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Auf dem Jakobsweg

Ein Tagebuch

von

Silvia Fischer

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Vorwort

Marie kann nicht von sich selbst sprechen. Das heisst, sie kann nur in der
dritten Person von sich selbst sprechen. Und das will sie hiermit tun.
Sie hatte schon lange vorher von Menschen gehört, die den Jakobsweg
gegangen waren, aber für sie hat es nie angestanden – bis auf einmal in
diesem Jahr. Eigentlich wollte sie bis nach Portugal, um eine Freundin zu
besuchen. Und das mit dem Fahrrad. Schon im letzten Jahr hatte sie ein
Trekkingrad und ein paar Gepäcktaschen eigens für diesen Zweck gekauft
und nun im Frühjahr, als es warm genug geworden war, brach sie auf.
Quasi von einem Tag auf den anderen. Aber sie war es gewöhnt,
aufzubrechen. Das Reisen war ihre wahre Heimat.
Sie packte ihre sieben Sachen zusammen, das, was sie glaubte, auf der
Reise zu brauchen, stopfte es in die Gepäcktaschen und es ging los.

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Auf dem Jakobsweg

Ostermontag, den 9. April 2007

Marie fuhr mit dem Zug nach München. Den vorherigen Zug hatte sie um
genau 15 Minuten verpasst. Dafür besuchte sie Schloss Beuggen, wo sie
immer schon mal hinwollte, seitdem sie davon gehört hatte. Es gehört der
evangelischen Landeskirche.
Dort fand sie einige Plakate mit Veranstaltungen über den Jakobsweg.
Sowieso fühlte sie sich, als wäre sie heute schon auf den Jakobsweg
gegangen. Ihr rechtes Auge schmerzte, wenn sie draufdrückte, als wäre
sie gerade noch mit einem blauen Auge davongekommen.
Im Bahnhof sah sie einen Buchtitel „Zwei wie Himmel und Hölle“.

Mittwoch, den 11. April 2007

Letzte Vorbereitungen. Wegen des Fahrradkorbs, den sie mal gekauft,


aber nicht geschafft hatte, selbst zu montieren, fuhr Marie zum Radldoktor
- wie er sich selbst nannte -, der ihr immerhin sagte, was sie bei ihrem
neuerlichen Versuch falsch gemacht hatte, so dass sie es mit einiger Mühe
dann doch noch selbst hinkriegte. Hätte sie es machen lassen, wäre das
Fahrrad bis 18 Uhr weg gewesen und sie hätte nicht losfahren können wie
sie eigentlich beabsichtigte.
Auf dem Weg an der Ampel ein Aufkleber mit den Worten „Der Lohn der
Sünde ist der Tod“.

Bei ihrer neuen Freundin, bei der sie übernachtet hatte, schrieb sie ihr
Testament wie das so üblich ist vor dieser Pilgerreise. Dann schmierte sie
sich noch ein paar Brote als Reiseproviant - und weg.
Am Tag zuvor war sie in der Bibliothek gewesen und hatte geschaut, wo
der Jakobsweg von München aus verläuft. Sie hatte ein paar Seiten aus

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einem Heft kopiert, in dem die Orte als Zahlen notiert waren, zu denen es
im hinteren Teil weitere Informationen gab, die Marie jedoch nicht
kopierte. Bei manchen Zahlen stand immerhin der Name der Ortschaft
dabei. Von München ging es erst mal bis Rohrschach.
Sie hatte gelesen, dass es im Kloster Schäftlarn
Übernachtungsmöglichkeiten gäbe, so war dies ihr erstes Ziel.

Der Weg führte entlang der Isar und die Freude war gross, als Marie den
ersten Wegweiser mit der Jakobsmuschel entdeckte, von dessen Existenz
sie eben am Tag zuvor in dem Heft erfahren hatte. 2004, als das Heft
geschrieben wurde, war es wohl noch verboten, die Schilder in der Stadt
anzubringen, aber anscheinend hat sich doch jemand erbarmt, denn jetzt
waren sie zahlreich zu finden.
Als sie aus der Stadt herausfuhr, in der sie so viele Jahre gelebt hatte, war
ihr, als würde sie diese alte Zeit hinter sich lassen, einfach an den alten
Schauplätzen vorbeifahren und sie vergessen – aus und vorbei.
Sie kannte die Strecke, war sie letzten Sommer mit kleinen Abweichungen
mit einer Bekannten gefahren-. Was ihr auffiel, waren die Baumfällarbeiten
rechts und links des Wegesrands. Hier wie andernorts schlicht ein
Desaster. Ein Bild des Grauens. Lauter abgesägte Äste lagen wie Müll
herum und erinnerten an ein Schlachtfeld. In Wahrheit ist das ein
Schlachtfeld. Der Feldzug gegen die Natur.
Für Marie können Motorsägen sowieso als ein Fluch bezeichnet werden. So
wäre es einen Segen für die Menschheit, keine solchen mehr zu benutzen,
sondern nur noch – wie früher - Handsägen. Nur damit hat der Mensch die
Chance, sich darüber bewusst zu werden, was er tut, nämlich im Grunde
ein Lebewesen in den Tod führen.

Marie kam in Schäftlarn tatsächlich unter. Die Klosterschänke war ein


verräucherter Pfuhl genau wie viele andere Klosterschänken auch.
Auf einem Schild zur Geschichte des Klosters erfuhr Marie, dass das
ehemalige Benediktinerkloster schon früher wirtschaftlich arbeiten sollte.
„Was hat ein Kloster mit Wirtschaftlichkeit zu tun?“ fragte sich Marie.
„Gottsuche in der Wirtschaft?“

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Donnerstag, den 12. April 2007

Heute fuhr Marie weiter, erst nach Ebenhausen, wo sie leider den Fussweg
nahm und sich den steilen Berg hinaufplagte. Über die Strasse wäre es
einfacher gewesen.
Oben verlor sie die Beschilderung aus den Augen und fuhr falsch bis sie
umdrehte und den richtigen Weg fand. Sie kam kurz am Starnberger See
vorbei und dann zum Ammersee, wo sie sich bei strahlendem
Sonnenschein ins Gras legte, um sich etwas auszuruhen.
Im Dorf hinter Herrsching war das Schild falsch angebracht und führte sie
in die Irre, was jedoch nicht weiter schlimm war, denn sie fand einen
anderen Weg und kam bald nach Inning, wo eine frühere Freundin von ihr
wohnte. Marie kam genau in dem Moment zu ihrem Haus, als diese gerade
zum Auto ging. Anna war baff erstaunt, denn ihre Klingel funktionierte
nicht und wäre sie nicht just in diesem Moment zum Auto gegangen,
hätten sie sich nicht gesehen. Sie war gerade auf dem Weg zu einem
Termin, wollte jedoch in einer Stunde zurück sein. Marie durfte sich so
lange in den Garten setzen. Was für eine Wohltat, im Liegestuhl zu liegen!
Als sie wiederkam, lud sie Marie ein, bei ihr zu übernachten und sie
tranken zusammen Tee, kochten etwas und tauschten Neuigkeiten aus. Es
war eine grosse Freude für beide, sich nach diversen Jahren wieder zu
begegnen.

Freitag, den 13. April 2007

Heute fuhr Marie nach gemeinsamem Frühstück auf der Gartenterrasse


los. Wunderschöne Landschaft zuerst am Ammersee, dann auf dem Weg
bis Wessobrunn und Hohenpeissenberg. Marie war begeistert.

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Kurz vor einem steilen Aufstieg mit Treppen auf dem König-Ludwig-Weg
sagten ihr Leute bescheid, was ihr bevorstand. Die ganzen vorherigen
zehn Kilometer hatte sie gerade einmal zwei Leute gesehen. Aber just in
dem Moment, in dem sie das erste Mal beim Fahrrad hochschieben
stockte, kam ein Mountainbiker dahergefahren und eilte ihr zu Hilfe. Er
schob ihr schwer bepacktes Fahrrad und sie sein hyperleichtes Bike.
Alleine wäre sie am Ende gewesen.
In Hohenpeissenberg schaute sie erst auf dem Stadtplan, der ausgehängt
war nach Übernachtungsmöglichkeiten und dann in einer Eisdiele in einen
Prospekt. Sie hatte nämlich keinen Reiseführer dabei, das war ihre
Spezialität. Seit einigen Jahren reiste sie ohne Reiseführer.
Die erste Pension liess sich nicht finden, die zweite wollte diese Nacht
keinen Gast, schickte sie jedoch weiter die Strasse hinauf, wo sie dann ein
noch günstigeres Zimmer bekam. Von der Terrasse aus hatte man/frau
einen herrlichen Blick auf das Alpenpanorama. Dergleichen hatte Marie
noch nie gesehen.

Samstag, den 14. April 2007

Am Morgen machte sie einen Abstecher nach Schongau. Sie entdeckte ein
lustig eingerichtetes Lokal mit einem Samstagbrunchbuffet. Das wurde
sich einmal geleistet. Früchte, Croissants, Brote, Müsli, alles, was das Herz
begehrte, sogar ein warmer Nudelsalat war dabei. Es war ein richtiges
Fest.
Eine der Buchhandlungen hatte interessante Bücher, sogar eines über den
Münchner Jakobsweg (!), es machte jedoch gerade zu, so dass Marie
gerade möglich war, sich die nächsten Orte des Jakobsweges zu merken:
Rottenbuch, Wies und Bernbeuren.
Das war sehr hilfreich, denn in Hohenpeissenberg stand, dass der König-
Ludwig-Weg von hier ab über viele Brücken gehe und nicht für Fahrräder
geeignet sei. Dafür gab es einen gut beschilderten königlichen Radlweg
als Alternative. Die Tour war herrlich und führte nach Wies zur
gleichnamigen Kirche, die eine weltbekannte Wallfahrtskirche ist. Sie ist

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im Rokokostil gehalten und vollständig restauriert und gehörte zur
schönsten Kirche, die Marie je betreten hat.
Sie kam um 17:00 Uhr an und just in dem Moment begann eine Führung
durch den amtierenden Pfarrer. Was für ein Timing! Er erzählte, dass von
der Figur des gegeisselten Jesus einmal Tränen gesichtet wurden, weshalb
die Kirche gebaut wurde und nun unzählige Gläubige und Touristen
dorthin pilgern. Es waren ganze Busse mit Japanern da, die die Kirche im
Zusammenhang mit den Königsschlössern besuchen.
Irgendwie gefiel Marie der Ort mit seinen dreissig Einwohnern und sie
wollte gerne bleiben. Sie bekam ein Zimmer in einer Ferienwohnung eines
Bauernhauses, so dass sie sich nicht nur ihre Brote anständig schmieren,
sondern auch einen Tee kochen konnte.

Sonntag, den 15. April 2007

Am Morgen war Gottesdienst, in dem über die zu vertretende Wahrheit


und über den Jünger Thomas gesprochen wurde. Er wurde hier in einem
vollkommen positiven Licht dargestellt. Thomas werde allgemein als der
Ungläubige bezeichnet, das stimme jedoch nicht. Er habe Fragen gestellt.
Und diese Fragen waren in den Augen des Pfarrers wertvoll. Wir könnten
dankbar sein für diese Fragen. Am Ende sei es Thomas gewesen, der das
einzig wahre Glaubensbekenntnis ausgesprochen habe. Die anderen
Apostel hätten immer nur die Wahrheit, die von Jesus kam, weitergesagt.
Was der Pfarrer noch sagte, war: „Schreibt auf, was Ihr seht“.

Montag, den 16. April 2007

Nach dem Frühstück ging es weiter nach Kempten. Bei den zehn
Kilometern durch den Wald fiel Marie auf, dass es hier nichts gab ausser
Fichten. Fichten über Fichten. Und dabei mangelte es dem ursprünglichen
deutschen Wald sicher nicht an Artenvielfalt. Wieso kam der Mensch bis
heute nicht darauf, da wo er nun schon einmal die ursprüngliche Natur

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vernichtet hat, sie wenigstens wieder so weit es geht wiederherzustellen,
in dem ihr nachempfunden wird?
Das betrifft auch den vielgerühmten Bio-Treibstoff. Hier werden in
grossem Umfang die letzen Paradiese der Welt vernichtet, Regenwälder
mit einer ungeheuren Artenvielfalt, Lebensräume für Millionen Tiere und
Pflanzen, um wiederum Monokulturen zu erschaffen, die dem Wahnsinn
„mobile Gesellschaft“ dienen sollen.
Abgesehen davon fragte sich Marie, wie Pflanzenöl so viel gesünder sein
soll, wenn es um ein Vielfaches mehr stinkt wie herkömmlicher Treibstoff
und dazu noch zehn Mal so lange braucht bis er verfliegt.

Nach Kempten ging es nach Buchenberg, diesmal mit Landkarten von der
Umgebung aus der Touristeninformation. Wieder gab es Schwierigkeiten
mit der Zimmersuche. Marie brauchte gute zwei Stunden, um etwas zu
finden, dafür bekam sie etwas Nettes kurz bevor es dunkel wurde, ein
Notzimmer sozusagen bei der Schwiegermutter eines Ehepaares mit einer
voll belegten Pension.

Dienstag, den 17. April 2007

Vor der Kirche in Weitnau stand:

Erlöst sein

Im Kreuz
Ist alles eins Leben und Tod,
Oben – unten Gut und Böse,
Links und rechts Gott und Mensch.
Du bist erlöst, Lass dich einen
wenn alles in dir Mit dem EINEN
eins ist: Und du wirst

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Auf nichts mehr Böse sein

Und ein irischer Segensspruch:

Möge der Weg dir nicht zu lang werden


Der Wind niemals gegen dich stehen
Sonnenschein dein Gesicht bräunen
Wärme dich erfüllen
Der Regen möge deine Felder tränken
Not dein Haus verschonen
Und bis wir uns wiedersehen
Halte Gott dich schützend
In seiner Hand

Heute fuhr Marie bis nach Lindau. Es war wieder herrliches Wetter
gewesen, der siebte Tag nur Sonnenschein ohne eine Wolke am Himmel.
Was Marie dabei allerdings auffiel: es gab viel zu wenig Schatten
spendende Bäume auf dem Weg.

Marie besuchte die Scheidegger Wasserfälle, aber sie war sehr enttäuscht.
Wieder mal herrschte die Manie, einen Vergnügungspark aus dem
herrlichen Stück Natur machen zu wollen. Wäre die Natur so belassen
worden wie sie ist und nur die Wege instand gehalten, wäre das ein
phantastischer Platz gewesen, aber so...
Ein passendes Schild hing in den Bäumen: Der Himmel ist schön, weil es
hässliches gibt. Das Gute ist gut, weil es Böses gibt.

In Lindau rief Marie zwecks Übernachtung eine Frau an, die sie kannte. Sie
durfte kommen. Diesmal war deren Freund da. Ein recht sympathischer
Kerl, ein Musiker. Sie unterhielten sich Stunden.

Mittwoch, den 18. April 2007

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Da Marie mit ihren beiden Gastgebern frühstückte, wurde es ziemlich spät
bis sie losfuhr. Michael erzählte, dass er einmal mit seiner Tochter
zusammen Musik gemacht hätte und gleich hätten die Nachbarn die
Polizei gerufen. „Wenn Motoren laut sind, zählt das nicht als Lärm, wenn
man Musik macht schon. Es ist einfach manches verkehrt in Deutschland“,
meinte er missmutig.

Heute war es den ersten Tag bewölkt und alles sah trist aus. Am
Bodenseeufer in Österreich Schilder mit der Aufschrift: „Militärisches
Gelände... Lebensgefahr...“.
In Bregenz schien alles verbaut, das ganze Seeufer jedenfalls, die Häuser
hässlich und unschön anzusehen. Doch auf einmal kam wieder mehr Natur
und sogar ein Naturschutzgebiet.
Dann ein Kanal mit schwarzer stinkender Brühe, in dem Wasser mit
Schaum aus einer Fabrik zugeleitet wurde. Ein Stück weiter der Gipfel:
„Internationale Rheinregulierung“, ein sicher mal schöner Fluss künstlich
gerade gemacht, führte ohne Würde in den Bodensee hinein. Alles war
begradigt und eingedämmt worden und kein einziger Baum umsäumte das
Wasser. „Wird gewaltsam in die Natur eingewirkt, so ist dies fast immer
ein Verbrechen“, ging Marie durch den Kopf.
Doch dann kam die Entschädigung: das Rheindelta. Ein grosses
Naturschutzgebiet an der Mündung des Rheins in den Bodensee war an
Schönheit kaum zu überbieten. Der Weg führte durch riesige Schilf- und
Wasserlandschaften zur Rechten und Auwälder und Wiesen mit blühenden
Bäumen zur Linken.
Sowieso waren die Bäume am Bodenseeufer schon fast alle
ausgeschlagen, im Gegensatz zu den noch kargen Genossen im Allgäu.

In der Schweiz dann Fahrrad- und Fussgängerwege, meist strikt getrennt.


Der Fahrradweg war zumeist ein ganzes Stück vom See entfernt und
asphaltiert, manchmal mit Zäunen rechts und links versehen, so dass
man/frau sich fühlt wie in einem Käfig... Marie fand sowieso, die Schweizer
hätten eine Zaunmanie.

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Manchmal lief sie den Wanderweg direkt am See entlang, der viel schöner
war wie der Fahrradweg. Sie fühlte sich mit dem Fahrrad regelrecht vom
See verbannt. In Rohrschach fragte sie, ob es eine Jugendherberge in
Romanshorn gäbe, denn sie hatte entschieden, für ein paar Tage eine
Gemeinschaft am schweizer Bodenseeufer zu besuchen, in der sie mal
kurz gewohnt hatte. Es gab eine Herberge dort und so fuhr sie noch hin,
obwohl sie viel weniger schön war als diejenige in Rohrschach.

Donnerstag, den 19. April 2007

Diesmal ging es weiter bis nach Konstanz wieder mal auf dem Fahrrad-,
mal auf dem Wanderweg. Endlich erfüllte sich Maries lange gehegter
Wunsch, die Inseln Reichenau und Mainau zu besuchen. Auf der Insel
Reichenau waren die ersten Salatbeete zu bestaunen neben anderen
Gemüsebeeten und unzähligen Gewächshäusern; auf der Insel Mainau
aussergewöhnliche Bäume aus verschiedenen Teilen der Welt, kunstvoll
angelegte Blumenrabatten und neben vielem anderen eine Menge an
Orchideen in einer speziellen Ausstellung.
Marie rief dann bei einer Bekannten an, deren Telefonnummer sie im
Telefonbuch gefunden hatte. Sie durfte dort auf dem Speicher
übernachten. Es war ein freudiges Wiedersehen nach fast drei Jahren.

Dienstag, den 24. April 2007

Marie nahm sich eine Auszeit für drei Tage in einer Gemeinschaft am
Bodensee und fand in der Zeit einige interessante Zitate:

There is no way to happiness


Happiness is the way
The Buddha

Es ist ein grosses Glück,

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wenn jemand fähig ist,
sich freuen zu können
G. B. Shaw

Wenn du die Menschen glücklich


machen willst, dann beschenkte
sie nicht sondern nimm ihnen
einige ihrer Wünsche.
Epikur

Um zu wissen, dass der Weg das Ziel ist,


muss man meist sehr weite Wege gehen.
Adolf Muschg

Mittwoch, den 25. April 2007

Wieder mal blauer Himmel, nachdem er mehrere Tage durch Chemtrails


vernebelt war.

Tief berührt war Marie von der Pilgerherberge in Märstetten: von der
liebevollen Aufnahme, den vielen Büchern mit Informationen und vielen
anderen Details. Essen und Getränke durfte man nach Lust und Laune
Nehmen und sonst war alles da, was man/frau braucht.
Marie verbrachte Stunden damit, in den Büchern und Karten zum
Jakobsweg herumzustöbern.
Sogar eine Badewanne war vorhanden und so nahm Marie erstmal ein
Erholungsbad. Sie war alleine, obwohl sonst fast jeden Tag eine Person da
war. Alles war wieder sehr sauber und ordentlich, da schlagen die
Schweizer alle(s). Es war ein Ort, um sich zu Hause zu fühlen. Und den
heissersehnten Pilgerpass, den Marie aufgrund ihres überraschenden
Aufbruches noch nicht hatte, bekam sie auch.

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Genauso berührt war sie vom Benediktinerkloster in Fischingen und ganz
speziell von der St. Idda-Kapelle. Als sie die Kirche betrat, begann jemand
gerade auf der Orgel zu spielen, eine wunderschöne Melodie – wie auf
Bestellung.
Im Klostergang eine Ausstellung mit wunderschönen Bildern von den
verschiedensten Blüten. Im Anschluss ging es weiter nach Steg, was mit
einem steilen Aufstieg auf 954m Höhe am Huftegg-Pass verbunden war.
Marie verfuhr sich auf dem Weg nach Rapperswil, kam aber dennoch gut
an und landete wohlbehütet in der Jugendherberge.

Donnerstag, den 26. April 2007

Am See lag ein idyllisches Naturschutzgebiet mit viel Schilf und brütenden
Vögeln, sogar direkt neben der Autobrücke – ein Phänomen. Marie lief
nämlich die viel schönere Fussgängerbrücke Richtung Pfäffikon entlang.
Zwischendurch eine Holzwand mit Guckstreifen, durch die man/frau
hindurchschauen kann ohne von den Vögeln gesehen zu werden. Wieder
ein Hinweis auf die Wichtigkeit von extensiv genutzten Wiesen statt
intensiv genutzten durch die viel höhere Artenvielfalt. In der Schweiz
werden extensiv genutzte Wiesen bezuschusst. Auf ihnen wächst ein
Vielfaches an Pflanzenarten und lebt ein Vielfaches von Tieren. Was für
eine fortschrittliche Gesinnung die Schweizer doch haben!
Im Gegensatz dazu kam Marie beim Aufstieg in Richtung Etzel an einem
Garten vorbei, in dem mit der Motorsäge geschnitten wurde, was das Zeug
hält. Abgesehen von dem Lärm, an dem im Umkreis alle teilhaben durften,
wurde Marie gewahr, dass bei Benutzung einer Motorsäge die Achtung vor
der Natur verloren geht.

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Dann kam also der Anstieg zum Etzel. Unten stand ein Schild „512
Höhenmeter auf 8 km“. Es zog sich auch wirklich hin.
Von oben gab es wieder eine atemberaubende Sicht bei strahlendem
Sonnenschein und just als Marie dachte, jetzt hätte sie gerne eine frische
Flasche Sprudel, sah sie einen Getränkewagen, der vor ihr anhielt.
Ausnahmsweise verkauften sie ihr eine einzelne Flasche. Der Fahrer
erzählte, dass der Wechselkurs vom Franken zum Euro früher 1,40
gewesen wäre und jetzt 1,66. Deshalb wäre die Schweiz nun günstiger für
die Deutschen geworden und sie hätten das Gefühl, etwas für ihr Geld zu
bekommen.

Auf der Teufelsbrücke setzte sich Marie auch wirklich ein Teufel in den
Nacken. Sie schickte ihn jedoch gleich wieder dahin zurück, woher er
gekommen war. Und er ging.
Dann ging es runter nach Einsiedeln. Das Kloster war für Marie
enttäuschend. Erstens die automatischen Glasschiebetüren, die aufgingen
wie im Kaufhaus als sie in die Kirche trat, dann die Toiletten, für die 50
Rappen einzuwerfen waren wie auf Bahnhofstoiletten. Marie schien, die
vielen Wallfahrer sind dem Ort zu Kopf gestiegen.
Im Alpthal übernachtete Marie in einer privaten Pilgerunterkunft bei einer
Familie. Im Ort war eine der Santa Apollonia geweihte Kirche. Es heisst, sie
könne bei Zahnproblemen helfen.
Da Marie gerade ernstzunehmende Zahnschmerzen bekommen hatte, die
von einer Wurzelentzündung herrührten (ihre Zahnärztin wollte den Zahn
aufgrunddessen schon ziehen), probierte sie die Sache mit der Heiligen
Apollonia einmal aus. Und siehe da, ihr wurde von der Heiligen empfohlen,
die Entzündung mit Essig herauszuziehen wie ihr eine Bekannte schon
vorher einmal geraten hatte – und: es wirkte! Nach drei Tagen waren die
Zahnschmerzen weg und in Deutschland werden einem bei einer
Zahnentzündung normal die Zähne gezogen – ohne Pardon. Kein Mittel in
Sicht, heisst es.

Freitag, den 27. April 2007

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Beim Frühstück erzählte die Bauersfrau, ihr Mann habe mit 43 Jahren nicht
mehr gehen können. Vier verschiedene Ärzte hätten ihm eine Operation
empfohlen.
Er habe dann den Tip bekommen, auf tierische Produkte zu verzichten und
auf Zucker. Nachdem er dies eine Woche durchgehalten hatte, konnte er
schon wieder gehen. Vorher war er nur zwischen Bett und Stuhl hin und
hergewandert und sonst nichts. Er könnte auch wieder Langlauf
unterrichten, was er vorher aufgrund der Schmerzen abgesagt hatte.
Später unternahm er Touren mit zehn Stunden Wanderung am Tag.
Auch bekam Marie den Tip, mit der Fähre nach Beckenried zu fahren, denn
der Aufstieg nach Emmeten sei mit dem Fahrrad definitiv zu steil. Und sie
könne die Fähre von Gersau nehmen, diese führe öfter. Und: sie könne von
hier aus doch mit dem Fahrrad weiterfahren, es gäbe noch eine andere
Möglichkeit als den Jakobsweg. Auf der Wanderkarte, die sie im Dorf
gesehen hatte, sah es nämlich so aus, als wäre die Tour mit dem Fahrrad
unmöglich.
Es waren insgesamt 500 Höhenmeter hinauf bis zum Hagenegg, dessen
Passübergang auf 1.414 m Höhe liegt. Der Aufstieg war überhaupt kein
Problem. Marie erwartete ein herrliches Bergpanorama zu beiden Seiten
des Berges bis hinunter zum Vierwaldstättersee. Runter ging es steil und
Marie hielt ab und zu an, um die Hände vom langen Bremsen etwas zu
entspannen, aber das war es auch an Schwierigkeit.

In Schwyz schaute sie sich die angeblich schönste Barockkirche der


Schweiz an und
besuchte auch ein Einkaufszentrum, um nach ein paar Sachen zu schauen,
darunter auch nach einer Fahrradkarte. Marie stellte jedoch fest, dass die
Strecke, die sie eben gefahren war, gar nicht als Fahrradstrecke
ausgezeichnet war, was brauchte sie also ein Fahrradkarte? Sie nahm
dann die Fähre, wie ihr empfohlen worden war und fuhr von Beckenried
aus mal auf der Strasse und dann wieder auf dem Jakobsweg, der hier
befahrbar war.

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Irgendwann wies ein Schild auf ein „Pilgerstübli“ hin und als Marie um eine
Ecke bog, sah sie Tische und Bänke hinter offenen Türen und ging hinein.
Es gab heisses Wasser, Kaffee, Tee und gekühlte Getränke. Marie machte
sich über die Fertigsuppen her, bevor sie zum Tee überging.
Es gab Texte über das Pilgern und über den Jakobsweg zu lesen. Im Hof
vor dem Stübli spielte ein zweijähriger Junge und als sich sein Grossvater
auf die Bank vor dem Haus setzte, gesellte sich Marie zu ihm. Sie hatte
gelesen, dass es Übernachtungsmöglichkeiten für bis zu 17 Personen gab,
also fragte sie nach einer Unterkunft und bekam ein Zimmer zu einem
günstigen Preis. Es war inzwischen nämlich schon acht Uhr geworden und
Marie hatte es ehrlich gesagt langsam gelangt. So war sie froh über diese
Unterkunft; sie kam ihr wie gerufen. Noch dazu durfte sie sich heisses
Wasser nehmen so viel sie wollte, bekam einen Teller und Besteck und
durfte das Gartenhäuschen benutzen, in dem sie ihre Brote zubereitete,
die sie draussen vor der immer dunkler werdenden Bergkulisse ass.

Es gingen viel mehr Deutsche auf dem Jakobsweg als Schweizer, hatten
die Herbergseltern erzählt. In der Tat sind die Deutschen den Statistiken
nach die drittgrösste Pilgergruppe nach den Spaniern und den Franzosen.

Sonntag, den 29. April 2007

In Flüeli machte Marie länger Halt und schaute sich die angenehm einfach
gehaltenen Kapellen an. Besonderen Eindruck hinterliess die Stube, in der
Nikolas von der Flü, der schweizer Nationalheilige im 15. Jahrhundert
gelebt hat, nachdem er erst ein vollkommen bürgerliches Leben geführt
und zehn Kinder gezeugt hatte.
In einem der Hefte mit den Schriften von Bruder Klaus, wie er genannt
wird, stand, es wäre verderblich, mit seiner Macht anderen Angst zu
machen.
Es ging dann weiter den Brüningpass hinauf die Veloroute entlang, die auf
schönem ruhigen Weg abseits des Wochenendausflugmassenverkehrs an
der Bahn entlangführte. Ein wahrer Segen für Radfahrer.

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Das Naturfreundehaus, in dem Marie als nächstes übernachtete, kann sie
nicht so ohne weiteres weiterempfehlen, zum einen wegen des recht
hohen Preises, zum anderen wegen den Herbergseltern. Marie empfand
sie als wenig pilgerfreundlich. Ihr schien, sie machten sich beide über das
Pilgern lustig. Er wartete mit einer Reihe von doofen Sprüchen auf. Am
Ende wünschten beide teuteuteu für die Reise.
Als Marie den Gastherrn fragte, was es mit den Naturfreunden noch auf
sich habe, meinte er: „Nichts mehr. Das ist nur der Name“.
In einem alten Verzeichnis der Naturfreundehäuser in Deutschland von
1989 stand, dass die Bewegung 1885 in Wien begonnen hatte und sich
rasch auf Deutschland und die Schweiz ausweitete, 1933 unter Hitler
jedoch verboten wurde. Sie war nämlich nicht nur umweltfreundlich,
sondern auch sozialistisch eingestellt und wurde von der arbeitenden
Bevölkerung getragen. Arbeit spielte eine wichtige Rolle und das wäre,
was die Leute heute nicht mehr wollten, meinte der Gastherr. Deshalb
würde auch bei den Naturfreunden nichts mehr passieren.
Marie fühlte sich dort jedenfalls keinen Augenblick willkommen.

Dafür war der weitere Weg auf der Veloroute 9 ein Gewinn. Erst ging es
Richtung Hasliberg, ein ganzes Stück auf der Höhe entlang mit einer
herrlichen Sicht auf die umliegenden Berge, darunter Eiger, Mönch und
Jungfrau. Zudem war recht wenig Verkehr im Gegensatz zur
Brüningpasstrasse, auf der sich schon in der Früh um zehn etliche
Motorrad- und Autofahrer tummelten. Eine wahre Wohltat, davon
wegzukommen.
Dann kam Marie an den Giessbachfällen vorbei, grossen und gewaltigen
Wasserfällen, die alleine schon den Weg wert waren, der sich angenehm
als Kiesweg den Berg entlangschlängelte.

In Iseltwald, diesem wirklich malerischen Dörfchen am Brienzer See,


begann es gerade zu regnen, als Marie ankam, sie fand jedoch Schutz,
indem sie sich auf eine Bank unter einen Baum setzte.

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Im Vorbeifahren hatte sie einen Pilger mit einem Wäschekorb auf dem
Rücken und der Jakobsmuschel an der Seite mit einem älteren Pärchen
sprechen sehen. Sie traute sich jedoch nicht, ihn anzusprechen.
Als es gar nicht mehr aufhören wollte zu regnen, entschloss sich Marie,
weiterzufahren, da in unmittelbarer Nähe schon seit einiger Zeit die Sonne
schien.
Ein ganzes Stück später traf sie auf Udo, der von Konstanz aus
losgewandert war. Er sprach sie an. Sie begleitete ihn bis nach Interlaken
den Weg am Ufer des Brienzer Sees und der Aare entlang. Sie trafen auch
das Ehepaar wieder, mit dem er gesprochen hatte und suchten
zusammen das im Reiseführer erwähnte Nichtraucher-Backpackerhostel
Villa Sonnenhof. Hier war alles sauber und angenehm im Gegensatz zu
dem billigeren Pendant, in dem sie kurz vorbeigeschaut hatten.
Udo und Marie gingen zusammen Einkaufen und kochten etwas in der
Selbstversorgerküche, die rege benutzt wurde. Udo erzählte beim Essen
fast sein ganzes Leben, angefangen von seiner Familie mit drei Kindern bis
hin zur Psychiatrie noch im Februar. Im Januar hätte dort eine Frau einen
Vortrag über den Jakobsweg gehalten, woraufhin er sich entschloss, den
Weg zu gehen. Er habe am nächsten Tag nach seiner Entscheidung
Knieprobleme bekommen, die mit zehn Akupunkturbehandlungen jedoch
kurz vor seiner Abreise verschwunden wären. Er war mit seiner Partnerin
schon einmal vier Wochen auf dem Jakobsweg in Spanien unterwegs
gewesen und hatte mit ihr zusammen Musik gemacht. Jetzt sei es jedoch
auseinander gegangen. Sowieso sei alles weggebrochen im letzten halben
Jahr, seine Arbeit, seine Wohnung, seine Partnerin...
Er bekam dann auch keine Wohnung aus der Psychiatrie heraus. Nur über
einen Freund gelangte er befristet an eine Ferienwohnung. „Seit zwei
Wochen bin ich jetzt unterwegs“.
Auch habe er nicht geschafft, seine Lebensaufgabe zu erfüllen, die für ihn
darin bestanden hätte, seine Familie zusammenzuhalten. Er war
gescheitert und sah sich nun als Versager.

Marie berührte das zutiefst. Sie sah, viele kamen in guter Absicht auf die
Erde und waren gescheitert. Sie waren in den Strudel des herrschenden

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Systems geraten und Opfer jener dunklen Mächte und Kräfte geworden,
die dieses System beherrschen. Sie haben diese Kräfte unterschätzt und
sich ihnen – unwissentlich – ausgeliefert und verloren.
Auch diejenigen, die gekommen sind, um der Erde in der Zeit der
Transformation zu helfen und um die Menschen dabei zu unterstützen, in
die neue Dimension zu gelangen.

Montag, den 30. April 2007

Am Morgen frühstückte Marie mit Udo und dem Ehepaar. Auf dem Tisch
lag ein Flyer mit Gedanken zum Tag:

Auch eine Reise von tausend Meilen fängt mit dem ersten Schritt an.
Achte auf deine Gedanken, - sie sind der Anfang deiner Taten.

Und auf Englisch:

Thoughts for today:

The Three Sieves


One day a man came to Socrates, the wise, and said, out of breath with
excitement, “Socrates, you must let me tell you what your friend…”
“Wait” the wise man interrupted him, “Have you passed what you are
going to tell me through three sieves?” “Three sieves?” the man asked,
puzzled. “Yes, three sieves. The first sieve is truth. Did you make sure that
everything that you intend to tell me is true?” “No, somebody told me
about it.” “Aha. But you must have tested it in second sieve, that is
goodness. If you are not absolutely certain that the story that you are
going to tell me is true, is it at least kindhearted?”
“No, it isn’t. Quite the opposite, in fact!” The wise man interrupted him
again, “Well, let us use the third sieve and find out if it is necessary that
you tell me what has caused you to become excited. “No, it isn’t exactly

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necessary.” “Well,” said the wise man, smiling, “If the story you want to
tell me is neither true, kindhearted nor necessary, don’t let us bother
ourselves with it any more!”

Therefore, putting away falsehood, let everyone speak the truth with his
neighbour, for we are members one of another
(Ephesians 4.25)

Auf dem Damenklo klebte ein Cartoon von Calvin, bei dem Calvin seinen
Vater bat, sich eine Zahl vorzustellen, Calvin könne sie erraten. Er erriet
die lange Zahl tatsächlich, aber sein Vater las unbeeindruckt weiter seine
Zeitung und meinte: „You’re psychic. Geh zu Mum and show her”.

Und es hing eine Info über das Webportal www.hostal….com, über das
man/frau eine Reservierung machen kann, aber die Kommission ginge
dann an eine Multimillion Corporation und sei für Backpackers verloren,
weshalb sie baten, ihre Website Gomio.com zu benutzen, um unabhängig
und frei zu werden.

Von der Beatushöhle, auf die sich Marie sehr gefreut hatte, war sie eher
enttäuscht. Die Höhlen an sich sind schon imposant, aber die Präsentation
des Grabes und der Wohnstätte des Sankt Beatus wird dem Heiligen in
keinster Weise gerecht. Dieser im Mittelalter viel besuchte Wallfahrtsort,
dessen Besuch später von den reformierten Bernern unterbunden wurde,
ist heute zu einer Touristenattraktion geworden. Eintrittsgelder und eine
lautstarke Tonbandstimme verhindern eine Andacht vor dem Grab des
Heiligen Beatus, der um 100 n. Chr. hundertjährig dort gestorben ist. Der
Legende nach hat er einen wilden feuerspeienden Drachen, der in der
Höhle lebte, mit seinem Kreuz bewaffnet auf immer vertrieben und danach
in der Höhle gelebt. Er soll von Petrus dazu beauftragt worden sein, den
damaligen Einwohnern den christlichen Glauben nahe zu bringen. Heute
ist es eher ein kleines Disneyland.
Marie fand auch generell nicht richtig, dass Pilger Eintritt für eine
Pilgerstätte zu bezahlen haben.

20
In Thun fand sie dann das Zitat:

Der Mensch kann nicht


zu neuen Ufern aufbrechen,

wenn er nicht den Mut aufbringt,


die alten zu verlassen
André Gide

Marie landete in Wattenwil im Bed & Breakfast, das auf dem Jakobsweg
ausgeschildert war. Die Hausherrin hatte am Tag zuvor ihren Neffen bei
einem Autounfall verloren. Die Polizei in der Slowakei hätte ihn
überfahren. Er war 25 Jahre alt und wäre ein Alpha gewesen, der mit 22
Jahren sein Examen in Medizin gemacht hatte und Marie wusste nicht, was
noch alles. Die Frau war vollkommen aufgelöst und es war ein Segen, dass
sie Marie überhaupt aufnahm, denn das Zimmer sei das einzige, das zu
haben sei, sonst gäbe es nichts weit und breit.
Vor dem Zimmer stand sogar ein Wasserkocher für beiliegendem Tee,
Kaffee und Fertigsuppen.

Dienstag, 1. Mai 2007

Marie frühstückte am Morgen alleine ihre eigenen Sachen, obwohl sie von
ihrer Gastherrin zum Frühstück eingeladen war. Als sie die beiden dann
sah, wie gerne sie Marie zum Frühstück eingeladen hätten, tat es ihr leid,
dass sie die Einladung nicht angenommen hatte.

Sie kam an einer Gebetsstätte vorbei, an der einige Gebete ausgehängt


waren. Im ersten ging es darum, Dinge (weg) zu lassen statt mehr davon
(tun) zu wollen. Im anderen wurde darum gebeten, die jungen Leute vor
Gefahren wie leichtem Leben, das ins Verderben führt zu schützen, ebenso
wie vor der schlimmsten Gefahr: innerlich alt zu werden, aber äusserlich

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jung auszusehen. In einem weiteren Gebet war die Sprache davon, dass
bei allem, was geschieht, doch geschieht, was Gott will.

In einer der Santa Apollonia geweihten Kapelle las Marie deren


Lebensgeschichte. Sie war in Ägypten im 3. Jahrhundert nach Christi
geboren und eine fromme Christin. Anfangs konnte sie sich frei zu ihrem
Glauben bekennen, doch dann war sie von Heiden verfolgt und ihr die
kompletten Zähne ausgerissen worden. Jetzt ist sie die Patronin für
Zahnbeschwerden. Marie hat sie wirklich geholfen.

In Fribourg am Fluss verlief die Grenze zwischen französisch– und


deutschsprachigem Teil der Schweiz. Marie fuhr über eine Brücke und sah
die Stadt von ihrer schönsten Seite, wenn man dem Reiseführer Glauben
schenken darf. Plötzlich war alles anders, die Autos kleiner und einfacher,
die Häuser älter und dunkler – ohne neuen Anstrich. Dafür sprachen Marie
so viele Leute an wie noch nirgendwo sonst. Es war ihr alles sehr
sympathisch und da war Freude darüber, in ein anderssprachiges Land zu
kommen. Marie hatte diese Grenze, die Sprachgrenze schon vorher sehr
stark gespürt. Gerade noch hatte sie in Schwarzenburg in einem
Pilgerbuch gelesen, dass Pilger viele Grenzen zu überwinden haben. Auch
Jakobus und andere Apostel und Jünger Jesu, hatten damals viele Grenzen
bei ihren Reisen zu überwinden.

In Fribourg gab es eine Reihe von Klöstern und Marie wollte in einem
davon übernachten. Nach einigem Nachfragen gelangte sie ins
Zisterzienserinnenkloster, das ein Gästehaus hatte und in dem die Nonnen
deutsch sprachen. Jenseits des Flusses sprach man französisch. Ein wenig
hörte Marie noch den Gesang der Abendandacht, der wunderschön war,
dann bekam sie ein geräumiges sehr sauberes Zimmer. Sogar Brot und
Müsli gab es noch als Abendbrot für sie.
Marie erfuhr, dass die Zisterzienser ein mehr kontemplativer Orden sind,
der in Schweigen lebt.

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Mittwoch, den 2. Mai 2007

„Dem Ganzen die Treue halten; nicht aus der Erde flüchten und nicht den
Himmel verraten!“ predigte der am 2. Februar 1945 von den Nazis
gehängte P. Alfred Delp SJ am 10. Oktober 1937 in München. So stand im
Faltblatt vom Kloster.
Und_ wo sich ein Mensch nicht an Gott als dem Schöpfer des Lebens
orientiere, sei er anfällig für menschenverachtende Ideologien. Umgekehrt
hingegen wird „genau da der Mensch er selbst, wo er sich als Ort des
höchsten und leichtesten Seins weiss“.

In Schwarzenburg im Info-Center der Gemeinde über den Jakobsweg fand


Marie im Schrank den Führer, den sie bei Udo gesehen hatte und
entdeckte, dass er einen Fahrradteil hatte, in dem genau beschrieben war,
welche Teile des Jakobsweges mit dem Fahrrad zu befahren sind und
welche wie besser umfahren werden.
Marie probierte es aus, hatte auch ein schönes Stück des Weges durch
den Wald, verlor dann jedoch den Jakobsweg aus den Augen und stellte
fest, dass es ihr zu kompliziert war, ständig im Heft nach den Angaben und
den Schildern der Ortsnamen zu schauen.
Es wurde immer kälter und kälter. Am Abend in Romont zeigte der
Thermometer 11 Grad Celsius.

Marie steuerte eine weitere Zisterzienserinnenabtei unterhalb von Romont


an und die Schwestern nahmen sie für zwei Nächte auf. Ihr hatte nämlich
die Nonne in Fribourg erzählt, dass eine Dame aus Augsburg, die den
Jakobsweg wohl schon einmal gegangen ist, nach zehn Tagen immer zwei
Tage Pause macht, um auch tatsächlich in Santiago anzukommen.

Donnerstag, den 3. Mai 2007

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Irgendwie stand heute das Thema Tod im Vordergrund, alles stand auf
Tod. Ein T-Shirt mit der Aufschrift „The last race“ hing über einer Bank und
liess sich Marie fragen, ob das auch ihr letzter race war. Am Ende landete
sie in einem Raum einer Kirche, in der gerade eine Tote aufgebahrt war.
Ein Plakat einer Musikgruppe prangte an diversen Plätzen: „Les Salvideurs
de la Soul“ – „Die Retter der Seele“.

Freitag, den 4. Mai 2007

Seit vielen Tagen begleiteten Marie Hubschrauber. Vor allem in den späten
Morgenstunden und um die Mittagszeit kreisten sie in ihrer Nähe. Heute
kam einer, nachdem er eine ganze Weile in einigem Abstand zu sehen
war, direkt vor ihr herunter und landete circa fünfzig Meter entfernt auf
der Wiese.
Es hätte ein Haus gegeben, wo sie sich hinter der Hecke hätte verstecken
können, was auch ihr erster Impuls in ihrer Angst war, aber eine Stimme
gab ihr die Empfehlung, unbehelligt weiterzufahren. Als sie dies tat, siehe
da, flogen sie wieder weg. Das war knapp. Marie wusste nicht, was
passiert wäre, wenn sie sich tatsächlich versteckt hätte. Sie hatte das
untrügliche Gefühl, sie hatten es auf sie abgesehen.
Ein zweiter Hubschrauber kreiste oben am Himmel.

Als wieder mal ein Traktor an ihr vorbeigefahren kam, wurde ihr eines klar:
eigentlich sind diese ganzen Maschinen ein Trick, um Gottes Gesetze („im
Schweisse Deines Angesichts…“) zu umgehen.

Sie hatte verschiedene Velorouten genommen, um an der Genfer See zu


gelangen, an dem sie dann entlangfuhr. Er war ganz anders, als sie sich
vorgestellt hatte. Zu ihrer Rechten Weinberge, zur Linken der See und
Eisenbahnschienen und sie selbst an der Strasse in der Mitte.
Es ging trotz des grossen Umwegs, den sie genommen hatte, recht schnell
bis Lausanne, wo sie im Backpacker Guesthouse in der Nähe des Bahnhofs

24
abstieg. Hier machte sie zum erstenmal Bekanntschaft mit sogenannten
Induktionsherden, die nur mit bestimmten Töpfen funktionieren und sonst
nicht, komische Geschichte.
Bei einem abendlichen Rundgang durch die Stadt, gelangte sie in eine bis
spät abends geöffnete Bibliothek, in der sie sich einige Neuerscheinungen
zum Jakobsweg anschaute.
Der Herr an der Theke sprach sie überaus freundlich an und fragte, ob sie
alles, was sie wollte gefunden hätte oder ob sie noch eine Frage habe. Er
erzählte, dass es hier wie in nur noch wenigen Stätten einen Nachtwächter
gab, der zwischen zehn und zwei Uhr nachts die Stunden ansage.

Samstag, den 5. Mai 2007

Heute hatte Marie ganz schön Glück. Sie fuhr zwar im Regen los, aber es
hörte bald auf mit dem Nass von oben. Auf dem Weg traf sie ein paar
Schweizer, die seit zehn Jahren jedes Jahr zwei Tage auf dem Jakobsweg
durch die Schweiz wandern.
Danach fing es wieder an, in Strömen zu regnen und Marie bekam schnell
die Schnauze voll und merkte, Genf war heute kaum mehr zu erreichen. So
schaute sie, in Nyon angekommen, nach dem günstigsten Bed & Breakfast
im Führer. In einer Eisdiele holte sie sich erstmal ein Eis und warf dabei
den Mülleimer um, so gierig wie sie war. Auf einem Stadtplan am
Marktplatz lokalisierte sie die etwas ausserhalb liegende Strasse. Nach
einiger Zeit des Zweifels, ob sie richtig war, kam sie an.
Der Hausherr war am Gassigehen und seine Frau nicht da. „Da haben Sie
aber Glück gehabt. Was hätten sie gemacht, wenn sie mich nicht
angetroffen hätten?“ meinte er, als sie ankam. Nicht auszudenken. Marie
war jedenfalls heidenfroh, eine Bleibe gefunden zu haben, die bezahlbar
war, noch dazu warm durch Fussbodenheizung und mit freundlicher
Aufnahme.

Es gibt nichts wie sich zu Hause zu fühlen während wir auf Reisen sind

25
dichtete Marie in ihrer Unterkunft.

Sonntag, den 6. Mai 2007

Heute der Tag war wie ein Wunder. Zuerst gab es nach dem gestrigen
Regentag strahlenden Sonnenschein. Alle Wolken waren am Morgen wie
weggeblasen. Es ging – angenehmerweise - weniger Auf und Ab wie
gestern durchs Hinterland des Genfer Sees, den man/frau nur ab und an
durch die Landschaft durchscheinen sah. Wie viel leichter fuhr es sich im
Verhältnis zu gestern.
Interessant, denn Marie hatte gelesen, dass der Mensch einen guten Teil
der Energie, die er täglich braucht, durch die Sonne aufnimmt und nur
einen Teil durch Essen. Sie konnte dies nun direkt nachvollziehen, denn
gestern stand ihr durch den Regen viel weniger Energie wie sonst zur
Verfügung.

Der Veloweg war - im Gegensatz zum Jakobsweg, den Marie kurz nahm -
hervorragend ausgeschildert und heute war sie mit seinem Verlauf –
anders als gestern - auch sehr zufrieden. In zwei Stunden gelangte sie
nach Genf, wo gerade ein Volkslauf mit einer entsprechenden
Ansammlung von Leuten veranstaltet wurde.
Marie setzte sich kurz an den See, dessen Ufer ihr allerdings sehr verbaut
vorkam, bevor sie sich aufmachte, die Altstadt und die Kathedrale zu
besuchen. Die Kathedrale war protestantisch und nach den vielen
katholischen Kirchen vermisste sie direkt das Weihwasser am Eingang
ebenso wie Altar und Heiligenbilder.

Dann ging es weiter Richtung Grenze. Neben ihr zog eine dunkle
Wolkenwand herüber, die offensichtlich Regen brachte, aber seit Thun
machte sich Marie darüber weniger Sorgen, hatte sie gelernt, dass
Regenwolken in den Bergen sehr nahe sein können und dass der Regen
trotzdem für lange Zeit ausbleiben kann. Und so war es auch heute.

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Ein Ehepaar sprach Marie an, ob sie auf dem Jakobsweg sei, sie wären ihn
letztes Jahr gegangen.
An der französischen Grenze hörten alle ihre Navigationshilfen auf, ihre
grobe Landkarte von der Jugendherberge als auch der Reiseführer. So
fragte sie die beiden wie es weiterginge und erfuhr von ihnen die nächsten
Ortsnamen, es gäbe aber auch Schilder, denen sie folgen könne. Als sie
ihnen sagte, von der Grenze ab wüsste sie nichts mehr, meinten sie „das
ist am Besten“.
Tatsächlich war die Beschilderung exorbitant gut - ganz im Gegensatz zu
jener vor Genf, die Marie oft ratlos und frustriert zurückgelassen hatte,
weil sie nie wusste, ob sie noch auf dem richtigen Weg war. Ein Zeichen
folgte dem anderen; außerdem gab es Entfernungsangaben zu den
nächsten Orten und zu den vorangegangen. Im ersten französischen Dorf
stand sogar eine Übersichtstafel mit dem ganzen Weg bis Le Puy, wer
hätte das gedacht?
Marie probierte sogar den beschilderten Jakobsweg aus, obwohl das
Ehepaar meinte, von Beaumont nach Col du Mont Sion wäre es mit dem
Fahrrad schlecht, aber es ging.

Auf dem Weg traf Marie eine Wanderin aus Genf, die ihr erzählte, in
Frankreich seien Gîtes ausser dem Campingplatz die günstigste Art zu
übernachten. Dort gäbe es auch oft biologisches Essen.
Als gerade so ein Ungetüm von vierrädrigem Strandauto vorbeikam (Quad-
Bike oder wie diese Dinger auch immer heissen), meinte sie: „It is the
worst vehicle who ever was invented because it doesn’t serve anybody for
anything. And they make races all over the world. It’s forbidden to go here
on these ways but in France…”

So fragte Marie in den nächsten Orten nach einem solchen Gîte und in
Charly wurde sie zwei bis drei Kilometer weiter die Strasse
entlanggeschickt. Da sie nicht wusste, was zwei bis drei Kilometer sind,
klopfte sie bei Leuten, die zwei selbstgemachte Holzlöwen am Eingang
hängen hatten, an die Tür.

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Die Tochter öffnete und holte ihre Mutter, die jedoch kein Englisch sprach.
So kam der englischsprechende Vater hinzu, der Marie zum Tee einlud. Er
schaute auf ein paar Karten nach der von ihr genannten Gîte und fragte
dann, ob sie nicht hier schlafen wolle. Sie hätten gerade gestern ein
Bettsofa in einer Kammer aufgestellt.
Freudig nahm Marie das Angebot an. Zu Abend gab es Käsefondue, ein
Gedicht.
Es stellte sich heraus, dass die Mutter aus Rio de Janeiro kommt und so
sprachen sie teilweise Portugiesisch und teilweise Englisch.
Als sie auf die heutigen Präsidentschaftswahlen zu sprechen kamen,
meinte der Gastgeber, er würde nicht wählen. Für ihn sei das alles (eine)
von den Medien gemacht(e) (Sache). In der Schweiz sei es so, dass grosse
Parteien im Fernsehen ein Rederecht von einer Stunde hätten und kleine
Parteien eine Minute. Das sei ungerecht.
Gewonnen habe die Wahl ein Rechtsgerichteter, der meinte, er wolle die
Vororte mit Wasserwerfern säubern und Militärschulen einführen.
Ausländer würde er vermutlich rauswerfen wollen.
Die Tochter hätte einen erfundenen Namen, aber später hatten sie
herausgefunden, dass es ihren Namen schon gibt und dass er „City of
Lucifer“ heisst. Sie war es übrigens, die das Käsefondue vorgeschlagen
hatte.

Montag, den 7. Mai 2007

Marie konnte wegen des Käses, der wie ein Stein in ihrem Magen lag,
kaum schlafen. So wachte sie zur Morgendämmerung auf, als die anderen
sich fertigmachten. Marie hatte erst wenig Lust, mit dem Hausherrn alleine
zu sein, irgendwie machte er ihr ein wenig Angst. So machte sie sich einen
Tee, wartete jedoch bis er wiederkam, denn er brachte seine Frau zur
Arbeit und seine Tochter zur Schule. Zuvor meinte er: „Nachher gehen wir
Deine Tour durch und schauen, was es dort zu sehen gibt“. So wartete sie
also ab.

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Als er wiederkam, begann er zu erzählen. Von seinem Grossvater, einem
protestantischen Pfarrer, der in einem Schloss wohnte, das drei Mal von
den Deutschen während des Krieges angegriffen werden sollte, aber
immer verschont blieb. Einmal schneite es ohne Unterlass, einmal fanden
sie es nicht wegen der Bäume und einmal beschossen sie es von der Luft,
aber trafen nur daneben.
„Er hatte einen unerschütterlichen Glauben und dieser hat sie gerettet“.
Er wäre sehr spirituell gewesen und wollte dies im Schloss verwirklichen.
Die Leute hätten die Spiritualität jedoch für sich behalten und sich
verschlossen. „Dies ging jedoch nicht und so haben sie das Schloss
verloren“.
Es ging dann in verschiedene Hände und interessanterweise ist es heute
ein spirituelles Zentrum geworden, genau wie sein Grossvater es sich
damals gewünscht hatte. Er wäre übrigens mit fünfzig Jahren gestorben
und habe sich kurz zuvor von seinen Kindern verabschiedet.
Marcel sei das neunte von zehn Kindern gewesen. Seine Eltern waren sehr
arm. Er sei Christ und habe die Bibel einige Male gelesen. „Possesion is the
devil and money is God’s enemy“, meinte er. Und: Gott wäre nicht
vollendet, auch er sei in Entwicklung begriffen. Als er auf das erste Gebot
einging, meinte er, dass es eigentlich viel weiter ginge und viel
umfassender wäre, als allgemein bekannt sei und von den Kirchen
verbreitet werde.

Dann fuhr Marie los. Erst ging es über einen Berg mit Rundumsicht. Als sie
weiter dem ausgeschilderten Jakobsweg folgen wollte, fragte eine
Spaziergängerin, die gerade ihren Hund ausführte, wo sie denn hinwolle.
Der Weg sei sehr schlecht und per Fahrrad nicht machbar. Die Strasse
hingegen wäre perfekt. Sie beschrieb Marie den Weg bis nach Frangy. Es
gab sogar eine Informationstafel, auf der die ganze Weinregion
aufgezeichnet war, so dass Marie sich die nächsten Orte merken konnte.
Die Strassen waren bis auf eine Ausnahme wenig befahren. Marie
erreichte die Rhône mit dem unglaublich friedlichen Städtchen Seyssel
und fuhr eine Weile den Fluss entlang. Die Landschaft gefiel ihr
ausnehmend gut, war sie weitaus weniger dicht besiedelt wie die Schweiz

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oder Deutschland. Auch die Artenvielfalt der Vegetation, die
Verschiedenheit der Bäume begeisterte Marie zunehmend.

In Yenne sprach sie ein Deutscher aus Rosenheim an und half ihr, ihr
Fahrrad aufheben, das vor einem Geschäft umgefallen war. Er lud sie ein,
mit ihm in der Bar gegenüber etwas zu trinken. Er selbst war zu Fuss auf
dem Jakobsweg unterwegs.
Er rauchte eine Gitane nach der anderen und trank dazu Minigläser
Rotwein. Er wartete auf zwei Leute, die er auf dem Weg kennengelernt
hatte. Ein Zimmermann auf der Walz und eine Schweizerin. Sie wollten in
einer Stunde da sein. Marie gesellte sich also zu ihm.
Ständig klingelte sein Handy und er verschwand zum Telefonieren.
„Eigentlich darf man den Weg gar nicht mit dem Fahrrad fahren. Das ist
viel zu schnell“. Man würde das Richtige gar nicht mitkriegen, dies und
das. Er machte eine Internetseite über den Weg, die er von seiner
ehemaligen Arbeit gesponsert bekam. Die gesamten Telefonkosten
bekäme er bezahlt, denn er schickte alles, was ins Internet kommt den
Leuten, die seine Internetseite erstellen mit dem Handy zu. Er hätte viel
Geduld gelernt auf dem Weg.
Und: „Zeit hatte früher einen quantitativen Faktor, jetzt bekommt sie
einen qualitativen Faktor“. Er erzählte, dass es drei grosse Pilgerreisen
gäbe: nach Santiago de Compostela, nach Rom und nach Jerusalem. „Der
Zimmermann geht vielleicht noch nach Rom und Jerusalem, wenn er in
Santiago angekommen ist, wie ich den einschätze“.
„Dass einem die Sünden erlassen werden auf dem Weg, das glaubt heute
keiner mehr. Aber wenn man so lange geht den ganzen Tag - also von
einem ganzheitlich-medizinischen Standpunkt aus gesehen -, dann hat
man, wenn man ankommt, keine Sünden mehr“.
Um acht Uhr machte die Bar zu und Marie wurde ungeduldig, da er immer
noch warten wollte. Ihr wurde es zu bunt. So fuhr sie zum Pfarrershaus und
klingelte, wie sie mal von jemandem gehört hatte. Der Pfarrer öffnete und
suchte ihr ein Ehepaar aus, bei dem sie zu zweit unterkommen konnten
und sogar noch ein Nachtessen gekocht bekamen. Der Rosenheimer hatte
noch auf seine Freunde gewartet, die dann jedoch müde waren und gleich

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auf den Campingplatz wollten. Er kam kurz nach Marie in der Unterkunft
an.

Dienstag, den 8. Mai 2007

Um halb elf wurde Marie von ihrer Gastgeberin geweckt, hatte sie den
Schlaf von gestern nachgeholt. Sie bekam eine Karte mit den nächsten
Orten darauf, die ihr weiterhalf. Sie dachte an die Worte „eigentlich dürfte
man den Jakobsweg gar nicht mit dem Fahrrad fahren“ und fragte sich,
was da wohl dran ist. Schliesslich erinnerte sich Marie, dass sie selbst kurz
zuvor gedacht hatte, dass streng genommen, ein Fahrrad auch nicht
perfekt ist, da aus Metall hergestellt. Und Metall kommt aus der Erde.
Noch dazu war ihres in Taiwan produziert...
Überhaupt hatte sie gestern mal wieder nicht abwarten können. Sie sah
nämlich am Morgen ein Schild „Clos do Capucins“, wo sie viel lieber
gefragt hätte, ob sie dort übernachten könne, aber sie hatte einfach mit
dem Deutschen die Geduld verloren. „Just one inch away“ wie ein
englischer Freund zu sagen pflegte.
So schwebte ihr ein Buchtitel vor „Auf freier Wildbahn: Eine Loserin auf
dem Jakobsweg“. Das würde doch passen.
Genauso am Morgen beim Bezahlen. Es war Marie freigestellt zu zahlen,
was sie wollte. Erst gingen ihr 12 Euro durch den Kopf, dann dachte sie an
15 Euro. Das wiederum fand sie sehr viel, woraufhin sie 12 Euro gab. Die
Reaktion der Hausherrin war jedoch enttäuschend.
Überhaupt war alles in Eile geschehen, wollten die Beiden weggehen. Es
gab keine Zeit zum Überlegen. Als Marie weg war, kam ihr, dass es doch
zu wenig war und irgendwie geizig, es fühlte sich schlecht an. So fuhr sie
zurück und warf ihnen einen Fünf-Euro-Schein mit einem Zettel in den
Briefkasten. So war das Thema erledigt, aber sie hatte nun zwei Euro mehr
gezahlt als ursprünglich geplant. Also wieder verloren.
Später ging ihr der Traum von dem Franzosen durch den Kopf, den er
erzählt hatte. Er stand auf einem Felsvorsprung in einem Abgrund und

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fasste an einem Seil, das ihn ein Stück hochzog, ihn jedoch immer wieder
herunterfallen liess.
Er hätte die Antwort für sein Leben in der Bibel gefunden. Es sei nicht, von
Licht zu leben oder sich als Einsiedler zurückzuziehen, sondern etwas
anderes. Was möchte Marie aus Diskretion jedoch nicht verraten.
Jedenfalls kam Marie an einen schönen See und anschliessend nach Le Pin.
Gerade als sie auf dem Plan schaute, wie es weiterging, kam ein Ehepaar
und fragte, ob sie auf dem Jakobsweg wäre und wo sie hinwolle. Sie
wussten nicht so recht, ob sie noch eine Gîte finden würde die nächsten
Kilometer, aber hier im Dorf wäre eine und sie zeigten sie ihr.
Es waren noch zwei männliche Pilger da, ein Deutscher und ein Schweizer.
Der Schweizer war sieben Jahre als Lehrer an einer deutsch-schweizer
Schule in Rio de Janeiro gewesen.
Er erzählte von einem Gastgeber einer anderen Gîte, der eine Hauskapelle
hat und von dem er eine Geschichte von Elia aus der Bibel erzählte. Elia
habe Gott gerufen und es kam ein Donner. „Elia hatte Gott darin nicht
gehört und er rief Gott wieder. Da kam ein Unwetter. Elia hörte Gott
wieder nicht und rief ihn wieder. Da kam ein leichter Wind. Diesmal hörte
er ihn“.
Er fragte sich, wie die Pilger das früher gemacht hätten, „so Bauern, die
ohne Sprachkenntnisse losgezogen sind, weil sie gehört hatten, dass ihnen
dadurch 20.000 Jahre Fegefeuer erspart werden“. Ob sie einen Führer
hatten, der die Sprachen sprach? Sie wären wohl in Gruppen gegangen.
Die Wahlen kommentierte er mit: „Wenn du willst, dass alles bleibt wie es
ist, dann geh wählen“.

Mittwoch, den 9. Mai 2007

Marie hatte ihren Silence-Sticker angezogen, denn nach dem gestrigen


Abend war ihr genug vom Reden. Sie wollte lieber schweigen.

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Auf der Landstrasse ging es bis Côte de St. André, wo sie in einem
Touristoffice auf ihre Nachfrage hin eine Camping-Karte von ganz
Frankreich bekam, jedoch keine Umgebungskarte. Eine solche hing
draussen und der nächste südlich gelegene Ort zog Marie wegen eines
eingezeichneten Tempels und einer Abtei an und sie sah, dass es von dort
nach Hauterive weiterging, das ihr Marcel empfohlen hatte.
Obwohl der Jakobsweg anders verlief, überlegte sie nicht lange und fuhr in
Richtung dieses Ortes, auch wenn es erst über eine stark befahrene
Landstrasse mit recht vielen LKWs ging. Nach einer Kreuzung beruhigte
sich die Sache jedoch wieder.
Zwar fand Marie in dem Ort keinen Hinweis auf den Tempel und sie suchte
auch vergeblich die Abtei, aber dafür fand sie ein Schild „Abbaye de St.
Antoine follow St. Antoine d’Abbaye“.
Dass dorthin ein Abstecher vom Jakobsweg vorgesehen war, hatte sie sich
schon notiert, bloss als sie es auf der Karte sah, schien es ihr viel zu weit
vom eigentlichen Jakobsweg entfernt zu sein, so dass sie nie auf die Idee
gekommen wäre, dort hinzufahren. So wurde sie praktisch dorthin geführt,
noch dazu durch herrlichste Landschaft.
In Roybom bekam sie eine Umgebungskarte sowie ein Faltblatt der Abtei.
Der Heilige Antonius war dort begraben.
Schon alleine die Berglandschaft und der Ort waren sehenswert und die
Kirche fand Marie einfach umwerfend. Eine mystische Musik lief gerade,
als sie eintrat. „Schau dir die Kirche gut an, sie will dir etwas sagen“ war
auf einem Schild zu lesen. Im Mittelalter war sie ein Wallfahrtsort
gewesen, vor allem, weil sich St. Antonio um die Kranken kümmerte und
Hospitäler errichtet wurden.
Im Museum, das nur von 14 – 18 Uhr geöffnet hatte und in dem Marie sich
nur die letzten fünf Minuten bis zur Schliessung aufhielt, war die
Geschichte der Behandlung der Kranken dokumentiert.
In der Kirche sass eine ganz sympathische Frau an einem Tisch, aber Marie
war danach, alleine zu sein. Später las sie vor der Tür ein Buch und sprach
Marie an, aber auch da war Marie nicht für sie offen. Sie war noch viel zu
sehr mit ihrem Schweigen beschäftigt, was sie jedoch später bereute.
Hätte sie doch nur mehr mit ihr gesprochen!

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Das war das Versagen des heutigen Tages.
Zum Übernachten probierte sie die Arche des Lanza del Vasto und bekam
ein günstiges Zimmer mit Frühstück. Sie hatte jedoch keinerlei persönliche
Ansprache, was sie traurig stimmte. Sie fühlte sich so einsam und alleine,
dass sie sich sogar über den Lärm eines elektrischen Rasenmähers freute.
Der ganze Ort war wie ausgestorben.

Donnerstag, den 10. Mai 2007

Nachdem sich Marie eine Karte des Departments Drôme im Tourist Office
geholt hatte, fuhr sie weiter in Richtung Montagne; das heisst zuerst war
sie in der Kirche und erfuhr ein grosses Stück Heilung.
Als Marie ihr Fahrrad den Berg hinauf schob, hielt eine Deutsche an, die
seit 40 Jahren in Frankreich lebte und mit einem Franzosen verheiratet ist.
Sie lud Marie ein, zu ihnen zu kommen, sie hätten den Camino 2003
gemacht. Von hier aus über Arles und Toulouse.
Marie nahm die Einladung an und sie setzten sich in den Garten und
erklärten Marie wie sie gegangen waren, nämlich einen anderen Weg als
an der Rhône entlang, wo der offizielle Jakobsweg verläuft. Sie waren auch
fast nur auf kleinen Strassen unterwegs, weil von der Polizei in dem
damals heissen Sommer verboten war, die Waldwege zu benutzen. Sie
hätten die ganze Zeit über in Frankreich auf ihrer Strecke nur fünf Pilger
gesehen, waren allerdings im August losgegangen.
In Spanien wäre es dann eine ganz andere Geschichte, dort führten
nämlich alle Wege aus Frankreich zusammen. Sie luden Marie ein,
dazubleiben - wenn sie wolle eine ganze Woche -, ihre Wäsche in der
Waschmaschine zu waschen und was sie sonst noch so brauchte. So
wusch sie ihr Fahrrad, das ihr Mann reparierte. Der Dynamo war locker
und das Kabel fürs Rücklicht unterbrochen, was er wieder flickte.

Christa nahm Marie mit nach Romans zum Schuhe kaufen. Ihre
Stoffschuhe waren nämlich am kaputtgehen und so schaute sie nach
neuen, fand jedoch nichts Gescheites. Es gab einige Läden, die

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Markenkleidung mit mindestens 30% Rabatt anboten, aber auch da war
nichts dabei. Ausserdem hatten sich ihre Füsse um eine Schuhgrösse
vergrössert. Das wäre Christa auch so gegangen. Sie habe beim
Jakobsweg eineinhalb Schuhgrössen zugelegt und das sei geblieben.
Sie klapperten einige Geschäfte ab, denn es wimmelte nur so vor
Schuhgeschäften. Romans sei eine Schuhstadt. Früher hätte es viele
Fabriken gegeben, aber jetzt liessen sie alle in Fernost produzieren, es
gäbe nur noch nur eine Fabrik am Ort. Immerhin fand Christa ein paar
Schuhe für sich, so waren sie nicht umsonst gefahren.
Am Abend kochten Maries Gastgeber, während sie in den Heften über den
Jakobsweg las, die Christa ihr gegeben hatte. In einem stand etwas, was
ihr auch schon aufgefallen war: „es gibt jeden Tag ein Geschenk“.

Freitag, den 11. Mai 2007

Nach einem fürstlichen Frühstück mit Grapefruit und Frühstücksei neben


allem sonstigen, was dazu gehört, machte sich Marie auf den Weg. Sie
wurde von Christa behandelt wie von einer Mutter, aber einer Positiven.
Das war schon etwas ganz Besonderes und Aussergewöhnliches, ein
grosses Geschenk.
Erstmal ging es den Berg runter bis zur Isère und dann durch eine wieder
ganz schöne Hügellandschaft das Vercorsgebiet entlang. Den Weg nach
der Karte zu finden war einfach. Sie war erstaunt über die Schönheit, die
diese Landschaft immer wieder zutage förderte.
Um sechs Uhr gelangte sie nach Crest und nach einer Anfrage in einem
Bio-Imbiss-Restaurant und einer Kneipe, in die sie von dort geschickt
wurde, fuhr sie zum Campingplatz, da das Touristoffice gerade zugemacht
hatte.
Die Rezeptionistin suchte ihr eine Gîte aus einem Prospekt heraus, da bei
ihr alles voll war. An dem Wochenende war nämlich gerade ein
Marathonlauf.
Also fuhr sie noch fünfzehn Kilometer weiter, da sie durch den gestrigen
Fast-Ruhetag viel Energie hatte. Beim näheren Anschauen des Prospektes

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sah sie jedoch, dass es sich bei der Gîte um eine Herbergement collectif
handelte, also ein Ort für Gruppen. Plötzlich gab Marie auf und suchte
etwas anderes. Es ging lange hin und her und wurde dunkel, ohne dass
eine Alternative in Sicht gewesen wäre.
So sprach sie eine Frau in einem Auto an, die zum Telefonieren angehalten
hatte. Sie packten ihr Fahrrad in den Kofferraum und suchten gemeinsam
die Unterkunft. Die Frau lud sie noch zu einer Tasse Kaffee ein und
erzählte Marie ihr halbes Leben. Ihr Mann hätte sie nach 19 Jahren der Ehe
betrogen und verlassen.
Sie habe einen Sohn von 16 Jahren, der das alles nicht verstehe. Und ihr
Mann wisse auch nicht, warum er das getan hätte. Man müsse ganz schön
aufpassen. Jeden Augenblick könne etwas passieren. „C’est la vie“ – „So
ist das Leben“ wiederholte sie immer.

Samstag, den 12. Mai 2007

Am Morgen erwachte Marie mit einem Traum: Sie fuhr auf einer total
schwarzen, frisch geteerten Strasse und suchte etwas zum Übernachten.
Am Ende hatte sie etwas gefunden und fuhr zurück und die Strasse war
nun nicht mehr pechschwarz. Dann sah sie einen Zettel, auf dem stand
„Zwei Tage vor dem Tod“. Plötzlich stand einer mit einer schwarzen Kugel
in der Hand vor ihr, die aussah wie ein Helm mit etwas darin, das sie nicht
erkennen konnte und hielt sie vor Marie hin. Sie wachte auf und schützte
sich mit der Decke.
Sie erinnerte sich an eine Fliege, die sie gestern im Waschbecken gesehen
hatte. Ihr fehlte ein Flügel und sie stand ganz offensichtlich kurz vor ihrem
Tod. Ausserdem sah sie gestern eine schwarz-gelbe Libelle auf der
Strasse, die mit dem Tod rang.
Marie nahm das alles sehr ernst. Sie wusste, dass es um ihr Leben und um
ihren Tod ging. Den Traum deutete sie so, dass sie auf den eigentlichen
Jakobsweg zurückfahren solle.
Sie erinnerte sich, dass der Jakobsweg über Valence führte, so dass sie
ihm dort wieder folgen konnte. Sie kam schon um vier Uhr dort an und

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nahm ein Zimmer in der dortigen Jugendherberge. Marie nutzte die Zeit,
nach Schuhen und einer Karte zu schauen. Bei ihren Schuhen wurden die
Löcher täglich grösser.
Bei fnac hatte sie Glück und fand eine Karte mit den ganzen Jakobswegen
in Frankreich und in einem Sportladen kurz vor Ladenschluss ein paar
Trekkingsandalen. Beide Läden waren im Shoppingcenter in der
Innenstadt, in den Marie anfangs gar nicht reinwollte.

Sonntag, den 13. Mai 2007

Heute Morgen gönnte Marie sich ein Frühstück vom Büfett mit Früchten,
gekühltem Orangensaft, Pain ou chocolat, Croissants und Baguette. Es war
köstlich und sie fühlte sich wie Gott in Frankreich.
Der Nachtdienst hatte ihr Fahrrad reingestellt; er meinte, es würde sonst
geklaut werden.
Heute ging es auf dem ausgeschilderten Jakobsweg an der Rhône entlang,
jedoch mit sehr viel Gegenwind, so dass Marie teilweise abstieg und lief.
Überhaupt kam ihr, sich ganz im Gegensatz zu bisher mehr Zeit zu lassen
und weniger darauf zu achten, möglichst schnell an Ort und Stelle zu sein.
Bisher wollte sie immer vorwärts kommen, obwohl als Regel in Märstetten
stand: geh langsam, denn du kommst eh nur bei dir selbst an.
Der Jakobsweg führte dann den Hügel hinauf ins wunderschöne Rhône-
Hinterland. Die Kabel waren das einzige, was störte.

Am Abend sass unsere Protagonistin in einem grossen Wohnwagen mit


zwei Schlafzimmern und einer Küche bei Kerzenlicht, denn sie wollte
keinen Strom. Sie war in Cruas angekommen, hatte sich die
mittelalterliche Stadt angeschaut, die am Berg thronte und fragte dann auf
dem Campingplatz nach einer Unterkunft. Offiziell lief nichts, denn das
Büro war Sonntagnachmittag geschlossen, aber ein paar Leute waren
Marie behilflich und so kam sie schiesslich zu diesem Wohnwagen, den ihr
jemand anbot. Der Besitzer wohnte in einem anderen Wohnwagen und
wollte nicht einmal etwas dafür haben.

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Es passte gut, denn es war warm und machte richtig Spass, auf dem
Campingplatz zu sein. Marie war dann mit Essen, Wäsche waschen und
Duschen beschäftigt bis es dunkel wurde.
In Cruas war auf der einen Seite eine Zementfabrik, die den halben Berg
abgetragen hat, auf der anderen Seite ein Kernkraftwerk mit zwei
Kühltürmen. Gestern las Marie von möglicher Stromerzeugung mit freier
Energie.

Montag, den 14. Mai 2007

Diese Nacht kam Marie im Kinderzimmer des Campingplatzes in Bourg -


St. Andéol unter, das als Notbehelf dient, wenn Leute abends kommen und
sie ihr Zelt nicht aufbauen können, weil es regnet. Ein Wohnmobil wäre
nämlich zu teuer gewesen.
Ihre Sachen waren ziemlich nass nach dem allerheftigsten Regen am
Mittag. Zuerst lieh sie sich einen Fön von ein paar Deutschen, dann
erinnerte sie sich an den Wäschetrockner nebenan und warf fast alle
Sachen, die nass waren dort hinein, um anschliessend zu hoffen, dass
einer ihrer Schals nicht die ganze Wäsche komplett verfärben würde, da er
sehr nass war und ausläuft. Ausserdem hätte der Schal selbst noch
kaputtgehen können, hatte sie auf heiss anstatt auf Wolle gestellt und er
war aus Wolle. Aber bloss eine weisse Bluse hatte nachher pinkfarbene
Flecken, was für ein Glück! Es hätte schlimmer ausgehen können.
Ihre pinkfarbene Tasche hatte allerdings auch abgefärbt. Es fanden sich
pinkfarbene Flecken auf allem Möglichen, was in der Tasche war.

Viviers war eine weitere schöne Stadt mit mittelalterlichen Häusern, durch
die Marie freudig hindurchlief, bevor sie dem Jakobsweg weiter ins
Landesinnere folgte. Es ging stetig bergauf durch wildromantische Wälder
mit vielen Eichen mit Efeubewuchs bis zu einem herrlichen Blick über das
Rhônetal. Kaum hatte sie die bedrohlich wirkenden und nichts Gutes
verheissenden Wolken des einen Atomkraftwerkes aus den Augen
verloren, schon kam ein neues in Sicht.

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Spektakulär war nach dem gemütlichen Aufstieg durch ursprünglich
scheinende Natur das Örtchen St. Montan mit einem verfallenen Schloss
nebst mittelalterlichem Stadtkern – eine Oase für Liebhaber alter Kultur.
Es zog unsere Pilgerin jedoch weiter, so gerne sie in St. Montan verweilt
hätte, hatte sie sich als wünschenswertes Etappenziel für heute Bourg –
St. Andéol ausgedacht.
Heute kam ihr wieder, langsamer zu machen, es ging ihr tatsächlich alles
etwas zu schnell. Ihr kam es ein bisschen vor wie ein Gehetze, aber für die
anderen Pilger schien es manchmal auch nicht anders, obwohl sie zu Fuss
unterwegs waren. Manche hatten einen Schritt drauf, dass frau nicht
mithalten konnte; jenen blieb sicher ebenso wenig Zeit zur Musse.

Dienstag, den 15. Mai 2007

Am Morgen war Marie auf der Île du Malatraz ziemlich herumgeirrt,


nachdem sie vorher den schönen Jakobsweg irgendwo verloren hatte. Das
sinnlose, kilometerlange Hin- und Herfahren mit Landung in einer
Sackgasse brachte sie jedoch zum einen dazu, sich mit Kirschen von
einem Baum satt zu essen und zum anderen, doch ein Stück die Ardèche
entlangzufahren wie sie es immer schon einmal machen wollte – mit dem
Fahrrad.
Sehr weit fuhr sie nicht, bloss bis zum ersten Aussichtsplateau, dann
drehte sie um. Durch den vielen Regen war das Wasser grünbraun und
hatte nicht die durchdringliche hellgrüne Farbe wie sonst. So lohnte es sich
nicht, weiterzufahren.

Sie fuhr noch bis Montfaucon, wohin sie jemand aus Roquemauve zu einer
Gîte geschickt hatte. Irgendwie hatte sie schon lange mit dem Fahren
genug gehabt, aber einmal kam sie nicht vom Damm herunter, wo sie
gerne angehalten hätte und dann hatte sie ihr Etappenziel für den Tag vor
Augen, obwohl sie dabei vergass, dass sie den Abstecher an die Ardèche
gemacht hatte.

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Die erste Gîte war voll, aber die Besitzerin fuhr Marie zur nächsten Gîte
und dort kam sie unter.
Hier hatte sie eine ganze Wohnung zur Verfügung. Das war genau, was sie
brauchte, mal wieder einen Tee und etwas zu Essen kochen können, vor
allem die Eier, die sie seit der Schweiz herumfuhr. Irgendwie war es
heilsam, dort zu sein, besonders nach der Spelunke, in der sie am Mittag
ihren Tee getrunken hat, weil sie sich vorher zu keinem Lokal
entschliessen konnte...
Es war wieder kälter geworden, so dass frau froh war, ihren Pullover noch
dabei zu haben.

Mittwoch, den 16. Mai 2007

Heute war wieder ein ganz phantastischer Tag, fand Marie, zumindest wie
er begann und endete. So brachte ihr die Herbergsmutter eine Tasse
Kaffee und zwei schwedische Brötchen mit Marmelade, was sie dankbar
entgegennahm. Nach langer Zeit trank sie mal wieder einen Kaffee.
Später beim Fahren merkte sie, dass sie Autos weniger denn je ertragen
konnte. Jedes vorbeifahrende Auto (und davon gab es trotz
Departamentaler Strasse eine ganze Menge) wurde zur Qual. Als Marie
bewusst wurde, dass sie wohl durch den Kaffee so übersensibilisiert
worden war, wurde es schlagartig besser, kam aber später vehement noch
einmal zurück.
In Villeneuve-do-Avignon besuchte Marie die Chartreuse, eine ehemalige
Abtei, die enorm gross, recht gut erhalten und sehr heilend für Marie war.
Dann fuhr sie weiter nach Avignon. Den Jakobsweg verlor sie aus den
Augen, kam aber am Papstpalast vorbei, in den sie jedoch nicht
hineingehen wollte. Sie bestaunte ihn nur von der Ferne aus. Der ganze
Platz war videoüberwacht, was wohl der Grund für Marie war, ganz schnell
die Flucht zu ergreifen – mit dem ganzen Touristenrummel und dem
Stadtverkehr wohlgemerkt. Der Platz rund um den Bahnhof war ebenfalls
videoüberwacht und erweckte in Marie den Eindruck, in die Endzeit zu

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geraten, ein totaler Konsum- und Überwachungsstaat. Ihr ging das noch
eine ganze Zeit nach, der Schreck sass ihr in den Gliedern.

In Villeneuve-do-Avignon hatte sie die Dame in der Touristeninformation


mit einer ganzen Reihe von Umgebungskarten ausgestattet, also konnte
es weitergehen. Hinweisschilder auf den Jakobsweg liessen sich nämlich
nicht finden. So nahm sie die kleineren Strassen bis sie auf ein Schild
„Abbaye St. Michel de Figoret“ stiess.
Es ging den Berg hoch in die Montagnette, einem Pinienwald , in dem sich
ausser unserer Pilgerin bloss ein paar einsame Joggerinnen verloren.
Als sie am Kloster ankam, klang gerade der Gesang der Mönche und
Nonnen zu ihr herüber und sie trat in die Kirche ein. Nachher fragte sie, ob
sie im Kloster übernachten könne und bekam ein Zimmer bei den Brüdern,
die sie zum gemeinsamen Abendessen mit ihnen und zwei weiteren
Gästen in einem grossen Saal einluden. Die Mönche sassen in ihren
weissen Roben an überdimensional grossen hölzernen Tischen und die drei
Gäste separat. Im Hintergrund lief klassische Musik. Es gab Suppe, Salat
und eine Gemüseplatte.
In der Bibliothek fand Marie ein deutsches Heft mit der gesamten
bewegten Geschichte des Klosters, das von Prämonstratensern bewohnt
wird, die den weniger strengen Regeln des St. Augustinus folgen. Am
Schluss stand: „alle Wege führen zu Gott und auch in der Provence und im
Abbaye do Frigolet ist es möglich, ihn zu finden“.

Sie erinnerte sich an einen Satz in einem Buch, das sie in den letzten
Tagen in den Händen hatte: „Die Hölle ist, nicht mehr lieben zu dürfen“.

Donnerstag, den 17. Mai 2007

Interessant fand Marie das Reglement des heiligen Augustinus:

Nicht von persönlicher Habe sprechen, alles gehöre allen gemeinsam, zu


festgelegten Stunden beten, Fasten, Kleidung tragen, die nicht auffällt,

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nicht suchen, durch Kleidung zu gefallen, nichts zu seinem persönlichen
Nutzen tun, alle Arbeiten zum gemeinsamen Nutzen ausführen, nicht
streiten oder Streit so schnell wie möglich beenden, dem Prior wie einem
Vater gehorchen.

Marie blieb bis nach dem Mittagessen, denn vorher war der Frère Hôtelier
nicht aufzufinden. Dafür gab es etwas Besonderes: eine Messe mit allen
Mönchen in der Basilika. Und: die Kirche war voll. Zum Mittagessen wurde
Marie von den Mönchen hereingebeten, also blieb sie.
Dann ging es weiter nach Arles, vorbei an der imposanten Abtei
Montmajour aus dem Mittelalter, bei der sich Marie jedoch den Eintritt für
die, wenn auch beachtlich in der Landschaft thronende Ruine sparte.

Aus einem Führer in der Bibliothek hatte sie sich die Adresse eines Prieuré
bei Arles herausgeschrieben, das sie nach einem kurzen Aufenthalt in
Arles suchte. Die Fahrt nahm einfach kein Ende, es ging weiter und weiter
in die Camargue hinein bis endlich das erlösende Schild kam. Marie wäre
fast zusammengebrochen, nicht weil es tatsächlich so weit war, sondern
weil sie nicht damit gerechnet hat, dass es so weit von Arles entfernt ist
und jeden Meter hoffte, da zu sein.
Die Mönche waren lustig und aufgeschlossen, sprachen zum Teil englisch
und zwei sogar deutsch, ein Schwarzer aus Kamerun und ein Franzose, der
vorher bei der Marine war und der sich dann als Frère Hôtelier um Marie
kümmerte.
Sie fühlte sich wie zu Hause.

Freitag, den 18. Mai 2007

Marie fand diesen Platz den Besten, den sie bisher auf der ganzen Reise
erlebt hatte. Alleine wie die Brüder sie empfangen haben, mit welcher
Ruhe und welcher Freude und dass sie sich alle vorstellten. Da war das
Gefühl, dass Freude darüber besteht, einen Gast zu empfangen und da
war auch Zeit für einen Plausch.

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Am Morgen beim Zimmer machen, erzählte ihr einer von ihnen: „Ich bin in
Kamerun dazugekommen, mit 20 Jahren, aber dort hat das Kloster
geschlossen. Es ist nämlich für geistig Kranke gewesen. Ich war erst an
zwei anderen Orten in Frankreich, aber jetzt bin ich seit eineinhalb Jahren
hier, weil es hier wärmer ist“.
Später erzählte er, letztes Jahr wären zwei evangelistische Christen bei
ihnen gewesen. „Sie nehmen auch den Jakobsweg“. Über einen weiteren
Gast kommentierte er, dass er auch psychisch krank sei und gerne
dableiben würde. Und zur Erklärung: „Er war (bei seinen Eltern) nicht
erwünscht“.

Arles selbst hat trotz der Touristen seinen Charme bewahrt.


Am Abend sah Marie den schönsten und längsten Sonnenuntergang ihres
Lebens.

Samstag, den 19. Mai 2007

Beim Frühstück erfuhr sie, dass der Orden erst 1966 gegründet wurde und
zwar für körperlich oder mental verletzte Menschen. „Es gibt 16 Klöster,
aber nur eines für Frauen. 14 in Frankreich, eines in Belgien und eines in
Spanien. Die Gebetszeiten sind den gesundheitlichen Möglichkeiten der
Mönche angepasst.“
Viele die den Jakobsweg gehen, würden einen Weg für ihr Leben suchen,
meinte er.
Es war einfach so nett dort und der Frère Hôtelier kam Marie von Anfang
an bekannt vor.

Nach dem Frühstück fuhr sie zu Emmaus, wo sie fast schon am ersten Tag
angehalten hätte, als sie das Hinweisschild sah. In einer Kirche hatte Marie
gelesen, dass es dort günstige Übernachtungsmöglichkeiten gab. Sowieso
interessierte sie, wie Emmaus funktioniert. Bisher wusste sie nur, dass es

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von einem Pater gegründet wurde und wie sie dann sah, holen sie Möbel,
Bücher und Hausrat aller Art bei den Leuten kostenlos ab und verkaufen
es zu einem günstigen Preis weiter.
Marie fuhr noch einmal nach Arles hinein und besuchte doch das Kloster
und die Alyschamps, was sie sich beides tatsächlich hätte sparen können,
fand sie dort nichts, was sie interessiert hätte. Noch dazu waren die -
meist leeren - Säle des Klosters videoüberwacht. Eine neue Manie ist
ausgebrochen. Die Videoüberwachungsmanie.

Endlich fand sie auch mal wieder ein Internetcafé. In einem Newsletter war
ein interessanter Spruch: „Nichts ist von Bedeutung ausser die, die du ihm
gibst.“

Beim Abendessen bei Emmaus sass Marie gegenüber einem Schwarzen


aus Madeira, der Portugiesisch sprach. An einem anderen Tisch sass ein
Deutscher, der seit 13 Jahren in Frankreich lebte und sie einlud, nachher
noch mit ihm zu reden.

Sonntag, den 20. Mai 2007

Heute frühstückte sie mit dem Deutschen mit Milchkaffee, Croissants und
Pain au Chocolat so viel sie wollte. Er lud sie ein paar Mal ein, zu bleiben,
aber für sie waren die drei Nächte in Arles genug. Das Bezahlen war
freiwillig – eine Spende. Dann ging es nach St. Gilles, wo sich im alten
Abbatiale das Grab von St. Gilles in der Krypta befand, eine alte
Wallfahrtsstätte. Ein erstaunlicher Ort.

Auf dem Weg nach Vauvert, der bis hierher vollkommen einsam verlaufen
war, traf Marie eine kanadische Pilgerin. In Gallarques le Montueux sah sie
drei weitere Pilger die Strasse entlanglaufen und folgte ihnen bis zur
Pilgerherberge.
Die Verantwortliche für die Pilgerherberge lud Marie ein, hereinzukommen
und zwar gleich mit Fahrrad, das ein paar Treppenstufen heraufzutragen

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war. Schon da hatte sie sich vollkommen dem Willen der Herbergsmutter
zu unterwerfen, der so gar nicht mit ihrem eigenen korrespondierte.
In der Küche regte sich Marie schon unglaublich auf, weil die Frau meinte,
den Jakobsweg könnte sie morgen nicht mit dem Fahrrad fahren und auf
der Strasse wäre so viel Verkehr. Es wäre so gefährlich und sie fühle sich
für Marie verantwortlich... Sie wollte ihr den Weg erklären, aber das
funktionierte nicht. Marie bat eine englischsprechende Brasilianerin, ihr zu
sagen, sie möge bitte aufhören, sich um sie zu kümmern, denn Marie
wurde supernervös. Als die Übersetzung auch noch falsch war, ging Marie
einfach hinaus.
Als die Herbergsmutter weg war, kochte sie einen Tee mit der
Kaffeemaschine. Genau in dem Augenblick, als er fertig war, kam die
Madame mit einem weiteren Gast wieder und bekam einen Anfall, weil die
Kaffeemaschine zum Teekochen benutzt wurde. Sie sei nur für Kaffee.
„Kümmern Sie sich bitte um etwas anderes“, meinte Marie, woraufhin die
Herbergsmutter total ausrastete, herumschrie und Marie
hinausschmeissen wollte, wenn sie sich nicht entschuldige. Also
entschuldigte sich Marie und fragte sie, ob sie sich auch entschuldige. Ab
da rasselte es nur noch an Beschimpfungen.
„So etwas habe ich noch nie erlebt. Wir haben ja alle Probleme, aber...“
Mehr verstand Marie gar nicht, war sicher auch besser so. Der
Neuankömmling war dabei.
Marie stand bloss still in der Küche und schlürfte ihren Tee und liess das
Donnerwetter über sich ergehen. Danach ging sie spazieren, um möglichst
weit von dieser Person weg zu sein, am liebsten wäre sie jedoch
abgehauen. Auf der anderen Seite betrachtete sie es als gute Übung, zu
bleiben, war ihr gerade heute ihr normales Fluchtverhalten durch den Kopf
gegangen und die Notwendigkeit, manchmal zu bleiben.
Die Frau wiederholte x Mal, sie wäre doch so freundlich, das würde ihr
jeder bestätigen. Das war es eben. Für Marie war sie zu freundlich.
Die Brasilianerin war immerhin eine Ermunterung zu bleiben. Ein 82-
jähriger Deutscher war noch hinzugekommen, mit dem sich Marie später
noch unterhielt. In Spanien gäbe es Schlafsäle mit Hunderten von Leuten.
An Schlaf war diese Nacht nicht zu denken.

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Montag, den 21. Mai 2007

Natürlich fand Marie den Weg nicht so, wie ihn die freundliche
Herbergsmutter ihr beschrieben hatte, also bahnte sie sich wieder ihren
eigenen Weg. In Montpellier durfte sie ihr Fahrrad in der Kirche Sankt Roch
abstellen, um ein wenig durch die Stadt zu schlendern. Es war jedoch
wenig ergiebig, da die Geschäfte über Mittag geschlossen hatten,
ausserdem regnete es.
Marie genehmigte sich ein ganzes Vienneta Eis, das sie zwischen den
Säulen des klassizistischen Baus der Handelskammer vernaschte. Es
waren nur 38 Kilometer bis hierher gewesen und noch dazu flach, also fuhr
Marie weiter Richtung St. Guilhem-le-Desert.

Die Fahrt ging durch phantastische abgelegene Landschaft bis zur


Teufelsbrücke und dann die Schlucht des Herault entlang bis zu einem der
schönsten Dörfer Frankreichs.
Als sie durch die Gassen lief, sprach sie ein Mann an und erklärte ihr, wo
sie hinzugehen habe, um nach der Pilgerunterkunft zu fragen. Sie hatte
Glück, die Schwestern waren noch wach. Es war nämlich schon recht spät
am Abend.

Dienstag, den 22. Mai 2007

Der Boden in der Herberge knarrte so laut, das Marie um sechs Uhr durch
die anderen aufwachte und nicht wieder einschlafen konnte.
Das machte sich den ganzen weiteren Tag bemerkbar. Auch dass es am
Vortag etwas viel gewesen war. Zwei kurze Nächte, eine mit kaum, die
andere mit wenig Schlaf hinterliessen einen müden Körper, der nicht so
recht wollte. Den ersten Tag fiel es ihr schwer zu Radeln, sie wollte lieber
gehen. Die Schwester hatte sie gefragt, ob es nicht zu hart wäre mit dem

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Fahrrad. Marie meinte noch: „nein, nein, nicht zu hart“, aber jetzt war die
Anstrengung da.
Der Weg, den sie sich auf der Karte als den direktesten ausgesucht hatte,
um nach Lodève zu gelangen, führte einige hundert Höhenmeter den Berg
hinauf.
Die Alternative dazu wäre gewesen, im Tal zu bleiben, aber dafür auf
belebteren Strassen. Die Sonne brannte unaufhörlich auf sie hinab. Es war
keine Wolke am Himmel zu sehen und kaum ein Baum sorgte für Schatten.
Wenn sie das gewusst hätte, hätte sie den Weg nicht gemacht, aber sie
war ja nicht in der Schweiz, wo einen genaue Höhenangaben am Wegrand
erwarten.
Es gab noch ein Kloster aus dem 12. Jahrhundert kurz vor Lodève zu
besichtigen, aber Marie war bei dem Eintrittspreis die Lust vergangen.
Dafür hatten sie einen Text als deutsche Einführung, in der zu erfahren
war, dass es ursprünglich ein Kloster der Grandmonter Mönche war, die
über einige Jahrhunderte hinweg eine beachtliche Anzahl bildeten, obwohl
sie die strengsten Regeln hatten.
Interessant war zum Beispiel, dass sie keine Hierarchie hatten, barfuss
gingen und kein Fleisch assen. Ob das die Barfüsser waren?
Sie lösten sich im 18. Jahrhundert auf, wonach das Kloster in Privatbesitz
überging, was es bis heute noch ist.
Auf Pilgerunterkunft hatte Marie heute keine Lust, es sollte etwas anderes
sein. „Campingplatz wäre mal wieder angesagt“, dachte sie und entdeckte
einen auf einem Plan, der in etwa in der Richtung lag, in der sie morgen
weiterfahren würde.
Von der Abzweigung der Strasse waren es drei Kilometer, eigentlich nicht
allzu viel. Bloss dass es stetig bergauf ging und sie alles Laufen durfte.
Oben angekommen, las sie auf einem Schild „Camping naturaliste“. Es
war also ein Ort für Nudisten. Die Rezeption war geschlossen und
überhaupt sah der Campingplatz aus, als wäre er verlassen bis auf den
sauberen und intakten Swimmingpool, in dem Marie gleich – nackt – ein
kurzes und erfrischendes Bad nahm. Der Blick von dort war
atemberaubend, eine wahre Entschädigung für den Aufstieg.

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Der Besitzer, ein Holländer, kam später noch vorbei und erlaubte Marie –
auch wenn nicht sehr erfreut – im Abstellraum zu übernachten.

Mittwoch, den 23. Mai 2007

Sie erwachte zu Sonnenaufgang und fuhr noch bevor der erste Arbeiter
kam los.
Die Berge des Haut-Languedoc hatten es in sich. Sie waren schwerer wie
die Überquerung der Alpen. Es kamen pro Tag viele Höhenmeter zustande,
manchmal zwei Berge hintereinander. Das bringt einen ans Ende der
Kräfte. Vor allem, wenn permanent zu wenig Schlaf dazukommt. Denn
letzte Nacht war es auch nicht besser als die vergangenen Nächte.
Überhaupt hatte Marie das Gefühl, dass seit Arles irgendwie alles nicht
mehr recht stimmte. Ob das Heraussuchen der Schlafadressen aus den
Büchern schuld daran war? Vorher war doch alles o.k. gewesen... Das war
schon wie eine Sucht mit den Reiseführen, die Marie in den
Buchhandlungen konsultierte.
Es ging wieder durch ausnehmend schöne Landschaft. Als Kompensation
gab es unerträglichen Lärm in den Dörfern, in die Marie kam: in Lunas war
es eine Strassenkehrmaschine, die den Dreck mit grossem Getöse
aufsaugte, in Le Bousquet-d’Orb waren es Bauarbeiten, die für weithin
hörbarem Lärm sorgten, in einem der Orte danach war nicht
auszumachen, von was für einer Art von Maschine der Lärm kam. „Der
Teufel kommt lärmend einher“.
Ist es ein Fluch oder ein Segen, von Maschinen abhängig zu sein? Und wird
der Mensch durch sie nicht eher von der Natur abgeschnitten?
Doch eine Rückverbindung ist immer möglich, eine re–ligio, eine
Bekehrung hin zum Guten. Jeden Tag, jede Stunde und jede Minute. Man
muss sie nur wollen, dann erfolgt auch der erste Schritt. Und von Zeit zu
Zeit fallen auch die unguten Dinge von einem ab.

Donnerstag, 24. Mai 2007

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Es ist schon unglaublich, aber ein Landstrich war schöner wie der
vorhergehende. Nun kann Marie vollends verstehen, dass die Franzosen so
wenig ausser Landes reisen. Sie haben einfach die schönsten Gegenden
vor der Haustüre.
Heute ging es erst nach Castanet-le-Haut und dann hoch und immer höher
bis auf 808 Meter zum Col de la Croix de Mounis mit spektakulärer Sicht
auf die umliegenden Berge.
Dann führte der Weg oben auf einer Hochebene entlang mit einer ganz
anderen Landschaft und Vegetation: alles spriessend grün, satte Wissen,
hohe Bäume und Felder. Es erinnerte Marie mehr und mehr an den
Schwarzwald. Sowieso erscheint ihr der l’Hérault als Pendant zum
Schwarzwald mit seinen Bergen mit um die tausend Metern Höhe, zuletzt
vermehrt mit Buchen und Fichten in den Wäldern. Eine Gegend heisst
auch Montagne noir, Schwarze Berge.
Am zeitweise recht idyllisch daliegenden Laouzas-See vorbei, erreichte
Marie la Salvetat sur Agout mit seiner noch vollständig erhaltenen Brücke
aus dem XII. Jahrhundert.
Sie lief durch die alten Gassen bis zum Platz, bei dem eine Pilgerunterkunft
verzeichnet war und da kein Schild zu sehen war, fragte sie in der Pizzeria,
wo das alte Presbytère wäre wie sie sich notiert hatte.
Der Pizzabäcker bat um einen Moment Geduld, dann kam er mit der
Nachricht, dass das Presbytère voll wäre, aber es gäbe Hotels ab 30 Euro
die Nacht.
Nachdem sie den Kopf schüttelte (sie war noch immer im Schweigen),
fragte er die Frau, die hinzugekommen war, ob sie nicht eine Matratze
hätte, dann könne Marie in der Küche schlafen. Die Frau hatte eine
Matratze, die sie gleich brachte und so wurde Marie in der Küche der
Pilgerherberge untergebracht. Es war zwar recht kalt in dem alten
Gemäuer und die Dusche hatte auch kein warmes Wasser, aber das war
nicht weiter schlimm.
Auf der simplen Matratze liess sich sogar erstaunlich gut schlafen.

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Freitag, den 25. Mai 2007

Marie frühstückte ausgiebig Weissbrot, von dem sie ein ganzes verdrückte,
denn es machte einfach nicht satt. Es gab irgendwann eine Abzweigung
Richtung Mazamet und da Marie nicht recht wusste, welchen der vielen
Wege sie nach Castres nehmen solle, nahm sie diesen.
Ihr gefiel der Name der Stadt.
Es ging durch Fichten- und Buchenwälder, die als Wirtschaftsraum
angesehen und dementsprechend durchgeforstet werden wie das so schön
heisst. An vielen Orten fanden sich Spuren davon: abgesägte
Baumstämme, Baumstümpfe und herumliegendes Gestrüpp.
Als Marie in der kleinen Grosstadt Mazamet ein Eis am Platz an der Kirche
ass, kamen junge Leute vorbei, die ein kleines Holzkreuz trugen und
fragten, ob sie auf dem Jakobsweg sei. Sie wurde zu ihrem Theaterstück
zum Thema Hinführung zum katholischen Glauben eingeladen, das am
Abend Premiere hatte und kostenlos war.

Marie wollte jedoch weiter nach Castres. Es ging eine sehr belebte
Departmentstrasse entlang, etwas zu belebt. Schon ziemlich bald glaubte
sie, sie hätte einen Platten, liess es sich schwer treten. Einige Zeit später
hatte sie Gewissheit. Buff, ihr erster Platten!
Als sie schiebend in einem Dorf anlangte, entdeckte Marie eine Kfz-
Werkstatt, in der man ihr weiterhalf. Der Reifen war schon alt gewesen
und geplatzt. Drei Kilometer entfernt gab es einen Supermarkt, der sicher
Reifen hätte. Eine junge Französin erklärte sich bereit, Marie hinzufahren.
Es war ein riesiger Sportladen.
Der Mechaniker und ein Freund halfen Marie beim Montieren und im
Handumdrehen war alles wieder ganz.

In Castres lief dann alles schief. Es wollte sich einfach keine Unterkunft
ergeben ausser einem Hotel, das Marie zu teuer war. Also legte sie sich
gemütlich auf eine Bank, die sie beim Suchen gesehen hatte. Doch kurz
vor dem Eindösen trafen sie Regentropfen und so zog sie von dannen und
stellte sich bei einer Tankstelle unter. Als es aufhörte zu regnen, fuhr sie

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in Richtung Campingplatz. Auf dem Weg kam die Polizei ein paar Mal
vorbei und sprach sie irgendwann an. „Ich bin auf dem Weg zum
Campingplatz“, gab sie den neugierigen, aber freundlichen englisch
sprechenden Gendarmen zur Antwort.
„Woher kommen Sie, aus England?“
„Nein, aus Deutschland“.
„Dann viel Glück in Frankreich!“
Es gab eine Unterstellmöglichkeit kurz vor dem Campingplatz, bloss waren
dort um die Ecke erst zwei, dann vier Mofafahrende Jugendliche, von
denen zwei wild im Hof herumkreisten. Es war unangenehm und Marie
bekam es mit der Angst. Die Aggressivität könnte sich auch gegen sie
richten.
Sie fuhr dann um die Ecke zu einem anderen Unterstand, aber dort war ein
Hinlegen unmöglich. Also bei der nächsten Regenpause zum Campingplatz
und dort mitsamt Fahrrad in die Behindertentoilette. Allerdings hatte sie
eine Frau mit Schäferhund gesehen. Marie hatte keine Ahnung, ob sie vom
Campingplatzpersonal war und die Polizei rufen würde oder ob es eine
Videoüberwachung gab. Ein Schild wies jedenfalls auf striktes Verbot für
Nichtcamper hin, den Campingplatz zu betreten.
Immerhin war es Marie möglich, sich zu waschen und im Trockenen
hinzulegen, wobei ihre Gedanken nur um die Morgendämmerung zwecks
Aufbruch kreisten, an wirklichen Schlaf war nicht zu denken.

Samstag, den 26. Mai 2007

Als die ersten Vögel zu Zwitschern begannen, machte sich Marie daran,
ihre Sachen zusammenzupacken. Kurz bevor sie fertig war, kam jemand,
machte Licht und leise Musik und wollte ihre Tür öffnen. Dann waren
hintereinander Klospülungen zu hören, was Marie half, ungehört die
letzten Sachen zu packen. Als es neben ihr losging, flitzte sie raus so
schnell sie konnte und machte sich – das Herz bis zum Halse klopfend –
auf und davon.

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Um halb sieben am Morgen war sie in der Stadt. Es war gerade Markt und
Marie trank in einem Café einen Tee, da es wieder regnete und an
Weiterfahrt gar nicht zu denken war.
Als es mit dem Regnen aufgehört hatte, fuhr sie noch einmal zum
Sportladen von gestern und kaufte sich die beste aufblasbare Isomatte,
die sie hatten, nachdem sie eine solche nun schon zwei Mal hätte
brauchen können. Sie wog allerdings 2,2 Kilo.

Nach ein paar Stunden Fahrt im Regen mit wiederholtem Unterstellen - im


Regen zog sich jeder Kilometer bis in die Unendlichkeit dahin - kam Marie
im Kloster in El Calcat an, wo allerdings alles ausgebucht war, aber der
Frère Hôtelier war so nett, bei den Benediktinerinnen 500 Meter weiter
anzurufen und dort war noch Platz.
Als sie ankam, sprang ihr Paula, die Brasilianerin von der Pilgerherberge in
Gallarques le Montueux entgegen. Sie war von jemandem mit dem Auto
ein Stück mitgenommen worden, nachdem sie den 82-jährigen Deutschen
zum Bahnhof gebracht hatte. Ihm war es sehr schlecht gegangen, am
Ende hatte er eine Thrombose.
Man hatte ihr erzählt, es würde regnen und da wäre es nicht gut, durch
den Wald zu gehen, weil es in eine Schlammschlacht ausarten könne. So
war sie im Regen von Castres hierhergelaufen. Alle Gäste assen
zusammen zu Abend. Ein französisches Paar erzählte von Kanada, das
sehr viele Reisen auf dem Jakobsweg organisiere. Sie hätten letztes Mal
einen Kanadier getroffen, der weinend da sass, weil er immer alleine
gewesen wäre, denn er hatte alle Hotels von Kanada aus gebucht.

Sonntag, den 27. Mai 2007

Acquiers la paix intérieure Erwerbe den inneren


Frieden
et des milliers autour de toi und Tausende um dich
seront sauvés herum werden errettet sein

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Saint Séraphin de Sarov
Russischer Mönch und Mystiker (1759 – 1833)

Les forêts t’apprendront plus que les livres. Les arbres et les rochers
t’enseigneront des choses que ne t’enseigneront point les maîtres de la
science

Die Wälder lehren dich mehr wie die Bücher. Die Bäume und die Felsen
bringen dir Dinge bei, die dir keineswegs die Meister der Wissenschaft
beibringen würden
Saint Bernard de Clairvaux (1091 – 1153)

Que l’amour fraternel demeure.


N’oubliez pas l’hospitalité,
Car,
Grâce a elle,
Certains, sans le savoir,
Ont acceuili des anges
Hébreux 13, 1-8
Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.
Gastfrei zu sein vergesst nicht;
Denn
Dadurch haben einige,
ohne ihr Wissen
Engel beherbergt.
Hebräer 13, 1-8

Endlich hat Marie mal wieder richtig gut und relativ lange geschlafen. Zur
Pfingstmette war sie im Abbaye nebenan in einer vollen Kirche.
So machte sie sich erst spät auf den Weg, auf dem sie eine weitere
Brasilianerin aus Rio de Janeiro traf, mit der sie sich eine ganze Weile
unterhielt. Sie habe die letzten Nächte kein Bett in einer Pilgerherberge
oder Gîte gefunden und war gezwungen, in Hotels zu übernachten. Sie
fand ungerecht, dass Leute, die nur am Wochenende den Jakobsweg

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gehen in den Pilgerherbergen übernachten dürfen und dass diejenigen, die
lange unterwegs sind, in Hotels gehen müssen.
Sie empfahl Marie, einen anderen Weg als den Camino francés zu gehen,
denn dort wäre es die reinste Kompetition. Die Leute stünden um drei Uhr
nachts auf, um möglichst früh in der nächsten Herberge zu sein. „Ich bin
den Weg vor ein paar Jahren schon einmal gegangen. Man findet dort
keine Ruhe. Wenn Du den französischen Weg gehst, wirst du es sicher
bereuen.“
Dann kam sie auf etwas ganz anderes zu sprechen. „Viele Leute geben
auf. Ich habe selbst welche erlebt, die gerne abends was tranken und sich
am nächsten Tag mit den Aufstiegen schwer taten, sie gaben dann auf.“

In Revel war Maries Reifen wieder ohne Luft. Schon gestern hatte sie ihn
platt angetroffen, als sie aus dem Sportladen kam. An einer Tankstelle
bohrte der Tankwart am Ventil herum, das offenbar Luft verlor. Der Reifen
behielt dann die Luft, als er ihn auf vier bar aufgepumpt hatte – bis heute
in Revel.
Also hiess es Laufen, um eine Tankstelle zu finden. Vor der Kirche traf
Marie Paula, die erste Brasilianerin, die gerade aus dem Auto eines
französischen Paars ausstieg, das ebenfalls im Kloster übernachtet hatte.
Sie hatte die Adresse einer Pilgerherberge dabei und sie bekamen auch
noch einen Platz. So war es Marie möglich, den Ärmel ihrer Jacke zu
suchen, den sie verloren hatte. Sie fand ihn vor der Kirche.
Leider kam die andere Brasilianerin nicht in die Herberge, hätte Marie
gerne erlebt wie sich die Beiden begegnen.
Es gab ein wunderbares Abendessen, das die netten ehemaligen
Jakobspilger, die diese Woche Dienst in der Herberge hatten, zubereiteten.
Die Herbergsmutter hatte sich, als sie das erste Mal auf dem Jakobsweg
war, das Bein gebrochen. Erst letztes Jahr beim zweiten Anlauf, hat sie
Santiago de Compostela erreicht. Es gab ein Heft über den Camino do
Norte. Einer sagte darin, es wäre die Hölle, der nächste sagte, es wäre das
Paradies, aber Berge von Anfang bis fast ganz bis zum Ende.

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Über den Weg ab Le Puy schrieben die Leute schon vor ein paar Jahren, er
wäre der reinste Wettbewerb, man hätte keine Ruhe und ständig würden
welche versuchen, einen einzuholen und zu überholen…

Pfingstmontag, den 28. Mai 2007

Marie hatte wieder kaum geschlafen. Paula fuhr mit dem Herbergsvater
nach Carcassonne, kam aber weil es regnete bald zurück.
Die Herbergsmutter erzählte beim Frühstück von Saudi-Arabien oder
einem anderen arabischen Land, in dem ihr Sohn lebte. „Man hat das
traditionelle Gewand zu tragen, Frauen schwarz und Männer weiss.
Fünfmal am Tag wird jeweils eine halbe Stunde lang gebetet. Zu diesen
Zeiten haben alle Geschäfte geschlossen. Dafür sind sie die ganze Nacht
bis zum Morgengebet geöffnet und mittags von 12 – 16 Uhr geschlossen“.
Im Iran würde nicht gebetet, denn die dortigen Moslems sind Schiiten. „Es
ist eine Jahrtausende alte, sehr hochentwickelte Kultur. Dort gibt es auch
keine Gefahr mit der Al-Kaida“.

Das Fahrrad war wieder platt. Also wieder zur Tankstelle, Rad
abmontieren, die Ursache suchen. Es war ein kleines, leicht zu flickendes
Loch.
Der heftige Regen hörte auf als Paula vorschlug, zur nächsten Herberge
nach Les Cassès zu gehen. Erst wollte Marie weiter, aber in der Nähe von
Les Cassès angekommen, begann es so heftig zu regnen und zu winden,
dass Marie froh war, in der Gîte anzukommen.
Nach der Dusche war genug Zeit, etwas zu ruhen und mit dem
Herbergsvater zusammen das Bremskabel zu installieren und das Kabel
für den Fahrradkorb anzuziehen. Es kamen noch zwei männliche Pilger,
von denen einer schon in Salvetat sur Agout in der Herberge gewesen war.
Er war erfreut, Marie hier zu sehen.

Dienstag, den 29. Mai 2007

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Heute ging es bis Toulouse, ganze 70 Kilometer. Marie ging zu den
Dominikanern, wo sie die einzige im Pilgerzimmer war, welche Wohltat!
In einem Bücherregal entdeckte sie das Buch „Marie–Madeleine: Muse et
reine de Provence“ von Georges Lauris, einem Dominikaner. Das Buch war
äusserst aufschlussreich, eine wahre Entdeckung.
Maria Magdalena wäre eigentlich drei Personen in einem: Maria von
Magdala, Maria von Bethanien und jene Maria, welche die Füsse des Herrn
Jesu Christi gesalbt hat. Sie hätte sieben Dämonen in sich gehabt, wäre
also erst ganz beim Teufel gewesen, dann bei den Engeln und schliesslich
ganz bei Jesus. In Saint Marie de la Mer in der Camargue war sie
angekommen und hatte dann in einer Höhle in der Provence gelebt, wäre
jedoch sicher ebenso wenig dort gewesen wie Jesus in seinem Grab. Sie
war eine Person, die geliebt hat, weshalb sie von Jesus geliebt wurde, der
alle liebt, die lieben. Sie hatte lange Haare, die über den Po reichten und
war eine Sünderin, aber sie wäre es gewesen, die entdeckte, dass Jesus
nicht mehr im Grab war und die seine Auferstehung verkündete.

Mittwoch, 30. Mai 2007

Marie zog in die Diözese „Christ-Roi“ um, da bei den Dominikanern nur
eine Nacht zu bleiben möglich war, und wer kam auch dorthin? Paula!
In der Stadt besuchte Marie die Kathedrale und die Basilika St. Serenin, bei
der es ihr jedoch weniger gut ging und die zu geniessen ihr schwerfiel,
hatte sie gerade die Geschichte der Katharer – sogar auf deutsch - in
einem Buch gelesen, das sie in einer Buchhandlung gefunden hatte.
Ihr hatte jemand erzählt, die Katharer wären schon sehr weit entwickelt
gewesen, auch was die Gleichberechtigung der Frauen anbelangt und dies
fand sich in dem Buch bestätigt.
Sie nahmen das Gesetz „Du sollst nicht töten“ so ernst, dass sie keine
tierischen Produkte zu sich nahmen, also praktisch vegan waren.
Ausserdem lebten viele keusch, während Sexualität in der Katholischen

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Kirche in der Ehe legitimiert wurde. Die Katharer waren in Mitteleuropa
verbreitet, der Glaube kam jedoch ursprünglich aus Bulgarien.
Sie nannten sich nicht selbst so, sondern wurden von ihren Verfolgern so
genannt. Katharer heisst so viel wie „die Vollkommenen“. Die Dualität
erklärten sie mit einer zweiten bösen Macht, die von den einen als mit
dem Wissen Gottes, von den anderen als ohne das Wissen Gottes
handelnd angesehen wurde.
Durch Einweihung konnte ihrem Glauben nach das Böse überwunden
werden. Die Einweihung erfolgte durch Handauflegen, also so wie Jesus
getauft hat und es Johannes der Täufer vorhersagte.
Sie waren ganz und gar christlich, ihre Kirchen hatten jedoch keine
Besitztümer und verlangten keinen Zehnten. Sie bekamen trotzdem hohe
Spenden und wurden wohlhabend, was der katholischen Kirche ein Dorn
im Auge war, da die gläubigen Katharer nichts an die katholische Kirche
abführten.
Die Bettelorden wie die Jakobiner, Franziskaner und Dominikaner wurden
gegründet, um gegen die Katharer vorzugehen, deren Verfolgung vom 13.
Jahrhundert an bis ins 15. Jahrhundert andauerte, als sie als Häretiker
vernichtet wurden.
Ihre Burgen waren vor allem Bastionen als Rückzugsorte vor den
Verfolgungen.
Sie waren der Meinung, „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, so dass
viele, die nicht mehr arbeiten konnten auch aufhörten zu essen und
dadurch starben.

Wieder zurück traf Marie Paula beim Essen, die mit einem Boot die letzten
zehn Kilometer auf dem Kanal gefahren war. Beim Brotessen brach Marie
ein Zahn ab. Genau wie ihr zwei Zahnärzte vorhergesagt hatten...

Donnerstag, den 31. Mai 2007

Marie brachte den ganzen Vormittag damit zu, einen Zahnarzt zu suchen
und landete in der zahnmedizinischen Fakultät der Universität, die zum

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Hotel Dieu - Saint Jacques gehörte, also genau richtig, um zu erfahren,
dass es eines niedergelassenen Zahnarztes bedarf, um sich der Sache
anzunehmen, denn bei ihnen würde es drei Wochen dauern, um eine
Krone fertigzustellen.
Sie empfahlen Marie, den Zahn in Toulouse machen zu lassen, denn er
könne leicht nochmal brechen.

Marie fuhr wieder in die Stadt hinein, um in einer Buchhandlung weiter


über die Katharer zu lesen. So glaubten sie (ganz wie die Inder), sie
könnten als Tiere wiedergeboren werden und assen auch deshalb kein
Fleisch. Frauen waren Frauen den Männern gleichgestellt, eben weil sich
Männer im nächsten Leben als Frauen – und umgekehrt – wieder
reinkarnieren könnten.
Katharer heisst übersetzt auch „die Reinen“.
Der Dominikanerorden wurde just in Toulouse gegründet und seine
Anhänger hiessen Jakobiner.
Die Katharer glaubten, nur durch Initiation könne der Mensch vom Übel
befreit werden. Diese erhielten viele auf dem Totenbett, um danach nicht
mehr sündigen zu können.
Über Marie senkte sich wieder eine grosse Trauer herab über das, was hier
geschehen war.
Die einen sahen die anderen als mit dem Teufel im Bunde, die katholische
Kirche die Katharer und umgekehrt.
In dem Buch stand auch, dass die Stelen in Les Cassès fälschlicherweise
lange Zeit den Katharern zugewiesen wurden und erstaunlich: das Gleiche
dachte Marie auch; manche sind nicht katharischen Ursprungs.
In einem Internetcafé lag ein Flugzettel über die G 8, die sich in
Deutschland vom 6. bis 8. Juni zum 32. Mal treffen würden. Die Chefs der
acht reichsten Staaten kämen zusammen, um die Probleme der Welt zu
diskutieren. Dazu gehören die Vereinigten Staaten, Kanada, Japan,
Russland, Deutschland, Frankreich, Italien und Grossbritannien.
Sie hätten als Hauptthema den Kampf gegen die Armut und... vielleicht die
Frage der Klimaerwärmung. Hervorragende Absichten, doch das
Programm sähe so aus, dass multinationale Firmen unterstützt,

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Privatisierungen favorisiert, öffentliche Gelder gekürzt, die Wirtschaft
dereguliert und den Börsen unterworfen werde. Mit welchem Recht jedoch
würden sie sich treffen? Eine kleine Gruppe von Regierungschefs bestimmt
über alle Völker der Welt? „Sie wurden gewählt, um ihren Staat zu
regieren, sind jedoch nicht dazu auserwählt worden, die Welt zu
regieren!!“
Auf der Rückseite waren Gründe aufgelistet, weshalb die Treffen der G 8
ohne jegliche Legalität sind. Vor allem sei die zunehmende
Ungerechtigkeit, die der Welt herrscht die Konsequenz der G 8-Treffen.
Die Forderungen waren unter anderem:
- die Auflösung der illegalen G 8
- die Annullierung der Schulden der Dritte Welt Länder, die schon
mehrfach bezahlt wurden
- Verbot von gentechnisch veränderten Organismen in der
Landwirtschaft und in Nahrungsmitteln
Und diverse andere, die Marie jedoch aufgrund mangelnder
Französischkenntnisse nicht verstand.

Freitag, den 1. Juni 2007

Sie wollte wegen ihres Zahnes in Toulouse bleiben, auch wenn es eine bis
zwei Wochen dauern würde bis der Ersatz kommt. Diesmal fragte sie in
der Diözese, ob sie einen Zahnarzt kennen. Der Pförtner bemühte sich
redlich, aber wusste nicht bescheid, eine Frau jedoch empfahl ihr
Zahnärztinnen im Nachbarhaus. Sie rief auch gleich dort an und es hiess,
sie hätten zu viel Arbeit, keine Chance. Als der Pförtner dann nach einigen
Telefonaten das Telefonbuch aufschlug, um darin nach einem Zahnarzt zu
schauen, ergriff Marie die Flucht und ging in die empfohlene Praxis.
Die Zahnärztin dort war so freundlich, ihr drei Kollegen in der Nähe
aufzuschreiben und zur einzigen Adresse, bei der sie die Strasse kannte,
ging sie hin. Der Zahnarzt schlug gerade eine Zeitschrift zu, als sie ins
Behandlungszimmer trat, denn sie kam gleich dran.

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Die Krönung kam dann, als sie fragte wie das nun funktionieren würde. Er
meinte, er würde die Krone heute Morgen noch fertig machen und zeigte
auf einen Computer und ein Gerät.
Tatsächlich bastelte er ein paar Minuten an ihrem Zahn am Bildschirm
herum, dann ging das Gerät los und fertigte ihr eine Keramikkrone an. In
fünfzehn Minuten war sie fertig.
Wunder über Wunder.
„Sie haben Glück gehabt, dass Sie mich gefunden haben. Es gibt nur
zwanzig dieser Apparate in den Midi-Pyrenäen.“
Und dabei hatte Marie vorher noch gedacht: „Wer weiss, vielleicht haben
die Franzosen ja irgendeine neue Technologie, die in Deutschland noch
nicht soweit verbreitet ist“. Das Witzige war, das Gerät kam aus
Deutschland. In der Schweiz hätte schon jeder vierte Zahnarzt ein solches.

Am Mittag verschwand Marie in einer Bibliothek mit Büchern über die


Region. Angetan war sie vor allem von dem Regal über die Katharer,
insbesondere über Montségur. Fast alle okkulten Gruppierungen, die
Anthroposophen eingeschlossen, hätten versucht, die ehemalige Festung
für sich zu beanspruchen – umsonst.
Viele Literaten haben Bücher darüber geschrieben, viele Wallfahrer
pilgerten dorthin und auch in Marie selbst rief der Klang des Namens
sofort Resonanz hervor, irgendetwas, das sie hinzog. Schliesslich
entdeckte sie sogar noch einen neuen, bisher völlig unbekannten Weg
nach Santiago de Compostela, der dort vorbeiführte - in einem Buch
älteren Datums.
Am Abend war noch ein anderer Fahrradpilger in die Diözese gekommen.
Beim Mittagessen stand er auf und sang ein Ave Maria. Es war so
ergreifend und durchdringend, dass Marie noch am nächsten Tag die
Melodie durch den Kopf ging.

Samstag, den 2. Juni 2007

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Sie hatte sich entschieden, den entdeckten Weg über Montségur zu
nehmen. So ging es erstmal zurück am Kanal entlang. Als es ihr am Kanal
langsam reichte, fragte sie an einer Schleuse ein paar Leute nach einer
Strassenkarte, waren ihre Karten nicht detailliert genug. So entdeckte sie,
dass gerade von dort, wo sie war, eine Strasse nach Mirepoix führte,
genau da, wo sie hinwollte.
Sie kam gut voran, denn es gab kaum Steigungen, regnete nicht und war
auch ziemlich kühl. Überhaupt glaubte Marie, es würde ein kalter Sommer
werden nach diesem warmen Winter.

Gegen halb fünf kam sie an und bestaunte erstmal die Kathedrale, die viel
breiter war als andere Kathedralen. Auf jeden Fall war es eine grosse
Kathedrale für einen kleinen Ort, der jedoch scheinbar aufgrund seines
mittelalterlichen Stadtkerns ziemlich viele Touristen anlockte.
Auf dem Weg war sie schon auf neue Schilder des Jakobsweges gestossen
und gerührt: nun war sie auf dem Chemin du Piemont. An der Kathedrale
standen vier Pilgerherbergen angeschrieben, eine davon am Ort. Marie
war nicht mehr nach Bewegung und grösserer Suche zumute und so blieb
sie dort. Der Pfarrer mit dem Schlüssel zur Unterkunft kam erst später
wieder, also vertrieb sie sich in den Stein- und Buchläden die Zeit.
Hier fanden sich wieder viele Bücher über „die Vollkommenen“, sogar auf
deutsch. Wobei das Exemplar, das sie in der Hand hatte, sich eindeutig auf
die Seite der Kirche stellte, die die Katharer als Häretiker ansah und sie
eben, sofern sie ihrem Glauben nicht abschwörten, auf dem
Scheiterhaufen verbrannte.
In Montségur lebten im Schicksalsjahr 1244 wohl noch etwa 200
Menschen. In dem Buch, dem nicht unbedingt Glauben geschenkt werden
kann, hiess es, die jetzigen Mauern der zu besichtigenden Burg wären
nach den Katharern gebaut. Ausserdem las Marie die Theorie, die Katharer
hätten dort einen Sonnentempel gebaut, was der Verfasser jedoch
verwarf. Auf jeden Fall wohnten damals wohl um Montségur herum noch
500 Menschen.

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Sonntag, den 3. Juni 2007

Marie traf heute, nachdem sie in Montferrier zum einen in einen Haufen
Hundesch… gefahren ist und sich zum andern ein Eis kaufte, das schon
einmal aufgetaut gewesen war, einen 72-jährigen Holländer, der auch mit
dem Fahrrad unterwegs war. Er war auf dem gleichen Weg: nach
Montségur. Er hatte bei einer Gîte angerufen und einen Platz reserviert,
bestimmt wäre für Marie noch ein Platz frei. Es war ein steiler Aufstieg bis
auf circa 1000 Meter Höhe, dann ging es wieder ein Stück bergab ins Dorf.
Der Weg war äusserst beschwerlich; der Holländer meinte, die Steigung
wäre gelegentlich um die zehn Prozent. Es war schön, mal jemanden dabei
zu haben, motivierender. Er sprach auch perfekt Deutsch. Marie glaubte,
dass sie ohne ihn den steilen, fast nicht enden wollenden Aufstieg nicht
geschafft hätte.

Die Pension war urgemütlich und verkaufte biologische Lebensmittel.


Marie fühlte sich wie zu Hause.
Im Museum, in das sie mit dem Holländer ging, sass ein netter Typ am
Empfang. Er meinte, es gäbe viele unerklärliche Geschichten, die man sich
über Montségur erzähle, aber keinerlei Beweise. Dass die Sonne am 21.
Juni Licht auf einen bestimmten Punkt werfe, das stimme auf jeden Fall
und es kämen jedes Jahr Leute, um dies zu sehen. Die Frau, mit der er
zusammenwohnte, kam vor fünf Jahren auf dem Wanderweg hierher und
blieb, eine Belgierin.

Der Holländer meinte, es wären drei Millionen Menschen damals


umgekommen. Und in Montségur hätten sie es zehn Monate mit den
Besatzern um die Burg herum ausgehalten, dann seien sie an Ketten den
Berg heruntergeführt und verbrannt worden, Männer, Frauen und Kinder.

Montag, den 4. Juni 2007

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Beim Frühstück hatte die Belgierin, die in der Herberge arbeitete, erzählt,
dass ganze Busse kämen und sie immer durch die Leute erfahren, wo
wieder ein neues Buch über Montségur erschienen ist, ob in Dänemark
oder Russland... „Die Menschen kommen aus der ganzen Welt und sind
von jeder Hautfarbe – mit einer Ausnahme: den Schwarzen“.
Als sie sich gegenseitig vorstellten, benutzte Marie ausnahmsweise ihre
beiden Vornamen. Bernhard war ganz von den Socken. „Dann bist Du
jemand. In Holland ist man jemand, wenn man zwei Namen hat“.

Nach dem Frühstück spazierte Marie mit Bernhard zur wolkenverhangenen


Burg. Der Weg war einfacher zu gehen wie angenommen, von der
herrlichen Sicht, die es wohl von hier oben geben mag, war freilich durch
die dicke Wolkendecke nichts zu sehen.
Eine Schulklasse besuchte die Ruinen gerade und bekam von einem
Führer viel über den Ort erzählt. Der Nebel passte zu diesem mystischen
Ort, den dann mehr und mehr Individualtouristen besuchten. Es war ein
aussergewöhnlicher Platz, ohne Zweifel, ob die Reste der Festung nun
katharischen Ursprungs sind oder nicht.
Die Katharer fanden ihr Ende durch den Tod eines päpstlichen
Abgesandten, um die Sache zusammenzufassen. Das war ihr Untergang
gewesen. Vorher waren sie eine angesehene Glaubensgemeinschaft.
Das alte Testament hatten sie als bösartig abgelehnt und nur das Neue
Testament akzeptiert.
Einer der Inquisitoren war vorher ein hochgestellter Katharer. Diejenigen in
Montségur, die abschwörten, wurden am Leben gelassen, diejenigen, die
nicht abschwörten, verbrannt.
Hitler hatte es auch auf Montségur abgesehen, weil es als die Gralsburg
galt. Es ist jedoch ein Mysterium, dass keiner, der okkulten Gruppen, die
sich Montségur gerne bemächtigt hätten, erfolgreich war. Marie schien
fast, an diesem Ort können tatsächlich nur „Vollkommene“ oder „gute
Menschen“ - wie sie die Katharer auch bezeichneten - sein. Alles andere
verschwindet über kurz oder lang.

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Als sie zurückgingen, meinte sie zu Bernhard: „Wenn man wüsste wie so
manches ist, würde man es nicht machen“.
„Wie im richtigen Leben“.
Gerne wäre sie in der überaus schönen und gemütlichen Gîte geblieben,
noch dazu mit der netten Begleitung von Bernhard, aber es hiess,
weiterziehen wie für Pilger ja üblich: bloss eine Nacht in ein und
demselben Bett.
So nahm Marie schweren Herzens Abschied und verfolgte die Route
weiter, zuerst zurück nach Lavelanet, um zu schauen, ob sich dort ihre
Brille wieder finden liesse, die sie unterwegs verloren hatte, aber umsonst.
Auf dem Weg hinunter hatte sie dann auch noch ihren Regenschutz
verloren. Wenn sie ehrlich ist, hat sie ihn aber nie so recht leiden können.

Die Belgierin hatte Marie empfohlen, die Strasse Richtung Roquefixade zu


nehmen, sie wäre die schönste Strasse der Umgebung. Ausserdem gäbe
es dort eine weitere Burgruine. Leider begann es immer heftiger zu
regnen, so dass Marie froh war, in Roquefixade eine Gîte d’Etape zu
finden, auch wenn sie erst eine ganze zeitlang überlegte, ob sie nicht auf
besseres Wetter warten solle. Aber es war keine Chance. Stunden später
regnete es immer noch.

Dienstag, den 5. Juni 2007

Heute ging es die wirklich einmalig schöne Strecke entlang nach Foix.
Atemberaubende Blicke auf die umliegenden, vor Grün strotzenden Berge
und Täler. In der Ferne die weissen Gipfel der Dreitausender. Was für eine
grandiose Landschaft! Und wie lange wollte Marie die Pyrenäen einmal
sehen! Bisher hatte sie von ihnen nur gehört, war vielleicht einmal
durchgefahren, aber sie hautnah zu erleben, das war doch etwas anderes.
Gestern meinte der Holländer, in den Bergen würde das Wetter mittags oft
wechseln. Wenn es morgens schön wäre, würde es mittags schlecht
werden – und umgekehrt.

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Marie hatte jedenfalls Glück. Sie hatte Sonnenschein zu ihrer Abfahrt und
im Laufe des Tages Wolken, die sich mal stärker zuzogen, um dann wieder
aufzuklaren und schliesslich am Abend abzuregnen.
In Rimont sprach eine alte Frau mit ihr, die auf einer Bank vor ihrer Tür
sass.
„Rimont ist im Krieg von den Deutschen komplett zerstört worden. Und
jetzt kommen die Deutschen und werden von den Franzosen gut
empfangen“. Sie wiederholte diesen Tatbestand drei Mal, also muss es
sich um etwas Wichtiges handeln.

Es ging recht rasch weiter bis St. Lizier, wo Marie im Tourist Office einem
älteren deutschen Herrn begegnete, der ebenfalls auf dem Jakobsweg
unterwegs war und wissen wollte, wo das Hotel war, das man für ihn
gebucht hatte. Maries Glück, denn dadurch war sie in der Pilgerherberge
ganz allein.
Die Ausblicke auf die Berge waren dermassen schön, dass Marie ihre
Augen kaum abwenden wollte.
War die Herberge gestern zu kalt gewesen, so war sie heute zu warm. So
wurde das Ganze ausgeglichen. Hier gab es unglaublich viele
Informationen über den Jakobsweg, viele Aktenordner voll mit Auszügen
aus dem Internet neben Zeitschriften, Büchern und Karten. Die Dame vom
Tourist Office zeigte Marie, wie es weitergeht und meinte: „Jeder hat
seinen Weg“.

Mittwoch, den 6. Juni 2007

St. Lizier zählt zu Recht als einer der schönsten Orte Frankreichs.
Marie verliess das beschauliche Dörfchen und zog weiter die Flüsse
entlang. Leider entdeckte sie zu spät, dass es einen Fahrradweg entlang
der Garonne gegeben hätte, denn sie nahm die doch recht befahrene
Landstrasse.

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Sie hatte sich heute für den Weg untenherum anstatt über den Col
D’Aspet mit 1069 Metern Höhe entschieden, da sie ja erst in Montségur
auf 1000 Metern Höhe gewesen war.
In St. Gaudens am Ortseingang befand sich eine riesige Fabrik,
Schwerindustrie mit tausend rauchenden Schornsteinen, daneben Berge
von Baumstämmen und ein riesiger brauner Berg vermutlich aus
Sägemehl.

In Valcabrère wurde für die Eglise Saint-Just Eintritt verlangt. Die


Kassiererin meinte: „Die Kirche ist doch interessant“. Die Kassiererin war
auch interessant, fand Marie, ihr jedoch war die Lust vergangen.
Marie zog von dannen, um im Saint Bertrand de Comminges nach dem
Rechten zu sehen. Dort war ein Teil der Kathedrale frei zu betreten, ein
anderer Teil war durch einen eisernen Gitterzaun abgetrennt und nur
durch Zahlen von Eintritt in Verbindung mit dem Kloster zu besuchen.
Marie findet es unethisch, für religiöse Stätten Eintritt zu verlangen. Hat
jemand schon Mal gehört, dass für einen buddhistischen oder
hinduistischen Tempel Eintritt genommen wird?
Lustig waren die Leute, die zum Teil in Bussen ankamen und dann mit
elektrischen Führern in Form grauer Rechtecke am Ohr in der Kathedrale
herumliefen und sich hochinteressiert die Details anschauten.
Geht ihnen damit der eigentliche Flair des Ortes nicht verloren?
Beim Anblick mehrerer Plastiktüten auf einem Feldweg kam Marie, wie die
zivilisierte Welt andere Teile der Welt ins Verderben führt. Sie dachte an
den vielen Plastikmüll in der Dritten Welt, der überall herumfliegt, weil die
Leute das unverrottbare Zeug einfach wegwerfen, fehlt einfach das
entsprechende Bewusstsein.
Im Gegenzug vorbildlich und in dieser Art selbst in Deutschland noch nicht
in dieser Vielfalt gesehen waren Lebensmittel in Boxen zum Sich-selbst-
Nehmen in einem Bioladen. Als Verpackung standen Papiertüten aus
Recyclingpapier zur Verfügung. Hier war endlich einmal Bewusstsein für
Verpackung spürbar. Bravo!

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Im Tourist Office gab es eine Liste mit Pilgerunterkünften, darunter eine
kostenfreie Bleibe im Pfarrhaus. Es war wieder sehr einfach, aber sie
bekam einen Topf, um auf dem kleinen Gaskocher zu Kochen und ein
wunderbares Geschenk aus einer Bibel durch das Gleichnis des verlorenen
Schafes, in dem es heisst: „der Himmel freut sich mehr über ein sündiges
Schaf, das bereut und zurückkehrt als über 99 gerechte Schafe“.

Donnerstag, den 7. Juli 2007

Der Pfarrer hatte Marie eingeladen, bei ihm zu frühstücken. Sie kam
allerdings nur zu zwei Broten, dann musste er gehen, um eine Messe zu
halten.
Er war seit fünf Jahren hier und litt unter Parkinson. Gerade hatte Marie
gelesen, Parkinson, Alzheimer und Konsorten käme womöglich von den
Impfungen.
„Die Kirchen gehören seit der Revolution den Städten und Gemeinden,
zumindest jene, die vor 1960 erbaut wurden, danach gibt es ein anderes
Gesetz. Sie verlangen Eintritt, um die Kirchen instand zu halten.“ Auch die
Kathedrale koste schon seit langem Eintritt.

Marie besuchte das seit der Revolution stillgelegte, aber nun restaurierte
Zisterzienserkloster Escaladieu und bewunderte die herrlichen Aussichten
auf die Pyrenäenlandschaft. Nach zwei Aufstiegen war sie müde und so
entschloss sie, in Baguères-de-Bigorre Halt zu machen, wo es eine
Pilgerunterkunft in der Pfarrei Notre Dame gab.
Dort war gerade Kleiderbörse und Marie erstand ein weisses Leinenkleid
für einen kleinen Obulus, sogar gefüttert. So etwas hatte sie noch nie
besessen.
Sie fühlte sich in der Stadt sehr wohl, einem Kurort mit Thermalbädern, in
dem sich im 19. Jahrhundert die High Society getroffen hat und die auch
schon viele Schriftsteller anlockte.

67
Freitag, den 8. Juni 2007

Marie ging in die Therme. Sie badete und saunierte. Danach fühlte sie sich
wie neugeboren und startete nach Lourdes.
Eine ganze Truppe von Bikern aus Tarbes war unterwegs und überholte
sie. In Lourdes bekam sie als Pilgerin ein ganzes Zimmer für sich alleine
für einen sehr geringen Preis. Ein deutscher Arzt kam zur gleichen Zeit an.
Er war neun Tage von Pamplona nach Burgos gelaufen wegen des
schlechten Wetters. Auf dem Col de Somport hätte es nämlich geschneit,
als er loslaufen wollte und so hatte er sich umentschieden.
„Fährst du nach Fahrradwegkarten?“ wollte er wissen, als sie sich beim
Essen in der Kantine trafen.
„Nee, das gibt es nicht für Frankreich“.
„Und bereust Du dann manchmal nicht, wenn Du eine andere Strasse
hättest nehmen können?“
Die Pilgerreise ist wie das Leben, stand in einem der Texte in St. Lizier. Da
ist natürlich bereuen ein Bestandteil. Bei Marie war es ein Bereuen, den
Weg durch die Pyrenäen nicht früher eingeschlagen zu haben. Grund war
die Angst. Der Weg könnte mit viel Auf und Ab verbunden und somit zu
beschwerlich sein. Dafür gab es auf dem Weg, den sie genommen hatte,
die Probleme mit dem Fahrrad, zum Teil keine Unterkunft, viel Regen,
Kälte, Ärger, Schwierigkeiten.
Das Gleiche heute im Kleinen. Den „richtigen“ Weg verfehlt, der auf der
Karte markiert war, also auf einer viel zu vollen Bundesstrasse gelandet,
dann ausgewichen auf eine andere Strasse. Dort nur Gegenwind, enge
Strassen, lärmende Motorräder.

Am Abend gab es eine grosse und beeindruckende Marienprozession, bei


der Tausende von Menschen mit weissen Kerzen vor dem Platz
umherliefen. Ergreifend.

Samstag, den 9. Juni 2007

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Am Morgen ging Marie noch in die Rosairekirche und holte Wasser von der
Quelle.
Die Kirche war mit Mosaikbildern ausgekleidet, die an Schönheit kaum zu
überbieten waren. Marie war sehr berührt.

Heute waren nur geringe Steigungen zu überwinden. Wieder eine grosse


tote Schlange am Wegesrand, gestern ein Reh. Sonst auf der Strecke viele
tote Igel, mal eine Katze und in Frankreich insgesamt erstaunlich viele
grosse Schlangen.
Als sie von Montségur losgefahren war, sah Marie zum ersten Mal in ihrem
Leben einen lebendigen Maulwurf, wie sie es sich als Kind immer
gewünscht hatte. Er kroch ganz dicht an der Erdoberfläche entlang und
schaute immer mal wieder durch das Gras hindurch.
Gestern sah sie einen jungen Fuchs auf der Strasse, obwohl vorher so viele
Fahrradfahrer dagewesen waren. Erst blieb er stehen und schaute sie an,
dann rannte er weg.

Auf dem Weg nach Oloron zog ein Unwetter herauf, vor dem sie die ganze
Zeit schon auf der Flucht war. So raste sie zum ersten Mal so schnell sie
konnte die Strasse entlang und hatte Glück. Erst am Abend kam das
Unwetter dort hernieder.
Nach langer Suche fand sie das Tourist Office, in dem sie eine Liste mit
Unterkunftsmöglichkeiten bekam. In der ersten Herberge war Empfang
zwischen18 Uhr und 18:30 Uhr. In der nächsten war niemand da, aber sie
war ganz gemütlich.
Als Marie die Kathedrale suchen sollte, wiesen zwei Pilger ihr den Weg zu
ihrer Herberge. Sie waren aus Belgien und einer von ihnen sprach deutsch.
In der Herberge hing ein Plakat an der Wand, auf dem vor den Basken
gewarnt wurde. In einem Zitat aus früheren Jahrhunderten betonte ein
Pilger, wie unfreundlich er die Basken fand. Man wäre hier auf jeden Fall
nicht sehr sicher.

Sonntag, den 10. Juni 2007

69
Am Morgen las Marie in einem katholischen Heft von der Notwendigkeit
des Schweigens und ihrer Tradition sogar schon vor Christus. Schweigen.
Ihre Erlösung. Mit keinem Menschen mehr sprechen zu müssen... Das war
es!

Auf dem Weg nach St.-Jean-Pied-de-Port, wo der Chemin du Piemont mit


den Hauptwegen von le Puy, Vézelay und Paris zusammentrifft, gab es
einige sehenswerte Kirchen. Im Ort selbst fand sich eine Herberge neben
der anderen, schön und gemütlich eingerichtet.
Marie landete in der offiziellen Herberge im letzten Bett, einem Sechs-
Bett-Zimmer nur mit Frauen. Es war ein schönes und neu restauriertes
Haus.
Tatsächlich waren hier viele mit dem Fahrrad unterwegs, vor allem
Männer.
In der Pilgerinformation waren genaue Informationen über den Weg zu
erhalten, eine Liste mit Höhenmetern und eine andere mit den refugios,
wie die Pilgerunterkünfte in Spanien heissen. Und in der Tat: hier waren zu
viele Leute für Maries Geschmack. Aber erstaunlich viele junge Leute. Hier
war es international, vorher war es eher europäisch im Grossen und
Ganzen.

Montag, den 11. Juni 2007

Als unsere Pilgerin das dritte Getränk zum Frühstück haben wollte, regte
sich die Frühstückshilfe, eine ältere Dame, fürchterlich auf. Es hagelte ein
kleines Donnerwetter.

Die Strecke zog sich. Marie entdeckte zwar bald hinter St.Jean-Pied-de-Port
eine kleine sehr ruhige Strasse, die durch wunderschönes Gebiet führte.
Sie folgte dem Schild zur Kirche St. Sauveur aus dem 13. Jahrhundert, die
allerdings geschlossen war. Offen war dafür eine Toilette direkt daneben,
die wie gerufen kam. Als sie die Strasse weiterfuhr, die rot-weiss markiert

70
war und in eine unasphaltierte Strasse mündete, kamen plötzlich vier stark
verschmutzte Männer auf Motocrossmaschinen vorbeigefahren. Die
Gegend wurde sehr einsam und Marie hatte keine Ahnung, ob es der
Jakobsweg war, der markiert war, es konnte auch ein anderer Weg
gewesen sein. Als dann die Markierung ein ganzes Stück fehlte und ein
Hund am letzten Haus weit und breit zu bellen begann, wurde es
unheimlich. Sie drehte um.
Auch die Motocrossfahrer machten ihr Angst. Was wäre, wenn sie
zurückkämen und sie in gottverlassener Gegend vorfänden?
Just als sie entschlossen hatte, zur Strasse zurückzufahren, kamen zwei
weitere Motocrossfahrer vorbei. Das Herz rutschte ihr in die Hose und sie
bekam Angst wie noch nie. Sie sah zu, dass sie so schnell wie möglich in
belebtere Gefilde kam, denn hier war sie weitgehend alleine in Wald und
Feld gewesen.
Froh, wieder in relativer Sicherheit zu sein, schlug sie den nächsten Weg
Richtung Bayonne ein. Just in dem Moment kam ein Fahrer in einem
amerikanischen Schlitten mit lautem Getöse angefahren und bog in eine
Querstrasse ein, um gleich wieder zurückzufahren. Dazu kam Gegenwind.
Das kam Marie so komisch vor, dass sie auch hier Gefahr witterte und
umdrehte, um eine andere Strasse auf ihrer Karte zu suchen. Dort war es
dann besser und sie wiegte sich wieder in Sicherheit. Sie wollte nach
Bayonne fahren, um dem dortigen Jakobsweg zu folgen.

Es ging immer wieder bergauf und bergab und das viele Suchen nach der
Strasse war ermüdend, doch auf einmal war sie in Anglet, direkt neben
Bayonne gelandet.
Sie fuhr zur Bayonner Kathedrale, in der eine ältere Dame die Jakobspilger
empfing. Als sie Maries Pilgerpass gestempelt hatte und fragte, wo sie
herkomme, meinte sie, eben gerade seien schon zwei Leute aus München
mit dem Fahrrad dagewesen. Sie fragte Marie auch, ob sie etwas zum
Schlafen hätte und als sie verneinte, lud sie Marie zu sich nach Hause ein.
Ihr Mann wurde angerufen, um sie wegen des Fahrrades abzuholen.
In der Kathedrale hingen die beruhigenden Worte:

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Réjouissez-vous avec moi, Freue dich mit mir,
car j’ai retrouvé ma brebis perdue denn ich habe mein verlorenes Schaf
wiedergefunden

und

Choisir la paix Den Frieden wählen.

Dann kam Pierre, ihr Ehemann und lud das Fahrrad hinten ein und die
beiden Frauen sassen zusammen vorne auf einem Sitz. Das machen auch
nur Franzosen in diesem Alter!
Nachdem sie zu Hause in Anglet ausgeladen hatten, luden die Beiden
Marie ein, zum Strand zu fahren. Das pensionierte Pärchen ging sogar ins
Wasser, Marie war es jedoch zu kalt.
„Die Promenade (eine Betonstrasse) ist neu gemacht, das Meer auch. Es
hat nämlich keine Wellen. Die kommen erst noch“, witzelte Pierre.
Tatsächlich hatte Marie den Atlantik nie zuvor so ruhig gesehen.
Aber wie es in der Kirche gestanden hatte, probierte sie es mit „choisir la
paix“.
Tiefer Friede breitete sich in ihr aus, nachdem ihr auf dem Wege klar
geworden war, dass sie Abschied nehmen müsse von ihrem alten Leben.
Schon lange hatte sie Abschied genommen von diesem und jenem,
diesmal jedoch ging es darum, vom ganzen bisherigen Leben Abschied zu
nehmen. Vor allem, von ihren liebsten Freunden.
Das Ganze war wie ein Nach-Hause-Gehen. Heimkehren. Dahin gehen wo
man hergekommen ist.
„Halbtod bin ich schon, kann ich auf dieser Erde nichts mehr ausrichten.
Ich bin gekommen, um zu helfen, die Transition der Erde zu begleiten,
doch die finsteren Mächte haben gesiegt über mich, sie waren grösser als
ich. So konnte ich und mit mir unzählige andere ihre Lebensaufgabe nicht
erfüllen, viele von denen, die gekommen sind, um zu helfen. Wir haben die
negativen Kräfte gegen uns unterschätzt, so wie Petrus sie unterschätzt
hat“, ging Marie wieder mal durch den Kopf.
Heute waren Streifen, die aussahen wie eine Jakobsmuschel am Himmel.

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Dienstag, den 12. Juni 2007

„Die Kirchen in Spanien sind geschlossen“ meinte Maries Gastgeberin zum


Frühstück. Die Beiden wussten auch nicht warum. „Und zuständig für
Pilger ist dort die Polizei. Das steht sogar auf dem Pilgerpass, schau. Wenn
irgendetwas ist, kannst du dich an sie wenden.“

Marie fuhr die Küste entlang bergauf und bergab durch Biarritz, St. Jean de
Luz und Hendaye, fand jedoch dort die Fähre nicht, von der Pierre
gesprochen hatte. Auf der anderen Seite der Bucht würde sie eine kleine
Bundesstrasse nehmen können, von Irun gäbe es nur eine Route National.
Auf einer Karte oberhalb Iruns sah Marie jedoch, auf der kleinen Strasse
würde es 500 Höhenmeter hochgehen, da entschied sie sich dagegen. So
suchte sie sich einen Weg zwischen den beiden Routes Nationales und sah
plötzlich einen blauen Bus mit der Aufschrift „The twelf tribes“ eine
Strasse hochfahren.
„Die kenn ich doch“, dachte Marie und folgte dem Auto, das bald
verschwunden war. Sie fand es auf einem Grundstück und ging hinein.
Freundliche Menschen luden Marie ein, dazubleiben und so blieb sie. Eine
junge Frau mit drei Kindern erzählte im Gemeinschaftsraum bei einer
Tasse Tee, sie sei nie in eine Kirche gegangen oder so etwas, sie sei
einfach dazugestossen. Eine andere, mit der Marie dann Bohnen pflückte
war erst einen Monat hier. Sie hat früher Yoga gemacht und war auf dem
spirituellen Weg gewesen, aber hatte nicht das gefunden, was sie gesucht
hat. Ein anderer Mitbewohner der Gemeinschaft hatte sich ständig mit
seiner Frau gestritten, bis sie sich von ihm getrennt hat. „Ich wohnte in
den Bergen, habe viel meditiert und Yoga gemacht, aber wenn jemand zu
mir kam, bin ich explodiert“, gestand er.
Dann empfahl ihm jemand die Gemeinschaft, aber zunächst er wollte
nicht. „Erst als meine Frau mich verlassen hat, kam ich hierher und blieb.
Meine Frau kam mit den Kindern nach. Und wenn wir uns abends treffen,
dann gibt es keinen Streit. Dann herrscht Frieden“.

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Bei der Versammlung am Abend sagten einige Mitglieder, was sie gerade
auf dem Herzen haben. Zum Beispiel, dass die satanischen Kräfte auf die
Vernichtung der gesamten Menschheit aus sind. Dass wir immer wieder in
Versuchung geführt werden und dass die ganze Welt egoistisch ist.

Mittwoch, den 13. Juni 2007

Nach dem gemeinsamen Frühstück ging es weiter nach San Sebastián.


Dort kam sie am frühen Nachmittag an und – müde von den vielen
Aufstiegen – setzte sie sich erstmal an den Strand.
Im Touristenbüro wurde sie mit Stadtplan und der Adresse der
Jugendherberge ausgestattet und bekam dort im Zimmer 6 das Bett 6. Es
war eine Münchnerin da, die sich mit Marie unterhalten wollte, aber Marie
winkte ab. Sie war immer noch im Schweigen. Nun den vierten Tag.
Marie wusch eine Ladung Wäsche in der Waschmaschine, die jedoch,
wahrscheinlich aufgrund fehlender Wärme des Wassers, nicht recht sauber
wurde. Und ganz trocken wurde sie im Trockner auch nicht.

Donnerstag, den 14. Juni 2007

Heute ging es erst den Igeldo genannten Berg hoch, der mit herrlichen
Blicken belohnte, dann die Küste entlang. Die Kirchen waren –
erstaunlicherweise- geöffnet. Die erste war eine gothische Kirche, die
total schräg gebaut war, sowohl die Wände als auch der Boden. Sie liess
Marie eher an die Neogothics denken, von denen sie letzt in einem Buch
gelesen hatte, dass sie im Grunde eine satanistische Bewegung wären.
Auch die Kirche hatte eine Ausstrahlung aus dunkler Zeit.
Die nächste Kirche in Itziar hat einen ähnlichen Eindruck hinterlassen.
Statt richtiger Kerzen, gab es nur Elektrolichter.
Eine zeitlang hatte sie sich wegen des Regens untergestellt und in den
Heften der Twelf Tribes gelesen. Über die Kirche, über die Errettung durch

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Jesus Christus, über den Fürst der Welt, der die Menschen in seinen Klauen
gefangen hält.

Als sie in Deba ankam, braute sich etwas zusammen. Vor der
Touristeninformation, die schon geschlossen hatte, sprachen sie ein paar
Leute an: „Wollen Sie hier übernachten? Bei der Polizei gibt es den
Schlüssel für ein Haus zum Übernachten!“
Sie führten Marie zur Polizeistation, wo sie von einem freundlichen
Polizisten den Schlüssel und eine Wegbeschreibung bekam.
Es war ein Raum mit acht Betten. Einfach, aber auf Spendenbasis. Eine
Gruppe Spanier war schon da.
Marie setzte sich zum Essen oben an den Felsen und genoss den
Sonnenuntergang mit Blick auf den Strand und das Meer.
Am Ende waren sie zu neunt in dem kleinen Raum mit zwei
Dreierstockbetten, einem Zweierstockbett und einer Notmatratze.

Freitag, den 15. Juni 2007

Die Fahrt war wieder schön, es ging durch grünes bergiges Gelände,
nachdem Marie den Strand irgendwann hinter sich gelassen hatte. Es gab
zwei grosse Aufstiege, die ausreichten, um zu ermüden.
An einem Wasserfall kroch ein phantastisch schöner Käfer in
hellblaumetallic, einer nie gesehenen Farbe über den Boden. Schon vorher
war ein grünmettalischer Käfer an ihr herumgekrabbelt, aber das blau war
spektakulärer.
In Spanien gab es überdurchschnittlich viele Baustellen. „Ganz Spanien ist
eine Baustelle“, ging Marie schon am ersten Tag in diesem Land durch den
Kopf. Sie fragte sich, woher die Leute das ganze Geld zum Bauen haben.
Das Bauen zieht natürlich entsprechend viele herumfahrende Lkws mit
sich.

Marie landete in der Jugendherberge in Gernika-Lumo. Es war weniger voll


wie gestern und ganz schön, allerdings gab es zum Wasserkochen nur eine

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Mikrowelle. „Wie ungesund“, dachte Marie auf den ersten Blick. Nach
einigen Tassen Getreidekaffees hatte sie schon das Gefühl, dass ihre
Zellen im ganzen Körper durch die Mikrowellen verändert werden. Und
nachdem sie dann noch etwas ass, was sie mit der Mikrowelle gekocht
hatte, war ihr schlecht, sie wusste nicht, ob es von der Mikrowelle kam
oder weil sie zu viel gegessen hatte.

Samstag, den 16. Juni 2007

Ihr war weiterhin schlecht, wahrscheinlich tatsächlich von der Mikrowelle.


Jedenfalls fuhr sie trotzdem bis Portugalete, einen Bogen um Bilbao
machend, sogar noch einen Ort weiter, wo sie sich beim geschlossenen
Tourist Office, da Feiertag, auf eine Bank legte. Auf einmal brach sie alles,
was sie gegessen hatte mitten auf dem Platz heraus. Immerhin ging es ihr
danach besser.
Sie wollte auch schon weiterfahren, aber vor ihr lag Schwerindustrie und
ihre Karte hörte auf. Das konnte nicht der richtige Weg sein.
Die Hostels in Portugalete waren voll und nachdem Marie schon Stunden
herumgelaufen war und es ihr immer noch nicht sehr gut ging, fragte sie
zwei Polizistinnen nach einer Unterkunft. Sie brachten Marie zu einem
Hotel. Es kostete zwar deutlich mehr als jede Herberge, aber
ausnahmsweise liess sich das mal machen.

Sonntag, den 17. Juni 2007

In der Touristeninformation gab die Dame Marie eine Karte und beschrieb
ihr den Weg bis Muniz, wo es eine Herberge am Strand gäbe, nur dreizehn
Kilometer entfernt.

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So gelang es, um die massenhafte Annsammlung von Schwerindustrie am
Golf von Bizkaia durch den Fahrradweg von Portugalete nach Las Arenas
herumzukommen.

Montag, den 18. Juni 2007

Heute gab es bloss kleine Einlagen von Schwerindustrie auf dem Weg
Richtung Santander. Zum Teil nahm Marie den beschilderten Jakobsweg,
zum Teil die Strasse.
Landschaftlich wurde es mit der Zeit weniger reizvoll, Marie schien die
Gegend irgendwie gottverlassen zu sein, obwohl es sehr wohl
Ansammlungen von Häusern gab, Ferienwohnungen wie es schien.
Ist das nicht ein ökologisches Desaster? Welcher Wohn- und Lebensraum
der Tier- und Pflanzenwelt damit entzogen wird zum vermeintlichen Wohle
des Menschen.
Ob einer mit so einem frischgebackenen eigenen Ferienhaus jemals einen
Deut glücklicher geworden ist wie vorher? Und dafür sind so viele Tiere
und Pflanzen gestorben, die vormals dort gelebt haben. Wie bringen die
Menschen das jenen Lebewesen bei? Womit entschuldigen sie sich?
Die vielbesagte Wüste, in der die wirtschaftlichen Zwecken dienenden
Eukalyptuswälder natürlich nichts ändern konnten. Was haben
Eukalyptusbäume eigentlich in Spanien verloren? Wenn sie denn schon
erwiesenermassen wesentlich mehr Wasser als andere Bäume dem Boden
entziehen...

In Castro Urdiales schickte Marie endlich ein Paket zu einem stolzen Preis
nach Hause. Aber was soll’s, Hauptsache weg mit den warmen Klamotten,
die für einen Wintereinbruch gedacht waren.
Und schon fuhr es sich viel leichter, ganz anders, eine komplett andere
Geschichte. Nun war nicht mehr jeder Kilometer bergauf Schwerstarbeit.
Was so ein paar Kilo doch ausmachten!
So kam sie diesmal sehr weit: in annähernd zwölf Stunden mit kurzer
Siesta gute hundert Kilometer und das mit allerhand Steigungen.

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Dies war jedoch nur durch den gestrigen Fastruhetag und das leichtere
Gepäck möglich.

Auf einmal, kurz vor Santander wurde die Landschaft wieder schöner und
beseelter; ein Bergpanorama breitete sich vor Marie aus und was kam zum
ersten Mal seit langer Zeit mal wieder in Sicht? Ein Kloster.
Ihre Gastgeberin in Anglet hatte ihr erzählt, dass es in Spanien keine
Klöster gebe. Na ja, auf jeden Fall nicht so viele wie in Frankreich.
Marie fuhr hin, lag es nur einen Kilometer von ihrer Route entfernt und sie
hatte Glück: Die Schwestern kamen ihr liebevoll entgegen und nahmen sie
auf. Was für herrliche Zimmer nach manch ärmlichen Behausungen und
Schlafsälen.
Um neun Uhr gäbe es Essen. Marie war beunruhigt, hatte sie doch keine
Uhr.
„Was, Sie kommen aus Deutschland, fahren nach Santiago ohne Telefon,
ohne zu Sprechen und ohne Uhr?“
Natürlich konnte die Schwester nicht wissen, dass sie erst sieben Tage in
Silence war.

Dienstag, 19. Juni 2007

Das Kloster war so schön; am liebsten wäre Marie dageblieben, auch wenn
es gerade - von rumänischen Bauarbeitern - restauriert wurde. Aber
nachdem sie ankam, hörten sie mit dem Lärmen auf, war es schliesslich
auch schon halb acht gewesen.
Nach Cobrèzes zum nächsten Kloster zum Übernachten waren es an die 70
Kilometer. Die Stunden vergingen unbemerkt mit gelegentlichen Halten
vor dem niederkommenden Regen, jedoch nie so viel, dass sie ernstlich
nass wurde.
Santander liess Marie ausfallen, war zuerst keine Fähre zu bekommen
wegen des starken Windes, was für Marie hiess, auf etwa 18 Kilometer
Umweg gegen ihn anzustrampeln. Dann gab es kurz vor der Stadt an
entsprechender Stelle keine mit dem Rad befahrbare Strasse, sondern nur

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eine Autobahn, die zu fahren sie sich nicht getraute. Santander schien
wieder in die Ferne gerückt und so schwer zu erreichen, dass die
Entscheidung leicht fiel, es auszulassen, war der Verkehr im nahen Vorort
schon genug und hatte sie das, was sie kaufen wollte dort bekommen.
Zum Teil ging es die Strasse, zum Teil den Jakobsweg entlang bis sie auf
einmal über die Pflastersteine des mittelalterlichen Santillana del Mar
holperte, einem Touristenanziehungspunkt mit einer ganzen Reihe von
entsprechenden Shops mit lokalem Angebot.

Nach einem Rundgang sah sie zu, dass sie schnell wieder rauskam, war ihr
der Rummel zwischen den alten steinernen Häusern und Gebäuden zu
viel.
Von dort war es auch nur noch ein Katzensprung nach Cobrèzes und ging
durchs schöne Dorf Novales, nachdem sie mittags wieder eine ganze Weile
durch – für sie - gottverlassenes Gebiet gefahren war, durch sogenannte
Totenstädte wie Marie die Ansammlung von Ferienhäusern insgeheim
nannte.

Heute kam sie wieder mal an einer Zementfabrik vorbei. Wie in Frankreich
gibt es auch in Spanien viele halb abgetragene Berge, in denen die Laster
ein- und ausfahren, um das Baumaterial, den Zement an Ort und Stelle zu
fahren.
Wer dergleichen gesehen hat weiss, dass Zement die Landschaft immens
zerstört. Das ist das nächste, was bei der Betrachtung der
Feriensiedlungen zu beachten ist, der enorme Einsatz an Material.
Ausserdem wird das Land ausverkauft, geht man so mit seinem
geschätzten Land um?

Am Abend sass Marie dann vor dem Zisterzienserkloster. Rundherum eine


herrliche Landschaft mit sanften Hügeln, die sich zum Meer hin strecken,
darüber die pastellenen Farben des zarten Sonnenuntergangs. Im
Klostergarten Palmen und Nadelbäume unbekannter Gattung.

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Donnerstag, 21. Juni 2007

Gestern war Marie zu Beginn des Regens in Llanes angekommen und


wollte erst in der Jugendherberge unterkommen, aber dort gefiel es ihr
überhaupt nicht. Und in der Nähe, zwei Kilometer weiter, gab es eine
Herberge mit Internet und Spezialpreisen für Pilger wie sie auf einem
Informationsblatt von der Touristeninformation gelesen hatte.
Allerdings waren die Leute in dem Zimmer mit den freien Betten
unterwegs und Marie durfte ein paar Stunden warten bis sie kamen, was
sie jedoch mit Internet und allem Möglichen überbrückte.
Gestern war alles wunderbar gewesen, doch heute wurde sie inmitten
unschuldiger Landschaft von den wüstesten Gedanken verfolgt.
So war sie froh, in La Isla anzukommen, wo es eine Pilgerherberge gab, die
ziemlich voll, aber dafür schön und sauber war.
Auch traf sie den Bayern von gestern wieder, der von Santiago nach Rom
gepilgert war, zwei Tage nach dem Tod des Papstes Johannes Paul II. Er
wollte nicht, dass Ratzinger Papst wird, aber nun wäre er es doch
geworden.
Diesmal hatte er nur zweieinhalb Wochen Zeit, deshalb hatte er manche
Plätze zu überspringen und per Autostop fortzulegen. Er markierte Marie
zwei Herbergen, die sie unbedingt zu meiden hätte, weil sie so schlecht
seien, dass man krank werden könnte: Unquera und noch eine. So kam sie
erst gar nicht in Versuchung, diese anzusteuern.

Samstag, 23. Juni 2007

Gestern war ein Tag jener Tage. Marie fuhr einen Berg hinauf und kurz
bevor der höchste Punkt erreicht war, zweigte der Jakobsweg links ab und
führte erstmal bergab, was Marie alles nicht recht koscher war. Ohne
lange zu überlegen, fuhr sie einfach weiter, wusste sie auch nicht wie die
Konditionen des Jakobsweges waren, das heisst ob mit dem Fahrrad
überhaupt machbar.

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So gelangte sie auf der Strasse hinab ins nächste Tal und hatte dann alles
mühsam wieder hinaufzugehen, viele hundert Höhenmeter. Ein Mann
warnte sie unten, die Strasse ginge ganz schön hoch, das sei nicht zu
unterschätzen. Aber was sollte sie tun? Einen anderen Weg schien es von
hier aus nicht zu geben.
So ging es höher und immer höher und oben angekommen stellte Marie
fest, der andere Weg, also der Jakobsweg kam oben am Pass hinzu; er war
wohl die ganze Zeit auf der Höhe geblieben. Zuerst redete sie sich noch
ein, sie hätte alles richtig gemacht, doch als sie in der nächsten Stadt
ankam und die Pilgerherberge nicht zu finden war und sie daraufhin in Eile
vor Einbruch der Dunkelheit noch 15 Kilometer bis nach Oviedo weiterfuhr,
kam ihr, doch etwas falsch gemacht zu haben.
Denn Oviedo erwartete sie bei Nacht. Gerade mit dem letzten
Sonnenstrahl war sie angekommen und auch hier war kein Hinweis auf
eine Herberge in Sicht, auch nicht bei der Touristeninformation im
Schaufenster. Als sie durch die orange beleuchteten Strassen lief, vorbei
an Kathedrale und Kirchen, kam sie an einem Platz mit Live-Trommelmusik
von Djemben vorbei.
„Nosepara“ war das Motto, was so viel heisst wie „man hält nicht an“,
genau das hatte sie mal wieder betroffen. Denn sie hatte an der
Abzweigung nicht angehalten, war schlicht und einfach weitergerannt, so
wie im tatsächlichen Leben.
So ergab sich auch in Oviedo nichts, was ihr einen Hinweis auf die
Pilgerherberge gegeben hätte. Es half nur eins: die Polizei nach der
Adresse fragen.
Ein Taxifahrer vermittelte ihr die Adresse der Policia nacional, wo sie
gegen elf Uhr nachts eintraf. Der Polizist, der sie empfing, bat sie immer
wieder zu warten, zwei Kollegen der lokalen Polizei wurden losgeschickt,
um sich um die Sache zu kümmern.
Als Marie im Wartesaal sass, kamen ihr langsam die Erinnerungen an den
Tag und auch Ängste, was die Polizei wohl jetzt mache. Der wachhaltende
Polizist am Eingang fragte sie nach einer Schere und trennte damit ein
Polizeiabzeichen von seinem Hemd ab. Abschliessend drückte er es Marie

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in die Hand. „Cuerpo nacional de policia“ stand in schwarz-rot-gold und
gelb darauf. Was sollte das bedeuten?
Nach über einer Stunde kamen die Polizisten mit einem Schlüssel und
nach der Aufnahme von Maries Daten fuhren sie vor ihr her in Richtung
Pilgerherberge.
Da der Schlüssel dort nicht passte, klapperte der Polizist so lange lautstark
am Tor bis ein junger Spanier öffnete, der in der Küche sein Lager
aufgeschlagen hatte. Marie legte sich neben ihn, denn die Betten waren
alle belegt.

An langen Schlaf war nicht zu denken. Noch bevor es richtig hell war, stieg
eine Gruppe Spanier um sie herum, die sich offensichtlich hier zum
gemeinsamen Wandern trafen, denn sie gehörten nicht zu den
Übernachtungsgästen. Damit war es im Wesentlichen auch mit dem Schlaf
vorbei, denn als nächstes kamen die Leute zum Frühstücken. Marie sah
sowieso dann zu, dass sie vor den Letzten wegkam, um sich nicht noch
mehr zu schulden kommen zu lassen, als um viertel nach zwölf in der
Nacht anzukommen. Normal war Check-In bis 21:00 Uhr.
Mann (oder frau) konnte nämlich den Pilgerpass abgenommen bekommen,
wenn er (oder sie) sich nicht an die Bedingungen hielt…

Sie frühstückte erstmal im Park nebenan, dann machte sie sich auf den
Weg zur Jugendherberge, denn sie wollte noch eine Nacht bleiben. Dort
war es jedoch so teuer, dass Marie sich umentschied. Die Dame am
Empfang zeigte ihr in einem Führer, dass neun Kilometer entfernt die
nächste Pilgerherberge war, also nicht weit entfernt.
Ausserdem gab sie Marie eine Liste mit den Pilgerherbergen in Asturias
mitsamt Adressen mit auf den Weg. Bisher hatte sie nur einen Hinweis auf
die Orte mit Herbergen, jedoch ohne Adresse gehabt. Fröhlich, dass es
wieder bergauf zu gehen schien, fuhr Marie zur Kathedrale, in der sie die
berühmten Reliquien, wegen denen viele Gläubige im Laufe der
Jahrhunderte hierher gepilgert waren, zu sehen bekam.

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Das Kreuz der Engel, das in der Mitte der Heiligen Kammer stand, soll mit
dem danebenstehenden Cross of Victory eines der wertvollsten
Schmuckstücke der Welt sein und war sehr beeindruckend.
Erst im Begleitfaltblatt zur Kathedrale entdeckte Marie, dass ein heiliges
Grabtuch hinter dem Kreuz der Engel an der Wand hing. Es soll Jesu
Gesicht bedeckt haben. Erstens wirkte es, als würde es hinter dem Kreuz
aus Juwelen und Geld versteckt werden und zweitens hatte es für Marie
keinerlei Ausstrahlung. Mit dem Grabtuch von Turin sei es wahrscheinlich
die am meisten wissenschaftlich untersuchte Reliquie, stand im Faltblatt.
Was das Tuch Marie auf ihre Frage „Bist du echt?“ selbst sagte, war: „Ich
war echt“.
„Was heisst, ‚Ich war echt’?“
„Das heisst, dass ich zu viel untersucht worden bin und dabei ging meine
gesamte Energie verloren“.
Von daher erklärt sich, weshalb es geradezu hinter dem Kreuz versteckt
wird.

Ausserhalb der Stadt ging es erst bergab und dann bergauf und Marie war
die erste, die in El Escamplero in der Herberge ankam. Bald kamen noch
sechs Personen nach.
Da es nichts zu Essen zu kaufen gab, sammelte Marie bei einem Rundgang
mit Panoramasicht zu beiden Seiten Wildkräuter und machte sich einen
Salat. Die anderen gingen in ein Restaurant, so dass sie mal ganz ihre
Ruhe hatte. Wo gab es so etwas?

Sonntag, 24. Juni 2007

Schon wieder hatte Marie sich um einen Tag getäuscht. Sie dachte, es
wäre Samstag, dabei war es Sonntag. Kurz nach dem Losfahren wusste sie
nicht mehr, ob sie auf dem richtigen Weg war. Sie bereute, sich nicht die
Kopien der Landkarte von der Dame in der Jugendherberge mitgenommen
zu haben. Sie wurden ihr angeboten, aber Marie hatte abgelehnt.

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So fuhr sie hin und her, weil die Strasse, die sie genommen hatte, nicht
auf ihrer Karte eingezeichnet war. Sie hatte sie in einem Umgebungsplan
in der Herberge entdeckt. Bloss irgendwann wusste sie einfach nicht mehr
weiter, hatte sie sich nur den nächsten Ort gemerkt und dann stand sie da.
Aus falscher Bescheidenheit heraus hatte sie die Kopien abgelehnt, zum
guten Engel mal wieder „nein“ gesagt und jetzt durfte sie dafür büssen. Zu
beiden Seiten ging es nämlich bergauf. Also lief sie zurück zu dem Ort,
dessen Namen sie als Referenz im Kopf hatte und fragte einen
Einheimischen nach dem Weg.
Sie traf dann einen der Spanier, der mit ihr übernachtet hatte. Als sie an
einer Sankt Ana geweihten Kapelle angelangt waren, kam auf seine
Anfrage hin eine Nachbarin mit Schlüssel und öffnete die Tür. Früher wäre
hier ein Krankenhaus gewesen, in dem die Pilger behandelt wurden, jetzt
zeugte davon jedoch nur noch die Kapelle.
Und doch war die Kapelle genau das, was Marie gerade brauchte, die paar
Minuten Rast hier kamen ihr wie gerufen.

Marie fuhr Richtung Pravia, was abseits des Jakobsweges liegt, um die
dortige Gemeinschaft der zwölf Stämme zu besuchen. In Pravia rief ihr ein
Mann zu „no corre mucho“. Er fuhr mit dem Auto an ihr vorbei und stellte
sich weiter vorne an den Strassenrand, um auf sie zu warten. Als sie das
zweite Mal an ihm vorbeifuhr, hielt sie an.
Er wollte sie zum Essen einladen, aber sie lehnte ab. Er schlug ihr vor, sich
irgendwo in den Schatten zu setzen und als sie wiederum ablehnte,
meinte er, sie würde wohl keine Begleitung wünschen und begann, ihr
Fahrrad und ihre Ausrüstung zu bewundern und nicht zuletzt sie selbst.
Sie sah zu, dass sie das Weite suchte und fuhr weiter nach Agones. Auch
dort fand sie keinen Hinweis auf die Gemeinschaft und hatte auf Anhieb
auch die Adresse gar nicht gefunden. Erst beim zweiten Anlauf suchte sie
die Adresse aus einem der Hefte heraus, die man ihr gegeben hatte. Auch
hier hatte sie zu fragen (wenn alles gut und glatt lief bedurfte es gar nicht
der Fragen) und als sie die entsprechende Strasse, an die sie verwiesen
worden war weitergehen wollte, schreckte sie der Lärm einer
Enduromaschine ab.

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Sowieso war sie im Zweifel gewesen, ob es ein guter oder besser gesagt,
der richtige Zeitpunkt war, die Gemeinschaft zu besuchen, nach dem, was
ihr jetzt – auf dem Weg nach Oviedo – schon wieder passiert war. Noch
dazu glaubte sie, es wäre Samstag und sie feierten Sabbat. Also war die
Frage, wohin fahren. In den Norden an die Küste oder in den Süden auf
den Weg, der von Oviedo weiterführte?
Da ihr zwei Leute von der Herberge des Klosters in Cornellana erzählt
hatten, war das der Platz ihrer Wahl, zumal nur zehn Kilometer ohne
Steigungen entfernt.

Die anderen aus der Herberge von gestern waren schon alle da, als Marie
ankam, später kamen noch weitere Leute hinzu.
Die Herberge war tatsächlich so vorbildhaft wie versprochen, alles neu
restauriert mit einer Küche mit Kühlschrank, Herd und Mikrowelle, mit
Waschmaschine und schönsten sanitären Einrichtungen. Man fühlte sich
wie im Schloss. Die anderen gingen wieder zusammen essen und Marie
hatte die herrliche Herberge für sich alleine. Hier war vom Europäischen
Sozialfond etwas Gutes finanziert worden, obwohl die zwölf Stämme
schrieben, Luxus führe ins Verderben und das hier war schon ein relativer
Luxus, anders konnte man es nicht bezeichnen.

Montag, 25. Juni 2007

Am späten Nachmittag kam Marie in der Pilgerherberge in Luarca an. Als


sie den Hinweisschildern „Alberge“ folgte, die im Sand verliefen und zum
zweiten Mal an derselben Stelle landete, kam ein Pilger daher, der auch
auf dem Weg zur Herberge war. Und im Gegensatz zu Marie konnte er
sprechen und die Leute nach dem Weg fragen, was er auch ohne
Ausschweife in Anspruch nahm. Er liess kaum einen auf der Strasse mit
Fragen aus.
So hatte Marie durch ihn zur Herberge gefunden, in der noch zwei
Deutsche Fahrradfahrer aus München waren.

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Am Mittag sah sie in einem Geschäft den Slogan „jetzt oder nie“. Die
anderen drei in Maries Zimmer schliefen schon, obwohl es noch taghell
war.
Der Franzose, mit dem Marie hergekommen war, war ganz schnell
gelaufen, obwohl er eine Verletzung am Fuss hatte und in der Herberge
humpelte. Überhaupt rückte Santiago näher, es war nun vielleicht 300
Kilometer entfernt.
Als Marie gemütlich auf dem Balkon im Schaukelstuhl gesessen hatte, kam
eine ältere Dame nicht recht freundlich daher und sprach mit dem jungen
Mann, der auf die Herberge aufpasste. Es ging sofort los mit wildem
Gezeter. Das Thema war Geld. Sie wollten nämlich eine Beteiligung von
vier Euro pro Gast haben. Da es ziemlich laut herging, fuhr Marie lieber
einkaufen. Die letzten Nächte hatte es überhaupt nichts gekostet und war
ganz friedlich abgelaufen und jetzt, da Geld im Spiel war, gab es Krach.

Dienstag, 26. Juni 2007

Marie setzte sich nach ihrer Ankunft neben die Herberge in Tapa de
Casariego. An der Tür hing ein Schild, man möge eine Dame unter der
Woche von 10 – 17 Uhr anrufen. Es war jedoch schon nach fünf. Marie lief
die Treppen hinab zum steinigen Strand, dem eine Insel aus Felsen
vorgelagert war. Unten sah sie zwei Deutsche liegen, die meinten, Marie
müsse anrufen. Als sie bedeutete, sie würde nicht sprechen, rief der Mann
mit dem Handy bei der Herbergsmutter an. Sie käme in zehn bis fünfzehn
Minuten.
Marie wartete und wartete, doch niemand kam.
Die Deutschen kamen dafür zurück und er rief noch mal bei ihr an. Sie
würde kommen...
Sie kam dann tatsächlich, kaum zu glauben; Marie war schon gewappnet,
draussen zu schlafen.
Heute war sie immer mal wieder auf dem Jakobsweg gefahren, da die
Strasse zu stark befahren war. Oder sie suchte sich selbst einen Weg.

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Mittwoch, 27. Juni 2007

Hermano: Vive este encuentro com el Senor como si fuera el primeiro, el


ultimo y el unico de tu vida
Santa Clara Monastery, Ribadeo

Bruder: Lebe dieses Treffen mit dem Herrn als wäre es das erste, das
letzte und das einzigste in deinem Leben
Kloster Santa Clara, Ribadeo

Marie landete heute in Lourenza, nachdem sie am Morgen einfach über die
Brücke gefahren war, die wohl für Fussgänger, aber nicht explizit für
Fahrradfahrer gesperrt war. Und wie ein Wunder kam in der Zeit, in der sie
den Kilometer über die Brücke fuhr auch kein Auto. Als sie weiterfuhr, hielt
ein älterer Herr mit rotem Pullover und einem langsamen kleinen
Elektroauto an einer Quelle, an der auch Marie Wasser holte. Er fragte sie
als erstes, ob sie verheiratet oder ledig sei und als nächstes, ob sie alleine
unterwegs sei oder ob ihr Mann dabei wäre.
Marie zuckte nur mit den Schultern. Der Herr fuhr an ihr vorbei, um weiter
vorne anzuhalten und auf sie zu warten. Das Spiel wiederholte sich einige
Male und Marie wurde ziemlich wütend deswegen. Was fiel diesem Mann
eigentlich ein! Er machte ihr schlichtweg Angst und nicht zu schlecht.
Sogar an einem Kreisel hielt er an, um zu sehen, welche Richtung sie
einschlagen würde. Dann hatte sie jedoch Glück: kurz danach folgten zwei
Abzweigungen und von da ab ward er nicht mehr gesehen. Es waren
nämlich zwanzig Kilometer fast ohne jegliche Menschen gewesen, fast
ohne Dörfer und ohne Städte.
Umso froher war Marie, als sie wieder an die Bundesstrasse kam, da waren
solche Spielchen nicht möglich.
In Lourenza traf Marie eine Pilgerin, die sie zur Herberge führte und ihr
alles zeigte. Erst waren sie zu zweit, dann kam jedoch ein ganzer Pulk von
fahrradfahrenden Männern.

87
Donnerstag, 28. Juni 2007

Heute sagte Marie “nein“ zum weiteren Eiskonsum. Das Eis vorgestern
hatte ihr nicht geschmeckt. Und es war das dritte Mal, dass das Eis, das
sie gekauft hatte, schlecht war. Das reichte. Jetzt hatte sie keine Lust
mehr. Zumindest hatte es erstmal den Anschein. Marie hat es nie erwähnt,
sie war nämlich eissüchtig.
Sowieso war ihr, seit sie in der Gegend von Oviedo von jemandem gelesen
hatte, der von dort in elf Tagen zu Fuss nach Santiago gegangen ist, ganz
anders. In nur elf Tagen, das hiess, dass sie bald ankommen würde,
höchstwahrscheinlich in weniger als elf Tagen. Das machte sie irgendwie
nachdenklich. Plötzlich wollte sie ihr Ziel gar nicht mehr erreichen.
Jedenfalls nicht so bald.
Interessanterweise waren die Schilder hier in Spanien umgedreht wie
zuvor. Die ganze Zeit war Santiago so weit weg gewesen und ein Ziel war,
vielleicht ohne es zu wissen, es möglichst schnell zu erreichen.
Da war immer dieser Ehrgeiz gewesen, möglichst weit an einem Tag zu
kommen. Nun hatte es sich umgekehrt. Marie wollte plötzlich so wenig wie
möglich vorankommen, denn bald stiess der Weg auch noch auf den
Französischen, da war es vermutlich mit der Ruhe vorbei.
Auf einmal nahm sie den ausgeschilderten Jakobsweg und lief zu Fuss
anstatt zu Radeln.
Die ganze Zeit hatte sie Laufen wollen. Hatte es sich immer wieder
überlegt. In Frankreich dachte sie, von Toulouse aus würde sie Laufen.
Dann war ihr die Ausrüstung dazu jedoch zu teuer gewesen. Sie hätte
Schuhe und einen Rucksack gebraucht. Dann hatte sie sich überlegt, ab
der spanischen Grenze zu Laufen, aber es hat nie stattgefunden, wollte sie
ja noch weiter zu einer Freundin nach Portugal und das mit dem Fahrrad.
Und heute, kurz vor Erreichen des Ziels war ihr, als habe sie aufgehört zu
rennen.

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Marie musste an den Filmtitel „Lola rennt“ denken. Als wäre auch sie
immerzu nur gerannt, ihr ganzes Leben. Vor allem vor sich selber
davongerannt. Gerannt und gerannt.
Und auf einmal hörte sie auf damit. Hörte auf mit Rennen.
Und sah die Landschaft, hörte die Vögel zwitschern und schob das Fahrrad
gemütlich neben sich her. Zwei Leute hatten sie dieser Tage gefragt:
„Hast du es eilig?“
Sie hatte nicht recht verstanden, warum sie das fragten, aber dass sie es
fragten, gab ihr zu denken. „Hast du es eilig, dann mache einen Umweg“
heisst es so schön. Und das Schönste: sie hatte selbst davon nichts
bemerkt. Es war aber so. Die reinste correria, das reinste Rennen.
Und der eine rief noch „nao corre demais“. „Renne nicht zu viel, eile dich
nicht zu sehr...“
So merkte sie auf einmal, dass sie zu früh war. Sie hatte letzt von Leuten
gehört, dass sie am 12./13. des Monats in Santiago sein wollten. Und Marie
spürte, wenn sie jetzt nach Santiago ginge, wäre das ihr Tod. Vor Ablauf
von drei Monaten durfte sie nicht in Santiago ankommen und um drei
Monate zu vollenden, fehlten ihr noch zwei Wochen. Wenn sie normal
weiterführe, wäre sie jedoch in drei Tagen am Ziel.
Auf einmal wurde ihr klar: sie hatte sich sooo beeilt - und die ganze Eile
war umsonst.

Freitag, 29. Juni 2007

Marie las im Heft „Freunde: Wir brauchen einander“ der zwölf Stämme.

Einen Artikel fand sie so aufschlussreich, dass sie ihn fast ganz
wiedergeben möchte:

Menschenrechte

„Es ist einfach aus den Augen zu verlieren, dass wir Rechte haben. Sollte
doch jeder Mensch mindestens einen Menschen haben, dem er tief in die

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Augen blicken und völlig vertrauen kann. Er sollte die absolute Gewissheit
haben, dass der andere ihn niemals bewusst verletzen würde, sondern nur
sein Wohl im Sinn hat.
Alle Eheleute sollten das voneinander behaupten können. Solch ein
Vertrauensverhältnis drückt Gottes Charakter aus und spiegelt wieder,
was er sich für den Menschen ersehnt.
Bestimmte Verhaltensweisen bauen dieses Vertrauen auf, andere
zerstören es.
Jungfräulichkeit war einmal ein Zeichen von normaler und gesunder
Unversehrtheit. Sie für ein selbstsüchtiges Vergnügen zu verschleudern
anstatt sich vollkommen für seinen Zukünftigen zu bewahren, wurde als
etwas Billiges und Charakterloses angesehen.
Eine Frau trägt in ihrem Körper das Zeichen der Jungfräulichkeit. Hinter
diesem Zeichen verbirgt sich, wer sie eigentlich ist und welche Aufgabe ihr
in der Schöpfung zugedacht ist: Sie war dazu erschaffen, Leben
hervorzubringen. Das war auch der Name der ersten Frau, Havah oder
Eva, „Die Mutter aller Lebenden“. Eine Frau, die sich für ihren Ehemann
rein hält, zeigt dadurch, dass sie ihm auch ihr ganzes Wesen, ihr ganzes
Leben und all ihre Liebe bewahrt. Überall auf der Welt sah man es einmal
als etwas Ehrbares an, wenn eine junge Frau so ihr Herz behütete.
Heute allerdings sieht man den Verlust der Jungfräulichkeit als etwas
Belangloses an. In Wirklichkeit hat es schwerwiegende Konsequenzen.
Wenn sich ein junger Mann für den Tag seiner Hochzeit rein hält, zeigt er
damit, dass er erwachsen ist und fähig, Verantwortung für eine andere
Person zu übernehmen. Ein Erwachsener ist jemand, der gelernt hat, seine
egoistische Natur abzulegen und der fähig ist, nach dem Wohl anderer zu
trachten. Manche Leute werden nie erwachsen.
Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, wissen wir, dass alle sexuellen
Beziehungen ausserhalb der Ehe egoistisch und oberflächlich sind. Ein
Mann, der sich rein hält, wünscht sich nur eine Frau, die sich rein gehalten
hat. Ein Mann, der sich rein hält, zeigt, dass er seinen Schöpfer fürchtet
und ehrt.
Dass Jungfräulichkeit heutzutage ihren ehrbaren und bedeutungsvollen
Platz eingebüsst hat, weist auf den Zerfall unserer Gesellschaft hin. Wenn

90
Menschen ihr Gewissen auf solch grundlegende Art und Weise verletzen,
müssen sie dafür bezahlen. Die Fähigkeit, tiefgehende Beziehungen
aufzubauen wird dadurch unwiderruflich zugrunde gerichtet.
Beziehungen vor oder ausserhalb der Ehe bzw. nicht zwischen Mann und
Frau verdrehen etwas an der Natur eines Mannes oder einer Frau. Dadurch
wird die gottgegebene Fähigkeit des Menschen, einen Bund zu schliessen
und zu halten, zerstört.
Männer und Frauen brauchen Freunde, Menschen, die bereit sind den Preis
einer wahren Freundschaft zu bezahlen. Es kostet etwas, mit einem
anderen Menschen zusammen zu leben. Du bekommst es mit seinen
guten, aber auch mit seinen schlechten Seiten zu tun. Durch lockere
Beziehungen, freie Liebe und wilde Ehen wird der lebenslangen
Verpflichtung einer solchen Freundschaft aus dem Weg gegangen. Der
Preis wahrer Freundschaft ist für ein egoistisches Herz zu hoch.
Doch ohne eine solche Freundschaft gelangen Männer und Frauen nicht
zur Reife und können sich nie zu glaubwürdigen Menschen entwickeln.
Ihre Persönlichkeit und ihr Charakter bleiben unvollständig und
unausgereift. Man kann das traurige Ergebnis in unserer Gesellschaft
überall sehen. Es ist tragisch!

Gegenseitiger Egoismus

Sogar das Wort „Bund“ hat nahezu alle Bedeutung verloren. „Vertrag“
entspricht wohl eher dem Verständnis, das die meisten Menschen über die
Ehe haben. Anstatt in den Bund der Ehe einzutreten, schliesst man heute
lieber Eheverträge. In diesen wird die Vermögensteilung auf den Tag, an
dem der gegenseitige Egoismus zur Scheidung führt.
In Wirklichkeit jedoch – und das ist die Wahrheit, die wir alle kennen – liegt
tief im Herzen eines jeden Menschen der Wunsch verborgen, mit einem
anderen Menschen einen Bund zu schliessen. Der engste, dauerhafteste,
feierlichste und heiligste Bund ist ein Blutsbund. Wenn jemand einen
solchen Bund schliesst, wird er ihm unter allen Umständen treu bleiben,
selbst wenn es ihn sein eigenes Leben kostet. Daher wird Blut vergossen,
wenn man einen solchen Bund schliesst.

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Der Wunsch, so miteinander verbunden zu sein und einem anderen
Menschen sein Leben, seine Liebe und seinen Schutz zu versprechen,
selbst wenn es einen das eigene Leben kosten würde, ist allen Männern
und Frauen von Geburt an gegeben. Dieser Wunsch ist im Menschen, weil
er in seinem Schöpfer ist. Wir Menschen sind in Seinem Bilde erschaffen.
Dieser Wunsch steckt hinter der Sehnsucht in Männern und Frauen zu
heiraten. Die Ehe ist ein Blutsbund, und deshalb ist sie ein Bund der Treue
bis zum Tod.
Ein Mann, der das Vertrauen einer Jungfrau missbraucht und sie dann
verlässt, ist ein Verräter – man kann ihm nie wieder vertrauen. Die
Jungfrau, die ebenso handelt und nicht treu ist, hat den Charakter einer
Hure angenommen, egal, ob sie Geld dafür bekommt oder nicht. Beide
haben sich von der wahren Bedeutung einer gesunden Beziehung
zwischen Mann und Frau abgewandt. Die körperliche Verbindung soll die
Verbundenheit und Einigkeit von zwei Menschen in der Ehe bezeugen. Sie
bedeutet, dass sie einander auch seelisch, geistig und gefühlsmässig
verstehen und ergänzen. So eine Beziehung stärkt sowohl die
Persönlichkeit des Mannes als auch die der Frau. Sie ist das Fundament
einer moralischen Gesellschaft.
Wo ein solches Vertrauensverhältnis fehlt, haben sich Männer und Frauen
von ihrem Schöpfer abgewandt....

Gute Frucht

Das natürliche Ergebnis einer gesunden Beziehung ist sichtbar: ein


glückliches Eheleben und gewollte Kinder, die zu moralischen und
verantwortlichen Erwachsenen heranwachsen und andere Menschen
respektieren. Das ist die Grundlage menschlicher Gemeinschaft. Ohne
diese Grundlage wird die Gesellschaft zusammenbrechen, genau so wie
das heute der Fall ist. Jahschua (Jesus Christus – Anm. d. Verf.), der Sohn
Gottes sagte: „Jeder gute Baum bringt gute Früchte; aber ein schlechter
Baum bringt schlechte Früchte!“
Das gewollte sowie das ungewollte Kind ist fürs Leben geprägt. Je
nachdem, wie das heranwachsende Kind Sicherheit und Geborgenheit

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erfährt, wird es sein Leben führen. Mangelt es an guter Frucht, so weist
das auf den schlechten Start hin, nämlich darauf, dass die Beziehung
zwischen den Eltern nicht auf wahrer Liebe begründet war. Egoismus
bringt Egoismus hervor, Unsicherheit erzeugt Unsicherheit. Wie schwer ist
es, einen Baum wieder gerade zu biegen, wenn er krumm gewachsen ist!
Wie ernst ist es, wenn ein Kind nicht einmal seinen Vater kennt, weil dieser
seine Mutter nicht genug liebte, um sie zu heiraten? Wie ernst ist es, wenn
man den Bund der Ehe verletzt? Sehr ernst. Was verloren ist, kann nicht
wieder zurückgewonnen werden. Untreue ist wie ein tödlicher Virus, der
den ganzen Körper infisziert hat. Wenn du dich damit einmal angesteckt
hast, wird eine ganze Kette von Abläufen in Gang gesetzt, welche ein
verheerendes Endresultat produziert. Mit dieser Krankheit infisziert zu
werden bedeutet das Ende. Sünde arbeitet in der gleichen Weise.

Das Heilmittel

Es gibt nur ein Heilmittel für den tödlichen Virus der Sünde. Nur
Vergebung kann diese Wunden heilen. Diese kann nur in dem neuen Bund,
den unser Meister Jahschua gemacht hat, gefunden werden.
Diesen neuen Bund hat er durch sein eigenes Blut besiegelt. Er hat dies
aus reiner Liebe für uns getan, damit wir jetzt für ihn leben können. Der
Friede seiner Vergebung ist real und unbezahlbar. Er ist alles wert und ihm
unser Leben zu geben, ist die richtige Antwort.

Vergebung

Hast du dir schon einmal gewünscht, nochmals ganz von vorne


anzufangen? Hast du jemals den Schmerz deines eigenen Egoismus
gespürt, durch den du Menschen, die dir sehr nahe stehen, verletzt hast?
Obwohl du versucht hast, den Schaden wieder gut zu machen, war deine
Freundschaft nicht mehr dieselbe. Nach und nach entfernt man sich und
geht auseinander. Wie oft schon hast du deinen Partner, deinen Job, deine
Wohnung und deine Freunde gewechselt? Aber haben diese äusserlichen
Veränderungen eine tiefe Veränderung in dir bewirkt? Bist du nicht wie

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eine alte Schallplatte immer wieder in der gleichen Selbstsucht und den
gleichen falschen Verhaltensweisen geblieben und hast wieder eine
Beziehung kaputt gemacht? Dies passiert, weil die wahre Wurzel der
zwischenmenschlichen Probleme nie behandelt wird. Sünde ist der
Ursprung unserer Probleme. Aufgrund unserer sündigen Natur haben wir
alle das Potential zu verletzen und verletzt zu werden.
Wie reagierst du, wenn du verletzt wirst? Verhärtest du dich und suchst
dich zu rächen? Oder ziehst du dich zurück und wirfst einen noch höheren
Schutzwall um dich herum auf, so dass du nicht mehr verletzt werden
kannst? Egal ob du aggressiv wirst und dich nicht darum kümmerst, wem
du dabei weh tust, oder ob du still, distanziert und kalt wirst, die Sünde ist
dieselbe – du liebst nicht. Nur in Jahschua, dem Sohn Gottes finden wir
Heilung. Er hat die gleichen Gefühle, Wünsche und Schmerzen wie wir
erfahren, aber er ist vollkommen in seiner Liebe geblieben.
Wenn er verletzt wurde, hat er die Schmerzen ertragen und vergeben.
Seine Mitmenschen haben ihn sogar grausam umgebracht. Aber er hat zu
seinem himmlischen Vater ausgerufen: „Bitte, vergib ihnen, denn sie
wissen nicht, was sie tun.“
Jedesmal, wenn wir das Leben anderer ruinieren oder jemanden zu
unserem eigenen Vorteil ausnutzen, begehen wir eine Sünde, die den
ewigen Tod verdient. Unser Meister Jahschua kam und gab sein Leben, um
die Strafe für unsere Sünden zu bezahlen. Er starb freiwillig an unserer
Stelle und nahm unsere Schuld auf sich.“

Ein anderer Artikel widmete sich der Einsamkeit. Dort hiess es:

„Einsamkeit ist Trennung und Entfremdung. Es ist das Ergebnis von


Selbstsucht. Aber es gibt jemanden, der für unserer selbstsüchtige
Vergangenheit bezahlt hat. ... Jahschua, er ist sogar ein Freund derer, die
nicht wissen, wie man ein Freund ist. Er macht uns zu Freunden.“

Samstag, 30. Juni 2007

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In der Herberge von Miraz.
Gestern hatte Marie keine Lust zu schreiben, derart zwiespältig waren ihre
Gefühle. Zuerst der wunderschöne Weg in Vilalba am Fluss entlang. Dann
diverse tote Tiere auf dem Weg: eine Ratte, eine Maus, Vögel... Und ein
aussergewöhnlich schöner Vogel mit einer Haube ganz nah bei ihr, der
seinen Flügel verletzt hatte und nicht mehr fliegen konnte. Er tat so, als ob
er etwas vom Boden aufpickte, aber tatsächlich reichte sein Schnabel gar
nicht ganz bis auf den Boden.
Noch zwölf Tage. Vorher dürfe sie nicht in Santiago ankommen.
Dann der Traum mit ihren Haaren. „Dann wurden die Haare der Prinzessin
zu Bleigift“ hatte sie im Traum gehört.
Auf dem Weg erinnerte sich Marie an das, was eine Freundin ihr gemailt
hatte. Ihr Vater meinte, ihr Sohn hätte gar nicht geboren werden dürfen.
Was für eine Idee, dass es Menschen gibt, die gar nicht hätten geboren
werden dürfen.

In Miraz war sie schon um halb zwei angekommen. Ein Engländer nahm sie
in Empfang.
Eine Bibliothek mit vielen Bibeln, auf Englisch und Spanisch wartete auf
Leser. Marie nahm sich eine Bibel zur Hand und schlug die Seite auf, auf
der David Goliath erschlagen hatte. Sie las von Saul, dem König, der nach
Davids Leben trachtete. Viele Kriege mit den Philistern, viele Tote. Dann
die Gesetze Moses. Reine und unreine Tiere, die nicht gegessen werden
dürfen wie Hasen und Schweine. Die Untreue der Israeliten Gott
gegenüber. Die Strafe Gottes dafür, dass sie andere Götter anbeteten.
Dann die herrliche Landschaft und die neue Pilgerherberge mit einem
Garten, in den Marie sich freudig legte, um zu lesen.
Sie kramte beim Aufräumen einen Zettel hervor, der aus der
Pilgerherberge in Revel stammte:

Recherche en l’homme, en tout homme, la Grandeur de l’homme


Suche im Menschen, in jedem Menschen, das Grossartige des
Menschen
A. Malraux

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Zeit wie noch nie. Zeit für Frieden. Hören der CD mit dem Titel „The
Pilgrimage“, die in der Herberge in St. Lizier zum Mitnehmen gelegen
hatte. Wegwerfen von unnützem Papier, Visitenkarten, schmutzig
gewordenen leeren Blättern...
Mehr über das Tuch in Oviedo hat Marie im Bulletin der Confraternity of
Saint James erfahren:

Man glaubt, St. Peter habe das Tuch von Jesu Grab genommen und es sei
600 Jahre in den Händen von Christen geblieben. Als die Christen das
Heilige Land verliessen – und manche davon sich in Spanien niederliessen
- wurde es Sankt Isidore gegeben. Später wurde es in einer extra dafür
gebauten Kapelle – der Heiligen Kammer in der Kathedrale von Oviedo
platziert.
Hier stand auch noch mal das Sprichwort, das sie schon in Oviedo gelesen
hatte:

He who goes to Santiago, and not to San Salvador, serves the servant, and
forsakes the Lord

Und in einem anderen Bulletin fand sie:

Six indispensable Elements for Pilgrims – and one more. Advice from one
who knows well the Pilgrims way:

Silence: The Way is not a place for talking but for listening. Listen to the
world of creation which surrounds us, listen to the murmurs of your soul,
listen to God. Follow the Way in silence, even if you are in the company of
others.

The absence of haste: All along the Way it was impressed upon me that
this world does not believe in God, that it has no sense of the sacred, for it
cannot cease its noisy chatter, its rush without haste, pacing to a human
rhythm.

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Solitude: You alone, in your unique sky, facing the earth, facing the sea
beyond, facing God.

Effort: March on, march on. In the name of all the true and valiant pilgrims,
do not make of this route an easy pathway. To lose one’s way upon a
mountain track, to sleep upon the ground is meet and right. The spirit
refines itself through toil, and in the sweat and snores of the refugio.

Moderation: Do not indulge yourself; it is right to feel hunger and thirst.


This is not masochism, but allowing primacy to the spirit.

Free gifts: Free lodging, a free smile, the free sunshine, God and the gift of
life – free! These are the riches of the Way which cannot be lost or stolen.

The Romanesque: Art as symbol and expression of a different reality. Not


art of the reason, the mind but art of the spirit, sacred – like a liturgy. It
should not be organized, studied too much. If we clean it up we shall
sweep away the anguishes and the prayers of the many people who have
knelt, and prayed and wept among these stones.

Gestern hatte Marie kurz mit einem alten Galizier auf dem Weg
gesprochen, der sagte, es sei ein Verbrechen, sie verstand nicht, was
genau. Das Fahrrad zu schieben, Fahrrad auf dem Weg zu fahren oder was
die Menschen ihrem Körper durchs Pilgern antun, irgendetwas war ein
Verbrechen.

Marie wurde klar: sie machte den Jakobsweg „ohne“. Ohne Telefon, ohne
Handy, ohne Uhr, ohne gekaufte Reiseführer (mit Ausnahme der Schweiz),
ohne zu reden (in Spanien zumindest), ohne Essen zu gehen, ohne
Fotoapparat...

Sonntag, 1. Juli 2007

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Marie ging ganz gemütlich weiter und fuhr nur, wenn es bergab ging. Der
Weg verlief durch recht verlassene und verwilderte Heidelandschaft.
Im tatsächlich von aussen recht beeindruckenden, weil fast tausend Jahre
alten Kloster in Sobrado dos Monxes machte Marie sich erstmal was zu
essen und fragte sich, wo die anderen aus der Herberge der letzten Nacht
bleiben. Sie waren nämlich fast schon eine kleine Gruppe geworden. Da es
äusserst schmutzig war, fegte und putzte sie Küche und Treppe. Als sie
viel später rausgehen wollte, standen sie zu viert vor der Tür. Der Spanier
unter ihnen fiel Marie fast um den Hals. Sie hätten zwei Stunden gewartet.
Die Pforte war nicht besetzt.

Montag, den 2. Juli 2007

Am Morgen war plötzlich ein Putztrupp mit zwei Leuten angekommen.


Heute bessere Wege ohne Matsch, aber dafür weniger spektakuläre
Landschaft. Einmal drehte Marie eine Runde ohne die Hinweisschilder zu
sehen, aber den beiden Mädchen aus Deutschland ging es genauso. Sie
waren die Strasse entlang gegangen und irgendwie falsch gelaufen.
Auf dem Weg stand ein Sprichwort auf Spanisch mit der Botschaft:
Everybody has his obligation.
Dann die Ankunft in Arzúa, die Zusammenkunft mit dem französischen
Weg. Der Rennbahn. Dem Rummel. Der Touristenattraktion.
Gleich überall Pilger, die herumliefen, sassen und assen und die
Pilgerherberge bevölkerten. Es gab 55 Betten, die alle schon belegt waren,
als Marie kam und noch Matratzenlager mit einer Matratze an der
anderen. Schon über hundert Leute hatten sich in das Gästebuch
eingetragen.
Der Spanier von den letzten Tagen hielt oben seine Siesta, wachte jedoch
auf als Marie kam. Er hatte ein Bett im Raum für Senioren.

Er setzte sich mit ihr raus vor die Tür, um auf die Herbergsmutter zu
warten.

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„Auf dem französischen Weg stehen die Leute um vier Uhr auf, um
möglichst früh in der nächsten Herberge zu sein. Um zwölf ist dann schon
alles voll. Den ganzen Sommer über sind die gesamten Herbergen auf
dem Weg voll. Auch in Richtung Finisterre“. Letztes Jahr war er im
Dezember gelaufen, da habe es freie Betten gegeben.
Er meinte, die Radfahrer, die pro Tag mehr wie 60 bis 70 Kilometer führen,
«acabam com o ... » Er zeigte auf sein Kreuz.
Genau das war ihr passiert. Acabar kann „kaputtmachen“ heissen, aber
auch „enden“. Denn seit Oviedo hatte Marie Kreuzschmerzen. Am Anfang
ging es noch, aber so langsam wurde es immer schlimmer und sie machte
sich Sorgen.
Es kam ein Mann vorbei und gab dem Spanier eine Visitenkarte. Er habe
Zimmer, aber auch eine Herberge für acht Euro die Nacht.
Nach einer weiteren halben Stunde Warten ging Marie dorthin. Sie war die
einzige! Und Internet gab es auch. Die Herbergsmutter war unendlich
freundlich, hängte Marie ihre Wäsche auf und wieder ab.
« What a grace » hatte jemand ins Gästebuch im Mosteiro do Sobrado
geschrieben. Das Gleiche könnte Marie heute sagen. In einer mit Pilgern
überlaufenen Stadt alleine in einer Herberge zu sein...

Dienstag, den 3. Juli 2007

Marie blieb und ruhte sich in der Herberge aus. Es regnete den ganzen
Tag, aber das war ihr zum Bleiben bloss eine Hilfe. Es war wie ein Sonntag
ohne jegliche Verpflichtung, den sie nutzte, um Briefe zu schreiben.
Endlich, denn dazu hatte sie bisher zu wenig Zeit, so sehr war sie geeilt.

Mittwoch, den 4. Juli 2007

Marie wechselte mal wieder den Weg und fuhr zum ruhigeren Via de la
Plata. Sie hatte einen langen Tag, denn es waren an die vierzig Kilometer

99
und ging oft und zum Teil lange bergauf und dadurch war die Strecke viel
länger wie gedacht. Auch tat ihr das Kreuz ziemlich weh sowohl beim
Laufen als auch beim Radfahren.
Sie fuhr zu einem alten Kloster, das still und verlassen dalag, war es nicht
mehr bewirtschaftet. Auf dem Weg fand sie ein Schild, das auf einen
Campingplatz mit Pilgerherberge hinwies, dem sie folgte. Es ging noch ein
ganzes Stück weiter bis sie vor einem verlassenen Campingplatz stand.
Freilich gab es eine Telefonnummer zum Anrufen, aber Marie hatte ja kein
Handy dabei. Jemanden anhalten wollte sie auch nicht.
Sie glaubte nicht, dass sie auf dem verlassenen Campingpatz würde
einschlafen können, aber immerhin gingen am Abend Laternen an. Als sie
so dalag im Freien vor der Tür auf ihrer Unterlegmatte, hörte sie auf
einmal folgende Worte:

„ICH habe die Welt erschaffen und den Menschen zu meinem Ebenbilde.
Doch der Mensch hat gesündigt gegen mich. ICH möchte, dass der Mensch
aufhört mit der Sünde, er hat lange genug mit ihr gelebt.
ICH möchte, dass der Mensch rein wird. ICH habe meinen Sohn geschickt
zur Tilgung aller Sünden.
Jetzt liegt es an den Menschen, dies anzuerkennen und zu würdigen.
Ihr Menschen handelt schlecht, aber es wird die Zeit kommen, da Ihr
besser handeln werdet.
Baut auf mich als Euren Herrn und Ihr werdet aus der Schuld
herausgeführt werden.
Denn ICH stehe über allem, denn ich überwache alles, das Gute wie das
Böse. Mir untersteht alles, was gedeiht auf dieser Erde. ICH bin der Herr
über Leben und Tod. Wo ICH bin, ist alles. Wo ICH nicht bin, ist nichts.
Aber nun reicht es mit der Sünde. Die Sünde hat das Leben zerstört. Hat
es unfruchtbar gemacht. Hat es herabgewürdigt. Hat es gebracht zum
nahen Tod.
Doch nun ist es Zeit zur Umkehr. Es ist Zeit, aufzuwachen. Es ist Zeit, den
wahren Herrn zu schauen.
Seht dieses Kind, es kann weder laufen noch sprechen. Und doch wird
alles in ihm offenbar.

100
Dies waren die Worte, die ICH heute an Euch richte. Nehmt sie Euch zu
Herzen.
Geht hin und sündigt nicht mehr.
Eure ewige Sünde, der Kreislauf des Nichtvergessens kennt kein
Erbarmen. Ohne mich seid Ihr nichts. Ohne meinen Willen werdet Ihr nicht
erlösen. Doch kommt zu mir und ich werde Euch einen Ausweg zeigen.
ICH werde Euch zeigen wie Ihr nicht wieder der Sünde verfallt. Wie Ihr ein
geheiligtes Leben führt. Frei von Krankheit und vorzeitigem Tod.
Schon viele Menschen sind nicht krank gewesen, haben diesen Fluch nicht
gekannt. Doch Ihr, die Ihr meint, über allem zu stehen, seid der Krankheit
verfallen bis zum Tod.
Es gibt Heilung für alle in mir. Wer an mich glaubt, wird sie erfahren,
schneller als er denkt. Doch Glauben ist die Basis seines Handelns, ohne
Glauben gibt es keinen Preis.
Erwartet nicht zu viel und Ihr werdet bekommen. Erwartet Ihr zu viel
werdet Ihr leer ausgehen. Das ist Gesetz.“

Donnerstag, den 5. Juli 2007

Heute sah die Welt für Marie schon besser aus. Zuerst ging sie die
mindestens fünf Kilometer zurück ins Dorf, um einzukaufen. In der
Bibliothek fand sie einen Prospekt mit Beschreibung und einer Karte von
der Via da Prata.
Als sie zurücklief, musste sie wieder einmal feststellen, dass ein Weg umso
weiter aussieht je schneller das Vehikel ist, mit dem einer sich fortbewegt.
Zu Fuss erschien der Weg wesentlich kürzer als mit dem Fahrrad oder mit
dem Auto.

Die Herbergsmutter war da, als sie zurückkam und wies Marie das erste
Zimmer zu, ein Doppelzimmer mit Bad und Badewanne! Der ersten
Badewanne, die Marie in Spanien sah.
Hier hielt Marie eine Siesta, hatte sie die gesamte Nacht kein Auge
zugetan. Als sie später im Schatten eines Baumes auf dem Rasen neben

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dem abgedeckten Swimmingpool lag, kamen noch männliche Pilger mit
ihren Fahrrädern: einer alleine, der andere mit seinen beiden Söhnen.
Gestern war das erste Mal seit Langem recht schönes Wetter mit viel
Sonne und wenig Wolken und heute das erste Mal seit Wochen ein
wolkenloser Himmel.

Freitag, den 6. Juli 2007

Marie wurde von der Herbergsmutter mit dem Auto abgeholt, um ins
nächstgelegene Dorf zu fahren, war es mit ihrem Rücken noch schlimmer
geworden und konnte sie kaum noch gehen geschweige denn Fahrrad
fahren. Hier konnte sie einkaufen und einen Kaffee trinken, denn es gab in
der Herberge keine Kochgelegenheit.

Samstag, den 7. Juli 2007

Sie durfte noch einen weiteren Tag bleiben. Mit den Schmerzen war es
keinen Deut besser geworden, ja sie strahlten noch bis in die Beine aus
und Marie konnte heute nicht einmal mehr auf dem Fahrrad sitzen.
Die ganze Zeit noch war es im Rahmen gewesen, aber nachdem sie in
Arzúa angehalten hatte, kam alles mit ganzer Kraft zum Vorschein. Und
doch war es notwendig gewesen, zu stoppen.
Als Marie vom Dorf zurückkam, wartete ein Deutscher auf die Öffnung der
Herberge, ein Fussgänger! Der einzige Fussgänger, der Marie in der
hiesigen Herberge unterkam, die anderen waren alle mit dem Fahrrad
unterwegs gewesen. Und: es waren nur Männer.
Am Abend kam sogar noch eine Gruppe mit acht Portugiesen.
Der Deutsche zeigte ihr später seine Sammlung mit Glücksklee. Vier- und
sogar fünfblättrige Kleeblätter hatte er in seinem Reiseführer gepresst.
„Ich sammle sie so, beim Wandern“. Marie war erstaunt. Sie hatte noch

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nie ein vierblättriges Kleeblatt gefunden, obwohl sie als Kind manchmal
danach gesucht hatte.
Sonst gab es nicht viel zu tun außer im Schatten im Gras zu liegen.
Einer der Portugiesen fragte sie „Are you tired?“ Am Anfang verneinte sie
noch, hatte sie noch nicht darüber nachgedacht, aber als sie die Frage
genauer betrachtete, musste sie feststellen, dass er Recht hatte.
Sie war müde. Müde von der ganzen Reise. Und eigentlich wäre sie schon
in Santiago, wäre sie von Arzúa aus in die andere Richtung gefahren.
Jetzt hatte sie eine Pause. Einen totalen Stop. Krankheit.
Und doch fand sie hier alles, was sie bisher vermisst hatte: Ruhe, Frieden,
Einssein mit allem, was ist.
Da war sie geeilt, geeilt, geeilt ihr ganzes Leben lang, und nun stand sie
da und merkte, es war alles umsonst gewesen. Ihr ganzes Leben umsonst.
Sie hatte in den entscheidenden Augenblicken nicht hören können und
nun war sie quasi Invalide. Sie hatte keine Ahnung, ob ihr Rücken wieder
heilen würde.

Sonntag, den 8. Juli 2007

Die Herbergsmutter hatte Marie ermuntert, die Gruppe von Portugiesen,


die mit einem Begleitwagen unterwegs waren zu fragen, ob diese sie
mitnehmen würden. So fuhr sie der portugiesische Fahrer nach Vedra zur
nächsten Herberge. Er sagte zu ihr immer: „seja tranquila“, was man am
ehesten mit „sei ruhig, sei unbesorgt“ übersetzen könnte.
Am Mittag hat Marie viel geschlafen bis immer mehr Leute kamen.
Darunter auch ein Südafrikaner. Er sprach deutsch, war er mit einer
Schweizerin verheiratet.
1991 war er den Jakobsweg schon einmal gegangen, den französischen
Weg. „Damals war er noch ganz leer gewesen.“
Diesmal war er acht Tage mit einem pensionierten Pärchen zusammen.
„Sie waren beide 75 Jahre alt. Anstatt zu fotografieren, malten sie.“ Er
zeigte Marie eine ganze Reihe schöner Bilder, die er mit seiner
Digitalkamera fotografiert hatte.

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Einmal auf dem Weg wären ihm ein Hase und ein Fuchs entgegengelaufen.
Erst hätten sie ihn nicht gesehen. Kurz bevor sie ihn erreichten, erblickten
sie ihn und rannten jeder in eine andere Richtung davon. Er war des
Hasens Rettung.
Er wäre durch viele Dörfer gekommen, in denen man an den Gesichtern
und den Verhaltensweisen sehen konnte, dass sie zu viel untereinander
geheiratet hatten, zum Teil innerhalb der eigenen Familien. Er schätzte,
dass ein Viertel der Menschen in diesen Dörfern davon betroffen war. Dort
gab es zum Teil kein elektrisches Licht.
„Die Kirchen sind leider alle geschlossen. Auf dem ganzen Weg war ich nur
in zwei Kirchen gewesen – in grossen Städten“. Und nach einer Pause: „Es
ist schön, dass man hier auf dem Weg nur an den heutigen Tag denken
braucht und nicht weiter“.
Er fragte Marie, ob sie mit ihm essen gehen wolle und ausnahmsweise
sagte sie zu. Irgendwie hatte sie heute tatsächlich Lust dazu, das erste Mal
richtig Essen zu gehen.
Die Spanier wären so laut. In den ganzen Lokalen liefe der Fernseher auf
voller Lautstärke und die Leute würden miteinander schreien. Und da
dürfe man dann essen.
Es fuhr gerade einer mit einer Knattermaschine vorbei, wie Marie die
Motorräder nannte.
„Sie haben einen unglaublichen Spass daran, Lärm zu machen“, meinte er.
Er erzählte ihr, dass er in der Schweiz in einem Kinderheim für geistig
behinderte Kinder gearbeitet habe. Am Anfang wusste er gar nicht, wie er
mit den Kindern umgehen soll. Von seiner Frau habe er dann das Wickeln
und alles gelernt.
Es sei wie eine Initiation gewesen. Die meisten konnten gar nicht
sprechen. Er hatte dann eine persönliche Sprache mit jedem entwickelt.
Sie hätten jedoch angebunden werden müssen, sonst wären sie
abgehauen oder hätten sich entweder selbst oder gegenseitig verletzt.
In Südafrika habe er mit Erwachsenen geistig Behinderten gearbeitet.
Zwölf Stück hätten jeweils bei einem Paar zusammengewohnt.
Sie hätten alle eine Beschäftigung bekommen und seien alle mit der Zeit –
bis auf die Epileptiker – von ihren Drogen und Medikamenten

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weggekommen. Auch diejenigen, die als gefährlich galten. „In Wahrheit
waren diese nur frustriert. Durch die Einbettung in die Gemeinschaft und
eine Aufgabe ist es ihnen gut gegangen“.

Montag, den 9. Juli 2007

Als Marie die ältere Herbergsmutter fragte, ob sie noch einen Tag bleiben
dürfe, meinte diese: „Bei Rückenschmerzen muss man den Rücken
strecken, aber das verstehen Sie ja nicht“.

Auf dem schwarzen Brett der Herberge standen ein paar Sprüche:

Never blame the rainbows for the rain


Learn to forget the memories that cause you pain
The last whispered wish of age is to live it all again
So never blame the rainbows for the rain
Moody Blues

Was du bekommst,
wirst du verlieren.
Was du versuchst festzuhalten,
wird in deiner Hand sterben.
Es gibt nur eine Lösung:
sich davonmachen.
Iss den Himmel, davon
gibt es genug.
(Marie konnte nicht lesen, von wem das war) und

Nach dem Camino ist vor dem Camino.

Es kamen ein paar Radfahrer vorbei und einer gab Marie Tabletten, zum
einen gegen ihre Schmerzen und die Entzündung, zum anderen zum
Schutz für den Magen. Alleine die Tabletten als Möglichkeit in der Hand zu

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haben, half. Und zu wissen, dass es eine Entzündung war, die sie hatte. Sie
fühlte sich schon besser.
Sie nahm sie jedoch nicht, sie wollte es „ohne“ versuchen. Ohne
Schulmedizin. Noch war es auszuhalten und ihr sogar eine Hilfe! Eine
Ausrede zu haben, um an den Orten bleiben zu können. Und auch wirklich
anzuhalten. Das war not-wendig.

Dienstag, den 10. Juli 2007

Marie lief heute weiter die neunzehn Kilometer bis nach Santiago. Es war
überhaupt kein Problem.
Als sie durch die Eukalyptuswälder ging, fühlte sie sich wie in Australien.
Bloss: wo waren die Koalabären? Hat die keiner mitimportiert?

Die Riesenherberge in Monte do Gozo mit den 2000 Betten fand Marie
nicht. Sie landete unverhofft in Santiago.
Im Touristenbüro holte sie einen Stadtplan. Sie lief durch die Gassen, die
voll waren mit Restaurants und Souvenirläden und legte sich ein bisschen
in den Park, denn sie war müde. Auf einem Plakat stand: „todos temos
direito a uma outra vida. Wir alle haben das Recht auf ein anderes Leben“.
Und auf den Taxen prangte: „sag uns, wohin du kommen willst“. Gute
Frage, fand Marie.
Ihr kamen eine ganze Reihe von Antworten. Sie wollte dahin kommen,
dass die Welt eine andere wird, dass die Menschen keine Tiere mehr töten,
um sie zu essen oder ihre Lebensmittel herzustellen, dass Frieden herrscht
auf Erden, dass die Menschen biologisch anbauen anstatt mit Pestiziden
und chemischen Düngemitteln, um nur die wichtigsten Punkte zu nennen.
Noch ein grosses Thema des Tages war, dass ihr gewahr wurde, dass sie
jemand hätte mitnehmen sollen. Es wäre besser gewesen. Maries Reise
alleine war eigentlich umsonst. Alleine war sie umsonst. Auch das eine
Erkenntnis des letzten Tages, vielleicht die Schmerzhafteste von allen. Die
Katharer durften nicht alleine reisen.

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So hatte Marie wiederum gelernt, was man nicht tun darf oder besser nicht
tut: den Weg alleine gehen.
Auch hier hatte sie die Warnungen überhört, war sie doch schwerhörig.

Mittwoch, den 11. Juli 2007

Als sie noch im Bett lag, hörte sie eine Stimme: „Sie hat das Blut Christi
angenommen“. Direkt danach läuteten die Glocken.
Später sass sie neben einem Lokal mit dem Namen: „El paraiso perdido“ -
„Das verlorene Paradies“.
Da war vor einiger Zeit der Traum, Santiago wäre auch nur eine Illusion.
Und dann das Thema: not being happy with what God gives us, wanting
more.

Am Morgen besuchte sie das Pilgermuseum. Dort gab es sogar Bezüge


zum Pilgern anderer Kulturen und Religionen, was Marie besonders schön
fand. Ein Satz hat sie besonders beeindruckt: Pilgerreisen machen aus
dem Pilger einen neuen Menschen. Und ein Zitat, an dessen Herkunft sie
sich nicht mehr erinnert: beim Pilgern verliert man sich, um sich
wiederzufinden.
Der Weg ist das Ziel ist das Motto des Jakobsweges und doch ist gerade
dies schwer zu verstehen. Vom Weg als Ziel spricht auch der Taoismus.
Und überhaupt der innere Weg, von dem stand, jeder Mensch möge ihn
gehen.
Auch ein buddhistischer Thanka des tibetischen Tantra mit einem Mandala
war ausgestellt. Auch ein Mandala weise auf den Weg als Ziel hin.
Marie jedenfalls schnitt sich – wegen ihres Traumes - die Haare zur Hälfte
ab bis sie etwa schulterlang waren. Das war für sie „ein neuer Mensch zu
sein“.

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Schliesslich in der Kathedrale. Früher floss in ihr Wasser, was heute nicht
mehr der Fall ist. Den Weihwasserbecken sind zum Teil heute
Opferstöcken gewichen. Aber von der Grösse und Ausstattung her war sie
schon beeindruckend.
Dann holte Marie sich die Pilgerurkunde im Pilgerbüro und traf noch ein
paar Leute vom Weg.
Auf einem Prospekt stand „Retourne chez toi et raconte tout ce que Dieu a
fait pour toi“ (Luc 8,39) – „Gehe nach Hause zurück und erzähle alles, was
Gott für Dich getan hat“ (Luk 8,39).

In der Travel Agency sah sie, dass es auch Busse zurück gab. Die Frau dort
meinte, bis zu vier Fahrräder könnten pro Bus mitgenommen werden, aber
das Ticket dazu müsse man auf dem Busbahnhof kaufen. Also auf zum
Busbahnhof, der ein ganzes Stück entfernt war, besonders für jemandem
mit entzündetem Rücken.
Dort hiess es, es werden keine Fahrräder mitgenommen ausser nach Irun.
Frust.
Also zum Bahnhof, der wiederum ein ganzes Stück entfernt war. In
Spanien können Fahrräder nur in Regionalzügen mitgenommen werden
mit tausendmal Umsteigen und äusserst früher Abfahrt. Schien alles
weniger passend.
Als Marie zurückkam, gab es eine Prozession in einer Kirche mit Trommeln
und Dudelsack. Sowieso waren in der Stadt viele Souvenirs mit keltischen
Symbolen zu finden, ob T-Shirts mit Aufdruck oder Schmuck. Das keltische
Erbe wird hier noch hochgehalten.
Heute kam Marie auch, dass wohl jeder Mensch seinen eigenen Glauben
hat.

Donnerstag, den 12. Juli 2007

Am Morgen war der Laden noch zu, in dem Marie Brot kaufen wollte. So
ging sie stattdessen in die Kathedrale. Es fand gerade ein Gottesdienst
statt, dem sie beiwohnte. Eigentlich hatte sie zu dem Pilgergottesdienst

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um zwölf Uhr gehen wollen, aber auch gut. Sie wusste immer noch nicht
recht, ob sie glauben sollte, dass Jesus Christus am Kreuz für ihre Sünden
gestorben ist, auch für die grössten. So fragte sie IHN.
„Bist DU tatsächlich für unsere Sünden am Kreuz gestorben?“
„ICH bin es“.
„Bist DU auch für meine Sünden gestorben?“
„ICH bin es“.
„Auch dafür, dass ich...?“
Marie fragte nach einer ganzen Liste.
„Bin ICH“, war stets die Antwort.
In dem Moment in dem der Herr dies sagte, wusste sie, es stimmte. Ihr
war vergeben. Wirklich und tatsächlich. ER hatte seinen Sohn auf die Erde
geschickt, um den Menschen ihre Sünden zu vergeben. Das zu glauben
und anzunehmen ist allzu schwer. ER hat sein Blut gegeben.

Marie ging noch den goldenen Apostel umarmen, wie das für Pilger Sitte
ist und danach zu seinem Grab. Es gab gerade einen Gottesdienst auf
deutsch für eine Gruppe junger Pilger, untermalt mit schönen Liedern, die
Marie zum Teil von früher kannte.
Mit einigen anderen Pilgern wohnte sie in dem kleinen Raum dem
Gottesdienst bei, einen Gottesdienst in der eigenen Sprache! Noch dazu
hier unten in der Krypta in fast familiärer Atmosphäre. So ein Geschenk.

Und das der Vergebung.

Und das des Lebens.

Der Priester sagte, elf der zwölf Apostel seien getötet worden. Jacobus
wurde geköpft. Nur Johannes sei natürlichen Todes gestorben. Und:
„Diejenigen, die Erste sein wollen, macht zu Euren Sklaven“.

Früher wurden selbst schwerste Verbrecher auf Pilgerreise nach Santiago


geschickt. Heute verstand Marie, was für eine Gnade dies bedeutete.
Unendliche Gnade des Herrn.

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Einer lief mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „no pain, no glory“ über den
Platz. Marie packte ihre Sachen und fuhr zum Busbahnhof, um nach einem
Bus nach Irun zu schauen. Um 18:00 Uhr könne sie fahren.

„It’s time to make new friends“ stand auf einem Plakat am Busbahnhof.
Im Bus sass sie erst alleine in der letzten Reihe und konnte sich hinlegen,
dann kamen weitere Personen aus dem “normalen” Leben dazu.
Die Frau zu ihrer Rechten las entweder in einer ihrer diversen
Boulevardzeitschriften, rief jemanden mit ihrem Handy an oder wurde
angerufen, wenn sie nicht eine der Tüten Chips ass, die sie sich beim 15-
Minuten-Halt gekauft hatte.
Der Typ zur Linken hörte per Kopfhörer eines der Programme des Busses,
der schräg vor ihr las eine Anglerzeitschrift mit unappetitlichen Fotos toter
Fische.
Nur die beiden Pilgerinnen rechts vorne, die ihrem Buch nach denselben
Weg wie Marie gegangen waren, sassen ruhig da und taten nichts.

Auf einmal erinnerte sie sich an die Zeit als Kind, in der sie viel in der
Kirche war. Da sangen sie die gleichen Lieder wie heute in der Kathedrale.
Sie war oft in der Kirche, im Sonntagskindergottesdienst, in der
Gruppenstunde und in der Ferienfreizeit. Sie fühlte sich dort angenommen
und akzeptiert, egal wie sie war.
Dann waren ihre Eltern umgezogen, was Marie nicht wollte. In der neuen
Gemeinde ging sie einmal in die Kirche und wusste sofort, dass es nicht
ihr Ort war. Nie wieder ging sie hin.
Damit war die Kirche für sie gestorben und die Jugendzeit begann.
Rauchen, Kontakt mit Drogen, der erste Freund.
Sie entfernte sich von Gott und seiner Kirche, sah in ihr nur noch das
Schlechte, das, was für sie nicht stimmte und wandte sich anderen
Glaubenssystemen zu: dem Taoismus, dem Buddhismus, später der
Spiritualität. Zwischendurch glaubte sie sogar an gar keinen Gott, sondern
nahezu ausschliesslich an die Wissenschaft, war also Atheistin geworden.

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Freitag, 13. Juli 2007

In Spanien herrscht für Marie die Plastiktütenmanie. Alles, was man


einkauft, wird von den Verkäufern in ein oder gar zwei Plastiktüten
verpackt, als würden sie die Umwelt nicht im geringsten belasten. Selbst
bei ständiger Ablehnung häufen sich nach kurzer Zeit Unmengen von
Plastiktüten an.
In Frankreich, wo Marie nach einer kurzen Fahrt von Irun aus angekommen
war, ist das anders. Kein Verkäufer packt etwas in Plastiktüten ein und das
Baguette, mit dem man viele Leute auf der Strasse herumlaufen sieht,
wird nur mit einem kleinen Stück Papier umhüllt.
Kaum in Frankreich, sieht man auch wieder Boulespieler. In Hendaye
wieder die typischen weiss-roten Baskenhäuser und in dem
Bahnhofsschaufenster gleich wieder Literatur über die Katharer.

Marie fuhr, nachdem sie sich ein Ticket für den Nachtzug nach Paris
gekauft hatte, in Hendaye zum Strand, der erst noch recht leer war, sich
am Nachmittag jedoch schlagartig füllte. Es war Freitag. Auch viele
Spanier waren da.
Marie schrieb ein paar Postkarten an Leute, bei denen sie auf dem Weg
übernachtet hatte und gab sie auf, ass nochmal eine Grosspackung Eis zur
Erinnerung an ihre Eissucht, legte sich erst in die Sonne am Strand und
dann in den Schatten von Palmen an einen Platz. Ein Tag zum Ausruhen
sozusagen.
Viele tätowierte Menschen und ein Tattoo und Piercing Shop. In Brasilien
waren Tätowierungen schon vor zehn bis fünfzehn Jahren Mode. Diese
Mode war dann die letzten Jahre nach Europa herübergeschwappt.
Als sie am frühen Abend nochmal zum Strand gegangen war, der sich nun
zunehmend leerte, setzte sich ein fast glatzköpfiger beleibter Baske zu ihr
und fragte sie, ob sie eine Europatour mit dem Fahrrad mache. Freunde
von ihm seien vor einer Woche mit dem Fahrrad zu einer Europatour
aufgebrochen. Marie entschied, nach all diesen Wochen des Schweigens
wieder zu Reden und unterhielt sich mit ihm.

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Er erzählte ihr später, die Hälfte der Leute am Strand wären Spanier. Bis
San Sebastian und Bilbao würden sie hierherkommen.
„Die reichen Spanier kaufen hier die gesamten Immobilien, um zwei
Wochen im Jahr darin Urlaub zu machen. Sie mögen es nicht, etwas zu
mieten. Das Problem ist, dass die Menschen, die hier leben und arbeiten
keinen Wohnraum finden.“
Ob Marie aufgefallen wäre, dass es keine gescheiten Geschäfte zum
Einkaufen gäbe. Marie bejahte. Es sei alles darauf ausgerichtet, dass die
Menschen in Restaurants essen gehen. Es gäbe auch nicht mal einen
Brunnen. Das deshalb, damit die Leute Wasser kaufen. Das sei so
abgemacht zwischen Politikern, Geschäftsleuten und Restaurantbesitzern.
Komisch fand Marie, dass es nicht das Grundrecht der Menschen auf
Wasser gibt. Das wäre doch ein sinnvolles Gesetz für alle Menschen. Ein
Grundrecht auf eine öffentliche frei zugängliche und kostenfreie
Wasserquelle. Das wäre doch das Normalste auf der Welt. Dafür zu sorgen
wäre doch etwas, für was unsere Politiker und deren Ausführende da sein
könnten.

Samstag, den 14. Juli 2007

In Paris. Am Morgen hatte Marie in einer der Bahnhofsbuchhandlungen


eine Zeitschrift über Geheimgesellschaften in der Hand. Erwähnt wurden
die Katharer, die Illuminaten, die Freimaurer, die Kabbalisten und auch
Skull and Bones - mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten als wohl
famosestem Mitglied - neben einer Reihe von anderen weniger bekannten
Bünden.
Es war auch von Opus Dei die Rede, einer Geheimgesellschaft, der
Mitglieder des Vatikans angehören. Sie wurde zur Bekämpfung der
Jesuiten gegründet.

Marie fuhr mit Sack und Pack die St. Jacques-Strasse entlang an einer St.
Jacques geweihten Kirche vorbei. Kein Hinweis auf eine Pilgerherberge,
dafür ein Plakat mit den Worten „Fürchtet Euch nicht“.

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Das passte, vor allem, als Marie an einem Bus mit einer Filmreklame und
dem Bild eines geschundenen Helden vorbeifuhr. Und den Worten „zurück
in der Hölle: am falschen Ort zur falschen Zeit...“. Aber Marie konnte das
nicht schocken. Seltsamerweise. Obwohl sie gerade dachte, für eine
Übernachtung sei heute wirklich ein schlechter Tag: Nationalfeiertag,
Wochenende und Ferienbeginn.
Aber wie durch ein Wunder bekam sie das letzte freie Bett in der
Jugendherberge.

Marie fuhr noch zum Sacré Coeur, das nicht allzu weit entfernt war. Was
für eine schöne Basilika! Mit einem riesigen Mosaik mit Jesus in der Mitte.
Dort war das Fotografieren und Filmen erfreulicherweise verboten. Ein
paar Aufpasser hatten sogar ein Auge darauf. Sowieso fand Marie, das
„Alles-auf-Bildern- Festhaltenwollen“ der zivilisierten Menschen eine
Manie.
Sie setzte sich noch zu den Musikern auf die Treppe, zu den unzähligen
Leuten. Hier schweifte ihr Blick vom Montmartre, dem Märtyrerberg, auf
dem früher gläubige Christen ihres Glaubens wegen hingerichtet wurden,
über die Stadt, die zu Sonnenuntergang in rosanes Licht getaucht war.
Was für ein schöner Abschluss! Viel schöner als in einem durch nach
Hause zu fahren, aber auch um einiges teurer.

Sonntag, den 15. Juli 2007

Folge Jesus nach und alles, was du brauchst wird Dir gegeben.
In Maries Zimmer in der Jugendherberge war ein indisches Ehepaar, von
dem sie gleich dachte, dass sie sicher im Ausland leben. Man sah es ihnen
an. Sie kamen ursprünglich aus Bombay, lebten aber in Saudi-Arabien. Er
importierte Autos und sie war Ärztin. Er meinte, ein Viertel aller Menschen
in Deutschland würde in der Automobilindustrie arbeiten. Und die Autos,
die die Deutschen produzieren, seien wirklich gut.
Sie waren mit dem Auto unterwegs durch Europa. Sogar eine Kühlbox und
einen Reiskocher hatten sie dabei. Als Marie sich was zu Essen machte,

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kochte die Inderin eine ganze Ladung Basmatireis. Er meinte später
freiheraus, er möge Hitler. Man müsse sehen, was er alles Gutes für
Deutschland gebracht hätte. Er habe es aus der Krise herausgeholt. Dass
er Fehler gemacht habe, sei auch klar, das mache jeder. „Sein Fehler war,
in Russland einzumarschieren. Hätte er das nicht getan, hätte er vielleicht
die ganze Welt erobert“. Was er an Hitler ebenfalls mochte war, dass er
den Engländern und Amerikanern etwas entgegensetzte.
Eine Zeitungsschlagzeile, die Marie ins Auge fiel, als sie durch zwei Abteile
des Zuges ging, war „L’Auto ou la vie“. Anzunehmen, dass damit das
Automobil gemeint ist.
So verstand Marie nicht, dass nicht schon seit Jahren massiv in die
Entwicklung vollkommen umweltfreundlicher Autos investiert wird. In
Automobile ohne Emissionen, ohne viel Metall, geräuscharm…
Das wäre mit einem guten Willen und Blick in die Zukunft doch alles
möglich.

Montag, den 16. Juli 2007

Marie fuhr – nach weiterer finaler Zugfahrt - mit dem Fahrrad die letzten
zwanzig Kilometer den Berg hinauf nach Hause. Unterwegs ein Schild:
Wilde Engel auf Schlaflos-Tour.
Und tatsächlich konnte auch sie die ganze Nacht daheim nicht schlafen, so
warm war es gewesen. Und: wie ein wilder Engel fühlte sie sich sowieso.

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