Anmerkungen zur Frequenzverteilungsuntersuchung von Mecklenbräuker et al. vom 25.03.

2011

Torsten J. Gerpott*

Duisburg 13. April 2011

*

Univ.-Prof. Dr. Torsten J. Gerpott, Am Freischütz 6, 47058 Duisburg.

Anmerkungen Gutachten Mecklenbräuker et al.

Torsten J. Gerpott 13.04.2011, Seite 1

1.

Management-Zusammenfassung

Die Kostenvergleiche, die Mecklenbräuker et al. zur Beantwortung der Frage nach der Existenz ökonomisch-frequenztechnischer Nachteile aufgrund der bestehenden Frequenzzuteilungen auf Mobilfunknetzbetreiber (MFN) in Deutschland vorlegen, sind durch problematische Annahmen, z.T. nicht durchschaubare Berechnungsschritte und sachlich unangemessene Vorgehensweisen charakterisiert. Sie sind folglich nicht geeignet, die These zu untermauern, dass „keine Indikationen für Wettbewerbsverzerrungen durch die Frequenzausstattung bei Flexibilisierung des 900 MHz Bandes“ (S. 16) existieren. Insbesondere implizieren die von den Gutachtern vorgelegten Vergleiche der Summen aus Netz- und Frequenzkosten bei unterschiedlicher Frequenzverfügbarkeit, dass E-Plus eine Umverteilung von 900 MHz-Frequenzen zum Ausgleich von Wettbewerbsnachteilen im April/ Mai 2010 dadurch hätte erreichen können, dass man nicht um 800 MHz-Frequenzen mit gesteigert und so bei den Wettbewerbern niedrige (800 MHz-)Frequenzkosten hervorgerufen hätte. Im zweiten Quartal 2010 war jedoch die von Mecklenbräuker et al. nun Anfang 2011 zugrunde gelegte Logik weder bekannt noch sicher vorhersehbar, so dass E-Plus sich nicht entsprechend in seinem Bietverhalten darauf einstellen konnte. Folgt man dem Ansatz der Autoren bei der Analyse frequenzverfügbarkeitsbedingter Wettbewerbsverzerrungen die Frequenzpreise der Auktion mit in Kostenvergleiche einzubeziehen, dann würde E-Plus im Nachhinein nun durch Versagen einer Umverteilung von 900 MHz-Spektrum dafür „bestraft“, dass man sich bei der Versteigerung im Frühjahr 2010 sehr ernsthaft um 800 MHzFrequenzen bemüht hat. 2. Auftrag

Am 25.03.2011 wurde das von der Bundesnetzagentur bei Mecklenbräuker et al. in Auftrag gegebene ökonomisch-technische Gutachten zur Frequenzverteilungsuntersuchung der Nutzungsflexibilisierung im 900/1800 MHz-Band auf der Website der Behörde veröffentlicht. Am 28.03.2011 wurde ich von E-Plus mit einer ökonomisch ausgerichteten Kurzanalyse der Tragfähigkeit der Schlussfolgerungen dieser Studie im Hinblick auf die dort adressierte Frage (2) „Bestehen objektive ökonomisch-frequenztechnische Nachteile aufgrund der Frequenzzuteilung? Welche Kennzahlen sind aussagekräftig?“ (S. 31) beauftragt. Das vorliegende Papier fasst die Analyseergebnisse, die ich auszugsweise auch bereits im Rahmen der öffentlichen Sitzung der Präsidentenkammer der Bundesnetzagentur am 04.04.2011 in Bonn vorgetragen habe, zusammen. Dabei wird zunächst in Kap. 3.1 die von Mecklenbräuker et al. (2011, S. 49-80) vorgenommenen Vergleiche der Summen von Netzinvestitionen und -betriebskosten einerseits sowie „Frequenzkosten“ (= in der Auktion im April/Mai 2010 gezahlte Spektrumpreise) andererseits eingegangen, weil diese Vergleiche eine zentrale inhaltliche Bedeutung für die von Mecklen-

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bräuker et al. (2011, S. 16, 81) auf die o.a. Frage 2 gegebene Antwort haben. Anschließend wird in Kap. 3.2 auf Aussagen eingegangen, die Mecklenbräuker et al. (2011, S. 32-42) im Zusammenhang mit ihrer Auseinandersetzung mit Stellungnahmen treffen, die Marktteilnehmer im Rahmen der Bundesnetzagentur-Konsultationen zur Festlegung von Entgelten für Anrufzustellungen in einzelnen Mobilfunknetzen im Jahr 2010 oder auf das Impulspapier der Behörde vom August 2010 zur Frequenzverteilungsuntersuchung vorgelegt haben. Die Analyse erfolgt dergestalt, dass zunächst jeweils konkrete Passagen aus dem Gutachten von Mecklenbräuker et al. wörtlich zitiert oder sinngemäß wieder gegeben werden und dann zu einer Passage kritische Anmerkungen/Fragen an die Gutachter adressiert werden. 3. 3.1 Anmerkungen zu Teilen des Gutachtens Kostenvergleichsbetrachtungen

Verfehlter Einbezug von Frequenzkosten bei Kostenvergleichen Auf S. 49 treffen Mecklenbräuker et al. folgende Aussage: „Die Kosten für die Erbringung [eines flächendeckenden Breitbanddienstes] im 800 MHz Band sind den Kosten für den Erwerb der Frequenzen gegenüber zu stellen.“ Ähnlich heben die Autoren auch auf S. 57 in Abbildung 12, auf S. 63 mit Abbildung 17 sowie auf S. 67 mit Abbildung 20 darauf ab, dass dann keine Wettbewerbsverzerrungen durch unterschiedliche Frequenzausstattungen gegeben seien, wenn die Mehrkosten von Funkzugangsnetzen auf Basis von Kapazitätsfrequenzen (= Frequenzen oberhalb von 1 GHz) gegenüber Netzen auf Basis von Flächenfrequenzen (= Frequenzen bis zu 1 GHz) etwa dem Mehrpreis entsprechen, welcher in der Frequenzauktion im Mai 2010 von den drei Unternehmen, die Spektrum aus der „digitalen Dividende“ im 800 MHz-Bereich ersteigert haben, gegenüber den dort erzielten Preisen für Kapazitätsspektrum gezahlt wurde (s.a. S. 71). Diese Logik, die Summe aus Netzinvestitionen und laufenden Betriebskosten einerseits sowie Frequenzkosten andererseits als „Gesamtkosten“ (S. 63 u. 67) für vier Szenarien, die sich hinsichtlich der hypothetisch agierenden MFN und ihrer Ausstattung mit Frequenzen in den Bändern 800 MHz, 900 MHz und 1.800 MHz unterscheiden, zu vergleichen und allein daraus dann Schlussfolgerungen zu frequenzverfügbarkeitsbedingten Wettbewerbsverzerrungen zu ziehen (vgl. S. 51), ist mindestens aus drei Gründen verfehlt: – Die Frequenzkosten sind keine technisch bestimmte Größe, sondern resultieren aus dem Auktionsverhalten der MFN, sie sind damit auch kein exogener Indikator für strukturell hervorgerufene Wettbewerbsnachteile von MFN in Deutschland. – Die Logik der Autoren impliziert, dass E-Plus eine Umverteilung von 900 MHz-Frequenzen zum Ausgleich von Wettbewerbsnachteilen im April/Mai 2010 allein dadurch hätte erreichen können, dass man nicht um 800 MHz-Frequenzen mit gesteigert und so bei den Wettbewerbern niedrige (800 MHz-)Frequenzkosten hervorgerufen hätte. Im April/Mai 2010 konnte aber von einer solchen Logik nicht sicher ausgegangen werden, so dass EPlus sich nicht entsprechend in seinem Bietverhalten darauf einstellen konnte. Folgt man dem Ansatz von Mecklenbräuker et al., bei der Analyse frequenzverfügbarkeitsbedingter Wettbewerbsverzerrungen die Frequenzpreise der Auktion mit in Kostenvergleiche einzu-

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beziehen, dann würde E-Plus im Nachhinein nun durch Versagen einer Umverteilung von 900 MHz-Spektrum dafür „bestraft“, dass man sich bei der Versteigerung im Frühjahr 2010 sehr ernsthaft um 800 MHz-Frequenzen bemüht hat. – Die Autoren nehmen an, dass Netzkostenunterschiede in den vier Szenarien allein auf die Lage der im Zugangsnetz nutzbaren Frequenzbänder zurückzuführen sind. Sie vernachlässigen damit aber andere kostenbestimmende Faktoren wie etwa die größere Einkaufsmacht der E-Plus-Wettbewerber bei Infrastrukturlieferanten, die z.T. auf die ungleiche regulatorische Behandlung der MFN zurückzuführen sind und bis in die Gegenwart Netzkostennachteile nach sich ziehen. Weiterhin klammern sie aus, dass Telekom Deutschland (TD) und Vodafone D2 (VD2) bei sprungfixen Netzinvestitionsverläufen und der sich hieraus ergebenden besseren Auslastung von Netzkapazitäten niedrigere durchschnittliche „Stückkosten“ (i.S. von Netzinvestitionen pro Kunde bzw. pro Euro Umsatz) aufweisen dürften. Alles in allem lässt die verengte Kostenanalyse von Mecklenbräuker et al. damit regulierungsinduzierte Nachteile von E-Plus bzw. Vorteile von TD und VD2 außer Acht, die zusätzlich einzubeziehen sind, wenn es darum geht, das Potenzial von MFN aufgrund ihrer Marktposition, Wettbewerber zu verdrängen bzw. selbst verdrängt zu werden und die Notwendigkeit einer kompensatorischen Frequenzregulierung abzuschätzen. Bei den Vergleichen, die korrekterweise nur auf die Netzkosten ohne Frequenzpreise abstellen (Abbildung 16 u. 19) sieht sich E-Plus denn auch jeweils einem erheblichen Kostennachteil gegenüber Wettbewerbern ausgesetzt, die über ein größeres Volumen an Flächenspektrum verfügen. Realitätsferne Annahmen bei der Kostenmodellierung Zur Bestimmung der erforderlichen Funkzellradien legen Mecklenbräuker et al. „eine konstante Datenrate über den gesamten Versorgungsbereich zugrunde. Diese beträgt in der Abwärtsstrecke 2,4 Mbit/s und in der Aufwärtsstrecke 384 kbit/s“ (S. 52). Zur Begründung dieser Prämissen wird lediglich pauschal auf den „Stand der Technik“ (S. 52) verwiesen. Hier fehlt es offensichtlich an einer transparenten, inhaltlich gehaltvollen Herleitung der Datenratenannahmen. Gleiches gilt für die Prämissen „über das Link Budget“ (S. 52). Die Ableitung der auf S. 52 in Tabelle 3 gezeigten Funkzellradien für drei Frequenzbänder und vier Besiedelungsklassen, zu deren Beleg als Quelle lediglich ein Selbstzitat („Institut für Telekommunikation“ (ITC), TU Wien) angeführt wird, erläutern die Autoren wie folgt (S. 53): „Es handelt sich um harmonisierte Zahlen aufgrund einer Befragung von nicht-deutschen kommerziellen Mobilfunknetzbetreibern (basierend auf dem Ausbreitungsmodell COSTHATA).“ Hierzu ist anzumerken, dass diese Angaben bei weitem nicht ausreichen, um die fachliche Haltbarkeit der Berechnungen der Zellradien nachzuvollziehen. So ist zu fragen, was hier „harmonisiert“ genau heißt (z.B. Verwendung des Mittelwerts, des Modus oder des Medians aus der Befragung?). Außerdem ist nicht ersichtlich, inwiefern außerhalb Deutschlands gewonnene Befragungsergebnisse auf Deutschland transferiert werden können. Ebenso bleibt im Dunkeln, wer genau befragt wurde. Fachlich angemessen wären hier technische Primärerhebungen bei den vier Mobilfunknetzbetreibern in Deutschland gewesen. Zur Herleitung der erforderlichen Datentransportkapazität in den Modellszenarien gehen Mecklenbräuker et al. (S. 54f.) davon aus, dass die SIM-Kartenpenetration pro 100 Einwoh-

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ner, die in Deutschland Ende 2009 erreicht wurde, multipliziert mit der Zahl der Einwohner und einem SIM-Kartenmarktanteil von 25% die Anzahl der Datenkunden eines MFN in den Modellrechnungen angemessen widerspiegelt. Diese Annahme zur Zahl der Datenkunden ist nicht sinnvoll, da Anfang 2011 die Nutzungsquote von mobilen Datendiensten in Deutschland erst zwischen 15% und 25% der (Postpaid-)Mobilfunkkunden lag. Eine fachlich tragfähige Modellierung hätte hier zudem nicht mit einer über 15 Jahre (!) konstanten Datenkundenquote gearbeitet, sondern die Quote als S-förmige Arkustangens-Diffusionsfunktion formuliert. Folge der nicht sachgerechten Annahmen/Modellierung ist eine viel zu hohe Datenkundenzahl. Sie führt zu einer Überschätzung des Bedarfs an Kapazitätsstandorten bei MFN mit mehr als 2 x 10 MHz Flächenspektrum und hat damit zur Konsequenz, dass der Netzkostennachteil von E-Plus in den Szenarien 1 bis 3 gegenüber den Konkurrenten in Szenario 0 signifikant zu niedrig ausgewiesen wird. Ebenso problematisch ist die Prämisse, dass „15% des täglichen [Daten-] Verkehrs in der Hauptverkehrsstunde“ (S. 54) anfallen sollen. Entsprechende, in der deutschen Mobilfunkindustrie übliche Werte liegen etwa auf 50% bis 60% des genannten Niveaus. Die Überschätzung der Datenverkehrsmengen und der Kapazitätserfordernisse zur Bewältigung der Hauptverkehrsstunde haben wiederum zur Folge, dass Kostenvorteile von Flächengegenüber Kapazitätsfrequenzen systematisch unterschätzt werden und damit die relative Netzkostenvorteilhaftigkeit des Szenarios 0 (s. S. 49) viel zu niedrig angesetzt wird. Intransparente Kostenableitung Bei dem Vergleich der „Kosten für die Netzabdeckung“ in Abbildung 16 kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass sich diese Kosten für MFN mit Spektrum im 800 MHz-Bereich (Szenario 0) und für E-Plus im Szenario 2 nur um etwa 11% unterscheiden (s. S. 62). Hier ist nicht ersichtlich, inwieweit Mecklenbräuker et al. die Kosten berücksichtigt haben, die E-Plus zu tragen haben würde, um einen Teil seiner Basisstationen dahingehend umzurüsten, dass sie nicht mehr 900 MHz-Frequenzen, sondern 1.800 MHz-Frequenzen zur Abwicklung von Sprachverkehr nutzen, da die 900 MHz-Frequenzen im Szenario 2 (und abgeschwächt auch im Szenario 3) ja für den Datenverkehr benötigt werden (vgl. zu dieser Kostenart Gerpott 2008, S. 70-72). Unerwähnt bleibt bei dem Vergleich der Kosten für Netzabdeckung auf S. 62, aber auch bei der Gegenüberstellung der Netzkosten für Kapazität auf S. 67 (Abbildung 19) im Übrigen, dass E-Plus selbst dann, wenn man den GSM-Sprachverkehr komplett auf 1.800 MHz migrieren würde, mit 2 x 5 MHz im 900 MHz-Band in ländlichen Regionen einen Angebotsnachteil dadurch erleidet, dass man lediglich geringere Spitzendatenraten anbieten kann als die DNetzbetreiber, weil letztere dazu der Lage sein werden, von dem Ihnen zur Verfügung stehenden Flächenspektrum von 2 x 22,4 MHz in dünn besiedelten Regionen mindestens 2 x 20 MHz zu aggregieren.

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In Kap. 3.2.6 kalkulieren Mecklenbräuker et al. „wie viele Basisstationen benötigt werden, um den Verkehr eines typischen durchschnittlichen Mobilfunknetzbetreibers abzudecken im Vergleich zu der benötigten Anzahl Basisstationen, die erforderlich sind, um nur Netzabdeckung sicher zu stellen“ (S. 65). Die Ableitung der Zahl der „Basisstationen … für Kapazität“ (S. 66) aus den Verkehrsmengen- und (nicht sachgerechten) Kundenzahlannahmen gemäß Fußnote 49 ist im Bericht von Mecklenbräuker et al. nicht nachvollziehbar. Insbesondere wird nicht klar herausgearbeitet, inwieweit die „Netzkosten für Kapazität“ in Abbildung 19 (S. 67) ebenfalls die „Kosten für das Zugangsnetz für Netzabdeckung“ in Abbildung 16 (S. 62) beinhalten. Falls in Abbildung 19 auch die Kosten für Kapazitätsbasisstationen gemäß Abbildung 15/16 eingeschlossen sein sollten, dann ist der dortige Kostenausweis deshalb irreführend, weil er den unterschiedlichen zeitlichen Verlauf von Investitionen in Flächenabdeckung und in Kapazität sowie daraus resultierende Barwertunterschiede zwischen (Anschaffungs- und Betriebs-) Kosten für Flächen- versus Kapazitätsbasisstationen nicht einbezieht: Kapazitätsinvestitionen und mit ihnen verknüpfte Betriebskosten fallen, anders als Flächendeckungsinvestitionen, nicht durchweg sofort, sondern erst sukzessive mit steigenden Datenkundenzahlen bzw. -verkehrsmengen an. Der Barwert von Kapazitätsbasisstationen liegt bei gleichmäßiger Verteilung ihres Aufbaus über die von Mecklenbräuker et al. angesetzten 15 Jahre Betriebsdauer (vgl. S. 55 u.71) und einem Gesamtkapitalkostensatz von 10% (s. S. 55) um 51% unter dem Barwert von Flächenbasisstationen, die kurzfristig zu errichten sind.1 Zusätzlich sinken die Investitionen für Kapazität dadurch, dass „die Kosten der Basisstationen .. einem Preisverfall [unterliegen]“ (S. 64). Im Ergebnis ist aufgrund der beiden genannten Effekte in einer konservativen Rechnung anzunehmen, dass die Summe aus Anfangsinvestitionen und laufenden Betriebsauszahlungen pro Kapazitätsbasisstation im Durchschnitt höchstens bei etwa 50% der Zahlungen liegt, die pro Flächenbasisstation anfallen. Tabelle 1 weist in der oberen Hälfte aus, welche Gesamtkosten sich ergeben, wenn man unterstellt, dass die Werte in Abbildung 19 auch die Kapazitätskosten gemäß Abbildung 16 enthalten und dass sich der Barwert der Kapazitätskosten auf 50% des entsprechenden Nominalwerts beläuft. In dieser Neukalkulation erhält man, selbst in dem zu eng angelegten Gesamtkostenvergleich von Mecklenbräuker et al., einen Kostenunterschied zuungunsten von E-Plus, der sich auf mindestens 12% beläuft und nicht etwa (wie von den Autoren behauptet) „kleiner als 1%“ (S. 68) ausfällt. Sollte Abbildung 19 hingegen nicht die Flächenkosten aus Abbildung 16 enthalten, dann fehlt bei Mecklenbräuker et al. eine Gesamtbetrachtung der Summe der drei Kostenarten gemäß Abbildung 17 und 19. Tabelle 1 zeigt in der unteren Hälfte eine neu kalkulierte entsprechende Gesamtbetrachtung, nach der E-Plus dann allein bei den Netzkosten einen Nachteil von mindestens 12% aufgrund der schlechten Ausstattung mit Flächenspektrum aufweisen würde.
1

Der genannte Prozentwert ergibt sich wie folgt: [1 – (1/1,1)7,5] • 100.

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Tabelle 1: Neukalkulation der Gesamtkostenvergleiche von Mecklenbräuker et al. unter Berücksichtigung des verzögerten Anfalls von Kosten durch Basisstationen für Kapazität
Annahme: Abb. 19 enthält auch Flächenkosten gemäß Abb. 16! Szenario! Kostenart!
• !Flächendeckung (Mio. ")! • !Kapazitäta (Mio. ")! • !Frequenzen (Mio. ")! • !Summe (Mio. ")!

0! 559,0! 596,5! 1.192,0! 2.347,5! (100%)!

1! 2.233,0! 347,5! 43,0! 2.623,5! (112%)!

2! 623,0! 1.405,5! 596,0! 2.624,5b! (112%)!

3! 1.595,0! 567,0! 639,0! 2.801,0b! (119%)!

Quelle! Abb. 16! Abb. 16 u. 19! Abb. 20!

Annahme: Abb. 19 enthält Flächenkosten gemäß Abb. 16 nicht! Szenario! Kostenart!
• !Flächendeckung (Mio. ")! • !Kapazitätc (Mio. ")! • !Frequenzen (Mio. ")! • !Summe (Mio. ")!

0! 559,0! 876,0! 1.192,0! 2.627,0! (100%)!

1! 2.233,0! 1.464,0! 43,0! 3.740,0! (142%)!

2! 623,0! 1.717,0! 596,0! 2.936,0b! (112%)!

3! 1.595,0! 1.364,5! 639,0! 3.598,5b! (137%)!

Quelle! Abb. 16! Abb. 19! Abb. 20!

a)  Kapazitätskosten ergeben sich als mit dem Faktor 0,5 multiplizierte Differenz der für ein Szenario ausgewiesenen Werte in Abb. 19 und 16. Der Faktor 0,5 spiegelt wieder, dass Auszahlungen für Kapazität gegenüber Auszahlungen für Flächendeckung zeitlich verzögert anfallen und dass der Preis später installierter Netztechnik niedriger ist als der Preis heute errichteter Technik.! b)  Vermutlich zuzüglich Kosten für Umrüstung von reinen GSM-900-Standorten auf „dual band“ Basisstationen.! c)  Kapazitätskosten ergeben sich als mit dem Faktor 0,5 multiplizierte Szenariowerte gemäß Abb. 19. Der Faktor 0,5 spiegelt wieder, dass Auszahlungen für Kapazitäten gegenüber Auszahlungen für Flächendeckung zeitlich verzögert anfallen und dass der Preis später installierter Netztechnik niedriger ist als der Preis heute errichteter Technik.!

In Kap. 3.2.8 kontrastieren Mecklenbräuker et al. dankenswerterweise die eigenen Modellkalkulationen mit denen aus vier anderen Studien. Sie verdeutlichen so u.a., dass (S. 75) „das Verhältnis der Basisstationen [für Kapazitäts- versus Flächenspektrum] .. zwischen 1 und 3,44 [liegt].“ Weiter stellen die Autoren heraus, dass „man erkennt, dass die Auswertung der Vergleichsgutachten kein einheitliches Bild ergibt“ (S. 76). Hier ist anzumerken, dass die beobachtete enorme Spannweite des Verhältnisses von Basisstationen für Kapazitäts- versus Flächenspektrum dafür spricht, dass eine modellhafte Betrachtung ohne Einbezug der Ist-Si-

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tuation der vier Mobilfunknetzbetreiber in Deutschland nicht ausreicht, um mit hinreichender Sicherheit behaupten zu können, dass auf der Kostenseite keine Wettbewerbsverzerrungen aufgrund von Frequenzausstattungsunterschieden vorliegen. Auch wenn aus dem Gutachten nicht klar zu entnehmen ist, welche Kostenarten in Abbildung 19 eingeschlossen sind, so kann sicher festgestellt werden, dass die These, „dass ein Netzbetreiber mit einer Frequenzausstattung wie E-Plus zu gleichen Kosten ein mobiles Breitbandnetz aufbauen kann wie Netzbetreiber mit Flächenspektrum“ (S. 68) von Mecklenbräuker et al. nicht in eindeutiger Weise transparent hergeleitet wird. Weiter sind die Kostenvergleichsanalysen in Kap. 3.2.6 insbesondere aufgrund der Vernachlässigung von Unterschieden im zeitlichen Anfall von Flächen- und Kapazitätskosten als sachlich nicht haltbar zu bewerten. Übersehene Implikationen der für E-Plus ausgewiesenen wettbewerbsstrategischen Positionierungsmöglichkeiten In Kap. 3.2.9 stellen die Autoren in der mit „Marktsegmente in Abhängigkeit von der Nutzungspräferenz“ betitelten Abbildung 26 fest, dass E-Plus aufgrund seiner Frequenzausstattung nicht die Möglichkeit hat, sich als datenzentrierter Anbieter außerhalb von Städten zu positionieren. Die (negativen) Konsequenzen daraus für die Entwicklung der Wettbewerbsintensität und der Endkundenpreise gerade für den Wachstumsmarkt der mobilen Datendienste werden ebenso wenig thematisiert wie die Implikation der Erkenntnis, dass sich E-Plus – sogar nach Meinung der Gutachter – aufgrund seiner Frequenzausstattung primär auf den Sprachdienstemarkt zu beschränken hat, für die langfristige Überlebensfähigkeit dieses Anbieters. Insgesamt ist die mit Abbildung 26 von Mecklenbräuker et al. eingeräumte frequenzbedingte Beschränkung der wettbewerbsstrategischen Positionierungsmöglichkeiten von EPlus zumindest bei Datendiensten nur schwer vereinbar mit der Aussage, dass „keine Indikationen [dafür gesehen werden], dass Wettbewerbsverzerrungen aufgrund der Frequenzausstattung vorliegen“ (S. 81). Im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Strategien der vier MFN in Deutschland tragen Mecklenbräuker et al. schließlich vor (S. 80), dass es in Deutschland „ein [Nash-] Marktgleichgewicht gibt wenn es Betreiber mit unterschiedlichen Frequenzausstattungen gibt, die unterschiedliche Marktpositionen eingenommen haben, bei denen keiner davon profitiert, eine andere Position einzunehmen.“ Dieser Hinweis geht völlig am Thema einer frequenzausstattungsbedingten Wettbewerbsbenachteiligung einzelner MFN in Deutschland vorbei. Das Vorliegen eines Nash-Gleichgewichts ist keine Voraussetzung dafür, dass es im Mobilfunkmarkt chancengleichen Wettbewerb gibt. Ein Nash-Gleichgewicht impliziert vielmehr lediglich, dass kein MFN sich durch unkooperatives Verhalten gegenüber einem Wettbewerber verbessern kann. Wenn ein solches „Gleichgewicht“ im deutschen Mobilfunkmarkt vorliegen würde, also der Wettbewerb quasi „erstarrt“ wäre, dann wäre das im Gegenteil ein Indiz dafür,

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dass es (frequenz-)regulatorischer Eingriffe bedarf, um Anreize für unkooperative Konkurrenzstrategien zu erzeugen. 3.2 Aussagen zur Stellungnahmen von Marktteilnehmern

Auf S. 35 führen Mecklenbräuker et al. im Zusammenhang mit der Auswertung einer E-PlusStellungnahme, die bei der Bundesnetzagentur 2010 im Rahmen der Konsultation zu Mobilfunkterminierungsentgelten eingereicht wurde, aus: „Wir bewerten diese Gegenüberstellung von EBITDA und Umsatz bei Telekom Deutschland und anderen Netzbetreibern als wenig aussagekräftig. … Ferner können aus der Gegenüberstellung keine eindeutigen Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Frequenzausstattung als Ursache gezogen werden.“ Hier bleibt zunächst unerklärt, warum nach dem Dafürhalten der Gutachter die Gegenüberstellung von (absoluten) EBITDA von TD und des Umsatzes von E-Plus keine aussagekräftige Analyse zur Verdeutlichung von Größenvorteilen von TD gegenüber E-Plus darstellen soll. Zudem bleibt an dieser Stelle, aber auch auf S. 39 unerörtert, inwiefern nicht verschiedene MFN, die gleiche prozentuale EBITDA-Margen aufweisen, aufgrund von absoluten Größendivergenzen, die z.T. auf regulierungsbedingte Bevorzugungen in der Vergangenheit zurückzuführen sind, unterschiedliche Markmacht und Verdrängungsmöglichkeiten gegenüber Konkurrenten aufweisen dürften. Schließlich ist zu fragen, warum die multivariaten Regressionsanalysen, die von Gerpott (2010, S. 46) vorgelegt wurden und in denen ein signifikanter positiver Effekt der Verfügbarkeit von 900 MHz-Frequenzen bei Geschäftsaufnahme auf die EBITDA-Marge für 49 westeuropäische MFN empirisch nachgewiesen wurde, hier ignoriert wurden, obwohl diese Analysen für den in Abrede gestellten kausalen Zusammenhang sprechen. In Kap. 3.2.1.2 argumentieren Mecklenbräuker et al., dass daraus, dass sich die EBITDAMargen von E-Plus einerseits und TD sowie VD2 andererseits ähneln würden, geschlossen werden könne, dass „Unternehmen unterschiedlicher Größe in einem Markt erfolgreich sein können“ (S. 39). Sie setzen sich jedoch nicht mit den Fragen auseinander, wie viel erfolgreicher E-Plus sein könnte, wenn das Unternehmen nicht seit 1993 regulatorisch benachteiligt worden wäre und warum der Anbieter bei dem Erfolgskriterium der Unternehmensgröße auch fast 20 Jahre nach dessen Markteintritt nicht zu TD und VD2 aufzuschließen vermochte. Weiter stellen Mecklenbräuker et al. in diesem Kapitel auf S. 41 unter Bezugnahme auf die Arbeit von Gerpott (2010) folgende Behauptung auf: „Der internationale Vergleich von Prof. Gerpott zur Korrelation zwischen wirtschaftlich/finanziellen Kennzahlen weist ein Problem in Bezug auf die Heteroskedastizität auf. … Für die Analyse heißt dies, dass es sich um eine Scheinkorrelation handelt, bei der in diesem konkreten Fall nur die Schlussfolgerung gezogen werden kann, dass nur ein Teil der Betreiber (jene, die früh in den Markt eingetreten sind) sehr hohe Markanteile erzielen kann, und dass andere Betreiber entweder mittlere oder niedrige Marktanteile haben.“ Diesbezüglich gilt in methodischer Hinsicht, dass selbstverständlich auch für die Analyse in Abbildung 5 bei Gerpott (2010, S. 41) anhand eines Diagramms der

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Residuen des SIM-Kartenanteils geprüft wurde, inwiefern die Residuen mit zunehmendem y ebenfalls klar zunehmen. Eine solche Zunahme war nicht eindeutig festzustellen. Folglich existiert das behauptete Heteroskedastizitätsproblem nicht. Weiter implizieren die Ausführungen, dass Mecklenbräuker et al. offenbar nicht bestreiten, dass TD und VD2 bis zur Gegenwart ökonomische Vorteile aus ihrem frühen Eintritt in den deutschen Mobilfunkmarkt ziehen. Damit wird auch deutlich, dass ihre o.a. Kritik einer „Scheinkorrelation“ nicht nur methodisch haltlos ist, sondern auch im Widerspruch zu den eigenen Aussagen der Gutachter steht. Zusätzlich führen Mecklenbräuker et al. auf S. 41 angesichts der Korrelation zwischen dem Eintrittszeitpunkt eines MFN in einen nationalen Mobilfunkmarkt und dessen SIM-Kartenmarktanteil aus: „Für den deutschen Markt bedeutet dies, dass E-Plus und Telefónica … durchaus einen angemessenen Marktanteil erzielen konnten, wie es bei E-Plus mit aktuell 18,5% Marktanteil der Fall ist“ (kursive Hervorhebung nur hier). Auf die Fragen, wie die Gutachter „angemessen“ definieren und warum der genannte Marktanteil von E-Plus nun als „angemessen“ zu klassifizieren ist, bleiben die Autoren jegliche Antworten schuldig. Symptomatisch für die Einseitigkeit der Argumentation ist allerdings, dass auf den SIM-Kartenmarktanteil von E-Plus abgestellt wurde und nicht etwa auf den Umsatzmarktanteil, der im Jahr 2010 mit 15,5% etwa um 16 % niedriger lag als die von Mecklenbräuker et al. gemachte Prozentangabe. Auf S. 42 behaupten die Gutachter dann: „Bei der Darstellung von E-Plus werden Marktergebnisse (Marktanteile) mit der Frequenzausstattung in Zusammenhang gebracht, ohne den statistischen und faktischen Zusammenhang zwischen beiden Informationen herzustellen. Andere Gründe für den Marktanteil (Strategie, späterer Markteintritt, geringe Zahl an portierten Nummern im Mobilfunk) werden nicht untersucht. So ist aber der Wettbewerbseffekt der Frequenzausstattung nicht zu identifizieren.“ Diese Ausführungen sind insoweit falsch, als dass die Aussagen von E-Plus auf die bereits erwähnten empirischen Analysen von Gerpott (2010, S. 45–50) Bezug nehmen, in denen Zusammenhänge zwischen drei Marktergebnisindikatoren einerseits und der Frequenzausstattung von MFN bei Geschäftsaufnahme andererseits statistisch nachgewiesen wurden. Dieser Beleg wird dort auch dergestalt erbracht, dass andere Faktoren, die ebenfalls Effekte auf die betrachteten Marktergebniskriterien haben könnten (z.B. Markteintrittstiming, absolute Größe), ökonometrisch neutralisiert werden. Die Analysen von Gerpott sind damit sehr wohl geeignet, belastbare Hinweise auf Wettbewerbseffekte der Frequenzausstattung zu liefern. Zudem ist der Angriff der Argumentation von E-Plus ein Indiz dafür, dass die Gutachter mit unterschiedlichen Maßstäben messen: Während sie selbst in ihren Kostenvergleichen Effekte von Drittvariablen nicht erörtern, geschweige denn statistisch kontrollieren, monieren sie bei E-Plus (zu Unrecht), dass andere Faktoren nicht einbezogen worden seien.

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Literaturverzeichnis Gerpott, T.J. (2008): Öffnung von GSM-Frequenzen für UMTS-Angebote. München: Rainer Hampp. Gerpott, T.J. (2010): Wettbewerbs- und Regulierungsimplikationen der 900 MHz-Frequenzausstattung von Mobilfunknetzbetreibern in Deutschland. In: Gerpott, T.J. & Holznagel, B. (Hrsg.), Flexibilisierung der Frequenznutzung, Berlin: B&S Siebenhaar, S. 7-81.

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