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HOCHSCHULE MÜNCHEN

Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften

Vor- und Nachteile des


bedingungslosen
Grundeinkommens

Seminararbeit

Claudia Schmoll-Demmel
WiSe 2007/08
Veranstaltung: Sozialökonomie und Sozialpolitik
Veranstaltungsleitung: Prof. Dr. rer. pol. Klaus-Ulrich Schellberg
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Inhaltsverzeichnis

1 Einführung 5
2 Vorteile eines bedingungslosen Grundeinkommens 7
2.2 Gesellschaft mit furchtlosen Mitgliedern 7
2.2.1 Sicherheit 7
2.2.2 Chancengleichheit 8
2.2.3 Soziales Netzwerk 9
2.3 Psychologische Aspekte 9
2.3.1 Motivation 9
2.3.2 Freiheit und das Recht zu leben 11
2.4 Vorteile für Arbeitgeber 11
3 Nachteile des bedingungslosen Grundeinkommens 12
3.1 Finanzierung 12
3.2 „Freiwillige“ Arbeitslosigkeit oder Arbeitspflicht? 13
3.2.1 Finanzieller Anreiz allein genügt nicht 13
3.2.2 Pflicht zur Arbeit? 14
3.3 Rechtliche Folgen 14
3.3.1 Recht auf Arbeit 15
3.3.2 Steuerrecht aus Gender-Perspektive 15
4 Fazit 16

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1 Einführung
Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist älter als der Gedanke der
Sozialversicherung. Dahinter steckt die Vorstellung einer Gesellschaft, in der
jeder darin Lebende sich „nur“ nimmt, was er tatsächlich braucht. Sie wurde
schon im Jahre 1516 von Thomas Morus in seinem Roman „Utopia“
durchgespielt (vgl. Opielka, 1986, S.7). Sein Zeitgenosse und Freund Juan Luís
Vives wird aber als der “wahre Vater” der Idee eines garantierten
Grundeinkommens betrachtet. Er war der erste, der dafür ein detailliertes
Schema und eine umfassende Argumentation entwickelte, die sowohl auf
theologischen als auch sachlichen Überlegungen gründete. (vgl. BIEN, A short
story of basic income)

Interessanter Weise tauchte erst fast 300 Jahre später, am Ende des 18. Jh.,
ein dem garantierten Grundeinkommen nicht vollkommen unähnlicher Gedanke
auf, der eine Grundsicherung für alle forderte und von der wir noch heute
profitieren: die Sozialversicherung. Der französische Mathematiker und
politische Aktivist Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet,
entwickelte das erste Konzept für eine Sozialversicherung, die Abhilfe für
Ungleichheit, Unsicherheit und Armut schaffen sollte. Sein Landsmann Thomas
Paine entwickelte die Idee weiter und schrieb zwei Jahre nach Condorcets Tod
darüber einen Bericht an das fünfköpfige „Directoire“, das Frankreich damals
regierte. (vgl. BIEN, A short story of basic income)

„Es gibt eine unwiderlegbare Sache, dass die Erde, in ihrem natürlichen und
unkultivierten Zustand, war, ist und immer wieder sein wird, was die
gemeinsame Armut der Menschheit ist. Jeder Besitzer von kultiviertem Land
schuldet der Gemeinschaft eine Bodenmiete (ich kenne keinen besseren
Ausdruck, um die Idee zu beschreiben) für das Land, das er besitzt…“ (Thomas
Paine (1796) gefunden bei: BIEN, A short story of basic income)

Paine folgert aus einem gleichberechtigten Besitz der Erde nicht die Forderung
nach einem Einkommen, sondern eine Art „sichere Mieteinnahme“ in Form
einer lebenslangen Rente. In Deutschland werden 1883 aus dem

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Kerngedanken durch Otto von Bismark die „Bismarkschen Sozialgesetze“ (vgl.
Schilling (2005) S. 40).

Aber was wurde aus der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens? Ende
des 19. Jh. befassten sich weiterhin Sozialisten wie der Schriftsteller Charles
Fourier und der Philosoph Karl Marx mit der Idee, wie Kapital, Produziertes,
Land und Boden gerecht verteilt werden kann. (vgl. BIEN, A short story of basic
income u. Opielka, 1986, S.7)

In den 60-er Jahren begann in den USA die Debatte um ein „Basic Income“.
Aus diesen Diskussionen entstanden mehrere Massenexperimente („Negative
Tax Experiments”), in denen die Auswirkung eines Grundeinkommens als
„negative Einkommenssteuer“ durchgespielt wurde. Ebenso wurde in
Schweden Ende der 60-er Jahre ein „garantiertes Mindesteinkommen für alle
Staatsbürger“ verhandelt, was aber im Sande verlief und erst in den 80-er
Jahren wieder aufgegriffen wurde. (vgl. Opielka, 1986, S.11)

In Deutschland plädierte Erich Fromm schon 1955 für ein arbeitsunabhängiges


Grundeinkommen als Erweiterung der bestehenden Sozialversicherung. Die
Diskussion wurde in den 80-er Jahren unter dem Stichwort „Bürgergeld“ wieder
aufgenommen, und heute machen sich unterschiedliche Menschen und
Gruppen dafür stark. Der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU)
hat das Konzept des „Solidarischen Bürgergelds“ entwickelt, die FDP „Das
liberale Bürgergeld“, die Grünen, SPD und auch Initiativen wie Attac befassen
sich mit der Idee eines garantierten Grundeinkommens, der Unternehmer Götz
Werner hat ebenfalls eine Vorstellung, für die er als „Bedingungsloses
Grundeinkommen“ plädiert.

So interessant die verschiedenen Modelle und deren Finanzierung sind, die


vorliegende Arbeit wird sich zum Zweck der Meinungsbildung nur mit der
Diskussion des Grundgedankens auseinandersetzen. Es werden Vor- und
Nachteile beleuchtet, die entstehen, wenn jedem Menschen, quasi als
Geburtsrecht, der Anspruch auf einen Geldbetrag zugewiesen würde, den er
nicht verwirken könnte. Zuerst werden die Vorteile der Idee dargelegt, unter den
Gesichtspunkten der Allgemeinheit, des Einzelnen und des Unternehmers.

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Danach gebe ich den Nachteilen in punkto Finanzierung, Gegenleistung und
rechtlichen Bestimmungen Raum, um schließlich im Fazit das Für und Wider
gegeneinander zu halten.

2 Vorteile eines bedingungslosen Grundeinkommens


Um die Vorteile des Basis-Einkommens zu untersuchen, habe ich verschiedene
Blickpunkte gewählt. Der erste Focus richtet sich auf unsere Gesellschaft als
soziales System: Was bedeutet eine materielle Grundsicherung für alle?

Als nächstes steht das einzelne Gesellschaftsmitglied im Mittelpunkt: Von


welchen psychologischen Erkenntnissen lassen sich Aussagen über die
positiven Auswirkungen einer potentiellen materiellen Sicherheit ableiten?

Und schließlich ist auch der Aspekt eines Unternehmers wichtig, da er durch
Abgeben des Geldes eine Teilung und Umverteilung finanzieller Mittel
überhaupt möglich macht: Inwiefern kann ein Arbeitgeber von einem
Einkommen für alle profitieren?

2.2 Gesellschaft mit furchtlosen Mitgliedern


2.2.1 Sicherheit
Ein Grundeinkommen würde zunächst für alle Menschen von Geburt an eine
verlässliche finanzielle Absicherung bedeuten. Und zwar nicht nur für
diejenigen, die das Basis-Einkommen temporär oder dauerhaft als alleiniges
finanzielles Mittel nutzen würden, was z.B. vielen Hartz IV-Empfängern
unterstellt wird. Es wäre gleichermaßen für die weitaus größere Zahl der
Erwerbstätigen ein verbürgtes Einkommen. Denn auch sie sind ab dem
Zeitpunkt der Lehrstellen- und/oder Arbeitsplatzsuche von dem
allgegenwärtigen Schreckgespenst der Arbeitslosigkeit und der damit
verbundenen finanziellen Mittellosigkeit bedroht. Die Grundsicherung würde für
alle so etwas wie „gesellschaftliche Verlässlichkeit“ darstellen und den
Menschen von seiner Existenzangst befreien. (vgl. Büchele (1986) S. 78)

„Ein Klima der Verantwortung lässt so etwas wie soziales Vertrauen entstehen,
soziale Fantasie, Freiräume werden geöffnet; der Mut zu Experimenten wird

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gefördert; da die Erpressbarkeit des Menschen sinken würde, würde auch die
Veränderungsbereitschaft der Menschen zunehmen.“ (Büchele (1986) S. 79)

2.2.2 Chancengleichheit
2.2.2.1 Soziale Herkunft
Ein Grundeinkommen hilft den untersten Einkommensschichten, ohne sie zu
stigmatisieren: Schulabsolventen ohne Ausbildungsplatz und Chance auf dem
Arbeitsmarkt, finanziell abhängigen Müttern und Frauen, Langzeitarbeitslosen
und allen, die von ihrem eigenen sozialen Abstieg so entmutigt sind, dass sie
sich weder um Arbeit noch um Geld bemühen. (vgl. Büchele (1986) S. 79)

2.2.2.2 Gender-Perspektive
Für Frauen steckt in der Grundversorgung die Möglichkeit, diskriminierende und
schlecht bezahlte Tätigkeiten als auch unbezahlte Haus- und Erziehungsarbeit
abzulehnen. Wenn die Frau wirtschaftlich unabhängig ist, tritt anstelle von
gezwungenermaßen zu erledigender Haus- und Erziehungsarbeit die
„Beziehungsarbeit“, die nicht durch Bezahlung, sondern nur durch „In-
Beziehung-gehen“ ausgeglichen werden kann. (vgl. Opielka, Helbe (1986) S.
78) Es stünde dann auch der möglicherweise geringer verdienenden Frau frei,
einer weiteren Erwerbstätigkeit nachzugehen und sich Haushalt und Erziehung
mit dem Partner zu teilen oder einen Dritten für diese Dienste gegen Entgelt zu
beauftragen.

2.2.2.3 Gerechtigkeit
Das Basis-Einkommen würde Gerechtigkeit unter allen Menschen herstellen,
besonders für die, die sozusagen im Schatten arbeiten, weil ohne sie unsere
Gesellschaft und auch die Unternehmen zusammenbrechen würden: z.B.
Hausfrauen, die sich nicht nur um Kinder, sondern auch um alte Verwandte als
unentgeltliches Pflege- und Betreuungspersonal kümmern, Pendler, die durch
Rationalisierungsmaßnahmen als „notwendiges Übel“ lange Fahrtzeiten und
große Fahrtkosten in Kauf nehmen (vgl. Büchele (1986) S. 80).

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2.2.3 Soziales Netzwerk
Herwig Büchele stellt außerdem die These auf, dass Menschen, die sich auf ein
Leben jenseits der Elendsgrenzen verlassen können, ihre produktiven Kräfte im
Bereich der Selbständigkeit und Nachbarschaftsdienste zu Gunsten der
Gesellschaft nutzen könnten. Die Fähigkeiten des Kollektivs zu
Zusammenarbeit, Konfliktbereitschaft und menschengerechter Konfliktlösung
könnte dadurch wachsen. Die teilhabenden Mitglieder würden entsprechend
ihrem Zuwachs an Fähigkeiten einen Sinnzuwachs bzgl. ihres Lebens erfahren.
(vgl. Büchele (1986) S. 79)

2.3 Psychologische Aspekte


2.3.1 Motivation
Um die positive Auswirkung auf das Leben des Einzelnen in der Gesellschaft zu
zeigen, wird zunächst ein allgemeiner Ansatz der Motivation kurz erläutert:. Der
humanistische Psychologe Abraham Maslow stellte 1970 die Theorie auf, dass
die unter verschiedenen Begriffen zusammengefassten Bedürfnisse des
Menschen nach ihrer Dringlichkeit hierarchisch geordnet werden können (s.
Abbildung unten). Seiner Ansicht nach müssen die Bedürfnisse der jeweiligen
rangunteren Ebene befriedigt sein, bevor sich die nächsten Bedürfnisse
herauskristallisieren und der Mensch nach deren Befriedigung strebt. (vgl.
Zimbardo/Gerrig (2004) S. 40)

Maslows Bedürfnishierachie (Müller, 2002)

Aus der Hierarchie der Bedürfnisse lässt sich auf ein Grundeinkommen
bezogen Folgendes ableiten:

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1. Die physischen Grundbedürfnisse (V) ließen sich mit einem potentiellen
Grundeinkommen sorgenlos befriedigen, und das Sicherheitsbedürfnis
(IV) wäre gleichzeitig abgedeckt, da ein Mindesteinkommen durch die
Grundsicherung erreicht wäre. Damit wäre dem Menschen tatsächlich
die Existenzangst genommen, so dass er sich um seine ranghöheren
Bedürfnisse kümmern könnte.

2. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das nach Gruppenzugehörigkeit (III)
strebt. Demnach ist es unwahrscheinlich, dass er nur tatenlos alleine
zuhause sitzen bliebe: Er würde Anschluss in einer Gruppe suchen, d.h.
auch durch Arbeit und/oder soziales Engagement. Dieses Argument
stützt Herwig Bücheles Darlegung unter 2.1.3.

3. Aufgrund seiner Wertschätzungsbedürfnisse (II) würde er ebenfalls nach


Handlungsmöglichkeiten suchen, um sein Potential zu entfalten und
Anerkennung von außen zu erhalten. (vgl. Fromm (1986) S. 21, 22)

4. Bei einer möglichen Verkürzung der Arbeitszeit durch ein


Grundeinkommen wäre der Mensch nicht mehr bemüßigt, sich ständig
mit seiner Arbeit zu beschäftigen (oder nach der Arbeit zu müde für
„irgendwas“ zu sein). Es würde ihm leichter freistehen, sich gemäß dem
Bedürfnis nach Wachstum (I) mit Glauben, Lebenssinn und persönlichen
Werten auseinanderzusetzen. (vgl. Fromm (1986) S. 21)

In Seattle und Denver ist 1970-1978 mit 4800 Familien ein „Negative Tax
Experiment” durchgeführt worden. Allan Sheahen, der sich in der „U.S. Basic
Income Guarantee Network (The USBIG Network)“ engagiert, hat das Ergebnis
folgendermaßen zusammengefasst:

“In addition, the Seattle-Denver test results showed:


 Few in the test group actually quit their jobs. Some just cut the hours they worked.
 Many in the test group used their guaranteed income to look for extra training or find better
jobs.
 25% of the test group eventually earned enough so they weren’t eligible for the minimum
income.
 Blacks and Hispanics cut their work more than whites.
 Teen males (16-21) in the test group reduced work effort 23%.
 The higher the benefit reduction rate (tax rate), the less a family worked.
 The higher a family’s income, the less it cut back its work hours.
 50% more marriages broke up in the test group than in the control group.”
(Sheahen (2002) S. 7)

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Kurz übersetzt schreibt der Autor, dass nur wenige Menschen der Testgruppe
ihre Arbeit aufgaben, viele nutzten das Grundeinkommen, um weitere
Qualifikationen für den Beruf zu erwerben, und je höher das
Familieneinkommen war, desto weniger Leute reduzierten ihre Arbeitszeit.
Weitere Effekte waren, dass Farbige und Lateinamerikaner weniger als Weiße
arbeiteten, junge Männer ihren Arbeitseinsatz verringerten und mehr Ehen in
die Brüche gingen als in der Kontrollgruppe. Das führt uns zum nächsten
Argument für ein Grundeinkommen: die Handlungsfreiheit des Menschen.

2.3.2 Freiheit und das Recht zu leben


Erich Fromm, der deutsche Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe
(1900 – 1980) sah im garantierten Einkommen die Realisierung der
persönlichen Freiheit des Menschen, weil er dadurch frei von der Bedrohung
durch Hunger und wirtschaftlichen Mangel wäre. Die Freiheit bezieht sich auch
auf die Wahl der Arbeitsbedingungen, die Berufswahl, die Wahl der
persönlichen Beziehung, des Ausbildungsplatzes. (vgl. Fromm (1986) S. 20)

Weiter leitet Fromm daraus ab, „…es würde auch ein tief in der religiösen und
humanistischen Tradition des Westens verwurzeltes Prinzip bestätigen, dass
der Mensch unter allen Umständen das Recht hat zu leben. …das unter keinen
Umständen eingeschränkt werden darf, nicht einmal im Hinblick darauf, ob der
Betreffende für die Gesellschaft „von Nutzen ist“.“ (Fromm (1986) S. 20)

2.4 Vorteile für Arbeitgeber


Die Wettbewerbsfähigkeit von arbeitsintensiven Industrien könnte gesteigert
werden, da durch ein Grundeinkommen die Löhne niedriger gehalten werden
könnten, ohne dass das Gesamteinkommen des Arbeitnehmers leiden würde.
Müssten Mitarbeiter saison- oder betriebsbedingt ausscheiden, könnten sie
leichter einen neuen Arbeitsplatz finden, was Abfindungen, Kämpfe vor dem
Arbeitsgericht etc. reduzieren würde. Ebenso würde das Baugewerbe davon
profitieren, da mit niedrigeren Löhnen eine wirtschaftliche Realisierung von
mehr Bauprojekten möglich wäre. Kleine Löhne kämen Kleinbetrieben bei
Neugründungen in der Aufbauphase zu Gute, dadurch müsste nicht mehr
gezwungenermaßen fremdfinanziert werden, und das persönliche Risiko des

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Unternehmensgründers würde überschaubar. (vgl. Roberts (1986) S. 102, 103)
Das gleiche gilt für kleine Handwerksbetriebe, die sich aufgrund von hohen
Personalnebenkosten, die sich aus den relativ hohen Löhnen ergeben, keine
zusätzliche Kraft leisten können oder ggf. auf Schwarzarbeitskräfte ausweichen.

3 Nachteile des bedingungslosen Grundeinkommens


Die Gegenstimmen beziehen sich im Wesentlichen auf drei Hauptargumente:
die Finanzierung – „wer zahlt?“. Das ist ein wesentlicher Faktor, denn ohne
realistische Finanzierungsmodelle kann die Idee nie in die Realität umgesetzt
werden.

Eine weitere ist der moralischen Aspekt „Faulheit unterstützt man nicht“. Dem
liegt die Angst zugrunde, alle könnten das System ausnützen und keiner würde
mehr arbeiten, was auch wiederum die Finanzierbarkeit in Frage stellen würde.

Außerdem bestehen Bedenken gegenüber möglicher gravierender Änderungen


im Rechtssystem, die unser Rechts- und Sozialstaatsverständnis verändern
würden.

3.1 Finanzierung
Es gibt genug Berechnungen, die widerlegen, dass ein garantiertes
Grundeinkommen nicht finanzierbar wäre. Aber diese Kalkulationen arbeiten mit
einem relativ geringen Niveau, um eine realistische Rechnung vorlegen zu
können. Das hätte zur Folge, dass die Grundsicherung nicht viel höher als
Hartz IV ausfallen würde. Eine ausreichend existenzsichernde Zahlung würde
z.B. eine gleichzeitige Umverteilung der Erwerbsarbeit fordern, wie es Opielka
und Helbe mit einem Konzept der gleichzeitigen Umverteilung von Arbeit und
Einkommen vorschlagen. Die Berechnung der möglichen Verteilung und ihren
Grenzen wird allerdings dadurch schwierig. (vgl. Opielka, Helbe (1986) S. 95)

Prof. Siebert, emeritierter Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, sieht ein
Basis-Einkommen nur mit einer immensen Einkommenssteuer-Erhöhung bis zu
78% durchführbar. Außerdem würden bisherige Sozialversicherungsbeiträge in

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Steuerzahlungen getauscht, was er für höchst problematisch hält. (vgl. Stiftung
Marktwirtschaft (2007) S. 4).

Des Weiteren gibt es nur Simulationsrechnungen, die Arbeitsangebot und


Arbeitsmarktrigiditäten außer Acht lassen, wie Prof. Fuest aus dem Kronberger
Kreis bestätigt. „Die Spannbreite der Modelle reicht von der Vermeidung
elementarer Armut und Senkung der Arbeitslosigkeit durch verbesserte
Arbeitsanreize bis hin zur ausdrücklichen Trennung von Arbeit und Einkommen,
…“ (Stiftung Marktwirtschaft (2007) S. 7). Es mangelt demnach noch an
konkreten Zahlen und realistischen Finanzierungsstrategien.

3.2 „Freiwillige“ Arbeitslosigkeit oder Arbeitspflicht?

3.2.1 Finanzieller Anreiz allein genügt nicht


Die Grundsicherung wählt als Adressaten für die finanzielle Versorgung das
Individuum. Es wird aber nicht der betroffene Einzelne gesehen, sondern dem
Menschen pauschal unterstellt, er wäre allein durch einen finanziellen Anreiz
motiviert zu arbeiten (vgl. Knecht (2002) S. 86). Damit wird das vielschichtige
Problem der Arbeitslosigkeit und des Arbeitsmarkts außer Acht gelassen.
Genauso können die sozialen Umstände des Betroffenen nicht berücksichtigt
werden, die ihn befähigen oder eben auch nicht befähigen, Teil der
erwerbstätigen Gesellschaft zu werden.

Sollte der Grundbetrag aber dem Arbeitsanreiz dienen, unterläge er


zwangsläufig der Gefahr, immer wieder reduziert zu werden, um die
Arbeitswilligkeit zu erhöhen. Damit entspräche die Idee aber nicht mehr dem
Grundgedanken der Entstigmatisierung, der Freiheit und der sozialen Sicherheit
für untere Einkommensschichten. (vgl. Knecht (2002) S. 86)

Es bleibt auch weiterhin die Unterstellung im Raum stehen, wie viele Menschen
das System „ausnützen“ würden, wie es heute Beziehern von Hartz IV
unterstellt wird. Aktuellen Ergebnissen der qualitativen Sozialforschung über
den Sozialhilfeausstieg können nur weitere Vermutungen folgen. Es gibt
unterschiedliche Sozialhilfe-Typen. Manche Menschen nutzen die staatliche
Fürsorge berechtigt und rational mit dem Ziel der temporären „Übergangshilfe“.

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Andere sehen sich chancenlos und resignieren, sie finden keine Alternative
zum Empfang von Hilfeleistungen. Wieder andere handeln mit Strategie und
nutzen die staatliche Fürsorge als willkommene Alternative zur Erwerbstätigkeit.
Außerdem gibt es noch Menschen, die durch unglückliche Umstände in den
Kreislauf Fürsorge – Abhängigkeit – Demoralisierung gekommen sind (vgl. Buhr
u.w. (1994) S.12).

Monetäre Motivation kann vielleicht erst dann funktionieren, wenn es eine freie
Entscheidung im Rahmen einer sozialen Gleichstellung für oder gegen etwas
gibt (vgl. Knecht (2002) S. 87). Die soziale Gleichstellung im Rahmen einer
Grundsicherung würde die Gleichberechtigung des Menschen aber damit
ausschließlich auf den Empfang gleicher finanzieller Mittel reduzieren.

3.2.2 Pflicht zur Arbeit?


Der französische Sozialphilosoph André Gorz (1923 – 2007) hat die Diskussion
um das Grundeinkommen entscheidend beeinflusst. Er wehrte sich allerdings
gegen den Begriff des „Grundeinkommens“, denn für ihn ging es in erster Linie
um eine Umverteilung der Arbeit. So ist das „lebenslängliche Einkommen“ an
eine Arbeitsverpflichtung von „Lebensarbeitsstunden“ gebunden. Die Freiheit
des Individuums bezieht sich bei Gorz auf die Art und Weise, wie der
Einkommensempfänger die Arbeitsverpflichtung ableisten will. Für ihn ist Arbeit
in der und für die Gesellschaft untrennbar mit gesellschaftlicher Integration
verbunden. „Ökonomische und politische Rechte als Bürger kann man seiner
Ansicht nach nur dort erwerben, wo man – unabhängig von persönlichen
Bindungen – als Bürger für Bürger tätig sein kann.“ (Wohlgenannt (1990) S. 68)

Damit wäre das Einkommen aber an eine Bedingung geknüpft – und mit dem
Geburtsrecht des Einkommens erhielte man gleichzeitig die „Geburtspflicht“ zur
Arbeit.

3.3 Rechtliche Folgen


Es gibt viele rechtliche Folgen zu bedenken, ich wähle hier bewusst zwei
unterschiedliche Beispiele aus: Zunächst das elementare Menschenrecht auf

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Arbeit, um zu zeigen, welche weitreichenden Konsequenzen die Forderung
nach einem Grundeinkommen nach sich ziehen muss.

Als zweites Beispiel führe ich einen möglichen Zum anderen ein einfaches
Beispiel aus dem deutschen Steuerrecht: die Splittingtabelle – was bleibt vom
Ehegeld noch übrig?

3.3.1 Recht auf Arbeit


In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948
heißt es in Artikel 23 Abs. 1:“Jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit, auf freie
Berufswahl, auf angemessene und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf
Schutz gegen Arbeitslosigkeit.“ (vgl. Fritzsche (2004) S. 211)

Das Recht auf Arbeit beinhaltet das Anrecht, bei freier Berufswahl und
Sicherung der menschlichen Würde, arbeiten zu können, ähnlich kann man es
auch für Art. 12 und 1 des deutschen Grundgesetzes interpretieren. (vgl.
Fritzsche (2004) S. 197 u. 200). Das Gesetz bietet zwar keinen persönlichen
Anspruch auf eine Arbeitsstelle, aber über das Sozialstaatsprinzip einen Schutz
vor unverschuldeter Arbeitslosigkeit. Außerdem ist in der Europäischen
Sozialcharta von 1961 in Teil I und Teil II, Artikel 1 bis 4 das Recht auf Arbeit mit
einem gerechten Entgelt explizit deklariert (vgl. Fritzsche (2004) S. 325 ff.).

Wie verhält es sich mit diesem unteilbaren und zumindest in unserer


Gesellschaft unumstrittenen Recht? Müsste vor dem Hintergrund des
Grundeinkommens das Recht auf Arbeit entfallen, müsste es – wie nach Gorz –
in eine Pflicht zur Arbeit umgewandelt werden?

3.3.2 Steuerrecht aus Gender-Perspektive


Für die Frage, ob sich mit einem Grundeinkommen die „Ehe-externen
Lebenschancen“ vergrößern würden, ist es zum einen unabdinglich, auch die
Aussichten auf dem Arbeitsmarkt für Frauen zu prüfen. Zum anderen wird die
„Arbeitsmarkt-externe“ Beschäftigung von Frauen im vorhandenen Steuer- und
Sozialleistungssystem u.a. durch Ehegattensplitting und Hinterbliebenen-
versorgung unterstützt. Bei einem Transfersystem nach Individualprinzip
müsste demnach das Steuersystem angepasst werden, was die Abschaffung

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des Ehegattensplittings, auch als Ehegeld bezeichnet, zur Folge hätte (vgl.
Schreyer (1986) S.163). Außerdem könnte der ökonomische Anreiz für eine
eigene Erwerbstätigkeit der Frauen genauso gut sinken, da das
Familienauskommen insgesamt gesicherter wäre (vgl. Schreyer (1986) S.163).
Polemiker können sich noch an dieser Stelle fragen, ob die Grundsicherung als
eigenes Einkommen zur Folge hätte, die Dienstleistungen der Ehepartner
gegeneinander aufzurechnen, und wenn ja, wie.

4 Fazit
Das anhaltende Streben nach Wachstum auf Kosten von Mensch und Umwelt
lässt sich u.a. durch die Angst der Gesellschaftsmitglieder vor sozialem Abstieg
und materieller Abhängigkeit durchsetzen (vgl. Büchele (1986) S. 81). Eine
erforderliche Neuorientierung braucht deshalb Freiräume, die ein Engagement
für andere Wege zulassen, die aber auch lange erkämpfte und als unteilbar
erklärte Rechte nicht ignoriert.

Mit einem Bürgergeld könnten sich Lösungen für einige Problembereiche der
Sozialen Arbeit finden, die mit dem vorhandenen Instrumentarium des
Sozialstaats nicht bewältigt werden. Die Entstigmatisierung ist ein wichtiges
Argument, das sowohl die Gesellschaft als auch die Rolle des Einzelnen betrifft,
ebenso die finanzielle Gerechtigkeit der unteren Einkommensschichten. Es
müsste niemand mehr „Antragsteller“ für Hilfeleistungen sein, statt in Ohnmacht
versetzender Existenzangst würde es die „gesellschaftliche Verlässlichkeit“ (s.
2.1.1) geben.

Götz W. Werner, dm-Chef und Professor an der Uni Karlsruhe, formuliert „Arbeit
als ein Füreinander-Leisten in sozialer Sicherheit, in Würde und nach eigener
Wahl.“ (Werner (2006) S. 10) Ein schönes Ideal, das in seinen Worten sowohl
an das Grundgesetz als auch die Menschenrechte erinnert. Darin liegt auch das
Vertrauen in die Menschen, intelligent und zur Verantwortung bereit den
eigenen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.

Demgegenüber wird immer das Misstrauen bezüglich der Schattenseite des


Menschen stehen, alles auszunutzen, was ihm geboten wird, ohne die
erforderliche Gegenleistung oder überhaupt einen Beitrag zu erbringen. Auch

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das ist menschlich. Aber m.E. nicht Grund genug, um über die Alternative
Grundeinkommen nicht weiter nachzudenken.

Was sowohl gedanklich als auch praktisch Schwierigkeiten aufweist, ist die
Übergangsphase, die Neuorientierung und gesellschaftlichen Wandel braucht,
sowie die finanzielle schrittweise Anpassung in ein neues Steuer-System. Die
Veränderung von gesellschaftlichen Strukturen und menschlichen
Gedankenmustern gehen zwar Hand in Hand, bedingen und fördern sich, aber
es ist mit einem langsamen Prozess zu rechnen. Eine Möglichkeit wäre, z.B. ein
Teil-Grundeinkommen als Sozialreform einzuführen (vgl. Wohlgenannt (1980)
S. 150, 151), um harte Voreingenommenheiten zu lösen und Raum für neue
gesellschaftliche Verhaltensmuster zu schaffen.

Es ist sicher Illusion, eine ganzheitliche Realisierung der Idee „garantiertes


Grundeinkommen“ in naher Zukunft zu erhoffen. Doch die Idee ist älter als das
Modell Sozialversicherung und sie hat 500 Jahre in Form von Gedanken,
Plänen, Diskussionen und sogar Modellversuchen überlebt. Sie wird aktueller
denn je im Kontext von Arbeitslosigkeit, sozialer Sicherung und Gerechtigkeit
erörtert. Also ist es denkbar, sie als Beitrag für eine - mit Herwig Bücheles
Worten - „gastfreundlichere Gesellschaft“ zu sehen, um gesellschaftlichen
Wandel und eine gerechtere Verteilung der Ressourcen zu ermöglichen.

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Literaturverzeichnis

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