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Von A nach B plus X: Die Mitfahrzentrale

Einleitung

Erlebnisse von der Rückbank – jetzt.de sammelt die schönsten Geschichten aus der
Mitfahrzentrale.

Zunächst geht es darum, eine Strecke von A nach B zurückzulegen, so kostengünstig


und unkompliziert wie möglich. Aufregend und erzählenswert wird ein Ortswechsel
aber erst, wenn das Unvorhergesehene eintritt, wenn sich eben jene Unbekannte X
dazugesellt, die das Leben spannend macht. Mitfahrzentralen funktionieren nach
diesem Prinzip. Sie folgen der Formel „von A nach B plus X“.

X steht für: bis vor die Tür gefahren werden, Reiseproviant teilen, Spontanurlaub und
Liebesgeschichten – für all jene Annehmlichkeiten, die sich ergeben, wenn
vergleichsweise unkomplizierte Menschen miteinander Auto fahren. X kann aber auch
heißen: Pannendienst, verpasste Ausfahrten, nervtötende Gespräche, Harakiri-Fahrer
und Insassen, die ihre Klingeltöne durchprobieren. Martin Buske ist der Gründer von
mitfahrzentrale.de, mit 700 000 registrierten Nutzern Deutschlands größte Plattform für
Fahrgemeinschaften.

Es gibt einige Phänomene, die allen Mitfahrzentralen-Reisenden bekannt sind: Da ist


dieser besondere Moment kurz nach Fahrtantritt, wenn Fahrer und Mitfahrer dazu
übergehen, Details auszutauschen. Die Unentrinnbarkeit der Situation aber auch die
Flüchtigkeit der Begegnung führen wohl zu dieser Offenheit. Der Klassiker ist die
Geschichte des Fahrers, der – ohne es zu wissen – innerhalb von einer Woche ein
verlobtes Paar mitnahm, erst den Mann, dann die Frau. Glucksend erzählte er der
nichts ahnenden Frau von der Affäre, zu der er den Mann eine Woche zuvor kutschiert
hatte.

Die Protagonisten all dieser Mitfahr-Geschichten sind längst ausgestiegen, abgebogen


oder weitergefahren. Die meisten Begegnungen verflüchtigen sich. Nur die
außergewöhnlichen Anekdoten existieren weiter. Auf jetzt.de werden diese Geschichten
im Label mitfahren gesammelt.
Zwei Mitfahrgeschichten

Auf jetzt.de werden die Mitfahrgeschichten im Label mitfahren gesammelt. Zwei


Mitfahrgeschichten könnt ihr hier lesen:

Bamberg – Berlin: Spaß


Es musste mal wieder schnell gehen und so habe ich bei der Bemerkung, dass die
Rückbank im Wagen etwas ungewöhnlich sei, am Telefon nicht weiter nachgefragt. Das
Mädchen klang nett, unkompliziert und, wie es der Zufall wollte, mussten sie und ihre
Freundin in die gleiche Straße in Berlin-Friedrichshain wie ich. Die Bemerkung mit der
Rückbank fiel mir erst wieder ein, als ich den bemalten VW-Bus am Treffpunkt
erblicke. Ungewöhnliche Rückbank heißt: nicht vorhandene Rückbank. Stattdessen ein
Matratzenlager. Die Fahrerin (Nasenring, Rastas) zeigt auf den hinteren Teil des
Busses: „Meinst du, das geht bis Friedrichshain?“– „Klar“, sage ich, „solange uns die
Polizei nicht anhält.“ Wir waren noch nicht aus Bamberg raus, als uns Beamte von der
Straße winken. Sarah, das kleine Mädel hinter dem großen Lenkrad, bleibt ruhig:
„Keine Panik. Das passiert mir ständig. Die suchen nur Gras.“ Sie lacht. Ich nicht. Sie
behält Recht. Akribisch durchsuchen die Polizisten unsere Taschen und Körper nach
Drogen. Als sie nichts finden, überlassen sie das Hippiemobil wieder der Straße.

München – Frankfurt: Fernweh


Fünf Stunden Fahrt liegen vor mir. Als ich den alten VW-Polo und die vier wartenden
Mitfahrer mit ihrem Gepäck sehe, überlege ich, ob ich die Fahrt wirklich antreten soll.
Kurzzeitig denke ich, der Fahrer will sich mit dieser Aktion für „Wetten, dass ..?“
empfehlen: „Wie viel passt eigentlich in einen Polo?“ Am besten, ich stelle mich tot oder
schlafend, dann spricht mich keiner an, denke ich. Nach zehn Minuten klinke ich mich
selbst ins Gespräch ein, denn zwei Dinge haben sich bis dahin herausgestellt: Die vier
anderen sind cool und – sie fliegen mit dem selben Flieger nach London wie ich. Der eine
besucht seine Freundin, die andere kehrt zu ihrem Erasmus-Aufenthalt zurück, der
dritte fliegt zur Arbeit, der Rest in den Urlaub. Als der Keilriemen reißt und wir auf
dem Seitenstreifen stehen, ist jedem von uns klar, dass wir keine Zweck-, sondern eine
Schicksalsgemeinschaft sind. Die Panne lässt sich beheben, die Angst, den Flieger zu
verpassen, weicht der Vorfreude auf London. Während der Polo die linke Spur unsicher
macht, stecken wir uns gegenseitig mit Reisefieber an. Die Rucksäcke auf dem Rücken,
rennen wir später über den Flughafen-Parkplatz und kriegen den Flieger in letzter
Minute.

annabel-dillig
Das große Mitfahrzentralen-ABC

Autobahn
Das Netz aus Asphalt, das Deutschland durchzieht, misst 12 000 Kilometer. Mehr
Autobahn gibt es nur in den USA. Auch Internetseiten für Fahrgemeinschaften -
Mitfahrzentralen - sind bei uns stärker verbreitet als in anderen Ländern. Steigen die
Bahn- und Benzinpreise, melden Anbieter wie mitfahrzentrale.de bis zu 15 Prozent
mehr Neuanmeldungen.

Begegnungen
Durch Mitfahrzentralen wird die Autobahn zur Bühne größerer und kleinerer Dramen,
deren Protagonisten der Zufall in ein Auto gewürfelt hat. Punker trifft auf Banker,
Berufssoldat auf Demonstrant, Streber auf Bummel-Student. Was sie gemeinsam haben,
ist oft nur das Ziel. Der Platz ist knapp, das Budget klein, die Situation unentrinnbar.
Was man aus ihr macht, entscheidet jeder selbst.

Details aus deinem Leben


Schon in den ersten Minuten wird abgecheckt: Ist er ’ne Laber-Tasche? Mag sie mein
Radio oder ihre Ruhe? Dann kommt die Auflockerungsphase. Eisbrecher können sein:
ein gemeinsamer Lacher (siehe "Nervig") oder Aufreger (siehe "Stau"). In Phase drei
entspinnt sich ein unverbindliches Gespräch und ehe man sich versieht, redet man schon
über Privates.

Erste Mitfahrzentrale, die


wurde 1956 gegründet. Durch die Verlagerung der Mitfahrzentralen ins Internet sind
die Vermittlungskosten entfallen. Die meisten Portale bieten den Service heute kostenlos
an und finanzieren sich allein über Werbung.

Fahrer
Bestimmer, Herr über Tacho und Musikauswahl. Die Mitfahrer sind ihm ausgeliefert
(siehe "Klaustrophobie", "Musikauswahl").
Gut zu wissen: Die Fahrer, die im Verkehr oder im Verhalten Regeln verletzen, kann
man, sofern man den Horrortrip überlebt, bei den meisten Portalen negativ bewerten.
Die Anbieter ziehen die Irren dann aus dem Verkehr.

Jeden Tag
vermittelt allein der Marktführer mitfahrzentrale.de 10 000 Fahrten. Die meist
genannten Gründe sind Kostenersparnis (72 Prozent), Unterhaltung (46 Prozent) und
Umweltbewusstsein (37 Prozent).

Klaustrophobie
Draußen fährt die Welt vorbei und drinnen hat man mehr Körperkontakt als man es
Menschen, die man erst seit fünf Minuten kennt, zugestehen möchte. Zwei bis drei
Prozent der Deutschen leiden unter Klaustrophobie und ganz ehrlich: Die sollten
vielleicht doch lieber mit der Bahn fahren. Denn meistens hat der Fahrer nämlich
Geldsorgen und seinen schmalen VW Polo ebenso optimistisch wie völlig wahnsinnig für
vier Mitfahrer inseriert.
Legendär
Es gibt Mitfahr-Erlebnisse, die sind in den Geschichtenschatz anderer eingegangen und
wandern von Rückbank zu Rückbank. So wie die Geschichte des Schwarzafrikaners,
der eine Mitfahrgelegenheit anbot und feststellen musste, dass sein Mitfahrer ein
Skinhead ist, der zu einer NPD-Kundgebung will. Der Neonazi zögerte, einzusteigen und
nahm schließlich, wie bei einem Taxi, hinten Platz. Die beiden sprachen kein Wort
während der ganzen Fahrt – sagt die Legende.

Musikauswahl
Delikate Angelegenheit. Kann bei Mitfahrern zu Aggressionen führen. Mit diesem
Soundtrack outet man sich zumindest als thematisch versiert: Kraftwerk „Autobahn“,
The Wallflowers „One Headlight“, Bob Dylan „Highway 61“, Xavier Naidoo „Dieser
Weg“, Talking Heads „Road to nowhere“.

Nervig
Ein Chaot kommt nie pünktlich zum Treffpunkt („Sorry Leute, was 'ne Nacht!“). Er
liebt es, seinen Proviant so zu essen, dass Millionen Brösel auf den Sitz regnen. Mit
einem gut geschüttelten Dosenbier besprenkelt er deinen Unterarm und seinen
Geldbeutel lässt er an der Raststätte liegen. Trotzdem ist dir der Chaot lieber als der
Fahrer, der jeden Krümel aus dem Augenwinkel mitzählt und bauernschlau beim
Bergabfahren den Gang rausnimmt.

Preisempfehlung
Die Internetportale betonen immer wieder, dass Mitfahrgelegenheiten lediglich Kosten
decken sollen. Trotzdem verlangen einige gewinnorientierte Fahrer zu hohe Preise.
Richtwert sollte sein: Ein Euro pro Liter bei einem angenommenen Benzinverbrauch
von zehn Litern auf 100 Kilometern. Für die Strecke München-Frankfurt heißt das: 400
Kilomter gleich 40 Euro. Bei vier Mitfahrern zahlt jeder zehn, bei zweien jeder 20 Euro.

Quasselstrippe
Was tun, wenn der Typ neben dir nicht aufhört zu labern? Taktik 1, höflich: gähnen,
hhmm sagen, nicken, die Schläfe der Fensterscheibe annähern und die kleinste Laber-
Pause zum simulierten Einnicken nutzen. Tipp: Unterkiefer entspannen, sieht echter
aus. Taktik 2, subtil: „Du entschuldige, ich frage nur kurz die anderen, ob jemand einen
MP3-Player hat, den ich leihen kann. Ich würde so wahnsinnig gern ein wenig
entspannen.“ Taktik 3, brutal: „Alter, wenn ich Geräusch will, mach ich das Fenster
auf.“

Rückbank
Wer am Abfahrtsort als erster auf den Fahrer trifft, hat meistens die Wahl, wo er sitzen
möchte. Für vorne spricht: mehr Platz. Für hinten: mehr Ruhe. Auf der Rückbank lässt
es sich leichter aus nervigen Smalltalkgeschichten ausklinken.

Stau
967 Staus, die länger als zehn Kilometer waren, zählte der ADAC allein vergangenen
Sommer (2006 - Anm. d. Red.). Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass Ausweichen
auf Umleitungen in der Regel länger dauert als der Stau. Also, den Fahrer von seinem
Aktionismus abbringen und Geduld haben. So schlimm wie 1993 auf der A7 wird es
nicht sein. Mit 170 Kilometern war das der längste je gemessene Stau.
Urlaub (spontan)
In einer Winternacht wollte der Regisseur Nicolai Albrecht von Berlin nach München
fahren. Auf sein Inserat hatte sich ein Mädchen gemeldet. Während sie über verschneite
Straßen fuhren, erzählte sie von ihrem Liebeskummer. Sie fragte ihn, ob er nicht Lust
habe, bis nach Florenz weiterzufahren. Er hatte – und sie fuhren nach Italien. Einen
Tag und eine Nacht verbrachten sie zusammen, am nächsten Morgen fand er nur einen
Zettel auf dem Kopfkissen. Sie hatte es sich anders überlegt und war zum Grund ihres
Liebeskummers zurückgereist. Nicolai Albrecht drehte daraufhin den Film
„Mitfahrer“, der 2005 mit Ulrich Matthes in der Hauptrolle in den Kinos lief.

Weggefährten
Immer wieder schreiben Menschen den Mitfahrzentralen und erzählen ihre Geschichte.
Sie berichten von Freundschaften, die im Stau entstanden sind, von Abenteuern auf dem
Seitenstreifen und von Liebesgeschichten, die in irgendeinem Auto auf irgendeiner
Rückbank ihren Anfang nahmen. Bei mitfahrzentrale.de weiß man von vier Babys, die
ihre Zeugung dem Zufall verdanken.

Ziel
Die Ankunft am Zielort. Geld und Gepäck werden übergeben, die Wege trennen sich.
Was bleibt, ist die Gewissheit, dass man, um Menschen zu verstehen, mit ihnen sprechen
muss. Und dass jeder am Ende dieses mikrosoziologischen Experiments auch etwas über
sich selbst erfahren hat.

lea-werthmann