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„Wie wurde aus dem Literaturkritiker Sayyid Quṭb eine

der prominentesten Figuren des islamischen


Fundamentalismus?“
Einleitung
Nach den skrupellosen Selbstmordanschlägen auf das Pentagon und auf das World Trade
Centre vom 11. September, 2001 erscheint das als ‘islamischer Fundamentalismus’1
deffinierte Phänomen erneut auf der Sicherheitsagenda der internationalen Politik. Aufgrund
fehlender Hintergrundinformationen wird im Alltagsverständnis der Begriff Islamismus
nahezu gleichgesetzt mit dem ‘islamistischen Terrorismus’ seitens militanter extremistischer
Organisationen, obwohl er vom ideologischen Standpunkt aus nicht ausschließlich den
Rechtfertigungsgrund für exzessive Gewaltanwendung liefert.
Kennzeichnend für den ‘Islamismus’ wäre der politische Durchsetzungswille bei der
Errichtung eines islamischen Staates, worauf die weltliche Herrschaft als integraler
Glaubensbestandteil perzipiert wird. In dem Sinnzusammenhang bezeichnet der ‘islamische
Fundamentalismus’ einen bestimmten Aspekt dieser religiösen Politisierung, der eine
Wiedereinführung der klassischen islamischen Gesetze in allen Bereichen der Gesellschaft
beansprucht, der sogenannten šarīʿa als universelles Moral- und Rechtssystem,2 wobei eine
Erweiterung durch Auslegung nach lokaler und regionaler Tradition endgültig abgelehnt wird.
Abgeleitet aus dem arabischen al-uṣūliyya al-islāmiyya /‫ أصصصصصول‬uṣūl "Wurzeln"/,3
korrespondiert die angesprochene Reorientierung hin zu den Glaubensfundamenten mit einer
Rückbesinnung auf die glorreiche islamische Frühgeschichte, was gewissermaßen aus dem
sich seit der Abschaffung des Kalifats, dieses letzten Symbols der islamischen politischen
Einheit, vollziehenden Prozess des Identitätsverlustes resultiert.4 Der von der rasch
voranschreitenden Globalisierung und der sozialen Verelendung ganzer
Bevölkerungsschichten heraufbeschworene kontinuierliche Werteverfall wird auf den
lasterhaften Einfluss fremder Kulturen bezogen, wodurch eine ausgeprägt antiwestliche
Einstellung ausgelöst wird. Folgenderweise verkörpert der eingetretene Aufbruch zur

1
Bassam Tibi, „Fundamentalismus im Islam. Eine Gefahr für den Weltfrieden?“,3. ergänzte Aufl., Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2002 [im Folgenden: Bassam Tibi: Fundamentalismus im Islam“], hier S.
29-35
2
Ibd.: Fundamentalismus im Islam“, S.207
3
Ibd.: Fundamentalismus im Islam“, S. 29-35, 208
4
Gudrun Krämer, „Die arabische Welt im 20. Jahrhundert“, Albrecht Noth, Jürgen Paul (Hrsg.), „MISK –
Mitteilungen zur Sozial- und Kulturgeschichte der islamischen Welt.Der islamische Orient: Grundzüge seiner
Geschichte“, Band 1, Würzburg: Ergon Verlag, 1998
[im Folgenden: Gudrun Krämer: „Die arabische Welt im 20. Jahrhundert“], hier S. 467-472

1
Selbstbehauptung die ablehnende Haltung gegenüber den etablierten Regierungssystemen und
den Widerstand gegen die Hegemonialstellung der europäischen Großmächte,5 zumal der
‘islamische Fundamentalismus’ als Staatskonzept eine akzeptable Alternative im
Modernediskurs darstellt. Um die Argumentationsstrukturen bei der Propagierung des
entworfenen Gesellschaftsmodells detailliert nachvollziehen zu können, soll der ideologische
Ausgangspunkt einzelner Vordenker dieser fundamentalistischen Strömung analysiert
werden.
Als einer der bedeutsamsten Protagonisten des sunnitischen Fundamentalismus gilt der
ägyptische Erziehungswissenschaftler und extremistische Theoretiker Sayyid Quṭb, ehemals
im Wafd engagierter Literat und später Sympathisant eines islamischen Sozialismus.6 Ziel
meiner wissenschaftlichen Arbeit ist, die Phasen von Quṭbs geistiger Entfaltung und die
Beweggründe für die Änderungen in seiner Gedankenrichtung zu erläutern. Um die
Fragestellung zu beleuchten, wie er vom eher säkular orientierten Literaturkritiker und
Schriftsteller zum Nationalisten und Sozialreformer, schließlich zum Islamisten geworden ist,
werde ich mich auf den biographischen Kontext konzentrieren, der sich als eine unerlässliche
Grundlage für die Nachzeichnung Quṭbs ideologischer Entwicklungen erweist. Als
ausschlaggebend für die Radikalisierung seiner Geisteshaltung erweist sich sein Aufenhalt in
den Vereinigten Staaten, was den irrtümlichen Erwartungen vom Bildungsministerium
zuwider seine negative Wahrnehmung der westlichen Lebens- und Denkweise vielmehr
verstärkt. Empört über die dortige ‘Verderbtheit’ und den übertriebenen Hedonismus dieser
‘von Gott entfremdeten Gesellschaft’ beginnt er in den nachfolgenden publizistischen
Schriften bis ins Einzelne den Antagonismus zwischen dem westlichen Materialismus und der
orientalischen Spiritualität zu akzentuieren. Die Juli-Revolution wäre als ein Schlüsselereignis
bei der Veranschaulichung der festgestellten Extremisierung von Quṭbs Islamverständnis
ebenfalls nicht zu ignorieren. Die Enttäuschung Sayyid Quṭbs von den konstatierten
mangelnden Leistungen in der Innen- und Wirtschaftspolitik – einhergehend mit
ökonomischen Miseren, korelliert mit dem angesprochenen Versagen des arabischen
Sozialismus nasseristischer Prägung,7 zumal er selbst einige Zeit mit der Konzeption des
stalinistischen Marxismus-Leninismus liebäugelte und anfangs von der propagierten Ideologie
5
Gudrun Krämer: „Die arabische Welt im 20. Jahrhundert“, S. 469
6
www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=2VN8EP&page=0

7
Sabine Damir-Geilsdorf, „Herrschaft und Gesellschaft. Der islamistische Wegbereiter Sayyid Quṭb und seine
Rezeption“, Rahul Peter Das, Werner Ende, Erika Glassen, Angelika Hartmann, Jens Peter Laut, Stefan Leder,
Ulrich Rebstock, Rotraud Wielandt (Hrsg.), „MISK – Mitteilungen zur Sozial- und Kulturgeschichte der
islamischen Welt. Herrschaft und Gesellschaft“, Band 11, Würzburg: Ergon Verlag, 2003 [im Folgenden: Sabine
Damir-Geilsdorf: “Herrschaft unf Gesellschaft”], hier S. 38

2
der ‘Freien Offiziere’ begeistert war.8 Die Einsicht, dass das eingestzte Regime die erhoffte
politische Unabhängigkeit nicht verwirklichen und keine Durchsetzung der längst fälligen
sozialen Reformen auf der Grundlage des Islam anstreben würde, hat zur Verfestigung seiner
Beziehungen zur Muslimbruderschaft als stärkste Oppositionsgruppe beigetragen,9 mit der er
Kontakt schon seit seiner Heimkehr aus den USA aufgenommen hat. Aufgrund der
kompromisslosen Etschlossenheit des Regimes Nassers, die unkontrollierbaren Kritiker zu
liquidieren, wurde Quṭb zur Zeit der “großen Verfolgung” (al-miḥna)10 inhaftiert und nach
dem Gerichtsverfahren unter Klage einer umfassenden Verschwörung gegen den Staat am 29.
August erhängt.

Hauptteil

1. Geschichtliche Dimensionen des ägyptischen Befreiungskampfes


Klar ist dabei von vornherein, dass zur Erläuterung der kulturell-ideologischen
Entwicklungen im modernen islamischen Orient zuerst die gesellschaftlichen
Voraussetzungen und die politischen Rahmenbedingungen differenziert analysiert werden
sollen. In diesem Kontext soll der erste Punkt meiner wissenschaftlichen Arbeit einen
Einblick in die historischen Prämissen verschaffen.
1.1. Die Landung des französischen Expeditionskorps
Mit Hilfe der neuen Sklaven aus dem Kaukasus hatten die Mamluken seit dem 17.
Jahrhundert allmählich ihre Macht in Ägypten wieder ausgebaut, wobei die Machtbefugnisse
des türkischen Paschas als formale Repräsentanten der schwindenden Autorität des Sultans im
fernen Konstantinopel extrem eingeschränkt waren. Die erzielte endgültige Verdrängung von
der Macht der mit den Türken zusammengeschlossenen Mamluken-Fraktion um Ismail Bey
hat Frankreich als Verbündeten des Osmanischen Sultans zum Eingreifen veranlasst, zumal
ein Krieg im Nahen Osten die britischen Handelsbeziehungen mit Indien erschweren würde.
Zielvorstellung dieser Fortsetzung der französischen Expansion war es, die Landenge von
Suez zu durchqueren, um eine tatsächliche Dominanz in der Region am Roten Meer zu
erreichen. Trotz des militärischen Triumphes in der Schlacht bei den Pyramiden am 21. Juli

8
Eadem, “Herrschaft und Gesellschaft“, S. 46-55
9
Lawrence Davidson, „Islamic Fundamentalism“, Randall M. Miller (Hrsg.), “Greenwood Press Guides to
Historic Events of the Twentieth Century)”, Westport (Connecticut), London: Greenwood Press, 1998 [im
Folgenden: Lawrence Davidson: “Islamic Fundamentalism”], hier S.19 ff
10
Gudrun Krämer: „Die arabische Welt im 20. Jahrhundert“, S. 498

3
1798 gegen das türkisch-ägyptische Heer wurde schon am 1. August 1798 die französische
11
Flotte von den Briten unter Admiral Nelson bei Abukir vollständig vernichtet. Allerdings
war die Vorherrschaft der Mamlucken in der ägyptischen Gesellschaft durch die Niederlagen
gegen die Franzosen wesentlich erschüttert, woraus der Aufstieg der Dynastie des von den
Türken entsandten Befehlshabers des albanischen Kontingents– Muḥammad ʿAlī, resultierte.
1.2. Die Dynastie Muḥammad ʿAlīs
Der albanische Offizier Muḥammad ʿAlī hat die Situation der ausgebrochenen gewalttätigen
Auseinandersetzungen nach der ägyptischen Expedition Napoleons zur Machtergreifung
ausgenutzt und sich als osmanischer Vizekönig in Ägypten durchgesetzt.12 Seine erfolgreiche
Befriedungspolitik zusammen mit dem Ausbau der Bewässerungssysteme und dem
unternommenen Versuch einer staatlichen Industrialisierung hat einen erheblichen
Wirtschaftsaufschwung vollbracht. Obgleich nach dem Mamluckenmassaker in Kairo 1811
der mamluckische Machtfaktor in Ägypten endgültig ausgeschaltet worden war, und
ungeachtet der durch die Modernisierung von Militär und Verwaltung erkämpften
weitgehenden Autonomie gegenüber dem osmanischen Sultan, wurde das Land gleichzeitig
jedoch europäischer Durchdringung ausgeliefert. Die Eröffnung des Suezkanals 1869
steigerte die strategische Bedeutung Ägyptens für die europäischen Großmächte, was ständige
Einmischungen heraufbeschwor. Zwangsläufig wurden wegen der verfehlten Finanzpolitik
unter Ismail Pascha die Anteile am Suezkanal an Britannien verkauft, wodurch den faktischen
Staatsbankrott verursacht wurde. Die danach aufgebürdete internationale Finanzaufsicht unter
britischer Leitung hat einen bewaffneten Widerstand gegen die massive europäische
Einflussnahme unter Führung von Aḥmad ʿUrābī 1881/82 provoziert, nach dem Motto
“Ägypten den Ägyptern”. Dieser Aufstand wurde von den eingesetzten britischen Truppen als
Rechtfertigungsgrund wahrgenommen, um Ägypten 1882 militärisch zu besetzen und den
Suezkanal als “Lebenslinie” des Empire zu verteidigen. 13

1.3. Britische Herrschaft in Ägypten


Formal weiterhin autonome Provinz des Osmanischen Reiches, wurde Ägypten seit der
Zerschlagung der ʿUrābī-Bewegung faktisch vom britischen Generalkonsul, Lord Cromel (Sir
Evelyn Baring), regiert, während dessen Amtszeit (1883-1907) Ägypten wirtschaftlich in das

11
Monika Tworuschka, „Islam im 19. Jahrhundert“, Albrecht Noth, Jürgen Paul (Hrsg.), „MISK – Mitteilungen
zur Sozial- und Kulturgeschichte der islamischen Welt. Der islamische Orient: Grundzüge seiner
Geschichte“,Würzburg: Ergon Verlag, 1998, S. 409
12
Gudrun Krämer: „Die arabische Welt im 20. Jahrhundert“, S. 467-472
13
Gudrun Krämer: „Die arabische Welt im 20. Jahrhundert“, S. 468

4
Britische Weltreich eingebunden und dessen Interessen untergeordnet wurde.14 Die auferlegte
Einschränkung der einheimischen Industrie und die strikte Reglementierung der
Staatsausgaben sollten eigentlich zur Absicherung der Schuldenrückzahlung beitragen.
Außerdem wurde Sudan trotz der Zurückeroberung des Landes nach dem Mahdi-Aufstand
durch die in Marsch gesetzte anglo-ägyptische Streitmacht nicht an Ägypten zurückgegeben,
sondern als als anglo-ägyptisches Kondominium konstituiert. Die nachfolgenden
Verelendungsprozesse verschärften jedoch erneut die Widerstandsbereitschaft gegen die
europäische Dominanz, indem sich schon 1907 die zwei bedeutendsten politischen
Strömungen des Landes in politischen Parteien organisierten: die Nationalpartei (Ḥizb al-
Waṭanī) unter Muṣṭafā Kāmil (1874-1908), dessen kämpferischer Aufruf gegen die Briten
unter osmanischer Flagge dokumentiert war, und die Volkspartei (Ḥizb al-Umma),15 die eine
Befreiung sowohl von britischer wie von osmanischer Herrschaft anstrebte. Der Ausbruch des
Ersten Weltkriegs erwies sich als ausschlaggebend für die politische Entwicklung des Landes,
indem kurz nach der Kriegserklärung an das Osmanische Reich Ägypten offiziell am 18.
Dezember 1914 zum Protektorat Großbritanniens deklariert wurde, womit vier Jahrhunderte
osmanischer Herrschaft beendet wurden. Die durchgesetzte Kriegsbewirtschaftung hat eine
weitreichende Verarmung der Bevölkerung herbeigeführt, weil die durch die Kaufkraft der
britischen Truppen die Lebensmittelpreise stark anstiegen, andererseits aber die
Baumwollpreise auf britischen Druck hin stark gesenkt wurden. Durch die 14-Punkte-
Erklärung des amerikanischen Präsidenten Wilson 16wurde die ägyptischen Hoffnungen auf
Autonomie und Unabhängigkeit bitter enttäuscht, da bei der darauffolgenden Aufteilung der
arabischen Provinzen und Einflussbereiche des Osmanischen Reiches die europäischen
Siegermächte eher ihre eigenen strategischen und ökonomischen Interessen verfolgten. Als
tonangebend für die später so benannte “Nationale Revolution” von 191917 erweist sich
allerdings die durch die Briten im selben Jahr abgesagte Teilnahme einer Delegation
ägyptischer Nationalisten unter Saʿd Zaġlūl an der Pariser Friedenskonferenz, dessen
Deportation gravierende politische Unruhen im Land ausgelöst hatte. Um die damit
einhergehenden Spannungsfelder zu deeskalieren, wurde am 28. Februar 1922 die
Beendigung des Protektorats verkündet – allerdings unter vier entscheidenden
Einschränkungen: die „Verteidigung Ägyptens“, was die weitere Stationierung von Truppen
im Lande bedeutete; die „Kontrolle der Verbindungswege des Empire“, d.h. speziell der

14
Eadem: „Die arabische Welt im 20. Jahrhundert“, S. 468ff
15
Eadem: „Die arabische Welt im 20. Jahrhundert“, S. 469
16
Eadem: „Die arabische Welt im 20. Jahrhundert“, S. 469
17
Sabine Damir-Geilsdorf: “Herrschaft und Gesellschaft“, S. 20

5
Suezkanalzone; der „Schutz der Rechte der Ausländer“, d.h. die Kontrolle darüber, dass
Ägypten die Kapitulationsabkommen und ähnliche Verträge erfüllte; „der Sudan“ – womit die
Aufrechterhaltung der vollen Herrschaft Großbritanniens über den sogenannten anglo-
ägyptischen Sudan gemeint war.18 Der britische Historiker John Kimche schreibt dazu: „Die
vier einschränkenden Punkte beraubten die Ägypten gewährte Unabhängigkeit jeder echten
Substanz. Die wesentlichen Interessen Großbritanniens waren gesichert, und die Briten
konnten in die Angelegenheiten Ägyptens eingreifen, wann immer sie wollten.“

2. Quṭbs traditionelle religiöse Erziehung im ländlichen Idyll – soziologischer


Hintergrund
Sayyid Quṭb wurde am 9.10.1906 in Mūšā, einem Dorf in der oberägyptischen Provinz
Asyūt, geboren und entstammt einer nicht eben reichen, aber doch wohlhabenden und
angesehenen Familie bürgerliche Familie. Wie sich aus seiner Autobiographie Ṭifl min al-
qarya (“Ein Kind aus dem Dorf”) erschließen lässt, war sein Vater aktives Mitglied der
Nationalpartei, worauf sich auch die erhaltene nationalistische, vermutlich auch antibritische
Prägung zurückzuführen lassen könnte.19 Die Frage, ob er die alteingesessene Koranschule
oder die neue staatliche Grundschule besuchen soll, wird vom gebildeten Vater zugunsten der
letzteren entschieden, unter dem Vorbehalt, das aus dem Lehrplan gestrichene
Auswendiglernen des Koran mit selbstständigen Bemühungen nachzuholen. Die
Erinnerungen an die Schulzeit werden in diesem autobiographischen Roman vom Erzähler im
Rückblick "zu den schönen, glücklichen Jahren” zugerechnet. Neben den humorvollen
Schilderungen der ländlichen Lebensweise werden in Quṭbs Kindheitsreminiszenzen
ebenfalls die schrecklichen Klassenunterschiede, das schmerzhafte Schicksal und die Leiden
der Dorfbewohner unter der willkürlichen Obrigkeit angesprochen. Aufgrund der erschwerten
wirtschaftlichen Konstellation für kleine Landbesitzer verschlechterte sich die herausragende
soziale Stellung von Quṭbs Familie bis ins Unzumutbare,20 zumal sie zur Veräußerung vom
Landbesitz gezwungen waren. Nach erfolgreichem Abschluss der Elementarschule verließ er
1921 das Dorf und begann sein Studium am Institut für Lehrerausbildung in Kairo, während
er sich bei seinem ortsansässigen Onkel aufhielt, der als Journalist tätig war. Schliesslich
beendete er seine akademische Ausbildung in Aegypten im Jahr 1933 als Absolvent der als

18
Gudrun Krämer: „Die arabische Welt im 20. Jahrhundert“, S. 470
19
Sabine Damir-Geilsdorf: “Herrschaft und Gesellschaft“, S. 19
20
Sabine Damir-Geilsdorf: “Herrschaft und Gesellschaft“, S. 20

6
Konkurrenzinstitution zur Al-Azhar-Universität gegründeten „Haus der (islamischen)
Wissenschaft“ (Dār al-ʿUlūm).21

3. Quṭbs Umstellung zum Stadtleben. Vom Literaturkritiker zum Nationalisten.


Die von der Mehrheit der Bevölkerung erlittene Nahrungsmittel- und Güterknappheit
unmittelbar nach der Proklamierung Ägyptens zur konstitutionellen Monarchie hat einen
gravierenden Sittenverfall heraufbeschworen. Die Umbruchssituation verschärfter
gesellschaftlicher Widersprüche hat die einheimischen Eliten aufgerüttelt, um die
zunehmende Säkularisierung und die europäische Dominanz dementsprechend zu erwidern,
was mit der aktivisierten Tätigkeit islamischer Bewegungen einhergeht. Davon zeichnete sich
die 1928 von dem charismatischen Lehrer Ḥasan al-Bannā gegründete Muslimbruderschaft
22
durch ihre Popularität ab, die auf ihre eifrige Anteilnahme an den palästinensischen
Widerstand gegen das britische Mandat und den ausgeübten Resistenzdruck auf die westliche
Fremdherrschaft zurückzuführen sei. Nach seiner Niederlassung in Kairo trat Sayyid Quṭb
dem Beispiel seines Onkels folgend der Wafd-Partei beigetreten,23 wodurch er auch in
Kontakt mit dem Schriftsteller ʿAbbās Maḥmūd al-ʿAqqād kam. Unter dessen geistiger
Begönnerung beginnt er Mitte der zwanziger Jahre verschiedene Kolumnen in diversen
Zeitungen und Zeitschriften zu veröffentlichen. Seit 1928 engagierte er sich außerdem als
Literaturkritiker, wobei er durch die Einschätzung als “einer der besten Kritiker Ägyptens”
ausgezeichnet wurde.24 In seinem ersten Gedichtband aš-Šāṭiʾ al-maǧhūl (“Der unbekannte
Strand”) werden die wahrgenommene Entfremdung und die verzweifelte Ausweglosigkeit des
‚Neuankömmlings in Kairo’ reflektiert. Als seine Begeisterung für al-ʿAqqād gewissermaßen
abgebröckelt hat, vollzieht sich eigentlich seine persönliche Auseinandersetzung mit der
Dichtung, die von den Bestrebungen nach der ersehnten Entgrenzung gekennzeichnet ist.
Nämlich in seiner märchenhaften Erzählung al-Madīna al-masḥūra (“Die verzauberte Stadt”)
wird die herausragende Rolle der menschlichen Phantasie zur Bewältigung der inneren
Beklemmung betont. In dem Zusammenhang wird Gott im Sinne des ‘einzigen
Unbeschränkten im Sein’ als die alleinige Errettung perzipiert. 25 1944 verfasste Sayyid Quṭb
seine erste Monographie zu einem islamischen Thema, wo er im Gegensatz zu den etablierten

21
Eadem: “Herrschaft und Gesellschaft“, S. 20
22
Lawrence Davidson: “Islamic Fundamentalism”, S. 19-29
23
[o.A.], „Geschichte und Erinnerung im Islam“, Angelika Hartmann (Hrsg.), „Formen der Erinnerung“,
Günter Oesterle (Hrsg.), Band 15, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2004
[im Folgenden: Angelika Hartmann: „Geschichte und Erinnerung im Islam“], hier S. 119ff
24
Sabine Damir-Geilsdorf: “Herrschaft und Gesellschaft“, S. 24
25
Eadem: “Herrschaft und Gesellschaft“, S. 26

7
rationalen Kommentaren eher die ‘emotionale Sprache’ des “geliebten Koran aus der
Kindheit” akzentuiert. Seit Mitte der vierziger Jahren bekommt man einen
Umorientierungsprozess in Quṭbs publizistischen Schriften zu spüren, indem die Priorität auf
die gesellschaftspolitischen Aspekte festgelegt wird. Die durch den Zweiten Weltkrieg
eskalierten innergesellschaftlichen Gegensätze beruhten auf der wachsenden
Unterbeschäftigung und dem daraus resultierenden Massenelend und ‚appellierten’
folgendermaßen zum sozialen Engagement. Die eingetretene moralische Dekadenz hat Quṭbs
Empörung über diesen religiösen und kulturellen Niedergang erregt, und er versuchte die
Unentbehrlichkeit sozialen Gleichgewichts anzusprechen. In verschiedenen Zeitschriften und
Zeitungen äußerte er seine Frustration von den unverwirklichten
Unabhängigkeitsbestrebungen und den schwer zu überwindenden wirtschaftlichen
Missständen, die ein überparteiliches Verantwortungsbewusstsein bei ihm etwickelt hat. Die
Ernennung an-Naḥḥās hat sich allerdings als ausschlaggebend für Quṭbs Distanzierung von
den politischen Parteien erwiesen, die ebenfalls aus seinem offenen Brief zu erschließen ist.26
In seinem provokatorischen Artikel “Brot und Freiheit” protestierte er gegen die durch die
skruppellose Prävalenz der Briten erschwerte politische Partizipation der Bevölkerung , wobei
er die Legitimität der auferlegten Verfassung und des ‚Proforma-Parlaments’27 in Frage
stellte. Die Wiedererweckung des Nationalbewusstseins sollte nach Quṭbs Auffassungen mit
Hilfe einer Rückbesinnung auf die glorreiche frühislamische Geschichte realisiert werden,
wobei dieser ethische Ansatz dem westlichen Pragmatismus etgegengesetzt wird. Als eine
Gegenreaktion auf den durch die Modernisierung anheimgebrachten Identitätsverlust
propagierte er die Durchsetzung des islamischen Sittenkodex. In seier ersten islamistischen
Monographie al-ʿAdāla al-iǧtimāʿīya (“Soziale Gerechtigkeit im Islam”) wird zum ersten
Mal die Aufforderung nach einer islamischen Ordnung ausformuliert. Der utopische Entwurf
dieses Gesellschaftsmodells zeichnet sich durch sozialistische Anklänge ab, die mit der
Kreierung weltweiter sozialer Gerechtigkeit korrespondieren.28 Die ausgedrückte
Idealvorstellung von der Errichtung eines islamischen Staates korellierte mit al-Bannās
Traumgebilde, der im Februar 1949 großer Wahrscheinlichkeit nach im Auftrag der
Regierung ermordet worden war. Bereits 1948 wurde Sayyid Quṭb im Auftrag des
Bildungsministeriums für unbegrenzte Zeit in die Vereinigten Staaten geschickt, um laut der
offizielen Begründung die westlichen Unterrichtsmethoden zu studieren.29 Allerdings

26
Eadem: “Herrschaft und Gesellschaft“, S. 33
27

28
Sabine Damir-Geilsdorf: “Herrschaft und Gesellschaft“, S. 38
29
Eadem: “Herrschaft und Gesellschaft“, S. 39

8
vermochte nicht der technisch-ökonomische Fortschritt ihn als begeisterter Anhänger des
‚American Way of Life’ einzunehmen. Ganz im Gegenteil – die wahrgenommenen geistige
Degeneriertheit, sexuelle Promiskuität und fanatische Vergötterung des Geldes hatten eine
Radikalisierung von seinem Islamverständnis bewirkt.30

4. Politische Aktivität und Extremisierung Quṭbs Geisteshaltung nach seiner Heimkehr


Zurückgekehrt in Ägypten hat Quṭb seine Publikationen ausschließlich
gesellschaftspolitischen Themen gewidmet, wobei er die Interpretation des Islam als “Dritter
Block” (kutla ṯāliṯa) aufgreift. 1951 beteiligte er sich sogar an der Redaktion der Zeitschrift
der Muslimbruderscht ad-Daʿwa, der er nach seinen eigenen Angaben 1953 beitrat. 31 Sein
Appell für die bewaffnete Resistenz gegen die kolonialistische Verschwörung wurde von auf
einer islamischen Grundlage basierenden Reformvorschlägen begleitet. Seine Faszination von
der durch die Freien Offiziere propagierten Ideologie ist durch seine Erwartungen von der
erfofften politischen Autonomie und der sozialen Gerechtigkeit zu erklären. Die
darauffolgende Enttäuschung von der Vernachlässigung der zu erlassenden islamischen
Gesetze und der durchzuführenden Agrarreformen resultierte in einer Vertiefung seiner
Kooperationstätigkeit mit der Muslimbruderschaft als die bedeutendste
Oppositionsströmung.32 Angesichts seiner hemmungslosen Kritik gegen die übernommenen
Verhandlungen mit den Briten und die vernachlässigte soziale Gerechtigkeit wurde Sayyid
Quṭb bei der Verhaftungswelle nicht verschont, die wegen dem der Muslimbruderschaft
angelasteten Attentat auf Nasser am 26.10.1954 veranlasst worden war, und zu 15 Jahren
Zwangsarbeit verurteilt. Die 1964 erschienene radikalste Schrift ‘Maʿālim fī ṭ-Ṭarīq’
(“Wegzeichen”) widerspiegelt in ihrer Explosivität die teilweise auch von den
Haftbedingungen provozierte Kompromisslosigkeit bei Quṭbs gesellschaftspolitischen
Lösungsvorschlägen, indem sie seine Aufforderung zur endgültigen Abwendung von der
etablierten Ordnung zum Ausdruck bringt.33 Trotz seiner vorzeitigen Haftenentlassung, die
der Intervention des damaligen irakischen Staatspräsidenten zu verdanken war, wurde Quṭb
als unbequemer Regimegegner erneut inhaftiert und in Anlehnung an das Gerichtsverfahren
am 29. August 1966 erhängt.34 Ungeachtet des in der Forschung immer wieder
hevorgehobenen Einflusses Quṭbs auf nachfolgende radikale islamistische Bewegungen ist es
30
http://www.npr.org/templates/story/
31
Sabine Damir-Geilsdorf: “Herrschaft und Gesellschaft“, S. 42f
32
Sabine Damir-Geilsdorf: “Herrschaft und Gesellschaft“, S. 49
33
Lawrence Davidson: “Islamic Fundamentalism”, S. 100
34
Sabine Damir-Geilsdorf: “Herrschaft und Gesellschaft“, S. 54

9
mangels einer unzweideutigen Ausformulierung seiner islamischen Heilsbotschaft zweifelhaft
geblieben, ob tatsächlich die bewaffnete Auseinandersetzung mit der weltlichen Herrschaft
impliziert sei.

Fazit

Wie im ersten Teil meiner Semesterarbeit deutlich geworden ist, war die persönliche
Entwicklung Sayyid Quṭbs hin zu einer der wichtigsten Leitfiguren des radikalen Islamismus

10
diversen gesellschaftspolitischen Faktoren unterworfen. Neben seinem soziokulturellen
Hintergrund war vor allem die Herausforderungslage bezüglich der britischen Okkupation
ausschlaggebend für die Extremisierung seines Islamverständnisses. Ausgangspunkt und
Zentrum des von ihm propagierten Gesellschaftsmodells ist die Aufforderung zu der
Errichtung der angesprochenen Gottesherrschaft ‚ḥākimīyat Allāh’,35 die gemäß der
Durchsetzung der šarīʿa realisiert werden soll. Die gegenwärtige Epoche unzivilisierter
Tyrannien durch die künstlich etablierten Regierungen beschreibt er mit dem Begriff der
ǧāhilīya,36 durch den die vorislamische Zeit der absoluten Unwissenheit und Ignoranz
definiert ist. Darauf wird der Kozept des ǧihāds37 als eine empfehelnswerte Alternative
perzipiert, wodurch die Zerstörung der degenerierten weltlichen Mächte herbeigeführt werden
soll. In dem Gedankenzusammenhang ist es leichter, die widersprüchliche Auslegung Quṭbs
ideologischer Schriften nachvollzuziehen, worauf seine vom “Märtyrer” bis hin zum
“Terroristenführer” schwankenden Wahrnehmung seiner Persönlichkeit in Gesellschaft und
Forschung zurückzuführen ist.

Literaturverzeichnis

- Al-Azmeh, Aziz. „Die Islamisierung des Islam. Imaginäre Welten einer politischen
Theologie“. Gennaro Ghirardelli (Hrsg.). Ulrich Enderwitz (Übers.). „Edition Pandora“.
Band 33. Frankfurt/Main ; New York : Campus Verlag. 1996

35
Bassam Tibi: Fundamentalismus im Islam“, S. 7, 80
36
Sabine Damir-Geilsdorf: “Herrschaft unf Gesellschaft“, S. 85-88
37
Eadem: “Herrschaft unf Gesellschaft“, S. 181-190

11
- Damir-Geilsdorf, Sabine. „Herrschaft und Gesellschaft. Der islamistische Wegbereiter
Sayyid Quṭb und seine Rezeption“. Rahul Peter Das, Werner Ende, Erika Glassen, Angelika
Hartmann, Jens Peter Laut, Stefan Leder, Ulrich Rebstock, Rotraud Wielandt (Hrsg.). „MISK
– Mitteilungen zur Sozial- und Kulturgeschichte der islamischen Welt. Herrschaft und
Gesellschaft“. Band 11. Würzburg: Ergon Verlag. 2003

- Davidson, Lawrence. „Islamic Fundamentalism“. Randall M. Miller (Hrsg.). “Greenwood


Press Guides to Historic Events of the Twentieth Century)”. Westport (Connecticut); London:
Greenwood Press. 1998

- Khatab, Sayyed. „The political thought of Sayyid Qutb. The theory of jahiliyyah”.
1. Aufl.“Routledge studies in political Islam;2”. London : Routledge. 2006

- Krämer, Gudrun. „Die arabische Welt im 20. Jahrhundert“ Albrecht Noth, Jürgen Paul
(Hrsg.). „MISK – Mitteilungen zur Sozial- und Kulturgeschichte der islamischen Welt.Der
islamische Orient: Grundzüge seiner Geschichte“. Band 1. Würzburg: Ergon Verlag. 1998

- [o.A.]. „Geschichte und Erinnerung im Islam“. Angelika Hartmann (Hrsg.). „Formen der
Erinnerung“. Günter Oesterle (Hrsg.). Band 15. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 2004

- Qutb, Saiyid. “Sayyid Qutb and Islamic activism. A translation and critical analysis of social
justice in Islam”. William E. Shepard (Hrsg.). Leiden ; New York ; Köln: Brill. 1996

Idem. “Milestones (Paralleltitel: Maalim fi 't-tariq) ”. Reproduktion. “Ishaat-e-Islam Trust


publications“. Delhi: Markazi Maktaba Islami. 1996

- Tibi, Bassam. „Fundamentalismus im Islam. Eine Gefahr für den Weltfrieden?“. 3. ergänzte
Aufl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 2002

Tworuschka, Monika. „Islam im 19. Jahrhundert“. Albrecht Noth, Jürgen Paul (Hrsg.).
„MISK – Mitteilungen zur Sozial- und Kulturgeschichte der islamischen Welt. Der islamische
Orient: Grundzüge seiner Geschichte“.Würzburg: Ergon Verlag, 1998

12
Internetquellen:

Ibrahim, Fouad / Hegasy, Sonja / Müller-Mahn, Detlef / Abdelnasser, Gamal


„Ägyptens Weg in die Moderne“
verfügbar unter: www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=2VN8EP&page=0

Siegel, Robert
„Sayyid Qutb's America“
http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=1253796

Beide angegebenen Internetquellen waren zuletzt in der hier verwendeten Form am 17.
05. 2007 um 18:15 abrufbar.

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