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IN MEMORIAM WOLFGANG MÜLLER-LAUTER (1924-2001

)

Wir trauern um Wolfgang Müller-Lauter, der am 9. August 2001 im Alter von 76 Jahren nach längerer Krankheit in Berlin gestorben ist. Müller-Lauter war 1971 Mitbegründer und bis 1996 verantwortlicher Mitherausgeber der NietzscheStudien, 1972 Mitbegründer und bis 1996 Mitherausgeber der Monographien und Texte zur Nietzsche-Forschung. Ohne sein entschiedenes Engagement wären diese beiden Reihen weder zustande gekommen noch hätten sie ihre Wirkung entfalten können. Nach dem Tode von M. Montinari im Jahre 1986 übernahm MüllerLauter 1987 auch die Mitherausgeberschaft der historisch-kritischen Gesamtausgabe von Nietzsches Werken, und seit 1990 war er Mitherausgeber der Supplementa Nietzscheana. 1977-1984 war er für den Bereich Philosophie Mitherausgeber der Theologischen Realenzyklopädie. Wolfgang Müller-Lauter war o. Professor für Philosophie an der Kirchlichen Hochschule Berlin und seit 1993 Prof. em. der Humboldt-Universität zu Berlin, in deren Theologische Fakultät die damalige Kirchliche Hochschule überführt wurde. 1974-76 war er Rektor der Kirchlichen Hochschule. In Bezug auf die Nietzsche-Deutung wie die Nietzsche-Edition können die Verdienste Wolfgang Müller-Lauters nicht hoch genug veranschlagt werden. Müller-Lauter war der Doyen der zeitgenössischen internationalen NietzscheForschung. Wie kaum ein anderer in der Nietzsche-Forschung hat er den inneren Zusammenhang von philosophischer Reflexion, philologischer Genauigkeit und Einbettung in den historischen Kontext zum Leitfaden der Betrachtung gemacht. Als Gründungsherausgeber der Nietzsche-Studien war er bis zu seinem Ausscheiden aus dieser Funktion im Jahre 1996 stets auch darum bemüht, der Vielfalt der Disziplinen mit ihren unterschiedlichen perspektivischen und methodischen Zugangsweisen zu Nietzsches Texten angemessen Rechnung zu tragen. 1996 war er der erste Preisträger des „Friedrich-Nietzsche-Preises“ des Landes Sachsen-Anhalt. In seinem Buch Nietzsche. Seine Philosophie der Gegensätze und die Gegensätze seiner Philosophie (1971) und in weiteren Abhandlungen hat Müller-Lauter als erster ein Verständnis von Nietzsches ,Lehre‘ vom „Willen zur Macht“ zur Geltung gebracht, das sich gegen die bis dahin dominierenden Auslegungen wandte. Hervorzuheben sind seine Wende gegen die Auffassung des „Willens zur Macht“ als eines metaphysischen Prinzips, die Herausarbeitung der Pluralität der Machtwillen im Sinne von Kraftquanta und die Betonung ihres Gegensatz- und Perspektivecharakters. In diesem Zusammenhang wurde für Müller-Lauter die Kri-

Sein Zugang zu den Nietzsche-Texten war geprägt von Fragestellungen. wird er allen. Französische. Ihm hatte bereits seine Dissertation (1960) gegolten. von Fragen der Philosophischen Theologie. Schelling. Sachlich sind die Nietzsche-Arbeiten Müller-Lauters in den umfassenderen Rahmen der These vom Ende der abendländischen Metaphysik eingebettet. Japanische und Portugiesische. und nun könne und müsse etwas Neues beginnen.VIII In Memoriam Wolfgang Müller-Lauter tik an Heideggers Nietzsche-Deutung zentral. Mit Spannung hatte man daher die inzwischen vorliegenden drei Bände der gesammelten Abhandlungen Müller-Lauters zur Nietzsche-Interpretation erwartet. Hochgeschätzt war Müller-Lauter auch als akademischer Lehrer. Heidegger hatte Nietzsches Philosophie bekanntlich als die „Vollendung“. eindrucksvoll in Erinnerung bleiben. Müller-Lauter hat sich dieser Herausforderung in seinen Arbeiten auf eindrucksvolle Weise gestellt. Italienische. war weit über die Kirchliche Hochschule hinaus bekannt.dem wohl grundlegendsten Thema von Müller-Lauters philosophischem Denken -. In ihnen findet sich vieles bislang Unveröffentlichtes und Neues. der Atheismus-Problematik. Fichte. des Verhältnisses von Idealismus und Nihilismus (mit Studien zu Kant. Sie werden in diesem Band gewürdigt. Schopenhauer. Seine Fähigkeit. Günter Abel Josef Simon Werner Stegmaier . zugleich aber in der Sache des Denkens höchst anspruchsvoll und auf die Verantwortung im Sprechen und Denken bedacht. Zugleich haben sie das Denken Nietzsches für eine Reihe anderer Disziplinen anschluß. Die Metaphysik habe ihre orientierende Kraft verloren. In dieser Einstellung und Haltung. die von Nietzsche als einem der ersten formuliert worden war. Beleg für die vielfältige internationale Beachtung seiner Arbeiten sind auch die ihm gewidmeten Zeitschriften-Bände und die Übersetzungen ins Englische. Auch darin liegt ein großes Verdienst um die zeitgenössische Nietzsche-Forschung. Eine vollständige Bibliographie seiner Arbeiten wird ebenfalls in dem vorliegenden Band veröffentlicht. nicht als die Überwindung der abendländischen Metaphysik gedeutet. Vor allem aber ist das Denken Martin Heideggers für Müller-Lauter von grundlegender Bedeutung gewesen. Die Arbeiten Müller-Lauters haben diese Sicht der Dinge nachhaltig korrigiert.und diskussionsfähig gemacht. komplexe Zusammenhänge plastisch darzustellen und begrifflich wie anschaulich verständlich zu machen. die mit ihm in Verbindung standen. die auf den ersten Blick so leicht lesbaren Texte Nietzsches einem nicht immer offen zutage liegenden Verständnis zugänglich zu machen. Seinen Gesprächspartnern gegenüber war Müller-Lauter stets freundlich und aufgeschlossen. Dostoevskij und Jacobi). denen seit seiner frühen philosophischen Tätigkeit sein besonderes Interesse galt und die bis zuletzt für ihn bestimmend gewesen sind: vom Phänomen des Nihilismus . Die Arbeiten Müller-Lauters haben dazu beigetragen. der Existenzphilosophie Sartres und Camus’. verbunden mit der für ihn so charakteristischen Bescheidenheit.