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Archäologie der westlichen Slawen

Archäologie der westlichen Slawen

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Archäologie der westlichen Slawen: Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa (Erganzungsbände Zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 61) (German Edition)
By Brather, Sebastian


* Publisher: Walter de Gruyter
* Number Of Pages: 449
* Publication Date: 2009-12-15
* ISBN-10 / ASIN: 3110206099
* ISBN-13 / EAN: 9783110206098



Product Description:

The present volume provides an overview of the present state of knowledge of the archaeology of the Early and High Middle Ages. A comprehensive account is given of the most recent reinterpretations - dendrochronology, interpretations from cultural history and historical modelling. The main focus is on the history of culture, settlement, society and economy of the Western Slavs between the Elbe/Saale and the Vistula. Brief summaries of the historical framework and the history of 'Slavic Archaeology' contextualise these aspects. Access to many detailed questions is provided by a thematically arranged bibliography.



Rezension:

Angesichts eines begrenzten Korpus an Schriftquellen ist jede Beschäftigung mit dem frühen und hohen Mittelalter des östlichen Europa in hohem Maße auf die Erkenntnisse der Archäologie angewiesen. Diese hat in den vergangenen Jahrzehnten in zahllosen Sondierungen, Rettungsgrabungen und teilweise recht umfangreichen Ausgrabungscampagnen immer wieder interessante, mitunter aufsehenerregende Funde und Befunde zu Tage gefördert. Mit zunehmend verfeinerteren Methoden und sich wandelnden Fragestellungen hat sie unsere Kenntnis von der materiellen Kultur der slawischen, baltischen und finnougrischen Völker im östlichen Mitteleuropa und darüber hinaus erheblich erweitert. Eindrucksvolle Ausstellungen wie jüngst "Europas Mitte um das Jahr 1000" (mit einem ebenso voluminösen wie prachtvollen dreibändigen Text- und Katalogwerk; vergleiche Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 50/2001, 457) haben inzwischen auch ein breiteres Publikum mit diesen archäologischen Errungenschaften bekannt gemacht.

Woran es bislang - zumindest in der deutschsprachigen Literatur - hingegen gemangelt hat, war eine konzise, übersichtliche und gut geschriebene Einführung, die in Kenntnis sowohl der älteren grundlegenden Literatur als auch des aktuellen slawisch- und westsprachlichen Forschungsstandes eine Zwischenbilanz der archäologischen Erforschung des frühen und hohen Mittelalters im östlichen Mitteleuropa bietet.

Sebastian Brather hat diese Zusammenfassung nun vorgelegt. Was sie auszeichnet ist nicht nur eine solide, präzise Darstellung der Fakten, sondern auch ein hohes Methodenbewusstsein, das sich unter anderem in einer traditionskritischen Erörterung der Geschichte der 'slawischen Altertumskunde' und ihrer Slawenbilder (Kapitel 1, 9-29) sowie in einer expliziten Darlegung der methodischen Grundlagen (Kapitel II, 31-50) ausdrückt. Die erfreulich nüchtern-vorsichtige Einschätzung der spezifischen Erkenntnismöglichkeiten der Archäologie bleibt ein Grundton auch der weiteren Darstellung. Diese beschreibt nach einer knappen Entfaltung des historischen Rahmens (Kapitel III, 51-87: Herkunft und Einwanderung der Slawen, Merowinger- und Karolingerzeit, westslawische Reichsbildungen, Ostsiedlung des 12./13. Jahrhunderts) 1. die Siedlungsverhältnisse (Kapitel IV, 89-161: Haus, Hof und Dorf, Burgwälle und Befestigungen, Siedlungen 'frühstädtischen' Charakters, hoch- und spätmittelalterliche Städte), 2. die Wirtschaft (Kapitel V, 163-253: Landwirtschaft und Ernährung, Hauswerk und Handwerk, Austausch und Handel) und 3. die Gesellschaft (Kapitel VI, 255-354: Bestattung und Grab, Bevölkerung, Kleidung und Schmuck, Waffen und Kriegführung, Sozialstruktur, Religion und Mythologie). Stets um zurückhaltende Datierungen, eine realistische Einschätzung der 'Repräsentativität' der jeweils vorgestellten Quellen bemüht und mit einer guten Portion berechtigter Skepsis gegenüber 'ethnischen' Deutungen ausgestattet, zeichnet
Archäologie der westlichen Slawen: Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa (Erganzungsbände Zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 61) (German Edition)
By Brather, Sebastian


* Publisher: Walter de Gruyter
* Number Of Pages: 449
* Publication Date: 2009-12-15
* ISBN-10 / ASIN: 3110206099
* ISBN-13 / EAN: 9783110206098



Product Description:

The present volume provides an overview of the present state of knowledge of the archaeology of the Early and High Middle Ages. A comprehensive account is given of the most recent reinterpretations - dendrochronology, interpretations from cultural history and historical modelling. The main focus is on the history of culture, settlement, society and economy of the Western Slavs between the Elbe/Saale and the Vistula. Brief summaries of the historical framework and the history of 'Slavic Archaeology' contextualise these aspects. Access to many detailed questions is provided by a thematically arranged bibliography.



Rezension:

Angesichts eines begrenzten Korpus an Schriftquellen ist jede Beschäftigung mit dem frühen und hohen Mittelalter des östlichen Europa in hohem Maße auf die Erkenntnisse der Archäologie angewiesen. Diese hat in den vergangenen Jahrzehnten in zahllosen Sondierungen, Rettungsgrabungen und teilweise recht umfangreichen Ausgrabungscampagnen immer wieder interessante, mitunter aufsehenerregende Funde und Befunde zu Tage gefördert. Mit zunehmend verfeinerteren Methoden und sich wandelnden Fragestellungen hat sie unsere Kenntnis von der materiellen Kultur der slawischen, baltischen und finnougrischen Völker im östlichen Mitteleuropa und darüber hinaus erheblich erweitert. Eindrucksvolle Ausstellungen wie jüngst "Europas Mitte um das Jahr 1000" (mit einem ebenso voluminösen wie prachtvollen dreibändigen Text- und Katalogwerk; vergleiche Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 50/2001, 457) haben inzwischen auch ein breiteres Publikum mit diesen archäologischen Errungenschaften bekannt gemacht.

Woran es bislang - zumindest in der deutschsprachigen Literatur - hingegen gemangelt hat, war eine konzise, übersichtliche und gut geschriebene Einführung, die in Kenntnis sowohl der älteren grundlegenden Literatur als auch des aktuellen slawisch- und westsprachlichen Forschungsstandes eine Zwischenbilanz der archäologischen Erforschung des frühen und hohen Mittelalters im östlichen Mitteleuropa bietet.

Sebastian Brather hat diese Zusammenfassung nun vorgelegt. Was sie auszeichnet ist nicht nur eine solide, präzise Darstellung der Fakten, sondern auch ein hohes Methodenbewusstsein, das sich unter anderem in einer traditionskritischen Erörterung der Geschichte der 'slawischen Altertumskunde' und ihrer Slawenbilder (Kapitel 1, 9-29) sowie in einer expliziten Darlegung der methodischen Grundlagen (Kapitel II, 31-50) ausdrückt. Die erfreulich nüchtern-vorsichtige Einschätzung der spezifischen Erkenntnismöglichkeiten der Archäologie bleibt ein Grundton auch der weiteren Darstellung. Diese beschreibt nach einer knappen Entfaltung des historischen Rahmens (Kapitel III, 51-87: Herkunft und Einwanderung der Slawen, Merowinger- und Karolingerzeit, westslawische Reichsbildungen, Ostsiedlung des 12./13. Jahrhunderts) 1. die Siedlungsverhältnisse (Kapitel IV, 89-161: Haus, Hof und Dorf, Burgwälle und Befestigungen, Siedlungen 'frühstädtischen' Charakters, hoch- und spätmittelalterliche Städte), 2. die Wirtschaft (Kapitel V, 163-253: Landwirtschaft und Ernährung, Hauswerk und Handwerk, Austausch und Handel) und 3. die Gesellschaft (Kapitel VI, 255-354: Bestattung und Grab, Bevölkerung, Kleidung und Schmuck, Waffen und Kriegführung, Sozialstruktur, Religion und Mythologie). Stets um zurückhaltende Datierungen, eine realistische Einschätzung der 'Repräsentativität' der jeweils vorgestellten Quellen bemüht und mit einer guten Portion berechtigter Skepsis gegenüber 'ethnischen' Deutungen ausgestattet, zeichnet

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08/19/2014

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Welche Rolle Magie, Wahrsagerei und Zauberei im einzelnen spielten, kann
kaum abgeschätzt, jedoch aufgrund von Analogieschlüssen in Umrissen ver-
mutet werden. Dabei sollte man sich aber auf strukturelle Vergleiche be-
schränken und nicht einzelne, von Volkskundlern des 19. Jahrhunderts fest-
gehaltene „Sitten und Bräuche“ in das frühe Mittelalter zurückverlängern.

Religion und Mythologie

332

Gesellschaft

Das Bedürfnis der Romantik nach uralten, reinen Traditionen und Ursprün-
gen hat dazu geführt, daß nur die diesen Ansprüchen (vermeintlich) genügen-
den Überlieferungen aufgezeichnet, umgeschrieben und „rekonstruiert“, mit-
unter auch neu erfunden wurden. Märchen, Sagen und Traditionen reflektie-
ren deshalb vor allem frühneuzeitliche und moderne Vorstellungen, hinter
denen sich mittelalterliche „historische Kerne“ kaum ausmachen lassen, selbst
wenn es sie gegeben haben mag.
Die häufigen und variantenreichen Bodenzeichen auf jenen (jungslawischen)
Gefäßen, die auf einer Töpferscheibe nachgedreht wurden, werden – unabhän-
gig von ihrer möglichen Rolle als Erzeugermarken – im allgemeinen auf magi-
sche, unheilabwehrende Motive zurückgeführt. Apotropäische Wirkung traute
man – neben den erwähnten Statuetten und Beschlägen – wohl auch mond-
sichelförmigen Anhängern (Lunula-Anhänger), Amulettkapseln mit magi-
schen Substanzen (Kaptorgen) und kleinen Glöckchen oder Rasseln (häufig in
Kindergräbern) zu. Offensichtlich schützten diese Amulette vor allem Frauen
und Kinder. Figürliche Ritzungen auf Keramikgefäßen (Schulzendorf [Ado-
rant?], Groß Strömkendorf [?], Wessentin [Pferd mit Reiter], Rerik [Pferd],
Gallin [Wagen], Sternberger Burg [Bogenschütze], Repten [Bogenschütze und
Pferde]), aber auch Darstellungen auf Riemenzungen (Mikul¹ice, aber sla-
wisch?) gehören vermutlich ebenfalls in diesen Zusammenhang.
Vermutlich bevölkerten Dämonen wie in allen bäuerlichen Gesellschaften
die Umwelt. Gute und böse Geister scheinen – bei aller überwiegend regional
geprägten Entwicklung – nicht grundsätzlich unterschieden worden zu sein;
wichtig war vielmehr die jeweilige Wirkung der dämonischen Kraft (bÆs ).
Die ostslawische Mokoš könnte eine Art Fruchtbarkeitsdämonin gewesen
sein. Weitere Einzelheiten entziehen sich unserer Kenntnis. Jeder Vergleich
mit christlichen Vorstellungen von Teufeln und Engeln geht fehl; er verdeckt
mehr, als daß er der Analyse dient. Möglicherweise werden mit den Geistern
auch Vorstellungen vom Weiterleben der Seelen nach dem Tode und also eine
Art Ahnenverehrung greifbar, mithin weitverbreitete (universale) und keine
spezifischen Auffassungen.
Die Mitgabe von meist einem Gefäß in Körpergräbern weist auf Speise-
beigaben und damit auf bestimmte Vorstellungen der Weiterexistenz in einer
anderen Welt hin. Dies gilt ebenso für „symbolische“ Beigaben wie die Kiever
Toneier (pisanki)70

, die als Fruchtbarkeitssymbole interpretiert werden, oder
die Niederlegung eines Obolus (Fährgeld für die Überfahrt ins Jenseits, Weg-
zehrung, Ablöse vom Leben?). Beide Symbole entstammen nicht zwangsläufig

70

Kartierung: Gabriel [Nr. 497] 204 Abb. 39.

333

(direkt oder indirekt) christlichen Vorstellungen, sondern können auch auf
ähnliche pagane Überzeugungen zurückgeführt werden; dabei ist bei identi-
scher Symbolik ein sich verändernder geistiger Hintergrund wahrscheinlich.
Witwenverbrennungen zu dem Zweck, daß der Verstorbene seine (Lieblings-)
Frau auch im „Jenseits“ um sich habe, gehen fast immer auf einen Topos
zurück. Ibn Fa¼lªn schildert für 922 eine derartige Zeremonie bei den Rus’
(d.h. wohl Skandinaviern) an der Wolga für einen „Häuptling“; und al-
Masc

ñdÌ († 956) erwähnt folgende Begebenheit bei den as-Sraba, deren Identi-
fizierung problematisch bleibt: „Die Frauen des Verstorbenen zerschneiden
sich ihre Hände und Gesichter mit Messern, und wenn eine von ihnen be-
hauptet, daß sie ihn liebe, hängt sie einen Strick auf, steigt zu ihm vermittels
eines Schemels empor und umwickelt mit dem Strick fest den Hals; darauf
wird der Schemel unter ihr weggezogen, und sie bleibt zappelnd hängen, bis
sie stirbt. Darauf verbrennt man sie, und sie ist mit dem Gatten vereint“71
.
Auch dies betrifft offensichtlich nur besonders herausgehobene Männer. Alle
anderen Berichte kennen die Witwenverbrennung nur vom Hörensagen und
benutzen sie zur abschreckenden, „verteufelnden“ Beschreibung „heidni-
scher“ Zustände. So behauptete Thietmar von Merseburg (VIII,3), daß vor
der Christianisierung Polens in den 960er Jahren „jede Witwe ihrem Gatten
nach dessen Brandbestattung folgen und sich enthaupten lassen“ mußte; un-
mittelbar daran schließt Thietmar Klagen über das sündhafte Leben in Polen
an. Welche Veränderungen der Vorstellungswelt sich mit dem Übergang von
der Brand- zur Körperbestattung vollzogen, bleibt uns heute gänzlich ver-
schlossen. Daß sich Veränderungen ergeben haben müssen, steht dagegen au-
ßer Frage.

Trepanationen, d.h. bewußt und sorgfältig vorgenommene Schädelöffnun-
gen (Lancken-Granitz, Alt Bukow, Sanzkow, Sixdorf, Mikul¹ice, Usadel), las-
sen nicht nur medizinische Fertigkeiten erkennen, sondern weisen auch auf
– im einzelnen nicht faßbare – magische Vorstellungen hin. Das vollständige
Durchstoßen der Schädeldecke sollte wahrscheinlich der Schmerzlinderung
bzw. Heilung dienen, indem bestimmten Kräften (?) ein freier Weg aus oder
in den Kopf gebahnt wurde. In medizinischer Hinsicht muß dies als eine Art
indirekter Behandlung gelten. Neben diesen „echten“ Trepanationen kommen
auch symbolische Trepanationen vor (Sanzkow), bei denen der Schädelkno-
chen nur angeschabt, aber nicht vollständig durchtrennt wurde. Insgesamt
sind diese Schädelöffnungen sehr selten und auch deshalb in ihrem Stellen-
wert nur schwer einzuschätzen.

71

Zitiert nach Herrmann [Nr. 22²] 218.

Religion und Mythologie

334

Gesellschaft

Die slawischen Mythen enthalten, soweit sie überliefert sind, keine Erzählun-
gen über Leben und Kampf von Göttern. Ebenso fehlen Migrationstheorien,
die von einer „Urheimat“ und der „Inbesitznahme“ des Landes berichteten;
erst gelehrte Quellenkombinationen des späten Mittelalters beschäftigten sich
damit. Bekannt sind lediglich die legendenhaften Ursprünge frühmittelalter-
licher Dynastien wie die der Piasten und der Péemysliden, d.h. dynastische
Sagen. Als literarische Gattung sind „Sagen“, dies muß hier angemerkt wer-
den, eine romantische Erfindung der Gebrüder Grimm. Historische Aussage-
kraft besitzen solche Erzählungen für die Zeit ihrer Entstehung, nicht aber
für jene Zeit, über die sie (angeblich) berichten. Beide bedeutenden west-
slawischen Dynastien gehen Überlieferungen des frühen 12. Jahrhunderts zu-
folge angeblich auf jeweils einen Bauern oder „Pflüger“ (Piast bzw. Pßemysl)
zurück, dem die Herrschaft dank göttlicher Fügung zufiel. Piast bzw. dessen
SohnSiemowit stürzte etwa Ende des 9. Jahrhunderts (so die hypothetische
zeitliche Zurückrechnung bei Annahme eines „historischen Kerns“ der Über-
lieferung) in Gnesen mit Hilfe des Volkes den bösen Herrscher Popiel und
wurde so zum Ahnen eines neuen Herrschergeschlechts (so der Gallus
Anonymus I,1–3), dessen erster historischer Vertreter Fürst Mieszko (etwa
960–992) war.

Pßemysl, dem sagenhaften Gründer Prags, erging es ähnlich. Er heiratete

die weise Libussa72

, eine der drei Töchter des Krok und damit Enkelin des
‡ech, und brachte Ordnung und Wohlstand nach Böhmen (so Cosmas von
Prag I,2–13). Als pflügender Bauer ist Pßemysl auf einem Fresko des mittleren
12. Jahrhunderts in der Rotunde von Znojmo in Südmähren dargestellt. Die
genealogische Reihe der Péemysliden (Pßemysl – Nezamizl – Mnata – Voyn –
Vnizlau – Crezomizl – Neclan – Gostivit) erinnert sehr an die sieben mythi-
schen Könige Roms und verweist damit wohl auf entsprechende Anleihen;
erst der Péemyslide Boéivoj († etwa 888/889) ist als historische Person zu fas-
sen. Diese Genealogien, erstellt in Anlehnung an ebenso legendenhafte west-
europäische Genealogien (Merowinger, Karolinger) und damit Konstruktio-
nen im nachhinein, stehen im direkten Zusammenhang mit erfolgreichen
Herrschaftsbildungen. Sie dienten deren Legitimation und sind nur deshalb
überliefert, weil die jeweilige Herrschaftsbildung dauerhaft gelang. Es handelt
sich bei diesen mythologischen Erzählungen, wie auch beim ostslawischen
„Igorlied“, um hochmittelalterliche Heldengeschichten. Dabei wurden my-

72

Im 19. Jahrhundert wurde Bedéich Smetanas (1824–1884) Oper Libussa (1871/1872) zur
tschechischen Nationaloper, die 1881 und 1883 jeweils bei der Eröffnung des Prager Na-
tionaltheaters gespielt wurde.

335

thische und magische Elemente, Wandersagen und gelehrte Reminiszenzen
miteinander verquickt. Die gelehrte Redaktion verknüpfte mehrere Erzählun-
gen nicht allzu „organisch“. Das etwaige Vorhandensein eines „historischen
Kerns“ dieser Erzählungen und dessen Kern sind seit langem umstritten; die
Suche danach stellt wohl eine falsch gestellte Frage dar.
Von den Mährern ist eine eigenständige Sagenbildung nicht überliefert.
Lediglich mit dem altmährischen Fürsten Svatopluk wurden einige Wander-
sagen verknüpft, die historische Tradition jedoch in eine böhmische verwan-
delt. Mögliche dynastische Traditionen der zahlreichen westslawischen duces
haben sich nicht einmal in Spuren erhalten. Historisch-dynastische Sagen
können – mit einigen methodischen Bedenken – vielleicht für Pommern er-
schlossen werden. Das sich auf diese Sagen stützende Wir-Bewußtsein wurde
wesentlich von den Angehörigen der Oberschicht getragen. Nicht zu fassen
sind in den Quellen dagegen ethnische Bewußtseinsbildungen.
Einer gelehrten polnischen Konstruktion des 14. Jahrhunderts verdanken
auch die drei Brüder Lech, ‡ech und Rus, die Polen, Böhmen und Rußland
unter sich aufteilten, ihre Existenz. Ihr Vater Pan (mit der westslawischen
Bezeichnung für den Herrn [pan] gleichgesetzt) hätte dem Land Pannonien
seinen Namen gegeben. Diese Genealogie stellt – ebenso wie eine weitere
Variante der Großpolnischen Chronik mit dem Heros eponymus Slavus – den
Versuch dar, eine Genealogie aller Slawen zu schaffen. Sie hatten ihre größte
Zeit daher nicht im Mittelalter, sondern im Rahmen romantisch-nationaler
Bewegungen des 19. Jahrhunderts. ‡echbzw. Bohemus blickte, so bereits
Cosmas im frühen 12. Jahrhundert, einst vom Berge Ríp (Georgsberg) auf das
in Besitz zu nehmende Land (Böhmen) – genau so, wie einst Moses vom Ber-
ge Nebo das gelobte Land schaute (5. Mose 34,1–4). Als Kulturheros nahm er
für sein Volk das unbewohnte Land in Besitz. Die hochmittelalterliche Apo-
strophierung Péemysls und Piasts als „Pflüger“, ebenfalls ein verbreitetes Mo-
tiv, geriet im späten Mittelalter zur Geringschätzung. Bäuerliche Herkunft der
Dynastien war zum Makel geworden. Insgesamt erscheinen diese Mytholo-
gien nicht als spezifisch slawisch, sondern allenfalls als europäisch. Diese
Erzählungen lassen sich eher als historische Traditionen denn als Mythen
bezeichnen; sie überliefern nicht tatsächliche Entwicklungen, sondern das
Bild, das man sich zu bestimmten Zeiten davon machte.

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