P. 1
Hurwitz - Zwi

Hurwitz - Zwi

|Views: 151|Likes:
Veröffentlicht vontehom_eltehom
S. Hurwitz - Sabbatai Zwi, Zur Geschichte und Psychologie eines Erlösers und seiner Bewegung
S. Hurwitz - Sabbatai Zwi, Zur Geschichte und Psychologie eines Erlösers und seiner Bewegung

More info:

Published by: tehom_eltehom on Mar 31, 2011
Urheberrecht:Attribution Non-commercial

Availability:

Read on Scribd mobile: iPhone, iPad and Android.
download as PDF, TXT or read online from Scribd
See more
See less

02/05/2013

pdf

text

original

Zur Geschichte und Psychologie eines Erlösers und seiner Bewegung für Marie-Louise von Franz

Die jüdische Mystik - die Kabbala - hat mit Isaak Lurja um die Mitte des 16. Jahrhunderts ihren Höhepunkt und damit auch ihre Vollendung erreicht. Ihre Entwicklung hat mit der fast allgemeinen Anerkennung der Lurjanischen Lehre ihren eigentlichen Abschluss gefunden. Die Kabbalisten der nachfolgenden Jahrzehnte weisen nur wenige originelle Ideen und schöpferische Gestaltungskraft auf. Das geistige Erbe der Kabbala wurde zum Teil von jener mystischen Richtung des Judentums im 18. Jahrhundert übernommen, die man als Chassidismus bezeichnet. Aber schon vor der chassidischen Bewegung entstanden etwa hundert Jahre zuvor religiöse Strömungen innerhalb des Judentums, deren geistige Wurzeln ebenfalls in die Lurjanische Kabbala zurückreichen. Es handelt sich um die beiden häretischen Bewegungen des Judentums, welche sich an die Namen Sabbatai Zwi und Jakob Frank knüpfen, die zur Zeit ihrer Entstehung eine ungemein faszinierende und zugleich schockartige Wirkung auf das zeitgenössische Judentum ausübten und eine explosive Dynamik entfalteten, welche das ganze geistige Gebäude des Judentums jener Epoche zu erschüttern vermochte und zu zerstören drohte. Der Sabbatianismus, wie man die auf seinen Stifter zurückgehende Bewegung zu bezeichnen pflegt, ist - so viel steht heute nach den grundlegenden Forschungen von G. Scholem1 fest - weder ein national-politisches Abenteuer noch eine utopisch-schwärmerische Erlösungs- und Erweckungsbewegung, deren Aufstieg und Erfolg einzig und allein aus der beinahe zweitausendjährigen Leidensgeschichte des jüdischen Volkes erklärt werden könnte. Wohl waren die äusseren historischen, politischen, sozialen, ökonomischen und geistigen Voraussetzungen derart, dass in den rechtlosen, geknechteten und gequälten jüdischen Massen, vorab im europäischen Osten, eine brennende Erlösungssehnsucht geweckt wurde.
1)

G. Scholem: Sabbatai Sevi. The Mystical Messiah. Princeton 1973

Aber bekanntlich ist Geschichte nie ausschliesslich ein Abbild von äusseren Ereignissen gewesen. Das äussere, in historischen Daten und Fakten fassbare Geschehen stellt ja im Grunde genommen immer auch eine Spiegelung eines inneren Schicksalsablaufes dar, wobei sich diese beiden Wirklichkeitsebenen jeweils wechselseitig bewirkten und bedingen. Wenn daher ein so gelehrter jüdischer Historiker wie Joseph Klausner2 die Auffassung vertreten hat, die «ganze Messiasidee sei im Grunde genommen nichts anderes als ein Produkt der Leidensgeschichte Israels», so beweist dies einen bedauerlichen Mangel an psychologischem Verständnis für den Sinn innerer Gesetzmässigkeiten. Aus äusseren Voraussetzungen allein lässt sich - um bei unserem Beispiel zu bleiben - niemals der eindrucksvolle Siegeszug der sabbatianischen Bewegung erklären, welche das Judentum des gesamten Abendlandes, Nordafrikas und des Vorderen Orients in seinen Strudel zog. Der Sabbatianismus und der zeitlich etwas spätere Frankismus stellen keineswegs den ersten Versuch dar, sich gegen das traditionelle talmudischrabbinische Judentum aufzulehnen. Bereits im zehnten Jahrhundert hatte Anan ben David die asketische Sekte der Karäer begründet, die sich vehement gegen den Talmud als Norm jüdischen Lebens wandte. Doch blieb dieser Bewegung ein dauernder Erfolg versagt, vermutlich deswegen, weil die geistigen Werte der karäischen Reformbewegung nicht von einem lebendigen Mythos getragen waren. Im Gegensatz dazu ist gerade die häretische Kabbala in hohem Masse von einem mythischen Hintergrunde geprägt. Denn die sabbatianische Häresie stellt genau genommen nichts anderes dar als ein spontanes Erwachen, um nicht zu sagen einen stürmischen Durchbruch jenes gnostischkosmogonischen Mythos Isaak Lurjas, der sich mit Ideen der jüdischen Apokalyptik und des Messianismus amalgamiert hatte. Durch diese Verbindung entstanden zwei häretische Bewegungen, deren geradezu revolutionäre Durchschlagskraft noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts verspürt werden konnte. Denn bis kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges lebten in Saloniki noch vereinzelte sabbatianische Gruppen, die
2)

J. Klausner: Die messianischen Vorstellungen des jüdischen Volkes im Zeitalter der Tannaiten. Berlin 1904 pag. 9f

J. Klausner: Jesus von Nazareth. Berlin 1930 pag. 270ff

Dönmehs, deren Literatur in den vergangenen Jahrzehnten teilweise veröffentlicht worden ist. Die Entwicklung der häretischen Kabbala ist aufs engste mit dem persönlichen Schicksal ihres Begründers, Sabbatai Zivi, verknüpft. Es ist nicht das Anliegen der vorliegenden Studie, die Geschichte und das Schicksal dieser Bewegung mit ihren verzweigten historischen, nationalen und geistigen Wurzeln darzustellen. Durch die umfangreiche Literatur über dieses Gebiet sind wir heute einigermassen gut orientiert. Aber man kann die sabbatianische Häresie nicht verstehen ohne ihren geschichtlichen Hintergrund zu kennen. Wir werden infolgedessen nicht darum herumkommen, zunächst die historische Situation in Kürze zu skizzieren. Dabei geht es mir nicht darum, neue geschichtliche Fakten oder Bezüge zu beleuchten. Vielmehr geht es darum, den psychologischen Hintergründen dieser Bewegungen nachzugehen. Wenn es dabei gelingen sollte, etwas über die psychischen Motivationen des Stifters dieser Bewegung und seiner Anhänger auszusagen, dann wird es vielleicht auch möglich sein, einen Beitrag zum Verständnis der Theologie und Psychologie dieser Bewegung zu geben. Dass sich der Erforschung häretischer Bewegungen Schwierigkeiten entgegenstellen, ist bekannt. Für das Judentum zeigt sich dies aber in ganz besonderem Masse. Niemals zuvor in der langen Geschichte Israels ist nämlich eine geistige Bewegung von ihren zeitgenössischen Gegnern mit einer derartigen Intoleranz, ja mit einem geradezu vehementen Fanatismus bekämpft worden, wie gerade die sabbatianische Bewegung. Auch die Geschichtsschreibung von Heinrich Graetz,3 des grossen Historikers des Judentums, vermittelt uns trotz seinem umfassenden geschichtlichen Wissen ein völlig verzerrtes Bild, und zwar sowohl des Stifters Sabbatai Zwi wie der häretischen Bewegungen überhaupt. Sogar Simon Dubnow, 4 der den Versuch einer historisch fundierten und sorgfältigen Darstellung unternommen hat und der nicht nur Tatsachenberichte wiedergibt, sondern auch den inneren Zusammenhängen und Motivationen nachgeht, ist dem Phänomen der häretischen Mystik in keiner Weise gerecht geworden.
3) 4)

H. Graetz: Geschichte der Juden. Leipzig 1897. Vol. X pag. 186ff S. D u b n o w : Weltgeschichte des jüdischen Volkes. Berlin 1920 Vol. VII pag. 64ff

Allerdings müssen diesen beiden Forschern einige Tatsachen zugute gehalten werden. Einmal waren ihnen weitaus die meisten handschriftlich erhaltenen Dokumente, die der modernen Geschichtsschreibung zur Verfügung stehen, noch nicht zugänglich. Dazu kommt, dass beide Autoren in Übereinstimmung mit dem damaligen kollektiven Zeitgeist eine ausgesprochen rationale Haltung einnehmen und sich infolgedessen dem Phänomen Mystik gegenüber ablehnend verhalten. Eine weitere Schwierigkeit besteht - wie bereits erwähnt - darin, dass der glühende Hass der orthodoxen Ketzerbekämpfer und die berechtigte Angst der Gläubigen der neuen Bewegung vor Verfolgungen dazu führten, dass der grösste Teil der ursprünglich umfangreichen sabbatianischen Literatur entweder unterdrückt oder vernichtet wurde. So ist es zu erklären, dass bis heute nur ein einziges Werk der sabbatianischen Theologie gedruckt vorliegt. Daher sind natürlich handschriftliche Quellen und Mitteilungen brieflicher Art besonders wertvolle Zeugnisse. Da diese aber meistens nicht ediert und schwer zugänglich sind, mussten wir Quellen aus zweiter Hand zitieren. Zum Glück steht uns heute im Werke von G. Scholem vieles zur Verfügung. Völlig verkannt wird interessanterweise die sabbatianische Häresie auch von den zeitgenössischen nichtjüdischen Quellen, welche fast durchwegs jedes tiefere Verständnis dieser Bewegung vermissen lassen, indem sie in ihrem Begründer entweder einen ehrgeizigen politischen Abenteurer oder einen aufschneiderischen Phantasten und Scharlatan sehen. Was wir aus den historischen Quellen über die Persönlichkeit Sabbatai Zwi's und sein in jeder Beziehung ungewöhnliches Schicksal erfahren, lässt sich etwa dahin kurz zusammenfassen: Geboren ist Sabbatai Zwi 1626 in Smyrna, wohin seine Eltern höchstwahrscheinlich aus Griechenland gezogen waren. Bereits mit 15 Jahren machte er den Eindruck eines ungewöhnlich geistig begabten und aufgeweckten Knaben. Er widmete sich, wie dies in jener Zeit allgemein Brauch war, zunächst dem Studium des Talmud und der rabbinischen Literatur. Dann versenkte er sich in die Geheimnisse der Kabbala1. Er beschäftigte sich zuerst mit dem Sohar und anschliessend mit der Lehre des Kabbalisten-Kreises in Safed, vor allem mit Isaak Lurja. Dabei sprach ihn die ausgesprochen weitabgewandte und asketische Seite Lurjas besonders an. So wachte er ganze Nächte hindurch, rezitierte Psalmen und die

von einer erotischen Mystik erfüllten Liebeslieder des Kabbalisten Israel ben Najara. Bussübungen, langes Fasten, Kasteiungen und rituelle Tauchbäder selbst im tiefsten Winter auferlegte er nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Schülern, die sich schon frühzeitig um ihn geschart hatten. Zu dieser ausgesprochen mönchisch-asketischen Seite passt auch ein weiterer Zug: Sabbatai Zwi hatte zu seiner Sexualität und im besonderen gegenüber Frauen ein durchaus gestörtes Verhältnis. Auf dieses Problem soll später noch näher eingegangen werden. Aber neben der begeisterten Schülerschar Sabbatai Zwi's erhob sich bald auch eine erbitterte Gegnerschaft, die sich im Verlauf der Ausbreitung der häretischen Bewegung mehr und mehr verstärkte. Aber die Schüler hielten treu zu ihrem Meister, fasziniert vom Zauber seiner Persönlichkeit und dem Charisma, das er ausstrahlte. Einer seiner Schüler, der junge Abraham Cuenque, der Sabbatai Zwi anlässlich dessen Besuches der Patriarchengräber in Hebron kennenlernte, erzählt von ihm: 5
«Voller Ehrfurcht blickte ich auf den gleich einer Libanonzeder hoch aufgeschossenen Mann, dessen frisches, bräunliches, von einem schwarzen Vollbart umrahmtes Gesicht in Schönheit erstrahlte und der in seinem fürstlichen Gewände sowie durch sein kraftstrotzendes Aussehen einen grossartigen Anblick bot. Während er in der Synagoge und dann an den Gräbern der Erzväter betete, konnte ich die Augen, wie gebannt, nicht von ihm wenden.»

Gegen die M t t e des 17. Jahrhunderts brachen in Südrussland und in Polen schwere Bürgerkriege aus, durch welche vor allem die einheimische jüdische Bevölkerung schwer betroffen wurde. Unter der Führung des Kosakenhetmans Chmielnitzky brachen bewaffnete Banden in Polen ein, wo sie gleicherweise gegen den polnischen Adel, die katholische Kirche und die Juden einen erbitterten Kampf führten. Die Juden nahmen damals im Lande eine Art Zwischenstellung ein, indem sie als Verwalter im Dienste der polnischen Grossgrundbesitzer Steuern und Abgaben einzutreiben und den adeligen Herren abzuliefern hatten. In den Auseinandersetzungen zwischen der Krone, dem Adel und der Kirche einerseits und dem aufstrebenden Bürgertum andererseits waren die Juden am meisten bedroht. Dazu kam, dass sie in den Machtkämpfen zwischen Katholiken und Russisch-Orthodoxen, zwischen Polen und Russen sowie zwischen
5)

S. Dubnow:

l.c.

pag. 54

Feudalherren und Kleinbauern als Fremde und Ungläubige besonders verhasst waren. Während es aber dem Adel und der Geistlichkeit grösstenteils gelang, sich in Sicherheit zu bringen, brach über die Juden das Verhängnis herein. Viele Zehntausende wurden in Pogromen erschlagen, deportiert oder als Galeerensklaven verkauft. Panikartige Auswanderungen führten viele nach Boehmen, Mähren, Deutschland, aber auch in den Nahen Osten. Nach der Niederwerfung dieses Aufstandes brachen russische und schwedische Armeen in das Land ein und plünderten die jüdischen Gemeinden vollends aus. Als es schlussendlich den polnischen Königen gelang, das Land von den Eindringlingen zu befreien, wurden wiederum die Juden die Opfer der Lage. Man warf ihnen jetzt vor, mit den Feinden Polens gemeinsame Sache gemacht zu haben. Diese furchtbare Leidenszeit führte schliesslich zu einer völligen Verelendung der jüdischen Bevölkerung sowie zu ihrem geistigen und materiellen Niedergang. Die Erlösungssehnsucht in den breiten Massen steigerte sich immer mehr, und es bedurfte nur eines zündenden Funkens, um die schwelende Glut zur lodernden Flamme zu entfachen. Dazu kam aber noch ein weiteres Moment. In verschiedenen kabbalistischen Kreisen wurde auf Grund einer höchst dunklen - übrigens wahrscheinlich später interpolierten - Textstelle aus dem Sohar die Ankunft des Messias für das Jahr 1648 prophezeit. Gleichzeitig wurde in zahlreichen christlichen Konventikeln, vor allem in Holland und England, basierend auf verschiedenen geheimnisvollen Textstellen aus dem apokalyptischen und eschatologischen Schrifttum - so namentlich aus dem Buche Daniel und der Offenbarung des Johannes - vorausgesagt, dass eine grundlegende Wandlung des Judentums bevorstehe und dass dessen gegenwärtige Leidenszeit von einer neuen, glücklicheren Zeitepoche abgelöst würde. Diese Kreise erhofften gleichzeitig auch die Wiederkunft Christi im Jahre 1666. Das neue, erhoffte tausendjährige Reich werde allerdings noch nicht die endgültige Erlösung bringen. Es wurde vielmehr als eine Art Zwischenreich aufgefasst, ähnlich wie seinerzeit das talmudisch-rabbinische Judentum das messianische Reich als Zwischenreich zwischen dem jetzigen, schlechten Aion und einem kommenden, besseren Aion aufgefasst hatte. Um aber dieses chiliastische Reich herbeizuführen, bedürfe es nach Meinung dieser christlichen Kreise in erster Linie der Mithilfe der Juden. Viele dieser christlichen Konventikel waren überzeugt, dass im Verlauf

dieser Geschehnisse die Juden das Heilige Land erobern würden. Wieder andere nahmen an, dass sich dann die Juden in ihrer Gesamtheit nach der Besitzergreifung Palästinas zum Christentum bekehren würden, was die unabdingbare Voraussetzung für den Anbruch der endgültigen Erlösung sei. Damit, so hofften sie, würde der neue Aion herbeigeführt. Im Jahre 1648 - also mit erst 22 Jahren - tritt Sabbatai Zwi zum ersten Male an die Öffentlichkeit. Er erklärte, die Verfolgungen der Juden in den Wirren um Chmielnitzky und die gegenwärtige Leidenszeit seien nichts anderes als die Vorboten der kommenden messianischen Erlösung. Bereits die talmudische Tradition hatte ja von den «Geburtswehen» des Messias gesprochen, welche ganz allgemein auf die der eigentlichen Heilszeit vorangehende Leidenzeit bezogen wurden. Es hat den Anschein, dass Sabbatai Zwi bereits in jener Zeit von seiner messianischen Sendung überzeugt war. Allein er wagte es offenbar noch nicht, sich schon jetzt öffentlich zum Messias zu erklären. Seine messianische Sendung sollte aber durch eine indirekte, anscheinend bedeutungslose, aber nichtsdestoweniger hochsymbolische Handlung erwiesen werden. Er wagte es, in der Synagoge vor der versammelten Gemeinde den vierbuchstabigen, heiligen Gottesnamen, das Tetragramm J H W H ohne jede Scheu auszusprechen, was nach allgemeinem jüdischen Brauch einzig und allein dem Hohepriester am Versöhnungstage und dem Märtyrer vor seinem Tode gestattet war. Wenn Sabbatai Zwi diese als verbindlich geltende Vorschrift offen missachtete, dann konnte dies in den Augen seiner jüdischen Zeitgenossen nur eine doppelte Bedeutung haben. Zum einen kommt damit die Überzeugung zum Ausdruck, dass das, was dem Hohepriester gestattet sei, in noch viel höherem Masse jenem zukomme, der zum Erlöser Israels ausersehen sei und der als Messias Jerusalem und seinen heiligen Tempel wieder aufbauen werde. Zum anderen mag aber damit - wenn auch völlig unbewusst -, ein magisches Ritual zum Ausdruck gekommen sein. Seit alters her ist die Anrufung und Nennung eines Gottes oder Dämons mit seinem wahren Namen Ausdruck dafür, dass derjenige, der den Namen kennt und ausspricht, auch Macht über den anderen besitzt. Sein Anruf bedeutet daher nichts anderes als eine Beschwörung oder ein magisch bewirktes Herbeizwingen der Gegenwart Gottes. Wenn es sich aber als möglich erwies, Gottes Gegenwart herbeizuführen, dann musste es doch noch viel eher möglich sein, auch die

Ankunft des Messias zu bewirken. In der Tat bedeutete das Aussprechen des Gottesnamens, dass zugleich mit der erfolgten Ankunft des Erlösers auch die lange erwartete Heilszeit angebrochen sei, in welcher das alte, verpflichtende Gesetz der Thora nicht mehr Geltung habe, da an seiner Stelle ein neues Gesetz als Norm und Richtschnur gegeben werde. In den Augen der Zeitgenossen Sabbatai Zwi's bedeutete dessen Vorgehen eine geradezu ungeheuerliche Gotteslästerung. Das Rabbinatskollegium distanzierte sich in aller Form von ihm und später wurde er mitsamt seinen Anhängern sogar mit dem Bann belegt. Dass an der Spitze dieses Kollegiums sein ehemaliger Lehrer stand, musste ihn besonders schmerzlich treffen. So musste Sabbatai Zwi Smyrna verlassen. Der einsame Asket und weltfremde mystische Träumer wurde zu einem ruhelosen Wanderer, der, von äusseren Feinden verfolgt und innerer Unrast getrieben, von Land zu Land zog, um seine messianische Sendung zu verkündigen. Weitaus die meisten Historiker des Judentums haben in Sabbatai Zwi's Vorgehen entweder eine beabsichtigte blasphemische Handlung eines religiösen Schwarmgeistes oder die aus kühler Berechnung erfolgte Tat eines ehrgeizigen politischen Abenteurers gesehen. Aber beide Auffassungen scheinen die wirklichen Motive ausser Acht zu lassen. Vor allem vermögen sie keine befriedigende Erklärung dafür zu geben, weshalb der neue Heilsbringer den Anspruch seiner messianischen Sendung gerade durch einen Akt der Gesetzesübertretung zu legitimieren suchte. Tatsächlich war die öffentliche Desavouierung der heiligen Tradition zwar die erste, aber keineswegs die einzige schockierende Handlung, welche später die Theologen der sabbatianischen Häresie euphemistisch als «fremdartige Handlungen» zu bezeichnen pflegten. Offenbar waren diese Taten den Jüngern Sabbatai Zwi's selbst überhaupt nicht verständlich. Ja, es bestehen begründete Anhaltspunkte dafür, dass auch Sabbatai Zwi diese «fremdartigen Handlungen» unter einem inneren Zwang vornahm, ohne sich über deren Bedeutung überhaupt im klaren zu sein. Erst die späteren geistigen Führer und Theoretiker der Bewegung haben diese Handlungen zu interpretieren versucht, indem sie ihnen einen verborgenen, mystischen Sinn gaben. Damit wurde aber bereits der Grundstein für die Entwicklung einer Theologie der mystischen Häresie gelegt. Der Bann des Rabbinatskollegium in Smyrna hatte nicht die erhoffte Wirkung erzielt. Im Gegenteil. Das Ansehen Sabbatai Zwi's wurde

dadurch eher noch gestärkt, und es strömten ihm Scharen von neuen Anhängern und Jüngern zu. Man war allgemein zu der Uberzeugung gekommen, dass die Zeit reif für das Kommen des Messias sei. Die allgemein verbreitete Erlösungssehnsucht jener Zeit zeigte sich auch in christlichen Kreisen. Immer wieder traten Menschen auf, die sich entweder als Messias oder sogar als den wiederkehrenden Christus ausgaben und das unmittelbar bevorstehende Reich Gottes herbeiführen würden. Zu ihnen gehörten Gestalten wie James Nyler, Öliger Pauli, David Joris, Ezechiel Meth und viele andere. Auf seiner Reise nach Palästina traf Sabbatai Zwi in Konstantinopel mit Abraham Jachini zusammen. Dieser war eine Art Wanderprediger, der in den Synagogen die Heilige Schrift im kabbalistischen Sinne interpretierte. Gleichzeitig kopierte er alte hebräische Manuskripte. Jachini wurde sogleich zu einem der glühendsten Verehrer des neuen Messias. Wahrscheinlich war es auch Jachini, der Sabbatai Zwi mit der alten astrologischen Tradition bekannt machte, derzufolge der Messias im Zeichen der Fische zur Zeit der Conjunctio von Jupiter mit Saturn erscheinen werde. Solche Spekulationen über das Erscheinen des Messias im Zusammenhang mit astrologischen Konstellationen treten im philosophischen und kabbalistischen Schrifttum des Mittelalters auf, so beim jüdischen Neupiatoniker Abraham bar Chija, sowie bei Kabbalisten wie Mose ben Nachman, ferner bei Levi ben Gerson, u. a. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war es vor allem Isaak Abravanel, der in seinen messianischen Schriften die Ankunft des Messias zu berechnen versuchte. Solche Berechnungen wurden auch nach dem Scheitern der messianischen Bewegung weiter geführt. Von diesen astrologischen Spekulationen scheint Sabbatai Zwi tief beeindruckt gewesen zu sein. Die Chronisten jener Zeit wissen zu erzählen, dass er einen Fisch wie ein Kind in eine Wiege legte und damit in den Strassen Konstantinopels herumwanderte. Da der Fisch bereits in vorchristlicher Zeit als ein Symbol des Messias galt, konnte dies nur die Bedeutung haben, dass Sabbatai Zwi der Träger des Messias, ja sogar mit ihm identisch sei. Aber auch in Konstantinopel wurde er bald verfolgt und musste die Stadt verlassen. In Saloniki, der alten Hochburg der Talmudisten und Kabbalisten, kam es wegen Sabbatai Zwi's Auftreten zu einem öffentlichen Skandal: Er lud seine Freunde und Anhänger zu einem Festmahle

ein. Während des Festes trat er feierlich gekleidet mit einer Thora-Rolle im Arm unter einen aufgestellten Traubaldachin. Wie seine Anhänger sogleich erkannten, handelte es sich wieder um eine der «fremdartigen Handlungen» ihres Meisters, nämlich um eine hochsymbolische Darstellung der Heiligen Hochzeit, bei welcher die Thora, nach alter jüdischer Auffassung die mystische Tochter Gottes, als Braut ihrem Bräutigam, dem Messias Sabbatai Zwi angetraut wurde. Obwohl Sabbatai Zwi sogleich verkündete, dass im Grunde genommen jeder wahrhaft Gläubige, der die Thora liebe, als ihr Bräutigam oder ihr Gemahl betrachtet werden könne, erregte sein Verhalten bei den anwesenden Rabbinern tiefes Missfallen und Anstoss. Die meisten hielten ihn schon damals geradezu für geistesgestört. So musste er auch diese Stadt verlassen. Eine ähnliche symbolische Handlung wird aus späterer Zeit berichtet. Anlässlich eines Gottesdienstes in Smyrna nahm Sabbatai Zwi eine Thorarolle aus der Heiligen Lade und sang dabei sein Lieblingslied Meliselda,6 eine alte kastilische Romanze, die unter den von Spanien nach der Türkei exilierten Juden weit verbreitet war. Das durchaus weltliche Lied von der schönen Königstochter Meliselda wurde von Sabbatai Zwi im mystischen Sinne verstanden, ähnlich wie seinerzeit das Hohelied, das bereits in talmudischer Zeit allegorisch umgedeutet worden war. In Palästina traf Sabbatai Zwi mit einem um etwa 20 Jahre jüngeren enthusiastischen Schüler zusammen, Nathan von Gaza. Diese Begegnung war nicht nur für das persönliche Schicksal von Sabbatai Zwi sondern auch für die ganze Entwicklung der sabbatianischen Bewegung von ausschlaggebender Bedeutung. Im Gegensatz zu Sabbatai Zwi, der eine eher passive Natur besass, wurde Nathan zur eigentlichen treibenden Kraft, zum geistigen Führer und zum bedeutendsten Theologen der kabbalistischen Häresie. Er selber ist, im Gegensatz zu Sabbatai Zwi, nicht antinomistisch eingestellt, er begeht keine «fremdartigen Handlungen», aber er versucht, sie zu verstehen und ihnen eine mystisch begründete Rechtfertigung zu geben. Nathan und nach ihm einige andere Schüler haben so eine Art Theologie der mystischen Häresie begründet. Dabei stellten sie in den Mttelpunkt ihrer Lehre die Idee vom stellvertretenden Leiden des Messias, der die Sünden der Menschen auf sich nimmt.
6) H. Graetz: Geschichte der Juden. Berlin 1897 Vol. X pag. 194 G. Scholem: 1. c. pag. 400f

Unter den Schülern Sabbatai Zwi's war zweifellos Nathan der weitaus begabteste. Er überragte alle anderen Führer der Bewegung. Während Sabbatai Zwi die Erlösung durch irgendein plötzlich auftretendes äusseres Wunder erhoffte, war Nathan äusserst dynamisch. Er reiste viel, verfasste eine ganze Reihe von Sendschreiben und stand dadurch mit den entferntesten jüdischen Gemeinden in regem Briefwechsel. Dadurch wurden die breiten Massen für die neue Bewegung gewonnen. Die jüdische Bevölkerung Europas, Nordafrikas und des Nahen Ostens wurde geradezu von einer Massenpsychose erfasst. Berühmte talmudische und kabbalistische Autoritäten wurden von ihr ergriffen und nur wenige wagten es, offen Widerstand zu leisten. Der Sabbatianismus erfasste vor allem die grossen jüdischen Zentren in London, Amsterdam, Hamburg, Venedig und Livorno, wo es in der Folge auch zu Zusammenstössen zwischen den «Gläubigen» und ihren Gegnern kam. Selbst so fernab liegende Gemeinden wie Konstantinopel wurden von der messianischen Schwärmerei ergriffen. Zu Beginn des Jahres 1666 war die Erregung der Gemüter und die Erlösungshoffnung aufs höchste gestiegen. In diesem Jahre brach Sabbatai Zwi nach Konstantinopel auf. Nathan hatte inzwischen verkünden lassen, dass der neue Messias den Sultan entthronen und das Heilige Land erobern werde. Bei seiner Landung wurde daher Sabbatai Zwi von den türkischen Behörden sogleich verhaftet. Die Behörden wagten nicht, ihn umzubringen, sie verbrachten ihn daher zunächst in die Dardanellenfestung Abydos auf Gallipoli. Die Anhänger Sabbatai Zwi's erklärten, dass die Verhaftung ihres Führers gerade ein Beweis für seine Messianität sei. Seine Leiden seien die notwendige Voraussetzung für den Anbruch der Heilszeit. Die Festung Abydos nannten sie symbolisch «Turm der Macht», da sich von hier aus die Macht des Erlösers ausbreiten würde. Aber schon bald trat eine Wendung ein. Ein berühmter Kabbaiist, Nehemia Cohen, suchte den Gefangenen auf und hatte eine Reihe von Gesprächen mit ihm. Er kam zum Ergebnis, dass Sabbatai Zwi keineswegs der erwartete Messias, sondern ein Betrüger sei. Er denunzierte ihn daher bei den türkischen Behörden und gab an, dass Sabbatai Zwi einen Aufstand gegen die Staatsmacht plane. Daraufhin wurde dieser nach Adrianopel verbracht. Doch wagte man nicht, ihn zum Tode zu verurteilen, da offenbar ein toter Märtyrer gefährlich werden konnte. Man beschloss

daher, den Versuch zu unternehmen, Sabbatai Zwi zu überreden, zum Islam überzutreten, was den Behörden nach einiger Zeit auch gelang. Uber die Hintergründe, die ihn bewogen, diesen Schritt zu vollziehen, ist man sich noch nicht restlos im klaren. Wahrscheinlich gaben Drohungen von Seiten der Behörden den Ausschlag. Dass Sabbatai Zwi diesen Schritt nicht aus Überzeugung, sondern unter massivem äusseren Druck unternahm, wird durch einen Brief nahegelegt, den er an seinen Bruder Elija in Smyrna, unter Bezugnahme auf die Psalmstelle 33,9, schrieb: «Und nun lasst ab von mir. Denn Gott hat mich zu einem Moslem gemacht. Er sprach und es geschah, er befahl und es trat ein.»7. Nicht einmal diese für einen Juden geradezu ungeheuerlichste aller Sünden, nämlich der Abfall vom Judentum, vermochte die Anhänger des Meisters zu entmutigen. Allerdings folgte nur ein kleiner Teil der Anhänger seinem Beispiel. Auch Nathan von Gaza trat nicht zum Islam über. Ein anderer Teil der Sabbatianer schloss sich nach dem Auftreten Jakob Franks in Polen dessen Bewegung an. Auch die Frankistenbewegung führte teilweise aus dem Judentum hinaus. Ein Teil der Anhänger schloss sich der katholischen Kirche an. Der weitaus grösste Teil aber verblieb innerhalb des Judentums, auch wenn sie von ihren Gegnern immer wieder verleumdet und verfolgt wurden. Sabbatai Zwi wurde von den türkischen Behörden scharf überwacht und zuletzt nach Dulcigno in Albanien verbannt, wo er im Jahre 1676 mit 50 Jahren starb. Wir haben uns bisher mit dem geschichtlichen Rahmen beschäftigt, in welchem Sabbatai Zwi und seine Bewegung in Erscheinung traten. Im folgenden soll der Versuch unternommen werden, mehr auf die psychologischen Aspekte einzugehen. Dass Sabbatai Zwi eine aussergewöhnliche Persönlichkeit war, ist bereits seinen Zeitgenossen, soweit sie ihn persönlich kannten, aufgefallen. Er hatte auf seine nähere Umgebung eine eigenartige Wirkung. Während seine Anhänger und Schüler von ihm ungemein fasziniert waren, fühlten sich seine Gegner ebensosehr von ihm abgestossen. Dabei richtete sich ihre Gegnerschaft weniger gegen ihn als Person als vielmehr gegen seine antinomistische Haltung, die in den «fremdartigen Handlungen» zum
12)

G. Scholem: l.c. pag. 110 Anm.21

Ausdruck kam. Während ihn seine Schüler für einen Heiligen und Erlöser hielten, wurde er von den Gegnern als Ketzer, Gottesleugner und Abtrünniger verteufelt. Aus diesen Kreisen stammt auch die immer wieder vorgebrachte Behauptung, dass Sabbatai Zwi geistesgestört sei. Wir werden später darauf eingehen, inwiefern diese Behauptung den Tatsachen entsprach. Wenn wir die Lebensgeschichte Sabbatai Zwi's verfolgen, dann fällt vor allem eine Tatsache besonders auf: In seinem ganzen Leben hatte er von einer oder zwei Ausnahmen abgesehen - keine sexuellen Beziehungen zu Frauen. Ja, es hat den Anschein, dass er Begegnungen mit Frauen eher aus dem Wege ging. Er wurde zwar nach damaligem allgemein-jüdischen Brauch mit 20 Jahren verheiratet. Aber wenige Wochen nach der Hochzeit verlangte die junge Frau die Scheidung. Als Grund gab sie an, dass sie unberührt geblieben sei. Dies war auch die Ursache, weshalb ihrem Begehren ohne weiteres entsprochen wurde. Einige Zeit nach der Scheidung wurde eine neue Braut gefunden. Aber bald nach der Hochzeit klagte auch diese auf Scheidung, und zwar mit derselben Begründung. Die offensichtliche Abneigung gegen den Vollzug der Ehe und sein Verhalten Frauen gegenüber erregten bald unliebsames Aufsehen. Es liess sich nicht vermeiden, dass bald allerlei Gerüchte aufkamen, die dazu beitrugen, Sabbatai Zwi in den Augen seiner Umgebung als abnorm veranlagt erscheinen zu lassen. Die dritte Ehe Sabbatai Zwi's ist an die aufsehenerregende Geschichte der sogenannten Messiasbraut Sara geknüpft. 8 Auf seiner Wanderschaft hörte er die abenteuerlichen Gerüchte über ein junges Mädchen, das während des Kosakenaufstandes angeblich seinen Eltern geraubt und in ein Kloster verbracht wurde, wo es viele Jahre als fromme Katholikin lebte. Von dort soll sie eines Nachts entflohen sein und sich zum Friedhof der jüdischen Gemeinde begeben haben, wo sie von einer Gruppe von Betenden entdeckt wurde. Diesen erzählte sie, ihr verstorbener Vater sei ihr im Traum erschienen und habe ihr befohlen, zu fliehen und zum Glauben ihrer Väter zurückzukehren. Da es aber der Gemeinde zu gefährlich schien, ein getauftes Mädchen bei sich aufzunehmen, schickte man sie nach Amsterdam. Dort verkündete Sara, in nächster Zeit werde der
8

) H. Graetz: l.c..pag. 195ff

Mes-sias erscheinen und das jüdische Volk erlösen. Sie sei von Gott dazu ausersehen, seine Braut zu werden. Was an allen diesen Gerüchten wahr ist, lässt sich schwer nachprüfen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass manches der Phantasie des Mädchens entstammt. Es ist aber ebenso gut möglich, dass diese Erzählungen von Anhängern Sabbatai Zwi's in Umlauf gebracht wurden. 9 Jedenfalls scheint Sara ein recht abenteuerliches Leben geführt zu haben. Von Holland zog sie über Deutschland nach Italien. Überall erregte sie wegen ihres zweideutigen Lebenswandels unliebsames Aufsehen. Sie wurde fast überall als eine Dirne betrachtet. Auf Sabbatai Zwi machte das Mädchen einen tiefen Eindruck. Er erklärte, dass auch er in einem Traume den göttlichen Befehl erhalten habe, dieses ihm vorbestimmte Mädchen zu heiraten. Er motivierte diese dritte Ehe mit dem ausdrücklichen Hinweis auf jene Bibelstelle, nach der J H W H dem Propheten Hosea befohlen habe, eine Dirne zu heiraten und Dirnenkinder zu zeugen. Es ist anzunehmen, dass Sabbatai Zwi die Identifikation mit dem alttestamentlichen Propheten einigermassen bewusst war, denn ein Zeitgenosse äussert sich dahin, dass er diese Ehe einging, um den Befehl Gottes an Hosea nachzuvollziehen. 10 ' Aber wie die Ehe Hoseas, so war auch Sabbatai Zwi's Ehe mit Sara weniger eine zwischenmenschliche Beziehung als vielmehr ein konkret gelebter Mythos. Dasselbe Motiv findet sich auch in der Apostelgeschichte.11 Der dort erwähnte Zauberer Simon Magus gilt bei den Kirchenvätern als Begründer der Gnosis und wird von ihnen als Erzketzer verdammt. Wie der Kirchenvater Justin in seiner Apologie berichtet, lebte er mit einer Gefährtin, Helena, zusammen, die er aus einem Bordell in Tyros geholt hatte. Mt Recht weist G. Quispel12 darauf hin, dass das Mythologem des Zauberers und der Dirne auf eine «vorchristliche oder wenigstens nicht-christliche Symbolik» hinweise und dass es sich hier sogar «um eine allgemein-menschliche psychologische Gegebenheit» handle, die in Dichtung,ynd Mythos immer wieder auftrete. Auch diese Ehe scheint auf die Dauer nicht glücklich gewesen zu sein. Nach sieben Jahren liess sich Sabbatai Zwi scheiden, obwohl ihm Sara
9)

G. Scholem: 1. c. pag. 193ff Hosea 1,2 G. Scholem: 1. c. pag. 196

10) 11) 12)

G. Quispel: Gnosis als Weltreligion. Zürich 1951 pag. 61

inzwischen einen Sohn und eine Tochter geboren hatte. Er begründete diesen Schritt wiederum mit dem Hinweis auf die Bibel, nach welcher ein jüdischer Sklave im siebenten Jahre freigelassen werden müsse. Offenbar betrachtete er seine Ehe als eine Art Sklavendienst. Ob dieser Schritt mit dem angeblich unverträglichen Charakter Saras in Zusammenhang steht, ist sehr zu bezweifeln, nahm er sie doch während seiner Gefangenschaft auf Gallipoli wieder zu sich. Es ist eher anzunehmen, dass diese Scheidung mit der offensichtlichen Abneigung Sabbatai Zwi's gegenüber jeglicher Art von Bindung und Verpflichtung zu begründen ist. Nach seiner Apostasie, d. h. seinem Abfall vom Judentum und der Bekehrung zum Islam, heiratete Sabbatai Zwi ein viertes Mal, scheint aber nach seinen eigenen Worten auch diese Frau nicht berührt zu haben.13) Aus späterer Zeit ist eine Verlobung bekannt, doch kam es nicht zur Heirat, da das Mädchen vorzeitig starb. Aber eine fünfte Heirat erfolgte ein Jahr vor Sabbatai Zwi's Tode. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Was veranlasste Sabbatai Zwi fünf Heiraten sowie ausserdem noch eine Verlobung einzugehen und dabei in mindestens drei Fällen die Ehe nicht zu vollziehen? Weshalb entschloss er sich überhaupt, zu heiraten? Die Antwort auf diese Frage ist nicht ganz einfach. Es mögen dabei sowohl äussere wie innere Faktoren mitgespielt haben. Zum einen war der kollektiv-jüdische Zeitgeist jener Epoche von Bedeutung: dass ein junger jüdischer Mann unverheiratet blieb, war innerhalb des jüdischen Kollektivs so gut wie undenkbar. Hatte doch bereits die Genesis festgestellt, es sei für einen Mann nicht gut, allein zu bleiben. Noch weiter ging in späterer Zeit das talmudische Gesetz, demzufolge ein Mann ausdrücklich verpflichtet war, zu heiraten und eine Familie zu gründen, um «das Menschengeschlecht zu erhalten». Von dieser Verpflichtung waren einzig und allein jene Männer ausgenommen, welche sich ausschliesslich dem Studium der Lehre hingaben. Da dies aber für Sabbatai Zwi offenbar nicht zutraf, blieb ihm keine andere Wahl übrig, als eine konventionelle Ehe einzugehen. Aber angesichts seiner offensichtlichen Abneigung gegen die Ehe blieb ihm wenigstens die Möglichkeit, den Vollzug der Ehe zu verweigern oder ihn doch wenigstens während längerer Zeit hinauszuschieben.
15)

G. Scholem: l.c. pag. 110 Anm.21

Neben diesen äusseren Faktoren aber spielte auch die persönliche Psychologie Sabbatai Zwi's eine erhebliche Rolle. Auf diesen Aspekt des Problems soll später näher eingegangen werden. Es verwundert nicht, dass bereits zu Lebzeiten Sabbatai Zwi's manche seiner Zeitgenossen, besonders seine Gegner, ihn entweder für einen harmlosen Narren oder für einen Psychopathen hielten. Zu Beginn dieses Jahrhunderts hat S. Trivusch14 die Behauptung aufgestellt, dass Sabbatai Zwi an einer eindeutigen Paranoia litt. Doch muss in Erwägung gezogen werden, dass in jener Zeit die klinische Differentialdiagnose psychischer Erkrankungen noch sehr in den Anfängen war. Mit der Bezeichnung Paranoia wurden damals verschiedenartige Krankheitsbilder belegt, welche irgendwie mit dem Auftreten von Wahnvorstellungen verbunden waren. In neuerer Zeit wurde diese Diagnose von B. Kurzweil15 wieder aufgegriffen. Indessen dürfte eine echte Paranoia mit grösster Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, wenn auch zugegebenermassen bei Sabbatai Zwi zu gewissen Zeiten wahnhafte Ideen aufzutreten pflegten. G. Scholem16 hat darauf hingewiesen, dass hier ein eindeutiger Fall eines manisch-depressiven Syndroms vorliege. Dieses Krankheitsbild ist vor allem gekennzeichnet durch extreme Stimmungsschwankungen, welche zwischen Phasen einer ausgesprochenen Euphorie, exaltierter Selbstüberschätzung und manisch-hektischer Betriebsamkeit einerseits und einer tiefen Melancholie, ja schwerster depressiver Verstimmung andererseits sich bewegen. Zwischen diesen extremen Polen können aber jeweils auch wieder Phasen einer anscheinend völlig vernünftigen Haltung und innerer Ausgeglichenheit vorkommen. Ja, solche scheinbar völlig normalen Zustände pflegen in der Regel sogar zum typischen Bilde dieser Erkrankung zu gehören. Im übrigen kann der Umschlag von einer Stimmungslage in die entgegengesetzte jeweils ohne jeden Übergang erfolgen. Die manische Phase ist bei Sabbatai Zwi gekennzeichnet durch eine Art von Rausch- oder Besessenheitszustand, der ihn über sich selbst hinausträgt. In diesen Zeiten geschieht es ihm, dass er sich mit einer inneren, archetypischen Figur identifiziert. Es kann nicht mit Sicherheit aus14) 15) 16)

G. Scholem: 1. c. pag. 125 Anm. 53 G. Scholem: 1. c. pag. 125 G. Scholem: l.c. pag. 110 Anm.21

gemacht werden, inwieweit eine unbewusste Identifikation vorliegt, oder ob vielleicht nicht auch bewusste Überlegungen mitspielen mochten. Im Falle seiner Identifikation mit Mose, bei welcher er einen Stab mit einer Schlange mit sich herumtrug, scheint eher eine unbewusste Haltung vorzuliegen. Auf der anderen Seite hat es den Anschein, dass seiner Gleichsetzung mit dem Propheten Hosea gewisse bewusste Absichten zu Grunde lagen. In den manischen Phasen fühlt er sich als Erretter und Erlöser Israels und lässt sich als «Messias des Gottes Jakobs» feiern. In diesem Zustande der manischen Exaltation, den seine Anhänger jeweils als «Erleuchtung» zu bezeichnen pflegen, wird Sabbatai Zwi von innen her gezwungen, das durch Tradition geheiligte Gesetz zu übertreten. Als ein gottähnliches Wesen steht er ja über jedem Gesetz. Auch verheisst die Tradition, dass in der messianischen Zeit ein neues Gesetz gegeben werde, welches das alte Gesetz ablösen werde. Aber sobald Sabbatai Zwi aus seinem manischen Zustande herauskommt, wird seine ganze menschliche Dimension und Begrenztheit sichtbar: Er ist nicht mehr ein göttliches oder halbgöttliches Wesen, sondern ein ganz gewöhnlicher sterblicher Mensch. Aber auf die Dauer ist er nicht imstande, die harte Wirklichkeit zu sehen und zu verstehen und gerät daher wieder in den Teufelskreis von Euphorie und nachfolgendem Absturz in Melancholie und Verzweiflung. Seine Phantasien und Identifikationen verflüchtigen sich ebenso plötzlich wie sie auftauchen. Er wird nun von inneren Zweifeln bedrängt und muss sich daher seine Messianität von seinen Anhängern immer wieder bestätigen lassen. In diesen Phasen geht ihm auch jedes Verständnis für seine «fremdartigen Handlungen» ab, die er nunmehr direkt als Sünde empfindet. Wie haben Sabbatai Zwi's Zeitgenossen die Zwiespältigkeit im Wesen ihres Meisters empfunden? Leider besitzen wir keinerlei authentische Schriften von Sabbatai Zwi, abgesehen von seinen Briefen. Aber es existieren einige briefliche Mtteilungen von Zeitgenossen, die sich über die verschiedenen Phasen seiner Krankheit äussern. Über den depressiven Zustand äussert sich Samuel Gandur17 dahingehend, dass es sich um eine Krankheit handle, für welche keine Möglichkeit einer Heilung bestehe, da
17)

G. Scholem: l.c. pag. 110 Anm.21

sie ein von Gott verhängtes Schicksal sei. Über das Stadium der Manie berichtet ein anderer seiner Anhänger, Salomo Laniado,18 dass Sabbatai Zwi in diesen Zeiten seltsame Handlungen ausführte, für welche er wiederholt ausgepeitscht worden sei. Im gleichen Briefe wird erwähnt, dass nach Aufhören der manischen Phase er seine «fremdartigen Handlungen» jeweils bereute, da ihm nunmehr ihr Sinn völlig unverständlich war. Aber nicht nur Sabbatai Zwi selber, auch seine Schüler und Anhänger stehen seinen Gesetzesübertretungen grösstenteils ziemlich verständnislos gegenüber. Sie sind offenbar von der Persönlichkeit ihres Meisters derart fasziniert, dass sie sie akzeptieren, ohne sich allzuviele Gedanken darüber zu machen. Erst Nathan von Gaza und einige andere führende Theologen der häretischen Bewegung versuchen, diesen Handlungen eine mystische Motivation zu geben. Damit werden diese nicht nur nach aussen gerechtfertigt, sondern ihre Notwendigkeit für das Zustandekommen des Erlösungswerkes betont. Auf diese Weise wurde eine eigentliche Theologie der Sünde entwickelt. Meinungsverschiedenheiten bestehen im Grunde genommen unter den Anhängern der Bewegung lediglich darüber, ob solche Gesetzesübertretungen das alleinige Vorrecht des Meisters seien oder ob sie allenfalls auch von ihnen selbst vorgenommen werden müssten. Jedenfalls traten verschiedentlich sabbatianische Theologen auf, welche die Behauptung aufstellten, dass gerade der Vollzug der Sünde das eigentliche Kriterium für die Echtheit von Sabbatai Zwi's messianischer Sendung sei. Die Vorstellung von der Heiligkeit der Sünde ist aber keineswegs ein in der sabbatianischen Häresie allein auftauchendes Phänomen. 19 ' Sie lässt sich innerhalb der religionsgeschichtlichen Entwicklung schon ziemlich frühzeitig nachweisen und hat sich, namentlich in mystischen Konventikeln und Sekten der verschiedensten Richtungen immer wieder durchzusetzen vermocht. Auch die katholische Theologie bezeichnet bekanntlich die Sünde des Ureltempaares als beata oder felix culpa, als heilige Schuld, insofern sie der Verwirklichung des göttlichen Heilsplanes dient. Wohl am eindrücklichsten hat aber diese Idee ihren Ausdruck in jener gnostischen Richtung gefunden, welche an den Namen des Karpokrates anknüpft.
18)

G. Scholem: 1. c. pag. 136
19)

G. Scholem: Die jüdische Mystik in ihren H a u p t s t r ö m u n g e n . Zürich 1957 pag. 346f

Hatte doch dieser Lehrer den folgeschweren Ausspruch geprägt: «Du kannst nur von der Sünde erlöst werden, die du begangen hast.» In welchem Sinne auch immer Karpokrates diesen Satz verstanden haben mochte, seine Schüler haben jedenfalls daraus die weitgehendsten Folgerungen gezogen. Vor allem erklärten sie, dass die Sünde die notwendige Voraussetzung der Erlösung sei. Von da her gesehen wird die Begehung der Sünde zur gottgefälligen Tat. Nun enthält auch das talmudische Schrifttum einige schwer verständliche Andeutungen, welche in ähnlichem Sinne verstanden werden konnten. Die bekannteste davon ist der Ausspruch: «Der Sohn Davids (d. i. der Messias) kommt entweder in einem Zeitalter, das völlig sündenrein ist, oder in einem Zeitalter, das total sündig ist.» Es war naheliegend, dass manche Sabbatianer darin eine geheime oder offene Aufforderung zur Sünde sahen. Denn da es ja offenbar unmöglich ist, einen völlig sündenfreien Zustand der Welt zu erreichen, dann müsse man eben möglichst viel sündigen, um die Erlösung herbeizuführen. Wohl am radikalsten wurde diese Auffassung von der Heiligkeit der Sünde in der Bewegung des Frankismus in die Wirklichkeit umgesetzt. Bereits ihr Begründer, Jakob Frank, hatte in dunkeln Andeutungen wiederholt von jenem Abgrund gesprochen, in den wir uns begeben müssen. Noch deutlicher formuliert er diesen Gedanken mit den Worten: «Man muss durch alle Tore der Unzucht gehen, um durch das Tor der Heiligkeit zu gelangen», eine Aufforderung zur Sünde, die denn auch von seinen Anhängern gründlich in die Tat umgesetzt wurde. Wenn wir zum Schlüsse versuchen, zu einem psychologischen Verständnis der Persönlichkeit von Sabbatai Zwi zu gelangen, dann können wir natürlich nicht von seiner manisch-depressiven Erkrankung absehen. Aber obwohl die klinische Diagnose einigermassen festzustehen scheint, ist damit für das Verständnis des Menschen Sabbatai Zwi nicht allzuviel gewonnen. Es ist eine Erfahrungstatsache, dass aus der Diagnose allein die spezifischen Inhalte, welche der psychotischen Erkrankung zu Grunde liegen, nicht restlos erklärt werden können. Dass Sabbatai Zwi von wahnhaften Vorstellungen überflutet war, steht so gut wie fest. Aber sind damit auch Inhalt und Charakter der Wahnideen erklärt? Gerade diese Frage ist es, welche den Psychologen in erster Linie interessiert. Er fragt sich m. a. W., weshalb gerade diese und nicht andere Wahnvorstellungen aus

dem Unbewussten auftauchen. Dies ist der Grund, weswegen m. E. die rein psychiatrische Beurteilung einer psychologischen Ergänzung und Vertiefung bedarf. Der auf dem Standpunkt der Jungschen Psychologie stehende Psychologe wird sich im besonderen die Frage vorlegen: Welcher spezifische Archetypus steht hinter Sabbatai Zwi's bewusster Einstellung? Damit kommen wir nochmals zu Sabbatai Zwi's Einstellung zur Ehe und zur Frau im allgemeinen zurück. Es ist naheliegend, diese mit seiner Beziehung zu seiner persönlichen Mutter in Zusammenhang zu bringen. Leider wissen wir weder über sie selbst noch über ihre Beziehung zu Sabbatai, dem mittleren ihrer drei Söhne, Genaueres. Immerhin existiert ein ebenso überraschendes wie aufschlussreiches Dokument aus der Zeit von Sabbatai Zwi's Gefangenschaft auf Gallipoli. In einem Brief an seine Schüler und Anhänger fordert er diese eindringlich auf, zum Grab seiner Mutter in Smyrna zu wallfahren, mit dem Hinweis, dass das Verdienst, ihr Grab zu besuchen, ebenso hoch zu werten sei wie eine Pilgerfahrt nach Jerusalem.20 Es ist bekannt, dass Nathan von Gaza in der Tat die Reise nach Smyrna unternahm. Aber auch viele jüdische Einwohner dieser Stadt pflegten dieses Grab als Wallfahrtsstätte zu besuchen und bei dieser Gelegenheit von einer nahe gelegenen Quelle zu trinken. Was bedeutet psychologisch diese Gleichsetzung des Grabes seiner Mutter mit der Stadt Jerusalem? Für den Juden ist Jerusalem der heiligste Ort und in Jerusalem ist es die Stätte des ehemaligen Tempels, dessen Mitte jener Stein einnimmt, auf dem seinerzeit die Opferung Isaaks vollzogen werden sollte und der später zum Altar des Salomonischen Tempels geweiht wurde. Anders als im Islam, in welchem eine Pilgerfahrt nach Mekka zu den Pflichten eines gläubigen Muslim gehört, ist der Besuch Jerusalems für den Juden der Diaspora zwar eine hoch zu wertende Tat, aber keine bindende Vorschrift. Nach jüdischer Auffassung wird in der messianischen Zeit Gott anstelle des zerstörten Jerusalem dereinst ein neues Jerusalem und einen neuen Tempel herabsenden. Dieses neue Jerusalem wird der geistige und religiöse Mttelpunkt Israels, ja der ganzen Welt sein. Wenn daher Sabbatai Zwi das Grab seiner Mutter auf die gleiche Stufe stellt wie die Heilige Stadt
20)

G. Scholem: l.c. pag. 110 Anm.21

JHWH's, dann kann dies nichts anderes bedeuten, als dass seine Mutter beinahe in den Rang einer Göttin erhoben wird. Daher scheint m. E. dieser Brief den Schlüssel für das psychologische Verständnis von Sabbatai Zwi zu geben: Er verrät eine ausserordentlich tiefe Bindung an seine Mutter. Dies veranlasst mich, kurz auf die Problematik des muttergebundenen Sohnes einzugehen. Die Beziehung des Kleinkindes zu seiner Mutter ist einerseits geprägt durch seine Erfahrungen mit seiner persönlichen Mutter, andererseits aber auch durch eine gewisse angeborene Disposition. Wohl in den meisten Fällen dürften beide Faktoren zusammen wirksam sein. Muttergebundene Söhne pflegen in der Regel ganz spezifische Charakterzüge zu entwickeln. C. G. Jung21 hat in einer grösseren Arbeit die Psychologie der muttergebundenen und mutterablehnenden Tochter herausgearbeitet. Diejenige des muttergebundenen Sohnes dagegen wird nur in vereinzelten Hinweisen erwähnt. Er weist in diesem Zusammenhang besonders auf die Extremsituationen dieser Fehlentwicklung hin. Zu diesen gehören u. a. gewisse Formen der Homosexualität, in welcher die ganze Sexualität des heranwachsenden Sohnes auf die persönliche Mutter bzw. an das dahinter stehende archetypische Mutterbild fixiert bleibt. In anderen Fällen einer solchen Mutterbindung kann es zu Impotenz kommen, doch scheinen nach C. G. Jung22 in solchen Fällen auch die Beziehungen zum Vater eine gewisse Rolle zu spielen. Wieder eine andere Spielart extremer Art ist der Casanova-Komplex, auch Don Juanismus genannt. In diesem Falle wird das archetypische Bild der Mutter, welche zugleich die ideale Frau und Geliebte bildet, immer wieder auf mehr oder weniger geeignete Frauen projiziert. Da aber die vollkommene Mutter-Geliebte in der äusseren Realität niemals gefunden werden kann, sieht sich der muttergebundene Sohn gezwungen, von einem weiblichen Wesen zum anderen zu wandern, immer in der unbewussten Hoffnung, nun endlich sein ersehntes Idealbild zu finden, wobei er natürlich jedesmal aufs Neue enttäuscht wird. 23
21)

C.G. Jung: Die psychologischen Aspekte des Mutterarchetypus i. Von den Wurzeln des

Bewusstseins. Zürich 1954 pag. lOlf
22) 23)

C. G . J u n g : l.c. pag. 101 Anm. 7 C. G . J u n g : l.c. pag. 102

Aber neben den geschilderten Extremsituationen kann sich auch, und zwar in der Regel, das entwickeln, was C G. Jung als die Psychologie des puer aetemus, des ewigen Jünglings, bezeichnet, wobei diese gelegentlich auch mit einer homosexuellen oder bisexuellen Komponente verbunden sein kann. Puer aetemus ist ursprünglich die Bezeichnung für den in den Eleusinischen Mysterien geborenen Kindgott, welcher zu gewissen Zeiten mit dem Gott Dionysos, später in römischer Zeit mit dem Gott Eros identifiziert wurde. Er gehört mythologisch gesprochen in den Umkreis der frühsterbenden Jünglingsgötter, die in enger Gemeinschaft mit einer grossen Muttergöttin leben, wie etwa Attis, Adonis, Tammuz und Osiris. In der Psychologie C. G. Jungs bedeutet puer aeternus einen zu lange im Stadium der Adoleszenz verharrenden jungen Mann, der an seine Mutter fixiert bleibt. Die Psychologie des puer aeternus wurde von Marie-Louise von Franz in ihren beiden eingangs erwähnten Studien eingehend herausgearbeitet. Sie weist darauf hin, dass ein Sohn, der sich nicht von seiner Mutter loslösen kann, eigentlich die Rolle des jungen Gottes puer aeternus übernimmt. Damit aber identifiziert er sich unbewusst mit einer archetypischen Gestalt. Er «bleibt ein Muttersohn, der sich weigert, erwachsen zu werden».24 Für den von einem positiven Mutterkomplex geprägten jungen Mann besteht nach Marie-Louise von Franz 25
«eine grosse Versuchung, bei der ewigen Mutter zu verharren, und er verbindet sich ihr als der ewige Liebhaber. Sie helfen sich gegenseitig, ausserhalb des Lebens zu bleiben, und stellen sich nicht der Tatsache, dass sie gewöhnliche menschliche Wesen sind. Der Sohn kann sich nicht von der Mutter trennen und zieht es statt dessen vor, den Mythos und die Rolle des jungen Gottes zu leben.»

Dies bedeutet nichts anderes, als dass der muttergebundene Sohn die grösste Mühe hat, in der Realität des Hier und Jetzt zu leben. Er zieht es vor, in einer romantischen Traum- und Phantasiewelt zu leben und den Anforderungen des Lebens möglichst aus dem Wege zu gehen. Er bleibt der Sohngeliebte der Grossen Mutter, deren Rolle von seiner personalen Mutter meistens übernommen und oft noch so gerne gespielt wird.
24) 25)

M. L. von F r a n z : Die Erlösung des Weiblichen im Manne. Zürich 1980 pag. 111

M. L. von F r a n z : 1. c. pag. 33f

Dieses Spiel von Mutter und Sohn, welchem im Grunde genommen ein archetypisches Muster entspricht, hat aber für den heranwachsenden jungen Mann die weitreichendsten praktischen Konsequenzen. Diese reichen vor allem in das Gebiet der Sexualität des Sohnes hinein. Darüber hinaus wird häufig auch der Kontakt mit Frauen im allgemeinen berührt:
«Wenn ein Mann zu stark von seiner Mutter geprägt ist, sei es durch ihre Schuld oder durch seine eigene Disposition, stört ihr Bild seinen Kontakt mit der Realität, d. h. hier mit Frauen gewöhnlich dadurch, dass es seine chthonische sexuelle Persönlichkeit hemmt.»

Dies dürfte höchstwahrscheinlich auch der Grund dafür sein, weshalb der puer aeternus häufig Mühe hat, Sexualität mit einer anderen Frau zu erleben. Die an die Mutter fixierte Sexualität ist wie eine Art trennendes Glasfenster, welches den direkten Kontakt mit Frauen verunmöglicht. Daher flüchtet sich der puer aeternus so oft in die Homosexualität oder auch Bisexualität. Auf jeden Fall treten meistens verhältnismässig frühzeitig Schwierigkeiten im Kontakt mit jüngeren Frauen auf, die er immer dann zu verlassen pflegt, wenn sich die erste erotische Anziehungskraft verflüchtigt hat. Die Auswirkungen des positiven Mutterkomplexes gehen aber noch viel weiter. Durch die Identifikation mit der archetypischen Gestalt des Eros hat der puer aeternus auch Schwierigkeiten, die Wirklichkeit als solche zu akzeptieren. Nach Marie-Louise von Franz26'
«identifiziert er sich direkt mit d e m göttlichen Kind. Er hält sich für einen geflügelten Gott, alle unbedingt notwendigen Lebensaufgaben verweigernd, w i e : einen eigenen festen Standpunkt in der Realität einzunehmen, sein Geld selbst zu verdienen, regelmässig zu arbeiten u n d ähnliche Mühsale.»

Das bis jetzt vorgebrachte Material über die Beziehung Sabbatai Zwi's zu seiner persönlichen Mutter dürfte allein wohl schwerlich ausreichen, um definitive Aussagen über sein persönliches Verhaltensmuster zu geben. Wenn wir aber, abgesehen vom erwähnten Brief, seine Lebensgeschichte aufmerksam verfolgen, dann fallen uns doch noch eine Reihe weiterer Tatsachen auf, welche die Vermutung nahelegen, dass hier tatsächlich eine ausgesprochene puer aeternus-Psychologie vorliegt. Für diese Annahme spricht in erster Linie, dass Sabbatai Zwi unfähig war, sich während längerer Zeit an eine Frau zu binden. Dies dürfte ein
26)

M. L. von Franz: 1. c. pag. 33f

plausibler Grund dafür sein, weshalb er in mindestens drei Fällen sich weigerte, die Ehe zu vollziehen. Einzig im Falle seiner dritten Ehe mit Sara war dies während einiger Zeit möglich. Immerhin schob er auch in diesem Falle den Vollzug der Ehe während ungefähr zwei Jahren hinaus. Auch Sabbatai Zwi's Neigung zur fakultativen Homosexualität oder eventuellen Bisexualität gehört hierher. Dass in dieser Beziehung immer wieder Gerüchte auftauchten, ist wohl nicht reiner Zufall. Weitere Anhaltspunkte für die Hypothese der puer aeternus-Psychologie ergeben sich aus den zahlreichen Schwierigkeiten Sabbatai Zwi's, sich in der äusseren Realität zurechtzufinden. D e s trifft für alle Phasen seines Lebens zu. Wie jeder echte puer aeternus zieht er es vor, der Banalität des alltäglichen Lebens mit allen seinen zahlreichen Forderungen und Verpflichtungen auszuweichen. Er zieht es vor, im Dämmer seiner Zukunftsphantasien und Hoffnungen zu bleiben in der unbewussten Erwartung, zu Höherem berufen zu sein. Denn wie die meisten Männer, die von einem positiven Mutterkomplex geprägt sind, hatte auch Sabbatai Zwi die entsprechenden Erlöserphantasien. Gerade beim puer aeternus konstelliert sich, wie Marie-Louise von Franz27 ausführt, häufig
«in kleinerem oder grösserem Masse ein Erlöser-Komplex oder Messias-Komplex, mit dem geheimen Gedanken, dass man eines Tages imstande sei, die Welt zu erlösen.»

Hinter den Heilands- und Erlöserphantasien steht nichts anderes als die archetypische Gestalt des puer aeternus, mit welcher sich Sabbatai Zwi unbewusst identifiziert. Denn, so führt Marie-Louise von Franz28 weiter aus, ein Mann, der
«ein Muttersohn bleibt und so lebt, als wäre er unsterblich, als hätte er es nicht nötig, sich der Realität und einer wirklichen Frau anzupassen, wenn er in Erlöserphantasien lebt, als wäre er der Mann, der eines Tages die Welt erlösen und der grösste Philosoph oder Dichter werden könne, der identifiziert sich fälschlicherweise mit der puer aeternus Gestalt.»

Solche Erlöserideen sind für Sabbatai Zwi typisch. Er sieht sich als der Gesalbte des Herrn, als König über das Volk Israel, der gekommen ist, es aus der Knechtschaft zu befreien und in seine Heimat Israel zu führen. In einem Brief spricht er in höchst pathetischen Tone von sich:
«Also spricht der Grosse König, Unser Herr, Unser Heiliger König»
27) 28)

M. L. von Franz: Puer aeternus. Zürich 1970 pag. 2 M. L. von Franz: Die Erlösung des Weiblichen im Manne. Zürich 1980 pag. 11Of

wobei erwähnt werden muss, dass in der Lurjanischen Kabbala die Bezeichnung «Heiliger König» für die Gottheit selbst reserviert ist. Endlich spricht für unsere Hypothese auch die passive Haltung Sabbatai Zwi's der äusseren Realität gegenüber. Deswegen ist für ihn auch das Zusammentreffen mit Nathan von Gaza von so entscheidender Bedeutung. Im Gegensatz zu Sabbatai Zwi lebt Nathan eine zielstrebige, kraftvoll-männliche Seite. Auch scheint dessen Ehe nach den vorliegenden Berichten unproblematisch gewesen zu sein. Gerade diese männliche Aktivität ging Sabbatai Zwi völlig ab. Diese Seite blieb unentwickelt im Unbewussten und wurde in der Folge auf Nathan von Gaza projiziert. In einer von Thomas Coenen29 im Jahre 1669 in Amsterdam herausgegebenen Schrift sind je ein Bild Sabbatai Zwi's und Nathans von Gaza enthalten, welche auf Grund von Skizzen eines Augenzeugen angefertigt wurden. Nathans Bild zeigt ihn mit ausgesprochen männlichen, energischen Zügen. Sein Blick ist ernst, er wirkt zielbewusst, während Sabbatai Zwi eher schlaffe, weiche, ja weibliche Züge aufweist und sein Blick eher verträumt wirkt. Auf einem anderen alten Stich,30 dessen Entstehungsjahr nicht mit Sicherheit festgestellt werden kann, kommt hingegen eher eine gewisse Kälte und Härte, zum Ausdruck. Auch das spricht für die Annahme einer puer-aeternus-Psychologie, denn 31
Der kalte brutale, primitive Mann ist im allgemeinen ein kompensierender typischer, sogar archetypischer Schatten des Muttersohnes.»

So lässt das vorliegende Material - so spärlich es auch sein mag - doch mit grosser Wahrscheinlichkeit die Erklärung zu, dass Sabbatai Zwi's Persönlichkeit durch eine enge Mutterbindung geprägt war. Sie war es in erster Linie, welche seine gestörte Beziehung zur Sexualität und zu Frauen bedingte, die allerdings im Laufe seines Lebens verschiedener; Schwankungen unterworfen war. Während er in seiner Jugend das Leben eines echt frommen und asketischen Rabbi führte, sind aus seinem späteren Leben einige Berichte erhalten, die ihn des Umgangs mit anderen Frauen bezichtigen, ja in einem Bericht sogar der «Unzucht mit Frauen und Favoriten».32 Die Gegenüberstellung von Frauen einerseits und Favoriten
29 30

> G. Scholem: I . e . Titelbild > Jüd. Lexikon. Berlin 1928. Vol. V pag. 11 ' M. L. von Franz: 1. c. pag. 81

31 32

> G. Scholem: I.e. pag. 669

andererseits könnte ein Hinweis darauf sein, dass es sich bei letzteren eher um homosexuelle Beziehungen handelte. Auf die Schwierigkeiten in Bezug auf seine Sexualität wird aber noch durch ein weiteres Moment ein eigenartiges Licht geworfen. In einer von Nathan von Gaza überlieferten und nach Auffassung von G. Scholem von diesem selbst verfassten sabbatianischen Apokalypse, der sogenannten Vision des Rabbi Abraham, wird von einem Traum des sechsjährigen Sabbatai Zwi berichtet: 33
«Als er sechs Jahre alt war, erschien ihm im Traume eine Flamme, welche eine Brandwunde an seinem Glied verursachte, u n d Träume erschreckten ihn. Er aber sprach mit niemandem darüber.»

Im Zusammenhang mit diesem Bericht hat G. Scholem34 die Auffassung vertreten, es sei
«offensichtlich, dass die Erzählung k a u m die emotionalen u n d sexuellen Erfahrungen eines Sechsjährigen widerspiegeln. Die Vision oder der Traum von der Flamme, die herabstieg und sein Geschlechtsorgan verletzte, bringt hingegen z u m Ausdruck, was einem 16jährigen passieren könnte. Der Bezug auf die Verletzung ist offensichtlich eine Anspielung auf Sabbatai Zwi's Weigerung, die verschiedenen Ehen zu vollziehen. D e n n als die Apokalypse geschrieben wurde, war er bereits mit seiner dritten Frau verheiratet, die er aber noch nicht berührt hatte.»

Man kann G. Scholem35 insofern beipflichten, als tatsächlich dieses Traumerlebnis kaum mit persönlichen äusseren Erfahrungen des sechsjährigen Knaben in Zusammenhang stehen dürfte. Denn dass irgendein äusseres Ereignis, wie zum Beispiel eine Feuersbrunst in der näheren Umgebung, den Trauminhalt beeinflusst haben könnte, ist sehr unwahrscheinlich. Jedenfalls liegen für eine solche Vermutung keine Anhaltspunkte vor. Aber selbst wenn man mit G. Scholem annehmen will, der Traum vom brennenden Phallus sei erst mit 16 Jahren aufgetreten, ist sein Inhalt ebensowenig erklärt. Denn auch dann, wenn wir annehmen, dass irgendein äusseres Erlebnis die unmittelbare Veranlassung dieses Traumes gewesen sei, ist damit der spezifische Inhalt des Traumes, nämlich die Verletzung des Phallus, noch nicht erklärt. Aber basieren überhaupt Träume ausschliesslich auf Erfahrungen aus dem persönlichen Erlebnisbereiche?
33

> G. Scholem: 1. c. pag. 113 > G . Scholem: 1. c. id

34

35

> G. Scholem: 1. c. id

Ist es nicht naheliegender, das Traumerlebnis als das zu nehmen, was es zu sein vorgibt? Könnte es sich nicht um ein inneres numinoses Erlebnis handeln? Gerade der Bericht Nathans, dass Sabbatai Zwi darüber nichts gesagt habe, spricht für eine solche Annahme. Denn einem so unheimlichen Traumerlebnis gegenüber ist erschrecktes Schweigen doch eine durchaus verständliche Haltung. Die Tatsache, dass die Vision des Rabbi Abraham erst viele Jahre nach dem Traum aufgezeichnet wurde, spricht nicht dagegen, dass er Sabbatai Zwi mit sechs Jahren widerfuhr. Es ist durchaus vorstellbar, dass der Knabe das Erlebnis zunächst für sich behielt und darüber schwieg. Es ist möglich, dass der Verfasser der Vision erst später davon Kenntnis erhielt. Dass im übrigen Nathan von Gaza diesen Traum eigens dazu «erfunden» habe, um Sabbatai Zwi's Weigerung, die Ehen zu vollziehen, zu erklären, wie offenbar G. Scholem annimmt, scheint mir doch eine etwas allzu rationale Deutung zu sein. So ist die Möglichkeit, dass es sich um ein echtes Traumerlebnis des sechsjährigen Sabbatai Zwi handelte, nicht von der Hand zu weisen. Dass ein solcher Traum einem Kinde dieses Alters widerfahren kann, ist weder etwas Aussergewöhnliches noch etwas Unverständliches. C. G.Jung36 hat wiederholt darauf hingewiesen, dass gerade im kindlichen Alter häufig Träume auftreten, welche durchaus nicht aus dem persönlichen Erlebnisbereich des Kindes verstanden werden können. Es handelt sich dabei um Träume aus der Kollektivschicht der menschlichen Seele, archetypische Träume, welche gelegentlich die ganze zukünftige Entwicklung und damit das Schicksal des Kindes vorwegnehmen können. Es dürfte sich zum mindesten lohnen, den Traum Sabbatai Zwi's unter diesem Blickwinkel zu untersuchen. Wir werden daher im folgenden die beiden Symbole des Traumes, Feuer und Phallus untersuchen müssen. Dem Feuer wurde seit alters her in Mythen, Legenden und Märchen verschiedenste Bedeutungen zuerkannt. Auf der einen Seite vermittelt es Wärme, es reinigt und verwandelt Speisen, so dass sie geniessbar werden. Wenn es positiv auftritt, hat es somit eine verwandelnde und reinigende Wirkung. Wenn dagegen der negative Aspekt dominiert, dann kommt die

36

C. G. . J u n g : Kindertraumseminare. Zürich 1938/39 & 1939/40 (Privatdruck)

zerstörerische Seite hervor. Schon frühzeitig wurde das Feuer als Attribut der Götter betrachtet, wie der Prometheus-Mythos zeigt. Wenn wir uns auf das Gebiet der jüdischen Mythologie beschränken, dann kann man sagen, dass sich auch hier der bipolare Charakter des Feuers nachweisen lässt. So erscheint J H W H Mose im brennenden Dornbusch oder in der Epiphanie auf dem Berge Sinai. Als schützende Feuersäule begleitet er sein Volk während der vierzigjährigen Wüstenwanderung. Im endzeitlichen Zion wird J H W H dereinst in «Rauch und flammendem Feuerglanz» erscheinen. Er selbst sendet auch das Feuer vom Himmel herab, um die ihm dargebrachten Opfergaben zu verzehren, deren Rauch wieder zu ihm emporsteigt. Aber auch der negative Aspekt des Feuers tritt bereits im Alten Testament deutlich in Erscheinung, wenn J H W H als ein verzehrendes Zornfeuer wirkt. Uber Sodom und Gomorrha sendet er ein verderbenbringendes Feuer herab, ebenso beim Tod der Söhne Aarons oder in der göttlichen Feuersbrunst im Anschluss an die Vernichtung der Rotte Korahs, in welcher 250 Menschen verbrennen. Auch eine Art endzeitlicher Weltenbrand - ähnlich wie in der germanischen Mythologie - ist dem Judentum nicht fremd. Im endzeitlichen Krieg gegen Gog und Magog wird J H W H Regen, Hagel, Feuer und Schwefel herabsenden. Auch die Bestrafung der Gottlosen im endzeitlichen Gericht erfolgt im Feuer des Gehinnom. Immer wieder wird der Zorn J H W H s als «verzehrendes Feuer» bezeichnet. In der Vorstellungswelt der Kabbala wird die fünfte Sefira der zehn Emanationen Gottes als din, d. h. Gerechtigkeit oder Gericht, aber auch als ein loderndes Zornfeuer Gottes bezeichnet. Dies ist in kabbalistischer Sicht auch der Ort, wo das Böse seinen Ursprung hat. Der Phallus ist in unserem Traum eindeutig ein Symbol der zeugenden und schöpferischen Kräfte. Wenn in diesem Traumbild der Phallus von einer göttlichen Flamme angesengt wird, dann bedeutet dies nicht eine Vernichtung der Sexualität. Vielmehr wird diese durch das göttliche Feuer gezeichnet und damit dem profanen Bereich entzogen. Dies bedeutet, dass die Sexualität in den sakralen Bereich gestellt wird. Eine Parallele hierzu ist die Beschneidung des jüdischen Knaben, die durchaus nicht den Charakter einer symbolischen Kastration besitzt, wie vielfach angenommen wird. Vielmehr liegt ihr tieferer Sinn darin, dass die Sexualität der Gottheit geweiht wird. Man könnte den angesengten Phallus auch mit der aus-

gerenkten Hüfte Jakobs vergleichen, die nach dem Kampf mit dem Engel verletzt wurde. In beiden Fällen werden die Träger durch die Begegnung mit dem Numinosen gezeichnet. Man kann wohl nicht leugnen, dass Sabbatai Zwi eine tragische Gestalt war, die nicht nur unsere ungeteilte Sympathie, sondern auch unser tiefstes Mitgefühl verdient, auch wenn durch ihn sein Volk in schwere Wirren gestürzt wurde. Er ist ein innerlich zerrissener Mensch: er schwankt zwischen einer asketischen Weltflucht und einer diesseitsbejahenden echten Lebensfreude, zwischen einer zweifellos tiefen Religiosität und der ihm selber nicht verständlichen Haltung eines Häretikers. Er ist das Opfer dieser widerstreitenden Gegensätze, von denen ihn bald der eine und bald der andere ergreift. Er vermag weder sich selber, noch seine Gegner und ihren Hass zu verstehen. Das Leben der meisten Menschen wird bald durch innere und bald durch äussere Probleme geprägt. Die Tragik des Menschen Sabbatai Zwi wird umso verständlicher, wenn man in Erwägung zieht, dass er den äusseren wie inneren Problemen hilflos gegenüberstand. Seiner manischdepressiven Krankheit konnte er kein kritisch-wertendes Bewusstsein gegenüberstellen. Auch vermochte er weder seine persönliche Verstrikkung mit seiner Mutter zu sehen, geschweige denn, sich von ihr zu befreien. Der dahinter liegende übermächtige Archetypus der Grossen Mutter hielt ihn völlig gefangen. Jeder Archetypus kann vom Bewusstsein nur dann wahrgenommen werden, wenn er sich in seine gegensätzlichen Aspekte aufspaltet. Dies tritt in der Regel dann ein, wenn er sich der Bewusstseinsschwelle annähert. Meistens vermag dann das Bewusstsein einen Aspekt aufzunehmen, während der andere im Unbewussten verbleibt. In Sabbatai Zwi's Bewusstsein dominierte zweifellos der helle, positive Aspekt dieser archetypischen Gestalt, welche auch seinen Bezug zur persönlichen Mutter bestimmte. Der negative dagegen blieb völlig unbewusst. Aber in dem Masse, als die persönliche Mutter das hohe, reine und niemals erreichbare Idealbild verkörpert, tritt - vom Unbewussten her kompensierend - allmählich der negative und chthonische Aspekt des archetypischen Bildes auf, welcher passenderweise auf eine Dirne projiziert wird. Der positive Mutterkomplex konstellierte seinerseits den Archetypus des puer aeternus. Als solcher lebte Sabbatai Zwi in einer Traum- und

Phantasiewelt, in innigster Gemeinschaft mit dem archetypischen Bilde der Grossen Mutter, die ihm einerseits Schutz und Geborgenheit vermittelte, ihn aber andererseits auch restlos beherrschte. Zu seinen persönlichen Schwierigkeiten kommt ausserdem die aktuelle zeitgeschichtliche Situation hinzu. Der kollektive jüdische Zeitgeist jener Epoche kommt seinen Erlöserphantasien entgegen und erschwert zusätzlich die Findung eines kritischen Bewusstseins. Was Sabbatai Zwi widerfuhr, ist eine Überflutung mit Inhalten aus dem kollektiven Unbewussten, mit denen er nicht umgehen konnte. Das war in jener Zeit auch sehr schwierig. Eine innere Wandlung hat er bis zum Ende seines Lebens nicht erfahren. Sie hat seine Möglichkeiten und wahrscheinlich auch seine Kräfte bei weitem überstiegen. So konnte er die Forderungen, die das Schicksal an ihn stellte, nicht erfüllen. Er ist an den widerstreitenden Gegensätzen in ihm selber zerbrochen und als Gescheiterter und Verführer in die Geschichte seines Volkes eingegangen.

You're Reading a Free Preview

Herunterladen
scribd
/*********** DO NOT ALTER ANYTHING BELOW THIS LINE ! ************/ var s_code=s.t();if(s_code)document.write(s_code)//-->