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1. Wie unterscheiden sich Alltagswissen und soziologisches Wissen voneinander?

Die Soziologie untersucht das soziale Leben der Menschen, von Gruppen und Gesellschaften.
Dabei beschäftigt sie sich beispielsweise mit Themen wie Massenarbeitslosigkeit, Jugendgewalt
oder Schwarzarbeit, also jenen Themen, zu denen jeder (Laie) eine Meinung hat und die jeder
versteht. Deshalb kann man sagen, dass alle Menschen Laiensoziologen sind und über das
Alltagswissen Bescheid wissen. Der Soziologie Alfred Schütz hat sich mit einem speziellen
Erkenntnisstil dieses Alltagswissens beschäftigt, der „natürlichen Einstellung“ im Alltag. Er hat
festgestellt, dass wir (Laiensoziologen) die Wirklichkeit als fraglos gegeben ansehen. Dabei steht
ein eigenes, für selbstverständlich gehaltenes Bezugssysetm als Ausgangspunkt. Im Alltag verteilen
wir Etiketten, also Klischees und Verallgemeinerungen. Beispiele hierfür zeigen sich immer dann,
wenn Menschen von der „gewaltbereiten Jugend“, den „arroganten Politikern“ oder den
„kriminellen Ausländern“ sprechen. Ein weiterer Aspekt ist die Personalisierung komplexer
Probleme. Da werden Manager zum Inbegriff für die globale Finanzkrise gemacht oder Politiker als
Grund für das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit festgesetzt. Wir orientieren uns lieber an
Gewissheiten, statt uns mit Zweifeln auseinanderzusetzen, was zur Entlastung und Orientierung im
Alltagshandeln führt. Die Soziologie wahrt hingegen eine methodische Distanz zum Alltagswissen.
Das heißt, dass sowohl einfache, als auch komplexe Probleme aus verschiedenen Perspektiven
neutral und unvoreingenommen beleuchtet werden. Der Erkenntnisstil der Soziologie ist dem des
Alltagswissens quasi diametral entgegengesetzt. Die Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten
des Alltagswissens werden dafür in Frage gestellt und ganz alltägliche Situationen werden in einen
breiteren gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt. Diese „Demaskierung“ ermöglicht es den
Soziologen verborgene Motive und Kräfte hinter den gewohnten Deutungen und Handlungen zu
entdecken. Dabei entlarvt die Soziologie immer wieder, dass unser Alltagshandeln stets kulturellen
Vorgaben und gesellschaftlichen Normierungen unterliegt. Das fängt bei der romantischen Liebe
an, die sich als Erfindung des Bürgertums im 19. Jahrhundert herausstellt und hört beim lapidaren
Teetrinken auf, was nicht nur den Durst löscht, sondern eine 4000-jährige Geschichte in China hat.

2. Nennen und erläutern Sie die Ebenen der soziologischen Ebenen der soziologischen
Betrachtung!

Zu den vier Ebenen des Sozialen und der soziologischen Analyse gehören die Mikro-, Meso-,
Makro- und Metaebene, die alle auf den Menschen als soziales Wesen einwirken. Auf der
Mikroebene sind es die Kleingruppen, wie Familie, Clique oder Arbeitsgemeinschaft, in denen der
Mensch in der Regel seine ersten Erfahrungen mit der sozialen Umwelt macht. Darüber
angesiedelt ist die Mesoebene, auf der die sozialen Organisationen stehen. Dazu gehören
beispielsweise Behörden, Schulen und Unternehmen. Auf den eben genannten Ebenen durchläuft
der Mensch die beiden(drei) Phasen der Sozialisation, also der Vergesellschaftung des
Individuums, womit man zur Makroebene gelangt. Dort wirken die Einflüsse der Gesellschaft und
Kultur. Dem übergeordnet ist nur noch die Metaebene, wo die Gesellschaft und Kultur
konstituierenden Ideen Einfluss auf den Menschen nehmen. Auch wenn sich diese Ebenen in der
Theorie noch leicht voneinander trennen lassen, so ist dies in der Praxis fast unmöglich. Sie
durchdringen sich und bei der soziologischen Analyse kann es nur sinnvoll sein, Phänomene
umfassend und unabhängig von der jeweiligen Ebene zu untersuchen. Ein Zehnjähriger steht
beispielsweise unter dem Einfluss seiner Eltern und Geschwister in der Familie (Mikroebene), wird
beeinflusst von der staatlichen Organisation Schule (Mesoebene), welche selbst Teil eines Konzepts
der Gesellschaft konstituierenden Ideen ist (Metaebene). Noch dazu hegt er soziale Beziehungen
zu Freunden, Verwandten und Lehrern, ist Staatsbürger und somit auch Teil der Gesellschaft
(Makroebene).
3. Was versteht die Soziologie unter „Gesellschaft“?

Gesellschaft ist das jeweils umfassendste System menschlichen Zusammenlebens. Über weitere
Merkmale besteht in der Soziologie kein Einverständnis. Da der Gesellschaftsbegriff rein
theoretisch ist, ist er immer abhängig von der sozialen Realität der Gesellschaft als seiner Praxis.
Die Gesellschaft spielt eine zentrale Rolle in der Soziologie, denn sie ist die Wissenschaft von der
Gesellschaft. Fasst man den Begriff der Gesellschaft etwas weiter, so kann sie als ein
Interaktionssystem beschrieben werden und weiterhin als ein nach innen gegliederter und nach
außen mehr oder weniger abgegrenzter Komplex sozialer Beziehungen. Interaktionen, also
wechselseitig aneinander orientierte Handlungen zwischen Personen, und soziale Beziehungen,
also Interaktionen, die eine gewisse Regelhaftigkeit und Dauerhaftigkeit aufweisen, sind quasi die
Bausteine einer jeden Gesellschaft und somit auch die kleinsten Einheiten der soziologischen
Analyse.

4. In welchem historischen Umfeld begann sich die Soziologie als eigenständige Wissenschaft
herauszubilden?

Die Soziologie ging als systematisch-kritische Wissenschaft aus der Epoche der Aufklärung hervor
und nimmt als empirische Wissenschaft eine vermittelnde Stellung zwischen Natur- und
Geisteswissenschaften ein. Mit der Aufklärung unmittelbar verbunden sind unter anderem die
Berufung auf die Vernunft als universelle Urteilsinstanz, eine Hinwendung zu den
Naturwissenschaften und die Doktrin einer naturrechtlichen Ordnung als Ablösung der göttlichen
Ordnung. Als Namensgeber der Soziologie gilt Auguste Comte. Er beschrieb die
Menschenwissenschaft Soziologie in seinem enzyklopädischem Gesetz als komplexeste aller
Wissenschaften. Deutsche Gründerväter sind unter anderen Georg Simmel und Max Weber. Als
eigenständige Wissenschaft wurde die Soziologie erst Ende des 19. Jahrhunderts anerkannt. Zuvor
war sie stets ein Teilbereich anderer Lehren, wie der Philosophie, der Staatslehre oder der
Wirtschaftswissenschaft. Die Vordenker der Soziologie waren Physiokraten, wie Quesnay und
Turgot oder Karl Marx als Philosoph und Ikone der kommunistischen Gesellschaftstheorie. Ihre
Entstehungsgeschichte ist eng mit der Entwicklung der Bürgerlichen Gesellschaft in Europa, sowie
der der fortschreitenden Industrialisierung verbunden. Wichtige Ereignisse in dieser Hinsicht sind
die Große Französische Revolution von 1789 und die damit verbundene Infragestellung der
absolutistischen Staatsordnung. Weiterhin orientierte sich die Soziologie (die erst Physique Sociale
heißen sollte) vor allem in der Anfangszeit an naturwissenschaftlichen Modellen, beispielsweise
aus der Mechanik oder dem Organismus aus der Biologie, und übertrug sie auf das Soziale. Auch
säkularisierte Ideen der Theologie, wie die Auffassung, Fortschritt und Vervollkommnung seien der
irdischen Heilsgeschichte gleichzusetzen, wurden als Orientierungspunkte gewählt.

5. Was ist mit Karl Marx unter der „Produktionsweise“ zu verstehen?

Um die Produktionsweise im marxistischen Sinne zu erklären, muss man sich zunächst vom
Alltagsgebrauch dieses Begriffes trennen. Bei Marx ist die Produktion das gesamte Feld der Arbeit
und gilt als Basis des gesellschaftlichen Lebens. Daneben steht ein ideologischer Überbau
bestehend aus Recht, Kunst, Philosophie, Religion, Wissenschaft und Moral. Die Produktionsweise,
die immer einer speziellen Gesellschaft(sordnung) zugeordnet ist, beschreibt die Art und Weise der
Erzeugung materieller Güter in Abhängigkeit von der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklung. Die
Produktionsweise beruht auf der Verbindung von Produktivkräften, also den Produktivmitteln und
der Hauptproduktivkraft Mensch, und den Produktionsverhältnissen, wie Eigentumsverhältnissen,
Arbeitsteilung und Distribution. Als zentraler Begriff der marxistischen Geschichtstheorie, wird der
Produktionsweise ein besonderer Stellenwert zugemessen. Im Laufe der Geschichte kommt(kam)
es immer wieder zu Klassenkämpfen aufgrund des steigenden Widerspruchs zwischen
Produktivkräften einerseits und unfairen Produktionsverhältnissen andererseits. So
werden(wurden) stets neue Produktionsverhältnisse eingefordert und somit neue
Produktionsweisen. Am Anfang dieser Prozesse sich ablösender Produktionsweisen steht die
Urgesellschaft, gefolgt von der Sklavenhalter- und danach der Bürgerlichen Gesellschaft
(Kapitalismus). Nach Marx muss auch die jetzige, kapitalistische Produktionsweise bekämpft
werden, um dann im Endstadium eine klassenlose Gesellschaft (Kommunismus) zu erreichen.

6. Nennen und erläutern Sie die vier Idealtypen des Handelns nach Max Weber!

Wenn man mit Max Weber von den vier Typen des Handelns spricht, so ist das soziale Handeln
gemeint. Soziales Handeln ist ein sinnhaftes Verhalten (Tun, Dulden oder Unterlassen), also ein
Handeln, das für den Handelnden (Akteur) subjektiv mit einem bestimmten Sinn verbunden ist und
sich auf das Verhalten anderer bezieht und daran in seinem Ablauf orientiert.
Der Idealtyp ist bei Weber ein konstruierter Begriff bzw. eine gedanklich zugespitzte Idee, die aus
der Komplexität der sozialen Wirklichkeit Ausschnitte ordnet und erfasst, indem sie die
wesentlichen Aspekte der (sozialen) Realität herausstellt und sie im logischen Sinne „ideal“
erscheinen lässt, wobei störende, widersprüchliche Aspekte ignoriert werden.
Max Weber hat eine Typologie des sozialen Handels entwickelt und dabei in vier Arten
unterschieden:
1. Beim zweckrationalen Handeln findet eine rein vernunftsmäßige Abwägung vom eigenen Zweck
des handelnden Individuums gegenüber den Mitteln ab.
2. Beim wertrationalen Handeln bestimmt ein irrational gesetzter Wert motivisch den Handelnden.
3. Beim affektualen Handeln sind momentane Gefühle und Stimmungslagen bestimmend für Ziel
und Verlauf des Handelns.
4. Beim traditionalen Handeln sind Gewohnheiten und irrationale Überlieferungen leitend.

7. Bitte nennen und beschreiben Sie anhand von jeweiligen Beispielen die drei Typen legitimer
Herrschaft nach Max Weber.

Herrschaft ist laut Weber die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhaltes bei angebbaren
Personen Gehorsam zu finden. Die Weber'sche Typologie der Herrschaft umfasst folgende Arten:
1. Die rationale (legale) Herrschaft ist auf Recht und Gesetz gegründet. Im Gegensatz zu den
folgenden beiden Formen der Herrschaft gilt der Gehorsam nicht vordergründig der Person,
sondern den Regeln bzw. Gesetzen. Das heißt die Herrschaft legitimiert sich z.B. aus einer
bestimmten Norm. Am Beispiel des Verkehrspolizisten als Exekutivbeamten lässt sich das gut
erklären. Dieser muss weder besonders charismatisch sein, noch ein Sinnbild altehrwürdiger
Traditionen. Die Herrschaft geht nicht von seiner Person, sondern von seiner Position aus und wird
ihm durch Normen (ASOG, StPO, VwVfG etc.) verliehen.
2. Die traditionale Herrschaft beruht auf dem Glauben an die Heiligkeit geltender Traditionen und
auf die Autorität ihrer Vertreter. Typische Vertreter sind Priester, Dorfälteste oder Patriarchen. Ein
Stammesältester beispielsweise ist am längsten und besten mit alten Traditionen vertraut und wird
von den Stammesmitgliedern deshalb als Herrschaftsinstanz anerkannt. Die persönliche Autorität
aufgrund traditionaler Legitimation steht hier mehr im Mittelpunkt als seine (amtliche) Stellung in
der Gemeinschaft. Die Ältesten sind anderen Stammesmitgliedern körperlich unterlegen und
verrichten weniger Arbeit, trotzdem ist ihr Herrschaftsbereich größer.
3. Die charismatische Herrschaft beruht auf der außerordentlichen Heiligkeit, Heldenhaftigkeit
oder Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie vertretenen Ordnung. Charismatische
Herrscher sind die, die mit ihrer Gabe, ihren Wundern und Talenten alle Regeln und Traditionen zu
brechen vermögen und zu denen die Menschen trotzdem oder gerade deswegen aufschauen.
Politisch unkorrekt lassen sich hier J.F. Kennedy, Jesus, Stalin, Hitler oder Napoleon in einem
Atemzug nennen. Letzterer schaffte es vom Soldaten währende der Französischen Revolution zum
selbstgekrönten Kaiser Frankreichs 1804. Er überzeugte vor allem durch sein militärisches
Geschick. Doch als er dieses im Russlandfeldzug oder in der Schlacht von Waterloo nicht mehr
unter Beweis stellen konnte, entfiel auch die Legitimation seiner Herrschaft.

8. Erläutern Sie die Begriffe „soziale Norm“, „Normenkonflikt“, „Normenwandel“ und


„Wertewandel“!

Soziale Normen sind mehr oder weniger verbindliche, allgemein geltende Vorschriften für
menschliches Handeln. Sie legen fest, was in spezifischen, sich wiederholenden Situationen
geboten ist und können als Konkretisierung allgemeiner sozial-kultureller Wertvorstellungen
aufgefasst werden, die ihre Legitimationsgrundlage bilden. Soziale Normen werden im
Sozialisationsprozess internalisiert und durch Sanktionen (positive und negative) abgesichert. Zur
Entstehung der sozialen Normen gibt es zahlreiche Theorien. Die Anthropologie geht davon aus,
dass Normen dem Menschen als Instinktersatz dienen. Im Marxismus sind sozio-ökonomische
Prozesse für ihre Entstehung verantwortlich. Zudem gibt es noch die Paradigmen des sozialen
Machtgefälles und des Selektionsprozesses.
Es gibt unterschiedliche Klassifikationen für soziale Normen. Das einfachste ist, sie nach dem Grad
ihrer Verbindlichkeit zu unterscheiden. Dort gibt es Kann-, Soll- und Muss-Normen. Die Kann-
Normen beruhen auf Gewohnheiten und Bräuchen. Die Kann-Normen werden in der Regel nicht
sanktioniert. Wer beispielsweise dem Brauch, zu Weihnachten seinen Tannenbaum aufzustellen,
nicht nachgeht, muss keine negativen Sanktionen zu befürchten haben. Wer es aufgrund der
Tradition tut, wird aber auch nicht ausdrücklich gelobt werden (positive Sanktionen). Die Soll-
Normen umfassen alle Sitten, also Handlungs- und Verhaltensweisen, die zwar nicht strafrechtlich
abgesichert sind, deren Einhaltung aber durch die öffentliche Meinung gefordert wird und durch
diese (die Öffentlichkeit) auch sanktioniert wird. Es ist zum Beispiel Sitte, älteren Menschen in der
Bahn einen Sitzplatz anzubieten. Bei Nichtbeachtung dieser Sitte kann zwar niemand die Polizei
holen und den Nicht-Konformen zum Aufstehen zwingen, aber die umstehende Öffentlichkeit
bestraft diese Person mit abfälligen Blicken oder Gerede. Die Muss-Normen sind samt Sanktionen
in Normenkatalogen wie z.B. dem Strafgesetzbuch festgelegt. Der Staat sorgt – mitunter
Zuhilfenahme von Zwang – für ihre Einhaltung.

Unter Normenwandel versteht man die Entstehung einer Gegennorm oder die Erweiterung des
Handlungsspektrums der bestehenden Norm. Der Normenwandel kommt folgendermaßen
zustande: Die Anzahl der Normenverstöße überschreitet ein bestimmtes Ausmaß, sodass die
betreffende soziale Norm in eine Legitimationskrise gerät. Am Beispiel des
Schwangerschaftsabbruches lässt sich der Normenwandel geeignet erklären. Nach ungewollten
Schwangerschaften kommt es häufig zur Abtreibung. Früher stand jede Abtreibung unter Strafe.
Trotzdem wurden immer wieder eine Vielzahl von Konnotationen vorgenommen. Das führte dazu,
dass der § 218 StGB der Legitimation des Volkes entzogen wurde. Die informalen Sanktionen
verschwanden, während die formalen (strafrechtlichen) zunächst noch bestehen blieben. 1926
wurde erstmals die medizinische Indikation als Abtreibungsgrund zugelassen. Heute steht der
Schwangerschaftsabbruch bei einer anerkannten Indikation nicht mehr unter Strafe und bei der
Fristenlösung einschließlich Beratung wird ebenfalls von einer Sanktion abgesehen. Das
Handlungsspektrum des § 218 StGB wurde also erweitert. Die Norm selbst ist immer noch in
unserem Rechtssystem verankert und durch das weite Handlungsspektrum als legitim anerkannt.
Als Normenkonflikt bezeichnet man eine Situation, in der für einen Sachverhalt mehrere, einander
inhaltlich widersprechende Normen vorhanden sind. Das ist dann der Fall, wenn unklare Geltungs-
und Ableitungshierarchien von Normen innerhalb eines Normenkomplexes bestehen und es keine
Hauptnorm gibt. Normenkonflikte treten vor allem in modernen, ausdifferenzierten und
individualisierten Gesellschaften auf, in denen unterschiedliche Lebensstile und Anschauungen
aufeinanderprallen. Diese beschränkte Akzeptanz und Wirksamkeit von Normen ist als Element der
gesellschaftlichen Dynamik anzusehen. Ein einfaches Beispiel für einen Normenkonflikt ist der
Verzehr des Frankfurter Handkäses. Allgemein gilt, dass man Nahrungsmittel wegen der erhöhten
Verletzungsgefahr nicht mit dem Messer aufspießen und zum Mund führen soll. Dafür gibt es
Gabeln. Dieser Käse wird aber aufgrund einer ortsüblichen Sitte ausschließlich mit dem Messer
verzehrt. Bei diesem Beispiel scheint es noch leicht zu sein, zwischen Gesundheitsrisiko und
Tradition abzuwägen. Umso schwieriger wird es, wenn man zwischen höherstehen Werten, die
hinter der sozialen Norm stehen, abwiegen muss.
Werte sind grundlegende bewusste oder unbewusste Vorstellungen der Mitglieder einer
Gesellschaft vom „Richtigen“ und „Wünschenswerten“, die die Wahl von Handlungsarten und
Handlungszielen beeinflussen. Sie sind von herausragender Bedeutung für die Integration bzw. den
Zusammenhalt einer Gesellschaft. Soziale Normen beziehen sich immer auf diese Werte, aber
nicht jeder Wert auf eine Norm. Sie begründen keinen erstrebenswerten Idealzustand, sondern
eine auch faktisch erwartbare Normalität.
Unter Wertewandel versteht man die Veränderung der gesamtgesellschaftlich dominierenden
Werte im Zuge des allgemeinen sozialen Wandels. Er zieht eine Veränderung der sozialen Normen,
der Institutionen und des Zusammenlebens nach sich .

9. Was bedeutet „Sozialisation“? Welche zwei (drei) Hauptphasen lassen sich unterscheiden
und was zeichnet diese aus? Wie beschreiben die Sozialisationstheorien das Verhältnis von
Individuum und Gesellschaft?

Sozialisation ist der Prozess, in dem der Mensch in die ihn umgebende Umwelt, also Gesellschaft
und Kultur, hineinwächst und zugleich zu einem eigenverantwortlich und eigensinnig
handlungsfähigen Individuum wird. Sozialisation ist grundsätzlich ein wechselseitiger, flexibler, ein
Leben lang andauernder Anpassungsprozess, der sich in einem Spannungsfeld von
Individualisierung und Vergesellschaftung vollzieht. Sozialisation bedeutet also Angleichung und
Abgrenzung zugleich.
Die Sozialisation läuft in drei Hauptphasen ab:
1. Die Phase der Primärsozialisation umfasst die ersten Lebensjahre (ungefähr bis zum 5.
Lebensjahr) und erfolgt zunächst in der Familie als wichtigste Bezugsgruppe und
Sozialisationsinstanz. Dem Individuum werden Normen, Werte und Verhaltensweisen vermittelt,
die sich relativ schnell stabilisieren, aber im Laufe des Sozialisationsprozesses noch verändern
können. Abgeschlossen ist die erste Phase, wenn sich eine gewisse Grundpersönlichkeit entwickelt
hat, die so tiefgehend ist, dass sie später nur noch mehr modifiziert werden, aber nicht mehr
grundlegend verändert werden kann. Das Individuum hat jetzt ein Bewusstsein für seine Identität
im Verhältnis zur Umwelt, auf die es aber in dieser Phase noch nicht einwirkt.
2. Die sich daran anschließende Phase der Sekundärsozialisation dauert bis zum Ende der
Adoleszenz. Sie erfolgt nicht mehr nur in der Familie, sondern primär im außerfamliären
Sozialraum Schule, aber auch in Kitas, Vereinen, Kirche, sowie in peer groups
(Gleichaltrigengruppen). Das Individuum wird in dieser Phase auf seine Rolle in der Gesellschaft
vorbereitet. Dabei werden die in der Primärsozialisation vermittelten Werte, Normen und
Verhaltensweisen stabilisiert, differenziert oder völlig transformiert. Zudem werden spezifische
neue Kompetenzen, Rollen, und Normen erworben. Dabei wird das Individuum von der Grundwelt
des Kindes zur normativen Vielfalt ausdifferenzierter Subwelten geführt. Außerdem beginnt es
kommunikativ und interaktiv Einfluss auf die Gestaltung seiner gesellschaftlichen Umwelt zu
nehmen.
3. Die Phase der Tertiärsozialisation knüpft an das Ende der Adoleszenz an und erfolgt in allen
Bereichen, in denen das Indiviuum mit seiner sozialen Umwelt integriert ist. Also im Kreis der
Freunde, Arbeitskollegen und Organisationen. Dabei passt sich das Individuum zwar ständig seiner
Umwelt an, ist aber bereits sehr gefestigt in seinen Verhaltensweisen und wirkt im Idealfall aktiv
auf seine gesellschaftliche Umwelt ein.
Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft beschreibt der Strukturfunktionalismus in
der Rollentheorie. Die Individuen handeln in den gesellschaftlichen Subsystemen, also in
Organisationen und Institutionen in bestimmten Rollen. Diese Rollen bilden den Schnittpunkt
zwischen Persönlichkeit und Gesellschaft. Dabei ist die Grundannahme, dass die Individuen im
Sozialisationsprozess nicht nur ihre Rollen lernen, sondern diese auch Bestandteil ihrer
Persönlichkeit werden. Rollen werden von der Gesellschaft durch Sanktion und Gratifikation
festgelegt, die Erwartungen werden dann vom Individuum internalisiert. Äußere soziale Kontrolle
wird so zur inneren sozialen Kontrolle ins Gewissen verlagert. In dieser Theorie dient die
Sozialisation dazu, dass das Individuum dazu beiträgt, die Struktur der Gesellschaft zu erhalten.
Beim symbolischen Interaktionismus stehen kommunikative und symbolische Aspekt der
Sozialisationsprozesse im Vordergrund. Anders als im Strukturfunktionalismus steht die Interaktion
zwischen den Subjekten vorrangig vor dem System als Ganzes. Interaktion ist die durch
Kommunikation vermittelte, wechselseitige Beeinflussung der Einstellungen, Erwartungen und
Handlungen von Individuen. Dabei wird zwischen role-making, bei dem der eigene
Identitätsentwurf in die Interaktion eingebracht wird, und role taking unterschieden, wo der Ego
versucht, sich während der Interaktion in die Rolle vom Alter zu versetzen. Das handelnde Subjekt
wird zugleich einzigartiges Individuum und Mitglied der Gesellschaft, indem es sich die
Sprachsymbole, Werte und Normen seiner sozialen Umgebung aneignet. Eine stabile Gesellschaft
ist die, die ihren Mitgliedern erlaubt, eigene Bedürftnisse in dem Interpretationsspielraum, den die
vorgegebenen Normen lassen, zu befriedigen.

10. Was ist eine „soziale Rolle“? Erklären Sie das Prinzip eines Intra- und eines
Interrollenkonfliktes und entwickeln Sie für beide Konfliktformen je ein Szenario aus dem
Polizeialltag!

Eine soziale Rolle verinnerlicht die normativen und antizipatorischen Erwartungen der Mitglieder
von Bezugsgruppen an das Verhalten und Handeln eines Individuums in bestimmten Situationen
entsprechend seiner Position. Die Position ist dabei die Stelle in der Gesellschaft, mit der sich
bestimmte soziale Normen verbinden. Während die Position statisch bleibt, verändert sich die
soziale Rolle dynamisch. Laut der strukturfunktionalistischen Rollentheorie handeln Individuen in
den gesellschaftlichen Subsystemen, also in Organisationen, Institutionen oder Gruppen, in
bestimmten Rollen. Die Rolle stellt dabei den Schnittpunkt von Persönlichkeit und Gesellschaft dar.
Das Rollenverhalten eines Individuums kann entweder positive oder negative Sanktionen als
Reaktion der Bezugsgruppen hervorrufen. Ein rollenkonformes Verhalten wird dann schwer
beizubehalten, wenn es zu einem Konflikt innerhalb der selben Rolle oder zwischen mehreren
Rollen eines Individuums kommt. Ersteres bezeichnet man als Intrarollenkonflikt. Bei einem
Intrarollenkonflikt kommt es zu Widersprüchen zwischen den Erwartungen, die die Segmente einer
Rolle festlegen. Rollensegmente sind Ausschnitte aus einer Rolle, die durch die Erwartungen einer
besonderen Bezugsgruppe bestimmt sind. Von einem Polizisten wird von seinem Vorgesetzten
erwartet, dass er sich an alle Dienstvorschriften hält, seine Kollegen erwarten, dass sie sich
jederzeit auf ihn (als Polizisten allgemein) verlassen können, auch wenn dazu zählt, die davor
genannten Vorschriften zu umgehen. Die Bürger erwarten vom Polizisten, dass er ihnen in
bestimmten Situationen beisteht und zu ihrem Recht verhilft, auch wenn er womöglich gar nicht
zuständig ist oder das außerhalb seiner Möglichkeiten liegt. Der Polizist würde hier sicherlich auch
gerne helfen, aber das überschneidet sich mit den Erwartungen seines Vorgesetzten an ihn. Viel
komplexer wird es noch wenn das Individuum einen Interrollenkonflikt hat. Dabei bestehen
Widersprüche zwischen den Erwartungen mehrerer Rollen. Der Polizist von eben ist dann zugleich
noch Familienvater, politischer Aktivist, Kollege, Autofahrer, etc. Die verschiedenen Rollen bilden
zusammen den Rollensatz, also die Menge der Rollen, die ein Subjekt in der Gesellschaft spielt. Ein
Konflikt kann z.B. entstehen, wenn der Polizist bei einer Demonstration gegen Aktivisten seiner
unterstützten Gruppe vorgehen muss oder er als Autofahrer bei rot über die Ampel fährt, wo er
doch Vorbild ist, sowohl als Polizist, als auch als Familienvater.

11. Erläutern Sie das Modell der „balancierenden Identität“! Nennen und erklären Sie kurz vier
Grundqualifikationen für das Ausbalancieren der Identität! Welche gesellschaftlichen
Forderungen lassen sich aus diesem Identitätskonzept ableiten?

Das Konzept der balancierenden Identität wurde von Lothar Krappmann entwickelt. Darin
beschreibt er, dass das Individuum zwischen den Anforderungen der sozialen Umwelt und seinen
eigenen Bedürfnissen eine Balance zu halten versucht, denn die Identität eines Individuums ist im
Idealfall ein Gleichgewicht zwischen personaler Identität (I), die über die unverwechselbare
Biographie und ihre typischen Krisenlösungen definiert ist, und sozialer Identität (Me), die über
Anerkennung des Selbstbildes durch andere gewonnen wird. Identität ist die Eigenheit und Einheit
eines Subjekts in der Mannigfaltigkeit seiner gegenwärtigen und vergangenen Erlebnisse,
Erfahrungen und Handlungen, angesichts der Verschiedenheit und Widersprüchlichkeit normativer
Rollenerwartungen. Die Identität ist dabei nichts statisches, sie entsteht aus ständig neuer
Vermittlung. Auf die Identität wirken zum einen die Tendenzen der Individuation und
Personalisation, die seine eigenen Wünsche enthalten, ein und zum anderen die der
Vergesellschaftung, zu denen soziale Erwartungen gehören, aus denen es nicht herausfallen
möchte. Dieses Jonglieren entsteht aus der Not heraus, seinen Platz in der sich wandelnden
Gesellschaft zu finden. Ziel ist es, sich weiterhin an Interaktionen beteiligen zu können und nicht
ins Abseits der Gesellschaft zu geraten und dabei seine eigene Persönlichkeit nicht aufzugeben. Um
das zu erreichen, gibt es bestimmte Grundqualifikationen, die das handelnde Subjekt dazu
befähigen, das labile Gleichgewicht seiner Ich-Identität auszubalancieren:
1. Rollendistanz ist die Fähigkeit des Individuums sich über die Anforderungen seiner Rolle zu
erheben, um bestimmte Erwartungen auswählen, negieren, modifizieren und interpretieren zu
können.
2. Empathie ist die kognitive und affektive Fähigkeit, sich in die Situation des Interaktionspartners
hineinzuversetzen, ihn von seinem Standpunkt aus zu verstehen und seine Erwartungen zu
übernehmen.
3. Ambiguitätstoleranz bedeutet, dass das Individuum die Ambiguität, sprich die Doppeldeutigkeit,
von Rollen toleriert und einsieht, dass nicht alle Bedürfnisse befriedigt werden können.
4. Identitätsdarstellung heißt, dass das Individuum seine eigenen Bedürfnisse und Erwartungen
darstellen und damit sein Selbst artikulieren kann.
Aus diesem Identitätskonzept lassen sich bestimmte gesellschaftliche Forderungen ableiten.
Aufgrund der Auflösung vorgegebener Lebensformen, muss der Mensch ständig eigene
Entscheidungen treffen, die ihm niemand abnehmen kann.
Der Mensch muss sich den wandelnden Erwerbsstrukturen anpassen. Er kann seine soziale
Identität nicht mehr an eine lebenslange Vollerwerbstätigkeit anknüpfen.
Dem Individuum wird eine große Optionalität abgefordert. Es kann sich seinen eigenen Lebensstil
auswählen und in verschiedenen Parallelwelten unterkommen, was zu einer gespaltenen sozialen
Identität führen kann.
Der Mensch muss sich der Beschleunigung anpassen. Verlässliche Traditionen, Moden, Werte oder
Wissensbestände wandeln sich immer schneller, da muss das Individuum mit diesem Wandel
mithalten.
Der Mensch muss aufgrund der Pluralisierung von Lebensmustern mehr Verantwortung
übernehmen, da die Vorgaben der Gesellschaft, was den persönlichen und beruflichen Werdegang
betrifft, stark zurückgegangen sind.
Der Mensch muss sich mit der Auflösung traditioneller Lebensformen abfinden.

12. Wie lässt sich das Phänomen „Familie“ soziologisch auf den Begriff bringen? Skizzieren Sie
kurz den historischen Wandel der Familienformen!

Den Begriff Familie kann man in der Soziologie von mehreren Seiten betrachten. Aus der makro-
oder mesosoziologischen Perspektive betrachtet ist sie ein gesellschaftliches Teilsystem bzw. eine
soziale Institution mit bestimmten zu erbringenden Leistungen, wie beispielsweise Erziehung,
Seelsorge, Produktion, soziale Sicherung oder Verwaltung. Institutionen sind soziale Einrichtungen
und üben normative Wirkung aus und definieren Pflichten. Sie haben eine Doppelfunktion, die
daran besteht, die Bedürfnisnatur des Menschen zu formen und den Bestand der
gesellschaftlichen Strukturen zu sichern. Beispiele für Institutionen sind Familie, Bildungswesen
oder Religion. Aus der mikrosoziologischen Perspektive betrachtet, ist die Familie eine soziale
Gruppe besonderer Art, die durch eine genau festgelegte Rollenstruktur und durch spezifische
Interaktionsbeziehungen zwischen ihren Mitgliedern bestimmt ist. Universelle Merkmale der
Familie sind: eine biologisch-soziale Doppelnatur, die Generationsdifferenzierung und ein
spezifisches Kooperations- und Solidaritätsverhältnis zwischen den Mitgliedern.
Die Familienformen haben sich im Laufe der Geschichte stark gewandelt. Am Anfang stand die
Großfamilie als eine Gruppe von Blutsverwandten in mehreren Generationsschichten, die an einem
Ort zusammenlebt. Sie war gekennzeichnet durch gemeinschaftliches Eigentum an
Produktionsmitteln und ein meist patriarchalisches Familienoberhaupt. Aus diesem Modell bildete
sich die Haushaltsfamilie, in der der ganze Hausverband als Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft
organisiert war. Nicht nur Blutsverwandte, sondern auch Mägde, Knechte, Bedienstete und
Gesellen waren Teil der Familie. Hier herrschte die absolut autoritäre Patriarchalität. Das heißt, der
Hausvater war wirtschaftliches und rechtliches Oberhaupt. Diese Form, die auch als „ganzes Haus“
bezeichnet wurde, war vorherrschend in Mittelalter und Neuzeit. Mit der Zeit der
Industrialisierung (19. Jahrhundert) trat diese Familienform immer mehr zurück. An ihre Stelle trat
die bürgerliche Klein- oder Kernfamilie. Da nun Produktion und Reproduktion voneinander
getrennt waren, wurde die Familie kleiner und besann sich auf ihren Kern. Dadurch entwickelte
sich mehr Privatheit und Intimität, das Modell der romantischen Liebe setzte sich durch. Der
Haushalt wurde gemeinsam geführt, wobei es hier eine geschlechtliche Aufgabenverteilung gab.
Zudem wurde verstärkt Wert auf die frühkindliche Erziehung gelegt.
Anfang des 20. Jahrhunderts erlangte die Arbeiterfamilie zunehmend an Bedeutung. Sie ist eine
spezielle Form der Kleinfamilie, in der aufgrund der historischen Umstände notwendig war,
Haushaltsführung, Kindererziehung, Freizeitgestaltung, etc. an die industriellen Arbeitsverhältnisse
anzupassen. Die Familie wurde zu einer Wohn- und Essgemeinschaft degradiert, in der die
Sozialisation der Kinder kaum noch möglich war und in die Schule ausgelagert wurde.
Kennzeichnend sind weiterhin extrem lange Arbeitszeiten, Frauen- und Kinderarbeit, Heimarbeit
und die steigende Verelendung im Kontrast zur bürgerlichen Kleinfamilie. Heutzutage gibt es viele
unterschiedliche Formen des Zusammenlebens. Die Großfamilie scheint aber völlig aus der
Gesellschaft verschwunden zu sein.

13. Wie lässt sich die Veränderung der Lebensphase „Kindheit“ in den modernen westlichen
Gesellschaften der Gegenwart beschreiben?

Kindheit ist die Altersphase im individuellen Lebenslauf, die der Erwachsenenphase vorausgeht,
wobei der Übergang in mancher Hinsicht zu einer besonderen Jugendphase geworden ist.
Soziologisch betrachtet, ist Kindheit der Zusammenhang der gesellschaftlichen Normen,
Rollenzuweisungen, Institutionen und sonstiger sozio-kultureller Muster, in dem sich das aktuelle
Leben derjenigen Menschen herstellt, die jeweils im Kindesalter sind.
In modernen westlichen Gesellschaften galt die Phase der Kindheit lange Zeit als ein ruhiger,
unschuldiger, vom wahren Leben noch abgeschiedener Zeitabschnitt, in dem Kinder in Frieden und
ohne Druck von außen aufwachsen konnten. Heutzutage dauert diese Phase meist nur bis zum 10.
Lebensjahr an. Kinder müssen angesichts der immer schneller und komplexer werdenden Welt
auch immer schneller dieser Phase entwachsen und schon früh mit dem Erwachsenenleben
konfrontiert werden. Allgemein lässt sich ein erheblicher Entwicklungsdruck feststellen. Kinder
lernen schneller selbstständig zu sein, kommen früher in die Pubertät und werden von engagierten
Eltern auf spätere Berufskarrieren vorbereitet. Dazu gehört der Fremdsprachenunterricht im
Kindergarten, Nachhilfekurse für Gymnasiasten, deren Eltern sich nicht mit einem anderen
Schulabschluss abfinden wollen, aber auch die Vernetzung auf sozialen Plattformen, die Kinder
geradezu zur öffentlichen Selbstdarstellung zwingt. Durch das Internet müssen Kinder nicht mehr
unwissend bleiben. Sie müssen nichts mehr der Fantasie überlassen und klären sich über die
Medien auf. Mediale Vorbilder geben unrealistische Schönheitsideale und Lebensläufe vor,
Werbung bestimmt das Konsumverhalten und die Einnahme von Geschlechterrollen. Bei letzterem
lässt sich aber ein Trend zu mehr Akzeptanz bei Rollenabweichungen erkennen. Auch
Erziehungsmethoden haben sich gewandelt. Ungehorsam wird nicht mehr einfach bestraft,
Kindern werden mehr Freiräume zum Handeln gelassen. Fehlende Grenzen können hier zu sozialer
Unsicherheit führen. Weitere Herausforderungen sind die zunehmende Gewalt untereinander und
die fehlende Unterbindung durch Aufsichtspersonen, sowie die Benachteiligung von Kindern aus
unteren Schichten, die sich aufgrund fehlender monetärer Mittel oder Rückhalt seitens der Familie
nicht integrieren können bzw. nicht integriert werden.

14. Was ist eine soziale Gruppe? Erklären Sie zudem die Begriffe „Primärgruppe“ (primary
group) und „Gleichaltrigengruppe“ (peer group)!

Eine soziale Gruppe bezeichnet eine bestimmte Anzahl von Mitgliedern, den Gruppenmitgliedern,
die zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels, dem Gruppenziel, über längere Zeit in einem relativ
kontinuierlichen Kommunikations- und Interaktionsprozess stehen und ein Gefühl der
Zusammengehörigkeit, das Wir-Gefühl, entwickeln. Zur Gruppenidentiät gehört ein gemeinsames
System von Normen und Werten, die sogenannte Gruppenmoral.
Primärgruppen sind Gruppen, deren Mitglieder in relativ intimen, vorwiegend emotional
bestimmten, direkten und häufig persönlichen Beziehungen miteinander stehen, sich gegenseitig
stark beeinflussen und so relativ ähnliche Einstellungen, Wertvorstellungen und Normen
entwickeln. Beispiele hierfür finden sich in der Familie, bei Freundschaften, in der engen
Nachbarschaft oder bei Gleichaltrigengruppen. Letztere bezeichnet man auch als peer groups. Das
sind Spielgruppen und andere Gruppen gleichaltriger Kinder und Jugendlicher, die die von der
Familie eingeleitete Sozialisation als Primärgruppe fortsetzen. Sie tragen zu einer emotionalen
Ablösung oder Emanzipation des jungen Menschen von den familiären Abhängigkeitsverhältnissen
bei und sind quasi eine Sozialisationsinstanz in eigener Regie.
15. Beziehen Sie das Phänomen des sozialen und kulturellen Normenkonfliktes auf das Thema
„Jugendkultur“! Überlegen Sie sich zwei Beispiele!

Als Jugendkultur bezeichnet man den Bereich der von Jugendlichen getragenen Vorstellungen,
Lebensentwürfe, Stilelemente und Gesellungsformen, wobei zunächst egal ist, ob diese
kommerziell induziert, von internationalen Vorbildern übernommen oder selbst produziert worden
sind. Zu einem Normenkonflikt kann es kommen, wenn für einen Situation einander inhaltlich
widersprechende Normen vorhanden sind. Viele Jugendliche sind Teil bestimmter Subkulturen, die
latent immer auch Alternativ- oder Gegenkulturen zu dominanten, etablieren Kulturmustern sind.
So grenzen sich Punks durch auffällige Haartracht und einen unangepassten Kleidungsstil vom Rest
der „Normalbevölkerung“ ab. Zum sozialen Normenkonflikt kommt es hier zum Beispiel, wenn sich
ein Punk um eine Arbeit bewirbt und er die Normen hinsichtlich seiner Erscheinung oder der
Einstellung zu Konzernen hinter die Erwartungen des Arbeitgebers stellen muss. Bei einem
kulturellen Normenkonflikt stehen die Normen, die die Kultur des Menschen ausmachen, in einem
inhaltlichen Widerspruch zueinander. Ein Jugendlicher mit arabischen Wurzeln, der in der Schule
von einer Lehrerin unterrichtet wird, mag sich in einem Normenkonflikt befinden, da er in dieser
Situation einer Frau unterstellt ist, was in Deutschland nichts ungewöhnliches ist, für ihn aber
seinen internalisierten kulturellen Normen widerstrebt.

16. Ist Jugendgewalt zwangsläufig ein Ausdruck von Normen- und Wertelosigkeit?

Als Anomie bezeichnet die Soziologie einen Zustand fehlender oder schwacher sozialer Normen,
Regeln und Ordnung. Die Anomietheorie erklärt Devianz, also abweichendes Verhalten durch das
Bedürfnis, die in der Gesellschaft vorherrschenden Ziele zu erreichen, aber nach eigenem
Empfinden nicht die Fähigkeit oder Mittel dafür zu haben. Das abweichende Verhalten kann darin
bestehen, die gesellschaftlich akzeptierten Mittel, Ziele oder beides abzulehnen. Erfolg, Geld und
Anerkennung sind beispielsweise solche Ziele für Jugendliche. Bleibt der Erfolg in der Schule aus,
kommen sie aus sozial schwächeren Schichten und werden in der Gemeinschaft nicht akzeptiert,
versuchen sie sich durch Gewalt Respekt zu verschaffen, oder durch Abziehen anderer Jugendlicher
an Geld zu kommen. Trotzdem kann man nicht sagen, dass Jugendgewalt allgemein auf Normen-
und Wertelosigkeit zurückgeht. Man müsste schon jenseits jeglicher Zivilisation aufgewachsen sein,
um keinerlei Normen- und Wertevorstellungen während der Primärsozialisation internalisiert zu
haben. Zudem gibt es noch zahlreiche andere Ursachen für Jugendgewalt.

17. Bitte diskutieren Sie 5 mögliche Ursachen für Jugendkriminalität.

1. Desintegrationserfahrungen entstehen durch Arbeitslosigkeit, Exklusion oder eine unsichere


Zukunft. Die Jugendlichen werden von der gesellschaftlichen Teilhabe, Teilnahme und
Zugehörigkeit ausgeschlossen. Dabei scheitert die Integration der Jugendlichen in die Gesellschaft
und sie driften in die Kriminalität ab oder versuchen sich in Subkulturen zu integrieren.
2. Fehlende Anerkennung führt zu Gewalt. In dem Moment, wo man eine Gewalttat ausübt, wird
einem vom Gegenüber zwangsläufig Respekt gezollt. Auch in der Gruppe verschafft man sich
dadurch Anerkennung.
3. Hohe Akzeptanz der Werte Durchsetzung, Stärke, Erfolg und Überlegenheit führen dazu, dass
Jugendliche unter Druck gesetzt werden und alles in Kauf nehmen, um diese Werte für sich zu
beanspruchen.
4. Nach der Lerntheorie gehen Aggressionen von einem erlernten Verhalten aus. Dabei spielt vor
allem eine Rolle, ob man zuvor mit aggressivem Verhalten Erfolg hatte bzw. ob man andere dabei
beobachtet hat.
5. Gewaltförmiges Verhalten wird als Mittel der Durchsetzung der eigenen Person gegen andere
benutzt und dient als Instrument der Selbststabilisierung.
6. Das Bedürfnis nach Dazugehörigkeit und das Streben nach Statuserhalt in der Gruppe können
die Gewaltbereitschaft steigern.
7. Weitere Ursachen sind soziale Benachteiligung, Schulprobleme, Missbrauch in der Familie,
deviante peer groups, etc.

18. Beziehen Sie den Befund einer „pragmatischen Generation“ (Shell-Jugendstudie) auf die
Theorien des gesellschaftlichen Wertewandels (Inglehart/Klages)!

Unter Wertewandel versteht man die Veränderung der gesamtgesellschaftlich dominierenden


Werte im Zuge des allgemeinen sozialen Wandels. Er zieht eine Veränderung der sozialen Normen,
der Institutionen und des Zusammenlebens nach sich . Der Soziologe Ronald Inglehart stützt seine
Theorie vom Wertewandel auf die Mangelhypothese nach Maslow. Der Mensch versucht
demnach, zuerst die Bedürfnisse der niederen Stufen wie Nahrung, Kleidung und Unterkunft zu
befriedigen. Wer zum Beispiel in armen Verhältnissen groß geworden ist, für den wird Nahrung im
späteren Leben einen hohen Stellenwert haben. Wer diesen Mangel nicht erfahren hat, für den
spielt das keine besondere Rolle. Für ihn sind dann eher postmaterialistische Werte wie
Selbstverwirklichung wichtig. Nach Inglehart müsste die heutige Generation Jugendlicher
postmaterialistischen Werten nacheifern. Dazu gehören neben der Selbstverwirklichung auch
Zugehörigkeit, Mitsprache in Staat und Gesellschaft, Meinungsfreiheit oder auch Umweltschutz.
Nach Inglehart ist ein Wertewandel von materialistischen zu postmaterialistischen Werten erfolgt.
Wenn man Ingleharts Theorie in Beziehung zur 16. Shell-Jugendstudie setzt, dann zeigt sich, dass
es wirklich postmaterialistische Werte sind, die für die Jugendlichen eine Rolle spielen. Sie
interessieren sich für den Klimawandel, während das Thema Religion, welche den
Nachkriegsmaterialisten Halt gegeben hat, immer weiter in den Hintergrund rückt. Dafür suchen
die Jugendlichen von heute Rückhalt und Sicherheit in der Familie und im privaten Freundeskreis.
Dieses Bedürfnis hat sogar in letzten Jahren zugenommen.
Der Soziologe Helmut Klages hat erkannt, dass es zu einem Wertewandlungsschub in den
1960er und 1970er Jahren in der BRD kam. Die Pflicht- und Akzeptanzwerte sind tendenziell
rückläufig, während – wie Inglehart es auch festgestellt hat – die Selbstentfaltungswerte
zunehmen. Am besten an die Erfordernisse der sozialen Modernisierung ist der „aktive Realist“
angepasst. Er vereint Pflicht- und Akzeptanzwerte mit seiner persönlichen hedonistisch-
materialistischen bzw. idealistischen Selbstentfaltung. Diese Wertsynthese, so der zentrale Begriff
bei Klages, ermöglicht es, dass alte und neue Werte nicht im Gegensatz zueinander stehen,
sondern eine produktive Wechselwirkung entfalten. Klages stimmt mit Inglehart darin überein,
dass in den Industriegesellschaften ein Wertewandel stattgefunden hat. Während Inglehart vor
allem finanzielle Besserstellung mit postmaterialistischen Werten in Verbindung bringt, sieht
Klages den Ursprung dieser in einem gestiegenen Bildungsniveau. Auch die Jugendstudie zeigt,
dass Bildung als biografischer Schlüssel fungiert. Klages Theorie lässt sich gut mit der
pragmatischen Generation in Verbindung bringen, die zwischen Selbstentfaltung und Sicherheit
eine Wertsynthese eingeht. Die Jugendlichen betrachten die an sie gestellten Herausforderungen
sachlich und behalten sich ihre optimistische Grundhaltung für die Zukunft bei.

19. Grenzen Sie die Konzepte „soziale Gruppe“ und „Organisation“ gegeneinander ab!

Eine soziale Gruppe bezeichnet eine bestimmte Anzahl von Mitgliedern, den Gruppenmitgliedern,
die zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels, dem Gruppenziel, über längere Zeit in einem relativ
kontinuierlichen Kommunikations- und Interaktionsprozess stehen und ein Gefühl der
Zusammengehörigkeit, das Wir-Gefühl, entwickeln. Zur Gruppenidentiät gehört ein gemeinsames
System von Normen und Werten, die sogenannte Gruppenmoral. Beispiele für soziale Gruppen
sind die Familie, Cliquen oder Arbeitsgruppen.
Organisationen sind alle Arten von Unternehmen, Behörden, Vereinen, etc., die den Alltag und das
Leben in unserer Gesellschaft entscheidend mitbestimmen. Sie zeigen Spuren des zweckrationalen
Denkens und Handelns. Organisationen werden bewusst und planvoll gebildet und dienen der
Erreichung bestimmter Zwecke und Ziele, dem Organisationsziel. Dieses entscheidet maßgeblich
über die Entscheidungen und das Handeln einer Organisation. Es legitimiert die Existenz von
Organisationen und ist meist in Gesetzen, Satzungen oder Handelsregistern offiziell festgelegt. Des
weiteren verfügen Organisationen über eine verbindlich festgelegte Organisationsstruktur. Hier ist
festgelegt, welche Stelle mit welchen Aufgaben und Rechten verbunden ist, wer
Entscheidungsbefugnis über wen hat und wie in bestimmten Fällen zu handeln ist. Organisationen
koordinieren die Aktivitäten ihrer Mitglieder und den Einsatz ihrer Mittel so, dass die Erreichung
des Ziels auf Dauer gewährleistet ist. Moderne Organisationen zeigen zudem den Charakter von
Instrumenten, das heißt von konstruierten Formen geregelter Kooperation.
Wichtige Unterschiede zwischen Organisationen und sozialen Gruppen sind:
1. Die Dauer, da Organisationen langfristig angelegt sind, Gruppen sich auch schnell wieder
auflösen können, wenn ihr Ziel erreicht ist, z.B. bei einer Bürgerinitiative.
2. Die Verbindlichkeit der Zielstellung, die bei der Gruppe eher diffus und bei der Organisation
konkret ist.
3. Die Größe und Komplexität, denn Gruppen sind relativ überschaubar und haben keine
komplexen Hierarchien.
4. Organisationen haben neben der menschlichen Seite noch eine sachliche Seite, zu der Gebäude,
Technik und Utensilien gehören.
5. In Gruppen gibt es Face-to-Face-Beziehungen und die Handlungen sind eher spontan, während
es in Organisationen formalisierte Regeln gibt.

20. Erläutern Sie, was unter der „formellen Struktur“ und der „informellen Struktur“ einer
Organisation zu verstehen ist!

Die soziale Wirklichkeit einer Organisation umfasst sowohl die formellen als auch ihre informellen
Aspekte. Die formelle Struktur einer Organisation ist die Soll-Struktur. Sie besteht aus einem
hierarchisch und funktional geordnetem Gefüge von Positionen, Mitteln und Handlungsweisen und
ist somit das feste Gerippe einer Organisation (Organigramm). Dieses Gerippe ist getrennt von
konkreten, jederzeit austauschbaren Personen gedacht. Die Mitglieder sollen durch
strukturgerechtes und -konformes Verhalten das vorgedachte Gebilde verlebendigen.
Da in einer Organisation immer Menschen miteinander interagieren, wird sie nie bloß aus der
starren Soll-Struktur bestehen bleiben. Man spricht dann von den informellen
Organisationsstrukturen, den Ist-Strukturen, die neben den festgelegten und geplanten formellen
Strukturen existieren und diese zum Teil überlagern, neutralisieren und ergänzen. Die Ist-Struktur
ist für das Funktionieren einer Organisation fast genauso wichtig, da beispielsweise Kontakte der
Chefsekretärinnen, Freundschaften, Sympathien, Animositäten oder Gegnerschaften, die
Erreichung des Organisationsziels befördern können.

21. Erklären Sie den Begriff der sozialen Ungleichheit anhand von mindestens drei Faktoren!
Skizzieren Sie ein Beispiel für soziale Ungleichheit und beziehen Sie dieses auf die Arbeit der
Polizei!
Soziale Ungleichheit bezeichnet einen gesellschaftlichen Zustand, in dem die Zugangschancen zu
wichtigen Sozialbereich wie Bildung, Beruf, Gesundheit, etc. für einzelne Personen oder
Sozialgruppen erschwert sind und die ungleiche Verteilung von ökonomischen Ressourcen sowie
von sozialen Positionen und Rängen als ein soziales Problem angesehen wird. Man muss dabei
zwischen vertikaler sozialer Ungleichheit (bezüglich Einkommen, Lebensstandard, Bildung,
Prestige) und horizontaler sozialer Ungleichheit (Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung,
Gesundheit, Familienstand, Wohnort, Migrationshintergrund) unterscheiden. Soziale Ungleichheit
ist in der Gesellschaft beispielsweise in Klassen, Schichten, Milieus oder Lebenslagen
institutionalisiert. Die soziale Ungleichheit spiegelt sich zum Beispiel im deutschen
Gesundheitssystem wider. Privatpatienten, also in der Regel Besserverdiener (Faktor Einkommen),
bekommen schneller einen Termin bei einem Facharzt als schlechter verdienende gesetzlich
Versicherte. Ihr Zugang zum Sozialbereich Gesundheit ist also ungleich. Auch der Faktor
Familienstand kann zu Ungleichheit führen. Kinderreiche Familien haben generell schlechtere
Chancen auf eine Mietwohnung, als kinderlose Paare. Hier wird ihnen der Zugang zum
Sozialbereich der Teilhabe verwehrt. Auf den Sozialbereich Beruf haben Migranten oft ungleiche
Chancen im Vergleich zu den Landsleuten. Hier spielt der Faktor Herkunft eine Rolle.
Die polizeiliche Arbeit hat immer dann einen Bezug zu sozialer Ungleichheit, wenn Bürger gegen
diese Ungleichheit vorgehen und dabei gegen geltende Normen verstoßen oder sich im Rahmen
dieser Normen Luft machen. Letzteres eventuell bei einer Demonstration gegen die Neuregelung
des Hartz-IV-Satzes oder bei der Forderung nach einer Reichensteuer. Der Frust über soziale
Ungleichheit kann aber auch in Kriminalität ausarten. Man denke beispielsweise an die
Brandanschläge auf Luxuswagen in Hamburg oder an immer wieder auftretenden Vandalismus in
Nobelboutiquen der Friedrichstraße.

22. Was versteht die Soziologie unter einer „sozialen Klasse“ und was unter einer „sozialen
Schicht“?

Eine soziale Klasse ist eine Bevölkerungsgruppe, deren Mitglieder sich durch gemeinsame,
insbesondere ökonomische Merkmale, aber auch durch ein Zusammengehörigkeitsgefühl
(Klassenbewusstsein) auszeichnet. In einer Klassengesellschaft entscheidet Besitz oder
Besitzlosigkeit über bessere oder schlechtere Lebensbedingungen. Karl Marx sah bei seiner
Analyse der Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts das Eigentum an Produktionsmitteln als
Hauptkriterium. Max Weber bezog in seiner Klassenanalyse noch Qualifikationen, sowie Stand und
Partei ein.
Eine soziale Schicht ist eine Bevölkerungsgruppe, deren Mitglieder einen ähnlich hohen Status
besitzen und von den Mitgliedern tiefer oder höher gelagerter Schichten durch eine bestimmte
Schichtgrenze getrennt sind. Die Gesellschaftsmitglieder werden im Schichtenmodell nach
bestimmten Statusmerkmalen, wie Beruf, Einkommen und Bildung untergliedert. Das
Schichtenmodell muss sehr differenziert betrachtet werden, da die Eingliederung aufgrund
verschiedener Kriterien erfolgt. So werden horizontale Unterschiede wie Alter, Geschlecht, etc
ausgeblendet (Vertikalität), die kulturelle Vielfalt und die damit verbundenen unterschiedlichen
Lebensstile werden zu wenig beachtet und die Einstufung nach der Berufsposition kann
problematisch werden, wenn in einer Familie beispielsweise nur der Mann einer Erwerbstätigkeit
nachgeht, die zur Versorgung aller Familienmitglieder ausreicht.

23. Erklären Sie das Konzept des „sozialen Lebensstils“!

Unter Lebensstil versteht man ein relativ stabiles, regelmäßig wiederkehrendes Muster alltäglicher
Lebensführung. Er ist ein Bündel aus Wertorientierungen, Einstellungen, Deutungen,
Geschmackspräferenzen, Handlungen und Interaktionen, die aufeinander bezogen sind.
Lebensstile sind bereichsübergreifend mit einem Schwerpunkt im Freizeit- und Konsumbereich,
wozu Familienleben, Geschmack, kulturelle Interessen, Arbeit und Politik zählen. Sie sind
ganzheitlich und sinnhaft und individuell und kollektiv identitätsstiftend, sowie distinktiv, also ab-
und ausgrenzend. Die Selbstdarstellung reicht von expressiv bis ästhetisch.

24. Was versteht die Soziologie unter „sozialem Wandel“? Nennen Sie drei grundsätzliche
Perspektiven der Theoriebildung(en)!

Sozialer Wandel ist die prozessuale Veränderung der Sozialstruktur einer Gesellschaft in ihren
Grundlegenden Institutionen, Kulturmuster, zugehörigen sozialen Handlungen und
Bewusstseinsinhalten, wobei soziale Strukturen relativ stabile Regelmäßigkeiten des sozialen
Lebens, wie Rollenverhalten, Organisationsmuster und soziale Schichtung sind. Die drei
grundsätzlichen Perspektiven der Theorienbildung sind 1. der Primat von Ordnung und Struktur, 2.
der Primat des Wandels und 3. Stabilität und Wandel als zwei komplementäre Perspektiven.

25. Nennen Sie drei Indikatoren des sozialen Wandels in Deutschland!

Indikatoren des sozialen Wandels in Deutschland sind unter anderem die Altersstruktur und die
damit verbundene Umkehrung der Bevölkerungspyramide, das Lebensniveau, was sich in
zunehmenden Einkommensunterschieden deutlich macht und die Schrumpfung der Städte, durch
Abwanderung von Ost nach West und von Land zu Stadt.

26. In welcher Gesellschaft leben wir? Skizzieren sie ein aktuelles soziologisches
Gesellschaftsbild ihrer Wahl!

Wir leben in einer Gesellschaft, für die man viele Bezeichnungen finden kann. Es kommt darauf an
wodurch wir diesen komplexen Begriff definieren wollen. Eine Möglichkeit ist, sie als
Weltgesellschaft zu bezeichnen, wie es der Soziologe Martin Albrow getan hat. Seiner Meinung
nach sollten wir uns von der Idee er Nation verabschieden und die Ordnungsfunktion des Staates
durch technische, ökonomische und sozio-kulturelle Neuerungen in Frage stellen. In der
Weltgesellschaft werden neue, nichtstaatliche Identitäten und Organisationsformen ausgebildet.
Dabei muss bei jedem Handeln beachtet werden, dass davon die ganze Welt betroffen sein kann.
Man entwickelt ein Bewusstsein, in einer globalen Gesellschaft zu leben, in der eine
grenzüberschreitende Interaktion abläuft. Auf dem Weg von der Moderne zum „globalen Zeitalter“
spielen auch Umweltprobleme, die atomare Bedrohung, die globale Vernetzung im
Kommunikationsbereich und weltweite Handelsbeziehungen eine wichtige Rolle. Die
Globalisierung sieht er als einen Übergangsprozess zwischen diesen beiden Phasen.

27. Was versteht die Stadtsoziologie unter „Gentrifizierung“? Beziehen Sie diesen Begriff auf die
aktuellen Entwicklungen in Berlin!

Gentrifizierung leitet sich vom englischen Wort „gentry“ (niederer Adel) ab und beschreibt
sozialräumliche Entwicklungsprozesse in Stadtquartieren. Dabei finden allmählich
Erneuerungsmaßnahmen und eventuell Eigentümerwechsel statt, die urbane Wohngegenden für
einkommensstarke Bevölkerungsgruppen attraktiv machen. Dadurch steigen die Mieten und
weniger Verdienende werden aus diesen Gebieten verdrängt. Dieser Prozess wirkt sich negativ auf
die Sozialstruktur in Stadtgebieten aus. Gentrifizierungsprozesse lösen immer wieder
stadtpolitische Protestaktionen aus. Diese reichen von politischen Demonstrationen, über
organisierte Mietminderung zu Vandalismus und Hausbesetzungen. Ein aktuelles Beispiel aus
Berlin ist die Besetzung des Hauses in der Liebigstraße 14 im Stadtteil Kreuzberg. Der neue
Eigentümer hat den Bewohnern eine Frist gesetzt, das Haus zu verlasen, um anschließend mit
wertsteigernden Sanierungsmaßnahmen zu beginnen. Kreuzberg gilt noch als günstige
Wohngegend, in der zahlreiche Subkulturen beheimatet sind, die sich vehement gegen die
schleichende Verdrängung zur Wehr setzen. Generell lässt sich über Berlin sagen, dass Wohnraum
in der Innenstadt im Vergleich zum Jahr 2000 deutlich teurer geworden ist.
Gentrifizierungsprozesse lassen sich vor allem in Ostberlin beobachten, wo aus einem
gewöhnlichem Kiez eine Szenekiez wird und aus dem Clubviertel Prenzlauer Berg mittlerweile ein
(noch) bezahlbares Familienumfeld geworden ist.

28. Was bedeutet „Segregation“? Beziehen Sie dieses soziologische Problem auf das Thema der
„sozialen Ungleichheit“!

Segregation ist die räumliche Absonderung einer Bevölkerungsgruppe nach Merkmalen wie soziale
Schicht, Stellung im Lebenszyklus, ethnisch-kulturellem Hintergrund oder Religion. Sie existiert in
allen Gesellschaften und keineswegs nur auf der Ebene von Städten, sondern ebenso auf der
Ebene von Regionen. Segregation ist demnach nichts anderes als das räumliche Abbild sozialer
Ungleichheit in einer Gesellschaft. Statusgruppen am unteren und am oberen Ende der sozialen
Rangskala leben deutlich stärker segregiert als die in der Mitte. Das zeigt sich z.B. in Ghettos oder
geschlossenen Wohnanlagen. Die Diskriminierung geht in der Regel von der statushöheren
gegenüber der statusniederen Gruppe aus. Die Segregation lässt sich gut anhand der Kaufkraft in
einzelnen Stadtbezirken darstellen. Dort wird dann deutlich, dass Besserverdiener getrennt von
Minimalverdienern leben. Oft gibt es in den Stadtteilen mit der höheren Kaufkraft auch weniger
Migranten und mehr Privatschulen. Die Infrastruktur wird nach den Bedürfnissen des reichen
Klientels ausgerichtet. So haben die Menschen mit einem hohen Einkommen besseren Zugriff auf
die Sozialbereiche Bildung oder Gesundheit. Hier sind stadtpolitische Maßnahmen gefragt, um
diesem Prozess entgegenzuwirken.