furchtbare Tiefe des Meeres zu überqueren auf einem Floße! Nicht einmal die schnellen, wiegenden Schiffe durchqueren es, treibt sie auch Zeus vor dem Winde. Niemals besteige ich, Göttin, ein Floß, sofern du nicht ehrlich dies auch begünstigst und feierlich mir durch Eidschwur bekräftigst, nicht ganz anderen Absichten, mir zum Verderben, zu folgen!«

Derart sprach er, und lächeln mußte die herrliche Göttin, streichelte ihn zur Beruhigung mit der Hand und erklärte:

»Wirklich, zu zeigst dich als Schelm und als durchtriebener Bursche, wie du bedachtsam und voller wägender Vorsicht dich äußerst! Erde und weiter Himmel darüber seien mir Zeugen und die rinnenden Fluten der Styx - das gilt als der stärkste und als der furchtbarste Eid im Kreise der seligen Götter -:

Keinerlei andere Absicht verfolge ich, dir zum Verderben, sondern ich habe im Sinn und erwäge nur, was ich zur Hilfe selber mir ausdächte, wenn mich die gleiche Notlage träfe. Rechtlich zu handeln ist mein Grundsatz, besitz ich im Busen doch kein Herz aus Eisen, sondern voll innigen Mitleids.«

Derart ermutigte ihn die herrliche Göttin und schritt ihm eilig voran; er folgte der Nymphe sogleich auf dem Fuße. In die geräumige Grotte gelangte die Göttin mit ihrem Schützling. Er setzte sich dort auf den Sessel, von dem sich vor kurzem Hermes erhob, und die Nymphe reichte ihm allerlei Nahrung, Speisen, dazu auch Getränke, wie Sterbliche gern sie genießen. Selber setzte sie sich gegenüber dem göttlichen Helden, und Ambrosia brachten die Mägde für sie und den Nektar. Wacker sprachen sie zu den dargebotenen Speisen. Aber sobald sie sich gütlich getan am Trinken und Essen, da eröffnete das Gespräch die herrliche Göttin:

»Günstling des Zeus, du Sohn des Laërtes, gewandter Odysseus, bist du denn wirklich entschlossen, jetzt gleich nach Hause, zur teuren Heimat, zu ziehen? Gleichwohl, ich wünsche dir glückliche Reise! Wüßtest du freilich genau, was dir nach dem Willen des Schicksals noch an Leiden bevorsteht, ehe du heimkommst, du würdest gerne hier bleiben, gemeinsam mit mir dies Hauswesen hüten und ein Unsterblicher werden, trotz deines Wunsches, die Gattin wiederzusehen, zu der unaufhörlich die Sehnsucht dich hindrängt! Sicherlich bin ich nicht schlechter als sie, das möchte ich meinen, weder an reizvollem Wuchs noch an Größe; in keinerlei Hinsicht können sich sterbliche Weiber an Schönheit mit Göttinnen messen!«

Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte:

»Nimm mir mein Sehnen, erhabene Göttin, nicht übel! Ich selber weiß ja genau, daß meine verständige Frau Penelope hinter dir weit an stattlichem Wuchse und Schönheit zurücksteht; ist sie doch sterblich, du aber erfreust dich ewiger Jugend. Trotzdem bin ich entschlossen und nähre ständig die Hoffnung, wieder nach Haus zu gelangen, die Heimkehr noch zu erleben. Sollte ein Gott mich scheitern lassen im schimmernden Meere, muß ich es tragen - ich bin ja geübt im Ertragen von Leiden! Vielerlei Kummer und Mühsal erlitt ich bereits auf den Wogen wie auf dem Schlachtfeld; zu allem mag jetzt auch dieses noch kommen!«

Derart sprach er. Es sank die Sonne, die Dunkelheit nahte. Da begaben die beiden sich tief in die riesige Höhle und erfreuten sich, innig vereint, am Spiele der Liebe.

Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, kleidete sich Odysseus sogleich in Leibrock und Mantel. Einen weißglänzenden, prächtigen Rock aus feinem Gewebe warf die Nymphe sich über, schlang um die Hüften den schönen goldenen Gürtel und bedeckte das Haupt mit dem Schleier. Darauf betrieb sie mit Eifer den Aufbruch des mutigen Helden, reichte ihm eine eherne Axt, mit Schneiden auf beiden Seiten, gewaltig, doch handlich; fest eingefügt war in das Werkzeug ein vortrefflicher Stiel vom festen Holze des Ölbaums. Weiterhin reichte sie ihm ein geglättetes Schlichtbeil. Dann führte sie ihn zum Strande der Insel, dorthin, wo Baumriesen ragten, Erlen und Schwarzpappeln, auch zum Himmel strebende Fichten, abgestorben und dürr, für Odysseus zum Schwimmen die rechten. Als ihm Kalypso, die herrliche Göttin, die Stelle gewiesen, wo die Baumriesen ragten, begab sie sich wieder nach Hause. Er begann mit dem Fällen. Bald war die Arbeit vollendet. Zwanzig der Stämme schlug er und hieb sie zurecht mit dem Erze, glättete sie mit Geschick und richtete sie nach der Schmitze. Einen Bohrer brachte inzwischen die herrliche Göttin. Er durchbohrte die Balken und legte sie dicht aneinander, hämmerte sie mit Pflöcken und Klammern sicher zusammen. Ebenso breit wie ein im Schiffsbau erfahrener Meister ansetzen würde den Boden eines geräumigen Lastschiffs, baute der kluge Odysseus den starken Boden des Floßes. Pfosten errichtete er, versah sie mit zahlreichen Streben, führte mit langen Deckbalken dann die Arbeit zum Abschluß. Über den Boden erhob er den Mastbaum mit passender Rahe; außerdem zimmerte er sich ein Steuer, das Fahrzeug zu lenken. Rings umzäunte das Floß er mit Weidengeflecht, um sich gegen Brecher zu schützen, schichtete Reisig zu Haufen in Menge. Laken holte indessen die Göttin, er sollte ein Segel daraus verfertigen; dies auch brachte geschickt er zustande. Brassen und Schoten knüpfte er fest, auch die Stränge der Rahe, zog dann mit Hilfe von Hebeln das Floß in die heilige Salzflut.

Damit beendete er, am vierten Tage, den Floßbau.

Abreisen ließ ihn am fünften Tage die herrliche Göttin, hatte ihm vorher ein Bad gerichtet und duftende Kleider, legte für ihn zwei Schläuche an Bord, den einen voll dunklen Weines, den anderen, großen, voll Wassers; sie hatte in einen Beutel Verpflegung gepackt, auch reichlich erfrischende Zukost. Aufkommen ließ sie zur Fahrt ihm eine erquickende Brise; froh des Windes, spannte der edle Odysseus das Segel. Sachkundig lenkte er, sitzend am Steuer, das Fahrzeug. Kein Schlummer senkte sich über die Lider, fest hielt er die Augen geheftet auf die Plejaden, auch auf den Bootes, der spät erst hinabzieht, und auf die Bärin, die man zugleich als Wagen bezeichnet, die um den Pol sich dreht und scheu den Orion betrachtet, einziges Sternbild, das dem Bad im Okeanos ausweicht. Sie zur Linken - so hatte die herrliche Göttin Kalypso ihm die Weisung gegeben - sollte die See er befahren. Siebzehn Tage lang glitt er über die Bahnen des Meeres. Aber am achtzehnten zeigten sich fern die schattenden Berge des Phaiakenlandes, das ihm entgegen sich streckte. Einer Schildwölbung glich es dem Helden auf endlosem Wasser.

Eben kehrte zurück von den Aithiopen Poseidon. Fern von den Höhen der Solymer sah er Odysseus im Meere segeln. Da packte ihn jählings die Wut, noch stärker als jemals; grimmig schüttelte er das Haupt und sprach zu sich selber:

»Ha! Tatsächlich, die Götter änderten ihre Beschlüsse über Odysseus, während ich bei den Aithiopen verweilte! Nahe schon ist er dem Land der Phaiaken, wo ihm das Schicksal Rettung verheißt aus der Schlinge des Elends, die zähe ihn festhält. Aber ich glaube, er wird sich im Unglück sattsam noch tummeln!«

Derart rief er, ballte die Wolken zusammen und rührte mit dem Dreizack das Meer auf. Sämtliche Sturmwirbel aller möglichen Winde erregte er, hüllte in düstere Schleier Erde zugleich und Meer. Nacht brach vom Himmel hernieder. Euros und Notos und pfeifender Zephyros prallten zusammen, auch der dem Äther entstammte Boreas, der riesige Wogen wälzte. Da sank dem Odysseus der Mut, ihm wankten die Knie, Schrecken durchfuhr ihn, und er, der Tapfere, sprach zu sich selber:

»Wehe, ich Armer! Was soll ich, zu guter Letzt, noch erleben? Lautere Wahrheit, so fürchte ich, hat mir die Göttin verkündet,

die mir, noch vor der Ankunft zu Hause, auf offenem Meere Unglück vorhersagte! All dies geht jetzt genau in Erfüllung. Wie entsetzlich verhüllt der Kronide mit Wolken den weiten Himmel, erregt das Meer! Wie brausen die Sturmwirbel aller möglichen Winde heran! Heut ist mir der Untergang sicher. Dreimal und viermal selig die Griechen, die damals im weiten Troja, den Söhnen des Atreus zuliebe, den Untergang fanden! Wäre ich doch gefallen und meinem Verhängnis erlegen, damals, als die Trojaner in Massen die ehernen Lanzen gegen mich schleuderten in dem Gefecht um den toten Peliden! Ehrenvoll wäre mein Grab, mich hätten gerühmt die Achaier. Nunmehr zwingt mich das Schicksal zu einem erbärmlichen Tode!«

Derart rief er. Heran schwoll eine gewaltige Woge, furchtbar, und brach auf ihn nieder, ließ tanzen das Floß in den Wirbeln. Fort von dem Fahrzeug flog Odysseus, er hatte das Ruder loslassen müssen. Es knickte den Mast entzwei in der Mitte der entsetzliche Anprall der vereinigten Winde; weithin entflogen Segel und Rahe und sanken ins Wasser. Lange verweilte Odysseus untergetaucht, er vermochte nicht sich aufwärts zu stoßen unter dem Ansturm der Woge; denn die Gewänder, die Gaben Kalypsos, beschwerten ihn mächtig. Endlich tauchte er auf und spie aus dem Munde das bittre salzige Wasser, das ihm in Strömen vom Haupte herabrann. Aber trotz seiner Bedrängnis vergaß er das Floß nicht, er setzte schwimmend ihm nach im Brausen der Wellen, packte es kraftvoll und ließ mitten darauf sich nieder, dem Tod zu entgehen. Wogen rissen das Floß in der Strömung hierhin und dorthin. Wie der Boreas zur Herbstzeit verdorrte Dornsträucher hinfegt über die Fluren und dicht aneinander die Dornen sich klammern, ebenso peitschten die Winde das Fahrzeug über die Fluten. Bald übergab es der Notos zur wilden Jagd dem Boreas, bald überließ es der Euros dem Zephyros für die Verfolgung.

Ino erspähte den Helden, des Kadmos zartfüßige Tochter, Leukothea, die früher ein Mensch war mit menschlicher Stimme, heute jedoch in den Fluten sich göttlicher Ehren erfreute. Mitleid empfand sie für den kummervoll treibenden Menschen, schoß wie ein Wasserhuhn aufwärts aus der Tiefe des Meeres, setzte sich auf die Balken des Floßes und sprach zu Odysseus:

»Ärmster, warum nur verfolgt dich der Gott, der die Erde erschüttert, in so furchtbarer Wut, daß er laufend mit Unheil dich heimsucht? Aber er soll dir, trotz seines Zornes, nicht Untergang bringen! Handle nur folgendermaßen - du scheinst mir ja klug und verständig -:

Zieh die Gewänder dir aus und lasse die Planken im Strudel treiben, dann suche durch kräftiges Schwimmen das Land zu erreichen, das Gebiet der Phaiaken; dort bietet das Schicksal dir Rettung. Nimm hier den göttlichen Schleier und wickle ihn fest um die Brust dir; keinerlei Furcht brauchst dann vor Schmerzen und Tod du zu hegen! Greifst du jedoch mit deinen Händen ans Ufer des Festlands, wickle ihn ab und wirf ihn zurück in die schimmernden Fluten, weit vom Gestade hinweg, und wende ihm darauf den Rücken!«

Derart erteilte die Göttin ihm Rat und gab ihm den Schleier, tauchte dann selber wieder hinein in die wallenden Fluten, schnell wie ein Wasserhuhn; über ihr schloß sich das düstre Gewoge. Aber der göttliche Dulder Odysseus verfiel in Gedanken, Zweifel ergriff ihn, und er, der Mutige, sprach zu sich selber:

»Wehe, ich Armer! Daß nur nicht wiederum einer der Götter, der mir den Rat gibt, das Floß zu verlassen, mich tückisch verleitet! Noch nicht möchte ich Folge ihm leisten - denn erst in der Ferne seh ich die Küste, an der die Gottheit mir Rettung verheißen -, sondern folgendermaßen verfahren, dies scheint mir das Beste:

Während der Zeit, da die Floßbalken noch in den Fugen sich halten, will ich verbleiben an Bord und geduldig das Unwetter tragen; sollten mir aber die Wogen das Fahrzeug völlig zertrümmern, werde ich schwimmen, weil dann kein besserer Rat mehr sich bietet.« Während er dies noch erwog im Streit von Verstand und Empfindung, wälzte Poseidon eine gewaltige, schreckliche, hohe Woge heran; schon hing sie über, jetzt stürzte sie nieder auf Odysseus. Wie Sturmwind heftig hineinbläst in Haufen trockener Spreu und sie wild nach allen Seiten davonjagt, derart zerschlug sie die Balken des Floßes. Aber Odysseus setzte sich rittlings auf einen der Stämme, als sei es ein Rennpferd, zog die Gewänder, die Gaben der herrlichen Göttin, vom Leibe, wickelte gleich um die Brust sich den Schleier, warf sich vornüber in die salzigen Fluten hinab und streckte zum Schwimmen kräftig die Arme. Ihn sah der Gott, der die Erde erschüttert, nickte befriedigt und sprach zu sich selber die grimmigen Worte:

»Trage dein bitteres Leid und durchirre nur weiter die Fluten,

bis du die Menschen erreichst, die Geschöpfe des großen Kroniden! Hoffentlich wirst du dich trotzdem noch über Unglück beschweren!«

Derart sprach er und peitschte die Rosse, die prächtig bemähnten, und gelangte nach Aigai, zu seinem herrlichen Schlosse.

Weiteres plante die Tochter des Zeus, Athene, derweilen. Einhalt gebot sie dem Brausen sämtlicher übrigen Winde, hieß sie alle verstummen und sich zur Ruhe begeben. Nur den Boreas trieb sie zum Stürmen, er brach vor Odysseus glättend die Wogen, damit der Held die Freunde der Ruder, die Phaiaken, erreiche und seinem Verderben entgehe.

Mächtige Wellen trieben den Helden zwei Nächte und Tage ruhlos voran, oft hatte dabei er den Tod vor den Augen. Als die gelockte Eos zum Anbruch des dritten erstrahlte, legte sich endlich der Wind. Kein Sturmstoß peitschte die stille Fläche der See. Ganz nahe erblickte Odysseus das Ufer, als er, von riesiger Welle gehoben, die Blicke vorauswarf. Wie sich die Kinder freuen bei der Genesung des Vaters, der an der Krankheit darniederlag mit heftigen Schmerzen, lange dahinsiechend, weil ihn ein schrecklicher Daimon bedrängte, doch durch die Götter glücklich von seinem Übel erlöst ward:

ebenso freudig begrüßte Odysseus das Land und die Bäume. Angestrengt schwamm er, den sicheren Boden alsbald zu betreten. Aber auf Rufweite war er noch fern der rettenden Küste, hörte nur donnernd das Wasser gegen die Felsklippen brausen. Riesige Wellen brandeten tosend gegen das Festland, sprudelten furchtbar; überall kochte die salzige Schaumschicht. Weder erschlossen sich Buchten für Schiffe noch Plätze zum Ankern; lediglich Steilküsten ragten und felsige Klippen und Riffe. Da entsank dem Odysseus der Mut, ihm bebten die Glieder, Schrecken durchfuhr ihn, und er, der Tapfere, sprach zu sich selber:

»Ach, schon gönnte mir Zeus, unverhofft, den Anblick des Landes, und ich vermochte die Schlünde des Meeres zu überqueren - aber jetzt zeigt sich kein Weg aufs Trockne aus schäumenden Fluten! Lauern doch draußen nur kantige Klippen, die Brandung umtobt sie brüllend, schroff steigen die Felswände aufwärts, bis dicht an das Ufer reicht die Tiefe der See, man kann nicht sicher mit beiden Füßen auf Grund sich stellen und dem Verderben entrinnen!

Wenn an das Land ich steige, so werden die Wellen mich packen, gegen die Steine mich schmettern, vergeblich werde ich ringen. Schwimme ich aber noch weiter entlang an der Küste, um flache Stellen am Ufer zu finden und schützende Buchten am Meere, werden mich wieder, so fürchte ich, Böen weithin entraffen über die fischreiche See, wie laut ich auch klage und stöhne! Oder ein Daimon hetzt auf mich ein Untier des Meeres, wie Amphitrite, die herrliche Göttin, in Menge sie aufzieht! Denn ich weiß, der ruhmreiche Erderschütterer grollt mir!«

Während er dies noch erwog, im Streit von Sorge und Hoffnung, warf ihn eine gewaltige Woge ans Felsengestade. Abgeschürft hätte er sich die Haut und die Knochen zerschmettert, hätte ihn klug nicht handeln lassen die Göttin Athene:

Während des Aufpralls packte er fest mit den Armen den Felsen, klammerte keuchend sich an, bis die Woge vorübergezogen. Dadurch entrann er ihr vorläufig. Aber sie kehrte gleich wieder, traf ihn im Ansturm und riß ihn weithin zurück in die Fluten. Wie an den Saugwarzen eines Polypen, den man aus seinem sicheren Winkel herausriß, zahlreiche Steinchen noch haften, ebenso blieben am Fels von den mutig packenden Händen Hautstücke haften; den Helden verschlang die mächtige Woge. Nunmehr wäre der Elende, schicksalswidrig, ertrunken, hätte Athene ihm nicht zu klugem Entschlusse verholfen. Aufgetaucht aus den Wellen, die brandend das Steilufer peitschten, schwamm er die Küste entlang und spähte zum Land hin, um flache Stellen am Ufer zu finden und schützende Buchten am Meere. Schwimmend kam er zur Mündung eines lieblichen Flusses. Äußerst bequem erschien ihm der Platz zum Betreten des Landes, frei von Gestein; auch bot er Sicherheit gegen die Winde. Deutlich erkannte Odysseus die Strömung und flehte im stillen:

»Höre mich, Flußgott, wer du auch seist! Ich bitte dich herzlich, ich, der ich kämpfe, dem Meer zu entrinnen, dem Toben Poseidons! Rücksicht verdient auch von seiten aller unsterblichen Götter jener Mensch, der umherirrt und Hilfe erfleht, so wie heute ich nach unendlicher Mühsal dich, Stromgott, kniefällig bitte! Herrscher, hab Mitleid! Ich bete zu dir als hilfloser Schützling.«

Derart betete er. Gleich hemmte der Flußgott die Strömung, bannte die Wellen des Meers, schuf ruhige Bahn für den Schwimmer

und empfing ihn in seiner Mündung. Einknickten die starken Glieder des Helden am Ufer. Die Kräfte waren gebrochen. Ringsum zeigte sich aufgedunsen der Körper, es strömte Meerwasser ihm aus Nase und Mund. Still, ohne zu atmen, lag er ohnmächtig da; ihn bezwang die schwere Erschöpfung. Als er aufs neue zu atmen begann und ihm das Bewußtsein wiederkehrte, legte er ab den Schleier der Göttin und übergab ihn dem Fluß, der dem Meere entgegen sich wälzte. Abwärts trug ihn die Strömung, und Ino nahm ihn mit ihren Händen sogleich in Empfang. Doch Odysseus, schon abseits des Flusses, streckte sich unter die Binsen und küßte die nährende Erde. Sorge ergriff ihn, und er, der Mutige, sprach zu sich selber:

»Ach, was geschieht mir? Was soll ich, zu guter Letzt, noch erleben? Hielte ich, hier am Flusse, die leidige Nacht durch die Wache, raubten zugleich mir der bittere Frost und der kältende Frühtau meine durch Ohnmacht bereits stark mitgenommenen Kräfte. Eiskalt weht vor dem Sonnenaufgang der Luftzug vom Flusse. Klimme den Hang ich hinauf und lege zum Schlafen mich unter schattige Bäume, in dichtem Gesträuch - sofern mich nur Kälte und Übermüdung verschonen -, und labt mich erquickender Schlummer, falle ich, muß ich befürchten, noch reißenden Tieren zur Beute!«

Dieser Entschluß erschien ihm bei seiner Erwägung als bester:

Er begab sich ins Buschwerk. Er fand es auf einer Erhöhung dicht am Wasser und schlüpfte unter zwei eng ineinander rankende Sträucher, Wegedorn und wild wuchernden Ölbaum. Niemals durchpfiff sie ein stürmischer, naßkalt wehender Luftzug, niemals traf sie mit ihren Strahlen die leuchtende Sonne, nie auch durchdrang sie der Regen bis auf den Boden. So flochten fest sich zusammen die Zweige. Odysseus schob sich darunter, häufte sich dann ein breites Lager empor mit den Händen; waren doch reichlich trockene Blätter gefallen, so viele, daß sie zum Schutze für zwei, auch drei Bedürftige reichten während des Winters, und mochte er noch so strenge sich zeigen. Herzlich erfreute ihr Anblick den Dulder Odysseus, er streckte mitten hinein sich ins Laub und deckte sich zu noch mit Blättern. Wie man den Feuerbrand abdeckt mit düsterer Asche auf fernem Acker, wo keinerlei Nachbarn mehr hausen, den kostbaren Funken sorglich bewahrend, nicht anderswoher ihn holen zu müssen, ebenso hüllte Odysseus mit Blättern sich ein. Und Athene

schloß ihm die Augen mit Schlummer; der sollte die Lider des Helden sicher umfangen und schnell ihn erlösen von schwerer Erschöpfung.

Sechster Gesang

Wie die phaiakische Königstochter Nausikaa dem schiffbrüchigen Odysseus ihren Beistand gewährte

Derart ruhte im Dickicht der göttliche Dulder Odysseus, von der Ermattung und vom Verlangen nach Schlaf überwältigt. Aber Athene begab sich ins Land und zur Stadt der Phaiaken. Diese bewohnten früher das weite Gebiet Hypereia, nahe beim überheblichen Volk der Kyklopen gelegen, das sie ständig beraubte; es war an Kraft überlegen. Auswandern ließ sie der göttlich schöne Nausithoos deshalb und auf Scheria siedeln, ferne den tätigen Menschen, ließ mit Mauern die Stadt umgeben, Häuser erbauen, Tempel den Göttern errichten, dazu den Boden verteilen. Aber er war schon gestorben und in den Hades gezogen. König Alkinoos herrschte, mit Klugheit begabt von den Göttern. Seinen Palast betrat die helläugig blickende Göttin, um für die Heimkehr des mutigen Helden Odysseus zu sorgen, und begab sich sofort in das kunstvoll errichtete Zimmer, wo Nausikaa schlief, des edlen Alkinoos Tochter, den Unsterblichen gleich an stattlichem Wuchs und an Schönheit; bei ihr schliefen, zu beiden Seiten der Türe, zwei Mägde, reizvoll durch Gunst der Chariten; verschlossen waren die blanken Türflügel. Wie ein Windhauch schwebte die Göttin Athene hin zu dem Lager des schlummernden Mädchens, trat ihr zu Häupten, in der Gestalt der Tochter des ruhmreichen Seefahrers Dymas, die ihr gleichaltrig war und ihre innigste Freundin, und begann zu ihr mit folgenden Worten zu sprechen:

»Sag mir, Nausikaa, hast du die Trägheit geerbt von der Mutter? Liederlich liegen, vernachlässigt, deine glänzenden Kleider! Und bald heiraten wirst du! Dann brauchst du saubere Stücke für dich selbst wie für jene, die dich heimführen werden. Denn aus der sauberen, schönen Bekleidung erwächst auch ein guter Leumund, erwächst auch die Freude des Vaters, der würdigen Mutter! Auf denn, gehen wir waschen, sogleich bei Anbruch des Morgens! Ich auch will als Gehilfin dir folgen, damit du die Arbeit schleunigst beendest; du wirst ja nicht lange als Jungfrau mehr leben. Ernstlich werben um dich die edelsten aller Phaiaken,

Kinder des Volkes, mit dem dein eigenes Blut dich verbindet. Bitte noch vor dem Aufgang der Sonne den ruhmreichen Vater, Maultiere dir und Fahrzeug zu stellen; sie sollen die Gürtel dir und die Frauengewänder und schimmernden Decken befördern. Selber auch legst du die Strecke bequemer zurück in dem Wagen als zu Fuß, da die Waschgruben ferne der Stadt sich befinden.«

Damit begab sich die helläugig blickende Göttin Athene auf den Olympos zurück, wo die Götter, so glaubt man, für ewig wohnen. Kein Sturmwind erschüttert den Gipfel, kein Regen benetzt ihn, niemals berieseln ihn Schneeflocken. Wolkenlos breitet der Äther über die Stätte sich hin, sie leuchtet in strahlendem Glanze. Allzeit in Freuden leben dort oben die seligen Götter. Dahin begab sich die Göttin, nachdem sie das Mädchen verständigt.

Eos erschien sehr bald auf prachtvollem Throne und weckte eilig Nausikaa. Staunend gedachte das Mädchen des Traumes und durcheilte die Wohnung, dem Vater wie auch der Mutter davon Bericht zu erstatten. Sie traf die beiden im Hause. Neben dem Herde saß die Mutter, von Mägden umgeben, spann mit Fäden, die leuchteten tief wie das Meer. In der Türe kam dem Mädchen der Vater entgegen; er ging zur Versammlung ruhmreicher Fürsten, zu der ihn die edlen Phaiaken entboten. Dicht vor den Herrscher trat die Tochter und sagte: »Mein lieber Vater, so laß mir doch, bitte, den hohen Wagen mit starken Rädern anspannen! Fahren will ich die schönen Gewänder, die jetzt beschmutzt herumliegen, an das Flußbett zur Wäsche. Mußt du doch selber beim Rat im Kreise der höchsten Phaiaken saubere Kleider am Leibe tragen, schicklicherweise! Fünf erwachsene Söhne hast du im Schlosse hier wohnen, zwei schon verheiratet, drei, im blühenden Alter, noch ledig; diese auch gehen immer sehr gerne in reinen Gewändern hin zum Tanze. Für all dies habe ich Sorge zu tragen.«

Derart sprach sie. Aus Scham erwähnte sie nichts von der eignen frühen Vermählung. Der Vater verstand sie und gab ihr zur Antwort:

»Alles, mein Kind, gewähre ich dir, das Gespann und das andre. Geh nur, dir sollen die Knechte den hohen Wagen mit starken Rädern anspannen und dem geräumigen Kasten zum Laden!« Damit erteilte Befehl er den Knechten; sie leisteten Folge.

Vor dem Palaste rüsteten sie das rollende Fahrzeug, führten die Maultiere her und schirrten sie fest an die Deichsel. Aus der Kammer brachte das Mädchen die schimmernde Wäsche, lud sie mit Sorgfalt auf den vorzüglich geglätteten Wagen. Aber die Mutter verpackte reichlich Verpflegung in einer Kiste, auch Zukost dabei, und füllte den ledernen Schlauch mit Wein. Inzwischen hatte die Tochter den Wagen bestiegen. Salböl reichte zum Schluß ihr die Mutter in goldener Flasche; einreiben sollte sie sich, nach Arbeit und Bad, mit den Mägden. Nunmehr ergriff Nausikaa Geißel und glänzende Zügel, knallte ermunternd; die Maultiere stampften ziehend den Boden. Rastlos trabten sie, zogen die Wäsche und mit ihr das Mädchen; außerdem folgten, zu Fuß, der Königstochter die Mägde.

Als sie zum Ufer des stattlich strömenden Flusses gelangten, wo in den Waschgruben ständig das saubere Wasser in Fülle aus der Tiefe hervorquoll, zum Säubern auch schmutzigster Wäsche, schirrten sie ab das Maultiergespann von der Deichsel des Wagens, trieben es längs der wirbelnden Fluten dahin auf die Weide köstlicher Gräser und Kräuter, hoben sodann von dem Fahrzeug sämtliche Wäsche und trugen sie hin zum dunkelnden Wasser; wetteifernd stampften geschwind sie in den Gruben die Kleider. Nach dem Auswaschen und dem Entfernen jeglicher Flecken breiteten sie die Stücken in Reihen am Meeresgestade, wo die Wellen landeinwärts am stärksten die Kiesel bespülten, nahmen darauf ein Bad und salbten sich ein mit dem Öle. Schließlich hielten sie Mahlzeit am Ufer des Flusses; sie wollten warten, bis unter den Strahlen der Sonne die Wäsche getrocknet wäre. Nachdem sich Nausikaa und die Mägde gesättigt, warfen die Schleier sie ab und begannen ein fröhliches Ballspiel. Erste im Spielen war die weißarmige Tochter des Königs. Herrlich, wie Artemis schreitet, die Schützin, über die Berge, über den hohen Taygetos oder auch den Erymanthos, voller Vergnügen beim Anblick der Eber und eilenden Hirsche, und sich die Nymphen, die Töchter des Trägers der Aigis, Bewohner ländlicher Fluren, rings um sie tummeln, zur Wonne der Leto, Artemis alle jedoch überragt mit dem Haupt und der Stirne, leicht zu erkennen, wie schön auch die anderen sämtlich sich zeigen:

ebenso strahlte hervor aus dem Schwarm der Mägde die Jungfrau.

Als Nausikaa wieder die Maultiere anspannen wollte, falten die herrliche Wäsche und die Heimfahrt beginnen, dachte sich einen Zwischenfall aus die Göttin Athene:

aufwachen sollte Odysseus und sehen das liebliche Mädchen, das ihn hineinführen würde in die Stadt der Phaiaken. Einer der Mägde warf die Tochter des Königs den Ball zu, warf ihn daneben, und er versank in der strudelnden Tiefe; gellend kreischten sie auf. Da erwachte der edle Odysseus, richtete sitzend sich auf und erwog, von Zweifeln gepeinigt:

Weh mir! Was sind das für Menschen, in deren Land ich gekommen? Sind sie Verbrecher und Wilde und Feinde des rechtlichen Handelns oder Bewahrer des Gastrechts und dienen voll Ehrfurcht den Göttern? Trafen doch eben das Ohr mir die hellen Stimmen von Mädchen, Nymphen vielleicht, die auf steilen Gipfeln der Berge die Wohnung haben, an Quellen der Ströme sowie auf grasreichen Auen! Bin ich wirklich ganz nahe menschlich redenden Wesen? Auf denn, nachschauen muß ich, mir selber Gewißheit verschaffen!

So überlegte der edle Odysseus; unter den Sträuchern kroch er hervor und brach sich mit kraftvoller Hand aus dem Buschwerk einen belaubten Zweig, um seine Blöße zu decken. Wie ein Löwe der Berge schritt er vorwärts, der, seiner Stärke vertrauend, durch Regen und Sturm dahinzieht; die Augen glühen; den Rindern und Schafen wie auch den Hirschen der Wildnis gilt sein Angriff; ihn treibt der nagende Hunger, an Schafe dreist sich zu wagen und kühn in behütete Ställe zu dringen:

ebenso mußte Odysseus den lockigen Mädchen sich nahen, nackt, wie er war; ihn zwang die außergewöhnliche Lage. Schrecklich erschien er den Spielenden, furchtbar entstellt durch die Salzflut; weit auseinander stoben sie, bis zu den Klippen am Strande. Nur des Alkinoos Tochter blieb. Ihr hatte Athene Mut eingeflößt und hatte jegliche Furcht ihr genommen. Stehenblieb sie, gefaßt, und sah ihm ins Auge. Odysseus schwankte, ob flehend die Knie er des lieblichen Mädchens umfassen solle oder von fern bloß mit schmeichelnden Worten sie bitten, ihm den Weg zu weisen zur Stadt und ihm Kleider zu geben. Dieser Entschluß erschien ihm bei seiner Erwägung als bester:

bloß aus der Ferne mit schmeichelnden Worten das Mädchen zu bitten; hätte sie ihm vielleicht doch gezürnt, falls ihr Knie er umfaßte. Schmeichelnd begann er sogleich und mit klüglich berechneten Worten:

»Herrin, ich flehe dich an! Als Göttin erscheinst du mir - oder bist du ein Mensch? Gehörst du zu den Bewohnern des Himmels, halte ich dich am ehesten noch für das Kind des Kroniden, Artemis, nach der Gestalt, nach deiner Größe und Schönheit. Bist du eine der Sterblichen, wie sie die Erde bewohnen, preise ich dreifach dir glücklich den Vater, die würdige Mutter, dreifach glücklich die Brüder; sie müssen sich ständig von hoher Freude durchdrungen fühlen um deiner Lieblichkeit willen, sehen sie solch ein holdes Geschöpf zum Reigentanz schreiten. Der ist freilich im Herzen der Glücklichste sämtlicher Menschen, der die Bewerber mit Brautgaben aussticht und dich als Gemahlin heimführt! Solch einen Menschen wie dich erblickte ich niemals vorher, nicht Mann, nicht Weib; zum Staunen zwingt mich dein Anblick. An dem Altare Apollons auf Delos sah ich schon einmal einen so stattlichen Palmenschößling kraftvoll sich recken. Ja, auch dorthin kam ich, von zahlreichen Männern begleitet, auf dem Zuge, der mir zum Verderben ausschlagen sollte! Derart betrachtete lange ich staunend den prächtigen Schößling - niemals vorher entsproßte ein solcher Baumstamm dem Erdreich! -, wie ich, Herrin, jetzt dich bewundre und heftig mich scheue, deine Knie zu umfassen; doch bitteres Elend bedrängt mich. Gestern entrann ich, nach zwanzig Tagen, dem schimmernden Meere. Wogen und reißende Stürme trieben bis dahin mich ständig, von der Insel Ogygia aus. Jetzt warf mich ein Daimon hier an die Küste, mich weiterhin leiden zu lassen. Denn schwerlich endet mein Unglück, hart werden die Götter noch vorher mich quälen. So erbarm dich denn meiner, Herrin! Du bist ja die erste, der ich nach schmerzlicher Mühsal begegne. Ich kenne nicht einen unter den Menschen, die hier die Stadt und den Landstrich bewohnen. Zeig mir die Wohnstätten - schenk mir ein Stückchen Stoff zur Bekleidung, brachtest vielleicht du ein Tuch mit zum Einschlagen schmutziger Wäsche! Mögen die Götter dir alles, was du dir wünschest, gewähren, Gatten und Hausstand, und euch mit fester Eintracht beglücken! Gibt es doch nichts, das besser und vortrefflicher wäre, als wenn Mann und Frau einträchtigen Sinnes den Hausstand führen, zu neidvollem Kummer den Feinden, zu ehrlicher Freude aber den Lieben; den höchsten Genuß empfinden sie selber.«

Das weißarmige Mädchen Nausikaa gab ihm zur Antwort:

»Nicht als schlechter und törichter Mensch erscheinst du mir, Fremdling.

Zeus, der Olympier, selbst verteilt an die Menschen den Segen, jedem von ihnen, den guten und schlechten, nach seinem Belieben. Dir auch teilte dein Unglück er zu, du mußt es ertragen. Heute, da unsere Stadt und unser Land du erreichtest, soll es dir weder an Kleidern fehlen noch anderer Hilfe, wie sie dem flehenden Armen zusteht, der uns begegnet. Zeigen will ich die Wohnstatt, dir nennen den Namen des Volkes:

Die Phaiaken bewohnen die Stadt hier und diese Gebiete; ich bin des Alkinoos Tochter, des mutigen Königs, dem die Phaiaken die höchste Gewalt und Macht übertrugen.«

Derart sprach sie und gab den lockigen Mädchen die Weisung:

»Bleibt mir doch stehen, ihr Mägde! Was flieht ihr beim Anblick des Mannes? Bildet ihr etwa euch ein, er gehöre zu grollenden Feinden? Niemand lebt als Sterblicher, niemand wird auch geboren, der mit feindlicher Absicht in das Land der Phaiaken eindringen könnte; zu sehr sind ihnen die Götter gewogen. Leben wir fern doch, im brandenden Meer, am Rande der Erde; keiner besucht uns sonst aus dem Kreise der übrigen Menschen. Nein, der Mann hier geriet zu uns als elender Flüchtling, den wir betreuen müssen. Denn Zeus beschützt sie ja alle, Fremde und Darbende; Gaben, auch kleine, sind herzlich willkommen. Gebet denn, Mägde, dem Fremden zu essen und gebt ihm zu trinken, badet ihn auch im Fluß, an windgesicherter Stelle!«

Stehenblieben die Mägde und mahnten sich untereinander, führten Odysseus hinunter zur windgesicherten Stelle, wie es die Tochter des mutigen Königs ihnen befohlen, legten, zu seiner Bekleidung, ihm Mantel und Leibrock daneben, reichten ihm Salböl in goldener Flasche und forderten schließlich freundlich ihn auf, sich in der Strömung des Flusses zu baden. Aber der edle Odysseus sagte darauf zu den Mägden:

»Tretet, ihr Mädchen, ein wenig zurück; ich möchte allein mir von den Schultern spülen die schmutzige Kruste des Salzschaums, dann mich einölen; lange entbehrte mein Körper das Salböl. Baden vor euren Augen möchte ich nicht. Mir verbietet strenge die Scham, mich nackt zu bewegen vor lockigen Mädchen.«

Derart sprach er, sie traten zurück und sagten es ihrer Herrin. Odysseus wusch sich im Fluß den salzigen Schmutz ab,

der ihm den Rücken sowie die mächtigen Schultern bedeckte, rieb sich vom Kopfe sodann die Kruste des wogenden Meeres. Als er nun aber sich gründlich gewaschen und eingeölt hatte, zog die Gewänder er an, die ihm die Jungfrau gegeben. Aber Athene, die Tochter des Zeus, ließ größer den Helden und weit stattlicher noch erscheinen, sie ließ auch vom Haupte Locken ihm wallen, so dicht wie die Blättchen der Lilienblüten. Wie ein erfahrener Meister, den Hephaistos und Pallas mancherlei Kenntnis und Fertigkeit lehrten, silberne Stücke kunstreich vergoldet und kostbare, herrliche Werke vollendet:

so umwob ihm die Göttin mit Anmut das Haupt und die Schultern. Nieder ließ sich, abseits, am Strande des Meeres, Odysseus, strahlend in reizvoller Schönheit. Nausikaa sah ihn mit Staunen, und sie richtete gleich an die lockigen Mägde die Worte:

»Hört mich, weißarmige Mägde, ich habe euch etwas zu sagen. Sicherlich kam nach dem Willen aller olympischen Götter dieser Held zu dem Volke der göttergleichen Phaiaken. Während er anfangs mir kläglich entstellt und armselig vorkam, scheint er ein Gott jetzt zu sein, ein Bewohner des riesigen Himmels. Würde doch solch ein stattlicher Mann mein Gatte und wohnte hierzulande und wäre zufrieden, auch hier zu verbleiben! Gebet denn, Mägde, dem Fremdling zu essen und gebt ihm zu trinken!«

Ihrem Befehle lauschten sie willig und leisteten Folge, brachten Speise und Trank und setzten sie hin dem Odysseus. Nunmehr aß und trank der göttliche Dulder, recht gierig, hatte er doch sehr lange nichts Eßbares zu sich genommen. Weiteres plante inzwischen das weißarmige Mädchen, faltete sorglich die Wäsche, belud mit dieser den schönen Wagen, schirrte die stampfenden Maultiere fest an die Deichsel, stieg auf das Fahrzeug und sprach zu dem Helden ermunternd die Worte:

»Auf denn, Fremdling, begib dich zur Stadt! Ich werde zum Hause meines verständigen Vaters dich bringen. Von allen Phaiaken wirst du dort kennenlernen die edelsten, tüchtigsten Helden. Handle jetzt folgendermaßen - du scheinst mir ja klug und vernünftig -:

Während noch durch das Land wir ziehen und über die Äcker, laufe nur hinter dem Maultiergespann, im Kreise der Mägde, zügig voran. Ich werde die richtige Strecke dir weisen. Kommen wir aber zur Stadt mit der ragenden Mauer und schönen Häfen auf beiden Seiten, so folge dem Fahrzeug nicht länger.

Schmal ist der Zugang; ihn säumen aufs Ufer gezogene Schiffe, doppelt geschweifte; es ist der Standplatz für sämtliche Bürger. Dort liegt rings um den schönen Poseidontempel der Marktplatz, prachtvoll erbaut aus herbeigeschleiften, vergrabenen Steinen. Hier auch verfertigt man alle Geräte für düstere Schiffe, Taue und Segel, und schärft die Kanten der Blätter am Ruder. Denn die Phaiaken befassen sich nicht mit Bogen und Köcher, sondern mit Masten und Rudern und den sich wiegenden Schiffen; freudig durchfurchen auf ihnen sie, stolz, die schäumenden Fluten. Übles Gerede von ihnen möchte ich meiden, es sollte niemand uns tadeln; lästernde Mäuler gibt es im Volke. Irgendein Nichtsnutz, der uns begegnete, könnte ja sagen:

'Was für ein Fremdling folgt der Nausikaa dort, so ein großer, stattlicher Mann? Wo fand sie ihn? Heiraten wird er sie sicher! Weit aus der Ferne verschlug ihn der Sturm, nun bringt sie von seinem Schiffe ihn her; in der Nähe wohnt ja kein anderer Volksstamm. Oder ein Gott stieg auf ihr flehendes Bitten vom Himmel nieder, zu ihr, und wird sie als Gatte für immer behalten. Besser schon war es, daß sie sich selber den Mann in der Fremde ausfindig machte; für unwürdig hielt sie im Volk der Phaiaken alle, die um sie werben, so zahlreich sie sind und so edel!' Derart werden sie lästern; mir würde es Schande bereiten. Selber tadelte ich ein solches Verhalten bei andern Mädchen, die gegen den Willen der teuren Eltern mit fremden Männern verkehren, bevor sie offen die Hochzeit begehen! Laß dir geschwind von mir raten, Fremdling, damit dich auf schnellstem Wege mein Vater in deine Heimat geleite! Auf einen herrlichen Pappelhain der Athene wirst du am Wege stoßen; drin sprudelt ein Quell, im Umkreis erstrecken sich Wiesen. Dort besitzt mein Vater ein stattliches Krongut mit einem blühenden Garten, auf Rufweite vor der Hauptstadt gelegen. Setze an dieser Stelle dich nieder und warte ein Weilchen, bis wir betraten die Stadt und das Haus des Vaters erreichten. Sind wir, nach deiner Schätzung, zum Königspalaste gekommen, mache dich selbst auf den Weg in die Stadt der Phaiaken und frage nach dem Palast des Alkinoos, meines hochherzigen Vaters. Leicht ist das Schloß zu erkennen; ein Kindlein könnte dich dorthin führen, sind doch die Häuser der andern phaiakischen Bürger nicht so erbaut wie des Helden Alkinoos prächtige Wohnung. Aber sobald du das Haus und den Vorhof betratest, so schreite

schnell durch den Saal, um zuerst dich an meine Mutter zu wenden. Neben dem Herde sitzt sie, im Scheine des Feuers, mit Fäden spinnend, die leuchten so tief wie das Meer, ein Anblick zum Staunen; gegen die Säule lehnt sie sich, hinter ihr sitzen die Mägde. Gleichfalls gerückt an die Säule steht der Sessel des Vaters; wie ein Unsterblicher thront er auf diesem und trinkt von dem Weine. Geh an dem Vater vorbei und umschling mit den Armen die Knie meiner Mutter; dann wirst du den Tag der Heimkehr zu deiner Freude erleben, sehr bald, und wohntest du noch so entlegen. Ist dir die Mutter nämlich gewogen, so darfst du erwarten, glücklich die Lieben wiederzusehen, dein trefflich gebautes Haus zu erreichen und die teure Heimat der Väter.«

Derart sprach sie und trieb durch einen Schlag mit der blanken Geißel die Maultiere an. Sie entfernten sich eilig vom Flusse, liefen in munterem Trabe und setzten sicher die Hufe. Sorgsam lenkte das Mädchen, damit der Mann und die Mägde nachkommen könnten, und schwang verständig die schimmernde Geißel. Und der Sonnenball sank. Sie gelangten zum heiligen, schönen Wäldchen Athenes; dort ließ der edle Odysseus sich nieder, richtete gleich sein Gebet an die Tochter des großen Kroniden:

»Höre mich, siegreiche Tochter des Zeus, des Trägers der Aigis! Tue es wenigstens jetzt, da du früher mich niemals erhörtest, als mir der ruhmreiche Herrscher Poseidon die Schiffe zerschmettert! Laß die Phaiaken ein freundlich Willkommen und Mitleid mir spenden!«

Derart flehte der Held; ihn erhörte Pallas Athene. Aber sie zeigte sich ihm noch nicht. Die Rücksicht auf ihren Onkel bewog sie. Der grollte dem göttlichen Helden Odysseus weiterhin heftig, so lange, bis er die Heimat erreichte.

Siebenter Gesang

Wie Odysseus von dem König Alkinoos aufgenommen wurde

Derart flehte im Hain der göttliche Dulder Odysseus, aber die kräftigen Maultiere zogen das Mädchen zur Hauptstadt. Als sie die ruhmreiche Wohnstätte ihres Vaters erreichte, hielt sie am Torweg. Da scharten sich um sie die tüchtigen Brüder, stattlich, wie es Unsterbliche sind. Sie schirrten die Tiere ab von dem Wagen und trugen die Wäsche ins Innre des Hauses. Doch Nausikaa ging auf ihr Zimmer; und Eurymedusa aus Apeire, die alte Kammerfrau, machte ihr Feuer. Doppeltgeschweifte Schiffe hatten sie einst aus Apeire hierher gebracht, als ein Ehrengeschenk für Alkinoos; diesem Fürsten gehorchte wie einem Gotte das Volk der Phaiaken. Aufgezogen hatte die Alte die Tochter des Königs, schürte ihr heute das Feuer und brachte die Mahlzeit ins Zimmer.

Nunmehr begab sich auch Odysseus zur Stadt. Ihn umhüllte Pallas Athene mit wallendem Dunkel, in liebreicher Sorge; keiner der tapfren Phaiaken, der ihm begegnete, sollte ihn durch Schmähungen kränken und nach dem Namen ihn fragen. Als er gerade die Grenze der lieblichen Stadt überschritten, kam ihm die helläugig blickende Göttin Athene entgegen, wie ein Mädchen, mit einem Kruge zum Schöpfen von Wasser. Vor ihn trat sie. Da fragte sie gleich der edle Odysseus:

»Kannst du mir, Mädchen, den Weg zum Haus des Alkinoos weisen, der den Menschen in diesem Lande als König gebietet? Weither komme ich nämlich, ein Fremdling, ein bitter geprüfter, aus entlegener Gegend. Daher auch kenne ich keinen unter den Menschen, die hier die Stadt und den Landstrich bewohnen.«

Ihm gab Antwort darauf die helläugig blickende Göttin:

»Gerne, ehrwürdiger Fremdling, zeige ich dir das gewünschte Wohnhaus. Es liegt bei dem Hause meines untadligen Vaters. Gehe nur schweigend so weiter, ich will die Strecke dich führen; richte auf keinen Phaiaken den Blick, vermeide auch Fragen! Sind doch die Leute den Fremden nicht allzu günstig gesonnen, öffnen auch dem, der von auswärts herankommt, nicht herzlich die Türen. Nur schnellsegelnden Schiffen vertrauen sie und überqueren

rasch die Tiefen der See; das gewährte ihnen Poseidon. Ihre Fahrzeuge fliegen wie Fittiche oder Gedanken.« Derart ermahnte Pallas Athene den Helden und schritt ihm eilig voran; er folgte der Herrin sogleich auf dem Fuße. Die phaiakischen ruhmvollen Seefahrer sahen ihn gar nicht, wie, in der Stadt, er an ihnen vorbeiging; die lockige Pallas sorgte dafür, die mächtige Göttin, die heiliges Dunkel um den Helden gebreitet hatte in liebreicher Sorge. Staunend betrachtete er die Häfen und schaukelnden Schiffe, Marktplätze der phaiakischen Helden und riesige Mauern, ragend, mit Schanzpfählen sicher befestigt, ein Anblick zum Staunen. Als sie den weithin berühmten Palast des Königs erreichten, da begann zu erzählen die helläugig blickende Göttin:

»Das ist das Haus, ehrwürdiger Fremdling, das ich dir zeigen sollte; du wirst die zeusbegünstigten Fürsten beim Schmause antreffen. Geh nur hinein, du brauchst dich gar nicht zu scheuen! Denn ein beherzter Mann gelangt bei jedem Beginnen besser ans Ziel als ein Feigling, und kommt er aus fernen Gebieten. Wende dich drinnen im Saale zuerst an die Herrin; Arete lautet ihr Name, sie stammt von dem gleichen Paare der Eltern, das den Alkinoos auch geboren, den König. Am Anfang hat den Nausithoos einst Poseidon, der Träger der Erde, mit Periboia gezeugt, der schönsten sämtlicher Frauen, jüngster Tochter des mutigen Eurymedon; der herrschte ehemals über das trotzige Volk der Giganten. Er stürzte in das Verderben die Frevler, sich selber desgleichen. Mit seiner Tochter verband sich Poseidon und zeugte als Sprößling den tapfren Helden Nausithoos, den Gebieter im Land der Phaiaken. Dieser zeugte Rhexenor und Alkinoos. Jenen raffte Apollon dahin, als jungen Gatten und ohne männlichen Erben; er hinterließ in seinem Palaste nur die Tochter Arete. Alkinoos nahm sie zur Gattin und erwies ihr Ehren, wie sie nicht eine von allen Frauen genießt, die heute, vermählt, den Hausstand verwalten. Derart empfing und empfängt Arete herzliche Ehrung seitens der lieben Kinder, des Gatten Alkinoos selber wie auch des Volkes, das sie als Göttin betrachtet und voller Ehrfurcht begrüßt, wenn sie die Straßen der Hauptstadt durchschreitet. Freilich, sie zeigt ja auch ihrerseits Klugheit und nützliche Einsicht; unter Männern sogar, die sie achtet, schlichtet sie Hader.

Schenkte sie dir die Gunst und erwiese dir aufrichtig Achtung, dürftest du hoffen, die Lieben wiederzusehen und deinen hohen Palast und deine Heimat sehr bald zu erreichen.«

Damit entschwand die helläugig blickende Göttin Athene über das ruhlose Meer, aus Scherias lieblichen Fluren, flog nach Marathon und zu Athens breitbahnigen Straßen, trat in den festen Palast des Erechtheus. Aber Odysseus nahte dem herrlichen Schloß des Alkinoos. Vieles erwog er, stehenbleibend, bevor er zur ehernen Schwelle gelangte. Denn genauso wie Strahlen der Sonne oder des Mondes leuchtete blendend der hohe Palast des mutigen Königs. Eherne Wände erstreckten sich beiderseits fort von der Schwelle weit in die Tiefe, sie krönte ein Fries von bläulichem Glasfluß; goldene Torflügel schlossen von innen das feste Gebäude, silberne Pfosten erhoben sich über der ehernen Schwelle. Silbern war auch der Torsims, aus Gold gefertigt der Türring. Rechts wie links erhoben sich Hunde von Gold und von Silber, die Hephaistos mit kunstverständigem Scharfsinn geschmiedet hatte, als Wache für den Palast des hochherzigen Königs, Tiere, die ewig lebten und niemals dem Alter verfielen. Drin an den Wänden lehnten nach allen Seiten hin Sessel, tief in den Saal von der Schwelle, in Reihen, und feine Gewebe, kunstreiche Arbeit von Frauen, lagen darüber gebreitet. Die phaiakischen Fürsten ließen auf ihnen sich immer nieder und aßen und tranken; sie hatten ja reichlichen Vorrat. Jünglinge standen, aus Gold, auf kunstvoll gemauerten Sockeln, trugen in ihren Händen lodernde Fackeln; mit ihnen leuchteten sie die Nächte hindurch den Gästen im Hause. Fünfzig Dienerinnen waren im Schlosse beschäftigt; goldgelben Weizen zermahlten die einen auf handlichen Mühlen, andere webten und spannen die Fäden, sitzend sie alle, dicht aneinandergereiht wie die Blätter schlank ragender Pappeln; Öltropfen fielen herab von der trefflich geketteten Leinwand. Wie die phaiakischen Männer am besten die eilenden Schiffe über das Meer zu lenken verstehen, so kennen die Frauen sich in der Webekunst aus; mit größrem Erfolge als andre lehrte sie Pallas, prachtvolle, nützliche Arbeit zu leisten. Jenseits des Hofs, vor dem Tore, erstreckte, vier Morgen bedeckend, sich ein herrlicher Garten; allseitig war er umfriedet.

Ragende Bäume standen darinnen, in üppigem Grünen, Birnen, Granaten und Äpfel, behangen mit prächtigen Früchten, köstliche Feigen, dazu noch Oliven in prangender Fülle. Niemals gehen hier aus und niemals verderben hier Früchte, Winter wie Sommer, das ganze Jahr; nein, immerfort schmeicheln westliche Winde, lassen die Früchte hier keimen, dort reifen. Birne auf Birne gelangt zur Reife, Apfel auf Apfel, Feige auf Feige, am Weinstock jedoch auch Traube auf Traube. Dort ließ ja der Herrscher ein Rebengelände bepflanzen; ein Teil dieses Geländes, der Platz zum Trocknen, an flacher Stelle, dörrt in der Sonne; im zweiten liest man die Trauben, keltert sie dann; vorn tragen die Stöcke noch unreife Trauben, die zum Teile die Blüten abstoßen, teils auch schon dunkeln. Daran im Anschlusse zogen, mit mancherlei Arten Gemüse, Reihen von Beeten sich hin, das Jahr durch voll frischen Ertrages. Drinnen entsprangen zwei Quellen; die eine verteilte sich durch den Garten, die andre ergoß sich unter der Schwelle des Hofes hin zu dem hohen Palaste; dort schöpften die Bürger sich Wasser. Derart beschenkten das Haus des Alkinoos glänzend die Götter.

Immer noch stand der göttliche Dulder Odysseus und staunte. Als er nach Herzenslust den köstlichen Anblick genossen, trat er über die Schwelle geschwind in das Innre des Schlosses. Dort fand er die Anführer und Berater des Volkes; eben spendeten sie dem spähenden Töter des Argos, dem man als letztem opfert, sofern man zu Bett gehen möchte. Aber den Saal durchschritt der göttliche Dulder Odysseus, völlig bedeckt von dem Dunkel, mit dem ihn Athene umhüllte, bis er den König Alkinoos und Arete erreichte. Um die Knie Aretes schlang Odysseus die Arme; da zerstreute sich rings um ihn das göttliche Dunkel. Alle verstummten, als sie den Helden im Saale erblickten, schauten ihn an und staunten. Flehend sagte Odysseus:

»Herrin Arete, Tochter des göttlichen Helden Rhexenor, kniefällig bitte ich deinen Gatten und dich und die Gäste, nach entsetzlicher Drangsal! Mögen die Götter euch allen Glück für das Leben gewähren, vermache ein jeder den Kindern seinen Besitz und die Würden, die ihm das Volk übertragen! Aber verschafft mir schleunig Geleit zur Fahrt in die Heimat; denn schon lange verfolgt mich, ferne den Meinen, das Unglück.«

Derart sprach er und ließ am Herd in der Asche sich nieder, neben dem Feuer; und alle verstummten in lautlosem Schweigen. Endlich ergriff das Wort der betagte Held Echeneos, der die andern Phaiaken an Alter und Redegewandtheit weit übertraf, ein Mann von langer und reicher Erfahrung. Dieser begann verständig zu reden und sprach in dem Kreise:

»Gar nicht ehrenvoll ist es, Alkinoos, auch nicht geziemend, muß ein Gast auf dem Boden sitzen, am Herd in der Asche, während die Fürsten auf deine Befehle warten und zögern. Aufstehen lasse den Fremdling, biete auf silberbeschlagnem Sessel ihm Platz, erteile den Herolden Weisung, aufs neue Wein zu mischen; wir wollen Zeus, dem Werfer der Blitze, spenden, der achtbare Hilfeflehende treulich begleitet! Und die Schaffnerin gebe vom Vorrat dem Fremdling zu essen!«

Als der rüstige, kraftvolle König die Worte vernommen, faßte er gleich bei der Hand den tapferen, klugen Odysseus, hieß ihn vom Herd sich erheben und sitzen auf schimmerndem Sessel; aufstehen ließ er vorher den mannhaften Sohn Laodamas, der dicht neben ihm saß, da er ihn am innigsten liebte. Waschwasser brachte die Magd in prächtiger goldener Kanne, goß es zum Waschen über die Hände ins silberne Becken, stellte danach die geglättete Tafel bereit für die Mahlzeit. Brot trug auf die achtbare Schaffnerin, setzte mit Freuden jenem die Speisen reichlich hin vom vorhandenen Vorrat. Nunmehr aß und trank der göttliche Dulder Odysseus. An den Herold wandte sich jetzt der kraftvolle König:

»Mische im Kruge den Wein, Pontonoos, allen im Saale biete ihn dar! Wir wollen Zeus, dem Werfer der Blitze, spenden, der achtbare Hilfeflehende treulich begleitet.«

Derart befahl er. Den süßen Wein vermischte der Herold, reichte dann allen die Becher und schenkte ein für die Weihe. Als sie gespendet hatten und nach Belieben getrunken, da ergriff der König das Wort in der Runde und sagte:

»Höret, die ihr das Volk der Phaiaken führt und beratet! Aussprechen will ich, wozu Verlangen und Neigung mich spornen. Gehet jetzt heim, nachdem ihr gespeist, und leget euch schlafen! Morgen berufen die Ältesten wir in größerer Menge, wollen den Fremdling im Saale bewirten, gehörige Opfer

spenden den Göttern und dann das gewünschte Geleit überdenken; soll doch der Fremdling ohne Gefahren und ohne Beschwerden unter unsrem Geleitschutz das Land der Väter erreichen, glücklich und schnell, und läge es auch in weiter Entfernung, und ihm soll unterwegs kein weiteres Unheil begegnen, bis er die heimischen Fluren betritt. Dort freilich erlebt er, was ihm sein Schicksal bestimmte und was die spinnenden Schwestern bei der Geburt in den Faden des Lebens strenge ihm spannen. Stieg in dem Fremden jedoch ein Gott vom Himmel hernieder, haben bestimmt die Unsterblichen damit Besondres im Sinne! Ständig erscheinen uns sonst ja die Götter ganz deutlich in ihrer eignen Gestalt, wenn wir ihnen herrliche Festopfer bringen, und sie schmausen bei uns, auf denselben Plätzen bei Tische. Auch wenn ihnen am Wege nur ein Phaiake begegnet, wahren sie ihre Gestalt. Denn wir stehen ihnen so nahe wie die Kyklopen und das wilde Geschlecht der Giganten.«

Ihm entgegnete gleich der kluge Odysseus und sagte:

»König Alkinoos, hege nicht solche Vermutung! Ich gleiche nicht den Unsterblichen, die den riesigen Himmel bewohnen, weder an Wuchs noch an Schönheit, sondern den sterblichen Menschen. Kennt ihr Menschen, die in besondrem Maße am Elend schleppten, so könnte ich ihnen in meiner Not mich vergleichen. Ja, ich wüßte sogar von noch schlimmerem Leid zu berichten, nach alledem, was ich durch göttlichen Willen erlebte! Aber vergönnt mir doch, bitte, zu essen, trotz meiner Betrübnis! Nichts ist nämlich so schamlos wie ein knurrender Magen, der unvermeidlich die Menschen an seinen Anspruch erinnert, selbst wenn harte Bedrängnis und bitterer Kummer sie aufreibt, so wie mich der Kummer bedrängt, doch der Hunger mich ständig antreibt zum Essen und Trinken und meine zahllosen Leiden aus dem Gedächtnis mir tilgt und seine Befriedigung fordert! Ihr indessen beeilet euch, bitte, bei Anbruch des Morgens mich vom Unglück Verfolgten in meine Heimat zu bringen, muß ich auch Schweres noch leiden; ich möchte erblicken nur meine Güter, die Knechte, mein ragendes Schloß - dann sterbe ich gerne!«

Derart sprach er, und alle stimmten ihm zu und verlangten, heimzugeleiten den Gast, weil gerecht er und schicklich gebeten. Als sie gespendet hatten und nach Belieben getrunken,

gingen sie fort zum Schlafen, in seine Wohnung ein jeder. Aber es blieb im Saale der edle Odysseus. Es saßen bei ihm Arete und der den Göttern gleichende König, Held Alkinoos; Mägde räumten derweil das Geschirr ab. Unter ihnen ergriff das Wort die weißarmige Herrin, hatte sie doch erkannt den Mantel nebst Leibrock, die schönen Stücke, die einstmals sie selbst mit den Mägden hergestellt hatte. Und sie sprach zu dem Gast die im Fluge enteilenden Worte:

»Fremdling, ich meinerseits möchte vor allem dich folgendes fragen:

Was für ein Landsmann bist du? Wer gab dir diese Gewänder? Sagtest du nicht, du triebest, zur See, an unsere Küste?«

Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte:

»Herrin, es ist sehr schwierig, dies alles genau zu erzählen; denn mich suchten die Himmlischen heim mit furchtbarem Elend. Aber ich will dir berichten, wonach du dich fragend erkundigst. Fern liegt eine Insel, Ogygia, mitten im Meere; auf ihr wohnt die lockige Tochter des Atlas, die schlaue, mächtige Göttin Kalypso; zu ihr gesellt sich nicht einer der unsterblichen Götter oder der sterblichen Menschen. Mich nur, den Elenden, führte zu ihrem Herde ein Daimon, ohne meine Gefährten, nachdem auf schimmerndem Meere Zeus mir das eilende Schiff mit grellem Blitzstrahl zertrümmert. Alle die übrigen edlen Gefährten gingen zugrunde. Ich bloß umschlang den Kiel des geschweiften Schiffes, neun Tage trieb ich umher. Am zehnten ließen mich Götter, in finstrer Nacht, auf der Insel Ogygia stranden, dem Wohnsitz Kalypsos, jener schlauen und mächtigen Göttin, die freundlich mich aufnahm und mich als Gast mit Liebe betreute; sie gab das Versprechen, ewiges Leben mir und ewige Jugend zu schenken. Doch sie vermochte sich meine Neigung nicht zu gewinnen. Don verweilte ich sieben Jahre, ununterbrochen, netzte mit Tränen die göttlichen Kleider, die Gaben Kalypsos. Als dann im stetigen Kreislauf der Jahre das achte Jahr anbrach, spornte sie mich zur Heimfahrt, entweder auf des Kroniden Weisung, oder weil selber sie ihren Vorsatz geändert. Sie entließ mich auf sicher verklammertem Floße und schenkte reichlich mir Nahrung und süßen Wein, auch göttliche Kleidung. Aufkommen ließ sie zur Fahrt mir eine erquickende Brise. Siebzehn Tage hindurch befuhr ich die wogenden Fluten,

aber am achtzehnten zeigten sich fern die schattenden Berge eures Landes, und innige Freude empfand ich in meinem Elend - doch länger noch sollte mich furchtbarer Jammer verfolgen, den der Gott, der die Erde erschüttert, über mich brachte. Gegen mich hetzte er stürmische Winde und hemmte die Heimfahrt, rührte entsetzlich das Meer auf; die schwellenden Wogen verboten mir, der ich bitterlich klagte, die weitere Fahrt auf dem Floße. Auseinander rissen die Böen das Fahrzeug. Ich konnte schwimmend die letzten Tiefen des brandenden Meeres bezwingen, bis mich die Winde und Wellen an eure Steilküste warfen. Fast überwältigt hätten beim Landungsversuch mich die Wogen, mich an die ragenden Felsen geschmettert, die Stätte des Grauens. Aber ich schwamm zurück und weiter entlang an der Küste, bis ich den Fluß erreichte. Die Stelle erschien mir sehr günstig, frei von Gestein; auch bot sie mir Sicherheit gegen die Winde. Ohnmächtig sank ich ans Land, kam spät zur Besinnung. Es nahte göttliches Dunkel. Da legte ich, abseits des himmelentströmten Flusses, zum Schlafen mich nieder und häufte, um mich zu bedecken, Blätter empor. Mir vergönnte ein Gott langdauernden Schlummer. Unter den Blättern schlief ich, trotz meiner Betrübnis, die ganze Nacht hindurch und über den Morgen hinaus bis zum Mittag. Schon sank tiefer die Sonne; da wich mein köstlicher Schlummer. Spielen sah ich die Mägde deiner Tochter am Strande, unter ihnen sie selber, wie eine Göttin so stattlich. Hilfe erbat ich von ihr, und sie traf im Handeln das Rechte, wie man es seitens jüngerer Menschen, die einem begegnen, schwerlich erwartet; ein Jüngerer handelt nur selten mit Einsicht. Speisen gab sie und funkelnden Wein mir in reichlicher Menge, ließ mich baden im Flusse und reichte mir diese Gewänder. Damit enthüllte ich dir, trotz meines Kummers, die Wahrheit.«

Ihm gab König Alkinoos Antwort darauf und bemerkte:

»Freilich, in einem verfehlte meine Tochter das Rechte, Fremdling: sie führte dich nicht im Kreise der Mägde zu unsrem Schlosse! Sie war doch die erste, die du um Hilfe ersuchtest!«

Antwort erteilte darauf ihm der kluge Odysseus: »Du tapfrer König, deswegen schilt nicht deine untadlige Tochter! Gab sie die Weisung mir doch, ihr im Kreise der Mägde zu folgen. Aber ich lehnte es ab, aus Scheu und schuldiger Rücksicht,

sollte dich doch bei diesem Anblick nicht Zorn übermannen:

Leicht zu erregen sind wir menschlichen Wesen auf Erden!«

Ihm gab König Alkinoos Antwort darauf und bemerkte:

»Fremdling, es liegt nicht in meinem Wesen, in Zorn zu geraten ohne vernünftigen Grund. Maßhalten ist immer das beste! Hätte doch, Vater Zeus, Athene und Phoibos Apollon, solch ein Gatte wie du, mit mir von gleicher Gesinnung, meine Tochter zum Weibe und bliebe in unserem Lande, hieße mein Schwiegersohn! Ich gäbe dir Haus und Vermögen, wolltest du bleiben. Doch kein Phaiake sollte dich wider Willen festhalten. Das verhüte der große Kronide! Nimm es zur Kenntnis: Ich setze für dich die Fahrt in die Heimat fest auf morgen! Dann wirst in tiefem Schlummer du liegen, während man über die ruhige See dich rudert, in deine Heimat, dein Haus, auch zu jedem beliebigen anderen Ziele, läge es auch noch weiter entfernt als Euboia; die Insel liegt in größter Entfernung, nach Auskunft unserer Leute, die sie erblickten, als Rhadamanthys, den blonden, sie fuhren, der den Sprößling der Gaia, den Tityos, aufsuchen wollte. Ja, auch dorthin gelangten sie, mühelos kamen am gleichen Tag sie ans Ziel und bewältigten glücklich die Rückfahrt zur Heimat. Selber noch wirst du erfahren: am besten verstehen es meine Schiffe und ihre Besatzung, das Meer mit den Rudern zu peitschen!«

Derart sprach er, und Freude empfand der göttliche Dulder. Innig begann er zu beten und sprach die flehenden Worte:

»Könnte doch, Vater Zeus, Alkinoos seine Versprechen sämtlich erfüllen! Ihm würde, weit über die nährende Erde, endloser Ruhm zuteil - und ich gelangte nach Hause!«

Derart führten sie untereinander ihre Gespräche. Und die weißarmige Fürstin erteilte den Mägden die Weisung, in die Halle das Bett zu bringen, purpurne, schöne Kissen daraufzupacken, sie zu beziehen mit Laken, wollene Decken dazu, als Überbetten, zu breiten. Aus dem Gemache eilten die Mägde, Fackeln in Händen. Als sie voll Eifer die feste Bettstatt aufgestellt hatten, traten sie zu Odysseus und mahnten mit freundlichen Worten:

»Lege zum Schlafen dich nieder, Fremdling; dein Lager ist fertig.«

Derart mahnten sie; freudig hieß er die Ruhe willkommen.

Nunmehr schlief im Palaste der edle Dulder Odysseus, unter der dröhnenden Halle, auf dichtgegurtetem Lager. Aber Alkinoos ruhte im Innern des ragenden Schlosses; mit ihm teilte die Gattin, die Herrin des Hauses, das Lager.

Achter Gesang

Wie die Volksversammlung der Phaiaken beschloß, Odysseus in seine Heimat zu geleiten, und zu Ehren des Gastes Kampfspiele, Gesang und Tanz veranstaltet wurden

Als in der Frühe die rosenfingrige Eos sich zeigte, stand Alkinoos auf, der rüstige, kraftvolle Herrscher, gleichfalls der zeusentstammte Städtebezwinger Odysseus. Letzterem ging voran der rüstige, kraftvolle König zu dem Versammlungsplatz der Phaiaken, dicht bei den Schiffen. Nebeneinander ließen sie dort sich nieder auf glatten Sitzsteinen. Pallas Athene durcheilte indessen die Straßen, einem der Herolde gleichend des klugen Phaiakengebieters, auf die Heimkehr bedacht des mutigen Helden Odysseus, trat auf jeden der Ältesten zu und gab ihm die Weisung:

»Auf denn, die ihr das Volk der Phaiaken führt und beratet, geht auf den Marktplatz, euch Auskunft über den Fremden zu holen, der in das Schloß des klugen Alkinoos kürzlich gelangte, über das Meer verschlagen, ein Held, den Unsterblichen gleichend!«

Damit erweckte sie jedem den Wunsch, Genaues zu hören. Plätze und Sitzreihen füllten sich schnell mit Menschen, die eifrig sich versammelten. Und in zahlreicher Menge bestaunten sie den verständigen Sohn des Laërtes. Ihm hatte Athene Haupt und Schultern mit überirdischer Anmut umwoben und ihm höheren Wuchs und stärkere Kräfte verliehen, sollte er doch die Zuneigung aller Phaiaken gewinnen, Achtung und Rücksicht, und sollte die mancherlei Spiele, zu denen ihn die Phaiaken einladen würden, erfolgreich bestehen. Als sie sich vollzählig zur Versammlung eingestellt hatten, da ergriff der König das Wort in dem Kreise und sagte:

»Höret, die ihr das Volk der Phaiaken führt und beratet! Aussprechen will ich, wozu Verlangen und Neigung mich spornen. Hier der Fremdling - ich kenne ihn nicht - gelangte auf seiner Irrfahrt zu meinem Schlosse, vom Osten her oder vom Westen, bittet, nach Haus ihn zu senden, und fleht um sichren Geleitschutz. Lasset uns also, wie üblich, den Gast in die Heimat befördern! Denn auch kein andrer, der Zuflucht in meinem Palaste gefunden, braucht hier lange voll Kummer auf seine Heimfahrt zu warten.

Ziehen wir in die heiligen Fluten hinunter ein neues dunkles Schiff und lassen als Mannschaft Jünglinge wählen unter dem Volk, zweiundfünfzig, die Besten in jeglicher Hinsicht! Habt ihr die Ruder an ihren Dollen mit Sorgfalt befestigt, gehet wieder von Bord und nehmet in unsrem Palaste eilig die Mahlzeit ein; euch allen gebe ich reichlich. Dies mein Befehl für die Jünglinge! Aber ihr übrigen, Fürsten, Träger der Zepter, begebt euch zu meinem herrlichen Schlosse, gastlich bewirten wollen wir noch im Saale den Fremdling! Niemand verweigre die Teilnahme! Auch den göttlichen Sänger rufet, Demodokos; ihm gewährte die Gottheit den Vorzug, durch Gesang zu erfreuen, wenn ihn die Begeisterung fortreißt.«

Derart befahl er und ging voran. Die Träger der Zepter folgten ihm gleich; der Herold berief den göttlichen Sänger. Die erwählte Besatzung, an Zahl zweiundfünfzig, begab sich, wie es der König verlangte, zum Strande des wogenden Meeres. Als sie zum Schiff und an das Gestade des Meeres gelangten, zogen zunächst sie das Fahrzeug hinab ins tiefere Wasser, legten hinein in das dunkle Schiff den Mast und das Segel, hängten darauf die Ruder fest in die ledernen Schlingen, ordnungsgemäß, und setzten schließlich das leuchtende Segel. Fest verankerten sie das schwimmende Schiff am Gestade, gingen danach in das ragende Schloß des verständigen Königs. Hallen und Höfe und Räume füllten geschwind sich mit Menschen, die sich versammelten. Zahlreich waren sie, junge und alte. Schlachten ließ Alkinoos für die Besucher zwölf Schafe, acht hellzahnige Schweine dazu und zwei trottende Rinder. Eifrig wurde gehäutet, gebraten, der Festschmaus gerichtet.

Nunmehr brachte der Herold den achtbaren Sänger; den liebte innig die Muse. Sie hatte ihm Gutes und Schlechtes erwiesen, ihm die Sehkraft geraubt, doch Kraft des Gesanges verliehen. Mitten im Kreis der Besucher rückte Pontonoos einen silberbeschlagenen Sessel für ihn an die ragende Säule, hängte an einen Riegel die lieblich klingende Harfe über das Haupt des Sängers und zeigte ihm, wie er sie greifen könne; dann setzte er einen gedeckten Tisch mit dem Brotkorb vor ihn hin, den Weinbecher auch, nach Belieben zu trinken. Kräftig sprach man zu den dargebotenen Speisen.

Aber sobald man den ersten Durst gestillt und den Hunger, spornte die Muse den Sänger, von Heldentaten zu singen; aus dem Kranze der Lieder, die damals Ruhm bis zum Himmel ernteten, sang er den Streit des Odysseus und des Peliden, wie sie beim köstlichen Festmahl der Götter mit heftigen Worten einstmals in Hader gerieten und Fürst Agamemnon im stillen über den Streit der tapfersten griechischen Helden sich freute. Dieses Ereignis hatte ihm nämlich Apollon geweissagt im hochheiligen Pytho, als er die steinerne Schwelle überschritt, ein Orakel zu holen. Es leitete dorther sich, auf Beschluß des Zeus, das Unheil für Troer und Griechen.

Diesen Gesang trug vor der ruhmreiche Sänger. Odysseus griff nach dem weiten purpurnen Mantel mit kraftvollen Händen, zog ihn sich über den Kopf und verhüllte sein redliches Antlitz; denn er schämte sich seiner Tränen im Kreis der Phaiaken. Endete einen Abschnitt des Liedes der göttlichen Sänger, wischte er ab die Tränen, zog sich den Mantel vom Kopfe, nahm den doppelt gehenkelten Becher und brachte die Spende. Hub der Sänger erneut an und spornten zu weiterem Singen ihn die phaiakischen Fürsten, da sie des Liedes sich freuten, barg auch Odysseus aufs neue den Kopf in dem Mantel und klagte. Allen Phaiaken entging es, daß ihm Tränen entströmten; nur Alkinoos gab auf ihn acht und bemerkte die Tränen, weil er neben ihm saß, und vernahm sein bitteres Stöhnen. Deshalb sprach er sogleich zu den Männern, den Freunden der Ruder:

»Höret, die ihr das Volk der Phaiaken führt und beratet, hinreichend labten wir uns bereits am gehörigen Essen und an der Harfe, dem wertvollen Teile des festlichen Mahles. Gehen wir jetzt hinaus und beginnen wir allerlei Kämpfe, wetteifernd; soll doch der Fremdling zu Hause, im Kreise der Lieben, davon berichten, wie hoch wir alle anderen schlagen in dem Kampf mit den Fäusten, im Ringen, im Sprung und im Laufe!«

Derart sprach er und ging voran; ihm folgten die andern. Hoch an den Riegel hängte der Herold die klingende Harfe, griff des Demodokos Hand und geleitete ihn aus dem Schlosse, führte auf gleichem Wege ihn, den auch die anderen Fürsten der Phaiaken beschritten, gespannt auf den Anblick der Kämpfe. Eilig erreichten den Markt sie, nach schob sich die Menge des Volkes,

Tausende; zahlreiche tüchtige Jünglinge drängten zum Kampfspiel. Da erhob sich Akroneos, auch Okyalos, Elatreus, weiterhin Nauteus, Prymneus, Anchialos wie auch Eretmeus, Ponteus und Proreus, Anabesineos, ferner noch Thoon und Amphialos, Sprößling des Polyneos, des Sohnes Tektons; auch Euryalos, stark wie der mordende Ares, Sohn des Naubolos, nach Gestalt und Haltung der schönste aller Phaiaken nächst Laodamas, dem herrlichen Helden. Da erhoben sich auch drei Söhne des trefflichen Königs, nach Laodamas Held Halios, dann Klytoneos, so stattlich wie ein Unsterblicher. Messen wollten sie erst sich im Wettlauf. Von der Schranke aus stürmten sie los, und alle auf einmal flogen in rasendem Lauf, staubwirbelnd, über die Strecke. Weitaus der Schnellste war der untadlige Held Klytoneos. Weit, wie ein Maultiergespann den Pflug zieht, ohne zu rasten, holte er seinen Vorsprung heraus vor den übrigen Läufern. Andre erprobten die Kräfte im Schmerzen erregenden Ringkampf; dabei bewährte Euryalos sich als Bester der Besten. Held Amphialos wurde im Springen der erste von allen; mit der Wurfscheibe hielt sich bei weitem am besten Elatreus, schließlich im Faustkampf der wackere Königssohn Laodamas.

Als die Teilnehmer hinreichend Freude gefunden am Wettkampf, sprach in dem Kreise der Sohn des Alkinoos, Held Laodamas:

»Fragen wir, Freunde, den Fremdling, ob er auch von Wettkämpfen etwas kennt und geübt hat! Ein Schwächling ist er durchaus nicht, nach seinem Wuchse zu schließen, den Schenkeln und Waden und Fäusten, dem festen Nacken, der ganzen starken Gestalt; an männlichen Kräften fehlt es ihm nicht. Doch wird ihn sein bitteres Unglück gebrochen haben; denn nichts vermag den Menschen mehr zu entkräften - sei er auch noch so standhaft - als die Schrecken des Meeres.«

Zustimmend äußerte sich Euryalos gleich und erklärte:

»Das, Laodamas, was du gesprochen, ist schicklich und richtig. Gehe doch zu ihm und fordre ihn auf, unterbreite den Vorschlag!«

Als des Alkinoos wackerer Sohn ihn zustimmen hörte, trat er sofort in die Mitte des Kreises und sprach zu Odysseus:

»Auf denn, ehrwürdiger Fremdling, versuche auch du dich im Wettkampf, falls du einen beherrschst! Wahrscheinlich verstehst du zu kämpfen.

Denn der gewaltigste Ruhm des Mannes beruht doch, solange er zu atmen vermag, auf der Leistung der Füße und Hände. Wage es denn, dich im Wettkampf zu messen, verscheuche den Kummer! Brauchst du der Heimfahrt doch nicht mehr lange zu harren, ins Wasser wurde das Schiff schon gezogen, die Mannschaft steht in Bereitschaft!«

Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte:

»Warum fordert ihr höhnisch zum Kampf mich heraus, Laodamas? Liegt mir mein Kummer doch näher als der Gedanke an Wettkampf, wo ich bis heute so vielerlei Schmerzen und Mühsal erlitten, aber zur Stunde in eurer Versammlung sitze, voll Heimweh, Hilfe erflehend vom König und vom Volk der Phaiaken!«

Offen ins Antlitz schmähte Euryalos jetzt ihn und sagte:

»Fremdling, ich glaube ja auch, daß du gar nichts verstehst von den Kämpfen, wie man in großer Zahl sie eifrig betreibt bei den Menschen, sondern nur ständig dahinfährst auf reichlich berudertem Schiffe, einer von denen, die Seeleute führen und Gelder erraffen, auf die Ladung bedacht sind und Ausschau halten nach Rückfracht und verlockendem Lohn! Zum Wettkampf scheinst du nicht fähig!«

Finsteren Blickes maß ihn der kluge Odysseus und sagte:

»Fremdling, dein Vorwurf ist unberechtigt. Dich treibt wohl der Hochmut. Sicher verleihen die Götter nicht sämtlichen Menschen die guten Gaben, stattlichen Wuchs und Verstand und Anmut der Rede. Mancher besitzt ein elendes Aussehen, aber die Gottheit zeichnet durch Schönheit die Worte ihm aus; die Zuhörer schauen voller Entzücken auf ihn; er redet besonnen und sicher, mit gewinnender Rücksicht, und strahlt hervor in dem Kreise; man betrachtet beim Gang durch die Stadt ihn als göttliches Wesen. Mancher wiederum gleicht im Äußern den stattlichen Göttern, seinem mündlichen Vortrag jedoch fehlt jegliche Anmut. Du auch besitzt ein glänzendes Aussehen, herrlicher konnte nicht einmal ein Gott dich gestalten; doch fehlt dir die Einsicht. Durch dein ungebührliches, schmähendes Reden erregtest du mich zutiefst. Ich bin nicht unbewandert im Wettkampf, wie du behauptest, sondern ich durfte mich unter die Ersten stellen, solange auf Jugend und kraftvolle Arme ich baute. Heute belasten mich Elend und Kummer; denn Furchtbares mußte ich im Krieg mit dem Feind und im Anprall der Wogen erleben.

Aber trotz schmerzlichen Leides will ich im Kampf mich versuchen. Bitter verletzt mich dein Vorwurf, du stachelst und spornst mich zum Handeln!«

Flink ergriff er, im Mantel, einen steinernen Diskos; größer und dicker und wesentlich schwerer war er als jene, deren zum Wurf um die Wette sich die Phaiaken bedienten. Diesen schwang er im Kreise und ließ ihn aus kraftvoller Rechten fliegen; fort sauste der Stein. Zu Boden duckten sich angstvoll die Phaiaken, die Freunde der Ruder, die ruhmreichen Schiffer, unter der Wucht des Diskos. Weit über sämtliche Marken schnellte er leicht aus der Hand. Gekennzeichnet hatte, in eines Mannes Gestalt, Athene die früheren Würfe und rief jetzt:

»Fremdling, es dürfte ein Blinder sogar das Zeichen hier tastend ausfindig machen! Es liegt nicht im Schwarm der Marken, sondern weit an der Spitze! Du kannst dich auf deine Leistung verlassen. Kein Phaiake wirft bis hierher oder noch weiter!«

Derart rief sie. Der göttliche Dulder freute sich herzlich, einen ihm günstig gesonnenen Mann in der Menge zu sehen; leichteren Herzens sagte er nun im Kreis der Phaiaken:

»Den hier erreicht jetzt, ihr Jünglinge! Bald gedenke ich einen zweiten Diskos zu werfen, gleich weit, vielleicht auch noch weiter! Auch wer zu anderen Kämpfen die Lust verspürt und die Neigung, trete nur gegen mich an - ihr habt mich zu heftig erbittert! -, sei es im Faustkampf, im Ringen, im Laufen: ich scheue nicht einen! Jeder Phaiake versuche es, freilich nicht Laodamas! Gastgeber ist er für mich; wer kämpft mit dem freundlichen Wirte? Ohne Verstand tatsächlich und wertlos zeigt sich der Fremde, der im Ausland den Freund, der gastlich ihn aufnimmt, zum Wettkampf fordert; er schädigt nur sich selber in jeglicher Hinsicht. Keinen der anderen möchte ich ablehnen oder verschmähen, vielmehr kennenlernen sie alle, mit ihnen mich messen! Gar nicht untüchtig bin ich in sämtlichen Kämpfen der Männer. Umzugehen weiß ich genau mit geglättetem Bogen; sicher als erster träfe ich im Gedränge der Feinde mit dem Pfeile den Gegner, sollten auch viele Gefährten neben mir stehen und die feindlichen Scharen beschießen. Nur Philoktetes hat mich in dieser Waffe geschlagen, wenn wir Achaier vor Troja mit Pfeil und Bogen uns übten. Sämtlichen anderen bin ich im Schießen weit überlegen,

sämtlichen Menschen, die heute auf Erden vom Brote sich nähren. Wetteifern möchte ich freilich nicht mit den Helden der Vorzeit, weder mit Herakles noch dem Oichalier Eurytos. Diese nahmen es mit Unsterblichen auf in den Künsten des Bogens. Deshalb mußte auch plötzlich der riesige Eurytos sterben, durfte nicht altern zu Hause; im Zorne erschoß ihn Apollon, weil ihn der König zum Wettkampf mit Pfeil und Bogen gefordert! Mit dem Speere treffe ich weiter, als mancher mit Pfeilen. Nur in dem Wettlaufe dürften manche Phaiaken mich schlagen; denn die vom Sturme gepeitschten Wogen haben mich allzu fürchterlich zugerichtet, da ja das Fahren zu Schiffe stets Unterbrechung erfuhr. So schwand mir die Spannkraft der Glieder.«

Derart sprach er, und alle verstummten in lautlosem Schweigen. Lediglich König Alkinoos gab ihm Antwort und sagte:

»Deine Entgegnung, Fremdling, mißfällt mir durchaus nicht; du möchtest nur die Vorzüge, die dir innewohnen, enthüllen, heftig gereizt, weil Euryalos hier in dem Kreise dich schmähte; derart dürfte kein Sterblicher das, was du leistest, bemängeln, der mit Verstand zu erörtern vermag, was die Lage erfordert! Höre mir, bitte, jetzt zu, damit du auch anderen Helden Auskunft erteilen kannst, wenn du ruhig in deinem Palaste schmausest bei deiner Gattin und deinen Kindern und unsrer Leistungen dich erinnerst, wie sie auch uns der Kronide stets zu vollbringen vergönnt, schon seit den Tagen der Väter. Freilich, im Faustkampf, im Ringen sind wir nicht immer unfehlbar, aber wir laufen geschwind und wirken als Meister der Seefahrt. Festmähler haben wir gern, das Spiel auf der Harfe, das Tanzen, Wechsel der Kleidung, warme Bäder und üppige Lager. Auf denn, ihr trefflichsten Tänzer im Kreis der Phaiaken, beginnet frisch mit dem Reigen! Der Fremdling möge nach glücklicher Heimkehr seinen Lieben erzählen, wie weit wir es andern zuvortun in der Beherrschung des Meeres, im Laufen, im Tanzen und Singen! Für den Sänger Demodokos bringe man, ohne zu säumen, her die klingende Harfe; sie hängt noch in unserem Schlosse.«

Derart befahl der den Göttern gleichende König. Der Herold eilte davon, um die bauchige Harfe vom Schlosse zu holen. Nunmehr erhoben sich, neun an der Zahl, die vom Volke gewählten Kampfrichter, die bei den Spielen das Nötige ständig besorgten,

ebneten und erweiterten eifrig die Stätte des Tanzes. Dem Demodokos brachte der Herold die klingende Harfe. In den Kreis begab sich der Sänger, die blühenden Jungen, mannbar bereits, umringten ihn, Meister im Tanzen, und schlangen stampfend den göttlichen Reigen. Odysseus sah, wie die Füße flimmernd wirbelten, und bewunderte ehrlich die Tänzer.

Aber der Spieler der Harfe stimmte das herrliche Lied an über die Liebe des Ares zu Kypris, der reizvoll umkränzten, wie sie im Haus des Hephaistos zum ersten Male sich heimlich trafen und Ares, nach reichlichen Gaben, das Lager der Gattin schmählich entehrte. Doch Helios brachte Hephaistos die Nachricht, sah er doch deutlich, wie sich die beiden in Liebe vereinten. Gott Hephaistos vernahm die Kunde, die bitter ihn kränkte; ingrimmig sann er auf Rache und eilte sogleich in die Schmiede, hob auf den Block den gewaltigen Amboß und schmiedete feste, ewige Bande; in ihnen sollten die beiden sich fangen. Als er in seiner Wut die Falle für Ares vollendet, ging er ins Schlafzimmer, wo er sein teures Ehebett hatte. Rings um die Bettpfosten spannte er aus die Fesseln, nach allen Seiten; sie hingen auch dicht herab von der Decke des Zimmers, ebenso fein wie Spinnengewebe, die keiner erspähte, auch nicht die seligen Götter; so täuschend wirkte die Arbeit. Als er vollständig das Netz um die Bettstelle ausgespannt hatte, ging er zum Scheine nach Lemnos, ins wohnlich errichtete Städtchen; schätzte er doch die Insel am höchsten von allen Gebieten. Scharf hielt Ausschau inzwischen der golden glänzende Ares:

Ausgehen sah er tatsächlich den ruhmreichen Meister Hephaistos. Da begab er sich gleich in das Haus des gepriesenen Schmiedes, heftig geplagt vom Verlangen nach Kypris, der herrlich umkränzten. Heimgekehrt war sie soeben vom Vater, dem starken Kroniden, hatte sich niedergesetzt. Da betrat schon Ares die Wohnung, schüttelte herzlich die Hand der Göttin und sagte: »Geliebte, komme zum Lager! Genießen im Bett wir unsere Freuden! Nicht zu Hause verweilt Hephaistos; er ging wohl nach Lemnos, hin zu den Sintiern, deren Stimmen so rauh uns erklingen.«

Derart sprach er; das Beilager schien ihr willkommen. Sie gingen gleich in das Bett und wünschten zu ruhen. Da schlangen um ihre Leiber sich plötzlich die kunstreichen Fesseln des klugen Hephaistos.

Keines der Glieder konnten sie regen oder gar heben. Einsehen mußten sie, daß sie nicht mehr zu entrinnen vermochten. Ihnen nahte sich schon der berühmte, kraftvolle Meister; umgekehrt war er, noch ehe er Lemnos erreichte. Es hatte Helios für ihn gewacht und gleich ihm Meldung erstattet. Schleunig begab sich Hephaistos nach Haus, mit beklommenem Herzen, trat in die Schlafzimmertür; da packte unbändige Wut ihn. Furchtbar begann er zu schreien, die Götter vernahmen ihn alle:

»Vater Zeus und ihr anderen ewigen, glücklichen Götter, kommet, zu sehen, Sachen zum Lachen - doch nicht zu ertragen! Mich, den Gelähmten, entehrt die Tochter des Zeus, Aphrodite, schamlos für immer, sie liebt den schrecklich mordenden Ares, weil er so stattlich und flink ist, indes ich selber erbärmlich lahme. Doch dieses Gebrechen haben lediglich meine Eltern verschuldet, sie sollten mich niemals gebären und zeugen! Schaut nur genau, wie die beiden sich sielen und lieben, in meinem eigenen Bette, und ich muß über den Anblick mich grämen! Freilich, sie werden, das hoffe ich, nur noch ein Weilchen so liegen, wenn sie auch brennend verliebt sind. Bald werden sie gar nicht mehr wünschen, derart zu ruhen. Doch hemmt sie die listig geschmiedete Fessel, bis mir der Vater sämtliche Bräutigamsschätze erstattet, die ich ihm zahlte, als Preis für das hundsäugig blickende Mädchen; schön ist Kypris, jawohl - doch kann sie sich gar nicht beherrschen.«

Derart rief er. Die Götter strömten zur ehernen Schwelle. Eilig nahten Poseidon, der Träger der Erde, auch Hermes, Bringer des Segens, mit ihnen der sichere Schütze Apollon. Nur die Göttinnen blieben, weil sie sich schämten, zu Hause. In der Zimmertür standen die göttlichen Spender des Glückes; unwiderstehliches Lachen erhoben die seligen Götter, als sie das kunstreiche Netz des klugen Hephaistos erblickten. Da sprach mancher von ihnen, den Blick auf den Nachbarn gerichtet:

»Unrecht gedeiht nicht! Einholen kann der Lahme den Flinken, so wie Hephaistos, der Langsame, heute den Ares ereilte, ihn, der am schnellsten läuft von allen olympischen Göttern - er, der Gelähmte, durch List! Jetzt muß er den Ehebruch büßen!«

Derart tauschten sie ihre Bemerkungen untereinander. Aber den Hermes fragte der Sohn des Kroniden, Apollon:

»Hermes, du Sprößling des Zeus, du Geleiter, du Spender des Guten, wärst du bereit, auch bedrängt von den tückischen, mächtigen Fesseln, auf dem Bette zu ruhen, neben der goldenen Kypris?«

Ihm gab Antwort darauf der geleitende Töter des Argos:

»Wenn es doch einträte, weithin treffender Herrscher Apollon! Wenn uns auch dreimal so starke, unzählige Fesseln umstrickten, ihr auch, ihr Götter und Göttinnen alle, die Zuschauer spieltet:

schlafen möchte ich dennoch zur Seite der goldenen Kypris!«

Derart sprach er, und lautes Gelächter erhoben die Götter. Aber Poseidon stimmte nicht ein, er setzte dem Meister inständig zu mit Bitten, die Fesseln des Ares zu lösen. Flehentlich sprach er zu ihm die im Fluge enteilenden Worte:

»Mache ihn los! Ich bürge dafür, daß Ares, nach deinem Wunsche, im Kreis der Götter dir alles gebührend entrichtet!«

Darauf erwiderte ihm der ruhmreiche, kraftvolle Meister:

»Fordere das nicht weiter von mir, du Träger der Erde! Bürgschaft für einen Nichtsnutz kann auch selber nichts nützen. Kann ich im Kreise der Götter etwa in Fesseln dich legen, sollte sich Ares den Banden entziehen - und seiner Verpflichtung?«

Darauf entgegnete ihm der Gott, der die Erde erschüttert:

»Sollte, Hephaistos, sich Ares durch Flucht von seiner Verpflichtung drücken, dann werde ich dir persönlich die Buße entrichten.«

Ihm gab Antwort darauf der ruhmreiche, kraftvolle Meister:

»Deinem Versprechen darf ich die Zustimmung niemals verweigern!«

Damit löste der kräftige Meister Hephaistos die Fesseln. Ares und Kypris fühlten sich kaum der drückenden Bande ledig, da stürmten sie auf und davon, nach Thrakien Ares, doch Aphrodite, die lieblich lächelnde Göttin, nach Kypros, nämlich nach Paphos, wo sie ein Heiligtum hatte mit reichem Opferaltar. Dort badeten sie die Chariten und salbten sie mit heiligem Öl, wie es ewige Götter umleuchtet, hüllten sie dann in liebliche Kleider, ein Anblick zum Staunen.

Diesen Gesang trug vor der ruhmreiche Sänger. Odysseus

freute sich herzlich beim Hören des Liedes, die andern Phaiaken gleichfalls, die Freunde der Ruder, die ruhmvollen Meister der Seefahrt.

Nunmehr hieß Alkinoos Halios und Laodamas einzeln tanzen, da hierin keiner mit ihnen es aufnahm. Als sie den hübschen, purpurnen Ball in die Hände genommen, den der geschickte Polybos für sie hergestellt hatte, beugte der eine sich rückwärts und schleuderte weit ihn zur Höhe, bis zu den schattenden Wolken, sprang der andre vom Boden hoch und fing ihn, bevor noch sein Fuß den Boden berührte. Derart versuchten sie eifrig, den Ball in die Höhe zu werfen; danach tanzten sie auf der nährenden Erde, in häufig wechselnden Stellungen; dazu klatschten die übrigen Jungen rings auf dem Tanzplatz; laut dröhnte vom Stampfen und Klatschen der Boden. Zu Alkinoos sprach der edle Odysseus die Worte:

»Herrscher Alkinoos, ausgezeichnet vor sämtlichem Volke, wie du voll Stolz erklärt hast, ihr seiet die tüchtigsten Tänzer, so entspricht es der Wahrheit. Ich sehe die Tänze mit Staunen.«

Darüber freute sich herzlich der rüstige, kraftvolle König, sagte zu den Phaiaken sogleich, den Freunden der Ruder:

»Höret, die ihr das Volk der Phaiaken führt und beratet! Höchst verständig, so möchte ich meinen, erweist sich der Fremdling. Auf denn, wir wollen ihm Gastgeschenke gebührlich verehren! Glänzende Fürsten, zwölf an der Zahl, versehen als Herrscher unter dem Volke die Pflichten; als dreizehnter walte ich selber. Jeder von ihnen gebe dem Fremdling einen recht schmucken Mantel nebst Leibrock, dazu ein Talent des kostbaren Goldes! Lasset uns alles sogleich zusammentragen; der Fremdling soll sich, erfreut durch Besitz der Geschenke, zum Essen begeben. Aber Euryalos soll ihn persönlich mit Worten und Gaben zu begütigen suchen; zu Unrecht erhob er den Vorwurf.«

Derart sprach er, und alle spendeten Beifall und Zuspruch; jeder der Fürsten schickte den Herold, die Gaben zu bringen. Aber dem Könige gab Euryalos Antwort und sagte:

»Herrscher Alkinoos, ausgezeichnet vor sämtlichem Volke, ja, ich möchte, wie du es wünschest, den Fremdling versöhnen. Anbieten will ich dies eherne Schwert ihm; silberne Nägel zieren den Griff, und frischgeschnittenes Elfenbein zieht

sich rings um die Scheide. Es wird für den Fremden ein Wertstück bedeuten.«

Derart sprach er, reichte dem Helden die silberbeschlagne Waffe und sagte zu ihm die im Fluge enteilenden Worte:

»Glück dir, ehrwürdiger Fremdling! Und wurde ein Vorwurf erhoben, der dich gekränkt hat, so mögen ihn spurlos die Winde verwehen! Mögen die Götter den Anblick der Gattin und Heimkehr dir schenken, wo du so lange schon, ferne den Deinen, Unglück erduldest!«

Ihm gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte:

»Dir auch, mein Lieber, wünsche ich Glück! Dich mögen die Götter segnen! Und mögest du künftig dies Schwert auch niemals vermissen, das du soeben mir gabst zur Versöhnung mit freundlichen Worten!«

Damit hängte er sich um die Schultern die silberne Waffe. Unter ging die Sonne; da waren die Gaben zur Stelle. Wackere Herolde trugen sie gleich zum Schlosse des Herrschers. Hier empfingen die Söhne des edlen Gebieters die schönen Stücke und legten bei der achtbaren Mutter sie nieder. Aber den anderen ging voran der rüstige König. Alle ließen im Schloß auf hohen Sesseln sich nieder. Und der kraftvolle Herrscher Alkinoos sprach zu Arete:

»Lasse von unseren prächtigen Truhen, Herrin, die beste bringen und lege hinein den schmucken Mantel nebst Leibrock! Setzet den ehernen Kessel aufs Feuer und wärmet das Wasser, soll doch der Fremdling, gebadet, vor Augen die trefflich verwahrten Gaben, die ihm hierhergebracht die edlen Phaiaken, sich an der Mahlzeit erfreuen und am Vortrag der Lieder. Ich auch möchte ihm schenken meinen prachtvollen goldnen Becher, damit er aus ihm in seinem Palaste zu meinem steten Gedächtnis dem Zeus und den andern Unsterblichen spende!«

Derart sprach er. Arete erteilte den Mägden die Weisung, einen gewaltigen Dreifuß schleunigst aufs Feuer zu setzen. Einen Badekessel stellten sie über die Flamme, schütteten Wasser hinein und nährten mit Scheiten das Feuer; Flammen umspielten des Kessels Wölbung, warm wurde das Wasser. Aber Arete brachte inzwischen die prachtvolle Truhe für den Gast aus der Kammer; drin barg sie die herrlichen Stücke, Gold und Gewänder, die ihm die Phaiaken als Gaben verehrten,

legte auch selber den Mantel hinein und den glänzenden Leibrock, richtete dann an Odysseus die flugs enteilenden Worte:

»Mustere selber den Deckel, schließ ihn gewandt mit dem Knoten! Unterwegs soll keiner durch Diebstahl dich schädigen, während du in erquickendem Schlummer auf düsterem Schiffe dahinfährst.«

Ihren Ratschlag vernahm der göttliche Dulder Odysseus, schloß den Deckel und knüpfte gewandt den kunstvoll verschlungnen Knoten, wie es die mächtige Kirke ihn eindringlich lehrte. Darauf erschien die Schaffnerin gleich und bat ihn, zum Baden in die Wanne zu steigen. Odysseus erblickte das warme Wasser mit Freude; er hatte nicht häufig Betreuung erfahren, seit er die Wohnung der lockigen Nymphe Kalypso verlassen! Ständig hatte man dort ihn bedient wie einen der Götter. Als ihn die Mägde gebadet und eingeölt hatten, mit einem prächtigen Mantel und Leibrock danach ihn sorglich bekleidet, trat er hervor aus dem Bade und wollte hinein zu den Zechern gehen. Da stand Nausikaa, von den Göttern mit hoher Schönheit begnadet, am Eingang des fest errichteten Saales. Staunend betrachtete sie den herrlichen Helden Odysseus, wandte sich zu ihm und sprach die im Fluge enteilenden Worte:

»Fremdling, leb wohl - damit du auch in der Heimat noch meiner eingedenk bleibst; denn mir vor allen verdankst du dein Leben!«

Ihr gab Antwort darauf der kluge Odysseus und sagte:

»Tochter des edlen Phaiakengebieters, Nausikaa, derart möge es Zeus, der donnernde Gatte der Hera, mir gönnen, wieder nach Haus zu gelangen, die Heimkehr noch zu erleben! Dann will dankbar auch dort ich göttliche Ehren dir spenden, immer und ewig; du hast mir ja, Mädchen, das Leben gerettet.«

Derart sprach er und ließ an der Seite des Königs sich nieder. Diener verteilten die Fleischstücke schon und mischten den Wein auch. Nunmehr führte der Herold herbei den achtbaren Sänger, den vom Volke verehrten Demodokos, hieß ihn sich setzen mitten im Kreis der Gäste, gelehnt an die ragende Säule. Aber der kluge Odysseus schnitt ein Stück von dem Rücken des hellzahnigen Schweines, ein Stück in üppiger Fettschicht - freilich verblieb ihm der größere Teil noch -, und sprach zu dem Herold:

»Nimm hier das Fleischstück und bring es Demodokos, Herold, zum Essen!

Ihm auch möchte ich freundlich mich zeigen, trotz eigenen Kummers. Sämtliche Menschen auf unserer Erde erweisen den Sängern Ehren und Achtung; es unterwies die Muse persönlich sie in der Kunst des Gesanges, aus Liebe zur Sippe der Sänger.«

Derart sprach er. Der Herold reichte die Gabe dem edlen Helden Demodokos. Dieser empfing sie und freute sich innig. Wacker sprach man zu den dargebotenen Speisen. Aber sobald man den ersten Durst gestillt und den Hunger, wandte sich an den Sänger der kluge Odysseus und sagte:

»Dich, Demodokos, preise ich hoch vor sämtlichen Menschen; dich unterwies die Muse, das Zeuskind, oder Apollon. Denn du besingst höchst kunstreich das bittere Schicksal der Griechen, was sie vollbrachten und litten und wie sie sich quälten, als wärest du ein Mitkämpfer oder eines Mitkämpfers Zeuge. Wechsle das Thema und singe vom Bau des hölzernen Pferdes, das Epeios mit Hilfe der Göttin Athene gezimmert, aber der edle Odysseus mit List in die Festung geschafft hat, voll besetzt mit Bewaffneten, die dann Troja zerstörten! Wenn du von diesem Ereignis kunstgerecht mir berichtest, will ich sogleich auch allen Menschen erzählen, daß gnädig dir ein Unsterblicher göttliche Sangesgabe verliehen!«

Derart sprach er. Der Sänger hub an, vom Gotte begeistert, damit, wie die Argeier den Brand in ihr Zeltlager warfen und an Bord der trefflich gezimmerten Schiffe von dannen fuhren, jedoch die Schar des ruhmreichen Helden Odysseus heimlich im Bauche des Rosses hockte, inmitten der Troer, hatten es doch die Troer selbst in die Festung gezogen. Ebendort stand es, und ringsum weilten die Feinde und brachten vielerlei Ratschläge vor; drei Meinungen galten vor allen:

erstens, das hohle Gebälk zu zerschlagen mit grausamem Erze, oder es, zweitens, vom Rande des Burgbergs hinunterzustoßen, oder, zum dritten, als riesiges Standbild es stehen zu lassen zur Versöhnung der Götter - was dann tatsächlich auch eintrat. Ilion sollte zugrunde gehen, sofern es das große hölzerne Pferd in sich einließ, in dem die tapfersten Griechen saßen, bereit, den Trojanern Tod und Verderben zu bringen. Weiterhin sang er, wie aus dem Hinterhalte die Griechen, aus dem Pferde, hervorbrachen und die Festung zerstörten,