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Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung“


von Pseudo-Apollonios von Tyana*

Unter dem Namen des Neupythagoreers Apollonios von Tyana (arab.: Balinūs) ist im
Arabischen eine Reihe von apokryphen Schriften erhalten, die allesamt dem Gebiet der
Geheimwissenschaften zuzurechnen sind und zum Teil mit der populären Hermetik in
Verbindung gebracht werden. Die verbreitetste Schrift des pseudapollinischen Corpus,
eine Kosmologie mit dem Titel Über das Geheimnis der Schöpfung (Kitāb Sirr al-
halı̄qa, im folgenden zitiert als Sirr), die in umfassender, systematischer Weise den
˘
gesamten Zusammenhang der Welt und ihrer Einzelphänomene erklärt, ist für die
Wissenschaftsgeschichte von besonderer Bedeutung.
Unter den Forschern herrscht Einigkeit darüber, daß der Text in seiner vorliegenden
arabischen Gestalt aus der Frühzeit des Islam stammt. Seine Terminologie weicht von
der arabischen Fachsprache der klassischen Zeit ganz erheblich ab.

Zur Biographie des Apollonios von Tyana

Der Neupythagoreer Apollonios aus Tyana in Kappadokien war schon zu Lebzeiten


eine umstrittene Persönlichkeit, von den einen als Weisheitslehrer hoch gelobt, von den
anderen als Magier geschmäht; auch nach seinem Tode kam die Diskussion um ihn nicht
zur Ruhe. Die Hauptquelle für Apollonios’ Leben bildet eine achtbändige Biographie
aus der Feder des Sophisten Philostratos von Lemnos (um 170-244 n. Chr. 1 , verfaßt
im Auftrage der Kaiserin Julia Domna, der Gemahlin des Septimius Severus 2 . Wegen
ihrer romanhaften Ausgestaltung und der von Philostratos verfolgten apologetischen
Tendenz ist diese Biographie als historische Quelle nur bedingt von Wert; über den Grad
ihrer Zuverlässigkeit gehen die Meinungen auseinander. Wir beschränken uns darauf,
die einigermaßen gesicherten Fakten zu referieren, ohne zu den strittigen Punkten
Stellung zu nehmen.
Die Angaben über die genauen Lebensdaten des Apollonios sind widersprüchlich.
Philostratos nennt als Geburtsjahr 4 v. Chr., als Todesjahr 96 n. Chr. Dieser Ansatz wird
von den meisten Forschern wohl zu recht als tendentiöse Konstruktion abgelehnt 3 ,
weil Apollonios danach ein Alter von genau 100 Jahren erreicht hätte. Zudem berich-
tet Philostratos, daß bereits zu seiner Zeit die Angaben über Apollonios’ Lebenszeit
auseinandergingen 4 .

Die Werke des Apollonios sind bis auf wenige Fragmente verloren. Das von Eusebios
tradierte Fragment aus der Schrift Über die Opfer (PeqÎ husiým) vermittelt einen
* Ursula Weisser, Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung“ von Pseudo-Apollonios von Tyana,

Berlin, 1980.
1
Vgl. Solmsen Philostratos Sp. 136-174.
2
Vita Apollonii, ed. C. L. Kayser. Ich benutze die auf Kaysers Text basierende Ausgabe mit englischer
Übersetzung von Conybeare, im folgenden zitiert als Conybeare Philostr. VA (im laufenden Text als
Vita). Zu weiteren Ausgaben vgl. Mead S. 42f.
3
Siehe Miller Apollonios Teil 1 Sp. 147. Meyer S. 403f. schlägt eine erheblich spätere Datierung
vor, nach der Apollonios’ Akme in die Regierungszeit Domitians (81 – 96 n. Chr.) fällt. Hopfner
Apollonios S. 148 setzt seine Akme unter Nero (63 n. Chr.) an.
4
Conybeare Philostr. VA VIII 29.
2 Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung“

Eindruck von der Gottesvorstellung des Apollonios 5 . Er glaubte an ein absolut tran-
szendentes Wesen, den Mo§r, welcher die Welt durch Vermittlung niederer Demiurgen
erschuf 6 . Unter Berufung auf Moiragenes nennt Philostratos noch eine astrologische
Schrift rte l tavteias doz£ewv, die er selbst nicht mehr zu Gesicht bekommen habe 7 .
Johannes Hempel erwägt, ob sie mit den nur in der Suda genannten xprioof (Orakel-
sammlung) 8 identisch sein könnte 9 . Lucien Leclercs Versuch, diese echte astrologische
Schrift mit dem arabischen Balinūs-Traktat Über die Einflüsse der Pneumata (Risāla fı̄
Ta’tı̄r ar-rūh.ānı̄yāt) 10 in Verbindung zu bringen 11 , entbehrt der sachlichen Grundlage 12 .
Ein Vermächtnis (StaiMxat) 13 des Apollonios wird von Philostratos 14 und in der Suda 15
erwähnt, ferner ein Hymnus an die Mnemosyne. Apollonios’ Pythagoras-Biographie,
die Philostratos nicht nennt 16 , ist zum Teil in den Pythagorasviten von Porphyrios 17
und Iamblichos 18 verarbeitet.
Da die Werke des Apollonios offenbar wenig verbreitet waren und wohl schon
in der Spätantike nicht mehr vorlagen, ist nicht zu erwarten, daß sich unter den arabi-
schen Balinūs-Texten echte Werke des Tyanensers finden. Dagegen existieren arabische
Übersetzungen eines im griechischen Original erhaltenen Apollonios-Pseudepigraphs.

Zusammenfassung

Wenn wir bedenken, daß sich aus den Überlieferungen erschließen läßt, daß Apolloni-

us gleichzeitig als Wanderprediger, Philosoph und Wundertäter auftrat, daß er zugleich
ein hohes sittliches Ideal verkündigen, praktische Ratschläge geben und Lebensweis-
heit lehren, magische Praktiken üben und Astrologie betreiben konnte, so müssen wir
5
Eus. PE IV 13, übersetzt bei Hopfner Apollonios S. 152, Nilsson Geschichte S. 420, Norden S. 39f.
Letzterer weist nach, daß das Zitat durch Porphyrios vermittelt wurde.
6
Hopfner Apollonios S. 152f. identifiziert diese untergeordneten Gottheiten mit den sieben klassi-
schen Planeten, da Apollonios Interesse an Astrologie gezeigt habe (siehe den folgenden Titel). Der
Doppeltitel teketaÎ ć peqÎ husiým in der Suda scheint darauf hinzudeuten, daß die Schrift einen
magischen Einschlag hatte; vgl. Nilsson Geschichte S.420.
7
Conybeare Philostr. VA III 41. Ob Apollonios sich zu einem solchen Thema geäußert habe, erscheint
Philostratos zweifelhaft, da Astrologie und Divination nicht im Bereich menschlicher Fähigkeiten
lägen. Vgl. Hempel Untersuchungen S.55f. W. und H. G. Gundel Astrologumena S. 222 halten diesen
Traktat irrtümlich für ein astrologisches Handbuch des Philostratos, wohingegen aus der zitierten
Stelle zweifelsfrei hervorgeht, daß Philostratos für seine Person die Astrologie ablehnte.
8
Vgl. Wundt S. 330f.
9
Hempel Untersuchungen S. 7 Anm. 1.
10
Siehe Sezgin GAS Bd. 4 S. 89 Nr. 5.
11
Leclerc Identité S. 123.
12
Bereits Hempel Untersuchungen S. 7 stand dieser Identifikation skeptisch gegenüber.
13
Leclerc Identité S. 123f. schließt auf eine Beziehung des Testaments zu dem arabischen Balinūs-
Traktat Kitāb T.ālāsim Balı̄nās al-akbar (siehe Sezgin GAS Bd.4 S.89 Nr. 7), der sich als Testament
des Autors an seinen Sohn ausgibt. Hempel Untersuchungen S. 7 lehnt diese Vermutung zu Recht
als zu wenig fundiert ab.
14
Conybeare Philostr. VA 13 und VII 35.
15
Siehe Meyer S. 389 Anm. 3.
16
Es scheint aber plausibel, daß sie entweder Philostratos selbst oder schon der Damisvorlage als
Vorbild für die Lebensbeschreibung des Apollonios diente; siehe Meyer S. 383; Mesk S. 127f.;
Miller Beziehungen S. 139ff.
17
Siehe H. Jäger S. 30-34. Porphyrios scheint Apollonios’ Schrift nicht direkt benutzt zu haben; vgl.
Hempel Untersuchungen S. 5.
18
Siehe Rohde Teil 1 S. 554-576 und Teil 2 S. 23-61; Burkert S. 88ff.
Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung“ 3

annehmen, daß er zwar eine beeindruckende religiöse Persönlichkeit, aber doch von
sehr schillernder Natur war.“ 19
Im Hinblick auf den Charakter der arabischen Apollonios-Pseudepigraphen sind
folgende Ansätze aus der griechischen Tradition festzuhalten: Die Quellen bezeugen
übereinstimmend eine Neigung des Apollonios zum Okkulten. Ihm wird eine mit sei-
ner asketischen Lebensführung begründete Prädisposition für göttliche Offenbarungen
nachgesagt – Balinūs’ Schrift Über das Geheimnis der Schöpfung gibt sich als Of-
fenbarung des Hermes Trismegistos aus. Seine Wunderkraft wird auf den Umgang
mit Dämonen zurückgeführt – beim Fund des Sirr erhält Balinūs Hilfe von seinem
persönlichen Dämon, der Vollkommenen Natur. Der Spätantike galt es als der Teles-
matiker par excellence – mehrere arabische Balinūs-Traktate sind Anleitungen zur
Talismanherstellung.
Dagegen scheint der Umstand, daß Apollonios sich zum Pythagoreismus bekannte
– entgegen der Annahme von Paul Kraus – für die Zuschreibung natur- und geheimwis-
senschaftlicher Texte an Apollonios keine Rolle gespielt zu haben. Kraus schließt 20 ,
Apollonios habe in der orientalischen Tradition als Vertreter pythagoreischer Wis-
senschaft gegolten, da eine von Gäbir kommentierte, nicht erhaltene Balinūs-Schrift
und das einem Balinūs-Schüler zugeschriebene Buch Miftäh al-hikma (Schlüssel der
Weisheit) zur Erklärung physikalischer Phänomene Zahlenverhältnisse verwenden. Da
in den übrigen Balinūs-Schriften derartiges nicht nachzuweisen ist und Apollonios
in der sonstigen Überlieferung nicht mit pythagoreischer Wissenschaft in Verbindung
gebracht wird 21 , muß Kraus’ Hypothese als unbewiesen gelten.

Die arabisch erhaltenen Apollonios-Pseudepigraphen

Unter den Namen Balinūs sind in arabischen Handschriften folgende Texte erhalten 22 :
1. Kitāb Sirr al-halı̄qa oder Kitāb al-‘Ilal
˘
Über das Geheimnis der Schöpfung oder Buch der Ursachen,
2. Kitāb Talāsim Balanyās al-akbar
Das große Buch der Talismane,
3. Mus.h.af al-qamar fı̄ t.-t.ilasmāt
Über Mondtalismane,
4. Risāla fı̄ Ta’tı̄r ar-rūh.ānı̄yāt fi l-murakkabāt
Über den Einfluß der spirituellen Wesen auf die zusammengesetzten Dinge,
5. Kitāb al-Mudhal al-kabı̄r
Das große Buch ˘ der Einleitung,
6. Kitāb al-As.nām as-sab’a
Über die sieben Idole,
7. Kitāb Inkišāf as-sirr al-maktūm min ‘ilm al-kāf
Über die Enthüllung des verborgenen Geheimnisses der Wissenschaft vom Kāf ,
19
Esser S. 61.
20
Kraus Jābir S. 301f.
21
Woraus Hempel Untersuchungen S. 6 schließt, bei al-Qazwı̄nı̄ (nach einer von Wiedemann Bd. 1
S. 129 mitgeteilten Stelle) finde sich eine Spur von Bewußtsein, daß Apollonios irgendwie mit

Pythagoras zusammengehört“, ist mir unerfindlich.
22
Vgl. Sezgin GAS Bd. 4 S. 88-91.
4 Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung“

8. Kitāb al-Hawās.s.
Über die˘ okkulten Eigenschaften (nur durch Fragmente aus arabischen Werken
bekannt).
Inwieweit alle diese Schriften vom selben Verfasser stammen, wird sich erst ent-
scheiden lassen, wenn man sie im Druck studieren kann.

Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung

Das Sirr ist der umfangreichste und bestbezeugte Text im Corpus der Balinūs-Schriften.
Es stellt den Versuch einer umfassenden rationalen Welterklärung dar, welche unter
Verzicht auf beschreibende Details die materiellen Ursachen der physikalischen Be-
schaffenheit des Universums aufzeigt, und zwar unter Berücksichtigung der zeitlichen
Abfolge bei der Weltschöpfung. Den Aitiologien des Sirr liegt ein einheitlicher na-
turphilosophischer Ansatz zugrunde, die Theorie der vier primären Qualitäten. Dieses
Prinzip der Kausalerklärung geht letztlich auf die aristotelische Elementenlehre zurück,
welche jedem Element zwei Qualitäten zuordnet 23 . Das Sirr ist nach dem derzeitigen
Kenntnisstand der früheste erhaltene Text, in welchem es systematisch auf alle Berei-
che der Natur angewendet wird. Angesichts der geringen Originalität des Autors – das
Sirr ist eine unselbständige Kompilation, in welcher das Material der Vorlagen nicht
zu einem widerspruchsfreien System verschmolzen ist – sind auch für diese Methode
Vorbilder zu vermuten, die für uns freilich zum größten Teil nicht mehr faßbar sind.
Die beiden im Kosmos wirkenden Kräfte sind Bewegung, repräsentiert durch die
Qualität Wärme, und Ruhe, repräsentiert durch die Kälte. Da die Ruhe mehrfach als
bloße Abwesenheit von Bewegung definiert wird, lassen sich die Triebkräfte der Natur-
prozesse auf ein einziges Prinzip reduzieren, die aktive Wärme, welche als Kochungs-
oder Putrefaktionshitze (h.arr at.-t.ibāh, h.arr at-ta‘fı̄n) im anorganischen Bereich und als
˘
calor innatus (h.arr al-kiyān) bei Stoffwechselprozessen 24
alle Veränderungen bewirkt.
Das Prinzip der Kohärenz im Kosmos ist der einheitliche Stoff als Substrat aller
Naturkörper, das Prinzip der Differenzierung die Wechselwirkung der Qualitäten, die
stets an das materielle Substrat gebunden sind, also Zustände der Materie darstellen.
Da sich diese Qualitäten in mannigfachen, quantitativ verschiedenen Proportionen
mischen, besitzt jeder Naturkörper eine ihm speziell eigene Qualitätenmischung, auf
welcher seine spezifischen Eigenschaften beruhen. Die Quantifizierung der Qualitäten
in der Verbindung beschränkt sich auf vage Angaben wie stark, schwach, übermäßig,
gering, aus denen selbst grobe Gradskalen nicht zu gewinnen sind.
Jeder Körper besitzt zwei äußere, das heißt aktuelle oder manifeste Qualitäten und
zwei innere, das heißt potentielle oder latente Qualitäten, wobei die Gegensatzpaare
Wärme – Kälte und Feuchtigkeit – Trockenheit niemals gemeinsam auftreten. Denn
Veränderungen vollziehen sich ausschließlich zwischen Gegensätzen, da sie auf dem
Gesetz der Attraktion gleichartiger und Repulsion gegensätzlicher Qualitäten beruhen.
Aufgrund äußerer Einwirkungen können eine oder beide innere Qualitäten die ihnen
konträren äußeren überwinden, ins Innere verdrängen und deren Stelle einnehmen 25 ;
23
Arist. GC II 3. 330 a-331a; Met. IV 1. 378b; vgl. G. A. Seeck S. 15ff.; Schöner S. 66f.; Sambursky
S. 185 und 418; Partington S. 87.
24
Vgl. Reinhardt Poseidonios S. 225; Lesky Zeugungslehren S. 35; Mendelsohn S. 8ff.; Lapidge S.
274.
25
Vgl. dazu von Lippmann Entstehung Bd. 1 S. 316.
Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung“ 5

dadurch erhält der Körper neue Eigenschaften. Eine durchweg einheitliche Bildungs-
theorie für alle Kreaturen ist Balinūs freilich nicht gelungen. Er bleibt in allen Teilen
seines Werkes von den in Details differierenden theoretischen Ansätzen seiner ver-
schiedenen Quellen abhängig.
Ein beherrschender Gedanke in der Kosmogonie des Sirr ist die Korrespondenz
zwischen den Vorgängen am Himmel und auf der Erde. Der Planetenlauf determiniert
die drei Naturreiche, die Rotation der Himmelssphäre gibt bei der Erschaffung der Welt
den Anstoß zur Mischung der aufgrund ihrer Gegensätzlichkeit ursprünglich getrennten
Qualitäten im sublunaren Bereich. 26
Im ersten Teil des Werkes steht der kosmogonische Aspekt im Vordergrund: Aus der
empirisch konstatierten materiellen Struktur der Dinge wird die Art und Weise ihres
Werdens bei der Weltschöpfung rekonstruiert. Im zweiten Teil hingegen, für welchen
der Autor Problemata Physica-Sammlungen 27 auswertet, bezieht er sich mit seinen
Aitiologien nurmehr auf den aktuellen Zustand der Welt.

Zum Aufbau

Nach einführenden Bemerkungen zum Inhalt und den vom Autor verfolgten Zielen 28
sowie nach einem Bericht über die Auffindung des Textes 29 bringt
Buch I des Sirr philosophisch-theologische Widerlegungen der Weltewigkeits-
lehre und verschiedener Irrmeinungen über den Schöpfer.

Die weitere Disposition orientiert sich am Ablauf der Schöpfung:


Buch II: Über die oberen Phänomene, das heißt die Erscheinungen der Himmels-
welt und des Luftraums,
Buch III: Über die Mineralien,
Buch IV: Über die Pflanzen,
Buch V: Über die Tiere,
Buch VI: Über den Menschen, die Sinneswahrnehmung und die Embryologie 30 .

Das Schema ist von älteren Kosmogonien her wohlbekannt 31 . Man vergleiche den bib-
lischen Schöpfungsbericht in Gen. 1,1ff. mit den acht Akten: Licht – Scheidung von
Licht und Finsternis – Bildung der Himmelsfeste, Scheidung des Wassers – Schei-
dung von Erde und Meer – Pflanzen – Gestirne – Wassertiere und Vögel – Erdtiere
und Mensch 32 . Daß feste Vorstellungen über die natürliche oder sinnvolle Aufeinan-
derfolge der einzelnen Schöpfungswerke bestanden, zeigt der Versuch des Philon von
26
Vgl. zu dieser hermetischen Theorie Kroll Sp. 808.
27
Siehe Ullmann Medizin S.95f. Zur Charakterisierung dieser Literaturgattung vgl. Flashar Arist. Pr.
S. 297ff.
28
Sirr I 1.1 und 1.3-5.
29
Sirr I 1.2.
30
Die Überschriften der Bücher (maqālāt) differieren in den einzelnen Handschriften; möglicherweise
gehören sie nicht zum ursprünglichen Textbestand.
31
Vgl. Lukas S. 42f.
32
Vgl. Schwabl Sp. 1498.
6 Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung“

Alexandria, eine Regelwidrigkeit in der Reihenfolge der Schöpfungen nach Gen. 1,


den Umstand nämlich, daß die Erschaffung der Pflanzen der der Gestirne vorausgeht,
mit teleologischen Argumenten zu rechtfertigen 33 .
Die Kosmogonien des Corpus Hermeticum, Traktat I (Poimandres) 34 und III 35 ,
beginnen gleichfalls mit der großen Welt und behandeln die irdische Region in aufstei-
gender Folge vom primitivsten zum höchstentwickelten Wesen, wenn auch hier die im
metaphysischen Bereich liegenden Uranfänge im Mittelpunkt stehen. Überhaupt gehen
antike Kosmogonien auf die Schöpfung der drei Naturreiche meist nur flüchtig ein 36 .
Für den iranischen Raum ist noch der nach awestischen Vorbildern (Yasna 19,8) 37
entstandene Große Bundahišn zu vergleichen, nach dem Ohrmazd die Welt in der
Reihenfolge Himmel – Erde – Pflanzen – Tiere – Mensch erschafft 38 .
Ein grundsätzlicher Unterschied jener älteren Kosmogonien zum Sirr besteht darin,
daß sie von den irdischen Dingen nur die organischen – Pflanze, Tier und Mensch
– berücksichtigen. Hingegen stellt Balinūs die Mineralien den Pflanzen und Tieren
gleich. Darin macht sich wohl der Einfluß der poseidonischen Sympathielehre 39 gel-
tend, die in der populären Naturphilosophie der Spätantike eine wichtige Rolle spielte:
Der Kosmos wird als hierarchisch gegliederte Einheit begriffen, in welcher jeder Teil
an seinem Platze für den Bestand des Ganzen notwendig ist 40 . Dadurch erhalten die
Mineralien als unterstes Naturreich ein neues Gewicht. Ferner dürfte der Aufschwung
der Alchemie in der Spätantike die Einbeziehung der anorganischen Stoffe in kosmolo-
gische Betrachtungen gefördert haben, da die Alchemie eine Theorie ihrer materiellen
Struktur voraussetzt. Dieser Beweggrund könnte für das Sirr eine Rolle spielen, scheint
es doch als eine Propädeutik der Alchemie konzipiert.
Für die arabischen Naturwissenschaftler ist die gleichberechtigte Behandlung der
drei Naturreiche in der Kosmologie zur Selbstverständlichkeit geworden, wie man an
der Gliederung der Traktate über die Naturkörper (ar-rasā’il al-ǧismānı̄ya at.-t.abı̄‘ı̄ya)
in der Enzyklopädie der Ihwān as.-S.afā’ (Lauteren Brüder, 4.10 . Jhdt.) 41 oder dem
Aufbau des des ersten Teils ˘von al-Qazwı̄nı̄s Kosmographie 42 studieren kann. Arabische
Wissenschaftsklassifizierungen ordnen die Teilgebiete der Physik in gleicher Weise
an 43 . Das Sirr ist ein Zeugnis dafür, daß diese wissenschaftliche Tradition, in welcher
33
Ph. OM XLVf.: Gott habe in seiner Allwissenheit vorausgesehen, daß die törichten Menschen aus
dem streng periodischen Lauf der Gestirne einen Einfluß derselben auf die jährlich wiederkehrenden
Erscheinungen der Vegetation ableiten und sie verehren würden. Deshalb habe er die Pflanzen zuerst
geschaffen, damit die Menschen daraus erkennen sollten, daß jene ihr Gedeihen allein der Güte ihres
Schöpfers verdanken.
34
Vgl. Schwabl Sp. 1558; H. G. Gundel Poimandres Sp. 1197-1199. Eine Übersicht über die Disposition
des Traktats gibt Festugière in der Einleitung zum Text in Herm. Bd. 1 S. 2-6.
35
Vgl. Schwabl Sp. 1559; Festugière in der Einleitung zu Traktat 3 in Herm. Bd. I S. 42f.
36
Vgl. Seeliger Sp. 495.
37
Vgl. Tiele S. 245.
38
Text bei Nyberg Teil 1 S .218; vgl. auch Nyberg Teil 1 S. 226-228. Übersetzung des Großen Bundahišn
I bei Widengren S. 66ff.; vgl. noch Duchesne-Guillemin Sp. 1589; Blochet Teil 2 S. 193; Lukas S.
110 und 114.
39
Vgl. Kranz S. 75f.
40
Vgl. Goltz S. 26ff.
41
Vgl. Ihwān as.-S.afā Rasā’il Bd.1 S. 26-35; siehe zur Einteilung noch Nasr S. 42.
42 ˘
Siehe Qazwı̄nı̄ ‘Aǧā’ib S. 13-15.
43
Vgl. Wiedemann Bd. 1 S. 146ff. Dieses Klassifikationsschema orientiert sich nach Wolfson Classi-
fication S. 296f. an der Anordnung der physikalischen Schriften im Corpus Aristotelicum.
Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung“ 7

die Mineralogie ihren festen Platz in der Kosmologie einnimmt, in vorislamische Zeit
zurückreicht.
Da das kosmologische Schema auch die meteorologischen Phänomene berück-
sichtigt, werden sie von Balinūs im Zusammenhang mit der Physik des Himmels
abgehandelt, obgleich die Meteorologie als Beschreibung ständig im Fluß befindlicher
Phänomene strenggenommen den Rahmen der Kosmogonie sprengt.

Zur Tabula Smaragdina

Den Abschluß des Werkes bildet die nur wenige Zeilen umfassende Tabula Sma-
ragdina des Hermes Trismegistos 44 , welche bei den Alchemisten des Mittelalters als
verschlüsselter Leitfaden für das Große Werk in hohem Ansehen stand 45 . In der Rah-
menerzählung des Sirr wird sie als zweiter Bestandteil von Balinūs’ Bücherfund ein-
geführt. Daraus geht hervor, daß ihre Verbindung mit der Kosmologie, die vom Inhalt
her nicht unmittelbar einsichtig ist, zum ursprünglichen Plan des Autors gehörte. Wenn
der Übersetzer in der Überleitung zur Tafel am Ende der Kosmologie bemerkt, es folge
nun ein Stück, das er nicht verstanden habe und deshalb ohne Kommentar wiedergebe,
so ist dies kein Beweis für eine nachträgliche Anfügung des Tafeltextes 46 . Die Fund-
geschichte gibt auch Auskunft über die sachliche Beziehung zwischen den beiden im
Umfang wie im Charakter grundverschiedenen Texten: Das Buch – die Kosmologie –
lehre die Geheimnisse der Schöpfung, die Tafel enthalte die (künstliche) Darstellung
der Natur. Mit anderen Worten, die Kosmologie vermittele die theoretische Kenntnis
der materiellen Zusammensetzung aller Dinge, deren der Alchemist zur praktischen
Nachahmung dieser Strukturen nach Anleitung der Tabula Smaragdina bedarf 47 . So-
mit liefert erst die Tafel, welche in esoterischer Form die Praxis zur Theorie des Sirr
andeutet 48 , den Schlüssel zum Verständnis der Kosmologie 49 . Paul Kraus interpretiert
die Tafel als Hinweis auf die Existenz einer esoterischen, praktischen Lehre 50 , die
im Gegensatz zu den natürlichen Mechanismen des Kosmos nur Eingeweihten offen-
bart oder in verhüllter Form angedeutet werden dürfe, damit nicht Unwürdige in den
Stand versetzt würden, in den im Sirr aufgedeckten Kausalzusammenhang der Natur
einzugreifen.
Die Herkunft des bis heute nicht befriedigend interpretierten Tafeltextes 51 ist unge-
klärt. Julius Ruska war der Auffassung, im Sirr finde sich der an seinem richtigen Ort

44
Vgl. zu Inhalt und Geschichte der Tabula Smaragdina Ruska Tabl. Smaragd.
45
Siehe Ruska Tabl. Smaragd. S. 1. Steele/Singer S. 485 charakterisieren sie als brief summary of the

principles of change in Nature, the foundation of alchemical doctrine“.
46
35 Vgl. Plessner Materialien S. 97 Anm. 1. Plessners Feststellung, die Oberleitung finde sich nur in
späteren Handschriften, kann ich nicht bestätigen. Freilich variiert der Wortlaut in den verschiedenen
Rezensionen: Rez. B spricht von angehängten Worten (kalimāt mu‘allaqāt), die Epitome bezeichnet
die Tafel als Kapitel (bāb) der Kosmologie.
47
Davis S. 553 vertritt die Hypothese, die Tabula Smaragdina sei ursprünglich kein alchemistischer
Text. Eine letzte Entscheidung hierüber ist wohl nicht möglich. Im Sirr wird sie jedenfalls schon als
alchemistische Formel aufgefaßt; vgl. Sirr III 8.7. Siehe auch Holmyard S. 525.
48
Ullmanns Feststellung, das Sirr stelle einen Kommentar zur Tabula Smaragdina dar (Ullmann Nat.
Wiss. S. 171), trifft den Sachverhalt nicht ganz.
49
Vgl. Kraus Jābir S. 302.
50
Kraus Jābir S.303.
51
Zu den Interpretationsversuchen mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Alchemisten siehe Ruska
Tabl. Smaragd. 5.177ff.
8 Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung“

und in seinem ursprünglichen Zusammenhang stehende Urtext der Tabula Smaragdi-


na“ 52 , Balinūs habe demnach die Tabula Smaragdina selbst formuliert. Dagegen legt
die Komposition der Fundgeschichte, welche das Motiv des Bücherfundes mit dem To-
pos der Offenbarung einer Tafel verbindet, den Schluß nahe, Balinūs habe anläßlich der
Herausgabe der überlieferten Kosmologie nicht einen eigenen Text lanciert, sondern
lediglich die mit entsprechender Beglaubigung bereits vorliegende Geheimformel mit
dem Sirr verknüpft 53 . Freilich wird die Tabula Smaragdina im Sirr, mit dem sie durch
einen Querverweis inhaltlich verklammert ist 54 , zum ersten Male literarisch faßbar. Da
ähnliche alchemistische Geheimformeln erwiesenermaßen in griechischer Sprache ge-
prägt wurden, hat sich Ruska bemüht, in den erhaltenen griechischen alchemistischen
Texten verwandte Formulierungen nachzuweisen 55 , die Parallelen sind aber zu entfernt,
als daß sich damit der griechische Ursprung der Tafel beweisen ließe. Trotzdem halte
ich angesichts der literarischen Unselbständigkeit des Balinūs eine griechische Vorlage
für wahrscheinlich 56 , da auch das Sirr auf einer griechischen Vorlage zu beruhen scheint
oder doch wesentlich von griechischen Quellen abhängig ist.
Im Widerspruch zu seiner Feststellung, die Tafel habe im Sirr ihren ursprünglichen
Platz, sieht Ruska den von Ǧābir ibn H.aiyān im Kitāb Ust.uquss al-uss at-tānı̄ überliefer-
ten Text 57 als eine ältere Fassung an 58 . Ein Vergleich auf breiterer Handschriftenbasis
ergibt jedoch, daß der Text der Rez. A (vor allem Codex M) mit Ǧābirs Text weitge-
hend übereinstimmt 59 , während die von Ruska nach Handschriften der Rez. B und der
Epitome rekonstruierte Form 60 mehrfach erweitert ist. Somit steht außer Zweifel, daß
die ursprünglichste Fassung der Tabula Smaragdina in der älteren Rezension des Sirr
zu finden ist.

Zum Titel

Balinūs’ Werk wird in den Handschriften unter verschiedenen Titelformen überliefert:

1. Kitāb fi l-‘Ilal
Über die Ursachen (Rez. A, Mss. M und L),
52
Ruska Tabl. Smaragd. S. 156.
53
Vgl. Weisser besonders S. 118f.
54
Balinūs gibt an, die Transmutation von Smaragd zu Yāqūt nach Anleitung der Tabula Smaragdina
selbst durchgeführt zu haben (Sirr III 8.7.); vgl. Ruska Tabl. Smaragd. S. 154 (arab.) und S. 155f.
(Übs.), der die Tilgung der Bemerkung in Erwägung zieht, weil sie im Zitat at-Tifāšı̄s fehle. Gegen
eine Interpolation spricht aber ihre Bezeugung in allen alten Handschriften. Eine Störung des Satz-
zusammenhanges, die Plessner Materialien S. 96 Anm. 5 als Beweis für die Interpolation ansieht,
liegt nur in der von Ruska irrtümlich als älteste Fassung angesehenen Epitome vor.
55
Olympiodor nach Ruska Tabl. Smaragd. S. 23: ŘmavËqousim tÌm tËwmgm eĺr ěkiom jaÎ sekËm-

gm“; Zosimos nach Ruska Tabl.Smaragd. S.37: Ťmy tÈ oÿqÉmia jÉty tÈ ŸpicÍia; di/ Ťqqe-

mor jaÎ hÍkeor pkgqoÓlemom tÐ IJqcom“.
56
Steele/Singer S.486 vermuten, daß sie in Alexandria vor der islamischen Eroberung entstand. Hol-
myard S. 526 hält eine griechische Herkunft für in the highest degree probable“.
57

Ǧābir b. H. S. 90, 9-16.
58
Ruska Tabl. Smaragd. S. 121. Plessner Materialien S. 89 sieht in Ǧābirs Text die Vorlage der
lateinischen Version und der längeren arabischen Fassung im Kitāb Inkišāf as-sirr al-maktūm (vgl.
dazu Ruska Tabl. Smaragd. S. 112-114); siehe aber die Korrektur bei Kraus Jābir S. 280 Anm. 4.
59
In Ǧābirs Text fehlt der Schluß.
60
Ruska Tabl. Smaragd. S. 158ff.
Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung“ 9

2. Kitāb Sirr al-halı̄qa wa-s.an‘at at.-t.abı̄‘a


˘
Über das Geheimnis der Schöpfung und die Darstellung der Natur (Rez. B),
3. Kitāb fi l-‘Ilal (wa-)l-ǧāmi‘ li-l-ašyā’
Über die Ursachen (und) der Sammler der Dinge (Epitome).
Offenbar ersetzte erst ein Übersetzer oder Bearbeiter (Sāǧiyūs ?) 61 den allgemeine-
ren Urtitel Ǧāmi‘ al-ašyā’ durch einen der Fundgeschichte entliehenen.

Zur Textgeschichte

Den hermetischen Prototyp des Sirr, welchen Balinūs in Tyana gefunden haben will,
können wir hier außer acht lassen 62 . Julius Ruska war zwar der Auffassung, das Sirr
müsse eigentlich als Buch des Hermes bezeichnet werden 63 ; es ist aber in der Of-
fenbarungsliteratur üblich, daß die Schriften den Namen des Offenbarungsempfängers
tragen. Die Zuweisung an Apollonios gehört zweifellos zum ursprünglichen Plan des
Werkes 64 . Nach den Aussagen des Textes wurde das Original des Balinūs von einem
christlichen Priester (qass) namens Sāǧiyūs übersetzt und fortlaufend kommentiert 65 .
Die einheitliche sprachliche Gestaltung und der kompilatorische Charakter des Textes
erlauben derzeit jedoch keine Scheidung von Grundtext und Kommentar 66 . Nur die
erste theologische Abhandlung (über die vierundzwanzig Attribute Gottes), die wohl
durch die Aufzählung von vier Gottesnamen zu Beginn des theologischen Prologs des
Balinūs angeregt wurde 67 , wird ausdrücklich auf Sāǧiyūs zurückgeführt 68 . Die Au-
torschaft der allgemeinen Einleitung 69 , in der Balinūs in der ersten Person spricht,
ist unsicher. Julius Ruska schreibt sie einem (muslimischen) Redaktor zu 70 , Martin
Plessner folgt ihm mit der Begründung, der Herausgeber wolle damit den von ihm
neu eingeführten Titel Ursachen der Dinge in der Schrift etablieren 71 . Dagegen habe
ich den Eindruck, daß sie von Balinūs selbst oder zumindest von Sāǧiyūs stammt, die
Annahme eines Dritten ist nicht zwingend.
Über die Person des Übersetzers erfahren wir nur, daß er Priester war und in Nābulus
wohnte 72 . In seinem Prolog über den Schöpfer bekennt er sich zu einem strikten, aber
61
Dieser nennt in Sirr I 2 am Ende, in Sirr II zu Beginn und in der Nachschrift der Kosmologie das
Werk Buch der Ursachen.
62
Ein solcher Text hat offenbar nie existiert. Balinūs verwendete eine hermetische Quelle (Kitāb
al-Ist.amāt.is) nur für die Fundgeschichte und einige weitere Abschnitte.
63
Ruska Tabl. Smaragd. S. 137.
64
Plessner Materialien S. 97.
65
Nach der Nachschrift zu Sirr I2, der Einleitung zu Buch II und der Nachschrift zum gesamten Text;
vgl. Ruska Tabl. Smaragd. S. 156f.
66
Wieweit die häufigen Wiederholungen mit geringen sachlichen Varianten als Kommentare des
Sāǧiyūs auszuscheiden sind, muß noch im einzelnen untersucht werden.
67
Sirr I 3. de Sacy S.114 und Ruska Tabl. Smaragd. S. 139f. bemerken nicht, daß dieser zweite Teil der
theologischen Einführung schon Balinūs gehört, und behandeln demzufolge die gesamte Einleitung
als Zusatz des Sāǧiyūs.
68
Sirr I 2.
69
Sirr I 1.1 und 1.3-5.
70
Ruska Tabl. Smaragd. 5.137; ähnlich Monod-Herzen S. 69.
71
Plessner Materialien S. 92, mit der Einschränkung, möglicherweise sei auch dieser Herausgeber fin-
giert, so daß Schlüsse aus den unterschiedlichen Titelformen hinfällig würden (Plessner Materialien
S. 92 Anm. 1).
72
Schluß von Sirr I 2.
10 Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung“

nicht spezifisch christlichen Monotheismus. Das mag damit zusammenhängen, daß


Fragen der Christologie für den Nachweis der Erschaffenheit der Welt keine Rolle
spielen, zumal der Prolog im Tenor mehr philosophisch als theologisch ist 73 .
Die überlieferten Varianten des Namens sind beträchtlich. ... Angesichts dieser
Sachlage muß man sich mit der Auskunft zufriedengeben, daß man mit dem zu Gebote

stehenden Material darauf verzichten muß, die Urform des Namens zu finden“ 74 . ...
... Solange keine stichhaltigen sachlichen Einwände gegen die Existenz des Sāǧiyūs
geltend gemacht werden können, ist den Angaben des Textes über seinen Beitrag zur
Gestaltung des Sirr Glauben zu schenken.
Silvestre de Sacy und Francois Nau gehen davon aus, daß Sāǧiyūs das Sirr ins Syri-
sche übersetzte. Es gibt aber keine eindeutigen Indizien dafür, daß der arabische Text
auf einer syrischen Vorlage beruht. Daher vermute ich, daß Sāǧiyūs das Sirr direkt aus
dem Griechischen ins Arabische übertragen hat. Falls dies nicht zutrifft, ist ein weiterer,
nicht genannter Übersetzer ins Arabische anzunehmen 75 . ... Die archaische Termino-
logie des Sirr spricht, wie Paul Kraus hervorhebt 76 , für eine frühere Übersetzung ins
Arabische.
Schließlich ist die Annahme eines griechischen Originals, das im vorigen still-
schweigend vorausgesetzt wurde, näher zu begründen. Die Angaben über Übersetzung
und Bearbeitung des Sirr sind so konkret, daß man sie nicht ohne weiteres vernachlässi-
gen und annehmen darf, das Werk sei in der vorliegenden Gestalt unter Fingierung der
gesamten Überliefererkette Hermes-Apollonios-Sāǧiyūs in arabischer Sprache konzi-
piert worden 77 . Julius Ruska, der als obere Grenze für die Entstehung des Originals das
6. Jhdt. ansetzt 78 , also wohl eine nichtarabische Urschrift in Betracht zieht 79 , äußert
sich nicht eindeutig über deren Sprache. Vielleicht sind seine Ausführungen über den
Nordostiran als Zentrum der Alchemie und Naturwissenschaft in der Spätantike 80 da-
hin zu deuten, daß er als Originalsprache einen mitteliranischen Dialekt im Sinn hatte.
Da jedoch der Übersetzer aus Nābulus stammen soll, scheint mir der syrische Raum
näherzuliegen 81 . Dem Sirr vergleichbare Texte in syrischer Sprache aus vorislamischer
Zeit sind mir nicht bekannt, griechisch schreibende Autoren hingegen haben sich nach-
weislich des Pseudonyms Apollonios von Tyana bedient. Daher hat die Annahme einer
griechischen Urschrift die größere Wahrscheinlichkeit für sich. Ferner sind die Quellen
des Sirr, soweit bekannt, griechische Schriften oder doch solche, für welche ein grie-
chisches Original zu vermuten ist. Beispielsweise dürfte Balinūs seine vagen Angaben
über die Lehren der Dualisten, vor allem des Bardesanes, kaum aus den gutunter-
richteten syrischen Kirchenvätern, sondern aus griechischen Häresiologien geschöpft
73
An einer Stelle (Sirr I 2.3.26) wird allerdings der Sündenfall erwähnt.
74
Plessner Materialien S. 91.
75
Kraus Jābir 5.273 Anm. 1 nimmt an, daß der arabische Text auf einer syrischen Vorlage basiert.
76
Kraus Jābir 5.283f. Die als Belege angeführten Termini stammen allerdings zum größten Teil
aus der erst in Rez. B eingearbeiteten Übersetzung von Nemesios’ De natura hominis, wohl weil
hier das griechische Original Kraus die Begriffsbestimmung erleichterte, während im nur arabisch
vorliegenden Grundtext des Sirr die Bedeutung der Termini nicht immer zweifelsfrei zu ermitteln
ist. Die Richtigkeit seines Ergebnisses wird jedoch nicht beeinträchtigt.
77
So gegen Massignon in Festugière Révélation S. 395.
78
Ruska Tabl. Smaragd. S. 166.
79
Ruska Tabl. Smaragd. S. 171 spricht von einem nordostpersischen vorislamischen Ursprung“.
80

Ruska Tabl. Smaragd. S. 170ff.
81
Vgl. Kraus Jābir S. 280; Monod-Herzen S. 68ff.
Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung“ 11

haben 82 .
Über den Autor, der sich des Pseudonyms Balinūs bediente, läßt sich wenig sagen.
In seinem theologischen Prolog bekennt er sich zum Monotheismus. Der Umstand, daß
der Brahmane seine Gegner als Byzantiner (ma‘šar ar-rūm) bezeichnet 83 , ist vielleicht
ein Indiz für das christliche Bekenntnis des Autors 84 . Andererseits scheint Balinūs in
der Auseinandersetzung um die Ewigkeit der Welt von christlichen Apologien abhängig
zu sein, so daß dergleichen Hinweise für den Autor selbst nichts zu besagen brauchen.
Die Kosmologie des Sirr ist jedenfalls rein naturphilosophisch-astrologisch 85 und läßt
sich keiner der drei großen monotheistischen Religionen eindeutig zuordnen.
Für die Entstehungszeit des Sirr sind wir auf Vermutungen angewiesen. Julius Rus-
ka hat auf die abgerundete Darstellung der Quecksilber-Schwefel-Theorie der Metalle
hingewiesen 86 , die über den in griechischen alchemistischen Texten bezeugten Kennt-
nisstand hinausweist. Eine Datierung ins 6. Jhdt. 87 erscheint demnach plausibel 88
Die Übersetzungszeit läßt sich unabhängig von den angeführten sprachlichen Indi-
zien mit Hilfe der Datierung von Rez. B annähernd festlegen. Einen sicheren terminus
ante quem für diese liefert erst das Datum ihrer ältesten Handschrift (K), nämlich das
Jahr 584/1188. Da K aber gegenüber den anderen Textzeugen von Rez. B eine Reihe
von zusätzlichen, vorwiegend stilistischen Korrekturen aufweist, die auf ihre Vorlage
zurückgeführt werden müssen 89 , kann man noch um einige Zeit weiter zurückgehen.
Die Aufnahme des Nemesiostextes in einer unzulänglichen Übertragung andererseits
führt zu der Hypothese, daß die Bearbeitung vor Ish.āq ibn H.unains Nemesiosüberset-
zung anzusetzen sei, also etwa vor 850 n. Chr. In diese Richtung deutet ein weiteres
Indiz. Der ismā’ilitische Propagandist abū H.ātim ar-Rāzı̄ berichtet in seiner Dispu-
tation mit dem wegen manichäischer Neigungen als Ketzer verdächtigten abū Bakr
Muh.ammad ibn Zakarı̄yā’ ar-Rāzı̄ (gest. 313/925) über das Sirr 90 , er habe gerüchte-
weise vernommen (qad dukira lanā), dessen Autor sei rezent (muh.dat.), was ihm abü Bakr
bestätigte und hinzufügte, der Betreffende – der Name wird leider nicht genannt – sei
ein Gelehrter und Philosoph zur Zeit al-Ma’mūns (reg. 198/803 – 218/833) gewesen.
Das gleiche habe er, abū H.ātim, auch von anderer Seite gehört.
Paul Kraus vertritt die Auffassung, dieser angebliche Autor sei in Wahrheit jener
muslimische Redaktor 91 , dem Julius Ruska die theologische Einleitung des Sirr zu-
schreibt. Da diese Einleitung entgegen der Annahme von Ruska zur vorarabischen
82
Vgl. Drijvers S. 96.
83
Sirr I 3.5.1.
84
de Sacy S. 132 Anm. e bezieht diese Benennung auf die paganen Griechen, was angesichts ihres
Gottesbekenntnisses wohl nicht aufrechtzuerhalten ist.
85
Vgl. Ruska Tabl. Smaragd. S. 167.
86
Ruska Tabl. Smaragd. S. 170f.
87
Ruska Tabl. Smaragd. S. 166.
88
Sezgins Datierung ins 5. Jhdt. (Sezgin GAS Bd. 4 S. 85) beruht auf mehreren ungesicherten Vor-
aussetzungen. Die Annahme von Zosimos-Zitaten im gleichfalls Balinūs zugeschriebenen Mudhal
basiert auf einer schwachen Konjektur. Zudem ist nicht erwiesen, daß beide Texte vom selben Autor ˘
stammen. Die Angabe über die Übersetzung des Sirr im Jahre 500, die sich nur in einer erst zu
Beginn unseres Jahrhunderts entstandenen Handschrift findet (vgl. Sezgin GAS Bd.4 S.88 Nr. 1), ist
wenig vertrauenswürdig.
89
Die Schrift verrät die Hand eines berufsmäßigen Abschreibers.
90
abū H.ātim ar-Rāzı̄: Kitāb A‘lām an-nubūwa; siehe Kraus Raziana Teil 2 S. 373; Kraus Jābir S. 275
Anm. 2 (Übs.).
91
Kraus Jābir S. 275 und 278.
12 Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung“

Textstufe zu gehören scheint, vermute ich in jenem muslimischen Autor“ den Be-

arbeiter von Rez. B, um so mehr, als Kraus, der nur Rez. B kannte, aufgrund ihrer
altertümlichen Terminologie 92 die Zeit al-Ma’mns als unterste Grenze für die ara-
bische Fassung annimmt. Falls die Hypothese zutrifft, daß Rez. B am Anfang des 9.
Jhdts. entstand, erscheint eine Datierung der Übersetzung in die traditionelle Lebenszeit
Ǧābirs 93 , der das Sirr mehrfach zitiert, also um 750 – 800, möglich.

Zur lateinischen Überlieferung

Das Sirr ist in einer lateinischen Übersetzung von Hugo Sanctelliensis unter dem
Titel Liber de secretis naturae et occultis rerum causis quem transtulit Apollonius de
libris Hermetis Trismegisti erhalten 94 , die offenbar nur wenig verbreitet war 95 . Hugo,
dessen Beiname verschieden überliefert ist 96 , übersetzte vorwiegend astronomisch-
astrologische Texte aus dem Arabischen. Er wirkte in der ersten Hälfte des 12. Jhdts.,
da er das Centiloquium des Ptolemaios für den Bischof Michael von Tarazona (1119 –
1151 im Amt) übertrug 97 . Marie-Therese d’Alverny und Francoise Hudry, die eine
Edition dieser lateinischen Version nach dem Pariser Codex lat. 13951 aus dem 12.
Jhdt. 98 vorbereiten, haben mir freundlicherweise ihre Transkription des Textes zur
Verfügung gestellt. Der Vergleich mit dem Arabischen ergibt, daß die häufig paraphra-
sierende 99 lateinische Übersetzung auf einer Vorlage des einzigen in Spanien bekannten
Manuskripts (M, Rez. A) beruht und nicht auf einer hebräischen Zwischenversion, wie
Francois Nau aufgrund der Verschreibung des Namens Tyana in Athawaca vermutete 100 .

Zu den Quellen

Viele Vorstellungen des Sirr lassen sich ideengeschichtlich einordnen und auf ih-
re Urheber zurückführen. Unbeantwortet bleibt jedoch zumeist die Frage nach den
Mittelquellen. Nur in drei Fällen konnten die unmittelbaren Vorlagen näher bestimmt
werden. Schon 1942 stellte Paul Kraus frappierende Übereinstimmungen zwischen dem
Sirr und der in syrischer Sprache abgefaßten Enzyklopädie von Aiyūb ar-Ruhāwı̄ 101 ,
ferner wörtliche Parallelen zu Nemesios von Emesas Schrift De natura hominis fest 102 .
Über die Beziehung der dritten Quelle Kitāb al-Ist.amāt.ı̄s zum Sirr bestand bislang
keine Klarheit.

92
Vgl. Kraus Jābir 5.283ff.; Ullmann Nat. Wiss. S.172f.
93
Vgl. Sezgin GAS Bd. 4 S. 132ff.
94
Siehe Nau Bélinous; Carmody S.58; Thorndike Bd.1 S. 267; Bd.2 S. 283.
95
Siehe Monod-Herzen S. 67; Burnett S. 64.
96
Vgl. Haskins Translations S.6. Der Aufsatz wurde in erweiterter Form unter Berücksichtigung der
Sirr-Übersetzung, welche Haskins erst später bekannt wurde, wieder abgedruckt bei Haskins Studies
S.67ff. (zum Sirr vgl. S.79f.).
97
Siehe Haskins Studies S.69f.; Burnett S.63.
98
Vgl. Nau Bélinous S. 100. Die zweite erhaltene Handschrift, Bibliothèque Nationale lat. 13952, ist
eine Abschrift der obengenannten; vgl. Nau Bélinous S.100 Anm. 1.
99
Vgl. Nau Bélinous S. 102.
100
Nau Bélinous 5.100 und 101 Anm. 2.
101
Kraus Jābir S. 275ff.
102
Kraus Jābir 5.278ff.

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