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sam s tag, 25.

augus t 2007 badische zeitung

magazin
Fette Kohle Schwere Kost Dicke Tropfen
Was dem einen gerade recht, Das Zersplitterte aus der Ferne Er ist oft unvorhersehbar,
erscheint dem anderen zu billig. zusammenfügen – Michael immer wieder unbeherrschbar
Wirtschaftsethiker Josef Wieland Ondaatjes neues Außenseiterepos und im Urlaub unerwünscht:
über den gerechten Lohn. Seite III „Divisadero“. Seite IV Der Regen. Seite VII

Prinzip Hoffnung:
Kongo hat das
meiste Gold
Afrikas – aber den
Schürfern bleibt
davon fast nichts.

Gold macht nicht satt


Vor einem Jahr hat der Kongo gewählt, aber zumindest im Osten des riesigen Landes hat das kaum etwas geändert / Von Roland Brockmann (Text) und Martin Sasse (Fotos)

U nten im Ort klingt ein metallischer Ton


durch die Straßen. Man denkt zunächst
an die Glocke der Missionskirche. Aber
der Klang kommt aus den „Ateliers de
Broyage“ – den Werkstätten, wo Goldgestein pulveri-
siert wird. Es sind schwitzende Männer mit nackten
Oberkörpern in Parzellen aus Maschendraht, be-
genden Industrieminen von „Kilo Moto“. Heute ist
Kilo Moto das Dorado der Einheimischen. In Heer-
scharen ziehen die Goldgräber alltäglich mit Schau-
feln und Schüsseln zu Fuß die drei bis vier Kilometer
zu den riesigen Claims, um knietief im Wasser ste-
hend Gold aus dem roten Lehm zu waschen. Eine
Prozession der Glückssucher, die jeden Morgen auf
und Meißel das poröse Erz abschlagen.
Die Arbeit ist nicht nur hart, sie ist auch gefähr-
lich. „Vielleicht hundert“ Nzengeneurs hat Matata in
den Minen sterben sehen. Immer wieder stürzen
Schächte ein. Aber davor fürchtet er sich nicht. „Das
ist meine Arbeit.“ Angst hat er nur vor den Milizionä-
ren, die seit Jahren um die Vorherrschaft über die rei-
wacht von einem Aufseher: Sie stoßen eiserne Stan- den großen Fund hofft, um am Abend doch nur mit che Region kämpfen.
gen in Metallbottiche, gefüllt mit Steinen. Das zer- ein paar Gramm heimzukehren. 2002 flüchtete Matata mit seiner Frau und fünf
malmte Quarz wird anschließend gesiebt und das Und auch Matata träumt noch immer vom plötzli- Kindern zwei Wochen lang zu Fuß ins 240 Kilometer
übriggebliebene Mineral mit Säure in Kochlöffeln chen Reichtum. Doch er bevorzugt die Schächte tief entfernte Aru, als Lendu-Männer von der „Front des
über Holzkohlefeuer gebunden. Matata sitzt auf der im Inneren der Mine. Seit zehn Jahren schürft er Nationalistes et Intégrationnistes“ (FNI) Mongbwalu
Veranda vom Besitzer des Ateliers und blickt auf die hier. Etwa drei Kilo reinen Goldes hat er bislang ge- eroberten. Später griff die „Union des Patriotes Con-
Waage. Fünf Kilo Gestein hat er in Säcken am Mor- borgen – in Mongbwalu rund 17 000 US-Dollar wert. golais“, eine Miliz des Hema-Volkes, die Lendu an,
gen abgeliefert. Wenn davon jetzt zwei Gramm Gold Das macht knapp fünf Dollar pro Tag, immerhin fast und kurz darauf schlug die FNI-Miliz erneut zurück.
übriggeblieben sind, ist er zufrieden. Matata (32) ist das Fünffache eines durchschnittlichen Einkom- Für Matata, einen Lugbara, sind sie alle gleich: „Gie-
ein „Nzengeneur“ – ein Goldgräber. Und damit ein mens in der DRK. Und Matata arbeitet keinesfalls je- rig auf Gold und ohne Gnade.“ Durch sie wird das
Held, hier in Mongbwalu im entlegenen Osten der den Tag. Dafür sei der Job viel zu anstrengend. Gold zum Gift. 2004 kam auch Matata zurück, aber
Demokratischen Republik Kongo (DRK). Auf dem Bauch liegend robbt er aus dem grellen er hat nie vergessen, wie sich die Menschen damals
Eine Ansammlung aus billigen Buden, an deren Tageslicht durch einen dreißig Zentimeter flachen mit Macheten gegenseitig abschlachteten. Über
Fassaden grelle Reklame prangt: Primus Bier oder Vo- Felsspalt ins Dunkel des Schachts der Ex-Kolonial- Seinetwegen ist im Osten Kongos immer zweitausend sollen allein in Mongbwalu umgekom-
dacom. Seit kurzem gibt es hier ein Mobilfunknetz, macht aus dem Jahr 1948. Von den niedrigen Wän- Krieg: Gold auf der Waage in Mongbwalu men sein. Zehntausende im Distrikt Ituri.
aber seit Jahrzehnten wurde kaum ein solides Gebäu- den tropft Kondenswasser; immerhin, es ist ange- Das hässliche Gesicht des Kongo zeigt sich mittags
de gebaut. Es könnte sich ja herausstellen, dass es auf nehm kühl. Aber aufrecht stehen kann Matata auch in der Bar Grand Escale. Es gehört einem schlaksigen
einer Goldader errichtet wurde, und man müsste es hier nicht. Dem Strahl seiner Taschenlampe entlang wo die Minengesellschaft 1960 aufgegeben hat. An Typen in Zivil, aber mit Military-Hut, der für die örtli-
wieder abreißen. Gold kann hier überall liegen. Man- tastet er sich gebückt durch das endlose Labyrinth. den grauen Wänden schimmert im Schein der Lampe che L’Intelligence arbeitet – den Geheimdienst der
che graben gar in den alten Kolonialvillen, weil sie Vorbei an Abzweigungen, verrosteten Schienenres- schwach das ersehnte Metall. Um das harte Gestein Demokratischen Republik Kongo. Es regnet, die
glauben, die Belgier hätten ihre Häuser stets genau ten der alten Lore und all den Kumpeln, die bereits spröde zu machen, brennt Matata zunächst die mit- Stimmung auf der Terrasse des „Grand Escale“, einer
dort gebaut, wo das kostbare Erz liegt. Doch die meis- Säcke mit Erz aus dem Schacht Richtung Ausgang gebrachte Holzkohle ab. Und verzieht sich schnell schäbigen Bar an der Hauptstraße des Goldgräber-
ten Nzengeneurs zieht es in das Gebiet der brachlie- schleppen. Matata arbeitet am Ende des Tunnels, da, vor den giftigen Gasen. Später wird er mit Hammer kaffs, ist träge. Fortsetzung nächste Seite