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Die

Entscheidung

Erzählung

von Robert Straßheim

Dieses Buch darf, auch in Ausschnitten, nur mit Erlaubnis des Verfassers
vervielfältigt oder weitergegeben werden.
Rückmeldungen sind erwünscht. (E-Mail: r.strassheim@arcor.de)
2

Marburg, Juli 2001 – Januar 2007.


3

Lass jeden Mann davor erschaudern,

die Hand einer Frau zu erlangen,


wenn er mit ihr nicht die ganze
Leidenschaft
ihres Herzens gewinnt.
Nathaniel
Hawthorne

1
In keiner westlichen Kultur wird einem richtig beigebracht, wie man
Beziehungen führt. Das Gelingen einer Beziehung setzt Klarheit
voraus, und das kann schon die erste Schwierigkeit sein.

Martin will sich sicher sein. Soll er Zara heiraten? Zara ist Kurdin,
23, hat dunkelbraune Haare, ein hübsches Gesicht, eine schlanke,
trainierte Figur; Martin ist Deutscher, 29, blond, mit kleinen,
lebendigen Augen - im Gegensatz zur Gesetztheit des Körpers.
Beide leben in Kassel.
Wichtiger ist: Sie liebt seine blauen „Mavi-bonçuk-Augen“ und will
ihn heiraten. Er liebt sie mit ihrer dunklen Haut und ihren langen,
hennagestreiften Haaren, ohne an Ehe zu denken.
Nun ja, streng genommen hat er es ihr zugesagt:
Nachdem sie im „Arkadaş“, dem kurdischen Lokal gegessen hatten
und auf den Bus warteten, es war die Haltestelle Erzbergerstraße,
sagte Zara: „Schau doch, die Sterne leuchten uns!“
„Und dort, das Polizeihochhaus, es überwacht uns“, ergänzte
Martin, „die haben überall Kameras.“
„Du hast keine Romantik“, beschwerte sich Zara.
Er zog sie zu sich heran, und sie küssten sich, da fragte sie:
„Heiratest du mich?“
Das traf ihn unvorbereitet. Steif sagte er: „Ja.“
„Wenn du eine richtige Arbeit hast“, meinte Zara, „können wir
heiraten.“
Vor Schreck verstummte er.

Insgeheim ärgerte sich Martin: Sollte er, wie der


Durchschnittsmann, von früh bis spät arbeiten und als Ersatz für
die versäumte Liebe Blumensträuße kaufen? Dafür würde Zara die
4

Hausarbeit übernehmen. Peinlicher Sexismus. Flauer, versiegender


Sex als Folge. Er beschloss, sich mit dem Thema nicht zu befassen.

Nun sind sie fast ein Jahr lang zusammen. Martin hat eine
Doktoranden-Stelle, sie wollen zusammen wohnen, aber vorher will
Zara ihrer Familie den Trauschein präsentieren – die „Ehre“ gebiete
es. Ob er mit einer kurdischen Hochzeit einverstanden wäre?
„Natürlich nehme ich auf deine Familie Rücksicht“, versicherte
Martin, „und wenn es nötig ist, heiraten wir auf kurdisch.“
Von Zweifeln hat er nichts gesagt. Ob deutsch oder kurdisch, ist
irrelevant. Heiraten, nicht zum Schein, gebunden sein für’s Leben -
eine solche Verpflichtung einzugehen, das ist die Frage. Im Grunde
findet er sich unentschieden, „fundamental unentschieden“. Die
Ehe gehört nicht zu seinem Plan zum Glücklichsein. Warum sollte
er sich amtlich binden? Nur aus Rücksicht? - Ungenügend. - Will er
auf Dauer mit dieser Frau zusammen sein? Um dem
Beziehungschaos zu entrinnen? Um endlich Ruhe zu haben? -
Klingt fatal nach Friedhofswahl.
Ganz anders bei Zara: Für sie ist es mehr ein Vortasten. Sie prüft,
spürt bei Martin, bei ihren Geschwistern, bei sich selbst nach, ob er
der Richtige ist. Dass Ehe und Kinder zu ihrer Erfüllung gehören,
weiß sie, seit sie denken kann, und diese Gewissheit ist ihr
geblieben. So reift ihre Entscheidung im Stillen, wächst, wenn sie von
Liebeserlebnissen begossen wird, oder sie verkümmert, von
Streitigkeiten vergiftet. Denn der Prozess der Bindung ist
reversibel: Irritationen verunsichern ihre Entscheidung – sie hängt
davon ab, wie verpflichtet und entschlossen der Mann die
Beziehung pflegt.

Dieser Mann ist nun allein und weiß, dass er sich der Frau stellen
muss. Noch für einen Monat weilt Zara in der Türkei. Bis zu ihrer
Rückkehr will er Klarheit schaffen. Das mag ein intensiver Prozess
werden, den er ohne sie austragen will – unbeeinflusst, in aller
Ruhe, für sich allein.
Früher hatte Martin die Ehe als grauenhaftes Spießertum
abgelehnt, als Symbol des Besitzstanddenkens. Ähnlich die
romantische Abart: Alles, was der Romantiker schmackhaft findet
an einer Frau, den Sex, die Nähe, die Freundschaft, das Vertrauen,
das glaubt er verschnüren und konservieren zu können – mit dem
magischen Band der Ehe. Hanebüchen. Töricht. Spintisiererei. Aber
eben auch ein schöner, kindlicher Traum.

Was sagen seine Erfahrungen? Die Frauen, sie drängelten sich


nicht gerade um sein Bett. Sie kamen arg vereinzelt, meist
ungeschminkt und behaart, verliebt hat er sich immer schnell, die
begehrten Brüste selten und wenn, dann nur zögerlich bekommen,
sobald es einmal lief, wurde es schwierig, verkorkst und „fatal“:
durchschwiegene Tage, durchweinte Nächte, denn sie wollten viel zu
viel oder viel zu wenig. Nach jahrelanger „Beziehungsfolter“ wäre
ihm eine neue „Ära der Menschenrechte“ durchaus willkommen.
5

Die Ära Zara. „Warum nicht aus der Ära ein Äon machen?“ überlegt
er. „Mich in unbegrenzte Liebe hinein entspannen, in Zaras Liebe,
in ihre Arme, an ihren Busen, o himmlisches Empfinden! - - – Nein,
so kann ich nicht denken. Ich schmachte. Man soll ja auch nicht
hungrig einkaufen.“

Neuer Ansatz: rationale Analyse.


Was hat diese Frau, dass er sich überlegt, sie zu heiraten?
„Dass sie sich epiliert und schminkt? – Absolut irrelevant!“
Was ist relevant? Sie ist freundlich, sexy, intelligent und sportlich. –
Solches Zeug steht in jeder Kontaktanzeige. Nur, dass die meistens
lügen. Zara, sie lügt auch, es sind diese kleinen Alltagslügen: Wenn
ihre Eltern sie aus dem Bett klingeln, behauptet sie dass sie beim
Lernen gestört sei; wenn er fragt, ob sie zum Ausgehen fertig sei,
sagt sie Ja und braucht noch eine halbe Stunde zum Schminken.
Die üblichen Unkorrektheiten, wer ist davon frei?

Systematik tut Not! Er macht eine Liste: Positive Eigenschaften,


negative Eigenschaften. Beide Spalten füllen sich.
Aber wie bewerten? Ehrlichkeit gegen Unpünktlichkeit? Wieviel
sollte eine Primärtugend aufwiegen, zwei, drei oder vier
Sekundärmängel? Dass sie nicht toleriert, wenn er mit einer
Freundin in die Sauna geht – ist das ein großes Opfer für ihn,
darauf zu verzichten? Nur ein tertiärer Nachteil. Und Treue –
wichtiger als alles andere zusammen? Sicher nicht. Aber treu ist
sie. Wird sie es immer sein?
Nein, es hilft nichts.
Die zweite Liste: Gemeinsamkeiten, Differenzen – das scheint
schon aussagekräftiger.
Die Differenzen überwiegen. Das ahnte er natürlich schon. Jede
Differenz ein potentieller Konflikt! Also keine Heirat. – Dumme
Liste, dummes Ergebnis.
Was aber sind wirkliche Differenzen?
Zum Beispiel: Als Student hätte er sich nie auf BWLerInnen
eingelassen – JuristInnen bildeten die Grenze des Zumutbaren, da
sie „innerhalb ihres meist beschränkten Systems immerhin mit
Intelligenz aufwarten können“.
Doch nicht Zaras Wissenschaft war es, der er begegnete, sondern
Zaras Charme, dem er erlag. Später entwickelte er dank Zara ein
gewisses Interesse an juristischen Fragen, mehr noch an
volkswirtschaftlichen Modellen, und so entledigte er sich dieses
Vorurteils.
Und ist es schlecht, dass sie zum Badminton geht, er indessen
seinen Schmerbauch pflegt? Reimt sich zusammen.
Kulturelle Unterschiede? Kommen immer mehr zum Vorschein. Wie
schwer wiegen die Zweifel? Wieviel die Liebe?
Abschätzen, bemessen, bewerten, reimen – völlig vermessen!
„Du willst groß, erwachsen und männlich sein“, hält er sich vor,
„aber woher weißt du, wie das geht? Kaufen von sexy
Unterwäsche, ja, die Trägerin der Wäsche entkleiden, kein Problem,
6

aber heiraten? Es liegt an mir allein, es zu entscheiden. Was ist


richtig? –Ratlosigkeit.- Jede Entscheidung kann falsch sein. Keine
Entscheidung ist eine negative Entscheidung. - Fatale Ratlosigkeit!“
Ist er zum Wahnsinn geboren? Sollte er das Ungewisse
herausfordern? Oder zurück fallen ins Bekannte, ins Gewisse: in
sein Beziehungsmittelalter? Oder lieber ein Leben lang ohne Frau
verschmachten? Er hat seine Liebe zu den Büchern. Doch sollte er
seine Sehnsüchte in ihre trockenen Seiten pressen, so wie man
herbstliche Blätter einlegt, glättet und konserviert? Nein, er ist kein
Mönch. Also den Strick der Ehe nehmen?
Aus der Tiefe des Inneren meldet sich eine sanfte Stimme: Ein
guter, weiser Freund muss her! Einer mit einer funktionierenden
Beziehung. Gibt es einen?
Georg, der Philosoph! Lebte mit einer Medizinerin zusammen, und
aus Vernunftgründen entschied er, Claudia treu zu sein – was
Martin so schien, als wolle er damit seine Leidenschaft für Adorno 1
beweisen. Wie auch immer, die beiden blieben zusammen, und
nach dem Studium kehrten sie zurück in ihre norddeutsche Heimat,
wo sie heirateten und ein Kind bekamen. – Das würde ja bei Martin
auch noch anstehen: Vater werden! Zara will nach ihrem Diplom
zwei Kinder von ihm, mit blauen Augen, und dazu schwarze Haare!
(„Unmöglich“, meinte er, doch Zara hofft weiter.)
Nicht grundsätzlich ist er gegen Kinder, auch nicht unbedingt
gegen eigene. Bis jetzt ist er mit allen Frauen ohne Kinder
ausgekommen, zum Glück, wie sich im Nachhinein erwies. Glück?
Nur das Unglück konnte in Schach gehalten werden, dank
sorgfältiger Verhütung.
Und jetzt soll er sich der Natur, dem Begehren der Frau
unterwerfen und Vater werden? Nun ist es nicht irgendeine
Gebärwillige, sondern Zara. Zwischen Zara und den vorigen Frauen
sieht er „fundamentale Unterschiede“. Zara macht nicht mit bei
neurotischen „Spielchen“.2 Deshalb wird sie sich nicht hinhalten
lassen. Ist mit Zara seine Zeit gekommen, bodenständig, ernsthaft
und – erwachsen zu werden?
Nein, diese Entscheidung will gründlich durchdacht sein. Welche
Verantwortung auf ihm liegt: auf Jahrzehnte Nachwuchs hüten oder
alimentieren?!
Martin packt der Wunsch, weg zu fahren, entschieden weit weg.
Hamburg. Georg lebt in Hamburg. Genau richtig. Martin ruft ihn an,
hört das Kindergebrüll aus dem Hintergrund, nimmt es als Zeichen
für den Beziehungserfolg, und so verabreden sie sich für das
Wochenende.

1
 vgl. Theodor W. Adorno: “Minima Moralia.” Aphorismus 110: “Constanze”

2
 vgl. Eric Berne: Spiele der Erwachsenen.
7

2
Freitag Nachmittag. Es gewittert mächtig, Martin sitzt im
vollgetankten Auto, schenkt Milchkaffee aus der Thermosflasche
ein, klemmt den doppelwandigen Stahlbecher in die Halterung,
füttert den CD-Player und hat endlose Kilometer von Kassel nach
Hamburg vor sich. Niemand könnte sicherer sein als er in seinem
alten Golf, niemand könnte glücklicher sein, er hat seinen Raum, er
hat seine Musik, sein Ziel, sein Gaspedal, was will ein Mann mehr?
Zara! Sie liebt es, sich von ihm chauffieren zu lassen. Sie erzählt
ihm Geschichten, er lässt seine rechte Hand auf ihrem Bein ruhen,
streichelt über zarte Haut oder feine Nylonstrümpfe. Jetzt spürt er
das Leder seines Steuers, trommelt im Takt von Alanis – ja, er ist
geneigt, die Autobahnauffahrt Richtung Frankfurt zu nehmen, um
nur nicht zu schnell anzukommen. Die erste Baustelle: Hinein in
den Stau! Wohlgeordnete Schlangen, saubere gelbe Markierungen.
Dagegen in der Türkei! Türkische Fahrer unterwerfen sich keinen
Linien, sie machen aus drei markierten Spuren vier bis fünf, und
auf der Standspur wird eifrig überholt. Wie liebt er diese Disziplin
auf deutschen Autobahnen!

Vor Hannoversch’ Münden gleitet Martins Blick mit der Autobahn


hinunter ins Tal, hinüber zu schrägen Kuppen und taucht vor dunkel
dräuendem Himmel in tiefes Grün und fahles Braun. Übermächtig
steigen die Erinnerungen in ihm hoch.

Das Land von oben. Zara war aufgeregt. Seit drei Jahren hatte sie
die Türkei nicht mehr gesehen, ihr Heimatland, das sie trotz allem
so liebte. Wange an Wange schauten sie hinab auf ein schnelles
Wechselspiel von braunen Bergen, blaugrünem Wasser und scharf
zerschnittenen gelben Feldern, versprengten Häusern und kleinen
Siedlungen. Sie freuten sich auf ihren Badeurlaub – von der bösen
Überraschung, die sie dort erwartete, ahnten sie nichts.
Durch die Tür des Flugzeugs traten sie ins Freie, und das war ein
Backofen. Jacke und lange Hosen hielten die Heißluft ab – nicht
lange, unaufhaltsam drangen Wärmemengen durch die Jeans ein.
Hier an der Südküste wollten sie sich eine Woche lang in
Zweisamkeit erholen, in der zweiten Woche die Verwandtschaft in
Malatya besuchen, und danach haben sie sich getrennt: Martin
reiste nach Kassel ab, Zara ist noch in der Türkei geblieben, um alle
möglichen Freunde zu besuchen.
Erste Station: Antalya. Im Flughafen empfing sie die „Ada-Pension“
mit Namensschild, Fahrer und als „Shuttle“ ein japanischer
Transporter, in dem sich die Hitze staute. Sie wurden durch eine
Gegend chauffiert, die keine Landschaft mehr war: verfallene
8

Industriegelände neben blitzsauberen Tankstellen, bewirtschaftete


Felder neben Brachen, wild gewundene Wasserleitungen,
verlassene Baracken, grenzenlose Schrotthaufen säumten die
breite Schnellstraße.
Zara, die vorn saß, redete eifrig mit dem Fahrer. Sie war in ihrer
Sprache, sie war zu Hause! Martin kriegte kurz die Themen der
Unterhaltung nach hinten geliefert: der leidige Fußball, die
Arbeitslosigkeit, die neue Regierung, die alles besser machen
würde. Sehr skeptisch brütete Martin vor sich hin.
Landschaftsplaner hätten hier Herkulesarbeiten zu tun. Ohne
Verständnis dafür, was die Türken geschaffen hatten, wurde er des
Schauens müde, dachte an den kunstvollen Kasseler Herkules,
dessen grandiose Wasserspiele, trank den letzten Schluck
deutschen Wassers und fieberte mit durchgeschwitztem Rücken
dem Moment entgegen, da sie ihre Kleidung abwerfen würden,
sämtliche Kleidung abwerfen.
Zaras fruchtbare Tage fielen in ihre gemeinsamen zwei Wochen in
der Türkei, und so hatte er zwanzig Kondome einpacken wollen.
„Das reicht nicht“, hatte sich Zara beschwert, „wie können wir in
der Türkei Tütchen kaufen!"
Martin spürte wieder die Wärme in seinem Bauch.
Er war erstmal sachlich geblieben: „Vierzehn Tage minus zwei Tage
für die Busreise hin und zurück. Sind zwölf Tage. Davon sechs oder
sieben bei der Schwester, wo wir wohl keine Gelegenheit haben
werden, welche zu verbrauchen."
„Vielleicht doch. Rechne mal mit zwölf Tagen."
„Zwölf mal zwei oder mal drei?"
„Kauf lieber mehr", sagte sie.

‚Welche Frau will ich heiraten, wenn nicht diese?!’ denkt Martin,
froh, einen objektiven Indikator gefunden zu haben, noch dazu
einen, der in den meisten Liebesbeziehungen trockene bzw. immer
trockenere Verhältnisse anzeigt. „Typisch Mann“, würde Zara urteilen.
Sollte er nachzählen, wie viele Tüten übrig geblieben, ausrechnen,
wie viele durchschnittlich pro Tag verbraucht worden sind? Wenn
man von solchen Zahlen auf die Zukunft einer Beziehung schließen
könnte! Man kann es nicht, das ist die Crux aller
Geisteswissenschaft.
Nein, er muss Anhaltspunkte finden, die nicht so glitschig sind! In
der Türkei haben sie noch viel anderes erlebt, das aussagekrätiger
ist.

Mit viel Karacho und Staub erreichten sie den kleinen


Touristenort Side, den Zaras Schwester Delâl ihnen empfohlen
hatte. Die teerig-breiige, stinkige Straße führte sie direkt auf antike
Ruinen zu und ließ den Wagen durch einen schmalen, abröckelnden
Arkadebogen hindurchschlüpfen. Hinein nach Side: enge Gassen,
eine Überfülle an Lädchen, Restaurants, Leder, Taschen, Imbiss,
dichtes Touristentreiben; der Fahrer, forsch und geschickt, fuhr um
9

Haaresbreite die Leute aus dem Weg, scharf rechts bis zum
Abgrund: das Meer!
Links die Ada-Pension, ebenfalls von Delâl vermittelt: ein kleines,
einstöckiges Haus, aus dessen Dunkel ihnen Atatürk
entgegenblickte; Ali der Wirt, erhob sich von seinem Plastiktisch.
„Merhaba!" - Martin musste Hände drücken, dringend pinkeln, Zara
hingegen mit Ali reden. Einfach nur Günaydin (Guten Morgen) zu
sagen und dann seine Ruhe zu haben, durfte sich zwar der
Deutsche erlauben, doch seine hübsche kurdische Begleiterin
wurde von den Türken verwickelt in Worte, in Gespräche, in Palaver.
Als sie endlich die Koffer in ihr Zimmer geschleppt, abgelegt, die
Tür verschlossen, sich aller Stoffe entledigt hatten, traten sie auf
den Balkon, ließen die feuchte Haut von warmen Brisen umwehen
und die Augen im nahen Meer Ruhe finden. Sonne, blauer Himmel,
smaragdgrünes Wasser, Wellenrauschen – sie umfassten sich und
fingen an, das Salz auf der Haut zu kosten...

Am Abend gingen sie spazieren. Vor der Atatürkbüste am


Meerbusen machten sie kehrt. Atatürk hatte überall denselben
Blick: entschlossen und grimmig, Feinde mussten das wissen, und
deren gab es viele. Martin studierte es wie ein Kunstwerk.
Nicht weit entfernt ragten jahrtausendealte Ruinen empor, helle
Tempelsäulen, das imposante Amphitheater, das restauriert wurde
– wie konnten die Atatürken es ertragen, dass alle
Sehenswürdigkeiten aus der feindlichen Kultur stammten?
„Die Konservativen sagen, das alles sei im Besitz der Türken",
referierte Zara. „Außerdem behaupten die, dass die Griechen, und
auch die Römer von den Türken gelernt hätten, solche Sachen zu
bauen. Alle anderen Kulturen hätten ursprünglich alles von den
Türken gelernt, stell dir vor, so einfach ist das!"
Nein, seine Zara ist keine Nationalistin, sie sieht ihr Land so kritisch
wie er Deutschland kritisch sieht. Doch hindert sie das nicht am
Genießen:
Sie suchten sich ein Lokal. Das war nicht so einfach, obwohl sich
die Restaurants aneinander reihten; doch waren sie so damit
beschäftigt, die auf der Straße werbenden Kellner abzuweisen,
dass sie kaum schauen konnten, wo sie einkehren wollten. Ein
Kellner warb zurückhaltender, setzte ihnen nicht nach, als sie
abwinkten, und deshalb ließen sie sich auf dieses Lokal ein. Es
entpuppte sich als kurdisch (ohne Atatürk-Konterfei). Umrahmt von
antiken Mauern, umstrichen von halb wild lebenden Katzen und
zahlreichen Kellnern, genossen sie ein lukullisches Menü, zarte
Aubergine, Zucchini, Paprika in samtweicher Tomatencreme; Fisch,
garniert mit Eselszungen, meinte Martin. Sie fütterten die Katzen
mit dem ominösen Fleisch. Nach dem Mahl ließ zufriedene
Müdigkeit das Gespräch erlahmen. Zara ging zur Toilette, Martin
taxierte die Gäste am Nebentisch. Kein Paradies. Deutsche, un-
übersehbar, ihre Socken. Sie rauchten.
10

Zara rauschte heran, mit frischem Rot auf den Lippen.


„Lass uns rauchen", bat er.
Verschwörerisch nickte sie.
Er machte sich auf, die hässliche Deutsche zu beschnorren, die,
erstaunlich freundlich, zwei Camels herausgab: sie wisse ja, wie
das sei, im Urlaub. `So sind wir also normale Urlauber?` fragte sich
Martin, aber warum schämte er sich? Unterdessen kümmerte sich
ein Kellner um seine verlassene Schöne, versorgte sie mit
türkischen Zigaretten und Feuer, zog sich aber diskret zurück.
Martin und Zara tranken Rotwein, bliesen sich gegenseitig Rauch
ins Gesicht, weil das eine Liebeserklärung auf Kurdisch war.
„Warum lieb ich deine mavi bonçuk3 so sehr?“ fragte sie.
„Weil du mit mir geweint hast.“
„Früher habe ich nie geweint vor anderen.“
„Wir werden noch viel weinen zusammen.“
„Ajii! Ich will dich glücklich machen, nicht traurig.“
„Das kannst du nicht machen.“
„Aber ich lieb dich doch sehr.“
„Das reicht nicht.“
„Mau, du wirst sehen, dass das reicht. Ich gebe dir nicht nur mich,
ich gebe dir noch viele süße Babybonçuk dazu, bis du zu Hause
überall nur noch Liebe siehst!“
„Wirst du all diese Bonçuk auch säugen, wenn sie nachts
schreien?“
„Genau. Wenn du was übrig lässt.“
„O, meine Mau, lass uns zahlen und gehen. Ich glaube, heute
werde ich nichts übrig lassen.“
So war es. Zielstrebig gelangten sie in ihre Pension, grüßten Ali,
der, in Gesellschaft seines Raki, sie mit wenigen Worten entkom-
men ließ, in ihr Zimmer, in ihre Liebe.

Wie kann man glücklicher sein?


Aber würde es auch bleiben, das Glück? Würde Zara bleiben?
Würde sie auf Dauer in Deutschland bleiben wollen?
Ursprünglich wollte sie nicht nach Deutschland kommen. Sie hatte
ihr Studium in der Türkei fast abgeschlossen, sie wartete vor der
Tür zu ihrer letzten mündlichen Prüfung, für die sie bestens gelernt
hatte. Da kam dieser Freund mit dem Einfühlungsvermögen eines
Schlachters. Gerade als der Professor sie hereinbitten wollte, hielt
dieser sogenannte Freund sie zurück, für eine wichtige Nachricht:
Er teilte ihr mit, dass ihre Mutter gestorben war. Zara ging nicht in
die Prüfung. Gebeugt vor Trauer und Reue, nicht bei ihrer kranken
Mutter gewesen zu sein, flog sie nach Deutschland zur Beerdigung.
Zwischenzeitlich wurden ihre politisch aktiven Kommilitoninnen
verhaftet, und bei einer Rückkehr hätte auch Zara als
Sympathisantin einer linken Gruppe damit rechnen müssen,

3
 mavi = blau;  boncuk = Steinchen, Teil (übertragen: Augen)
11

verraten worden zu sein. Sie traute sie nicht mehr, an ihre Uni
zurückzukehren. Stattdessen fing sie in Deutschland von vorne an.
Und mit dem deutschen Diplom in die Türkei zurückkehren? Martin
fragte sie das, als sie am Strand lagen und einig waren, dass es
keinen ins nasse Deutschland zieht.
„Ich hatte immer vor, in die Türkei zurückzugehen.“
„Aber deine Familie lebt in Deutschland.“
„Zelal ist in Malatya, und meine beste Freundin ist in Istanbul. Ich
wollte immer in Istanbul eine Familie gründen.“
„Und jetzt?“
„Jetzt will ich mit dir Kinder haben. Ich liebe dich mehr als die
Türkei. Eigentlich liebe ich die Türkei überhaupt nicht. Wirtschaft
und Politik sind wirklich schlimm. Nur die Menschen, die liebe ich.
Die Deutschen sind dagegen kalt.“
„Wenn du das glaubst, wie konntest du dich in mich verlieben?“
„Du warst so freundlich.“
„Ich wollte auch nie deutsch sein.“
„Mir dir will ich in Deutschland sein. Zwei Kinder haben. Und
arbeiten. Ich kann nicht zu Hause sitzen, wie die ganzen Türkinnen,
die keine andere Idee haben als Kinder.“
Dafür könnte Martin zu Hause sitzen, lesen, forschen, publizieren
nach Herzenslust. Wie liebt er Zara!
Martin fährt an einer Tankstelle ab, kauft sich Camel, in memoria.

Als er vor zehn Tagen nach Hause zurückkehrte, empfing ihn eine
Urlaubskarte von Zara, die sie in Side heimlich geschrieben und
abgeschickt hat. Er nimmt das Andenken aus dem Handschuhfach,
betrachtet ihre grazile Mädchenschrift:

Side, 20. 8. o2
Mein Askim!
Ich liebe dich noch mehr hier in meinem
Heimatland. Alles ist schön mit dir, am Meer, auf
der Lokal, unterwegs. Meine Sehnsucht nach
Heimat geht mit dir noch schneller weg. Deine
mavi Augen sind noch schöner wie Mittelmeer
hier, in Side. Die passen so schön zueinander,
deshalb mag ich Meer noch mehr.
Viele viele nasse Küsse von deiner Donna
12

Neben den Gruß hat sie ihren Kussmund mit Lippenstift


abgedruckt. Seine cici Karicigin4 nährt ihm das Herz, selbst wenn
sie nicht da ist.
Er bläst seinen Rauch gegen die Karte und küsst sie.

Natürlich hilft das alles nichts. Er muss sich gedulden. Ein Leben
lang wird er mit ihr verbringen. Wenn er will. Wie könnte er das
nicht wollen?

So ist es wohl entschieden. Wozu fährt er noch nach Hamburg? – Es


ist verabredet, Georg erwartet ihn, und die Geschichte wird wohl
noch tiefere Gründe haben.

Er steigt wieder in sein Auto.

Auch er hatte Ansichtskarten geschrieben:

Liebe Meika,
kurz bevor unser Nachtleben in Side beginnt, sitze ich
im Meeresrauschen auf dem Balkon unserer
vortrefflichen Ada-Pension, Zara gesellt sich in ihrer
aufreizenden Abendgarderobe hinzu und wir widmen
uns einer hier äußerst seltenen Tätigkeit, dem
Schreiben. Was machen wir sonst? Ich träume, ich
erwache und Zara macht mir den Traum wahr!
Alles Liebe aus dem Urlaub, Martin & Zara

Dann schrieb er, mutiger, eine zweite Karte:

Lieber Thomas,
unser Urlaub ist traumhaft! Zu den alles
charakterisierenden Worten von Zara: "Sonne, Meer
und Sex" will ich nur hinzufügen: Essen, Schlafen,
Lesen. So bleibt mir wenig Zeit zum Schreiben, denn so
vieles verlockt mich, und allzu gerne gebe ich mich hin.
Aus dem Reich des Glücks grüßen dich
Martin & Zara

Zara wollte alles vorgelesen haben.


„Das hast du nicht wirklich geschrieben?!" empörte sie sich.
„Was denn, Schatz?" sagte er scheinheilig.
„Du weißt schon!"
„Habe ich nicht richtig zitiert?"

4
 cici=hübsch; Karicin=„Ehefrau“; „Ehemann“=Kocacun. Karicigim: „Meine Ehefrau“; 
Kocacum: „Mein Ehemann“
13

„Wie kannst du das schreiben? An keinen darfst du sowas


schreiben!"
Martin zerriss die Karte über den Sex. Zara erschrak.
Sie stritten nicht. Dazu war ihnen ihr Glück viel zu nahe ...

An einem solchen Abend nach dem Meer hatte Martin einen


Kosenamen für seine Geliebte gesucht, ein Wort, das sie so recht
umkosen sollte. Er spürte dem nach. Er spürte, wie sehr er sie
liebte, und plötzlich war es da: Donna! Meine Donna. Ein Name,
der sie streichelte. Er rief sie: „Donna!"
Sie mochte das. Sie liebte ihn dafür. Sie wollte seine Donna sein.
Nur er dürfte sie Donna nennen. Sie spürte die Zärtlichkeit in der
Stimme, in dem Wort. Sie kam. Unter die Dusche, zu ihm. Oh
Donna!

Am dritten Tage sah Martin seine Donna aus der Ferne von
ausgiebigem Schwimmen zurückkehren. Hinter ihr lief ein Mann,
der sie rasch einholte, neben ihr herlief, auf sie einredete.
Sie winkte, rief ihm entgegen: „Hier ist ein Mann, der mich ärgert!"
Martin sprang auf, musterte den Kerl, von weitem, feindselig: Er
war dunkel, kräftig, mit kurz geschorenen Haaren, er blieb Zara auf
den Fersen.
„Du musst ihn vertreiben", verlangte Zara.
Aug in Aug dem Feind: dickes Gesicht, dunkel unrasiert, schweiß-
perlend, aber ein Grinsen, seltsam. Der Störenfried reichte ihm die
Hand: Rudi, Zaras Schwager; und nicht weit entfernt feixte ihre
Schwester Rojda. — Wie das? Vorsorglich hatte Zara Delâl gebeten,
Rojda die Adresse der Ada-Pension nicht, auf keinen Fall
auszuliefern. Es stellte sich nun heraus, dass Delâl nicht ganz Wort
gehalten hatte: Sie hatte auf Rojdas Drängen zwar beteuert, die
verlangte Visitenkarte nicht mehr zu besitzen, aber Rojda hatte
darauf beharrt, dass ihre Schwester sich wenigstens an den Namen
jener Pension erinnern müsse, in der sie doch selber kürzlich
Urlaub gemacht hatte, und so verriet sie den Namen. Mit
detektivischem Geschick gelang es Rojda, Zara mitsamt Freund am
Urlaubsort ausfindig zu machen. Die Überraschung war ihr
gelungen. Und zu ihrem Stolz war sie nun die erste aus der Familie,
die Zaras Auserwählten begutachten würde.
Die uneingeladenen Verwandten hatten sich in einem Hotel unweit
der Ada-Pension einquartiert. Nicht nur das. Wie sich am nächsten
Tag herausstellte, hatte Rojda keine Stippvisite geplant. Nein, sie
wollte den Urlaub zu Viert verbringen.
Damit endete die ungestörte Zweisamkeit. Nicht jedoch der Urlaub.
14

Sie trafen sich immer wieder am Strand. Das bedeutete: Sie


durften sich am Strand nicht küssen (für Zara das Schlimmste),
und sie hatten die türkische Sprache immer dabei (schlimm für
Martin). Absolut nichts verstand Martin, wenn seine Donna sich
unterhielt. Dass sie Türkisch redeten, war ja verständlich, im
Mutterland, unter Geschwistern. Außerdem konnte Rudi, der
deutsche Staatsbürger, fast kein Deutsch. Wenn er mit Martin
radebrechen musste, mischte er in seiner Not italienische Wörter
unter, die er von seinem Kollegen in der Fabrik gelernt hatte;
wahrscheinlich kannte er mehr italienische Wörter als deutsche.
Jedenfalls, Lateinisch hätte Martin noch besser verstanden als
diese Melange. Aber zum Glück beschränkten sich diese
Kommunikationsversuche auf Höflichkeiten, die schnell zu klären
waren: „Schlafen gut?“ „Essen gut?“ Alles gut. Martin Laune
schlecht. Martin langweilig. Denn die anderen kehrten zurück ins
Türkische. Hatte Martin anfangs noch nachgefragt, worüber sie
sprachen, so verlor er trotz der zusammenfassenden
Übersetzungen, die ihm in spärlichen Gesprächspausen gegeben
wurden, nach und nach das Interesse und fing an, den Zorn des
Ausgestoßenen zu hegen. Natürlich war Zara das alles auch nicht
recht. Aber sollten sie sich deshalb einen anderen Badeort suchen?
Unerquicklich; zudem könnte Rojda sie verfolgen. Sollten sie Rojda
sagen, dass sie allein sein wollten?
Zara versuchte es, vorsichtig: z.B. zur Begrüßung am Strand sagte
sie, scheinbar zum Spaß: "Ihr seid ja schon wieder da! Hat man
denn keine Ruhe vor euch!" Das stieß bei Rudi auf Verständnis,
doch Rojda setzte sich durch: Ohne Zara, nur mit ihrem Mann
zusammen, würde sie sich langweilen.
„Warum lesen die nichts?“ fragte Martin verständnislos.
„Lesen wäre Strafe für die. Die haben keine Bildung.“
„Warum durfest du studieren und deine anderen Schwestern
nicht?“
„Meine Mutter wollte, dass wir alle studieren. Aber meine
Schwestern waren zu faul. Statt zu lernen hat Rojda geschlafen.
Meine Mutter schlug sie, aber das half nichts.“
„Warum hat deine Mutter nicht studiert?“
„Sie wollte das gerne. Die Familie hatte auch genug Geld. Aber mit
16 musste sie heiraten. Dann hat sie sofort Kinder bekommen.“
Martin versuchte, mit Rojda ins Gespräch zu kommen:
„Ich habe gelesen, dass immer noch viele Frauen aus eurer Kultur
unterdrückt und als Gebärmaschinen missbraucht werden. So
können sie sich nie selbst verwirklichen. Aber ihr seid modern. Zara
studiert schon zum zweiten Mal. Und du hast auch kein Kind. Das
finde ich sehr gut.“
„Wir wünschen uns doch Kinder!“
„Ihr wünscht euch ein Kind? Seit wann?“
15

„Jaja, wir wollen gerne. Nicht nur eins.“


„Aber worauf wartet ihr? Du bist doch schon über 30.“
„Das klappt ja nicht.“
„Das tut mir Leid. Damit liegt ihr im allgemeinen Trend zu
nachlassender Fruchtbarkeit. Woran liegt es denn bei euch?“
Rojda rief Zara herbei, sie redeten eifrig auf Türkisch, und Martin
ging leer aus.
Ein Vorteil der größeren Gesellschaft war, dass Rudi mittags
einkaufte, was sie zum Picknicken brauchten: Ekmek, Joghurt,
Tomaten, Paprika, Kavun und Karpuz5. Martin trug Flaschen mit
Wasser aus dem Klo der Ada-Pension herbei und so stillten sie
gemeinsam unter dem Sonnenschirm den seichten Hunger. Die
Melonen waren mal aromatisch, mal geschmacklos, das Ekmek,
nicht würdig, Brot zu heißen, durchgängig gummiweich und
neutralseifenschal.
Die Würze gab Zara mit einem alten geschwisterlichen Spiel:
Gewollt kindlich-harmlos verkündete sie "Rojda ist eifersüchtig!" -
Warum? - "Rojda ist nicht so braun wie ich!" Alle lachten, denn
Rojda war nicht mehr braun, sondern fast schwarz. Zara nutzte
jede Gelegenheit für diese kleinen Sticheleien: Martin kaufte Zara
zwei Tops, die sie Rojda präsentierte, dass sie eifersüchtig werde.
Martin schenkte Zara ein Bauchpiercing. Rojda wollte das auch,
aber ihr altmodischer Rudi war dagegen - was eine Bezie-
hungskrise auslöste, die ein paar Tage später mit Kartenspielen
gelöst wurde. Rojda gewann. Rudi musste es dulden (Rojda traut
sich aber bis heute nicht, es zu realisieren).
Für die Schwestern war das Zweitwichtigste die billig zu
erwerbende Mode (das Wichtigste war zweifellos die
Sonnenbräterei). An einem Tag fuhren sie zum Basar in die nächste
Stadt, nach Manavgat, unter Mitnahme der Männer, die alles
zahlen, tragen und ertragen sollten. Kilometerlang reihte sich
Stand an Stand, doch erschöpfte sich die Auswahl überraschend
schnell: Überall gab es dasselbe Sortiment, die gleichen Hosen,
Kappen, Tops, allerorten das gleiche Kunsthandwerk, die gleichen
Taschen, Tücher und Schmucksachen. Allein die Preise
unterschieden sich geringfügig, wobei Preisschilder nur Ausgangs-
basis zum Handeln waren. Wie hatte Zara sich auf das Handeln
gefreut! Einmal hatte Martin geäußert, dass eine Ware sehr billig
sei. Leider verstand die Verkäuferin Deutsch, und Zaras Macht zum
Feilschen war gebrochen.
Künftig durfte Martin nichts mehr sagen. Ja, er wurde angewiesen,
sich versteckt zu halten, bis der Handel abgeschlossen war. Erst
wenn Zara ein paar Millionen oder sogar die Hälfte
heruntergehandelt hatte, war es ein guter Kauf. Sie kaufte viel.
(Zwei Wochen später in Istanbul bereut sie bitterlich: In Istanbul ist
alles viel billiger.)

5
 Honig­ bzw. Wassermelone
16

Rojda musterte ebensoviel Ware, verglich, kritisierte, feilschte,


kaufte aber fast nichts, da ihr nichts gut genug war. Nach der
Rückkehr, packten sie aus; alle außer Rojda erfreuten sich der
schicken, billigen Ware, die den amerikanischen Marken gut
abgefälscht war; Martin und Zara füllten ihre Koffer auf Maximum
und waren zufrieden. Als sie dann Ekmek und all das übliche Zeug
aßen, kam für Rojda die Krise: Sie hatte einen Tag des Sonnens
geopfert und nichts dafür bekommen. Zara hätte nun ihr beliebtes
"Rojda-ist-eifersüchtig"-Spiel treiben können, doch wusste sie: Die
Situation war ernst. Weder sprach Rojda noch aß sie weiter. Rudi
schimpfte, sie sei selber schuld, warum sie nicht mehr gekauft
hätte? Hin und Her auf Türkisch, plötzlich Schweigen; Rojda stand
auf. Ohne ein Wort entfernte sie sich. Die anderen setzten die
Mahlzeit fort, ließen aber Rojda etwas übrig.
Ein mulmiger Gedanke beschleicht Martin: Ob das bei Zara und ihm
nach zehn Jahren Ehe auch so sein würde? Auf so ein neurotisches
Theater hat er nicht die geringste Lust. Keiner will so etwas, und
doch... Auch die Schwester Delâl hat regelmäßig heftige Dramen
mit ihrem Mann, und es wird nicht besser, eher schärfer. Warum
sollte Zara wesentlich anders sein? (Sollte er selbst anders sein?)
Neurosen liegen in der Familie begründet. Andererseits: Hat er
Zara schon so unreif erlebt? Nie.
Wie dem auch sei, Rudi nahm es gelassen, er aß einfach weiter, so
als sei seine Frau mal zur Toilette gegangen. Nach einigen Minuten
der Spannung stand Zara auf und ging ihre Schwester suchen. Kurz
darauf waren beide wieder am Tisch. Sie sprachen jetzt alle
deutsch.

Warum sprachen sie nicht regelmäßig deutsch in seiner


Anwesenheit, fragt sich Martin. Rudi redete sowieso selten mit.
Hätte Zara nicht ein wenig mehr auf ihn Rücksicht nehmen
können? Wenn sie ihre Leute schon nicht wegschicken konnte!
Sicherlich war ihre Lage schwierig; sie hatte so unterschiedliche
Menschen im Gleichgewicht zu halten: einen Geliebten einerseits
mit einer Schwester und einem Schwager andererseits, oder: einen
Deutschen mit zwei Kurden, oder: einen Akademiker mit einem
Fabrikarbeiter und einer Putzfrau. Rojda war schon fast gekränkt
von Martins allzu forscher Frage nach dem Kinderkriegen. Zara
mahnte Martin, vorsichtiger zu sein. Seine Integration in die Familie
drohte ihr zu entgleiten. Vor allem im Restaurant. Zara war so stolz
auf ihr kurdisches Lokal, dass sie Rojda und Rudi dorthin einlud.
Das war ein Fehler, denn wenigstens abends hätte Zara auf
Zweisamkeit bestehen sollen. Doch sie litt nicht darunter, und ihr
Einfühlungsvermögen meldete sich sehr spät:
Sie aßen üppig, hörten kurdische Volksmusik, rauchten türkische
Zigaretten, tanzten zusammen mit den sechs oder sieben Kellnern
und Köchen kurdische Reigentänze, und schließlich gesellte sich
der kurdische Besitzer an ihren Tisch, ein leutseliger älterer Mann
mit tief zerfurchtem Gesicht, der viel Zeit zum Reden hatte, nicht
17

auf deutsch, nicht auf englisch, sondern auf kurdisch, auf türkisch,
ganz wie sie wollten. Martin wollte überhaupt nicht. – Zara merkte
das, knapp bevor bei ihrem Liebster ein Langeweile-
Verlassenheitsanfall ausbrach (die sehr saure Mine war schon da),
da schleppte sie ihn zu dem kurdischen Friseur, den der Patron
empfohlen hatte. Martin fügte sich. Er wurde bis in die Ohren und
Nasenlöcher hinein abfrisiert und ungefragt gesichtsmassiert, für
zwei Euro, weil der Patron dabei saß und auf den Preis aufpasste.
Zara war stolz. Jetzt war ihr Koça ordentlich eingekleidet und auch
schick gestylt. „Rojda ist eifersüchtig", wünschte sie sich. „Gehen
wir ins Bett“, wünschte sich Martin, froh, durch den schlauen
Schachzug seiner Karicigim der Gesellschaft entkommen zu sein.
Auf dem Nachhauseweg fasste Zara die türkischen Unterhaltungen
zusammen: Der Patron klagte über die horrend teure Pacht des
Lokals sowie die türkische Polizei, die alle paar Monate in die
kurdischen Häuser eindringe, die Satellitenschüsseln abschraube
und konfiziere; danach kauften sich die Beraubten neue Schüsseln
und guckten wieder den verbotenen kurdischen Sender. Der Kellner
hatte ihr anvertraut, dass er und seine Kollegen auf eine Gele-
genheit warteten, eine Touristin kennenzulernen, die sie heiraten
und nach Europa oder in die USA mitnehmen würde; dafür seien
diese Restaurants beste Sprungbretter. Das schien zu klappen,
denn alt wurden sie hier nicht.
„Es gibt doch eine neue Regierung“, meinte Martin. „Warum wird
das nicht besser?“
„Die machen doch dasselbe. Nur für die religiösen Leute tun die ein
bisschen was. Im Fernsehen werden Sexfilme verboten.“
„Das ist richtig. Bei uns müsste auch viel mehr verboten werden.
Ganze Sender müsste man verbieten.“
„Aji! Türkisches Fernsehen ist nicht wie deutsches. Wir haben keine
Pornos. Die verbieten normale Spielfilme mit Sex drinnen. Davon
könnten doch die Leute was lernen.“
Martin dachte an Julia Roberts und gab ihr Recht.
Warum wollte Martin kein Türkisch lernen, verlangte Zara zu
wissen! Martin argumentierte, wenn er Zeit und Mühe in eine
Fremdsprache investieren würde, dann wäre es Englisch, das sei
die Sprache der Wissenschaft, und außerdem könne man sich
damit überall verständigen. Wozu Türkisch? In der Türkei zu leben
käme niemals in Betracht.

Martin mochte gar nicht daran denken, was ihm in der Türkei
noch bevorstand. Rojda wusste es. Sie wollte nicht nach Malatya.
Zara freute sich auf ihre Heimatstadt, doch sie konnte abwarten.
Martin war es ganz recht, weniger Tage als geplant dort zu
verbringen. Rudi aber brannte darauf, seine Mutter wiederzusehen.
Rojda spannte Zara gegen ihn ein, und so beschlossen sie, bzw.
überstimmten Rudi, noch zwei Tage länger in Side zu bleiben.
18

Alle genossen die letzten Tage, auf unterschiedliche Weise. Rudi


war gut gelaunt: Bald würde er in seiner Familie sein. Zara kriegte
alles, was sie im Urlaub wünschte. ("Sonne, Meer und Sex. Das ist
alles was ich will.") Rojda, sie wurde nicht mehr eifersüchtig. Rojdas
Hotel war sauber, Rojdas Zimmer wurde jeden Tag geputzt. Zaras
Zimmer dagegen fand sie entsetzlich dreckig, und erst in den
Schränken! Zara schmiss abgelegte Kleider in den Schrank ohne
sie zu falten. Wenn sie sie überhaupt weglegte. Alles Zeug stapelte
sich auf den Koffern. Dabei machte Rojda sogar Zaras Bett (Martin
musste den kleinen Germania-Apotheke-Leinenbeutel mit den
Tüten sorgfältig verstecken).
Martin merkt, was er an Zara hatte. Keine Ordnungswahnsinnige.
Oh ja, er liebt seine Donna noch mehr! Verschwendet keine Zeit für
übertriebene Sauberkeit, so bleibt mehr Zeit für die Liebe!

So vergingen die Tage. Martin verkroch sich vor der Mittagshitze


unter den gemieteten Sonnenschirm oder ins Meerwasser. Zara
schimpfte, er würde immer weiß bleiben. Sie selbst erlag dem
Sonnenbrand. „Macht nix, Joghurt ist billig hier", sagte sie. Er
beanstandete diese Rückständigkeit, aber am nächsten Tag war
der Brand gebannt.

Manche deutsche Frau sonnenbadete Oben ohne. Sogar eine Türkin


ließ ihre Brüste sehen. — Zara wies darauf hin, dass die einen
deutschen Mann hätte.
„Du hast auch einen deutschen Mann, der deinen Busen liebt",
neckte Martin, der wusste, dass sie unter ihren zwangsweißen
Felder litt.
Ärgerlich raffte Zara ihren Bikini zusammen, soweit es ging. Sie
hätte sich längst befreit — wäre nicht der Schwager zugegen
gewesen.

Einmal beobachteten sie einen wirklichen Kulturunterschied: Am


Strand tauchte eine Gruppe junger Frauen auf, in langen
Gewändern und verschlungenen Kopftüchern. Was machten sie?
Sie badeten. Mit all den Kleidern und Tüchern im Meer! Bis zu den
Schultern im Wasser. Sie lachten dabei. Martin und Zara lachten
auch.
Ja, das gemeinsame Lachen verbindet sie auf erfrischende Weise.
Martin hat das kürzlich einem Freund erzählt, und der überraschte
ihn mit einer ganz anderen Sichtweise: Unserer westlichen Kultur
fehle es offensichtlich an Toleranz, so dass muslimische Frauen in
Deutschland nicht schwimmen gehen könnten. Ja, Martin weiß,
dass ihr Lachen diskriminierend war, aber sie taten es heimlich,
und es ist doch wichtig, dass ein Paar sich seines eigenen
Standpunkts gewiss ist. In diesem Punkt ist Zara wie eine
(intolerante) Deutsche. Leider bestehen solche kulturellen
Übereinstimmungen keineswegs durchgängig, wie die Aquarium-
Gespräche zeigten:
19

Gern saßen Martin und Zara in ihrem Aquarium, einem von


Felsbrocken eingefassten, 30-50 cm tiefen Becken mit besonders
warmem Meerwasser. Dort räkelten sie sich im Sand, umspült von
leichten Wellen, umschwärmt von kleinen, zutraulichen Fischen.

Das war der rechte Ort, um in Ruhe Streitfälle zu diskutieren, die


schon länger vorbei, aber nicht befriedigend aufgeklärt waren. So
erkannten sie erst jetzt, wie ihrem chronischen Missverstehen
gewisse Kulturunterschiede zugrunde lagen. Über den
muslimischen Badegang hatten sie gemeinsam lachen können.
Doch lauern unter der Oberfläche jene subtilen Kulturunterschiede,
die nicht unterschätzt werden sollten, denn unverstanden
bekommen sie die Macht, eine Beziehung zu zerrütten.
Wenn er Nein sagt, dann meint er auch Nein.
Dahingegen in ihrer Kultur:
„Wenn dir jemand etwas anbietet, und du willst das annehmen,
wäre es trotzdem unhöflich, einfach Ja zu sagen. Nein, du sagst
Nein. Dann wird dir der andere das nochmal anbieten. Du lehnst
nochmal ab - sehr höflich. Aber der andere bleibt hartnäckig. Er
versichert dir, wie gut das sei, was er anbietet, und dass er genug
davon habe. Dann kannst du annehmen. Oder du musst ihm
verdeutlichen, dass du das aus guten Gründen nicht willst."
„Was ist der Grund für dieses alberne, ermüdende Spiel?"
„Armut. Aus Höflichkeit musst du anderen etwas anbieten, wenn
du etwas hast. Auch wenn du nicht viel davon hast, vielleicht
selber nicht satt werden kannst. Aber wir sind nicht egoistisch wie
Deutsche. Wir denken an die anderen. Wir teilen alles. Deshalb
bietest du an, es mit anderen zu teilen. Und die anderen denken an
dich. Sie wollen es dir nicht wegnehmen, weil du es selber
brauchst. Deshalb wäre es sehr unhöflich, es anzunehmen. Du
lehnst ab."
„Was, die Leute bieten etwas an, was sie gar nicht abgeben
wollen?!"
„Ja, die Höflichkeit gebietet das."
„Aber sie lügen!"
„So würde ich es nicht nennen."
„Sie sind nicht aufrichtig. Ich kann mir nie sicher sein, ob die
anderen wirklich das meinen, was sie sagen."
„Deshalb musst du dich ja versichern."
„Und wenn ich ehrlich bin, und ich sage Ja, wenn mir einer was an-
bietet, dann wird mir meine Ehrlichkeit zum Verhängnis!
Stattdessen muss ich versuchen, den anderen zu retten. Ich muss
lügen - nein, das würdest du nicht so sagen; sagen wir: heucheln,
das trifft es", meinte Martin ein wenig streng. „Ich muss heucheln,
dass ich etwas nicht will, obwohl ich es gerne hätte. Um den zu
retten, der es selber braucht, aber es mir anbietet, ohne dass man
ihn Heuchler nennen dürfte."
„Ja, deshalb darfst du auch nicht alles ablehnen, was dir angeboten
wird. Es wäre unhöflich."
20

„Wenn ich es aber gar nicht haben will?"


„Unhöflich."
„Aha, weil der andere denkt, ich wollte es eigentlich doch haben,
würde es aber ablehnen, um ihn zu schonen, um ihn retten zu
wollen!"
„Genau."
„Und der will nicht gerettet werden. Als Retter würde ich mich über
ihn stellen."
„Genau."
„Fatal. Um eine gleichwertige Beziehung herzustellen, muss ich
ablehnen und dann etwas annehmen."
„Genau."
(Hierauf hätte Martin sagen können: „O Donna, Bella, du bist so
süß mit deinem Genau!"
Sie hätte ihn geküsst, gewisslich, genüsslich geküsst. 
- Was aber sagte er:)
„Das heißt, ich habe die Wahl zwischen Lüge oder Drama. Wenn ich
etwas nicht will muss ich lügen, dass ich's gerne hätte, oder ich
habe ein Drama, bei dem ich der Retter bin und der andere das
Opfer." Martin schüttelte den Kopf. „Ich bevorzuge die einfache
Lösung: Ich sage Ja und meine Ja. Ich sage Nein und meine Nein."
Und er fügte hinzu: „Nein, deine Kultur gefällt mir überhaupt
nicht!"
(Schade. An diesem Tag gab es keinen Sex mehr.  )
Auf der Rückfahrt nach Antalya hatte Martin eine Tüte voll frischen
Petersilien-Böreks, den Zelâl früh am Morgen für ihn gebacken
hatte. Er hatte gelernt, etwas anzubieten. Seinem türkischen
Nachbarn im Bus hielt er einen Börek hin. Der lehnte ab. ‚Dann
eben nicht’, dachte Martin, „ich werde ihn nicht nochmal fragen.'
Aber fünf Minuten später siegte die Neugier. Er hielt dem Mann
wieder Börek hin. Nochmal Nein. Aber nach dem dritten Versuch
nahm jener an und aß. Martin freute sich, dass er mitspielen
gelernt hatte. Doch hatte der andere seinen Börek wirklich gewollt?
Er wusste es nicht. Selbst wenn er türkisch gekonnt hätte, darf
bezweifelt werden, dass er nach der Wahrheit gefragt hätte.

Eine andere Sache war kritischer. Zara wollte diskutieren, was sie
vor über einem halben Jahr erlebt hatten – wie eine dunkle Wolke
ließ die Erinnerung an diese Geschichte die sonnige Welt des
Aquariums verblassen:
Sie hatte ihren Drucker in Reparatur gegeben. Sechs Wochen
später, fand sie im Briefkasten eine Postkarte vor, dass das Gerät
fertig und abzuholen sei. Diese Benachrichtung kam gerade an
dem Samstagnachmittag, als sie abreisen wollte: Sie arbeitete in
den Semesterferien in Hannover, wo sie bei ihren Eltern wohnte.
Martin war bereits bei seinen Eltern in Göttingen. Das Problem: Sie
würden beide zwei Monate lang nicht nach Kassel kommen. Und
die Frist für die Abholung: acht Tage! Wer sollte das erledigen?
„Schatz, würdest du das machen?" fragte Zara am Telefon.
21

„Du weißt doch, dass ich erst mit dir zusammen wieder nach Kassel
komme."
„Aber du könntest von Göttingen aus viel besser nach Kassel
fahren als ich von Hannover."
„Das stimmt, aber wegen eines Druckers fahre ich nicht nach
Kassel."
Die Katastrophe war perfekt. Sie nahm ihm die Weigerung übel. Er
empfand es als Zumutung, dass sie nicht zuerst Kasseler Freunde
gefragt hatte. Als ob er nichts zu tun hätte als nach Kassel zu
fahren, um einen Billigdrucker abzuholen, der sowieso nie richtig
funktionierte. Schon die dritte Reparatur in einem halben Jahr.
Beim ersten Mal, als sie ihn zum „realmarkt“ gebracht hatten, war
er schon schlecht gelaunt gewesen, weil er mit musste, zum
Schleppen. Er hatte den großen Karton auf den Fahrradgepäckträ-
ger geschnürt, weil sie sich nicht traute, damit zu fahren; er fuhr
den Einkaufswagen, weil er ihr zu schwer war. Sie kommandierte
ihn durch den Supermarkt, hierhin, dorthin, der Monsterwagen
wurde immer mehr beladen, ließ sich kaum um die Ecken
manövrieren, aber sie schimpfte, wenn er nicht schnell genug
nachkam. Zweimal, dreimal, und plötzlich fing er an zu schreien. In
der Öffentlichkeit. Sie hörte auf zu schimpfen; sprach kein Wort
mehr mit ihm.
Die beiden nächsten Male ging es glimpflicher aus, aber immer
schlecht. Und nun sollte er von Göttingen aus eine Reise zum „re-
almarkt“ unternehmen.
Er ist doch nicht verrückt!
„Du bist eben egoistisch!"
Er grunzte. Nichts ist schlimmer als die Neuauflage eines Streits.
Und dazu der altgehasste Egoismusvorwurf!
Er ließ den wässrigen Sand durch seine Hände laufen, abwesend
träufelte er ihn auf die Badehose; er stellte sich vor: Nachher
würden sie darum zanken, ob er diese verdammte Badehose
auswaschen muss. 'Ich muss nicht', dachte er, 'sie will es. Ich will
nicht. Vielleicht tu ich es trotzdem. Wie letztes Mal. Aber heute
nicht.'
„Ja, natürlich", entgegnete er, „das ist egoistisch, ich denke an
mich, ich habe keine Lust, nach Kassel zu fahren wegen einer
Lappalie!"
„Aber damals hatten wir uns wieder vertragen, weil du gesagt
hast, mein Drucker wäre auch dein Drucker, und du würdest alles
für mich tun!"
„Das würde ich ja auch. Aber ich hatte auch gesagt, selbst für
meinen eigenen Drucker würde ich nicht nach Kassel fahren. Eher
würde ich mir einen neuen kaufen."
„Aber ich habe nicht soviel Geld."
„Du hättest jemand anderes fragen können."
„Ich vertraue nicht jedem."
„Ajii, du hast doch Freunde. Und viel zu vertrauen gibt's da nicht.
Es geht nicht um dein Leben. Nein, für diesen schlechten Drucker
würde ich niemals fahren. Was mich das an Stunden kostet. Vier,
22

fünf Stunden. Weißt du, was ich in einer Stunde für Geld verdienen
kann?"
„Du bist mein Koçacum nicht. Mein Koçacum wäre froh, wenn er
das für mich tun kann."
„Ich würde dir einen gescheiten Drucker kaufen!"
„Das sagst du erst jetzt! Ich will nicht, dass du mit Zwang was für
mich tust."
„Aber du willst mich zwingen, nach Kassel zu fahren!"

Keine Annäherung. Beide beharrten auf ihren Standpunkten.


Egoismus prallt auf Aufopferungsverlangen. Es gab keinen
logischen Ausweg. Nur den Wunsch nach Harmonie.
Entgegenkommende Formulierungen, etwas mehr Verständnis für
die andere Position. Keine Zufriedenheit. Angestrengte Billigung, so
wie die Sache mit dem Weihnachtsmarkt:
Würden sie gemeinsam hingehen? Er wollte nicht, sie wollte; sie
wollte nicht allein, sie wollte ihn überall hin mitschleppen. Er verlor
in dem Trubel die Laune, und nach einer Stunde war es soweit, kurz
vor’m Ausflippen steuerte er entschlossen ein Café an.
„Ich trinke dort Tee, wenn du fertig bist, kannst du dazu kommen."
Sie zog ohne Kuss, gar ohne Gruß von dannen, und im Café ließ sie
ihn sitzen.

Der Andere ist anders. Anders! So erwünscht der Unterschied


hinsichtlich des Geschlechts auch sein mag, allein darin erschöpft
er sich nicht. Die Unterschiede durchziehen weite Bereiche des
Lebens. Sie trainiert auf dem Laufband, er will kein Hamster sein.
Sie liebt Shopping, er bekommt im Kaufhaus Erstickungsanfälle. Er
atmet im Museum Freiheit, sie Langeweile. Gehst du in die
Boutique und ich ins Fridericianum? Niemals, kurdische Kultur
nennt das, was er als naheliegende Lösung ansieht, eine
Aufkündigung der Liebe, der Verbundenheit. - Verbundenheit?
Ketten! Die deutsche Kutur bringt Individualisten hervor. Wenn du
etwas tust, mache ich das noch lange nicht...
Und warum ist sie zutiefst beleidigt, wenn er im Ärger laut wird?
Egal, wie begründet sein Ärger sein mag, für sie hört alles auf.
„Aber du schreist auch manchmal“, hielt er ihr vor.
„Ich schrei’ nie, wenn andere dabei sind!“
„Welche Anderen denn?“
„Wie kannst du mich so respektlos behandeln!“
Er überlegte. Respektlosigkeit kannte er in Partnerschaften. Den
anderen herablassend behandeln, schlecht machen, oder so tun,
als wäre er nicht da, das sollte nicht sein, schleicht sich aber oft
ein, unbewusst. Hatte er sie so behandelt?
„Nein, ich glaube nicht, dass ich respektlos dir gegenüber war. Ich
habe nur meinen Ärger ausgedrückt, aber nicht beleidigend. Das
muss sein. Das musst du aushalten.“
„Natürlich muss das sein. Aber doch nicht vor anderen!“
„Was meinst du, vor anderen?“
„Du weißt doch, wenn meine Mitbewohnerinnen da sind. Du hast
laut mit mir gesprochen. Du nimmst gar keine Rücksicht!“
23

„Ich habe nicht vor denen geschrien.“


„Die haben gehört, dass du mich kritisiert hast.“
„Stört die das?“
„Mich stört das!“
Erst durch das ruhigere Gespräch im Aquarium erfuhr er die
fremde Spielregel: In ihrer Familie wird nach außen hin heile Welt
gespielt. In Gegenwart Dritter streitet man nicht. Sind aber die
Türen geschlossen, kann Vieles passieren.

Soweit kennen sie sich also. Offenkundige Unterschiede, die nicht


so leicht zu überbrücken sind. Der Fortschritt nach einem Jahr
Liebesbeziehung: Mehr Einsicht, dass der andere, die andere es
schwer hat, einen zu verstehen; zu akzeptieren, dass jeder in
seinem Käfig lebt, dessen Gitterstäbe aus eigenen Vorlieben,
Vorurteilen, Abneigungen bestehen, fest verschmiedet durch die
Moral der jeweiligen Kultur und ihre sozialen Sanktionen. Durch
diese Gitter kann man sich relativ leicht die Hand reichen,
geschäftliche Beziehungen eingehen, aber lieben? Es ist mühsame
Schweißarbeit, die Käfige zumindest soweit auszubuchten, dass ein
Raum für ein gemeinsames Leben entsteht. Lohnt sich das?
Martins innere Stimme sagt ihm, dass es notwendig sei, sich zu
befreien. Wie könnte er auf Dauer im Käfig leben wollen?
Unabhängig von Zara: Das, was er unter seiner Kultur versteht, ist
nicht das Ziel menschlicher Entwicklung. Wie gefährlich diese
Kultur werden kann, ist ja bewiesen: praktisch durch die
barbarische deutsche Geschichte, theoretisch unter anderem durch
die Frankfurter Schule6. Transformation tut Not. Transformation ist
Arbeit, oft schmerzhafte Arbeit. Das Ziel ist es freilich nicht, von
dem einen Käfig in den anderen zu gelangen. Nein, beide müssen
sie ihre Käfige Stück für Stück ausdehnen, zu anderen hin, indem
sie sich der anderen Sichtweise öffnen, verstehen, Toleranz üben,
Zugeständnisse machen. Dabei kann man viel gewinnen, denn jede
Kultur besitzt besondere Werte und innere Reichtümer. Es gilt
kritisch zu prüfen – die Schattenseiten der Kulturen zu meiden, das
Licht zu suchen. Dafür ist eine interkulturelle Liebesbeziehung eine
hervorragende Möglichkeit: Jeder sieht die Kultur des anderen
unbefangener und kritischer! So gewinnen beide neue Blickwinkel
auf ihre eigenen Gewohnheiten, können sich aneinander und
miteinander abarbeiten. Konflikte sind dafür notwendig! Nur sollten
es keine chronischen Konflikte werden, beide Seiten müssen
beweglich sein, bereit sein, auch die eigenen Schattenseiten
anzuerkennen. Um der Liebe willen! Ja, Martin spürt es, es geht
nicht nur um seine Liebe zu Zara, auch die Selbstliebe fordert, an
seinem Käfig zu sägen.
Nun, kommen sie damit voran?
Die Unterschiede führen nicht mehr zwangsläufig zu
Zerwürfnissen. Das ist nicht wenig.

6
 vgl. z.B. Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung.
24

Alles, was sie an Toleranz entwickelt, an Erholung erreicht hatten,


das wurde bald gebraucht, verbraucht, um die nächste Zeit zu
überstehen. Trotz der schönen Aquariumstunden war es nicht mehr
aufzuschieben, denn die Vier wurden von Zelâl erwartet, der
ältesten der sechs Geschwister. So sollten sie aufbrechen nach
Malatya, der Heimatstadt, in der die sechs zusammen
aufgewachsen waren: Malatya, eine Großstadt inmitten der Berge
der Osttürkei, in Kurdistan.

Die beiden Paare packten ihre Koffer (ein Reißverschluss ging dabei
kaputt) und die obligatorischen Plastiktüten. Zu Fuß verließen sie
Side, wandten sich dem Meer ab und schleppten und rollten ihr
Gepäck auf der heißen, staubigen Straße ins Landesinnere. Ihre
erste Station lag ein Kilometer außerhalb des Ortes: ein großer
Parkplatz an der Landstraße, wo in einer langgestreckten Baracke
die Büros der Busfirmen untergebracht waren.
Sie warteten bereits eine halbe Stunde auf den Kleinbus nach
Manavgat. Dort sollte um 15 Uhr ein großer Reisebus abfahren und
am nächsten Morgen in Malatya ankommen. Es war 14.30 Uhr. Rudi
fragte im Büro nach, wann der Bus käme. Er wurde vertröstet. Die
Zeit schritt voran. Rudi begleitete Martin zum Toilettenhaus, damit
jener nicht zu viel Geld bezahle. Nicht schlimm, beschwichtigten
die Bediensteten, der Kleinbus sei schon unterwegs, und der
Reisebus würde nicht ohne sie abfahren, weil sie schon Tickets und
Reservierungen hätten.
Sie hockten im Schatten des Hauses auf dem Betonboden, denn
alle Bänke standen in der Sonne. Freundlicherweise gab es eine
Wasserstelle, wo man kostenlos trinken konnte – diese humanitäre
Einrichtung ist in der Türkei öfter zu finden.
Der Kleinbus kam nicht. Rojda schimpfte über diese typisch
türkischen Verhältnisse, rauchte allerdings viel von den billigen
türkischen Zigaretten. Sonst tat sie nichts. Um kurz vor drei
handelte Zara. Sie entlarvte die Behauptungen der
Büroangestellten als falsch: Kein Kleinbus würde fahren. Sie
bestellte ein Taxi.
„Warum lügen die?" fragte Martin; „es ist doch logisch, dass das
nach einer halben Stunde raus kommt."
„Genau. Die lügen trotzdem. Ich hatte einmal mein Flugzeug
verpasst wegen der Lügerei. Die sagen immer, der Bus fährt. Wenn
es zu wenige Fahrgäste gibt, fährt der Bus gar nicht ab, er bleibt in
der Stadt, wo er starten sollte. Aber sie sagen, er würde fahren, die
wollen nicht, dass man wegläuft, denn wenn es genug Fahrgäste
gibt, fährt er doch."
15.10 Uhr. Das Taxi kam angebraust. Ein Auto für vier Personen
und drei Kubikmeter Koffer. Der Fahrer war nett. Nachdem sie den
Kofferraum voll hatten, lud er ihnen die restlichen Taschen auf den
Schoß. Dann drückte er auf das Gas, damit sie rechtzeitig
ankamen, sein kleiner Peugeot jaulte, der Kies der halbfertigen
Straße spritzte, hin und her geworfen erreichten sie die Stadt;
Fußgänger, todesmutig, kreuzten die vierspurige Straße wo sie
25

wollten, einer lief auf ihre Spur, kam nicht weiter, da die rechte
Spur blockiert war, der Fahrer drückte mit Macht die Hupe, nicht
die Bremse, sie rasten auf den Mann zu, der rettete sich auf den
Grünstreifen in der Mitte. Dafür wurde das Taxi bald von Größeren
gejagt: ein Kleinbus nahm ihm die Vorfahrt, schaffte es knapp,
angespornt durch die gegnerische Hupe.
Martin kurbelte das Fenster ganz auf.
"Du machst Durchzug", beschwerte sich Zara, "mach das wieder
zu, Durchzug ist gefährlich!"
"Gefährlich? Ja, gefährlich, fatal ist es, deshalb brauche ich viel
frische Luft. Ich habe Angst, hier mitzufahren."
Zara versuchte, ihn zu beruhigen: "Aj, bibberst du wieder. Du bist
das eben noch nicht gewöhnt. Ich kenne das von früher."
„Nein", schimpfte er, „das bin ich wirklich nicht gewöhnt. Aber das
will ich auch gar nicht. Zwar kann man gegen die Gefahr
abstumpfen, aber was nützt das? Es ändert objektiv nichts.
Objektiv gelten hier dieselben physikalischen Gesetze wie in
Deutschland. Universelle Naturgesetze. Beschleunigung, Trägheit
der Masse, beschränkte Bremskräfte, Impulserhaltung und Tod! -
Lieber habe ich Angst als dass ich naiv sterbe."
„Die fahren wirklich schlimm."
Das war alles, was er von ihr hören wollte.
Aber sie fügte hinzu: „Deshalb fahre ich auch nicht gern Bus."
„Aber die Reisebusse fahren doch wohl vernünftig?"
„Es gibt viele Unfälle."
Sie hatten eine achtzehnstündige Busreise vor sich. („Warum nicht
mit der Bahn", hatte Martin verlangt. — Mit der türkischen Bahn
hätten sie Tage länger gebraucht.)
Sie kamen heil in Manavgat an. Dort mussten sie auf den Reisebus
warten. Sie setzten sich auf die aufgeheizten Bordsteine, Schatten
gab es nicht. Sie rauchten.
„Wird im Bus auch geraucht?"
„Nein, das ist verboten."
„Ich hätte denen zugetraut, auch den Bus vollzuqualmen."
„Vor vier Jahren war das noch so."
„Und du, bist du nicht gestorben auf so einer langen Reise?"
"Nein, ich hab doch selbst viel geraucht."
Martin kämpfte still gegen ein unerklärliches Grauen, er versuchte,
an etwas anderes zu denken, um dem Schatten aus seiner Seele
auszuweichen.

Jetzt aber soll es ihm gelingen, den Sachverhalt zu analysieren:


Was bedeutet die Raucherei? Sie verursacht, dass Krankheit und
Tod früher eintreten. Wenn Zara raucht, stirbt sie früher. Aber wird
sie deshalb vor ihm sterben? Sie ist sechs Jahre jünger als er, dazu
kommen noch zwei Jahre, die Frauen statistisch länger leben als
Männer. Also hat sie acht Jahre Vorsprung; minus maximal drei
Jahre, die sie in der Türkei geraucht hatte, so bleiben ihr fünf Jahre
gut, und dafür könnte sie schätzungsweise noch fünf mal 360 mal
20 Zigaretten rauchen, bis sie ihn eingeholt hätte, das sind 36000
26

Zigaretten – Fazit: Solange sie nicht gewohnheitsmäßig raucht,


besteht keine Gefahr, dass sie ihn deshalb früher verlässt.
Zara ist jung und gesund, also als Ehefrau bestens geeignet.
Warum hatte er es in Manavgat nicht gleich ausgerechnet?
Stattdessen hatte er Mühe damit, seine törichte Aufregung in
angenehmen Erinnerungen zu versenken: Da ihm der Schweiß
rann, lenkte er seine Gedanken zurück zu einem glücklicheren Tag,
als sie den Fluss bei Manavgat besucht hatten:
Es war ihr zweiter Ausflug nach Manavgat gewesen. Sie hatten den
Şelale besichtigt, ein gewaltiges Wasserspiel der Natur. Auf einer
Breite von 30 Metern rauschten Wassermassen zwei, drei Meter
hinab. Unten betrachtete Touristen die Fluten des Şelale, manche
wateten im eiskalten, quellgespeisten Wasser. Martin spürte
wohlig, wie das Wasser in die Waden schnitt, seine Füße in der
Strömung taub wurden, und wollte mehr. Schon die ganzen
überheißen Tage lang hatte er sich danach gesehnt, in Kühle zu
tauchen, nicht in pisswarmes Meer. Hier war die Kälte, die er
brauchte. Weiter unterhalb war der Fluss ruhig genug. Da machte
er es wahr. Er zog sich bis zur Unterhose aus und tauchte ein, die
klare kalte Strömung erfrischte ihn bis in die letzten Zellen seines
mittagsglühenden Körpers, spendierte ihm das Schwimmen als
eine Bewegung, die endlich einmal von keinem Schweiß verfolgt
wurde. Begeistert rief er: „Kommt mit rein!"
Die Frauen überlegten nicht. Sie winkten ab.
Er versuchte es sogar auf Türkisch: „Gel! Gel, gel!“
Rudi wagte es. Das war ein lustiges Schauspiel: wie er
entschlossen hineinsprang, prustend und schreiend auftauchte,
keuchend das Land suchte wie der Blitz die Erde. Rudi würde nie
mehr in den Fluss gehen. Hier, im Phänomen der Kälte, gereichte
es Martin zum Vorteil, Deutscher zu sein. Ja, diese Kälte, die war
etwas, womit er vertraut war! Er überlegte, was er dem Fluss auf
Türkisch sagen könnte: Efendim, Şelale, nasilsin? Martin var.7
Unsinn. Er wollte etwas lernen, das Sinn machte bei solchen
Gelegenheiten: lernen, auf Türkisch zu würdigen.
Zwei Stunden später, als das alltägliche Picknick mit
unvermeidlichem Ekmek und Tomaten gegessen und im Lokal
neben dem Şelale der obligatorische Cay getrunken war, bat
Martin, wieder durchhitzt, um Wiederholung des Bades. Leider
hatten die drei Türkischsprachigen keine Lust mehr, den
kältehungrigen Verrückten zum Fluss zu begleiten: die Sensation
war vorbei. Enttäuscht fügte sich Martin in den stickigen Kleinbus,
und ihm wurde klar, dass der Höhepunkt des Glücks für diesen Tag,
womöglich für diesen Urlaub, vorbei war.
Was folgen würde, war für alle ungewiss.
„Malatya", rief der Bedienstete aus, in seiner Stimme klang es wie
eine Attraktion: „Malatya, Malatya!" So als sei er stolz, dass es
seiner Firma gelungen war, diesen Bus immerhin in Manavgat

7
 Höre ich dich, Wasserfall, wie geht es dir? Martin ist hier.
27

ankommen zu lassen — mit 40 Minuten Verspätung, was als


pünktlich galt. Die Reise quer durch die Türkei begann.
Im Bus empfing sie ein uniformierter Steward, der ihnen aus einer
kitschigen Buntglasflasche einen künstlich riechenden Sirup in die
Hände spritzte.
„Fi!“ Das Zeug verklebte die Finger.
„Du musst es verreiben."
„Soll wohl beruhigen", vermutete Martin.
„Nein, erfrischen", erklärte Zara die vornehme Sitte.
Tatsächlich, es verdunstete. Das Gebapp ließ nach. Dafür roch es
penetrant nach süßem Parfüm. Es war wie mit dem Çay: Man ist
froh, wenn man ihn unten hat, aber man kann sich daran
gewöhnen.
„Als du zum ersten Mal in Deutschland warst – was hat dich da am
meisten gewundert?“
„Meinst du die Kälte des Wetters und die Kälte der Menschen?“
„Okay. Hat dich auch was positiv beeindruckt?“
„Mau, meine mavi boncuk“, schnurrte sie, küsste aber nicht
(wegen der Leute).
„Ich meine, du bist in der Türkei groß geworden und warst schon
15, als du zum ersten Mal nach Deutschland kamst. Was hat dich
beeindruckt? Die Rolltreppen?“
„Die gibt’s doch auch in Ankara und Istanbul. Nein. Die Lampe.“
„Welche Lampe? Du meinst wohl Ampel?“
„Genau. Ich meine Ampel.“
„Aber hier gibt’s doch auch Ampeln?“
„Das erste Mal in Deutschland wollte ich immer über
Fußgängerampel gehen. Wenn ich auf der anderen Seite war,
drückte ich wieder auf den Knopf und ging zurück. Ich ging immer
hin und zurück, bis Rojda mir verbot. Das war so schön, dass alle
Autos immer anhielten bei Rot, nur für mich.“
„Halten die denn hier nicht, wenn es Rot ist?“
„Für einen Fußgänger doch nicht!“
Nachdem Martins Entsetzen abgeklungen war, wollte er mehr über
dieses ungeheure Land wissen, das Menschen so wenig zu achten
schien. Was hatte es mit diesem Atatürk auf sich? Zara erklärte
ihm das kemalistische System:
Postulat Nr. 1: Die Türkei ist ein moderner Industriestaat, der sich
nach Europa orientiert.
- Gut. –
Nr. 2: Keine Macht der Religion.
- Gutgut. –
Nr. 3: Alle, die in diesem Staat leben, sind Türken.
Was daraus praktisch folgte, sei im Unterricht der Schule
verschwiegen bzw. geschichtsklitterig schöngefärbt worden:
Unterdrückung von opponierenden Minderheiten und ganzer
Ethnien. Nach dem Sieg Atatürks, zu dem die Kurden beigetragen
hatten, schickte Atatürk seinen ehemaligen Verbündeten statt der
versprochenen Freiheit Mörder: Seine Soldaten überfielen 1938 die
28

alewitisch-kurdische Stadt Dersim und brachten die Einwohner um.


Seitdem trägt die Stadt den türkischen Namen Tunçeli. Das
Schleifen kurdischer Kultur beschränkte sich auch danach nicht auf
die Sprache. Noch in den 90er Jahren wurden ca. 3500 kurdische
Dörfer zerstört. Soldaten griffen an, erschossen das Vieh oder
verbrannten es, wenn es sich in Ställen befand, zusammen mit
den Häusern. Die Regierung beschuldigte die PKK, die Massaker
begangen zu haben. 1994 kamen die Vorsitzenden von vier
Dörfern nach Ankara und erhoben Anklage, dass türkisches Militär
ihre Dörfer vernichtet hatte. Diese vier Zeugen verschwanden. Im
Sommer legten die Militärs Waldbrände und die Bürgermeister
verboten das Löschen. Napalm gegen uralte Eichen. 85% der
kurdischen Wälder sind vernichtet. Ganze Regionen sind
ausgestorben, die Landwirtschaft liegt brach, die Nutzpflanzen-
Kulturen sind zerstört. Die Bevölkerung wurde entwurzelt und
vertrieben. Diese Bauern sind es, die jetzt in den westlicheren
Städten, auf sich allein gestellt, als Arbeiter und Tagelöhner
darben. Sicherheitskräfte zerstören regelmäßig ihre Slum-
Behausungen am Rande Istanbuls. Warum, weil sie nicht
erdbebensicher gebaut seien.
- Also im großen und ganzen ist der Kemalismus vergleichbar mit
Stalinismus? –
Nein, niemals. Hitler hat gesagt, dass Atatürk sein großes Vorbild
war. Stalin dagegen genießt in links-radikalen türkischen Parteien
Hochachtung, Stalinismus wird idealisiert.
- Martin bestand auf historischer Wahrheit. Er stritt mit Zara, aber
ihr Beharren auf der haarsträubenden Theorie einer
kapitalistischen Verschwörung, die durch Lügengeschichten Stalin
schlecht machen würde, ließ ihn resigniert zurücksinken.

‚Wo in der Türkei sollte historische Wahrheit erhältlich sein?’


überlegt Martin. Auch die Gegner des Kemalismus, egal welcher
Richtung sie angehören, scheinen es damit nicht so genau zu
nehmen. Nach dem Hitler-Zitat über Atatürk, das ihm gleich
zweifelhaft vorgekommen war, hat er zu Hause recherchiert:
Anscheinend existierte es gar nicht. Ideologie geht eben vor
Wahrheit. Da wird sogar der Feind, in diesem Fall Atatürk,
vergrößert, zu einem Über-Hitler aufgebläht, und dafür brauchen
sie nicht mal eine Legitimation durch irgendwelche Pseudo-
Tagebücher; in Stalinisten-Manier verdrehen und unterdrücken sie
die Wahrheit. Wenn also Zara viel von Stalin hält, so kann man es
ihr nicht vorwerfen. Sie konnte es nicht besser wissen. Er, Martin,
würde ihr ein Bildungs- und Aufklärungsprogramm verschaffen,
sobald sie zurückkehrt.

Zara, sie hatte eine kleine Hoffnung, dass sich grundsätzlich etwas
ändern würde. Nicht etwa, dass es eine neue Regierung und neue
Gesetze gibt, die für die EU gemacht seien. Gesetze seien in der
Türkei nicht so wichtig. Das Militär hätte die Macht, mit oder ohne
Gesetz, und die Polizei mache, was die Generale wollten. Sogar
29

hätte die Polizei einen kurdischen Sänger verhaftet, mitten im


Konzert, mit dem Vorwurf, dass der mit einem Lied eine politische
Aussage gemacht hätte. Nein, es gäbe Menschen, die ihr Hoffnung
gäben, sehr mutige Menschen. Es gäbe Frauen, die die Macht des
Schweigens brächen. Frauen, die von der Polizei gefangen,
vergewaltigt und gefoltert würden. Und manche dieser Frauen
würden nicht mehr schweigen, sie würden sprechen, öffentlich
aussagen, was sie erlebt hatten, öffentlich „ihre“ Schande
bekennen, dass sie vergewaltigt wurden! Unter der Folter keine
Kameraden zu verraten, das sei wahres Heldentum; und hinterher
als Frau zu beklagen, vergewaltigt worden zu sein: ein
unglaubliches Risiko, fast Selbstmord! Aber zum Glück gäbe es
Menschenrechtsgruppen, die solche Aussagen dokumentierten,
zum Beispiel bei amnesty international; zum Glück gäbe es den
Europäischen Menschenrechts-Gerichtshof, der im Gegensatz zu
türkischen Gerichten unabhängig und fair sei, dazu jene berühmte
türkische Rechtsanwältin, Erin Keskin, die in einem Video für die
documenta11 interviewt worden war: Sie wagte es, öffentlich für
die Opfer einzutreten, ein Wunder, nur dem Druck der EU zu
verdanken, dass diese Frau noch lebte.
Zara hatte Feuer für Gerechtigkeit – dafür müsse man eintreten,
auch im Krieg.
„Ein Krieger sollte bereit sein, für seine Ideale zu sterben“, meinte
Martin.
„Ja, dann sollen sie aber auch sterben. Mit Moral. Aber was machen
die von der PKK?“
Einschüchterung, Unterdrückung, Erpressung der Bevölkerung,
blutige Rivalität mit anderen Guerillagruppen und Exekutionen von
Untreuen gehörten auch zur Politik der PKK. Andererseits hätte die
PKK viel Gutes getan: die Entmachtung der Aras, der Feudalherren,
die die kurdischen Bauern erbarmungslos ausgebeutet hatten; die
Abschaffung der traditionellen Polygamie für Männer, die
Gewährung von Rechten der Frauen. Doch dem Bürgerkrieg fiel vor
allem die Zivilbevölkerung zum Opfer. Das Schweigen, das Lügen,
das Töten müssten endlich aufhören! Es wäre Zeit für Frieden. Die
Macht des Militärs müsse einmal gebrochen werden. Das gehe
eben nicht militärisch, nicht mit Waffen. Mit Hunger, Armut und
Ungerechtigkeit ließe sich kein Frieden schließen. Deshalb will Zara
dazu beitragen, dass Kurden sich ernähren können, ohne ihre
Kultur aufzugeben. Nicht mit Krieg.

Zaras Werte stimmen, sagt sich Martin, sie ist realistisch und
vertritt die mitteleuropäische Ethik. Vollkommen zufrieden schenkt
er sich seinen mitteleuropäischen Kaffee nach. Überall auf der Welt
kann man wissen, was gut und richtig ist – aber nicht viele
Menschen halten sich daran. Nicht mal beim Kaffee:
Im Bus reichte der gut gepflegte junge Mann mit Schlips und Anzug
jedem Fahrgast einen Styroporbecher halb voll heißen Wassers.
Dazu Kaffee oder Çay? Je nach Antwort gab er ein Tütchen dazu.
30

Martin sah diese Frage auf sich zukommen. Er ereiferte sich vor
Zara: Immer diese Dualitäten: An Tee gibt's Schwarztee oder
Apfeltee. Gurke oder Tomate. Kavun oder Karpuz. Schluss.
Schokoladeneis oder Erdbeereis. Mehr Auswahl gibt's nicht. All die
tausend anderen Schöpfungen der Natur: Früchte, Teesorten,
Getreide-, Gemüsearten bleiben außen vor, die ganze Fülle — weg
damit! Unnötig. Wir pflegen die Monokultur. Vom Mittelmeer bis
zum Schwarzen Meer, von Kurdistan bis Europa, überall dasselbe:
geschmackloses Ekmek, und Atatürk! Der große Staatsgründer
und Bereiniger Atatürk prangt in jedem Geschäft, in jedem Lokal
sein Konterfei. Ein Mensch ist ein Anhänger Atatürks oder er ist ein
Feind. Eine grandiose Wahlmöglichkeit: Freund oder Feind.
Schwarzer Tee oder Apfeltee. Schluss. Einer ist ein Türke oder kein
Mensch.
Martin kannte türkische Kaffee-Qualitäten zur Genüge und wählte
Çay. Er bekam einen gelben Beutel English Assam-Blend, den er
auspackte und ins Plastikwasser tauchte. Die entstehende
tiefbraune Brühe käme dem türkischen Original fast gleich, meinte
Zara, die das Kaffeepulver vorzog. Sie verglichen: Beides hatte die
gleiche fatale, ja letale Wirkung auf die Geschmacksnerven…
Zara indes machte sich seinetwegen zu diesem Zeitpunkt ernsthaft
Sorgen: Wie sollte das werden, mit ihrem Aşkim8 in Malatya, wenn
er es tagelang in ihrer Familie aushalten musste (und umgekehrt)?
Würde er vor deren Augen einen guten Kandidaten als Koça
abgeben? Natürlich würde sie es sich von keinem verbieten lassen,
ihn zu heiraten. Aber die Meinung der Familie war ihr wichtig, vor
allem Zêlals, die ja als Älteste fast die Rolle der Mutter für sie
spielte. Ja, fast schien es ihr, als würde ihre Mutter noch leben und
sie, die „Kleine“ käme nach Hause, um ihr ihren neuen Freund
vorzustellen.
Würde Martin auch vor Zêlal schmollen? Das wäre schrecklich für
sie, einfach fatal, wie Martin sagen würde.
Sie piekte ihn an: „Du, Aşkim, bitte hab doch Geduld mit meinen
Leuten. Ich meine, wenn wir in Malatya sind, das wird bestimmt
anstrengend für dich.“
„Ich werde freundlich sein“, versprach er.
„Du musst türkisch reden“, verlangte sie, „wenigstens zur
Begrüßung. Lern doch noch ein bisschen.“
„Ich kann doch schon genug.“
Doch sie bearbeitete ihn, bis er sich mürrisch hinter ein Blatt mit
Vokabeln und Redewendungen zurückzog. Eine Bedingung musste
sie ihm erfüllen, nämlich folgende Sätze auf Türkisch
aufzuschreiben: „Nein, danke, ich habe genug“, „Ich bin müde“,
„Wo ist Zara?“, „Würden Sie mich/uns dispensieren?“
„Was soll das heißen, dispensieren, Schatz?“ fragte Zara.
„Würden Sie mich oder uns entschuldigen.“
„Was denn entschuldigen?“
„Das Zurückziehen.“
„Was willst du zurückziehen?“
8
 Schatz
31

„Uns will ich zurückziehen, zum Beispiel, um ins Bett zu gehen.“


„Also, was meinst du genau: Schlafen gehen oder miteinander
schlafen?“
„Schreib mir mal beides auf!“
„Auf keinen Fall!“
„Dann kann ich auch nur halbherzig lernen.“
„Ich schlage dich!“
Für diesen Tag und diese Nacht -ohne Bett- versuchten sie es
sich einigermaßen gemütlich zu machen. Der halbklimatisierte
Mitsubishi ließ den Beinen des mitteleuropäischen Mannes wenig
Freiheit. Dafür fühlte sich der türkische Fahrer frei genug, die
langsamen LKW, sogar PKW zu überholen. Sicherheit war Martins
leidige Dauersorge in der Türkei. Auf der Rückfahrt, für die er
Mercedes Benz gewählt hatte (trotzdem keine Beinfreiheit), da
erzählte ihm ein netter türkischer Mitreisender, dass Busse
gesetzlich nur 8o fahren dürften, aber alle 1oo, 12o führen, mit
manipulierten Fahrtenschreibern — im Falle einer Kontrolle lasse
sich das leicht mit Geld regeln, selbst bei schweren und schwersten
Unfällen...
So heizte der Bus kräftig bergauf.
„Schau doch, die Berge", bat Zara ihren Liebsten, der versuchte,
ein paar türkische Floskeln auswendig zu lernen. „Ich habe die
Berge so vermisst", sagte sie wehmütig, „schau doch, wie schön
sie sind!"
Martin schaute hinaus. Die Landschaft war schroff und kahl. „Naja."
Nein, er erkannte die Schönheit nicht. Zara schaute auf die
Höhenzüge, Martin in die Abgründe. Er sah enge Kurven, jähe
Abhänge. Die Landstraße war einfach gebaut, keine Spur zum
Überholen oder Ausweichen. Wie selbstverständlich überholte ihr
Bus auch vor den Kurven, vor Bergkuppen, als hätte der Fahrer
einen siebten Sinn.
„Was der einzelne einsteckt an staatlicher Demütigung und was er
alles aushält an Zwängen der Anpassung, sexueller Unterdrückung,
sozialer Kontrolle", theoretisierte Martin, „auf der Straße kann er,
der Mann, alles kompensieren!"
„Genau", meinte Zara, „da auch. Hauptsächlich aber an Kindern,
vor allem an den eigenen Kindern."
Martin –nach einer Auszeit des Entsetzens- fragte nach Zaras
Familie. Sie alle sind als Kinder geschlagen worden, von den Eltern,
von den Großeltern, von dem Onkel, von den Lehrern. Rudi schlägt
Rojda nicht vor den Augen anderer. Zêlals Mann schlug sie nur zu
Beginn der Ehe, bis Zara das einmal mitbekam. Zara, damals 4
Jahre alt, lief schreiend vor die Haustür, brüllte dermaßen das
Unrecht heraus, dass die Nachbarn die Polizei holten.
„Stell dir vor, da musste sich ein Lehrer der Polizei verantworten,
weil er seine Frau geschlagen hatte. Er tat das nie wieder.“
32

Ein Zwischenfall, der dazu passte: Der Bus hielt plötzlich auf
offener Strecke. Der Stewart rollte den Teppich, der den Gang
bedeckte, zusammen und tauschte ihn gegen einen anderen aus
dem Kofferraum aus; während der Bus schon weiter fuhr,
verstänkerte er mit einem Deospray die Luft und spendierte jedem
einen Extraspritzer Limonensirup auf die Hände. Zara erklärte die
seltsame Handlung: Ein Kind habe sich übergeben müssen.
„Warum denn auf den Teppich? Haben die keine Kotzbeutel parat?“
„Doch, an jedem Platz gibt es eine Kotztüte. Aber der Junge durfte
sie nicht benutzen. Die Mutter hat ihm das Kotzen verboten.“
„Ist sie verrückt?“
„Ich habe gehört, wie der Kleine jammerte, dass ihm so schlecht
wäre. Schon eine lange Zeit, bevor er kotzen musste, hat er es
gesagt. Die Mutter hat immer mehr geschimpft, kurz vorher hat sie
ihn bedroht. Sie hat ihm versprochen, dass er Schläge bekommt,
sobald sie zuhause sind.“
„Was kann denn das Kind dafür!“
„Stell dir vor, was sie ihm für Schuldgefühle gemacht hat: wie
ekelhaft das wäre, was er macht, dass jetzt alle seinen Gestank
ertragen müssten, und dass der Teppich nicht mehr sauber zu
machen geht, und dass wegen ihm sogar der Bus Verspätung
bekommen hat.“
„Du musst mit der Mutter schimpfen!“
„Das nützt nicht, dann schlägt sie ihn noch mehr. Aber ich sage zu
dem Jungen, dass das nicht so schlimm ist.“
‚Wie ich dich dafür liebe’, spürt Martin, ‚meine Karicigim, du
gehörst zu den Guten.’
Ja, meine Donna wird eine gute Mutter sein, denkt Martin, von ihr
will ich Kinder haben, ich werde ihren Bauch füllen.
Martins eigener Bauch fühlt sich leer und einsam an. Er treibt ihn
und sein Auto auf einen Rastplatz. Wie sauber, perfekt betoniert
und trist sie in Deutschland sind! Alles ist da zum Leben, aber wo
ist die Lebendigkeit? Keine Kinder. Dagegen in der Türkei: Alle drei
bis vier Stunden machten sie an einem Otogar Halt, wo allerlei
grellbunte Busse einkehrten, Menschen sich mischten, Kinder
erstaunlich brav und ruhig bei den Eltern blieben, Çay-Jungs auf
Messingtabletts goldziselierte Teegläser balancierten, so flink, dass
man sich fragen konnte, wie sie es mit der Bezahlung hinbekamen.
Zwischen dem Gehupe rief eine sonore Lautsprecherstimme viele
viele ihm unverständliche Sätze aus, wie ein Gebet, und wenn
Martin ein Wort davon verstand, so war es „Malatya!": Alle Pilger
wurden aufgerufen, nach Malatya einzusteigen.

Nach Malatya kehrten sie alle zurück, nach Hause, für wenige
Wochen, bis die Arbeit wieder nach Deutschland zwang. Der Papa
war als Erster nach Hannover gegangen, als Zara geboren wurde,
nach und nach waren die Geschwister gefolgt, und der Papa
33

forderte seine Frau an. Doch die Mutter verließ Zara nicht. Erst als
Zara, ihr letztes Kind, zum Studieren nach Ankara ging,
übersiedelte die Mutter nach Hannover. Allein Zelâl blieb, mit dem
Schwager und den beiden Töchtern, in Malatya, wo sie eine
Neubau-Wohnung besaßen. Dort sollten nun Zara und Martin
beherbergt werden.
„Fahrt ihr jedes Jahr nach Maltya?“ wollte Martin von Rudi wissen,
als sie wieder rasteten. Daraus entwickelte sich das einzige längere
Gespräch zwischen den beiden:
„Jaja. Immer fahren.“
„Das ist aber so eine lange Reise. Willst du nicht lieber in Malatya
leben?“
„Nein, in Türkei sehr schlecht arbeiten. Und nix Sozialleistungen.“
„Und was meinst du, sollte die Türkei in die EU kommen?“
„Nein, nein, mit EU Türken alle kommen nach Deutschland. Nix
gut.“
Darauf wusste Martin nichts mehr zu sagen. Vorzeitig stieg er
wieder in den Bus ein.

Je länger die Reise dauerte, Stunden und Otogars sich reihten, um


so weiter, unwirklicher und traumhafter erschien dieses Malatya,
Malatya, die Verheißung, das ferne Ziel ihres Martyriums. Keiner
konnte dem Video entkommen, das im Bus abgespielt wurde; sogar
Martin, der kein Wort verstand, bemerkte die Primitivität der Story:
Ein Indianerstamm wird mit der Zivilisation konfroniert; der Witz
zehrt von der Naivität der Wilden vor der überlegenen türkischen
Technik: Der Indianer spricht zu dem Mann im Fernseher, will ihn
dort herausholen, schlägt die Mattscheibe ein, steckt seinen Kopf
hinein, um den Mann zu suchen und wird von Stromblitzen KO
geschlagen.
Aus dem Fenster schauen half nichts, Lesen ging nicht mehr: Es
war Nacht geworden, der Bus fuhr und fuhr, durch unbekanntes,
unsichtbares, endloses Land.
So suchte er die Unterhaltung mit Zara. Zara erklärte ihrem
Koçacun, wie die Begrüßung funktioniert: richtige Reihenfolge,
Küsschen hier, Küsschen da, aber bloß nicht feucht, nur das
Geräusch zählt. Martin musste Standarddialoge repetieren. Das
war leicht, weil jeder fragte, wie es dir geht und keiner eine echte
Antwort erwartete. Im Zweifelsfall konnte man immer höflich
sagen: güzel. Das bedeutet alles: süß, schön, gut, hübsch und lässt
sich auf Dinge ebenso beziehen wie auf Tiere, Speisen und
Menschen.
Schließlich vertraute Zara ihm, dass er einen guten Eindruck
machen würde, und ließ sich von dem Auf und Ab des
Dieselrauschens in friedlichen Schlummer geleiten. Dahingegen für
Martin schürte der Diesel ein Höllenfeuer. Er flüchtete in andere
Bilder, malte sich Vorkommnisse aus, die Zara ihm erzählt hatte –
wie jenes mit den türkischen Ofenrohren: Als Zara klein war, löste
sich, während sie schlief, in ihrem Zimmer das Ofenrohr aus der
34

Wand und brach herunter auf ihr Bett. Sie bekam einen gehörigen
Schrecken, dann fand sie es lustig, wie das ganze Zimmer
eingeschwärzt war. Als sie älter war, wiederholte sich das Unglück.
Diesmal war ihr Schreck geringer. Sie wusste ja schon: Es war
normal, dass ein Ofenrohr herunterfällt! --- Was aber jetzt
geschah, das hatte Martin als aufmerksamer Mitfahrer sogar
vorausgesehen und konnte es genau bezeugen: Der Busfahrer
übersah eine Einmündung, kreuzte in vollem Tempo die
Vorfahrtsstraße, kriegte die Kurve nicht und brachte den Bus erst
vor einer Tankstelle zum Stehen. Martin — atmete weiter und
lockerte seine Füße, die die Fußstütze kräftig niedergedrückt
hatten. Das war nachts um halb drei. Martin schätzte, dass der
Fahrer seit 14 Stunden am Steuer saß. Nun phantasierte, träumte
Martin, er würde selber fahren, diesen Bus fahren, es wäre das
erste Mal, er stellte sich vor, wie er das große Steuerrad umfasste,
die Gänge suchte, sanft kuppelte, das Gas niederdrückte, es wäre
aufregend, aber er würde den Bus beherrschen, vorsichtig, sehr
vorsichtig...

Ein neuer Fahrer war da, mitten in der Nacht eingetauscht, die
Sonne stieg unaufhaltsam, ins Braun der Berge mischten sich
unten im Tal hellgrüne Plantagen, und schließlich sahen sie die
Sonne aufgehen, ein paar Mal, immer wieder verschwand sie hinter
Bergzügen, kam wieder hervor. Auch Zara wurde munter und
fragte Martin, ob er gut geschlafen habe? – Martins Antwort –
rüttelte Zaras zentrale Sorge wieder wach. Wie konnte sie ihn
beruhigen, dass er nicht so verstockt ankommen würde? Wie sollte
sie ihn vergesellschaften, wenn er doch kein türkisch verstand? Ihr
Repertoire an fraulichen Mittel ist begrenzt, Zärtlichkeit scheidet
aus, sie merkt, dass sie ihn doch nicht gut genug kennt. Ihr wird
bewusst, dass sie es nicht kontrollieren kann; ihre Mutter hat das
gesagt, du kannst den Mann nicht kontrollieren.
Sie flüsterte zu ihm: „Aşkim. Ich habe Angst.“
„Lass uns nie wieder so fatal Bus fahren. Jedenfalls nicht in der
Türkei.“
„Ich mache mir andere Sorgen.“
Sie ließ ihn überlegen.
„Meine Füße sind dick geworden. So eine schreckliche Busfahrt
mache ich nie wieder! Meine Beine sind auch geschwollen.
Tatsächlich, es besteht akute Thrombosegefahr! Guck doch, du bist
auch dick geworden.“
„Das macht doch nichts. Das ist normal. Das geht heute Abend
wieder weg. Ich meine doch, was werden meine Leute von dir
denken?“
„Ich gebe mir Mühe. Du kannst mir vertrauen. Frag mich doch die
Vokabeln ab.“

Bei der letzten Rast kehrten Rudi und die beiden Frauen mit langen
Hosen von der Toilette zurück. Ja, es würde wahr werden, als
35

Nächstes erreichten sie Malatya, das für seine Aprikosen


weltberühmt war.
„Hat dein Schwager auch Aprikosen?" fragte Martin interessiert.
„Ja, aber nicht so viele. 2oo Bäume. Aber dieses Jahr lohnt sich das
nicht. Keiner kann sich mehr Aprikosen leisten. Der Schwager
verdient nichts und musste wie jedes Jahr für 1o.ooo $ Gift kaufen."
„Warum macht er keinen biologischen Anbau? Das ist gesünder
und billiger."
„Biologischen Anbau gibt es in der Türkei nicht."
„Ich habe doch selbst eine Tüte mit Öko-Feigen in Kassel gekauft.
Auf dem Schild steht, die kommen vom Rapunzel-Türkei-Projekt."
„Genau. Die behaupten das, um mehr Geld zu verdienen. In
Wirklichkeit nehmen die trotzdem Gift."
„Das glaube ich nicht. Die würden bei der Kontrolle durchfallen."
„Pah, Kontrolle!"
Zara erklärte, dass Instanbul stark erdbebengefährdet sei. Die
Häuser müssten nach dem Gesetz erdbebensicher gebaut sein.
Aber die Kontrolleure der Regierung würden bestochen, die
Gebäude würden einstürzen, jeder wüsste das.
Martin dachte nicht mehr an ökologischen Landbau. Er schaute in
die Berge und versuchte, dieses Land zu begreifen.
„Warum sind die Berge so kahl?"
„Das Militär versprüht aus Hubschraubern Gift, damit nichts
wächst", erklärte Zara, „Widerstandskämpfer könnten sich
verstecken."
Martin starrte vor sich hin. Er fühlte sich fremd, fremd, sehr sehr
fremd.

Nach einer Weile besann er sich auf das, was ihm vertraut war.
Seine Donna! Er schaute sie an. Die braun-roten Haare fielen ihr
auf die Brust. Er wollte ihren Kopf zu sich wenden, doch durfte er
sie nicht küssen. Mit funkelnden Augen sah sie ihn an.
„Hast du dich beruhigt, mein Schatz?"
„Jaja, natürlich", meinte er und fügte lächelnd hinzu: „Ich will dich
lieben!"
„Oh, ich will dich auch. Ich weiß nicht, ob das gehen wird."
Zara nutzte die Gelegenheit, um wichtige Fragen aus dem Protokoll
für die Ankunft in Malatya durchzugehen. Martin hatte gelernt, was
auf Türkisch zu sagen war -Merhaba / Merhaba/ wie geht es dir/
gut, und dir/ danke-, und das mit den Doppelwangenküsschen, die
realer als französische waren, kannte er schon. Nun versprach er
Zara, alles gut zu machen – wichtiger als die Sprache seien
Einfühlungsvermögen und Anpassungsfähigkeit. Dann wechselte er
zu einem Thema, das ihn mehr interessierte:
„Warum hast eigentlich erst bei mir gelernt, Tütchen zu benutzen?"
fragte er. „Hattet ihr in der Schule keinen Sexualkundeunterricht?"
„In der Schule? Das ist verboten!"
„Verboten? Aber das muss jeder lernen!"
36

„Nein, die Frauen nicht. Die Männer lernen das und bringen es den
Frauen bei."
„Wo lernen sie das?"
„Die Männer können viel machen, bevor sie heiraten. Sie lernen es
von anderen Frauen. Wenn sie beim Militär sind, haben sie Geld
und gehen am Wochenende zu einer Prostituierten."
„Und wenn sie nicht wollen?"
„Sie müssen nicht. Seyhan, eine Freundin von mir, hatte einen
Verlobten, der hatte keine Ahnung vom Sex. Aij! Als Seyhan erfuhr,
dass er noch nie mit einer Frau geschlafen hatte, bekam sie Angst
vor der Hochzeitsnacht. Irgend einer muss doch wissen, wie das
geht! Also was machte sie? Sie schickte ihn zur Prostituierten, stell
dir vor!"
Sie lachten.
„War eigentlich dein Ex-Freund auch beim Militär?"
„Ja. Jeder Türke muss das. Wenn er sich nicht freikauft, aber wer
kann das. Das kostet ein Vermögen."
„War dein Ex-Freund auch im Bordell?"
„Ja, bevor er mich kennen gelernt hat."
„Aber warum habt ihr keine Kondome benutzt?"
„Weiß ich nicht. Er hat immer vorher rausgezogen. Er sagte, das ist
nicht gefährlich. Ich habe mir keine Gedanken darum gemacht."
Im Stillen negierte Martin, sich dieser Kultur anpassen zu wollen.

‚In Zaras Kultur schenkt die Frau dem Mann ein enormes
Vertrauen’, denkt Martin, ‚und welch ein Glück ist es für Zara, dass
sie ihr Vertrauen mir schenkt und nicht so einem Stümper. Und ich
will dieses Geschenk gerne annehmen. Aber muss ich dafür
heiraten? Nicht notwendigerweise. Aber Zaras Familie erwartet es.
Heiraten für Zaras Familie?’

Der Bus kroch einen Hang hinab in ein enges Tal, das letzte vor
Malatya. Malatya! Rudi stand auf, gesellte sich zu ihnen und Zara
übersetzte: „Die haben mal versucht, eine Brücke über das Tal zu
bauen, aber das hat nicht geklappt.“ Sie durchfuhren die Kehre in
der Talsohle, und der Bus krebste wieder drei Kilometer hinauf. Von
oben herab schaute ihnen pompös und finster Atatürk entgegen,
eskortiert von zwei Panzern vor einem riesigen Kasernengelände.
Dann das Übliche: vermüllte Flächen, Bauruinen, Supermärkte,
Petrochemie neben Krankenhäusern, und die immergleiche
Universal-Architektur der Wohnhäuser, die hier draußen wie in
jeder türkischen Vorstadt dicht an dicht standen, so dass man von
einem Hochhaus rüberspringen könnte ins Nachbarhaus. Abseits
dieser Zusammenballung wieder Platz, unermesslich viel Platz,
verwildertes Niemandsland.
Der große, moderne Otogar war der Stolz der Stadt, zu verdanken
Eçevit, einem Premierminister, der aus Malatya stammte:
37

zeitenüberdauernde Betonarchitektur, übersichtlich, sauber,


geräumig, indifferent.
Der Bus fuhr ein. Hier war es noch heißer, 40 Schattengrade, aber:
Malatya war sofort erkennbar als die Stadt der langen Hosen. Nur
wenige kleine Kinder waren davon befreit.
Zelâl und der Schwager erwarteten sie. Die erste Begegnung:
Zelâls braune Augen spiegelten eine liebenswerte Sanftheit für
Martin, und als sie sich ordnungsgemäß beküssten, wich Zaras
Skepsis, ob ihr Zukünftiger den Segen ihrer ältesten Schwester
bekäme, einer vorsichtigen Erleichterung: keine Vorbehalte, reine
Freundlichkeit. Martin brauchte nichts zu tun, er wurde einfach so
aufgenommen. (Zara dachte: Hoffentlich tat er auch nichts!) Die
drei Schwestern: Sie lagen sich in den Armen, nach so langer Zeit!
Am Grab der Mutter würden sie bald wieder zusammenstehen und
weinen, den Verlust beweinen, auch die Zerrissenheit der Familie,
denn Zelâls Familie wollte gerne nach Deutschland nachfolgen,
doch wurde es ihr von deutschen Behörden verwehrt.
Aufgrund der offenkundigen Herzlichkeit bei diesem familiären
Ereignis war sogar für Martin verständlich, dass zwei Leute mit
einem PKW gekommen waren, um vier Personen abzuholen. Alle
passten in den Fiat hinein, mit Zentnergepäck auf dem Schoß und
mit überladenem, offen stehendem Kofferraum. Das Auto schoss
los, die Fliehkräfte der Kurven drückten sie aneinander, wenngleich
sich Martin fragte, ob es nicht ungefährlicher wäre, diesem
physikalischen Fluchtversuch freie Bahn zu geben...
Aus der Tiefgarage gelangten sie in Zelâls blitzblank geputzte
Wohnung, wo die fünfzehn und sechzehn Jahre alten Nichten Dila
und Zila sie herzlich begrüßten. Die beiden waren sehr freundliche
und auch offene, am deutschen Freund der Tante interessierte
Mädchen, die in ihrer westlichen Kleidung zwar modisch angepasst
waren, aber durch kurzgeschorene Haare bzw. ein blaues
Wickelhemd stilistisch besondere Akzente setzten.
Sie ließen sich in gediegene Lederpolster sinken, ein ausführliches
Duschbad folgte, ein hervorragendes Essen — und nach und nach
wurde Martin verlassen von allen, die ihm in ihre türkische Sprache
entrückten. Dankbar nahm Martin das Angebot zu schlafen an,
bekam ein Zimmer für sich allein, legte sich auf's Bett. Zudecken
war nicht erforderlich, und er schlief, schlief ohne jemals wieder
ganz wach werden zu wollen.
In einer türkischen Stadt hat es der Schlaf am hellichten Tag
schwer, sich zu behaupten. Muezzine bedienen sich der Macht der
Lautsprecher, alle zwei, drei Stunden wiederholt sich ihr Singsang,
denn Allah will gesehen und geliebt werden. Daran war Martin
schon gewöhnt. Neu waren für ihn die Krakeeler, die ihn
aufweckten. Unentwegt liefen sie schreiend durch die Straßen, die
Jungen trugen es auf dem Kopf, die Männer schoben es in Wägelchen
vor sich her: gekringeltes Gebäck, mit Sesam bestreut, in der ganzen
Türkei das gleiche Simit, der gleiche Lärm. Keiner kaufte etwas. Das
38

war gut so. Niemals würde Martin diese Schreihälse mit einem Kauf
belohnen!
Am Abend führte Zara ihren Aşkin in ihre Stadt. Ihr Malatya, ihre
Straßen, ihre alten Wege. Im Zentrum, wo der hilfsbereit
chauffierende Schwager die beiden absetzte, zeigte sie ihm erfreut
eine Bauruine, die schon markanter Teil ihres Schulwegs gewesen
war - und seitdem hätte sie sich nicht verändert! Indes fragte sich
nur der Deutsche, wie es wohl weiterginge: Würde das fünfstöckige
Haus je fertig gestellt oder wieder abgerissen? Das war wirklich
müßig, denn man hätte an jeder Ecke fragen können: Warum wurde hier nicht
weiter gebaut, abgerissen, repariert, aufgeräumt, gefegt oder Sperrmüll abgefahren?
Die ganze Stadt hielt unendlich viel Arbeit bereit, um in Ordnung gebracht und
gestaltet zu werden. „Wegen der Ordnung fühlen Türken sich in Deutschland wohl“,
meinte Zara.
— Bald mündete die dicht bevölkerte Fußgängerzone mit den
tausend kleinen Läden in einen schlichteren Stadtteil, den Martin
ebenfalls erkunden wollte — Zara aber bewog ihn zum Umkehren,
aus Sicherheitsgründen, die er nicht verstand, aber unverzüglich
befolgte.
Sie kehrten in ein parkartig angelegtes Lokal ein, in dem Zara einst
mit ihrer Mutter Eis gegessen hatte; bei volkstümlicher Livemusik
und grellem Neonschein über Plastikmöbeln gab es -wie eh und je-
auf Tellerchen das Eis in Scheiben: Vanilla und Schokolade. Ihr Papa
war niemals mit ihr Eis essen gegangen. Er war seit 1973 als
Gastarbeiter in Deutschland; einmal im Jahr nur war er nach
Malatya gekommen, und während dieser sechs Wochen „brachte er
die Ordnung der Familie durcheinander": Zara musste bei ihrem
Bruder schlafen, denn ihren Platz neben der Mutter nahm der Vater
ein. Das sechste Kind wollte er schon wegmachen lassen, aber ihre
Mutter hätte sie gewollt. So kam Zara als Letzte zur Welt. Danach
hatte die Mutter zehn Abtreibungen, jedes Jahr eine.

Wieder unterwegs, fanden sie zu ihrem großen Erstaunen Eiscafés,


die mehrere Eissorten anboten, doch schlenderten sie weiter.
Schließlich lockte sie ein Lädchen, mit geheimnisvollen kleinen
Modellen. Sie traten näher heran: Hier, in einem unscheinbaren
Schaufenster hingen sie, die entzückenden Miniatur-Geigen!
Größer waren die Gitarrenmodelle, fein gezeichnet und lasiert, als
Schlüsselanhänger gedacht, weniger als ein Euro für so ein Klein-
kunstwerk. Sie traten ein. Es roch intensiv nach Lackfarbe. Im
Hintergrund des Ladens saß eine vielköpfige Familie bei Tisch und
aß inmitten der Werkstatt zu Abend. Ein junger Mann stand auf, um
sie zu bedienen. Sie suchten sich fünf schöne Geigenmodelle aus
und zahlten. Im Angesicht der vielen Esser feilschte Zara nicht.
Zara freute sich doppelt, denn solche Produkte suchte sie für ihr
Handelsprojekt. Diese kleinen Kunsthandwerksbetriebe,
Kooperativen aus Familienverbänden, wollte sie nach ihrem Diplom
zu ihren Partnern machen. In Deutschland würde sie diese
Artefakte und Aussteuer-Ware vermarkten, auf Stadtfesten,
Weihnachstmärkten, diese hübschen Gitarren vielleicht für vier,
39

fünf Euro, außerdem traditionelle Wollpullover, Wolldecken,


Töpferwaren; der Gewinn käme ihr und den Kurden zugute – noch
weiter im Osten sei die wirtschaftliche Misere so schwer, dass viele
hungern müssten.
„Wie schön, du verdienst das Geld, ich hüte zuhause die Kedis.“
„Kedis?! Du arbeitest! Ich brauche viel Kapital zum Investieren!“
„Na schön, ich füttere unsere Kinder. Die sind unser Kapital. Das ist
doch so in deiner Kultur?“
„Aij, das muss sich ja gerade ändern!“
„Ich werde meine Dissertation schreiben über Ausbeutung in der
Türkei am Beispiel einer internationalen Handelsorganisation.“
„Schreib lieber über die Mafia-Politik. Aber behalte eine Waffe in
der Hand.“
„Meine Waffe ist die Tastatur.“
„Das reicht nicht, Schatz, in Kurdistan können die nicht mal alle
lesen.“
Für den Rückweg nahmen sie den Stadtbus. Magirus Henschel
schien in diesem Land unsterblich zu sein — und keine Rußwolke
zurückhalten zu müssen. Sie stiegen ein, der Kleinbus röhrte sofort
los. Der Fahrer hatte ein Auge auf der Straße, das andere
kontrollierte die Zugestiegenen; ein ganzer, zudem kräftiger Fuß
drückte das Gaspedal und eineinhalb seiner Hände kassierten den
Tarif der Fahrgäste. Er hielt überall, wo es gewünscht wurde. Das
war etwas, das Martin imponierte, was er aber für Deutschland
nicht für erstrebenswert hielt, da die Busse ohnehin zu oft hielten
und den Verkehr lahm legten.

Die erste Nacht für Martin und Zara bei Zelâl kam heran. Wie
würden sie schlafen?
Zara stammte aus einer alewitischen Familie, was für sie ein Glück
war. (Die Alewiten sind eine Minderheit in der großen Familie der
islamischen Religion. Sie gehen nicht in die Moschee. Denn sie
beten, anders als die mehrheitlichen Sunniten, „nicht mit den
Knien, sondern mit dem Herzen" — wenn sie überhaupt beten.
Auch viele andere Gebote des Koran halten die Alewiten für
unverbindlich. Sie folgen lieber unmittelbar dem Weg der Liebe.
Dafür wurden sie über Jahrhunderte hinweg als gottlos von den
Sunniten verfolgt und ermordet.)
Unter der Prämisse der Eheschließung ist es weniger sensationell,
gleichwohl bemerkenswert, dass eine kurdische Familie einem
weiblichen Mitglied und ihrem Freund die Freiheit zukommen lässt,
die ein verliebtes Paar erst so richtig froh macht. Für diese Gunst
wäre wenigstens eine Verlobung erforderlich gewesen. Doch ging
es auch ohne — allerdings sollten nicht einmal Freunde oder
Bekannte davon wissen. Denn ausschlaggebend war nicht die
Moral, sondern der gute Ruf der Familie. Offiziell war Zara noch
jungfräulich, und das sollte sie bleiben bis zur Hochzeitsnacht.
40

Also schliefen Martin und Zara in einem Zimmer, aber in getrennt


stehenden Betten. Sie trauten sich (noch) nicht, zusammen zu
kommen.
„Du bist ein Engel“, sagte Martin aus seinem Bett hinüber zu Zara.
„Was bin ich?“, fragte sie.
„Du hilfst deinen Leuten, ihre hübschen Geigen-Modelle zu
verkaufen.“
„Ich bringe ihnen Kapitalismus.“
„Ja, aber einen globalisierten Kapitalismus, der sie aus dem
schlimmsten Frühkapitalismus rettet. Außerdem, der
Kommunismus setzt einen gereiften Kapitalismus voraus.“
„Bin ich Kommunistin?“
„Sicher. Du siehst danach, was gut ist für die Menschen. Nie
könntest du gnadenlos ausbeuten. Du liebst doch.“
„Ja, ich liebe diese Kinder, die im Sommer mit ihren Eltern aus dem
Osten Kurdistans nach Malatya kommen, um bei der
Aprikosenernte zu helfen. Sie müssen Geld verdienen. So klein sind
sie, fünf, sechs Jahre, so süße choco-bonçuk-Augen, sie hocken auf
den Feldern und holen den ganzen Tag Aprikosenkerne raus, weil
ihre Eltern keine eigenen Felder mehr haben. Wie könnte ich ihnen
Waffen geben?“
Martin kam, behutsam, leise, und umarmte sie.
„Warum ist mein Koçacum traurig?“
„Ich verstehe dein Land nicht. Wie kann das alles so brutal sein!“
Zara zeigte ihm, wieviel Liebe trotzdem noch da war.

Sie konnten ausschlafen – wenn man absieht von den Simit-


Schreien, die ab sechs Uhr morgens die Stadt durchdrangen. Doch
wusste Zara ein freundliches Mittel, ihn wieder in den Schlummer
zu bringen. Als sie später aufstanden, musste Martin versprechen,
die gebrauchten Tüten gut zu verstecken und außerhalb der
Wohnung zu entsorgen. Er wickelte sie in ein Papiertaschentuch,
das er in die Hosentasche steckte. Dann verließen sie das Zimmer,
sicherheitshalber etwas zeitversetzt.

Ein großartiges türkisches Frühstück empfing sie, die Nichten


bedienten zuvorkommend: frisch gebackene Pide-Fladen, Börek,
frische Rohkost, Ziegenmilch-Joghurt, Aprikosenkompott und alles,
was sonst noch dazu gehörte. Die Ekmek-Zeit war überstanden.
Nur das Simit war Martin ein Dorn im Auge, nicht nur, weil er kein
Sesam mochte, auch verabscheute er die Art des Vertriebs. Warum
laufen die sich die Füße wund, schreien sich heiser, obwohl es das
gleiche Simit auch in der Bäckerei gibt? Zara meinte, sie kaufe gerne bei
diesen Jungs, die seien so arm. - Kinderarbeit sei keine Lösung, befand Martin.

Wohlig gesättigt, nahmen sie den Çay mit ins Wohnzimmer und
schlugen die Koffer auf. Im Nu waren die achtsitzigen Polstermöbel
überschwemmt von Klamotten, Schokolade, Süßigkeiten, Photos,
Geschenkpäckchen, eine große Bescherung! Martin schenkte dem
41

abwesenden Schwager ein Multifunktionswerkzeug im


Taschenmesser-Format, den Nichten Taschenlampen. Zara verteilte
einen ganzen Basar, die anderen packten aus, probierten an, und
dazwischen tanzten sie.

Nach dem üppigen, nicht weniger leckeren Mittagessen wollte


Martin aktiv werden. Zunächst dachte er daran, den Abwasch zu erledigen. So
wäre er wenigstens ein arbeitender Teil der Familie, wenn schon kein redender. Doch
er verwarf die Idee: Der Spül-Streit mit Zara, er war noch ungelöst. Hier, als Gast in
ihrer Kultur, durfte er nicht sittenwidrig handeln. Denn die türkische Küche duldet
weder arbeitende Besucher noch deutsche Schlamperei beim Spülen. Erstens dosiert
Martin das Tensid nach Bedarf und Augenmaß; türkische Spülerinnen dagegen
schwallen Spüli ins Wasser, bis es sich grün färbt und die Schüssel überschäumt.
Zweitens halten sie jedes Geschirr, das sie voller Schaum aus der Lauge ziehen, unter
fließendes Wasser, damit man hinterher keine Seifenblasen im Çay hat; außerdem gilt
das Tensid als giftig. (Dass sie reichlich Feinstaub und Ozon in der Atemluft und
unkontrollierte Pestizide im Gemüse haben, stört dagegen keinen, es steht auch in
keiner Zeitung). Soziologische Vergleichsstudien der Spül-Kulturen belegen, dass die
Türkinnen Weltmeister beim Verschwenden von Wasser, Tensid und Energie sind. Also
keine Chance für Martin. Stattdessen wollte Zara mit ihm eine weitere Erkundung
unternehmen, und zwar ins Herz ihrer Heimatstadt. Zara ließ sich von Zelâl die
Schlüssel zu ihrer alten, unbenutzten Wohnung geben und nahm
ihren Aşkin an die Hand.

Auf dem Weg berichtete er ihr von dem Malheur in seiner


Hosentasche: Er hatte beim Frühstück verbergen müssen, dass ein
auslaufendes Kondom feuchte Flecken verursachte. Darauf
erzählte sie, was Orhan, einem ihrer türkischen Freunde, mit einer
sunnitischen Frau passiert war:
Als die beiden schon ziemlich verliebt ineinander waren, kamen sie
eines Abends zur Sache, d.h. die Frau fragte Orhan, ob er sich nach
dem Geschlechtsverkehr wasche.
Orhan aber, ein Alewite, antwortete: „Ich dusche mich jeden Mor-
gen."
„Das reicht nicht", entgegnete die Frau.
Aus der Liebe wurde nichts: Der Koran verlange von beiden
Partnern, dass sie sich unmittelbar danach reinigen.

‚Zaras Familie ist alewitisch’, denkt Martin, ‚die können sich über
Fromme genauso ermpören wie wir. Von den ethischen Werten her
betrachtet, steht einer Bindung mit dieser Familie nichts entgegen.
Und wie herzlich mich alle aufgenommen haben. Ohne Bedingung.
Nicht nur Zara hat mir ihr Vertrauen geschenkt, auch ihre Familie.’
Er spürt, wie ein warmes Gefühl in seinem Bauch sich nicht nur mit
Zara verbindet, sondern auch mit Zelal, Dila und Zila umfasst. ‚Sie
alle haben diese braunen Augen voller Wärme und Liebe. Auch
Rudi und der andere Schwager begegnen mir freundlich,
aufgeschlossen und zugeneigt. In ihrer Fürsorge haben sie etwas
Rührendes, und in ihrem Kreis spüre ich Geborgenheit.’
42

Was nun folgte, war die Begegnung mit der alten Wohnung ihrer
Familie, die seit dem Tode der Mutter verwaist und mit den meisten
Möbeln ehrfürchtig erhalten worden war wie ein Museum; in
einigen Wochen allerdings sollte sie aufgelöst werden. Zum letzten
Mal hatte Zara dieses Haus bei der Beerdigung vor zweieinhalb
Jahren betreten.

Sie kamen an. Zaras einstiges Zuhause. Zara führte Martin durch
die grüne Korridortür, altes, ornamentiertes Holz; langsam, be-
dächtig zeigte sie ihm Zimmer für Zimmer, erklärte, wie sie den
Ofen befeuert hatten, um zu baden, wie sie unter das Sofa
gekrochen war, wenn sie auf den Bruder sauer war, wie sie im
Sommer auf dem Balkon geschlafen hatten; in ihrem Zimmer
verweilte sie, schweigend, und als sie bedeutende Gegenstände
der Kindheit entdeckte, wiederfand, Bilderbüchlein, Kissen, bestickt
mit Vögelbildern, alte Comic-Kalender in Händen hielt, war es, als
hörte sie ihnen zu, als schwebe Mamas Stimme im Raum. Ruhig,
sehr bedächtig beschaute sie ihre verstaubten Schätze —
Trümmerstücke! Stille Tränen traten in ihre Augen, so sehr Mamas
Geist spürend, aber nichts Lebendiges mehr atmend.

Martin atmet tief ein. Langsam, fast sich ziehen lassend, fährt er
hinter einem Schwertonner her, Hände und Kinn auf das Steuerrad
gestützt, die Augenbrauen heruntergezogen. Wie durch einen
Nebel sieht er ein Schild. Hamburg 120 km. Malatya 12.000 km.
Bauch und Mund fangen an zu zucken. Alles droht zu
verschwimmen. Er nimmt eine Cassette Türkpop, im Grundton
melancholisch, noch knapp oberhalb der Linie von Tränen und
Verzweiflung.

Die restliche Zeit ging rasch vorüber. Zara buk und kochte mit
Zêlal, um die Nichten zu entlasten. Martin bevorzugte die
Gesellschaft eines Romans, in den er sich, in Ermangelung sicher
gelernter Phrasen, mit einer linkischen Verbeugung selbst
„dispensierte“. Zu den Mahlzeiten reihte er sich, mit einem
Merhaba und ohne Verbeugung, wieder in die reale Gesellschaft
ein.
„Sag Zêlal, sie soll dir alles beibringen. Es ist köstlich. Du musst
immer so kochen!“
Zara beargwöhnte seinen Bauch: „Wenn wir verheiratet sind, setze
ich dich auf Diät.“
Das wird nicht nötig sein. Seit ihrer Abwesenheit hat er nicht mehr
viel gegessen, die Mensa lässt ihn neuerdings verzweifeln. Er
würde sie rank und flink zurück erobern. Allerdings wird auch seine
bescheidene Bräune verschwunden sein.

Auch die Tiefenbräune der Schwestern geriet in Gefahr, trotz


stetigen Sonnenscheins: Die Sitte sah eine Bedeckung
vor. Rojda ergab sich außerdem der sittsamen innerhäuslichen
43

Arbeit. Wie befürchtet, war sie eingeklemmt in der traditionell


ausgerichteten Familie ihres Mannes, der seine Fürsorge ihr
gegenüber in eine Form äußerster Distanz umgekehrt hatte. So
verrichtete sie Küchendienste, putzte das ganze Haus, während die
anderen Aprikosen ernteten. Zara hatte gewisse Hoffnungen auf
die Tage im Dorf gesetzt, wo sie sich im Wochenendhäuschen von
Zelâls Familie aufhielten. Sie wurde enttäuscht: Selbst im eigenen
Garten durften die Frauen nicht riskieren, ein wenig mehr Haut
freizulegen, denn jederzeit musste mit Besuchern gerechnet
werden. Der Schwager hingegen erlaubte sich kurze Turnhosen.
Ein aus grobem Beton gegossener Bassin enthielt das Wasser
nicht, in dem zu baden sie sich gefreut hatten, denn es war brackig
und zum Schwimmen viel zu wenig. Aber es reichte für die Frauen,
um züchtige Badeanzüge zu rechtfertigen.
Der Garten bot Gesundes, das Martin das gewohnte und
geschätzte türkische Frühstück vermieste: Aprikosen, Pfirsische,
Pflaumen statt Käse, Fladenbrot und Kaffee — eine brutale Diät!
Zara erklärte ihm, die Vitamine würden sie gesund und fruchtbar
halten. So behalf sich Martin mit der Vorstellung, er würde seine
kleinen Sperma füttern, und aß. Er war angenehm überrascht.
Seitdem kennt er den Grund, warum er in Deutschland kein Obst
genießen kann: Eine solches Aroma, eine solche natürliche Süße
wie in der Türkei gibt es hier nicht!
Umso mehr fragt er sich, wie die Türken dann so Scheußliches wie
Apfeltee trinken können. Er hatte das gelbe Zuckergetränk
ausprobiert, als sie alle zusammen einen Familienausflug auf einen
touristisch erschlossenen Berg unternahmen, d.h. mit Parkplatz
und Çaylokal auf dem Gipfel. Sie stiegen aus dem Wagen, tranken
diesen Çay mit dem künstlichen Aroma und genossen immerhin die
Aussicht in die Natur, die nicht künstlich war, sondern herrlich wie
eine Karl-May-Filmkulisse. Martin versuchte sich vorzustellen, dass
manche dieser Berge Rückzugsgebiete kurdischer Partisanen
waren, wie Menschen dort ihr Leben an ihre Feinde gaben. Wie sah
er aus, der umkämpfte Boden? Hellbraun, hart, trocken. Martin
konnte kein Blut sehen.
Martin zog sich zurück auf die asphaltierte Plattform und sprach
nicht mehr. Zêlal meinte, dass es genug sei und ließ aufbrechen.
Hatte Zara das nicht bemerkt? Sie sprach heiter türkisch, immer
weiter.
Es quälte ihn. Sie hatten keine gemeinsame Sprache. Am
Mittelmeer war Deutsch kein Problem. Doch in Malatya waren
kaum Touristen, Englisch- und Französischkenntnisse eine
Seltenheit, keiner mochte sich damit plagen und blamieren. Auf
dem anatolischen Land war es noch schlimmer, denn hier
mangelte es an Lehrern, trotz Arbeitslosigkeit trauten sich viel zu
wenige in das Bürgerkriegsgebiet, wo sie staatlicherseits
gezwungen und kontrolliert wurden, Kinder, die kein türkisch
verstanden, ausschließlich auf türkisch zu unterrichten, so dass
andererseits kurdische Partisanen Anschläge auf sie verübten. –
44

Unsäglich, wie der Schwager und Martin gemütlich im Garten


saßen, sich gegenseitig mochten und besser kennenlernen wollten,
aber der verzweifelte Kurde es nach ein paar Versuchen mit allzu
schlechtem Englisch aufgab. Beide teilten nur ihr Leid: Beide
hatten jede Menge wichtiger Bücher gelesen, und konnten nicht
reden!
Stattdessen redeten die Nichten mit Martin. Martin erfuhr von Zila
etwas über die Pläne für ihr Leben. Zentraler Punkt: Wie sie es
schaffen könnten, in Deutschland zu studieren und dort zu bleiben.
Sie beide wollten in der Türkei ein Studium anfangen, um später
auf eine deutsche Uni wechseln zu können, Zara war ihr Vorbild.
Welches Fach? - Natürlich Informatik, sagte sie, damit finde man
immer Arbeit. Jedoch seien die Prüfungshürden dafür am höchsten.
Dila studierte bereits Informatik, Zila lernte jeden Tag, ungeachtet
der Ferien, ungeachtet guter, ja bester Zensuren. Die
Aufnahmeprüfung für die Uni war wesentlich schwerer als das
Abitur, niemand konnte sie bestehen, ohne mindestens ein
zusätzliches Jahr an einer Privatschule zu absolvieren. Viele Eltern
schickten ihre Kinder bereits in der Grundschulzeit am
Wochenende zur Privatschule. Zudem seien die Studiengebühren
so drastisch gestiegen, dass ein Semester soviel koste wie man für
ein ganzes Jahr zum Leben bräuchte. All das sei für normale
Familien unerschwinglich. Zelâl und ihr Mann wollten ihre Töchter
unbedingt zur Uni schicken, doch verdiene der Schwager als
beamteter Lehrer nicht genug, auch Zelal musste als
Krankenschwester arbeiten, aber alles werde von der Inflation, die
circa 100% betrug, aufgefressen. Zum Glück sendet die Familie aus
Deutschland Geld. Dementsprechend unter Druck stünde Zila, die
Aufnahmeprüfung wie Dila mit nur einjähriger Vorbereitung zu
schaffen. Dila erklärte stolz und auch traurig, dass sie als Studentin
zu einer privilegierten Schicht zähle. 20% der türkischen Frauen
sind Analphabetinnen, aber nur 7% der Männer.
„Your mother has not studied. Why not?”
“Anne? I don’t know. I think, she was mother.“
“This is a great reason. My mother was mother, too. But after bee-
ing mother for some years, she went to university.”
“That does not work here.”
“So, you may not bond to a man, when you want to study?”
“No. A boy-friend is not possible.”
“But Zara had had a boy-friend, even when she studied in Turkey!”
“Maybe. My grandmother, Zaras mother, she was very tolerant,
very human. But it was another generation, another time. Today it
is not possible.“
“What a desaster for your country, for your culture!”
“I agree.”
“You should not! You should disagree, you should shout!”
45

Das schien sie wörtlich zu nehmen: Sie schrie ihre Mutter an und
stritt um das Ausmaß der Frondienste, die ihr auferlegt wurden.
Zara meinte, die „Kinder“ würden sich schon immer zu wehren
versuchen, aber Delal bleibe hart und streng:
Delal und ihr Mann liebten ihren Ruhesitz im Dorf, diesen kleinen,
aber soliden Bungalow dreißig Kilometer von Malatya entfernt.
Nach Zelâls Meinung gab es hier für Kinder nur das Beste: Bücher,
Gartenarbeit, Staub und strenge Sitten. Dass die herangereiften
Töchter zaghaft interessiert waren, erste Liebesbande zu knüpfen,
das erstickte Zelâl mit dem Argument der „Wirtschaftskrise“. Aber
sie benutzte auch subtilere Mittel. Eines Tages war irgendein Onkel
zu Besuch. Die Familie saß beisammen. Zelâl schwärmte von einem
Kind, das viel besser sei als ihre: ein Mathematik-Olympia-
Landessieger, schon mit 14, wie intelligent! Dila verließ die Küche.
Martin bemerkte, wie Zilas Augen groß und starr wurden.
Sido, dem Vater von Zelâl und Zara, war es einst viel schlechter
ergangen. Er weinte noch über dreißig Jahre später, als er Zara
seine Geschichte erzählte. Als junger, frisch verheirateter und arg
verliebter Mann arbeitete er auf dem Feld seines Vaters. Der Vater
war reich. Seinen Sohn Sido aber verachtete er, weil der nicht
studieren wollte. Sido musste für seinen Vater härter arbeiten als
ein Tagelöhner. Eines Tages war er von langer, schwerer Arbeit
hundemüde. Es war auf dem Acker, in der Mittagshitze. Sein Vater
befahl ihm, weiter zu arbeiten, ohne Pause, und ging fort. Sido,
völlig erschöpft, legte sich nieder. Der Vater kehrte früher als
erwartet zurück und fand Sido schlafend. Da nahm er eine Schaufel
und schlug seinen Sohn halb tot.
Sido bettelte um Arbeit. Er fand keine mehr. Er konnte seine
Familie nicht ernähren - bis er von Deutschland hörte. Er verließ
seine Familie und seine Heimat, um sich als Gastarbeiter zu
verdingen.

Zara redete Zêlal ins Gewissen. Warum war sie so unzufrieden? Die
Nichten waren wunderbare Töchter, und sie hatten etwas Spaß
verdient. Zêlal willigte ein. Zara und die Kinder machten einen
Ausflug ins Schwimmbad nach Malatya. Natürlich wollten sie Martin
mitnehmen. Der aber dachte an die Busfahrt über Land, die zu
vermutende Überfüllung der überwarmen Becken mit
strampelnden Leibern, und badete lieber in den Buchstaben seines
Romans. Donna war nicht böse, sie brachte ihm echten, frisch
gemahlenen Kaffee mit.

Ja, seine Donna wäre eine gute Mutter: Nicht nur würde sie den
Kindern das Kotzen erlauben, auch für den Spaß sorgte sie. Hätte
er Grund zur Eifersucht? Nein, der für ihn gebrühte Kaffee und
auch der letzte Abend haben bewiesen, dass sie ihn nicht zu kurz
kommen lässt:
Am Abend vor Martins Abreise feierten sie den siebzehnten
Geburtstag von Zila, ein paar Tage vorgezogen, damit Martin dabei
sein konnte. Im Garten legten sie alte Polster im Kreis auf die
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knochentrockene Erde, in die Mitte eine große Tischdecke, stellten


einen Garagen-Grill auf, und eine Neon-Akkuleuchte goß ihr kaltes
Licht dazu. Zum luxuriösen französischen Landwein -Martin höflich:
choc güzel! (sehr süß bzw. gut)- gab es gegrilltes Gemüse, und,
außerordentlich festlich: Hähnchen. Martin — er forderte die
Toleranz der anderen Seite heraus, indem er mehrmals ablehnte
(auf Deutsch bzw. in eifriger Gebärdensprache), und allmählich
fand sich Zelâl damit ab, dass er kein Fleisch aß. Dabei linderte
Zaras Eingreifen die Enttäuschung: Sie bereitete ihrem Kocacun
Gemüse-Spieße zu, die ihm zusammen mit Käse vorzüglich
mundeten.
Dafür versprach er seinem Aşkim etwas, das er sich nicht richtig
überlegt hatte: Türkisch zu lernen! Er dachte, er sollte doch die
Muttersprache seiner Geliebten und ihrer Familie verstehen, das
sei die wichtigste Fremdsprache für ihn – und so kam es zu diesem
voreiligen Versprechen, das er jetzt bereut. Aber Zara freute sich.
Sie schmiegte ihren Arm an seinen und flüsterte ihm etwas
Feuchtes ins Ohr. Leider wurde noch hypersüße Schokoladentorte
verteilt -choc güzel!- er wusste nicht, was ungenießbar süß heißt.
Mit Ekmek verdünnt, wurde der Zucker etwas bekömmlicher, mit
Rotwein akzeptabel; noch mehr Rotwein, noch mehr Geplauder,
und endlich räumten alle auf, und das junge Liebespaar durfte in
die Nacht entkommen. Im Dunkeln ihres Zimmers lagen sie
beieinander, da hörten sie vor ihrer Tür ein unterdrücktes Kichern.
– „Die Kinder", flüsterte Zara. „Sie hätten keinen Wein trinken
dürfen“, beschied Martin. Kinder und Liebende bemühten sich nun,
absolut leise zu sein.

Am Otogar folgte der Abschied. Martin, froh, nach Deutschland


zurückzukehren, rührte es, wie innig ihn alle in den Armen hielten,
drückten, küssten und drückten. Zara und er durften sich -vor aller
Augen- nicht richtig küssen, nur kurz in die Augen schauen, zwei
höflich-formelle Wangenschmatzer tauschen, er stieg in den Bus
ein, Zara folgte ihm. Sie redete mit dem Fahrer und anderen
Fahrgästen, dass sie sich um ihren Mann kümmern sollten, damit er
bei keiner Rast verloren ginge. Dann wandte sie sich an ihren
Liebsten:
„Mein Maviş, ich weiß, das ist schlimm für dich, mit dem Bus zu
fahren, aber versprich mir, nicht soviel zu bibbern!“
„Aj, wer hat dir dieses Wort beigebracht! Doch nicht Grimms
Märchen?“
„Du hast mir beigebracht.“
„Sag lieber bangen, sich ängstigen.“
„Du sollst nicht soviel im Bus bangen. Denk doch lieber an deine
Choco-Bonçuk!“
„Genau, ich denke an Choco-Bonçuk und an den Sex“, flüsterte er.
„An unseren Sex!“
„An meine sexy Donna.“
Sie hielt ihn fest umarmt.
47

So trennten sie sich. Zaras große, nasse Augen gruben sich in


Martins Herz. Sie verließ den Bus. Allein. Sie winkten sich zu und
Adé.

Die Erinnerungen, die Reflexoinen, die Analysen hielten noch den


Damm gegen seine Gefühle.
Malatya entschwand, der Bus fuhr durch das Tal und in die Berge;
Martin erinnerte sich an einige Details der Landschaft, die sie
gemeinsam auf der Hinfahrt gesehen hatten, daran, was sie dazu
gesprochen hatten. Er erinnerte sich auch an die letzten Gespräche
im Auto.
"Was soll ich dir noch besorgen", hatte sie ihn gefragt, „was kann
ich dir nach Deutschland mitbringen?"
"Ich habe doch alles", meinte er achtlos, in Sorge, ob sein dicker
Koffer mit kiloweise getrockneten Aprikosen bei CONDOR Probleme
gäbe: 20 Kilo Gepäck waren zulässig; Martin ahnte schon, dass
allein der Koffer 32 Kilo wog.
"Ich habe einen Fahrradfahrer gesehen", bemerkte er plötzlich. Ein
zweiter Mann fuhr auf dem Gepäckträger mit.
„Wenige fahren Fahrrad, das ist zu gefährlich.“
„Das sehe ich. Aber warum gibt es öfter Mopedfahrer, das ist ja
noch gefährlicher, und warum kennen die keine Sturzhelme?“
"Doch, es gibt Sturzhelme, aber selten. Die kosten ja Geld."
"Ein Kopf kostet auch Geld."
Die meisten Menschen arbeiteten als Tagelöhner, erklärte Zara,
einer koste nicht viel, es herrsche unermessliche Arbeitslosigkeit,
statistisch nicht erfasst: In den Straßen kauerten zahllose
Arbeitslose, verkappt als Kleinhändler, Simitverkäufer, Schuhputzer;
nebeneinander warteten zig Schuster unter Tücherdächern auf den
Kunden, der hier entlang käme; in der Bank gab es vier Schalter,
alle waren besetzt - vier Angestellte, eine Kundin. Und dort, wo
Touristen nur eine schöne Bauchtänzerin sahen, da war auch ein
Besitzer - Zara hatte auf ihn aufmerksam gemacht: Ein dicker
Mann mit schmierigen Haaren, überfettem Gesicht und
Goldkettchen um Hals und Handgelenke, bewachte seine Tänzerin
aus dem Hintergrund und raunte ihr zu, wenn ihr aufgesetztes
Lächeln versehentlich erfror.
„Du darfst ihr kein Geld geben", hatte Zara verboten.
Sobald die Männer Geldscheine an BH und Röckchen der Tänzerin
steckten, kontrollierte der Fette jede ihrer Bewegungen. Schließlich
gelangte sie an den Tisch der Vier. Rudi gab ihr einen kleinen
Schein. Martin bemühte sich, von den überbordenden Brüsten
wegzuschauen. Als alle Männer abgeschöpft waren, führte der
Fette den reich behängten Körper ab zum Ernten, was er hinter
einem Vorhang persönlich in die Hand nahm.
„Welche Ehre hat so eine Frau noch?" fragte Martin später, im Bus,
„würde ein türkischer Mann die heiraten?"
„Es gibt Tänzerinnen, die als Künstlerinnen beim Fernsehen oder
auf der Bühne auftreten und ihre Ehre behalten. Aber diese Frauen
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würden mit ihrem Körper niemals Geld einsammeln. Die hier macht
das. Wenn sie schon so einen dicken Mann dabei hat, dann ist sie
von dem abhängig. Selbst wenn sie wollte, könnte sie nicht
heiraten."
„Warum nicht? Was würde passieren?"
„Sie müsste fliehen. Manche machen das. Aber das ist sehr
gefährlich. Die Mafia würde sie suchen und ermorden. Und die
Polizei würde nichts machen, die wird von denen bezahlt. Ja, die
Polizei würde der Mafia noch beim Suchen helfen."
„Wie kann eine Frau so abhängig werden?"
„Das kann ganz schnell gehen. Viele kommen als Studentinnen in
die Städte, aus armen Familien, sie nehmen solche Jobs an und es
gefällt ihnen, Geld zu haben. Oder sie geraten in schlechte
Gesellschaft, in einer Kneipe werden sie betrunken gemacht,
wachen morgens auf und haben einen dicken Mann neben sich
liegen. Dann ist ihre Jungfräulichkeit weg und das darf nicht
herauskommen. Sie werden erpresst. Genauso passiert es, wenn
eine Frau mit ihrem Freund schläft und der sie verrät. Sie ist
entehrt. So kommen die meisten zur Prostitution."
„Aber warum gehen sie nicht zurück?"
„Wenn ihre Familie davon erfährt, dass sie nicht mehr Jungfrau ist!"
„Na und?"
„Oh, manche werden umgebracht. Es gibt Väter, wenn die das
hören, suchen die ihre Tochter und erschießen sie. Dann müssen
sie ins Gefängnis und die Familie ist kaputt. Andere sind nicht so
extrem. Da sagen die Eltern, das ist nicht mehr unsere Tochter, und
sie tun so, als kennen sie sie nicht."
„Dann muss es wohl viele Prostituierte geben?"
„In den Großstädten, ja. Deshalb ist Zelâl so streng. Sie vertraut
ihren Kindern, ja, aber den Männern, nein. Man kann nie wissen.
Lieber fernhalten."
„Hat Zelâl auch abgetrieben?“
„Nur einmal. Das war schlimm. Sie hatte wochenlang Schmerzen.“
„Ich schicke deinen Nichten aus Deutschland Broschüren von Pro-
Familia, auf Türkisch gibt’s die auch.“
„Auf keinen Fall. Zelâl sieht das.“
„Aber sie wird doch ihre Töchter aufklären, damit es ihnen besser
geht?“
„Über so was redet man nicht.“
„Ich denke, ihr habt eine Frauenkultur?“
„Genau. Als Mädchen nahm mich meine Mutter immer mit zu
anderen Frauen. Ich fand das langweilig. Heute vermisse ich das.“
„Geben Frauen ihr Wissen über Sex nicht an die jungen weiter?“
„Nie habe ich sowas gehört. Selbst unter Freunden kannst du nicht
vertrauen. Die fangen an und reden über dich. Alle wissen dann
von deinen Problemen. Dann bist du nicht mehr normal.“
Nicht normal zu sein birgt das Risiko der Ausgrenzung, denn man
gilt bald als verrückt. Mit Verrückten will keiner etwas zu tun
haben.
49

„Also lieber Abtreibung?“


Zara zuckt mit den Schultern.
„Und die Sunniten?“
„Nach dem Koran ist Abtreibung eine Todsünde. Sie machen es
trotzdem.“
„Und ihre sunnitischen Männer? Wissen die das?“
„Ja, natürlich. Stell dir vor, die trinken keinen Alkohol, essen kein
Schweinefleisch, aber mit Abtreibungen haben die kein Problem.“

Der Reisebus hielt um drei Uhr nachts an einem Otogar, wo ihn


Arbeiter höchst aktiv von oben bis unten wuschen, ungeachtet
dessen, dass er noch vollkommen sauber war von der letzten
Pausenreinigung. Warum taten sie das, unaufgefordert und ko-
stenlos? Damit der Fahrer dort Rast machte und seine Fahrgäste
vielleicht einen Çay trinken, Zigaretten kaufen oder einfach aufs
Klo gehen würden. Einmal Austreten kostete 15 Cent, die ein
weiterer Nachtarbeiter kassierte. Die Klohocklöcher waren sauber.
Martin schlief so ergeben, als habe Zaras Geheiß das Bangen
gebannt. Der nette Busfahrer setzte Martin um 8.30 Uhr am
Flughafen von Antalya ab. Sein Flieger nach München startete erst
um 17.40. Eine bessere Verbindung gab es nicht. Warum nicht,
immerhin bedienten fünf oder sechs Busunternehmen die Linie
Malatya-Antalya? – Die Busse aller Firmen fuhren mittags ab und
kamen fast gleichzeitig am nächsten Vormittag an. Selbst mit
einem Inlands-Flug hätte er dieselbe Warterei gehabt, denn
Malatya-Antalya wurde nur von der Turkish Airline, und zwar täglich
einmal frühmorgens geflogen. In München kam er um 20.30 Uhr
an, was bedeutete, dass er dort übernachten musste, denn vom
Münchener Flughafen gab es so spät abends, genaugenommen
nach 18.15 Uhr, keine Zugverbindung mehr nach Kassel, es sei
denn er wollte sich die ganze Nacht durch wechselnde Züge und
Bahnhöfe quälen; nach 20.00 war nicht mal mehr möglich, vor 5.54
Uhr in Frankfurt anzukommen, – aber das ist die Deutsche Bahn,
eine andere Geschichte.
Da nun der Flughafen von Antalya keine Gepäckaufbewahrung bot,
saß Martin auf seinen schweren Koffern fest. Er setzte sich in ein
Plastik-Café nach draußen, dahin, wo es heiß und billig war, sich
kaum Touristen aufhielten, sondern die Angestellten der
Fluggesellschaften und Reiseunternehmen unter Sonnenschirmen
Çay oder Kaffee tranken. Mangels eines leichteren Lesestoffs
zwang sich Martin in eine soziologische Dissertation hinein, und
zweimal entfloh er in längere Gespräche mit jungen Türken, in
Deutsch bzw. Englisch. Sie waren sehr höflich und mitteilsam.
Beide lobten die neue Regierung, trotzdem wollten sie nicht in der
Türkei bleiben. Sie arbeiteten zehn, zwölf Stunden am Tag und ver-
dienten, wie sie meinten, schändlich wenig. Auch ihre Bekannten,
junge, strebsame Leute, wollten raus aus diesem Land. Sie
warteten auf eine Gelegenheit, um nach Amerika oder Deutschland
auszuwandern. Dort gäbe es für tüchtige Arbeit guten Lohn. In der
50

Türkei werde rechtschaffene Leistung von der Korruption geraubt.


Der eine war überzeugt, dass Atatürk alles besser gemacht hätte.
Wenn heutzutage nur Atatürks Lehren beherzigt würden!

In diesen langen, einsamen Stunden dachte Martin nun immer


wieder über diese knifflige Frage nach: Was ist die Türkei für ein
Land? Wie ist die Kluft zwischen so vielen freundlichen Menschen
und einem so inhumanen Gesellschaftsystem zu erklären? Die
Diskrepanz zwischen soviel persönlichem Vertrauen und soviel
kollektiver Lüge?
Nicht ganz hob sich der Nebel, den Atatürks autoritäre take-off-
Ideologie über das Land gelegt hatte, doch immer mehr glaubte
Martin zu erkennen, dass das Streben nach Modernität und
Wohlstand vor allem Waffeneinsatz und Korruption bedeutete. Kein
staatliches, sondern das traditionelle System familiärer Bindungen
und Solidarität dürfte notdürftig verdecken, mildern, was die Men-
schen vor allem bedrückte: Rechtlosigkeit. Armut. Verrat. Absolute
Abhängigkeit von Beziehungen. Familiäre, sippenhafte, politische
Beziehungen retten den einzelnen — oder stoßen ihn ins Elend.
Drama, Krieg und Schmerz prägen ihre Geschichten. Formal ist die
Türkei ein Rechtsstaat, faktisch sind Beziehungen und Geld
mächtiger als das Recht.

Damit hängt zusammen, warum die Menschen ständig reden. Nicht


nur, dass alltägliche Geschichten erzählt werden – auch die
dunklen, blutigen Seiten der türkischen Geschichte müssen von
Mund zu Mund überliefert werden, weil sie in der Öffentlichkeit
unterdrückt werden.
Man redet zur Lebenserhaltung: um Beziehungen zu erhalten oder
zu knüpfen, seien es auch nur kurzlebige Zweckbeziehungen, die
dazu dienen, etwas herauszufinden, z.B. wo man was für wieviel
Geld bekommen kann; so sammelt man Informationen,
widersprüchliche Informationen, dem einen glaubt man nicht, dem
anderen auch nicht, denn der eine lügt so, der andere lügt anders;
doch kann man Irrtümer und Lügen gegeneinander aufheben und
gewinnt indirekt ein Körnchen Wahrheit. Deshalb ist Vertrauen ein
so seltenes Kapital: wenn du einem vertraust, musst du dessen
Aussagen nicht überprüfen — und so spinnt man sich ein
Beziehungsgeflecht, das, je größer es wird, umso mehr
Zuverlässigkeit, Wissen und Sicherheit bietet.
Als Martin, am Strand von Side vor sich hin dösend, einmal die
Augen geöffnet hatte: Uniformierte stiefelten vorbei, bewaffnet mit
Maschinenpistolen. Wofür marschieren sie, für die neue Regierung?
Die Aufnahme in die EU, das ist vielleicht der einzige Grund, dass
das Militär diese Regierung und einige Menschenrechte wird
durchgehen lassen. Denn Europa ist ja nicht nur Atatürks
Vermächtnis, sondern auch die Chance, um wirtschaftlich den
Anschluss zu schaffen. Und die Mehrheit der Türken sehnt sich
nach Gerechtigkeit. So wäre es fatal, wenn die EU den Türken die
Tür zuschlüge...
51

Umgekehrt, Mehmet, ein Freund von Zara, kann es kaum erwarten,


in die Türkei zurückzukehren, sobald er deutsche Rente bezieht.
Mehmet ist ein vernünftiger, kritischer Mensch und hat eine
deutsche Frau. Was liebt er an der Türkei?
"Bring mir Wäscheklammern mit", hatte Martin von Zara
gewünscht, nachdem sie ihn zum zweiten oder dritten Mal gefragt
hatte, was er aus Malatya bräuchte, "zweihundert türkische
Wäscheklammern! Die sind unseren überlegen."

Hamburg. Martin hat längst entschieden. Es sind nicht die


Klammern. Er muss nur das Geplapper seines Soziologenhirns
abschalten. Dann ist es klar. Es ist die reine Liebe. Liebe bis zum
Tode! Zara ist eine wunderbare Frau, die ihrem Volk dienen will.
Hatte er jemals solche Hochachtung für eine Frau empfunden? Kein
Zagen mehr! Seine Liebe zu Zara würde niemals enden.
Er wird sich an sie und ihre Familie binden! Es ist Gewissheit.
Georgs Rat braucht er nicht mehr. Der Weg nach Hamburg war das
Ziel.
52

3
Rückweg im Trüben. Martin ist sich nicht mehr sicher. Nicht mehr
beflügelt, sondern gebügelt. Sollte er kein guter Mann für Zara
sein?
Martin denkt an Georg. Der Spaziergang mit ihrem blöden Hund.
„Wieso habt ihr auch noch einen Hund?“ fragte Martin genervt.
„Claudia hat sich immer einen gewünscht. Und ein Jahr nach der
Geburt haben wir den angeschafft. Ich wollte keinen, aber ich
wollte ihr den Wunsch erfüllen.“
„Ihr habt doch schon ein Kind.“
„Das passt doch gut zusammen.“
Der Hund ließ sich am Wegesrand nieder; sie warteten, Georg
nahm eine Plastiktüte aus seiner Tasche, klaubte die Kacke auf,
verknotete die Tüte und nahm sie mit bis zum nächsten Mülleimer.
Nein, an Demut fehlt es Georg nicht. Und Martin? Kann er die Liebe
mit seiner Demut hüten? Kacke in Tüten packen? Babies windeln?
Sein Mund verkniff sich.

„Was ist Zaras größter Vorwurf an dich“, fragte Georg, „der


Vorwurf, der dich am meisten ärgert?“
„Egoismus!“
„So dreh deine Ausgangsfrage herum!“
„Ob Zara die richtige Frau für mich wäre?“
„Dreh diese Frage herum.“
„Ist Zara die falsche Frau für mich?“
„Versuche es noch einmal. Drehe sie ganz herum.“
„Bin ich der richtige Mann für Zara?“
„Bist du der richtige Mann für Zara?“
Kann er Zara zumuten, dass sie ihn heiratet? Kann er ihr geben,
was sie braucht?

Es war wie ein Erwachen aus einem schönen Traum in die


Garstigkeit des Lebens, als Martin seine Herzensfrage umgedreht
bekam. Grimmig wand er sich und wollte schreien wie ein
Neugeborenes.

„Würdest du denn die Eignung der Frau gar nicht berücksichtigen?“


versuchte es Martin hartnäckig.
Die Frage, für die er gekommen war, ließ sich für Georg schnell
abhandeln:
„Doch, selbstredend ist das wichtig“, gab Georg zu. „Also denn,
antworte: Nimmt Zara Drogen oder trinkt sie?“
„Nein.“
53

„Ist sie HIV-positiv?“


„Nein.“
„Hat sie eine Psychose oder Ähnliches?“
„Nein.“
„Dann ist sie als Partnerin geeignet. Du kannst dir gewiss sein,
dass es nur auf dich ankommt.“
„Auf mich. Alles klar. Es ist ja ganz einfach, ich hab’s kapiert: Wer
erwachsen, männlich und potent ist, heiratet immer die richtige
Frau.“
„Und, bist du’s?“
„Arschloch!“
„Bitte sehr.“

Martin sitzt wieder in seinem Auto. Es gewittert. Nicht nur die lange
Rückfahrt liegt vor ihm. Sein Thema fordert ihn erneut heraus, aber
umgedreht: Kann er versprechen, ein guter Ehemann zu sein?
Martin stellt das Radio ab. Er braucht Ruhe.

Zaras Familie hat ihn geprüft:


„Zara ist ein sehr sensibles Mädchen“, sagte Rojda.
„Genau, das gefällt mir sehr gut“, beteuerte Martin.
„Sie braucht viel Zuwendung und Geduld.“
„Genau.“
„Wir sorgen uns um sie. Wir wollen, dass sie mit einem Mann
glücklich wird. Sie ist ein so edler Mensch.“
„Ja, sie ist ehrlich und herzlich. Ich liebe sie dafür.“
Damit gab Rojda sich zufrieden. (Was Martin nicht ahnte: Ihr Urteil
stützte sich auf weitere, aussagekräftigere Indizien. Unbemerkt
hatte sie sie beobachtet, ob er anderen Frauen hinterherguckte,
besonders am Strand. Sie entdeckte, dass er zwar zu Frauen,
besonders zu barbusigen, hinsah, ihr Zeit- und Häufigkeitslimit
aber nicht überschritt.)
Zêlal konnte ihn nicht interviewen. Sie beobachtete, wie er sich um
Zara kümmerte, dass er ihr den Tee einschenkte, dass er sich der
Familie anpasste, alle Unternehmungen mitmachte, trotz der
fremden Sprache freundlich blieb. Vor allem wurde honoriert, dass
er sich nicht „kindlich“ benahm: weder küsste er Zara noch hielt er
ihre Hand. Die Nichten sprachen mit ihm, und sie fanden ihn (mit
seinen okzidentalen Verbeugungen) choc güzel (wie ermutigend!).
Alle wollten ihn. Nun war er sich bewusst, schon allein als
Deutscher attraktiv zu sein. Nicht etwa, dass sie jeden Deutschen
akzeptiert hätten. Doch als Akademiker hatte er gute Chancen,
Zaras Hand zu bekommen. Zudem: Er würde Zara niemals
schlagen, und das reichte schon fast, um die Prüfung zu bestehen.

Warum hatte er Zara nicht gefragt, warum sie ihn heiraten will?
Wieso will sie das eigentlich? Was liebt sie an ihm, blaue Augen
kann sie von vielen haben, warum von ihm? So lange sind sie
schon zusammen gewesen, und er weiß es nicht. (Natürlich hat
54

Zara sich das gut überlegt. Und in diesen Wochen wird sie ihre
Wahl von der maßgeblichen Instanz ihrer Schwestern und
Freundinnen mit Herz und Vernunft prüfen lassen, um dann umso
sicherer -oder aber verunsichert- zurückzukehren. Endgültig wird
ihre Entscheidung erst sein, wenn sie das amtliche Ja spricht.)

Düster erscheint Martin die Voraussage Georgs:


Was erst nach der Entscheidung auf ihn zu käme, wenn er dieses
eheliche, also auf Dauer angelegte Beziehungsding wirklich führen
sollte. (Eine Beziehung ist kein Ding, auch keine Sache.)
Wäre er geeignet für Kinder? – Ein spontanes: „Naja.“
Krisen? – „Ja, immer.“
Monogamie? – „Genau. Mit Zara immer.“
Würde er es auf sich nehmen, das Geld zu verdienen, selbst wenn
es nur eine stupide Arbeit gäbe? – Ein grunzendes „Ja.“
Hätte er die Disziplin, sich immer wieder zurück in die Beziehung
zu bringen, die Liebe immer wieder neu zu entfachen, wenn sie
abkühlt?
„Sag mal“, fragte Martin zurück, „bist du eigentlich glücklich?“
Georg, verdutzt, zögerte, schaute in sich, lächelte.
„Es ist wundervoll, mit Claudia Kinder zu haben. Es ist grandios,
was du aufbauen kannst. Ich würde sagen, es ist mehr als Lohn für
alle Mühe. Ja, es ist Glück.“

Martin spürte, dass er das auch wollte, es weckte eine tiefe


Sehnsucht in ihm.

Nüchtern betrachtet: Ein hohes Risiko. Worauf lässt er sich wirklich


ein? Worauf lässt Zara sich ein? Kann er guten Gewissens eine Frau
in sein Leben einladen? Traut er sich das selbst zu?

Nun hat er sich ja schon ein wenig kennen gelernt, in Beziehung


mit Zara. Hat er denn irgendwelche Erkenntnisse daraus
gewonnen? Nicht, dass er wüsste. Jetzt ist die Gelegenheit, das
nachzuholen. Er muss sich selbst analysieren, rückhaltlos
offenlegen und begutachten!

Im Urlaub waren sie zum ersten Mal so viele Tage zusammen. Wie
war er als Koçacun? Wie hatte er sich in ihrem Land, in ihrer Kultur
verhalten?

Keinen Gedanken hatte er an das verschwendet, worum Zara sich


zuallererst sorgte: Wie nationalistische Türken es hinnehmen wür-
den, dass eine schöne Türkin mit einem deutschen Mann
zusammen war? Zara hatte von ihrer Freundin Firuzé berichtet, die
einschlägige Erfahrungen gemacht hätte, als sie mit einem
Engländer unterwegs war:
„Schon bei der Passkontrolle am Flughafen in Antalya. Die
Polizisten haben böse geguckt wegen dem englischen Freund.
55

Obwohl ihre Schwester auch dabei war. Und am Strand und im


Hotel, die wollten ihr keinen Platz geben. Als sie zuerst mit ihrer
Schwester allein fragte, wollten sie ihr einen geben. Und als dann
ihr Freund dazu kam, fragten sie sehr unfreundlich, ob sie
verheiratet wären. Sie sagte ‚Nein’, und da sagten sie: ‚Nein, wir
haben keinen Platz mehr!’"
Zara fragte vorsorglich bei der telefonischen Anmeldung, ob das
mit dem Freund durchginge; Ali versicherte ihr, kein böses Gesicht
zu machen. Auch mit dem Fahrer hatte Zara viel geredet, um ihn
freundlich zu stimmen. Das war ihr gelungen, er hielt an einer
Raststätte, sprang aus dem Wagen und reichte dem deutschen
Arkadaş eine Flasche kühlen Wassers. Dieser schreckte hoch aus
seiner Versenkung, dankte überrascht und fühlte mich zum ersten
Mal wohl im fremden Land.
Hinsichtlich der Urlaubsplanung hatte er ihr blind vertraut – mit
Erfolg: Die Pension hatte eine ideale Lage, eine einfache, doch
genügende Ausstattung: Ikea-Doppelbett, Ikea-Schränke, keine
Klimaanlage, sie wollten sich ja weder erkälten noch bekleiden,
wenn sie miteinander allein waren.
Was sich auf ihre Beziehung auswirkte, war die Art, wie er der
türkischen Kultur begegnete, die sie umgab:
Alis Gästekühlschrank war mannsgroß, aber marode. Die Tür flog
aus der durchgerosteten Angel (Marke: AEG). Zara bekam die Tür
nicht mehr zu, es bedurfte einer Kombination aus Kraft und
Geschick. Martin erledigte das. Er übernahm sämtliche Gänge zum
Kühlschrank. Dann gab die Angel so weit nach, dass die Tür
herunterfiel. Ali hieß sie die Tür schräg anlehnen, der Kompressor
hörte nicht mehr auf zu pumpen. Am nächsten Tag kümmerte Ali
sich um die Reparatur: Die Halterung wurde mit Backsteinen und
einem Keil aufgebockt. Nun ließ sich die Tür nicht mehr schwenken,
aber mit einiger Übung ein- und aushängen. Es klappte doch! —
Ähnlich das Klo: Wegen eines Defekts brauchte das Wasser
stundenlang, um den Spülkasten zu füllen. Aber sie hatten noch
die kleine Zusatzspülung, die Standard ist in türkischen WCs: Aus
einem dünnen Rohr unterhalb der Klobrille kann man Wasser in die
Schüssel spülen, dünn wie ein Pinkelstrahl. Das aber reichte nicht
für größere Bedürfnisse. Zara, gepeinigt, schloß den Klodeckel und
rief Martin zu Hilfe. Der hatte die Idee, eine leere Plastikflasche mit
Leitungswasser zu füllen und in das Reservoir des Klos zu schütten.
Nach vier Flascheneinfüllungen zog er die Strippe, das Wasser
rauschte hinab, Zara lupfte den Deckel, lugte hinein – gerettet! Sie
waren erleichtert. Dann baten sie Ali um Hilfe. Er verwies auf die
bekannte Zusatzspülung und händigte ihnen eine Klobürste plus
Ata aus. (Atatürk: hing unten in Alis Spirituosenschrank über den
Flaschen, ist aber was anderes.)
Später, als sie für den Strand packten, füllte Martin die Flasche
erneut — als Trinkflasche.
„Bist du verrückt?“ rief Zara entsetzt. „Damit hast du das Klo
gefüllt!"
„Macht doch nix."
56

„Aus der Flasche kann man nicht mehr trinken“, beharrte Zara,
„das ist total unhygienisch!"
Martin setzte seine vernünftigen Argumente durch. Tagelang diente
ihnen dieselbe Flasche für beide Zwecke. Das Leitungswasser war
etwas trüb, doch sicher hygienisch, da gechlort; gut gekühlt
schmeckte es nicht so schlecht. Zara gab nach, trank und wurde
krank (aber aus einem anderen Grund).
Der Kühlschrank brach zwei Tage später endgültig zusammen und
wurde abgefahren. Auf den leeren Podest hievten die Elektriker
einen anderen Dreißigjährigen (Siemens). Deutsche Fabrikate
halten eben lang. Das weiß man in der Türkei. Die Klospülungen
funktionierten übrigens selten 100%ig. Muss doch nicht unbedingt
sein. In deutschen Zügen kühlen ja die Klimaanlagen auch nur
dann, wenn es draußen nicht zu heiß ist; und im Regionalexpress
gehen oft die Uhren der gelben Digitalanzeige falsch. Trotzdem
vertraut man der Deutschen Bahn und liefert sein Leben ihrer
Technik aus.

Auch Zara riskierte ihr Leben – Martin ist sehr duldsam gewesen,
dass er ihr diese Schwimmtouren erlaubte. Sie fragte ihn gar nicht,
es erschien ihr selbstverständlich, endlos an der Küste entlang zu
kraulen, um ihre Kondition zu erhalten. Nur etwas weiter draußen
rasten Männer mit Motorbobs zwischen den Wellen, verpesteten
mit ihren Zweitaktern die Luft, und die Rücksichtslosesten schlugen
wilde Haken fast in die badende Menschenmenge hinein.
„Warum werden die nicht von der Küstenwache verhaftet!“
verlangte Martin.
„Das sind doch nur Touristen, die ihren Spaß haben“, wiegelte Zara
ab.
„Ich wüsste gern, wie viele Schwimmer jedes Jahr von denen
niedergemäht werden.“

Neigt er zur Paranoia? Sicher nicht, seine Ängste haben reale


Gründe. Immerhin sind seine Befürchtungen einmal wahr
geworden:

Eines Abends bestand Zara darauf, Döner Kebap zu essen, für


achtzig Cent. Richtigen Döner hätte sie so vermisst!
Martin wollte keinen Bissen davon: „Das schlechteste Fleisch wird
zusammengespießt und schlechtest verpackt, keiner weiß, wie er
das essen soll, beim Beißen wird der ganze Mund verschmiert,
dabei fallen noch die Brocken oben raus auf die Hose“, zeterte er,
„und unten aus dem Papier läuft die Soße raus und tropft aufs
Hemd. Eine fatale Unkultur!“
Zara ließ sich die Freude nicht nehmen, so als sei sie vor allem
Bösen gefeit – zumindest vor Martins Vorhaltungen.
Am nächsten Tag hatte sie Durchfall und Fieber. Alis Frau kochte
Patates für sie und Ali holte frische Kräuter vom Strand, mit denen
57

er Tee bereitete; Martin verordnete ihr BAYER-Tabletten und


umhegte sie. Zara genas. Martin war mir ihr und sich zufrieden.
Ali klärte sie auf, dass die billigen Bräter, die auf die Straße
verkauften, ihr Fleisch im Großhandel tonnenweise einkauften und
einfrören, denn das gäbe viel Rabatt; und dieser Vorrat reiche dann
sehr lange. - Jahrelang in jahrezehntealten Gefriertruhen,
kombinierte Martin und verschärfte seinen Vorsatz, in der Türkei
kein Fleisch zu essen. Selbst in Deutschland kaufte er nur Bioland-
Fleisch, und Zara sah das ein.
Wenn er nur geahnt hätte, was Zêlal in der Metzgerei so lange zu
reden gehabt hatte – Zara übersetzte es ihm erst nach dem
Festmahl:
„Ist das frisch geschlachtet?"
„Ja, es ist frisch."
„Wann ist das geschlachtet worden?"
„Vor zwei Tagen."
„Wie lange hat das hier gelegen?"
„Das ist gestern rein gekommen."
„War das die ganze Zeit gekühlt?"
Obwohl Zelal in dieser Metzgerei Stammkundin war, fragte sie noch
ein Dutzendmal so weiter, bevor sie sich für die Ware entschied,
denn sie wollte ganz sichergehen. Martin ahnte das nicht und
verweigerte das Essen.
Zêlal tolerierte seine Zurückweisung.
Martin hat ihr nicht vertraut, und das bereut er jetzt – nicht nur,
weil er gegrilltes Fleisch liebt. Sein Misstrauen war unhöflich und
schäbig.

Die Familie aber vertraute ihm. Zara spürte es unmittelbar, und sie
fühlte sich dementsprechend – glücklich: „Söre Kedi, mau, ich fress
dich heute noch! Stell dir vor, die lassen uns in ein Zimmer.“ – Die
Gewähr gemeinsamer und ungestörter Bettstatt stellte einen
Vertrauensbeweis und eine großzügige Geste der Aufnahme in den
Familienkreis dar. Martin musste sich das so abstrakt erschließen,
weil dieses Entgegenkommen in seiner Kultur fast
selbstverständlich war, und in der Abstraktion fand er es wohl nett,
gewiss, aber sein Herz spürte es nicht.

Nicht so leicht entschuldigen lässt sich die Geschichte mit Zaras


Freunden in Malatya.
Unvermittelt klingelte Zara an einem Haus. Martin musste viele
Hände schütteln, gleichzeitig seine Gesichtszüge kontrollieren und
begreifen, dass es sich um ihre alten Freunde handelte. In der
engen Wohnung lebten viele Leute, einige in Rollstühlen. Die waren
von dem Besuch überaus begeistert, an Martin interessiert, sie
ließen ihre Arbeit an Computern oder in der Küche liegen, redeten
von allen Seiten auf sie ein und waren in ihrer Art so liebenswürdig,
dass sogar Martin ohne viele übersetzte Worte zugeneigt, ja einge-
nommen war. Sie tranken Çay und hätten noch länger bleiben
58

sollen. Doch Zara nahm endlich auf ihn Rücksicht und sie gingen
wieder.
„Du zerrst mich in ein fremdes Haus hinein, stellst mich vor die
Leute hin, ohne mir vorher ein Wort zu sagen“, schmollte Martin
auf der Straße, „wie einen Hund. Ich bin kein Hund! Auch nicht für
dich!“
Zara, erschrocken, versprach, keine Überraschungsbesuche mehr
zu machen.
Handelte es sich um einen Angriff? Warum scheute er solche
Überraschungen? Keine Abenteuer mit seiner Donna? Martin fehlte
das Vertrauen, seienr Donna blindlings zu folgen. Vertrauen! Also,
er musste mit der fremden Kultur vertrauter werden, dann würde
er auch mehr vertrauen können.
Auch seine Bequemlicheit stand ihm im Weg zu seiner Donna. Sie
wollte unbedingt den Berg hinter dem Dorf erklimmen – nicht nur
für ihre Fitness, Wandern ist für sie Erholung. Martin hasste
Bergsteigen.
„Komm doch mit! Die Nichten gehen auch mit“, bat Zara.
„Schön, dann macht doch Frauenkultur.“
„Aber ich will meinen Bergen zeigen, was ich für einen Koçacum
habe!“
„Können die mich hier nicht sehen?“
„Wo denn, in deinen Büchern?“
„Aber warum gehen die Nichten mit?“
„Wenn wir allein miteinander gehen, würden die im Dorf reden.“
„Was würden die sagen?“
„Aji, die sehen Mann und Frau zusammen, gehen in die Wildnis.
Vielleicht würden uns sogar welche nachlaufen.“
„Meinst du Voyeure?“
„Nein Schatz, ich meine Imam!“
„Sag denen allen, ich werde niemals Moslem! Wie könnte ich dich
sonst so schön lieben!“
„Genau. Deshalb würden die uns nachlaufen.“
Nun klärte sie ihn über das Hauptrisiko auf:
„Streunende Hunde gibt’s. Zu Viert können wir uns besser
verteidigen.“
„Verteidigen? Wie denn?“
„Mit Steinwürfen, vier treffen besser als zwei.“
„Ich bleibe hier bei meinem Buch. Nachher fahre ich euch ins
Krankenhaus.“
Martin entsagte seiner Lektüre, um sie den dreien anzuschließen,
nicht aus Lust, sondern zur Verteidigung.
So drangen sie in unmittelbare Natur ein. Der Sonne unentrinnbar,
staken sie durch die steinige, stachlige Steppe, die ihm, der auf
kurze Hosen hielt, die Beine Schritt für Schritt zerkratzte. Überdies
versuchte er, nicht an Hunde zu denken. Das mitgenommene
Wasser musste rationiert werden, der Berg erstreckte sich endlos.
59

Ein Hund ließ sich aus der Ferne blicken, doch wollte er nicht
angreifen, noch nicht.
Martin bekam Kopfschmerzen, sagte aber nichts, glaubte, sie mit
der hässlichen Schirmmütze des Schwagers deckeln zu können. Er
fürchtete, die anderen würden seine Leidensmiene entdecken, aber
sie waren viele Schritte voraus. Sie warteten auf ihn.
„Ich kehre um“, schimpfte er, „das hier ist Wahnsinn.“
Zara erklärte die nächste Kuppe zum Ziel. Dort knipste eine Nichte
die obligatorischen gestellten Gruppenphotos. Endlich drehten sie
um. Jetzt gelangte ihr Blick in die Ferne. Das war Raum! Riesig
ragte ein Gebirgsprofil auf, dazwischen unermesslicher,
transzendierender Raum. Aber die Aussicht blieb nicht, denn sie
stiegen ab, mussten das Augenmerk auf verquere Steine richten.
Nein, hier am Boden war keine Transzendenz mehr, das war
primitive Natur, karg, hitzetrocken, menschenfeindlich.
„Siehst du die getrockneten Kräuter?“ fragte Zara, „Das ist
Bergtee! Wollen wir welchen sammeln, dann kannst du
mitnehmen, zu Hause trinken und dich an Donna erinnern!“
„Ich hasse Tee!“
Sie gelangten zurück in den Schatten des Hauses. Während sich
Martin auf einem Gartenstuhl ausgrollte, bereitete Zara Wasser
und guten Kaffee: Sie wusste, was seine Stimmung hob. Die
Nichten machten sauber (bei Zelâl musste jeden Tag gestaubsaugt
werden). Später schlugen sie mit Äxten Aprikosenkerne auf, aus
denen Minikerne geborgen wurden, die wie kleine Mandeln
aussahen und nussig schmeckten. Zila übergab Martin ihre Arbeit.
Dafür holte sie ihr Mathebuch und beriet mit Zara geometrische
Strahlensätze. Martin war froh, die Axt zu haben. So weit hatte
diese Natur es bei ihm gebracht!
Nun schämt er sich seiner Furcht. Aber was nützt die Scham?
Würde er daraus eine Lehre gewinnen und sich bessern? Ja. Er
muss seine Feigheit bekämpfen! Immerhin, an den barbarischen
Fahrstil hatte er sich gewöhnt: Auf der Rückfahrt konnte er im Bus
nur wegen der Enge schlecht schlafen. Sein behüteter Idealismus
war hier auf etwas härtere Realitäten gestoßen. Und die waren
nötig, um zu lernen, dass Idealismus ohne Mut nichts bedeutet,
nichts außer Illusion. Mit dem bewusst für die Ideale
eingegangenen Todesmut korrespondiert das weiche Herz. Würde
er ebenfalls kämpfen? Wenn er im Faschismus leben müsste, dann
sicher nicht ohne Widerstand zu leisten.

Aber er leistete ja Widerstand, nur ganz woanders. Seine dunkle


Seite, die er schlecht beherrschen kann: Finstere Gefühle löste es
in ihm aus, dass Rojda am Strand rauchte. Würde Zara standhaft
bleiben? Mitnichten: Nur zu gern ließ sie sich von Rojda anstecken.
Martin haderte. Sollte er mitrauchen? Rauchen oder Nichtrauchen
geriet zum existenziellen Problem. Warum eigentlich? Er wollte
nicht rauchen. So sollte er es doch lassen. Und wenn er im Meer
60

schwamm und am Strand Zara mit ihrer Schwester rauchen sah:


Was gab das für einen Grund zum Grollen? Er wusste selbst, dass
das albern war. Trotzdem regte er sich auf, und um sich zu
beruhigen, nahm er selber eine der scheußlichen Marlboros,
rauchte hastig, fühlte sich schlecht, ärgerte sich über Zaras
Treulosigkeit und am allermeisten über sich selbst.
In Malatya, hatte Zara geboten, dürften sie nicht rauchen. Sie
ließen es sein, Martin entspannte. Aber in diesem Monat wollte
Zara weiter in der Türkei herumreisen und Freunde besuchen. Die
kennen sie als Raucherin! Würde sie widerstehen? – Warum sollte
sie? Warum kontrollierte er sie?
Ist er etwa neurotisch? Beratung tut Not, vielleicht Therapie. Ein
Mann muss sich doch unter Kontrolle haben! Er wird sich
erkundigen. Wozu hat er Sonja, eine einfühlsame Freundin, die
Psychoanalyse studiert hat.

Am kritischsten war es im kurdischen Lokal. Kurdisch essen ging ja


gut. Aber während die anderen mit dem Patron türkisch redeten,
kurdische Live-Musik hörten, türkisch rauchten, kurdisch tanzten,
wieder türkisch redeten und rauchten, redeten und rauchten,
verfiel Martin dem weißen Grobripp-Unterhemd über dem fetten
Bauch des Patrons, stierte die verfilzten Streifen an als wären sie
Gefängnisstäbe, verkniff den Mund – hoffnungslos ausgeliefert
seinen geistigen Leerlaufprozessen.
61

Nichtsdestotrotz. Er bezwang sich, seiner Karicigin zuliebe, stand


auf, schloss sich der dummen Idee an, sie nahmen ihn freundlich
lächelnd auf in den Reigen, er versuchte mitzutanzen, kam ständig
aus dem Rhythmus, die anderen nahmen ihn immer wieder auf, er
lernte schnell, was aber nicht viel half, denn er mochte Volksmusik
nicht. Zurück am Tisch kam das Türkische wieder auf, und er verlor
sich in tiefem Schweigen: alle sollten merken, dass er das Opfer sei
– aber auch das half nichts, denn sowieso rechnete keiner damit,
dass er mitreden würde.
Oder hat er sich nicht genug bemüht, mit Rojda ins Gespräch zu
kommen? Nach dem ersten Flop versuchte er es nochmal, mit
einem unverfänglichen Thema:
„Wo arbeitest du eigentlich?“
„In den Büros. Wir machen immer sauber.“
„Ist das eine harte Arbeit?“
„Ja, man muss jeden Papierkorb leeren, auch wenn er nicht mal
halb voll ist. Dabei haben wir gar keine Zeit, die immer alle zu
leeren. Und wir dürfen nie Zigarettenpause machen. Die Büroleute
dürfen das, wir nicht.“
„Bist du zufrieden?“
„Ja und nein. Viele sind entlassen worden, ich bin froh, dass ich
noch Arbeit habe. Aber es ist immer dasselbe.“
„Das verstehe ich. Es ist sicher schwer, eine andere Arbeit zu
finden.“
„Ja.“
Zara kam in Sicht, und das Gespräch versiegte. Rojda fragte Martin
immer nur, ob es ihm gut schmecke. Ansonsten zeigte sie kein
Interesse an ihm. Wozu sollte sie ihn auch direkt etwas fragen? Sie
hatte ja Zara. Sie lebten in einer Parallel-Welt.
Wie hätte Martin Spaß haben können? Ihm war das alles einfach
entschieden zuviel. Warum ließ er es sich gefallen, dass sie sich
Abend für Abend mit der Verwandtschaft herumschlugen, in eine
Welt eintauchten, mit der er nichts anfangen konnte? Darin hatte
er nie eingewilligt. Er hatte es geduldet. Gemurrt, aber
mitgemacht. Das ist nicht das, was ein Mann machen sollte.
Nein, er ist sich nicht gewiss. Ob er den Anforderungen als Koçacun
genügen könnte.
„Jede Liebesbeziehung bringt dich an deine Grenzen“, erklärte
Georg, „ich zweifle bis heute immer wieder mal, ob ich diese
Beziehung führen kann. Dann entscheide ich mich eben dafür, es
zu tun. Jedesmal von neuem.“
„Warum kann man das nicht ein für alle mal entscheiden!“
„Musst du. Entscheide dich ein für alle mal. Verpflichte dich. Nur
dann kann die Beziehung funktionieren“, riet Georg, „und dann
62

warte mal ab. Spätestens wenn diese kleinen Windelpakete auf


dem Boden rumfeudeln!“
Martin weiß, was Feudel sind. Eine Ex hat ihm beigebracht, wie
man Küche und Bad feudelt. Nicht weiß er, wie er mit
Windelpaketen umgehen sollte.
„Das lernst du spielend.“
Martin fühlte sich wie ausgewrungen.
„Natürlich musst du Frau und Kindern auch Grenzen setzen“,
versuchte Georg ihn zu beruhigen, „kein Mensch kann alle
Ansprüche erfüllen.“
Warum hat Martin in Side keine Grenze gesetzt?
„Du, Donna, ich will den Abend mit dir verbringen“, hätte er sagen
können, „nicht mit deiner Schwester.“
Er hat es versucht. Versucht! Er hat sich gebeugt, als sie forderte,
er solle doch einen guten Eindruck bei Rojda erwecken. Damit
meinte sie wohl: einen Mann spielen, der sich für ihre Kultur
interessiert, der alles mitmacht, der sich anpasst.
Warum bestand er nicht auf seinem Wunsch? Der war ja überaus
legitim. Konnte er sich nicht einmal durchsetzen? Warum spielte er
das Opfer eines Unterhemds? Wieder ein Fall für den Psychiater.
War überhaupt etwas Gutes an ihm?
„Ich kenne dich. Akribisch und perfektionistisch. Fein“, sagte Georg,
„aber in Beziehungen musst du deinem Perfektionismus Grenzen
setzen, aus reiner Selbstliebe.“
„Willst du denn nicht perfekt sein?“
„Ich strebe Makellosigkeit an, keine Perfektion.“
Martin lachte. „Ganz der alte Sophist. Und was ist mit deinem alten
Laster?“
„Der Wein? Ich trinke nicht mehr viel. In der Regel gar nichts.“
„Bist du jetzt nur noch workaholic?“
„Sapperlot, ich schreibe zuviel. Vor allem nachts.“
„Und tags?“
„Ich stehe in Claudias Schuld. Sie verzichtet auf ihren Job, um mich
für diese Habilitation freizustellen. Das muss sich bald wieder
ändern. Ich muss eine Lösung finden. Weniger arbeiten oder
weniger schlafen oder ich weiß nicht was. Ab und zu musst du
eben versuchen, über deine Grenzen hinaus zu gehen, wenn sie
die Beziehung am Wachsen hindern, wenn sie Nähe und Vertrauen
mindern. Nicht vor dir selbst davonlaufen, nicht ausbrechen.“
Georg, der in letzter Zeit viel Coelho gelesen hatte, geriet in
Emphase. „Dafür ist die Ehe die beste Erfindung, die die
Menschheit je hatte. Das ist das Abenteuer, auf das du dich
einlässt. Wenn du dich dafür entscheidest. Es ist Selbsterfahrung.
Führt dich zu deinem höheren Selbst. Oder direkt in die Hölle.“
Der Schauder stieg in Martin auf, füllte seinen ganzen Körper. Es
wird ernst in seinem Leben. Er wird wachsen oder zurücksinken
müssen in die Enge von Schmerz und Einsamkeit, wo ein See von
Tränen gestaut ist, nichtgeweinte Tränen. Immer wieder vor der
63

Entscheidung: wachsen oder zurücksinken. Dazwischen gibt es nur


bespießerte Mittelmäßigkeit. Dumpfe Unzufriedenheit. Halb
gerettete Leben, klein gehaltene Liebe, kaschierter Tod. Nein, nicht
zurück. Er muss voran, er will das volle Leben.
Wichtig sei, immer zu wissen wo man stehe, meinte Georg, von da
aus kämpfe man sich weiter. Nicht unbedingt allein. Freunde seien
ja auch noch da.
Jetzt ist Martin allein. Im Auto und mit der Nacht. Spürt der
Unzufriedenheit mit sich selbst weiter nach. Weitere unangenehme
Erinnerungen steigen in ihm auf.
Zu aller Verdruss verlief der Ringkauf. Schon länger hatte Martin
diesen Tag gefürchtet. In Malatya war es soweit. Es war geplant,
Eheringe zu kaufen. Dass man zum Heiraten Ringe benutzte, war
für ihn in Ordnung. Nur schien es ihm verfrüht. ‚Die Dinger’, dachte
er düster, ‚werden noch gar nicht gebraucht.’ Aber Schmuck ist in
der Türkei viel billiger – und nicht nur Zara liebte Shopping. Zelal
und Rojda schlossen sich an, sie klapperten die Juweliere ab, derer
es viele gab, ganze Passagen voll mit den kleinen glitzernden
Lädchen.
Das Problem war: Was Martin gut gefiel, galt als
„Freundschaftsring". Dagegen alles, was als Ehering zählte, fand
Martin grauenhaft protzig und kitschig. Aber in Begleitung der
Schwestern würde ein Freundschaftsmodell nicht durchgehen. Sie
ließen sich alle Ehe-Varianten präsentieren, Çay servieren,
diskutierten und verwarfen, wohin sie auch kamen, in jedem Laden
das Gleiche. Er wollte keinen fetten Ring, sie keinen mageren, und
Silber wollte sie sowieso nicht. Er wollte kein Glanzgold, allenfalls
Weißgold in matt, sie wollte glänzen. Türkisches Symbol für Glück
und Bestand ist nun mal Gold, je dicker desto besser.
Hochzeitspaare werden mit Gold überschüttet, auch mit Euro, aber
traditionell mit Tieren oder Goldschmuck. Wer Gold schenkt, ist ein
König. Für Martin ist Gold ein Symbol des Imperialismus. Länder,
Kontinente wurden überfallen, amerikanische Ur-Kulturen nieder-
gemeuchelt und ausgeraubt wegen des Goldes. In der Türkei
wollen europäische Konzerne rücksichtslos am Goldbergbau
verdienen, verbünden sich mit Behörden, um ungestraft die
Umwelt der Kleinbauern mit Zyaniden und Blausäure vergiften zu
dürfen, Flüsse und Brunnen werden verseucht, zudem hungern die
Menschen, weil sie nichts mehr anbauen können. Wie könnten sie
blutige Ringe tragen?
Wie könnte er Zara glücklich machen?
Die Situation war verfahren, seine lädierten Einkaufsnerven
drohten zwischen den streitbaren Idealen vollends zu zerrütten.
Zurückhaltend, ja ausgleichend verhielten sich die begleitenden
Schwestern. Hatten sie angenommen, einem festlichen Einkauf zur
Dokumentation der Liebe und immerwährenden Bindung
beizuwohnen, so trugen sie die Enttäuschung mit Fassung,
enthielten sich, Martin zu bedrängen, denn jedes sollte dieses
Symbol zufrieden für den Rest des Lebens tragen können.
64

Sie brauchten ein Wunder -oder einen fügsamen Geschmack-, -


und siehe, sie entdeckten einen Ring, gegen den Keines etwas
einzuwenden hatte. Es war ein Modell, das als Verlobungsring galt.
Schnell sagten beide Ja und der Kauf war perfekt. Nicht aber der
Verkauf. Bei einer Verlobung, so klärte sie der freundliche Verkäufer
auf, müsse der Mann der Frau eine Halskette schenken, so fordere
es die Sitte. Zara wusste das nicht, Martin zauderte, hätte fast
schon abgewehrt, aber Zaras Miene zeigte freudiges Interesse!
Teufel und Traditionen, keifte es in Martins Kopf, doch besann er
sich und stimmte zu. Der Verkäufer öffnete einen Reigen von
vermeintlichen Silberketten. Sie einigten sich umgehend auf ein
schönes Modell. Diese Kette war aus Weißgold, teurer als beide
Ringe zusammen. Martin zahlte. Er war zufrieden, denn alles
zusammen war weitaus billiger als nur ein Ring in Deutschland.
Zara war hochzufrieden, denn unverhofft hatte ihr Koçacun ihr eine
Kette geschenkt. Er spürte ihre Freude und sie beide waren selig.

Kaum waren sie draußen, fingen die Schwestern an zu


diskutieren. Zara übersetzte ihm, dass die beiden behaupteten,
dass sie sich mit den soeben gekauften Ringen verloben würden.
„Nein, wir haben schon Ringe für die Verlobung", stellte Martin
sicher, womit er die billigen Freundschaftsringe meinte, die sie
bereits trugen, „die neuen Ringe dienen der Eheschließung." Damit
sollte es gut sein.
War es wirklich gut? Es war ein Kompromiss, bei dem sie beide
etwas verloren. Und Zaras Familie dachte, dass sie nur einen
Verlobungsring hätten. Sollten diese Ringe die Ehe symbolisieren,
so würden sie nicht glücklich werden. Ringe, die billiger waren als
eine schlichte Halskette. Nicht, dass sie teuer sein müssten. Aber
sie wollten ein Leben finden, das aus der Fülle schöpft. Mangel war
es, der hier waltete. Ein Mangel an Geduld, ein Mangel an
Großzügigkeit, ein Mangel an Auswahl. Genauso kleinlich seine
Weigerung, ihr ein läppisches Eis zu gewähren:

In Side bummelten sie mit Rudi und Rojda durch die


Fußgängerzone, in der sie von überall her mit kaltweißem Neon
übergossen wurden. Touristeneintreiber haschten auf Englisch, auf
Deutsch nach den Passanten, stellten sich ihnen in den Weg,
priesen, forderten, alles zu kaufen, alles zu essen. Ein Banner, das
über die Hauptstraße gespannt war, versicherte auf Deutsch und
Englisch, dass eben dieses Ansprechen von Touristen verboten sei.
Immerhin bewirkte das Verbot, dass die Häscher nicht handgreiflich
wurden. Man konnte ihnen einfach kopfschüttelnd ausweichen.
Nicht so leicht entkommen konnten die Vier dem Radau eines
Eisverkäufer-Animateurs, der mit einer Eisenstange in
Metallbehältern herumschlug und schrie; er füllte Waffeln mit
Vanille- und Schokoladeeis, rief aus: „Guck, hier ist Eis“, der Käufer
wollte es greifen, im Handumdrehen war das Eis weg, aber ehe der
dumme Kunde dumm gucken konnte, war es wieder da.
Befremdlich war allerdings, dass der Kunde kein Kind war, auch
unter den Zuschauern gab es kein Kind. Martin war da und hätte
65

keinen Spaß verstanden, denn während dieser angestellt wurde,


schmolz das Eis, lief schließlich dem Kunden über die Finger, der es
ablecken musste wie ein sabberndes Kleinkind, im analen Stadium.
Martin kniff den Mund zusammen. Zara aber begehrte eine Tüte.
„Lass das“, befahl Martin, aber Rudi kaufte es ihr.
Wann immer eine Eisdiele, oder sei es ein Schaumschläger, in Sicht
war, er sollte ihr Gönner sein. Sie glücklich machen! Er sollte Zara
fragen, ob sie wirklich mit den Ringen zufrieden ist. Wenn nicht,
sollten sie sich Zeit nehmen, weiter Ausschau halten, und die Ringe
finden, die ihrer Liebe würdig sind. Auch sonst mit dem Shoppen
sollte er großzügiger sein – die Abneigung mit Logik übergehen:
‚Zara liebt das Shoppen, und du liebst Zara! Also liebst du es, mit
ihr zu shoppen.’

Martin wirft Frida ein, eine von Zaras Lieblings-CDs, und die
melancholische Musik spielt ihm Zaras Liebe ins Herz.

Der Singsang der Simit-Jungen: Erst mit Zaras Hilfe hatte er


begriffen, dass das, was er als unsinnigen Lärm verachtet hatte, in
Wirklichkeit ihre einzige Chance war, sich in die Welt zu bringen
und zu behaupten. Ein jeder rief in seiner ganz eigentümlichen
Melodie, flehte um die Rettung seiner Seele, gab unverzagt alles in
seine Stimme, die klagend, trauernd, beschwörend,
erbarmungsheischend sich gegen das Schicksal aufbäumte und alle
Hoffnung in das Gehörtwerden setzte. Zara verstand sie. Er
begann zu verstehen.

Etwas hatte er auf jeden Fall von selbst gespürt und gut gemacht,
und das war keine Kleinigkeit: In Malatya, in der früheren Wohnung
der Familie, wo alle sechs Geschwister mit der Mutter
aufgewachsen waren. Zara hatte ihn mitgenommen, dieses
Familienmuseum zu besuchen. In gespannter Erwartung gingen sie
zu Fuß durch die Stadt Richtung altes Zuhause, Zara zog ihn immer
fester an sich, und während der letzten fünf Minuten schwiegen sie
pietätvoll.
So gelangten sie ans Ziel. Die Schlüssel passten.
Sie standen Hand in Hand in dem zerwühlten, verstaubten
Durcheinander, das für Zara und ihre Geschwister, auch für ihren
Papa, eine Reliqiensammlung war. Zara hatte Tränen in den Augen.
Sie nahm ein kleines Bastkörbchen auf, in das sie in ihren
Kindertagen bunte Steinchen gefüllt und filigrane metallene
Blütenstengel hineingesteckt hatte. In ihrer Andacht spürte sie das
Mitgefühl ihres Liebsten. Die Mutter war tot, aber Martin war da.
Zara gab ihm das Körbchen in Obhut. Es war unbeschädigt und
immer noch schön. Martin trug dieses Kleinod ehrfürchtig auf
seiner Hand. Mit der anderen Hand hielt er Zaras Kopf, den sie an
seine Brust schmiegte. Sie standen ganz still.
66

Bald darauf hatte auch er Grund für Traurigkeit: Mit dem Tag des
Abschieds. Morgens um sieben Uhr wollten sie ihr letztes
Liebesmahl haben. Zuerst musste er zur Toilette und lief
ausgerechnet Zêlal über den Weg, die schon Börek buk und ihn
freundlich begrüßte. Sie fragte nach Zara.
„Zara is sleeping“, log er und stahl sich zurück ins Schlafzimmer.

Diese Lüge passte ihm nicht. Zara lobte ihn dafür – ihre BWL-Ader!
– – Sein Frankfurter-Schule-Dünkel! Jedenfalls, die so gewonnenen
zehn Minuten Freiheit genossen sie beide.
Sie packten dicht und schwer, Zara gab ihm alles mit, was sie auf
ihrer Rundreise durch die Türkei nicht mehr brauchen würde.
„Die restlichen Tüten kannst du den Nichten schenken", meinte
Martin, nicht ernsthaft mit Zustimmung rechnend.
„Bist du verrückt", rief Zara, „Zelâl bringt mich um!"
In den berstenden Taschen suchten sie noch einen Platz für Zaras
Kinderkörbchen.
„Vorsichtig, dass es nicht zerdrückt wird", gebot Zara.
Martin machte das zu seiner Herzensangelegenheit. Es ist
wohlbehalten in Kassel angekommen.
Am Otogar bestieg Zara mit ihm den Bus. Sie sprach mit den
Mitreisenden, redete, lächelte, um sie für ihn zu gewinnen. Sie
setzte sich auf seinen Platz, damit er sie noch etwas länger spüren
könne. Dann musste sie aussteigen. Sie steckte ihm ein Briefchen
zu.
Als der Bus abgefahren war und er mit Winken aufgehört hatte, las
er:
Malatya, 29. 8. o3
Bir tanem,
meine große Liebe, mit dir bin ich immer glücklich. Du
warst mit mir bei Mama. Du verstehst meine
Schmerzen. Früher habe ich nie geweint mit anderen.
Ich habe von dir gelernt. Mit dir kann ich weinen. Mit
dir will ich alles teilen. Ich liebe dich immer und denke
an dich. Wenn du das liest, weine ich wegen dir. Ich
freue mich so auf das Leben mit dir!
Deine Donna

‚Weinen ist Wahrheit’, dachte Martin, ‚Donna lernt von mir


Wahrheit und ich lüge. Lernt man in der Türkei das Lügen? Die
Demokratie ist eine Lüge: Eine neue Partei kommt an die Macht
und nichts bessert sich. Genau wie bei uns. Alle Parteien lügen vor
der Wahl mit bestem Wissen und Können. Nachher natürlich auch.
Keiner wird dafür belangt. Nur dass unsere Zeitungen die Wahrheit
schreiben dürfen - wenn sie sie herausfinden. In der Türkei nützt es
67

nicht mal was, die Wahrheit zu schreiben. Dafür kann man ins
Gefängnis kommen.’

Martin schaute aus dem Busfenster. Er sah in die Berge. Waren sie
wirklich nur braun und kahl? Er hatte sie erkundet, zusammen mit
Zara und den Nichten. Die Berge erschienen ihm plötzlich einmalig,
wie belebt, und sie sprachen zu ihm, dass sie Zaras Heimat waren
und immer hier bleiben würden. Er war im Begriff, die kurdischen
Berge zu verlassen, das ganze Land, Zara, seine Donna zu
verlassen. Der Abschied schnitt ihm ins Herz. Das wollte er dem
Mann auf dem Nachbarsitz nicht zeigen; er wandte sein Gesicht ab
zum Fenster, in die Sonne, die seine Augen trocknen sollte, zu den
Bergen, die schon so viel Schmerz aufgenommen hatten.
‚Was ist schon Wahrheit’, dachte Martin, ‚die wahre Wahrheit ist,
dieses Land hat eine Donna hervorgebracht. Meine Donna! Eine
wundervolle Frau aus einem wundervollen Land, einem Land voller
Widersprüche und tiefer Bindungen. Wahrer Bindungen, wahrer
Liebe! Die Wahrheit ist, ich bin traurig und versuche, mich mit
Überlegungen darüber hinwegzuretten.’
‚Es ist an der Zeit’, sprach die Ehrlichkeit in ihm, ‚diese Traurigkeit
zu ihrem Recht kommen zu lassen.’
Er kuschelte sich ein auf seinem Platz, der von Zaras Liebe geweiht
war. Die Sonne Kurdistans war stark, doch sie konnte seine Tränen
nicht mehr trocknen.

Warm spürt er die Tränen hinab rinnen. Er hält an. Nichts hält ihn
mehr zurück. Er weint, weint nun laut, spürt Zaras Liebe, eine reine
Gnade, dass sie ihn liebt, diesen Martin, der soviel versäumt,
abgelehnt hat.
Nein, er will es neu und besser machen, seinen Widerstand
aufgeben, der Liebe den Raum geben, den sie braucht. Wenn diese
Trennungszeit für etwas gut sein kann, dann dafür, dass er sehe,
wo er steht, und lerne, was es noch braucht. Auf dass aus dieser
traurigen Figur ein warmherziger, toleranter und großzügiger Koça
werde, der seine Donna glücklich macht!

Er will gleich damit anfangen.

Was kann er tun? Was würde einen Unterschied bewirken?

Zara ist fern, noch lange in der Türkei. Therapeutische Beratung,


da würde er seine Freundin Doro fragen. Okay. Aber das ist etwas,
das er für sich tut. Er braucht noch eine Sache, bei der klar ist, er
tut sie für Zara, aus reiner Liebe. Ihm fällt nur ein, Türkisch zu
lernen.

‚O Graus! Gibt es nichts Besseres?’


68

Aber er hat es ihr versprochen, er sollte es tun. Sentimentale


Tränen sind irrelevant. Allein die Tat zählt.

Zig Einwände schießen durch sein Hirn, jetzt nicht damit


anzufangen. Was für ein Widerstand!

„Aber ich kann darüber hinweggehen“, befiehlt er sich, „ich bin ein
freier Mensch, oder nicht? Ich werde tun, was ich will, innerhalb
von Recht, Gesetz und Vernunft. Und Liebe, ja, was die Liebe
gebietet. Liebe braucht Verpflichtung! Entschlossenheit! Disziplin!
Genau. Ich gebe mir die Übung, jeden Tag mindestens zehn
Minuten Türkisch zu lernen. Ab heute, bis Donna wieder da ist.
Dann verabreden wir, wie es weitergeht.

Es ist 23.35 Uhr. Ich habe Glück: Bis ich ankomme, ist Mitternacht
vorbei! Dann habe ich noch 23 Stunden Gnadenfrist. – Wie schlapp
fühlt sich das an. Was sind zehn Minuten? Zehn Minuten für eine
Liebe! Es gilt ab sofort.“

Er kommt nach Hause, will ins Bett fallen, da fällt ihm sein
Versprechen ein. Ist das die Hölle? Oder etwa Befreiung?
Irrelevant. Die Verpflichtung zählt. Im Regal kramt er das gelbe
Türkischlehrbuch hervor, das ihm Zara zu Weihnachten geschenkt
hat. Es ist noch ganz neu. Er schlägt es auf, es fühlt sich gut an.
Die erste Lektion ist nicht schwer. Schnell ist eine halbe Stunde
vergangen.
Es ist getan. Er löscht das Licht, bettet sich, spürt die Wärme im
Bauch und ist sich gewiss, dass es Liebe ist.
69

4
Martin erwartet Zaras Rückkehr wie ein Schwimmer, der sich
vornimmt, zum ersten Mal vom Fünfmeterturm zu springen. Er will
sich wagen, er will springen, eintauchen und sich aalen in der
Liebe.

Zara kommt mit genauen Vorstellungen. Bei ihrer Rundreise durch


die Türkei hat sie mit all ihren Freunden die Hochzeit 1001-fach
beraten, geplant, imaginiert. So bestürmt sie Martin - mit Worten.
Sie will eine „kleine“ Hauptfeier in Deutschland und eine „Mini-
Party“ in der Türkei.
„Und willst du vier Ringe tauschen?“ fragt Martin.
„Nein, die Ringe werden nur beim Hennafest aufgesteckt. Das
machen wir nur einmal, in Deutschland.“
Sie nestelt in ihrer Handtasche, fischt eine Schachtel Zigaretten
heraus: ihre türkische Marke „2000“, und zündet sich eine an.
Martin fühlt sich plötzlich mulmig. Mechanisch nimmt er sich die
letzte Zigarette aus ihrer Packung.
„Entschuldige, Aşkim“, sagt sie, ihm Feuer gebend, „ich wusste
nicht, dass du auch rauchen willst.“
„Ich will eigentlich gar nicht. Die letzten Wochen habe ich nicht
geraucht.“
„Oh, ich habe mir das wieder angewöhnt. All meine Freunde
rauchen in der Türkei. Das ist so billig da. Ich habe viele Zigaretten
mitgebracht.“
Zwei Stangen dieser Zigaretten packt sie aus. Aufgeregt
inhalierend versucht Martin, seine Klarheit wiederzuerlangen, zu
der ihm Sonja verholfen hatte: Weder schmeckt ihm diese starke
Billigmarke, noch will er sich das Rauchen wieder angewöhnen. Er
will nicht sterben, und seine Donna soll auch nicht sterben. Mit
diesen 400, selbst mit 4000 Zigaretten würde sie nicht so schnell
sterben, jedenfalls nicht vor ihm. Aber das war es nicht, was Sonja
herausgearbeitet hat; der entscheidende Punkt, zu dem sie ihn
geführt hat, ist: Er liebt Zara, aber deshalb muss er doch nicht alles
mit ihr mitmachen oder alles teilen. Absolute Harmonie gibt es
nicht, wäre auch reizlos. Die Erotik lebt durch den Unterschied.
Also wird das seine letzte Zigarette sein. Zara kann ihrerseits tun
und lassen, was sie will. Außer mit anderen Männern. Martin
zerknüllt die leere „2000“- Schachtel in seiner sich zur Faust
ballenden Hand.
„Hat mein Koçacun Ärger?“, rät Zara. „Ich werde wieder aufhören.
In Deutschland kaufe ich keine Zigaretten mehr. Wir werden nicht
rauchen. Wir wollen doch Kinder!“
„Ich denke ans Sterben.“
70

„Aji! Das wollen wir ändern!“ Sie drückt ihre Zigarette aus und
schmiegt sich an ihn. Als sie, weit vom Tod entfernt, beieinander
lagen, hielt Martin, in den Wellen der Lust, einen Moment inne,
schaute auf seine hübsche Gefährtin, dieses weibliche Individuum,
das sich nicht kontrollieren lässt, vielmehr frei, vollkommen frei,
ihn verlangt, ihn umschlingt und sich ihm ergeben will. So nimmt
er sie, in ihrer Freiheit, und lässt ihr keine Möglichkeit mehr als in
aller Süße mit ihm vereint zu sein.

Türkisch zu sprechen traut er sich noch nicht. Aber Zara findet ihn
abends beim Lernen.
„Du hast mich die ganze Zeit geliebt“, bemerkt sie.
„Wenigstens deine Sprache wollte ich abends bei mir haben.“
„Ich bring dir jetzt Türkisch bei“, verkündet sie, nahm ihm das Buch
weg und liebte ihn, garniert mit türkischen Vokabeln.
Damit ist Martin seines Versprechens, seiner Verpflichtung zum
Lernen auf das Lieblichste enthoben.
Dafür achtet Zara darauf, ihm beiläufig Vokabeln und
Redewendungen aus dem Alltag beizubringen. Und sie verabreden,
dass sie ihre Kinder zweisprachig erziehen würden: Zara würde
ausschließlich Türkisch mit ihnen sprechen, und Martin würde mit
den Kindern zusammen lernen. - Dass sie ihn überholen würden,
wäre nicht so schlimm, seinen Perfektionismus sollte Martin
bräuchte nicht gut zu reden, es käme vielmehr darauf an, dass er
ungefähr das Thema versteht, und mit den Kindern sollte er
sowieso Deutsch reden.
Martin ist beeindruckt, wie klar und schlau seine Donna alles
geregelt hat, ohne dass er große Opfer bringen soll. Er ist mit allem
einverstanden.

Seine andere Verpflichtung dagegen gilt weiter: Zaras Rauchen zu


tolerieren, selbst aber abstinent zu bleiben. Fast schon bedauert
er, dass Zara ihren Konsum reduziert hat, seit die erste Stange
eingeäschert ist. Denn er hat die Zigaretten-Werbung zum Vorbild
genommen und seine Ansicht zum Positiven umgedreht:
Neuerdings sieht er Zaras Rauchen als Ausdruck ihrer Freiheit, ihrer
Unabhängigkeit an. Ihm ist klar, dass das nur eingebildet ist, aber
warum wollte er sich diese Illusion nicht zunutze machen? Und es
funktioniert: Als Nichtraucher riecht er Zara umso feiner, und er
mag es, ja er begehrt das Arom von Tabak in ihren Haaren, in
ihrem Atem, wenn sie sich küssen.

Die nächste Herausforderung ist nicht so leicht zu bewältigen. Zara


will ein Hochzeitsfest in Kassel, das kurdischen Konventionen
entspricht. Da auf Martins Seite weder Religiösität noch
traditionelle Vorstellungen im Weg standen, stimmt er zu – allzu
unwissend.

Der Streit beginnt mit der Saalsuche. Martin will einen gemütlichen
Raum in einem Restaurant. Das sei viel zu klein, urteilt Zara. Sie
müssten mit 150-2oo Gästen von ihrer Seite rechnen. Es stört ihn
71

nicht, dass er von seiner Seite nur ca. 50 Gästen einlädt, von
denen vielleicht 30 kommen würden. Also insgesamt 200. Vielleicht
würde er dafür noch ein Restaurant finden? Zu teuer, sagt Zara.
Für eine Hochzeit könne man auch eine Turnhalle mieten. Bezüglich
Verpflegung wirbt bzw. erschreckt eine Annonce eines türkischen
Lieferdienstes: Komplettes Menü, z.B. Krautsalat, Köfte und
Mischgemüse ab 2,50 Euro pro Person, inclusive Plastikteller,
Plastikbesteck und Ausgabedienst. – Da könne er seine Gäste auch
billiger wegekeln, faucht Martin. Dasselbe Drama mit Getränken:
Nicht mehr als Wasser, Cola, Fanta, Bier will Zara erlauben, dazu
Plastikbecher. Was er verlangte: Geschirr, Kaffee, Sekt und Wein –
das alles sei zu teuer.
„Dann wird es für uns Deutsche keine Hochzeit sein, sondern ein
Notaufnahmelager!“
„Aber die kommen doch nicht zum Essen, sondern zum Feiern. Wir
schmücken den Saal und haben eine Musikband.“
„Gutes Essen und Trinken sind die Voraussetzung jeder gelungenen
Feier.“
„Nein, das ist das Tanzen. Die meiste Zeit tanzen wir.“
„Deutsche tanzen nicht lang. Sie wollen essen und sich
unterhalten.“
„Zum Unterhalten ist es zu laut.“
„Ich will mich aber mit meinen Gästen unterhalten.“
„Die Gäste kommen nach dem Essen an den Brauttisch und dürfen
sich kurz mit uns unterhalten.“
„Ich will aber nicht am Brauttisch festsitzen, sondern zu den
Gästen hingehen, sie ansprechen und sitzen, wo ich will.“
„Das geht nicht. Wir sitzen gemeinsam am Brauttisch, oder wir
tanzen. Außerdem haben wir noch die Geschenkzeremonie und die
Tortenzeremonie.“
„Viele Gäste von mir werden da sein, die ich lange nicht gesehen
habe. Ich will mich ausführlich mit ihnen unterhalten. Die
Geschenkzeremonie machen wir nicht.“
„Die mag ich auch nicht, aber das muss sein. Und zum Unterhalten
heiratest du doch nicht, Schatz. Das kannst du zu einer anderen
Zeit.“
„Nach dem Phototermin und vor der Lichter-Zeremonie haben wir
doch noch Zeit. Dann können wir wenigstens die Gäste begrüßen.“
„Wir kommen erst später zum Fest, wenn schon alle Gäste da
sind.“
„Nein, wir sind als Erste da. Wer sonst soll die Gäste begrüßen?“
„Die Eltern und Geschwister. Wir kommen eine Stunde später. Die
Gäste müssen auf uns warten.“
„Ich lasse meine Gäste nicht warten. Das ist extrem unhöflich.
Außerdem will ich mich mit ihnen unterhalten. Ich freue mich, sie
alle zu sehen, aber ich darf nicht pünktlich sein? Soll mich nicht
unterhalten, sondern nur mit dir sitzen und tanzen. Soll eine
Stunde meiner eigenen Hochzeit versäumen? Mache ich nicht. Das
ist vollkommener Unsinn!“
72

„Das ist aber so richtig.“


„Und die Gäste kriegen nicht mal Kaffee geboten? Auf den Kuchen
sollen sie wohl auch verzichten?“
„Kuchen für alle wäre zu teuer. Und wenn wir nur für Deutsche
Kuchen anbieten, das geht auch nicht für meine Leute.“
„So, und meine Leute? Die sollen kommen und kriegen keinen
Kuchen, keinen Kaffee, keinen Sekt, kein Brautpaar zu sehen? Das
kann überhaupt nicht sein!“
„Du warst einverstanden mit einer kurdischen Hochzeit. Jetzt willst
du alles anders haben.“
„Ich will, dass meine Gäste auch glücklich werden. Erst nichts
kriegen und dann die unverschämte Zumutung dieser
Geschenkzeremonie. Das ist keine rein kurdische Hochzeit, sondern
eine kurdisch-deutsche Hochzeit. Wir haben auch deutsche
Bedürfnisse zu berücksichtigen. Oder es ist gar keine Hochzeit.“

Die Schmollfalle klappte zu. Sollte damit alles zuende sein?

Georg lacht. „Da hast du jetzt deine Amour fou!“


„Jetzt sag mir doch, dass es nichts wird!“
„Was für eine Hochzeit hast du dir eigentlich erträumt?“
„Ich bin nicht religiös. Ich will nur einfach sitzen und mit meinen
Gästen reden. Nicht dauernd tanzen und vor allem nicht zu spät
kommen.“
- Eine ethnologische Binsenweisheit sei es, sich erstmal über den
Sinn fremder Bräuche zu informieren, selbst wenn man sie für
völlig absurd hält. Im Übrigen: Nun wolle er springen, aber nicht
nass werden? Warum nicht an die paar Sitten anpassen? Gut, nicht
alle deutschen Gäste müssten alles mitmachen. Da sei eben die
Trennlinie. Für seine Gäste habe er zu sorgen. Für sich selber
überlasse er die Sorge der Frau.
„Soll das fürs ganze Eheleben gelten?“
„Natürlich nicht. Nur für ausgewählte Gelegenheiten wie
Hochzeiten, Mode oder Sex. Am einfachsten und schönsten ist es,
wenn du die Frau führen lässt.“
An Sex zu denken hilft ihm weiter – es stimmte ja. In der Mode sind
Diskussionen ebenso überflüssig. Und was die Hochzeit betrifft –
theoretisch ist die Form der Feier irrelevant. Doch das war für ihn
nicht immer so nüchtern anzusehen. Seine jugendlichen
Vorstellungen über seine Zukunft: Damals war ihm die
Konfirmation, das zweithöchste Fest im Leben eines Christen,
heilig. Wie freute er sich, das höchste Fest noch vor sich zu haben:
Die Hochzeit! Wenn er einst mit einer Frau vor dem Traualtar
stehen würde, und mit seiner Braut den Segen bekäme, dann
würde sein Leben den Höhepunkt des Glücks erreichen!
Diesen Glauben an Gott hat er zwar an den Wissenschaftlichen
Materialismus verloren, doch dieses Urbild des kirchlichen Rituals
besaß noch Kraft. Hätte seine Partnerin eine christliche Trauung
gewünscht, so wäre er gerne zu den feierlichen Orgelklängen
73

eingezogen und hätte sich, als ehemaliges Kind Gottes, den


mächtigen, salbungsvollen Worten eines Pfarrers unterworfen.

Martin erwähnt Zara gegenüber seine früheren Hochzeits- Ideale.


„Mein Aşkim, ich wusste gar nicht, dass du ein so romantisches
Herz hast“, sagt Zara erstaunt. „Komm, leg dein Herz in meinen
Schoß!“
Sie hört ihm lange zu, wie er seinen großen, kindlichen
Hochzeitstraum erzählt, und an ihrem Busen nimmt er davon
Abschied.

Nun will er genauer verstehen, was die Hochzeit für Zaras Kultur
bedeutet.

Türkische bzw. kurdische Hochzeiten sind Gewinnveranstaltungen.


Hintergrund ist die Armut. Die Geldgeschenke müssen nicht nur die
Kosten decken, sondern satte Überschüsse abwerfen. Ohne diesen
materiellen Grundstock wäre die Gründung einer neuen Familie in
Kurdistan oft unmöglich. Deshalb sei es Ausdruck der Solidarität,
dass alle, die etwas abgeben können, einen möglichst großen
Beitrag dafür leisten. Traditionell handelte es sich dabei meist um
Tiere (Schafe, Hühner usw.), oder um Goldschmuck, als Reserve für
die Not, da man ihn in der Türkei auch sehr gut wieder verkaufen
kann. Diejenigen, die großzügig schenken, wünschen dafür eine
Anerkennung. Dazu dient die Geschenkzeremonie, bei der alle in
einer Reihe stehen, wie bei einer Beerdigung, die engsten
Familienmitglieder zuerst, danach Freunde, Bekannte und
Unbekannte. Jeder gratuliert dem Brautpaar und gibt sein
Geschenk an den nebenstehenden Moderator, der die Gabe taxiert
und über die Lautsprecheranlage den Namen des Schenkenden
und dessen Geschenk ausruft: Anzahl und Stärke der Goldringe,
Goldreifen, Goldketten, Goldmünzen, sowie die jeweilige Summe
der Banknoten, die wie an einer Kasse in bar abgegeben wurden,
ohne Umschlag oder Beischreiben, auch ohne eine Gegenquittung
außer der öffentlichen Ansage. Je höher der Wert des Schmucks, je
mehr Euro, desto größer der Prestigegewinn für den Schenkenden.
Ohne das Annoncieren würden die Geschenke spärlich ausfallen.
(Nach der Hochzeit werden Rojda und Zara das Bare zählen und
Gratulationsbriefe bestaunen und belachen, die „nur“ 10 oder 20
Euro enthalten – die stammen von Deutschen. Martin wird
schimpfen, doch bevor seine Empörung unversöhnlich zu werden
droht, wird ihn Zara daran erinnert haben: Für Kurden und Türken
sei es peinlich, wenn Eltern weniger als tausende Euro,
Geschwister weniger als hunderte Euro plus Gold, und alle anderen
weniger als 50 bis 100 Euro schenken. Von den Deutschen würden
sie das allerdings nicht erwarten.)

Nun werden die Verhandlungen ruhiger, verständnisvoller. Sie


einigen sie sich auf Kompromisse.
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Wo feiern? Weder im Restaurant noch in der Turnhalle, sondern die


wohlgestaltete Kasseler Hauptmensa, ein modernisierter
Backsteinbau.
Geschenkzeremonie ja, aber möglichst zügig und ausschließlich in
türkischer Sprache; die Deutschen könnten schenken, wie sie
wollen. Aber nicht, was sie wollen. Dafür erstellen sie eine Liste mit
nützlichen Sachen, möglichst detailliert, damit das nicht
schiefginge. (Trotzdem werden sie von den Deutschen zwei
unerwünschte Thermosflaschen und eine überflüssige Teflonpfanne
geschenkt bekommen. Ein Überraschungsgeschenk: Eine
„Rettungsleiter“. Hochinteressiert wird Martin die Beschreibung auf
dem Karton lesen:
„Bricht ein Feuer aus, kann es lebensrettend sein, über einen
zusätzlichen Fluchtweg aus oberen Stockwerken zu verfügen. Die
persönliche Rettungsleiter kann Sie daheim oder auf Reisen im
Ernstfall in Sicherheit bringen. Die patentierte Faltleiter aus
deutscher Produktion nimmt zusammengelegt nicht mehr Platz
weg als ein Aktenkoffer. Der universelle Stahlhaken lässt sich
blitzschnell an jeder stabilen Balkon- oder Fensterbrüstung
einhängen, Stahlseile und Alusprossen ermöglichen den
gesicherten Abstieg aus der gefährdeten Zone.“
„Das ist ganz toll“, wird sich Martin begeistern.
„Aij, die verspotten dich“, wird Zara urteilen; er wird den Karton
aufreißen, statt der Leiter ein Paar Hanteln vorfinden und stöhnen:
„Ich gebe das zurück.“)

Außerdem entscheiden sie sich, den Deutschen zu ermöglichen,


Geld zu schenken, und zwar zweckgebunden für ein Ehebett und
einen großen Schrank. (Zara träumt davon, einen viermetrigen
Kleiderschrank zu füllen; Martin denkt mit Horror daran, wie oft sie
dafür würden shoppen gehen müssen – das Shoppen ist die einzige
seiner Übungen, die nicht klappt.)

Kaffee, nein, Kuchen ja. Zwetschenkuchen - warum, weil ihre Leute


den sowieso nicht mögen, also nur zwei Bleche. Dann zweierlei
Küchen: Sie bestellen 150 türkische Billigessen und 50 Portionen
eines teuren vegetarischen Grünkernmenüs. Aber wie ausgeben?
Kurden wollen bedient werden und bekommen einen befüllten
Teller. Deutsche wollen auswählen, was mittels Büffet am besten
geht. Geht nicht mit Kurden, meint Zara, die würden sich mit
hungrigen Augen die Teller zu voll schaufeln: „Dann reicht das
Essen nicht für alle, und nachher bleibt viel übrig bei denen, die
sich zuviel genommen haben, und es wird weggeschmissen.“ Die
Lösung: Ein Büffet mit Bedienung, die die Portionen ausgibt.
(Tasächlich würde das vegetarische Essen nicht ausreichen, weil
viele Kurden neben dem Fleisch auch Grünkernbratlinge
mitnehmen – und oft angebissen auf dem Teller zurück lassen.)
Zara wünscht, die gesamte Feier mit der Videokamera
aufzunehmen – unnötig und teuer, meint Martin, der lieber einen
Freund damit beauftragen würde, doch Zara ließ sich auf keinen
Dilettantismus ein; sie setzt sich durch. Während der Feier begreift
Martin, warum: Nur gegen gute Bezahlung kann einer sechs
Stunden lang ununterbrochen die ständig spielende Band, den
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immer gleichen Volkstanz, die immer gleichen Leute in minimierter


Handlung filmen. (Wenige Wochen danach, als Zaras Familie das
Video schon ein paarmal gemeinsam angeschaut haben werden –
nachmittags- und abendfüllend-, würden sie auch Martin dazu
auffordern, mitzugucken. „Aber ich bin doch selbst bei der Feier
gewesen. Ich weiß noch alles“, wehrt er ab, und fügt hinzu, um
etwas abzumildern: „Ich gucke das in zehn Jahren.“ - Sie lachen ihn
aus, dass er sich so einen Spaß entgehen lässt.)

Letzter Kompromiss: nur eine halbe Stunde Verspätung beim


Einzug des Brautpaars.

Diese halbe Stunde dauert... Rojda und Dêlal sollten Zara helfen,
sich in das Kleid einzuzwängen, aber sie kommen nicht. Denn sie
müssen erstens frisch beim Frisör gewesen sein, zweitens die am
Vorabend von Martins Brüdern nach römisch-christlicher Ordnung
gestellten Tische nach ihrer Sitte umräumen und umschmücken:
Statt der klassischen Abendmahlsform mit dem Brautpaar in der
Mitte der Stirnseite stellten sie einen einzelnen Brauttisch abseits
von den übrigen Tischen und schräg zur Geometrie des Raumes
auf.
Der Phototermin wird bereits überschritten. Martin, der selber mit
der Krawatte kämpft, sieht sich zudem Zaras Schimpftiraden gegen
die Schwestern ausgesetzt.
„Rojda ist eben genauso narzisstisch wie du“, hält er entgegen.
Glücklicherweise versteht sie seine Bemerkung nicht; statt
nachzufragen, fordert sie ihn auf, ihr zu helfen – ihn, der das
Brautkleid vorher nicht sehen durfte.
„Bei euch ist alles umgekehrt wie bei uns“, scherzt er, „deutsche
Bräutigame pflegen ihre Bräute nicht anzuziehen, sondern
auszuziehen.“
„Bei uns ziehen Männer ihre Bräute niemals an. Wenn ich Rojda
sehe, schreie ich, ich bring sie um, mich so im Stich zu lassen!“
Martin hat solches Mieder nie zuvor angefasst: unzählige
Unterröcke, ein steifer, widerspenstiger Reifrock, Unmengen an
Tüll, noch schlimmer das Korsett mit unsichtbaren, nicht
auffindbaren Verschlüssen. Während Zara hektisch raucht und
kommandiert, schnürt er das Korsett zu tief am Bauch ein, dann zu
hoch, schlüpft unter den Rock, verheddert sich zwischen den
Schichten, „ich muss erst ganz nach nach innen“ meint er und
zupft am Schlüpfer, aber Zara verjagt ihn von dort, treibt ihn an,
nicht mit Trieben, sondern mit dem Verstand zu arbeiten, und
Martin versteht, dass sie erst diese Feier hinter sich bringen
müssen.
(Nicht ahnt er, dass sie in dieser Nacht so viele Logiergäste in ihrer
Wohnung würden aufnehmen müssen, dass -entgegen auch der
kurdischen Sitte- Rojda und Sido gemeinsam mit ihnen in einem
Zimmer schlafen würden.)
Als der Rock endlich sitzt, verlangt Zara nach ihrem Brautstrauß.
Martin hat vergessen, ihn abzuholen. In türkischer Fahrweise kurvt
er zu dem Laden, der zufällig noch geöffnet ist, bekommt das Teil,
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hat sogar Geld zum Bezahlen dabei, und sie hetzen weiter zum
Photostudio.
„Oh, Sie sind gestresst“, stellt der Photograph fest, „so bekommen
wir keine schönen Bilder.“
Für sieben Minuten werden sie zum Entspannen gezwungen – eine
Zigarettenlänge.
„Karicigim“, fragt Martin, „warum willst du mich heiraten?“
„Oh, mau! Meine mavi boncuk sind so tolerant und gucken nicht
mal mehr böse, wenn ich rauche. Und mein Aşkim hat für mich
Türkisch gelernt.“
„Ich will dich küssen“, sagt Martin.
„Darfst du nicht, der Lippenstift.“
„Aber die Zigarette nimmt dir auch Lippenstift weg.“
Zara steckt ihre Zigarette mit der dunkelroten Verfärbung zwischen
Martins Lippen. Er zieht, bläst ihr den Rauch ins Gesicht und küsst
sie.

Endlich, als sie, mit 50 Minuten Verspätung, zu ihrer Feier


aufbrechen wollen, ruft Rojda an, und weist sie an, noch länger zu
warten. Es seien noch nicht viele Gäste eingetroffen.
„Das ist egal“, sagt Martin, „Hauptsache, wir sind da.“
„Nein, der Saal muss erst voll sein. Dann kommen wir.“
„Wir haben das anders verabredet. Jetzt sind wir schon über eine
halbe Stunde zu spät.“
„Nein, wir sind nicht zu spät.“
Der aufflammende Streit muss beendet werden, was tatsächlich
gelingt, indem Zara nachgibt, aber es dauert. Anschließend muss
Zara ihre Schminke erneuern, so dass sie die umstrittene Stunde
noch übertrafen.

Eine kleine, unscheinbare Gunst für Martin bedeutet die Absage


eines Freundes, der sie hätte fahren sollen. Denn Zara wünschte,
dass sie zur Hochzeit chauffiert wurden, Martin will natürlich selbst
den teuer gemieteten Megane-Cabrio fahren, und nun lässt er sich
das nicht mehr nehmen. Das hebt seine Laune beträchtlich, sogar
im Reisregen beim Aussteigen bleibt sie stabil.

Später schenkt Martin selber das Glück aus – das Glück im Unglück
vieler Deutscher. Er hat ein paar Freunde gebeten,
Thermosflaschen und Kaffeemaschinen mitzubringen, hat selber 2
kg „Jacobs“ gekauft, lässt frischen Kaffee kochen, und während
Zara ihren Halai weiter tanzt, erlaubt er sich, herumzustreunen,
um das begehrte Getränk anzubieten und sich beim Füllen der
Plastikbecher ein wenig zu unterhalten. Die meisten Deutschen
leiden unter der lauten Musik. Gespräche sind mühsam. Ältere
Deutsche verziehen sich in ihre Enklave, die Freiterrasse vor dem
Eingang, um sich in Ruhe zu unterhalten.
Martin beschwert sich mehrmals, aber die kurdische Kapelle wird
nicht leiser. Die Musiker wollen auch nicht kürzen. Sie spielen ein
Lied nicht vier oder fünf, sondern zwanzig Minuten lang. Die
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Stücke, die einander pausenlos folgen, sind für europäische


Banausenohren alle gleich.
In Anbetracht all des Leidens, fast des Grolls, schwingt sich Martin
in einer der wenigen Sekundenpausen der Musiker auf die Bühne
und ergreift das Mikrophon. Er spricht leise im Vergleich zum
trommelfellstrapazierenden Moderator. Dieser Moderator
verkündet alles in zwei Sprachen; nur Martins Ansprache übersetzt
er nicht:
„Meine lieben Gäste! Dies ist eine kurdisch-deutsche
Hochzeitsfeier. Da wir nun soviel kurdischen Brauch befolgt haben,
möchte ich auch einmal das deutsche Element einbringen. Die
Deutschen reden. Was reden sie? Am wichtigsten und ganz tief
verwurzelt ist ein aktuelles Thema, über das die Deutschen am
meisten reden: Kritik. Dieser Tradition will ich mich hier
anschließen. Was könnte wichtiger sein als die Kritik? Natürlich der
Dank. Aber zuerst die kritischen Bemerkungen. Wir müssen uns
entschuldigen. Die Verstärkeranlage unserer Kapelle ist kaputt. Die
Musik lässt sich leider nicht leiser stellen. Das ist ganz kritisch,
denn man kann sich kaum unterhalten. Ich bitte um Nachsicht für
diesen Fehler. Außerdem erlaubt das Plastikgeschirr keinen
Essensgenuss. Das geht deshalb nicht anders, weil jemand das
Geschirr spülen müsste.“
Die Deutschen loben ihn dafür, sie haben alles verstanden. Der
kurdische Moderator aber, der ihm das Mikrophon abnimmt, urteilt
mit der doppelten Dezibelstärke: „Das war zu leise. Du musst doch
deutlich reden, hörst du, so versteht es jeder!“

Über die Hälfte der Kurden tanzt ununterbrochen. Andere trinken.


Obwohl kein Raki ausgegeben wird, werden immer mehr Männer
betrunken. Sie haben angeblich nur Cola im Glas. Immerhin
rauchen die Männer offen. Kurdischen Frauen dagegen rauchen
niemals - nur die Frauen-WCs qualmen, wer hat die wohl
angesteckt? Umso mehr Parfüm wird dort verspritzt.
Nicht übertünchen können die künstlichen Duftwolken der Damen
ihre bösen, stinkigen Bemerkungen, die im Toilettenwaschraum
ausgetauscht werden: Gerade diejenigen, die selber den Kontakt
zu Fremden nicht suchen, sondern scheuen, spähen und taxieren
um so neugieriger, nutzen das Stille Örtchen für lästernde
Kommentare über das Äußere der anderen Gäste, die Kleidung,
den Haarschnitt, die Bewegungen beim Tanzen...

Martin hat eigenmächtig Mensatassen entschieden, die guten


Porzellan-Mensatassen auszugeben. So konnte immerhin der
Kaffee genossen werden. Das müssen sie aber selbst abwaschen,
Martin findet Freiwillige zum Spülen und dankt ihnen am
Mikrophon, und er dankte ausführlich allen Helfern, sogar der
Kapelle und bittet um etwas weniger Lautstärke. Die Musiker
setzen ihr Konzert ungemildert fort. Die Deutschen, die anlässlich
der Rede in den Saal gekommen sind, fliehen wieder nach
draußen. Martin bittet einige Kasseler Freunde, von zu Hause mehr
Kaffee und europäische Instrumente zu holen, um egal-was-nur-
irgendwas-anderes zu musizieren!
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Das tun sie auch. Für eine Viertelstunde wird die dröhende
kurdische Schwermut von einer deutschen Katzenjammer-Violin-
Flöteneinlage unterbrochen. Schnell gehen sie zur
Geschenkzeremonie über, an der sich ausschließlich die kurdische
Seite beteiligt. Nur über das Tortenritual lässt sich vermuten, dass
die Torte wirklich allen schmecken würde. Aber nicht jeder konnte
ein Stück erhaschen, Zara sorgt nur dafür, dass jedes Kind ein
Stückchen abbekommt.

Die Feier ist wie eine Öl-Wasser-Mischung: Es mischt sich eben


nicht wirklich. Für wenige Meter vor dem Buffet sind ein paar
interkulturelle, unverbindliche Worte möglich. Dann trennen sich
die Phasen wieder. Manche Deutschen tanzen mit beim Halai, sie
brauchen sich nur einzuhaken und werden aufgenommen. Wer
aber den Grundschritt nicht kann, scheidet schnell wieder aus.

Für die Kurden ist es keine kurdische Hochzeit (zu wenige Gäste, zu
viel Gerede), für die Deutschen symbolisiert nur das weiße
Brautkleid, dass es eine Hochzeit sei. Auch in Kurdistan ist das
weiße Kleid obligatorisch, obwohl es zu keinem religiösen Ritual
getragen wird. Ebenso ist das kurdische Ringtausch-Ritual reine
Form, areligiös und unbegründet wie unsere Osterhasen. Der
traditionelle Rahmen, in dem es stattfindet, ist das Hennafest am
Vorabend der Hochzeit, dessen Zweck es ist, der Braut eine
Plattform für ihre Trauer zu geben. Sie nimmt Abschied vom
Elternhaus, in dem sie ihre letzte Nacht verbringt. Dazu singen alle
Frauen das melancholische Henna-Lied, und unter ihrem Schleier
beweint die Braut ihre Trennung vom Elternhaus. Dann bekommen
die Brautleute einen feuchten Klumpen Henna-Erde in die Hand
gedrückt, ziehen sich gegenseitig die Ringe über die Finger und
bekommen darüber jeweils einen rot ziselierten seidenen
Handschuh, für ein paar Minuten, während das Henna ihre Haut
orange färbt. Ebenso bekommen alle anderen unverheirateten
Gäste etwas Henna ab, die Älteste zuerst, als Symbol, dass sie bald
an der Reihe sei...
Martin und seine Eltern waren die einzigen Deutschen bei diesem
Hennafest. Sie waren auch die einzigen, deren Geduld zur Neige
ging, da die Feier wegen der um zwei Stunden verspäteten Braut
keinen Anfang nahm. Zudem störte es scheinbar niemand anderen,
dass vor der Eingangstür des Lokals Hundekacke lag, die Schuh für
Schuh hinein getragen wurde. Der kurdische Wirt wurde informiert,
tat aber nichts (die anderen hatten in ihrer Euphorie nichts davon
bemerkt; als sie das hinterher erfuhren, waren sie empört).
Schließlich legte Martins Vater einen Fußabtreter über den Haufen,
um wenigstens den Neuzugang zu stoppen. - Einen entsprechend
schlechten, griesgrämigen Eindruck machten die drei, die sich ja
trotzdem bemühten, freundlich und offen zu sein, beim Tanzen
mitzuhalten, aber unwillkürlich fixierten sie die brauen Flecken auf
dem Fußboden, bis sie zur Unkenntlichkeit verteilt waren.
Angemessener war ihre Stimmung, als endlich das Trauerritual
einsetzte. Die Schwestern sangen und weinten, weil sie glaubten,
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dass sie den engen Kontakt zu Zara verlieren würden (was ja allein
die Hochzeitsnacht widerlegen wird!); Martin schloss sich dem
Trübsinn an, Zara jedoch nicht. Sie hat ihr Zuhause schon seit
langem verloren und ist froh, dass sie mit Martin ein neues
bekäme.

Für ihre neue Wohnung wollen sie alles verfügbare Geld


verwenden; aus diesem Grund sah es Martin ein, die Ausgaben für
Kuchen usw. zu deckeln. Ganz recht war es ihm, durch einen Trick
vor dem Kauf eines teuren Goldcolliers davon zu kommen, das er,
nach kurdischer Tradition, seiner Braut zu schenken hätte.
Stattdessen liehen sie sich so ein Teil von Rojda aus, so dass bei
der Geschenkzeremonie der Form genüge getan wird, wenn auch
zum Schein. Auf den Kauf anderer Eheringe verzichteten sie
ebenfalls, begnügten sich mit denen aus Malatya.

Viele Kompromisse ermöglichen diese Hochzeit. Verständnis,


Toleranz und Selbst-Überwindung sind zum Führen dieser
Beziehung notwendig, aber diese Disziplinen würden sich
überstrapazieren und verschleißen. Für den dauerhaften
Zusammenhalt bedarf es eines Emulgators, der der Tendenz zur
Trennung beider Kulturen entgegenwirkt, ohne sich zu
verbrauchen.

Dieser Emulgator offenbart sich in einer Situation, der


Anspannung, Angst, Streit und Chaos vorausgegangen sind – als
das Brautpaar endlich in den Festsaal einzieht:

Arm in Arm paradieren sie, auf dem Weg ihres Glücks, das ihnen
erscheint, wohin sie auch blicken: liebe Freunde und Verwandte,
mit Girlanden und Kerzen eine Gasse bildend, Wunderkerzen
sprühend, zujubelnd, Rosenblüten werfend, begleitet von einem
Flöten- und Trommelkonzert, da löst sich alles in der
Ausgelassenheit, wie in einem Traum hebt Martin den Schleier der
Braut, küsst ihre Stirn, im Beifall von allen Seiten, in
herabregnenden roten Ballonherzen eröffnen sie den Tanz, lachend
winden sie sich, mit diesem langen Kleid, keinen Schritt kann er
tun, ohne darauf zu treten, doch heiter versuchen sie das
Unmögliche, strauchelen, verzagen nicht, tanzen sich hinein in den
Stand der Ehe, mit unregelmäßigen, verpatzten Schritten, doch mit
unerschütterlichem Lächeln tiefster Gewissheit, schwingen sie über
die Falle des Absurden hinweg, gelangen auf die Seite des Humors
und der Freude, vereinigt waren sie das Königspaar, was sie tun, ist
richtig, denn es geschieht entschieden im Zeichen der Liebe.