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All Rights Reserved Spektrum | Durchschnitt

Was der Durchschnitt weiss und wissen sollte

Kennen Sie Homer?


Wer Homer Simpson ist, weiss heute jedes Kind. Welche
Rolle der andere Homer spielt, sollte eigentlich auch klar
sein. Wie es sich um die Kenntnisse der wichtigen und
unwichtigen Dinge des Lebens verhält, darüber geben
zahlreiche Bücher Auskunft. Eines vorweg: Zu wissen, wie
man googelt, reicht nicht aus. | Daniel Ammann

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H err K. wacht eines Morgens aus un-
ruhigen Träumen auf. Er sass auf
dem Kandidatenstuhl von «Wer wird
son feststellen, als er dem jungen Ich-
Erzähler von Schliemanns Ausgrabun-
gen berichtet:
Millionär?», und der Moderator stellte «Kennst du Klytämnestra nicht?»
die letzte und alles entscheidende Fra- Ich schüttelte den Kopf.
ge: «Welcher Begriff wird nicht dazu «Agamemnon?»
verwendet, einen durchschnittlichen «Nein.»
Wert auszudrücken?» «Aigistos? Menelaos? Helena? Paris?»
A: Mittel B: Median C: Medium D: Modus Ich hob die Arme.
Wer hier passen muss, liegt immer «Die Schulen sind auch nicht mehr
noch im Mittelfeld. Der Durchschnitt was früher.»
wüsste zumindest, in welchem Fach Paris (mit Akzent auf der ersten Silbe)
solche Probleme behandelt werden und oder Homer (mit deutscher Endbeto-
wo man das nachschlagen kann. Für nung) werden von Suchmaschinen nicht
den englischen Gelehrten Samuel John- automatisch als klassisches Bildungsgut
son war schon 1775 klar, dass es zwei erkannt. Der Juror des ersten abendlän-
Typen von Information gibt: «Wir wis- dischen Schönheitswettbewerbs und
sen über ein Thema selber Bescheid, der Dichter der Ilias und der Odyssee
oder wir wissen, wo wir Informationen müssen sich die Ränge mit populärkul-
darüber finden.» In Zeiten von Google turellen Erscheinungen wie Paris Hilton
und Wikipedia also kein Problem. Aber und Homer Simpson teilen. Vermutlich
Wissen beschränkt sich nicht auf das spielt Urs Widmer auf den massenmedi-
Horten von Fakten. Isolierte Informati- alen Intertext an, wenn er Herrn Adam-
onspartikel müssen sinnvoll verknüpft son beschreibt, als handle es sich um
werden. Dieses Wissensfundament er- Matt Groenings kultige Trickfilmfigur:
laubt uns wiederum, neue Daten zu in- Glupschaugen, eine kantige Oberlippe,
terpretieren und einzuordnen. Ohne die wie ein Vordach über die Unterlippe
Vorkenntnisse sind wir im Internet so hängt, und auf dem kahlen Schädel,
verloren wie im Labyrinth des Minotau- der eher an einen Grottenolm erinnert,
rus. Deshalb setzen wir auf Bildung. ragen drei Haare leicht gekrümmt wie
«In der obligatorischen Schule», gelbe Gräser in die Höhe.
heisst es im HarmoS-Konkordat, das am
1. August 2009 in Kraft getreten ist, «er- Wissenslücken schliessen
werben und entwickeln alle Schülerin- Hoch- und Massenkultur müssen nicht
nen und Schüler grundlegende Kennt- unbedingt auseinanderklaffen. Die Ur-
nisse und Kompetenzen sowie kulturel- sprünge der Philosophie liegen zwar im
le Identität, welche es ihnen erlauben, antiken Athen, aber Ausläufer lassen
lebenslang zu lernen und ihren Platz in sich bis ins fiktive Springfield verfol-
Gesellschaft und Berufsleben zu fin- gen. Der Essayband Die Simpsons und
den.» Welche Ziele es für alle zu errei- die Philosophie (Piper 2009) führt sogar
chen gilt und was zum elementaren anhand der «berühmtesten Fernsehfa-
Orientierungswissen gehört, sollen na- milie der Welt» in Grundfragen der Phi-
tionale Bildungsstandards festlegen. losophie ein.
Damit die wachsenden Wissensklüf-
Mehr als Halbwissen te unsere Gesellschaft nicht ins Verder-
Um in einer Quizsendung den Jackpot ben ziehen, haben sich Pädagogen und
zu knacken, reicht manchmal schon Bildungsexperten immer wieder für ei-
durchschnittliches Halbwissen und ei- nen verbindlichen Bildungskanon ein-
ne Portion Glück. In vielen Fällen lässt gesetzt. Mit seiner Stiftung «Core Knowl­
sich die Lösung bei Multiple-Choice- edge» kämpft E. D. Hirsch, jr., in den
Fragen mittels Ausschlussverfahren er- USA seit 25 Jahren für wissensbasierte
schliessen. Auch wer im Kreuzworträt- Curricula auf allen Schulstufen. Sein
sel unter «menschenfressendes Unge- Buch Cultural Literacy: What Every
heuer in der griech. Sage» auf MINOTAU- American Needs to Know hielt sich
RUS tippt, geht darum noch nicht als 1987 ein halbes Jahr lang auf der Best-
Experte oder Expertin für antike Mytho- seller-Liste der New York Times. Das
logie durch. Griechische Sagenhelden Manifest für mehr Bildung listet im An-
figurieren kaum noch in schulischen hang rund 5000 Begriffe auf, über die
Lehrplänen. Das muss auch der Titel- gebildete Amerikaner Bescheid wissen
held in Urs Widmers Roman Herr Adam- sollten. Der nachfolgende Dictionary of

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Cultural Literacy hat beim Grossen sich bei der nächsten Runde Trivial ter. Im Studio erschallt homerisches Ge-
Buch der Allgemeinbildung des Duden- Pursuit vielleicht doch als nützlich. lächter. Jetzt fällt es Herrn K. wieder
verlags Pate gestanden. Da fehlt auch ein. Der Modus ist in der Statistik jener
ein Homer nicht, und Paris bekommt als Wenn der Durchschnitt irrt Wert, der in einer Reihe am häufigsten
Hauptstadt und trojanischer Prinz zwei Gelegentlich wird Wissen bedenkenlos vorkommt. So stand es im Buch Haus-
Einträge. weitergereicht, ohne dass sich jemand aufgaben für Erwachsene, das er zu
Nur ein solides Hintergrundwissen die Mühe macht, die Fakten gründlich Weihnachten bekommen hatte.
garantiert, dass wir Texte und mediale zu prüfen. Christoph Drösser nimmt sol- Kaum hat der Moderator Antwort C
Angebote überhaupt verstehen und uns che Legenden des Alltags seit 1997 in eingeloggt, verwandelt er sich in ein
miteinander verständigen können. seiner Zeit-Kolumne unter die Lupe. ungeheures Ungeziefer mit Massanzug.
Wenn es Leserinnen und Lesern an ele- Manche Fehlinformation hält sich hart- «Überdurchschnittliche Leistung, Herr
mentaren Informationen fehlt, verlie- näckig und wird sogar im Schulunter- Kerf», quäkt er. Auf seinen Facettenau-
ren selbst Wörterbücher und Lexika ih- richt und in Ratgebern kolportiert. Die gen blinken fette €-Zeichen.
ren Nutzen. Deshalb, fordert Hirsch, Fähigkeit, die Zunge zu einem Röllchen
müsse die Schule für das nötige Basis- zu formen, wird im Biologieunterricht Daniel Ammann, Redaktion ph|akzente
wissen besorgt sein. gerne als eindrückliches Beispiel für die
Der deutsche Literaturwissenschaft- Mendel‘sche Vererbung zitiert. Stimmt
ler Dietrich Schwanitz stösst ins gleiche leider nicht! Man stirbt auch nicht,
Horn: «Bildung ist die Fähigkeit, bei der wenn man destilliertes Wasser trinkt. Buchhinweise
Konversation mit kultivierten Leuten Ebenso wenig trifft es zu, dass Links-
mitzuhalten, ohne unangenehm aufzu- händer im Durchschnitt früher sterben Dietrich Schwanitz: Bildung:
fallen.» Sein Handbuch mit dem unbe- als Rechtshänder oder dass man Alles, was man wissen muss.
scheidenen Titel Bildung: Alles, was Krampfadern bekommt, wenn man die Ungekürzte, bebilderte Son-
man wissen muss ist jetzt nach zehn Beine häufig übereinanderschägt. Coca- derausgabe. Frankfurt: Eich-
Jahren als reich illustrierte Neuausgabe Cola enthielt früher tatsächlich Kokain. born, 2010. 656 S.
erschienen und stellt den zyklopischen Aber dass Kommissare diesen Stoff mit
Versuch dar, unser kulturelles Erbe zwi- den Fingern probieren, ist eine Erfin- Duden – Das grosse Buch der
schen Buchdeckeln zu fassen. «Sichten dung des Fernsehkrimis. Allgemeinbildung: Was jeder
wir das Wissen und trennen wir das «Wissen ist Macht – nichts wissen wissen muss. Mannheim: Bib-
Wesentliche vom Unwesentlichen.» Der macht auch nichts», besagt ein Sponti- liographisches Institut, 2010.
griechische Dichter Homer hält dieser Spruch. Wenn man bedenkt, wie viel 592 S.
Prüfung stand. Sein Doppelepos von der wir in der Schule gelernt, gewusst und
Belagerung Trojas zählt, zusammen mit im Lauf der Zeit wieder vergessen ha- E. Foley und B. Coates: Haus-
der jüdischen Bibel, zu den zentralen ben, möchte man fast beipflichten. «Ge- aufgaben für Erwachsene:
Texten der europäischen Kultur. bildet ist auch der, der es mal war», Alles, was Sie in der Schule
Doch kanonische Wissensbestände tröstet Schwanitz. Man kennt zumin- gelernt und gleich wieder
reichen nicht aus. Im zweiten Teil sei- dest das Terrain und weiss, was man vergessen haben. Berlin:
nes Bildungsratgebers wendet sich nicht weiss. Oder erkennt es wieder, Bloomsbury, 2010. 352 S.
Schwanitz deshalb dem Können zu. sollte es unvermittelt in einer Quizsen-
Nicht zuletzt ist Bildung der Name eines dung auftauchen. Christoph Drösser: Stimmt‘s?
sozialen Spiels, dessen Regeln es früh Das grosse Buch der modernen
zu erlernen gilt. Wer sich auskennt, Nach der Werbepause kommt der TV- Legenden. Mit Illustrationen
muss auch wissen, was man nicht wis- Moderator wieder ins Bild und wieder- von Rattelschneck. Reinbek
sen sollte. «Outet sich nun jemand als holt seine Frage. Herr K. schwitzt. «Ich bei Hamburg: Rowohlt Ta-
Kenner von nachmittäglichen Pöbel- schwanke noch zwischen Antwort C schenbuch, 2010. 368 S.
Talkshows, ist er entweder Schriftsteller und D», murmelt er ins Mikrofon. Seine www.zeit.de/stimmts
oder ein Arbeitsloser mit einem proleta- Gedanken rasen. Mit A ist wohl das
rischen Geschmack», lautet sein Ver- arithmetische Mittel gemeint, die häu- Hanswilhelm Haefs: Handbuch
dikt. figste Methode, einen Durchschnitt zu des nutzlosen Wissens.
Man kann sich aber durchaus mit berechnen. Der Median wird auch Zent- München: dtv, 2010. 212 S.
unnützem Wissen profilieren. Gisberth ralwert genannt. Das weiss er noch aus
Haefs hat mit seinem Handbuch des der Oberstufe. Dabei werden die unters-
nutzlosen Wissens einen Longseller ge- ten und obersten Werte einer Zahlenrei-
schaffen. Die Monatszeitschrift Neon he abgestrichen, bis in der Mitte einer NEON (Hrsg.): Unnützes Wissen
führt eine entsprechende Rubrik und übrigbleibt. Er entscheidet sich für den 2: Weitere 1374 skurrile Fakten,
hat «skurrile Fakten, die man nie mehr Telefonjoker. «Meine Kollegin hat an der die man nie mehr vergisst.
vergisst» in zwei Taschenbüchern zu- Entwicklung des neuen Lehrmittels Ma- München: Heyne, 2010. 192 S.
sammengetragen. Dass wir pro Tag 23 thematik 1–3 mitgewirkt.» www.neon.de/kat/unnuetzes_
Tausend Mal atmen und durchschnitt- Der Moderator wählt die Nummer, wissen
lich 30 bis 60 Haare verlieren, erweist aber es meldet sich der Anrufbeantwor-

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