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Dreißig Minuten Fahrt liegen hinter uns.

Wir steigen aus dem


Auto aus und packen allerlei Gerödel zusammen. Mit drei
Schritten ist die schmale Straße passiert; wir klingeln, wenige
Sekunden später öffnet sich die Tür und eine freundliche Stimme
lädt uns aufs Herzlichste herein. Vor uns steht Steffen, ein Mann
wie ein Berg mit Händen, in denen ein Buslenker zum Spielzeug
wird. Wir wollten aber keine Häuser umstürzen, sondern Fliegen
knüpfen. Was also war passiert? In einem Forum habe ich einen
meiner ersten Gehversuche beim Binden von Hechtstreamern
gepostet, kurz darauf meldet sich Steffen und bietet die
Gemeinschaftsarbeit an. Nun ging alles ganz schnell. Sven nahm
mit dem Unbekannten Kontakt auf; und jetzt – eine knappe Woche
später – stehen wir in Greußen.

Wir betreten die Wohnung, die vom Boden bis zur Decke aufs
Binden eingestellt ist, und staunen nicht schlecht. „Hier“, ist eines
der ersten Worte Steffens, „gerade sind die Fliegen meines Swaps
eingetroffen … richtig heiße Mücken; die müsst Ihr Euch ansehen.“
Er präsentiert uns acht oder neun verschiedene Muster und
strahlt uns mit funkelnden Augen an. Wow! Dieser Mann
verschwendet keinen Gedanken daran, uns von sich zu
überzeugen, sondern lässt uns selbstlos teilhaben an seiner
Freude. Die Selbstlosigkeit ist keineswegs Fassade, sondern zieht
sich die kommenden sechs Stunden fort – sei es beim Angebot
sämtlicher Materialien, sei es beim Verraten von Tipps und Tricks
Unverhofft kommt oft. oder auch der vorzüglichen Bewirtung. Sechs Stunden lang steht
uns alles zur freien Verfügung. Damit hätten wir beileibe nicht
Oder: Keine Begegnung der dritten Art, aber gerechnet.

doch mit bleibendem Mehrwert.


Schnell kommen wir ins Gespräch. Die Bindestationen werden
eingerichtet, die Plätze bezogen. Und peu à peu öffnet der Hüne
auch seine Fliegendosen und beweist damit die eigenen
Fertigkeiten eindrucksvoll. Von der filigranen Äschenfliege bis zu
aufwendigen Maifliegen ist alles vertreten. Selbstredend sind
auch die verschiedenen Nachbildungen von Fischen, Fröschen
und was sonst nicht noch alles mit unterschiedlich gefärbtem
Rehhaar. Einfach der Hammer! Doch loben wir ihn, dreht sich
Steffen um, öffnet das Internet und verweist auf Koryphäen aus
Übersee. So beginnen wir das Binden. Ich als Newbie halte mich
zurück und fülle für die kommende Saison das Nymphen-
sortiment; Sven bindet eifrig Streamer, die sicherlich bald im Maul
eines Hechtes porträtiert werden. Steffen arbeitet an ein paar
herrlichen Trockenen. Wir hatten uns für diesen Tag keine Ziele
gesetzt und binden dementsprechend das, was uns in den Sinn
kommt. Wichtiger war das Kennenlernen. Fotos werden herum
gereicht, Persönliches ausgetauscht, von Erlebnisssen berichtet.

Pünktlich 15.00 Uhr stehen Kaffee, Brötchen und Kuchen auf


dem Tisch, Sven baut den Laptop auf und während der guten
Stärkung schauen wir »Once in a blue Moon«. Der 36-minütige
Film ist schon allein wegen der genialen Bilder sehenswert, er
hatte allerdings einen unerwarteten Nebeneffekt: Im Anschluss
meinte Steffen, er hätte vor einer Weile auch ab und zu Mäuse
gebastelt und wolle uns nun zeigen, wie er sie herstellt, weil er
keine mehr vorrätig hätte. Wir gingen zurück in den Bindetempel
und führten die Arbeit fort.
Nach dem Whip Finish meiner Bodyglass-Nymphe schielte ich
kurz über den Tisch hinweg zu Steffen. Vor im nahm allmählich
ein Rehhaarverbund Gestalt an; ich legte die Werkzeuge beiseite
und stellte mich hinter den akribischen Binder. Windung für
Windung erklärte er mir sein Vorgehen. Ich höre zu, bin mir aber
zugleich gewiss, dass es sich hier für mich noch lange um
Böhmische Dörfer handeln wird. „Jetzt folgt nur noch der
Frisörtermin“, erklärte Steffen, „dann kommen die Augen drauf.“
Und – schwuppdiwupp – schaute mich eine Maus an. Ich bekam
den Mund gar nicht zu. Ehrerbietig ließ ich meine Blicke über das
Tierchen streifen. Steffen spannte den Haken aus, und drückte mir
die Maus in die Hand. „Nimm mit!“ Sprachlos nahm ich sie
entgegen und starrte weiter darauf. Absoluter Hammer, mir
klopfte die Pumpe. Schade nur, dass dieser Haken nun nie Rost
ansetzen wird, denn die Maus besitzt nun einen Logenplatz auf
meinem Schreibtisch – Vielen lieben Dank!
An ein weiteres Binden meinerseits war nun nicht mehr zu
denken und auch die Uhr machte uns klar, dass es Zeit ist, das
Feld zu räumen. Wir packten beim weiteren Plausch langsam
alles zusammen und versprachen, eine solche Session sehr bald
zu wiederholen. Bestimmt können dann einige Bindeweisen in Bild
und Wort festgehalten werden. Darauf darf man jetzt schon
gespannt sein! Um einige Erfahrung reicher verließen Sven und
ich Greußen; die 35 km durch die Dunkelheit waren in gefühlten
fünf Minuten beschritten, mir blieb nur die Zeit, das zwanzigste Mal
zu sagen, wie grandios dieser Nachmittag war. Bleibt nur noch
übrig, an dieser Stelle Steffen und seiner lieben Familie für die
vielen Erkenntnisse und die überaus herzliche Gastfreundschaft
zu danken.

Sven und Thomas. Text: Thomas Abicht


Bilder: Sven Nebe, Steffen Krähmer, Thomas Abicht
Layout und Finish: Thomas Abicht.