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26.

Textwiedergabe

Begegnung
Als Eduard eines Tages in die Stadt fährt, trifft er in einem Kino, wo er
sich "Vollmondnächte" von Eric Rohmer ansieht, seinen alten Freund
Otto. Die beiden sitzen im Kino nebeneinander, ein Platz zwischen ihnen
ist frei, und Otto schüttelt den Kopf vor Freude und Verlegenheit, Eduard
nickt nur, vielleicht aus denselben Gründen.
Zu Haus erzählt Eduard Charlotte, daß er seinen alten Freund Qtto ge-
troffen hat. Zwar habe er leben können, aber mit dem Schreiben sei er
nicht recht weitergekommen. Außerdem sei er ziemlich vereinsamt, gehe
kaum noch aus, nur manchmal treffe er alte Bekannte auf der Straße. Kurz
und gut: er habe ihn eingeladen, ein paar Wochen bei ihnen auf dem Land
zu verbringen, und außerdem falle ihnen zusammen vielleicht doch noch
ein Filmstoff ein.
Charlotte hätte wenigstens vorher gefragt werden wollen, und sie weiß
schon, wie das sein wird: die beiden Männer würden immer zusammen
sein und schreiben und sie könne sehen, wo sie bleibe. Eduard meint,
dann könne er Otto ja wieder ausladen, aber er meint es nicht wirklich,
und dann ist Qtto auch schon da. Sie freuen sich alle, einander zu sehen,
und Otto muß laut lachen, als er sieht, wie die beiden anderen in einen
kleinen Streit darüber geraten, in welcher Richtung vom Tisch aus, an
dem sie abends vorm Haus sitzen, München liegt.
Während Charlotte in die Stadt gefahren ist, vertreiben die beiden Männer
sich die Zeit. Sie liegen faul in einem Boot, Otto angelt, und sie erklären der
kleinen Nanni die Kunst. Nanni fragt, was das denn sei, was Charlotte
schreibe - ein Roman? Ein Roman sei wie das Leben, nur getippt. Charlotte
kommt zurück, begleitet von Mittler, und als beide an den Tisch kommen
und sie einander begrüßen, sieht Charlotte, daß Otto ihren Roman gelesen
hat. Sie ist empört, und Otto sagt, Eduard habe ihm das Manuskript gege-
ben. Das könne er doch nicht machen, meint Charlotte, und Otto sagt, der
Roman habe ihm sehr gut gefallen. Mittler will ihn gleich mitnehmen, und
auf Charlottes Einwand, er sei ja noch gar nicht richtig fertig, sagt er, daß
heute niemand mehr einen Roman zu Ende schreibe, bevor er einen Verle-
ger dafür gefunden habe. Norbert Jochum: Der fluß fließt
Die Zeit (Ausschnitt)
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che Entwicklung stützten. Das Ministerium weist darauf hin, daß die An-
Schließlich merken wir uns:.
nahmen, die diesen Berechnungen zugrunde gelegen haben, durch die
Indirekte Rede: finites Verb im Konjunktiv I (s. Aufgabe Ia/). tatsächliche Entwicklung im letzten Jahr bereits überholt seien. Wegen
Wenn Konjunktiv I = Indikativ (s. Aufgabe Ib/), gebrauchen wir Konjunktiv 11 der günstigeren Entwicklung in den letzten Monaten seien auch die Fol-
oder würde + Infinitiv (s. Aufgabe leI) gerungen, die aus der Modellrechnung in den Meldungen gezogen wor-
den seien, völlig falsch, sagt das Ministerium.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
11.Indirekte Rede 1. Unterscheiden Sie beim Lesen Obertexte und Referiertes. Nennen Sie die Ver-
ben der Obertexte.
Es gibt wieder Gepäckträger 2. Fassen Sie bitte das Dementi des Postministeriums in kurzen referierenden Sät-

Frankfurt a. M. (AP). Zum Fahrplanwechsel am 27. September bietet die zen zusammen, gebrauchen Sie nur einen Obersatz: Das Ministerium teilte mit,
Bundesbahn an 60 ihrer größten Bahnhöfe während der Verkehrszeiten die Post werde ...

der Eurocity- und Intercity-Züge Gepäckträgerdienste auf Vorbestellung


an. Dieser Service sei zwei Jahre lang an acht Bahnhöfen getestet worden
und habe bei den Reisenden großen Anklang gefunden, teilte die Haupt- Säure zerstört alte Dokumente
verwaltung der Bahn am Montag in Frankfurt mit. Konservierungsverfahren sind alle noch nicht ausgereift
Der Bahnkunde könne künftig den Gepäckträger bei allen Fahrkartenaus-
gaben oder direkt bei den jeweiligen Service-Bahnhöfen schriftlich, fern- Wiesbaden. Dokumente und Druckerzeugnisse aus den vergangenen 150
mündlich oder auch mündlich vorbestellen. Für die schriftliche Vorbestel- Jahren sind fast ohne Ausnahme vom Zerfall bedroht. Ursache sei das
lung gebe es bei den Fahrkartenausgaben besondere Bestellpostkarten. holzschliffhaltige und damit versäuerte Papier, das schneller verfalle als
Wer sich erst unterwegs im Zug den Gepäckträger-Service sichern wolle, das nach älteren Methoden hergestellte Material, berichtete die hessische
könne sich an das EC- oder IC-Zugpersonal wenden, das die Bestellung Landesregierung. Sie antwortete damit auf eine kleine Anfrage der SPD-
an den Zielbahnhof vormeIde. Der Gepäckträgerdienst koste für zwei Ge- Landtagsfraktion.
päckstücke fünf Mark und für jedes weitere 2,50 Mark. Wirtschaftsminister W. G. (FDP) und Finanzminister M. K. (CDU) teilten
Frankfurter Rundschau der Abgeordneten Haidi S. mit, nach bisherigen Schätzungen könnten al-
lein in den hessischen Bibliotheken etwa eine Million Dokumente gefähr-
1. Suchen Sie bitte im Text Verben, deren Form Referiertes signalisiert. Identifizie-
ren Sie die Verbformen. det sein. Im Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden sowie den Staatsarchiven
2. Im Text finden wir: eine Einführung in das Thema, einen Obersatz und Referier-
Darmstadt und Marburg seien jeweils 20 000laufende Meter eingelagerter
tes. Haben Sie den Obersatz gefunden?
Dokumente betroffen. Sie sprachen verschiedene technische Methoden
an, die im In- und Ausland bekannt oder in Erprobung seien. Mit ihnen
solle dem Schriftgut sowie den Druckerzeugnissen jene Säure entzogen
Post: Kein höheres Porto werden, die den Zerfall auslöst. Die Eignung dieser Verfahren könne zur
Zeit jedoch nicht abschließend beurteilt werden.
Kg. Bonn, 24. März. Das Bundespostministerium hat am Montag Meldun- Außer der Konservierung von Papieren komme in bestimmten Fällen
gen als falsch bezeichnet, daß sie im März das Briefmarkenporto um 20 auch die Übertragung auf Film in Betracht. Dies gelte vor allem für so
Pfennig und die Gebühreneinheit beim Telefon um 3 Pfennig ... erhöhen stark angegriffene Bestände, daß man nicht länger warten könne, bis
wolle. Es gebe dazu keinerlei konkrete Pläne. Das Ministerium bestätigte bewährte Methoden der Konservierung zur Verfügung stünden, er-
allerdings, daß es interne Modellberechnungen über die weitere Gewinn- klärten die beiden Minister. Allerdings sei die Haltbarkeit der Mikrofil-
entwicklung der Post gebe. So etwas werde in jedem gut geführten Un- me ebenfalls begrenzt, und die Qualität der Kopie lasse mit der Zeit
ternehmen gemacht. Dabei handele es sich aber um Planspiele und fiktive nach. Die Filmaufnahme bedeute aber nur eine Not- oder Übergangs-
Rechenexempel, die sich auf bestimmte Annahmen über die wirtschaftli- lösung.
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Andererseits könne man mit diesem Verfahren auf eine zu häufige Benut- abhängt. Für mich waren sie immer Partner, und ich habe nie versucht,
zung der wertvollen Originale verzichten. Die Frage nach den Kosten ei- ihren Willen zu brechen", erläutert Siemoneit das "besondere Verhältnis"
ner systematischen Konservierung lasse sich aber erst dann beantworten, zu seinen Tieren.
wenn die Prüfung der technischen Methoden nutzbare Ergebnisse ge- Zum 20. Mal gastierte Siemoneit mit seiner Raubtiemummer bei der tra-
bracht habe. Ihe Frankfurter Rundschau ditionellen Zirkusschau "Menschen, Tiere, Sensationen" in der Deutsch-
1. Wo beginnt in diesem Text das Referierte? Wie lauten die Obersätze? landhalle in Berlin. Erstmalig in seiner über 30jährigen Karriere als Domp-
teur stellte er Raubtiere aus Arktis, Dschungel und Steppen - Eisbären,
2. Das im Text Referierte ist die Antwort auf eine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion.
Wie könnte die Frage wörtlich gelautet haben und wie wäre sie als referiert in Tiger, Löwen, Leoparden, Panther und Braunbär - in einer gemischten
den Text aufzunehmen? Nummer in der Manege vor. Für Siemoneit, der schon mit 16 Jahren "bei
Nacht und Nebel" aus einem gutbürgerlichen Elternhaus flüchtete, weil
er den Verlockungen der Zirkuswelt nicht widerstehen konnte, sind Raub-
tiere "wie kleine Kinder". Deshalb habe er auch seit Beginn seiner Zir-
Touristen in Unterhosen durch Römische Parks
kuslaufbahn abgelehnt, einen Löwen durch einen brennenden Reifen zu
Rom, 15. August (rtr). Den Römischen Stadtrat Carlo Alberto Ciocci schicken oder den eigenen Kopf in den Rachen eines Raubtieres zu halten.
stört der Anblick mangelhaft bekleideter Touristen in der Heiligen Stadt "Diese Art von ,Kunststücken' mögen vielleicht dem Publikum als beson-
offenbar erheblich. Rom sei kein Strand, und es dürfte auch nicht als ders bravourös erscheinen", meint Siemoneit. Aber jeder Dompteur wisse,
solcher genutzt werden, befand der für die Stadtpolizei zuständige Rats- daß er den Kopf nur dann in den Rachen eines Löwen stecken kann,
herr dieser Tage. Touristen, die in den historischen Brunnen badeten "wenn der nicht ganz bei Sinnen ist. Ein normaler, gesunder Löwe läßt
oder mit bloßem Oberkörper durch die Straßen gingen, müßten ange- sich das nie und nimmer gefallen, höchstens ein gedoptes Tier", entrüstet
wiesen werden, sich wieder ordentlich zu kleiden. Die Polizei müsse er sich. Genau wie der Mensch sei auch die Raubkatze ein "Gewohnheits-
endlich das unanständige und respektlose Verhalten derjenigen unter- tier" und brauche das Gefühl, "irgendwo zu Hause zu sein", meint Sie-
binden, die sich spärlich bekleidet auf öffentlichen Plätzen zeigten, sagt moneit. Für ein Tier,das eher instinktiv als einsichtsvoll-überlegt reagiert,
er. "Ein solches Benehmen würde sogar in der sengenden Hitze Afrikas sei es besonders wichtig, sich in Ruhe an eine veränderte Situation zu
nicht geduldet", meinte Ciocci weiter. In Rom herrschen derzeit Tem- gewöhnen.
Wenn die Tiere zu ihm kommen, sollten sie nicht älter als zehn Monate
peraturen um 36 Grad im Schatten. Etliche junge Römer folgen inzwi-
schen dem Vorbild vieler Touristen, in Unterhosen durch die städtischen sein. Bevor mit dem eigentlichen Lehrpensum begonnen werde, müsse
Parks zu spazieren. Männer und Frauen in Badehose und Bikini lagern ihnen jedoch erst "Disziplin und Respekt" beigebracht werden. Unfälle
um die historischen Brunnen und bisweilen auch in ihnen. seien nur dann passiert, wenn er sich nicht genug auf die TIere einge-
stellt oder den Blickkontakt verloren habe. Besonders in den Anfangs-
Frankfurter Allgemeine Zeitung
jahren, wo er durch "falschen Ehrgeiz und Unerfahrenheit" bei der Dres-
1. Einige Verben stehen im Text im Konjunktiv 11, welche? Warum? sur zu schnell vorgegangen sei, habe er einige schwere Verletzungen
2. Welche Teile des Textes beschreiben Beobachtungen des Reporters (sind also davongetragen. Die Rückschläge konnten ihn jedoch nicht davon ab-
nicht referiert)? Wie referieren Sie die Worte des Reporters? halten, wieder in den Raubtierkäfig zu gehen. "Von meinen Tieren tren-
nen werde ich mich erst, wenn mir einmal der Schneid vollkommen
fehlen wird." (dpa)
Die Angst des Dompteurs vor dem Rachen des Löwen Die Welt
Aus dem Leben des Zirkus-Stars Gerd Siemoneit (gekürzt)

Anke Wienand, Berlin. - "Bändigen" wollte der wegen seiner Raubtier-


haltung international anerkannte Dompteur Gerd Siemoneit seine Raub- Im Text finden Sie neben referierten Äußerungen auch direkt zitierte Worte von G.
tiere nie. "So wie Luftakrobaten auf Leben und Tod zusammengeschweißt Siemoneit. Fügen Sie bitte auch die direkt zitierten Worte als Referiertes in den
sind, bilde ich mit meinen Tieren eine Einheit, bei der einer vom anderen Text ein.
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Gefahr im Verzug mir eine Broschüre mit pastellfarbenen Zeichnungen entgegen. Zu sehen
sind Situationen, die ich auch ohne Zigarette auslösen kann: daß in mei-
Herr W. ist unpünktlich. Ein Unfall, entschuldigt er sich. Stau, ich könne nem Bad die Wasserrohre platzen und dem unter mir wohnenden Mieter
mir schon denken ... Ich nickte. Herr W. sieht sich um und bewundert die Decke herabfällt; daß ich beim Sprint zur Straßenbahn eine Rentnerin
die Aussicht. Ein anderer Kunde, leider kürzlich gestorben, habe auch so umlaufe, die sich daraufhin den Oberschenkel bricht und längere Zeit im
eine schöne Aussicht gehabt, vom obersten Stockwerk eines Hochhauses Krankenhaus verweilen muß; daß ich in Bus oder Bahn verletzend auf
aus habe der die ganze Stadt überblicken können, schwärmt mein neuer einen anderen Fahrgast falle, kurz: daß ich eine Gefahrenquelle bin.
Versicherungsvertreter, zeichnet mit den Armen eine weite Bewegung Es sei gut gemeint, erkläre ich angesichts der bunten Schreckensbilder
und setzt sich dann ohne weitere Umstände. trotzig, aber ich wollte keine Haftpflichtversicherung. Herr w., enttäuscht,
Nach mehreren Telephongesprächen und einem erfolglosen Besuchsver- sieht auf seine mißachteten Unterlagen und dann auf mich. Wie es denn
such mit einem jüngeren Kollegen seien wir ja nun endlich zusammen- mit einer Unfallversicherung sei, er habe da noch einen schönen Pro-
gekommen, stellt Herr W. zufrieden fest, und bekennt, daß er nur ungern spekt ... Raimund Hoghe
zu zweit einen Kunden besuche. "Der fühlt sich dann - Sie verstehen - Die Zeit
überfallen." - "Ja", bestätigt Herr w., aber gibt zu bedenken, daß die jun- (gekürzt)
gen Kollegen eben lernen müßten von alten Hasen wie ihm. Doch wie
gesagt, er komme lieber allein, unter vier Augen lasse sich auch offen 1. Entnehmen Sie bitte dem Text Material für einen Dialog zwischen dem Versiche-
sprechen. Zum Beispiel über meine Hausratversicherung, Jahrgang 1971. rungsvertreter und Herrn W. (ca. 10 Sätze).
"Asbach uralt", stellt er entsetzt fest und schlägt die Hände vors Gesicht. 2. Sie waren Zeuge des Dialogs zwischen den beiden Herren, haben ihn aber nicht,
Ich fühle mich hoffnungslos rückständig. Herr W. bietet mir seine Hilfe in wörtlicher Form vorliegen. Wie referieren Sie das Gespräch dritten Personen?
an, eine "Dynamische Hausratversicherung", angepaßt der Quadratme-
terzahl und dem Preisindex. Mit der sei alles versichert, erklärt er und
betrachtet meine bisher unterversicherten hellen Maisstrohmatten wie
kostbare Tapisserien.
Ob Glasschäden im Versicherungsschutz enthalten seien, werfe ich fra-
gend ein. Nein, da müsse ich eine Extraversicherung abschließen, die sehr
zu empfehlen sei. Die Zwischenfrage, warum sie in der alten Versicherung
eingeschlossen war, überhört Herr W., sieht aus dem Fenster und merkt
nachdenklich an, daß die Thermopenscheiben auch nicht versichert seien.
"Wenn Sie die kaputt machen ... " Ich demonstriere Zuversicht und sage,
daß ich mir nicht vorstellen könne, die Scheiben zu zerschlagen, Kinder
auch nicht zu meinem Einpersonenhaushalt gehören, ich also auf die
Glasversicherung verzichte. Herr W. bedrängt mich nicht. Ich müsse das
schließlich selbst wissen, erklärt er souverän. Ich werde unsicher. Ob ich
nicht vielleicht doch?
Eine Haftpflichtversicherung hätte ich sicher schon abgeschlossen, meint
Herr W. beiläufig. Ich muß verneinen. Herr W. bemüht sich, in derart un-
versicherter Umgebung nicht die Fassung zu verlieren. Aus seiner Tasche
holt er einen weiteren Prospekt. Ich würde die Beispiele kennen, versuche
ich abzuwehren. Die schon von seinen Kollegen erzählte Geschichte von
der Zigarette, die Mäntel, Couchgarnituren, ja ganze Wohnungen in
Brand gesetzt hat, sei von mir auch keineswegs vergessen worden, nur:
ich sei Nichtraucher. Herr W. bleibt dennoch besorgt um mich und hält
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27. Sprechen mit Vorbehalt sen. Bahros Analyse unserer Totalkrise stimmt. Wenn atomare Vernich-
tung jeden Tag möglich ist, wenn Wälder sterben, Luft, Wasser und Boden
zunehmend vernichtet werden, wenn Arten aussterben, wenn Millionen
verhungern und das Ozonloch immer größer wird - ist dann die Krise
nicht total? Wenn Teilprobleme schon gigantisch sind - erfordert dann
Biotechnologie die Therapie nicht radikale Lösungen? Die Zeit
(Ausschnitt)
Daß die Biotechnologie in unserer weithin gesättigten Industriegesellschaft
viele neue Marktchancen öffnen könnte, steht fest, seit gentechnologische
Entwicklungen die gezielte Veränderung von Erbinformationen aller Lebe- Der Igel ist schuld
wesen ermöglichen. Sosetzen die Mediziner auf die Entwicklung körperei- Der Mann räumte, seufzend und müde gähnend, die verwüstete Küche
gener Medikamente, wenn die Genkombination zur Produktion dieser
auf und sprach bei sich: "Eigentlich bin ich ja schuld, ich hätte die Kü-
Stoffe genau ermittelt werden kann. Wird diese Geninformation dann be-
chentür zumachen müssen. Aber eigentlich ist doch allein der alte Igel
stimmten Bakterien übertragen, produzieren sie nach der entsprechenden schuld. Wäre der nicht über den Hof gelaufen, hätte der Hund nicht ge-
Regieanweisung den gewünschten Stoff. Ähnliche Innovationsschübe er-
bellt. Hätte der Hund nicht gebellt, wäre ich nicht aufgewacht. Wäre ich
hofft man sich in der Landwirtschaft und für den Umweltschutz.
nicht aufgewacht, wäre ich nicht auf den Hof gegangen, hätte ich die Kü-
Im Gegensatz zu diesen euphorischen Prognosen hält sich die chemische
chentür nicht aufgemacht. Hätte ich die Küchentür zugelassen, hätte der
Industrie mit ihrer Einschätzung der biotechnologischen Zukunft sehr zu- Hund nicht reingekonnt, wäre alles heil geblieben. Weil aber der Igel über
rück. Selbst wenn konkrete Beispiele unter günstigen Bedingungen durch- den Hof gelaufen ist, ging mein Geschirr entzwei, und mein schönes Es-
gerechnet werden, herrscht anschließend noch Ernüchterung. Hoechst in- sen wurde verdorben. Na warte, alter Igel, wenn ich dich erwische!"
vestierte allein über 70 Millionen Mark in ein Forschungslaboratorium für Hans Fallada: Geschichte vom getreuen Igel
Molekularbiologie. Die Bayer AG wendet jährlich weltweit über 250Millio- (Ausschnitt)
nen Mark für die biotechnologische Forschung auf. Dennoch mußten alle
Unternehmen im Bereich der Biotechnologie feststellen, daß hier der Weg
Man kann die Gültigkeit einer Mitteilung davon abhängig machen, ob eine bestimm-
von der erfolgversprechenden Grundlagenforschung bis zum marktreifen
te Bedingung erfüllt ist oder nicht. Meist geschieht dies in Satzgefügen - Bedin-
Produkt weiter ist als in anderen Wirtschaftsbereichen. Kein gentechnologi- gungs- oder Konditionalgefügen -, bei denen im Nebensatz die Bedingung, im
sches Produkt steht bisher marktreif (außer Biosensoren) zur Verfügung _ Hauptsatz die zugehörige Folge genannt wird. Übrigens ist auch die Textwieder-
und dies, obwohl bereits seit langem von der biotechnologischen Revolu-
gabe, vor allem die indirekte Rede, ein Sprechen unter Vorbehalt: hier hängt das
tion durch ertragreichere Tiere und Pflanzen gesprochen wird.
Zutreffen einer Äußerung von einem anderen, dem primären Sprecher ab.
Obwohl sich die optimistischen Erwartungen an die wirtschaftlichen Aus-
sichten der Biotechnologie bisher nicht erfüllt haben, deutet sich auch auf Konditionalgefüge bestehen aus einem Konditionalsatz und einem Konklusiv-
satz:
dem kleinen Markt schon das typische Problem der beginnenden Mas-
senproduktion an: die Konzentration. Wenn du kommst, mache ich vor Freude alle Lichter an.
Sehr selten enthält der Hauptsatz die Bedingung, der Nebensatz die Konklusion:
Michael Damm: Biotechnologie eröffnet neue Märkte
Wenn ich den Campingplatz nicht finde, bin ich falsch informiert worden.
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt
(Ausschnitte) Der Nebensatz im Konditionalgefüge wird meist mit wenn oder falls eingeleitet:
Wenn/falls du den Abschnitt fertiggeschrieben hast, kannst du dich an den
Chef wenden.
Bewußtseinssprung nötig
Wenn enthält zusätzlich noch eine zeitliche Komponente (zu dem Zeitpunkt, wo ... );
Mit Ken Wilber meint Rudolf Bahro, wir hätten jetzt "Halbzeit der Evo- falls hat rein konditionale Bedeutung.
lution". Nun sei eine "anthropologische Revolution", ein "Bewußtseins- Der Konditionalsatz kann auch durch Erststellung des finiten Verbs markiert wer-
sprung" nötig. Und dieser vollziehe sich nicht nur in den neuen sozialen den:
Bewegungen der letzten Jahre, sondern auch in vielen konservativen Krei- Ist der Abschnitt fertig, kann er ihn ins Büro bringen.
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