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GURU PADMASAMBHAVA

Herausgegeben, kommentiert
und mit Übungsanweisungen versehen
von Karl Scher er

Mit einem Vorwort von


Michael von Brück und einem Nachwort von
Chhimed Rigdzin Rinpoche

KÖSEL
DEM ÜBERLEBEN
DES TAPFEREN TIBETISCHEN VOLKES

MÖGEN MITGEFÜHL UND


WEISHEIT SIEGEN!

Mit 12 Abbildungen aus tibetischen Tankas - aus der Sammlung von Karl
Scherer, Freiburg i.Br.

ISBN 3-466-20439-9
© 1998 by Kösel-Verlag GmbH & Co., München
Printed in Gernrany. Alle Rechte vorbehalten
Druck und Bindung: Ebner, Ulm
Umschlag: Elisabeth Petersen, München
Umschlagmotiv: Ein tibetischer Tanka aus der Sammlung von Karl Scherer
- mit dem Guru Padmasambhava (Mitte), den 3 Buddhas Amitabha,
Samantabhadra, Amitayus (oben), dem Abt Shantarakshita (unten links)
und dem König Trison Detsen (unten rechts)

1 2 3 4 5 • 02 01 00 99 98

Gedruckt auf umweltfreundlich hergestelltem Werkdruckpapier


(säurefrei und chlorfrei gebleicht)
W U R Z E L N D E S E R W A C H E N S (Michael yon Brück) 7

E I N F Ü H R U N G DES H E R A U S G E B E R S 11

BEMERKUNGEN ZUR ÜBERSETZUNG 11


DANKSAGUNG 17
GURU PADMASAMBHAVA UND SEINE ZEIT 20
Padmasambhava - Leben und Legende 20
Der Buddhismus in Tibet bis Ende des
8. Jahrhunderts 29
Die Übertragung der Lehren 52

DIE GEHEIMEN UNTERWEISUNGEN DES

AUF DIE FRAGEN DES NYANG WEN TIZING ZANGPO 61

Grundlegende Anweisungen 67
Das große Geschenk 71
Tod und Vergänglichkeit 82
Das Gesetz von Ursache und Wirkung 90
Mitgefühl 97
Was du brauchst 101
Der Glaube 103
Die Hindernisse auf dem Weg 106
Fragen zur Geheimlehre 135
Das Göttliche in uns 140
Der tantrische Weg der Visualisierung 145
Stufen und Pfade des buddhistischen Weges 150
Opfer und Visionen - ein Spiel des Geistes 155
Letzte Anweisungen 160
Essenz 164

DER WUNSCHERFÜLLENDE BAUM 169

DIE KURZE FASSUNG DER LEBENSGESCHICHTE DES


LOTUSGEBORENEN GURU

von Orgyen Chogur Lingpa 169

ANHANG 207

Nachwort des Herausgebers 207


Nachwort von. S.E. Khordong Lerchen Tulku
Chhimed Rigdzin Rinpoche 216
Anmerkungen 224
Bibliografie 234
Glossar 236
ZUM GELEIT

Der Text Guru Padmasambhavas, der in diesem Band erstmals


in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht wird, ist im dop-
pelten Sinne ein Wurzel-Text: er ist die Wurzel für die Heraus-
bildung einer Tradition des Geistestrainings, die noch heute
gepflegt und authentisch überliefert wird, und er reicht bis an
die Wurzeln der geistigen Erfahrung heran, zu der jeder Mensch
reifen kann, der sich auf den Übungsweg nach den hier vorge-
tragenen Anleitungen begibt.
Der Buddhismus und ganz besonders der Tibetische Bud-
dhismus haben in den letzten Jahrzehnten ein lebhaftes Echo
in der westlichen Welt ausgelöst, ja, es ist zu einer Begeisterung
für tibetische Riten, Übungswege, Kunstwerke und Schriften
gekommen. Dies ist kein Zufall. Wie kaum eine andere Religion
ist der Buddhismus darauf ausgerichtet, praktikable Wege zu
beschreiben und Übungen zu empfehlen, durch die der Mensch
selber erfahren kann, wer er ist und was - hinter dem Schleier
von Vermutungen, Projektionen, Begriffskonstruktionen und

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Irrtümern - das Bewusstsein eigentlich darstellt. Der Mensch
auf der Suche nach sich selbst, inmitten von Wertewandel,
Unsicherheit, Leiden und Ängsten, das ist die Ausgangssituation,
aus der heraus Karl Scherer den alten Text Padmasambhavas
für heutige Menschen kompetent und einfühlsam neu interpre-
tiert.
Es geht dabei in diesem Buch nicht um äußeres Verstehen
oder historisches Vergleichen, sondern um eine geduldige An-
eignung von Texten, mehr noch, um einen möglichst unver-
stellten Umgang mit spirituellem und psychologischem Wissen,
das zur Zeit der Einführung des Buddhismus in Tibet ebenso
bedeutungsvoll war wir heute. Ganz gleich, ob sich heutige
Menschen als Christen, Buddhisten, Nicht-Gläubige oder als
etwas anderes bezeichnen - jeder muss fragen, was denn solche
Einordnungen genau besagen, was eigentlich hinter jedem »is-
mus« steht, ob die eigene Lebenseinstellung (oder Religion) nur
mit vielen Worten eine innere Leerheit verschleiert, oder ob wir
wirklich versuchen, den Idealen der alten Meister nachzufolgen
und unser Leben entsprechend zu gestalten? Im Bewusstsein der
Vergänglichkeit aller Dinge, angesichts der Frage nach der Be-
deutung des Lebens, des Leidens und des Todes, stellt sich jedem
Menschen irgendwann die Frage: Wer hin ich? Und: Was mache
ich aus meinem Leben?
Wie sehr doch die Menschen einander ähnlich sind, auch
wenn sie äußerlich heute so anders leben als die damaligen
Inder und Tibeter (oder Juden und Griechen), ganz unter-
schiedliche Sprachen sprechen, verschiedenen Religionen an-
gehören und mit anderen Traumbildern umgehen! Und wie
ähnlich die Hindernisse auf dem Weg des Erwachens und der
geistigen Reifung sind - Projektionen, Selbstbehauptung, Stolz,
Trägheit, Ungenauigkeit. Kurz: das Uralte erweist sich als das
ganz Frische!

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Nur einige Sätze Padmasambhavas seien hervorgehoben:
»Erweckt jeden Augenblick den Geist der Erleuchtung und des
Mitgefühls für alle Wesen. Würden die Menschen das tun, dann
würden sie unermüdlich für das Wohlergehen ihrer Mitmenschen
und die Rettung unserer Umwelt arbeiten.« Denn in der Medi-
tation erfährt man, dass diese »Umwelt« in Wirklichkeit »Mit-
welt« ist. Die kontemplative Versenkung nach innen ist nicht
der Gegensatz, sondern die notwendige Kehrseite der liebevoll-
aktiven Tat nach außen! Wie sehr solche Sätze aus der tibetischen
Dzogchen-Tradition dem chinesischen Ch'an (Zen) gleichen!
Und das nicht nur, weil es enge historische Verbindungen
zwischen Ch'an und Dzogchen im 1.18. Jh. n.Chr. gab, sondern
weil die Welt des Geistes eine ist. Und: ist denn die Haltung
Jesu, seine Einsicht in die Einheit von Gottes- und Menschenliebe
etwas völlig anderes? Die Sprache ist anders, die Bilder und die
Vorstellungen, gewiss. Doch die Grunderfahrung ist zumindest
ähnlich.
Aber ähnlich ist auch die stumpfe Gedankenlosigkeit, in die
wir immer wieder zurückfallen können, damals wie heute. So
schreibt Padmasambhava: »Die Menschen schauen nicht auf ihre
Wahre Natur, die immer Eins ist, und deswegen glauben sie,
besser zu sein als ihre Mitmenschen, und sind daher ständig
eifersüchtig auf alle anderen. Die Menschen lesen wenig Wert-
volles, zerstreuen sich, meditieren weder regelmäßig, noch gehen
sie die Neun Stufen des Weges. Daher können sie auch nicht
das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden.«
Gewiss, der Übersetzer hat sich nicht zuallererst um die
philologisch übliche Wiedergabe der Texte, sondern vor allem
um eine kongeniale Nach-Dichtung bemüht, die den Geist der
Texte lebendig macht. Aber ganau darauf kommt es an, wenn
die Texte aus der Vergangenheit lebendige Anleitung werden
sollen. Und dieser Anleitung bedürfen gerade heutige Menschen,

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die sich so schnell vom Konsum in der Gegenwart verwirren
oder von der Angst vor der Zukunft lähmen lassen. Denn: »Die,
die ihr Leben für Nichtigkeiten vergeuden, sind zu bedauern.«
Besonders eindrucksvoll ist die »Meditation« über die Dank-
barkeit. Dankbarkeit nicht als höfliches Echo des Ich, das sich
auch noch im Akt des Dankens selbst bestätigen möchte, sondern
als ein Mit-Atmen mit den Elementen, aus denen wir bestehen,
mit der Luft, die durch uns hindurchgeht und die wir weitergeben
an andere Lebewesen. Dankbarkeit als unmittelbare Erfahrung
der gegenseitigen Abhängigkeit aller Dinge, Lebewesen und
Menschen ~ Dank für den Regentropfen auf der Fensterscheibe,
für die freundliche Geste, mit der die Verkäuferin das Brötchen
über den Ladentisch reicht, für das Zwitschern des Vogels vor
dem. Fenster und für die funktonierende Stromversorgung im
Haus. Dank auch für einen Text wie diesen, für den Meister,
der ihn verfasst hat, für den Herausgeber, der ihn vermittelt, für
den Verlag, der sich um den Druck bemüht, für den Leser, der
bereit ist, Herz und Augen zu öffnen. Wer sich in dieser Weise
bewusst auf die kleinen Dinge des Alltags einlässt, wird beglückt.
Wer in dieser Freude seine Tage gestaltet, strahlt Frieden aus.
Und wer Frieden ausstrahlt, findet Frieden. Wer aber Frieden
gefunden hat, stiftet Frieden. Darum geht es.
Der Geist, den Padmasambhava erwecken möchte, ist ein
Geist des Erwachens. Erwachen ist eine Erfahrung von Aufer-
stehung. Möge das Buch nicht nur zur Lektüre, sondern zur
Lebensübung dienen.

München, Ostern 1998 Michael von Brück


BEMERKUNGEN
ZUR ÜBERSETZUNG

Als mir im April 1987 im Kloster Shechen Ling in Kathmandu


Matthieu Ricard im Auftrag von S. H. Dilgo Khyentse, dem 1991
verstorbenen Oberhaupt der Nyingma-Schule des tibetischen.
Buddhismus, die englische Übersetzung des hier vorliegenden
Textes Die Fragen des Nyang Wen Tingzin Zangpo überreichte,
hatte ich keine Ahnung, welchen Schatz er enthielt. Als ich ihn
jedoch in meinem Zimmer zu lesen begann, ergriff mich große
Freude, ja sogar wilde Ausgelassenheit.
Über die Kluft der Jahrhunderte hinweg zeigt der Text nicht
nur alle Stufen und Stadien des spirituellen Weges, sondern auch
alle Hindernisse und Schlaglöcher, denen jeder auf dem spiri-
tuellen Weg begegnet, zusammen mit den jeweils passenden
Lösungen, die mir praktisch, verständlich und einsichtig erschie-
nen. Mir wurde klar, dass hier ein Kompendium der Bedingungen
spiritueller Übung vorlag: Ein kurzes aber inhaltlich unglaublich
umfassendes Handbuch dieses Weges, mit diagnostischem und

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therapeutischem Wissen über seine Fallen und Barrieren und
deren Überwindung, das der große Meister Padmasambhava im
8. Jh. in prophetischer Weitsicht formuliert und zur Wiederentdek-
kung in unserer Zeit verborgen hatte.
Natürlich wollte ich meine Freude mit anderen teilen und
versuchen, diesen Schatz auch einem weiteren Kreis von Inte-
ressierten zugänglich zu machen. Es war mir klar, dass in der
vorgelegten Fassung nur ein kleiner, ausgesuchter Kreis Zugang
zu diesem Text finden konnte. Es müsste doch möglich sein,
dachte ich mir, die Essenz dieser Aussage sehr frei in eine moderne
Sprache und auf zeitgemäße Probleme bezogen zu übertragen,
um damit den mittlerweile sehr groß gewordenen Kreis von
Wahrheitssuchenden Menschen im Westen anzusprechen.
Ich empfinde bis heute große Dankbarkeit, wenn ich an
Dilgo Khyentse Rinpoches Verständnis und Mitgefühl für meine
Situation zurückdenke. In Retreats, Seminaren und Eserzitien
arbeite ich vor allem mit Menschen, die sich bewusst keiner
Religion und keiner Richtung ausschließlich verschreiben wol-
len. Obwohl sie jeder organisierten Religiosität misstrauen, su-
chen sie dennoch eine direkte Erfahrung ihrer Wahren Natur
und hungern nach gelebter Spiritualität.
Nur mit dem Segen eines Meisters wie S.H. Dilgo Khyentse,
der von anderen Meistern als Manjushri, dem Bodhisattva der
Weisheit selbst, angesehen wurde und als eine Wiedergeburt
von Vimalamitra gilt, konnte dieses Projekt gelingen.
Ein vollendeter Meister wie er konnte mit seinem allumfas-
senden Mitgefühl das universell Gültige jenseits der Grenzen
der eigenen Tradition sehen. So ermächtigte er mich nicht nur,
seine mündlichen Unterweisungen in einem westlichen Kontext
zu vermitteln, sondern auch, diesen Text in eine säkulare Sprache
zu übertragen, die versucht, auf buddhistische Fachwörter und
Begriffe aus dem Tibetischen und dem Sanskrit zu verzichten.

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Ich habe z.B. den in buddhistischen Texten häufig in Sanskrit
beibehaltenen Grundbegriff »Dharma«, der ansonsten gerne mit
»Lehre«, »Gesetz« oder »Ordnung« übersetzt wird, auf seine
tiefere Bedeutung hin untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass
der Dharma die Lehre von der natürlichen Ordnung der Dinge,
wie sie in Wahrheit sind, ist. So habe ich je nach Satzzusam-
menhang »Dharma« entweder als »Wahrheit« übersetzt, wenn
die natürliche Ordnung der Wirklichkeit oder als »Weg der
Wahrheit«, wenn die Lehre und Praxis dieser Ordnung gemeint
war. Den Dharmakaya habe ich als »das Absolute« bezeichnet,
da dies meiner Ansicht nach am ehesten der ungeschaffenen
Natur der Wirklichkeit in unserem Sprachgebrauch entspricht.
Den »Sangha« bezeichne ich konsequenterweise dann als die
»Gemeinschaft der Weggefährten«. »Lama« oder »Guru« habe
ich einfach als »Lehrer« übersetzt, außer im Fall von Padmasamb-
hava selbst, wo ich den Titel als Teil des Namens beibehalte.
Der Wortstamm von Lama deutet zwar im Tibetischen darauf
hin, dass es nichts Höheres gibt, und analog schwingt in Sanskrit
beim »Guru« die Bedeutung von etwas sehr Gewichtigem mit,
aber beide Begriffe sind im deutschen Sprachraum in der allzu
großen Sektenhysterie negativ belastet oder unerträglich bana-
lisiert. Da selbst der archetypische Guru Padmasambhava von
den Tibetern »Lopön Rinpoche« also »kostbarer Lehrer« genannt
wird, halte ich diese Übersetzung für ausreichend.

Kritischer könnte meine Übersetzung von »Yidam« als


»Aspekt des Göttlichen« aufgenommen werden und mir den
Vorwurf einbringen, theistisches Gedankengut einzubringen. Ich
habe mich jedoch in diesem Fall mehr an der Sanskritform
»Deva« orientiert, was im Hinduismus zwar »Gott« im Sinn der
griechischen Olympier bedeutet, in der buddhistischen Sicht
aber eine mitfühlende Erscheinungsform der leeren Buddhanatur
ist. Darüber hinaus finde ich kein anderes Wort, das die tiefen

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religiösen Empfindungen der praktizierenden Yogis und des
einfachen Volkes deutlicher ausdrückt. Denn die kontemplativen
Visualisations- und Mantraübungen sind zwar fest in der bud-
dhistischen Sicht der Leerheit aller - auch göttlicher - Erschei-
nungen gegründet, jedoch in der Praxis kaum von der theisti-
schen Heilsgewissheit z.B. der katholischen Kirche und ihrer
Marienverehrung oder dem Heiligenkult zu unterscheiden.
In diesem Zusammenhang führt Eva Dargyay in ihrer Studie
über das Kun-byed rgyalpo (»Der alles erschaffende König«),
einem wichtigen Tantra der Nyingmaschule aus:
»Er ist der Eine am Anfang und am Ende des Universums.
Er ist immanent in allen vorhandenen oder entstandenen Phä-
nomenen, und zur gleichen Zeit jenseits aller Phänomene. Er
existierte vor allen Buddhas und allen vergänglichen Erschei-
nungen. Sein Gefolge sind die Spiegelungen seiner eigenen Natur
und beinhalten die ganze geschaffene Welt..., die Vajrayanatra-
dition formulierte ein philosophisch genau definiertes Konzept
des Absoluten in theistischer Sprache..., dieses Bild des Absoluten
ist in Übereinstimmung mit dem Grundgedanken der Yogachara-
schule, die sagt, dass der Geist die Nabe des Universums ist.«
Diese Haltung wird zwar von John Reynolds kritisiert - er
führt aus, dass nach den mündlichen Unterweisungen tibetischer
Lamas dieser »König« der ungeschaffene Urzustand des Indivi-
duums selbst ist und der Begriff König nur als Indiz für die
Priorität dieser »Natur des Geistes« (übet, sems-nyid) vor allen
Phänomenen zu verstehen ist - aber eigentlich besteht hier kein
Widerspruch. Schon immer haben Mystiker aller Schulen ver-
kündet, dass das Absolute und ihr allerinnerstes Sein von der
gleichen Natur seien.
So möchte ich betonen, dass ich, wenn ich die visualisierten
Yidams gelegentlich als archetypische Formen des Göttlichen
bezeichne, damit nicht die C.G. jung'schen Urbilder des kollek-

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tiven Unbewussten meine, sondern die Manifestationen des
erwachten Geistes in symbolischen Formen.
Letztendlich ist es das Feuer der meditativen Erfahrung im
Schmelztiegel unseres Geistes, die das persönliche Innerste und
die überpersönliche Manifestation des Göttlichen verschmelzen
lässt.
Meine Absicht bei der Übersetzung war vor allem die, eine
Tür zu diesem geheimen. Reich öffnen zu helfen, das in Wahrheit
die Natur unseres eigenen Geistes ist.
Religionswissenschaftler und Tibetologen werden auch ak-
zeptieren können, dass der Wert dieser Aussagen den Horizont
einer Festlegung auf ein Jahrhundert oder auf eine Schule
überschreitet. Natürlich hängt die Form und die Gestalt einer
Aussage von dem Boden ab, auf dem sie gewachsen ist, und so
ist die Klarheit und Prägnanz dieses Textes sicher ein Ergebnis
buddhistischer Sichtweise. Die Wahrheit selbst geht jedoch jeden
Menschen an, wie Padmasambhava selbst sagte, und liegt immer
jenseits jedes »...ismus«.
Ich habe mich bemüht, die authentische Aussage dieses
Textes in heute verständliche Formulierungen zu fassen und
dabei die bildhafte und lebendige Sprache des Urtextes zu
erhalten, während ich gleichzeitig die in der Symbolik des
esoterischen Buddhismus verschlüsselte Weisheit so frei und
direkt wie möglich auszudrücken versucht habe.
Der eigentliche Wurzeltext wurde dabei durchgehend in
größeren Typen abgedruckt. Auf den Text folgen meine Kom-
mentare, die es dem modernen Leser zusätzlich erleichtern sollen,
den Bezug zu seiner Alltagsrealität herzustellen und die Ori-
ginaltexte zu meditieren.
Stellenweise habe ich hier versucht, Querverbindungen zu
Entwicklungen in der heutigen spirituellen Szene herzustellen.
Auch wenn im. großen Feld des New Age in einer enthusiastischen

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Aufbruchsstimmung häufig gemeint wird, alles neu und besser
machen zu können, zeigt sich gerade bei den bekannt gewordenen
Fehlentwicklungen und am Scheitern gut gemeinter Ansätze,
dass es an Kenntnis der universell gültigen Gesetze des spiritu-
ellen Weges, wie sie die alten Traditionen überliefern, zu mangeln
scheint.
Hier zeigt sich auf das Deutlichste das prophetische Genie
Meister Padmasanibhavas, denn viele der Aussagen könnten nicht
aktueller sein, wenn sie ein Zeitzeuge formuliert hätte. Dieser
Schatz prophetischer Unterweisungen ist keine theoretische
Schrift, sondern die geheimen mündlichen Unterweisungen des
Guru Padma an seine engsten Schüler, um die Lehre in unserer
Zeit zu erhalten. Es handelt sich um höchst konkrete Meditati-
onsanweisungen und Lebensregeln. Wo sich dies nicht deutlich
erkennen lässt, sondern implizite vorausgesetzt wird, habe ich
mich bemüht, die entsprechenden Meditationen und Übungen
in zeitgenössischer Sprachform in die Kommentare einzufügen.
Wir haben in diesem Werk alle Anweisungen für die erfolg-
reiche eigene spirituelle Übung - ein wahrer Schatz!
Meine Absicht war, durch die Kommentare das ungeheure
Know-how dieses Textes lebendig zu machen, damit er als
konkrete Anleitung im täglichen Leben genutzt werden kann,
auch wenn selbstverständlich für alle höheren Meditationen und
Übungen des Vajrayana der Segen und die Begleitung eines
autorisierten Lehrers notwendig sind. Mit der fortscheitenden
Verbreitung des Buddhadharma im Westen ist dies heute zum
Glück für jeden möglich.
Von der Idee zu ihrer Umsetzung dauerte es jedoch seine
Zeit und viele Einzelschritte und Unterstützung waren nötig.

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DANKSAGUNG

Mein größter Dank gilt Dr. Matthieu Ricard (Gelong Könchog


Tenzin), der mir die englische Rohübersetzung zur Verfügung
stellte und über die Jahre ein guter Freund wurde.
Dr. Paul Köppler, der sich als Vorstand des Vereins »Bud-
dhismus im Westen« und als Übersetzer buddhistischer Texte
verdient gemacht hat, half bei der ersten Fassung des Manu-
skriptes und unterstützte meine Versuche - durch Vergleiche
mit der Urbedeutung im Pali-Kanon -, den tiefen Bedeutungs-
inhalt buddhistischer Begriffe in zeitgenössischen Ausdrücken
wiederzugeben.
Ulrich von Schroeder danke ich für die großzügige und
prompte Hilfe bei vielen Fragen bezüglich historischer Einord-
nung. Kerstin Domier schließlich betreute das Manuskript in
mehreren Phasen mit kritischem Engagement und besorgte die
Erfassung am PC. Ohne ihre andauernde Anteilnahme und
Unterstützung wäre das Projekt nie zum Abschluss gekommen.
Prof. Michael von Brück war so freundlich, das Manuskript
zu sichten, viele wertvolle Anregungen zu geben und ein Ge-
leitwort zu schreiben. Für seine Hilfe danke ich ihm herzlich.
Besonders dankbar bin ich für das Nachwort von Chhimed
Rigdzin Rinpoche. Er ist ein echter Experte der Termaliteratur,
da er selbst als der Khordong Therchen Tulku die Reinkarnation
eines bedeutenden Tertöns und ein zeitgenössischer Finder
solcher Schätze ist.
Wie man die zeitlose Wahrheit des Buddhadharma in deut-
scher Sprache ausdrücken kann, erlebte ich bei der Zen-Meisterin
Dharma Prabasha Roshi. Ihre Gabe, die unsagbare Erfahrung
der Nicht-Dualität durchklingen zu lassen, war mir eine bestän-
dige Inspiration.

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Mein Dank gilt auch S.E. Dzongsar Jamyang Khyentse Rin-
poche, der selbst jederzeit traditionelle Gepflogenheiten durch-
bricht, wenn die zeitlose Wahrheit auf überraschende und intui-
tive Weise vermittelt werden muss, um frisch und lebendig zu
bleiben, und der mich immer wieder ermutigt hat.
Ohne die Übertragungen und Ermächtigungen des Konchog
Chidu-Zyklus von Jatshon Nyingpo durch S.H. Dilgo Khyentse,
Shechen Rabjam Rinpoche und Thrangu Rinpoche wäre ich der
Essenz dieses Textes nie näher gekommen. Ihnen bin ich für
immer dankbar und aufs Tiefste verbunden.
Unschätzbar wertvoll ist der Segen von Khyabje Trulshik
Rinpoche. Das von ihm anläßlich der Veröffentlichung verfasste
vierzeilige Wunschgebet schließt den Leser direkt an den Se-
gensstrom der gesamten Übertragungslinie von Guru Rinpoche
bis heute an.
Tulku Pema Wangyal danke ich für seine prompte Hilfe bei
der Übersetzung.
Dennoch hätte ich dieses Buch nie in Angriff genommen,
wenn mich nicht die Teilnehmer der von mir geleiteten Retreats,
denen ich das Manuskript in verschiedenen Rohfassungen vor-
legte, durch ihr enthusiastisches Interesse dazu bewegt hätten.
Ich hoffe, dass dieser Text in der vorliegenden Form jeden,
der mit ihm in Berührung kommt, an sein wahres und eigentliches
Ziel erinnert. Möge dieser kostbare Schatztext jedem, der sich,
ungeachtet seiner religiösen und geistigen Anschauung, auf
diesen Weg begibt, Landkarte, Reiseführer und geistige Nahrung
zugleich sein.
Auf Empfehlung von Shechen Rabjam Rinpoche, dem Dhar-
maerben von S.H. Dilgo Khyentse und Abt der Shechen Klöster
in Boudhanath und Osttibet wurde den Fragen des Nyang Wen
Tingzin Zangpo noch der Text »Die kurze Fassung der Lebens-
geschichte des Lotusgeborenen Guru« aus dem Chogyur Tersar

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angefügt. Auch dieser Text ist ein »verborgener Schatz«, der im
19. Jh. von Chogyur Lingpa wiederentdeckt wurde.
Wer diese visionäre und poetische Biographie wiederholt
liest, erhält von Guru Padma selbst den Segen, alle äußeren und
inneren Hindernisse auf dem Weg rasch zu überwinden und
wahre Errungenschaften zu erlangen.
Da dieser Text für die Rezitation durch eine Sangha oder
einen Yogi gedacht ist, wurde er so nahe am Original und. so
wortgetreu wie möglich übersetzt. Um den mantrischen Klang
des tibetischen Textes zu erhalten, wurde hier bewusst auf die
Übersetzung von buddhistischen Fachwörtern verzichtet. Im
Vertrauen auf den Segen der Meister der Ubertragungslinie
werden sich Sinn und Inhalt durch häufige Rezitation spontan
und von selbst im Geist offenbaren.
Da Guru Rinpoche in diesen von Tibetern als autobiografisch
bewerteten Text auch Licht auf scheinbare Widersprüchlichkei-
ten seiner vielschichtigen Lebensgeschichte wirft, ist er, wenn
auch blumig und barock im Stil, eine sinnvolle Ergänzung zu
seinen äußerst knappen, ja kernigen, prophetischen Unterwei-
sungen im ersten Teil. Gerade durch die Rezitation in der
Ich-Form nimmt der Leser an der archetypischen Entwicklung
und Entfaltung des großen Meisters und Kulturhelden teil, so
dass sich seine persönliche Identität in der Buddhanatur auflösen
kann. Denn wie »Die kurze Fassung der Lebensgeschichte des
Lotusgeborenen Guru« verspricht, wird der Geist des vertrau-
ensvollen Schülers beim Rezitieren mit dem Geist des großen
Meisters vereint!
Dies ist das Ziel aller höheren Meditationen.

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GURU PADMASAMBHAVA
UND SEINE ZEIT

PADMASAMBHAVA - LEBEN UND LEGENDE

In der Person des Meisters Padmasambhava durchdringen sich


historische Persönlichkeit, die Dimension der mythischen Zeit
und die zeitlose Stimme der absoluten Wahrheit. Er hat durch
sein Leben und Wirken nicht nur die Geschichte Tibets nach-
haltig beeinflusst, sondern auch die innere Wirklichkeit »gno-
stischer Erfahrung« symbolisch dargestellt. Gnostische Erfah-
rung ist hier nicht im Sinne der streng dualistischen Gnostik
der ersten nachchristlichen Jahrhunderte gebraucht, sondern,
Gnosis wird als direkte Erfahrung der Einheit des Geistes als
(erkennendes) Subjekt mit dem erkannten Objekt des Geistes
verstanden.
Ob es sich bei den vielen verschiedenen Geschichten und
Legenden, die sich um sein Leben ranken, um historische Fakten,
um Parabeln der buddhistischen Lehre oder um eine archetypi-
sche Darstellung des spirituellen Wegs handelt, war in Tibet
immer gleich wichtig. Sicher ist zwar, dass er aus Indien stammte,
aber ob aus dem tiefen Süden oder einem kleinen Königreich
an den Hängen des Himalaya, ist schon umstritten. Wichtiger
ist, dass Padmasambhava die Verkörperung des spirituellen
Lehrers an sich ist und seine Präsenz bis heute durch jeden
Lama der Alten Schule Tibets wirkt.
Bereits um seine Geburt ranken sich die unterschiedlichsten
Legenden. In einer Version wurde er von Buddha Shakyamuni
prophetisch als zweiter Buddha, dessen Aufgabe die Verbreitung
der geheimen Tantras und des Vajrayana sein würde, angekündigt

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und schon zwölf Jahre nach Shakyamunis Tod als Kind einfacher
Leute in Indien geboren.
Nach anderen Legenden kam er als Prinz von Oddiyana im
5. Jh. zur Welt. Sein Vater soll nach dieser Legende der in allen
tantrischen Übertragungslinien erscheinende König Indrabhuti,
den die Tibeter Dza nennen, gewesen sein. Das Land Oddiyana,
von manchen Gelehrten in Westafghanistan, von anderen in
Kaschmir oder im pakistanischen Swat-Tal vermutet, war eines
der Zentren buddhistischer Gelehrsamkeit und Aufenthalts- oder
Geburtsort vieler großer Meister.
Der Danakosha-See im Lande Oddiyana ist auch der Schau-
platz der schönsten und beliebtesten aller Legenden um die
Geburt von Padmasambhava. Hier soll er aus einer Wolke aus
Licht und Mitgefühl als sechsjähriges Kind auf dem Pollenbett
eines Lotus ohne menschliche Geburt erschienen sein (s.S. 171).
Zwei von allen gläubigen Tibetern als Buddhaworte akzep-
tierte Zitate aus dem tibetischen Kanon belegen sowohl den
frühen Zeitpunkt der Geburt, als auch die wundersame Erschei-
nung Padmasambhavas. Im Nirvana-Sutra steht: »Zwölf Jahre
nachdem ich ins Nirvana übergegangen bin, wird ein Wesen,
das alle anderen übertrifft, auf dem Blütenbett einer Lotusblume
im makellosen Danakosha-See erscheinen.«
Im Sutra der Vorhersagen in Magada verkündet der historische
Buddha selbst die Kontinuität seiner Heilsgeschichte als symbolische
Belehrung: »Ich werde sterben, um die falsche Sicht, dass Dinge
eine dauerhafte Existenz haben, zu zerstören, aber zwölf Jahre
später werde ich, um die ebenso falsche Sicht des Nihilismus
aufzulösen, wieder auf einem Lotus im Danakosha-See erschei-
4
nen.«
Nach der Bön-Üb er lieferung wiederum ist der Ur-Guru des
tibetischen Buddhismus einer der beiden Söhne von Drenpa
Namkha, einem berühmten Bönmeister des 8. Jh., der sich auch
21
in der buddhistischen Überlieferung unter den 25 engen Schülern
von Padmasambhava wiederfindet.
Diese Legende zeigt, wie tief sich Padmasambhava als Ar-
chetypus im Bewusstsein der Menschen des Landes verfestigt
hat: Selbst die vom Buddhismus beinahe ausgerotteten Bön
können nicht anders, als sich auf den großen Guru zu beziehen,
allerdings indem sie ihn zu einem der ihren machen und seine
Herkunft im westtibetischen Shang-Shung ansiedeln.
Tatsächlich hat Padmasambhava sogar eine Reihe wichtiger
Böntexte vor der Vernichtung bewahrt. Drenpa Namkha, die
Verfolgung der Bön voraussehend, überreichte sie Padmakara,
der sie versiegelte und versteckte, so dass sie in späteren,
ruhigeren Zeiten wiedergefunden und -belebt werden konnten.
So wird Guru Rinpoche heute auch von den Bön sehr verehrt
und der zeitgenössische Dzogchenmeister Tulku Urgyen Rinpo-
che berichtete, dass die umfangreichste Biographie in vier Bänden
Bha'Thang Zab Rgyas von einem Bön-Tertön stamme. Leider
wurden alle bekannten Ausgaben in der Kulturrevolution von
den Chinesen zerstört.
In visionärer Schau wurde dem großen Tertön Orgyen Cho-
gyur Lingpa von Guru Padma selbst die überraschende Lösung
dieser scheinbaren Widersprüche offenbart:
»Ich kam wie fallender Regen in unendlichen Billionen von
Formen auf der ganzen Welt zu denen, die bereit waren, mich
zu empfangen. Die Handlungen der Erleuchteten sind unerklär-
lieh, wer könnte sie bestimmen oder messen!«
Tsele Natsok Rangdrol, ein bedeutender tibetischer Meister
der Nymgmaschule, unterstützt diese Sicht: » Meister Padma war
die höchste Verkörperung aller Buddhas. Deswegen verweilt er
nicht in dem engen Bereich, auf den Menschen fixiert sind, um
sich auf eine solide und dauerhafte Realität zu einigen, sondern
erschien entsprechend (den Vorstellungen) derjenigen, die er zu

22
bekehren versuchte. Konsequenterweise ist deshalb alles Klam-
mern an absolute Aussagen darüber, ob er aus einem Schoß
geboren wurde oder auf wunderbare Weise erschien, ob die
verschiedenen Taten, die er unter verschiedenen Namen in Indien
und anderen Ländern vollbrachte, miteinander in Übereinstim-
mung zu bringen sind oder ob die Zeitangaben seines Tibetauf-
enthalts inkonsistent sind, nur dazu gut, sich selbst zu erschöpfen
und die eigene Verblendung zu beweisen, denn wer kann schon
das Unfassbare in die Enge rationaler Konzepte zwängen.«
Übereinstimmend sagen jedoch alle Quellen, dass Guru Pad-
masambhava von einer großen Anzahl bedeutender Meister und
yogischer Adepten Einweihungen und Belehrungen erhielt. Dies
ist besonders signifikant, denn es zeigt, dass selbst Padmasamb-
hava, der aus dem Mitgefühl und der Weisheit aller Buddhas
entstanden ist, in die ihm innewohnende Buddhanatur durch
seine eigenen Meister und Gurus eingeführt werden musste.
Jamgon Kongtrul I. beschreibt in seiner kurzen Biographie
des Meisters Padma den Grund, warum er als Manifestation des
Mitgefühls aller Buddhas dennoch die Belehrungen vieler Meister
suchte: »Dann reiste er nach Bodhgaya und vollbrachte viele
Wunder. Als die Menschen daraufhin fragten, wer er sei, und
er antwortete, er sei ein selbstentstandener Buddha, glaubte ihm
niemand und er wurde sogar verhöhnt. So sah er ein, dass es
viele gute Gründe gab, einen Lehrer zu haben.«
Einmal von der Notwendigkeit eines Lehrers überzeugt,
suchte Padmasambhava alle großen Meister der buddhistischen
Lehre auf. Nach Chogyur Lingpa soll er von Ananda, dem
Lieblingsschüler des Buddha Shakyamuni die Einweihung in den
buddhistischen Orden erhalten haben und in die Sutren des
Pali-Kanon eingeführt worden sein, was bedeuten würde, dass
er bereits im 4. Jh. v. Chr. gelebt haben muss. Nach jamgon
Kongtrul I. wurde er von Prabhahasti ordiniert.

23
Von dem Meister Shantigarbha soll er die Sadhanas und
Tantras des Mahayana erhalten haben, einer buddhistischen
Reformbewegung, die die Verantwortung für alle Wesen lehrt
und im 1. Jh. n. Chr. erstmals erwähnt wird.
Von Garab Dorje, dem Wurzellehrer des Atiyoga, dem als
Dzogchen bekannten Yoga der großen Vollendung, wurde er in
diese höchste aller buddhistischen Meditationen eingeführt und
wurde später auch Schüler von dessen Nachfolger, dem chinesi-
schen Meister Sri Singha, der in einer der Oasen der Seidenstraße
lebte. Sri Singha soll in dem berühmten Höhlenkloster Wu
t'aishan gewirkt haben, das auf den großen Bodhisattva Manjushri
zurückgeht und einer der wenigen Orte im China der Tang-Dy-
nastie war, an dem man tantrischen Buddhismus studieren konn-
te. Dort, sowie in Tun Huang war der Zen-Buddhismus und eine
taoistisch beeinflusste Interpretation des Prajnaparamita-Sutras
zentrale Praxis der vielen klösterlichen Gemeinschaften. Wir
können also mit gutem Grund vermuten, dass Padmasambhava
durch diesen Lehrer auch Kontakt mit dem chinesischen Ch'an
(jap. Zen) in seiner vitalsten Urform hatte. Da diese Lehre dem
indischen Stufenweg geradezu antagonistisch gegenüberstand,
wird überliefert, dass Sri Singha die Belehrungen über Sutra und
Tantra bei Tag und die geheimen Unterweisungen des Dzogchen
bei Nacht gab. 12
Da der erste bekannte Maha Ati~Text im 6. Jh. entstand" ,
zeigt sich, dass das Leben von Meister Padma nicht nur alle
buddhistischen Schulen, sondern auch riesige geographische-
und Zeiträume umspannte.
Manche Quellen sagen, dass er hundert, und andere, dass
er tausend Jahre mit Meditation und kontemplativer Übung
verbrachte, bis er schließlich in der Asurahöhle von Yangleyshod
im heutigen Pharping im Kathmandutal zur vollendeten Erleuch-
tung gelangte.

24
Davor musste er jedoch zuerst in der Maratikahöhle in
Ostnepal lebensverlängernde Yogaübungen durchführen, um die
notwendige Zeit zu gewinnen, denn übereinstimmend heißt es,
dass er über einen sehr langen Zeitraum meditieren musste, um
zur vollständigen Erleuchtung zu gelangen.
Seine Meister schonten Padmasambhava während seiner
Schulung trotz aller seiner herausragenden Qualitäten nicht und
gingen insbesondere auf die, schon allein durch den Gebrauch
einer Sprache konditionierte, gewohnheitsmäßige Trennung in
den Erfahrenden, das erfahrene Objekt und den Prozess der
Erfahrung ein, die in der Dz ogchen-Sicht die Wurzel aller
Verblendung ist. In einer geheimen Autobiographie, die nur
initiierten Yogis zugänglich ist, wird folgender Dialog zwischen
Padmasambhava und Meister Sri Singha überliefert:
Padmasambhava: »Ich hatte die Erfahrung lebendiger Klar-
heit, völliger Reinheit und totaler Freiheit. Die Erfahrung der
Klarheit war wie die Sonne, die in den Himmel aufsteigt, und
die Erfahrung der Wonne fühlte sich wie der große Ozean an.«
Sri Singha antwortete : »Worüber bist du so euphorisch? Ich
selbst erfahre Nichts. Hast du etwas Höheres als das erreicht?
Deine Erfahrungen sind nicht die Errungenschaften der Buddhas
der drei Zeiten. Sich auf eine Erfahrung fixieren, heißt, sich von
der Täuschung verführen lassen. Deine Erfahrungen sind aus
Konzepten fabriziert. Du musst den Knoten dualistischen Den-
kens auflösen [das Erfahrenden und Erfahrenes trennt].«
Die Biographie schließt nach vielen solcher Begegnungen
mit seinem Meister mit folgendem Satz: »Die Belehrungen von
Sutra und Tantra haben mir nicht die dauerhafte Erlösung
gebracht, aber die direkten Anweisungen meines Meisters haben
mich endgültig befreit.«
Hiermit demonstriert Padmasambhava auch exemplarisch die
Grundüberzeugung der Dzogchen-Schule, dass jede Belehrung

25
nur durch den persönlichen Kontakt und durch den Segen eines
Meisters wirksam wird.
Tsele Natsok Rangdrol versucht, die Widersprüche zwischen
Padmasanibhavas vollkommener Buddhaschaft und -seinem lan-
gen Weg zur Manifestation dieser Vollendung zu vereinigen,
indem er betont, dass er nicht als gewöhnlicher Mensch gesehen
werden darf, der die verschiedenen Stufen des Weges nachein-
ander durchschreiten musste, sondern dass er diese vielen Übun-
gen und Entwicklungsstufen vielmehr nur als magisches Schau-
spiel vollführte, einerseits, um den Konventionen der Zeit ent-
sprechend glaubwürdig zu sein, und andererseits, um die bud-
dhistische Grunderkenntnis zu vermitteln, dass jede Tat ein
bestimmtes Resultat bewirkt. Tatsächlich habe er jede Belehrung
beim ersten Hören ganz verstanden und, ohne üben zu müssen,
verwirklicht. Die lange Dauer seiner Übung erkläre sich aus der
immensen Vielfalt buddhistischer Lehren und Meditationen, die
er alle vollendet verwirklichte.
Aber Guru Rinpoche verwirklichte nicht nur das jeweils
höchste Ideal aller buddhistischen Schulen, sondern manifes-
tierte sich, laut Jamgon Kongtrul I., im Laufe seines Lebens
auch als eine der wichtigsten Gestalten der buddhistischen
Überlieferung. So soll er der Mönch gewesen sein, der im 3.
Jh.v. Chr. den großen Kaiser Ashoka zum Buddhismus bekehrte
und aus dem grausamen Tyrannen einen überzeugten Pazifisten
und Tierschützer machte, dessen in Stein gehauene Edikte bis
heute richtungsweisende soziale und ökologische Impulse ge-
ben. 13
jamgon Kongtrul I. sieht auch andere bekannte buddhistische
Meister, wie etwa den Brahmanen Saraha, die Mahasiddhas
Dombi Heruka und Virupa, die heute noch als wichtige Glieder
der Übertragungslinie der vier Schulen Tibets bekannt sind, als
mit Padmasambhava identisch an.

26
Um das Buddhadharma in der Mongolei und China zu
verbreiten, habe sich Padmasambhava dort als König Ngonshe
Chen und als der Yogi Tobden manifestiert.
Kurzum, wo immer die Entwicklung des Buddhismus neue
Impulse erhielt oder wiederbelebt wurde, war es das Prinzip des
archetypischen Ur-Gurus, das seine segensreiche Wirkung ent-
faltete.
Der große Jamgon Kongtrul, der selbst aus einer Bon-Familie
stammte, sagt sogar, dass Padmasambhava sich im Lande Shang-
Shung im 8. Jh. als Lichtkörper in der Form eines achtjährigen
Knaben zeigte. Unter dem Namen Tavi Hricha verkündete er
dort die Dzogchen-Lehren. Dieser Name erinnert sehr an
Tapihritsa, der in der Bön-Dzogchenschule die archetypische
Figur des Ur-Gurus verkörpert. Auch wenn dies als Antwort auf
die oben beschriebene Vereinnahmung des Lotusgeborenen Gu-
rus durch die Bön gewertet werden kann, ist tatsächlich eine
Querverbindung von Padmasambhava und der Bön-Dzogchen-
linie allein schon deshalb vorstellbar, weil die Bön auch in
Kaschmir (Kha Che), Gilgit ('Bru sha) und Khotan (Li) weit
verbreitet waren, und von all diesen Gegenden schon angenom-
men wurde, sie könnten das legendäre Oddiyana sein. Außerdem
haben wichtige Lehrer Padmasambhavas, wie etwa Sri Singha,
an diesen Orten gelehrt, und es wird vermutet, Dzogchen sei
als eigenständige Lehre zuerst dort entstanden.
Man mag sich über die Vielzahl der Legenden mit ihren
tatsächlichen oder scheinbaren Widersprüchen wundern, insbe-
sondere wenn sie von einer geistigen Größe wie Jamgon Kongtrul
gleichrangig mit historischen Fakten wiedergegeben werden. Das
liegt daran, dass Tibetern im Allgemeinen, und den Anhängern
von Dzogchen und den höheren Tantras im Besonderen die
ganze Welt der Erscheinungen ohne essentielle Wirklichkeit
erscheint. Die einzig gültige Wahrheit ist die Essenz der inneren

27
Wirklichkeit. Deshalb sind für Tibeter die Legenden und Mythen,
die eine spirituelle Wahrheit symbolisch darstellen, zumindest
ebenso authentisch wie historische Fakten. Die Frage, ob sich
ein Ereignis tatsächlich so abgespielt hat, wie berichtet, stellt
sich erst gar nicht, wenn die wichtigere Aufgabe - eine innere
Wirklichkeit zu vermitteln - erfolgreich gelöst ist.
Sicher ist, dass er im 8. Jh. n. Chr. den Ruf hatte, ein
herausragender tantrischer Meister und gelehrter Pandita, wie
auch der mächtigste Magier seiner Zeit zu sein, der den Buddhis-
mus bereits mehrfach vor Angriffen durch Häretiker gerettet hatte,
unter anderem in seinem Ursprungsort Bodhgaya. Dabei waren
seine, wichtigsten Argumente die Manifestation wunderbarer ma-
gischer Kräfte - Siddhis -, die sich als Folge seiner überragenden
spirituellen Praxis freigesetzt hatten; u.a. bewies er die Fähigkeit,
den Ganges-Strom aufwärts fließen zu lassen, unbeschadet in
einem Scheiterhaufen zu überleben; Gift trinken, auf Wasser
wandeln und selbstverständlich auch fliegen zu können. Dies war
bis Anfang dieses Jahrhunderts in Asien die überzeugendste Weise,
Konflikte zwischen spirituellen Schulen zu lösen.
An der ikonographischen Darstellung zeigt sich, unabhängig
von der historischen Wirklichkeit, die symbolische Bedeutung
des Meisters Padma, indem er in seiner Person das Wertvollste
aller buddhistischen Schulen in Vollendung vereinigt und da-
durch die Reinheit und Tiefe der ursprünglichen Intentionen
und Ideale jedes der drei Fahrzeuge offenbart. Er trägt die drei
Roben der drei Fährzeuge übereinander: das orangefarbene Flik-
kengewand des Hinayanamönchs, das blaue Gewand des Yogis
der Mahayanatradition und den königlichen Brokatmantel des
Vajrayanameisters. Darunter trägt er das weiße Untergewand des
tantrischen Adepten geheimer Übertragungen, welches die
Dzogchenlehre symbolisiert. Er ist tatsächlich die »Einheit aller
Buddhas«.

28
Es nimmt kaum Wunder, dass dem damaligen König von
1R

Tibet, Trisong Detsen, (Regierungszeit 755-97) Padmasamb-


hava die einzige Rettung schien, als er zu dem Schluss kam, den
Buddhismus in Tibet als Staatsreligion durch den Bau eines
Klosters einzuführen, und dieses Vorhaben sowohl am Wider-
stand der Bevölkerung wie auch an schwarzmagischen Störma-
növern scheiterte.

DER BUDDHISMUS IN TIBET BIS ENDE


DES 8. JAHRHUNDERTS

Als Meister Padma, König Trisong Detsens Ruf folgend, nach


Tibet kam, hatte es dort bereits drei Wellen buddhistischer
Missionstätigkeit gegeben. Schon vom 1. Jh. an waren wandernde
Yogis und Siddhas aus Indien, genau wie Hindu-Sadhus es heute
noch tun, zum heiligen Berg Kailash in Westtibet gepilgert, der
nicht nur allen asiatischen Religionen als Achse der Welt galt,
sondern auch der geistige Mittelpunkt des alten Königreichs
Shang-Shung war. Dort trafen sie auf die hoch entwickelte
Bönkultur, die zu dem Zeitpunkt ihrer eigenen Überlieferung
zufolge bereits, mehrere Tausend Jahre alt war, was zu einem
fruchtbaren geistigen Austausch führte. Es gibt eine lebhafte
Diskussion unter Gelehrten, wer nun wen beeinflusste. Tatsache
ist, dass es Hinweise auf eine kulturelle Bereicherung in allen
Richtungen gibt.
Besonders bei der Überlieferung der Dzogchentradition
scheint es entweder synchronistische Parallelen oder Berührun-
gen gegeben zu haben. So findet sich in der Linie der 24
Bönpatriarchen ein Shang-Shung Garab, was die Frage aufwirft,
ob wir es hier mit dem Begründer der buddhistischen Dzogchen-

29
Linie, Garab Dorje, zu tun haben. Auch wenn der große
Bönmeister Tapihritsa laut Jamgon Kongtrul eine Ausstrahlung
Padmasambhavas gewesen sein soll, könnte der Name ebenso
als Tapiraja gelesen werden, was auf einen Einiluss aus dem
nahe gelegenen Kashmir deuten würde, denn dort entstand
ungefähr zwischen dem 6. und 8. Jh. in einer höchst erstaunlichen
Parallelentwicklung der revolutionäre Kashmir-Shaivismus, der
mit den Shiva-Sutras von Vasugupta eine erste Blüte fand. Hier
finden wir, ganz im Widerspruch zu den früheren, dualistischen
shivais tischen Schulen, auf einmal keine Ablehnung der Welt
als maya, also Täuschung, sondern ein Verständnis, dass sich
die ganze relative Welt als Energie (shakti) oder Spiel (lilas) von
chit, also der ursprünglichen Gewahrheit manifestiert. Dies
erinnert an die Dzogchenlehre, die die ganze manifeste Welt als
Energie der Gewahrheit (Rig-pa'i rtsal) begreift. Wobei es durch-
aus offen bleibt, ob nicht auch der Kashmir-Shaivismus von
tibetischen Bön-Meistern aus der Shang-Shung-Zivilisation am
oberen Sutlejtal oder von buddhistischen Dzogchenlehrern aus
22
Oddiyana berührt wurde.
Es ist jedenfalls nahe liegend, eine Zone kultureller Diffusion
anzunehmen, die vom nordöstlichen Afghanistan im Westen
über Kashmir und Ladakh bis zum Kailash im Osten, über
Khotan im Norden und die Wüstenklöster entlang der Seiden-
straße bis nach Ostturkestan reicht. Hier entstand ein eigen-
ständiger zentralasiatischer Buddhismus, der als Quelle der
23
Dzogchentradition vermutet werden kann. Diese scheinbar so
lebensfeindliche Umwelt aus Schneebergen, Hochwüsten und
Kältesteppen mit ihren wenigen blühenden Oasen ist damit
zugleich die Heimat einer äußerst vitalen Spiritualität, die sich
in einigen der kühnsten geistigen Entwürfe der Menschheits-
geschichte ausdrückte, die allesamt die orthodoxen Konventionen
ihrer Zeit sprengten.
30
Maha Ati, oder Dzogchen auf Tibetisch, war und ist der
geistige Höhepunkt des Vajrayana, des diamantenen Fahrzeugs,
wie es die Siddhas und Adepten der großen tantrischen Revo-
lution selbstbewusst nannten.
Jahrhunderte zuvor war in Indien das immer enger werdende
Netz aus monastischen Regeln im Äußeren und innerer Verfan-
genheit in eine private Erlösungssuche, wie es sich im Hinayana
oder Theravada entwickelt hatte, von der Mahayanabewegung
gesprengt worden. Nun war das Vajrayana die Antwort auf das
immer intellektueller werdende Geschehen an den großen bud-
dhistischen Klosteruniversitäten, wo Doktrin und Ideologie die
Suche nach der Erleuchtung im Hier und Jetzt verdrängt hatten.
Doch auch das Vajrayana war im 6. Jahrhundert schon von so
vielen kulturellen und sozialen Interessen geprägt, dass es sich
oft in reiner Magie oder Esoterik erschöpfte, worauf Dzogchen
als die höchste Praxis der Buddhas selbst offenbart wurde, in
die alle drei Yanas in ihrer Essenz integriert sind.
Das Hinayana oder Kleine Fahrzeug wird von seinen Anhän-
gern selbst Theravada oder die Schule der Älteren genannt, da
die grundlegenden Lehren und Praktiken bereits zwei Jahre nach
Buddhas Tod in einem großen Konzil aller Schüler unter Vorsitz
von Ananda kanonisiert wurden. Die wesentlichen Lehren sind
die von den Vier Edlen Wahrheiten und die wesentlichen Prak-
tiken sind in dem Edlen Achtfachen Pfad zusammengefasst (siehe
Kommentar Nr. 37 im Haupttext). Wesentlich dabei ist die
Einsicht, dass das Individuum kein eigenständiges und abge-
grenztes Selbst besitzt (Anatta), sondern eine Art offener Prozess
im beständigen Wandel (Annicca, Pali) ist. Deshalb ist es auch
für das eigene Wohlergehen selbst verantwortlich, da es in diesem
offenen System jederzeit auf seinen Zustand Einfluss nehmen
kann, indem es den Pfad betritt. Diese Möglichkeit der Gestaltung
des eigenen Schicksals unterliegt dem karmischen Gesetz von

31
Ursache und Wirkung. Das Karma ist demzufolge nicht deter-
miniert und wird somit selbst gestaltet.
Wer dies nicht erkennt und sich aus seiner Verblendung
heraus an ein Selbst klammert, dessen Wohlbefinden von äußeren
Umständen abhängig zu sein scheint, schafft sich dadurch leid-
volle Erfahrungen (Duhkha) und verstrickt sich tiefer in den
leidvollen Kreislauf des Samsara.
Deshalb ist die wesentliche Praxis die innere Reinigung,
deren Ziel die Auflösung der blinden Verstrickung in Ablehnung
und Begierde ist, was zum Nirvana führt. Dennoch wird im
Hinayana klar gesagt, dass die höchste Stufe, die auf diesem Weg
erklommen werden kann, die eines selbst erlösten Arhats ist,
der noch weit von der Buddhaschaft entfernt ist. Auch wird der
Buddha nur als historische Person gesehen, die mit der Erleuch-
tung zum Ende kommt. Tatsächlich mündet in dieser Sicht die
Buddhaschaft mit dem Erlöschen aller Prozesse, die man bisher
als Selbst erfahren hat, beim Tod im Nirwana. Keine Spur bleibt
zurück.
Das Mahayana oder Große Fahrzeug sieht dagegen die Rea-
lisierung der allen Lebewesen immanenten Buddhanatur
(Tathagatagarbha) als Ziel an. Über die Befreiung aus den
samsarischen Zwängen oder Verstrickungen hinaus wird die
direkte Erfahrung der bereits vorhandenen Einheit mit dem
Absoluten (Dharmakaya) und damit die Erkenntnis, bereits erlöst
zu sein, gesucht. Hier erkennt man, dass es noch nie ein
eigenständiges Selbst gegeben hat, sondern alles immer nur
Ausdruck des Absoluten gewesen ist. In diesem Zustand ist man
zugleich auch mit der wahren Natur aller anderen Wesen ver-
bunden und erkennt klar, dass auch ihre Verstrickungen und
daraus resultierenden Leiden völlig überflüssig sind, da sie nie
objektiv existent waren. Dies führt zum allumfassenden Mitge-
fühl (Mahakaruna), des sich seiner wahren Natur bewussten

32
Erleuchtungsgeistes oder Bodhicitta. Der mutige Entschluss des
Mahayana-Anhängers ist es, ein Bodhisattva zu werden, der auf
einem hohen Erleuchtungsniveau die eigene Erlösung zurück-
stellt, um alle anderen Wesen zu erretten. Der Bodhisattva schöpft
aus der Erkenntnis Mut, dass nicht nur die eigene Person leer
von einer abgetrennten Identität, sondern auch die äußere Wirk-
lichkeit leer und damit wandelbar ist. So weiß der Bodhisattva,
dass alle seine Handlungen, wenn sie aus einer liebevollen
Motivation erfolgen, für alle Zeiten wirken werden und heilsame
Umstände für die leidenden Wesen schaffen. Da man sich aus
dieser Sicht auch im alltäglichen Familien- und Berufsleben
bereits auf dem Pfad des Bodhisattvas bewegen kann, fand das
Mahayana großen Zulauf unter den Laien.
Im Lauf der Zeit wurden nun auch noch die magischen
Praktiken der prähinduistischen Mutterkulte des ursprünglich
drawidischen Indiens einbezogen. Diese waren äußerst wirkungs-
volle psychologische Methoden, die mit der .Identifikation des
Yogis mit Gottheiten und heiligen Silben, so genannten Mantras,
arbeiteten. Hatten die Hindugottheiten Buddha Shakyamuni'
bereits bei seiner Erleuchtung Ehrerbietung für seine höchste
Errungenschaft erwiesen, wurden nun auch die ältesten Gott-
heiten Indiens zum Buddhismus »bekehrt« und verkörperten
nun einzelne Aspekte der Erleuchtung. Von der Illusion befreit,
ein abgetrenntes Selbst zu sein, der auch Gottheiten unterliegen,
wurden sie nun zu Sambhogakaya-Erscheinungen, die das Ab-
solute widerspiegeln.
Sich selbst als eine dieser Gottheiten zu visualisieren wurde
nun zum potenten Mittel, diese Erleuchtungsaspekte im Hier
undjetzt selbst zu verwirklichen. Die Aufliebung jeglicher Dualität
ist das Ziel des Vajrayana oder Diamantenen Fahrzeugs. Vajra
wird' hier nicht wie im. Hinduismus als Donnerkeil, sondern als
Diamant aufgefasst, um Unzerstörbarkeit, Klarheit und Reinheit

33
des Geistes zu symbolisieren, die in 6 aufeinander aufbauenden
Tantras realisiert wird.
Damit geht das Vajra- oder Tantrayana einen Schritt weiter
als das Mahayana, in dem die Buddhanatur nur als »Embryo«
oder »Erleuchtungssame« (Tathagatagarbha) aufgefasst wird,
den es zu entwickeln gilt.
Im Vajrayana ist die Buddhanatur als inhärente Weisheit
oder ursprünglich reines Gewahrsein bereits voll entwickelt und
enthüllt sich als die wahre Natur unseres eigenen Geistes. Deshalb
heißt das Vajrayana auch das »Fahrzeug des Resultates«, denn
während im Mahayana die Natur des Geistes zu erkennen die
Ursache für spätere Buddhaschaft ist, gilt im Vajrayana die Natur
des Geistes bereits als Buddha selbst.
So wird Vajrayana auch als »unverhüllter und müheloser«
Weg beschrieben, der sich dadurch auszeichnet, so viele Metho-
den und geschickte Mittel zu haben, wie es menschliche Anlagen
gibt. Allerdings wird auch betont, dass die Übenden außeror-
dentlich begabt sein müssen und nur nach der Ermächtigung
durch Initiation (abisheka) von einem Meister die - geheimzu-
haltenden - Methoden anwenden dürfen. Dies ist besonders
wichtig, da, anders als im Mahayana, wo die phänomenale
Wirklichkeit letztendlich negiert wird, der Yogi auf dem Weg
der geheimen Tantras die Erscheinungswelt zum reinen Buddha-
feld transformiert, in dem alle Orte Mandalas, alle Wesen
Buddhas, alle Klänge Mantras und alle Gedanken das ungeschaf-
fene Absolute sind.
Die innerste Essenz des geheimen Vajrayana schließlich ist
die Große Vollendung (Maha Ati) oder Dzogchen. Es ist die
Übung des Buddhas selbst. Aus dieser Sicht ist es offensichtlich,
dass es noch nie eine »gesonderte« Erleuchtung zu erringen gab,
sondern alles schon immer rein und frei war. Auch die Welt
der Erscheinungen bedarf keiner Transformation oder anderer

34
geistiger Anstrengung, denn sie ist das natürliche Erstrahlen der
absoluten unaussprechlichen Wahrheit.
Wer durch die Gnade seines Meisters die Geistübertragung
(dgongs gynd) erhielt, kann sich ohne Anstrengung oder Ziel-
setzung in seiner wahren Natur entspannen.
Da es für den Yogi nichts mehr zu erringen gibt, erkennt er,
dass der ganz alltägliche Geist bereits das Absolute ist. Befreit
von Hoffnung oder Angst erlebt er, wie sich der Knoten aus
Spannungen und Neurosen löst und sich dabei alle karmischen
Verstrickungen mit auflösen, wenn sich alle Phänomene als
gleichwertig zeigen und die gewohnheitsmäßigen Reaktionen
von Anhaftung und Ablehnung sich beruhigen. Wenn alle kar-
mischen Impulse sich so selbst befreit haben, löst sich der Körper
in regenbogenfarbige Lichtstrahlen auf. Allerdings - auch wenn
die Buddhanatur jenseits von Ursache und Wirkung ist und
keiner Entwicklung bedarf - bedarf es der Initiation, in der die
wahre Natur aufgezeigt wird. Auch wenn sie schon immer Buddha
war, wurden wir ohne den Segen des Meisters weiterhin auf das
illusionäre Selbst starren. Da alle Wesen diese Buddhanatur
haben, aber sehr wenige dies direkt erfahren, ist dieser Segen
das Entscheidende. So schreibt Longchen Rabjam im »Khandro
Yangthig«, Padmasambhava selbst habe gesagt: »Dies ist eine
Lehre, die anders ist als alle, die ich je gab. Es ist der Gipfel,
der alle Neun Stufen der Wege übersteigt. Alle geistigen Kon-
strukte und mental fabrizierten Meditationen werden zerschmet-
tert, wenn man diesen Pimkt erkennt. Alle Stufen und Wege
vollenden sich mühelos von selbst, und die störenden Emotionen
befreien sich selbst, ohne sie ändern oder unterdrücken zu
müssen. Dies Lehre bringt dir die Frucht der Verwirklichung
ohne eine vorherige Ursache. Sie bringt augenblicklich die
spontan manifestierte Verwirklichung und befreit den Körper
aus Fleisch und Blut am Ende des Lebens in die strahlende

35
Gestalt eines Buddhas aus reinem Licht. Ich besitze diese Lehre
und werde sie dir übertragen«.
Diese Aussage musste in der damaligen buddhistischen Welt,
deren Hauptdoktrin das Gesetz von Ursache und Wirkung war,
so schockierend und ketzerisch gewirkt haben, wie die Aussage
Jesu, er und der Vater wären eins, in der Sicht der orthodoxen
Juden seiner Zeit, für die Gott gänzlich außerhalb der Welt ein
rein transzendentes Prinzip war.
Es ist deshalb gar nicht erstaunlich, dass diese revolutionäre
Entwicklung in kleinen spirituellen Gemeinschaften abgelegener
Randgebiete stattfand. Frei vom sozialen und kulturellen Druck
der großen Zentren und ihrer Machtinteressen, konnten neuen
Wege erforscht und beschritten werden.
Während zwischen Shang-Shung, Khotan, Kashmir, Oddi-
yana, Tun Huang in der Wüste Takla Makan und Chang-An in
Nordchina die kreative Entwicklung einiger der bis heute be-
deutendsten buddhistischen Lehren und Meditationspraktiken
wie Dzogchen, Zen oder Shingon stattfand, stieg langsam aber
unaufhaltsam eine Dynastie tibetischer Stammesfürsten im obe-
ren Yarlung-Tal in Zentraltibet, der Gegend des heutigen Lhasa,
zur größten politischen Macht Zentralasiens auf.
Der erste König dieser Dynastie, Nyatri Tsenpo, soll ein
Flüchtling aus dem nordindischen Geschlecht der Shakyas und
damit ein Blutsverwandter Buddha Shakyamunis gewesen sein
- eine Genealogie, die bereits den späteren Anspruch, Dhar-
makönige zu sein, vorwegnimmt. Die erste Begegnung mit dem
Buddhismus wird zur Zeit des 28. Nachfolgers, König Lhatotori,
angegeben. 254 n. Chr. sollen Wandermönche aus Turkestan
dem König mehrere buddhistische Sutras und Ritualgegenstände
überreicht haben. Der König und seine Ratgeber, des Lesens
unkundig, verbargen das rätselhafte Geschenk als Zeichen ma-
gischer Macht in der Schatzkammer, zusammen mit der Anwei-

36
sung, dass erst der vierte Nachfolger des Königs diese wieder
hervorholen möge.
Dieser vierte Nachfolger Lhatotoris und 32. König der Yar-
lung-Dynastie war Songtsen Gampo (608-649). Zunächst verei-
nigte er die noch unabhängigen tibetischen Stämme und machte
Lhasa zur Hauptstadt. Mit einem riesigen Reiterheer von mehr
als hunderttausend Mann führte er dann Feldzüge, die bis nach
Turkestan im Westen, die Mongolei und Burjätien im Norden,
Kham und dem Kokonorsee im Osten und Nepal und Bengalen
im Süden reichte. Nicht an Sesshaftigkeit gewöhnt, ließen die
nomadischen Reiter keine Garnisonen zurück, sondern forderten
Tribut und zogen wieder ab. Die chinesischen T'ang-Annalen
bezeichnen Songtsen Gampo zwar als primitiven Wilden, aber
dennoch lag den überlegenen Kulturen an einem guten Verhältnis
mit dieser neuen Großmacht.
Sowohl der Herrscher von Shang-Shung wie der chinesische
Kaiser und der nepalesische König nahmen Songtsen Gampo
zum Schwiegersohn, die letzteren beiden unter der Bedingung,
dass er sich zum Buddhismus bekehren lasse. Dennoch lamen-
tieren zeitgenössische chinesische Quellen: »Wie können wir
unsere Klassiker diesen barbarischen Feinden im Westen über-
lassen?...Wäre das anders, als Banditen Waffen oder Dieben das
-je

Eigentum zu überlassen?«"
Die chinesische Prinzessin Weng Cheng und die nepalesische
Prinzessin Bhrikuti brachten als Mitgift schließlich nicht nur
kostbare Seiden und Brokate und andere Luxusgüter, den bud-
dhistischen Kanon und Werke über Astrologie und Architektur,
sondern auch zwei berühmte Buddhastatuen nach Tibet mit. Die
Handwerker, Gelehrten und buddhistischen Mönche in ihrem
Gefolge bauten für diese Statuen die ersten buddhistischen
Tempel Lhasas: Ramoche und Rasa Trulnang, der bis heute als
Jokhang Tibets heiligster Schrein ist. Die metallene Buddhafigur

37
der Prinzessin Weng Cheng ist bis heute als Jowo Rinpoche die
meistverehrte Statue Tibets. Darüber hinaus überzog der König
das Land mit einem Netz von 108 Tempeln, die auf geomantI~
sehen Kraftorten gebaut wurden und Tibet in ein riesiges Mandala
verwandelten.
Zuvor schon war der geniale Minister Tonmi Sambhota mit
der Aufgabe betraut worden, eine tibetische Schrift zu entwickeln,
dazu geeignet, die buddhistischen Texte aus dem Sanskrit zu
übersetzen. Er entwickelte dafür ein eigenes Alphabet und eine
neue Grammatik und Syntax, die darauf zugeschnitten war, die
komplexe Sanskrit-Terminologie exakt auszudrücken. Im Auf-
trag des Königs schuf Sambhota auch einen Gesetzeskodex,
dessen Gebote auf den zehn tugendhaften Handlungen des
Buddhismus beruhte.
Zur gleichen Zeit wurden von ihm auch chinesische Werke
über Medizin, Architektur, Geomantie und Astrologie sowie
Bön-Rituale aus der Sprache von Shang-Shung übersetzt. Mit
der zunehmenden Ausdehnung der Macht flössen immer mehr
kulturelle Strömungen aus China, Nepal und Kashmir zurück
ins tibetische Herzland.
Der zeitgenössische tibetische Meister Chögyal Namkhai
Norbu sieht die Einführung des Buddhismus durch Songtsen
Gampo als den Versuch, sich von dem Machtmonopol der
Bönpriester aus Shang-Shung zu befreien. Die neue Schrift sei
deswegen kreiert worden, weil die Verwaltung des Königreichs
von den Schriftgelehrten der Bön abhängig war, die die Shang-
Shung-Schrift beherrschten. Erst als die buddhistische Kultur
hinreichend stark verankert war, getraute sich Songtsen Gampo,
seinen Schwiegervater, den letzten Shang-Shung-König, zu er-
morden, die Macht auf sich zu vereinigen und die Verwaltung
in Lhasa zu zentralisieren.
Im Jahre 645 wurde dann das bis dahin unabhängige Shang-

38
Shung, das West-, Nord- und Nordosttibet sowie große Teile
des indischen Himalaya und Westnepals umfasste, annektiert.
Trotz allem verlief zu dieser Zeit die Begegnung zwischen
Buddhismus und Bon in Zentraltibet äußerst friedlich. Im Ra-
moche-Tempel gab es sogar einen Raum für Darstellungen aus
der Bon-Religion. Tatsächlich kam es durch diese Begegnung
zu einer kulturellen Blüte: Das zu kühnen metaphysischen
Schlüssen neigende Naturell der Tibeter fing an, auf einer hohen
Ebene der Abstraktion die vielfältigen und komplexen Einflüsse
zu einem einheitlichen geistigen Entwurf zu synthetisieren.
Während Songtsen Gampo seine Machtbasis in Zentralasien
ständig erweiterte, ereignete sich tief in der arabischen Wüste
etwas, das kaum hundert Jahre später die Entwicklung Tibets
fundamental beeinflussen sollte.
Einem zur Epilepsie neigenden jungen Mann namens Mo-
hammed wurde in einer medialen Trance verkündet, er sei als
»Siegel der Propheten« dazu berufen, die letztgültige Botschaft
Gottes an die Welt zu verkünden.
Als Juden und Christen, an die er sich ursprünglich wandte,
seine Offenbarungen als »letztgültige Wahrheit« wegen zahlrei-
cher Ungereimtheiten nicht glauben konnten, entschloss er sich
zur Bekehrung mit Waffengewalt. Dazu verkündete er die Dokt-
rin, dass Allah bereits die ganze Welt dem Islam geschenkt habe,
die jetzt nur noch in Besitz genommen werden müsse, wenn sie
sich nicht freiwillig bekehre. Mit dieser griffigen Losung vereinte
er die Beduinenstämme Arabiens, die unter seiner Führung bald
die ganze arabische Halbinsel erobert hatten und nach seinem
Tod darangingen, den Rest der Welt in die Umma, die islamische
Gemeinde, einzugliedern.
Bereits um 700 n.Chr. standen islamische Eroberer am Indus
und 711 drangen sie nach Transoxanien ins Gebiet des heutigen
Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan vor. Ab Beginn des

39
8. Jh. brachten islamische Eroberer immer größere Teile Indiens
in ihre Gewalt, und die nicht-islamischen Religionen fielen mehr
und mehr ihren durchgreifenden Zerstörungsmaßnahmen zum
Opfer. Viele Mönche und Meister flohen in den Himalayaraum
oder über die Seidenstraße nach China, wo sie die mitfühlende
Botschaft vom Weg der Befreiung aller Wesen zu bewahren
suchten.
Nur im Osten Indiens blühte der Buddhismus noch, bis 1203
das Kloster Vikramashila und. 1230 die buddhistische Universität
Nalanda zerstört und über 20.000 Mönche und buddhistische
Gelehrte von den Moslems massakriert wurden, was das Ende
des Buddhismus in Indien bedeutete, bis ihn die tibetischen
Flüchtlinge 1959 auf ihrem Exodus nach Indien zurückbrachten.
Hier schloss sich ein Kreislauf, denn es war gerade diese letzte
Hochblüte des indischen Vajrayana-Buddhismus gewesen, die
den größten Einfluss auf Tibet ausgeübt hatte.
Aber als die islamischen Eroberer 713 zum ersten Mal
tibetischen Truppen in Zentralasien gegenüberstanden, hatten
beide Seiten noch keine Ahnung, welche Entwicklungen aus
dieser Konfrontation entstehen sollten:
Der noch nicht einmal 100 Jahre alte Islam hatte bereits eine
Spur der Verwüstung quer durch Vorder- und Zentralasien
gezogen, und Afghanistans blühende buddhistische Zentren, wie
die Höhlenklöster von Bamiyan, waren bereits teilweise zerstört
worden. In Khotan und entlang der Seidenstraße waren Klöster
geplündert worden und erste arabische Vortrupps hatten sich
auf dem indischen Subkontinent im Sind festgesetzt.
Diese explosive Geschwindigkeit der kriegerischen Expansi-
on lässt sich nur zum Teil durch den Hunger nach Reichtümern
der, von Mohammed zu einem disziplinierten Heer von Gottes-
kriegern geeinten, arabischen Wüstenräuber erklären. Vielmehr
ist es die religiöse Ermächtigung, in die Allmacht Allahs einzu-

40
gehen, indem man ihm hilft, die Welt zu beherrschen, die so
erfolgreich begeisterte. Denn der Koran sagt klar aus: »Hast du
nicht gesehen, dass Gott euch unterworfen hat, was auf Erden
ist?« 33
Dabei darf jeder, der vom Koran gehört hat, aber nicht zum
Islam übergetreten ist, dann auch keine Gnade erfahren.
»Wenn sie sich abwenden, packt sie und tötet sie, wo ihr
sie findet« »Wenn ihr die Ungläubigen trefft, schlagt ihnen
die Hälse ab, bis ihr sie niedergemacht habt und (sonst) legt sie
in Fesseln, um sie später zu begnadigen oder zu verkaufen.«
Die Legitimation des Islam war und ist die Legitimation durch
Macht, die erfolgreich ist, denn »Keine Gewalt und keine Macht
außer durch Gott«.
Dieser neue Gott, der unter seinen »99 Namen« solche
wie »Der Eroberer« oder »Der Rächer« hat, war den friedlichen
buddhistischen Bewohnern des mittleren Ostens ein Alptraum,
vor dem sie nach Tibet flohen, in ein Reich, das gerade selbst
hegemoniale Ansprüche auf Zentralasien zu stellen begann. Eine
aufstrebende Dynastie, die buddhistisches Ideengut interessierte,
aber mehr noch nach Expansion und Tributen hungerte, war
da als Schutzherrin die beste Zuflucht in Zentralasien. Insbe-
sondere, da die tibetischen Könige und ihre Heere nur an
Reichtum und Einfluss interessiert waren und die Kultur der
unterworfenen Gebiete nicht zu vernichten, sondern zu assimi-
lieren versuchten.
In Tibet hatte sich bereits in der Zwischenzeit einiges vom
Elan des Großen Dharmakönigs verloren.Von Dusong, Songtsen
Gampos Enkel, der 25 Jahre nach dessen Tod den Thron bestieg,
wird in den spärlichen Quellen das Bild eines unentschlossenen
Mannes gezeichnet, der unter dem Einfluss machtgieriger Mini-
ster stand, denen kurzfristige Vorteile für ihren eigenen Clan
mehr bedeuteten, als das Reich seines Großvaters zu erhalten.

41
In diesem Machtvakuum gab es 704 einen Aufstand im tribut-
pflichtigen Nepal, und Tibets Einflusssphäre wurde von Revolten
in Shang-Shung und Umwälzungen, die durch den islamischen
Druck in Zentralasien entstanden waren, geschmälert.
In Tibet selbst verfolgten die Minister in einem großen
konservativen Rollback sowohl Buddhisten als auch die refor-
mierten Bön, die ihre Lehren mittlerweile durch die Auseinan-
dersetzung mit buddhistischer Dialektik und Metaphysik als ein
hierarchisches Lehrgebäude durchstrukturiert und ihre magi-
schen Praktiken und uralten Meditationsformen philosophisch
39
untermauert hatten.
Me Aktsom, der seinem Urgroßvater, Songtsen Gampo, fol-
gend auch eine chinesische Prinzessin heiratete und sein Reich
beständig vergrößerte, gelang es zwar 714, Nepal zurückzuer-
obern, aber er hatte mit der Einführung des Buddhismus kein
Glück. Auch trat er ein schwieriges politisches Erbe an. König
Lalitaditya von Kashmir griff ihn offen an und korrespondierte
mit dem chinesischen Kaiser, um ihn zu einem Bündnis gegen
Tibet zu bewegen. Der chinesische Kaiser reagierte diplomatisch
und beehrte Lalitaditya mit dem Titel eines »Fürsten von Kas-
hmir« , was ihn zu einem Vasallen machte, ging aber kein Bündnis
gegen seinen Schwiegersohn ein.
So gelang es Me Aktsom, die Einflusssphäre Tibets nach
Magadha, Bengalen und Uttar Pradesh in Indien zu erweitern.
Politisch noch brisanter war die wachsende Verschiebung des
Machtgefüges im mittleren Osten durch den Einbruch der isla-
mischen Eroberer.
In dem bislang schon von allen durchziehenden Eroberern
und ihren ständig wechselnden Herrschaftsansprüchen gezeich-
neten Gebiet war die Invasion des Islam der erste Einbruch einer
doktrinären und von ideologischer Begeisterung fanatisierten
Armee, die Flüchtlingsströme, wie wir sie eigentlich nur in der

42
Moderne kennen, auslöste. Hier ging es nicht mehr allein um
Macht, sondern um ein Weltbild mit Alleinvertretungsanspruch,
dem man sich entweder beugen oder vor dem man fliehen
musste.
Nikolazzi führt dazu Folgendes aus: »Unter der Herrschaft
von König Me Aktsom (712-755) wurde auch Tibet von wichtigen
Ereignissen gezeichnet. In der ersten Hälfte des 8. Jh. vertrieben
Muslime Massen von buddhistischen Mönchen aus Khotan. Die
buddhistisch gesinnte Gattin des Königs von Tibet ließ diese
freundlich aufnehmen. Sieben neue Klöster wurden gebaut. Dies
war ein ungeheurer Aufschwung für den Buddhismus.«
Die chinesische Prinzessin hatte bereits zahlreiche Zenmön-
che aus ihrer Heimat zur buddhistischen Mission ins Land
gebracht und nahm nun die Flüchtlinge aus den von islamischen
Raubzügen zerstörten Klöstern entlang der Seidenstraße und aus
Afghanistan wie Bamiyan großzügig auf. Indem sie den neuen
Klöstern gar zu große Pfründe stiftete, brachte sie aber das Volk
gegen sich auf. Dem Herrscherpaar misslang es also, den
Buddhadharma so zu präsentieren, dass er den Bedürfnissen der
Bevölkerung entsprach. Er blieb ein elitäres Hobby der königli-
chen Familie, das ihren Untertanen als Verschwendung erschien
und sie um so mehr entfremdete, als die ausländischen Mönche
hinter den Klostermauern sich nur um ihre eigenen Meditationen
und Rituale zugunsten ihrer hochgestellten Gönner bemühten.
»Als die Prinzessin 740 starb und anschließend im ganzen
Land eine Seuche ausbrach, wurde dies als ein Zeichen der
erzürnten Geister gedeutet.« Das Resultat war, dass König
Me Aktsom ermordet wurde und die mächtigen Adelsfamilien
viele Buddhisten aus Furcht vor dem Einfluss der Mönche
43
vertrieben.
Sein Sohn, Trisong Detsen, war damals gerade 13 Jahre alt,
und wurde unter die Regentschaft der aufständischen Minister
43
und Adligen gestellt. Daraufhin musste er fünf Jahre lang hilflos
die antibuddhistischen Ausschreitungen, die Zerstörung von
Klöstern und Tempeln, angeführt von seinem Minister Ma-zhang,
mit ansehen. Es scheint, dass er sich diesen Ereignissen schließ-
lich dadurch entzog, dass er an der Spitze tibetischer Armeen
daranging, Zentralasien zu erobern. Als China 763 den Tribut
verweigerte, stürmte er die kaiserliche Hauptstadt Chang-An
und setzte anstelle des Kaisers einen eigenen Kandidaten ein.
783 gab China offiziell seine Ansprüche auf die Mongolei und
Turkestan an Tibet ab und Trisong Detsen war auf der Höhe
seiner Macht.
In dieser Zeit besann sich der König auf seine buddhistischen
Wurzeln und lud 764 den Abt von Nalanda, Shantarakshita, und
auf Anraten von diesem, im darauf folgenden Jahr Guru Padma
nach Tibet ein, um dem Buddhismus in Tibet einen neuen
Anfang zu ermöglichen.
Aus verschiedenen Quellen wird deutlich, dass der König
den Buddhismus aus durchaus machtpolitischen Gründen zur
Staatsreligion machen wollte.
Keith Dowman kommt nach ausführlichem Quellenstudium
zu dem Schluss:
»Die buddhistischen Legenden würden uns gerne glauben
machen, dass diese Inkarnation Manjushris von da an darauf
bedacht war, Tibet in ein buddhistisches Elysium zu verwandeln,
aber sogar der Termatext >The secret Life and Songs of the Lady
Yeshe Tsogyeh stellt den König als zwiespältig in seiner Unter-
Stützung des Dharmas dar.«
Die Eroberung von Tun Huang im östlichen Tarimbecken
mit seinen berühmten Höhlenklöstern mag Trisong Detsen zu
einigen Überlegungen angeregt haben. Er fand in Tun Huang
eine buddhistische Hochburg voller gelehrter Mönche, frei von
Familienbanden und Clan-Loyalität vor, die zugleich eine der

44
wichtigsten Verwaltungszentralen im westlichen Einflussbereich
Chinas war. Sicher ist, dass er den dort lebenden siebten Zen-
Patriarchen Meister Hua Shang Mahayana mit einer Gruppe
seiner Mönche nach Samye einlud, wo er ihn mit höchsten Ehren
empfing und ihn bat, beim Aufbau des Buddhismus zu helfen.
Offensichtlich suchte der König eine des Lesens und Schrei-
bens kundige Beamtenschaft, die allein ihrem königlichen Gön-
ner Loyalität schuldete und unabhängig vom einheimischen Adel
eine zentralistische Verwaltung ermöglichen würde.
Dazwischen hatte der als Dharmakönig kanonisierte Trisong
Detsen lange Phasen, in denen er sich aus politischem Kalkül
wieder seinen Ministern beugte. In diesen Phasen wurden nicht
nur wichtige Übersetzer und Meister wie Vairocana und Namkhai
Nyingpo, sondern sogar Guru Padma wiederholte Male für
wechselnde politischen Koalitionen geopfert und in die Verban-
nung geschickt.
Wie wir wissen, nutzte Padmasambhava diese Zeiten im Exil,
so z.B. in den Jahren 766-770, um durch Tibet zu wandern und
Meditationshöhlen sowie alte Kraftorte für den Buddhismus zu
segnen und magisch »aufzuladen«.
Die Legenden, wie er auf seinen Wanderungen die einhei-
mischen Zauberer und Dämonen Tibets im magischen Wettstreit
besiegte, sind ohne Zahl. So soll er dabei unter anderem die
Fähigkeit zu Materialisation, zum Auftauchen an zwei Orten
gleichzeitig - der Bilokation - und die Kunst des Fliegens
demonstriert haben. Besonders hoch angerechnet wird ihm dabei,
dass er die Erdgeister, Lokalgottheiten und Dämonen nicht nur
bezwang, sondern sie zum Buddhismus bekehrte und sie durch
Eide zum Schutz der Lehre verpflichtete. Auf magische Weise
bereiste er ganz Tibet und segnete Meditationshöhlen und Ein-
siedeleien durch die Kraft seiner eigenen Übung, um zukünftigen
Yogis den Weg zur Erleuchtung zu erleichtern.

45
Wie oft und wie lange er, am Hof in Ungnade gefallen, durch
Tibet wandern musste, wissen wir nicht genau. Verschiedene
Biographien sprechen von drei oder auch 50 Jahren. Wahrschein-
lich ist, da er noch Trisong Detsens zweitem Sohn, Mutri Tsempo
als Ratgeber diente, dass er noch Anfang des neunten Jahrhun-
derts in Tibet weilte. Sicher ist, dass er die Abwesenheit aus
Samye nicht ungern hatte, denn das gab ihm nicht nur Zeit zur
Meditation, sondern auch die Gelegenheit, den Dharma bei
Nomaden und Bauern zu verbreiten. Diese einfachen Dorfpriester
und Schamanen verehrten ihn für die Verbreitung der tantrischen
Lehren und des Dzogchen so sehr, dass es ihre Hingabe und
Treue war, die die tantrischen Übertragungslinien durch die
Wirrungen des 9. und 10. Jahrhunderts retteten, als in Klöstern
und Städten der Buddhismus verfolgt wurde. Vor allem durch
diese Anbindung der ländlichen Bevölkerung an den Buddhismus
wurde sein einzigartiger Ruhm als Heiliger und Erlöser begrün-
det.
Bei seinem Abschied aus Tibet konnte er deshalb sagen: »Ich,
Padmakara, kam, um Tibet zu nützen ... Pässe und Täler, Berge
und Höhlen allerorten bis hinunter zur Größe eines Hufs habe
ich gesegnet, dass dort Meditation erfolgreich sein kann.« und
er verkündete: »In ganz Tibet, von der Mitte bis zu seinen
Grenzen, gibt es kein Tal, und mäße es nur eine Armspanne,
das ich nicht besucht habe. Es gibt keinen Ort in Tibet, den ich
nicht mit liebender Güte schütze.«
Die längste und von ihrer Auswirkung bedeutungsvollste
Rückzugszeit musste er 774 antreten, als ihm die Clanhäuptlinge
und Minister nach dem Leben trachteten. Zum offenen Eklat
mit dem einheimischen Adel war es gekommen, als der König
eine seiner Frauen, Yeshe Tsogyal, die Prinzessin eines der sieben
tibetischen Fürstentümer, Padmasambhava als Guru-Dakshina
zum Geschenk machte. Dieser offene Bruch mit altehrwürdigen

46
Traditionen und die Unterwerfung des Königs unter einen
»vagabundierenden Wandermönch« führte zur offenen Rebellion
der Minister unter Führung seines alten Widersachers M.a-zhang.
Nun musste Trisong Detsen selbst um sein Leben fürchten.
Tatsächlich ging es aber auch hier wieder nicht allein um
konservative Werte, sondern um die Neuverteilung von Macht
und Reichtum, denn der König hatte für jeden buddhistischen
Mönch sieben Familien zum Tribut verpflichtet und damit eine
Entwicklung in Gang gesetzt, die binnen weniger Jahrhunderte
fast allen Besitz zugunsten der Klöster umverteilte. Auch wenn
dies erst in Umrissen zu ahnen war, widersetzten sich die
mächtigen alten Adelshäuser instinktiv jeder Untergrabung ihrer
Machtbasis.
Nun mussten der Guru und die Prinzessin für drei Jahre
nach Tirdrom flüchten. Padrnasambhava kehrte bereits 776 nach
Samye zurück, um den König und die 25 Mahasiddhas in die
höheren Tantras zu initiieren. Yeshe Tsogyal blieb in Tirdrom
zurück, wo sie in einer bis heute als Pilgerziel berühmten Höhle
die Erleuchtung fand.
Hier kommen wir zu einer weiteren Widersprüchlichkeit in
der Vorgehensweise des Königs, die den tibetischen Buddhismus
bis heute entscheidend geprägt hat. In seinem Bemühen, einen
monastischen Beamtenapparat einzuführen, hatte er zwar äußerst
gelehrte, aber auch orthodoxe Pandits und Äbte aus Indien
eingeladen. Diese vertraten, was politisch opportun war, ein
hierarchisches Modell sowohl der Welt als Ganzes, wie des
spirituellen Weges im Besonderen.. Als Legitimation für einen
»himmlisch« autorisierten König, der unabhängig von der mäch-
tigen Versammlung der Adeligen, dem Thing der Germanen
ähnlich, herrschen wollte, muss dies ähnlich attraktiv erschienen
sein, wie die päpstliche Legitimierung für Karl den Großen in
Europa zur gleichen Zeit. Doch standen die Ziele der Pandits

47
im Widerspruch zu den persönlichen spirituellen Neigungen des
Königs, der besonders von den geheimen Tantras und der
Dzogchen oder Maha-Ati genannten höchsten aller Meditationen
angezogen wurde.
Diese Schulen und ihre radikale Philosophie waren in Indien
im Zuge der tantrischen Revolution gerade als Gegenentwurf
für die verkrusteten Hierarchien monastischer Institutionen ent-
standen. So waren die größten ihrer Vertreter, die berühmten
Mahasiddhas, äußerst unorthodoxe, manchmal als verrückt gel-
tende, manchmal als Häretiker geächtete vagabundierende Yogis.
Auch wenn es einige angesehene Gelehrte, sogar Äbte unter den
Yogis der »Großen Vollendung« gab, mussten sie diese Methoden
nachts und im Geheimen praktizieren.
Insbesondere Dzogchen verwarf aus einer radikalen, non-
dualistischen Sicht den Stufenweg zur Erleuchtung und verkün-
dete im Gegensatz zu den grundlegenden buddhistischen Lehren,
die alles als Wirkung früherer Ursachen beschreiben, dass die
Erleuchtung akausal sei, da es keinen getrennten Standpunkt
gebe, von dem aus man sie erlangen könnte.
Diesen radikalen Ansatz zusammen mit genau der orthodoxen
Hierarchie, die ihn ablehnte, nach Tibet zu importieren, führte
zu einer äußerst bemühten Umerklärung und Entschärfung der
höheren Tantras und besonders der Dzogchen-Lehren zumindest
in ihrer Darlegung nach außen. Dabei wurde vor allem der
Zugang zu diesen Lehren und Meditationsmethoden nur denje-
nigen eröffnet, die völlig ins orthodoxe System integriert waren.
Es wurde eine Vorschulung eingeführt, die das unvereinbare,
alle Rahmen sprengende Befreiungselement so kanalisierte, dass
es als innerstes, unaussprechliches Geheimnis für immer vor
dem einfachen Volk verborgen blieb und der Yogi sogar in sich
selbst eine innere Spaltung zwischen seinem wahren Wissens-
stand und dem, was er davon zeigen durfte, vollziehen musste.

48
Dies war besonders für die breite Bevölkerung fatal. In Indien
waren Tantra, Maha-Ati und Mahamudra ob ihrer revolutionären
Einfachheit sowohl von Hirten, Webern, Fischern, Metzgern und
anderen verachteten Kasten praktiziert, ja sogar entwickelt wor-
den, als auch von bedeutenden Pandits und Gelehrten, die, der
Theorie überdrüssig, die direkte Erfahrung suchten. Nun wurden
die befreienden Lehren den unteren Bevölkerungsschichten vor-
enthalten und auf Äbte, Adelige und wiederverkörperte Meister
beschränkt.
Die tantrische Revolution eröffnete die Möglichkeit zur Er-
leuchtung für das ganze Volk, einschließlich der niedrigen
Kasten, die als unrein geltende Berufe ausübten, anstatt den
Mönchsstand und ein Jahrzehnte währendes Philosophiestudium
vorauszusetzen. Gleichzeitig benutzte die tantrische Praxis Me-
thoden, die alle hinduistischen Glaubensvorstellungen nicht nur
so verletzten, dass sie zu einem heilsamen Schock aus dem
konditionierten Konsensusbewusstsein führten, sondern damit
auch bewusst eine Hemmschwelle für pharisäerhafte Gelehrte
bildeten, denen Ruf und Status wichtiger als die Erleuchtung
war. Deswegen wurden die tantrischen Praktiker sowohl von
hinduistischen Brahmanen wie buddhistischen Pandits verfolgt.
Notwendigerweise war Tantra in seiner Urform eine Art spiri-
tueller Revolution, die im Untergrund operierte, Codenamen
und geheime Treffpunkte (hier waren z.B. Verbrennungsstätten,
auf denen es spuken sollte, sehr beliebt) sowie eine metaphorische
Geheimsprache benutzte, in der oft das Gegenteil des Gesagten
impliziert war. Tantriker, die ihre Praxis im Geheimen im
Rahmen einer monastischen Gemeinschaft ausübten, liefen Ge-
fahr, gesteinigt oder verbrannt zu werden, wenn sie enttarnt
wurden. Im besten Ealle wurden sie verstoßen, was für einen
Gelehrten im rigiden Kastensystem Indiens ein Dasein als bet-
telnder Paria bedeutete.

49
Nun wären die Yogis der Großen Vollendung in Tibet gar
nicht in Gefahr gewesen, da das hinduistische Kastensystem und
seine rigiden Gesetze hier keinen Einfluss hatten, doch unglück-
licherweise trugen die buddhistischen Mönche und Pandits, die
diese geheimen Überlieferungen zusammen mit den kanonisier-
ten buddhistischen Werken nach Tibet gebracht hatten, diesen
verinnerlichten Druck mit sich herum. Ob die Geheimhaltung
nur noch eine romantische Verbrämung war, oder sich mittler-
weile im Zuge des Jahrhunderte langen Außenseitertums ein
gewisses elitäres ßewusstsein entwickelt hatte, Tatsache ist, dass
diese Aufspaltung zusammen mit den Lehren nach Tibet expor-
46
tiert wurde. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass das Gefängnis,
dem die tantrischen Yogis zu entrinnen versuchten, von ihnen
selbst mitgebracht wurde.
Bis heute kann der Neuling im tibetischen Buddhismus
deshalb erleben, dass berühmte Meister, auf diese Lehren ange-
sprachen, leugnen, sie überhaupt zu kennen.
So mussten nun Padhmasambhava, Vimalamitra und Vairo-
cana, die die herausragenden Vertreter der Dzogchen-Übertra-
gungslinie in Tibet waren, den König und einen Kreis ausge-
wählter Herzensschüler im geheimen in der Klause von Chimpu
unterrichten. Währenddessen lehrten in dem neu gegründeten
Kloster von Samye die orthodoxen indischen Pandits im Auftrag
des Königs den Stufenweg und seine Hierachie von Mönchen,
Lehrern und Meistern, und verteidigten ihn in langen Debatten
gegen die radikale Lehre der jähen Erleuchtung des Zenbud-
dhismus, die in Tibet seit dem 6. Jh. von chinesischen Wander-
mönchen verbreitet wurde.
Obwohl die meisten tibetischen Quellen von einer vernich-
tenden Niederlage der Zen-Fraktion in dieser mehrjährigen
Debatte sprechen, zeigen die in den Höhlen von Tun-huang
gefundenen Protokolle, dass die Schule der stufenlosen Erleuch-

50
tung, wie Zen in Tibet auch genannt wird, die besseren Argu-
mente vortrug, der König aber aus Staatsräson die demokrati-
scheren und unkontrollierbaren Zenlehren verbot und den Stu-
fenweg indischer Prägung zur Staatsreligion erhob. Der Zenpa-
triarch Mahayana Hua Shang musste um 800 verkleidet bei Nacht
und Nebel fliehen, da er in Samye seines Lebens nicht mehr
sicher war.
Ebenso radikal wurden ab 788 die einheimischen Bönlehren
verfolgt, obwohl der König deren Dzogchen-Lehren ausdrücklich
schützte und die Übersetzung aus der Shang-Shung-Sprache
durch buddhistische Gelehrte durchaus förderte.
Dies rührte zu der bis heute anhaltenden schizoiden Praxis
des Tibetischen Buddhismus, dass die höchsten Lehren und
damit auch die das größte Potential zur Befreiung für alle Wesen
beinhaltenden Methoden geheimgehalten werden, da sie viele
Aspekte klösterlicher Machtpolitik ad absurdum führen würden.
Der an der Universität von Neapel lehrende tibetische Meister
Namkhai Norbu drückt es so aus: »Wir können in den Lehren
Buddhas tatsächlich Dzogchen spüren. Es gibt eine echte Ent-
sprechung, aber es entspricht nicht der Ordnung eines Klosters.
Wenn du ein sehr großes Kloster mit präzisen Regeln möchtest,
ist es schwer, Dzogchen zuzulassen... In der Institution eines
Klosters gibt es Regeln, Systeme, Programme. Wenn du Dzogchen
folgst, bricht das alles zusammen... Aus diesem Grund halten
einige Lehrer ... ihre Dzogchenpraxis geheim.«
So wurde also eine spirituelle Erneuerungsbewegung nach
Tibet exportiert, die sich dort in die äußere Form hüllte, die zu
überwinden sie aufgebrochen war. Als Europäer könnten wir
uns hier an das junge Christentum erinnert fühlen, das sich
beinahe reflexartig auf das Alte Testament bezog, das Jesus
soeben durch ein »neues Gebot« überwunden hatte.
Auch von König Trisong Detsen wurde von Anfang an ein

51
inhärenter Widerspruch zwischen politischem Kalkül und spi-
ritueller Sehnsucht eingeführt, an dessen Spannungen der tibe-
52
tische Buddhismus bis heute leidet.
Bedauerlich ist, dass sich unter dem Eindruck der islamischen
Bedrohung die buddhistischen Gelehrten - einmalig in der
Geschichte dieser toleranten Religion - beinahe genauso ideo-
logisch doktrinär verhielten wie die mohammedanischen Erobe-
rer, denen sie entronnen waren. Man kann das nur in dem
Zusammenhang verstehen, dass hier höchst engagierte Menschen
alles tun wollten, um den Vajrayana-Buddhismus indischer Prä-
gung vor der Zerstörung zu bewahren und zum Nutzen zukünf-
tiger Generationen in einer geschützten Enklave möglichst rein
zu erhalten. Mit bestem Gewissen versuchten sie nur das, was
ihrer Überzeugung nach dem Wohl aller Wesen am förderlichsten
wäre, nämlich das unverfälschte Dharma vor Vermischung mit
der indigenen Böntradition und den »häretischen« Zenlehren
zu schützen.

DIE ÜBERTRAGUNG DER LEHREN

fadmasambhava oder Guru Rinpoche - »Kostbarer Lehrer« -,


wie er liebevoll von den Tibetern bis heute genannt wird,
reflektiert in dieser Rolle auch hier wieder durch sein Leben die
ganze Bandbreite aller buddhistischen Schulen und Entwicklun-
gen. Er gab nicht nur die esoterischen Lehren weiter, sondern
fing nach dem Bau von Samye 786 damit an, zusammen mit
dem Abt Shantarakshita, dem großen Gelehrten Vimalamitra,
dem Übersetzer Vairocana und Hunderten von Übersetzern und
Gelehrten, den riesigen Kanon aller buddhistischen Schriften ins
Tibetische zu übersetzen. Das war eine in der Kürze der Zeit

52
heute kaum mehr vorstellbare Hochleistung der menschlichen
G eistesgeschichte.D
Dieses Jahrzehnte dauernde, gigantische Unterfangen brachte
einige der größten Meister des Buddhismus aus Indien und
China nach Tibet. Deren Begeisterung darüber, jahrelang in ein
kaltes Barbarenland zu gehen, lässt sich nur teilweise mit dem
Enthusiasmus, das Buddhadharma im Schneeland einzuführen,
begründen. Mit Sicherheit war ein anderer Faktor die bereits
erwähnten ersten Einfälle islamischer Horden in Indien. Deren
erklärtes Ziel war neben Plünderung und Landnahme die Zer-
störung des Buddhismus. Um diese Zeit herum tauchten bereits
die ersten prophetischen Schriften wie das Kalachakra-Tantra
über die islamische Bedrohung des Buddhadharma in Indien auf,
die im Licht der Ereignisse in Afghanistan glaubhaft erschienen.
Als tibetische Truppen 790 die islamische Expansion auf-
hielten und bis tief ins persische Sassanidenreich eindrangen,
schien es, dass Tibet das in dem Kalachakra-Tantra und dem
Shambala-Mythos beschriebene verborgene Reich sei, in dem
der Buddhismus den islamischen Sturm überleben und von wo
aus er sich am Ende der Zeit wieder zum Wohle aller Wesen
verbreiten würde.'
Die Tibeter wurden erst durch eine Koalition zwischen den
Chinesen und dem Kalifen Harun AI Raschid in ihrem Vormarsch
an den Ufern des Oxus gestoppt und konsolidierten ihre Macht
in »Splendid Isolation« in ihrem Schneeland.
So erschien es wichtig, dort die buddhistische Lehre für die
Nachwelt zu erhalten.
Diese großen Meister Indiens und Chinas verbrachten Jahre
im Kloster Samye, das für eine kurze Zeit zu einem Treffpunkt
der geistigen Größen Asiens wurde. Neben den buddhistischen
Panditas aus Bengalen waren es die berühmten Ati-Yogis aus
Kaschmir und Turkestan, und chinesische Zenmeister, die seit

53
Jahren in Tibet missioniert hatten, sowie die einheimischen
Schamanen Tibets und Burjätien, die sich hier auf engstem
Raum begegneten. Selbst Zarathustra-Anhänger, die dem mo-
hammedanischen Druck im Iran entflohen waren, fanden hier
Zuflucht.
In der Tat fand in Samye - wenn auch nur umständehalber —
das erste ökumenische Konzil der Welt statt, während dessen
Padmasambhava, Vimalamitra, Vairocana, Drenpa Namkha und
andere im Geheimen die Dzogchenlehre der Großen Vollendung
aller neun Yanas oder Wege zur Erleuchtung formulierten.
In der Zeit zwischen dem Bau Samyes (Dowman nennt das
Jahr 769, die Tun Huang-Chroniken 775) und der unglücklichen
Debatte zwischen den indischen Anhängern des Stufenweges
und den chinesischen Zenmönchen (Dowman nennt das Jahr
808, die Tun Huang-Chroniken 794), die diesen Geist der
Offenheit beendete, fand ein fast 30 Jahre währendes Experiment
gegenseitiger geistiger Befruchtung statt, dessen Auswirkung bis
heute spürbar ist. Die kurze Zeit, die es währte, mag auch für
heute ein Beispiel geben, welche positive Auswirkung die offene
Begegnung verschiedener spiritueller Traditionen haben kann.
Wir können den Einfluss des Zusammenlebens so vieler
Meister in Samye auf die ganze asiatische Geistesgeschichte nur
erahnen, wenn wir die wichtige kulturtragende Funktion Zen-
tralasiens durch das Medium der Seidenstraßen, und zwar über
große Zeiträume hinweg, verstehen. Sie waren über ein Jahrtau-
send lang nicht nur die wichtigsten Handelsstraßen, die die
wirtschaftlichen und politischen Zentren von Rom, China und
Indien miteinander verbanden, sondern auch die Schlagadern,
durch die kulturelle Entwicklungen und neue spirituelle Ideen
pulsierten. Wie Daisaku Ikeda in »Buddhismus, das erste Jahr-
tausend» darlegt, war das ganze Gebiet »Mittelasiens« zwischen
dem Iran, Afghanistan und Turkestan ein einziger großer kul-

54
tureller Bereich, der »fortschrittlicher und weltmännischer« war
als die Machtzentren, die er verband. Hier verschmolzen einzelne
Entwicklungen und Einsichten der verschiedenen Räume zu
einem Ganzen und wurden von hier aus verbreitet. Der japanische
Kulturanthropologe Tadao Umesao betrachtet das Gebiet zwi-
schen der Seidenstraße, Indien und dem Mittelmeer sogar als
die kulturelle »Zentralregion« Eurasiens.
Eine Reihe bedeutender japanischer Buddhismus-Forscher
folgen dieser Sichtweise und versuchen, es an der wechselseitigen
Beeinflussung von Buddhismus und Christentum zu beweisen.
Beleg dafür sind ihnen unter anderem der Fund eines Ediktes
des Kaisers Ashoka in Afghanistan., das auf griechisch und
aramäisch, der Muttersprache Jesu, niedergeschrieben wurde.
Wenn wir bedenken, dass bereits zehn Jahre nach seinem Tod
die ersten christlichen Gemeinden an der indischen Südküste
entstanden, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Jesus von
Nazaret nichts von den buddhistischen Lehren gewusst haben
soll, die bereits seit Alexander dem Großen die hellenische
Geisteswelt beschäftigten und von Kaiser Ashoka ganz aktiv
auch nach Westen verbreitet wurden.
Besonderes Indiz ist die große Übereinstimmung der frohen
Botschaft Jesu mit der gerade hundert Jahre alten Erneuerungs-
bewegung im Buddhismus, dem Mahayana, die das Allerbarmen
und die Erlösung aller Lebewesen zu ihrem Leitmotiv gemacht
hatte. In diesem Bestreben, alle Wesen zu erlösen, setzte sich das
Mahayana über die frühere Sicht, die Erleuchtung nur zur Selbst-
befreiung zu suchen, hinweg und verwarf viele der engen Regeln
des Theravada-Buddhismus als egozentrisch. Hier formulierte das
Mahayana ganz kühn, dass es erlaubt sei, diese einengenden
Gesetze zu durchbrechen, wenn es anderen Wesen nützen könn-
te. Sollte man dabei selbst die negativen Folgen solcher Trans-
gressionen zu tragen haben, so wäre dies ein ganz besonders

55
tugendhaftes Opfer. Dies erinnert sogleich an die ebenso kühne
Auseinandersetzung Jesu mit dem alle Aspekte des Lebens regle-
mentierenden jüdischen Gesetz, dem er Liebe und Barmherzigkeit
als »neues Gebot« gegenüberstellte. Auch scheinen buddhisti-
schen Forschern die Gleichnisse Jesu, wie das vom Sämann oder
vom Senfkorn (Mt 13) und das Gleichnis vom verlorenen Sohn
CO

(Lk 10) direkt aus buddhistischen Lehrreden übernommen .


Tatsache ist, dass sich Buddhabildnisse auf griechischen Münzen
finden, eine Buddhastatue sogar in Schweden entdeckt wurde.
Andererseits gibt es Elemente in den tantrischen Langlebens-
pujas, die manche Forscher an den christlichen Abendmahlsritus
nestorianischer Christen erinnern, und tatsächlich gab es über
längere Zeiträume hinweg nestorianische Bischöfe in Tibet.
Dies alles zeigt, dass Zentralasien nicht nur ein Knotenpunkt
für den Handel war, sondern dass entlang der Karawänenstraßen,
die China im Osten, Indien im Süden und Rom im Westen
verbanden, auch neue Ideen und kulturelle Neuerungen verbrei-
tet, ja sogar entwickelt und selbstbewusst zu einer Synthese
verschmolzen wurden.
Es wäre äußerst kurzsichtig, zu glauben, dass Entwicklungen
nur in eine Richtung gehen, wie diese Beispiele uns zeigen.
Genauso wenig transportierte diese Ader den kulturellen und
spirituellen Pulsschlag nur von Indien nach Tibet, sondern
brachte höchstwahrscheinlich auch die bei dem großen Konzil
in Samye neu formulierten Synthesen der bisher separat erfolgten
Entwicklungen und Erkenntnisse in den weit auseinander lie-
genden Zentren der buddhistischen Welt als Maha Ati zurück
nach Arya Desha, das »noble Land«, wie Indien noch heute bei
den Tibetern heißt. Tatsächlich findet sich auch heute noch,
wenn auch in einer leicht degenerierten Form, bei hinduistischen
Sadhus eine Tradition des »Ati-Marga« oder höchsten Weges.
Es gibt weitere Beispiele für die Diffusion tantrischer Riten

56
und Texte aus Tibet nach Indien. Sir John Woodroffe beschreibt
einen als Chinacara (chinesische Praktiken) bekannten tantri-
schen Kult, der in Bengalen weite Verbreitung fand und aus
Bhotia (Tibet) oder Mahacina (Kham. oder Pemakö in Osttibet)
stammen soll.
Agehananda Bharati weist sogar auf über ein Dutzend tan-
trischer Texte und Traditionen im hinduistischen Indien hin,
die aus dem buddhistischen Tibet oder Kham stammen sollen.
Besonders interessant ist das Sadhanamala, ein buddhistischer
Text aus dem Nepal des 12. Jh., da es den Ritus der Dzogchen-
Schützerin Ekajata beschreibt, die von dem großen indischen
Weisen Nagarjuna aus Tibet gebracht worden sein soll.
AU dies gibt Anlass zur Vermutung, dass Dzogchen tatsächlich
zur Zeit Guru Rinpoches in Samye als höchste Synthese aller
buddhistischen Meditationen entwickelt und nach Indien reim-
portiert wurde.
Denn sein wahres religiöses Genie lag in der Integration der
verschiedenen Traditionen in die buddhistische Weltsicht und
in der Essentialisierung aller buddhistischen Meditationen in der
Dzogchen-Lehre und -Meditation.
Auch wenn die Gelehrten der Nyingma-Tradition dies vehe-
ment ablehnen, weil sie es als Angriff auf die Authentizität ihrer
buddhistischen Übertragungslinie werten, wird es durch viele
Indizien untermauert.
Die Dzogchen-Philosophie beinhaltet viele Anklänge an an-
dere Schulen Asiens wie Bon, Kashmir-Shaivismus und den
chinesischen Ch'an-Buddhismus.
Unter den 25 Mahasiddhas waren, wie bereits ausgeführt,
Drenpa Namkha, ein namhafter Bönmeister, und der bedeutende
Übersetzer Vairocana, beide auch wichtige Glieder in der Bön-
Üb ertr agungslinie.
Darüber hinaus zitiert der Kagyü-Gelehrte Garma C. Chang

57
historische tibetische Quellen, die die Dzogchen-Lehre als »chi-
nesisches Dharma«, also als Häresie, bezeichnen.
Deshalb musste auch Padmasambhava seine eigenen Beleh-
rungen nach der Vertreibung der Zenmeister aus Tibet in der
Form von Termas und Schatztexten verstecken (s. Anhang). Sein
größtes Geschenk an Tibet, die Formulierung und Übertragung
der Dzogchenlehre, des Yogas der Großen Vollkommenheit,
zusammen mit Vimalamitra und Vairocana blieb auf diese Weise
der Welt erhalten. 69
Der vorliegende Text besteht aus prophetischen Belehrungen
des Guru Padmasambliava, die er um 775 in der Einsiedelei von
Chimpu an die 25 Mahasiddhas gab. Darin pflanzt er in den
großen vollendeten Yogis Tibets, auf die die verschiedenen
Traditionen der Nyingmaschule zurückgehen, die Samen des
Verstehens, wie sie bei zukünftigen Wiedergeburten die Probleme
der entsprechenden Epoche lösen können. Zu diesem innersten
Kreis gehörten der König selbst, seine Söhne und die Königin,
Yeshe Tsogyal sowie Nyang Wen Tingzin Zangpo. Die Beleh-
rungen erfolgten auf die Einladung des Nyang Wen Tingzin
Zangpo, eines Meisters von nicht geringer Verwirklichung, der
selbst der Nachfolger Vimalamitras und damit der erste Linien-
halter der tibetischen Dzogchentradition war. Zusätzlich war
Nyang Wen Tingzin Zangpo der persönliche Priester und Zere-
monienmeister des Königs und ein führender Vertreter des C'han
(Zen)-Buddhismus. Aus dem Respekt, den Zangpo in seinen
Fragen ausdrückt, zeigt sich, welche Wertschätzung der Lehrer
des Königs diesen profunden Unterweisungen einräumt.
Trotz der Schirmherrschaft des Königs bei diesen Belehrun-
gen mußten sie aus politischen Gründen niedergeschrieben,
versiegelt und dann sofort als Terma oder geheimer Schatz
verborgen werden, um in der Zukunft verbreitet werden zu
können.

58
Aus der heutigen Zeit gesehen sind diese Texte nicht nur
hochaktuell, sondern es zeigt sich, dass historisch ein äußerst
erfolgreicher Beitrag Padmasambhavas zur Entwicklung des Bud-
dhismus in Tibet die Vereinigung schamanischer Praktiken mit
der buddhistischen Erleuchtungslehre war. Denn viele bis heute
in Tibet gebräuchlichen Praktiken sind schamanischen Ur-
sprungs: Singen und Trommeln, Beschwörungen und symboli-
sche Magie, Maskentänze und Feuerzeremonien und insbeson-
dere die Visionssuche durch Isolation in der Wildnis oder sogar
der völligen Dunkelheit eines eingemauerten Retreats.
Diese besonders wirkungsvollen schamanischen Techniken
der Visionssuche waren es, die die Kontinuität der Lehre ga-
rantierten, als in den dunklen Zeiten der Religionskriege die
»lange Übertragungslinie« - weil sie von Meister auf Schüler
mündlich über alle Generationen bis heute weitergegeben wurde
- empfindlich gestört war und nur durch die visionäre Offen-
barung der verborgenen Schätze - der Termas - die Lehre
erhalten blieb.
Heute ist es gerade diese visionäre Kraft des tibetischen Bud-
dhismus, die weltweit Inspiration und spirituelle Impulse gibt.
Unter extremsten Umständen, inmitten eines Genozids un-
vorstellbaren Ausmasses, gelingt es den Tibetern, aller Welt die
Kraft des Mitgefühls und des Erleuchtungsgeistes vor Augen zu
führen und - selbst verzweifelt - ein Anlass zur Hoffnung für
die ganze Menschheit zu sein.
Denn genau wie in der schamanischen Initiation oder bei
der tibetischen Chöd-Meditation beginnt die Heilung in der
existentiellen Krise der Todeserfahrung, und Heilkräfte erwach-
sen dem, der sich bewusst den krankheitsverursachenden Dä-
monen von Hass, Angst und Gier opfert. Wer sich von diesen
zerfleischen und fressen lässt, ohne selbst im Bewusstsein von
Furcht oder Abwehr überwältigt zu werden, wächst über sie

59
hinaus und kann sie nun beherrschen und die Krankheit zu
Wachstumsimpulsen transformieren.
Guru Padmasambhava hatte vorausgesagt, dass zu der Zeit,
wenn »eiserne Vögel fliegen, das Dharma nach Westen ginge«.
Möglicherweise bewirkt die damals vorausgesagte blutrünstige
und brutale Zerstörung Tibets eine globale Initiation in das er-
leuchtete Bewusstsein des Allerbarrnens, deren Same von dem
legendären Guru zur Zeit, als diese Texte entstanden, gelegt wurde.
Um mit den Worten Padmasambhavas selbst zu schließen:
»Ich habe Glück verheißende Umstände geschaffen und ich
werde den Wesen in einen endlosen Strom immer wieder neu
erscheinen. ... Ihr, die Menschen zukünftiger Generationen,
werdet meinen Segen spüren, wenn ihr mit Hingabe und Ver-
trauen an mich denkt.«

Da diese Texte verborgen wurden, um der Zerstörung, in dunklen


Zeiten zu entgehen und zur angemessenen Zeit die richtige
Wirkung zu entfalten, ist unser Gebet, dass dies jetzt und in
dieser Form geschehen möge.
Mögen alle Weggefährten schnell zur Verwirklichung des
Zieles gelangen.

Shechen Ling, Boudhanath, im wunscherfüllenden ersten Monat,


dem März 1998

Karl Scherer
AUF DIE FRAGEN DES NYANG WEN
TINGZIN ZANGPO

DURCH DIE LIEBENDE GÜTE UND DEN SEGEN DES


VIDYADHARA VON ODDIYANA,
DER DIE VERKÖRPERUNG ALLER OBJEKTE DER ZUFLUCHT
UND UNTRENNBAR VON MEINEM EIGENEN
WURZELLAMA IST,
MÖGE ICH DIE FÄHIGKEIT BESITZEN,
DIESE DIAMANTENEN WORTE IN DIE TAT
UMZUSETZEN.

Dieses Gebet w u r d e am Glück v e r h e i ß e n d e n 15. Tag des ersten


Monats des Erd-Tiger-Jahres, dem 12. März 1998, anlässlich der
Veröffentlichung dieses Buches v o n W a g h e n d h a r a Dharma Mati
(Khyabje Trulshik Rinpoche), gesprochen u n d v o n Tulku Pema
Wangyal übersetzt.

61
Nyang Wen Tingzin Zangpo war Hofpriester und Minister des Königs und
zugleich einer der führenden buddhistischen Meister seiner Zeit der Padmas-
abhavas Geheimlehre niederschrieb, verbarg und in seiner späteren Inkarna-
tion für unsere Zeit offenbarte. Durch seine spirituelle Praxis erlangte er die
Kraft, durch Felsen gehen zu können.

62
Entnommen aus dem Könchog Chidu Zyklus, der tiefgrün-
digen Lehre von der Großen Vollendung.
Mögen diese Fragen und Antworten den Geist erfreuen und
erhellen.
Verehrung dem leuchtenden, lotusgeborenen, vollendeten
Buddha, Padmasambhava, dem Bewährer des Schatzes
allwissender Einsicht, der in der Form von Dorje
Thötrengtsal - der unzerstörbaren Kraft befreiter Zwang-
haftigkeit - erscheint und die Natur aller Buddhas in sich
vereinigt

Diese Einführung ist zugleich Quellenangabe und Segenswunsch.


Voller Verehrung wird die Anwesenheit Guru Rinpoches beim
Lesen dieses Textes angerufen. So wird der Text dem, der mit
wachem Geist liest, genauso unmittelbar zugänglich wie den
ursprünglichen Zuhörern.
Der vorliegende Text ist ein Auszug aus dem Könchog Chidu
Zyklus, der dem Band I der Six Volumes of jatshon, (T.T. Rinp,
Ogyan Kunzang Chokhorling, Darjeeling, India) entnommen ist.
Der übersetzte Text findet sich auf den Seiten 307-335. Die sechs
Bände enthalten die Sammlung aller Schätze, die von dem großen
Tertön Jatshon Nyingpo aufgefunden wurden.

Nyong Wen Tingzin Zangpo:


Durch meine ausdauernden Gebete und den Segensstrom,
der Kraft der heiligen Eide, die mich mit meinem Lehrer
verbinden, entstand, bin ich im Alter von 21 fahren dem
großen Guru Rinpoche begegnet, den ich, frei von Täu-
schung, als die Verkörperung aller siegreichen Erleuchteten
erkannte.

63
Die Kraft meiner guten Taten führte mich zur Pilgerschaft
nach Bodh Gaya, dem diamantenen Thron, an dem Buddha
Shakyamuni unter dem Bodhibaum die Erleuchtung fand,
und als Schüler zu vielen der Weisen Indiens. Ich übersetzte
zahlreiche ihrer Lehren ins Tibetische. Bis ins hohe Alter
von 84 fahren erfuhr ich den Segen, beinahe beständig bei
Meister Padma verweilen zu dürfen. Auch wurde allein mir
anvertraut, das »Herz der Lehre von Vimalamitra« zu
übertragen.

Vimalamitra gilt neben Guru Rinpoche, wie Padmasambhava in


Tibet genannt wird, als Begründer der tibetischen Dzogchen
bzw. Ati-Yoga-Schule. Allgemein gilt Dzogchen in Tibet als die
schnellste und unkonventionellste Methode zur Erleuchtung.
Das »Vima Nyingthig« ist einer ihrer essentiellen Texte und
Üb ertrag ungslinien.

Da ich König Trisong Detsen durch Einweihung zur Reife


geführt habe, wurde ich sein Lehrer und gewann seine
Verehrung. In diesem Leben verwirklichte ich die vollkom-
mene "Erleuchtung. Es wurde vorausgesagt, dass ich in
Zukünftigen Zeiten die verborgenen Schätze spiritueller
Unterweisung (s. Anhang) wiederfinden würde und sie
großen Nutzen für alle, die sich mit diesen Lehren befassen,
bringen würdeii. Dann würde die Dunkelheit, die alle Wesen
unter dem Himmel einhüllt, durchbrochen werden. Wie
wundervoll!
Die folgenden Unterweisungen und Antworten gab Guru
Rinpoche, als der König und die Königin Tsogyal, viele
Schüler und ich, in der Einsamkeit der Klause Chimphu

64
Tnsong Detsen war der mächtigste König Tibets aller Zeiten. Er lud Hunderte
von buddhistischen Lehrern, darunter auch Padmasabhava, den Abt Shanta-
rakshita und den Dzogchenmeister Vtmalamitra, nach Tibet ein, den Bud-
dhismus zu etablieren

65
nahe dem. Kloster Samye versammelt waren, um die gehei-
men Unterweisungen des tantrischen Wegs zu erhalten. Auf
meine Bitte hin lehrte Guru Rinpoche und klärte anschlie-
ßend all unsere Zweifel und Fragen, Solchermaßen fing er
zu sprechen an:

66
GRUNDLEGENDE
ANWEISUNGEN

ort bitte alle genau und aufmerksam zu!


Die Wahrheit der Lehren hat das Leben der Menschen
dieses Landes, die sich spirituell nennen, noch in keiner
Weise durchdrungen. Ihr Wesen wird von meditativen
Einsichten über Tod und Vergänglichkeit nicht im Gerings-
ten berührt. Wie wäre es sonst möglich, dass sie ziemlich
gleichgültig und faul sind und sich nur gelegentlich ernsthaft
bemühen.
Sie haben nicht erkannt, dass sie in dem ewigen Kreislauf
von bedingtem Entstehen und Vergehen gefangen sind, sehen
deshalb nicht, dass sie das Anhaften am Materiellen los-
lassen müssen, um frei zu sein.
Wenn sie bedächten, wie schwierig es ist, derart günstige
Bedingungen für eine spirituelle Praxis zu haben, würden
sie nur noch tun, was wirkliche Bedeutung hat.
Erkennt das Gesetz von Ursache und Wirkung und übt
deshalb etwas Zurückhaltung bei euren Handlungen, wenn
ihr merkt, dass sie zu weiterem Leid führen. Erkennt die
Vorteile und den Segen, die ein verantwortungsvolles und

67
ethisches Handeln bringt und vermehrt täglich das Konto
eurer guten Taten.

Gute Taten zu tun und zu vermehren, hat nichts mit Moralismus


zu tun, sondern ist der Schlüssel zur Erleuchtung, weil wir
essentiell nicht voneinander getrennt sind. Wenn wir jemanden
verletzen, so verletzen wir letztlich uns selbst und ziehen uns
von. der Erfahrung der Erleuchtung, die ja immer eine Einheit
ist, zurück. Wenn wir uns gegenseitig gut behandeln, offenbart
sich diese Einheit, und wir bewegen uns auf die Erleuchtung
zu. Das Anhäufen guter Taten für eine bessere Wiedergeburt
oder sonstige materialistische Vorteile jedoch verstärkt letzten
Endes diesen Geist der Getrenntheit. Deshalb weist Guru Pad-
masambhava in den nächsten Zeilen darauf bin, dass Mitgefühl
und Erbarmen die einzigen realistischen Voraussetzungen dafür
sind, tatsächlich zur Erleuchtung zu gelangen. Sonst kann der
spirituelle Weg leicht zur Sackgasse von Selbstbespiegelung und
-Verliebtheit werden oder zum Irrweg, egoistische Vorteile aus
ihm gewinnen zu wollen. Dann wird, wie Patrul Rinpoche sagt,
selbst die Lehre der Wahrheit zu unserem Verderben.
In äußerster Knappheit umreißt Guru Rinpoche hier die vier
grundlegenden Kontemplationen, die unseren Geist aus der
Verstrickung in die relative Welt bedingter Existenz lösen und
zum Absoluten hinwenden.
Die erste ist die Kontemplation über die verschwindend
geringe Chance, unter den Myriaden von fühlenden Wesen einen
kostbaren Menschenkörper zu erhalten, mit dem tatsächlich die
Erleuchtung leichter als in allen anderen Lebensformen erfahren
werden kann. Das Resultat dieser Kontemplation ist der feste
Entschluss, sein Leben der Erkenntnis der Wahrheit und ihrer
heilenden Kraft für alle Wesen zu widmen.

68
Die zweite Kontemplation ist die Vergegenwärtigung der
Vergänglichkeit aller Erscheinungen. Hier meditiert man darüber,
wie alle Dinge und Erfahrungen aus mehreren Ursachen, Fak-
toren und Elementen zusammengesetzt sind. Da sie zusammen-
gesetzt sind, werden sie auch wieder zerfallen. Da sie eine oder
mehrere vorausgehende Ursachen haben, haben sie keine Eigen-
natur. Sie sind leer von einer unabhängigen Identität oder einem
eigenständigen Selbst. Wir erkennen als Ziel dieser Kontempla-
tion, dass es nichts festzuhalten gibt und dass damit auch alles
offen ist!
Die dritte Kontemplation ist darüber, dass jede Handlung
- ob positiv oder negativ - zu einem Resultat führen wird, das
wir eines Tages selbst erfahren werden. Wir führen uns am
Beispiel irgendeiner Handlung des Tages vor Augen, welche
Wirkungen sie auf andere hatte und wie wir uns in ihrer Haut
fühlen würden. Schritt für Schritt versuchen wir nachzufühlen,
was jede unserer Handlungen bei anderen bewirkt hat. Das
Resultat dieser Übung wurde von einem chinesischen Zen-Meis-
ter so formuliert: »Gutes tun, Böses lassen und den eigenen
Geist klären - ist die Essenz der Lehren aller Buddhas.«
Die vierte Kontemplation besteht darin, sich das Leiden aller
Lebensformen, die aus verschiedenen Faktoren zusammenge-
setzt, von ihrer Umwelt abhängig und dem Wandel unterworfen
sind, zu vergegenwärtigen. Diese Kontemplation ist durchaus
analytisch und wissenschaftlich und führt durch alle Lebensbe-
reiche. Am Schluss müssen wir erkennen, dass sogar die Atome,
deren Teilchen ständig aufeinanderprallen, sich reiben und zer-
fallen. Nichts, was in dieser Welt besteht, ist frei von einem
intrinsischen Leiden!
Alle vier zusammen entsprechen den grundlegenden Übun-
gen der alten Schule, die jeder spirituelle Sucher absolvieren muss,
bevor er initiiert wird! Alle Beispiele der nächsten Kapitel dienen

69
für diese Übungen als Vorstellungshilfe. Sie sollten in der eigenen
Imagination nachvollzogen und reflektiert werden, um eine ernst-
hafte Motivation für den spirituellen Weg zu haben.

Fangt an, auf dem Weg der Wahrheit zu gehen, dann werdet
ihr ohne Kontemplation und Meditation nicht mehr leben
können, bis ihr euer Ziel erreicht habt. Erweckt jeden
Augenblick den Geist der Erleuchtung und des Mitgefühls
für alle Wesen.
Würden die Menschen das tun, dann würden sie unermüd-
lich für das Wohlergehen ihrer Mitmenschen und die Ret-
tung unserer Umwelt arbeiten.
Die Menschen schauen nicht auf ihre Wahre Natur, die
immer Eins ist, und deswegen glauben sie, besser zu sein
als ihre Mitmenschen, und sind daher ständig eifersüchtig
auf alle anderen.
Die Menschen lesen wenig Wertvolles, zerstreuen sich,
meditieren weder regelmäßig, noch gehen sie die Neun
Stufen des Weges. Daher können sie auch nicht das We-
sentliche vom Unwesentlichen unterscheiden. Selbst wenn
sie sich bemühen, unterscheiden sie im Allgemeinen zwi-
schen einer anzustrebenden Erleuchtung und dem normalen
Alltag, das heißt, sie haben sich einer inneren Sicht noch
nicht einmal genähert. Die wahre Natur aller Erscheinungen
ist ihnen fremd und sie identifizieren sich mit ihren Wün-
schen und Handlungen. Kaum jemand aber hat den Wunsch,
den Weg zur Vollendung des Menschen bis zum Ende zu
gehen. Wäre es anders, würden die Menschen unendlich
viel Nutzloses einfach sein lassen. Kurzum, der Weg der
Wahrheit interessiert sie nicht im Mindesten.

70
DAS GROSSE
GESCHENK

%^Jo sprach Guru Rinpoche, und fuhr dann fort:


Es ist aber unbedingt notwendig, den Weg der Wahrheit
zu gehen, der die Erlösung aus dem Ozean der Leiden
unserer bedingten Existenz mit sich bringt. Ansonsten wird
man dieses Leben hier als freier Mensch und unter derartig
günstigen Bedingungen nicht noch einmal geschenkt be-
kommen.

Die Erleuchtung ist nicht nur an sich schon schwer zu


erlangen - unter ungünstigen Umständen wird sie fast unmög-
lich. Ungünstige Umstände sind z.B.: Extreme Armut und Hun-
ger, die den Menschen zwingen, seine ganze Arbeitskraft und
Intelligenz dem Überlebenskampf zu widmen, oder politische
oder religiöse Unterdrückung. Wer also meint, dass die Er-
leuchtung zu erlangen unabhängig von äußeren Voraussetzungen
möglich ist, möge sich vor Augen halten, dass in Tibet seit der
Invasion der Chinesen über zwei Millionen Tibeter wegen der
Ausübung ihres Glaubens ermordet wurden. Ähnlich erschrek-
kende Zahlen von Opfern religiöser Verfolgung finden wir in

71
Kambodscha und bis heute sogar in Europa. Selbst in den USA,
die die Religionsfreiheit auf ihre Fahne geschrieben haben,
konnten bis 1979 Indianer für die Ausübung ihrer traditionellen
Religion mit. Gefängnis bestraft werden.
Zu den günstigen Bedingungen zählt darüber hinaus die
Möglichkeit, von der Erleuchtung zu hören, dass es einen Weg
gibt, sie zu erreichen, kompetente Lehrer, die ihr Wissen teilen
und Plätze, wo man ungestört und mit deren Unterstützung
üben kann. Eine Gesellschaft muss also schon ein gewisses
Ausmaß an Überfluß und Entwicklung besitzen, um sich mit
solchen Sinnfragen zu beschäftigen, und eine gewisse materielle
Sicherheit, um sich das überhaupt leisten zu können.

Es wird dir eher gelingen, eine Erbse nach oben zu werfen,


so dass sie an der glatten Oberfläche eines waagerecht an
der Decke hängenden Spiegels kleben bleibt, als dieses
Geschenk ein zweites Mal zu erhalten.
Eher wird es einer Schildkröte gelingen, die alle hundert
Jahre aus den Tiefen des Meeres auftaucht, ihren Kopf
durch ein zufällig auf der Wasseroberfläche dahintreibendes
Joch zu stecken.
Eher wird es dir gelingen, ein Sesamkorn durch die Luft
zu werfen und damit genau durch das Öhr einer Nadel zu
treffen.
Wenn alle Lebewesen aus allen vorstellbaren Existenzbe-
reichen eine Pyramide bildeten, so wären die gequälten
Geister der Hölle und die Tiere der ganze Körper, die
Halbgötter wären gerade die Oberfläche und die Menschen
und Götter wären nur die oberste Spitze.

72
Unter gequälten oder hungrigen Geistern kann man sich die
Teile unseres Bewusstseins vorstellen, die von unerfüllten Be-
gierden und von dem unersättlichen Verlangen geplagt sind,
Befriedigung zu finden. In dem Maße, wie wir mit diesen
Begierden verwoben waren, haben sie eine eigene Existenz
entwickelt und können sich im Augenblick unseres Todes
»selbstständig« machen. In der Hoffnung auf die Erfüllung ihres
Verlangens irren sie auf der Erde als die so genannten »Gespen-
ster« umher. Ein guter Teil der heutzutage »gechannelten«
Wesenheiten sind solche von unerfülltem Ich-Verlangen zerfres-
senen »hungrigen Geister« - ein Seinszustand, der wenig Chan-
cen zur Erleuchtung gibt.
Es mag erstaunen, dass auch Götter und Halbgötter hier zu
den Wesen mit geringeren Chancen für die Erleuchtung gezählt
werden. Wenn wir jedoch nur an die nordischen und griechischen
Göttersagen denken, sehen wir, dass die Halbgötter in einem
ständigen und frustrierenden Kampf gegen die Götter befindlich
sind, deren himmlische Hallen sie ihnen neiden und abtrotzen
wollen. Ein Unterfangen, bei dem sie beständig unterliegen. So
führen all ihre außergewöhnlichen Kräfte nur zu Groll und
Enttäuschung.
Aber, wie wir aus jeder Sage wissen, sind auch die Götter
selbst ständig einem giftigen Gemisch von Hinterlist, Intrigen,
Machtkämpfen, Ehebrüchen und Eifersucht ausgesetzt. Wahr-
lich kein beneidenswerter Zustand, aus dem sie aus Mangel
an Erleuchtungserfahrung auch nicht entkommen können.
Zudem sind Götter trotz ihrer ungeheuren Machtfülle und
Langlebigkeit doch auch sterblich. Ein Umstand, der umso
frustrierender sein rnuss, je mehr Kontrolle man zuvor über
das eigene Leben ausüben konnte. Wo sind denn Odin und
Freya, Aphrodite und Apoll heute geblieben, da sie niemand
mehr anbetet...?

73
Besonders sollte man hier noch bedenken, dass aus mittel-
alterlicher Sicht - und das Mittelalter dauerte in Tibet immerhin
bis zur Mitte dieses Jahrhunderts —jeder Westeuropäer in einer
Götterwelt lebt. Der verstorbene Meditationsmeister Kalu Rin-
poche hat darauf hingewiesen, dass für uns westliche Praktizie-
rende das größte Problem darin besteht, dass unsere Kontrolle
über die Naturgewalten, die Verfügbarkeit materieller Güter und
die vielfältige Auswahl sinnlicher Genüsse dem Erlebensstand
von Göttern entspricht. Ein Problem ist dies deshalb, weil auch
Götter unter der falschen Vorstellung, ein getrenntes Selbst zu
besitzen, leiden, und ihre überwiegend angenehmen Sinneswahr-
nehmungen sie nicht dazu motivieren, den Weg der Erleuchtung
zu betreten. Dies ist auch der Grund, warum der Mensch unter
allen Wesen die größten Chancen hat, erleuchtet zu werden.
Bei ihm halten sich Freiheit der Wahl und Leiden an der
Bedingtheit die Waage, so dass genügend Leidensdruck entsteht,
die Erleuchtung tatsächlich zu suchen, und es genügend Frei-
raum gibt, diesen Vorsatz zu verwirklichen.

Denkst du daran, dass in einer Schaufel Erde so viele Tiere


enthalten sind, wie es Menschen auf dieser Welt gibt, so
wirst du einsehen, dass die Chancen auf ein menschliches
Leben nicht so groß sein können.

Hier wendet sich Guru Rinpoche gegen die auch heute in


esoterischen Kreisen populäre aber schlecht verstandene Ansicht
von Reinkarnation, die zur Verschiebung der Lösung von Prob-
lemen in zukünftige Leben einlädt. Zunächst müssen wir fest-
halten, dass es aus buddhistischer Sicht kein getrenntes Indivi-

74
duum gibt, das in Form einer Seele von Körper zu Körper
wandert. Der Mensch ist vielmehr als ein Prozess zu sehen, der
sich aus vielen Faktoren ständig neu zusammensetzt. Ähnlich
wie die Wissenschaft festgestellt hat, dass Energie nie verloren
geht, so verwandeln sich diese Faktoren zu immer neuem Sein,
das nicht als kontinuierliche Persönlichkeit begriffen werden
kann. Genau genommen verwandelt sich der Mensch jeden
Augenblick, wird jeden Augenblick neu geboren, so dass die
Frage und Suche nach einem beständigen Ich, das irgendwann
wiedergeboren wird, an sich absurd ist. Kurz gesagt, es gibt zwar
die Erleuchtung aber letztlich niemanden, der erleuchtet werden
kann. Da diese Erleuchtung aber fast nur im menschlichen Leben
zu verwirklichen ist, gilt es diese Chance zu nutzen, bevor man
im ständigen Strom der Wandlungen wieder von den Umständen
bestimmt oder verhindert wird. Als Tier ist man mit den in-
stinktgesteuerten Überlebenskampf beschäftigt. Im zahlenmäßi-
gen Verhältnis ist also eine Geburt als Mensch unwahrscheinli-
cher als sechs Richtige im Lotto. Mit den ungeheuer schnellen
Methoden der Alten Schule, die es möglich machen, in einem
Menschenleben Erleuchtung zu erlangen, hat man also eine
außerordentliche Gelegenheit, die man nutzen sollte, will man
dem ständigen, zwangsläufigen Leiden entkommen.

Aber auch im menschlichen Lehen gibt es noch fast unüber-


windliche Hindernisse auf dem Weg der Wahrheit. So zum
Beispiel, wenn du körperlich und geistig behindert bist,
wenn du in schwierigen materiellen und geistigen Bedin-
gungen und Unfreiheit lebst, wenn keine Lehre der Wahrheit
bekannt ist oder nur falsche Ansichten vorherrschend sind.
Auch dann hast du wenig Möglichkeiten, in die Lehre von

75
der Erleuchtung einzutreten. Wenn du also in dieser Welt
lebst, einen gesunden Körper hast, die Lehre der Wahrheit
hören kannst, autorisierte Lehrer da sind und du frei deinen
Wünschen folgen kannst, dann solltest du nach den höchsten
Lehren der Wahrheit leben, sonst ist dein kostbares mensch-
liches Leben verschwendet. Hier trennen sich die Wege, die
zu Aufstieg oder Niedergang führen. Die, die ihr Leben für
Nichtigkeiten vergeuden, sind zu bedauern.

Fatrul Rinpoche, einer der größten tibetischen Meister des letzten


Jahrhunderts, drückte es noch drastischer aus: »Heutzutage
denken wir gerne, dass wir die Spiritualität neben unseren
weltlichen Aktivitäten üben können, ohne die geringste Not-
wendigkeit, die völlige Entschlossenheit des Herzens für dieses
Ziel zu entwickeln, während wir stattdessen Bequemlichkeit,
Wohlbefinden und menschliche Anerkennung suchen und ge-
nießen. Doch dies ist so ähnlich, wie zu behaupten, man könne
mit einer zweispitzigen Nadel nähen oder Feuer und Wasser in
einem Gefäß aufbewahren.«
Selbst für den unvergleichlichen Buddha Shakyamuni war
es unmöglich, die Erleuchtung zu suchen und gleichzeitig das
weltliche Leben zu verfolgen. Und was ist von Milarepa, dem
größten aller Yogis, zu halten, der von nichts anderem als
Brennesseln und Wasser lebte, um nicht von der Kontemplation
über den Tod abgelenkt zu werden - ist ihm etwas entgangen,
das wir heute besser wissen?
Bevor wir jedoch die Notwendigkeit spiritueller Praxis er-
kennen können, müssen wir erleben, welche ungeheure Dimen-
sion sie erschließt, um dann auf der Basis unserer eigenen
Erfahrung die Prioritäten neu setzen zu können.

76
Die folgende Übung ermöglicht es uns, diese tiefe Dimension
unmittelbar zu erfahren, obwohl sie nur zweimal am Tag 10 bis
15 Minuten unserer Zeit kostet. Sie beinhaltet die wichtigsten
Kernbelehrungen des spirituellen Weges. Deswegen müssen wir
uns erst die Mühe machen, einige der philosophischen Grund-
lagen zu verstehen, die jedem tibetischen - oder Indianerkind
durch seine gesamte Sozialisation, ja vielleicht sogar als geneti-
sche Erinnerung völlig klar sind..
Das ganze Universum ist aus Gegensätzen zusammengesetzt:
Hell-Dunkel, Oben-Unten, Materie-Geist, Sein-Nichtsein, Leben-
Tod etc. Doch sind diese Gegensätze immer dynamisch mitein-
ander verbunden.
Man könnte sagen, ein Zustand bedingt den anderen und
entsteht aus ihm. Der Übergang zwischen den Zuständen gilt in
allen alten Traditionen als heilig, geheimnisvoll und voller
Schöpfungskraft. In den Übergängen zwischen zwei Zuständen
wird das Grundbewusstsein offenbart. Auf Sanskrit heißen die
Augenblicke der Einheit mit dem Absoluten Turiya, d.h. zwischen
zwei bedingten Zuständen. Im tibetischen Buddhismus sind die
Wechsel von einem Bardo zum anderen die Augenblicke, in
denen Erleuchtung mit der richtigen Übung möglich ist. Es sind
diese Praktiken, die im Bardo Thödol seit CG. Jung die westlichen
Psychologen faszinieren, und die Indianer nennen sie ganz
einfach »Zeiten der Macht«. Doch finden sich diese Bardos nicht
nur zwischen Leben und Tod, bzw. Sterben und Wiedergeburt,
sondern auch zwischen Wachen und Schlafen, Entspannung und
jähem Schreck, oder zwischen Tag und Nacht.
An jedem dieser Übergänge, sei es morgens der erste Au-
genblick des Aufwachens, die tiefe Stille nach einem. Gesang
oder das unerwartet laute Geräusch eines Glockenschlags, ent-
steht ein solcher Augenblick der Macht. In diesen Übergängen
stirbt der vorherige Zustand tatsächlich. Für einen kurzen Au~

77
genblick entsteht eine jähe Lücke zwischen allem, was war,
und dem, was im Entstehen begriffen ist. Dies ist der Zustand
des Mahamudra, über den Milarepa »Hunderttausend Lieder«
sang. Für einen Moment ist der Geist in seinem ursprünglichen,
natürlichen Zustand und wird still. Anstatt eines Abgrundes
erleben wir eine fruchtbare Stille, eine Leerheit, die gleichzeitig
von Schöpfungs-Impulsen überquillt. Die aus dieser Leerheit
entstehenden Gedanken bewusst zu erleben und zu formen,
wird auf Sanskrit Siddhi Sankalpa genannt, was »wunscherfül-
lende Kräfte« bedeutet. Diese Kräfte zum Wohl aller Wesen zu
erringen, ist das Ziel der Yogis und allein dafür gehen Medi-
zinmänner auf Visionssuche.
Der natürlichste und einfachste dieser Bardozustände wird
uns zweimal täglich von Mutter Natur geschenkt: Der Sonnen-
aufgang und Sonnenuntergang! So wie der Augenblick des Todes
in der Tradition der Nyingma-Schule zu einem Durchbruch in
die vollständige Erleuchtung genutzt werden kann, ist auch der
exakte Moment, in dem die Sonne über den Horizont kommt,
bzw. wenn sie ihn beim Untergang berührt, ein Augenblick der
Macht, in dem sich alle natürlichen und geistigen Kräfte frei-
setzen. Materie, Äther und Geist sind in einem Zustand von
Ausgeglichenheit und wechselseitiger Durchdringung. Die Tra-
ditionen der Indianer und die Weisheit der Veden stimmen
diesbezüglich völlig überein!
Beim Aufwachen versuche dir als erstes bewusst zu machen,
wofür du heute morgen dankbar sein kannst. Neben dem vielen,
das allein für dich wichtig ist, sind es vor allem die natürlichen
Dinge, die wir als Selbstverständlichkeiten auffassen. Dass es
eine Erde gibt, auf der wir stehen, liegen und sitzen, erscheint
uns selbstverständlich. Trotzdem ist es ein ungeheures Wunder.
Ohne Erde würden wir einfach durch den Raum fallen, in Spiralen
durch das Nichts treiben. Die Erde zentriert uns und schenkt

78
uns eine grundsätzliche Bezogenheit, die Basis und Hintergrund
für alle anderen Beziehungen und Begegnungen ist.
Die Erde schenkt uns natürlich auch all unsere Nahrung.
Alles was wir essen, selbst wenn wir es im Supermarkt in Dosen
verpackt kaufen, wächst auf dieser Erde.
Da wir alles im Laden kaufen können, weiß kaum einer, was
es heißt, Hunger zu haben und wie dankbar wir für Essen sein
dürfen.
Häufig vergessen wir auch, dass alles, von dem. wir leben,
selbst wenn es sich um vegetarische Rohkost handelt, Leben ist,
das sich hingibt und opfert. Unser Leben lebt davon, dass sich
anderes Leben opfert.
Beim Fasten halten wir vier Wochen ohne Essen schon für
eine Herausforderung, aber vier Tage ohne Wasser auszuhalten,
ist bereits lebensbedrohlich. Gerade deshalb gibt es in der
indianischen Tradition spezielle Zeremonien, in denen man vier
Tage ohne Wasser und Essen meditiert, um die Dankbarkeit für
all das, was man ganz selbstverständlich das Jahr über verzehrt
und trinkt, durch bewussten Verzicht zu erlernen. Danach ist
es völlig klar, welche Gnade und welcher Segen jeder Schluck
Wasser, ja jeder Tau- oder Regentropfen ist. Dankbarkeit ist die
einzige und natürliche Antwort auf dieses Geschenk des Lebens.
Die vier Tage ohne Wasser sind aber noch lange im Verhältnis
zu der Zeit, die wir ohne Luft aushalten können. Dass das, was
wir am nötigsten brauchen, für uns in so einem Überfluss
beständig zur Verfügung steht, ist unfassbar. Erst wenn wir
unfreiwillig lange unter Wasser sind oder uns bei einem Sturz
plötzlich die »Luft wegbleibt«, bemerken wir, wie selbstverständ-
lich wir die größte Lebensnotwendigkeit nehmen und dabei
ignorieren, was für ein unvorstellbares Wunder es ist, dass sich
in unseren Lungen Unterdruck aufbaut, der die lebensnotwen-
dige Luft anzieht, ohne dass wir uns darum kümmern müssen.

79
Ebenso wunderbar ist es, dass unsere verbrauchte Luft für
Pflanzen Leben bedeutet, und deren Ausscheidung unser ge-
schätzter Sauerstoff ist .
Dass diese gleiche Luft auch die Lebensgrundlage für alle
anderen fühlenden Wesen, die Vierfüßer, die Kriechenden und
Grabenden und die Flügelschlagenden, nicht zuletzt für alle
anderen Zweibeiner ist, ist noch mehr Grund zum Danken.
Wenn wir uns nur einen Augenblick lang vorstellen, wie leer
die Welt ohne all die anderen Wesen wäre, haben wir Grund
zur Dankbarkeit, nicht allein sein zu müssen.
Doch, auch wenn das Feuer der Sonne, auf das wir jetzt
warten, die Welt nicht erwärmen und beleuchten würde, könnten
wir nicht sehen, könnten wir uns nicht bewegen, nicht einmal
denken oder fühlen, so dass wir auch diesem Feuer dankbar
sein müssen.

Je öfter wir diese Übung durchführen, desto mehr erkennen wir,


dass eigentlich nichts in unserem Leben selbstverständlich, son-
dern immer ein Geschenk und unendlich kostbar ist. Dies zu
erkennen, heiligt die scheinbar profansten Bestandteile und
Ereignisse unseres Lebens. Selbst die Verkäuferin, die schon
morgens, bevor wir zur Arbeit gehen, im Geschäft steht, und
die Bedienung, die noch auf uns wartet, wenn wir schon Feier-
abend haben, sind nur für uns persönlich da. Die Straßenarbeiter,
die im Sommer zur Ferienzeit endlos die Autobahn auszubessern
scheinen, tun es nur für uns - dabei wissen sie noch nicht
einmal, ob wir überhaupt in diesem Jahr diese Route fahren.
Deshalb sind sie umsichtig und reparieren wohlweislich die'
Straße in allen vier Himmelsrichtungen.
Wenn wir einmal mit Danken angefangen haben, kommen
wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Welche Mühe sich der
Rest der Welt mit uns macht, und das obwohl wir meistens

80
übellaunig oder achtlos alles Angebotene als selbstverständlich
hinnehmen! Manchmal kommt uns dann sogar der Verdacht,
dass selbst unsere Sehnsucht nach Liebe und Wahrheit ein Indiz
dafür ist, dass es sie wirklich gibt, so wie unser Hunger und
unser Durst uns wissen lassen, dass es tatsächlich Nahrung und
Wasser gibt.
Diese Dankbarkeit kann so stark werden, dass die Grenzen
zwischen innen und außen durchlässig werden, und wir spüren,
dass die ganze Welt uns liebt und ausfüllt, und unser Geist
gleichzeitig alles zu berühren, sogar zu durchdringen scheint,
so dass auch für einen Moment lang die Zeit wegfällt und wir
ganz offen im Hier und Jetzt sind.
Mit dieser inneren Haltung warten wir auf den Sonnenauf-
gang, der zum Inbegriff all des Guten wird, das uns geschenkt
wird, um in dem exakten Augenblick, an dem die Sonne den
Horizont übersteigt, zuerst nach Osten und dann im Uhrzeiger-
sinn in die anderen Himmelsrichtungen unseren Dank in die
Vier Winde zu senden. So besiegeln wir die Danksagung und
bauen innere Wertschätzung für das Leben und die vergängliche
Kostbarkeit jeden Augenblicks in uns auf.

81
TOD UND
VERGÄNGLICHKEIT

V fas ich zu sagen habe, geht jedes menschliche Wesen


an, aber nur wenige wollen es hören.
Wenn du nur wartest, bis der Tod dich packt, hast du die
kostbare Zeit vertan, die dirjür die Befreiung zur Verfügung
stand. Wenn du in der Stunde deines Todes erkennst, dass
du nicht nach der Wahrheit gelebt hast, wirst du es vielleicht
bereuen. Ohne ein Jahr, einen Monat, einen Tag, eine
Stunde, eine Minute, ja auch nur eine Sekunde zu warten,
geht dein Lehen seinem Ende zu. Von Augenblick zu Au-
genblick und ohne jede Rast kommt der Tod näher und
näher. Letztes Jahr, dieses Jahr, diesen Frühling, diesen
Sommer, diesen Herbst, diesen Winter, in diesem Monat,
gestern, heute abend, in der Dämmerung, vor Sonnenauf-
gang ...

Die folgende Übung hilft, dies zu vergegenwärtigen.


Tom Yellowtail, der Sonnentanzhäuptling der Absaroka,
pflegte immer wieder zu sagen: »Frage dich bei jeder Handlung
und Entscheidung im Leben, ob du im Angesicht des Todes

82
dazu stehen kannst.« Und von dem größten tibetischen Yogi,
Milarepa, ist der Ausspruch bekannt: »Das herausragendste
Zeichen unserer Übertragungslinie ist es, sich im Angesicht des
Todes nicht schämen zu müssen.«
Was diese großen Meister beständig leben, üben wir achtlosen
Wesen langsam bei jedem Sonnenuntergang neu ein, da wir, von
der Vielfalt der Ereignisse unseres hektischen Lebens überwältigt,
tagsüber kaum Zeit haben, über diese Frage zu reflektieren.
Jeden Abend im Angesicht der untergehenden Sonne lassen
wir den Tag vor uns ablaufen und fragen uns als Erstes: Wäre
ich mit mir zufrieden, wenn ich heute Nacht im Schlaf sterben
würde? Habe ich an diesem Tag meinen eigenen Maßstäben
entsprechend gelebt? Wenn der heutige Tag mein letzter wäre,
und ich nichts mehr daran verbessern könnte, morgen nichts
mehr wieder gutmachen könnte, wäre ich mit mir uneins oder
beschämt?
Was habe ich Positives oder Negatives bewirkt?
Habe ich die Ereignisse bewusst wahrgenommen? Habe ich
einfach alles abgelenkt konsumiert?
Versuche weiter, dich in Bezug auf einzelne Ereignisse des
Tages zu fragen:
Habe ich mich zurückgehalten? Habe ich mich ganz einge-
bracht?
Habe ich Dankbarkeit gespürt und das jemandem mitgeteilt?
Habe ich mich um die Wahrheit gedrückt?
Habe ich vielleicht die Wahrheit gesagt, aber auf eine harte
Weise ohne Mitgefühl?
Hatte ich irgendwo die Möglichkeit, mutig Mitgefühl zu
zeigen und konsequent zu sein, und habe ich sie genutzt?
Sind mir an einigen Stellen im Tagesablauf Freiräume auf-
gefallen, wo ich aus dem zwanghaften Ablauf der Dinge, der
Kette von Ereignissen, hätte aussteigen können?

83
Habe ich den Freiraum tatsächlich genutzt, um einen Moment
lang eigene Entscheidungen zu treffen und meiner eigenen
Wahrnehmungen zu trauen, oder habe ich den Begründungen
und Zwangsläufigkeiten geglaubt?
Habe ich mein Leben gelebt oder mich wieder leben lassen?
Mit anderen Worten, hat es für die Welt etwas bedeutet, das
ich heute gelebt habe?
Für mich? Für die Menschen, mit denen ich heute in Kontakt
war? Für die Verkäuferin? Für meine Kinder, meine Mitarbei-
ter...?
Hatte mein Leben irgendeine Bedeutung?
Wer das mit ja beantworten kann, kann ruhig schlafen und
das Risiko eingehen, für immer auszuatmen.

Für den Rest von uns geht der Prozess jetzt eine Stufe tiefer mit
den folgenden Fragen:
Wie habe ich es fertig gebracht, nicht da zu sein in meinem
Leben, sondern so zu leben, als ob ich unwichtig sei, so zu tun,
als ob alles nur ein Probelauf wäre, den man beliebig oft
wiederholen kann. Als ob man das Drehbuch im Nachhinein
umschreiben könnte.
War es Angst oder gar Trotz, dass ich der Welt zeigen musste,
dass sie nicht so ist, wie ich sie haben möchte, indem ich mich
geweigert habe, sie anzunehmen?

Die Dinge, die verhindern, dass wir das Leben ganz zulassen,
sind meistens ganz einfach: Unachtsamkeit, die Gewohnheit,
nach den falschen Dingen zu schauen, Selbstbezogenheit usw.
Doch diese Zeit kommt nicht zurück. Sie ist das wertvollste
Geschenk, das uns unwiderruflich verloren geht, wenn wir nicht
in jedem Augenblick anwesend sind.
Sterblichkeit wahrzunehmen bedeutet zu erkennen, dass jeder
Augenblick immer ganz ist. Was vorher gedrängt und eng er-

84
schien, wird auf einmal unendlich weit, und jeder Augenblick
leuchtet.
Plötzlich können wir Risiken eingehen, unsere eigenen Ent-
scheidungen fällen und nach der Liebe leben. Was vorher
langweilig, zwanghaft und vorherbestimmt war, offenbart sich
in jedem Augenblick neu und unverbraucht. Unser Leben wird
zum Abenteuer.
Erst wenn wir unser Leben mit jeder Faser unseres Seins
liebevoll ausfüllen, können wir es beeinflussen. So strahle ich
in meine Lebensumstände hinein und verwandle die Welt, indem
ich andere Wesen berühre.
Die eigene Sterblichkeit zur Kontemplation zu machen, ist
paradoxerweise durch und durch lebensbejahend und realistisch.
Die Sterblichkeit ermutigt uns Schritte zu gehen, die wir
sonst für immer auf später verschieben würden.
Die christliche Weisheit sagt uns: »Herr lehre mich bedenken,
dass wir sterben müssen, auf dass ich weise werde.

Erkennst du das nicht, fließt dein Leben ständig an dir


vorbei, während du Pläne für die Zukunft schmiedest. Du
verschwendest dein Leben voller Freiheit und günstiger
Umstände - eine Chance unter Millionen - sinnlos.
Nicht einmal alle spirituellen Lehrer, Priester und Mönche
bedenken beständig die Gegenwart des Todes. Wenn sie es
hin und wieder durch Aufgaben bedingt doch tun, werden
sie wieder rasch von- der Macht materialistischer Anzie-
hungskraft getäuscht. Eine Wahrheitslehre ohne die Be-
trachtung der Gegenwart des Todes ist wie ein Haus ohne
Fundament.
Es gibt Menschen, die glauben nicht, dass der Tod jemals
zu ihnen selbst kommt. Sie verdrängen sogar, dass all ihre

85
Ma Rinchen Chog war unter den ersten 7 Tibetern, die die buddhistische
Mönchsweihe empfingen und einer der 25 Hauptschüler von Padmasabhava.
Er konnte Steine essen, um die illusionäre Natur aller Erscheinungen zu
demonstrieren.
Vorfahren, ihre eigenen Eltern, Großeltern und Ehegatten
sterben oder schon gestorben sind. Sie ignorieren all die
Leichen, die ständig auf Friedhöfe geschafft werden. Sie
glauben nicht, dass der Tod sie je selbst treffen wird. So
werden sie niemals den Weg zur Befreiung finden.

Der Radikalität dieser Aussage ist eigentlich nichts hinzuzufügen.


Ihr Realitätsgehalt lässt sich unschwer an der Verkehrstotensta-
tistik erkennen. Jedes Mal, wenn wir auch nur mit dem Auto
einkaufen fahren, kann es unsere letzte Fahrt sein. Statistisch
gesehen lebt der moderne Mensch mit mehr Gefahren, als der
Indio im Urwald voller Jaguare, Giftschlangen und Piranhas. Ein
Tibetisches Sprichwort sagt: Es ist ungewiss was näher liegt, der
nächste Morgen oder der Tod.
Trotzdem kennen wir alle Priester oder Pfarrer, die, obwohl
sie einmal in der Woche einen Mitmenschen beerdigen, doch
ihr Leben so voller Kompromisse leben, als ob es ewig währte.
Daran haben wir uns gewöhnt, und diese Diskrepanz und die
daraus entstehende Unglaubwürdigkeit ist sicher eine der Ursa-
chen der neuen spirituellen Bewegungen. Dennoch ist es be-
zeichnend für die Macht der Illusion, wenn wir feststellen, dass
auch in der heutigen Zeit, im spirituellen Aufbruch der New-
Age-Bewegung, gerade solche Methoden vermehrt Bedeutung
gewinnen, die versprechen, unser Leben soweit unter Kontrolle
zu bringen, dass wir Leiden und Tod entkommen können.
Tatsächlich hat die moderne Wissenschaft der Thanatologie
festgestellt, dass uns im Augenblick des Todes unser ganzes
bisheriges Leben bewusst wird. Wenn der Körper stirbt, fällt
unsere Möglichkeit zur Verdrängung weg und unser ganzes
Unbewusstes wird offenbar.

87
In diesen zeitlosen Augenblicken erfüllt sich der Sinn unseres
Lebens: Jeder Mensch hat in sich ein ureigenes Gefühl von
Richtigkeit. Dieses ist eine Reflexion der ewigen Wahrheit und
ihrer ethischen Maßstäbe, von der wir nie getrennt sind. Erfüllung
empfindet man in dem Ausmaß, wie man sein Leben nach diesen
Maßstäben ausgerichtet hat. Himmel und Hölle, Paradies und
Fegefeuer, sowie das Urteil über unser Leben schaffen wir durch
die Art und Weise, wie wir unser Leben leben, somit selbst.

Die Grundlage jedes rechten Verhaltens ist es nämlich auch,


dass man um den Tod und die Vergänglichkeit weiß.
Wenn man das vergisst, breitet sich eine geistige Dunkelheit
aus, in der der Geist an allen möglichen Dingen haften
bleibt, weil er sie als unvergänglich ansieht. Meditiere über
den Tod und die Vergänglichkeit. Wenn das Bewusstsein
darüber tief in deinem Geist verankert ist, wird sich in dir
Licht und Freiheit ausbreiten.
Fehlt dieses Bewusstsein, sonnen sich die gewöhnlichen
Menschen in angeberischem Stolz und Hochmut, sind ge-
fesselt durch ihre Gier nach Reichtum, suhlen sich in
Dummheit und Gemeinheit und gehen sich müßig der
Gleichgültigkeit hin, anstatt den Weg der Befreiung zu
suchen. Aber auch Menschen, die nach Wahrheit suchen -
und große Lehrer — werden sich in trivialen Geschäften
und in der Sorge um Gewinn und Verlust, Loh und Tadel,
Freude und Leid, Ruhm und Vergessenheit verlieren. Be-
gabte Meditierer versuchen in der Tretmühle des Lebens
voranzukommen, und selbst wirklich ernsthafte Jünger
werden nachlässig. Dies geschieht, wenn die Kontemplation
der Vergänglichkeit deinen Geist nicht durchdringt.

88
Wer jedoch Tod und Vergänglichkeit verinnerlicht, wird
alle Eigenschaften erwerben, die man auf dem Weg der
Befreiung braucht:
Du wirst einen ruhigen und ausgeglichenen Geist entwi-
ckeln, der eine ernsthafte Meditation überhaupt erst möglich
macht.
Du wirst das gewöhnliche Streben aufgeben und den Weg
der Wahrheit unermüdlich und geschwind gehen. Du wirst
nicht mehr so fasziniert von Besitztümern sein.
Du wirst die Vorstellung, dass der Körper mit einem
»Seihst« ausgestattet ist, verlieren und erkennen, dass
Zerstreuungen nichts anderes als Dämonen sind und be-
gehrenswerte Objekte nur zur Täuschung führen.
Dir wird unerschütterliches Vertrauen zuteil. Unerschöpf-
licher Fleiß, Integrität, Wahrhaftigkeit, klare Absichten
und reine Konzentration erwachsen dir. Du wirst die Wahr-
heit aus den großen Lehren der Menschheit heraushören,
viele positive Eigenschaften entwickeln und schnell befreit
werden. Jeder große Weise und Erleuchtete, alle Erlöser
und Meister der Vergangenheit fanden die Erleuchtung,
indem sie über Tod und Vergänglichkeit kontemplierten.«

89
DAS GESETZ VON URSACHE
UND WIRKUNG

iL
%.
iw/o sprach Guru Rinpoche, und fuhr dann fort:
Freude und Leid, Gutes und Schlechtes in diesem Lehen
sind ausschließlich das Ergebnis vergangener Handlungen.
Es ist sehr wichtig, wirklich einzusehen, dass du unmöglich
den Folgen deiner Handlungen entkommen kannst. Die
größten Lehrer der Menschheit haben nichts anderes als
das Gesetz von Ursache und Wirkung gelehrt, und wie jede
Handlung ihre Früchte trägt.

Das Sanskritwort »Karma« heißt einfach »Tat« oder »Werk«


und wird im Sinne von gewohnheitsmäßigen Verhaltensabläufen
und Gedankenmustern verstanden. Der indische Weise Shan-
karacharya verwendet Karma im Sinne des westlichen Begriffs
von Neurose als unbewusster Wiederholungszwang. Die Summe
vergangener Absichten und Handlungen, Karma, darf man sich
also nicht als einen mechanischen Ausgleichsmechanismus,
ähnlich wie die Waagschalen der justitia, vorstellen. Es sind
vielmehr Bewegungsimpulse, die freigesetzt werden und wie

90
alle Dinge im Universum einem Zyklus unterliegen: Sie entstehen,
sie erreichen einen Höhepunkt und sie lösen sich wieder auf.
Das heißt, alles was wir in Bewegung setzen, muss sich erst
entwickeln, zur Wirklichkeit werden, bevor es sich auflösen
kann.
Wenn Resultate manchmal länger auf sich warten lassen,
widerlegt das dieses Gesetz nicht. Es bedeutet nur, dass der
Impuls noch nicht die Umstände getroffen hat, in deren Reso-
nanzkörper er manifestiert wird.
Das Problem so genannter negativer Absichten und Hand-
lungen ist, dass sie auch auf einen Höhepunkt zustreben, bevor
sie sich auflösen können. Wenn wir uns gegen diese negative
Entwicklung zur Wehr setzen, verstricken wir uns noch mehr
in die Negativität, so dass sich die Entwicklung potenziert. Diese
Dynamik bringt also mit sich, dass es an dieser Stelle unsere
Verantwortung ist, wie wir auf die selbst in Bewegung gesetzten
Entwicklungen reagieren. Die Lösung kann nur heißen, alles
was an negativen Lebensumständen auftaucht, so gut wie möglich
anzunehmen, ohne sich groß dagegen zu wehren, andere anzu-
greifen oder überhaupt ablehnende Bewertungen aufkommen zu
lassen.
Ein tibetisches Sprichwort sagt: »Wenn du etwas über deine
vergangenen Leben wissen willst - schau dir deine jetzige
Lebenssituation an. Wenn du etwas über deine zukünftigen
Leben wissen willst, schau dir dein, jetziges Verhalten an.«
Manche fragen sich trotzdem, wieso gewissenlose Schurken
in Saus und Braus leben, während gute Menschen, Heilige fast,
von einer Katastrophe in die nächste geraten. An dieser Stelle
sollte man bedenken, dass es ein Zusammenspiel vieler Faktoren
ist, das die Früchte des Karmas reifen lässt. Es müssen die
gegenwärtigen Handlungen, die Ursache, die an der Wurzel liegt,
die umständehalber beitragenden Gründe sowie die eigenen

91
emotionalen Verstrickungen allesamt übereinstimmen, um den
Samen reifen zu lassen. Doch egal wie lange es auch dauert, bis
Ursachen, Begleitumstände, Handlungsweise und Gefühlslage
zusammenschwingen, um das Ergebnis zu bewirken, der Same
geht nie verloren und kommt sicher zur Reifung.
Der spirituelle Weg - einmal angefangen - kann durch den
Segen eines Lehrers diese Samen sogar schneller erblühen lassen.
Doch unter der Obhut eines Lehrers werden selbst aus den
schlimmsten Unkräutern noch nützliche Heiltees gebraut und
unsere Karmas wickeln sich ab, ohne allzu großen Schaden
anzurichten. Vielleicht helfen sie sogar, uns vom Gesetz von
Ursache und Wirkung durch eigene Erfahrung zu überzeugen,
denn es gibt keinen Heiligen ohne Vergangenheit und keinen
Halunken ohne Zukunft.
Diesen dynamischen Aspekt des Karma versucht der histori-
sche Buddha mit folgendem Beispiel auszudrücken. Auf die Frage,
warum dieselben Taten nicht immer das gleiche Ergebnis bringen,
antwortete er mit dem Bild, dass die gleiche Prise Salz in einen
Becher mit Wasser, in eine Süßspeise, in ein Reisgericht oder gar
in den Ozean hineingeworfen, verschiedene Resultate bringt.

Es ist ganz einfach. Auf unheilsame Handlungen folgt


Leiden, auf heilsame Handlungen folgt Glück. Ob jemand
die höchsten Stadien der Weisheit erreicht oder in die
niederen Existenzebenen rein instinktmäßiger Realität fällt,
hängt ganz allein vom unfehlbaren Gesetz, dass jede Ur-
sache ihre eigenen Resultate hat, ab. Irgendwann kommen
deine Handlungen, die konditionierten Emotionen, die von
dir geschaffenen Ursachen und die Umstände zusammen,
und du musst die Konsquenzen erleiden, außer wenn du
aktiv die Erleuchtung suchst.

92
Daher gibt es Leben ohne Leiden nicht. Älter, Krankheit
und Tod sind unvermeidlich. In allen Existenzbereichen
gibt es nur einen endlosen Kreislauf des Lebens, in dem die
Wesen gefangen sind. In allen sechs Seinsweisen gibt es
nichts, das über den endlosen Kreislauf von Werden und
Vergehen hinausreicht, in dem die Wesen von den Wellen
ihrer eigenen geistigen Gifte und widerstreitenden Emotio-
nen in einem wahren Ozean des Leidens hin- und herge-
worfen werden. Wer sich nicht aus diesem Kreislauf befreit,
der wird im Grunde überall sein Gefängnis mit sich he-
rumtragen und sich irgendwann so fühlen, als ob er auf
einem Haufen glühender Kohlen sitzt.

Dem Kreislauf des Lebens und des Leidens zu entkommen


heißt nicht, sich aufzulösen oder Leben auszulöschen. Leiden
ist vielmehr die Folge der Identifikation mit etwas, das wir
in Wahrheit nicht sind oder mit einem begrenzten Aspekt des
Lebens. Die Summe dieser Identifikationen nennen wir
»Selbst-«. Da Leben sich aber ständig wandelt, verändert sich
das Selbst ständig mit. In dem Maße, wie wir daran verhaftet
sind und uns auf einen bestimmten Aspekt oder vergangenen
Augenblick festzuschreiben versuchen, leiden wir an dieser
Vergänglichkeit. Der Versuch, ihr zu entkommen, führt zu
mehr Leiden, da wir nun die Realität in Konzepte und Ideen
zwingen müssen.
Eine der gefährlichsten Identifikationen ist die mit spiritu-
ellen Erfahrungen. Da sie immer bis zu einem gewissen Ausmaß
eine Einheit mit der Wahrheit widerspiegeln, kann man sich
viel besser an sie verhaften als an unser wackliges Konstrukt
von Selbstbildern aus der Kindheit. Dementsprechend überpro-

93
portional nimmt auch das Leiden, das man sich und anderen
auf diese Art zufügen kann, zu. Im Zen wird dies deshalb als
»Vorgarten der Hölle« bezeichnet, und die zahllosen Skandale
aus dem Umkreis der vielen selbst ernannten Gurus und Meister
ohne Autorisierung oder Übertragungslinie zeigen, wohin es
führt, sich ohne qualifizierten Lehrer auf den spirituellen Weg
zu begeben.
Aber auch der weit verbreitete Glaube an den inneren Meister
kann zum Fallstrick werden. Häufig sagt dann die »Stimme des
höheren Selbst« das, was sich gewohnt und Heb anhört, uns
aber genau in den von Anhaftung und Abneigung konditionierten
Kreislauf der unerleuchteten Existenz weiter verwickelt. Hier
hilft wieder die Kontemplation der Vergänglichkeit, der auch
Meinungen, selbst spirituelle Erfahrungen, unterworfen sind.
Dies ist keine Tragödie, sondern hoffnungsvoll. Erinnere dich
an eine vergangene, umwerfende Einsicht ~ und wie sich deine
Einsicht und Erfahrung seitdem verändert und vertieft hat. Dieser
Wandel war nur möglich, weil im Herzen der Vergänglichkeit
alle Phänomene leer sind! Vergänglichkeit ist also gleichzeitig
der Quell von Leiden, wenn wir anhaften, und die größte Gnade,
wenn wir den spirituellen Weg gehen!

P a s , was dich retten kann, ist:

O Eine ernsthafte Praxis, denn alles andere überträgt den


Keim der Verwicklung.
O Rüchzug an einen einsamen Ort, denn alle anderen Orte
reizen die Geschäftigkeit.
O Die Vermehrung von guten Taten, denn alles sonst
üherlässt die Zügel deines Geistes dem Ego.

94
Drenpa Namka war ein Prinz des annektierten Königreiches Zhang Zhung
und einer der größten Dzogchenroeister und Siddhas der Bon-Schule - den
Bön gilt er außerdem als Vater von Padmasabhava. Tatsächlich befand er
sich unter den 25 engsten Schülern und bewahrte so die Bönschriften vor
der Zerstörung.

95
in qualifizierter Lehrer, dem du vertrauen kannst, denn
alle anderen Gefährten fuhren dich aus Eigennutz in
die Irre.
O Die heiligen Lehren der Weisheit, denn jeder andere Rat
zieht dich nur nach unten.

Der Verstand, der ja aus dem Gewebe der Polaritäten besteht,


kann das Absolute nie verstehen. Deswegen ist es völlig klar,
dass es einer vorübergehenden Abwendung von unserer relativen
Wirklichkeit bedarf und vor allem der Unterstützung eines
Menschen, der schon gelernt hat, jenseits des Verstandes zu
schauen. Dann können wir auch wieder zurück in unseren Alltag
gehen, um diese Einsicht unter allen Umständen zu überprüfen.
Denn auch in unserer relativen Welt der sich gegenseitig bedin-
genden Polaritäten, in der Leid und Glück untrennbar mitein-
ander verwoben sind, gibt es doch in den Kausalketten immer
wieder Lücken, durch die das Absolute hindurchscheint, ähnlich
wie die Tischplatte unter einer gehäkelten Tischdecke als stän-
diger Hintergrund zu sehen ist.

96
MITGEFÜHL

.jLJ^ie guten Taten vieler Millionen Jahre können in einem


einzigen Augenblick des Ärgers zerstört werden. Arbeite
deshalb beständig an der Entwicklung von liebender Güte,
Mitgefühl und dem unschätzbar wertvollen Wunsch, allen
Menschen zur Erleuchtung zu verhelfen. Es gibt nämlich
unter all den unendlich zahlreichen Wesen kein einziges,
aus dem du nicht schon einmal entstanden bist. Auf diese
Art gesehen, kann man sagen, dass dir jedes Wesen schon
einmal Mutter oder Vater war. Denke immer und immer
wieder daran, wie diese Wesen, die einmal deine Eltern
waren, keine Chance haben, sich selbst zu retten. Deshalb
meditiere ununterbrochen, um den Geist des erleuchtenden
Mitgefühls für alle Wesen zu erwecken. Es genügt nicht,
dass du nur die unkonditionierte Leerheit deines Geistes
erkennst - ohne das große Mitgefühl entstehen zu lassen
besteht die Gefahr, dass du in den Nihilismus verfällst.
Deshalb ist es notwendig, dass du über die Einheit von
Leerheit und Mitgefühl meditierst.

^6

97
Tibetische Meister sagen, dass das Ausmaß des spontan befreiten
Mitgefühls die Tiefe der Erleuchtung anzeigt. S.H. Dilgo Khyentse
Rinpoche, der als Oberhaupt der Nyingma-Schule der direkte
Nachfolger von Guru Rinpoche war, geht soweit, dass man in
sich den Mut finden muss, zu sagen: »Ich werde, wenn es sein
muss, allein daran gehen, alle Wesen zu befreien und mich so
lange üben, bis ich dazu auch in der Lage bin!«
Eine der schönsten Übungen dafür ist es, sich bei jedem
Einatmen vorzustellen, das Leid eines anderen Wesen in uns
aufzunehmen, es in uns zu heilen und ihm beim Ausatmen
unsere schönsten Erinnerungen, guten Lebensumstände, unsere
Liebe, Kraft und Gesundheit zu widmen. Schritt für Schritt
gelingt es, das Leid von mehr und mehr Wesen in uns aufzu-
nehmen und mehr und mehr von unserem Glück zu teilen. So
wächst unsere Kapazität dafür, Mitgefühl auch tatsächlich frei-
zusetzen. Erstaunlicherweise nimmt dabei unser Glück nicht ab,
sondern zu, und anstatt niedergeschlagen zu werden, finden wir
mehr und mehr Lebensmut und -kraft.
Eine weitere Übung, die tibetische Meister empfehlen, ist,
sich an die Güte unserer Mutter zu erinnern. Egal, wie belastet
die Beziehung sich später auch entwickelt haben mag, gibt es
zumindest aus der frühesten Kindheit Erinnerungen an die Süße
und Liebe, Hingabe und Fürsorge, ohne die wir gewiss nicht
überlebt hätten.
Wenn wir anschauen, wie selbst bei den meisten Tieren die
Mütter ihre Jungen aufopfernd versorgen, ist es klar, dass dies
eine der höchsten Formen der Liebe ist.
Auf geheimnisvolle Weise sind wir tatsächlich aus allen
anderen Wesen entstanden, sowohl genetisch in unserer ewig
langen Ahnenreihe bis zurück zum Einzeller, wie auch jetzt aus
dem Kreis des Lebens, in dem jedes Wesen aus dem Leben der
anderen entsteht. Nun versuchen wir, uns vorzustellen, dass

98
jedes Wesen dieselbe selbstlose Liebe wie unsere Mutter als
seinen tiefsten Grund hat, wenn auch die irrtümliche Identifi-
kation mit einem abgetrennten Selbst diese mit Vorstellungen
von Mangel oder Begrenzungen überlagert.
Schon gelingt es uns tatsächlich, mehr Liebe und Güte in
bislang scheinbar ablehnungswürdigen oder bedeutungslosen
Worten und Taten unseres Gegenübers zu erkennen. Indem wir
diese erkennen, gelingt es uns selbst, mehr Güte, Sympathie und
Verständnis aufzubringen. So kann auch eine belastete oder
kühle Beziehung sich verbessern. Auch neutrale Begegnungen
mit Verkäuferinnen oder Bankangestellten gewinnen so eine
menschliche Dimension. Versuchen Sie, diese Übung in jeder
freien Minute zu machen!
Eine Voraussetzung für diese Erfahrung von Mitgefühl ist
die Erkenntnis der Leerheit, das heißt, dass alle Wesen leer von
einem eigenen, getrennten Selbst sind. Diese Leerheit ist dabei
nicht öde, sondern gibt den Raum für die Fülle aller Erfahrungen.
Da wir bei jeder auch noch so intimen Empfindung immerzu
von sowohl geistigen Faktoren als auch äußeren Ursachen ge-
formt werden, können wir auch an keiner Stelle eine feste Grenze
zur Umwelt ziehen. Wenn sich schon unser Körperempfinden
die ganze Zeit aus äußeren Einflüssen zusammensetzt, ist unser
Geist noch mehr durch vorherige Einflüsse geprägt. Versuchen
wir, ein getrenntes Selbst aufrechtzuerhalten, verarmen wir nach
innen und stellen uns mehr und mehr in Widerspruch zur Welt
außen, denn die ist für unser fragiles Selbstbild eine ständige
Bedrohung. So schafft unser künstliches Selbstbild neue Leiden
für uns und andere. Paradoxerweise ist es gerade die fundamen-
tale Offenheit, die entsteht, wenn man die Leerheit erkannt hat,
die es uns ermöglicht, uns zu verändern und Verantwortung für
unser eigenes Leben zu übernehmen. Hätten wir ein festgefügtes,
abgegrenztes Selbst, könnten wir uns nie verändern, da so ein

99
Selbst ja ewig und unberührbar wäre. Leerheit ist also die
Voraussetzung zum Wandel und die Möglichkeit, unser Leben
in die Hand zu nehmen, und umgekehrt die neurotische Fixie-
rung auf ein getrenntes Selbst die Ursache des Leidens.
Mitgefühl entsteht spontan, wenn wir erkennen, dass unsere
Mitmenschen ganz überflüssig an ihrem illusionären Selbst leiden
und ihrem eigenen Glück im Wege stehen. Gleichzeitig löst die
Erkenntnis der eigenen Freiheit von einem begrenzten Selbst
ein so tiefes Glücksgefühl und eine reine Liebe aus, dass wir
überströmen und allen Wesen die gleiche Erfahrung wünschen.
Je mehr sich die eigenen Grenzen auflösen, um so tiefere
Potentiale zur Heilung setzen sich frei. Dies ist die Einheit von
Leerheit und Mitgefühl.

100
WAS DU BRAUCHST

I
ie einzige Ermahnung, die du brauchst, ist die Erin-
nerung an die Unvollkommenheit des ewigen Daseinskreis-
laufes.
Die einzige Ermutigung, die du brauchst, ist das Bewusstsein
•von der Vergänglichkeit.
Die einzige Erleuchtung, die du brauchst, ist die Erkenntnis,
dass alles, was erscheint, nur ein Spiel des Geistes ist.
Der einzige Lehrer, den du brauchst, ist der, dem du dich
aus der liefe deines Herzens anvertraust. Dann brauchst
du keinen anderen Erlöser mehr.
Das Absolute ist bereits in dir, wenn es dir gelingt, alle
Gedanken schon an der Wurzel zu erkennen und abzu-
schneiden.
Die einzige Zuflucht, die du brauchst, ist die Zuflucht zur
großm Freude, mit der du alle Wesen erfüllst.
Wenn du das alles zusammen erkennst, dann gibt es
tatsächlich keinen Unterschied mehr zwischen dem ewigen
Daseinskreislauf und der Erleuchtung.
Ach, doch haben die Wesen dieser kranken Zeit nur eine
kurzlebige Hingabe, deswegen erleben sie alle Arten von
selbst verursachten Schwierigkeiten.

101
Sie sind zu achtlos und schwach, ihrem Geist die Zügel
der geistigen Übung anzulegen. Weil ihre Faulheit so groß
ist wie die Ablenkungen vielfältig sind, können sie sich
kaum zur Meditation und zu ethischem Handeln motivieren,
und wenn, dann halten sie nicht lange durch.
Ach, wie traurig das alles ist.

102
DER GLAUBE

;
V
Schließlich fuhr Guru Rinpoche fort:
Die einzige Wurzel aller Qualitäten eines Erleuchteten ist
der Glaube. Wenn unwandelbarer Glaube aus den Tiefen
deines Herzens aufsteigt, wirst du von allen Fehlern und
Hindernissen befreit werden. Wenn du nur einen Augenblick
lang an die Möglichkeit der vollkommenen Erleuchtung für
alle Wesen glaubst, so ist das so verdienstvoll, wie wenn
du so viele Erlöser anbetest, wie es Atome im Universum
gibt.
So werden die wunderbaren Eigenschaften des Glaubens in
vielen alten Schriften und Lehren beschrieben!

Es mag seltsam anmuten, den Glauben als die Grundlage aller


Eigenschaften eines Erleuchteten zu bezeichnen, da doch Er-
leuchtung eher mit Erkenntnis und Gewissheit durch direkte
Erfahrung assoziiert wird, Glauben jedoch eher mit diffusen
Gefühlen und Hoffnungen zu tun zu haben scheint.
Die geheimen Lehren des tibetischen Buddhismus offenbaren
ganz eindeutig, dass Erleuchtung unsere ureigenste Natur ist,

103
so wie das hässliche Entlein schon immer ein Schwan war. Sie
kann deshalb nicht erworben oder gemacht werden, sondern
nur von dem Schutt unserer Ablenkungen, Konditionierungen
und Zweifel befreit werden. Tatsächlich befinden wir uns in
einer Trance, in der wir uns selbst täglich neu hypnotisieren,
um unsere erleuchtete Natur zu verleugnen. Der Glaube an
unsere Erleuchtung ist also ganz natürlich, denn er orientiert
uns nur in die richtige Richtung.
Der Glaube ist, genauso wie die Sehnsucht, immer ein Echo
dessen, woran wir glauben oder wonach wir uns sehnen. Para-
doxerweise ist es so, dass Glaube nicht von uns ausgeht, sondern
eine Spiegelung dessen ist, woran wir glauben. Wenn ein Stein
ins Wasser fällt, so erzeugt er Wellen, die sich ausdehnen und
die Schilfhalme bewegen. Wenn die Schilfhalme deswegen an
einen großen Stein glauben, der sie bewegt, ohne ihn zu sehen,
so geht dieser Glaube tatsächlich nicht von ihren Hoffnungen
aus, sondern ist nur möglich, weil sie wirklich von einem Stein
bewegt wurden. Genauso kann man nicht sagen, dass unser
Glaube die Erleuchtung schafft, sondern nur, dass die Erleuch-
tung schon in uns wirkt und der Glaube das offenbart, was
schon von sich aus ist. Es ist unmöglich, etwas zu sehen, wenn
man in die andere Richtung schaut. So orientiert uns Glauben
in die richtige Richtung. Ohne an die Möglichkeit der Erleuch-
tung zu glauben, kann sie nicht verwirklicht werden. Da Er-
leuchtung nie vom Verstand erfasst werden kann, bedarf es
immer eines Aktes des Glaubens oder des Vertrauens, um den
Abgrund zwischen Verstand und Wahrheit zu überspringen.
Thomas von Aquino hat gesagt, gerade weil Gott durch nichts
zu beweisen sei, glaube er an ihn und der japanische Mönch
Shinran ging so weit zu behaupten, dass selbst der Glaube nicht
als Aktivität des Menschen, sondern als Resultat der Gnade des
Buddhas Amitabhas entsteht.
In der Alten Schule Tibets ist es die Initiation, in der der
Meister dem Schüler die erleuchtete Natur seines Bewusstseins
zum ersten Mal erweckt. Danach ist es die beständige Übung
des Schülers, in der Meditation und im Alltag dieses gnostische
Bewusstsein als einzige Realität zu sehen. Da dies anfänglich oft
nur für kurze Perioden gelingt, und die relative Wirklichkeit
geradezu zynisch das Gegenteil zu beweisen scheint, ist das
unerschütterliche Vertrauen des Schülers in die höherrangige
Wahrheit der Erleuchtung nötig, um die in der Initiation erlebte
Vereinigung mit dem erleuchteten Geist in der Meditation zu
stabilisieren, sie unter wechselnden Umständen zu aktualisieren
und über längere Zeit aufrechtzuerhalten.

105
DIE HINDERNISSE
AUF DEM WEG

enn du seihst Wesen helfen willst, ist es wichtig, um


die Lehre für die zukünftigen Generationen zu erhalten,
die fünger nur zu solchen Übungen und Regeln zu ver-
pflichten, die ihrer Natur entsprechen, und ihnen keine
Unterweisungen zu geben, die ihr Verständnis überfordern,
und keine Einweihungen, deren Verwirklichung ihre Aus-
dauer überschreitet. Wenn die Lehrer die Wahrheit ver-
breiten, müssen sie geschickt darin sein, die Fähigkeiten
ihrer Schüler zu erkennen, sonst sind sie selbst für die
Fehler der Schüler verantwortlich. Am besten nimmst du
die alten Schriften und Überlieferungen als Maßstab und
erfährst für dich selbst, was die Übungen bewirken, die die
heiligen Meister gelehrt haben. Dann überwinde den Dämon
derAnhaftung an den Ich-Sinn und entwickle unbegrenztes
Mitgefühl für alle Wesen und erlaube weder deinem Geist
noch deinen Worten oder Taten, einen Augenblick vom
spirituellen Weg abzukommen. Das sind die ersten Schritte
auf dem Weg, selbst ein Lehrer zu werden.

106
In der Tradition des tibetischen Buddhismus kann nur derjenige
selbst Lehrer werden, der die Übungen bis zur direkten Erfahrung
ihres Ziels vervollkommnet und dann von seinem eigenen Meister
den Lehrauftrag erhalten hat. Sich selbst zum Lehrer zu ernennen
oder gar spirituelle Praxis mit dem Ziel zu betreiben, ein Meister
zu werden, wäre undenkbar, da Ehrgeiz die wahre Verwirkli-
chung für immer verhindert. Der Impuls, anderen Wesen zu
helfen, entsteht spontan als eines der Zeichen, wenn tatsächlich
eine bestimmte Stufe der Verwirklichung erreicht ist.
Dann gilt es immer noch, die eigene Motivation von Resten
alter Konditionierung zu reinigen und die geschickten Mittel
beherrschen zu lernen, die in Tausenden von Jahren entwickelt
worden sind. Schließlich darf man nichts mehr für sich selbst
erhoffen, nicht einmal, endlich so weit zu sein!

Hindernisse und Hemmnisse zu erkennen ist ein wesentlicher


Bestandteil der buddhistischen Lehre. Im klassischen Palikanon
aus dem 3. Jahrhundert vor Chr., der ältesten schriftlichen
Aufzeichnung der Lehrreden des historischen Buddha, werden
vor allem fünf Hemmnisse beschrieben.
1. Die Sinneslust oder das Begehren der Sinne nach ange-
nehmen Eindrücken. Sie wird verglichen mit einem Teich, in
den verschiedene Farben geschüttet sind. Das kann schön und
interessant sein, aber man kann weder auf den Grund sehen,
noch sich selbst in der Spiegelung erkennen. Als Gegenmittel
hilft, sich daran zu erinnern, dass alle Objekte unseres Begehrens
vergänglich sind, und dass wir selbst sterblich sind und nur die
positiven und negativen Eindrücke in unserem Geist mitnehmen.
Als Zweites hilft Dankbarkeit: Also danken wir für die freien
und. günstigen Umstände und alles Gute in unserem Leben,
besonders die Möglichkeit, den Weg der Wahrheit gehen zu
können.

107
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108
2. Die Faulheit oder Müdigkeit. Sie wird verglichen mit
einem Teich, der von Algen durchwachsen und mit Pflanzen
bedeckt ist. Die Faulheit wird überwunden, indem man sich die
Endlichkeit des Lebens vor Augen hält. Ein buddhistisches
Sprichwort sagt:
»Sicher ist nur, dass wir sterben müssen und dass wir nicht
wissen, wann.-«
3. Ärger und Hass. Sie werden verglichen mit einem Teich,
dessen Wasser kocht und brodelt. Ärger und Hass entstehen,
weil wir uns die umgebenden Umstände und Wesen als fremd
und feindlich gesonnen vorstellen. Üben wir, alle als unsere
Mütter zu sehen, aus denen wir entstanden sind, kommen Ärger
und Hass zur Ruhe und wir können die guten Seiten in anderen
und in unseren Lebensumständen erkennen.
4. Unruhe und Aufgeregtheit. Dies ist ein Zustand, der jede
meditative Konzentration verhindert. Er wird verglichen mit
einem von Wind und Wellen gepeitschten Wasser. Lass die
Unruhe, wie sie ist und konzentriere dich nur auf deinen Atem.
Beim Einatmen sage dir selbst: »Steigen« und beim Ausatmen
notiere innerlich »Sinken«. In kürzester Zeit glättet dies alle
Wogen.
5. Zuletzt steht der schwer zu überwindende Zweifel - vor
allem an der Lehre und den Lehrern. Dieser wird mit einem
trüben und schlammigen Wasser verglichen, aber nur ein ruhiges
und klares Wasser ermöglicht wirkliche Einsicht und Erkenntnis
des Grundes. Schwere Zweifel verbergen meistens ein schlechtes
Gewissen, wider besseres Wissen gegen die eigenen ethischen
Regeln oder Verpflichtungen zum Schaden anderer gehandelt
zu haben. Hier hilft nur, sich an das Gesetz von Ursache und
Wirkung zu erinnern, echte Reue zu entwickeln und alles zu
bekennen, wegen dem wir uns schuldig fühlen. Dabei ist es
wichtig, das Bekenntnis gegenüber konkreten Wesen, die wir

109
hochschätzen, abzulegen, seien es ein Baum im Wald oder die
Buddhas der drei Zeiten. Anschließend braucht es unbedingt
das Versprechen, von nun an nur Gutes zu tun und das zu
meiden, was anderen schadet. **
Sehr bald schon entwickeln sich positive Gedanken und
Vertrauen. Bleibt dies aus, so haben wir bei unserem Bekenntnis
etwas übersehen.
Am Schluss wird das Wasser ruhig und klar und ermöglicht
wahre Einsicht und die Erkenntnis des Urgrundes!

Wenn all diejenigen, die den Weg der Wahrheit gehen, so


zahlreich wären wie die Sterne am Himmel, so wären
diejenigen, denen die Dämonen keine Hindemisse in den
Weg legen, weniger als Sonne und Mond. Gäbe es diese
Hindernisse nicht, dann wäre es leichter, die Erleuchtung
zu erlangen, als ein Jahr lang gute Taten zu tun. Deshalb
müssen wir zuerst wissen, wie wir diese Dämonen erkennen
und dann überlisten können.

Von Dämonen zu reden hört sich für moderne Menschen viel-


leicht seltsam an. Doch wenn die moderne Psychotherapie von
Suhpersönlichkeiten, fixierten Geisteshaltungen oder Komplexen
spricht; geht sie auch von Energiemustern aus, die in unserer
Psyche relativ eigenständig leben und sich weitgehend selbst-
ständig, auch gegen unsere Interessen, verhalten. So können wir
den Begriff »Dämonen« vielleicht besser verstehen.
Darüber hinaus heißt es in vielen asiatischen Texten, die
Dämonen und Gottheiten eine eigene Existenz außerhalb unserer
Psyche zuschreiben, dass ein Mensch, der einen inneren Weg

110
geht, dabei ist, sich über alle Götter und Dämonen (die himm-
lischen und höllischen Hierarchien im christlichen Sprachge-
brauch) zu erheben. Deswegen legen diese ihm jeden möglichen
Fallstrick in den Weg, um ihn auf seinen menschlichen Stand
zurückzuwerfen. Andererseits wird so auch das Abwehrverhalten
gegenüber verdrängten Erinnerungen, unbewussten Mechanis-
men und Komplexen beschrieben.

Während du noch in der Stadt des Leidens eingekerkert


bist und einen Ausweg suchst, entwickelst du vielleicht
etwas Vertrauen in den Weg zur Erleuchtung. Dieses kann
dir jedoch ganz schnell wieder von einem Dämon namens
Faulheit gerauht werden. Wenn du den Wettbewerbsgeist
aber beibehältst, fängt dich stattdessen der andere Aspekt
des Dämons, die Geschäftigkeit, ein.
Indem du dich ständig an die so genannte Realität anklam-
merst, und indem du einige Wesen als Feinde bezeichnest
und sie ablehnst, während du andere liebst und an ihnen
hängst, bist du zu beschäftigt, um an Tod und Vergäng-
lichkeit zu denken und verstrickst dich in alles Mögliche.
So verschiebst du die Erleuchtung für immer auf später,
und das genau ist das Hindernis. Wenn du es dir einmal
angewöhnt hast, diese Faulheit zu entschuldigen, wird sie
zur Gewohnheit, die immer schwerer zu durchbrechen ist.
Das kannst du nur überwinden, wenn du nach einem
qualifizierten Lehrer suchst, der dir unerschütterlichen
Glauben und stetes Bemühen einpflanzt. Reflektiere über
Tod und Vergänglichkeit, die Quelle unerschütterlichen
Eifers! Stelle alles Nebensächliche zur Seite und widme
dich nur dem großen Ziel der Erleuchtung.

111
Der zeitgenössische Siddha-Yogi Swami Muktananda pflegte zu
sagen: »Der Verstand ist immer zur Stelle, um uns mit Ausreden
zu "überlisten, warum wir morgens nicht zum Meditieren auf-
stehen können. Aber wenn wir es einmal fertiggebracht haben,
diszipliniert aufzustehen, können wir den Verstand überlisten
und ihn für unsere Zwecke einsetzen. Da er nämlich ungern auf
der Seite des Verlierers steht, wird er nach einiger Zeit ȟber-
laufen« und uns helfen, früh aufzustehen, und dafür sogar noch
gute Argumente anführen«.

Als Nächstes taucht der Dämon namens »Wechselhaftig-


keit« auf. Er kann die Form von Familienmitgliedern,
wohlmeinenden Freunden und Partnern annehmen, die dir
sagen: »Hör doch auf mit dieser Erleuchtungsgeschichte«
und dir alle möglichen Schwierigkeiten machen. Hörst du
darauf, wirst du auch wieder die Erleuchtung auf morgen
verschieben, dann auf den Tag danach und so weiter. So
geht ein Lehen voller Illusionen schnell vorbei, und am
Ende sitzt du immer noch im Schlamm des Leidens fest.
Um diese Hindernisse zu überwinden, vertraue auf den Rat
deines Lehrers, nimm Zuflucht zur höchsten Wahrheit,
prüfe genau die Ratschläge deiner Mitmenschen und ent-
scheide für dich seihst.

Die moderne Familientherapie hat beobachtet, dass, um ein


problematisches Kind zu heilen, die ganze Familie in die Therapie
einbezogen werden muss, weil das Kind all die unterdrückten
und unbewussten Emotionen der ganzen Familie ausdrückt. So
ist es auch mit uns. Wenn wir eine tiefe spirituelle Erfahrung
erleben, gerät das ganze soziale Netz, in dem wir stehen, ins

112
Wanken. Gegenseitige Abhängigkeiten, Lebenslügen, Macht-
strukturen und alle anderen Spiele werden durch solche tiefe
Erfahrungen bewusst und in Frage gestellt. Das wird natürlich
von Familien, Freunden und Kollegen als bedrohlich empfunden.
Deswegen sehen sie es als ihre oberste Pflicht an, dich wieder
auf den »Boden der Tatsachen « zurückzuholen und dir zu helfen,
diese »spirituellen Spinnereien« zu überwinden.
Übe an dieser Stelle, alles was dir gesagt wird, nur noch als
Mitteilung deines Gesprächspartners über seine eigenen Ängste
und Unsicherheiten zu verstehen. Sage laut oder leise: »Danke
für die Mitteilung« und übe Mitgefühl für den Sender. Mache
dir klar, dass nur du die Konsequenzen deines Handelns erleben
wirst, egal ob andere dich beeinflusst oder beraten haben!

Wenn du trotz alledem bei deinem Lehrer bleibst, kommt


der nächste Dämon in der Form des Zweifels. Du fühlst
dich deinem Lehrer gleichrangig, bist blind für seine Fä-
higkeiten, während dir die kleinsten Fehler auffallen, du
entwickelst entgegengesetzte Ansichten und bezweifelst so-
gar, ob irgendeine seiner Handlungen von Weisheit bestimmt
wird. Deine eigene spirituelle Praxis wirst du vorwiegend
dazu verwenden, um Reichtümer anzuhäufen. Obwohl du
zu einer spirituellen Reise aufgebrochen bist, wirst du so
in einer selbst geschaffenen Hölle landen. Um diesen Dämon
zu vertreiben, lass dich nicht davon abbringen, dass dein
Lehrer und der vollkommene Weisheitsgeist eins sind.

Dann kommt der Dämon in Form eines Rüchfalls in die


Gier. Seine Zeichen sehen so aus: Du hungerst nach Sex
und Alkohol, denkst vorwiegend an Geld, an Geschäfte,

113
Karriere, Erfolge und diverse Machenschaften. Darüber
hinaus lässt du alle spirituellen Bestrebungen fahren, gibst
Lehrer und Begleiter auf dem Weg auf und übst überhaupt
nicht mehr. Du strebst, nur noch nach weltlichen Genüssen
und Herausforderungen und verlierst jedes Interesse an der
Wahrheitslehre.
Um diesen Dämon zu unterwerfen, musst du die unerschüt-
terliche Entschlossenheit entwickeln, nur den Lehren der
Wahrheit zu folgen. Welche Lehre auch immer es ist, die
dich inspiriert hat, bleibe dabei. Halte dich fern von allen
Ablenkungen und vermeide Handlungen, die offensichtlich
im Gegensatz zur Lehre der Wahrheit stehen. Halte dir
das Leben all der hedigen und weisen Menschen vor Augen,
die vor dir dem Weg der Wahrheit gefolgt sind und ihr
Ziel erreicht haben. Das ist sehr wichtig!

Der nächste Dämon heißt »Einbildung« und verleitet dich


dazu, die Lehren auf die leichte Schulter zu nehmen. Du
behauptest, diese oder jene Lehre erhalten zu haben, aber
du verstehst ihre wahre Bedeutung nicht wirklich, du
verstehst nur die Theorie. Obwohl du nur wenige Sätze
behalten hast, verkündest du die geheimen Lehren lauthals
und beginnst, dich als Lehrer aufzuspielen. Wenn du tief-
gründigen, echten Lehren begegnest, dann behauptest du
nur: »Das kenne ich alles schon«. Aus dieser Haltung kann
niemals ein sicheres Verständnis erwachsen. Auf diese Weise
gehst du immer am wahren Sinn der Lehren vorbei. Gerade
das ist der Dämon.
Um diesen zu überwinden, musst du die erhaltenen Unter-
weisungen und die Weisheitslehren immer aufs Neue und
von allen Seiten und ohne Vorurteile studieren und beden-
ken, bis du wirklich in ihre wahre Bedeutung eintauchst.

114
Gerade dieser Dämon scheint in unserer heutigen Zeit sein
Unwesen zu treiben. Im Zuge des New Age gehen manche
Menschen in drei Workshops an drei Wochenenden und bieten
am vierten einen eigenen Workshop im Vertrauen auf ihre
»innere Führung« an. Dabei werden ausgefeilte Methoden und
Systeme, die über Jahrtausende hinweg entwickelt und tradiert
wurden, ohne Zögern einfach verändert und unseren »heutigen
Bedürfnissen« angepasst. Leider stellt sich dabei nur zu häufig
heraus, dass unsere »heutigen Bedürfnisse« vor allem Inkonse-
quenz und Bequemlichkeit sind. Um unserem kurzfristigen
Nutzen zu dienen, werden dabei ganz unbedacht die essentiellen
Punkte einer Lehre oder Methode verkürzt oder ganz weggelas-
sen, ohne die sie nie zum Ziel führen. Dieses Denken ist ähnlich
kurzsichtig wie aus lauter Bequemlichkeit bei einem Auto nie
Motorenöl nachzugießen und dann das rote Warniämpchen mit
Leukoplast zuzukleben, weil es »nervt«.
Besorgniserregender noch ist es, dass viele der heutigen
»Lehrer« und Gruppenleiter von ihren eigenen Lehrern nie
autorisiert wurden und sich häufig sogar nach einem Bruch, der
auf ihrem Mangel an Verständnis beruhte, trennten, um dann
die Lehre zu »verbessern«. Gutgläubige Teilnehmer ihrer Kurse
erhalten dann das Resultat ihres Unverständnisses als »geistige
Führung«. Wer sich dann mit solchem unvollständigen »Kar-
tenmaterial« auf den Weg macht, geht natürlich das Risiko ein,
nie anzukommen oder schlimmer noch, sich böse zu verirren.
Um sicher zu gehen, dass man mündlich erhaltene Unter-
weisungen und die Weisheitslehren der heiligen Schriften wirk-
lich verstanden hat, gibt es mehrere einfache Regeln:

1. Wenn du beim Lesen müde wirst, hast du eine wesentliche


Stelle, die dir unverständlich war, überlesen. Gehe zurück,
bis du die letzte Stelle findest, bei der du wach und klar

115
warst. Lies dann langsam weiter, bis du an die Stelle kommst,
die dir beim ersten Lesen unverständlich war. Bleibe so lange
an dieser Stelle, bis du sie verstehst. Geschieht das Gleiche
bei mündlichen Belehrungen, versuche, deine Fragen gleicli
klären zu lassen. Stört das den Ablauf, schreibe sie nieder
und stelle sicher, dass du später die Gelegenheit zum Fragen
hast.
2. Wiederhole die erhaltene Information möglichst genau.
3. Versuche, die Bedeutung innerlich nachzuvollziehen.
4. Stelle dir ein konkretes Beispiel vor.
5. Stelle dir vor, dass alles, was du gelesen oder gehört hast
wahr ist, und stelle dir dann vor, dass alles, was du gelesen
oder gehört hast unwahr ist. Stelle dir für beide Möglichkeiten
Beispiele vor. Erkenne, dass alle Urteile selbst geschaffen
sind!
6. Erkläre, was du verstanden hast, einem spirituellen Freund,
dann entdeckst du, wie tief dein Verständnis wirklich ist.
So macht man sich die kostbaren Lehren der Weisheit wirklich
ganz zu Eigen.

Wenn dir das gelingt und du schon einige Qualitäten


entwickelt hast, taucht schon der nächste Dämon namens
»Begehrlichkeit« in der Verkleidung von Gönnern und
Schülern auf. Du fühlst dich geschmeichelt, bist in dich
seihst verlieht, kommst dir sehr weise vor und denkst, große
Reichtümer stünden dir zu. Das hält dich von weiteren
Übungen ah und wird zu einem neuen Hindernis auf dem
Weg. Das einzige Heilmittel dagegen ist, wenn du in Retreat
gehst und dich in die Einsamkeit der Berge zurückziehst.
Stelle alle anderen Aktivitäten zugunsten der Erleuchtungs-
übungen zurück.

116
Der nächste Dämon, der dich angeht, sind die metaphysi-
schen Theorien der verschiedenen spirituellen Systeme. Du
beginnst in einer gefährlichen Art und Weise, zwischen
deinen eigenen Ansichten und denen anderer zu unterschei-
den und zu bewerten. Damit verwandelt sich selbst die
Wahrheit in Gift. Um das zu verhindern, lass jedes Ver-
gleichen und jede Rivalität sein und übe dich darin, ohne
Vorurteil den Kern der reinen Wahrheit in allen Systemen
zu erkennen.

Da die absolute Wahrheit und die Welt der Dinge nicht wirklich
voneinander getrennt sind, ist in jeder Lehre zumindest ein
Körnchen Wahrheit. Wenn du dies anzweifelst, rufst du nur
Argumente und Widerspruch auf den Plan, auf die du wiederum
eingehen und weiterargumentieren »musst«. Ziemlich bald bist
du weit weg von jeder eigenen direkten Erfahrung von Wahrheit
und nur noch mit toten Meinungen im Verstand identifiziert.
Wenn du schon Schüler hast, werden auch die von der Krankheit
des dualistischen Denkens angesteckt. Versuche lieber zu erken-
nen, wer es ist, der all das wahrnimmt. Welcher Geist unter-
scheidet zwischen Richtig und Falsch, mein und dein? Suche
diesen Geist und nicht die Unterschiede.

Wenn du in deiner Meditation Fortschritte machst, kann


ein neuer Dämon auftauchen, der deine eigenen Erfahrungen
anzweifelt und sie in gut oder schlecht unterscheidet.
Wenn du auf eine bestimmte Erscheinung des Göttlichen
meditierst, indem du deinen Geist mit ihr identifizierst, um
ihre Qualitäten einzuüben und ihr Verständnis zu erlangen,

117
und du dann zu zweifeln anfängst, wirst du auch die
verschiedenen Aspekte Gottes in »gut« und »schlecht«
unterscheiden und sie nach ihren Nutzanwendungen be-
werten. *
Dieses Unterscheiden hingt dich wieder in einen Zustand
der Dualität, mit der Versuchung, deine bereits gewonnenen
spirituellen Kräfte zu deinem eigenen Nutzen zu verwenden
und den Lauf der Dinge durch Rituale und Beschwörungen
zu manipulieren, anstatt hingebungsvoll um Erleuchtung
zu beten. Damit verfällst du der Magie. Um diesen Dämon,
der das Gegenteil von Erleuchtung ist, zu besiegen, erlaube
der natürlichen Gewahrheit des Geistes zu erblühen, ohne
dich auf Form und Inhalte der Objekte des Bewusstseins
zu konzentrieren, und verstärke die heiligen Eide für Kör-
per, Sprache und Geist, die zur Erleuchtung führen.

Vielleicht nicht überraschend, verspricht ein Großteil der gän-


gigen Systeme und Methoden auf dem spirituellen »Markt« nicht
die Erleuchtung, die als zu »abgehoben« abgetan wird, sondern
stattdessen die erfolgreichere Manipulation der Lebensumstände.
Ob es um Geld, Liebe, Karriere oder auch nur um Parkplatzsorgen
geht - alles ist möglich durch »positives Denken«. Das Problem
ist jedoch, dass, wer nach gut und böse, begehrenswert und
ablehnungswürdig unterscheidet, seinem eigenen Verstand aus-
geliefert ist. Je mehr Erfolg er mit dieser Methode hat, umso
tiefer verstrickt er sich in ein Netz von Wunschgebilden, ver-
deckten Neurosen und Egoprojektionen. Die Grenzlinie zwischen
hilfloser Zwanghaftigkeit und Magie wird dann immer fließender.
Denn nicht die Erfüllung aller Wünsche ist das Ziel des
Weges, zumal sie in nicht endenwollender Flut über jeden

118
hereinfallen, der sie zu befriedigen sucht, sondern innere Freiheit
und Klarheit darüber, wer wir in Wahrheit sind. Hier ist beson-
ders wichtig, alle im Verlauf der Übung entstehenden Kräfte
und Fähigkeiten nur zur Vertiefung der Übung zu verwenden,
um tatsächlich die Erleuchtung zu verwirklichen. Ansonsten ist
es so, als ob wir mit einem gestohlenen Auto auf der Autobahn
falsch fahren - sicherlich spannend, aber letztendlich selbstzer-
störerisch. Nur der erleuchtete Geist kann alle Gesetze erkennen
und wann der Eingriff in den Lauf der Dinge mittels spiritueller
Kraft für das allgemeine Wohl erlaubt ist oder nicht.

Wenn du dich auch von diesem Dämon befreit hast, wirst


du sehr sensibel und kannst die feinstofflichen Kanäle und
das Strömen der Energien und den subtilen Fluss des Atems
in deinem Körper wahrnehmen. Das kann den Dämon
»Abbruch der Übung« herbeirufen. Da du nämlich so
feinfühlig geworden bist, wirst du nicht einmal mehr die
geringste Unbequemlichkeit ertragen und nicht mehr me-
ditieren wollen. Willst du diesen Dämon besiegen, musst
du dich immer wieder daran erinnern, dass es die Natur
der bedingten Existenz ist, leidvoll zu sein.

Gerade die esoterischen oder spirituellen Phänomene, die im


Verlauf konzentrierter Übung auftreten, bereiten ein großes
Problem. Faszinierend wie sie auch sein mögen, sind sie doch
nur indirekte Auswirkungen unserer Absicht, das Absolute zu
erreichen. Man kann die auftretenden Phänomene mit dem
Fahrtwind bei einer Fahrradfahrt vergleichen. Er tritt auf als
Resultat des Fahrens, und wenn du fasziniert anhältst und

119
absteigst, um den Fahrtwind ungestört genießen zu können,
hört der Wind auf und du kommst nicht ans Ziel. Was bleibt,
ist nur die Erinnerung. Gleichermaßen sind die vielen spirituellen
Phänomene, die im Verlauf einer tiefen Praxis entstehen, sozu-
sagen nur ein Nebenprodukt der Reibung unserer Persönlichkeit
mit dem Absoluten. Selbst so faszinierende Phänomene wie das
Erleben der Chakras und femstofflichen Kanäle oder das Sehen
der Aura, sind genau genommen Begleiterscheinungen der Auf-
lösung von unseren psychischen und physischen Unreinheiten.
Wer völlig rein ist, wird keines dieser Phänomene spüren,
sondern nur lichte Klarheit. Deswegen ist es geradezu närrisch,
an ihnen festzukleben. Die wichtigsten dieser Phänomene sind:
Die Wahrnehmung von Aura, Chakren und Energieströmen, das
Gefühl in Vergangenheit und Zukunft sehen zu können, die
Fähigkeit, andere Wesen oder Umstände beeinflussen und. Ge-
danken lesen zu können sowie extreme Feinfühligkeit und
intensive, schwankende Emotionen oder Sinnerfahrung wie
grundlose Trauer oder Zorn, aber auch große Hitze und Kälte,
Schwere oder Leichtigkeit und »innere Filme« voller bunter
Farben. Ebenso sind auch die meisten visionären Zustände sowie
die so genannten »mystischen Klänge« nur Phänomene.
Die Grundübung bei all diesen Phänomenen ist sich zu
fragen: »Wer erfährt dies eigentlich? « oder »Welcher Geist nimmt
das wahr?« anstatt sich durch die schillernden Erfahrungen von
der Übung der eigenen Gewahrheit abhalten zu lassen.

Hast du auch diese Stufe überwunden, wirst du in den


Zustand der »Großen Wonne« gelangen. Hier besteht die
Gefahr, dass ein Dämon in Form von sexueller Energie
über dich kommt. Du empfindest dich selbst als so fortge-
schritten, dass du jenseits von allen Regeln und aller Moral

120
stehst. Daraus folgende unverantwortliche sexuelle Aktivi-
täten werden zu vielen neuen leidvollen Folgen führen.
Schlimmer noch ist es, wenn du dabei Kinder zeugst und
dich dann nicht um sie kümmerst, weil sie deine »geistige
Entwicklung hemmen«.

Wenn du unbeirrt von allen vorher erwähnten Phänomenen


weiter übst, lösen sie sich zusammen mit den Unreinheiten,
deren Folge sie sind, auf, um einer ungeheuren Glückseligkeit
Raum zu schaffen. Diese Glückseligkeit ist ein Aspekt der
universellen Kraft. Es ist die Energie gnostischer Gewahrheit,
die außerhalb des Körpers als die Welt und all ihre Prozesse in
Erscheinung tritt und in unserem Körper als Sexualität wahrge-
nommen wird, wenn sie nicht zur erleuchteten Einsicht genutzt
wird. Wenn du diese Kraft dann als Sexualität auslebst, verlässt
sie deinen Körper während der sexuellen Entladung. Wenn du
aber erkennst, dass diese Kraft universell ist und nur unter
anderem auch die Gestalt von Sexualität annehmen kann, entlädt
sie sich nicht, sondern steigt auf und gibt dir genau die Energie,
die es zur Erleuchtung braucht. Sie hilft dir zu erkennen, dass
das, was in deinem Körper und was außerhalb deines Körpers
ist, nicht zwei sind. Es ist also keine Frage der Moral, sondern
des Energiehaushaltes. Das ist der Hauptgrund, weshalb weltweit
spirituelle Praxis und Zölibat in Verbindung gebracht werden.
Selbst die sehr lebensbejahenden Indianer kennen Zeiten strenger
sexueller Enthaltsamkeit vor und während wichtiger Zeremoni-
en. Grundlegend gilt: Diese Wonne ist Beiprodukt und nicht
Ziel geistiger Übung.

121
Jetzt ist es an der Zeit, den Knoten des Verlangens endgültig
durchzuschneiden.

Verlangen wird deswegen als Knoten bezeichnet, weil es eine


Ablehnung und Verdrehung der Wahrheit ist. Lüsternheit ist
immer ein Resultat von Trennung; Begehren ist der Versuch,
die Illusion der Getrenntheit zu überwinden. Da wir aber schon
längst eins, ganz und vollständig sind, ist die Idee, etwas außer-
halb von uns brauchen zu müssen, eine Illusion. Das heißt auch,
j e stärker wir versuchen, ein illusionäres Bedürfnis zu befriedigen,
desto mehr verstricken wir uns im Wahn der Getrenntheit. Also
nimmt auch das Gefühl der Entfremdung zu, das wiederum
weiteres Begehren auslöst, diese aufzuheben usw. Ein Teufels-
kreis, aus dem es nur ein Entkommen gibt: Gar nicht auf
Entfremdung und Begierden eingehen, sondern einfach beim
bewussten Ein- und Ausatmen bleiben, und sich dabei die Frage
stellen: »Wer fühlt sich getrennt? Wo ist dieses Ich, das sich
getrennt fühlt? Wo ist die Grenze? Woran erkenne ich, was
innen und was außen ist? Ist es zu spüren oder zu sehen? Ist
das, was ich von der Außenwelt spüre, in mir oder außen? Ist
das, was ich sehen kann, tatsächlich außerhalb von mir, oder
befindet sich alles in meinem Bewusstsein?«
Versuche diese Frage durch genaues und sensibles Erfassen
der unmittelbaren Erfahrung zu ergründen und lass davon ab,
die auftretenden Impulse in Handlungen auszuagieren.

Wenn du dich aus diesen Verwirrungen gelöst hast, entsteht


in deiner Meditation eine große Leere, und die Leere seihst
wird zu deinem Gegner. Mit der Behauptung, »nichts exi-
stiert wirklich«, verlierst du jeden Maßstab für ethisches

122
Verhalten und relativierst Gutes mit Bösem. Du wirst kein
Mitgefühl für die Menschen mehr haben, noch an die Erleuch-
tung, die Lehre vom Weg dorthin, oder an diejenigen, die auf
diesem Weg sind, glauben. Wenn das geschieht, kultiviere
dein ethisches Verhalten und bekenne deine Verfehlungen.
Übe dich ausdauernd und hingebungsvoll darin, alle Erschei-
nungen als rein zu erkennen, und höre auf, nach positiven
Erfahrungen zu greifen. Verstehe, dass die Erfahrung der
wahren Leerheit nicht vom großen Mitgefühl getrennt werden
kann, denn alles entsteht bedingt auseinander.

Wer die ersten Erleuchtungserfahrungen erlebt hat, erkennt


häufig, dass alles schon vollkommen ist, so wie es ist. Daraus
entsteht ein Gefühl von großer Freiheit, aber auch Verantwor-
tungslosigkeit, ein Gefühl von Ungebundenheit und der Ungül-
tigkeit jeglicher Regel kann aufkommen. Dieses Gefühl mag
subjektiv stimmen, gilt aber nur in Bezug auf unseren eigenen
inneren Zustand. In Bezug zu unserer Außenwelt und unseren
Mitmenschen gelten auf alle Fälle andere Maßstäbe. Wenn wir
unsere Erkenntnis der inneren Freiheit dazu verschwenden,
andere zu verletzen, verletzen wir gleichzeitig unsere Erfahrung
von Einheit, die ja die Grundlage der Erkenntnis der Freiheit
ist. So verschwindet auch schnell jede anfängliche Erleuchtungs-
erfahrung. Tulku Urgyen Rürpoche pflegte zu sagen, man müsse
mit der Einsicht auf die Erde kommen und das ethische Verhalten
bis zum Himmel steigen lassen.

Aber der Dämon kann auch in Gestalt des Mitgefühls selbst


erscheinen. Ohne selbst erleuchtet zu sein, wirst du unge-
duldig darauf brennen, anderen zu helfen, und deine eigene

123
Erleuchtung zurückstellen. Wenn das geschieht, stelle statt-
dessen deinen Wunsch voreilig zu handeln zurück und
erwecke in dir den Wunsch, den Erleuchtungsgeist zu
entwickeln, was automatisch mehr Mitgefühl mit sich
bringt

Wenn man bemerkt, dass nicht nur man selbst, sondern auch
alle anderen in ihrem Wesen bereits frei sind, aber dennoch
gefangen in ihren dualistischen Illusionen dies nicht wahrneh-
men können, sondern stattdessen leiden, so entsteht tiefes Mit-
gefühl. Wir werden uns bewusst, dass wir nicht voneinander
getrennt sind. So erfahren wir das Leiden der anderen als unser
eigenes, und tiefes Mitgefühl ist die natürliche Folge.
Dieser wertvolle Schritt kann uns aber auch zum Verhängnis
werden, wenn wir vom Mitgefühl motiviert zu helfen versuchen,
ehe unsere Erleuchtungserfahrung stabilisiert und vollendet ist.
Wenn das Ausmaß des Leidens und der Illusion der Menschen,
denen wir helfen, zu groß ist, verlieren wir uns wieder in den
Zustand aus dem wir sie befreien wollten.
Es geht dir wie einer sehr kleinen Wasserschlange, die einen
sehr großen Frosch zu verschlingen versucht. Vielleicht gelingt
es zur Hälfte, aber dann geht es nicht weiter, und da sie noch
fest mit dem Frosch verbunden ist, zieht sie der noch zur Hälfte
freie Frosch dahin, wo er will. Verweile stattdessen bei der
Kontemplation, bis dein Lehrer dich zu lehren beauftragt.

Der nächste Dämon erscheint in der Gestalt einer Vision


deines Lehrers oder der großen Erlöser und spricht falsche
Prophezeiungen aus, wie zum Beispiel: »Geh und erlöse

124
deine Nächsten« oder »Arbeit statt Meditation ist auch eine
Übung«. Wenn sie solche Prophezeiungen aussprechen, ob
im Traum, einer Vision oder als Erscheinung, verschmelze
die tiefste Weisheit deines Herzens mit dieser Vision. Wenn
sie dadurch noch klarer wird, ist es wirklich eine göttliche
Eingebung. Wenn nicht, ist es nur wieder der Dämon, der
dir Hindernisse in den Weg legt. Du solltest auf jeden Fall
selbst zweifelsfrei entscheiden können, was es ist.

Auch bei den Prärie-Indianern Nordamerikas gilt es als unbedingt


nötig, Visionen auf ihre Echtheit hin zu prüfen. Da man so sehr
von ihnen beeindruckt wird, fehlt einem selbst meistens das
klare Entscheidungsvermögen, und man muss sie einem Lehrer
berichten. Außerdem meinen Indianer, dass nur ein Medizin-
mann dir alle darin enthaltenen Erkenntnisse aufschlüsseln kann.
Oft beginnt die wahre Arbeit erst nach der Vision und kann sich
über Monate und Jahre hinziehen, bis man den verborgenen
Keim zum Sprießen gebracht hat.
Selbst Franz von Assisi empfahl seinen Brüdern, wenn ihnen
eine Engelsgestalt erscheine und »himmlische Weisungen« ver-
künde, diese zunächst zu beleidigen, indem man ihr zurufe: »Du
hast Dreck auf der Zunge«. Wenn die Gestalt dann gütig lächle,
wäre es ein Engel, der deine reine Gesinnung kennt; wenn sie
aber wütend würde, wäre es nur ein Dämon. Der schlimmste
Dämon aber liegt darin, dass Visionen wieder einen Anreiz geben,
in die Illusion der Dualität zurückzukehren. Zum einen, weil
die Erscheinung, und der Seher als getrennt gesehen werden,
und zum anderen, weil sich der Empfänger als auserwähit vor
allen anderen Menschen empfindet.
Hier gilt es den Unterschied zwischen Seher, Vision und

125
dem Serien selbst zu untersuchen. »Worin liegt er? Wo sind
die Grenzen zwischen dem, was außerhalb ist, und dem, was
sich in mir abbildet? Bin ich getrennt davon? Werde ich
geformt durch das, was ich sehe? Ist es dann auch in mir?«
Dies sind einige der Fragen, die kontemplativ untersucht werden
sollten.

Wenn du auch diesen Dämon überwunden hast, wird dein


nächster Feind in Form von spiritueller Freiheit und Un-
gebundenheit erscheinen. Saufend durch die Dörfer ziehend
wirst du dich wie ein Verrückter benehmen, jeder momen-
tanen Eingehung gehorchend, und dich so außerhalh jeder
Norm bewegen, ohne die Folgen deiner Handlungen zu
bedenken. Wenn dies geschieht, zieh dich wieder einmal in
die Stille zurück und übe dich in der Atembetrachtung, bis
du keinen Unterschied mehr zwischen Glück und Leid,
Gewinn und Verlust oder Lob und Tadel verspürst.

Die Beobachtung des Stroms des Atems ist die einfachste Übung
zur Überwindung jeder Form geistiger Unklarheit, bei Konzen-
trationschwäche und der Empfindung, sich nicht mitteilen zu
können, oder unsicher zu sein, was einen innerlich bewegt.
Der erste Schritt ist, zu bemerken, ob der Atem jetzt gerade
ein- oder ausströmt. Strömt er ein, notiere ich innerlich »steigen«,
strömt er gerade aus, notiere ich »sinken«.
Allein dieser simple Vorgang des Beobachtens, Frkennens
und Benennens trainiert bereits die Konzentrationsfähigkeit und
setzt geistige Klarheit frei.

126
Bitte versuche, bevor du weiterliest, eine oder zwei Minuten
lang dies durch eigene Erfahrung zu überprüfen.
Wer völlig konzentriert jedes Ein- und Ausatmen beobachtet,
erkennt und benennt, entwickelt erstaunliche Klarheit und Geis-
tesgegenwart, die jedoch wieder verloren geht, wenn urteilende
Gedanken und reaktive Gefühle unerkannt auftauchen. Verwir-
rung oder Unklarheit herrschen, wenn unbewusste Gefühle oder
Gedanken im Spiel sind.
Was die wenigsten Menschen aus eigener Erfahrung wissen,
ist, dass jeder Sinneseindruck in Bruchteilen von Sekunden nicht
nur wahrgenommen, sondern mit allen früheren ähnlichen Si-
tuationen verglichen und auf dieser Basis beurteilt wird. Da
unser Bewusstsein alles nur gerade jetzt erlebt, ist die unmittel-
bare Erfahrung des Augenblicks gleichzeitig mit einer Vielzahl
von abgerufenen Erinnerungen an frühere Erfahrungen überla-
gert, die in unserem Gehirn als gleichwertige elektrochemische
Impulse ablaufen. Dass die unmittelbare Wahrnehmung der
augenblicklichen Realität auf diese Weise rudimentär und wenig
erfolgreich bleibt, ist offensichtlich. Hinzu kommt, dass die
ständigen Bewertungen und Urteile wegen der blitzartigen Ge-
schwindigkeit, in der sie ablaufen, unbewusst bleiben. Die Er-
innerungen überlagern also nicht nur die Gegenwart und ver-
hindern eine angemessene und wertfreie Reaktion auf die He-
rausforderungen des Augenblicks, sondern führen auch noch zu
Bewertungen, die im Widerspruch zu unseren bewusst erkannten
und formulierten Zielen stehen können. Dadurch entsteht eine
ständige Spannung und innere Zerrissenheit, die die Verwirkli-
chung unserer Ziele hintertreiben und wahres Glück und Erfolg
oft unmöglich machen.
Dieser innere Vorgang erfolgt immer in fünf Schritten. Zu-
nächst kommt die reine, unverstellte Wahrnehmung der Realität.
Ganz unschuldig versuchen wir dann zu erkennen, wie es sich

127
anfühlt,was wir da wahrnehmen. Daraus erwächst die Empfin-
dung von angenehm und unangenehm, die bereits von der
Unmittelbarkeit des Seins trennt. Diese Empfindungen werden
dann die Basis von urteilenden Gedanken. Wobei die Urteile
jede Empfindung in zwei einfachen Kategorien einteilen, die
sich auf Begehren und Ablehnen reduzieren. Diese wiederum
führen zu Gefühlen, die auf drei Grundemotionen zurückzufüh-
ren sind: Begierde nach dem, was wir als angenehm empfinden,
Hass auf das, was wir als unangenehm ablehnen und Verwirrung,
wenn diese Urteile unbewusst und im Widerspruch zu unseren
rationalen Zielen und Plänen sind. Auf dieser Basis erfolgen
dann reaktive oder zwanghafte Handlungen, deren Resultate
unsere Realität formen. Diese Realität wiederum ist es, was wir
wahrnehmen, wodurch sich der Kreis schließt und die unbe-
wussten Urteile und Erinnerungen sich selbst beweisen. So
projizieren wir unsere Vergangenheit auf die Gegenwart und
wundern uns, warum sich Schwierigkeiten immer wiederholen.
Dieser Kreislauf ist jederzeit zu unterbrechen, so beängstigend
automatisch und zwanghaft er auch ist, solange er unbewusst
abläuft. Gerade weil diese Gesetze so mechanisch sind, können
wir sie leicht beeinflussen, wenn sie erst einmal bewusst sind,
während sie uns als überwältigendes Schicksal oder Zwangsläu-
figkeit erscheinen, solange sie unerkannt in uns ihre Kreise
drehen. Die Aufmerksamkeit auf den Atem zu lenken kann
diesen Kreislauf an jeder Stelle unterbrechen und uns damit die
Möglichkeit geben, durch angemessenes Handeln unsere Realität
positiv zu gestalten.

Wenn ich nur ein- und ausatme, und dabei das Steigen und
Sinken des Atems erkenne und benenne, sind die Wahrnehmun-
gen einfach, klar und unverwirrt, und ich tue spontan das
Richtige.

128
Fange ich an, vergangenheitsorientierte Gedanken und wi-
dersprüchliche Gefühle zu haben, ist meine Aufmerksamkeit
bereits vom Atem abgelenkt. Wenn es mir gelingt, einfach nur
in der Atembetrachtung zu verweilen, erlebe ich, wie sich Schritt
für Schritt alle unbewussten Urteile und reaktiven Gefühle erst
zeigen, so bewusst werden können und sich dann beim Weiter-
atmen einfach auflösen. Das genügt.
Um es für dich selbst zu erleben, musst du als Erstes mit
einer möglichst aufrechten Wirbelsäule möglichst entspannt
täglich mehrmals 10-20 Minuten mit der Atembetrachtung
verbringen. Wichtig ist, dass du dich nicht anlehnst, da sonst
das Zwerchfell blockiert wird und dein Schwerpunkt vor den
Sitzhöckern Hegt. Da wir uns durch das Sitzen auf Stühlen und
Sesseln ein unnatürliches Zurücklehnen angewöhnt haben, hilft
es, wenn du dich, ein bisschen vorwärts und rückwärts wiegst,
um dann etwas weiter vorne, als du normalerweise sitzen würdest,
zur Ruhe zu kommen, ohne dabei ein Hohlkreuz zu machen.
Das Schambein, das Brustbein und das Kinn sind dabei auf
einer Linie.
Ob du auf einem Stuhl, einem Kissen oder kleinen Hocker
oder auf dem Boden sitzt, ist dabei gleich, solange die Knie beim
Sitzen, nicht höher als die Hüftgelenke sind. Wenn du im
Schneidersitz sitzt, kannst du mehrere zusammengefaltete Dek-
ken oder ein festes Meditationskissen verwenden, um das Becken
zu erhöhen. Beim Sitzen auf einem Stuhl sollten die Fußsohlen
parallel auf dem Boden stehen. Nun kannst du deine Aufmerk-
samkeit ganz auf den Atem lenken.
Versuche, mit jedem Ausatmen den Geist mit fallen zu lassen,
bis du ganz schwer wirst und dich tief gegründet und weit offen
fühlst. Beim Einatmen konzentriere dich auf das spontane Ein-
strömen des Atems, spüre, wie leicht er aufsteigt und wie sich
Nase, Brustraum und Flanken dehnen und weiten und sogar

129
der Rücken länger zu werden scheint. Lass diese Bewegung ganz
von selber aufhören ohne sie zu verlängern oder zu vertiefen.
Wenn deine Konzentration gut ist und du dir deutlich
bewusst bist, wann du ein- und wann du ausatmest, kannst du
deine Aufmerksamkeit auch auf die Länge der Atemzüge richten,
ohne sie zu verändern. Nimm einfach wahr, ob sie kurz oder
lang, schnell oder langsam, tief oder flach sind. Gelingt dir dies,
kannst du langsam merken, wie dein Gewahrsein immer größer
wird und gewissermaßen auf dem Atem »reitet«. Schritt für
Schritt gelingt es dir so, dir deines ganzen Körpers von innen
gewahr zu werden.
Dann merkst du, wie sich im Körper immer mehr Ruhe,
Wohlbefinden und Gelassenheit ausbreiten. Wenn du dies bereits
eine Zeit lang aufrechterhalten kannst, ist die Grundlage ge-
schaffen, die ständigen Aktivitäten deines Geistes überhaupt erst
wahrzunehmen. Der oben beschriebene ständige Ablauf von
Wahrnehmungen, Empfindungen, Urteilen und Reaktionen fin-
det nämlich so schnell statt, dass wir ihn nur in einem Zustand
von entspannter Wachheit bemerken. Dies führt dazu, dass du
dich Schritt für Schritt von diesen letztendlich unbefriedigenden
Automatismen loslöst.
Gelingt dies schon ganz gut, breitet sich auch im Geist eine
heitere Zufriedenheit und innere Ruhe aus. Aus dem Hamsterrad
der automatischen Reaktionen befreit, gewinnt der Geist die ihm
innewohnende, wache Klarheit zurück und befreit sich nun
Schritt für Schritt von selbst aus allen inneren Verstrickungen.
Wie ein verheddertes Fischernetz, ins Wasser geworfen, sich
selbst entwirrt, so entspannt sich der Geist nun mit jeder neuen
Welle des Atems tiefer in seine erleuchtete Weite.

Mit wachsender Konzentration ist es möglich, ein- bis zweimal


am Tag eine halbe Stunde lang zu üben. Dann gelingt es auch

130
in alltäglichen Situationen, wann immer die Konzentration
schwindet oder die Herausforderungen zu überwältigen drohen,
die Aufmerksamkeit reflexartig aufs Atmen zu richten, während
man seine Tätigkeiten fortführt. Dabei stellt sich schon nach
wenigen Atemzügen ein Gefühl innerer Befreiung ein. Probleme
kehren in die richtigen Proportionen zurück und durch den
gewonnenen Abstand und Überblick lassen sie sich erstaunlich
einfach lösen.
Wer in der Gegenwärtigkeit reiner Gewahrheit im Rhythmus
des sinkenden und steigenden Atems verweilt, ist tatsächlich
befreit davon, das eigene Sein in Erfahrungen von Glücklich-
und Unglücklichsein, gewinnen und verlieren, beliebt oder be-
deutungslos zu sein, anerkannt und abgelehnt zu werden, auf-
zuspalten.
Von den möglichen Zugängen, die Funktionsweise des Geis-
tes zu erkennen und die Entstehungskette aller verwirrten Ge-
danken und. Handlungen an der Wurzel aufzulösen, ist die
Beobachtung des Atems der unmittelbarste und am einfachsten
zugängliche.
Buddha Shakyamuni sagt im Anapanasati Sutta, dass die
Kontemplation über den Atem auf direktestem Wege zur Er-
leuchtung führt. Dies können auch wir nachvollziehen, wenn
wir bedenken, dass in allen alten Traditionen Atem und Geist
identisch sind, was sich etymologisch in dem lateinischen Wort
»spiritus« und dem griechischen »pneuma« zeigt. Das Sanskrit-
wort »Prana« und das tibetische »Lung« heißen sowohl Atem
oder Wind als auch psychische Energie oder geistige Kraft.
Wenn wir Vorgänge im Geist nicht klar erkennen, wird auch
der Atemrhythmus unregelmäßig; zum Beispiel halten wir den
Atem an, wenn wir etwas im Geist nicht wahrnehmen wollen.
Durch feine Regelkreisläufe führt jede Veränderung im einen zu
Reaktionen im anderen.

131
Deswegen hat, wer befreit atmet, auch einen freien Geist.
Sobald wir anfangen, bewusst jedes Ein- und Ausatmen wahr-
zunehmen und zu benennen, fallen alle Projektionen in den
Urgrund des klaren Geistes zurück wie die Fontäne eines Spring-
brunnens, wenn das Wasser abgestellt wird. Mit jedem Ein- und
Ausatmen wird der Geist klarer und weiter. Freude, Kreativität
und tatkräftiges Mitgefühl sind die natürliche Folge dieser »In-
spiration« .

Zuletzt kann man sagen: Solange du die vollkommene


Befreiung nicht erreicht hast, werden Hindernisse und
Dämonen in endloser Reihenfolge auftauchen. Wenn du
dich jedoch mit der festen Absicht, bis zur Vollendung
weiterzumachen, deinen Übungen widmest, können dich
kein Hindernis und kein Dämon in deiner Praxis stören.

Sofort nachdem Guru Rinpoche mit dem Sprechen aufgehört


hatte, setzten sich alle fünger und schrieben seine Worte
nieder, welche der Meister dann weihte und als »Schätze«
verbergen ließ.

Kurzum ist jede Errungenschaft ein Hindernis, wenn wir darauf


stolz sind und dabei zu verweilen versuchen. Der Weg ist ohne
Ende und muss jeden Augenblick neu begonnen werden. Au-
ßerdem gibt es bei jeder Stufe des Fortschritts zwei inhärente
Feinde, die uns in der Freude über den Erfolg leicht überwältigen
können. So werden z.B. bei den von Shakyamuni Buddha be-
schriebenen »göttlichen Verweilungen« jeweils ein ferner und
ein naher Feind genannt.

132
Der ferne Feind der allumfassenden Liebe ist Hass, der nahe
Feind ist die persönliche, anhaftende Liehe.
Der ferne Feind von Mitgefühl ist Grausamkeit, der nahe
Feind ist falsches, berechnendes Mitleid.
Der Mitfreude entgegengesetzt ist der Neid, der nahe Feind
ist die Schmeichelei.
Der ferne Feind des Gleichmuts ist die Aufgeregtheit, leicht
zu verwechseln mit dem Gleichmut jedoch ist die Gleichgültig-
keit.
Der vortrefflichste Weg, mühelos Fortschritt zu verzeichnen
und nicht an vergangenen Erfahrungen hängen zu bleiben, ist
der, alle Errungenschaften, Einsichten und Erfolge am Ende
jeder Meditationssitzung, jeden Gebetes und jeder guten Tat
dem Wohlergehen aller Wesen zu widmen und sich und ihnen
allen zu geloben, weiterzuüben bis wir allesamt die vollendete
Erleuchtung verwirklicht haben!

133
Yeshe Tsogyal, Prinzessin von Kharchen, einem der sieben tibetischen Für-
stentümer, wurde von König Trisong Detsen zunächst geheiratet, aber dann
als Würdigung seiner Verdienste dem Padmasambhava zur Seite gestellt.
Unter seiner Leitung erlangt sie Erleuchtung und gilt den Tibetern bis heute
als weiblicher Buddha und Verkörperung der weiblichen Erleuchtungsenergie.

134
FRAGEN
ZUR GEHEIMLEHRE

i. 1 achdem dies geschehen war, fingen Nyong Wen Tingzin


Zangpo und die Prinzessin Yeshe Tsogyal an, dem großen
Meister ihre Fragen zu stellen:
Es heißt, von dem Moment an, in dem man die geheime
Unterweisung zur Erleuchtung erhält, solle man in seinem
Herzen nur noch seinem Lehrer vertrauen. Was sind dann
die Qualitäten eines echten Lehrers, aufweiche Weise kann
man sich ihm anvertrauen und was darf man sich erhoffen?

Das Lüften der letzten Schleier vor der Erleuchtung bringt sehr
viel Verwirrung mit sich. Nicht weil die Erleuchtung kompliziert
wäre - sie ist die Einfachheit selbst -, sondern weil unser Verstand
ein kunstvolles Gespinst um die Wahrheit gelegt hat. Diese
letzten Unterweisungen, sind nicht deshalb geheim, weil keiner
das Geheimnis der Wahrheit erfahren dürfte - diese ist immer
offenbar -, sondern weil der Verstand seine letzte verzweifelte
Abwehrschlacht vor der Enthüllung der Wahrheit schlägt. Wäre
jeder Schritt schon bekannt, wäre der Verstand schon im Vor-
hinein in der Lage, zynisch alles zu verneinen. Im Übrigen hat

135
das Absolute weder eine Eingangstür noch eine Brücke von hier
nach dort. Den Abgrund überwindet man nur, wenn sich einen
Augenblick lang alles Bekannte und Gewusste auflöst. Dies zu
tun ist die wesentliche Aufgabe des Meisters und ist nur aus
dem jeweils einmaligen und unwiederholbaren Kontakt von
Lehrer und Schüler im Augenblick möglich.
Das banalste Wort kann an der richtigen Stelle die Schleier
der Illusion vernichten, und die größte Weisheit kann unpassend
geäußert auf taube Ohren stoßen. Die überlieferten initiatischen
Dialoge zwischen Meister und Schüler sind heute als Köans, d.h.
Zweifel oder Rätsel, bekannt. Den Zen-Meister Tozan fragt
jemand nach der höchsten Weisheit, während er die Ernte wog.
Er antwortete knapp: »3 Pfund Flachs«.
Dem großen tibetischen Meister Gampopa - Milarepas engs-
tem Schüler ~~ berichtete ein Schüler seine neuesten »Erleuch-
tungserfahrungen«. Gampopa hörte ungerührt zu, während er
weiterhin Brotteig knetete. Als der Schüler geendet hatte, sagte
Gampopa ruhig: »Alle deine meditativen Erkenntnisse sind nicht
mehr wert als dieser Teig in meiner Hand.« Dem Schüler brach
Schweiß aus allen Poren. Schlagartig wurde er erleuchtet!
Offensichtlich konnten das besondere Vertrauen des Schülers,
seine große Begeisterung über seine »Erfahrungen« und Gampopas
Weisheitsgeist, der exakt den Fehler in den geistigen Konstruktio-
nen des Schülers durchschaute, zusammen eine Atmosphäre von
Echtheit, Offenheit und Zielgerichtetheit aufbauen, die tatsächlich
zum Durchbruch führte. Die Anekdote jedenfalls bewirkt das nicht
automatisch, sonst wären wir jetzt auch erleuchtet.
Die gleiche Erfahrung ist aber in einer ähnlich intensiven
und ausgerichteten Atmosphäre im ganz persönlichen Kontakt
auch heute vermittelbar. Deshalb muss das, was in diesen
Begegnungen an Unterweisungen gegeben wird, vertraulich blei-
ben, um anderen Weggefährten nicht die Chancen zu nehmen.

136
Geheimhaltung der innersten Anweisungen hat deshalb
höchste Priorität im tibetischen Buddhismus und dem indiani-
schen Weg.
Um dem Schüler zu helfen, muss der Lehrer Worte und
Wege finden, die exakt dem spezifischen »Verschleierungsstil«
des Schülers angemessen sind. Was mit Seide verhüllt ist, muss
nur enthüllt werden, was mit Papier verklebt ist, muss gewaschen
oder verbrannt werden. Wenn es aber mit Beton verschalt ist,
sind auch Feuer und Wasser nutzlos. Hier ist Sprengstoff von-
nöten. Und manch einer muss nur in die richtige Richtung
gedreht werden, so dass er sehen kann. Für wen auch immer
die Anweisungen nicht gelten, der wird keinen Nutzen aus ihnen
ziehen können oder er wird sich sogar Schaden zufügen, wenn
zum Beispiel ein »Seidentyp« die geheimen Unterweisungen für
Betonköpfe versucht und Sprengstoff nimmt. So müssen also
diese Unterweisungen geheim bleiben und dürfen weder vergli-
chen noch geändert werden. Das ist die Essenz von Vertrauen.

Der Meister antwortete:


Die Qualitäten eines echten Lehrers sind vielfältig. Die
wesentlichen Punkte sind: Er sollte die wichtigsten Schriften
gemeistert haben, zusammen mit den geheimen mündlichen
Erläuterungen; er sollte eine gründliche Erfahrung in der
Übung der Meditation haben. Er sollte genau wissen, was
jeweils die richtige Methode für jeden Schüler zur richtigen
Zeit ist; er sollte von Mitgefühl durchdrungen sein und
unbeschränkte Weisheit besitzen; er sollte durch sein großes
Vertrauen selbst die höchste Wahrheit erkannt haben.
Wenn du dich auf einen solchen Lehrer verlässt, wird er
wie ein wunscherfüllender Edelstein sein und dir die Ver-
wirklichung all deiner Ziele ermöglichen. Jedoch, wenn du

137
anfänglich versäumst, den Segen für deine Übung durch
die Initiation zu erhalten und du dann die Eide, die dich
mit deinem Lehrer verhinden, nicht hältst, kommst du nie
zur wahren Erleuchtung. Die Initiation zerreißt die Schleier
geistiger Verdunkelung und erfüllt dich mit dem Segen und
der spirituellen Ermächtigung, die entsprechende Übung
auszuführen. Sie ist zusammen mit den heiligen Eiden, die
dich an die Erleuchtung binden, von äußerster Wichtigkeit.

Das Wichtigste an einem Lehrer ist nicht so sehr, ob er unseren


Vorstellungen entspricht, sondern ob er den Mut hat, uns Schritt
für Schritt alle Illusionen, die wir hegen, vor Augen zu halten,
und ob er genug Konsequenz und Ausdauer besitzt, uns nicht
auf irgendwelchen Zwischenstufen verweilen zu lassen, sondern
uns zur endgültigen Befreiung führt. Der große Meister Atisha
hat gesagt, dass der Lehrer am besten sei, der die verborgenen
Fehler des Schülers ans Tageslicht bringt.
Was für uns moderne Mitteleuropäer, die lebendige Erfahrung
suchen, vielleicht befremdlich klingt, ist die Betonung von Ge-
lehrtheit und umfangreichem Wissen. In vielen alten Traditionen,
die die Jahrtausende überlebt haben, wird immer wieder betont,
dass ein Lehrer, dem zwar die eigene Erfahrung fehlt, der aber
alle Theorie verstanden hat, dich weiter führen kann - voraus-
gesetzt, du selbst suchst unbedingt die Erleuchtung - als ein
Lehrer, der wohl tiefe Erfahrungen hat, aber keine Ahnung von
ihrer Bedeutung und Anwendbarkeit. Andererseits sind schon oft
große Gelehrte, die der eigenen Erfahrung entbehrten, durch
einen Analphabeten, der die Wahrheit intuitiv erkannt hat, zur
Erleuchtung geführt worden - was auch die Frage nahe legt, ob
ihr vorheriges Studium sie nicht doch darauf »vorbereitet« hat.

138
Amitayus, tib. Tsepame, der Langlebensbuddha.

139
DAS GÖTTLICHE
IN UNS

Ä^J^arauf stellten sie die zweite Frage :


Was ist wichtiger: der Lehrer oder der Aspekt des Göttlichen,
der Yidam, in dessen Meditation dich dein Lehrer initiiert
hat?

Diese Frage ist eine Trickfrage des dualistischen Verstandes!


Kurz gesagt ist der Yidam in Essenz der eigene Lehrer, der die
absolute Wahrheit in der Form einer Meditationsgottheit dar-
stellt, deren spezifische Eigenschaften exakt darauf abzielen, das
einzigartige Potential des Schülers zu befreien. Ist die Meditation
wichtiger als der Lehrer, so kann der Schüler jederzeit sagen:
»Meine Erfahrungen sind jetzt tiefer als deine-«, und sich für
überlegen halten. Jeglicher Form der Irreführung durch den
Ehrgeiz des Verstandes ist damit Tür und Tor geöffnet, denn
wie Guru Rinpoche gerade ausführte, ist das heilige Band zwi-
schen Lehrer und Schüler die Quelle der Erkenntnis. Die Praxis
der Visualisation, die so genannte Yidam-Meditation, ist die
Identifikation unseres Geistes mit einem archetypischen Aspekt
des Göttlichen. Da die Natur unseres Geistes mit diesem Yidam

140
in Wahrheit identisch ist, können die Übenden durch diese
Projektion einen Aspekt ihrer wahren Natur konkret und be-
greifbar machen, der sich sonst dem alltäglichen Bewusstsein
entzieht. Wenn am Ende der Visualisation die Projektion wieder
zurückgenommen wird, indem die Gestalt des Yidam sich in
Licht auflöst, mit dem der Übende verschmilzt, kann er diesen
Aspekt seiner wahren Natur nun auch bewusst integrieren. Der
erste Schritt jedoch ist die Initiation durch den Lehrer, die die
Natur des Göttlichen zur erlebten Wirklichkeit macht, ohne die
die Praxis der Visualisation nichts anderes als mentale Gymnastik
ist, deren Bilder nicht mehr bedeuten als das Flimmern des
Fernsehers. Insofern ist das, was an dem Yidam als göttlich
erfahren wird, die erleuchtete Dimension des Bewusstseins, der
der Schüler bei der Übertragung teilhaftig geworden ist. Der
visualisierte Aspekt des Göttlichen ist also ein Symbol für das,
was in uns selbst schon immer heilig, gut und rein war, und
andererseits ist das, was am Yidam »wirkt« also der erleuchtete
Geist des Lehrers, der im Lauf der Übung als essentiell gleich
mit der Natur des eigenen Geistes erkannt wird.

Wieder antwortete der Meister:


»Der Lehrer und die Meditation sind letztendlich gleich
~~ aber es ist der Lehrer, der dir zuerst die Natur des
Göttlichen offenbart und dich dadurch in die Meditation
initiiert hat. Wenn du dir vorstellst, dass der Lehrer über
deinem Kopf schwebend immer bei dir ist, werden wahre
Segensströme durch dich hindurchfließen und alle Hin-
dernisse wegspülen.

141
Der Lehrer sollte die Meditation, die er lehrt, bis zu ihrem Ende
geübt und Erleuchtung erfahren haben. Dann sind der Lehrer,
die Methode und das Absolute eins. Deshalb sagen viele Tradi-
tionen: »Wenn du dir allein den Lehrer mit Liebe vorstellst, so
hast du bereits das Absolute, den Weg und seine Vollendung in
dir.« In tibetischen Traditionen wird deshalb vorgeschlagen, sich
vorzustellen, dass der Lehrer über dem eigenen Kopf schwebt.
»Betrachte deinen Lehrer als Diadem auf deinem Haupt, und
alle Errungenschaften geistiger und weltlicher Art, fliegen dir
spontan und mühelos zu«, sagte wiederholt S.H. Dilgo Khyentse.
In der Alten Schule Tibets gilt dies als die wirkungsvollste aller
Meditationen, und sie wird zumindest kurz vor dem Beginn
jeder anderen Übung durchgeführt. Dabei stellt man sich auch
gerne vor, dass der eigene Lehrer mit dem archetypischen Meister
- Padmasambhava in dieser Tradition - eins sei. Von ihm fließen
wie aus einer Quelle Segnungen und Heilung in unseren Scheitel.
Sie waschen alle alten, verletzten Erinnerungen und zwanghaften
Muster aus unserem. System aus. Sie werden in der eigenen
Vorstellung durch die Poren und andere Körperöffnungen als
teerig schwarze oder eitrige Flüssigkeit ausgeschieden. Dann
heilt uns der nektargleiche Segensstrom, indem er uns bis zum
Scheitel ausfüllt und mit Wonne und Klarheit erfüllt.

Dann stellten sie die dritte Frage:


Ist die Meditation über einen visualisierten Aspekt des
Göttlichen eine Schöpfung des eigenen Geistes, und warum
gibt es verschiedene Objekte der Meditation?
Guru Padma antwortete:
Zunächst musst du dir ein Objekt deiner Meditation aus-
wählen, das dir als Inbild des Absoluten gilt, und dabei

142
bleiben. Dann werden dir alle anderen Früchte von selbst
zufallen, wenn du dich ganz darauf einlässt. Wenn du kein
Objekt der Meditation hast, hast du auch nichts, was dich
aus dem gewöhnlichen Zustand der Verstrickung heraus-
führt, in dem du alle Wahrnehmungen in innen und außen,
gut und schlecht, angenehm und unangenehm aufspaltest.
Um die unterschiedlichsten Menschen anzusprechen und
zu ändern, muss es auch eine Vielfalt von verschiedenen
Methoden und Meditationsgottheiten geben. Da im Bereich
des Absoluten alles aus dem gleichen Stoffe ist, genügt es,
sich auf eine Meditation zu konzentrieren. Sie bringen zwar
alle verschiedenen Aspekte zu Tage, tatsächlich aber macht
es keinen Unterschied, ob du eine oder mehrere übst. Wenn
du durch eine Methode die Einheit und die damit verbun-
denen wunderbaren Kräfte verwirklicht hast, hast du auch
alle anderen Meditationen und den göttlichen Aspekt, den
sie zu verwirklichen versuchen, verstanden. Wenn du er-
kennst, dass du und das Objekt deiner Meditation eins sind
und du dann noch einsiehst, dass das Objekt nicht nur ein
Aspekt des Göttlichen, sondern das ungeschaffene Absolute
selbst ist, dann kommst du der Essenz des Göttlichen schon
sehr nahe.
Es ist jedoch ein schwerer Fehler, wenn du dir das Bild
des Göttlichen so weit außerhalb von dir erschaffst, dass
du immer wieder in der Gewohnheit, an dualistischen
Subjekt-Objekt-Beziehungen festzuhalten, bestärkt wirst.
Damit entstehen wieder Vorlieben und Abneigungen, und
du bleibst weiterhin gefangen im steten Wechsel deiner
Bewertungen. Dies ist ein schwer wiegender Fehler.
Eine Übung bis zum Ende zu machen heißt zum einzigen
Ziel aller Übungen zu gelangen. Alle Erleuchteten, die in
der Wonne des Absoluten aufgegangen sind, sind eins, auch

143
wenn sie sich in verschiedenen Erscheinungsformen und
geistigen Familien zeigen.
Wenn du dies erkennst, wirst du großen Segen erfahren,
wenn du auf alle heiligen Erleuchteten und göttlichen
Erscheinungen meditierst; aber größer noch ist der Segen,
auf einen allein zu meditieren.

Dies ist eine der wichtigsten tibetischen Praktiken: Die Visuali-


sation eines göttlichen Aspektes oder eines Buddhas, für die man
durch Einweihung ermächtigt wurde, dem man die entsprechen-
den Mantras und Gebete widmet. Am Schluss der Übung löst
sich das visualisierte Objekt in das strahlende Leuchten des
Absoluten auf und wir stellen uns vor, mit ihm im Absoluten
jenseits von Begrifflichkeit zu verschmelzen. Dann verweilen wir
in diesem Zustand, bis er sich wieder verflüchtigt und das
Alltagsbewusstsein wieder einsetzt.
Alle gewonnenen Einsichten, Segnungen und Glücksmomen-
te widmen wir allen Wesen. Übrigens ist diese Visualisation
auch für jeden Christen möglich, denn jeder getaufte Christ hat
diese Ermächtigung bereits für Jesus als Meditationsobjekt er-
halten. Aussagen Jesu wie: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und
das Leben«, zeigen, dass diese Übung im Orient allgemein
bekannt war und von allen Religionen gepflegt wurde. Dies gilt
unabhängig von der laufenden Diskussion, ob Jesus in den
»verlorenen Jahren« ein buddhistisches Training durchlief oder
nicht.

144
DER TANTRISCHE WEG DER
VISUALISIERUNG

f # eiterhin stellten sie die vierte Frage:


Wenn man einen hohen Grad an Einsicht hat, kommt man
dann ohne ein Objekt der Meditation aus?

Der Meister antwortete:


Wenn du die völlige Gewissheit in der vollkommenen reinen
Einsicht, alle Phänomene als Erscheinungen des Geistes zu
sehen, erreicht hast, ist das an sich schon das Göttliche.
Die untrennbare Einheit von Meditationsgottheit und er-
leuchteter Einsicht bedeutet nämlich, den Aspekt des Gött-
lichen, über den du meditierst, nicht als Form zu verstehen,
sondern zu erkennen, dass er selbst schon das ungeschaffene
Absolute ist.

Dann stellten sie die fünfte Frage:


Ist es nicht ungehörig, wenn wir, wie es im geheimen
tantrischen Weg geschieht, über die vielarmigen und mehr-
köpfigen rasenden Buddhas meditieren, die wir so visuali-
sieren sollen, dass sie sogar Brahma und die anderen Hüter
der Himmelsrichtungen unter ihren Füßen zertrampeln?

145
Gyalwa Chokyang konnte durch die tantrische Praxis des Hayagriva einen
Pferdekopf aus seinem Scheitel wachsen lassen wie die Gottheit des Mandalas
selbst.

146
Guru Rinpoche antwortete:
Diese Visualisation ist nur ein Symbol für die Aufgabe aller
Anhaftungen an die Unterscheidung zwischen Selbst und
anderen, ebenso dafür, wie die dualistschen Gedanken im
Raum des Absoluten niedergetrampelt werden, und für die
Vernichtung von Arroganz und Zweifeln, Was dergestalt
als Fundament der rasenden Gottheit unterlegt wird, ist
der gewöhnliche Geist, der nichts anderes als ein einziger,
eingefrorener und undurchsichtiger Irrtum ist.
Darüber hinaus haben alle Attribute der Meditationsgott-
heit, wie Arme und Köpfe, symbolische Bedeutung.
Drei Köpfe bedeuten z- B. die drei Kayas, sechs Arme
bedeuten die sechs Paramitas, und vier Beine sind gleich
den vier Unermesslichkeiten. Die Vielfalt der symbolischen
Objekte, die sie tragen, zeigt die mannigfachen Aspekte des
Buddhadharma; jedes Objekt steht für eine der Qualitäten
des erleuchteten Geistes. Vor allem aber darf man die
visualisierten Buddhas nicht für berührbare Körper halten.
Wenn sie nur ein Gesicht und zwei ineinander ruhende
Hände haben, steht dies für das eine unwandelbare Absolute
und die darin enthaltene Vereinigung von Weisheit und
geschickten Mitteln, die allen Wesen die Erlösung bringt.
Zwei Beine repräsentieren die Untrennbarkeit von Raum
und Gewahrheit. Worüber du auch immer meditierst, jeder
Aspekt ist Ausdruck des Absoluten, das alle Gegensätze
von klein oder groß, gut oder böse überwindet.
Einige tantrische Gottheiten werden tierköpfig dargestellt.
Auch dies ist nur ein Hinweis auf die Vielfältigkeit ihrer
Qualitäten, denn jedes Tier symbolisiert einen bestimmten
Charakterzug. Sie werden auch als Kreuzungen oder Hy-
bride bezeichnet, denn sie werden von den in sexueller
Vereinigung dargestellten männlichen und weiblichen

147
Buddhas als »Fresser und Zerstörer von Hindernissen«
ausgestrahlt. Deshalb werden sie auch Legierung oder
Intarsie genannt, denn, wie eine Intarsienarbeit aus Gold
und Silber werden sie aus dem Mitgefühl des Vaters ~~ den
Mitteln und Methoden - und der Weisheit der Mutter -
der Erkenntnis, dass alles ohne ein getrenntes Ich ist -
zusammengesetzt.
Nur zum Wohle aller Wesen mit ihren vielfältigen Bedürf-
nissen und unterschiedlichen Anlagen erscheinen all diese
Aspekte des ungeborenen Absoluten in jeder erdenklichen
Form, von jedem Geschlecht und mit Attributen, Ornamen-
ten und Gefolge, wie es den Glaubensvorstellungen des
jeweils Übenden entspricht.

Diese Ausführungen sind für die Initiierten des Vajrayana, des


geheimen tantrischen Weges im tibetischen Buddhismus be-
stimmt.
Im esoterischen Buddhismus gibt es eine Unzahl von Me-
thoden, Meditationen und Visualisationen, die dabei helfen, in
jedem unheilsamen, verdrängten oder neurotischen Teil des
Geistes den gesunden Kern freizulegen, und die darin gebundene
geistige Energie dem Erleuchtungsweg zur Verfügung zu stellen.
Deshalb wird er auch als »Pfad der Transformation« bezeichnet.
Er gilt jedoch als äußerst gefährlich und darf nur mit größter
Disziplin und Achtsamkeit und unter der Anleitung eines er-
leuchteten Meisters begangen werden. Die populären Tantra-
Workshops sind nach tibetischer Ansicht das beste Beispiel für
die Fehler, die sonst entstehen. Der esoterische Buddhismus hat
ein System hoch konzentrierter Symbole für sehr komplexe
Konzepte und tiefer geistiger Zustände entwickelt. So sind die
drei Kayas die drei Aspekte vollkommener Buddhaschaft:

148
Der Dharmakaya ist das ungeschaffene, von Ego freie und
von Eigenschaften leere Absolute, ähnlich wie Meister Eckharts
»wüster Gott«. Der Samboghakaya ist leuchtende Klarheit, die
unbehindert und spontan alles erkennt, und wird auch als
himmlischer oder visionärer Körper bezeichnet. Er entspricht
dem verklärten Erscheinen Christi nach seiner Wiederauferste-
hung. Der Nirmanakaya ist die Energie der Buddhaschaft. Sie
ist immer Mitgefühl, das sich in Form jedes Weltenlehreres,
Buddhas, Erlösers und Erleuchteten als Fleisch gewordener Logos
manifestiert. Dieses Allerbarmen verkörpert sich so oft und so
vielfältig wie nötig, bis jedes Wesen erlöst ist. Jesus als Men-
schensohn ist die christliche Ausformung.
Die sechs Paramitas sind die sechs transzendentalen Vervoll-
kommnungen: Großzügigkeit, Disziplin, Geduld, Beharrlichkeit,
Konzentration und Weisheit. Transzendent heißen sie deshalb,
weil nur der sie vervollkommnen kann, der die Leerheit von
Ego erkannt hat. Wer sich in diesen sechs Vollkommenheiten
geübt hat, wird zum Bodhisattva, einem Wesen, das gelobt hat,
so lange zu üben, bis es fähig ist, alle Wesen, mit denen es in
Berührung kommt, zu erretten!
Die vier Unermesslichkeiten sind: Liebende Güte, Mitgefühl,
Mitfreude am Glück anderer und Gleichmut.
Die in Vereinigung meditierenden männlichen und weibli-
chen Buddhas werden auf tibetisch »Yab-Yum« genannt, was
»Vater-Mutter« heißt. Sie symbolisieren nicht nur die Aufhebung
der Dualität von Geist und Materie, Absolutem und Relativem,
sondern auch die zwei Aspekte des buddhistischen Weges: Die
Vielfalt geschickter Mittel von Meditation bis Rezitation und die
alles durchdringende Einsicht höchster Weisheit, die erkennt,
dass alles aus allem anderen entsteht und so nirgendwo ein
separates Selbst ausgemacht werden kann.

149
STUFEN UND PFADE
DES BUDDHISTISCHEN
WEGES

ann stellten die Schüler die sechste Frage:


Wn sprechen von neun aufeinander folgenden Stufen oder
Pfaden. Entsprechen diese den Anlagen der verschiedenen
Wesen?
Guru Rinpoche antwortete:
Als Erstes gibt es den weltlichen Pfad der Götter und
Menschen. Seine Übung beinhaltet, sich die zehn heilsamen
Handlungen zu Eigen zu machen und die zehn unheilsamen
abzulegen.
Dann kommt der Pfad der Hörer - der Sravakas -, die
über die vier edlen Wahrheiten meditieren und, da die
monastische Gemeinschaft die Grundlage des Buddhadhar-
ma ist, auch die 253 Regeln der ordinierten Mönche — die
Vinaya - einhalten, und zwar so sorgfältig, als ob sie ihr
Augenlicht hüteten.
Es folgt der Pfad der Pratyekahuddhas, die für sich allein
in Höhlen die Erleuchtung suchen, indem sie die »Zwölf
Glieder der Kette des bedingten Entstehens« kontemplieren.

150
Die zehn unheilsamen Handlungen sind:

1. Leben nehmen
2. Nehmen, was nicht gegeben ist
3. Um sexueller Befriedigung willen sich oder anderen schaden
4. Lügen
5. Zwietracht säen
6. Harte Worte sagen
7. Wertloses Geschwätz
8. Begehrlichkeit
9. Böswilligkeit und Schadenfreude
10. Falsche Sichtweisen - insbesondere nicht an die Vergäng-
lichkeit, das Gesetz des Karmas und die Möglichkeit der
Erleuchtung zu glauben -
wobei 1. und 10. als die schlimmsten Verfehlungen ange-
sehen werden.
Die zehn heilsamen Handlungen zu begehen heißt zunächst,
Zuflucht zu einem autorisierten Lehrer zu nehmen, wobei allen
unheilsamen Handlungen entsagt wird, und sich darüber hinaus
der zehn positiven Gegengifte zu bedienen, als da sind:

1. Leben schützen
2. Großzügig sein
3. Diziplin, andere wichtiger zu nehmen als sich selbst
4. Die Wahrheit sagen
5. Streitigkeiten schlichten
6. Freundliche und sanfte Rede
7. Beten und wahre Worte sprechen
8. Teilen lernen
9. Anderen helfen
10. Die wahre Sicht der Dinge in sich verankern.

151
Die vier edlen Wahrheiten sind:
1. Die Wahrheit vom Leiden, das alle relativen Erfahrungen
durchdringt, •*
2. die Wahrheit von der Entstehung des Leidens durch das
Gesetz von Ursache und Wirkung,
3. die Wahrheit von der Aufhebung des Leidens,
4. die Wahrheit vom Weg, der das Leid beendet.

Der Weg, der das Leiden beendet, ist der so genannte achtfache
Pfad, der aus rechter Einsicht, rechter Entscheidung, rechter
Rede, rechtem Handeln, rechtem Lebenserwerb, rechtem Bemü-
hen, rechter Achtsamkeit und, schließlich, rechter Sammlung
in den vier Stufen der Meditation besteht.
Die Lehre von den »zwölf Gliedern der Kette des bedingten
Entstehens« erklärt, wie sich die Lebewesen in der leidvollen,
relativen Wirklichkeit verstricken.
Das erste Glied ist das Nichterkennen der vier edlen Wahr-
heiten.
Aus dieser Unwissenheit über unsere wahre Natur entstehen
als zweites Glied Tatabsichten, die jeder körperlichen, geistigen
oder sprachlichen Tat vorausgehen.
Diese Absichten werden gespeichert und formen als drittes
Glied das Bewusstsein für das nächste Leben jedes fühlenden
Wesens.
Dieses Bewusstsein wird nach seinem Tod von einem Mut-
terschoß angezogen, dessen Qualitäten mit den Mustern seiner
früheren Tatabsichten resonieren. Als viertes Glied entsteht dann
im Mutterschoß eine neue Form mit einem neuen Namen.
Das fünfte Glied sind die sechs Bereiche der Sinnesorgane.
Es handelt sich um die Objekte des Sehens, Hörens, Riechens,
Schmeckens, der Berührung und der geistigen Vorgänge, die von
den Sinnesorganen nach der Geburt wahrgenommen werden.

152
Das sechste Glied ist der Kontakt mit der Umwelt.
Dieser ruft als siebtes Glied eine Empfindung hervor.
Die Empfindung ruft als achtes Glied Begehren hervor, wobei
Begehren auch als gewohnheitsmäßige Reaktionsmuster verstan-
den werden muss, aus denen sich unser illusionäres Selbstbild
zusammensetzt. Zusammen mit dem Begehren entsteht auch
intensive Ablehnung von unangenehmen Empfindungen, also
Hass oder auch Verwirrung.
Im neunten Glied führt dies nach dem Tod zum Wunsch
nach einem neuen Körper und damit zur erneuten Anziehung
durch einen Mutterschoß.
Das Werden im Mutterschoß ist das zehnte Glied.
Darauf folgt als elftes Glied die Geburt in ein wiederum von
Unwissenheit gezeichnetes und damit leidvolles Leben.
Dieses leidvolle Leben, das wieder mit Alter, Krankheit und
Tod endet, bildet das zwölfte Glied, womit der Kreislauf von
vorn beginnt.

Als Nächstes folgt der Pfad der Bodhisattvas, der Wesen


des erleuchteten Mitgefühls, die den Wunsch, allen Wesen
zu helfen, in sich wachgerufen haben und dies tatsächlich
tun. Sie bemühen sich darum, sowohl die relative wie die
absolute Wahrheit zu verstehen und zu erkennen, dass
sowohl Seihst als auch Phänomene nicht aus sich selbst
entstehen, sondern Prozesse sind, die immer mit allem
verbunden sind.

Der Pfad des Kriyatantra dann, arbeitet mit der Reinigung


durch die Befreiung von den vier extremen Standpunkten:
zu sein, nicht zu sein, gleichzeitig zu sein und nicht zu
sein, und weder zu sein noch nicht zu sein.

153
Upatantra vereint die Methoden des Kriyatantra mit der
Sichtweise des Yogatantra.
Yogatantra ist der Pfad der Reinigung des Geistes durch,
Meditation über Aspekte des Göttlichen. Dies geschieht
durch die fünf wahrhaftigen Reinigungen, die Visualisation
von:
1. Lotus
2. Sonnen- und Mondscheibe
3. Der Keimsilbe
4. Diesen drei zusammen.
5. Der Meditationsgottheit

Im Mahayoga werden die Entwicklungs- und Vollendungs-


stufen geübt, namentlich die Vereinigung und Befreiung.
Im Anuyoga gilt es, die untrennbare Einheit von Raum und
gnostischer Erkenntnis durch Übung zu erkennen.
Atiyoga schließlich, die unübertreffliche höchste Stufe, ist
uranfängliche Reinheit, spontane Verwirklichung, alles
durchdringende Energie und die Erschöpfung des dualisti-
schen Intellektes.

Die neun Stufen oder Pfade sind schließlich die Gesamtheit des
buddhistischen Weges der Alten Schule Tibets. Sie umfassen alle
Bereiche von Hinayana, Mahayana und Vajrayana in nichtsek-
tiererischer Weise.

154
OPFER UND VISIONEN
EIN SPIEL DES GEISTES

Fl
J i ^ a n n stellten die Schüler die siebte Frage:
Wenn wir den verschiedenen Aspekten des göttlichen Ab-
soluten Opfer darbringen und Gebete sprechen, und die
Buddhas sich darüber freuen, wäre das dann auch gewöhn-
liches Begehren, das sie bewegt?
Andererseits, sind diese rituellen Handlungen nicht über-
flüssig, wenn sie die Gottheiten nicht erfreuen?

Der Meister antwortete:


In der Tat werden die Gottheiten weder durch die Lobprei-
sungen noch durch Opfer beglückt. Der Zweck ist vielmehr
der, deinen eigenen Geist zu reinigen, und zwar durch die
glühende Hingabe, mit der du die Gottheiten visualisierst,
sie einlädst und ihnen Lob und Opfer anbietest. Denn deine
Hingabe löst deinen Geist von Änhaftungen und weltlichen
Verstrickungen und macht dich für den Segen empfänglich,
den du brauchst, um den Weg zu vollenden.

155
Schließlich fragten sie:
Was soll man tun, wenn aus der Meditation Visionen
entstehen, in denen man göttliche Vollmacht und Belehrun-
gen erhält?

Der Meister .antwortete:


Obwohl diese Visionen in der Welt der Formen erscheinen,
kommen sie aus dem Absoluten. Deswegen ist es ein Irrweg,
diese Visionen nur für Erscheinungen zu halten. Tatsächlich
sind diese Visionen das Absolute selbst und ihre Formen
entstehen aus dem Ungeschaffenen wie die Spiegelung des
Mondes im Wasser. Wenn sich deine Meditation vertieft
und du erkennst, dass die Visionen keine unabhängige
Existenz haben, führt das dazu, dass Meditationsgottheiten
dir in Visionen die göttliche Wahrheit verkünden. Wenn
du aber solche Ereignisse herbeisehnst und an ihnen hängst,
verwandeln sie sich in Dämonen. Ohne euphorisch zu
werden, solltest du erkennen, dass sie nur Spiegelungen
deines eigenen Geistes sind.
Eine Vision zu haben ist so gut, wie sie alle gehabt zu
haben. Im ungeborenen Absoluten gibt es keine Vergleichs-
maßstäbe. Visionen sind nichts als ein Spiel des Geistes.
Wenn du göttliche Erscheinungen auf diese Weise erkannt
hast, darfst du auf keinen Fall mehr den Weg verlassen,
und koste es dich dein Leben. Lass diese Einsicht nie mehr
los, bis du die unübertreffliche Erleuchtung erreicht hast.
Mit diesem festen Entschluss verwirklichen sich alle Ab-
sichten von allein.

^6

156
Narakhai Nyingpo durchschaute nach der tibetischen Überlieferung die illu-
sionäre Natur aller Erscheinungen und demonstrierte dies, indem er auf
Sonnenstrahlen lief.

157
Hier wendet sich Guru Rinpoche gegen das, was der zeitgenös-
sische Meditationslehrer Chögyam Trungpa »spirituellen Mate-
rialismus« nannte. Anstatt tiefer und tiefer in die Essenz der
Erfahrung hineinzugehen, die Selbstauflösung heißt, klammern
wir uns an die »spirituellen« Erfahrungen, ja sammeln sie
geradezu, um.uns so ein neues »Selbst«-bild zu gestalten.

Wenn du Beständigkeit sowohl in der Entwicklung als in


der Vollendung deiner Übung erreicht hast, so mag dein
Körper immer noch der eines normalen Menschen sein,
aber dein Geist ist zum Göttlichen gereift
Im Augenblick, in dem du den Körper verlässt, hält dann
dein Geist immer noch die Einheit mit dem Göttlichen
aufrecht. Wenn du in diesem Bewusstsein stirbst, erscheint
im gleichen Augenblick das Göttliche so wie eine Glocke,
wenn man die Gussform zerschlägt. Das nennt man dann
»Das Netz des Körpers auflösen«. Du lässt den Körper
hinter dir und gehst ein in das Absolute.

Wer ohne Anhaftung stirbt, wer alle Unreinheiten geläutert und


alle psychischen Knoten gelöst hat, wird im Augenblick des
Todes nicht von seinem verdrängten Unterbewusstsein überfal-
len, sondern findet nur das Absolute.
Wer in diesem Augenblick vollkommene Gewahrheit auf-
rechterhält, verschmilzt mit dem Absoluten. Wer in diesem
Augenblick Seher und Gesehenes trennt, verliert die Gelegenheit,
auf die unser ganzes Leben hinstrebt. Deswegen wird in vielen
Märchen dem Helden geraten, wenn er in das Reich des Todes

158
oder in die Höhle des Teufels gehen muss, um dort seine
Heldentat zu vollbringen: »Schau immer nur geradeaus und gehe
immer nur vorwärts. Schaue nicht zur Seite und drehe dich
nicht um!« Das ist eine sehr schöne Intuition unseres Bewusst-
seins von dem, was auch im Augenblick des Todes nötig ist:
Bist du frei von Anhaftungen, verschmilzt du mit dem großen
Licht. Zögerst du einen Moment, schaust du zur Seite oder drehst
dich nochmals um, setzt der dualistische Verstand ein und die
Möglichkeit der Einheit ist dahin. Das allein schon ist ausreichend
Inspiration für spirituelle Praxis.

159
LETZTE
ANWEISUNGEN

•Selbst wenn du dich noch so sehr anstrengst, wird es dir


schwerfallen, mit anderen Übenden Schritt zu halten, wenn
du dort übst, wo es laut und hektisch zugeht. Deshalb
kümmere dich zuerst um einen ruhigen Ort und fördernde
Umstände für deine eigene Vollendung.

Selbst wenn du schon einige Male die absolute Wahrheit


direkt erfahren hast, wird dich das alltägliche Gift immer
wieder krank machen, solange du die Erfahrungen nicht
in Handlungen umsetzen kannst Darum vermeide den Weg
der gewöhnlichen Menschen.

Wenn du nur so tust, als ob dir etwas an dem Weg und


der Übung der liebenden Güte läge, wirst du jede Motivation
verlieren und du wirst wieder in das weltliche Leben
zurückgeworfen. Deswegen verschwende keine Gedanken
und keine Bemühung mehr an rein weltliche Angelegenhei-
ten wie Ruhm oder Schande, Gewinn oder Verlust, Freude
oder Leid und Lob oder Tadel

160
Wir müssen verstehen, dass weltlich nichts anderes als dualistisch
heißt. Es ist nicht das Problern, dass wir Leid und Freude, Lust
und Schmerz empfinden, sondern dass wir an angenehmen
Empfindungen haften und unangenehme ablehnen. Sich vom
Weltlichen, abzuwenden heißt nicht, dass wir weitabgewandt
asketisch leben müssen, sondern dass wir uns nicht länger durch
ständiges Bewerten aus der Einheit von Erfahrung und Erfah-
rendem trennen. Diese Trennung ist der Quell immer neuer
Illusionen.
Deshalb heißt das Weltliche aufgeben die Dualität aufgeben.
Dann verschwindet das so genannte Weltliche, obwohl wir immer
noch in der gleichen Welt leben. Was aber zuvor gewöhnlich
war, ist nun heilig. Jede alltägliche und unscheinbare Handlung
wird so zur sakramentalen Handlung.

Obwohl du vielleicht tiefgründige Meditationsanweisungen


erhalten hast, wird der Pfad, der zur direkten Erfahrung
führt, gesperrt, wenn du dich von der Bemühung trennst.
Also halte dich an die Methoden, die Fortschritt gewähren.

Selbst wenn du schon eine ganz gute Konzentration beim


Meditieren erreicht hast, solange du nicht weißt, wie du
auch schwierige Lebensumstände zu einem fruchtbaren Teil
deines Weges machen kannst, wird der Strom der gewohn-
heitsmäßigen Muster und Geisteshaltungen niemals aufhö-
ren. Also erhalte dir deine Einsicht, von Natur aus eins
mit dem Absoluten zu sein, im Alltag!

161
Dies ist der entscheidende Punkt, an dem sich echte Erleuch-
tungsarbeit vom. Herumkurieren an Symptomen, das letztlich
doch nur zu besseren Illusionen führt, unterscheidet. Die Wahr-
heit schließt Schwierigkeiten und Rückschläge nicht aus. Im
Gegenteil, sie erwartet von uns, dass wir unser Netz aus Kon-
zepten öffnen und die Dinge so sein lassen, wie sie wirklich
sind, um dann angemessen auf sie zu reagieren, Die Idee, dass
die Erleuchtung alle Probleme aus der Welt schafft und man
ein spiritueller »Superman« wird, dem alles gelingt, der alles
weiß und kann und vor allem, dem es nie schlecht geht, ist eine
Fabrikation unseres Verstandes. Der historische Buddha starb
an einer Lebensmittelvergiftung. Keine Spur von mystischer
Voraussicht oder positiver Affirmation, »Ich bin immer und
überall sicher und wohl behütet«, etc.
Nicht nur, dass diese idealistische Falle viele von uns der
Erleuchtung wieder entreißt, indem durch die Spannung zwi-
schen Ist- und Sollzustand der Verstand mit seinem dauernden
Unterscheiden und Abwägen wieder an Macht gewinnt, der
Idealismus ist auch der tragische Hintergrund fast aller Religi-
onskriege. Denn wer selbst ständig scheitert, muss seine eigenen
Schuldgefühle auf eine andere Religion projizieren. Nicht von
ungefähr spricht Meister Eckehart von »Istigkeit« und der
Buddha von »Soheit« als Synonym für die direkte Erfahrung
von Wahrheit oder Erleuchtung. Alle Dinge sehen zu können,
wie sie tatsächlich sind, ist der Schlüssel zur Verwirklichung.
Denn dann werden Grenzen zu Berührungspunkten mit der und
Hindernisse zu Sprungbrettern in die Dimension des Absoluten.
Dann wird der Alltag tatsächlich zum Weg.

162
Wenn du deine Meditationspraxis fortsetzt, ohne deinen
Intellekt von Ideen und Konzepten zu befreien, dann wird
die Frucht deiner Bemühungen von Hoffnung und Furcht
aufgefressen werden. Befreie dich deshalb von bewertenden
Konzepten und zerschlage den Knoten der Dualität, denn
Erleuchtung ist jenseits von Zweifel oder Gewissheit.

Selbst wenn du bereits ein weit reichendes Wissen der


Lehren der Wahrheit hast, musst du akzeptieren, dass du
nach wie vor ein normaler Mensch bist mit allen Fehlem
und Unvollhommenheiten, solange du nicht im natürlichen
Zustand der Erleuchtung bist. Also suche die direkte Er-
fahrung.

Selbst wenn dir die tiefsten Unterweisungen zur Verfügung


stehen, wirst du den Weg zu tiefen Erfahrungen versperrt
finden, wenn du dich nicht immer wieder aufrichtig bemühst.

Wenn du die Hoffnung hegst, dass du dich ohne innere


Verpflichtung und ethisches Verhalten vollenden kannst,
wirst du dich auch trotz beständiger Übung in der Medi-
tation zuletzt wieder im unterscheidenden Bewusstsein ver-
fangen. Also halte dich an Gebote und Eide.

Wenn du schon eine hohe Ebene erreicht hast, dann ver-


schleudere deine Einsichten nicht mehr durch Geschwätz.
Bist du auf einer mittleren Ebene, dann gib Acht, dass deine
Übung nicht durch Gleichgültigkeit zum Stocken kommt.
Bist du auf der Grundstufe, dann untersuche den Strom
deines Bewusstseins und verwickele dich nicht in negative
Gefühle.

163
ESSENZ

.1 Alle Lehren können in Sichtweise, Meditation und Hand-


lung zusammengefasst werden.
Die höchste Sichtweise ist die Freiheit von Überzeugungen.
Der Gipfel der Meditation ist die Ruhe des Geistes.
Die Majestät allen Handelns ist die Freiheit von Anziehung
und Abneigung.
Die Essenz ethischer Verpflichtung ist die Abwesenheit von
Heuchelei.
Die absolute Verwirklichung ist die Einheit von Einsicht,
Meditation, Handeln und Vollendung.
Sobald er gesprochen hatte, schrieben die Schüler jedes
seiner Worte nieder. Dann wurden diese kostbaren Lehren,
für die zukünftigen Generationen in Schatztruhen verbor-
gen.
^6

164
Kolophon
Im 12. Monat des Affenjahres entnahm Rigdzin Jatshon
Nyingpo in einem exaltierten Zustand, hochfliegend wie ein
Vogel und flink wie ein Fisch, diesen Schatz aus dem
eisernen Tor von Hom Trang in Kongpo.
Mögen die Sonnenstrahlen des Meisters aus Oddiyana die
Dunkelheit der Verblendung durchdringen, in die sich die
Wesen der Welt verirrt haben. Mögen alle grausamen Kriege
dieser Zeit beendet werden.
Diese Lehren sind durch heilige Eide dreifach versiegelt.
Samaya Gya Gya Gya.
Möge alles glückverheißend sein!
Durch den Segen von Khyäbje Dilgo Khyentse wurden die
Worte von Gelong Könchog Tendzin, einem abgerissenen
französischen Vagabunden im Dharmaschloss der großen
Wonne, Dechen Choling Phodrang, in Bhutan 1982 ins
Englische übersetzt und 1996, im wunscherfüllenden ersten
Monat des Feuer-Maus-Jahres im Shechen hing Kloster in'
Nepal von dem Yogin Könchog Dorje ins Deutsche über-
tragen und mit Kommentaren versehen, in der Hoffnung,
die Lehren der großen Vollendung mögen im Westen Wurzel
fassen...

Terton jatshon Nyingpo (Die Essenz des Regenbogens) gilt selbst


sowohl als Wiedergeburt von Nyang Wen Tingzin Zangpo als
auch als Ausstrahlung von Padmasambhava selbst. Für die Tibeter
ist er außerdem zuvor bereits ihr erster König, Nyatri Tsenpo,
gewesen, der, so die Legende, an einem Seil aus Regenbogenlicht
vom Himmel stieg.
Von Padmasambhava selbst stammt die Prophezeihung, dass
Tingzin Zangpo in der Zukunft im Lande Nyang als Jatshon

165
Nyingpo wiedergeboren werden würde. Sollte er sich den welt-
lichen Wissenschaften zuwenden und der Spiritualität gegenüber
gleichgültig sein, werde er mit 25 Jahren dahingerafft. Wenn er
jedoch einen authentischen Yogi der Dzogchentradition träfe,
würden seine mitfühlenden Handlungen unendlich vielen Wesen
helfen. Da jedoch »Götter, Dämonen und Menschen Hindernisse
in den Weg legen werden«, müsse er die wieder gefundenen
Schätze der prophetischen Unterweisungen wachsam hüten.
Wenn er dann »die Rüstung der Geduld« anlege und Meister
Padma um Hilfe anflehe, würde er diese kritische Phase über-
winden und seine Bemühungen für das Wohl aller Wesen auf
der ganzen Welt zum höchsten Ziel führen.
Nach nur einer weiteren Inkarnation im Lande Dogo soll
Nyang W~en Tingzin Zangpo nach einem unbestimmt langen
Zeitraum, den er meditierend in einem »reinen Land« verbringen
wird, selbst zu einem Buddha werden.

Der folgende Text ist ebenfalls ein verborgener Schatztext, der,


in einem Schatzkästchen liegend, von dem großen Tertön Cho~,
gyur-Dechen Lingpa vor einer großen Menschenmenge aus einem
Felsen gesogen wurde. Chogyur Lingpa, als einer der drei
Begründer der ökumenischen Rime-Bewegung Osttibets bekannt,
war einer der größten Finder solcher verborgener Schätze, und
lebte von 1829 bis 1870. Seine Biographie wurde von Orgyen
Tobgyal auf Englisch veröffentlicht (vgl. Orgyen Tobgyal: »The
Life and Teachings of Chogyur Lingpa« Rangjung Publications,
Kathmandu 1982). Es wird berichtet, wie er vor großen Men-
schenmengen in Felsen hineinlangen konnte, als ob sie aus
Joghurt wären, um aus ihnen Schatzladen voller Texte, Buddha-
statuen und heiliger Ritualgegenstände hervorzuholen. Einmal

166
ritt er voll bekleidet mit seinem Pferd in die gewaltigen Fluten
der Tsangposchlucht, um 10 Minuten später völlig unbenetzt
mit einem Schatztext wieder aus den Fluten aufzutauchen.
Seine Sammlung wieder gefundener Lehren von Guru
Padmasambhava war immens, obwohl er selbst, wie Jamgon
Kongtrul I. bemerkte, beinahe ein Analphabet war. Als einfacher
Fürte war ihm das Geistmandat Guru Rinpoches, seine Stell-
vertretung zu übernehmen, in Visionen übertragen worden.
Von da an setzte sich die ganze Weisheit der buddhistischen
Überlieferung in seinem Geist frei und seine Verwirklichung
war so vollkommen, dass selbst der 14. Karmapa, Thekchog
Dorje, sein Schüler wurde.
Alle späteren Karmapas blieben mit den Nachfolgern Chogyur
Lingpas auf das Engste verbunden. Sein Urenkel, Kyabje Urgyen
Tulku war sogar der Wurzellehrer des 16. Gyalwa Karmapa.
Heute werden seine Lehren vor allem von der Karma-Kagyü-
und der Nyingmaschule am Leben erhalten.
Der vorliegende Text soll einerseits das Guruprinzip - also
die Verbindung zum Geist zeitloser Wahrheit in uns selbst -
stärken und dadurch andererseits in Zeiten von Not und Gefahr
alle äußeren und inneren Hindemisse überwinden helfen. So
wird es auch wegen der mantrischen Macht, die in dem Text
ruht, rezitiert, wann immer in kritischen Situationen Hilfe be-
nötigt wird.
Um diese Kraft zu bewahren, wurde hier auf die Übertragung
von Sanskrit- und tibetischen Begriffen abgesehen. Auch die
Namen der Meister und Buddhas bleiben unkommentiert. Den
Text laut zu rezitieren, wird hier mehr erhellen als erklärende
Worte.

167
Padmasambhava, auch Padma oder Padmakara sowie Guru Rinpoche genannt.
DIE KURZE FASSUNG DER LEBENS-
GESCHICHTE DES
LOTUSGEBORENEN GURU

VON ORGYEN CHOGYUR LINGPA

HIERIN IST DIE SELBSTBEFREIENDE LEBENSGESCHICHTE DES LO-


TUSGEBORENEN GURU VON ORGYEN, DIE WIE EIN WUNSCHER-
FÜLLENDER BAUM IST.
SIE STAMMT AUS DEN 7 TIEFGRÜNDIGEN THEMEN DES GROSSEN
TERTÖN ORGYEN CHOGYUR LINGPA.

Sei willkommen Freude! Ich, Padma, der Lotusgeborene Guru,


werde in dieser Darstellung meiner spirituellen Praxis und
selbstbefreienden Existenz darlegen, wie ich die geheime Unter-
weisung der drei Wege meisterte und beständig zum Glück und
Wohl aller Wesen wirkend in Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft unablässig das Rad des Dharma drehe.

169
DAS ERSTE KAPITEL
DER SELBSTBEFREIENDEN LEBENS-
GESCHICHTE DES LOTUS-
GEBORENEN GURU VON ORGYEN,
WELCHE EIN WUNSCHERFÜLLEN-
DER BAUM IST.

Worin er in dieser Welt erscheint


und in den Künsten und Wissenschaften
geschult wird
\
h^J'chon immer sind fühlende Wesen in Unwissenheit und
Verblendung in den samsarischen Bereichen der Götter,
Menschen, Titanen, Tiere, gefolterten Geister und Höllen-
wesen herumgeirrt.
In diesem Zeitalter jedoch, dem »eisernen« Kaliyuga der
Konflikte und der Zwietracht, suhlen sich die Wesen un-
terschiedslos in einem giftigen Schleim aus Hass, Wollust,
Verwirrung, Eifersucht und Stolz-

170
Besonders um jenen Weseii zu helfen, denen am schwersten
zu helfen ist, erschufen mich die Buddhas, die die absolute
Wahrheit verkörpern - die unendliche Einfachheit seihst -
durch die Konzentration des Geistes; die Buddhas, die
die visionäre Freude - die leuchtende Klarheit — verkör-
pern, ordinierten mich zu einer Seinsweise, die ihre mit-
fühlende Grundhaltung ausdrückt und die Buddhas in-
karnierten Mitgefühls — alle Erscheinungen nämlich —
bekräftigten meine Verkörperung durch die Macht ihrer
Vereinigung.
So erschien ich, Orgyen Padma, der Lotusgeborene Guru,
in dieser Welt.
Einige Maischen glauben, dass ich zuerst auf einer Lotus-
hlüte auf dem Dhanakoscha-See im Land Orgyen erschien;
einige glauben, dass ich als Prinz von Orgyen geboren
wurde; und andere glauben, dass ich hei Blitz und Donner
auf dem Gipfel des Namchak-Hügels erschien:
Es gibt viele unterschiedliche Ansichten, die von verschie-
denen Menschen und Völkern vertreten werden, denn ich
hin in vielen Formen erschienen.
Vienindzwanzig fahre nach dem Parinirvana des Buddha
Shakyamuni jedoch empfing Amitabha, der Buddha des
grenzenlosen Lichts, den Gedanken der Erleuchtung in
Gestalt des Großen Mitfühlenden - Avalokitesvara - und
aus dem Herzen des Großen Mitfühlenden strahlte ich,
Padma, der Lotusgeborene, als die Silbe HRJ aus.
Ich kam wie fallender Regen in unendlichen Millionen von
Formen auf der ganzen Welt zu denen, die bereit waren,
mich zu empfangen.
Die Handlungen der Erleuchteten sind wahrhaftig uner-
klärlich, wer könnte sie bestimmen oder messen!
Eine meiner Formen inkamierte als Prinz von Orgyen in

171
Jambudvipa, und es war mir bestimmt, das Land Orgyen
zu regieren.
So predigte ich den Dharma dort, bis jedes einzelne Wesen
vollkommene Buddhaschaft erlangt hatte.
Danach brach ich nach Indien auf, wo ich Meisterschaft
in den »fünf Künsten und Wissenschaften«, namentlich
denen der Sprachen, Dialektik, Metaphysik, Heilung und
bildenden Künste erlangte.

172
DAS ZWEITE KAPITEL

Worin er demütig um die Regeln


der buddhistischen Lehre bittet und seine
Zweifel beseitigt werden
"I ^
Won Ananda, dem Schüler des Buddhas Shakyamuni,
erbat ich die Sutren.
Dann wurde ich, der Lotusgeborene Guru, von Prabhahasti
ordiniert und lernte, mich mit den drei Yogas von Körper,
Sprache und Geist zu beherrschen.
Danach kam ich mit großer Verehrung zum Meister Garab
Dorje und erhielt die Herztropfenbelehrung der großen
Vollkommenheit, das höchste der Tantras.
Vom Großen Meister Sangyey Sangwa erhielt ich die
Hundert Fmanationen des Heiligen Herzens, die friedlichen
und zornvollen Gottheiten.
Zu Füßen des Großen Meisters Sri Singha erhielt ich die
Tantras des höchsten Heruka des Geistes mitfühlender
Fkstase.
Zu Füßen des Großen Meisters Jampal Shenyen erhielt ich
die Tantras von jampal Shinye, dem Zerstörer des Todes.

173
Zu Füßen des Großen Meisters Ludup erhielt ich die Tantras
und Sadhanas der Lotussprache, das Brüllende Pferd.
Zu Füßen des Großen Meisters Hung-Chenkara erhielt \ch%
die Sadhanas und Tantras der Realität des Geistes.
Zu Füßen des Großen Meisters Vimalamitra erhielt ich die
Sadhanas und Tantras der nektargleichen Vortrefflichkeit
des Buddhas Tugend.
Zu Füßen des Großen Meisters Dhanasamskrita erhielt ich
die Sadhanas und Tantras der Vollkommenen Handlung
des Heiligen Dolches.
Wiederum zu Füßen von Prabhahasti erhielt ich die Hun-
derttausend Verse der Phurha Vitotama.
Zu Füßen des Großen Meisters Shantigarbha erhielt ich
die Sadhanas und Tantras der rituellen Verehrung und
Besänftigung.
Ich, Padma, der Lotusgeborene Guru, erhielt von vielen
großen Meistern, Adepten und anderen zahlreiche Initia-
tionen, Erklärungen und Regeln vieler verschiedener Tan-
tras, zusammen mit der Erlaubnis, die äußeren, inneren
und geheimen Traditionen des Vajrayana und der Tripitaka
zu studieren und dann auszuüben.

174
DAS DRITTE KAPITEL

Worin die Lehre in Indien bewahrt


und die Länder mit dem Dharma
geschmückt werden
J
JLch, Padma, vollendete meine Meditation an den acht
Begräbnis- und Verbrennungsstätten Indiens und anderen
heiligen Plätzen.
Nachdem ich die Macht des Bösen durch Losgelöstsein
bezwungen hatte, gipfelte meine Praxis in der Offenbamng
Glück verheißender Zeichen der Errungenschaft.
Als in Vajrasana, Indiens heiligstem Ort, Furcht vor den
schwarzen Tirthikas aufkam, vernichtete ich, Padma, ihre
Streitsucht mit meiner Zauberkraft.
Die 55 Gelehrten von Vajrasana baten mich, ihr Meister
und Lehrer zu werden, und die Lehre des Buddha wurde
dort 100 Jahre lang bewahrt, während der große Gelehrte
Vimalamitra als mein Vertreter zurückblieb.
Alsdann reiste ich, Padma, nach Zahor.
Vom König von Zahor missverstanden, sollte ich lebendig
verbrannt werden, aber durch die Entfaltung meiner ma-

ll 5
gischen Kräfte verwandelte ich das Feuer, das mich ver-
schlingen sollte, in einen See, der Rewalsar genannt wurde.
Danach wurde das Land Zahor übersät mit Yogis und die
Lehre des Buddha blieb 200 Jahre im Land erhalten.
Von Zahor reiste ich zu der Höhle von Maratika in Nepal,
um das Sadhana des ewigen Lebens zu üben.
Buddha Amitayus erschien mir in einer Vision und über-
mittelte mir die 108 rituellen Texte, die Unsterblichkeit
gewähren.
Ich harn in das Reine Land des Akanistha Himmels und zu
den Reinen Landen der fünf Buddhafamilien.
Ich erbat heilige Schriften von den Sugatas und beriet mich
mit den Buddhas des manifestierten Mitgefühls, die mich
lehrten, dass mein eigener Geist der einzige Buddha sei,
den es zu entdecken gilt.
In der höchsten Meditationshöhle in Yangleyshod begann
ich mit dem Prozess der Gewahrwerdung der vollendeten
Heruka-Realität des Geistes, um die relativen Kräfte der
Zuneigung und das absolute letztendliche Mitgefühl der
Erleuchtung im Mahamudra zu erlangen, aber das Leid
der Menschen in Indien und Nepal wurde zu einem solchen
Hindernis, da es mich davon ablenkte, meine Meditation
zu vollenden, dass ich meine Gurus bat, mir die Mittel zu
geben, um die Trauer der Menschen zu lindern.
Der Text des Phurbo Vitotama, den ein Mann kaum tragen
konnte, wurde mir zugesandt.
Unmittelbar, nachdem er über die Grenze Nepals gebracht
wurde, löste sich alles, was den Fortschritt meines Sadhana
behinderte, und ich erlangte das relative und absolute
Mitgefühl des Mahamudra.
Als ich, Padma, auf dem Berg Yah meditierte, erhob sich
ein Konflikt mit den Tirthikas in Vajrasana, und den 500

176
Gelehrten wurde durch die Dakinis geraten, um meine
Rückkehr zu bitten.
Der indische König Suryasingha sandte einige Schüler mit
einem Hilferufzu mir und, nach Vajrasana zurückgekehrt,
unterwarf ich die Tirthikas,
Dann ging ich, Padma, mit den acht Vidyadharas zu der
»Kühler Garten« genannten Begräbnisstätte und wir me-
ditierten.
Um Mitternacht am siebten Tag durchgängiger Konzentra-
tion wurde spontan eine große Stupa, Entzücken ausstrah-
lend, erzeugt.
Indem wir über die Stupa meditierten sahen wir sie voller
Licht glitzern und strahlen.
Die Dakini Senge Dongma persönlich übergab mir eine
Schatztruhe und die ursprünglichen Anweisungen über die
Einheit der Sugatas.
Ein jeder der Vidyadharas erhielt die ihm entsprechenden
und notwendigen Eide und Ermächtigungen.
Somit wurde der Buddhadharma für mehrere Zeitalter in
Vajrasana gesichert.

177
DAS VIERTE KAPITEL

Worin er nach Tibet eingeladen wird


und die Götter und bösen Geister
dort unterwirft
I l
JL-^ie Wohltäter, die die Boudhanath Stupa in Nepal erbaut
hatten, erbaten als Lohn den Segen, dass sie wiedergeboren
würden, um den Buddhadharma in Tibet zu etablieren.
Durch die Kraft dieses Gebetes wurde einer von ihnen als
König Trisong Detsen von Tibet wiedergeboren, der von
religiösen Zielen erfüllt und entschlossen war, ein großes
Kloster zu erbauen.
Entsprechend diesem Wunsch wurde der Abt von Nalanda,
Shantarakshita, nach Tibet eingeladen, um den Platz zu
weihen.
Bei seiner Ankunft in dem Tal, in dem das Kloster erbaut
werden sollte, täuschte Shantarakshita vor, obwohl es in
seiner Macht stand, den Baugrund zu segnen, die Aufgabe
nicht erfüllen zu können, denn es war bestimmt worden,
dass ich, Padma, nach Tibet reisen sollte, um den Dharma
zu etablieren.

178
König Trisong Detsen sandte drei Boten aus, mit Geschenken
aus Gold und der Bitte, dass ich nach Tibet kommen möge
und so bat ich den indischen Dharmaraj und seine brüder-
lichen Untertanen um Erlaubnis.
Nach einiger Überlegung wurde entschieden, dass mir, trotz
der durch die Tirthikas in Indien drohenden großen Gefahr,
erlaubt werden sollte, zu reisen, denn die Prophezeihung
über die Verbreitung der Lehre sollte zu dieser günstigen
Zeit erfüllt werden.
Die Boten kehrten mit dieser Nachricht zu König Trisong
Detsen zurück. Bald danach verließ ich Indien und reiste
ins Kathmandutal in Zentralnepal. Dann ging ich weiter
zur tibetischen Grenze und wurde dort im Lande Mang
von fünf Boten begrüßt, die im weiteren Verlauf Glauben
und Vertrauen in meine magischen Transformationskräfte
entwickelten.
In der Vorhersehung meiner Ankunft in Tibet und ihres
Untergangs, wurden die menschenfressenden Wilden und
Götter jenes Landes von ihrer eigenen Bosheit und ihren
Zweifeln gekrümmt.
An den Ufern des Nyimakhud-Sees in Tibet unterwarf ich
die grausamen Berggötter und menschenfressenden Geister:
Sie alle wurden unter Eid an den Dharma gebunden.
Am Khala Pass unterwarf ich die zwölf Schutzgöttinnen
der Pässe. Im Norden band ich Samed, die Schutzgöttin
des Weißen Berges und die Schützerin Tinglomen.
Ich unterwarf alle Herren der Erde der nördlichen Regionen.
In Tsang unterwarf ich die Pestilenzgeister von Oyug,
sie alle wurden unter Eid dem Dharma verpflichtet.
In Phuru unterwarf ich Dorje Legpa, den König der gemeinen
und gierigen Geister; in Yasru und Yonru unterwarf ich
Gespenster und barbarische, menschenfressende Geister;

179
in Osam unterwarf ich Thanglha, den Herrn der Pest und
des schwarzen Todes: Sie alle wurden unter Eid an den
Dharma gebunden.
Auf dem Berg Kaüash band ich die Sternenkräfte der
Uerrschaftshäuser des Mondes und auf Targo unterwarf
ich die dunklen Einflüsse der Planeten dem Einfluss des
Dharma.
Am Namtsochukmo-See und am Namtsongonmo-See unter-
warf ich mächtige Wassernixen;
am Damtiktrak Fels unterwarf ich den Herrn der Wasser-
pestilenz;
bei Rotamnagpo unterwarf ich die Mutter der ansteckenden
Krankheiten:
Sie alle wurden verpflichtet, dem Dharma zu dienen.
In Atarong unterwarf ich die verhexenden Geister;
auf dem Melungtrak Fels unterwarf ich den Geist eines
abgefallenen Upasaka, der vom Buddha geweiht worden war;
bei Wangshumarpo unterwarf ich einen tierfönnigen Gott;
auf dem Berg Kam unterwarf ich einen bestialischen Was-
sergeist;
bei Shangralhatse unterwarf ich den Schutzgott einer kö-
niglichen Linie;
bei Thodkarnakpo unterwarf ich einen tierfönnigen Gott:
Sie alle wurden unter Eid an den Dharma gebunden.
In Trigonakpo unterwarf ich die Göttin des Meeres;
in Changramuhpo unterwarf ich einen hoch entwickelten
aber rachsüchtigen Herrn der Erde;
auch in Tsawarong unterwarf ich die Herren der Erde;
bei Lawakakchik unterwarf ich die gierigen, gemeinen
Geister;
bei Boirong unterwarf ich einen tierhaften Wassergeist:
Sie alle wurden unter Eid an den Dharma gebunden.

180
Daraufliin wurde ich hei der Burg Anchungdzong von
dem Geist des gefallenen Upasaka, der in Melungtrak
geschworen hatte, dem Dharma zu dienen, willkommen
geheißen;
hei der Löwenhurg Sengedzong unterwarf ich den Geist
von Yahpang;
hei der Feste Namkhadzong unterwarf ich den Gott der
Pestilenz;
auf dem Dudtrak Fels unterwarf ich die Höchsten der
Berggötter;
auf dem Berg Mayo unterwarf ich einen mächtigen Pesti-
lenzgeist;
auf dem Poitrakfelsen unterwarf ich eine Teufelin;
hei Khyudonakpo unterwarf ich einen hestialischen Teufel;
hei Dudrinakpo unterwarf ich den Herrn des Bösen:
Sie alle wurden unter Eid an den Dharma gebunden.
Bei Buchu unterwarf ich einen kleinen Wassergeist;
hei Lharutseru unterwarf ich einen hösen Gott;
bei Maldro unterwarf ich viele Wassergeister;
im Land Mon an der Südgrenze Tihets unterwarf ich viele
Geister, die den hösen Blick hatten;
hei Trasmosong unterwarf ich den Teufel des Abgrunds:
Sie alle wurden unter Eid dem Dharma verpflichtet.
Auf der nepalesischen Seite des Mount Everest unterwarf
ich vier Dämoninnen;
hei Kyirong Chamtin unterwarf ich rasende, lustbesessene
Göttinnen:
Sie alle wurden unter Eid verpflichtet, dem Dharma zu
dienen.
Dann wurde ich im Tsang Tal von einem Mann mit einem
Pferd empfangen, und in der Stadt Todlung wurde mir von
allen Bewohnern ein Empfang gegeben.

181
Deshalb flössen zu jener Zeit die Wasser des Brunnens bei
Dongpa wie der Nektar der Allmächtigkeit hervor.
Schließlich wurde ich in einem Tamariskengarten am Roten
Felsen vom König empfangen;
der jedoch, obwohl er eine Inkarnation von Manjusri war,
konnte auf Grund der schweren Verdunklungen durch seine
Geburt aus einem menschlichen Schoß nicht die Art und
die Qualitäten meiner Tugend erkennen.
Seine Arroganz und sein Stolz hinderten ihn daran, sich
vor mir niederzuwerfen. Ich zeigte meine zauberhafte Ver-
wandlungskraft und ließ ihn meine machtvolle Melodie
vernehmen;
Glaube wurde in ihm geweckt und er konnte sich vor mir
niederwerfen.
Er schmückte für mich den Löwenthron und überhäufte
mich mit großen Geschenken. Da verehrten mich alle Götter
und Menschen von Tibet,

182
DAS FÜNFTE KAPITEL

Worin das Kloster von Samyeling


errichtet und geweiht wird

1. iLHe untei"worfenen Götter und bösen Geister des Landes


versammelten sich gehorsam unter meinem Kommando.
Durch meinen Segen reinigte ich den Boden, auf dem das
Kloster gebaut werden sollte, und, indem ich die Silbe HUM
hervorrief, zwang ich die Götter und bösen Geister des
Ortes, indem ich mein Vajra wie im Tanz bewegte, zum
Gehorsam.
Männer arbeiteten bei Tag und Götter und Geister bei
Na.cht, um die Fundamente von Samyeling zu legen.
Die vier Wächterkönige, Dhritarashtra, Virudaka, Viru-
paksha und Vaishravana leiteten und beschützten den Bau.
Während der Nacht arbeiteten die Götter und bösen Geister
schwerer und bauten die Mauern höher als die Menschen
bei Tag, und der Lärm, den die Arbeit verursachte, war
ohrenbetäubend.
In der Zwischenzeit hatte König Trisong Detsen sich mit
den Nagas - schlangenförmigen Wassergeistern - versöhnt
und sie mit der Aufgabe betraut, genügend Gold zu sammeln,

183
um dem Tal Überfluss zu bringen und die königliche
Schatztruhe aufzufüllen.
Das Kloster Samyeling, was so viel bedeutet wie »Das
Unbegreifliche«, wurde nach dem universellen Plan der
Dinge an sich gestaltet und seine Entstehung schritt voran
wie ein Kind, das zum Mann heranwächst.
Der große Zentraltempel mit seinen drei Stockwerken wurde
dem Berg Meru entsprechend entworfen und der obere und
untere Yaksha Tempel flankierten im Osten und Westen
den Haupttempel, gerade so, wie Sonne und Mond dem
Berg Meru zur Seite stehen.
Vier große Tempel in den vier Himmelsrichtungen und acht
kleinere Tempel dazwischen, welche die vier Kontinente
und die acht Inselkontinente repräsentierten, schmückten
das Gebiet, das den Ozean symbolisiert, innerhalb der
kreisförmigen Mauer, welche den Ring der Berge, die den
Kosmos enthalten, repräsentierte.
108 Stupas, die alle einen Vajra umschlossen, welcher auf
magische Weise vom Schützer Vajrasadhu materialisiert
worden war, erhoben sich auf der Mauer, und vier in Bronze
gegossene Hündinnen, die auf vier Steinsäulen ruhten, t
bewachten die vier Tore.
Gerade so, wie der Palast der Götter den Berg Meru krönt,
so formte der große zentrale Tempel mit seinen drei Stock-
werken und den Dächern in den drei unterschiedlichen Stilen
Indiens, Chinas und Tibets, das Zentrum von Samyeling.
Im höchsten Schreinraum des Tempels ruht der Buddha
Saman thabhadra;
in der Mitte des Mandalas sind die Emanationen von
Vairochana;
in der Zentralkammer ruht Vairochana, umgeben von den
Emanationen des Vajradhatu Mandalas;

184
in der Kammer des Erdgeschoßes ruht Mahäbodhi, umgehen
von den Schülern des Buddha und allen Bodhisattvas der
zehn Richtungen.
Bei der Weihe des Klosters wurden überall Blumen gestreut.
Die Götter erschienen, ihre Weisheit offenbarend, alles
durchdringende Lichter strahlten, Zimbeln erklangen spon-
tan in den Händen der Göttinnen der Befreiung und,
während die Götter Blumen herabregnen ließen und die
Schlangen Juwelenopfer darbrachten, war die ganze Welt
erfüllt von Glück verheißenden Ankündigungen und Jubel.

Zornvolle Dahinis und Dharmaschützer beehrten wie Brü-


der und Schwestern die Feierlichkeiten.
Aus den vier Steinsäulen loderte Feuer und die vier Hün-
dinnen bellten.
Dreimal fiel alles heilender Nektar vom Flimmel, um dem
Land Tibet Tugend und Glück zu bringen, und sowohl den
Menschen als auch den Göttern immer währende Freude
zu gewähren.
Das Banner der himmlischen Gäste kündigte im ganzen
Universum Pracht und Ruhm an.

185
Shantarakshita, Abt von Nalanda, war vora König Trisong Detsen 764 einge-
laden, um zusammen mit dem ein Jahr später folgenden Padmasabhava in
Tibet den Buddhismus erneut zu etablieren - von den Tibetera wird er
Khenpo Bodhisattva genannt.

186
DAS SECHSTE KAPITEL

Wie die Übersetzer und Gelehrten empfangen


und die Heiligen Texte der Sutras und Tantras
übersetzt werden.

achdem ich, der große Meister Padma, und der Abt


Shantarahshita, einige Zeit in Tibet verbracht hatten, wur-
den wir unzufrieden, wie wenig empfänglich diese Maischen
für den Dharma waren.
Wir besprachen uns und waren uns einig, dass Tibet ein
Land böswilliger Wilder sei, die ungeeignete Behältnisse
für den Dharma wären und Kannibalen, die nicht zwischen
Tugend und Laster zu unterscheiden vermochten.
In ihrer Eifersucht hatten die Minister Tibets unsere Be-
mühungen, die Wünsche d.es Königs zu erfüllen, durch-
kreuzt, und wir überlegten, in unser eigenes Land zurück-
zukehren.
Wir sprachen mit dem König über unsere Überlegungen
und er war äußerst bedrückt und weinte.
Später, während er uns mit Goldgeschenken und anderen
Wertgegenständen beehrte, bat er uns beide, wohlwollend
seiner Bitte zu lauschen.

187
Da sein Geist offen war, sagte König Trisong Detsen:
»Dieses Land Tibet ist die Heimat maischenfressender
Wilder, ein Land der Dunkelheit, wo der Dharma noch nie
vernommen wurde.
Obwohl ihr entmutigt seid, seid doch mitfühlend!
Durch eure Erleuchtung seid uns gnädig gesonnen!
Bleibt als inharnierte Buddhas in diesem bösen Land!
Der Bodhisattva arbeitet zum Wohl anderer, und es gibt kein
höheres Werk als anderen die Befreiung zu ermöglichen-
Deshalb bitte ich, König Trisong Detsen, euch, mein Gebet
zu erfüllen.
Ich habe vergeblich Stupas gebaut, Bücher geschrieben und
Statuen errichtet, aber wenn die Heiligen Texte des Sutra
und Tantra nach Tibet gebracht und übersetzt werden, sehe
ick die Verbreitung des Dharma voraus.
Die Erläuterung der Lehre wird gehört werden können und
Viele werden gemäß der Überlieferung Meditation ausüben
können.
Ich bitte euch zwei großen Meister, zur Erfüllung dieser
Aufgabe in Tibet zu bleiben. Ich bitte euch, nicht nach
Indien zurückzukehren.«
Wir erhörten Trisong Detsens Flehen und entschlossen uns,
die Schuften von Indien nach Tibet zu bringen und sie zu
übersetzen.
So wurden, gemäß der Prophezeihung, alle jungen Adligen
Tibets versammelt, um die Kunst der Übersetzung zu
erlernen und einhundert von ihnen wurden ausgewählt und
nach Indien geschickt, um Sanskrit zu lernen.
Unter ihnen waren Kawa Paltsek, Chokro Lui Gyaltsen,
Shangpo und besonders Vairocana. Ich, Padma, übersetzte
die inneren und äußeren Tantras, und der Abt Shantaraks-
hita übersetzte die Sutras und das Vinaya.

188
Elftiundert tibetische Jugendliche, die als Mönche ordiniert
worden waren, halfen zusammen mit den hundert tibeti-
schen Übersetzern, die aus Indien zurückgekehrt waren, in
der beständigen Erinnerung an ihre Lehrer bei der Über-
setzung mit einhundert indischen Gelehrten, einschließlich
Vimalamitra und Buddhagupta, die nach Tibet eingeladen
worden waren.
Wir alle, die Übersetzer, Gelehrten, der Abt und ich, der
Meister, zogen uns in das Kloster zurück, wo wir auf hohen
Thronen mit seidenen Kissen saßen, in edle Gewänder
gekleidet.
Uns wurden Konfekt angeboten und Goldgeschenke überreicht.
Die Heiligen Schriften des Montrayana und der Sutren
wurdeii sodann übersetzt: Die drei Teile der Tripitaka: das
Vinaya, die Sutren und das Abhidharma;
die prägnante, kurze und umfassende Form der Prajnapa-
ramita;
die Mahaparinirvana-Sutra, die unstrittige Lehre, die von
des Buddhas Übergang ins Nirvana berichtet;
der Kriyayoga-Text von Dorjetsemo und alle äußeren und
geheimen Montray ana-Tantras;
die Ashtaguhyamulamaya-Tantras; die Schriften über die
Geistaspekte der Großen Vollkommenheit;
das Astavachanadharmamula-Tantra in fünf, zehn und
fünfzehn Tantras;
die Gesamtheit der Belehrungen und unzähligen internen
und geheimen Montray ana-Tantras.
Die Übersetzung dieser Sutras und Tantras schritt Tag und
Nacht voran.
Die Gelehrten gaben eine gründliche Erläuterung der Texte
und die Übersetzer, sorgfältig zuhörend, übertrugen deren
Bedeutung ins Tibetische.

189
Auf diese Weise wurde die erleuchtende Lehre in ganz Tibet
eingeführt und unzählige Bände der Sutras und Tantras
wurden kopiert.
An dem Glück verheißenden Tag, an dem die Schriften im
Tempel niedergelegt werden sollten, wurden der himmlische
Baldachin, das Siegesbanner, die Standarten der Götter,
das Mandalaopfer und ungezählte Arten von Opfergaben
vorbereitet und auf die sorgfältigste und gefälligste Weise
angeordnet.
Sie wurden von vollständig geweihten Mönchen hoch ge-
halten, die die Übersetzungen auf ihren Rücken trugen.
Oberhalb dieser Prozession fuhren die Wagen der Überset-
zer und Gelehrten, über denen himmlische Baldachine
schwebten.
Rechts und links der Wagen wehten Siegesbanner.
Mannigfaltige Melodien erklangen und Weihrauch schwebte
der Prozession um den Tempel wie ein Herold voraus.
An diesem Tag, an dem die Bände der übersetzten Schuften
in der Tempelkammer im mittleren Stockwerk niedergelegt
wurden, entfaltete Akashagarbha seine magischen, trans-
formierenden Emanationen.
In der Yobok Ebene, vor dem Kloster Samyeling, wurden
gepolsterte Sitze für die Übersetzer und Gelehrten aufge-
stellt.
Als sie im Halbkreis saßen, wurde jedem das symbolische
Modell des Universums aus Gold überreicht, ein Ewiger
Knoten, feine Wäsche, seidene Roben, wollene Gei,vänder,
ein Pferd, ein Maultier, ein männliches und ein weibliches
Dzo, je eine Ladung feinen und groben Tuches, ein Sack
Tee, einhundert Goldstücke und eintausend Silberstücke.
Dann stieg König Trisong Detsen von dem Thron, stand
vor ihnen und sprach von seiner eigenen Dynastie, den

190
Vimalamitra war als direkter Schüler Sri Singhas einer der ersten Dzogchen-
meister und einer der größten indischen Gelehrten. Er war sowohl der Meister
des Nyang Wen Tingzin Zangpo als auch einer der Lehrer des Guru Rinpoche
selbst. Er zählte zu den 8 Vidyadhara genannten »Wissenshaltern« Indiens.

191
hiesigen Bräuchen und der unermesslichen Großzügigkeit
und der heiligen Absicht von Übersetzern und Gelehrten.
Vimalamitra, der bedeutendste der Gelehrten, sprach über
den Ursprung des Dharma und über seine große Kostbar-
keit.
Daraufhin sprach Vairocana, der bedeutendste unter den
Übersetzern, von der Übermittlung des Dharma durch die
Gelehrten.
Gos, einer der tibetischen Minister, brachte jedem ein Opfer
dar und drückte aus, wie erfüllt die Minister des Königs
seien.
Die Untertanen des Königs opferten alle Luxusgüter, die
sie angesammelt hatten und erwiesen den Übersetzern
Dienste und Gastfreundschaft.
Die Gelehrten kehrten jeder in sein eigenes Land zurück
und hinterließen in Tibet die religiöse Überlieferung wie
das Strahlen der Sonne.

192
DAS SIEBTE KAPITEL

Wie die Schüler eingeweiht werden,


Reife erlangen und sich die Zeichen
ihres Erfolgs offenbaren
W
¥ f ährend ich, Padma, mein Sadhana in Abgeschiedenheit
an den oberen Hängen bei Chimpu, oberhalb des Klosters
Samyeling übte, kamen König Trisong Detsen und Namkhai
Nyingpo, Sangye Yeshey, Gyalwa Chokyang, Yeshey Tso-
gyalma, Palgyi Wangchuk, Dorje Dunjom, Vairocana und
andere der fünfundzwanzig Schüler zu mir, brachten mir
das übliche Goldopfer dar und baten mich inständig um
die Entfaltung des Mandalas der Einheit aller Sugatas.
Nachdem ich das Mandala eröffnet hatte, gab ich ihnen die
Einweihung in die Einheit aller Sugatas.
Als während der Initiation bestimmt wurde, welcher der
acht Herukas besänftigt werden sollte, fiel des Königs Blume
auf Chemchok Heruka;
Namkhai Nyingpos Blume fiel auf Yangdak;
Sangye Yesheys Blume fiel aufjampe Shinjeshey ;
Gyalwa Chokyangs Blume fiel auf Mamo;

193
Dorje Dunjoms Blume fiel aufChoto und Vairocanas Blume
fiel auf Drdknäk.
So erschuf jeder Schüler sein eigenes Mandala.
Nachdem die Übung vollendet war, offenbarte jeder Schüler
ein anderes Zeichen des Erfolgs.
König Trisong Detsen war allein kraft seiner strahlenden
Erscheinung in der Lage, Menschen zu unterwerfen;
Namkhai Nyingpo konnte auf den Strahlen der Sonne reiten;
Sangye Yeshey konnte mit seinem Phurbadolch Felsen
zerschmettern;
Gyalwa Chokyang konnte aus dem Scheitel seines Hauptes
einen Pferdekopf wiehern lassen;
Yeshey Tsogyalma konnte Tote wieder zum Leben erwecken;
Palgyi Wangchuk konnte durch das Erheben seines Phurba
Tod durch Fieber bewirken;
Dorje Dunjom konnte sich unbeschränkt wie der Wind
bewegen;
Vairocana konnte einem Sklaven den Stolz zurückgeben:
Diese und viele andere Zeichen wurden von dm Schülern
verwirklicht.
Später wurden die erfahrenen Schüler in das allumfassende
Mandala der Einheit des Geistes des Lamas eingeweiht, in
die Einheit des Geistes des Heruka, in die Einheit des Geistes
der Dakini, in die Einheit des Geistes des Dharmapala.
Dann befreiten sie sich vom karmischen Zyklus von Geburt
und Tod durch das Befolgen der Regeln, die sie erhalten
hatten.
Die Übungen wurden durch Meditationsschulen in ganz
Tibet verbreitet.

194
Vairocana war nicht nur einer der ersten Dzogchenmeister, sondern auch
Linienhalter der Bön-Tradition und der Wichtigste unter den tibetischen
Übersetzern von buddhistischen Schriften.

195
DAS ACHTE KAPITEL

Wie der Inbegriff des Dharmaozeans offenbart


und in einem geheimen Lager
verborgen wird
ch, Padma, entwickelte in meinem mitfühlenden Geist
die Absicht, dem König und anderen Schülern die Einwei-
hung in die Kurzfassung vom Inbegriff des Dharmaozeans
selbst zu gewähren.
Weil die Schüler in Tibet, obwohl sie die Lehre in erhellender
Weise erklärt bekommen hatten, Meditation geübt und deren
Früchte geerntet hatten, Zeichen der Errungenschaft offenbart
hatten, die zeigten, dass sie die Belehrungen des Tripitaka,
der Tantras und sowohl die innere als auch äußere und
sogar die tiefgründigste Essenz der geheimsten mündlichen
Unterweisung des Mantrayana beherrschten, hatten sie den-
noch keine Einweihung in die unerlässliche Quintessenz der
Belehrung vom Inbegriff des Ozeans des Dharma.
Zu dieser Zeit kamen König Trisong Detsen und seine drei
Söhne zu mir nach Chimphu mit dem drei Tage alten Leichnam
ihrer Tochter und Schwester mit der Bitte, sie wieder zürn Leben
zu erwecken, und sie flehten mich um. die Einweihung an.

196
Ich legte ihnen den Inbegriff des Dharmaozeans vollständig
dar.
Später, als ich die Absicht hatte, die Schätze meines Geistes
zu verbergen, indem ich sie in die geheime Schicht des
Verstehens einpflanzte, versammelte ich König Trisong
Detsen und seine drei Söhne, die Prinzen Munetsempo,
Murubtsempo und Mutriktsempo um mich;
die Übersetzer Langdro Konchohjungney, Nyakchen Gyana
Kumara, Vairocana und Suba Palgyisengey;
Nyang Wen Tingdzin Zangpo, Dorje Dunjom, Palgyi Wang-
juk, Otren Wangyuk und Atsara Saley;
die Yoginis Seikar Dorjetso, Trokpanlo und Yeshey Tsogyal;
die drei Gemahlinnen der Prinzen und andere;
sie alle kamen zur ätherischen Festung der Provinz Kham.
Dort entfaltete ich für sie den Inbegriff des Dharmaozeans
und gewährte den reifen Schülern die Einweihung.
Sodann setzte ich für sie die essentielle mündliche Unter-
weisung frei, deren Richtlinien und Regeln vollständige
Befreiung von Samsara gewähren, woraufhin sie sieben
fähre meditierten, bis sie die Einspitzigkeit der Konzentra-
tion des Geistes erreichten, deren Erringen durch große
Zeichen geistiger Fähigkeit offenbart wurde. Die Schüler
enthüllten große Macht:
König Trisong Detsen konnte völlig frei durch Berge hin-
durchgehen;
Munetsempo konnte das Mandala derHerukas visualisieren;
Mumbtsempo hatte die Einheit von Einsicht und Glückse-
ligkeit erlangt;
Mutriktsempo hatte die wahre Natur seines Geistes gefunden;
Vairocana stieg wie ein Vogel in den Himmel auf;
Gyalwa Chokyang konnte seinen Körper in eine rasende
Feuersbrunst venvandeln;

197
Langdro Konchok Jungney wurde zu einem weiten Raum
aus Licht;
Sangye Yeshey konnte augenblicklich jedes Ziel erreichen;
Nyakchen Yeshey Shonnu erreichte die letztendliche Ver-
wirklichung am Ende des Weges;
Kharchen Tsogyal ließ aus Felsen das Wasser ewigen
Lebens hervorquellen;
Atsara Saley konnte mit seinen bloßen Händen Felsen
zerschmettern;
Trokmi Palgyiyeshey konnte mit seinem feurigen Auge
ganze Wälder verbrennen;
Dorje Dunjom konnte mit seinem Blick den Ozean aus-
trocknen;
Nyong Wen Tingdzin Zangpo konnte sich ungehindert durch
Felsen hindurchbewegen;
Selkaza konnte zornige Dakinis einfangen.
Die Schüler offenbarten am Ende ihrer Übung viele wun-
derbare Zeichen ihrer Vollendung, die in der magischen
Schrift der Dakinis niedergeschrieben wurden, um dann in
geheimen Lagern an sieben heiligen Orten verborgen zu
werden.
Ich weissagte, dass dieselben Schüler wiederkehren würden,
um die Schätze, die sie verborgen hatten, wieder zu bergen
und gab ihnen besondere Anweisungen, wie diese geheimen
Belehrungen aus den geheimen Lagern mit Wunschgebeten
für ihre Verbreitung herauszuziehen seien. Während der
degenerierten Zeit des Kaliyuga, wenn das Lebensalter eines
Menschen nicht mehr als dreißig Jahre beträgt, wird es
weitere Hinweise über die Natur des Pfads geben, wenn die
Schätze in der vorletzten Ära vor der letztendlichen Zer-
störung wiedergefunden werden.

198
DAS NEUNTE KAPITEL

Wie die Schätze verborgen und ihre Entdeckung


vorausgesagt wird

_ „ ie Gesamtheit der essentiellen Lehre wurde in den fünf


Schriften der fünf Übertragungslinien auf den fünf Arten
von Pergament niedergeschrieben und in ausgesucht wun-
derbare Truhen gelegt.
Diese Schatztruhen, sowohl große als auch Meine, wurden
in Lhasa, Samye, Yoru und Tradruk versteckt, den vier
Klöstern, in denen alle Unreinheiten vollständig ausgeräu-
chert worden waren, sowie in den acht Klöstern, die teilweise
geheiligt worden waren.
Ungezählte Schätze wurden in geheimen Schichten und
Erzlagern in Yarlung, Seitrah, Lhotrak, Kharchu, Drakyi
Yangdzong, Yerpa Dawaphuk, Yamalung, Tsangi Zabpu-
ling, Riwotrazang, Tsangin Woche, Gangri Lachi, Yolmo
Gangra, Namkechen, Mongyi Negye, Tsari Gyalasengdam,
Puwoiny und besonders Tidro Drakar verborgen. In Ober-
und Unter Kham verbarg ich Schätze an fünfundzwanzig
heiligen Orten; fünf im Buddhakörper, fünf in der

199
Buddhasprache, fünf im Buddhageist, fünf in seinen himm-
lischen Attributen und fünf in seiner vollendeten Handlung.
Ich verweilte an diesen verschiedenen Plätzen, meine Sad~
hanas ausübend, um die Schätze zu weihen, bevor ich sie
in den Geheimlagern verbarg.
Zur Zeit Trisong Detsens und seiner Söhne breitete sich
die Lehre über das Land aus wie das Tageslicht in der
Morgendämmerung, aber ich sah vorher, dass es nur drei
Generationen dauern würde, bis der rachsüchtige König
Langdarma, der Ochshäuptige, die Reinkarnation eines
missbrauchten Lasttieres, das Streben der Menschen um-
kehren würde.
Ich weissagte, dass das durch Langdarmas Minister Trayi
Gochen, den Habichtköpfigen, angerichtete Chaos die Basis
des Buddhadharma zerstören würde.
Zu dieser Zeit würde der Bedarf für die Lehre groß sein.
Die Reinheit des Geistes der fünfundzwanzig Schüler und
die Kraft ihrer Bodhisattvagelühde, auf die Erleuchtung
aller Wesen hinzuarbeiten, würden jedoch zu ihrer Wie-
dergehurt als Tertöns führen, verkörperte Ausstrahlungen
meiner Seihst, welche die Schätze aus ihren Verstecken
heben würden und die magische Schrift der Dakinis zum
Verständnis eines jeden, der Unterweisungen benötigte,
übersetzen würden.
Ich sagte vorher, dass die zwei großen Tertöns, Guru Chokyi
Wangjuk und Nyong Nyima Özer, zuerst kommen würden,
gefolgt von zwanzig Tertön Lingpas, wie Orgyen Lingpa,
Karma Lingpa, Padma Lingpa und so weiter, zusammen
mit einhundert. Tertöns, allesamt Meistern der Lehre.
Danach, ihren Vorgängern folgend, würden zweiundzwan-
zigtausend geringere Tertöns erscheinen und erneut unzäh-
lige Schätze finden.

200
Wann immer ein großer Tertön erscheint, wird es Hunderte
von Dharmaerben geben, um die Belehrungen zu meistern
und sie zu verbreiten.
Es würde einen Tertön für jedes Tai geben, und wo immer
ich Meditation praktiziert habe, würden einige verborgene
Schätze gefunden werden;
in jedem Kreis gäbe es einen berühmten Siddha;
in jeder Stadt gäbe es einen Meister der Rituale, einen
würdigen Empfänger der Opfergaben;
in jedem Haushalt gäbe es einen, der die spirituelle Disziplin
ausübt, jemand der Verehrung würdig;
und außerdem gäbe es in jedem Haushalt einen tantrischen
Yogi, der böse Kräfte unterwirft und austreibt.
Auf diese Weise bestimmte ich, dass die Lehre sich bis in
den letzten Winkel der Erde durch meine verkörperten
Formen ausbreiten würde.
Mögt ihr Menschen Vertrauen gewinnen, indem ihr sie mit
reiner, unvoreingenommener Wahrnehmung erkennt!

201
DAS ZEHNTE KAPITEL

Worin den Menschen Tibets ein Vermächtnis


hinterlassen wird, als Padmasambhava abreist,
um die kannibalischen Wilden des südwest-
lichen Inselkontinents zu unterwerfen
ff
iln dem Sutra der Prophezeiung sagte Buddha Shakyamuni
vorher, dass die wilden Rakshasas des südwestlichen Insel-
kontinents nach Dzambuling herabkommen und es zerstör
ren würden.
Nun, da die Feinde der Buddhanatur unterworfen worden
waren, entschied ich mich, in den Südwesten abzureisen,
um jene Wilden zu unterwerfen.
Ich teilte meine Entscheidung dem Prinzen Murubtsempo
mit, der mich tränenüberströmt und voller Trauer anflehte,
nicht zu gehen, da die Menschen nicht ohne mich sein
könnten.
Aus großem Mitgefühl vertagte ich meine Abreise, um den
Menschen Tibets zu helfen, indem ich ihnen die wesentlichen
Belehrungen für die Zukunft vermittelte.

202
Ich sagte die Erscheinung meiner Stellvertreter voraus,
welche die bevollmächtigten Vertreter meiner mitfühlenden
Macht sein würden;
ich verbarg das Echo meiner Rede in geheimen Lagern zum
Wohl zukünftiger Generationen;
ich übertrug denjenigen meiner Schüler, die entsprechend
veranlagt waren, meine Erkenntnisse.
Auf diese Weise beschwichtigte ich den verzweifelten Prin-
zen, entschlossen, nun unverzüglich zum Land der Wilden
aufzubrechen.
Eine große Menschenansammlung geleitete mich zu dem
Pass des Landes Mangyul, wo ich dem Prinzen und den
Menschen Tibets mein letztes Geschenk übergab.
Dieses Vermächtnis, das ich auf dem Khalarong Pass in
Mangyul und an anderen Orten verbarg, bestand aus drei-
zehn Regeln, welche alle Hindernisse überwinden würden,
die dem Fortbestand der tantrischen Linie von Trisong
Detsen entgegenstanden.
Wunschgebete, innere Übungen und Techniken waren in
diesen Texten enthalten.
Dann gab ich, Padma, meinen Anhängern und jenen, die
alle als Schatzfinder in der Zukunft wieder geboren werden
würden, letzte Anweisungen :
Zukünftige Generationen, die mir nicht begegnen können,
müssen die Ausführungen dieses Textes über meine spiri-
tuelle Praxis und selbstbefreiende Existenz in dieser Welt
lesen, und, eine klare Sicht seiner Bedeutung gewinnend,
gemäß seinem ihm innewohnenden Befehl leben und da-
durch in allen Dingen vollkommen werden.
Erinnert euch an mich, während ihr diese selbstbefreiende
Geschichte sechsmal täglich lest, und sprecht folgendes
Wunschgebet:

203
E ma ho!

Kuntuzangpo und Dorjechang sind mein Körper


unendlicher Einfachheit!
Dorje Sempa und Sakya Tuhpa sind meine Lehrer!
Tsepame und Chenrezig sind meine Beschützer!
Ich bete zum Lotusgeborenen Guru, mit dem sie
vereint sind.
Mein Buddhakörper istjampey Shinjeshey!
Meine Buddharede ist Wangchen Taketserpa!
Mein Buddhageist ist Yangdak Heruka!
Ich bete zum wunscherfüllenden Guru!
Mein göttliches Merkmal, der Strahlende Unter-
werfer des Bösen, ist Chemchok Heruka!
Meine vollkommene Handlung wird von dem
Buddhakörper Dorje Shonnus ausgeführt!
Ich bete zum glorreichen Thödtrengtsal,
dem siegreichen Meister der zornvollen Dakinis!
In der Sphäre des Buddhakörpers sind zornvolle
und friedliche Emanationen;
im melodischen Klang der Buddharede sind die
zwölf Töne;
mein Geist, alles umarmend, ist ohne Hindernis!
Ich bete zum erhabenen Herrn der Dakinis!

Prophet himmlischer Herrscher, der die geheimen


Beleh'ungen verborgen hat, und das Usprüngliche
Gewahrsein all denen überträgt, die initiiert sind
und entsprechend gutes Karma dafür haben.

204
Erblasser eines freundlichen Vermächtnisses an die
Menschen der Welt, ich bete zu dir,
gnadenvoller Körper des Mitgefühls!
Deiner Liebenswürdigkeit gedenkend, kostbarer
Guru, den Bund mit dir erhaltend, bitte behalte uns
in deinem Geist! Keine andere Hoffnung kann in die-
ser sorgenvollen Zeit entstehen!
Sieh auf uns mit Mitgefühl, Orgyen Tidku!
Weise den Aufruhr und die Verwirrung dieser bösen
Zeit durch deine Geschicklichkeit und Macht zurück!
Bitte gewähre uns den Segen der Einweihung in das
Verständnis unserer wahren Natur!
Bitte erweitere unsere Fähigkeit, die Natur unseres
Geistes und der Erfahrungen zu verstehen!
Bitte gewähre uns die Fähigkeit, allen Wesen durch
die Lehre zu helfen, so dass wir Buddhaschaft in die-
sem. Leben erlangen]

Nachdem ich, Padma, die Menschen ermahnt hatte,


sich auf diese Weise um die Buddhaschaft zu bemü-
hen, bestieg ich das magische Pferd und wurde so-
dann von den vier Dakinis empor getragen.
Nochmals sprach ich zu den Menschen: Ich werde
am zehnten Tag nach Neumond eines jeden Mondes,
besonders jedoch am zehnten Tag des Affenmonats
kommen, um das Leid der Menschen auf der Welt
aufzuheben.
Gebt nicht auf, zu beten!
Dann wandte ich mein Gesicht nach Südwesten und
ließ alles zurück. Der Prinz Murubtsempo und seine
Untertanen kehrten zurück, ein jeder in sein eigenes
Haus, ein jeder zu seiner eigenen Übung.

205
Kolophon

Diese Lebensgeschichte des Guru Orgyen Padma wurde von


Yeshe Tsogyal niedergeschrieben und in einer Geheimlade ver-
borgen. Möge sie in einer gnädigen Zeit in den Besitz von jemand
mit spirituell entwickelter Persönlichkeit gelangen! Möge un-
endlicher Nutzen daraus entstehen zum Wohl aller Wesen!

Diese Lehren sind durch heilige Eide dreifach versiegelt.


Samaya Gya Gya Gya. Gehorche dem Wort des Guru.

Postscript des Entdeckers und Übersetzers:

Der große Tertön Orgyen Chogyur Lingpa zog dieses Terma aus
dem Karmai Damchen Felsen. Auf Anraten des Abtes Shechen
Rabjam wurde der Text von Könchog Orgyen ins Deutsche
übersetzt und von Guru Rinpoches Könchog Dorje überarbeitet,
in der Hoffnung, den Segen für alle Wesen zugänglich zu machen
und bald die Sonne seiner Emanation wieder aufgehen zu sehen.
TERMA - VERBORGENE GEHEIMLEHREN
UND VISIONÄRE OFFENBARUNG

Die vorliegenden Texte gehören zur Terma-Literatur des tibeti-


schen Buddhismus.
Terma heißt »verborgener Schatz«. Dabei handelt es sich im
Regelfall um Belehrungen, Meditationsanweisungen und liturgi-
sche Texte, die auf den großen Guru Padmasambhava, den
zweiten Buddha unserer Zeit, zurückgehen. Dieser sah in pro-
phetischer Weitsicht die Verfolgung des Buddhismus und die
daran anschließende Zerstörung aller buddhistischen Texte im
neunten und zehnten Jahrhundert voraus und veranlasste deshalb
insbesondere seine Gefährtin Yeshe Tsogyal und seine 25 engsten
Schüler, all seine Worte aufzuzeichnen und über ganz Tibet,
Nepal und Bhutan verteilt an geheimen Plätzen zu verbergen.
Vom elften Jahrhundert an, als in Tibet stabile Zustände das
Wiederaufblühen des Buddhismus ermöglichten, wurden diese
Texte dann wieder entdeckt. Der erste große Tertön oder Schatz-
finder war Sangye Lama (1000-1080), aber selbst der Reformer
Atisha, der sich gegen die mystischen Praktiken der Nyingma-
oder Alten Schule wie die Anerkennung visionär offenbarter
Texte als eins mit der ursprünglichen Lehre Buddhas aussprach,
und der eigentlich nur originale Sanskrittexte indischen Ur-
sprungs gelten lassen wollte, entdeckte wohl zur eigenen Über-
raschung einige Schriftrollen. Auch der fünfte Dalai Lama, das
Oberhaupt der Gelug- oder Neuen Schule war ein Tertön.

207
Gerade die Gelugpa, die einen sehr wissenschaftlich orien-
tierten Ansatz hatten und verhältnismäßig wenig Sinn für das
Mystische, lehnten Termas als nicht authentisch generell ab,
weshalb auch bis jetzt sehr wenige »verborgene Schätze« in
westliche Sprachen übersetzt wurden, da die meisten Wissen-
schaftler mit gelehrten Geshes des Gelbmützenordens zusam-
menarbeiteten.
Dabei ist die Idee des »Termas-« nicht tibetischen Ursprungs,
obwohl sie bestimmt in Tibet ihre höchste Ausformung und
Blüte erlebten.
Selbst die Prajnaparamita-Sutras, die heute noch in jedem
Zen-Kloster und Tempel des Mahayana-Buddhismus täglich re-
zitiert werden, sind genau genommen Termas, die Buddha
Sakyamuni in Höhlen im Reich der Nagas, mythischer Wesen,
halb Schlange, halb Mensch, verbarg und die dann von Arya
Nagarjuna im zweiten Jahrhundert wieder entdeckt wurden.
So fängt das berühmte »Herz der höchsten Weisheit-Sutra«,
kurz: Herz-Sutra, mit den erläuternden Worten an: »Einst, als
Sakyamuni Buddha auf dem Geierberg in tiefer Meditation
verweilte, entdeckte Avalokiteshvara, tief in der Natur des Geistes
versenkt, folgende Wahrheit ...«, die er dann Shariputra, einem
der Hauptschüler offenbarte. Als die Belehrung zu Ende war,
öffnete Buddha die Augen, lächelte Avalokiteshvara an und sagte:
»So ist es. Genau, wie du es gesagt hast, ist es.«
Dieser Ausspruch erhebt die Erkenntnis von Avalokiteshvara
in die Klasse der Lehrworte des historischen Buddha selbst,
weswegen diese Literaturgruppe auch den Sutras - den Lehr-
reden - zugeordnet wurde.
Auchjanet Gyatso weist in ihrer Studie über Thangston Gyalpo,
den »Leonardo da Vinci« Tibets, auf die Kontinuität der visio-
nären Tradition im Buddhismus schon in der klassischen indi-
schen Zeit hin. Einsichten, die zu ganz neuen Lehrgebäuden
führten", wurden bereits frühzeitig als offenbarte Worte Buddhas
in der Form von Sutras oder Tantras eingeführt. Die notwendigen
Impulse zur Erneuerung und Integration vitaler neuer Einsichten
mussten mit dem legitimen Anspruch, authentisches Buddha-
dharma und Apokryphen unterscheiden zu können, ausgesöhnt
werden.

208
Daraus entwickelten sich mehrere Methoden, die Legitimität
eines Textes zu etablieren. Bereits beim 1. Konzil in Rajagriha
versuchten die älteren Schüler um Ananda, die Worte des Buddha
autoritativ zu kanonisieren, um sie dann niederzuschreiben. Und
so beginnt beinahe jeder Text des Palikanon mit »So habe ich
es einst vernommen...«, um zu dokumentieren, dass die folgende
Lehrrede eine ursprüngliche Aussage Buddha Shakyamunis sei.
Sogar die Jahrhunderte später entstandenen Tantras authentisie-
ren sich durch diesen Beginn.
In den bereits erwähnten Prajnaparamita-Sutras wird eine
weitere Entwicklung eingeleitet. In einem der frühesten Texte
dieser Gattung wird gesagt, dass ein echter Jünger des Buddhas
die Ermächtigung habe, Belehrungen zu geben, die als direkt aus
der Kraft und Weisheit Buddhas stammend angesehen werden
sollten. Dass durch diese Ermächtigung, die im Sanskrit adhistana
oder auch anubhava genannt wird, auf mystische Weise neue
Lehren inspiriert werden könnten, war einer der Gründe, der die
aufkommende Mahayana-Bewegung so vital und erfolgreich sein
ließ. Nagarjunas Bericht, wie er die Lehren aus dem Reich der
Nagas mitgebracht habe , die sie seit Siddharta Gautamas Zeiten
sicher- dort verwahrten, diente ohne Zweifel dem Anspruch auf
Glaubwürdigkeit ebenso gut wie Asangas Bericht, in den Tushi-
tahimmel geführt worden zu sein und dort die Yogacara-Lehren
direkt vom zukünftigen Buddha Maitreya erhalten zu haben. 3
Auch die tibetische visionäre Literatur, die bis ins 20. Jh. im
ungestörten Fluss erscheint und sich durch direkte Offenbarung
selbst authentisiert, ist ein Beispiel dafür, wie offen und dynamisch
die spirituelle Entwicklung der Lehre war und ist.
In der Tat führte diese lebendige Fortentwicklung des Lehr-
gebäudes zu der Notwendigkeit der Klassifizierung der Übertra-
gungslinie, wie Eva Dargyay darlegt.
Die erste Klassifizierung ist die Kama-Tradition, die so ge-
nannte lange Übertragung, da sie in ungebrochener Folge münd-
licher Belehrungen von Meister an Schüler weitergegeben wurde.
Der gesamte tibetische Kanon, sowohl Sutras als auch Shastras
und Vinaya gehören hierzu. Im Besonderen jedoch wird dieser
Begriff für die Vielzahl buddhistischer Tantras - also esoterischer
Texte visionärer Natur - verwendet.

209
So enthält die Kamalinie der Übertragung also den ganzen
»Kangyur« und »Tangyur«, wie auch die hunderttausend Tantras
der Alten Schule, das » Nyingma brgyud 'bum«.
Die zweite Klassifizierung ist die der Termas oder verborge-
nen Schätze. Die Erdschätze - Sa ter - enthalten Schriften,
Ritualgegenstände oder Arzneien. Gong ter, die Geistschätze,
wurden von einem der Buddhas der Vergangenheit oder einem
esoterischen Meditationsbuddha in der Natur des Geistes einge-
pflanzt und wenn die rechten Umstände entstehen, werden sie
spontan im Bewusstsein des Visionärs aktiviert. Weitere Klassen
sind die »Erinnerten Schätze«, bei denen sich der Tertön spontan
an frühere Leben und darin erhaltene Belehrungen der Buddhas
oder Guru Rinpoches erinnert. Manchmal reicht es aus, an dem
gleichen Ort zu verweilen, an dem seinerzeit die Belehrungen
stattfanden.
Auch »Wieder entdeckte Schätze« -Yang ter - gehören
hierher. Es handelt sich bei ihnen um Schätze, die eigentlich
für einen anderen Tertön zu finden vorgesehen waren und
deshalb auch flugs wieder versteckt werden. Der große Jamgon
Kongtrul beschreibt Geistschätze mit Begriffen wie »Diamant-
körper, der die Essenz der Erleuchtung ist«, um darauf hinzu-
weisen, dass die Lehren sich in dem Zustand direkter Erfahrung
absoluter Wahrheit selbst formen und erklären und zwar aus
einem »Platz im Raum, im Zentrum der leuchtenden Klarheit«.
An anderen Stellen sagt er: »Manju, genauso wie die vier Elemente
aus der Vorratskammer des unendlichen Raumes kommen, so
entstehen alle Geistschätze aus der Schatzkammer des Bewusst-
seins der Buddhas.« Termas vereinigen die Notwendigkeit, das
Kontinuum der Lehre zu erhalten, mit dem Bedürfnis, die
Anwendung zu aktualisieren.
Die dritte Klassifizierung ist als »Reine Vision« - Dagnang -
bekannt. In dieser Art der Tantrischen Einsicht erhält der Yogi
oder Meister seine Belehrungen und Autorisierung direkt von
einem himmlischen Buddha oder Meister einer vergangenen
Epoche. Das Treffen mag in der realen Welt oder einem der
Buddhafelder oder Reinen Länder stattfinden. Im Gegensatz zu
Geistschätzen wird hier jedoch nicht aus dem Schatz des Buddha-
geistes geschöpft, sondern wortgenaue Belehrungen empfangen,

210
und visuelle und auditive Erfahrungen stehen im Vordergrund.
Diese Visionen können entweder im Traum, in der meditativen
Klarsicht oder in der Alltagsrealität erscheinen.
Ein interessanter Aspekt ist der, dass diese Visionen nicht
nur das Ziel der Praxis waren, sondern häufig auch Begleiter-
scheinungen, wenn Yogis enttäuscht über scheinbare Misserfolge
ihre Übung aufgeben wollten.
Umgekehrt führte die Eindringlichkeit und Wirkungskraft
dieser Visionen dazu, dass aus den Erfahrungsberichten der
Visionäre ritualisierte Übungsanleitungen - so genannte Sadha-
nas - formuliert wurden, die den visionären Verlauf nachvoll-
ziehen und die Aktualisierung eben dieser Erfahrung zum Ziel
haben. 8
So ist also die Visualisation der Visionen früherer Meister
eines der bis heute gebräuchlichsten Mittel tibetischer Meditation
und gleichzeitig wird die tatsächliche Erfahrung einer solchen
Vision dann als Kulmination und Erfolgsbeweis der Übung
angesehen!
Kongtrul Lödro Thaye erklärt die Erfahrung von reinen
Visionen so: »Mögen, alle Wesen den Klang der Wahrheitslehre
ständig von den Vögeln, Bäumen, den Sonnenstrahlen und
dem ganzen Himmel vernehmen. Da Bodhisattvas ständig für
die Erleuchtung aller Wesen beten, hören sie ständig den
Klang der Wahrheit in den Geräuschen der Elemente, wilden
Tiere und allem. Darüber hinaus zeigen die Buddhas ihr Antlitz
und lehren sie. Obwohl die Buddhas in anderen Dimensionen
weilen, zeigen sie ihr Antlitz den Bodhisattvas, die mit Hingabe
erfüllt sind, sich tugendhaft verhalten und nach Wahrheit
dürsten.«
Kongtrul Rinpoche zitiert ebenfalls indische Quellen, wie
das Samadhisutra, um zu belegen, dass schon dort die Meinung
vertreten wurde, dass es einen Überfluss an verborgenen Dhar-
ma-Lehren gäbe, die von einem Bodhisattva mit gereiftem Ein-
sichtsvermögen und erwachter Weisheit entdeckt werden könn-
ten. Der Schlüssel ist hier, ganz wie im Märchen, »zur rechten
Stunde am rechten Ort« gewesen zu sein, um die Offenbarung
zu empfangen!
Hier zeigen sich auch die Parallelen zum Schamanismus, wo

211
ebenfalls die visionäre Offenbarung als Zeichen des Erfolges
gewertet wird.
Die schamanische Tradition Tibets kannte eine Vielzahl der
von Padmasambhava, Milarepa und anderen buddhistischen
Yogis zur Schau gestellten Wunder wie Fliegen, Hagelstürme
abwenden oder Dämonen unterwerfen.
Doch wichtiger war die Aufgabe des Schamanen, als Visionär
die Verbindung zum Universellen und Göttlichen herzustellen
und durch seine Visionen die menschliche Gemeinschaft über
den Willen der Götter zu informieren. Insofern tat Guru Padma,
was die Kultur erwartete: Er zeigte durch seine schamanischen
Darbietungen, dass er aus gleichem Holz wie heimische Scha-
manen geschnitzt, zugleich jedoch durch seine Vision einer
tieferen Dimension spiritueller Erfahrung, namentlich der Einheit
von relativ und absolut, Erleuchtung und AUtagsgeist sowie
Mitgefühl und Freiheit, mächtiger war. Wie Helmut Hoffmann -
schreibt, gab es auch indigene Bön-Mythen, in denen junge
Schamanen bis zu 13 Jahre lang in den Himmelsraum flogen,
um neue Lehren zu erhalten, mit denen sie ihrem Volk helfen
konnten. So vereinigte Guru Rinpoche zwei Traditionen und
vertiefte dabei die einheimische, warend er der alten indischen
eine neue Dynamik gab, die bis heute anhält.
Zwei der Hauptkritikpunkte an der Termaliteratur durch die
Neue Schule sind zum einen, dass die in ihr beinhalteten &
Dzogchen-Lehren deswegen angezweifelt werden, weil sie An-
klänge an den chinesischen Taoismus und den Zen~Buddhismus
haben, der in Tibet als Häresie abgelehnt wurde, aber auch an
den Kashmir Shaivismus und den vorbuddhistischen Schama-
nismus, und damit eine Verfälschung der reinen Lehre Buddhas
seien.
Wenn Erleuchtung aber überhaupt existiert, ist die Erfahrung
des Absoluten immer dieselbe, und deswegen sprechen diese
Parallelen für die Universalität der Dzogchen-Lehre und zeigen
eher ihre Tiefe als ihre Unverbindlichkeit. Denn wenn es die
Erleuchtung tatsächlich gibt, kann es keine buddhistische, hin-
duistische oder schamanistische geben - entweder es ist eins
oder es ist keins.
Zum anderen ist den Gelehrten die Tatsache unheimlich,

212
dass Termas in verschiedenen Kategorien gefunden wurden. Die
bekanntesten sind die »Erd-Schätze«. Normalerweise sind dies
Manuskripte oder rituelle Gegenstände, die in Höhlen oder
Tempeln, hinter Wandverschalungen oder losen Steinen, mitten
im Fels oder in der Erde verborgen wurden. Da sie physisch
manifest sind, ist ihre Authentisierung relativ einfach. Schwierig
wird es mit den anderen Termas. Diese teilt sich auf in verschie-
dene Kategorien, wie Feuer-, Luft-, Wasser- und Geistschätze.
Viele dieser Schätze sind in der so genannten Dakinischrift
niedergelegt. Das heißt, sie sind hoch konzentrierte und mit
Symbolen kodifizierte Texte, die nur aus einigen Piktogrammen
oder, zum Beispiel aus in eine Baumrinde geritzten, angedeuteten
Schriftzeichen bestehen können. Für einen initiierten »Tertön«
sind sie jedoch lesbar und aufschlüsselbar, wobei es sich aber
nicht um einen erlernbaren Geheimcode, sondern um einen
Bewusstseinszustand handelt, der ihnen diese Fähigkeit verleiht.
Die Schatzfinder sind auch allesamt Ausstrahlungen von Guru
Rinpoche selbst, oder Wiedergeburten seiner 25 Schüler. Aber
damit nicht genug - von allen ist auch prophetisch angekündigt,
wann sie erscheinen und was sie finden werden.
Diese Schatzfinder sind in der Lage, die so genannten Daki-
nischriften im Glitzern der Sonne auf den Wellen, dem Flackern
der Flammen im Feuer, dem Flug der Wolken oder in der
strahlenden Klarheit ihres eigenen Geistes zu erkennen. Wo
unsereins nur Wellen oder Flammen sieht, entsteht dem Tertön
das ganze, photographisch genaue Bild einer Schrift. Interessant
dabei ist, dass sie zum Teil in ausgestorbenen Sprachen, wie der
von Oddiyana, einem West-Afghanischen Königreich um die
Zeitwende, oder in Schriften, die dem Schatzfinder unbekannt
sind, wie Sanskrit oder Apabhramsa, erscheinen. Der große
Jamgon Kongtrul bemerkte über Chogyur Lingpa, einen der
produktivsten Schatzfinder des letzten Jahrhunderts, er sei sogar
ein Analphabet gewesen. Trotzdem kann ein Tertön die Texte
genau erkennen und abmalen oder -schreiben. So sagt der Finder
des vorliegenden Textes von sich selbst: »In einem exaltierten
Zustand, hochfliegend wie ein Vogel und flink wie ein Fisch,
fand ich diesen Schatz. Möge er allen Wesen dienen!«.(Vgl. S.
165)

213
Der bedeutungsvollste Aspekt der Termas aber ist, dass sie,
obwohl schon um 800 n.Chr. aufgezeichnet, oft ganz konkrete
Ereignisse und Probleme einer zukünftigen Zeit und ihre Lö-
sungen ansprechen, und zwar entsprechend der spirituellen,
politischen und sozialen Situation, so dass sie den größtmögli-
chen Nutzen bringen.
Deswegen sind Termas ein dynamischer Prozess, der un-
trennbar mit unserer konkreten Situation - hier und jetzt - zu
tun hat. Dies ist auch der Grund, weshalb Tertöns, durchaus
liberal, aus hoch konzentrierten Hieroglyphen auf Steinen oder
aus inneren Bildern und Symbolen, in ihrer geistigen Schau
(ähnlich wie aus den Piktogrammen des chinesischen I Ging)
Einsichten formulieren, die in ihrer Prägnanz und Aktualität
wohl einmalig sind, aber gleichzeitig auf eine lebendige Art und
durch ein pulsierendes Band mit dem Quell aller Schätze, Guru
Padma selbst, verbunden sind. Dies ermöglicht eine ständige
Erneuerung und Belebung der Lehren, die sie den staubigen
Fingern der Gelehrten und Kirchenpröbste und Religionsver-
walter immer wieder aufs Neue entzieht,
So sagt einer der besten Kenner der Alten Schule des tibe-
tischen Buddhismus, Keith Dowman: »Die Doktrin der Offen-
barung ist viel mehr als ein geschicktes Mittel, die »Lehre der
Wahrheit« den Händen wissenschaftlicher Totengräber dadurch
zu entreißen, dass sie beständig den zeitgenössischen Bedürfnis-,
sen entsprechend neu belebt wird, sondern ein direkter Zugang
zum Buddhageist selbst.« Und er fährt fort:»Jedes Wesen, das
existiert, oder gleichzeitig jeder Augenblicks-Punkt der Erfah-
rung, ist eine göttliche Chiffre der Totalität des Seins, in der
gleichen Weise, in der jeder Lichtpunkt eines Hologramms das
gesamte Bild und jede Zelle des Körpers, dessen Code und das
Wachstumspotential des gesamten Organismus enthält.«

Auch Chhimed Rigdzin Rinpoche, ein hoher Tulku der Nying-


ma~Schule, gibt im Nachwort eine kurze scholastische Darstel-
lung der tibetisch-buddhistischen Glaubensvorstellung bezüglich
der Termaliteratur. Da der Ursprung dieser Texte zum Teil in
vergangenen Äonen und Galaxien oder gar in rein geistigen
Welten angesiedelt wird, ist es zwangsläufig, dass der Versuch,

214
eine historische Kongruenz und Abfolge zu schaffen, immer in
die mystische Zeit hineinreicht. Jeder historische Bezug ist in
seiner UnvoUkommenheit also immer auch ein Fingerzeig auf
einen Manifestationsaspekt des Absoluten, das per se außerhalb
von Zeit und Raum liegt. Der Versuch, geschichtliche Zeitab-
folgen zu schaffen, ist nur eine Annäherung des Mystischen an
unser konditioniertes Bewusstsein und seine Zeitorganisation im
linearen Ablauf.
Dass Chhimed Rigzin. Rinpoche, der selbst als Tertön solche
verborgenen Schätze gefunden hat, die Übersetzung und Kom-
mentare authentizitiert, obwohl der Wurzeltext weniger wörtlich
übersetzt, als vielmehr freizügig nacherzählt oder sogar »aus
dem gleichen Lehm neu getöpfert« wurde, ist eine grosse Er-
mutigung für die Übertragung des Dharmas in den Westen.
Keine andere Form der heiligen Schriften der buddhistischen
Lehre ist für diesen Übersetzungansatz besser geeignet, denn es
ist ihr spezieller Zweck, die Wahrheit der Lehren den Gegeben-
heiten der Zeit entsprechend zu vermitteln.
Wenn durch diese freie Übersetzung das Interesse an einer
wortgenauen, tibetologischen Übersetzung dieses Textes ge-
wachsen ist, findet man sie bisher leider nur in englischer
Sprache bei der Padmakara Translation Group La Sonnevil,
St. Leons/Vezere, F-24290 - Montegnac.
Bis zu einer deutschen Veröffentlichung hoffe ich, dass die
vorliegenden Texte sich für den Leser als »verborgene Schätze«
herausstellen, und Viele ermutigt, die befreiende Kraft der
Termaliteratur durch Praxis zu erschließen.
Dass diese Gattung heiliger Schriften Tibets als authetischer
Buddha-Dharma erkannt wird und selbst in der Krise unseres
überbevölkerten Planeten am Ende des zweiten Jahrtausends die
Hoffnung und das Vertrauen auf die Immanenz des Absoluten
erweckt und stärkt, ist meine Motivation.

215
NACHWORT
VON S.E. KHORDONG TERCHEN TULKU CHH1MED
RIGDZIN RINPOCHE

Der Vorstellung des tibetischen Buddhismus und den tibetischen


Gelehrten zufolge, erteilte Gautama Buddha zahllose Belehrun-
gen - wobei sich alle ausschließlich mit der buddhistischen
Philosophie und der Auflösung von Geistesgiften, aber keine
einzige mit den Naturwissenschaften befasste.
Zusammen ergeben sie mehr als 84.000 verschiedene Beleh-
rungen. Davon befassen sich 21.000 mit. dem Zorn, 21.000 mit
den Begierden, 21.000 mit der Unwissenheit und 21.000 versu-
chen, alle drei Geistesgifte zusammen aufzulösen.
Kurz gesagt bilden diese Lehren die zwei Fahrzeuge oder
Yanas. Eines ist das weltliche Fahrzeug , das andere führt zur
Erleuchtung. Diese Auffassung vertritt auch Nga Gyur Kun Jed
Gyal Po. Eines ist das Sutra-Fahrzeug und das andere das
tantrische. Von diesen beiden muss das Tantrayana als höher-
stehend angesehen werden, und darin enthalten ist die besonders
wirkungsvolle und kraftvolle Methode des Dzogchensystems, die
letzte der neun Stufen in der Tradition der Nyingmapas.
Innerhalb dieses Systems sind viele Übungen überflüssig.
Alles, was man zu tun hat, ist zu erkennen, dass alle verschie-
denen Phänomene - Dharmas -, die in der Natur des einen
Geistes entstehen, das wunderbare Schauspiel des eigenen Ge-
wahrseins sind.
Mahayoga sagt aus, dass unser Geist vom Urbeginn an
erleuchtet war. Anuyoga lehrt, dass, wenn die Erinnerung und
das Gewahrsein sehr klar werden, der Geist den großen Raum
~ Dharmadhatu - erkennt und Erleuchtung erfährt. Atiyoga oder
Dzogchen auf tibetisch, lehrt, dass, wer sein augenblickliches
Bewusstsein versteht, die drei Kayas" ganz spontan und natürlich
erkennt und nicht mühselig nach dem Gesetz von Ursache und
Wirkung üben muss. In diesem natürlichen Zustand ist der Geist
von Samsara befreit.
Dies ist, ganz allgemein gesprochen, die tantrische Lehre
vom reinen Land. Sie wurde nie öffentlich für die Allgemeinheit

216
gelehrt, sondern von den großen Bodhisattvas ~ die alle einen
erleuchteten Geist haben, den Vidyadharas - den Weisheitsträ-
gern und Dakinis ~, den weiblichen Adepten - in ihren jeweiligen
Paradiesen bewahrt.
In Jambudvipa - unserer Welt - gibt es zahlreiche heilige
Stätten, insbesondere Oddiyana in Nordwest-Afghanistan, Sham-
bala, Singala (Ceylon), Malaya usw. Weiterhin gab es acht
Vidyadharas, unter ihnen die großen Weisen Nagarjuna, Pad-
masambhava, Vimalamitra etc. Sie erhieken diese Tantras auf
wunderbare Weise. Deshalb sind sie besonders tiefgründig und
nicht mit Hindutantras oder anderen Lehren vermischt.

Ein kurzer geschichtlicher Abriss

Im Dharmadhatuparadies gibt es den Urbuddha Sri Kuntu Zangpo


(Samantabhadra, Skrt.). Er spricht nie und verweilt in seinem
natürlichen Urzustand, aber durch seine Güte werden die fünf
Meditationsbuddhas, Vajradhara und Vajrasattva z.B., zum di-
rekten Verständnis inspiriert. Diese wiederum kommunizieren
ihr Verständnis in die menschliche Welt. Die höchsten Lehren
aller buddhistischen Schulen, die Essenz der geheimsten Dok-
trinen und ganz besonders die Dzogchentantras wurden so von
den Dhyanibuddhas oder durch von ihnen inspirierte Texte
übermittelt. Später belehrte die Sambhogakayamanifestation Dor-
je Sempa (Vajrasattva, Skrt.) die Bodhisattvas Garab Dorje
(Ananda Vajra), Manjusri, Avalokiteshvara und Vajrapani durch
Zeichen und Wunder. Diese wiederum hatten fünf Hauptschüler:
Dragda, Chokyong, Karda Dong, Jogpo, Chodrag Thaben sowie
Dragpamitha. Sie empfingen auch die Lehren König Ja's, und
nach ihnen erhielten die acht Vidyadharas die Lehren übertragen.
Dies also ist die Übertragungslinie der Dzogchen-Lehren.
Die Nyingmapalinie des tibetischen Buddhismus geht auf
Padmasambhava zurück. Der große Guru erschien auf einem
Lotus im Danakosha-See im Land Oddiyana.
Der König des Landes, Indrabodhi, hatte keinen Erben und
nahm Padmasambhava an Sohnes statt. Padmasambhava regierte
das Land nach spirituellen Grundsätzen, gab später jedoch den
Thron auf und verließ das Land. Er meditierte auf vielen ver-

217
schiedenen Friedhöfen und traf den großen Lehrer Garab Dorje
sowie andere Weise, die ihre Lehren an ihn weitergaben. Pad-
masambhava zeigte sich in acht verschiedenen Erscheinungsfor-
men (Guru Tshan Gyad). Er gab zahlreiche verschiedene tan-
trische Belehrungen in Indien, Nepal etc. und wurde später vom
tibetischen König Trisong Detsen eingeladen, wo er viele Men-
schen an den verschiedensten Orten belehrte. Insbesondere
unterrichtete er seine 25 Hauptschüler in Samye Chimphu,
darunter König Trisong Detsen, Khandroma Yeshe Tsogyal,
Namkhai Nyingpo, Dorje Dujom, und Tingzin Zangpo. Allesamt
waren sie große Weise und erhielten zahlreiche Einweihungen
von Padmasambhava. Später schrieben Yeshe Tsogyal, Atsarya
Säle und Khenchung Lotsa die Belehrungen nieder. Sie wurden
von Padmasambhava gesegnet und dann an den wichtigsten
heiligen Orten in Bhutan, Taksang etc. verborgen.
Zu dieser Zeit äußerte sich Padmasambhava prophetisch über
die genauen Zeiten und Umstände, wann sie jeweils in der
Zukunft gefunden werden würden und die Dame Tsogyal wies
die 25 Weisen an, wann sie sich als Tertöns zu reinkarnieren
hätten, um die verborgenen Schätze der Belehrungen wieder zu
finden.
Eines dieser Termas war der Text: »Könchog Chidu«, der
von Rigdzin Jatson Nyingpo (Rig a Dzin a Ja Tshon sNying Po),
einer Reinkarnation des Nyang Wen Tingzin Zangpo gefunden
wurde. Obwohl über die Zeit viele verschiedene Sadhanas (gei-
stige Übungsanleitungen) von Padmasambhava gefunden wur-
den, wurde gerade dieser Text in Tibet sehr beliebt und bekannt,
weil er sowohl kurz ist als auch eine sehr tief gründige Bedeutung
hat und diesen tiefen Gehalt auch zu vermitteln vermag. Der
Ort, an dem der vorliegende Text gefunden wurde, heißt Nyang
Ban Tingzin Zangpo. Nyang liegt in dem gegenwärtigen Gyaltse
Distrikt der Provinz Tsang. Ein sehr bedeutsamer Fluss fließt
durch diesen Ort. Bedeutsam auch deswegen, weil in dem Fluss
von der Quelle bis zur Mündung Gold gefunden werden kann.
Ein Mönch namens Tingzin Zangpo lebte dort für einen Monat
und gab dem Ort seinen Namen.

218
W e r w a r e n P a d m a s a m b h a v a s Schüler?

In einem anderen Äon lebte einst ein großer König Yul Khor
Zong. Er regierte viele Länder, hatte zahlreiche Königinnen und
1000 Söhne. Der Yogi Nudan Dorje war der Lehrer des Königs
und seiner Söhne. Eines Tages nun erbat der König Prophezei-
hungen über die Zukunft seiner Söhne von Nudan Dorje. Nudan
Dorje schrieb die Namen aller Söhne auf Zettel und warf sie in
einen Topf. Dann führte er magische Riten durch und meditierte
sieben Tage lang.
In dieser Zeit entwickelten alle Söhne spontan den Erleuch-
tungsgeist des allumfassenden Erbarmens - Bodhicitta. Daraufhin
weissagte Nudan Dorje, dass alle Söhne Buddhas der zukünftigen
Zeiten werden würden.
Dann zog er die Namen aus dem Topf. Der erste war Namdag
Lodrö (rNam GDag blo Gros). Laut Nudan Dorje's Prophezei-
hung wurde er zum ersten Buddha dieses gegenwärtigen Kaipas
(Weltzeitalter) namens Cakarvinas. Der zweite Name war Nam-
dag Gyal (rNam Dag rGyal). Er wurde der zweite Buddha
Kanikavarma. Der dritte Name war Wangpo Zhiwa (dBang Po
Zhi Ba), der dritte Buddha Kashapa. Als vierter kam Dondrub
(Don Grub) aus dem der vierte Buddha Shakyamuni in unserer
historischen Zeit wurde. Der fünfte war Karag Chen (sKa Rags
Chan) der kommende Maitreya Buddha und der sechste Name
war Chökyi Lodrö (mChog Giblo Gros) der Löwenbuddha
Singha.
So kamen alle Namen an die Reihe. Als Letzter kam der des
Lodrö Thayae (bLo Gros mTha Yas), der einst der tausendste
Buddha Möpa sein wird.
Sowohl Tingzin Zangpo als auch alle anderen Hauptschüler
Padmasambhavas waren Verkörperungen der Söhne König Yul
Khors und werden alle die Buddhas der Zukunft sein.

G u r u u n d Schüler

Was ist der Unterschied zwischen Guru und Schüler? Beide


haben die eingeborene Buddhanatur, und aus diesem Grunde
sind sie in ihrem Wesen nicht verschieden. Jedoch muss der

219
Guru eine ununterbrochene Übertragungslinie haben , die bis
zum Urbuddha Samantabhadra zurückreicht. Zweitens muss er
sämtliche geistigen Übungen vollzogen haben und dabei seine
eigene Buddhanatur erkannt und verstanden haben. Laut dem
Sutrasystem muss er zumindest den vierten Weg und die siebte
Stufe erreicht haben. Nach dem tantrischen System der Nying-
mapa muss er die erste Stufe, namentlich Namin Rigdzin (rNam
sMin Rig aDzin) gemeistert haben: Diese drei - Übertragungslinie,
Erkenntnis der Buddhanatur und Verwirklichung - sind die
wichtigsten Qualitäten eines Gurus. Der Guru muss sowohl gute
Lehrmethoden kennen als auch andere durch seine eigene Er-
fahrung, sein großes Mitgefühl und seinen erleuchteten Geist
belehren. Vor allem muss er erkennen, welche Belehrungen nötig
für den Schüler sind, und welche überflüssig.
Außerdem muss er bereit sein, sein Leben für seine Schüler
oder alle fühlenden Wesen zu opfern, wenn es je notwendig
würde.
Der Schüler wiederum, der sich von weltlichen Verstri-
ckungen abwendet, muss Zuflucht nehmen. Er sollte seinen
Lehrer wertschätzen und muss die Fähigkeit haben, den Geist
seines Lehrers als Buddha zu begreifen - seine Sprache als den
Dharma (in diesem Fall die Lehre der Wahrheit) und seinen
Körper als die Sangha (Gemeinschaft). Auch, dass der Guru
nicht verschieden von Deva - der Meditationsgottheit - und*
Dakini - der weiblichen Erleuchtungsenergie - ist, muss er
glauben. Er muss wirklich tiefes Vertrauen haben, dass der Lehrer
nichts anderes ist als die drei Kayas.
Der Schüler sollte bereit sein, wenn nötig, alles, was er hat
und eigentlich für sich selbst braucht, seinem Lehrer zu opfern.
Auch das ist notwendig.
Der Schüler darf nicht faul sein. Er muss, dem jeweiligen
System des Lehrers gemäß, immerzu üben. Wo immer er sich
auch aufhält - in allen vier Himmelsrichtungen, zu allen Jahres-
und Tageszeiten - muss er lernen und üben. Sein Ziel und Zweck
sollte nicht die eigene Erleuchtung, sondern die Erlösung aller
fühlenden Wesen sein. Dies ist die Minimalvoraussetzung.

220
Über die N a t u r der T e r m a (gTer)

Die wörtliche Bedeutung von gTer wird mit Aufbewahrungsort


wiedergegeben. Termas sind die Lehren Padmasambhavas, die
niedergeschrieben und an heiligen Plätzen, in Klöstern, Höhlen
oder den fünf Elementen verborgen wurden. Es scheint so, als
ob allgemein angenommen würde, dass Termas nur in der
Nyingmatradition vorkommen, in früheren Zeiten gab es aber
auch Termas von den klassischen Sutras. Sie befanden sich im
Geist des Buddhas und seiner Schüler, der Bodhisattvas, und so
konnten sie alle Fragen beantworten und flüssig die ganzen
Belehrungen geben.
Einer der Gründe für das Erscheinen der Termas ist die
Reinhaltung der ursprünglichen Lehre. Manchmal konnten große
tibetische Gelehrte ihre eigenen Ideen nicht von Buddhas kano-
nisierten Werken unterscheiden und verfälschten die Lehre. So
ging die Ursprünglichkeit der Lehren verloren. Die Termas aber
erscheinen von Zeit zu Zeit neu und unverfälscht, deswegen ist
es unmöglich, sie mit falschen Vorstellungen zu vermischen oder
zu verderben. Aus diesem Grunde kommt ihnen eine sehr
wichtige Funktion bei der Erhaltung der reinen Lehre zu.
Es werden vier verschiedene Terma unterschieden:
1. Sa gTer werden in der Erde, den Bergen, den Felsen oder
dem Wasser, generell in jedem der fünf Elemente gefunden.
2. rDzas gTer sind verschiedene Ritualgegenstände, wie Dorje
oder Phurba, Statuen und jeder andere Gegenstand, der jeweils
notwendig ist.
3. dGongTer sind Geistschätze. Padmasambhava gab Beleh-
rungen an verschiedenen Orten. Der Tertön kann, wenn er an
diesen Orten meditiert, sich dieser Belehrungen erinnern und
schreibt sie nieder, so wie auch der als allwissend verehrte
Longchenpa seine Bücher verfasste.
4. Auch medizinische Fachbücher, Medikamente, selbst Saat-
gut, können als Terma verborgen und wieder gefunden werden.

221
Dzogchen

Dzog heißt wörtlich so viel wie »vereinigt«, »voll«, »endgültig«.


Chen bedeutet »groß«. Dzogchen bedeutet also die große oder
endgültige Vereinigung oder Vollendung. »Vereinigt« deshalb,
weil es alle Lehren Buddhas, Samsara und Nirvana vereinigt und
»endgültig«, weil es die letzten und endgültigen Lehren Buddhas
sind.
In der Mahamudraschule werden alle Objekte unserer Wahr-
nehmung gereinigt: Häuser, Bäume, Pferde, Feinde etc.
Mahamudra betont die Idee der Vergänglichkeit und Un~
Wirklichkeit der Erscheinungswelt.
Im Dzogchen muss das wahrnehmende Subjekt selbst gerei-
nigt werden. Wer ist es, der die Welt der Dinge und der
Sinnesobjekte, die Menschen und die anderen fühlenden Wesen,
Nirvana und Samsara wahrnimmt? Wer begreift diese Objekte,
benennt sie und wer schließlich denkt? Es ist der Geist des
erkennenden Subjekts. Aus diesem Grund muss der eigene Geist
gereinigt werden. Das ist es, was das Dzogchen. lehrt und bewirkt.
Dieses Buch von Karl Scherer steht in vollem Einklang mit
den Nyingma Lehrmethoden. Für den spirituellen Sucher gibt
es vier Schwerpunkte der Übung;

1. Es ist sehr schwierig, einen edlen menschlichen Körper


zu erhalten.
1. Alles, was erscheint ist vergänglich.
3. Das Resultat jeder Handlung, ob gut oder schlecht, geht
nie verloren.
4. Egal, in welchem der sechs Bereiche des Samsara (vom
Himmel bis zur Hölle) wir uns befinden, erleben wir immer nur
Leiden. Aus diesem Grund müssen wir die Verstrickungen mit
der bedingten Welt hinter uns lassen.

Dazu:
1. Nimm Zuflucht zu deinem Lehrer, zu Budhha, Dharma,
Sangha, Guru, Deva, Dakini, Dharmakaya, Sambhogakaya, Nir-
manakaya.
2. Entwickle Erleuchtungsgeist voller Mitgefühl.

222
3. Übe die Mandalaopferung.
4. Reinige dich von den Sünden.
5. Übe Guru Yoga.

All diese Punkte werden im vorliegenden Text gelehrt. Ich


wünsche mir, dass dieses Buch veröffentlicht wird, und dass es
viele Menschen lesen und danach handeln werden. Sie sollten
über seine Bedeutung nachdenken und aufkommende Fragen
mit hoch entwickelten Lehrern klären. So hoffe ich, dass sie ihre
eigene wahre Natur erkennen und die Erleuchtung erlangen.
Wenn alle Menschen erleuchtet sind, wird diese Welt leer vom
Ego. Dann wird es nirgendwo mehr Leid geben.

Segenswunsch

Mögen alle Schwierigkeiten und widrigen Umstände ohne Aus-


nahme mit harmonischen Umständen, wie der Schatz des Him-
mels, befriedet werden und zur Ruhe kommen. Mögen die Lehren
des Herrn der Weisheit der jina, Padmasambhava, lange währen
und strahlend leuchten.
Unzerstörbarer Guru Padmasambhava, der die drei Kayas
vereinigt hat, gewähre die wahre Errungenschaft erleuchteter
Einsicht. Wenn der bloße Gedanke, anderen zu helfen, ver-
dienstvoller ist als die Verehrung aller Buddhas, ist es unnötig
zu erwähnen, wie großartig das Streben nach dem Wohle aller
Wesen ohne Ausnahme ist.

Chhimed Rigdzin Lama

Geschäftsführender Präsident und Mahavajracharya der Sangha


der »International Nyingmapa Buddhist Cultural Preservation
Society«.
Dekan der Fakultät für Indo-tibetische Studien, Vishva Bharati
University, Santiniketan, Westbengalen.
Abt der Khordong und Khang Klöster, Kham, Tibet.

223
ANMERKUNGEN

Einführung des Herausgebers

1 E. Dargyay: »A Nyingmapa Text« in: B. Aziz u n d M.Kapstein, eds.


»Soundings in Tibetan Civilization«, Dehli 1985 S. 291-293, Überset-
zung d. Autors.
2 Vgl. J. Reynolds: »The Golden Letters«, Ithaca 1996, S.273.
3 Zit. nach: Yeshe Tsogyal: »The Lotus-Born« London 1993, S.12,
Übersetzung d-Autors.
4 Ebd.
5 Vgl. Tenzin Wangyal: »Der kurze Weg zur Erleuchtung«, Frankfurt/M
1997.
6 Vgl. Ebd., S.40-41; sowie: Yeshe Tsogyal: »The Lotus-Born« London
1993, S.243.
7 Vgl. Yeshe Tsogyal: The Lotus-Born, S.223, London 1993.
8 S. unten, S.171. \
9 Tsele Natsok Rangdrol: »Die wahre Bedeutung klären«, zit. nach: Yeshe
Tsogyal: »The Lotus-Born«, S.23, Übersetzung d.'Autors.
10 Jamgon Kongtrul L: »The Precious Garland of Lapislazuli«, Vol. I,
Rinchen Terdzö, zit. nach: Yeshe Tsogyal: »Dakini Teachings« London
1990, S.XXV1II, Übersetzung d. Autors.
11 S. unten, S. 173-174.
12 V g l Keith Dowman: »Sky Dancer«, London 1984, S. 297.
13 Vgl. Manjusrimitra: »Primordial Experience«, übersetzt v. Namkhai
Norbu u n d Kennard Lipman, London 1987, S.6.
14 Zit. nach: Yeshe Tsogyal: »The Lotus-Born«, S.16-19, Zusammenfas-
sung d. Autors.
15 Vgl. Daisaku Ikeda, »Buddhismus. Das erste Jahrtausend«, S. 57-76.
16 Vgl. Jamgon Kongtrul L:»The Precious Garland of Lapislazuli«, Vol.
L, Rinchen Terdzö in: Yeshe Tsogyal: »Dakini Teachings«, S.XXI.
17 So ist einer der frühesten Dzogchen-Texte, das »dGongs'dus-Tantra«,
Ende des 8 J h . wahrscheinlich noch unter der Schirmherrschaft des
Lotusgeborenen Guru aus d e m Drusha-Dialekt v o n einem der acht
großen Wissenshalter - Vidyadhara Chetsan-Kye von Gilgit - für
seinen Schüler Nub Sangye Yeshe ins Tibetische übersetzt worden
(vgl. J o h n Reynolds: »The Golden Letters«, Ithaca 1996 S.220). Nub
Sangye Yeshe finden wir dann unter den 25 engsten Schülern von
Guru Rinpoche wieder, denen er die geheimen Unterweisungen gab.
18 Vgl. Keith Dowman: »Sky Dancer«, S. 340.
19 Vgl. Per Kvaerne: »AspecLs of the Origin of Buddhist Tradition in
Tibet« in: N u m e n Nr. 19 (1979) und Namkhai Norbu: »The Necklace
of gZhi: A Cultural History of Tibet« (Dharamsala: - LTWA, 1981
S.17-19).

224
20 Vgl. John Reynolds, »The Golden Letters«, S.225-227.
21 Vgl. Swami. Muktananda, »Chitsliakti Vilas«, Ganeshpuri, 1972 und
Bettina Bäumer, »Abhinavagupta, Wege ins Licht«, Zürich 1992.
22 Der bedeutendste Heilige des Kashmir-Shaivismus, Abhinavagupta,
soll einen tibetischen Meister unter seinen Lehrern gehabt haben (vgl.
Kanti Chandra Pandey: »Abhinavagupta: An Historical and Philoso-
phical Study«, Varanasi, 1963).
23 Es wäre jedoch vorschnell zu urteilen, dass die Bönkultur Tibets mit
ihrer eigenen Dzogchenübertragung einfach ein Produkt der Ausein-
andersetzung mit dem frühen Buddhismus in dieser Gegend ist. Neuere
Forschungen belegen, dass die Bön auch bei anderen Beispielen Recht
behielten, in denen sie behaupteten, eine eigene, präbuddhistische
Tradition zu sein. So bauten sie bereits vor der Zeitenwende, und
damit vor dem Kontakt mit dem Buddhismus, im Karakorum, in
Ladakh und entlang der Seidenstraße ihre ganz typischen Stupas
(vgl.KarlJettmar: »Zwischen Gandhara und den Seidenstraßen«, Mainz
1987 und Giacomella Orofino in East and West 1991).
In der Frage nach der wechselseitigen Beeinflussung von Bön und
tibetischem Buddhismus kommt Agehananda Bharati (»The Tantric
Tradition«, New Dehli 1965, S.65, Übersetzung d. Autors) zu dem
folgenden Schluss: »Ähnliche Bemühungen führen zu unabhängig
gefundenen parallelen Lösungen in religiösen und mystischen Fragen,
sogar in Gegenden, die keinen wechselseitigen Austausch pflegten.«
24 Die historische Genauigkeit aller folgenden Daten ist schwer zu veri-
fizieren. Verschiedene tibetische Quellen differieren in ihren Jahres-
zahlen bis zu 50 Jahren (z.B. datiert Dowman, nach den Tun Huang-
Chroniken, die Ankunft Padmasambhavas in Tibet 765 n. Chr., Erik
Hein Schmidt hingegen folgt Jamgon Kongtrul L und nennt das Jahr
810). Erschwerend kommt hinzu, dass tibetische Autoren nach ver-
schiedenen asiatischen Kalendern kalkulieren, außerdem werden in
einigen Chroniken, altindischer Tradition folgend, Halbjahre gerechnet.
Keith Dowman, John Reynolds und andere westliche Autoren folgen
im Wesentlichen den Tun Huang-Chroniken bzw. den Tun Huang-
Annalen, sowie den so genannten roten Annalen, die auf die chinesi-
schen T'ang-Annalen aufbauen (vgl. »The History of the T'ang Dynasty«,
Journal Asiatique, Paris 1894, part II und Sino-Indian Studies I, 1971)
und beziehen auch die Berechnungen von G. Tucci ein: »Tibetan
Painted Scrolls«, Rome 1949, und »Die Religionen Tibets und der
Mongolei«, Stuttgart 1970). Wir folgen der Konsistenz wegen Dowmans
Schlussfolgerungen, da sie die meisten Quellen textkritisch, verarbeitet
haben, auch wenn einige Widersprüche unerklärt bleiben. Weitere
Daten finden sich in »Tibet, a Political History« von W. Shakabpa und
»Cultural History of Tibet« von dem eminenten Tibetologen David
Snellgrove (mit Richardson), New York 1965. Das für die Nyingma-
schule maßgebende Werk ist S.H. Dudjom Rinpoches: »The Nyingma
School, its History and Fundamentals«, übersetzt von Gyurme Dorje
und Matthew Kapstein, London 1991. Dudjom Rinpoche allerdings
datiert Padmasambhavas Ankunft in Tibet ebenfalls auf das Jahr 810

225
u n d den Bauabschluss Samyes auf 814, räumt aber ein, dass mögli-
cherweise alle Daten um einen 60 Jahre-Zyklus falsch berechnet sind,
also 60 Jahre jeweils abgezogen werden müssten.
Bei Sichtung des vorliegenden Materials scheint der Versuch, histori-
sche Fakten aus Legenden zu destillieren, im besten Fall eine Annä-
herung an mögliche Zusammenhänge zu liefern. Was in Tibet geschah,
ergibt sich oft eher aus den allgemeinen Entwicklungen der Kultur-,
bzw. Zeitgeschichte in Zentralasien als aus tibetischen Quellen (vgl.
Christopher I. Beckwith »The Tibetan Empire in Central Asia«,
Princeton 1972). Aus der Betrachtung der heute wirkenden Faktoren,
können wir die Keime dieser Entwicklung zu ihrem Ursprung zu-
rückverfolgen, um uns daraus ein plausibles Bild zu machen. Besonders
die Verfolgung des Buddhismus durch Langdarma (836-842) bedeutete
eine Unterbrechung in der schriftlichen Überlieferung und die Zer-
störung vieler historischer Dokumente. Spätere tibetische Autoren
behandelten in Ermangelung schriftlicher Quellen die historische
Entwicklung mehr als Entfaltung eines metaphorischen Mysterien-
spiels. Auch unser Exkurs in die sozialen u n d politischen Umstände
dieser Zeit versucht deshalb eher, die zugrunde liegenden Muster einer
geistigen Entwicklung, die oft genug in der Vielfalt einzelner Daten
verschüttet werden, herauszuarbeiten, als durch die Aufzählung wi-
dersprüchlicher Angaben j e d e n Schluss zur Bedeutungslosigkeit zu
relativieren.
25 Zit. nach: Snellgrove and Richardson: » A Cultural History of Tibet«,
S.31, Übersetzung d. Autors.
26 Chagdud Tulku, der ais Wiedergeburt von Tonmi Sambhota gilt, wies
Lama Yönten Goupo darauf hin, dass diese Schrift aus schon vorhan-
denen tibetischen Schrifteh^synthetisiert und nicht gänzlich neu er-
funden wurde (pers. Mitteilung, Kathmandu 1996).
27 Interview mit Chogyal Namkhai Norbu: Chö Yang VI., Dharamsala
1994, S. 8 1 .
28 Vgl. Michael A. Nikolazzi: »Mönche, Geister u n d Schamanen«, Düs-
seldorf 1995, S.23.
29 Max Henning (Übers.): »Der Koran« Stuttgart 1960, S.15.
30 Zit. nach: Taiko Yamasaki: »Shingon«, München 1990, S.U.
31 Vgl. Michael A. Nikolazzi: »Mönche, Geister und Schamanen«, Düs-
seldorf 1995, S.29 und Taiko Yamasaki: »Shingon«, München 1990,
S. 12 u n d 14.
32 Dies war die erste Auseinandersetzung einer indigenen Kultur mit der
Invasion einer doktrinären u n d totalitären Ideologie, die den Anspruch
erhebt, die einzige Lösung für alle zu haben u n d jede andere Lehre
zerstören zu dürfen. Dies ist in einer gewissen Weise der erste Einbruch
der Moderne, die ab dem 15 J h . überall auf der Welt zur Zerstörung
uralter Kulturen führte. Zu einem bestimmenden Kennzeichen der
Neuzeit wurde die Selbstgewissheit ihrer Vertreter, sich z u m
Vollstrecker des Schicksals »rückständiger« Kulturen machen zu
dürfen. Vgl. dazu Mohawk Nation: »A Basic Call to Consciousness«,
erschienen bei Akwesasne Notes, Via Roosevelt Town, New York 1978.

226
33 Der Koran, Sure 22,65 und Sure 14,32 (alle Koran-Zitate nach Bürgel,
J.Ch. »Allmacht und Mächtigkeit«, München 1991).
34 Solchen »Toren«, die sich der Unterwerfung durch den Islam wider-
setzten, sagt der Koran: »Glaubt wie die Menschen glauben!« (Ebd.,
Sure 2,12) und schließt den, der nicht glaubt, aus dem Kreis der
Menschen aus: »Die schlimmsten der Tiere vor Gott sind jene Tauben
und Stummen, die nicht begreifen.« (Ebd., Sure 8,22).
Der gläubige Mohammedaner begeht also keine Sünde, denn er tötet
ja keine Menschen, und außerdem versichert ihm der Koran in diesem
Fall: »Nicht ihr habt sie getötet, sondern Gott. Und nicht du hast
geschossen, als du schössest, sondern Gott.« (Ebd., Sure 8,17).
35 Ebd., Sure 4,89.
36 Ebd., Sure 47,4.
37 Vgl. J. Ch. Bürge! »Allmacht und Mächtigkeit«, München, S. 73-81.
38 Der Koran, Sure 7,180.
39 Keith Dowman: »Sky Dancer«, London 1984, S. 310-311 und Michael
A. Nikolazzi: »Mönche, Geister und Schamanen« Düsseldorf, 1995
S.20.
40 Agehananda Bharati: »The Tantric Tradition«, S.63.
41 Michael A. Nikolazzi: »Mönche, Geister und Schamanen«, S.23.
42 Ebd., S.23.
43 Keith Dowman, »Sky Dancer«, S. 309-311.
44 Ebd., S. 311.
45 Zit. nach Yeshe Tsogyal: »The Lotus-Born« London 1993, S.24, Übers,
d. Autors.
46 Keine Religion entsteht aus einem Vakuum, sondern zeigt in der Form,
die sie entfaltet, die sozialen und historischen Bedingungen, die in
ihrer prägenden Phase herrschten. So wirken bei der Begegnung des
tibetischen Buddhismus mit dem Westen immer noch Kräfte, die ihre
Ursache in seiner Gründungsphase haben. Bei der Rezeption des
Vajrayana im Westen wird es hier unbedingt nötig sein, die historischen
und sozialen Bedingungen dieser Zeit von der Essenz der Lehre zu
trennen.
Die ausgesprochene Absicht, das Buddhadharma im Land des
Schnees für das Wohl der Menschen in der Zukunft intakt zu
erhalten, bedurfte einer großen Orthodoxie und gesicherten Hier-
archie, die in einer tiefen Widersprüchlichkeit zur befreienden
Kraft der tantrischen Revolution stand, einer Revolution, die in
Indien durch den Einbruch des Islam nie ihre Wirkung entfalten
konnte. Im Westen wird aber gerade diese grenzauflösende Befrei-
ung in den Lehren des tibetischen Buddhismus gesucht. Insofern
streben tausend Jahre lang dormante Entwicklungen auf ihre Ent-
faltung in der Auseinandersetzung mit den westlichen Werten der
Aufklärung und des Humanismus zu.
47 Vgl. Keith Dowman:»Die Meister der Mahamudra«, München, 1991
und »Die Meister des Tantra. Leben und Legenden der Mahasiddhas«,
Basel 1988.
48 Vgl. Yeshe Tsogyal, »The Lotus-Born«, S. 215.

227
49 Vgl. Tenzin Wangyal »Der kurze Weg zur Erleuchtung. Dzogchen-
Meditation nach den Bön-Lehren Tibets«, S. 40.
50 Chogyal Norbu Namkhai: Chö Yang VI, S. 82.
51 Dies erklärt auch w a r u m die Dzogchenlehren bei den Bön bis heute
leicht zugänglich sind u n d ganz unverkrampft vermittelt werden. Denn
die in Westtibet heimischen Bön waren nie in dem Spannungsfeld
zwischen brahmanischer Orthodoxie u n d radikalem Erleuchtungsweg,
dem die indische Übertragungslinie ausgesetzt war.
52 Insbesondere bei der Rezeption des Vajrayana im Westen mit seinen
demokratischen und egalitären Grundwerten brechen hier alte Dicho-
tomien wieder auf u n d verlangen nach, der Lösung für eine Entwick-
lung, die in Indien durch den Einfall des Islam nie zu Ende gebracht
wurde.
53 Vgl. Dujom Rinpoche: »rNying-ma'i chos-'byung« übersetzt von Gyur-
me Dorje and Matthew Kapstein, in: The Nyingma School of Tibetan
Buddhism. Its Fundamentals and History, Boston 1991.
54 Vgl. Taiko Yamasaki »Shingon. Der esoterische Buddhismus in Japan«,
München 1988, S. 14.
55 B. Bhattacharyya weist darauf hin, dass Kalachakra oder das Rad der
Zeit von einer bestimmten Gruppe (von Buddhisten) propagiert wurde,
die die Hindus mit den Buddhisten unter der ökumenischen Flagge
des gemeinsamen Gottes der Zeit, Mahakala, zu vereinigen suchte,
um eine geschlossene Front gegen die kulturelle Vergewaltigung durch
arabische Völker zu bilden, die bereits Zentralasien u n d den Iran
überrannt hatten.(zit. n. Agehananda Bharati: »The Tantric Tradition«,
S. 21). Tatsächlich fällt auf, wie agressiv im Verhältnis zu den
pazifistischen Idealen der buddhistischen Frühzeit dieses Tantra for-
muliert ist, in dem gezielt dafür geworben wird, die islamischen Horden
zurückzuwerfen, um das Armageddon am Ende der Zeit zu verhindern.
Als das Kalachakra-Tantra 1027 n. Chr. schließlich Tibet erreichte, &
wurde es als so wichtig erachtet, dass eine neue Zeitrechnung darauf
begründet wurde. Da zuMieser Zeit bereits zwölf »Verkünder« in der
indischen Übertragungslinie dieses Tantras gezählt wurden, liegt es
nahe, das erste Auftauchen des Kalachakratantra im frühen 8. Jh. zu
vermuten.
56 Eine Entscheidung, die die Chinesen in den letzten tausend Jahren
bestimmt schon oft bereuten, wie Keith Dowman ausführt(»Sky Dan-
cer«, S. 314).
57 Siehe auch: Karl Scherer, »Atem als Tor«, Freiburg 1991, S. 53-83.
58 Vgl. Michael von Brück, Whalen Lai: »Buddhismus und Christentum«,
München 1997, S. 314.
59 Vgl. Dowman, Sky Dancer, S.301.
60 Vgl. Daisaku Ikeda:»Buddhismus, das erste Jahrtausend«, S.99-112.
61 »Shakti and Shakta«, Madras 1975, S. 123-130.
62 Die Ritualtexte dieser Praxis berichten, wie der große Hinduseher
Vasistha von dem Gott Vishnu in der Gestalt Buddhas die Anweisung
erhielt, den Kult der Göttin Kah entsprechend diesem Text zu ändern.
Von n u n an sollte die Göttin als Tara - die Mutter aller Buddhas -

228
angebetet werden u n d die tantrischen Riten einen sehr »linkshändi-
gen«, unorthodoxen Verlauf nehmen, der fast alle Regeln v o n Kaste
u n d ritueller Reinheit für Brahmanen durchbricht und überwindet.
Die Einzelheiten dieser Praxis erinnern dabei an die von tibetischen
Yogis zelebrierten Opferfeste oder Ganachakrapujas, wie sie im tibe-
tisch-buddhistischen Anuttaratantra u n d Mahayoga gefunden werden
(vgl. J. Reynolds, »The Golden Letters«, Ithaca 1996, S. 244 ff.).
Wir wundern u n s natürlich über die plötzliche Gleichsetzung von
Buddha mit Vishnu, können sie aber als den Versuch sehen, doktrinäre
Widersprüche zum Hinduismus u n d seinem Kastensystem, die von
dieser Praxis aufgerissen werden, zu beseitigen oder zumindest vor
der brahmanischen Orthodoxie und damit Gerichtsbarkeit zu authen-
tizieren, um die Anhänger der Praxis vor Verfolgung zu schützen.
63 Darunter befinden sich das Kubjika Tantra (12. Jh.), die Rudrayamala,
die Brahmanamala (8. Jh.), sowie das Sammoha Tantra (13 J h . ) u n d
das Tara Tantra (10. Jh.), die alle sowohl von Hindus als auch von
Buddhisten geübt werden.
Vgl. »The Tantric Tradition«, S. 66-84.
64 Vgl. B. Bhattacharyya »Indian Buddhist Iconography III S. 80« (Sad-
hanamala No 141).
65 Der zeitgenössische Dzogchenmeister Namkhai Norbu hat im Zug
seiner Forschungen in den Ruinen des vorbuddhistischen Zhang
Zhung-Königreiches Tontafeln in einer prototibetischen Schrift mit
Dzogchentexten (persönl. Mitteilung in Freiburg 1989) gefunden, die
er als erheblich älter als die buddhistische Mission in Tibet, einschätzt.
Daraus folgert er, dass Dzogchen die Essenz hinter jeder Religion ist
und somit auch jenseits einer bestimmten Tradition steht, u n d erkennt
eine indigene Dzogchentradition, die bereits vor Ankunft des Bud-
dhismus in Tibet bestand, an. Diese Ansicht vertritt auch der vom
Dalai Lama sehr geschätzte Bönmeister Lopön Tenzin Namdak, der
die Biographien und Lehren aller Dzogchenmeister der Urreligion
Tibets erforscht hat u n d dabei eine Kontinuität von mindestens
dreieinhalb Tausend Jahren ununterbrochener Übertragung entdeckte.
66 Vgl. Kanti Pandey Chandra, »Abhinavagupta. An Historical and Phi-
losophical Study«, Varanasi 1963; und J. Reynolds, a.a.O.
67 Vgl. Garma C.C. Chang »Mahamudra-Fibel, Einführung in den tibe-
tischen Zen-Buddhismus«, Wien 1979, S. 13-23.
68 Auch Buton, der den tibetischen Kanon, Kangyur u n d Tangyur,
editierte, verwarf die meisten Texte, die in der ersten Übersetzungs-
phase aus Kashmir, Oddiyana u n d Kothan gekommen waren mit der
Begründung, dass sie dort von »chinesischem Einfluss beschmutzt«
worden seien. (Vgl. Dowman, »Sky Dancer«, S. 285-288).
69 Vgl. Dowman »SkyDancer« S. 300.
70 Vgl. Keith Dowman: »Sky Dancer«, S. 283.
71 Zit. nach: Yeshe Tsogyal, »The Lotus-Born«, S. 23-25, Übers, d. Autors.

229
Nachwort des Herausgebers

1 Vgl. Janet Gyatso, »The Literary Transmission of the Traditions of


Thang-Stong rGyal-po. A Study of Visionary Buddhism in Tibet«,
Berkeley 1981, S. 61.
2 Vgl. Gyatso, S.66.
3 Vgl. Gyatso, S.66.
4 Ebd., S.61.
5 Ebd.
6 In: EvaDargyay, »The Rise of Esoteric Buddhism in Tibet«, New Delhi
1965.
7 Zit. nach: Gyatso, S.91, Übersetzung d. Autors.
8 Vgl. Dowman, »Meister des Tantra«, Basel 1988, S.35.
9 Jamgon Kongtrul, gTer rnam rgya rtsa, S. 683, zit. nach: Gyatso, S.67,
Übersetzung d. Autors.
10 Vgl. Gyatso, S.70.
11 in: »The Religion of Tibet«, London 1971, S. 24.
1.2 Dowman, »Sky Dancer«, London 1984, S.291, Übersetzung d. Autors.

Nachwort von Chhimed Rigdzin


1 D.h. der Weg, wie das Leben ethisch zu gestalten ist.
2 D.h. Dharmakaya, den absoluten- oder Bewusstseinskörper; Sambogha-
kaya, den mentalen oder visionären Lichtkörper; sowie Nirmanakaya,
den Erscheinungs- oder Mitgefühlskörper.
3 Ein Vorwurf, den sich mancher Sutratext gefallen lassen muss, da der
Buddhismus in Indien lange das Steckenpferd der Brahmänensöhne
war, die deswegen keine Notwendigkeit sahen, dem Hinduismus zu
entsagen - was der Hinduismus als einzige Religion auch nicht
verlangte - aber zu »Angleichungen« der buddhistischen Lehren an
hinduistische Vorstellungen führte.
4 Tibetische Geschichte kennt keine Differenzierung zwischen den har-
ten Fakten der objektiven historischen Ereignisse und den visionären
Zyklen der spirituellen Dimension, die anderswo als Mythologie
bezeichnet wird. So werden mythische Welten wie Shambala als
genauso reale Orte angesehen wie geographische Lokalitäten, und die
\ Äonen der Weltzeitalter koexistieren mit der exakten Zeitmessung
i durch Chronometer.
5! »Erleuchtungs-Wesen«, die ihre eigene Erleuchtung aufschieben, um
/' allen leidenden Wesen helfen zu können.
6 Eine essentielle Praxis tantrischer Yogis.
7 D.h. auch den Segen und Auftrag des eigenen Meisters zu haben, der
erst erteilt wird, wenn die Buddhanatur zweifelsfrei erkannt wird und
sich liebende Güte und Allerbarmen als Hauptmotivation entwickelt
haben.

230
BIBLIOGRAFIE

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chen 1988

232
Glossar

Akanishta-Himmel (skrt. = »Nichts geht höher«): Das höchste Paradies.


Amitabha (skrt.): Buddha des unermesslichen Lichtes, der gelobt hat, alle,
die ihn in der Stunde ihres Todes anrufen, zu erlösen.
Amitayus: Buddha des ewigen Lebens, Sambhogakayaform von Amitabha,
wird in den Lang-Lebens-Ritualen angerufen.
Ananda: Der Lieblingsschüler und Cousin von Buddha Shakyamuni. Da er
sich an jede Lehrrede Buddhas wortgenau erinnern konnte, beginnt
jedes Sutra im Pali-Kanon mit seinen Worten: »Einst habe ich gehört...«.
Arhat: Mönch oder Asket, der die höchste Stufe im Hinayana, jenseits von
Leidenschaften und Befleckungen erreicht hat - kann nach dem Tod
völlig im Nirvana erlöschen, obwohl er noch kein Buddha ist.
Ashoka: Indischer König (272-236 v.Chr. + 231), der nach seiner Konver-
tierung zum Buddhismus den Dharma bis nach Ceylon brachte.
Atiyoga (skrt. »Außergewöhnliches Yoga): Synonym für Dzogchen.
Avalokiteshvara (skrt.): Der Bodhisattva des Mitgefühls. Entspricht Chen-
rezig (tibet.) Kannon (jap.) und Kuan-Yi (chin.).
Bardo (übet.): Zustand zwischen zwei Seinsweisen. Es gibt sechs Bardos:
1. - der Geburt, 2. - des Traums, 3.- der Meditation, 4. - des Sterbens,
5. - der höchsten Wirklichkeit und 6. - des Werdens. Die letzten drei
beschreiben den 49 Tage dauernden Prozess zwischen Tod und Wie-
dergeburt.
Bardo Thödol: Ein Termatext von Padmasambhava, der als Teil der
Dzogchenlehre beschreibt, wie man durch Meditationsübung im Leben
im Augenblick des Todes zur Befreiung gelangt - kann auch Sterbenden
vorgelesen werden, um sie an die wahre Natur des Geistes zu erinnern.
Bodhicitta (skrt.): »Der erleuchtete Geist«, im Relativen der mitfühlende
Wunsch die Erleuchtung zu suchen, um alle Wesen retten zu können.
Im Absoluten ist es die eingeborene Gewahrheit der Natur des Geistes.
Bodhisattva (skrt.): »Erleuchtungswesen«, das aus Allerbarmen Mahakaruna
auf das Erlöschen im Nirvana verzichtet, bis alle Wesen erlöst sind.
Bon (tibet.): wörtl. »Lehre« Vorbuddhistische Urreligion Tibets, die auf
einen früheren erleuchteten, Tönpa Sherab, in Shambala zurückgeht.
Bodhgaya: Ort der Erleuchtung Shakyamuni Buddhas in Nordindien.
Buddhanatur: Die wahre, unveränderliche und ewige Natur aller Wesen,
die, in der Erleuchtungserfahrung erkannt, Buddhaschaft möglich
macht.
Ch'an (chin.): Synonym für jap. Zen.
Ch.mre.zig (tibet. wörtl. »Liebevolle Augen«): Avalokiteshvara.
Chhimed Rigzin Rinpoche: Zeitgenössischer Meister der Nyingmaschule, hält
die Übertragungslinie der berühmten Khordong Terchen-Termas.
Chimpu: Meditationsklause in den Bergen oberhalb von Samye Ling.
Chogyur Dechen Lingpa (1829-1879): Bedeutender Tertön. Zusammen mit
Jamgon Kongtrul Begründer der ökumenischen Rime-Bewegung.

233
Chogyur Tersar: Sammlung der von Chogyur Lingpa gefundenen Termas.
Dakini: Weibliche tantrische Gottheit, die den Dharma schützt u n d Yogis
zur Erleuchtung führt - Verkörperung der weiblichen Erleuchtungse-
nergie.
Deva (skrt.): »Götter« im klassischen Sinn die höchste der sechs Seinsweisen
in Samsara. Im Vajrayana Gottheit, die der tantrische Yogi visualisiert.
Dharma (skrt.): Die Lehre oder auch die Ordnung der Welt. Hier meist
die buddhistische Lehre, kann aber auch die Wahrheit an sich meinen.
»Dharmas« kann auch die Summe aller Phänomene bedeuten.
Dharmakaya (skrt.): »Körper der absoluten Wahrheit«. Die Gestalt des
erleuchteten Geistes, frei von jeder Begriffhchkeit. In Dzogchen der
selbsterleuchtende, unkonditionierte Aspekt des eigenen Geistes.
Dharmapala ( s k r t ) : Übermenschliche Schützer der Lehre, z.T. z u m Bud-
dhismus konvertierte Götter der Dämonen des Hinduismus, des Bön,
etc., z.T. zornvolle Erscheinungsformen der Buddhas u n d Bodhisattvas.
Dorje Chang (tibet.): Vajradhara.
Dorje Sanpa ( ü b e t ) : Vajrasattva.
Dorje Thötrengtsal: Einer der Namen für Padmasambhava.
Drenpa Namkha: Großer Bönmeister u n d einer der 25 Mahasiddhas.
Dzo (übet.): Kreuzung von Yak u n d Rind.
Dzogchen (tibet.): Kurzform für Dzogpachenpo »Die große Vollendung«,
die uranfänglich rein ist u n d sich spontan entfaltet. Das neunte u n d
höchste Yana der Nyingmaschule, das alle Kausahtät u n d Dualität
übersteigt.
Erleuchtung: In der Erleuchtungserfahrung offenbart sich die Urvollkom-
menheit (Dharmakaya) alles Seienden als Gleichheit von Samsara und
Nirvana. Hier wird der eigene Geist als die Buddhanatur erkannt, die
nie unwissend war und nicht entwickelt werden muss. Vollkommene
Erleuchtung ist ohne Unterbrechung in diesen Zustand u n d wirkt ohne
Hindernisse.
Garah Dorje (tibet.): Auch Prahevajra oder Anandavajra ( s k r t ) - »Der *
glückliche Diamant« wurde von einer jungfräulichen Nonne als Enkel
des Königs von Oddiyana geboren und wurde der erste Mensch, der
die Dzogchenlehre erhielt u n d zwar direkt von den Buddhas Vajrasattva
u n d Vajrapani. Sein Nachfolger war Manjushrimitra, der Lehrer von
Sri Singha.
Guru Padma: Einer der Namen für Padmasambhava.
Gum Rinpoche: Einer der Namen für Padmasambhava.
Hayagriva: Eine zornvolle Form von Avalokiteshvara.
Heruka: Wörtl. »Bluttrinker« - eine Klasse zomvoller männlicher Gottheiten.
Hinayana (skrt. »Kleines Fahrzeug«): s. Einführung S. 36ff.
Jambudvipa ( s k r t ) : Die uns bekannte Welt nach der indischen Kosmologie.
Jamgon Kongtrul I. (1813-1899): Auch als Lodrö Thaye u n d Yungdrung
Lingpa bekannter Meister der Rime-Bewegung, dessen bekanntestes
Werk das 36-bändige Rinchen Terdzö, die Sammlung der Nyingma-
Termas ist.
Jatshon Nyingpo: Dzogchen-Yogi und Tertön, dessen Könchog Chidu-Zyklus
auch von der Karma-Kagyü-Schule praktiziert wird (s.S. 165).

234
Kaliyuga: Das »Eiserne Zeitalter«, in dem Außen- u n d Innenwelt von Hass,
Gier u n d Unwissenheit zerstört werden u n d die Menschen n u r noch
• geringe Fähigkeit zur Meditation haben.
Könchog Chidu (tibet. »Essenz der 3 Juwelen«): Ein Termazyklus von
Jatshon Nyingpo, der neben Belehrungen und Meditatiortsanweisungen
auch äußere, innere u n d geheime Ritualtexte enthält.
Kriyga Yoga (skrt.): Das vierte der Neun Yanas, welches Reinheit u n d
tugendhaftes Verhalten In den Vordergrund stellt.
Kuntuzango (tibet.): für Samanthabhadra.
Lama (tibet.): »Nichts ist höher« Spiritueller Lehrer. Manchmal auch
buddhistischer Mönch oder Yogi, der ein dreijähriges Retreat absolviert
hat.
Lopön (übet.): 1. Lehrer 2. Spiritueller Meister oder Lama.
Lopön Rinpoche (tibet. »Kostbarer Lehrer«): Name für Padmasambhava.
Maha-Ati (skrt. »Große Transzendenz«): Synonym für Dzogchen.
Mahakaruna (skrt. »Großes Erbarmen«): Beiname Avalokiteshvaras.
Mahamudra (skrt. »Großes Siegel«): Die höchste Lehre der Kagyüschule,
in der alle Phänomene als Einheit von Leerheit und Klarheit besiegelt
sind.
Mahayana (skrt. »Großes Fahrzeug«): s. Einführung S. 36ff.
Mandala (skrt. »Kreis«): Symbolische Repräsentation der Welt einer tan-
trischen Gottheit. Kreisförmige Ordnung des Kosmos um ein Zentrum.
Mandalaopferung: Die Vorstellung, das ganze Universum u n d das eigene
Leben als Opfer an die Buddhas d e m Erleuchtungprinzip unterzuord-
nen.
Manjushri (skrt.): Der Bodhisattva der Weisheit.
Mantra (skrt.): Die klangliche Manifestation erleuchteter Qualitäten, deren
Rezitation den Geist klärt und schützt.
Mantrayana (skrt. »Fahrzeug des Mantras«): Synonym für Vajrayana.
Meru: Mythischer Berg, um den als Achse die Welt z u m Mandala wird.
Nagas (skrt. »Schlangen«): Mächtige magische Wesen, die in tiefen Ge-
wässern oder unterirdisch leben und oft große Reichtümer hüten.
Nirmanakaya (skrt.): 1. Magischer »Erscheinungskörper«, den ein Buddha
aus Mitgefühl annimmt, um den leidenden Wesen helfen zu können.
2. Die freiwillige Inkarnation eines hohen Meisters; tibet. Tulku.
Nirvana (skrt.): Zustand der Befreiung oder Erleuchtung durch das Erlö-
schen von Hass, Gier u n d Ignoranz, den drei Ursachen von Samsara.
Nyong Wen Tingzin Zangpo: Hofpriester u n d Lehrer von König Trisong
Detsen. Dharmaerbe von Vimalamitras Dzogchenlinie.
Nyingmaschule: Die älteste Schule des tibet. Buddhismus, die in der ersten
Übersetzungsphase in Samye von Padraasarabhava u.a. gegründet wur-
de..
Oddiyana (skrt.) oder Orgyen (tibet.): Westafghanisches Königreich - ein
Zentrum der buddhistischen Gelehrsamkeit und die Wiege von
Dzogchen.
Padmakara (skrt.): einer der Namen für Padmasambhava.
Padmasambhava (skrt.): »Der Lotusgeborene«, gilt den Tibetern als zweiter
Buddha unserer Zeit, dessen Aufgabe es war, das Vajrayana zu lehren.

235

>
Palikanon: Erste Sammlung der Lehrreden von Buddha Shakyamuni.
Parinirvana (skrt.): Im Hinayana das vollständige Erlöschen nach dem Tod
eines Erleuchteten. Im Mahayana auch der Tod eines großen Meisters.
Phurba (übet.): Magischer Dolch, zerstört Hindernisse für die Erleuchtung.
Prajnaparamita (skrt. »Transzendente Weisheit«): Sutras, die die Erkenntnis
der Leerheit aller Phänomene vermitteln, was zu Weisheit führt.
Rdkshasa: Sagenhafte, kannibalische Wilde, auch ein Art von Dämonen.
Sadhana: Tantrischer Ritualtext zur Visualisations- und Mantrapraxis.
Samanthabhadra (skrt.): »Der Allumfassend Gute«, ist der Urbuddha, der
das ungeschaffene Absolute (Dharmakaya) verkörpert.
Samboghakaya (skrt. »Körper der höchsten Wonne«): Der Lichtkörper, den
Buddhas annehmen, um hochentwickelten Yogis und Bodhisattvas zu
erscheinen. Er kann nur übersinnlich wahrgenommen werden.
Samsara (skrt. »Wanderung«): Der endlose Kreislauf von Geburt, Tod und
Wiedergeburt, aus dem nur der Eintritt ins Nirvana befreit.
Samye Ling: Als Mandala gebaute Klosteranlage bei Lhasa im Yarlungtal.
Sangha (skrt. »Gruppe«): Im engeren Sinn die Gemeinschaft der Mönche
und Nonnen, im weiteren die Laienanhänger. Mit Buddha und Dharma
eines der drei Fundamente des Buddhismus und der Zufluchtnahme.
Siddha (skrt. »Vollkommener«): Ein erleuchteter Heiliger, der wundertätig
ist und durch sein Verhalten die konventionelle Realität als Illusion
zeigt.
Siddhi (skrt. »Vollkommene Fähigkeit«): Acht wunderbare Kräfte, die als
Beiprodukt spiritueller Praxis entstehen. Nur die Achte, die Erleuch-
tung, wird als außergewöhnlich und anstrebenswert betrachtet.
Siddhi Sankalpa: Die Kraft, Wünsche zu erfüllen.
Shang-Shung: Mythisches Reich erleuchteter Krieger und Hüter der Erde -
wird in der Wüste Gobi oder in einer feinstofflichen Dimension
vermutet.
Shantarakshita: Von Tibetern Khenpo Bodhisattva genannt. Abt von Vikra-
mashila in Indien und der erste Abt von Samye Ling.
Shakyamuni (skrt. »Der Weise Shakya«): Der historische Buddha, Siddharta
Gautama, ca. 563 v.Chr. als Prinz des Shakya-Geschlechts geboren. Er
erlangte mit 35 Jahren in Bodhgaya die vollkommene Erleuchtung. Bis
er mit 80 Jahren verstarb, verkündete er die Lehre von der Erleuchtung,
den Dharma und gründete den buddhistischen Orden, den Sangha.
Sri Singha: Im chinesischen Westturkestan geborener Meister von Pad-
masambhava, Vimalamitra etc. und drittes Glied in der Dzogchenüber-
tragung.
Stupa: Ein sakrales Bauwerk, das buddhistische Reliquien enthält und als
dreidimensionales Mandala den Buddhageist symbolisiert.
Sugata (skrt.): »Der die Glückseligkeit erreicht hat«. Synonym für Buddha.
Sutra (skrt. »Leitfaden«): Die Lehrreden Shakyamuni Buddhas.
Tantra (skrt. »Gewebe, Kontinuum«): Bezeichnet die Lehre von der Ein-
heitlichkeit der Welt als Spiel des Geistes. Im Vajrayana sind Tantras
die Texte, die den verschiedenen Meditationssystemen zugrunde liegen.
Tantrayana (skrt. »Fahrzeug der Tantras«): Synonym für Vajrayana.
Tathagatagarbha (skrt.): Wörtl.: Keim des Vollendeten Buddhanatur.

236
Tapihritsa: 24. Meister der Bön-Dzogchenlinie, der in der Bönschule als
Vereinigung aller Meister der archetypische Ur-Guru ist.
Terma: Spirituelle Schätze, meist von Yesche Tsogyal verborgen.
Tertön: Finder von Termas (s. S. 207-215 u n d 221).
Tirthika (skrt.): Philosophische oder religiöse Gegner des Buddhismus in
Indien
Theravada (skrt.): Die »Schule der Älteren«. Synonym, für Hinayana.
Tripitaka (skrt. »Drei Körbe«): Beinhaltet Buddha Shakyamunis Lehren,
bestehend aus Vinaya, Sutra und Abidharma (Philosophie).
Trisong Detsen: König von Tibet (755-797), ließ das Kloster Samye Ling
erbauen und die buddhistischen Schriften ins Tibetische übersetzen.
Tsele Natsok Rangdrol: Meister der Kagyü- u n d Nyingma im 17. Jh.
Tsepame (übet.): Amitayus.
Tulku (tibet.): Magische Erscheinung Nirmanakaya.
Tun Huang: Höhlenkloster in Nordwestchina, in dem um 1900 eine große
Anzahl von Texten und Kunstwerken aus dem 6. Jh. ausgegraben
wurde.
Turiya (skrt.): Wörtl. »Der Vierte« (Zustand der Erleuchtung) jenseits von
Wachen, Träumen u n d Tiefschlaf. Unbeschreibbare Einheit mit dem
Absoluten, ohne Begrifflichkeit, Identifikationen oder Kausalität.
Vajra (skrt. wörtl. »Donnerkeil«): Ritualobjekt, das die männliche Seite,
die geschickten Mittel des Erleuchtungswegs verkörpert. Wird im
Vajrayana als Diamant verstanden, dessen Unzerstörbarkeit die Essenz
der Wirklichkeit u n d dessen Klarheit die Leerheit der Phänomene
symbolisiert.
Vajradhara (skrt.): »Der Vajrahalter« ist der Dharmakayabuddha der neuen
Schulen. Auch der eigene Lehrer oder die Buddhanatur kann gemeint
sein.
Vajradhatu (skrt.): Unzerstörbarer, ungeborener Raum.
.Vajrasana ( s k r t ) : Wörtl. »Der Lotusthron«. Synonym für Bodhgaya.
Vajrayana (skrt. »Diamantfahrzeug«): Der äußerst schnelle Weg zur
Buddhaschaft, der, den Neigungen der verschiedenen Menschen ent-
sprechend, eine Fülle von Methoden kennt u n d das Resultat zum Weg
macht.
Vairocana: Der größte tibetische Übersetzer seiner Zeit, war ein direkter
Schüler von Sri Singha u n d war auch Dzogchenmeister der Böntradition.
Vairochana: »Der Sonnengleiche«. Einer der fünf Dhyanibuddhas.
Vidyadhara (skrt. »Weisheitsträger«): Ein Meister des Mahayoga-Tantra.
Padmasambhava, Vimalamitra, Shantigarbha, Prabhahasti und Dhana-
samskrita u.a. gehören zu den berühmten „Acht indischen Vidyad-
haras«.
Vimalamitra: Als einer der, größten Gelehrtern seiner Zeit war er ein
Dzogchen-Gegner, bis er von Sri Singha in einer Debatte besiegt wurde,
worauf er ihn als Meister annahm u n d schließlich zusammen mit
Padmasambhava und Vairocana die Dzogchenlinie der Nyingmas grün-
dete.
Vinaya (skrt.): Die Ordensregeln der buddhistischen Mönche.
Wu t'ai shan: Heiliger Berg in China (Shansi), an dem Manjushri lehrte.

237
Yana (skrt.): »Fahrzeug« (zur Erleuchtung) - Im Buddhismus werden
Hina-, Maha-und Vajrayana unterschieden. Das Vajryana kennt 9 Yanas.
Ycshe Tsogal: Prinzessin von Kharchen. Spirituelle Gefährtin und Haupt-
Schülerin Padmasambhavas. Mit absolutem Gedächtnis begabt, schrieb
sie alle seine Lehren nieder. Wird ab Dakini und weiblicher Buddha
verehrt.
Yi&am (übet.): Ein visualisierter Aspekt des GötÜichen Deva.
Yogachara: Mahayanaschule, deren Lehre sagt, alles Wahrnehmbare sei nur
Geist (Cittamatra). Wahrnehmungen seien immer Projektionen.
Yogi: Im Buddhismus ein Laienanhänger ohne Zölibat, der intensiv übt.
Zen (jap.): Schule des Mahayana, die in China im 6. Jh. entstand und die
Vorrangigkeit der Erleuchtung gegenüber religiösen Studien oder ri-
tuellen Praktiken betont, was zum Streit mit der Schule des Stufenwegs
der Erleuchtung führte, die ethische Vervollkommnung anstrebte,
während Zen lehrt, alle menschliche Güte aktualisiere sich in der
Erleuchtung. Direkter Weg zu dieser Erfahrung ist das Zazen (skrt.
Dhyana = Kontemplation, Versenkung) und., Koans genannte, paradoxe
Probleme, die nur jenseits der Dualität von Subjekt und Objekt gelöst
werden können.
R. und M. von Brück
DIE WELT DES
TIBETESCHEN BUDDHISMUS
Eine Begegnung
Mit einem Vorwort
des 14. Doloi Lama
160S. Zahlr. Fotos. Kart.
ISBN 3-466-20402-X

fer die vom politischen Schicksal bedrängte


Welt des tibetischen Buddhismus verstehen
will, muß zunächst die Grundelemente tibetischer
Spiritualität bzw. Religion kennenlernen. Dieses
Buch erschließt die Grundphänomene des tibeti-
schen Buddhismus für westliche Menschen und macht
sie vor dem kulturellen und religiösen Hintergrund
Tibets verständlich.

Kösel-Verlag München
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BHAGAVAD GITA
Mit einem spirituellen
Kommentar v. B. Griffiths
Übersetzt, eingeleitet und
erläutert v. M. von Brück
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ISBN 3466-20373-2

D urch die neue Übersetzung von Michael von


Brück wird diese heilige Schrift des Hinduis-
mus, die von frommen Gläubigen täglich rezitiert
w i r d , dem deutschen Leser nahe gebracht. Der
Kommentar von Bede Griffiths erschließt die Texte
für den christlich geprägten Menschen zur Medi-
tation oder als spirituelle Lektüre.

Kösel-Verlag München
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