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Interview mit Jürgen Roth, dem wohl anerkanntesten

Investigativjournalisten Deutschlands, dessen Bücher regelmäßig in


den Bestsellerlisten auftauchen. Sein aktuell erschienenes Buch
„Anklage unerwünscht“ ist seit Wochen auf der Bestsellerliste des
SPIEGEL zu finden.

Das Interview führte Wolfgang Dudda. Foto: Markus Schütt

DUDDA: Herr Roth, in den letzten zwei Jahren haben wir


uns häufiger getroffen. Ich weiß daher, dass Sie fortlaufend
über die Kriminalitätsbekämpfung durch den Zoll
unterrichtet sind. Wie hat sich Ihrer Meinung nach die
Kriminalitätsbekämpfung durch den Zoll entwickelt?

ROTH: Aus vielen persönlichen Gesprächen und natürlich auch mir zugegangenen
Informationen weiß ich, dass es um die Motivation der Zöllner sehr schlecht bestellt ist.
Dies hängt nach meiner Kenntnis entscheidend mit den nun leider auch beim Zoll
angedachten Strukturreformen zusammen. Dieser Prozess ist stets anzutreffen, wenn
Strukturreformen von Leuten ausgearbeitet werden, die von der Basisarbeit nichts
verstehen. Der Zoll macht diese Erfahrung jetzt, viele Polizeien haben dies bereits hinter
sich. Zum Glück hat man dort in einigen Bereichen erkannt, was für ein Unfug da gemacht
wurde und rudert zurück.

DUDDA: Es wird im Zusammenhang mit Strukturreformen immer wieder das Ziel


„Schlanker Staat, schlanke, moderne Verwaltung“ formuliert. Glauben Sie, dass die
Strukturreformen bei der Bundespolizei, bei den Länderpolizeien und beim Zoll
nützlich und sinnvoll sind?

ROTH: Nein. Diese sogenannten Reformen dienen doch – und das ist unter
Fachleuten unbestritten – einzig und allein dem Zweck, die Kriminalität verwaltbarer
zu machen. Die wirklich sinnvolle Bekämpfung von Kriminalität wird durch solche
scheinbaren Reformen, wie die Erfahrung der letzten Jahre ausnahmslos zeigt,
geschwächt. Deswegen haben ja auch die wenigen klugen Innenminis-ter davon
bereits wieder Abstand genommen und sind dabei, die bewährten Strukturen zu
beleben.
DUDDA: Wenn Sie mit Ihrer Einschätzung recht haben, Herr Roth, warum machen
denn viele Bürokraten unbeirrt weiter mit diesen sogenannten Reformen?

ROTH: Dies ist zum einen Ausfluss des überall zu hörenden neoliberalen
Geschwätzes, in dem dann Begrifflichkeiten der Wirtschaftslehre importiert und
falsch platziert werden. Zum anderen ist es doch so, dass sich die Kriminalität auch
globalisiert hat und zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden ist, auf den
man ungern verzichtet. Schattenwirtschaft, Mafiastrukturen und Organisierte
Kriminalität haben bekanntlich immer auch eine legale, umsatzträchtige Fassade.

DUDDA: Verstehe ich Sie richtig, dass Sie davon ausgehen, dass man kriminelle
Strukturen in einem gewissen Rahmen zu dulden bereit ist, nur weil man anders
nicht genug vom wirtschaftlichen Kuchen abschneiden kann?

ROTH: Ja. In diesem Sinne betrachte ich diejenigen, die sich die Strukturreform des
Zolls ausgedacht haben, als Helfershelfer der Kriminalität. In diesem Punkt
unterscheidet sich übrigens meine Sichtweise von der, die ich vor zwei Jahren noch
hatte.

DUDDA:In unserem letzten Gespräch hier in Kiel sagten Sie, dass das
Bundesfinanzministerium an Strafverfolgung generell kein Interesse hätte, es gerne
überschaubar, wenn nicht sogar beschaulich hätte und geistig gesehen bestenfalls in
den sechziger Jahren angekommen ist. Was ist jetzt anders?

ROTH: Seinerzeit ging ich optimistisch noch davon aus, dass die allseits bekannte
große Unkenntnis des Finanzministeriums ursächlich für sein Komplettversagen bei
der Kriminalität wäre. Dem ist aber nicht so. Ich gehe heute davon aus, dass die
Verantwortungsträger im Finanzministerium durchaus wissen, welche negativen
Folgen ihre sogenannten Reformen haben werden. Insofern handeln sie aus meiner
Sicht vorsätzlich. Das ist der Unterschied in meiner Wahrnehmung.

DUDDA: Sie zeichnen ein düsteres Bild vom Zoll, Herr Roth. Wird der Zoll, so wie er
sich nach Ihrer Einschätzung entwickelt, Bestandteil der deutschen
Sicherheitsarchitektur bleiben?
ROTH: Der Zoll wird allenthalben als Teil dieser Architektur begriffen. Er genießt
weltweit eine hohe Anerkennung und dient sich entwickelnden Ländern immer noch
als Vorbild. Greifen die mir bekannt gewordenen Reformen, dann allerdings
verzichtet unser Land ohne Not auf einen gut funktionierenden Dienst. Ein sich auf
die, wie ich lesen musste, Kernaufgaben reduzierender Zoll, der sich ausschließlich
mit der wirtschaftsfreundlichen Abgabensicherung beschäftigt, wird den
europäischen und nationalen Anforderungen nicht gerecht.

DUDDA: Sie meinen mit den Anforderungen auf europäische Ebene die Forderung
der EU nach einer warenpolizeilichen Ausrichtung?

ROTH: Ja. Bekanntlich gehen von gewissen Waren gewisse Gefahren aus, wenn
diese Waren von und für die falschen Leute bewegt werden. Grenzüberschreitender
Warenverkehr muss im Interesse der Sicherheit und Gesundheit kontrollierbar
bleiben und kontrolliert werden können. Wer dies wissentlich einschränkt oder
beschränkt, wird sich eines, vermutlich nicht so fernen Tages dafür verantworten
müssen.

DUDDA: Ihr aktuelles Buch „Anklage unerwünscht“ beleuchtet die Korruption in der
Justiz und stellt erschreckende Sachverhalte dar. Nach den Bestsellern „Ermitteln
verboten“ und „Der Deutschland-Clan“ ist dieses Buch wiederum eine
Zustandsbeschreibung, in der Zollkriminalität nur am Rande stattfindet. Eignen sich
die Themen der Zollkriminalität nicht für Ihre Leserschaft?

ROTH: Das Gegenteil ist der Fall. Zurzeit schreibe ich an dem Buch „Deutschland –
Mafialand“ und bin mir noch nicht sicher, ob vielleicht doch ein Fragezeichen hinter
dem Titel einfüge. Nach dem Studium des Ermittlungsvorgangs rund um die beim
Zollkriminalamt eingerichtete „Soko Tarot“ neige ich jedoch dazu, das Fragezeichen
weg zu lassen. Der fleißigen, hervorragenden Ermittlungsarbeit der Zollfahnder
standen vollkommen unfähige und unwillige Hauptzollämter gegenüber, die nicht in
der Lage waren oder sogar sein sollten, die nötigen Steuerbescheide zu fertigen.
Dahinter steht der Verdacht der Steuerschonung, für die das
Bundesfinanzministerium verantwortlich zeichnen soll. Wenn Staatsanwaltschaften
eine so bescheidene Infrastruktur haben, dass sie nicht einmal ausreichend
Aktenordner beschaffen können, gleichzeitig aber die teuersten Anwälte dieser
Republik aufgefahren werden, kann man sich leicht ausrechnen, wie die
Gerichtsverfahren ausgehen.
Der Ermittler erkennt und bearbeitet mit viel Engagement und Sachkenntnis einen
Sachverhalt, klärt diesen auch auf und die Justiz schwenkt hinterher hilflos die weiße
Fahne. So läuft es üblicherweise in Ländern, in denen mafiöse Strukturen Teil der
Kultur geworden sind. Wir sind nah daran, uns so zu entwickeln. Der Umgang mit
den Ergebnissen der „Soko Tarot“ ist dafür ein hervorragendes Beispiel.

Sie sehen also, dass sich die Themen der Zollkriminalität bestens für meine
Leserschaft eignen.

DUDDA: Ich danke Ihnen für das Gespräch.