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Vorstellungsgespräch im Stil von Loriot

© 2010 Christof Wahner

So, meine Herrschaften, ich würde doch meinen, dass das Vorstellungsgespräch jetzt beginnen kann!
Sie wollen bestimmt möglichst viel über mich erfahren. Deshalb sollten wir KEINE Zeit verschwenden.

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Also beginnen wir doch einfach mal mit meinen Stärken und Schwächen. Das ist ja ein beliebter Punkt.
Was ist das übrigens für eine Gesellschaft, die sich dermaßen den Äußerlichkeiten verschrieben hat
und darüber völlig die inneren Werte vergisst? Wie sagte mein geliebter Großvater immer so weise:
"Redlich währt am längsten", wohlgemerkt in Ergänzung zu einem gediegenen Erscheinungsbild, was
mein Großvater selbstverständlich voraussetzte. Sie wissen ja hoffentlich, dass im Unterschied zu
Redlichkeit Teamfähigkeit ein reines Schlagwort ohne jeden Inhalt ist. Jetzt aber die spannende Frage:
Woher kommt nun eigentlich das Wort Redlichkeit? Aber natürlich, ganz einfach, nämlich von "reden".
Wer zum Beispiel so stumm da sitzt wie Sie, kann definitionsgemäß nicht redlich sein. Nun, das kann
man in einem gewissen Maß ändern, zum Beispiel durch Gesprächspsychotherapie. Da kann ich eini-
ge exzellente Adressen empfehlen, bei denen ich selber ausgezeichnete Erfahrungen gesammelt habe.
[Personalverantwortliche(r): ...]
– Wie "Entschuldigung"? Meine Herrschaften, hier gibt es nichts zu rechtfertigen. Ein jeder hat eben
auch seine dunklen Seiten. Ja, ja, das trifft auf mich genauso wie auf Sie zu. Da braucht man sich
keinerlei Illusionen zu machen. Die Welt ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen.
[Personalverantwortliche(r): ...]
– Ach so, Sie möchten andeuten, dass ich mich etwas kürzer fassen soll. Na gut, weil Sie es sind.
Aber ansonsten, damit wir uns richtig verstehen, beinhaltet Redlichkeit ein Minimum an ausführlicher
Darlegung der persönlichen Gedankengänge, damit möglichst wenig Missverständnisse entstehen.
[Personalverantwortliche(r): ...]
Eine unübersehbare Stärke ist mein joviales Naturell, aber genauso mein ungewöhnliches Talent,
selbst mit heftigster Kritik gelassen und souverän umzugehen. Hingegen verhalte ich mich gegenüber
Komplimenten reserviert. Komplimente sind eher etwas für ein Rendezvous und haben allzu häufig
diesen seltsamen Beigeschmack von Schmeichelei.
Also bitte keine Komplimente! Außerdem soll man ja bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend loben.
[Personalverantwortliche(r): ...]
– Wie "Fatzke"? Wissen Sie, das klingt leider ganz danach, dass Sie irgendwelche Vorurteile auf mich
projizieren. Oder wollten Sie mir gerade mitteilen, dass Ihr werter Familienname Fatzke lautet. Oh,
das wäre natürlich tragisch. Aber machen Sie sich nichts daraus. Es gibt schlimmeres. Wie gesagt,
ich habe auch meine Schwächen. Nun lassen Sie uns aber bitteschön zurück zum Thema kommen:
Sie müssen außerdem berücksichtigen, dass Sie kaum einen geeigneteren Bewerber für die vakante
Position finden werden. Allein mein Äußeres – Ach ja, übrigens darf ich es Ihnen nicht verschweigen,
dass ich sowohl diese einzigartigen Hugo-Boss-Schuhe als auch diesen herrlichen Jil-Sander-Blazer
erst gestern Mittag käuflich erworben habe, und beides zusammen für sage und schreibe 1200 Euro –
jedenfalls, mein Äußeres passt im Wesentlichen vorzüglich zum Design der betreffenden Büroräume ...
beziehungsweise umgekehrt. Ich wette, dass in diesem Fall das berühmt-berüchtigte Innenarchitektur-
büro Lutz & Schell einen maßgeblichen Einfluss hatte. Nun ja, das wissen Sie vielleicht besser als ich,
weil Sie vermutlich Zugriff auf die Daten Ihrer Einkaufsabteilung haben. Jetzt aber zurück zum Thema:
Hier und dort wird es noch einige dezente Änderungen im bescheidenen Rahmen von schätzungsweise
200.000 Euro brauchen, damit sich das Ganze zu einer rundum runden Sache entwickelt. Nicht wahr?
– Wie "Nein"? Sie machen bestimmt Scherze. Das kennt man doch zum Beispiel von Quiz-Shows.
Erstens ist Ihr Verhandlungsspielraum nicht so groß wie Sie sich das einbilden. Und zweitens sollten
Sie es in Ihrer Position definitiv nicht nötig haben, Ihr Näschen dermaßen hoch in die Luft zu strecken.
Erinnern Sie sich ruhig an das, was ich Ihnen von meinem Großpapa erzählt habe.
[Personalverantwortliche(r): ...]
Na, da überraschen Sie mich jetzt aber wirklich! Ei der Daus! Was soll ich denn dazu sagen?
[Personalverantwortliche(r): ...]
Na, das wird ja immer lustiger! Ich bemühe mich hier um eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre,

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und Sie drehen den Spieß lustig und munter um, indem Sie ... Ach wissen Sie, ich habe nicht die gerin-
gste Lust, meine wertvolle Zeit mit solchen dahergelaufenen Spielverderbern wie Ihnen zu vertrödeln.
Ich lasse mir ja vieles bieten, aber nicht so etwas! Nicht mir mir! Auf Nimmerwiedersehen!