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Sagen aus

Deutschland

revised by AnyBody

Mit über 400 Sagen eine der umfangreichsten Sammlung deutscher Sagen
nach Bundesland sortiert.

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!


Inhalt
Sagen aus Bayern.................................................................................................14
Das Goldlaiblein.............................................................................................15
Der Schatz auf dem Hohenbogen.................................................................16
Der Schimmelturm zu Lauingen...................................................................20
Der Schmied von Mitterbach........................................................................22
Der betrügerische Anwalt von München....................................................27
Die "wilde Jagd" bei Lengenfeld.................................................................28
Die 'lange Agnes' im Walde bei Furth........................................................29
Die Burgruine Rabenschaichen bei Kempten............................................30
Die Wirtin von Schweinau.............................................................................32
König Watzmann.............................................................................................33
Otto Seemoser, der Torwart zu Freising....................................................35
Schloß Leuchtenberg in der bayerischen Oberpfalz.................................36
Sagen aus Brandenburg ......................................................................................38
Das gefangene Lüchtemännchen im Havelland........................................39
Der Schmied von Jüterborg..........................................................................41
Der Teufel und die Holzhauer am Zootzen................................................43
Der Teufel zu Spandau..................................................................................45
Der Trümmelmann des Alten Fritz..............................................................46
Der unfehlbare Schuß im Prenzlauer Stadtwald.......................................49
Die Erlösung des Großmütterchens in Gransee .......................................50
Die Roggenmuhme .........................................................................................52
Die Teufelsmühle bei Neu-Brandenburg....................................................53
Die drei Linden auf dem Heiligen-Geist-Kirchhof zu Berlin..................55
Die verwunschene Prinzessin auf den Müggelbergen..............................57
Markgraf Hans auf der Jägersburg im Regenthinsee..............................59
Spuk in Tegel...................................................................................................61
Sagen aus Franken...............................................................................................62
Albrecht Dürer - Dürers Adel ......................................................................63
Das Stundenhorn ............................................................................................65
Das Brettener Hundle....................................................................................66
Das Christusbild in der Neumünsterkirche zu Würzburg........................67
Das Drudendrücken in Nürnberg ................................................................68
Das Gänsemännlein.......................................................................................70
Das Nassauer Haus........................................................................................71
Das Reierer Freßglöcklein in Würzburg ....................................................72
Das Vesperläuten zu Aub..............................................................................73
Das zerhackte Lederkoller............................................................................74
Der Burggraf wird eingemauert ..................................................................75
Der Dudelsackpfeifer.....................................................................................77
Der Friedensschuß.........................................................................................80
Der Goldene Ofen ..........................................................................................82
Der Hausgeist zu Nürnberg..........................................................................84
Der Heiltumsstuhl...........................................................................................86
Der Hohlweg neben dem fünfeckigen Turm...............................................88
Der Kaiser in der Wirtsmütze.......................................................................90
Der Kaiser und der Landstreicher...............................................................93
Der Kreis aus freier Hand ............................................................................94
Der Neptunbrunnen........................................................................................96
Der Nußkaspar von Nürnberg ......................................................................99
Der Pudel am Tiergärtnertor.................................................................... 105
Der Ring im Brunnengitter........................................................................ 107
Der Schuß nach dem eisernen Christus................................................... 109
Der Schwedenkrug...................................................................................... 111
Der Teufelsstein auf der Rhön................................................................... 113
Der Totenschädel......................................................................................... 114
Der Turm des Rathauses von Rotenburg................................................. 115
Der tiefe Brunnen........................................................................................ 116
Die Barthelversetzer ................................................................................... 118
Die Eidechse................................................................................................. 120
Die Fliege auf der Leinwand..................................................................... 121
Die Leidensstationen von St. Johannis.................................................... 122
Die Schwesternglocken von Aschaffenburg ............................................ 124
Die Schützenliesel........................................................................................ 125
Die Sensenschmiede von St. Jakob........................................................... 133
Die Sonne Italiens....................................................................................... 139
Der feine Pinsel ........................................................................................... 140
Die Steckenreiter......................................................................................... 141
Die Toten wollen ihre Ruh' ........................................................................ 143
Die Totenmesse ............................................................................................ 144
Die Wette mit dem Teufel ........................................................................... 146
Die Wurstpredigt......................................................................................... 149
Die betenden Pferde.................................................................................... 154
Die blaue Agnes........................................................................................... 156
Die dicken Türme ........................................................................................ 160
Die schwarze Kuh in Schlottenhof bei Arzberg...................................... 161
Die verwunschene Jungfrau auf Schloß Schönstein bei Röttingen..... 162
Dr. Schildkrot und das Zwölfbrüderhaus................................................ 166
Ein Schusterjunge kommt in den Kaiserpalast....................................... 168
Ein Zirkelschmied bekommt keine Königstochter, aber ein schlauer
Pater einen Bischofshut.............................................................................. 170
Ein guter Schütze......................................................................................... 172
Eine unglückliche Hochzeit auf der Burg................................................ 174
Goldsuchende Venediger im Fichtelgebirge........................................... 176
Hans Stark .................................................................................................... 178
Kaiser Karl ist unterwegs... ....................................................................... 179
Notburga in Hochhhausen am Neckar..................................................... 180
Peter Henlein................................................................................................ 183
Peter Vischer und seine Söhne.................................................................. 184
Serpentina von Dinkelsbühl....................................................................... 186
So benimmt sich kein geborener König................................................... 191
Till Eulenspiegel als Professor der Medizin........................................... 192
Veit Stoß - Der Todesblick......................................................................... 194
Veit Stoß........................................................................................................ 196
Vom Fischfangen in Pillenreuth............................................................... 197
Vom Heiligen Deokarus............................................................................. 198
Vom Heiligen Egidius................................................................................. 199
Vom Heiligen Laurentius mit seinem Rost.............................................. 201
Vom Männlein laufen.................................................................................. 204
Vom Siechenkobel........................................................................................ 206
Von der Nürnberger Freiung..................................................................... 207
Von der närrischen Gusterti...................................................................... 209
Von der schönen Frau Huli aus Hasloch................................................ 212
Warum abends um neun Uhr die grossen Glocken läuten................... 215
Welche Blume ist es gewesen? .................................................................. 218
Wer trägt da eine Kanone spazieren?...................................................... 219
Wie der Friedhof von St. Johannis enstanden ist................................... 222
Wie der König Wenzel getauft wurde....................................................... 223
So benimmt sich kein geborener König................................................... 225
Wie der Teufel den Schusserbuben geholt hat........................................ 226
Wie die Nürnberger das große Spital bekamen...................................... 227
Schöne Hoffräulein gehen in die Klause................................................. 229
Wie die große Linde in den Burghof kam................................................ 231
Wie es dem Klösterlein weiter ergangen ist............................................ 234
Sagen aus dem Harz ......................................................................................... 235
Das Mädchen von der Quästenburg bei Roßla...................................... 236
Das Mädchen von der Wegsmühle ........................................................... 238
Der Schäfer von Wernigerode und der Alte aus dem Berg .................. 242
Der Weinkeller von der Himmelspforte bei Wernigerode .................... 244
Der starke Zwerg auf dem Kyffhäuser..................................................... 248
Die Entstehung der Bergwerke zu Rammelsberg................................... 250
Die Fahrt nach dem Brocken.................................................................... 253
Die Roßtrappe.............................................................................................. 255
Die fleiße Liese in Claustal........................................................................ 258
Die weiße Jungfrau in der Burg................................................................ 260
Osterode........................................................................................................ 261
Frau Holle als Ehestifterin in Andreasberg............................................ 263
Sagen der Hansestädte..................................................................................... 265
Dat lütte Rümeken ....................................................................................... 266
Der Graf, der nicht verwesen durfte ........................................................ 268
Der Lübecker Freiheitsbaum..................................................................... 270
Der Meerweizen........................................................................................... 271
Der Meerweizen........................................................................................... 272
Der Nachtwächter und die Gans............................................................... 273
Der Schatz..................................................................................................... 274
Der Teufel als Schatzhüter......................................................................... 276
Des Teufels Kapelle..................................................................................... 279
Des Teufels Stiefel ....................................................................................... 280
Die Elbgeister............................................................................................... 284
Die Gluckhenne............................................................................................ 286
Die Saake...................................................................................................... 287
Die sieben Faulen........................................................................................ 289
Ein Verbündeter des Teufels...................................................................... 290
Hahl awer!.................................................................................................... 291
Henkersnot.................................................................................................... 294
Klaus Störtebeker und Godeke Michels................................................... 296
Moder Dwarksch......................................................................................... 301
Rebundus....................................................................................................... 303
Spökenkieken................................................................................................ 305
Würfelspiel mit Gespenstern...................................................................... 306
Sagen aus Hessen.............................................................................................. 308
Das Schicksalsstübchen auf dem Burgberg ............................................ 309
Der Fluch des Fremdlings zu Gießen...................................................... 311
Der Hexenritt bei Dieburg......................................................................... 313
Die Erlösung suchende Jungfrau von Auerbach.................................... 314
Die Jungfern von Döngessee..................................................................... 316
Die Moorjungfern auf der hohen Rhön.................................................... 317
Doktor Aphrasterus..................................................................................... 318
Frau Holles Gericht über den Honighof am Hirschberg ..................... 321
Rodenstein und Schnellerts........................................................................ 324
Sagen aus Mecklenburg................................................................................... 327
Böser Mainachtzauber bei Schwerin....................................................... 328
Das Petermännchen von Schwerin........................................................... 330
Das Riesenkönigsgrab bei Melkhof.......................................................... 334
Das spukhafte Weib zu Rittermannshagen.............................................. 336
Der Pfingsttänzer von Kessin.................................................................... 338
Der Werwolf von Klein-Krams.................................................................. 340
Der gefangene Teufel von Dreilützow ..................................................... 343
Die Himmelfahrtstänzer vom Tannenkrug bei Dassow ........................ 345
Die Kaienmühle bei Rostock...................................................................... 346
Die Unterirdischen im Lindenberg bei Penzlin...................................... 348
Die Wundereiche bei Stäbelow................................................................. 350
Die rote Ilse von Parchim.......................................................................... 352
Teufelsbesuch in Großen- Methlind ......................................................... 354
Sagen aus Niedersachsen................................................................................. 356
Camper Stör ................................................................................................. 357
Das Bullenmeer im Saterland.................................................................... 358
Das Riesenfräulein von der Lauenburg bei Heyen................................ 359
Das Steenhuus bei Bunde........................................................................... 360
Das Unwetter................................................................................................ 361
Das liebe Brot .............................................................................................. 363
Das taube Tal bei Winkel an der Aller..................................................... 364
Der Bauer, der die Grenzsteine versetzt hat........................................... 367
Der Brautstein bei Lüchow........................................................................ 368
Der Geist von Ramsloh............................................................................... 369
Der Gevatterbrief vom Schalksberg bei Gilde....................................... 371
Der Huckup von Hildesheim...................................................................... 373
Der Rattenfänger zu Hameln..................................................................... 375
Der Rosenstrauch zu Hildesheim.............................................................. 377
Der Sonntags-Buttfang von Butjadingen................................................. 378
Der Teufel als Schatzhüter bei Bremen ................................................... 380
Der Teufel und der Pastor von Bockhorn ............................................... 383
Der böse Graf von Wildenfels ................................................................... 385
Die 'Waldridersken'..................................................................................... 386
Die Dambecksche Glocke in Röbel.......................................................... 389
Die Glocken von Debberode...................................................................... 390
Die Springwurzel auf dem Köterberg bei Holzminden......................... 391
Heinrich der Löwe....................................................................................... 393
Zwölf ungerechte Richter........................................................................... 398
Zwei Juister kommen in den Himmel ....................................................... 400
Zwerge in den Schweckhäuser Bergen.................................................... 401
Sagen aus der Pfalz........................................................................................... 403
Der Nonnenfels bei der Hartenburg......................................................... 404
Der Pfeilschuß auf den Ritter von Than .................................................. 406
Der Rabe auf der Burg Stolzeneck ........................................................... 408
Der Riesenstein bei Heidelberg ................................................................ 410
Der Ritter vom Huneberg........................................................................... 411
Der arme Fiedler unserer lieben Frau im Dom zu Mainz.................... 413
Der weiße Peter auf der Wachtenburg .................................................... 417
Die Lilie zu Altenbaumberg....................................................................... 420
Die Wolfskirche bei Bosenbach................................................................ 423
Eine Luftfahrt von Pirmasens nach Gersbach........................................ 424
Franz von Sickingen auf Ebernburg und der Geist vom Rotenfelsen. 426
Kaiser Rudolfs Ritt zum Grabe ................................................................. 428
Sagen aus Pommern ......................................................................................... 429
Der Fünflöcherstein bei Zarrentin........................................................... 430
Der Klabatermann in Pommern................................................................ 431
Der Klabautermann.................................................................................... 432
Der Kornwucherer ...................................................................................... 449
Der Mägdesprung auf dem Rugard.......................................................... 450
Der geizige Graf von Eberstein................................................................. 451
Die Glocken im schwarzen See bei Wrangelsburg................................ 452
Die Prinzessin Svanvithe und die Schätze unter dem Garzer Wall auf
Rügen............................................................................................................. 453
Die goldene Henne in Vineta..................................................................... 455
Die sieben eingemauerten Bauern zu Turow.......................................... 456
Die vier Rappen........................................................................................... 457
Sankt Nikolaus in Greifswald.................................................................... 459
Schatzgräberei in Bartelshagen................................................................ 460
Sagen aus Posen................................................................................................ 461
Das Hollenweibchen von Nemmersdorf .................................................. 462
Der Tanz mit dem Teufel zu Danzig......................................................... 463
Der Topich vom Swenty-See bei Osterode.............................................. 464
Die Riesen von Insterburg.......................................................................... 465
Die Seejungfrauen im Tilsiter Schloßteich.............................................. 466
Die Unterirdischen und das Glück eines Bauern................................... 468
Die Unterirdischen und der Graf zu Eulenburg..................................... 469
Ein Meisterschuß im Kampf um die Marienburg................................... 471
Riesenwerke im Kurischen Haff ................................................................ 476
Sagen aus dem Rheinland................................................................................ 477
Das Gnadenbild zu Klausen...................................................................... 478
Das Haus der Frau Richmut zu Köln....................................................... 480
Der Kalkbrenner aus Birkenfeld und der Teufel.................................... 482
Der Mäuseturm ............................................................................................ 484
Der Mäuseturm bei Bingen........................................................................ 486
Der Riese im Treiser Schock ..................................................................... 489
Der Schmied und die Zwerge von Müngsten.......................................... 491
Der Traum vom Glück auf der Brücke zu Koblenz................................ 493
Der Wechselbalg von Schalken................................................................. 495
Der heilige Mauritius auf dem Speicher zu Georgsweiler................... 497
Die Johannisopfer zu Schönrath............................................................... 499
Die Jungfrau am Drachenfels ................................................................... 500
Die Neunhollen in Georgsweiler.............................................................. 502
Loreley........................................................................................................... 505
Zwerge als Hirten am Niederrhein........................................................... 508
Sagen aus dem Saarland .................................................................................. 509
Das Hufeisen auf dem Breitenstein.......................................................... 510
Der Bausmärten von Schwemlingen........................................................ 512
Der Riese Kreuzmann auf dem 'großen Stiefel' bei Ensheim............... 515
Der Saarfischer von Leukergrub und die Glocken in der Saar........... 517
Der Teufel als Wildsau............................................................................... 519
Der Teufel und der Fuhrmann von Weiten ............................................. 520
Der Teufelsschornstein auf dem Eisenkopf bei Saarhölzbach............. 522
Der Wallerbrunnen bei Saarbrücken....................................................... 524
Der ewige Jäger von Bliesbolchen........................................................... 525
Der unheimliche Jäger von St. Ingbert.................................................... 526
Die Heinzelmännchen von Serrig ............................................................. 528
Die Teufelsbeschwörung in der Düppenweiler Mühle.......................... 530
Die guten Zwerge von Ensheim................................................................. 532
Sagen aus Sachsen............................................................................................ 533
Das Kegelspiel der Querxe in Neustadt................................................... 534
Der Basilisk in Torgau............................................................................... 535
Der Lindwurm von Syrau........................................................................... 536
Der Pumphut im Vogtland......................................................................... 538
Die Buschweiblein....................................................................................... 540
Die Elbjungfrau von Magdeburg.............................................................. 542
Die Geisterkatze von Magdeburg ............................................................. 544
Hexen in der Walpurgisnacht in der Lausitz.......................................... 545
Sagen aus Schlesien.......................................................................................... 547
Das 'Hoawiif' in Brüssow........................................................................... 548
Das Bild in der weißen Kapelle zu Oberglogau..................................... 550
Der betrogene Teufel .................................................................................. 552
Die Zwergenhochzeit auf Schloß Bünau.................................................. 553
Die sieben Riesen im Spitzberge zu Schwiebus...................................... 554
Die tapferen Weiber zu Gleiwitz............................................................... 556
Die treue Bergmannsbraut......................................................................... 558
Die wiedergefundene Glock e von Glatz .................................................. 560
Erlösung eines Ritters und einer Jungfrau in Neudorf......................... 561
Petrus und der Teufel.................................................................................. 564
Rübezahl-Legenden..................................................................................... 566
Von den Irrlichtern bei Alt-Bielitz............................................................ 569
Sagen aus Schleswig-Holstein ........................................................................ 571
Das Haus mit neunundneunzig Fenstern bei Witzwort......................... 572
Der Bau der Laurenzi-Kirche auf der Insel Föhr.................................. 573
Der Geist auf Blangenmoor....................................................................... 575
Der Schimmelreiter vom............................................................................. 578
Eidelstedter Deich....................................................................................... 579
Der Wassermann in der Mühle zu Steenholt........................................... 580
Der Werwolf von Hüsby ............................................................................. 582
Der Wode ...................................................................................................... 583
Der alte Jakob.............................................................................................. 585
Der liebe Gott und der Teufel.................................................................... 587
Der unerfahrene Teufel .............................................................................. 589
Der versöhnte Niss auf Stapelholm.......................................................... 590
Die Abfahrt der Zwerge aus den Hüttemer Bergen............................... 592
Die Kartenspieler von Stellau................................................................... 594
Die Sage vom Pfennig-Pfuhl bei Dahme ................................................. 595
Die Teufelskatze........................................................................................... 598
Die Zahlen Eins bis Sieben ........................................................................ 599
Die Zwergenschmiede im Hüggel bei Osnabrück.................................. 604
Die rote Jacke.............................................................................................. 606
Geisterbanner auf Satrupholm.................................................................. 608
Graf Rudolf auf der Bökelnburg ............................................................... 611
Inge von Rantum und der Meermann auf Hörnum................................ 614
Knaben entscheiden einen Rechtsfall bei Tondern................................ 616
Pidder Lüng.................................................................................................. 618
Sagen aus Schwaben........................................................................................ 628
Das Bleichebrückle zwischen Löffingen und Rötenbach...................... 629
Das Galgenbrünnele von Geißlingen....................................................... 630
Das Hornberger Schießen.......................................................................... 631
Das Rockenweiblein bei Schloß Eberstein im Schwarzwald................ 632
Das Schrättele von Obersdorf im Allgäu................................................. 635
Das hochmütige Schloßfräulein von Steinen.......................................... 636
Das kopflose Weiblein zu Münsingen...................................................... 637
Der Geisterbaum von Altdorf.................................................................... 638
Der Haalgeist von Schwäbisch-Hall........................................................ 639
Der Müller von Göttelfingen..................................................................... 640
Der Popele von Hohenkrähen................................................................... 641
Der Riese Romeias von Villingen............................................................. 646
Der Schmied von Hechelbach................................................................... 649
Die Glocke von Wunnenstein..................................................................... 651
Die Hexenversammlung bei Zavelstein.................................................... 653
Die Wallfahrt zweier Schwaben nach Compostella............................... 654
Die Wurmlinger Kapelle............................................................................ 656
Die drei Jungfrauen vom Mummelsee bei Seebach............................... 658
Die goldene Windfahne auf der Güssenburg bei Giengen ................... 659
Die schöne Melusine und das Schloß Staufenberg................................ 663
Hexentanz auf dem Heuberg in der Schwäbischen Alb........................ 665
Käsperle von Gomaringen......................................................................... 666
Kloster Allerheiligen im Schwarzwald..................................................... 668
Sagen aus Thüringen........................................................................................ 670
Betrüger und Bedrücker............................................................................. 671
Christiane von Lasberg .............................................................................. 673
Das Faust-Gäßchen zu Erfurt ................................................................... 674
Das Heufuder ............................................................................................... 675
Das Jagen im fremden Walde.................................................................... 676
Das Kristallsehen........................................................................................ 678
Das Leichentuch.......................................................................................... 679
Das Mäuselein.............................................................................................. 681
Das Schloß am Beyer.................................................................................. 682
Das Teufelsbad............................................................................................. 684
Das Waldweiblein von Wilhelmsdorf....................................................... 685
Das erschrockene Wichtel von Gössitz.................................................... 686
Der Advokat.................................................................................................. 687
Der Erdspiegel............................................................................................. 688
Der Farnsame und der Mann aus Berka................................................. 690
Der Graf von Gleichen............................................................................... 691
Der Höselberg.............................................................................................. 692
Der Pfarrer von Rosa ................................................................................. 693
Der Riesenfinger.......................................................................................... 694
Der Riesenfinger auf dem Hausberg an der Saale................................ 695
Der Schnupftabaksmann............................................................................ 696
Der Wartburger Krieg................................................................................ 698
Der hart geschmiedete Landgraf.............................................................. 702
Der wilde Jäger und sein Gefolge in den Zeitzer Wäldern .................. 704
Der wilde Jäger jagt die Moosleute......................................................... 707
Der zu Ruhla hartgeschmiedete Landgraf.............................................. 708
Die Erdhenne................................................................................................ 710
Die Hexenbälge............................................................................................ 711
Die Jungfrau mit dem Bart ........................................................................ 712
Die Krone des Otternkönigs...................................................................... 713
Die Rosen...................................................................................................... 714
Die Saalenixe................................................................................................ 715
Doktor Faust in Erfurt................................................................................ 716
Doktor Luther zu Wartburg ....................................................................... 718
Ein Hexenzug................................................................................................ 719
Erlöste Feuermänner.................................................................................. 720
Farnsamen.................................................................................................... 721
Feuerbeschwörer......................................................................................... 722
Frau Holla und der treue Eckart .............................................................. 723
Frau Perchta und die Heimchen im Saaletal.......................................... 724
Georg Kresse................................................................................................ 726
Kinder angelernt.......................................................................................... 727
Koppy............................................................................................................. 729
Lindwürmer .................................................................................................. 731
Ludwig ackert mit seinen Adligen............................................................. 732
Ludwig der Springer................................................................................... 734
Luthers Widersacher................................................................................... 736
Mißglückte Schatzhebung........................................................................... 737
Nonnenprozession....................................................................................... 738
Pölsmichel..................................................................................................... 739
Riese und Drache ........................................................................................ 740
Vertreibung der Pest................................................................................... 741
Wie Ludwig Wartburg überkommen ........................................................ 742
Zauberkräuter kochen................................................................................. 743
Zwergenkegel............................................................................................... 745
Sagen aus Westfalen......................................................................................... 746
Bielefeld......................................................................................................... 747
Das Dorf Eine .............................................................................................. 748
Das Gelübde der Geister............................................................................ 749
Das Hillertsloch........................................................................................... 750
Das Hufeisen auf dem Überwassers-Kirchhofe ..................................... 751
Das Stift Gevelsberg.................................................................................... 752
Das alte Schloß zu Raesfeld....................................................................... 753
Das eingemauerte Kind.............................................................................. 754
Das unheimliche Feuer............................................................................... 755
Das weiße Mütterchen................................................................................ 756
Der Berggeist ............................................................................................... 757
Der Bremmenstein....................................................................................... 758
Der Durant ................................................................................................... 759
Der Eichbaum zu Strohen.......................................................................... 760
Der Geist am Meer ...................................................................................... 761
Der Geisterschimmel .................................................................................. 762
Der Glockenguß zu Attendorn ................................................................... 763
Der Hase im Wege....................................................................................... 765
Der Heidemann............................................................................................ 766
Der Herr von der Wewelsburg .................................................................. 767
Der Kirchturm in Gildehaus...................................................................... 769
Der Kärrner zu Gesicke in Westfalen ...................................................... 771
Der Name der Stadt Unna.......................................................................... 772
Der Rentmeister Schenkewald................................................................... 773
Der Sarg in der Küche................................................................................ 775
Der Teufel in der Davert ............................................................................ 776
Der Zehn-Uhrs-Hund zu Wiedenbrück .................................................... 777
Der böse Geist.............................................................................................. 778
Der ewige Jude ............................................................................................ 779
Der westfälische Pumpernickel................................................................. 780
Die Braut als Hexe ...................................................................................... 781
Die Eggester Steine..................................................................................... 783
Die Kartause bei Nottuln........................................................................... 785
Die Sage von dem Fräulein von Rodenschild......................................... 786
Die Steine in der Davert............................................................................. 788
Die Teufel im Wartturm bei Beckum........................................................ 789
Die Westfalen ............................................................................................... 790
Die alte Linde zu Laer ................................................................................ 791
Die beiden Schwestern................................................................................ 792
Die beiden heiligen Ewalde....................................................................... 793
Die geheime Richtstätte zu Horst.............................................................. 795
Die reitenden Hexen.................................................................................... 797
Die ungetaufte Glocke................................................................................ 798
Eine Hexenverbrennung............................................................................. 799
Festgebannt.................................................................................................. 801
Geisterhund.................................................................................................. 802
Geistersagen aus Lippe.............................................................................. 803
Heybrock....................................................................................................... 805
Hostienwunder............................................................................................. 806
Iserlohn.......................................................................................................... 807
Jungfer Eli .................................................................................................... 808
Magd holt Feuer.......................................................................................... 810
Marienmünster............................................................................................. 811
Minden........................................................................................................... 813
Spuk in der Brennerei ................................................................................. 814
Spukende Nonnen........................................................................................ 816
Spukgeschichten aus Wildeshausen.......................................................... 817
Spukhund....................................................................................................... 819
Timmermanns »Skitz" ................................................................................. 820
Weking in der Babilonie............................................................................. 821
Zirkzirk .......................................................................................................... 823
Sagen aus Bayern

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Das Goldlaiblein

Einst hüteten am Ochsenkopfe zwei Knaben und ein Mädchen


die Schafe. Die Knaben waren Kinder wohlhabender Landleute;
des Mädchens Eltern aber waren arm. Die kleinen Gefährten
erzählten sich allerIei Geschichten. Da gesellte sich zu ihnen ein
graues Männlein, das aufmerksam ihren Gesprächen zuhörte.
Endlich sprach es: "Ihr seid gute Kinder. Darum will ich auch
nicht von euch gehen, ohne euch zu beschenken." Es zog aus der
Tasche drei Laiblein Brot und gab jedem Kind eines. Darauf
entfernte es sich.
Die beiden Knaben lachten über das ärmliche Geschenk und
achteten es nicht wert. Der eine nahm sein Laiblein und warf es
auf die Erde.
Es hüpfte den Berg hinab, bis es sich zwischen struppigem
Gebüsch verlor. Da sprach der andere Knabe: "Halt, mein
Laiblein muß das deinige suchen!" und warf es ebenfalls auf die
Erde. Es nahm denselben Weg wie das erste.
Nun wollten die leichtsinnigen Knaben auch das Mädchen
bereden, das Geschenk wegzuwerfen. Die Kleine aber hüllte es
eilig in ihr Schürzlein und sprach: "Wie wird es meine Eltern
freuen, wenn ich ihnen etwas mit nach Hause bringe!"
Als sie aber heimkam und man das Brot aufschnitt, siehe, da
war ein Klumpen Gold hineingebacken, und Reichtum zog ein,
wo sonst Mangel herrschte.
Als die beiden Knaben von dem Glück ihrer Gefährtin hörten,
gingen sie zurück, um die verschmähten Geschenke des grauen
Männleins zu suchen. Allein es war vergeblich.

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Der Schatz auf dem Hohenbogen

Seit alters geht die Mär, daß viele Klafter unter dem
Burgstallberg in einem kupfernen Kessel ein reicher Schatz
verborgen sei. Alle hundert Jahre einmal wird ein Mensch
geboren, der ihn unter gewissen Bedingungen zu heben vermag.
Ein Hirt von Schwarzenberg, der eines Tages seine Herde auf
der sogenannten kleinen Ebene am Fuße des Burgstallkegels
weidete, soll so ein Mensch gewesen sein. Als er abends die
Tiere eintreiben wollte, vermißte er ein junges Rind; nach
einigem Suchen hörte er es hoch oben im Walde Laut geben. Er
stieg eilig den Burgstall hinan und war schon nahe dem Gipfel,
als plötzlich eine wunderschöne, aber seltsam und fremdartig
gekleidete Jungfrau vor ihm stand und ihn mit schmeichelnder
Stimme anredete:
"Du kommst zu guter Stunde hierher. Wisse, daß es in meiner
Hand liegt, dich zum reichsten Mann im Land zu machen. Ich
kann dir offenbaren, auf welche Weise du den unter unseren
Füßen vergrabenen Schatz zu heben vermagst."
Der Hirt. den beim ersten Anblick der Erscheinung ein
heimliches Grauen beschlichen hatte, faßte Mut und entgegnete,
er sei bereit, nach ihrer Unterweisung zu handeln.
Freudig fuhr die Jungfrau fort: "Finde dich heute über acht
Tage zu Beginn der Mitternachtsstunde am Fuß des Burgstalls
ein, zwei Priester mögen dich begleiten, welche die
Beschwörungsformeln zu sprechen wissen. Ihr werdet den
Schatz oben auf dem Gipfel des Berges liegen sehen. Schreitet
nur mutig drauflos und laßt euch nicht irre machen, was immer
euch auch in den Weg treten mag, sähe es auch noch so
schrecklich aus; denn es ist nur ein Blendwerk des Bösen, der
euch weder an Leib noch an Seele schaden kann. Bist du dann
an die Schatztruhe herangekommen, so greife mit beiden

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Händen keck in den Goldhaufen hinein, und er ist dein für
immer.
Aber wehe mir, wenn du dich durch die Künste des Satans zu
feiger Flucht bewegen ließest, wehe mir! Ich müßte dann
wiederum hundert Jahre umherirren und könnte nicht zur
ewigen Ruhe ein gehen. Sieh dir dieses zarte Reis hier an!"
dabei wies sie auf ein dem Boden entsprossenes
Ahornbäumchen, "es muß zu einem starken Baum
heranwachsen, aus seinem Stamm müssen Bretter geschnitten
und diese zu einer Wiege gefügt werden; der Knabe, der in
dieser Wiege ruhen wird, muß zum Mann geworden sein, dann
erst darf ich wieder auf Erlösung hoffen. Gedenke der
unaussprechlichen Leiden einer armen Seele, erbarme dich
meiner, wie du willst, daß Gott der Herr sich deiner erbarme,
und erlöse mich!"
In den letzten Worten der Jungfrau lag der Ausdruck eines so
herzzerreißenden Jammers, daß der Hirte davon aufs tiefste
ergriffen wurde. Mehr der Wunsch, so große Pein zu lindern, als
die Begierde nach den verheißenen Reichtümern trieb ihn an,
das Wagnis der Schatzhebung zu unternehmen. Eben wollte er
der Jungfrau seinen Entschluß kundgeben, als sich ihre Gestalt
in leichten Nebelflor auflöste, den der Abendwind über dem
Gipfel des Burgstalls in nichts zerstäubte. Aus dem Gebüsch
aber, an dem sich die Erscheinung gezeigt hatte, kam das
verlorene Rind hervor und folgte dem Hirten willig auf den
Weideplatz hinab.
Am nächsten Morgen hatte der Hirt nichts Eiligeres zu tun, als
nach Neukirchen zum Kloster der Franziskaner zu gehen und
dem Pater Guardian den wunderbaren Vorfall zu berichten.
Dieser hielt mit andern Patern Rat, was in der Sache zu tun sei,
und man kam zu dem Entscheid, daß es sich hier um die
Erlösung einer armen Seele und einen Triumph über den Satan
handle, wozu die Diener der Kirche hilfreiche Hand bieten

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müßten. Zwei Mönche erhielten den Auftrag, sich durch Beten
und Fasten zu dem heiligen Werk vorzubereiten.
Zur bestimmten Stunde trafen die Priester und der Hirt am
Burgstall zusammen; eben schritten sie über den Weideplatz hin,
als die Turmuhr zu Neukirchen die elfte Stunde anzeigte. Mit
dem letzten Schlag loderte auf dem Gipfel des Burgstalls eine
hohe Flamme empor, und die Mönche erkannten dies als das
Zeichen, daß der Schatz sich aus dem Erdinnern erhoben habe.
Nachdem sie den Hirten gewarnt hatten, nicht von ihrer Seite zu
weichen, schickten sie sich an, dem bösen Feind tapfer zu Leibe
zu rücken. Aber kaum hatten sie einige Schritte bergan gemacht,
als im Wald ein seltsames Leben rege wurde. Eulen und
Fledermäuse flatterten den nächtlichen Wanderern in dichten
Schwärmen entgegen, von allen Seiten wurde aus dem
Unterholz Totengebein auf sie geworfen, und grinsende Schädel
kollerten unter ihren Füßen hin.
Die frommen Söhne des heiligen Franziskus ließen sich von
diesem Spuk keineswegs beirren, sondern drangen, mit lauter
Stimme Beschwörungsformeln hersagend, rastlos voran. Schon
mochten sie die Hälfte des Weges zurückgelegt haben, als der
bisher mondhelle Himmel sich plötzlich verfinsterte und ein
Sturm losbrach, der den ganzen Berg zu erschüttern schien. Die
Blitze fuhren hageldicht hernieder, der Donner krachte Schlag
auf Schlag, die Gießbäche stiegen im Nu, brausten über ihre
Ufer und wälzten mannshohe Fluten gegen die drei Männer
herab. Diese meinten, bis an den Hals im Wasser zu waten; aber
wie sie näher zusahen, fanden sie, daß nicht ein Faden ihres
Gewandes naß war. Darum achteten sie auch nicht weiter
darauf, als ihnen noch allerlei andere Schreckbilder, bald
tierähnlich, bald menschlicher gestaltet, in den Weg traten.
Endlich erreichten sie den Gipfel, ohne daß ihnen ein Haar
gekrümmt worden wäre.
Hier sahen sich wenige Schritte vor sich, hell von der noch
immer lodernden Flamme erleuchtet, ein kesselartiges Gefäß,

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das bis zum Rande mit funkelnden Goldmünzen gefüllt war.
Eben wollte der Hirt vortreten, um, wie ihm die Jungfrau
geboten, den Schatz zu erfassen, da wankte der Boden unter
ihm, und von unterirdischer Kraft gehoben, wich ein mächtiger
Felsblock polternd von seinem Platze.
Aus der Öffnung, die sich gebildet hatte, kroch ein
scheußlicher Lindwurm hervor und ringelte seines Leibes endlos
gestreckte Glieder dreimal um den Gipfel des Burgstalls herum,
einen furchtbaren Schutzwall vor dem Goldkessel auft ürmend.
Das Erscheinen dieses Ungeheuers setzte den Mut der guten
Mönche auf eine zu harte Probe. Sie glaubten sich schon von
den scharfen Zähnen des Drachen gepackt und fielen mehr als
sie liefen den steilen Abhang hinunter. Dem Hirten, der sich von
seine n geistlichen Helfern verlassen sah, blieb nichts übrig, als
ihnen zu folgen. Wohl vernahmen sie hinter sich die Stimme der
Jungfrau, die unter klagenden Rufen zum Ausharren mahnte,
aber die Flüchtenden waren nicht mehr zum Stehen zu bringen.
Nur einmal hatte der Hirt es gewagt umzuschauen und dabei
gesehen, wie der Gipfel des Berges sich spaltete und in seinem
weiten Riß die Schatztruhe verschlang. Darauf erhob sich ein
tausendstimmiges Geheul, daß dem erbleichenden Jüngling
schier das Blut in den Adern gerinnen wollte.
Es war das Hohngelächter der Hölle. Der Schatz von
Hohenbogen aber wurde nie gehoben.

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Der Schimmelturm zu Lauingen

In Lauingen an der Donau, der Heimatstadt des weisen


Albertus Magnus, kam einst in der Brunnengasse ein prächtiges
weißes Füllen zur Welt. Mit der Zeit wurde aus dem Füllen ein
Roß, fünfzehn Schuh lang und im Springen und Laufen ohne
seinesgleichen.
Von keinem Menschen ließ es sich zäumen als von einem
alten, verkrüppelten Knecht namens Stephan, dem man in
Lauingen das Gnadenbrot gab. Dieser hatte den Schimmel sehr
lieb, striegelte ihn fleißig und führte ihn gern vor, wenn
Neugierige kamen, ihn zu beschauen.
Damals erkrankte der Bürgermeister der Stadt schwer, und es
war kein Arzt in ganz Lauingen anzutreffen. Da hieß es: "Wenn
wir nur den Pater Severin aus dem Heiligenkreuzkloster zu
Donauwörth da hätten, der könnte wohl helfen, wenn noch zu
helfen ist. Aber die Zeit, ihn zu holen, ist zu kurz. Der
Bürgermeister wird nicht mehr viele Schöpplein trinken. "
Sogleich erbot sich Stepha n, mit seinem Schimmel den Arzt
herbeizuholen. Doch als er zum Dillinger Tor hinausreiten
wollte, stand ein Heuwagen unter dem Tor, der zu breit geladen
hatte und nun weder vor- noch rückwärts konnte und solcherart
das Tor versperrte.
Doch Stephan besann sich nicht lange. Er wandte seinen
Schimmel zur Seite, gab ihm die Sporen und sprang mit einem
gewaltigen Satz über die Stadtmauer hinweg. Und ehe die Nacht
einbrach, war Stephan wieder in Lauingen, den heilkundigen
Mönch hinter sich auf dem Roß. Der Schimmel aber konnte den
Weg von Lauingen nach Donauwörth und wieder zurück nur
deshalb in so kurzer Zeit zurücklegen, weil er zwei Herzen
hatte.

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Zur Erinnerung an diese wundersame Begebenheit ließen die
Lauinger den großen Schimmel an den Hofturm malen und
nennen diesen seither den "Schimmelturm."

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Der Schmied von Mitterbach

Vor vielen Jahren lebte zu Mitterbach ein Schmied, der hielt


sein Hauswesen schlecht instand und vertat alles in Trunk und
Spiel. Er wußte sich bald nicht mehr zu helfen und rief den
bösen Feind um Beistand an. Dieser stellte sich ungesäumt ein,
und der leichtfertige Schmied verschrieb sich ihm mit Leib und
Seele; mit seinem eigenen Blut unterfertigte er den Vertrag: der
Teufel solle ihn haben, wenn der Böse ihm nur drei Jahre lang in
allem zu Willen sei.
Der Mitterbacher schwelgte nun in Lust und Freuden und warf
das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinaus, so daß sich die
ganze Nachbarschaft höchlich darob wunderte.
Doch bald war die bedungene Zeit um, und Luzifer kam
abends in des Schmiedes Stube und machte Miene, sich auf die
Ofenbank zu setzen. Aber die Schmiedin wollte dies nicht
zulassen, sondern brachte mit zierlicher Höflichkeit einen
gepolsterten Stuhl aus dem schönen Stüble herbei. Luzifer fragte
nach ihrem Ehegatten. Die Schmiedin erwiderte, ihr Mann
schlage den Rossen des Wirtes in der Schenke Eisen auf. Das
war aber nur Weiberlist; denn in seiner großen Angst und Not
hatte der Schmied seiner Ehegesponsin das Geheimnis seines
Vertrages geoffenbart. Des Schmiedes Ehefrau trug nun dem
Bösen gut Essen und Trinken auf und sandte den Gesellen nach
dem Schmied, ihrem Mann, der sich indessen bei einem alten
Großmütterlein im Dorfe Rat holte. Diese war eine kluge Frau,
eine bekannte Wahrsagerin und mit allerlei Zauberkünsten
vertraut.
Der Mitterbacher kam schließlich fröhlichen Mutes nach
Hause und ging den Satan höflich an, seine Lebensfrist zu
verlängern.
Der aber schlug das Verlangen rundweg ab und mahnte den
Schmied zum Aufbruch. Als beide hinter dem Haus durch den

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Garten gingen, wo die Kirschbäume voll reifer Früchte hingen,
bewog der Schmied den Teufel, auf einen Baum zu steigen und
ihm als letzte Gunst einige Kirschen zu brocken. Der Teufel
wollte, nachdem er genug abgepflückt zu haben wähnte, wieder
vom Baum herabsteigen, aber siehe da! inzwischen hatte der
Schmied mit einer weißen, wundertätigen Kreide, die ihm die
kluge alte Wahrsagerin gegeben hatte, einen Kreis um den
Baum gezogen - und der Satan saß wie angepicht auf dem Aste.
Da rief ihm der Schmied zu, er solle den Vertrag herabwerfen,
dann wolle er ihn loslassen. Der Höllenfürst wollte dieser
Aufforderung lange nicht nachkommen. Endlich schleuderte er
dem harrenden Mitterbacher eine falsche Urkunde herab. Doch
dieser erkannte den Betrug, und so mußte der Teufel fletschend
und heulend und unsäglichen Gestank verbreitend viele, viele
Stunden auf seinem luftigen Sitz verbringen. Indes nahte die
Geisterstunde ihrem Ende, und der Teufel geriet in Gefahr, seine
Herrschaft auf immer zu verlieren. Das machte ihn mürbe, wie
man leicht begreifen wird. Er drehte sich ein Hörnlein ab, nahm
daraus ein vergilbtes Zettlein Pergament und warf es dem
Schmied zu, der das Schriftstück als die echte Handschrift
erkannte, worauf er den Vertrag in tausend Fetzen zerriß. Dann
zog er einen Kreis mit schwarzer Kreide, die von seltsamer
Wunderkraft war. Der Satan aber fuhr wie der Wind, großen
Gestank verbreitend, sogleich in alle Lüfte davon.
Aber wer sich einmal mit der Hölle eingelassen hat, der ist ihr
verfallen und vermag sich nimmer loszumachen. So erging es
auch dem Mitterbacher. Er verschrieb sich dem Teufel zum
zweitenmal, doch diesmal nahm der betrogene Satan sich wohl
in acht, neuerlich geprellt zu werden. Nach Ablauf der Zeit bat
der arme Sünder, es möchten ihm nur noch drei irdische
Wünsche erfü llt werden, weil er nun doch sein liebes Weib und
seine Kinder verlassen müsse; seien die Wünsche erfüllt, dann
zöge er gern mit fort in die Hölle. Und mit seinen Bitten vereinte
die Frau ihr Flehen, und die jungen, rotbäckigen Töchterlein des

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Schmiedes streichelten dem Geißfuß die haarige Wange und
drangen bittend in ihn. Da wurde der alte Griesgram
weichherzig und konnte nicht mehr widerstehen.
Der erste Wunsch aber lautete: über Nacht sollten alle Felder,
Wiesen und Gründe des Schmiedes mit einer Mauer aus
Quadersteinen umgeben sein, zehn Schuh hoch und fünf Schuh
dick.
Diesem kühnen Begehren wurde völlig entsprochen; denn als
der Mitterbacher morgens aufstand und in seinem Besitztum
umherwanderte, sah er eine so starke, prächtige Mauer, wie man
sich,s kaum denken kann. Hierauf bestieg der Schmied seinen
Schimmel. Der lief so schnell wie ein Lauffeuer; der Schmied
aber trug dem Teufel auf, so eilig den Weg vor ihm zu pflastern
und hinter ihm wieder aufzureißen, als er reite. Auch dies
Verlangen wurde erfüllt, obgleich der Mitterbacher ritt, bis der
Gaul verendet hinfiel.
Nun wußte der Schmied nicht mehr, was er noch wünschen
könne, und ging deshalb zu der weisen Frau im Dorfe. Diese
sagte ihm, er möge dem Teufel eine Locke der krausen Haare
seines Kopfes zum Geradeschmieden geben. Da zupfte sich der
Schmied, froh, solche Auskunft erhalten zu haben, eine Locke
aus und gab sie dem Luzifer zum Geradeschlagen. Dieser
klopfte gewaltig auf das Haar los, bis er die Unmöglichkeit des
Beginnens begriff. Voll Ärger und Verdruß fuhr der Teufel
unter lauten Drohungen davon.
Der Mitterbacher aber, verblendet und frech gemacht durch
die wiederholte unverhoffte Rettung, verschrieb sich zum dritten
Male dem Teufel und mußte nach Ablauf der Frist ohne Gnade
und Barmherzigkeit in die Hölle hinab.
In der Hölle gibt es einen Ort, wo nur solche Menschen
hinkommen, die auf der Welt niemand erschlagen, keinen Raub
noch andere schwere Verbrechen begangen, sondern nur in
Trunk, Spiel und bei anderer Kurzweil ihre Tage verbracht

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haben. Dort sitzen die lustigen Brüder in einer pechschwarzen
Rauchkammer, die gar unheimlich von Spanlichtern erhellt ist.
Diese Männer trinken Bier und Schnaps, schnupfen, rauchen,
spielen Karten, streiten, raufen, werden wieder gut mitsammen,
singen und schnaderhüpfeln. Doch einschenken und Span
putzen müssen die Teufel. Diese aber zwicken in ihrer
angeborenen Bosheit manchmal die Spieler mit glühenden
Zangen und tun ihnen sonst allerlei Übles an; die geplagten
Häftlinge aber können sich dagegen nicht wehren und auch
keine Rache nehmen an den boshaften Plagegeistern.
Als die Bewohner der Rauchkammer nun den Mitterbacher,
der einen Schnappsack, wohlgefüllt mit seinem Handwerkszeug,
über den Rücken geworfen trug, mit dem Oberteufel
hereinkommen sahen, waren alle freudig bewegt, weil sie schon
gar manches lustige Stücklein von jenem Schmied gehört hatten.
Der Schmied aber setzte sich gleich an einen Tisch und begann
nach tapferem Begrüßungstrunk ein Spielchen zu machen. Aber
bald geriet er mit den Teufeln in Streit, die auch ihn mit ihren
Teufeleien nicht verschonten. Da griff der ungebärdige Mann
nach seinem guten Hammer, schlug die Hörnleinmänner tüchtig
nieder und brachte sie alle nach mannhaftem Kampf in seinem
Schnappsack unter, wo er sie mit seiner Beißzange noch gehörig
zwickte. Die Teufelchen schrien um Gnade; der Fürst der Hölle
aber entließ den Schmied schleunig, weil er so gewalttätig war.
Stolz warf der Mitterbacher den Sack mit den kläglich
zugerichteten Teufeln in eine Ecke, sagte den fröhlichen
Kameraden ein freundliches Lebewohl und ging rasch von
dannen, in den Fäusten Hammer und Zange haltend.
Der Mitterbacher ging nun geradewegs dem Himmel zu und
klopfte da nach seiner Art mit dem Hämmerlein an die Pforte.
Aber St.
Petrus öffnete nicht. Da wurde der Schmied zornig, drückte
die Tür mit Gewalt ein, warf Petrus die Himmelsleiter hinab und
drang bis vor Gottes Angesicht. Gott aber rief ihm zu: "Weiche,
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Verworfener, und wandere in alle Ewigkeit! Du gehörst nicht in
den Himmel, taugst nicht in die Hölle und kannst nimmer zur
Erde zurückkehren. "
Seitdem wandert der Schmied von Mitterbach umher, man
weiß nicht wo, doch muß er wandern in alle Ewigkeit.

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Der betrügerische Anwalt von München

Vor vielen Jahren starb zu München ein Advokat, der sein


Leben lang ein arger Rechtsverdreher und Beutelschneider
gewesen war. Er hatte sich nie ein Gewissen daraus gemacht,
Witwen und Waisen um ihr gutes Recht zu bringen, wenn er
dafür bezahlt wurde.
Nach seinem Tode trug sich etwas ganz Absonderes zu.
Nachdem der Leichnam aufgebahrt war und man zwei Lichtlein
angezündet und ein Kruzifix dazwischen gestellt hatte, gingen
die Leute, wie es Brauch war, aus und ein, den Toten
anzuschauen. Geweint hat aber niemand. Vor dem Hause waren
viele Menschen versammelt, murmelten dies und das, und Gott
wolle seiner armen Seele gnädig sein.
Auf einmal rauschte etwas durch die Luft, zwei großmächtige
Raben flogen ans Fenster und hackten so lange mit ihren
Schnäbeln drauflos, bis die Scheiben klirrend in Trümmer
gingen und zum Erstaunen des Vo lkes - ein schwarzer Vogel
aus dem Zimmer herausflog.
Während die Menge auseinanderstob, flogen die drei Raben
davon.
Im Totenzimmer waren plötzlich die Lichter erloschen und das
Kruzifix umgestürzt. Gleich darauf soll auch der Leichnam über
und über schwarz geworden sein.
Angsterfüllt vor all dem Geschehen, ging niemand hinter dem
Sarg, als der gewissenlose Anwalt zur letzten Ruhe bestattet
wurde.

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Die "wilde Jagd" bei Lengenfeld

Zwischen Lengenfeld und Stoffen am Lech liegt auf einer


hohen Ebene eine wilde, weite Ödung. Über diesem Gebiet tollt
die wilde Jagd immer am wütendsten, und dort verweilt sie am
längsten.
Einst wanderte ein Mann aus Hofstätten über dieses
unwirtliche Feld.
Es dunkelte schon. Da vernahm er aus der Ferne ein Heulen
und Sausen, als wo lle sich ein furchtbarer Sturm erheben.
Sobald er stehenblieb und sich umsah, kam die "Wilde Jagd" in
den Lüften daher, und da er, ganz erstarrt vor Schrecken,
vergaß, sich sogleich auf den Boden zu werfen, hoben ihn die
wilden Jäger leicht vom Erdboden auf und rissen ihn im Zuge
mit sich fort. Viele Wochen war er der Erde entrückt, kein
Mensch wußte, wohin er gekommen war, und seine Leute
hielten ihn schon für tot. Da auf einmal kam er wieder zurück,
aber er wußte nicht, wo er gewesen, und wie er daher kam. Sein
Sinn war ganz verwirrt; es schwindelte ihn, wenn er an sein
Abenteuer dachte, und allen Leuten wurde schwindlig, wenn sie
ihn davon reden hörten. Zeit seines Lebens blieb der Mann still
und in sich gekehrt, zeigte weder Freude noch Trauer und
verbrachte seine Tage in stumpfem Hinbrüten.
Hütte und Herberge sind heute aus diesem Gebiet
verschwunden.
Wildnis wuchert über felsigem Grund.

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Die 'lange Agnes' im Walde bei Furth

Im Wald zwischen dem Grenzstädtlein Furth und dem Markte


Eschelkam quillt unfern des Fußpfades ein Brünnlein aus dem
Boden, das beim Volk seit altersher verrufen ist. Niemand wagt
es, nach dem Abendläuten ihm nahe zu kommen. Denn dort
treibt seit undenklichen Zeiten die "Lange Agnes" ihr Unwesen.
Wer eine Sünde begangen, namentlich aber ungerechtes Gut an
sich gebracht hat, über den gewinnt das boshafte Gespenst
Macht und den drangsaliert es in empfindlicher Weise.
Die Marter besteht darin, daß die "Lange Agnes" ihr Opfer in
die Wasser des Brünnleins taucht und ihm dann den Kopf mit
Bürste und Stahlkamm bearbeitet, daß Haut und Haare abgehen
möchten.
Es wird erzählt, die "Lange Agnes" sei in ihrem Leben ein
bitterböses, habgieriges Weib gewesen, von hochgestreckter,
hagerer Gestalt, und habe sich so ganz und gar in die Sorgen um
das Zeitliche versenkt, daß sie sogar den Tag des Herrn nicht
heilig gehalten habe. Oft sah man sie an hohen Festtagen im
Bach stehen und ihre Wäsche schwemmen. Von diesem
sündhaften Tun konnte sie weder durch die Ermahnungen ihrer
Angehörigen noch durch die Strafreden des Pfarrherrn
abgebracht werden. Ihres verstockten Sinnes wegen wurde ihr
nach dem Tode die Ruhe der Seligen versagt, und sie muß bis
zum Tage des Gerichtes an jenem Brünnlein als Gespenst
umgehen.
Man soll das Klopfen ihres Waschbleuels in der Geisterstunde
eine halbe Meile weit durch den Forst erschallen hören, wobei
sich in dieses Geräusch das Gekrächze von Nachtvögeln
unheimlich einmengt.

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Die Burgruine Rabenschaichen bei Kempten

Wenn man auf der Straße von Kempten nach Memmingen das
Anlehen Hirschdorf hinter sich hat, sieht man, etwa eine
Viertelstunde Weges unterhalb dieses Dorfes, neben der Straße
am nahen Waldsaum eine zerfallene Burgruine, über die junge
Birken und Tannen emporragen. Daneben liegt ein Weiler, von
mehreren zerstreuten Häusern gebildet, der bis auf den heutigen
Tag den Namen von dieser Burg Rabenschaichen trägt. Hier
hauste in alten Zeiten ein gewalttätiger Ritter, der Schrecken der
ganzen Gegend.
Zogen die Ulmer Kaufleute mit ihren Waren aus Welschland
vorbei, so lauerte Kuno mit seinen wilden Gesellen im Gehölz,
plünderte die Reisenden aus oder ließ sich das Weiterziehen mit
blankem Gold bezahlen. Seine Untertanen bedrückte er auf alle
erdenkliche Weise; kam ein Bettler an die Schloßpforte, so
hetzte er seine zottigen Rüden auf ihn und sah mit
Hohngelächter zu, wenn sie den Armen übel zurichteten. Das
unrecht gewonnene Gut wurde dann in schwelgerischen Gelagen
verpraßt, wobei die geraubten Weinfässer, wenn sie ihres
feurigen Inhalts entleert waren, unter dem Gejauchze der
Zechenden in den Burggraben hinabgerollt wurden.
Viele Jahre trieb der Ritter das wilde Raubhandwerk, fragte
nicht nach Gott und nach den Menschen, und so kühne
Abenteuer er auch unternahm, immer kehrte er siegreich von
seinem Strauß heim, so daß es ringsum hieß : Ritter Kuno hat
seine Seele dem Teufel verschrieben, deshalb richtet niemand
etwas gegen ihn aus.
Plötzlich starb er jedoch um die Mitternachtsstunde, nachdem
er von einem blutigen Raubzug heimgekehrt war. Seine
Spießgesellen trugen den Leichnam in das oberste Gemach, von
dessen Söller sonst Ritter Kuno nach vorüberziehenden
Kaufleuten auszuspähen pflegte.

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Während die Gesellen dann im Erdgeschoß über der Teilung
der angehäuften Schätze haderten und lärmten, erscholl plötzlich
um die Zinnen der Burg das kreischende Gekrächze einer Schar
Raben, die bald durch die geöffneten Fenster in das
Totengemach hineinflogen und unter gräßlichem Geschrei das
Antlitz des Verstorbenen mit wütenden Schnabelhieben
zerfetzten.
Die Totenwächter vermochten die schwarzen Gesellen erst zu
verscheuchen, nachdem das Gesicht des aufgebahrten Ritters
gänzlich zerfleischt war. Die Zechenden im Hof ergriff kalter
Graus; sie ahnten Gottes Strafgericht, verteilten die geraubten
Güter teils unter die Armen, teils an Kirchen; das Raubnest aber
überlieferten sie den Flammen, die die Burg bis auf die
Grundmauern verzehrten.
Nur wenige Trümmer und der Name der Burg -
Rabenschaichen - erinnern an den einstigen Glanz dieser Stätte.

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Die Wirtin von Schweinau

In Schweinau lag die Frau eines Wirtes, der nebenbei auch


Metzger und Milchmann war, in den letzten Zügen. Sie war ihr
Leben lang habsüchtig und geizig gewesen und blieb es auch
noch auf ihrem Sterbelager. Anstatt an den Tod zu denken und
sich auf das Jenseits vorzubereiten, hatte sie noch über allerlei
Hausgeschäfte mit ihrem Gesinde zu reden. Eben war gemolken
worden, und die Milch sollte zum Bäcker gebracht werden, da
rief sie unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte: "Bub, in die Maß
Bäckermilch gehört immer ein Glas Wasser!" Nach diesen
Worten verschied die Frau.
Bald darauf ging,s im Hause um. Alle Dienstboten sahen die
Frau, nur ihr Mann nicht, obwohl er es wünschte. Endlich wurde
er einmal nachts durch leises Stöhnen und Winseln aus dem
Schlaf geweckt, und als er aufstand, sah er sein Weib, wie es
leibte und lebte, im großen Lehnstuhl hinter dem Ofen sitzen. Es
hatte ein großes Tuch in der Hand, womit es beständig seine
tränennassen Augen trocknete.
"Liebes Weib", fragte der Mann erschrocken, "warum kannst
du die ewige Ruhe nicht finden?"
Darauf entgegnete die Frau: "An der Fleischwaage ist ein
Haken, der ist zu schwer. Was ich für deine Kinder beiseite
gelegt habe, das nimm aus der Truhe und gib es den
Vormundskindern. Diese beiden Vergehen kannst du noch
gutmachen. Daß ich aber beim Milchschank immer den Daumen
ins Maßblech gehalten habe, kannst du nimmer gutmachen, und
deswegen habe ich keine Ruhe im Grabe."
Und so muß es wohl sein, denn noch immer will man in
Schweinau das Jammern und Wimmern der Verstorbenen aus
Grabestiefe hören.

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König Watzmann

Vor undenklichen Zeiten herrschte im Berchtesgadener Land


ein mächtiger König namens Watzmann. Der finstere Tyrann
liebte weder Menschen noch Tiere, seinem grausamen Herzen
war es eine Lust, die Menschen zu quälen und die Tiere zu
martern. Darum war auch die wilde Jagd sein höchstes
Vergnügen. Dort umgab ihn Rüdengebell und Hörnerschall, daß
die Wälder davon widerhallten.
Doch nicht allein er, auch sein Weib und seine Kinder fanden
große Lust an der wilden Hetzjagd, wenn die dampfenden Rosse
unter ihnen zusammenbrachen und das totgehetzte Wild von den
Hunden zerfleischt wurde. So ging es Tag und Nacht, ohne Rast
und Ruh, über Stock und Stein, bergauf und bergab, und keine
Schonung gab,s für die Saat des Landmanns. Lange Zeit frönten
der König und die Seinen dieser teuflischen Lust, doch endlich
ereilte das himmlische Strafgericht die gottlosen Frevler.
"Halloh, hinaus zur wilden Jagd!" tönte es einst wieder durch
den Schloßhof; die Hörner schallten, die Rüden bellten, und bald
ging es mit Weib und Kindern wieder dahin in wildem Zug. Im
Dämmerlicht gewahrte der König ein Mütterlein, die Enkelin
auf dem Schoß, und lenkte sein Pferd so hart vor die Hütte hin,
daß Reiter und Roß die Greisin traten. Und als der Bauersmann
und sein Weib wehklagend aus der Hütte kamen, um die
sterbende Mutter im Hause hinzubetten, da hetzte der König die
schnaubenden Rüden auf die Ärmsten, daß auch sie unter den
Zähnen der Bestien ihr Leben ließen. Lachenden Blicks sah der
König zu, und mit ihm lächelten grausam die Gattin und die
Kinder, wie sich Menschen sterbend in ihrem Blute wanden.
Da hob das Mütterlein mit brechendem Blick die zerfleischte
Rechte empor und stieß noch im Sterben einen gräßlichen Fluch
über den König und die Königin mit ihren sieben Kindern aus,
daß sie die Strafe der Gottheit erreiche und in Felsen verwandle.

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Und die Erde erbebte, der Sturmwind brauste, als wäre das
Weltende nah; Feuer sprühte aus dem Schoß der Erde und
verwandelte den König, Gattin und Kinder in riesige Felsen.
So steht König Watzmann mit Frau und sieben Kindern zu
Stein geworden in der felsigen Wildnis und blickt als ewiges
Wahrzeichen herab ins Berchtesgadener Land.

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Otto Seemoser, der Torwart zu Freising

Rechts beim Eingang in den Freisinger Dom befindet sich der


Grabstein des bischöflichen Torwarts Otto Seemoser, auf dem er
lebensgroß mit einem Laib Brot abgebildet ist. Dieser alte
Diener war ein Wohltäter der Armen. Nur spendete er oft
reichlicher, als sein Herr, der Bischof Gerold, es wünschte.
Einmal begegnete ihm Gerold, als er eben drei Brote, die er
unter dem Kleide barg, den Armen zutragen wollte.
Der Bischof fragte, was er da trüge. "Steine!" entgegnete der
betroffene Torwart. Und siehe! Die Brote waren in Steine
verwandelt, als er sie vorzeigen mußte. Danach aber, als die
Gefahr vorüber war, wurden sie wieder zu Broten.

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Schloß Leuchtenberg in der bayerischen
Oberpfalz

König Heinrich der Vogler befand sich einst mit seiner


Tochter Jutta und einigen seiner Hofjäger auf der Hirschjagd.
Die Prinzessin sprengte auf ihrem flinken Rosse einem
flüchtigen Reh nach und kam im Eifer der Verfolgung von der
Jagdgesellschaft ab. Tage, Monate, Jahre vergingen. Alles
Suchen nach der Prinzessin war vergeblich.
Als der königliche Vater nach Jahren wieder jagend durch den
Wald streifte, in dem er einst seine Tochter verloren hatte, und
es schon Abend geworden war, leuchtete ihm auf einmal mitten
im Wald ein Licht entgegen. Er ging drauf zu und sah, daß es
aus einer Burg kam.
Der König bat um Einlaß. Welche Freude überraschte ihn da!
Seine Tochter Jutta war Burgherrin und mit dem Ritter Gebhard
glücklich verheiratet. Zum Andenken an dieses freudige
Erlebnis hieß man die Burg von nun an "Leuchtenberg. "
Doch nicht alle Burgfrauen auf Leuchtenberg waren so
glücklich wie Prinzessin Jutta. Die Frau eines späteren
Burggrafen war von einer fast krankhaften Neugierde geplagt.
Der Burggraf drohte ihr mit dem Tode, wenn er sie wieder auf
frevelhaftem Fürwitz ertappe. Um sie auf die Probe zu stellen,
kleidete er sich als Bote und brachte einen Brief an den
Schloßherrn mit dem Vermerk, er dürfe nur vom Grafen
persönlich geöffnet werden. Doch die Neugierde der Schloßfrau
war stärker als die Angst vor der Drohung. In Gegenwart des
Boten erbrach sie das Siegel und öffnete den Brief. Sie wurde
dafür zur Strafe des "Igelsitzens" verurteilt. Nach ihrem Tode
befahl der Burgherr, ein Steinbild anzufertigen, das eine auf
einem Igel sitzende Frau darstellt. Drunter ließ er die Inschrift
anbringen:
Das macht mein Fürwitz, Daß ich auf dem Igel sitz.
-36-
Dieses Bild wurde den Besuchern der Burg Leuchtenberg noch
lange gezeigt.

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Sagen aus Brandenburg

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Das gefangene Lüchtemännchen im Havelland

Einst wollte ein Hirt abends seine Herde von der Weide
heimtreiben.
Als er nahe bei seinem Dorfe Ferchesar im Westhavellande
war, bemerkte er, daß ihm eine Kuh fehle. Sofort kehrte er um
und suchte, konnte sie aber nicht finden. Ermüdet setzte er sich
auf einen Baumstumpf und zündete seine Pfeife an. Da
schwirrte plötzlich eine Schar von Lüchtemännchen (Irrlichtern)
heran und umringte ihn von allen Seiten. Anfangs sah er ihnen
ruhig zu; als sie ihn aber gar zu dicht umschwärmten, fürchtete
er, sie würden ihm das Haar versengen, und schlug mit seinem
Stock um sich. Aber je heftiger er dareinhaute, desto ärger
trieben sie es. Als er sich ihrer gar nicht mehr erwehren konnte,
griff er mit der Hand in den Schwarm und haschte eins von den
Lichtlein.
In demselben Augenblick war die ganze leuchtende Schar
verschwunden, und der Hirt hatte kein Lüchtemännchen,
sondern einen Knochen in der Hand, den er mit nach Hause
nahm. Andern Tags fand er auf der Weide die verirrte Kuh
wieder. Als er aber abends heimkehrte, war die ganze Dorfstraße
voll von Lüchtemännchen, die ihn umringten wie am Tag
vorher. Aber es waren ihrer noch viel mehr, und sie riefen ihm
zu: "Gib uns unsern Kameraden wieder, sonst stecken wir dir
dein Haus in Brand."
Vergebens beteuerte der Hirt, er habe nur einen Knochen
mitgenommen; sie drohten ihm noch ärger. Da eilte der Hirt ins
Haus und hielt den Knochen auf der flachen Hand zum Fenster
hinaus. Mit einemmal war es wieder ein Lüchtemännchen, das
sich, von den andern umringt, ins Freie schwang, und bald war
die ganze Schar hüpfend und springend zum Dorfe hinaus.

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Der Hirt aber hat von dieser Zeit an keine Hand mehr gegen
ein Lüchtemännchen gehoben, so viele er ihrer auch fernerhin
antraf.

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Der Schmied von Jüterborg

Zu Jüterbog lebte einmal ein Schmied, der ein sehr frommer


Mann war. Eines Abends, ganz spät, trat ein alter Mann ins
Haus, der recht würdig aussah, und bat ihn um ein
Nachtquartier. Der Schmied war zu jedermann immer freundlich
und gütig; er nahm den Fremden gern auf und bewirtete ihn
nach Möglichkeit. Als der Gast am nächsten Morgen weggehen
wollte, dankte er seinem Wirt herzlich und sagte, der Schmied
solle drei Bitten tun, diese wolle er ihm gewähren. Da bat der
Schmied zuerst, daß sein Stuhl hinter dem Ofen, auf dem er
abends nach der Arbeit auszuruhen pflege, die Kraft bekomme,
jeden ungebetenen Gast so lange festzuhalten, bis ihn der
Schmied selbst loslasse; zweitens, daß sein Apfelbaum im
Garten die Hinaufsteigenden nicht herablasse; drittens, daß aus
seinem Kohlensack keiner herauskomme, den er nicht selbst
befreie.
Diese drei Bitten gewährte der Fremde und ging darauf fort.
Nicht lange nachher, kam der Tod und wollte den Schmied
holen.
Dieser aber bat ihn, er möge sich doch ein wenig auf seinem
Stuhle ausruhen, da er sicher von der Reise sehr ermüdet sei. Da
setzte sich denn der Tod nieder, und als er nachher wieder
aufstehen wollte, saß er fest. Nun bat er den Schmied inständig,
er möge ihn doch wieder befreien, doch dieser wollte lange
nichts davon wissen; endlich verstand er sich dazu unter der
Bedingung, daß der Tod ihm noch zehn Jahre schenke. Damit
war der Tod zufrieden. Der Schmied löste ihn von seinem Sitz,
und der ungebetene Gast entfernte sich.
Als die zehn Jahre um waren, erschien der Tod wieder. Da
erklärte ihm der Schmied, er sei bereit mitzugehen, doch solle
der Tod erst noch auf den Apfelbaum im Garten steigen und

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einige Äpfel herunterholen, sie würden ihnen auf der weiten
Reise gut schmecken.
Das tat der Tod und saß wieder fest. Nun rief der Schmied
seine Gesellen herbei, die mit schweren eisernen Stangen
gewaltig auf den Tod losschlagen mußten, daß er Ach und Weh
schrie und den Schmied flehentlich bat, er möge ihn doch
freilassen, er wolle von nun an gern ausbleiben.
Als der Schmied hörte, daß der Tod ihn ewig leben lassen
wollte, hieß er die Gesellen einhalten und entließ seinen
Besucher von dem Baum. Der Tod zog glieder- und lendenlahm
davon und kam nur mit Mühe vorwärts. Da begegnete ihm
unterwegs der Teufel, dem er sogleich sein Leid klagte; aber der
Satan lachte ihn aus, weil er so dumm gewesen sei, sich von
dem Schmied täuschen zu lassen, und meinte, er würde bald mit
dem Schmied fertig werden. Darauf wanderte der Teufel in die
Stadt, klopfte bei dem Schmied an und bat, er möge ihm
Herberge für die Nacht geben. Nun war,s aber schon spät; der
Schmied weigerte sich, den Teufel einzulassen, und erklärte, er
könne die Haustür nicht mehr öffnen; wenn er jedoch zum
Schlüsselloch hereinfahren wolle, so möge er nur kommen. Das
war nun dem Teufel ein leichtes, und sogleich huschte er
hindurch.
Der Schmied war aber klüger gewesen als der Teufel; er hatte
innen seinen Kohlensack vorgehalten, und als nun der Teufel
darin saß, band er den Sack schnell zu, warf ihn auf den Amboß
und ließ seine Gesellen wacker draufloshämmern. Da flehte der
Teufel jämmerlich, sie möchten doch aufhören; aber die
Gesellen ließen nicht eher nach, als bis ihnen die Arme von dem
Hämmern müde waren und der Schmied ihnen endlich das Ende
befahl. Der Schmied ließ den Teufel nun frei; doch mußte er bei
dem gleichen Loch wieder hinaus, wo er hereingeschlüpft war.
Fortan trug der Teufel kein Verlangen mehr, noch einen
zweiten Besuch beim Schmied von Jüterbog zu machen.

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Der Teufel und die Holzhauer am Zootzen

Als die Holzhauer aus einem Dorfe am Zootzen eines Morgens


in den Wald kamen, um sich an ihre Tagesarbeit zu machen,
fanden sie das tags zuvor aufgeschlichtete Holz umgestoßen.
Ärgerlich beschuldigten sie die Knechte des Dorfes, ihnen
diesen Schabernack gespielt zu haben. Sie setzten das Holz
wieder auf, fanden es aber am nächsten Morgen wieder
umgestoßen. Nun beschlossen sie, daß einer von ihnen die
nächste Nacht Wache halten solle, um die Übeltäter auf frischer
Tat zu ertappen. Da sich aber niemand freiwillig meldete, wurde
gelost. Das Los traf einen bärenstarken Mann, der erklärte, er
habe sich schon melden wollen; nun sei es gut, daß ihn das Los
getroffen habe. Als er dann des Nachts Wache stand, zündete er
sich ein Feuer an und begann aus Langeweile Holz zu spalten.
Zwischen zwölf und ein Uhr tauchte plötzlich ein kleines rotes
Männchen - es war der Teufel - neben ihm auf und fragte
neugierig:
"Warum setzt du denn da immer einen Keil in die Spalte?
Kannst du das Holz nicht mit den Händen auseinanderreißen? "
Der Holzhauer antwortete mit der Gegenfrage: "Kannst du es
denn?"
Der Kleine erwiderte, ja, das könne er. Da wählte der
Holzhauer einen starken Eichenklotz aus, schlug mit der Axt
hinein und setzte einen Keil in die Spalte; darauf stieß er mit der
Axt gegen den Keil, um diesen ordentlich zu lockern. Als nun
der Kleine den Klotz auseinanderreißen wollte, zog der
Holzhauer flugs den Keil aus der Spalte und klemmte dem
Männchen die Finger ein. Verzweifelt schrie da der Kleine:
"Setz, doch den Keil ein! Setz, doch den Keil ein!"
Aber er war gerade an den Rechten gekommen; denn der
Holzhauer packte einen Prügel und hieb tüchtig auf den Kleinen
ein. Der Teufel aber schrie weiter: "Setze doch den Keil ein!"
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Doch je mehr er brüllte, desto kräftiger schlug der andere zu und
knirschte dabei:
"Wirst du uns noch einmal das Holz umstoßen? "
Nach vielen Anstrengungen gelang es dem Teufel endlich,
seine Finger aus der Klemme zu ziehen und seinem Widersacher
durch die Flucht zu entrinnen. Aus sicherer Entfernung aber
schrie er zurück:
"Nun stoße ich euch das Holz erst recht um."
Am andern Morgen erzählte der Holzhauer seinen Kameraden
wie es ihm in der Nacht ergangen sei, und machte den
Vorschlag, an jedes Klafter Holz einen Klotz mit einem Keil zu
stellen. Als nun der Kleine in der folgenden Nacht wieder
erschien, um sein Mütchen zu kühlen, erblickte er den Klotz an
dem ersten Klafter und rief: "Huh, da ist der Klotz!," wobei er
sich seine in der vorigen Nacht zerschundenen Finger besah.
Darauf eilte er weiter zum zweiten Klafter; auch hier fand er
einen Klotz und ebenso an den andern Holzstapeln. Da bekam es
der Teufel mit der Angst zu tun, drehte sich um und lief
schleunig davon, ohne jemals wiederzukommen.
Die Holzstöße im Wald hatten von nun an Ruhe vor ihm.

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Der Teufel zu Spandau

Im Jahre 1595 zeigten sich zu Spandau, Friedeberg und an


anderen Orten viele vom Teufel Besessene. Deshalb wurden auf
kurfürstlichen Befehl allgemein Betstunden abgehalten. Zu
Spandau, oder wie man damals sagte Spandow, war die Anzahl
derer, die vom Teufel geplagt wurden, besonders groß, und die
Spandauer hatten sich das wohl selber zuzuschreiben, meinten
die Anrainer; denn in Spandau war es allgemein der Brauch, daß
man die Verwünschung aussprach, der Teufel möge einen holen,
wenn das, was man sage, nicht wahr sei. Auch fluchte man
damals, wenn man einem andern Übles wünschte, es möchten
ihm ganze Fässer und Scheffel voll Teufel in den Leib fahren.
Darauf wurden dann viele Bürger, junge und alte, vo m Satan
besessen und von Teufeln gequält. Diese schrien: "Ihr habt uns
gerufen, wir haben kommen müssen. "
Aber auch früher schon, geht die Sage, hatte es dem Teufel in
Spandau sehr gut gefallen; denn bereits im Jahre 1584 war er
vor die Stadt gekommen und hatte dort als reicher Händler
große Kragen feilgehalten und zahlreichen Zulauf gehabt. Die
Käufer aber waren nachher alle vom Teufel geplagt worden, bis
es nach langwierigen Beschwörungen gelang, die Teufel aus den
Besessenen wieder auszutreiben.

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Der Trümmelmann des Alten Fritz

Der Alte Fritz hatte einen Trümmelmann (Trommler), den er


sehr hochschätzte; denn solange dieser die Trommel rührte,
war,s eine Lust im Feld zu stehn. Zuletzt freilich nützten dem
König auch seine Siege nichts mehr, denn das Geld ging ihm
aus; er trug schon löcherige Stiefel, in die das Wasser hineinlief,
und stieg deshalb lieber nicht mehr vom Pferde.
Eines Tages ließ der König den Trümmelmann zu sich rufen
und sprach zu ihm: "Trümmelmann, du mußt mir einige Scheffel
Gold herschaffen, kieke mal, wo du die herkriegst!" Der
Trümmelmann machte ein trauriges Gesicht, dann aber fiel ihm
ein, daß man dem alten Amtmann von Chorin, einem argen
Geizhals und Zauberer, der weder Frau noch Kinder hatte,
nachsagte, er habe ungezählte Fässer Goldes in heimlichen
Kellern lagern.
Trümmelmann machte sich also auf den Weg. Als er in Chorin
anlangte, sah er die Arbeitsleute des Alten sich keuchend bei der
Ernte abmühen, denn dem hartherzigen Amtmann ging nichts
schnell genug. Trümmelmann stellte sich hin und begann seine
Trommel zu schlagen. Gleich bei den ersten Wirbeln belebten
sich die Mienen und die Glieder der Arbeiter, und bald lief die
Arbeit dahin, als regten sich hundert unsichtbare Hände. Ein
solcher Schwung gefiel dem Amtmann, und er überlegte, wie er
die wunderbare Trommel an sich bringen könne.
Bei Nacht schlief der Trümmelmann nach schlechtem
Abendessen in der Bräustube. An diese stieß eine kleine
Kammer, die durch eine schmale offene Spalte mit seinem
Schlafraum in Verbindung stand.
Der Amtmann hatte ihm streng verboten, hier einzutreten.
Gegen Mitternacht erwachte der Trümmelmann von dem
Geräusch schlürfender Schritte in dieser Kammer. Dann hörte er
eine schwere Tür gehen, und dampfe Kellerluft drang bis zu ihm

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hin. Nach einiger Zeit schien sich die schwere Tür wieder zu
schließen, und die Schritte entfernten sich.
"Ha," dachte Trümmelmann, "das muß ich untersuchen!" Leise
betrat er die Kammer, schlug mit seinem Zunder Licht und
trommelte sachte mit den Trommelstöcken die Wände entlang.
Auf einmal wich ein Teil der Wand zurück, und eine steile
Treppe zeigte sich, die in einen Keller hinunterführte, wo
mehrere Reihen von Fässern übereinanderstanden. Hier also war
der Schatz! Der Trümmelmann stieg vorsichtig die Stufen hinab
und versuchte, eine s der Fässer zu bewegen; aber er war es nicht
imstande, denn so groß war sein Gewicht.
Am nächsten Morgen geschah alles wie Tags zuvor. Der
Amtmann benahm sich noch ungeduldiger, und Trümmelmann
mußte trommeln, bis ihm die Hände erlahmten. Endlich - schon
stieg der Vollmond herauf - war die Arbeit getan, die letzte
Fuhre, ein Fuder Erbsen, in die Scheuer gebracht.
Der geizige Amtmann aber kümmerte sich nicht mehr um
seinen treuen Helfer und bot ihm nicht einmal ein Abendbrot.
Da las Trümmelmann mit knurrend em Magen voll Ärger die
Erbsen auf, die beim Einfahren der letzten Fuhre zur Erde
gefallen waren, um sich daraus selbst ein Gericht zu bereiten.
Als er aber die Bräustube betrat, wo er die vorige Nacht
geschlafen hatte, schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Rasch
eilte er in die Nebenkammer, ließ die Wand zurückweichen und
streute auf der Treppe, die zum Keller führte, vorsichtig einen
Teil der Erbsen aus. Dann kochte er sich die übrigen und legte
sich zur Ruhe nieder.
Alles geschah wie in der vorigen Nacht. Aber auf die
schlürfenden Schritte und das Ächzen der Tür folgte diesmal ein
dumpfer Fall.
Dann war alles still. Als Trümmelmann Nachschau hielt, fand
er den Alten am Fuß der Treppe tot liegen.

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Nun war der König Erbe des einsamen, kinderlosen
Geizhalses.
Trümmelmann wollte gleich in aller Früh fort, um es dem
König zu melden. Doch gerade als er seine Kammer verließ,
hörte er Pferdegetrappel, und bald stand der Alte Fritz mit
wenigen Getreuen selbst vor ihm und rief: "Trümmelmann, es
steht schlecht, vielleicht kannst du noch helfen, her mit dem
Geld und deiner Trommel !" Da berichtete Trümmelmann, was
er erlebt hatte. Neun volle Wagen Gold konnte der König aus
dem Keller wegschaffen lassen, und nun nahm der Krieg bald
eine bessere Wendung und fand schließlich sein Ende.
Der Alte Fritz kannte nunmehr keine Geldsorgen.

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Der unfehlbare Schuß im Prenzlauer Stadtwald

Im großen Prenzlauer Stadtwald war einmal ein Jägersbursche


bedienstet, der auch das entfernteste Ziel nie verfehlte. Einst traf
er im Wald den Prenzlauer Pfarrherrn, und sie gingen eine Weile
mitsammen weiter. Im Gespräch fragte der Pfarrer den
Jägersburschen, ob er denn wohl auch ein sicherer Schütze sei.
"Wie ich schieße, will ich Ihnen gleich zeigen", antwortete der
Bursche. "Sehen Sie dort den Raben fliegen? "
Der Pfarrer bejahte, bemerkte aber zum Jäger, daß es doch
schier unmöglich sei, aus solcher Entfernung einen Vogel zu
treffen. Der Jägerbursche lächelte, murmelte ein paar Worte in
fremder Sprache und riß das Gewehr an die Backe. Der Schuß
krachte, und der Rabe fiel wie ein Stein zur Erde. Stolz auf sein
Werk wandte sich der junge Forstmann wieder zu dem Pastor,
gewahrte aber, daß dieser sehr ernst, fast verstört aussah.
"Nun," fragte er heiter, "gefiel Ihnen der Schuß?"
"Der Schuß war gut," gab der Pfarrer zur Antwort, "aber, mein
Sohn, ist dir auch die Bedeutung des Spruches bekannt, den du
gebraucht hast?"
"Nein," sagte der Forstgehilfe, "was er bedeutet, weiß ich
nicht. Ich habe ihn von einem alten Jäger gehört, der ihn wohl
selbst nicht verstand."
"So höre," erwiderte der Pfarrherr ernst, "ich werde dir den
arabischen Spruch verdeutschen, er lautet:
Teufel, komm, halt mir das Tier; Ich gebe dir Leib und Seele
dafür."
Als der Jägersbursche das hörte, wurde er leichenblaß. "Bei
Gott,"
rief er, "das habe ich nicht gewußt." Dann nahm er seine Flinte
und zerschlug sie am nächsten Baum. Er hat nie wieder einen
Schuß abgegeben.
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Die Erlösung des Großmütterchens in Gransee

Wer vor langen Jahren auf der Straße von der Stadt Gransee
nach dem Dorf Schönermark wanderte, konnte, wenn er das alte
Stadttor im Rücken hatte, gleich zur Linken mitten in Gärten ein
kleines Gehöft erblicken, unansehnlich und zerfallen. In der
ganzen Stadt war das Gerücht verbreitet, daß es dort spuke, und
jedermann scheute sich, in dieser Gegend zu wohnen.
Eines Tages ließ sich ein junges, armes Brautpaar trauen. Die
Hochzeit wurde gefeiert, aber nirgends in der Stadt war eine
Wohnung zu finden, wo die jungen Leute hätten unterkommen
können. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als das verrufene
kleine Haus zu beziehen. Lange wohnten sie darin friedlich,
nichts geschah; weder bei Tag noch bei Nacht trat etwas
Auffallendes ein.
Da, eines Abends, tat sich die Tür auf, und herein trat ein altes
Mütterchen mit einem Schemel und einem Spinnrocken in den
Händen, setzte sich am Kaminfeuer nieder und begann zu
spinnen, ohne ein Wörtchen zu sagen. Nach ein paar Stunden
erhob sich die alte Frau und ging stillschweigend, wie sie
gekommen, wieder zur Tür hinaus. Anfangs erschraken die
jungen Leute über die Erscheinung; als sich aber der
merkwürdige Besuch Abend für Abend wiederholte, gewöhnten
sie sich daran und blieben ruhig beieinander an ihrem Tische
sitzen, während die Alte am Kamin ihren Faden spann. Nur eins
wunderte die beiden, daß nämlich die Frau auf keine ihrer
Fragen antwortete, sondern immer schwieg, als ob sie nichts
hörte.
Einmal ging der junge Mann in die Stadt; es war gegen Abend,
und seine junge Frau bat ihn, recht bald wiederzukommen.
"Nun, du wirst dich doch nicht fürchten?" erwiderte der Gatte.

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"Großmütterchen" - so pflegte nämlich das Ehepaar die Alte
zu nennen, sooft von ihr die Rede war - "Großmütterchen ist ja
bei dir."
Mit diesen Worten verließ der junge Ehemann die Stube.
Die Frau blieb zurück, setzte sich am Tisch nieder und schaute
unverwandt der Arbeit des Mütterchens zu, das auch heute
wieder erschienen war. Plötzlich rief sie: "Großmutter, Ihr
spinnt ja nach links herum!"
"Meine Tochter," gab ihr die Alte zurück, "ich danke dir; mit
diesen Worten hast du mich erlöst. Zum Lohne aber für die
Wohltat, die du mir erwiesen hast, tue ich dir kund, daß hier
unter diesen Steinen, auf denen mein Schemel und mein
Spinnrocken stehen, ein Topf mit vielem Gelde verborgen liegt.
Grabe ihn aus, doch so, daß dein Mann nichts davon sieht, und
verbirg ihm das Geheimnis, das ich dir anvertraut habe, bis zum
dritten Tag; dann wird euch der Schatz zu glücklichen Leuten
machen. "
Damit ergriff das Mütterchen Schemel und Spinnrocken und
verließ das Zimmer, um nie wieder zu erscheinen. Das junge
Ehepaar aber gelangte von da an zu Wohlstand und Glück.

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Die Roggenmuhme

Wenn das Getreide am höchsten steht und die sommerliche


Mittagshitze sich über Feld und Wiese ausbreitet, dann geht die
Roggenmuhme über Land. Unsichtbar schwebt sie einher, und
wenn sie Kinder am Rande des Kornfeldes sieht, die Mohn- und
Kornblumen suchen, dann lockt sie das ahnungslose Völkchen
immer tiefer in das wogende Meer der Halme. Wehe den
Kleinen, die ihr folgen! Bald schlagen die Halme über den
Köpfen der Kinder zusammen, sie werden von unerträglicher
Müdigkeit befallen und sinken mit glühend heißer Stirn und
brennenden Wangen in dem lispelnden Gewoge zu Boden.
Deshalb sind die Mütter ängstlich bedacht, ihre Kinder an
Julitagen nicht aufs Feld zu schicken; denn die Roggenmuhme
sitzt auf der Lauer.

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Die Teufelsmühle bei Neu-Brandenburg

Unweit Neu-Brandenburg lagen vor alters nicht weit


voneinander in einem großen, finsteren Laubwald zwei
Wassermühlen. Die eine davon hieß die Teufelsmühle, weil der
leibhaftige Teufel darin wohnte. Dieser hatte mit dem Besitzer
der andern Mühle einen Pakt abgeschlossen, wonach der Müller
dem Teufel an jedem ersten Ta im Monat eine Seele abliefern
mußte. Der Müller erfüllte seinen Vertrag pünktlich. Bald aber
war er in den allerärgsten Verruf geraten, denn alle seine
Gesellen waren regelmäßig nach kurzer Zeit immer wieder
spurlos verschwunden. Eines Tages kam ein Müllerbursch aus
dem Schwabenlande zu ihm gewandert. Er hatte keinen Heller
mehr im Beutel und war ganz abgerissen, deshalb suchte er um
jeden Preis Arbeit. Der Müller nahm ihn auch sofort auf und gab
ihm bekannt, daß er am Ersten jedes Monats eine Fuhre
Sägespäne zu fahren habe.
Der Geselle erklärte sich bereit, diese Arbeit zu übernehmen,
und fuhr am andern Tag, der gerade der Monatserste war, mit
seiner Ladung zur Teufelsmühle hinab. Als er dort angekommen
war, trat ein Herr in weitem Mantel vor das Haus und befahl
ihm, die Sägespäne in eine tiefe Grube zu werfen, die im Hof
ausgehoben war. In diese Grube hatte der Teufel früher stets
unversehens die Gesellen hineingestürzt, wenn sie sich zum
Abladen arglos dem Rand der Grube genähert hatten.
Der Müllergeselle, der schon vieles von der Mühle und ihrem
Bewohner gehört hatte, weigerte sich, die Fuhre abzuladen, weil
er dazu nicht gedungen sei. Wohl oder übel mußte sich jetzt der
Teufel selbst an die Arbeit machen. Kaum bückte er sich jedoch
über das tiefe Loch, um einen Armvoll Sägespäne
hinunterzuwerfen, als der schlaue Schwabe ihn fix beim Schopf
faßte und kopfüber hinabwarf.

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Gleich darauf stieg aus der Grube ein greulicher
Schwefeldampf empor, und mit donnerndem Geprassel brachen
die Mühle und alle Gebäude des Gehöfts zusammen; von dem
Teufelssitz blieb nichts übrig. Eine Rauchsäule erhob sich über
den Trümmern und senkte sich dann in die Grube, in die der
Teufel gestürzt war. Der mutige Müllergeselle zog leichten
Herzens mit seinem Gespann von dannen, der Teufel aber war
von da an um seine Beute geprellt.

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Die drei Linden auf dem Heiligen-Geist-Kirchhof
zu Berlin

Auf dem Kirchhof des Hospitals zum Heiligen. Geist in Berlin


standen vor vielen Jahren, wie ältere Leute noch von ihren
Vorfahren gehört haben mögen, drei große Linden, die mit ihren
dichten Kronen den Raum weithin überschatteten. Das
Wunderbarste an diesen Bäumen aber war, daß sie mit den
Kronen in die Erde gepflanzt waren und dennoch ein so
herrliches Wachstum erreicht hatten. Dieses Wunder hatte die
göttliche Allmacht bewirkt, um einen Unschuldigen vom Tode
zu erretten.
Vor vielen Jahren lebten nämlich zu Berlin drei Brüder, die
einander mit der herzlichsten Liebe zugetan waren und mit Leib
und Leben für einander einstanden. Doch ihr Glück wurde
plötzlich durch einen Vorfall gestört, den sich keiner hätte je
träumen lassen. Obgleich alle drei bisher einen vollkommen
unbescholtenen Lebenswandel geführt hatten, wurde doch einer
von ihnen des Meuchelmordes angeklagt und sollte den Tod
erleiden, weil alle Umstände die ihm zur Last gelegte Tat
wahrscheinlich machten. Sämtliche Unschuldsbeteuerungen
waren erfolglos geblieben.
Noch saß der junge Mann im Gefängnis, als eines Tages seine
beiden Brüder vor dem Richter erschienen und jeder von ihnen
sich des begangenen Mordes bezichtigte. Kaum hatte dies der
zum Tod Verurteilte vernommen, als auch er, obzwar schuldlos,
die Tat eingestand, da er erkannte, daß seine Brüder ihn nur
retten wollten.
So standen nun statt eines Täters auf einmal deren drei vor
Gericht; jeder behauptete mit gleichem Eifer, er allein habe den
Mord begangen.
Da wagte der Richter nicht, den Urteilsspruch an dem ersten
vollstrecken zu lassen, sondern legte den Fall noch einmal dem
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Kurfürsten vor. Dieser verordnete, daß hier ein Gottesurteil
entscheiden solle. Er befahl daher, jeder der drei Brüder möge
eine junge, gesunde Linde mit der Krone ins Erdreich pflanzen,
so daß die Wurzeln nach oben stünden; wessen Baum dann
vertrocknen würde, den hätte Gott selbst dadurch als Täter
bezeichnet.
Dieses Urteil wurde beim Anbruch des Frühlings vollzogen
und, siehe da! nur wenige Wochen vergingen, und alle drei
Bäume, die man auf dem Heiligen-Geist-Kirchhofe angepflanzt
hatte, bekamen frische Triebe und wuchsen bald zu kräftigen
Bäumen heran.
So war denn die Unschuld der drei Brüder erwiesen, und die
Bäume haben noch lange in üppiger Kraft an der alten Stelle
gestanden, bis sie endlich verdorrten und anderen Platz machen
mußten.

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Die verwunschene Prinzessin auf den
Müggelbergen

Seltsame Geschichten von einem merkwürdigen Stein auf den


Müggelbergen sind in der Gegend von Köpenick im Umlauf.
Die Müggelheimer erklären zwar, der Stein sei zersprengt und
die Teile zum Bau ihrer Brunnen verwendet worden. Der
Felsblock habe der Teufelsaltar geheißen, und an der Stelle, wo
er gelegen, lodere oft ein Feuer auf, das so hell leuchte, daß man
es sogar in Müggelheim sehe.
Sobald man aber in seine Nähe komme und nur ein lautes
Wort spreche, so verschwinde es.
In Köpenick dagegen behaupten die Leute, der Stein, den man
hier den Prinzessinnenstein nennt, liege noch auf einem Vorberg
in der Nähe des Teufelssees, der ringsum von dunklen Fichten
und Moorgrund umgeben ist. Das Wasser dieses Sees ist von
fast schwarzer Farbe, und obgleich er nur klein ist, hat man sich
doch bisher vergeblich bemüht, ihn zu ergründen.
Der Stein soll an Stelle eines prächtigen Schlosses liegen, in
dem einst eine schöne Prinzessin gewo hnt habe, die nun
verwunschen und mit dem Schloß in den Berg versunken sei.
Sie kommt jedoch zuweilen wieder zum Vorschein; unter dem
Stein sei nämlich eine Öffnung, und von da führe ein Weg tief in
den Berg hinein; daraus sieht man sie abends als altes
Mütterchen am Stabe gebückt hervortreten. Andere Leute haben
sie auch, namentlich um die Mittagszeit, als schönes Weib am
Ufer des Teufelssees sitzen sehen, wie sie sich im Wasser
beschaute und ihre langen Haare kämmte. So sah sie einst ein
kleines Mädchen aus Köpenick, das in der Nähe mit ihrer Mutter
Beeren gesucht und dabei die Mutter verloren hatte; weinend
war die Kleine dann im Wald umhergeirrt. Da hatte die
Prinzessin das Mädchen mit sich in ihr Schloß

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hinuntergenommen und reich beschenkt nach kurzer Zeit wieder
heraufgebracht.
Sieht man die Jungfrau am Abend aus dem Berge
hervorkommen, so trägt sie ein Kästchen, das leuchtendes Gold
enthält; das soll der erhalten, der sie dreimal um die Kirche von
Köpenick herumträgt und sich dabei nicht umsieht; dadurch
wird sie erlöst. Einen Burschen hat,s einmal nach dem Golde
gelüstet, und er hat das Wagestück unternommen. Er hob die
Prinzessin auf den Rücken, denn sie war federleicht, und schritt
mit ihr nach Köpenick. Aber je mehr er sich der Stadt näherte,
desto schwerer wurde die Bürde; doch er hielt tapfer aus und
kam endlich mit ihr ans Ziel. Nun begann er seinen Umgang um
die Kirche. Da erschienen plötzlich Schlangen und Kröten und
allerhand scheußliche Tiere mit feurigen Augen; koboldartige
Wesen stürzten wild hinter dem Burschen her und bewarfen ihn
mit Holzblöcken und Steinen. Aber er ließ sich durch all diese
Schrecknisse nicht beirren und schritt mutig vorwärts. So hatte
er schon den dritten Umgang begonnen und seine Aufgabe fast
vollendet, als ihn ein grellroter Schein blendete, der so
fürchterlich war, als stünde ganz Köpenick in Flammen. Da
vergaß der junge Mensch das Verbot und sah sich um; doch im
selben Augenblick war alles verschwunden, und ein heftiger
Schlag raubte ihm das Leben.
Die Jungfrau aber harrt weiter des Mannes, der sie dereinst aus
ihrer Verbannung erlösen werde, doch hat seit langem niemand
mehr die Prinzessin erblickt.

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Markgraf Hans auf der Jägersburg im
Regenthinsee

Markgraf Hans, von dem man sich in der Neumark vielerlei


Geschichten erzählt, besaß ein altes Schloß auf einer Insel des
Regenthinsees, die Jägersburg. Die Schweden haben es später
zerstört, und kein Stein ist mehr auf dem andern geblieben. Wer
in trockener Jahreszeit an der Stätte des alten Schlosses steht,
bemerkt dicht unter dem Wasserspiegel des tiefen Sees, nicht
weit von der Insel nach Norden zu, einen langen Wall. Mit
diesem hat es folgende Bewandtnis:
Markgraf Hans war ein frommer Herr, der Teufel aber ließ
nichts unversucht, ihn in seine Gewalt zu bekommen. Er erbot
sich einmal, wenn der Markgraf sich ihm mit Leib und Seele
verpfänden wolle, dem Schloßherrn einen Damm vom Ufer bis
zum Schloß zu bauen.
Der Markgraf, der einen Damm nach dem Nordufer wohl
brauchen konnte, war schließlich zu dem Bunde bereit, doch
stellte er dem Teufel die Bedingung, der Damm müsse in einer
Nacht bis zum Hahnenschrei fertig sein. Im stillen aber dachte
er, dies sei auch dem Teufel unmöglich.
In der Nacht begann nun der Böse sein Werk, und dabei halfen
ihm so viele höllische Geister, daß der Bau ungemein schnell
vor sich ging. Um Mitternacht war schon mehr als die Hälfte des
Dammes fertig. Als der Markgraf das schnelle Wachsen des
Teufelswerkes sah, erschrak er und wandte sich in seiner Angst
an seinen Kutscher um Hilfe. Der Kutscher war nämlich ein
schlauer Mensch und wußte auch hier bald Rat.
"Ich werde dafür sorgen," beruhigte er den Markgrafen, "daß
der Hahn eine Stunde früher kräht," und übte sogleich das
Kikeriki, daß er es bald so gut konnte wie ein Hahn. Um ein Uhr
schlich er zum Hühnerstall und fing zu krähen an. Da erwachte
der Hahn und begann laut seinen Morgengruß, noch ehe der
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Teufel sein Werk zu Ende gebracht hatte. Der Markgraf aber
jubelte laut und lachte den Teufel aus.
Als der Höllenfürst erkannte, daß er sein Spiel verloren habe,
machte er sich mit seiner ganzen Helferschar auf und fuhr
wütend durch die Lüfte über die Wälder davon. Dabei entstand
ein so heftiger Sturmwind, daß die Kiefern sich bogen, die Äste
brachen und die Stämme krüppelig wurden.
Noch nach vielen Jahren konnte man an diesen Bäumen, die
im Wachstum zurückblieben, die Richtung erkennen, in der die
höllischen Geister mit ihrem Anführer davongeflogen sind.

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Spuk in Tegel

Tegel ist ein ehemaliges Jagdhaus des Großen Kurfürsten, das


zum Unterschied vom nahe gelege nen Dorf gleichen Namens
Schloß Tegel heißt. Hier war ein Poltergeist zu Hause, der Tag
und Nacht lärmte und den Bewohnern keine Ruhe ließ.
Zunächst war der Geist nur durch sein Lärmen lästig,
schließlich aber fing er an, die Leute mit Steinen zu bewerfen.
Da diese glühend heiß waren, vermutete man, daß das Gespenst
seine Wurfgeschosse direkt aus der Hölle beziehe. Manchmal
knallte der Geist mit Peitschen in den Räumen des Schlosses;
auch mit den Eßwaren trieb er Schindluder und machte sie
häufig ungenießbar, mit dem Feuer aber ging er ganz gefährlich
um. Hie und da konnte man ihn sehen.
Bald zeigte er sich als kleines Männchen, dann war er wieder
riesengroß, einmal sah er wie ein schwarzer Kobold aus, dann
wieder wie ein weißgrauer Dunst. In ganz Berlin kannte man
ihn, in allen Kreisen der Gesellschaft sprach man von diesem
unheimlichen Spuk.
Alle Versuche, ihn zu vertreiben, blieben lange Zeit erfolglos.
Endlich verschwand er und zeigte sich nicht mehr.
Goethe erinnert im Faust spöttelnd an diesen Spuk :
Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel, Wir sind so klug,
und dennoch spukt's in Tegel.

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Sagen aus Franken

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Albrecht Dürer - Dürers Adel

Albrecht Dürer, der große Nürnberger Maler, war beauftragt, die


Wände des großen neuen Rathaussaales zu schmücken. Tag für
Tag arbeitete der Meister an dem »großen Triumphzug des
Kaisers«.
Kaiser Maximilian war gern in Nürnberg, und kam auch einmal
in den Rathaussaal, um Albrecht Dürer bei seiner Arbeit zu
besuchen.
Sie sprachen über die Figuren und der Kaiser lobte manches,
wünschte aber eine Figur ein wenig anders, als der Maler sie
dargestellt hatte. Dürer ließ eine Leiter bringen, stieg rasch
hinauf und warf die Figur nach der Beschreibung des Kaisers
rasch mit Kohle an die Wand. Dabei schwankte die Leiter, so
daß der Kaiser Sorge bekam, sie könnte fallen. Da rief der
Kaiser einen Pagen und hieß ihm, dem Meister die Leiter zu
halten. Der junge Edelmann aber hob seinen Kopf, verneigte
sich vor dem Kaiser, und sagte: »Soll ich, ein Edelmann aus
bestem Stand, einem bürge rlichen Meister dienen?
Das sollen die Diener tun! "
Der Kaiser runzelte die Stirne. Rasch griff er selbst nach der
schwankenden Leiter und sagte zu dem eitlen Tropf: »Was der
Kaiser tut, wird Euch nicht Unehre machen! Auf dieser Seite
ich, auf der dort Ihr."
Als der Künstler, Albrecht Dürer, wieder herabgestiegen war,
wandte sich der Kaiser noch einmal zu dem jungen Herrn und zu
seinem adeligen Gefolge und sagte: »Albrecht Dürer ist in
seinem Reich der Kunst ein Herr und Fürst wie keiner in der
Welt! Aus hundert stolzen Edelleuten kann ich keinen Dürer
machen. Aber wenn ich will, aus jedem meiner Untertanen einen
Edelmann! "
Dann wandte er sich an Dürer: »Knie nieder!« Der Kaiser zog
sein Schwert und sprach: »Dulde diesen Schlag und fürder
keinen mehr!
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Steh' auf als edler Ritter des Heiligen Römischen Reiches! Du
sollst deinen Namen behalten wie bisher. Denn du hast ihn
selber durch deine große Kunst geadelt! Deine Farbe soll
himmelblau sein, mit drei silbernen Schilden zum Zeichen
deiner Kunst deines Fleißes und deiner Bescheidenheit!«

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Das Stundenhorn

In alter Zeit gab es auf den Nürnberger Kirchen und Türmen


noch keine Uhren mit Schlagwerken. Weil es aber auch noch
keine Taschenuhren gab, richteten sich die Nürnberger, wie
damals alle Welt, nach der Sonne. Ab er da gab es manche
Meinungsverschiedenheiten. Und es war nicht leicht, die Zeit
für ein Zusammentreffen auszumachen.
Einmal während eines glänzenden Reichstages im Jahre 1487
war Nürnberger voll von Fürsten, Rittern und ihren Knechten.
Der Markgraf von Ansbach hatte allein 700 Berittene dabei. Die
Fremden waren in der Stadt einquartiert. Da gab es Feste und
Turniere, aber jeden Tag mußte man auf Leute warten, die zu
spät kamen. Da gab der Kaiser Friedrich III den Befehl, auf dem
Sinwellturm ein großes zinnernes Horn anzubringen, das aussah
wie eine große Orgelpfeife und das man mit einem Blasbalg
treten konnte. Ein Mann wurde auf dem Turm angestellt, der
mußte alle Stunden das Horn blasen. Die tiefe Orgelstimme den
"Stundenhorns" klang über die ganze Stadt hin und über die
Mauern hinaus bis in die Wälder. Von da an konnte keiner der
Herren und keiner der Knechte mehr sagen, wenn er zu spät
kam: "Ich habe nicht gewußt, wie spät es war!"

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Das Brettener Hundle

Vor langer Zeit war Bretten einmal belagert worden. Der


Feind hatte die Stadt ringsum eingeschlossen und ließ nichts
herein und nichts heraus. Bald gab es in Bretten nur wenig mehr
zu essen, und die Not wurde täglich größer. Da beschloß der
Rat, die Belagerer durch eine List zum Abzug zu bringen. Ein
runder Mops - man sagt, er habe dem Schultheissen gehört -
wurde recht fett gefüttert und dann zum Tor hinausgelassen,
damit der Feind glaube, in Bretten gebe es noch genug zu essen.
Als die Feinde das fette Hundle zum Tor heraus "quaddeln"
sahen, glaubten sie wirklich, die Brettener müßten noch
Nahrung im Überfluß haben, wenn sie sogar die Hunde so
mästen könnten, und sie zogen ab. Damit aber niemand ihnen
nachsagen könne, sie hätten keinen Schwanz von Bretten mit
heimgebracht, schnitten sie dem Hund das Schwänzle ab. Die
Bürger aber errichteten dem Hündchen ein Denkmal, das heute
noch an der Kirche zu sehen ist.

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Das Christusbild in der Neumünsterkirche zu
Würzburg

Ein Dieb stieg einst in die Neumünsterkirche zu Würzburg ein.


Er hatte bemerkt, daß ein Christusbildnis in der Kirche mit einer
kostbaren goldenen Kette geziert war, die ein frommer
Gläubiger zur Erfüllung eines Gelübdes gestiftet hatte. In ernster
Ruhe verharrte der Gekreuzigte, die Arme fest an den
Kreuzesstamm geheftet.
Strafend schienen die Augen der heiligen Gestalt den
Kirchenräuber anzuschauen; aber der Dieb ließ sich nicht
schrecken. Er nahte dem hölzernen Bild und streckte gierig die
Hand nach der Goldkette aus.
Da ließ das Bild seine Arme vom Kreuzesstamm los und
umklammerte den Dieb. Dieser war aufs höchste erschrocken.
Er ächzte und winselte wie ein Fuchs im Eisen; aber niemand
hörte ihn; denn das Kruzifix stand in der unterirdischen Krypta
der Neumünsterkirche. Doch als dem Dieb die Umklammerung
schier unerträglich wurde, stieß er gellende Hilferufe aus.
Endlich hörten die Leute sein Geschrei. Man nahm den
Verbrecher fest, band ihn und brachte ihn in sicheren
Gewahrsam.
Noch ein zweites Wunder geschah: die Arme des
Gekreuzigten blieben in der gleichen Lage, auch als sie den
Dieb losgelassen hatten, wie bei der Umfassung ausgestreckt,
und so wird das Bild bis in unsere Zeit gezeigt und angestaunt.

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Das Drudendrücken in Nürnberg

Ein Schuster zu Nürnberg hatte einst einen neuen Gesellen


bekommen. Das war ein frischer Bursche von kräftiger Gestalt
und gutem Aussehen. Etliche Wochen verstrichen, da begann
dieser Schustergeselle abzumagern, daß er für alle, die ihn
vorher gekannt hatten, jämmerlich anzuschauen war. Besonders
des Morgens schlich er matt und mühselig in die Werkstätte zur
Arbeit und bekam noch dazu Scheltworte von seinem Meister
oder Stichelreden von den übrigen Gesellen zu hören.
Als dem Burschen endlich das Gespött der andern zu arg
wurde, rückte er einmal mit der Sprache heraus und erzählte,
daß er bei Nacht von einer Drude, einer schlimmen Hexe,
gedrückt werde und es im Haus nicht mehr länger aushalten
könne. Nun meinte der Obergeselle, dem wäre abzuhelfen, er
wisse ein unfehlbares Mittel, das dem geplagten Kameraden
Ruhe verschaffen werde.
Der Schustergeselle tat, was ihm der andere auftrug. Des
Nachts nämlich stellte er sich schlafend und horchte, als es
Zwölf geschlagen hatte, ob sich die Drude einstellen werde. Auf
einmal hörte er etwas vor der Tür rauschen, als ob Papier
zusammengedrückt würde; dann war es einen Augenblick still,
und plötzlich vernahm er ein lautes Blasen vom Schlüsselloch
her. Das war der Augenblick, in dem die Drude zu nahen und
sich mit einem Plumps auf ihn zu werfen pflegte. Diesmal aber
kam ihr der Schustergeselle zuvor und warf blitzschnell sein
Kopfkissen auf den Boden. Sodann machte er gleich Licht, um
die Hexe zu sehen, die nun, wie man ihm gesagt hatte, auf dem
Kopfkissen sitzen sollte. Da lag aber nichts als ein winziges
Strohhälmchen, das er sogleich zerknickte und beim Fenster
hinauswarf.

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Am nächsten Morgen fand man die alte häßliche Nachbarin
des Schusters, so berichtet die Sage, mit gebrochenem Bein auf
der Straße liegen.

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Das Gänsemännlein

Hinter der Kirche "Unserer lieben Frauen" steht ein kleiner


Brunnen.
Er zeigt einen Bauern, wie man ihn auf dem Nürnberger Markt
oft sehen kann. Der Bauer trägt zwei Gänse unter seinen Armen.
Es sind ganz besondere Gänse; denn sie speien aus ihren
Schnäbeln frisches, helles Wasser in das Becken; das unter
ihnen angebracht ist. Das "Gänsemännlein" so heißt der
Brunnen soll ursprünglich gar nicht für diesen Platz gegossen
worden sein. Der Rat wollte eigentlich ein Bild der Heiligen
Magdalis haben; aber der Meister hatte soviel anderes zu tun,
dass er zu diesen kleineren Auftrag nicht kann.
Endlich gab er dem Rat als Ersatz sein Gänsebauern. Es gab
zwar Stimmen, die an dieser heiligen Stelle keine so einfache,
gewöhnliche Figur aus dem Volk sehen wollten; aber weil der
Künstler ein großer Meister - es war Pankraz Labenwolf und das
Gänsemännlein ein wirklich feines Kunstwerk war, waren sie
schließlich doch alle zufrieden.

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Das Nassauer Haus

Nicht weit von der Lorenzerkirche, am Rand des


Lorenzerplatzes, steht ein hohes Haus, das wie ein kleines
Schlößlein aussieht. Die einen sagen, König Adolf von Nassau
hätte es gebaut, andere behaupten, es sei ein altes Nürnberger
Patrizierhaus; wieder andere erzählen aber, daß es gar ein
Castell gewesen sei, das mitten in der Stadt als wehrhafter Turm
aufgerichtet worden sei.
In Wirklichkeit war das heutige Nassauerhaus im Besitz einer
alten Nürnberger Ratsfamilie, namens Ortlieb. Die Familie war
reich und hatte so viel Geld, daß sie nicht nur ihr Haus innen
und außen aufs feinste schmücken und einrichten konnte,
sondern darüber hinaus noch Geld übrig hatte, um es in der
Stadt und außerhalb auszuleihen gegen guten Zins. Sogar dem
Kaiser soll sie Geld geliehen haben.
Die kleine Balustrade oben in einem der obersten Stockwerke,
an der man viele farbige Wappen sehen kann, erzählt davon, wie
die Ortlieb dem König Sigismund einst 1500 rheinische
Goldgulden geliehen haben, und wie der König ihnen dafür die
deutsche Kaiserkrone als Pfand gegeben hat. Damals wurde für
die Krone der kleine Balkon gebaut. Von dort oben soll sie dem
Volk gezeigt worden sein.

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Das Reierer Freßglöcklein in Würzburg

Im Reierer Kloster versah einmal ein Sakristan die kirchlichen


Geschäfte, der nie gerne gebetet hatte; doch sobald es zum
Essen ging, war er immer der erste. Mittags um zwölf mußte er
das "Ave Maria" läuten, aber er hat es nie ganz ausgeläutet: das
letzte "Gegrüßet seist du, Maria" ließ er jedesmal weg, damit er
ja bald zum Essen komme.
Lange Jahre trieb er es so fort. Doch als er dann auf dem
Totenbett lag, beichtete er diese Unterlassung. Zur Strafe dafür
mußte er nach seinem Tode so lange als Geist umgehen, bis sein
Nachfolger, der neue Sakristan, alle "Gegrüßet seist du, Maria"
nachgeholt hatte.
Deshalb war dieser genötigt, viele Jahre länger zu läuten.
Das Glöcklein aber, das so hell klingt, daß man's unter allen
Glocken von Würzburg heraushört, nannte man von der Zeit an
s' Reierer Freßglöcklein. Immer noch, wenn mittags um zwölf
Uhr das Glöcklein ertönt, sagen die Leute zueinander: "Hörst es,
s' Reierer Freßglöckle läutet."

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Das Vesperläuten zu Aub

Nahe bei Aub liegt die Ruine der Burg Reichelsberg. Hier
hauste in alten Zeiten ein Rittergeschlecht. Noch sieht man
verschiedene Gewölbe, den Burghof, die Burgkapelle und
andere Reste des Baues.
Einmal, an einem rauhen Winternachmittag, ging ein
Burgfräulein von Reichelsberg in den Wald hinunter, um sich
mit einem Ritter zu treffen, den sie liebte. Aber sie verfehlte den
Weg und fand den Erwarteten nicht. Mittlerweile brach der
Abend an, ein dichtes Schneegestöber hüllte Wald und Feld ein,
und alle Wege waren im Nu verschneit. Das arme Fräulein fand
den Rückweg in die Burg nicht mehr. In ihrer Angst rief sie
immer wieder laut um Hilfe. Aber kein Mensch regte sich, kein
lebendes Wesen ließ sich blicken, auch die Tiere des Waldes
hatten sich in ihre Verstecke zurückgezogen.
Fürchterlich heulte der Sturm, eisige Kälte drang dem
zitternden Fräulein bis auf die Knochen.
In dieser Not flehte die Arme zum Himmel und bat Gott
inständig, sie doch aus ihrer jammervollen Lage zu retten und
ihr ein Zeichen zu geben, damit sie einen Ausweg aus dem
Elend finde. Während sie noch schluc hzend im Schnee kniete,
hörte sie von einem nahen Dorf her eine Glocke läuten. Neue
Hoffnung zog in das Herz des verzweifelten Fräuleins, freudig
ging sie dem Schalle nach und kam auch bald an die Gollach, an
der entlang der Weg nach der Burg Reichelsberg führte. Diesen
Weg kannte sie; nun war sie gerettet.
Voll Dankbarkeit gelobte sie, ein Geläute zu stiften, das in
Aub aufgehängt werden sollte.
Und heute noch ertönt der Schall dieses Glöckleins allabends
um sieben Uhr von Martini bis zu Petri Stuhlfeier. Der helle
Klang hat schon manchem verirrten Wanderer auf den richtigen
Weg geholfen.
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Das zerhackte Lederkoller

Der Schwedenkönig Gustav Adolf wollte keinen Panzer


anziehen. Er wollte auch keinen Schild und sagte, wenn man
ihm von den Gefahren des Kampfes erzählte: »Gott ist mein
Schild«. Er trug wie seine einfachen Soldaten ein ledernes
Koller, das gegen Stiche und Hiebe immerhin eingen Schutz bot.
Gustav Adolf war immer einfach gekleidet. So trug er, solange
er in Deutschland war, ein altes Lederkoller, das von Hieben
und Stichen zerhackt und zerfetzt war und das Sonne und Regen
unansehnlich gemacht hatten.
In Nürnberg war ein berühmtes Zeughaus, in dem die
schönsten Panzer ausgestellt waren, die es überhaupt auf der
Welt gab. Da sah man mit Silber und mit Gold eingelegte,
prächtige Rüstungen. Als der König zu diesen schönen Waffen
kam, sagte einer der Herren, die ihn führten: »In diesen
Rüstungen haben manch tapfere Männer und große Helden um
Ehre und Heimat gekämpft doch ist wohin in keiner ein so
unvergleichlicher Recke gesteckt, wie in dem zerhackten
Lederkoller das Eure Majestät tragen.« Diese Worte waren ein
wenig dick aufgetragen; aber der König ärgerte sich nicht. Am
andern Tag kam ein Paket zu dem Zeugmeister der Stadt
Nürnberg und drinnen lag der alte, zerhackte Lederkoller des
Königs Gustav Adolf. Viele Jahre lang hat man das Lederkoller
des Schwedenkönigs im Nürnberger Zeughaus gezeigt.

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Der Burggraf wird eingemauert

Auf dem Nürnberger Burghügel standen drei Burgen: Die


Kaiserburg, die Burggrafenbur g und die Hasenburg. Die
Kaiserburg diente den deutschen Königen und Kaisern zum
Aufenthalt, wenn sie sich in der Stadt aufhielten. Die Hasenburg
war das Wohnhaus der Herren von Hase, die erblich den
Torschutz der Kaiserburg verliehen bekommen hatten. Die
Burggrafenburg war die Wohnung der Vögte, die für den Kaiser
die Burg schützten, das Gebiet des sog. Nordgaues verwalteten
und die Zehnten einzogen. Als die Stadt Nürnberg Reichsstadt
geworden war, war dem Burggrafen ausdrücklich das Recht
genommen, sich in innere Nürnberger Verhältnisse
einzumischen. Trotzdem versuchten die Burggrafen immer
wieder in der Stadt zu bestimmen. Die Nürnberger aber wehrten
sich mit großer Ausdauer dagegen. So gab es zwischen den
Nürnbergern und den Burggrafen immer wieder Streit. Als
Kaiser Karl IV. den Burggrafen von Nürnberg, Friedrich V,
seinen Schwiegersohn, gar zum Reichsfürsten ernannt hatte, da
wurde der Stolz des Herren noch größer und die ganze Schar um
ihn herum sah mit Spott und Verachtung auf die "Spiessbürger"
und "Pfefferbälge" der Reichsstadt herunter. Die burggräflichen
Knechte zogen oft nachts in die Straßen der Stadt hinunter und
johlten und schrien, läuteten an den Glocken der Häuser,
schlugen mit ihren Lanzen an die Haustore und trieben sonst
noch allerlei Schabernack. Wenn der Rat der Stadt sich
deswegen beim Burggrafen beklagte, dann wurde er abgewiesen
und verhöhnt. Da wandten sich die Nürnberger schließlich an
den Kaiser und erbaten die Erlaubnis, um die Burg des Grafen
eine Mauer bauen zu dürfen, deren Tore in der Nacht versperrt
wurden, damit die Knechte nicht mehr in die Stadt kommen und
dort Unfug stiften könnten. Der Kaiser gab gegen gute
Bezahlung die Erlaubnis.

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Als der Burggraf einmal für längere Zeit fortgeritten war,
machte sich die ganze Bürgerscha ft daran und baute innerhalb
von 14 Tagen eine Mauer auf, die ganz eng um die
Burggrafenburg herumlief. Das war im Jahr 1372. Als der
Burggraf von seiner Reise zurückkam, fand er seine Wohnung
und seinen Hof von dieser Mauer umgeben und die Tore
verschlossen. Er mußte den Nürnberger Stadtwächter an dem
Tor zu seiner Burg um Durchlaß bitten. Da war der Burggraf
zornig. Er verlangte, dass die Nürnberger auf der Stelle die
Mauer abrissen, und, als die sich auf den Kaiser beriefen, sagte
er: "Kaiser hin, Kaiser her! Ich will die Mauer nicht leiden" Der
Kaiser war sein Schwiegervater; aber Friedrich V., der zornige
Burggraf, erreichte nichts bei ihm. Im Groll ritt er vom
Kaiserhof und wollte einen Krieg anfangen. Der Kaiser aber
wußte, dass die Nürnberger keinen Krieg führen wollten und
machte ihnen einen Vorschlag zur Vermittlung.
Die Nürnberger überlegten sich, dass ein Krieg ihnen großen
Schaden tun würde und waren bereit, 5000 Gulden für die
Mauer zu bezahlen. Sie versprachen auch, dass sie das Tor in
Friedens zeiten abhängen wollen, damit der Burggraf mit seinem
Gesinnte ungehindert jederzeit durchreiten könnte. Nur für den
Kriegsfall und für anderen Unfrieden ließen sie sich
ausdrücklich das Recht bestätigen das Tor wieder einzuhängen.
Von da an gefiel es den Burggrafen nicht mehr auf der
Nürnberger Höhe wo sie solange fürstlich gewohnt hatten. Sie
zogen nach Kadolzburg, wo sie ungehindert aus ihrem Schloß
aus- und einreiten konnten, wann sie wollten.

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Der Dudelsackpfeifer

In den ersten Jahren des 15. Jahrhunderts war die Pest in


Europa.
Wer von der Krankheit gepackt wurde, bekam plötzlich am
ganzen Körper schwarze Punkte. Und wenn diese Zeichen zu
sehen waren, starb der Mensch meist nach ein paar Stunden. Die
Pest wanderte durch die Länder von Ort zu Ort, von Stadt zu
Stadt; wenn sie irgendwo auftrat, flohen die Menschen in
schrecklicher Angst, und weil jedesmal schon eine Anzahl
angesteckt waren, wurde gerade durch diese panische Flucht die
Pest nach allen Seiten ausgebreitet.
Auch in Nürnberg starben damals ganze Straßen aus. Die
Kranken lagen hilflos dort, wo sie gerade ohnmächtig geworden
waren: in ihren Stuben, auf den Treppen, in den Straßen und an
den Brunnen.
Jeden Tag fuhr einmal der Pestwagen vorbei und der Kutscher
lud die Toten auf, wie er sie fand, oder wie sie ihm gemeldet
wurden.
draußen vor der Stadt war ein großes Loch gegraben; in das
wurden die Toten hineingeworfen, wie sie waren. Kein Mensch
konnte in diesen Tagen daran denken, die Toten zu waschen
oder besonders zu kleiden, sie in Sarge Zu lege n oder eine
regelrechte, feierliche Beerdigung zu halten.
In diesen Tagen lebte ein Musikant in Nürnberg, der in den
Wirtschaften bei Wein und Bier den Dudelsack blies und von
dem lebte, was ihm die Zecher zuwarfen. Er war aber selber ein
guter Trinker, und alles, was er da verdiente, nahm den Weg
durch seine Gurgel. Er war lustig und guter Dinge den ganzen
Tag und ließ sich auch von der Pest nicht schrecken.
Einmal war es wieder recht lustig gewesen im Wirtshaus. Der
Musikant hatte gedudelt und ein paar Gläslein zuviel erwischt.

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Als sein Geld aus war, und er nach Haus wanken wollte, kam
ihm die frische Luft zu gewaltig über den Kopf, und er blieb -
übervoll wie er war - mitsamt seinen' Dudelsack mitten auf der
Straße liegen. Kurze Zeit, nachdem er sich an dem harten Ort
zum Schlafen gelegt hatte, fuhr der Pestwagen vorbei. Der
Fuhrmann hielt das betrunkene Pfeiferlein, das wie leblos auf
der Straße lag, für einen, den die Pest umgebracht hatte, nahen
ihn auf und schob ihn ohne langes Besinnen zu den andern
Toten auf seinen Wagen.
Damals waren die Straßen in Nürnberg noch nicht so gut
gepflastert wie heute. Da waren Rinnen und Löcher. Und als der
Wagen nun so dahinholperte, wachte der Pfeifer auf. Da sah er
sich unter lauter Pesttoten auf den Wagen, vor dem alle
Menschen davon liefen, damit sie nicht angesteckt würden! Er
rief, aber niemand hörte ihn. Er wollte abspringen, aber die
große Last der Toten, die nach ihm aufgeladen waren, lag über
ihm und er konnte sie nicht abwerfen. Da kam ihm das
Mundstück von seinem Dudelsack ins Gesicht. Er faßte es mit
dem Mund und fing zu blasen an: ein lustiges Stückelten nach
dem andern. Der Kutscher vorn auf seinem Bock hörte die Töne
hinter sich. Er fragte bei sich: "Seit wann blasen die Toten den
Dudelsack?" Er schlug auf seine Tiere ein und in rasender Fahrt
kam er draußen an' Massengrab an. Als er die Toten in die
Grube warf, hörte er noch immer die lustigen Töne, die gar nicht
passen wollten zu seinem traurigen Geschäft. Da stand das
Pfeiferlein auf und jagte damit dem Kutscher noch einmal einen
Schrecken ein.
Der Fuhrmann und der Pfeifer dachten, dass es nicht länger als
ein paar Tage dauern werde, bis die Pest das Pfeiferlein doch ins
Massengrab hole. Der Dudelsackpfeifer ging aber wieder ins
Wirtshaus und wartete dort bei lustigen Tönen und bei manchen
Tänzeln, was kommen sollte. Doch es kam nichts. Der
Dudelsackpfeifer blieb frisch und gesund und war einer von den
Wenigen, die noch am Leben waren, als die Pest erlosch. Dort,

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wo der Platz vor der Heilig-Geist-Kirche eine kleine
Ausbuchtung macht zum Eingang des Heugässleins und der
Ebnersgasse, da steht ein Brünnlein. Auf dem aus Erz gegossen
der lustige Dudelsackpfeifer steht.

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Der Friedensschuß

Wir wissen heut' wie die Menschen sich nach langen Kriegen
nach dem Frieden sehnen können. Das war nach dem
dreißigjährigen Krieg vor über 300 Jahren nicht anders.
Endlich war der Vertrag in Münster und Osnabrück zustande
gekommen. Der Krieg sollte in Deutschland gänzlich aufhören.
Da freute sich alles. Ein Fest nach dem andern wurde gefeiert.
Das schönste, prächtigste und berühmteste aber war das große
Friedensfest in Nürnberg. Das gab der schwedische Obergeneral
Pfalzgraf Karl Gustav von Zweibrücken im großen Rathaussaal
am 16. September 1649.
Mit Lorbeer und Palmen war der Saal geschmückt. Der Boden
war mit Binsen bestreut, 200 Wachskerzen leuchteten ringsum.
Bald nach Mittag versammelten sich droben die Fürsten und
Herren. Aber auch das Volk in den Straßen sollte etwas
abbekommen. Ein großer hölzerner Löwe wurde ins Saalfenster
gestellt. Der spie aus seinem Rachen roten und weißen Wein zur
gleichen Zeit, eine gute Stunde lang. Das gab drunten ein Stoßen
und Drängen, ein Rufen und Schimpfen und ein Gelächter, daß
die großen Herrn an den Saalfenstern eine gute Unterhaltung
hatten. Danach saß man schön nach Rang und Würden geordnet
im Saal und ließ sich sechs Gänge der Festmahlzeit aus 600
Schüsseln, die aufgetragen wurden, gut schmecken. Die besten
Früchte, feines Zuckerwerk und Marzipan bildeten den
Nachtisch. Liebliche Düfte wurden im Saal verbreitet.
Springbrunnen von Rosenwasser sprangen. Dazu gab es guten
Wein, soviel und von welcher Sorte man wollte. Trompeten und
Pauken begleiteten die Trinksprüche und draußen auf der Burg
brummten die Feldschlangen und Kanonen einen kräftigen Baß
dazu.
Als unter Lachen und fröhlichen Scherzen die Nacht
gekommen war, da kam das Ende des Festes heran. Auf einmal

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klang eine tiefe Kommandostimme durch den Saal: »Morgen,
ihr Kriegsgenossen und Kameraden, sind wir in alle Welt
verstreut und begegne n uns nie wieder! Wollen wir doch vor
unserer Trennung noch einen Umzug halten durch den Saal als
unser letztes kriegerisches Manöver!« Die alten Krieger stellten
sich mit Freuden noch einmal auf, ehemalige Feinde und
Freunde in einer Reihe, die Generäle und Obersten aller Länder,
die am Krieg beteiligt waren. Dann begannen sie mit heller
Musik ihren letzten Kriegsmarsch zwischen den Tische und
Bänken des Saales. Und als ein donnerndes Halt das Ganze zum
Stehen brachte, da riß der schwedische Oberst Wrangel seine
Pistole von der Seite und rief mit dröhnender Stimme über die
Versammlung: »Der Friede ist geschlossen; so hab ich ferner
keine geladene Wehr nötig: Friede und Freude dem deutschen
Land immerdar."
Da krachte der Schuß, und die Kugel flog klirrend durch die
Scheibe des hohen Saalfensters. Der Oberst hatte in seinem
Eifer ganz vergessen, dass er nicht draußen im Feld, sondern im
schön verzierten Rathaussaal war. Der Schuß soll der letzte im
ganzen dreißigjährigen Krieg gewesen sein.

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Der Goldene Ofen

Dort, wo heute noch der Gasthof "Zum deutschen Kaiser"


steht war früher ein wunderschönes Patrizierhaus. Weil die
Rosenhart -so hiessen die Besitzer früher her Glockengießer
gewesen waren nannte man ihr Haus nur den Glockenstuhl. Die
Leute waren reich und sammelten die allerschönsten Möbel und
die allerwertvollsten:
Kleinodien. Sie ließen sich auch einen wunderschönen Ofen
bauen der war mit schönen Bildwerken überall verziert; die 12
Aposteln waren darauf zu sehen. Der Ofen hieß in der Stadt nur
der "goldene Ofen". Er war so schön daß ihn später ein
bayerischer König in sein Schloss geholt haben soll.
Einmal waren spanische Soldaten in Nürnberg einquartiert Sie
waren wild, praßten viel und drangsalierten die Nürnberger
Bürger, wo sie konnten. Da war auch ein spanischer Soldat im
"Glockenstuhl untergebracht. Der war anders als seine
Kameraden, und weil er in dem Haus gut verpflegt und gut
behandelt wurde, war er dankbar und ließ seinen Quartierleuten
nichts geschehen.
Der brave Spanier kam einmal abends noch in die Schenke, in
der die Soldaten zusammenkamen. Da hörte er, wie seine
Kameraden miteinander ausmachten daß jeder in derselben
Nacht zu einer festgesetzten Stunde seinen Quartierherrn
ermorden und das ganze Haus ausplündern solle. Sie zwangen
jeden, der dabei war, bei seinem Eid zu versprechen, daß er
keinem Menschen etwas sagen wolle. Der Spanier kam nach
Hause, ging in sein Zimmer und dort unruhig auf und ab. Er
hätte gerne seine freundlichen Wirte gewarnt, aber er nahm
seinen Eid ernst und fürchtete sich vor der Strafe des Himmels.
Da sah er den goldenen Ofen in seinem Zimmer stehen. Er
machte die Tür auf und rief laut hinein: "Ofen merk auf! ich will
dir etwas sagen, was du nicht vergessen darfst. Es sind nur noch

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ein paar Stunden; da werden alle Hauswirte von den spanischen
Soldaten umgebracht. Ich hab' schwören müssen, daß ich es
keinem Menschen sage. Aber du, goldener Ofen, bist ja kein
Mensch!" Der Hauswirt aber saß mit seiner Familie unten vor
dem Kamin in seiner Wohnstube. Laut drangen die Worte aus
dem Kamin heraus. Der Herr verstand sie sofort, lief zum Rat
und teilte mit, was er gehört hatte. Schnell wurde die
Bürgerwehr zusammengerufen, und alle Spanier wurden
gezwungen, noch in der gleichen Nacht die Stadt zu verlassen.
Das geschah im letzten Augenblick. In manchen Häusern hatte
das Plündern schon begonnen, an dem berühmten goldenen
Ofen war auch schon mancher Schaden geschehen.

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Der Hausgeist zu Nürnberg

Zu Nürnberg ist es Brauch, jährlich wenigstens einmal das


ganze Haus von oben bis unten zu reinigen, "stöbern" wie die
Nürnberger sagen. Das sollte nun auch in einem Hause der
Laufergasse geschehen, während der Herr und die Frau auf einer
Reise abwesend waren. Vorher hatten sie der Magd den Auftrag
gegeben, alles fleißig zu stöbern bis auf eine Kammer unter der
Stiege, die verschlossen bleiben sollte.
Als nun die Herrenleute abgereist waren, wurde die Magd von
Neugier geplagt, was denn wohl in der Kammer sein könne, die
sie nicht aufschließen durfte. Kaum war sie am Abend mit dem
Stöbern fertig, ließ sie ihrem Verlangen freien Lauf. Die
Kammertür war mit einem großen alten Schloß versperrt, auf
dem drei weiße Kreuze mit Ölfarbe gemalt waren. Die Magd
probierte nun alle Schlüssel, doch keiner wollte passen. Endlich
fand sich noch ein ganz verrostetes Ding, womit sich das Schloß
aufsperren ließ, so daß sie die Tür öffnen konnte.
Eine finstere Kammer voll Staub und Moder tat sich vor der
Magd auf, so daß sie sich gar nicht hinein getraute. In der Mitte
des Raumes lag ein großer grauer Pelz auf dem Boden. Während
die neugierige Person verwundert darauf hinblickte, begann sich
der Pelz plötzlich zu regen und wurde immer größer und größer,
so daß das Mädchen, von Entsetzen gepackt, davonlief. Da
ertönte hinter ihr ein schallendes Gelächter, das der zitternden
Magd in alle Glieder fuhr.
Als die Herrschaft nach einiger Zeit wieder nach Hause kam,
erzählte die Magd mit ängstlicher Stimme, was vorgefallen war.
Da wurde der Herr zornig und jagte die Magd aus dem Dienst,
denn sie hatte einem Geist die Freiheit gegeben, der vormals das
Haus beunruhigt hatte und durch einen Geistlichen in die
Kammer gebannt worden war. Nun trieb das Gespenst aufs neue

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sein Unwesen im Hause und gab seine Schadenfreude
allenthalben durch schallendes Gelächter zu erkennen.
Es währte viele Jahre, bis es glückte, den Hausgeist von der
Laufergasse endgültig zu bannen.

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Der Heiltumsstuhl

Nicht weit vom schönen Brunnen stand ein großes Haus mit
einem schönen geschmückten, alten Erker. Von diesem kleinen
Erker aus wurden jedes Jahr vierzehn Tage nach Karfreitag die
Heiltümer des Reiches, die Reichskleinodien, dem Volk gezeigt.
Es waren die alten Schätze des Kaiserreichs: Die goldene
Reichskrone mit Edelsteinen und Perlen verziert, zwei goldene
Zepter, der goldene Reichsapfel, das Schwert Kaiser d. Gr., das
Schwert des hl. Moritz, zwei violettseidene Unterkleider, ein
weißseidenes Oberkleid, die Gugel Karls d. Gr., d. h. eine
Kapuze aus roter Seide, dazu ein Mantel (Pluviale) aus
purpurgefärbter Seide, der mit Goldstickerei und Perlen besetzt
war, zwei Paar purpurne Handschuhe, rotseidene Strümpfe,
Gürtel, Sporen, Schuhe usw., lauter Dinge, die zur Kleidung des
Kaisers gehörten. Bei dem Schatz war auch noch die heilige
Lanze, mit der dem Heiland am Kreuz die Seite durchstochen
worden sein soll, ein Nagel vom Kreuz, ein Holzstück vom
Kreuz selber, ein Stückeln des Tischtuchs, auf dem das
Abendmahl gehalten worden war, fünf Dornen aus der
Dornenkrone, ein Span von der Krippe, ein Zahn von Johannes
dem Täufer.
Alle diese wunderbaren Dinge wurden also jedes Jahr dem
Volk vom Heiltumsstuhl aus gezeigt, und die Menschen
strömten an diesem Tag von weit her um alles zu sehen.
Die Heiltümer des Reiches wurden im Jahre 1424 von Kaiser
Sigismund der Stadt Nürnberg zur ewigen Verwahrung
übergeben.
Damals zogen die Hussiten durchs Land. Darum war es nicht
leicht, den Schatz ungestört von Ofen in Ungarn bis nach
Nürnberg zu bringen. Nicht mehr als sechs durften davon
wissen. Man nahm für die Reise einen ganz gewöhnlichen
Wagen und als Behälter einen Kasten, sodaß jedermann meinte,

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darin seien Fische. So kam der Schatz nach Nürnberg. Dort
freilich wurde er mit großer Pracht empfangen. Zwei Tagereisen
vor Nürnberg wurde der Zug angehalten und eine feierliche
Prozession vorbereitet. Männer und Frauen, geführt von den
Geistlichen und vom Rat, zogen den Heiltümern weit vor das
Frauentor hinaus entgegen. Der Fuhrmann schaute nicht
schlecht; denn er wußte nichts davon und hatte keine Ahnung,
was für ein kostbares Gut er gefahren hatte. Die Heiltümer
wurden auf einen mit Purpur ausgeschlagenen Wagen
umgeladen und so in die Stadt geführt. Hinten und vorne auf
dem Wagen saßen junge, schöne Knaben als Engel verkleidet
mit brennenden Kerzen.
Die Obersten des Rates gingen nebenher. Die Ratsmitglieder
und das Volk folgten in langem Zug. Es ging zur neuen
Spitalkirche; dort wurden die Kleinodien in einer großen,
eichenen, mit Silber überzogenen Kiste aufgehoben. Die
silberne Kiste war aber wieder in einem hölzernen Kasten, der
auf den Seiten mit Engeln bemalt war.
Später hing man die Lade an großen eisernen Stangen über
dem Altar auf. Die Kleinodien selber aber waren in der Kapelle
über der Sakristei aufbewahrt Als die Franzosen im Jahr 1796 in
die Nähe von Nürnberg kamen, wurde der ganze Schatz nach
Wien gebracht, wo er bis zum Jahr 1938 blieb. Damals wurde er
nach Nürnberg zurückgebracht und in der St. Katharinenkirche
aufbewahrt.

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Der Hohlweg neben dem fünfeckigen Turm

Die Burggrafen von Nürnberg hatten den Auftrag, die


Kaiserburg zu hüten und die Rechte des Kaisers in der Stadt und
um die Stadt herum zu wahren. Ein Wohnrecht in der
Kaiserburg hatten sie nicht.
Seit dem Jahr 1191 ist die "Burghut" an das Haus
Hohenzollern gekommen. Viele Jahrhunderte sassen die
Hohenzollern dort oben neben dem fünfeckigen Turm als die
Vögte der Burg. Von da aus erwarben sie sich durch Heirat,
durch Lehen und durch Kauf andere Gebiete und schönere
Schlösser, z. B. in Ansbach und in Kadolzburg, aber auch in
Kulmbach und in Bayreuth. Nachdem die Nürnberger ihre
Grenzmauer um die Burggrafenburg gezogen hatten, gefiel
ihnen die Wohnung in dem engen alten Nürnberger Schloß nicht
mehr. Der Burggraf Friedrich VI. hatte eine Fehde mit dem
Herzog von Bayern in Ingolstadt, Ludwig dem Bärtigen. Ein
Amtmann wohnte in dem alten Burggrafenschloß in Nürnberg.
Im Jahr 1420, im Oktober, zogen in der Nacht die Kriegsknechte
des bayerischen Herzogs mit ihrem Führer, Christoph
Layminger, dem Amtmann des Schlosses in Lauf, nachts in aller
stille heran, kamen mit starker Macht über die Mauer und
überrumpelten die Besatzung des Burggrafenschlosses. Trotz
des strömenden Regens brannte die Wohnung des Burggrafen
vollständig nieder. In der gleichen Nacht war auf dem
Nürnberger Rathaus ein großes Fest mit Tanz und Schmaus und
aller Lustbarkeit gewesen. Vor lauter Freude am Fest und vor
Sturm und Regen hatte kein Mensch in der Stadt den feindlichen
Überfall bemerkt, bis die Flammen aus den Häusern schlugen.
Später behauptete der Burggraf Friedrich VI., dass der Rat der
Stadt von dem Überfall gewußt und deswegen Tanz und
Lustbarkeit auf dem Rathaus veranstaltet hätte, damit die
Nürnberger Bürger nichts merken sollten. Manche behaupteten

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auch, damals hätten einige Nürnberger Bürger von der Stadt aus
an der Gewalttat teilgenommen. Aber zu beweisen war nichts,
und darum konnte auch niemand angeklagt werden. Die Burg
lag in Trümmern. Der Burggraf Friedrich VI. bekam vom Kaiser
die Markgrafschaft Brandenburg und war weit entfernt von
Nürnberg mit aller seiner Kraft beschäftigt. Dort in Brandenburg
brauchte er viel Geld. Da boten ihm die Nürnberger Ratsherrn
an, gegen 120000 Gulden seine Burg über der Stadt Nürnberg
mit allen Türmen, Mauern, Gebäuden mit allen Hofrechten, mit
der Freiung und mit den Rechten auf die beiden Reichsforste
von St. Sebald und St.Lorenz an die Stadt Nürnberg zu
verkaufen Mit Freuden ging der Markgraf darauf ein und nahm
das Geld in Empfang. Später hat es freilich viel Streit um diesen
Kaufvertrag gegeben. Der fünfeckige Turm ist der letzte Rest
von der großen Burggrafenwohnung. Auf der anderen Seite steht
noch die Walb urgiskapelle und eine große dicke Mauer gegen
die Kaiserburg zu. Wer heute zur Burg hinaufgeht, muß neben
dem fünfeckigen Turm durch einen Hohlweg gehen, der rechts
und links mit Mauern verkleidet ist. In den Hügeln hinter diesen
Mauern zu beiden Seiten des Hohlweges liegen die Trümmer
der zerstörten Burggrafenburg. Die Nürnberger Buben steigen
immer wieder einmal auf die Burg hinauf und gehen über die
Schutthügel neben dem Hohlweg. Dabei stampfen sie mit den
Füßen und bleiben stehen; dann heben sie den Finger und sagen:
"Horch, da klingt's hohl!"

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Der Kaiser in der Wirtsmütze

Im Jahre 1274 hielt Kaiser Rudolf von Habsburg seinen ersten


Reichstag, die deutschen Fürsten waren vollzählig erschienen.
Alle freuten sich, das nun wieder ein Mann da war, der die
Verbrecher und Unruhestifter im ganzen Lande mit starker Hand
strafen und überall für Recht und Ordnung und Frieden sorgen
konnte. Zu dem Reichstag waren auch viele Kaufleute gezogen;
sie hatten in einem grossen Markte ihre prächtigsten Waren
ausgestellt und hofften, dass die reichen, hohen Herren ihnen
abkauften, und sie grossen Gewand mit heimbrächten.
Einer von den Kaufleuten hatte seinem Wirt 200 Mark feines
Silber (das sind ungefähr 16 000 Mark) in einem geblümten
Sack zum Aufheben gegeben. Als er das Geld wieder haben
wollte, leugnete der freche Wirt alles ab und behauptete: "Ich
weiss von keinem geblümten Geldsack! Ich hab kein Geld von
dir bekommen, so geb ich dir auch keines zurück!" Der
Kaufmann hatte dem Wirt vertraut und weder Schein noch
Zeugen, so dass der Richter seine Klage abweisen musste; in
seiner Verzweiflung glaubte der Mann, dass sein sauer erspartes
Vermögen verloren sei. Da gab ihm einer den Rat:
"Wen dich doch an den Kaiser! Wir haben jetzt wieder einen
Helfer gegen Raub und Unrecht!" Der Kaufmann folgte dem Rat
und hatte es nicht zu bereuen. Gnädig hörte ihn der Kaiser an
und versprach ihm seine Hilfe. Bald darauf liess der Kaiser eine
Anzahl Bürger aus der Stadt, darunter den diebischen Wirt, zu
sich auf die Burg einladen, alle kamen in ihren schönsten
Gewändern. Besonders der Wirt hatte sich herausgeputzt. Das
schönste an seiner Kleidung war eine prächtige mit feinstem
Pelzwerk besetzte Mütze. Die hielt der Wirt bescheiden in der
Hand, drehte sie aber immer so, dass man ihre Fracht von allen
Seiten bewundern konnte. Der Kaiser liebte kostbare Pelze und
als er die Mütze sah, rief er im Spass: "Solch eine schöne Mütze

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wäre auch für den Kaiser nicht zu schlecht und müsste ihm gut
stehen!" Er nahm sie lachend, setzte sie sich auf den Kopf und
ging zum Spiegel, um sich darin zu besehen. Dann unterhielt er
sich mit anderen Bürgern und ging endlich, als ob er die Mütze
ganz vergessen hätte, ins Nebenzimmer.
Keiner der Bürger durfte den Saal verlassen. Die Wache hatte
strengsten Befehl, darauf zu achten. Kaiser Rudolf nahm im
Nebenzimmer die Mütze ab, rief seinen zuverlässigsten Diener
und schickte ihn mit der Mütze in das Haus des Wirts. Dort
musste er der Wirtin die Mütze ihres Mannes zeigen und sagen:
"Schickt doch eurem Mann rasch durch mich den geblümten
Geldsack, er braucht ihn sehr notwendig." Die Frau kannte die
Mütze ihres Mannes sogleich und glaubte, dass der Bote von
ihm komme.
Ohne Bedenken übergab sie ihm den Geldsack. Der Kaiser
liess den Kaufmann rufen und zeigte ihm den Sack. Der
erkannte ihn auf den ersten Blick und konnte ihn und sein Geld
so richtig beschreiben, dass der Kaiser sicher war: das war der
wahre Besitzer des Geldes!
Dann kehrte der Kaiser zu seinen Gästen zurück. Er unterhielt
sich mit ihnen und besonders mit den Wirt freundlich und lange
Zeit.
Darüber freute sich der eitle Wirt und sein Gesicht strahlte vor
Stolz.
Da plötzlich wurde der Kaiser sehr ernst und sprach von der
Klage des Kaufmanns. Scharf blickte er dem Wirt in die Augen,
so dass er bald rot, bald blass wurde in seinem schlechten
Gewissen. Aber immer noch rief er: "Ich weiss nichts von einem
geblümten Geldsack; ich hab kein Geld bekommen!" Aber seine
Stimme war nicht mehr so frech, sondern zitterte ein wenig. Da
liess ihm der Kaiser den Geldsack vor Augen ha lten und
gleichzeitig trat von der anderen Seite der Kaufmann aus dem
Nebenzimmer herein. Da erschrak der Wirt und sah sich

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entdeckt. Er stürzte dem Kaiser zu Füssen und bat um Gnade.
Der Kaiser war auch gnädig; er strafte den Dieb nicht, wie es
sonst üblich war, mit dem Tode, sondern er befahl ihm, ein
grosse Summe Geldes zu zahlen.
Der Kaufmann aber bekam seinen geblümten Geldsack mit
seinem Vermögen zurück; er reiste fröhlich weiter und rühmte,
wohin er immer kam, den weisen, gerechten und hilfsbereiten
Kaiser Rudolf.

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Der Kaiser und der Landstreicher

Kaiser Rudolf von Habsburg zog einmal zur Kirche. An der


Kirchentür aber trat ihm ein Bettler entgegen. Abgerissen und
mager.
Er faßte den Kaiser am Gewand und sagte: "He, Bruder, nicht
so schnell, ich bin auch noch da!" Die Begleiter des Kaisers
wollten den Bettler wegziehen aber der Kaiser sprach: "Laßt
ihn!" Und zu dem Bettler gewendet: ,Wie kommst du darauf,
mich deinen Bruder zu heißen?" Der Bettler aber lachte:
"Stammst du nicht auch, wie ich, von Eva und Adam?" Und als
der Kaiser mit dem Kopf nickte fuhr er fort: Siehst du, so sind
wir also Brüder, und es ist ein schweres Unrecht, dass du in der
Pracht daherkommst und jeden Tag Essen und Trinken die Fülle
hast, während ich, dein armer Bruder, nur das habe, was die
guten Leute mir schenken. Du kannst die Schande nur dadurch
gutmachen, dass du alles, was du hast, mit mir, deinem Bruder,
teilst!" Da lachte der Kaiser und sagte: "Mein Lieber, du hast
recht Ich muß jetzt in die Kirche. Geh einstweilen, während ich
bete, nach Haus und hol dir einen Sack!" Während der Kaiser
mit seinem Gefolge in die Kirche trat, eilte der Bettler nach
Hans und holte sich einen großen, weiten Sack. Er konnte ihn
gar nicht groß genug finden. Und als der Kaiser wieder aus der
Kirche kam, stand da der Bettler mit seinem Sack und öffnete
ihn weit und breit, so gut er konnte.
Der Kaiser aber warf einen Heller hinein. Ein kleines
Kupferstücklein! Und als der Bettler fragend zum Kaiser aufsah,
da rief der: "Schau dich um, das sind alles deine Brüder und
drüben in der Stadt und draußen in der Welt, Brüder landauf und
landab! Wenn alle kämen und mit mir teilen wollten, kam auf
keinen mehr als ein Heller. Und wenn dir jeder von den Brüdern
einen Heller gibt, dann bist du bald so reich wie ic h!"

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Der Kreis aus freier Hand

Willibald Pirckheimer saß mit Dürer in dessen Haus


zusammen in einer fröhlichen Versammlung. Man redete von
den Künstlern des Auslandes und von ihren sonderbaren
Bräuchen. Da erzählte Pirckheimer eine Geschichte Vor
wenigen Jahren wurde in Rom die neue Peterskirche mit
Wandgemälden geschmückt. Der Papst wollte den besten
Künstler beauftragen und ihn unter allen Bewerbern
herausfinden. Darum schickte er einen seiner Herren bei allen
berühmten Meistern in ganz Italien herum und bat, sie sollte ihm
Probezeichnungen liefern. Wer die beste Zeichnung lieferte,
sollte die Arbeit bekommen. Jeder Maler gab sich Mühe, etwas
Schönes für den Heiligen Vater zu zeichnen. Der Beauftragte
des Papstes kam auch nach Florenz zu dem berühmten Maler
Giotto und richtete seine Bestellung aus.
Giotto besann sich kurz, nahm dann ein Blatt, tauchte seinen
Pinsel ein und zeichnete damit einen Kreis, ohne abzusetzen
Dann überreichte er das Blatt dem Herrn. Der aber war nicht
zufrieden und wollte eine bessere und schönere Zeichnung.
Giotto aber sagte:
»Geht herum bei allen berühmten Künstlern! Keiner kann euch
eine solche Probe liefern wie die!« Als der Papst die
Probezeichnungen durchsah, erkannte er die große
Geschicklichkeit, mit der der Kreis gemacht war, und entschied,
daß Giotto der geschickteste und beste Maler sei und daß er die
Winde der Peterskirche schmücken solle.
So erzählte Willibald Pirckheimer in der fröhlichen
Versammlung im Hause Albrecht Dürers. Da sprachen die
Herren hin und her und meinten: »Der Kreis kann ja recht gut
gewesen sein! Aber wenn der Papst den Zirkel genommen hätte,
dann wäre doch herausgekommen, daß er da und dort nicht ganz
genau und richtig gewesen ist.« Dürer sagte kein Wort, nahm

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eine Kohle aus dem Kamin und zog damit auf der Wand einen
Kreis. Dann sagte er, indem er einen Punkt in die Mitte setzte:
»Meßt nach, da darf kein Fehler drin sein!« Sie holten einen
Zirkel und fanden den Kreis wirklich tadelfrei.

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Der Neptunbrunnen

Die Nürnberger wollten einen schönen grossen Brunnen


haben, wie er in Italien auf den Platzen stand. Mit
Wasserspeiern, mit Nixen, Pferden und Götterbildern!
Das Geld wurde zusammengebracht und der Brunnen bei
einem grossen Künstler in Auftrag gegeben. Es dauerte auch gar
nicht lange, da war das Kunstwerk fertig. Der Meer- und
Wassergott Neptun stand mit seinem Dreizack mitten unter
seinen dienstbaren Geistern. Da sah man riesige Rosse mit
breiten Flossen statt Hufen und dazwischen wunderschöne
nackte Wassernixen. Als die Ratsherrn den Brunnen in der
Werkstatt des Künstlers besichtigten, gefiel er ihnen über die
Massen. Das ganze Kunstwerk sollte von Springbrunnen
übersprüht sein, und besonders sollten aus den Mäulern der
Rosse breite Wasserstrahlen herausschießen.
Als aber der Brunnen auf dem Marktplatz gestellt war, an die
Stelle eines kleinen Brünnleins das früher dort gewesen war, da
zeigte sich, dass das Wasser des Brünnleins für solche
Wasserkünste nicht reichte. Die Springbrunnen wollten nicht
springen, und statt der breiten Wasserstrahlen aus den Mäulern
der Rosse sah man dort nur ständig Tropfen stehen und
herabfallen, so dass es aussah, als hätten die armen Tiere einen
jämmerlichen Schnupfen. Ganz Nürnberg hat darüber gelacht.
Und das Gelächter wurde so laut, dass der Rat nach einigen
Tagen den Brunnen wieder wegbringen ließ.
So erzählt uns die Sage. Die Wirklichkeit war anders. Das
Morden, Brennen, Sengen, verwüsten und plündern des 30
jährigen Krieges war zu Ende. Die Glocken läuteten Frieden. In
den Jahren 1649 und 50 kam man endlich zusammen, um die
Friedensverhandlungen, die man in Münster und Osnabrück
begonnen, in unserer Heimatstadt abzuschließen. Deutschland
atmete auf, endlich war man so weit.

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Wahrhaftig ein Grund, das Friedensfest auch gebührend zu
feiern.
Der schwedische Gesandte gab ein prächtiges Festmahl im
Rathaussaal, während der kaiserliche Beauftragte General
Ottavio Piccolomini, den uns Schiller in seinem "Wallenstein"
so lebensnah gestaltet hat, ein Fest mit Tanz und Feuerwerk auf
dem Schießplatz von St. Johannas veranstaltete. Piccolomini
war es, welcher dem Rat der Stadt den Vorschlag machte, die
Erinnerung an den Friedensschluß durch ein prächtiges Denkmal
für alle Zeiten festzuhalten. Nürnberger Künstler, der Bildhauer
Georg Schweigger, der Goldschmied Christoph Ritter und drei
andere schlugen dem Rat vor, einen mächtigen Brunnen im Stil
der damaligen Zeit auf dem Marktplatz zu errichten. Dem
Schönen Brunnen drohte Gefahr. Die schlanken Pfeiler, die
Spitzbogen mit den Verzierungen waren dermaßen verwittert,
dass der Rat der Stadt sich mit den' Gedanken trug, ihn
abzubrechen. Auch fürchtete man, ob für 2 Brunnen genügend
Wasser zugeleitet werden könnte. Die Künstler gingen frisch ans
Werk, bald waren die Brunnenfiguren und die Steine für den
neuen Brunnen fertig im Städtischen Bauhof der Peunt.
In Deutschland lagen aber damals Handel und Wandel
darnieder.
Nicht mehr wie früher brachten die hochbepackten
Kaufmannswagen der Patrizier Nürnberger Tand in ferne
Länder. Nürnberg verarmte zusehends Es fehlte sogar an Geld,
den alten Schöne n Brunnen auszubessern und den neuen
"Peuntbrunnen", wie er im Volksmund bald hieß, aufzustellen.
Fremde Höfe wollten gar zu gern die Not der arm gewordenen
Stadt ausnützen und wirklich, die Not war so groß geworden,
dass der russische Zar Paul I.1797 das Kunstwerk gegen die
damals bedeutende Summe von 66000 Gulden erhielt.
Wohlverpackt wanderten die Bronzefiguren Neptuns und
seines ganzen Hofstaates nach Rußland, wo sie im Park des
kaiserlichen Schlosses Peterhof aufgestellt wurden.
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Um die Wende des letzten Jahrhunderts aber schenkte ein
Bürger unserer Stadt, der Geheime Kommerzienrat Ludwig
Gerngross, Nürnberg, eine Nachbildung des verkauften
Brunnens. 1902 sprangen zum ersten Mal die Fontänen, ein
schönes Bild inmitten der buntfarbigen Blumenstände und
keineswegs den Schönen Brunnen beeinträchtigend. Und
dennoch trugen in sinnloser Verblendung die Nazi später den
Brunnen ab und stellten ihn auf dem Marienplatz und dann im
Stadtpark auf.

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Der Nußkaspar von Nürnberg

Wenn man von Nürnberg aus nach Norden schaut, so stellt


sich dem Auge das berühmte Knoblauchland dar. Dort liegen
mehrere anmutige Dörfchen, die von den Nürnbergern eifrig
besucht werden.
In einer dieser Ortschaften lebte vor vielen Jahren ein
Bäuerlein, 'Nußkaspar' genannt, weil auf seinen Bäumen die
schönsten Nüsse wuchsen. Er trieb wie seine Nachbarn
Gärtnerei und verlegte sich vorzüglich auf den Anbau von
Knoblauch. Allein dem guten Mann mißglückte fast alles, was
er unternahm. Bald wurde er durch bedeutende Verluste in
Schulden gebracht, bald von den Nachbarn bestohlen, dann
wieder vernichteten Wind und Wetter seine Garten und
Feldfrüchte, oder böse Buben holten ihm die Nüsse von den
Bäumen.
Dieses andauernde Mißgeschick verdroß den Bauern endlich
und nahm ihm die Lust, sich ferner zu plagen, zumal da er
bemerkte, wie bei den Nachbarn alles aufs beste gedieh und ihr
Wohlstand täglich zunahm. Daher wurde er nach und nach in
der Ausübung seines Gewerbes lässiger, fluchte mehr als er
betete, und ergab sich zuletzt dem Trunke, so daß er meistens,
wenn er mit Knoblauch und anderen Gemüsen zur Stadt
gefahren war, leicht an Geld, dafür aber mit schwerem Kopf
nach Hause zurückkehrte. Durch diesen Lebenswandel wurde
nicht nur sein Körper, sondern auch sein Vermögen so zerrüttet,
daß er mehrfach Geld aufnehmen mußte, schließlich von seinen
Gläubigern hart bedrängt wurde und zu ihrer Befriedigung
zuletzt bald ein Grundstück, bald irgend etwas aus seinem
Hausrat zu veräußern genötigt war.
Wieder einmal war der Nußkaspar am letzten Tag des Jahres
wie so oft bis zum späten Abend in der Stadt geblieben, hatte
sich einen tüchtigen Rausch angetrunken und taumelte nun den

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Burgweg hinauf. Unweit der Stelle, wo Christus am Ölberg
abgebildet ist, setzte er sich auf einen beschneiten Steinblock,
um auszuruhen, und schlief ein. Die Zerrbilder getäuschter
Hoffnungen umgaukelten ihn in wüsten Träumen, so daß er
öfters auffuhr und gräßliche Flüche ausstieß. Eben zeigte die
Glocke vom nahen Sebaldusturm den Eintritt der Geisterstunde,
als er abermals in die Höhe fuhr und in einem Zustande
zwischen Schlaf und Wachen zähneklappernd vor sich
hinmurmelte: "Will mich Gott nicht retten, so muß mir der
Teufel helfen! "
Mit diesen Worten erwachte er, rieb sich die Augen und wollte
aufstehen, allein ein gewaltiger Schrecken warf ihn auf seinen
kalten Sitz zurück; vor ihm stand ein Mann in Jägertracht, der
ihn anredete:
"Ei, Alterchen, was treibst du hier in der frostigen
Winternacht?"
Kaspar fragte gähnend: "Wo bin ich, Herr, und was wollt Ihr
von mir?"
Darauf erwiderte der Jäger: "Ich hörte im Vorübergehen, daß
du Hilfe brauchst, und ich will sie leisten, wenn es in meinen
Kräften steht, aber - ich will von dir darum gebeten sein."
Kaspar schilderte nun unter beständigen Verwünschungen
seine traurige Lage, fiel auf die Knie und rief in unbegreiflicher
Herzensangst: "Ich flehe Euch fußfällig an, helft mir, helft mir,
und wäret Ihr der Böse selbst; mir gleich, wenn mir nur geholfen
wird; denn Gott hat mich ohnedies verlassen. "
"Nun wohl," entgegnete der Fremde, "wenn du mir
versprichst, weder deinem Weib noch einem anderen Menschen
auch nur eine Silbe davon zu verraten, so will ich dein
Beschützer sein und dir helfen. Kehre getrost heim, pflücke von
dem großen Nußbaum. der in der linken Ecke deines Gartens
steht, so viel Nüsse, als dir beliebt; diese werden sich in Gold
verwandeln und dich instand setzen, nicht nur deine Schulden zu

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bezahlen, sondern auch ohne Mühe und Arbeit gut leben zu
können. Doch wisse, geht nur ein Wort von meinem Angebot
über deine Lippen, so sinkst du in deine frühere Armut zurück,
wirst ein Raub der Verzweiflung und sollst auch im Grab keine
Ruhe finden. Du mußt dann in jeder Silvesternacht deinem
Grabe entsteigen und hier an dieser Stelle goldene Nüsse feil
halten; ja, du wirst auch andere noch mit ins Verderben
hinabziehen, und deine Seele ist mir verfallen. "
Mit diesen Worten verschwand die geheimnisvolle
Erscheinung.
Daß der freundliche Helfer der leibhaftige Gottseibeiuns war,
ist leicht zu erraten.
Kaspar war demnach in sehr schlimme Hände gefallen. Er
taumelte noch halb trunken mit schlotternden Knien nach Hause.
Sein Weib, das ohnehin zur Sorte jener Menschen gehörte,
denen Zanken und Murren zur zweiten Natur geworden ist,
empfing ihn vom Bett aus mit heftigen Scheltworten. Er aber
blieb ruhig und dachte: "Schrei nur, du Zankteufel, soviel du
willst; habe ich einmal die goldenen Nüsse, dann wirst du schon
anders singen!" Damit nahm er eine Laterne, zündete das Licht
an und schlich in den Garten hinaus. Hier stellte er sich vor den
bezeichneten Baum und schielte hinauf, um zu sehen, ob die
Nüsse wirklich von Gold seien. Endlich bestieg er zagend den
Baum, griff zitternd nach einer der Früchte, füllte dann so
schnell als möglich alle Taschen damit, und siehe, die Nüsse
waren reines, funkelndes Gold. Darauf versteckte er seinen
Schatz in der Scheune und ging zu Bett.
Bei Tagesanbruch stahl sich der steinreiche Ehemann, dessen
Gewissen nun schon eingeschläfert war, still weg zum
Geschenke des höllischen Jägers, um es teilweise in der nahen
Stadt in Geld umzusetzen. Sodann zahlte er seine Schulden und
lebte herrlich und in Freuden.

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Aber dieses Glück sollte nicht lange dauern; denn der gute
Nußkaspar vergaß im Taumel der Ausschweifungen nur zu bald,
was er dem Teufel versprochen hatte. In einem traulichen
Stündchen beichtete er seiner Frau, die sich durch den
unvermuteten Wohlstand vollständig mit ihm ausgesöhnt hatte,
den ganzen Hergang der Sache. Als er aber am nächsten Morgen
sein Geld herbeiholen wollte, da war der Beutel federleicht und
enthielt statt harter Taler nur Kohlenstaub, und anstatt der
goldenen fanden sich nur natürliche und größtenteils
wurmstichige Nüsse im Schrank. So von der Höhe des Glückes
in das bitterste Elend hinabgeschleudert, wurde dem Kaspar das
Leben eine unerträgliche Last.
Der Teufel hielt besser Wort als Kaspar; denn es ging alles in
Erfüllung, was er für den Fall des Wortbruches vorausgesagt
hatte.
Als der Silvesterabend wieder anbrach, stand wirklich zur
Mitternachtszeit ein kleines Bäuerlein in der Tracht der
Knoblauchhändler mit einem Korb am Ölberg und ächzte unter
verzweifeltem Händeringen: "Kauft Nüsse, kauft Nüsse!"
Viele Jahre nach diesem Ereignis saßen am Silvesterabend
mehrere Bürger nicht weit vom Ölberg im Gasthaus zum
Burggrafen bei einem Krug Weizenbier. Unter diesen war auch
ein redseliger Zinngießermeister, der wegen seiner Klugheit in
großem Ansehen stand. Die Unterhaltung drehte sich um die alte
Sage vom Nußkaspar am Ölberg. "Aberglaube, heidnische
Finsternis!" eiferte Meister Zinngießer, der Wortführer. "Wer
wird so albern sein, an Teufel und Geister zu glauben? "
"Was, Nachbar?" fiel ihm ein belesener Zirkelschmied in die
Rede, "habt Ihr denn nicht gelesen, daß Doktor Martin Luther
dem Teufel das Tintenfaß nachgeworfen hat? Ist Euch nicht
bekannt, daß der Satan Jesum in Versuchung führte?"
"Das ist etwas anderes," unterbrach ihn der Zinngießer, und
gerade als er weiterreden wollte, erscholl von der Wanduhr die

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zwölfte Stunde. Da schlug der Meister unwillig auf den Tisch
und schrie :
"Damit ihr aber seht, daß an der ganzen Sache nichts ist und
jeder ein Narr, der so unsinnige Dinge glaubt, so wollen wir auf
den Ölberg gehen, um uns zu überzeugen, ob der Nußkaspar
wirklich seine Nüsse feilhält. Mein Hab und Gut setz, ich daran,
daß ich euch auslachen werde."
Hierauf nahm er seine Pelzmütze und eilte der Türe zu; doch
von den übrigen Gästen hatte keiner Lust, ihn zu begleiten.
Stockfinster war's, und nur der schimmernde Schnee erleuchtete
die Umgebung.
Da kam es dem Zinngießer wirklich so vor, als ob er in der
Nähe des Ölberges die Gestalt eines Menschen wahrnehme, und
er blieb stehen. Es fröstelte ihn, aber die Vorstellung, von den
Freunden verspottet zu werden, wenn er unverrichteter Dinge
zurückkäme, flößte ihm Mut ein; er wollte der Sache auf den
Grund gehen.
Also schritt der Zinngießer langsam näher und rief mit lauter
Stimme: "Wer da?" - Keine Antwort! - Plötzlich stand ein
kleines unheimliches Wesen ganz nahe vor ihm, stierte ihn mit
Grabesaugen an und deutete mit dem Zeigefinger der rechten
Hand in den vor ihm stehenden Korb. Unser Zinngießer stand
wie an den Boden gewurzelt und kreischte mit kaum
verständlichen Lauten : "Alle guten Geister loben Gott den
Herrn!" Fast besinnungslos griff er sodann in den Korb, nahm
daraus, was er mit seinen zehn Fingern fassen konnte, und
stürzte ohnmächtig zusammen.
Als er wieder zur Besinnung gekommen war, blickte er um
sich.
Aber er sah kein Wesen mehr, weder vor noch hinter sich.
Jetzt faßte er wieder Mut und schämte sich seines Schreckens.
Doch welches Erstaunen trat an die Stelle der Furcht, als er auf
den schneebedeckten Boden blickte und ihm glänzendes Gold

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entgegenfunkelte! Schnell raffte er die goldenen Dinger
zusammen und eilte dem Burggrafen zu. Die Gesellschaft
begrüßte ihn, als wäre er von den Toten auferstanden, und war
sehr gespannt zu hören, was er erlebt habe. Und der Meister
erzählte sein Abenteuer, indem er zum Beweis einige goldene
Nüsse aus der Tasche nahm und auf den Tisch hinrollte.
Da war auf einmal alle Großsprecherei verstummt; denn nicht
ohne heimliches Grauen sah man die glänzenden Beweise vor
Augen. Der Zinngießer aber entfernte sich bald und suchte
freudetrunken sein Nachtlager auf. Allein der Schlaf floh ihn
diese und noch manch andere Nacht; denn ihn quälten
Zukunftspläne und die Sorge um die Vermehrung des
unheilvollen Geldes. Mit seinem Glück war zugleich das
Unglück in seine vier Wände eingezogen. Aus dem zufriedenen
Meister war ein griesgrämiger Sauertopf geworden.
Durch unkluge Unternehmungen verlor er manches schöne
Kapital, und nach wenigen Jahren bewahrheitete sich an ihm das
Sprichwort:
Wie gewonnen, so zerronnen. Doch als er immer ärmer wurde,
machte die Not seinem jammervollen Leben ein Ende.
Und es erfüllte sich des Teufels Vorhersage, der Nußkaspar
werde auch noch andere mit ins Verderben ziehen.

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Der Pudel am Tiergärtnertor

Es war mitten in der Nacht. Ganz Nürnberg schlief. Nur die


Bäcker waren wach und fleissig bei ihrem Geschäft. In der
Bäckerei am Tiergärtnertor war ein Geselle mit dem Lehr
jungen dabei, den Teig zu kneten für die Feiertagswecken.
Dabei wurde es dem Gesellen heiß, und er schickte den
Lehrbuben hinaus in die Nacht zum Brunnen, daß er ihm ein
Krüglein Wasser hole.
Der Bub nahm den Pudel mit, damit doch jemand bei ihm war
in der stockfinsteren Nacht Wie der Lehrbub aus der Tür ging,
sprang der Pudel über den Platz am Tiergärtnertor voraus.
Drüben plätscherte der Brunnen. Langsam ging der Lehrbub
hinüber, stelle seinen Krug unter das Brunnenrohr, und als er
voll war, nahm er ihn und wollte zurückkehren. Aber der Pudel
war verschwunden. Der Lehrbub pfiff, doch der Hund kam nicht
zurück; wie von weitem hörte man nur sein Bellen; aber das war
nicht mehr auf dem Platz! Das Bellen klang ganz hohl, wie
wenn der Pudel ins Tiergärtnertor hineingelaufen wäre. Aber das
Tor war doch die ganze Nacht fest verschlossen. Da konnte doch
kein Hund hinein! Das dumpfe Bellen klang wieder. Der
Lehrbub ging hin und sah, dass das Tor offen war! Schnell lief
er in seine Backstube und erzählte, dass das Tiergärtnertor offen
sei. Der Geselle ging mit. Sie gingen in das Tor und in den
langen Gang hinein mid suchten den Hund. Der knurrte und
bellte und heulte. Als sie zu ihm hinkamen, fanden sie daß er
einen Mann an seinen Kleidern festhielt. Der Geselle und der
Lehrbub packten den Mann und zogen ihn durch den Gang
rückwärts durchs Tor auf den Platz. Sie riefen die Wache und
erzählten, wo sie ihn gefunden hatten. Und als sie mit der
Laterne ihm ins Gesicht leuchteten war das der Losunger Anton
Tetzel! Einer der reichsten und vornehmsten Ratsherrn der
Stadt!

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Der Bürgermeister wurde geweckt; der Rat zusammengerufen.
Da gestand der gefangene Ratsherr, daß er mit dem Ansbacher
Markgrafen ausgemacht habe, in der Nacht heimlich das
Tiergärtnertor zu öffnen und die feindlichen Kriegsknechte
einzulassen. Der Pudel war ihm nachgelaufe n als er eben von
dem inneren Tor durch den finsteren Gang zum äusseren Tor
schlich, um auch das zur festgesetzten Zeit zu öffnen.
So ist die Stadt Nürnberg durch einen Bäckerbuben und einen
Pudel vor einem schweren Unglück bewahrt worden.
Anton Tetzel wurde schwer gestraft. Er musste auf Lebzeiten
ins Gefängnis. Und der Zugang zu seinem Kämmerlein wurde
vermauert, damit er niemals lebendig herauskommen sollte.

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Der Ring im Brunnengitter

Um das große Wasserbecken am schönen Brunnen ließ der Rat


ein hohes, schmiedeeisernes Gitter anfertigen, damit niemand
das Wasser verunreinigen könne. Er übertrug die Arbeit dem
Meister Koehn. Der arbeitete mit seinem Lehrling und seinen
Gesellen lange Zeit an dem Gitter; denn er wollte ein großes
Kunstwerk daraus machen. Der Lehrling stammende von armen
Leuten; aber er war ein fleißiger und begabter Bursch.
Zwischen dem Lehrling und der Meisterstochter hatte sich
etwas angesponnen. Sie sahen sich gern und fanden auch immer
wieder Gelegenheit, länger als bloß zum Handgeben
zusammenzusein. Der Meister wollte aber nicht haben, daß
seine Tochter an so einen armen Schlucker geriete, drum fuhr er
grob dazwischen. Er nahm sich den Burschen beiseite: "Daraus
wird ein für allem nichts! So wenig wird etwas daraus, wie du es
fertig bringst, dass die Ringe am Brunnengitter sich drehen
Können! "
Es verging einige Zeit, da mußte der Meister verreisen. Als er
wiederkamen, fand er im Brunnengitter einen Ring, der sich
nach allen Seiten drehte. Man konnte aber ringsum an den
Gitterstäben keine Stelle sehen, an denen das Eisen
aufgeschnitten war.
Nun wird die Geschichte verschieden weiter erzählt: die einen
sagen, der Meister hätte dem Burschen seine Tochter gegeben;
die andern aber meinen, der Bursche hätte die Meisterstochter
nachher gar nicht mehr gewollt, sondern sei in Nacht und Nebel
davongegangen und hätte nur den beweglichen Ring im
Brunnengitter als ein Andenken an sich und seine Liebe
zurückgelassen.
Das Gänsemännlein Hinter der Kirche "Unserer lieben
Frauen" steht ein kleiner Brunnen. Er zeigt einen Bauern, wie
man ihn auf dem Nürnberger Markt oft sehen kann. Der Bauer

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trägt zwei Gänse unter seinen Armen. Es sind ganz besondere
Gänse; denn sie speien aus ihren Schnäbeln frisches, helles
Wasser in das Becken; das unter ihnen angebracht ist. Das
"Gänsemännlein" so heißt der Brunnen soll ursprünglich gar
nicht für diesen Platz gegossen worden sein. Der Rat wollte
eigentlich ein Bild der Heiligen Magdalis haben; aber der
Meister hatte soviel anderes zu tun, dass er zu diesen kleineren
Auftrag nicht kann. Endlich gab er dem Rat als Ersatz sein
Gänsebauern. Es gab zwar Stimmen, die an dieser heiligen
Stelle keine so einfache, gewöhnliche Figur aus dem Volk sehen
wollten; aber weil der Künstler ein großer Meister - es war
Pankraz Labenwolf und das Gänsemännlein ein wirklich feines
Kunstwerk war, waren sie schließlich doch alle zufrieden.

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Der Schuß nach dem eisernen Christus

Vor dem Neutor, neben der kleinen Kirche ›Zum Heiligen


Kreuz‹, steht ein Wirtshaus, das im Nürnberger Volksmund nur
das ›Kreuzle‹ heißt, wurden einmal im Schwedenkrieg neue
Söldner angeworben, die zur Besatzung für die benachbarten
Schanzen bestimmt waren.
Ungefähr 50 Soldaten saßen dort. Sie tranken und würfelten,
sie fluchten und prahlten, daß es laut über die Straßen schallte.
Jeder erzählte, was für Heldentaten er schon getan. Der größte
aller aber war ein Riesenkerl mit starken Knochen, mit
schwärzlichen Gesicht und tiefliegenden, stechenden Augen.
Der schrie immer wieder: »Ich nehm's mit jedem auf. Mir ist
kein Franzose, kein Schwede, kein Bayer zu stark!"
Um neun Uhr abends kamen die Streifen und geboten das
Ende der Zeche. Das Wirtshaus wurde geräumt und die
angeheiterten Soldaten zogen miteinander die Straße entlang der
Schanze zu. Dabei mußte man am Johannisfriedhof vorbei. Der
nächste Weg wäre mitten durch den Friedhof gegangen. Die
Kameraden aber wollten einen weiten Bogen außen herum
machen. Da rief der Riesenkerl:
»Feiglinge, ihr fürchtet euch sogar noch vor den Toten! Ich
fürchte mich nicht vor Tod und Teufel. Auch vo r dem Herrgott
fürchte ich mich nicht!« Und als einer von den andern ihm die
Hand auf die Schulter legte und sagte: »Nimm nur dein Maul
nicht gar so voll!«, da schrie er, daß seine Stimme kreischte:
»Seht ihr dort der gekreuzigten Christus? Ich hab' keine Angst,
ich schieß auf ihn und, daß ich ihn treff', das weiß ich!« Da rief
einer der Kameraden aus dem Dunkel heraus: »Ein Geldstück
gilt's! Du Prahlhans läßt es wohl bleiben!« Alle lachten, daß es
über den Platz hallte. Aber der Betrunkene stürmte vorwärts auf
das Kreuz zu. Erst lachten die Kameraden noch und rissen ihre
Witze; dann aber wurden sie still und warteten. - Wirklich der

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Riesenkerl hob seine Pistole, richtete sie auf die Stirn des
Heilands und schoß. Ein furchtbarer Schlag folgte.
Ein Schrei war zu hören, der aus dem Mund des Schützen
kam. Allen erstarrte das Blut in den Adern. Da sah man im
Dunkel den Riesenkerl zusammenstürzen. Voll Entsetzen liefen
die Soldaten in die Nacht. Sie kamen zur Schanze und meldeten
der Wache, was geschehen war. Der Kommandant sandte eine
Streife, und die fand den Soldaten, die Pistole in der Hand, tot
liegen. In seiner eigenen Stirne saß die Kugel, die er auf den
Heiland gerichtet hatte. Von der Tafel über dem Haupt des
Gekreuzigten war sie zurückgesprungen!
Heute noch zeigt man in der Tafel ein Loch, das von der Kugel
herstammen soll.

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Der Schwedenkrug

Es war einmal ein Nürnberger, der hatte lange Jahre unter


schwedischen Fahnen gedient, noch ehe Gustav Adolf nach
Deutschland gekommen war. Gustav Adolf kannte ihn; denn er
hatte sich im Kampf gegen die Russen und Polen, gegen die
Dänen und Litauer so ausgezeichnet, dass er ihn gut im
Gedächtnis behalten hatte. Der Nürnberger hatte seinen
Abschied genommen und hatte am Bergauerplatz eine
Wirtschaft gekauft, die man ›Zur goldenen Ente‹ hieß.
Als der König mit seinem Heer in Nürnberg einritt, wurde er
von einer großen Menge herzlich begrüßt. Darunter war auch
der alte schwedische Söldner, der jetzt Nürnberger Gastwirt war.
Gustav Adolf erkannte seinen alten tapferen Soldaten auf den
ersten Blick, ritt auf ihn zu, reichte ihm die Hand fragte ihn, wie
es ihm ginge, und lud im zum Mittagessen ins Lichtenhofer
Schlößlein ein wo der König Quartier genommen hatte.
Bei dem Mittagessen gab es, es viel das Herz begehrte, und
der Wirt ließ es sich auch gut schmecken. Am Ende sagte noch
der König, der gerade besonders gnädig war: »Jetzt erbitte dir
noch einen besonderen Gnadenbeweis von mir!« Da bat der
Wirt zur goldenen Ente, daß der König Gustav Adolf ihm die
hohe Ehre gönne, einmal in seiner kleinen Wirtschaft kurze
Einkehr zu halten. Der König Gustav Adolf wunderte sich über
den bescheidenen Wunsch, versprach aber dann, zu kommen, so
bald er Zeit dafür hätte.
Und wirklich schon nach einigen Tagen erschien der König
mit einigen Offizieren ließ sich ein gutes Essen und Wein
auftragen, den er aus einer großen zinnernen Kanne trank. Dann
spielte er sogar mit seinem einstigen Soldaten, dem jetzigen
Gastwirt ›Zur goldenen Ente‹ eine Partie Schach. Die
Schachfiguren aber waren aus Blei von Schwedenkugeln
gegossen.

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Der Wirt freute sich über die Gnade des Schwedenkönigs; aber
sie soll auch seinem Geschäft genutzt haben. Er soll zwei große
Bilder haben malen lassen zur Erinnerung an seine Dienstzeit im
schwedischen Heer, und viele Bekannte und Fremde sollen
nachher gern zu ihm in die Gaststube gekommen sein, um sich
die Schachfiguren aus Schwedenkugeln, den zinnernen Krug,
aus dem der König Gustav Adolf getrunken, und den Stühle
haben zeigen lassen, auf denen die hohen Herren damals
gesessen waren.
Später hieß man die Wirtschaft nach der zinnernen Kanne, aus
der Gustav Adolf getrunken haben soll, ›Zum Schwedenkrug‹.

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Der Teufelsstein auf der Rhön

Als der Teufel einst wahrnahm, daß man auf der Milseburg
eine Kirche errichte, versprach er einem Bewohner der Gegend,
ihm ein Wirtshaus zu bauen, und dieser gelobte dem Satan dafür
sich und seine Seele, wenn er das Wirtshaus wenigstens einen
Tag eher vollende, als die Kirche gebaut sei. Da aber beim Bau
des Milseburgkirchleins der heilige Gangolf selbst behilflich
war, und auf dessen Gebet die Steine sich schneller fügten als
auf des Teufels Flüche, so wurde das Kirchlein fertig, als der
Teufel eben mit dem letzten Stein für das Wirtshaus durch die
Lüfte geflogen kam. Kaum sah er, daß er seine Wette und
obendrein eine Seele verloren habe, so schleuderte er den
mächtigen Felsstein auf das Wirtshaus herab und zertrümmerte
den ganzen Bau.
Man kann die Spuren heute noch sehen. Die Felsen liegen dort
übereinander wie gespaltene Eichenstämme in einem wirren
Holzha ufen.

-113-
Der Totenschädel

Auf einem Grabstein, nicht weit von der Johanniskirche nach


Osten zu gelegen, ist, wie auf vielen andern, ein Bild aus Erz
befestigt. Man sieht da einen Totenkopf auf zwei über Kreuz
gelegten Knochen. Der Unterkiefer kann hin- und herbewegt
werden, und in der Schädeldecke sieht man die Platte von einem
eingeschlagenen Nagel.
Vor vielen Jahren wohnte einmal in Nürnberg ein reicher alter
Mann, der eine junge Frau geheiratet hatte. Viele fröhliche
Menschen kamen in sein Haus. Darunter auch ein feiner junger
Herr. Plötzlich starb der alte Mann in einer Nacht ganz rasch
und unvermutet, ohne dass er zuvor krank gewesen war. Seine
junge Frau war am Grab ganz aufgelöst vor Schmerz und
Kummer und wollte sich gar nicht trösten lassen. Bald darauf
aber heiratete sie den jungen feinen Herren, der so oft in dem
Haus ihres verstorbenen Mannes verkehrt hatte.
Jahre und Jahrzehnte waren vergangen. Niemand dachte mehr
an den plötzlichen Tod des alten Herrn. Da war wieder einmal
ein Glied der Familie gestorben. Die Familiengruft mußte
geöffnet werden. Da sahen die Totengräber in der Gruft einen
noch ganz wohlerhaltenen Totenschädel liegen; aber er lag nicht
ruhig da, sondern sein Unterkiefer bewegte sich immer hin und
her. Sie schauten nach und fanden, dass Ungeziefer und Würmer
dort in Mengen sassen; aber wie sie den Schädel schon wieder
hinlegen wollten, bemerkte einer den langen Nagel, der in dem
Schädeldach steckte. Da konnte man sehen, warum der alte Herr
so plötzlich gestorben war. Das Gericht erfuhr davon. Eine
Untersuchung wurde geführt; aber man konnte nichts
herausbringen, denn die Frau des ermordeten alten Mannes,
gegen die man gleich Verdacht hatte, war mit ihrem zweiten
Mann weggezogen, und niemand wußte, wohin.

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Der Turm des Rathauses von Rotenburg

Als das Rathaus zu Rothenburg mit seinem hohen, schlanken


Turme fertig gebaut war, fand sich auch bald ein Paar Störche
ein, das sich auf der Spitze des Turmes ein Nest errichtete; denn
von dieser Höhe aus ließ es sich leicht in die weite Luft
hinausschwingen. Sooft nun der eine der beiden Turmwächter
auf den Steinkranz des Turmes stieg, um nach Feinden und
Gefahren auszuspähen, hatte er seine Freude an den Tieren. Der
andere Wächter hatte ein rohes, zänkisches Weib, das mit ihrem
Mann zu oberst auf dem Turme wohnte. Die Frau ärgerte sich
über die Unreinlichkeit der Tiere, und als sie erst Junge
ausgebrütet hatten, die zuweilen eine halbe Schlange oder Kröte
auf den Turmkranz fallen ließen, da verlangte sie von ihrem
Mann mit keifenden Worten, er möge die jungen Tiere aus dem
Nest stoßen, was dieser auch tat.
Aber es dauerte nicht lang, so kam der alte Storch mit einem
Feuerbrand im Schnabel geflogen, den er in sein Nest warf. Das
Feuer griff vom Nest auf den Turm über, und das dürre
Holzwerk geriet schnell in Flammen. Der böse Wächter
vermochte nicht zu entrinnen und verbrannte samt seinem
Weibe; der gute hingegen stieg auf eines der alten Steinbilder
hinaus, die man heute noch sieht, und rettete mit Mühe sein
Leben. Das Innere des Turmes brannte gänzlich aus, doch
blieben die festgefügten Mauern stehen bis auf den Steinkranz,
an dessen Stelle später ein eiserner kam.

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Der tiefe Brunnen

Auf der Burg ist ein 70 Meter tiefer Brunnen. Gefangene


sollen ihn in mehreren Jahrzehnten gebaut haben. Unten steht
immer frisches Wasser mehrere Meter hoch und über der
Wasserfläche sieht man von oben her rechts und links zwei
dunkle Öffnungen in dem Felsen, durch die der Brunnen
gemeisselt ist.
Die zwei dunklen Öffnungen führten zu unterirdischen
Gängen, die hinuntergingen zum Rathaus und hinunter in den
Burggraben und unter dem Burggraben hindurch hinaus in den
Wald und noch, wer weiss wohin. Das weiss ja jeder, dass die
ganze Nürnberger Stadt und besonders der Burgberg mit
unterirdischen Gängen nach allen Seiten durchwühlt ist. Im
letzten Krieg hat ein Baumeister dort bombensichere
Unterstände für die gesamte Altstadt für 50000 Menschen
gerichtet Damals kamen die Nürnberger oft in diese
unterirdischen Gänge. Heute sind sie wieder wohl verschlossen,
damit sich kein Gesindel darinnen festsetzen kann.
In alten Zeiten soll einmal in Nürnberg ein Mann wegen
mancher Verbrechen zum Tode verurteilt worden sein. Aber der
Verurteilte bat so jämmerlich um sein Leben, dass die
Ratsherren Mitleid bekamen. Er rief: "Sperrt mich ein, so lang
ihr wollt, verbannt mich, wohin euch einfällt, mauert mich
meinetwegen ein, nur tötet mich nicht" Endlich beschlossen die
gestrengen Ratsherren, ihm eine Gelegenheit zu geben, durch
die er sich retten könnte. Man rief ihn herein und sagte zu ihm:
"Wenn du es wagst, in den Tiefen Brunnen hinuntersteigen und
durch die unterirdischen Gänge durchzuwandern, so weit du
kannst, vielleicht hinaus bis zum Karlsberg bei Poppenreuth, wo
der alte Kaiser Karl der Große sich noch verbergen soll, und
wenn du davon gute und wahrhafte Nachricht bringst dann soll
dir das Leben geschenkt sein!" Der Mann war es zufrieden. Er

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wurde noch in der Nacht hinaufgebracht zur Burg und in den
Brunnen hinabgelassen. Dort begann er seine Wanderung:
Eine Stunde wanderte er mit seiner Fackel durch den langen
Gang; da kam er an eine großes, offenes Tor. Es war von Eisen,
stand aber weit offen, sodass er hineinschauen konnte in einen
grossen Saal. Da saß der alte Kaiser Karl auf einem steinernen
Stuhl vor einem steinernen Tisch und ringsum sassen die Herren
mit reichen, prächtigen Gewändern. Und wirklich, da sah er es
selbst! Dem Kaiser war sein mächtiger, weisser Bart mitten
durch den Tisch gewachsen. Auf einmal bewegten sich die
Gestalten. Einer nach dem andern sah sich nach ihm um. Er
erschrak heftig und wollte voll Entsetzen davon laufen. Aber
gerade noch fiel ihm ein, dass er ja einen Beweis brauchte, wenn
er sein Leben retten wollte. Er sah einen glänzenden Stein am
Boden liegen, hob ihn rasch auf und steckte ihn ein. Dann lief
er, so schnell er konnte, zurück, dorthin, wo er seine Wanderung
begonnen hatte. Er wurde heraufgezogen und musste nun den
Ratsherren erzählen was er gesehen hatte. Man wollte ihm nicht
glauben, aber als er den glänzenden Stein aus der Tasche zog -
es war ein Diamant -, da schenkte ihm der Rat das Leben.

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Die Barthelversetzer

Wenn man sich über einen Wöhrder ärgert (Wöhrd ist eine
Vorstadt von Nürnberg und seine Kirche ist dem Heiligen
Bartholomäus geweiht), dann sagt man zu ihm: ,,Du elender
Barthelversetzer, du"
Aber dann muß man sich in acht nehmen; denn das Wort
schlägt dem ins Blut Und manche Rauferei im Wirtshaus oder
bei der Kirchweih hat angefangen mit dem "Barthelversetzer".
"Warum heißt man denn die Wöhrder Barthelversetzer?"
Die Wöhrder waren immer arme Leute und die reichen
Nürnberger haben sie deswegen immer von oben herunter
angeschaut. Ihre Kirche war klein und kümmerlich, und auch die
Messgeräte und Messgewänder waren nicht die wertvollsten.
Reiche Nürnberger Bürger, auch manche Wöhrder, denen es
gelungen war, sich in Nürnberg selbst seßhaft zu machen, und
dort zu Vermögen gekommen waren, stifteten den Wöhrder ihre
schöne Kirche und manches wertvolle Gerät. So stiftete Ludwig
Schott, der lange Jahre in Wöhrd draußen Richter war, gar eine
Statue des Heiligen Barthel aus reinem Silber. Das Bild war fast
eine Elle hoch und fünf Pfund schwer. Neun Mark Silber
wurden dazu verwendet, im Wert von vielen tausend heutigen
Mark. Die Wöhrder waren stolz auf ihren silbernen Barthel, und
damit jeder ihren Reichtum sehen könne, lieBen sie ihn das
ganze Jahr hindurch frei und offen auf dem Altar stehen. Da war
aber einmal ein Mesner, der Emblems Fritz, der hatte jahrelang
die Kirche und auch all das wertvolle Gerät versorgt; aber eines
Tages war er verschwunden. Und mit ihm 500 Gulden und alles
Kirchensilber. Der silberne Barthel war auch nicht mehr da. Die
Wöhrder suchten in der Kirche, im Mesnerhaus und sonst
überall, aber der Barthel blieb verschwunden, genauso wie der
Emblems Fritz:. Und das schönste war: das schwere Postament,
auf dein der Barthel stand, war auch nicht mehr da. Die Wöhrder

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dachten: Wenn der Emblems Fritz mit all unsern schönen
Sachen in die weite Welt gelaufen ist, dann hat er den schweren
Barthel sicher: nicht weit mitgenommen. Und sie fragten
ringsherum in allen Pfandhäusern, bei allen Geldverleihern und
Schacherern, ob niemand ihren silbernen Barthel gesehen habe.
Und wirklich, draußen in Schanktisch, da fand sich der Barthel.
Der Emblems Fritz hatte ihn dort versetzt. Die Wöhrder
sammelten überall, lösten ihren Barthel ein, und waren froh, daß
ale ihn wieder hatten. Aber von jetzt an stellten sie ihn nicht
mehr frei und offen auf ihren Altar. Das ganze Jahr über ist er in
einer eisernen Truhe aufgehoben und nur bei der Kirchweih
wird er dem Volk gezeigt und dabei scharf bewacht. Die bösen
Leute aber sagen: Die Wöhrder versetzen ihren Barthel immer
das ganze Jahr hindurch und bloss zur Kirchweih lösen sie ihn
für einen Tag aus, damit niemand etwas davon merkt.

-119-
Die Eidechse

Nicht weit vom Pfarrhaus von St. Johannis, in der Nähe der
Holzschuher- Kapelle, ist ein Grabstein auf dem
Johannisfriedhof, der ein schönes erzgegossenes Bild zeigt.
Unter dem Laub, das kunstvoll gegossen ist, ist ein kleines
Eidechslein, das beweglich hin- und hergeschoben werden kann.
Ein schlafendes Kind ist daneben zu sehen. Das Eidechslein
hebt seinen Kopf und schaut neugierig auf das Kind hin.
"Großmutter, was soll denn das Eidechslein bedeuten? "
"Das ist eine traurige Geschichte! - Da ist einmal ein Kind in
einem schönen Haus in Nürnberg drinnen aufgewachsen, ein
lustiges Mädchen, das keine Geschwister hatte. Seine Eitern
waren reich und wohnten in einem schönen, prächtigen Hans,
bei dem ein großer Garten war mit vielen Bäumen, Büschen und
Blumenbeeten. In dem schönen Garten hat das Mädchen den
ganzen Nachmittag gespielt und hatte einen Schmetterling
gejagt, bis es ganz müde war. Dann hatte es sich auf das Gras
hingelegt und war eingeschlafen. Dabei Stand ihm der Mund ein
wenig offen.
Als einmal hat der Gärtner drunten im Garten ein wildes
Schreien gehört. Es war das fröhliche Mädchen. Es hielt seinen
Leib und jammerte) was es konnte. Die Doktoren kamen. Aber
es half nichts mehr. Nach wenigen Stunden mußte es sterben.
Und schuld war ein Eidechslein, das dem Kind durch den
offenen Mund hereingekrochen war. Drum haben die traurigen
Eltern auf dem Grabstein ein schlafendes Kind und das
Eidechslein unter den Blättern von einem Künstler abbilden
lassen.

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Die Fliege auf der Leinwand

Albrecht Dürer wollte einmal einen seiner italienischen


Malerfreunde besuchen. Er fand ihn aber nicht in seiner
Werkstatt, hatte auch gerade kein Papier zur Hand, um ihm
einen Brief zu schreiben. Da nahm er einen Pinsel und ging an
das Bild, das eben auf der Staffelei stand, und malte eine Fliege
darauf. Dann ging er fort.
Der Maler kam zurück, ging an sein Bild, und als er da eine
Fliege sitzen sah, schlug er mit der Hand danach, und setzte sich
dann zum Essen. Nach einer Viertelstunde wollte er an die
Arbeit gehen; da saß am gleichen Fleck wieder eine Fliege!
Ärgerlich schlug er noch einmal danach, um sie zu
verscheuchen. Sie blieb aber hartnäckig sitzen. Da sah er näher
hin und merkte den Scherz. Da rief er aus :
»Da muß der Dürer hier gewesen sein! Meine hiesigen
Malerfreunde hätten mich nicht so täuschen können! "

-121-
Die Leidensstationen von St. Johannis

Vom Johannisfriedhof bis zum Tiergärtnertor führt eine gerade


Straße. Sie heißt heute die Burgschmiedstraße. Dieser Weg
führte in alter Zeit über freies Land, denn Häuser gab es damals
vor den Mauern der Stadt nur ganz wenige.
Heute freilich ist die Gegend dort bebaut. Wer in die Straße
zum St.
Johannisfriedhof hinunterwandert, sieht auf der rechten Seite
alle paar hundert Meter in die Hausmauern eingelassen, schöne
Bildwerke aus Stein gehauen, auf denen von der Hand eines
großen Künstlers (Adam Kraft) das Leiden des Herrn Christus in
Stationen abgebildet ist. Auf jedem Stein steht unten dran in
römischen Buchstaben und in römischen Ziffern, so daß es nur
schwer zu lesen ist, wie weit das Geschehnis, das auf dem Stein
abgebildet ist, vom Pilatushaus entfernt war. Als Pilatushaus
zeigt man ein großes, festes Gebäude innerhalb des
Tiergärtnertor, an dessen Ecke ein grser gepanzerter Ritter zu
sehen ist.
Es war einmal ein Nürnberger Kaufmann, der in seinem Leben
viel Geld und viel Ehren gesammelt hatte. Er wollte seinen
Reichturn für eine fromme Stiftung verwenden und wollte auf
dem Weg zum Johannisfriedhof Leidensstationen des Herrn
Christus aufrichten lassen. Aber es lag ihm daran, daß die
Bildwerke genau an die richtigen Stellen kamen. So ist er ins
heilige Land gefahren, hat dort Golgatha und das Haus des
Pilatus und den Weg sich zeigen lassen und hat nach den
Nachrichten genau abgemessen, wo und in weichem Abstand
vom Pilatushaus jedesmal die traurigen Geschichten geschehen
sind. Er schrieb sich die Zahlen seiner Schritte genau auf und
verpackte alles, so gut er konnte.
Auf der Rückfahrt aber kam ein Sturm. Das Schiff wurde hin
und her geworfen und das Gepäck, das auf Deck aufgestapelt

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war, rollte über den Schiffsrand ins Wasser. Als Martin Ketzel,
so hieß der reiche Mann, nach Nürnberg zurückkam, war er
traurig; denn der eigentliche Zweck, weswegen er nach
Jerusalem gereist war, war nicht erreicht. Drum beschloß er bald
darauf, noch einmal ins heilige Land zu fahren. Er maß die
Strecken noch einmal ab und schrieb alles genau auf. Und
diesmal kam er gut mit allem nach Nürnberg.
Deshalb kann man heute auf den Steinbildern die genauen
Entfernungen vom Pilatushaus lesen, die Martin Ketzel, der
reiche, fromme Nürnberger Kaufmann, mit seinen eigenen
Schritten gemessen hat.

-123-
Die Schwesternglocken von Aschaffenburg

In der Pfarrkirche zu Sankt Agatha in Aschaffenburg hingen


einst zwei Glocken, die eine hieß Marianne, die andere Susanne.
Beide waren aus Silber.
Im Dreißgjährige n Kriege raubten die Schweden eine der
beiden silbernen Glocken, luden sie auf ein Schiff und wollten
sie den Main hinabführen. Als sie an den Stadtausgang kamen,
nämlich zu dem Felsen, auf dem heute ein Pavillon weit ins
schöne Tal blickt und wo einstens die Stadtmauer gegen den
Main verlief, da sprang die Glocke mit einemmal aus dem Schiff
in den Main, und dort liegt sie jetzt unten auf dem Grunde des
Flusses. Sooft die Glocke "Marianne" der Kirche Sankt Agatha
geläutet wird, ruft sie deutlich wahrnehmbar:
Bimbam, bimbam, Wo ist die Schwester Susann?
Eine feine Stimme aus der Tiefe des Flußbettes antwortet
dann:
Bimbam, bimbam, da bin ich, Schwester Mariann!
Diese Worte hören freilich nur die Sonntagskinder, die
frommen Herzens und gläubigen Sinnes sind.
Ein Liedchen von der "Susanne" singen aber heute noch alle
kleinen Kinder :
Kling, klang glorian!
Unsere Schwester Susann Liegt im Main Beim grauen Stein -
Kehrt nimmer heim.
Kling, klang!

-124-
Die Schützenliesel

Die Schützenliesel war eine wohlbekannte Gestalt in Nürnberg


noch um das Jahr 1820. Undenkbar war es dem Bürger, daß
Weihnachten kommen konnte, ohne daß auf dem Kindlesmarkt
die Schützenliesel ihren Stand am Krebsstock aufgeschlagen
hätte.. Schon mehrere Wochen zuvor sah man die Alte dort
hinter einem weiß gedeckten Tischlein sitzen, worauf in Reih
und Glied ein ganzes Heer von selbstgefertigten
Zwetschgenmännern stand; alle überragte ein großer
Zwetschgenmann, der stets in der Mitte paradierte und einen
französischen Soldaten in voller Armatur vorstellte. Den aber
verkaufte die Liesl nie, er wurde allabendlich eingepackt, um am
anderen Morgen wieder dort zu stehen. So blieb die Liesl auch
ihrer Tracht getreu. Noch im hohen Alter sah man sie, selbst bei
grimmiger Kälte, mit ihrer weißen, immer frisch gestärkten
Rassapasserihaube sitzen. Trat ein Käufer an ihren Stand, der
gewillt war, sie erzählen zu hören, was gar nicht selten geschah,
so durfte er nur fragen was der große Zwetschgenmann koste.
Da fing die Liesl unter Weinen und Schluchzen an, ihre
Lebensgeschichte zu erzählen auf eine wunderliche Weise, mit
vielen französischen Brocken vermischt. Gewöhnlich war die
Einleitung: "Nix, nix, mon mesiö Mon Scherschang! Mon ami!
Den verkaf i niet - 0, mon dieu! 0, mon dieu, man pauvre ami
Scherschang!" - Nun, diese, der armen Schützenliesel
Lebensgeschichte ist es, die ich erzählen will. Die ganze
Jakobiterei stand bei den Nürnbergern in nicht besonders gutem
Ansehen; das Handwerk der Pauterles, Bahknupfmacher und
Hornpresser, die dort hinter der Mauer ihre Werkstätten hatten,
roch man ganze Straßen weit. Das Übelste im Viertel, der
Schandfleck, war der Sehützenhof in der "Loudergass". "Du mit
dem Schützeng'sicht," sagte der alte Nürnberger, wollte er
jemand gar arg schimpfen. Die Schützen, worunter man aber
nicht Büchsen- oder Armbrustschützen verstehen darf, waren
-125-
lange Zeit die niedrigste Klasse von Menschen in Nürnberg, sie
standen noch weit unter den verrufenen Stadtknechten. Sie
waren ehrlos, allgemein verachtet.
Man brauchte sie nur zu den niedrigsten Geschä ften, als
Handlanger der Henker und zum Hinwegschaffen von
Selbstmördern oder Verunglückten, kein Bürger konnte von den
Schützen vor Gericht geladen werden. Von ihren Vorgesetzten
wurden sie mit du angeredet. Kein ehrlicher Mensch, nach
damaligen Begriffen bürgerlicher Ehre, mochte sich mit ihnen
verschwägern, so konnten sie nur unter sich Ehebündnisse
eingehen. Ein eigener Hof in der Ludergasse war ihnen zum
Wohnen angewiesen. Bei alledem waren die Schützen, was man
so heißt, doch gute Christen; sie besuchten fleißig ihre Kirche,
das war die Suden im HeiliggeistSpital; auch eine Schule
ausschließlich für die Schützenkinder wurde im Spitalhof
errichtet. Die Schützenkleidung war von derbem, grauem Tuch,
ohne jeden Ausputzt. Ihr Ursprung ist unbekannt. Im
Volksmund hatte sich über sie folgende Sage erhalten: Nach
einer Pest und Hungersnot in Nürnberg sollen mehrere verarmte,
auswärtige Familien die nachgesuchte Aufnahme in die Stadt
um die Bedingnis erhalten haben, daß sie die gemeinsten und
niedrigsten Arbeiten verrichten würden. Die Schützen hatten mit
dem Henker, dem Fallmeister und deren Knechten im Wirtshaus
einen abgesonderten Tisch und tranken aus Gefäßen ohne
Deckel. Im Ofenloch, einer Wirtschaft in der Johannisgasse,
konnte man sie finden. Einmal, so um die Jahrhundertwende,
sahen sie im Schützenhof eine ganz seltene Erscheinung. Ein
bildhübsches Mädchen von zehn bis Zwölf Jahren ging dort aus
und ein, sang und tanzte in der Gasse und war fröhlichen Mutes.
Es war aber kein Schützenkind, es wußte auch niemand, woher
es kam, aber die Schützen behielten das Kind bei sich, weil es so
fröhlich und wohl anzusehen war. Wer wollte lang
Nachforschungen darüber anstellen, woher es stammen konnte?

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Niemand mochte mit den unehrlichen Leuten Verkehr haben,
keiner kümmerte sich draußen darum, was die im Schützenhof
unter sich trieben. So blieb das Mädchen im Hof und wuchs dort
zur Jungfrau auf; wo man sie in der Stadt kannte, hieß sie
kurzweg Schützenliesel Für die jungen Handwerksgesellen war
es verlockend genug, wenn die schöne Schützenliesel zur
Abendzeit mit ihrem Strickstrumpf um den Stock ging.
Sehnsüchtig. oder neugierige, manchmal auch freche Blicke
trafen sie überall Einst tanzte man am Jakobskirchweihtag auf
dem Plätzchen bei der Kirche. Die Liesl stand von ferne und sah
bedrückt auf die fröhlichen Platzmädchen, die da tanzten und
sprangen, wie jede das Geschenk von ihrem Platzknecht den
Umstehenden entgegenschwang. Eben als sich die Liesl
umdrehen und heimwärts gehen wollte, kam ein Bäckerknecht
auf sie zugesprungen. Der war fremd und wußte nicht, daß das
liebe Mädchen für unehrlich galt Ein so Schönes Mädchen,
dachte er, darf nicht zusehen, die muß mit um den Baum tanzen.
Er packte sie, und wenn die Liesl sich auch sträubte, es half
nichts, mit ein paar kräftigen Rucken war das Paar mitten unter
den Tanzenden. Schon einmal hatte der fremde Geselle mit der
Schützin den Baum umkreist, da verstummte die Fiedel mitten
im Stück. Der Musikant und die Tänzer hatten die unehrliche
entdeckt. Alles wich zurück, als ob ein Aussätziger gewagt
hätte, mit zu tanzen. Dann fielen böse Worte, sie hörte noch aus
dem Durcheinander "Verdammtes Schützenluder" kreischen; da
lief sie davon in den Hof, und lange ließ sie sich draußen nicht
wieder sehen. So oft auch die Kirchweih wiederkehrte, die Liesl
kam nimmer; sie mied überhaupt die ganze Nachbarschaft und
ging nur aus, wenn es nimmer anders zu machen war. Die
Schützen trieben neben ihren fragwürdigen "Ämtern" noch
verschiedene unzünftige Handwerke. Der eine war ein Altreißer
oder Hafenbinder, ein anderer versorgte die Schuhmacher mit
den Unentbehrlichen Holzzwecken, andere machten
Lichterbäume, die, seit der Weihnachtsbaum aufkam, niemand

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mehr kennt, Goldengel, Hadlrutn und Zwetschgenmänner. Im
Winter vergoldeten sie Hasel- und andere Nüsse. Die Liesl
brachte es bald zur Meisterschaft in vielen solchen Künsten, das
schönste aber waren ihre Zwetschgenmännlein. Von den
Schützen wollte sie keinen zum Mann haben, denn im stillen
hoffte sie immer auf einen ehrlichen Mann, wenn sie auch
darüber schon in die Jahre kam, wo sich die Kunden vom Markt
verlaufen, wie unsere Alten sagten. Doch die Zeit, die alles
bringt, aber auch heilt und vergessen läßt im ewigen Wechsel,
brachte auch der armen Liesl einen Mann. Die Franzosen
durcheilten ganz Deutschland und auch in die damals noch freie,
aber verarmte, vor dem Bankrott stehende Reichsstadt Nürnberg
kamen sie in Haufen. Es waren in Nürnberg einst deren so viele,
daß oft bei einem nicht allzu wohlhabenden Bürger drei bis vier
Mann lagen- und als immer wieder Nachschub kam, ging en
nicht anders, auch zu den Armen im Schützenhof wurde ein
Franzose ein Sergeant, gesteckt. Marodig) hungrig, mit
zerfetzter Montur und keinem ganzen Hemd auf dem Leibe zog
er in den Schützenhof ein.
Doch schon nach etlichen Tagen sah man ihn ausrücken,
gewaschen, geflickt, in ganzer Montur und mit heilen Schuhen.
Wem der Franzose am meisten seine Verwandlung zu danken
hatte, wird nicht schwer zu raten sein. Auch denke ich nicht
sagen zu brauchen, wie die Verständigung zwische n der Liesl
und dem Franzosen vor sich ging, denn Liebe vermag alles. Im
Schützenhof lebten nun zwei recht glückliche Menschen; die
Liesl mit Ihrem Herzenssschatz, dem Franzosen. Sonntags sah
man die beiden miteinander "auf das Lande" spazieren gehen.
Die Liesl erschien mit ihm immer recht zierlich und sauber, sie
drehte sich am Arm ihres Franzosen wie der Nachmittagskaffee
im schönsten Kochen. Es war ein malerisches Bild. Die Liesl in
ihrer großen, gestärkten, blendend weißen Rassapasseriehaube,
mit den schönen schwarzen Schmachtlocken an den Schläfen,
der kurzen, groß geblumten Kattunschaube und einem bunten

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Kattunkamisol war wirklich adrett. Ihre kleinen Füße, in weißen
Strümpfen mit gestickten Zwickeln, in zierlichen und hohen
Stöckelschuhen steckend, setzte sie beim Gehen auswärts, nach
französischer Manier, ganz so, wie es die Damen in der Heimat
des Franzosen hielten. Der Franzose, war nicht minder
herausgeputzt.
Angetan mit dem Seitengewehr, trug er noch einen zierlichen
Spazierstock in seiner Linken; im Mundwinkel einen kleinen
tönernen Pfeifenstummel, einen so genannten Nasenwärmer.
Am Brustlatz hing ein hübscher Tabaksbeutel, gefüllt mit
aromatischem Kraut, das die Nürnberger "Lauswenzel" für
Wenzeslaus nannten.
Ein lebendiges Eichhörnchen saß bald auf einer seiner
Schultern, bald auf dem Arm der Braut; es war an einem feinen
Kettchen aus Messing angelegt. Viele Französische Soldaten
führten solch ein Tierchen mit sich; es sollte Glück bringen, und
sie erzählten allerlei Wunderliches darüber. Beinahe sechzehn
Wochen hatte der Franzose Quartier im Schützenhof. Im stillen
bedauerten die Nachbarn das überglückliche Mädchen denn über
Nacht konnte Marschordre kommen, und die schöne Zeit war
dann wohl für immer vorüber.
Wirklich kam auch bald das Gefürchtete, doch freudig begrüßt
von den Bürgern Nürnbergs, die schon lange saure Gesichter
schnitten.
Die Franzosen zogen ab. Doch die Heiratslustige hatte lange
zuvor ihre ?Pläne gemacht und allerlei geschickte
Vorbereitungen tu gutem Gelingen. Kein einziger französischer
Soldat war mehr in der Stadt, nur im Schützenhof saß noch einer
und schusterte in einer Altreisser- Werkstatt, als wäre er dort
geboren. Die Liesl hatte den großen Napoleon um einen
Soldaten geprellt. Im Stadtregiment wußte kein Mensch davon.
Schon Wochen vor dem Abmarsch hielt die Liesl ihren
Franzosen versteckt; der Sergeant des Kaisers hatte sich in den
Gesellen des Schuhflickers verwandelt. Der Liesl schien diese
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Abgeschlossenheit auch aus anderen Gründen gut und heilsam,
hatte sie doch noch vieles an ihm zu bessern. Er war nicht wenig
verwildert, und weil es die Liesl für nötig hielt, mußte er auch
ihrem Gott sich näher bringen, denn fluchen und
gotteslästerliche Reden führen, das durfte ihr zukünftiger
"ehrlicher" Mann nimmermehr. Bei jeder Gelegenheit sagte sie
ihm, er könne doch deutlich genug sehen, wie gut es Gott mit
ihm bisher gemeint habe; schon längst könnte er draußen auf der
Landstraße verkommen liegen oder in fremder Welt auf dem
Schlachtfeld geblieben sein.
Der Franzose mußte sich bequemen, den Morgen- und
Abendsegen mit zu beten, und durfte bei dem Mittagsgebet
nimmer auf die Seite gehen, und an den Fenstern mit den
Fingern zu trommeln, bis das Gebet vorüber war, wie er es
anfangs gehalten, als er in den Hof kam. Als keine Gefahr des
Entdecktwerdens sich zeigte, mußte ihr Schützling auch
Sonntags mit in den Sudenbetsaal gehen. Der Geistliche dort
gab sich alle Mühe, der Liesl Herzenswunsch, sie mit ihrem
Franzosen ehelich zu machen, durchzusetzen. Am ersten
Pfingstfeiertag in früher Morgenstunde setzte sich ein gar
seltsamer Zug vom Schützenhof nach dem Heiliggeist-Spital in
Bewegung; es war der Brautzug der Schützenliesl. Lautlos zog
man dahin; keine Glocke ward gezogen, auch die Türmer
bliesen nicht, was nur bei ehrlichen Leuten damals üblich war.
Voran schritt die Braut, geführt von den Schützenweibern, alle,
so wie sie es eben konnten, als das beste geschmückt, dann kam
der Franzose. Seinen Anzug zu beschreiben, ist nicht möglich,
es war eben alles von den Schützen zusammengesteuert. Sie
hatten unter anderem auch das Recht, die Kleider der
Selbstmörder und Delinquenten an sich zu nehmen, und so mag
der Bräutigam recht wacker, wenn auch ein wenig wunderlich,
ausgesehen haben. Die Trauung war kurz, wie sich's für solche
Leute damals ziemte, nach Beendigung des Gottesdienstes zog
die ganze Schar nach Mögeldorf. Dort war Kirchweihtag, und da

-130-
dachte man die Hochzeit nach Gebühr mit Essen, Trinken und
Tanz zu feiern. Es ging auch alles gut und gar ab; doch der
Abend nahte, und man mußte noch vor Torschluß in der Stadt
sein, um nicht in Strafe zu fallen. Mit einem Menuett, allein
getanzt von Braut und Bräutigam, sollte die Feier ein Ende
haben. Damals zogen preußische Werber in den Städten und
mehr noch auf den Dörfern herum. Zur späten Abendzeit übten
sie in den Wirtshäusern ihre Pfiffe und Schliche, um dem König
Mannschaften zu dingen, wobei es nicht immer säuberlich, aber
zuzeiten gewalttätig und unmenschlich genug herging. Viele
von ihnen führten große, wohlabgerichtete Hunde mit sich,
englische Schweisshunde oder Bullenbeisser; und einer dieser
scharfen Tiere gab den Anlaß zu einem bösen Handel, der zur
wüsten Balgerei ward, in die zuletzt alle Gäste hineingerieten,
wie das so geht, halb mit und ohne Absieht und Willen.
Die Schützen hatten einen Kreis um die Tanzenden gebildet.
Einer dieser Werberhunde durchbrach, wie man später sagte, auf
einen Hetzruf, den Kreis und riß die Braut zu Boden. Die
Schützen warfen sich auf den Hund und schlugen ihn tot, da
liefen die Werber mit Geschrei zusammen, und es gab einen
grimmen Tanz. Der Bräutigam riß einem der Preußen den Säbel
aus der Hand und verteidigte sich und seine Braut; er suchte sich
einen Weg nach dem Gartenausgang zu sichern, was auch
gelang. Von da aus ging die Rauferei den Berg hinunter auf die
Wiese, und dort umgab die Streitenden finstere Nacht. Da
hörten, die noch oben waren, einen gellen Schrei; die Werber
stoben auseinander. Nun lief alles hinunter. Auf der Wiese im
hohen Gras lag der Bräutigam und regte kein Glied mehr; sie
hatten ihm den Leib durchstochen. Die Liesl warf sich zu ihm
auf die Erde; bald waren ihre Hände voll Blut, sie sah sie an und
lachte, hell und laut wie ein Kind über ein Spielwerk.
Der Franzose war tot, die arme Liesl wahnsinnig. Die
Schützen trugen das Irre Weib und den Toten in die Stadt. Auf

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dem Studentenplätzlein, hinter dem St. Rochuskirchhof,
begruben die Schützen tags darauf den Franzosen.
Die Liesl ging lange Zeit wirr herum. Körperlich erholte sie
sich langsam wieder, aber in ihrem Kopf kam es nie mehr zur
Ordnung wie vorher. Lange Jahre lebte sie noch im Schützenhof
in der Ludergasse; jedes Jahr hockte sie auf dem Kindlesmarkt
mit ihren drolligen Zwetschgenmännern, die vor sich an einem
kleinen Tischchen auf einem roten Decke aus gezacktem
Glanzpapier schöne messingene oder zinnerne Ringlein mit
farbigem Glas liegen hatten.
Auf dem Tisch des großen Zwetschgenmannes in
französischer Uniform lagen zwei Ringe ohne Stein. Um das
Jahr 1820 starb sie, und man sagt, sie ruhe auf dem
Studentenplätzlein auf dem Rochus bei ihrem ehrlichen Mann,
ihrem "pauvre ami sergeant".

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Die Sensenschmiede von St. Jakob

Im 13. Jahrhundert war eine Siedlung von Sensenschmieden


außerhalb der Nürnberger Stadtmauern neben dem weissen
Turm um die Kapelle von St. Jakob herum. Die Sensenschmiede
waren hitzige Leute. Sie gehörten nicht zur Nürnberger
Bürgerschaft, sondern waren nur Schutzverwandte, d. h. sie
durften sich neben der Mauer ansiedeln und konnten sich im
Notfalle hinter die Mauen zurückziehen, wenn ein Feind allzu
nahe herankam. Ihr ständiger Umgang mit scharfem, hartem,
langem Eisen machte sie Stolz und heftig. Dabei waren sie aber
fürsorgliche Vater und hingen an Weib und Kind. Jeder, der
einem der ihren zu nahe trat, mußte sich sehr in acht nehmen,
auch wenn er zum Herrenstande gehörte; sonst ging's ihm
schlecht. Die Sensenschmiede wurden durch ihre Fürsorge für
Weib und Kind und durch ihre Hitzigkeit einmal zu einer
schweren Bluttat verführt, von der noch mancher Alte erzählt.
Es war in der Zeit, als die Wölfe im Reichswald überhand
genommen hatten. Niemand außer den Herren durfte jagen im
Wald So wurden die Untiere immer zahlreicher und frecher. Der
Wald war damals größer und dichter als heute. Viele Laub
Bäume, besonders Eichen und Linden, standen darin. Draußen
in Wald lebten die Zeidler, d. h. Bienenzüchter, ein Völklein,
das dem Kaiser selber untertan war, sein eigenes Zeidlergericht
in Feucht hatte, in kleinen Dörflein und Einzelhöfen mitten im
Wald lebt und jedes Jahr den Honig beim Burggrafen für die
kaiserlich Tafel und bei den Lebküchnereien der Nürnberger
Stadt abliefert Damals gab es ja im ganzen Abendland noch
keinen Zucker. Was an Zucker durch die Kaufleute über
Arabien und Venedig nach Deutschland kam, war teuer und
mußte oft mit Gold aufgewogen( werden. Selbst für die
reichsten und größten Herren war der Zucker für täglichen
Gebrauch unerschwinglich. So mußten der Kaiser und sein Hof,

-133-
wenn sie ihre Speisen süßen wollten und das wollten sie oft
Honig dafür nehmen.
Den Honig aber liefert die Zeidler aus dem Reichswald um
Nürnberg herum und deswegen waren sie angesehen und
besonders geschätzt beim Kaiser bei allen Herren und sogar bei
den Nürnberger Bürgern, denn die hatten durch ihre
Lebkuchenbäckereien, zu denen sie Honig brauchten, bei dem
allgemeinen Mangel an Zuckerwaren, einen sehr großen
Verdient. Im Oktober des Jahres 1264 - es war gerade wieder
eine Zeit, in der ganze Rudel von Wölfen die Gegend unsicher
machten kam ein Zeidler mit seiner Frau, mit einer schweren
Honiglast beladen, nach Nürnberg. Ihre Hütte draußen im Wald
mit ihren beiden Kindern Emma und Wolfgang hatten sie allein
lassen müssen. Sie hatten streng befohlen, daß Wolfgang die
Türe nicht öffnen und besonders auf sein kleine Schwesterlein
Emma acht geben solle. Dafür hatten die Eltern versprochen,
daß sie den Kindern Lebküchlein aus der Stadt mitbrächten. Die
Kinder spielten in der Hütte bis gegen Abend. Da kam der Sohn
eines anderen Zeidlers, der genau so alt war wie Wolfgang, d. h.
etwa zehn Jahre, und in der Nähe wohnte. Er klopfte an das
Fenster und es gelang ihm wirklich, den Wolfgang aus der Hütte
herauszulocken. Die Tür blieb offen stehen und das vierjährige
Schwesterlein lief dem Bruder nach ins Freie. Wie sie so
spielten, hörte man plötzlich ein Fauchen in der Nähe, dann ein
Bellen, zwei Wölfe sprangen daher. Der Nachbarsbub kletterte
geschwind auf einen Baum und rief dem Wolfgang zu: "Schnell,
Wolfgang, komm auch herauf zu mir, sonst fressen dich die
Wölfe!" Aber Wolfgang erschrak bis ins Herz hinein. Er dachte
zuerst an sein kleines Schwesterlein, nahm es auf den Arm und
rannte, so schnell er konnte, auf die nahe Haustür zu.
Und fast waren sie hineingekommen! Auf der Schwelle packte
ihn ein Wolf an der Schulter und riß ihn zu Boden. Gleich
darauf bissen die scharfen Zähne in seinen Leib und rissen ihm
die Eingeweide heraus. Der andere Wolf biß einstweilen das

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kleine Mädchen unbarmherzig. Es rief noch ein paar mal:
"Vater, Mutter, lieber Gott!" Zuletzt wimmerte es nur ein wenig.
Die hungrigen Wölfe fraßen solange, bis nur noch die blutigen
Knochen übrig waren. Da kamen die Eltern durch den Wald
daher gewandert. Mit lautem Schreien verscheuchten sie die
Wölfe. Sie sahen wohl die Knochen vor der Haustür liegen,
dachten aber nicht daran, dass das ihre lieben Kinder seien. Sie
suchten im ganzen Haus und riefen immerzu:
"Emma, Wolfgang! Wo seid ihr denn? Kommt her! Die Wölfe
sind fort. Wir haben euch Lebküchlein mitgebracht!" Da hörten
sie drunten an der Haustüre die Stimme eines Knaben. Aber es
war nicht ihr Wolfgang, sondern der Nachbarsbub, der vom
Baum heruntergeklettert war und den armen Zeidlersleuten von
dem Tod der Kleinen erzählen mußte.
Am Tag darauf, als der Burggraf Friedrich mit seiner
Gemahlin, mit seinen sechs Kindern und seinem Gefolge bei
Tische saß, entstand auf einmal großer Lärm an der Saaltüre. An
den Wachen verbei bei, die sie aufhalten wollten, stürzte der
Zeidler mit seiner Frau Die arme Mutter warf die blutigen
Knochen ihrer Kinder auf den Boden vor die Gesellschaft hin
und der Vater schrie: "Herr Reichsvogt, da ist meine letzte
Steuer. Es sind meine Kinder! Gesten haben sie die Wölfe
zerrissen, während ich und mein Weib euch den Honigzehnten
brachten." Erst war die ganze Tafelrund ganz erstarrt vor
Schreck.
Dann stand die Burggräfin auf und tröstete die arm Mutter; die
Herren aber machten sogleich aus, daß sie am andern Tag eine
große Wolfsjagd im Reichswald halten wollten, um da Untier
auszurotten Am frühen Morgen bliesen die Hörner zur Jagd.
Unter den sechs Kindern des Grafen Friedrich waren zwei junge
Herrlein. Hans war 18 und Sigmund 16 Jahre alt. Beide waren
schlank und kräftig herangewachsen; sie waren gut geübt in den
Waffen und hattet schon oft bewiesen im Kampf und im
Turnierspiel, daß sie Mut und Entschlossenheit besassen. Die

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grösste Freude war für die bei den jungen Herren, wenn sie im
groBen Reichswald Bären und Wölfe jagen durften. Die beiden
waren auch heut mit großem. Eifer dabei, und als die Jagd
voranging, ritten sie allen voraus. Sie waren unbesorgt, wenn
auch. am Morgen beim Auszug plötzlich ihre Mutter, die
Burggräfin, bleich und mit rot geweinten Augen erschienen war
und ihren Mann herzlich gebeten hatte die beiden Söhne nicht
mit zur Jagd ziehen zu lassen. Sie habe einen so schrecklichen
Traum gehabt. Die beiden hatten ihre Mutter ausgelacht: ,Sei
doch nicht abergläubisch!" Und auch der Burggraf Friedrich
hatte sie beruhigt: ,'Dein Traum kommt nur von dem Schrecken
und der Aufregung durch die beiden Zeidlersleute gestern
mittag. Fürchte dich nicht, ich werde auf die beiden Jungen
aufpassen, so gut ich kann!"
Die Hunde wurden losgelassen und im scharfen Ritt ging es
den Teilen des Waldes zu, wo die Wölfe gemeldet waren. Viele
Tiere wurden erlegt. Noch ehe die Sonne untergegangen war,
waren achtzehn Wölfe und dazu sechs Eber, fünf Hirsche, zehn
Füchse erlegt. Auf einer Waldwiese neben dem Schlößlein
Lichtenhof wurde ein Tisch aufgeschlagen. Dort sammelten sich
alle Jäger zum festlichen Schmaus. Der Weinbecher kreiste,
fröhliche Lieder erklangen und in munteren Gesprächen ging die
Zeit bis zum Abend hin. Burggraf Friedrich hatte schon an die in
ängstliche Mutter Botschaft gesandt von dem guten Verlauf der
Jagd. Als aber die Sonne unterging, mahnte er zum Aufbruch. In
der Abenddämmerung kamen sie an die Stadtmauer. Der Vater
ritt mit dem Gefolge gleich zur Burg; die Söhne ritten mit
einigen Knechten zu einem Jagdschlößlein beim weissen Turm,
um dort die Jagdbeute unterzubringen. Dabei mußten sie durch
die Siedlung der Sensenschmiede reiten. Die beiden Junker
waren bereits am Schlößlein angekommen und dort abgesessen.
Da erscholl weit hinter ihnen in der Vorstadt der
Sensenschmiede ein grässliches Geschrei; bald darauf war eine
große Menschenmenge auf der Strasse und schob sich dort hin

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und her. Keiner wusste was geschehen war. Jeder fragte, aber
keiner konnte Antwort geben. Die beiden Burggrafen warfen
sich auf ihre Pferde und brachen sich Bahn durch die Menge.
Plötzlich waren sie umringt von einem Haufen rußiger
Sensenschmiede die mit Eisenstangen, mit Sensen und mit
Beilen unter wildem Fluchen und Geschrei auf die Junker
eindrangen. Sie kamen bis zum Tor eines Hauses. Da lag auf
einer Bahre der blutige Körper eines Knaben. Die Mutter schrie
wie wahnsinnig und warf sich über den Leichnam ihres Kindes
und der Sensenschmiede Burkhard, der Vater, schwang ein
schweres Beil gegen die beiden jungen Herrn. Die fragten
umsonst, was denn das alles zu bedeuten habe. Die paar
Knechte, die mit den Junkern die Jagdbeute in das Schlößlein
hatten bringen sollen, wehrten mit starken Schlägen den
wildenten Haufen ab und auch die Prinzen hatten ihre Schwerter
gezogen. Burkhard war bereits so schwer getroffen, dass er am
Boden lag und ringsherum lagen bald noch mehr. Aber die
Sensenschmiede waren in zu grosser Übermacht.
Nach tapferer Gegenwehr wurde 'Sigmund, der jüngere Sohn,
von einem riesigen Schmied vom Pferde heruntergerissen und
zusammengeschlagen. Hans wollte seinem Bruder zu Hilfe
kommen.
Plötzlich aber merkte er, dass sein Pferd an dem Bruder vorbei
dahinstürmte. Mitleidige Leute hatten dem Pferd einen Hieb
versetzt um den Junker zu retten. Aber schnell war er eingeholt
und im nächsten Augenblick von den Schmieden ebenfalls
umgebracht. Jetzt erst kam den wütenden Schmieden die
Besinnung zurück. Ihr Gewissen erwachte. Ringsum hörte man
Jammern der Reue und des Mitleids. Dann liefen die Leute
auseinander. Keiner wollte mehr dabei gewesen sein. Die
Knechte legten die Leichen ihrer jungen Herren auf ihre Spiesse,
und traurig bewegte sich der Zug der Nürnberger Burg zu.
Jetzt erfuhr man auch, wie es zu der furchtbaren Bluttat
gekommen war: Bei der Rückkehr durch die Vorstadt der

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Sensenschmiede hatten die Troßknechte die Hunde, die noch
von der Jagd her wild und hitzig waren an zu langen Leinen
geführt. Da dass ein vierjähriges Knäblein, der kleine Sohn des
Meisters Burkhard, unter der Haustür, von seiner Mutter gegen
den kühlen Abend vorsorglich in ein Wolfsfell eingewickelt.
Kaum hatten die Hunde den Wolfspelz erblickt, da sprangen sie
darauf los, und noch ehe die Troßknechte die Leinen angezogen
hatten, hatten sie den "Wolf" gepackt und zerrissen. Es war aber
das kleine Sensenschmiedsbüblein. Noch ehe die Knechte oder
sonst irgend jemand zur Hilfe kommen konnte, war das Unglück
schon geschehen Und gleich darauf hatte die hitzigen
Sensenschmiede die furchtbare Wut gepackt.
Als der Zug mit den ermordeten Junkern auf die Burg kam,
war dort der Schrecken groß. Die Ritter und die Knechte
gerieten in den wildesten Zorn. Gleich machten sie sich auf, der
Vorstadt der Sensenschmiede zu, um die Übeltäter furchtbar zu
bestrafen. Aber der Burggraf Friedrich eilte ihnen nach und
drunten auf der Pegnitzbrücke konnte er den Zug aufhalten. So
weh ihm sein Herz tat, Er wollte nicht, daß noch weiteres Blut
vergossen werde. Er versprach, daß er selbst ein strenges
Strafgericht über die Schuldigen halten wolle.
Die Sensenschmiede aber warteten nicht auf die Folgen ihrer
Bluttat.
Als am nächsten Morgen Ritter und Knechte des Burggrafen
vor den weissen Turm ritten, um die Schuldigen ausfindig zu
machen, war die Vorstadt verlassen. Die Sensenschmiede waren
noch in derselben Nacht mit Weib und Kind aufgebrochen und
nach Donauwörth gezogen. Dort waren sie vor Strafe und Rache
des Burggrafen sicher.
In St. Jakob, neben. dem weisen Turm, liegen die Gebeine der
beiden Junker Hans und Sigmund begraben.

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Die Sonne Italiens

Albrecht Dürer war schon ein großer berühmter Künstler, als er


endlich einmal nach Italien reisen konnte. Er wanderte dort von
Stadt zu Stadt, betrachtete die Kunstwerke und wurde überall
von den Malern mit großen Ehren empfangen Alle bewunderten
seine große Feinheit und Genauigkeit in der Beobachtung und
Schilderung der Natur. So kam es, daß sich Dürer in Italien sehr
wohl fühlte. Es war warm in Italien, aber besonders warm wurde
es Dürer ums Herz, weil er so viel Freundlichkeit und soviel
Verständnis fand. Als er endlich nach neun Monaten wieder
nach Norden reisen mußte, rief er aus: »O, wie wird mich nach
der Sonne frieren!«

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Der feine Pinsel

Giovanni Bellini, ein berühmter Künstler aus der italienischen


Stadt Venedig, war gegen Dürer besonders freundlich.
Mehrmals besuchte er ihn bei seiner Arbeit, lobte seine Bilder
und wunderte sich besonders über die Feinheit der Pinselstriche.
Als er sich verabschiede, bat er Dürer, daß er ihm als Zeichen
seiner Freundschaft einen Pinsel gäbe, mit denen man so
wunderbar feine Haare malen könne. Dürer griff eine Handvoll
gewöhnlicher Pinsel, die da herumlagen, und hielt sie ihm hin:
»Bitte, wählt Euch einen, wenn ihr sie nicht alle mitnehmen
wollt!« Bellini aber sagte: »Nein, solche Pinsel hab' ich selber!
Ich möchte nur den Pinsel, mit dem Ihr die langen feinen Haare
malt!« Dürer sagte: »Ich habe keine andern Pinsel« Als er sah,
dass Bellini ungläubig lächelte, ging er hin und malte der
Jungfrau Maria, die er gerade auf der Staffelei hatte, mit einem
ganz gewöhnlichen Pinsel eine so wunderbar weiche Haarlocke,
die aus so haarfeinen Strichen gemalt war, dass Bellini es
endlich glaubte. Aber er erzählte hinterher immer wieder: »Ich
hätte es nie geglaubt, wenn ich es nicht mit eigenen Augen
gesehen hätte!"

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Die Steckenreiter

Oktavio Piccolomini, der Herzog von Amalfi, war das


Oberhaupt der Reichskommision, die in Nürnberg die
Friedensbedingungen, auf die man sich in Münster und
Osnabrück geeinigt hatte, bis ins einzelne und kleinste
ausarbeiten sollte. Er war zwar ein großer Herr; aber er hatte
niemals etwas gegen Spiel und Scherz einzuwenden. Da war es
einmal einem Spaßvogel eingefallen, bei den Nürnberger
Kindern ein Gerücht auszusprengen, daß jeder, der am nächsten
Sonntag auf einem Steckenpferd vor Piccolominis Haus gerit ten
käme, einen Taler kriegen sollte.
Der Samstag kam, und kaum war die Kirche zu Ende, da
kamen auch schon die Buben in hellen Haufen dahergeritten. Sie
lachten und lärmten und galoppierten auf ihren Steckenpferden
an den Fenstern des Herzogs vorbei. Piccolomini wunderte sich
über den Lärm, machte sein Fenster auf, und schaute hinaus. Da
grüßten ihn die Reiter und die Pferde mit fröhlichem Schreien
und Wiehern. Und er sah, wie aus allen Gassen und Straßen
noch neue Reiter dazukamen, bald einzeln, bald in ganzen
Zügen. Der Herzog hatte großen Spaß an dem Aufzug und
schickte einen Diener hinunter: Was das denn bedeute? Da kam
der Schwindel heraus!
Der Herzog lachte über den Scherz, winkte der ganzen
munteren Schar freundlich zu und ließ dann durch einen Diener
verkünden, daß er heute leider auf den Besuch nicht vorbereitet
gewesen sei; sie sollten nur am nächsten Sonntag noch einmal
kommen, da wolle der Herzog sein unfreiwilliges Versprechen
freiwillig einlösen. Die Buben schrien und jubelten, und mit
Springen und Lachen zogen sie davon.
Acht Tage später kamen die Steckenpferdreiter wieder vor das
Haus des Herzogs; diesmal in noch viel größerer Menge. Wieder
hatte der Herzog großen Spaß an ihnen. Er hatte in der

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Zwischenzeit silberne Münzen prägen lassen, die aber nicht
rund, sondern viereckig waren.
Auf der Vorderseite sah man einen Buben auf dem
Steckenpferd, mit der Peitsche in der Hand und der Jahreszahl
1650. Auf der Rückseite sah man den Reichsadler und ein Hoch
auf den damaligen Kaiser Ferdinand III.
Jeder Steckelesreiter bekam so einen Taler. In mancher
Nürnberger Familie wird die Münze heute noch aufbewahrt.

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Die Toten wollen ihre Ruh'

Es ist noch gar nicht so lang her, da wohnte ein Student in


Zirndorf, der gar zu neugierig war. Man hatte ihm auf der
Schule erzählt, daß droben auf der alten Veste eine solch
furchtbare Schlacht getobt hatte zwischen Wallensteinern und
Schweden, und daß dort so viele Tote weit verstreut im Wald
begraben lägen! Da dachte er nach alten Resten zu graben. Mit
Spaten und mit Schaufeln stieg er hinauf auf den Berg und grub
ein tiefes Loch heraus. Dann stieß er plötzlich auf einen
unterirdischen Gang. Vorsichtig kletterte er hinunter und fand
einen Weg in der Finsternis zwischen Steinen und Sand, bis er
auf einmal vor einer schweren eisernen Türe stand.
Der Student schüttelte an den Pfosten. Er wollte genau wissen,
was hinter der Tür war. Und wie er so rüttelte, gab's auf einmal
einen Schlag, und die Tür sprang ganz von selber auf. Da stand
vor ihm in grünlichem Schein ein Mann mit einem
Totenschädel; trug die Uniform eines schwedischen Soldaten.
Der hob seine Hand als wollte er nach dem Studentlein greifen.
Der Bursch lief aber was er konnte. Das Gespenst kam hinter
ihm her. Mit Gestolper und Fallen und mit großer Angst kam
der Bursch durch sein Loch ins Freie, sprang hinunter über den
Hang in das Städtlein und kam zu seinen Eltern. Dort erzählte er
voll Schrecken und ganz verwirrt, was er droben auf dem Berg
erlebt hatte. Als er in sein Zimmer kam, stand das schwedische
Gerippe hinter seinem Bett und als der Junge in schwerer
Krankheit fieberte, da meinte er, daß das Gespenst mit seinen
langen Knochenfingern nach ihm greife und ihm das Herz aus
der Brust reiße. So mußte der Student aus Zirndorf seine
Neugier büßen; denn die Toten wollen ihre Ruh'.

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Die Totenmesse

In der Nähe von St. Lorenz stand bis zum Jahr 1945 ein großes
Haus, das der Familie Imhoff gehörte Dort lebte einmal eine
Frau, die frühzeitig Witwe geworden war, und ihr ganzes Leben
lang schmerzlich um ihren verstorbenen Mann trauerte. Damals
war um die Lorenzkirche herum noch ein grosser Friedhof. Man
mußte also, wenn man zur Kirche ging erst an den vielen
Gräbern vorbei.
Die Witwe ging täglich zur Kirche. Viele Jahre hindurch
besuchte sie die Frühmesse in der Lorenzkirche, die wenigstens
im Herbst und Winter noch vor Tagesanbruch dort stattfand.
Einmal - es war am Allerseelentag, am 2. November - wachte
sie nach unruhigem Schlummer auf. Sie glaubte, die Glocke zur
Messe rufen zu hören.
Hinter den Wolken stand der Vollmond am Himmel, go
glaubte sie, der Tag komme schon heran. Rasch zog sie sich an,
warf ihren Mantel um, und eilte durch den Friedhof hinüber in
die Kirche. Die Türen standen weit offen und drinnen war die
Messe schon im Gange. Viele Andächtige knieten in den
Bänken und die Frau nahm still ihren Platz ein. Der Geistliche,
der die Messe las, kam ihr so bekannt vor. Als er sich umdrehte,
merkte sie, daß es der Pfarrer war, der vor einigen Monaten
draußen auf dem Friedhof begraben worden war. Und wie sie
voll Schreck sich zur Nachbarin wendet, um ihr zu erzählen,
was sie da bemerkt hat, da sieht sie, daß neben ihr, hinter ihr,
rings um sie herum lauter Menschen saßen, die schon längst
begraben waren.
Da kam ihre Jugendfreundin leise zu ihr her gegangen, die
auch schon lange gestorben war, und flüsterte ihr ins Ohr:
"Klara, geh so schnell du kannst, aus der Kirche. Du hast die
Totenmesse gestört.

-144-
Wenn sie dich bemerken, dann werden sie dich in Stücke
reissen.
Leise stand Frau Klara auf und schlich auf die offene Tür zu.
Die Toten hatten ihre Köpfe alle zum Gebet gesenkt. Es war ihr
aber doch, als wäre hinter ihr ein Huschen und Schleichen, und
als sie über den Friedhof kam, waren alle Gräber offen. Atemlos
erreichte sie ihre Schwelle. Da schlug es 1 Uhr. Ohnmächtig
sank sie zusammen. Am andern Morgen fand man sie dort. Sie
erzählte, was sie erlebt hatte, und erinnerte sich daran, daß sie in
der Nacht im Schrecken ihren Mantel hatte liegen gelassen. Die
Diener gingen, um ihn zu suchen. Sie fanden den Mantel nicht
mehr; aber auf jedem Grab lag ein Fetzchen davon.

-145-
Die Wette mit dem Teufel

Auf der Burg von Nürnberg steht ein alter, dicker Turm; er
heißt der Heidenturm. In ihm stehen zwei Kapellen
übereinander. Die untere finster und niedrig, mit dicken,
schweren Sandsteinsäulen; die obere hell und freundlich, mit
schlanken, hohen Marmorsäulen. Eine von den vier
Marmorsäulen in der oberen Kapelle trägt einen sonderbaren
Ring. Wie kommt der Ring an die Säule? War sie vielleicht
einmal gesprungen, und musste der Sprung mit dem Ring
überdeckt werden? Ja, so war es; aber das ist eine schreckliche
Geschichte. Der Kaiser hatte sich eine Burg auf den Nürnberger
Felsen gebaut. Die finstere, alte Kapelle gefiel ihm nicht. Sie
hatte auch nicht genug Raum für seine Ritter und war für seine
Diener; drum ließ er über die alte Kapelle eine neue, schönere,
hellere, geräumigere bauen. Der Schlosskaplan bekam den
Auftrag und den strengen Befehl, die neue Kapelle mit
Marmorsäulen aufzurichten.
Der Kaiser zog nach diesem Befehl in ferne Länder und
verlangte zum Schluß noch, dass die Kapelle genau über ein
Jahr fertig sei. Da wolle er mit dem Bischof das neue Gotteshaus
festlich einweihen.
Der Schlosskaplan ließ den besten Baumeister kommen, den er
kannte, und beriet mit ihm den Plan.
Aber Marmorsäulen konnte der Baumeister nicht
herbeischaffen. Die Wege waren zu schlecht, und in der Nähe
waren weit und breit keine Marmorsäulen aufzutreiben. Das Jahr
ging dahin, das Gebäude der Kapelle war fertig gestellt; das
Gewölbe trug sich selbst, so kunstvoll hatte der Baumeister es
gebaut Der Altar war aufgerichtet, die Fenster, die Emporen, die
Bänke mit kunstvollen Verzierungen versehen. Aber die Säulen
fehlten immer noch.

-146-
Einige Tage vor der festgesetzten Einweihung der Kapelle fiel
dem Schlosskaplan die Sorge schwer aufs Herz. Der Kaiser
hatte seine Ankunft von Regensburg her durch einen reitenden
Boten angesagt und hatte mitteilen lassen, dass er den Bischof
zur Weihe gleich mitbringe. Er hoffe, dass die Kapelle schön
geworden sei, und dass besonders die bestellten Marmorsäulen
das neue Gotteshaus prächtig ausschmückten. Der Kaplan
fürchtete den Zorn des Kaisers. Unruhig ging er die Treppen der
Burg auf und ab, irrte durch den Burghof oder sah vom Turm
hinüber über die Wälder in die Richtung, aus der Zug des
Kaisers zu erwarten war. Woher sollte er die Marmorsäulen
nehmen? Was würde der Kaiser sagen, wenn die gewünschten
Säulen fehlten? Solche Gedanken ließen ihn nicht mehr los und
verfolgten ihn bis in den Schlaf hinein. Ein ungeheurere
Donnerschlag weckte ihn. Verstört fuhr er in die Höhe. Er sah
aber nichts Besonderes: nur drüben in der Ecke stand ein Mann
bescheiden an der Wand. Er trug das Kleid eines Baumeisters.
Seinen grossen Hut hatte er in der Hand, trat auf den Kaplan,
der wieder in sein Bett zurück gesunken war, zu und sagte:
"Deine Sorgen kennt ich genau. Ich will dir die vier
Marmorsäulen noch heute aus Rom herschaffen, wenn du
willst."
"Ich kenn dich, du bist der Teufel. Mit dir will ich nichts zu
tun haben", schrie der erschreckte Kaplan. Der Baumeister blieb
eine Weile ruhig. Dann aber trat er näher heran und sagte leise:
"Kaplan, du bist doch ein gescheiter, studierter Mann. Du kannst
eine Messe lesen wie Wasser; du brauchst nicht länger als eine
1/4 Stunde dazu." Trotz alles Schreckens schmunzelte der
Kaplan geschmeichelt. Der Baumeister aber fuhr fort: "Ich will
mit dir eine Wette machen. Bis du fertig bist mit dem Lesen der
Messe, will ich dir die vier Säulen aus Rom über die Berge
herschaffen. Wenn du in der Zeit, in der ich die vier Säulen, eine
nach der andern, in deine Kapelle bringe, zu Ende kommst, dann
gehören die Säulen dir, und ich will keinen Lohn dafür haben.

-147-
Bist du aber nicht fertig, dann mußt du deine Seele geben." Der
Kaplan überlegte. Italien war so weit, und die Säulen waren so
schwer, und viermal nach Italien hin- und herfliegen, das
brauchte Zeit. Er setzte sich auf in seinem Bett und rief: "Teufel,
ich wag's! Die Wette gilt. Du darfst aber nicht fort, ehe ich mit
meiner Messe angefangen habe." Der Baumeister war's
zufrieden.
Bescheiden stand er da und wartete, bis der Kaplan aus dem
Bett gefahren war, seine Kleider angelegt, sein Messgewand
übergezogen und sich von der Burgwache einige Wachmänner
als Ministranten geholt hatte. Erst als das Glöcklein erklang,
machte er sich auf. Und nun kam ein Gewitter, wie man es noch
nicht gehört hatte. Donner krachten und knatterten, Blitze
flammten taghell auf, Regen und Hagel schossen prasselnd
herunter.
Der Kaplan aber las seine Messe mutig weiter. Aber kaum
hatte er begonnen, kam der Teufel schon mit der ersten Säule
herein. Noch ehe er zur Hälfte fertig war, stand bereits die
zweite Säule an ihrem Platz und bald darauf stand schon die
dritte Säule. Die Donner Schläge wurden immer furchtbarer, die
Blitze immer greller. Die Wachsoldaten lagen bewußtlos am
Boden und der Kaplan selber spürte, dass er nicht mehr sprechen
konnte; seine Zunge war so schwer, sein Kopf ganz wirr. Da
öffnete er in seiner Angst die Arme und rief: "Ite, missa est,
Dominus vobiscum!" Dann sank auch er bewußtlos auf die
Altarstufen. Der Teufel aber hatte im Hereinfahren nur die
letzten Worte der Messe gehört. In furchtbarer Wut warf er die
Säule mitten in die Kapelle, sodass sie auseinander sprang. Erst
nach Stunden kam der Kaplan wieder zu sich. Er ließ seinen
alten Baumeister kommen, und in kurzer Zeit war die vierte
Säule zusammengesetzt und an ihren Platz gestellt. Der Sprung
war durch den Ring verdeckt Und als der Kaiser und der Bischof
kamen, konnten sie die Pracht der neuen Kapelle und besonders
die schlanke Schönhe it der Marmorsäulen nicht genug loben.

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Die Wurstpredigt

"Wenn man nach dem abergläubischen Verhalten vieler


urteilen sollte, so würde das Christentum nicht sowohl ein
Gottesdienst als eine Furcht vor dem Teufel sein." Anonymus
von 1790.
"Mach keine Wurstpredigt", war eine Redensart, die unsere
alten Nürnberger oft genug im Mund führten; das sollte
bedeuten, kurz und bündig herausbringen, was einer zu sagen
hatte, gradaus und ohne alle Umschweife. Nun kann einer ja
glauben, dass es doch recht gleichgültig sei, woher so ein altes
Wort kommen mag; wer aber einmal erfahren hat, dass ein jedes
Wort seine besondere Geschichte hat, lehrreich oder erbaulich,
je nachdem, der wird es verstehen, dass ich oft bei vielen alten
Leuten herumfragte, was sie darüber wußten, und es gäbe selber
eine stattliche Wurstpredigt, wenn ich das alles erzählen wollte.
Ob es nun so ist oder nicht, und ob die Redensart wirklich ihren
Ursprung daherschreibt, scheint wenig nach der Wahrheit,
trotzdem aber will ich die Geschichte aufschreiben, die man mir
einmal zum besten gab, als ich bei den Bauern in Grossreuth
einen Alten fragte, ob er nicht wüßte was es zu bedeuten hat,
wenn zu einem gesagt wird, er solle keine Wurstpredigt halten.
Als sich die Geschichte begeben, war der Aberglaube bei uns
noch auf tausend Arten im Schwang, und mit Hexen,
Gespenstern oder dem Teufel in irgendeiner Gestalt hatten
besonders die Bauern genug zu schaffen. Einmal gab die
Leibkuh blaue Milch oder gar keine, oder es kam auch Blut aus
dem Euter; das konnte nicht auf richtige Art zugehen, und es
kam nur darauf an, den Zauberer oder die Hexe ausfindig zu
machen, was nicht so schwer fiel, als man denken sollte, denn
alte Leute gab es überall und nicht allzuviele; da kam es bald zu
Tag, wer solchen Zauber machte und zum Schaden der andern
trieb.

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Darüber, dass alte Weiber hexen konnten, brauchte sich keiner
erst lang zu besinnen, das war seit Alters gewiß, und es gab auch
Mittel, herauszubringen, von wem das Unheil kam. Man ließ die
Kuh ihr Wasser in einen Topf abschlagen, wobei drauf zu achten
war, dass beileibe nichts daneben ging, rührte den Urin mit
einem alten Besen wohl um und goß ihn in Teufels Namen mit
Topf und Besen ins Feuer. Das machte vor allem einen
Wunderbaren Gestank im Haus, und manchem alten Weib im
Dorf kam wohl ein Zittern an, so sie das roch denn nun mußte
die Hexe den Grind bekommen. Und so kam's heraus, wer
solchen Unfug trieb. Ein ebenso sicheres Mittel, die Hexe zu
erkennen, war dies. Man molk die verzauberte Kuh, kochte die
Milch in einer Eisenp fanne und schlug die Kuh weiblich mit
einem tüchtigen Dornstecken; am andern Tag lief dann die Hexe
mit zerkratztem Gesicht herum, man brauchte nur die alten
Weiber anzusehen, um die Hexenmeisterin zu erwischen In
einem Buch von 1790 gegen , „Aberglauben sind falschen
Wahn" dessen Verfasser sich nicht nennt, fand ich den Satz::
„Das Dasein des Teufels leugnen, ist Unglaube; ihm diejenige
Macht über die Geschöpfe zuschreiben, die man ihm so
allgemein einräumt, ist Irrglaube.“ - - "Man rede von Gottes
Allmacht, von seinen Strafen, dass es bei ihm stehe, glücklich
oder unglücklich zu machen, man wird höchstens einen Seufzer
Hören, der übrigens keine Unruhe verursacht Aber man fange
vom Teufel an, rede von Bezauberungen durch ihm und von
seinen Verwüstungen; sage, er habe jenem den Hals umgedreht,
jenen in die Luft geführte und unter grauslichem Geschrei
zerrissen - und man wird es von ganzen Herzen glauben und
erschrecken.
Beweist dies, dass man den Teufel mehr fürchtet als Gott? Der
Teufel aber kann uns ohne Gottes Zulassung nicht schaden;
denn er ist unter Gott und kann ohne Gott nie seine Absichten
erreichen. "

-150-
Doch da muß ich mir selber sagen, kurz zu sein, keine
Wurstpredigt zu halten, und so soll meine Geschichte ihren
Anfang nehmen. In der uralten romanischen Kapelle im
Heidentum wurde vor langer Zeit für das Bauernvolk und die
Gärtner hinter der Veste Gottesdienst gehalten. Aber nur alle
zwei Wochen predigte der Pfarrer am Sonntag schon früh vor
Tag; zwischenhinein versah damals den Dienst ein zahnloser
Mesner, der zudem ein schlimmer Stotterer war, der jedes Wort
zweimal sagte, manchmal, wenn er seinen bösen Tag hatte, wohl
auch öfter, hinten im Gaumen eine Weile dran herumkaute, bis
er es glücklich herausbrachte; da seine Zuhörer nicht verwöhnt
waren, so ging das lange Jahre so, und wenn nichts geschehen
wäre, wovon ich erzählen will, so wären die Bauern bis an
seinen Tod deshalb nicht ausgeblieben. Es war auch nicht seine
Sache, eine freie Predigt zu halten, wie der Pfarrer, er saß da und
las, so gut es ging, aus einer riesigen Postille, und wenn es nicht
so recht fort wollte, schob er ungeduldig die runde Hornbrille
auf der Nase bin und her oder hustete, was ihm viel leichter
ankam als reden. Im Spätherbst, wenn es morgens lange dunkel
blieb, und im Winter stand vor der Postille eine große Laterne
mit einem kümmerlichen Gollicht, das kaum armlang um das
Buch her so trüben Schimmer warf, das es in der alten, engen
Kapelle so finster wie in einer Gruft war.
Damals war in der Frühe das Neutor wie auch das Vestnertor
geschlossen, und die Bauern kamen zum Tiergärtnertor herein,
gingen die Stufen zum Oelberg hinauf, am Fuß der Burg bin,
den steilen Bimmelsweg zur Kapelle im Heidenturrn. Da war
weder Licht noch Pflaster und der ganze Weg schon unheimlich
genug für abergläubische Gemüter, die an allen Ecken und
Enden zu gruseln genug fanden; auf der Burg zumal trieben sich
nicht nur zur heiligen Zeit ganze Rudel Geister um. In einer
Kapelle zeigte man eine Säule mit einem Eisenring. Der Teufel
hatte die Säulen aus Italien geholt für den frommen Erbauer, mit
dem er um die Seele gewettet hatte; wenn der Mönch einschlief,

-151-
bevor der Teufel mit der letzten Säule durch die Luft kam, war
er ihm verfallen. Als der Satan den frommen Mann betend fand,
warf er wütend die Säule zu Boden; man mußte sie mit Eisen
zusammenfügen. Auch am Himmelstor, durch das man von
unten her gehen mußte, war es nicht geheuer.
Als der stotternde Mesner wieder einmal an der Reihe war,
hatte es tagelang geregnet, und die Bauern kamen durch den
tiefen Schmutz zum Gottesdienst. Heute waren ihrer viele, so
daß sie den dunklen Raum bald bis in die Winkel füllten, wo
keiner den andern mehr am Gesicht erkannte. trübselig schien
das Gollicht auf die Postille, und der Mesner begann nach
einigen Anläufen den dreiundzwanzigsten Psalm Davids zu
lesen. Als er zum vierten Vers kam, war es schier zum
Verwundern, denn er sagte in laut und ganz ohne Stocken, mit
großen Gottvertrauen. Es war die schöne Stelle des gläubigen,
tiefen Bauens auf Gott, der dem Christenmensche n ein
gewaltiger Stecken und Stab im finstern Tal der Welt ist. Dann
las er aus dem dicken Buche kräftige Worte, wie sie der Pastor
Hartkopf von Sankt Jakob nicht stärker gesagt hätte, denn heut
war sein guter Tag. "Um der Menschen Gunst gib ich gar nicht
und will deshalb allein auf Deine gar große Macht und Gewalt
vertrauen, die da erschrecklich groß ist gar über die massen stark
über alle Geist Himmels und der Erden. 0 allerliebster Vater, Du
Licht der Blinden, Stab der Lahmen, De lässt uns Übel mit
widerfahren; 0 großer Fürst, Deine wunderbare Majestät behüt
uns von allen giftigen Seuchen, hitzigen Leibschäden und
anderen gefährlichen Krankheiten und widerwärtigen Zufällen,
also dass uns weder Glück noch Unglück, weder Gesundheit
noch Trübsal, weder Armut, weder Tot noch Leben von Dir
lieber Vater mögen absondern.
Auf der Kanzel sah man einen dunklen Fleck, der sich bin und
wieder bewegte. Ehe die andern hinsahen, flog ein großer,
schwarzer Vogel auf den Tisch neben die Postille und schrie:
"Halts Maul!

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Mach ka Wurstpredig. Alter Schmarrer!" Der Mesner fuhr auf,
warf den Tisch mit der Postille um, die Laterne fiel auf den
Steinboden und erlosch. "Gelobt sei Jesus Christus," stotterte der
Mesner. "Der Teufel, der Teufel!", brüllten die Bauern, stießen
einander über den Haufen und keilten und balgten sich an der
Kapellentür; Mannsleute und Weiber mit hochgerafften Röcken
rannten durch den tiefen Kot den Himmelsweg hinunter über die
Burgstrasse und den Oelberg fort. Über ihre Köpfe weg flatterte
ein Rabe und blieb oben auf dem Himmelstor sitzen, dort hörten
ihn die letzten und der schlotternde Mesner, den sie übel
zerstoßen hatten, nochmal krächzen: "Mach' ka Wurstpredig!
Mach' ka Wurstpredig' Der vermeintliche Teufel war eine
zahme, sprechende Dohle, die dem alten Türmer auf dem
Sinwellturm entflogen war, das Licht hatte sie in die Kapelle
gelockt; den Spruch hatte sie vom Türmer gelernt, der ihn oft
genug seiner schwatzhaften Frau zurief. Seitdem dies
geschehen, wird im Heidenturm kein Gottesdienst mehr
gehalten, denn keiner der Bauern ließ sich mehr dort sehen; sie
hielten es als Christen nicht damit, Gott mehr zu fürchten als
den Teufel.

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Die betenden Pferde

Der Haupteingang in die Lorenzkirche ist zwischen den beiden


grossen Türmer. Das Tor selber ist mit den schönsten Figuren
aus Stein geschmückt. Die stellen die ganze Biblische
Geschichte dar, für alle die Menschen, die nicht lesen können.
Über dem Portal aber ist eine wunderschöne grosse Rosette
aufgebaut, die in der ganzen Welt berühmt ist. Gegenüber dem
Haupttor der Lorenzkirche, hart am Rand des früheren
Lorenzerfriedhofs, stand ein grosses, alte Patrizierhaus, das
Nassauer Haus. Unten hatte es einen tiefen Keller mit breiten
Gewölben; hinten waren grosse Stallungen angebracht und oben
türmte sich Stockwerk über Stockwerk mit groBen Zimmern, in
denen das schönste Möbelwerk, die feinsten Teppiche und die
wertvollsten Gefäßes und Kleinodien aufgehäuft waren. Im
Nassauer Haus wohnte ein reicher Mann. Dem waren Frau und
Kinder vom schwarzen Tod genommen worden, und seitdem
lebte er einsam in seinen grossen Räumen. Als er alt und
schwach geworden war, wurde er immer einsamer. Viele nahe
und ferne Verwandte kamen in sein Haus und wohnten da. Er
liess sie speisen und tränken; aber sonst kümmerte er sich nicht
viel um sie. Er ging den Menschen aus dem Wege, weil er ihnen
nicht traute. Aber zwei Pferde hatte er, zwei Braune; die hatte er
germ. Mit denen fuhr er am liebsten in einer kleinen Kutsche
hinaus vors Tor bis zum Waldrand; dort stieg er aus, lieB seine
beiden Rösslein grasen, legte sich selber auf die Wiese und
schaute in den Himmel. Dann kamen wohl die beiden guten
Tiere, stiessen mit ihrer Schnauze nach ihm, und wenn er sie mit
seiner Hand auf den Hals tätschelte und gute Worte sagte, dann
schauten sie ihm mit ihren treuen Augen so herzlich an, dass er
merkte, sie wollten ihm vergelten, dass er ihnen ein guter Herr
war.

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Der reiche Mann starb. Die Verwandten konnten ihn nicht
schnell genug aus dem Haus haben und setzten die Beerdigung
schon auf den nächsten Morgen fest. Zur Totenwache hatte aber
keiner Zeit.
Sie holten sich die Schlüssel und kramten in allen Truhen und
Schränken und suchten nach Geld und anderen Schätzen. Und
weil keiner genug kriegen konnte, so fingen sie untereinander
Streit an, und schlugen sich.
Am anderen Morgen kam das Totenfuhrwerk und holte den
reichen Mann ab. Er lag so, wie er gestorben war, in seinem
Sarge. Nicht einmal die Hände hatten sie ihm gefaltet. Der Sarg
wurde geschlossen und hinüber gebracht in den Friedhof. Als
die Glocke zur Beerdigung läutete, regnete es. Ein kalter Wind
blies die Regentropfen den Menschen ins Gesicht. Der Pfarrer
ging langsam herüber zu dem offenen Grab, neben dem der
Mesner und die vier Träger standen. Der Pfarrer wartete, aber es
kam kein einziger, der den armen reichen Mann zum Grab
begleiten wollte. So hielten die Sechs miteinander eine kleine
Beerdigung. Als der Pfarrer zu Ende war - seine Predigt war
kurz - da betete er über dem Sarg. Plötzlich hörten die Sechs ein
Wiehern über ihren Köpfen. Sie sahen in die Höhe; da schauten
aus dem obersten Stockwerk im Nassauer Haus zwei braune
Pferdekoepfe heraus. Ihre Hufe lagen auf der Fensterbrüstung
wie zum Beten übereinandergelegt Und als der Pfarrer weiter
betete, blieben sie droben still, und schauten mit ihren treuen
Augen herunter auf das Grab, als wollten sie sagen: wenn dich
auch alle Menschen verlassen haben, wir armen, dummen Tiere
haben nicht vergessen, dass du so gut mit uns warst.

-155-
Die blaue Agnes

Heute noch steht auf der Burg der Sinwellturm (sin-well ganz
rund); die Nürnberger nennen in einfach den Simpel. Das ist der
Turm, nach dem der Nürnberger zum Spaß fragte: "Welcher
Turm ist zugleich der dickste und der dünnste von allen
Nürnberger Türmen?". Das ist der Sinwellturm, denn er steht auf
einem breiten Felsen, und so ist er unten der dickste von allen
Türmen. Er selbst ist aber viel dünner als die andern Türme.
Daher ist er zugleich der dickste und der dünnste. In seinem
Innern ist nur eine enge Wendeltreppe, die in vielen Windungen
und unzähligen Stufen hinaufführt bis zur Plattform, über der
ein Stübchen für den Türmer gerichtet war. Dort wohnte Jörg
Kohler, der Wächter, viele Jahre.
Frau und Kinder waren ihm gestorben, und er lebte wie ein
Einsiedler da droben in luftiger Höhe als Höchster der Stadt.
Wenn es brannte, blies er das Feuerhorn, und sein Horn war
gewöhnlich das erste von allen Turmwächtern, wenn irgendwo
eine Flamme aufzüngelte. Er vertrieb die Zeit am Webstuhl und
verdiente manchen Kreuzer damit. Er webte ein grobes Leinen
und konnte es mit schöner, blauer Farbe färben. Wenn er einen
Packen fertig hatte, dann stieg er hinunter und verkaufte drunten
sein "Selbstgewobenes". Von dem Geld, das er dabei bekam,
kaufte er allerhand ein, was er sich wünschte für seine
Einsamkeit da droben, und dann stieg er wieder in seine
Einsiedelei hinauf. Als er wieder einmal mit seiner Last aus der
Stadt heraufgestiegen kam und das hohe Stiegenhaus durch den
Gang betrat, hörte er droben in der Finsternis ein menschliches
Wimmern. Erschrocken blieb er stehen.
Aber als das Wimmern wiederkam, stieg er mutig weiter und
fand droben vor der verschlossenen Tür seines Kämmerleins ein
kleines Mägdlein liegen. Er öffnete die Tür, machte Licht und
sah, dass es ein armes Wesen war, halb verhungert, die Kleider

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zerrissen. Mit letzter Kraft war es die steilen hohen Treppen
hinaufgekrochen und konnte nicht mehr weiter.
Jörg Kohler nahm das Mägdlein behutsam in seinen Arm, trug
es in seine Kammer und bettete es dort weich. Es hatte die
Augen aufgeschlagen, und seine zitternde Angst rührte den
rauhen, alten Einsiedler. Der Jörg hatte manch guten Bissen und
auch ein wenig Wein in der Stadt gekauft und in seinem Packen
heraufgetragen. Er rieb dem Kind die Schläfen ein und gab ihm
ein wenig zu knabbern.
Bald wurde das Mägdlein munter. Es wußte aber seinen
Namen nicht. Auch konnte es nicht sagen, wer seine Eltern
waren. Es erzählte nur, dass es von bösen Leuten, die sich
"Christen" nannten, aus der Heimat vertrieben und nun mit
Eltern und Bekannten nach langem Wandern hierher nach
Nürnberg gekommen war. Da war es den Eltern und den andern
noch schlechter gegangen und das Kind war davongelaufen und
hatte sich irgendwo verkrochen. Jörg merkte, dass es ein
Judenkind war. Es hatte so freundliche Augen und sein
Gesichtlein war schmal, aber feingeschnitten. Er beschloß, es
bei sich zu behalten und nannte es Agnes. Jahrelang wußte kein
Mensch von seinem Schatz. Das Kindlein blieb droben auf dem
Turm und kam nie herunter in die Stadt. Jörg besorgte alles. Das
Mägdlein wuchs heran, wurde 8, 10, 15 Jahre alt und erblühte
schließlich zu einer wunderschönen Jungfrau. Der alte
Einsiedler hatte nichts anderes, was er ihr als Kleid geben
konnte, als seine selbstgewebte Leinwand. So trug das Mädchen
nichts als blaue Kleider. Weil sie aber blond war, so standen ihr
die Kleider besonders gut und es wollte später gar nichts anderes
mehr tragen. Allmählich freilich sprach es sich herum, dass bei
dem alten, weißhaarigen Jörg ein schönes, blondes Mädchen
hauste, und man erzählte da und dort von der schönen, blauen
Agnes. Das störte aber die beiden nicht Sie lebten glücklich
zusammen, als wären sie wirklich Vater mit Tochter. Ungefähr
zehn Jahre waren vergangen, seit Jörg das Mädchen im Dunkeln

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vor seinem Stübchen gefunden hatte. Agnes war ein fröhlicher
Mensch. Von früh an hörte man ihre Lieder vom Turm
herunterklingen. Dann saß sie am Spinnrad und später webte sie
mit großem Geschick.
"Was machst du Agnes, wenn ich einmal gestorben bin, es
wird nicht mehr lange dauern?"
"Sei unbekümmert! Hat mich Gott to weit geführt, wird er für
mich auch weiter einen Weg leiten!" Agnes fiel ihrem treuen,
väterlichen Freud weinend um den Hals und bat ihm:
Sprich nicht von deinem Sterben, Vater. Bleib bei mir. Ich
werde für dich sorgen, soviel ich kann" Als Jörg ganz alt
geworden war, mußte Agnes für ihn hinuntersteigen in die Stadt
und den Barchent verkaufen und dafür das Notwendige fürs
Leben einhandeln.
Dadurch wurde sie immer mehr in der Stadt bekannt Eines
Nachts aber brach ein schwerer Brand in der Stadt aus. Alle
Türmer hatten geblasen, nur der Sinwellturm blieb aus. Als der
Brand gelöscht war, mußten ein paar Knechte hinaufsteigen und
nachsehen, warum denn der Ruf des Feuerhorns vom
Sinwellturm nicht erklungen war. Der "Feuerherr" (das war der
Oberste der Feuerwehr in der Stadt) hatte sie geschickt Die
Knechte fanden den alten Jörg tot Sein ganzes Stüblein war
sonst in Ordnung und so als hätte eben jemand aufgeräumt. Die
blaue Agnes aber war verschwunden, und niemand hat sie mehr
gesehen. Nun beschloß der Rat, dass die Wache auf dem
Sinwellturm nicht mehr besetzt werden sollte. Es wollte sich
keiner finden, der bereit war, so weit von allen Menschen weg in
die Einsamkeit zu ziehen. Fast 50 Jahre war kein Wächter mehr
dort droben. Als aber im Jahre 1632, wie die Schweden im Land
waren, wurde der Wächterposten neu besetzt, da war die "blaue
Agnes"
wieder da. Man hörte ihre Schuhe den Treppen auf- und
ablaufen. In der Nacht hörte man ihre lustigen Liedchen und das

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Schnurren ihres Spinnrades. Zu sehen bekam man die Agnes nur
selten. Aber wenn der Wächter einmal sich hingelegt hatte und
gegen die Vorschrift seines Dienstes eingeschlafen war, dann
kam die blaue Agnes und rüttelte ihm wach. Das ließ sich der
Türmer gefallen. Außerdem waren die Treppen und das Zimmer
jeden Morgen sauber gekehrt mit gewischt Aber bald erschien
die blaue Agnes auch auf den andern Türmen und besuchte,
warnte und bediente die Wächter der Stadt.
Man hörte sie überall herumschleichen und geschäftig alles in
Ordnung bringen, was durcheinander geraten war. Jeden großen
Brand zeigte sie den Wächtern schon ein paar Tage vorher an.
Sie hatte verschiedene Mittel, diese zu warnen: Bald läutete die
Feuerglocke leise in der Nacht, ohne dass jemand den Strick
berührt hatte; bald schwang das Feuerhorn an der Wand langsam
hin mit her; bald blieben einmal alle Uhren stehen. So soll es
noch heute sein.
Die blaue Agnes ist der Schutzgeist aller Türme.

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Die dicken Türme

Die Nürnberger Mauer war so dick, der Graben so tief und die
Nürnberger Türme so hoch und stark, daß kein Feind wagte, die
Stadt anzugreifen. Da kam die Zeit, dass man Kanonen gießen
konnte, die man weither über Land fuhr. Der Markgraf Albrecht
Alcibiades hatte auch Kanonen dabei, und als er draußen auf
dem Rechenberg sich lagerte, schob er von dort lange Zeit in die
Stadt.
Sehr zum Ärger der Nürnberger, die gar nichts dagegen
machen konnten.
Die Nürnberger hatten zwar eine ganze Anzahl Kanonen, die
standen hinter den Mauern und konnten nicht hinausschießen.
Der Rat aber wagte nicht, die Kanonen aus der Stadt
hinauszufahren und draußen vor den Toren aufzufahren. Dort
hätten sie frei schießen Können, aber es wäre schwer gewesen,
sie gegen einen Überfall der markgräflichen Reiter zu schützen.
So mußten denn die Nürnberger Kanonen hinter den Mauern
und hinter den geschlossenen Toren stehen und die Nürnberger
mußten ertragen, daß die markgräflichen Kanonen ohne
Erwiderung in die Stadt hereinschossen.
Als der Markgraf abgezogen war, ließ der Nürnberger Rat
schleunigst vier starke Türme an der Stadtmauer mit dicken
Mänteln aus Steinquadern umgeben. Oben in der Höhe wurde
eine breite Plattform gerichtet, wo man Kanonen aufstellen
konnte. Vier solche dicke Türme, die heute noch das
Wahrzeichen von Nürnberg sind, wurden damals gebaut.

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Die schwarze Kuh in Schlottenhof bei Arzberg

Unweit des Städtchens Arzberg liegt das ehemalige Kloster


Schlottenhof. In dem Stall des dortigen Ritterguts stand vor
Zeiten eine schwarze Kuh. Sie sah aus, als wäre sie durch
anstrengende Feldarbeit sehr ermüdet; die Augen standen ihr
hervor, und ihr Körper war stets mit Schweiß bedeckt. Da es seit
jeher hieß, wenn nicht eine schwarze Kuh auf dem bestimmten
Platze stünde, würde der Stall von einer Seuche heimgesucht
werden, sah man darauf, daß stets eine zweite schwarze Kuh
zugegen war, im Falle die erste eingehen sollte.
Einmal geschah es, daß die schwarze Kuh plötzlich in den
Boden versank. Als das Tier wieder emporgehoben war, fand
man, daß die Kuh auf einer eisernen Tür gestanden hatte, die
eine tiefe Höhlung überdeckte. Darauf wurde die Öffnung mit
einer neuen Tür versehen, und die Kuh nahm wieder den
gewöhnlichen Platz ein.
Zur Zeit eines Herrn von Benkendorf, dessen Nachkommen
den Schlottenhof noch heute besitzen, ging die schwarze Kuh
ein, und da keine andere bereitgestellt war, mußte ihr Platz im
Stall unbesetzt bleiben. Der damalige Pächter ersuchte zwar
seinen Herrn um eine neue schwarze Kuh, der Gutsbesitzer aber
erklärte, ärgerlich über das Drängen des Pächters, er wolle den
Schaden tragen, der aus dem Fehlen einer schwarzen Kuh
entstehe n würde. Bald darauf erkrankte sämtliches Vieh des
Pächters und war in kurzer Zeit verendet. Herr von Benkendorf
hatte großen Schaden, ließ sich nunmehr herbei, wieder eine
schwarze Kuh zu beschaffen. Von da an blieb alles Vieh gesund.

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Die verwunschene Jungfrau auf Schloß
Schönstein bei Röttingen

Etwa ein halbes Stündlein von Röttingen an der Tauber gegen


Stalldorf zu, liegt ein Waldgebiet, das den Namen Schönstein
führt.
Dieser Wald bildete vor Zeiten die Grenzmarkung eines
Dorfes, das einstmals hier stand ; noch heutzutage findet man im
Gestrüpp Spuren vom Mauerwerk, deutlich sind die Gewölbe
eines Schlosses zu erkennen. Wie das Dorf zugrunde ging und
weshalb die Gemeinde sich auflöste, ist unbekannt. Ein großer
Teil der Bewohner ist nach Röttingen gezogen. Vom Schloß
Schönstein weiß die Sage allerlei zu berichten.
Vor vielen Jahren lebte ein schöner junger Schäfer in der
Gegend, der seine Herde oft in der Nähe des schon damals
verfallenen Schlosses weidete. Eines Abends hörte er den
traurigen Gesang einer zarten Frauenstimme aus dem Innern der
Burg dringen. Aber vergebens spähte er nach allen Seiten aus,
um die Sängerin dieser zarten Lieder zu entdecken.
Die Stimme ließ sich mehrere Abende nacheinander hören, bis
der Hirt einmal aus seinem Versteck das holde singende
Fräulein auf dem Gemäuer des Schlosses wandeln sah. Anstatt
aber beherzt zu ihr zu gehen, ergriff der gute Schäfer, von
heimlicher Furcht überfallen, die Flucht, eilte geraden Weges
nach Hause und berichtete dem Pfarrer seines Ortes, was er
soeben erlebt hatte. Der Geistliche sprach ihm Mut zu und gab
ihm den Rat, sollte er noch einmal die Erscheinung sehen, möge
er sogleich auf sie zugehen, sie in Gottes Namen anrufen und
fragen, was ihr Begehr sei und wie man ihr helfen könne.
Der Jüngling versprach, das gute Werk zu vollbringen, betete
inbrünstig zu Gott um Beistand und zog am nächsten Morgen
guten Mutes mit seiner Herde in die Nähe des alten Gemäuers.
Es währte nicht allzulange, da ließ sich der traurige Gesang
-162-
wieder vernehmen, und bald zeigte sich auch die gleiche
Frauengestalt, in ein weißes Gewand gehüllt und von einem
weißen Schleier umflattert. Nun faßte sich der Jüngling ein
Herz, schritt auf die Gastalt zu und fragte sie im Namen Gottes,
wie er ihr helfen könne.
Das Fräulein antwortete, sie sei hierher verbannt und müsse
einen großen Schatz hüten, bis ein unschuldiger Jüngling käme
und sie erlöse. Zu diesem Werk habe sie ihn auserkoren, er
möge den Mut nicht verlieren, sich aber auf einen harten Kampf
gefaßt machen. Am Walpurgistag solle er wieder kommen,
jedoch seine Herde daheim lassen, dann müsse er, ohne sich
umzusehen, entschlossen nach der Burg eilen, dürfe sich aber
durch keine Trugbilder und Erscheinungen abschrecken lassen,
sondern möge kühn von ihrem Hals einen Schlüssel nehmen.
Damit sei das Werk ihrer Erlösung vollbracht, ihm aber werde
ein reicher Schatz zufallen.
Der Jüngling versprach, diese Worte genau zu befolgen.
Darauf verschwand das Fräulein sogleich von der Mauer. Der
junge Schäfer aber machte sich nachdenklich auf den Rückweg
und berichtete seinem Pfarrherrn, was vorgegangen war. Dieser
ermunterte ihn aufs neue, nur den Mut nicht zu verlieren; denn
er könne ein gutes Werk vollbringen und noch dazu für sich und
seine armen Eltern reichlichen Lohn gewinnen.
Als schließlich der festgesetzte Tag herangekommen war,
machte sich der Schäfer, nachdem er sich noch durch Buße
vorbereitet hatte, beherzt auf den Weg, dem Schönsteiner
Schloß zu. Kaum näherte er sich dem Gehölz, da stieg plötzlich
ein mächtiger Geier vor ihm auf und umkreiste sein Haupt mit
wildem Gekreisch und Flügelschlag.
Doch der Schäfer ließ sich dadurch nicht aufhalten, still und
vertrauensvoll ging er seines Weges weiter. Gleich darauf
sprang ein gräßlicher Wolf, die Zähne fletschend, vor seinen
Weg, während sic h eine grüne Schlange neben ihm auf dem

-163-
Boden hinringelte und in den Lüften das "wilde Heer" mit
Höllenlärm vorbeibrauste.
Gleichzeitig rollte der Donner, zuckten die Blitze neben und
über ihm, und wildes Gewürm umkroch seine Füße, daß er
meinte, keinen Schritt weiter tun zu können.
Doch all diese Schrecknisse vermochten den Mut des
Jünglings nicht zu erschüttern; wacker schritt er aus, auf die
Jungfrau zu, die er auf einmal auf dem Gemäuer droben stehen
sah. Aber, o Graus! Um ihren Hals wanden sich zwei
scheußliche Schlangen, die zischend um sich züngelten und den
goldenen Schlüssel mit ihren Ringelleibern festhielten. Aus
diesem Knäuel giftigen Gewürms sollte der Jüngling den
Schlüssel nehmen! Dazu gehörte mehr als der Mut eines
Menschen!
Schon war der junge Schäfer nahe daran, wieder umzukehren,
als ein Blick auf die arme, still duldende Jungfrau sein Herz
noch einmal mit frischem Mut und neuem Mitleid erfüllte. So
wagte er, den - letzten Schritt zu tun : schon streckte er seine
Hand aus, den Schlüssel vom Hals des Fräuleins zu nehmen, da
fuhr eine Schlange zischend und Feuer sprühend auf ihn los, der
Jüngling taumelte zurück, und im gleichen Augenblick waren
Schlangen und Schlüssel verschwunden, und die Jungfrau stand
allein und wehklagend vor dem betäubten Schäfer. Darauf hob
sie eine Eichel vom Boden auf, stampfte diese mit den Füßen in
die Erde und rief: "Ich pflanze diese Eichel, aus ihr wird ein
gewaltiger Baum werden, den man dereinst fällen wird. Aus
seinen Brettern wird eine Wiege gefertigt, in dieser Wiege wird
ein Knäblein liegen, dieses Knäblein wird nach Jahren zum
Jüngling heranreifen, und dann erst wird dieser Jüngling mich
dereinst erlösen! "
Nach diesen klagenden Worten verschwand die Jungfrau. Der
arme Schäfer aber stand wie vernichtet verlassen im Wald und
dachte schmerzerfüllt an die unglückliche Jungfrau und an sein
entschwundenes Glück. Oft hat er nachher seine Herde an dem
-164-
Schönstein geweidet, aber die Jungfrau hat er, wie die Sage vom
Schloß Schönstein berichtet, nie wiedergesehen.

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Dr. Schildkrot und das Zwölfbrüderhaus

Neben dem Lauferschlagturm stand ein großes breites Haus


mit vielen Sälen und Zimmern. Bis 1945 war es ein Schulhaus.
Vor 400 Jahren aber ist es gebaut worden als fromme Stiftung
von Männern, die mehr gekonnt hatten als Brot essen.
Der eine hat Erasmus Schildkrot geheißen. Er soll aus England
gewesen sein und die Kunst verstanden haben, wie man Gold
macht.
Er war aber kein Zauberer wie manche, die mit Teufelskünsten
so was zustande bringen, sondern ein frommer Mann, der
Kirchendienste tat in der Frauenkirche und bei St. Egidien. Er
hatte ein Gelübde getan, daß er, wenn seine Kunst gut fortgehe,
von seinem Gewinn Almosen an die Armen verteilen und eine
Klosterzelle bauen wolle. Er wartete aber mit seiner Stiftung
nicht bis zu seinem Tod, sondern nahm schon, solang er lebte,
zwölf alte arme Männer an, denen er täglich Geld und gutes
Essen ins Haus schickte. Dafür sollten die Alten der Reihe nach
alle Gottesdienste in der Stadt besuchen und für den Wohltäter
beten. Wenn sie krank waren, wurden sie auf Schildkrots Kosten
sorgfältig und gut gepflegt und mit allem versorgt, was ihnen
ihre Krankheit bessern und erleichtern konnte. Schildkrot wurde
immer reicher und hinterließ, als er starb, ein großes Vermögen
von Geld und Gold.
In seinem Testament hatte er bestimmt, daß man den zwölf
alten Männern zur Heimstätte eine Zelle bauen solle. Deshalb
kaufte Matthias Landauer, ein Freund des Engländers, ein Stück
von dem alten Stadtgraben zwischen dem Lauferschlagturm und
dem Schwabenberg, auf dem die ›sieben Zeilen‹ stehen. Er lies
den Graben ausfüllen und dann auf den gewonnenen Platz das
›Zwölfbrüderhaus‹ stellen, mit einer Kapelle. Matthias
Landauer, der Testamentsvollstrecker von Dr. Schildkrot, hat
wohl von ihm, der in seinem Haus seine Versuche gemacht

-166-
hatte, manches gelernt. Auch er wurde reich, und viele
Stiftungen haben seinen Namen nicht vergessen lassen.

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Ein Schusterjunge kommt in den Kaiserpalast

Meine Grossmutter erzählte weiter. "Die Nürnberger haben


gesagt, ein solches Schwein, wie der Wenzel bei seiner Taufe
gewesen ist, ist er sein Lebtag geblieben; er war aber auch kein
Königssohn! Der Kaiser Karl war unterwegs, als seine Frau
Anna, die Kaiserin, in der Nürnberger Burg in die Wehen kam.
Es ging schneller, als jeder dachte, und eilig musste eine
Wehmutter aus der Stadt geholt werden. Man fand schliesslich
eine in der Nähe der Burg, die gerade einem Jungen, dem Sohn
eines ehrsamen Schustermeisters, geholfen hatte, auf die Welt
zu kommen. Sie eilte die Treppen hinauf in die Burg und fand
die Kaiserin in Tränen. Dort war das Kind schon angekommen
und war ein Mädchen. Niemand hatte es bisher gesehen; denn
die Kaiserin war ja allein gelegen, weil ihre Dienerin nach der
Hebamme gelaufen war. Als die Wehmutter den Kummer der
Kaiserin sah und hörte, dass es deswegen war, weil wieder eine
Prinzessin und noch immer kein Kaisersohn geboren worden
war, da machte sie der armen Kaiserin den Vorschlag: "Da
drunten liegt ein wunderschöner, kräftiger Junge. Tauscht doch
einfach! Kein Mensch wird etwas davon merken. Ich trage die
Prinzessin schnell hinunter und hole den Buben herauf!" Die
Kaiserin, die vor dem Zorn ihres Mannes Angst hatte, war
einverstanden und nach einer Viertelstunde waren die Kinder
getauscht. Die Schustersfrau hatte zuerst nic ht tauschen wollen;
aber als sie gehört hatte, dass ihr kleiner Sohn einmal Kaiser
werden sollte, da hat sie schliesslich zu dem Handel ja gesagt.
Am andern Morgen krachten die Kanonen von der Burg zum
Zeichen, dass dem Kaiser ein Sohn geboren war. Es war ein
grosses Kind. Mehr als 9 Pfund schwer. Der Kaiser liess es in
seiner Freude auf dem Nürnberger Marktplatz in Gold
aufwiegen und schickte 9 Pfund 363 Gramm reines Gold an das
Münster von Aachen, um damit dem ganzen Volk zu zeigen,
daß der kleine Kaisersohn Anspruch auf den Thron Kaiser Karls
-168-
des Großen hatte. Der Kaiser ließ den jungen Prinzen von den
besten Lehrmeistern erziehen; aber er soll nicht viel gelernt
haben. Schöne Kleider und gut zu essen waren ihm das Liebste.
Arbeiten mochte er überhaupt nicht, und die Bücher waren ihm
gar ein Greuel. Und wie er später König geworden, war er auch
kein richtiger König; kein Mensch kann aus seiner Haut !

-169-
Ein Zirkelschmied bekommt keine Königstochter,
aber ein schlauer Pater einen Bischofshut

Elisabeth - so hiess das kleine Mädchen, das zu den


Schusterleuten gekommen war auf Bitte der Kaiserin, - wurde
ein schönes Mädchen.
Sie war grösser als ihre Eltern und ihnen gar nicht ähnlich.
Aber so etwas kommt ja vor! Weil sie gar so schön war,
verliebte sich ein Zirkelschmied in sie, er wollte sie zur Frau
haben. Der Vater, der ehrsame Schuhmachermeister, wollte die
"Else" dem braven Zirkelschrnied geben, aber seine Frau, die
Meisterin, wollte es absolut nicht haben. Immer wieder sagte
sie: Die Else ist zu Besserem geboren; die kann doch keinen
Zirkelschmied heiraten! "
Aber wenn der Mann weiterfragte, gab sie keine Antwort. Als
aber ein guter Freund des Schusters, der Pater Hiarius von St.
Egidien, die Frau umstimmen wollte, da gestand ihm die
Meisterin, daß die Else gar nicht ihre und ihres Mannes Tochter,
sondern ein Kind des Kaisers sei, die Kaisertochter aber könne
doch nicht mit einem Handwerker verheiratet werden. Der Pater
war ein kluger Mann und hatte ehrgeizige Pläne im Kopf. Das
Geheimnis, das er da erfahren hatte, kam ihm gerade recht. Er
reiste nach Prag und brachte es fertig, dass er den König Wenzel
unter vier Augen sprechen konnte.
Da erzählte er, was er von der Schusterin von Nürnberg
erfahren hatte. Erst brauste der König auf. Er war ein
jähzorniger Mann. Er wollte den Pater töten lassen. Aber bald
wurde er wieder friedlich und wie der Pater ihm schwur, daß
kein Mensch von der Geschichte etwas erfahren hätte und dass
er niemand etwas sagen wollte, da liess er ihn am Leben und
machte ihn schliesslich sogar zum Bischof und zu einem von
seinen Ratgebern. Elisabeth die Schusters-Else, wurde an den
Kaiserhof gebracht. Wenzel machte sie zu einer Gräfin von

-170-
Rothkirch, schenkte für Dörfer und Schlösser und verheiratete
sie schliesslich mit einern seiner Adeligen am Kaiserhof. Bei der
Hochzeit wunderte sich jeder, dass Elisabeth dem verstorbenen
Kaiser Karl IV. so ähnlich sah als Wenzel bald darauf auf die
Nürnberger Burg kam, liess er seine Mutter heimlich aufs
Schloss holen und fragte sie selber aus. Und die Neugier plagte
ihm so, dass er auch seinen Vater kennenlernen wollte. Er soll
als Mönch verkleidet, in einer Kutte in das Haus seiner Eltern
gekommen sein und lange Zeit mit seinem Vater, dem
Schuhmachermeister, gesprochen haben, ohne dass der wusste,
dass er mit dem König und zugleich mit seinen eigenen Kind
sprach. In Nürnberg hat sich später niemand gewundert, dass
Wenzel niemals ein richtiger König geworden ist, und dass ihm
Fressen und Saufen lieber war als Regieren und Gerichthalten
über die Bösewichter. Seine Herrschaft ist ja auch so zu End
gegangen, wie es zu ihm gepasst hat. Er hat sein Königreich für
10 Fuder Wein an den Pfalzgrafen verkauft."

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Ein guter Schütze

Gustav Adolf war von München nach Nürnberg gezogen und


hatte sich dort verschanzt. Sein großer Feind Albrecht von
Wallenstein, der Friedländer, kam von Böhmen her mit einem
großen Heer und setzte sich nicht weit von der Stadt entfernt,
auf einem Hügel, die ›Alte Veste‹ genannt, mit seinem Heer fest
und war nicht mehr zu vertreiben. Monatelang standen sich die
beiden großen Heere gegenüber und taten sich Schaden, wo sie
konnten. Bei Doos, zwischen Nürnberg und Fürth, war eine
große Brückenschanze, die war von der Nürnberger Bürgerwehr
besetzt. Dort standen auch ein paar Kanonen, die mit großen
Kugeln hinüberschossen zur Alten Veste. Ein besonders guter
›Grobschütze‹ war der Konstabler Beizleuter.
Einmal um die Mittagszeit, als die Alte Veste besonders schön
beleuchtet vor den Nürnberger Soldaten stand, suchte Beizleuter
mit seinem Fernrohr den ganzen Berg vor ihm ab, ob er nicht
den Wallenstein, den Führer der Feinde, selber irgendwo
entdecken könnte. Er war bekannt dafür, daß er seine Kanone
auf den Mann einrichten und dann treffen konnte. Den Feldherrn
Wallenstein aber konnte er nie zum Schuß kriegen. Wie er so
suchte mit seinem Rohr, da sieht er plötzlich Wallenstein mit
seinen Herren Obersten oben an der Spitze des Hügels um einen
steinernen Tisch sitzen.
Schüsseln wurden aufgetragen und die Herren tafelten dort nach
Herzenslust. Beizleuter nahm einen Papierstreifen und schrieb
darauf ›Des Friedländer Kopf‹, klebte ihn auf eine
dreißigpfündige Kanonenkugel, steckte die in das Kanonenrohr,
zielte, bis er den Wallenstein genau auf dem Korn hatte, nahm
dann seinen Luntenstock und ließ es Krachen. Als er sein
Fernrohr zur Hand nahm, sah er, daß die Herren drüben alle vom
Tisch aufgesprungen waren, daß aber die Kugel nicht mitten ins
Ziel getroffen hatte.
Ärgerlich ging er, da sein Dienst zu Ende war, nach Haus.
-172-
Beizleuter war nicht lange zu Hause. Da kam ein Bote vom Rat,
der ihn kommen ließ. Dort wurde ihm mitgeteilt, das von
Wallenstein aus dem Lager auf der Alten Veste ein Schreiben
gekommen sei. Der Generalissimus wolle den Grobschützen
gerne kennenlernen, der ihm heute den Löffel fast aus dem
Mund geschossen habe. Der Rat solle ihn morgen früh um neun
an die Lagerlinie bei der Alten Veste schicken. Wallenstein
wolle ihn dort bei der großen Linie persönlich erwarten!
Weil aber der Rat fürchtete, daß der Wallensteiner den
Nürnberger auf diese Weise ihren besten Konstabler
wegschnappen wolle, beriet man, was man tun könnte.
Schließlich hieß man den Meisterschützen einen groben
Bauernkittel anziehen und gab ihm einen Brief des Rates an
Wallenstein mit, in dem stand, daß der Rat für den Konstabler
eine Bürgschaft verlange; sonst wolle man den Wunsch des
Generalissimus gerne entgegenkommen.
Der Friedänder stand schon vor der festgesetzten Zeit an der
großen Linie und wartete. Als er den Mann im Bauernkittel
kommen sah statt des erwarteten Konstablers, war er schon
ärgerlich. Er riß das Schreiben auf und sagte dann als er es
gelesen hatte, zu dem Offizier, der ihn begleitete: »So geht als
Geisel mit. Heut nachmittag um drei Uhr will ich noch einmal
an derselben Stelle auf den Schützen warten! "
Die beiden, der Offizier und der Mann im Bauernkittel, machten
sich also auf den Weg. Unterwegs kamen sie ins Plaudern und
der Offizier sagte, daß er selber den Teufelskerl kennenlernen
möchte, der seine Kugel nur um Haaresbreite an des Friedländer
Kopf vorbeigejagt hätte. Bald kamen sie an die Nürnberger
Linie, wo der Oberst Leubelfing beide in Empfang nahm. Als er
durch den Offizier hörte was Wallenstein aufgetragen hatte,
sagte er zu ihm:
»Ihr könnet gleich wieder umkehren, eine Bürgschaft ist nicht
mehr nötig. Der Wunsch Wallenstein ist schon erfüllt; denn der
Bote hier im groben Bauernkittel war der gute Kanonier«

-173-
Eine unglückliche Hochzeit auf der Burg

Im Burghof der alten Kaiserburg in Nürnberg neben der


großen alten Linde führt eine steinerne Treppe an der
Außenwand hinauf zum großen Festsaal. Die Treppe war früher
aus Holz und ist erst nach einem furchtbaren Unglück aus Stein
aufgehört worden. Da wurde einmal eine Doppelhochzeit in der
Kaiserburg gefeiert: der junge König Heinrich, der Sohn Kaiser
Friedrichs II., wurde mit Margareta von Österreich und Herzog
Heinrich von Österreich mit Agnes von Thüringen vermählt. Zu
der Hochzeit der zwei jungen Heinriche waren aus dem ganzen
Reich Herren und Frauen eingeladen worden; auch der
Erzbischof von Köln sollte kommen. Der alte Erzbischof wurde
aber unterwegs von seinem Neffen, einem Grafen von Altena,
Überfallen und totgeschlagen. Niemand weiß mehr genau,
warum.
Man erzählt nur, daß die Begleiter des Erzbischofs mit der
schrecklichen Nachricht nach Nürnberg kamen und zum Beweis
die blutigen Kleider mitbrachten. Mitten in die fröhliche Feier
hinein kam die schreckliche Kunde. Zornig fuhr der junge
König Heinrich - er soll erst fünfzehn Jahre alt gewesen sein -
auf und wollte auf der Stelle drunten am Hof unter der großen
Linde ein furchtbares Gericht über die Mörder halten. Unter den
Gästen waren aber einige, die meinten, man müßte die
Angeklagten erst selber hören, ehe man sie verurteilen könne.
Heinrich wollte davon nichts hören. Weil aber die ganze
Gesellschaft vorher lustig getrunken hatte, kamen sie in Streit.
Einige rissen die Schwerter aus der Scheide. Man rannte auf
die Holztreppe und draußen entstand ein großes Gedränge. Da
brach die Treppe zusammen. 56 wurden erschlagen, 22 davon
waren aus dem Adel oder Mönche und Geistliche. Viele waren
nur verwundet und konnten mit Mühe unter den Trümmern
herausgezogen werden.

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Mancher starb noch nachher an den Wunden.

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Goldsuchende Venediger im Fichtelgebirge

Viele Männer aus Welschland, besonders aus Venedig, kamen


einst in die deutsche n Berge, um wertvolle Metalle, vor allem
Gold, zu suchen.
Ein Venediger, der häufig im Fichtelgebirge anzutreffen war,
kehrte oft bei einem Landmann in Wülfersreuth ein. Dieser
nahm ihn stets gastfreundlich auf und bot ihm, was er
vermochte. Einstmals nun erschien der Venediger wieder,
diesmal allerdings um für immer Abschied zu nehmen.
"Ich kehre jetzt in meine Heimat zurück, um die Früchte
meiner langjährigen Mühen in Ruhe zu genießen," sagte er, "und
werde wohl nie mehr deine gastliche Schwelle überschreiten.
Wenn du jedoch einst irgend ein Anliegen auf dem Herzen hast,
so komm zu mir in das ferne Venedig, und ich will dir in deiner
Not helfen. Ich glaube, wir werden uns wiedersehen." Damit
schied er.
Und siehe, nach Jahren zogen schwere Wolken über das kleine
Haus des bescheidenen Mannes aus dem Fichtelgebirge, so daß
der besorgte Bauer keine andere Hilfe aus Not und Sorgen mehr
wußte, als bei seinem Freund in Welschland vorzusprechen. Da
machte er sich nun auf, wanderte gegen Süden und erreichte
glücklich die große Stadt am Meer. Dort wurde ihm aber bange,
als er die weiten Straßen und Plätze sah; wie wollte er da seinen
Freund ausfindig machen? Den Namen hatte er längst vergessen.
Während er jedoch in halber Verzweiflung die prächtigen
Häuser ringsum anstaunte, rief plötzlich eine Stimme aus einem
herrlichen Palast: "Hanns! Hanns!"
und ein reichgeschmückter, vornehmer Mann stürzte heraus
und umarmte den verblüfften Bauern.
War das der Venediger in den schlechten schwarzen Kleidern,
den er einst beherbergt hatte? Er war es und hatte ihn in seiner
Fichtelberger Tracht sogleich wieder erkannt. Und der
-176-
vornehme Mann führte den armen Besucher in die herrlichen
Säle, die von Pracht und Reichtum glänzten. Dem bedrückten
Waldbewohner war es, als träume er. Der Venediger vergalt nun
alles tausendfach, was ihm der arme Gebirgler einst Gutes getan
hatte. Reich beschenkt kam dieser in seine bescheidene Heimat
zurück und führte von nun an ein sorgenfreies Leben.

-177-
Hans Stark

Am alten Weinmarkt steht ein hohes Haus, das Starckenhaus


geheißen. Dort im obersten Stockwerk soll eine heimliche
Goldmacherwerkstatt gewesen sein.
Der Rat der Stadt hatte streng verboten, Gold zu machen. Und
mancher ist auch deswegen bestraft worden. Einmal aber soll
der Rat selber einem Nürnberger Bürger, Hans Stark, den
Auftrag gegeben haben, nachzusehen, was an der
Goldmacherkunst wäre. Man baute ihm in sein hohes Haus
einen besonderen Herd und eine ganz kleine Küche dazu. Damit
keiner merken sollte, was er suchte, gab man an, er müsse für
den Rat allerlei künstliches Feuerwerk machen für
Kriegszwecke, und das müsse streng geheim bleiben. Hans
Stark hat lang herauszufinden versucht, wie man Gold macht;
aber am Schluß war's ›lauter Nichts‹!

-178-
Kaiser Karl ist unterwegs...

Karl der Große sitzt draußen bei Wetzendorf in seinem


Karlsberg und wartet, bis die Not des Reiches hin ruft. Jedes
Jahr aber in der Walburgisnacht (1. Mai) macht er sich mit
seinem ganzen Gefolge auf und zieht durch ein großes Tor, das
sich knarrend vor ihm öffnet, durch den unterirdischen Gang
hinüber zum Tiefen Brunnen unter der Burg. Dort tränkt er seine
Rosse und kehrt dann zurück in seinen Saal, in dem er wartet,
bis das neue Jahr vergangen ist. Da hören die Leute dann von
droben ein Knarren und ein Stampfen von Pferdehufen und
halblaute Stimmen aus dem Brunnen heraufklingen und dann
sprechen sie zueinander: "Heute ist der alte Kaiser mit seinen
Treuen wieder unterwegs."

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Notburga in Hochhhausen am Neckar

Im siebenten Jahrhundert herrschte im Neckartal der


Frankenkönig Dagobert der Erste, der auf der Burg Hornberg
residierte. Er hatte eine schöne Tochter namens Notburga.
Damals waren die Bewohner dieser Gegend ebenso wie der
König selbst noch Heiden, die fromme Notburga aber hatte sich
zum Christentum bekehrt.
In jener Zeit führte der Wendenfürst Samo mehrmals Krieg
gegen das Frankenreich. Er hatte von der Schönheit Notburgas
gehört und war in Liebe zu ihr entbrannt, ja, er kam sogar nach
Hornberg selbst und warb um die Hand der königlichen
Jungfrau. Dagobert war bereit, dem Wendenfürsten seine
Tochter zur Frau zu geben, schon um des lieben Friedens willen,
den er dadurch für sein Land zu gewinnen hoffte. Aber
Notburgas frommes Herz wollte von der Verbindung mit dem
heidnischen Wenden nichts wissen. Dem lärmenden Fest, das zu
ihrer Verlobung gefeiert wurde, blieb sie fern und verharrte
indes im Gebet in ihrer Kammer. Doch aus Angst, zur
TeiInahme am Fest schließlich gezwungen zu werden, floh sie
plötzlich auf göttliche Weisung aus dem väterlichen Schloß und
eilte an den Neckar.
Von Kindheit an hatte Notburga eine Hirschkuh gepflegt und
behütet. Diese stand nun plötzlich vor der zagenden Jungfrau
und schaute wie weisend nach der Felswand am anderen
Neckarufer.
Notburga setzte sich auf den Rücken des Tieres, das sogleich
mit seiner Last ans andere Ufer des Flusses schwamm. Dort
suchte die Jungfrau, der Hirschkuh folgend, Zuflucht in einer
Höhle. Sie löschte ihren Durst an einer Quelle, und die
Hirschkuh brachte ihr täglich das Essen, das sie in der
Schloßküche zu Hornberg holte. So lebte Notburga längere Zeit
in stiller Abgeschiedenheit.

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In Hornberg wußte man nicht, wo sich des Königs Tochter
aufhalte.
Doch der Küchenmeister merkte mit der Zeit, daß Speisen
fehlten, und suchte dem Dieb auf die Spur zu kommen.
Schließlich entdeckte er, daß eine Hirschkuh Speisen holte und
mit ihnen an den Neckar lief. Von nun an beobachtete er das
Tier und sah, wie es mit den Speisen täglich über den Neckar
schwamm und in einer Höhle am andern Ufer verschwand. Er
meldete das sonderbare Verhalten der Hirschkuh dem König.
Dieser begab sich mit dem Küchenmeister über den Fluß und
fand seine Tochter in der Höhle. Gerührt durch den Anblick
dieser dürftigen Behausung, in der sein Kind schon so lange
wohnte, bat der König seine Tochter, mit ihm ins Schloß
zurückzukommen. Notburga aber folgte dem Wunsche ihres
Vaters nicht, sondern flehte ihn an, allein in der Höhle bleiben
zu dürfen.
Über diese Widersetzlichkeit wurde König Dagobert zornig.
Er packte die Prinzessin am Arm, um sie gewaltsam aus der
Höhle zu ziehen. Aber, o Wunder, er hielt den Arm allein in
seinen Händen, Notburga fiel, aus schwerer Wunde blutend,
bewußtlos zu Boden.
Ergrimmt verließ Dagobert die Höhle. Als Notburga wieder zu
sich kam, sah sie eine Schlange neben sich in der Sonne ruhen,
die ein Krönlein auf dem Kopf trug und ein Kräutlein im Munde
hatte.
Damit heilte das Mädchen die Wunde. Der König aber war
durch das furchtbare Erlebnis so gebrochen, daß er sogleich aus
seinem Schlosse fortzog.
Notburga lebte noch viele Jahre in ihrer Höhle, von den
Umwo hnern sehr verehrt. Sie bewog viele Leute, zum
Christentum über zutreten.
Als sie dann ihr Ende nahen fühlte, bat sie, man möge ihren
Leichnam dereinst auf einen Wagen laden, diesen mit zwei

-181-
weißen Stieren bespannen, die noch kein Joch getragen hätten,
und die Tiere frei ziehen lassen. An der Stelle, wo sie halten
würden, solle man sie begraben und über ihrem Grab ein
Kirchlein erbauen. Bald darauf schlossen sich ihre Augen zur
ewigen Ruhe.
Alle Glocken der Kirchen ringsum läuteten von selbst, als der
Leichenzug sich in Bewegung setzte. Die Stiere hielten in
Hochhausen, wo heute die Kirche sich erhebt.
Dort steht, in Stein gehauen, über Notburgas Grab ihr
Standbild. Die Gestalt weist nur einen Arm auf, ihr Haupt ist mit
der Königskrone geschmückt. Neben der Jungfrau ist die
Schlange mit dem Heilkräutlein im Munde dargestellt.

-182-
Peter Henlein

In Nürnberg wohnte ein Schlosser namens Peter Henlein. Der


hatte sein Lebtag immer gern über die Zeit hinaus getüftelt und
gebastelt an eigenen Dingen. Einmal hatte er sich
eingeschossen, Tag und Nacht gefeilt, gehämmert und geklopft
und kein Mensch wußte, was er da machte. Die Nachbarn
ringsherum wunderten sich und fragten seine Frau, die
Schlossermeisterin; aber auch die wußte nichts. Man horchte an
den Fenstern und an der Tür; aber man wurde nicht klug.
Da erzählte man in der ganzen Stadt: »Der Henleins Peter ist
verrückt geworden! Er ist ein Narr!« und seine Frau weinte sich
die Augen rot, weil sie es doch glaubte, was alle sagten! Aber es
dauerte nicht lang, da ging die Tür auf und der Peter Henlein
kam mit einem kleinen eiförmigen Ding heraus; das tickte und
klopfte, als wäre es lebendig. Obendrauf aber sah man ein
kleines Zifferblatt wie bei einer Uhr. Damit ging der Peter aufs
Rathaus, zeigte es den Herren, und durfte bald darauf seine neue
Erfindung öffentlich ausstellen. Es war das ›Nürnbergisch Ei‹,
eine Uhr, die man bequem in die Tasche stecken konnte.

-183-
Peter Vischer und seine Söhne

Peter Vischer hatte in Nürnberg nach dem Vorbild


italienischer Meister eine Erzgießerwerkstatt eingerichtet, und
seine Söhne halfen ihm dabei. Da war der junge Peter, ein
frischer, fröhlicher, aber ein wenig eigensinniger und
jähzorniger, junger Bursch. Da war der fleißige Hans. Daneben
stand Hermann Vischer. Ein besonders feinsinniger,
träumerischer Mensch, der einmal in Italien gewesen war. Alle
zusammen arbeiteten sie an den unzähligen Bildwerken des
Sebaldusgrabes. Die schönsten sollen von Hermann Vischer
sein.
Hermann soll von seinen Brüdern, aber auch von seinem
Vater, nicht zum Besten behandelt worden sein. Man lachte über
ihn, weil er immer so versunken war in seine Träume. Und
besonders der Vater war unzufrieden mit ihm, weil er neue
Wege ging in seiner Kunst Da soll einmal ein Mädchen aus
vornehmem Stand dem Hermann begegnet sein, das er über alles
lieb gewann. Aber in damaliger Zeit konnte kein Mensch dran
denken, daß ein vornehmes Fräulein sich mit einem bürgerlichen
Sohn eines Erzgießers verbinden würde. So blieb Hermann
allein. Aber wir haben vielleicht ein Bild von seiner Liebe in
den Leuchterweiblein am Grab des Sebaldus. Da sitzt ein
schönes Mädchen es ist eine Seejungfrau und hält eine Kerze in
die Höhe. Sie ist ganz bei der Sache und schaut nicht rechts und
links.
Auf einem zweiten Bildwerk sehen wir das Leuchterweiblein
immer noch bei der Sache, aber von hinten kommt eine
Schlange dahergekrochen. Auf dem dritten Bildwerk ist die
Schlange schon näher gekommen. Da wendet sich das Weibchen
und vergißt seine Kerze. Voll Neugier schaut sie der Schlange in
die glühenden Augen.

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Beim vierten Bildwerk aber hat sich das Weiblein wieder
seiner Kerze zugewandt und hält sie wie vorher eifrig und
unverwandt, als wäre nichts gewesen. Das Weiblein, das wir
viermal abgebildet finden, soll also ein Bildnis der Liebsten des
Hermann Vischer sein.
Hermann soll bald, nachdem er seine Arbeiten am
Sebaldusgrab beendet hatte, den Tod gefunden haben.
Es war im Winter. Hermann ging in einer engen Nürnberger
Straße.
Da kam ein Schlitten dahergejagt. Ein herrschaftlicher
Kutscher vorn auf dem Bock und hinten im Sitz ein schönes
Fräulein. Hermann soll wie gebannt stehen geblieben sein,
sodaß die Pferde ihn umstießen und die Schlittenkufen über ihn
hinweggingen.
Man sagt, daß das Fräulein, welches sich über Hermann
Vischer beugte, bittere Tränen geweint habe.

-185-
Serpentina von Dinkelsbühl

Vor vielen hundert Jahren war in dem Städtchen Dinkelsbühl


ein reicher Hopfenhändler ansässig, der einen braven, gut
gearteten Sohn hatte. Der Jüngling wies neben seiner reinen
Seele auch ein sehr angenehmes Äußeres auf und wurde
deswegen nur der "schöne Heinrich von Dinkelsbühl" genannt.
Zur gleichen Zeit lebte in Dinkelsbühl ein sehr stolzer,
hochmütiger Bürgermeister, der ein liebliches, wohlgesittetes
Töchterlein besaß, das Serpentina hieß.
Diese beiden jungen Leute waren einander sehr zugetan, aber
sie hatten keine Hoffnung, je als Brautpaar vor den Altar zu
treten, weil der Bürgermeister jeden Freier für seine Tochter
abwies; denn keiner dünkte ihn vornehm und reich genug, sein
Schwiegersohn zu werden. Daher getraute sich auch der schöne
Heinrich nicht, seinen Wunsch laut werden zu lassen; nur
seinem Vater, der sein ganzes Vertrauen besaß, offenbarte er
seine geheimsten Gedanken.
Der Vater beruhigte ihn lächelnd : "Lieber Heinrich, wenn du
keine andere Sorge hast als diese, so kann ich dir helfen. Der
Bürgermeister ist weiter nichts als stolz und vornehm und bildet
sich wunderviel auf seinen Titel ein. Nun aber weiß ich, daß er
unersättlich habgierig ist; habe ich keine vornehmen Ahnen
aufzuweisen, so besitze ich doch tausend Schock harte Taler, die
unsre Ahnen ersetzen sollen. "
Gesagt, getan! Der Hopfenhändler warf sich in seinen
Feststaat, zog seinen hellblauen Samtrock mit den großen
silbernen Knöpfen an, nahm seine silbernen Schnallen und ging,
das silberbeschlagene spanische Rohr unter dem Arm, nach dem
Hause des Bürgermeisters.
Hier brachte er seinen Antrag vor. Der Bürgermeister war
außer sich vor Freude und willigte sogleich ein, seine Tochter
mit dem Sohn des Hopfenhändlers zu verloben, weil er diesen

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als den reichsten Mann der ganzen Gegend kannte und der
schöne Heinrich ein wohlerzogener Jüngling war. Demnach
verlangte er, daß die Sache sogleich richtig gemacht werde.
Niemand war vergnügter als Heinrich und Serpentina, und
schon wurden alle Anstalten zur Hochzeit getroffen, als mit
einem Male ganz unerwartet Heinrichs Vater am Schlagfluß
starb. Heinrich, der sich bisher gar nicht um das Geschäft des
Vaters gekümmert hatte, war sehr bestürzt, weil er in dessen
Geschäftsbüchern nichts fand als ein Verzeichnis aller
ausstehenden Gelder und Schulden, aber kein Geld und keine
Schulddokumente. Wie vom Blitze getroffen, stand nun der
arme Heinrich da; ein Gläubiger nach dem andern kam und
machte seine Forderung geltend. Heinrich konnte nicht
bezahlen, und bald wurde der verstorbene Hopfenhändler als
Betrüger ausgeschrien. Dies konnte dem Bürgermeister nicht
verborgen bleiben; er kündigte deshalb Heinrich die Heirat auf.
Bald war es so weit, daß das Haus des Hopfenhändlers verkauft
werden sollte, damit man die Schulden bezahlen könnte.
Dem unglücklichen Heinrich blieb nichts anderes übrig, als
sein Glück in der Welt zu suchen. So gut es ging, beschleunigte
er seine Abreise aus der Vaterstadt, wo er nun das allgemeine
Gespräch des Tages war. Schon am nächsten Sonntag hörte die
schöne Bürgermeisterstochter in ihrem herrlich vergitterten
Kirchstuhl tränenden Auges die Bitte des Predigers auf der
Kanzel für einen Jüngling, der auf Reisen gehen wolle.
Bereits am nächsten Morgen wanderte der schöne Heinrich
unter den Segenswünschen seiner geliebten Serpentina aus
Dinkelsbühl fort und nahm seinen Weg nach dem benachbarten
Hesselberg. Von dort wollte er nach Nürnberg reisen. Auf dem
Hesselberg machte er noch einmal halt. Wehmütig blickte er auf
die Türme seiner Vaterstadt hinab und sagte in Gedanken seiner
heißgeliebten Serpentina ewiges Lebewohl. Er setzte sich auf
den Stein eines alten Gemäuers und sah dabei ein
wunderschönes Schlänglein, das über und über himmelblau war,

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einen goldenen Gürtel um den Leib und eine kleine goldene
Krone auf dem Kopfe trug. Da das Schlänglein ihn zutraulich
anschaute, fing Heinrich an, es zu streicheln, dann aber fiel ihm
wieder seine geliebte Serpentina ein, und er rief dreimal :
"Serpentina!"
Mit einemmal verschwand die Schlange, und eine blühende
Jungfrau in himmelblauem Seidengewande, einen goldenen,
edelsteindurchwirkten Gürtel um den Leib und eine goldene
Krone auf dem Haupt, stand vor ihm und fragte ihn, was sein
Begehren sei.
Heinrich erschrak über die Erscheinung nicht wenig und
meinte, er habe sie nicht gerufen.
Die Jungfrau aber erwiderte: "Hast du nicht dreimal mich bei
meinem Namen Serpentina gerufen?" Und nun setzte sie sich zu
ihm auf den Stein und bat ihn, ihr seine Geschichte zu erzählen.
Nachdem Heinrich sein Schicksal berichtet hatte, erklärte
Serpentina :
"Gottlob! Wenn es weiter nichts ist, so will ich dir helfen. "
Sie befahl ihm, ihr zu folgen. Sogleich stieß sie mit dem Fuß
an einen großen Stein, und augenblicklich öffnete sich eine Tür.
Heinrich stieg mit der Jungfrau eine lange Treppe hinab;
nachdem sie ein finsteres Gewölbe durchquert hatten, kamen sie
in einen großen Saal. Hier berührte die Jungfrau eine
Marmorsäule, und augenblicklich war der Saal von vielen
brennenden Wachskerzen erleuchtet.
Von da führte ihn die Jungfrau in einen zweiten Saal, der noch
köstlicher als der erste war. An den Wänden standen mehrere
große Kisten; sie öffnete eine davon, und Heinrich sah, daß sie
mit schweren Goldstücken angefüllt war. Nun befahl die
Jungfrau ihrem Begleiter, sein Felleisen auszuleeren und mit
Gold zu füllen, soviel er zu tragen vermöge. Dann nahm sie aus
einem Kistchen einen herrlichen Myrthenkranz, der aus

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goldenen Ranken verfertigt und mit blitzenden Edelsteinen
besetzt war, und eine lange Schnur von schönsten orientalischen
Perlen und sagte: "Nimm diesen Schmuck und gib ihn deiner
Braut als Hochzeitsgeschenk; es ist der Brautschmuck meiner
seligen Mutter. Mit dem Golde aber löse dein väterliches Erbe
aus!"
Heinrich dankte der Jungfrau auf das innigste. Nun bat er sie
noch, ihm doch auch die Geschichte des versunkenen Schlosses
zu erzählen. Sie begann: "Mein Vater war Ritter Arno, der weit
und breit bekannt war, und hauste auf diesem Schlosse. Er
führte ein ausschweifendes Leben und vergaß sich soweit, daß
er mit dem Fürsten der Hölle einen Bund schloß, der ihm auch
ungeheure Reichtümer verschaffte, wofür er ihm seine Seele
verschrieb. Als dies meine selige Mutter erfuhr, betete sie
unaufhörlich für meinen Vater zu Gott.
Damals kam ich zur Welt. Da erschien meiner Mutter die
Himmelskönigin und sprach: 'Wenn deine Tochter nie der Liebe
eines Mannes folgen, sondern ihr Leben Gott und der Kirche
weihen wird, so soll dein Gemahl von der Verdammnis erlöst
sein.' Meine selige Mutter gelobte dies der heiligen Jungfrau,
aber ich hielt, als ich erwachsen war, nicht Wort, sondern
schenkte mein Herz dem Ritter Benno von Lenkersheim, als ich
sechzehn Jahre alt war, und an dem Tage, an dem wir uns
verlobten, spaltete sich der Berg und verschlang das Schloß mit
allem, was es enthielt. Meinen Vater entführten höllische
Geister in die Lüfte, ich aber wurde in eine Schlange verwandelt
und dazu verdammt, so lange hier auszuhalten, bis die Kiste
geleert sein wird, aus der du soeben das Gold genommen hast.
Mir aber ist jedes Jahr nur auf einige Augenblicke vergönnt,
menschliche Gestalt anzunehmen und guten Menschen zu
helfen, die ohne ihr Verschulden in Not geraten sind. Nun kehre
in deine Vaterstadt zurück, morgen wird dein elterliches Haus
versteigert; verwende das Gold, um damit die Gläubiger deines
Vaters zu bezahlen, und nimm wieder Besitz von deinem

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väterlichen Erbe! Dann geh in das Zimmer deines Vaters, dort
hängt ein altes Ölgemälde an der Wand; rücke es weg, und du
wirst dahinter einen gemauerten Schrank finden, in dem alle in
dem Geschäftsbuch deines verstorbenen Vaters eingetragenen
Schuldscheine enthalten sind; damit wird dann auch die Ehre
deines Vaters wiederhergestellt sein; für mich aber laß hundert
Seelenmessen lesen und bezahle eine jede mit einem
Goldstück."
Nach diesen Worten führte ihn die Jungfrau wieder aus der
versunkenen Burg hinaus, und sogleich war die Öffnung samt
der Erscheinung verschwunden. Heinrich wanderte nun
getrosten Mutes seiner Vaterstadt zu, nahm sein väterliches Erbe
in Besitz und führte Serpentina, die schöne
Bürgermeisterstochter, als seine Gattin heim.
Beide führten die glücklichste Ehe.
Als sie starben, stifteten sie ein Waisenhaus und verordneten,
daß die Waisenkinder alle Jahre an dem Todestag der Stifter
einen frohen Festtag feiern sollten, den man später das
"Kinderfest zu Dinkelsbühl" nannte.

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So benimmt sich kein geborener König

Der König Wenzel hat später viel Unglück über sein Haus und
über das ganze Reich gebracht. Er war ein Säufer und ein
Luderjahn. Wie ihn einmal der König von Frankreich in die
Stadt Reims eingeladen hatte und ihn zum Festessen abholen
wollte, da lag der König Wenzel sinnlos besoffen auf dem
Ruhebett und konnte nicht mitkommen; bei dem Festessen drauf
war dann sein Stuhl leer.
Damals schämten sich alle Deutschen für den König Wenzel;
aber schon früher erzählte man in Nürnberg eine Geschichte,
dass Wenzel gar nicht ein Sohn Kaiser Karls IV. war, sondern
ein einfacher Schusterjunge.

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Till Eulenspiegel als Professor der Medizin

Till Eulenspiegel kam auch einmal nach Nürnberg. Er hatte


sich mit einer großen Perücke, mit einem samtenen Barett und
mit einem schwarzen Mantel zu einem berühmten Doktor der
Medizin verkleidet Er ging geradewegs auf das berühmte, große
Nürnberger Spital zu und besuchte den Bader, der die vielen
Kranken im Haus versorgen mußte, und von dem jeder wußte,
daß er lieber hinter dem Becher saß, als seiner Arbeit nachging.
Der Professor der Medizin bot an, daß er alle Kranken, die
damals im Spital lagen, in ganz kurzer Zeit so heile, daß sie
freiwillig das Haus verließen.
Mit Freuden ging der Bader darauf ein. Man versprach dem
Herrn Professor 200 Goldgulden, wenn ihm sein Werk so
gelinge, wie er es angekündigt hatte. Seine Bedingung war nur,
daß er mit jedem Kranken einzeln unter vier Augen sprechen
könne. Der Professor ging also von Bett zu Bett und flüsterte
den Kranken ins Ohr: ,,Ich will euch allen helfen. Ich brauch
dazu nur eine Kleinigkeit, ein Pulver, das man aus getrocknetem
Menschenfleisch machen muß.
Ich will mich also nachher auf den Tisch stellen und rufen:
,,Wer laufen kann, der soll so schnell wie möglich das Spital
verlassen! "
Aus dem letzten aber will ich dann das Pulver machen, mit
dem ich den andern helfe." Die Kranken waren voller Angst,
aber keiner konnte mit dem andern reden; denn der Professor
hatte streng befohlen, daß alles geheim bleiben müsse, weil er
sonst überhaupt niemandem helfen könne. Am andern Morgen
kam der Professor, stieg auf den Tisch und rief: ,,Wer gesund
ist, soll das Spital sofort verlassen!" Da sprangen die Kranken,
was sie konnten, nach der 'Tür und auch die Schwachen und
Lahmen krochen und humpelten, so schnell sie konnten, die
Treppe hinunter und hinaus zum Tor.

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Jedermann wunderte sich: das Spital war leer. In den Sälen
war kein einziger Kranker mehr, und man zahlte dem Till die
Summe von 200 Goldgulden aus.
An diesem Tag wollte der Bader seinen Abendschoppen ein
wenig früher anfangen; aber wie er zur Haustüre hinausging, da
hing vor seiner Nase der schwarze Mantel unter dem Barett mit
der weißen Perücke des Professors. Ein Stück Papier war dabei;
auf dem stand gemalt: Eine Eule neben einem Spiegel. Da wußte
der Bader, was es geschlagen hatte, und vor ihm stand
dichtgedrängt, Kopf an Kopf, die ganze Schar seiner Kranken;
die wartete auf den Professor, daß er ihnen helfen sollte. Der
war aber über alle Berge. So blieb dem Bader nichts übrig, als
die Kranken alle wieder in ihre Stuben zu lassen, und so kam es,
daß er an diesem Tag seinen Abendschoppen nicht früher
anfangen konnte, sondern viel später als sonst.

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Veit Stoß - Der Todesblick

An den Bildwerken von Veit Stoß ergreift ganz besonders ›das


brechende Auge im Tod‹. Nur ein Mensch, dem das Sterben
einmal bis ins Herz gegangen ist, kann den Tod so tief erfassen
und so ergreifend darstellen.
Veit Stoß soll einmal krank an den Augen gewesen sein. Und
weil ihm in Nürnberg niemand helfen konnte, ging er zu den
weisen und frommen Mönchen nach Kloster Heilsbronn. Viele
Wochen mußte er eine Binde vor den Augen tragen und wie
blind im Klostergarten hin- und hertappen. Als der Winter
vorbei war, erlaubten ihm seine Ärzte, daß er abends, wenn die
helle Sonne untergegangen war, sich hinaussetzte auf die Bank
vor der Tür, damit er sich Dämmerlicht seine Augen langsam an
das Licht gewöhnen könnte. In dieser Zeit hatte er sich
angefreundet mit einem lieben, jungen Mädchen, das ihn in den
Wochen seiner Blindheit oft führte, und das sich nun auch gerne
zu ihm setzte, wenn er abends in der Dämmerung vor der
Klosterpforte saß. Das Kind fragte und fragte und fand kein
Ende.
Und der Meister suchte zu antworten, was er wußte, und
erzählte von der großen Nürnberger Stadt, von den Herren dort,
von den Künstlern, von den kunstvollen Handwerkern und von
den Gebäuden und Brunnen, von den Mauern und Türmen. Das
Mägdlein hörte ihm jedesmal aufmerksam zu, bis die
Abendglocke es heimrief.
Einmal saßen sie wieder draußen vor der Klosterpforte, da
hörte man drüben im Ort großen Lärm. Die beiden Söhne des
Markgrafen waren gekommen und schrien und lärmten, daß es
durch den Abend schallte. Sie spielten im Hof ihres
Schlößchens, kletterten auf die Mauer und schossen mit ihren
Armbrüsten und warfen die Steine mit Schleudern nach Vögeln.
Gerade als das Mädchen dem Veit Stoß wieder die Binde von

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den Augen genommen hatte, weil das Licht nun nicht mehr zu
grell war, da brach es plötzlich mit einem lauten Schrei
zusammen. Blut floß über ihr Gesicht und ein Stein fiel vor ihr
nieder. Einer der jungen Markgrafensöhne hatte das Mädchen
mit einem Schleuderstein so an die Stirn getroffen, daß es bald
darauf starb. Veit Stoß hob das Mädchen auf und legte es auf die
Bank. Es konnte aber nicht mehr sprechen. Es sah nur den
Meister traurig an.
Die bitteren Schmerzen liefen wie Wellen über ihr sanftes
Gesichtlein. Schwere Atemstöße und Seufzer kamen ihm aus der
Brust. Dann brachen ihm die Augen. So hat Veit Stoß den Tod
gesehen und so hat er ihn abgebildet daß es jeden, der seine
Bilder sieht, ans Herz greift.

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Veit Stoß

Veit Stoß, der große Bildschnitzer, soll ein Nürnberger Kind


gewesen sein. Manche behaupten, er sei in Krakau geboren.
Später aber mußte er in ferne Lande wandern, so daß niemand
mehr wußte, wohin er geraten war. Und das kam so: Der junge
Veit Stoß war in schlechte Gesellschaft geraten. Jeden Tag ging
er ins Wirtshaus und trank mit seinen Kameraden bis in den
Morgen. Weil er aber nichts vertrug, stieg ihm der Wein in den
Kopf. Seine Kameraden lachten ihn aus und freuten sich, wenn
er den Verstand recht gründlich verloren hatte. Als er wieder
einmal weit über seinen Durst getrunken hatte und nicht mehr
gerade stehen konnte, da trieben seine Freunde wieder ihren
Schabernack mit ihm. Plötzlich wurde der Veit zornig und riß in
seinem Rausch sein Messer heraus und stieß es einem von den
Spaßvögeln ins Herz. Der fiel tot um. Als Veit zu sich
gekommen war, mußte er so schnell wie möglich aus den
Mauern der Stadt fliehen. Seine Freunde halfen ihm dazu. Es
war ein großer Jammer; denn viele hatten schon erkannt, was für
ein großer Künstler der junge Stoß einmal werden konnte.
Damals zog Veit Stoß nach Krakau und blieb dort mehr als ein
Jahrzehnt. Erst als man ihm wegen des Totschlages in seiner
Jugend Straflosigkeit durch den Rat zusicherte, soll er nach
Nürnberg zurückgekehrt sein.

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Vom Fischfangen in Pillenreuth

Die Nürnberger hatten einmal einen großen Krieg mit Albrecht


Achilles, dem Markgrafen von Ansbach. Der Krieg hatte schon
lang gedauert, und viele Nürnberger Dörfer waren schon in
Flammen aufgegangen. Die Stadt hatte ihre Bürgerschaft mit
Waffen versehen und, so gut sie es konnte, in ihrem Gebrauch
geübt. Der Markgraf Albrecht Achilles lachte aber über die
Nürnberger ,,Pfefferbälge"
und glaubte nicht, daß sie richtig kämpfen könnten. Einmal
kam ein spöttischer Brief an den Rat der Stadt Nürnberg vom
Markgrafen, in dem stand, dass er bei Pillenreuth, zwei Stunden
gegen Katzwang, sein Lager aufgeschlagen habe und die
dortigen Weiher der Nürnberger ausfischen wolle. Die
,,Pfefferbälge" sollten doch kommen und die Fische mit
aufessen! Er wolle die Nürnberger herzlich empfangen!
Der Nürnberger Rat war zornig und wollte sich nicht länger
foppen lassen. Die Bürgerwehr wurde zusammengerufen. Die
Waffen wurden .hergerichtet, und dann zog die große Schar aus
den Toren hinaus, dem frechen Markgrafen entgegen. Die
Ansbacher dachten nicht daran, daß die Nürnberger die
Einladung ernst nehmen könnten, und zogen ohne viel Wachen
und Sicherungen mit ihrem Heer und einer Anzahl von Wagen
mit Fischkästen durch den Wald.
Da wurden sie von den Nürnbergern überfallen. Die Ritter und
Knechte wehrten sich tapfer; aber es half ihnen nichts. Das Heer
der Ansbacher wurde zerschlagen, und am Abend brachten die
Nürnberger drei Paniere (Fahnen), eine Anzahl Geschütze, 80
Ritter und 172 Knechte von diesem ,,Fischzug" mit nach Haus.
Man erzählt, daß sogar der Markgraf selber schon gefangen war,
daß ihn aber der Nürnberger Feldhauptmann, Kunz Kaufungen,
gegen seine Pflicht und gegen seinen Eid wieder freigegeben
habe.

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Vom Heiligen Deokarus

"Großmutter, wer ist aber der andere Mann, der da droben


steht?"
"Das ist der Heilige Deokarus. Deokarus hat in derselben Zeit
wie der Heilige Sebaldus in der Nähe von Nürnberg gelebt,
gepredigt und das Christentum verbreitet. Er war ein frommer
Mann und ist begraben worden in dem Städtlein Herrieden an
der Altmühl. Wie Kaiser Ludwig der Bayer im 14. Jahrhundert
Herrieden verbrannt hatte, gab er der Kirche von St. Lorenz ein
Säcklein mit 39 Knochen vom Heiligen Deokarus, die in einem
silbernen Sarg aufgehoben waren. Jetzt wohnt der Heilige
Deokarus mit dem Heiligen Laurentius zusammen in der Kirche.
Da haben sie beide Platz genug und da kann der Deokarus dem
Laurentius in allem helfen. "

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Vom Heiligen Egidius

Wer war denn der Heilige Egidius? "Egidius war ein Mann aus
Griechenland. Seine Eltern waren reich; aber als sie starben,
verteilte Egidius sein ganzes Erbe unter die Armen und
wanderte arm in der Welt umher. Er lebte nur von dem, was ihm
fromme Leute schenkten. Da zog er von einem Land ins andere
und kam auch nach Gallien, in das heutige Frankreich. Der
Bischof von Arles nahm ihn auf und dort konnte er einige Jahre
ohne Sorgen leben; dann aber zog er wieder hinaus in die Welt,
und weil die Menschen oft zornig wurden, wenn er sie um eine
Gabe bat, ging er in die Einsamkeit. In einem finstern Wald
suchte er sich eine Höhle und lebte dort nur von dem, was er im
Walde fand. Der Tag verging ihm mit Beten und frommen
Übungen und mit Nachdenken über die Ratschlüsse Gottes, über
Welt und Menschen. Viele Jahre lebte er da draußen in der
Einsamkeit, nur mit Tieren des Waldes zusammen.
Damals hatten die Könige von Gallien Hausmeier; das waren
mächtige Herren, die für die Könige im ganzen Reich regierte
Kriege führten, Gericht hielten, Bischöfe ein- und absetzten und
von allen Menschen gefürchtet wurden. Karl Martell, einer der
Hausmeier der fränkischen Könige, der seinen Beinamen davon
hatte, weil er das Heer der Mauren, das in Gallien eingebrochen
war, wie ein Hammer zusammengeschlagen hatte, hielt einmal
eine große Jagd in den weiten Wäldern, in denen der Heilige
Egidien hauste. Die Hunde hatten ein schönes, großes Reh
aufgejagt und Karl Martell folgte dem Tier, so schnell er konnte.
Er wurde bei der Jagd immer hitziger; aber er konnte das Reh
nicht erreichen. Da gerade als er glaubte, es erlegen zu können,
schlüpfte es in ein Höhle hinein. Karl Martell stieg zornig von
seinem Pferd, nahm seinen Spieß und wollte eben in die Höhle
treten. Da kam ihm ein grosser, alter Mann entgegen.

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Schneeweißes Haar und ein langer, weiser Bart, dazu ein
freundlicher Glanz auf seinen Gesicht ließen bei Karl Martell
den Zorn verfliegen. Der ehrwürdige Greis sprach in ernstem,
feierlichem Ton: "Tapferer Jäger schenkt dieser Rehgeiss das
Leben. Sie gibt mir, einem frommen Klausner jeden Tag ihre
Milch zur Nahrung. Du findest draußen im Wald andere Tiere
genug" Karl Martell stellte seinen Jagdspiess beiseite und fragte
den frommen Mann, der seine Hand wie schützend auf den Kopf
des Rehes gelegt hatte: Woher kommst du? Was tust du hier?"
Der Heilige Egidius erzählte gern von seinem Leben, und als
Karl Martell weiter fragte, merkte er bald, daß Egidius nicht nur
ein frommer, sondern auch ein weis er Mann war. Die
Jagdgenossen fanden den stolzen Hausmeier so ins Gespräch
vertieft mit dem Heiligen Egidius, daß er alles ringsum
vergessen hatte.
Nicht lange blieb Egidius mehr in seiner Höhle bei den
freundlichen Tieren des Waldes. Karl Martell hatte ein neues
Kloster gebaut und brauchte dafür einen tüchtigen Abt. Der
mächtige Hausmeier zog selbst in den Wald hinaus, um den
Heiligen Egidius zu bitten, dass er das hohe Amt übernehme.
Und der Heilige Egidius wurde ein berühmter Abt, der die
Mönche in seinem Kloster mit Frömmigkeit und Milde, aber
wenn es nötig war, auch mit Ernst und Bestimmtheit regierte.

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Vom Heiligen Laurentius mit seinem Rost

"Großmutter, was hat denn der Mann da auf dem Altar für eine
komische Leiter in der Hand?"
"Dummer Bub, das ist doch keine Leiter, das ist ein Rost!"
"Was ist denn ein Rost, Großmutter?"
"Hast noch nie gesehen, wie im Bratwurstglöcklein die
Bratwürste gebraten werden?"
"Die ganz kleinen? "
"Ja!"
"Aber was tut denn der Mann da droben mit so etwas? Will
der auch Bratwürste braten? "
"Geh, red' nicht so dumm! Hör' lieber zu! Der Heilige
Laurentius war ein frommer Mann. In Spanien war er geboren.
Er ist durch die Länder gezogen und hat überall das Christentum
gepredigt. Das war in der Zeit, in der die meisten Menschen auf
der Welt noch Heiden waren. Der Laurentius ist auch nach Rom
gekommen, und dort haben die Christen ihn zum obersten
Geldverwalter für ihre Gemeinde gemacht. Da hat er vielen
armen Menschen helfen können; aber sein Geld war immer zu
früh zu Ende. So hat er immer wieder gesammelt und
gesammelt, um den Armen zu helfen. Der Kaiser von Rom -
Valerianus hat er geheißen - war auch noch ein Heide. Der hat
immer Geld gebraucht und hat sich's geholt in seinem Reich, wo
er's gefunden hat. Wie der Kaiser gehört hat, dass der Laurentius
Geldverwalter der Christen ist, hat er ihn kommen lassen und zu
ihm gesagt: "Die Schätze von den andern Göttern habe ich mir
schon geholt. Jetzt kommt dein Gott dran. Geh und bring mir die
Schätze von deinem Gott. Morgen lieferst du mir alles bis auf
den letzten Pfennig ab, und wenn ich merke, dass du mich
betrogen hast, dann lasse ich dich umbringen! Laurentius

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schwor: "Ich hab kein Geld und alle Christen und die
Christengemeinde haben auch kein Vermögen! "
Aber der Kaiser wollte nichts hören. Da bat endlich der
fromme Mann den Kaiser: "Ich bitte um drei Tage Frist, damit
ich alle Schätze aufsuchen kann"
Der Kaiser war's zufrieden und Laurentius kam am dritten Tag
wieder zum Kaiserpalast. draußen auf dem großen Platz standen
aber all die Armen, die zur römischen Christengemeinde
gehörten. Der ganze Platz war voll. Da standen arme Witwen
und Waisen und daneben saßen Lahme auf dem Boden; Blinde
und Taube waren auch darunter, und viele waren krank. Aber
alle waren sie vor dem Kaiserhaus zusammengekommen.
Laurentius ging in den Palast hinein zum Kaiser und sagte:
"Komm' heraus und schau dir die Schätze unseres Gottes an."
Der Kaiser stand auf von seinem Thron, schmunzelte und ging
hinter Laurentius her. Wie er aber mit ihm draußen auf der
Altane stand und all die jämmerlichen kranken, zerlumpten
Menschen da drunten auf dem Platz stehen und kauern sah, da
fragte er: "Was soll das heißen?" Laurentius aber sagte, und
machte mit seinem Arm einen großen Bogen:
"Das sind die Schätze unseres Gottes. Andere Schätze hat er
nicht."
Da wurde der Kaiser zornig. Er rief nach seinen Soldaten und
ließ den Laurentius binden. "Du hast mich verspottet; das sollst
du mir grausam büßen!" rief er. Er ließ ihm die Kleider vom
Leib reißen, ließ ihn grausam peitschen, mit langen Stricken, in
die große Eisenhaken hineingebunden waren, und dann ließ er
ihn auf einem großen eisernen Rost, so wie du ihn da oben
siehst, anbinden. Dann wurde ein gewaltiges Feuer angeschürt
und der Rost mit dem Heiligen Laurentius darauf gelegt.
Laurentius hatte große Schmerzen, aber er biß die Zähne
zusammen und wollte sich nichts merken lassen.

-202-
Nach einiger Zeit schaute der Heilige Laurentius, der auf
seinem Rost über dem heißen Feuer angebunden war, dem
Präfekten ins Gesicht und sagte zu ihm: "Laß mich wenden! Auf
der einen Seite bin ich jetzt genug gebraten!" Und als man ihm
gewendet hatte, da betete er für den Präfekten, für seine Christen
und für alle Einwohner der großen Stadt Rom, bis er gestorben
war.
Noch vor seinem Tod aber dachte Laurent ius inmitten seiner
Qual an die vielen Sünden der Menschen und die ganze Last fiel
auf ihn.
Bittere Tränen vergoß er. Nicht über sich, sondern über die
sündige Welt. Die heißen Tränen des Laurentius wurden an den
Himmel verpflanzt als fliegende Sterne. Du kannst sie jedes Jahr
am 10., 11.
und 12. August sehen, wie sie vom Himmel fallen. Die
glühenden Funken sind die Tränen des hl. Laurentius, die er bei
seinem Tod über die sündigen Menschen geweint hat.

-203-
Vom Männlein laufen

Kaiser Karl IV. hatte auf dem neue n Marktplatz in Nürnberg


der "Lieben Frau", der Jungfrau Maria, eine schöne Kirche
bauen lassen.
Als sie fast fertig war, hielt der Kaiser einen großen Reichstag
in Nürnberg. Das war Im Jahr 1356. Der Reichstag verlief
glänzend.
Die Fürsten und Herren und Vertreter der Städte einigten sich,
und es wurde die große neue Verfassung für das deutsche Reich
beschlossen. Die neuen Bestimmungen über die Kaiserwahl,
über die Rechte der Kurfürsten und über die Regierung des
ganzen Reiches wurden aufgeschrieben in der "Goldenen Bulle",
nach der die neue Reichsverfassung ihren Namen bekam. Als
das Werk zu Ende gebracht war, und der Reichstag entlassen
werden konnte, stiftete der Kaiser zur Erinnerung an dieses
Werk eine große kunstvolle Uhr für die Frauenkirche auf dem
Marktplatz. Über dem Hauptportal sollten die Kurfürsten und
der Kaiser in einem künstlichen Uhrwerk dargestellt werden.
Der Schlossermeister Heuß erdachte und baute das Werk, und
Lindenast lieferte kupfergetriebene Figuren dazu. Auf dem
Thron :saß Kaiser Karl in voller Pracht. Wenn es mittags 12 Uhr
war, dann ging oben an der Uhr ein Tor auf; da erschien erst ein
Herold; dann folgten vier Posaunenbläser und darauf kamen die
sieben Kurfürsten mit den Reichskleinodien. Die
Posaunenbläser setzten die Posaunen an den Mund, die
Kurfürsten nahmen vor dem Kaiser zierlich ihre
Hermelinmützchen ab, dann kam der Tod mit einer grossen
Sense und schlug an der Glocke die Stunden an. Darauf
verschwand der ganze Zug wieder im Innern der Uhr.
Im Laufe der Jahrhunderte verrostete die Uhr; die Figuren
zerbrachen und mußten durch hölzerne ersetzt werden, die viel
steifer waren und ihr Mützchen nicht mehr abnehmen konnten.

-204-
Aber bis heute in der Nürnberger Altstadt stehen viele
Bewunderer, die gerade vorbeigehen jeden Mittag um 12 Uhr
auf dem Marktplatz und sehen hinauf zum Kaiser Karl, der noch
immer dort droben sitzt, und schauten zu, wie die Männlein
laufen.

-205-
Vom Siechenkobel

In der alten Zeit, als noch die Pest alle zehn Jahre in Nürnberg
wütete und jedesmal Hunderte von Einwohnern ins Grab
brachte, als noch der Aussatz im Land war und den Menschen
langsam die Gliedmaßen wegfraß, da wußte man noch keine
andere Hilfe gegen solche schweren Krankheiten und ihre
Ansteckung, als die Menschen draußen vor der Stadt
unterzubringen, damit ihre Berührung und ihr Atem möglichst
weit von den andern Menschen weggebracht wurden.
Deshalb baute man draußen, mehr als tausend Meter vor dem
Neutor, einen Siechenkobel, d. h. ein Haus, in dem die Kranken
schlecht und recht untergebracht waren, in dem sie von
frommen Männern und Frauen, die der Welt abgesagt hatten,
verpflegt und versorgt wurden, und von wo sie bei Todesstrafe
nicht mehr in die Stadt kommen durften. Sie bekamen ihr
eigenes Kirchlein, das dem heiligen Johannes geweiht war, die
St. Johanniskirche. Der Siechenkobel wurde immer wieder zu
klein und mußte erweitert und neu aufgebaut werden. Auch die
Kirche von St. Johannis war erst ein kleines Kapellchen und
mußte allmählich immer größer werden, um die Kranken aus
dem Siechenkobel aufnehmen zu können. Damals war der Weg
nach St. Johannis gemieden. Kein Mensch ging ohne Not dort
hinaus; denn keiner wollte sich eine Krankheit holen, die durch
den Hauch und durch die Luft übertragen wurde.

-206-
Von der Nürnberger Freiung

Zwischen der Burggrafenburg und der Kaiserburg stehen zwei


dicke Mauern mit großen Tore Dazwischen ist ein schmaler
Weg, der nach oben zu gegen Süden auf einen freien Platz
unterhalb vom Sinwellturm hinausführt er Platz heißt "Freiung".
Man hat von dort einen wunderschönen Blick über die
Nürnberger Altstadt. Früher war hier der Ort, an dem einem
Menschen, der bis dahin gekommen war, nichts mehr geschehen
durfte. Kein Stadt- und kein Landgericht durfte ihn greifen und
niemand ihn fangen. Der "Reichsschultheiss"
schätzte die Geflüchteten und urteilte nach seinem eigenen
Recht über die Menschen, die auf die Freiung gekommen waren.
Er hatte auch das Recht, die Verfolgten unter dem Schutz der
kaiserlichen Macht frei zu sprechen, sodaß auch anderen Orten
ihnen nichts mehr geschehen konnte.
Jeder, der das Gesetz der Freiung brach und dort gegen einen
geflüchteten Menschen eine Gewalttat beging, wurde bestraft
mit Abhauen der rechten Hand; denn die Freiung stand unter
Königsbann! Damit jeder gewarnt war, hatte der Kaiser an allen
Eingängen und Ecken Warnungstafeln angebracht; auf denen
war ein Henker mit einem roten Mantel zu sehen; der hieb
einem Mann dem das Schwert zerbrochen auf den Boden lag,
die rechte Hand ab. Der rote Henkersmantel auf den Tafeln
leuchtete schon von weitem.
In der Stadt Nürnberg gab es noch zwei Freistätten: in St.
Egidien und bei den "deutschen Herren". Bis zum Jahr 1341
wurde das Asylrecht streng eingehalten. Dann aber hat der
Kaiser andere Bestimmungen gegeben. Mörder sollten künftig
weder auf der Freiung noch in St. Egidien noch bei den
"deutschen Herren" Schutz genießen. Andere Verbrecher, aber
auch Menschen, die wegen Schulden verfolgt waren und

-207-
deswegen auf die Freiung flüchteten, sollten von nun an nicht
länger als drei Tage und Nächte Freiung und Frieden haben.

-208-
Von der närrischen Gusterti

Die erste Köchin im Nürnberger Spital hieß mit Nachnamen


Gustert.
Wie sie mit Vornamen geheisen hat, weis niemand mehr. Sie
war geizig, kommandierte die alten und kranken Leute herum
und gönnte ihnen nichts Gutes. Dafür nannten sie die Leute ,,die
närrische Gusterti". Ihr Geiz wurde mit der Zeit immer
schlimmer und machte sie zur Betrügerin: sie lies sich neben
dem Löffel, mit dem sie auf Ratsbefehl an die Alten und
Kranken die Speisen austeilen sollte, einen zweiten Löffel
machen, der viel kleiner war. Einmal kamen ein paar Ratsherrn
in das Spital und gingen in die Küche. Dort fanden sie den
kleinen Löffel. Der Stadtpfleger packte ihn und warf ihn zum
Fenster hinaus in die Pegnitz und sagte: ,,Der ist des Teufels!"
Die Gusterti schrie: ,,Ich auch." Und sprang dem Löffel nach.
Kein Mensch hat sie lebend mehr gesehen. Aber von da an war
in der Nacht im Spital keine Ruhe mehr. Auf den Gängen hörte
man ein Schlurfen und Kettenschleifen. In der Küche klapperte
und rumorte es. Die Treppen knarrten und immer wieder wurde
eine Tür zu einem Krankensaal aufgerissen und die Stimme von
der närrischen Gusterti schrie herein: ,,Laßt fei' den klan' Löffel
liegen! Nehmt den großen"
Die alten Leute bekamen große Angst; sie beschwerten sich;
aber niemand konnte ihnen helfen. Das ging so lang weiter, bis
einmal die närrische Gusterti dem Nachtwächter das Horn aus
der Hand riß und laut schrie, daß es über den Hof und durchs
ganze große Haus schallte: ,,Laßt fei' den klan' Löffel liegen!
Nehmt 'n großen" Da endlich beschloß der Rat, etwas gegen den
Spuk zu tun und schickte den Henker mit seinem
Henkersknecht, dem ,,Löwen". Die beiden fingen den Geist in
einem Sack, nahmen ihn auf den Buckel, und trugen ihn hinaus
in den Wald. Hinter Fischbach, auf den hohen Bühl, wo die

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großen Fichten stehen, da hingen sie den Sack auf den
allerhöchstens Baum, und von da an war Ruhe im Spital.
Seitdem geht der Geist da droben am Hohen Bühl um. Kinder
und Frauen, die zum Schwarzbeerpflücken oder zum
Schwammerlsuchen in die Gegend kommen, die sehen von
weitem eine Frau in großer weißer Schürze hinter den Büschen
stehen; einen Schöpflöffel mit langem Stil schwingt sie in der
Hand. Wenn man aber dann nach ihr sucht, ist sie
verschwunden. Man kann sie nirgends finden; nur manchmal
schreit es hinter einem dicken Baum hervor: ,,Laßt fei' den klan'
Löffel liegen, nehmt 'n großen!"
Manchmal ruft es auch, wenn einer sich verirrt hat, aus einern
Busch heraus: "Bist du von Wöhrd? Bist du von Wöhrd?" Dann
muß man sagen ,,Ja". Dann kommt die Gusterti mit ihrer weisen
Schürze und ihrem großen Löffel hinter dem Busch vor und
zeigt einem den Weg, daß man ihn nicht mehr fehlen kann.
Besonders den Kindern ist sie gut. Sie bringt sie nicht nur auf
den rechten Weg, wenn sie sich verlaufen haben, sondern sie
zeigt ihnen auch die schönsten Plätze, wo Beeren oder Pfiffer
wachsen, und wenn sie Holz sammeln, dann schüttelt sie Ihnen
die Bäume, daß die dürren Äste nur so herabprasseln wie die
Zwetschgen, wenn man den Baum schüttelt.
Besonders die Wöhrder Kinder kennen sie gut und verlassen
sich ganz auf sie. Wenn die Kleinen ihre Eltern im Wald
verloren haben, dann schreien sie: ,,Gusterti, Gusterti! Wo is
meine Mutter?" Dann sagt die Gusterti: ,,Geh her, Wackela!
jetzt gehst da runter und dort drunten bei dem Büschlein gehst
rechts um, dann siehst dei Mutter schon. "
Es gibt aber immer wieder Lausbuben, die wollen genauso,
wie sie die Menschen tretzen das Gleiche mit den Geistern tun.
Die schreien in den Wald hinein: ,,Wastl Köchin Wastl Köchin"
Dann dürfen sie aber laufen und schauen, dass sie einen
Kreuzweg erwischen, sonst kommt ihnen die Gusterti über den
Kragen und rüffelt sie, dass sie nicht so schnell darauf
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vergessen. Immer wieder aber hört man durch den Wald rufen:
,,Lasst fei' die klan' Löffel liege n! Nehmt 'n großen!".

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Von der schönen Frau Huli aus Hasloch

Frau Huli ist der Sage nach eine holde, schöne Frau, in langes
weißes Gewand mit weißem Schleier gehüllt, der ihr manchmal
das Gesicht verdeckt. So erscheint sie in der Maingegend unweit
Hasloch. Dort wohnt sie im Unteren Berge. Sie hilft gern
frommen Mädchen und Frauen auf dem Feld, beim Spinnen und
bei anderen häuslichen Arbeiten. Besonders mit alten,
schwachen Frauen meint sie es gut.
Wo sie geht, ist es strahlend hell in der finstersten Nacht; so
leuchtet sie oft Verirrten und geleitet sie aus Bedrängnis und
Not.
Nahe dem Mainufer, am Fuße des Unteren Berges, liegt ein
flacher Stein, der "Frau-Huli-Stein." Hier ruhte Frau Huli aus,
wenn sie ermüdeten Mädchen die Gras-, Streu- oder Holzlast
getragen hatte.
Weil sie aber jedesmal an der gleichen Stelle Rast hielt,
drückten sich im Laufe der Zeit von den Füßen der Körbe, den
"Kötzenstollen," Löcher in den Stein. Wer aber Frau Hulis
Gebote nicht erfüllt oder ihre Hilfe verschmäht, dem tut sie ganz
gewiß einen Schabernack an, daß er sein Lebtag dran denkt.
Die alte Klara Behringer aus Hasloch, das "Klärle," trug
einmal ihren Vettern, bei denen sie im Hause lebte, das Essen
zu; die Männer arbeiteten im Wald am Unteren Berg. Dort, wo
der Weg steil emporführt, konnte sie vor Müdigkeit fast nicht
mehr weiter. Da kam Frau Huli aus ihrem Berg und erbot sich,
der Alten den schweren Korb zu tragen. Klärle wollte aber
nichts davon wissen und meinte, sie werde schon allein mit
ihrem Korb fertig werden, sie habe ihn so lange getragen, da
werde sie ihn auch noch länger tragen können; und überhaupt
wolle sie mit Hexen nichts zu tun haben.
In demselben Augenblick war Frau Huli verschwunden, Klärle
aber wußte plötzlich gar nicht mehr, wo sie war; sie kam vom
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Weg ab, kletterte ganz irre über Felsen und Steinhaufen und
fand keinen Ausweg mehr. Die Vettern sahen den Vorfall von
weitem mit an und sprachen untereinander: "Was hat denn nur
heute unser Klärle vor?"
Als sie aber ganz gefährliche Pfade zu wählen schien und sich
durch das dichteste Dorngestrüpp drängen wollte, schrien ihr
beide aus Leibeskräften zu: "Klärle, wo ,naus?" Da kam die Alte
wieder zu sich, der Zuruf hatte den Zauber gebrochen. Sie
erkannte sogleich, wo sie hingeraten war, und begriff nunmehr,
warum sie durch Dornen und Nesseln geführt wurde.
Es ist wohl zu verstehen, daß Klärle sich vornahm, ein
andermal klüger zu sein und Frau Huli nie wieder durch ein
Schmähwort zu kränken. Ob sie Gelegenheit hatte, ihren
Vorsatz auch auszuführen, darüber weiß man nichts zu
berichten.
Schlimmer erging es einem Manne aus Röttbach, der
unterwegs im Wirtshaus zu Hasloch sitzengeblieben war und
sich betrunken hatte.
Als er endlich weitertorkelte, war es schon ganz dunkel. Der
Weg führte stellenweise so nahe am Fluß entlang, daß einer
leicht in den Main hätte fallen können. Auf einmal aber war es
ganz hell vor ihm, so daß er das kleinste Steinchen auf der
Straße sah. Das Licht spendete Frau Huli. Aber der Betrunkene
schrie sie an: "Fort, du Lumpenmensch, du Hexe! Habe ich dich
gerufen, mir zu leuchten?"
Da war es gleich wieder finstre Nacht um ihn, und im Nu hatte
er den richtigen Weg nicht mehr unter den Füßen. Plötzlich tat
es hinter ihm einen Plumpser, als ob der ganze Untere Berg in
den Main stürzte.
Der Schrecken machte den Mann ganz nüchtern. Er erkannte
gleich, wo er sich befand: auf dem "Frau-Huli-Stein." Noch
einen Schritt weiter, und er lag im Main. Da machte er, daß er
fort kam, aber nicht nach Faulenbach, wo er hinmußte, sondern

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zurück nach Hasloch in das Wirtshaus, das er vor kurzem
verlassen. Die Wirtsleute sahen ihm gleich an, daß etwas
Schreckliches geschehen sei.
Der Röttbacher getraute sich nicht mehr allein durch den Wald
und bat sich einen Mann zur Begleitung aus. Als er zu Hause
anlangte, legte er sich ins Bett und stand wahrhaft nicht mehr
auf; schmerzhaftes Nervenfieber überfiel ihn, eines Tages trat
der Tod ein.

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Warum abends um neun Uhr die grossen Glocken
läuten

Am Marktplatz in Nürnberg standen eine Reihe von schönen


Häusern, in denen die reichsten und vornehmsten Nürnberger
Familien, die Patrizier, wohnten. In einem solchen Haus war es
schöner als im Kaiserpalast. Da waren die besten Möbel, die
feinste Wäsche, die herrlichsten Kleinodien. So reich waren die
Nürnberger Patrizier. Die besten Speisen kamen auf ihren Tisch.
Damals gab es noch keinen Zucker in Deutschland, drum
mussten die Herren Honig nehmen, wenn sie ihre Speisen
süssen wollten. Der Honig aber wurde draußen im Reichswald
von fleißigen "Zeidlern" so hiess man damals die Bienenzüchter
- in hohlen Bäumen gewonnen. Zu jener Zeit hatte man noch
keine Bienenstöcke.
Der Reichswald war in damaliger Zeit noch viel grösser und
viel dichter als heute. Es gab nur wenig Wege darin und wer
sich einmal verirrt hatte, fand nur schwer heraus. Besonders,
weil viele Sümpfe immer wieder den Weg versperren. Viel
Wild, auch viele Wölfe, gab es in den alten Zeiten. Als einmal
eine Patrizierfamilie am Frühstückstisch saß, sagte der Hausherr
ärgerlich: "Der Honig ist auch schon wieder zu Ende. Das wird
wieder lange dauern, bis unser Zeidler neuen Honig aus dem
Wald hereinbringt." Der junge Sohn des Herrn sagte: "Da kann
ja ich hinausgehen und ein Töpflein Honig holen." Der Herr war
zufrieden, und wirklich machte sich der Bursche auf und
wanderte den bekannten Weg hinaus zu dem Zeidlergütlein, das
seinem Vater gehörte. Noch am Vormittag kam er draußen an,
aß dort ein wenig und machte dann von dort aus einen
Spaziergang in den Wald, weil gerade ein so schöner
Frühlingstag war. Die Salweiden blühten, die Vögel sangen
überall. Ein warmer Wind mit kräftigen Düften zog durch den
Wald. Der junge Bursch ließ seinen Mantel auf dem

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Zeidlergütlein. Er wollte ihn nach dem Spaziergang zum
Heimweg in die Stadt wieder abholen. Fröhlich wanderte er in
den Wald hinein. Er freute sich an dem grünen Gras, das die
Bächlein entlang schon mächtig herauswuchs Die Sonne schien
warm auf eine Lichtung. Dort setzte er sich nieder und, weil er
von seinem weiten Weg müde geworden war, schlief er dort ein.
Als er auf wachte, war die Sonne schon im Untergehen; es war
kühl.
Er sprang erschrocken auf und wollte rasch zurücklaufen; aber
bald merkte er, daß er den Weg verloren hatte. Es wurde rasch
dunkel.
Die Dornen zerrissen ibm seine Kleider und seine Haut. Er
mußte immer wieder durchs Dickicht schlüpfen. Es wurde
finsterer und finsterer. Großen Sümpfen mußte er ausweichen.
Schließlich blieb er stehen und horchte. Aber alles blieb stumm.
Kein Hundebellen, kein Hähnekrähen, kein Rufen von
Menschen konnte er hören nur das Rauschen des Windes in den
Zweigen und das Knacken von alten Ästen und - war da nicht
das Bellen eines Wolfes?
Zu Hause war man in großer Sorge. Als der Junge am späten
Nachmittag noch immer nicht nach Haus gekommen war, hatte
man einen Boten nachgeschickt; der brachte nach Einbruch der
Dunkelheit die Nachricht von dem Zeidlergut, daß der junge
Herr einen Spaziergang in den Wald gemacht habe, wie es nun
immer dunkler wurde, dachte der Vater mit Schrecken daran,
daß erst vor wenigen Wochen bei einer Wolfsjagd 20 Wölfe
erlegt worden waren.
Der angesehene Patrizier ging zu den Geistlichen von St.
Sebald und St. Lorenz und bat in seiner Angst um seinen Sohn,
daß die Herren die großen Glocken läuten ließen. "Vielleicht",
so dachte er, "wird mein Sohn da draußen im Wald die Richtung
finden, wenn er die Glocken hört." Weil der Vater so herzlich
bat, und weil er ein so angesehener Mann war, ließen die Herren

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alle Viertelstunden abwechselnd bei St. Sebald und dann wieder
bei St. Lorenz die großen Glocken läuten. Und wirklich, der
Bursch im Wald hörte das Läuten. Er ging der Richtung nach
und kam so nach Gleißhammer.
Dort war weit draußen vor den Mauern der Nürnberger Stadt
ein Schlößlein, das einem anderen Patrizier gehörte. Dort wurde
der Junge gut aufgenommen. Man gab ibm einen Mantel und
ließ einen Wagen anspannen, damit er ohne weitere Gefahr nach
Hause komme. Als der Sohn glücklich wieder bei Vater und
Mutter angekommen war, da war die Freude groß und der Vater
gelobte in seinem Glück, daß er so viel Geld für die Kirchen von
St. Sebald und St. Lorenz stiften wolle, als nötig sei, um jeden
Abend um 9 Uhr die Glocken läuten zu lassen. Mancher
Wanderer im Reichswald hat seitdem die Glocken gehört und
dadurch den Weg in die Stadt gefunden.

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Welche Blume ist es gewesen?

Von Matthäus Landauer wird aber noch eine Geschichte


erzählt:
Landauer ist ein armer Kupferschmiedsgeselle gewesen und
hat nicht viel Gutes gehabt. Er stand bei einem geschickten
Meister für geringen Lohn in Dienst konnte aber auch das
bißchen, das er verdiente, nicht zusammenhalten. An einem
Sonntag war er wieder nach Mögeldorf gegangen und hatte, wie
schon oft, seinen ganzen Wochenlohn vertrunken. Auf dem
Heimweg schlief er auf einer Wiese ein, und da träumte ihm von
einer Blume, die alles zu Gold machen konnte. Auf der Wiese
um ihn herum – so träumte er – wuchsen solche Blumen zu
Hunderten und Tausenden. Als Landauer aufgewacht war,
pflückte er viele Blumen, die um seinen Schlafplatz herum
wuchsen, und schmückte sein Hutband damit.
Dann ging er heim und, weil es schon Morgen war, gleich an
seine Arbeit. Wie er sich über den Kupferguß beugte, fielen ihm
ein paar Blumen hinein. Und sieh, – als der Guß kalt geworden
war, war er zu lauter Gold geworden. Er ging schnell damit zum
Meister, aber der verstand mehr von Kupfer als von Gold,
jammerte über den verdorbenen Guß und verlangte von
Landauer, daß er ihm den ganzen Guß ersetze. Das mute er auch
tun: Landauer aber ging mit ein paar Pfund zum Goldschmied;
der fand, daß es reines Gold war.
Darauf ließ der arme Kupferschmiedsgeselle Roß und Wagen
kommen und fuhr mit seinem Gold vors Rathaus und ließ Geld
daraus schlagen. Da sprach die ganze Stadt von seinem Glück;
aber nachmachen konnte es keiner, nicht einmal er selber. Denn
er wußte ja nicht, welche von den Blumen, die damals von
seinem Hut fielen, daran schuld waren.

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Wer trägt da eine Kanone spazieren?

Erich Rinköping hat der Mann geheißen, von dem ich heut
erzählen will. Er war ein Schwede und kam im Jahr 1632 mit
König Gustav Adolf nach Nürnberg.
Damals wurden rings um die Stadt herum große, feste
Schanzen aufgeworfen, so auch die Sternschanze an der
Brückenstraße. Alle Soldaten und die ganze Bürgerschaft, außer
Geistlichen mit Ratsherren, halfen fleißig mit. Ringsherum
wurden schwere Kanonen in die Schanzen gestellt. Die zwei
kunstvollsten und festesten Schanzen waren die ›Sternschanze‹
und die ›Bärenschanze‹ genannt.
In der Sternschanze stand auch eine schwere Kanone. Und der
Mann, der diese Kanone bediente, der sie putzte und lud, der mit
ihr zielte und schoß, war eben Erich Rinköping.
Eimal war in einer Wirtschaft beim Jakobsplatz eine lustige
Gesellschaft von schwedischen Soldaten beisammen; die sangen
und lachten und erzählten und fanden kein Ende. Erich
Rinköping saß dabei und vergaß ganz, daß er von 10 bis 12 Uhr
in derselben Nacht noch an seiner Kanone in der Sternschanze
Wache stehen sollte. Er hatte aber auch allen Grund zu solchem
Vergessen; denn ein neuer Söldner war aus Schweden
angekommen und hatte ihm nicht nur Nachricht von seiner
Braut Jutta, sondern auch eine weiche duftige Locke von ihr
mitgebracht. Als zehn Uhr herankam, konnte er nur noch mit
Mühe stehen und gehen; und seine Kameraden mußten ihn zu
seiner Wache führen. Draußen war es stockfinster, kein Mond
schien; nur die Sterne glitzerten kalt und hämisch herunter.
Erich wurde es bald langweilig. Er wehrte sich lang gegen die
Müdigkeit, indem er hin und her ging an seiner großen Kanone.
Als die Müdigkeit immer stärker wurde, fühlte er in seiner
Tasche eine Flasche Enzianschnaps aus seiner Heimat. Er nahm
einen tüchtigen Schluck und noch einen, dann wieder einen, und

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bald darauf lag er auf der Lafette des Geschützes in tiefem
Schlaf. Um zwölf Uhr sollte er abgelöst werden. Die Runde kam
und fand Erich schlafend, und ehe er noch richtig wach
geworden, hatte man ihm schon die Hände gefesselt. Die
Disziplin im schwedischen Heer war über alle Maßen streng.
Am andern Tag wurde der Gefangene an seine Kanone geführt
und dort, wo er seine Pflicht vergessen hatte, erschossen und an
derselben Stelle gleich begraben.
In der nächsten Nacht kam von 10-12 Uhr ein riesiger, starker
Finnländer am gleichen Platz auf Posten. Der war ein tapferer
Soldat und hatte in mancher Schlacht seinen Mut bewiesen aber,
noch eh' es Zwölf Uhr ausgeschlagen hatte und die Runde zur
Ablösung zu ihm gekommen war, rannte der alte Soldat wie
besessen durch die Schanze und schrie so laut, daß die ganze
Wachmannschaft alarmiert war. Er wurde zum Offizier geführt
und, an allen Gliedern zitternd, erzählt er: Mit dem ersten
Schlag der Mitternacht sprang ein schwarzer Hund mit Augen
wie Feuerkugeln an mir hinauf, und dann keuchte der
Rinköping, mit einem Kanonenrohr auf der Schulter, zu mir
herauf und drohte mir mit dem Finger. - Weil der Finnländer
seinen Posten verlassen hatte, sollte auch er mit dem Tod
bestraft werden, und wurde gefesselt ins Gefängnis geführt.
In der nächsten Nacht hatte man nun einen ganz besonders
verlässigen Mann herausgesucht; der ließ sich auch, als Erich
Rinköping um Mitternacht wieder erschien, nicht schrecken. Er
hob seine Pistole und schoß Erich mitten ins Herz. Im nächsten
Augenblick apportierte der schwarze Pudel die Kugel, und
Rinköping stand unerschüttert da und drohte mit seinem Finger.
Da war auch bei diesem Mann der Mut zu Ende. Auch er lief,
was er laufen konnte, und verließ seinen Posten. Der Offizier
ließ ihn deswegen in Ketten legen und meldete die Sache seinem
Vorgesetzten. In der nächsten Nacht wurde ein Korporal mit
vier Mann an das Geschütz gestellt und kurz vor 12 Uhr
erschien noch ein höherer Offizier dazu. Aber auch diesmal

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kam's nicht anders. Als die Glocken Mitternacht schlugen, stand
zum Schrecken von allen Rinköping mit seiner Kanone auf der
Schulter am alten Platz. Er salutierte, wie es sich gehörte, vor
seinem Vorgesetzten und auch der Pudel sprang wedelnd um
den Offizier herum. Der ging schleunigst weg und auch der
Korporal mit seinen vier Mann blieb nicht an dem verfluchten
Platz, sondern alle rannten, was sie konnten, hinunter ins Innere
der Schanze.
Da faßte man die Sache anders an. Erich Rinköping wurde
ausgegraben und in geweihter Erde im Friedhof bestattet. Die
Kanone wurde gegen eine andere umgetauscht. Als in der
nächsten Nacht wieder ein Unteroffizier mit vier Mann an dem
Platz als Wache aufgezogen war, blieb Rinköping aus und ist
seitdem nie mehr erschienen.

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Wie der Friedhof von St. Johannis enstanden ist

Auch in Nürnberg wurden früher die Toten um die Kirche


herum begraben. So waren um St. Sebald und um St. Lorenz
herum große Friedhöfe. Als aber im Herbst des Jahres 1475
wieder einmal die Pest in Nürnberg ausgebrochen war und ein
schreckliches Sterben um sich griff, da wagte sich niemand
mehr in die Kirche, weil man fürchtete, daß der Pesthauch aus
den Gräbern aufsteige, die um die Kirchen herum lagen. Ja
damals waren sogar manche vornehme Herrn in der Kirche
selber begraben worden. Da beschloß der Rat ein allgemeines
Verbot: Alle, die an der Pest gestorben waren, sollten ohne
Ansehen der Person nicht mehr in der Stadt begraben werden
dürfen. Draußen um die Johanniskirche herum wurde ein weiter
Raum abgesteckt und feierlich eingesegnet als Ruhestätte für
alle, die an der Pest gestorben waren. Ungefähr 40 Jahre später
wurden dann die Nürnberger Friedhöfe für immer aus der Stadt
hinaus in das Land vor den Mauern verlegt. Der Friedhof von St.
Lorenz kam zur Kapelle des Heiligen Rochus vor dem
Spittlertor und der Friedhof von St. Sebald nach St. Johannis.
Noch heute kann man an den großen Nürnberger Kirchen die
Reste der alten Grabmäler sehen, die vom Friedhof als letzter
Rest übriggeblieben sind. Auf dem Johannisfriedhof aber sind
die groBen Nürnberger vom Anfang des 16. Jahrhunderts
begraben: Albrecht Dürer, Hans Sachs und viele andere, deren
Gräber einfach und ohne viel Schmuck daliegen, die aber doch
immer mit Ehrfurcht bewahrt und der Jugend gezeigt werden.

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Wie der König Wenzel getauft wurde

Einmal ging meine Grossmutter mit mir in die Sebalder


Kirche. Ich war noch ein kleiner Stöpsel und hielt mich fest an
ihrer Hand und, wenn die anders beschäftigt war, an ihrem
Rock. "Schau, das ist der Wenzelstein!" sagte meine
Großmutter. Ich schaute mich überall um, auf dem Fussboden
und an den Kirchenwänden und schließlich an der Decke,
konnte aber keinen "Stein" sehen. Da sagte auf einmal die
Grossmutter: "Ach, du dummer Bub, wo schaust du denn hin?
Da ist er doch, der Wenzelstein." Und sie deutete auf einen
grauschwarzen, aus Erz gegossenen Taufstein, der gerade vor
mir stand. Ein grosser Deckel war über dem Kessel angebracht,
und alles war schön verziert. "Da drinnen ist der König Wenzel
getauft worden!", sagte meine Großmutter. "Aber es ist schlecht
ausgegangen damals. Der Kaiser Karl hat seinen ersten Sohn,
den Wenzel, in der Kirche hier taufen lassen und hat dazu
Kurfürsten und Bischöfe und viele Geistliche eingeladen aus
aller Welt. Ein Reichsfürst hatte den kleinen Wenzel auf einern
blauseidenen Kissen in die Kirche tragen müssen; das Kissen
hatte goldene Franzen und das Taufbecken war neu gegossen,
zum ewigen Andenken an den Wenzel; und es hat eingeweiht
werden sollen mit der Taufe des kleinen Prinzen. Aber wie man
den Kleinen ausgewickelt hatte und ihn in das Wasser
hineinsteckte, das wohl ein wenig gewärmt war, da - passierte
dem kleinen Wenzel ein kleines Unglück! Der Bischof, der den
Kleinen taufte, erklärte, daß man in einem solch beschmutzten
Wasser den Prinzen nicht taufen könnte, und verlangte ein neues
Taufwasser. Die Amme aber, die den Kleinen trug, verlangte,
daß das Wasser gewärmt werde. Der Kaiser war zornig und
verlangte, dass das warme Wasser so schnell wie möglich
herbeigeschafft werde. In der Kirche es war in den ersten
Märztagen und noch reichlich kalt - stand einstweilen die
erlauchte Gesellschaft um den Neugeborenen Taufstein herum
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und wartete und fror. Da war man beim Anheizen in der
Pfarrerswaschküche etwas hastig und unvorsichtig - kurz die
Waschküche fing Feuer, und gleich darauf stand der ganze
Pfarrhof von St. Sebald in Flammen. Mit grosser Mühe wurde
das Feuer am Weitergreifen gehindert und schließlich gelöscht
nachdem das ganze Gehöft niedergebrannt war. Endlich brachte
man doch das nötige warme Wasser daher und die Taufe konnte
stattfinden. Schließlich war der Kaiser wieder zufrieden und
draußen auf dem Marktplatz und in den Nürnberger Strassen
war am Nachmittag ein grosses Fest.
Die adeligen Herren führten ein Turnier vor mit ihren
prächtigen Panzern und geschmückten Pferden.
Die Bürger bekamen Wein, soviel sie wollten, und mächtige
Ochsen wurden auf den Plätzen für das Volk gebraten. Acht
Tage lang durfte in Nürnberg damals nichts gearbeitet werden,
und die ganze Zeit sorgte Kaiser Karl IV. für gutes Essen und
Trinken. Aber mancher der dabei war, hob den Finger, zuckte
die Achseln und machte ein sorgenvolles Gesicht. Bei der Taufe
des kleinen Wenzel hat es ein Unglück gegeben! Das bedeutet
nichts Gutes für den Wenzel und nichts Gutes für das deutsche
Reich!"

-224-
So benimmt sich kein geborener König

Der König Wenzel hat später viel Unglück über sein Haus und
über das ganze Reich gebracht. Er war ein Säufer und ein
Luderjahn. Wie ihn einmal der König von Frankreich in die
Stadt Reims eingeladen hatte und ihn zum Festessen abholen
wollte, da lag der König Wenzel sinnlos besoffen auf dem
Ruhebett und konnte nicht mitkommen; bei dem Festessen drauf
war dann sein Stuhl leer.
Damals schämten sich alle Deutschen für den König Wenzel;
aber schon früher erzählte man in Nürnberg eine Geschichte,
dass Wenzel gar nicht ein Sohn Kaiser Karls IV. war, sondern
ein einfacher Schusterjunge.

-225-
Wie der Teufel den Schusserbuben geholt hat

Auf dem Lorenzer Platz gegenüber der grossen Kirche, nach


Norden zu, stand bis zum 2. Weltkrieg das Lorenzer-Schulhaus.
Grosse Treppen waren vor der Tür, auf denen sprangen die
Jungen und Mädchen hinauf und hinunter. Nach der Schule
wurde auch in alter Zeit auf den Strassen geschussert. Da liefen
die Buben hinter den kleinen Steinkugeln her und jeder paste
genau auf, daß der andere nicht "beschummelte".
Da war einmal ein Bub, der hat auch nach der Schule - Buch
und Tafel hatte er unter dem Arm gehabt - mit seinen
Kameraden auf der Strasse geschussert. Es war ein böser Bub,
der immer gleich geflucht und geschimpft hat, wenn nicht alles
nach seinem Kopf gegangen ist.
Und beschummelt hat er auch, wo er gekonnt hat. Einmal
haben ihn seine Kameraden dabei erwischt. "Nein", hat er
gerufen, "ich hab nicht beschummelt! Es war alles richtig!
Wenn's nicht wahr ist, soll mich gleich der Teufel holen!" Da
war auf einmal ein Brausen in der Luft; alle Buben haben den
Kopf eingezogen. Der Teufel kam daher gefahren. Er hat den
kleinen, frechen Kerl am Kragen gepackt und davon getragen.
Seine Tafel, sein Buch sind ihm aus den Händen gefallen, und
droben auf dem Nassauer Haus, auf einer von den grossen
Stangen, da siehst du noch sein Hütlein, das ist dort droben
hängen geblieben. Am Brünnlein neben dem Nordturm kannst
du das Bild von dem bösen Schusserbuben anschauen, wie ihm
der Teufel beim Kragen hat!

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Wie die Nürnberger das große Spital bekamen

Im Plobenhof (an der heutigen Museumsbrücke) wohnte in


alter Zeit die Familie Groß, die zu den Nürnberger
"Geschlechtern", d. h. zu den Familien gehörte, die Nürnberg
regierten. Hinter ihrem Haus war ein großer Garten mit schönen
alten Bäumen, der bis hinunter an die Pegnitz ging. Heinz Groß
hatte einen häßlichen Ausschlag. Das Volk von Nürnberg nannte
ihn deshalb nur den "grindigen Heinz". Er ließ sich deshalb
nicht gern auf den Straßen sehen. Er ließ sich auch nicht in den
Rat aufnehmen, obwohl er sonst ein gescheiter und achtbarer
Mann war. Dafür arbeitete er viel in seinen großen Garten
Einmal im Sommer des Jahres 1320 hatte er lange gearbeitet,
hatte gejätet und gegraben, war müde geworden und hatte sich
schließlich unter eine große Linde zum Schlafen gelegt. Da sah
er sich im Traum in seinem Garten gehen und dabei fand er
einen großen Schatz. Weil er kein Werkzeug dabei hatte, konnte
er ihn nicht heben. Er wollte schnell ins Haus laufen, um eine
Schaufel zu holen. Damit er aber den Platz wiederfinde, streute
er 23 Lindenblätter auf den Boden. Dann eilte er fort. Und
wachte auf.
Er lag noch unter dem Lindenbaum, aber der Traum ließ ihn
nicht los. Er stand auf und ging nachdenklich im Garten auf und
ab. Da kam er an die Stelle, an der er vorhin im Traum den
Schatz gesehen hatte und da lag ein Häuflein Lindenblätter an
derselben Stelle genau so, wie im Traum. Jetzt eilte er wirklich
ins Gartenhaus, holte Schaufel, Spaten und Hacke und grub
unter den Linienblättern nach.
Es dauerte auch gar nicht lange, da kam er mit seinem
Werkzeug auf eine schwere Truhe, die ganz voll mit Gold- und
Silbermünzen und prächtigen Kleinodien gefüllt war. Ehe er
angefangen hatte zu graben, hatte er aber den ganzen Schatz,
den er hier finden werde, den Armen gelobt.

-227-
Der "grindige Heinz" hat sein Versprechen gehalten. Der Rat
der Stadt Nürnberg erlaubte ihm, daß er den gefundenen Schatz
zur Gründung eines großen Spitals verwende. Der "grindige
Heinz"
kaufte das kleine Jungfrauenklösterlein, das den Namen "Zum
Himmelsthron" trug. Die Nonnen wanderten nach Gründlach.
Dann hieß er den Platz freimachen und holte sich Baumeister für
seinen Plan.
Aber bald sah er, daß der Baugrund in Nürnberg für ein so
großes Haus, wie er es bauen wollte, nicht ausreichte. Nirgends
war Raum genug. Da ließ er sich vom Rat die Erlaubnis geben,
den Bau über der Pegnitz aufzurichten. Der Rat gab die
Genehmigung; bald wölbten sich große Tore, unter denen die
Pegnitz in zwei Armen dahinfließen konnte und auf diesem
Grund wurde nun das große Spital gebaut.
Der grindige Heinz wurde aber auch für seine gute Tat
belohnt.
Bisher hatte kein Arzt ihn von seinem häßlichen Ausschlag
befreien können. Aber unter den alten Frauen, die zuerst ins
Spital aufgenommen wurden, war auch eine, die von Krankheit
und Gesundheit und von Heilküsteten aller Art mehr verstand
als andere Menschen. Sie gab dem Heinz eine Salbe, die ihn in
ein paar Monaten von seinem Ausschlag befreite.
Jetzt fing ein neues Leben an. Er ging auf die Straße, suchte
die Gesellschaft der Menschen und wurde bald in den Rat der
Stadt gewählt. Kaiser Ludwig der Bayer soll mit ihm besonders
befreundet gewesen sein. Er besuchte ihn oft, und wenn er in
Nürnberg war, stieg er im Plobenhof zum Quartier ab. Ludwig
der Bayer hat dem Heinz Groß und seiner Familie auch ein
Wappen verliehen. Auf dem Wappen sollen 23 Lindenblätter
mit einem Hügel zu sehen sein, zum Gedächtnis an den Traum
im großen Garten.

-228-
Schöne Hoffräulein gehen in die Klause

KIRCHE UND KLOSTER PILLENREUTH Kaiser Ludwig


der Bayer war mit seinem ganzen Hof nach Nürnberg
gekommen.
Die Stadt wollte zeigen, wie reich sie war, und gab ein Fest
nach dem andern. Da wurde geschmaust und getrunken, da
wurde getanzt und gesprungen, und jedermann, die edlen Frauen
und die großen Herren, hatten alles, was sie sich nur wünschten.
Mitten zwischen den Festen kam eine Schar von Hoffräulein
der Kaiserin zum Kaiser und bat, man möchte ihnen doch
erlauben, von jetzt an aller Welt ade zu sagen, und ihnen
draußen im Nürnberger Wald eine Klause bauen, wo sie künftig
andächtig und gottselig leben könnten. Ludwig war überrascht;
denn es waren die schönsten von den Hofdamen darunter. Aber
er konnte nichts dagegen sagen. Am Nachmittag ritt er hinaus in
den Wald, um einen schönen Platz für das Frauenklösterlein zu
suchen. Von Eibach aus ritt er nach Süden durch die Lach und,
wie er unter einer hohen Eiche dahinritt, hörte er auf einmal ein
ganz liebliches Singen. Er suchte den Vogel im Baum, der ein so
wunderschönes Stimmlein hätte; aber er konnte nichts sehen als
nur das Bildnis des gekreuzigten Herren am Stamm. Kein Vogel
war weit und breit.
Aber das Klingen war immer noch zu hören. Da sprang er vom
Pferd, verehrte das Wunder und hieb mit dem Schwert ein
Zeichen in den Baum, damit er ihn wiederfände.
Ein paar Tage später schickte der Kaiser Arbeiter in den Wald;
die fällten um die große Eiche herum die Bäume, zogen die
Wurzeln aus der Erde, hieben Balken zu, und bald stand dort ein
hölzernes Kirchlein mit einem geräumigen Haus für dreizehn
Klausnerinnen (12 Schwestern und eine Vorsteherin). Weil der
Wald um das Bild herum gerodet worden war, hieß das
Klösterlein bald ,,Bildenreuth". Heute haben die Nürnberger

-229-
vergessen, woher der Name kommt, und schreiben den Namen
,,Pillenreuth". - Bald darauf haben Nürnberger Bürger für das
Kloster so viel gestiftet, daß man die Kirche und das Wohnhaus
in Stein auffuhren konnte. In der Nähe liegen große Fischteiche,
die gehörten dem Kaiser. Ludwig der Bayer schenkte den
frommen Frauen von Pillenreuth den Zehnten aus seinen
Fischteichen.

-230-
Wie die große Linde in den Burghof kam

Kaiser Heinrich II. war ein gar frommer Kriegsmann. Er tat


niemand Unrecht, nicht Freund und nicht Feind, und jedermann
wußte, dass er nur zu Felde zog, wenn es zur Hilfe für sein Volk
und zur Wiederherstellung des Rechts im Reich nötig war. Der
Krieg war ihm verhaßt, dagegen liebte er die Jagd, und drum
kam er gern nach Nürnberg, weil es in den tiefen Wäldern um
die Burg herum viel Wild gab, Hirsche, Rehe und Sauen, Bären
und Wölfe in Mengen.
Einmal war wieder eine große Jagdgesellschaft
hinausgezogen, diesmal in die Wälder südlich der Stadt.
Gedankenvoll ritt der Kaiser dahin; denn seine Gemahlin, die
fromme Kunigunde, die er innig liebte, hatte ihn flehentlich
gebeten: "Reit heut nicht hinaus, sondern bleib daheim in der
Burg! Ich hab so einen bösen Traum gehabt" Sie hatte geweint
vor Sorge und Angst um ihn und seine Gesundheit, er aber hatte
gelacht: "Soll ich all die Herren umsonst bestellt haben?
Und sollen an die Treiber draußen im Wald ohne Jagd wieder
heimgehen? Nein, nein! Beruhige dich! Ich bin hier und im
Wald in Gottes Hut!" So war er weggeritten und hatte noch
gesehen, wie sie ihm in Tränen lächelnd mit ihrem seidenen
Tüchlein nachgewinkt hatte, solange sie ihn sehen konnte.
Daran dachte der Kaiser Heinrich. Dann aber schüttelte er sich
und lachte, gab seinem schweren Roß die Sporen und setzte sich
an die Spitze der Gesellschaft im munteren Trab ging es immer
tiefer hinein in die hohen Gewölbe der Eichen und Linden, die
dort standen, und unter denen man in langer, grasiger Bahn
hinter dem fliehenden Wild herreiten konnte. Da sprang eine
schöne, große Hirschkuh vor dem Kaiser aus dem Gebüsch und
setzte in langen Sprüngen vor Ihm her.
Der Kaiser gab mit hellem Ruf dem Pferde die Sporen und
jagte hinter ihr her weiter und weiter nach Süden zu. Das

-231-
Gefolge blieb weit zurück und verlor den Kaiser aus den Augen.
Der aber jagte und seinem Pferd unaufhörlich hinter der
Hirschkuh her und konnte sie nicht erreiche n. Auf einmal war
das Tier vor seinen Augen verschwunden; er jagte weiter da
stutzte sein Pferd und sprang erschreckt zurück. Mit Mühe nur
konnte der Kaiser sich im Sattel halten im unvorhergesehenen
Sprung seines Pferdes. Zornig gab er ihm die Sporen. Umsonst,
es stieg steil in die Höhe erschreckt vor einem alten, schwarzen
Baumstumpf, den der Blitz geschwärzt hatte.
Vorbei an dem schwarzen Lindenstamm, aus dem nur noch
wenige grüne Blätter austrieben, schaute der Kaiser in einen
tiefen Abgrund.
In den wäre er sicher gestürzt, wenn sein Pferd nicht vor dem
Blitz geschwächten Lindenbaum erschrocken gestutzt hätte. Der
Kaiser brach zur Erinnerung ein Lindenzweiglein ab und steckte
es auf seinen Hut Spät in der Nacht erst kam der Jagdzug heim
zur Nürnberger Burg. Die Kaiserin hatte in großer Angst
gewacht und gewartet, und als der Kaiser in den Burghof
hereinritt, ging Kunigunde ihm entgegen und rief: "Warum
kehrst du heute so spät zurück:, du böser Mann?" Da beugte sich
der Kaiser herab zu ihr, zog seinen Hut, nahm das
Lindenzweiglein herunter und reichte es ihr mit den Worten:
"Die Linde, an der das Zweiglein gewachsen ist, hat dir heute
das Leben deines Mannes gerettet". Und er erzählte ihr, wie es
ihm ergangen war. Am andern Morgen pflanzte Kunigunde das
Zweiglein in die Mitte des Burghofes, und dort grünte es weiter
und wuchs und wurde ein mächtiger Lindenbaum, der den
ganzen Hof beschattete. Fast tausend Jahre stand dort der Baum.
Ich selber hab ihn noch stehen sehen, mehr als eine Klafter breit,
gänzlich hohl, aber ringsum mit grünen Blättern. Ein schwerer
Gewittersturm mit zündendem Blitzstrahl stürzte ihn in einer
Nacht. Meine Kinder konnten noch die angekohlten Reste am
alten Platz sehen. Meine Enkel sahen auch das nicht mehr. Aber

-232-
Ich kann ihnen den Ort noch zeigen, wo die alte, große
Burglinde von Nürnberg stand.

-233-
Wie es dem Klösterlein weiter ergangen ist

Heute findet man draußen, mitten im Wald, nur noch Trümmer


der alten Klostermauern. Efeu wächst dicht an den alten Steinen
hinauf, und wer will, kann draußen im alten Klostergarten im
Frühjahr noch die schönsten Veilchen pflücken. Die alte Kapelle
steht noch da; sie ist aber ein Kuhstall.
Schon seit dem Jahr 1552 ist das Klösterlein zerstört. Damals
haben die frommen Frauen den Ort verlassen und sind niemehr
dahin zurückgekehrt. Das kam so: Ein anderer Ansbacher
Markgraf, Albrecht Alcibiades, führte ebenso wie sein Urahne,
Albrecht Achilles, mit den Nürnbergern Krieg Er zog mit
seinem Heer durch das Nürnberger Gebiet und brannte alle
Dörfer nieder, die er erreichen konnte. Er selber hatte
versprochen: ,,Ich will den Nürnbergern so einheizen, daß auch
die Engel die Füsse anziehen werden müssen!" Der Zug der
Ansbacher kam an Pillenreuth vorbei, und dabei wurden das
ganze Kloster ausgeplündert und alle Gebäude niedergebrannt.
Die Schwestern waren schon vorher geflohen und hatten im
KIarakloster in Nürnberg Aufnahme gefunden.

-234-
Sagen aus dem Harz

-235-
Das Mädchen von der Quästenburg bei Roßla

Im Harz, nicht weit von Roßla und Wallhausen auf dem


Quästenberg, der früher Finsterberg hieß, stehen die zerfallenen
Reste einer Burg. Das Dorf Quästenberg aber, das am Fuß
dieses Berges liegt, soll vorzeiten eine Stadt gewesen sein.
Einst ging das Töchterlein eines Burgherrn aus der Burg
hinaus, um auf den Wiesen Blumen zu pflücken; dabei geriet es
in den Wald, der die Wiesen rings umgibt. Als das Mädchen
nicht heimkehrte, entstand in der Burg große Sorge. Die ganze
Familie und die Dienerschaft machten sich auf, das Kind zu
suchen. Indessen hatte ein Köhler im tiefen Wald das Mädchen
schon gefunden, wie es gerade harmlos aus seinen Blumen einen
Kranz wand. Der Mann hatte aber von dem Kind nichts über
seine Herkunft erfahren können.
Deshalb hatte er es in seine Hütte mitgenommen, ihm zu essen
gegeben und es bei sich behalten.
In diese stille Waldeinsamkeit drang keine Kunde von der
Sorge und dem Suchen, die dem verlorenen Kinde galten, bis
einige Leute von Roda, einem mansfeldischen Dorfe, das
Mädchen einmal auf einer Wiese im Wald wieder beim
Kranzwinden trafen und von ihm zu der Köhlerhütte geleitet
wurden. Diese Leute wußten von dem Verlust des Kindes,
fragten den Köhler, wie er zu dem Kind gekommen sei, und
erfuhren von ihm, daß er das kleine Mädchen im Walde allein
aufgefunden habe. Nun eilten alle mit dem Kind nach der
Finsterburg, und der Köhler trug den Kranz, den es gewunden
hatte.
Einen solchen Kranz nannte man aber damals Quäste.
Auf der Burg herrschte große Freude über die Wiederkehr des
Kindes. Der Ritter schenkte dem Köhler und den Einwohnern
von Roda die Wiese, auf der man sein Töchterlein
wiedergefunden hatte, und ordnete ein Volksfest an, das alle
-236-
Jahre am Tag der Auffindung des Kindes, am dritten Pfingsttag,
abgehalten werden sollte.
Das Fest besteht heute noch. Die Burschen des Dorfes richten
auf der Anhöhe über dem Ort einen starken, entästeten
Eichenstamm auf.
Aus Birken- und Buchenzweigen wird ein großer Kranz
gefertigt und am Stamme befestigt. Rechts und links davon
hängen aus Laub gewundene Quästen. Auch im Gottesdienst
wird an diese Begebenheit erinnert. Der Ritter aber nannte seine
Burg von da an Quästenburg.

-237-
Das Mädchen von der Wegsmühle

Auf der Wegsmühle diente vor langer Zeit ein großes, starkes
und schönes Mädchen. Eines Abends spät kam ein Mann in die
Mühle, der einen vollen Hedesack (Hede = Werg, Abfall von
Flachs) trug.
Ob er nicht in der Mühle im Stalle übernachten könne, fragte
der Mann. Beinahe wäre es ihm gestattet worden, denn der
Müller tat manchem Armen Gutes. Aber er wollte an diesem
Abend mit seiner Frau in ein Dorf zu Verwandten gehen, wo
man ihn zu einer kleinen Lustbarkeit eingeladen hatte; es war
nämlich gerade Fastnacht. Da machte es sich nicht gut, daß der
Fremde in der Mühle blieb, weil das Mädchen ganz allein zu
Hause war.
Nun erklärte der Mann, er wolle ins nächste Dorf
zurückgehen, seinen Hedesack aber auf der Mühle in den
Kuhstall stellen, damit er ihn nicht wieder zurückschleppen
müsse; am nächsten Morgen werde er ihn dann abholen. Das sei
ihm ganz recht, meinte der Müller. Der Harzker stellte also
seinen Hedesack. in den Kuhstall und ging fort; eine Weile
darauf entfernten sich auch der Müller und die Müllerin.
Als aber das Mädchen nach einiger Zeit im Kuhstall ihre
Arbeit verrichtete, bemerkte es beim Melken, daß der Hedesack,
der in der Ecke lehnte, bald groß und bald klein wurde und sich
auf und nieder bewegte. Da lief die Magd geschwind ins Haus
und holte eine geladene Flinte heraus, die in der Stube an der
Wand hing. Mit der Flinte in der Hand trat sie vor den Sack hin
und rief: "Wer da?" Sie erhielt aber keine Antwort und drückte
ab. Ein Aufschrei erscholl aus dem Hedesack, und als das
Mädchen ihn aufband, schwamm da ein großer Mann in seinem
Blut, der hatte ein Messer und eine Pfeife neben sich liegen.
Der Mann winselte, daß er nun vor Gottes Richterstuhl treten
solle, und bekannte, daß ihrer zwölf Brüder seien, die alle das

-238-
Räuberhandwerk betrieben. Zehn davon hätten in der Nacht hier
einbrechen wollen, der elfte, das sei der jüngste, der sitze in der
Räuberhöhle bei der steinalten Mutter, die ihn nicht fortlassen
wolle.
Er selbst sei der zwölfte, ihn hätten sie in einen Sack gebunden
und das große Messer neben ihn gelegt, damit er den Sack zur
rechten Zeit durchschneiden und heraussteigen könne. Dann
habe er vor die Öffnung der Mühle, wo der Mühlbach durchs
Haus geht, hintreten und den andern pfeifen sollen. Die elf
Räuber lägen schon draußen vor der Mühle versteckt und
lauerten nur auf den Ton seiner Pfeife.
Das Mädchen möge im Dunkeln rasch entfliehen und die
Mühle ihrem Schicksal überlassen, sonst sei es verloren. Dann
starb er.
Entfliehen aber konnte das Mädchen nicht, denn der Müller
hatte die Hoftür zugeschlossen und den Schlüssel eingesteckt,
damit die Magd nicht auf ihn und seine Frau in der Nacht zu
warten brauche und damit sie selbst, wenn sie heimkehrten,
aufschließen könnten. Das Mädchen überlegte nun, was zu tun
sei, nahm das große Räukermesser und die Pfeife und ging
damit in die Mühle hinein.
Dann trat sie vor die Öffnung in der Mühle und blies in die
Pfeife.
Plumps erklang es vom Wasser, und halb schwamm, halb
watete der Kerl, der den Hedesack getragen hatte. Es war der
Räuberhauptmann selbst, bald darauf streckte er seinen
häßlichen Kopf unter der Mühlschwelle herein. Den packte die
Magd nun bei den Haaren, fesselte ihn und legte ihm eine
Schnur um den Hals, so daß er nicht schreien konnte, und zog
ihn dann vollends herein. Nachher blies sie wieder auf der
Pfeife. Ein Plumpser, und schon kam der zweite Räuber daher,
dem es nicht anders erging als dem ersten. So lockte das
Mädchen alle zehn Räuber unter die Schwelle der Mühle.

-239-
Als der Müller mit seiner Frau nach Hause kam, fand er das
Mädchen ganz verstört und mit Blut befleckt in der Stube sitzen.
Nachdem die Magd den Müllersleuten den ganzen Vorfall
erzählt und die dingfest gemachten Räuber gezeigt hatte, wurde
das tapfere Mädchen als Retterin der Mühle gepriesen. Sie lebte
nun in der Mühle hinfort mehr als Freundin denn als Magd und
wurde weit und breit berühmt wegen ihrer Heldentat. Es fanden
sich auch junge Burschen aus dem Dorfe ein, die sie gerne
gefreit hätten. Das Mädchen aber war eigenwillig und erklärte,
es wolle keinen andern zum Manne haben als den, der
verspreche, nach ihrer Pfeife zu tanzen, womit sie die Räuber
herbeigelockt habe. Und weil sie so schön war, fand sich zuletzt
in der Mühle ein feiner Herr aus der Stadt ein; der ging auf
Freiersfüßen, war sehr reich und hielt um das Mädchen an. Sie
wollte zuerst auch von ihm nicht viel wissen, aber er machte ihr
die kostbarsten Geschenke, und der Müller und die Müllerin
sagten, der Mann müsse einen großen Goldkasten zu Hause
stehen haben, und wer da einmal hineingreifen dürfe, sei wohl
sein Leben lang glücklich zu preisen. Und so fand sich das
Mädchen mit dem Gedanken ab, den Städter als ihren Verlobten
anzusehen.
Eines Tages erklärte der fremde Bräutigam, er wolle das
Mädchen einmal in der Kutsche abholen und ihm sein Haus
zeigen, wie prächtig es sei. Der Müller gab die Erlaubnis, daß
das Mädchen mit ihm fahren dürfe. Dieses selbst hatte anfangs
wieder keine rechte Lust, mit dem Bräutigam, den es nicht
liebte, zu fahren, doch war es neugierig, einmal sein Hauswesen
zu sehen, und darum setzte es sich in die Kutsche.
Der Fremde fuhr nun mit dem Mädchen in den Wald. Als sie
mitten im Forst waren, ließ er den Kutscher, der ein
Lohnfuhrmann war, halten und hieß das Mädchen mit ihm
aussteigen. Den Fuhrmann hatte er schon vorher gut bezahlt und
ihm mitgeteilt, was er im Wald tun solle. Darum schlug der
Kutscher nun auf seine Pferde ein, jagte davon und ließ das

-240-
Mädchen mit dem Fremden im Wald stehen. Nun griff der
ungestüme Freier das Mädchen hart an, und weil er stärker war
als sie, so mußte sie ihm folgen, und er schleppte sie in eine
Räuberhöhle. Da saß die steinalte Mutter der elf Räuber, die das
Mädchen zur Strecke gebracht hatte. Der Fremde aber sagte, er
sei der zwölfte Bruder und habe seiner Mutter geschworen, die
andern elf Brüder an ihr zu rächen; darum habe er sich
verkleidet und sie hierher gelockt. Hier müsse sie nun sterben.
So mutig das Mädchen auch war, diese Not ging über ihre
Kraft; sie weinte und klagte und bat den jüngsten Bruder der
Räuber um ihr Leben. Dieser hätte sie gerne leben lassen, denn
ihre Schönheit hatte schon längst sein Herz betört. Weil die alte
Mutter das merkte und das Mädchen sich erbot, die Wirtschaft
in der Höhle zu führen und das Weib des jungen Räubers zu
werden, so beschlossen Mutter und Sohn, die Gefangene am
Leben zu lassen.
Aber das stolze Mädchen konnte es nicht verwinden, daß es
die Frau eines Mordgesellen sein sollte. Als der junge Räuber
einmal schlief, verließ es den Wald und kehrte wieder zu dem
Müller zurück. Dieser rief die Obrigkeit herbei, und das
Mädchen führte die Häscher zur Räuberhöhle. Dort fanden sie
die Alte dicht vor der Höhle, weil sie vor Altersschwäche nicht
hatte entfliehen können, nahmen die Häscher sie und ihren Sohn
mit und ließen ihnen die gerechte Strafe zuteil werden.
Das Mädchen aber erhielt alle Schätze, die sich in der
Räuberhöhle vorfanden. So war sie nun steinreich geworden.
Von den Burschen aus dem Dorf aber, denen sie früher sehr
schnöde begegnet war, fand sich kein Bewerber um sie wieder
ein, weil sie drei Tage bei dem jungen Räuber in der Höhle
verbracht hatte. So lebte das Mädchen weitbekannt und sehr
reich, aber einsam bis an ihr Ende.

-241-
Der Schäfer von Wernigerode und der Alte aus
dem Berg

Unweit der Stadt Wernigerode befindet sich in einem Tal eine


Vertiefung im steinigen Boden, die das Weinkellerloch genannt
wird.
Darin sollen große Schätze aufgestapelt sein. Vor vielen
Jahren weidete ein armer Schäfer, ein gutmütiger, stiller Mann,
in jenem Tal seine Herde. Einmal gegen Abend trat ein Greis zu
ihm und sprach:
"Komm mit mir, ich will dir Schätze zeigen, wovon du dir
nehmen kannst, soviel du Lust hast."
Der Schäfer überließ dem Hund die Bewachung der Herde und
folgte dem Alten. Sie gingen nicht weit, da öffnete sich plötzlich
der Boden vor ihnen; sie traten ein und stiegen in die Tiefe, bis
sie zu einem Raum gelangten, worin ungeheure Reichtümer an
Gold und edlen Steinen aufgetürmt lagen. Während sich der
Schäfer einen Goldklumpen wählte, ertönte eine unsichtbare
Stimme, die sprach :
"Bringe das Gold dem Goldschmied in die Stadt, der wird dich
reichlich bezahlen." Darauf geleitete ihn sein Führer wieder zum
Ausgang.
Der Schäfer tat, wie ihm geheißen war, und erhielt von dem
Goldschmied eine Menge Geld. Erfreut brachte er es seinem
Vater.
Dieser redete ihm zu, nochmals in die Tiefe zu steigen. "Ja,
Vater,"
erwiderte der Schäfer, "ich habe außerdem meine Handschuhe
unten liegenlassen. Geht mit mir, wir wollen sie holen! "
In der Nacht machten sich beide auf den Weg, fanden die
Stelle und die Öffnung im Boden und gelangten auch zu den
unterirdischen Schätzen. Es war noch alles so wie das erstemal,

-242-
auch die Handschuhe des Schäfers lagen da, wo er sie hingelegt
hatte. Beide füllten so viel in ihre Tasche n, als sie tragen
konnten, und eilten dann wieder ins Freie. Hinter ihnen schloß
sich der Eingang mit lautem Krachen.
In der folgenden Nacht wollten sie es zum drittenmal wagen;
lange suchten sie hin und her, konnten aber den Eingang nicht
mehr finden.
Plötzlich trat ihnen der alte Mann entgegen und sagte zum
Schäfer:
"Hättest du deine Handschuhe nicht mitgenommen, sondern
unten liegenlassen, so würdest du auch diesmal den Eingang
gefunden haben, denn dreimal sollte dir die Schatzkammer
offenstehen. Nun aber ist dir der Eingang auf immer
verschlossen. "
Der Schäfer hatte nicht gewußt, daß Geister nichts behalten
dürfen, was irdischen Menschen gehört, sonst hätte er seine
Handschuhe sicher wieder unten liegenlassen.

-243-
Der Weinkeller von der Himmelspforte bei
Wernigerode

Ein Förster zu Öhrenfeld wollte seine silberne Hochzeit feiern


und hatte sich dazu hinreichend mit Wein versorgt; da sich aber
mehr Gäste einfanden, als er erwartet hatte, ging sein Wein
schon sehr früh zur Neige; deshalb schickte er seine Dienstmagd
noch um elf Uhr nachts zu dem Weinhändler in Wernigerode,
gab ihr das Rechnungsbüchlein mit und hieß sie so viel Wein
von der kürzlich gelieferten Sorte mitbringen, als sie in ihrem
Korb tragen könne.
Das Mädchen, des Weges nicht sehr kundig, fragte, wo sie
denn hingehen solle. Der Förster aber antwortete ärgerlich: "Geh
in die Himmelspforte!" So hieß eine alte Klosterruine, die in der
Nähe lag.
Das Mädchen nahm das für Ernst, schwang ihren Tragkorb auf
den Rücken und trollte in die Nacht hinein nach der
Himmelspforte. Sie war noch nicht weit gekommen, da sah sie
ein Licht brennen, schritt darauf zu und traf eine einfach
gekleidete Frau, die eine Laterne in der Hand hielt und einen
Schlüsselbund an der Seite trug; sie stand vor einer offenen
Kellertür. Das Mädchen nahm an, das sei die Ehefrau des
Weinhändlers und brachte ihr Anliegen vor, ihrem Herrn von
dem letzterhaltenen Wein so viel Flaschen zu schicken, als sie
tragen könne.
Die Frau entgegnete kein Wort, schloß die Kellertür auf, ging
voran und winkte dem Mädchen zu folgen. Sie stiegen viele
Stufen hinab, durchschritten ein langes Kellergewölbe und
blieben endlich vor einem alten, verschimmelten Faß stehen.
Hier zapfte die Frau einige Flaschen Wein ab, packte sie in den
Korb und half dem Mädchen, diesen auf den Rücken zu
nehmen. Nun reichte die Magd das Büchelchen hin und bat die
Frau, den Preis für die Flaschen einzuschreiben. Diese aber

-244-
schob das Buch unwillig zurück und schüttelte verneinend den
Kopf.
Das Mädchen dachte, auch gut; lief über die Treppen hinauf,
wünschte gute Nacht, erhielt aber keinen Dank und eilte nach
Hause.
Der Förster, der sie nicht so bald wieder zurückerwartet hatte,
fragte sie verwundert: "Wo hast du denn den Wein hergeholt,
daß du schon wieder hier bist?"
Die Magd antwortete: "Wie Ihr mir befohlen habt, in der
Himmelspforte."
Der Förster glaubte, das Mädchen wolle ihn zum besten
halten, fragte noch einige Male, erhielt aber immer die gleiche
Antwort. Er meinte daher, das Mädchen habe auf dem Weg von
dem Wein gekostet und sei nun etwas betrunken, und da er
überdies von den Gästen in der Stube verlangt wurde, ließ er die
Sache für diesen Abend auf sich beruhen.
Am andern Morgen nahm er die Magd wieder ins Gebet, diese
aber beharrte bei ihrer Aussage und erzählte den ganzen
Hergang der Sache, wie es sich zugetragen hatte. Der Förster
wußte nicht, was er davon denken solle, um so mehr, als der
Wein viel besser geschmeckt hatte als der frühere, ja, er glaubte
überhaupt noch nie einen so guten Tropfen getrunken zu haben.
Er schickte also einen Boten nach Wernigerode zu dem
Weinhändler und ließ fragen, ob vorige Nacht seine Magd dort
den Wein geholt habe. Als der Bote mit der Nachricht
zurückkehrte, niemand sei dort gewesen, kam dem Förster die
Sache bedenklich vor. Er schickte deshalb nach dem Pastor und
dem Lehrer, nahm einige Bauern und Jägerburschen mit, und so
zog der ganze Schwarm unter Führung des Mädchens nach der
Himmelspforte. Dort fand man zwar noch die Ruinen eines im
Bauernkrieg zerstörten Klosters, aber weder von der Kellertür
noch von der seltsam gekleideten Frau war eine Spur zu sehen.

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Seitjener Zeit wurde die Himmelspforte und besonders die
Klosterruine, die schon lange bei den umwohnenden Bauern
verrufen waren, noch mehr gemieden; jedem klopfte das Herz
hörbar in der Brust, wenn er an den Mauerresten vorüberging,
jeder erwartete, daß die Kellertür sich öffnen und die seltsame
Frau hervortreten würde; doch hat sich seit jenen Tagen nichts
Ähnliches mehr ereignet.

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Der starke Zwerg auf dem Kyffhäuser

In Sondershausen lebte vor vielen Jahren ein Müller namens


Lau, der die Wippermühle von der Stadt gepachtet hatte. Er war
ein großer, kräftiger Mann, stark wie ein Bär, und hatte am Hofe
zu Potsdam bei den langen Grenadieren gedient.
Einmal fuhr Lau mit seinem Mühlknappen nach dem
Kyffhäuser, um sich einen Mühlstein zu holen. Er selbst stieg
einen Fußsteig hinan und ließ den Knecht auf dem Fahrweg
nachkommen. Die Sonne war schon untergegangen, als er oben
bei dem alten Turm anlangte. Da stolzierte auf einmal ein
dicker, stämmiger Zwerg hinter dem Turm den Berg herauf,
zeigte dem Müller eine Höhle, die kaum groß genug war, einen
Dachs aufzunehmen, und verlangte, daß er sich da in die Höhle
hineinarbeiten und ihm helfen solle, einen Stein loszubrechen,
der sie beide glücklich mache n werde.
Der Müller aber hatte keine Lust dazu und schlug das
Ansinnen ab.
Da wurde der Zwerg grob und fing an zu schimpfen und zu
drohen.
Doch der Müller war nicht faul und knallte dem Wicht eins
hinter die Ohren. Der Knirps aber hängte sich dem Manne wie
ein Bleiklumpen an den Hals und warf ihn auf die Erde, daß ihm
alle Rippen krachten.
Der Müller kriegte den Kleinen zwar wieder herum, aber der
Zwerg umfaßte ihn wie eine Kneifzange und zwickte ihn derart,
daß er laut aufschreien mußte. Es gab eine Rauferei, wie sie der
Müller noch nie mitgemacht hatte, bis er schließlich ganz
ermattet war.
Da kam gerade noch zur rechten Zeit der Mühlknappe herbei.
Dieser schlug mit seinem Stock auf den Angreifer los, daß die
Splitter flogen. Nun erst ließ der Zwerg von dem Müller ab und

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verschwand wie ein Regenwurm in einem Loch, das kaum eine
Spanne groß war.
Dem Müller taten alle Glieder weh, und er war am ganzen
Leib voll blauer Flecken. Noch mehr ärgerte ihn aber, daß er,
der bärenstarke Mann, dem kleinen Knirps fast unterlegen wäre;
aber was war zu machen?
Er lud mit seinem Knappen den Mühlstein auf und fuhr heim.
Der starke Zwerg aber war seither nicht mehr zu sehen.

-249-
Die Entstehung der Bergwerke zu Rammelsberg

In alter Zeit herrschte auf dem Brocken die Zauberjette. Elf


jungen Mädchen oblag die Pflicht, sie zu bedienen.
Einst waren zwei Ritter auf dem Brocken vom Weg
abgekommen.
Der eine von ihnen hieß Otto, der andere Ramme. Schon
mehrere Tage waren sie umhergeirrt, aber sie fanden keinen
Ausweg aus der Wildnis. Plötzlich stürzten mitten im Wald
mehrere Männer auf sie zu. Es waren Räuber, die sich auf der
Flucht vor ihren Verfolgern nach dem Brocken durchgeschlagen
hatten. An diese Bande mußten die Ritter sich anschließen,
wenn sie in dem wilden Gebiet ihr Leben erhalten wollten. Alle
versprachen einander, sich gegenseitig zu helfen.
Zunächst galt es, eine Unterkunft zu suchen. Deshalb gruben
sie in den steinigen Boden eine Höhle. Was sie aber am ersten
Tag gearbeitet hatten, war tags darauf zusammengefallen. Die
Männer konnten nicht begreifen, wieso das geschehen war.
Am zweiten Tag arbeiteten sie trotzdem an der Höhle weiter.
Aber diesmal stellten sie zwei Räuber als Wache davor. Aber
alles, was sie unter Tags gebaut hatten, war am nächsten
Morgen wieder auseinandergerissen.
In der dritten Nacht wachten die beiden Ritter mit dem
Räuberhauptmann zusammen. Gegen Mitternacht sah der ältere
der beiden Ritter, Ramme, elf Mädchen daherkommen. Jede von
ihnen hatte einen kleinen Hammer und klopfte damit an den
Pfeiler, den die Räuber als Stütze der Höhle gebaut hatten.
Darauf floß alles auseinander wie Wasser. Ritter Ramme aber
zog sein Schwert, packte eines der Mädchen und fragte sie,
warum sie ihre Arbeit vernichte. Aber niemand antwortete; auch
auf die zweite Frage blieb es still. Erst als der Ritter zum
drittenmal fragte, entgegnete das Mädchen, es könne ihm den

-250-
Grund nicht angeben, er solle es zur Herrin des Berges
begleiten, dort werde er Weiteres erfahren.
Beide Ritter folgten nun dem Mädchen. Sie wurden in eine
große steinerne Höhle an der Nordwestseite des Brockens
geführt. Die Höhle war groß und schön wie ein fürstliches
Schloß. Drin trafen sie die Zauberjette. Auf die Frage der Ritter,
warum sie Befehl zur Vernichtung ihrer Arbeit gebe, erhielten
sie den Bescheid, auf dem Brocken sei der Bereich der
Zauberjette, und sie wolle allein im Berge herrschen. Wollten
die Ritter in ihren Dienst treten, so sei sie mit deren Bleiben
einverstanden; sie werde dann auch die Räuberbande dulden.
Die Ritter entschlossen sich, bei der Za uberin zu bleiben.
Nach einiger Zeit machten die beiden Ritter eine merkwürdige
Beobachtung: die Macht der Zauberin wurde täglich schwächer.
Sie war nämlich, bevor sie die Dienste der Ritter angenommen
hatte, jede Nacht um zwölf Uhr zum Wolfsbrunnen geeilt, der
unten am Brocken liegt, und hatte dort drei Handvoll Wasser
getrunken. Daher rührte ihre Zauberkraft. Dies hatte sie aber,
seit die Ritter bei ihr waren, versäumt. Deshalb nahm ihre Kraft
fortwährend ab.
Als die Zauberjette merkte, daß sie dem Tode nahe sei, zeigte
sie den Rittern all ihre Schätze. Fünf ihrer Dienerinnen ließ sie
frei. Dann holte sie eine Flasche und einen goldenen Becher, um
noch einmal auf das Wohl der Ritter zu trinken. Während der
Ritter Ramme gerade zum Trinken ansetzte, trat aus dem
Hintergrund der Höhle ein alter Mann hervor und rief: "O du
alte Zauberjette, nun sind die zwölf Jahre um, für die du mich in
den Schlaf gezaubert hast." Der Ritter Ramme ließ vor
Schrecken den Becher zu Boden fallen: in dem alten Mann
erkannte er seinen Vater. Dieser sagte zu ihm: "Ich bin dein
Retter, mein Sohn; denn was du hättest trinken sollen, ist das
übelste Gift."
Darauf zog der Sohn sein Schwert und schlug der Zauberjette
den Kopf ab. Ein furchtbares Krachen im Berge entstand. Der
-251-
schwarze Hund, der eben noch in der Höhle gekauert war,
winselte auf und zog sich zurück. Nun kamen auch die Räuber
angesprungen. Da verwandelte sich der Hund in einen alten
Mann, der aufatmend jubelte: "Gott sei gelobt! Das bedeutet für
mich die Erlösung, ich habe jetzt nichts mehr zu bewachen, alles
ringsum gehört nun euch. "
Auch heute noch sind die Goslaer Bergwerke tätig, die Schätze
der Zauberjette zu heben.

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Die Fahrt nach dem Brocken

Es war einmal ein junger Mann, der sich mit einem hübschen
Mädchen verlobt hatte. Nach einiger Zeit fiel dem Bräutigam
das merkwürdige Verhalten seiner Braut und deren Mutter auf.
Beide waren nämlich Hexen. Als nun der Tag kam, an dem die
Hexen nach dem Brocken ziehen, stiegen die beiden Frauen auf
den Heuboden, nahmen ein kleines Gla s und tranken daraus,
dann waren sie auf einmal verschwunden. Den Bräutigam, der
ihnen nachgeschlichen war und sie beobachtet hatte, lockte es,
auch einmal einen Schluck aus dem Glas zu tun. Er nahm es und
nippte ein wenig daran; da war er mit einemmal auf dem
Brocken und sah, wie seine Braut und deren Mutter mitten unter
den Hexen tollten, die um den Teufel tanzten, der in ihrer Mitte
stand.
Nachdem der Tanz zu Ende war, befahl der Teufel, daß jede
ihr Glas nehme und trinke, und gleich darauf flogen sie nach
allen vier Windrichtungen auseinander. Der Bräutigam aber
stand mutterseelenallein auf dem Brocken und fror, denn es war
eine kalte Nacht. Ein Glas hatte er nicht mitgenommen, und so
mußte er den Rückweg zu Fuß antreten.
Nach einer langen beschwerlichen Wanderung kam er endlich
wieder bei seiner Braut an; aber diese war sehr zornig, und auch
die Mutter zankte mit ihm, weil er aus dem Glas getrunken
hatte. Mutter und Tochter kamen endlich überein, den
Bräutigam in einen Esel zu verwünschen, was denn auch
geschah.
Der arme Bräutigam war nun ein Esel geworden und trabte
betrübt von einem Haus zum andern, wobei er sein trauriges ija,
ija schrie.
Da erbarmte sich ein Mann des Esels, nahm ihn in seinen Stall
und legte ihm Heu vor; aber der Esel wollte begreiflicherweise

-253-
nicht fressen und wurde nun mit Schlägen aus dem Stall
getrieben.
Nach langem Umherirren kam das Langohr wieder einmal vor
das Haus seiner Braut, der Hexe, und schrie recht kläglich. Die
Braut sah ihren vormaligen Bräutigam, der als Esel mit
gesenktem Kopf und herabhängenden Ohren vor der Tür stand.
Da bereute sie, was sie getan hatte, und sprach zum Esel: "Ich
will dir helfen, du mußt aber tun, was ich dir auftrage: Wenn ein
Kind getauft wird, so stelle dich vor die Kirchentür und laß dir
das Taufwasser über den Rücken gießen, dann wirst du wieder
in einen Menschen verwandelt werden. "
Der Esel folgte dem Rat seiner Braut. Am nächsten Sonntag
wurde ein Kind getauft; da stellte sich der Esel vor die
Kirchentür. Als die Taufhandlung vorbei war, wollte der Küster
das Taufwasser wegschütten, aber der Esel stand ihm im Wege.
"Geh, alter Esel!" meinte der Küster, aber der Esel wich nicht.
Da wurde der Küster ärgerlich und goß dem Tier das Wasser
über den Rücken. Nun war der Esel erlöst und verwandelte sich
wieder in einen Mann; dieser eilte zu seiner Braut, heiratete sie
und lebte fortan recht glücklich mit ihr.

-254-
Die Roßtrappe

Die Roßtrappe nennt man einen Felsen mit einer ovalen


Vertiefung, die einige Ähnlichkeit mit dem Abdruck eines
riesenhaften Pferdehufs hat. Dieser Fels liegt in dem hohen
Vorgebirge des Harzes, hinter Thale, und viele Reisende pflegen
ihn -- besonders der schönen romantischen Aussicht wegen -- zu
besteigen. Über das Entstehen jener Vertiefung erzählt die
Volkssage :
Vor tausend und mehr Jahren, lange bevor auf den umliegenden
Bergen Raubritter die Hoymburg, die Lauenburg, die
Stecklenburg und die Winzenburg erbauten, war das ganze Land
rings um den Harz von Riesen bewohnt. Diese kannten keine
Freude als Raub, Mord und Gewalttat. Fehlte es ihnen an
Waffen, so rissen sie die nächste sechzigjährige Eiche aus und
fochten damit. Was sich ihnen entgegenstellte, schlugen sie mit
ihren Keulen nieder.
lin Böhmerwald hauste zu der Zeit ein Riese, Bodo genannt,
ungeheuer groß und stark, des ganzen Landes Schrecken. Vor
ihm beugten sich alle Riesen in Böhmen und Franken. Aber die
Königstochter vom Gebirge der Riesen, Emma, vermochte er
nicht zu seiner Liebe zu zwingen. Hier half nicht Stärke, nicht
List.
Einst sah Bodo die Jungfrau jagend und sattelte sogleich seinen
Zelter, der meilenweite Fluren in Minuten übersprang. Er
schwur bei allen Geistern der Hölle, diesmal Emma zu fangen
oder zu sterben.
Schneller als ein Habicht fliegt, sprengte er heran. Und fast hätte
er sie erreicht, bevor sie es merkte. Doch als sie ihn, zwei
Meilen von sich entfernt, erblickte und ihn an den Torflügeln
eines zerstörten StädtIeins, die ihm als Schild dienten, erkannte,
da wendete sie schnell ihr Roß. Es flog, von ihren Sporen
getrieben, vonBerg zuBerg, von Klippe zu Klippe, durch Täler
und Moräste und Wälder, daß, von dem Hufschlag getroffen, die
-255-
Buchen und Eichen wie Stoppeln umherstoben. So flog sie
durch das Thüringer Land und kam in das Gebirge des Harzes.
Oft hörte sie einige Meilen hinter sich das Schnauben von Bodes
Roß und trieb dann den nimmermüden Zelter zu neuen
Sprüngen an.
Jetzt stand ihr Roß, sich verschnaufend, auf dem furchtbaren
Fels, der heute Hexentanzplatz heißt. Angstvoll blickte Emma,
zitternd blickte ihr Roß in die Tiefe hinab. Denn mehr als
tausend Fuß fiel senkrecht, wie ein Turm, die Felsmauer zum
grausenden Abgrund ab. Tief unter sich hörte sie das dumpfe
Rauschen des Stroms, der sich hier in einem furchtbaren Wirbel
dreht. Der entgegenstehende Fels auf der anderen Seite des
Abgrundes schien ihr noch weiter entfernt als der Strudel und
kaum für einen Vorderfuß ihres Rosses Raum zu haben.
Da stand sie zweifelnd. Hinter sich wußte sie den Feind, den sie
ärger haßte als den Tod. Vor sich sah sie den Abgrund, der
seinen Rachen weit vor ihr auftat. -- Jetzt hörte Emma von
neuem das Schnauben von Bodos keuchendem Roß. In der
Angst ihres Herzens rief sie die Geister ihrer Väter um Hilfe,
und, ohne sich länger zu besinnen, drückte sie ihrem Zelter die
langen Sporen in die Seiten!
Und das Roß sprang! Sprang über den tausend Fuß tiefen
Abgrund hinweg, erreichte glücklich die spitze Klippe und
schlug seinen Huf vier Fuß tief in das harte Gestein, daß die
stiebenden Funken wie Blitze das ganze Land umher erhellten. -
- Das ist jener Roßtrapp! Die Länge der Zeit hat die Vertiefung
kleiner gemacht, aber kein Regen kann sie ganz verwaschen.
Gerettet war Emma! Doch die schwere goldene Krone, der
Königstochter fiel, während das Pferd sprang, von ihrem Kopf
in die Tiefe hinab. Bodo, der nur Emma, und nicht den Abgrund
sah, sprang der Fliehenden auf seinem Streitroß nach und stürzte
in den Strudel des Stroms, dem er den Namen Bode gab. Hier
soll er, in einen schwarzen Hund verwandelt, die goldene Krone
der Prinzessin bewachen, damit kein Beutegieriger sie aus dem

-256-
wirbelnden Schlund heraufhole.
Otmar

-257-
Die fleiße Liese in Claustal

Vor langer Zeit lebten in Claustal zwei arme Mädchen. Sie


hatten weder Vater noch Mutter noch hilfreiche Verwandte und
mußten sich früh schon durch ihrer Hände Arbeit kümmerlich
fortbringen.
Weil aber damals Frauenarbeit an Haushalt und Spinnrad
gebunden war, suchten sie mit Spinnen ihr tägliches Brot zu
verdienen. Diese Geschwister glichen einander wie Strohhalm
und Ähre, die ja auch aus der gleichen Wurzel stammen. und
doch ganz verschieden geartet sind.
Die eine der Schwestern war hochfahrend und dumm, die
andere voll Versonnenheit und Versponnenheit; war jene
schwatzhaft und faul, so verrichtete dagegen diese emsig und
still ihre Arbeit. Wenn die Fleißige um elf Uhr nachts ihr
Spinnrad in die Ofenecke rückte, so hatte die Faule schon ein
paar Stunden gefeiert oder geschlafen.
So kam Ostern ins Land. Am Vorabend dieses Festes saß die
fleißige Liese wie immer am Rad und spann ihren Rocken auf;
der glatte Faden rann ihr fließend aus den Fingern. Die Faule
dagegen hielt es bei der Arbeit nicht aus; sie lief den Burschen
nach und sprang mit ihnen um die Osterfeuer.
Der Türmer sang eben die elfte Stunde über die schweigsamen
Dächer, da klinkte die Haustür, und herein trat eine schöne Frau,
ganz weiß gekle idet. Sie trug lange goldene Haare und hielt
einen vollen Rockenstock in der Hand, den man in dieser
Gegend auch "Diesse" zu nennen pflegte. Er war so weiß wie
Silber und glänzte wie Seide.
Die schöne Frau grüßte mit ernstem Nicken, trat näher, prüfte
das Garn des Mädchens, das soeben den letzten Flachs als Faden
auf ihre Rolle auflaufen ließ, und sagte lobend :

-258-
"Fleißige Liese, Leer ist die Diesse, Fein fühlt sich der Faden,
Bist wohl geraten"
Dann rührte sie mit der Silberdiesse an das Spinnrad des
Mädchens, lächelte ihm zu und verließ die Kammer. Es war die
Frau Holle.
Die Liese legte sich bald danach zu Bett. Aber einschlafen
konnte sie erst, als die Schwester endlich von ihrem nächtlichen
Ausgang zurückkam. Lachend warf sich die schöne Törin auf
ihr Lager und prahlte wunders, was die Liese an diesem Abend
versäumt und verloren habe.
Als nun die Ostermorgensonne durchs Fenster schien, da
erwachte die Liese zuerst. Sie rieb sich verwundert die Augen,
denn vom Morgenstrahl funkelte ihr Spinnrad wie Gold und
blitzte, daß die ganze Kammer hell wurde. Schnell sprang sie
aus dem Bett und prüfte mit ihrem Finger den goldenen Glanz,
hob auch das Rad vom Boden. Aber es wog schwer und war von
der Diesse bis hinunter zum Tretbrett aus gediegenem Gold.
Und der Faden, den sie am Osterabend gesponnen hatte,
erglänzte wie Seide. Sie haspelte ein Gebind nach dem andern,
es hing je zehn und zehn nebeneinander.
Aber die Rolle blieb voll, und das Garn wollte kein Ende
nehmen. So hatte sie denn eine doppelte Quelle des
Wohlstandes als Lohn für die treue, gediegene Arbeit.
Nun zerrte auch die Faule begierig ihr verstaubtes Spinnrad
hervor.
Aber wo sonst der ungesponnene Flachs auf der Diesse saß,
raschelte nun graues Stroh. Und als sie in böser Ahnung schnell
nach ihrem Leinenschatz in der Truhe kramte, fand sie statt der
schönen, gewebten Ballen nur Häcksel und Stroh.
Darum sagt man noch heute im Harzland: Am Ostersonnabend
muß die Diesse leer sein, sonst kommt Frau Holle und bringt
Häckerling.

-259-
Die weiße Jungfrau in der Burg

-260-
Osterode

Am Ostersonnabend trug ein armer Leinweber ein Stück


Leinen nach Claustal, um es zu verkaufen. Da er sich dabei
verspätet hatte, blieb er dort über Nacht. Am andern Morgen in
aller Frühe machte er sich auf den Heimweg. Als die Sonne
aufging, war er schon über die Vorstadt von Osterode, die
Freiheit genannt, hinaus und näherte sich der Söse. Da erblickte
er eine weißgekleidete Jungfrau mit einem Bund Schlüssel am
Gürtel. Sie wusch sich im Fluß. Weil sie seinen Gruß so
freundlich erwiderte, faßte der Weber Mut und fragte: "Ei, seid
Ihr schon so früh aufgestanden und wäscht Euch am Flusse?"
"Ja, das tue ich an jedem Ostermorgen," antwortete sie. "Da
bleibe ich jung und schön. "
Der Leinweber sah, daß sie eine schöne Lilie an der Brust trug.
Er wunderte sich sehr darüber, weil doch zur Osterzeit noch
keine Lilien blühen.
"Ihr habt wohl einen schönen, warmen Garten, daß es bei Euch
schon Lilien gibt," forschte er weiter.
"Komm nur mit," entgegnete die Jungfrau, "ich zeige ihn dir."
Sie führte den Leinweber zu den Trümmern der Burg
Osterode.
Diese nahmen sich an jenem Morgen gar seltsam aus. Eine
eiserne Tür war sichtbar, die der Weber noch nie bemerkt hatte,
so oft er auch vorbeigekommen war. Davor blühten drei Lilien.
Die Jungfrau pflückte eine und schenkte sie dem Weber.
"Nimm sie mit nach Hause und verwahre sie gut," sagte, sie.
Der Weber steckte sich die Blume an den Hut. Als er aber
wieder aufschaute, waren Jungfrau und Tür verschwunden; die
alte Burgruine sah wieder aus wie sonst. Da machte sich der
Mann eilends davon.

-261-
Als er daheim die Iilie seiner Frau zeigte, meinte diese : "Das
ist keine gewöhnliche Lilie, es ist eine goldene Blüte. Du hast
die Osterjungfer gesehen. "
Ja, da brauchte sich der Mann nicht mehr zu wundern, daß ihm
unterwegs der Hut so schwer geworden war. Nach der Kirche
trug er die Blume gleich zum Goldschmied. Dieser machte
große Augen, als der arme Mann das glänzende Ding auspackte.
Er sagte: "Du, die Blume ist aus dem feinsten Gold und Silber,
das es gibt. Die ganze Stadt Osterode hat nicht Geld genug, sie
dir zu bezahlen. "
Die Geschichte von der wundersamen Blume wurde bald im
ganzen Orte bekannt, und auch dem Rat kam sie zu Ohren.
Dieser ließ den Leinweber vorladen, und er mußte erzählen, wie
sich alles zugetragen hatte.
"Du mußt deine Blume dem Herzog verkaufen," meinten die
Ratsherren. Sie fertigten ihm ein Schreiben aus, worin der ganze
Hergang der Begebenheit ausführlich und säuberlich
aufgezeichnet war.
Nun reiste der Leinweber ins Hoflager. Der Herzog fand den
größten Gefallen an der Blume. "Bezahlen kann ich dir die Lilie
freilich auch nicht," sprach er zum Leinweber, "aber ich will dir
und den Deinen einen jährlichen Betrag aussetzen, daß ihr für
euer ganzes Leben versorgt seid."
Die Blume wurde von der Herzogin nur an hohen Festtagen
getragen. Der Herzog aber nahm zur Erinnerung drei Lilien in
sein Wappen auf; sie sind heute noch darin zu sehen.

-262-
Frau Holle als Ehestifterin in Andreasberg

Drei Andreasberger Mädchen, die alle schon einen Bräutigam


hatten, gingen eines Sonntagsnachmittags in den Wald nach dem
Ort, der heute noch "Die drei Jungfern" heißt. Dort setzten sie
sich ins Moos unter jungen Tannen und schwatzten von ihrem
Schatz und von der Hochzeit. Als nun eine von ihnen zufällig
aufschaute, verstummte sie plötzlich. Die andern blickten auch
hin und bemerkten schaudernd, wie über die Tannen hinweg das
greuliche Gesicht einer Frau zum Vorschein kam; die Haare
hingen ihr lang über die Schultern und den Nacken hinab; halb
gutmütig, halb zornig glotzte sie bald das eine, bald das andere
Mädchen an. Auf einmal begann die Erscheinung zu reden, daß
es den Mädchen kalt über den Rücken lief.
"Welche von euch dreien," sagte sie, "heute nacht zwischen elf
und zwölf Uhr nach dem Hahnenklee kommt und ihn scheuert,
die soll bald ihren Bräutigam heiraten." Nach diesen Worten
löste sich das Gesicht in Dunst und Nebel auf.
Als die Mädchen sich von ihrem Schrecken erholt hatten,
wanderten sie nach Hause und verabredeten unterwegs, sie
wollten sich alle drei um halb elf Uhr oberhalb Andreasberg
treffen und tun, was Frau Holle gesagt hatte; denn sie hatten den
sehnlichen Wunsch, möglichst bald zu heiraten. Sie machten
sich denn auch zur vereinbarten Stunde mitsammen auf den
Weg.
Die Nacht war dunkel und unheimlich, es schienen weder
Mond noch Sterne, die Eulen schrien so schaurig, in der Ferne
donnerte es, man sah aber keinen Blitz. Stumm schritten die drei
Mädchen dahin; ihr Ziel war der Hahnenklee.
Als die nächtlichen Wanderer die Stelle erreichten, die man
das "Gesehr" nennt, seufzte das eine Mädchen: "Nein, ich gehe
nicht weiter!" kehrte um und trat eilends den Heimweg an. Nicht
lange danach machte es die zweite ebenso. Die dritte aber

-263-
dachte: "Und wenn es mir das Leben kostet, ich gehe und tue,
was mir befohlen ist!"
Sobald sie auf dem Hahnenklee angekommen war, machte sie
sich gleich an die Arbeit. Da stand auf einmal wieder Frau Holle
neben ihr und meinte freundlich lächelnd: "Du hast Wort
gehalten, ich halte auch Wort. Bald wird dich dein Bräutigam
zum Altar führen; die beiden andern kriegen nie einen Mann."
Mit dem letzten Wort war sie auch schon wieder weg. Als das
Mädchen nach Hause ging, kam der Mond aus den Wolken
heraus und schien ihr hell auf den Heimweg.
Das Mädchen, das auf dem Gesehr umgekehrt war, besaß
einen Bergmann zum Bräutigam. Am folgenden Tag brachte
man ihn zerschmettert nach Hause; er war im Schacht
verunglückt. Das Mädchen aber starb drei Tage danach vor
Gram und wurde an der Seite ihres Liebsten begraben. Der
Bräutigam des zweiten Mädchens hatte in den Krieg ziehen
müssen; er fiel wenige Wochen später, und auch sie hat
tatsächlich nie geheiratet. Das dritte Mädchen aber, das den
Hahnenklee gescheuert hatte, feierte bald Hochzeit.
Als die Vermählten dann an der Festtafel beisammensaßen,
erschien Frau Holle zum drittenmal; sie guckte über den Ofen
herüber und reichte dem Gast, der zunächst saß, eine silberne
Wiege für das Brautpaar. Und wie man das Geschenk genauer
besah, war es. ganz voll blanker Andreasberger Silbergroschen.
Seitdem heißt es in Andreasberg, wenn ein Mädchen keinen
Mann bekommt: Es muß den Hahnenklee scheuern. Und wo
man in den Häusern noch die alten Öfen hat, die zwei Stuben
nebeneinander heizen, daß man darüber hinwegsehen kann, sagt
man, wenn jemand überhebliche Worte spricht: "Schprich
sachte, de Frau Holle horcht!"

-264-
Sagen der Hansestädte

-265-
Dat lütte Rümeken

»Dat lütte Rümeken« zu Hamburg ist das Heiligengeistfeld in


St. Paull bis zur Grenze von Altona. Von ihm erzählt man sich
folgende Geschichte:
Jedesmal, wenn der lebenslustige Graf Otto von Schauenburg,
der zu Pinneberg residierte, auf seiner Vogtei Ottensen Recht
gesprochen hatte, stärkte er sich im Hamburger Ratskeller.
Einmal dehnte sich die Zecherei so lange aus, daß er die Stunde,
da alle Stadttore fest verschlossen werden, verpaßte. Die
Ratsherren aber wußten ihrem Ehrengast das Unglück so
vergnüglich vorzustellen, daß er sich nicht weiter darum sorgte
und der Einladung des Bürgermeisters, bis zum Morgen in
seinem Haus Herberge zu nehmen, gern nachkam. Als nun der
Graf dort angelangt, siehe da steht eine prächtige Tafel mit
Speisen und herrlichsten Weinen zum Abendimbiß bereit, und
die Frau Bürgermeisterin kredenzt dem hohen Gast den
Goldpokal. Sie ließ es sich angelegen sein, den Grafen in
fröhlicher Rede so zu vergnügen, daß er von all den guten
Dingen sehr lustig wurde. Und als nun der reichliche Wein auch
sein Bestes tat, da ist die schöne Bürgermeisterin mit lieblichen
Worten den Grafen angegangen, daß er ihr doch das kleine
Räumchen schenken möge, »dat lütte Rümeken« zwischen dem
Millern- Tor und dem Bach, der zur Elbe läuft, weil die
Hamburger Frauen gern im Stadtgebiet ihr Linnen bleichen
wollten. Und da sie so artig bat und der Graf ein ritterlicher Herr
war, der einer bittenden Frau, zumal wenn sie schön war, nichts
abschlagen konnte, er auch nicht gewahr wurde, daß das
gewünschte kleine Räumchen eigentlich ziemlich groß sei - so
beschied er das Ansuchen günstig. Und da zufällig ein Notar
anwesend war und gleich eine Abtretungsurkunde darüber
abfassen konnte, unterschrieb der Graf Otto flugs und fröhlich
den Brief und setzte sein Siegel dazu, worauf der Wein nach

-266-
getanen Staatsgeschäften noch besser mundete, bis der Graf vom
Bürgermeister und Notar, nicht ohne deren tätige Beihilfe, zu
Bett geleitet wurde.
Andern Morgens, als er heimkehrend über das abgetretene
»lütte Rümeken« ritt, verwunderte er sich sehr über dessen
Umfang, aber er war ein edelmütiger Herr, der fröhliche
Schwänke wohl leiden konnte, darum lachte er über die List
seiner Gastfreunde, die er nun wohl verstand, und ließ die Sache
gut sein. Und wenn er später, wie noch oft geschah, nach
Hamburg zu Weine und Biere ritt, so nahm er sich besser in acht
und verpaßte niemals wieder die Stunde des Torschlusses. Und
hat der schönen Bürgermeisterin lächelnd gesagt: um das ganze
Hamburger Linnenzeug zu bleichen, möchte sie wohl seine
ganze Herrschaft Pinneberg für ein - lüttes Rümeken ansehen
und ihm fördersamst abschwätzen.

-267-
Der Graf, der nicht verwesen durfte

Einst lebte in Lübeck ein reicher und mächtiger Graf, der sich
aber durch sein schlechtes Betragen den Fluch seiner sterbenden
Eltern zugezogen hatte. Aber das wußten nur die wenigsten, und
er selbst suchte sein Gewissen in rauschenden Festen zu
betäuben. Allein kaum ein Jahr nach dem Tode seiner Eltern
starb auch er und wurde in der Katharinenkirche beigesetzt.
Fünfzig Jahre später öffnete man zufällig seinen Sarg und fand
seinen Leichnam unverwest. Das Gerücht von dieser seltsamen
Begebenheit drang weit in die Ferne, und kein Fremder verließ
Lübeck, bevor er nicht den unverwesten Grafe n gesehen hatte.
Nun saßen einmal in einem Wirtshaus bei der
Katharinenkirche lustige Zechbrüder beisammen und prahlten
mit ihrem Mut und ihrer Unerschrockenheit. In das Gespräch
mischte sich auch die Schenkmamsell, und indem sie alle zu
übertrumpfen suchte, vermaß sie sich, den Körper des Grafen
aus der Kirche zu holen. Die Wette wurde gemacht, das
Mädchen verschaffte sich den Eingang zur Totenkapelle und
kam bald mit ihrer unheimlichen Last zurück. »Da habt ihr den
Grafen«, rief sie lachend, »zurückbringen könnt ihr ihn selbst!
Die Wette habe ich gewonnen!« Die Gesellen aber zitterten
wie Espenlaub, und keiner wollte sich der unangenehmen
Aufgabe unterziehen. Da baten sie das Mädchen, ihnen das
Geschäft abzunehmen, und gegen ein gutes Stück Geld zeigte
sie sich auch willig und trug den Grafen zurück.
Aber kaum hatte sie ihn in seinen Sarg gebettet, als der Tote
sich aufrichtete und sie anredete: »Jetzt habe ich dir einen
Gefallen getan, nun tue du mir wieder einen als Gegendienst!
« Zu Tode erschrocken, nickte die Dirne. »Geh hinter den
Altar«, fuhr der Tote fort, »und bitte meine Eltern um
Vergebung!« Das Mädchen tat's zitternd, aber eine Stimme
antwortete ihr: »Nie und nimmermehr!« Auf den Wunsch des
-268-
Grafen bat sie dann noch einmal, und wieder wurde sie
abschlägig beschieden. Erst, als sie zum dritten Male bat, rief
die Stimme so laut, daß das Gewölbe widerhallte: »Nun, so sei
er verweset!« Das Mädchen eilte so schnell wie möglich aus der
Kirche, aber als man am nächsten Morgen nach dem Grafen sah,
war er in Staub zerfallen.

-269-
Der Lübecker Freiheitsbaum

Einmal lagen die Lübecker mit den Dänen in harter Fehde.


Krieg ist nicht jedermanns Sache, und so waren in der Stadt,
besonders unter den Schonenfahrern, viele Bürger, die geneigt
waren, sich dem Dänenkönig zu eigen zu geben. Nun gab es
aber eine Prophezeiung in der Stadt: solange der große
Rosenbusch an der Marienkirche grüne und blühe, solange
werde Lübeck frei bleiben, und darum willigte der Rat auch
nicht in einen voreiligen Friedensschluß, sondern es wurde
wacker weitergefochten. Aber eines Morgens war der
Rosenbaum welk und abgestorben, der doch am Abend zuvor
noch so herrlich geblüht hatte, und als man zusah, hatte eine
Maus ihr Nest an seine Wurzeln gelegt, und ihre Jungen hatten
die Wurzeln durchgenagt und den Baum zuschanden gemacht.
Bald darauf mußte sich Lübeck den Dänen ergeben.
Als die Stadt aber wieder kaiserfrei wurde, ließ der Rat den
Rosenbaum samt der Maus in der Marienkirche hinter dem Chor
in Stein hauen, zum Wahrzeichen, daß oft aus kleinen Ursachen
über Nacht ein großes Unglück entsteht.

-270-
Der Meerweizen

Wenn die Bremer Schiffer nach Amsterdam fahren, kommen


sie an einer Stelle vorbei, - es soll bei Harlingen sein - wo
Weizen im Meer wächst; die Ähren kommen ganz goldgelb aus
dem Wasser hervor, aber es sind keine Körner drin. War
nämlich mal in dieser Gegend eine reiche Frau, die war so reich,
daß sie gar nicht dachte, sie könne je arm werden. Da kam nun
einmal einer ihrer Schiffer aus der Ostsee, der hatte Weizen
geladen und sie fragte ihn, auf welcher Seite er ihn eingeladen
habe, und als er ihr antwortete: »Auf dem Backbord«, sagte sie,
so solle er ihn auf dem Steuerbord wieder ausschütten. Da
warnte er sie denn, sie solle sich nicht versündigen, es könne ihr
noch schlecht ergehen, sie aber zo g einen Ring vom Finger und
sagte, indem sie ihn ins Meer warf:
»So wenig, als ich diesen Ring wiederbekommen kann, so
wenig kann ich auch je arm werden!« und ließ den Weizen ins
Meer schütten. Andern Tages schickt sie ihre Magd auf den
Markt, einen Schellfisch zu kaufen, und als diese ihn zu Hause
aufschneidet, so liegt der Ring drin; und da hat's denn nicht
lange gewährt, so ist die Frau ganz arm geworden, so arm, daß
sie zuletzt nicht mehr soviel hatte um ihre Scham zu bedecken.
An der Stelle aber wo sie den Weizen ins Meer schütten lassen,
wächst er noch fort bis auf den heutigen Tag.

-271-
Der Meerweizen

Wenn die Bremer Schiffer nach Amsterdam fahren, kommen


sie an einer Stelle vorbei -- es soll bei Harlingen sein --, wo
Weizen im Meer wächst. Die Ähren kommen ganz goldgelb aus
dem Wasser hervor; aber es sind keine Körner drin.
Es war nämlich einmal in dieser Gegend eine reiche Frau, die
war so reich, daß sie gar nicht dachte, sie könne je arm werden.
Eines Tages kam nun einer ihrer Schiffer von der Ostsee. Dieser
hatte Weizen geladen, und die Frau fragte ihn, auf welcher Seite
er ihn eingeladen habe. Als er ihr antwortete: "Auf dem
Backbord", sagte sie, so solle er ihn auf dem Steuerbord wieder
ausschütten.
Da warnte er sie, sie solle sich nicht versündigen, es könne ihr
noch schlecht ergehen.
Sie aber zog einen Ring vom Finger und sagte, indem sie ihn
ins Meer warf: "So wenig ich diesen Ring wiederbekommen
kann, so wenig kann ich auch je arm werden!" Dann ließ sie den
Weizen ins Meer schütten. Anderntags schickte sie ihre Magd
auf den Markt, einen Schellfisch zu kaufen, und als diese ihn zu
Hause aufschnitt, lag der Ring drin. Da währte es denn nicht
lange, und die Frau wurde ganz arm, so arm, daß sie zuletzt
nicht mehr so viel hatte, um sich zu kleiden. An der Stelle aber,
wo sie den Weizen hatte ins Meer schütten lassen, wächst er
noch fort bis auf den heutigen Tag.

-272-
Der Nachtwächter und die Gans

Einem Nachtwächter begegnete auf einem Kreuzweg eine


Gans, so groß und schwer, wie er sie noch in seinem Leben
nicht gesehen hatte. Das wird einen herrlichen Sonntagsbraten
geben, dachte er, und da sich das Tier nicht greifen lassen
wollte, so holte er aus mit seinem Stock und schlug ihr ein Bein
ab. Jetzt nahm er seine Beute unter den Arm und brachte sie
nach Hause zu seiner Frau. Die war sehr erfreut über den
unverhofften Fang und setzte die verwundete Gans, die auch vor
Kälte zitterte und halb erfroren schien, einstweilen hinter den
Ofen, der noch etwas warm war, auf einen Stuhl, damit sie sich
im Lauf der Nacht etwas erholen sollte.
Als der Wächter aber mit seiner Frau am folgenden Morgen in
die Stube trat, erschraken sie sehr, als sie hinterm Ofen eine
wohlbekannte vornehme Dame fanden, welche jammerte und
wehklagte, daß sie vergangene Nacht ein Bein gebrochen. Da
ging der Nachtwächter in sich und schaffte die Verwundete ohne
Aufsehn nach ihrer Wohnung, und er hat nie nachher bereut, daß
er den ganzen Vorfall verschwiegen und keiner Seele erzählt
hat, denn die Dame wollte um alles in der Welt nicht bekannt
sein.

-273-
Der Schatz

In der Glockengießerstraße, hinuntergehend linker Hand,


einige Häuser abwärts vom Glandorpen Hof, hatte vor hundert
und etlichen Jahren ein alter Geizhals gewohnt, der so viel Geld
zusammengescharrt, daß er damit nicht zu bleiben gewußt;
dennoch hatte er keinem auch nur einen Pfennig gegönnt. Wenn
er nun seine Kisten soll angesehn, schnitt es ihm durchs Herz,
daß seine Erben, arme aber fröhliche Leute, nach seinem Tod
alles an sich nehmen sollten, und so hat er ein gutes Teil im
Hofe vergraben; aber da er plötzlich krank geworden, hat er sehr
getobt und sich gewünscht: der Teufel solle sein Erbe sein.
Als er nun bald danach gestorben, hat man fleißig gesucht und
alles umgekehrt, jedoch kein Geld gefunden: dergestalt daß
leicht zu erkennen war, der Teufel sei des reichen Mannes Erbe
geworden. Dennoch hat der den Kasten aus dem Hofe nicht
wegnehmen können, weil ein Stein darauf gelegen, der mit
einem Kreuz bezeichnet war.
Nun wohnte in diesem Jahr im gleichen Hause ein Brauer, der
sich mit Mühe ernähren konnte, nebst seinem Weib und seinem
Sohn, welcher beständig krank darnieder lag. So kömmt eines
Tages ein fremder Mann und spricht zu ihm: daß auf dem Hofe
ein großer Kasten mit Geld stehe, den er heben könnte, wenn er
nur gewillt sei; wodurch er von aller seiner Not befreit wäre.
Darüber ist der Brauer sehr froh und geht mit dem Fremden
heimlich in den Hof; der zeigt ihm den Ort, und wie er den Stein
wegnehmen müsse, um an den Schatz zu kommen. Das tut er
auch; wie er aber mit dem Stein aus der Grube steigt, kömmt
seine Frau gelaufen und schreit: »Ach, lieber Mann, was ist
doch unserm Sohn widerfahren, daß er im Bett liegt und den
Kopf in den Nacken verdreht!« Der Mann läßt den Stein sofort
auf den Boden fallen und läuft der Frau entgegen; sogleich aber

-274-
hat der Fremde den Kasten genommen und ist nach dem Stall zu
gegangen und verschwunden.
Darüber sind die guten Leute heftig erschrocken: wie sie aber
in die Stube kommen, wo der Sohn gelegen, ist er im Begriff
aufzustehn, und von Stund an gesund, wie andere, und auch ein
feiner Mann geworden, der sein Leben lang seine Eltern
ernährte.
Etliche aber sagen, der Teufel habe nicht alles fortgebracht,
und es liege dort noch ein Schatz, dem er nicht allein
beikommen könne.

-275-
Der Teufel als Schatzhüter

In Niedervielande bei Bremen wohnte ein Bauer, der sehr


reich war. Der Überfluß machte ihm aber große Sorgen, denn
ringsum war Krieg, und jeden Tag konnten räuberische Horden
auch auf seinen Hof kommen. Da dachte er mit allem Fleiß
daran, sein Gut vor den Räubern zu schützen und beschloß, es
dem Schoß der Erde anzuvertrauen.
Er hatte aber einen jungen Knecht, den er aus Mitleid in seine
Dienste genommen, da er arm und elternlos war. Als nun an
einem Sonntag der Bauer alle seine Leute in die Kirche
geschickt hatte, um unbeobachtet seine Absicht ausführen zu
können, versteckte sich der Knecht in der Scheune, weil er sich
schämte, in seinen schlechten Kleidern in den Gottesdienst zu
gehen. Gerade die Scheune hatte der Bauer zum Versteck seiner
Habe ausersehen, und so konnte der Knecht, der im Heu ganz
verborgen war, gut beobachten, wie sein Herr zuerst ein großes
Loch grub, immer tiefer und tiefer, bis es mannstief war, wie er
dann in einem großen kupfernen Kessel Gold und Silber,
Münzen und Gefäße in gewaltigen Mengen hinabsenkte, wieder
zuschaufelte und den Boden einebnete und dann den Teufel zu
des Ortes Hüter bestellte, dergestalt, daß in sieben Jahren
niemand den Schatz heben dürfe, und wer dann käme ihn zu
holen, dürfe kein anderer sein als seiner Tochter Bräutigam: der
solle nicht graben mit Spaten oder Schaufel, sondern müsse den
Kessel mit silbernem Fuhrwerk, vor das lebendige, beflügelte
Feuer gespannt sei, zu Tage fördern. Jedem Unbefugten, der
sich daran wagte, möge der Böse den Hals brechen.
Als der Bauer seinen Spruc h getan, schwirrte eine große
Fledermaus durch die Scheune, umkreiste dreimal in schnellem
Fluge den Mann und den Schatz und verschwand im
Augenblick. Der Bauer nickte befriedigt und ging seiner Wege.

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Der Bursche konnte dieses Erlebnis nicht vergessen; wo er
ging und stand, lag ihm der Schatz im Sinn und wie er seiner
habhaft werden könne. Er nahm seinen Abschied von dem
Bauern, ging zur See und wurde ein schmucker und starker
Mann, aber als die sieben Jahre zu Ende gingen, hielt es ihn
nicht länger auf dem Schiff, und er machte sich auf und
wanderte seinem Heimatdorf zu. Dort kannte ihn längst keiner
mehr, aber er erfuhr bald im Wirtshaus, daß sein Bauer vor
kurzer Zeit gestorben sei; nun lebe die Familie in großer Not,
denn mit dem Reichtum des Alten scheine es nicht weit her
gewesen zu sein - in seinem Nachlasse habe sich weder Gold
noch Silber gefunden. Der Bursche ging bald auf den Hof, fand
alles, wie man es ihm geschildert hatte und wurde, da die
verwaiste Tochter sich seiner noch gern erinnerte, dort ein
häufiger Gast, bis er den Mut fand, um das schmucke Mädchen
zu freien, das ihn nicht abwies. Nun hätte er in aller Ruhe mit
seinem zur See erworbenen Gute seinen Haushalt als ein
vermögender Mann beginnen können, aber der Schatz lag ihm
im Sinn, und er trachtete danach, wie er ihn heben könne. Da
träumte er einmal, die Scheune stehe in Flammen, und als er
genauer hinsah, war es ein roter Hahn, der auf dem Strohdach
stand und mit den Flügeln schlug. Der flog einen Augenblick
hernach von seinem hohen Standpunkt herab, setzte sich auf
eine umgestürzte Pflugschar auf dem Hofe, pickte mit dem
Schnabel und scharrte mit den Füßen daran und gebärdete sich
ganz, als wolle er den Pflug in die Höhe richten und mit sich
führen.
Lange Zeit verstand der Bursche diesen Traum nicht, aber
plötzlich kam ihm ein guter Gedanke. Er fuhr ungesäumt zu
einem Goldschmied in die Stadt und bestellte einen silbernen
Pflug, den er sofort mit blanken Talern bezahlte; nach acht
Tagen schon konnte er ihn holen, und nun machte er sich sofort
ans Werk. In der nächsten Nacht, sobald die Glocke zwölf

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geschlagen, machte er sich auf, unter dem rechten Arm den
Silberpflug, unter dem linken einen prächtigen roten Hahn.
Vor der Scheune spannte er den Hahn vor den silbernen Pflug,
öffnete das Tor und fuhr nach der Stelle, wo der Schatz
verborgen lag, und obgleich kein Mondschein in die Scheune
fiel, war es doch kerzenhell darin, denn der Pflug leuchtete hell,
und der Hahn glänzte wie Feuer und Flammen.
Schweigend ging er daran, im Kreise zu ackern und die
Erdschollen zur Seite zu pflügen, und obwohl ein Gebrause und
schreckliches Stimmengewirr anhob, vollbrachte er in tiefster
Ruhe sein Geschäft, bis er an den Deckel stieß und den Schatz in
all seiner Herrlichkeit gehoben hatte. Dann nahm er alles, packte
es in Körbe und lief damit in den Hof, es zu bergen. Da machten
die Leute freilich große Augen und freuten sich des
wiedererrungenen Gutes, und im Herbst gab es eine lustige
Hochzeit.
Der Silberpflug blieb dann lange Zeit ein Wahrzeichen der
Familie, bis er im Schwedenkrieg verlorenging.

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Des Teufels Kapelle

Bald nach der Grundsteinlegung der Lübecker Marienkirche


versammelte der Baumeister alle seine Gesellen um sich,
ermahnte sie zum Eifer und zur Nüchternheit, und bat sie stets
eingedenk zu sein des heiligen Werkes, das sie zur Ehre Gottes
errichteten, und darum auch das Singen unheiliger Lieder zu
vermeiden. Sie gelobten es, und als das fromme Werk nun
begonnen war, geschah es, daß der Teufel an den Neubau kam
und sich in der Meinung, hier werde ein Weinhaus gegründet,
nach dem Zwecke des Baues erkundigte. Da mußte er erfahren,
daß hier eine Kirche erstehen sollte, und gerade wollte er mit
Fluchen anheben, als ihm der Meister ein Kreuz vorhielt, daß er
davonfliegen mußte.
Da eilte er erzürnt zum Brocken, suchte sich einen der größten
Felsblöcke aus und wollte das Werk zertrümmern. Aber die
Handwerker sahen ihn kommen, und ein junger Geselle rief:
»Herr Düwel, witt he dat blieven la'n, diewell wir enen Utweg
ha'n; Is wör beter, he vergleek sick mit uns in Göde, als dat he
sick erst mit den Wurf bemöhte!"
Der Teufel willigte unter der Bedingung ein, daß für ihn eine
Kapelle, ein Weinhaus, eingerichtet werde. Den Stein warf er
von sich; hart neben der Kirche schlug er ein tiefes Loch, das die
Bauleute mit einem Gewölbe bedeckten und so den
Ratsweinkeller gründeten. Der soll denn dem Teufel auch gute
Dienste erwiesen haben, denn seine geschwärzten Räume waren
weit mehr besucht als die helle, freundliche Kirche.

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Des Teufels Stiefel

Vor vielen Jahrhunderten kam aus dem Pommerland ein


Schustergesell nach Hamburg, der hieß Hans Radegast. Weil
gerade das Schusteramt viele Gesellen verloren hatte, die vom
Morgensprach-Herrn wegen Aufsässigkeit zum Wandern
verurteilt waren, fand Hans Radegast in der Herberge gleich
Arbeit, ohne daß man ihn um Geburtsbrief und Wanderbuch
befragte. Weil er nun ein geschickter anstelliger Gesell war,
behielt ihn der Meister gern und dachte nur bei sich: der Hans
Radegast sieht zwar aus wie ein Wende und ist aus Pommerellen
eingewandert, wo auf einen Deutschen zehn Wenden kommen,
aber da er seine Sache versteht und sich stille hält, so will ich
fünf grade sein lassen; war meiner Großmutter zweiter Mann
doch auch ein Wende, und wenn sie's im Amt gewußt hätten,
wäre ich nimmer Meister und Bürger geworden.
Hans Radegast aber wußte sehr wohl, daß er ein Wende war,
und hätt's nicht verbergen können, weil er kein brieflich Zeugnis
hatte, als echt, recht und Deutsch geboren, und man sah's seinem
Gesicht auch gleich an, daß seine Mutter eine wendische Hexe
konnte gewesen sein. So lange er unter den Pommerellen
gewesen war, hatte ihn das nicht bekümmert.
Als er aber nach Lübeck und von da nach Hamburg kam und
unter den Deutschen lebte, da wurde er seines Unglücks bewußt,
dieweil er so viel vernahm von der Wenden Bosheit und
Grausamkeit, und wie sie vordem gegen das Christentum und in
Hamburg mit Brennen, Morden, Rauben und Plündern gewütet
und keinen Stein auf dem andern gelassen hatten, so daß ein
ingrimmiger Haß entstanden war gegen alles wendische Wesen,
der noch Jahrhunderte lang sich vererbte von Vater auf Sohn
und Enkel - so daß in deutschen Städten ein Wende war wie ein
Ausgestoßener und Verfehmter.

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Und als er beichten ging zum Pfaffen, konnte er's nicht lassen,
denn sein Geheimnis drückte ihn, als wenn es Sünde und
Blutschuld wäre, und er offenbarte ihm, wenn er's gewiß
niemandem weiter sagen wolle, so müsse er's bekennen: er wäre
wendischer Abkunft. Und der Pfaffe hat sich bekreuzigt und
lange besonnen, dann hat er gesagt, ein Verbrechen wär's zwar
eigentlich nicht, das Wendentum, aber schön wär's auch nicht,
und wovon er ihn absolvieren sollte, das wüßte er nicht, er
möchte nur hingehen und sehen, wie er sich fromm und ehrlich
durch die Welt schlüge, und still sein Unglück tragen.
Nun wäre das wohl so gegangen, aber Hans Radegast warf
sein Auge auf eine feine Jungfer, die wollte er heiraten, und
zuvor Meister und Bürger dieser Stadt werden. Das Geld dazu
hatte er sich schon erspart. Altflicker oder Schuhknecht hätte er
leichter werden können, aber dann hätte ihn die feine Jungfer
nicht genommen, die trug einen hohen Sinn und wollte nur einen
Meister haben, woran sie auch merken konnte, ob er ein Wende
sei oder nicht. Als er sich aber bei dem Morgensprach-Herrn
meldet und tut seinen Spruch und begehrt das Amt, da treten die
Alterleute auf und fragen nach dem Geburtsbrief und sagen's
ihm auf den Kopf zu, daß er ein Wende sei, der in kein
zunftmäßig Amt kommen und das Bürgerrecht nimmer
gewinnen könne.
Und da half kein Bitten und Flehen, die Alterleute wollten's
nicht, und die Amtsrolle und Artikel zeigten's, daß sie im Recht
waren. Und Hans Radegast kam in Zorn deshalb und vermaß
sich, er wäre kein Wende und der beste Schuster in Hamburg
und verstünde mehr als alle Meister, darum müßte er ins Amt
und Bürgerrecht; und vermaß sich so sehr, daß er als
Meisterstück alles zu machen verhieß, was die Alterleute von
ihm fordern würden. Darauf dann die Alterleute, um seiner zu
spotten und sein zudringlich Begehren gänzlich abzuweisen,
ihm gesagt: falls er über Nacht bis Sonnenaufgang ein makellos
Paar Reiterstiefel ohne irgendeine Naht machen könne, so solle

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er ins Amt kommen und Meister werden, ihrethalben auch zum
Bürgerrecht gelangen. Würd's aber hernach entdeckt, daß er
doch ein Wende oder Slawe war, so würde es ihm gehen wie
dem Hans Swinegel 1466, dem sein fälschlich erworbener
Bürgerbrief wieder abgenommen worden war.
Und als er nun gegen Mitternacht still und allein in der
Kammer saß und bei seinem unmöglichen Unterfangen schier
verzweifelte, da haben ihn Ehrsucht und Weltlust geblendet, daß
er den Teufel rief, ihm beizustehen, und das Werk, dessen er
allein nicht mächtig, zu vollbringen. Und der Teufel, der allemal
erscheint, wenn ein junges Blut ihn nur an die Wand malt,
kommt angeflogen mit Sausen und Brausen durchs Fenster
herein, gehörnt, mit Pferdefüßen, ein scheußlich Ungetüm,
davor ein anderer als Hans Radegast sich entsetzt hätte; aber das
Wendenblut fürchtet solchen Satansspuk nicht und willigt ein,
ihm seine unsterbliche Seele zu verschreiben und fortan den
Namen Gottes nicht mehr zu nennen, da er ihm sonst sofort
verfallen sein soll. Und als der Pakt geschlossen, setzt sich der
Teufel flugs oben auf den Tisch und gebraucht Pfriemen und
Pechdraht, als wäre er niemals was anderes als ein Schuster
gewesen, und ehe der Hahn den Tag ankräht, ist das Stiefelpaar
fertig, von braunem Leder, und nirgendwo ist eine Naht zu
sehen, worauf der Teufel wieder mit Saus und Braus
verschwindet.
Und als andern Tags die Alterleute kamen und die Stiefel
besahen und keine Naht daran fanden, entsetzten sie sich und
mußten ihr Wort einlösen, und Hans Radegast als Meister
anerkennen. Und obwohl er nun ins Amt gekommen ist, so hat's
ihm doch nicht geholfen, denn als er vor dem Rat den Bürgereid
leisten will, und vergißt seinen Pakt und spricht die Worte aus:
»alse my Gott helpe und syn hilliges Wort«, da fällt plötzlich ein
Donner und Wetter vom Himmel mit Dampf und Rauch, und
Hans Radegast ist stracks nach Nennung des Namens Gottes zu
Boden geschlagen und nimmer wieder aufgestanden.

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Und als die Herren des Rats sich von ihrer Bestürzung erholt
und durch ihre Diener den toten Mann haben aufheben lassen,
da hat er das Gesicht im Nacken gehabt und die Zunge schwarz
zum Halse herausgereckt, so daß jeder mit Entsetzen gesehen,
daß den wendischen Mann der Teufel geholt.
Die ungenähten Stiefel wurden durch einen geschickten
geistlichen Teufelsbanner exorzisiert und mit Weihrauch
besprengt; sie haben lange Zeit hoch oben an einem Pfeiler im
Dom gehangen. Als der Dom zerstört wurde, kamen sie ins
Artilleriezeughaus im Bauhof, wo sie bis vor wenigen
Jahrzehnten zu sehen waren.

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Die Elbgeister

Vor mehreren hundert Jahren war die Stadt Hamburg nicht wie
jetzt gegen die andringenden Fluten geschützt, sondern von den
Häusern bis zum Flußbett zog sich eine breite Niederung hin.
Diese wurde häufig überschwemmt, namentlich im Frühjahr
oder im Herbst, wenn heftige Regengüsse eintraten und
Nordweststürme die Fluten aus der Nordsee in die Elbe trieben.
Durch den mitgeführten Sand wurden die Niederungen nach und
nach unfruchtbar.
Von diesen Niederungen wird erzählt, daß sich die Elbgeister
auf ihnen versammelten, um zu beraten, wie sie den Menschen
Schaden zufügen könnten. Die Menschen waren den Elbgeistern
verhaßt, weil sie durch die Schiffe in das Reich der Geister
einzugreifen versuchten.
Die Überschwemmungen währten fort. Wenn sie auch nicht
viel Schaden anrichten konnten, da das Land unbebaut war, das
von ihnen betroffen wurde, so ging diese Strecke den Menschen
doch verloren. Da kam ein kluger Mann auf den Gedanken, den
Elbgeistern diese Niederungen abzuringen. Er schlug vor, sie
durch Erdwälle vor den Fluten zu schützen.
Sein Vorschlag fand Beifall, und bald sah man viele Menschen
beschäftigt, die schützenden Deiche aufzuwerfen.
Die Elbgeister kamen jeden Abend und sahen sich das
Beginnen der Menschen an. Sie konnten sich nicht erklären,
wozu diese Arbeit dienen sollte, und spotteten darüber.
Endlich waren die Deiche fertiggestellt, und getrost sahen die
Bewohner einer Überschwemmung entgegen. Ein heftiger
Weststurm trat ein und trieb die Wellen zu außerordentlicher
Höhe.
Aber der Deich setzte ihnen kräftigen Widerstand entgegen,
und die Niederungen blieben verschont. Als die Elbgeister dies

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bemerkten, sahen sie sich überlistet. Sie versuchten mit heftigen
Stürmen und Hochfluten das Werk der Menschen zu zerstören,
aber ihr Mühen war vergeblich. Nur an einer schwachen, dem
Ansturm besonders ausgesetzten Stelle gelang es. Am nächsten
Morgen aber sprang der Wind nach Osten um, das Wasser lief
ab, und die Bewohner konnten ihren Deich nicht nur ausbessern,
sondern bedeutend verstärken.
Von nun an begann ein fortgesetzter Kampf mit den
Elbgeistern. Immer wieder versuchten diese, das Werk der
Menschen zu zerstören. Verschiedene Male ist es ihnen
gelungen, im Jahr 1825 und teilweise in den siebziger Jahren in
Billwerder. Noch heute sollen sich die Elbgeister in Gestalt von
Eulen auf dem Deich aufhalten, der heute Billwerder- Deich
heißt, früher aber den Namen Eulendeich führte.

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Die Gluckhenne

Über dem zweiten Bogen des Rathauses der Stadt Bremen


findet sich ein Steinbild: eine Gluckhenne mit ihren Küchlein,
und es gilt dies als eins der Wahrzeichen unserer Stadt. Von
seinem Zustandekommen aber wird gesagt, daß vor Zeiten ein
Häuflein flüchtiger Menschen den Strom herabgekommen sei;
sie hatten vor ihren mächtigen und beutegierigen Nachbarn
weichen müssen und lagen nun mit ihren armen Kähnen im Fluß
und suchten einen Ort, an dem sie ihre Hütten aufschlagen
könnten. Aber es war schon Abend und spät geworden, ohne
daß ein Zeichen geschah und ihnen wies, daß sie mit Glück
bleiben könnten. Da, in den letzten Strahlen der untergehenden
Sonne, gewahrten sie eine Henne, die sich und ihren Küchlein
einen Ruheplatz suchte für die Nacht; sie lief am Ende einen
kleinen Hügel hinan und duckte sich mit ihren Kleinen in das
hohe Heidekraut. Das nahmen die Flüchtlinge für ein gutes
Zeichen und schlugen auf diesem Hügel ihre Hütten auf. So
wurde der erste Grund zu der Stadt Bremen gelegt, und da die
Ankömmlinge alles Fischer waren, drum ist das Fischeramt das
älteste in der Stadt. Die Henne mit ihren Küchlein aber setzte
man im Bilde an den zweiten Rathausbogen.

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Die Saake

Die Bremer Saake ist keineswegs, wie man nach dem


Sprachgebrauch annehmen sollte, irgendein menschliches
Wesen, das sich bösen Künsten und der Zauberei ergeben hat,
sondern ein grauenhafter Spuk, ein mitternächtlicher Unhold. Es
ist ein tückisches Scheusal, das träge in irgendeiner dunklen
Ecke oder hinter dem Vorsprung eines Hauses hingestreckt liegt,
bis jema nd arglos die Straße herunterkommt, dem es sich in
Blitzesschnelle auf den Rücken schwingt, um sich von ihm
tragen zu lassen, bis der Unglückliche zu ersticken droht oder
bewußtlos niedersinkt.
Es hat aber die Saake größere Gewalt über böse, frevelhafte
Menschen als über den Gerechten. Weshalb es auch jedem
frommen Mann, der in ruchloser Gesellschaft bei Bier und Wein
sitzt bis in die späte Nacht, geraten sein mag sich nicht hinreißen
zu lassen durch gottlose Reden der andern, sondern seine Zunge
im Zaum zu halten. Denn man kann der Saake nicht ausweichen,
weil sie unsichtbar ist, außer daß ihr Augenpaar in der
Dunkelheit schimmert wie glühende Kohlen.
Wer ihr aber einmal in die Feueraugen geschaut hat, dem ist es
nicht mehr möglich zu entrinnen, seine Füße stehen
festgewurzelt am Boden, und er kann sich nicht eher von der
Stelle bewegen, als bis er fühlt, daß der Spuk sich um seine
Schultern und Hüften gelegt hat, wie ein schwerer Kornsack.
Dann mag er fortarbeiten mit seiner Last in Schweiß und
Todesangst.
Und so ist es vor diesem nichts Seltenes gewesen und hat
manchen rechtschaffenen Bürger getroffen, daß er, vom
Schütting, wo in frühern Zeiten eine Weinschenke war, vom
Fulbras auf der Wachtstraße, oder aus dem Ratskeller kommend,
wo er lustig und guter Dinge gewesen, und ohne die mindeste
Ahnung des Unheils, das ihn erwartete, in aller Zucht und

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Ehrbarkeit ein Glas nach dem andern zu Leibe gesetzt hatte -
beim ersten Kreuzweg spürte, wie es ihn mit Zentnerschwere
überkam und in die Beine schoß, daß er sich kaum noch aufrecht
zu erhalten vermochte auf seinen Füßen.
Und die Häuser und Straßen fingen an zu tanzen und zu
springen und sausten zuletzt wie toll und töricht um ihn her im
Kreise, so daß er die Richtung verlor, nicht wußte woher noch
wohin, und aufs Geratewohl fortschob, bis ihm der Schweiß von
Stirn und Wange lief. Dabei lagen ihm allerlei Steine im Wege,
groß und klein, die er sah, und er mußte die Füße hoch in die
Höhe heben, wenn er hinüberschreiten wollte. Und es kamen
ihm wiederum alle Augenblicke Steine und Spitzen in die
Quere, die er nicht sah, so daß er darüber stolpern mußte, bis er
endlich erschöpft und von der schweren Last, die er zu tragen
hatte, überwältigt zu Boden sank und die Besinnung verlor, bis
etwa ein vorübergehender Nachtwächter oder ein anderer guter
Mann ihn wieder emporrichtete.
Da erinnerte er sich denn deutlich, daß er die Saake habe
tragen müssen, und erkannte mit Erstaunen, daß er seit den fünf
Stunden sich noch keine zwanzig Schritt vom Weinkeller
entfernt habe. Mit solc hen Fährlichkeiten hatte der zu kämpfen,
welcher mit der Saake zu tun hatte. Daher ist es leicht erklärlich,
wie alle Welt eine solche Angst und Scheu vor dem Ungetüm
hatte, daß es gemieden wurde wie die Pest und der Tod.

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Die sieben Faulen

Als Bremen noch nicht gebaut war, befanden sich in jener


Gegend nur Kohlhöfe und Ackerland. Aber die Ländereien
waren nur von mittelmäßigem Ertrage; denn ein großer Teil
bestand aus Sandboden, und die niedrig gelegenen Striche waren
der Überschwemmung durch die Weser ausgesetzt.
Da hielt sich denn, wenn auch der Fluß schon längst in seine
Ufer zurückgetreten war, das Wasser in den Niederungen bis tief
in den Sommer hinein, und giftige Dünste, ausgebrütet von den
heißen Sonnenstrahlen, verpesteten die Luft. Darum wurde die
ganze Gegend sehr wenig bewohnt, und nur die ärmeren Bürger,
für die eine Wohnung in der eigentlichen Stadt zu teuer war,
hatten sich hier angesiedelt.
Vor vielen, vielen Jahren nun wohnte daselbst ein Mann,
welcher, nach der Größe seines Grundbesitzes zu rechnen, sehr
reich hätte sein müssen, der aber dennoch der ärmste unter allen
seinen Nachbarn war. Denn seine Kohlstücke waren die dürrsten
und sandigsten und sein Grasland fast das ganze Jahr hindurch
Sumpf, so daß er nur in sehr trockenen Jahren auf eine kleine
,Heuernte rechnen durfte. Deswegen hielt er auch keine Kuh,
sondern begnügte sich mit einer Ziege, obgleich ihre Milch für
seinen Hausstand bei weitem nicht ausreichte.
Es war freilich bei ihm von Gesinde keine Rede, aber sein
Hausstand war nichtsdestoweniger bedeutend zu nennen.
Denn er hatte sieben Söhne, einen größer und stärker als den
andern. Die schlenderten den ganzen Tag umher, schauten ins
Wasser und sahen nach Wind und Wetter, und wenn sie am
Mittage zu Hause ankamen, hatten sie Hunger wie die Wölfe;
denn nichts in der Welt schärft so sehr die Eßlust wie der
Aufenthalt in freier Luft und am fließenden Wasser.

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Ein Verbündeter des Teufels

Einst fuhr ein Bremer Marktvogt mit einer Ladung Heringe


von Enkhusen nach Bremen. Als er sah, daß der Wind günstig
war, erkundigte er sich bei dem Schiffer, ob Taue und Segel fest
wären, und als der Schiffer dies bejahte, gebot er ihm, sich nur
ruhig hinzulegen: er wolle einstweilen am Steuer stehen. Der
nahm das Anerbieten zu Dank an, und als der Marktvogt dem
Schiffsknechte ein Gleiches zumutete, ging auch der zur Ruhe.
Aber wie groß war die Verwunderung am folgenden Tage, als
der Schiffer mit seinem Knecht aufstand und sah, wie das Schiff
in der Schlachte in Bremen vor Anker lag! Eine tüchtige Fahrt in
einer einzigen Nacht! Davon wurde viel gesprochen.
Es war unzweifelhaft, daß der Marktvogt einen Bund mit dem
Teufel habe.
Er konnte auch die Nestel knüpfen, und als er deswegen
verklagt wurde, stellte er es nicht einmal in Abrede. Da wurde er
auf Geheiß des Rates der Stadt am Pranger mit Ruten gestrichen
und auf ewig aus der Stadt verwiesen, bei Todesstrafe. Denn er
war ein Verbündeter des Teufels und ein arger Zauberer, ohne
Frage.

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Hahl awer!

Zwei Bauernburschen, denen des Glücks zu Hause nicht


gedeihen wollte, kamen nach Bremen und suchten allda ihr Heil
zu machen; der jüngere wurde bei einem reichen Bürger ein
Gärtner und heiratete nach einiger Zeit die Tochter des alten
Fährmanns am Punkendeich, dessen Nachfolger er auch wurde.
Der ältere aber wurde Packknecht bei einem Kaufmann, stieg
auf zum Buchhalter und zum Mann der reichen Pflegetochter,
wurde reich und groß. Jedoch der Ehrgeiz ließ ihm keine Ruhe,
so daß ihm Weib und Kinder und der Reichtum nicht genügten,
aber da ihm sein Reichtum Ansehen verschaffte und die Stelle
des Stadtrichters zufällig zu vergeben war, seine
Unparteilichkeit außer Zweifel stand und sein Vermögen die
sicherste Bürgschaft für seine Unbestechlichkeit zu gewähren
schien, wählte man ihn in dieses Amt. Er nahm es mit Ernst und
Würde wahr und niemand hatte Ursache, sich über seine
Entscheidungen zu beschweren.
Als einige Jahre hingegegangen waren, vereinigten sich die
Melker auf dem Werder und forderten von dem Fährmann-
Bruder eine Herabsetzung des Fährgeldes nach dem Werder.
Was sie dem alten Fährmann bewilligt hätten, sei freiwillig
geschehen. Da trat der Fährmann vor den Bruder Richter und
überreichte ihm die Beweise, daß er in seinem Recht sei. Der
Richter fürchtete aber, man könne ihn für parteiisch halten,
wenn er dem Bruder Recht gäbe, und setzte das Fährgeld auf die
Hälfte herab. Da erschrak der Bruder Fährmann, denn dieses
Urteil verkürzte ihm seine Haupteinnahme und stürzte ihn in
Not, und er rief aus: Das ungerechte Urteil wird dir auch noch
im Tod keine Ruhe lassen. Der Bruder Richter, der bei diesem
Wort erkannte, wie ungerecht er eben gewesen war, erhob sich,
um dem Fortgehenden nachzueilen, aber nach wenigen Schritten
erbleichte er und sank zum Schrecken aller tot zu Boden.

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Nach seinem Tode hatte sein Weib an ihrem reiche n Hause
keine Freude mehr und sie verkaufte es. Den Käufer aber reute
bald sein Geld, denn wenn er aus dem Fenster auf die Straße
schaute, so stand der tote Richter hinter ihm und blickte ihm
über die Schulter. Oder er zeigte sich unvermutet in der Küche
und im Keller und erschreckte die Hausbewohner. Da ließ man
einen gelehrten Kapuziner kommen, der bezwang den toten
Richter und brachte ihn am Abend trotz allen Widerstrebens auf
einen bereitgehaltenen Wagen. Der fuhr zum Ostertor, und als
sie am Rathaus vo rüberkamen, da rief es mit schrecklicher
Stimme dreimal aus dem Wagen: Richter, richte recht! Je näher
sie aber dem Ostertor kamen, desto schwerer wurde der Geist,
denn er wollte nicht zur Stadt hinaus, bis die Pferde schließlich
standen. Aber der Kapuzine r ließ aus dem Marstall Vorspann
kommen, und nun ging es rasch zum Tor hinaus nach dem
Schwarzen Meer und der Pauliner Marsch. Dort wurde der tote
Richter hin verbannt mit der Bedingung, daß er nicht eher
wiederkommen dürfe, ehe er nicht den Sumpf mit eine m Siebe
ausgeschöpft und das Gras auf der Wiese bis auf den letzten
Halm gezählt habe. Dort aber neckte und quälte der Verbannte
alle, die sich seinem Ort nahten.
Da sich nun niemand mehr auf die Pauliner Marsch getraute
und er ja in die Stadt der Bedingung wegen nicht rückkehren
konnte, versuchte er nach dem Werder auszuweichen. Als der
Bruder Fährmann am Morgen sein Schiff betrat, um die Melker
überzusetzen, stand unter ihnen mit abgewandtem Gesicht ein
prächtig angezogener Mann. Und als er drüben angekommen
war und das Fährgeld heischte, raffte sich jener Mann empor,
schoß jäh an ihm vorüber und rief aus: Der letzte Mann bezahlt
die Fähr! Da erkannte der Fährmann, wen er übergesetzt hatte
und die Melker schrien, er möge sie um Gotteswillen gleich
wieder zurückführen. Der Bruder Richter aber übte nun hier
seine Neckereien und Quälereien, wie vordem auf der Pauliner
Marsch. Als aber der Winter kam und es auf dem Werder

-292-
einsamer wurde und das Wasser die Landschaft weit und breit
überströmte, da verlangte es ihn zurück auf die Marsch. Er trat
also ans Ufer und rief den Fährmann: Hahl awer! Der kam, als
er den aber erkannte, der am Ufer stand, da wandte er die Fähre
und entwich. Jener hat später noch sehr oft gerufen; aber dem
Fährmann war der Ruf bekannt und er ließ sich nicht täuschen,
und ebensowenig nach ihm seine Kinder und Nachfolger. So
muß nun der Verbannte, den man um seines Rufes willen den
Hahl-awer nennt, für immer auf dem Werder bleiben. Und heute
noch ziehen sich die Anwohner am Punkendeich die Bettdecke
über die Ohren, wenn sie vom Werder herüber den Hahl-awer
hören.

-293-
Henkersnot

In Bremen, sagt man, sei in den Hexenzeiten ein Tischler


gewesen, der wohnte an der Hukpforte, und ein Schiffer, der von
seinem Fahrzeug hinter der Mauer an dem Hause vorbei
heimging, wunderte sich, am späten Abend noch Licht darin zu
sehen. Er fand in der Fensterlade ein Astloch und als er durch
dieses spähte, wurde er gewahr, wie der Tischler zwei dünne
Stäbchen kreuzweise übereinander legte und sie mit einem
kupfernen Nagel zusammenheftete. Dabei schaute er ab und zu
in ein Buch, das auf dem Tische lag, und in dem er leise
murmelnd las.
Am selben Abend hatte ein Ratsherr, der den Bau des Rondel
auf dem Schwanengatt beaufsichtigte, das Unglück, daß ihm ein
schon vorher entzündetes Auge auslief. Das vernahm der
Schiffer und er reimte sich das so zusammen, daß der Tischler
es mit seinem Schlag auf den Nagel ausgeschlagen habe.
Und obwohl dieser behauptete, er habe nichts Unrechtes getan,
sondern nur Tischlerwerk verrichtet und dabei seiner
Gewohnheit nach ab und zu einen Vers in der Bibel gelesen, und
man könne ja bei ihm Nachsuche halten, so würde man in
seinem Hause nichts Arges finden. Das geschah auch und man
fand wirklich das Gerät, in dem die Stäbchen mit dem
Kupfernagel la gen, und außer der Bibel sonst kein Buch im
Hause, aber man meinte, die dienstbaren Geister hätten das
Buch umgewandelt und aus dem Höllenzwang eine Bibel
gemacht. So wurde er als ein offenbarer Hexer, der unter
Beschwörungen den Leuten mit einem kupferfarbenen Nagel die
Augen ausschlug, zum Tode verurteilt.
Der Scharfrichter aber war krank und elend und sein Knecht
verließ ihn, weil er auch den Meister für einen Teufelsbündner
hielt. Und als dieser das Schwert erhob, ging es ganz wunderlich
zu, denn er sah nicht nur einen Hals und Kopf vor sich, sondern

-294-
sieben, und wußte nicht, welches der rechte sei, und schlug
erbärmlich drauf los, so daß er den Kopf erst nach mehreren
Schlägen abzubauen vermochte. Das Volk aber schrie
aufgebracht gegen ihn und wäre er nicht ohnmächtig zu Boden
gesunken, hätte man ihm gewiß was angetan.

-295-
Klaus Störtebeker und Godeke Michels

Woher Störtebeker stammt, weiß niemand recht. Einige sagen,


er sei in Ostfriesland geboren, aber die meisten berichten, er sei
eines Edelmanns Sohn aus Halsmühlen bei Verden an der Aller.
In seinen jungen Jahren hat er lustig gelebt, hat Fehden
ausgefochten, gerauft, geschmaust und gezecht und danach in
Hamburg mit andern wilden Gesellen so lange bankettiert und
gewürfelt, bis er Hab und Gut verpraßt hatte. Und wie ihm nun
zuletzt die Hamburger seiner Schulden halber sogar das
ritterlich Gewand und Rüstzeug genommen und ihn der Stadt
verwiesen haben, da ist er unter die Vitalienbrüder gegangen
und ein Seeräuber geworden, wie vor ihm noch keiner gewesen
ist.
Deren Anführer war damals Godeke Michels (nach heutiger
Art zu sprechen: Gottfried Michaelsen), ein tapferer gewaltiger
Mann, auch guter Leute Kind, über dessen Heimat sich Holstein,
Mecklenburg, Pommern und Rügen streiten; andere aber nennen
eine verfallene Burg bei Walle im Verden'schen als seinen
Geburtsort. Der hat den neuen Genossen mit Freuden
aufgenommen; und nach abgelegten Proben seiner Kraft (denn
er hat eine eiserne Kette wie Bindfaden zerreißen können) wie
auch seiner Unerschrockenheit und Tapferkeit, hat er ihm gleich
ein Schiff unterstellt und hernach den Oberbefehl über die ganze
Brüderschaft mit ihm geteilt. Und weil der neue Genoß, der
seinen adligen Namen abgelegt, so ganz unmenschlich trinken
konnte, daß er die vollen Becher immer in einem Zuge ohne
abzusetzen hinunterstürzte und dies Becherstürzen täglich
unzählige Male wiederholte, so nannte man ihn den
Becherstürzer, oder plattdeutsch Störtebeker.
Als die Raubgesellen einstmals die Nordsee recht leer
geplündert hatten, fuhren sie nach Spanien, um dort zu rauben.
Störtebeker und Godeke Michels machten wie immer gleiche

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Teile der Beute, nur die Reliquien des heiligen Vincentius, die
sie aus einer Kirche genommen, behielten sie für sich und trugen
sie seitdem unter ihrem Wams auf der bloßen Brust. Und daher
ist's gekommen, daß sie hieb- und schußfest gewesen sind; kein
Schwert und Dolch, keine Armbrust, Büchse oder Kartaune hat
sie je verwunden, geschweige denn töten können - so ging die
Sage.
Und nach ihrer Vertreibung aus der Ostsee haben sie von ihren
Schlupfwinkeln auf Rügen und andern Orten lassen müssen.
Darauf haben sie aber in Ostfriesland gute Freunde gewonnen
und dort ihren Raub bergen und verkaufen können.
Besonders bei Marienhave haben sie viel verkehrt und dort
gibt's noch viele Erinnerungen an Störtebeker. Der Häuptling,
Keno ten Brooke, wurde sein Schwiegervater, denn dessen
schöne Tochter verliebte sich in den kühnen mächtigen Mann
und folgte ihm auf sein Schiff und in sein schwankend' Reich.
Wenn Störtebeker Gefangene machte, die ein Lösegeld
versprachen, so ließ er sie leben. Waren sie aber arme Teufel
und alt oder schwächlich dazu, wurden sie gleich ohne weiteres
über Bord geworfen. Erschienen sie ihm jedoch tüchtig und
brauchbar, so machte er erst eine Probe mit ihnen.
Wenn sie nämlich seinen ungeheuren Mundbecher voll Wein
in einem Zuge leeren konnten, dann waren sie seine Leute, dann
nahm er sie als Gesellen an. Die es aber nicht konnten, die
wurden auch abgetan.
Störtebeker und Godeke Michels haben zuweilen Reue über
ihr Leben gefühlt. Und deshalb soll jeder von ihnen dem Dorn
zu Verden sieben Fenster, zur Abbüßung ihrer sieben
Todsünden, geschenkt haben; das Störtebeker'sche
Wahrzeichen, zwei umgestürzte Becher, ist in einem dieser
Fenster angebracht. Auch Brotspenden an dortige Arme haben
sie gestiftet. Und hierin finden viele eine Bestätigung der
Angabe, daß beide Verden'sche Landeskinder gewesen seien.

-297-
Als Störtebeker endlich gefangengenommen worden war,
machte man in Hamburg, kraft des vom Kaiser verliehenen
Blutbannes über Seeräuber, kurzen Prozeß mit den Piraten.
Störtebeker saß in einem Keller des Rathauses, der
»Störtebeker's Loch« genannt worden ist. Die Sage erzählt:
Als man sein Todesurteil ihm verkündet, hat er nicht gern
daran gemocht und hat für Leben und Freiheit dem Rat eine
goldene Kette geboten, so lang, daß man den ganzen Dom, ja
die Stadt damit umschließen könne; die wolle er aus seinen
vergrabenen Schätzen herbeischaffen. Der Rat aber hat solch
Anerbieten mit Entrüstung von sich gewiesen und der Justiz
freien Lauf gelassen.
Schon folgenden Tags fand die Hinrichtung auf dem
Grasbrook statt. Das Volkslied sagt, daß diese 72 wilden
verwegenen Gesellen, die ihrer Bitte gemäß im besten Gewand
so stattlich und mannhaft hinter Trommlern und Pfeifern in den
Tod geschritten, von den Weibern und Jungfrauen Hamburgs
sehr beklagt seien. Der Scharfrichter Rosenfeld enthauptete sie
und steckte ihre Köpfe auf Pfähle hart am Elbstrande.
Der Sage nach durchsuchten die Hamburger Störtebeker's
Schiff besonders eifrig nach seinen ungeheuren Schätzen.
Außer einigen Pokalen und anderem Gerät fanden sie aber
anfangs nichts, bis endlich ein Zimmermann, der mit der Axt
zufällig gegen den Hauptmast schlug, eine Höhlung darin
entdeckte, welche voll geschmolzenen Goldes war. Von diesem
Schatz wurden die beraubten Hamburger Bürger entschädigt und
die Kosten des Kriegszuges bezahlt. Von dem Überrest aber, so
heißt es, ließ der Rat eine schöne goldene Krone für den St.
Nicolai-Kirchturm anfertigen. Aber noch war Godeke Michels
mit dem Rest der Vitalienbrüder zu vertilgen.
Gleich nach Störtebeker's Hinrichtung liefen die Hamburger
wieder in die Nordsee aus, um ihr Werk zu vollenden.

-298-
Wiederum war es Simon von Utrecht auf seiner bunten Kuh,
dem nach den alten Berichten der Preis auch dieses Seezuges
gebührt, der mit völliger Niederlage der Piraten endete. Unter
den 80 nach Hamburg gebrachten Gefangenen war Godeke
Michels mit seinem Unterhauptmann Wigbold, einem gelehrten
Magister der Weltweisheit, der seinen Stand auf dem Rostocker
Katheder mit dem Schiffskastell vertauscht hatte.
Auch diese 80 Seeräuber wurden ebenso wie ihre früheren
Spießgesellen auf dem Grasbrook enthauptet.
Die Sage geht noch weiter: Als der ehrbare Rat, welcher der
Hinrichtung beigewohnt, die schwere Arbeit des Scharfrichters
wahrgenommen, da habe er ihn teilnehmend gefragt: ob er
ermüdet sei? Darauf soll Rosenfeld grimmig gehohnlacht und
trotzig gesagt haben: es sei ihm nie wohler gewesen, und er habe
genug Kraft, um noch den ganzen Rat ebenfalls zu köpfen.
Wegen dieser höchst verbrecherischen Antwort sei der Rat sehr
entsetzt gewesen und habe den Kerl sofort entlassen.
Störtebeker's Andenken haben noch verschiedene in Hamburg
als Kuriositäten und Merkwürdigkeiten aufbewahrte Dinge
frisch erhalten. Eine kleine Flöte oder Pfeife, mit der er auf dem
Schiff im Sturm oder Kampf seine Signale gegeben, soll früher
nebst dazu gehöriger silberner Halskette in der Kämmerei
gewesen sein. Eine 19 Fuß lange eiserne Kanone (sogenannte
Feldschlange) sowie Störtebeker's Harnisch hat man im
vormaligen Zeughaus aufbewahrt. Das Richtschwert Meister
Rosenfeld's kann noch jetzt im Arsenal des Bürger- Militairs
gesehen werden.
Als größte Merkwürdigkeit Hamburgs aber und als zweites
Wahrzeichen der Stadt (das erste und älteste war der Esel mit
dem Dudelsack im Dom) galt der sogenannte Störtebeker, ein
silberner Becher, aus dem er getrunken haben soll. »Wer nach
Hamburg kommt, und sollte nicht in die Schiffer-Gesellschaft
gehen, damit er aus Störtebeker's und Godeke Michels Becher
trinke, und seinen Namen in das bei dem Becher befindliche
-299-
Buch schriebe, der wäre nicht in Hamburg gewesen«, heißt es in
einem alten Buch, betitelt: Die lustige Gesellschaft. Auf dem
Becher, der etwa 1/4 Elle hoch ist und vier Bouteillen faßt, ist
eine Seeschlacht dargestellt, die mit dem andern Bildwerk
darauf Störtebeker's Leben andeuten soll. Er ist aber, wie schon
die darauf eingegrabenen schlechten hochdeutschen Verse
lehren, später angefertigt, und sicher nicht von ihm gebraucht
gewesen. Er befindet sich jetzt im Schiffer- Armenhaus.

-300-
Moder Dwarksch

In alten Zeiten lebte in dem Keller an der Ecke des


Kohlmarkts eine wohlhabende Familie; die war fromm und
gottesfürchtig, außer der Frau, die aller Bosheit voll und mächtig
gewesen.
Diese hat endlich nur noch in ihrem großen ledernen
Lehnstuhl am Ofen gesessen und Tag und Nacht die Leute
gequält und durch schändliche Reden geärgert. Es half auch
nicht, daß man getreue Nachbarn, gute Freunde, den
Beichtvater, ja die hochweisen Herren selber dazu gerufen: es
hat sie keiner in ihrem Wesen ändern können. Nachdem sie nun
ihren Mann unter die Erde, ihre Kinder aber zur Verzweiflung
gebracht, hat sie auch daran glauben müssen und ist
dahingefahren. Als aber am Abend nach dem Begräbnis die
Haut verzehrt (das Leichenmahl gehalten) wird, ist der lederne
Lehnstuhl auch wieder besetzt; Moder Dwarksch ist wieder da,
treibt mit Schelten und Schimpfen die Gesellschaft wie Spreu
auseinander und hat ihr Wesen vor wie nach, nur daß sie noch
gelber und verschrumpelter und unheimlicher ausgesehn.
Vergebens suchte man sie durch kluge Frauen, durch den
Schäfer, durch den Wasenknecht, durch einen frommen Mönch
zu bannen: sie saß nach wie vor in ihrem Lehnstuhl und wurde
nur grimmiger.
Endlich ist ein Schneider aus Pommern eingewandert, der was
konnte. Er sprach: wofern man ihm ein gut Stück Geld verehren
wollte, sei er wohl im Stande, der Sache ein Ende zu machen.
Als man ihm solches mit Freuden bewilligt, hat er der alten
Hexe Leibgericht ausgekundschaftet, welches
Speckpfannkuchen mit Schnittlauch gewesen; läßt alsbald deren
zwölf der schönsten in der Herberge zum großen Christoffer
backen und um Mitternacht auf einem neuen zinnernen Teller
bereit halten. Dann versperrt er die Tür mit einem großen

-301-
Hopfensack, in dessen Grund er die blanke Schüssel mit den
Speckpfannkuchen setzt, und spricht seinen Spruch. Da ist
Moder Dwarksch alsbald vom Lehnstuhl auf- und in den
Hopfensack gefahren und über die Speckpfannkuchen
hergefallen: der kluge Schneider aber schnürt den Sack zu und
trägt ihn in die Grönauer Heide, wo er die Alte mit dem
stärksten Zwange bannt.
Seitdem hat nun Moder Dwarksch ihr Wesen dort getrieben:
den Leuten die Wege verrannt, den Sand aufgeblasen, falsche
Lichter gezeigt, sie durch Notrufe und Geheul verstört und sich
an die Wagen gehängt, daß sie nicht durchkommen konnten.
Besonders aber hat sie alle, die Speisen bei sich geführt,
verfolgt, und mit Speckpfannkuchen gar ist die Heide nicht zu
passieren gewesen. Einer aber, der es um Mitternacht dennoch
gewagt, ist anderen Tags mit umgedrehtem Genick aufgefunden.

-302-
Rebundus

Wenn in alten Zeiten ein Domherr zu Lübeck bald sterben


sollte, so fand sich morgens unter seinem Stuhlkissen im Chor
eine weiße Rose, daher es Sitte war, daß jeder, wie er anlangte,
sein Kissen umwendete, zu schauen, ob diese
Grabesverkündigung darunter liege.
Es geschah, daß einer von den Domherren, namens Rebundus,
eines Morgens diese Rose unter seinem Kissen fand. Er nahm
sie behend weg und steckte sie unter das Stuhlkissen seines
nächsten Beisitzers, obgleich dieser scho n darunter nachgesehen
und nichts gefunden hatte. Rebundus fragte darauf, ob er nicht
sein Kissen umkehren wolle? Der andere entgegnete, daß er es
schon getan habe; aber Rebundus sagte weiter, er habe wohl
nicht recht hingeschaut und solle noch einmal nachsehen, denn
ihm bedünke, es habe etwas Weißes darunter geschimmert.
Hierauf wendete der Domherr sein Kissen und fand die
Grabblume; doch er sprach zornig, das sei Betrug, denn er habe
gleich anfangs genau hingeschaut und unter seinem Sitz keine
Rose gefund en.
Damit schob und stieß er sie dem Rebundus wieder unter sein
Kissen, dieser aber wollte sie nicht wieder sich aufdrängen
lassen, so daß sie einer dem andern zuwarf und ein Streit und
heftiges Gezänk zwischen ihnen entstand.
Als sich das Kapitel ins Mittel schlug und sie
auseinanderbringen, Rebundus aber durchaus nicht eingestehen
wollte, daß er die Rose als erster gehabt, sondern auf seinem
unwahrhaftigen Vorgeben beharrte, fing endlich der andere, aus
verbitterter Ungeduld, an zu wünschen: »Gott wolle geben, daß
der von uns beiden, welcher Unrecht hat, statt der Rose in
Zukunft zum Zeichen werde, und wenn ein Domherr sterben
soll, in seinem Grabe klopfen möge, bis an den jüngsten Tag! «

-303-
Rebundus, der diese Verwünschung wie einen leeren Wind
achtete, sprach freventlich dazu: »Amen! Es sei also!"
Als nun Rebundus nicht lange danach starb, hat es von dem
Tage an unter seinem Grabstein, so oft eines Domherrn Ende
sich nahte, entsetzlich geklopft, und es ist das Sprichwort
entstanden: »Rebundus hat sich gerührt, es wird ein Domherr
sterben!« Eigentlich ist es kein bloßes Klopfen, sondern es
geschehen unter seinem sehr großen, langen und breiten
Grabstein drei Schläge, die nicht viel weniger krachen, als ob
das Wetter einschlüge oder dreimal ein Kartaunenschuß
geschehe. Beim dritten Schlag dringt über dem Gewölbe der
Schall der Länge nach durch die ganze Kirche mit so starkem
Krachen, daß man denken sollte, das Gewölbe würde ein- und
die Kirche übern Haufen fallen. Es wird dann nicht bloß in der
Kirche, sondern auch in den umstehenden Häusern vernehmlich
gehört.
Einmal hat sich Rebundus an einem Sonntag zwischen neun
und zehn Uhr mitten unter der Predigt geregt und so gewaltig
geschlagen, daß etliche Handwerksgesellen, welche eben auf
dem Grabstein gestanden und die Predigt angehört, teils durch
das starke Erbeben des Steins, teils aus Schrecken, nicht anders
herabgeprellt wurden, als ob sie der Donner weggeschlagen
hätte. Beim dritten entsetzlichen Schlag wollte jedermann zur
Kirche hinaus fliehen, in der Meinung, sie würde einstürzen, der
Prediger aber ermunterte sich und rief der Gemeinde zu,
dazubleiben und sich nicht zu fürchten; es wäre nur ein
Teufelsgespenst, das den Gottesdienst stören wolle, das müsse
man verachten und ihm im Glauben Trotz bieten. Nach etlichen
Wochen ist des Dechants Sohn verblichen, denn Rebundus tobt
auch, wenn eines Domherrn naher Verwandter bald zu Grabe
kommen wird.

-304-
Spökenkieken

Als in Lübeck der schwarze Tod wütete, geschah es, daß die
Mönche des Burgklosters in große Not kamen, weil neben
vielen anderen Brüdern auch ihr Koch der Pest zum Opfer fiel.
In ihrer Verlegenheit baten sie einen Laien, ihnen auszuhelfen,
und der erklärte sich auch bereit, für die Mönche zu kochen.
Da er ein beherzter Mann und bei den Ordensleuten schnell
beliebt war, ersuchten sie ihn, während einiger Nächte die
Wache mit ihnen zu teilen. Auch hierzu war er gern bereit.
Wie er nun in der zweiten Nacht wachte, glaubte er zum
offenen Fenster herein eine Stimme zu hören: »Bereite das Mahl
für die Brüder, die wandern wollen! « Zuerst sehr bestürzt, faßte
sich der Koch rasch und fragte, wieviele denn deren seien. »Es
sind sechsunddreißig«, erwiderte die Stimme.
Über diese Worte dachte der Koch noch eine Weile nach, dann
ging er zum Krankensaal. Da bot sich ihm ein seltsames Bild.
Sechsunddreißig Mönche standen in der Mitte des Saales, alle in
schneeweißen Gewändern, das Antlitz verhüllt.
Wenige Tage später starben in der Tat sechsunddreißig
Mönche an der Pest. Sie wurden auf dem gemeinsamen Friedhof
begraben.

-305-
Würfelspiel mit Gespenstern

Im Ratskeller zu Bremen gab es früher eine abgelegene Ecke,


die hieß »das schwarze Loch«. Damit hatte es eine seltsame
Bewandtnis.
Hier pflegten nämlich die Spieler zu sitzen, und mancher
Fluch war da schon zur rauchgeschwängerten Decke gestiegen.
An einem Silvesterabend saßen da einmal vier Spieler und
würfelten, darunter ein ehrsamer Schmiedemeister. Sie hatten
schon viele Stunden gespielt, und der Schmiedemeister hatte fast
all sein Geld verloren. Aber er wollte nicht aufhören, auch nicht,
als sein junges Weib ihn bat, heimzukommen; er dachte, ein
neues Spiel könne ihm wiederbringen, was er in früheren
darangegeben. Schließlich rückten auch seine Mitspieler vom
Tische ab und wollten nicht mehr mittun, meinten wohl gar, ihr
Kamerad sei betrunken und mahnten zum Aufbruch. Da faßte
den Meister der Zorn, er begann zu fluchen und rief, wenn die
Lebenden nicht mit ihm spielen wollten, sollten's die Toten tun,
er habe noch ein Leben zu verspielen! Indem schlägt's zwölf,
krachend springt der Fußboden auf, und aus der Tiefe steigen
Gerippe, mit Tüchern bekleidet, beinerne Würfel und Becher in
der Hand. Alle fliehen entsetzt, nur der Meister bleibt aufrecht
sitzen und wird von den Toten zum Spiel aufgefordert: einen
Ring gegen sein Leben setzen sie.
Der Meister willigt ein. Ein Gespenst nimmt die Würfel und
wirft. Nichts! »Topp«, ruft der Meister, »es gilt!« und greift
nach den Würfeln. Kaum hat er geworfen, höhnt eine laute
Stimme: »Nichts! «, ein dröhnender Schlag erschüttert das
Gemach, alle fliehen. Als sie nach einiger Zeit wiederkehren, ist
der Schmied verschwunden, sein Weib liegt bewußtlos auf der
Erde. Bald darauf starb sie am Wahnsinn.
Der Rat ließ kurze Zeit darauf das schwarze Loch zumauern.

-306-
Doch sollen die Seelen der Spieler noch heute keine Ruhe
haben und gelegentlich an die Wand pochen, namentlich wenn
Spieler zu lange beim Würfelspiel oder bei den Karten sitzen.

-307-
Sagen aus Hessen

-308-
Das Schicksalsstübchen auf dem Burgberg

Zwei Knaben hatten sich im Eifer der Jugend bis an die


Ruinen einer alten Ritterburg hinaufgespielt und suchten dort
zwischen Brombeerranken und moosigen Felstrümmern ihr
Versteck. Noch atemlos vom Aufstieg entdeckten sie eine
eisenbeschlagene Pforte unter einer halbverschütteten Treppe,
nahmen sich ein Herz und hängten sich an die schwere Klinke.
Knarrend wich die Tür ihrem vereinten Druck, und während
sich ihnen das Netz einer Spinne über Gesicht und Haare klebte,
traten sie beklommenen Mutes in den dämmerigen Raum. Hier
fanden sie alles so überraschend niedlich und wohlgeordnet, von
der dunklen Holzdecke bis zu den Truhen, steifen Stühlen und
bunten Fensterscheiben, daß sie auch beim Anblick der Frau, die
weiß gekleidet am Spinnrad saß, kein Grauen empfanden.
Die Gestalt winkte die Knaben freundlich heran, fragte sie
nach ihren Eltern, wobei sie mitleidig nickte, als sie vom frühen
Tod des Vaters hörte; denn die Knaben waren die Söhne einer
armen Witwe.
Zutraulich erzählten sie von der häuslichen Armut und von
dem fleißigen Tagewerk der Mutter, von Schule, Dorf und ihren
kleinen Abenteuern, daß die Alte recht ihre Freude daran hatte.
So schenkte sie denn jedem zum Abschied eine Handvoll
Flachsknoten, strich ihnen über die blonden Schöpfe und hieß
sie mit freundlichem Gruß wieder gehen.
Es war spät geworden, und die Mutter hatte schon sorgenvoll
in der Haustür gestanden, als die Jungen endlich, noch ganz
erfüllt von dem seltsamen Vorfall in der alten Burg, der Mutter
schmeichelnd um den Hals fielen. Sie erzählten ihr das
wunderbare Erlebnis und zeigten die schönen Samenknöpfe. Die
Mutter ahnte gleich, welche Bewandtnis es mit diesen Gaben
habe, und verschloß das Geschenk der Frau Holle in ihrer Lade.

-309-
Am nächsten Morgen waren die Knoten in lauter blanke
Dukaten verwandelt. So arm die Frau auch war, dies Geld legte
die sorgsame Mutter zurück; denn ihre Jungen sollten einmal
was Rechtes damit beginnen.
Solcherart hatten die Brüder bisher ein gleiches Geschick.
Aber sie waren doch allzu verschieden geartet. Der ältere strebte
einem ehrsamen Handwerk zu und lernte seinem Meister mit
Fleiß die Geheimnisse seiner Kunst ab. Der jüngere machte sich
lieber bequeme Tage. So kam die Zeit der Wanderschaft heran.
Der ältere ließ sein Vermögen zu Hause in Mutters Kasten, tat
sich fleißig in der Welt um, lernte noch manchen Kunstgriff in
seinem Handwerk dazu, war tüchtig und sparsam und kehrte
drei Jahre später geachtet als Meister zurück.
Der jüngere Bruder zog auch in die Welt, steckte aber das
Gold der Frau Holle in die Tasche, lebte auf großem Fuß und
hatte sein Geld bald in lustiger Gesellschaft vertan. Als er dann
unbelehrt zurückkam, dachte er: "Gleich gehst du wieder ins
Schicksalsstübchen und holst dir Nachschub," lief auf den
Burgberg, suchte in allen Winkeln die verborgene Kammer, rief
nach der Spinnerin und wollte und wollte nicht unbeschert
weichen. Als er aber gar nicht aufhörte mit seinem
Bettelgeschrei, knallte ihm plötzlich eine Backpfeife in das
Gesicht, daß ihm alle Sinne vergingen und er den Abhang
hinunterkollerte. Zu Hause erschien ein roter Fleck auf der
geschlagenen Wange; der wollte vor keiner Seifenlauge
vergehen und hat sich auch auf Kinder und Kindeskinder
fortgeerbt als ein Zeichen der Torheit.

-310-
Der Fluch des Fremdlings zu Gießen

Auf dem sogenannten Trieb bei Gießen, rechts von der Straße
nach Grünberg, sah man noch vor wenigen Jahren eine Fläche
von vielen Morgen, die mit Eichen bepflanzt war; aber
merkwürdigerweise hatten die Bäume alle keine rechte Kraft,
keinen frischen Saft, und ihre Wipfel waren dürr. Das war einem
Fluch zuzuschreiben, der auf den Bäumen lag.
Vor vielen, vielen Jahren, so berichtet die Sage, tauchte
nämlich ein fremder Mann in Gießen auf, der weinend und
wehklagend sein Weib und seine Kinder suchte. Damals muß
ein unglückseliger Rat In der Stadt geherrscht haben; denn
anstatt dem Manne in seiner Verzweiflung beizustehen,
beschuldigte man ihn, er habe Weib und Kinder getötet. Als er
die Tat bestritt und seine Unschuld beteuerte, wurde er auf die
Folter gespannt. Um von der Qual befreit zu werden, gestand er
im höchsten Schmerze, er habe es getan, was er in Wirklichkeit
nie ausgeführt hatte. Nach dem Geständnis wurde der Fremde
sofort auf den Richtplatz hinausgeführt. Bevor ihm dort,die
Augen verbunden wurden, beschwor er aufs neue seine
Schuldlosigkeit und rief: "Und zum Zeichen meiner Unschuld
werdet ihr sehen, wie diese Eichbäume von heute an gipfeldürr
werden; daraus mögt ihr dann erkennen und mir glauben, daß ihr
unschuldig Blut vergossen habt."
So starb der Fremdling und wurde unter dem Galgen begraben.
Wenige Tage nachher schon bewährte sich des Mannes
Unschuld auf eine erschütternde Weise; denn die von ihm
gesuchte Frau kam auf einmal mit ihren Kindern daher, um nach
dem vermißten Vater zu forschen. Da entstand große Trauer in
der Stadt. Man gab dem Hingerichteten sofort ein ehrliches
Begräbnis, der Frau und ihren Kindern aber wurde das
Bürgerrecht gewährt. Damit war aber die Tat nicht gesühnt. Und
als es Frühling wurde, da schlugen alle Bäume in und um

-311-
Gießen aus, nur die Eichen kränkelten, manche starben sogar ab,
und wie viele man auch nachpflanzte, nicht eine gedieh. So
schwer lastet der Fluch des Fremden auf diesen Bäumen.

-312-
Der Hexenritt bei Dieburg

Vor Münster bei Dieburg steht ein Kreuz, dort hatten drei
Burschen in der Walpurgisnacht drei Eggen zusammengestellt
und sich darunter versteckt, um die Hexen zu sehen. Diese
kamen wirklich nach einiger Zeit durch die Luft dahergeritten.
Neugierig starrten die Burschen den Hexenzug an, plötzlich
rief einer von ihnen den anderen zu: "Schaut, die alte Glasern ist
auch dabei!
Seht nur, wie spaßig sie daherreitet!"
Da hielt die alte Glasern an und schrie: "Ich hack, mein Beil in
den Eggenbalken." Zugleich ertönte ein Schlag, der Bursche
schrie laut auf, und seit dieser Zeit war er an einem Beine lahm.
Nun ging er zum Pfarrer und erzählte ihm alles. Dieser meinte:
"Ich weiß dir keinen anderen Rat, als dein Leid ein Jahr lang zu
tragen; aber komm am Abend vor der nächsten Walpurgisnacht
wieder zu mir, dann will ich dir sagen, wie dir geholfen werden
kann."
Als der Bursche im folgenden Jahr an dem bestimmten Abend
erschien, empfing ihn der Pfarrer: "Jetzt stelle die Eggen wieder
zusammen, wie sie im Vorjahr gestanden haben, lege dich
darunter, und wenn du die alte Glasern vorüberziehen siehst,
dann bitte sie dreimal um Gottes willen, sie möge dich von
deinem Übel befreien. "
Der Bursche tat, wie ihm der Pfarrer geraten hatte, und als er
zum drittenmal bat, sprach das Weib: "Hier hab, ich vor einem
Jahr mein Beil eingehackt, das will ich wieder mitnehmen." In
diesem Augenblick fühlte der Bursche einen Ruck in seinem
Bein, und von dieser Stunde an konnte er wieder gehen wie
früher.

-313-
Die Erlösung suchende Jungfrau von Auerbach

Auf einer Wiese bei Auerbach unweit von Lorsch hütete einst
ein Knabe die Kühe seines Vaters. Wie er so müßig dastand und
an gar nichts dachte, fühlte er auf einmal einen sanften
Backenstreich von einer weichen Hand. Als er sich erschrocken
umwandte, stand eine wunderschöne Jungfrau vor ihm, ganz
weiß gekleidet, und redete ihn an. Aber der Bub tat vor Schreck
einen Schrei, als ob er am Spieße stäke, und rannte davon, nach
Auerbach zu.
Nach einiger Zeit war er wieder mit seinem Vieh auf jene
Wiese gezogen und stand in der heißen Mittagsstunde träumend
am Waldesrand. Da raschelte es am sonnigen Rain, als schlüpfe
eine Eidechse ins Gebüsch. Der Knabe blickte hin und sah eine
kleine Schlange, die eine blaue Blume in ihrem Mund trug und
zischte :
"Guter Junge, erlöse mich! Mit dieser Blume öffnest du im
alten Schloß Auerbach die verfallenen Keller und die Fässer voll
Gold, und alles ist dein. Nimm die Blume! Erlöse mich!"
Aber der Bub schauderte; er hatte all sein Lebtag noch keine
Schlange reden hören. Schleunig lief er davon, als ob der wilde
Jäger hinter ihm her wäre.
Als der Spätherbst kam, hütete er an der gleichen Stelle das
Vieh, und da empfing er wieder einen sanften Backenstreich und
sah im Umdrehen wie einst die weiße Jungfrau, die ihn flehend
ansprach:
"Erlöse mich! Erlöse mich! Ich will dich reich und glücklich
machen.
Du allein kannst es, nur du allein. Ich bin verwünscht
umherzuirren und kann nicht eher zur Seligkeit eingehen, bis
aus jenem Kirschkern, den ein Vöglein einst auf diese Wiese
fallen ließ, ein Kirschbaum groß gewachsen war, dann

-314-
abgehauen und aus ihm eine Wiege gemacht ist. Das erste Kind,
das in dieser Wiege geschaukelt wird, kann mich erlösen, indem
es mit der blauen Blume, die ich in der Hand halte, zur Burg
hinaufgeht und dort die unterirdischen Schätze hebt. Du bist das
Kind, das in einer solchen Wiege gelegen ist."
Als der Bub diese Worte hörte, zitterte er, und es lief ihm
eiskalt über den Nacken; er bekreuzigte sich und schüttelte den
Kopf.
"Weh mir, wehe!" rief da die Jungfrau. "So muß ich wieder
hundert Jahre harren und wandeln; weh auch dir, weil du kein
Herz hast, darum sollst du auch keines finden!" Dann gab sie
einen lauten Schmerzensschrei von sich und verschwand.
Der Hirtenbub aber ging von diesem Tag an still und bleich
umher; er hat nicht mehr lange gelebt.
Dort bei Auerbach ist es auch sonst nicht geheuer. Über das
Flüßchen, den Auerbach, führt eine Brücke. Als einst ein Bauer
darüberschritt, hörte er im Wasser niesen, und zwar dreimal
hintereinander, und dreimal sprach er: "Helf dir Gott!" Plötzlich
stieg die Gestalt eines Knaben aus dem Wasser und rief: "Gott
danke dir, du hast mich erlöst. Darauf habe ich dreißig Jahre
gewartet."
Ein anderer Bauer hatte auch oberhalb der Brücke dreimal
niesen - hören, zweimal hatte er "Helf dir Gott!" gerufen. Weil
aber niemand einen Dank zurückrief, schrie er beim drittenmal :
"Hol dich der Teufel!" Da ist das Wasser aufgewallt, die Fluten
erfaßten den scheltenden Bauern, und dann ist es ringsum
wieder ganz stille geworden. Seit diesem Tage hat man nichts
Ähnliches mehr von der Auerbacher Brücke gehört.

-315-
Die Jungfern von Döngessee

Bei dem Dorf Dönges in Hessen liegt der Dönges- oder


Hautsee, der an einem bestimmten Tag im Jahr eigenartig rot
wird. Als Ursache erzählt man sich folgendes:
Als einst im Dorf Dönges Kirmes war, erschienen zwei
fremde, schöne Jungfrauen, die mit den Bauernburschen tanzten
und sich lustig unterhielten, aber um Mitternacht dann
verschwunden waren, während doch jeder Kirmes Tag und
Nacht fortdauert.
Am andern Tag waren sie wieder da, und ein Bursche, der es
gern gesehen hätte, wenn sie noch geblieben wären, nahm einer
von den beiden Jungfrauen während des Tanzes die Handschuhe
weg. Die beiden Mädchen tanzten nun wieder weiter, bis
Mitternacht herannahte; da wollten sie fort; nun suchte die eine
in allen Ecken nach ihren Handschuhen. Als sie diese nirgends
finden konnte, irrte sie mit ängstlicher Miene umher. Kaum aber
hatte es während des Suchens Mitternacht geschlagen, liefen
beide in größter Angst fort, eilten geradewegs nach dem See und
stürzten sich in das Wasser. Am andern Morgen war der See
blutrot, und diese Färbung wiederholte sich von da an jedes Jahr
am gleichen Tag. An den zurückgebliebenen Handschuhen aber
waren kleine Kronen zu sehen.

-316-
Die Moorjungfern auf der hohen Rhön

Wo jetzt auf der Hohen Rhön das Schwarze Moor liegt, erhob
sich vor undenklichen Zeiten eine schöne Stadt, die später in die
Erde versank, weil die Einwohner ein gottloses, lasterhaftes
Leben führten. An Stelle der Stadt breitete sich ein
unergründlicher, tiefer schwarzer See aus, der aber nach und
nach bis auf einige dunkle Löcher von einer dichten Moordecke
überzogen wurde. In der Tiefe des Moores jedoch ist das Leben
noch nicht erstorben.
Wenn die Bewohner des versunkenen Ortes nach ihrer Kirche
eilen und dort reuevoll um Vergebung beten, dann braust es im
Moor gewaltig, und schwarzes, schlammiges Wasser gärt aus
dem Boden.
Manche, die sich am Rande des Moores niederlegten, um in
die Stille der Landschaft zu horchen, haben bisweilen noch die
Turmuhr schlagen und die Hähne aus der Tiefe krähen hören.
Nur drei Jungfrauen aus dem versunkenen Ort durften
manchmal aus der schlammigen Tiefe des Moores
emporkommen. Sie wurden in der Umgegend die Moorjungfern
genannt und erschienen regelmäßig beim Kirmestanz in
Wüstensachsen. Als sie aber dort einmal über die Zeit
zurückgehalten wurden, verließen sie traurig den Tanzplatz, und
am andern Morgen war einer der Teiche blutrot gefärbt.
Die Moorjungfern hat seitdem niemand mehr auf der Kirmes
gesehen. Sie schweben nur noch zur Nachtzeit mit anderen
Bewohnern der versunkenen Stadt als Irrlichter über dem
geheimnisvollen Moor.

-317-
Doktor Aphrasterus

Doktor Aphrasterus war ein grundgescheiter Mann. Seine


Kunst und sein Wissen hatte er sich auf folgende Weise
angeeignet: Er wanderte einmal im Walde umher; da hörte er
unter einem Baum ein klägliches Wimmern und Stöhnen.
Verwundert sah er nach, was das sein könne, fand aber nichts.
Endlich schien es ihm, als töne die Stimme aus der Erde hervor,
und als er mit seinem Stock ein wenig herumstocherte, kam eine
Flasche zum Vorschein; darin stöhnte es kläglich. Neugierig
öffnete Aphrasterus die Flasche. Gleich drang ein weißer Rauch
heraus, der immer dichter wurde, und als er entwichen war,
sprang aus dem Rauch ein riesiger Kerl, der schrie: "Jetzt bist du
mein!"
Der Doktor Aphrasterus ließ sich aber nicht erschrecken,
sondern sprach: "Jawohl, das bin ich, wenn du mich alle
Zauberkunst der Welt lehren willst."
"Da hast du sie", rief der Riese und warf ihm ein paar
Zauberbücher vor die Füße.
"Du bist ein drolliger Kauz" meinte der Doktor, "ich möchte
nur wissen, wie du in die Flasche hast kriechen können. "
"Du hast ja gesehen, wie ich herauskam", erwiderte der Kerl.
"Das warst du nicht, das war nur Dampf und Rauch",
widersprach der Doktor.
"Ich will dir's noch einmal vormachen", entgegnete der Kerl
grinsend und wurde wieder zum Rauch, der in die Flasche
schlüpfte.
Nun war aber der Doktor rasch zur Hand, setzte den Stöpsel
auf die Flasche und drückte sie so tief, als er nur konnte.
Er kümmerte sich auch nicht um das klägliche Geschrei des
Kerls, der in der Flasche steckte. Darauf packte Aphrasterus die
Zauberbücher zusammen und eilte nach Hause. Nun lernte er

-318-
bald das Goldmachen, das Verwandeln und viele andere
zauberhafte Dinge, die ihn zu einem reichen, angesehenen Mann
machten. Eine Kunst, die er jetzt wußte, war ihm besonders lieb:
er konnte sich nämlich gegen alles Gift sichern und dadurch am
Leben erhalten. Oft sagte er zu seinem Diener: "Es gibt nur ein
Gift, das mich töten kann, das ist das Magnetgift."
Lange Zeit lebte Doktor Aphrasterus hoch angesehen in Ruhe
und Frieden. Doch eines Tages kam ein anderer Zaub erer in die
Stadt, mit dem er bald in Streit geriet. Da suchte der Fremde ihn
auf alle mögliche Art zu vergiften, aber Aphrasterus lachte
darüber, trank und aß all das Gift wie den besten Wein und die
schmackhafteste Speise. Endlich, als kein Mittel dem Doktor
ans Leben ging, brachte ihm sein Gegner heimlich, ohne daß der
Doktor etwas davon merkte, das Magnetgift bei. Aphrasterus
spürte es bald in seinen Eingeweiden; da griff er zu seiner
Pistole, lud sie mit einer Kugel und schoß sie durch das Fenster
ab. Sodann rief er seinen Diener und sprach:
"Lauf schnell an das andere Ende der Stadt, wo der Zauberer
wohnt, und frage, wie es ihm geht."
Der Diener eilte so rasch er konnte und brachte die Antwort
zurück, der Zauberer sei von einer Kugel getroffen worden, man
wisse aber nicht, wer es getan habe.
"Ich will dir sagen, wer es war: ich hab's getan", sprach
Aphrasterus und gab dem Diener seine Zaubermixturen mit dem
Befehl sie in den Rhein zu werfen, denn er fühlte sich seinem
Ende nahe.
Der Diener ging wohl an den Rhein, warf aber die Gläser nicht
ins Wasser, sondern steckte sie ein, um später von der Kunst
seines Herrn zu profitieren.
Als er zurückgekehrt war, fragte der Doktor: "Hast du alles ins
Wasser geworfen? "
"Ja", antwortete der Diener."
"Was hast du denn an dem Wasser bemerkt?"
-319-
"Nichts", sagte der Diener."
"Willst du wohl schnell die Gläser ins Wasser werfen, oder
möchtest du, daß ich dich erschieße, wie ich jenen Zauberer
erschossen habe?"
rief der Doktor in höchstem Zorn.
Da lief der Diener, was er laufen konnte, an den Rhein und
warf die Gläser in das Wasser, das sogleich unruhig wurde und
gewaltige Wellen zu schlagen begann. Als der Mann dies
seinem Herrn meldete, lobte er ihn und schenkte ihm soviel
Geld, daß der Diener auf Lebenszeit genug daran hatte. Zwei
Stunden später hatte Doktor Aphrasterus sein Leben beendet.

-320-
Frau Holles Gericht über den Honighof am
Hirschberg

Der Honighof lag in einem gesegneten Talgrund. Hier hatten


die Regenströme der Urzeit den fruchtbaren Basaltschlamm vom
Hirschberg hergeschwemmt. Da schoß das Gemüse im
ungedüngten Feld üppiger empor als sonstwo im gedüngten
Boden. Darum war auch der Honigbauer der reichste Mann im
ganzen Land, und von ihm ging das Gerede: "Dem Honighofer
trägt jede Kuh zwei Kälbchen und jeder Halm zwei Ähren. Und
wenn seine Säue auf Bratwürsten herumlaufen wollten, so wäre
es ihm eben recht."
Doch leicht verhärtet der Reichtum das Menschenherz; je
mehr der Bauer besaß, desto mehr wollte er. In schlimmen
Jahren war wohl dieser und jener zu ihm gekommen und hatte
den Vetter im Honiggrund um ein Darlehen angesprochen. Aber
der Bauer hatte immer kalt zur Antwort gegeben: "Wer was hat,
hat's auch verdient.
Nur schlechtes Blut verludert sein Gut!" Und wenn die
Bedrängten es noch einmal wagten, bei ihm vorzusprechen, rief
er seinen Söhnen mit rauher Stimme zu: "Hetzt doch die Hunde
auf das Gelumpe!"
Bald traute sich kein BittstelIer mehr auf den Hof, um Trost
oder Hilfe zu holen. Die Söhne aber gerieten dem Alten nach.
Es waltete nur noch eine fühlende Seele in jenem Haus, seit
die Bäuerin unter der Erde lag: das war die Tochter des Bauern.
Sie durfte aber jede gute Tat nur im Verborgenen tun und weinte
oft über den verhärteten Sinn der Männer.
Einmal war der Bauer mit seinen Söhnen ausgeritten, das Vieh
zu suchen, das sich auf ferne Weiden verloren hatte. Der
Himmel lachte über dem leuchtenden Frühlingstag, das
Mädchen saß ganz allein vor der Haustür und schälte Kartoffeln.

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Ruhe lag über dem ganzen Hause. Da schlurfte ein altes,
zerlumptes Mütterchen den Wiesenpfad heran. Mühsam stützte
es sich auf die Krücke, reckte die dürre Bettelhand aus dem
dürftigen Ärmel und keuchte zum Erbarmen.
Das Mädchen stellte den Korb beiseite, strich sich die Schürze
glatt, lief flink in das Haus und schnitt ein stattliches Stück vom
Brotlaib herunter; dann gabelte sie eine Wurst aus dem
Rauchfang. Dieses Frühstück trug sie der Alten zu.
"Lohn's Gott!" stammelte die Alte - da stand auch schon der
Bauer mit seinen Söhnen im Hof. Brennend rot vor Zorn schlug
er der Tochter mit der Faust ins Gesicht. Dann rannte er in den
Stall, löste den Bluthund und hetzte ihn auf das zitternde
Weiblein.
"Pack dich, pack dich, die Wegweiser beißen!" schrie er
hohnvoll.
Aber der Köter zog den Schweif ein, winselte jämmerlich und
duckte sich furchtsam zu Boden. Im selben Augenblick löste
sich die Fremde in wirbelnden Rauch auf, flog hoch und immer
höher, bis an den Himmel, wo sie sich in einem Wolkenballen
verlor. Die Sonne verdunkelte sich vor dem schwarzen Gewölk,
das sich einem Sargdeckel gleich über das fruchtbare Tal legte.
Aus dem Schatten aber zuckten Blitze, krachten die Donner, als
solle der ganze Hirschberg bersten. Ein Blitz zündete, und die
lohende Flamme fraß um sich, bleckte, schmatzte und prasselte
im Gebälk. Wie goldener Schnee stoben die Feuerflocken im
Sturmwind daher, zernagten die stolzen Giebel, fraßen das
Holzwerk, und bald war der ganze Honighof ein glühende s
Flammenmeer, das den geizigen Bauern und seine Söhne unter
den stürzenden Trümmern begrub.
Als die Nachbarsleute mit Leitern und Eimern kamen, den
Brand zu löschen, fanden sie nur noch glosende Trümmer und
Asche und Rauch vor, Frucht, Vieh und Menschen waren

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verbrannt; aber unter dem Birnbaum lag friedlich schlummernd
die Tochter des Bauern.
Neben ihr stand eine weiß gekleidete Frau, aufrecht und
streng. Sie hielt die Hände schützend über das Mädchen
gebreitet, daß alle Funken von ihr wichen. Als aber die Bauern
näher traten, da löste sich die Gestalt in Wolken und Rauch auf.
Nun wußten die Leute, dies war Frau Holles Gericht über den
Honighof.
Der Ort blieb völlig öde, kein Mensch wollte auf der
verfluchten Stelle mehr bauen, auch nicht die Tochter, die allein
von der Sippe noch am Leben war. Sie zog in das Dorf, wo sich
ein ordentlicher Bursche um sie bewarb. Dort hatte sie eine
glückliche Mutterhand, und auf allem, was sie berührte, lag
Segen. Denn sie blieb ihrem Herzen treu bis an ihr seliges Ende.

-323-
Rodenstein und Schnellerts

Auf der Bollsteiner Höhe im Odenwald ist ein Bergvorsprung,


den man "Schnellerts" nennt. Im Mittelalter stand dort eine
Burg. Jetzt sind nur noch wenige Ruinenreste vorhanden. Diese
Burg ist in der Sage viel verbunden mit einer andern Feste des
Odenwalds, dem "Rodenstein." Die Odenwälder erzählen, daß in
den Trümmern der Schnellertsburg ein Geist hause, der immer,
wenn vom Rhein her ein Krieg drohe, sich rege und mit großem
Gefolge, Iärmend wie der wilde Jäger, nach dem Rodenstein
abziehe. Sobald die Kämpfe vorüber seien, kehre der Geist mit
großem Getöse wieder nach dem Schnellerts zurück. Eine
Ballade Josefine Scheffels, der Mutter des bekannten Dichters.
J. V. von Scheffel, weiß darüber zu berichten:
Horch auf, was klirrt an Riegel und Gruft?
Was zischt und sauset durch die Luft ?
Das muß der wilde Jäger sein, Er zieht vom Schnellert zum
Rodenstein, Hussa, zum Rodenstein.
Im Schnellert, da schlief er manch ein Jahr, Reibt sich nun
wieder die Augen klar.
Die Friedensburg steht öd und leer, Der Jäger zieht mit dem
Geisterheer, Zieht mit dem Geisterheer.
Er reitet voran auf schwarzem Roß, Hallo! wie saust ihm nach
der Troß!
Es rauscht und spricht - es pfeift und knallt, Daß drob ertönt
der Odenwald, Der weite Odenwald.
Der Jäger auf dem Rappen fein, Das ist der Ritter von
Rodenstein.
Und wenn er durch die Lüfte fegt, Ist,s Zeit, daß man die
Schwerter regt, Daß man die Schwerter regt !

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In der schlichten Volksüberlieferung aber wird der Ritter meist
"Schnellertsherr" genannt. Von ihm erzählt die Sage :
Viele Wanderer, die den Schnellerts bestiegen, hörten dort
einen lieblichen Gesang, und zwar waren es gewöhnlich
Kirchenlieder, die sie vernahmen. Diese Töne schienen aus dem
Berg zu kommen, doch ist es nie jemand gelungen, in das Innere
des Berges zu dringen.
Oft krähte auf dem Gipfel des Berges, da, wo die Ruinen der
Burg sich erheben, dem Menschen unsichtbar, der Hahn, und
dieser ungewöhnliche Schrei auf Bergeshöhen hat schon
manchen sehr erschreckt. So waren einmal Leute zu einer
Holzversteigerung droben versammelt, und eben bot der Förster
eine Fuhre aus, als der Hahn krähte. Großer Schrecken fuhr den
Bietern in die Glieder, im Nu war der Platz leer, und selbst der
Förster hatte nicht den Mut zu bleiben.
Ein Förster in Stierbach erwartete eines Tages seinen
Vorgesetzten zu einem forstlichen Geschäft. Da tiefer Schnee
lag und der Oberförster lange auf sich warten ließ, glaubte der
Förster zuletzt, sein Vorgesetzter werde nicht kommen, und ging
nach Hause. Dort schaute er noch ein paarmal durch das Fenster,
von dem aus man eine Seite des Berges übersehen konnte, und
bemerkte endlich einen Reiter der auf dem gewöhnlichen
Burgweg ritt. Im festen Glauben, es sei der Oberförster, warf der
Förster die Büchse um und eilte dem Reiter entgegen. Doch zu
seinem größten Erstaunen sah er ihn nicht mehr, fand auch nicht
die geringste Spur eines Pferdehufes im Schnee. So blieb für ihn
kein Zweifel, daß er den Berggeist von Schnellerts gesehen
habe.
Eine Frau aus der Haal, einem Hof in der Nähe des Schnellerts
ging spätabends noch außerhalb des Hauses umher. Da kam es
ihr vor, als ob sie jemand stark anhauche. Als sie sich
umschaute, bemerkte sie, daß sie unter dem Hals eines Pferdes
stand, auf dem ein Reiter saß.

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In ihrer Angst betrachtete sie weder Pferd noch Reiter näher,
sondern lief in die Stube zurück. Hier sagten ihr die Hausleute,
es habe soeben dreimal derart an einen Pfosten geschlagen, daß
die Fenster klirrten. Dies pflege der Schnellertsgeist zu tun,
wenn er durch die Haal fahre. Als die Leute herausliefen,
gewahrten sie nichts mehr, hörten aber am andern Morgen, wie
der Geist, vom Rodenstein kommend, auf den Schnellerts
zurückfuhr.
Die Hofreite in Brensbach, durch die der Geist aus dem
Schnellerts seinen Zug genommen haben soll, liegt im obern
Teil des Ortes. Der Besitzer der Hofreite, durch dessen Scheuer
der Berggeist zu ziehen pflegte, beabsichtigte einmal, am
Morgen vor Tagesanbruch über Feld zu fahren. Er bat daher
seine Frau, sie möge früh aufstehen, um ihm sein Frühstück zu
bereiten. Als er dann am andern Morgen auf dem Weg zum
Pferdestall durch die Küche ging, sah er zu seiner
Verwunderung ein großes Kohlenfeuer auf dem Herd.
Nachdem er die Pferde gefüttert hatte, mahnte er seine Frau,
jetzt aufzustehen, da sie noch Feuer genug auf dem Herd habe.
Als aber die Frau aufgestanden war und die Morgensuppe
kochen wollte, fand sie keinen Funken Feuer mehr vor. Die
frische Glut, die der Bauer gesehen hatte, stammte von dem
wilden Heer, das in der Nacht in der Küche gewirtschaftet hatte.
Es war gar nichts Seltenes, daß die Geister nachts in diese
Küche einkehrten, Kessel über das Feuer hingen und kochten,
weiters auch Schüsseln und Teller nahmen und Mahlzeit hielten.
So trieb es der wilde Geisterzug zwischen Schnellerts und
Rodenstein lange Jahre, und das Volk weiß noch heute manches
darüber zu erzählen.

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Sagen aus Mecklenburg

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Böser Mainachtzauber bei Schwerin

In einer klaren Mainacht ging ein Bote von Sternberg nach


Schwerin.
Sein Weg führte ihn durch die Ortschaft Jülchendorf. Wer des
Weges kundig ist, wird wissen, daß sich in der Nähe dieses
Ortes ein Eichengehölz befindet, in dem ein verhältnismäßig
hoher Berg liegt.
Als der Bote in die Nähe dieses Berges kam, richtete er
zufällig seine Blicke nach dem Gipfel und bemerkte mit Staunen
eine große Menschenmenge, die, wie es schien, dort ein
Trinkgelage abhielt; denn der Bote vernahm ein Gläsergeklirr,
daß es im Wald widerhallte. Dem wackeren Mann wurde ganz
unheimlich zumute.
Nachdem er sich einigermaßen von seinem Schrecken erholt
hatte, näherte er sich leise der Gruppe auf dem Berg, um diesem
Treiben zuzuschauen. Was seine Aufmerksarnkeit am meisten
fesselte, war eine mächtige Riesengestalt, deren Stimme wie das
Rollen des Donners klang.
Wer beschreibt aber das Entsetzen des armen Boten, als es
plötzlich durch die Eichen rauschte und der Riese, den er soeben
noch auf dem Berge gesehen hatte, in seiner ganzen Größe vor
ihm stand! Er glaubte nichts anderes, als daß seine letzte Stunde
geschlagen habe.
Um so mehr wunderte sich der Brave daher, als der Riese ihn
statt dessen mit folgenden Worten anredete: "Alter, du bist
hungrig und durstig, willst du mitessen und trinken, so komm
und schlage die Aufforderung nicht ab!"
So blieb ihm nichts übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu
machen. Zögernd folgte er dem Riesen. Als sie auf dem Gipfel
des Berges angelangt waren, mußte der Bote sogleich Platz
nehmen. Vor ihm häuften sich die besten Speisen, und kleine

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daumenlange Geschöpfe standen zu seiner Aufwartung bereit.
Bald hatten sie ihn mit allem versehen, und er brauchte nur
zuzugreifen. Der Bote nahm Messer und Gabel zur Hand, aber,
siehe da! er vermochte sie nicht zu heben obgleich sie nur die
gewöhnliche Größe hatten. Das verdroß ihn, und schon wollte er
sich entfernen, da nahte sich ihm ein altes, häßliches Weib, das
dem Anschein nach aus seinem Dorf war, und raunte ihm ins
Ohr:
"Der dir gegenübersitzt, hindert dich daran, Messer und Gabel
zu gebrauchen. Speie ihm ins Gesicht, und es wird dir
gelingen! "
Kaum hatte der Mann dies getan, als ihn plötzlich ein
Sturmwind faßte und ihn den Berg hinunterwarf, daß er fast die
Glieder gebrochen hätte. Reisende, die an der Stelle
vorüberkamen, fanden ihn und brachten ihn in die nächste Stadt,
wo er lange krank lag. In der Folgezeit ging der Bote stets mit
geheimem Grauen an dem Gehölz vorüber, vor allem aber
hütete er sich, diesen Weg zur Nachtzeit zu betreten.

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Das Petermännchen von Schwerin

Dort, wo heute das Schweriner Schloß aufragt, stand einst die


Tempelburg eines Heidengottes, der weithin in der ganzen
Umgebung verehrt wurde. Als dann die Boten des
Christenglaubens durchs Land zogen, floh der Heidengott in die
Tiefen des Weltmeeres, ließ aber seine Diener, die Geister,
zurück. Doch das Heiligtum am Schweriner See zerfiel, und nun
wichen auch die getreuen Helfer ihres heidnischen Herrn und
nahmen ihren Wohnsitz im Petersberg. Das Petermännchen war
das einzige, das auf seinem alten Platz ausharrte.
Das Männchen zeigte sich den Menschen in den
verschiedensten Gestalten. Manchmal erschien es als alter Mann
mit runzeligem Gesicht, dessen weißer, wallender Bart bis zur
Brust reichte. Sein langer schwarzer Rock mit engen Ärmeln
ging bis zu den Füßen. Um den Hals hatte es einen weißen
Kragen geschlungen, und auf dem Kopf saß eine runde Kappe.
Ein anderes Mal erschien das Petermännchen als
mittelalterlicher Reitersmann mit flottem Schnurrbart. Es trug
dann ein kurzes Wams und hohe Reiterstiefel mit Sporen, einen
Degen und einen Federhut, und ein Schlüsselbund klirrte an
seinem Gürtel. Das Männchen wechselte gern die Farbe seiner
Kleidung: meist ging es im grauen Gewande umher; gab es
Krieg, so war es mit einem roten Kleid angetan; starb jemand, so
sah man es kohlschwarz gekleidet.
Doch sosehr das Petermännchen in solchen Äußerlichkeiten
Abwechslung liebte, blieb es doch stets sich selbst und seinem
innersten Wesen gleich. Es diente seinem Schloßherrn mit
unermüdlicher Treue, ließ fremden Eindringlingen seinen
Unwillen fühlen, strafte schlechte Menschen und belohnte die
guten.
Daß dem Petermännchen die unrechtmäßigen Herren zuwider
waren, erfuhr Wallenstein. Als dieser auf dem Schweriner

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Schloß eingetroffen war und alles besichtigt hatte, gefiel es ihm
so gut, daß er sich dort häuslich einzurichten gedachte. Aber er
hatte nicht mit der Feindseligkeit des Petermännchens
gerechnet. Sobald sich der große Feldherr ermüdet zur
nächtlichen Ruhe begeben hatte, plagte und zwickte ihn der
Hausgeis, die ganze Nacht hindurch. Bald warf er die Stühle um,
bald zog er dem Schläfer die Bettdecke weg und fegte damit im
Zimmer herum. Der ohnehin sehr abergläubische Herzog
befürchtete ein Unglück und rief seinen Sterndeuter und
Vertrauten Seni. Obwohl dieser den Feldherrn beruhigte, so ließ
sich der Friedländer doch sein Nachtlager in einem andern
Flügel des Schlosses bereiten.
In der nächsten Nacht erwachte Wallenstein aus tiefem Schlaf.
Im Gemach ließ sich ein gleichmäßig schnarrendes Geräusch
hören. Das Mondlicht flutete in den Ra um; bei dessen
unsicherem Schimmer gewahrte der erschrockene Herzog, wie
sich das Petermännchen ihm mit drohend gezücktem Schwert
näherte. Wallenstein streckte wie zum Schutz der Erscheinung
den Arm entgegen. In demselben Augenblick löste sich das
große Bild des rechtmäßigen Herzogs, das über dem Bett an der
Wand hing, vom Nagel los und begrub den Feldherrn unter sich.
Petermännchen aber verschwand hohnlachend.
Wallensteins Diener, durch den Angstruf seines Herrn
aufgeschreckt, stürzte herein und befreite seinen Herrn von der
Last des Bildes.
Schon am nächsten Tag verließ Wallenstein Schwerin und
betrat das verwünschte Schloß nie wieder.
Schlechtigkeiten ließ das Petermännchen auf keinen Fall
ungestraft hingehen. Einmal wurde im Schloß ein bedeutender
Diebstahl an Schmucksachen verübt. Der Verdacht fiel auf einen
alten Diener, der sofort ins Gefängnis geworfen wurde. Nur
Petermännchen kannte den wahren Täter. Er besuchte daher den
unschuldigen Häftling, tröstete ihn und brachte ihm gute Speisen
und warme Decken. Dem Dieb aber setzte er übel zu und riß von
-331-
den gestohlenen Sachen ein Stück nach dem andern aus der
Tasche und streute sie hinter ihm her, so daß andere Leute es
sahen und die Wahrheit bald ans Tageslicht kam.
Daß das Petermännchen Standhaftigkeit, Fleiß und Treue
belohnte, erfuhr auch ein junger Gardist, der in den inneren
fürstlichen Gemächern Wache hielt. Mit großen Augen
betrachtete der arme Soldat die vielen Kostbarkeiten, die in den
Räumen herumstanden.
Gern hätte er sich das eine oder andere Stück angeeignet. Das
Petermännchen beschloß, die Treue und Ehrlichkeit des jungen
Kriegers einmal auf die Probe zu stellen. Der Kleine erschien
daher plötzlich in dem Zimmer und redete dem Soldaten, der
zunächst nicht wenig erschrak, mit eindringlichen Worten zu,
doch einige der schönen Sachen in die Tasche zu stecken und
mit sich nach Hause zu nehmen; niemand werde es merken. Der
junge Mann aber weigerte sich entschieden und war trotz allem
Zureden nicht zu bewegen, das Geringste zu entwenden,
vielmehr forderte er seinen Versucher auf, ihn in Ruhe zu lassen
und sich zu entfernen. Das Petermännchen freute sich herzlich
über die Festigkeit und Treue des Soldaten; es belohnte ihn
deshalb und bat ihn zugleich, sobald er abgelöst sei, ihm einen
Gefallen zu erweisen; dabei sei gar keine Gefahr zu befürchten,
wohl aber ein schöner Verdienst zu erwarten. Der Soldat
willigte ein und trat, sobald er frei war, mit seinem
merkwürdigen Begleiter eine seltsame Wanderung an.
Der Zwerg führte ihn durch mancherlei unterirdische Gänge
und Gemächer, die er mit einem Schlüssel öffnete, den er an
seinem Gürtel trug. Zuletzt machten sie in einem großen Saal
halt. Hier reichte das Petermännchen dem Gardisten ein altes
Schwert und sprach zu ihm: "Sieh hier dieses Schwert! Ein
Ahnherr des Wendenfürsten Niklot stieß es in blinder Wut
einem alten Priester des Christengottes ins Herz. Unschuldiges
Blut klebt an der Waffe und wird so lange dran haften, bis es der
Hand eines reinen Christenjünglings gelingt, die Klinge vom

-332-
Blut zu reinigen. Du weißt ja mit Waffen umzugehen; mach mir
das Schwert blank, ganz blank; dort auf dem Tisch findest du
alles, was zu deinem Werk erforderlich ist."
Der junge Mann machte sich sogleich an die ihm vertraute
Arbeit, die ihm auch vortrefflich von der Hand ging; denn bald
blitzte und funkelte die alte Waffe, daß es eine rechte Freude
war. Nur ganz unten an der Spitze des Schwertes haftete noch
ein Rostflecken.
Deshalb fing der Soldat aufs neue zu putzen an, um auch
diesen zu beseitigen. Mit sichtlicher Freude sah das kleine
Männchen dem eifrigen Bemühen des Jünglings zu, dem es
schließlich gelang, auch den letzten Flecken bis auf einen
winzigen Punkt zu entfernen.
"Nur noch eine kleine Weile, mein Sohn!" rief das
Petermännchen aufmunternd dem Krieger zu. - Plötzlich krachte
ein gewaltiger Donnerschlag, der Geist versank in die Erde, dem
Soldaten aber schwanden die Sinne. Als er später, wie aus einem
Traum erwachend, wieder zu sich kam, befand er sich allein
wohl und gesund im Schloßhof. In seiner Tasche aber fühlte er
etwas Schweres; es waren drei Stangen reinen Goldes, der Lohn
des guten Petermännchens für den ihm geleisteten Dienst.

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Das Riesenkönigsgrab bei Melkhof

Zwischen Wittenburg und Hagenow liegt das Dorf Helm, das


ehemals eine große Stadt gewesen sein soll, und zwar zu der
Zeit, als noch Riesen die Gegend bevölkerten. Der Riesenkönig
hatte von dem großen Reichtum der Stadt gehört und rückte mit
einem Heere gegen sie heran. Die Helmer wehrten sich tapfer,
aber sie mußten sich schließlich doch in ihre Mauern
zurückziehen.
Der Riesenkönig aber war im Kampfe gefallen und wurde in
einen goldenen Sarg gebettet, den man wieder mit einem
kupfernen und endlich mit einem eisernen umschloß. Nicht weit
von Melkhof liegt er unter dem Hügel begraben, der unter dem
Namen Trünnelberg bekannt ist. Mancher Schatzsucher hat den
Sarg schon zu heben versucht, aber der Teufel selbst hält
Schildwache davor. Nur einmal ist es mehreren Bauern aus der
Umgebung gelungen, den Schatz zu erblicken. Und das ging so
zu:
Ein wandernder Scha tzgräber war nach Melkhof gekommen
und hatte diesen und jenen beredet, in Gemeinschaft mit ihm
den Schatz zu heben und zu teilen. In einer Johannisnacht ging
die Arbeit vor sich. Eine Wünschelrute wurde mitgenommen
und von dem Geisterbanner um und über den Berg getragen.
Oben auf dem Scheitel des Hügels neigte sich die Rute, dort lag
der Schatz.
Vor dem Beginn der Schatzgräberei ließ sich der Mann von
jedem einzelnen hoch und heilig versprechen, während der
Arbeit kein Sterbenswörtchen zu sagen; denn das kleinste Wort
bricht auch den mächtigsten Zauber. Dann flüsterte der
Schatzgräber seine Zauberformel, und die Arbeit begann.
Schon nach einer Stunde klapperten die Schaufeln auf dem
eisernen Sarg. Dieser wurde eilig von der ihn umschließenden
Erde befreit und mit armdicken Tauen umspannt. Bisher war

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alles in bester Ordnung vor sich gegangen. Keiner der
Schatzsucher hatte ein Wörtchen gesprochen, und kein Hund mit
tellergroßen Augen oder ein anderes gespenstisches Wesen hatte
sie gestört. Die Bauern erfaßten die Taue und Hebel, ein
kräftiger Ruck folgte, und der Schatz begann sich zu heben - da
erschien der leibhaftige Teufel.
"Dat is min un blift wo't liggt!" sagte er kurz und herrisch.
"Dreck is din!" gab ihm ein naseweiser Bursche zur Antwort.
Das war aber, was der Beelzebub gewollt hatte, das
vereinbarte Schweigen erschien unterbrochen.
Sarg und Teufel verschwanden, die Grube stürzte krachend
ein.
Es ist das letzte Mal gewesen, daß Schatzgräber versucht
haben, den dreifachen Sarg des Riesenkönigs zu heben.

-335-
Das spukhafte Weib zu Rittermannshagen

Drei Müllergesellen, die in der Faulenrostschen Mühle


arbeiteten, gingen einst, nachdem sie Feierabend gemacht
hatten, nach dem "Kruge" zu Rittermannehagen. Als sie
spätabends wieder heimkehrten und gerade bei einem Kreuzweg
angelangt waren, rief der eine Geselle dem anderen zu:
"Kik dort sitt!"
Die beiden andern Gesellen aber, die nichts Besonderes
wahrnehmen konnten, fragten ihren Kameraden - der ein
Sonntagskind war - was er denn eigentlich sehe.
"Dor bi'n Durnbusch sitt 'n oll Wif", erwiderte der Geselle,
und damit ging er, da er ein beherzter Bursche war, dreist auf
den Dornbusch zu, um das dort hockende alte Weib anzureden.
Kaum aber war er bei dem Gebüsch angelangt, so vernahmen
die beiden zurückgebliebenen Gesellen einen gellenden Schrei.
Entsetzen erfaßte sie, und eilends ergriffen sie die Flucht. Erst
einige Stunden später kam ihr Kamerad in der Mühle an. Er war
am ganzen Leib infolge der Anstrengung naß und konnte sich
vor Mattigkeit kaum aufrecht halten.
Am andern Morgen erzählte er seinen Gesellen, daß das alte
Weib ihm sofort auf den Rücken gesprungen sei und ihm
jämmerlich zugesetzt habe. Trotz alles Rüttelns und Schüttelns
sei es ihm erst kurz vor der Mühle gelungen, das Scheusal
wieder loszuwerden, das sich so fest, als sei es angewachsen, an
seinen Rücken geklammert habe.
Von nun an konnte der Müllergeselle nie wieder des Abends
unangefochten nach Rittermannshagen gehen; denn jedesmal
sprang ihm das alte Weib auf den Rücken. Zuletzt erschien sie
sogar bei der Mühle und wartete dort auf den Gesellen, oder sie
rief ihm auch, wenn er des Nachts mahlte, er solle doch zu ihr
herauskommen. Dem so geplagten Müllergesellen wurde

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endlich die Sache zu bunt. Er schnürte sein Bündel, nahm den
Wanderstab und reiste in die weite Welt hinaus.
Die beiden andern Müllergesellen aber blieben von dem
nächtlichen Spuk verschont.

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Der Pfingsttänzer von Kessin

Zu Kessin war lustiger Pfingsttanz. Das Bier schmeckte gut,


und die Freude war groß. Unter den Tänzern befand sich auch
ein fröhlicher Bauernknecht, der sich aus einem entfernten Dorf
eingefunden hatte.
Als es gegen Mitternacht ging, machte sich der Junge auf den
Heimweg. Umsonst suchten die Burschen und Mädchen des
Ortes ihn zu bewegen, doch noch auf dem Tanzboden zu
bleiben; er ließ sich nicht halten und ging fort.
Die Nacht war stockdunkel. Aber der Knecht blieb ganz
nüchtern und schritt sicher dahin. Auf einmal tat sich der
Himmel flammend auf, und alles weithin war taghell erleuchtet.
Schwer rollte der Donner, dann herrschte wieder tiefste
Dunkelheit. Doch der Knecht ging ruhig und ohne Furcht seines
Weges weiter. Plötzlich hallten Tritte neben ihm, und im Dunkel
der Nacht bemerkte er die verschwommenen Umrisse einer
langen Gestalt, die neben ihm einherwanderte. Der fremde
Mann grüßte ihn nicht, und der Knecht beachtete den Langen
nicht weiter.
Kurz darauf näherten sich die beiden Wanderer einem
schmalen Steg. Da fing der lange Kerl zu reden an und fragte:
"Wie willst du denn da hinüberkommen? "
"Der Nase nach. Ist's deine Sorge?" antwortete der Knecht in
landesüblicher Derbheit und schritt über den Steg. Der Lange
folgte.
Nach einer Weile erreichten sie ein umzäuntes Gehöft.
Wieder, erkundigte sich der Fremde: "Wie willst du da
hinüberkommen? "
"Geht dich das an?" gab der Knecht zurück, "jedenfalls ohne;
dich! "
und stieg über den Zaun. Der Lange folgte hinter ihm drein.

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Bald darauf lag ein Haus vor ihnen, das verschlossen schien.
Der, Lange meinte wiederum: "Wie willst du da
hineinkommen? "
"Du wirst mir jedenfalls nicht aufmachen!" erwiderte der
Bursche und klopfte ans Fenster.
Im Stübchen zündete eine alte Frau Licht an, humpelte zur Tür
hin und schloß auf. Das war die Mutter des Burschen. Sie hieß
ihren Sohn freundlich willkommen. Der Fremde war
unaufgefordert mit in die Stube hineingegangen. Da sagte der
Bursche zu seiner Mutter :
"Ach, Mutter, da ist ein fremder Mann, dem ist nicht recht
wohl; geht doch zum Nachbarn hinüber, zum Herrn Pastor, und
sagt, er möge gleich kommen und den Fremden mit Gottes Wort
trösten. "
Da zuckte es dem Langen durch Mark und Bein; er hörte auf,
lang zu sein, wurde immer kleiner und kleiner, und endlich
kroch er wie ein Mäuslein unten durch die Türspalte ins Freie,
und - weg war er.
Der Knecht und seine Mutter aber dankten Gott, daß sie diesen
unheimlichen Gast losgeworden waren, der dem Burschen auch
nie wieder unterkam.

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Der Werwolf von Klein-Krams

In der Nähe von Klein-Krams bei Ludwigslust gab es in


früheren Zeiten ausgedehnte Waldungen, die so reich an Wild
waren, daß die Herzöge oft diese Gegend aufsuchten, um große
Treibjagden abzuhalten. Bei diesen Jagden ließ sich fast
jedesmal ein Wolf blicken, der aber nie von den Schützen erlegt
werden konnte, selbst wenn das Tier in größte Schußnähe kam.
Ja, die Jäger mußten es sogar mit ansehen, daß der Wolf vor
ihren Augen ein Stück Wild raubte und - was ihnen höchst
merkwürdig schien - damit ins Dorf lief.
Nun geschah es einmal, daß ein Ludwigsluster Husar durch
das Dorf reiste und hier zufällig das Haus eines Mannes namens
Feeg betrat.
Bei seinem Eintritt in das Gehöft rannte eine Schar Kinder mit
heftigem Geschrei aus dem Haus und stürmte auf den Hof
hinaus.
Als der Husar die Kinder nach der Ursache ihres tollen
Treibens fragte, erzählten sie ihm, daß außer einem kleinen
Knaben von der Feegschen Familie niemand zu Hause sei, aber
daß der Knabe wie gewöhnlich, wenn niemand von den Seinen
anwesend sei, sich in einen Wolf verwandelt, vor dem sie
fliehen müßten, weil er sie sonst beißen würde.
Bald darauf erschien auch der gefürchtete Wolf. Sogleich hatte
er seine Wolfsgestalt abgelegt. Der Husar wandte sich sofort an
das Kind und fragte, was es mit dem Wolfsspiel für eine
Bewandtnis habe; der Knabe aber wollte nicht mit der Sprache
heraus. Doch der Husar ließ nicht locker, und endlich gelang es
ihm auch, den Knaben zum Reden zu bringen.
Nun erzählte der Kleine, seine Großmutter habe einen Riemen,
sobald er sich diesen umschnalle, dann sei er augenblicklich ein
Wolf. Der Husar verlangte nun von dem Knaben, er möge doch
einmal als Werwolf erscheinen. Der Junge weigerte sich
-340-
anfangs, doch endlich erklärte er sich dazu bereit, wenn der
fremde Mann zuvor auf den Heuboden steige, damit er vor dem
Wolf sicher sei.
Der Husar stimmte zu und zog zur Vorsicht die Leiter, mittels
der er auf den Heuboden gestiegen war, mit hinauf.
Kaum war das geschehen, so lief der Knabe in die Stube und
kam bald darauf als junger Wolf wieder zum Vorschein, der
alle, die sich auf der Diele befanden, vom Hause hinausjagte.
Nachdem dann der Wolf in die Stube gelaufen und als Knabe
wieder zurückgekommen war, stieg der Husar vom Heuboden
herab und ließ sich von dem Jungen den zauberischen Gürtel
zeigen, woran er aber nichts Besonderes entdecken konnte.
Der Husar traf bald darauf einen Förster in der Nähe von
Kleinkrams, dem er sein Erlebnis im Feegschen Hause mitteilte.
Der Förster, der bei den großen Treibjagden immer
dabeigewesen war, dachte bei dieser Erzählung sofort an jenen
unverwundbaren Wolf.
Er meinte nun, den Werwolf erlegen zu können, und sprach
darum bei dem nächsten Treiben zu seinen Freunden, während
er eine Kugel von Silber in den Lauf seiner Flinte schob: "Heute
soll mir der Werwolf nicht entgehen!" Seine Gefährten sahen
ihn verwundert an.
Er aber erzählte nichts weiter.
Darauf begann das Treiben, und es währte nicht lange, so
zeigte sich auch wieder der Wolf. Viele von den Jägern schossen
auf ihn, aber er blieb unverletzt. Endlich kam das Raubtier in die
Nähe des Försters.
Dieser streckte ihn mit eine Schuß zum Boden. Der Wolf
stürzte getroffen, alle sahen es, trotzdem sprang er gleich wieder
auf und lief mit Windeseile ins Dorf, die Jäger hinter ihm drein.
Doch der Werwolf war schneller als sein Verfolger und
entschwand ihnen auf dem Feegschen Hof. Als sie das Haus
durchsuchten, fanden sie im Bett der Großmutter den Wolf,

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dessen Schwanz unter der Bettdecke hervorragte. Der Werwolf
war niemand anderer gewesen als Feegs Großmutter. Sie hatte
in ihrem Schmerz vergessen, den Riemen abzulegen, als sie ins
Bett kroch, und hat so ihr Geheimnis verraten.
Seit dieser Zeit hatte die Werwolfsplage in Klein-Krams ihr
Ende gefunden.

-342-
Der gefangene Teufel von Dreilützow

Auf dem Wege von Dreilützow nach Wittenburg mußte man


früher an einem dichten Buschwerk vorbei, das hart an der
Landstraße wuchs. Hier trieb seit jeher der Teufel sein Wesen.
Jeder, der vorüberging, ohne ein Vaterunser gebetet zu haben,
wurde vom Bösen angehaucht, daß er eine dicke Backe bekam
oder es vor lauter Ohrensausen kaum aushielt. Zogen Pferde
oder Kühe vorüber, so trieb der Teufel mit ihnen anderen
Schabernack, indem er sie lahm oder hinkend machte, den
Kühen wohl auch die Milch abzapfte.
In Dreilützow wohnte damals em Bauer, der ganz besonders
viel von dem Bösen zu leiden hatte, da sein Vieh oft an dem
Gebüsch vorbei mußte. In seiner Not beschloß das Bäuerlein,
den Teufel mit List zu fangen. Eines Tages nahm er sein
Hausgesinde mit und grub mit den Leuten in der Nähe des
Busches eine tiefe Grube. Da er gehört hatte, daß der Teufel
besonders lüstern nach Eierspeisen sei, mußte seine Frau einen
tüchtigen Stapel fetter Pfannkuc hen backen. Als die Grube fertig
war, schickte er seine Leute nach einer nahen Wiese, wo sie sich
verbergen mußten, schärfte ihnen aber vorher ein : "Sobald ich
rufe, kommt eilends her mit tüchtigen Prügeln!"
Nun nahm der Bauer einen großen Sechsscheffelsack, legte die
Pfannkuchen hinein und spannte den Sack weit auf. Es währte
auch nicht lange, so kam der Teufel aus dem Gebüsch und fuhr,
vom Geruch des Pfannkuchens angelockt, in den Sack hinein.
Rasch band der Bauer den Sack zu. Auf seinen Ruf eilten seine
Leute mit festen Knütteln herbei, und nun ging's an ein
Dreschen, daß der Teufel drinnen im Sack sich wie ein Wurm
krümmte.
Endlich verlegte sich der Böse aufs Bitten und versprach allen
goldene Berge, ja noch mehr, wenn sie nur aufhören wollten.
Aber der schlaue Bauer ließ sich nicht betören. Er wußte, daß

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der Teufel nimmer hält, was er verspricht. Er wurde mit dem
Sack in die Grube geworfen, und eine Schaufel voll Erde nach
der andern fiel auf den Sack, bis die Grube ganz ausgefüllt war.
Da steckte nun der Teufel im Sack, und über ihm türmten sich
wohl acht Fuß Erde.
Wie lange er darunter gelegen ist, wird nicht erzählt, aber die
Gegend um Dreilützow hat der Teufel von da an gemieden.

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Die Himmelfahrtstänzer vom Tannenkrug bei
Dassow

Auf einem öden Fleck zwischen Dassow und Schlutup soll


früher einmal ein Gasthaus gestanden sein, das nach dem
benachbarten Tannenwald "Tannenkrug" hieß. Darin ging es
oftmals recht wüst und lärmend zu, besonders an Sonn- und
Feiertagen. So war es auch einst an einem Himmelfahrtstag.
Nachmittags stellte sich ein Geiger ein, und es wurde tüchtig
getanzt.
Eine halbe Stunde später näherte sich der Schenke ein Mann,
in dem man einen Geistlichen erkannte. Dieser wollte einen
Sterbenden im nahen Dorf aufsuchen. Nun forderte der Geiger
die Anwesenden auf, den Tanz einzustellen, bis der Pastor
vorüber sei. Aber die Menge lachte den Musikanten aus und
nötigte ihn, einen neuen Tanz zu spielen.
Doch die wilde Ausgelassenheit sollte nicht mehr lange
dauern.
Denn plötzlich zog ein Gewitter auf, und ein furchtbarer
Donnerschlag krachte. Der Geiger warf seine Fidel fort und
rannte erschrocken ins Freie. Kaum aber war er fünfzig Schritt
weit gekommen, als ein Blitzstrahl niederzuckte und der
"Tannenkrug"
samt all seinen Gästen in die Erde versank. Zitternd erreichte
der gerettete Geiger sein Dorf.
Vom "Tannenkrug" aber hatte sich keine Spur mehr erhalten.

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Die Kaienmühle bei Rostock

An das Tor der Kaienmühle bei Rostock klopfte vor vielen


Jahren abends in der Dämmerstunde ein Wanderbursche, der
den Meister um Arbeit ansprach. Da der Müller gerade einen
Gehilfen brauchte, wurde der Geselle sogleich angenommen.
Nachdem der Bursche zu Abend gegessen hatte, wies ihm der
Meister seine Schlafkammer, wohin sich der Geselle auch bald
begab. Hier traf er den zweiten Müllerburschen, der ihm sofort
seine Freude kundgab, daß er jetzt nicht mehr auf der Mühle zu
sein brauche, "denn", fügte er hinzu, "auf der Mühle ist es nicht
geheuer."
Auf die Frage des Gesellen, was denn dort los sei, erzählte er,
daß er nachts bei seinem Umgang durch die Mühle wiederholt
eine weiße Gestalt gesehen habe.
Der neue Geselle nahm sich vor, gleich in der ersten Nacht der
Sache auf den Grund zu gehen. Er begab sich an die bezeichnete
Stelle, und richtig - die Gestalt war wieder da.
Der Müllergehilfe rief: "Alle guten Geister loben den Herrn! "
"Ich auch", erwiderte die Gestalt.
"Halt!" dachte der Müller, "vom Bösen ist sie nicht", und
fragte nun die Erscheinung weiter aus.
Da erfuhr er denn, daß sie einst ein reisender Müller gewesen,
der dicht bei der Mühle erschlagen und an der Hecke, die sich
um das Haus zog, eingescharrt worden sei. Die Gestalt forderte
den Gesellen auf, dafür zu sorgen, daß der Leichnam in
geweihter Erde seine Ruhe finde; zum Zeichen dafür, daß er das
tun wolle, möge der Geselle ihr die Hand geben. Dagegen
sträubte sich jedoch der Müller; da bat ihn der Geist, er möge
doch nur sein Kleid berühren. Dies tat der Geselle, und sofort
war das Gewand an der erfaßten Stelle pechschwarz. Nachdem
der Erschlagene dem Gehilfen noch mitgeteilt hatte, daß er das

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Geld für die Beerdigung in seiner Rocktasche trage, war er
verschwunden.
Am andern Morgen erzählte der Geselle seinem Meister den
Vorfall.
Sie gruben an der bezeichneten Stelle nach und fanden auch
bald den Leichnam, der deutliche Merkmale eines gewaltsamen
Todes an sich trug. In der Rocktasche steckte ein Louisdor, von
dem sich die Kosten des Begräbnisses auf dem Biestower
Friedhof leicht bestreiten ließen.
Seit dieser Zeit wurden die Müller auf der Kaienmühle von
keiner Erscheinung mehr belästigt.

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Die Unterirdischen im Lindenberg bei Penzlin

Nahe bei Penzlin lag ein Hünengrab. Einst kamen zwei Leute
aus Zahren, die von Penzlin heimkehrten, bei dem Grab vorbei.
Der eine von ihnen hatte sehr großen Durst und wußte sich nicht
zu helfen, weil auf dem Wege von Penzlin nach Zahren kein
Wirtshaus und auch keine Quellen anzutreffen waren. Als er
sich nun dem Lindenberg näherte, hörte er drinnen eine
prächtige Musik, als ob zum Erntebier aufgespielt würde, und
zwischen dem Gebüsch schien Licht zu blinken. Weil der Mann
wußte, daß in dem Berg Unterirdische wohnten und die Leute
der Oberwelt damals noch auf vertrautem Fuß mit den Kleinen
im Berg drunten lebten, so dachte er, hier könntest du wohl
etwas für den Durst bekommen.
Während nun sein Gefährte weiterwanderte, ging er um den
Berg herum, um den Eingang zu suchen. Als er aber sah, daß all
sein Bemühen vergeblich sei, rief er dem lustigen Völklein
drinnen laut zu: "Heft ji nich eens to drinken, mi döst't ok gor to
dull."
Kaum hatte er dies gesagt, als auch schon ein kleiner Mann
mit einem prächtigen Krug neben ihm stand und ihm freundlich
zu trinken bot.
"Da", sagte er, "drink, äwer kik jo nich in den Kroog!"
Der Mann aus Zahren ließ sich dies nicht zweimal sagen, und
es schmeckte ihm gar köstlich, denn in dem Krug war ein feiner
Trunk von köstlichem Geschmack. Während er aber so trank,
flüsterte ihm der Versucher zu: "Lauf mit dem Krug davon, es
gibt seinesgleichen nicht, und mit dem Kleinen da wirst du
schon fertig werden. "
Als sich der Mann nun umsah und nur den einen Zwerg
gewahrte, lief er, da er nichts Arges ahnte, mit dem Krug davon.
Aber der Unterirdische erhob sofort ein großes Geschrei, und
gleich wimmelte die ganze Schar der Kleiden aus dem Berge
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heraus und hinter dem Spitzb uben her. Aber so eilig auch die
Bestohlenen trippelten, ihre kurzen Beinchen vermochten doch
nicht, mit den langen und schnellen Läufen des Diebes Schritt
zu halten, geschweige denn, ihn einzuholen.
Es war indes einer unter den Zwergen, der hatte zwar nur ein
Bein, als er aber rief: "Een Been loop!", da griff er mit dem
einen Bein wacker aus, war bald seinen Genossen weit voraus
und setzte dem Räuber heftig nach. Er war ihm auch schon
ziemlich nahe; denn seine Gefährten feuerten ihn fortwährend
an und schrien: "Brooder Eenbeen, lop doch!"
Als sie aber dicht vor Zahren an den Kreuzweg kamen und der
Einbeinige den Flüchtling fast schon eingeholt hatte, sprang der
Verfolgte mit einem Satz über den Weg und war in Sicherheit,
denn darüber hinaus durfte ihm der Einbeinige aus der
Unterwelt nicht folgen. Als der Zwerg nun sah, daß sein Schatz
für immer dahin sei, rief er dem Entkommenen nach: "Du magst
den Krug nun behalten und immerfort daraus trinken, denn er
wird nie leer werden, aber hüte dich hineinzusehen!"
Der Mann, froh, seinen Raub geborgen zu haben, eilte nun
heim und bewahrte das wunderbare Gerät sorgfältig auf. Es war
so, wie "Bruder Einbein" gesagt hatte. Er konnte daraus trinken,
so oft er Durst hatte, und trank auch fleißig, ohne Schaden zu
leiden, vielmehr bekam ihm der Trunk außerordentlich gut. Als
es aber den Krug schon viele Jahre gebraucht hatte, plagte ihn
doch einmal die Neugierde, er blickte in das Gefäß und sah auf
dem Grunde - eine große, häßliche Kröte. Nun war aber auch
alles aus. Die Kröte war mit einemmal verschwunden, der Krug
war leer, der Mann aber siechte in kurzer Zeit elend dahin.
Die älteren Bewohner der umliegenden Dörfer halten die
Umgebung des Lindenberges noch immer für nicht recht
geheuer. So soll es vielen Leuten besonders zur Nachtzeit dort
nicht gut ergangen sein; sie verirrten sich, obwohl sie den Weg
genau kannten. Die Unterirdischen waren auf die Menschen
böse.
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Die Wundereiche bei Stäbelow

Zwischen dem Hof Fahrenholz und dem Dorf Stäbelow steht


eine alte, ehrwürdige Eiche. Der Stamm des Baums zeigt etwa
drei bis vier Meter über dem Erdboden eine Öffnung, die so
groß ist, daß sogar Erwachsene durchkriechen können.
Einst herrschte bei dieser "Krupeiche" täglich ein reges Leben.
Aus nah und fern eilten Kranke in Scharen herbei; arm und
reich, jung und alt, Leute, denen kein Arzt mehr helfen konnte,
machten hier einen letzten Heilungsversuch. Am meisten kamen
Gichtkranke.
Sobald die Sonne untergegangen war, stiegen die Kranken auf
einer Leiter zur Öffnung empor und krochen gläubigen Herzens
hindurch.
Sofort fühlten sie sich wie neugeboren, kletterten behend auf
der andern Seite des Baums herab und begaben sich freudig
nach Hause.
Eines Tages erschien auch die Frau eines Landvogts, die von
jahrelanger Krankheit heimgesucht war. Alle Mittel der
berühmtesten Ärzte hatten ihr nicht geholfen. Ihr Leiden schien
unheilbar. In ihrer Verzweiflung ließ sie sich gläubigen Sinnes
zu der Wundereiche fahren, kletterte mit Aufbietung ihrer
letzten Kräfte die Leiter empor, quälte sich durch die Öffnung
hindurch und kam wie so viele vor ihr zum großen Erstaunen
der Zuschauer gesund auf der andern Seite des Baums herunter.
Mit heißem Dank gegen Gott sprang sie wieder in ihren Wagen,
fuhr freudig nach Hause und fiel jubelnd in die Arme ihres
hocherfreuten Gatten.
Noch vielen Kranken wurde solch wunderbare Heilung zuteil.
Aber eines Tages half das Durchkriechen durch den Baum nicht
mehr. Das kam so : Ein Handwerker hatte den Auftrag, eine
bequeme Treppe zur Öffnung im Baum anzubringen. Dabei
führte er allerlei gotteslästerliche Worte im Mund, ja, er fluchte
-350-
und entweihte die Eiche in unflätiger Weise. Seither ist die
Wunderkraft des Baums gebrochen. Keine hoffnungsvollen
Kranken umlagern den Baum, niemand kriecht mehr durch seine
Öffnung.
Doch manchmal soll man jetzt den Bösen um den Stamm
herumtänzeln sehen; höhnisch grinst er die Vorübergehenden
an.

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Die rote Ilse von Parchim

Vor langen Zeiten wohnte auf dem Brook in Parchim ein


boshaftes Weib, das man allgemein "dei ror Ils" oder "dei
Wäderhex" nannte.
Ihren wahren Namen kannte niemand. Rote Ilse aber hieß sie
deshalb, weil man sie stets mit einem auffallend roten Tuch
umhergehen sah. Sie war in Parchim eingewandert, hatte sich
ein Häuschen gekauft und sann nur darauf, mit ihrer Hexenkunst
Unheil zu stiften. Wiewohl die verbrecherische Natur des
Weibes allgemein bekannt war, wagte doch niemand, die rote
Ilse bei Gericht anzuzeigen; man fürchtete ihre Rache.
Doch die Stunde der Vergeltung sollte bald schlagen. In dem
Dorf Slate bei Parchim lebte nämlich damals ein Schäfer, der
ebenfalls manches von der schwarzen Kunst verstand, ohne aber
ein Hexenmeister zu sein; denn er gebrauchte sein Wissen nur
zu guten Zwecken. Alle, die von der roten Ilse bedrängt wurden,
wandten sich hilfesuchend an den Schäfer. Dieser ließ sich von
dem Treiben der Hexe erzählen und erfuhr, daß sie abends als
dreibeiniger Hase bei der Hintertür ihres Hauses hinauslaufe,
dann die Elbe durchschwimme und endlich nach der Dagekuhl,
einem kleinen Gehölz, eile. Als der Hirt dies hörte, sagte er:
"Sobald ihr abends den dreibeinigen Hasen bemerkt, ruft mich! "
Nach wenigen Tagen schon war das sonderbare Tier auf dem
wohlbekannten Weg zu sehen. Sofort wurde der Schäfer
benachrichtigt. Er ergriff auf der Stelle seine Flinte, die er
vorher mit einer aus Brot gekneteten und durch einen
Zauberspruch geweihten Kugel geladen hatte. Dann rannte er
spornstreichs zur Dagekuhl und traf dort richtig mit der
verwandelten Hexe zusammen. Diese suchte sofort zu entfliehen
und hopste, so schnell es ihre Dreibeinigkeit erlaubte, davon.
Doch sie konnte dem Jäger nicht entrinnen. Denn als der Schäfer
sein Gewehr auf den Hasen abgefeuert hatte, lag plötzlich die

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Hexe blutend unter einem Baum. Mit ihren blutunterlaufenen
Augen und dem zahnlosen Mund grinste sie den Schäfer auf
abscheuliche Weise an. Dieser aber band ihr die Hände und
führte sie in die Stadt. Das Gericht sprach das Urteil: Ins Feuer
mit ihr!
Als die Hexe aber zum Scheiterhaufen geführt wurde,
versuchten ihre Hexenschwestern, sie noch zu retten. Schon war
der Holzstoß auf allen Seiten angezündet, da fiel plötzlich ein so
starker Regenguß, daß das Feuer schnell erlosch. Doch der
Schäfer wußte auch hier Rat. Er gebot, eine Bibel
herbeizuschaffen. Sobald diese dem Weib unter die Füße gelegt
war, loderte das Feuer wieder gewaltig empor und hatte bald den
Holzstoß samt der Hexe verzehrt.
Die Bibel aber wurde nachher wieder unversehrt aus der
Asche hervorgezogen.

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Teufelsbesuch in Großen- Methlind

Auf dem Hofe Großen-Methlind wohnte vor vielen Jahren ein


alter, geiziger Pächter, der in Zeiten, wenn die Feldfrucht rar
war, sein Korn nicht auf den Markt brachte, sondern wucherisch
auf dem Schüttboden versperrte. Viel Gold und Silber hatte der
Geizhals in Kisten und Schränken aufgehäuft; hart war sein
Herz gegen Untergebene und Arme, und viele Stunden des
Tages verbrachte er mit Kartenspiel.
Einstmals an einem Pfingstmorgen, während die Leute zum
Gotteshaus eilten, wanderte er aufs Feld hinaus, um die Saat zu
besehen und den erhofften Gewinn zu berechnen.
Während der Geist des Alten in Zahlen schwelgte, kam ihm
auf der Landstraße ein Gefährt mit schwarzen, hochbäumenden
Rossen entgegen. Neben dem Alten hielt es an, und ein
finsterblickender, hochgewachsener Mann entstieg dem Wagen.
Ein roter Mantel hing ihm weit über die Füße herab, und
dreieckig war sein Hut.
"Habt ihr Korn zum Verkauf?" fragte der Fremde den Pächter;
"ich gebe Euch doppelte Preise."
"Wenn's so ist", erwiderte der Alte, "läßt sich darüber reden.
Kommt mit und eßt bei mir!"
Beide gingen zusammen fort. Als sie auf den Hof kamen,
flogen die Hühner und Enten mit Geschrei davon, als ob ein
Raubvogel niederstoße, und der Hofhund knurrte und heulte
abwechselnd. Doch die Männer betraten die Stube.
"Ein solcher Gast muß herrlich bewirtet werden", dachte der
Landmann und ließ große Schüsseln mit Fleisch und kräftiges
Bier auftragen.
Der Fremde aber setzte sich zum Mahle, neckte die
aufwartende Magd ungebührlich und riß ihr die Schürze ab.
Dabei fiel aus seiner Hand ein Messer nieder. Das Mädchen

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bückte sich, um es aufzunehmen; da erblickte sie an den Beinen
des Fremden einen Pferdeund einen Hühnerfuß! Erschrocken
eilte sie zur Hausfrau hinaus; diese meldete es dem Manne. In
aller Eile wurde der Geistliche des Dorfes geholt. Dieser kam,
die Bibel unter dem Arme.
Doch höhnisch rief ihm der Fremde entgegen: "Was willst du
von mir? Dich kenne ich. Du stahlst als Knabe deinem
Mitschüler ein Messer."
Der Geistliche wich beschämt und verwirrt zurück, der
Fremdling aber ließ sich unter vielen Gotteslästerungen das
Mahl weiter gut schmecken.
Inzwischen ließ man im Wagen auch den Geistlichen aus dem
nahen Brudersdorf holen. Dieser betrat mit der Bibel in der
Hand die Stube.
"O weh, o weh!" begann der Fremde zu jammern und starrte
bedrückt in eine Ecke der Stube, "erbarme dich meiner!"
"Du kommst mir nicht anders aus dieser Stube hinaus", sprach
der Geistliche, "als durch diese Tür und bei dieser Bibel vorbei. "
Plötzlich erhob sich draußen im Hof ein Tosen, als ob ein
Sturm sich erhebe. Ein blauer Nebel sammelte sich über dem
Hause. Den Leuten wurde bange, und sie baten die Geistlichen
um ihre Hilfe.
"Nun", rief einer der beiden, "so öffnet das Fenster! Fahre aus,
du böser Geist!"
Da fuhr's mit gewaltigem Krachen hinaus wie ein Sturmwind;
das Fenstergebälk war ausgerissen, der Nebel verschwunden,
und auf dem Scheunengiebel, dem Haus gegenüber, saß der
Böse und stieß ein gellendes Lachen aus. Dann war er
verschwunden.
Der einstens so geizige Pächter aber wurde von dieser Zeit an
ein frommer Mann.

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Sagen aus Niedersachsen

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Camper Stör

Eier in Senfsoße nennt man in Jever "Camper Stör".


Als die Stadt Campe einst einen neuen Bürgermeister
bekommen sollte, wollten die Bürger der Stadt seine Einsetzung
mit einem Festmahle feiern. Hierzu gehörte aber auch Fisch, und
sie veranstalteten einen Fischzug, bei welchem sie denn auch
einen großen Stör fingen. Doch ein Fisch ist nur gut, wenn er
frisch ist.
Darum setzten sie den Stör, bis sie ihn brauchten, wieder in
das Wasser, worin sie ihn gefangen hatten. Damit sie ihn dann
wiederfinden könnten, banden sie ihm eine Glocke um.
Als der Tag da war, an dem der neue Bürgermeister eingesetzt
werden sollte, rüsteten sie das Mahl. Für den Fisch bereiteten sie
eine schmackhafte Senfsoße zu und gingen dann zum Wasser,
um den Stör zu fangen. Aber sie konnten die Glocke nirgends
finden, und der Stör blieb ungefangen und ungegessen. Damit
nun die schöne Tunke nicht umkommen sollte, taten die Camper
harte Eier hinein.
Seitdem nennt man dies Gericht dort, wo man die Geschichte
kennt, "Camper Stör"

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Das Bullenmeer im Saterland

Im Saterland war einmal der Teufel in einen Mann gefahren.


Der Besessene machte so viel Lärm, daß es seine Leute nicht
mehr mit ihm aushalten konnten. Deshalb ließen sie den Pastor
holen, der damals in Ramsloh seinen Sitz hatte. Anfangs gab es
große Mühe, dem Teufel an den Leib zu rücken, aber schließlich
meisterte ihn der Pastor doch.
Damals stand gerade ein Bulle im Haus. Als der Teufel nun
herausgetrieben war und den Pastor fragte, wohin er sich nun
begeben solle, flog es diesem unversehe ns aus dem Mund :
"Meinetwegen kannst du in den Bullen fahren. "
Kaum hatte der Pastor dies gesagt, saß der Teufel auch schon
in dem Stier. Dieser riß Joch und Kette gleich in Stücke und trat
die verschlossene Stalltür kurz und klein. Dann rannte der Bulle
geradeaus ins Moor und gelangte an einen großen See.
Blindlings rannte er in das Wasser und ertrank.
Seit dieser Zeit heißt das Meer, das oberhalb von Hollen liegt,
das Bullenmeer. Der Teufel aber soll in Gestalt eines Bullen
noch immer dort spuken.

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Das Riesenfräulein von der Lauenburg bei Heyen

Südlich vom Dorf Heyen in Braunschweig zeigen Gräber und


Schutthaufen im Walde die Stelle an, wo vor alters die
Lauenburg stand. Auf dieser Feste wohnten einst Riesen.
Eines Tages ging das Riesenfräulein spazieren und kam auch
ins Wesertal hinunter. Da trat es mit einem Schritt über den
Strom und war nun im Kemnader Felde. Dort sah es einen
Bauern, der seinen Acker pflügte. Das niedliche Ding gefiel dem
Mädchen. Es bückte sich und tat den Mann samt Pflug und
Pferden in seine Schürze.
Voller Freuden eilte es dann nach der Burg zurück. Hier
öffnete das Mädchen die Schürze und stellte seinen Fund auf
den Tisch. Hierauf holte es eilig Vater und Mutter herbei und
rief: "Seht, was ich mitgebracht habe! Dort unten im Tal mußte
ich über ein Wässerlein treten, und da fand ich dieses niedliche
Spielzeug. "
Der Vater aber tadelte mit ernster Miene: "Das ist kein
Spielzeug für dich. Trag alles schnell wieder zurück auf das
Feld!
Wenn nicht das Volk der Zwerge arbeitet im Tal, So darben
auf dem Berge wir Riesen bei dem Mahl. "
Das Riesenfräulein machte zwar eine betrübte Miene, aber es
brachte alles wieder an seinen früheren Ort.

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Das Steenhuus bei Bunde

In der Nähe des Marktfleckens Bunde in Ostfriesland steht


noch heutigentags ein alt es Haus, das jedes Kind unter dem
Namen "Steenhuus" kennt. Dort wohnte vor vielen Jahren ein
Fräulein, das schön von Angesicht war, aber ein eiskaltes Herz
hatte.
Ein junger Ritter warb um sie, aber umsonst, und als all seine
Bitten vergeblich blieben, nahm er das Kreuz und zog ins
Gelobte Land, um dort Ruhe von seiner Liebe zu finden.
Nun lebte damals eine alte Frau in Bunde, die wußte um den
Schmerz des Junkers, fühlte Mitleid mit ihm und beschloß, ihm
zu helfen. Sie braute einen Liebestrank, den sie dem Fräulein
heimlich zu trinken gab, und schrieb an einen Balken des
Steenhuuses sieben Zauberzeichen.
Das geheimnisvolle Mittel wirkte, und bald verzehrte sich das
Fräulein in Liebe nach dem Ritter, spähte alle Tage nach dem
Süden, ob er noch nicht käme, und als sie hörte, er habe im
fernen Land den Tod gefunden, ertrug sie den Schmerz nicht
und folgte ihm bald in den Tod. Aber die Arme fand im Grab
keine Ruhe; allnächtlich wanderte sie durch das Steinhaus, viele
Leute haben sie gesehen.
Einmal aber kam doch die Zeit, wo sie von ihrer ruhelosen
Wanderung erlöst wurde. Der neue Besitzer des Steinhauses
wollte seinen Torf einlagern, kam dabei auf den Dachboden und
erblickte das Zauberzeichen im Balken. Er dachte an seinen
kleinen Sohn und sagte: "Daar hett de dumme Junge sien
Kreienpooten ook an de Balke margelt. Gien Schwien kann se
lesen, und doch is de Bengel all'n half ja bi't Schriefen", und
löschte die Zeichen aus.
Seit dieser Zeit hat das Fräulein Ruhe im Grabe, niemand hat
sie je wieder gesehen.

-360-
Das Unwetter

Zu Harmsdorf -- das liegt bei Oldenburg -- hatten sie mal vor


Jahren einen trockenen Sommer, daß die Bauern sich nichts so
sehr wünschten als ein bißchen Regen. Denn auf den Feldern
verdorrte das Korn und vertrockneten die Kartoffeln, und das
Vieh hatte nichts mehr zu fressen.
Nun kamen die Bauern eines Abends im Krug zusammen und
besprachen sich, was wohl zu machen wäre, damit sie ein
Unwetter bekämen. Der eine meinte dies und der andere das.
In der Stube saß ein Fremder -- ein richtiger Spaßvogel --, der
beabsichtigte, über Nacht zu bleiben, und hörte, was die Bauern
miteinander redeten. Da sagte er zu ihnen: "Ja, wenn't wider nis
is as dat, dar kann ick raden." Sie sollten einen nach Oldenburg
zum Apotheker schicken, der hätte Unwetter zu verkaufen. "Dat
is awer ari dür", setzte er hinzu. "Ünner hunnert Mark is dat wul
ne to hebbn. "
Die Bauern aber waren über diesen Rat sehr froh und
sprachen: "Oh, dat wulln we dar je gern anwen'n. "
Sie legten zusammen, und am anderen Morgen schickten sie
einen Knecht los. Als der Knecht zum Apotheker kam, fragte
ihn der, was er haben wollte.
"Ja", sagte der Knecht, "de Harmsdörper Bur'n hebbt mi
herschickt, ick schull vör hunnert Mark Unwedder hal'n. "
"Na", meinte der Apotheker, "aus Harmsdorf bist du? Aus dem
warmen Lande, wo der Schleifstein unterm Giebel gedreht wird
und wo der Hund mit dem Schwanz bellt? Ja, da weiß ich schon
Bescheid, dann komm mal in einer halben Stunde wieder."
Der Apotheker ging indessen in seinen Garten, fing einen
großen, dicken Brummer und setzte ihn in eine kleine Schachtel.
Als der Knecht wiederkam, gab der Apotheker ihm die
Schachtel und sagte:

-361-
"Öffne aber die Schachtel nicht eher, als bis du in Harmsdorf
ankommst. Sonst wird das Unwetter schon vorher
herausfliegen. "
Der Knecht bezahlte die hundert Mark und machte sich mit
seinem Unwetter auf den Heimweg. Unterwegs blieb er stehen
und holte die Schachtel aus der Tasche. Er hielt sie ans Ohr und
hörte es drinnen schnurren und brummen.
I, dachte er, wo schull so'n Unwedder wul utsehn? Muß doch
einmal tokiken. Er öffnete die Schachtel ein klein wenig, und
brr! schnurrte der Brummer heraus. Erst brummte er dem
Knecht ein paarmal um den Kopf herum, und dann war er weg.
Der Knecht lief hinterdrein und rief und winkte. "Na
Harrnsdörp to!
Na Enhus nich! Man ümmer na Harmsdörp to!"
Als der Knecht zu Haus ankam, fragten ihn die Bauern
sogleich, ob er das Unwetter bekommen hätte.
Ja", sagte er, "kregen heff ick wat. Awer dat's mi ünnerwegens
weg flagen. Ers wull't na Enhus to. Aber ick röp immerlos
achteran. Un do kreg dat toletz den Dreih hier na Harmsdörp to."
Der Knecht war noch gar nicht lange zu Hause, da zog es
schwarz herauf, blitzte und wetterte und begann ganz gefährlich
zu regnen.
Und es regnete und regnete einen Tag nach dem andern und
wollte gar nicht mehr aufhören.
Da meinten die Harmsdorfer, so viel Unwetter hätten sie für
ihre hundert Mark nicht nötig gehabt. Und wenn noch mal eine
solche Trockenheit über sie käme, dann wollten sie nicht mehr
als fünfzig Mark anwenden.

-362-
Das liebe Brot

Bei Galhus im Gute Schackenburg ist eine tiefe Wiese. Ein


Mädchen holte aus der Stadt Mögeltondern für seine Mutter
Brot. Es hatte kurz zuvor sehr geregnet, und das Mädchen war
geputzt und hatte neue Schuhe an; denn es war Sonntag. Als es
nun an eine Pfütze kam, legte es die Brote hinein und trat
darauf, um trocknen Fußes hinüberzukommen. Aber die Brote
wichen unter den Füßen des Mädchens, und es versank vor den
Augen der Leute, die herbeiliefen, um es zu retten. Das war
allen, die das sahen, eine Warnung, niemals das liebe Brot zu
verachten.

-363-
Das taube Tal bei Winkel an der Aller

Nahe den grünen Wiesen der Aller liegt unweit des Dorfes
Winkel zwischen Gifhorn und Brenneckenbrück ein Tal, das ist
öd und unbewohnt. Rundumher hält die Heide den Sand fest,
und das Moos bändigt ihn; in dem "tauben Tal" aber liegt der
Sand lose da oder fliegt, wie der Wind es will. Mehr als einmal
hat der Förster Föhre und Birken dort gepflanzt, um den Sand an
Ort und Stelle zu bannen, es ist aber nichts von den jungen
Setzlingen übriggeblieben. Sie wuchsen ein Weilchen
kümmerlich fort und gingen dann ein. Denn das Tal ist verflucht
für immerdar, weil unschuldig Blut dort geflossen sein soll.
Kein Bauer geht zur Nachtzeit gern daran vorbei.
Gesichter von Verstorbenen umschweben den Mensche n, der
dies Tal betritt, und unheimliche Schatten folgen ihm.
Ein Knecht, der an Gott und den Teufel nicht glaubte und ein
heimlicher Wilderer war, paßte in einer hellen Nacht dort auf
einen weißen Rehbock, der sich in dem Tal aufhielt. Das Tier
stand dicht vor ihm, und der Mann schoß zweimal auf das Blatt,
ohne daß das Tier umfiel. Als er von neuem geladen hatte und
anlegte, sahen ihn zwei Menschenaugen so böse an, daß er keine
Kraft mehr in den Armen fühlte, sein Gewehr fallen ließ und
Hals über Kopf davo nlief.
Wie er am andern Mittag seine Waffe wieder holen wollte,
war der Lauf durchgebrochen.
Wenn es lange gestürmt und geregnet hat, gibt der Sand im
Umkreis der vielen hundert kleinen Hügel, die in dem Tale
liegen und wie verwahrloste Grabstätten aussehe n, schwarze
Scherben; von Aschenurnen und zerbröckelte Backsteine frei,
auch hat man gelegentlich eine vom Rost zerfressene
Speerspitze und einen silbernen Armring gefunden. Ein
Gelehrter, der sich auf solche Dinge verstand, ließ einige der
Hügel abgraben, fand aber lange nichts von Bedeutung, bis er

-364-
schließlich auf einen Kranz von Steinen stieß. Voll Eifer grub er
drauf los, achtete nicht auf die Zeit und arbeitete bis in die Nacht
hinein. Da hörte er plötzlich hinter sich jämmerlich husten, und
als er sich umsah, stand ein uralter, in Lumpen und Fetzen
gehüllter Mann hinter ihm, der ihn um eine kleine Gabe bat. Der
Forscher warf ihm: ein Stück Geld in den Hut.
Aber als sich der Alte mit einem Händedruck verabschieden
wollte, kam dem Gelehrten der Bettler so schmierig vor, daß er
ihm die Grabscheitkrücke und nicht die Hand reichte. Das war
sein Glück; denn der Bettler war nicht von dieser Welt, und
seine Teufelsfinger brannten tief in den Spatenstiel hinein.
Einmal gerieten zwei junge Leute, die nachts durch die Heide
gingen und vom Wege abkamen, in das taube Tal, gerade als die
zwölfte Stunde schlug. Es war Mondschein, und bald erkannten
sie mit Schrecken, daß sie an dem Ort waren, vor dem man sie
in Brenneckenbrück gewarnt hatte. Als die jungen Leute so
dastanden und nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten, kam
ein Mann gelaufen, der mit den Händen Raben abwehrte, die
nach seinem Kopf hackten; er rannte quer über die Blöße nach
dem kleinen See hin, der hinter den Föhren liegt, und stürzte
sich mit einem lauten Schrei dort hinein. Zu gleicher Zeit
erklang ein Hohngelächter in der Luft, ein glühendes Rad flog
über die beiden hin, kreiste über dem Wasser und zersprang in
lauter blaue Flammen, die um die jungen Leute einen Tanz
aufführten. Diese konnten sich nicht von der Stelle rühren, so
viele Mühe sie sich auch gaben. Erst als die erste
Mitternachtsstunde vorüber war, bekamen sie wieder Gewalt
über ihre Glieder und langten mehr tot als lebendig in Gifhorn
an.
In dem tauben Tal stand einst ein Bauernhof. Als im
Dreißigjährigen Krieg die Schwedischen in der Gegend raubten
und brannten, fanden sie zu dem Hof, der gut versteckt lag, nicht
hin, bis ihnen seine Lage von einem Knecht verraten wurde, der
dort im Dienst, stand und dessen Werbung von der Haustochter

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abgewiesen worden war. Die Soldaten brachten alles um, was
auf dem Hofe lebte, raubten das Anwesen aus und steckten es
schließlich in Brand. Als der Knecht aber seinen Lohn haben
wollte, lachten ihn die Soldaten aus und gaben ihm einen alten
Strick. Da sein häßlicher Verrat sich in der, Gegend
herumgesprochen hatte, wollte ihn kein Mensch mehr in den
Dienst nehmen und so ging er unter die Soldaten.
Nach vielen Jahren kam der Mann als Krüppel wieder, bettelte
eine Zeitlang in Gifhorn herum, bis sich herausstellte, wer er
war, und der Büttel ihn aus dem Tore wies. Da humpelte er nach
dem abgebrannten Hofe und ertrank in dem See, der dicht
daneben liegt.
Seitdem liegt der Ort verödet. Der Wind hat den losen Sand
über die Stätte des Grauens geweht und ihn so aufgetürmt, daß
man lauter Grabhügel zu sehen vermeint. Rundherum wuchert
die Heide, grünen die Wiesen, stehen die Föhren im dichten
Moos. Die Stelle aber, wo einst der Hof lag, ist unfruchtbar. Die
Hitze des Feuers, hat alle Keime weit umher versengt.

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Der Bauer, der die Grenzsteine versetzt hat

In Lichtenberg starb ein Bauer, der die Wannesteine


weitergerückt und auf diese Weise sein eigencs Land vergrößert
hatte. Dafür -- so erzählte man sich -- mußte er nun zur Strafe
des Nachts mit den Grenzsteinen im Arm auf dem Feld
umherwandern. Leute, die da noch spät vorbeikamen, sollen ihn
stöhnen und rufen gehört haben "Wo sett eck düssene hen? "
Einer, der das auch mal vernahm, faßte sich ein Herz und rief
ihm zu: "Du ole Karnallje, sett ne dahen, wo je herehalt hast!"
Seit der Zeit ist der Spuk verschwunden.

-367-
Der Brautstein bei Lüchow

In der Nähe von Lüchow liegt die Kolborner Heide. Dort steht
ein großer Stein, rotgesprenkelt und vier Fuß hoch. Vor vielen,
vielen Jahren saß auf diesem Stein ein Ritter mit seiner Braut.
Beide nahmen Abschied voneinander; denn der Ritter mußte in
den Krieg ziehen. Schmerzlich bewegt bat er die Jungfrau, ihm
treu zu bleiben, bis er wiederkomme.
Sie gelobte ihm auch Treue mit einem feierlichen Eid. "Wenn
ich dir untreu würde", so schwur sie, "soll dieser Stein mein
Grabstein werden. "
Auf diesen Schwur hin zog der Ritter voll Zuversicht ins
Feindesland. Doch die Jungfrau vergaß bald ihren Schwur samt
ihrem Bräutigam und schenkte einem andern Mann ihre Gunst.
Eines Tages ging sie mit diesem durch die Heide. Ermüdet
setzten sie sich auf den Stein, auf dem sie einst dem Ritter
immerwährende Treue gelobt hatte. Plötzlich wankte der Stein,
die Treulose stürzte herab und wurde unter dem Stein begraben.
Ihr Begleiter aber eilte erschrocken davon.
Als der Krieg zu Ende war, kehrte der Ritter wieder heim. In
treuer Liebe zu seiner Braut suchte er bald den Stein auf, wo
ihm seine Liebste Treue geschworen hatte.
Doch der Fels wies Blutflecken auf. In banger Ahnung schlug
der Ritter mit seinem Schwert auf den Stein. Da sprang ein
Blutstrahl heraus, der weithin die Blumen rot färbte. Zugleich
drang ein jämmerlicher Schrei aus der Tiefe. Der Ritter erkannte
die Stimme seiner Braut und wußte nunmehr, daß sie ihm die
Treue gebrochen und ihr Schwur sich furchtbar erfüllt habe.
Bestürzt schwang er sich auf sein Pferd und ritt eiligst hinweg.
Niemals kehrte er mehr in die Heide zurück.
Im Volk aber heißt der Stein heute noch der "Brautstein".

-368-
Der Geist von Ramsloh

Vor gar langer Zeit kam zu Ramsloh im Saterlande ein Mann


nach seinem Tode wieder. Er machte den Leuten in dem Hause,
wo er gewohnt hatte, so viel zu schaffen, daß sie nicht mehr ein
noch aus wußten und den Pastor holen ließen. Dieser befahl dem
Geist, er solle sofort zu ihm kommen. Das tat der Mann auch.
Da fragte ihn der Pastor: "Warum bist du wiedergekommen? "
"Des Stehlens wegen", war die Antwort.
"Diebe haben hier nichts verloren, sie sollen in der Hölle
bleiben. "
"Was willst du denn?" fragte darauf der Geist, "du hast mir
nichts zu befehlen, du hast ja selbst eine Ähre gestohlen. "
"Das ist nicht wahr! Vielleicht ist sie an meinen Kleidern
hängen geblieben, ohne daß ich es gewußt habe, und unwissend
sündigt man nicht."
"Deiner Mutter hast du einen halben Stüwer (kleine Münze)
gestohlen, das weißt du doch noch? "
"Das ist wahr, aber dafür habe ich mir ein Büchlein gekauft,
um zu lernen, wie ich dich vertreiben kann. "
Da wußte der Geist nichts mehr zu sagen und mußte sich
gefangen geben. Der Pastor nahm eine kleine Dose aus der
Tasche und sprach zu dem Geiste: "Marsch hinein."
Als er den Geist in der Dose hatte, ließ er einen Wagen mit
vier Pferden bestellen. Da fragte jemand den Pastor: "Was soll
das bedeuten? Vier Pferde? Wohin wollt Ihr denn damit?"
"Diese Dose soll nach dem Bullenmeer, dort kann sie dem
Teufel Gesellschaft leisten. "
"Dann ist's ja auch wohl nicht nötig, ein großes Gespann zu
holen, dies Zeug kann ich ja selbst hintragen. "

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"Gewiß", meinte der Pastor, "aber Ihr solltet erst einmal diesen
Spuk kennen! Es wird uns noch mit den vier Pferden schwer
genug werden, bis ans Meer zu kommen !"
Unterdessen war der Wagen bereit. Die Dose mit dem Geist
kam obenhinauf zu liegen, und nun ging's zum Bullenmeer. Je
näher sie kamen, desto schwerer mußten die Pferde ziehen, aber
mit vieler Mühe langten sie doch am Bullenmeer an. Nun ließ
der Pastor den Geist aus der Dose.
Der Geist fragte: "Was soll ich hier tun? "
"Heide zählen sollst du!"
"Wenn ich das getan habe, was dann? "
"Dann sollst du immer wieder von vorne anfangen bis an den
Jüngsten Tag. "
Seit dieser Zeit läuft der Geist noch immer dort am
Meeresstrand umher und zählt Heide, aber nicht jeder kann ihn
sehen.

-370-
Der Gevatterbrief vom Schalksberg bei Gilde

Im Schloß auf dem Schalksberg bei Gilde an der Aller war


einmal eine Dienstmagd mit Reinemachen beschäftigt, da fand
sie, als sie den Kehricht auf den Schutthaufen werfen wollte, in
ihrer Schaufel ein kleines Brieflein. Sie stellte den Besen an die
Wand und begann zu lesen. In dem Briefe stand geschrieben, sie
möge doch morgen bei einem Zwergenkind im Schalksberg
Gevatter stehen; es werde ihr Schade nicht sein.
Das Mädchen wollte es nicht gerne tun, aber die Herrschaft
meinte, sie dürfe den Zwergen ihre Bitte nicht abschlagen, sonst
werde sie es vielleicht schlimm entgelten müssen. So ging sie
also des Nachts auf den Berg, denn für diese Zeit war sie bestellt
worden. Um Mitternacht tat sich der Berg auf, und so
beklommen das Mädchen vorher gewesen war, so vergnügt
wurde es nun; denn da unten war es prächtig; alles war eitel
Gold, und jedermann war freundlich zu ihr.
Als die Zwerge dem Kind einen Namen gegeben hatten, legten
sie es in eine goldene Wiege, und die Spielleute mußten so lange
blasen, bis es wieder eingeschlafen war; dann gab es einen
köstlichen Taufschmaus, und schließlich wurde auf einer großen
Wiese gesungen und getanzt. Als die Tänzer müde waren, wollte
das Mädchen wieder nach Hause gehen, aber die Zwerge baten
so lange, bis es noch drei Tage zugab; und alle drei Tage waren
lauter Lust und Freude.
Als sich die Magd endlich auf den Heimweg machte,
schenkten ihr die kleinen Männlein noch viele schöne Sachen
und erklärten, die goldene Wiege werde ihr auf ewige Zeiten
aufbewahrt bleiben; dann öffneten die Zwerge den Berg und
ließen sie hinaus.
Die Magd eilte nach Hause, nahm den Besen von der Wand
und wollte wieder die Diele fegen. Aber da war das Haus
während der drei Tage ganz anders geworden; die Kühe hatten

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andere Stimmen und andere Farben, ihr guter Schimmel war
fort; und als sie Menschen begegnete, kannte sie niemanden,
und alle staunten sie an.
Nur ein alter Schäfer in Gilde, der selber nicht wußte, wie alt
er war, der kam, als er von dem Mädchen hörte, von der Gilde
herüber und meinte, sein Großvater habe ihm einmal erzählt, zur
Zeit, als dessen Vater klein gewesen sei, da sei ein Mädchen zu
den Zwergen gegangen und nicht wieder gekommen; es müßten
etwa dreihundert Jahre her sein. Im selben Augenblick war aus
dem Mädchen ein steinaltes Mütterchen geworden, das
schwankend zu Boden sank und nach kurzer Zeit verschied.
Das Schloß Schalksberg ist jetzt ganz verfallen, alle Zwerge
sind fortgezogen; aber die Wiege haben die Kobolde, mit Gold
angefüllt, zurückgelassen. Schon viele Leute haben nach diesem
wertvollen Schatz gesucht, aber keiner hat ihn gefunden.
Einst jedoch, weiß das Volk zu berichten, wird ein
Schweinehirt, der letzte Verwandte der Magd, mit seiner Herde
des Weges kommen, eine Sau wird die Wiege aus der Erde
wühlen, und der Hirt wird für einen Teil des Goldes in
Ettenbüttel eine Kirche bauen lassen mit einem Turm, gerade so
hoch, wie der vom Schloß Schalksberg früher gewesen ist. Die
goldene Wiege wird der Hirt seinem König schenken, und mit
dem übrigen Geld wird er sorgenlos leben bis an seinen Tod.

-372-
Der Huckup von Hildesheim

An mehreren Orten in der Umgebung von Hildesheim kennt


man den "Huckup". Er ist ein koboldartiges Wesen, das sich mit
Vorliebe im Wald aufhält und dort namentlich Leuten, die Holz
stehlen, plötzlich auf den Rücken springt und sich bis zum Ende
des Waldes tragen läßt. Auch andere Diebe bestraft der Huckup
auf diese Weise. In Hildesheim steht ein Denkmal, auf dem der
Huckup dargestellt ist.
Drunter steht folgende Inschrift, die Apfeldiebe warnt :
Junge, lat dei Appels stahn!
Süs packe! deck dei Huckup an, Dei Huckup is en starker
Wicht, Hölt mit de Stehldeifs bös, Gericht !
Ein Mann suchte im Ziegenberg bei Hildesheim
Schwarzbeeren und legte sich gegen Mittag, als alle andern
Beerensucher schon wieder nach Söhre hinuntergegangen
waren, unter einen großen Baum, um ein wenig zu schlafen. Als
er eben die Augen zutun wollte, rie f es hinter ihm: "Hoho!
Hoho!" Erschrocken sprang der Mann auf, blickte sich nach
allen Seiten um, bemerkte aber außer den summenden Bienen
und Käfern ringsumher kein lebendiges Wesen.
Nur auf der Spitze des Baumes saß ein Rabe, der fast so groß
wie eine Gans war und mit grimmigen Augen auf den Mann
starrte, so daß diesem ganz ängstlich zumute wurde.
"Ei, du Teufelsvieh!" schimpfte der Beerensucher, "du sollst
mich nicht länger im Schlaf stören!",hob einen Stein auf und
warf ihn nach dem häßlichen Vogel. Da flog der Rabe mit
lautem Gekrächz davon, und der Mann legte sich wieder zum
Schlafen nieder. Kaum aber fielen ihm die Augen zu, da rief es
wieder hinter ihm: "Hoho !
Hoho!"

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Der Schläfer sprang auf und griff wieder nach einem Stein,
aber nirgends war ein Rabe zu sehen. Die heißen Sonnenstrahlen
schienen so matt durch das Laub, in dem sich kein Lüftchen
regte, und der Ort wurde dem Mann immer unheimlicher. Da
dachte er: "Hier ist nicht gut sein", sprach ein Gebet und machte
sich auf den Weg nach Söhre.
Kaum hatte er ein paar Schritte getan, als ihm etwas mit dem
Geschrei : "Hoho! Hoho!" auf den Nacken sprang. Der Mann
schüttelte sich, um die Last los zu werden, aber sein Bemühen
war vergebens. Wie ein Mehlsack drückte ihn das Gewicht auf
den Schultern, der Angstschweiß brach dem Armen aus den
Poren, und keuchend schleppte er sich mit seiner schweren
Bürde mühsam den Waldweg entlang. Endlich war der
Waldrand erreicht, das goldene Kreuz auf dem Kirchturmknauf
blinkte dem Geplagten entgegen, und plumps! da fiel ihm etwas
von den Schultern. Es war der Huckup gewesen, der mit dem
Mann seinen Scherz getrieben hatte.

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Der Rattenfänger zu Hameln

Im Jahre 1284 ließ sich zu Hameln ein sonderbarer Mann


sehen. Er trug einen Rock von vielfarbigem, buntem Tuch,
weswegen er Bundting geheißen haben soll, und gab sich für
einen Rattenfänger aus. Er versprach für einen bestimmten Lohn
die Stadt von allen Ratten und Mäusen zu befreien. Die Bürger
wurden mit ihm einig und sicherten ihm den verlangten Betrag
zu. Der Rattenfänger zog demnach ein Pfeifchen aus der Tasche
und begann eine eigenartige Weise zu pfeifen. Da kamen
sogleich die Ratten und Mäuse aus allen Häusern
hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum. Sobald der
Fänger glaubte, es sei keine mehr zurückgeblieben, schritt er
langsam zum Stadttor hinaus, und der ganze Haufe folgte ihm
bis an die Weser. Dort schürzte der Mann seine Kleider, stieg in
den Fluß, und alle Tiere sprangen hinter ihm drein und
ertranken.
Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute
sie der versprochene Lohn, und sie verweigerten dem Mann die
Auszahlung unter allerlei Ausflüchten, so daß er sich schließlich
zornig und erbittert entfernte. Am 24. Juni, am Tage Johannis
des Täufers, morgens früh um sieben Uhr erschien er wieder,
diesma l in Gestalt eines Jägers, mit finsterem Blick, einen roten,
wunderlichen Hut auf dem Kopf. Wortlos zog er seine Pfeife
hervor und ließ sie in den Gassen hören. Und in aller Eile kamen
diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und
Mädchen, vom vierten Lebensjahr angefangen, in großer Zahl
dahergelaufen. Darunter war auch die schon erwachsene Tochter
des Bürgermeisters.
Der ganze Schwarm zog hinter dem Mann her, und er führte
sie vor die Stadt zu einem Berg hinaus, wo er mit der ganzen
Schar verschwand. Dies hatte ein Kindermädchen gesehen, das
mit einem Kind auf dem Arm weit rückwärts nachgezogen war,

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dann aber umkehrte und die Kunde in die Stadt brachte. Die
Eltern liefen sogleich haufenweise vor alle Tore und suchten
jammernd ihre Kinder. Besonders die Mütter klagten und
weinten herzzerreißend.
Ungesäumt wurden Boten zu Wasser und zu Land an alle Orte
umhergeschickt, die nachforschen sollten, ob man die Kinder
oder auch nur einige von ihnen irgendwo gesehen habe; aber
alles Suchen war leider vergeblich.
Hundertunddreißig Kinder gingen damals verloren. Zwei
sollen sich, wie man erzählt, verspätet haben und
zurückgekommen sein, wovon aber das eine blind, das andere
taubstumm war. Das blinde konnte den Ort nicht zeigen, wo es
sich aufgehalten hatte, wohl aber erzählen, wie sie dem
Spielmann gefolgt waren, das taubstumme nur den Ort weisen,
da es nichts gehört hatte und auch nicht sprechen konnte.
Ein kleiner Knabe war im Hemd mitgelaufen und nach einiger
Zeit umgekehrt, um seinen Rock zu holen, wodurch er dem
Unglück entgangen war; denn als er zurückkam, waren die
andern schon in der Senkung eines Hügels verschwunden.
Die Straße, auf der die Kinder zum Tor hinausgezogen waren,
hieß später die bunge- lose (trommeltonlose, stille), weil kein
Tanz darin abgehalten und kein Saitenspiel gerührt werden
durfte. Ja, wenn eine Braut mit Musik zur Kirche geführt wurde,
mußten die Spielleute in dieser Gasse ihr Spiel unterbrechen.
Der Berg bei Hameln, wo die Kinder verschwanden, heißt der
Poppenberg. Dort sind links und rechts zwei Steine in
Kreuzform zur Erinnerung an dies traurige und seltsame
Ereignis errichtet.
Die Bürger von Hameln haben diese Begebenheit in ihrem
Stadtbuch verzeichnen lassen. Im Jahre 1572 ließ der
Bürgermeister die Geschichte auf den Kirche nfenstern abbilden.

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Der Rosenstrauch zu Hildesheim

Als Ludwig der Fromme vor mehr als tausend Jahren zur
Winterszeit in der Gegend von Hildesheim jagte, verlor er sein
mit Heiligtum gefülltes Kreuz, das ihm vor allem lieb war. Er
sandte seine Diener aus, um es suchen zu lassen, und gelobte, an
dem Ort, wo sie es finden würden, eine Kapelle zu bauen.
Die Diener verfolgten die Spur der Jagd im Schnee und sahen
bald aus der Ferne mitten im Wald einen grünen Rasen und
darauf einen grünenden wilden Rosenstrauch. Als sie näher
kamen, bemerkten sie, daß das verlorene Kreuz daran hing. Sie
nahmen es und berichteten dem Kaiser, wo sie es gefunden
hatten. Sogleich befahl Ludwig, an dieser Stätte eine Kapelle zu
erbauen und den Altar dahin zu setzen, wo der Rosenstrauc h
stand.
Das geschah, und bis auf die heutige Zeit grünt und blüht der
tausendjährige Rosenstrauch um die Apsis des Domes und wird
von einem eigens dazu bestellten Manne gepflegt. Die Äste und
Zweige des Strauches haben sogar die ersten Joche des
Kreuzganges bereits umzogen.

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Der Sonntags-Buttfang von Butjadingen

Es wohnte einmal ein Fischer am äußersten Ende von


Butjadingen, der schlug eines Sonntagsmorgens alle religiösen
Pflichten aus dem Sinn und ging auf Buttfang aus. Als er aber
den Deich hinanstieg, tönte gerade die kleine Glocke von der
Langwarder Kirche, und zwar so hell, als hinge sie dicht hinter
dem Sonntagsfischer. Da bekam es der Mann mit der Angst zu
tun, und er dachte bei sich: "Wärest du doch lieber zu Hause
geblieben!"
Als er aber den Rand des Deiches erreichte und über den
Groden (das Außendeichsvorland) und über das Watt
hinwegschaute, da stand ein Mann mit einer glühendroten Mütze
am Priel (Wasserlauf im Watt). Dieser bückte sich fortwährend
nieder und tat die gefangenen Fische in seinen Beutel. Da dachte
der Fischer: "Wenn es dem nichts schadet, dann kann es auch
bei dir nicht schlecht ausgehen." Er nahm einen Schluck
Schnaps gegen das Gruseln, ging den Deich hinab und fischte
hinter dem fremden Fischer her. Er hatte Petri Heil und fing Butt
über Butt. Der Fremde begab sich immer weiter und weiter
gegen das offene Meer hinaus, und der andere folgte ihm nach.
Da erklang die große Langwarder Glocke über den Deich, so
klar und hell, als ob sie knapp über des Fischers Kopf schwebte.
Nun fröstelte den Mann, als wolle ihn das Fieber packen, doch
der Fremde winkte ihm zu, er möge ihm getrost nachkommen.
Und der Fischer aus Butjadingen nahm noch einen Schluck und
fischte hinter seinem Vordermann her, immer weiter und weiter
ins weite Meer hinaus, bis es totenstill um ihn wurde. Da tönten
beide Glocken über den Deich und das weite Watt, und zwar so
deutlich, als hinge ihm eine Glocke vor dem einen Ohr und die
zweite vor dem andern.

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Ein Schauer rann dem Fischer über den Rücken, aber der
Fremde winkte fortwährend, er solle nur ruhig immer weiter
nachkommen.
Der Fischer nahm nun den dritten Schluck, aber es half nichts,
das Grauen wollte nicht weichen; er trank den ganzen Rest der
Flasche aus, aber auch dies war vergebens. Jetzt wurde dem
Mann zumute, als hätte er jemanden ermordet und sollte dafür
büßen. Er warf den Fischbeutel über die Schulter und lief, was
er nur konnte, davon.
Mit einemmal drang die Flut hinter ihm her, ohne daß er
wußte, wo sie so plötzlich hergekommen war. Die Wasser liefen
mit ihm um die Wette. Als er sich umsah, waren die Wogen
dicht hinter ihm; nun schlugen sie ihm schon an die Fersen, und
bald trat er bis an die Knöchel in die Flut. Kurz darauf reichte
ihm das Wasser bis an die Waden, nun bis ans Knie, und von da
an war es ihm, als ob er liefe und doch nicht weiter käme. Nun
stieg ihm die Flut schon bis an die Lenden - da warf er den
Beutel mit Butt weg, streckte Arme und Hände aus und begann
zu schwimmen. Und er schwamm, bis das Wasser zu seicht
wurde und er wieder laufen konnte. Endlich hatte er festen
Boden unter den Füßen. Da rannte der Fischer weiter bis er
trockenes Land erreichte und in seinem klitschnassen Zeug oben
auf dem Deich stand. Als er sich hier aufatmend nach dem frem
den Mann umsah, war dieser verschwunden.
"Nun weiß ich, teuflischer Geselle, wer du gewesen bist",
sagte er zu sich selbst, "von nun an gehe ich mein Lebtag nicht
wieder Sonntags auf Buttfang aus."

-379-
Der Teufel als Schatzhüter bei Bremen

Im Niedervierlande bei Bremen wohnte einstmals ein Bauer,


der sehr reich war. Der Überfluß aber machte ihm große Sorgen,
denn ringsum loderte die Fackel des Krieges, und jeden Tag
konnten räuberische Horden auch auf seinem Hof eindringen.
Da dachte er ernstlich daran, wie er sein Geld und Gut vor den
Räubern in Sicherheit bringen könne, und beschloß, seine
Schätze in die Erde zu Vergraben.
Auf dem Hofe diente ein junger Knecht, den der Bauer aus
Mitleid aufgenommen hatte, da er arm und elternlos war. Als
nun der Bauer an einem Sonntag das ganze Gesinde in die
Kirche geschickt hatte, um unbeobachtet seine Absicht
ausführen zu können, versteckte sich der Knecht in der Scheune,
weil er sich schämte, in seinen abgetragenen Kleidern den
Gottesdienst zu besuchen. Aber gerade die Scheune hatte der
Bauer zum Versteck seiner Habe ausersehen, und so konnte der
Knecht, der im Heu verborgen lag, genau beobachten, wie sein
Herr zuerst ein großes Loch grub, bis es mannstief war, wie er
dann in einen weiten kupfernen Kessel Gold, Silber, Münzen
und Gefäße in gewaltigen Mengen hinabsenkte, die Grube
wieder zuschaufelte und schließlich den Boden einebnete. Er
hörte auch, wie sein Herr den Teufel zum Hüter des Ortes
bestellte und beschwörend ausrief, niemand dürfe im Verlauf
von sieben Jahren den Schatz beheben, und wer dann komme,
ihn zu holen, solle kein anderer sein als seiner Tochter
Bräutigam; der dürfe aber nicht mit Spaten oder Schaufel
graben, sondern müsse den Kessel mit einem silbernen
Fuhrwerk, vor welches das lebendige, beflügelte Feuer gespannt
sei, zutage fördern. Jedem Unbefugten, der sich an den Schatz
wage, möge der Teufel den Hals brechen.
Als der Bauer seinen Spruch getan hatte, schwirrte eine große
Fledermaus durch die Scheune, umkreiste dreimal in schnellem

-380-
Flug den Mann und den Schatz und verschwand wieder. Der
Bauer nickte befriedigt und ging seiner Wege.
Der Bursche konnte dieses Erlebnis nicht vergessen; wo er
ging und stand, lag ihm der Schatz im Sinn, und der Gedanke,
wie er seiner habhaft werden könnte, ließ ihn nimmer los.
Schließlich nahm er seinen Abschied von dem Bauern, ging zur
See und wurde ein schmucker, tüchtiger Matrose. Doch als die
sieben Jahre um waren, hielt es ihn nicht länger auf dem Schiffe;
er machte sich auf und wanderte seinem Heimatort zu. Dort
kannte ihn längst niemand mehr, aber er erfuhr bald im
Wirtshaus, daß sein früherer Herr vor kurzer Zeit gestorben sei;
nun lebe die Familie in großer Not, denn mit dem Reichtum des
Alten scheine es nicht weit her gewesen zu sein; in seinem
Nachlaß habe sich weder Gold noch Silber gefunden.
Der Bursche sprach bald auf dem Hofe vor, fand alles, wie
man es ihm geschildert hatte, und wurde, da die verwaiste
Tochter sich seiner noch gern erinnerte, dort ein häufiger Gast.
Schließlich fand er den Mut, um das hübsche Mädchen zu
freien. Dieses wies ihn nicht ab. Nun hätte der junge Mann mit
seinem zur See erworbenen Gut in aller Ruhe seinen Haushalt
als ein vermögender Mann beginnen können. Doch der Schatz
lag ihm im Sinne, und er sann unablässig darüber nach, wie er
ihn heben könne.
Da träumte er einmal, die Scheune stehe in Flammen, aber als
er genauer hinsah, war es ein großer Hahn, der auf dem
Strohdach stand und mit den Flügeln schlug. Im nächsten
Augenblick schwang dieser sich von seinem hohen Standort
herab, setzte sich auf eine umgestürzte Pflugschar, pickte mit
dem Schnabel und scharrte mit den Füßen daran, kurz, benahm
sich ganz so, als wolle er den Pflug in die Höhe richten und mit
sich führen.
Lange Zeit verstand der Mann diesen Traum nicht, doch
plötzlich kam ihm ein guter Gedanke. Er fuhr sogleich zu einem
Goldschmied in die Stadt und bestellte einen silbernen Pflug,
-381-
den er sofort mit blanken Talern bezahlte. Nach acht Tagen
schon konnte er ihn holen, und nunging er sogleich ans Werk. In
der nächsten Nacht, sobald die Glocke zwölf schlug, machte er
sich auf, unter dem rechten Arm den Silberpflug, unter dem
linken einen prächtigen roten Hahn. Vor der Scheune spannte er
den Hahn vor den silbernen Pflug, öffnete das, Tor und fuhr
nach der Stelle, wo der Schatz verborgen lag. Obgleich kein
Mondschein in die Scheune fiel, war es doch fast taghell darin,
denn der Pflug leuchtete und der Hahn glänzte wie helloderndes
Feuer.
Schweigend begann der Mann im Kreise zu ackern und die
Erdschollen zur Seite zu pflügen. Obwohl ein Gebrause und ein
schreckliches Stimmengewirr anhob, verrichtete er in tiefster
Ruhe seine Arbeit, bis er an den Deckel des Kessels stieß und
den Schatz in all seiner Herrlichkeit gehoben hatte. Dann packte
er alles in Körbe und eilte damit in den Hof, um es zu bergen.
Nun machten die Leute freilich große Augen und freuten sich
des wiedergewonnenen Gutes, und im Herbst gab es eine lustige
Hochzeit.
Der Silberpflug blieb lange Zeit ein Wahrzeichen der Familie,
bis er im Schwedenkrieg verlorenging.

-382-
Der Teufel und der Pastor von Bockhorn

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts lebte zu Bockhorn in der


Friesischen Wede ein Pastor namens Grimm, der häufig vom
Teufel geplagt wurde. Eines Abends war der Pastor
ausgegangen, und seine Magd Margarete war allein zu Hause
geblieben. Plötzlich wurde heftig an die Haustür geklopft, und
die Magd lief schnell hin, um zu öffnen. Vor der Tür stand der
Pastor. Ohne ein freundliches Wort zu sprechen, ging er in seine
Studierstube.
Der Magd fiel dieses Benehmen auf, sie sagte aber nichts und
begab sich wieder an ihre Arbeit. Bald darauf wurde wieder
geklopft.
Margarete öffnete die Tür, und zu ihrem Schrecken trat
abermals der Pastor ein und bot ihr diesmal freundlich guten
Abend.
Voller Angst erwiderte sie: "Mein Gott, Herr Pastor, ich habe
Ihnen ja eben erst geöffnet!"
"So, wo ist denn der erste Besucher geblieben?" fragte der
würdige Herr.
"In der Studierstube", antwortete sie.
Der Pastor trat ein, und Margarete stellte sich aus Neugier an
die Stubentür, um zu horchen. Da hörte sie, wie die beiden
heftig stritten. Der Pastor bewies seine Behauptungen mit
Bibelsprüchen und blieb schließlich Sieger; allmählich wurde es
still in der Stube, und Margarete schlich sich an ihre Arbeit.
Bald kam Pastor Grimm bleich und in Schweiß gebadet heraus
und stammelte:
"Das war wirklich ein harter Kampf, Margarete; sagen Sie
keinem Menschen von dieser teuflischen Begebenheit!"

-383-
Und weil das Mädchen sich an dieses Verbot hielt, hat man nie
Näheres in Erfahrung bringen können, was sich hinter der
verschlossenen Tür abgespielt hat.

-384-
Der böse Graf von Wildenfels

Zu Wildenfels lebte einst ein böser Graf, der bei seinen


Lebzeiten sehr unbarmherzig und geizig war. Während einer
großen Notzeit war ihm das Getreide noch nicht teuer genug.
Deshalb verkaufte er seine Vorräte nicht, denn er wollte warten,
bis die Preise noch weiter stiegen. Da kam ihm aber der Wurm
hinein und durchwühlte das ganze Getreide. Auch jetzt gönnte
es der Graf niemandem, sondern ließ es fuderweise in die Mulde
schütten. Zur Strafe -- so meinen manche Leute -- wurde er nach
seinem Tod in ein Pfund Hirse verbannt, und er muß so lange
darin bleiben, bis der Haufen, von dem jedes Jahr nur ein
einziges Körnchen abfällt, verschwunden ist.

-385-
Die 'Waldridersken'

Bisweilen kommt zu den schlafenden Menschen ein


geisterhaftes Wesen, der Alb, legt sich den Schläfern auf die
Brust und drückt sie so sehr, daß sie sich nicht regen und kaum
noch atmen können. Man nennt diese Wesen in Ostfriesland und
Nordoldenburg "Walriderske", anderswo "Nachtmär".
Wenn der Mensch vor dem Druck der Walridersken sicher
sein will, darf er sich beim Schlafen nicht auf die linke Seite,
den Bauch oder den Rücken legen. Ferner muß man das
Schlüsselloch mit einem Pfropfen verschließen. Auch kann man
sich dieser unholden Wesen erwehren, wenn man die Schuhe
beim Zubettgehen so hinstellt, daß die Absätze an der Bettkante
stehen. Die Walriderske muß nämlich in die Schuhe des
Schläfers steigen, bevor sie ihn vom Fußende des Bettes her
anfällt. Wenn aber die Schuhe verkehrt stehen, kann der Geist
ihm nichts anhaben und muß den Raum durchs Schlüsselloch
wieder verlassen, weil Nachtgeister nichts drehen und
umwenden können. Wem es gelingen sollte, das Schlüsselloch
zu verstopfen, während die Walriderske in der Kammer ist, der
hat sie gefangen.
Einmal lag ein kleineres Schiff, das man dort eine "Schnigg"
nennt, an der jeverschen Küste vorm Friederikensiel. Bevor der
Schiffer mit seinen Leuten zu Bett ging, war er so klug und
stellte seine Schuhe verkehrt vor die Koje, damit die
Walriderske nicht hineinschlüpfen und ihm nichts anhaben
könne. Kaum hatte sich die Schiffsbemannung zur Ruhe
begeben, da kam sie auch schon auf einem Besenstiel übers
Wasser geritten, polterte von oben in die Kajüte hinein und
wollte sich auf dem Schiffer niederlegen. Aber sie wußte nicht,
daß er Macht über sie hatte, da seine Schuhe verkehrt vor der
Koje standen, und so konnte er sie bei den Haaren ergreifen.
Da rief sie:

-386-
"Lat mi los min Heer (Haar), Und fatt mi in min Kleer
(Kleider)."
Der Schiffer war dumm genug, ihr Haar loszulassen und sie
bei ihren Kleidern zu packen; damit hatte er die Macht über sie
verloren, und sie machte sich los. "Hu hu!" schrie die
Walriderske und ritt auf ihrem Besenstiel übers Wasser davon.
Als der Schiffer und sein Volk morgens aufstanden, konnte man
Blutflecken auf dem Schiffe feststellen.
Ein junger Mann hatte viel von den Walridersken zu leiden.
Eines Nachts spürte er wieder, wie etwas über seine Füße
heraufkroch und ihn drücken wollte. Er ermannte sich, griff zu
und erhaschte gerade noch einen Arm, konnte ihn aber nicht
festhalten. Die Gestalt verschwand durch das Schlüsselloch in
der Tür, von wo sie gekommen war. In der nächsten Nacht nahm
er das Ende eines Türriemens in die Hand und wartete, bis die
Walriderske kam. Als er sie wieder heranschleichen hörte, zog
er den Riemen an, und damit war die Tür versperrt, so daß die
Walriderske gefangen war. Als es Tag wurde und Licht in seine
Kajüte fiel, sah er auf einem Stuhl ein schönes Mädchen sitzen.
Da er noch unverheiratet war, nahm er sie zur Frau, lebte mit ihr
mehrere Jahre friedlich und still, und die Ehe war auch mit
Kindern gesegnet. Sein Hauswesen führte die Frau zu seiner
größten Zufriedenheit, und er fühlte sich recht glücklich bei ihr.
Oft bat sie ihren Mann, er möge das Schlüsselloch in der Tür
öffnen, oder den Riemen an der Tür nicht mehr festziehen, aber
er hütete sich wohl davor. Endlich brachte die Frau ihre
herangewachsenen Kinder dazu, daß sie um Mitternacht
Schlüsselloch und Riemen frei machten. Doch kaum war dies
geschehen, so rief sie "Wat klingen de Glocken, Wat stuvt de
Sand, In Engelland "
Nun sah der Mann sein Weib, seine Walriderske, nie wieder.
Aber solange er lebte, spürte er ihre Nähe und ihr liebreiches
Walten.

-387-
Unsichtbare Hände hielten das ganze Haus in Ordnung, und
jeden Sonnabend fand er seine Kleider und die Wäsche der
Kinder gereinigt und geplättet auf den Betten liegen.

-388-
Die Dambecksche Glocke in Röbel

Die Kirche in Dambeck, deren Mauern noch stehen, ist uralt.


Der Turm mit den Glocken aber ist in den See gesunken, und da
hat man denn vor alter Zeit die Glocken oft am Johannistag aus
dem See hervorkommen und sich in der Mittagsstunde sonnen
sehen. Einmal hatten einige Kinder aus Röbel ihren Eltern das
Mittagbrot aufs Feld hinausgetragen, und als sie an den See
kamen, setzten sie sich ans Ufer und wuschen ihre Tücher aus.
Da sahen sie denn auch die Glocken stehen, und eines der
kleinen Mädchen hing sein Tuch auf einer Glocke auf, um es zu
trocknen. Nach einer Weile setzten sich zwei der Glocken in
Marsch und stiegen wieder in den See hinunter; aber die dritte
mit dem Tuch konnte nicht von der Stelle. Da liefen die Kinder
eilig nach der Stadt und erzählten, was sie gesehen hatten.
Nun eilte ganz Röbel hinaus, und die Reichen, die die Glocke
für sich haben wollten, spannten acht, sechzehn und noch mehr
Pferde vor; doch sie konnten die Glocke nicht von der Stelle
bringen. Da kam ein armer Mann mit zwei Ochsen des Weges
gefahren und sah, was vorging. Sogleich spannte er seine beiden
Tiere vor und führte die Glocke ohne alle Mühe nach Röbel.
Dort hängte man sie in der Neustädtischen Kirche auf, und
jedesmal, wenn ein Armer stirbt, dessen Hinterbliebenen das
Geläut mit den anderen Glocken nicht bezahlen können, wird
diese geläutet. Ihr Ton geht fortwährend :
"Dambeck, Dambeck."

-389-
Die Glocken von Debberode

Wenn man von Wülferode der Landstraße nach Grasdorf folgt,


so gelangt man dort, wo der Weg plötzlich in scharfem Winkel
nach Westen abbiegt, an eine Wiese, die heute noch zur Pfarre
von Kirchrode gehört. An dieser Stelle soll ehemals der
Kirchhof des Dorfes Debberode gelegen sein. Debberode war
einstens ein blühendes Dorf, aber im Dreißigjährigen Krieg
wurde es von räuberischen Soldatenhorden völlig geplündert
und ausgebrannt. Und heute geht der Pflug über die öde Stätte,
auf der sich einst emsiges und friedsames Leben geregt hat.
Die Leute in Wülferode erzählen aber, daß man auf dieser
Wiese am Sonntagmorgen die Glocken der untergegangenen
Kirche von Debberode hören könne; man muß aber ein
Sonntagskind sein und darf auf dem ganzen Weg kein Wort
sprechen, wenn man den fernen Glockenklang vernehmen will.

-390-
Die Springwurzel auf dem Köterberg bei
Holzminden

Einst hütete ein Schäfer auf dem Köterberg bei Holzminden


seine Herde. Als er sich einmal umdrehte, stand plötzlich eine
wunderschöne Jungfrau vor ihm und redete ihn an: "Nimm die
Springwurzel und folge mir nach! "
Diese Wurzel ergriff sogleich der Schäfer. Er ließ nun seine
Tiere frei umherlaufen und folgte dem Fräulein. Dieses führte
ihn durch eine Höhle in den Berg hinein. Sooft sie zu einer Tür
oder einem verschlossenen Gang kame n, mußte der Hirt seine
Wurzel vorhalten, und sogleich wurde geöffnet. Beide schritten
immer weiter fort, bis sie etwa in die Mitte des Berges
gelangten. Dort saßen noch zwei Jungfrauen und spannen eifrig.
Der Satan befand sich auch in dem Saal, aber er war machtlos;
man hatte ihn unten am Tisch, vor dem die beiden Jungfrauen
saßen, festgebunden. Ringsum sah man in Körben gewaltige
Mengen von Gold und glitzernden Edelsteinen aufgehäuft
liegen.
Der Schäfer staunte sogleich die ungeheuren Reichtümer an,
seine Führerin aber forderte ihn lächelnd auf: "Nimm dir, soviel
du willst!"
Ohne Zaudern griff der Mann sofort in den glänzenden Haufen
und füllte in seine Taschen, was sie fassen konnten. Als er dann,
reich beladen, wieder ins Freie treten wollte, ermahnte ihn die
Jungfrau:
"Aber vergiß das Beste nicht!"
Der Hirt dachte, sie rede von den Schätzen, und glaubte, sich
gar wohl mit allem versorgt zu haben. Aber das Fräulein meinte
die Springwurzel. Als er nun ohne die Wurzel hinausschritt, die
er auf den Tisch gelegt hatte, schlug das Tor krachend hinter
ihm zu, hart an seinen Fersen, doch ohne ihm weiteren Schaden

-391-
zu tun, obwohl er leicht sein Leben hätte einbüßen können. Die
großen Reichtümer brachte der Mann glücklich nach Hause,
aber den Eingang zur Schatzkammer konnte er nicht
wiederfinden, und auch die Jungfrau zeigte sich ihm niemals
mehr.

-392-
Heinrich der Löwe

In Braunschweig steht, aus Erz gegossen, das Denkmal eines


Helden, zu dessen Füßen ein Löwe ruht. Im Dom der Stadt aber
hängt die Klaue eines Greifen. Darüber erzählt die Sage
folgendes:
Vor Zeiten zog Herzog Heinrich, der edle Welfe, nach
Abenteuern aus. Als er das wilde Meer befuhr, erhob sich ein
heftiger Sturm und trieb den Herzog weit vom Lande weg.
Lange Tage und Nächte irrte das Fahrzeug auf den schä umenden
Fluten umher. Bald ging den Seefahrern das Essen aus. Der
Hunger quälte sie schrecklich. In höchster Not beschloß man,
Lose in einen Hut zu werfen. Wessen Los gezogen wurde, der
sollte sein Leben verlieren und der anderen Mannschaft mit
seinem Fleisch zur Nahrung dienen. Willig unterwarfen sich die
unglücklichen Männer diesem grausamen Schicksal und
opferten für ihren geliebten Herrn und ihre Gefährten Leib und
Leben. So konnten sich die übrigen noch eine Zeitlang aufrecht
erhalten, immer mit der Ho ffnung, endlich irgendwo Land
anzutreffen.
Doch das Elend wollte kein Ende nehmen. Zuletzt war nur
noch der Herzog mit einem einzigen Knecht übrig, und der
schreckliche Hunger quälte weiter. Da sprach der Fürst: "Laß
uns losen, und wen es trifft, von dem nähre sich der andere!"
Über diese Zumutung erschrak der treue Knecht; doch dachte
er, das Los werde ihn selbst treffen, und so ließ er es zu. Aber
das Los fiel auf seinen lieben Herrn, den der Diener nun töten
sollte. Doch der treue Mann erklärte: "Das tue ich nimmermehr;
und wenn alles verloren ist, so habe ich noch etwas anderes
ausgesonnen: ich will Euch, lieber Herr, in einen ledernen Sack
einnähen, wartet dann, was geschehen wird!"
Der Herzog war damit einverstanden. Der Knecht nahm die
Haut eines Ochsen, den sie früher auf dem Schiffe geschlachtet

-393-
hatten, wickelte den Herzog hinein und nähte die Haut
zusammen; doch hatte er das Schwert des Herzogs mit
hineingelegt. Bald darauf kam der Vogel Greif geflogen, faßte
den ledernen Sack mit seinen Klauen und trug ihn durch die
Lüfte über das weite Meer bis in sein Nest.
Dort ließ er die Haut liegen und flog zu neuem Fang weg.
Mittlerweile faßte Heinrich das Schwert und zerschnitt die
Nähte des Sackes. Als die jungen Greifen im Nest den lebenden
Menschen erblickten, fielen sie gierig und mit Geschrei über ihn
her. Doch Heinrich wehrte sich und erschlug sie alle. Einem der
Greifen schnitt er die Klaue ab und nahm sie zum Andenken mit
sich. Dann stieg er aus dem Neste heraus, kletterte den hohen
Baum hernieder und sah sich nun in einem weiten, wilden Wald.
Unschlüssig strich Heinrich eine Weile dahin. Plötzlich
bemerkte er einen fürchterlichen Lindwurm, der mit einem
Löwen im Kampf lag.
Der Löwe schwebte in großer Gefahr zu unterliegen. Weil aber
der Löwe als ein edles Tier gilt, der Lindwurm dagegen für ein
giftiges, böses Gezücht gehalten wird, säumte Herzog Heinrich
nicht und sprang dem Löwen gegen den Lindwurm bei. Der
Lindwurm brüllte, daß es fürchterlich durch den Wald erscholl,
und wehrte sich lange.
Endlich gelang es Heinrich, dem Untier mit seinem Schwert
den Todesstoß zu versetzen. Hierauf nahte sich der Löwe dem
Herzog, legte sich ihm zu Füßen auf den Boden und verließ ihn
von dieser Stunde an nicht mehr.
Nun überlegte Heinrich, wie er aus dieser Einöde und aus der
immerhin unheimlichen Gesellschaft des Löwen wieder unter
die Menschen gelangen könnte. Nach einiger Zeit baute er sich
ein Floß aus zusammengelegtem Holz, das mit Reisern
durchflochten war, und setzte es aufs Meer. Als der Löwe
einmal zum Jagen in den Wald gelaufen war, bestieg Heinrich
sein Fahrzeug und stieß vom Ufer ab. Sobald der Löwe aber

-394-
zurückkam und seinen Herrn nicht mehr vorfand, eilte er ans
Gestade. In weiter Ferne erblickte er das Fahrzeug, sprang in die
Fluten und schwamm so lange, bis er das Floß mit dem Herzog
erreicht hatte, zu dessen Füßen er sich ruhig niederlegte. Dann
fuhren sie längere Zeit zusammen auf dem Meere.
Bald überkam sie Hunger und Elend. Der Herzog wachte und
betete und fand Tag und Nacht keine Ruhe. Da erschien ihm der
Teufel und ließ sich vernehmen: "Herzog, ich bringe dir
Botschaft; du schwebst hier in Pein und Not auf dem weiten
Meer, während daheim zu Braunschweig: eitel Freude und Jubel
herrschen; heute an diesem Abend feiert ein Fürst aus fremdem
Land Hochzeit mit deiner Frau; denn die gesetzlich
vorgeschriebenen sieben Jahre seit deiner Ausfahrt sind
verstrichen, und du giltst als tot."
Traurig versetzte Heinrich: "Das mag wahr sein. Doch will ich
mich an Gott wenden, der alles zum Guten lenkt."
"Du redest zuviel von Gott", erwiderte der Versucher, "der
hilft dir nicht aus diesen Wogen des Meeres; ich aber will dich
noch heute zu deiner Gemahlin führen, wenn du mein sein
willst!"
Beide hatten ein langes Gespräch; der Herzog wollte sein
Gelübde gegen Gott nicht brechen. Da schlug ihm der Teufel
vor, er wolle ihn ohne Schaden samt dem Löwen noch heute
abend auf den Giersberg bei Braunschweig tragen und absetzen,
dort möge er auf ihn warten; finde er den Herzog nach seiner
Rückkehr schlafend, so sei er dem Teufel und seinem Reiche
verfallen. Der Herzog, der von heißer Sehnsucht nach seiner
geliebten Gemahlin gequält wurde, ging darauf ein und hoffte
auf des Himmels Beistand wider alle Künste des Bösen.
Sogleich griff ihn der Teufel und führte ihn schnell durch die
Lüfte bis vor Braunschweig, legte ihn auf dem Giersberg nieder
und rief: "Nun bleib wach, Herr, ich kehre bald wieder!"

-395-
Heinrich aber war aufs höchste ermüdet, und der Schlaf setzte
ihm mächtig zu. Der Teufel flog indessen zurück, um, wie er
versprochen hatte, auch den Löwen zu holen; es währte nicht
lange, so kam, er mit dem treuen Tier dahergeflogen. Als nun
der Teufel, noch aus der Luft herunter, den Herzog in Müdigkeit
versenkt auf dem Giersberg ruhen sah, freute er sich schon im
voraus über seine Beute; doch, der Löwe, der seinen Herrn für
tot hielt, fing laut zu brüllen an, daß Heinrich im selben
Augenblick erwachte.
Der böse Feind sah nun sein Spiel verloren und bereute zu
spät, den Löwen herbeigeholt zu haben; er grimmt warf er das
Tier aus der Luft zu Boden herab, daß es dröhnte. Doch der
Löwe kam glücklich auf den Berg zu seinem Herrn. Dieser
richtete sich auf und dankte Gott für seine Rettung, beeilte sich
dann aber, weil es schon gegen Abend ging, in die Stadt
Braunschweig hinabzukommen. Der Löwe, folgte ihm.
Der Herzog wandte sich der Burg zu. Lautes Getöse scholl
ihm entgegen. Er wollte in das Fürstenschloß treten, doch die
Diener wiesen ihn zurück. "Was soll das Getön und Pfeifen?"
rief Heinrich aus. "Sollte doch wahr sein, was mir der Teufel
gesagt hat? Ist ein fremder Herr in diesem Haus?"
"Kein fremder", antwortete man ihm, "denn er ist unserer
gnädigen Frau verlobt, und heute wird ihm das Braunschweiger
Land übertragen. "
"So bitte ich", sagte der Herzog, "die Braut um einen Trunk
Wein, mein Herz ist ganz matt." Da lief einer der Leute zu der
Fürstin hinauf und meldete, ein fremder Gast, dem ein Löwe
folge, sei erschienen und bitte um einen Schluck Wein. Die
Herzogin wunderte sich, füllte einen Becher mit Wein und
sandte den Boten damit zu dem fremden Pilger.
"Wer magst du wohl sein", fragte der Diener, "daß du von
diesem edlen Wein zu trinken begehrst, den man nur der
Herzogin einschenkt?"

-396-
Der Fremde trank, zog seinen goldenen Ring vom Finger und
warf ihn in den Becher, den er der Braut zurücktragen hieß. Als
diese den Ring erblickte, worin des Herzogs Schild und Name
geschnitten waren, erbleichte sie, stand eilends auf und trat an
die Zinne, um nach dem Fremden zu schauen. Sie gewahrte den
Mann, der da mit dem Löwen saß. Darauf ließ sie ihn in den
Saal bitten und fragen, wie er zu dem Ring gekommen sei und
warum er ihn in den Becher gelegt habe.
"Von niemand habe ich den Ring erhalten, sondern ich habe
ihn selbst genommen, es sind nun mehr als sieben Jahre her; und
ich habe ihn hingelegt, wo er billigerweise hingehört."
Als man der Herzogin diese Antwort überbrachte, blickte sie
den Fremden nochmals an. Da riß sie ein freudiger Schreck fast
zu Boden, weil sie ihren geliebten Gemahl erkannte; sie bot ihm
ihre weiße Hand und hieß ihn herzlich willkommen.
Freude und Jubel erhoben sich im ganzen Saal. Herzog
Heinrich setzte sich an den Tisch zu seiner Gemahlin, dem
jungen Bräutigam aber wurde ein andres schönes Fräulein aus
Franken angetraut.
Heinrich regierte noch lange und glücklich in seinem Reich.
Als er in hohem Alter starb, legte sich der Löwe auf das Grab
seines Herrn und wich nicht, bis auch er verendete. Das Tier
liegt auf der Burg begraben, und seiner Treue zu Ehren wurde
später eine Säule errichtet, welche die Menschen an Treue und
Dankbarkeit mahnt.

-397-
Zwölf ungerechte Richter

In einem ostfriesischen Dorf ging einst der Küster um


Mitternacht beim Mondenschein über den Kirchhof. Da hörte er
in der Kirche einen Lärm, als würde dort eifrigst gekegelt.
Eilends lief er zum Pastor und meldete seine Wahrnehmung.
Der Pastor aber lachte ihn aus und schickte ihn weg. In der
folgenden Nacht hatte der Küster wieder vor der Kirche zu tun
und hörte den gleichen Lärm. Er berichtete es wieder dem
Pastor. Dieser konnte nicht mitgehen, weil er sich unpäßlich
fühlte, beauftragte aber den Küster, in der kommenden Nacht
wieder hinzuhören. Am dritten Abend aber war um Mitternacht
der Mond noch nicht aufgegangen, es blieb alles ruhig.
Beim nächsten Mondschein um Mitternacht aber hörte der
Küster den Lärm von neuem und weckte den Pastor. Dieser ging
diesmal mit und nahm den Lärm ebenfalls wahr. Nun schauten
Pastor und Küster durch das Schlüsselloch in die erleuchtete
Kirche hinein. Dort sahen sie zwölf schwarzgekleidete Männer,
von denen sechs mit Totenköpfen kegelten, während die anderen
sechs sich bückten und die Kegel aufstellten. Um ein Uhr war
alles wieder vorüber.
In der folgenden Nacht ging der Pastor mit dem Küster früher
an die Kirchentür. Da sahen sie, wie die zwölf Männer einen
Sarg hinter dem Altar hervorholten, die Gebeine und zwei
Totenköpfe herausnahmen und nun mit diesen kegelten. Das
Spiel dauerte wieder bis ein Uhr.
Nun befahl der Pastor, der Küster möge dort, wo die Kegel
standen, einen Kreis ziehen, darin einen Tisch und einen Stuhl
stellen, auf dem Tisch drei Lichter anzünden und zwei
Schwerter kreuzweise übereinanderlegen. Dann solle er eine
Bibel nehmen, sich während der Geisterstunde auf den Stuhl
setzen und im Evangelium des heiligen Johannes lesen. Dies tat
der Küster.

-398-
Als es Mitternacht schlug, kamen die zwölf schwarzen
Männer, holten die Gebeine und die Totenköpfe hervor und
wollten kegeln.
Aber sie konnten nicht über den Kreis treten und stellten
deshalb die Kegel außerhalb des Kreises auf. Doch einmal rollte
ein Totenkopf in den Kreis hinein. Die Kegler baten den Küster,
ihn herauszugeben.
Dieser aber sagte : "Holt ihn doch!" Dreimal baten die
Männer, doch der Küster gab keine Antwort mehr. Mittlerweile
schlug es ein Uhr und alles war vorüber.
Am andern Tag ließ der Pastor den Sarg öffnen. Darin fand
sich eine Rolle. Auf dieser stand geschrieben :
"HIER RUHEN ZWEI UNSCHULDIG GERICHTETE
MÄNNER, UND DIESE SIND BEI GOTT. DIE ZWÖLF
RICHTER JEDOCH, DIE SICH HABEN BESTECHEN
LASSEN, EIN UNGERECHTES URTEIL ZU FÄLLEN,
SOLLEN SO LANGE BEI MONDENSCHEIN MIT DEN
KÖPFEN DER BEIDEN MÄNNER KEGELN, BIS SIE
DURCH GOTTES WORT VERSCHEUCHT WERDEN."
Und so geschah es. Wo aber die Seelen der ungerechten
Richter, hingekommen sind, das weiß kein Mensch.
Seit dieser Zeit ist von mitternächtlichen Geräuschen in der
Kirche nichts mehr zu hören.

-399-
Zwei Juister kommen in den Himmel

Beim heiligen Petrus sind die Leute von Norderney wohl gut
angeschrieben, weil sie den Fischfang, St. Peters Beruf, so
rechtschaffen und ehrlich ausüben. Auch die Borkumer haben
im Himmel ihre Fürsprecher und Freunde, denn sie sind fleißige
Landbauern. Die Juister dagegen stehen im Himmel und auf
Erden in bösem Ruf; sie betrieben den Strandraub gar zu
schlimm und konnten darum nicht in den Himmel kommen.
An einem schwülen Sommertag war Petrus an der Himmelstür
eingenickt. Da schlichen sich zwei Juister an ihm vorbei und
drückten sich still in eine Himmelsecke. Aber St. Paulus
erkannte sie gleich und zürnte dem heiligen Petrus, weil er die
frechen Strandräuber eingelassen habe. Petrus öffnete die
Himmelstür und wartete, ob die beiden nicht freiwillig wieder
abziehen würden, denn hinausjagen darf der Himmelspförtner
niemand, der einmal im himmlischen Paradies ist.
Die Juister aber blieben, und Petrus war sehr bedrückt, weil er
so nachlässig aufgemerkt hatte. Schließlich fiel Petrus eine List
ein. Als die beiden Juister Strandräuber einmal in seine Nähe
kamen, lugte er durch ein Himmelsfenster und tat, als ob er
draußen etwas Besonderes sähe. Dann rief er plötzlich mit lauter
Stimme: "Schipp an Strand! Schipp an Strand!"
"Wo is dat Schipp?" fragten die beiden Juister hocherfreut.
Spornstreichs rannten sie zur Himmelstür hinaus, und Petrus
schloß vergnügt das Tor hinter ihnen ab. Die Juister aber
konnten nicht mehr damit rechnen, nochmals durch eine
Unachtsamkeit St. Petris in den Himmel zu kommen.

-400-
Zwerge in den Schweckhäuser Bergen

In den Schweckhäuser Bergen hat es einstmals Zwerge


gegeben, die dort in sonderbaren Höhlen hausten. Die Höhlen
sind noch in den Bergen vorhanden, sie sollen voll
wundervollen Edelgesteins, Goldes und Silbers sein. Da sich
aber die Zwerge nicht mehr sehen lassen, sind auch die
Höhleneingänge nicht mehr aufzufinden.
Vor langer Zeit standen auf den Schweckhäuser Bergen bei
dem Herrn auf Schweckhausen ein Hirt und ein Schäfer im
Dienst. Der Hirt hatte eine Tochter, der Schäfer einen Sohn, die
einander sehr zugetan waren. Zu der Hirtentochter kam öfters
ein Zwerg, ungestaltet und häßlich; der wollte sie zur Frau
haben und brachte ihr daher immer viele schöne Sachen von
Gold und Silber mit. Das Mädchen aber, dem sein Schäfer weit
lieber war, wollte von den Werbungen des Zwerges nichts
wissen, obwohl er ebenso häßlich wie mächtig war. Die Mutter
des Mädchens wünschte gleichfalls nicht, daß ihre Tochter einen
Zwerg heirate, und als dieser eines Tages mit noch schöneren
Geschenken wieder erschien, erklärte sie ganz offen: "Ihr
braucht nicht mehr zu kommen, meine Tochter kriegt Ihr doch
nicht zur Frau. "
Da antwortete der Zwerg gelassen: "Wenn ich wiederkomme
und Ihr wißt bis dahin, wie ich heiße, so will ich von da an
ausbleiben und Eure Tochter nicht mehr belästigen. Wenn Ihr
aber meinen Namen nicht in Erfahrung gebracht habt, so werde
ich wieder vorsprechen und das Mädchen mit Gewalt
entführen." Damit ging er eilends fort.
Die Hirtenfrau aber hatte den jungen Schäfer schon oft
gebeten, er möge doch genau achtgeben, woher der Zwerg
komme und wohin er gehe. Der Schäfer hatte auch ihrer Bitte
entsprochen, doch immer war der Zwerg zuletzt spurlos
verschwunden. An jenem Abend, an dem der Zwerg mit dem

-401-
abweisenden Bescheid der Mutter weggegangen war, hütete der
Schäfer gerade in den Bergen seine Schafe - die Sonne war
schon im Untergehen -, da kam der Zwerg plötzlich wieder
daher. Der Schäfer schlich ihm behutsam nach und sah, wie der
Zwerg an einen großen Felsblock trat und dort verschwand.
Sogleich ging der Schäfer ganz nahe an den Felsen heran und
gewahrte eine purpurrote Blume, die herrlich duftete und wie
ein Stern leuchtete; aber nirgends bemerkte er einen Eingang in
den Felsen. Auf einmal hörte er im Berg ein Klingen wie von
Silber und Gold und dazu den Gesang des Zwerges:
"Hier sitz ich, Gold schnitz ich.
Ich heiße Holzrührlein, Bonneführlein.
Wenn das die Mutter wüßt', Ihr Mägdlein sie nimmer
vermißt!"
Diesen Spruch merkte sich der Bursche, lief sogleich nach
Hause und erzählte ihn noch am selben Abend der Mutter seiner
Liebsten.
Als nun nach ein paar Tagen der Zwerg wieder erschien und
mit recht hämischem Lachen die Hirtenfrau fragte, ob sie denn
nun seinen Namen wisse, da erklärte die Frau ganz kurz: "Wie
mögt Ihr wohl heißen? Ihr heißt Holzrührlein, Bonneführlein. "
Sobald die Frau die Namen ausgesprochen hatte, war der
Zwerg verschwunden. Er kam auch nie mehr wieder. Die rote
Blume auf dem Steinfelsen hat der Schäfer auch nicht mehr
gesehen, aber er hat die Hirtentochter geheiratet und ist bis an
sein Lebensende glücklich mit ihr gewesen.

-402-
Sagen aus der Pfalz

-403-
Der Nonnenfels bei der Hartenburg

Einer der Grafen von Leiningen, der auf Hartenburg wohnte,


ein rauher Mann von wilden Sitten, besaß eine Tochter mit
Namen Adelinde, ein Bild zarter Weiblichkeit und edlen Sinnes.
Die Jungfrau hatte ihre Zuneigung einem anmutigen, edlen
Jüngling geschenkt, der als Knappe bei ihrem Vater diente.
Stilles Glück verklärte die Liebe der beiden jungen Leute, bis
dem Grafen das Geheimnis hinterbracht wurde. Adelinde hatte
nun die ganze Härte seines Zornes zu tragen; der mit dem Tode
bedrohte Knappe mußte fliehen und fiel später im Gelobten
Land als Streiter Christi in einem harten Handgemenge.
Ein Kreuzfahrer, der die Nachricht vom qualvollen Leben
sowie von dem ruhmvollen Tode des Jünglings im heiligen
Kampf in die Heimat brachte, hatte den Leib des Gefallenen bei
Jerusalem in den Sand gebettet. Adelinde, die sich gegen ihren
Willen mit einem ebenbürtigen Freier vermählen sollte, ließ sich
in ein Kloster aufnehmen, da die Welt ihr nun kein Glück mehr
zu bieten hatte. Sie weinte ihren Schmerz aus und teilte ihre Zeit
zwischen Gebet, Wohltun und Pflege der Kranken.
Doch ihre teure Heimat konnte die junge Gräfin nicht
vergessen; begleitet von einer treuen Freundin, verließ sie
heimlich das Kloster und kehrte in das Tal zurück, wo sie ihre
glückliche Jugend verlebt hatte. In der Höhle eines Felsens,
welcher der Hartenburg gegenüber liegt und noch heute der
Nonnenfels heißt, lebten die beiden als Klausnerinnen, ohne daß
die Welt ihre wahre Abstammung kannte.
Wohl aber verbreitete sich der Ruf der hilfreichen und
heilkundigen Nonne, die häufig mit Kräutersammeln beschäftigt
war, in der ganzen Umgegend; nur der rauhe Graf beachtete sie
nicht. Er lebte für die Freuden der Tafel und der Jagd, bis er
einmal auf einem Ritt vom Pferd stürzte und an den Folgen des
Sturzes lange schwer darniederlag. Alle Mittel, seine Schmerzen

-404-
zu lindern und seine Wunden zu heilen, waren vergeblich. Das
hörte auch seine Tochter, die Klausnerin, und dem Drange des
Herzens folgend, stieg sie zur Hartenburg hinauf und rettete
unerkannt das Leben ihres Vaters.
Nach seiner Genesung besuchte der alte Graf die hilfsbereite
Nonne in ihrer Klause, erkannte sie aber diesmal und bat sie
nach den lebhaftesten Umarmungen, den wüsten Felsen zu
verlassen und sogleich mit in das Schloß zu kommen. Ihre
Antwort aber war:
"Zieht nur hin, lieber Vater, auf Eure Burg! Ich will Euch gern
wieder Tochter sein, doch als Klaus nerin." So blieb sie in ihrer
Felsenwohnung und widmete auch den Rest ihres Lebens der
Nächstenliebe.
Heute noch zeigt man den Bildstock, an dem sie ihr Gebet zu
verrichten pflegte, und die Vertiefungen im Fels, in denen die
Tür ihrer dürftigen Hütte befestigt war.

-405-
Der Pfeilschuß auf den Ritter von Than

Nicht weit von Burg Neudahn lag der Stammsitz der Edlen
von Sick.
Ein Sprößling dieses Geschlechtes wurde von dem jungen
Ritter Walter von Than auf der Jagd getötet; die Tat war nicht
mit absicht verübt worden, sondern es lag ein böser Zufall vor.
Doch der Ritter erbot sich, eine Geldbuße zu erlegen, wie sie das
Gesetz vorschrieb, oder ein Gottesgericht in ehrlichem
Zweikampf entscheiden zu lassen. Kunz von Sick, der Bruder
des Getöteten, war ein jähzorniger Mann und wollte Blutrache
üben; darum wies er das Anerbieten des Thaners trotzig ab.
Als Walter einst, nichts Böses ahnend, durch den Forst ritt,
kam aus dem Dickicht ein Pfeil auf ihn zugeflogen, der ihn aber
verfehlte und in einer Buche haftenblieb. Der junge Ritter nahm
den Pfeil und ging damit auf die Burg seines Feindes, als dieser
eben viele Gäste um sich versammelt hatte. Er überreichte Ritter
von Sick den Pfeil und sagte freundlich: "Ich dachte nicht, daß
Ihr Gäste hättet, sonst wär, ich ein andermal gekommen." Dem
Hausherrn stieg die Glut des Zornes ins Gesicht; weil er sich
aber seiner Tat schämte, suchte er sich zu beherrschen und
erwiderte: "Ihr seid mir ein werter Nachbar, nehmt Platz an
meinem Tische!" Der Zufall fügte es, daß Walter neben die
Tochter des Ritters zu sitzen kam.
Schoneta war ein schönes, verständiges und ehrbares
Mägdlein, das wohl Mitleid kannte, aber nicht Haß. Der Ritter
von Than und Schoneta fanden Gefallen aneinander. Nachdem
die Tafel aufgehoben war, sagte Walter zum Burgherrn: "Ich
will Euch eine Sühne vorschlagen, die allen Groll zwischen uns
tilgen wird: Gebt mir die Hand Eurer Tochter!" Der Alte gehörte
zu den Menschen, denen der Wein gute Laune verleiht, auch
hatte ihn Walters Edelmut überrascht. Er gab daher nicht nur

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sein Jawort, sondern nahm auch zum Andenken an diesen
Vorfall einen Pfeil in sein Wappen auf.

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Der Rabe auf der Burg Stolzeneck

Einst zog der Ritter von Stolzeneck ins Heilige Land. Seine
Schwester, eine blühende Jungfrau, ließ er unter dem Schutze
treuer Diener auf der Burg zurück. Ein Ritter aus der
Nachbarschaft verliebte sich in das Burgfräulein und warb um
seine Hand. Doch die Jungfrau wies ihn ab und schenkte auch
allen späteren Werbungen des Ritters kein Gehör. Erzürnt
schwur dieser bittere Rache. Er berannte die Burg, eroberte sie
ohne großen Widerstand, da die Hauptverteidiger fern waren,
und ließ alle Bewohner töten, nur das Burgfräulein nicht. Als es
sich aber nach wie vor weigerte, seine Braut zu werden, befahl
er, es in den Turm zu werfen, und ge lobte, das Fräulein dort
verhungern und verdursten zu lassen, wenn es ihn nicht erhöre.
Auch nach dem zahmen Raben, dem ständigen Begleiter des
Fräuleins, hatte der Ritter sein Schwert geschwungen. Doch
dieser war ihm entkommen. Täglich stellte sich der Ritter nun
beim Gitterfenster am Burgturm ein, wo die Jungfrau
schmachtete, und fragte, ob sie ihm noch immer ihr Jawort nicht
geben wolle. Doch stets erhielt er die gleiche Absage. Voll Zorn
entfernte er sich jedesmal. Am meisten wunderte es ihn, daß das
Burgfräulein, dem doch nie eine Speise gereicht wurde, sich
noch immer aufrecht halten konnte. Er wußte natürlich nicht,
daß der treue Rabe ihr täglich Beeren und Früchte brachte. Auch
entwendete der Vogel manchmal in einer Küche eine Schnitte
Brot, ein anderes Mal ein Stück Fleisch und legte es seiner
geliebten Herrin vor.
Jahre vergingen, bis die Kämpfe im Heiligen Lande beendet
waren, und nun kehrte der Ritter von Stolzeneck wieder heim.
Seine Burg fand er verlassen, auf Bäumen und Dächern lärmte
eine Schar Raben.
"Schwester, liebe Schwester", rief der Ritter laut, als er über
den öden Burghof schritt. Leise antworteten ihm schmerzliche

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Laute hinter dem Turmgitter. Nun eilte er dorthin und erfuhr,
was geschehen war.
Starr vor Entsetzen über diese Untat stand der Heimgekehrte
noch am Gitter. Da kam der Urheber all dieses Übels
herangeritten, um sich heute das Jawort des Burgfräuleins zu
holen. Als er aber den Kriegsmann am Kerkergitter stehen sah,
zog er sein Schwert, um den Unbekannten zum Kampf zu
fordern. Plötzlich krächzte der Rabe des Burgfräuleins laut auf,
flog dem Ankömmling wütend entgegen und hackte auf seine
Augen los. Wie eine schwarze Wolke schossen nun all die
andern Raben herbei und kratzten dem Bösewicht die Augen
aus. Der Frevler stürzte zu Boden, und der Ritter von Stolzeneck
stieß ihm sein Schwert in die Brust. Dann öffnete er den Kerker
seiner lieben Schwester, die ihm freudetrunken um den Hals fiel.
Das Bild des treuen Raben wurde in Stein gehauen und in
einem Bogen der Burg angebracht. So verkündet dies Bildnis
der Nachwelt die Treue und Liebe des Stolzenecker Raben.

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Der Riesenstein bei Heidelberg

Auf der rechten Neckarseite, oben auf dem Heiligenberg,


hausten einst zwei Riesen, Vater und Sohn. Man sah die beiden
oft mitsammen über den Berg gehen. Als der Riesenbub größer
geworden war, bat er seinen Vater, auch allein weite
Wanderungen machen zu dürfen.
"Wenn du zeigst, daß du ein Kerl bist und etwas kannst", sagte
der Vater, "habe ich nichts dagegen. "
Darauf nahm der Vater einen großen Steinblock und
schleuderte ihn weithin über den Neckar auf den Gaisberg.
"Mach's auch so, wenn du's kannst", bemerkte er zu seinem
Sohne.
Der junge Riese nahm einen gleichgroßen Felsblock und warf
ihn in derselben Richtung, so daß er genau auf den vom Vater
geschleuderten Block fiel. Darauf erlaubte ihm der Vater, in die
Welt hinauszuwandern.
Die Felsblöcke liegen heute noch auf dem Gaisberg
übereinander, wie sie einst geworfen wurden. Man nennt sie
jetzt: "der Riesenstein".

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Der Ritter vom Huneberg

Auf der Burg Huneberg im Haardtgebirge lebte ein Junker


namens Schott. Er war von schöner Gestalt und adeligen Sitten,
aber arm, so daß er nicht den Mut fand, um ein Fräulein aus den
vielen alten Adelsgeschlechtern der Gegend zu werben.
Eines Tages lief er mißmutig im Wald umher; mit einemmal
sah er ein altes Männlein am Wege sitzen. "Ich bin hungrig",
flüsterte das Männlein, "gib mir etwas zu essen! "
Schott langte aus seiner Jagdtasche ein Brot hervor und reichte
es dem Alten. Als er ein andermal wieder durch den Forst
schweifte, vernahm er ein Geschrei wie um Hilfe. Er eilte darauf
zu, aber die rufende Stimme schien sich immer weiter zu
entfernen. Endlich fand er unter einem Baum ein schönes
Knäblein, das bitterlich weinte.
"Mann", bat der Knabe, "bring mich doch nach Hause; ich
fürchte mich vor den Wölfen und bin gar so klein. "
"Aber wo bist du denn daheim?" fragte der Junker.
"Ich will dir den Weg zeigen", erwiderte das Kind und
schwang sich hurtig auf des Junkers Rücken.
Nun ging's bergauf und bergab, daß dem Ritter der Schweiß
von der Stirn rann. Endlich als die Sonne bereits unterging,
kamen sie an ein altes steinernes Haus, das mit einem
Wassergraben umgeben war, in dem mehrere Schwäne stolz
dahinschwammen.
"Nun sind wir am Ziel", rief das Knäblein und sprang herab.
Aber Schott erschrak nicht wenig, denn das Kind hatte sich
ganz verändert und war ein häßlicher Zwerg geworden.
"In diesem Hause wirst du eine Nachtherberge finden",
erklärte der kleine Unhold, "und auch den Lohn für deine
Mühe."

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"Aber wer bist denn du? " stammelte der Junker.
"Ich bin der Waldgeist", antwortete der Zwerg, "und wer mir
Vertrauen schenkt, hat es nie zu bereuen. "
Mit diesen Worten verlor sich das kleine Wesen im Gestrüpp.
Schott aber schritt festen Trittes über die schmale hölzerne
Brücke und klopfte an das Tor des steinernen Hauses. Ein
junges, schönes, freundliches Mädchen öffnete ihm die Tür. Es
war die einzige Tochter einer betagten Mutter und der letzte
Sproß des alten Geschlechtes der Herren von Schwanau, die
durch Krieg und anderes Unglück in Armut geraten waren. Dem
Ritter gefiel die Jungfrau ganz vortrefflich, und er beschloß, um
ihre Hand anzuhalten; doch war er ehrlich und verhehlte seine
Armut nicht. Die Mutter erwiderte: "Es ist in unserem Haus eine
alte Prophezeiung, die letzte Erbtochter von Schwanau werde zu
Reichtum und Ehre gelangen, nur dürfe sie ihren Namen nicht
ändern." Der Junker von Huneberg war einverstanden, den
Namen Schwanau anzunehmen und das Wappen des
Geschlechtes mit dem seinigen zu vereinen.
Auf dem Heimweg traf er dann das alte Männlein wieder. Es
winkte ihm zu und führte ihn in eine Höhle, in der ein wertvoller
Schatz verborgen lag. "Das ist die Morgengabe deiner Braut",
lächelte der Zwerg. "Tue immer recht, und euer Glück wird
blühen." Schott führte seine schöne Braut heim, und die Worte
des Waldgeistes gingen an ihm und seinen Kindern in Erfüllung.
Das Geschlecht derer von Huneberg und Schwanau ist heute
erloschen. Man weiß nicht einmal mehr mit voller Bestimmtheit
zu sagen, wo ihre Schlösser standen.

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Der arme Fiedler unserer lieben Frau im Dom zu
Mainz

Unter den kostbaren Weihestücken des altehrwürdigen Domes


zu Mainz befindet sich auch ein Bild der Jungfrau Maria, zu
deren Füßen die Andacht eines Verehrers ein Paar Pantoffeln
aus gediegenem Golde niedergelegt hatte. Darüber berichtet die
Sage :
An einem rauhen Wintermorgen trat ein armer, schlecht
gekleideter und hochbejahrter Fiedler, der schon mehrere Tage,
ohne rechten Erfolg seine Weisen in den Straßen von Mainz
gespielt hatte, in den Dom, um dem Himmel seine drückende
Not zu klagen und von seinem Schöpfer Hilfe und Trost zu
erflehen. Er sang sein Gebet in einer schlichten Melodie, die er
ohne sonderliche Kunst selbst erfunden hatte, und spielte auf
seinem abgenutzten Instrument die Begleitung dazu. Doch
jedesmal, wenn er sich an den Himmel wandte, unterließ er auch
nicht, das Mitleid der Umstehenden anzurufen.
Mich friert so sehr, ich bin so schwach, Alt ohne Trost und
Kost, Doch niemand, ach! erbarmt sich mein, Und schützt mich
vor dem Frost.
Wie anders in vergang,ner Zeit, Da hatt, ich Ruhm und Geld :
Wenn meine lust'ge Fiedel klang, War fröhlich alle Welt.
Grau und gebückt schleich ich allein, Und niemand hört mich
an; Denn jeder ruft: "Gib auf dein Spiel, Du alter, siecher
Mann!"
Während der Alte dies vor sich sang, blickte er um sich her
und sah, daß die Kirche mittlerweile leer geworden war; denn
die Kälte hatte die Besucher nach Hause an den warmen Ofen
getrieben. Da also niemand mehr in der Nähe war, der den
armen Fiedler bemerkt hätte, beschloß er, der Heiligen Jungfrau

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ein Stück auf seiner Geige zu spielen und ihr eines seiner
schönsten Lieder zu singen.
Gesagt, getan! Er spielte und sang mit solcher Wärme, daß es
ihm schien, als wäre seine Jugend zurückgekehrt, als könne er
dem Leben wieder froh und hoffnungsvoll entgegenblicken, und
die schönsten Farben des Frühlings schmückten sein Dasein.
Nochmals kniete er andächtig nieder, sprach ein kurzes Gebet
und wollte dann den Dom verlassen. Eben hatte er sich
aufgerichtet, siehe! da hob das Bild, vor dem er gekniet und dem
zu Ehren er seinen Gesang hatte erschallen lassen, den linken
Fuß auf und schleuderte mit einer raschen Bewegung den
goldnen Pantoffel, mit dem der Fuß bekleidet war, an die in
Lumpen gehüllte Brust des alten Geigers. "Welch ein Wunder,
oh, welch Wunder!" rief der Greis erschüttert aus; "die
hochgelobte Jungfrau weiß das Flehen eines Armen und sein
Streben, ihr Freude zu bereiten, huldreich zu belohnen! "
Dankerfüllt pries der alte Mann freudig und in den feurigsten
Ausdrücken die himmlische Spenderin und ging dann auf den
Markt, um einen Käufer für seinen Schatz zu suchen und aus
dem Erlös seiner dringendsten Not abzuhelfen. Einen Tag und
eine Nacht hatte er nichts mehr gegessen, der Hunger wühlte in
seinen Eingeweiden, und so blieb ihm jetzt keine andere Wahl,
als die Gabe mitzunehmen, die ihm die Gottesmutter doch
offenbar zur Stillung dieses Bedürfnisses gewährt hatte. Aber
ein Goldschmied, dem er den Pantoffel zum Kauf anbot,
erkannte denselben sogleich, und in wenigen Minuten war der
unglückliche Mann noch übler dran als vorher; denn er befand
sich in den Händen der strafenden Gerechtigkeit.
In jener Zeit machte man mit jedem Verbrecher, mochte er
auch noch so sehr seine Unschuld beteuern, kurzen Prozeß. Die
Laune des Richters sprach das Urteil und ließ es auch in ein paar
Stunden vollziehen. Insbesondere für das ruchlose Verbrechen
eines Kirchenraubes, mit dem der beklagenswerte Greis belastet

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war, erschien keine Hoffnung, keine Gnade, kein Aufschob
gegeben.
Innerhalb einer Stunde sah sich der Häftling gerichtlich
verhört, abgeurteilt und auf dem Wege zur Hinrichtung.
Die Richtstätte war auf dem Speisemarkt, der gerade den
ehernen Toren des Domes gegenüberlag. Vergebens wiederholte
der Greis die Erzählung der ganzen Begebenheit, umsonst
schwor er, die Wahrheit zu sprechen. Die Richter hörten nicht
darauf und hielten seine Beteuerungen für eine unverschämte
Lüge. Der arme Geiger hatte nichts mehr zu hoffen, man
verkündete ihm, daß er noch vor Mittag sterben müsse.
"Wohlan denn!" rief er, schon am aufgerichteten Schafott
stehend, "wenn ich hier mein Leben endigen soll, so sei es mir
doch erlaubt, nochmals zu den Füßen der Heiligen Jungfrau
mein Gebet zu verrichten und nach der Musik meiner alten
Fiedel ein Lied anzustimmen. Ich bitte darum in ihrem
gebenedeiten Namen - ihr könnt es mir nicht verweigern. "
Die Richter schlugen seine Bitte nicht ab; denn es wäre eine
ebenso strafbare Ruchlosigkeit gewesen, wenn man sich
zwischen einen Verurteilten und die Heilige Jungfrau hätte
stellen und sein letztes Gebet verhindern wollen. Streng
bewacht, trat der alte Fiedler nun in den Dom, der ihm zum
Verhängnis geworden war, und betete kniend am Altare der
Himmelskönigin; dann stand er auf und sang vor der
Gottesmutter sein Lied. Kaum war es verklungen, so erhob zum
Schrecken der Wachen, die den Verurteilten umgaben, das
Bildnis seinen rechten Fuß und warf den Pantoffel, der den Fuß
schmückte, an die Brust des Greises. Alle Anwesenden
bezeugten dies, und niemand konnte leugnen, daß der Himmel
sein Zeugnis zugunsten des armen Mannes abgegeben habe.
Dieser wurde sogleich von seinen Fesseln befreit und im
Triumph vor den Stadtrat gebracht, wo man nach Recht und
Pflicht das gesprochene Urteil wieder aufhob und den Alten
unverzüglich in Freiheit setzte.
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Dann hat der alte Geiger vom Dome zu Mainz, so berichtet die
Sage, gegen eine Versorgung für den Rest seiner Tage die
goldenen Schuhe der hohen Geistlichkeit übergeben. Die
Schatzkammer des alten Domes verwahrt heute noch diesen
wertvollen Besitz.

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Der weiße Peter auf der Wachtenburg

Im Tale bei Wachenheim am Fuß der alten Wachtenburg stand


einst ein halbzerfallenes Häuschen; darin wohnte ein Mann, den
die Leute wegen seiner schneeweißen Haare den "weißen Peter"
nannten. Gar oft blieben Vorübergehende stehen und schauten
ihm nach; denn es war noch nicht lange her, daß er ergraut war
und ein Gesicht voll Schrecken bekommen hatte. All dies
geschah in einer Nacht. Wie das zuging, hat er manchmal selbst
erzählt.
Der weiße Peter war ein armer Schelm, und um seiner Not
abzuhelfen, wollte er auf der uralten Wachtenburg Schätze
suchen.
So stieg er denn einmal um Mitternacht zur Burg hinan. Dort
wußte er neben dem Eingang zum Herrensaal ein mit Hecken
überwachsenes Pförtchen, von dem aus Treppen unter die Erde
führten. An dieser Stelle drang er ein und stieg gar viele Stufen
hinab. Nur der schwache Schein seiner Laterne zeigte ihm den
Weg durch die halbzerfallenen Gänge. Mit einemmal aber
wurde ihm unheimlich zumute, sein Herz pochte laut, und er
wünschte wieder im Freien zu sein.
Als er schier verzagen wollte, stieß er auf ein buckliges graues
Männchen, das eben aus tiefem Schlaf erwacht schien und sich
die Augen rieb. Doch war es keineswegs verdrossen, daß Peter
es gestört hatte, sondern meinte freundlich: "Dank dir, daß du
mich geweckt hast! Schon lange muß ich hier träumen mit all
den Rittern dort drinnen im großen Saal." Mit diesen Worten
faßte das Männlein den Schatzsucher an der Hand, schritt mit
ihm bis zum Ende des Ganges und führte ihn in einen weiten
Raum. Darin saßen viele Ritter schlaftrunken an den Tischen,
ihre Schwerter und Schilde hatten sie neben sich gelehnt.
"Alle diese Männer müssen schlafen", erklärte der Zwerg, "bis
ein Mensch mit einem Zauberwort den Wachthund bändigt und

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ihm den goldenen Schatz entreißt, den er zu behüten hat. Um zu
diesem Schatz zu gelangen, müssen drei Tore, ein eisernes, ein
silbernes und ein goldenes, durchschritten werden. Vor dem
goldenen Tor liegt der grimmige Hund, der jeden furchtbar
angeht. Wehe dem, der dann das Zauberwort nicht weiß! Es
heißt "Zufriedenheit". Nimm nun die drei Schlüssel zu den drei
Toren, doch vergiß das Zauberwort nicht, sonst schreckt das
Hundegebell die Ritter aus ihrem Schlaf, und sie werden dich
töten!" Damit gab das Männlein seinem Begleiter einen
eisernen, einen silbernen und einen goldenen Schlüssel und
verschwand.
Peter aber öffnete mit dem eisernen Schlüssel das eiserne Tor,
schritt dann durch einen finsteren Gang zu der silbernen Pforte
und sah, als er auch diese aufgeschlossen hatte, am Ende des
Ganges das goldene Tor erstrahlen. Doch davor lag der
grimmige Hund und fletschte sein schreckliches Gebiß.
Plötzlich erhob er sich und schickte sich an, auf Peter
loszufahren. Den aber überkam eine qualvolle Angst, er wollte
das Zauberwort rufen, doch - O Schrecken! - er hatte es
vergessen.
In seiner furchtbaren Not rannte Peter davon, durch das
silberne und eiserne Tor zum Rittersaal. Doch der unheimliche
Hund hetzte hinter ihm her, sein schauerliches Kläffen kam
näher und näher. Da erwachten die Ritter, griffen zu den
Schwertern, als ob der Feind sie überrumpelt hätte, und machten
Miene, sich auf Peter zu stürzen. Der stürmte durch die Gänge
und wieder die Treppen hinauf zu dem Pförtchen, durch das er
unter die Erde gelangt war. Droben blieb er atemlos und halb tot
vor Schrecken liegen.
So fanden ihn, als der Morgen dämmerte, die Leute. Doch sie
erkannten ihn nicht mehr. Hatte er noch gestern ein junges
Gesicht und blonde Haare gehabt, so blickte ihnen jetzt ein
zerfurchtes Greisenantlitz mit weißem Schopf entgegen.

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Auf solche Art war die Schatzsuche Peters mißglückt, er
hauste weiter, ein armer Teufel, in seiner alten Hütte am Fuß der
Wachtenburg, und die Leute nannten ihn fortab den "weißen
Peter".

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Die Lilie zu Altenbaumberg

Zu Altenbaumberg an der Alsenz wuchs alljährlich mitten im


Schloßhof an einer Stelle, wo der Boden unheimlich hohl klang,
ein Lilienstengel auf, der immer nur zwei Blüten trieb. Selbst
das Steinpflaster konnte ihm nicht hinderlich sein, und sooft
man ihn auch abbrach, er kam immer wieder. Suc hte man nach
der Zwiebel, so fand man im Boden nur Erdreich; aber
Modergeruch stieg deutlich daraus empor.
Um die gleiche Zeit wohnte in einem kleinen Turmgemach des
Schlosses ein uralter Raugraf, der schon über zweihundert Jahre
zählte - es war als ob ihn der Tod vergessen hätte. Stumm und
taub, konnte er niemand sein Leid klagen, das jedermann in
seinen Zügen las. Allabendlich wankte er, auf seinen Stab
gestützt, zu der wundersamen Lilie, mit deren Blüten sein langer
Bart an Weiße wetteiferte, kniete nieder und weinte bittere
Tränen.
Da kehrte einmal, als der Greis wieder bei den Lilien weilte
und sie mit seinen Tränen begoß, ein Pilger im Schloß ein und
wurde von dem Burgherrn, einem jungen Raugrafen, gastlich
aufgenommen.
Beim Anblick des leidenden Alten sprach der ehrwürdige
Wanderer:
"Dir soll bald Trost werden, du hast genug gebüßt." Neugierig
fragte der Burgherr nach dem Sinn der dunklen Worte. Darauf
erzählte der Fremdling:
"Vor langer Zeit ging ein Raugraf auf Abenteuer aus. Auf
seinen Unternehmunge n lernte er ein ebenso schönes als edles
Fräulein kennen und führte es als seine Frau heim. Bald darauf
zog er ins gelobte Land zum Kampfe gegen die Ungläubigen.
Während seiner Abwesenheit erschien auf Altenbaumberg ein
ehemaliger Verehrer der schönen Frau und flehte heiß um ihre
Gunst. Doch alle Versuche, ihre Treue zu erschüttern, blieben
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vergebens. Da schwur ihr der abgewiesene Ritter Rache und
machte sich auf den Weg nach Jerusalem. Er fand dort den
Raugrafen und ließ gelegentlich einige Worte über die Untreue
seiner Gemahlin fallen. Scheinbar widerstrebend erzählte er
dann, daß die schöne Frau einem Burgknappen ihre Liebe
schenke. Sogleich verließ der erzürnte Raugraf das Heer der
Kreuzfahrer und eilte der Heimat zu.
Im Pilgergewand kam er unerkannt auf seine Burg und bis ins
Gemach seiner Gemahlin, in dem gerade der bezeichnete
Knappe Dienst tat. Der Dolch des wütenden Ritters streckte den
Knappen sogleich nieder, und mit einem Schrei des Entsetzens,
der dem Rasenden nur die Untreue der Gattin zu bestätigen
schien, stürzte auch die Burgfrau erdolcht zusammen. Als
bewaffnete Diener herbeieilten, riß der Fremde die Kutte vom
Leib und stand als ihr Herr vor seinen Leuten.
Sogleich ließ er eine Grube ausheben, die beiden Leichen ohne
Sarg und ohne kirchliche n Segen bestatten und befahl, die
Öffnung fest zu vermauern. Aber schon am nächsten Morgen
bezeugten ihm zwei Lilien über dem Grab die Unschuld der
Ermordeten, wofür auch alle Burgbewohner eintreten konnten.
Die tiefe Reue des Alten und sein täglicher Gang zum Grabe
vermochten bis heute die Greueltat nicht zu sühnen, und so
wandelt er seit Jahrhunderten als lebendiger Leichnam umher.
Nur wenn ein "glückliches Ehepaar" aus seiner
Nachkommenschaft die Gebeine dieser Schuldlosen auf
christliche Weise bestattet, löst sich der Fluch.
Da sahen sich der Burgherr und seine Gemahlin mit einem
seligen Blick an. Sie ließen noch zur selben Stunde die Gebeine
der Unglücklichen ausgraben und auf feierliche Weise
beisetzen.
Sogleich verwelkten die Lilien über der einstigen Ruhestätte.
Und als der alte Raugraf wieder in den Schloßhof kam, löste
sich das Band seiner Zunge. Freudig erschüttert rief er mit

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einem Blick zum Himmel: "Ewiger Richter, sei mir gnädig!"
Dann sank er tot nieder.
Ein ehrenvolles Begräbnis neben den Opfern seines Jähzornes
blieb ihm nicht versagt.

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Die Wolfskirche bei Bosenbach

Zwischen den beiden Dörfern Bosenbach und Friedelhausen


liegt hart an der Straße ein Friedhof mit einem alten Turm, die
Wolfskirche genannt. Hinter dem Tor an der Mauer gewahrt
man ein Raubtier, in Stein gehauen, wie es ein anderes Tier, ein
Lamm oder ein Reh zu Boden reißt. Darüber erzählt eine alte
Sage:
Vom Berghang sprang einst in raschen Sätzen ein Reh ins Tal
hinab.
Es bebte und zitterte, und seine Blinker irrten hilfesuchend
umher.
Hinter ihm hetzte ein blutdürstiges Raubtier, ein Wolf, gierig
einher.
Das Reh setzte über den Bach, der durch das Tal fließt, um so
seinem Feind zu entrinnen. Doch der Verfolger jagte dem Reh
nach, und das gehetzte Wild strebte nun der anderen Höhe zu.
Am Fuße des Berges machte es plötzlich halt, es schien, als
wollten seine Kräfte versagen.
Zu weit noch war's bis zum nächsten Wald !
Dann raffte sich das Tier noch einmal auf; vor ihm stand ein
einsames Kirchlein, in seiner Angst sprang das Reh durch die
offene Pforte in das Gotteshaus hinein und sank zu Tod gehetzt
am Altare nieder. Doch auch der Wolf machte Miene zu folgen.
Wie er aber zum Kirchentor hineinguckte, da wandte er sich
plötzlich um und floh mit winselndem Geheul, denn er glaubte
einen Jäger mit Pfeil und Bogen zu bemerken, der ihm auf der
Spur sei.
Das Kirchlein erhielt den Namen "Wolfskirche", und der
einsame Turm schaut heute noch weit in die Lande hinein.

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Eine Luftfahrt von Pirmasens nach Gersbach

Landgraf Ludwig IX. von Hessen hielt seine Grenadiere sehr


streng, und da gab es wenig oder gar keinen Urlaub. Als er
einmal in Pirmasens weilte, kam einer der Grenadiere namens
Schubkehl zu ihm und bat, der Landgraf möge ihm doch
erlauben, einmal nach Gersbach zu gehen, wo seine Braut
wohne, er komme am folgenden Morgen wieder. Der Landgraf
war gerade guter Laune und willigte ein.
Schubkehl marschierte fröhlichen Mutes die Straße entlang
und trällerte ein Liedchen vor sich hin. Da hörte er plötzlich
einen Wagen hinter sich herrollen. Es war gerade am letzten
Tage des Monats April, am Vorabend der Walpurgisnacht, in
der sich die Hexen mit dem Teufel treffen. Der Grenadier drehte
sich um und sah zwei feine Herren in dem Wagen sitzen. Als sie
näher kamen, fragten sie ihn:
"Wohin des Weges, guter Freund?"
"Nach Gersbach, mit Verlaub", antwortete er.
"Dann braucht Ihr Eure Beine nicht weiter anzustrengen",
erwiderten die Herren, "wir fahren auch über Gersbach; wenn
Ihr wollt, könnt Ihr einsteigen. "
Das ließ sich Schubkehl nicht zweimal sagen; er dankte für die
Ehre und sprang mit einem Satz in den Wagen.
"Nun weiter, Kutscher, und laßt die Pferde einmal laufen!"
riefen die Herren, und da fuhr der Wagen, daß es ordentlich
pfiff, er fuhr immer schneller und endlich so schnell, daß dem
braven Schubkehl fast Hören und Sehen verging; der Wagen
hielt auch nicht an, obgleich er den Weg nach Gersbach schon
zehnmal zurückgelegt haben mußte. Als Schubkehl sich
hinausbog, um zu sehen, wo er denn eigentlich sei, bemerkte er,
daß der Wagen hoch durch die Luft flog und über Dörfer und
Kirchturmspitzen wegfegte.

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"Ach, Herr und Gott, wo sind wir!" rief er, aber in demselben
Augenblick hörte er ein höllisches Gelächter, dann fuhren
Baumzweige um seine Ohren und - plumps! lag er mitten in
einem Wald. Er schaute sich erstaunt um, rieb seine Arme und
Beine, die ihn nicht wenig schmerzten, und versuchte, ob er
noch gehen könne.
Das gelang ihm mit schwerer Mühe, und so schleppte er sich
durch das Gehölz bis er auf freies Feld kam. Dort hütete ein
Schäfer seine Schafe. Der Soldat bot ihm einen Gruß und
erkundigte sich: "Guter Freund, wie weit habe ich bis
Pirmasens?"
"Pirmasens?" fragte der Schäfer, "den Namen habe ich noch
nie gehört. Geht einmal in das Dorf hinüber und fragt den Herrn
Pfarrer, vielleicht weiß er, wo der Ort liegt."
Das tat Schubkehl und hörte zu seinem Erstaunen von dem
Pfarrer, daß Pirmasens vierzig Stunden entfernt sei. Jetzt
erkannte Schubkehl, mit welchem Fuhrwerk er gefahren und daß
er auf geradem Weg zum Hexentanz gewesen war.
Zurückgekehrt fuhr ihn der Landgraf anfangs zwar hart an, wo
er so lange geblieben sei, aber als Schubkehl ihm alles erzählte,
verzieh er ihm, weil der arme Grenadier soviel Angst
ausgestanden hatte.

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Franz von Sickingen auf Ebernburg und der Geist
vom Rotenfelsen

Im Innern des Rotenfelsens, nicht weit von Ebernburg, haust


seit alter Zeit ein Berggeist. In mondhellen Herbstnächten treibt
er sein Unwesen und verschwindet mit Anbruch des Tages
wieder. Der Geist ist nicht böse; nur darf man ihn weder reizen
noch necken.
Manchmal schwebt er auch auf die Ebernburg hinüber; dann
heult der Sturm in Klagetönen um die zerfallene Burg; denn der
Geist vom Rotenfelsen trauert um seinen Liebling. Und das war
kein anderer als der Ritter Franz von Sickingen.
Als Knabe hatte Franz einmal die jähe Felswand erklettert und
war dann hart am Rande der grausigen Schlucht eingeschlafen.
Es war schon spät in der Nacht. Da trug der Berggeist den
Knaben, den die Reisigen seines Vaters und die hörigen Leute
des Dörfleins vergebens suchten, in seine kristallene Wohnung.
Als Franz erwachte, sah er ringsum eine seltene Pracht. Der
Geist schwebte mit freundlichen Gebärden auf ihn zu. Der
Knabe aber stand trotzig auf und fragte, wo er sich befinde und
wie er hierher gekommen sei. Der Geist erzählte ihm, an
welcher gefährlichen Stelle er ihn aufgelesen und wie er ihn
gerettet habe. Das ließ sich Franz gefallen, dankte dem Geiste
furchtlos, verlangte aber, daß er ihn sogleich zur Ebernburg
bringe. Solch Wesen gefiel dem Geiste; er zeigte Franz seine
Schätze und lud ihn ein, sich zu nehmen, was er wolle. Der
Knabe aber dankte für das Anbot, und bat nur, daß er
wiederkehren dürfe. Da gab ihm der Geist ein güldenes Kettlein,
woran ein Edelstein hing und sagte: "Sooft du zur
Dämmerstunde zu mir willst, nimm den Stein in die Hand, und
sogleich werde ich dich hereingeleiten. "
Franz legte das Kettlein um den Hals und verbarg es
sorgfältig.

-426-
Darauf führte ihn der Berggeist sicheren Schrittes die
Felswand hinab und nach der Ebernburg hinüber. Dann
verschwand er. Wurde der Knabe von seinem Vater auch
ungnädig empfangen, so erzählte er doch nichts von dem, was
ihm begegnet war.
So lebte Franz forthin in steter Gemeinschaft mit dem Geiste
im Rotenfelsen. Als er ein mächtiger Rittersmann geworden
war, da standen ihm die Schätze des Berggeistes zu all seinen
Taten und Zügen offen. Nur einmal warnte ihn der Geist, als er
gegen Trier zog, und wandte sich grollend von ihm, weil er
dennoch den Zug unternahm. Von da an verfolgte den Ritter das
Unglück, bis er von seinen Feinden besiegt wurde und auf seiner
Feste Landstuhl den Tod fand.
Der Geist trauerte tief um seinen Freund und verschloß sich
ein Jahr lang in seiner kristallenen Wohnung. Dann ließ er sich
wieder sehen.
Er schwebt noch heute um Fels und Burg. Trübe und wolkig
ist seitdem sein Gewand, und im Gras am Ufer der Nahe
glänzen seine Tränen, die er um seinen Liebling, den letzten
Ritter, weint.

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Kaiser Rudolfs Ritt zum Grabe

Kaiser Rudolf von Habsburg, reich an Jahren, war in seinem


Schlosse zu Germersheim einstens erkrankt und fühlte den Tod
herannahen. Noch am selben Tag, meinten die Ärzte auf des
Kaisers Frage, werde die letzte Stunde kommen.
"Auf nach Speyer!" befahl da der greise Held, "dort will ich
den Tod erwarten. Blast die Hörner und bringt mein Roß!" Und
das Tier, das ihn sonst zur Schlacht getragen hatte, bestieg er
nun zum letzten Ritt.
Von zwei Priestern begleitet, zog Rudolf, mit einem Fuß schon
im Grabe, langsamen Schrittes gegen Speyer, um sich mit seinen
vornehmen Ahnen zu vereinen, die dort im Dome bereits zur
ewigen Ruhe eingegangen waren. Da begannen auf einmal die
Glocken dumpf und klagend zu läuten, und wohin der Zug sich
bewegte, standen die Leute und weinten und trauerten. Aus den
Toren von Speyer eilten Ritter, Bürger und Frauen wehmütig
dem Kaiser entgegen, um noch einmal sein mildes Antlitz zu
sehen.
Der Kaiser trat in den hohen Prunksaal der Burg zu Speyer
und setzte sich auf den goldenen Stuhl. Dann begann er für sein
Volk zu beten bis zum Augenblick des Scheidens. Um die
Stunde der Mitternacht erfüllte mit einem Male ein himmlischer
Glanz den Raum: der geliebte Kaiser war entschlafen.
Der Dom wurde sein letzter Ruheplatz, und viel Volk drängte
sich bei seiner Bestattung. Tief unten in der Gruft der Deutschen
Kaiser ruht auch heute noch Rudolfs Sarg.

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Sagen aus Pommern

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Der Fünflöcherstein bei Zarrentin

Vor alten Zeiten hausten an vielen Orten des Pommerlandes


Riesen.
Sie waren den Bewohnern des Landes zumeist feindlich
gesinnt. Vor allem gerieten sie in Wut, wenn Kirchen gebaut
wurden.
Nahe bei dem pommerschen Dorf Zarrentin liegt ein riesiger
Stein.
Darin sind fünf Löcher, eigentlich Fingerabdrücke, zu sehen.
Als man einst daranging, an dieser Stätte eine Kirche zu
errichten, ärgerten sich die Riesen, die bisher dort gewohnt
hatten, und zogen sich vor den neuen Be wohnern an die Ostsee
zurück. Besonders hatten sie es auf den hohen Kirchturm des
Dorfes Sassen abgesehen.
Sie beschlossen, ihn mit einem großen Stein einzuwerfen.
In der Gegend von Stralsund versammelten sie sich, um dies
auszuführen. Einige Riesen wurden besonders gut gefüttert,
damit sie fähig seien, den Wurf aus der weiten Entfernung
kunstgerecht vorzunehmen. Einer bekam täglich Rindfleisch, ein
anderer Schweinefleisch und ein dritter Hammelfleisch. Dem
mit Rindfleisch gefütterten gelang der Wurf. Der Turm stürzte
ein, der Stein flog aber noch weiter , er liegt heute nahe beim
Dorf Zarrentin. Auch die fünf Löcher, die Eindrücke der
Fingerspitzen des Riesen, sind noch deutlich zu erkennen.

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Der Klabatermann in Pommern

Sobald ein neues Schiff fertig ist und von seiner Mannschaft
übernommen wird, zieht auch, wie die Schiffsleute in Pommern
meinen, ein kleiner Geist in das Fahrzeug ein, den die Schiffer
den Kalfater oder Klabatermann nennen. Er ist ein guter Geist,
der für das Schiff und für die Mannschaft Segen bringt. Nur
wenige Leute haben ihn gesehen, denn es bedeutet ein Unglück
für den, der ihn wahrnimmt. Die wenigen, die ihn zu Gesicht
bekamen, erklärten, er sei kaum zwei Fuß groß, trage eine rote
Jacke und habe weite Schifferhosen an, ferner trage er einen
runden Hut auf dem Kopf.
Man kann den Klabatermann zwar nur selten sehen, aber desto
öfter hören, wie er im Schiff arbeitet; denn das tut er
unaufhörlich. Überall hilft er bei der Arbeit mit, am Anker, bei
den Segeln und besonders im Laderaum, wo er die Ballen
nachstaucht und das Schiff an Stellen kalfatert, wo kein Mensch
dazukann; daher hat er auch seinen Namen. Er weckt auch den
Schiffer, wenn dieser in der Kajüte eingeschlafen ist und das
Schiff in Gefahr gerät.
Das alles wissen die Schiffsleute recht gut, und wenn sie ihn
unten im Raum oder draußen an den Planken hantieren hören, so
sagen sie nur: "Hörst du? Da ist er wieder."
Manche behaupten, nicht jedes Schiff habe so einen Kalfater,
sondern es sei ein besonderes Glück, das nur wenigen Schiffen
zuteil werde. Denn ein solches Schiff soll niemals zugrunde
gehen.

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Der Klabautermann

Dort, wo die blauen Wogen der Ostsee die schneeweißen


Kreideklippen der Insel Rügen umspülen, lag vor langer Zeit,
zwischen Felsen eingezwängt, ein einsames, winziges
Fischerhaus.
Gleich dem Neste der Seeschwalbe war es hoch über dem
Meeresspiegel erbaut. Keine noch so hohe Flut vermochte das
Bauwerk zu erreichen, und darum konnten seine Bewohner ohne
Sorge auf die entfesselten Wogen blicken, wenn der Sturm sie
brandend gege n die Felsen schlenderte. Mochten sie sich noch
so gierig recken und dehnen, so hoch reichte ihre Macht nicht.
Lachend betrachtete Jan Classen, der Fischer, die vergeblichen
Anstrengungen des Meeres, sein Heim zu vernichten, und die
Wut, mit welcher die Wogen unverrichtetersache schäumend
und brausend wieder zurückstürzten. Ja, solch ein Unwetter vom
sicheren Ort aus zu beobachten und der Gewalt der Fluten zu
spotten, das war Jans größtes Vergnügen. Dann stand er vor
seiner Hütte auf dem Felsenvorsprunge, drückte die Lederkappe
fest auf den Kopf und stemmte die harten braunen Hände in die
Seiten. Sein sonst so gleichgültiges Gesicht schien Leben zu
bekommen. In den festen Zügen mit den unzähligen Falten und
Runzeln zuckte es wie Wetterleuchten, und seine Augen
funkelten vor heimlicher Lust. "Ja, brülle nur, tobe nur", schrie
er in das Donnern des Meeres hinein, "mich sollst du nicht
verschlingen! Mein Häuschen steht hoch, mein Kahn ist fest,
und meine Hand hat Kraft genug, mein Fahrzeug zu zwingen!"
"Rede doch nicht so, Mann", mahnte eine tiefe Frauenstimme.
In der Tür der Hütte erschien eine hochgewachsene, kräftige
Frau; auch ihr Äußeres zeigte, daß ihr harte Arbeit und Kampf
mit Wind und Wetter zur Gewohnheit geworden waren. Aus
ihren Gesichtszügen sprach ruhiger Ernst. Große blaue Augen
blickten treuherzigfreundlich, die gerade, scharfgeschnittene

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Nase, der festgeschlossene Mund und das starke Kinn deuteten
auf Willensstärke, indessen sich über das gebräunte Antlitz ein
Ausdruck von Gutmütigkeit verbreitete. Gekleidet war sie in die
dunkle Tracht, welche bei den Frauen Rügens üblich war.
Zeugte der Anzug auch von großer Armut, so doch auch
wiederum von peinlicher Ordnung und Sauberkeit.
Sie war einst ein hübsches Mädchen gewesen, die Helge, und
viele junge Männer hatten sich um sie beworben, auch
wohlhabendere als Jan Classen. Sie hätte nur zuzugreifen
brauchen, und sie wäre des reichsten Bauern Weib geworden
und hätte heute in teuren Kleidern mit goldenen Knöpfen
einhergehen können. Ihre Mutter hatte ihr vergebens zugeredet,
ihr Glück nicht von sich zu stoßen, und hatte die Hände über
dem Kopf zusammengeschlagen, als sie erfuhr, daß Helge den
wilden, unbändigen, jähzornigen Jan heiraten wollte.
Dieser besaß nichts als einen Fischerkahn, und ein Häuschen
wollte er sich erst von seinen Ersparnissen bauen, die er als
Steuermann eines Kauffahrers erworben hatte. Und doch wurde
es so. Allgemein bedauerte man, daß die brave Helge eine
solche Wahl getroffen hatte, und die Mutter sagte ärgerlich:
"Meinetwegen denn, wenn du dir einmal einbildest, daß du den
wilden Menschen zähmen willst.
Komme mir aber später nicht mit Klagen!" Helge kam nicht
mit Klagen, obgleich sie viel unter ihres Mannes Ungestüm und
rohem Sinn zu leiden hatte.
Aber sie hatte ihn eben lieb und er sie auch.
Das Häuschen, welches Jan sich weitab von allen andern
erbaut hatte, war wohl klein, doch nett und wohnlich. Helge
wußte der sehr bescheidenen Einrichtung eine solche
Behaglichkeit zu geben, daß es jedem wohltat, der in die kleine
Stube trat. Aber nicht nur ihr kleines Hauswesen hielt sie in
Ordnung; sie half ihrem Mann auch tüchtig bei der Arbeit. Sie
fuhr mit hinaus zum Fischfang, trocknete und räucherte die

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Fische, strickte, flickte und wusch die Netze, kurz: Sie war eine
richtige und echte Gefährtin ihres Mannes. Ja, und wenn er es
auch nicht laut sagte, er empfand ihren Wert gut und ehrte und
liebte sie in seiner barschen Weise. Er gab viel auf ihren Rat und
ihre verständige Rede, wenn er ihr auch scheinbar niemals recht
gab.
Vielleicht hätte sich seine Rauheit noch gemildert, wenn die
bunte Wiege, die ihnen als Hochzeitsgabe verehrt worden war,
nicht leer geblieben wäre. Doch Jahr um Jahr ging dahin, und
das Paar blieb allein. Kein helles Kinderlachen unterbrach die
Stille der Hütte, kein Kindesauge strahlte Jan und Helge an. Und
sie hätten sich beide unendlich gefreut, wenn ihnen solches
Glück beschert worden wäre.
So schön das Häuschen gelegen war --- es gewährte einen
prächtigen Ausblick auf das weite Meer ---, so gab es dabei
doch einen Punkt, über den Helge mit ihrem Manne nie einig
wurde, und das war die Nachbarschaft einer wunderbaren
QueIle. Unweit der Hütte quoll klares, reines Wasser aus dem
Felsen. Es war von einer merkwürdig blaugrünen Farbe, genau
wie Seewasser, jedoch von süßem Geschmack. Als munteres
Bächlein stürzte es sich über die FeIsen hinab in das Meer, mit
dem es sich sofort verband. Jan hatte sein Haus mit gutem
Bedacht in die Nähe dieser Quelle gebaut, da Trinkwasser sonst
nur aus großer Entfernung zu beschaffen war. Es gab zwar den
Herthasee in der Nähe; aber daraus mochte niemand Wasser für
den Haushalt schöpfen.
Kurze Zeit, nachdem Helge als junge Frau in ihr neues Heim
gezogen war, fiel es ihr auf, daß sich in der Quelle jedesmal ein
sonderbares Brausen und Rauschen bemerkbar machte, wenn sie
ihre Eimer dort füllte. Einigemal war es ihr vorgekommen, als
ob ein wunderliches Gesicht sie aus dem klaren Wasserspiegel
drohend angeblickt hätte, so daß sie erschrocken zurückfuhr.

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Eines Tages wollte sie eben wieder zur Quelle gehe n, da
begegnete ihr der greise Knut, der Ziegenhirt, der wohl mehr als
hundert Jahre alt sein mochte.
Als er sah, daß die Frau in der Felsenquelle Wasser schöpfen
wollte, fiel er ihr entsetzt in den Arm und rief: "Was beginnst
du, törichtes Weib, willst du mit aller Gewalt Unheil über dich
und deinen Mann bringen? Weißt du nicht, daß diese QueIle der
Eingang zur Wohnung des Klabautermanns ist?"
"Was sagst du", stammelte Helge erschrocken, "hier wohnt der
boshafte Wassergeist, der seine Freude daran hat, wenn die
Schiffe ins Verderben stürzen? "
"Jaja." Der Alte nickte.
"Dein Mann weiß es recht gut; aber in seinem wilden
Frevelmut hat er sich fern von allen Menschen trotzig hier
angebaut."
Helge überlief es eiskalt. Sie überlegte, daß sie ja, ihren
ganzen Bedarf an Wasser von jeher aus dieser Quelle geschöpft
hatte und daß ihr auch in Zukunft nichts anderes zu tun
übrigblieb. Wie, wenn dies nun den Zorn dieses unheimlichen
Wasserzwerges erregte, der von den Seeleuten so gefürchtet
war? Hatte sie nicht oft erzählen hören, wie der Klabautermann,
lachend seine Laterne schwenkend, auf dem Kiel des Schiffes
hockte oder in den Rahen umherkletterte, wenn des Wetters
Ungestüm das Schiff, das dem Untergang geweiht war, in seinen
Fugen erbeben ließ? Wenn der Blitz den Mast zerschmetterte,
wenn die wilden Wogen das Steuer entrissen, wenn das
unglückselige Wrack dem Untergang nahe war und die
Besatzung dem Wellentod entgegensah, dann jauchzte der
Klabautermann, und bis zum letzten Augenblick verweilte er auf
dem untergehenden Fahrzeug. Versank es endlich in den
tosenden Fluten, so war der letzte Ton, der an die Ohren der
Ertrinkenden schlug das gellende Gelächter des
Klabautermanns. Und aus seinem Bereich war Helge

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gezwungen, Wasser zu holen! Natürlich hatte sie diese Tatsache
sofort ihrem Manne mitgeteilt und ihn inständig gebeten, sich
doch bei all den andern Menschen im Dorf ein neues Häuschen
zu bauen. Gern wollte sie alle ihre Ersparnisse hingeben, um nur
dieser gefährlichen, unheimlichen Nachbarschaft zu entgehen.
Aber da war sie schön angekommen! Jan wollte über Helges
Entsetzen schier platzen vor Lachen und rief: "Närrisches Weib,
denkst du, ich weiß nicht, wer unser Nachbar ist? Das ist's ja
eben, was mir Spaß macht, daß uns der wunderliche Kauz
Trinkwasser geben muß, er mag wollen oder nicht. Sei nicht so
dumm, dich zu fürchten! Der Klabautermann ist kein so
schlimmer Gesell, wie du glaubst. Ich habe Beispiele genug
gehört, daß er Schiffer und Fischer sogar beschützt hat."
"Um so weniger hättest du seinen Unwillen herausfordern
sollen", entgegnete die Frau ernst. "Man muß die Bosheit nie
herausfordern und die Gutmütigkeit nicht mißbrauchen. Warum
störst du den Wassergeist in der Stille seiner Wohnung? Ich
glaube nicht, daß es ihm gefällt, wenn ich den Eimer in die
Quelle hinablasse."
"Ach, Weibergeschwätz", brummte der Fischer. "Wenn ihm
meine Nachbarschaft nicht gefällt, mag er fortziehen!"
Helge seufzte. Sie wußte leider schon längst, daß ihr Mann
niemals auf vernünftige Vorstellungen hörte, sondern nur
seinem Eigenwillen folgte. Seit der Zeit ging sie mit Zagen und
Widerwillen nach der Quelle. Viel lieber wäre sie drei Stunden
nach dem Herthasee gegangen. Allein dessen Wasser war am
Ufer oft trüb und schlammig. Sie schöpfte von nun an mit der
größten Vorsicht und vergaß niemals, vorher hinabzurufen:
"Bitte erlaube mir, ein wenig Wasser hier zu schöpfen." Alsdann
war es ihr, als ob aus dem Wasserspiegel ein runzliges Antlitz
zustimmend nickte.
Es war an einem sonnigen Sommernachmittag. Das Meer
glitzerte ,und glänzte im Sonnenschein und murmelte leise wie
ein Waldbächlein. Über ihm wölbte sich tiefblau die
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Himmelsdecke. Am Horizont flossen Himmel und Meer so innig
zusammen, als ob man dort aus einem ins andere schreiten
könnte. Helge war zur Quelle gegangen, hatte aber ihre Eimer
hingestellt und saß nun, die Hände über dem Knie verschränkt,
nachdenklich auf einem Felsenvorsprung. GedankenvoIl blickte
sie in die Ferne. Dort draußen die weißen Punkte waren wohl
die Fischerboote, bei denen sich auch Jan befand. Sie fühlte sich
heute wieder einmal recht einsam. Die schwüle Stille wirkte
niederschlagend auf ihr Gemüt. Es war so leer, so öde um sie.
Warum war ihr nur das Glück nicht beschieden, ein Kindlein zu
besitzen? Unwillkürlich hatte sie ihren Gedanken Worte
verliehen; da, plötzlich ein Schrei, ein Platsch -- und als sie sich
erschrocken umsah, bemerkte sie, daß von dem steilen Abhang
ein kleines Kind in die Quelle gefallen war. Diese war tief.
Rasch und entschlossen beugte sich Helge über den
Brunnenrand. In demselben Augenblick tauchte das Kind wieder
empor. Sie erfaßte es, und mit einem kräftigen Ruck hob sie es
hoch.
Es war ein Knabe von vielleicht drei Jahren. Weder der Fall
noch das Bad schienen ihm geschadet zu haben; denn er blickte
seine Retterin mit hellen Augen an und lachte. Schön war er
nicht, das mußte man sagen. Auf einem kleinen, schmächtigen,
aber starkknochigen Körper saß ein großer, dicker Kopf,
bedeckt mit langsträhnigem schwarzem Haar, das zottig in die
breite, niedere Stirn hineinhing.
Die gelbe Haut war straff über die hervorstehenden
Backenknochen gezogen. Ein breiter Mund mit wulstigen
Lippen ließ zwei Reihen mächtiger Zähne erkennen. Eine
kleine, plumpe Nase gereichte dem Gesicht durchaus nicht zur
Zierde, und nur die beweglichen grauen Augen verschönten
dasselbe einigermaßen. Im Grunde bot der Junge den Anblick
eines recht häßlichen, kleinen Ungetüms. Er schien überdies
auch keineswegs von reicher Herkunft zu sein; denn das einzige

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Kleidungsstück, das er trug, war ein grobwollener, brauner
Kittel. Seine krummen Beinchen waren unbedeckt.
Was fragt denn aber ein Frauenherz nach Schönheit, wenn sein
Mitgefühl für ein hilfsbedürftiges Wesen erweckt wird! Frau
Helge trocknete den armen Schelm mit ihrer Schürze ab und
fragte ihn besorgt, ob er sich weh getan habe. Da riß der Kleine
den Mund weit auf und schrie: "Nein, Purzelbaum 'macht, bums,
platsch!" Dabei bezeichnete er den Vorgang so komisch mit
Händen und Beinen, daß die Frau mitlachen mußte. Endlich
fragte sie den Knaben, der es sich auf ihrem Schoß bequem
gemacht hatte: "Wie heißt du denn, mein Söhnchen? Wer sind
deine Eltern, und wo wohnst du? "
Der Knabe schien aber gar nicht zu verstehen, was die Frau
wissen wollte, sondern rief nur, vergnügt mit den Beinen
strampelnd :
"Bautzmann, Bautzmann!"
"Du kannst doch nicht Bautzmann heißen", erwiderte
verwundert Helge. Aber: "Oja, oja!" beteuerte der Kleine
lachend und zappelnd.
Helge überlegte, was sie wohl mit dem Kind anfangen sollte.
Es hatte etwas so Fremdartiges an sich und schien durchaus
keine Auskunft über seine Angehörigen oder seine Heimat
geben zu können. "Willst du mit mir kommen?" fragte sie von
neuem, und "ei ja, ei ja! Hunger, essen!" antwortete der Kleine.
Das ließ sich die Frau gesagt sein. Rasch füllte sie ihre Eimer,
hob den einen auf die Schulter und hieß den Kleinen sich an der
Hand festhalten, mit welcher sie den anderen Eimer trug.
Hei, wie der Junge mit den krummen Beinchen rennen konnte!
Im Häuschen angekommen, holte Helge Ziegenmilch und Brot
herzu, um den Hunger ihres Findlings zu stillen. Dieser war auf
die Bank geklettert und stemmte die Ärmchen auf den Tisch, als
ob er von jeher hier daheim gewesen wäre. In unglaublich
kurzer Zeit hatte er die Speisen verzehrt; doch war er nicht so

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unbescheiden, noch mehr zu fordern, obgleich sich Helge erbot,
ihm noch Milch und Brot zu holen. Er machte es sich bald
bequem, streckte sich auf die Bank, legte den Kopf auf den Arm
und schlief ein. Kopfschüttelnd betrachtete die Frau den kleinen
Schläfer. Er war doch ein gar zu wunderliches Geschöpf. Was
würde wohl ihr Mann zu dem kleinen Gast sagen?
Es wurde Abend. Helge war mit dem Zubereiten des
Abendbrotes fertig und trat hinaus, um nach Jan auszuschauen.
Da nahten die Boote schon. Flink lief sie zum Ufer hinab, um
beim Landen zur Hand zu sein. Ihr Mann winkte ihr schon von
weitem fröhlich zu und rief herüber: "Solchen Fang wie heute
habe ich noch nie gemacht.
Schau her, Weib, das Boot faßt die Fische kaum!"
HeIge schlug die Hände vor Erstaunen zusammen. Da galt es,
sich zu rühren, um das Glück richtig zu nützen, damit die schöne
Beute nicht verderbe. Vorläufig wurden die Fische in Fässer
getan und für die Nacht an einen kühlen Ort gestellt. Morgen in
aller Frühe sollte es an das Einsalzen oder Trocknen gehen. Die
Sonne war bereits untergegangen, als Jan und Helge in die Stube
traten, um sich das wohlverdiente Abendbrot schmecken zu
lassen. Erst jetzt fiel es der Frau ein, daß sie ganz vergessen
hatte, ihrem Mann von dem kleinen Ankömmling etwas zu
sagen. Im Halbdunkel kollerte den Eintretenden ein sonderbares
Etwas entgegen. Es war der kleine Junge, welcher ausgeschlafen
hatte und nun zum Zeitvertreib Purzelbäume in der Stube
schlug. Verwundert prallte Jan zurück; doch Helge erzählte kurz
und bündig, während sie die Tranlampe anzündete, wie sie zu
dem Kinde gekommen sei. Prüfend betrachtete der Fischer den
wilden Knaben. Dann packte er ihn mit raschem Griffe beim
Genick, stellte ihn auf die Beine und sagte: "Na, mal still,
Knirps, muß doch sehen, was du eigentlich für ein Kerlchen
bist."
Der guckte ihn von unten herauf mit einer so komisch
ernsthaften Miene an, daß Jan in lautes Lachen ausbrach und
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rief: "Gelt, Weib, gerade so hätte unser Söhnchen nicht
ausschauen sollen. Ich werde morgen nach der Arbeit Umfrage
halten, wohin der kleine Schelm gehört. Sollte sich jedoch
niemand zu ihm finden, nun, so mag er eben bei uns bleiben."
Ein listiger Blick schoß aus des Knaben Augen nach Jan und
Helge. Diese jedoch bemerkten es nicht. Helge hob ihn auf die
Bank, damit er an der abendlichen Mahlzeit teilnehme.
Jans Nachforschungen nach des Kleinen Eltern und Heimat
blieben erfolglos, obgleich er sie beharrlich wochenlang
fortsetzte.
Bautzmännchen zeigte auch gar kein Verlangen, wieder
fortzukommen, sondern fühlte sich in Classens Hause ganz
heimisch.
Helge war dies recht. Sie hatte den Wildfang liebgewonnen.
"Er sieht auch gar nicht so häßlich aus, wie es mir anfangs
vorkam", sagte sie zu ihrem Mann. Doch dieser schlug ihr
lachend auf die Schulter und fügte hinzu: "Weil du dich bereits
an den Kleinen gewöhnt hast!"
Wochen und Monate gingen dahin. Der Knabe, den man Klaus
genannt hatte, weil Bautzmann doch gar zu sonderbar klang,
brachte Leben in das eintönige Dasein Jans und Helges. Er
tummelte sich auch sorglos außerhalb des Häuschens, kletterte
mit den beiden Ziegen um die Wette oder bat den Fischer so
lange, bis er ihn mit auf den Fischfang nahm. Dann hockte er
auf der Spitze des Kieles, und wenn das Boot auf bewegten
Wellen auf und nieder tanzte, schrie er lustig: "Hoioho, hoioho!"
Anfänglich war Jan ängstlich gewesen, das Kerlchen könne am
Ende ins Meer fallen. Aber diese Sorge schwand bald; denn
Klaus klebte wie eine Klette an dem Kahn. Und als er eines
Morgens doch ins Wasser purzelte, sah Jan zu seinem höchsten
Erstaunen, daß er schwimmen konnte wie eine Wassermaus.
Das schien ihm doch nicht mit rechten Dingen zuzugehen, und
bedenklich sah er den Jungen von der Seite an, als er wieder im
Boot stand und wie ein nasser Pudel das Wasser abschüttelte.
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Bald aber beruhigte er sich. Er dachte: Der Klaus ist jedenfalls
älter, als wir gemeint haben. Er ist nur so klein, und bei seinem
häßlichen Gesicht läßt sich das Alter schwer bestimmen. Es ist
schade, daß er darüber keine Auskunft geben kann.
Einige Tage später begleitete Klaus seine Pflegemutter, die
eine Bütte voll Fische nach dem Markte trug. Unterwegs
begegnete ihnen der alte Knut, der Ziegenhirt. Kaum hatte er
den Knaben an Helges Seite erblickt, so fuhr er zusammen, als
ob ihn eine Natter gestochen hätte. Starr sah er ihn an und hob
warnend die Hand in die Höhe.
"Woher habt Ihr denn den Jungen, Helge Classen?" rief er aus.
"Schafft ihn schleunigst wieder hin, wo Ihr ihn gefunden habt.
Denkt an meinen Rat!" Klaus war hinter die Frau getreten und
schnitt dem Hirten eine fürchterliche Fratze, wobei er drohend
die kleine Faust ballte. Doch dieser ließ sich nicht irremachen,
sondern sagte mit erhobener Stimme: "Er scheint aus Holland zu
stammen, man hört es an der Sprache. Jaja, dort gibt es Leute,
die haben Wohnungen wie die Dachse und Füchse. Nur daß sie
mit Wasser gefüllt sind und ihre Ausgänge an den Ufern aller
Meere haben, damit sie bei der Hand sind, wenn Sturm und
Wetter die Schiffe in Not bringen! "
Hätte jetzt Frau Helge Obacht auf ihren Schützling gehabt, so
würde sie mit Entsetzen die Veränderung bemerkt haben, die
mit ihm vorging. Die Füße schienen vor Wut den Erdboden
zerstampfen zu wollen. Die Gesichtszüge waren verzerrt. Aus
dem Munde fletschten die Zähne wie bei einem Raubtier, und
die Augen schienen Flammen zu sprühen. Von alledem nahm
die gute Frau jedoch nichts wahr.
Sanft antwortete sie: "Wir haben das hilflose Kind
aufgenommen, weil niemand es haben mochte, und bis jetzt
haben wir keine Ursache, den armen Schelm wieder fortzujagen.
Uns ist endlich ein Kind geschenkt worden, das wir liebhaben
können. Nicht wahr, Klaus, du hast uns auch lieb?" Bei den

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freundlichen Worten Helges hatten sich die Mienen des Knaben
wieder aufgehellt, und jetzt antwortete er freundlich, nicht ohne
einen Seitenblick auf Knut, der mit vorgestrecktem Kopf
aufhorchte: "Ja, habe euch lieb; Bautzmann will bei euch
bIeiben! "
Bei dem Namen Bautzmann zuckte Knut zusammen, fuchtelte
nochmals warnend mit seinem Stock in der Luft herum, sagte
aber nichts mehr, sondern hinkte davon.
So war der Spätherbst gekommen. Das Wetter wurde von Tag
zu Tag stürmischer und für die Fischer gefährlicher. Mit Sorge
sah Helge oftmals ihren Mann hinausfahren auf die stürmische
See. Sein alter Trotz und Übermut, die eine Zeitlang geruht
hatten, brachen plötzlich mit Gewalt wieder hervor, und er
achtete weder auf Bitten noch auf Warnungen. Seine Lust an der
Gefahr überwog alle vernünftigen Vorstellungen. Auch den
kleinen Klaus befiel eine merkwürdige Unruhe. Er kam oft den
ganzen Tag nicht heim, und Helge lebte in fortwährender Angst,
daß ihm ein Unglück widerfahren sei. Seit die schlimme
Witterung eingetreten war, durfte er Jan nicht mehr beim
Fischfang begleiten. Seine Bitten wurden rauh zurückgewiesen:
"Das fehlte mir noch, auf einen unnützen Bengel aufpassen zu
müssen, wenn man alle Hände voll zu tun hat, um mit Wind und
Wasser fertig zu werden. Warte, bis du groß bist, dann kannst du
mir helfen!"
Eines Tages rüstete sich Jan wieder zum Fischfang. Der Sturm
heulte um die Hütte, als ob alle bösen Geister losgelassen wären.
Dichte Nebel verhüllten das Meer. Die Sonne glich einem
schwefelgelben Ball, der sich mühsam im Firmament fortwälzte.
Als Jan das Boot klarmachte, war ihm Helge gefolgt. Sie war
zum Mitfahren fest entschlossen, damit ihr Mann wenigstens
jemanden in der Nähe habe, der ihm beistehen könne. Aber
barsch und ungestüm hatte dieser ihre Hilfe zurückgewiesen.
"Ich bin Manns genug", schrie er ihr zu, "und ich brauche keinen
Weiberbeistand. Du willst mich wohl gar retten, wenn es an

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Hals und Kragen geht? He? Da müßte ich mich ja schämen und
auslachen lassen! Nein, du bleibst daheim.
Punktum!"
Als Jans Boot in den wallenden Nebelmassen verschwunden
war, kehrte Helge tiefbetrübt ins Häuschen zurück. Eben
schlüpfte Klaus mit einem listigen Lächeln zur Hintertür hinaus,
als die Frau in die Stube trat und sich nach dem Knaben umsah.
Es war ihr gar nicht lieb, daß auch er sich bei dem bösen Wetter
umhertrieb. Wollte er es ihrem Manne nachtun? Der Tag schlich
dahin. Gegen Abend hellte sich der Himmel etwas auf. Heute
war Vollmond. In Helges geängstigtem Herzen stieg die
Hoffnung auf, daß ihr Mann beim Mondenschein zurückkehren
werde, wenn nur das Meer sich erst etwas beruhigte.
Auch Klaus war den ganzen Tag nicht heimgekommen. Wo
trieb sich nur der Bub umher? Die Frau trat vor die Tür, um
nach ihm auszuschauen. Siehe, da nahte der alte Knut. Er winkte
und machte schon von weitem allerhand Zeichen, daß Frau
Helge mit ihm kommen solle. Ein Schrecken durchfuhr sie. War
ein Unglück geschehen? Knut ging eilenden Schrittes den
steilen Weg hinab, der in das Tal führte, wo der Herthasee lag.
Immer winkend, rief er Helge halblaut zu: "Geschwind,
geschwind, daß wir unten sind, wenn der Mond aufgeht. Da
werdet Ihr sehen, was Ihr mir nicht glauben wolltet!"
Der Frau klopfte das Herz. Was sollte sie nur erfahren? Jetzt
waren sie angekommen. Knut faßte sie bei der Hand und zog sie
hinter einen Felsvorsprung von dem aus man ungesehen das Tal
beobachten konnte. Alles lag still. In wunderlichen Formen und
Gestalten wallten die Nebelschleier durcheinander. Ein fahles
Licht ließ alles noch unheimlicher erscheinen. Aus dem
sumpfigen Boden am Rande des Sees tauchten zahllose
Irrlichter auf. Leuchtende Dünste durchzogen die Luft. Es war
ein Leben und Treiben, das unheimlich aussah. Plötzlich
erschien den Mond über den Hügeln, und sofort veränderte sich
das Bild. Den Abhang herab schritt Hertha, eine große
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weißgekleidete Frau. Weithin wallte ihr goldblondes Haar gleich
einem mächtigen Schleier. Ihre großen blauen Augen strahlten
in mildem Glanz; doch über ihrer ganzen Erscheinung lag der
Ausdruck tiefer Trauer. Als sie am See angekommen war,
umringten sie zahllose weibliche Wesen, die aus den Nebeln
entstanden waren. Sie brachten einen goldenen Wagen herbei,
den sie vorher im See gewaschen hatten. Aber siehe, er war
morsch, und die Speichen seine r Räder waren zerbrochen. Im
wogenden Reigen zogen sie den Wagen hinweg, und nun
umtanzten Kobolde und Erdgeister die betrübte Frau, die
teilnahmslos am Seeufer saß und nach dem stillen Monde
blickte.
Da veränderte sich das Bild. Mitten auf dem See kam ein
sonderbares Wesen in einem Muschelwagen gefahren. Beinahe
hätte Helge laut aufgeschrien und "Klaus!" gerufen, wenn ihr
nicht zu rechter Zeit Knut die Hand auf den Mund gelegt hätte.
Das Männchen sah aber durchaus nicht kindlich aus, sondern
trug einen langen, dunklen Bart, auf dem Kopf eine Lederkappe
und war nach Art der holländischen Schiffer gekleidet. In der
Hand hielt es eine weithin leuchtende Laterne, weIche es lustig
im Kreise schwang. Vor der weißgekleideten Frau machte es
halt, verneigte sich und schien ihr leise etwas mitzuteilen, wobei
es mehrmals nach der Richtung deutete, in der Classens Hütte
lag. Ein Schimmer von Heiterkeit überflog Herthas Gesicht, als
sie den Kleinen abschiednehmend freundlich grüßte. Dieser
lenkte alsbald seine Muschel nach der Mitte des Sees, wo er
versank. In diesem Augenblick kamen düstere Wolken und
verhüllten den Mond. Im Nu verschwanden auch die übrigen
Gestalten auf dem Herthasee sowie Hertha selbst. In der Luft
ertönte ein dumpfes, entsetzliches Brausen, und mit doppelter
Gewalt brach das Unwetter wieder los. Helge war regungslos.
Ihr wirbelte der Kopf von dem Gesehenen. Der Schrecken nahm
ihr den Atem und ließ sie keinen Gedanken fassen.

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Da packte Knut sie am Arm und rief: "Wißt Ihr nun, wen Ihr
bei Euch aufgenommen habt? Habt Ihr den Klabautermann
erkannt?"
HeIge konnte nicht antworten. Sie nickte nur stumm und ließ
sich willenlos von dem Hirten hinwegziehen. Es war schwer,
das Häuschen zu erreichen; denn die Naturgewalten schienen
sich verschworen zu haben, den entsetzlichsten Reigen
aufzuführen. Das Meer brüllte und schleuderte Wogenberge
brandend gegen die Felsen, als ob es das Eiland vernichten
wollte. Jammernd rang Helge die Hände; denn aus diesem
Aufruhr der Natur kehrte wohl ihr Mann nimmer zurück.
Voll Trotz und sehr befriedigt, sein Weib zurückgewiesen zu
haben, segeIte Jan hinaus auf die See. Obgleich Wind und Nebel
für den Fischer keine Verbündeten sind, senkte er doch die
Netze ins Meer.
Er hatte aber heute entschieden Unglück. Zuerst geriet das
Netz an eine Klippe, und es war noch gut, daß es völlig zerriß;
denn beinahe wäre durch die Gewalt des Rucks das Boot
gekentert. Während Jan damit beschäftigt war, das Netz aus dem
Wasser zu ziehen, legte sich der Wind in das Segel, und von
neuem kam das Schiff in Gefahr umzuschlagen. Jan arbeitete
aus Leibeskräften, um das Segel zu reffen; denn der Sturm erhob
sich immer mehr. Nur mit äußerster Anstrengung gelang es ihm
endlich. Dichter und kälter umgaben die Nebelmassen den
einsamen Fischer. Kaum konnte er die blendendweißen
Schaumkämme der heranstürzenden Wogen erkennen. Doch der
wetterharte Mann verzagte nicht. Mit eiserner Faust hielt er das
Steuer und lugte scharf aus, daß er vor dem Winde blieb.
Allerdings sagte er sich, daß er auf diese Weise keine Aussicht
hätte, wieder in die Nähe der Heimatinsel zu gelangen, sondern
vielmehr auf das weite Meer hinaustrieb. Mittag war vorbei, als
sich der Wind einigermaßen legte und hier und da ein Riß in der
Nebelwand entstand. Eiligst hißte Jan das Segel auf, und durch
Kreuzundquerfahrt hoffte er, die Rückkehr noch vor dem

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Dunkelwerden bewerkstelligen zu können. Es sollte ihm nicht
gelingen. Der Sturm schien nur Atem geholt zu haben; denn als
der Abend nahte, erhob er sich mit erneuter Gewalt. Gleichzeitig
brach eine dichte Finsternis herein, und der unglückliche Fischer
sah sich rettungslos dem empörten Meere preisgegeben.
Vergebens kämpfte er mit Aufbietung seiner letzten Kräfte in
Todesangst um sein Leben.
Längst waren ihm das Spotten und das Trotzen vergangen.
Noch einmal durchbrach der Vollmond die Wolken und den
Nebel; dann wurde es wieder tiefe Nacht. Stumpf und starr, nur
noch krampfhaft das Steuer umklammernd, hockte Jan in seinem
Boot. Da, plötzlich, was war das? Welch sonderbarer
Lichtschein? Was kauerte denn da vorn auf dem Kiel? Dem
Fischer lief es eiskalt über den Rücken, als er erkannte, daß es
ein zwerghaftes Männchen mit einem langen Bart war, welches
eine Laterne im Kreise schwang und gellend dazu lachte. "Der
Klabautermann!" murmelte der erblassende Jan.
"Ja, der Klabautermann!" kreischte der Kleine. "Erkennst du
mich nicht?"
"Klaus, Bautzmann!" rief entsetzt der Fischer.
"So ist's", entgegnete der. "Ich bin Helges und dein
Pflegesohn. Euch zu prüfen, kam ich in euer Haus. Jetzt siehst
du nun, eigenwilliger, hochmütiger Mensch, wohin dich dein
wilder Trotz geführt hat." Jan vermochte nicht zu antworten.
Seine Zähne schlugen klappernd gegeneinander, und die helle
Verzweiflung malte sich auf seinen Zügen. Seine schlotternden
Beine trugen ihn nicht mehr. Kraftlos sank er in sich zusammen,
und seinen Händen entglitt das Steuer.
Hei, wie das befreite Schifflein nun auf den turmhohen Wogen
tanzte; ein lustiges Spiel, wenn es nur nicht so verderblich
gewesen wäre! Des Fischers Übermut war gebrochen. Er ergab
sich in sein Schicksal und erwartete den Tod, den er selbst
heraufbeschworen hatte. "Klaus", bat er mit leiser, demütiger

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Stimme, "ich habe mein Los verdient. Wenn es aber noch eine
Gnade für mich gibt, so bitte ich dich: Grüße mein armes Weib,
tröste sie und verla sse sie nicht!"
Der Kleine hob seine Laterne empor und leuchtete dem Mann
ins Gesicht. Nachdem er ihn durchdringend angesehen hatte, rief
er.
"Will sehen, was sich für dich tun läßt." Und für sich setzte er
hinzu:
"Diese Lehre wird er nicht vergessen!" In demselben
Augenblick raste eine Riesenwelle heran, und -- verschwunden
war das kleine Fahrzeug mit seinen Insassen.
Am andern Morgen ging die Sonne fröhlich und heiter auf,
gerade als ob niemals ein Unwetter sie verdunkelt hätte. Das
Meer murrte noch ein wenig, die Wellen schlugen noch unruhig
gegen den Strand; aber die unendliche Wasserfläche machte
einen friedlichen Eindruck.
In Classens Hütte war es still. Helge saß vor dem großen Bett,
dessen buntgeblümte Vorhänge zurückgeschlagen waren, und
blickte besorgt auf ihren Mann, der mit verbundenem Kopf in
den Kissen lag und im Fieber irre redete. Sie beachtete die
eigene Erschöpfung nicht. Hatte sie doch die ganze Nacht in
Sturm und Graus am Ufer gestanden und in Angst auf ihren
Mann gewartet. Beim Morgengrauen hatte sie auf einmal ein
kreischendes "Hoioho "
vernommen. Gleich darauf spülte eine Welle mit dumpfem
Krach ein Boot ans Ufer, in dem sich, mit einem Seil an die
Ruderbank festgeschnürt, Jan befand. Voll Schreck und doch
voll Jubel hatte Helge ihren Mann losgeknüpft. Freilich gab er
nur schwache Lebenszeichen von sich und blutete aus einer
Kopfwunde; aber die brave Helge hob ihn auf und trug ihn in
die Hütte. So befand sich nun der Fischer in treuer Pflege, und
nach wenigen Tagen hatte das gute Weib die Freude, ihren
Mann genesen zu sehen.

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War dies aber noch ihr wilder Jan? Er war wie ausgewechselt.
Ernst und sanft, ruhig in seinem ganzen Benehmen, konnte sie
ihn kaum wiedererkennen. Er bemerkte das freudige Erstaunen
seiner Frau und benützte die erste Gelegenheit, als sie abends
bei der Lampe behaglich beisammensaßen, ihr die Erlebnisse
seiner letzten Schreckensfahrt zu erzählen. Am Schlusse reichte
er ihr die Hand und sagte: "Von nun an will ich ein anderer
werden. Nie wieder werde ich mich mutwillig in Gefahr
begeben. Wir wollen uns im Dorf bei all den andern Menschen
anbauen, dann werden wir auch den Klabautermann in Zukunft
nicht mehr belästigen." Wie froh war Helge über diesen
Entschluß!
Sie erzählte, was sie mit Knut gesehen hatte, und Jan hörte ihr
voll Staunen zu.
Im nächsten Frühjahr wurde im Dorf ein neues Häuschen
erbaut. Es gehörte Jan Classen. Schon im Spätsommer konnte
das glückliche Ehepaar einziehen. Hier sollte ihnen auch eine
Freude zuteil werden, die ihnen bisher versagt geblieben war;
denn im Herbst lag ein prächtiger Junge in der bunten Wiege.
Von nun an wurde ihr Glück durch nichts gestört.
Den Klabautermann sahen sie nie wieder. Sein Andenken aber
hielten sie in Ehren und litten nicht, daß man ihn einen
boshaften Wassergeist schalt.

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Der Kornwucherer

Zu Damgarten wohnte einst ein Bürger, Pantlitz geheißen, der


durch Kornwucher reich geworden war. Er hatte wieder einmal
eine Menge Korn aufgekauft und in der Hoffnung auf teure
Zeiten aufgeschüttet.
Aber zu seinem Verdruß gab es im folgenden Jahr reichlich
Getreide.
Als nun Pantlitz während der Erntezeit sein eigenes Korn
einfahren ließ, saß er selbst oben auf dem Fuder, und sein
Knecht, der den Wagen lenkte, war fröhlich und sang. Pantlitz
fragte ihn, warum er so fröhlich sei. Der Knecht antwortete, es
wäre ihm lieb, daß die Ernte so gut ausgefallen sei und die
armen Leute sich wieder einmal satt essen könnten. So fuhr er
munter zu und sang immer lauter. Es verdroß aber den
Wucherer, daß der Knecht so sang und daß es ein gutes Jahr
geworden war. Und während der Wucherer darüber nachdachte,
stürzte er vom Wagen, verfing sich in dem Seil, womit der
Weichselbaum gebunden war, und wurde zu Tode geschleift.
Der Knecht merkte davon nichts, fuhr lustig weiter und sang
dabei. Als er in die Stadt kam, fragten ihn die Leute, was er
geladen hätte, er sollte sich doch einmal umsehen. Da wurde er
gewahr, daß er die Leiche seines Herrn nachschleppte.
So sollte es gerechterweise allen Wucherern ergehen, die an
der Not ihrer Mitmenschen Freude haben und nur selber reich
werden wollen.

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Der Mägdesprung auf dem Rugard

Auf dem Rugard bei Bergen sieht man einen Stein, in dem ganz
deutlich die Spuren eines Frauenfußes und eines
Peitschenschlages abgebildet sind. Diese Spuren sollen auf
folgende Weise entstanden sein:
Dort lebte einst ein Junker, ein gar großer und frecher
Mädchenjäger.
Der traf einmal bei diesem Stein eine Jungfrau, die er mit seinen
falschen Liebesschwüren bestürmte, so daß sie sich seiner kaum
erwehren konnte. Als sie nun zuletzt gar keinen Ausweg mehr
sah, ihm zu entkommen, sprang sie in ihrer Angst von dem
Stein, auf dem sie stand, hinunter in die Tiefe des Tals. Darüber
wurde der Junker so zornig, daß er mit seiner Reitgerte auf den
Stein schlug. Da war es denn wunderbar, daß nicht nur die
Jungfrau unversehrt unten im Tal ankam, sondern daß sich auch
die Spur ihres Fußes und die des Peitschenschlages in dem Stein
abgedrückt hatten.
Jahn

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Der geizige Graf von Eberstein

Unter den Grafen von Eberstein war einstmals ein sehr


grausamer und geiziger Herr. Besonders gegen seine Leute war
er so schlimm, daß er den Mägden die Hände abhauen ließ,
wenn sie nicht genug gesponnen hatten. Oder er ließ sie gar in
Flachs einwickeln und so verbrennen. Die armen Leute, die sich
Holz aus seinem Walde holten, ließ er in tiefe Gruben werfen,
wo sie eines schrecklichen Hungertodes sterben mußten. Seine
Frau war fast noch böser als er.
Nachdem beide ihre Grausamkeiten lange getrieben hatten,
wurde ihr Schloß belagert. Der Graf hatte zwar mehrere
unterirdische Gänge angelegt, um auf diese Weise zu
entkommen. Aber er wurde samt seinem Weibe doch zuletzt
gefangengenommen, zum Tode verurteilt und geköpft. Darauf
richtete man zum warnenden Andenken ihre Bildnisse in der
dortigen Kapelle auf und schrieb auf das Gestell ihre
Freveltaten.
Die Bilder stehen noch da; die Schrift aber ist verlöscht. Vor
vielen Jahren kamen nämlich eines Tages zwei fremde Herren
und baten den Küster, ihnen die Kapelle zu zeigen. Das tat
dieser auch. Sobald sie darin waren, schickten sie den Küster
fort, er solle etwas für sie holen. Und als der Küster
zurückkehrte, war die Inschrift an dem Gestell verlöscht. Die
beiden Fremden waren jedoch verschwunden.
Man glaubt, es seien zwei Verwandte des Grafengeschlechts
aus fernen Landen gewesen.

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Die Glocken im schwarzen See bei Wrangelsburg

Bei Wrangelsburg, Kreis Greifswald, liegt ein See, dessen


Wasser kohlschwarz glänzen soll und der unergründlich tief ist ,
auch die Fische, die in dem See leben, sehen ganz schwarz aus.
Der See heißt im Volksmund der Schwarze See.
Vor vielen Jahren ist in dem Schwarzen See eine Kirche
versunken, und seit der Zeit kann man alljährlich am
Johannistag Glockengeläut unter dem Wasser hören.
An solch einem Tag lief einst ein kleines Mädchen an den See,
um dort die Puppenwäsche zu waschen. Als sie damit fertig war,
breitete sie die Wäsche am Ufer zum Trocknen aus, jedoch ein
Stück legte sie auf den Bügel einer Glocke. Daneben ruhten aber
noch zwei andere Glocken, auf die das Mädchen kein Zeug
legte. Als die Mittagsstunde vorüber war, hörte das Mädchen
plötzlich, wie eine Glocke laut und deutlich summte:
Anne Margarete, Kumm mit in de Deepe (Tiefe)!
Darauf antwortete die andere Glocke, auf der die
Puppenwäsche lag:
Ach ne, Anne Marie, Ick bliew leewer hie!
Als das Mädchen zu Hause erzählte, was es gehört hatte,
kamen die Leute aus der ganzen Umgegend mit Pferden und
Gespannen, um sich die Zauberglocke zu holen und in ihre
Kirche zu schaffen. Aber wie sehr sie sich auch abmühten und
wie viele Pferde sie auch vorspannten, es gelang ihnen nicht, die
Glocke von der Stelle zu schaffen. Man sagt, die Glocke sei mit
dem Boden verwachsen, jetzt ist sie außerdem ganz mit Erde
bedeckt, so daß man nicht einmal mehr genau die Stelle kennt,
wo sie unter dem Hügel liegt.
Von Zeit zu Zeit erscheinen immer wieder Leute mit Krampen
und Spaten am See, um nach der Glocke zu graben; aber bisher
ist alles Nachforschen vergeblich gewesen.

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Die Prinzessin Svanvithe und die Schätze unter
dem Garzer Wall auf Rügen

Prinzessin Svanvithe, die schöne Tochter des zu Berge n


regierenden Königs von Rügen, wurde von boshaften Neidern
verleumdet und von ihrem Vater deswegen ins Gefängnis
geworfen. Um ihre Unschuld zu beweisen, beschloß die
Prinzessin, den Königsschatz unter dem Garzer Wall zu heben.
Bei Garz, wo jetzt der Wall über dem See sich erstreckt, hatte
vor vielen Jahren ein Schloß gestanden, darin Heiden ihre Götter
verehrten. Als die ganze Herrlichkeit zerstört wurde, zog sich
der alte Heidenkönig mit seinen unermeßlichen Schätzen in
einen aus Marmelsteinen und Kristallen erbauten Saal unter die
Erde zurück.
Nur nachts zwischen zwölf und ein Uhr erscheint er auf der
Oberwelt. Zuweilen umkreist er den Kirchhof, auf dem vor
alters Heidengräber gewesen sein sollen. Der dort geborgene
Schatz kann jedoch nur von einer Prinzessin gehoben werden,
die von den alten Königen abstammt und noch eine schuldlose
Jungfrau ist.
Svanvithe stieg nun in der Johannisnacht um zwölf Uhr
mitternachts mit einer Johannisrute in der Hand auf den Wall
und gelangte wirklich zu dem mit vielen Reichtümern gefüllten
unterirdischen Saal. Als sie dann aber, mit Schätzen beladen, auf
die Erde zurückkehren wollte, sah sie einen großen schwarzen
Hund mit feurigem Rachen und funkelnden Augen auf sich
losspringen. Da rief sie erschrocken : "Oh, Herr Je. . . !"
Im selben Augenblick schlug die Tür zu, und die Prinzessin
war nun in dem unterirdischen Gemach gefangen. Sie kann nur
erlöst werden, wenn es jemand wagt, zu ihr hinabzusteigen um
sie still schweigend an der Hand wegzuführen. Die Erlösung ist
schon öfters versucht worden, doch nie mit Erfolg. Zuletzt hatte
es ein Schustergeselle gewagt; denn es ging die Mär, ein reiner
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Jüngling von vierundzwanzig Jahren könne das gebannte Schloß
finden und die gefangene Prinzessin erlösen.
In der Johannisnacht begab sich der Geselle auf den Wallberg,
und wirklich stand dort das Schloß vor ihm. Mutig schritt er
hinein und kam in einen großen Saal. Darin saßen mehrere
Frauen um einen großen Tisch; eine von ihnen hatte einen
schwarzen Hund auf dem Schoß. Neben den Frauen lage n große
Haufen Gold, und ringsum standen viele Kleinodien herum. Die
schönste der Jungfrauen, die den Hund auf dem Schoß hielt,
winkte den Jüngling zu sich, als ob er sie mitnehmen solle. Er
aber wandte sich den Kostbarkeiten zu, die überall herumlagen,
nahm einen goldenen Becher und wollte damit hinausgehen. Da
entstand hinter ihm ein unheimliches Getöse. In seiner Angst
blickte sich der Jüngling um, und sofort schlug die Türe vor ihm
zu. Nun mußte auch er im Berg bleiben.
So soll es nach ihm noch manchen andern ergangen sein, die
die Erlösung der Jungfrau und die Hebung der Schätze
versuchten, die heute noch immer auf ihren Befreier harren.

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Die goldene Henne in Vineta

Vor vielen Jahren lebte in Vineta ein altes Mütterchen. Das


hatte eine sonderbare Henne, die jeden Tag ein goldenes Ei ins
Nest legte. Die Nachbarn wußten das nicht, und darum
wunderten sie sich, woher das Mütterchen den großen Reichtum
hatte. Einst besuchte es ein entfernter Verwandter; dem erzählte
es von dem Huhn.
"Oh", sagte dieser, "das mußt du noch schlauer anfangen. Jetzt
erhältst du täglich nur ein Ei. BefoIge meinen Rat, und du hast
Tag für Tag eine große Menge. Bringe unten in dem
Hühnerkorb eine Klappe an. Wenn nun die Henne gelegt hat, so
nimmst du ihr heimlich das Ei unter dem Leibe fort. Das Tier
wird aufstehen und das Ei begackern wollen. Es findet nichts
und legt flugs noch eins, bei dem du es darin wiederum so
machst wie beim ersten. Auf diese Weise kannst du so viele Eier
erlangen, wie du nur haben willst."
Dieser Rat leuchtete dem Mütterchen ein, und da der große
Reichtum es ohnedies geldgierig gemacht hatte, ging es sogleich
ans Werk und verfertigte die Klappe. Als am anderen Morgen
das Huhn sich in den Korb gesetzt hatte und die Frau glaubte,
jetzt sei das Goldei gelegt, griff sie eilig durch die Klappe und
fuhr dem Tier unter den Leib.
Aber sie erwischte kein Ei, sondern einen Zettel. Verwundert
zog sie ihn heraus, und da standen folgende Worte drauf: "Du
suchst mich zu betrügen; nun straf' ich dir das Lügen! "
Kaum hatte sie diese Worte zu Ende gelesen, so stürzte sie auf
die Henne, um wenigstens diese zu retten. Aber das Huhn war
verschwunden, und mit den goldenen Eiern war es für immer
vorbei.

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Die sieben eingemauerten Bauern zu Turow

Im Kreise Grimmen lag ein großes Schloß, Turow geheißen.


Rund um dasselbe lief ein tiefer und breiter Graben, der vor
vielen Jahren entstanden war, als auf dem Schloß ein adliger
Junker namens Bono lebte. Dieser ließ durch seine sieben
Bauern, die zum Schlosse gehörten und ihm dienstpflichtig
waren, den Graben ziehen. Er hatte ihnen einen guten Tagelohn
versprochen, und die sieben Bauern arbeiteten drei volle Jahre
daran, alle Tage und mit ihren Frauen und Kindern, damit sie
desto eher zu ihrem Lohn kommen möchten.
Als sie fertig waren, rechnete der Schloßherr auch alsbald mit
ihnen ab. Allein er machte ihnen für Essen und Trinken, das er
ihnen gegeben hatte, für Schippen und Spaten, die sie ihm
verdorben hätten, und für andere Sachen so viele
Gegenrechnungen, daß die Bauern nicht mehr als sieben
Schillinge -- also der Mann einen Schilling für alle drei Jahre --
herausbekommen sollten. Damit wollten die Bauern nicht
zufrieden sein, und sie beschwerten sich bitter bei dem
Schloßherrn. Anfangs drohte er ihnen. Auf einmal gab er ihnen
jedoch gute Worte und versprach ihnen ihren vollen Lohn.
Sie sollten mit ihm in eine Stube kommen, die hinten im
Schlosse lag, da wolle er ihnen alles auszahlen. So lockte er sie
in die entlegene Stube. Als er die sieben darin hatte, ließ er sie
dort lebendig einmauern, und sie fanden allesamt ein
jämmerliches Ende.
Temme

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Die vier Rappen

Es lebte einst ein hartherziger Edelmann, ein rechter


Leuteschinder, der nichts lieber tat, als seine Bauern und
Tagelöhner an allen Ecken und Enden zu plagen und zu
drücken. Eines Tages ve rsetzte ihn ein geringes Vergehen seines
braven Gärtners in den fürchterlichsten Zorn. Er schwur mit
tausend Eiden, er wolle den Mann mit Hunden von seinem Hofe
hetzen und ihn nie wieder zu Gnaden annehmen, wenn er ihm
nicht den großen Baum vor dem Schloß innerhalb von zwei
Stunden fällen und vor die Tür schaffen würde.
Der arme Gärtner weinte die bitterlichsten Tränen. Niemand
durfte ihm helfen. Pferde oder Ochsen standen ihm nicht zu
Gebote. Was sein Herr von ihm verlangte, war also ein Ding der
Unmöglichkeit.
Schon war eine Stunde vergangen, und immer noch saß der
unglückliche Mann ratlos unter dem mächtigen Baum, als
plötzlich ein Gefährt auf ihn zu fuhr, mit vier kohlschwarzen
Pferden bespannt und von einem grauen Männchen mit einem
langen Bart geleitet.
"Willst du den Baum mit oder ohne Wurzeln auf das Schloß
gebracht haben ?" fragte der Graue. Doch ehe er noch die
Antwort des Gärtners abgewartet hatte, holte er schon eine
hölzerne Hacke hervor und schlug damit rund um den Stamm
auf den Erdboden. Sogleich stürzte der Baum um, und nur ein
Würzelchen haftete noch im Erdreich. "Die Wurzel mußt du
durchschlagen, dazu bin ich nicht imstande", hob das Männchen
von neuem an. Der Gärtner gehorchte schweigend und schnitt
sie mit der Axt durch.
Darauf ergriff der Graue den Baum mit beiden Händen, warf
ihn auf den Wagen und trieb die vier Rappen an. Aber die Last
war ihnen zu schwer, und sie konnten nicht von der Stelle. Hui,

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wie sausten da die Peitschenschläge auf ihre Schenkel und
Nacken, und das half auch.
Denn nun rasten die Tiere, indem sie helle Feuerflammen aus
den Nüstern bliesen, mit dem Wagen den Berg hinauf und durch
den Torweg auf den Schloßplatz, wo sie zitternd und bebend vor
der Haustür haltmachten.
Der Schloßherr schaute gerade zum Fenster heraus, als dies
geschah.
Vor Schreck war er wie versteinert. "Schöne Pferde, nicht
wahr?"
rief das graue Männchen zu ihm hinauf. "Hier, die beiden sind
dein Vater und deine Mutter, und die Vorderpferde, das sind
deine Großeltern. Worin du und dein Weib euch nicht bessert,
so werde ich wohl bald mit sechs Pferden fahren! "
Sprach's und verschwand, und mit ihm verschwanden die
unheimlichen Rappen und der Wagen, so daß allein der
entwurzelte Baum vor der Haustür noch an das Ereignis
erinnerte.
Der Edelmann nahm sich die Sache zu Herzen und wurde von
Stund an ein neuer Mensch. Dem Gärtner aber schenkte er
seinen Hof zum freien Eigentum, und der war darauf glücklich
und zufrieden sein Leben lang.

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Sankt Nikolaus in Greifswald

In einer Kirche von Greifswald stand einst ein hö lzernes Bild


des heiligen Nikolaus. Eines Nachts brach ein Dieb in diese
Kirche ein, um den Opferstock zu berauben. Da erhob das Bild
des Heiligen drohend den Arm gegen den Dieb. Dieser aber ließ
sich nicht erschrecken und rief grinsend: "Lieber Sankt
Nikolaus, ist das Geld im Kasten dein oder ist es mein? Weißt
du was? Wir wollen darum laufen! Wer zuerst zum Opferstock
kommt, dem soll das Geld gehören." Dann rannte der freche
Dieb eilig durch das lange Schiff der Kirche dem Chor zu - aber
siehe da! Das Bild lief auch und stand am Opferstock, als der
Dieb hinkam.
"Wahrhaftig, Sankt Nikolaus", höhnte der Dieb nun in seiner
unerhörten Frechheit, "du könntest wirklich beim Herzog Läufer
werden! Du hast gewonnen; aber was in aller Welt nützt dir das
Geld? Wäre ich wie du aus Holz und hätte nie Hunger und
Durst, so wäre mir gar nicht um das Geld zu tun. Drum hab, ein
Einsehen und gönne mir das Geld!" Damit brach er den
Opferstock auf, nahm das Geld und eilte fort.
Bald darauf starb dieser Dieb und fand ein ehrliches
Begräbnis; denn niemand wußte, daß er ein Kirchenräuber war.
Aber seine Schandtat fand doch ihre Strafe. Denn kaum war der
Dieb beerdigt, so stiegen die Teufel aus der Hölle herauf, rissen
seinen Leib aus dem Grabe und warfen ihn zu dem beraubten
Opferkasten hin. Dann schleiften sie ihn vor die Stadt und
hingen ihn an die Flügel einer Windmühle.
Von diesem Augenblick an drehten sich die Flügel dieser
Mühle verkehrt herum, solange sie stand, als ein Wahrzeichen
des Unrechts, das nie gut tut.

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Schatzgräberei in Bartelshagen

Es mag gut zwei Menschenalter her sein, da beschlossen drei


miteinander verschwägerte Bauern in Bartelshagen, Kreis
Franzburg, einen Schatz zu heben, der einer alten Sage nach im
Markwartbusch, einem kleinen Gehölz, in der Franzosenzeit
vergraben worden war.
Sie hatten das Geld schon öfter brennen sehen und wandten
sich an einen klugen Mann in Saal, der Krankheiten zu kurieren,
den Diebssegen zu sprechen und die Wünschelrute zu
gebrauchen verstand. Dieser leistete dem Ruf Folge; in einer
finsteren Nacht erschien er art Ort und Stelle und postierte die
mit Spaten bewaffneten Bauern auf ihre Plätze, damit sie
schweigend ihres Amtes walteten.
Als sie unermüdlich pausenlos etwa zwei Meter tief gegraben
hatten, stießen sie auf etwas Hartes, so daß der Spaten klang.
"Dor is dei Kasten! Lat mi!" rief einer der Beteiligten, der im
Eifer ganz vergaß,daß er nicht sprechen durfte. In diesem
Augenblick fuhr ein Wirbelwind durch die Krone der breiten
Ulme, die daneben stand, und drückte die Zweige des Ba umes
zur Erde nieder; aus der Erde drang ein furchtbares Getöse
hervor, und der Kasten versank krachend in die Tiefe. Alle drei
Bauern erhielten einen Schlag ins Gesicht und fielen nieder.
Der zauberkundige Mann aber war verschwunden. Nach dem
Schatze haben die Bauern nie wieder zu graben versucht.

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Sagen aus Posen

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Das Hollenweibchen von Nemmersdorf

Nun war einmal ein junges Mädchen aus der Stadt erschienen,
um in Nemmersdorf die Hauswirtschaft zu erlernen. Das
Spinnen ging ihr nicht recht von der Hand, weil sie diese Arbeit
nicht von Jugend auf gelernt hatte; bei ihrer Hausfrau aber
mußte so fein gesponnen werden, daß man ein Gewinde durch
einen Trauring ziehen konnte.
Dieses Mädchen aus der Stadt wollte an die Spinnfrauen oder
Holleweibchen nicht glauben. Am Lichtmeßabend, als alle
andern schon schliefen, stand sie leise auf, reinigte die
Schlüssellöcher in Flur und Küche, die die Köchin sorgsam
verstopft hatte, damit die Holleweibchen nicht ins Haus
schlüpfen könnten, nahm das Spinnrad und legte Flachs auf;
kaum lag das Mädchen wieder im Bett, da brauste und sauste es
vor den Fenstern, als ziehe die wilde Jagd vorüber. Neugierig
eilte das Mädchen wieder in die Küche. Da saß ein kleines
graues Wesen am Spinnrad und spann; schon lag eine Rolle des
allerfeinsten Garns auf der Erde. Als das Mädchen erstaunt
näher schlich, packte das Holleweibchen seine losen Haare und
spann sie statt des Flachses. Plötzlich sah das Mädchen eine
Sternschnuppe fallen. Es wußte selbst nicht, was es war, und
schrie in seiner Angst und Not: "Ach, ach, der Himmel fällt
ein!" Darüber erschrak das Holleweibchen und rannte bei der
Tür hinaus. Das Mädchen machte sich rasch vom Spinnrad los
und zerhackte den Spinnrocken mit einem Küchenbeil in viele
Stücke. Als das Holleweibchen nach einiger Zeit wieder zur Tür
hereinschaute und das Spinnrad zerschlagen sah, kehrte es um
und lief davon.
Das Stadtmädchen aber war von nun an von seinem
Unglauben geheilt und hat nie mehr versucht, in der verbotenen
Zeit, in den Zwölften, den Nächten zwischen Weihnachten und
Dreikönig und zu Lichtmeß, zu spinnen oder Flachs aufzulegen.

-462-
Der Tanz mit dem Teufel zu Danzig

In Danzig war einst ein Dienstmädchen zum Abendmahl


gegangen.
Trotz der Warnung ihrer Mutter hatte sie aber am gleichen
Abend einen Tanz mitgemacht. Gegen Mitternacht war dann ein
feiner Herr im Tanzsaal erschienen und hatte sie zum Tanz
aufgefordert. Er hatte schwarze Haare und schwarze Augen.
Beim Tanze drehte der fremde Gast das Mädchen immer
schneller und schneller im Kreis, so daß die anderen Paare zu
tanzen aufhörten und dem wilden Reigen zuschauten. Einer der
Musikanten konnte kein Auge von dem Paar abwenden und
bemerkte auf einmal entsetzt, daß der Herr einen Pferdefuß
hatte. Er machte seine Kameraden darauf aufmerksam, und wie
auf Verabredung gingen die Musikanten plötzlich von der
lustigen Tanzmelodie in eine geistliche Weise über, und zwar
gerade während die Uhr Mitternacht schlug.
Da fuhr der Teufel mit seiner Tänzerin in wirbelnder Fahrt
durch den ganzen Saal und zum Fenster hinaus, so daß die
Scheiben klirrend auf die Straße fielen. Das Mädchen wurde
besinnungslos und schwer verletzt auf dem Rasen vor dem Haus
aufgefunden. Der Tanzsaal, der bisher gut besucht war, verlor
seine Gäste; es war unmöglich, ein junges Mädchen zu
überreden, dort wieder zum Tanze anzutreten.

-463-
Der Topich vom Swenty-See bei Osterode

Einst schritt ein ehrsamer Handwerksmann aus dem Dorf


Kurken bei Osterode (Königsberg) von Hohenstein heimwärts.
Sein Weg führte ihn unmittelbar am Ufer des Swenty-Sees
vorbei. Da wandelte den Mann die Lust an, von dem Wasser des
Sees zu trinken. Bei jedem Schritt wurde das Verlangen nach
einem Schluck Wassers stärker in ihm, so daß er sich endlich
entschloß, beim nächsten Uferbaum seinen Durst zu stillen.
Bei dem Baum angelangt, sah er auf der in das Wasser
hinabreichenden Wurzel Kleider liegen; er vermutete, daß sie
einem Badenden gehörten. Verwundert hielt er Ausschau,
konnte jedoch kein menschliches Wesen erblicken. Als er sich
nun zum Wasser hinabbeugte, um vom Ufer aus das Naß in
vollen Zügen zu schlürfen, tauchte plötzlich dicht vor ihm eine.
Gestalt aus dem Wasser auf, in der der Handwerker sofort den
Topich, den Wassermann, erkannte, weil das Geschöpf ganz und
gar nicht wie ein Mensch aussah.
Die obere Hälfte des Wesens zeigte einen stark beharrten,
menschenähnlichen Körper mit einem hellroten Kopf und
flossenartigen Händen; die untere Hälfte lief in einen
dunkelgrünen Fischleib mit einer sehr langen Schwanzflosse
aus. Als der Wanderer in seiner Todesangst das Kreuzzeichen
schlug, verschwand der Unhold, wobei er drohend ausrief, er
werde den Mann doch noch einmal holen. Schweißtriefend kam
dieser zu Hause an, war aber zunächst nicht imstande, seinen
Angehörigen eine zusammenhängende Schilderung seines
Erlebnisses zu geben. Erst später erzählte er ihnen von dem
seltsamen Vorfall.
Einige Jahre darauf hörte man, daß in dem Durchfluß des
Swenty- Sees, im Maransefluß, eben dieser Handwerker an
einem dunklen Abend ertrunken sei. Der Topich hatte ihn doch
geholt.

-464-
Die Riesen von Insterburg

In alten Zeiten hausten an einem Fluß in der Gegend des


heutigen Insterburg zwei Riesen, die sich von Jagd und
Fischerei nährten.
Aber der Fluß führte immer weniger Wasser, sein
Fischreichtum ließ nach und reichte nicht mehr für den Appetit
der beiden Riesen.
Deshalb kam es zum Kampf zwischen ihnen, und der jüngere
ertränkte den äIteren im Strom. Um den Toten herum
schwemmte der Fluß bald Sand und Schlamm an, so daß ein
Hügel im Flußbett entstand und der Fluß sich einen andern Weg
suchen mußte.
Da nahm der jüngere Riese sein Fischzeug und wanderte in ein
fremdes Land. Doch nirgends wurde er gern gesehen. Überall
war das Land schon verteilt, für ihn blieb kein Stückchen Boden
übrig.
Bald ergriff ihn das Heimweh, und er zog dorthin zurück, wo
er seinen Jugendge fährten getötet hatte. Er selbst war
inzwischen alt geworden, doch auch in seiner früheren Heimat
hatte sich alles verändert. Statt Wildnis und Einöde breitete sich
überall fruchtbares, bebautes Ackerland aus. Da fühlte der Alte,
daß die Zeit der Riesen vorbei sei, legte sich auf den Grabhügel
seines einstigen Kameraden und starb.
Und so wie in jener Gegend war es auch anderwärts:
allenthalben starben die Riesen aus, wie die Sage uns zu
berichten weiß.

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Die Seejungfrauen im Tilsiter Schloßteich

Ein Bauernsohn aus der Umgebung von Tilsit wurde zum Heer
eingezogen; man bestimmte ihn zum Tambour, und ob gern oder
ungern, er mußte das Kalbsfell schlagen. Um sich ungestört, in
dieser Kunst zu üben, schlich er gewöhnlich hinter einen Busch
am Schloßteich. Eines Abends im Sommer begab sich der
Soldat mit seiner Trommel wieder dorthin. Da sah er im Teich
drei wunderschöne Mädchen baden; ihre Kleider, lange grüne
Gewänder und Schleier, lagen am Ufer. Wie der Blitz sprang der
Tambour aus dem Gebüsch hervor und raffte die Kleider
zusammen. Die Mädchen bemerkten ihn, vor Schrecken laut
aufschreiend, schwammen heran und baten ihn, ihnen doch
wenigstens ihre grünen Schleier zurückzugeben. Zweien folgte
er die Kleider aus, der schönsten Jungfrau brachte er
Bauernkleider, das Nixengewand aber verschloß er in einer
eisernen Kiste; dann begab er sich wieder in den Dienst; die
Nixe wurde demnach seine Hausmagd.
Von nun an gedieh alles im Hause aufs beste, es war die
ertragreichste Wirtschaft weit und breit. Der Soldat nahm seinen
Abschied und feierte Hochzeit mit der Seejungfrau. Viele Leute
beneideten den Glücklichen um seine schöne Frau. Nur war sie
immer so bleich und blieb am liebsten für sich allein. Abends
sang sie im Garten mit lieblicher Stimme rührende Lieder,
jedoch in einer Sprache, die niemand verstand.
So verstrichen einige Jahre, die Ehe war mit mehreren Kindern
gesegnet. Da mußte der Ehemann einmal verreisen. Er übergab
seiner Mutter den Schlüssel zu der versperrten Kiste und trug ihr
aufs strengste auf, ihn niemand auszuhändigen. Aber die junge
Frau bat so inständig, sie wolle noch einmal ihre alten Kleider
anziehen, daß die Mutter sich erweichen ließ und die Kiste
aufschloß.

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Schnell kleidete sich die schöne Frau an, doch als sie den
Schleier übergeworfen hatte, war sie verschwunden. Sie kam
auch nicht wieder, auch ihr Mann hat sie niemals mehr gesehen.
Nur ihren Kindern war sie - allen unsichtbar - oftmals nahe.
Diese spielten am liebsten in der Nähe des Schloßteiches, wo sie
häufig in der gleichen Sprache wie einst ihre Mutter liebliche
Lieder sangen.
Doch die Kinder wurden groß, verließen Haus und Hof. Heute
steht nur noch ein Bauernhof - doch liegt er in fremden Händen.

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Die Unterirdischen und das Glück eines Bauern

Ein alter Bauer überdachte zufrieden den guten Ertrag seiner


Wirtschaft; der Roggen gab reichliche Frucht, die Kartoffeln
und Rüben gediehen prächtig, auch das Vieh war in gutem
Stand.
Die Bauern aus der ganzen Nachbarschaft wunderten sich,
wieso er, der als kleiner, armseliger Knecht in diese Gegend
verschlagen worden war, es zu solchem Wohlstand gebracht
hatte. Das begriff der Bauer lange Zeit selbst nicht. Schließlich
kam er jedoch dahinter.
Schon Jahre hindurch merkte der Mann, daß ihm stets, wenn
er, schönes weißes Mehl aus der Mühle nach Hause fuhr, einige
Metzen Mehl fehlten. Einmal wollte er der Sache doch auf den
Grund kommen. Als er eines Tages mit seiner Fuhre wieder
nach Hause kam, lud er die Säcke im Hausflur ab, legte sich in
der Nähe der Säcke auf die Lauer, schnarchte und stellte sich,
als ob ihn die Müdigkeit übermannt hätte. Siehe da, plötzlich
tauchte ein ganzes Heer kleiner Männchen unter dem Herde auf
und schlich sich durch die halbgeöffnete Tür zu den Säcken
heran. Dann begannen die Kleinen flink die Säcke zu öffnen und
aus jedem einige Schaufeln Mehl in kleine Beutelchen zu füllen.
Darauf banden sie alles wieder zu und verschwanden mit ihrer
Beute unter dem Herd. Der Bauer erzählte niemandem, was er
gesehen hatte, und dachte: "Laß nur die kleinen Gesellen, auf
das bißchen Mehl kommt es nicht an." Diese Nachsicht war der
Grund für sein Glück. Sein Reichtum wuchs zusehends, und
bald konnte er sich ein Gut kaufen.

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Die Unterirdischen und der Graf zu Eulenburg

In alter Zeit diente bei einem Grafen Eulenburg eine Köchin


die sehr fromm war und niemals vergaß, von jeder Mahlzeit
einen Löffel voll auf den Herd zu gießen. Die Gräfin fragte oft,
warum sie das tue, erhielt aber nie Auskunft; denn die Köchin
wußte wohl, daß sie es geheimhalten mußte, wenn sie die
Unterirdischen beschenken wollte.
Eines Tages war der Graf zu Eulenburg eben in seinem
Arbeitszimmer beschäftigt, da sprang plötzlich eines der
unterirdischen Wesen auf seinen Schreibtisch, verneigte sich
ehrfürchtig und sprach: "Hoher Graf, meine Kameraden wollen
hier ein Fest begehen. Du mußt ihnen aber das ganze Schloß
einräumen und es samt deinem Gesinde verlassen; denn
niemand darf unsere Feier sehen. "
Der freundliche Graf bewilligte die Bitte und versprach, seine
Familie und sein Gesinde fortzuschicken, nur er selbst sei schon
zu alt, um sich noch auf Reisen zu begeben; er wolle sich aber
auf dem äußersten Flügel des Schlosses aufhalten und keinen
Schritt von dort wegtun. Die Unterirdischen waren damit
einverstanden, und der greise Schloßherr hielt gewissenhaft sein
Versprechen.
Nun war aber zufällig der Haushofmeister um jene Zeit
auswärts gewesen und kehrte gerade am Tage des Festes der
Unterirdischen von seiner Reise zurück. Weil es schon spät war,
wollte er sich leise auf sein Zimmer schleichen. Doch als er am
Saale vorbeischlüpfte, kam es ihm vor, als ob Musik ertönte.
Auch fiel ein heller Lichtschein durch die Türspalte. Der
Haushofmeister dachte, daß etwa die Herrschaft ein Gastmahl
gebe, schlich auf den Zehen ans Schlüsselloch, guckte durch und
sah das wunderbarste Schauspiel, das man sich vorstellen
konnte. Der ganze Saal wimmelte von kleinen Leuten, und die
große Köchin stand mit einem der Unterirdischen auf dem

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Trauteppich, wo sie eben die Ringe wechselten; sie weinte aber
sehr, daß sie einen so kleinen Mann nehmen mußte. Der
Hausho fmeister sah eine Weile zu; plötzlich erloschen die
Lichter, und das Fest war jählings zu Ende.
Noch saß der Graf in seinem Arbeitszimmer, da sprang wieder
der kleine Unterirdische aufsein Pult und brachte folgende
Beschwerde vor.
"Lieber Graf, du hast versprochen, deine Leute fortzuschicken.
Dein Haushofmeister hat uns aber belauscht und dadurch unser
Fest gestört; deshalb sollen nie mehr als sieben Eulenburgs in
deiner Familie leben. Weil du es aber doch ehrlich mit uns
gemeint hast, schenke ich dir diesen Ring. Hüte dich, ihn zu
verlieren; solange du ihn trägst, soll deinem Haus kein Unheil
widerfahren!"
Der Graf hatte von der Rückkehr des Haushofmeisters nichts
geahnt.
Die Voraussage aber, daß stets nur sieben Grafen Eulenburg
leben sollten, ist bis zur heutigen Stunde eingetroffen, auch den
Ring hütet jeder Stammhalter treulich. Wie nötig dies ist, konnte
der alte Graf noch am eigenen Leibe erfahren. Der Schloßherr
hatte nämlich die Gewohnheit, wenn er sich wusch, den Ring
auf das Waschbecken zu legen. Einmal ging er, ohne ihn wieder
anzustecken, in den Schloßgarten. Kaum hatte er das Schloß
verlassen, als auch schon das ganze Gebäude in Flammen stand.
Und es war sein Glück, daß er sogleich an den Ring dachte, in
sein Zimmer stürzte und noch Zeit fand, das Kleinod wieder auf
den Finger zu streifen. Darauf erlosch das Feuer sofort.

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Ein Meisterschuß im Kampf um die Marienburg

Es war im Juli des Jahres 1410, als Ulrich von Jungingen, der
Hochmeister des Deutschritterordens, von der Marienburg aus
zur Verteidigung des Ordenslandes gegen den anrückenden
Polenkönig Wladislaus Jagello und dessen Vetter Witowd von
Litauen aufbrach und seine Truppen bei Tannenberg zur
Schlacht aufstellte. Doch von der Übermacht der Feinde besiegt,
mußte er selbst, heldenhaft kämpfend, sein Leben lassen, die
Reste des Ordesheeres aber zogen sich in die Feste Marienburg
zurück.
Ringsum ergaben sich Städte und Burgen dem Sieger, auch die
Landesbischöfe huldigten ihm. Der Polenkönig war überzeugt,
daß auch die Marienburg kapitulieren würde, wenn er mit
seinem gewaltigen Heer dort erschiene. Aber darin hatte er sich
getäuscht.
Die polnische Vorhut fand die Brücke über die Nogat
abgebrochen, alle Häuser in der Umgebung waren
niedergebrannt, rings um die Burg glühte noch das Feuer in den
Aschenhaufen. Die Polen konnten nur langsam und
beschwerlich auf die Burg vorrücken. Auf deren Mauern aber
und hinter den Zinnen standen Männer im Harnisch, alle Tore
waren fest verschlossen, die Fallbrücken aufgezogen.
So mußten der Polenkönig und sein Verbündeter sich zu
langwieriger Belagerung der Feste entschließen. Doch schon
nach kurzer Zeit spürten die Belagerer Not und Elend. Ihr
vereinigtes Heer war zu groß, um auf einem Platz gehörig
verpflegt zu werden; Krankheiten wüteten unter den Söldnern,
die wochenlang unter freiem Himmel auf engem Raum lagern
mußten. Tausende raffte die Ruhr hinweg.
Nun wurde der König besorgt und fing an, mit seinen
Bischöfen viel zu beten, auf daß Gott sich nicht von ihm wende.
Doch das Bitten brachte ihm wenig Trost und Beruhigung. Denn

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eine sonderbare Vorstellung hatte Gewalt über seine ängstliche
Seele errungen. Das große Bildwerk der Jungfrau Maria mit
dem Jesuskind in der äußeren Chornische der Marienkapelle,
das über die Stadt hinaus in das weite Land blickte, konnte er in
seinem farbigen Glanze nicht leuchten sehen, ohne von Sorge
und Neid ergriffen zu werden, daß der Orden einen so sichtbaren
Schutz habe. Tag und Nacht quälte ihn diese Angst. Schließlich
sprach er sogar in einer Versammlung seiner Kriegsobersten
darüber.
"Unsere Kugeln und Schleudersteine sind", so meinte er, "auf
jener Seite machtlos, denn die Heilige Jungfrau wehrt sie von
den Belagerten ab. Glaubt mir, solange das Bild dort mit der
Goldkrone auf dem Haupt ins Land hinausschaut, ist all unser
Mühen vergeblich. Die Jungfrau sorgt im Himmel dafür, daß
Gott uns nicht erhört."
Diese Worte des Königs vernahm Wladislaus, erster
Büchsenmeister, ein gewalttätiger, abergläubischer Mensch, den
es schon lange kränkte, daß seine Schießkunst von so geringem
Erfolg begleitet war.
Nun glaubte er zu wissen, worin der Grund dafür zu suchen
sei.
Immer hatte er seinen Kanonieren aufgetragen, die Kirche und
besonders das Heiligenbild zu schonen; jetzt sah er ein, wie sehr
er sich durch diese falsche Rücksichtnahme geschadet hatte, und
meinte, seines Königs Besorgnis leicht beseitigen zu können.
Zu diesem Zwecke stellte er eine mächtige Steinbüchse gerade
dem Chor der Marienkapelle mit dem wundertätigen Bild
gegenüber auf.
Den Schützen, die ihm zur Hand gingen, wurde bange. Sie
merkten wohl, was er vorhatte, und warnten ihn ernstlich. Aber
er lachte sie aus und höhnte: "Ihr sollt sehen, ihr Narren, daß das
Ding dort drüben nur aus Stein und Ziegel zusammengeklebt ist
und zerfällt, sobald meine Kugel dagegen fliegt. Wenn einmal

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die Marienkrone am Boden liegt, wird der Widerstand ein Ende
haben und unser König in die Burg einziehen. Ruft alle herbei,
die nun mit eigenen Augen sehen wollen, was geschieht.
Manchen guten Schuß habe ich in meinem Leben schon getan,
dieser aber soll mein Meisterschuß sein. Der König wird mich
reich belohnen, und ihr sollt nicht leer ausgehen. "
Bald lief die Kunde von dem Vorhaben des Büchsenmeisters
durchs Lager. Eine große Menschenmenge sammelte sich um
die Steinbüchse. Es hieß, der König habe den Schuß befohlen,
denn es sei ihm in der Nacht durch einen Engel geoffenbart
worden, daß er in die Burg einziehen werde, wenn er das
Steinbild in der Nische vernichten und in die Kapelle eine
Bresche schießen lasse. Manche schüttelten ängstlich den Kopf
dazu, wieder andere hatten gehört, die Ritter hätten mit dem
Bild Abgötterei getrieben und seien deshalb vom Papst in Rom
verflucht worden. Darum sei es ein gottgefälliges Werk, den
Anlaß zu solcher Sünde zu vertilgen.
Der Büchsenmeister kümmerte sich wenig um all dies Gerede
und um die ängstlichen Gesichter vieler Umstehenden, sondern
schüttete grobkörniges Pulver in ein Säckchen, mehr als das
doppelte Maß von dem, was sonst zu einem kräftigen Schuß
gehörte, packte es fest zusammen und schob es in die weite
Öffnung des Rohrs so weit sein nackter Arm reichte. Dann half
er mit einer Stange nach und stampfte es ,dreimal fest
zusammen. Darauf wählte er unter den Steinkugeln am Boden
die schwerste und glatteste und warf sie prüfend in die Luft, um
festzustellen, ob sie beim Fall auf die Erde zerspringen würde.
Sie bewährte sich, wurde in die Büchse geschoben und mit
einem Graspfropfen festgehalten. Nun stellte er sich an das
Kopfende des Geschützes und richtete nochmals scharf.
Gespannt blickte die Menge bald auf ihn, bald auf das Bild.
Plötzlich rief einer: "Das Christuskind hat die Hand aufgehoben
und mit dem Finger gedroht. Laß ab, Meister!" Ein anderer
äußerte zitternd zu den Nachbarn: "Seht, seht, die Jungfrau

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bewegt zornig die Augen!" Es herrschte allgemeine Aufregung.
Die meisten wünschten, der Schuß möge unterbleiben.
Indes schüttete der Büchsenmeister, ohne sich beirren zu
lassen, feines Pulver auf die Platte um das Zündloch, und stellte
einen Blechreiter gegen den Wind, damit es nicht verweht
werde. Dann ließ er sich die brennende Lunte reichen, klopfte
sie ab, rief ein weithin hörbares "Nun gebt acht!" und brachte
die feurige Kohle vorsichtig von hinten her an das Pulver. Eine
Sekunde herrschte atemlose Stille, dann gab,s einen
entsetzlichen Knall, wie man ihn bisher noch nie von einer
Steinbüchse vernommen hatte. Eine riesige Pulverwolke hüllte
das Geschütz ein, die nur langsam vom Wind fortgetragen
wurde.
Unversehrt stand das Marienbild. Mit mildem Ernst lächelte
die Jungfrau zu dem Kind auf ihrem Arm hinab. Das Rohr des
Geschützes aber war geborsten und abgesprengt. Mit
geschwärztem Gesicht und verbranntem Haar lag der
Büchsenmeister auf dem Boden, deckte die Hände über die
Augen und wimmerte kläglich.
Einige von seinen Knechten hoben ihn auf und trugen ihn fort.
"Um Himmels willen, was ist euch geschehen, Meister?" fragten
sie.
"Oh, meine Augen, meine Augen!" rief er jammernd; "ich bin
blind."
Da erfaßte die Menge Furcht und Entsetzen. Viele sanken auf
die Knie, erhoben die Hände zu dem Bild und beteten um
Vergebung ihrer Sünden. Die meisten rannten eiligst davon und
trugen die Schreckenskunde durch das Lager, der
Büchsenmeister des Königs sei mit Blindheit geschlagen
worden, weil er sich an der Muttergottes versündigt habe. Auch
Jagello erfuhr, was geschehen war. Er riß sein Gewand über der
Brust auf und rief: "Weh uns, das bedeutet Übel!

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Nun werden unsere Feinde hohnlachen, unsere Freunde aber
mutlos werden. Betet, betet, damit wir nicht noch schwerer
heimgesucht werden! "
In der Burg erfuhr man bald, was vorgefallen war. Auch hier
sah man es als Wunder an, daß der Schuß auf das
Muttergottesbild sich gegen den frevelhaften Schützen selbst
entladen und ihm für immer das Licht der Augen geraubt habe.
Das Vertrauen der Belagerten wuchs, sie verlangten zu
Ausfällen gegen den Feind geführt zu werden. Dieser zog
daraufhin ab, die Marienburg war für immer gerettet.

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Riesenwerke im Kurischen Haff

Eine Riesin, die in Nidden auf der Kurischen Nehrung wohnte,


hatte auf der Seite des Haffs in Windenburg einen jungen
Liebhaber. Zu diesem pflegte sie durch das Haff hinüber zu
waten; denn er konnte es nicht, da er zu klein war. Weil nun das
Haff bei Windenburg sehr sumpfige Stellen aufwies, so daß die
Riesin dort immer tief einsank, verband sie sich mit dem Teufel;
dieser sollte ihr helfen, die Stellen trockenzulegen. Sie wollte
eine Schürze voll Sand von der Nehrung hinbringen, er mußte
einen Sack voll Steine herbeischaffen. Aber als die Riesin mit
ihrer Last durch das Haff watete, rutschte ihr ein Zipfel der
Schürze aus der Hand, so daß der Sand ins Haff fiel, und das ist
die heutige Sandbank. Der Teufel aber, der den Sack mit Steinen
herbeischleppte, merkte nicht, daß ein Loch im Sack war, durch
das er den größten Teil der Steine schon unterwegs verlor.
Darüber gerieten die beiden in Streit, und die beabsichtigte
Zusammenarbeit der Riesin und des Teufels zerschlug sich. Nur
die Sandbank und die Steinblöcke blieben und zeugen noch
heute, wie das Volk meint, vom einstigen Dasein der Riesen und
Teufel.

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Sagen aus dem Rheinland

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Das Gnadenbild zu Klausen

Nicht weit von dem langgestreckten Brauneberg, näher noch


dem Moselflecken Piesport, liegt der Wallfahrtsort Klausen.
Zu jener Zeit, als der gelehrte Nikolaus Cusanus schon ein
berühmter Mann der Kirche und der Wissenschaft war, lebte im
Dorfe Esch an der Salm ein frommer Bauer namens Eberhard.
Dieser hatte eine besondere Andacht zur Muttergottes; einmal
träumte ihm dreimal hintereinander, er müsse der Gottesmutter
ein Haus bauen. Man schenkte ihm auch in Trier ein Bild der
schmerzhaften Mutter Jesu, ein Glöckchen und einen
Leuchterstock. Dann baute er eine kleine Kapelle und sich selbst
eine Hütte dabei. Bald erzählte man auch von allerlei Wundern,
die dort geschehen sein sollten; der Gnadenort bekam Zulauf,
und Eberhard begann eine Kirche zu bauen.
Eben damals kam auf einer Reise durch Deutschland der
Kardinal Cusanus nach Trier. Als er von den Wundern bei
Eberhards Klause erfuhr, meinte er, dies könne nicht mit rechten
Dingen zugehen; er reiste hin, schalt den Bauern gehörig wegen
seines törichten und abergläubischen Treibens und verbot ihm,
mit dem Bau fortzufahren.
Als der Kardinal aber weitergereist war und sich in Koblenz
bei seiner Schwester aufhielt, wurde er schwer krank. Da hielt
ihm seine Schwester vor, er habe vielleicht die Jungfrau Maria
böse gemacht, indem er dem Klausner verbot, die Kirche
auszubauen. Nun fiel dem Kardinal sein unwirsches Gebaren
gegenüber dem frommen Bauersmann schwer aufs Herz; er
schickte Boten aus und ließ Eberhard mitteilen, er solle nur
weiterbauen; ja, er versprach ihm noch Beihilfe dazu. Bald
darauf wurde der Kardinal wieder gesund und konnte seine
Reise fortsetzen. Auch der Klausner Eberhard nahm sein Werk
wieder auf, und die Bauern aus der Nachbarschaft halfen ihm
eitrig dabei.

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Nun wollte ihnen Eberhard dafür etwas zugute tun und ließ, da
es sehr heiß war, ein Fäßchen Wein von der nahen Mosel holen.
Aber das war für die vielen Arbeiter nicht groß genug gewesen,
deshalb ging der Wein bald aus. Der fromme Mann hatte zwar
einen Boten um ein zweites Fäßchen geschickt, aber dieser blieb
lange aus.
Als Eberhard nun sah, wie seine Leute Durst litten, eilte er zu
dem Gnadenbild und bat : "Meine liebe himmlische Magd! Ich
habe das meinige getan, die Reihe ist jetzt an Dir. Hilf mir und
den Meinen in dieser Not!" Und wirklich, die himmlische Magd
hatte das Gebet des frommen Klausners erhört, das Fäßchen war
mit einemmal wieder gefüllt.
Das Volk aber erzählt, das Wunder sei weitergegangen. Als
das Fäßchen lange, lange nicht leer geworden war, kam
Eberhard ein Zweifel, wie lange es noch so fortgehen könne,
und neugierig untersuchte er mit einem Maßstab, wieviel Liter
noch im Faß seien.
Im selben Augenblick aber hörte zur Strafe für seinen Zweifel
das Fäßchen zu laufen auf.
Heute noch wünscht sich mancher, wenn ihm zum heißen
Tagewerk der Trunk abgeht, "Eberhards Fäßchen", so sagen die
Moselländer Landsleute.

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Das Haus der Frau Richmut zu Köln

Frau Richmut von Adocht, die Gemahlin eines reichen


Bürgermeisters zu Köln, starb und wurde feierlich begraben.
Der Totengräber hatte bemerkt, daß die Verstorbene einen
wertvollen Ring am Finger trug. Die Goldgier trieb ihn nachts
zu dem Grabe, das er heimlich öffnete, um den Ring abzuziehen.
Kaum aber hatte er den Sargdeckel aufgemacht, so sah er, daß
der Leichnam die Hand zusammendrückte und aus dem Sarg
steigen wollte. Erschrocken floh er davon. Die Frau wand sich
aus den Grabtüchern, stieg aus dem Grab heraus und ging
geradewegs auf ihr Haus zu, wo sie dem Hausknecht rief, er
möge ihr schnell die Tür öffnen; dann erzählte sie ihm mit
wenigen Worten, was ihr widerfahren sei.
Der Hausknecht eilte zu seinem Herrn, und atemlos stammelte
er:
"Unsere Frau steht unten vor der Tür und will eingelassen
werden. "
"Ach", erwiderte der Herr, "das ist unmöglich; eher würden
meine Schimmel oben auf dem Heuboden stehen. "
Kaum hatte er die Bemerkung fallen gelassen, so trappelte es
auf der Treppe und dem Boden, und siehe, die sechs Schimmel
des Bürgermeisters standen alle oben auf dem Boden
beisammen.
Die Frau aber hatte nicht augehört zu klopfen; nun glaubte es
der Bürgermeister, daß sie wirklich da sei, und ließ sie mit
Freuden ins Haus. Wie waren alle glücklich, daß die Frau
wieder dem Leben zurückgegeben war.
Am nächsten Tag schauten die Pferde noch aus dem
Bodenloch, und man mußte ein großes Gerüst aufstellen, um sie
unversehrt wieder herabzubringen .

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Zum Gedenken an diesen Vorfall hat man Pferde ausgestopft,
die an diesem Haus zum Boden herausschauen. Auch ist Frau
Richmut in der Apostelkirche zu Köln dargestellt, wo man
überdies einen langen leinenen Vorhang zeigt, den sie nachher
mit eigener Hand gesponnen und der Kirche verehrt hat. Denn
sie lebte noch sieben Jahre nach den schrecklichen Tagen ihrer
Beerdigung.

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Der Kalkbrenner aus Birkenfeld und der Teufel

In Birkenfeld lebte vor langer Zeit in der Achtstraße ein armer


Kalkbrenner namens Jakob. Sein Kalkofen befand sich am
Palmsberg, am Wege nach Neubrücke, und heute noch heißt die
Stelle im Volksmund "Am Kalkofen".
In der bittersten Not, als seine zahlreiche Familie schon
Hunger litt, entschloß sich der arme Mann in einer schlaflosen
Nacht, ein Bündnis mit dem Teufel einzugehen. Dieser fand sich
auch schon am folgenden Morgen, als vornehmer Herr
auftretend, am Kalkofen ein und versprach, den Kalkbrenner
zum reichen Mann zu machen und sein Geschäft glänzend
auszugestalten. Als Bedingung stellte er aber, wie bei ihm
üblich, daß der Kalkbrenner ihm seine Seele verschreibe, die er
nach zehn Jahren abholen werde.
Nach langem Zögern ging der Mann auf diesen Vertrag ein.
Der Teufel hielt Wort, und das Gold floß dem Birkenfelder in
Strömen zu. Nach zehn Jahren fand sich der Teufel auch richtig
am Kalkofen ein, um sein Opfer abzuholen. Der Kakbrenner
bettelte um weitere zwei Jahre Frist, aber der Teufel ließ sich
nur auf zehn Tage Verlängerung ein.
Sie vereinbarten nun nach langem Feilschen, daß der Teufel
den Kalkbernner nach dieser Frist pünktlich mittags um zwölf
Uhr mit einem Sack am Feuerloch seines Kalkofens in Empfang
nehmen solle. Als der Tag heranbrach, kam der kluge
Birkenfelder mit einem starken jungen Eber über den
Zinnerbach zum Palmsberg gegangen.
Er führte das halbwilde Tier an einem Strick. Mit Mühe und
Not gelang es ihm, den Eber in den Kalkofen zu schaffen und
die Tür zu schließen.
Zur festgesetzten Stunde traf auch der Teufel mit seinem Sack
von Emmerichsberg herkommend, beim Kalkofen ein, freute
sich, als er den Höllenlärm, das Poltern, Grunzen und Quieken
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aus dem engen Raum heraus hörte, und dachte, es sei der
Kalkbrenner, der in seiner Seelenangst solchen Lärm anstelle.
Mit großer Vorsicht machte er die Tür des Kalkofens auf und
hielt den geöffneten Sack davor; der durch das Feuerspeien
wildgewordene Eber war mit einem Satz im Sack, machte aber
gleich darauf alle Anstrengung, dem neuen Gefängnis zu
entrinnen. Nicht ohne Mühe brachte ihn der Teufel zur Hölle,
frohlockend über seinen guten Fang.
Doch wie erschraken er und seine Großmutter, als beim
Öffnen des Sackes nicht der Birkenfelder, sondern der wilde
Eber daraus hervorbrach und rücksichtslos, wie Schweine nun
einmal sind, zwischen ihren Beinen hindurch in der Hölle
herumsauste und dort eine heillose Verwirrung anrichtete.
Seitdem ist man im Reich des Höllenfürsten recht vorsichtig
geworden; Kalkbrenner sind dort nicht mehr beliebt, besonders
solche aus Birkenfeld. Jakob aber lebte noch viele Jahre in
Glück und Zufriedenheit und sah Enkel und Urenkel.

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Der Mäuseturm

Wo aus dem Rheinstrom unterhalb von Bingen weiße Klippen


gefahrdrohend emporragen und nur einen schmalen Raum -- das
sogenannte Binger Loch -- für die Durchfahrt freilassen, da
erhebt sich in der Nähe der Ruine Ehrenfels und unweit des
Rheinsteins inmitten der schäumenden Fluten ein finsteres,
halbzertrümmertes Gemäuer. Es ist "Hattos Turm". Von Eulen
und Fledermäusen umflattert, erscheint er dem Beschauer wie
das Haus eines Bösen, wie das Denkmal eines ungeheuren
Frevels. "Mäuseturm" nennt die Sage jenes Gemäuer, von dem
der Schiffer mit Grauen das Gesicht abwendet.
Einst lebte zu Mainz ein Erzbischof namens Hatto, dessen Herz
rauh und hart war und unempfänglich gegen die Not der
Bedrängten. Um diese Zeit brach am Rhein und rings in der
Gegend eine große Hungersnot aus, so daß viele Menschen
umkamen. Der Bischof jedoch, dessen Speicher mit Korn gefüllt
waren, öffnete diese dem Wucher, aber nicht den Armen seines
weiten Sprengels.
Als nun die Not seiner Untertanen größer und größer wurde,
fielen sie in Scharen zusammen und flehten den gefühllosen
Mann um Erbarmen und Nahrung an, und als dies umsonst war,
murrten sie und fluchten in ohnmächtiger Wut dem Tyrannen.
Und ob sein Herz sich nicht vor Mitleid regte, wurde es doch
rege vor Zorn. Er ergrimmte und schickte seine Schergen aus,
um die Murrenden zu fangen, sperrte sie in eine große Scheune
ein und ließ Feuer daranlegen. Als die Unglücklichen von den
Flammen ergriffen wurden und ihr Todesgeschrei bis in den
Bischofspalast drang, bis herauf an die Ohren des Unmenschen
und aller derjenigen, die mit ihm an der üppigen Tafel saßen, da
rief er in teuflischem Hohn:
"Hört ihr die Kornmäuslein unten pfeifen ?"
Aber still wurde es unten, und die Sonne verhüllte ihr Antlitz.
Im Saal wurde es dunkel, und die angezündeten Kerzen
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vermochten nicht, die Dämmerung zu durchbrechen, die den
finsteren Mann von nun an umlagerte. Und siehe! Im Saal
begann es sich zu regen, und aus allen Winkeln, aus den Ritzen
des Fußbodens, zu den Fenstern herein und von der Decke herab
krochen und liefen Scharen nagender Mäuse und erfüllten
alsbald alle Gemächer des Palastes.
Ohne Scheu sprangen sie auf die Tische und benagten die
Speisen vor den Augen der erstaunten Versammlung. Immer
neue kamen hinzu, und nicht die Brosamen auf der Tafel blieben
verschont und nicht der Bissen, der zum Munde geführt wurde.
Da ergriffen Furcht und Entsetzen alle, die das sahen, und seine
Freunde, seine Knechte und Mägde flohen die Nähe des
Geächteten.
Der Bischof aber wollte entrinnen, bestieg ein Schiff und fuhr
den Rhein hinab bis zu jenem Turm, der von den Wellen des
Stroms umspült wird. Dort wähnte er sich vor seinen
unersättlichen Peinigern sicher. Doch Tausende von Mäusen
krochen wiederum mit Gepfeife aus alIen Wänden hervor.
Vergebens erstieg er bebend vor Angst, stumm vor Entsetzen
die höchste Warte. Auch dahin folgten sie ihm, und heißhungrig
fielen sie den unmenschlichen Spötter an.
Bald war nichts nichts von ihm übrig.
So lautet die Sage von jenem einsamen Turm mitten im Rhein.
Reumont

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Der Mäuseturm bei Bingen

Am Eingang zur schauerlichen Felsschlucht, in die sich der


Rhein bei Bingen hineinzwängt, erhebt sich auf dem rechten
Ufer des Stroms zwischen den Gesträuchen und Weinbergen der
Rüdesheimer Höhen die Ruine der stolzen Burg Ehrenfels;
inmitten der brausenden Fluten des Rheins aber ragt auf einer
Felseninsel ein düsteres Gemäuer empor, das unter dem Namen
"Mäuseturm" oder "Hattos Turm" berüchtigt geworden ist. Das
alte Bauwerk steht hart bei dem sogenannten Binger Loch, wo
der Strom über Klippen rauscht und nur eine enge Durchfahrt
freiläßt, die man einst für sehr gefährlich hielt; man glaubte, daß
die Trümmer von Fahrzeugen, die das Binger Loch
verschlungen, an der Felsenbank von St. Goar wieder zum
Vorschein kämen. Aber seit langer Zeit kennt der Schiffer
diesen Weg so genau, daß die Durchfahrt nur bei Sturm
bedenklich ist; jetzt sind die meisten der gefährlichen Felsen
gesprengt.
Im Anfang des zehnten Jahrhunderts lebte in jener Gegend ein
gewisser Hatto, der durch Wohlleben, Übermut und
Hartherzigkeit weithin verrufen war. Der ehrgeizige Mann
wurde schließlich zum Erzbischof von Mainz erhoben.
Nachdem er jahrelang seines Amtes gewaltet hatte, wurde das
gesegnete Land am Rhein von schweren Plagen heimgesucht.
Schwüle Hitze brannte die reichen Felder aus; eine starke
Wasserflut vernichtete alle Hoffnung auf die Ernte; überall
herrschte Not und Teuerung. Nur Hatto spürte nichts davon;
denn seine Speicher waren gefüllt, und er scheute sich auch
nicht, üblen Getreidewucher mit seinen Vorräten zu treiben.
Die Not stieg immer höher, und das arme, ausgehungerte Volk
bestürmte den reichen Kirchenfürsten mit der flehentlichen Bitte
um Brot. Der hartherzige Mann aber wollte nicht an seine
Pflicht erinnert werden und ließ die Armen fortjagen; es seien

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nur Müßiggänger, sagte er, die sich ihr Brot auf leichte Art
durch Bettel erwerben wollten. Doch nur um so stärker erscholl
die Klage, man hörte sogar Worte der Verwünschung, aus der
die Verzweiflung zu erkennen war. Denn der Erzbischof hatte
sich beim Volke durch Bedrückungen schon längst verhaßt
gemacht; immer neue Bittsteller vermehrten die Schar der
Flehenden, die schließlich mit Gewalt zu drohen schienen, da er
ihrem Flehen kein Gehör schenkte.
Hatto sah darin einen Aufstand, rief seine Waffenknechte
herbei und befahl ihnen, die frechen Empörer zu ergreifen. Die
Söldner stürmten heran und zerstreuten die zusammengerottete
Menge nach kurzem Widerstand. Groß war die Zahl derer, die
man gefangen ins Schloß führte.
"Sie trachten nach meiner Frucht", erklärte Hatto mit bitterem
Hohn.
"Gut! Man sperre sie in eine der Scheunen!" Die Knechte
schleppten die Ärmsten hinein, und der grausame Herr befahl,
die Scheune in Brand zu stecken. Bald ol derten die Flammen
ringsum empor, und das Klagegeschrei der Unglücklichen, für
die jeder Weg zur Rettung verschlossen war, drang zum
Himmel. Mit satanischem Gelächter rief der Bischof: "Hört
doch, hört, wie die Kornmäuse pfeifen!" Den Aufruhr hatte der
Bösewicht nun unterdrückt, der Strafe Gottes aber vermochte er
nicht zu entrinnen.
Als sich Hatto am Abend nach dem Mahle in sein prächtiges
Schlafgemach zurückzog, hörte er plötzlich ein sonderbares
Gepolter und ein durchdringendes Pfeifen. Kalter Schauer fuhr
ihm durch die Glieder. Mit einemmal sprangen Mäuse aus allen
Wänden und Ritzen und fielen über den erschrockenen Mann
her. Heulend rief er seine Diener zu Hilfe; aber sie konnten den
dichten Haufen der Tiere nicht, abwehren; die Leute bekreuzten
sich entsetzt und flohen.

-487-
Endlich warf sich Hatto zu Pferd, eilte mit einem Trupp seiner
Knechte stromabwärts und suchte Schutz in der Burg Ehrenfels.
Doch die Plagegeister wimmelten auch hier durch das ganze
Schloß, ihn mit scharfen, quälenden Bissen verfolgend.
Nun erwachte Hattos Gewissen, er fühlte seine Sünde und
flehte zum Himmel um Hilfe. Aber die gerechte Strafe, die ihn
treffen sollte, war noch nicht vollendet. Er floh daraufhin auf
einem Kahn zu dem einsamen Turm, der sich auf der kleinen
Rheininsel erhob, und - ließ dort sein Bett an Ketten aufhängen.
Aber die Mäuse schwammen durch die Flut, kamen ihm nach,
schlüpften durch alle Gitter und Löcher und nagten mit scharfem
Biß so lange an seinem Leib, bis der geistliche Würdenträger
den Geist aufgab. Ja, selbst sein Name, der in die Tapeten des
Gemachs gewirkt war, wurde von den Tieren zernagt.
Kaum war dies geschehen, so zerstreute sich das ganze Heer
der Mäuse und wurde nicht mehr gesehen. Der Ort aber, wo der
Bischof seinen gerechten Lohn gefunden, heißt von jener Zeit an
der "Mäuseturm". Noch oft soll bei Nacht, wenn der Sturm
braust und die Woge grollt, sein Geist gleich einer grauen
Wolke das uralte Gemäuer umschweben; somit hat der Bischof
wegen seiner schweren Schuld noch immer nicht die ewige
Ruhe gefunden.

-488-
Der Riese im Treiser Schock

Zu jener Zeit, als die Hunnen über den Hunsrück zogen, lebte
im Treiser Schock ein wilder Riese in einer tiefen, dunklen
Felsenhöhle; ringsumher hatte er große Steinblöcke wie eine
Mauer aufgeschichtet. Manchmal spielte er mit schweren
Felskugeln Ball oder warf sie vom hohen Berg ins Tal; das tat er
besonders gern, wenn Leute dort arbeiteten; die mußten dann
jedesmal schleunigst das Weite suchen. Fast täglich jagte der
Unhold in den Wäldern; alles Wild, das ihm in den Wurf kam,
erlegte er, und wenn ihm dabei ein Mensch begegnete, so mußte
der Unglückliche mit ihm jagen, da half kein Bitten und
Sträuben. Dann ging's vom Morgen bis zum Abend über Stock
und Stein. Waren die armen Leute abends todmüde, so brüllte er
sie fürchterlich an, stieß die gräßlichsten Drohungen aus und
jagte die Ärmsten, die vor Angst schon mehr tot als lebendig
waren, schließlich unter wüsten Flüchen davon. Daher mied
jedermann ängstlich den Schockwald, um nur dem Riesen nicht
zu begegnen.
Nur ein Mann fürchtete den gewalttätigen Unhold nicht; das
war ein frommer Einsiedler, der am Südende des Waldes seine
Behausung hatte. Der Klausner hatte dreizehn Steinchen, die
wunderbar glänzten; wenn man eins davon dem Riesen vor die
Augen hielt, wurde er geblend et und konnte einem nichts tun.
Wer über den Schock zur Mosel ging, lieh sich bei dem
Einsiedler eines von seinen Steinchen aus.
Einmal kamen zwölf Männer, denen gab der gottesfürchtige
Mann je eins von den Steinchen mit. Nach einer Weile fand sich
aber noch ein Junge ein und bat wieder um eins. Da wollte ihm
der Einsiedler sein letztes Steinchen zuerst nicht geben; als aber
der Junge bitterlich zu weinen anfing, hatte der Alte Mitleid und
überließ es ihm.

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Der Junge kam zur Höhle des wilden Mannes. Da trat der
Riese plötzlich heraus, brüllte den Knaben an und wollte ihn auf
die Jagd mitnehmen. Der arme Kerl erschrak so heftig, daß er
das Steinchen fallen ließ; er konnte es nicht wieder finden,
sosehr er sich auch mühte. Aber der Riese wurde auf einmal
ganz still, machte sich rasch in seine Höhle davon und ließ den
Jungen ungehindert weitergehen.
Als die zwölf Männer gegen Abend zurückkehrten, war von
dem Riesen nichts mehr zu sehen. Während sie noch ganz
verwundert mit dem Einsiedler darüber sprachen, kam auc h der
Junge dahergelaufen und erzählte schluchzend, wie es ihm mit
dem Steinchen ergangen war. Da erkannten alle, daß der Riese
durch das Steinchen in seine Höhle gebannt war. Alle Leute in
der Gegend dankten Gott, daß sie von der Plage befreit waren,
und erbauten mit dem Einsiedler bei der Klause ein Gotteshaus.
Später entstand dort ein Hof, der bis auf den heutigen Tag
"Gotteshausen" heißt. Auch an der anderen Seite des Schocks
wurde ein Bauerngehöft angelegt und nach den Hünen der
"Hohnhäuser- Hof" genannt. Das Steinchen liegt immer noch im
Schock vor der Riesenhöhle.
Wenn dies Wundersteinchen jemand finden und wegnehmen
sollte, erscheint der Riese wieder, und es fängt die alte Plage
von neuem an.

-490-
Der Schmied und die Zwerge von Müngsten

Bei Müngsten im Wuppertal wohnten Zwerge in steilen Felsen


auf dem rechten Ufer des Flusses. Einmal kam um Mitternacht
ein Hammerschmied vom Wirtshaus des Weges daher. Als er in
die Gegend der Zwerglöcher gelangte, blieb er verwundert
stehen; er hörte ganz deutlich helles Lachen und Jauchzen. Und
da sah der Schmied auch schon im Mondschein die kleinen
Kerlchen zwischen den Bäumen und Felsen herumspringen;
manche warfen vor Vergnügen ihre Mützen in die Luft und
fingen sie wieder auf, andere tanzten lustig das Flußufer entlang.
Auf einmal gab's ein lautes Jammern. Einem der kleinen
Schelme war die Mütze in die Wupper gefallen, alle rannten hin
und sahen entsetzt, wie das Käppchen fortschwamm. Was sollte
der Arme machen? Ohne seine Mütze war er ja kein richtiger
Zwerg mehr! Das tat nun dem guten Hammerschmied leid; er
stieg ins Wasser, fischte die Mütze heraus und gab sie dem
Zwerg, der sich sehr darüber freute.
Der Schmied ging nun nach Hause, stellte sich noch Roheisen
an den Amboß zurecht, weil er früh an die Arbeit gehen mußte,
und legte sich dann zu Bett. Als er aber am andern Morgen die
Schmiede betrat, fand er statt des Roheisens den schönsten Stahl
vor. Und das ging nun so fort, Nacht für Nacht; bald war er der
wohlhabendste Mann in ganz Remscheid. Aber die Neugierde,
wie das mit dem Eisen zuging, ließ den Mann nicht ruhen.
Eines Abends versteckte sich der Schmied hinter dem
Blasebalg; bald hörte er auch ein feines Geräusch, und herein
kam der Zwerg, dem er damals geholfen hatte, mit einem
Schurzfell angetan, eine silberne Lampe in der Hand. Der
Schmied mußte sich bemühen still zu sein, um nicht
loszuplatzen, so spaßig sah der kleine Mann aus.
Nun holte der Zwerg sein Hämmerchen aus dem Schurzfell
und fing an zu hämmern. Die Schläge hörte man kaum, aber das

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Eisen dehnte sich wie Wachs, und in wenigen Stunden lag der
Stahl fertig da.
Nun wollte sich der Hammerschmied auch nicht lumpen
lassen; er bestellte bei dem besten Schneider ein goldgesticktes
Wämschen für seinen kleinen Gesellen und legte es ihm am
Abend, fein verpackt, hin. Das Männchen kam, öffnete
vorsichtig das Paketchen und lachte übers ganze Gesicht vor
Freude. Schnell hatte es sein graues Röckchen aus- und das neue
angezogen, besah sich von oben bis unten und rief: " Wat brukt
en Jonker te schlipen, de en ruaden Rock anhett?", und ließ sich
seitdem nicht mehr sehen.
Einstens sind Zwerge öfters bei Schmieden und anderen
Arbeitern eingekehrt und haben ihnen geholfen. Leider sind
diese Zeiten verklungen!

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Der Traum vom Glück auf der Brücke zu Koblenz

Ein Bewohner des am Hochwald gelegenen Dorfes Alt-


Rinzenberg, hatte einst drei Nächte hintereinander den gleichen
Traum; eine Stimme rief ihm zu:
Zu Koblenz auf der Brück"
Da blüht dir dein Glück.
Als der Mann den Traum seinen Verwandten erzählte, drangen
diese so lange in ihn, bis er sich nach Koblenz aufmachte, um
das Glück zu suchen. Dort begab er sich sofort auf die alte
Moselbrücke, an der das Kur-Trierische Schloß stand, und ging
hier auf und ab, das Glück erwartend, das sich aber nicht
einstellen wollte. Eben gedachte er - denn es war schon gegen
Abend - voll Ärger über die unnötigen Ausgaben und die
beschwerliche Reise wegzugehen, als ein Soldat, der auf der
Brücke Schildwache stand, auf das sonderbare Gebaren des
unruhig hin- und hergehenden Bauern aufmerksam wurde, ihn
anredete und fragte, was er eigentlich hier suche.
"Ach", erwiderte der Bauer, "da träumte mir dreimal
hintereinander:
Zu Koblenz auf der Brück"
Da blüht dir dein Glück.
Und nun laufe ich schon den ganzen Tag hier auf und ab, aber
vom Glück habe ich noch nichts gesehen. "
Da lachte der Soldat und sagte: "Auf Träume darf man
überhaupt nichts geben; da träumte ich immer: In Rinzenberg
steht in einer alten, zerfallenen Zisterne ein Kessel mit Gold.
Aber soviel ich auch gefragt habe, kein Mensch kann mir
erklären, wo Rinzenberg liegt, das gibt's ja gar nicht."
"Ah", dachte der Bauer, "bläst der Wind daher! Jetzt weiß ich
genug." Er verabschiedete sich schnell und machte sich auf den
weiten Heimweg. Zu Hause fand er den Schatz richtig an der
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bezeichneten Stelle, hob ihn und erbaute weitab von seinem
Dorf, am Eberswalde, nahe bei dem damals berühmten
Sauerbrunnen, drei schöne Häuser und gründete so Neu-
Rinzenberg, das unter dem Namen Rinzenberg heute noch
besteht, während Alt-Rinzenberg verfiel und bald völlig
verschwunden war. Im Volk will man noch die Stelle genau
wissen, wo der Weiler einstens gestanden war.

-494-
Der Wechselbalg von Schalken

In Schalken war einem jungen Bauer die Frau gestorben und


hatte ihrem Mann einen mutterlosen Säugling hinterlassen. Da
sah nun niemand recht auf das Kleine, wenn auch die
Nachbarinnen zuweilen Nachschau hielten. Eines Tages nahmen
die Erdmännchen das Kind mit sich und legten eine alte,
zahnlose Zwergin an seine Stelle.
Zunächst merkte dies niemand. Das Zwergmütterchen war
noch stiller, als das kleine Mädchen gewesen war, und schlief
viel; nur wenn man es bekreuzte oder mit Weihwasser
besprengte, wimmerte es jedesmal. Als es aber nach geraumer
Zeit gar nicht an Gewicht zugenommen hatte, ging der Bauer zu
einer vielbefragten Wahrsagerin nach Lindlar und zeigte ihr ein
paar Kopfhaare von dem Kinde. Da sagte die Frau sofort: "Das
ist ein Wechselbalg, eine Zwergin, die wächst überhaupt nicht,
und das rechte Kind ist in der Zwergenhöhle." Und sie belehrte
den Bauern ganz genau, was er tun müsse.
Als man am nächsten Mittag bei Tisch saß, während der
Wechselbalg nahebei in der Wiege lag und wieder tat, als ob er
schliefe, klagte der Bauer ganz laut, daß das Kind gar nicht
wachsen wolle; ein Mittel werde er noch versuchen, nämlich es
diesen Abend wieder taufen zu lassen. Dann ordnete er sogleich
alles für die Taufe an, schickte das Gesinde hinaus und schloß
hinter ihm zu. Er selbst holte sämtliche Töpfe herbei, stellte sie
um den Herd herum und legte quer durchgeschlagene
Eierschalen dazu. Dann tat er, als ob er auch hinausgehe,
versteckte sich aber im Rauchfang.
Als es ganz still und finster geworden war, trippelte aufeinmal
etwas durch die Stube zur Stubentür; diese ging auf, und die
Kleine wollte bei der Haustür hinaus, um der angedrohten Taufe
zu entgehen. Als sie aber die vielen Töpfe und Eierschalen am
Herd sah, guckte sie neugierig hinein, zählte sie und rief:

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"lch bin so alt Wie der Duisburger Wald, Hab, aber mein
Lebtag nicht gesehn So viel, Töpfe am Herd eines Bauern
stehn. "
Dann lief sie fort.
Der Bauer kroch aus dem Rauchfang heraus, holte seine Leute
und auch den Pfarrer herbei, und als diese vors Haus kamen,
hörten sie von draußen in der Stube drinnen ein Kind weinen.
Als sie aber eilig nachsahen, lag in der Wiege des Bauern sein
kleines Mädchen, gesund und frisch und schon ordentlich
gewachsen, das häßliche Zwergenkind aber war verschwunden.
Seit diesen aufregenden Tagen ließ der Vater seinem Kind alle
Liebe und Sorgfalt angedeihen.

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Der heilige Mauritius auf dem Speicher zu
Georgsweiler

In Büchel wurde vor Zeiten eine neue Pfarrkirche errichtet.


Als der Bau fertig war, trug man alle heiligen Geräte und Bilder
aus der alten, baufälligen Vikariekirche (Kirche, der ein Vikar
vorsteht) zu Georgsweiler in das neue Gotteshaus hinüber. Nur
eine Reiterstatue des heiligen Mauritius, die aus Morschweiler
stammte, vergaß man.
Die Dorfkinder spielten damit und führten das hölzerne Pferd
auf den Grasplatz bei der Kirche zur Weide. Eines Abends
nahmen zwei Geschwister die Statue verstohlen mit heim. Als
sie größer geworden waren und nicht mehr mit dem Pferd des
Heiligen spielten, wurde die Statue in den Speicher gestellt und
geriet allmählich in Vergessenheit. Da oben in der staubigen
Dachkammer zwischen Spinnen und Mäusen mochte es dem
Heiligen wenig gefallen. Durch eine Dachlucke konnte er auf
die schöne neue Pfarrkirche hinübersehen, während er sich mit
einem düsteren Kämmerlein begnügen mußte.
Eines Tages nun merkte der Bauer, daß sein Hafer, den er auch
auf dem Speicher dem Heiligen gegenüber in einer Ecke
aufgeschüttet hatte, bedenklich abnahm. Er dachte, es wären die
Mäuse, und hielt sich Katzen. Doch das half nichts. Da meinte
er, die Spatzen könnten den Hafer vielleicht gefressen haben,
ließ sein Strohdach ausbessern und Drahtnetze vor die Lucken
ziehen. Aber der Hafer nahm immer weiter ab.
Schließlich versteckte sich der Mann mit zwei Nachbarn auf
dem Speicher im Stroh und wachte eine Nacht über, um endlich
den Dieb zu erwischen. Da, als es zwölf Uhr schlug, bewegte
sich der hölzerne Mauritius, gab seinem Schimmel die Sporen,
und das Tier sprang von der Mauer herab, auf der es stand, nach
der andern Ecke, mitten in den Hafer hinein, fraß sich dort
tüchtig satt und schritt dann gemächlich in seine Ecke zurück.

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Roß und Reiter standen dann wieder unbeweglich dort wie
zuvor.
Am andern Morgen ließ sich der Bauer vom Küster gleich die
Kirche aufschließen und trug die Holzstatue auf seinen Armen
hinein. So hatte Mauritius wieder einen Aufenthalt, wie er sich
für einen Heiligen geziemt, und dem Bauern wurde kein Hafer
mehr weggefressen.

-498-
Die Johannisopfer zu Schönrath

Zur Zeit des Grafen Gerhard von Berg hauste zu Schönrath an


der Agger Ritter Hans von Schönrath. Er hatte drei Söhne und
zwei Töchter, die zur Freude der Eltern heranwuchsen. Es war
allen Leuten bekannt, daß zur Zeit der Sommersonnenwende
Sankt Johannes drei Opfer fordere, eins im Wasser, eins auf dem
festen Boden und eins in der Luft. Ängstlich hatten daher der
Ritter und seine Gemahlin ihre Kinder vor diesem Tage
gewarnt.
Als wieder einma l der Johannistag herangekommen war,
verließen die Kinder heiter das Schloß, um im nahen Forst dem
gewohnten Spiel nachzugehen. Einer der Söhne gewahrte auf
einer hohen Fichte einen Falkenhorst und machte sich sofort
daran, das Nest herabzuholen. Die beiden andern schauten ihm
nach, bis er sich zur schwankenden Krone in schwindelnder
Höhe aufklemmte. In diesem Augenblick brach ein Wolf aus
dem Dickicht hervor, ergriff den jüngsten Knaben und lief mit
ihm davon. Das gellende Schreien des Geraubten erschreckte
den Bruder in seiner luftigen Höhe, die Sinne vergingen ihm,
und er stürzte vom Baum hinab.
Als der dritte das schreckliche Unglück sah, rannte er wie
besessen nach Hause. In seiner Verwirrung lief er nicht über die
Brücke in das Schloß, sondern stürzte in den Graben, wo er
ertrank.
Als man die Knaben vermißte, begann man sie zu suchen und
brachte am Abend drei Leichen ins Schloß: aus dem Wasser,
dem Forst und aus der wilden, zerklüfteten Schlucht.
So leuchten nunmehr zur Sommersonnenwende die Feuer von
den Höhen, um niemals mehr St. Johannes zu erzürnen.

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Die Jungfrau am Drachenfels

Unter den Bergen des Siebengebirges hebt sich der


Drachenfels mit seinen Ruinen am kühnsten am Rhein empor. In
uralten Zeiten, so erzählt die Sage, lag hier in einer Höhle ein
Drache, dem die heidnischen Bewohner der Gegend Verehrung
erwiesen und Menschenopfer darbrachten. Gewöhnlich wurden
dazu Leute ausgewählt, die im Krieg gefangen worden waren.
Unter ihnen befand sich einst eine Jungfrau, die sich bereits zum
Christentum bekehrt hatte. Sie war von hoher Schönheit, und
zwei Anführer stritten sich um ihren Besitz. Da entschieden die
Ältesten, daß sie dem Drachen geopfert werde, damit keine
Zwietracht unter den Häuptern des Volkes entstehe.
In weißem Gewand, einen Blumenkranz im Haar, wurde die
Jungfrau den Berg hinaufgeführt und in der Nähe der
Felsenhöhle, worin der Lindwurm lag, an einen Baum
gebunden. Viel Volk hatte sich in einiger Entfernung
versammelt, um dem Schauspiel zuzusehen; aber es waren
wenige, die das Los der Armen nicht vom Herzen bedauerten.
Die Jungfrau stand ruhig da und schaute mit frommer Ergebung
zum Himmel auf.
Eben stieg die Sonne hinter den Bergen hervor und warf ihre
ersten Strahlen an den Eingang der Höhle. Bald kroch das
geflügelte Untier heraus und eilte nach der Stätte, wo es seinen
Raub zu finden gewohnt war. Die Jungfrau erschrak nicht, sie
zog vielmehr ein Kreuz mit dem Bilde des Erlösers aus ihrem
Gewande hervor und hielt es dem Drachen entgegen. Dieser
bebte zurück und stürzte mit fürchterlichem Gezische und
Dröhnen in den nahen Abgrund. Man hat ihn niemals mehr
gesehen.
Da eilte das Volk, aufs tiefste ergriffen von dem Wunder, zur
Jungfrau hin, löste ihre Bande und sah mit Erstaunen das kleine
Kreuz an. Die Jungfrau aber erklärte ihnen die Bedeut ung des

-500-
heiligen Zeichens, und alle fielen zur Erde und baten sie, zu den
Ihrigen zurückzukehren und ihnen einen Priester zu schicken,
der sie unterweisen und taufen möge.
So kam das Christentum in die Gegend des Siebengebirges,
und bei der Drachenhöhle wurde eine Kapelle erbaut.

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Die Neunhollen in Georgsweiler

Die Neunhollen im Hochpochtner Wald sind in manchen


Dingen den kleinen Holz- und Moosleuten ähnlich, von denen
besonders in den mitteldeutschen Waldländern viel erzählt wird.
Die Neunhollen blieben im Frühjahr und Sommer in ihrem
Wald, ging es aber gegen den Winter, so kamen sie heraus und
hüpften auf freiem Feld so lange umher, bis der Sturmwind sie
aufnahm und über Berg und Tal zu ihrer Winterwohnung wehte,
einem alten Bauernhaus in Georgsweiler. Dort huschten sie in
die Küche und hockten sich um den Herd.
Freilich nur bei Nacht saßen sie dort und hüteten die Glut in
der Asche. Bei Tag hielten sie sich in der dunklen, warmen Ecke
über dem Backofen auf und schliefen; erst gegen Abend kamen
sie hervor und betätigten sich nützlich wie gute Hausgeister. Als
kräuterkundige Waldleute machten sie sich bisweilen mit dem
alten Bauern einen besonderen Spaß, indem sie ihm heimlich ein
paar Blättchen Maikräuter in die Pfeife stopften. "Kathrin, wo
hast du denn den guten, Tabak gekauft?" pflegte der Alte dann
wohl die Bäuerin zu fragen, ohne zu ahnen, woher dies feine
Kraut komme.
Um Ostern herum machten sich dann die Neunhollen wieder
auf die Reise. Sie befeuchteten zuerst den Zeigefinger mit
Speichel und hielten ihn zum Schornstein hinaus, um zu fühlen,
woher der Wind wehe. Wenn es dann der richtige war, setzten
sie sich frei hin, atmeten tief ein, damit sie recht luftig würden,
und im Nu hatte sie der Wind gefaßt und weggeführt.
So waren sie manchen Winter in dem Bauernhaus zu Gast
gewesen; aber einmal, als sie wieder kamen, war die gute alte
Bäuerin nicht mehr da, eine junge Frau führte den Haushalt und
wollte von Neunhollen und dergleichen dummem Zeug nichts
wissen. Da gaben ihr die Zwerge zunächst eine Lehre. Am
Abend hatte die junge Bäuerin Brotteig angerührt für den andern

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Tag. Da buken die Männlein des Nachts vierzehn große, runde
Brote und stellten sie zum Ausdunsten auf die Treppenstufen.
Als nun die Frau am Morgen in der Dunkelheit die Treppe
herunter wollte, stolperte sie und sauste über vierzehn Brotlaibe
die finsteren Stufen hinab. Und die Brote bumsten unten gegen
Tür und Tische, gegen Stühle und Schrank; alles fiel um, das
Geschirr kollerte auf den Boden, und die junge Frau lag mitten
in dem Wirrwarr und jammerte. Trotzdem hätten die Neunhollen
wohl noch bis zum Frühjahr ausgehalten, wäre nicht der
Dreikönigstag gewesen.
Am Abend dieses Tages kam nämlich eine arme Witwe mit
ihrem kleinen kranken Jungen an der Hand; um seine Pelzmütze
trug er eine Dreikönigskrone aus Papier und auf seinem Stock
einen Blechstern. Der Hunger guckte den beiden aus den Augen.
Sie sprachen vor der Tür ein lautes "Vaterunser" und traten dann
zaghaft in die große Küche. Als sie da im Schornstein die vielen
Schinken, Speckseiten und Würste hängen sahen, sagte die
Mutter voll Vertrauen den alten Reim:
Stellt die Leiter an die Wand, Nehmt das Messer in die Hand,
Laßt das Messer klinken, Schneid't mir 'n Stück vom Schinken!
Und der kleine Junge schwang seinen Stab, hustete und
plapperte:
Ich bin an kleiner König, Gebt mir nicht zu wenig!
Aber die Bäuerin machte ein böses Gesicht, riß die Tür weit
auf und wies beide hinaus, ohne ein Wort zu reden. Da fingen
aber die Neunhollen zu knurren, zu brummen und zu brausen an
wie ein Sturmwind, so fürchterlich, daß es die Frau nicht mehr
aushalten konnte, angsterfüllt in ihre Kammer lief und den Kopf
unters Federbett steckte. Sogleich warfen die Neunhollen allen
Speck und Schinken auf den Herd herunter und kletterten dann
rasch durch den Schornstein hinaus; es war auch die höchste
Zeit dazu, denn hinter ihnen schoß eine gewaltige Flamme
empor. Das ganze Dorf lief zusammen, aber es war nichts mehr

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zu machen; alle Würste, Schinken und Speckseiten waren
verbrannt. Die Neunhollen aber suchten von da an eine andere
Winterwohnung auf.

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Loreley

Von Clemens Brentano Zu Bacharach am Rheine wohnt eine


Zauberin, die war so schön und feine und riß viel Herzen hin.
Und machte viel zu Schanden der Männer rings umher, aus
ihren Liebesbanden war keine Rettung mehr.
Der Bischof ließ sie laden vor geistliche Gewalt und mußte sie
begnaden, so schön war ihre Gestalt.
Er sprach zu ihr gerühret:
"Du arme Loreley!
Wer hat dich denn verführet zu böser Zauberei? "
"Herr Bischof, laßt mich sterben ich bin des Lebens müd, weil
jeder muß verderben, der meine Augen sieht.
Die Augen sind zwei Flammen, mein Arm ein Zauberstab - O
legt mich in die Flammen, O brechet mir den Stab!"
"Den Stab kann ich nicht brechen du schöne Loreley!
Ich müßte denn zerbrechen mein eigen Herz entzwei!
Ich kann dich nicht verdammen; bis du mir erst bekennt,
warum in diesen Flammen mein eigen Herz schon brennt!"
"Herr Bischof, mit mir Armen treibt nicht so bösen Spott, und
bittet um Erbarmen für mich den lieben Gott!
Ich darf nicht länger leben, ich liebe keinen mehr, den Tod
sollt Ihr mir geben, drum kam ich zu Euch her!
Mein Schatz hat mich betrogen, hat sich von mir gewandt, ist
fort von hier gezogen, fort in ein fremdes Land.
Die Augen sanft und milde, die Wangen rot und weiß, die
Worte still und milde, die sind mein Zauberkreis.
Ich selbst muß drin verderben, das Herz tut mir so weh, vor
Schmerzen möcht' ich sterben, wenn ich mein Bildnis seh.

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Drum laßt mein Recht mich finden, mich sterben wie ein
Christ.
Denn alles muß verschwinden, weil er mir treulos ist."
Drei Ritter läßt er holen:
"Bringt sie ins Kloster hin!
Geh, Lore! Gott befohlen sei dein berückter Sinn.
Du sollst ein Nönnchen werden, ein Nönnchen schwarz und
weiß.
Bereite dich auf Erden zu deines Todes Reis!"
Zum Kloster sie nun ritten, die Ritter alle drei, und traurig in
der Mitten die schöne Loreley.
"O Ritter, laßt mich gehen auf diesen Felsen groß, Ich will
noch einmal sehen nach meines Liebsten Schloß.
Ich will noch einmal sehen wohl in den tiefen Rhein.
Und dann ins Kloster gehen und Gottes Jungfrau sein. "
Der Felsen ist so jähe, so steil ist seine Wand, doch klimmt sie
in die Höhe, bis daß sie oben stand.
Es binden die drei Ritter die Rosse unten an, und klettern
immer weiter zum Felsen auch hinan.
Die Jungfrau sprach :
"Da wehet ein Sege l auf dem Rhein, der in dem Schifflein
stehet, der soll mein Liebster sein.
Mein Herz wird mir so munter, er muß mein Liebster sein!"
Da lehnt sie sich hinunter und stürzet in den Rhein.
Die Ritter mußten sterben, sie konnten nicht hinab.
Sie mußten all verderben ohn' Priester und ohn' Grab.
Wer hat dies Lied gesungen?
Ein Schiffer auf dem Rhein, und immer hat,s geklungen von
dem Dreiritterstein:
Loreley!

-506-
Loreley!
Loreley!
Als wären es meiner drei.

-507-
Zwerge als Hirten am Niederrhein

Am Niederrhein weiß man viel zu erzählen von der Hilfe der


Unterirdischen bei der Feldarbeit. Vor allem hüten sie gern das
Vieh.
Wo Zwerge das Hüten übernahmen, da ging kein Stück der
Herde verloren. Man trieb die Tiere nur bis ans Hoftor und
brauchte sich nicht weiter um sie zu kümmern. Es war niemand
zu sehen, der das Vieh hütete, aber die Tiere gediehen dabei aufs
beste, und am Abend wurden sie wieder von unsichtbaren Hirten
heimgetrieben, wo die Mägde dann das Weitere besorgten. Man
vergaß aber nie, auf den Pfosten des Tores oder der Stalltür ein
Näpfchen mit Milch nebst einem Butterbrot oder auch sonstiges
Essen zu stellen; all das zurecht Gemachte wurde auch
regelmäßig verzehrt.
Etwas habe man aber doch von den Zwergen gesehen, meint
man in Dierrath - nämlich die zwei ellenlangen weißen Stäbchen
der Hirtenzwerge, und es sah wunderbar aus, wenn sich diese
Stäbchen, von keinem sichtbaren Wesen gehalten, scheinbar
ganz von selbst hinter dem Vieh her bewegten.
Ähnliches erzählt man auch von den "Holen" in Hardt bei
Wildberg.
Alte Leute warnten die Dorfjungen immer davor, mit Steinen
zu werfen, wenn Vieh in der Nähe war; einmal traf einer von
den Buben, der das Werfen nicht lassen konnte, einen Zwerg am
Kopf, so daß ihm das Hütchen herabfiel und er sichtbar wurde.
Da nahm der Zwerg seinen weißen Stab und schlug damit den
Jungen; dieser erschrak so sehr darüber, daß er fallsüchtig
wurde. Das Vieh aber blieb seitdem unbehütet, die Speisenäpfe
auf dem Pfosten wurden nicht mehr berührt, und die guten
Erdgeister sind seit diesem Vorkommnis dort nicht mehr zu
verspüren.

-508-
Sagen aus dem Saarland

-509-
Das Hufeisen auf dem Breitenstein

Einst lebte auf Montclair ein mächtiger Graf mit einer


wunderschönen Tochter, die an Anmut und Tugend alle andern
Ritterstöchter des Saar- und Moselgebiets weit übertraf. Viele
Freier fanden sich ein, doch blieb ihr Werben erfolglos; nur ein
weither aus deutschen Landen stammender junger stattlicher
Rittersmann mit edlem Sinn wußte sich die Gunst des Fräuleins
zu erringen. Der Vater hätte es lieber gesehen, wenn seine
Tochter einem reichen welschen Ritter die Hand gereicht hätte;
doch dieser besaß bei all seinen vielen Gütern und Burgen ein
unbeständiges Herz und einen wilden Sinn, was dem
tugendsamen Fräulein nicht behagte.
Als alle Vorstellungen des Vaters nichts fruc hteten, rief er
zornig aus: "Nur jener von beiden Rittern soll dein Gemahl
werden, der unter Einsatz seines eigenen Lebens einen Wagen
im schnellsten Lauf auf dem Breitenstein wenden kann." Der
Graf wußte, daß der Welsche ein ebenso guter Reiter wie
tüchtiger Wagenlenker war.
Am Entscheidungstage herrschte ein großer Zulauf von nah
und fern.
Dem Welschen fiel durch das Los die erste Fahrt zu; doch
beim Wenden auf dem schmalen Pfad schlug der Wagen
plötzlich um, und der Ritter stürzte auf das harte Gestein. Nun
kam die Reihe an den jungen Deutschen; als hätte ein
unsichtbarer Helfer dem Jüngling zur Seite gestanden,
vollendete er unter dem Jubelgeschrei des Volkes die schwere
Fahrt, während der welsche Ritter fluchend und tobend vom
Breitenstein versehentlich in den schaurigen Abgrund stürzte
und in den hochaufspritzenden Wogen der Saar versank.
Der junge deutsche Ritter aber führte die Braut heim, und zum
Andenken an dieses Begebnis ließ der Graf von Montclair
Hufeisen und Radfurche in den Breitenstein meißeln. Wenige

-510-
Schritte vom Eingang zu den Ruinen der Burg Montclair, über
den Rand eines jäh nach der Saar sich öffnenden Abgrundes
hinausragend, findet sich der Gedenkstein.

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Der Bausmärten von Schwemlingen

Vor vielen hundert Jahren stand oberhalb des Dorfes


Schwemlingen im Saartal am Fuße des Hardtberges eine Mühle.
Das Mühlrad, das der Kohlenbruchbach drehte, hatte nicht nur
die Mahlsteine für das Getreide, sondern auch die
Schlaghämmer der Ölmühle zu bewegen.
Diese Schlaghämmer nannte das Volk die "Bausen". Davon
erhielt die Mühle den Namen die "Baus" und der Müller zu
seinem Rufnamen den Hausnamen der Mühle. Der letzte Müller
in der Mühle am Hardtberg war der Bausmärten, der als
Bausmännchen heute noch fortlebt. Von ihm erzählt man:
Dem Bausmärten hatte der Erzbischof von Trier, wie seinen
Vorfahren seit altersher, die Mühle übertragen. Hier hauste der
Märten allein mit seiner hochbetagten Mutter. Redlichkeit
jedoch war bei ihm eine seltene Ware; bald fehlte dem einen
Bauern das Korn, dem andern das Mehl, die sem der Krug,
jenem das Öl. Die Verwünschungen und Klagen der
Geschädigten nahmen kein Ende.
Und in das Poltern und Klappern der Mühle hinein tönten dann
die Mahnworte der Greisin. Aber der Sohn schlug sie alle in den
Wind.
Doch die geschädigten Bauern brachten ihre Klagen
wiederholt beim Erzbischof als Grundherrn vor, bis dessen
Geduld erschöpft war.
Nach nutzlosen Verwarnungen mußte der Bausmärten die
Mühle räumen. Die Mutter erhob ein schreckliches Klagen, weil
sie nun in ihren alten Tagen zum Bettelstab greifen müsse.
Märten ergrimmte über den Räumungsbefehl und das
unaufhörliche Jammern der Alten. Mit grimmiger Miene und
wütenden Blicken ging er umher, sagte aber kein Wort. Eines
Abends stellte er die Mühle ab und suchte die Dorfschenke auf,

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um sich den Zorn und die Sorge um die Zukunft
hinwegzuspülen. Erst als die Hähne bereits krähten, kam er von
der Wirtsstube heim. Er stieg in die Mühle hinunter, hieß seine
Mutter ihm folgen und öffnete die Schleuse, um die Baus in
Bewegung zu setzen. Plötzlich faßte er seine Mutter an ihren
schwachen Schultern und drückte sie auf den leeren Stein. Mit
Wucht sauste der Hammer nieder. Als letzter Laut ertönte ihr
Todesschrei - dann war alles wie ausgestorben. Der Müller floh
ins Dickicht des Hardtwaldes, die Mühle ließ er weiter bausen.
Leute, die zum Ölschlagen in die Mühle kamen und sie leer
fanden, suchten im Gewölbe nach und fanden neben dem
Hammer die zerschmetterte Leiche der alten Mutter. Von
Entsetzen gepackt, rannten sie hinaus. Draußen sprang ihnen
unversehens aus dem Gebüsch der Märten entgegen. "Hu- hä
kreischte sie noch", rief der Mordbube und rannte den Berg
hinauf, wobei er unaufhörlich den Todesschrei der Mutter
wiederholte. Als man der Müllerin zum fernen Friedhof St.
Gangolf das letzte Geleit gab, sprang der tolle Märten wieder
aus dem Gebüsch und drang durch den Zug der Trauergäste ins
Mühlgewölbe, immer wieder den furchtbaren Schrei seiner
Mutter ausstoßend. Ehe die Versammelten sich gefaßt hatten,
stürzte der Märten wieder aus dem Hause, die gänzlich
zerschmetterte, blutige Rechte vor sich haltend. Einige beherzte
Männer ergriffen ihn, banden das strömende Blut ab und
sperrten ihn dann in eine Kammer ein, bis ein Heilkundiger
herbeigeholt war.
Während der Trauerzug sich in Bewegung setzte, hielten zwei
Männer vor der Kammer Wache, wo der Gefangene die
zerschlagene Hand in die Höhe hielt und schrie: "Mit dieser hab,
ich sie unter die Baus gezogen." Allmählich wurde es aber still.
Als dann der Wundarzt zur Stelle war, gab es für ihn nichts
mehr zu tun - der Märten war dennoch verschwunden. Alles
Suchen half nichts - er blieb verschwunden - Hielt er es mit dem
Bösen?

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Mancher, der später in der Nähe der Mühle vorbeikam,
glaubte, im Dunkel der Bäume sein Gesicht gesehen und aus
dem Wald heraus seinen irren Schrei gehört zu haben.
Einsam, verrufen stand nun die Mühle am waldigen Hang.
Sturm und Regen rissen auseinander, was die Menschen nicht
mehr zusammenhalten wollten. In einem Winter brach das Dach
unter der Last des Schnees zusammen. Stürme und Wasserfluten
ließen mit der Zeit die Mauern einstürzen. Ein Wolkenbruch
führte das haushohe Mühlrad zu Tal und schwemmte es in die
Saar hinein. Im Welles bei Montclair zerschellte es an einem
Felsen. "Die gehn den Welles hinunter", sagen heute noch die
Leute im Saartal, wenn in einem reichen Hause Sterben und
Verderben eingerissen sind.

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Der Riese Kreuzmann auf dem 'großen Stiefel' bei
Ensheim

Auf dem "Großen Stiefel", dem kegelförmigen Berg bei


Ensheim, heißt eine Felsplatte noch heute der Riesentisch. Hier
hauste vor alten Zeiten der fürchterliche Riese Kreuzmann, der
Menschen einfing und die Gefangenen auffraß. Der Unhold war
so stark, daß er die dicksten Waldbäume wie Hanfstengel ausriß
und Felsenstücke heben konnte, so groß wie kleine Häuser, wie
man es noch an dem Riesentisch sehen kann, den er sich hierher
setzte. Den im Tal eingefangenen Menschenvorrat, soweit er ihn
noch aufsparen wollte, sperrte der Unmensch in einen hölzernen
Käfig ein, bis er Hunger bekam. Die unglücklichen Leute sollen
in ihrem Gewahrsam so fürchterlich geschrieen haben, daß man
es weithin hörte. Doch der Riese höhnte voll Bosheit: "Ei, wie
schön meine Vögel pfeifen! "
Lange Zeit hatten die Menschen unter diesem Bösewicht zu
leiden.
Schließlich rafften sich die Bewohner der Gegend auf und
beschlossen gemeinsam, den Riesen zu töten. Sie wollten ihn
nach seiner Mahlzeit, nach der er gewöhnlich einige Tage fest
schlief, aus seiner Behausung ausräuchern. Daher häuften sie
Stroh, Reisig und allerlei Holz um seinen Turm und zündeten
alles an, um ihn zu ersticken; doch Kreuzmann hielt den Rauch,
von dem er wach wurde, nur für dicken Waldnebel. Immerhin
mußte er heftig niesen.
Davon erzitterte die Erde wie bei einem Erdbeben, so daß die
Leute erschreckt den Berg hinabliefen. Als Kreuzmann aus
seinem Turm heraustrat, um frische Luft zu schöpfen, merkte er
erst, was die Leute angerichtet hatten, und geriet in schreckliche
Wut. Er hatte gerade den großen Wetzstein zur Hand, an dem er
vor dem Schlachten seiner Opfer die Messer scharf machte.
Diesen warf er seinen Feinden mit aller Wucht nach. Sausend

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fuhr der Stein durch die Luft, weit über die Menschen hinweg,
mit der Spitze in die Erde, wo er noch heute neben dem Bach zu
sehen ist.
Nun wollte der Riese selbst eilends den Berg hinablaufen, um
die Menschen mit Baumstämmen zu erschlagen, aber er
stolperte über einen Felsen und stürzte so wuchtig zu Boden,
daß er betäubt liegen blieb. Kaum sahen die Menschen seinen
Fall, da liefen einige besonders mutige Männer hin und schlugen
das Scheusal vollends tot; seinen Le ichnam warfen sie in ein
tiefes Loch, auf das sie Stein um Stein wälzten, bis sich ein
kleiner Hügel erhob. Darunter liegt der Riese noch heute
begraben. Den Hügel aber nennt man auch jetzt noch das
Riesengrab.

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Der Saarfischer von Leukergrub und die Glocken
in der Saar

Bei Leukergrub ist eine gefährliche Stelle für die Schiffahrt in


der Saar. Einstens fuhr ein reichgewordener Schiffer mit seinen
Schiffen stets für den Kurfürsten zwischen Saarburg und Trier.
Der Fürst hatte drei Glocken in Leuken gießen lassen, Balthasar,
Kaspar und Melchior benannt. Sie sollten am Dreikönigstag
bereits an ihrem Platze im Trierer Dom hängen und dort dann
zum erstenmal geläutet werden. Der Schiffer verpflichtete sich,
trotz des Eistreibens im Fluß die Glocken rechtzeitig nach Trier
zu bringen.
In jungen Jahren hatte der Mann stets das Bild des heiligen
Nikolaus an der Grub gegrüßt und jedesmal beim Vorbeifahren
seine Mütze gelüftet. Später, nachdem er reich geworden war,
unterließ er jeglichen Gruß, und die Niederleuker Jungen riefen,
wenn sie ihn sahen: "Die Kaap ab!" - Ein älterer Mann, der sich
auch über ihn ärgerte, erklärte: "Laßt ihn gehen! Der heilige
Nikolaus wird ihn noch lehren, die Kaap abzuziehen. "
Dieser Schiffer lud nun die Glocken für den Kurfürsten von
Trier in Leuken auf das Schiff und stieß ab, um in das richtige
Fahrwasser zu kommen. Eine mächtige Eisscholle zwängte sich
zwischen das Ruder, das Schiff drehte sich, stieß in der Grub auf
einen Felsen auf, kenterte, und die Glocken sanken an der
tiefsten Stelle in die Saar.
Auch den Schiffer erfaßten die Eisschollen, und er ertrank. Er
hatte es auch diesmal unterlassen, den heiligen Nikolaus zu
grüßen und ihn um eine gute Fahrt anzuflehen.
Seitdem sitzt der Schiffer noch immer in der Grub am Grunde
des Flusses und muß am Christ- und Dreikönigsfest die drei
versunkenen Glocken läuten, weil dann in der
Mitternachtsstunde das Wasser in der Grub zu Wein wird.
Dieses hehre Wunder soll er durch sein Läuten den Menschen in
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Leuken anzeigen. Auch dann, wenn jemand in der Saar ertrinkt
und nicht mehr gefunden wird, muß der Schiffer die Glocken
läuten, weil dem Ertrunkenen auf der Erde keine Glocke mehr
geläutet werden kann. In der Christ- und Dreikönigsnacht aber
können die Niederleuker zur Mitternachtsstunde das Geläute
vom Fluß her jedesmal leise tönen hören.

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Der Teufel als Wildsau

Ein Bauer aus dem Saarland fuhr einstmals mit einem Wagen
voll Kohlen die Staffel hinauf. Sein Bub hockte auf dem Wagen
droben, er selber ging nebenher. Ach, es war eine armselige
Fahrerei! Je höher sie hinaufkamen, desto langsamer bewegte
sich der Wagen vorwärts, und am Ende wollte es überhaupt
nicht mehr gehen. Da fing der Bauer zu fluchen an: "Ein
Himmelheiligmillionendunnerkeil soll so ein Gefährt
verschlagen! Da sieht man,s wieder:
Berge nunner helfe all, Heilige drigge, Berge noffer awwer ke
Däiwel. "
(Bergab helfen alle Heiligen drücken, Bergauf aber kein
Teufel.) Das letzte Wort war noch nicht aus seinem Munde, da
rauschte es in der Hecke nebenan, eine pechschwarze
Riesenwildsau sprang heraus, schoß unter den Wagen und war
dann wie ein Ungewitter mit dem Gefährt verschwunden. Wenn
man den Bauern damals gestochen hätte, keinen Tropfen Blut
hätte er von sich gegeben, so erschrocken war er. Aber, wer
meint, er sei ein anderer geworden, der täuscht sich. - "Pferde
und Wagen sind beim Teufel", dachte er achselzuckend, "und
mein Bub? Soll er dahin sein! Hat der Teufel das Fuhrwerk
geholt, kann er auch den Buben mitnehmen. "
Doch wie er dann auf die Ebene kam, da stand das Fuhrwerk,
als wäre nichts passiert, und der Bauernbub hockte obenauf und
kaute vergnügt an seinem Butterbrot.
Seit dieser Zeit hat der Bauer dem Teufel keine Vorwürfe
mehr gemacht. Sooft er die Geschichte von der Wildsau
erzählte, meinte er zum Schluß: "Da seht doch, ihr Leute, der
Teufel ist nicht so schwarz, wie er an die Wand gemalt wird."

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Der Teufel und der Fuhrmann von Weiten

In Weiten, Kreis Saarburg, lebte einst ein zugewanderter


Fuhrmann, ein wilder Geselle, der lieber Schnaps trank, als zu
arbeiten, und mehr fluchte, als betete. Tagsüber schalt er an die
hundert Mal, der Teufel möge ihn und seine Pferde holen.
Als er wieder einmal an einem Wintertag mit seinem Gespann
den steilen Lutwinuswald hinter Keuchingen hinanfuhr und
seine Pferde den schwerbeladenen Wagen auf dem glatten
Boden nicht vorwärts brachten, hieb er roh mit seinem
Peitschenstiel auf die erschöpften Tiere ein und rief: "Da soll
euch und mich doch gleich der Teufel holen!"
Im selben Augenblick kicherte neben ihm der
Neunschwänzige und höhnte, nun müsse der Fuhrmann mit ihm
in die Hölle, packte ihn auch trotz allem Widerstreben und fuhr
mit ihm durch die Lüfte über die Wälder bis auf den
"Teufelsschornstein", Saarhölzbach gegenüber.
Dem Fuhrmann drang vor Angst der Schweiß aus allen Poren,
und er gelobte, fortan den Schnaps zu meiden, nie mehr zu
fluchen und einen anderen Lebenswandel zu beginnen, wenn er
nur wieder heil zu seinen Pferden käme. Da fiel sein Blick auf
das große Kreuz, das auf der hohen Kuppe bei Saarhölzbach
stand. In seiner Not kam ihm der Gedanke, nur das Kreuz könne
ihm Erlösung aus den Klauen des Teufels bringen. Mit Mühe
machte er sich den rechten Arm frei und bekreuzigte sich. Da
heulte der Teufel laut auf und fuhr mit großem Gepolter in die
Tiefe hinab, aus der der Schwefelgestank der Hölle heraufzog
und den Fuhrmann betäubte, daß er vom Felsen herabfiel und
ohnmächtig liegen blieb. Als er wieder zu sich kam, sah er
deutlich auf dem Felsen das Zeichen des Teufels das Hufeisen.
Mit seinem Taschenmesser meißelte er das Bild der
Schnapsflasche daneben.

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Seit dieser Fahrt wurde der Fuhrmann ein stiller Mensch. Kein
Fluch kam mehr über seine Lippen, und der Schnapsflasche ging
er weit aus dem Weg. Der Felsen auf dem Eisenkopf aber weist
noch immer die Bilder des Hufeisens und der Schnapsflasche als
dauernde Warnungszeichen auf.

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Der Teufelsschornstein auf dem Eisenkopf bei
Saarhölzbach

Wandert man von Taben den Fluß entlang weiter bergauf, so


kommt man zu dem Eisenkopf, Saarhölzbach gegenüber. Ein
Felsblock am Berghang heißt "Deuwelsschurschde". Man weiß,
wie der Fels zu dem Namen gekommen ist.
In Petschbach lebte vor vielen Jahren ein Schmied, ein großer,
starker Mann, der den Amboß mit Leichtigkeit über den Kopf
hob.
Er war ein arger Raufbold, fluchte wie ein Türke und glaubte
weder an Gott noch an Teufel. Woher er gekommen war, wußte
man nicht.
Als er eines Tages Hufeisen schmiedete, sprang das erste, das
er fertig beiseiteschob, mitten entzwei. Da fluchte er laut, nahm
ein zweites unter den Hammerschlag, aber auch dieses
zersprang. Nun griff er nach einem dritten und schrie wütend:
"Wenn auch dies zerspringt, soll mich der Teufel holen!"
Tatsächlich, auch das dritte ließ sich nicht schmieden. Im
gleichen Augenblick stand der Teufel vor ihm; da besann sich
der Schmied nicht lange und erklärte, er wolle mitgehen, aber
der Teufel müsse vorher noch ein Probestück ablegen. Der Satan
war damit einverstanden; in der Nacht wollten sich beide auf
dem Eisenkopf treffen. Der Schmied erwartete den Teufel dort
in einer hohlen Buche und hatte seinen schwersten
Zuschlaghammer mitgenommen.
Auf einmal tat sich die Erde auf, dicker Qualm entstieg dem
Boden, und der Teufel erschien. Nun sagte der Schmied zu ihm,
er solle in der Zeit von zwölf bis ein Uhr nachts sämtliche
Grenzmarksteine der Trierischen Lande zusammentragen und
von eins bis drei Uhr alle wieder einsetzen, aber vertauscht
sollten sie sein. Da pfiff der Teufel, und aus dem
Teufelsschornstein stieg eine Anzahl Gesellen des Schwarzen
-522-
heraus; Schlag zwölf Uhr ging die Arbeit los. Bald regnete es
Grenzsteine von allen Seiten, und noch vor ein Uhr lagen alle
beisammen. Als es aber ans Zurückbringen ging, gab es Streit
unter den Teufeln, weil keiner nach den Orten hin wollte, die am
weitesten entfernt waren. Unterdessen schaffte der Schmied
heimlich einen Stein beiseite, zerschlug ihn mit seinem Hammer
zu Staub und trug die Reste eiligst in den nahen Bach. Dann lief
er in seine Buche zurück.
Kaum war er in seinem Versteck, da kamen auch schon der
Teufel und seine Gesellen und wollten ihn holen; denn alle
Steine seien verabredungsgemäß versetzt worden. Der Schmied
aber erklärte, es fehle noch ein Stein; da merkten die Teufel, was
geschehen war, und drangen wütend auf ihn ein. Doch der
Schmied war nicht faul und schlug sie mit seinem Hammer auf
die Köpfe, daß es wie von Eisen klirrte. Schließlich aber
versagten ihm die Kräfte; nun gelobte er in seiner Angst, ein
besserer Mensch zu werden, wenn er mit heiler Haut
davonkäme. Da tönte von Mettlach her die Turmuhr drei, und
mit lautem Gebrüll flohen die Teufel beim Teufelsschornstein
hinein und verschlossen die Öffnung mit einem Felsblock.
Der Schmied aber sank ermattet zu Boden. Als er sich endlich
wieder aufraffte, war er grau geworden. Er wankte zu seiner
Hütte, zerstörte seine Behausung, warf das Werkzeug in die Saar
und pilgerte ins Heilige Land, um dort bis an sein Lebensende
für seinen wüsten Wandel Buße zu tun.
Der Berg, auf dem der Schmied den Teufeln die Köpfe
gehämmert hat, heißt deshalb heute noch "der Eisenkopf ".

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Der Wallerbrunnen bei Saarbrücken

In längst vergangene n Zeiten soll der wilde Jäger auch über


den Städten und Dörfern des Saarlandes seinen gefürchteten
Jagdzug abgehalten haben. Man konnte ihn nach der Erzählung
alter Saarbrücker deutlich in den Wolken jagen sehen und hörte,
wie er den Hunden pfiff und diese ihr Gebell erschallen ließen.
Von Zeit zu Zeit verließ er sein luftiges Revier und stieg an das
Wallerbrünnchen herunter, um seine Hunde dort trinken zu
lassen. Und wenn dann gerade ein Wanderer des Weges kam, so
hetzte er sogleich einen Hund auf ihn. Dagegen suchten sich nun
die alten Saarbrücker noch weit bis in die Tage unserer Väter
hinein zu schützen. Dies geschah, indem sie, sobald sie zum
Wallerborn kamen, den Hund mit dem Spruch zu
beschwichtigen suchten:
Sauf, mei Hinnche, Wallerbrinnche, Hu, hu, hu!
Dann liefen die Saarbrücker in beschleunigter Gangart am
Brunnen vorüber.
Einem Saarbrücker, der einst noch spät am Wallerbrunnen
vorbei mußte, sprang eine Katze auf den Rücken, die er trotz
aller Bemühungen nicht abschütteln konnte; sie wurde schwerer
und schwerer, und der Arme mußte sie tragen, bis sich die ersten
Saarbrücker Häuser im Tal zeigten, da war sie plötzlich
verschwunden.
Das Wasser dieses uralten, sagenumwobenen Borns galt als
besonders heilkräftig. So mußte jeden Morgen ein Page vom
Saarbrücker Schloß den weiten Weg nach dem Wallerbrünnchen
machen; denn der Fürst von Saarbrücken wollte, sobald er
aufstand, nur dieses Wasser trinken. Heute noch erfrischt an
heißen Tagen das köstliche Naß dieser Quelle den durstigen
Wanderer.

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Der ewige Jäger von Bliesbolchen

In der Gegend von Bliesbolchen und Bliesmengen hörte man


lange Zeit um Mitternacht in den Lüften ein wildes Treiben:
Jagdrufe, Hundegebell und Hörnerschall. Das währte bis zum
ersten Hahnenschrei, wo es allmählich wieder still wurde.
Jedermann wußte, daß dies der ewige Jäger sei; wer den Tag
ruhig vorübergehen ließ, dem geschah kein Leid. Wer aber
spottend dem Treiben nachrief, der wurde heftig gestoßen und
geschlagen, ohne daß er dabei jemanden gesehen hätte. Heute
soll man nur noch in der St.- Hubertus-Nacht den Zug des
ewigen Jägers hören. Das Volk weiß von ihm, daß er im Leben
ein wüster und roher Geselle war, der sich wenig um Gott und
die Welt kümmerte und gerade an Sonntagen die schlimmsten
Streiche verübte.
Einst war er auch an eine m Feiertag draußen im Feld und
störte alles durch sein wildes Jagdgeschrei. Da kam ihm ein
Hase in den Weg, dem er lange vergebens nachjagte. Endlich
schrie er voller Zorn:
"Dich, Teufel, muß ich haben, und müßte ich dir ewig
nachlaufen!"
Und seit dieser Zeit ging es fort, ohne Rast und Ruh, über
Stock und Stein, hoch in den Lüften und tief am Boden durch
das Tal der Blies.
Zur Strafe für sein gottloses Treiben konnte der Jäger vom
wilden Jagen nicht mehr ablassen und hat auch heute noch nicht
die ewige Ruhe gefunden.

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Der unheimliche Jäger von St. Ingbert

Ein unheimliches Erlebnis hatten einst zwei Hüttenarbeiter aus


St.
Ingbert, die sich an einem schichtfreien Tag in den Wald am
"Großen Stiefel" begaben, um dort eine Fuhre Dürrholz zu
machen.
Am östlichen Abhang des Stiefels, ungefähr hundert Schritte
von seinem höchsten Punkt entfernt, trafen die beiden einen
eichenen Stumpen, der noch auf der Wurzel stand und wohl
einige Trag lasten Holz abwerfen mochte. Sie schlugen fleißig
drauf los, allein trotz der Schärfe ihrer Äxte ging nicht ein
einziger Hieb ins Holz, und unter der Wurzel des Stammes
rumpelte und polterte es bei jedem Schlag, als wolle der ganze
Berg auf einmal zusammenstürzen.
Da wurde den beiden Männern angst und bange, der Schweiß
rieselte ihnen von der Stirn, und sie ließen zu gleicher Zeit mit
ihren Hieben nach. Als sie sich aber ängstlich verwundert und
stumm fragend anschauten, stand urplötzlich eine lange, hagere
Gestalt vor ihnen, aus deren geisterhaft fahlgrauem Gesicht zwei
funkelnde Augen blitzten.
Es war der unheimliche Jäger; er trug einen grauen Rock mit
grünem Kragen und ebensolchen Aufschlägen und als
Kopfbedeckung einen runden, einseitig aufgekrempelten Hut
mit Federn.
An der linken Seite hing ein Jagdsack und darunter ein
Hirschfänger.
Über der rechten Schulter trug er eine schwere Jagdbüchse.
Wie vor dem Leibhaftigen ergriffen nun die beiden Holzfäller
die Flucht, rannten wie gehetzt den Berghang hinab und trafen
unten in der Ebene das Ochsengespann, das sie bei einem
Verwandten zum Abholen des Holzes bestellt hatten. Schnell

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wandten sie das Fuhrwerk um und zogen unverrichteter Dinge in
größter Eile ab mit dem festen Vorsatz, auf dem Stiefel kein
Brennholz mehr zu sammeln.

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Die Heinzelmännchen von Serrig

Bei dem gottgesegneten Weindorf Serrig an der Saar gibt es


ein Flurstück, das "Im Widderhäuschen" heißt; darin liegt ein
mit Steinplatten umstellter viereckiger Platz, der früher ein
römisches Familiengrab gewesen sein soll. Das Volk aber weiß
es besser: Dort stand das Häuschen, das einstmals den
Wichtelmännchen, Witterchen genannt, die im nahen Wald ihr
Wesen trieben, als Behausung diente. Diese Witterchen waren
ein fleißiges und den Menschen zugetanes Zwergvölkchen, das
den Bewohnern von Serrig gar manchen guten Dienst leistete.
Alljährlich zur Osterzeit kamen die Zwerglein ins Dorf und
benutzten dort, wo der Weg nach Greimerath abzweigt, mit
stillschweigender Erlaubnis des Eigentümers ein Haus zum
Brotbacken. Dies war für sie eine feierliche Handlung, bei der
ihnen kein menschliches Auge zusehen durfte. Und die Serriger
ehrten ihren Wunsch, weil sie von den treuherzigen kleinen
Leutchen nichts Übles zu befürchten, aber viel Gutes zu
erwarten hatten.
Einmal aber wurde die junge Frau des Backhausbesitzers vom
Teufel der Neugierde derart geplagt, daß sie um jeden Preis das
Geheimnis des Brotbackens ergründen wollte. Sie legte sich also
in einer Nacht, in der die Zwerge wieder ihr Brot zu backen
beabsichtigten, auf die Lauer und harrte mit großer Geduld aus,
bis die Brote gar waren. In feierlichem Zuge breiteten die
Witterchen sodann die Laibe aus, und der König des kleinen
Volkes segnete sie mit den Worten: Gott sei Dank für unser
Brot!"
Da hielt es die Lauscherin in ihrem Versteck nicht mehr aus,
und mit dem Ruf: "Unsern Kuchen auch!" sprang sie mit ihrer
alten Laterne mitten unter die erschrockenen Zwerge. Mit einem
Schlag erlosch das Licht, die Trägerin stürzte zu Boden, die

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Witterchen aber purzelten kopfüber die Treppe hinunter. Als das
Weib sich erhob, waren Brote und Witterchen verschwunden.
Seit diesem Ereignis aber ließ sich das emsige Völkchen nicht
mehr sehen, es zog aus der Gegend fort, und die Serriger mußten
von da an in Feld, Wald und Haus die Hilfe der fleißigen
Männlein entbehren.

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Die Teufelsbeschwörung in der Düppenweiler
Mühle

Vor langer, langer Zeit diente in der Düppenweiler Mühle ein


Knecht, der um jeden Preis reich werden wollte. Er verschaffte
sich ein Zauberbuch, über dem ohne Wissen des Priesters die
heilige Messe gelesen worden war.
Eines Abends setzte sich der Müller mit einigen
gleichgesinnten Burschen in eine Kammer der Mühle, um seine
Zauberkunst auszuprobieren. In die Mitte der Stube hatten sie
eine große Tauchbütte (Färberbottich) gestellt; dann nahmen sie
das Hexenbuch und begannen die Zauberformeln zu lesen. Aber
der Versuch blieb ohne Erfolg.
Da erinnerte sich einer der Burschen daran, daß man
Hexenbücher von hinten nach vorn lesen müsse. Kaum hatten
sie von rückwärts zu lesen begonnen, so wurde es unheimlich
dunkel. Ein gewaltiger Sturm erhob sich. Die Spitzen der
Pappeln, die vor dem Hause standen, beugten sich und reichten
zum Kammerfenster herein. Dann öffnete sich die Tür, und der
Teufel mit dem Pferdefuß trat unter die Gesellen.
"Wenn ich euch dieses Gefäß voll Gold zaubern soll, so muß
jemand von euch mit mir gehen", verlangte der Satan. Da
erschraken alle, und einer, der damit seine Seele retten wollte,
rief: "Herr Deuwel, nehmt Euch den Roten da!" und dabei zeigte
er auf einen der Gesellen, dessen roter Haarbusch sich vor
Schrecken sträubte.
"Davor bewahre mich unser lieber Herr Jesu Christ!" schrie
der Bezeichnete entsetzt und schlug ein Kreuz auf seine Brust.
Im selben Augenblick verschwand der Teufel, und nur ein
höllischer Gestank blieb zurück. Der Sturm ließ nach, der
Himmel wurde wieder klar, und die Pappeln nahmen ihre
gewöhnliche Haltung ein. Die Teufelsbeschwörer aber lagen in
tiefer Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kamen, fanden sie die
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Tauchbütte wirklich vollgehext, aber nicht mit Goldtalern,
sondern voll Pferdemist.

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Die guten Zwerge von Ensheim

Zu Anfang des 15. Jahrhunderts stand am Siedelwald bei


Ensheim eine Mühle, die dem Kloster Wadgassen gehörte. Der
frühere Pächter hatte gut darauf gewirtschaftet, sein Nachfolger
aber mußte zugrunde gehen. Die Sage erzählt:
Ein Müller war einmal an seine m Weiher beschäftigt, da hörte
er plötzlich ein Wimmern, das wie der Hilferuf eines
ertrinkenden Kindes klang. Rasch griff er zu und zog ein
wunderliches Geschöpf mit dickmächtigem Runzelkopf aus dem
Wasser; die Füße des Wesens waren wie die einer Gans. Der
Müller pflegte das verunglückte Geschöpf mit aller Sorgfalt im
eigenen Hause. Als der Kleine wieder genesen war, führte er
seinen Retter zu jener gefährlichen Stelle, an der er fast
ertrunken wäre, und zeigte ihm den boshaften Nix, der ihn beim
Baden ins Wasser gestoßen hatte. Dieser Unhold war ein großer
klotzäugiger Frosch, der sich eilends im Schilf verkroch, als er
die beiden herankommen sah. Schließlich rief der Kleine hervor,
er sei eines der vielen Zwerglein, die im benachbarten
Gumberberg wohnten, und dann war er verschwunden.
Der Müller hatte jedoch dem kleinen Zwergenvolk nichts zu
Leide getan.
Seitdem aber wuchs das Vermögen des Müllers sichtlich an;
als steinreicher Mann zog er sich später vom Geschäfte zurück.
Sein Nachfolger aber konnte diese Zwerglein nicht leiden, er
wollte sie mit Gewalt oder List vertreiben. Statt den Zwergen
einen schweren Stein vor eins ihrer Fuchslöcher zu wälzen,
schalt er sie "Gänsfüßler!" und gab dem Stein einen Stoß, daß er
weit den Berg hinabkollerte, Die Zwerglein schworen ihm ewige
Rache, und seither waren Glück und Segen aus seinem Haushalt
gewichen. Der Pächter mußte die Mühle verlassen und als armer
Mann in die Fremde ziehen.

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Sagen aus Sachsen

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Das Kegelspiel der Querxe in Neustadt

Die Zwerge heißen in Sachsen Querxe. Die kleinen Männlein


lieben das Kegelspiel.
So wanderten einst zwei Neustädter Bürger in einer
Sommernacht von Bautzen über den Valtenberg nach Hause. Da
hörten sie durch die Stille der Nacht Kugeln rollen, Kegel fallen
und lautes Gelächter erschallen. Neugierig gingen sie dem Lärm
nach und stießen auf ein Häuflein Querxe, die sich mit
Kegelspiel vergnügten. "Spielt mit!"
riefen die Kleinen.
Die Neustädter ließen sich das nicht zweimal sagen. Spiel
folgte auf Spiel, und das gute Bier machte fleißig die Runde.
Das waren Kugeln, das war eine Bahn, wie man sie in der
ganzen Gegend nicht wieder fand! Nach dem dritten Spiel
gingen die Männer heim. Jeder bekam zum Andenken eine
Kugel mit. Beim Klunkerförster wären die nächtlichen
Wanderer gern eingekehrt, aber dieser war nicht wachzukriegen.
Allmählich wurde dem einen der beiden die Kugel zu schwer,
und er warf sie in den Folgebach. Aber der andere schleppte
seine Kugel bis heim.
Später erzählten die beiden im Städtchen ihr Abenteuer, aber
kein Mensch wollte ihnen glauben. Zum Beweis suchte der eine
die Kugel hervor, und siehe! sie war von Gold. Da griff sich der
andere an den Kopf und verwünschte seine Bequemlichkeit.
Schnell rannten sie nun zum Folgebach, die weggeworfene
Kugel zu suchen, aber sie war weg.
Seit dieser Zeit ist der Sand des Baches goldhaltig, und die
Neustädter pflegen dem, der ohne Arbeit reich werden will, den
Rat zu geben: "Geh zu den Querxen auf den Valtenberg! Die
werden dir schon eine goldene Kugel schenken. "

-534-
Der Basilisk in Torgau

Vor vielen Jahrhunderten hauste in einem Brunnen der Stadt


Torgau an der Elbe ein schrecklicher Basilisk. Er verpestete mit
seinem giftigen Hauch das Wasser aller Brunnen der Stadt. Die
Ratsherren setzten hohe Belohnungen aus für den, der die Stadt
von dem Ungeheuer befreie.
Endlich meldete sich ein Verbrecher, der in der Stadt
gefangengehalten wurde und zum Tode verurteilt war. Er hatte
einmal in einem Zauberbuch gelesen, wie man Basilisken
bekämpfen könne. Vorerst behängte er sich mit mehreren
Spiegeln, einen nahm er in die Hand und hielt ihn nach unten.
Dann ließ er sich eine lange Leiter bringen und stieg in den
Brunnen hinab.
Als der Basilisk sein eigenes Bild im Spiegel erblickte, glaubte
er, es sei noch ein zweites Ungeheuer im Brunnen, und ärgerte
sich so sehr, daß er vor Wut und Neid platzte. Torgau aber war
von diesem Augenblick an von dem Übel befreit. Der
Verbrecher wurde freigelassen.
Zum Andenken an die böse Zeit, die das Ungeheuer über die
Stadt gebracht hatte, ließ man im Keller des Rathauses sein Bild
in Stein hauen. Dort ist es noch heute zu sehen.

-535-
Der Lindwurm von Syrau

Es mag wohl schon sehr lange her sein, da hauste im Walde


von Syrau ein schrecklicher Lindwurm. Der Drache überfiel
meuchlings Mensch und Vieh, wie es ihm gerade in den Weg
kam. Da sich die Syrauer in ihrer Not nicht anders zu helfen
wußten, schlossen sie mit dem Lindwurm einen Pakt, daß er alle
Wanderer, die die Straße durch den Wald zögen, fressen dürfe,
die Syrauer aber müsse er verschonen.
Die Straße war nach kurzer Zeit in der ganzen Gegend
verrufen, kein Mensch betrat sie mehr, und der Lindwurm mußte
bald Hunger leiden. Da wollte der Drache vom Vertrag nichts
mehr wissen und zerriß die Menschen wie zuvor. In Syrau
wurde die Kirche nicht leer.
Tag und Nacht flehten die Bewo hner des Dorfes den Himmel
um Hilfe an und hofften, der heilige Ritter Georg werde den
Lindwurm töten. Doch der Helfer zeigte sich nicht. Es kam so
weit, daß die Syrauer sich verpflichten mußten, dem Lindwurm
täglich einen Menschen auszuliefern. Ein alter, kranker Mann
gab freiwillig sein Leben dahin. Weil aber sonst niemand dazu
bereit war, wurde gelost, wer das nächste Opfer sein sollte.
Einige Leute hatten schon an den schrecklichen Tod glauben
müssen, da fiel das Los auf des reichsten Bauern einzige
Tochter. Sie war sehr beliebt im Dorf, und überall herrschte
großer Jammer über ihr trauriges Schicksal. Das Mädchen hatte
aber einen Bräutigam, der den Kopf nicht hängen ließ.
Am nächsten Morgen führten die Syrauer das Mädchen auf die
Straße hinaus. Aber wie staunten sie! Vom Walde her näherte
sich ein Mann, der eine Heugabel trug und den schuppigen Leib
des Lindwurms hinter sich her schleifte. Es war des Mädchens
Liebster, der in der Nacht das Untier beschlichen und im Schlaf
getötet hatte.
Wie freute sich da ganz Syrau!
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Zum Gedächtnis an die wackere Tat des Burschen bauten die
Syrauer eine Kapelle "Unserer Lieben Frau". Die Glocke, die
damals in dieser Kapelle erklang, hängt noch heute im
Glockenturm zu Syrau.

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Der Pumphut im Vogtland

In Sachsen und weit darüber hinaus erzählt man sich


mancherlei Geschichten von einem wandernden Müllerknappen,
den man "Pumphut" nannte. Auf seinen weiten Wanderungen
zog der Bursche dem Wasser nach von Mühle zu Mühle. Wo es
ihm gefiel, da blieb er, und für einen Schnaps machte er den
Leuten allerlei ergötzliche Schwänke und spaßige Dinge vor.
Nur wo man ihm absichtlich schlechte Kost vorsetzte oder ihn
gar hungern ließ, spielte er den Leuten arge Streiche. Sonst war
er ein harmloser Geselle. Wenn Pumphut an einen größeren
Fluß kam, machte er sich einen Papierkahn, setzte sich hinein
und fuhr hinüber. Elbe, Saale und Mulde hatte er auf diese
Weise überquert. Zuweilen ritt er auf einer großen Heuschrecke
durch die Luft. Bei Dresden setzte Pumphut einmal bei großer
Windstille alle Windmühlen in Bewegung, indem er durch ein
Nasenloch blies, während er das andere zuhielt. Einige Männer
an der Saale verweigerten ihm das übliche Handwerksgeschenk.
Diesen leitete er das Wasser ab. Wer ihn aber freundlich
aufnahm, dem fehlte es nie an Wasser.
Einst wanderte Pumphut im Vogtland an der Burkhardsmühle
vorbei.
Drin waren viele Gäste, und es ging gar lustig zu, denn ein
neues Rad sollte gehoben werden. Das kam dem Pumphut
gerade recht, denn einen guten Schmaus und einen festen Trunk
hatte er allezeit gern. Er trat auch gleich in die Stube und setzte
sich in eine Ecke.
Der Müller dachte: " 's ist nur ein wandernder Mühlgeselle",
und trug ihm ein Stück Brot auf und ein Glas Branntwein dazu,
nicht eben vom besten. Pumphut verzehrte das Gebotene und
trollte sich weiter.
Als nun aber das Radheben angehen sollte; O weh, da war die
Welle viel zu kurz - sie hatte doch eben erst aufs Haar gepaßt!

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Nun fiel den Gästen der wandernde Geselle ein, und es ging
ihnen ein Licht auf. "Das wird der Pumphut gewesen sein!"
meinte einer.
"Lauft, was ihr könnt, und bringt ihn wieder her."
Ein paar Leute machten sich gleich auf die Beine und sahen
bald den Pumphut dahinwandern. Sie liefen, so rasch sie die
Füße trugen, konnten ihn aber nicht erreichen. Endlich blieb er
stehen und hörte auf ihr Rufen. Doch erst nach langem Bitten
ließ er sich bewegen, wieder umzukehren. Ehe er aber in der
Mühle ans Werk ging, aß und trank er sich einmal tüchtig satt.
Dann ließ er sich zum Rad führen, besah die Welle von allen
Seiten, klopfte mit seinem Hütlein dran herum, und, siehe da,
auf einmal saß sie in dem Zapfen und paßte wie zuvor. Darüber
war große Freude in der Mühle.
Pumphut aber wanderte still von dannen und ward seither
nicht mehr gesehen.

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Die Buschweiblein

Ein Bauer aus Spitzkunnersdorf pflügte einst gegen Abend


noch auf seinem Felde, das am Fuße eines Hügels lag und sich
bis an den Busch erstreckte. Da hörte er ein Geräusch und
mehrere weibliche Stimmen. Als er sich umsah, dampfte der
Gipfel des Berges und eine Menge Holzweiblein wimmelte
umher, die backten Kuchen. Der Bauer bat, auch für ihn einen
Kuchen zu bereiten. Und siehe da, als er am nächsten Morgen
aufs Feld kam, fand er auf dem Raine neben seinem Acker den
schönsten Kuchen.
Oft ließen die Buschweiblein sich im Dorf blicken und suchten
bei einem Bauern Unterschlupf. In Markneukirchen in der
Mühle halfen sie tüchtig in der Wirtschaft mit. Sie trugen
Wasser und Stroh herbei, stampften Viehfutter und halfen auch
beim Füttern. Die Mägde waren froh über die Hilfe der Kleinen,
dabei schenkten sie dann und wann ein Stück Brot und einen
frischen Trunk. Einst wurde eine neue Magd aufgenommen.
Diese fluchte und wetterte bei der Arbeit, daß den Holzweiblein
Hören und Sehen verging. Von dieser Zeit an mieden die guten
Geister die Mühle.
Die Buschweibel, die in den Wäldern am Hohenstein zwischen
Graslitz und Markneukirchen wohnten, kamen häufig in die
Häuser und baten um Essen. Zum Dank schenkten sie den
Leuten einen seltenen, kostbaren Stein oder eine heilkräftige
Pflanze. In Steinbach bei Grumbach saß ein solches
Buschweibel manch liebes Mal auf der Ofenbank und spann.
Wenn es das Gespinst in die Stube warf, mußte man ihm zu
essen geben.
Bei einer Bäuerin unterhalb des Astberges sprach alle Tage ein
Buschweiblein vor, ganz zerrissen und in Lumpen gehüllt. Das
half der Frau bei der Arbeit. Wollte die Bäuerin melken, so tat
das Weiblein mit und brachte immer mehr Milch als die

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Bäuerin. So ging es bei jeder Arbeit; aber das Buschweiblein
sprach niemals ein Wort dabei. Wenn die Leute mit der
Hausarbeit fertig waren, setzte sich das fremde Weiblein an den
Spinnrocken und spann in ganz kurzer Zeit so viel, wie die
Bäuerin in zwei Tagen kaum fertig brachte.
Darüber freute sich der Bauer, denn sein Hausstand gedieh, so
daß er bald seine Schulden bezahlen konnte. Jedesmal wenn es
zum Mittag läutete, ging das Buschweibel wieder den Astberg
hinauf und verschwand. Nun wollte die Bäuerin dem fremden
Weiblein auch einmal eine Freude machen. Sie nähte ein
Kleidlein von der selbstgesponnenen Leinwand und schenkte es
ihm. Aber da wurde das Buschweiblein ganz traurig und kam
nie mehr wieder - die Hilfskraft sollte unbemerkt bleiben!

-541-
Die Elbjungfrau von Magdeburg

Vor einem halben Jahrtausend erschien in Magdeburg an den


Markttagen immer ein Mädchen, das so wundervoll und lieblich
war, daß jedermann glauben mochte, sie sei nicht irdischer
Abstammung.
Denn ihresgleichen gab es nirgends.
Niemand kannte ihren Namen, noch ihre Herkunft. Sie war
von hohem Wuchs, größer als alle anderen Frauen, und von
ebenmäßiger Gestalt. Ihre Haare schimmerten goldglänzend und
sahen seidenweich aus; sie reichten aufgelöst bis zu den
Knöcheln hinab.
Die Augen des Mädchens leuchteten wie blinkende Edelsteine.
Sie trug gewöhnlich ein blausamtenes Kleid, ganz von der Farbe
der blauen Elbflut, und über die Hüften war um das reiche
Gewand eine goldgewirkte Schnur geschürzt, welche die Fülle
der prächtigen Falten zusammenhielt. Ihr Leib war von einem
schilfgrünen Mieder umschlossen, dessen Nähte mit Perlen
besetzt und das mit einem Diamanten geschlossen war. Der
Stein war so klar und durchsichtig, daß ihn viele Leute nicht für
einen Edelstein, sondern bloß für einen Wassertropfen hielten,
worin sich der Glanz der Sonne widerspiegelte. Ähnliche
Diamanten, oder richtiger gesagt, perlende Wassertropfen,
schmückten auch den Saum ihres Kleides.
Dieses Mädchen tauchte stets allein auf dem Markt auf, es trug
ein Körbchen am Arm, kaufte Obst, Brot und Fleisch und eilte
dann wieder zum Stadttor hinaus, ohne daß man wußte, woher
sie kam oder wohin sie ging. Die Burschen der Stadt
Magdeburg, vornehm und gering, nahmen großen Anteil an
dieser holden Erscheinung.
Doch keinem gelang es, mit ihr ins Gespräch zu kommen.
Endlich wagte es doch einer von ihnen, als sie wieder einmal
mit gefülltem Korb den Markt verließ, ihr durch das Stadttor zu
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folgen und sie anzureden. Sie blieb auch stehen, aber auf seine
Frage, wer sie sei und ob er sie begleiten dürfe, gab sie ihm eine
verneinende Antwort und bat ihn, er möge nicht mehr in sie
dringen und sie ihres Weges ziehen lassen.
Da sich der Jüngling aber nicht abweisen ließ und ihr viel von
seiner heißen Zuneigung vorredete, gab sie zur Antwort, sie sei
eine Nixe und wohne tief unten auf dem Grund des Elbstromes
bei ihrem Vater und ihren Brüdern, für die sie auf dem Markt
einkaufen müsse.
Trotzdem ließ sich der Jüngling nicht abhalten, noch weiter in
sie zu dringen und sie zu bitten, ihm ihre Liebe zu schenken. Er
gelobte ihr auch, wenn sie seine Gattin werde, wolle er von der
schönen Erde zu ihr unter die Wellen hinabsteigen und immer
bei ihr bleiben.
Die flehentlichen Bitten des jungen Mannes rührten die
Jungfrau so sehr, daß sie ihm versprach, sie wolle ihre Eltern
fragen, ob sie ihn mitbringen dürfe. Er möge genau achtgeben,
wenn sie ins Wasser hinabgetaucht sei. Wenn nämlich ein Teller
mit einem Apfel auf der Wasserfläche erscheine, dann sei alles
gut, dann könne er ihr getrost nachspringen, sie werde ihn in
ihren Armen auffangen und zu ihren Eltern und Brüdern führen.
Färbten sich aber die Wellen rot, so sei es um sie geschehen und
sie habe dann mit ihrem Leben das ihm gegebene Versprechen
gebüßt. Denn ihre strengen Brüder hätten sie dann getötet. Noch
einmal blickte das Mädchen den Jüngling zärtlich an, dann
tauchte sie in die Flut. Schon nach kurzer Zeit wallte es im
Strome auf, und das Wasser färbte sich weithin rot wie Blut.
Da wußte der Jüngling, daß die Jungfrau von ihren Brüdern
mit dem Tode bestraft worden war, und ging tiefbetrübt nach
Hause. Die schöne Jungfrau aber wurde von diesem Tage an auf
dem Markt nicht mehr gesehen.

-543-
Die Geisterkatze von Magdeburg

Erzbischof Albrecht von Magdeburg, der Bruder Joachims I.,


hatte einen Kater, der Kurt hieß. Das Tier saß stets neben dem
Bischof auf einem samtenen Polster am Tisch. Man setzte dem
Kater das beste Fressen vor, nachts lag er vor dem Bett seines
Herrn. Er war aber ein böser Geist. Doch das wußte niemand am
erzbischöflichen Hof, auch seinem Herrn war es unbekannt, bis
es endlich offenbar wurde.
Eines Tages hatte der Bischof einen reitenden Boten
abgesandt, der sich nach Erledigung von allerlei Geschäften
verspätet hatte, so daß er die Nacht auf freiem Feld verbringen
mußte. Der Mann band sein Pferd an einen Baum, legte sich
daneben zur Ruhe nieder und befahl seine Seele unserm
Herrgott. Kaum hatte er sich hingestreckt, schwirrte ein
Schwarm Geister auf den Baum; diese stellten untereinander
eine Umfrage an, was jeder von ihnen den Tag über aus
gerichtet habe. Einer von ihnen aber wollte wissen, wieso es
komme, daß der liebwerte Kurt des Erzbischofs heute
ferngeblieben sei, ohne freilich hierüber Auskunft zu erhalten.
Als die Gespenster mit großem Getümmel wieder abgezogen
waren setzte sich der Bote aufs Pferd und ritt trotz Nacht und
Dunkelheit weiter. Nach seiner Rückkehr fragte ihn der Bischof
am Nachmittag, warum er sich verspätet habe. Nun erzählte der
Mann alles, was er gehört hatte und wie sich die bösen Geister
auf dem Baum nach dem Kurt erkundigt hatten.
Da sprang plötzlich die Katze mit einem Ruck vom Polster in
die Höhe und begann greulich zu fauchen und zu miauen, als ob
sie den Boten ausschelten wolle. Dann fuhr sie mit einem Satz
zum Fenster hinaus und hat sich nie wieder blicken lassen.

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Hexen in der Walpurgisnacht in der Lausitz

In der Walpurgisnacht, auch Walpernacht genannt, ging ein


Wanderer bei Hermsdorf (in der Westlausitz) über einen
Kreuzweg.
Im hellen Mondschein sah er eine Hexe tanzen. Verwundert
blieb er stehen und sah ihrem Spiel zu. Als ihn die Hexe
gewahrte, schalt sie ihn: "Schau, daß du heimkommst, sonst
kannst du was erleben!" Da entfernte sich der Mann.
Mittlerweile war es so finster geworden, daß er nicht mehr die
Hand vor den Augen sah. Deshalb bemerkte er auch den Wagen
nicht, der auf der Straße stand, sondern stieß sich die Deichsel
so unglücklich in den Leib, daß er der Verletzung erlag.
Am Walperabend (letzte Aprilnacht) suchte man die Ställe
gegen die Hexen zu schützen. Schon vorher befahl die Bäuerin
der Magd: "Geh in den Wald und hole achterlei Holz, was nicht
Baum heißt, das neunte aber muß ein Kreuzdorn sein. Von
jedem bringe drei Zweige." Dann ging die Magd und holte
Weide, Erle, Buche, Birke, Hasel, aber nicht Birnbaum,
Kirschbaum oder ähnliches. Das Holz wurde zu einem Bündel
geschnürt und auf den Küchenherd zum Dörren gelegt. Am
Walpertag wurde vor Sonnenuntergang abgefüttert und am
nächsten Morgen das Vieh vor Sonnenaufgang besorgt. Alle
Türen mußten fest verschlossen und mit schwarzer Kohle drei
Kreuzchen innen an jede Türe gezeichnet sein. Unten an die
Schwelle aber legte man eine Sichel, ein Beil und einen
Holunderstengel übers Kreuz. Dann holte die Bäuerin eine
Pfanne mit glühenden Kohlen, warf das Bündel achterlei Holz
drauf und verräucherte es. War alles getan, so schickte die
Bäuerin die Magd nach Sonnenuntergang weg, damit sie zu drei
Grundstücken gehe und eine Schürze voll Gras hole. Das war
das erste Futter, das die Kühe am nächsten Morgen bekamen.

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Wurde das alles genau befolgt, so war der Stall gesichert und die
Kühe gaben das ganze Jahr über reichlich Milch.
Solche und ähnliche Geschichten über das Treiben der Hexe n
in der Walpurgisnacht gehen noch zahlreich im Volke um.

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Sagen aus Schlesien

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Das 'Hoawiif' in Brüssow

Auf dem Domänenamt Brüssow im Kreis Prenzlau lebte einst


eine alte, zänkische Wirtschafterin, die so geizig war, daß sie
den Leuten nicht einmal das trockene Brot gönnte. Dazu
behandelte sie die Mägde überaus hart und prügelte sie oft
unbarmherzig. Einmal ertappte die Alte eine Magd beim
Naschen und geriet darüber so heftig in Wut, daß sie das arme
Mädchen mit einem schweren Schlüsselbund erschlug. Die
Untat kam aber an den Tag, und das böse Weib wurde zum Tode
verurteilt.
Von dieser Zeit an wollte niemand mehr auf dem Gut wohnen;
denn die Alte ging jede Nacht um und trieb zum Entsetzen aller
einen greulichen Spuk. Bald hauste sie im Schweinestall, daß
alle Schweine ängstlich grunzten und quiekten, bald rumorte sie
im Hühnerstall herum, daß alles Federvieh in Angstgeschrei
ausbrach; dann wieder lief sie, mit dem Schlüsselbund klirrend
und fortwährend "Hoa! Hoa!" rufend, im Hause treppauf,
treppab und durch alle Zimmer, daß den Hausbewohnern vor
Furcht und Grauen die Haare zu Berg standen.
Da kam eines Tages ein reisender Scharfrichter durch das
Städtchen; dieser hörte von dem Spuk und erbot sich, gegen
Entgelt den bösen Geist zu vertreiben. Als man in seine
Forderung einwilligte, stellte er sich, einen Sack über der
Schulter und einen Knüttel in der, Hand, des Nachts auf die
Lauer. Sobald sich die Alte hören ließ, jagte er sie in den Sack
und prügelte sie fürchterlich. Sodann warf er den Sack über die
Schulter und trug den Spuk zur Stadt hinaus. Weitab an der
Karmzower Grenze liegt ein kleiner, sehr tiefer See, der
Ganznow.
Dorthin brachte der Scharfrichter das "Hoawiif" und wies ihr
den See und seine buschigen Ufer zum ewigen Aufenthalt an.

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Seither treibt die Alte dort am Ganznow ihr Unwesen und
ängstigt und ärgert die Menschen auf mancherlei Weise.
Und wehe dem, der harmlos zum Bade in den stillen,
tückischen Ganznow steigt; das Hoawiif zieht ihn an den Beinen
in die Tiefe, die Wasser schließen sich über den allzu
Wagemutigen, und nicht einmal sein Leichnam wird von den
düsteren Fluten des Sees freigegeben.
So ist dies scheußliche Weib zur Strafe für ihre Übeltat auf
ewig verurteilt, am Ganznowsee zu verweilen und sich ruhelos
dort umherzutreiben.

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Das Bild in der weißen Kapelle zu Oberglogau

Auf dem Weg von Oberglogau nach Leobschütz liegt eine


kleine weiße Kapelle. Der Wanderer, der dort eintritt, um zu
beten, läßt seinen Blick wohl sinnend auf dem Altarbild ruhen.
Eine Edelfrau mit ihren Kindern und Dienerinnen ist dort
dargestellt. Sie sitzen in einem altertümlichen Reisewagen. Die
wild sich bäumenden Pferde rasen vorwärts, vor ihnen
schäumen die hochangeschwollenen Fluten eines Flusses. Über
allen schwebt in den Wolken das Bild der Gnadenmutter.
Früher lag dort, wo die Kapelle jetzt steht, ein dichter, dunkler
Wald.
Schlecht waren die Wege und schwankend die Brücken, die
über den nahen wilden Fluß führten. Durch diesen Wald kam
einst die Gräfin Oppersdorf mit ihren Kindern des Weges
gefahren.
Schon waren sie mit dem schweren Wagen auf den holperigen
Wegen bis Mochau gelangt. Da kam, als sie eben den Ort hinter
sich ließen, ein heftiges Gewitter heraufgezogen. Gerade bei
dem Flusse, der von heftigen Regengüssen hoch angeschwollen
war, scheuten die Pferde vor einem grell niederfahrenden Blitz.
Sie rasten auf die Fluten zu und ließen sich weder durch Rufe,
noch mit dem Zügel bändigen. Hilflos sah die Gräfin sich und
ihre Kinder dem schrecklichen Tod des Ertrinkens preisgegeben.
In ihrer Verzweiflung zuckte ihr ein rettender Gedanke durch
den Sinn:
Gelobe Maria, die dir schon so oft geholfen hat, ein Kirchlein,
und sie wird dich auch diesmal nicht verlassen! - Und wie von
unsichtbaren Händen gehalten, standen die Pferde plötzlich,
ließen sich auf den Weg zurückleiten und zogen nun ruhig und
sicher den Wagen dem nahen Schlosse zu.
Verstört, aber wohlbehalten langten die Gräfin und ihre Kinder
nebst den Dienerinnen in düsterer Nacht im Schlosse an. Der
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Graf empfing sie erleichterten Herzens. Denn er hatte alle schon
lange erwartet und gefürchtet, daß ihnen ein Unglück
zugestoßen sei. Nun erzählte ihm seine Gemahlin, wie sie
tatsächlich in großer Lebensgefahr geschwebt seien und wie
wunderbar sie die Muttergottes daraus gerettet habe. Auch daß
sie ein Gelübde getan, dort ein Kirchlein zu bauen, teilte sie
ihrem Gatten mit. Der Graf willfahrte dem Wunsch seiner
frommen Gemahlin und ließ an der Stelle, wo die Pferde vor den
Fluten stillhielten, eine Kapelle erbauen.
Zur Erinnerung an diese wunderbare Rettung steht heute noch
das Bild am Altar und zeugt von Gottes Macht und Güte.

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Der betrogene Teufel

Der Teufel machte sich früher oftmals auf Erden zu schaffen.


Entweder suchte er durch Lug und Trug eine arme Seele für
sein Höllenreich zu gewinnen oder er hatte sein Vergnügen
daran, harmlose Menschen boshafterweise zu übertölpeln und
ihnen so an ihrem irdischen Besitz Schaden zu tun. Manchmal
allerdings ist der Teufel dabei auch an den Unrechten geraten
und hat sich in seiner eigenen Schlinge gefangen.
Einmal ging der Teufel an einem Feld vorbei, auf dem
Kartoffeln standen, die gerade in voller Blüte waren. Boshaft
wie er war, gedachte der dumme Teufel, ein gutes Geschäft zu
machen und den Bauern, dem das Feld gehörte, ein wenig zu
begaunern. Er ging also zu ihm und sagte: "Weißt du was? Ich
werde dir soundso viel Gulden geben, wenn du mir die Hälfte
von deinem Feld überläßt."
Der Bauer war einverstanden und unterschrieb den Pakt. Der
Teufel aber freute sich über die gute Beute, denn er hatte sich
nach dem Unterschreiben all das ausbedungen, was über der
Erde wuchs, und der Bauer hatte ja gesagt.
Im Herbst machte der Teufel freilich ein langes Gesicht, als er
für sich die welken Kartoffelblätter ernten konnte, während der
Bauer grinsend die schönen Kartoffeln einheimste. Aber er
wollte diesmal klüger sein und schlug dem Bauern einen neuen
Vertrag vor. Danach sollte alles ihm gehören, was unter der
Erde wachse, der Bauer aber dürfe das nehmen, was über der
Erde reife. Der Bauer stimmte zu, säte aber für das kommende
Jahr Korn. Als nun die Ernte kam, da hatte der Teufel wieder
das Nachsehen. Er durfte die Wurzeln ernten, indes der kluge
Bauer das Korn und das Geld einstrich.
Darüber soll sich, der Sage nach, der Gottseibeiuns so
grimmig geärgert haben, daß er sich seit dieser Zeit dort nicht
mehr blicken ließ.
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Die Zwergenhochzeit auf Schloß Bünau

Die Schloßherrin auf Bünau lag einst ganz allein in ihrem


Schlafgemach. Da sprang plötzlich die Tür auf, und ein kleines
Männchen trat zu der Frau ans Bett und fragte bescheiden, ob
sie erlauben wolle, daß die Zwerge hier in der Stube Hochzeit
hielten; sie würden nicht viel Lärm machen und wenig Raum in
Anspruch nehmen; sie wollten zufrieden sein, wenn sie sich nur
unter dem Ofen aufhalten dürften. Die Öfen standen nämlich auf
geschnitzten Reinen, so daß unter jedem ein hohler Raum war.
"Ja, ja, kommt nur und haltet eure Feier!" erwiderte die Frau.
Darauf zog das kleine Völklein mit Musikanten, mit dem
Brautpaar und den Hochzeitsgästen in das Gemach, und alle
aßen, tranken und tanzten unter dem Ofen. Als sie damit zu
Ende waren, schritt das kleine Männchen wieder zur Schloßfrau
ans Bett, bedankte sich höflich, gab ihr drei Brötchen und sagte :
Solange die Brötchen im Besitz deiner Familie bleiben, wird
es dir und allen deinen Nachkommen gut gehe n."
Die Frau ließ die Brötchen im großen Turm des Schlosses
einmauern, und es ist der Familie mehrere Jahrhunderte gut
gegangen. Als der Turm aber bei einer Feuersbrunst zerstört
wurde und die Brötchen mit verbrannten, änderte sich alles. Es
ging der Familie immer schlechter, das Schloß verfiel und öde
blickt es heute in die Lande.

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Die sieben Riesen im Spitzberge zu Schwiebus

Das Haus eines reichen Ratsherrn zu Schwiebus wurde einst


vom Blitz getroffen; seine ganze Habe fiel dem ausbrechenden
Brand zum Opfe r, so daß er nun als armer Mann dastand. Wohl
borgten ihm die Schwiebuser Geld zum Bau eines neuen
Hauses, aber ein Unglück kommt selten allein; er verdiente
fortan so wenig, daß er nicht einmal die Zinsen des geborgten
Geldes aufbringen konnte.
Verzweifelt wanderte der Ratsherr eines Abends nach den
Spitzbergen hinaus, wo er sein trauriges Leben beweinte.
Aber während er mit düsterer Miene unter den "dunklen
Bäumen dahinschritt, gebot ihm plötzlich eine mächtige Stimme
halt, zugleich umlohte ein Feuerschein den Platz, wo er stand.
Erschrocken sah sich der Unglückliche nach allen Seiten um.
Wie erstaunte er aber, als er im Berg ein mächtiges Tor erblickte
und eine wohl sechs Meter hohe Gestalt ihm winkte
hineinzukommen. Er tat es. Drinnen fand er alles wohnlich und
schön eingerichtet; zuletzt traf er in einem weiten Saal sechs
ebenso große Gestalten, wie sein Führer war. Sie luden ihn
freundlich ein, Platz zu nehmen, und als sie seine Erlebnisse
gehört hatten, beschenkten sie ihn mit einem großen Sack voll
Goldstücke, wohl an die vierhundert Taler.
Von nun an glückte dem Ratsherrn wieder alles, was er
unternahm; er besuchte noch oft seine Wohltäter, die ihn immer
freundlich aufnahmen und nur zum Stillschweigen
verpflichteten. Das hielt er denn auch; erst auf seinem
Totenbette offenbarte er seinem Sohn, wie er zu seinem
Reichtum gekommen war. Dieser aber war leichtsinnig und
plauderte beim Leichenschmaus das Geheimnis aus.
Sofort fühlte er von unsichtbarer Hand einen Schlag gegen
seinen Kopf und sank tot zu Boden.

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Am nächsten Morgen aber erzählten die Bauern, sie hätten auf
der Straße nach Norden sieben ungeheuer große gespenstige
Männer gesehen, die schwer beladen klagend und jammernd
fremdes Gut fortschafften.

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Die tapferen Weiber zu Gleiwitz

Tm Jahre 1626 wurde die Stadt Gleiwitz schwer belagert. Im


August rückte Ernst von Mansfeld vor die Tore, mußte aber
nach mehrtägiger Belagerung wieder abziehen. Daß bei der
Belagerung der Stadt auch die Frauen wacker mitgeholfen
haben, wird durch mehrere Berichte bestätigt, die Art und Weise
ihrer Teilnahme ist allerdings sagenhaft ausgestaltet worden.
Als die Schweden gegen die Stadt vorrückten, waren beide
Tore verschlossen, mit Balken verrammelt und innen stark mit
Dünger belegt, damit die Kugeln nicht durchdrängen. Auch die
Seitenpforten waren gut versperrt. Als nun die Schweden einen
Boten in die Stadt schickten, der beim südlichen Pförtchen
Einlaß fand, bemerkte dieser auf dem Weg zum Rathaus in
jedem Hausflur einige Tonnen mit Hirse, auf dem Ringe aber
waren bewaffnete Männer versammelt, die dem Bürgermeister
in Gegenwart des schwedischen Abgesandten mit mutiger
Miene erklärten, daß sie sich nie ergeben würden, sie hätten
Lebensmittel genug, und die Heilige Jungfrau Maria werde
durch ihre Fürbitte bei Gott die Stadt beschützen und ihnen im
Kampf beistehen.
Nun begann der Angriff. Die Schweden brachten eine Menge
Leitern an die Stadtmauer heran; als sie aber aufstiegen, wurde
ihnen kochender Hirsebrei samt den irdenen Töpfen auf die
Köpfe geschüttet, daß sie mit schrecklichen Brandwunden von
den Leitern herabstürzten. Da sich die Bürger der Leitern
bemächtigt hatten, versuchten die Feinde, von der Nordseite her
der Stadt beizukommen, und zogen am Stadtwall beim weißen
Tor vorbei.
Vom Tor herab hat damals ein Bürger den Hauptmann der
Schweden mit einem silbernen Rockknopf erschossen.
Nun wurden die Schweden mißmutig; denn sie glaubten, daß
die Gleiwitzer viel Lebensmittel hätten, und da sie auf eine

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lange Belagerung nicht eingerichtet waren, zogen sie nach
wenigen Tagen ab.
Nachdem sich die Feinde zurückgezogen hatten und die Tore
wieder geöffnet waren, fanden sich versprengte Landbewohner
ein und berichteten, was ihnen die Schweden erzählt hätten:
über Gleiwitz sei eine leichte Wolke gestanden, und in dieser
habe die Heilige Jungfrau gethront, die über die Stadt ihren
großen Mantel ausbreitete; als sie aber beim Sturm auf die
Städter schossen, sei die Gottesmutter auf der Mauer erschienen
und habe mit ihrem Mantel die Verteidiger gedeckt, so daß
keiner getroffen worden sei.
In Gleiwitz herrschte nun große Freude. Man gelobte eine
Wallfahrt zu unternehmen. Die Bürger verpflichteten sich hiezu
durch Ablegen eines Eides in der Pfarrkirche. Dazu mußten die
Eltern alle ihre Kinder mitbringen. Am Schluß des Eides mußten
sie dann die Kinder bei den Ohren zupfen, und den Müttern war
aufgetragen, ihren Säuglingen einen lauten Schrei zu entlocken,
um dadurch anzuzeigen, daß es auch Gelöbnis der Kinder sei,
diese Wallfahrt alljährlich zu wiederholen.
An jener Stelle aber, wo der schwedische Hauptmann
erschossen worden war, hat man mitten auf der Landstraße eine
Säule errichtet, die erst 1820 beim Bau der neuen Landstraße
abgetragen wurde.

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Die treue Bergmannsbraut

Lange ist es her, da lebte in einem Grubenort Oberschlesiens


ein sehr schönes Mädchen, das einen Bergknappen von ganzem
Herzen gern hatte; auch der junge Mann liebte die schöne Anna
über alles.
Zutiefst im Wald verborgen lag das kleine Dörfchen, und
Schön- Annas Häuschen war das letzte im Ort. Oft saß sie in der
Laube vor der Haustür und wartete auf ihren Franz. Sie harrte
nie vergebens.
Darüber war es Winter geworden und wieder Frühling. Vom
Zechenhaus her rief das Schichtglöcklein die Knappen zur
Arbeit. In langen Reihen zogen sie zum Schacht, die
Grubenlampe vor sich herhaltend. Auch Franz sollte sich ihnen
anschließen. Aber noch weilte er bei seiner Braut, wie zur
Einfahrt ins Werk gerüstet mit Keilhaue und Lampe versehen.
Anna empfand eine unerklärliche Angst, schien es ihr doch, als
flackere die Lampe des Liebsten heute gar so trübe. Auch Franz
fühlte sich bedrückt und fragte das Mädchen, wie von einer
Ahnung ergriffen, ob es um ihn trauern würde, wenn ihn ein
Unglück träfe.
"Gott möge dich beschützen, Liebster!" rief sie erblassend.
"Sollte es aber deine letzte Schicht sein, so will ich auch nicht
mehr leben, und Gott möge unseren Seelen gnädig sein!"
So schmerzlichen Abschied hatten sie noch nie genommen. In
sonderbar ergriffener Stimmung eilte Franz den Kameraden
nach.
Doch als er hinab in die Tiefe fuhr, wurde er wieder fröhlich;
denn er malte sich aus, wie glücklich er mit Anna sein werde.
Als er dann allein am Werk saß, knisterte und raschelte es
plötzlich um ihn herum, blaue Flämmchen stiegen auf und
hüpften um ihn. Dumpfes Krachen ging durch das Gestein, ein
banges Grauen ergriff ihn. Und auf einmal barst das "Gebirge",
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brach und stürzte zusammen, den jungen Knappen unter seinen
Trümmern begrabend.
Als der Abend sich niedersenkte und die Sterne am Himmel
blinkten, zogen die heimkehrenden Knappen in langen Reihen
an Annas Haus vorüber. Das Mädchen stand vor der Haustür,
wartete und spähte, aber Franz kam nicht. Endlich trat ein alter
Bergmann zu ihr und teilte ihr schonend mit, was in der Tiefe
geschehen war.
Da wurde das Antlitz des Mädchens weißer als der Schnee,
und es schien, als wolle sie zusammenbrechen. Aber nur einen
Augenblick.
Dann rief sie: "Ich komme, Liebster!" und stürzte an den
erschrockenen Knappen vorbei; geradewegs zum Schacht ging
ihr Weg. Hier stand sie nur einen Augenblick, noch einmal zu
den Sternen blickend und ihre Seele Gott empfehlend, dann
verließen sie die Sinne; ohnmächtig stürzte sie zusammen und
fiel unglücklicherweise in den Schacht.
Es ist lange her, seit das geschehen ist - so erzählte eine alte
Frau - aber die Seelen von Franz und Anna finden keine Ruhe,
sie irren im Schacht umher, bis Gott sie dereinst heimruft. Oft
hört man um Mitternacht ein Flüstern und Raunen im Gestein;
wesenlose Gestalten, umwallt von weißen Schleiern, huschen an
den erschreckten Knappen vorbei. Diese fahren dann schleunigst
aus, sie wissen, es ist die treue Bergmannsbraut und ihr Liebster,
die sie vor einem drohenden Unglück warnen. Immer erscheinen
sie den frommen Knappen, wenn Gefahr in Verzug ist.

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Die wiedergefundene Glocke von Glatz

Vor vielen hundert Jahren gab es Krieg in Schlesien. Da


vergruben die Bewohner von Glatz eine Kirchenglocke auf den
Compturwiesen. Nach dem Krieg vergaß man sie.
Auf diesen Wiesen hütete in späterer Zeit ein Hirt die
Schweine. Als er eines Tages die Herde eintrieb, blieb, ohne daß
er es beachtete, ein Schwein auf der Wiese zurück. Tags darauf
führte der Hirt sein Borstenvieh auf den gleichen Weideplatz.
Da bemerkte er, daß das zurückgebliebene Tier den Boden tief
aufgewühlt hatte. In der dadurch entstandenen Vertiefung
konnte man den oberen Teil einer Glocke erkennen. Nun
erinnerte man sich an die seinerzeit vergrabene Glocke. Freudig
gruben die Glatzer Bürger sie vollends aus und führten sie in die
Stadt zurück. Aber kein anderes Zugtier als ein Stier vermochte
den Wagen zu ziehen, der unter Jubel von der Bevölkerung
empfangen wurde.
Zur dankbaren Erinnerung an dieses freudige Begebnis hing
man in der Pfarrkirche zu Glatz einen Ochsenkopf auf. Die
Glocke aber sandte ihre Töne von nun an wieder von der Stelle
ins Land, wo sie vor so vielen Jahren erklungen war.

-560-
Erlösung eines Ritters und einer Jungfrau in
Neudorf

An der Straße, die von Neudorf über den Übersprung nach


Oppeln führt, stand früher ein Gasthaus, in dem durchfahrende
Fuhrwerksleute einzukehren pflegten. Die Gastwirtsfrau hatte
einen bösen Mann, dessen Seele eines Tages der Teufel holte.
Steif und starr blieb der Leichnam plötzlich auf der Diele liegen.
Die erschrockene Frau sandte sofort nach dem Arzt. Als dieser
eintraf, lag noch ein zweiter Toter da. Keiner wußte, wie er
dahingekommen war. Die Leute bemerkten aber bald, daß er
einen Pferdefuß hatte und es der Teufel selbst war. Sie gingen
dem Satan mit Weihwasser und Kreuz zu Leibe, da verwandelte
er sich in einen Strohhalm.
Die Wirtin ließ nun ihren toten Mann begraben und führte die
Wirtschaft allein weiter. Mit der Zeit stellten sich viele Männer
ein und begehrten sie zur Frau; denn sie war sehr reich. Sie aber
sagte:
"Um meines Josel willen (ihres Sohnes) heirate ich nicht
mehr."
Eines Tages erschienen ein paar übel beleumundete Burschen
in der Schenke und bedrängten die Frau mit Anträgen. Die
Wirtin aber wies sie ab: "Gebt euch keine Mühe, ich habe mein
Kind und bleibe dem Josel zu Liebe, was ich bin. "
Da wurden die Burschen wütend und wollten die Frau
erschlagen.
Doch sie bat, man möge sie um des Josels willen am Leben
lassen.
Die beiden Burschen mochten wohl auch vor einem Mord
zurückzuschrecken, darum heckten sie einen anderen Plan aus,
um sich in den Besitz der Schenke zu setzen.

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"Gut", riefen sie der weinenden Frau zu, "wir schenken dir das
Leben, aber nur unter der Bedingung, daß du in der Nacht um
zwölf Uhr in das Dorf gehst und das Gerippe, das dort vor der
Kirche steht, von seinem Platz hebst." Dieses Knochengerippe
stand in schlechtem Ruf: es waren die Überreste eines Ritters,
der eine Jungfrau betrogen und verraten hatte und zur Strafe
dafür noch nach seinem Tode vor der Kirchentüre stehen mußte,
solange, bis ihn jemand erlöste. Das Gerippe war aber
versteinert, und niemand konnte es vom Platz rücken oder
heben.
Die beiden Burschen hofften, die Frau werde vor Furcht
sterben, wenn sie des Nachts das Gerippe anfassen müsse. Sie
wollten dann die Schenke übernehmen und den kleinen Josel
zum Knecht machen.
Als die Wirtin ihrem Ansinnen nicht nachkam, hörten sie nicht
auf, die Frau zu quälen, indem sie ihr drohten: "Wir erschlagen
deinen Josel, wenn du nicht tust, was wir verlangen. "
In ihrer Not gab sie endlich nach: "Es ist wohl Sünde, was ihr
von mir verlangt, aber um des kleinen Josels willen werde ich es
tun." Sie empfahl ihr Kind dem Schutze Gottes und machte sich
auf den Weg.
Während des Gehens betete sie: "Verzeih mir, Gott, wenn ich
unrecht handle, ich tue es um meines Josels willen. "
Nach langer Wanderung kam die Frau zur Kirche. Das
Gerippe stand vor der Tür und leuchtete grell in der
stockfinsteren Nacht.
"In Gottes Namen denn", seufzte die Frau und faßte das
Gerippe.
Und das steinerne Knochengerüst, das bisher noch niemand
hatte von der Stelle rücken können, gab nach, herzhaft nahm sie
es auf den Rücken und trug es betend um die Kirche.
Als sie es aber auf den alten Platz stellen wollte, umschlang
das Gerippe sie mit seinen Knochenarmen und raunte ihr hohl in
-562-
die Ohren: "Ich erwürge dich, wenn du mich nicht in die Kirche
trägst und dreimal mit mir um den Altar gehst." Die arme Frau
erschrak heftig, aber es blieb ihr keine Wahl.
"Um meines Josels willen folge ich dir", stöhnte sie ergeben
und trug das Gerippe in die Kirche.
Bei ihrem Eintreten erhob sich ein eisiger Wind, der in der
Kirche wild herumfegte und alle Bänke durcheinanderwarf. Die
Frau ahnte die Nähe des bösen Geistes und trug zitternd unter
beständigem Beten das Gerippe um den Altar. Hinter diesem
stand ein schwarzer Sarg, in dem eine Jungfrau aufrecht saß, die
in einem Buche las; auf dem Kopf trug sie einen Kranz von
schwarzen Rosen.
Immer heftiger tobte der Sturm, er fauchte und raste in alle
Winkel und wehte der geängstigten Frau kalt ins Angesicht.
Aber sie ließ sich trotzdem nicht beirren und legte mit dem
Gespenst auf dem Rücken den Weg um den Altar dreimal
zurück. Als sie das drittemal vor der Jungfrau stand, erglänzte
diese in weißem Licht und streckte sich aus, der Sargdeckel fiel
über ihr nieder. Gleichzeitig wurde der Ritter auf dem Rücken
der Witwe immer leichter und leichter, bis nur mehr ein
Häufchen Asche übrig blieb. Der Sturm in der Kirche legte sich,
und der Mond ging auf. In Schweiß gebadet, trat die Witwe den
Heimweg an.
Zu Hause traf sie die Burschen, wie sie sich über die Tische
und Bänke lümmelten; denn sie glaubten sich schon im Besitz
der Wirtschaft, da die Frau drei Tage weggewesen war. Als sie
nun gesund und heil bei der Tür hereintrat, fielen die beiden
Gauner vor Schreck zu Boden.
Die Witwe aber lebte nun mit ihrem Josel in Frieden und
wurde sehr alt. Die Schenke stand noch mehr als hundert Jahre;
ein Blitzstrahl hatte sie schließlich eingeäschert.

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Petrus und der Teufel

Sankt Petrus traf eines Tages bei einer Wanderung auf Erden
den Teufel, der ihm seine Begleitung antrug. Petrus wies ihn
nicht ab. So zogen sie denn gemeinsam durch die dichten
Beuthener Wälder vom Morgen bis zum Abend und kamen
schließlich in ein Dorf. Der Weg zweigte hier nach zwei Seiten
ab. Von einer Seite her hörte man Kinder weinen, von der
anderen scholl lustige Tanzmusik.
Petrus fragte den Teufel: "Wohin sollen wir unsere Schritte
lenken? "
"Natürlich zur Tanzmusik", erwiderte der Satan. Nun gingen
sie der Richtung nach, aus der die Tanzmusik erklang, und
fanden ein Gasthaus, das voller Menschen war. Der Wirt aber
hatte kein Quartier für die beiden.
"Wir feiern Kirchweih heut, wollt ihr oben auf dem
Zigeunerofen schlafen, dann meinetwegen", sagte er und wies
auf den mächtigen Ofen, der in der Schankstube stand. Die
beiden Wanderer waren einverstanden und kletterten auf den
Ofen.
Der Teufel zupfte Petrus am Rock und bat : "Laß mich vorne
liegen und lege du dich hinten hin. Du bist müder als ich. Ich
möchte noch ein bißchen zusehen. "
Petrus tat ihm den Gefallen, nahm seinen Rosenkranz und
betete; der Teufel aber erfreute sich an der Lust der tanzenden
Bauern. Diese stampften die Dielen und schrien: "Juchhuhu,
juchhuhu...!"
Auf einmal entstand aus irgendeiner Ursache ein Streit unter
ihnen.
Es dauerte nicht lange, und die schönste Schlägerei war im
Gang.

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Der Teufel hatte seine Freude daran, klatschte in die Hände
und schrie: "So ist's recht, immer zu, immer zu! "
Das hörte ein Bauer, der gerade seine Hände frei hatte, und
rief:
"Was schreist du da oben immer zu, na warte..."
Mit einem Satz holte er sich den Teufel vom Ofen herunter
und prügelte ihn windelweich durch. "So, nun hast du dein
'Immer zu'!"
Der Teufel kroch stöhnend auf den Ofen und ächzte: "Petrus,
ich hab, nun schon genug gesehen, leg du dichjetzt einmal vorne
hin!"
Petrus lächelte ein wenig und erfüllte ihm den Wunsch.
Inzwischen hatten sich die Bauern wieder versöhnt, tanzten
und riefen von neuem: "Juchhuhu, juchhuhu!" Das ging so eine
Weile fort. Die Dielen zitterten, die Fenster klirrten von dem
Gestampfe der Tänzer, und der Jubel hatte seinen Höhepunkt
erreicht. Da stieß einer der Tanzenden an den anderen an, daß er
hinfiel. Dieser sprang auf und tobte zornig: "Ein Bein willst du
mir stellen, na warte, du Lump!" Bald gab es wieder eine wüste
Prügelei. Der Teufel duckte sich und muckste sich nicht.
Nachdem die Bauern sich gehörig braun und blau geschlagen
hatten und keine Lust mehr verspürten, sich weiter zu
unterhalten, meinte einer, sich nach allen Seiten umsehend:
"Nun haben sie alle etwas abbekommen! "
"Nein", rief ein anderer, "der dort hinten auf dem Ofen liegt,
hat noch nichts bekommen. "
Da holten sie den Teufel zum zweitenmal herunter und
verprügelten ihn, daß es eine Lust war. Ganz zerschlagen
kletterte er endlich wieder heulend auf den Ofen und sagte unter
Tränen zu Petrus: "Das nächstemal wollen wir doch lieber
dorthin gehen, wo die Kinder weinen. "

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Rübezahl-Legenden

Im Riesengebirge wissen die Leute von mehreren Orten zu


erzählen, die nach dem Berggeist benannt sind. Da ist Rübezahls
Garten, in dem wertvolle Heilkräuter wachsen. Rübezahl wacht
sorgfältig über sie und hat schon manchem Wurzelsammler oder
gelehrten Botaniker übel mitgespielt, der in seinen Bereich
eingedrungen ist, um kostbare Kräuter oder Wurzeln zu holen.
Dann trifft man Rübezahls Schatzkammer, seine Kanzel, seine
Kegelbahn, seinen Teich, seinen Rosengarten. Dieser hat eine
aus Felsblöcken aufgemauerte, kreisrunde Einfriedung. Von
seiner Entstehung erzählt man: Eine Komtesse wurde von einem
Bären angefallen, aber durch einen Jäger gerettet. Sie verliebte
sich in den Jäger. Da aber zwang sie ihr Vater, ins Kloster zu
gehen. Aus Gram darüber starb der Jäger. An der Stelle, wo er
begraben wurde, legte darauf die Komtesse den Rosengarten an.
Viele fremde Leute kamen ins Riesengebirge, besonders
Venetianer, um Gold oder wertvolle Metalle zu suchen. Wenn
sie die Schätze nicht auf natürliche Weise erlangen konnten,
suchten sie sie durch Zauberkünste und Teufelsbeschwörungen
vom Berggeist zu erzwingen. Aber sie mußten seinen Zorn in
schrecklicher Weise spüren: unter gewaltigem Donnern und
Blitzen wandte er sich gegen sie, und oft konnten sie nur mit
Müh, und Not unter großem Schrecken ihr Leben retten.
Rübezahl aber zeigt sich auch als gutartiges Wesen. Ein Bauer
war einst in große Geldnot geraten. In seiner Bedrängnis wagte
er es, sich an Rübezahl zu wenden. Er wanderte ins Gebirge, um
den Berggeist aufzusuchen. Dieser erschien dem Bauern und
fragte ihn was sein Anliegen sei. Darauf antwortete der Bauer:
"Ich möchte den Beherrscher des Riesengebirges untertänigst
bitten, ob er mir nicht etwas Geld vorstrecken wollte."
"Gern", erwiderte der Berggeist, "wieviel brauchst du denn
eigentlich? "

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Darauf der Bauer: "Großmächtiger Herr, könntet Ihr mir
hundert Taler borgen? Ich will sie Euch als ein redlicher Mann
übers Jahr hier wieder zustellen. "
Hierauf entfernte sich Rübezahl und kam nach einem
Weilchen wieder zurück. Er brachte einen Beutel mit vielem
Geld, das er dem Bauern lieh.
Nach einem Jahr erschien der Bauer von neuem im Gebirge,
am gleichen Ort wie im Vorjahr. Dort traf er einen Mann, der
ganz anders aussah als jener, der ihm das Geld geliehen hatte.
Daher stutzte der Bauer und war nicht sicher, ob es Rübezahl
sei. Auf die Frage des Mannes: "Wo willst du denn hin, Bauer?"
antwortete er daher "Ich wollte zum mächtigen Herrn des
Riesengebirges und ihm, wie ausgemacht, die Taler
zurückbringen, die ich im Vorjahr von ihm geliehen bekam. "
Darauf erwiderte der verkleidete Geist: "Mein lieber Bauer,
der Rübezahl ist schon lange tot; geh mit deinem Geld wieder
nach Hause und behalte es." Wer war da fröhlicher als unser
Bauer!
Gerne trieb Rübezahl mit den Le uten seinen Schabernack. Oft,
wenn jemand sich im Walde nicht gut auskannte, begleitete er,
als Mönch verkleidet, den Wanderer ein Stück Weges. Im
Gespräch bemerkte er dann, der andere könne sich auf ihn
verlassen, denn er kenne sich hier im Wald gut aus. Wenn er den
Fremden dann auf einen Seitenpfad geführt hatte, von dem aus
man sich schlecht zurecht finden konnte, verschwand er
plötzlich über die Äste der Bäume und lachte spöttisch. Das
klang dann wie das Krächzen eines Raubvogels, der im
einsamen Wald plötzlich in die Höhe fliegt, wenn unverhofft ein
Wanderer in seine Nähe kommt.
Öfters hat Rübezahl arme Leute reich und glücklich gemacht.
Einer armen Kräutersammlerin, die sich verirrt hatte, half er auf
den richtigen Weg, nahm aber die Kräuter, die sie im Korbe
hatte, heraus und legte ihr Baumblätter hinein. Doch die Frau

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fand später wieder die gleichen Kräuter und warf die
Baumblätter weg. Einige davon aber waren am Korb hängen
geblieben. Als sie dann nach Hause kam, waren alle diese
Blätter aus feinem Gold. Gleich ging die Frau in den Wald
zurück, um die weggeworfenen zu suchen, fand sie aber nicht
mehr. Doch schon die wenigen, die ihr verblieben waren,
machten sie reich.
In alter Zeit hat man den Rübezahl voll Ehrfurcht angeredet:
Domine Johannes. Leute, die höher oben im Gebirge wohnen,
wissen dies noch und vermeiden auch heute die dem Berggeist
verhaßte Benennung : Rübezahl, die als Spottname gilt - und
wohl keineswegs ein harmloser Spott ist. Dem Herrn Johannes
hat man zur Zeit der Sommersonnenwende schwarze Hähne
geopfert.

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Von den Irrlichtern bei Alt-Bielitz

Bei Alt-Bielitz war ein Sumpf, in dem es früher sehr viel


Irrlichter gab. Über sie erzählte ein Mädchen: "Die Irrlichter
waren so kleine Dingerchen, und wir haben ihnen oft vom
Fenster aus zugesehen.
Manchmal war das sehr schön, besonders wenn sie getanzt
haben, zu zweien, zu dreien und manchmal auch ein ganzer
Kreis. Aber diese Lichter sind noch schlimmer als die
Menschen; denn sie, können niemals im Frieden
auseinandergehen, und immer hat es eine Rauferei unter ihnen
gegeben. Das ist dann schrecklich gewesen.
Man hat nur die kleinwinzigen Lichtlein auf einem Knäuel
beisammen gesehen; sie sind aufeinander losgefahren, und
manchmal hat man einen lauten Schrei gehört, und eins der
Lichtlein ist verlo schen. Daraufhin sind gewöhnlich die andern
Lichter auf und davon geeilt und es ist eine Weile still gewesen,
bis sie wieder zusammengekommen sind."
Bei einem Bauern stand ein Kuhhirt im Dienst, den hatte es in
allen Fingern gejuckt, die Irrlichter einmal zu ärgern. Eines
Abends, gerade als die Lichtlein so schön tanzten, stellte er sich
vor die Haustür hin und pfiff ihnen. Da mußte er sich aber
beeilen, denn im Hui waren die Irrlichter allesamt vor dem
Haus. Sie tobten und schrien, daß den Leuten drin angst und
bange wurde. Die halbe Nacht konnten sie nicht schlafen, und
kein Mensch wagte sich auch nur einen Schritt aus dem Haus,
ein solches Getobe gab's draußen.
Der Kuhhirt traute sich von da an niemals mehr am Abend ins
Freie hinaus, sondern blieb nunmehr im Hause hocken; denn er
wußte, es würde ihm schlecht ergehen, wenn die Irrlichter ihn
erwischten.
Ja, spaßen durfte man mit den Irrlichtern nicht, aber auch
ihnen nachzugehen war gefährlich. Da wäre es einem
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Musikanten einmal beinahe schlecht ergangen. Dieser war auf
dem Heimweg von der Wilmesauer Kirchweih. Plötzlich stieß er
auf ein Irrlicht, das ihn in eine falsche Richtung ablenkte. In
seiner Not zog der Musikant seine Fiedel heraus und begann ein
geistlich Lied zu spielen. Und wirklich führte ihn das Irrlicht
jetzt auf den rechten Weg. Sobald aber das Lied zu Ende war
und der Spieler die Fiedel wieder einstecken wollte, geriet das
Irrlicht in Zorn, gab dem Mann Rippenstöße und Ohrfeigen und
führte ihn ans Wasser, so daß er es vorzog, wieder zu geigen.
Stieß er dabei auf ein weltliches Lied, so bekam er den Ärger
des Irrlichts sofort wieder zu spüren; drum durfte,er den ganzen
Weg nur geistliche Lieder spielen, bis er endlich aufatmend
daheim war.

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Sagen aus Schleswig-Holstein

-571-
Das Haus mit neunundneunzig Fenstern bei
Witzwort

Bei Witzwort in Nordfriesland freite einst ein armer junger


Bauer um die reiche Nachbarstochter; auch das Mädchen sah
den Burschen gern, aber ihrem Vater war er zu arm. Da
verschrieb sich der Junge dem Teufel, der sollte ihm in einer
Nacht bis zum Hahnenschrei ein Haus mit hundert Fenstern
dafür bauen. Als aber der Bau dann so grausig schnell in die
Höhe wuchs, lief der Arme in seiner Angst zu den Frauen ins
Nachbarhaus.
Doch des Mädchens Mutter, die zu den beiden Liebesleuten
hielt, wußte Rat. Sie eilte in den Hühnerstall und weckte den
Hahn, daß er laut zu krähen anfing. Nur mehr ein Fenster fehlte
an dem Bau, als der erste Hahnenschrei ertönte. Wutentbrannt
fuhr der Teufel zur Hölle; denn er hatte das Spiel verloren.
So steht der Bau noch heute mit seinen neunundneunzig
Fenstern, ein schöner, großer Hof, er heißt der rote Hauberg. Die
hundertste Scheibe hat man oft einzusetzen versucht, aber sie ist
immer wieder zerbrochen.

-572-
Der Bau der Laurenzi-Kirche auf der Insel Föhr

Vor vielen, vielen Jahren gab es gewaltig große Menschen,


Hünen oder Riesen genannt. Vereinzelt findet man auf der
Geest, Steinreste von ihren Grabkammern. In der flachen
Marschlandschaft rühren die seltenen Hügel meist von ihren
Gräbern her.
Als auf Föhr die Laurenzi-Kirche gebaut werden sollte,
konnten sich die Bewohner der Insel lange nicht über den
Bauplatz einigen.
Endlich beschlossen sie, daß der Kirchweg von allen Dörfern
gleich lang sein solle. Man suchte also einen Platz zwischen
Süderende und Klein- Dunsum und fing an, dort die Kirche zu
errichten.
Doch was die Bauleute bei Tag aufstellten, das rissen zwei
Riesen in der Nacht wieder ab. Sie holten sich die mächtigen
Feldsteine, aus denen man die Kirche bauen wollte, und trugen
sie mit Leichtigkeit auf ihren Armen in die Heide südlich von
Süderende hinaus und bauten hier nach ihrem Plan die Kirche
auf.
Als der Bau fast vollendet war und nur noch die letzten Ziegel
auf dem Dach fehlten, gerieten die Hünen miteinander in Streit,
indem sie bequem zu beiden Seiten des Kirchenschiffes knieten.
Anfangs war die Sache recht harmlos, da sie sich über die
Kirche hinweg nur bei den Haaren zausten. Als sie aber
aufsprangen und einander packten, da hätten sie beim Ringen
fast den ganzen Bau wieder umgestoßen. Zum Glück aber
dauerte der Kampf nicht lange, denn beide brachten einander
tödliche Wunden bei. In zwei großen Wällen östlich der Kirche,
die man Riesenbetten nennt, sollen sie begraben sein.
Die Kirche, an der die Riesen gebaut hatten, konnte man jetzt
mit leichter Mühe fertigstellen, und als man die Entfernung nach
den einzelnen Ortschaften ausmaß, da fand man, daß die beiden
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Riesen den besten Platz gewählt hatten; denn von dem ersten
Bauplatz wäre der Weg nach Hedehusum und Utersum doch zu
weit gewesen.

-574-
Der Geist auf Blangenmoor

Auf Blangenmoor bei Eddelak in Süderdithmarschen wohnte


vor vielen hundert Jahren ein reicher Bauer namens Buhmann,
der zugleich Landmesser war. Der Mann führte ein ruchloses
Leben, hatte einen Meineid geschworen, als Armenvorsteher
Geld unterschlagen, hatte Land falsch abgemessen und sonst
noch allerhand üble Taten verübt. Deshalb fand er nach seinem
Tod keine Ruhe im Grab und mußte als Geist auf Erden
umherirren. Die Nachbarn konnten nicht schlafen, denn Nacht
für Nacht rumorte der Geist in seinem früheren Hause umher.
Da riefen sie den Pastor Hellman aus Marne zu Hilfe. Dieser
verstand sich darauf, Geister zu bannen.
Buhmann erklärte sich auch bereit, aus dem Hause zu
weichen, nur bat er, ihn aufs trockene Land zu verweisen und
nicht auf die Watten ins Haff. Denn von dort könne man niemals
wieder zurückkommen.
Der Pastor gewährte diese Bitte und verwies ihn auf die große
Heide auf der Geest, wo sich noch viele andere Geister
aufhielten. Dort sollte Buhmann einen bestimmten Platz
ausmessen. Alle sieben Jahre durfte er um einen Hahnentritt
seinem Hause näher kommen.
Eben langte der Geist an dem Ort seiner Verbannung an, als
ein Bauer von Helserdeich bei Marne mit einer Fuhre Torf von
der Geest herunterkam. Buhmann sprang gleich hinten auf. Der
Wagen wurde dadurch sehr schwer. Nur mit Mühe kam der
Bauer nach seinem Hof. Buhmann aber begann sein Poltern wie
früher, ja, er trieb,s noch viel ärger. Man rief wieder den Pastor,
der ihn abermals auf die Heide verbannte. Aber der Geist floh
nun auf einer Henne nach dem Fahrstedter Deich. Das konnte er,
weil der Pastor ihn draußen auf dem Felde zur Rede stellte, was
er nicht hätte tun sollen. Doch nicht lange darauf ertappte der
Pastor den Geist Buhmanns abermals, und zwar in einer

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Wohnstube, und fragte ihn, wie er sich habe unterstehen können,
zurückzukehren. Buhmann antwortete, er sei zu Wagen
heruntergekommen, das Fahren sei ihm ja nicht verboten
gewesen.
Da drohte der ergrimmte Pastor, ihn ins Haff zu bannen, wo
niemand ihn wieder erlösen würde. Der Geist wurde jetzt frech
und versuchte zu zeigen, daß der Pastor auch ein großer Sünder
sei: einmal habe er drei Roggenähren abgerissen. Der Pastor
antwortete, das sei unversehens mit den Schuhschnallen
geschehen, als er durch ein Feld ging. Dann beschuldigte ihn der
Geist, daß er einmal einem Bäcker einen Stollen genommen
habe, ohne zu bezahlen. Aber der Pastor erklärte, er habe das
Geld dafür gleich nachher in die Bäckerei gebracht.
"Aber", sagte der Geist, "du hast einmal ein Mädchen geküßt,
wozu du kein Recht hast."
Der Pastor entgegnete: "Das geschah aus wirklicher Liebe."
Nun wußte der Geist nichts mehr vorzubringen, und der Pastor
bannte ihn ins Haff und gab ihm auf, den Sand auf den Watten
zu zählen. Könnte er einmal damit vor Mitternacht fertig
werden, dann solle er frei sein.
Draußen im Haff, wo Buhmann umgeht, hausen noch andere
Geister, die dorthin verbannt wurden. Die armen Fischer, die auf
den Butt- und Krabbenfang ausgehen, sehen sie da oft
umherschweben. Den Buhmann, den die Fischer Juchen Knoop
nennen, sehen sie meistens an lebensgefährlichen Tiefen stehen.
Nähert sich jemand dem Geist, so weicht dieser immer weiter
zurück an noch gefährlichere Stellen.
Folgt ihm der unvorsichtige Fischer, so läuft er Gefahr, im
Schlick und Sand zu versinken, und dann kommt die Flut, und er
muß ertrinken.
Doch manchmal ist Buhmann auch gutartig: einen Fischer, der
an der fallenden Sucht litt und einmal von diesem Übel
heimgesucht wurde, als er draußen stand, während gerade die

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Flut herankam, trug Juchen Knoop ans Land zurück und rettete
ihn so vor dem sicheren Tode.
Ein anderes Mal, als unerwartet schnell eine Sturmflut
heranbrauste und ein Außendeichshirte sein Vieh nicht mehr
rechtzeitig zurücktreiben konnte, rief der verzweifelte Hirt:
"Juchen Knoop, Hal uns dat God tohop!"
Und wirklich erschien der Gerufene, und im Nu war alles Vieh
geborgen. Auch sonst ist Buhmann den Hirten in mancherlei
Gefahren beigestanden.
So muß der verbannte Geist schon Jahrhunderte sein
verdientes Los tragen, und die Menschen am Haff haben es bald
zu ihrem Nutzen, bald zu ihrem Schaden am eigenen Leib zu
spüren bekommen.

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Der Schimmelreiter vom

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Eidelstedter Deich

Vor langen Jahren setzte in Friesland nach einem strengen


Frost im Februar plötzlich warmes Tauwetter ein. Dazu gesellte
sich ein furchtbarer Nordwest, der grimmige Wogen und
gewaltige Eismassen gegen den Eiderstedter Deich trieb. Die
Küstenbewohner; sahen voll Angst dem kommenden Unglück
entgegen.
In der Nacht war der Deichgraf auf seinem Schimmel mit den
Deichleuten zu einer gefährdeten Stelle am Deich geritten und
gab ruhig und wohlüberlegt seine Befehle. Aber wenn auch
viele fleißige Menschen rastlos arbeiteten, um einen Deichbruch
zu verhindern, so mußte der Deichgraf schließlich doch
erkennen, daß alle Mühe auf die Dauer vergeblich sein werde.
Er befahl, in einiger Entfernung den Deich zu durchstechen und
die Wogen einzulassen, damit größeres Unheil verhütet werde.
Die Deichleute waren starr vor Entsetzen und weigerten sich,
seinem Befehl nachzukommen. Da fuhr sie der Deichgraf zo rnig
an: "Ich trage die Verantwortung, ihr habt zu gehorchen. "
Mürrisch führten die Leute nun den Befehl aus; als aber die
See brausend durch den Deich brach und immer größere
Landflächen bedeckte, flammte der Zorn der Menge auf, und
man bedrohte den Deichgrafen mit schrecklichen
Verwünschungen. Dieser aber gab seinem Schimmel die Sporen,
Roß und Reiter stürzten in die Flut und wurden nicht mehr
gesehen. Bald schlossen mächtige Eisschollen den Durchstich,
auch legte sich der Sturm, und die Wasser traten langsam
zurück.
Später haben nächtliche Wanderer einen Reiter auf einem
Schimmel aus dem Bruch hervorkommen sehen. Das ist der
Deichgraf, der noch immer in stürmischen Nächten den Deich
entlang reitet, als wolle er die Menschen vor einem nahen
Unglück warnen.

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Der Wassermann in der Mühle zu Steenholt

In Steenholt lebte einmal ein Müller, der das Unglück hatte, daß
ihm alle sieben Jahre seine Mühle abbrannte, immer am
gleichen Tag, und zugleich wurden jedesmal auch alle Leute
getötet, die sich in der Mühle aufhielten. Nun kam eines Tages
ein Müllergeselle daher, der gerne Arbeit haben wollte; doch der
Müller meinte warnend, er könne ihm keine Arbeit geben; in
zwei Tagen sei es gerade sieben Jahre her, daß seine Mühle
niedergebrannt sei, und an diesem Jahrestag werde sie wieder
abbrennen.
Der Geselle schlug vor, der Müller möge ihm die Mühle
schenken, dann werde sie nicht abbrennen.
Der Herr erwiderte: "Dat könnt wi versöken. Wenn em de Möl
nich upbrennt, so will ik se em schenken, un min Dochter sall he
darto hebben!"
Als nun die Nacht anbrach, blieb der Müllergeselle ganz allein
in der Mühle und verriegelte Fenster und Türen. Schlag zehn
Uhr klopfte es an die Tür. Der Müllergeselle wollte niemand
einlassen und rief:
"Hier wart hüt Nacht allens umbröcht, wat in de Möl is; blif du
man buten. "
Der Mann draußen widersprach: "Lat he mi man in; kann sin, ik
kann hüt Nacht sin Retter warren. "
Der Geselle ließ also den Fremden ein und nötigte ihn zu Tisch.
Und wie er dann Licht machte, sah er einen Mann eintreten, der
einen großen Bären bei sich hatte.
Nun schlug es Mitternacht. Da sprang plötzlich die Tür auf und
der Waterkärl (Wassermann) tappte herein, splitternackt, und
warf zwei große Fische auf den Tisch; diese sollten sie ihm
kochen. Sie brachten die Fische also ans Feuer und fingen an,
sie zu kochen.
Sobald sie gar waren, meinte der Mann mit dem Bären: "Nu
mütt ik min Gesellen da ok mit to nödigen", und nahm dem
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Bären den Maulkorb ab.
Der Bär wollte nun mit dem Wassermann essen, aber dieser war
damit nicht einverstanden. Nun begann der Bär mit dem
Wassermann zu raufen, kratzte und biß ihn und wurde seiner
Herr, so daß der ungebetene Gast zuletzt blutend wieder zum
Fenster hinaus mußte.
In dieser Nacht brannte die Mühle nicht ab. Der Müllergeselle
heiratete die Müllerstochter und bekam die Mühle dazu.
Als nun die sieben Jahre um waren, ging der Müllerknecht
einmal am Mühlteich spazieren. Plötzlich steckte der Waterkärl
den Kopf aus dem Wasser und fragte: "Hest du de grote Katt
(Katze) noch, de för säwen Jor bi di weer?"
Da erwiderte der Müller: "Ja, de liggt ünnen Awen (Ofen) und
hett säwen Junge."
Darauf knurrte der Wassermann mißmutig: "So will ik in minen
ganzen Läwen nich werrerkamen." (wiederkommen.)

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Der Werwolf von Hüsby

In Hüsby bei Schleswig wohnte eine alte, geizige Frau. Sie


setzte ihren Dienstboten wenig zu essen vor, doch Sonntags
gab's immer frisches Fleisch. Darüber wunderte sich das
Gesinde, denn die Alte kaufte doch niemals solches ein.
Ein junges Knechtlein wollte der Frau gern hinter ihre
Schliche kommen; er versteckte sich daher einmal auf dem
Heuboden, während alle anderen Hausbewohner in die Kirche
gegangen waren.
Plötzlich bemerkte er, wie die Frau einen Wolfsriemen
hervorlangte und umlegte. Gleich wurde sie zum Wolf, lief aufs
Feld und kehrte bald mit einem Schaf zurück.
"Wenn sie so leicht zum Fleisch kommt", dachte der Junge,
"so kann sie es uns wohl auch reichlicher geben." Als die Frau
das Fleisch in den Topf steckte und dabei nach ihrer
Gewohnheit seufzte: "Ach du leeve Gott, weer ik bi di!" da
stellte sich der Junge, als wäre er der Herrgott, und antwortete:
"Nu un in Ewigkeit kümmst du nich zu mi!"
"Warum denn nich, du leeve Gott?"
"Du giffst din Volk nich nog in'n Pott (Topf)."
"Ei, so will ik betern mi."
"Ja, gewiß, dat rad ik di!"
Die Frau legtte von nun an ein viel größeres Stück Fleisch in
den Topf. Der Junge konnte aber nicht schweigen und plauderte
die Sache im Dorf aus. Als die Frau an einem Sonntagmorgen
wieder, zum Wolf verwandelt, ein Schaf holte, paßten ihr die
Leute auf. Aber keine Kugel schadete ihr, bis man schließlich
eine Flinte mit einer silbernen Kugel lud. Seit der Zeit hatte die
Frau ihr Lebenlang eine offene Wunde, die kein Doktor heilen
konnte, als Werwolf aber hat sie sich nie mehr gezeigt.

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Der Wode

Den Wode haben viele Leute in den "Zwölften" (die Nächte


von Weihnachten bis zum Dreikönigsfest) und namentlich am
Weihnachtsabend ziehen sehen. Er reitet einen großen
Schimmel; ein Jäger zu Fuß und vierundzwanzig wilde Hunde
folgen ihm. Wo er durchzieht, da stürzen die Zäune krachend
zusammen, und der Weg ebnet sich vor ihm; gegen Morgen aber
richten sich die Gehege wieder auf. Manche Leute behaupten,
sein Pferd habe nur drei Beine.
Er reitet stets die gleichen Wege an den Türen der Häuser
vorbei, und zwar so schnell, daß seine Hunde ihm nicht immer
zu folgen vermögen; man hört sie keuchen und heulen. Schon
manchmal ist einer von ihnen liegengeblieben. So fand man
einmal einen von Wodes Hunden in einem Hof in Wulfsdorf,
einen anderen in Fuhlenhagen auf dem Feuerherde, wo er sich
hingestreckt hatte, ständig heulend und schnaufend, bis ihn am
folgenden Weihnachtsabend der Wode wieder mitnahm.
In dieser Nacht darf man keine Wäsche im Freien hängen
lassen. Die Hunde würden sie zerreißen. Auch soll man nicht
backen. Alle Bewohner müssen still zu Hause bleiben. Läßt man
die Türen offen, so zieht der Wode durch, und seine Hunde
verzehren alles, was sich im Hause Genießbares vorfindet.
Einst war der Wode auch in das Haus eines armen Bauern
geraten, und die Hunde hatten alles aufgezehrt. Der Arme
jammerte und fragte den Wode, wer ihm den Schaden ersetze,
den die Hunde angerichtet hätten. Wode antwortete, er werde
alles bezahlen. Bald nachher erschien er mit einem toten Hunde
und befahl dem Bauern, den Kadaver in den Schornstein zu
werfen. Das tat der Bauer, da platzte der Balg, und lauter blanke
Goldstücke fielen heraus.
Der Wode hat einen bestimmten Weg, den er alle Jahre in den
"Zwölften" reitet. Dieser führt rings um Krumesse herum über

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das Moor nach Beidendorf zu. Wenn er angebraust kommt,
müssen die Unterirdischen flüchten, denn er will sie von der
Erde vertilgen. Ein alter Bauer brach einmal spät von
Beidendorf aufund wollte noch nach Krumesse gehen, plötzlich
bemerkte er, wie die Unterirdischen dahergelaufen kamen. Sie
waren aber gar nic ht ängstlich und riefen ganz munter: "Heute
kann er uns nichts anhaben, er soll uns nur in Ruhe lassen; er hat
sich heute morgen noch nicht gewaschen. "
Als der Bauer ein Stück weiter gewandert war, begegnete ihm
der Wode und fragte ihn, was die Kleinen gerufen hätten. Der
Bauer erwiderte, sie hätten gesagt, er habe sich heute morgen
nicht gewaschen und könne ihnen daher nichts Übles antun. Da
hielt der Wode sein Pferd an, stieg ab und wusch sich. Dann
sprang er wieder auf sein Roß und jagte den Unterirdischen
nach. Nicht lange nachher sah der Bauer den Wode wieder
zurückkommen; er hatte die armen Kleinen an ihren langen
Haaren zusammengebunden und an jeder Seite des Pferdes
mehrere von ihnen hängen. So grausam hat Wode die
Unterirdischen verfolgt. Heute sind sie alle verschwunden.
Deshalb jagt der Wode nun nicht mehr auf der Erde, sondern
oben in der Luft.
Der Wode ist in Schleswig- Holstein immer noch weithin
bekannt; deshalb schließen viele Leute in der Weihnachtszeit die
Türen vor ihm zu.

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Der alte Jakob

In alten Zeiten war die ganze Strecke zwischen Schrevendorf


und Röpstorf bebaut und ein Dorf. Damals wohnte in
Schrevendorf in dem alten Bauernhause nahe am Bornbrook, der
früher ein See war, ein Bauer, der hieß der alte Jakob.
Als nun einmal um Fastnacht zwei Lübecker Herrn kamen, um
die Abgaben zu holen, waren sie im Dorfe gerade im besten
Zuge bei der Fastnachtsgilde und dachten nicht ans Bezahlen,
sondern trieben mit den Abgesandten ihren Spott. Diese aber
wurden ungeduldig. Da sagte der alte Jakob, daß er sie bald
bezahlt machen wollte. Er schnitt dem einen seinen langen Bart
weg und stopfte den in den Sack des anderen, und dessen Bart
keilte er im Pfosten fest; da hatten sie gute Bezahlung. Die
Lübecker aber schwuren dafür Rache.
Bald kamen ihre Soldaten und brachen das ganze Dorf, Haus
bei Haus, nieder. Als sie sich aber auch an des alten Jakobs
Haus machen wollten, da trat er in die Tür, hieb seine Axt tief in
den Pfosten -- der Hieb ist da noch zu sehen -- und sprach: "Das
Haus ist mein, ihr Lübecker Herrn. Und wem das Leben lieb ist,
der komme mir nicht heran. So gewiß keiner von euch die Axt
da wieder herauszieht, so sicher wird sie jeden treffen, der noch
einen Schritt tut."
Da wagte niemand, Hand an das Haus zu legen. Die Lübecker
zogen wieder davon, und Jakobs Haus steht noch bis auf diesen
Tag. jetzt ist neben diesem Hof eine lange schmale Koppel. Man
nennt sie heute noch die "Höfe", weil früher dort die Häuser
standen.
Später kamen Röpstorf und Schrevendorf an einen Herrn von
Pogwisch. Der war nicht damit zufrieden, daß die Bauern ihm
nur die Hoftage taten, sondern er verlangte alle ihre Ländereien
noch dazu. Der alte Jakob aber sagte, er hätte seine Pflicht
geleistet, und mehr könnte die Herrschaft nicht verlangen; sein

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Land gebe er nicht her. Der Edelmann drohte, aber Jakob gab
nicht nach. Da ließ der Herr die Fischteiche öffnen, und Jakobs
Haus ward von einem See umgeben. Er aber angelte zum
Fenster hinaus, und sooft der Edelmann auch nach Schrevendorf
kam und dann von dem Hügel aus, den man noch zeigt, mit
Jakob verhandelte, so blieb der doch immer beim alten und gab
nicht nach. Da mußte endlich der Edelmann nachgeben und dem
Bauern seine Ländereien lassen.

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Der liebe Gott und der Teufel

Unser lieber Herrgott und der Teufel gingen einmal


miteinander über Feld. Da begegnete ihnen ein Mann und grüßte
höflich. Der li