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Zeichnung: lgor Smirnow
POLITISCHE Nr. 1
WOCHENSCHRIFT Gründungsiahr
der deutschen
Ausgabe 1945

LESERBRIEFE {2), PERSONALIEN (44}

NZ.PREISTRAGER

RUMANIEN M, Pawlowa-SilwanskaiaDAS ENDE DES CONDUCATOR

UdSSR DEMOKRATISCHER PRÜFSTEIN

DDR A. Kowrigln WEIT GEöFFNET 13

BETRACHTUNGEN lil, TSChiTKOW FALLSCHIRMJACCN'OIPLOIUME t5

CHILE Y. SObOICW URTEIL ÜgCN OIE DIKTATUB 17

BRASILIEN W. Golenkow EIN SCHWERES ERBE 19

GEMEINSAMES HAUS EUROPA G. Sidorowa DAS ZWEI-TAGE'INTERVIEW 20

EXKLUSIV FÜR DIE NZ ,,WIR SIND OPTIMISTEN"

lnterview mit dem Präsidenten Afghanistans Najibullah 23

Rumänien ?y',ril
PROGNOSEN WAS BRINGT UNS DAS NEUE JAHR?
ohne den
Tyrannen SÜDAFRIKA
s.5
VOM KRIEG DER RASSEN ZUR HARMONIE Gespräch mit dem RSA'Prtisidenten

Frederik de Klerk n
HALBINSELKOREA

J. SIATOSTCNKO DER GEFAHRLICHE BREITENGRAD A


Das Wunder VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE
Vereinigte
V. Ganjuschkin, V. Lebedew FATA MORGANA ZUM ANFASSEN 30
Arabische
Emirate
FRAUEN-LOGIKT. lwanowa ICH GLAUBE AN EINE AUFERSTEHUNG
s.30
JUNGE WELT S. SoloweinchikWELCHES BROT SCHMECKT BESSER?

KULTUR UND POLITIKA. PumpianskiYO\ EINEM ALPDRUCK BEFBEIT

KUNSTJ. Borowoi MASKAL FLOWER {8

47
NOTFALLE B. BalkareiuoqD lN DUBNA

FESTIVAL,,NOWOJE WREMJA- EINE BRÜCKE

Titelb ild : I go r Ro gats chew s ki

Anschrift: 103782r GSPr Moskau K-6, Puschkinskaia pl.


ol 229-W-72r 209-07-67
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Erscheint in Russisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch'
Italienisch, Polnisch, Tschechisch und Griechisch O Druck ,,Moskowskaia Prawda"
Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattet
,nAeroflot" bringt die ,,Neua Zeiti prompt in iedes Land

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VitaliIGNATENKO
'ilii'i"1""'
LESERBRIEFE
ncdddhdo[Ggimr
L€onidABRAMOW
I-ewBESYMENSKI,
,,Dank an die ,Übersinnliofen"'
AlexejBIJKALOW (ilz 3s/8st damit den Anteil von verfaultem die nationale Unterdrückung
(verantwortl. Sekretär). Obst und Gemüse zu verringern. gegeben. Werden wir denn heute,
. ..Y.futri.&MJU:EgdJKIN ..
I Ich teile den Standpunkt vie- Er bezeichnete das als Beitrag zum in der Zeit einer
objektiven
(steUv. ler Fachleute auf dem Gebiet der Lebensmittelprogramm. Ich Betrachtungsweise der
Cheftedakteur), Sozialpsychologie: Die massen- würde mich überhaupt nicht wun- Geschichte, immer noch den
AlexanderDloÜSgnnfO, hafte. Hinwendung der Menschen dern, wenn er oder ein anderer Anschein erwecken, als hätte es
SeTgejGOIJAKOW, zu Ubersinnlichen, Astrologen, Übersinnlicher in ein paar Jahren keinen langen Krieg der Bergbe-
Wladlnir Wahrsagern und Gesundbetern ist dem Volk weiszumachen ver- wohner des Kaukasus gegen die
KULISTTKOW ein gefährliches Symptom, das suchte, man könne auch Brot aus Zarenherrschaft gegeben? Und
(stellv. Chefredakteur), davon zeugt, daß in der Gesell- Sägespänen essen... was machen wir mit den unter-
InonidMLETSCHIN, schaft etwas nicht stimmt. Man Die Zeit der Profis ist in unse- drückten Völkern, die an der
DntbdPOGOBSHELSKI, kann die verzweifelten Leute ja rem Land entweder schon vorbei Wolga und im Ural beheimatet
AlexandeTPIJMPJANSKI verstehen, denen die moderne oder hat noch nie begonnen... sind? Sollen wir die Tataren,
(1. stellv. Medizin nicht helfen kann. Alexej Katschurin Baschkiren, Tschuwaschen, Mari,
Chefredakteur), Wenn man aber ausschließlich Wissenschaft licher Mitaöeiter Udmurten und Mordwinen etwa
GalinaSIDOROWA, auf die tlbersinnlichen setzt, kann Leningrad, RSFSR auch aus der Geschichte Rußlands
ViktoTSTARSCIIINOW das dazu führen, daß alles, was die streichen? Und was ist mit den
Gestaltung: zivilisierte Menschheit zur Linde- Leseüfiel Pogromen, als Schwarzhunderter
IgoTSCHEJIN rung von Leiden erfunden hat, uon l. Klasnil0rfl aus dem ,,Bund des russischen
angefangen bei der Bibel, über die (ilZ 34ßg) Volkes" im Zeichen des Kreuzes
';',:,,,,:.,:,,,:,',,,Veita1tt.;'&idakiealt::.:,,:,:
Musik von Bach und die Romane Mcnschcn beraubten, vergewal-
.,:',,' :t:,|Jef
üs!4i$chen Ansgabe:,, " von Tolstoi, bis hin zur Computer- I Der Leser will Leuten, dic -++<rcn und ermordeten, nur weil
GennadiMJASNIKOW tomographie und Korrektur von wenig mit der russischen diese Juden waren? Soll das etwa
Erbkrankheiten, in unserem Geschichte vertraut sind. davon auch nicht gewesen sein?
tZ{crespo*nhn: unglücklichen Vaterland durch überzeugen, Rußland habe seit
Algier
Der Autor stellte die Frage:
Fernsehauftritte von Tschumak Iwan dem Schrecklichen keine ,,Vielleicht liegt das gar nicht an
JewgeniBOBROW; und Kaschpirowski ersetzt wird. nationalen Zwistigkeiten gekannt. Stalin und nicht an Breshnew,
Belgnad Tschumak hatte kürzlich ver- Würde man dem Glauben schen- sondern an etwas gänzlich ande-
GennadiSYSSOJEW; sprochen. mit sciner Energie ken, hat es 1794, l830l31und 1863 rem?" Diese Frage ist keine rhe-
Berlin Gemüselager zu ,,bestrahlen", um keine polnischen Aufstände gegen torische, sondern eine provozie-
Anatoli KOWRIGIN;
Bonn
,,Afghanistankäm pferrl
lich begrenzt oder als einmalige Aktion tut. Wir den-
NikitaSHOLKWER; ken, der Orden der Barmheaigkeit könnte Mittel
Bukarest (Personalien in llZ 32ß9)
zusammenbringen, die nicht dem Staatshaushalt,
SergeiSWlRlN; I Seit der Zeil, da die Unionsassoziation der sondern einzelnen Firmen, Betrieben und Organisa-
Delhi Räte von Reservisten und lnternationalisten und tionen entstammen, und diese zum
SergqIFOFW; patriotischen Vereinigungen gegründet wurde, wer- Wohl der Gesellschaft einsetzen. Man könnte einmal
Havanna den wir immer wieder mit dem Problem der sozialen pro Monat eine Stunde der Barmheaigkeit durchfrih-
VitaliSOBOLEW; Rehabilitierung ehemaliger Afghanistansoldaten, ren, Transportmittel, Straßen und Bäume für Behin-
Lusaka insbesondere von lnvaliden des Afghanistankrie- derte umgestalten usw. Wer sagt, daß all das ftir den
Nkolai RESCHETI.,IJAK; ges, konfrontiert. Als das Volkskomitee Staat ökonomisch uneffektiv sei? Wersagt, daß solche
Managn.ra ,,Nadeshda" (,,Hoffnung") mit der lnitiative auftrat, Aktionen der Barmheaigkeit künftig keinen Gewinn
JuTiKUDIMOW; in der UdSSR einen ,,Orden der Barmherzigkeit abwerfen, derwiederum den sozialen Bedürfnissen der
NewYo,rk und des sozialen Schutzes" zu gründen, ent- Gesellschaft zugute kommt, den Alten, Armen und kin-
JewgeniANDRIANOW; schlossen wir uns, dieses Vorhaben zu unterstüt- deneichen Familien, die oft genug unter ärmlichsten
Rom zen und neben Organisationen wie,,Haus des Frie- Bedingungen leben?
Pawel NEGOIZA; dens und der Barmherzigkeit",,,Gandhi-Fonds"
Stockholm und ,,Fonds der Perspektiven der Menschheit" vooit Slii::i,",:li#
Alexander POLJUCHOW; einer der Gründer zu werden. "na",
Wadimir Turtschin
Tokio Der Orden der Barmherzigkeit wurde inzwischen Stellvertreter
Whdimir gegründet, und es gibt schon die ersten ldeen. So Von derRedaktion: l{ieuns[elannllstlnlBslndcrlfiS$n
OW&JANNIKOW. sollen Subbotniks zum Bau von Auffahrten an Stra- cinGn Bamhezlglclts0lten g8g8[en, dfi ülsllclchl s0gar
ßenkreuzungen organisiert werden, die nicht nur locn Gxh$eil lhm gehörun ilonrGn ünd älbE Gläublge an,
Auslandsredaktbnen: den Afghanistan-lnvaliden zugute kommen. Endlich dle slcn in slnel l(ircn8 |m ilsluonül{atm uon ilosllar
Wasclwr, ,,l{owe Czasf soll auch die Behandlung von Opfern des Drogen- Eltucilcnül fiattsll. s0äEt mden $le awe$Gdelt w0 dtd
Jan LYSEK; und Alkoholmißbrauchs zum Zuge kommen. Das sloleüt? slnü siG n0ch täüg?wlltrstücn naf,i llms[ sEhon
Prag5,ot{om dobd' sind auch unsere Probleme. und glclclEslü0 [elm natfikRelblqs0nslogodtolbn nocts
VladimirTRAVNlCEK; Jetzt hängt ailes daran, daß die Regierung, wenn blschm, wle dlGsero$m odGndorBilnhcnh|tolil[üUdl
Athen,,,Nei Ked' sie überhaupt Mittel für die soziale Unterstützung ururdG. Ulr $ünlen un$früuolt, wGnR us0t0 llsallclbl ltol-
Kostas MICHAEUDE$ der Bedürftigen bereitstellt, das nur zeit- lenwärden.

E "lt
Wer liquidierte den
..Orden der Barm-
herzigkeit?"
Übersinnliche und
das Lebensmittel'
programm
Von lwan dem
Schrecklichen bis
Jossif Stalin
Wir haben unsere
eigene Erotik!

rende, denn man kann nicht glau-


ben, er habe von der zwangswei-
sen Umsiedlung vieler Völker aus
ihrer Heimat nach Sibirien,
Kasachstan und Mttelasien auf
Befehl Stalins nichts gewußt. Man
sollte sich übrigens daran erinnern,
daß die ersten OPfer der Stalin-
schen Repressionen Russen waren.
Sie waren es, an denen der ,,große
Führer aller Völker und Zeiten" die
Errichtung seines Kasernenhof-
und Lager-Sozialismus auspro- Zcichrtuttg: W. Kttbttsclrcw
bierte, indem er in den 20er und
30er Jahren Hunderttausende von
Bauern enteignete und verbannte, nung ist... Ich denke, es ist Sache fahren. Keinesfalls sollte man ,,RGine [ull, Gelü und
die jahrhundertelang nicht
nur der Redaktion von ,,Rodnik" zu aber seinen sowjetischen Stolz Gehelmhaltung"
entscheiden, was auf den Seiten verlieren und unsere ehemaligen (ilz 32/8s)
Rußland mit Getreide versorgten. '.
ihrer Zeitschrift veröffentlicht Mitbürger um ihre Teilnahme an
l. Sibgatullin
unseren Kulturveranstaltungen
I Kürzlich haben amerikanische
Kasan, Tatarische ASSR wird. Und ich will, daß alle es wis- Wissenschaftler in ihrem Bericht
sen: In Zukunft werden wir über betteln!
auf die herannahende ökologi-
,,Rein nationalGt Sex" unsere Belange selbst entschei- Vielleicht sollte man die Erfah-
sche Katastrophe hingewiesen.
(,,IagebuGh dcs Soziologen" llZ 46ß9) den! Natürlich verbietet Ihnen mngen unserer jungen Musiker
Dabei zählten sie viele negative
I Der Autor dieses Beitrages niemand, eine eigene Meinung zu und Schachspieler nutzen und Erscheinungen auf: das sich ver-
haben, uns aber auch nicht. regelmäßig WELTFESTSPIELE
kritisierte scharf die Veröffentli- größernde Ozonloch in der Iono-
ehung über Erotik in der lettischen Mit vielen Grüßen aus dem wil- DER KTINST mit Sektionen für
sphäre, den sauren Regen, das
Zeitschrift ,,Rodnik". Es ist nur den Westen des ImPeriums Violinisten, Pianisten und Sänger Waldsterben, den Vormarsch der
Janis Kalnins durchführen, wo die InterPreten
sghwer zu begreifen, warum die Wüste, die Energie- und Roh-
Riga, Lettische SSR miteinander um die beste Darbie-
Wahl bei einer so breiten Palette stoffuerschwendung, die Emmis-
tung wetteifern? Dazu sollte man
arr Periodika ausgerechnet auf die sion von chemischen und radioak-
Z.pitschrift,,Rodnik" gefallen ist, ,,FestiYal,llowoie wlemla"' nicht nur Künstler der ,,russischen
tiven AbfallProdukten usw.
Emigration" einladen, sondern
die sicher kaum jemand außerhalb
alle hervorragenden Musiker aus
Unser Planet gleicht einem
dq1 UnionsrePublik liest. Warum I Natürlich dürfen wir uns nicht Krebskranken, den man nicht
hpt, diese Veröffentlichung die mehr wie füher durch einen Ost und West...
heilen will. Um dieses Leiden zu
Aufrnerksamkeit Ihres Soziologen ,,eisernen Vorhang" von der bekämpfen, mtissen rechtzeitig
Kunst des Auslands abschirmen. Gabriel Tomas
seweckt? Bekanntlich reden und eine Diagnose gestellt und drin-
Wir sind verpflichtet, Künstler KPdSU-Mitglied seit 19i16
lchreiben jene viel über Sex, bei Tjumen, RSFSR
gende, auch harte, Maßnahmen
denen damit etwas nicht in Ord- einzuladen und selbst zu ihnen zu ergriffen werden. Jetzt lautet die
aufsichtsführende Lehrer, der Direktor und sein Stellver- Diagnose der Wissenschaftler:
treterwurden entlassen' lst das gerecht? Der Lehrer muß Die Erde Iiegt in einer Agonie.
,,Junge Welttt Unmögliches können, nämlich gleichzeitig im Klassen- Schlamperei, menschliche
zimmer, auf dem Konidor, im Speiseraum, in derToilette' Dummheit und Unvernunft sind
I Kürzlich habe ich mir das erste Mal Gedanken
auf der Straße und in der Garderobe sein. Ja, auch in der die Ursachen für die Zerstörung
darüber gemacht, daß es bei uns in der Sowjetunion
Garderobe, denn für gestohlene Sachen sind wir eben- der Umwelt. Solange das Unheil
Oen Begiitf des juristischen Schutzes des Lehrers
falls materiell verantwortlich' Der Lehrer hat also sehr nicht unumkehrbar ist, müssen
nicht gibt. Über seine Pflichten gegenüber.d.em wir operativ handeln und alle PsY-
viele fflichten gegenüber den Schülem, den Eltern und
Gesetz weiß ieder Lehrer gut Bescheid, denn alljähr-
den Vorgesetzten. Die Schüler, Eltem und die Bildungs- chologischen und ökonomischen
lieh müssen wir ein wichtiges und schreckliches
behördeverfügen zudem noch über umfassende Rechte Barrieren beiseite räumen.
Dökument unterschreiben, in dem es heißt, daß
j€der Lehrer im Laufe des Unterrichtstages die volle gegenüber den Lehrem: Man kann sie wählen' sich über
iieteschweren, sie kontrollieren oder feuem.'. Vielleicht Luigi Redaelli
]uristische Verantwortung für das Leben und die
'ei*undneit ist es nun an der Zeit, ein gewisses Gleichgewicht zwi-
Oer Kinder trägt. Hier ein konkretes Bei- Seriate, Italien
schen diesen Rechten und michten hezustellen?
Spid. Während der Pause beschlossen einige Schü- O. Nikolaiewa
t&f&e nacnste Stunde zu schwänzen. Am Ausgang Untertufenlehrerin ZusammengPslellt Yon
stand ein aufsichtsführender Lehrer. Sie stiegen also Moskau
sre.'.dem Fenster. Die Sache endete tragisch, der f,fcE/wtmwa
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Wir gratulieren!
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Pjotr German Poel


Gontscharow Diligenski Karp

lgor Xenia Wladimir Juri


Malaschenko Mjalo Ptschjolkin Rost

Für die besten


I 989verötf e nt I i c hten Be iträ g e
erkannte das Reda ktionskolleg i u m
Preise zu und sprach Autoren
unserer Zeitschrift Dank aus
PREISE WURDEN ZUERKANNT:
(Bulgarien), Henry Muller (USA), Miklos
Anatoli Adamischin, Alexej Arbatow, Nemeth (Ungarnl. Achille Occhetto (Ira-
Pjotr Gontscharow, German Diligenski, lien), Pertti Paasio (Finnland), Shimon
Poel Karp, Andrej Kortunow, lgor Mala- Peres (Israet)" Ranko Petkovic (Jugosla-
schenko, Xenia Mialo, Wladimir wien), Mieczyslaw Rakowski (Polen),
Ptschjolkin und Juri Rost. Kim Young Sam (Republik Korea), Yang
Wir bedanken uns herzlich für Wortmel- Hyung Sop (KDVR), Dyula Thurmer
dungen in unserer Zeitschrifi bei: Wladi- (Ungarn), Laurent Fabius (Frankreich),
mir Krjutschkow, Nikolai Ryshkow, Marlin Fitzwater itiSAi, Karsten Voigt
Eduard Schewardnadse, Alexander Die Prognosen der NZ.Preisträger (BRD), Nguyen Co Thach (Vietnam) und
Jakowlew, Jewgeni Primakow, lwan lesen Sie auf den Seiten 24 ff. und 34 ff. Itzhak Shamir {lsraei).
Frolown Andrej Girenko, Valentin Falin,
Georgi Schachnasarow, Leonid Abalkin, Wadim Sagladin DANK GILT
und Nursultan Nasarbajew. den Leitern von Rubriken unserer Zeitschrift:
Das Redaktionskollegium dankt ausländischen Staatsmännern
und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Kulturschaffen- Tatjana lwanowa, Leonid lonin und Simon Solowejtschik.
den und Wissenschaftlern, Vertretern der Geschäftswelt, Schrift- Den Verfassern von Artikeln und Kommentaren:
stellern und Journalisten für die Zusammenarbeit mit der Zeit-
Georgi Arbatow, Jewgeni Bashanow, Michail Baklanow,
schrift:
Pjotr Gladkow, Leonid Goldin, Sergei Salygin, Anatoli Denis-
Ladislav Adamec (Tschechoslowakei), Giulio Andreofti (Ita-
sow, Jewgeni Jewtuschenko, Alexej Kirejew, Andrej Kosy-
lien), YasserArafat (Palästina), Jambyn Batmunh (Mongolei),
rew, Viktor Karpow, Valentin Larionow, Alexander Lebedew,
Janos Berecz (Ungarn), Roelof Botha (RSA), Ghan Young Albertas Laurinciukas, Konstantin Lubentschenko, Wadim
Bang (USA), Lech Walesa (Polen), Bruce Gelb (USA), Geor-
gios Vasiliou (Zyperu), Ferenc Varnai (Ungarn), DanielVer- Makarewski, Wadimir Nasarenko, Wladimir Nossenko,
Wadim Okulow, Andrei Ostalski, Wadimir Petrowski, Kon-
net (Frankreich), Hans-Dietrich Genscher (BRD), Karoly stantin Pleschakow, Lew Rasgon und lgor Chalewinski.
Grosz (Ungarn), Hermann Kant (DDR), Kenneth Kaunda
(Sambia), Wladyslaw Klacrynski (Polen), Stephen Gohen Sowie den Autoren von Umschlägen, Zeichnungen und Fotos:
(USA), Xu Kui (VR China), KarlLamers (BRD), Budimir Lon- Viktor Bogorad, Viktor Brel, Pawel Bunin, Alexander Dshi-
car (Jugoslawien), Wilfried Martens (Belgien), Tadeusz kija, Wadimir Nenaschew, lgor Smimow, Wassili Terest-
Mazowiecki (Polen), Adam Michnik (Polen), PeterMladenow schenko und Leonid Tischkow.

E ,,II E U E z E I r" LSo


[. ill

Das Ende des Conducator


m Freitagabend, nachdem die Redaktion diesen einer Wiederholung der Schrecken zu bewahren, die der
Kommentar bei mir bestellt hatte, kehrte ich Todeskampf des Neostalinismus heraufbeschwör't'
nach Hause zurück. Im Briefkasten fand ich eine In dem Artikel, den ich vor zwei Wochen für die NZ
Broschüre mit dem Text von Nicolae Ceausescus schrieb, war die Rede davon, daß die Krise in Osteuropa
Rede, die er vor zwei Monaten auf einem erwei- in ein akutes Stadium übergegangen und damit allge-
terten Plenum des ZK der RKP gehalten hatte. mein geworden war. ,,Rumänien, die einzige Aus-
Die Ironie des Schicksals wollte es, daß die Post nahme, bestätigt diese Regel, Und dazu noch wie!"
Eine weitere Heute sollte man das Ausrufungszeichen durch ein Fra-
mir das Licht des unheilvollsten politischen Sterns Eulo-
Bastion pas an dem Tag brachte, als jener endgtiltig verlöschte' gezeichen ersetzen: Wie bestätigt es diese Regel? Zu
des Neostalinismus iagen, der Wahnsinn, der Tausende von Menschen das
ist gefallen Bcrlrannb Hanßchdft l,eben kostete, sei das gesetzmäßige Ergebnis der Herr-
schaft eines schwachsinnigen Diktators und seines drei-
Die ersten frohen Meldungen des sowjetischen Fem- sten, räuberischen Familienclans gewesen, bedeutet,
sehens über das Happy-End des Buriarester Aufstandes dieses Problem zu leicht abzutun.
- die grenzenlose Freude des Volkes, nachdem ein Im Rundfunk wurde gemeldet, im leidgeprüften
Hubschiauber das verhaßte Vampirpaar vom Dach des Timisoara sei man auf Massengräber mit 4500
Präsidentenpalasts ausgeflogen hatte -,riefen bei mir Erschossenen gestoßen. Die Leichen wiesen Spuren
instinktives Mißtrauen hervor, Das eine wolite schlecht von bestialischen Foltern auf, um die Beine war
zu dern anderen passen: ein Vierteljahrhundert zuneh- Draht gewickelt, um die Toten leichter auf LKWs
menden Terrors und dBr Angst vor der allgegenwärtigen und in Gräben werfen zu können. Wie erinnert das an
Securitate, der Emi&irigungen und der Ohnmacht der Kuropaty und Katyn, Workuta und Kambodscha -
Menschen - und dann der Umsturz, der fast Op€retten- die gleiche Handschrift. Und die Brände dort, wo
charakter hatte. Leider sollten sich die bösen Vorahnun- Archive versteckt waren? Werden sie nicht mit den
gen mehr als bewahrheiten, und Ceausescus Hemchaft Rauchschwaden über den Dienststellen der Sicher-
endete mit einem blutigen Drama. heitsorgane in der DDR und in Bulgarien in Verbin-
Schwer fallen mir diese Zeilen: Wie kann man eine dung göbracht?! Und mit den Akten, die gleich nach
politische Analyse vornehmen, wenn erst wenige Tage dem 20. Parteitag der KPdSU in Magadan verbrantrt
nach diesen Massenmorden vergangen sind? Doch über wurden?I Die gleiche totalitäre Handschrift.
diese furchtbaren Ereignisse muß man sich Gedanken Ende des 20. Jh. hoffen die Europäer, daß sich
machen. um Lchren zu zichcn untl rlic I.chcnden vor Gewalt als Mittel zur Lösung politisch-gesellschaftli-
cher und internationaler Konflikte auf unserem Kon-
tinent überlebt hat. Doch die Krämpfe, mit denen der
Abtritt des rumänischen Tyrannen von der politi-
schen Btlhne verbunden war, warnen vor grenzenlo'
ser Euphorie tiber die friedlichen, unblutigen
Umwäliungen in det DDR, der Tschechoslowakei
und in Bulgarien. Verworrene Pläne, Gewalt anzu-
wenden, wurden von einem Häuflein Machtbesesse-
ner in Prag ausgebrtitet - in ihrem dogmatischen
i)bereifer waren sie taub gegenüber der Herausfor-
derung der Zeit. Und Erich Honecker gab sogar.den
schriftlichen Befehl, auf Demonstranten in Leipzigz't
schießen - das bezeugten der derzeitige DDR-
Staatsratsvorsitzende Manfred Gerlach und der ehe-
malige Leiter der Aufklärung Markus Wolf' Daß
diese Tragtidie verhindert werden konnte, das ist
einigen Informationen nach direkt oder indirekt auch
höcfisten sowjetischen Offizieren, die sich in der
DDR befinden, zu vetdanken. Wäre das nicht
geschehen - was wäre dann der Unterschied zwi-
schen dem, wie es schien, durchaus zivilisierten Erich
Honecker und dem grotesken Diktator Nicolae
Ceausescu gewesen?
Was folgt aus diesen traurigen Vergleichen? Wäh-
rend seinei ganzen Herrschaft distanzierte sich Nico-
lae Ceausescu sorgsam von der UdSSR, betonte seine
besondere Position unter den Ländern des War-
schauer Vertrages. Er spielte mit den nationalen
Gefühlen der Rumänen und nutzte geschickt die gro-
ben Fehler von Breshnews Politik. Durch seine Wei-
gerung, an der gemeinsamen Intervention 1"968 teil-
iunehmen, oder durch die Beibehaltung diplomati-
scher Beziehungen zu Israel fand er Beifall bei west-
lichen Politikern. Selbst die englische Königin verlieh
rhm übereilt den Titel eines Sir. Doch kaum zum
,,Sir" berufen, ging der Conducator um so brutaler

,,il E U E zErr" l.eo E

/ rri
Ö Osteuropa hat diese potentiellen
gegen die schwachen Ansätze
einer Opposition vor. Im dungen bereits weitgehend zerstört. s"rr',::
Schatten der rumänischen der Charakter der Veränderungen zeugt. ir:
Nationalfarben, auf einem sich 1989 im östlichen Teil des Kontinenis lc,-
Boden, gedüngt nicht ohne zogen. Für die Länder des Warschauer Ven:o-
finanzielle und
Politische ges istderBrudermord in Rumänien ein \{ene-
Unterstützung des Westens, tekel, wohin sie der alte Kurshätte führen köir-
brach sich der Neostalinismus nen. Der Kongreß der Volksdeputierten der
Bahn. UdSSR, der den amoralischen Charakter des
Wie unheilvoll der Neostali- Komplotts Stalin--Hitler anerkannte. der
nismus in Rumänien war, zeigt die Entsendung von Truppen nach Afghani-
das entsetzliche Blutbad, das stan und die Anwendung von Gewalt in Tt'i-
im Lande angerichtet wurde. lissi verurteilte, führte auch unsere
Keine rhetorischen Künste schaft immer weiter von diesem Weg ab - man
können Tausende Ermordete möchte hoffen, für immer.
eben jener Arbeiter und Bau- Eine mögliche Quelle von Gewalt in den ost-
ern, in deren Namen Nicolae europäischen Gesellschaften sind die Armeen'
Ceausescu ein Vierteljahrhun- In den letzten Monaten standen sie vor der poli-
dert lang tönte, rnit der soziali- tischen Aiternative, doch nirgends beschmutz-
stischen Idee aussöhnen. Der ten sie ihre Ehre. In der Tschechoslowakei mit
Diktator und seine vor Fana- ihren parlamentarisch-demokratischen Tradi-
tismus blinden Janitscharen tionen zeigte die Armee nie politische Ambitio-
von der Geheimpolizei, die nen. Das gleiche gilt fur die ungarischen Mili-
sich in unterirdischen Bunkern tärs. In beiden Ländem gingen sie schnell an
versteckt hielten, zeigten, um eine Entpolitisierung. In Polen übernahm Gene-
ihre Herrschaft zu verteidigen' ral Wojciech Jaruzelski nach dem ,,merkwürdi-
der Welt ihre fürwahr faschi- gen Ausnahmezustand" die Rolle eines Garan-
stische Fratze.
ten des friedlichen Charakters der Umgestaltun-
Wer ist wer, das wird im gen. An wen Erich Honeckers verbrecherischer
Augenblick der Wahrheit
Befehl auch gerichtet sein rnag, wichtig ist, daß
deutlich. Im Alltag ist
der
die DDR-Militän schließlich ebenfalls eine zivi-
Faschismus ein gewöhnlicher,
ja lisierte Haltung einnahmen. Nach kurzem Hin
prosaischer Faschismus -
schen Neostalinismus und Faschismus, eine Ver- und Her trat auch die rumänische Armee auf die
daJerklärte der große sowjetische Filmregis-
seur Michail Romm bereits vor drei Jahr- bindung, die in den letzten Tagen der ganzen Seite des Volkes, das sich zum Aufstand erho-
zehnten seinen Mitbürgern' Die Straßen von Welt mehr als deutlich wurde. Alle sich daraus -
ben hatte offenbar war es kein Zufall, daß
Bukarest beruhigten ebenfalls das Gewissen ergebenden Schlüsse z,t ziehen sollte viele psy- Nicolae Ceausescu ihr nje ganz vertraute. Die
vieler in Europa durch das betrügerisch pul- chologisch überfordern. Einst waren diejenigen, keden der Vertreter des Offizierskorps auf dem
sierende Leben und die spärlichen Uberreste denen manfürimmer eingebläut hatte, das ptole- Kongreß der Volksdeputierten der UdSSR lie-
früherer Eleganz. Für die Armseligkeit der mäische Weltsystem sei über alle Zweifel erha- ßen deutlicher als früher werden, daß man auch
Schaufenster und für die Warteschlangen ben, ebenfalls nicht in der Lage, das Sonnensy- in unserer Armee angespannt die Veränderun-
fanden sich mehr oder weniger einleuch- stem mit den Augen von Kopernikus zu sehen. In gen in der Welt analysie{ und nach entsprechen-
tende Erklärungen - zumindest war das Rumänien tobten Straßenkämpfe, im Kongreß- den moralischen Kriterien sucht.
palast des Kreml aber weigerten sich Menschen, Mit Ausnahme Rumäniens haben auch die
Papier, auf dem sie gedruckt waren, lange
genug geduldig. Doch plötzlich, als die deren persönliche Ehrlichkeit absolut nicht ange- Sicherheitsorgane oder die Truppen des Innen-
zweifelt werden kann, beharrlich einzugestehen,
absolute Macht gefährdet war, tauchten ministeriums nirgends die Rolle von Schergen
daß derartige Brückenschläge schon vor einem
Maschinengewehre und Panzergeschütze übemommen. Natürlich spielten sich dabei in
halben Jahrhundert von unserem eigenen Dik-
auf. diesem vor der Öffentlichkeit verborgenen
tator, der das schändliche Geheimprotokoll Bereich so manche Dramen ab: Bekannt sind
untezeichnete, vorgenommen wurden. Die end-
Gclährliche Brückenschläge gültige Abrechnung mit der totalitären Vergan-
Fälle von Selbstmorden, die Stasi-Mitarbeitor
verübten, bekannt sind Versuche, kompromi!
Ehrlich gesagt, daß Ceausescu-Regime sorgte genheit, die sozusagen aufzwei historischen Ebe-
tierende Unterlagen zu vernichten und Gelder
für einen erschreckenden Brückenschlag zwi- nen erfolgte, war wirklich symbolisch.
zu verstecken. Doch nicht von ungefähr suchten
Milos Jakes und Miroslav Stepan Unterstützung
-
übrigens vergeblich -
nicht beim Innenmini-
Wgr war uuGJ... sterium, sondern bei den unmittelbar der Partei
unterstellten paramilitärischen Verbänden, bei
Nicolae Ceausescu - General- zender des Staatlichen Planko- zender des Exekutivkomitees
mitees des Bukarester Stadtvolksrats, den Arbeitermilizen.
sekretär des ZK der RKP, PräsF
dent des Landes lndruta-Nicolae Ceausescu Oberbürgermeister der Haupt-
Elena Ceausescu (Ehefrau) - (Bruder) - Generalleutnant des stadt
Genaues lbbilü
Mitolied des Politischen Exeku- innenmihisteriums Comel Burtica (Schwager von
tiva-usschusses des ZK der RKP, Fiäreä Ceausescu (Bruder) - Elena C.)
--
Vorsitzender des
erste stellvertretende Minister- itecatiteur einer Abieilung ijer nationalen Rundfunk- und Fern- Differenzel zwischen der UdSSR und dem
Dräsidentin Zeituno ..Scinteia sehrates rumänischen Diktator gab es schon sehr lange,
i,llcu Ceausescu (Sohn) - 1. Vasile-däöulescu (Schwager) Diese Liste ist bei weitem nicht
RKP doch sie wurden vor dersowjetischen Öffentlich-
Sekretär des RKP-Kreiskomi- - Sekretär dos ZK der voilständio. Verschiedenen
tees Sibiu, Kandidat des Politi- Nicolae Baöulescu (Bruder Ä"öäOen iufofge gab es zwi- keit sorgfältig verborgen gehalten. Für unsere
schen Exekutivausschusses des des Schwage6) - stellvertr€ frühere Führung enthielten offizielle Erklärun-
tender Minister für ChemieinOu- schen 40 und
über 20O Ver-
ZK der RKP
llie Ceausescu (Bruder) - stell- strie wandte des Diktators in ver- gen von der Gemeinsamkeit der Ideologie einen
vertretender Minister für natio- Poliana Gristescu (ehemalige schiedenen Gliedern u. a. des Gutteil Wahrheit. Unsere ehemaligen Herrscher
nale Verteidigung der SR Rumä- Frau von Nicu C.) - S€kretär Staats-, ParteF, Militär- und verbanden mit Nicolae Ceausescu, der sich
nien, Sekretär des obersten des zK des Kommunistischen Wirtschaftsapparats. Die Konten
Poilitischen Rates der Armee, Juoendverbandes damals noch nicht so furchtbar komPromittiert
clans' bei ausländischen
Generalleutnant ääli"P';iää (Bruder von des. hatte, die gleiche primitive Weltsicht, der gleiche
lon Ceausescu (Bruder) - Eiäiä'cf l.Sär.r,iuiroÄnxp- Banken belaufen sich auf eine Lebens- und Leitungsstil, die gleichen Phrasen.
erster stellvertretender Vorsit- Stadtkor;iteesBukarest,Vorsit- MilliardeDollar.
Man braucht ja nur aus den Offenbarungel des

E ,, ll I" r.00
den Markt. Welch bekannte Grimassen und noch die KPdSU die geringste politische
Diktators alle rumänischen Realien zu ent- und moralische Verantwortung für das
fernen, und schon könnte man den Text Sorünee! Doch zumindest jetzt haben wir
kiar e"rkannt, was für einen Sozialismus Geschehen in Rumänien. Warum blieb
bedenkenlos als Suslow-Rede ausgeben' dann unsere Informationspolitik so lange
Unsere Chefpropagandisten, die den Ceausescu errichten wollte.
Sein Betoncredo legte er auch beim jüng- Sklavin eines imperialen Protokolls? Das
Anschein völliger politischer Geschlossen- konnte uns nur kompromittieren. Was hat
heit der Staaten des Warschauer Vertrages sten Gipfel der Staaten des Warschauer
Vertragäs dar. Was aber erfuhren wir dar- uns die Entsendung einer offiziellen Dele-
erwecken wollten, waren bemüht, ein opti- gation züm jüngsten RKP-Parteitag
mistisches Bild zu zeichnen: Der Sozialis-
über aus der Presse? Sechs Absätze einer
nicht auf
TASS-Information, bestimmt für jene, die lebracht (und die KPdSU war dort
mus autoritären Zuschnitts nähere sich ünterster Ebene vertreten!)? Die IKP und
unaufttaltsam seinem weltweiten Sieg, es selernt haben. zwischen den Zeilen zu
lesän und denen eine derartige Beschäfti- die Unearn hatten sich bekanntlich gewei-
bestimme den Lauf der Geschichte, sei die s."rt, u"n diesem amoralischen Spektakel
suns. auch noch Freude macht' Uber die
entscheidende Kraft der Gegenwart' So ieilzunchmen! Woraul hofften wir? Dar-
sollten den Menschen messianische Stim- ioliiische Paranoia Nicolae Ceausescus
ichwieg man wie gewöhnlich' Warum? auf, daß wir, wenn der Anschein normaler
mungen und Opferbereitschaft eingeflößt Beziehungen zu Ceausescu bewahrt bleibt'
werdln. Nicolae Ceausescu verlangte es die letzte Möglichkeit behalten, in einem
ebenfalls nach internationaler Anerken- Kein Blatt mehr kritischen Augenblick Einfluß auf ihn neh-
nunq - und das je mehr, desto spürbarer uor den llllund men zu können? Das sollte sich als Irrtum
sein! lsolierung wurde. Ich kann mich noch erweisen. Dafür aber ließ man sich die
erinnern, daß ich gerade in den Tagen, als Schon seit 1958 tragen weder die UdSSR
Möglichkeit entgehen, dem rumänischen
der Conducator Nordkorea einen Besuch Voü und der ganzen Welt rechtzeitig ein
abstattete, in Rumänien war' Das einzige wichtiges politisches Signal, das niemand
Programm des rumänischen Fernsehens Mduendes22. Dezemb€r' Die Stadt halltwidervonAuto- als Eiimischung in fremde Angelegenhei
wuäe damals nur drei Stunden täglich aus- sir€n;en. Oie sonst allg€g€nwärtigen. qls Zivilisten
getarF
ten betrachtet hätte, zu geben.
eestrahlt, und die gesamte Sendezeit beka- ten Mitarbeiter von Ceausescus Gchbimdienst sind aul
Daraus müssen die entschiedensten Lehren
einmal aus dem Straßenbild verschwundih Der Brucler
äen die Zuschauer nur den mehr als selbst- dü'öüä;iit" c*ut"oq der sich im'Gebäiude-dee sezosen werden. Das in den Nachkriegsjah-
zufiedenen Nicolae Ceausescu, umgeben xrimsministeriums b€id|d, bittet die sowietische Bot- ien äntstandene ungeschriebene besondere
von Hunderten tanzender koreanischer mträ unr Hilte - nlcht um humanitäre, sondem um mililä-
riiäe Hilfe, damit das Ceause'scu-Flegine gerettet wird' Protokoll in den Beziehungen zu den Ländern
Schönheiten in nationalen Kostümen' zu Naülnlefl bleibt dieso Ehte unbeehtet. Osteuropas ist unwiederbringlich. ein
sehen. Doeh selbst das reichte ihm offen- *** Anachronismus geworden. Er stört immer
sichtlich nicht: Die Begeisterung mußte für- mehr freundschaftliche Beziehungen zu den
Neben mir in der Menge stand ein sympathischer
wahr grenzenlos sein' und deshalb fälschten Mann an dle 40, Grigore Cioara, von Berul Elelcrorn- Nachbarvölkern. Nur gut, daß die Bruder-
seine Hofschranzen unter anderem ein ääli.iJä"t"itt" riich vor und fragte, was ge9ghe- küsse an der Gangway außer Mode geraten
schmeichelhaftes Telegramm der engli- ün sei, warum Oie gestem noch lethargischen Men-
sind. Doch was soll die lächerliche Sitte, sich
schen aufwachen woltten. 'Wir waren nie lemar-
schen Königin zum Geburtstag des Condu- äücn;--anwortete er. .'All diese Jahre kochen wir sesenseitis mit Orden zu behängen? So ist
cator. Doch derartige Mythen können nur änäriiritr. rn kenre niennnden, d€r üb€r c€aus- äuin oi. Sitt., uo, jedem Parteitag der KP
für gewisse Zeit und nur in einer geschlosse- esct Cutes gesagt hätte- Wir hatten Angst wir
iöitwieo"n rnä.pöhen mit' dawir alle Kinder, Fami- eines verbündeten Landes rituelle Artikel mit
neriGesellschaft aufgebaut werden' Unsere riJn rralän. Wr atie müssen ia etwas zu essen hab€n' einer Beweihräucherung der Erfolge zu brin-
Gesellschaft hat sich geöffnet, und die frü- JnO'sei eS aiesee hatbfaule Brot, di€se 'Knochen gen, ausgesprochen dumm' Und wie schänd-
heren Zeiten gehören ftir immer der Ver- praktbch ohne Fleisch"'
sich angesichts desjetzigen Blut-
gangenheit an.
*** iictr nett
vergießens"ndie Melilungen vom jüngsten' wie
" Äs die verlogene neostalinistische Idylle Während dbse Zeilefl geschrieben werden, wurde es ioßsourie hieß, ,,Forum der rumänischen
an allen Ecken und Enden in die Brüche zu ü"lännt. aan in aukardt klehe Gruppen vonTeno-
risten. bästehend ausiungen Leuten, wüten' dieiier fo"mmuhistä" aus. Mein Gott. was wurde da
sehen begann, wurde Nicolae Ceausescu ä* -Siwnrtruops" des Dikators bekannt sind' Diese nicht alles berichtet: Daß die Probleme der
-gepackt.
ion Wut Er übernahm freiwillig i*äen t-et te'm nfter von 18 bis 24 Jahren wurden Intensivierung der Produktion einer lxisung
hinfällig 'öäärä"oiniuet, im Geist grenzenloser Treue
die Ro[e ä'ei Lordsiegelbewahrers
zirm Diktator ezogen' Mit ihnen gemeinsame.tiacne hanen, wie ungewöhnlich gut die Ernte in XY
qewordenen Prinzipien und Dogmen' Er mactpn audt in Rumänien geheim ausgeolloete ausfiel... Natürlich kann man, wenn man
iersuchte. eine internationale Liga aus ferroristen ars Ländem des Nahen Ostens'
sich diese Berichte unter dem Mikro-
..Opfern der Perestroika" zusammenzuzim- +** skop ansieht, in ihnen so manches entdek-
rn"'* - aus Leuten, die um ihrer eigenen Eine rumänische Familie, die ich schon lange kenn€' ken^. Doch, wie gesagt, nur unter dem
Interessen willen bereit waren, skrupellos tlä-Äicn än unO bat mich um ein Treffen ar-rf der Mikroskop. Solltenwir nicht ein für allemal
wehrlose Studenten, ja selbst Kinder zu ääße: iröÄ sie immer noch Angst vor stlafe
w€o€n Umgangs mit dnem ArFländ€r ze.lSl9 PT mit dieseÄ albernen Eiertanz' mit der völlig
ermorden. Ceausescu ließ ausländische Ehäpmr bdkundae set€
än"äüar-6ä1un?ae seir€ Reude
feude irber die verhat
qbgr.dle.v9ml: überflüssigen protokollarischen Rangord-
Terroristen ausbilden. Er wurde in seinen und des Diktators, doch bat unverzÜglicil toEenoes nung und- den sinnlosen Schnörkeln des
rec-n Most<au zu meldm: "Das Volk Rumäiniens ver-
ieden und Interviews überaus aggressiv' iää.'cGm Öjn"tor die höi;fisten sowjetisch€n Aus- Aooarats Schluß machen.
Er belehrte alle, unsere Massenmedien zeiöhhunqen, die bei&n Lenin-orden, abzuerKen-
'öie Z*angslacke des überholten Protokolls
aber wahrten totales Stillschweigen' Viel- ö.-oiä"AGnichnung ceausescus mit sowieti' abzuwerfen iitjetzt, dasich neue Beziehungen
sctren Oden reuSte fiiiuns imnrer von fiEngelnder
leicht erklärt sich das dadurch, daß der zwischen den Ländem und Politikern der
Conducator allzu bekannte Argumente ver- -
ncüiuno vo, Oem-rumänischen Volk"'
*** Staaten Osteuropas herausbilden' besonders
wandte? Hier Worte aus der per Post erhal- wichtie. Dort enistehen neue. nach den alten
tenen Rede: ,,Mir scheint, man sollte an die Maßstäben,,nicht traditionelle" Institutionen'
Fraee erinnern, die sich der Sozialist Bebel für die es bislang in unserer eigenen polili-
"vergangenen Jahrhundert, unter Bis-
im -stätte: schen Struktur nichts Entsprechendes gibt'
marct ,Was habe ich falsch Doch das Fehlen eines Präzedenzfalls darf uns
semacht, daß mich mein Gegner lobt?' nicht verwirren.
Einige Leute sollten sich nicht nur die Frage
ste[ön, worin sie sich getäuscht haben, son- Solche neuen, r'on protokollarischen Din-
gen befreite, entmythologisierte Beziehungen
dern auch, welchen Sozialismus sie verwirk-
lichen wollen, einen Sozialismus, den impe- in Mittel- und Osteuropa wären der beste
rialistische Kreise lobpreisgn und finanzie- Abgesang auf den rumänischen Diktator'
i"" *Jr""r" oann folgten t'ira<len zur Ver- M arü m I''awlttw a- S ilw ans kai a
teidigung des Staatseigentums und gegen
,,II E U E zEtr"1.90E
,i
Demokratischer Prüfstei n
Der zweite Kongreß der Volksdeputierten der UdSSR
wirkte eher wie ein Meeting mit all seinen Attributen: spon-
.haben
Beschlossen
-wurde, daß wir eine Verfassungsaufsicht
werden. Das Konzept des Handelns der Regierung
tanen Ansprachen, mangelnder Logik der Fabel, der Reak- im 13. Planjahrfünft wurde gebilligt. Spezielle Depulierten--
tion der Anwesenden. Manchmal schien es, daß der Kon- kommissionen für Afghanistan,- Tbiiissi, den Molotow-
greß unmöglich im Rahmen der Reserviertheit zu halten Ribbentrop-Pakt und die von Gdljan und lwanow geleitete
war. Die Entwicklung war, besonders in den letzten Tagen, Untersuchunqsgruppe - berichteten über einige ihrer
stürmisch und unberechenbar, sie legte alle Probleme Ergebnisse. Das Reglement des Kongresses ünd des
' unserer Gesellschaft bloß. Obersten Sowjets wurde erörtert und angenommen. Gar
nicht so wenio.
Haben wir nicht zu viele Hoffnungen an den zweiten Unsere Pa'rlamentskorrespondenten schreiben über
Kongreß geknüpft? Was konnte er mit seinen etwas über einige Wendemomente des Kongresses, auch über aktuelle
2000 Deputierten entscheiden? Probleme, die schon im Verlauf des Kongresses anfielen.

Fragen aus der Geschichte, auch von jenen abgelehnt, die glaubten, durch
Verurteilung von Pakt und Protokollen unter-
mauere man die Argumente der Anhänger
Antworten aus dem Leben eines Austritts von Litauen, Lettland und Est-
land aus der UdSSR.
Die pragmatische Einstellung zur Geschichte
Was haben die vier Kommissionen des Kongresses ist noch nicht bewältigt. Wenn wir den Ein-
festgestellt und wir von ihnen erfahren? marsch in Afghanistan verurteilen, begehen wir
Verat an unseren Intemationalisten. Wenn wir
I n den beiden letzten Kongreßtagen saßen dem Staat und herrschenden Regime zu identifi- den Krieg verbrecherisch nennen, kompromit-
fA die Sowjetbürger vor ihren Fernsehgerä- zieren, fi.ih-len sich beleidigt, sind betrofren, als tieren wir unsere Armee... Warum gleich die
ten, ohne den Blick abzuwenden. Vier auf dem müßten sie die moralische Schuld mit den dama- Armee? Woher diese weite Auslegung?
ersten Kongreß eingesetzte Kommissionen an! ligen Machthabem teilen. Die Gesellschaft, die ,,t
Stimmte das Personal sowjetischer Streitkäfte B
worteten auf unsere Fragen. Auf die Beantwor- sich noch immer mit ihrer Geschichte auseinan- denn ftir den Einmarsch der Truppen? Schrie- zl
tung mußten wir über ein halbes Jahr warten. denetzt, kam sich nicht von den Verbrechen ben die Soldaten efia einen kollektiven Brief? s(
Der Wunsch, die Wahrheit zu ertahren, ist nicht eines Diktators distanzieren, kana nicht ihren Jene, die sterben mußten, waren gar nicht ih
schwächer, die Wahrheitfindung aber schwieri- Verteidigern, Teilnehmern des zweiten Welt- gefragt worden. Niemand wurde übrigens d
ger geworden. Wie die Natur duldet die kriegs, klipp und klar sagen: Die Greueltaten gefragt. Man setzte sich zu viert zusammen und *
Geschichte kein Vakuum, Lticken werden mit des Tltannen sind ungeheuerlich, vermögen faßte den Beschluß. R
etwas gefüllt, so daß es jetzt gar nicht so leicht- jedoch nicht, die Soldatenehre derer, die flir Der Bericht der Kommission nennt die vier et
ftillt, gewisse alte Vorstellungen abzulegen. ihre Heimat kämpften, zu beflecken... Die Namen. E
Zudem geht es nicht um akademische Urilssung des Beschlusses der Kommissiohdes ul
Leonid Breshnew. Dmitri Ustinow. Andrej
Geschichtsstudien. Unsere Fragen stammen Kongresses über die politische Einschätzung des Gromyko. Juri Andropow.
zwar aus der Geschichte, Antworten dlrirrrf sorvjctisch-deutschen Vertrlgs von 193t) wurdc In dcr afghanischen Frage zeistc sich der
müssen von unserem Heute kommen.
Deputierter Alexander Jakowlew
legt die Einschätzung des Molotow-
Ribbentrop-Pakts (und hauptsächlich
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des dazugehörenden Geheimproto-
str
kolles) dar, aber der Saal und das
lit
ganze Land denken in erster Linie dar-
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über nach, ob die Absprache zwischen
Stalin und Hitler nicht eine moralische
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AU
Schuld Moskaus ftir den Beginn des
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zweiten Weltkriegs bedeute. Ob die
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Teilnahme an der imperialistischen
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Teilung Osteuropas in Einflußssphä-
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ren nicht jenen rechtgibt, die meinen,
das Baltikum sei der Sowjetunion ,
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gewaltsam angegliedert worden.
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Eine positive Antwort auf die erste
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Frage setzt nicht nur eine Umwälzung
de
in den Köpfen eifriger lrser der un
Schriften jener militärgeschichtlichen
m(
Schule voraus, die sich beim t obprei-
B.
sen der 10 Stalinschen Schläge heraus-
öt
büdete und auch heutzutage glücklich
ab
weiterbesteht und uns ihr vollkomme-
Ei
nes Werk, eine von MarschallUstinow
tul
redigierte l2bändige Kriegsge-
rhichte, offenbart. Kriegsveteranen, er
denen beigebracht wurde, sich mit KI
be
"II CU E z t I I" r.g0
:
Kongreß auf der Höhe. Zwei Deputierte, die von Tbilissi stattfand, auch selbst einem
diesen Krieg duichgemacht haben, hielten von 2 Md. Rubel, die die Baumwollmafia
Angriff standhalten mußte, diesmal einem erbeutet- hatte. Gdljan scheint behauptet zu
angemessene Ansprachen, ös wurden Worte Angriff nicht von Mannschaften, sondern 'haben,
des Leidwesens ftir die gefallenen Soldaten, dem Staat 140 Mio zurückgegeben zu
von Generalen, auch solchen, die als Militär_
Worte der Anteilnahme für ihre Mütter aus_ haben. Jarin spricht von anderen Zaile]r: KGB_
juristen für ihre unbefleckte Uniform zu sor_
gesproclren. Wäre das ,,begrenzte Kontin_ gen hatten. Der Kongreß verurteilte die
Untersuchungsrichter hätten 15 Mo, die
gent" zu Hause geblieben, hätten diese und Gruppe von Gdljan und Iwanow 20 Mio iubel
Gewaltanwendung gegen die Demonstran- abgeliefert. Das sind keine zr,vei Milliarden,
afghanische Mütter es nicht nötig gehabt, ten und folglich auch General Rodionow und
ihre Söhne zu beweinen. nicht einmal 140 Mo, aber immerhin eine runde
seine Kollegen, die diese Aktion geteitet hat_
' Der Kongreß verurteilte den Truppenein_ ten und die noch im Sommer auf dem ersten
Summe, die auch nicht hinter iedem Zaun liest.
marsch. Aber das ist nicht das letitä Wort Der unabhängige Staatsanwalt Martinson safre
Kongreß als Helden galten. aber, in den Anklageakten sei die Rede nur vän
vom afghanischen Krieg. Wir müssen seine Für die Wähler war es wichtig zu w-issen, wie
authentische Geschichte schreiben, wenn das einem Viertel dieser Summe. Wo sind die restli_
ihr Deputierter das Sprengen des friedlichen chen 15 Mo hin? Gehören sie niemandem?
auch nicht leicht ist. In den Tagen des Kon_ Meetings in Ttrilissi eingeschätzt hat, ist doch die
gresses brachte eine zentrale Zeitung ein gro_ Oder wurden sie nicht Verbrechem, sondem
yorbehaltlose Verurteilung des Einsatzes von
ßes Interview mit dem ersten OUerbätehls'ha_ ehrlichen, unschuldigen Menschen weggenom_
Truppen gegen das Volk von enormer Bedeu_ men? Oder sind die Untenuchungsriihter so
ber des ,,begrenzten Kontingents.,. Der tung für die moralische Gesundheit der Gesell_ hilflos, daß sie selbst mit guten Indlien in der
schaft. Außerdem wollten sich viele eine Vor_
ALEXANDER JAKOWLEW: slellyry von der Gewichtigkeit der Argumente JEGOR LIGATSCHOW:
der Militäntaatsanwaltschaft machen, als diese,
nach den Ansprachen ihrer Chefs zu urteilen, zu
dem Schluß gelangte, die aufdem platz in ibi_
lissi Getöteten und Verkrüppelten hätten den
Schaden sich selbst zu verdanken. Es habe keine
Vergifteten gegeben. Niemand ist von Soldaten
getötet worden und die Menschenmenge habe die
' Friauen selbst zu Tode getrampelt. Mähr noch,
die Soldaten seien die leidtragende Seite, man
habe sie zusammengeprügeli, besonders auf
dem Platz. Viel-Sterne-Generale klagen oft, die
Presse tue dem Ansehen der ArmeJAbbruch.
Aber das Klagen von Militäntaatsanwälterts
,,Un9ere ,Pflicht ist, auf den testen, gesunden über die Tbilissier, die die von panzem unter_
Boden unerschütterlicher moralischeiKriterien stützten Kämpen aus Elitetruppen tüchtig ver_
,,Es ist sehr erfreulich, ich würde sogar
zurückzukehren. Die Zeit der Erkenntnis ist sagen, ein Omen von Glück, daß die MÄn_
gekommen: Gesetzlosigkeit ist nicl* nur wegen
prügelten - was könnte das Ansehen des Ver_
schenrechte nicht mehr straflos angegrif-
teidigungsministeriums mehr schädigen.
ihrer direkten Auswirkungen schrecklich, sän- fen'werden können. Sie müssen mi;r;ht
dem auch deswegen, weil sie das Bewuätsein Weniamin Jarin berichtete über die Zwischen_ geben: Früher hätte die Gerechtigkeit erst
defurmiert und Situationen schaff! als deren ergebnisse einer Deputiertentommission, die gesiegt, nachdem.Köpfe geopfert worden,
Fo[e Unmoral und Opportunismus zur Norm Materialien im Zusammenhang nit der Tätig-
nachdem Jahrzehnte vergangen wären.
erhoben werden. Genossen Deputierte, welche keitdervon GdljanundlwanowgeleitetenUntär_
Jetzt sind die Zeiten vöilig andärs.,,
Entscheidung wir auch treffen, iie wird politisch suöhungsgruppe studierte, das Land aber, das
und poralisch zugleich sein.,, . Aus einer Ansprache beim Meinungsaus-
weit über Mitternacht immer noch vor den Fem_
tausch zum Bericht der Kommission für die
Aus.der Ansprache bei der Diskussion über sehem saß, wollte nur eins hören: Hatten beide
den Entwurf eines Beschlusses über die politF Untersuchung von Materialien im Zusam-
Untersuchungsrichter recht oder ihre Kritiker? menhang mit der von Telman Gdljan geleite_
sche und rechfliche Einschätzung des sowje_
Faktisch erhielte4 wir auf keine einzige Frage ten Untersuchungsgruppe der Staatsanwalt_
tisch-deutschen Nichtangritfspakts von 1 939. .

r
Generaloberst ist bis heute auf seine Mission
eine vollständige Antwort.
Der Bericht der Kornmission, die Anspra_
chen von Telman Gdljan, Nikolai Iwanow und
Jegor Ligatschow bestätigten die enormen Aus-
schaft der UdSSR.

I
stolz Hand die Bestechungsgeldnehmer nicht
- sehr zum Unterschied von jenen maße der Komrption, die bereits die höchsten überftihren vermögen?
zu
litauischen Veteranen, die sich über den ver- Machtebenen erreicht hat, und 1ießen uns mit
breeherischen Charakter des Afghanistan- Dieser fehlende professionalismus scheint
Fragen allein, die noch einer Antwort harren. mit einem anderen Professionalismus zu korre_
Kriegs klar sind und deshalb auf ihie Kampf- SindGdljanund lwanowgute Untersuchungs_
. spondieren: mit den von der Kommission fest_
auszeichnungen und Vergünstigungen vör- richter oder schlechte? Früher waren sie sichär_ gestellten ständigen Verstößen gegen die Ver_
zichtet haben. lich gut, man hatte sie sogar zu ,,besonders wich_
Nach wiederholten Debatten beschloß der fahrensnormen, mit dem Abzwügen von Aus-
tigen" Untersuchungsrichtern beim General_ sagen unter Anwendung vom Gesetz verbote_
Kongreß. die Erörterung der Tragödie in staatsanwalt befördert, einen überaus interes_
Tbiliesi vom April d. J. nicbt per TV zu ze! ner Methoden. Mit der Verhaftung notorisch
santen und aussichtsreichen Fall anvertraut und unschuldiger Familienangehöriger, darunter
gen. Itrier hielten sich die pro- und die Contra-
uon etwa 200 Gehilfen beigegeben. von Frauen, die sieben oder acht Kinder haben.
Argurnente die Waage. Man sollte natürlieh 9_il9 9ryqp"
Welche Kriterien bestehen für die Einsihätzung Mit der mehrjährigen (statt der vom Gesetz fest_
nicht Ol ins Feuer gießen, aber Versuche, der Tätigkeit von Untersuchungsrichtern? Naci
etwa& zu verbergen, dem Volk etwas unter gelegten höchstens neunmonatigen) Inhaftie-
dem zu urteilen, was man ihnen in den ersten, rung von Verdächtigten, die entweder nicht die
dem Vorwand vorzuenthalten, man wolle ihm
,günstigen" Jahren der Untenuchung als Ver- nötigen Aussagen machten oder außerhalb des
unarryenehme Gefühle ersparen, bewirken dienst angerechnet wurde , waren diese-Kriterien
meist umgekehrte Ergebnisse. Man möchte z. Gefängnisses sie sofort dementieren konnten.
ausgesprochen materiell, hatten also Geldform. Und umgekehrt: mit der vollen Freilassung von
B. aus den edelsten Motiven heraus keine Und so 2ihnelten die Untersuchungsrichter
öffentliche Sitzung über Nagorny Karabach Schmiergeldnehmern, die auffrischer Tat iber_
Goldgräbern: Je mehr Gold, Geld und Schmuck führt wurden.
abhalten, indessen gewinnen zwei Völker den einer dem Staat einbrachte, desto mehr wurde er
Eindruck, die zentrale Macht habe kein Auge Die Annahme wäre naiv, die Untersuchungs_
geschätzt. Die Gruppe von Gdljan und Iwanow gruppe hätte diesen Arbeitsstil nur in Usbefi_
für ihre Notlage. förderte fleißig Beschlagnahmtes (bzw.,,freiwil_ stan gehabt. Da wir nicht naiv sein wollen, müs-
Der Deputierte Anatoli Sobtschak lig" Abgeliefertes) zutage und hatte bei den sen wir uns die wichtigste Frage stellen: Ist das
in seinem Bericht. daß er bei der
erzählte Chefs einen Steinim Brett. eine Ausnahme oder die Regel? Sind Gdljan
i Kläruug der Umstände, unter denen der Allerdings stimmten nunmehr nicht alle Zah_ u1f Iwalgw,uelleicht typische Untersuchungs_
bewaff.nete Angriff gegen die Einwohner len. Ln Bericht der Kommission ist die Rede richter, die als gut galten, aber schlecht gewär_

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den sind, nur weil sie ihre Methoden aui tr/erlre- Fernsehen, zwang sie eher dazu, die Schlüsse ersten Kongreß wären solche. Beschlüsse und
ter der herrschenden Schicht anwenden? der Kommission abzulehnen. Formulierungen unmöglich gewesen. Damals
Solange sie sich mit einfachen Bauem oder Daraus müssen Lehren gezogen werden. applaudierte man einem Redner. der von der
sogar Sekretären von Rayonkomitees in der Nicht nur solche allgemeinster.Art: etwa alle Richtigkeit der Aktion auf dem zentralenPlatz
Provinz abgaben, bemerkten weder der Gene- der Kommission zur Verftigung stehenden in Tbifrssi überzeugt war. Jemanden, dei vom '

ralstaatsanwalt noch seine Stellvertreter keine Dokumente zuveröffentlichen. Aber auch rein verbrecherischen Charakter des Afghanistan-
Ventöße gegen die sozialistische Gesetzlichkeit praktische: Die Arbeit einer Parlamentskom- Kriegs sprach, hätte man beinahe vomPo,,dium
in ihrem Handeln (obwohl Beschwerden, wie mission muß offen sein, viele Sitzungen könn- weggezerrt. Man hob Gdljan und Iwanow auf
sich jetzt_.herausstellt, schon wenige Monate ten vor Fernsehkameras erfolgen. Dann den Schild und hielt das Geheimprotokoll zum
nach der Übernahme der Gruppe durch Gdljan erhielte die Gesellschaft die Möglichkeit, alle Molotow-Ribbentrop-Pakt für eine Erfindungr'
nach Moskau abgeschickt wurden). Zeugnisse und Dokumente, Meinungen und desFeindes. tr

Da beschlossen Gdljan und Iwanow eines Standpunkte von Fachleuten kennenzulernen Die Kommissionen schlugen mehrera+j
schönen Tages, sich der Politik zu widmen, bei und eigene Schlüsse zu ziehen. Unser Histori- Gesetzentwürfe vor, wie sie für einen R+hts;:i!
den ktinftigen Wäh1ern Pluspunkte dank der ris- ker Roj Medwedew versuchte, den Deputier- staat notwendig sind. Von gewaltiger Bdgeu-j,iü
kanten Großwildjagd zu finden. Wer weiß, hät- ten zu erläutern, daß die Existenz des Geheim- tung sind ihre Schlüsse für die moralische.Verit
ten sie sich nicht darauf eingelassen, wären sie protokolls von der weltweiten historischen fassu ng de r C esellschaft : vorbehaltlose Verur-,
möglicherweise auch noch jetzt die Besten im Wissenschaft anerkannt wird, daß wir uns und teilung einer unehrlichen Poütik. der Cewalt::
System der Staatsanwaltschaft der UdSSR unser Land dem Gelächter preisgäben, wenn anwendLrng gegen das eigene Volk und andere
gewesen. wir die Authentizität jenes Papieres bezwei- Völker, der gesetzwidrigen Methoden der
Gegenwärtig ist wieder einmal die Presse an feln. Aber konnten ihm jene Deputierten etwa Rechtsschutzorgane. Gute Gesetze und hohä
allem schuld: ,,Ogonjok" und andere sensations- zustimmen, deren historische Kenntnisse sich moralische Normen sind das Fundament eineilr,
lüsterne Zeitungen und Magazine hätten Gdljan auf die ,,goldene Serie" beschränken: vom Rechtsstaats. in dem es unmöglich ist, am Moiä'
und Iwanow ganz groß aufgemacht. Daß diebei- Abriß der Geschichte der KPdSU" bis zur viel- gen aufzuwachen und zu erfahren, die Regi&l,
den Untersuchungsrichter es schafften, war bändigen ,,Geschichte der KPdSU" unter rung habe die Armee in ein Nachbarland einl,i
allerdings nur wegen des Informationsmangels Redaktion von Boris Ponomarjow, jenem marichieren lassen. Oder zu sehen, wie ei$l'
möglich. Gdljan faßte sich als erster das Herz, Buch, das an der Abenduniversität fik Marxis- Panzer seine Kanone zum Fenster eines Wohri''
erzählte dem Land wenigstens etwas und wurde mus-Leninismus durchgenommen wurde ? hauses reinsteckt. Oder bei einem langen Klin''
sofort reichlich belohnt. Denn der Zustand der Freilich hat die Mehrheit des Kongresses, geln an der Tür, das bedeutet, daß man jetzt .

Gesellschaftist nämlich derart, daß einEntlarver die die Schlüsse dervier Kommissionen letzten dich holt, zu erstarren.
mit Unterstützung rechnen kann. Das ist eine Endes billigte, in diesem halben Jahr eine
Lehre aus dieser Geschichte, die schon über ein beträchtliche Evolution durchgemacht. Beim LeonidMletschin
Jahr alt ist. Wenn hochgestellte Partei- oder
Staatsfunktionäre der Komrption beschuldet
werden, verlangl die Gesellschaft nicht einmal
nach Beweisen. Warum wohl? Sozialpsycholo-
llochweitbiszum Uler
gen wissen darauf eine Antwort: Entfremdung Das Regierungsprogramm ist angenommen'
der Macht vom Volk, Schwund ihrer Autorität.
Zudem eine lange Liste von wohlbestallten Zweifelbleiben
Schmiergeldnehmem, ftir die eine besondere
Strafkolonie angelegt werden mußte. I I m morqen besser als heute zu leben, muß halbwegs überzeugende Erklärung, nämlich die
Was wir an den beiden letzten Kongreßtagen fJ *un ,i,r,irld..t
heute überleben. hver- Hamsterkäufe, man treibe Vorratswirtschaft,
hörten, ist ftir uns sehr wichtig. Ich weiß nicht, schiedenen Abwandlungen kehrte dieser kaufe mehr als sonst. Wo sind aber die Fernseh-
was öffentliche Befragungen (falls sie stattfin- Gedanke in den wirtschaftlichen Diskussionen geräte, Kühlschränke oder Waschmaschinen
den) nach dem Kongreß ergeben, aber dieDepu- beim Kongreß immerwieder. Seltsam, aber man hin? Fabriken stellen sie weiter her, in Geschäf-
tierten selbst sind, glaube ich, nicht restlos befrie- hörtenichtdieüblichenseichten Scherzewie, die ten aber fehlen sie. Die lrsart, alles werde von
digt. Keineswegs nur im Zusammenhang mit der sowjetischen Frauen seien dabei, mit zwei Pro- Ausländern aufgekauft , hält keinerKritik stand,
Kommission, die sich mit der Untersuchungs- blemen gleichzeitig fertig zu werden: wo man obwohl auf ihrer Grundlage Zollbeschr.änkun'
gruppe von Gdljan und lwanow beschäftigt und Nahrungsmittel herbekomme und wie man gen eingefuhrt wurden. Nach einigem Uberle-
abnehme. Die Situation in der Volkswirtschaft gen denkt man sich doch, daßkaumjemand diese
ihren endgültigen Rechenschaftsbericht der
nächsten Tagung des Obersten Sowjets der insgesamt und auf dem Verbrauchermarkt ins- Apparate auf Vorrat kauft: viel zu teter, platz-
besondere gibt keinen Adaß zur Heiterkeit und raubend, noch dazu sind sie mit der Zeit über-
UdSSR erstatten soll. Die Deputierten hatten es
insofern sehr schwer, als sie sich binnen höch- verschlechtert sich noch mehr, wovon die Regale holt. Trotzdem gibt es sie nicht zu kaufen,
unserer Geschlifte eine beredte Sprache führen. obwohlsie erstvorkurzemdawaren. DerKunde
stens anderthalb Stunden darüber klarwerden
Im Volk und unter den Deputierten erstarkt die jagte nicht nach einem Kühlschrank alssolchem.
mußten,wasdievonihnen gewählteKommission
Überzeugung, schuld daran sei nicht nur unser sondern nach einer bestimmten Marke.
monatelang erforschthatte. TypischinderBezie-
hung waren die Worte des Deputierten Kasan- schwerfälliges Wirtschaftssystem, sondern auch ln einer Pause erörterten Volksdeputierte
das Ränkespiel bestimmter feindseliger Kräfte. dasselbe Problem.
nik, eines Mitglieds der Jakowlew-Kommission:
,,Ursprünglich differierten unsere Meinungen, Deshalb setze die Überwindungder Krise neben ,,Die Handelsmafia! Wenn nämlich die

dannaber kamen so viele Dokumente' daß wir einer Reform des Systems , die Jahre in Anspruch Geschäfte leerstehen, kannst du nichts zum
keine Zweifel mehr hatten." Es gibt eben nur nehmen müsse, auch noch einen Schlag gegen Staatspreis kaufen. ln der heutigen Situation
eine einzige historische Wahrheit: Die Kommis- diese Kräfte voraus, und der Schlag sei sofort zu bereiihern sie sich an allem", meinte der eine.
sionsmitglieder studierten alle darn:it zusammen- führen. Darauf ein anderer: ,,Neuerdings weirden
hängenden Dokumentationen, von Protokollen Menschen, die sich seit langem und mehr viele Wochenendgrundstücke verteilt,'die
des Politbürosdes ZKdeTKPdSU(B) biszumBrief- oder weniger emst mit der Wirtschaft befassen, Irute bauen ihre Gartenlauben und versQrgen
wechsel des Reichsaußenministeriums, und erar- verstehen, daß das eine gefährliche Illusion ist, sie mit Kühlschränken und Fernsehern, für die
beiteten praktisch eine einheitliche Meinung. dieser unser Glauben an die Möglichkeit einer Stadtwohnung aber kauft man etwas Modbrne-
,,technischen", einfachen Iösung der kompli- res. "
Aber ihre Kollegen Deputierten? Da sie den
Bericht nurmit dem Ohraufnahmen, hattensie zierten Probleme des gesellschaftlichen Seins. ,,Die Bevölkerung hat einfach zu viel Geld.
Aber selbst bedeutenden Wirtschaftswissen- Seine Masse löst sich mit jedem Jahr mehi von
keine Möglichkeit, sich in ihrer Argumenta-
schaftlern entringt sich manchmal der Schrei: seiner Warendeckung los. Es braucht nw ein
don auf diese in unserem Land noch immer
nicht publik gemachten Dokumente zu stüt- ,,Das sieht ganz nach Sabotage aus!" Und man Gerücht aufzukommen, bald werde etwas im
ertappt sich dabei, daß man diese Meinung ver- Preis erhöht oder eine Geldreform vorgenom-
zen. Ihr eigenes historisches Gepäck, d. h. in
steht und teilt. Denn: Störungen in der Beliefe- men, da bricht sofort Panik aus, man fegt alle
der Sowjetunion herausgegebene Schriften,
rung mit Zuckerund Seife habenimmerhin eine Regale leer", äußerte sich noch einer.
rr idersprüchliche Außerungen von Presse und

@ "il E ll E z E I r" t.sl


die Verantwortung für den Zustand unserer den allmählichen Übergang zum Markt sichert.
Wirtschafttragen. Ist es da nicht besser, sein Pro- Wiederum tut es einem leid, daß der Kongreß
gramm anzunehmen und zu sehen, was daraus -
die Lösung fundamentaler Fragen Eigentum,
wird? Denn etwas Besseres haben u'ir sowieso Gnrnd und Boden, Pacht, Besteuerung - auf-
nicht. Ich glaube, gerade dieserletzte Cr:rnd hat geschoben hatte und sich mit außerordentlich
über den Ausgang der Abstimmung :r*{ dem wichtigen, aber doch abgeleiteten Problemen
Kongreß entschieden. Nicht zu vergesxrr r'!atür- befaßte, Vorläufig weiß man nichts Genaues:
lich das Stehvermögen Nikolai Ryshkot'.'s. der, Ein Regierungsprogramm wurde angenom-
Billigrng des
als die Waagschale schwankte, die men, dessen Verwirklichung sich auf Gesetze
Wirtschaftsprogramms faktisch mit einem Ver- stützen soll, die erst als Entwürfe vorliegen.
trauensvotum für die Regierung verband. Wirtschaftliche Wirren lasten auf der Pere-
In der FurJ werden die Pferde nicht gewech- stroika wie ein Fluch. Man kann ihnen nicht ent-
selt, aber die Aufgabe, das Ufer zu ereichen, gehen, die Probleme müssen gelöst werden.
bleibt aktuell. Nicht entweder die strategischen oder die takti-
Das Irben wird zeigen, ob die Kombination schen, sondern sowohl * als auch. Sonst errei-
von außerordentlichen Maßnahmen, die nur chen wir das l]fer nicht.
administrativ sein können, und Elementen der
Marktbeziehungen lebensfähig ist uncl oh sie Alexander Guber

So unnachgiebig?
Die Diskussion auf dem Kongreß zeigte: Die Konsolidierung
der politischen Kräfte ist möglich, allerdings nur, wenn sich
Elektronik ist objektiv und läßt keine Unge- beide Seiten zu einem Kompromiß bereitfinden
nauigkeit zu er Kongreß verdeutlichte die Zusam- wegen noch heute." Und er lehnte sich im
Sein Nachbar schob alles den ,,Hamsterern mensetzung und Konstellation der poli- Sessel zurück. Eine Pause.
von der Genossenschaft" in die Schuhe, für wie- tischen Kräfte unter den Deputierten. Keine Dann sprach er ruhig, ausfi.ihrlich darüber,
der andere ist der Verkehr oder die Planung der neuen, wirklich überraschenden Probleme daß jeder neue Schritt bei der Perestroika eine
Schuldige. Hier, in den Wandelhallen, wurden traten während der Diskussion zutage. Ailes ernsthafte Wahl sei und daß diese Wahl mitun-
die gleichen Standpunkte wie auch am Redner- war vielmehr schmerzlich bekannt: die Nöte ter sehr schwer falle. Es gebe eben keine einfa-
pult des Kongresses geäußert, allerdings kürzer unserer Wirtschafft. die Beziehungen inner- chen Entscheidungen. Es wurde klar: Bei allem
und bündiger. Wahrscheinlich hat jeder davon halb der Union, die vage Stellung der Depu- Andrang der Forderungen, bei aller Härte der
seine Existenzberechtigung, aber wenn alle tierten im Machtsystem. Beschuldigungen gegen ihn bleibt Gorba-
schuldig und alle unzufrieden sind , muß es einen Gegen Ende des Kongresses ertappte ich tschow im Zentrum und Iäßt sich wedervon der
allgemeinen Grund geben. mich bei dem Gedanken, daß sich viele ,,Rechten" noch von der ,,Linken" irritieren.
Viele nannten ihn beim Kongreß: Unsere Deputierte nicht an ihre Kollegen im Saal, Auf einer der Pressekonferenzen während
Wirtschaft sei schwer krank, es werde nicht nicht an ihre Wäbler und nicht an das Volk des Kongresses erklärte der Deputierte Fjo-
gelingen, sie nach alten Methoden - durch Ter- wandten. AIle versuchten, etwas dem Vorsit- dor Burlazki, eine Assoziation von parla-
ror, politische Beschwörungen und Losungen - zenden des Obersten Sowiets der UdSSR ein- mentarischen Gruppen sei ins Leben gerufen
zu heilen, deshalb brauche man den Markt als zureden. Das mochte direkt ausgedrückt worden. Das solle eine Art Deputiertenklub
nattirlichen Regulator, ohne ihn komme sein: ,,Michail Sergejewitsch, ich glaube, Sie sein. Ehrlich gesagt, blieb unbegreiflich,
man nicht aus. Wenn das aber der Mehrheit klar müssen einen Entschluß fassen." Das mochte wozu das aufgezogen werden mußte. Wenn
ist, warum verwandte der Kongreß ganze vier eine direkte Beschuldigung sein, siehe Jelzin: die Deputierten arbeiten wollen, stehen
Tage ftir die Diskussion des von der Regierung ,,Der Moment ist gekommen, der Gesell- ihnen die Komitees und Kommissionen zur
vorgelegten Wirtschaftsprogramms, und auch schaft ein objektives Bild der Situation zu Verfügung. Wenn angenommen wird, daß
da kamen nicht alle zu Wort, die es wollten. vermitteln. Das hätte Michail Sergejewitsch dies eine Assoziation von Deputierten sei,
Warum wurde dieses Programm letztendlich Gorbatschow tun sollen, der die Perestroika besteht der Verdacht, daß es in Wortgeklin-
von einer überwiegenden Mehrheit gebilligt, verkündete und der zweifellos mit ihrer heu- gel ausarten könnte.
obwohl es vielen selbst nach zahlreichen Präzi- tigen Krise zu tun hat." Wie der Kongreß vor Augen führte, kam
sierungen und Korrekturen unzureichend Beim Kongreß entbrannte ein Streit um eine einigermaßen starke Opposition unter
schien?Weil die Probleme des Marktes im Gorbatschow. Er ivurde beim Kongreß von den Deputierten nicht zustande. Uberzeu-
Sozialismus bisher nicht einmal theoretisch Bitten, Anschuldigungen, Vorschlägen, For- gend ist in dieser Hinsicht die zwischenregio-
erforscht sind, der Kongreß aber sah nur den derungen, Ultimaten und Fragen buchstäb- nale Gruppe. Man sollte meinen, daß sie
prakfischen Aspekt. Angesprochen wurden lich überschüttet. Zudem rollte eine richtige wirklich Gleichgesinnte vereinigt, Men-
nicht wissenschaftliche Ambitionen einzelner, Lawine von Ereignissen über uns, über ihn schen, die wissen, was sie wollen. Man sym-
sondern die I-ebensinteressen aller. Der Markt sogar in erster Linie. Das Volk stürzte den pathisiert mit vielen Vertretern der Gruppe,
ist notwendig, doch hat man Angst, ihn einzu- Tyrannen in Rumänien. Die Amerikaner man respektiert viele für ihre Position, ftir
führen: Das ist der Haken. Wie werden sich die marschierten in Panama ein. Herausforde- ihre kühnen Köpfe, ihre sachlichen Urteile.
Marktbeziehungen angesichts der allgemeinen rungen in den Beschlüssen des Parteitages Dennoch muß man zugeben, daß aus der
Warenverknappung, der chaotischen Preise der KP Litauens. Die Spannungen mußten an Absicht, eine dem Apparat entgegengesetzte
und eines niedrigen Lebensstandards, der gar die Oberfläche kommen! Niemand wird wohl geschlossene Gruppe zu schaffen, nichts
nicht weiter sinken kann, gestalten? Die Depu- Gorbatschows Ansprache am vorletzten Tag wird. Schön, der Deputierte Juri Afanassjew
tierten antworteten auf diese Frage unterschied- so bald vergessen. Hier einige Momente: verlas eine Erklärung, der zufolge eine
lich. Je weiter ein Redner von der Notwendig- ,,Man sagt mir das öffentlich schon zum x-ten Opposition gebildet worden sei. Das machte
keit entfernt war, einen kontreten Beschluß zu Mal (hier gibt es Zeugen), Gorbatschow ver- jedoch keinen Eindruck. Später war da noch
fassen und ihn samt Folgen zu verantworten, suche, aufzwei Stühlen zu sitzen. Bei einem die unbegreifliche Geschichte mit den Unter-
desto zuverlässiger und optimistischer gebäir- öffentlichen Treffen sagteich, daßich auf mei- schriften unter einem Appell. Selbst wenn
dete er sich. nem Stuhl sitze... Deshalb weise ich die die Unterschriften in Ordnung gewesen
Das Regierungsprogramm schlägt immerhin Anschuldigungen an meine Adresse sofort wären, ändert das kaum etwas an der Sache:
einen Ausweg aus der Krise vor, wenn auch kei- zurück. Wenn Sie mit mir nicht einverstanden Eine Opposition kam nicht zustande. Die
nen zügigen. Auf jedenFall wird der Ministerrat sind, entscheiden Sie über diese Frage meinet- zwischenregionale Gruppe ist eine Gruppe

,,1t E U t zErr"l.elttr
radikal denkender Deputierter, keineswegs meinen Ohren nicht. Der Elan der 30er Jahre ein Mensch, der wirklich etwas weiß, überzeugt
aber eine wirkliche Oppositionskraft . schlug mir entgegen: ,,Ohne einen chirurgischen und in seiner Arbeit professionell perfekt ist,
Beim Kongreß suchte man weiter, wer die Eingriff überleben wir nicht. Wir müssen unsere wenn er sich auf seine Kräfte und seinen Ver-
Perestroika behindert. Wie schon üblich, wurde rückfälligen Kriminellen, Randalierer und son- stand verläßt, auch keine Feinde suchen, sich
festgestellt, daß Wirtschaftswissenschaftler, stige Feinde in Freizonen verbannen und diese nicht auf Umstände berufen, sondern seine
Genossenschafller sowie Vertreter der Schat- Zonen keineswegs Ausländem zur Verfügung Sache weitermachen wird. Dafür muß man ihm
tenwirtschaft an allem schuld seien. Deputierter stellen. Ich denke, daßstraffe Ordnung undDiszi- aber die Freiheit geben. Die lichte Zukunft wird
Safiullin ist überzeugt, daß es in unserem Land plin uns die Möglichkeit geben, die Städte der nicht in Lagern hinter Stacheldraht aufgebaut.
Waren gebe, daß sie jedoch von unehrlichen Zukunft schneller als mit Hilfe von Japanern auf- Eine zivilisierte Gesellschaft setzt sich aus freien
Vertretern des Handels gestohlen würden. Ver- zubauen. Ichschlagevor, daszuerörtemundzum Menschen zusammen, die vereint sind durch
schiedene Methoden des Kampfes gegenweniger Gegenstand eines Referendums zu machen. Wir ihren guten Willen zu einem gemeinsamen poli-
bewußte Teilnehmer der Perestroika wurden wollen ein System zum gemeinsamen Vorgehen tischen und ökonomischen Irben. Das Gegen-
vorgeschlagen. Deputierter Chmura erklärte, unserer Institutionen schaffen, sie mit genau fest- stück ist der Totalitarismus. Ihm können.demo-
Tagediebe machten bei uns 30 - 40 Prozent der gelegten Rechten und Pflichten ausstatten. Straf- kratische Formen entgegenwirken, die bei uns
gesamten Bevölkerung aus, und man müsse sie fen wir das System der Kontrolle über die Ausfiih- entstehen. Aber ein totalitäres Denken operiert
zum Arbeiten nvingen, damit es dem Land bes- rung! Dann werden wir Brot, Salz und Lieder nur mit Begriffen wie Gewalt, gleichgeschaltete
ser gehe. Allerdings konnte er nichts Näheres haben , die Züge werden genau nach Zeitpian und Gedanken,,,Notstands"mentalität.
darüber sagen, wie das zu bewerkstelligen sei. nicht leer fahren. Wer aber unser frohes I-eben Oft haben gleiche Worte bei verschiedenen
Eine Antwort hörte das Land vom Deputier- stören wird, den läßt der Staat es mit ailer Macht Menschen einen unterschiedlichen Klang.
ten Strukow. Hier einige Auszüge aus seiner spüren." Der Saal klatschte Beifalll Sagen wir, ,,Notstandsmaßnahmen". Die einen
harten, angriffslustigen Rede: ,,Eine ganze Das Tragischste ist, daß der Vorschlag des verstehen darunter Härte, Festziehen der
Reihe von Wissenschaftlem gräbt eifrig dem Deputierten Strukow bei einem Referendum Schrauben. Andere dagegen... Deputierter
Sozialismus und uns wie Mammuten eine vom Volk auch gebilligt werden könnte. Es ist Kasannik: ,,Es ist auch sonst höchste Zeit,
Grube.. . Dafür haben sie und allerlei ,Barden' grausam, wenn die Gesellschaft von Menschen Notstandsmaßnahmen zt treffen." ICh
jene berüchtigten 80% der Einlagen auf ihren eines ganz bestimmten Tlps beherrscht wird, schaute ihn befremdet an: Wie, hat es sich
Konten... Ein Land mit unerschöpflichen von Menschen, denen die demokratischen Prin- selbst dieser nüchterne Denker anders über-
Schätzen und Möglichkeiten und - trotzdem zipien und die Stützen der Zivilisation nichts legt? Der Deputierte fuhr jedoch fort: ,,Es ist
arm. Hört auf mit der Bezahlung dieser Wissen- bedeuten. Ebenso wie im Mittelalter finden sich Zeit, alles in private Hand zu überführen, den
schaftler und Experten, es gilt, praktische Ideen auch heute nicht wenig Menschen, die in der Grund und Boden, die Häuser zu verkaufen
zu stimulieren und nicht einfach furs Theoreti- Überzeugung leben, auch sie hätten das Recht, und den Markt einzuführen." Hat Kasannik
sieren zu zaltlen.o'Und hier eine wahre Perle: gewaltsam ein einheitliches Denken einzufüh- vielleicht recht?
,,Meinetwegen mag das KGB mit einer Geneh- ren, und wenn sich jemand nicht schnell oder In der Welt gibt es sicherlich keine zweite Tei-
migung des Staatsanwalts von meinen Rendez- -
nicht gründlich genug gleichschaltet für sol- lung der Gesellschaft in dieser Art, einer Tei-
vous mit dem schönen Geschlecht erfahren, che Leute sind besondere Aufenthaltsorte anzu- lung nach weltanschaulichen, ökonomischen
daftir bin ich dem Strafgesetzbuch und der legen. Intoleranz geg.enüber fremder Meinung und politischen Ansichten. Das gibt es nur in
Moral gegenüber ehrlich, sollen die ruhig mit- ist oft Anzeichen ftir Uberzeugungen, die unbe- unserem unglückseligen Land. Bisweilerl wer-
hören." Noch eine Kostprobe: ,,Ich schlage vor, ständig, seicht und noch nicht gefestigt sind. den diametral entgegengesetzte Meinungen
einenArtikel aufzunehmen,
ins Strafgesetzbuch Politisches Schmalspurdenken wäre an sich geäußert, gewisse Außerungen veffaten Fana-
der von der Verantwortung verdienter und her- nicht so gefährlich, wenn es nicht aus der intel- tismus, Unversöhdichkeit, Aggressivität, Gei-
vorragender Bestechungsgeldnehmer handelt, lektuellen Borniertheit erwüchse, wenn ihm stesarrnut. Daneben herrschen Naivität, Güte,
der Verantwortung nicht nur für die Beste- nicht eine verkehrte Moral zugrunde läge. Offenheit. Der Kongreß ist ein Spiegel der
chungsgelder, sondern auch für die politische Wenn jemand anderen Machenschaften, zu Gesellschaft. Er spiegelte viele Prozesse, die die
Sabotage des Sozialismus, die ideologische wenig Arbeitseifer oder zersetzende Gedanken Sowjetbürger peinigen. Man hat den Eindruck,
Divenion." A11das wird von einem praktischen vorwirft, ist es ein Weg, eigenes Unwissen zu daß niemand jemandem in etwas nachgeben
Vorschlag gekrönt. Als ich ihn htirte. traute ich rechtfertigen. Vielleicht ist es deshalb so, daß witl. Ein Kompromiß kommt manchmal
zustande, aber sehr schwer. Die Spannungen in
der Gesellschaft nehmen zu.
Der Oberste Sowjet ist, was Toleranz, Ver-
ständnis ftir die Situation und auch einfach
die Arbeitsfähigkeit betrifft, dem Kongreß
weit überlegen. Hier erhebt sich die ernste
Frage nach diesem komplizierten legislativen
Geftige, zu dem der Kongreß und der Ober-
ste Sowjet gehören. Die Meinung des Volks-
deputierten Sergej Stankewitsch: ,,Für den
Kongreß kommt es nicht auf einen Beschluß,
sondern auf die Möglichkeit an, alle Stand-
puntte zu vertreten. Dieser Rolle wurde der
Kongreß gerecht." Gerade dasjedoch end- -
loses Aussprechen weitet sich zu einem
-
Hemmschuh für die gesellschaftliche Ent-
wicklung aus. Volksdeputierter Jarin: ,,Ist es
nicht ein zu teurer Spaß, zweimal im Jahr den
ganzen Riesenapparat zusammenzutrom-
meh?"
Der Kongreß ist zu Ende, die Beschlüsse
sind angenommen worden. Die Frage bleibt:
Sind sie dazu angetan, die politischen Kräfte,
die gesellschaftlichen Bewegungen zusam-
menzuschließen?
Nikolai Andreiew
Fotos: B. Kaufman,

Andrej Sacharow meldet sich zu Won - das letzte Mal l. Injakin, W. Swarzewitsch
Hans Modrow und Helmut Kohl. Die
Regierungschefs hatten einen intensiven
und fruchtbaren Meinungsaustausch,
wobei eine Reihe wichtiger Vereinbarun-
gen erzielt wurde. Ihr gemeinsamer Nen-
ner wurde in einer gemeinsamen
Absichtserklärung formuliert, in der vom
Streben beider Seiten die Rede ist, die
Beziehungen zwischen beiden Ländern
auf eine qualitativ neue Stufe zu stellen,
ihnen einen engeren und langfristigeren
Charakter zu geben. Konkrete Schritte
wurden in Wirtschaft, Kultur, Wissen-
schaft, Bildung, beim Umweltschutz und
im Verkehrswesen vereinbart.
Das Gipfeltreffen, anfangs unter vier
Augen, dann im erweiterten Kreis von
Ministern und Experten, dauerte über
drei Stunden. Doch viele Streitfragen und
Themen blieben offen. Deshalb wurde
beschlossen, das nächste Treffen schon
bald stattfinden zu lassen. Die beiden
Regierungschefs werden erneut Ende
Januar oder Anfang Februar 1990 zusam-
mentretfen, wenn Hans Modrow die
BRD besuchen wird.
Ein guter Tag - so bewertete der
DDR-Ministerpräsident das Ergebnis der
Gespräche. Der BRD-Bundeskanzler
ging in seiner Einschätzung noch etwas
weiter. Möglicherweise, sagte er, wird
dieser Tag in die Geschichte eingehen.
Die positive Stimmung beider Politiker
kann man verstehen. Die von Modrow
vorgeschlagene und von Kohl unter-
stützte Vertragsgemeinschaft beginnt

Weit geöffnet konkrete Züge annnehmen - und das,


obwoht die Seiten völlig entgegengesetzte
Auffassungen zur Lösung der deutschen
Frage haben. Worin sie übereinstimmen,
Ungewöhnliche Weihnacht rKohl in Dresden, Mitter- ist die Notwendigkeit von Stabilität in der
rand in Berlin oHaben die Rechtskräfte Chancen? DDR, was eine Grundvoraussetzung ist,
um den Frieden in Europa zu bewahren.
Auf meine Bitte, das deutsch-deutsche
Treffen zu kommentieren, antwortete der
ewöhnlich nimmt hier die Arbeitsbesuch von Bundeskanzler Hel- Pressesprecher der Bundesregierung
Hektik im öffentlichen mut Kohl am 19. und 20. Dezember. In Hans Klein: Vor allem ist es wichtig, daß
Leben zum Jahresende ab. Dresden traf neben der offiziellen zahlrei- sich die beiden Regierungschefs persön-
Weihnachten, Silvester und ' chen Begleitmannschaft ein ganzes Heer lich kennengelernt haben und so ein nütz-
Neujahr, Familie, von Journalisten - fast 2000 - aus aller licher und für die Deutschen in beiden
Geschenke und vielleicht ein Winterur- Welt ein. Die weitaus meisten Medien- Teilen Deutschlands notwendiger Dialog
laub treten in den Vordergrund. Doch in vertreter kamen dabei aus der Bundesre- eingeleitet wurde. Wir werden alles tun,
diesem Jahr hat diese Tradition entschei- publik. Sie bauten direkt am Ufer der damit bei unseren Nachbarn nicht der
dende Veränderungen erfahren. Ereig- Elbe. vor der Kanzlerresidenz im Eindruck entsteht, wir wollten die Struk-
nisse von erStrangiger Bedeutung ließen berühmten Hotel ,,Bellevue", ein Kom- tur und die Architektur der europäischen
von der ruhigen Weihnachtsatmosphäre munikationszentrum auf, mit dessen Stabilität untergraben. Im Gegenteil sind
so gut wie.nichts. Das poiitische Barome- Hilfe sie für eine totale Berichterstattung wir bemüht, den Prozeß der Reformen in
ter, das i1n letzten Herbst ein ausgedehn- sorgten: Der Gast aus Bonn tat keinen Osteuropa zu festigen, zu stabilisieren,
tes Tiefdruckgebiet anzeigte, steht jetzt Schritt, ohne dabei vom Fernsehen, von nicht aber ihn zu erschweren. Uns ist völ-
eindeutig auf Sturm. Mehr als genug den zahlreichen Korrespondenten beob- lig klar, daß ohne die Perestroika in der
Anzeichen dafür gibt es. lch möchte hier aehtet zu werden. Sowjetunion, ohne die Reformen in
nur auf die wichtigsten verweiscn. Im Mittelpunkt des Besuches stand das Ungarn und Polen die positiven Verände-
Verstärkte Auftnerksamkeit fand der deutsch-deutsche Gipfeltreffen zwischen rungen, die sich sowohl in der DDR als

,,IIEUE ZEII" t.so E


lil
auch in den Beziehungen zwischen den aber, auf der Welle der Demokratisie- negelriung Moorä*J
beiden deutschen Staaten vollziehen, rung, haben die Rechtskräfte offen ihre
cträ -ii üS-Äußen-
ministerBaker in Potsdam und die Gesprä-
unmöglich gewesen wären.. . Soweit Hans politischen Ansprüche angemeldet. che der Botschafter der vier Siegermächte
Klein. Neben dem offiziellen Teil des Unter den Losungen einer Vereinigung im Gebäude des ehemaligen Alliierten
Besuchs gab es auch einen inoffiziellen. nahmen sie Kurs auf einen unversöhnli- Kontrollrats in Berlin (West) machten
Der Bundeskanzler hatte eine Reihe von chen Kampf gegen die Eigenstaatlichkeit deutlich, daß die deutsche Frage nicht nur
Begegnungen mit führenden Vertretern der DDR. Ihnen entschieden den Weg zu Sache der beiden deutschen Staaten ist,
verschiedener Parteien und Organisatio- versperren -das ist gegenwärtig die sondern auchjener Länder, die die Haupt-
nen, die das bunte Spektrum des jetzigen Hauptaufgabe für all jene, denen der verantwortung für Frieden und Sicherheit
politischen Lebens des Landes zum Aus- Name der DDR als eines demokratischen in Europa und in der ganzenWelt tragen.
druck bringen. Er sprach auch mit ftihren- und äntifaschistischen Staates, der der Ichmeine, dieBonnerPolitiker, besonders
den Vertretern der evangelischen und der Sache der Solidarität und der Zusammen- diejenigen, die sjch für eine schnellstmögli-
katholischen Kirche, mit namhaften Ver- arbeit der Völker verbunden bleibt, teuer che Wiedervereinigung aussprechen, soll-
tretern der künstlerischen Intelligenz, mit ist. ten sich in diesem Zusammenhang einige
dem Oberbürgermeister von Dresden Angesichts der starken Zunahme der Gedanken machen. Jeder übereilte Schritt,
und dem stellvertretenden Vorsitzenden Vereinigungstendenzen in beiden deut- bei der Lösung von Fragen, die die Grund-,
der SED-PDS Wolfgang Berghofer. schen Staaten erlangte der offizielle lagen der bestehenden europäischen
Man kann wohl davon ausgehen, daß ihm DDR-Besuch des französischen präsi- Strukturen, darunter die Blockzugehörig-,
diese Begegnungen eine recht umfas- denten Francois Mitterrand besondere keit, berühren, kann ja zu unabsehbaren
sende Vorstellung von der wahren Lage Bedeutung. Dieser Besuch begann, als Folgen führen. Daran aber sind weder der'
in der DDR gegeben haben. Bundeskanzler Kohl Dresden verlassen Osten noch der Westen interessiert.
Diese Lage ist keineswegs einfach. hatte, und dauerte zwei Tage. Es war der Und ein weiteres Datum - det 22.
Kohls Besuch in Dresden hörte sich wie erste Besuch des Staatsoberhauptes einer
Dezember 1989. Ich meine, es wird in
ein Signal ftir die Kräfte, die für eine die Lehrbücher zumindest der deutschen
der drei Westalliierten, die das potsda-
unverzügliche Vereinigung Deutschlands Geschichte eingehen. An diesem Tag, um
mer Abkommen unterzeichnet hatten, in
15.00 Uhr, fiel sozusagen die Mauer beini.
und gegen den Fortbestand der DDR ein- der Republik.
treten, zu einer breiten Offensive an. Brandenburger Tor. Hier wurden Grenz-
Mitterrand hatte die Einladung fi.ir den übergänge fi.ir Fußgänger eröffnet, vÖn
Zehntausende Anhänger dieser Idee fast Berlin-Besuch noch von Honecker erhal- denen schon am ersten Tag mehr alst
aus dem gesamten Süden der Republik ten, doch die Tatsache, daß der hohe 200 000 Menschen Gebrauch machten.
waren nach Dresden gekommen. Dem französische Gast ietzt von ihr Gebrauch Das Brandenburger Tor ist das bekann-
Kanzler, der sich an sie als an seine ,,Mit- machte, spricht für sich. Paris hat sein teste Symbol Berlins. Vor 200 Jahren vom
bürger" wandte, bereiteten sie einen Interesse am Bestehen einer selbständi- bekannten deutschen Architekten Carl
begeisterten Empfang. Diejenigen aber, gen und souveränen DDR eindeutig zu Gotthard Langhans errichtet, wurde es
die versuchten, zu einer Bewahrung der erkennen gegeben. Und die ganze Reihe zum stunmen Zeugen vieler historischer
Selbständigkeit der DDR aufzurufen, der bei dem Besuch unterzeichneten bila- Ereignisse. Hier veranstalteten am 30.
ließ man nicht zu Worte kommen. Mit teralen Abkommen in verschiedenen Januar 1933 die Faschisten einen riesigen
eigenen Ohren hörte ich Rufe wie ,,Die Bereichen konkretisierte dieses Inter- Fackelzug, um Hitlers Machtergreifung zu
Kommunisten beseitigen!",,,Die Roten esse. Viele von ihnen sind langfristig feiern. Am Brandenburger Tor fielen die
in die Elbe!" und ,,Schluß mit dem sozia- angelegt, was ebenfalls davon zeugt, daß letzten Schüsse des zweiten Weltkrieges in
listischen Experiment!" die Zusammenarbeit zwischen Frank- Berlin.
Zu Handgreiflichkeiten kam es nicht. reich und der DDR zukunftsträchtig ist. Ein bitterer Abschnitt ftir das Branden-
Doch eine solche Tendenz war klar zu Der französische Präsident, der sich zur burger Tor begann am 13. August 1961,
erkennen. Auch der Umstand, daß die künftigen Entwicklung der beiden deut- Die auch in seiner unmittelbaren Nähe von
Anhänger einer,,Wiedergeburt Groß- schen Staaten äußerte, konstatierte, daß der DDR errichtete Mauer ließ eine pulsle.:
deutschlands" in Dresden nicht auf alle mit diesem Fragenkreis verbundenen rende Kreuzung des Lebens der Stadt zu
den gebührenden Widerstand der Beschlüsse - ob die von Ministerpräsi- einer menschenlosen Grenzzone werden.
demokratischen und antifaschistischen dent Modrow vorgeschlagene Vertrags- 28 Jahre, vier Monate und neun Tage lang
Kräfte der Stadt stießen, war alarmie- gemeinschaft oder eine konföderative konnte man das Tor nur aus der Ferne
rend. Konstruktion - Sache ausschließlich der bewundern. Jetzt aber ist die Zeit gekom-
Doch das, was den progressiven Ein- Deutschen selbst seien und man ihnen men, da es nicht mehr finsteres Symbol der
wohnern Dresdens nicht gelang, verwirk- Trennung von Menschen ist.
ihre eigene Zukunft nicht diktieren dürfe.
lichten die Berliner. Auf Initiative einiger Voraussetzung dafür seien freie, demo-
Auch der Dauerregen, der über der
linker Organisationen versammelten sich Stadt niederging, konnte das Volksfest zur
kratische und geheime Wahlen und die in
50 000 Menschen im Herzen der Haupt- Wiederöffnung des Brandenburger Toies
ihrem Ergebnis geschaffenen Strukturen.
stadt zu einer machtvollen Demonstra- nicht stören. 100 0t)0 Menschen hatten stch
Wenn nach den Wahlen der Wunsch
tion gegen eine Vereinigung, für die Selb- am Toreingefunden. Auch hohe Politiker,
bekundet wird, einen gemeinsamen Weg
ständigkeit der DDR. Ihre Stimme war darunter Modrow und Kohl. waren
zu gehen, dann ist dieser Wunsch zu gekommen. Aus ihren Händen stiegen
laut und zugleich besorgt zu vernehmen. respektieren. Doch auf keinen Fall dürfe zwei weiße Taubenin den bleigrauen Him-
Über letzteres braucht man sich nicht man die Situation in Europa und die Sta- mel auf
zu wundern. Viele Jahre hieß es, daß bilität der europäischen Grenzen gefähr- - das Signal zur öffnung der
Grenze. Eine sehr symbolische, verpflich-
zumindesl in der DDR die faschistische den, betonte der Präsident. Das berühre tende Geste.
Ideologie mit ihren Wurzeln endgültig direkt die Interessen Frankreichs, das ein Anatoli Kowrigin
ausgemerzt sei. Doch dann stellte sich Garant 1ür Frieden, Gleichgewicht und NZ-Korrespondent
heraus, daß nationalistische Ideen auf Einheit unseres Kontinents ist. BERT,IN
viele Menschen Einfluß haben. Jetzt Mitterrands DDR-Besuch.. die kürzli- Foto: ADN-TASS

E ..ltEuE zE,l" t.90


BETNA&HT[I'{GEII

Fal lsch i rmjägerd t p lomatie


Wl ad.is I a, w'{ s t. h, ir k * tv

leich zu Beginn will ich zugeben ;lafJ ich bei der K.okaio rrnd eilc hederrfende Geldsumme, wertvolle Kunstgegen_
Arbeit an diesem Beitrag, als im.rnrr m+hr:rmeri- stände iuld A*tigrritätr:n eowie ,,mindestens eine Fotografieion
kanische Transprlrtflugzeuge in Panama lande- Adolf Hitl*r" in ,ii.r Iiesiilenz Noriegas gefunden.
ten und den in der Kanalzone stal.ir.rnierten US- I)er ]rr'äsidenr Cer I-i$Ä sprach davon, seine Soldaten zum
Streitkräf'ten zu Hilfe kamen, mehr: Fragen als Schutz der f)e mlkurtir: nach Panama entsandt zu haben. Damit
Antworten h:rtte . Auf einige davon wird erst später geantwortet war die Br:se itigung Nn.rragaq und die Einsetzung einer Regie-
werden können. runq der Opp*sirionskrät1e gemeint, die offensichtlich am 7.
Warum? Wieso? I)ie Amerikaner bemächtigten sich des kleinen h.'{ni ein,:n Wahisleg erruns*n hatte. Welcher andere Grund
Panama wie vor sechs Jahren des winzigen Grenada! hätte Noriega vera.nlassen könren, die Wahlergebnisse annul-
. Vertreter Washingtons verschiedener Ebenen legten eincn gan- lic:ren 2..; l;;.sserr.
zen Haufen untersc.hiedlichster Erklärungen zur Rechtfertigung ller lrag ein edles ?.itrl se.it. Was aber, wenn es Bush morgen
für ihre Intervention vor. Wir woJlen uns einmal an tlie eoi- einfrlllf " lcine Trlrppelr ,ii:: i,.il ;r.i_r.deres Land einmarschieren zu ias-
dene Regel halten urd alles in $en, um dort ein Regime einzu-
Frage stellen. führen, das Washington
US-Präsident George Bush
motivierte das Eingreifen mit der
Heute ist Noriega niehf nndlh W*[- genehm ist?
Ilie USA sind um die Demo-
Notwencligkeit, ,,clas I.eben von
US-Bürgern schiitzen" zu müs-
shingtons Geschmack" Und, rxrorgen? kratie in Panama besorgt.
Warnrn haben sie dann aber
sen. In Panama leben 35 000 Bür"
ger der USA. Dort war tatsäch,
D- Pinnchet so lange regieren las-
scn? Warum haben sie ihn nicht
lich am 16. November ein US-amerikanischer Militärangehöriger schon länssl ui)!:l;!r:'1" ,{/r,!hei sie sich darauf hätten beschränken
von Kämpfern der Nationalen Verteidigungskräfte getötet wor. känt;r:1. ihs, ki:rr;;r Wlffen mr:hr zr.r liefern? Warum hat man
den. Ein anderer Qffizier der in der Kanalzone stationierten IJS- gewartei, lrrs Fir:ochet selhst an die Opposition Zugeständnisse
Streitkräfte war verprüqelt v.'ord,.:n. Seiner Frau hatte man mit macbrc? Walurr hinderl miin ihn nicht an seinen gegenwärtigen
Vergewaltigung gerlroht" T-Thngens oräsentierten die US-amerika- Versur:herr. s+ zu s,:herrr" :r:n dr-rch tn gewisser Hinsicht zu bleiben?
nische lrnd die pa.narnaischc Seite r'ö!!ig entgegengesetzte Versio- Wart-rir.'. h:ri uil;. ri iiih riilcn riri:ir:rrr.L:alb .Tahrzehnte lang mit Stroess-
nen dieser Ereign-rsse. ner in P*.raguav rhga:fur:den, -iryn .sir:h doch rlie USA die Rolle des
Wir wollen lns nich.t damit befassen, welche der Wahrheit Schiccl srr chters von L il [(ritri,ll]r r:nk a_ an ma ßen?
näherkommt" Jedcs l\rlensehenleben ist unbezahlbar. Kann man Fragen iiber Fragen...
aber wegen des Tode-q eines Menschen Kriegsha.rrdlungen auslö- tieorge Bush erklärte. ,jr r,li fer;t dazu enfschlossen, die Kanal-
sen, denen bereits Duizenrte l.IS,Amerikanei uncl Hunder.te von v!'rträge einzuhalten unr.l ihn irn .Ia.hr 2000 an panama zu überge-
Panamesern zum Opt'er gefallen sind? ben. Wie ,solL nran diesen Versprechnungen
US-Außenm,inister .Iames Baker erklätte. noch glauben können? Ob die USA viel-
die geplante C)peration habe nach dem Ein- leicht doch noch ihre I\{ilirärsrützpunkte in
g.ang von Informationen iiber bevorstehend,e
iler Kanalzone behalten wollen, obwohl
Ubertälle auf Wohnhär"rser von I-IS-Bürgern ihre Rär.rmung in der Vereinbarung zwi-
in Panama, die vom, Oberkornmandierenden schen T<;rrijos und Carter von 1977 festge-
der Nationalen VerteidigungskräfJe Manuei schrieben wurde?
Antonio Nr:riega vorbereitet rr.nrrden, unauf- I.im der Intewention einen juristischen
schiebbaren Charakter ange.nommen, Anstrich zu getren, trehauptete der Presse-
Trotz aller Unberechenbarkeit des Gene- -qekretär des Weif.]en Hauses Marlin Fitzwa-
rals erscheint die Wahrsctreinlichkeil der ter, ,,Panama. habe den {iSA den Krieg
Existenz solcher selbstmörderischer Pläne erklärt und nicht umgekehrt". Gemeint ist
äußerst gering" Baker selbst ml.r8te zuqeben, eine t-rfr.lämng des panama.ischen Parla-
die genannte Informa.tion stamme nieht aus ments^ Pänama befinde siclr im Kriegszu-
,,absolut zuverlässiger Quelle". stand mit den LrS.A, die vor der Erteilung
In der Erklänrng Ces Weißen Harrses wird r-le:" tragi-rchen Refehls durch Bush abgege-
darauf hingewieret. d-aß ,;j':n 'l+l Äufgaben be:n wurdr:, Die Gesetzgeber meinten damit
der Operation d.aln l-.est*hl. \o{4rg,:.r zr-r ;rber die aoch r:nfer Reagan begonnene
ergreifen. Wash.instctl b+i:.:...htig1 ihn Ccs ökoncmische Aggression gegen Panama,
Rauschgrftschnrqgch ,rnii irrhr. rhn vor und der Regriff ,,Kriegszustand" war
Gericht zu stellcrr bes{imrnt nur als Redewendung gebraucht
F.ntsprecheniJc !]ckr-rn.r:irr,r':. .lir,jir:lr: txcrden.
Vorwiirfe crhärtrn. fxit.ti!:rr'.'ri .rf fr:l.riq:lri - Das I.r;sungsdenken, wenn rnan das so
lich. Solche i\lsrlrriidigr.rrfi;r', iilr'l zu rli'rnJten kann, war sowies*: t1'pisch für die
schwerwiegend. uqi rhrn i;. r:ttli r"r:h so ur: i rifi h !,':gienrng Noriega. Das Ansehen des auto-
zu werfen" [rilmr.,,"11,,', nu{l lrtai-r ,,,rr {iericht r:,:ircn Fiihrers tier RepLrblik. der vor kur-
konkrete Bewersi: und: ki:ilr: i.!ank r:n iJcki.l." ,r-.rm seill.ril1 atlmächt.igen Status als Ober-
rationen vorlegelr. \z'crirelei tJt:,r Peni.agot: Gefangene Fanamesen belehlsh:rirer der Strqitkrätte noch den Titel
teilten mit. sie hättr::rr ct':r,;r 50 Kri,)p1":1ffin1 i{,'rr:/,.t 7l4J.t r'ics Ministe rpräsiilenten hinzufügte,
.,TEIIE ZEII" Lso E
basierte auf antiamerikanischen Beschwörungen, die er auf den Ich wage zu behaupten, daß unterbestimmten Umständen die
fruchtbaren Boden verletzter Nationalwürde der Panamaer säte, Stärke eine Waffe der Schwachen ist, näm1ich jener, die frucht-
die auf die Übergabe des Kanals zwischen Atlantik und Pazifik lose Ideen verfechten und auftönernen Füßen stehen. Deshalb
dringen. verfallen sie ins Extrem und lassen anstelle von Argumenten die
Regimes, deren Positionen innerhalb des Landes schwach sind Waffen sprechen. Die peitschende Phrase ,,Die Macht kommt
und über kein konstruktives Programm verfügen, brauchen drin- aus den Gewehrläufen" ist nur teilweise wahr. Macht, die in der
gend einen äußeren Feind. Da hat man wenigstens jemanden, Lage ist, Menschen anzuftihren, wird nicht von Gewehren, son-
dem man für alles die Schuld in die Schuhe schieben kann. Da dern von fruchtbringenden Ideen geboren.
drängt sich einem der Vergleich zu Rumänien auf, wo Diktator Nach dem Uberfall auf Panama wird es den USA nicht mehr
Ceausescu vor seiner Flucht, Verhaftung und Hinrichtung die möglich sein, mit derselben schuldlosen Miene für eine fried-
Auflehnung der Volksmassen als Machenschaften,,imperialisti- liche Lösung des Nikaraguaproblems und die nationale Aus-
scher Kräfte", ,,ausländischer Spionagedienste", ja sogar von söhnung in El Salvador auf Verhandlungsbasis sowie für die
,,Faschisten" und,,Terroristen" verbuchte. Beilegung der lateinamerikanischen Krise insgesamt einzutre-
Eine interessante Auslegung der Motive fur die Aggression in ten. Washington hat dem schwierigen Prozeß der friedlichen
Panama gab der amerikanische Kommentator R. Apple in der Regelung in der Region schon genügend Hindernisse in den
,,New York Times": ,,Für Präsident Bush stellt das Eingreifen der Weg gestellt.
USA in Panama nicht nur einen Versuch dar, bestimmteZielezu Die Intervention der USA in Panama war zudem ein
erreichen, sondern auch eine Art Präsidentenweihe. Ob es Glück Geschenk für einige konservative Elemente in der UdSSR, die
oder Unglück ist, mag dahingestellt sein, jedenfalls haben die mit der Reduzierung unserer Streitkräfte nicht einverstan-
meisten amerikanischen Führer seit dem zweiten Weltkrieg es für den sind. Oder jener, die der Meinung sind, der Einmarsch
nötig gehalten, ihre Bereitschaft sowjetischer Truppen 1979 in
unter Beweis zu stellen, für die Afghanistan (übrigens stimmt
Verteidigung und Durchsetzung
Für Bush war der,,Einmarsch in sogar die Tarnbezeichnung
dessen, was sie unter nationalen ,,Prawoje delo" und ,,Just
Interessen verstehen, auch Blut Panama eine Art Präsidentenweihe" cause" - ,,Gerechte Sache"
zu vergießen. John F. Kennedy beider Operationen überein)
während der kubanischen Rake- sei gerechtfertigt gewesen. Da
tenkrise (man könnte auch die wirft sich sofort die nicht nur
Entsendung von Söldnern in die rhetorische Frage auf: Warum
Schweinebucht anführen - d. Red.), Lyndon Johnson und sind wir dann von dort weggegangen? Haben wir alle ,,militäri-
Richard Nixon in Südvietnam, Ronald Reagan in Grenada und schen Aufgaben" in Afghanistan gelöst?
Libanon, jetzt Bush in Panama. Sie alle handelten in der Über- Die meisten Länder haben die amerikanische Intervention in
zeugung, die amerikanische politische Kultur erfordere von Panama verurteilt.
ihnen, unverzüglich der Welt zu demonstrieren, daß sie über den Alle warteten natürlich auf die Reaktion der UdSSR, deren
großen Knüppel verfügen."
- Dialog mit den USA den Grundstein des neuen Denkens bildet.
Seit der Invasion in Grenada (1983) haben die Amerikaner Und die Reaktion folgte. Die sowjetische Regierung qualifi-
wohl schon zu vergessen begonnen, was unter ,,großem Knüppel" zierte in ihrer Erklärung den Schritt Washingrons als ,,offenen
und ,,Kanonenbootpolitik" zu verstehen ist. Seither ist viel Zeit internationalen Willkürakt". Die Sowjetunion, heißt es in die-
vergangen. In den internationalen Beziehungen haben sich die sem Dokument, ruft die Regierung der USA dazu auf , unverzüg-
Prinzipien der Achtung der Souveränität und Würde anderer lich ihre Interventionshandlungen gegenüber dem souveränen
Nationen, des Dialogs und der politisch-diplomatischen Lösung Panama einzustellen.
komplizierter Fragen durchgesetzt. Viele machen sich nun Sorgen, ob vielleicht die ,,Fallschirmjä-
Die UdSSR hat ihr sogenanntes begrenztes Truppenkontin- gerdiplomatie" den bisher so erfolgversprechenden sowjetisch-
gent aus Afghanistan abgezogen, die vietnamesischen Truppen amerikanischen Dialog gefährden kann, der sich zu einer umfas-
verließen Kambodscha, die Kubaner ziehen ihre Streitkräfte aus senden und beiderseitig vorteilhaften Zusammenarbeit entwik-
Angola ab... keln könnte. Ich nehme an, daß diese Sorgen grundlos sind.
Und nun Panama! Fallschirmjägerdiplomatie...
Hat man in Washington geglaubt, man sei beim neuen Denken
zu weit gegangen? Ist die Panama-Aktion ein Zugeständnis an
***
jene Kreise, die unter den Bedingungen der Verschärfung der
internationalen Spannungen den Abrüstungsprozeß bremsen Die Operation ,,Just cause" ist zweifellos empörend,
oder gar aufhalten wollen? Ist sie ein Zugeständnis an die in recht allerdings nur ein Rückfall in die ,,grenadisch-afghanische
großer Zahl vorhandenen amerikanischen Chauvinisten, die hin Denkweise", nicht aber eine generelle Revision des einge-
und wieder einen kleinen erfolgreichen Blitzkrieg wie damals in schlagenen Kurses. Letzteres würde Washington in
Grenada brauchen? die Schützengräben des kalten Krieges hinabzerren, was
Durch seine Handlungen hat Washington jenen einen Trumpf aber, wie ich annehme, nicht den strategischen Zielen der
in die Hände gespielt, die für eine gewaltsame ,,Beilegung" von USA entspricht. Und die Erklärung der sowjetischen
Konflikten eintreten. Aus dem Lager der ,,Linken" (und Linksex- Regierung ist trotz der Entschlossenheit ihrer Position
tremen) sind bereits Stimmen zu hören, die die USA als Wolf kein Faustschlag auf dem Verhandlungstisch und kein
im Schafspelz bezeichnen, der wieder einmal seine Zähne gezeigt
Zuschlagen der Tür. Die Aktion der USA hinsichtlich
hat Washington praktisch nichts entgegenzuset-
|;;. ""* Panamas muß von uns allerdings künftig beachtet werden,
Das wird, davon bin ich überzeugt, die Positionen der Unver- um nicht in Euphorie zu verfallen oder sich lllusionen hin-
söhnlichen in der salvadorianischen FFMLN stärken. Zweifellos zugeben. Wir müssen immer davon ausgehen, daß unser
*'ird das auch die Terroristen des peruanischen ,,Sendero lumi- Dialogpartner, gelinde gesagt, zu unvorhersehbaren Schrit,
noso" sowie die aufständischen Fraktionen in Koiumbien beflü- ten fähig ist.
eeln, die nicht dem Beispiel der ,,M-19" folgen wollen, die den
bervaffneten Kampf eingestellt haben und sich nun auf der politi-
:chen Bühne mit ihren Opponenten messen. t
,,IIEUE zEtt" r.s0
Die Chilenen haben auch gar keinen
Urteil über die Diktatur Grund, Fra-Fra zu bemitleiden. Flrazudz
sagte mir, daß er, da er nun einmal zu den
großen Raufbolden aufgerückt sei, seine
Die Ghilenen haben sich entschieden: politische Karriere fortsetzen und sogar
Der gemeinsame Kandidat der Opposition heißt eine eigene Partei gründen will, auch wenn
Patricio Aylwin die Abstimmungsergebnisse (15,4 Prozent
fär Fra-Fra) ihr keine große Zukunft ver-
heißen. Bereits bei den letzten Wahlkampf-
Vitali Sobolew konnte. Nach der dramatischen Geschichte kundgebungen zeichnete sich deutlich das
NZ-Korrespondent und dem tragischen Ende der Unidad- politische Kräfteverhältnis ab. Fra-Fra
Popular-Regierung und der langen Militär- konnte kein breites Publikum zusammen-
rmer Fra-Fra, füLr ihn diktatur war damit zu rechnen, daß sich ein trommeln. Ihn rettete auch kein großes
wird keiner stimmen!" Kandidat des Zentrums durchsetzen Vierstundenkonzert, zumal er, wie Kritiker
spöttelten die Chile- würde. Da aber Aylwin durch seine Bun- urteilten, nur mäßige Interpreten engagiert
nen, als ich sie um ihre desgenossen und Weggefährten nach links hätte. Mit Don Pato traten wirkliche Mei-
,, Meinung bezüglich des
dritten Präsidentschaftskandidaten, Fran-
tendiert und Büchi, den man zum Erben
Pinochets deklariert hat, deutlich nach rechts
ster der Kunst auf, aber damit wurde eher
der Tradition Tribut gezollt. Die Kundge-
cisco Errazuriz, der sich im letzten Moment geschwenkt ist, öffrrete sich zwischen den bei- bungsteilnehmer, eine Million oder mehr,
in den Wahlkampf eingeschaltet hatte, den ein gewisser Freiraum, in den Errazuriz brauchten keine Animateure. Ijnter den
fragte. Der Spitzname rührt von der zu schlüpfen versuchte, der seine Position als Bäumen des O'Higgins-Parks, wo die
Anfangssilbe seines Vornamens her und ,,zentrales Znntnxn" definierte. In dieser Kundgebung stattfand, tanzten die Leute
von Gerüchten über sein längst überwunde- politischen Nische stand erjedoch nur fest auf Cueca und sangen im Chor Spottlieder auf
nes Stottern. Den Kandidaten Nr. 2, den dem rechten Bein. Dennoch hat er, da mußte Pinochet.
früheren Finanzminister Hernan Büchi, mir der Exekutivsekretär des Oppositions- Die Machtdemonstration von Hernan
nennt man wegen seiner in die Stirn fallen- blocks Gonzalo Martner recht geben, auch Büchi war auch recht beeindruckend. Zu
den widerspenstigen Haare,,Chasquilla" Aylwin einige Stimmen abnehmen können, meiner Verwunderung fand sich in Santiago
(Pony). Aber auch Patricio Aylwin bekam was diesen allerdings nicht daran hinderte, viel gutgekleidetes Volk, was mich an die
seinen Spitznamen: Don Pato (,,Herr mit solidem Vorsprung (55,2o/o gegeniber über 40 Prozent erinnerte, die beim Refe-
Erpel"). Der Führer der Christdemokraten 29,4 "/ofur den zweitstärksten Kandidaten rendum vor einem Jahr ,,Ja" zu Pinochet
(PDC) kandidierte für einen Block aus sieb- Büchi) die Wahlen zu gewinnen. gesagt haben. Auch bei dieser Veranstal-
zehn Parteien und wurde von der Breiten tung lösten Hochrufe auf den ,,Mann, der
Partei der linken Sozialisten (PAIS) unter- uns vor dem Kommunismus gerettet hat",
stützt, die 1988 aus den damais verbotenen mehr Beifall aus als Hochrufe auf den
marxistischen Organisationen hervorging Mann, dessenthalben man sich hier versam-
und der sich die linken Christen an- melt hatte. Es ging auch sehr laut und fröh-
schlossen. lich zu, die Folklore war aber recht ärmlich
Das plötzliche Auftauchen von Fra-Fra vertreten. Das Hupkonzert war lauter, weil
im Wahlkampf roch deutlich nach Aben- viele mit ihren eigenen Wagen gekommen
teuer. Dem Großunternehmer, der eher fur waren, dafür fehlte die eigene Melodie.
gewisse Schwierigkeiten mit seinen Kredit- Auch der fehlende Glaube an den Sieg
gebern bekannt ist. bereitete die Öffent- machte sich bemerkbar, selbst wenn man
lichkeit einen kühlen Empfang, obwohl er immer wieder das Gegenteil behauptete.
sich doch gewisse Chancen ausrechnen Büchi lehnte es grundweg ab, sich mit
irgendwelchen ausländischen Korrespon-
denten zu treffen, und das Vorgehen seines
Apparats gegen sie war einfach beschä-
mend. Bei den Kundgebungsteilnehmern
und bei denen, die Pressekonferenzen
abhielten, die übrigens längst nicht so gut
besucht waren wie die der Opposition,
konnte man den Verdruß über die unver-
meidliche Wahlniederla-ge von den Augen
ablesen. Für eine Stimmung der völligen
Ausweglosigkeit sieht die Wählerschaft der
Rechten allerdings keine Veranlassung.
Warum? Das will ich erläutern.

Rechtzeitig vorbercitete
Positionen
Besitzer einer blühenden Insel zu werden,
ist eine Verfuhrung, der selbst überzeugte
Proletarier erliegen. Und in Chile werden
jetzt Dutzende davon angeboten, in jeder
Mit ihrer Wahl von Patricio Aylwin verbinden die Chilenen Hoffnungen auf eine Wiederherstel-
lung der Demokratie Größe, für jeden Geschmack. Der Verkauf
Foto: AP-TASS der Inseln ist Teil einer umfassenden Priva-

..lt zEll" l.so tr


tisierungskampagne, bei der Staatseigen- che Mchrheit gewinnüll, di* e$ ihr llöstat- sowie Investitionen irt- uud ausländischer.Fir-
tum, d. h. der übriggebliebene Rest davon, ten würde, Gesr:ti:,e ,"r,:1:rtei Oiduuirg" seltr- men fördert. Dieses Modell ist derzeit hoch
in private Hand übergeben werden soll. ständig zu ver-aLrsthii:den" Für di.: llurch- angesehen, denn ihm wkd das ,,chilenische
Früher waren davon ca. 400 Betriebe setzung solcher Gesetu:e t-rrlß dir- Regie- Wirtschaftswunder" zugeschriotren, obwohl
betroffen. L4 weitere sollen in nächster Zeit rung, wie Patricio A-vlwi* srrgt*- i3ündnis- die amerikanischen Berater Pilocitets dieses
dazukommen. Dabei handelt es sich u. a. partner im rechteü F'lügel des K,t'lg:,:';ses Modell schon viele Jahre lang durchs*tzen,
um solche Giganten wie die Fluggesell- suchen, konkrct ultet cietr Mitglicde:;a d*r das ,,Wunder" aber kaum fünl Jahic ait ist.
schaft LAN-Chile, die derzeit zu den renta- rechtszentristischi:n Partei dcl Na"ii*naien Früher sprangen die Kennzahlen lür die wirt-
belsten Unternehmen im Land gehört. Erneuerung €ARENA). lJnr ihre schaftliche Entwicklung des Landes auf und
Durch die Privatisierung will man den Zukunft besorgt" vcrsueht die PAk'ENA ab wie ein noch nicht zugerittenes Pferd.
Einfluß der künftigen Zivilregierung in jetzt, sich vom dahinscheidenden Regime Dem ,,Chicago-Modell" werden auch die
Chile einschränken. Zum selben Zweck zu lösen. Nach den Wahlen distanziert sie positiven strukturellen Veränderungen
wurde die Zentralbank mit administrativer sich auch von der weiter rechts airgesiedel- zugeschrieben, die hauptsächlich in der
Autonomie ausgestattet. Sie kann jetzt selb- ten Unabhängigen Demokratischen Union Schließung von Betrieben bestanden, die
ständig die Geldemission, die Wechselkurse (UDD, mit der die PARENA im selben entweder nicht konkurrenzfähig waren
und Kreditzinsen festlegen, wodurch sie in Block zu den Wahle:u angetreten war" oder sich nicht multinationalen Konzernen
den Besitz mächtiger Finanzhebel kommt. Es gibt also genug Chancen, clie ertbr- anschließen wollten. Die Gesundung der
Die Bedeutung dieser Hebel ist so groß, derliche Mehrheit fiir eine Revision des Wirtschaft, meinen Experten, wird in die-
daß es die Junta vorzieht, sich schon vor der juristischen Erbes der Diktatur zu bekom- sem Jahr einen Produktionszuwachs von
Machtübergabe, die erst im März erfolgen men. Das ist aber kein einfacher Weg. Er acht Prozent bewirken, und die Erhöhupg
soll, mit der entrüsteten Opposition zu wird langwierig und mit Verhandlungen des Exports liegt weit über dem gestiegenen
arrangieren. Man schlug ihr vor, zwei der und Zugeständnissen verbunden sein. Die Import, in erster Linie bei elektrischen
fünf Mitglieder des Aufsichtsrates zu Opposition hat in ihrem langen und schwe- Haushaltsgeräten und Autos. Auch das
benennen, und Bankpräsident wurde eine ren Kampf, in dem sie die Diktatur immer Niveau der Investitionen, darunter der aus-
Kompromißfigur. Der künftige Finanzmi- weiter zurückgedrängt hat, genügend ländischen, ist recht hoch.
nister in der demokratischen Regierung Erfahrungen gesammelt, wie man politi- lJnserem Gastgeber in der ,,Oberstadt"
Alejandro Fo versicherte mir, das Gesetz sche Kompromisse aushandelt. Ihre Mit- gefällt die Perspektive, zu den asiatischen
über die Autonomie werde außer Kraft glieder sind stolz darauf, daß es ihnen ,,Tigern" aufzuschließen und deren Erfolg
gesetzt, weil es die rreue Regierung hin- gelang, bei der Benennung der Aufsichts- auf dieser Seite des Pazifiks nachzuholen.
sichtlich ihrer Pläne für soziale und wirt- ratsmitglieder der Zerttalbank urrd bei Er stritt jedoch die Schiußfolgerung ab, die
schaftliche Reformen an Händen und der Verfassungsreform mitzureden. Des- Chilenen hätten für das ,,Chicago-Modell"
Füßen bindet. halb hofft man auch darauf, einen Kom- einen zu hohen sozialen Preis gezahlt. Aber
Pinochet hat für seine Nachfolger nicht promiß bei den dreiseitigen Verhandlun- aus den großen Spiegelfenstern seiner Villa
nur wirtschaftliche, sondern auch politische gen mit den Unternehmern und den waren nur ebensolche schönen Behausun-
Gewerkschaften über einen Sozialvertrag gen zu sehen. deren Bewohner dem ,,Retter
Schlingen ausgelegt. In der Zeit des Wahl-
kampfes wurden sie, ebenfalls in Abspra- im Namen der Einheit der Gesellschaft vor der kommunistischen Tyrannei" viel zu
che mit der.Opposition, etwas gelockert. Es angesichts gemeinsamer Probleme zu fin- verdanken haben. Man kann aber den Wor-
handelt sich dabei um die Zusätze zur Ver- den. ten Ayln'ins Glauben schenken, daß es in
fassung von 1980, die Mitte 1989 bei einem Chile eine große Mehrheit gibt, die in
Referendum angenommen wurden. Insge- Zu Gast bei den Armut lebt und nicht in den Genuß der
samt handelt es sich um 54, von denen aber Wohltaten der Entwicklung gekommen ist,
nur ein oder zwei wesentlich sind. So wurde ,,Mumienrt die einigen Schichten der Gesellschaft
u. a. der Artikel 8 gestrichen, der die Kom- zugänglich sind.
munistische Partei und ihr verwandte Orga- Zusammen mit chilenischen Freunden Die Opposition beabsichtigt, diese Wohl-
nisationen in die Illegalität zwang. Die wurde ich in der ,,barrio alto", der ,,Ober- taten durch eine Steuerreform umzuvertei-
Außerkraftsetzung dieser Besiimmung stadt" empfangen, einem in den Vorber- len. Die Junta hat allerdings vorsorglich ein
gen gelegenen Stadtteil von Santiago für Steuergesetz sowie ein Gesetz über die Pri-
erfolgte allerdings so spät, daß weder der
Generalsekretär des ZK der KP Chiles begüterte Bürger. Hier ist die Luft reiner, vatisieruirg der Nationalbank verabschie-
Volodia Teitelboim noch der Führer der kühler, und die Villen, eine prächtiger als det, rvoher die Regierung Mittel fär ihre
größten Fraktion der Sozialistischen Partei die andere, versinken im Grün. Die Haus- Sozialprogramme beziehen könnte. Und
(deren baldige Vereinigung bevorsteht) herren bezeichnen sich offen und mit Stolz das frischgebackene Aufsichtsratsmitglied
als ,,Mumien". So nannte man nt Zeiten der Z.entralbank, General Enrique Seguel,
Clodomiro Almeyda sich als Kandidaten
ftir den Nationalkongreß aufstellen lassen der Unidad Popular die Gegner ihrer Ver- ist verpflichtet, die Befehle Pinochets aus-
konnten. Sie konnten sich nicht einmal als änderungen. Sie verbargen keineswegs, zuftihren, der ihn dorthin kommandiert
Wähler registrieren lassen. daß ihnen Büchi lieber sei, aber auch der habe, wie es in der Lokalpresse heißt, um
Völlig unangetastet blieben die Paragra- Wahlsieg von Aylwin ist für sie kein Anlaß .,populistische Maßnahmen im Finanzte-
phen, die den Streitkräften die Rolle eines zur Besorgnis. reich" zu verhindern.
,,Vormunds der Demokratie" zuschreiben ,,Der Markt zeigt alle Anzeichen fi.ir
und es dem gegenwärtigen Regime gestat- Ruhe und Stabilität', sagte der Vorsit- Soll das,,Uikariatl'
ten, über verschiedene Institutionen neun zende der nationalen Handelskammer
Senatoren zu bestimmen. Diese Leitsätze Daniel Platovsky. Weder an der Börse gc$rhlosscn wGlden?
sind ebenfalls im Gesetz über die Staatsor- noch beim parallelen (inoffiziellen - d.
gane und die Streitkräfte enthalten. Auch Red.) Umtausch von Dollars sind deutli- ,,Wir müssen uns bald nach einer anderen
die Privatisierung, die Autonomie der Zen- che Abweichungen zu erkennen, denn die Arbeit umsehen", äntworteten die Mitar-
tralbank u. ä. sind gesetzlich verankert. Kontinuität in der Wirtschaftspolitik ist beiter des,,Solidaritätsvikariats" scher-
Die neue Regierung kann allerdings ver- abzusehen." zsnd auf meine Frage nach dem Schicksal
suchen, Gesetze aufzuheben, die der Patricio Aylwin hat ebenso wie alle dieser Einrichtung nach dem Abtreten des
gründlichen Demokratisierung des politi- anderen Kandidaten versprochen, das Diktators. Für Lachen und Scherzen
ichen Systems im Wege stehen. Aber die gegenwärtige,,offene" Wirtschaftsmodell ist das nicht der rechte Ort, deshal6 kann
Opposition konnte im Parlament keine sol- beizubehalten, daß Export und Import man ihre Fröhlichkeit als SYmbol

tr .IIEUE zEtr" l.sl


der bevorstehenden Verändenrngen anse-
hen.
Das ,,Vikariat" will seine Tätigkeit aller-
dings nicht einstellen. Die 1976 gegründete
Einrichtung wurde jährlich im Durch-
schnitt von 90 000 Bürgem besucht, die
verschiedene Bitten und Beschwerden an
Ein schweres Erbe
die Behörden richten wollten. In seinen üitt die nGüe Regienrqg d6 größlen
' Archiven dort suchen schweigend Angehö- staaües in lateinamerika an
rige nach Spuren von 682 Verschollenen, rstmals in den vergangenen drei Agitationskorsos standen auf der Tages-
-''lagern Akten über 38 496 Menschen, die Jahrzehnten nahm die brasiliani- ordnung, an denen manchmal mehrere tau-
I verhaftet wurden, über 1300 Chilenen, die sche Bevölkerung ihr Recht in
' :Anzeige send Autos teilnehmen, die mit Wahlplaka-
bei Gericht erstattet haben, weil Anspruch, das Staatsoberhaupt ihres Lan- ten der Kandidaten beklebt waren. Massen-
'sie gefoltert wurden, und über 1134 Bür- des direkt zu wählen. Wenn am 15. März kundgebungen gehörten zum Wahlkampf.
ger, die von Agenten des Diktators ermor- 1990 der neue Präsident und das von ihm Und natürlich gab es Auftritte im Fernse-
det wurden. Alle diese Akten wollen bear- gebildete Kabinett die Amtsgeschäfte über- hen und im Rundfunk. Das war der Wahl-
beitet sein. nehmen, endet im Land formell der über- kampf.
'l Dem Problem der Menschenrechte und gang von der Diktatur zur Demokratie. Die Sichtwerbung spielte allerdings die
ihrer Wiederherstellung wird die neue Den Grundstein hierftir legte vor fünf Jah- größte Rolle. Es ist kein Geheimnis, daß
Regierung sicher große Beachtung schen- ren die Machtübernahme mehr als 20 Prozent der
ken. Das ist wichtig angesichts der interna- durch eine Zivilregierung Brasilianer weder lesen
tionalen Lage des Landes, das in der Welt- unter der Leitung von Josc noch schreiben können
gemeinschatt einen würdigeren Platz ein- Sarney, dem die Generäle
:f,unehmen gedenkt. Bei einem Gespräch und ca. 70 Prozent nur die
nach 21jähriger Militär- Grundschule besucht
über die Umgestaltung der Beziehungen zu herrschaft die Regierungs- haben. Für die meisten der
anderen Staaten sagte mir der vermutlich zügel in die Hand gaben. 82 Millionen Wähler sind
künftige Außenminister Juan Somavia, Der Wahlmarathon war daher Rundfunk und Fern-
daß Chile normale diplomatische und äußerst gespannt. Vor dent sehen die einzigsten Infor-
':anderweitige Beziehungen zur Sowjet- ersten Wahlgang am 15. mationsquellen. Davon
ünion anstrebt. November gab es 22 Kan- eingen auch die Kandida-
Im Landesinnern wird das Thema Men- didaten für den höchsten ten aus, ganz besonders
schenrechte noch lange Anlaß zu Reibun- Posten im Staat. Mit einer Collor de Mello, den Jour-
gen und Komplikationen geben. Aylwins mehr oder minder großen nalisten als den ,,brasiliani-
Position stimmt im großen und ganzen mit Wahrscheinlichkeit konn- schen Rambo" titulierten.
der Position der Kirche überein. Er sagte: ten jedoch nur fünf oder Er ist lnhaber des schwar-
,,Wir müssen die Wahrheit herausfinden, sechs mit einem Wahl- zen Karate-Gürtels.
um Gericht zu halten und danachzuverzei- erfolg rechnen. Dazu Im ersten Wahlgang
hen." gehörte der Rechtszentrist konnte keiner der Kandi-
Der Chefredakteur der vom ,,Vikariat,, Fernando Collor de Mello daten eine absolute Mehr-
herausgegebenen Zeitung,,solidaridad., und der Extremrechte heit erreichen. Deshalb
Rodrigo de Arteagabetia erläuterte mir, Paulo Maluf. Auf der lin- fand am 17. Dezembereine
daß die Kirche bereit sei, den Henkern und ken Flanke waren es Luis Stichwahl zwischen den
Mördern zu vergeben, wenn diese ihre Inacio da Silva und Leonel beiden Kandidaten statt,
Taten bereuen. Braola. Luis da Silva die am 15. November die
,;Nach Reue sieht es vorerst aber nicht (,,Lula"), Führer der Partei
Fernando collor de Mello
meisten Stimmen auf sich
aus. Hier hat Pinochet für sich und seines- der Werktätigen (PT) und
gleichen besonders eifrig l-oto: ,,El Oorr" vereinigen konnten. Das
vorgesorgt. der Einheitsgewerkschaft . (Spanien) waren Collor de Mello und
Bereits vor elf Jahren wurde ein Gesetz kandidierte ftir die Volks- Lula. Aus diesem Duell
über die Amnestie für Menschenrechtsver- front Brasiliens, der neben der PT zwei klei- ging, wie erwartet, Collor de Mello als Sie-
letzungen verabschiedet. Der Diktator hat nere politische Gruppierungen angehören: ger hervor (52Ptozent der Stimmen).
aüßerdem öffentlich mit einem neuerli- die Brasilianische Sozialistische Partei und Der neue Präsident und sein Kabinett
chen Militärputsch gedroht, wenn auch nur die proalbanische KP Brasiliens (nicht zu ver- erben ein Land, wo sich ungeachtet
ein Haar jenen Militärs gekrümmt werde, wechseln mit der Brasilianischen Kommuni- umfangreicher demokratischer Verände-
die seine Befehle ausgeführt hätten. stischen Partei). Iconel Brizola steht dem mngen die sozialen Probleme in den letzten
Es wird auch keine Einhelligkeit zwi- Z,entrum etwas näher als Lula. Er ist Führer Jahren zugespitzt haben, ein Land, wo
schen der alten und neuen Regierung der Demokratischen Arbeiterpartei. höchste Errungenschaften in Wissenschaft
bezüglich eines Gesetzes geben, wonach Bei allen Meinungsumfragen lag stets der und Technik sowie der Status als achtstärk-
die Zivilregierung nicht die Oberkomman- 40jährige Fernando Collor de Mello von der ste Wirtschaftsmacht des Westens mit
dierenden der Waffengattungen ab- bzw. Partei der nationalen Rekonstruktion vorn. erschreckender Armut der Volksmassen
einsetzen kann. Nach diesem Gesetz will Der Sprößling einer alten und reichen einhergehen. Der Präsident erbt die höch-
Pinochet die Schlüsselstellung in der Familie setzte hauptsächlich auf die Arm- ste Auslandsverschuldung in der dritten
Armee behalten und bis 1998, vielleicht sten und gewann durch seine Losungen und Welt, eine galoppierende Inflation (1300
auch noch länger, Oberkommandierender Versprechen große Sympathien bei den Prozent von Oktober 1988 bis Oktober
der Landstreitkräft e bleiben. Wählern. Nicht zu vergessen ist natürlich 1989) sowie eine katastrophale Situation im
Diese Umstände sind es, die so oder so die umfassende moralische und materielle Bildungs- und Gesundheitswesen...
den Frieden in Frage stellen, den Aylwin, Unterstützung, die ihm von lJnternehmer-
aber auch seine Kontrahenten. dem Volk kreisen und einflußreichen Politikern des Wladimir Golenkow
versprochen haben. rechten Flügels zuteil wurde, die in ihm die TASS-Korrespondent exklusiv für die NZ
beinahe einzige Möglichkeit sahen, den
,, Santiago de Chile
- Havanna progressiven Kräften den Weg zu verlegen. Brasilia

l.so .E
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DaS Zwei -Tage- I nterview


G alina Sidorow a, NZ-Sonderkorrespondentin
iemand begleitete uns * das sollte die erste
Überraschung sein. Keiner der höchsten Ver-
treter des Staätes mußte, wie das noch in jüng-
ster Vergangenheit bei uns üblich war, seine
Arbeit unterbrechen, um sich für einige Minu-
ten vor der Gangway aufzubauen. Nur die
U Staatsflagge der UdSSR wehte einsam an
einem Flaggstock am Rand des Flugfeldes, gleichsam
Gespräch mit dem bestätigend, daß ein ftihrender Vertreter abfliegt'
udssR- So bägann der letzte Auslandsbesuch von UdSSR-
Außenminister: Außenriinister Eduard Schewardnadse im alten
mit Abschweifungen, Jahr. Er begab sich nach Belgien, um mit eu1o11f-
schen Institlutionen, mit der EG und dem EUR-
überlegungen,
ATOM, das erste Abkommen über Handel und kom-
Eindrücken merzielle Zusammenarbeit zu unterzeichnen, erst-
mals das NATO-Hauptquartier zu besuchen, mit den
Außenministern vor 12 Ländern zusammenzutref-
fen, Gespräche mit der belgischen Regierung zu fuh-
ren und äann in London kurz mit Margaret Thatcher
zusammenzutreffen - und all das in nur 48 Stunden'
Illetztet Zeitlollziehen sich viele Durchbrüche in
unserer Außenpolitik irgendwie atltäglich - viel-
leicht, weil sich das Erreichte jedesmal als Ausgangs-
ounkt zu etwas noch Bedeutenderem erweist'
An den offizieUen Charakter des Fluges erinnerte Eduard Schewardnadse und Manfred Wörner im
im Grunde nur das ftir Aeroflot so unt)?ische anstän- NATO-Hauptquartier: eine Formel für neue Beziehun'
gen Foto: TASS
dige Mittagessen. Die Mitarbeiter des Sekretariats
und d"t eitsprechenden Abteilungen des UdSSR-
Außenministeriums konkretisierten auf dem ganzen nach bevorstehenden Schwierigkeiten besonders,
Flug die Texte von Dokumenten und Reden und daß die belgische Regierung der Stabilität vor dem
übe"rsetzten sie. Nur die Leibwächter erholten sich Hintergrund der demokratischen Reformen in Ost-
vor ihrer nicht leichten Arbeit. europiqroße Bedeutung beimißt. ,.Wenn wir die Sta-
Kurz vor der Landung, als die Maschine kräftig bilita't e-rhälten wollen", erklärte er. ..muß man sich
vom Seitenwind geschüttelt wurde, trat Eduard Scng- Zeit nehmen. Wichtig ist es, daß Ost und West das
wardnadse an uns, einige Journalisten, die den Mini- gegenseitige Vertrauen festigen."
- Brüssel ist, wie man Berichten von Augenzeugen
ster auf seiner Reise begleiteten, heran' Mühsam das
Gleichgewicht im Gang zwischen den Sesseln hal- entnehmen kann, eine schöne Stadt. Leider konnte
tend, s[rachen wir von dem bevorstehenden sowjeti- ich mich nicht persönlich davon überzeugen'
schen besuch europäischer Einrichtungen' Eben in
Mir wurde auf einmal klar, daß man, wenn man die
diesen letzten Minuien vor der Landung begann mein
bunte Welt vor allem aus gepanzerten Limousinen
Interview mit dem Minister, das während der zwei und offiziellen Residenzen betrachtet, gar nicht so
Tage unseres Besuchs fortgesetzt wurde'
recht spürt, wo man sich eigentlich befindet, und
Natürlich stellte sich folgende Frage: zugleicü scheint einem die Welt ein einziges großes
NZ. Danach zu urteilen, daß wir zur NATO und zur Dörf zu sein. Das ist wohl das Los aller Staatsmänner
EG fliegen, ist der kalte Krieg tatsäclrlich vorbei?.
der Gegenwart. Später bedauerte ich es, Eduard
E. Söhewardnadse. Ja, der kalte Krieg gehört der Schewaidnadse nicht danach gefragtztt haben' Für
Veroanoenheit an. Wir stehen vor einem friedlichen lvrische Abschweifungen war keine Zeit da' Der offi-
zielle Teil des Besuchs endete erst gegen Mitternacht'
nOönn'itt der europäischen Entwicklung' Doch das
ging so gleitend in die Vorbereitung auf den nächsten
ist auch ein Abschnitt der Veränderungen, und folg-
lich kann er stürmisch sein. ln diesem Zusammen- tag tiUei, der gegen 6 Uhr morgens begann'
hang beunruhigen mich in Europa aufgetauchte
Anzäichen von folitischem Extremismus, die Gefahr Iturchbnrch in der EG
einer Destabilisierung, der Nichtrespektierung der
Nachdem ich den Text des Abkommens überflogen
bestehenden Realitäten..'
Der gegenseitige Zusammenhang von-Stabilität hatte, verstand ich gleich, daß es den Wirtschaftsab-
und Velaiderunfen war das bestimmende Thema kommen, die früher mit westlichen Partnern
geschlossen wurden, nicht ähnelt. Erstens, was die
der zahlreichen Bigegnungen des UdSSR-Außenmi-
nisters mit Kollegen in Brüssel und London' Zahl der Unterzeichner angeht. Und zweitens mußle
ich sogleich an die stürmischen Diskussionen denken'
Zum Auftakt für die Unterzeichnung des Abkom-
mens mit der EG wurden die sowjetisch-belgischen
die gänau vor einem Jahr in der'österreictrischen
Gesoräche. Akute Probleme in den bilateralen Hauitstadt über den ,,wirtschaftlichen Korb" des
Beziehungen gibt es nicht. Möglicherweise deshalb Wiener Abkommens geführt wurden' Die sowjeti
schen Vertreter roersuihten anfangs, sich das Recht
konzentriörten sich die Gespräche auf gesamteuro-
oäische Fragen. Der belgische Außenminister Mark vorzubehalten, nichts über sich selbst zu sagen und
Lyskens bet-onte in seiner Antwort auf meine Frage doch soviel wie möglich von den anderen zu erfahren'

@ .ü z E I T" l.9ll
Davon mußte man später abgehen. Und nun
lese ich die Materialisierung der Wiener Idee
nent bewegen. Wir können dabei viel gewin-
nen. Europa wird einen zuverlässigen Markt
lludüruü in ftr llAT0
größerer Offenheit in Wirtschaft und Han- erhaltpn. So erklären sich die lnteressiertheit Am Vorabend der Begegnung mit Manfred
del: ,,Die Seiten vereinbaren die Veröffentli- und der allgemeine Nutzen. Wörner hielten es die Journalisten, besonden
chung umfassender Angaben über kommer- NZ. Und doch verläuft offenbar nicht alles westliche Kollegen, vor Neugier schon nicht
zielle und finanzielle Fragen, einschließlich so glatt und feierlich wie bei der offiziellen mehr aus: Wer hat da wen eingeladen? Eduard
der Statistik der Produktion, des Konsums Unterzeichnung? Schewardnadse verwies auf der Pressekonfe-
und des Außenhandels." E. Sch. Schwierigkeiten gibt es. Wir selbst renz darauf, er habe nicht darum gebeten, emp-
Ich kann wohl davon ausgehen, daß diese stellen uns nur langsam um. Wir werden uns fangen zu werden, sondern die Frage, ob nicht
Angaben unsere Partner nicht sonderlich europäischen, globalen Kriterien anpassen ein Treffen mit NATo-Generalsekretär Wör-
begeistern werden. Doch ihre Veröffentli- müssen. Viele unserer Wirtschaftsleiter reisen ner sinnvoll sei, aufgeworfen. Doch alle Fragen
chung wird dazu beitragen, daß sie, wenn sie heute, studieren Erfahrungen von Nachbarn erübrigten sich, als der UdSSR-Außenminisier
die Wahrheit über uns wissen, uns glauben und künftigen Partnem, doch der NutzeffeK das NATO-Hauptquartier in Brüssel betrat. Es
und folglich zu Kompromissen bereit sein, davon ist bislang nicht sonderlich zu spüren. war die zweite und größte Überraschung des
daß sie gemeinsam nach effektiveren Wegen Für eine ernsthafte Zusammenarbeit mit allen Besuchs. Eduard Schewardnadse schritt an
der Zusammenarbeit suchen werden. Das europäischen lnsthuten sind ein hohes pro- einer Unmenge von NATO-Mitarbeitem vor-
Abkommen sieht sie in allen Bereichen vor: fessionelles Niveau und eine entsprechende bei, die in der riesigen Vorhalle gewartet hatten
in der Industrie, der Landwirtschaft (ein- Ausbildung der l(ader erforderlich. und bei seinem Erscheinen Beifall klatschten,
der Nahrungsmittelindustrie), der NZ. Wurde bei lhren Diskussionen mit zu den Fahrstühlen.
-qchließlich
F.nergiewirtschaft (auch der Kernenergie), in europäischen Kollegen das Problem des Sicher werden Skeptiker und unverbesserli-
Wissenschaft und Technik - das gilt auch ftir Cocom aufgeworfen? che Konservative in unserem Land da hämisch
die Kernforschung, die rationelle Nutzung E. Sch. Wir berührten es in den Gesprä- bemerken:,,Wenn dich der Feind lobt..." Nicht
der Naturressourcen, den Umweltschutz, die chen mit der belgischen Regierung, mit nur, daß dies an sich unlogisch ist. In der NATO
Rohstoffe, den Bergbau, für wirtschaftliche, Herrn Delors, mit Ministern. Mir scheint, in lobt man sowjetische Politiker nicht. Man
Devisen-, Bank-, Versicherungs- und andere letzter Zeit haben sich ermutigende Tenden- erkennt sie als Gesprächspartner an. Und man
Leistungen, für die Standardisierung, die zen abgezeichnet. Verantwortliche Erklärun- beginnt sie als Partner in europiüschen und glo-
.Ieitung und die Ausbildung von Personal, gen wurden abgegeben, daß man eine balen Angelegenheiten anzuerkennen. Man
tür die Statistik. Abschwächung der Ausfuhrvorschriften ins erkennt unsere neue Politik an und respektiert
' Die UdSSR und die EG räumen sich die Auge fassen sollte. Doch das sind nur die sie, obwohl man nicht in allem mit ihr einver-
Meistbegünstigung im Handel ein. Die EG ersten Schritte. Würde es von mir abhängen, standen ist.
verpflichtet sich, allmählich die quantitativen würde ich für eine Beseitigung von Cocom Dort hat man ja ebenfalls manches in den Jah-
Einfuhrbeschränkungen, die speziell ftir die stimmen, doch das hängt von unseren Pan- ren des kalten Krieges gelemt. Und bei aller
UdSSR gelten, aufzuheben. Die Sowjet- nern ab - vor allem wohl von den USA. Die Unterschiedlichkeit der Einschätzungen der jet-
union ihrerseits verpflichtet sich in einer dem bislang noch weiterbestehenden diskrimi- zigen Situation in den Ost-West-Beziehungen
Abkommen beiliegenden Sondererklärung, nierenden Maßnahmen stehen im Wider- durch verschiedene Mitglieder der NATO plä-
unter Berücksichtigung der Bestimmungen spruch zu den lnteressen der Sowjetunion, diert in deren politischem Hauptquartier nie-
der Schlußakte, der Schlußdokumente im der osteuropäischen Länder und Westeuro- mand für eine neue Konfrontation.
Rahmen der KSZE und der in Angriff pas, da dies die Zusammenarbeit NZ. Was besprachen Sie mit Generalsekre-
genommenen Wirtschaftsreform, die beschränkt. tär Wömer und mit den ständigen Vertretem
Arbeitsbedingungen fi.ir Geschäftsleute aus NZ. Was meinten Sie, als Sie von einem der 16 Mitgliedsländer der NATO?
der EG in der UdSSR auf nichtdiskriminie- gesamteuropäischen Wirtschaft sraum spra- E. Sch. Die Entscheidung, mit dem sowieti-
render Grundlage zu erleichtern, die Aus- chen? schen Außenminister zusammenzutreffen,
gabe von Einfuhrlizenzen bei einer zuständi- E. Sch. Eine lntegration unsererWirtschafts- wurde in der NATO bekanntlich gemeinsall,
gen staatlichen Einrichtung zu konzentrieren systeme, des Westens und des Ostens, ein- nach Konsultationen mitallen Ministem, getrof-
und Kompensationsgeschäfte nicht zu för- schließlich der UdSSR. lm Grunde ist ein sol- fen. Wir eröderten viele Fragen, darunter die
dern. Eine Gemischte Kommission aus Ver- cher Prozeß bereits in Gang. Bestätigt wird das PerspeKiven eines Abbaus der Streitkräfte und
tretern der Gemeinschaft einerseits und der durch die Unteaeichnung desietzigen Abkom- Waffen. Wir stimmten darin überein, daß es
Sowjetunion andererseits wird geschaffen. mens zwischen der UdSSR und der EG. Natür- gute Chancen gibt, die Wiener Verhandlungen
.Nach Meinung des französischen Außen- lich tun wir im Prozeß der lntegration von Ost 1 990 abzuschließen und eine Konvention über

ministers Roland Dumas erarbeiteten die und West die ersten, die schwersten Schritte. das Verbot der C-Wafien zu erzielen. Der
Seiten schnell das Abkommen. Schwierigkei- Wenn dieser Prozeß intensiv weitergehen wird, NATO-Generalsekretär teilt unsere Meinung,
ten aber ergaben sich und können sich daraus dann wird man in irgendeiner Etappe von daß der Abschluß der Arbeit an dem Abkom-
ergeben, daß wir unterschiedliche Struktu- einem gesamteuropäischen Wirtschaftsraum men über die Halbierung der strategischen
ren, ja selbst Gewohnheiten haben. Wir sind sprechen können. Offensivwafien der UdSSR und der USA real
Mitglieder verschiedener Verträge. Wie Bis dahin aber müssen wir uns um einen Dia- ist. lch meine, man kann sagen, daß wir Ver-
Roland Dumas bemerkte, muß die Mentali- log zwischen den bestehenden europäischen handlungen über die taktischen Nukleanryaffen
tät, die Orientierung geändert werden. - politischen wie wirtschaftlichen - StruKuren aufnehmen werden. Wir sprachen auch von
NZ. Eduard Amwrossijewitsch, worin liegt bemühen. Man könnte eine dreiseitige Kom- der Nützlichkeit der in Wien beginnenden Dis-
ihrer Meinung nach die eigentliche Bedeu- mission für Europa aus den größten Zusam- kussion über Fragen der MilitärdoKrinen.
tung des Abkommens zwischen der UdSSR menschlüssen, aus dem RGW, der EG und der NZ. Gibt es neben der Rüstungskontrolle
und der EG? EFTA, bilden. Wenn wir ernsthaft von bilatera- Aussichten für eine Zusämmenarlceit zwischen
E. Sch. lch würde es, ohne zu übertreiben, len Bezidhungen zwischen der Sowjetunion Warschauer Vertrag und NATO?
als Durchbruch bezeichnen, weil prinzipielle und den anderen Ländem Osteuropas mit der E.Sch. Wenn Umfang und Stand derWaffen
Fragen gelöst wurden. Es ist eine Rahmen- EG sprechen, können wir die Existenz einer so auf ein militärisches Minimum beschränK wer-
veieinbarung, die Perspektiven für eine bei- bedeutenden wirtschaftlichen Organisation den, dann werden wir auf dieser materiellen
derseitig vorteilhafte Zusammenarbeit zwi- wie des RGW nicht ignorieren. Grundsä?lich Grundlage von einer Veningerung der militäri-
schen der UdSSR und der EG eröffnet. Viele -
ist die Frage gelöst Beziehungen zwischen schen Komponente und von einerVerstärkung
Ursachen werden beseitigt, die jahrzehnte- dem RGW und dem EG wurden aufgenom- der politischen AspeKe in den militärischen
lang einen normalen Handel störten, und die men. Doch nun muß man weitergehen. Was und politischen Bündnissen sprechen können.
Grundlagen werden geschaffen für einen den RGW angeht, so ist dort eine grundle- Sowohl wir als auch die NATO machen uns
gesamteuropäischen Wirtschaftsraum, für gende Reform erforderlich. Wir verstehen heute Gedanken über Wege für einen Umbau
die weitere Annäherung der Sowjetunion an ebensowie unsere Partner, daß die Umorgani- unserer Bündnisse, wobei der politische
die Länder Westeuropas und für die Lösung sierung des RGW in nächsterZeit abgeschlos- Aspekt betont werden soll. Zugleich meinen
vieler Probleme, die heute unseren Konti- sen werden muß. wir, daß Warschauer Vedrag und NATO am

,,lt E u E zEtr"t.90w

l:
I

ll
heutigen Wendepunkt der Entwicklung des sollte es stattfinden, verabschiedet werden Polen'zusdinmen. Der Westen hilft dem Land.
europäschen Prozesses eine wichtige stabilisie- könnte. lch aber meine, daß ein solches Treffen lch kann nicht sagen, daß dies ausreichen
rende Rolle spielen können. nötig ist und stattfinden wird. würde - so widersprüchlich sind die sich jetzt in
NZ. Kamen lhre Gespräche in der NATO NZ. Angesichts der jetzigen und künftiger Polen vollziehenden Prozesse. Doch wir haben
nicht unerwartet für das sowjetische Verteidi- Veränderungen - worin sehen Siedie Grundla- ein ureigenes lnteresse daran, daß sich die
gungsministerium? gen der Stabilität, und decken sich lhre Vorstel- Situation normalisied.
E. Sch, Nein, zwischen uns und dem Vedei- lungen da nrit denen ihrer westeuropäischen NZ. Und um die sowjetische Wirtschaft ban-
digungsministerium henscht hieÖei und auch Kollegen? gen Sie nicht?
in anderen Fragen Einvernehmen. Wir erarlcei- E. Sch- Sie decken sich in vielem. lch habe E. Sch. lch bin von Natur aus Optimist.
ten ia gemeinsam die Verhandlungspositio- das bei den Begegnungen mit den Ministern Zudem bin ich wirklich der Meinung, daß wirin
nen... und bei dem Dialog mit der belgischen Regie- den vergangenen 4 Jahren viel vollbracht
NZ. Wann können wir Herm Wömer in Mos- rung gespüri. Alle sind besorgt über das haben. lch bin ganz entschieden gegen die
kau erwarten? Tempo der Veränderungen in Osteuropa, und Meinung von Fachleuten, die erklären, wir stün'
E. Sch. lch ließ ihm keine offizielle Einladung alle wollen dabei Stabilität bewahren. Daß den vor einer Katastrophe. Meiner Meinung
zukommen, doch zum Abschied sagte ich: beide Seiten das wünschen, ist ein guter nach konnte das Fundament für die Erneue'
Boden für Zusammenarlceit bei dieser nicht rung des Wirtschaftsmechanismus gelegt wer-
,,Vielleicht treffen wir uns in Moskau?" Mir
schien, daß er dieser ldee wohlwollend gegen- einfachen Aulgabe. ldeale Stabilität gibt es den. Drei bis vier Jahre wurden gebraucht, um
überstand. Ob er nun wirklich kommt, ist eine nicht und wird es nie geben" Die deaeitige neue Gesetze zu schaffen. Jetzt verfügen wir
andere Frage. Doch die Beziehungen werden Situation betrachte ich, was die Stabilität meiner Meinung nach über alle erforderlichen
sich weiter entwickeln. angeht, als nicht schlecht" Sie erlaubt es durch- StruKuren, Rechtsinstitute und Gesetze, um
aus, daß sich in allen Ländern innere Prozesse den Kampf für die Gesundung der Wiftschaft
ller sowiehdte Faltbr sowie lntegrationsproze$se im gesamteuro- zu intensivieren. Meiner Meinung nach ist der
Plan der Regierung optimal. Etwas anderes
päischen Maßstab entwickeln.
In der Politischen Kommission des Europäi- NZ. lch kann mich noch an mein Gespräch konnte unter unseren Bedingungen nicht vor-
schen Parlaments wurde Eduard Scheward- mit lhnen in Wien überdas gesamteuropäische geschlagen werden. Man muß entschlossen,
nadse mit Fragen bombardiert. Vor allem inter- Haus erinnern, bei dem gleichzeitig die wirt- konsequent, Schritt um Schritt vorangehen.
essierten sich die Abgeordneten ftir die Haltung schairiiche, die poiitische, die militärische und Das Defizit des Staatshaushalis beträgt bei uns
der UdSSR zu den Prozessen in Osteuropa, die hunranitär'-^ Flarsiliauer errichtet werden. 120 Md. Rubel. 1990 wollen wir es um 60 Md.
daftir, wie die Sowjetunion die Zukunft Euro- Was ksn imt i,;r üe am schnellsten voran? Rubel veningem. Das sind nicht einfach Zah-
pas insgesamt sieht. E" $ch. lch wüide nichi einen soichen Ver- len, sondem das ist eine kühle Rechnung.
NZ. Bei der Begegnung in der NAI-O und gleich anstellen. Bewegung gibt es überall. Am Überhaupt haben wir in Brüssel mit den Mini-
dann in der Politischen Kommission des Euro- spürbarsten ist heute die Tendenz, die niilitäri- stern ausgiebig unsere Probleme erörtert. lch
-fen-
päischen Parlaments sprachen Sie von Hel- sche Konfrontation zu übe:'winden. Dieser mußte da am meisten sprechen.
sinki 2, von einer gesamteuropäischen Konfe- denz liegt die Durchsetzung der vertrauensbii- NZ. Also sind es gerade wir, die vor allem zur
ren2 1990... denden Maßnahmen nac!-, der Stockhoir:;er Besorgnis Anlaß geben?
E. Sch. Wir schlugen die Einberufung einer Konferenz zugrunde. Wenn die Wienet Ver- E, Sch. Alle verstehen, was der sowietische
solchen Konferenz auf der Ebene der Staats- handiungen erfolgreicn enden, werden wir cte Faktor bedeutet - für Europa, für die Welt. Man
oberhäupter vor. Erstens, um die Abkommen eirre ganz andere Atmosphäre auf dem eu:':- versieht, daß jede Destabilisierung der Lage in
über konventionelle Waffen zu unteaeichnen. päischen Kontinent verspüren, werden sich un$erenr Land völlig unberechenbare Folgen
Zweitens meint die sowjetische Seite, daß, Aussichten für weitere Fortschritte bdm Abbau auslöser, kann.
wenn schon die führenden Vertreter von 35 delWaften und Streitkräfte auftun. SolcheTen- . .D;i; i'irrusherrin irr Dr;rvuing Street 10 fuhr
Staaten zusammenkommen, zweifellos die iet- denzen zeichnen sich bereits in der Wirischaft, tiebevcil ,;;1i der Hand iLLrei den Christbaum-
zige politische und wirtschaftliche Situation in in der Ökologie ab. schmri:.t {n wenigen iViiürrieir hatte sie den
Europa zur Sprache kommen wird. Es kann NZ. Gibt es in der politischen Siluation Euro- sowjetischen Außenmirdstcr z:u empfangen. In
Reden, Überlegungen auch zur sogenannten pas Momente, die Sie alarmieren? deur alteä englischen Haus, vro ehemalige giolJe
deutschen Frage geben. Zu welchem Schluß E. Sch" Die jetzige politische Lage beuhru- Premiers, gemalt von gtol3en Künstlern, kalt
die führenden Vertreter kommen werden, läBt higit mich nicht sonderlich. ln gewissem Sinne von den Wänden blicken, dominierte ari diessm
sich schwer vorhersagen. lch meine nicht, daß riracht mir die Zukunft Sorgen. lch sagte Abend der sowjetische Faktor.
es in 5, 6 Monaten oder in einem Jahr gelingen bereits, daß in jähen WendepunKen der Die Begeisterung des Westens konuirr'aicht
wird, Antworten zu finden. Nichtsdestoweniger Geschichte nicht ausgeschlossen ist, daß von ungefähr. Die stürmischen Veräudeiulgen
wäre es nützlich, alles zu erörtern... extrenristische Kräfte auf die BÜhnetreten. Das in der UdSSR, die die noch stürmischeren in
NZ. Und doch, wo haben lhre Partner die ist sehr ernst und aKuell fijr West- wie für Ost- den Ländern Osteuropas in Gang brachten,
gröBten Zweifel? europa" Deshalb sprachen sich alle Ministerfür haben den sowjetischen Faktor zrur Eprzen-
E. Sch. Einige haben Zweifel, wie sich ein die Schaffung der Voraussetzungen aus, um trum der Weltpoütik werden 1a:s*1r. Etwas
solches Treffen auf die $ituation in Europa aus- eine norrrrale Entwicklung der Demokratisie- Paradoxes geschah: Einerseits i;i.;lglerr diese
wirken wird. Welche Üokumente wird man ver- rungsprozesse, besonders in Osteuropa, zit !'eländerungen tür eine gewisle v-rr";'ilrung bei
abschieden? Mir scheint, es wäre richtig. ein ermöglichen. wc:stlichen Politiker"n, ildetn si; *;"; llnde der
Kommunique auszuarbeiten. Ein ancieres, NZ, Am Vorabend rron Malta sprach ich in Stäbilitäi der Tniten des kaite-'i; .{r'rri:ges kenn-
grundlegenderes Dokunrent ließe sich ange- Washington nrit einigen amerikanischen Politi- zeichüefeil, einer Stabilität. :,]ri diü sich alle
sichts des Zeitmangels kaum erarbeiten' Die kern und Politologen. Meine amerikanischen schc;fl ligcildwie gewohnt hlrti'li, öildererseits
Minister bewegt der lnhalt eines solchen Kom- Gespräehspariner verglichen die wirtschaftli- wirksii ;ie sich positiv auf eile küiirlige Stahili-
muniques: Wie werden dort die Prozesse und che Lage in Osteuropa mit der lnstabifität, die tät in Europa, die sich auf did Pnnzipien des
die Widersprüche des heutigen Europa Aus- nach dem ersten Weltkrieg entstand. Sie gesamteuropäischen Prozesses grüildet, aus.
druck finden? Und nicht nur Europas. lch befürchten, die ietzigen Schwierigkeiten könn- An soleher^Stabilität sind. wie Eduatd.sche-
meine, die Notwendigkeit ist da, für die Koordi- ten zu schwerwiegerrden Erschütterungen füh- wardnadscs Cespräche zcigten, Ost utid Wt't in
nierung neuer ldeen und Vorschläge multilate- ren. gleicher Wcise interessicrt.
rale Einrichtungen, Kofilitees oder Zentren der E. Sch. Die wirtschaftliche Situation der mei- Was gibt uns eine Außenpolitik, die alif ciner
KSZE zu schafien. Später könnten sie bera' sten unserer Verbündeten ruft keine Besorgnis Entideologisicrung beruht?
tende Funktionen übernehinen. Bislang aber bei rilir hervor. Mich beunruhigt nur die wirt- Eirie solche Außcngrlitik fuhr1 unsei l-and,
haben wir mit den Ministern vereinbart" die schaftliche Lage in Prrleu, Dort ist eine sehr das in den Rückstattl geraten ist, in die zivili'
schwdre Situation entstanden. Die Polen sierte Welt, indem sie in gewissein Sinne uils
Kontakte auf Arbeitsebene fortzusetzen, für
suchen nach einer Lösung. Optimale Maßnah' Garant der'eingeleiteten gräßen Refbrmen im
i Klarheit bezüglich der Tagesordnung und des
Sozialismus auftritt.
Charakters des Dokuments zu sorgen, das bei men für eine Gesundung zu bestimrnen, ist gar
I nicht so einfach. Wir aÖeiten nach wie vor mit BRI]SSEL * LONDON _.fu1OSKAU
I dem nächsten gesamteuropäischen Treffen,

g ästr"
L

,,irtuF t"s(i
,,Wirsind Optimisten" Opposition ist eine politische Friedensrege-
lung in afghanistan in nächster Zukunft nicht
der
Präsidenten
lnterview mit dem Republik Afghani- ausgeschlossen.
Wir konzentrieren alle unsere Bemühun-
stan Dr. Mohammad Naiibullah gen auf eine friedliche Beilegung des Afgha-
keit bei der Regierung und Verwaltung des nistanproblems in seinen innenpolitischen
NZ. Seit dem Einmarsch sowjetischer
Landes und beim Schutz unserer nationalen und außenpolitischen AsPekten.
Truppen in Afghanistan sind zehn Jahre ver-
saneön, und zehn Monate ist es her, daß sie Interessen vor ausländischer Einmischung Für die lnnenpolitik läßt sich sagen, daß
abgezogen wurdetl. Was und Aggression bewiesen. die Regierung der Republik Afghanistan sich
äu."d"t Repubtik weiterhin von ihrer Politik der nationalen
bedeuten diese i)aten fär das afghanische Ein Faktor für die Stärkung der Volks-
macht sind die neue internationale politische Versöhnung leiten läßt und die Anbahnung
Volk und für Sie persönlich?
Atmosphäre, die Entspannung, der Dialog eines Dialogs mit Einheiten, Gruppierungen
't'ist Naiibullah. Keine leichte Frage. Eigentlich und Gefechtskortmandeuren der bewaffne-
die Zeit noch nicht reif ftir eine umfassende und alle Bemühungen, regionale Konflikte
Wertung der letzten Ereignisse. Das einzige. beizulegen. Dazu hat auch das sowjetisch- ten Opposition fortsetzt, um mit ihnen zu
läßtJst. daß die Sowjet- amerikanische Gipfeltreffen auf Malta beige- verhandeln.
;' was sich"heute sagen
tragen. Afghanistan ist Bestandteil dieses
' Wir wollen gemeinsam mit der internatio-
union dem afghanischen Volk uneigennützig
i seholfen hat. Das schätzen wir sehr hoch ein. Prozesses und kann nicht draußen vor gehal- nalen Öffentlichkeit alle unsere Kraft darauf
'" Andererseits gehören der Einmarsch ten werden. verwenden, die außenpolitische Situation zu
ltsowjetischer Truppen in Afghanistan und ihr Ein weiterer wichtiger politischer Faktor verbessern, damit die ausländische Einmi-
-'Abzug besteht darin, daß unser Volk kriegsmüde ist schung in die Angelegenheiten Afghanistans
bereits der Vergangenheit an, wäh-
::ieid es jetzt meiner Meinung nach mehr dar- und diejenigen ablehnt, die den Krieg fortset- eingestellt wird.
zen wollen. Selbst in den Reihen der bewaff- NZ. Der Ministerrat der Republik Afgha-
"'auf ankommt, unsere Bemühungen auf die
neten Opposition wird man des Kiieges über- nistan hat ein ganzes Paket von Vorschlägen
Zukun ft zu konzentrieren.
i NZ, Als die Entscheidung getroffen wurde, drüssig. Viele von ihren Einheiten wollen ausgearbeitet, die darauf abzielen, die afgha-
i'die' sowjetischen Truppen aus Afghanistan nicht länger an Kampfhandlungen teilneh- nische Wirtschaft wieder auf die Beine zu
rlabzuziehen, hat bei den Feinden und auch bei men und machen sich mit jedem Tag unab- bringen und die sowjetisch-afghanischen
iden Freunden kaum jemand geglaubt, daß hängiger von der Leitung der ,.Sieben". Bezilhungen zu entwickeln. Könnten Sie
die Volksregierung sich halten würde. Es Gefechtskommandeure. s elche die Aus- etwas ausfuhrlicher auf dieses Programm ein-
sichtslosigleit des Krieges erkannt haben. gehen?
wurden Vermutungen über die Frist ange-
denlen jetzt rieder nreb; :'n unscre natiooa- N. Unter Bedingungen des Krieges ist es
stellt, die der Volksmacht noch bleibt- Sie
len lnteressen und ehe Einstellung des mör- schwer. *"irtschaftliche Enfwicklungspläne
haben sich jedoch behauptet und ifue
derischen Bruderkrieges. einzuhalten. Dennoch widmet die Regierung
Lebensfähigkeit unter Bex'eis gestellt. Ver-
Die Unterstützung der nationalen ÄussÖh- uns€rer Republik einer aliseitigen Verbesse-
raten Sie uns bitte Ihr Geheimnis.
nung durch das Volk ist der wichtigste Frie- rung der I-ebensumstände unserer Bevölke-
N, Das Geheimnis besteht darin' daß sich
der gesunde Menschenverstand dwchsetzt. densfaktor. Wir sind Optimisten und glau- rung und unserer Gesellschaft große Auf-
ben, daß der Tag nicht mehr fern ist. da alle merksamkeit. Es ist erforderlich, den durch
Wir sind auf den Abzug der sowjetischen
begreifen, daß mit Krieg nichts zu erreichen den Krieg entstandenen Schaden möglichst
Truppen eingegangen, nachdem wir erkannt
schnell zu beheben und die Entwicklung der
hatten, daß die afghanische Armee selbst mit ist.
NZ. Wie stellen Sie sich eine Afghanistan- Volkswirtschaft zu gewährleisten. Es liegt
Extremisten und Aggressoren fertig wird.
Regelung vor? auf der Hand, daß für die Verwirklichung
Die Regierung der Republik Afghanistan
N. Trotz fortgesetzter Einmischungspolitik dieser Aufgaben die Hilfe befreundeter Län-
hat sich in den mehr als zehn Jahren ihres
seitens der USA, Pakistans und einiger ande- der, in erster Linie der Sowjetunion, für uns
Bestehens konsolidiert und genießt die
Unterstützung großer Teile der Bevölke- rer Länder und ungeachtet des Widerstands von größter Bedeutung ist. Ich möchte
einiger Einheiten und Gruppierungcn der jedoch betonen, daß unsere Beziehungen
rung. Die Volksmacht hat ihre Lebensfähig-
und unsere Zusamlnenarbeit auf längere
Sicht nicht einseirig verlaufen dürfen. Wir
wollen diese Beziehungen auf beiderseitiger
Crun<llage gcslaiten. Die Voraussetzungen
dafür sind gegeben.
NZ. Wai *ü..;,hen Sie den Menschen in
der Sov'ietuitic,l zrrm Neuen Jahr?
r*. i .r wün;r1 I {hnen, deß unsere frucht-
bare Zusammenarbeit zum'"./c!'l Cer Völker
unserer beiden Lzinder und im il!L--$se der
Sicherheit und der Stabilität in un:. ':r
Region und in der Welt im neuen iaiir
erstarkt und sich entwickelt. Den Mütteru'
deren Söhne immer noch in Gefangenschaft
sind, gilt unsere aufrichtige Anteilnahme.
Wir tun alles, was in unseren Kräften steht,
um die Freilassung dieser sowjetischen Sol-
daten zu erwirken. Außerdern hoffe ich, daß
das sowjetische Volk bei der Realisierung des
Umbauprozesses große Erfolge erringt'
NZ. Wir clanken Ihnen für dieses Gespräch
und wünschen Ihnen alles Gute'

I nterview : Gennadi Ariiewitsch


NZ-SonderkorresPondent
KABUL

,,i{Fü* zEtI"1.90
AS
bringt qnq das
neüe Jahfl
Auf diese Frage antworten
Preisträger
unserer Zeitschrift
I
Zeichnung: I gor Schejin

lleues militilrisches Denken für Ost utd West


Alexej Arbatow Intervention in Panama der militärischen über die Begrenzung militärischer Liefe-
und politischen Entspannung i-n der Welt rungen, besonders von Raketen und Rake-
Dr. phil. habil. (Historiker) Abbruch tun. Zugleich damit muß die Ver- tentechnologien. Die Rede ist außerdem
tiefung dieser Prozesse schon an sich eine von einer maximalen Senkung der militäri-
in ihrem Wesen nach politischer Rückkehr zur Politik der Stärke in den 90er schen Konfrontation'UdssR - China.
Ablauf, hängt die Abrüstung Jahren zunehmend verhindern. Schließlich kann man auf Vereinbarungen
von sehr vielen Begleitumdtän- Das Maximalprogramm könate folgen- hoffen, die die maritimen Aktivitäten regle-
den ab, die mit dem Fragenkreis des einschließen: einen Vertrag über die mentieren, die größten Kriegsflotten
der Verhandlungen nicht unmittelbar zu weitere Halbierung der strategischen Waf- begrenzen, bestimmte maritime Waffen,
tun haben. Noch wichtiger ist, daß die fen (d. h. bis auf 25 - 30% ihres heutigen insbesondere (neben strategischen ballisti-
Abrüstung zumindest zur Hälfte und Stands); ein Abkommen über die Ober- schen Raketen) Kernwaffen, beseitigen.
manchmal sogar noch mehr von der Politik grenrzen erlaubter Experimente im Welt- Man könnte die Aufzählung des Erreich-
unseres Staates abhängt, so daß diese Poli- raum und die Festigung des ABM-Ver- bareri ohne weiteres fortsetzen. Aber Von-
tik selbst Forschungsgegenstand ist. trags; einen neuen Vertrag über eine noch Bis-Prognosen täuschen. Sie erwecken die
Am leichtesten ist es, die Abrüstung in bedeutendere Reduzierung der konventio- Illusion, als wäre dieser Prozeß linear. Der
den 90er Jahren nach dern Von-bis-Prinzip nellen Waffen der NATO und des War- Erfolg des Maximalprogramms aber erfor-
(Minimäl- und Maximalprogramm) zu pro- schauer Vertrags (darunter über die dert einschneidende qualitative Verände-
gnöstizieren. DaS Minimum wären Abkom- Umstellung der militärischen Potentiale auf rungen in der Politik von Ost und West.
men, die schon sehr weit gereift sind und Defensive und eine maximale Reduzierung Nehmen wir die Reduzierung der strate-
sicherlich zustande kommen, wenn keine der fremden Truppen im Mitteleuropa); ein gischen Waffen auf ein Niveau, das unter
unvorhergesehenen Komplikationen Abkommen über die Reduzierung takti- 50% liegt. Durch weitere quantitative Ver-
dazwischenkommen. Hierher gehören der scher Kernwaffen auf dem europäischen minderung der strategischen Träger und
erste Vertrag über die Reduzierung von Kontinent bis zur Grenze der ,,minimalen nuklearen Sprengköpfe ist sie nicht zu errei-
Truppen und konventionellen Waffen in Eindämmung". chen. Dazu wird es nötig sein, die effektiv-
Europa; der Vertrag über die 50%ige Hierher gehören ferner ein Vertrag über sten Waffensysteme, die die Stabilität auch
Reduzierung der strategischen Offensiv- die Senkung der Schwelle der Kerntests auf bei niedrigen quantitativen Niveaus der
waffen der UdSSR und der USA; die Kon- ein Minimum mit festgelegter niedriger nuklearen Balance untergraben können, dra-
vention über C-Waffen, der Schwellenver- Jahresquote; ein Abkommen über die Ein- stisch einzuschränken und dann zu verbieten.
trag (über die Begrenzung der Nuklear- stellung der Produktion des nuklearen Das aber setzt eine Vereinbarung über die
tests); ferner mit hohem Wahrscheinlich- Spaltstoffs; die Festigung des Vertrags über Prinzipien der Stabilität voraus. d. h. den
keitsgrad ein erster Vertrag über die Redu- die Nichtweiterverbreitung von Kernwaf- Ubergang von Reduzierungen nach dem
zierung der Streitkräfte an.der sowjetisch- fen bei gleichzeitiger Verhärtung seiner Prinzip ,,Dieses im Austausch gegen jenes"
chinesischen Grenze. Einhaltungsregeln und dem Beitritt jener zu einer Politik, die im Grunde eine
Selbstverständlich können Rückfälle in Staaten, die sich ihm noch nicht angeschlos- gemeinsame Steuerung des strategischen
die Politik der Stärke wie etwa die US- sen haben. Ferner ist es ein Abkommen Gleichgewichts, die Lenkung der intensi-

g ,,IIEUE zEtr" 1.00


des Komitees des Obersten Sowjets fur Fra-
Die Armee ist keine Domäne von Gene -
ven ErilitärtechnisÖhen Entrticklung in nicht raien und Generalkonstrukteuren' s'i'
s.en der Verteidigung und Staatssicherheit'
destäbiüsierende Bahnen bedeutet lm schwer das einigen von ihnen, die sich '"Ou:'
Maße triftt das fur verein- öas Komitee wirkt jetzt eher als geheimge-
noch größeren
- haltene Filiale des Verteidigungsministe- sider-Ratschläge" uom Leibe zu halten vii -
barte Begrenzungen
*sowie von Weltraumpro- suchen. auch im lv{agen liegen mag' f)ii:
..defensive" Kräfte und riums oder der Rüstungsindustrie denn als Volkec' d:
srammen
oarlamentarisches Forum für eine demokra- Armee *ird aus dem Geld des "

f{itt.l lnuk.ren-. L-Boot- und Fliegerab- iische Ausarbeitung der nationalen Sicher- äen dringlichen sozjalen Zwecken entzog{r"
wehrraketen) zu.
heitspolitik. Niemand zieht natürlich die wird, unierhalten, und nur das Volk kau"L
Ein weiteres Beispiel. Eine noch ein-
über seine bevollmächtigten Deputierterr
Reduzierung und Umgestal-
das letzte Wort haben, rvenn die Ausmaßl
schneidendere
tune der Streitkräfte in Europa wird eine Die 90er Jahre: der ausreichenden Veneidigungsfähigkeif
tieflehende Umstrukturierung der be.ste^- eine Zeit bestimmt werden. Abrüstungsverträge
henäen Blockkomponenten und die Schaf-
fung eines grundsätzlich. neuen,einheitli-
neuer Abrüstungs' sind ebenfäfls.ein Gut des Vo]kes. die
Festlegung ihrer Ausrichtung und ihre
.tr"i Sytt"*i der kollektiven Sicherheit in verträge enOgtltigä Beurteilung ist eine verfas'
Europa erfordern. In ein solches Systemsol- sungsmäßige Furiktion des kompetenten
len aile hier vor sich gehenden politischen
und wirtschaftlichen Veränderungen inte-
I urid-unabhängigen Parlaments' Die inn ere
oersönliche Fairneß und Kompetenz der Umgestaltung des Mechanismus dei
griert werden, das System hat die Aufgabe, Besählußfassung als Bestandteil unsere;r
äie politischen Interessen aller Staaten, ein- ir,titglieder des Komitees in Zweifel' Kann
abei die Kontrolle effektiv sein, die ein allgemeinen Jozialökonomischen uori
schüeßüch der UdSSR und der USA, auf noiitischen Reformen ist die einziq:
sesenseitiger Grundlage zu garantleren' Organ über eine Behörde ausübt, wenn
" "o"-nu.h handelt es sich dabei nicht nur beägtes Organ sich in der Hauptsache aus
tlewahr für die Unumkehrbarkeit dc'
Vertietern derselben Behörden zusammen- Abrüstung, für die Maximierung ihrei
um die Realisierung des neuen polilischen Ergebnissi in den bevorstehenden -Jahr'
Denkens, sondern um die Entwicklung setzt? Das Prinzip der Gewaltenteilung exi
stiert ja nicht von ungefähr'
zehnten uld noch sPäter.
eines neuen militärischen Denkens, dem
zufolge die Streitkräfte der Seiten, die frü-
her einander gegenüberstanden, sich in ein-
atder ergätzlnäe und gegenseitig kontrol-
lierbare Elemente der allgemeinen Struktur
Ein Paar in der lftise
der militärischen Stabilität und der Verhin-
derung militärischer Konflikte umwandeln' oder natürliche Partner?
Es wäie ein qualitativ anderes S1'stem der stige Veränderungen zu erwarten: Aufhr
internationalen Beziehungen' Andrei Kortunow bu"ng (bzw. Suspendierung) der- Jacksor
Damit solche qualitativen Wfandlungen Dr. phil. (Historiker) vanlik-\ovelle und Gewährung der N{eist'
eintreten, wären viele Wünsche an den begünstigung für die UdSSR; es ist miiglich '
Westen zu äußern' Aber in erster Linie an s ist nicht allzu schwer, die dab das Washingtoner Treffen die Unter
uns selbst. Die Erfolge unserer Außenpoli- Entwicklung der sowjetisch- zeichnung eines Regierungsabkomm-e11u
tik der letzten Jahre, darunter im Abrü- über den-Handel ermöglichen wird' Offen-
amerikanischen Beziehungen
stungsbereich, sind unbestreitbar' Aber für 1990 zu Prognostizieren' bar werden Verhandlungen über gegenseiti-
diesJ Durchbrüche waren nur durch die sen lnvestitionsschutz anfangen' rtahr-
Sie war beim Treffen vor Malta und bei den
Enersie unserer höchsten Politiker' die Jcheinlich' wird ein aktiver Dialog übcr
Verhandlungen der Außenminister in vieler
sewiienhafte Arbeit ihrer Berater und Hel- Finanzen, Landwirtschaft' Kleinbusineß,
Hinsicht voiausbestimmt. Ferner ist klar,
Fer sowie die Entschlossenheit bedingt' die
daß Gorbatschows Washington-Besuch Wirtschaftsstatistik, Umweltschutz u' a'
iessortmäßigen Vorurteiie bei uns und die seführt werden. Die Vereinigten Slarten
Anfane des nächsten Sommers ein zentrales
Stereotypen im Westen abzubauen' Zur Ereignls sein wird und daß die S-eite.n versu-
ierden die atlmätrliche Einreihung der
Festigung und Weiterentn'icklung dieser UdSSR in das GATT und andere internati'r-
chen"werden, bei diesem Besuc-h ein Paket
Erfoige ist jetzt zunehmend erforderlich' Vereinbarungen zu nale Wirtschafts- und Finanzorganisationen
von Abkommen und
das näue poiitische Denken zu institutiona-
unterzeichnen, die sie in den vergangenen
fördern. Man kann mit allmählicher Verrin-
lisieren, d' h' t.tttt"t"tt gesamten Mechanis- Jahren vdrbereiteten.
gerung der,,strategischen Cocom-Listel"
mus der Beschlußfassung gründlich umzu- rechnen.
Daß die praktische Möglichkeit besteht'
bauen. Mitte des ttä"hsten Jahres einen Vertrag Kontakte auf humanitärem Gebiet -'
In der Praxis bedeutet das, die Prinzipien Austausch von Studenten, Durchführung
über die 50%ige Reduzierung der strategi-
von Glasnost und Demokratisierung in die schen Offensivwaffen der UdSSR und der
von Ausstellungen und Zusammenarbeit
Ausarbeitung der Außen- und der Miütar- USA zu schließen, wird jetzt kaum von von Massenorgänisatioqen - werden sich
ooli,it .i-,ittihren, denn an ihrer Naht- iemandem bezweifelt, wenn auch einige entwickeln. Die sowjetische Emigration iri
Itelle entstehen Positionen zu Abrüstungs- 'Frun.n noch offen sind. Eine größere Prü- die USA wird weitergehen (konkrete Zah-
frasen. Entscheidungen über Strategie'
fun! ftir Bush und Gorbatschow wird wahr- len hängen hauptsächlich von der Bereit-
Mifita.ptogtutme, Siandpunkte über die
schäinlich die Erörteiung eines solchen Ver-
schaft där USA äb, sowjetische Emigranten
Begrenzung und Kürzung der Rüstung müs-
trass im US-Kongreß bzw' im Obersten aufzunehmen)"Die Erweiterung der Kon-
sen" Gege-nstand einer demokratischen Soiiet sein' Schon jetzt ist das Abkommen' sulardienste in beiden Ländern, die Vetbes-
Erottetu"ttg seiri, wobei auch alternative im Vorbereitungsstadium, serung des Luftverkehrs, die Erleichterung
oUwän erst
Lösuneen:tnter maximal breiter Heranzie- der Rlisegenehmigungen, die gegenseitige
Gegenstand einer scharfen Kritik, und es in
hung von Outsider-Standpunkten ztt
wiä nicht leichtfallen, seine Billigung Vermi"Oei"ng dör Sperrzonen der
berücksichtigen sind.
durchzusetzen. Der Ratifikationsprozeß UdSSR und äen USA für Bürger anderet
Eine gewältige Rolle gebührt hier dem Länder sind wahrscheinlich'
könnte erleichtert werden, wenn beide Sei-
Oberstei Sowjet, unseren Wissenschaft- ten oarallel dazu an einem nächsten Selbstverständlich werden auch ernst-
lern. unserer Piesse und den gut informier- hafte Probleme bleiben. Wie das Malta-
Abkommen arbeiten. das weiter als der
ten Kreisen der Öffentlichkeit' All diese Vertrag ginge und viele von dessen Mängeln ireffen zeigte, betreffen diq Untuschiexle
R"r"*"o der Demokratisierung sind noch beseitigte. im Weltbild der UdSSR und der USA heu1e
bei weitem nicht genügend aktiviert' Beson- hauptsächlich die Dritte Welt' Für die tlS-A
In der Wirtschaft sind 1990 ebenfalls gün-
äers enttauschenä ist vorlaufig die Tätigkeit
,,IIEUE ZEII" 1.90 M
wird die Frage der sowjetischen Rolle in Mit- derungen zurückzubleiben. In Europa Der zweite Standpunkt setzt voraus, daß die
telamerika nach wie vor recht schmerzlich zumindest hat sich ein solches Zurückblei- UdSSR und die USA auch in den g0OrJahren,
sein. Man kann nur hoffen, daß die bevorste- ben schon angedeutet. nach wichtigen Durchbrüchen bei der Abrü-
henden Wahlen in Nikaragua alles zurecht- Es gibt zwei wesentlichste Standpunkte srung und Sicherheitsfestigung. sozusagen
rücken. Offen bleibt jedoch das Problem der dazu, wie sich die sowjetisch-amerikani- natürliche Partner bleiben werden. Was sie
politischen Regelung in Afghanistan, hier schen Beziehungen nach dem kalten Krieg einander näherbringt, ist die Größe der beiden
gehen die sowjetische und die amerikanische entwickeln müssen. Der erste: Uns verbin- Staaten, viele psychischen Charakteristika des
Position vorläufig stark auseinander. Mir nationalen Charakters, der wachsende Druck
will scheinen, daß die wichtigsten die USA seitens der neuen ,,Kraftzentren,. und viele
und die UdSSR voneinander trennenden Moskau und Washington gemeinsame wirtschaftliche, soziale und kul-
Probleme 1990 nur unbedeutend mit den
bilateralen sowjetisch-amerikanischen treffen eine Entscheidung, turelle Probleme. Die gegenseitige Verständi-
gung und nach Möglichkeit die Zusammenar-
Beziehungen zusammenhängen werden. die im kommenden beit beider Mächte sind außerderir sehr wich-
Eventuelle Interventionen der USA nach Jahrzehnt tig. wenn wir nicht wollen, daß der ZerfalJ der
dem Muster der noch ganz frischen Opera-
tion in Panama werden das Vertrauen zur
das Wesen Nachkriegswelt zu Chaos und Desintegration,
der Weltpolitik zu gefährlichen, unberechenbaren Folgen
Regierung Bush in der UdSSR untergraben. führt. In dieser Hinsicht haben die UdSSR
Aber auch beliebige, selbst taktische Abwei- bestimmen wird und die USA offensichtlich übereinstim-
chungen vom Programm der innerenRefor- mende Interessen, die übrigens den Interessen
men in der UdSSR (besonders auf politi- der gesamten Völkergemeinschaft nicht
schem Gebiet) könnten die Amerikaner ent- *idersprechen.
täuschen und bei ihnen Unmut hervornrfen.
Das kann sich auf die Rhetorik ftihrender
I Ich finde den zweiten Standpunkt sym-
pathischer, nicht weil er der UdSSR einen
Politiker und auf die Tonlage in den Massen- den mit Amerika hauptsächlich probleme bestimmten Status in der Weltpolitik zusi-
medien auswirken, beide Seiten werden der Sicherheit, der Abwendung eines Kern- chert, sondern weil die 90er Jahre ohne
jedoch in ihrer praktischen Politik alles dar- waffenkriegs, Probleme der Abrüstung.
ansetzen, kein Absinken zur Konfrontation Nach Maßgabe dessen, wie sie gelöst wer-
eine aktive sowjetisch-amerikanische
Kooperation ein sehr gefährlicher und
zuzulassen. Ich schließe nicht einmal die den, wird die Bedeutung der zweiseitigen instabiler Zeitraum werden sein könnten.
Möglichkeit aus, daß die UdSSR und die Beziehungen abnehmen, und zwar sowohl Möglich ist, daß sich Ende der 90er Jahre
USA 1990 einander über jene geplanten für die USA und die UdSSR als auch für die neue, multilaterale Sicherheitsstrukturen
Schritte in der Außen- und Innenpolitik ganze Welt. Wirtschaftlich, geographisch herausbilden werden, sich die Rolle der
informieren werden, die die andere Seite rei- und geschichtlich stehen der Sowjetunion LNO und anderer internationaler Organi-
zen könnten. Europa und sogar noch Ostasien naiher als sationen erhöhen und die regionale Inte-
Es ist nicht ausgeschlossen, daß die stür- die USA. Auch die Amerikaner haben nicht gration ein qualitativ neues Niveau errei-
mischen Ereignisse in Europa, in erster Linie sehr viele positive Stimuli, die Beziehungen chen wird. Vorläufig aber können sich die
in der DDR, zusätzliche Komplikationen im zur UdSSR zu entwickeln. Es wird zu erwar- UdSSR und die USA nicht der Verantwor-
sowjetisch-amerikanischen Verhältnis ten, daß beide Seiten in den 90er Jahren ein- tung für die internationale Stabilität ent-
hevorbringen werden, zumal man Entschei- ander wie ein altes Paar behandeln werden, ziehen. Wem sollten sie sie auch übertra-
dungen in äußerster Zeitnot wird treffen die einander längst satt haben, endlich gen ?
müssen. geschieden sind und sich beeilen, die neuer- Wie dem auch sei, beide Seiten werden
Folglich gibt es viele Themen für einen langte Freiheit richtig zu nutzen, um den eige- 1990 die Crundfragen aus dem System der
konkreten, gehaltvollen Dialog zwischen nen Bekanntenkreis zu erweitem. Davon wer- außenpolitischen Prioritäten für sich lösen.
der UdSSR und den USA 1S90. Dennoch den auch andere Länder profitieren, weil sie Ihre Entscheidung wird den Charakter der
wäre ich enttäuscht, würde sich dieser sich nicht mehr in den Hintergrund der Welt- Weltpalitik im ganzen letzten Jahrzehnt des
Dialog auf rein konkrete Probleme politik verdrängt fühlen werden. 20. Jahrhunderts entscheidend bestimmen.
beschränken. Vor unseren Augen geht
eine ganze Epoche der Weltgeschichte zu
Ende: eine Epoche, beruhend auf der
Konfrontation zwischen Ost und West,
eine Epoche des Rüstungswettlaufs. der
ideologischen Konfrontation und der Mili-
langercehnte I nstaüi I iffi
new-Doktrin" ad acta gelegt worden ist.:In
tärblöcke. Der kalte Krieg mit seinem Igor Malaschenko den Beziehungen zwischen den sozialisti-
System von Werten und Prioritäten, mit schen Ländern setzte sich das Prinzip der
Dr. phil.
seinen politischen Institutionen und Freiheit der Wahl durch. Es fragt sich nur,
Sicherheitsgarantien geht zu Ende. welche WahI die osteuropäischen Länder
Wovon wird der kalte Krieg abgelöst? Wie n den Jahren des kalten Krieges und auch die Sowjetunion selbst treffen.
wird sich die Rolle der UdSSR und der gewöhnten sich alle an Stabilität. Die Mehrheit dieser Länder hat schön
USA im neuen weltpolitischen System Zwar wurde die Welt von Span- eine wichtige Wahl getroffen: Das admini-
präsentieren? Was werden die ,,normalen.. nungen beherrscht, man konnte strative Kommandomodell des Sozialismus
sowjetisch-amerikanischen Beziehungen jedoch mehr oder weniger sicher sein, daß ist zum Untergang verurteilt. Das Problem
bedeuten? das nächste Jahr alles in allem wie das ver- der Wahl beschränkt sich jedoch nicht dar-
Vorläufig sind das offene Fragen. Beide gangene sein würde. Die tektonischen Ver- auf. Erst müssen die Völker dieser Läirder
Seiten waren viel zu sehr damit beschäftigt, schiebungen in der Weltpolitik, bei denen auf die Frage antworten, welche Gesell-
die vom kalten Krieg verursachten Ruinen- Europa, vor allem Osteuropa, das Epizen- schaft sie aufzubauen gedenken. Wird die
felder zu enttrümmern und Fehler der Ver- trum war, haben uns um diese Sicherheit Sowjetunion unter den neuen Verhältnissen
gangenheit zu korrigieren, als daß sie sich gebracht. In politischen Disputen und in der ihre Rolle als Katalysator der Veränderün-
ernsthaft mit der Zukunft abgeben könnten. Presse erschallt eine längst vergessene Note: gen in den sozialistischen Ländern behalfen?
Heute werden dieseFragen zum Gegenstand die Nostalgie nach dem Status quo. Man Heute sind offensichtlich mehrere osteuro-
der praktischen Politik. Wenn sich die Füh- braucht nicht zu zweifeln: 1990 wird dem päische Länder auf dem Weg wirtschaftli-
rung der UdSSR und der USA bei der Beant- vorangegangenen Jahr nicht ähneln. cher und politischer Reformen weiter voran-
wortung darauf versteift, nur allgemeine Nicht nur, weil es noch mehr Veränderun- gekommen als die sowjetische Gesellschaft.
Deklarationen abzugeben, riskieren unsere gen geben wird. Nein, sie werden anders Vielleicht werden wir im anbrechenden Jahr
Länder, hinter den stürmischen und in vieler sein. Kaum jemand wird allen Ernstes einen erleben, wie Veränderungen bei unseren
Hinsicht von ihnen selbst initüerten Verän- Gedanken darüber verlieren, ob die ,,Bresh- Verbündeten in gewissem Maße auch
@ "IIEUE zEtI" r.qt
unserer Perestroika, die sich an einigen politischen Organisation, nur durch natio- Kontinent bedeuten? Das sind noch bei rvei-
Abschnitten merklich festgefahren hat, nale Interessen der Teilnehmer selbst tem nicht alle Fragen, deren Antwort wir im
neuen Impuls geben. Offenbar wird das Jahr bedingt sein. Wenn jemand von ihnen das neuen Jahr näherkommen möchten.
1990 eine Antwort auf die Frage ermögli- Bündnis nicht als einen Garanten der eige- Es ist klar, daß die sozialökonomischen
chen, inwieweit Moskau bereit ist, sich bei nen Sicherheit betrachtet, dann hat es wohl und politischen Unterschiede zwischen bei-
der Lösung seiner internen Probleme von keinen Sinn, dieses Mitglied länger festhal- den deutschen Staaten nicht morgen oder
denselben Prinzipien leiten zu lassen, die in ten zu wollen. übennorgen verschwinden, daß man mehr als
unserer Außenpolitik so konsequent und mit nur einem Jahr rechnen muß, damit alle
völkerrechtlichen Aspekte der deutschen
erfolgreich realisiert werden: von dem Stre-
ben, ein Interessengleichgewicht zu suchen
In Eurona Frage geregelt werden. Uberdies ist kein ein-
und zu finden, die Freiheit der Wahl aller wird es mlehr ziger ernst zu nehmender Politiker in Ost und
Nationen und Völkerschaften zu respektie- und qu_alitativ West daran interessiert, die Prozesse in den
Beziehungen zwischen den deutschen Staa-
ren. Davon wird in vieler Hinsicht die Ein-
wirkung unserer Perestroika auf die Außen-
andere ten anzutreiben, sozusagen die Geschichte
welt abhängen. Veränderungen geben voranzupeitschen. Was wir jedoch nicht
Sicherlich gewinnt in der schwierigen Situa- wissen, sind die Stärke und Art der nationa-
tion, in der sich die osteuropäischen Länder
heute sehen, die Wirtschaftshilfe von außen
I len Bestrebungen der Deutschen selbst, und
sie werden in dieser Frage nicht die
besondere Bedeutung. Leider kann die Zwar hat vor allem der Warschauer Pakt letzte Rolle spielen. Möglicherweise wird
UdSSR angesichts der Krise in ihrer eigenen heute mit der Möglichkeit zu rechnen, daß das Jahr 1990 nicht ein ebenso dramatisches
Wirtschaft ihren Bündnispartnern nur die Zahl seiner Mitglieder abnimmt, aber Symbol der neuen deutsch-deutschen
begrenzte HiHe erweisen. In den osteuropäi- auch die NATO hat kaum Grund, sich sehr Beziehungen erleben. wie das dic Öffnung
schen Ländern knüpft man große Hoffnungen sicher zu fühlen. Letztendlich ist die ,,Bedro- der Berliner Mauer war, deshalb aber
an eine mögtche Hilfe des Westens, vor al1em hung aus dem Osten" ihr stärkster ,,Ztsam- nicht weniger bedeutend sein als das Jaht
der EG-Staaten, denn der Gemeinsame menhalt", zumindest der Glauben an eine 1989.
Markt hat nicht nur beträchtliche Wirtschafts- solche Bedrohung. Die im Warschauer Ver- Die Notwendigkeit, ,,Stabilität unter Ver-
ressourcen, sondem ist auch, nach allem zu trag vor sich gehenden Prozesse werden sich änderungen" zu wahren, rückt erneut den
urteilen, bereit, sie zu vernünftigen Bedingun- zweifellos im Ergebnis auch auf die NATO gesamteuropäischen Prozeß, der eine außer-
gen einzusetzen und so zur ökonomischen auswirken. Heute fungieren sowohl der ordentlich wichtige Stütze der politischen
Entwicklung in Osteuropa beizutragen. Warschauer Vertrag als auch die NATO Ordnung auf unserem Kontinent bildet, in
Kein real denkender Politiker in Osteu- zunehmend als Instrumente der Sicherung den Vordergrund. Ich weiß nicht, ob der von
ropa wird sich natürlich auf die Losung ,,Der der Stabilität aufunserem Kontinet, deswe- der UdSSR vorgeschlagene gesamteuropäi
Westen wird uns helfen" beschränken. Den- gen werden ihre Teilnehmer, auf jeden Fall sche Gipfel 1990 stattfindet. Ich denke aber,
noch wird die EG objektiv zu einem immer solche mit dem Gefühl der Verantwortung daß diese Idee vielleicht doch günstiger ist als
stärkeren Magnet für die sozialistischen Län- gegenüber der Geschichte, wohl kaum den ein Treffen der Staats- und Regierungschefs
der. Wird die Sowjetunion in der L,age sein, Wunsch haben, das eigene ,.spezifische der 23 Teilnehmerländer der Wiener Ver-
ein neues genügend starkes ,,Anziehungs- Gewicht" zu vermindern oder das ,,europäi- handlungen, für das sich die amerikansiche
feld" für ihre Partner zu schaft'en, ein Feld, sche Boot" zum Kentern zu bringen. Seite einsetzt, schon deshalb, weil Helsinki II
auf dem sich nicht alles nur um ihre her- Sicherlichwerden beide Blöcke, sich über- eine große Gruppe neutraler und nichtpakt-
kömmliche Abhängigkeit von den Roh- und lappend, sehr aktiv die deutsche Frage erör- gebundener Staaten, die eine immer größere
Brennstoffen der UdSSR drehen wird, nicht tern. Würden die beiden deutschen Staaten Rolle spielen, nicht ausklammert. Auf jeden
um die gegenseitige Interessiertheit der sich vereinigen? Wann? In welcher Form Fall sind wir berechtigt zu erwarten, daß 1990
sozialistischen Länder am Absatz von und zu welchen Bedingungen? Was wird das ein Jahr der europäischen hohen Politik sein
Waren, die auf den Weltmärkten nicht kon- fur die Kräftebalance auf dem europäischen wird.
kurrenzfähig sind? Die Zukunft der sowjeti-
schen Wirtschaftsreform und das Tempo der
Überwindung der Krise in der sowjetischen
Wirtschaft werden das..zeigen. Anderes ist uns nicht gcgeben
Die zunehmende,,Okonomisierung" der
Beziehungen zwischen den europäischen Anatoli Adamischin
Ländern, der Abbau des Feindbildes, die stellvertretender Außenminister der UdSSR schalten und der gesunde Menschenver-
abnehmende Angst vor der militärischen stand siegen.
Bedrohung auf der einen und der anderen m einfachsten wär'e natürlich In diesem Zusammenhangbin ich stolz dar-
Seite, insgesarnt die radikale Veränderung zu sagen. Prognoscn seien auf, daß unser Land ebenso wie vor 70 Jahren
des politischen Klimas in Europa werden eine unclankbare Sache. Das die Ideen von Gerechtigkeit, Demokiatie
eine völlig neue Sicht auf die Rolle der beiden stimmt übrigens, 1989 hat und Fortschritt in Europa und der ganzen
militärpolitischen Bündnisse erfordern' überdeutlich gezeigt, wie überraschend, ja Welt umgehen läßt. Das neue Denken spielf
Eigentlich hat dieser Prozeß schon begonnen, bizarr sich die internationale Entwicklung in der Außenpolitik der UdSSR die Rolle
wenn er auch im Warschauer Vertrag, durch manchmal erweisen kann. jenes Katalysators, der viele Prozesse in bei-
die jüngsten Ereignisse in Osteuropa ange- Dennoch möchte man einen eigenen spielloser Weise beschleunigt. Sie wären so
spornt, aktiver verläuft als in der NATO. Standpunkt haben und aus verschiedenen oder so in Bewegung gekommen, aber die
Diese Sachlage widerspiegelt auch die Maß- Varianten eine auswählen, die einem am qualitative Verbesserung des politischen und
stäbe der Probleme, auf die beide Blöcke sto- wahrscheinlichsten erscheint. Ich denke moralischen Weltklimas, die von unserer
ßen. also, daß die einzigartige Chance, die jetzt Perestroika herrührt, bedingt in einigen Fäl-
Angesichts der tiefgreifenden sozialen die Völker und Politiker haben, die Chance, len explosive Veränderungen.
und politischen Veränderungen in den ost- der Welt eine lange Periode einer sichere- Man kann darüber streiten, ob bei uns aus
europäischen Ländern ist die Aufgabe abso- ren, friedlicheren und humaneren Entwick- der Perestroika etwas wird, ob eine zuverläs-
lut klar, den Warschauer Vertrag konse- lung zu geben, trotz aller Kompiikationen, sigere Welt ersteht. Man kann verschiedene
quent zu,,entideologisieren". Außerdem bei allen eventuellen Wendungen und Argumente ins Feld führen und historische
sollten wir auf die Forderung der ideellen selbst beim Zurückweichen doch nicht ver- Parallelen ziehen. Bei allen Varianten bleibt,
und politischen Orthodoxie als Attribut der tan wird. Zu groß sind die Probleme, die wie ich glaube, die Tatsache unumstößlich,
Zugehörigkeit zum Bündnis verzichten. Die unsere gerneinsame Zivilisation wirklich zu daß wir keine andere Wahl haben, als unser
Zugehörigkeit zum Warschauer Vertrag Grabe zu tragen drohen" Letzten Endes Möglichstes zu tun, damit all das zustande
kann, wie auch die z-tr jeder anderen militär- muß sich der Selbsterhaltungstrieb ein- kornrnt.

,,trtsf T['T" !.e* ffi


Vom Krieg derRassen A)rHarmonie?
Mit dem Präsidenten der Republik Südafrika, Frede-
{k de Klerk, sprach der Koirespondent der,,Neuen tung einer Staatengemeinschaft des südlichen
Afrika spielen. Von der Gründung einer
Zeit" Nikolai Reschetnjak Staatengemeinschaft profitieren auch andere
Staaten, weil die Republik Südafrika mit
NZ. Mit Ihrem Machtantritt werden in vielen ihrem wirtschaftlichen Potential einen
I-ändern Wandlungen in der Innen- und äußent gewinnträchtigen Markt fi.ir Expor-
Außenpolitik der Republik Südafrika in Ver- teure aus aller Welt spielen kann.
bindung gebracht. Wie stellen Sie sich die Wir hoffen, daß es in absehbarer Zukunft
Zukunft Ihres l-andes vor? gelingen wird, ein Treffen mit allen Regie-
Frederik de Klerk Ich bin fest davon über- rungscheß der Region zu organisieren. Kürz-
zeug!, daß wir schon bald viele unserer drtik- lich äußerte Präsident Kaunda die Ansicht,
kenden Probleme werden lösen können. Wir da8 er I\4dglishkeiten hierftir sieht. Südafrika
haben begonnen, alle Schichten der Gesell- braucht Stabilität. In Namibia geht der pro-
schaft an der Verwaltung des Landes zu betei- zeß der Dekolonisierung erfolgreich voran.
Iigen, wir wollen eine gerechte Verteilung des Wenn es gelingt, in Angola Frieden zu stiften
öffentlichen Wohlstandes fördem. Das kann und die Stabilität in Mocambique wiederher-
man nur durch einen Dialog mit allen interes- zustellen, dann können wir, glaube ich, schon
sierten Seiten erreichen. Das neue System, das am Ende dieses Jahrhunderts
wir gemeinsam ausarbeiten wollen, soll allen Z,ergen einer neuen Epoche in Südafrika
Bürgern der Republik Südafrika gleiche sern.
Chancen bei der Verwirklichung ihrer Mög- t{2. Wie stellen Sie sich die Perspektiven
lichkeiten einräumen. der Entwicklung von Beziehungen mit unse-
Die besonderen Schwierigkeiten ftir die rem Land vor?
Republik Südafrika ergeben sich dabei ausder F.K. Wir sind Anhänger der EnrwickJung
Vielf2iltigkeit unserer Bevölkerung, die nicht von guten Beziehungen mit allen Staaten
nur in der Vielzahl der Rassen besteht, son- der Welt. Das neue politische Denken, das
dem auch in der Anzahl der Kulturen, der von Moskau ausgeht, eröffnet breite Mög-
Sprachen, der Philosophien. [Jns können als Benachteiligung der anderen Rasse. Und wir lichkeiten für die Iäsung aller Fragen auf
Beispiel multinationale Staaten dienen, in tun alles in unserer Kraft Stehende, um diese friedlichem Weg. Die Situation verbessert
denen es gelungen ist, eine Harmonie in den hohe Ziel zu verwirklichen. sich grundlegend, und deshalb sehe ich
Interessen aller Nationen heranstellen, wie in NZ. Auf welcher Grundlage planen Sie, die gute Perspektiven für die Verbesserung
Belgien oder in der Schweiz. Wir glauben fest Beziehungen zu den nationalen Befreiungsbe- von Beziehungen, die für alle Vorteile
daran, daß wir allmählich alle unsere Pro- wegungen Südafrikas aufrunehmen? bringen.
bleme lösen werden, wenn wir auch jetzt F.K. Ich möchte betonen, daß wir nur dieje- NZ. Das größte Hindemis bei der Iäsung
außentande sind, Termine zu nennen. Es wird nigen Organisationen bekämpfen, die sich mit vieler Probleme bleibt die Apartheid. Welche
einfach ein logischer Schritt auf den anderen terroristischen Aktivitäten beschäftigen. Icü Schritte plant Ihre Regierung, um dieses Hin-
folgen. Selbstverstäindlich vergessen wir dabei habe mehrmals erHärt, daß der Afrikanische dernis aus dem Wege zu räumen und damit
nicht, daß d.er T,eilfaktor eine zentrale Rolle Nationalkongreß (ANC) sich in den Verhand- der Republik Südafrika weite Möglichkeiten
ftir uns spielt, und wir sind darauf angewiesen, lungsprozeß um die neue Verfassung der der internationalen Zusammenarbeit zu
schnell zu handeln. Republik Südafrika einschalten kann, eine schaffen?
NZ, Sie haben Ihre Präsidentschaft damit Verfassung, die allen Völkem volle und F,K. Zunächst lassen Sie mich daran erin-
begonnen, daß Sie eine Anzahl von politi- gerechte politische Rechte einräumen soll. nern, daß ich mich bereits achtzehn Jahre mit
schen Gefangenen freigelassen haben, die gtlsels sinzige Bedingung an den ANC Politik beschäftige. Ich habe nie die Apart-
lange Tnit nur deshalb eingekerkert waren, besteht darin, daß er sich öffentlich von heid verteidigt. Es herrscht eine falsche Auf-
weil sie gegen die Rassendiskriminierung Gewalt und Terrorismus lossagt. Die Türen fassung von der Halfung unserer Regierung
gekämpft hatten und ftir ihre gesetzlichen für einen Dialog sind von unserer Seite offen. zu dieser Frage. Was jede Form der noch
Rechte eingetreten waren. NZ. Ich war Zntge Ihres Treffens mit dem bestehenden Rassendiskriminierung angeht,
F. K, Sie haben unrecht, wenn Sie sagen, Präsidenten von Sambia, Kenneth Kaunda, in so wollen wir sie abschaffen. So wird in Kürze
daß sich diese Menschen nur deshalb im Livingstone an den Victoriafällen. Ich fand, das ,,Gesetz zur getrennten Benutzung der
Gefängnis befanden, weil sie gegen Rassendis- dieses herrliche Naturschauspiel war ein guter Erholungszonen" abgeschafft, das eine Dis-
kriminierung und für ihre gesetdichen Rechte Anlaß, um über den Frieden auf dieser Welt kriminierung der schwarzen Bevölkerung
gekämpft hatten. Unserer Meinung nach wur- zu reden, über die Zukunft zu sprechen. Wie darstellt. In den drei Monaten, in denen ich
den sie deshalb gefangengehalten, weil sie an beurteilen Sie die Entwicklungsperspektiven das [,and regiere, ist bereits viel geschehen,
gewalttätigen Aktionen teilgenommen hatten.' ftiLr die Beziehungen zu Ihren Nachbarl?in- um zu beweisen, daß wir ehrlich an der Frage
Sie saßen dafür ein, daß sie Bomben herge- dern? der gerechten Verteilung der Rechte und des
stellt oder geworfen hatten, daß sie sich öffent- F.K Als ich dort, an den Victoriaf?illen Gemeinwohls arbeiten.
lich in einer Weise betätigten, die das kben stand, dachte ich an das enoflne menschliche NZ, Was möchten Sie den Bürgern der
und das Eigentum von Bürgern bedrohten. und ökonomische Potential des afrikanischen Sowjetunion sonst noch mitteilen?
Jeder von ihnen hatte seine Strafe schon abge- Kontinentes. Und so ist es die wichtigste Auf- F.K. Ich würde gern einfach bekräftigen,
büßt und saß schon viel zu lange hinter Git- gabe meiner Regierung, die Beziehungen zu daß wir ein neues Südafrika errichten wer-
tem. Da wir die Bürger eines zivilisierten Lan- allen Nachbarländem zu verbessern. Es ist den, einen Staat, in dem gleiche Möglich.
des sind, haben wir beschlossen, daß sie auf unser Fernziel, daß die Staaten im Süden von keiten für alle herrschen und in dem die ver-,
diese Weise ihre Schuld vor der Gesellschaft Afrika ebenso zusammenhalten, wie die Staa- schiedenen nationalen Minderheiten sich in
gesühnt haben. ten Europas. Wir müssen starke ökonomische Sicherheit ftihlen.
Die Regierung der Republik Südafrika hat Verbindungen knüpfen, denn wir brauchen
mehrfach erklärt, daß es unser Ziel ist, die einander. Die Republik Südafrika kann mit PRETORIA
Rassendiskriminierung bedingungslos abzu- ihrer Infrastruktur und ihrem Erfahrungs-
schaffen, die Privilegien der einen Rasse und schatz eine konstruktive Rolle bei der Errich- Foto: der Autor

E .,iltuE zEtr" t.00


Der gefährl iche Wenn der Geistliche Moon Ik Hwan einen
Nord-Süd-Dialog auf nichtstaatlicher
Ebene angebahnt hatte, gingen Lim SuGen

Breiöngrad
und Moon Gyu Hen weiter: Sie schlugen
als erste eine Bresche in die Trennungs-
mauer.
Das ist ein Präzedenzfall, der beweisi:
Zehn Jahre Haft drohei-einer Studentin aus Südkorea Die Mauer ist kein Hindernis für Patrioten,
die für eine Wiedervereinigung Koreas
wegen eines KDVR-Besuchs kämpfen. Offenbar jagte gerade dieser
Umstand den südkoreanischen Behörden
rst vor kurzem verurteilte gen Menschen und blockierten die Eisen- Angst ein.
das Söuler Kreisgericht den bahn und die Chaussee zwischen Söul und Die offiziellen Verhandlungen bewegen
7ljähigen Geistlichen Panmunjon, damit Studenten sie nicht sich kaum voran. Die militärische Waffen-
Moon Ik Hwan wegen eines gleich empfangen konnten. Lim Su Gen und stillstandskömmission hattg in Panmunjon
Verstoßes gegen das natio- Moon Gyu Hen wurden sofort verhaftet, schon 450mal getagt. Es mißlingen auch
nale Sicherheitsgesetz, das den südkoreani- kaum daß sie ihren Fuß auf den südkoreani- Ver'suche, einen parlamentarischen Dialog
schön Bürgern ungenehmigte Reisen in die schen Boden setzten. Als drei Monate spä- zwischen Nord und Süd in die Wege zu lei-
KDVR verbietet, zu 10 Jahren Freiheits- ter der Prozeß begann, verlangten Hun- ten oder ein Treffen auf hoher Ebene abzu-
entzng. Vor wenigen Tagen wurde noch ein derte Studenten, die sich vor dem Gebäude halten.
Urteil publik: Der ehemalige Abgeordnete des Söuler Kreisgerichts versammelt hatten, Am 7. Juli 1988 erklärte der südkorean!
der Nationalversammlung Südkoreas Su die Freilassung von Lim Su Gen und Moon sche Präsident Roh Tae Woo offiziell, er
Gen Won (oppositionelle Partei des Frie- Gytr Hen sowie die Aüfhebung des Gesetzes wolle die Politik der Konfrontation mit dci
dens und der Demokratie) wurde zu 15 Jah- über nationale Sicherheit. Vor dem Gericht KDVR aufgeben und statt dessen die nai:o
ren verurteilt. Auch er hatte die KDVR erklärte die Vertreterin der südkoreani- nale Aussöhnung und die Anbahnung einer
ohne behördliche Genehmigung besucht, schen Jugend, sie sei in den Norden gereist, produktiven Zusammenarbeit zwischen
wurde jedoch eines noch schwereren Ver- um zür Wiedervereinigung Koreas beizutra- beiden Teilen Koreas anstreben. Er sagte
brechens, der,,Spionage", angeklagt. gen; ihre Reise sei entgegen Behauptungen u. a.: ,,Notwendig ist der gegenseitige Aus-
Gegenwärtig läuft im Kreisgericht von Söul der südkoreanischen Behörden keineswegs tausch zwischen unseren Mtbürgern in
ein weiterer Prozeß. von Pjöngjang inspiriert worden. Das Gesetz Nord und Süd, darunter von Politikern,
Eines gesetzwidrigen Besuchs in der über die nationale Sicherheit droht Lim Su Geschäftsleuten, Geistlichen, Wissen-
KDVR werden die Söuler Studentin Lim Su Gen und Moon Gyu Hen eine Haft bis zu schaftlern und Studenten." Aber das Han-
Gen und der katholische Geistliche Moon zehn Jahren an. Es ist nicht ausgeschlossen, deln der Söuler Regierung erweckt schwere
Gyu Hen beschuldigt. Lim Su Gen betei- daß sie zur Höchststrafe verurteilt werden. Zwetfel an der Aufrichtigkeit des verki.in-
ligte sich als die einzige Vertreterin Südko- Von einer Koreanischen Mauer spricht deten neuen Kurses. Jet2t, da nach derVer-
reas am 13. Weltfestival der Jugend und man nicht. Dabei besteht sie, eine wuchtige urteilung von Moon Ik Hwan und Su Gen
Studenten .in Pjöngjang, während Moon Anlage. 5 m hoch. l0 m breit. 240 km lang. Won eine Gerichtsfarce gegen Lim Su Gen
Gyu Hen in die KDVR gefah- und Moon Gyu Hen vorbereitet
ren war, um die Studentin bei wird; ist das klar. Zu einer Zeit,
der Heimkehr zu begleiten. da sich das neue politische Den-
Beim Festival vertrat Lim Su ken in allen Ländern Bahn
Gen eine Million südkoreanische bricht, wirken die Prozesse
Studenten, Mitglieder der Orga- gegen die Patrioten in Südkorea
nisation Chongdeheb. In fürem wie ein Relikt des Totalitans-
Namen unterzeichnete sie mus.
gemeinsam mit Kim Chang Seit mehr als 44 Jahren dür-
Ryong, dem Vorsitzenden des fen Verwandte und Bekannte,
Komitees der koreanischen Stu- die in Nord und Süd leben, nicht
denten, eine ,,Gemeinsame miteinander zuiammenkom-
Deklaration der Jugend und Stu- men, ja sich nicht einmal schrei-
denten in Nord und Süd über ben. Koreas .Spaltung spaltet
eine selbständige friedliche Wie- das Volk und zersplittert die
dervereinigung der Heimat". Ressourcen des Landes. Ich
Von Söul bis Pjöngjang sind hatte .mehrfach Gelegenheit,
es nur vier Fahrtstunden, aber mich darüber mit Freunden aus
Lim Su Gen brauchte 10 Tage, der KDVR und mit Vertretcrn
um die KDVR-Hauptstadt zu Südkoreas, die nach Moskau
erreichen. Sie flog von Berlin kamen, zu unterhalten. Alle
aus, um in Pjöngjang zu landen. wollen die Wiedervereinigung.
Aber sie beschloß, über Ein bedeutender Schritt anf
die militärische Demarkations- dem Weg dazu kann ein Vor
linie heimzukehren. die Korea kurzem vereinbartes Treffön
längs des 38. Breitengrads zwischen dem KDVR-Premrcr-
trennt. minister und seinem Amtskolie-
Die Söuler Behörden wußten gen aus Südkorea werden.
vom bevorstehenden Grenz- Lim Su Gen und Moon Gyu Hen vor dem Überschreiten der Demarka-
überschreiten der beiden jun- tionslinie in Panmunjon Foto aus: ,,Korea" (KDVR) Juri Starostenko
.,lt E t.sü ffi
Auf dem Foto:
llie Hauptstaü
der UAE, Abu Dhabi. Stadt
der $upedative
och vor fünfzehn Jahren wäre diese
modernistische urbane Landschaft auch
den Einheimischen wie eine optische
Täuschung, eine unerreichbare. Fata
Morgana, vorgekommen. Wie übrigens
auch der Anblick aller sieben Emirate, aus denen
sich das Land zusammensetzt: Abu Dhabi, Ajman,
Dubai, Ras al-Khaimah, Umm al-Qaiwain, Fujairah
und Sharjah. Wohin man sieht, überall findet man
einzigartige Bauwerke und für die öffentlichkeit
bestimmte Gebäude. Ein beneidenswerter,,Wohn-
baufonds" : von malerischen Einfamilienbungalows,
die sich auch ein normaler Sterblicher leisten kann,
bis zu phantastischen Adelspalästen. Seehäfen wie
der von Dubai: kilometerlange Kaianlagen, ausgerü-
stet mit hochmoderner Technik und Elektronik. so
daß ein sowjetischer Vertreter ihre Vorzüge mit'der
russischen Redensart ,,Sehen und den Tränen freien
Lauf lassen.. . " umschrieb. Flughäfen der internatio-
nalen Spitzenklasse. Die gesamte Föderation vernet-

Fata Morqana zende prächtige Autoschnellstraßen mit schwindel-


erreqenden Auf- und Abfahrten. Zahllose
Moscheen. von denen jede einzelne ein Meisterwerk
menschlicher Vernunft und Baukunst darstellt.

zum Anfa6sen Schließlich verschiedene Industrieanlagen: Bohrin-


seh und Terminals für die Erdölförderung. petrol-
chemiscbe und anderweitige Betriebe. überall
macht sich bemerkbar, daß man es nicht mit seelen-
Bqleftbrt zu dt?i Fobgralien loser Industrie, sondern auch mit einem bedeuten-
den konstruktiven Element der Zivilisation, einer
räunrlich-ästhetischen Lebcnsdimension zu tun hat.
Dem Nichteingeweihten wird diese von den Ufern A11e diese !Ietallgebilde sind nämlich einfach schön.
des Persischen Golfes stammende Aufnahme Sie wissen doch: Ein schönes Flugzeug fliegt besser.
wenig sagen: Na schön, eine beeindruckende Wahrscheinlich sind nur die nomadisierenden
Stadtlandschaft... Kennen wir schon. Beduinen r-on einst, die vom Dromedar in eine geho-
bene Limousine umgestiegen sind und inzwiJchen
Dabei führt uns dieser auf den ersten Blick hinter dem Computerpult sitzen, in der Lage, sfch
anspruchslose visuelle Eindruck in das Innenle- eine genauere Vorstellung davon zu machen, was
ben eines der größten Phänomene unseres Jahr- mit ihren ehemaligen Wüstenregionen vor sich
hunderts, über das bei uns leider wenig bekannt gegangen ist, in denen es auch jetzt immer noch vor-
ist. Dieses Phänomen heißt Vereinigte Arabische kommt. daß Vögel im Flug von der Hitze (wie bei
uns vom Frost) überwältigt werden und vom Himmel
Emirate und ist ein Staat, der erst vor etwa 18 Jah- fallen. Immerhin brauchte man noch vor wenigen
ren auf der Weltkarte vermerkt wurde. An den Jahren eine Woche und mehr, wenn man auf dein
FeierHchkeiten ztr diesem wenn auch nicht Dromedar oder in einem Küstensegler von einem
gerade ,rrunden" Jahrestag konnte gegen Ende Emirat in das andere zu reisen hatte. Jetzt fährt rnan
eine Stunde. "
letzten Jahres eine Gruppe von sowjetischen Die ihrem zahlenmäßigen Umfang nach mit einein
.

Journalisten teilnehmen, die das Ministerium für Rayon von Moskau vergleichbare Bevölkerung hat
Information und Kultur der VAE eingeladen innerhalb von fünfzehn bis zwanzig Jahren im
hatte. Wir sind dem Ministerium unendlich dank- Wüstensand Arabiens eine qualitativ neue Zivilisa-
tion geschaffen, die sich selbst vor ihren arrogante-
bar für die uns gebotene Möglichkeit, Land und sten Vertretern nicht blamieren wird. Wie könnte 6s
Leute aus der Nähe, im unmittelbaren Kontakt auch anders sein, ließ uns doch einer unserer
kennenzulernen. Übrigens betrifft das nur einen Cesprächspartner, der stellvertretende Generalse-
von uns. Der andere arbeitet ständig in den Emi- kretär der Industrie- und Handelskammer der VAF,
raten, aber auch er sah sein ,,Gastland', zum Juma Ahmed al Salami, wissen, daß ,,wir nur däs
Beste, was es in der Welt gibt, für unsere Emirate
ersten Mal bei diesen bedeutenden Festlichkei- übernehmen". Ein teurer Spaß? Aber sicher. Hier
ten, die, wie uns unsere Gastgeber mitteilten, auf- nähern wir uns schon den Quellen des im wahrsten
grund des in der Region tobenden Krieges lange Sinne des Wortes auf Sand gebauten Paradieses auf
nicht begangen worden sind. Erden.
Diese Fata Morgana, die eins der vielen über den
endlosen Wanderdünen beduinischen Nomadenter-
rains entspringenden Wüstentrugbilder zu sein
T-

scheint, haben durchaus irdische Kräfte' zahlenmäßigem


wenn auch nach hiesigem islamischem Glau- Schwund bedroht. Das
ben durch den Willen Allahs inspiriert' Leben in Abu Dhabi,
*ut"ti"tt" Gestalt annehmen lassen' Die an der Küste, die einst
Metamorphose könnte wahrlich an ein Mär- Perlenküste hieß, war
chen erinnern, ließe sich dieses ganze dermaßen entbeh-
Wüstenschauspiel nicht anfassen und erklä-
rungsvoll, besonders
ren. Es ist einä wahre Begebenheil, bei der
nachdem in den 30el
in Jahrhunderten geheiligte Traditionen mt1
Jahren die billigeren
überra- iapanischen ZuchtPerlen
hochaktueller Neuzeitlichkeit ä,-.ti.u-ett. daß die
-schende Verbindungen eingehen' Bevölkerungsdichte
Ünr"r" heißeisehnte ,,vorbildliche niedriger war als die der
Arbeit"! Wir bekamen sie hier überall zu vor
Geslctrt. Allein schon hier in Abu Dhabi'
Mongolei dem
dieser Perle unter den Küstenstädten, die zu
Kneg'. Zwei Menschen
auf drei Quadratkilome-
den Festtagen bunte Laternenketten ange-
iest l'tat, siäht man auf dem Baugelände für ter. Niemand warf ein
Auge auf das karge Ter-
lii Hot"t keinen einzigen untätigen, nicht ritorium, so daß es weder
arbeitenden Menschen und kein einziges
die Notwendigkeit noch
tiberfltissiges Bauteil, und es ist so sauber
die Möglichkeit gab' ein
wie auf eiäem Schiffsdeck. Vor dreißig Jah-
modernes Staatsgebilde Anblick
ren standen an derselben Stelle mehrere im Ein beneidenswerter
zuschaffen.
Wüstensand verlorene Reihen von aus unge- Lebenin dievon dern sich darauf verstand, sie intelligent zu
Erst mit dem Ölkam neues
' branntem Lehm und Palmzweigen gebauten mehren und das gewissermaßen vom Himrnel
der Sonne ausgeglühte Küste' Nach Petrodol-
und mit Znltplanert abgedeckten Hütten' fallende Kapital zum eigenenwie zumNutzen
Darin wohnteo die Eltertt derjenigen, die lars roch e. tri"r, an der Südküste des Persi-
schen Golfes, seit der Erschließung der ersten
der Allgemeinheit zu verwenden. Ganz im
heute vielstöckige Wohntürme besiedeln' Sinne däs Koran-Gebots: Teile deinen Reich-
Laserstätte 1958 im Emirat Abu Dhabi. als an
Sie haben zum größten Teil erst in fortge- tum mit deinen Nächsten.
ischrittenem Altär entdeckt, wie Gemüse diJheutic.e Föderation der Emirate noch nicht
denke"n *ar. Schon nach wenigen Jahrcn lief
Wie iede Nation, die auf sich hält' haben
schmeckt, und ziehen auch heute noch, ^ auch diä Vereinigten Arabischen Fmirale ihr-c
die Förderung an, die in den crsten J ahrcn aus-
ohwohl auf dem hiesigen Markt alles ver- ,,Stunde Null": die Gründung der
Föderation
' karrft uon brasilianischen Avocados bis schließLich aGländischc Firmen übernahmen'
*itd, äer Emirate soforl nach ihrer Unabhängigkeit'
n".rr.eiändischen Kiwis, jeder anderen wobei sie den Herrschern der Emirate die
Hälfte des Profits abknöpften. Aber auch das Damit ist die Reihe der zum Vergleich einla-
"o
Nahrung ihre gewohnte Kamelmilch und denden Wachstumskennziffern hier noch
war schon ein,,Wahnsinnsgeld"'
Dattekrldie oiä1 der Beduinen seit Jahrhun- beeindruckender als unsere sowjetischen'
Doch schon damals fanden die Emirate, vor
derten, vor.
aliem Abu Dhabi' wo auch heute noch der Vor allem, was Kennziffern bei Bildungund
Auf dem schmalen arabischen Küsten- Erziehung angeht, mit denen wir traditions-
Iäwenanteil des Erdöls gefördert wird, Wege,
streifen des Persischen Golfs lebten seit semäß besonders gerne aufwarten, wenn
die eisenen Reichtümer ohne N'littclsmänner
Hunderten von Jahren arabische Nomaden- 1972 wr:rde die erste nationale ivir einen vorteilhaften Eindruck erwecken
ttai-.", Fischer und Perlenfischer' Sie uU^tlhoof.n.
staatliche Gesellschaft. die Abu Dhabi Natio-
wollen.
schlossen sich um die stärksten Familien- Uns sowjetischen Journalisten wurde für
,u.u-tnen, hielten ihre Emire und nal Oil Company, gegründet' Diese brachte
bald bis zu 6d Prözent des Kapitals der westli-
Verdienste, die uns verborgen blieben, eine
"iun.
Sheikhs in Ehren, zogen im Sommer ans unerhöhrteEhre zuteil: Als erste Ortsfremde
chen Förderer in ihren Besitz. E's war dies eine
Meer und im Winter in die wenigen Oasen' besichtigten wirdie Prunkgemächer der Emi-
weit vorausschauende Maßnahme' wenn man
Der einheitliche arabische Volksstamm bedenkt , daß bald darauf ein weltweiter Erdöl-
rats-Unr=versität in al Ain, und, was es über-
lebie, ln Gruppen zerrissen, verbunden haupt noch nie gegeben hat, die einzigartige
durch das Meei,-getrennt durch die Wüste'
boom einsetzte, nachdem entsprechend Fraüen-Fakultäi.,,Prunkgemächer" des-
alten Kultur, wobei er sebührend geweckter Nachfiage die Preise fiir
i"i.tt utt
Erdol und- Erdölerzeugnisse in die Höhe halb, weil sich in der UdSSR kaum eine Uni-
"ln"t
di" Z.itons.n "igäen
inderer Völker aus zweiter
geschnellt'ivaren. Sich eine solche Chance ent- versität derart elitäre Lehrvoraussetzungen
tiuna fu.. äas Celd der Nachbarländer und und kein Student sich ein so exklusives
iehcn zu lassen, wäre unverzeihlich gewesen'
inclicns benutzte. in ständiger Not und von ' Hierbei muß man den Herrschern Ambiente würde träumen lassen' Angefan-
cter Emirate, besonders denenvon n.n uon einer fundamenralen Bibliothek mit
Abu Dhabi, zugute halten, daß sie äikroklimatisierten Safes. die mit jahrhun-
die Gunst der Stunde erkannten dertealten Manuskript-Raritäten angetüllt
und aufden galoPPierenden Pega- sind, über SeminarräumemitComputefiech-
sus aufsprangen. um ihn ihrem nik bis zu gepflegten Bungalows, die als.Stu-
Gestüt änzuverleiben. Wir kön- d"nt"n*of,tth"iÄe dienen, wobei Unterbrin-
nen nur schwer beurteilen, ob die- suns und Verpflegung kostenlos sind' odcr
rer Peeasus heute als Renner sei- fomifortablen Autobussen. in denen die Stu-
nem H'erm zu tröstüchem Zeiwe r- denten zum Wochenende über das ganze
treib oder als ZugPferd auf dem Land nach Hause gefahren werden' Es gibt
Acker des Gemeinwohls dient: hiernichtmehrundnichtweniger als achttau-
Aus naheliegenden Gründen wer- send Studenten. Der stellvertretende Gr:ne-
clen das System und vor allem der ralsekretär der Universität Abdulla Abbes
Verteilerschlüssel der Erdölein- saste uns. daß die U niversität seit ihrer Grti n-
nahmen hierzulande nicht offen du"ns I 977 mehr als 20000 Fachleute i n sirbcn
luse.ehänst. Jeder Ankömmling Facü'richtungen ausgebildet hat' Eine 'o::i'
,,bei kani sich schon mit unbe- iere Kennzi{Ter, mit der wir in unserer ein hei-
rvaffnetem Auge davon überzeu- mischen Praxis überhaupt noch nie in Berüh-
lc n, daß der herrschende Emirats- *nn e"korn*.n sind' obwohl gerade sic vicl
Ädel seine satten Pfründe nicht in uteiäie Qualität der Ausbildung aus):!gl '
tlen Nachtklubs von Paris oder nötigte uns ebenfalls Bewunder-ung ab' Das
llangkok verPraßt oder fur Presti- Verf,ältnis von Dozenten und Studenten 1ir:st
gebaulen verschleudert hat' son- hierzulande bei l-:18, in Europa bei [:i:;

,,IIEUE ZE I T" 1.s* ffi


Jetzt begriffen wir erst, wanrm bei der Ant- sche Hochschulen erweitert, unter anderem Qasimi einen Doktortitel trägt, willman dem-
wort auf unsere Frage, wieviel die Ausbil- auch in der Hauptstadt Abu Dhabi, in Dubai nächst eine Klinik eröffnen, in der künstliche
dung eines einzigen Absolventen kostet, eine und Al Ain. Heute würde kaum noch jemand Zähne eingesetzt werden können.
leichte Verzögerung eingetreten war: Dieses glauben, daß es noch vor dreißig Jahren in die- Heute kann jeder Einwohner des Landes
Geld, Unsummen, zählt hier in den Emiraten ser Region eine einzige Schule für230 Schüler und jeder Ausländer, egal, ob er aus Tunesien,
einfach keiner. Auch wenn es merkwürdig gegeben hat. 1971 waren es bereits 66 Schulen von den Philippinen oder aus der UdSSR
anmutet, aber im Ministerium für Erdöl und für 28 000 Schüler, danach stieg die Zahl der stammt, und wenn er seine 70 Dollar in den
Naturschätze, die Futterkrippe des Staates Schülerund Studenten ummehr als das Zehn- Patientenfonds entrichtet, zlyei Jahre hin-
also, al'beiten insgesamt nur 65 Beamte, wäh- fache an. Heute ist praktisch jeder vierte Ein- durch kostenlose ärztliche Behandlung in dem
rend nach Anzahl der Beschäftigten das Bil- wohner der VAE in der Ausbildung. Krankenhaus, dem er zugeordnet ist, in
dungsministerium an der Spitze steht. Ihm Aus diesen Facetten setzt sich das Porträt Anspruch nehmen und unentgeltlich alle not-
folgt das Gesundheitsministerium. Beide zusammer, und ihre Reihe ließe sich noch wendigen Medikamente erhalten. Was die
Amter konzentrieren 80 Prozent der Regie- fortsetzen. Ein demographisches Phänomen einheimische Bevölkerung betrifft, so zahlt
ru ngsbea mten. hat uns zum Beispiel stark beeindruckt. Die der Staatjährlich über 5000 Dollarpro Person
Einen wirklich radikalen sozialen Fort- Bevölkerung der Emirate wuchs von 180 000 für Erziehung, Bildung und Gesundheit. Das
schritt in den VAE, stellt die Frauen-Fakultät zir Zeit der Unabhängigwerdung auf inzwi- schon zu erwartende Ergebnis: Die durch-
dar. Praktisbh funktioniert sie als autonome schen 250 000. Der Zuwachs beruht nicht schnittliche Lebensdauer bei Frauen beträgt
Lehreinrichtung, denn die Vorlesungen fin- zuletzt auf natürlichen Voraussetzungen. Und 73, bei Männern 70Jahre.
den an clieser Universität nach Geschlechtern hier ist der Anreiz handgreiflich materiell: ein Ein schönes Beispiel dafür, wie in diesem
getrennt statt. Die Frauen-Fakultät doubliert hochentwickeltes staatliches Gesundheitssy- Land alles Neue und Fortschrittliche, in die-
die Fachrichtungen des Hauptkontingents. stem mit einem Arzt auf 933 und einer Kran- sem Falle auf medizinischem Gebiet, entge-
Es ist übrigens noch fraglich, welches von bei- kenschwester auf 329 Einwohner. genkommende Aufnahme findet, ist die
den den Ton angibt, denn die Frauen stellen In diesem Land mit seinen mehr als andert- ,,Pjotr L", das erste durchgehend geöffnete
zwei Drittel aller Studenten. Die Sitten sind halb Millionen Einwohnern gibt es über 30 schwimmende chirurgische Krankenhaus der
streng; Während wir durch die Zimmerfluch- große moderne Krankenhäuser, über hundert Weltim HafenvonJebel Ali, Dubai.
ten dq:s Universitäts-Palasts und über seine Polikliniken mit breitem Leistungsspektrum, Swjatoslaw Fjodorows These ,,Alles, was
Höfe schreiten, hüllen die scharenweise auf- etliche Zentren ftir Säuglingspflege und der Gesundheit des Menschen dient, soll der
tretenden jungen Mädchen ihre Gesichter Gesundheitsvorsorge, Hunderte von Kinder- Menschheit gehören" erhielt in den VAE ihre
zwar in Schleier, sehen sich aber doch außer- kliniken in den Schulen. Im Vergleich wird erste praktische Bestätigung. Zum ersten Ma1
stande, sich dieses unerhörte Schauspiel, alles deutlicher. Abdallah al-Obeid, ein45jäh- in der internationalen Praxis öffnete man hier
gleich so viele Männer auf ihrer Campus- riger Fischer aus dem Emirat Sharjah zum Bei- die Grenzen ftir die medüinische Einrichtung
Ilälfte, ganz entgehen zu lassen. Wir unter- spiel, der unter einem hölzernen Schatten- eines anderen Landes. Im Oktober 1989 legte
hielten uns mit der Leiterin der Empfangsab- dach am Kai mit einem hier ,,Sultan Ibrahim., das Schiff, das dem sowjetischen medizini-
teilung, der jungen Frau Dr. Maisa Salem genanntenFisch aus dem Persischen Golfhan- schen Transportunternehmen ,,Phlox,.
Orneir al-Shamsi. Ihre Ausbildung hat die delt, erinnert sich noch daran, wie Anfang der gehört, in Dubai an. Schon alswirhierwaren,
Soziologin in Er-Riad und Kairo erhalten. 60er Jahre, als die Regierung von Gamal meldeten die Zeitungen die 2000. Operation
Dieser Tage erst wurde ihr der Staatspreis für Abdel Nasser das Angebot machte, einen der Fjodorow-Arzte.
wissenschaftliche Erfolge verliehen. Sie Arzt und eine Krankenschwester in dieses Ar Bord des Schiffes, im Operationssaal,
berichtete, wie sich für die Frauen des damals am weitesten entwickelte Emirat zu tranken wir Kaffee mit Khamis Mohammed,
Orients die Zeiten unwiederbringlich gewan- schicken, die herrschende Familie von Shar- einem Mitarbeiter des Innenministeriums der
delt haben: 80 von 100 Absolventinnen ihrer sich gezwungen sah , das Angebot unbeant-
j ah VAE, und zwar unmittelbar nachdem der
Fakultät arbeiten in ihrem Beruf. Soweit die wortet zu lassen, weil die Beduinenehre ihnen Chirurg Igor Denissow ihm ein Pterygium,
Wissenschaft. Die schöne Dekanin schlägt nicht erlaubte zrtzugeben, daß es im ganzen eine Wucherung der Augenschleimhaut, die
uns den Wunsch, sie zu photographieren, ab: Emirat kein einziges Krankenhaus und oben- zur Blindheit führen kann, entfernt hatte.
Scharia. drein keine Möglichkeit gab, die ärztliche Mis- ,,Drei Jahre", gestand der graubärtige
Soviel zum Schrittabstand beim Marsch der sion aus Aglpten unterzubringen. In diesem Patient, ,,konnte ich mich nicht zu diesem
Emirate ans Licht des Wissens. In den aller- Emirat, das sich voller Stolz für das Kulturzen- Schritt durchringen. Ich wußte nicht, was ich
letzten Jahren wurde das System der Hoch- trum des Landes hält und dessen Regent tun sollte: nach Moskau fliegen oder in andere
schulbildung in den VAE um mehrere techni- Sheikh Muhammad bin Salem bin Sultan al europäischeHauptstädte, oderversuchen, die
Operation hier vornehmen zu lassen. Jetzt
habe ich alles überstanden. Dank Sheikh
Zayed, Allah schenke ihm Gesundheit, und
der Entscheidung der Regierung von Dubai,
die sowjetische schwimmende Klinik aufzu-
nehmen,"
Diesen Fortschritten im Gesundheitsbe-
reich ließen sich noch solche Tatsachen
hinzufügen, wie das Fehlen eines Wohnungs-
problems, Beihilfen für materiell weniger gut
gestellte Familien und schließlich die Zahl der
durchaus repräsentativen Automobile, die in
etwa der Bevölkerung des Landes gleich-
kommt. Die Wunder auf diesem gesegneten
Boden der arabischen Emirate lassen sich gar
nicht alle aufzählen. Auf eines, das uns am
stärksten beeindruckt hat, werden wir noch
gesondert eingehen...
(Fortsetzung folgt)
Vitali Ganjuschkin
NZ-Sonderkorrespondent
Viktor Lebedew
TASS-Korrespondent
Wohnungsbau in den Emiraten ABU-DHABI

EE ,,ilEuE zEtr" t.go


lch glaube an eineAuferstehung
m Morgen nicht vorhersehen, ihn nicht Wahrheit abgehen, nichfs hin-
war es noch rational erfassen. Wir können derte ihn, die Seite der Vertei-
erträglich, nur beobachten und nach digung des Guten, der &arm-
doch Kräften unsere Schlüsse zie- herzigkeit, der Gerechrigkeit
ooo gegen
Mittag tobte hen. einzunehmen. All das haben
der Wind wie wild. Er blies aus Das Fernsehen hat uns in - wir erlebt nichi aLrs
allen Richtungen, und aus allen diesem Sinn überreiches Mate- Geschichtsbüchern wissen wir
Richtungen war er eisig. Ich rial gegeben. Ja, es geschah, es, sondern vor unseren.Augen
war mit meinem Sohn gekom- daß der Kongreß der Volksde- hat sich all das ereignet.
men, um Abschied von Andrej putierten tobte und der amtie- ... Kürzlich wurde auf der
Sacharow zu nehmen. Ich sagte rende Vorsitzende Akademie- Sitzung des Obersten Sowjets
zu ihm: ,.Andrej Dmitrije- mitglied Sacharow nicht zu nach Sacharow der Deputierte
witsch ist in Wirklichkeit nicht Worte kommen ließ. Doch Tscherwonopisski angekün-
gestorben. Und ich werde dir sowohl der Kongreß derVolks- digt. Ich erstarrte. Ich hatte sol-
das jetzt zeigen. Ubrigens wirst deputierten als auch die Welt che Angst, daß Sacharorv wie-
du das auch von allein verste- haben ihn mit eigenen Augen, der dem starken Druck der
hen." noch zu Lebzeiten gesehen. Sie ,,überwiegenden Mehrheit"
Ich führte ihn zum Palast der haben gesehen, daß man vor- ausgesetzt sein würde. Er war
Jugend, damit er die Menschen anschreiten, daß man ans Red- ja nicht mehr jung, nicht
sieht. Mir belbst war klar, daß nerpult treten und das sagen gesund. Und man kann sich
Tatjana dort Unmengen von Menschen kann, was man ftir die Wahr- vorstellen, was ihn dieser Mut
Iwanowa sein würden.... heit hält. Und wenn man dir kostete.. . Doch der Deputierte
Die nächstliegende Metro- das Mikrophon abschaltet, Tscherwonopisski sagte nur mit
station ,,Frunsenskaja" war kann man trotzdem sprechen, ruhiger, sanfter Stimme, er
geschlossen. Der Zug leerte kann die Lippen bewegen - stimme Andrej Sacharow in
sich bereits auf der Station die Menschen werden dich allem zu und man müsse so
,,Park Kultury". Von dort aus auch so verstehen, sie werden handeln, wie Andrej Dmitrije-
machten wir uns zusammen mit erraten, sie werden es dem witsch das vorschlage. Ich bin
vielen anderen auf den langen anderen sagen, was du sagen davon überzeugt, daß dies auch
Weg. Unzählige Menschen hat- wolltest, aber nicht sagen fur Sacharow ein wichtiger
ten sich bereits am frühen Mor- konntest.. . Augenblick war.
gen eingefunden. Der Weg Das war beispielloser Mut. Für junge Menschen gibt es
führte uns dann bis zur Metro- Und dieser Mut wurde - und den Tod überhaupt nicht. Sie
station,,Sportiwnaja". wirdl - zum Vorbild. sind unsterblich. Am Tag, an
lch meine, ietrl Ich wollte langsamer gehen, Verstehen Sie, die Dekabri- dem Abschied von Sacharow
haben die iungen um die Gesichter der Men- sten hatten keine dngst, auf genommen wurde, und am Tag
lUlenschen, die sich schen zt studieren... Wer den Senatsplatz an treten... seiner Beisetzung sahen sie.
Geüanken übel inl stand, wer ging dort, wer hielt Doch das ist schon lange, lange was er dem Volk bedeutet. Sie
Leben machen, ein
dem eisigen Wind stand? Scha- her... Andere Helden aus sahen die Liebe, die Vereh-
ren junger Leute. Alte Men- Büchern, aus dem Leben - sie rung, die Trauer des ganzen
Beispiel uorAugen, schen. Menschen mittleren waren ebenfalls einst Volkes. Sie werden sich keine
wie man le[en Alters, ordensgeschmückte irgendwo. Doch wir durften Gedanken um ihre eigene
muß,damit das Militärs. Ehepaare mit Kin- Andrej Sacharows Zeitgenos- Beerdigung machen - Gott sei
dern, selbst im Kinderwagen. Er wurde vor unseren
sen sein. Dank. Doch über ihr Leben
Uolk einen
Sicher waren auch Studenten, Augen zum Helden. Er war vor werden sie nachdenken. Sacha-
als seinen Helden Arbeiter und Wissenschaftler unseren Augen absolut furcht- row hat uns gezeigt. wie man
betrachtet dabei. Doch wie unterscheidet los. Weder die Verbannung leben muß, damit das Volk
man heute einen Arbeiter von noch der viele Tage andau- einen als seinen Helden
einem Wissenschaftler? Wer ist ernde Hungerstreik, weder die ansieht.
wie gekleidet? Wer trägt eine langjährige zügellose offizielle Tod? Abschied? Nein! Ewi
Brille, wer ist unbebrillt? Ich Hetze noch die bösen, in Mas- ges Leben. Unsterblichkeit.
würde mich nicht trauen, nach senauflagen verbreiteten Und endlose Wiederauferste-
der Kleidung, nach ihren Gerüchte, weder die Lügen hung - das ist das Schicksal
Gesten und Manieren, nicht noch die gut organisierte ,,Ver- von Andrej Sacharow. einem
einmal nach ihren Worten zu achtung des ganzen Volkes" großen Vertreter des russi-
sagen, wer sie sind. von der ordensbehangenen schen Volkes, einem Weltbür-
Andrej Sacharow ist in Wirk- Weberin bis hin zum bekann- ger, einem Sohn der ganzen
lichkeit nicht gestorben - und ten Schriftsteller, weder Pfiffe Menschheit. Mein Glaube
wird niemals sterben. Sein Ein- nach Füßegetrampel - nichts daran ist unerschütterlich. Und
fluß auf uns alle, sein Einfluß konnte ihn einschüchtern. gestützt werde ich in meinem
auf die Gesellschaft ist uner- Nichts ließ ihn jemals gegen Glauben von den Gesichtern
meßlich groß. Wir können ihn sein Gewissen handeln. von der meiner Mitbürger. I
,,lt E u E z E I r" t.00 ffi
,P , n. ,"t'0 '' I

as
bringt uns
das neue Jahr?
Auf diese Frage
antworten Preisträger
unsere r Zeitschrift

die dafür notwendigen Kälber und Schweine


zu züchten, damit also die
j lch enlrarte eine Klärung der Sihation Produzenten
einen wirklichen Anreiz verspüren, sie herzu-
stellen, ohne den Befehl von oben. Es gibt
deswegen keine Wurst mehr, weil derSekre-
Poel Karp stehenbleiben. Sie muß deutlich machen,
- was hinter den Worten steht, Hinter ihnen
tär eines Rayonkomitees für andere ent-
scheidet, und nicht, weil er in der Sonder-
f, instwarf derDichterdie Frageauf:,,Wie steht oftmals, was dem von Herzen kom-
a- wirst du sein und was uns bringen, kantine zu Mittag ißt. Der mystifizierende
mend Ausgesprochenen direkt wider- Populismus, der sich auf diese Sonderkan,
Neues Jahr? Freude? Leid? Magst du auch, spricht. Heute sagen viele: ,,Wir sind für
Finsternis im strengen Blick, hingehen, was tine einschießt, muß entmystifiziert werden;
Reformen, für die Perestroika. Zuerst aber
aber birgst du hinter deinem finstern Blick? damit nicht länger Ursachen und Wirkungen
laßt uns dem Volk etwas zu essen und anzu-
Feuer oder Eis?" Fjodor Sologub, ein durcheinandergeworfen werden. Dann wird
ziehen geben." Die Perestroika wurde aber
ii/ensch mit eher düsterer Grundeinstellung, es auch leichter, Voraussagen zu treffen.
gerade deshalb notwendig, weil es ohne
schloß seine Überlegungen optimistisch ab: ln Leningrad haben wir doch tatsächlich aus
radikale Reformen unmöglich geworden ist,
,,Ailes wird werden, wie wir es wollen, nur dem Mund des 1 . Sekretärs des Gebiets- und
dem Volk etwas zu essen und anzuziehen zu
sollten wir maßlos wünschen." Stadtparteikomitees vernommen, daß unser
geben. Wer uns davon übeaeugen will, daß Leben in den letzten fünf Jahren schlechter
Das wäre wirklich gutl Dann brauchten wir es dafür noch gewisse andere Methoden geworden sei. Wir sind aber keine Ausländer
nicht länger zu rätseln. Allerdings bin ich mir gibt, will uns einreden, daß wir auch ohne und haben die letzten Jahre nicht in der Emi-
darüber im klaren, daß weder meine eigenen Perestroika auskommen. Wenn man diesen gration verbracht. Deshalb erinnern wir uns
noch Michail Gorbatschows maßlose Wün- Leuten sagt, sie seien Feinde der Pere- noch recht gut daran, daß unser Leben bald
sche dazu führen werden, daß die Pere- stroika, sind sie aufrichtig empört. nach dem Einmarsch sowjetischerTruppen in
stroika im anlaufenden Jahr gleich Früchte lnzwischen hat sich die Meinung verbrei- die Tschechoslowakei schlechter geworden
bringt. Schließlich sind Millionen von Men- tet, die ungleiche Verteilung, Privilegien ist, als unter dem Bannerdes Kampfesfürden
schen, und nicht nur die sogenannten einfa- seien an allem schuld. Natürlich müssen die Sozialismus Reformen abgewürgt wurden,
chen, sondern durchaus gebildete Men- Privilegien weg. Dabei sollte man sich aber die Alexej Kossygin schon 1965 vorgeschla-
schen der Überzeugung, däß alles andere vor Augen halten, daß es auch dann nicht gen hatte. Auch wenn wir heute eingestehen,
von eben diesen Wünschen abhängt. Nicht möglich sein wird, dem Volk etwas zu essen daß der Einmarsch unserer Truppen in Prag
von meinen, versteht sich, sondern von den und anzuziehen zu geben. Gorbatschow nicht rechtmäßig war, schweigt man sich bei
Wünschen des Staatsoberhaupts. Auch hier uns immer noch darüber aus, daß die Panzer
und Ryshkow haben keine Wurst in der Hin-
wieder ein hartnäckiges Erbe des Personen- auf dem Wenzelsplatz eigentlich über den
terhand, weil auch sie nicht wissen, woher
kults! Roten Platz gerollt sind, um alles zu unterdrük-
sie diese Wurst nehmen sollen. Sie können, ken, was nach 1953 bei uns angelaufen,ist.
Dabei darf die für eine ernst zu nehmende und auch das nur mit der starken Unterstüt- Nach dieser Absage an jede Reform begann,
Frognose wichtige Analyse dersozialen Ver- zung eines bedeutenden Teils unserer ohne sofort allen ins Auge zu springen, die
hältnisse, die eine Verwirklichung unserer Bevölkerung, höchstens unsere Wid- Verringerung des Sortiments von Lebensmit-
Wünsche beeinträchtigen, nicht bei schaftsordnung verändern, damii die Leute teln und lndustriewaren, setzte der Preisan-
einer Gegenüberstellung von Standpunkten anfangen, diese Wurst zu produzieren und stieg ein"
I
g ,,IIEUE z E I I" 1.90
Jetzt wiederholt man das Märchen von den Das System des feudalen Sozialismus, wel- Demokratisierungsprozeß im Prinzip grünes
letzten f!41 Jahr€n,,ebwohl..die Situation sich ches niedrige Obergrenzen für legale Einkom- Licht geben und der Anfang eines über-
nicht wegen der Reformen, sondern wegen men auf allen Ebenen festgesetzt und damit gangs von einem autoritären zu einem
fehlender Reformen verschlechtert hat. jedes Verständnis für Qualität und Arbeitspro-
Nach den Wahlen im letäen März, bei denen demokratischen System sein. Der tatsächli-
duktivität und ihre Bezahlung zerstört hat,
alle führenden FunKionäre in Leningrad abge- brachte einen neuen Menschen mit neuen Vor- che Verlauf der Ereignisse ist dagegen sehr
lehnt wurden, war in dieser Stadt offiziell die stellungen von Freiheit hervor. Der sowjetische viel schwieriger und widersprüchlicher. Die
Rede davon, daß die Partei hier eine Niederlage Mensch, der vieler anderer Freiheiten beraubt Schwächung der autoritären und ihrem
erlitten habe, obwohl in Wirklichkeit die Partei ist, hat sich die Freiheit erkämpft, schlecht oder Wesen nach hierarchischen Macht des
in Leningrad gesiegt hatte, weil überall Kom- überhaupt nicht zu arlceiten, sondern nur den Apparats geht bislang noch nicht mit der
munisten gewählt wurden. Damit ergibt sich Entwicklung von alternativen und demokra-
der Eindruck, daß man gewissermaßen zwei tischen Strukturen einher, die sie ersetzen
kommunistische Organisationen hat. ln der Die Worte oder vielmehr ergänzen könnten. Sicherlich
einen ist die kommunistische Basis von Lenin-
igrad, in der anderen sind die Smolny-Kommu- ),Partei" kann man nicht sagen, daß eine solche Ent-
nisten, also die Führung, die praktisch unab- und ,,Sozialismus" wicklung überhaupt nicht stattfindet. Der
hängig vom Willen der Basis an ihren Posten Beitrag, den die Tätigkeit neuer parlamenta-
haben
festhält. Nicht von ungefähr kam als Antwod rischer lnstitutionen, besonders des Ober-
auf die Veranstaltung der Smolny-Kommuni-
verschiedene Bedeutung, sten Sowjets der UdSSR, dazu leistet, steht
sten eine Veranstaltung der Leningrader Kom- je nachdem, wer sie außer Zweifel. Der Oberste Sowjet jedoch,
munisten zustande. Wie wir sehen, sind inner- in den Mund nimmt der die Absicht erkennen läßt, in mehreren
halb unserer einzigen Partei verschiedene
gesellschaftliche Kräfte wirksam, und die
Worte ,,Partei" und ,,Sozialismus" haben ver-
nr Fragen eine selbständige Position zu bezie-
hen, ist noch nicht hinreichend imstande,
eigene politische Beschlüsse selbständig
schiedene Bedeutungen, je nachdem, wer sie Anschein zu erwecken. Unter Bedingungen der
in den Mund nimmt. Darüber hat sich noch nie-
auszuarbeiten. ln diesem Sinn ist er bislang
wissenschaftlich-technischen Revolution ist
mand Gedanken gemacht. Deshalb gibt es selbst ein Gulag nicht mehr imstande, ihm
eher ein angetriebenes als ein führendes
auch so viele politische Fehlschläge selbst bei diese Freiheit zu nehmen. Vielen ist sie teuer, Glied im politischen System.
den angesehensten Personen, und deshalb auch wenn ihr Lebensstandard damit abfällt, Was die Funktion des Obersten Sowjets
sind lebenswichtige Kompromisse so schwer Hauptsache, erwird weiterhin garantiert. Diese bei der Wahrnehmung der Macht besonders
zu schließen. Freiheit schätzen die Menschen oft mehr als
Was haben wirvom neuen Jahrzu erwarten?
beeinträchtigt, ist die Tatsache, daß in den
andere, die unter unseren Bedingungen leich-
Das Eingeständnis dessen, was clhnehin exi- meisten Unions- und autonomen Republi-
ter zu verwirklichen sind. Verständlicheruveise
stiert, unabhängig von unserem Bewußtsein. beeinträchtigt das die Gesundung unserer ken, erst recht in den Regionen, Gebieten,
Es gibt mehr Klassen und Stände bei uns als Gesellschaft, aber man muß sich daniber im Städten und Rayons die Organe fehlen, die
gemeinhin angenommen. Von keiner einzigen klaren sein, daß sich viele Menschen davon lei- sich ihrem demokratischen Charakter nach
läßt sich heute mehr sagen, daß sie die wichtlg- ten lassen. Man muß verstehen, daß die mit dem Unionsparlament messen könnten.
ste sei und die übrigen sie zu bedienen hätten. Dozentin Nina Andrejewa nicht nur ihre persön- Mit wenigen Ausnahmen ist die Machtstruk-
Die Vorstellung von einer auseruvählten Klasse, liche lnmeinung über verschiedene sozialisti- tur außerhalb des Zentrums im wesentlichen
seien es nun Adlige oder Arbeiter, hindert uns, sche Prinzipien, sondern auch die Angst von die geblieben, die sie schon vor der Pere-
das wirkliche Funktionieren unserer Gesell- Millionen von Menschen zum Ausdruck stroika war.
schaft und die lnteraktion ihrer Bestandteile im gebracht hat, daß ihnen nun die zur Gewohn-
Prozeß der gesellschaftlichen Produktion zu heit gewordene Freiheit, schlecht zu arlceiten, lnfolgedessen entsteht annähernd fol-
verstehen. lm Verlauf der Geschichte veränder4 genommen und schlechte Adceit nicht länger gende Situation: Der Löwenanteil der Macht
siih.obendrein ihre Rolle in dieser lnteraktion. bezahlt wird. verbleibt im Apparat der Partei, des Staates
Am '12. Dezember 19Bg teilte die ,,Prawda" lnzwischen ist es schon keine unbedarfte und der Technokraten, während seine tat:
ihr€n Lesem mit, daß in den USA nicht nur die Universitätsdozentin mehr, sondern sind qs sächliche Fähigkeit, diese Macht wahrzu-
Aöeitsproduktivität 2,5mal höher ist als durchaus verantwortliche Personen, die in nehmen, bedeutend geschwächt wird. Wir
unsere, sondem daß dort auch der Anteil der Leningrad vorführen, wie stark in einer partei, beobachten einen Rückgang der elemen-
geistig tätigen Menschen 2,5mal höher ist als die vor fünf Jahren zum Umbau aufgerufen hat, taren Umsetzungsdisziplin, Erscheinun-
hierzulande. Obwohl es eigentlich unmöglich der konservative Widerstand ist. Die Situation gen von Mißwirtschaft, über die sich die
sein sollte, hier keine Querverlcindunq hezu- wird damit deutlicher.
stellen, henscht bei uns immer noch O"re Üner- Leute ärgern. Engpässe bei den einfach-
Vom neuen Jahr verspreche ich mir eine
zeugung, daß die lntellektuellen bei uns dem Klärung dersozialen Verhältnisse nicht nur in sten Mechanismen des Alltagslebens häu-
Volkdie Haare vom Kopf fressen. Solange den unserer Stadt, sondern im ganzen Land. Die fen sich. Angesichts der allgemein unbe-
Lzuten dieses Wechselverhältnis nicht klar Einsicht in diese Realitäten kann zu einem friedigenden Wirtschaftslage verstärkt
wiiO, dürten wirauch kein reiches Warensorti- Ausgangspunkt für den Umbauprozeß in der diese Destabilisierung der Macht Unzufrie-
ment eMarten. Praxis werden. LENINGRAD denheit und soziale Spannungen.
Der einzig mögliche Ausweg aus dieser
politischen Krisenlage besteht in einer radi-
Uor allem die Machtlrage kalen Demokratisierung der Machtverhält-
nisse an der Peripherie, von den Unionsre-
German Diligenski publiken bis zu den Rayons- und Dor.fso-
mächtigen Anreiz für soziale Kritik darge- wjets. Erst wenn die republikanischen und
Ft olitische Verhältnisse sind in erster Linie stellt und zu einer Anhebung des Demokra- örtlichen Sowjets, was ihre Verbindungen
l- Machtverhältnisse. tiebewußtseins in der Bevölkerung geführt. mit den Wählern, ihre Zusammensetzung,
ln Welche Richtung wird ihre Evolution in Wir erleben die Erosion solcher Klischeevor- die Motivation und politische Kultur ihrer
den'.iiächsten Monaten und Jahren verlau- stellungen im Massenverhalten, denen die Abgeordneten betrifft, sich dem Bundespar-
fen? Um auf diese Frage zu antworten, muß passive Unterordnung der Basis unter die lament annähem, entsteht die Grundlage,
mari sich zunächst einmal eingehender mit Führung zugrunde liegt, eines psychologi- die für eine Stabilisierung der Macht not-
den-Aktuellen Machtverhältnissen beschäft i- schen Sammelsuriums, das in traditionellen wendig ist. Freilich bedeutet eine solche
9el. r' Wahrheiten wie ,,Die Leitung sieht das bes- Stabilisierung keineswegs ideale Harmonie.
Agf, der einen Seite verlieren politi$che ser" oder,,Was, du willst wider den Stachel lm Gegenteil. Die zunehmende Selbständig-
Mec.hanismen an Stabilität, die sieh unter löcken?" seinen Ausdruck fand. Der Mas- keit der republikanischen und örtlichen
dem .administrativen Kommandosystem senprotest gegen unpopuläre Entscheidun- Organe liefert ihren Beziehungen zum Zen-
herausgebildet haben. Die beinahe wichtig- gen der Regierung, Streiks und Basisdemo- trum noch mehr Konfliktstoff als früher. Ent-
ste Tniebkraft dieses Prozesses liegt in der kratie sind ein lndiz für die Krise, in welche scheidend istjedoch, daß die übergeordne-
tiefen moralischen Disqualifizierung der administrierende Befehlsmethoden bei der ten Ziele und Wertvorstellungen der demo-
autoritären bürokratischen Macht des Appa- Leitung der Gesellschaft geraten sind. kratisch gewählten und mit der Bevölkerung
rats. Die neue lnformationspolitik hat einen Erscheinungen wie diese könnten einem verbundenen Machtinstitutionen überein-

"II E U E zErr"t.soE
st!mmen. Es geht"hierbei um Wertvorstellun- wichtigsten Ereignissen der nächsten
gen der Perestroika und der Reformen. Auf
$r' rndlage dieser Werte kann man selbst die
Nur eine Zukunft abhängen. Erstens von den Ergeb-
nissen der Wahlen zu den Obersten Sowjets
sshärfsten Konflikte durch einen loyalen konsequente in den Republiken und zu den örtlichen
[]ialog und über Kompromisse lösen. Sowjets. Zweitens vom 28. Parteitag der
Letzteres bezieht sich auch auf die noch
komplizierteren Beziehungen zwischen der
Demokratisierung KPdSU und davon, wie weit es während der
Wahlen zum Parteilag und bei der Bildung
Föderation und den Republiken. Die Demo: unseres politischen der höchsten Parteiorgane gelingen wird, die
kratisierüng-selbst beseitigt vielerofts stär- demokratische Erneuerung in die Praxis
ker werdende separatibtische Tendenzen Lebens von unten umzusetzen, die inzwischen von Millionen
zwar'noch nicht, erleichteft aber zumindest von Kommunisten angestrebt wird. Sollte
die aktive Suche nach einer vernünftigen nach oben sich diese optimale Variante nicht venvirkli-
Konrbination nationaler und auf die Union chen lassen, ist eine weitere Erosion der
bbzogener lnteressen. Heute wird diese ist imstande, Macht und infolgedessen eine Polarisierung
Suche sehr erschwert durch die äußerst der politischen Kräfte und Bewegungen in
instabile Lage der Machtorgane in den die Wirtschaftsreform Linke und Rechte, die auf diese Macht
Republiken, die sich noch auf der alten Anspruch erheben, nicht zu vermeiden. ln
undemokratischen Gründlage formiert
tatsächlich diesem Fall wird die Unberechenbarkeit der
haben, durch ihre Angst, diese Macht zu ver- abzusichern. politischen Ereigjnisse drastisch erhöht,
iieren, und den Wunsch, sich um jeden Preis nimmt dersozialpolitische Kampf an Schärfe
zu halten, sei es, daß man die separatisti-
.söhen Bewegungeh gewinnen läßt, sei es,
I zu, rücken extreme und katastrophale Situa-
tionen in den Bereich des Möglichen.
daß man sich mehr auf das Zentium stützt.
Nur eind konsequente Demokratisierung
un$eres politischen Lebens von unten nach
oben ist imstande, die Wirtschaftsreform
tatsächlich abzusichern. Das, was sie heute
lm Zeichen einer neuen Geopolitik
ern meisten behindert, ist nicht der Wider- Xenia Mjalo, sozialen Pathologien entweder Restbestän-
Stand der Konservativen und auch nicht die
den der Vergangenheit zuzuschreiben oder
schwankende Haltung dei politischen Füh-
Pjotr dontscharow zu den unvermeidbaren Nebenkosten zu
rechnen, die der Bau an derZukunft verlangt,
rung, obwohl es das auch gibt, sondern die
wichtigste Ursache beruht meiner Ansicht !I ür die Ereignisse in Osteuropa, die jetzt hat sich auch diesmal sofort wieder bemerk-
im Mittelpunkt der internationalen Auf- bar gemacht. Deshalb setzt sich auch in
nach auf der Stimmung des Volkes, auf den merksamkeit stehen, war die sowjetische Anbetracht derSituation in unserem Land das
Widersprüchen des Massenbewußtseins. Perestroika die lnitialzündung. lnzwischen Wort,,Krise" auf den Seiten unsererZeitungen
Die meisten Menschen verspüren den drin- aber veranlassen sie uns nach dem Gesetz immer noch schwer durch, obwohl die Anzei-
genden Wunsch nach radikalen Verände- der lnterferenz der Wellen zu einigen unver- chen einer Krise von einiger
rungen im Wirtschaftssystem und haben meidlichen Vergleichen. Während des Kon- Größenordnung, die sich inzwischen von
gleichzeitig Angst vor diesen Veränderun- gresses kam das schon zur Sprache. einer strukturellen, also mit Engpässen bgi
$en, Angst vor Marktwirtschaft'und Konkur- Allzu bedeutend sind die geopolitischen einzelnen Gliedern und Ebenen der Leitung
. renz. Sie wissen nicht, wohin das noch altes
Verschiebungen, die durch diese Verände- verbundenen, zu einerglobalen und nichtwie-
führen soll. Am meisten spekulieren mit die- rungen in Europa ausgelöst wurden, allzu der rückgängig zu machenden Krise des
ser Angst die reaktionären Kräfte, sie beein-
groß sind die ideologischen sowie histori- Systems auswächst, nicht mehr voh der Hand
flußt die Haltung der Regierung und sogar schen Sedimente, die durch sie in dem zu weisen sind.
geographisöhen Raum zwischen Prag und Eigentlich war die Gefahr einer solchen
die Evolution unseres linken Radikalismus. Peking in Bewegung geraten sind, zumal es
.Einige seiner Wortführer sind inzwischen Transformation schon zu Beginn der Pere-
sich hier um einen-"geographischen Raum stroika gegeben, als völlig offensichtlich war.
sogar bereit, demagogische und ökono- handelt, in dem sich in den letzten 70 Jahren daß nur schnelle und qualitative Reformen der
misch sinhlose Forderungen von rechts auf- das Drama von linkssozialistischen und radi- politischen und wirtschaftlichen Strukturen
zugreifen, wie etwa die berüchtigte Wäh- kalkommunistischen ldeen entfältet hat, die unserer Gesellschaft einen einigermaßen
rungsreform, wir heute bedenkenlos der Konkursmasse erschütterungsfreien, also nicht von scharfen
lch glaube, daß weder theoretische des administrativen Kommandosozialismus sozialpolitischen Konflikten begleiteten Aus-
Reformschemen noch ihre intensive Propa- zuschreiben, um nicht über ihre weiteren und weg aus der Krise gewährleisten können.
ganda die Angst vor dem Markt beseitigen näherliegenden Folgen nachzudenken. Damit Bei der Reform einer dermaßen ernsthaft
können. Das kann nur die unmiftelbare prak- ergibt sich die dringende Notwendigkeit, die erkranKen Gesellschaft wie der unseren
tische Tätigkeit der Sowjets, der demokrati- Situation adäquat zu bewerten, die sich in erforderte die Frage, wie sie auf Konsens-
schen Machtorgane im Zentrum und an der unserem Land, demAusgangspunktund Epi- Grundlage umgestaltet werden kann, wo die
Peripherie, sofern .sie auf die wirkliche zentrum dieses ganzen Prozesses, ergibt. allgemein anerkannten Ziele und psychologi-
Lösung akuter Problerne in der Wirtschaft
' Wenn wir uns nicht selbst täuschen wollen, schen Reserven liegen, und schließlich, worin
müssen wir sehen, daß sich hier bei uns die ihr geistiger lnhalt besteht, derzu einem trag-
und im sozialen Bergich orientiert sihd. Euphorie der ersten Perestroika-Jahre, die fähigen und integrierenden Kristallisations-
Erstens, weil diese Organe sich auf das Ver- punK des Reformprozesses werden könnte,
Atmosphäre der frühlingshaft en Hoffnüngen
trauen der Bevölkerung stützen können, und Erwartungen, merklich gelegt hat, und eine sorgfältig überlegte Antwort.
welches durch die Macht deg Apparatq ein- zwar nicht nur aufgrund von sich schnell lee- Angesichts einer für alle offensichtlichen
gebüßt wurde. Dadurch gewinnen sie mehr renden Ladentischen und immer gefährlicher Demoralisierung und Korrumpiertheit, ange-
Handlungsspielraum. Zweitens, weil die von werdenden Straßen. Selbst soziale Dickhäu- sichts von Zerfallstendenzen, die unsere
ihnen getroffenen Entscheidungen unwei- ter, die sich von ihren Versorgungsnöten völtig Gesellschaft befallen haben, war auch die
gerlich nicht 'so sehr von irgendwelchen haben vereinnahmen lassen, müssen spüren, Frage akut, wie sich eine staatsbürgerliche
abstrakten Prinzi'pien oder geistigen Mode- wie die Ereignisse in Karabach, Fergana, Tbi- Persönlichkeit herausbilden ließe, die sich die
strömungen ausgehen, sondern aus dem lissi, Abchasien und Südossetien, wie die Bürde dieses Prozesses zutraut.
praktischen Kampf um dieVerbesserung der politischen Streiks in Estland und Moldawien, Unglücklicherweise war unsere Gesell-
sozialökonomischen Lage. Diese Praxis, im wie Hunderte von Ermordeten und Hundert- schaft, obwohl sie die Perestroika begeistert
wesentlichen eine Erfahrung der Bevölke- tausende von Flüchtlingen und noch kindlich aufgenommen hatte, auf eine solcheVariante
rung selbst, wird qie zu Entscheidungen im wirkende Soldaten mitVerbrennungen in den nicht vorbereitet und hatte über Ziel und ins-
Sinne einer Wirtschaftsreform bewegen, Gesichtern, wie nur Panzersoldaten des Gro- besondere über den Weg nur verschwom-
weil es einen anderen Weg für eine wirkliche
ßen Vaterländischen Krieges sie erlitten, mene Vorstellungen. Es kam eine Art naiver
(haben wir sie etwa deswegen aus Afghani- Rousseau-Geist auf, und man entwarf etwa
Verbesserung der Lage nicht gibt.
stan abziehen lassen?) die gesellschaftliche folgendes Bild: Es reicht, das Joch des admi-
Der weitere Werdegang dieser optimisti- Atmosphäre elektiisiert haben. Unsere nistrativen Kommandosystems abzuschüt-
schen Variante wird direkt von den beiden gefährliche Gewohnheit iedoch, alle teln (dieser Begriff nahm, wie überhaupt viele

ffit ,,TIEUE z E I r" t.90


,,allumfassende" Begriffe, bald die Bedeu_ Dabei wird meistens nicht berücksichtigt,
tung einer Beschwörungsformel an), Erosion der übereinkunft und zum völligen
um daß Versuche, der Krisenzone isoliert zu en't_
einen idealen Menschen und Bürger, wobei Zertail der Republik führen.
kommen, zu einer Akkumulation und weite_
nicht klar war, woher man den nehmen ren Verschärfung von Krisenerscheinungen Die von mehreren Abgeordneten aufge_
wollte, auf die Bühne des öffenilichen führt, besonders wenn man sich vor Aulen stellte These ,,Rußland tritt aus der RSFöR
Lebens entlassen zu können. Das problem führt, daß es bei uns so gut wie keine moio- aus" würde auf die USA übertragen bedeu_
schien eben nur darin zu bestehen, ihm nationalen Territorien gibt, mit Ausnahme ten, daß jemand den Austritt der ängelsäch-
uneingeschränkte Handlungsfreiheit einzu_ von Armenien und bedingt auch Litauens. sischen Bevölkerung aus den Verlinigteir
räumen, wobei sich das übrige dann schon Deshalb provoziert auch jede Konsolidie_ Staaten verkündet hätte. lm einen wiö im
finden würde. Der Konflikt zwischen Bevöl_
anderen Fall haben wir es mit einer ethni_
kerung und Genossenschaftlern, haupt_ schen Gruppe zu tun, die zum Urheber und
sächlich in der Schattenwirtschaft gioß Der Verlauf der zum integrierenden Faktor eines bestimm_
gewordenen,,Wirtschaft sexperten,,, und die
Rekrutierung der Kriminellen-Armee infolge politischen Prozesse wird ten Staates geworden ist. Wenn man sich
nun von der ldealisierung des historischen
einer originell aufgefaßten HumanisieruÄg immer mehr durch die sich Verhaltens einer dieser Nätionen ins andere
der Arbeit bei den Rechtsschutzorganei
sind nur der sichtbarste und allen gut vertiefende Krise und ihre Extrem stürzt und die administrative Besei_
tigung eines historisch gewachsenen Gan_
bekannte Teil der Ergebnisse, durch die jeine
naiven Experimente gekrönt wurden.
Verlagerung auf zen betreibt, setzt man damit einen destruk_
Eine weniger augenscheinliche aber sehr das Terätoriüm der tiven Prozeß in Gang, bei dem die Folgen,
viel weiter verbreitete und auf längere Sicht horrende menschliche Opfer und Zeräto_
bedeutsamere Folge dieses vereinfachen_
RSFSR bestimmr rung eines gewachsenen volkswirtschaftli-
den Schemas war die Vorstellung, lndivi_
duum und Volk könnten sich nur befreien,
I chen Ganzen, absolut vorhersehbar sind.
Seine Zerstörung wird alle Völker der
wenn sie sich völlig entstaaüichten, weil die rung eines einzigen Ethnos um seine Natio_ RSFSR endgültig an den Rand der histori_
einzige politische Macht, die im Selbstbe_ nalflagge unweigerlich eine gleichgeartete schen Entwicklung und des technologi_
wußtsein der meisten Menschen vorhanden Gegenreaktion von seiten Oei ande-ren. schen Fortschritts drängen.
war, die Macht eines gewaltigen, zentrali_
sierten Staates, eines Leviathan, war. Dabei
Darüber hinaus kommt in einem Auf diesem Territorium kann außer dem
bestimmten Stadium dieses prozesses, der russischen kein anderer Ethnos als völker_
wurde jedoch nicht berücksichtigt, daß eine
sich bis jetzt an der peripherie entfaltet hat, verbindende Kraft in Erscheinung treten.
derartige Entstaatlichung nur in dem Fall auch das bislang so täuschend statische Nicht von ungefähr lst er, ungeachtet aller
positiv anschlägt, wenn sie einer Gesell_
Zentrum in Bewegung, Rußland nämlich,
schaft von Staatsbürgern und einer persön- torwürfe, großmachtchauviniitisch zu sein,
das in ethnokratischen ldeologien zu einem im lnnern seines Heaens international ein-
lichkeit mit einem ausgeprägten staatsbür-
gerlichen Bewußtsein weiten Haßobjekt geworden ist, aüf das man gestellt und hat keine gewichtigen nationa-
Raum scheinbar endlos lange negative Emotionen listischen ldeologismen.
öffnet.
Anderenfalls verkehrt sich diese Befreiung abladen kann.
Der russische Ethnos, der keinesfalls
vom Über-Staat leicht in eine Entsozialisiel ln diesem Stadium befinden wir uns jetä weniger als andere erduldet hat, ist nicht nur.
rung des Einzelnen, für den das Abreißen gerade, und die Vertiefung der Kriseher_ berechtigt, sondern hat, wie jedes andere
gewachsener politischer Bindungen, die scheinungen, die Krise der Einheit auf dem Volk auch, die pflicht, im Namen der
Desintegration des Staates als öolchem, Territorium der RSFSR im neuen Jahr ein_ Zukunft seiner Kinder seine nationale und
durch nichts kompensiert wird. Die Desinte_ geschlossen, wird den allgemeinen Verlauf kulturelle ldentität zu wahren. Gleichzeiiig
gration ist um so tiefer, als der frühere und des politischen prozesses in unserem Land weiß man aber auch, daß übermäBige natiol
inzwischen demontierte Konsens, in dessen in einem noch stärkeren Ausmaß bestim_ nale Selbstgenügsamkeit tödlich isi, für lhn
Namen die Völker unseres Landes einen men..Da sind die Spannungen infolge der selbst und andere Völker, die dem russi_
zwar schweren aber heroischen Weg gegan_ Annahme des Gesetzes über wirtsdhaftli_ schen Staat seinerzeit beigetreten waren.
gen sind, nicht durch eine gleich stailie neue che Selbständigkeit in den dreiOstseerepu_ Deshalb braucht dieser Staat eine neue For_
Übereinkunft ersetzt wurde und somit ein bliken und des Austritts der Kp Litauens äus mel, die erlauben würde, Nationales und
Vakuum hinterlassen hat, das nach Auffül_ der KPdSU. Da ist der Widerhall, den die lnternationales
lung verlangt.
zu kombinieren und den
Lage der russischsprachigen Bevölkerung Platz dieser Völker in der Weltgemeinschaft
Deshalb wird die ldee eines für alle in verschiedenen Unionsrepubliken findetl des 21. Jahrhunderts zu definieren.
gemeinsamen Staates, der für alle gemein- Da sind die Emotionen, die durch Flücht_
same Wege auslotet, auf denen er die Krise, lingsströme hervorgerufen werden, da ist Wollte man Bilanz ziehen, Iieße sich mit
in die er geraten ist, hlnter sich lassen kann, großer Sicherheit prognostizieren:
der Unmut, der durch das Ausmaß geweckt
unweigerlich zurückgedrängt durch die wird, in dem Einheiten des lnnenministe_ - Die Strukturkrise wird sich progressie-
nationale oder ethnoterritoriale ldee, die für rend zu einer Systemkrise auswachsen.
riums in Konfliktzonen eingesetzt werden,
den Fall einer Radikalisierung des prozesses
während sie selbst moralisch und physisch - Das Epizentrum dieser Krise wird sich
schnell zu einer nationalistischen oder qua_
schutzlos sind. Das alles spricht dafür, auf das Territorium der RSFSR verlagern.
sinationalistischen ldee werden kann.
daß wir uns der kritischen Masse nähern.
Unter den Bedingungen einer multinatio_
Eine Explosion würde allein schon der
- Diese Krise wird alsbald in sozialpoliti_
nalen Union erlangen die verhältnismäßig scher und _ geopolitischer Terminologie
mononationalen Territorien in dieser ldeä Größenordnung der RSFSR wegen pro_ ideologisiert.
eine neue übereinkunft, die mit dem zessen der Entstaailichung einen neuen
Spin-off-Effekt verleihen und das Ver_ - Die politischen Kräfte und plattformen
Grundkonsens in keinem Zusammenhang werden sich zunehmend polarisieren,
rnehr steht, sondern ihm schroff widerl trauen des Volkes in die Fähigkeit der wobei sie sich die polarisierung der nationa_
spricht. ln diesem Fall werden einzelne Regierung, das Land aus der KriJezu füh_ len lnteressen unterordnen.
Völker sich unweigerlich auf absolute ren, nachhaltig erschüttern.
Selbstbestimmung verlegen, um dann
- Unter dem Einfluß des prozesses ini
Wenn die nationale oder ethnoterritoriale Zentrum tritt eine umgekehrte politisierung
irgendwann aus dem bestehenden Ganzen ldee in anderen Unionsrepubliken zumin_ der nationalen Beziehungen an der periphei
auszuscheren, weil die nationalistische dest für einige Zeit die Rolle einer neuen ne etn.
oder quasinationalistische ldee als Werk- Konsensgrundlage übernehmen kann,
zeug in Erscheinung tritt, mit dem sich eine eines Werkzeugs für den staaflichen Auf_
-Dieser Politisierungsprozeß wächst
wenn auch illusorische, aber dafür eigene über die Grenzen der UdSSR hinaus und
bau, so können ldeen dieser Art auf dem wird zu einem mächtigen Faktor der neuen
Staatlichkeit aufbauen läßt. Tenitorium der RSFSR nurzu einerweiteren geopolitischen Lage in der Welt.

,,1{ E U E zEr r" t.eo E[


Jll,llEt WE.

- ist das
in neues Jahr beginnt den einzelnen überhaupt zu bewältigen ist?
nicht ein Anlaß, neue Man könnte meinen, leichter sei es für ihn,
Betrachtungen über unsere zu einem anderen Glauben zu konvertieren
Kinder in der traditionellen als die eigenen pädagogischen Ansichten
der NZ anzustellen?
" Nein, allesRubrik
wird das gleiche sein, und
zumindest etwas zu korrigieren. Nun bereits
ein Jahrhundert oder mehr propagiert die
nicht allzu schwer kann man prophezeien, gesamte pädagogische Literatur eine posi-
daß auch 1990 in aller Welt in allen Spra- tive Erziehung; besonders bestehen die Psy-
chen Aberhunderte von Büchern für die chologen und Soziologen darauf, die reprä-
Eltern, daß Abertausende Artikel über die sentative Untersuchungen der Ergebnisse
Psychologie der Erziehung erscheinen wer- der Erziehung durchgeführt haben; sie fin-
den - und alles über das gleiche, von dem den immer neue Argumente fur die neue
man stets schreibt und schreiben wird, da es Erziehung - doch fast alle sind nicht son-
in der Pädagogik zwei ewige Lager, zwei derlich erfolgreich.
testgefügte Parteien, zwei entgegengesetzte Doch schaut man sich das Ganze einmal
Weltanschauungen gibt. Diese Teilung
bedeutet mehr für die reale Welt als z. B.
Welches näher an. dann zeigt sich, daß es nicht
darum geht, was man erlauben und was ver-
dcr unerbittliche Kampf von Materialismus bieten soll, nicht um Disziplin und Gehor-
und ldealismus. Was war zuerst - die Mate-
lie oder der Geist? Das ist im Grunde eine
rein philosophische Frage. Doch wie man
Brotschmeckt sam, nicht um Nachlässigkeit und Unge-
straftheit, sondern um etwas ganz anderes:
um eine reiche, inhaltsvolle oder eine leere,
seirre Kinder erziehen, sich welchem päd- arme, amoralische Erziehung. Das faßte def
agogischen I-ager anschließen soll
eine konkrete Frage, eine Frage nicht für
Philosophen, sondern für Millionen Men-
- das ist
bess er? polnische Pädagoge Janusz Korczak tref-
fend in folgende Worte: ,,Wenn du Aufse.
her sein willst, brauchst du nichts zu tun...
schen. F,ine Frage, von deren Lösung das Für die äußere Ordnung, für äußerlich gute
Schicksal von Menschen, von Generatio- In unserer Fost finden sich ständig Leser- Manieren, für zur Schau gestellte Dressur
nen, von Völkern, ja von der Menschheit briefe, dereir Verfasser als eisentlichen sind nur eine feste Hand und zahlreiche
sclbst abhängt, da dies letztlich die Frage Grund für <ien schlimmen Zustand der heu- Verbote nötig... Je ärmlicher das geistige
nach Gewalt und Gewaltlosigkeit ist * was tigen Jugend, für elie zunehmende Krimina- Niveau, je dürftiger das moralische Antlitz
wird sich durchsetzen? lität die Tatsache ansehen, daß sie nicht ist. desto mehr sorgt man sich um die eigene
Doch alles beginnt einfach. auf der All- streng genug angefaßt wird. Zu selten haben Ruhe und Bequemlichkeit, desto mehr Ver-
t:igsebene, Lrei den kleinsten Fragen, mit wir Kindern und Jugendlichen ,,nein" bote und Anordnungen, diktiert von der
rlenen wir jeden Tag, iede Minute konfron- gesagt, was zu ihrer Verwahriosung geführt angeblichen Sorge um das Kind, gibt es.''
iiert werden. habe, rneinen diese Briefschreiber. Damit wird man auf Schritt und Tritt
Wir sitzen mit einem einem Jungen in Da ist er, der alte. ewige Streit: Erziehung konfrontiert. Dem Pädagogen ist stets
rtektrrschcn Nahverkchrszug. in meiner durch ,,Ja" oder Erziehung durch ,.Nein"? alles klar: Er weiß genau, was den Kindern
Haushaltstasche sind zwei Laib Brot. Er hat Erziehung clurch Unterstützung, Billigung, nicht erlaubt werden darf - und wer weiß
sich ein Stück geangelt. Na schön, denke Akzeptanz und 'Ioleranz oder Erziehung das nicht? Er kann absolut nicht begreifen,
iclr, wenn es auch unschön aussieht, imZug durch Strenge, Kontrolle und Bestrafung? was man von ihm will, warum man anderer
zu essen, werde ich ihm das nicht ein weite- I-angjähriger Tr:rdition zufolge gilt Erzie- Meinung ist als er, sagt er denn nicht das
res l',4a1 sagen, halte ich mich lieber zurück, hung durch Güte als etwas Neues (offenbar Offensichtliche? Darf man denn den Kin-
um d*n Abend nicht zu verclerben. Doch verglictren mit der biblischen Sicht der dern erlauben, alles zu tun, was sie wol-
,li:r Junge langt ein weiteres Mal in die Erziehung), eine strenge, strafende Erzie- len?
'fasche, bricht sich jetzt etwas auch vom hung aber als rlas Alte, Natürliche. Einer Solchen Leuten kann man nicht klarma-
zweiten Brot ab. Da halte ich es nicht mehr Untersuchung in den USA zufolge bekennt chen, daß wenn die Beziehungen zu den
aus, werde wütend und fauche ihn an: ,,Was sich mehr als rlie Hälfte der Eltern zur alten Kindern stärker durchgeistigt werden,
;si denn das? Du bist doch schon bald zwölf, Erziehung unri weniger a'ls die Hälfte zur wenn die Kinder in den Eltern das Streben
{illrir\t du dich nicht benehmen?" neuen L,i"zirhnrg. I)*ch foigeldes ist inter- nach Wahrheit, nach dem Positiven spü-
.,Ich !','ü 11 te n ur e inrn al probier*n, welches essant: llie Zreic der eirren wie der anderen ren, Probieme der Disziplin, von Strafen
i,ri{ri blis!ür sr;irmr:ckt", sagt der Junge. cler sind ctwa rlie glcichen. l)ie ti,rgebni:;se der und Straflosigkeit tatsächlich zweitrangig
iiiüirt' \\ilt absoiut nicht verslchen kann. f:rziehuug abcr hiingen ciruleutig nicht von u'erden.
Ich schäme rrich. Jedesmal die gleiche derr Zielen, sondern vt'rn den N,Iifteln ab. Und dann kann man, auch wenn einem
:iicschichte. Und auch im neuen Jahr wird es Wie die Situation bei uns aussieht, wissen etwas nicht gefallen hat wie bei dem Jungen
Flulderte solcher Geschichten geben, daß wir nicht. Außerdem baben die verschiede- mit dem Brot, nach einem kurzen Augen-
weiß ich schon jetzt. Und wie viele Familien nen Völker unseres Landes unterschiedli blick alles vergessen, herrscht wieder Ein-
es vor mir gab - stets das gleiche. Als hänge che Traditionen. Doch ich weiß aus eigener tracht, kann man über etwas Interessantes,
ein Fluch über mir und anderen mir bekann- Erfahrung, daß, wenn man einen Artikel Ernsthaftes sprechen.
ten Eltern: Die Kinder sind klüger, lebendi- mit dem Aufruf, den Kindern Güte entge- ... Das ncue Jahrl Schön wäre es, wehn
ger als wir, sie erforschen das Leben, ent- genzubringen, schreibt, sich dann in der sich die Menschen zu dem neuen pädaiogi-
wickeln Phantasie, sie haben spontane Hälfte der l.eserbriefe Worte finden schen Glauben, wenn sie sich zu der neuen
Ideen, sie müssen wissen, welches von zwei ,,Genau! Ich denke auch so! Danke!", die Erziehung bekennen werden - und sie wer-
gleichen Broten besser schmeckt... Wir andere Hälfte atrer mir vorwirft, die junge den sehen, wie leicht sie es dann mit den
:rber spielen uns als Zensor auf, als böse Generation zugrunde richten zu wollen. Kindern haben werden.
Zöllner an der Grenze des Landes der Kind- Der Ubergang von der alten zur neuen
hcit. wir können nur in Verboten denken. Erziehung erfolgt überaus schwer, und bis-
Das wichtigste elterliche Wort ist ,,nein". weilen kommen einem Zweifel, ob er für Simon Solowejtschik
g ,.IIEUE zErr" 1.90
MOSKAUER HEFTE FUR POIITIK ,,llEUE ZElTrtr
Ein aktueller Uberblick über das neue Denken,
Glasnost und Perestroika
Die ,,Neue Zeit" bringt Beiträge sowjetischer und ausländischer Politiker, namhafter Wissenschaftler und Schrift-
steller, ftihrender Journalisten, ferner Interviews, Überblicke, Korrespondenzen, Reportagen und Glossen.
Die ,,Neue Zeit" erscheint in zehn Sprachen; russisch, deutsch, englisch, französisch, spanisch, portugiesisch, ita-
lienisch, polnisch, tschechisch und griechisch. Sie hat Leser in mehr als hundert Ländern.

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,,1rEUI ZEII" t.e0 tr


Nächdem uns Solshenizyn und Orwell zugänglich geworden
sind, bewältigt unsere Gesellschaft die Tragödie ihres verhafte-
ten Bewußtseins

Von einem Alpdruck befreit


Alexander Pumpjanski
eistesfreiheit ohne Einheit der Zivilisation ist Regenten und Gesetzgeber von einer aggressiven l-oyali-
nicht möglich. Beide Begriffe sind nicht von- tät und ehrlich überzeugt von der ewigen, weitestgehen-
einander zu trennen. Die geistige Freiheit den und weltweiten Richtigkeit des offiziellen Stand-
stirbt an nationalen, sozialen und anderen punkts. nattirlich nur solange. wie er nicht geändert wird.
Grenzen. Eine geeinte Zivilisation hat ein Entsprechend intolerant hat sie sich jedem ander,en
Verständnis dafur, daß es keine Propheten im Standpunkt gegenüber zu verhalten.
fremden Land gibt. Wahrheiten, auch wenn Die Unzahl niederer Wahrheiten gibt es nicht, es gibt
ffi$ne erstaunliche sie am anderen Ende der Welt durchlitten und erkannt nur die von oben offenbarten Wahrheiten, wobei der sich
sind, werden von allen gebraucht. prostituierende Joumalist Herold dieser einzigen Wahr-
Tatsache: Gestern In meinem letzten Beitragx schrieb ich, daß die Ver- heiten ist, die er auf Märkten und Plätzen vor der lau-
ffiüch wargn öffentlichung von ,,Archipel GULAG" im vergangenen schenden, von Wachposten umstandenen Menge zu ver-
bestimmte Namen, Jahr der Höhepunkt bei der Überwindung einer mund- künden hat. Alles, was diesen höchsten Wahrheiten
leieen und Bücher tot gemachten Literatur war. Schicksal und Persönlich- widerspricht, ist Lüge, Verleumdung, staatsfeindliche
keit des Autors gaben dieser Tatsache ihre besondere Propaganda, Ausgeburt eines feindlichen Hirns, subver-
frir uns tabu. Kaum dramatische Note. Ein ebensolcher Höhepunkt war sive Tätigkeit des ideo_logischen Gegners, für den es keine
sind sie an die auch die Veröffentlichung von George Orwells ,,1984'?. Gnade geben kann. I-Iberall ist der Wachposten ein not-
Öffentlichkeit In der Literaturzeitschrift ,,Nowy Mir" sind beide wendiges Element dieser Landschaft.
gelangt, scheint es Bücher aul Russisch erschienen, in einem Fall, als wäre Geistige Prostitution ist eine Ableitung des sozialen
nichts gewesen, im anderen däch schwerem Ringen. In Auftrags. Das Ausmaß, in dem die offiziell geforderte
uns, als seien sie
beiden Fällen jedoch ohne überflüssigen Lärm. Das Wahrheit und der gesunde Menschenverstand auseinan-
immer mit uns gehört heute dazu, denn unsere beste Literaturzeit- derklaffen. ist ganz verschieden. In den schlimmsten Epe-
gewesen. wir kön- schrift hat ihre Mission klar erkannt. Mit bewunderns- chen betrug es 180 Crad. Mit um so größerer ÜTberzeugt-
nen uns überhaupt werter Würde und Gelassenheit macht sie uns mit Namen heit mußte der sich feilbietende Schreiber den Obrigkeits-
nichtvorstellen, wie und Begriffen bekannt, ohne die geistige Entwicklung standpunkt erhärten und seine Richtigkeit mit patheti-
undenkbar ist. Eine Gesellschaft, die auf ihrem histori- schem Stimmaufwand und rigoroser Entlarr.'ung .jedes
wir ohne'sie aus- schen Weg viele eigene Werte verschleudert und sich von Andersdenkenden unter Beweis stellen. Dem Nutznießer
komm'en konnten. den Werten änderer abgewandt hat, braucht eine solche der geistigen Prostitution wiederum oblag die Gewährlei-
Damit wäre wieder Kulturträgerschaft besonders dringend. stung von Umständen, unter denen jedes abweichende
einmalbewiesen, Denken verdächtig und abschreckend aussah, wie eine
daß Geistesfreiheit Was urbdrölrlt moralische Verimrng etwa, eine psychische Deforrnation
oder am besten gleich wie ein Staatsverbrechen.
ein natürlicher db,ubuersiverr librfrrf? Molotow wurde mitgeteilt, daß seine Frau ein Volks-
Zustand ist. Unna- feind sei. Er mußte bis an sein Lebensende mit dieser
türlich dagegen Es ist interespant, die Metamorphose unserer Einstellung Wahrheit leben, sie als seine eigene akzeptieren und
diesem Schriftsteller gegenüber zu verfolgen, der mit sei- durfte mit keinem Atemzug verraten, daß er mit ihr'etwa
sind Reglementie- nen Antiutopien und Mahnromanen zum Thema eines nicht einverstanden war. Wenn das Schicksal selbst der
rungen und ein dämonischen (ganz im Sinne des Bibelwortes von den Diener dieses Staates so aussah, was soll man dann erst
starrer, auf die' Dlimonel, die zu Schweinen wurden), eines Arbeitsla- von seinen Untertanen sagenl
Wand gerichteter ger-Sozialismus klassische Werke geschaffen hat. In einem afrikanischen Staat erweist sich dessen Ober-
Blick. Wie immer ist die natürlichste und am wenigsten ver- haupt als Kannibale. Das zu erwähnen, gilt als unfein. Es
fälschte die erste Reaktion. Der Autor von ,,Die Farm der könnte den jungen Nationalstaat verärgern und einen
Tiere" und ,,1984" ist ein widerlicher Verleumder und Schatten auf den Entkolonialisierungsprozeß werfen.
Denunziant! Verbieten! An unserer viele Tausende von Also schweigt unsere ganze Presse wie ein Mann.
Kilometem langen Grenze gab es kein scheußlicheres In anderen Ländem, die uns schon näher sind, können
Untier als diese beiden Bücher. Sie wurden geheimen offen monarchistische Regimes mit absoluter Macht und
Anleitungen von Diversionszentren gleichgesetzt. Die Thronvererbung installiert werden. Wenn es soweit ist,
Umfomrung von.literarischen..Pamphleten in subversive werden die Despoten angeprangert. Bis dahin jedoch
Literatur ist nur auf der Ebene von geistiger Prostitution herrscht einvernehmliche Pietät. Sonst könnten die,,brü-
möglich, denn die Reaktion selbst entspringt dern Wieder- derlichen Beziehungen" Schaden nehmen.
erkennen. Worüber hätte man sich sonst so aufuuregeir? Ideal wäre es, fürjede WahrheiteineneigenenKünderzu
Geistige Prostitution ist ein hochinteressantes Phäino- haben und, wenn man die Wahrheit wechselt, auch die Per-
men, das besondere Aufrnerksamkeit und eingehendes son auszutauschen. Die geistige Prostitution ist jedoch des-
Studium lohnt. Zunächst einmal muß sie absolut unab- halb so tauglich, weil sie bereit ist, die Wahrheit ohne rot zu
hängig sein, von der Realität, versteht sich. Was auch werden und ohne den leisesten Alflug von Zweifel zuwech-
immer in Wirklichkeit, in der erlebten Realität, seln. Sie wird zu denen gehören, die den Wechsel als erste
geschieht: Das Berußtsein des Soldschreibers muß sich rechtfertigen. Einwände wie ,,Gestem habt ihr doch noch
*"lm Schlaf oder bei davon frei machen können, was es mit eigenen Augen gesagt..." weist sie als viel zu naivzurück, weil sie der.niede-
sieht und mit eigenen Ohren hört. ren Sphäre des gesunden Menschenverstands angehören
wachem Bewußtsein?"
Zweitens muß sie vollkommen loyal sein. Und zwar und sich deshalb ftir die höhere Politik nicht eignen . Sie weiß
NZ 5211989 nicht einfach nur loyal,. sondem in ihrem Verhältnis zum die höhere Vernunft hinter sich, die unvergleich-

Etrt.90
Zeichnung : Alexander Dshikija
liche Kunst derdialektischen Vivise kriin. .lil in Polen, aber wieder nur als eine Erscheinung
geeignet ist, mit dem geschriebenen Wort wie wenn nicht zufälligen, dann zumindest eindeul Schüchüerne $chüler
mit der Axt. jede Einheit in ihre poläriräten tig ungesetzlichen Charakters wie die polni_
zu zerlegen und das Innere jeder Erscheinung sche Gewerkschaft ,,solidarität,, (als sie noch in der Geschlclrbklasse
wie eine Socke nach außen zu kehren. Für dei für ungesetzlich angesehen v,urde). so daß sich
Extremfall hat man immer noch eine versöhn- Die von Orwell entworfene Antiutopie hat tat_
herausstellt. daß Orwell auch vor einer Entfes_
liche Antwort parat: ,,Zum gegebenen Zeit_ sächlich einen elirekten B ezu1zlruns, zu unse-
selung gewerkschaftlicher Leidenschaften rer Geschichte und unserer gesellschaftlichen
punkt war das richtig.,, Also mußte das, was gewarnt hatte.
gestern noch als schwarz bezeichnet wurde, Praxis. Deshalb müssen wir äe erst recht ken-
Das raffinierte Bewußtsein ist auf seine Art
obwohl heute für alle offensichtlich ist. daß ei nen.
sehr mutig. Es opfert der Sache von heute die
weiß war, gestern auch als schwarz bezeichnet Wir müssen uns ein für allemal Klarheit dar-
Anerkennung von morgen. Es weiß genau um über verschaffen, was antisowjetische propa-
werden. Das unnachahmliche und unwider- die Beschränktheit seiner Entdecliung, um
legb_are Argument ,,Zum gegebenen Zeit- ganda und was antisozialistische Wirklichkeit
seine durchtriebene Kompromißhaftigkäit, es
punkt war das richtig,. garantiört dem Adep- ist, Ist zum Beispiel die Wahrheit über das Jahi
weiß, daß früher oder spärer jedes Woit auf die '1937
ten dieses Gewerbes Behaglichkeit in jedär zum ersten oder zum zweiten zu zählen?
Coldwaage gelegt wird. lhm kommt es aber
Lebenslage seiner Generatiön und entbindet Was muß rnan eigentlich bekämpfen?
darauf an, einen Durchbruch aus der Sack- In-zwischen haben wir uns zum Glück von
ihn bei neuen Umdrehungen des Rades der gasse von heute zu erzielen.
Geschichte seiner Pflicht, zu bereuen und sich der Uberzeugung gelöst, daß der ganze Cold-
Das raffinierte Bewußtsein hat ein sutes vorrat der historischen Wahrheiiin unscren
zu entschuldigen. Werk vollbracht: Es entriß Orwell der fabLr- Schatzkammern verwahrt wird, daß alles, was
zone und wusch ihn von, wenn Sie so wollen.
Fdrng gerichtlichen Anklagen der Vergangenheii
bei uns gemacht wurde und gemacht wird, voll-
kommen und einzig richtig sei. Eine ehrliche
rein. Durch seine Argumentation-hat"es die
nach lnnen Denkrätigkeit des Lesers angeregt. denn die-
und kritische Analyse von anderer Seite kann
uns nicht erniedrigen, sie kann uns helfen. Nur
ser ist nicht verpflichtet, doit haltzumachen, ein defizitäres Bewußtsein wird eine ernsthafte
Gestern war Orwell ein vermaledeiter wo die Kritik stehengeblieben ist, sondern ei Wamung deswegen in den Wind schlagen, weil
Schmutzfink. kann weitergehen, unter anderem auch in
Zwischen gestern und heute gab es eine sie zu schreckliche Aussichten cröffnel.
einer andcren Richtung, getrieben durch die In der Geschichtsklasse waren wir zu schüch-
gewisse Grauzone, eine Abend--oder Mor_ Energic der Verweigerung. Es hat den Autor
gendämmerung, in der plötzlich Zwischen_ terne und zu einfältige Schüler. Historisches
rehabilitiert. Von einem politischerr Verbrccher Aufbauwerk und Vielgcstaltigkcit dcr Welt rcdu-
töne durchdrangen, Der gesunde Menschen- und Diversanten wurde er zu einem schlicht
verstand erwachte. Warum sollte man aertcn wir auf cinen Dualismus mit diabolischen
andersartigen Schriftsteller, der in gewisser Elementen: Kapitalismus-sozialismus, was für
Orwells Werk eigentlich auf sich selbst, auf Hinsicht,sogar akzeptiert werden ka-nn, uncl
uns Heutige beziehen? Vieles haben wir uns gleichbedeutend war mit Gut und Böse,
zwar insofern er die Zustände bei sich kriiisiert Reaktion und Fortschritt, Finsternis und Licht.
schon in unserer stalinistischen Vergangen- hat, die für uns andersartig sind und dadurch
heit hinter uns gebracht. Anderes ha-beriwir Selbst wenn man sich auf den Bereich der Wirt_
gewissermaßen noch fremder wurden.
noch nicht erreicht, wie etwa die Vercompu_ schaft beschränkt, ist dieses Schema untauglich.
Das war ein nicht zu unterschätzender Es sagt erst recht nichts aus über die poliäsche
terisierung der totalen Erfassung. Warlm Schritt. Der wichtigste Schritt aber, Orwell
sollte man also, was in der Absichtäes Autors Herrschaftsform und das soziale Klima.
selbst und nicht seine Interpretatoren zu druk-
eine universale Antiutopie war, eine Mah- Völlig verschiedene Länder sind gleichzeitig
ken, stand noch bevor. Eine dermaßen simple
nung an die Welt und ihr Jahrhundert. nur auf zu ungeheuerlichen totalif ären Diktituren entl
Maßnahme ist solange vollkommen unrnön- arfet. Das h-eißt, es geht gar nicht um Kapitalis_
die Unbillen des Lebens auf einem Sechstel lich, wie unsere Gesellschaft eine belagerie
des Festlandsockels anwenden!? mus oder Sozialismus. Beide sind nur.zwci
Festung darstellt, mit Wehrtürmen. die nach Achsen desselben Koordinatenkreuzes. Wenn
Die geistige Prostitution wurde nun von innen gerichtet sind, und sie sich nicht zu dem
geistiger Raffinesse abgelöst. Sie interpre- man das Wesen einer Gesellschaftsform
Verständnis vorarbeitet, daß man sich nicht begreifen will, muß man sich an die Koordina-
tierte Orwell als Extrapolation einzelner von der Wahrheit abwenden darf, wie unange_
Zige der westlichen Gesellschaft, fand sogar ten Demokiatie und Totalitarismus halten.
nehm sie auch immer sein mag, daß gefährliile Die Verstaatlichung des Wirtschaftslebens
Gemeinsamkeiten mit einigen Dingen, äie Fragen nicht dann, wenn man sie stellt, gefähr_
auJ sozialistischem Boden stattfandön, etwa und das Machtmonopol können den Nährbo_
lich sind, sondern wenn man ihnen auswäicht. den für eine Despotie abgeben. Diese traurige

,,il8üE Zt tr"t"g0 E
Wahrheit sollte man gelten lassen, und zwah, das ganze System vor einer übermäßigen Ver-
nicht um Sozialismus automatisch mit Diktarur \ *- gesellschaftung, einer Sozialisierung des Kapi-
gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil. Das ist talismus bewahrt.
notwendig, um den Eigenwert der Demokra- Oder nehmen wir die vernünftigen Paradoxa
tie, die Unveräußerlichkeit der Freiheit und einer sozialdemokratischen Regierung. Ihre
den Vorrang der menschlichen Persönlichkeit doktrinäre Liebe zum Sozialisrnus macht sie
als Voraussetzung für eine gesunde Gesell- nicht blind ftir die Einsicht, daß man das kapi-
schaft zu erkennen. Jeder Eingriff in diese talistische Huhn nicht schlachten darf. Sobald
zerbrechliche Sphäre muß einen SOS-Ruf aus- es aber nur noch unregelmäßig Eier legt, wird,
lösen. Nur die Freiheit kann den Sozialismus
vor Entartung schützen.
Damit der Same des Totalitarismus
nicht aufgeht, sind demokratische Garan- Realeinkommens in diesem Land sehrviel
tien, doppelte, dreifache, zehnfache weniger weit aubeinanderklafft als in der
Garantien vonnöten. Ein ehrliches UdSSR, obwohl uns der Hang zu Gleich-
Bewußtsein ist die allererste Garantie. heit in der Armut längst in Fleisch und Blut
Insbesondere eine Literatur, die keine übergegangen ist.
Tabuzonen kennt, die nirgendwo einge-
schräinkt wird, weder im Realismus ihres Recht aulUerweigerung
Materials noch in der Phantasie ihrer
Schlußfolgerungen. Welche Garantien gibt es gegen Totalita-
Wollte man mit Orwell polemisieren, rismus und ftir wen müssen sie gewährlei-
könnte man genauso gut das Rote Buch stet sein?
bekämpfen. Man darf es nicht verbieten. Für das Individuum. Vom Staat.
Das Orwell-Verbot hat diese Wahrheit Koestler formuliert sein Anliegen wie
nur bestätigt. Man kann allenfalls versu- folgt:
chen, ihn seiner Aktualität zu berauben. ,,Es soll ein Roman über vier oder ftinf
Übrigens werden alle Warnungen zu eben politische Gefangene in einem totalitären
diesem Zweck ausgesprochen. Land werden. Als zum Tode Verurteilte
haben sie die Grenze der gewöhalichen
Wechsellälle lauern und tragischen Seinsebene hinter sich
gelassen und lassen vor ihrem Ende noch
aul die ldee einmal ihre Vergangenheit an sich vor-
überziehen. Sie sehen, daß sie wirklich
Das ehrliche Bewußtsein fürchtet nichts schuldig sind, allerdings nicht der Verbre-
und zieht alles in Zweifel. Ist Stalin der chen, ftir die man sie verurteilt hat. Ihre
Lenin von heute oder der Anti-Lenin? Ist eigentliche Schuld besteht darin, daß sie
Lenin der Marx von heute oder der Anti- die Interessen der Menschheit über die des
Marx? Auseinandersetzungen dieser Art einzelnen Menschen gestellt, daß sie der
sind so natürlich wie unausgereift. Durch Zweckmäßigkeit die Moral und dem Ziel
sie scheint immer noch sehr der Auftrag C"-g" Or*.f;. lllustration zu ,,1984,. von die Mittel geopfert haben."
hindurch, die Vorstellung von einem eugeie Michaescu aus,,Time,, Die Interessen der Menschheit, des
Menschen oder einer ldee zu retten, Staates, der Partei, einer Organisation,
selbst um den Preis des Sturzes. (Die Idee zu Warnung davor erfolgen, daß eine solche einer Kaste, einer Sekte oder Loge nicht über
retten um den Preis des Sturzes einer Persön- Kombination im Prinzip eine Uberkonzentra- die des einzelnen Menschen stellen. Was im
lichkeit, oder eine Persönlichkeit zu retten um tion von Macht nach sich ziehen kann. Augenblick einer drohenden Katastrophe
denPreiseineranderen).EintrefflicherPubli- Die Ergebnisse von ärztlichen Gutachten unvermeidlich sein kann, wobei Selbstaufopfe-
zist fand heraus, daß Stalin der Anti-Anti- darf man nicht vor sich selbst geheimhalten. rung immer noch annehmbarer ist als die Opfe-
Dühring war... Man muß sie kennen, um rechtzeitig nötwen- nrng von anderen, hat unter normalen
Hingegen sollte nicht die Unbeflecktheit der dige Maßnahmen ergreifen zu können. Ver- gewöhnlichen Umständen keine Berechti-
Idee oder eines Namens als solche uns beschäf- fügt der Sozialismus über eine positive Totali- gung. Die Moral der Kriege und Revolutionen
tigen. Dann kommt man nämlich so weit, daß tarismus-Analyse? Das heißt, wir brauchen stellt in Friedenszeiten eine Gefahr dar. Das
man sich nicht vor Christus, sondem vor dem eine sorgfältig durchdachte soziale Prophy- Recht, über fremde Menschenleben und Men-
Leib Christi, nicht vor Lenin, sondern vor sei- laxe, eingebaute Garantien. schenrechte zu verfi.igen, ist die Grundlage
nem Mausoleum verneigt. Das freie Bewußt- Der Kapitalismus weiß übrigens, daß er jeder Diktatur. Demokratie und das Recht auf
sein beunruhigt in erster Linie die historische beispielsweise Monopolismus nach sich zieht. Gewalt sind unvereinbar.
Ausprägung der Idee, ihre wirkliche Verkör- Deshalb gibt es dort eine Kartellgesetzge- Als Garantie gegen Totalitarismus würdö
perung, die Wechselfälle des Lebens also, die bun$, die den Verbraucher vor Monopolprei- ich das Recht auf Verweigerung bezeichnen.
ihr auflauern. Bis zu welchem Grad ist die Per- sen, den Markt vor dem Monopoldiktat und Es ist das Recht darauf, den eigenen Vater
vertierung einer ldee, um so mehr in ihrer nicht zu denunzieren. Das Recht, als Einzel-
schrecklichen stalinistischen Praxis, schon in bauer nicht enteignet zu wer-
der Idee selbst angelegt, in ihren Schwachstel- den. Das Recht, nicht mit Pau-
len oder in ihrer Kraft, in ihren immanenten ken und Trompeten zu mar-
Bewegungen? Die Aufgabe lautet nicht, die schieren und nicht ,,Von Mos-
Idee zu rühmen, indem rran sie im nachhinein kau bis Peking" zu singen, das
legen eine mißlungene Geschichte in Schutz Recht, bei Versammlungen
nimmt. Die Aufgabe besteht darin, aufgrund nicht nach chinesischer Manier
einer nüchternen Analyse Garantien für die Rechenschaft abzulegen, kein
Zukunft zu entwerfen. ,,Leuchtfeuer" zu sein, nicht für
Panisches Geschrei:,,Verleumdung!",,4r- den einzigen Kandidaten eines
schlag!" beleidigen nicht nur das Ohr, sie stopfen monolithischen Blocks zu stim-
Mäuler und schneiden Gedanken ab. Wir brau- men, das Recht, die Flüsse nicht
chen gerade böse Omen, Wamungen vor Gefahr, umzuleiten, sich die Naturnicht
die rechtzeitigerfolgen, solange die lrgende noch zu unterwerfen (sondern viel-
nicht zum Tschernobvl seworden ist . leicht sogar geduldig zu warten,
,,Arzte warnen: i{ächen von Thymian ist bis sie uns Almosen spendet),
schädlich!" Das wäre doch ein Motto für unsetc das Recht, Amerika nicht zu
offiziellen Foren, oder? Es gibt sehr ernst zu überholen, das Recht, den
nehmende taktische und politische Argumente moralischen Verhaltenskodex
für die Verbindung der ftihrenden Positionen in Die Frau des,,Unionsältesten" Kalinin, Jekaterina lwanowna, eines jungen Erbauers des
Partei und Parlament. Dabei sollte sofort die war jahrelang nach Sibirien verbannt worden Kommunismus oder einer

lg "il E n E z[11"t.00
/

sozialistischen Musterstadt für Nichtraucher


nicht zu teilen. Das Recht, die BAM nicht für
das ,,Bauwerk des Jahrhunderts" zu halten,
das Recht, über die Fortschrittlichkeit von
Atomkraftwerken nicht zu jubeln, über die
literarischen Kapazitäten eines ersten Sekre-
tärs des Schriftstellerverbands und selbst des
ZK der KPdSU nicht in Ekstase zu geraten.
Das Recht, ,,begrenzten Kontingenten" und
militanten (bis zu Panzern) ,,Aktionen des
Internationalismus" keinen Beifall zu zollen.
Und dabei kein Volksfeind, Dissident oder
Klapsmühlen-Kandidat zu sein.
Mangelnde Euphorie aus Anlaß der letzten
offiziellen Parole ist noch kein Grund für die
Aberkennung der bürgerlichen Rechte.
Dabei sind das nur minimale Garantien vor
Willkür. Das Recht auf Privatleben, das gegen
Übergriffe geschützt ist, ist noch keine D=eäo-
kratie, aber eine Voraussetzung für sie. Frei-
lich beginnt Demokratie erst mit dem Recht
auf Teilnahme. Je weiter das Teilnahme-Spek-
trum, je freier die Wahl, desto verwirklichter
und vollwertiger ist die Demokratie. Zugrunde Zwei Künstler, die frei geblieben sind: Wladimir Wyssozki und Michail Schemjakin
liegen muß dem aber die Gleichheit des Bür- lutionäre, die von einem großen Traum beses- ren zu Schuldnern eines ldeals erklärt worden,
gers vor dem Staat, die Gleichheit des privaten sen waren' unmenschlichen geistigen und kör- einer makellosen Zukunft, und das ftihrte zu
vor dem allgemeinen Interesse, die Gleichheit perlichen Qualen unterworfen, sondern ältere einer schrecklichen wirklichkeit.
der Menschen vor der Menschheit. Denn auf Menschen, die sich im Labyrinth der Machtin- Es gibt noch einen erstaunlichen Helden aus
Ungleichheit und Unterordnung läßt sich trigen verlaufen hatten, demoralisierte Men- der ,sonnenfinsternis". Ein ausländischer
nichts Gerechtes und Humanes erbauen. Jede schen, die erkannt hatten, daß die Idee ihres Kommunist,derimeigenenland2OJahrehin-
hochfahrende Idee entartet zu einer Erniedri- Irbens eine Niederlage erlitt. Die Tatsache,
Tatsr daß ter Gittern verbrachi aber keinen:n einzigen
gung des einzelnen Menschen. Erfolgen und Tropfen seines heiligen Glaube ns an das
sie nach allen ihren Hoffnungen,, Erfc
Das Recht auf Verweigerung ist noch lange Einsichten sich nun in der Situation hilfloser Gelobte Land des Sozialismus im Osten ver-
kein Aufruf zur Verweigerung. Es ist eine Qpferwiederfancien, denennichts anderesmehr schüttet hat. Hierhin verschlägt es ihnil sofort
Schutzmaßnahme gegen eine oktroyierte Teil- übrigblieb, ais auf die Gnade des Henkers zu hof- nach der Haft. Hier gerät ü ü6rigens
)ns genauso
nahme an einer Saclre, die von anderen für fen, bewies ih'en, wie absolut diese Niederlage schnell wieder in neuä Haft. Er ist ein Vorbild
andere beschlossen worden ist. war. Henker und Opfer. Heute sind für uns die an Unbeugsamkeit, niemand kann ihn brechen,
Wir finden heute Gefallen an dem Wort prinzipiellen Verschiedenheiten ibrer Ansichten denn er wäiß, selbst wenn er nie wieder in die
,,schicksalsträchtig". In der Geschichte unse- wie übrigens auch die l"fbereinstimmungen von Freiheit und in sein Gelobtes Land gelangt: selanst: Es
rer Wirklichkeit gab es schicksalsträchtige ledeutung, um zu begreifen, ob die Ideen mögli- existiert trotzdem, es kämpft für ihn]er kän es
Ereignisse. Warum aber waren Ausländer die cherweise aadere Verkörpemngen hätten her- sogar mit verbundenen Äugen au f eine Karte
besten Chronisten unserer schicksalsträchti- vorbringen können. Hier fand kein Kampf zwi- zeichnen. Er hat begriffen, was für fu ein Mißge-
'gen Momente? Der 3Ojährige John Reed hat schen Rittern des Lichts und dem Fürst der Dun- schick mit ihm geschehen ist. Als er, aus kapiia-
.über unsere Revolution geschrieben wie kein kelheit statt, denn Stalin war einer von ihnen, und listischer Haftsirafe entlassen, sich in das iand
. einziger russischer oder sowjetischer Journa- was immer wir heute denken mögen, sie haben es der Freiheit aufmachte, ist er irrtümlicherweise
list. Arthur Koestler hat den Amoklauf der sta- gewußt, bisschicksaluniKampf,sieschieden. Er
nicht in den richtigen Zug eingestiegen...
:.linistischen Reaktion, den Triumph einer Dik- war unbedingt der tückischste (oder vorausschau- Dieser wahnsiniige Idöaüstleidei unter eiler
wahnsinniee Idäaüst
tatur von der Natur gemalt. Bis heute gibt es endste?), derpriruipienloseste (oderkonsequen- besonderen Form vön Verrückthe it: Während
'weder in Parteidokumenten, in Geschichtsbü- teste?) von allen, der vor nichts zurückschreckte er in der Dunkelheit gefesselt lag, hat sich die
chern noch in den literarischen und publizisti- (alsobereitwar,weiteralsalleanderenzugehen, Lebensachse verscho6en. Er bäwahrte nrte serile
schen Enthüllungen der letzten Zeit, vor deren aber immerhin auf dem Weg, den sie so lange AnsichtenungeachtetallerPrüfungenundhiett n und hielt
.Mut wir solche Angst haben, so präzise Ein- gegangen waren). Was sollten sie also sie
zusammen gegangen ie heilig.
heilis. Schlimm war nur
nur. daß die Wirklich-
schätzungen des Stalin-Regimes, der Komin- noch tun, als auf diesem Weg vor ihnen der
keit sich in fataler Weise verändert hatte. Aus
,,tern, der alten Garde, die umgedreht wurde... Abgrund
Abgrund gähnt te? Hätte wenigstens einer von
dem Jahr 1917 wurde Rip van Winkle ohne
"llas Rätsel des Jahrlrunderts ihnen ein Stück Leben nach dem Tod erhalten, Umzusteigen in
das Jafu 1937 beförtlert.
die Möglichkeit, nach dem Ende weiteranden- AnderebiachtedieStrömungderZeit dorthin,
ken. die Ursachen des Zusammenbruchs zu aberaher viele von ihnen glaubten oe.r,r. wie er
olarrhfin genauso
Das Rätsel des Jahrhunderts ist die Frage, erkennen, den ganzen$eg zu bescbreiben und nicht dem. was sie sahän, sondein dcm, wrs sie
warum die alte Garde von Revolutionären sich sein Herz auszuschüttenl.. . Der vorsichtige Stalin glaubten.
1937 und in anderen Jahren so unerklärlich gab keinem diese Chance. Was wollen wir also, Arbeitslager-sozialismus ist mehr als nur das
verhalten hat, sich widerspruchslos vor den damitwenigstensnocheinergegenEndeausruft: Arbeitslagei, es ist auch noch Bewußtsein, in l
Menschen und vor der Geschichte verurteilt ,,Undsiedrehtsichdoch!"Wennsiesichaberauch ein Reservat von streng geregelten Gedankcn
dreht, dann dreht sie sich eindeutig nicht in der
I

und sich unsinniger Verbrechen ftir schuldig hinter den Stacheldrahiös ofhziellen Doenras
erkannt hat. Arthur Koestler und Alexander richtigen Richtung. lm Augenblick des Weltun- gescheucht. " I

Solshenizyn helfen, die Antwort zu finden. tergangs(des,,FongangsindieDunkelheit"nach Die Tragödie des verhafteten Bewußtseins I

Sicher, da waren die Foltern, die unerträgli Koestler)warihnenwenigstensdasabsolutldar. schleppte sich über Jahrzehnte hin. Jetzt cncl- |

chen Schmerzen, die extreme Erschöpfung MännerwieJohnReedoderArthurKoestler lich kömmt Licht in die Dunkelheit, und wir I

und vor allem der moralische und psychologi- waren a-ufrichtige Zeitzeugen. Sie waren inter- fangen an, uns merkwürdige Fragen über unse-
sche Terror, die Angst um Verwandte und siellcn.
|

essiert, fühlten mit, waren von einer Idee beses- ren historischen Werdesais zu I

Angehörige, der hoffnungslose aber verständ- senundsogarbeteiligt,bewahrtensichabervon Vielleichtsindauchüirn'ichtinclenrichriscn I


, liche Wunsch, sie vor dem eigenen Los zu Anfang_an ihre unabhängigkeit, hielten sich Zug eingestiegen? wo ist dann unser Zig? |
bewahren. Die Selbstbeschuldigung war unter von Anfang an immer noch eine Entscheidung Steht unser Panzerzug vielleicht auf deir
Bedingungen so viel wie eine Selbstop- offen. Aus diesem Grund waren sie objektive Absteltgleis? Alle Ztigeiind schon abgefahren,
"diesen l
ferung. Trotzdem, was gehörte dazu, daß Z,9tryery Eine Idee war es , die sie bewegte , vor an uns vbrbeigerattert und haben im V-orbe i flie -
, erprobte und gestählte Kämpfer, die durch allem aber waren sie Boten der Wirklichkeit. gen neue Koituren gewonnen. Und wir siucn
|
I

r zaristische Gefängnisse und


Verbannung Beiallihrer.neuenlvlitgedssenheitundEinbe- lnmer noch in unse'rem panzevug. und der
rgegangen waren, sich so verhielten? Nur daß zogenheit blieben allgemein menschliche Wert- steht auf dem Abstellgleis. I
i

'zaristische Gefängnisse .und Verbannung vorstellungen die Grundlage ihrer Weltan- Wir kehren auf das Hauptgleis zuruck. Darin j

gegenüber vergleichbaren Ortlichkeiten unter schauung. Dazu gehörte auch die Wahrheits- liegt der in die Zukunft wäiGnde Sinn unserer I
',Stalin wie Erholungsorte wirkten. Das zum treue. Wahrheits-treue kommt vor treuer Vdränderungen.
einen. Zum anderen wurden nichtjunge Revo- Pflichterftillung. Ganze Generationen wa- " m
I

"lttuE zErr"l"so m
Behörde ausgestellt Organisationen und ein- Darts erfunden. Das bei
wurde, Visa der jeweili- zelnen Bürgern verschie- den Briten äußerst

s gen Länder, die er sich in


deren Botschaften
holte, und eine gehörige
dener Länder zu schla-
gen. Der Fonds verlieh
Schawrazki den Status
beliebte Wurfpfeilspiel ist
inzwischen zu einer inter-
nationalen Sportad a'ran-

o Portion Hadnäckigkeit.
Sergej hatte sich an den
Volksdeputierten Viktor
Kissin mit der
gewandt, warum man
Frage
seines,,Botschafters" und
beauftragte ihn, während
seiner Reise die Route für
die ,,Karawane des Frie-
ciert. Der lnternationalen
Darts-Föderation gehören
bereits Verbände aus B0
Ländern an. ,,Es ist nicht
\ dens" auszuarbeiten, die ausgeschlossen, daß baid

$ ihm denn die freie Aus-


reise venrveigere, wo das
doch nicht
nächstes Jahr zum ersten
Mal gestartet werden soll.

n
auch die UdSSR dieser
Föderation beitritt", meint
der 2Sjährige Nail Aksja-

s
gesetzlich
verboten sei. Der Abge- now, der kürzlich zum
ordnete leitete diese Präsidenten der Assozia-
tion der Dads-Klubs der

o
Frage an den lnnenmini-
Der erste Sowietbürger, ster der UdSSR Wadim UdSSR gewählt wurde.
der schon vor der Bakatin weiter. Darts begann seinen Sie-
Annahme des neuen Bei der Organisation geszug durch die Sowjet-

g Reisegesetzes der
UdSSR ohne Einladung
ins Ausland fahren darf,
ist der 38jährige Sergej
seiner Tour wurde er
vom Fonds der Volksdi-
plomatie unterstützt.
Diese kürzlich gegrün-
union dank der britischen
Firma UNICORN, die im
Januar v. J. 250 Garnituren
des Spiels an SOVINTER-

o Schawrazki, ein Radio-


physiker von der Univer-
sität Gorki. Für seine
dete außerparlamentari-
sche Organisation hat es
sich zum Ziel gemacht,
SPORT übergab. Alle wur-
den unter lnteressenten
verteilt, die lernen wollen,

a. Autoreise durch 14
europäische Länder
reicht ein Reisepaß, der
ihm von der örtlichen
humanitäre
zwischen staatlichen
und
und
geschäftliche Brücken

nichlstaatlichen
Man sagt, König Heinrich
Vlll. von England habe
ffeile aus einer Entfernung
von acht Fuß (2,4 Meter)auf
eine Zielscheibe von 46
Zentimeter Durcnmesser
zu werfen.
Wie Pilze sind inzrvi-
schen in Moskau, Lenin.,
grad, Kiew, Odessa und
anderen sowjetischen
Städten Darts-Klubs aus
dem Boden geschossen.
,,lch selbst habe erst
vor ein paar Monaten
zum ersten Mal einen
Wurfpfeil in die Hand
genommen", sagte Nail
Aksjanow, der für einen
hauptstädtischen Klub
an den Moskauer Mann-
schaftsmeisterschaften
teilnahm, ,,Hinsichtlich
der Erreichung eines
psychischen Gleichge-
wichts erinneft Dads an
die Gymnastik des
Ostens, hinsichtlich sei-
ner Leidenschaft an Rou-
lette."
Den ersten Preis des
Turniers gewann die
Mannschaft der Mos-
kauer Genossenschaft
,,Poisk", die im Finale die
Vertreter der lnternatio-
nalen Darts-Liga
bezwang. Übrigens etellt
,,Poisk" als erster sowje-
tischer Betrieb Darts-
Garnituren her, die in den
Sportgeschäften Mos-
kaus verkauft werden.

,,Mit geschlossenen

@ "llIuI zEtr" r.sr -


sächlich zutrifft. Er leitet den
in der UdSSR einmaligen
Lehrstuhl für sowjetischen
Gesellschafisaufbau an
der Unionshochschule für.
Rechtswissenschaft im
Fernstudium.
Neben seinerTätigkeit als
Sowjetologe schreibt Besu-
glow noch Kriminalromane.
Der habilitierte Doktor der
Rechtswissenschaften und
Vizepräsident des Sowjeti-
schen Verbandes des politi-
schen und Kriminalromans
trat für die Herausgabe der
30bändigen Serie,,Sowjeti-
Augen hätte man anneh
men können, Tina Turner
persönhcn sei nach Sopot
gekomnren", sagte ein
polnischer Musikkenner
nach dem Auftritt der
#k
S'iüor'
sowjetischen Sängerin
Olga Kormuchina.
Der Absolventin der
Gnessins-Musikschule
war es nrcht gelungen,
beim Fernsehwettbe-
werb junger lnterpreten
,,Jurmala '86" auf sich
aufnrerksam zu machen.
Dafür attackierte sie als
Bandleader von ,,Kras- scher Krlminalroman" ein,
naja Pantera" das Heavy- zu der die nach Lesermei-
Metal-Publikum beiin nung interessantesten
Festival,,Vy'eter Pere- Werke gehören sollen. Ana-
men" in Dneprope- toli Besuglow ist der
trowsk, wo sie den Grand Ansicht, daß die Behaup-
Prix erhrelt. Und wieder tung, Kriminalromane wür-
drehte sich das Glücks- den Gewalt, Rechtsverlet-
radr Pech beim Festival zungen und einen schlech-
.,lnterchance", das von ten Geschmack kultivieren,
.,Meshdunarodnaja Kni- absurd ist. ,,Da könnte man
ga" veranstaltet wurde, ja auch behaupten, Kriegs-
um ausländische Produ- romane würden zum Blut-
zenten für sowjetische vergießen aufrufen. lch
Rockgruppen und lnter- wollte, als ich zur Feder
preten zu tnteressieren. griff, von Tragödien und
,,Wozu brauchen wir eine gebrochenen Schicksalen
zweite Tina Turner?", berichten, die in abgewetz-
fragte Thec Hartl, Leiter ten Ordnern mit Strafsa- cius mit dem Mimen- innere Bruch, den er in Das lntertheater reizle
des Studios ,,Red Line",
das in dei BRD
chen versteckt sind. Wollen Theater
verbunden. diesen Jahren durchlebte ihn durch die Mögtichkeit,
eine wir etwa, wenn wir davor Heute ist der 44jährige und der mit der Gewöh-
Platte der sowjetischen bei der lnszenierung der
die Augen verschließen, Regisseur einer der Lei- nung an neue, den eige- verschiedenartigsten
Rockband .,(',ruise" her- das alles zurückweisen, ter des neuen lnterthea- nen so unähnliche Tradi- Stücke seine Kräfte zu
ausgebracht hat. was in der Gesellschaft ters.
t3lga Kormuchina tionen im Zusammen- erproben: Dramen,
passiert ist?" Die erste Wende in sei- hang stand, hatte auch
bemüht sich um einen Opern, Ballett... Seine
nem Leben erfolgte vor 23 gute Seiten: Die Verbin- wichtigste Aufgabe sieht
eigenen Stil. Sre verließ Jahren, als der Diplom-
inzwischen .,Krasnaja
dung zwischen litaui- der Regisseur darin, dem
chemiker zum Jugend- scher Epik und slawi- Theater seine ursprüngli-
Pantera", wo man heavy theater von Vilnius kam.
weiterspielt, und ging schem Gefühl wurden che Konvention wieder-
Er spielte Nebenrollen später zu einem der inter- zugeben, die es in den
zum Liedertheater von und nahm an Massensze- essantesten Züoe im
Alla Pugatschowa. Hier letzten Jahren verloren
nen teil. Als später eine Schaffen von Mäckevi- hat. ,,Das Theater
gründete sie die Gruppe Pantomimentruppe gebil-
muß
cius. 1973, noch als Stu- sich nicht mit der Publizi-
,,G-.lla", wodurch sie ihre
gute Kenntnis von Bulga-
det wurde, ging er zu ihr
und wurde bald ein füh-
dent, gründete er das stik messen wollen.
kows Roman ,.Der Mei.. Mimen-Theater, das ein- Deren äußerste Konkret-
render Darsteller. 1967 hellig als Ereignis im kul- heit und Aktualität sind
ster unC Margarita" unter kürte man ihn zur besten turellen Leben gewürdigt nichts für die Bühne',,
Beweis stellt. Mime des Baltikums. Fünf wurde. ln den vergange- sagte Mackevicius.,,Die
Jahre später eine neue nen anderthalb Jahrzehn- Probleme, auf die
Professor Anatoli Besu-
Wendel Mackevicius ten war den '- Inszenie- sich das Theater konzen-
glow hält ston iur den
nimmt ein Regiestudium
an der Staatlichen Hoch-
rungen sl. großer trieren sollte, liegen im
einzigen \^/issenschaft..
Erfolg beschrruen. Den- Bereich des Ewigen
schule für darstellende noch unternahm Macke, und Allgemeinmenschli-
-
ler, auf den die Bezeich- Viele Jahre lang war der Kunst auf und siedelt vicius eine weitere chen."
nach Moskau über. Der Wende. I
,,lt UE zEtr" t,oo E
I!
I
i_
t

mus und Abstraktem geprägt ist. Tekle ist

Maskal Flower
Künstlerschicksal vor und nach der Revolution
nicht nur ein begabter Bildhauer und Monu-
mentalkünstler, sondern auch ein berühm-
ter Graphiker (Entwürfe für Briefmarken)
und Schöpfer moderner Nationalkleidung' ..
In seinem Schaffen nehmen verallgemei-
ie elegante Villa des Künstlers berühmte Slade-Schule). Tekle reiste viel in nerte Frauenallegorien einen besonderen
taucht unerwartet aufwie eine der Welt herum, studierte die äthiopischen Platz ein, in denen der Künstler symbolisch
Perle im Schmutz und gleicht Manuskripte in London und Paris sowie in das Bild seiner geliebten Heimat festhalten
einer Fata Morgana in der der Bibliothek des Vatikans. will. So seine Werke ,,Aida", ,,Maskal Flo-
Wüste. Noch vor Minuten - Sein Schicksal fügte sich für das monar- wer" und ,,Mother Ethiopia"... Die harmo-
dreckige unbefestigte Straßen, Staubfontä- chistische Athiopien selten glücklich. Er nische Verschmelzung der modernen dar-
nen bis zum Himmel, Kinder mit bettelnd erhielt einen staatlichen Auftrag für Fres- stellenden Mittel mit den Formen der mittel-
vorgestreckten Händen, auf Gaben hof- ken in der St.-George's-Kathedrale in alterlichen Kunst gestatteten Afewerk
lertd...DieZeit ist in dieser Gegend stehen- Addis Abeba. Dann für die Buntglasfenster Tekle, einen einmaligen Platz unter den
geblieben. Ist nicht vor drei Jahrhunderten in der Militärakademie in Harar. Er wird modernen Künstlern Afrikas einzunehmen.
der hier gebürtige Abram Hannibal, der beauftragt, ein Denkmal für den äthiopi- Seine Ausstellungen, die erste fand 1954
berühmte Mohr des Zarcn Petet I., der schen Nationalhelden Ras Makonnen zu statt, als Tekle noch nicht einm al22 Jahte aLt
Urgroßvater von Alexander Puschkin' errichten. Letztendlich vertraut ihm Ende war, erlebten Triumphe in der ganzen Welt,
diese Wege gezogen? Hatte es nicht vor 100 der 60er Jahre, er ist inzwischen allgemein dreimal fanden sie in der Sowjetunion statt.
Jahren den Agenten einer Handelsfirma anerkannt, die afrikanische Gemeinschaft Die anrifeudale Revolution 1974 erlebte
und genialen französischen Dichter Arthur die Anfertigung eines Buntglasfenster- Afewerk Tekle auf dem Höhepunkt seines

Rirnbaud, das ,,enfant terrible" der franzö- Triptychons im Afrikahaus in Addis Abeba künstlerischen Schaffens als reicher Mann, ,

sischen Sprache, hierher verschlagen? an. Auf 150 Quadratmetern stellt Afewerk Mitglied der Elite der äthiopischen Gesell-
Und plötzlich ein Wunder! Der Wächter Tekle mit künstlerischen Symbolen die schaft und Abgeordneter des Parlaments...
,,traurige Vergangenheit, den Kampf fur Was hat Tekle bewogen. im Land zu bleiben.
öffnet das Tor - und man gelangt in einen
wundervoll grünen Garten Eden mit plät- die Befreiung und die edlen Bemühungen obwohl sein Name enger mit dem Regime des
Afrikas in der Zukunft" dar. Mit Buntglas- Negus verbunden ist als der Name irgendeines
scherndem Wasser und Obstgärten... Man
fenstern stattet Tekle auch das Stabquartier anderen äthiopischen Künstlers?
tritt in den Palast und wird nach der
gewöhnlichen äthiopischen Hitze von para- der UNO-Wirtschaftskommission für ,,Ich war zu jener Zeit in Europa, im gut-
diesischer klimageregelter Atmosph?ire Afrika in Addis Abeba aus. situierten, satten und glücklichen Europa.
umfangen. In dieser Villa bei Addis Abeba, Besonders kennzeichnend für das Talent Von zu Hause kamen furchtbare Meldun-
wo ein Künstleratelier und eine kleine Kunst- von Afewerk Tekle ist die außerordentliche gen", erzählt Tekle. Seine schmalen' \l
galerie Platz finden,. wohnt ganz allein der Breite seines Schaffens, das vom friedlichen gepflegten Finger zittern, als er eine feine, L
wohl berühmteste Äthiopier, der weltweit Nebeneinander von Realismus. Symbolis- fast durchsichtige Porzellantasse mit star- n
kem Kaffee an die Lippen hebt. ..Über das L
anerkannte Meister Afewerk
Tekle. Radio wurden täglich Listen der ,Volksfeinde'
lv
verlesen. Darunter waren viele Bekannte von.'
Er begann mit 5 Jahren zu F
zeichnen. Er malte auf Häu- mir... Die Revolutionäre zündeten mein t€
serwände und in den Straßen- Geburtshaus in Ankober an und benutzten v
meine Villa als Pferdestall... Alle meine engen
staub. Als Pinsel dienten ihm d,
Freunde emigrierten.. . Ich aber bin Künstler. E
Kohle und Späne. ,,Ich zeich-
Und ich habe mich gefragt: Kann ich fern vort v
nete das, was alle Kinder
Bäume, Tiere' Men- der Heimat schaffen, Athiopien nach Büchern g'
malen - und Zeitschriften malen? So kehrte ich nach
schen, Blumen...", erzählt der
Hause zurück..."
Künstler. Die ungetrübte n
Kindheit endete mit der ,,Hat man Sie mit offenen Armen empfan- b
gen?" ei
Aggression des faschistischen
Italien. Afewerk Tekle wurde ,,Ich kann froh sein, daß man mich am tr
Leben gelassen hat. Ich war wahrscheinlich
von einem BombensPlitter c
im Ausland zu berühmt... Doch die Prolet-
verwundet. ,,Ich wuchs unter
kultler haben einen bösen Feldzug der Ver- d,
dem Eindruck der Scheußlich- o.
leumdungen und Hetze gegen mich aufgezo-
keiten des Krieges auf", fährt
gen. Mal beschuldigten mich die Revolutio-
der Künstler fort, ,,deshalb u:
hasse ich von Kindheit an jeg- näre, daß auf dem Bild ,,Maskal Flower" s(
liche Gewalt." Vielleicht ist eine Aristokratin abgebildet ist, dann ver- d
gerade seit jener Zeit seine langten sie die Vernichtung des Bildes ,,Mo- ,

Lieblingsfarbe hellblau, die ther Ethiopia" unter dem Vorwand, daß es ; K


Farbe des Friedens.
angeblich das monarchistische Athiopien Ä
idealisiert... Dann ließ man mich allerdings N
I)er begabte Junge hatte fr
Glück, man wurde auf ihn auf-
für eine Weile in Ruhe. Grund dafür war, gr
daß ich in einem Kulturminister der Volks-
rrrerksam. Die Regierung des II
demokratischen Republik Athiopien einen n
Negus schickte Afewerk nach
Gönner hatte. Als dieser aber in Frankr,eid.h vr
Croßbritannien zum Bergbau-
um politisches Exil bat, setzten für mich wie-
studium, er ging jedoch an die
der schwere Zeiten ein.
Fakultät ftir schöne Künste der
Afewerk Tekle in seinem Atelier Die Revolutionäre waren wahrscheinlich
Londoner Universität (di"

ffi "l{EuE zEll" l.s0


or rn Du na
Politische Aktion oder Verbrechen?
,, W ruffi : i*,i"J:i.'#:'.',:; nis zu ihm. Er galt als höflich, wohlerzo-
gen, als ,Pole der alten Schule', wie sich ,

Ausgabe der NZ. Der polnische Physiker seine Landsleute (74 polnische Familien
war am Vereinigen Institut ftir Kernfor- leben in Dubna) über ihn äußerten.
schung in Dubna bei Moskau tätig. Bei Familie Polys war in Polen geblieben, '

der Leiche wurde, wie die Zeittngen Jerzy besuchte sie oft; Sohn, Tochter ,

schreiben, ein Zettel mit den Worten ,,Für und Frau besuchten ihn in Dubna. Doch
in Nowa Huta"
,

Lenin gefunden. Die die meiste Zeitlebte er hier allein. Alle ,

Recherchen hat der Oberuntersuchungs- wußten, daß er in seiner Wohnung '

führer der Moskauer Gebietsstaatsan- große Summen aufbewahrte. Offenbar '

walschaft Anatoli Frolowski übernom- spielte gerade'das eine verhängnisvolle ,

men. Rolle.
,,Der Mörder ist noch nicht gefunden, Wie eine Überprüfung ergab, waren
doch das, was bereits unter Jeruy Polys'
bekannt ist, erlaubt. poli- Bekannten nichr nur Wis-
tische Motive auszuschlie- senschaftler, seine Kon- ,

ßen. Der Mord dürfte ein takte beschränkten sich


Raubmord gewesen nicht auf Arbeitskollegen.
sein", meint Anatoli Fro- Er traf sich, wie sich jetzt
lowski. ,,Dafür spricht vor herausstellt, regelmäßig
allem die Atmosphäre in auch mit Leuren, die
der Wohnung, die sich Mangelwaren aufkauften.
den Mitarbeitern der Im letzten halben Jahr
Miliz bot, nachdem Jerzy fuhr er jeden Monat nach
,,Maskal Flower" Polys' Kollegen, besorgt Polen und brachte von
wirklich der Meinung, daß alles Gute mit dem über dessen Abwesen- dort Artikel mit, die bei
Umsturz anfängt, und alles früher Geschaffene heit, Alarm geschlagen unsbesondersgefragtsind,
nur zur Z€rstörung gut ist. Was, wenn das im hatten. Er selbst wurde
I-eben wirklich so wäre!" am Tatort mit, wie die Jerzy Polys
- von Kosmetika bis zu
Videorecordern. Seine
,,Die Behörden gaben Ihnen dann aber die
r

Kriminalisten sagen, Anzeichen eines Verwandten erinnern sich, daß er im


Möglichleit, käinstlerisch tätitg zu sein. Die gewaltsamen Todes gefunden.
Freske "Athiopiens Sieg", dievdndenSehnsüch- In seiner Oktober, bei seinem Ietzten Besuch in
tenunddemschwierigenKampf des äthiopischen Wohnung war alles durchgewühlt, die Polen, Dollars aus der Sowjetunion mit-
Volkes erzählt, ist im Haus der Revolutionshel- Verbrecher hatten eine regelrechte Haus- brachte... Nicht ausgeschlossen, daß der-
den in Debre-Zeit ausgestellt. Sie haben auch suchung vorgenornmen, doch übrigens artige Operationen (übrigens wußten
Entwürfe angefertigt ftir ein neues Wappen der sollten sie die dort versteckten 2040 Rubel viele Arbeitskollegen von dieser Tätigkeit
VDR Athiopien sowie ein Emblem für die und 31 150 Zloty nicht finden. Im Schrank Jerzy Polys', doch sahen darin nichts
gesamtnationale Kampagne für Wirtschaftsent- und im Schreibtisch waren die Schubladen
wicklung und Aufschwung der Kultur..."
Besonderes) das Verbrechen provoziert
herausgezogen, die Taschen der Anzüge haben.
,,Das stimml, doch die offizielle Anerken-
nung war von Ausfällen gegen meine Kunst umgekrempelt, die Koffer aufgerissen...
Jerzys Sohn, der auf unsere Bitte hin ein- Unsere Version von den Motiven des
begleitet. Ich erir:-nere mich, wie ich während
einer Dürre das Bild "So11 es doch regnen" traf - er hatte seinen Vater auch schon Verbrechens wird, soweit mir bekannt
malte. Es wurde sofort als konterrevolutionär füiher besucht -, sagte aus, einige Wert- ist", fuhr Anatoli Frolowski fort, ,,auch
verschrien. Wissen Sie warum? Man darf den gegenstände seien verschwunden. Kurz von Jozef Gurgul, einem erfahrenen pol-
Gott nicht um HiHe bitten, nicht Almosen von gesagt, viele Details sprechen für einen nischen Kriminalisten, Mitarbeiter der
der Natur erwarten, sondern man muß sie
Raubüberfall. Generalstaatsanwaltschaft der VR Polen,
offensichtlich mit Gewalt nehmen... "
Der Künstler lächelt, das erste Mal während Dazu ist zu sagen, daß es in der Stadt geteilt. Er besuchte Dubna, studierte die
unseres Gesprächs. Das schmale aristokrati- der Physiker still und ruhig ist, Fahrrad- Unterlagen des Falls, war bei Befragun-
sche Gesicht veränderte sich, die Augen wur- diebstähle sind hier die schlimmsten gen von Zeugenztgegen.
denjung und rührend schutzlos. Rechtsverstöße. Die Menschen leben
,,Ich sehe die Welt jetzt voller Interesse. offen, besuchen einander, kurz gesagt, es Was aber denlettel angeht, so wurde
Kindlich naiv hoffe ich auf Veränderungen in herrscht eine kollegiale wissenschaftliche tatsächlich in der Wohnung ein Blatt
Athiopien. Ich kann aber das l-eben unte-r dem
Negus nicht beschimpfen", fährt der Künstler
Atmosphäre. Papier mit den Worten gefunden: ,Für
fort. ,,Ich hatte die Möglichkeit, eine hervorra- Jerzy Polys lebte bereits etwa 3 Jahre in Lenin in Krakow. So wird es allen erge-
gende Ausbildung zu erhalten, frei zu schaffen Dubna, war wissenschaftlicher Oberassi- hen'. Wir meinen, das ist eine zynische
und viel zu reisen. .. Nein, das ist es wohl doch stent am Vereinigten Institut für Kernfor-
Provokation, ein Versgch, die Untersu-
nicht. Das ist nur Nostalgie, Erinnerung an die schung und galt als guter Spezialist. Nach
vergangene Liebe , an die Jugend " chung auf die falsche Spur zu bringen."
... Meinung seiner Kollegen war er wissen-
J. Borowoi schaftlich recht erfolgreich, nahm an Sym-
ADDIS-ABEBA - MOSKAU posien teil. Viele hatten ein gutes Verhält- B. Balkarej
"ll t.s0 w
FESTIUAT .ll 0w0JE utREt[J["

Eine Brücke
hängig ist von der Politik einzelner Staaten.
Gründungsmitglieder der neuen Assozia-
tion, die noch keinen offiziellen Status
besitzt, da der Vertrag erst vor einer Woche
unterzeichnet wurde, sind die Redaktion der
zwischen uns soll die lnternationale Assoziation der ,,Nowoje Wremja", die Moskauer Kunstas-
soziation und die Internationale Assoziation
Kulturschaffenden ,,Nowoie Wremja" werden. ,,Intelligenz zur Unterstützung von Pere-
stroika und Glasnost" (Frankreich - USA
- Kanada) und die Genossenschaftsbank
Auf der
oo ber die Notwendigkeit, alle die Hilfe von Kulturzentren und Fonds
,,Wostok". Gründungsversamm-
lung wurde nicht nur das eingeschätzt, was
Strömungen der russischen nicht mehr aus, wir sind aul sie angewiesen, im Rahmen des Festivals ,,Nowoje Wremja"
Kultur wieder zusammenzu- auch wenn wir nur Informationen zusam- bereits realisiert wurde - Begegnungen mit
fassen und in unsere Kultur mentragon wollen. dem Schriftsteller Wassili Aksjonow, dem
die Namen wieder einzuglie- Ein möglicher Weg ist von der ,,Nowoje Solisten der Pariser Grand Opera Rudolf
Jern, die wir lange Zeit vermissen mußten, Wremja" und der Moskauer Kunsta.ssozia- Nurijew und mit Vladimir Ashkenazy. Es
sa,gte bei seiner ersten Pressekonferenz dcr tion vorgeschlagen: dic Cründung ciner wurde ebenfalls ein konkreter Plan für die
eben erst ernannte Kulturministcr Zukunft aufgestellt. 1990 wurde von der
\ikolai Gubenko. UNESCO zum Tschaikowski-Jahr
Wir wollen nicht eitrfach ein lanr:'
I
trklärt. Die neue Assoziation will
Anr
lristiges ,,Öffnen der Schleusen" cbgnfnlls den 150. Geburtstag des
unscrerseits, das von der Konjunk- großen russischen Komponisten wür-
tur des Staates abhängt oder eirlc Jisen. Die Idee eines Tschaikowski-
Errveiterung des Kitlturaustausches Fcstivals u'urde vom Leningrader
- das gibt es schon: Wir wollen Regrsseur und stellvertretenden
mehr, die Wiedervereinigung der GL-neraldirektor der Leningrader
sowjetrussischen mit der russischen \bteiluns der Unions-Aktiengesell-
Kultur im Ausland in einem -:hait Intourist Valeri Matwijenko
.,gemeinsamen Haus". ,,rgebracht und von den Gründungs-
Jede Wietlcrbclebung ctwas itt :ri:sliedern der Assoziation unter-
Zeit und Raum Vergangenen ist von .:uizt: Am 30. Juni, wenn die weißen
schmerzlichen Erschcinungcrr \:rchte zu Ende gehen, soll in einem
begleitet. Es ist auch nicht einfach. Vorort von Leningrad ein Fest statt-
die vorgefaßte Einstellung zur Emi- iinden, an dem führende sowjetische
gration zu ändern. Die ideologischc und ausländische Opernsänger, Bal-
Vladimir Ashkenazy dirigiert das Loncion froyal Philarmonrc
Arbeit lief hei uns schon immer, Orchestra. Moskau, November 1989
lettsolisten und bekannte Musiker
zumindest was die quantitative Seite teiinehmen. l]nsere Landsmännin
angeht, der kulturellen Aufklärungsarbeit Internationalen Assoziation der russischen Jelena Tschernyschowa, die als künstleri-
den Rang ab, und deshalb ist es manchmal Kulturschaffenden im Ausland in Moskau sche Leiterin an der Wiener Oper tätig ist,
mit Filialen in allen Unionsrepubliken und hat sich bereiterklärt, das Festival nt insze-
schwer, unsere lt{itbürger davon zu über-
in den Ländern, wo wenigstens an einigen nieren. am Dirigentenpult wird der Volks-
zeugen, daß wir uns mit den Vertretern der
Orten unsere Kultur zu Haüse ist. Eine der- künstler der UdSSR Juri Temirkanow ste-
künstlerischen Emigration zusammen-
hen. Auftritte von Rudolf Nurijew, Michail
schließen müssen. Sie sind neugierig, die frü- artige Assoziation auf föderativer Grund-
Baryschnikow und anderen bekannten Bal-
her,,verbotene Frucht" kennenzulemen, lage sollte all die Kulturschaffenden verei-
lettänzern sind vorgesehen... Die Finanzie-
bereit zuzugeben, daß Emigranten nicht nen, die unabhängig von ihrer nationalen rung des Festivals übernimmt die Genossen-
mit Verrätern gleichzusetzen sind, doch die und territorialen Zugehörigkeit ihre Kräfte schaftsbank,,Wostok".
Emigrantenkultur a1s einen'feil der eige- für das Wohl und den Ruhm unseres Vater- Für diejenigen, die Sponsoren unseres
nen Kultur zu betrachten, zu begreifen, dafJ landes einsetzen. Festivals werden wollen, veröffentlichen wir
die künstlerischen Werte in ihrer Zugehö- Diese Intemationale Assoziation wird ein die Nummern der Devisenkonten von
rigkeit zu Rußland keine Grenzen, Systeme Stipendium stiften, um Praktika und Studien- ,,Wostok". In der Schweiz : Zijrich, Schwei-
oder Perioden kennen, fällt ihnen außeror- aufenthalte junger Menschen in verschiede- Kto-Nr. 9'71, 450 - 03; in
zer Kreditanstalt ,
dentlich schwer. Es gibt auch noch Hinder- nen Ländern zu ermöglichen, alles Talentierte den USA: Houston First City Texas Bank,
nisse anderer Art: Es ist fast unmöglich, das und Bedeutende zu fördern, das den Aufbau Kto-Nr. 001 801 1885. Daneben können
geographische und chronologische Mosaik des ,,gemeinsamen Hauses" unterstützt und Rubel auf das Konto des Moskauer Kunst-
der russischen Kultur im Ausland zusam- einen humanen Frieden bekrätligt. verbandes überwiesen werden: Promstroi-
menzutragen und zu erfassen. Dabei ist Die neue Assoziation wird in enger Zusam- bank, Abteilung Moskworetzk, Verrech-
nicht klar, was man sich leichter vorstellen menarbeit mit den Künstlerverbänden tätig nungskonto Nr. 609 411.
könnte: die beiden ersten Emigrationswel- sein und mit allen Organisationen, Die neue internationale Assoziation hat
die aufgerufen sind, unsere Kultur sowohl in schon die ersten Schritte getan. Sie sind das
len, die nach der Oktoberrevolution und
derUdSSR als auch im Ausland zu entwickeln. Unterpfand dafür, daß sie durchaus in der
die während des Krieges, oder die beiden Lage sein wird, auch die anderen Pläne zu
letzten, die der sechziger Jahre und die heu- Eine solche Assoziation kann dann auch
verwirklichen: gemeinsame Ausstellungen
tige. In dem einen wie dem anderen Fall erreichen, daß die Verbindungen mit der
von in der UdSSR und im Ausland lebenden
haben wir uns eigentlich für immer vonein- russischen Kultur im Ausland nicht mehr
Künstlern, neue Vorhaben in Theater und
ander verabschiedet und uns dabei niemals von oben angeordnete,,Wohltätigkeitsver- Ballett, gemeinsame Verlagstätigkeit. ' '
Gedanken um die kulturelle Zukunft der anstaltungen" sind, sondern eine wirkliche
Heimat gemacht. Jetzt kommen wir ohne Wiedervereinilung der Kultur, die unab- Foto: E.Lewin

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Neue Möglichkeiten
für Geschäftsleute
Die trnternationglg l{apdelsverwaltung der
Zivilluftfahrt (MKU GA) hitft fhnen, I"hre
Probleme beimr internationalen
Lufttransport uncl bei der Grünclung von
Ge meinschaftskre trie tren mit au sländischen
Partnern zu lösen.
wickelt jede außenwi rtschaftl iche
MKU GA Tätigkeit der Zivilluftfahrt ab, inklu-
sive Lufttransport und Service in
der UdSSR und im Ausland; Devi-
sen* und Fin anzveyrechnungen;
Abschluß von Verträgen und Ver-
einbarungen; Werbung fur Luft-
transport und Service; technische
Hilfe für sowjetische und ausländi-
sche Organisationen, Firmen und
Einzelpersonen bei Wartung und
Reparatur von Flugtechnik,-bei Lie-
ferungen von Ausrüstung und
N/aterial und bei der Ausbildung
von Fachleuten.
Einen ßesa;hättspartner wie MKtrl ßA zu haben, bedeatet sehnellen
unü effektiven ZaEang zu direkten ßeschättsverfrinüungen mit Luft-
fahrtgese{lschaften, Firmen anü {Irganisationen in tast l0$ Ländern
ohne zusätzliche Ausgaben,

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1251G7 Moskau, A*167, lenimgradski prospekt gz
Imternationale Handelsverwaltung der Zivillufüahrt
Telefon: 155 66 4?
Telex: 411 969
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