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Klangskulpturen von Yuri Kalendarev in der Barbarian Art Gallery

Wuchtige Bronzeplatten bilden Klangskulpturen, die der russische Bildhauer Yuri


Kalendarev mit Paukenschlägel und Cellobogen zum Klingen bringt. Die
Ausstellung in der Barbarian Art Gallery in Zürich findet ihren Höhepunkt am 12.
April 2011 in einer Live-Performance des russischen Klangkünstlers Yuri Kalendarev
mit dem legendären schweizerischen Percussionisten Pierre Favre.

Von Jürg Vollmer / maiak.info

Behutsam streicht die junge Frau mit dem Paukenschlägel über die wuchtige Bronzeplatte.
Das gehämmerte Metall antwortet mit sanften Vibrationen, die allmählich zu einem
kräftigen Ton anschwellen und immer lauter werden. Ein beherzter Schlag mit dem
Schlägel löst einen Donnerschlag aus, der die ganze Galerie zum Erzittern bringt — und
Yuri Kalendarev muss die Bronzeplatte mit einem Handgriff zur Ruhe bringen.

Yuri Kalendarev gehörte zu den Russischen Nonkonformisten

Yuri Kalendarev ist 1947 im völlig zerstörten Leningrad geboren und aufgewachsen. In der
wiederaufgebauten Industriestadt studierte er Ingenieur am Leningrad Aircraft Institute,
diente in der sowjetischen Armee und absolvierte eine traditionelle Bildhauerschule.

Ab den 1960er-Jahren gehörte Yuri Kalendarev zu den Russischen Nonkonformisten, der


illegalen Gegenbewegung zum Sozialistischen Realismus. In dieser Zeit arbeitete Yuri
Kalendarev vor allem mit Granit und Licht — und er kehrte der Sowjetunion den Rücken.

1976 erhielt Yuri Kalendarev die Erlaubnis, nach Israel auszuwandern. Er unterrichtete an
der Haifa-Universität Bildhauerei und bereiste von dort aus Italien, Afrika und Brasilien, wo
er im Urwald nach einem seltenen blauen Quarzit suchte.

1979 eröffnete er in der toskanischen Kleinstadt Pietrasanta eine Werkstatt und zog später
ganz dorthin. Im nahen Carrara wird seit über 1000 Jahren der weltweit beste
Bildhauermarmor gebrochen und der russische Bildhauer war in seinem Element.
Ausgerechnet am Fusse der Carrara-Marmorbrüche entdeckte Yuri Kalendarev aber —
Klangskulpturen aus gehämmertem Metall.

Die Klangskulpturen von Yuri Kalendarev sind körperlich spürbar

Seit den 1990er-Jahren bearbeitet Yuri Kalendarev wuchtigen Bronzeplatten mit Feuer und
Hammer, um so weite Spektren von sonoren Frequenzen erzeugen zu können. Technisch
vergleichbar mit den Steel Pans aus Trinidad, deren Tonfelder in den runden Metall-
Resonanzkörpern verschiedene Tonhöhen erzeugen. Oder mit den edlen Cymbals aus
Bronzelegierungen von Paiste, die seit 1957 von der St. Petersburger
Musikinstrumentenbauer-Dynastie Paiste im schweizerischen Nottwil produziert werden.

«Jeder Schlag muss auf Anhieb sitzen, um die richtigen Töne herauszulocken», erklärt
Yuri Kalendarev. An Stahlseilen installiert er die Bronzeplatten mit Schwemmhölzern oder
Marmorbrocken, welche als Pendel das Metall zum Tönen bringen. Mit Paukenschlägel
und Cellobogen schlägt und streichelt, kitzelt und kratzt er an Stahlseilen aufgehängten
Bronzeplatten. Zuerst ist nur ein verhaltenes Wispern, Kichern und Kreischen zu hören,
dann füllt sich der Raum mit gewaltigem Donnern, Grollen und Brausen.

Die Schwingungen von wuchtigen Tieffrequenzen sind körperlich spürbar, mit dem Bauch,
oder «hinter dem Hirn», wie Yuri Kalendarev betont. Besonders eindrücklich wird dies am
12. April 2011 zu hören und zu sehen sein, wenn die Ausstellung in der Barbarian Art
Gallery in Zürich in einer Live-Performance des russischen Klangkünstlers mit dem
legendären schweizerischen Percussionisten Pierre Favre ihren Höhepunkt findet.

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Den Originalbeitrag und Fotos finden Sie hier:

http://www.maiak.info/yuri-kalendarev-sound-sculptures-russland