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DTN

Deutsch-Tschechische
Nachrichten

Dossier
politisch literarische Nr. 3 Januar 2004

reflexion
zum Thema Flucht,
Vertreibung, Erinnern
in der DDR-Literatur

Drei Vorträge von einer Tagung


des Thüringer Forums
in Jena am 24. Januar 2004

Lutz Kirschner
Franz Fühmanns
„Böhmen am Meer“

Jens-Fietje Dwars
Heiner Müllers
„Die Umsiedlerin“

Christel Berger
Alfred Wellms
„Pugowitza oder
Die silberne Schlüsseluhr“
Vorbemerkung

Das Thüringer Forum für Bildung und Wissenschaft


e.V. lud am 24. Januar 2004 nach Jena ein zur politi-
schen und literarischen Reflexion von Flucht, Vertrei-
bung und Erinnern in der deutschen und osteuropäi-
schen Nachkriegsliteratur. Die Tagung in Jena begann
um 10 Uhr und endete um 17 Uhr. Begrüßung, sie-
ben Vorträge und eine Vielzahl von Diskussionsbei-
trägen forderten die Aufmerksamkeit der ungefähr
fünfzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das Thü-
ringer Forum bereitet eine vollständige Dokumenta-
tion der Tagung vor.
Wir danken dem Forum und besonders Lutz Kirsch-
ner, Jens-Fietje Dwars und Christel Berger für die
Möglichkeit, ihre Beiträge, die sich mit Produktionen
der Autoren Franz Fühmann (Böhmen am Meer),
Heiner Müller (Die Umsiedlerin) und Alfred Wellm
(Pugowitza oder die silberne Schlüsseluhr) beschäfti-
gen, bereits jetzt als DTN-Dossier zu veröffentlichen.

Zum Hintergrund der Tagung: Wie die damaligen


Westzonen hatte auch die sowjetische Besatzungszone
nach der Niederlage des Faschismus und entspre-
chend dem Beschluss der Siegermächte im Potsdamer
Abkommen Flüchtlinge, Vertriebene und Umsiedler
aufzunehmen. Für die im Westen entstehende BRD
lässt sich das Bestreben nachweisen, jene Verluste an
Staatsgebiet und Einflusszonen zurückzugewinnen.
Die laut artikulierten Ansprüche der Vertriebenenver-
bände waren willkommen. Die DDR-Politik zu die-
sem Komplex basierte auf der Anerkennung der
Nachkriegsordnung. Die Bildung von Vertriebene-
norganisationen nach dem Muster des Westens wurde
nicht geduldet. Bis Anfang der 50-er Jahre unternahm
die DDR-Gesellschaft große Anstrengungen zur Inte-
gration der Flüchtlinge und Vertriebenen, in den fol-
genden Jahren hielt man die Sache für erledigt. Schu-
le, Wissenschaft und Öffentlichkeit befassten das
Thema nicht mehr. Die Erinnerungen blieben, unver-
arbeitet und ohne Beachtung.
Nach dem Anschluss der DDR an die BRD wurde die
Haltung der DDR zu Flucht, Vertreibung, Umsied-
lung Gegenstand von Vorwürfen, die von linker Poli-
tik forderten, Leid und Verlustgefühle der Menschen,
die nach dem Krieg ihre Heimat verlassen mussten,
anzuerkennen. Diese Rede ist der Einstieg, den die im
Westen fest gefügten Vertriebenenverbände wählen,
um mit der Feststellung eines „Vertreibungsunrechts“
politisch litarische reflexion zum Thema Flucht, Vertreibung und Erinnern in der die Nachkriegsordnung zu diskreditieren. Sie fordert
DDR-Literatur – DTN-Dossier Nr. 3, Januar 2004 – Zusammengetragen von der
Redaktion der DTN, Postfach 201026, 80010 München • Verantw.: Martin Fochler und nährt expansive Tendenzen der Staatspolitik. Sie
ist am rechten Rand des politischen Spektrums fest
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2,30 Euro in Briefmarken beilegen. schismus.
Gefördert durch: Es ist nicht weiter verwunderlich, dass diese ausgebau-
Kurt-Eisner-Verein für politische Bildung – www.kurt-eisner.de im Rahmen des Pro- te Gedankenführung nach der Wende auch im Osten
jekts Vom Münchner Diktat zur Nachkriegsordnung, Historische Fachtagung.
um sich griff. Auch sind die Folgen im politischen
Offene Liste der PDS im Münchner Stadtrat – www.pds-muenchen-stadtrat.de im Feld ähnlich. Es entsteht zur Beunruhigung der Nach-
Rahmen des Projekts „München gegen das Münchner Abkommen“ barn eine Mentalität des Forderns. Konservative und

2 DTN-DOSSIER NR. 3 – FEBRUAR 2004


rechtsextreme Politikansätze werden gefördert. lassen, ging Hand in Hand mit einer Staatspolitik, die
Es ist aber wichtig zu begreifen, dass die Kritik der eine Beeinträchtigung ihrer Außenpolitik etwa durch
Vertriebenenpolitik wegen der ganz verschiedenen po- fordernde Vertriebenenverbände auch nicht geduldet
litischen und kulturellen Vorgeschichte erheblich an- hätte.
ders geführt werden muss, um aufklärend wirken zu Diese kulturgeschichtlich nachwirkenden Gegeben-
können. heiten machen verständlich, dass nach dem Unter-
Die im Westen gängige Kritik geht von der sicheren gang der DDR, als eben jene inneren und äußeren Be-
Tatsache der Instrumentalisierung jener biografischen dingungen weggefallen waren, das Vertreibungspro-
Erfahrungen für expansive Politik aus. Eine Kritik, die blem neu thematisiert wurde, und zwar ohne Rück-
im Osten greifen soll, muss die Tendenz zur Ausblen- sicht auf Verluste und besseres Wissen.
dung, zum Beschweigen, zur Nachordnung des Per- Es gab eben Leute, die mit der Umsiedlung nicht fer-
sönlichen und zur Repression von Meinungs- und Le- tig wurden, sondern zeit ihres Lebens seelisch
bensäußerungen reflektieren. schmerzhaft verletzt und behindert blieben, bitter,
Vor diesem Hintergrund ist verständlich, wieso vor dass ihr Kummer, der sich doch aus einem politischen
nunmehr drei Jahren der erste Versuch einer direkten Geschehen ergeben hatte, durch die nun politisch
Auseinandersetzung mit Vertriebenenpolitik im Thü- Verantwortlichen öffentlich nicht einmal registriert
ringer Forum in einen kaum lösbaren Konflikt mün- wurde.
dete.* Die notwendige Absage an eine Politik, die auf Die nach dem Zusammenbruch der SED übrig geblie-
„Feststellung von Unrecht“, „Wiedergutmachung“, bene Linke musste sich fragen und fragen lassen, ob
„Einsetzung in alte Rechte“ usw. aus ist, stand der und wieso in dieser Sache ein Tabu bestanden habe
Auseinandersetzung mit Kritiken an der Behandlung und ob es weiter bestehe.
des ganzen Komplexes in der DDR im Wege und um- Für die Rechte ist das Thema eine Chance, die fried-
gekehrt. fertige Orientierung, die aus der DDR-Zeit in weiten
Für die DDR-Linke ist der Anschein, sie verweigere Kreisen der Bevölkerung im Osten stabil geblieben ist,
bezüglich der DDR die öffentliche Auseinanderset- aufzubrechen. Wenn es ihnen gelänge, darzutun, die
zung und die unvoreingenommene Prüfung aller DDR-Führung habe berechtigte Anliegen der Bevöl-
denkbaren Vorwürfe, lebensgefährlich, genauso wie kerung ihrer Außenpolitik geopfert und dies repressiv
für die ganze Linke in der gesamten neuen BRD der abgesichert, ist dazu ein wichtiger Schritt getan. Auch
Anschein, sie lasse sich auf rechtsextreme Positionen läßt sich ein Gefühl erlittenen Unrechts sehr leicht in
ein. Forderungen ummünzen.
Die politisch-literarische Reflexion – das haben die
Das Thüringer Forum hat Vorträge und dann auch die Diskussion gezeigt – ver-
zur Bearbeitung des Kon- weist alle Teilnehmenden darauf, das innere Erleben
fliktes die politisch-literari- der Personen mit Ernst zu würdigen, und darauf, dass
sche Reflexion gewählt, ein dies nur glückt, wenn die politischen und kulturellen
Weg – der wie die Tagung Bedingungen mit bedacht werden. Fehlt der Bezug
zeigte – viele Aussichten auf jene äußeren Bedingungen, verliert die Erzählung
auftut. So hat sich als gleich den Wahrheitsgehalt.
als erstes gezeigt, dass die So wird verständlich, warum der für die Vertriebenen-
DDR-Literatur das Thema agitation typisch kurze Schluss, der den Bericht vom
keineswegs totgeschwiegen Verlust des Zuhauses in Forderungen ummünzt, die –
hat. bei allem Mitgefühl für das erlebte Leid – trotzdem fa-
de und irgendwie falsch klingen. Hier wird eben nicht
Verlust der materiellen die ganze Geschichte erzählt, hier wird aus politischen
Grundlagen und der kultu- Gründen etwas weggelassen.
rellen Bezüge, zerrissene Das Gefühl der Tagungsteilnehmer für den falschen
Bande der Familie, der Ton hat wohl auch dafür gesorgt, dass der Vorschlag
Nachbarschaft, der Kollegialität, das In-eine-fremde- des Referenten Dr. Jörg Bilke scheiterte, der das alte
Umgebung-Geworfenwerden, das sind Erfahrungen, DDR-Territorium als „Mitteldeutschland“ deklarie-
die sich in der Biografie von Menschen tief eingraben, ren wollte und die Aussiedlungsgebiete unter der Be-
besonders, wenn der Entschluss fortzuziehen nicht frei zeichnung „Ostdeutschland“ zu fassen versuchte.
ist, sondern durch politische Gewalt veranlasst.
Die große Zahl von Menschen, die in der DDR mit Zum Abschluss meinte Dr. Vera Haney vom Thürin-
solchen Einschnitten fertig werden musste – es hieß, ger Forum, dass Flucht, Vertreibung und Umsiedlung
in Mecklenburg-Vorpommen seien dies 65% der wohl als integraler Teil des Kriegsgeschehens verstan-
Nachkriegsbevölkerung gewesen – ließ sich dabei von den werden müssen, eine Ansicht, die in der Tat in
einer Grundstimmung leiten, die sich auch in der der Diskussion durch Argumente von vielen Seiten
DDR-Hymne wiederfindet: „... und der Zukunft zu- gestützt worden war. Ebenso trifft zu, dass eine Erör-
gewandt“. Jene Stimmung, die Vergangenheit sein zu terung des Themas im Kontext der aktuellen Politik
noch aussteht.
* www.thueringer-forum.de: Vertriebene im linken Diskurs, Protokoll-
band einer wissenschaftlichen Tagung vom 1. April 2000, 99 Seiten, Martin Fochler, DTN-Redaktion
5,10 EURO, (ISBN 3-9807066-5-6) 28.1.2004

DTN DOSSIER NR. 3 – Februar 2004 3


Lutz Kirschner aufgelegt. Im Unterschied zu manch anderen frühen
Arbeiten nimmt Fühmann „Böhmen am Meer“ in die
von ihm Mitte der 70er Jahre zusammengestellte
Werkausgabe auf, wenn er auch in einem Brief von
Franz Fühmanns 1976 bekennt, daß er „jene Naivität des Erzählers von
,Böhmen am Meer‘ nicht mehr [L.K.: sein] eigen nen-
„Böhmen am Meer“* 3
nen kann noch nennen will.“ Was ist damit gemeint?
Zunächst eine stark geraffte und auf den politisch-
weltanschaulichen Gehalt konzentrierte Inhaltsdar-
4
stellung des Textes.
Fühmann ist Jahrgang 1922 und wächst auf im sude-
tendeutsch-nationalistischen Milieu des böhmischen Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, unschwer als Füh-
Riesengebirgsdorfes Rochlitz. Seine Schulzeit, so manns Alter ego erkennbar, kommt zehn Jahre nach
schreibt er später, sei „insgesamt [...] eine gute Erzie- Kriegsende erstmals wieder ans Meer; es soll ein unbe-
1
hung zu Auschwitz“ gewesen. Als 14jähriger tritt er schwerter Ostseeurlaub werden. Quartier nimmt er
der sudetendeutschen Hitlerjugend, dem „Deutschen bei Hermine Traugott, einer früh gealterten, wortkar-
Turnverband“ bei, und nach dem Anschluß Böhmens gen Frau mit seltsam leerem Blick, tonloser Stimme
und Mährens wird er als 16jähriger Mitglied der Rei- und versteinerten Gebärden. Der Text schildert nun
ter-SA. Beim deutschen Überfall auf Polen meldet er das Bemühen des Erzählers, die Ursache ihrer trauma-
sich freiwillig zum Kriegsdienst und wird abgewiesen, tischen Bedrückung zu enträtseln. Zunächst nimmt er
als Angehöriger des Reichsarbeitsdienstes ist er dann an, daß sie, da Frau Traugott gleichfalls aus Böhmen
aber am Überfall auf die Sowjetunion dabei. Füh- stammt, aus dem Heimatverlust herrühre: „O Gott,
mann wird Wehrmachtssoldat und zum Fernschreiber nun wird sie mich fragen, ob wir noch einmal nach
ausgebildet, er ist u.a. in Kiew, Kriwoi Rog und Athen Böhmen zurückkommen! dachte ich, und ich dachte,
eingesetzt. Später wird er sich für seine Jugend- und daß wieder eins der Gespräche beginnen werde, wie
2
Wehrmachtszeit als glühenden Nazi beschreiben. Ei- ich sie schon oft mit Umsiedlern geführt hatte, eins
ne Einzelheit: An der Fronthochschule Athen hält er der Gespräche über die Unumgänglichkeit der Aus-
1943 einen Vortrag „Das ethische Leitbild des Ger- siedlung und das Trügerisch-Gefährliche einer Hoff-
manentums“. Im Mai 1945 gerät er auf der Flucht nung auf die Rückkehr. Ich hatte solche Gespräche
nach Westen in sowjetische Kriegsgefangenschaft, er- nie gescheut, ich war ja selbst Umsiedler und bejahte
lebt also die Vertreibung der Sudetendeutschen aus die räumliche Trennung der beiden Nachbarvölker.
Böhmen – Fühmann wird von Umsiedlung sprechen Alle guten Gründe sprachen dafür; um Argumente
– selbst nicht mit. Kriegsgefangenschaft und Antifa- war ich nicht verlegen, allein wie sollte ich in diesem
schule werden zu den Wendepunkten seines Lebens. Falle argumentieren?“ Seine Annahme wird im müh-
1949 kommt er als Antifaschist und im Bewußtsein sam geführten abendlichen Gespräch mit Frau Trau-
persönlicher Mitschuld aus der Kriegsgefangenschaft gott jedoch nicht bestätigt; er erfährt, daß sie aus ein-
zurück. Fühmann entscheidet sich für den sozialisti- fachen Verhältnissen stammt, Gutsarbeiterin in Böh-
schen Aufbau im Osten Deutschlands und wird Mit- men war, ihr Mann 1943 als Soldat gefallen ist, sie im
arbeiter im Berliner NDPD-Parteiapparat und dort Herbst 1945 mit ihrem damals fünfjährigen Sohn in
für die kulturpolitische Arbeit zuständig. Nach Kon- das kleine Ostseedörfchen umgesiedelt wurde – und
flikten mit der Parteiführung beendet er 1958 seine daß sie panische Angst vor dem Meer hat. Den Bür-
hauptamtliche Funktionärstätigkeit und wird freier germeister an seine Verantwortung zu erinnern, ihr ei-
Schriftsteller. Bereits in den 50er Jahren veröffentlicht nen Wegzug von der sie ängstigenden See zu ermög-
er lyrische und erzählerische Arbeiten, die sich insbe- lichen, sucht er das Gespräch mit ihm. Diesen tatkräf-
sondere der Abrechnung mit der faschistischen Ver- tigen wie reflektionsfähigen Mann sorgt das Schicksal
gangenheit widmen, hervorzuheben sind das Poem von Frau Traugott schon länger; sie aber, so schildert
„Die Fahrt nach Stalingrad“ und die Novellen „Kame- er, will nicht weg aus dem Dorf, und die Angst vor
raden“ und „Kapitulation“. In zeitlicher Nähe zu „Ka- dem Meer hatte sie bereits im Umsiedler-Sammellager
belkran und blauer Peter“, einer seiner ersten literari- und auf dem Transport. Der Bürgermeister war 1945
schen Erkundungen der DDR-Wirklichkeit, und dem aus dem Konzentrationslager befreit worden, er hätte
autobiografisch-historischem Zyklus „Das Judenauto“ als Antifaschist wohl in Böhmen bleiben können, ging
arbeitet Fühmann an seiner Erzählung „Böhmen am aber mit den Umsiedlern, um „mit ihnen zu sprechen
Meer“. Sie erscheint 1962 in einer mit Originalgrafi- und sie zu lehren, ihr Leben nicht als blindlings ge-
ken versehenen Erstausgabe im Rostocker Hinstorff worfenes Schicksal zu erleiden, sondern sinnvoll zur
Verlag in einer kleinen Auflage von 500 Exemplaren Zukunft hin zu gestalten“. Bis auf Frau Traugott, so
und wird später ohne die Originale mehrfach nach- wird berichtet, haben sich die Umsiedler „gut einge-

* Um Fußnoten erweiterte Vortragsfassung.


1 Franz Fühmann: Den Katzenartigen wollten wir verbrennen. Ein Lesebuch. Herausgegeben von Hans-Jürgen Schmitt, Hamburg 1983, S. 181.
2 Vgl. Franz Fühmann: Das Judenauto. Kabelkran und Blauer Peter. Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens, Rostock 1979, S. 473ff.
3 Franz Fühmann: Briefe 1950-1984. Eine Auswahl. Herausgegeben von Hans-Jürgen Schmitt, Rostock 1994, S. 208/209.
4 Vgl. Böhmen am Meer, in: Franz Fühmann: Erzählungen 1955-1975, Rostock 1982, S. 283-318. Auf die Belegstellen der Einzelzitate wird hier
verzichtet; sie sind in dem überschaubaren Text leicht aufzufinden.

4 DTN-DOSSIER NR. 3 – FEBRUAR 2004


Franz Fühmann Anfang der 80-er Jahre
lebt, es habe ja jeder ein Dach über den Kopf bekom-
men und die altgewohnte Arbeit auch“.
Während seiner Urlaubszeit kann der Erzähler das auf
Frau Traugott lastende Geheimnis nicht enträtseln, er
fährt bedrückt zurück. Da sie aber mit „heiligem
Hass“ den Baron von L. erwähnt hatte, begibt er sich
in der Hoffnung, Erinnerungsanstöße zu erhalten,
zum „Sudetendeutschen Heimattreffen“ nach West-
berlin, bei dem dieser als Redner angekündigt ist.
Dem Leser ist der Baron bereits aus einer früheren Er-
innerungssequenz bekannt: Er war Mitte der 30er Jah-
re einer der „Vorkämpfer des Deutschtums in der
Tschechoslowakei“ gewesen, der Erzähler hatte durch
ihn erfahren, daß „wir Deutschen bestimmt seien, die
Welt zu beherrschen“, und: „es könne kein Nebenein-
ander der Völker mehr geben, es gebe nur eins: die
Unterwerfung unter das deutsche Gebot oder die Til-
gung aus dem Buch der Geschichte“. Beim Heimat-
treffen ertönt der Egerländer Marsch, und beim Er- Mörder sind.“ Und es folgt ein Bekenntnis des Erzäh-
zähler mischt sich die Wahrnehmung der bemühten lers bzw. Fühmanns: „In diesem Augenblick sah ich
Symbolik von Trachten und Ritualen mit Bildern aus mein Land vor Augen, mein Land, das wie nie meine
Geschichte und Gegenwart – der enthusiastischen Be- Heimat war, und ich lief die Straße hinunter und eil-
grüßung der Wehrmacht beim Einmarsch in Böh- te der S-Bahn zu, um in das Berlin zurückzufahren, in
men, der Gewalttaten gegen Juden und Tschechen, dem die Mörder ohne Freiheit sind“.
der deutschen Panzer vor der Prager Burg, der Auslö- Zu ihrem 40. Geburtstag fährt der Erzähler noch ein-
schung Lidices, der Angst der beim Rückzug der deut- mal an die Ostsee zu Frau Traugott. Der Bürgermei-
schen Truppen in die Keller Geflüchteten. „Wir hat- ster ist da und überbringt ihr die Glückwünsche der
ten versucht, die anderen auszurotten; nun würden Gemeinde. Sie bedankt sich mit den Worten „Alle
die anderen uns ausrotten, Auge um Auge, Zahn um hier sein so gut zu mir“, und der Erzähler weiß nun
Zahn! Sie werden die Keller verriegeln und uns hier auch, warum Frau Traugott trotz ihrer Angst vor dem
krepieren lassen, dachten wir, oder vielleicht werden Meer nicht wegziehen will: „Sie war den größten Teil
sie gnädig sein und uns an die Wand stellen und zu- ihres Lebens geschunden und getreten und herumge-
sammenschießen, oder vielleicht geschieht gar das stoßen worden, und dann hatte sie das erste Mal eine
kaum zu Erhoffende: sie werden uns das Leben schen- menschliche Gemeinschaft erfahren, in der man ihr
ken und uns irgendwo auf einer Insel Sachalin ansie- half, in der man ihr ein Häuschen gab und Land und
deln, in irgendeinem Bleibergwerk oder irgendwo in eine Heimat, die mehr war als das altvertraute Land
der Tundra. Und dann war der Tag der Kapitulation mit seinen Bergen und Bächen und Kapellen überm
gekommen, und dann klopften sie an die Tür und Hang; es war eine menschliche Gemeinschaft, in der
sagten: Packt eure Sachen und geht über die Grenze in sie sich geborgen fühlte trotz der fremden Landschaft,
euer Land und lernt, gute Nachbarn zu werden, und vor der ihr schauderte.“ Frau Traugotts nunmehr
einer sagte noch: Wir wünschen euch Glück. So hat- 15jähriger Sohn kommt vom Baden, und der Erzähler
ten wir denn unser Bündel gepackt und waren über schließt mit folgenden Sätzen: „[I]ch gab dem Jungen
die Grenze gegangen, in den einen Teil Deutschlands, die Hand und sah beglückt, wie er naß und strahlend
das damals noch eins war und doch schon gespalten, vor mir stand, ein junger fröhlicher Mensch, der im
und in dem einen Deutschland gab man den Umsied- Meer gebadet hatte, [...] und ich sah die ehemalige
lern ein Stück Land und eine Wohnung und eine ehr- Magd und sah, daß sie in ihrem Sohn erlöst war, und
liche Arbeit, und in dem anderen Deutschland steckte ich wußte, ich durfte auch für sie selbst noch hoffen.
man ihre Kinder in tote Trachten und speiste sie ab Frau Traugott kam ums Haus, einen dampfenden
mit einer Hoffnung, die mörderisch war.“ Bei der Re- Krug in der Hand. „Ich hab Tee g’macht“, sagte sie,
de des Barons tritt dem Erzähler eine Erinnerung jäh und ihre Stimme klang ohne Ton, und sie sah an uns
ins Bewußtsein: Mit seinem Vater war er im Sommer vorbei auf die Düne, und auf der Düne wehte grün im
vor dem Krieg auf einer Nordseeinsel, der Baron hat- frischen Wind das Gras, und wir hörten die brausen-
te ihnen manchen seiner Abende geschenkt. Als sich de See, die ewig an Böhmens Küste schlug.“
herausstellte, daß das Dienstmädchen der Baronin,
obwohl unverheiratet, schwanger ist, wurde sie sofort In ihrem Kerngehalt läßt sich die inhaltliche Botschaft
entlassen. Im Gefühl der Ausweglosigkeit versuchte sie der Fühmannschen Erzählung folgendermaßen um-
ihrem Leben ein Ende zu setzen, die Flut aber spülte reißen: Die Aussiedlung der Deutschen aus den Terri-
sie an den Strand und sie konnte gerettet werden. Da- torien der sich im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges
mit ist ein Teil des Geheimnisses um Frau Traugott rekonstituierenden Staaten ist historisch gerechtfer-
offengelegt: „Nun wußte ich, daß Baron von L. der tigt. Sie ist eine legitime Reaktion auf die extrem ge-
Mörder war, der die Lebenskraft von Frau Traugott waltsam betriebenene faschistische Politik der Unter-
zerstört hatte. Er war ihr Mörder; er hatte ihre Lebens- werfung anderer Völker bis hin zu ihrer Vernichtung.
kraft gebrochen; er war ein Mörder, wie seinesgleichen Die Schuldigen an Faschismus und Krieg setzen in der

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Bundesrepublik ihr verbrecherisches Wirken fort, fen‘ gehen, um einfach mal zu sehen, wie so etwas aus-
während in der DDR Lehren aus der Geschichte ge- schaut. Ich war da, und es war für mich ein so bestür-
zogen wurden. Mit der politischen und wirtschaft- zendes Erlebnis, daß ich wirklich fassungslos – oft ge-
lichen Entmachtung der alten Eliten vollzog sich hier braucht, dieses Wort, aber ich war wirklich fassungs-
zugleich ein Prozeß sozialer Befreiung. In der los – dastand und dachte, die Zeit wäre stehengeblie-
Menschlichkeit der neuen Gesellschaft finden die ben, und ich sei irgendwo im Sudetengau im Jahre
5
Umsiedler erst wirklich Heimat. Die Übereinstim- 1938“ . – In Fühmanns Arbeitsmappen zu „Böhmen
6
mung dieses Denkmusters mit der offiziellen DDR- am Meer“ finden sich Materialien zum „Tag der Hei-
Ideologie Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre ist au- mat“ 1960 des Berliner Landesverbands der Vertriebe-
genscheinlich, und sie betrifft auch das, was jeweils nen. Sein Motto: „Selbstbestimmung auch für Deut-
beschwiegen wird: Das Leid der Flüchtlinge bei der sche“; als Redner waren nach dem Einzug der Trach-
Vertreibung, die konflikthaften Auseinandersetzun- tengruppe und der Fahnen angekündigt Willy Brandt
gen an den Aufnahmeorten. In Fühmanns Text als Regierender Bürgermeister und Ernst Lemmer als
kommt das Wort ‚Vertreibung‘ nicht vor, vermutlich, Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen. Die Aus-
weil mit ihm eben zuviel Leid assoziiert wird und er es gabe von „Unsere schlesische Heimat. Zeitung für ein
zudem durch die westliche Verwendung in einer für deutsches Schlesien“ vom 1. September 1960 kündigt
ihn nicht annehmbaren Weise für instrumentalisiert als Auftakt für den „Tag der Heimat“ eine „festliche
ansieht; die Schreckenserfahrung Hermine Traugotts Sitzung der Vertreter aller Landsmannschaften mit
bindet er gerade nicht an das Wie der Aussiedlung, Delegationen aus allen Landtagen“ an, klagt das
sondern an ihre unterprivilegierte soziale Position vor „Recht auf Heimat“ ein und fordert die „Rückgabe
der Aussiedlung. Zwar sind Figurenzeichnung und der deutschen Ostprovinzen jenseits von Oder und
Argumentation generell nicht auf Konkretion und Neiße“. Die mundartlich abgefaßte Einladung zu ei-
Detaillierung angelegt, jedoch bleibt ein Eindruck von ner Kirmes des Schlesier-Vereins Rübezahl Berlin
Beschönigung. Er drängt sich dem Leser auch bei der weist als Programmpunkt eine „Fest-Oansproache des
Schilderung des neuen Lebens auf – zu harmonisch, Guttsherrn“ aus.
bar jedes Konflikts erscheint die dörfliche Gemein- Und im Osten Deutschlands waren eben diese Guts-
schaft mit ihrem ideal gezeichneten Bürgermeister, zu herren ihrer herrschaftlichen Stellung enthoben wor-
vordergründig das Bild des dem Meer entsteigenden den. Im Zuge der Bodenreform wurden die Eigen-
Sohnes von Frau Traugott. Dieser Blick auf die eige- tumsverhältnisse auf dem Lande deutlich verändert;
ne Gesellschaft ist wohl gemeint, wenn Fühmann spä- nicht wenige Umsiedler nutzten die Chance, als Neu-
ter von Naivität spricht, von der des Erzählers und der bauern Haus und Hof zu erhalten. Die Entnazifizie-
seinen. Dem Autor, der – dies sei angemerkt – souve- rung und die Fluchtbewegung insbesondere des bür-
rän mit den Shakespearischen Motiven umgeht und gerlichen Mittelstandes gen Westen erforderten die
beeindruckend das Meer in seiner Vielfalt beschreibt, Rekrutierung einer neuen Funktionselite beim
der sich seiner Sprachkraft bewußt ist und zielsicher Wiederaufbau von Verwaltung und Industrie, für die
die Gestalt des Ich-Erzählers handhabt, hat insofern aus solchen Positionen vorher sozial Ausgeschlossenen
der Ideologe die Hand geführt: der Parteifunktionär ergaben sich beträchtliche Aufstiegsmöglichkeiten.
in der NDPD-Zentrale, der Fühmann bis 1958 war. Langsamer zwar als im Westen, aber doch sichtbar
Freilich hatte das der Erzählung eingeschriebene verbesserten sich Infrastruktur und Wohn- und Ver-
Denkmuster auch gewisse empirische Evidenzen für sorgungsbedingungen. Verglichen mit der früheren
sich. Das betraf zunächst das vergangenheits- wie ak- Lebenssituation vieler Umsiedler und den katastro-
tuell-politisch durchaus problematische Auftreten der phalen Zuständen, die Faschismus und Krieg hinter-
Vertriebenenverbände in der Bundesrepublik mit ih- lassen hatten, vollzog sich eine positive Entwicklung,
ren stetigen Rückkehrforderungen, der Herauslösung die in ihrer egalitären Ausrichtung zugleich verbreite-
der Aussiedlungen aus dem historischen Kontext und ten Gleichheits- und Gerechtigkeitsvorstellungen ent-
den Schuldzuweisungen an die ‚Vertreiberstaaten‘, gegenkam – ein gesellschaftlicher Prozeß von Verän-
dem militanten Antikommunismus. Fühmann, der derung und Umwälzung.
sich schon 1955 in seinem Pamphlet „Die Literatur In diesem schon eine soziale Befreiung zu sehen, mag
der Kesselrings“ vehement mit der westdeutschen Re- man heute euphemistisch finden. Mit ihren Leerstel-
militarisierung und der sie begleitenden Memoiren- len, Beschönigungen und ihrer radikalen Schwarz-
welle der Hitlergeneralität auseinandergesetzt hatte, Weiß-Trennung war die Gedankenstruktur von
sah sich hier als Antifaschist gefordert. In einem Inter- „Böhmen am Meer“ jedoch somit zugleich eine Ideo-
view von 1971 berichtete er: „Als ich meine Erzählung logie aktivistischen Handelns nach dem fatalen
Böhmen am Meer schrieb [...] mußte ich um dieser Niedergang Deutschlands, der Suche nach und der
Erzählung willen auch zu einem dieser ,Heimattref- Hoffnung auf einen Weg jenseits von faschistischem

5 Josef-Hermann Sauter: Interview mit Franz Fühmann, in: Weimarer Beiträge 17 (1971) 1, S. 40/41.
6 Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin, Franz-Fühmann-Archiv, Nr. 4, Mappe 2.
7 In: Franz Fühmann: Im Berg. Texte und Dokumente aus dem Nachlaß. Herausgegeben von Ingrid Prignitz, Rostock 1993, S. 303-306.
8 Zu Fühmanns umfänglichen Interventionen vgl.: Hans Richter: Franz Fühmann – Ein deutsches Dichterleben. Berlin 2001;
Lutz Kirschner: „Böhmen am Meer“. Zu Franz Fühmanns Umsiedler-Erzählung, in: Berliner Debatte INITIAL 14 (2003) 6, S. 108-113.
9 Franz Fühmann: Das Judenauto ..., a.a.O. (FN 2), S. 478.

6 DTN-DOSSIER NR. 3 – FEBRUAR 2004


Zu weiteren Werken Franz Fühmanns (1922-1984):
Seit den 60er Jahren u.a. auch Kinderbücher – Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen, Kabelkran und blau-
er Peter – , Nachdichtungen – Reinecke Fuchs, Das Nibelungenlied – und eigene Bearbeitungen mythischer und
klassischer Stoffe: Prometheus, Der Geliebte der Morgenröte, Das Ohr des Dionysios. Nach dem Prager Frühling und
dessen Niederschlagung 1968 Suche nach der Neubestimmung seiner künstlerischen Aufgabe und des Platzes von
Literatur in der sozialistischen Gesellschaft: Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens, Literatur und Kritik,
Das mythische Element in der Literatur. Fühmanns zunehmende Kritik an der Kultur- und Gesellschaftspolitik der
DDR drückt sich sowohl in seinen vielfältigen (kultur-)politischen Interventionen wie auch in seinem essayisti-
schen und literarischen Schaffen – Bagatelle, rundrum positiv (Erzählungen), Fräulein Veronika Paulmann aus der
Pirnaer Vorstadt oder Etwas über das Schauerliche bei E.T.A.Hoffmann (Essay), Saiäns-Fiktschen (Erzählungszykus)
– aus. Im 1982 erschienenen Band Vor Feuerschlünden gelingt ihm die darstellerisch überzeugende Verschmelzung
seiner persönlichen Wandlungsprozesse mit der Herausarbeitung der Lyrikleistung Trakls und der Auseinander-
setzung mit der gesellschafts- und kulturpolitischen Dogmatik des Realsozialismus. Unter dem Titel Der Sturz des
Engels auch in der Bundesrepublik erschienen, wurde der Trakl-Essay mit dem Geschwister-Scholl-Preis der Stadt
München ausgezeichnet. Sein großangelegtes Bergwerksprojekt blieb Fragment (posthum 1992 Im Berg. Bericht
eines Scheiterns).

Völkermord und kapitalistischer Ausbeutung. Es soll- Land, das er nach der Kriegsgefangenschaft gewählt
te eine Zukunft des friedlichen Miteinanders mit den hatte, kulturell und politisch heimatlicher zu ma-
8
Nachbarstaaten und -völkern sein, darum die Füh- chen.
mannsche Anerkennung der Legitimität der Aussied- 3. Alte Heimat und Legitimität der Aussiedlung: Sei-
lung und der neuen Grenzziehung. Es waren die öko- ne Position, daß die Aussiedlung politisch-historisch
nomischen Wurzeln von Aggressivität und Rassen- gerechtfertigt sei, hat Fühmann nicht nur nicht korri-
wahn zu kappen, darum das In-Eins-Setzen von un- giert, sondern auch nach „Böhmen am Meer“ mehr-
menschlichem Gutsherrn und nazistischem Eiferer. Es fach bekräftigt: In dem bereits genannten „Neuruppi-
war gegen die Verführung rückwartsgewandten Den- ner Tagebuch“, in „Zweiundzwanzig Tage oder die
kens aufzutreten, darum die Entlarvung der Vertriebe- Hälfte des Lebens“ und noch 1981 im Rahmen einer
nenverbände. Und das Erreichte war zu preisen, da- Diskussion der Akademie der Künste der DDR. Ich
rum die literarische Konstruktion der Entscheidung denke, daß diese Position unmittelbarer Teil seines
Frau Traugotts, in der humanen Gemeinschaft am antifaschistischen Credos war. Fühmann hat sich lite-
Meer zu bleiben. rarisch intensiv mit seiner Kindheit und Jugend be-
faßt, ein wehmutsvolles Erinnern an Geborgenheit im
Abschließend soll kurz gezeigt werden, wie Fühmann Elternhaus, dörfliche Gemeinschaft und Schönheit
später mit den hier aufgerufenen Themenstellungen der Landschaft ist da nicht entstanden. Vielmehr ein
umging. bitteres Nachzeichnen der gesellschaftlich-sozialen Be-
1. Zur Frage der Darstellung der eigenen Gesellschaft: dingungen seines ihn immer wieder erschreckenden
Veränderung und Gewinn dokumentieren insbeson- Wegs zum jungen Faschisten – neben dem „Judenau-
dere die „Spiegelgeschichte“ und die Erzählung „Drei to“ steht hier z.B. der Erzählungszyklus „Der Jongleur
nackte Männer“. Zwischen 1973 und 1975 entstan- im Kino“ und der Text „Den Katzenartigen wollten
den, ist ihr Thema die Gefahr der Machtanmaßung wir verbrennen“. Man kann sagen, daß sich Fühmann
der Führenden gegenüber den Geführten im Realsozi- im literarischen Nachforschen über seine Schuld ein
alismus – Naivität und Harmoniesucht von „Böhmen sehnsuchtsvolles Erinnern an Böhmen als alte Heimat
am Meer“ sind hier deutlich überwunden. ausgebrannt hat. Diese Brandwunde schmerzte, und
2. Zum Gewinnen einer neuen Heimat: In „Böhmen er war sich des damit zusammenhängenden Verlustes
am Meer“ hatte Fühmann den Heimat-Begriff gewis- z.B. an lyrischer Produktivität durchaus bewußt.
sermaßen objektiviert, Mitte der 60er aber wird ihm Wenn er schreibt: „[I]ch bin über Auschwitz in die
dessen auch hochgradig subjektiv-individueller Gehalt andere Gesellschaftsordnung gekommen. Das unter-
schmerzvoll klar. Beim Versuch, in der märkischen scheidet meine Generation von denen vor ihr und
Landschaft auf den Spuren Fontanes zu wandeln, nach ihr, und eben dieser Unterschied bedingt unsre
9
mußte er erkennen, daß Sand, Kiefern, Weiden vor Aufgaben in der Literatur“ , so schließt dieses sein Ge-
Buchen, der fremde Dialekt und die fremde Ge- nerationenschicksal eben Tragik, Verlust und
schichte seine Schöpferkraft und Kreativität nicht an- Schmerz ein. Und ich glaube, Fühmann nicht falsch
zuregen vermochten – ich verweise hier auf den post- zu interpretieren, wenn ich meine, daß er die Ursa-
hum veröffentlichten Auszug aus dem „Neuruppiner chen und Gründe dafür eben nicht in Umsiedlung
7
Tagebuch“ . Darüber hinaus war die DDR aufgrund oder Vertreibung, sondern im faschistischen Irrweg
ihrer mit den Verengungen der fünfziger Jahre nicht Deutschlands sah.
wirklich brechenden Kultur-, Ideologie- und Gesell-
schaftspolitik Fühmann auch als eine politisch-geisti- Lutz Kirschner, Jahrgang 1955, lebt in Berlin und ist Mitarbeiter der
ge Heimat fremd geworden. Er suchte und fand diese Rosa-Luxemburg-Stiftung. Offizier (NVA), Jugendklubleiter, Soziolo-
zeitweilig im Rostocker Hinstorff Verlag, und mit zu- ge, Forschungen zur Betriebsgewerkschaftsarbeit in der DDR und zum
nehmender Intensität setzte er sich dafür ein, das SED-Reformdiskurs. Gundermann-Hörer und Fühmann-Leser.

DTN DOSSIER NR. 3 – Februar 2004 7


Jens-Fietje Dwars

Das Flüchtige ist das Bleibende


Heiner Müllers „Die Umsiedlerin“

Um einen Beitrag zum Thema Flucht und Vertrei- Massenschicksal auch nur zu benennen. Mit dem Ti-
bung in der DDR-Literatur gebeten, habe ich zuerst tel seines Dramas von 1961 hielt er sich streng an die
an Heiner Müller gedacht. Dessen Stück „Die Um- Sprachregelung, die bis zum Ende der DDR galt: „Die
siedlerin“ schien mir, im spontanen Rückblick, das Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“. Es war,
markanteste Zeugnis der Verarbeitung eines Gegen- wenn ich mich nicht irre, das erste Stück, das von
standes zu sein, der in den Schreibwerkstätten der Ar- Müller hierzulande erschien, zumindest das erste, das
beiter- und Bauernmacht eigentlich tabu war. ich offiziell im Buchhandel erwerben konnte: 1984 in
Daß letzteres in dieser apodiktischen Diktion nicht der „dialog“-Reihe des Henschelverlages. Da war er
stimmt, beweist die heutige Konferenz. Es gibt sie bereits der international meist gespielte deutsche
durchaus, die Erinnerung an die endlosen Trecks der Gegenwartsdramatiker.
Flüchtlinge, an den massenhaften Verlust dessen, was Die Uraufführung des Stückes lag 23 Jahre zurück.
Menschen ihre Heimat nannten, an eine Entwurze- Müller hatte seit 1956 daran geschrieben, B.K. Trage-
lung, die noch lange fortwirkt, Wunden, die nie ver- lehn eine Inszenierung mit Studenten der Hochschu-
heilt sind. Die Spuren sind vielfältig, reichen bis in le für Ökonomie geprobt, die am 11. September 1961
Meilensteine der staatstragenden Literatur hinein, bis Premiere haben sollte. Vier Wochen nach dem Mau-
in Christa Wolfs „Kindheitsmuster“. erbau. Was zuvor noch als ein Akt studentischer „Un-
Und doch fehlt unter den vielen Büchern der eine reife“ durchgegangen wäre, erschien jetzt als konterre-
große Roman, der dieses Massenschicksal in seiner volutionäre Provokation: der Versuch, Widersprüche
Breite und Tiefe erfaßt, das Epos der Vertreibung von zwischen Bodenreform und Kollektivierung der Land-
19 Millionen Menschen. So, wie es im Grunde neben wirtschaft in Szene zu setzen, wurde zum Staatsverbre-
Plieviers „Stalingrad“ kein zweites ernstzunehmendes chen. Die Schauspieler kamen noch mit Parteistrafen
Buch über die Tragik deutscher Soldaten im zweiten davon und durften nach einer öffentlichen „Selbstkri-
Weltkrieg gibt. Gerade Heiner Müller hat diese merk- tik“ weiter studieren. Bis auf den Darsteller des Partei-
würdige Lücke in den Gesprächen betont, die 1992 sekretärs, der in die Produktion gehen mußte. Auch
als seine Autobiographie erschienen sind. Die linke der Regisseur hatte sich in der Braunkohle zu bewäh-
Verdrängung, meinte er, stünde der rechten in nichts ren, während Müller aus dem Schriftstellerverband
nach: „Ich kenne keinen bedeutenden Roman, in dem ausgeschlossen wurde und damit Veröffentlichungs-
die Trecks ein Thema sind, nur Dokumente und Be- verbot erhielt.
richte, oder die Schrecken der Befreiung. Das Tempo Das alles verband sich mir in der Erinnerung mit dem
des Vergessens schafft ein Vakuum. Die westdeutsche Text, den ich nun, zwanzig Jahre nach meiner ersten
Linke hat sich an Auschwitz erinnert, nicht an Stalin- Lektüre, noch einmal zu lesen begann. Doch welche
grad, eine Tragödie von zwei Völkern ... Im Osten Überraschung, etwas ganz anderes zu finden, als ich
war die Unschuld Staatsräson, ein Volk von Antifa- erwartet hatte: Derbe Späße, die mit Shakespearscher
schisten. Dabei waren die Trecks eine Völkerwande- Präzision von den Mühen des Anfangs, von der un-
rung von ungeheuren Dimensionen. Diese, wie im- freiwilligen Komik der Umgestaltung auf dem Lande
mer du es nennen willst, Vertreibung, Flucht, Um- künden. Ein Neubauer ersticht sein Pferd, weil er es
siedlung – ein ungeheurer Einschnitt in europäische nicht dem Steuereintreiber lassen will, und hat sich
Geschichte. Aber das kommt nicht vor in der deut- verzweifelt aufgehängt, als die lang erwarteten Trakto-
schen Nachkriegsliteratur, nur bei Konsalik, nur in ren kommen. Ein Melker, der als Bürgermeister nicht
der Trivialliteratur.“ mehr weiter weiß, laviert zwischen der alten und der
Wir sehen, wie es Müller noch 1992 schwer fiel, das neuen Macht. Und ein Großbauer, der zuletzt der

www.dwars.jetzweb.de/lebensdaten.html. 1960 geboren in Weißenfels. – Philosophiestudium in Wroclaw, Berlin und Jena. – Nach Promotion über
Geschichtsphilosophie und Anthropologie (bei Ludwig Feuerbach) 1987 – 1992 Germanistikassistent an der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) Jena.
– Arbeitsgebiet: „anthropologischer Materialismus“ (Benjamin) in der Traditionslinie von Goethe, Feuerbach, Büchner, Nietzsche und Peter Weiss. –
Umgeschult zum Referenten für Werbung, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, arbeitslos und ABM-erfahren. – Stipendien der Alexander von Hum-
boldt-Stiftung und der Stiftung Kulturfonds. – Preis für kulturgeschichtliche Arbeiten der FSU (1986) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V.
(1999). – Adolf-Grimme-Sonderpreis (2001). – Seit 2000 freier Autor und Ausstellungsmacher in Jena. – 15 Bücher, Arbeiten für Funk und Fernsehen

8 DTN-DOSSIER NR. 3 – FEBRUAR 2004


LPG beitritt, verlangt als erstes einen Krankenschein,
um auf Kosten der Kommune die neue Zeit zu feiern.
Der eigentliche Gegenstand aber, das Thema dieser
Konferenz, wird bei Müller nur am Rande erwähnt:
Flint, der Kommunist, der für seine Überzeugungen
im KZ saß, erinnert an die Stunde Null, als die neue
Zeit mit fremdem Bajonett der Mutter aus dem kran-
ken Leib geschnitten ward:

„Aus dem Osten kamen die Trecks, Umsiedler wie


Heuschrecken, brachten den Hunger mit und den
Typhus, die Rote Armee kam mit der Rechnung für
vier Jahre Krieg, Menschenschinden und verbrannte
Erde, aber mit Frieden auch und Bodenreform.
Da war das Stiefellecken nicht mehr Trumpf
Das Zuckerlecken noch nicht: Brachland gabs
Zu viel, Zugvieh zu wenig, Trecker keinen.
Da fraß der Große wieder den Kleinen auf ...“

Auch die Titelfigur, die Umsiedlerin Niet, steht über-


haupt nicht im Mittelpunkt, hat weit geringere Text-
anteile als der Parteisekretär oder der Bürgermeister.
Erst zum Ende hin tritt sie aus dem Schatten von Fon-
drak, einem erwerbslosen Landarbeiter, der ihr ein
Kind gemacht hat und Neuland übernehmen soll.
Doch der Prolet besteht schon jetzt auf seinem Bier,
will es sich nicht erst mühsam aus dem eigenen
Schweiß destillieren. Da bietet ein anderer ihr seinen
Hof an, Umsiedler wie sie.

„Über die Weichsel mit dem Treck bei Eisgang Bucheinband Heiner Müller: Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei
War meine erste Reise. Die Pferde gingen Diktaturen. Eine Autobiografie, Kiepenheuer & Witsch“ .
Zu den Fischen, gezogen von den Wagen, und
Die Bauern, weil sie ihrs nicht lassen wollten gen zuvor, denen die meisten schweigend nachsahen,
Gingen den Pferden nach, und was der Pole wenn sie nicht die Augen verschlossen oder das Glück
Nicht hatte kriegen solln, die Weichsel hats.“ hatten, weit von Bahnhöfen und Zuggleisen entfernt
zu leben. Das Jahrhundert der Völkermorde war auch
Berichtet Niet, woraufhin Mütze ihr zu Füßen legt, das der mordenden Völker. Auch diejenigen, die ihre
was er hat: den Hof, den Herd, das kalte Bett. Er wol- persönliche Unschuld vor jedem Gericht der Welt
le auch nicht immer oben liegen, beschwört er sie. hätten beschwören können, waren von dem dumpfen
Aber die Frau, die mit dem Kind in ihrem Bauch al- Gefühl einer unpersönlichen Schuld erfüllt, einer Mit-
lein steht, hat Lust bekommen an der Selbständigkeit. verantwortung, die sie fliehen ließ vor der zu recht be-
Sie nimmt das Land, zieht in die Kate und läßt offen, fürchteten Rache und die Vertreibung auf sich nahm.
ob man einander einmal näher kommt – „in der Ar- War das nicht der Kitt, der die frühe DDR zu-
beit“. sammenhielt, dieser Humus aus Schuld, Verzweif-
Nein, das ist nicht das Schauspiel der Flucht, Vertrei- lung, Hoffnung auf einen Neuanfang? Die Bodenre-
bung oder Umsiedlung, das wir erwartet haben. Hat- form gab Hunderttausenden eine Chance dazu und
te also auch Müller seinen Anteil an der später erst er- zwang ihnen alles ab, den Fremden, den Hungerlei-
kannten Verdrängung der Linken? Oder liegt die Ent- dern, die frei waren, etwas Neues zu beginnen. Wie es
täuschung an unseren falschen Erwartungen? Müller in seiner Komödie zeigt, die vielleicht doch ge-
Immerhin, er hat das Leid der Trecks nicht ausgemalt, sagt hat, was zu sagen war: kein Wort zuwenig, und
aber doch präzise benannt. Vielleicht verdrängt das keines zuviel.
Stück ja gar nicht, sondern lenkt den Blick auf ein an- Der Rest wäre Einfühlung, die ins Private ausweichen
deres Problem: Vielleicht war die Umsiedlung ge- läßt, wo das Soziale vonnöten. Statt dem Stück man-
nannte Flucht und Vertreibung tatsächlich eine gelnde Wirklichkeitsnähe vorzuwerfen, wie es die Ide-
Nebensache der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die ologen von 1961 taten, könnten wir es als einen Vor-
Mobilität mit ihren Kriegen und Revolutionen per- wurf nehmen, die geschichtliche Realität anders zu er-
manent gemacht hat. Ein Seitenweg, eine Umleitung kunden: als Frage, welchen Anteil die Heimatsuche
zur Emanzipation von scheinbar ehernen Banden, von und -findung der Vertriebenen am Gedeihen der
Blut und Scholle. DDR mit all ihren Widersprüchen hatte und hat.
Das klingt zynisch. Denn natürlich bleibt es für die
einzelnen eine Tragödie und als Massenschicksal so „Das Bleibende ist das Flüchtige. Was auf der Flucht
schwer faßbar wie die Deportationen in den Güterzü- ist, bleibt ...“

DTN DOSSIER NR. 3 – Februar 2004 9


Christel Berger

Von der Frischen Nehrung bis nach Bayern,


und was Heinrich Habermann davon erlebte
Zu Alfred Wellms „Pugowitza oder
Die silberne Schlüsseluhr“
Mein Beitrag soll nicht nur einer von vielen Belegen ein Dorf, das kurze Zeit später von der Roten Armee
sein, dass und wie Schriftsteller in der DDR das poli- besetzt wird. Heinrich freundet sich mit den russi-
tisch brisante Thema Flucht und Vertreibung in ih- schen Soldaten an und gilt bei den meisten Dorfleu-
rem Werk gestalteten, mir geht es hier auch um die ten als „Russenknecht“. Als ein Bürgermeister einge-
Ehrenrettung eines Buches, das ein Journalist der setzt werden soll, sucht und findet Heinrich den alten
„Märkischen Allgemeinen“ im Nachruf auf den Autor Komarek. Der wird nun für die Neuorganisation im
1
2001 als „,Pugowitza‘-Hudelei“ bezeichnete, und es Dorf, für Abgabepflichten u.ä. verantwortlich, stets
geht mir darum, das Vergessen eines stillen, sensiblen unterstützt von dem Jungen. Als Komarek scheitert,
Schriftstellers – Alfred Wellm – aufzuhalten. Da be- zieht er mit dem Jungen in ein verlassenes Fischer-
finde ich mich vielleicht sogar im „mainstream“, haus. Sie betreiben nach und nach eine Fischerei. Was
brachte doch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sie nicht selbst verbrauchen, vertreibt Heinrich in Ber-
am 2.12.2003 einen großen Artikel über den Roman lin auf dem Schwarzmarkt. Sie nehmen eine schwan-
„Pause für Wanzka“ unter der Überschrift „Fünfund- gere Frau, die zu ihrem Fluchttrupp gehörte, mit in
2
dreißig Jahre zu lange vergessen“ , durch Pisa daran ihr Haus, zu dem auch der einzige frühere Kommu-
erinnert, dass das Dilemma heutiger Schulen schon nist des Dorfes, ein Spanienkämpfer, stößt. Nun ver-
vor Jahrzehnten literarisch gestaltet wurde. liert Komarek für den Jungen an Attraktivität, denn
der Spanienkämpfer weiß mehr als nur das hohe Ein-
maleins der Fischerei. Komarek verlässt die neue Fa-
Meine heutigen Fragen lauten: milie. Heinrich wird mit den anderen in die Stadt zie-
hen. (So in aller Kürze die Handlung, die leider das
1. Was bietet „Pugowitza oder Die silberne Schlüs- Besondere des Romans nicht erfasst.)
seluhr“ hinsichtlich unseres Themas „Flucht und
Vertreibung“ Betrachten wir nun die Darstellung der Flucht genau-
2. Autobiographische Hintergründe dieser Darstel- er: sie macht etwa das erste Drittel des Buches aus.
lung Wie schon gesagt, der zwölfjährige Held des Buches
3. Die Darstellung der Flucht als „Vorspiel“ oder schließt sich auf der Flucht dem alten Fischer Koma-
Das Buch will mehr rek an. Dessen sicheres Auftreten, seine Ruhe, seine
Erfahrung im Umgang mit der Natur, sein Orientie-
rungssinn haben bereits mehrere Frauen bewogen,
I ihm zu folgen. So entsteht ein kleiner Trupp unter-
schiedlichster Leute – die lebenslustige Frau Kirsch,
„Pugowitza oder die silberne Schlüsseluhr“ erzählt, die nazitreue Frau Sagoreit, Frau Puwalewski und ih-
wie der zwölfjährige Heinrich Habermann, dessen Va- re Kinder. Langsam bewegen sie sich westwärts und
ter gefallen ist und der in der letzten Phase des Zwei- lernen alle Schrecknisse kennen: Kälte, Hunger, ver-
ten Weltkrieges auf der Flucht gen Westen seine ty- lassene Dörfer, verstopfte Straßen, gegenseitiges Miss-
phuskranke Mutter verloren hat, sich einem Trupp trauen und Belauern. Ein Baby stirbt während des
von Menschen anschließt, der von einem alten Fischer Marsches und wird am Weg begraben. Es schließt sich
namens Komarek angeführt wird. Nach langen Stra- ihnen ein einbeiniger junger Soldat an, der sich müh-
pazen verlieren sie sich wieder, der Junge kommt in sam auf seiner Krücke mitschleppt. Aber nicht nur

Christel Berger. Geboren 1942. Literaturwissenschaftlerin und Kritikerin, die sich vor allem mit DDR-Literatur beschäftigt hat.

Letzte Veröffentlichungen:
Herausgabe von Anna Seghers: Hier im Volk der kalten Herzen. Briefwechsel 1947. Aufbau-Verlag Berlin 2000
Herausgabe von Friedrich Wolf: Du bleibe. Ein Lesebuch. Verlag das Neue Berlin 2003

10 DTN-DOSSIER NR. 3 – FEBRUAR 2004


Komarek, auch andere des Trupps bemerken die ei-
genartige Verdickung, wenn der junge Mann schläft.
Anfangs glaubt Komarek sogar, es sei Heinrich gewe-
sen, der diese Beobachtung „gemeldet“ habe. Der Si-
mulant wird abgeführt, nach kurzer Zeit sehen die
Flüchtenden ihn wieder – aufgehangen an einem
Baum, mit dem Schild „Deserteur“ um den Hals.
Frau Sagoreit hatte ihre Beobachtung pflichtschuldig
gemeldet.
Auch die unfreundliche Aufnahme durch die Bevölke-
rung „im Reich“ wird dargestellt, sowie die Angst vor
den Russen, also alles, was noch bei Franz Fühmanns
„Böhmen am Meer“ fehlte. Zwischen beiden Büchern
sind 13 Jahre vergangen, die wirkliche Flucht ist 30
Jahre her. Und es ist ein Kunstgriff, der das Buch von
Alfred Wellm so besonders macht: Wie schon in sei-
nem „Bestseller“ ist „die poetische Struktur bestimmt
von der Beziehung der beiden Hauptfiguren, die der
Großväter-Enkel-Generation angehören. Der Zauber
und die Schönheit des Buches sind von dieser Kon-
stellation geprägt. Der Alte und der Junge haben kei-
nen Sinn mehr bzw. noch keinen Sinn für das, was wir
die Forderung des Tages nennen. Oder besser: Sie se-
hen das, was heute getan werden muß, strikt unter
3
dem Gesichtspunkt des erträumten Ziels.“ Heinrich
ist naiv und zugleich „Kind seiner Zeit“. Dass die
Deutschen gewinnen werden steht für Heinrich auch
während der Flucht fest. Als er entdeckt, dass der Ein-
beinige simuliert, denkt er: „Wenn ich ihn anzeige, ob
sie ihn erschießen werden? Aber dann sagte sich der
Junge, dass es ihm recht geschehen würde. Jawohl,
und anders hätte er es nicht verdient. Und gleich dar- daraus sein Bild von der Welt. Was sich ereignet ist
auf dachte er: Nein, ganz totschießen sollen sie ihn grausam wie im Märchen, durch den bewussten Ver-
nicht. Und er dachte: Er spielt alle Lieder auf der zicht auf konkrete Geographie oder Historie an ein
Mundharmonika. Nein, sie sollen ihn nicht ganz tot- Märchen, an ewige Legenden von Flucht erinnernd.
schießen. Vielleicht sollten sie ihm nur in das rechte Damit hat der Roman eine poetische Dimension, die
Bein reinschießen, jawohl, das wäre die gerechte Stra- den erwachsenen Leser ungeheuer berührt. Zugleich
fe. Aber zuvor wollte er mit dem Herrn Komarek über sind Details der Handlung erschütternd historisch
4
all das reden.“ Zu diesem Gespräch kommt es erst konkret.
viel später. Ich habe nun die Mehrzahl der Rezensionen, die zum
Dass die Russen seine Feinde sind steht für Heinrich Buch erschienen sind, danach befragt, wie sie diese
fest. Aber da erzählt ihm Komarek von seinen Front- Darstellung der Flucht bewerten, und es hat sich ge-
erlebnissen im Ersten Weltkrieg, und so ist der Junge zeigt, dass allesamt sehr beeindruckt die Bitterkeiten
vorbereitet, als Rotarmisten mit Panjewagen in das und Details des Geschilderten lobten. Nur in der rela-
Dorf einziehen, in dem er – von Komarek getrennt – tiv ausführlichen Rezension in der Fachzeitschrift
gelandet ist. Die Russen werden seine Freunde. Er ist „Weimarer Beiträge“ fand sich diese Passage: „Die
ein Kind, das schnell lernt, manchmal zu beflissen, ,Flucht‘ der Deutschen, die von der SS aus den
den neuen Freunden zu gefallen. Naiv eben, und die- Kampfgebieten vertrieben worden waren oder als Op-
ser Kunstgriff – die Wahl eines Minderjährigen – fer der Goebbels-Propaganda in panischer Angst vor
macht das Bild von der Flucht zwar nicht weniger ent- den ,Russen‘ nach Westen zogen, ist in der sozialisti-
behrungsreich, aber frei von komplizierten Erwägun- schen Literatur der DDR bislang kaum gestaltet wor-
gen über Recht und Unrecht. den. Sie ist wohl auch kaum als selbständiger ge-
Heinrich Habermann zieht mit, die Erde ist ein Wan- schichtlicher Vorgang erzählbar, weil sie nur als Er-
5
delstern (so sollte das Buch anfangs heißen ), die gebnis der Vorgeschichte faschistischer Verbrechen
Flucht ist wie ein Naturereignis. Ein Kind nimmt das historisch bewertet werden kann, die mindestens
auf, was es von den Erwachsenen hört, und baut sich zwölf Jahre früher beginnen und eine jahrhunderte-

1 Frank Kallense: Gleichgültigkeit zerstört. Zum Tode des Schriftstellers Alfred Wellm. In: Märkische Allgemeine vom 21.12.2001.
2 Frank Pergande: Fünfunddreißig Jahre zu lange vergessen. Wie Alfred Wellms Roman „Pause für Wanzka“ die Verlogenheit des DDR-
Schulsystems entlarvte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2.12.2003
3 Karin Hirdina: Kinderträume, in: Sinn und Form 1/1976 S. 219.
4 Alfred Wellm: Pugowitza oder Die silberne Schlüsseluhr. Kinderbuchverlag Berlin 1975, S. 46.
5 Klaus Schüler: Ein Dorf, verwoben mit der ganzen Welt, Gespräch mit Alfred Wellm. In: Neues Deutschland vom 25.8.1973

DTN DOSSIER NR. 3 – Februar 2004 11


lange Tradition in der preußischen Eroberungs- und die Schönheit des Meeres verleiht dieser Ansicht
Unterdrückungspolitik haben.“ Dieser damals gängi- Nachdruck.
gen offiziellen Meinung folgt eine Art nächster Schritt Inwieweit diese Darstellung den kindlichen Leser
im Nachdenken über die Problematik: „Dennoch wä- überforderte, halte ich für eine berechtigte Frage, die
re es nicht gut, diese geschichtliche Erfahrung nur der möglicherweise auch den mäßigen Erfolg des Buches
8
bürgerlich-apologetischen Literatur- und Filmpro- bei Kindern erklärt. Wellm baute darauf, dass der
duktion zu überlassen, die die daran geknüpften Emo- kindliche Leser fragt: Warum fliehen die? Wer ist für
tionen seit drei Jahrzehnten – wenn auch mit schwin- dieses Leid verantwortlich? Wer hat dieses Chaos or-
dendem Erfolg – zur revanchistischen und antisowje- ganisiert? und vertraut darauf, dass es genügend Er-
tischen Manipulation mißbraucht.“ So weit so gut, wachsene gibt, die diese Fragen beantworten können.
und daran schließt sich dann ein großes Lob auf die Damit sind wir wieder bei dem von mir behaupteten
Gestaltung des brisanten Themas bei Wellm an: „Zeitgeist 1976“: Flucht und Vertreibung ist kein Ta-
„Wellm liefert den Beweis, dass auch das Verhältnis bu.
der Menschen zur geschichtlich verspielten Heimat
für einen Autor, der die Geschichte in ihrer materiali-
stischen Dialektik begreift, ohne alle irrationalistische II
Sentimentalität aber auch ohne leichtfertiges Hinweg-
6
gehen über die wirklichen Konflikte gestaltbar ist.“ Fragen wir uns nun, woher Alfred Wellm die Fähig-
Das Kuriose daran ist, dass der Rezensent übersieht, keit und Sicherheit für diese Darstellung nahm. Da es
dass Wellm gerade nicht die zwölfjährige Vorge- bisher so gut wie keine tieferen Recherchen gab,
schichte einbezieht und gar nicht die „jahrhunderte- möchte ich hier autobiographische Fakten nachtra-
lange Tradition in der preußischen Eroberungs- und gen, die für unseren Roman und unser Thema wich-
Unterdrückungspolitik“ bemüht und dennoch diese tig sind:
Flucht als ein Ergebnis des Zweiten Weltkrieges Alfred Wellm, 1927 geboren, war der Sohn eines Bäk-
kenntlich macht. Wellm will kein Geschichtslehrbuch kers, der ebenso gut, wie er Brötchen buk, auch Fische
schreiben, sondern Literatur, und dabei vertraut er fing, denn die Familie lebte auf der Frischen Neh-
dem „Zeitgeist“ von 1975. Nun gehört das Leid die- rung. Das ist der andere, unbekanntere und von der
ser Flucht zum Grundwissen, ist offiziell gestattet, ist Kurischen Nehrung aus westlicher gelegene Landzip-
Bestandteil eines Bildes vom Krieg, der immer auf Ko- fel an der Ostsee. Ein Kindheitserlebnis, das sich etwas
sten der kleinen Leute geführt wird. Nun stößt sich verändert in „Pugowitza“ wiederfindet: Der kleine Al-
öffentlich niemand mehr an der idyllischen Beschrei- fred Wellm wurde von den Spielkameraden nur als
bung der Landschaft, die die Flüchtenden für immer gleichberechtigt akzeptiert, wenn er Streuselschnecken
verlassen. Was der frühe Franz Fühmann noch bei Jo- verteilte. Als der Junge acht Jahre alt war, verließ sein
hannes Bobrowski bedenklich fand – mit der literari- Vater – Frau und Tochter zurücklassend – die Frische
schen Beschreibung der Schönheit der verlassenen Nehrung und wurde in den Masuren Wanderfischer.
Heimat Wunden bei den Lesern aufzureißen – für Den Jungen nahm er mit. Das bedeutete: ungeregeltes
Wellm ist das kein Problem mehr. Er bedient bereits Leben, wechselnde oder keine Schulen, dafür aber lan-
die von Fühmann 1973 in „22 Tage oder Die Hälfte ge Nächte am Feuer, frühe Erfahrung im Fischfang,
des Lebens“ gemachte Erkenntnis: „Doch aus der Ge- enge Verbundenheit mit dieser Arbeit, bei der der Va-
schichte läßt sich nichts tilgen, kein einziger Aspekt ter oft sang, Naturliebe, Kenntnis des Sternenhimmels
und kein einziges Gefühl, sie lassen sich nur in Hegels usw.
Sinn aufheben. Nicht ein ,Es war nie gewesen‘ und Obwohl es in Wellms Familie keine Sympathien mit
auch nicht ein ,Als ob es nie gewesen wäre‘, sondern den Nazis gab, kam der aufgeweckte Junge auf Betrei-
nur ein ,Es war so und ist vorbei‘ ist der sichere ben eines Lehrers mit 14 Jahren auf die Lehrerbil-
7
Grund, ein Neues zu bauen.“ Die Frische Nehrung dungsanstalt nach Mehlsack (heute Pieniecno, Po-
9
und die Masuren bleiben eine wunderschöne Gegend, len) . Der Schulbetrieb war fast militärisch. Alle Leh-
die selbst die Erinnerung eines Zwölfjährigen nie rer bis auf einen trugen Uniformen. Nazipropaganda
mehr verlassen werden. Ein Disput zwischen Heinrich war hauptsächlicher Unterrichtsstoff. Nur der Musik-
und seinem künstlerisch begabten Freund Otwin über lehrer bildete eine Ausnahme. Im Januar 1945 erfolg-

6 Joseph Püschel: Alfred Wellm, Pugowitza oder Die silberne Schlüsseluhr. In: Weimarer Beiträge 2/1976 S.127
7 Franz Fühmann: Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens. Rostock 1973, S. 139.
8 Karin Kögel: Alfred Wellms „Pugowitza oder Die silberne Schlüsseluhr“. In: Weimarer Beiträge 8/1987 S.1275: „Sein Roman ,Pugowitza oder
die silberne Schlüsseluhr‘... sollte Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen erreichen. Die größere positive Resonanz rief der Roman jedoch bei
erwachsenen Lesern hervor. Jugendliche, etwa im gleichen Alter wie Heinrich Habermann, ... fanden, wie Befragungen nach Leseeindrücken und
Untersuchungen zum Lektüreverhalten ergaben, schwer Zugang. Gerade die Heinrich-Gestalt, die Welt seiner Erfahrungen wie seine Denk- und
Verhaltensweisen wirkten fremd auf sie und erregten nicht selten Unverständnis und Ablehnung.“
9 Die Kenntnis der geographischen und historischen Details verdanke ich Werner Fischer.
10 Klaus Schüler: Ein Dorf, verwoben mit der ganzen Welt, Gespräch mit Alfred Wellm. In: Neues Deutschland vom 25.8.1973
11 Besprechung von „Pugowitza“ im Bayrischen Rundfunk vom 24.11.1976. Manuskript: Diethelm Brüggemann, Redaktion: Franz Rappmanns-
berger

12 DTN-DOSSIER NR. 3 – FEBRUAR 2004


te für den Siebzehnjährigen die Einberufung. Er wur- immerhin ganze 10 Jahre älter als Wellm, entstamm-
de jedoch krank: Typhus und Scharlach, sodass er te wiederum einer anderen Sozialisation.
nicht an die Front kam, dafür ins Lazarett nach Pillau Es gibt wunderbare Geschichten davon, was der junge
und Königsberg. Das muss genau zu der Zeit gewesen Lehrer 1946/47 und später mit seinen Kindern alles
sein, als die Offensive der Roten Armee (Beginn: unternahm. Sie waren eine verschworene Gemein-
13.1.1945) auf Ostpreußen begann. schaft, per Du, allein vom gegenseitigen Respekt ge-
Mit der Entlassung aus dem Lazarett erfolgte der tragen. Dass so ein Lehrer damals sowohl positiv wie
Marschbefehl nach Westpreußen oder Pommern. Nur negativ auffiel, ist leicht vorstellbar. Während die ei-
so ist es zu erklären, dass Wellm sich auf dem Weg nen sein Engagement lobten und ihn Karriere machen
nach Danzig (über Leichenberge in Pillau) einen Um- lassen wollten, passten Bürokraten seine ungewöhn-
weg über die Frische Nehrung (die länger unbesetzt lichen Methoden nicht. So war sein Weg wechselhaft.
blieb als die umliegende Gegend) erlaubte. Aber Mut- Kurze Zeiten war er Schulfunktionär, öfter wiederum
ter und Schwester waren schon mit einem Schlitten, Lehrer in verschiedenen Orten. Außerdem hatte er zu
beladen mit dem Allernötigsten (zusätzlich einer Näh- schreiben begonnen, natürlich Texte für Kinder. Das
maschine und einer Stubenuhr), über das gefrorene erste Buch hieß „Igel, Rainer und die anderen“
Haff in Richtung Westen gelaufen. Ihren Erzählun- (1958), mit „Kaule“ (1962) rückte er in die erste Rei-
gen über die Flucht verdankt Wellm viele Details sei- he der Kinderbuchautoren des Landes. Seit 1963 ar-
ner Darstellung. Aber weiter in seiner Biographie: beitete er nicht mehr als Lehrer, wurde freischaffender
Wenn es stimmt, wie Wellm sich erinnerte, dass er Schriftsteller.
zwei bis drei Wochen nach der Abfahrt der „Gustloff“ Die Bekanntschaft und wohl auch Freundschaft mit
in Danzig an Bord eines Schiffes ging, muss das im dem Chef des Kinderbuchverlages Fred Rodrian war
Februar gewesen sein. Die Ankunft in Saßnitz war es, die Alfred Wellm entgegen bisheriger Arbeitsweise
gleichzeitig mit einem der größten Bombenangriffe zu einem Vertrag über ein zu schreibendes Buch be-
auf die Stadt erfolgt, das bedeutet März 1945. Von wegen konnte. Es sollte von einem Jungen, einem
Saßnitz ging es nach Stralsund, dort erhielt er einen Kind handeln, das vieles von dem erlebt, was zu den
Marschbefehl nach Bayern. Im Zug dorthin begegne- Grunderlebnissen des Siebzehnjährigen gehörte:
te er einem älteren Rittmeister, der dem Jungen den Kindheit an der Nehrung, Liebe zu den masurischen
väterlichen Rat gab, sich schnellstens der Uniform zu Seen, Flucht, Neubeginn …
entledigen und abzuhauen. Nichts anderes als Befehls- Doch Wellms Schreiben wurde unterbrochen durch
empfang gewöhnt, soll der junge Wellm gehorsam mit die zufällige Begegnung mit ehemaligen Lehrerkolle-
„Zu Befehl“ reagiert haben. Dennoch kam er noch in gen, die auf die Frage, was sie denn zur Zeit so ma-
Bayern bei seinen Leuten an, um im ersten günstigen chen, lakonisch mit „Angeln, wie immer“ antworte-
Moment dem Befehl des Rittmeisters Folge zu leisten. ten. Da stieg in Wellm wieder einmal die Wut auf ver-
Gemeinsam mit zwei Jungen flieht er. Einer der drei spießerte, am Lehrerberuf uninteressierte Kollegen
imitiert einen Verwundeten, der von den beiden an- auf, und er schrieb seinen Roman „Pause für Wanzka
deren gestützt wird. So passieren sie Kontrollen, bis sie oder die Reise nach Descansar“. Erschienen 1968, da-
endlich in Viehhausen (wahrscheinlich Fränkische mals heiß und kontrovers diskutiert. Viele Funktionä-
Alb) von einem Schreinermeister, dessen Sohn im re der Volksbildung und auch Lehrer waren empört,
Krieg war, Zivilkleidung erhielten. Von da an wandert so wären sie nicht, – aber viele, auch der Präsident des
Alfred Wellm in Richtung Lüneburger Heide zum Schriftstellerverbandes der DDR, Hermann Kant,
Vater. Von da geht es nach Falkensee, wo Verwandte lobten das poetische und kritische Buch mit dem gro-
der Familie leben und auch Mutter und Schwester ßen humanistischen Anliegen: Nicht Disziplin oder
eintreffen. Alfred Wellm arbeitete danach, vom Juli gar Drill dürfen die Erziehung von Kindern bestim-
1945 bis Februar 1946, in Basdorf bei Fürstenberg in men, sondern Liebe, Zuwendung und Verständnis
der russischen Kommandantur als Geschirrführer, bis und Neugier für jeden einzelnen. Der Kinderbuchau-
er noch einmal für vier Monate eine Schule für Neu- tor war von den erwachsenen Lesern entdeckt. Er rük-
lehrer in Stralsund besuchte und seitdem den gelieb- kte in die vordere Reihe der wichtigen Autoren. Man
ten Beruf ausübte. In Basdorf, so habe Wellm immer war neugierig, was Wellm fortan schreiben würde.
erzählt, habe es einen Kommunisten im Ort gegeben, Er schrieb weiter am Liegengebliebenen. Da es keine
der so überzeugend für seine Sache geworben hätte, archivierten Fassungen gibt, muss man der Antwort
dass nicht nur der junge Wellm, sondern auch seine Wellms auf die Frage, was sich in der Zwischenzeit am
Mutter und fast das halbe Dorf in die KPD eingetre- Buchplan geändert habe, glauben: „Den Helden hatte
ten sind. ich bereits vor acht Jahren wie heute, aber jetzt sehe
Ich verdanke diese Auskünfte der Witwe von Alfred ich neue Möglichkeiten, noch andere Dinge zu sagen.
Wellm, Frau Gudrun Wellm, die nun, nach dem To- Oder: Es gibt in meiner Geschichte einen Gutsbesit-
de ihres Mannes versucht, Wesentliches aus seinen Er- zer, der nicht dem Typ dieser Leute entspricht. Er hat
zählungen über sein Leben festzuhalten. Ich überlasse manche Eigenschaften, die nicht unsympathisch
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das Finden von Parallelen zu „Pugowitza“ Ihnen, sind.“ 1975 erscheint das Buch gleichzeitig im Kin-
möchte nur darauf hinweisen, dass es offenbar erheb- derbuchverlag und im Aufbau-Verlag. 1976 erscheint
lich sein kann, dass Wellm 5 Jahre jünger als Franz das Buch in der Schweiz bei Benziger, Zürich. Da-
Fühmann war und kein ihn durch Familie, Parteimit- durch werden auch westdeutsche Kritiker auf das
gliedschaft des Vaters und Kriegserlebnis belastendes Buch aufmerksam. Auch hier: Vor allem Lob. „Das
11
Schuldverhältnis abzutragen hatte. Bobrowski, Buch ist ein Ereignis, wenn auch ein stilles.“

DTN DOSSIER NR. 3 – Februar 2004 13


Alfred Wellm
Alfred Wellms letztes Buch war der Roman am 11. Juni 1987
„Morisco“ – Aufbau-Verlag Berlin und während einer Lesung
Weimar 1987 aus seinem Roman
Der Roman „Pause für Wanzka oder Reise „Morisco“ im
nach Descansar“ wurde im Rahmen der Schloß Friedrichsfelde
DDR-Bibliothek von Faber & Faber, Leipzig in Berlin
wieder aufgelegt.

III eigener Egoismus die Träume von der gerechten Ver-


„Pugowitza oder die silberne Schlüsseluhr“ ist weder teilung zunichte macht.
eine für kindliche Leser bestimmte literarische Dar- Wieder alles gestaltet mit dem beschriebenen Kunst-
stellung etwa nur im Sinne „So war Flucht und Ver- griff, und ein weiteres Mal Märchenfragen und Mär-
treibung und Neuanfang, das mussten viele eurer El- chenstrukturen nicht unähnlich. Aber, zitieren wir
tern oder Großeltern durchmachen“. Mit dem Recht wieder aus einer „West“kritik, diesmal dem Hessi-
und dem Kennzeichen von Literatur birgt es die ver- schen Rundfunk: „Dennoch wird der märchenhafte
schiedensten Lebensfragen und benutzt im Grunde Ton selten apologetisch. Er hinterläßt meiner Ansicht
Erfahrungen der Flucht als ein Vorspiel, um die ei- nach beim jugendlichen Leser viel produktives Fra-
15
gentliche Frage des Buches zu stellen: Wie sieht das gen.“ Wellm bleibt sogar insofern dem Märchenhaf-
ganz andere, das friedvolle, gerechte Leben, das ten treu, als er mit dem Schluss eine mögliche gute
menschliche Paradies, für Heinrich heißt das durch Lösung erfindet: Heinrich wird in die Familie des ehe-
das Zusammensein mit den russischen Soldaten: maligen Spanienkämpfers aufgenommen, ein gänzlich
Kommunismus – aus? Die Bitterkeiten der Flucht neuer Lebensabschnitt beginnt.
dienen auch als Folie: Wer dies er- und überlebt hat, Die meisten DDR-Rezensenten lasen (und hier wirk-
in dem sitzt eine übergroße Sehnsucht nach dem Pa- te bewusst oder unbewusst das lange Zeit unerschüt-
radies, und er hat existentielle Vorstellungen davon. terliche Klischee von einer heldenhaften Generation
Und auch, so ein damaliger Rezensent, Flucht als Vor- von Antifaschisten, die alles können!) den Schluss des
geschichte einer Beziehung: „In diesem Teil wird nur Buches als gute Lösung und happy end und ent-
die Vorgeschichte erzählt, wie sich der Alte und der deckten höchstens die Traurigkeit des Lebens in Ko-
Junge finden, für einander Sympathie empfinden, ein- mareks Abschied. Wellms große Fragen, was in einer
ander näher kommen, wird hier doch die Basis ge- Welt des Mangels wirkliche Gerechtigkeit sein, was da
schaffen, von der aus die verschüttete Menschlichkeit an unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen
12
des jungen Helden freizulegen ist.“ Wellm, der die- gegeneinander gerechnet und gar verteilt werden und
sen Roman immer als ein Gegenwarts- und kein Ge- ob menschlicher Egoismus jemals ausgeschaltet wer-
13
schichtsbuch sah , sucht Antwort auf die ewige Frage den kann – wurden damals als beantwortet abgetan.
nach einer gerechten Welt und den Möglichkeiten des Sie waren es damals so wenig wie heute. Dagegen wur-
einzelnen, sie zu schaffen. „Alle Menschen hätten Brot de im Westen auch 1976 der Roman schon interpre-
und eine warme Decke und eine Stube und einen tiert als ein „zutiefst skeptisches Buch über die Hoff-
Schauer Winterholz, und wenn man eine neue Jacke nung, den Menschen zu verändern und den Traum
16
brauchte, so ging man in den Laden und suchte sich von der Gerechtigkeit zu verwirklichen“.
14
die neue Jacke aus ...“ So sieht das Paradies von Ich denke: „Pugowitza oder Die silberne Schlüsseluhr“
Heinrich 1946 aus. Und sein Freund Otwin legt Wert lohnt das Lesen auch heute. Die Beschimpfung des to-
darauf, dass die Menschen freundlich zueinander sind ten Autors und des Buches mit „Hudelei“ gilt vor al-
und Anderssein (Otwin ist körperbehindert und lem der (wiederum differenzierten) Darstellung der
künstlerisch begabt) akzeptieren. Jungenfreundschaft zu den Soldaten der Roten Armee.
Die konkreten Erfahrungen, die Heinrich, Komarek Es ist heute nicht unser Thema, aber eine Lesart, die
und Otwin im Fortgang des Romans machen müssen, Wellms konkrete Erfahrung nicht dulden will, genau-
sind problematisch und wenig optimistisch: Komarek so, wie es Jahrzehnte vorher den Schmerz des Heimat-
scheitert als Bürgermeister, die Bauern verweigern die verlusts nicht geben sollte. Erinnern wir uns an Füh-
Abgaben, die die neue Macht fordert. Restriktive Ein- mann: „Doch aus der Geschichte läßt sich nichts til-
griffe im Geiste einer Gerechtigkeit für alle laufen gen, kein einziger Aspekt und kein einziges Gefühl, sie
fehl, wo der Mangel nichts zu verteilen hat. Gerech- lassen sich nur in Hegels Sinn aufheben. Nicht ein ,Es
tigkeit ist auch nicht Gleichmacherei. Und Komarek war nie gewesen‘ und auch nicht ein ,Als ob es nie ge-
und Heinrich scheitern ein weiteres Mal, als sie sich wesen wäre‘, sondern nur ein ,Es war so und ist vorbei‘
durch Fischfang selbst versorgen können, und nun ihr ist der sichere Grund, ein Neues zu bauen.“

12 Günter Ebert: Geburt einer neuen Generation. In: Freie Erde vom 21.3.1975
13 Klaus Schüler: Ein Dorf, verwoben mit der ganzen Welt, Gespräch mit Alfred Wellm. In: Neues Deutschland vom 25.8.1973
14 Alfred Wellm: Pugowitza oder Die silberne Schlüsseluhr. Kinderbuchverlag Berlin 1975, S. 122.
15 Jörg Holle, Nachttresor: Alfred Wellm: Pugowitza oder Die silberne Schlüsseluhr. Hessischer Rundfunk vom 3.11.1976.
16 Besprechungsunterlagen des Benziger Verlags zu Alfred Wellm „Pugowitza oder Die silberne Schlüsseluhr“, erschienen in mehreren Schweizer
Zeitungen, u.a. „Klerus-Blatt“ vom 13.11.1976, „Die Ostschweiz“ vom 13.1.1977.

14 DTN-DOSSIER NR. 3 – FEBRUAR 2004


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Aus: junge Welt der DDR zum „Prager Frühling“. Bei- gebnissen und dem erfolgreichen Mit-
spiel für die internationale „Einbettung“ einander beider Staaten. Wie mit solchen
Die Alternative des bilateralen Themas sind „Erinnerun- Kapazitäten und Möglichkeiten nach der
Von Franz-Karl Hitze gen an inzwischen fast vergessene Ereig- Wende durch Bonner Entscheidungsträ-
nisse wie z.B. den Prager Appell vom De- ger umgegangen wurde und welche Ver-
Helmut Ziebart hat eine Studie über zember 1954 an die französische Natio- luste dabei für die CSSR und die betref-
die Beziehungen zwischen DDR und nalversammlung, die Ratifizierung der fenden DDR-Betriebe entstanden, be-
Tschechoslowakei geschrieben. Pariser Verträge und die Remilitarisie- handelt der Abschnitt über die Folgen
rung der BRD abzulehnen“. der Währungsunion. Helmut Ziebart
Der Autor gab seiner Studie den Titel: In einem gesonderten Abschnitt be- kommt zu der Auffassung, daß die Ein-
„Bilanz einer deutsch-tschechischen Al- handelt der Autor die umfangreichen führung der Währungsunion „nicht nur
ternative“. In ihr beschreibt er ein Stück Wirtschaftsbeziehungen zwischen DDR die ökonomischen Fundamente der vier-
deutscher Geschichte, genauer gesagt und CSSR. Wer erinnert sich heute noch zigjährigen alternativen deutsch-tsche-
deutscher Außenpolitik, wissenschaft- an die gemeinsamen Großprojekte wie choslowakischen Beziehungen zum Ein-
lich exakt. Helmut Ziebart war nahezu die Olefin-Kooperation, die Erdgas- sturz gebracht hat, sondern auch die Am-
zehn Jahre DDR-Botschafter in Prag und Transitleitung, die Rekonstruktion der bitionen restaurativer großdeutscher
berichtet nun offen und nüchtern über Schüttgut-Umschlaganlage im Übersee- Kräfte gegenüber der Tschechoslowaki-
die vielfältigen und gutnachbarschaftli- hafen Rostock, die Rekonstruktion der schen Republik neu belebte“.
chen Seiten der Zusammenarbeit zwi- Kammgarnspinnereien beider Länder, Der Autor hat sich in dieser Studie auf
schen DDR und Tschechoslowakei. Ne- die DDR-Beteiligung an der Erweite- das Wesentliche beschränkt, eine Kunst,
ben einem Vorwort, das persönlich ge- rung von Produktionskapazitäten für die nicht jeder Autor beherrscht. Dem
halten ist, beginnt er mit einer Darstel- Großkurbelwellen, an die durch die GNN-Verlag Süd ist es zu danken, daß
lung des schweren Erbes der habsburgi- CSSR elektrifizierte 60 km lange Eisen- er die Studie in die Reihe Ausgewählte
schen und reichsdeutschen Hegemonial- bahnstrecke vom Grenzort Schöna nach Dokumente der Zeitgeschichte einge-
politik, das die Entwicklung eines neuen Dresden, an das Spezialisierungs- und reiht hat.
deutsch-tschechischen Verhältnisses Kooperationsabkommen von 1967, das
schwer belastete. Großes Gewicht legt er die CSSR verpflichtete, den DDR-Be- Helmut Ziebart
darauf, den Einfluß der europäischen darf an Straßenbahnen komplett zu Bilanz einer deutsch-tschechischen
und der nationalen Entwicklungen auf decken, an die Produktion und Lieferung Alternative
die zweiseitigen Beziehungen herauszu- von Landmaschinen in beiden Ländern GNN Verlag Süd, Stuttgart
arbeiten. Er spricht von drei großen für beide Länder, an die Konsumgüter- 72 Seiten brosch., 11,90 DM.
Etappen. Dabei umgeht er nicht äußerst produktion usw.? Im Jahre 1989 wurde ISBN 3-9805441-3-3.
sensible Punkte, nämlich Ereignisse der ein Warenaustausch im Werte von 14
tschechoslowakischen Geschichte wie Milliarden Mark realisiert. 1950 waren Bezug über:
die Gründung der CSR 1918, das Mün- es nur 303 Millionen Mark. GNN, Badeweg 1,
chner Abkommen, die Zwangsaussied- Die in den Anlagen dieses kleinen 04435 Schkeuditz,
lung von drei Millionen Deutschen und Bändchens dargestellten Zahlen und Ta- Tel: 034204-65711,
die Nachkriegsdekrete sowie die Haltung bellen zeugen von sehr beachtlichen Er- Fax: 034204-65893

DTN DOSSIER NR. 3 – Februar 2004 15


Vom Münchner Diktat zur Nachkriegsordnung
Geschichte und ihre Instrumentalisierung in der aktuellen deutschen Politik – 7. bis 9 Mai in München

1938 1945
Historische Fachtagung des Kurt Eisner Vereins für politische Bildung mit der Rosa Luxemburg Stiftung
•Konzept und Veranstalter Literatur und Rezensionen Programm und Ort

Veranstalter: Vom Münchner Diktat zur Nachkriegsordnung.


Kurt Eisner Verein Geschichte und ihre Instrumentalisierung in der aktuellen deutschen Politik
für politische Bildung in Bayern e.V.

in Zusammenarbeit mit der So der Titel einer historischen Fachtagung, die der Kurt Eisner Verein für politische Bildung in Bayern
Rosa Luxemburg Stiftung e.V. (kev) in Zusammenarbeit mit der Rosa Luxemburg Stiftung (rls) für den 7.- 9. Mai 2004 in München
www.rosalux.de plant.

Die Deutung der Ereignisse, die vom Münchner Diktat von 1936 bis zu der im Potsdamer Abkommen
1945 niedergelegten Nachkriegsordnung führten, ist nicht nur Gegenstand fachwissenschaftlicher
Auseinandersetzungen. Politische Kampagnen unter einprägsam verkürzten Schlagworten ("Beneš-
Dekrete", "Vertreibungsunrecht", "Zentrum gegen Vertreibungen") begründen in den betroffenen
Redaktion der Web-Seite: Nachbarländern der BRD, neben Polen vor allem auch in Tschechien, wachsende Befürchtungen.
Cornelia Fiedler
Stand: 26.1.2004 Besonders die von der bayerischen Staatsregierung offiziell, ideell und materiell geförderte
Sudetendeutsche Landsmannschaft artikuliert Ansprüche an Tschechien.
Die von uns geplante Fachtagung möchte Fach- und Hintergrundwissen für die öffentliche
Meinungsbildung erschließen. Die Zusammenhänge zwischen Münchner Diktat 1938, Potsdamer
Abkommen und Nürnberger Kriegsverbrechertribunal sind für die aktuelle Debatte von großer
Bedeutung, werden jedoch oft weitgehend ausgeblendet. Es entstehen Wissenslücken, in denen sich
Vorurteile breit machen können.
Zur Überwindung derartiger Defizite soll die Fachtagung beitragen. Wir möchten vor allem Studentinnen
und Studenten bzw. Nachwuchswissenschaftler/innen dafür gewinnen, ihre Forschungen und
Überlegungen vorzustellen.
Die Tagung soll ein breites Spektrum abdecken.

Bisher sind folgende Themen angedacht:


- Die Entwicklung der Haltung der West-Alliierten der Anti-Hitler-Koalition zum "Münchner Abkommen",
ausgeführt am Beispiel Großbritanniens
- Die Wertung des "Münchner Abkommens" im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess
- Das "Münchner Abkommen" und die Nachkriegsordnung in der außenpolitischen
Strategie der bundesdeutschen Rechten, namentlich der Vertriebenenverbände
- Die außenpolitischen Positionen der Bundesrepublik und der DDR in dieser Frage
- Das Potsdamer Abkommen und die Verfassungsdebatte in Europa; Sicherheit der Grenzen; Garantie
der Souveränität
Weitere Themenvorschläge sind willkommen. Der zeitliche Rahmen wird letztlich 7 bis 8 Vorträge
zulassen.

Als erster Schritt zur Vorbereitung der Fachtagung wird derzeit an einer Literaturübersicht gearbeitet.
Wir haben eine Reihe uns bekannter Expertinnen und Experten auf diesem Themenfeld gebeten, die
aus ihrer Sicht wichtigsten Werke der Fachliteratur vorzuschlagen.

Am 16.1.2004 wurde die Literaturliste geschlossen. Die gesammelten Fachbücher werden nun zur
Rezension ausgeschrieben. RezensentInnen erhalten das Buch zzgl. ca. 30 Euro
Aufwandsentschädigung, je nach Länge des Buches.
Wer den Katalog erhalten möchte, um sich für eine Buchbesprechung zu bewerben, wende sich bitte
an: fiedler@kurt-eisner-verein.de. Die Rezensionen sollen bis Anfang März 2004 in einer Broschüre
zusammengeführt werden, die als Extra-Nummer der Deutsch-Tschechischen Nachrichten erscheint.

Aktuelle Informationen über die Vorbereitung der Tagung unter: www.kurt-eisner.de/muedik

RezensentInnen gesucht! Zeitschrift Deutsch-Tschechischen Nachrichten veröffent-


licht werden.
„Vom Münchner Diktat zur Nachkriegsordnung – Ge- (www.deutsch-tschechische-nachrichten.de).
schichte und ihre Instrumentalisierung in der aktuellen Dafür suchen wir Studierende und Nachwuchswissenschaft-
deutschen Politik“. Unter diesem Titel findet im Mai dieses lerInnen, die kurze, sachliche und informative Besprechun-
Jahres in München eine historische Fachtagung des Kurt gen der besagten Fachbücher schreiben. Die RezensentIn-
Eisner Vereins für politische Bildung statt. nen erhalten das Buch kostenlos und eine Aufwandsent-
Ziel der Tagung soll es sein, Fach- und Hintergrundwissen schädigung von um die 30 Euro, je nach Umfang des Bu-
für eine Diskussion zu erschließen, die derzeit von Schlag- ches. Die Rezensionen sollten zwischen 3.000 und 12.000
worten wie „Beneš-Dekrete“, „Vertreibungsunrecht“, „Zen- Zeichen (incl. Leerzeichen) umfassen, die Kernthesen des
trum gegen Vertreibungen“ dominiert wird. Buches wiedergeben und eine kurze persönliche und politi-
Zur Vorbereitung der Tagung haben wir mir Hilfe ver- sche Einschätzung des Werkes enthalten.
schiedener ExpertInnen eine Liste der wichtigsten Literatur Bei Interesse wenden Sie sich bitte mit Angabe von AutorIn
zu diesem Themengebiet erarbeitet: und Titel des Buches, das Sie gerne rezensieren würden, an:
(www.kurt-eisner.de/muedik) fiedler@kurt-eisner-verein.de
Als kurzer Überblick zur genannten Thematik sollen Re- Die Buchbesprechungen sollen im April veröffentlicht wer-
zensionen dieser Bücher gesammelt als Extra-Ausgabe der den, Redaktionsschluss ist daher der 2. April.