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Alles Porno?!

Jugend und Sexualität 2010


Scobel (3sat) vom 04.11.2010 mit den Gästen Prof. Dr. Petra Grimm,
Johannes Gernert und Prof. Dr. Jakob Pastötter

Sprecher
Herzlich willkommen bei Scobel – heute mit dem Thema "Alles Porno?! –
Jugend und Sex 2010".

Scobel
Einen schönen guten Abend, meine Damen und Herren. Über Sexualität bei
Jugendlichen wird zurzeit heftig und kontrovers diskutiert. Wir beziehen uns
dabei heute vor allem auf die Debatte um "sexuelle Verwahrlosung" bei
Jugendlichen. Der Begriff ist aus mindestens zwei Gründen heikel. Der erste ist
historisch, denn "sexuelle Verwahrlosung" ist ein Begriff des National-
sozialismus. Als "sexuell verwahrlost" galten Mädchen, aber auch Frauen, die
viele oder aber gesellschaftlich nicht akzeptierte sexuelle Kontakte hatten. Die
Anklage "sexuelle Verwahrlosung" konnte dann zum gerichtlichen Verfahren
führen und zur Einweisung in ein Konzentrationslager.
Bis in die siebziger Jahre hielt sich der Begriff in der bundesdeutschen
Nachkriegspädagogik. 2006 wurde der Begriff "sexuelle Verwahrlosung" dann
wieder aktuell, als die Jugendorganisation der FDP die Freigabe von
Pornografie ab 16 forderte. Kritiker aus CDU und SPD argumentierten, dies
führe doch zur "sexuellen Verwahrlosung" – ein Thema, das die Medien seither
dankbar und meist reißerisch aufnehmen.
Wir wollen seriös darüber nachdenken – was zum zweiten heiklen Punkt führt:
Heikel ist nämlich die empirische Datenlage. Es gibt völlig widersprüchliche
Studien und Berichte. Deshalb ist man in kaum einer anderen aktuellen
kulturellen bzw. gesellschaftspolitischen Diskussion so schnell bei den
Vorurteilen. Schnell wird die Diskussion zum Spielball weltanschaulicher oder
politischer Vorstellungen, zumal jeder von uns weiß, dass die Pornodebatte wie
Weihnachten alle Jahre wieder kommt.
Beginnen wir mit der ersten These: Immer mehr Jugendliche lebten in einem
Zustand "sexueller Verwahrlosung". Warum eigentlich und was genau ist damit
gemeint?

Sprecher
Zurzeit ist sie eine der "Hauptverdächtigen": Die notorisch leichtbekleidete
Lady Gaga vermittele Kindern ein problematisches Bild von exzessiver,
sexualisierter Körperlichkeit, beklagte kürzlich die Frau des Verteidigungs-
ministers, Stephanie zu Guttenberg. Alles "voll Porno"? Die Sorge, dass unsere
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Kinder sexuell verrohen, geistert seit etwas drei Jahren durch die Medien.
Besonders in den bildungsfernen Quartieren der Unterschicht sollen
ungefilterter Pornokonsum und sexuelle Experimente schon im frühen Alter an
der Tagesordnung sein. Das zumindest schreiben Bernd Siggelkow und
Wolfgang Büscher von der Berliner Kindertageseinrichtung Arche in ihrem vor
zwei Jahren erschienenen Buch Deutschlands sexuelle Tragödie.
Bernd Siggelkow
Also, ich glaube, dass Deutschlands sexuelle Tragödie darin besteht, dass eine
Gruppe von Kindern viel zu früh ihre Sexualität lebt, ohne darüber sich
Gedanken zu machen, dass eben Geborgenheit und Liebe dazugehört -
sondern eher aufgrund von Problemen, die sie zu Hause haben:
Beziehungslosigkeit, sie sind nicht mehr konfliktfähig, sie sind häufig keine
Kinder mehr, weil sie ihrer Kindheit beraubt sind. Und dadurch wünschen sie
sich etwas anderes und probieren Dinge aus, die für ihre weitere Entwicklung
nicht gut sind.
(Einspielung eines Rapsongs) "Ihr Arsch hat geblutet, und ich bin gekommen.
Seit diesem Tag sing ich den Arschficksong..."
Sprecher
Pornorap-Texte wie Sidos "Arschficksong" könnten solche Kinder zur
Nachahmung anregen. Als noch gefährlicher jedoch wird der Einfluss des
Internets gewertet. Nie zuvor war es für Kinder und Jugendliche so einfach, an
Pornografie zu gelangen, kritisiert Siggelkows Co-Autor Wolfgang Büscher:
Wolfgang Büscher
Heute kommen sie, ohne Geld dafür zu bezahlen, mit einem einfachen
Mausklick auf eine Webseite und sehen dort letztendlich auch
gewaltverherrlichende Szenen, sie sehen Sex mit Tieren, leicht noch
heranzukommen, Sex mit Jugendlichen oder Kindern, und das verführt
letztendlich schon zu einer anderen Lebensweise. Da muss man eben sehr
aufpassen, dass Kinder das nicht als Normalität ansehen.
Sprecher
Als besonders cool gilt es, sich Pornos aufs Handy zu laden und dann im
Freundeskreis mit den krassesten Streifen zu prahlen. Das ist gängige Praxis
unter den Jugendlichen, und es wirkt sich auch durchaus auf ihr Verhalten aus,
findet der achtzehnjährige Marco aus der Arche:
Marco
Man schickt sich ja auch... wenn man irgendwie mal sich irgendwie jetzt
irgendwas angeguckt hat und denen eins gefällt, dann lässt man sich das halt
rüberschicken. Ich kenn ja viele, die dadurch dann sich verändern. Die baggern
ja halt gleich rum und wollen dann auch gleich.
Sprecher
In ihrem als "alarmistisch" gescholtenen Buch über Deutschlands sexuelle
Tragödie zeichnen Siggelkow und Büscher ein schockierendes Bild vom Leben
hinter den Fassaden deutscher Häuser.
Wolfgang Büscher
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In sehr vielen Familien laufen Pornos letztendlich tagsüber – die Mutter hat
einen neuen Freund, man schaut sich Pornos an. Die Kinder wachsen mit
Pornofilmen auf, das haben wir in vielen Familien sehr häufig. Sehr häufig
auch, dass der Vater auf den entsprechenden Seiten vorm Internet sitzt und an
sich herumspielt, obwohl die Kinder, die Lebenspartnerin dabei sind, das haben
wir auch sehr häufig...
Sprecher
Das mag es in Problemfamilien wie im Umfeld der Arche geben, aber reicht es
für den pädagogischen Großalarm? Wegen solcher Schilderungen hat man den
Autoren Übertreibung vorgeworfen. So porno- und sexfixiert, wie sie von
Siggelkow und Büscher dargestellt würden, seien die meisten Jugendlichen
überhaupt nicht, behaupten Wissenschaftler.
Bernd Siggelkow
Wir haben ja auch nicht den Anspruch erhoben: "Das ist eine repräsentative
Studie", sondern es sind Erfahrungsberichte, und es ist nicht eine theoretische
Erfahrung. Ja, also wir sind nicht umhergegangen und haben irgendwelche
Jugendlichen auf der Straße befragt, sondern wir erleben das täglich in unserer
Arbeit. So wie viele Sozialarbeiter das auch erleben, die aber nicht so vielleicht
darüber reden.
Sprecher
Im Sommer schockierten Berichte von brutalen Vergewaltigungen von Kindern
durch Jugendliche bei einer Sportfreizeit auf einer Nordseeinsel die ganze
Nation. Standen hier Internetpornos und Porno-Rap Pate? Die Experten sind
sich uneins: Es gibt zweifellos immer mehr Pornografie - wie sie wirkt, ist
jedoch umstritten.

Scobel
Die Gäste meiner heutigen Sendung: Im Studio begrüße ich heute Petra
Grimm – schönen guten Abend!
Petra Grimm
Guten Abend!
Scobel
Professorin für Medienforschung und Kommunikationswissenschaften an der
Hochschule der Medien Stuttgart und auch deren Ethikbeauftragte. Sie ist Co-
Autorin der Studie bzw. des Buches Porno im Web 2.0: Die Bedeutung
sexualisierter Web-Inhalte in der Lebenswelt von Jugendlichen.
Dann begrüße ich Johannes Gernert – schönen guten Abend!
Journalist, Reporter, Redakteur bei der taz, Autor für die Frankfurter
Rundschau, Spiegel Online, stern.de; und von Ihnen stammt das vielzitierte
Buch Generation Porno: Jugend, Sex, Internet.
Und ich begrüße Jakob Pastötter – schönen guten Abend!
Jakob Pastötter
Guten Abend!
Scobel
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Extra aus London gekommen für uns heute. Präsident der Deutschen
Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS), und Sie
lehren an der Akademie für klinische Sexualwissenschaften in Orlando, Florida,
waren maßgeblich an der Erstellung und Auswertung einer Studie 2008
beteiligt und arbeiten jetzt an einer nationalen Studie über das
Sexualverhalten von Teenagern und jungen Erwachsenen in Deutschland.
Versuchen wir doch mal, uns da langsam ranzupirschen; denn ich habe das ja
eben schon angedeutet: Mit der empirischen Datenlage ist das gar nicht so
einfach. Also, wenn man von "sexueller Verwahrlosung" hört, dann meistens
im Zusammenhang mit Internet und Pornografie im Internet. Reicht das schon,
um von "sexueller Verwahrlosung" zu sprechen?
Jakob Pastötter
Ich glaube, der Begriff ist tatsächlich sehr unglücklich gewählt; denn es schafft
den Eindruck, als ginge es tatsächlich hier in erster Linie um die Sexualität. In
erster Linie geht es aber darum, dass – das sagt, glaube ich, auch Siggelkow
sehr deutlich – dass Erwachsene nicht die Funktion, die sie für Kinder und
Jugendliche haben, ernst nehmen und übernehmen.
Scobel
Welche ist das?
Jakob Pastötter
Vorbilder gerade in Bezug darauf zu sein, was reifes, erwachsenes Verhalten
von Männern und von Frauen ist. Stattdessen leben, offensichtlich in
bestimmten Schichten besonders häufig - nur, ich glaube auch, das trügt ein
wenig – ich glaube, dass wir es hier an sich mit einem Problem vieler heutiger
Erwachsener zu tun haben. Die wissen selbst nicht mehr genau, was es
eigentlich heißt, Frau zu sein oder Mann zu sein, und können dementsprechend
auch sehr schlecht Kindern und Jugendlichen wirklich ein Vorbild geben. Ein
Stichwort in dem Zusammenhang: die "vaterlose Gesellschaft". Wenn Männer
nicht präsent sind, dann übernehmen quasi notgedrungen, weil ein Vakuum da
ist, Bilder aus den Medien diese Rolle.
Scobel
Was haben Sie gefunden, was die Jugendlichen für Vorbilder haben? Also, die
Eltern jedenfalls aus der Lektüre Ihres Buches ganz klar nicht.
Johannes Gernert
Die Eltern nicht so sehr in dieser Phase, weil man natürlich in der Pubertät
versucht, sich gerade ein bisschen von den Eltern abzugrenzen, das ist ja
eigentlich ganz logisch. Und ich glaube, dass das aber ganz unterschiedliche
Vorbilder sind, die man sich dann sucht, und dass das eben nicht nur mediale
sind und schon gar nicht nur Vorbilder, die man in der Pornografie
beispielsweise findet. Das können ja genauso Leute aus dem Freundeskreis
sein, der sogenannten Peergroup beispielsweise, oder eben auch andere
Erwachsene, die man bewundert aus irgendwelchen Gründen. Die Eltern, das
ist in der Tat in der Pubertät ein schwierigeres Thema, glaube ich.
Scobel
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Was haben Sie gefunden, was die Vorbilder und die "sexuelle Verwahrlosung"
angeht?
Petra Grimm
Nun ja, also, wir haben ja auch zum Beispiel gesagt, man sollte nicht so in den
Bereich der Hysterisierung gehen. Auch der Begriff "Generation Porno" – sorry,
aber ist auch so ein Stück weit doch eine Stigmatisierung einer ganzen
Generation auf genau dieses Phänomen, was ich jetzt so nicht bestätigen kann.
Aber was wir sozusagen zentral herausgefunden haben, ist, dass Porno völlig
normal ist, sozusagen Bestandteil des alltäglichen Medienkonsums männlicher
Jugendlicher. Das ist also nicht mehr in dem Bereich der Tabuisierung
anzusiedeln, auch wenn man da sagen kann, dass es unterschiedliche
Strategien von Jugendlichen dazu gibt.
Scobel
Was gucken die sich dann an?
Petra Grimm
Was sie sich angucken im Internet? Sie gehen vor allen Dingen auf Seiten – ich
weiß nicht, ob ich die jetzt nennen darf, sie ist eigentlich von Jugendlichen
total bekannt – es ist kein Geheimnis, also Youporn ist sozusagen bei allen
bekannt...
Scobel
Standard.
Petra Grimm
Standard...
Scobel
Ist, glaube ich, weltweit die drittmeist aufgerufene Internetseite.
Petra Grimm
Kommt drauf an, welches Ranking man... Es liegt in Deutschland auf Platz 29
aller meistbesuchten sozusagen Videoplattformen, Internetportale. Und in dem
Kontext muss man eben sagen, es ist kostenfrei, man kommt ohne Weiteres
auf die Seite, es gibt kein Altersverifikationssystem, wie das bei deutschen
Pornoanbietern der Fall ist, und...
Scobel
Und was gucken die dann, also was ist sozusagen der Standard?
Petra Grimm
Also, das Problem bei der Pornografie ist, dass wir ja von sogenanner einfacher
Pornografie sprechen, dass aber Jugendliche auch ungewollt, manchmal
vielleicht auch gezielt, über Links entsprechend auf - man kann sagen eher
indizierte pornografische Inhalte kommen.
Scobel
Deutlich indizierte...
Petra Grimm
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Deutlich indizierte, das heißt, sie kommen dann auch schon mal in Kontakt mit
Gewaltpornografie. Oder wie unsere Jugendlichen gesagt haben:
Extremvideos. Das ist also auch für männliche Jugendliche das, was im Bereich
des Abstoßenden, Extremen, liegt.
Scobel
Also das wird in der Regel nicht standardmäßig aufgerufen.
Petra Grimm
Das wird nicht aus den klassischen Gründen oder Motiven des Pornokonsums
gewählt. Das finden sie auch eher dann auf dem Handy, so unter dem Aspekt
"cool", tabuisierte Bereiche, und ist sozusagen die Grenzziehung bei den Jungs.
Bei den Mädchen sieht das ganz anders aus. Die sagen zum Beispiel: "Für uns
ist schon..." Also, da liegt die Schwelle für die Definition von Pornografie viel
niedriger. Und sagen: "Also, alles, was im Bereich des Nuttigen ist, das ist für
uns eigentlich schon Pornografie."
Scobel
Was weiß man denn tatsächlich über die Wirkung? Also, ich habe das einfach
mehrfach gehört: Also, die Jungs ziehen sich da die Pornos rein und glauben:
Wenn wir jetzt Sex haben, müsste das eigentlich so aussehen wie auf der
Pornoseite. Also es muss möglichst laut sein, es muss quietschen usw. Was
weiß man denn wirklich über die Auswirkungen dieses Konsums?
Jakob Pastötter
Das Interessante ist, dass die Sexualwissenschaft tatsächlich sehr wenig weiß.
Viel mehr weiß mittlerweile die Hirnforschung darüber, und die schlägt in dem
Fall tatsächlich Alarm. Die Sexualforschung ist im Wesentlichen zentriert auf
die empirische Sozialforschung, das heißt, man befragt Kinder und
Jugendliche, und das hat sehr sehr viele methodische Schwächen. Wenn ich
Kinder und Jugendliche zu ihrem Verhalten befrage, bekomme ich nur die
Oberfläche von dem mit, was wirklich in Kindern und Jugendlichen vorgeht.
Deswegen sind auch wir in der Sexualwissenschaft eigentlich darauf
angewiesen, die sogenannte Hirnforschung zu berücksichtigen. Und die stellt
wiederum sehr klar dar: Das Betrachten von Pornografie bei gleichzeitiger
Masturbation bis zum Orgasmus wirkt ungeheuer verstärkend. Sie können sich
das mit dem berühmten Bild des Pawlowschen Hundes vorstellen...
Scobel
Ist eine Abrichtung...
Jakob Pastötter
Das ist buchstäblich eine Art von Selbstexperiment, eine Art von
Selbstkonditionierung, die durchaus unbewusst erfolgt. Aber das Suchen von
Kicks, das Erleben von Kicks und dann noch die körperliche Bestätigung durch
die sexuelle Aktivität bis zum Orgasmus hin, das ist ein unglaublich starker,
sich selbst verstärkender Prozess.
Über Kinder und Jugendliche können wir auch gar nicht so viel sagen, denn wir
dürfen ja gerade von der Sozialforschung her...
Scobel
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...keine Pornos zeigen, um zu sagen, was passiert.


Jakob Pastötter
Richtig, genau. Aber wir wissen zum Beispiel von den Gesprächen auch mit den
Therapeuten, dass wir es seit etwa 10, 15 Jahren, also seitdem Pornografie
extrem leicht auch in Gegenden verfügbar ist, die vorher Pornografie nicht
kannten, zum Beispiel die ganzen arabischen Staaten, dass der Anteil an
jungen Männern, die unter schweren Potenzstörungen leiden, extrem
zugenommen hat.
Petra Grimm
Ich weiß nicht... auf das eingehen zu sagen, also... die Kinder und
Jugendlichen können das nicht so richtig für sich einschätzen. Natürlich kann
man sie auf der Ebene des Kognitiven schon hier befragen, und das haben wir
ja letztendlich auch getan. Und da finde ich ganz interessant, was die
Jugendlichen von sich aus thematisiert haben als mögliche Wirkungspotenziale
oder eben Risiken. Und da war an erster Stelle gestanden das Thema
Realitätskonzeption, also die Frage, was gilt zukünftig oder derzeit als normal,
also ob sich da nicht was verschoben hat. Und gerade die jüngeren
Jugendlichen haben auch gesagt: Wir können nicht immer so ganz
einschätzen, was jetzt real oder Real Life ist und was...
Scobel
Was die spielen und was die wirklich machen...
Petra Grimm
...was sozusagen die Drehbücher, das Inszenierte ist, und was nicht. Und das
hängt auch damit zusammen...
Scobel
Was ja von der Pornoindustrie im Übrigen ganz geschickt auch genutzt wird,
um pseudo-dokumentarische Dinge bei Youporn einzustellen.
Petra Grimm
Sicher, ja. Und dazu kommt natürlich auch, wir haben sie auch gefragt, warum
sie das überhaupt anschauen, und da war ein Aspekt neben dem Thema der
sexuellen Erregung das Thema Wissensgewinn, Lernen. Und zwar etwas lernen
über den Körper der Frau oder Praktiken. Insofern hat es schon sozusagen
diese Fragestellung: Was ist realistisch, [was] nicht, was man hier ins Blickfeld
nehmen muss.
Scobel
Bei Ihnen fand ich interessant: Sie haben sozusagen die Jugendlichen ja immer
auch im Umfeld gezeigt, in ihrem Buch. Wie würden Sie denn sagen sind diese
Auswirkungen in Bezug auf das Umfeld? Weil in Ihrem Buch sagen Sie ja
eigentlich: Man kann von "sexueller Verwahrlosung" sprechen.
Johannes Gernert
Da wäre ich jetzt eher vorsichtig. Also, ich habe versucht, das nachzuvollziehen
in bestimmten sozialen Randlagen, wo das auch in Berlin aufkam,
beispielsweise in Hellersdorf, als Bernd Siggelkow das irgendwie so stark
thematisiert hat. Da gibt es sicherlich Leute, die sich ein bisschen seltsam
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benehmen, manche sicherlich auch in sexueller Hinsicht, die sehr unvorsichtig


Sex haben teilweise, die sehr viele wechselnde Partner haben und so was alles;
und auch ein sehr fragwürdiges Frauenbild teilweise. Aber grundsätzlich finde
ich erst mal den Begriff natürlich sehr problematisch der "sexuellen
Verwahrlosung", weil da sowieso die Frage wäre, was man sich genau darunter
vorzustellen hat.
Und dann habe ich durchaus auch Jugendliche getroffen - wenn sie vom
Umfeld sprechen, in einem sehr behüteten häuslichen Umfeld, die jetzt
durchaus regelmäßig Pornografie konsumiert haben, und wo man den Eindruck
hatte, aus den Gesprächen zumindest, dass die irgendwie damit umgehen
können. Wo ich aber auch den Eindruck hatte, dass es einem Jungen, den ich
beispielsweise in Lüneburg mal getroffen habe, ein Gymnasiast, der mit seiner
Mutter sehr viel auch darüber gesprochen hat, weil die zufällig über
Frauenpornografie promoviert hatte – und dem war das ganz wichtig, auch ein
bisschen zu erfragen: Wie ist das denn, stöhnen Frauen wirklich immer so laut?
Muss ich irgendwie... Weil oft Jugendliche, die so was anschauen, ja auch
keinen Sex haben, das heißt, sie haben nicht die reale Vergleichsgröße, und sie
fragen sich dann: Oh Gott, wie ist das, schreien die da so? Und wenn man
orale Praktiken macht, wie läuft das denn, was macht die denn da genau? -
und so was. Und haben dann einen gewissen Redebedarf, den ja auch alle
Sexualpädagogen dann immer wieder feststellen, also ein ganz großes
Bedürfnis, sich da ein bisschen auszutauschen und zu erfahren von jemandem,
der sich damit auskennt: Wie ist das denn wirklich?
Und bei diesem Jungen in Lüneburg da der hat dann auch mit seiner Mutter
darüber gesprochen, der war sehr beruhigt, hat er immer gesagt, dass sie ihm
gesagt hat: Hey, wenn deine Freundin mal nicht so laut schreit, das ist auch
kein Problem. Und das waren wirklich Gespräche, die sie geführt haben. Ich
habe mit beiden gesprochen eben, und die Mutter hat mir das genauso erzählt.
Und das ist also etwas, das für ihn wirklich sehr sehr beruhigend war erst mal.
Scobel
Okay, danke. Zu der These, dass es nicht nur "sexuelle Verwahrlosung" gibt –
wir haben ja überhaupt jetzt festgestellt, wir haben Probleme mit der These –
sondern sie auch systematisch zunimmt und zu massiven Problemen und
Schädigungen bei Jugendlichen führt, gehört die These, dass sich Liebe und
Sex entkoppelt haben. In Ihrem Buch, Frau Grimm, taucht mehrfach ja die
Frage einer Traumatisierung beim Sehen von Pornos tatsächlich auf. Nun gibt
es aber auch die gegenteilige Position, sie wird vertreten in der neuen Studie
der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Vereinfacht könnte man
sagen, es gehe um ein Zurückdrängen der Sexualität zugunsten einer
Wiederentdeckung der Romantik. Wie kollektiv und zuweilen hysterisch dieser
Trend ist, weiß man aus dem Land, in dem es "bis(s) zum Morgengrauen" auch
zwischen hocherotischen oder erotisierten Mädchen und Jungen zu nichts
kommt bis zum Abendbrot.

Sprecher
Wenn sich heute – meist weibliche – Teenager die Seele aus dem Leib
schreien, dann kann es sich nur um die Twilight Saga handeln. Robert
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Pattinson und Kristen Stewart sind die Superstars in der Verfilmung einer
Vampir-Romanze, die eine weltweite Hysterie ausgelöst hat. Worum geht es?
Die siebzehnjährige Bella verliebt sich in den Vampir Edward, doch der schöne,
bleiche Edward ist kein gewöhnlicher Vampir: Er nährt sich nur von Tierblut
und verfügt über ausgezeichnete Manieren. Sein Respekt vor Bella ist so groß,
dass er sie nicht nur vor anderen Blutsaugern schützt, sondern auch vor sich
selbst. Damit Bella nicht zerstört wird, ist Edward bereit, auf Sex zu verzichten
– zumindest bis zur Ehe. Ein kulturelles Phänomen. Allein die deutsche
Ausgabe der Twilight-Romane hat sich 7,5 Millionen Mal verkauft.
Harald Martenstein (Publizist)
Man sagt ja immer, unsere heutige Welt ist so wahnsinnig sexualisiert - überall
Sex, Sex, Sex. Aber wenn man sich diese Bücher anschaut, glaubt man da gar
nicht mehr so richtig dran – das sind knallharte Antisex-Bücher. Es geht darum
– also dass der Biss des Vampirs und der Vampirismus, dass das ein sexuelles
Symbol ist, ist ja klar, hat sich durchgesetzt die Interpretation. Und hier haben
wir Vampire, die dezidiert nicht beißen.
Sprecher
Was verraten diese Romane über die Sehnsüchte ihrer jungen Leser? Mehr
Romantik, weniger Sex? Eine Studie zur Jugendsexualität von der
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bestätigt diesen Trend. Danach
sank zwischen 2005 und 2009 der Anteil der 14-jährigen Mädchen, die
Erfahrungen mit Geschlechtsverkehr haben, von 12 auf 7 Prozent, bei den
Jungen sogar von 10 auf 4 Prozent. Ähnliche Tendenzen bei den
Siebzehnjährigen: Bei den Mädchen sank der Anteil von 73 auf 66 Prozent, bei
den Jungen blieb er etwa gleich [von 66 auf 65 Prozent].
Elisabeth Pott (BZgA)
Das zeigt, Jugendliche gehen bewusster mit ihrer Sexualität um, sie sind gut
informiert, sie wählen bewusster ihren Partner, und sie entscheiden auch
bewusster, in welcher Situation und wann sie ihren ersten Geschlechtsverkehr
haben.
Sprecher
Eine Untersuchung der Zeitschrift BRAVO kommt zu ähnlichen Ergebnissen:
Jugendliche haben später Sex. Beim Thema Verhütung findet die Studie jedoch
viele Wissenslücken. Dass die "Pille danach" ein normales Verhütungsmittel
sei, denken 26 Prozent der Jugendlichen. "Aufpassen beim Sex" halten 21
Prozent für eine sichere Verhütungsmethode. Und 12 Prozent denken,
Verhütung sei alleine Mädchensache.
Ein Drittel der Jungen und die Hälfte aller Mädchen war – laut BRAVO – mit 11
Jahren schon einmal verliebt. Das ist früher als in vergangenen Studien.
Warum die Jugendlichen mit dem ersten Sex heute aber später anfangen, hat
verschiedene Gründe. Die meisten fühlen sich entweder zu jung oder sie
warten noch auf den richtigen Partner. Jugendliche haben also ein gutes
Sensorium dafür, wann sie den nächsten Schritt ins Erwachsenenleben gehen
möchten. Dass sie sich dabei mehr Zeit lassen als früher, deutet auf ein großes
Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit in einer Beziehung.
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Junger Mann
Wenn sie mir total unwichtig wäre, wenn mir der Mensch jetzt absolut
unwichtig wäre, und ich keine Werte oder irgendwelche Vorstellungen in
irgendeiner Beziehung hätte, dann würde ich auf jeden Fall – würde ich auch
mit ihr schlafen, kein Problem. Aber da ich einen Wert habe und da mir das
erst mal wichtig ist, dass erst mal ein Stück weit eine gewisse Reinheit einfach
in unserer Beziehung ist, deswegen möchte ich es einfach nicht machen. Auch
um sie nicht zu verletzen. Weil ich weiß, dass gerade dadurch richtig viele
Verletzungen auch passieren können.
Sprecher
Geschlechtsspezifische Unterschiede in sexueller Erfahrung bei Jungen und
Mädchen gibt es heute kaum noch. Die Ausnahme sind Jugendliche mit
Migrationshintergrund, hier haben Jungen früher und häufiger Sex als ihre
deutschen Altersgenossen. Mädchen mit Migrationshintergrund verhalten sich
dagegen wesentlich zurückhaltender: 34 Prozent halten Sex vor der Ehe für
falsch. Bei Mädchen deutscher Herkunft sind nur 7 Prozent dieser Auffassung.
Von "sexueller Verwahrlosung" scheinen die Jugendlichen weit entfernt. Die
sexuelle Reizüberflutung bewirkt bei vielen möglicherweise das Gegenteil.

Scobel
Ich muss wirklich gestehen, dass das für mich verwirrend ist. Also auf der
einen Seite höre ich, da werden durch Pornokonsum falsche Vorbilder
geschaffen, die Jugendlichen sind irritiert. Von der Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung höre ich, ist eigentlich alles gar nicht so wild, ganz
normaler Vorgang, bloß nicht hysterisch werden. Sexualität ändert sich, die
Debatten über Sexualität kehren immer wieder. Wie soll ich das jetzt
einschätzen, also wie soll ich zunächst mal diese Untersuchung einschätzen?
Ist die seriös?
Jakob Pastötter
Generell muss man sagen, dass alle empirischen Untersuchungen zur
Sexualität an einem ganz großen Problem kranken: Ich kann keine
repräsentative Studie zur Sexualität machen, weil für eine repräsentative
Studie ist es notwendig, soziale Parameter zu haben. Jede Befragung "Wie
wähle ich am Sonntag?" basiert darauf, dass ich sage: Ich nehme die
verschiedenen Berufsgruppen, ich nehme die verschiedenen Altersgruppen,
Religionszugehörigkeit etc., fasse das zusammen, mache ein Sample von
5.000, und dann kriege ich ungefähr mit, was am Sonntag die Leute wählen
würden im Bundesgebiet.
Scobel
Und warum geht das hier nicht?
Jakob Pastötter
Weil wir keine Parameter für Sexualität haben. Stellen Sie sich vor, der
Bankangestellte X, verheiratet, zwei Kinder, so und so ein Einkommen, die und
die religiöse Bindung, die und die Parteibindung, der kann eine völlig andere
Sexualität haben als der Bankangestellte Y, der auch auf diese ganzen
Parameter anspricht. Das heißt, was wir eigentlich in der Sexualwissenschaft –
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wenn wir seriös sein wollen - nur können, ist, bestimmte Gruppen zu
untersuchen. Das Interessante ist – das hat Alfred Kinsey vor 60 Jahren
genauso vorgemacht, hat aber keine Nachahmung gefunden, weil man
natürlich gesagt hat: Dann ist es ja nicht mehr repräsentativ. Aber wir müssen
uns davon freimachen, zumindest – das ist der jetzige Forschungsstand –
solange wir keine Parameter für sexuelles Verhalten feststellen können,
können wir auch keine repräsentativen Samples haben.
Scobel
Was machen wir dann mit der Studie?
Petra Grimm
Na, sagen wir mal so: Der Zeitpunkt jetzt sozusagen, ab wann Jugendliche das
erste Mal erleben, ist die eine Frage. Das andere ist, wie sie Sexualität erleben.
Und ein Aspekt, den die Jugendlichen uns gegenüber – also die männlichen –
benannt haben, ist der durchaus subjektiv empfundene sexuelle
Leistungsdruck, den sie verspüren. Das heißt, sie glauben zum Teil, sie
müssten auch schon beim ersten Mal über Erfahrung verfügen, die sie qua
definitione ja gar nicht haben können. Deshalb konsumieren sie Pornografie,
aber das erhöht sozusagen auch wieder den Leistungsdruck. Also das ist
sozusagen ein Teufelskreis.
Johannes Gernert
Das ist übrigens, was bei aller Empirieskepsis, aber das ist, was Kollegen in
Amsterdam – also Jochen Peter, der da eine sehr aufwändige Studie gemacht
hat und sehr viele Jugendliche befragt hat über unterschiedliche Zeiträume
usw., was zumindest statistisch sehr fundiert ist, auch herausgefunden hat:
Nämlich dass eine gewisse Verunsicherung entsteht einfach. Also dass bei
denen, die noch keinen Sex hatten, natürlich ganz massiv der Eindruck
entsteht, sie sollten das mal schleunigst haben. Und bei anderen aber eben
auch die Frage: Wie muss das denn so sein? Und ich glaube, das ist eine
interessante Frage, die auch verbunden ist aber mit einem ganz anderen
Phänomen in so einer Art "Casting-Gesellschaft", dass es auch immer um so
was wie "Performance" geht dabei. Also dass der Gedanke von Sex als
Performance irgendwie dieses Ganze durchdringt, dass man diese Performance
sieht und das dann irgendwie ein bisschen auch auf sich selbst überträgt und
sich fragt: Wie performe ich denn?
Scobel
Jetzt habe ich mich darüber mit Ärzten, mit Psychologen, mit anderen Leuten
unterhalten, und die sagen eigentlich relativ häufig dasselbe, nämlich: Ja, mein
Gott, glaubst du denn ernsthaft, das wäre vor 200 Jahren anders gewesen?
Glaubst du denn ernsthaft, die grundsätzlichen Dinge, um die es hier geht,
nämlich Sex auf der einen Seite und sozusagen das an Gefühlen oder innerem
Erleben, das damit verbunden ist und ja oft verwirrend ist, das hätte sich
irgendwie geändert?
Johannes Gernert
Ja, aber das ist ja genau der zentrale Unterschied, wenn wir von dieser
"Performance" sprechen, dass natürlich – und deshalb auch der Titel
"Generation Porno" - die Bewegtbild-Pornografie ist so verfügbar, wie sie es
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vorher nicht war, und das ist schon ein qualitativer Unterschied. Also, es war
eben vor zehn Jahren, oder als ich groß geworden bin und fünfzehn Jahre alt
war, konnte ich visuelle Bewegtbild-Pornografie in dieser Qualität jetzt im
Sinne von Auflösung nicht sehen.
Scobel
Das kann ich nicht beurteilen. Was macht das wirklich für einen Unterschied?
Jakob Pastötter
Wie gesagt, hier ist die Gehirnforschung wesentlich weiter als die
Sozialforschung, und man kann ganz klar sagen: Wir Menschen sind
Gewohnheitstiere. Es gibt den sogenannten Normalisierungseffekt: Je häufiger
ich Dinge sehe, desto eher nehme ich an, dass sie das Normale sind. Jetzt ist
es im Bereich der Sexualität aber nun einmal bis dato so gewesen, dass wir
Sexualität – übrigens so ziemlich als einzigen Lebensbereich – nicht lernen
über das Zuschauen. Das heißt, es waren immer andere Vorstellungen,
deswegen ist ja auch das Faszinierende, auch die heutigen Jugendlichen wollen
in erster Linie Liebe, die wollen Romantik, die wollen ein Harmonisieren
miteinander. Aber das wird eben überlagert von Bildern – wie Sie das gesagt
haben: von "Performance"-Bildern - und das zusammenzubekommen, das ist
eigentlich diese enorm große Leistung, vor der wir heute stehen.
Scobel
Korrigieren Sie mich, aber ist das nicht in anderen Kulturen und auch bei uns
im Mittelalter anders gewesen, dass wir nämlich durch Sehen gelernt haben?
Jakob Pastötter
Nein.
Scobel
Nein? Okay. Dann Ihre Frage, Entschuldigung!
Petra Grimm
Nicht Frage, sondern Ergänzung: Es wurde jetzt so das Thema Romantik
angesprochen und dann sozusagen Pornografie auf der anderen Seite, und ich
finde, das ist eigentlich sehr komplementär zu sehen. Es ist kein Widerspruch
in sich. Wir haben ja im Kontext auch der Befragung festgestellt, dass es bei
den Jugendlichen – und zwar sowohl bei den Mädchen, als auch bei den Jungen
– so was wie ein biologistisches Geschlechterrollenmodell gibt. Also verkürzt
gesagt: hier "Schlampe" und dort "cooler Checker". Die Heilige und die Hure.
Und diese zwei verschiedenen Extrempole, die finden sie auch in Twilight und
dann in der Pornografie. Hier kommt dann noch dazu, dass die Jugendlichen
sagen, eigentlich gilt in einer Beziehung: no porn! Also pornofreie Zone. Und
da haben sie dieses Romantikmodell. Und auf der anderen Seite sozusagen
aber dann in Anführungszeichen die "Schlampe", die dann für andere Bereiche
da ist. Das ist ein extrem problematisches...
Scobel
Sagen wir mal - höheres Bürgertum oder Aristokratie vor 200 Jahren: "Such
dir eine ordentliche Frau, und ich nehme dich jetzt mit in den Puff, damit du
mal siehst, wie das eigentlich geht." Das ist doch dasselbe Modell, also dann
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hätte sich ja tatsächlich nichts geändert – außer dass ich jetzt vielleicht einen
Bildschirm da hängen habe.
Johannes Gernert
Nur war das Bürgertum natürlich eine relativ kleine Schicht, und jetzt ist das
Massen verfügbar, so das wäre dann vielleicht schon mal der Unterschied...
Scobel
Okay. Wobei wir im Moment wissen, die Mittelschicht bröckelt massiv. Aber
gut, Sie haben recht. (Lachen)
Jakob Pastötter
Und vor allem – Spaß beiseite – wollen wir wirklich, dass diese "Ideale" der
Aristokratie und des gehobenen Bürgertums unsere "Mainstreamkultur"
bestimmen? Ich fürchte eben, genau darauf läuft es nämlich hinaus. Das ist
letztendlich die Konsequenz, dass wir – wieder, wenn Sie so wollen – lernen:
Ganz klar, Liebe und Sexualität sind zwei getrennte Bereiche. Ich habe
einerseits die romantische Liebe, da habe ich meine Partnerin, die in
Deutschland, wie wir wissen, immer noch vor allem dann auch für die Kinder
zuständig ist. Aber die eigentlichen Kicks, die hole ich mir woanders, vielleicht
nicht mehr unbedingt im Puff, sondern eben dann vor dem Bildschirm.
Interessant übrigens auch – zwar nicht repräsentativ, wie wir wissen, das geht
auch nicht – aber eine der Webseiten, die sich sehr intensiv mit allen Aspekten
auch von Masturbation beschäftigt, die sagt, seit fünf Jahren zeigen die
Statistiken ganz klar den Trend: Wo vorher immer noch das Bett an erster
Stelle war als beliebtester Ort für Masturbation, ist es jetzt vor dem
Computerbildschirm.
Johannes Gernert
Das ist ein BZgA-Ergebnis, das einzige, das… die Masturbation hat sehr sehr
deutlich zugenommen.
Scobel
Das haben wir in unserer Sendung über Sexualität, da waren Sie [Prof.
Pastötter] auch, das war einer der ganz wenigen, klar auszumachenden
Trends, das ist eigentlich die Sexualitätsform Nr. 1, zumindest bei uns in der
Bundesrepublik.
Petra Grimm
Ich würde einen Punkt aber hier noch mit anführen, ich glaube, das darf man
eben auch nicht vergessen: Das sind zum einen die Bilder, das ist zum anderen
schon das, was man dort sieht. Und das ist ja dann auch eine Widerspiegelung
dessen, dass Mädchen sagen, sie finden Pornografie eigentlich gemeinhin eher
eklig – soz. O-Ton – und auf der anderen Seite auch eher abschreckend. Das
heißt, das, was sie dort an Bildern vermittelt bekommen, ist schon ein Punkt,
der im Grunde genommen auch Frauen gar nicht ansprechen kann. Weil
Frauen hier – und wenn sie dann noch ein bisschen weiter auf die Klicks gehen,
dann doch eher als Objekt zu sehen sind, wenn nicht dann eben auch
degradiert und manchmal auch misshandelt. Und da kommen dann sowieso die
problematischen Verknüpfungen, die Erotisierung von Gewalt.
14

Johannes Gernert
Und das ist übrigens aber wieder eine Auflösung für diesen vermeintlichen
Widerspruch zwischen Vampirgeschichten und Pornografie, ja natürlich. Und
das ist auch wieder ein empirisches, sehr klares Ergebnis: Jungs schauen das,
Mädchen schauen das eher nicht und finden das eklig. Die schauen dann
vielleicht Twilight.
Petra Grimm
Und da sagen unsere, sowohl die Mädchen als die Jungen: Ja, die Jungs sind
triebgesteuert, und deshalb müssen sie Pornografie oder dürfen sie Pornografie
gucken. Und die Mädchen haben keine Hormone und keine Triebe, und deshalb
brauchen die auch keine Pornografie.
Scobel
Also, ich muss kein Analytiker sein um zu sagen: Das ist ein klarer Fall von
Abspaltung, oder?
Jakob Pastötter
Ja, darum habe ich ja gesagt, wenn die Leute, die Sie interviewt haben oder
mit denen Sie geredet haben, behaupten: Ja, das gab es schon immer. – Ja,
natürlich, wie gesagt, in der Aristokratie, höheres Bürgertum, hatten wir das
auch schon immer, aber wollen wir das wirklich wieder?
Scobel
Schauen wir uns doch mal ganz kurz an und lassen mal ein paar Jugendliche
zu Wort kommen, die haben wir in der Arche Hamburg getroffen. Auffallend ist
vielleicht vorweg, dass sie nie direkt über Pornografie sprechen. Schauen wir
uns das mal an.

(Eingeblendet: "Alles Porno? Oder was?")


Jugendliche
Ja, das kann man ja auch schon im Internet sehen, oder die meisten haben
das in unserem Alter auch schon auf dem Handy und gucken sich so was
regelmäßig an.
Jugendliche
Die reden halt viel darüber, die Jungs, also... Und wenn die dann darüber
reden, fragen wir immer, ob die aufhören können oder so, aber die reden
einfach weiter. Das ist denen eigentlich egal, ob wir dabei sind oder nicht.
(Eingeblendet: "Warum machen die das?")
Jugendlicher
Also, dazu gehören wollen, wenn die meisten Älteren oder die Kumpels halt
darüber reden.
Jugendliche
Die meisten machen sich einfach nur darüber lustig oder sagen einfach nur
irgendwas dazu: "Ja, das mach ich auch und so."
Jugendlicher
15

Manche sagen, die sind einfach lustig, oder einfach nur mal, um Ideen zu
holen. Manchmal denkt man einfach nur so, und dann macht man es aber
trotzdem nicht. Aber manchmal ja.
(Eingeblendet: "Machen die Mädchen da mit?")
Jugendliche
Also ob wir das mitmachen würden, und halt dass wir auch so aussehen sollen
und – ach, keine Ahnung, was. Also, es sind nicht alle, aber einige sagen das
schon. Und dann hauen wir dann einfach weg, wir sagen einfach: "Ja, wenn du
der Meinung bist, dann mach's. Dann denk so was, aber wir werden nie so
sein, wie ihr das wollt und so."
(Eingeblendet: "Wann soll man mit Sex anfangen?")
Jugendlicher
Also, die Früheste, die ich hier kenne, ist zwölf. Ich hab sie gefragt, was es ihr
jetzt gebracht hat. Steigert auch nicht irgendwie die Coolness oder so. Na ja,
ich fand's halt cool. So wie die meisten halt. Also, umso früher, umso besser.
Jugendlicher
Also, ich sage, was ist mit denen los? Weil die versauen vielleicht ihr Leben
dadurch, und außerdem soll man das ja nicht so früh haben. Weil man noch
Kind sein soll und nicht so einen auf erwachsen machen soll: "Ja, ich hatte
Geschlechtsverkehr... (unverständlich)"
(Eingeblendet: "Ist Sex cool?")
Jugendliche
Für mich ist es so, dass ich nicht einfach so durch die Weltgeschichte mit
irgendjemandem schlafen würde.
Jugendlicher
Ich genauso, also ich auch nicht, ehrlich gesagt. Weil, dazu muss schon Liebe
gehören, und man muss auch einen Menschen lieben, damit man mit dem
auch schlafen kann.

Scobel
Also vielen Dank noch mal für die Bereitschaft, uns da ein Interview zu geben.
Das ist ja sicher schwierig bei dem Thema. Für mich ganz klar, was Sie sagten,
diese Spaltung Jungs – Mädchen und die Frage: Müssen wir Mädchen das
machen, was die Jungs gesehen haben und jetzt imitieren wollen oder auch
von uns wollen?
Petra Grimm
Na ja, also, das wäre sozusagen auch eine der Hauptforderungen, dass man
sagt, man sollte Mädchen – aber natürlich auch Jungen - darin bestärken, dass
sie sich erst mal bewusst machen, was hier auch möglicherweise an Sachen,
an Forderungen an sie herangetragen werden, die sie vielleicht gar nicht
wollen. Also was sind tatsächlich die individuellen Bedürfnisse und Wünsche?
Und sie auch darin bestätigen, dass sie Grenzen einfordern und diese auch
artikulieren können.
16

Scobel
Was ja fast ein bisschen – ich will das jetzt nicht in einen Topf schmeißen und
ein neues Thema aufmachen – aber was ja fast ein bisschen die
Missbrauchsdebatte erreicht. Sie hatten das, während der Film lief, kurz
angesprochen und gesagt: Na ja, da wird ja auch den Kindern in dem Fall das
Recht auf ihre eigenen Gefühle abgesprochen.
Jakob Pastötter
Und das ist eben das Problem; da sind wir auch wieder in dem Bereich, dass
was wir sehen, sofort zu einem Normalisierungseffekt führt, wenn sich das
immer und immer wieder wiederholt. Das heißt, in dem Fall sind die Jungs in
der besseren Position, denn die können sagen: Aber das sehe ich doch die
ganze Zeit, und den Frauen da drin macht doch zum Beispiel der Analsex
unglaublich viel Spaß, oder die finden das unheimlich toll, wenn ihnen die
Männer dann ins Gesicht ejakulieren. Also muss das dir doch auch Spaß
machen, oder – und dann kommt die große Keule – bist du nicht normal?
Johannes Gernert
Das kann auch einen legitimierenden Effekt haben. Das ist ein interessanter
Gedanke, den ein Jugendpsychiater mir mal erzählt hat, der eben in Viersen
mit Jugendlichen zu tun hat, die sexuelle Straftaten begangen haben, sehr
sehr junge Jugendliche teilweise. Und der hat gesagt, als Medium ist dieses
Internet teilweise auch so etwas wie Legitimation, weil da sieht man Dinge,
auch dann Missbrauch beispielsweise, und denkt: Okay, wenn das da ist, dann
kann das ja so schlimm eigentlich nicht sein.
Scobel
Also eine Objektivierungsfunktion.
Okay. In den frühen siebziger Jahren – und man kann sich das heute kaum
noch vorstellen – standen der STERN und andere Zeitschriften auf dem Index,
weil man zuweilen nackte Brüste sehen konnte. Derselbe Grund übrigens, den
Apple anführte, um ein App von bild.de zu stoppen. Heute findet man Sex nicht
nur zur allerspätesten Stunde bei vielen kommerziellen Sendern, sondern in
softerer Form auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Uns interessierte, wie
die Macht der Bilder einzuschätzen ist, die insbesondere vom Internet als
Quelle ausgehen.

Sprecher
Damals sind die Regeln noch klar: Vorehelicher Sex ist tabu, und auch sonst
wird kaum darüber gesprochen. Allein die Folgen sieht man in der
Öffentlichkeit. Dann bricht die sexuelle Revolution herein: Sex wird Teil einer
gesellschaftlichen Debatte und drängt aus dem privaten zunehmend in den
öffentlichen Raum. Die Loslösung des Sexuellen vom Reproduktionsgedanken
wird von vielen als Befreiung erlebt.
Dreißig Jahre später ist unsere Gesellschaft scheinbar pornofiziert. Sexuell
aufgeladene Bilder finden sich überall: in der Werbung, im Fernsehen, am
Telefon oder auf dem Handy. Das Internet fegt alle Beschränkungen hinweg,
mit wenigen Klicks sind Pornoseiten jederzeit verfügbar, selbst für Kinder und
17

Jugendliche. Doch ist die Pornografie damit automatisch eine neue "Leitkultur"
für Heranwachsende?
Konrad Weller (Entwicklungs- und Medienpsychologe)
Das hängt also, so Sachen, mit einem Wandel zusammen. Wir waren
"underscripted", frühere Generationen, die heutige Generation wäre eher
"overscripted". Also, sie hat viele Bilder im Kopf, medial vermittelte Bilder, von
allen möglichen Facetten der Sexualität, noch bevor sie in die Realität
überführt wird. Das kann natürlich Angst nehmen, das kann der Vorbereitung
dienen - auf den ersten Geschlechtsverkehr oder worauf auch immer. Das
kann aber genauso auch ängstigen, abschrecken, also eine negative und eine
eher hemmende Wirkung haben.
Sprecher
Doch welchen Einfluss haben pornografische Bilder in der Adoleszenz? Die
Debatte ist ideologisch aufgeheizt. Fallbeispiele werden verallgemeinert, auf
beiden Seiten; sicher sind nur wenige Fakten, etwa, dass 45 Prozent der 12-
bis 19-Jährigen in Deutschland bereits über das Internet Kontakt mit Pornos
hatten. Von den Mädchen aber fühlen sich lediglich zehn Prozent dadurch
angesprochen. Mädchen orientieren sich zwar modisch am sogenannten Porno
Chic, der in der Populärkultur fest verankert ist – schlank, perfekt geschminkt
und sexy muss man sein - bei der medialen Darstellung von Sexualität
präferieren sie jedoch Romantik. Kuss- und Verführungsszenen beispielsweise,
in denen der Mann der aktive Part ist – so eine Studie der Uni Potsdam. 73
Prozent der männlichen Befragten hingegen sehen gerne Beischlafsszenen. Wie
ordnen Jugendliche das, was sie sehen, ein?
Konrad Weller
Wir wissen, dass in den Medien viel Fiktionales kommt, viel Überhöhtes, viel
Verzerrtes – Jugendliche wissen das auch schon. Auch Kinder und Jugendliche
sind durchaus schon überwiegend kritische Konsumenten.
Sprecher
Ob Jugendliche die Pornowelt als Scheinwelt erkennen, in der unlebbare
Menschenbilder propagiert werden, ist gerade einer der Streitpunkte.
Wissenschaftler betonen, dass Pornografie nur eine von vielen
Informationsquellen ist, aus der Jugendliche ihr Bedürfnis nach sexuellen
Inhalten speisen. Relevanter ist auch ein anderer Aspekt pubertären
Verhaltens:
Konrad Weller
Das ist eben dann die Grenzüberschreitung. Das ist so Sachen "jugendtypische
Devianz im Medienzeitalter" – man zeigt sich die Dinge, eins ist krasser als das
andere. Wer was hat, ist in der Clique angesehen, es wird weitergereicht, das
sind die Schocker, das sind die Dinge, die man sich auch zumutet gegenseitig.
Und da merkt man schon, das sind ganz andere Motive, die da eine Rolle
spielen als die der sexuellen Lust.
Sprecher
Wie stark Jugendliche für pornografische Bilder empfänglich sind, hängt
letztlich vom Bindungsstil ab, also der individuellen Fähigkeit zu
18

zwischenmenschlichen Beziehungen. Die aber bildet sich bereits in


frühkindlichen Bindungsprozessen. Bei soliden Grundlagen, so scheint es,
richtet gelegentlicher Pornokonsum keinen nachhaltigen Schaden an.

Scobel
Ich muss gestehen, dass mir auch das wieder schwerfällt einzuordnen,
vielleicht, weil mich Pornofilme nicht besonders interessieren. Diese Frage,
über die wir zum Schluss gesprochen hatten, nämlich: Ist das das "Normale"?
Ist das eigentlich gespielt oder haben die das wirklich so gemacht und dann ins
Internet gestellt? – Also, die erste Frage noch mal: Welchen normierenden
Einfluss hat das? Und die zweite Frage ist: Sex hat ja immer damit zu tun,
dass wir unsere Biologie entdecken. Und das holt uns ja so ein bisschen von
den Sternen runter und lässt uns erkennen: Wir sind eben biologische Wesen.
Jetzt kommt dieser Aspekt noch dazu übers Internet, dass nicht nur ich als
biologisches Wesen Probleme habe möglicherweise, sondern auch ich als
Individuum. Weil die anderen sagen mir ja alle, sie machen es anders. Die
anderen sagen ja, sie machen es so wie im Internet. Das waren jetzt zwei
Fragen, aber...
Jakob Pastötter
Ja, da haben wir eben vor allem auch wieder das Problem. Jugendliche zeigen
sich zwar Pornografie, aber das Masturbieren zur Pornografie, das passiert
natürlich trotzdem alleine. Und darüber wird eben auch gerade nicht geredet.
Das heißt, das macht das Internet so – in meinen Augen – problematisch, weil
es kein Gegengewicht dazu gibt. Das, was alles an Konflikten eigentlich
auftaucht, darüber kann ich eben gerade nicht sprechen. Ich kann mich lustig
machen, aber die – in Anführungsstrichen – "positiven" Gefühle, nämlich, dass
ich dadurch sexuell erregt werde, dass ich sexuell mich gut fühle, dass ich
dadurch zu Orgasmen angeregt werde – dieser Aspekt der kann eben gerade
nicht mit der Peergroup besprochen werden, da bin ich dann wieder plötzlich
ganz allein. Und hier wären dann eben eigentlich die Erwachsenen gefordert.
Übrigens auch eines meiner Themen, auf die ich immer wieder komme: Wir
haben seit Mitte der siebziger Jahre gesetzlich vorgeschrieben, dass alle Lehrer
an den Universitäten in Sexualität ausgebildet werden - in allen Aspekten,
nicht nur die Biologie, auch in der Religion, auch in den Sprachwissenschaften.
Scobel
Davon merkt man bis heute nichts.
Jakob Pastötter
Weil es auch keine einzige deutsche Universität gibt, die das bisher
institutionalisiert umsetzen würde. Wenn es hochkommt, holen sich die mal
von pro familia jemanden rein, der dann den Lehramtsstudenten einen Kurs
gibt, wie man es machen soll. Und weder die Erwachsenen wissen eigentlich,
wie man mit Pornografie umgehen kann, die Lehrer wissen es auch nicht.
Professor Etschenberg hat es vor zwei Jahren so drastisch gefordert: Wir
brauchen eigentlich auch eine Porno-Kompetenz von Lehrern, damit sie
nämlich dann auf die Fragen der Kinder auch eingehen können.
Petra Grimm
19

Da würde ich widersprechen, insofern, weil uns die Jugendlichen gesagt haben,
sie würden ungern mit den Lehrern darüber sprechen. Mit den Eltern ist schon
schwierig, aber mit den Lehrern ist ja noch schwieriger.
Scobel
Ja, mit wem denn aber dann?
Petra Grimm
Ja, mit... erstens: Medien- und Sexualpädagogen, in dieser Form bei dem
Problem am besten im Duett, kommen in die Schule, schaffen dort
Schutzräume und sprechen dann mit den Schülerinnen und Schülern. Also
sozusagen, um hier einfach...
Scobel
Sie sind dann hinterher wieder weg, also kann ich besser mit ihnen...
Petra Grimm
Um auch so eine gewisse Anonymisierung, um auch so eine gewisse Befreiung
dort zu ermöglichen.
Jakob Pastötter
Jedenfalls die klassische Sexualaufklärung, wie sie ja jetzt auch schon von pro
familia oder donum vitae durchgeführt wird, die ist auch mit diesem Thema
immer wieder überfordert.
Petra Grimm
Der Bedarf ist ja auch sehr groß zurzeit gerade eben. In Kombination mit dem
Thema Internet-Pornografie sind die Anforderungen ja auch extrem gestiegen,
eben an solchen Beratungsangeboten.
Scobel
Was ist denn mit diesem Thema, das im Film jetzt gerade vorkam: "Kick und
emotionale Grenzerfahrung"? Das taucht ja in Ihrem Buch auch auf. Könnte
man sagen: Okay, das ist ein ganz normaler, vielleicht in der Pubertät
besonders gefragter Effekt?
Petra Grimm
Also, man muss differenzieren. Der sogenannte "Kick", der so im Bereich des
Tabuisierten liegt - das, was kurz angesprochen wurde auch in dem Beitrag –
das kursiert mehr auf den Handys und ist auch im Grunde genommen eher
etwas, das eigentlich außerhalb des normalen Pornografischen liegt. Also das
ist schon so was im Bereich des – ich sag's jetzt mal – sehr Extremen, was wir
Erwachsene uns niemals freiwillig anschauen würden...
Scobel
Aber das Handy habe ich ja ständig bei mir. Das heißt, das kann ich wiederholt
sehen.
Petra Grimm
Das Handy ist sozusagen sowieso, wie unsere Jugendlichen im Kontext der
Handystudie sagten, ein Teil meines Körpers und ein Tagebuch. Also, das ist
natürlich auch das Problem, darum sage ich immer, man muss es in
Konvergenz sehen. Das, was sie im Internet downloaden, das haben sie
20

natürlich auf dem Handy dann auch bei sich, und sie verschicken. Und es ist
nicht nur ein Aspekt, dass Internet-Pornografie so kostengünstig und leicht
zugänglich ist, was Neues. Es ist auch vervielfältigbar, und sie haben halt die
Möglichkeit, es auch sehr schnell weiterzuverbreiten.
Und das ist im Kontext von noch einem nächsten Problemfeld, das sich da
langsam ein bisschen auftut, nämlich im Bereich der selbstproduzierten Videos
- das, was wir von den USA mittlerweile unter dem Begriff "Sexting" hören.
Also wo intime Aufnahmen, die eigentlich erst gedacht waren für den
Intimpartner oder sich selbst, dann veröffentlicht werden, wenn die
Partnerschaft geplatzt ist, oder wenn man sich rächen will. Und dann kursieren
diese Sachen, und dann ist es extrem schmerzhaft für die Beteiligten.
Scobel
Ist ja auch ein Thema, das in Ihrem Buch...
Johannes Gernert
Steffi aus Moers...
Scobel
Ja.
Johannes Gernert
Steffi aus Moers war eines der bekanntesten Beispiele. Die hat die Bild-Zeitung
auch wiederum, die ja auch immer eine sehr wichtige Rolle spielt, die ja nicht
nur Youporn, sondern eben auch Steffi aus Moers bekannt gemacht hat... Und
die hat vor einigen Jahren schon ist die von ihren Klassenkameraden gefilmt
worden und ist dann unter diesem Titel in die Pornoportale der Welt gelangt.
Und kam da wohl dann auch nicht mehr raus. Ich habe irgendwie mal
jemanden sagen hören, die habe ihren Namen mittlerweile sogar gewechselt,
aber das sind überhaupt keine gesicherten Informationen, weil da erzählt man
viel. Aber ich habe schon auch immer wieder gehört, dass Jugendliche das
tatsächlich machen. Ich glaube, man soll das auch nicht überschätzen, aber es
kommt vor, dass sie sich filmen und das dann genau gerade mit dem Ende
einer Beziehung so was oft einhergeht; dass man dann eben, wenn man ein
bisschen frustriert ist oder wie auch immer – als der männliche Partner eher –
so ein Zeug dann mal rumschickt.
Jakob Pastötter
Auf den verschiedenen Pornoportalen gibt es ja eine eigene Kategorie "Bilder
von der Ex".
Scobel
Wobei ja immer die Frage ist: Wer bestückt die eigentlich? Sind das
tatsächliche "dokumentarische" Bilder, oder ist das auch wieder letztlich
industriegesteuert?
Petra Grimm
Und da muss man differenzieren zwischen diesen dann doch eher
distanzierten, anonymisierten, nicht kennenden - und jetzt im Bereich dieser
selbstproduzierten, das es ja im sozialen, engsten Bereich stattfindet.
Scobel
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Aber wir kommen langsam schon zur Frage unseres letzten Films. Da hat uns
nämlich die Frage interessiert: Was kann man – was können insbesondere
Eltern, Erziehungsberechtigte, Lehrer – eigentlich tun, ohne gleich völlig
autoritär oder andererseits völlig hilflos zu wirken?

Sprecher
Durch Fernsehen, Handys und vor allem das Internet werden Kinder und
Jugendliche immer früher mit allen Formen der Sexualität konfrontiert. Das
kann ihre Vorstellung von Liebe und Sex negativ beeinflussen und sie in ihrer
sexuellen Entwicklung stark verunsichern. Häufig entsteht eine Kluft zwischen
dem, was Jugendliche schon gesehen haben, und dem Wissen bzw. Nicht-
Wissen über die eigenen Bedürfnisse und den eigenen Körper.
Esther Schoonbrood (Ärztin)
Zum Beispiel kommen manchmal Fragen bei 11-/12-Jährigen zu Oralverkehr
oder Analverkehr. Und da sieht man – das sind ja Dinge, die aus dem
persönlichen Erfahrungsfeld natürlich nicht stammen können, sondern die halt
sehr aus den Medien her auf die Jugendlichen einprasseln, und wo sie
Schwierigkeiten haben, sich zu orientieren und zurechtzufinden.
Sprecher
Deshalb hat die Ärztin Esther Schoonbrood ihren Arbeitsplatz vom
Krankenhaus in die Klassenzimmer verlegt. Wie andere Medizinerinnen von der
Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau bietet auch sie einen
umfangreichen Aufklärungsunterricht an Schulen an. Der Grund: Der
schulische Aufklärungsunterricht beinhaltet in der Regel nur die Vermittlung
von biologischen Fakten, Sexualität wird als Mittel zur Fortpflanzung
abgehandelt. Auf Ängste, Verunsicherungen und mögliche Bedürfnisse der
Jugendlichen wird jedoch kaum eingegangen. Dabei ist es wichtig, ihnen
Vertrauen und Selbstbewusstsein im Umgang mit dem eigenen Körper zu
vermitteln.
Auch eine Einordnung, wie die neuen Medien oder Pornofilme zu bewerten
sind, findet im Unterricht nicht statt. Häufig wissen Eltern in puncto neue
Medien weit weniger als ihre Kinder. Dabei sollten sie der erste
Ansprechpartner ihrer Kinder bleiben und sich nicht davor scheuen, sich mit
der Rolle des Internets und seinen Inhalten auseinanderzusetzen. Sie sollten
wissen, womit sich ihr Kind beschäftigt.
Oliver Wilhelm (pro familia)
Man muss sich als Eltern interessieren für die Medien, die Kinder und
Jugendliche konsumieren. Mal gemeinsam anschauen. Man muss zum Beispiel
gemeinsam Regeln aufstellen, und da ist entscheidend: gemeinsam. Also, die
Erfahrung zeigt, wenn das gemeinsam aufgestellt ist, dass sie sich eher auch
daran halten.
Sprecher
Neben der Festlegung von zeitlichen Grenzen sollte auch immer eine inhaltliche
Auseinandersetzung zwischen Eltern und Kindern stattfinden, in dem alle
Standpunkte ernst genommen werden, aber auch kritisiert werden dürfen.
22

Oliver Wilhelm (pro familia)


Ich bin durchaus der Meinung, man kann als Elternteil auch durchaus sagen
zum Beispiel: "Pornografie - das mag ich nicht, wenn du das konsumierst."
Klare Linien. "Weil das bei mir Bilder auslöst von männlicher Sexualität, die ich
zum Beispiel nicht haben will. Es löst bei mir Bilder aus – Mann-Frau-Bilder, die
ich nicht haben will - die Frau als Bediener der männlichen Sexualität." So
grundsätzliche Sachen.
Sprecher
Internetseiten wie klicksalat.de oder Schau Hin! bieten viele Informationen
und Leitfäden, wie man sich in der neuen Informationsflut zurechtfindet und
sich gegebenenfalls vor ihr schützt. Anregungen zum richtigen Umgang mit
Pornografie in den Medien bietet vor allem pro familia mit ihrem Internetportal
SexnSurf. Hier finden Eltern und Jugendliche Antworten auf Fragen, wie zum
Beispiel: Auf welchen Internetseiten können Kinder unbesorgt surfen? Wie
schützt man sich vor sexueller Belästigung in Chatrooms? Oder: Welche
rechtlichen Schritte kann man vornehmen beim sexualisierten Mobbing?
Außerdem veranstalten Sexualpädagogen der pro familia Medien-Workshops in
den Schulen und klären Jugendliche über die Gefahren des Internets auf. Denn
Aufklärung und Prävention sind von größter Notwendigkeit.

Scobel
Wir haben auf unserer Internetseite www.3sat.de/scobel einige Hilfsangebote
und Links zusammengestellt, die können Sie da abfragen.
Was sollen wir tun? Herr Pastötter, Sie hatten angesprochen, ein paarmal
schon, die Rolle der Eltern.
Jakob Pastötter
Was mir bei dem Approach, den wir jetzt gerade gehört haben, überhaupt
nicht gefällt, ist: Wir schieben die ganze Verantwortung des richtigen Umgangs
mit Pornografie wieder auf die Kinder. Die Kinder haben aber ein Recht darauf,
dass ihre Eltern – und im Prinzip alle Erwachsenen – sie beschützen. Und das
passiert einfach nicht. Eltern sind sehr oft desinteressiert oder wollen sich mit
bestimmten Themen auch nicht auseinandersetzen – obwohl sie wissen, dass
sie für ihre Kinder von Interesse sind. Aber auch unsere gesamte Gesellschaft
gibt leider zurzeit das Signal: Was ihr Kinder macht, ist uns völlig egal. Nicht
einmal die Bundesregierung hat es bisher geschafft zu sagen, was für eine –
nehmen wir ein Beispiel – Filtersoftware eigentlich von der Bundesregierung
aus gesagt wird, wäre die richtige, um sie zu installieren. Wir drücken uns
eigentlich vor der Verantwortung, Kinder auch ein wenig vor dem, was es da in
pornografischer Hinsicht zu sehen gibt, zu schützen.
Scobel
Es ist doch eigentlich noch härter. Es ist doch eigentlich so, dass gesagt wird:
Also, hier, wir in der Gesellschaft finden das relativ normal, und ihr Kleinen,
jetzt kommt doch mal irgendwie damit langsam zu Potte.
Jakob Pastötter
Genau, ja.
23

Scobel
Also, der Druck wird ja sozusagen... Nicht nur, dass die Eltern nichts machen,
sondern umgekehrt: Die Eltern geben ja im Grunde genommen den
gesellschaftlichen Druck, Stichwort "Werte", weiter. Kann man sich fragen, ob
das das Bild von uns selber, unserer Sexualität, ist.
Petra Grimm
Also, die Jugendlichen fordern ja im Grunde genommen auch eine klare
Position seitens der Eltern. Sie wollen jetzt nicht en détail kontrolliert werden
und da sozusagen im Detail über Pornografie mit ihren Eltern reden, aber sie
wollen keine Laissez-faire-Haltung. Und sie wollen auch einen klaren
Standpunkt in Bezug auf die Wertefrage, die ja gerade bei Pornografie, wo es
ja letztendlich um hegemoniale Strukturen geht, ganz entscheidend ist.
Scobel
Sie haben eben noch ein Stichwort, als der Film lief, gesagt – das hat mich
hellhörig gemacht: alternative Skripts.
Petra Grimm
Da sind die Medien gefordert.
Scobel
Damit ist ja gemeint, also, andere Vorstellungen, andere Bilder davon, wie
Sexualität eben auch aussehen kann oder besser aussehen kann.
Petra Grimm
Ja, und vor allen Dingen aber in Richtung auf diese geschlechtsstereotypen
Rollenbilder, die Sie ja in verschiedensten massenmedialen Diskursen auch
wiederfinden, die nur in einer gewissen Verdichtung und Überhöhung dann in
der Pornografie wiederzufinden sind. Also, insofern wäre auch in Bezug auf die
Medien durchaus ein gewisser Handlungsbedarf.
Jakob Pastötter
Ich meine, man muss konstatieren: Wir haben seit ungefähr fünfzehn Jahren,
was die Gleichheit der Geschlechter angeht, einen enormen Backlash von
Seiten der Medien gehabt. Das hat angefangen mit dem sogenannten Girlie,
das hochgejubelt worden ist als angeblich die "neue", die "emanzipierte" Frau.
Und mittlerweile haben wir die Lady Gaga, die ja auch eigentlich nur "ganz
natürlich" und "ganz souverän" und "ganz selbstverständlich" mit ihrer
Sexualität umgeht...
Scobel
...und "über sich selber bestimmt".
Jakob Pastötter
...und "über sich selbst bestimmt".
Scobel
Und nicht etwa die böse Industrie...
Jakob Pastötter
Genau.
Petra Grimm
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Und Sie haben Anime-Zeichentrick-Kinderserien, wo Sie auch eine starke


geschlechtsstereotype Kombination finden.
Scobel
Da würde ich jetzt sagen, weil das ist ein neues Thema: Da sind die Japaner
schuld, weil viele von denen sind... (Lachen) Nein, ich weiß, so einfach ist es
nicht.
Das war's für heute, ganz herzlichen Dank für das Gespräch! So weit zu
unserer Sendung zum Thema "Sexualität bei Jugendlichen 2010". Wie gesagt,
es ist nicht leicht, Klarheit in die widersprüchliche Faktenlage zu bekommen,
da sind wir Erwachsene nicht zuletzt auch selber dran schuld. Wir hoffen
allerdings, dass die Sendung Ihnen geholfen hat, die Sache ein bisschen besser
einzuschätzen und damit nicht auf bloße Moden und journalistische Tricks
reinzufallen.
Auf unserer Internetseite, noch mal, finden Sie zahlreiche Informationen, nicht
nur zu den Studien und vor allem zu den Büchern meiner Gäste, sondern auch
zu Prävention und zum klugen Umgang mit dem Internet:

www.3sat.de/scobel

Aber das ist, wie wir gehört haben, nicht das Einzige.

Damit wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend, bis zur kommenden
Woche, und tschüs!

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Quelle:
http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/148032/index.html