Sie sind auf Seite 1von 14

!!!!!"#$%&&'(!

)*%$+(,

!!!"#$%&'()!*(+,!-.,/#$(,!
!"#"$%%&"'()*+

,(-."&'/0**."12

!"#$%&'()#$*&+,+#")$
+"%)#,-$
./)#%0'+1200#11/'+
3(*',.&'".&%(4*'0-&5')"*&5&'
15$6&"'7&)#*89&"':$%;$".*#&"'
&5<(95&"'=$44#&"
Schlafe, mein Hänschen

Brahms, Johannes (1833 -1897)

Es mag vielleicht nicht nett erscheinen, den großen Johannes Brahms (1,63 m an
guten Tagen; 1,58 im Schatten) als einen Langweiler der extremen Art zu bezeich-
nen. Von >netter( Kritik jedoch hat Johannes persönlich zeitlebens nie sonderlich
viel gehalten, ihr statt dessen zutiefst mißtraut. Also kommt man seiner Geistes-
haltung lediglich entgegen, wenn man ein wahres Wort gelassen spricht, oder auch
zwei oder drei. Johannes Brahms, das letzte der Drei Großen Bs (Bach, Beetho-
ven und Ömmes), kann in seinem innersten Wesen nur dann angemessen bewer-
tet, wenn auch nicht verstanden werden, wenn er als das hingenommen wird, was
er war: ein brillantes Genie mit einem angeborenen Grauschleier, der Messias der
Mittelmäßigkeit, derAuffälligste unter allen Unscheinbaren, die je auf Erden wan-
delten (mithin der Paradiesvogel unter den Mauerblümchen), der Sitten- und
Formstrenge, stets Gemäßigte aus absolutem Mangel an Interesse, der kompro-
miß- und erbarmungsloseste Verfechter des musikalischen Mittelweges (welcher
naturgemäß den rigorosesten aller Wege darstellt) und nicht zuletzt der innerlich
zutiefst Widersprüchliche - Johannes war Vollzeitmusiker und hatte nicht eine
einzige interessante Psychose aufzuweisen. Na, wenn das kein Widerspruch in
sich ist ... Doch es gibt eine Erklärung für all diese Wesenszüge des typischen lau-
warmen Extremisten. Johannes Brahms war sehr frühzeitig aufgeweckt und spür-
te deshalb sein Leben lang das unüberwindliche Bedürfnis nach Tiefschlaf, eine
allumfassende Sehnsucht, der er dann auch regelmäßig nachkam. Meistens beim
Komponieren. Verstehen wir das nicht falsch - Brahms hatte unvergleichliche
schöpferische Höhepunkte und wahrhaft himmelstürmende Momentei er ver-
schlief sie nur regelmäßig. Den Seinen gibt's der Herr bekanntlich im Schlaf, aber
Brahms war nun einmal ein Musensohn. Und dem Hannes seine Muse sprach aus-
schließlich zu ihm, wenn er hellwach und voll aufnahmebereit war. Ein echter
Romantiker galt laut inoffizieller Definition als Träumer oder >Tagträumer<.
Brahms'künstlerische Richtung läßt sich demnach nur schwer in das musikge-
schichtliche Gesamtgefüge einordnen, denn musikschaffende Siebenschläfer
waren damals selten.
Was genau kann man von einem Bohemien erwarten, der, angesprochen auf die
bahnbrechendsten Ereignisse seines Lebens, ohne mit der Wimper zu zucken ant-
wortet: >die Gründung der Bachgesellschaft und Bismarcks Gri.indung des Deut-
schen Reiches<<? Im Grunde gar nichts. Wenn man die Sache so betrachtet, hat
Johannes unsere kühnsten Erwartungen also bei weitem übertroffen. Johannes'

134
Leben war übrigens auch gar nicht so arm an Abenteuern, wie man meinen könn-
te. Er hat so einiges erlebt, was jeden anderen glatt umgehauen hätte - aber wie
gesagt immer im Halbschlaf, so daß all diese Erlebnisse an ihm abgeprallt sind,
ohne Eindrücke zu hinterlassen. Brahms war weniger moralisch als durch und
durch schläfrig, wobei seine verschlafene Gemütsart durchaus wörtlich aufzufas-
sen rst.
Auch das äußere Erscheinungsbild des noch jungen Johannes läßt kaum auf das
Übermaß anZucht und Tugend schließen, welches er täglich geübt hat. Ein bild-
hübscher Knabe war er, der Johannes, den die Frau Mama ihren Hannes nannte
(und was die kann, können wir auch). Ein rechter kleinerApoll, den man sich gut
dabei vorstellen kann, wie er gerade ausgelassen über eine Wiese tollt, Blümchen
pflückt, Girlanden bindet und den Mägdelein Kränzlein in die blonden Locken
windet, um sich dann ein Küßchen zu rauben, ein neckisches. Ja, genauso war es
tatsächlich beinahe mit Jung-Harures! Ein gewisser Herr Dietrich, der sich enthu-
siastisch über das Aussehen des knabenhaften, langhaarigen, blonden und tiefsee-
blauäugigen Hannes ausläßt (immerhin war er dabei), schreibt über einen Ausflug
zum Grafenberg, Hannes sei ausgelassen herumgetollt. Nun war aber unser Han-
nes kein lüstemer Wald- und Wiesenfaun wie bei den alten Griechen, sondern
offenbar eher mit einem in die Freiheit entlassenen kleinen Stallhasen zu verglei-
chen. Was er nämlich den Damen und Mägdelein frisch vom Anger pflückte,
apportierte und kredenzte, waren keine Blümchen, sondern - Runkelrüben ...
Dafür kriegte er denn auch keine Küßchen und war's somit vollauf zufrieden. Der
hübsche blonde Bengel namens Brahms entwickelte sich bald zu einem stattlichen
Manne, ein Reifeprozeß, aus dem er wiederum keinen nennenswerten Vorteil
schlug. Zwei bis drei Jatne lang galt er als ausgesprochen schön. Das wurde ihm
offenbar zu anstrengend, denn um sein Aussehen vor den Damen zu verbergen,
ließ er sich zu guter Letzt einen Rauschebart wachsen und sah damit in der Tat
schlimmer aus als alle Brüder Karamasow auf einem Haufen. Da endlich zogen
die Frauen, dieses aufdringliche Geschlecht, sich ein für alle Mal zurück.
Abgesehen von jener Gottheit, die bei der Verteilung der körperlichen Gaben
verantwortlich gezeichnet hatte, strengten sich auch die für seinen Geburtsort und
seine Lebensgeschichte zuständigen Höheren Mächte nach Leibeskräften an, aus
Hannes keinen Langweiler werden zu lassen. Ihre Bemühungen erwiesen sich als
völlig vergebens. Hannes'Vater beispielsweise erkannte schnell, daß sein Knabe
ein begabtes Kerlchen war, ein typisches Wunderkind, wie er meinte (siehe
Beethoven und viele, viele andere - eigentlich alle). Vater Jakob spielte den Kon-
trabaß, jenes erhabenste und durchdringendste aller Instrumente, ohne welches
kein Orchester funktioniert und auf welches manches Orchester doch so gern ver-
zichten möchte. (Und er hätte mit Vergnügen im Hamburger Theater-Ensemble
mitgespielt anstatt ganz alleine.) Außerdem stieß Jakob des öfteren laut in sein

135
Horn. Von dieser Seite war also kein Widerstand vorprogrammiert, garz im
Gegenteil. Jakob wollte seinen Hannes in der Welt groß herausbringen. Und dazu
schien das Hamburger Pflaster, dem Hannes sein Geburtsrevier, womöglich geeig-
neter als jedes andere auf der Welt (der deutschen zumindest). Johannes' musika-
lische Erziehung ging sozusagen zweigleisig vonstatten, obendrein auf außeror-
dentlich interessante Art und Weise. Mit sieben Jahren geriet der begeisterte klei-
ne Hannes unter die behütenden Fittiche eines Herrn Cossel, seines Zeichens Kla-
vierlehrer. Zu dieser Zeit glaubte Jakob noch, er könne eines Tages seinen Kon-
trabaß an den Filius vererben und ihn mitsamt dem Riesending in die liebenden
Arme eines Orchesters abgeben. Mit zehn reichte Cossel den Knaben an einen
Herrn Marxsen weiter, welcher eine Berühmtheit auf seinem Klavier war, aber
auch in Hamburg. Der Sprößling gab sein erstes Konzert, und der Vater kriegte
etwas zu sehen, was er selten erblickt hatte von seiner Position hinter dem Kon-
trabaß aus: Geld! Wirkliches, wahrhaftiges Bargeld! Der Knabe sollte nun schnur-
stracks nach Amerika reisen, dem Gelobten Lande, und knallharte Dollars heim-
holen. Gott sei Dank konnte der gute Cossel den Vater von dieser Untat, dieser
schZindlichen Ausbeutung des unverbrauchten jungen Talentes zurückhalten und
Klein-Hannes vor dem schrecklichen Geldsegen bewahren. Er versprach dem
Vater, statt des vorauszusehenden katastrophalen amerikanischen Einflusses dem
Sohnemann etwas wirklich Gutes zukommen zu lassen: noch mehr Ausbildung
bei sich und Marxsen. Das erwies sich als Hannes'Glück. Hätte nämlich Cossel
der Familie des Wunderkindes Geld geschenkt oder zumindest Brot, d.h. Natura-
lien und keine geistig-abstrakten Werte, hätte Johannes niemals die große weite
Welt kennengelernt, wie sie sich ihm in den folgenden Jahren darbieten sollte -
nicht etwa in Amerika, sondern in den Hafenkneipen und Etablissements von
Hamburg. Mit knapp dreizehn Jatren begann Hannes, am Jungfemstieg, wo schon
damals keine Jungfem mehr herumstiegen, und in der Urform der heutigen Ree-
perbatrn für den fast alleinigen Unterhalt der Familie zu sorgen. Das erwies sich
für jedermann als eine prächtige Lösung: Erstens konnte Hannes zu Hause in
Hamburg bleiben und mußte sich keine fremden Länder anschauen, zweitens ver-
diente er bei allergrößter Anstrengung nicht einen Bruchteil von dem unseligen
amerikanischen Zaster und würde so unmöglich durch zuviel Geld komrmpiert
werden. Und drittens, wichtigstens: In den Hamburger Dirnen- und Matrosenlo-
kalen, den örtlichen Bordellen und Spielhöllen konnte der leise vor sich hinpu-
bertierende Hannes keinesfalls so furchtbaren Schaden nehmen wie im bösen
Amerika, sei es nun seelisch, moralisch oder musikalisch. Schließlich paßten die
liebenden Eltern streng auf, daß er nicht nach halb drei Uhr morgens heimkam,
denn der Junge befand sich ja eigentlich noch mitten im Wachstum (obwohl er
merkwürdigerweise nicht mehr wuchs). Was insbesondere das Musikalische
betraf, zeigten sich alle zufrieden (offenbar auch Freund Cossel). Die Gassenhau-

136
er und frivolen Lieder, die Hannes in den Bumslokalen klimperte, mutlten sich als
echt deutsches Liedgut positiv auf Sohnemann auswirken.
In dieser grundsätzlich anregenden, den jugendlichen Geist erquickenden und
vor allem dem jungmännischen Sturm und Drang entgegenkommenden Atmo-
sphäre arbeitete nun Hannes in der Nacht, viele Nächte lang, viele Jahre lang. Bis
zum Ende einer Pubertät, die er offenbar gänzlich verschlief. Wie viele bezau-
bernde junge Damen mit fast gar nichts an hatten sich seiner in dieser Epoche sei-
ner Entwicklung angenommen, mütterlich oder sonstwie! Scharen von Möchte-
gern-Musen umschwärmten den musizierenden blonden Hannes wie Motten das
Licht - wie viele von ihnen mögen verbrannt sein im eiskalten Neonschein seiner
Teilnahmslosigkeit! Hannes war von Kopf bis Fuß nur auf Piano eingestellt, das
war seine Welt, und sonst gar nichts. (Hannes Albers hätte ein Lied davon singen
können, aber der hat die Damenwelt wenigstens bemerkt.) Wenn Hannes so vor
sich hinklimperte, lagen meist keine Noten vor seiner Nase, sondern andere
Schmöker, denn Hannes spielte schon lang nicht mehr >vom Blatt<: Er war genau-
genommen als mechanisches Klavier angestellt worden, welches es in der fleisch-
und blutleeren Ausführung nur leider noch nicht gab. (Brahms war sozusagen der
Prototyp.) Eine halbe Ewigkeit versuchten die Fräuleins und ihre Matrosen-Kava-
liere, Klein-Hannes zum kben zu erwecken, ihn wachzukitzeln oder vielleicht
auch >zu einem Mann zu machen< (was immer das sein mag) - gegen seine schild-
krötengleiche Leidenschaftslosigkeit vermochten sie nichts auszurichten. Bevor
sie gänzlich der Frustration und dem Wahnsinn anheimfielen, ließen sie von Han-
nes ab: Die Mädels akzeptierten seine perverse >Schüchternheit<, die großen Jungs
hielten ihn einfach für bescheuert.
Zwischendurch, mit sechzehn, gab er dieses und jenes >richtige< Konzert beste-
hend aus fremden und eigenen Sächelchen. Er wurde auch ziemlich mit Lorbee-
ren überhäuft - ja sogar regelrecht beworfen -, jedoch so gar nicht mit Geld. Lor-
beeren waren toll, besonders als Suppenwürze, aber wenn man keine Suppe hatte,
um sie hineinzugeben, kriegte die Angelegenheit einen eher traurigen Beige-
schmack. Es gab auch keinerlei Grund, aus den Lorbeeren Gin zu brennen, denn
Getränke waren am Jungfemstieg für den Pianisten sowieso gratis. (Jeder wußte,
daß Hannes nichts trank.) Also mischte Hannes seine Lorbeeren unters Sauer-
kraut, als unmißverständliches Zeichen für sein entbeerungsreiches Leben sozu-
sagen.
Im Jahre 1849 schlich sich heimlich ein neuer musikalischer Ansporn an Jung-
Hannes heran, wiederum in menschlicher Gestalt. Dieser Mann muß von Brahm-
sens Muse gesandt worden sein; anders ist sein Erscheinen in Hamburg kaum zu
erklären ... oder höchstens durch die Tatsache, daß gerade die Deutsche Revolu-
tion von 1848 stattgefunden und wahre Völkerscharen von hauptberuflichen
Flüchtlingen hervorgebracht hatte. In Hamburg, der Freien Hansestadt, konnten

t37
sie sich ungestraft und ungehindert tummeln und von ihrer bevorstehenden Abrei-
se nach Amerika erzählen. (In Hamburg hörten sich diese Emigrationspläne aus
naheliegenden Gründen plausibler an als, sagen wir mal, in Buxtehude oder Bay-
ern.) Merkwürdigerweise befanden sich unter diesen politischen Flüchtlingen, den
verfolgten Überbleibseln der obengenannten deutschen Revolution, furchtbar
viele Ungarn, die auch irgendwo und irgendwie mitgekämpft hatten in dem
Durcheinander. Diese außerordentlich cleveren Burschen trugen sich jahrelang
mit konkreten Auswanderungsplänen. Sie verabschiedeten sich auch jahrelang
von der Hamburger Bevölkerung. Atrntictr wie Teppichhändler, die ein Geschäift
einrichten, um dann ihr Leben lang Räumungsverkaufs-Abschieds-Super-Sonder-
Spezialrabatt auf jedes Kamelhaar zu garantieren, die manchmal sogar wirklich
das Ladenlokal räumen und auf der gegenüberliegenden Straßenseite einziehen,
ganz Zihnlich benahmen sich die Ungam damals in Hamburg, zumindest die wirk-
lich schlauen. Unter ihnen befand sich ein gewisser Herr Eduard Rem6nyi, der in
Wahrheit Hoffmann hieß, aber sein ungarisches Zigeunerblut farbig herausstrei-
chen wollte. Er war ein Dämon auf der Geige, ein echter feuriger Zigeuner-Drauf-
gänger. Leider überliefem die Zeugaisse aus seiner und Brahmsens Zeit nichts
über seine wahre Abstammung, also ob er nun Sinti oder Roma war. Wir Leute
von heute wissen, daß da ein himmelschreiender Unterschied besteht - dürfen wir
Nordfriesen und Ostfriesen doch auch nicht ungestraft über einen Kamm scheren
oder einen Tisch ziehen! Die Menschen damals nahmen es sträflich ungenau mit
obiger Unterteilung. Sogar die Zigeuner selber wußten nicht immer recht, auf wel-
che Seite sie sich schlagen sollten, und das l?ißt wirklich tief blicken.
Rem6nyi und eine Reihe seiner Kumpels fanden bald heraus, daß Abschieds-
kanzerte sich finanziell sehr positiv auf die am Abschied beteiligten Musiker aus-
wirkten. Die Konzertbesucher wirkten gerührt und froh darüber, daß die Musiker
endlich über den Großen Teich entschwinden würden, nachdem man sie in Gas-
sen und auf Plätzen so lange hatte ertragen müssen. Und weil das Abschiedneh-
men für alle ein so unwiederbringlich schönes Erlebnis darstellte, wiederholte
man die Prozedur drei Jahre lang, mo - fr ab 20.30 Uhr und nach Vereinbarung,
am Wochenende als Hafenkonzert mit abschließendem Taschentuchschwenken.
Schließlich fuhr Rem6nyi tatsächlich nach Amerika - um wenige Monate später
mit dem Gegenschiff zurückzukehren. Als er dann die schmerzliche Erfahrung
machte, daß Zigeuner-Ankunftskonzerte sich absolut nicht rentieren wollten, griff
er auf einen flüchtig Bekannten zurück, jedoch keinen Flüchtigen. Dreimal dürfen
wir raten: Genau! Unseren Hannes nahm er mit auf die Walz, um mit diesem noto-
rischen Schwerenöter die Puszta zwischen Hamburg und Winsen an der Luhe
unsicher zu machen.
Die beiden waren sich auf ihren diversen leicht zwielichtigen Ebenen mehrmals
über den Weg gelaufen, und Rem6nyi meinte genug über Jung-Hannes zu wissen,

138
so daß er ihn als Faktotum, stummen Diener und hoffnungslosen Virtuoson ftlr
seine Dienste einspannen zu können glaubte. Im Frühling 1853 machten dio bci.
den Troubadoure sich auf Schusters Rappen aus der Hansestadt davon. Sowcit
bekannt, nahm Hannes sein Klavier nicht mit, da es ihm nicht gehörte und ihn
zudem unangenehm an seine Bordelljahre erinnerte. Die beiden Musikanten bil-
deten ein wirklich ungleiches Pdrchen: Der eine ein echtes Heißblut mit Hang
zum ungezügelt freien, ausschweifenden Leben (das Pseudonym konnte den wah-
ren wilden Hoffmann darunter nur unzulänglich verbergen); der andere ein kräfti-
ger, untersetzter (wenn auch schöner), moralisch völlig unbeleckter, ja unbenutz-
rer Kleinbürgerssohn. Jedenfalls vermochte Hannes in Rem6nyis Augen so leid-
lich zu spielen, daß er seinem Begleiter und Vorgesetzten keine Schande machte.
Außerdem war der Junge kräftig und korurte ihre geringe Habe ffagen oder auch,
wenn mal keine Habe vorhanden war, den Meister selbst.
Rem6nyi wurde in mehrfacher Hinsicht zum Stolperstein, will sagen Grund-
stein der Brahmsischen musikalischen Entwicklung. Wenn der Junge einschlief,
sei es wegen seines ohnehin schl2ifrigen Temperaments oder aufgrund der Tatsa-
che, daß er seit Jahren kein Tageslicht mehr gewohnt war, verpaßte ihm der wenig
kleinliche Rem6nyi einen Klaps auf den Hinterkopf, der sich gewaschen hatte.
Diese Hiebe erwiesen sich als die einzige Möglichkeit, Brahms aus seiner ständi-
gen Lethargie zu reißen. Wenn beide in Gesellschaft vorspielten und Hannes ein-
nickte, bekam er Scha-wuppps! eins mit der flachen Hand oder Ruck-Zuck! eins
mit dem flachen Geigenbogen übergebraten. Anders war mit dem halbtoten Som-
nambulen kein Geld zu verdienen. Aber auch in kompositorischen Belangen zeig-
te sich Rem6nyi wiederholt als uneigennitziger Freund. Schon längst hatte Han-
nes eigene Werke niedergeschrieben, und gar nicht mal so schlechte, will man sei-
nem Vater glauben, dessen Tonumfang auf dem Kontrabaß fast eine ganze Oktave
betrug und dessen Gehör absolut war. Absolut eingerostet. Nun jedenfalls kam
Hannes mit schmissiger, fetzender Sinti- und Romamusik in Berührung und ver-
suchte sich prompt daran. Rem6nyis Aufmerksamkeit und Einsatz verdanken wir
eines der schönsten Brahmsischen Werke und das berühmteste überhaupt: den
Ungarischen Tanz Numero Fünnef. Die vorangehenden vier sparen wir uns; an
dieser Stelle sei nur auf den fünften Tanz eingegangen, alldieweil anhand dieses
Beispiels auch der Unmusikalischste kapiert, wie seine Entstehung vor sich
gegangen sein muJ3:
Brahms sitzt auf einer Wiese nahe Winsen. Er htilt einen Stapel Notenpapier in
Hrinden, welches fast so jungfrciulich ist wie er selbst (das Frühstücksschmalzbrot
hat einen Fettfleck hinterlassen). Noten sind noch keine drauf. In der Nähe spielt
Freund Remönyi vor sich hin, auf ungarisch. Brahms fühlt sich so eigenartig, er
weil3 nicht, wie es ihm zumut' - ist, tief in ihm drinnen, Inspiration amWerk oder
das Schmalzbrot? Nein, kein Zweifel: die Muse ist's, die göttergleich Erhahene.

139
Offenbar will sie irgendwas von ihm. Nun gut denn,frisch ansWerk und die Feder
gezückt. Wo ist die schwarze Tinte? Ah, dort. Sehr gut. Erleichterung erfüllt den
Hannes, denn mehr als einmal schon ist er vom Schlaf erwacht und fand sich mit-
ten in ihr, in der Tinte. Er taucht den Federkiel tief in das FäJ3chen und lauscht der
Musendame. Sie spricht zu ihm: >Mach doch was Ungarisches! Freund Remönyi
kann's auchlo So weit, so gut. Hannes fängt an, gemöchlich, doch nicht allzu
lahm, mit einem ganz gewissen leichten Schwung. Das sieht gut qus auf dem
Papier. Das hat was Schmissiges. Hannes wird dreister und ganz langsam schnel-
ler (wenn man so sagen kann). Note für Note wirft er aufs Papier, kommt kaum
noch mit dem Schreiben nach, so wirbelt er im geist'gen Tanze. Hui, das macht
SpaJ3! Hui, das macht schwindelig! Hui, das macht - müde ... hunde ... hun-
demüde ... chchchrrrrrr...
An dieser Stelle sehen wir in der Partitur des Ungarischen Tänzes Nr. 5 eine
Eigenttimlichkeit, die sich durch die oben dargestellte Schöpfungsgeschichte ver-
blüffend einfach erklliren läßt. Wenn die Musik den Gipfel der Wildheit erreicht
hat, wird sie übergangslos dermaßen im Tempo gebremst, daß man den Eindruck
gewinnt, die ungarischen Zigeuner wollten den Zuhörer mitten im rasenden
Galopp der Pusztapferdchen vor eineZiegelmauer laufen lassen, um ihm Schlum-
mer und sanfte Träume zu bescheren. Genauso erging es nämlich ihrem Schöpfer
selbst! Nun mag man sich fragen, wie Hannes a) im Schlaf hat weiterschreiben
und b) das mit dem Langsamen, Schleppenden, ja Verschleppten so hat hinkriegen
können. Also mit anderen Worten dieses adagio morendo oder, wie der Fachmann
sagt, >ersterbend Lahmarschige<. Die Antwort ist die: Immer wenn Hannes vor
Ekstase einnickte, hatte er die Feder noch ziemlich fest in der Hand und rutschte
mit ihr am Papier entlang. Wir kennen das Notenzeichen für eine ganze Pause;
es geht >> - <<. Macht man jetzt die Probe aufs Exempel und bewegt die Feder
gemäß dem Schnarchrhythmus gleichmäßig am Papier vorbei, entsteht folgende
Konstellation: >)--- --<<
EEG.
Doch nun tritt Gott sei Dank Freund Remönyi auf den Plan, sieht das Noten-
bild, erkennt die Situntion und rettet Inge, Brahms und Komposition mit einem
blitzartig ausgeführten Hieb seiner Hand auf Hannes' Nacken. Der ftihrt augen-
blicklich aus tiefstem Schlummer auf und fragt: >Wasisnlos?" Wichtiger noch, er
hat die federbewehrte Rechte vor Schreck vom Notenblatt gerissen. Zwar prangt
dort nun ein Löchlein mitten im Papier, aber die Hauptsache ist, daJ3 er weiter-
l<omponiert, und zwar wach und so spritzig-paprikafeurig wie ein Brahms nur
kann.Wieder hört der Musikfreund keinen Übergang, nur ein abrupt einsetzendes
furioso furiosissimo. So geht es das gesamte Stäck über, erst der wilde, weil
wache Brahms, dann wieder >chchchrrrr ...<< Der Eingeweihte hört deutlich
Rem6nyis Fliegenklatscheneffekt.

140
Rem6nyi hatte jedoch noch anderes zu tun, als seinem müden Wandergesellon
andauemd auf die Sprünge zu helfen. Er erweiterte ihrer beider Aktionsradius um
ein paar Kilometer und latschte mit Hannes im Schlepptau nach Hannover, wo cr
einen gewissen Joseph Joachim kannte, der als anerkannter Menschen- und Tier-
freund streunenden Musikanten a) eine Bleibe, b) Nahrung und c) Empfehlungs-
schreiben für die Weimarer Schule der neuen deutschen Musik aufzudrängen
pflegte. Anders als es bei sonstigen wohltätigen Menschen inner- und außerhalb
der Musikbranche der Fall ist, brauchten die solcherart versorgten und erquickten
Wanderer kein Kreuzchen an den Joachimschen Türpfosten zu malen, zumZei-
chen für nachkommende Generationen notleidender Künstler. (Wir kennen die
alte Sitte: ein Kreidekreuz, welches besagt, daß die Gutmütigkeit des Gastgebers
den Geladenen um mindestens einen Halbton höher bringt im Leben - oder ein
kleines b für >blöder Banause<. Die intemationale Verständigung über Notenzei-
chen besitzt zahlreiche geheimnisvolle, tiefschürfende Aspekte, die meist sogar
der offiziellen Musikforschung völlig verschlossen bleiben. Um so etwas zu ler-
nen, muß man sich schon unters fahrende bzw. laufende Volk mischen.) Joachim
jedenfalls war in seiner Funktion als Butterbrot- und Belobigungsmäzen bekannt
wie ein bunter Hund.
Rem6nyi und der Große Gönner kannten sich aus threr Zeit am Konservatori-
um zu Wien; Remdnyi war allerdings nicht so dauerhaft konserviert worden wie
letzteret und daher etwas angefault, wdhrend Joachim als einer der führenden
Fiedler Europas galt. Beide Wanderer kriegten eine Stulle und einen Brief an Liszt
ins Abschiedsgepäck. Joachim konnte Lisztens Musik eigentlich nicht leiden - sie
schien ihm zu exaltiert und zu scheußlich und überhaupt -; daraus zog er den logi-
schen Schluß, daß gerade diese Wandersleut' in Lisztens Zirkel bestens aufgeho-
ben sein müßten. Und genauso war es auch ... im Grunde jedenfalls. Wie oben mit
Ausschweifung beschrieben, hatte Hannes unter Remdnyis tonangebender Mit-
wirkung ein paar hübsche Stückchen komponiert, welche er dem LisztFranz ztt
zeigen geradent genötigt wurde. Als das ungleiche Pärchen in Weimar ankam und
das Schlößchen der augenblicklichen Lisztschen Lieblingsmätresse betrat (einer
Prinzessin Caroline Sayn-Wittgenstein), zeigte sich keiner von beiden beeindruckt
von dem Prunk und Pomp der High Society. Rem6nyi war in ähnlichen Häusem
schon oft ein- und ausgegangen (obwohl, zugegeben, sehr viel öfter aus als ein);
Brahms seinerseits konnte längst nichts mehr erschüttern. Wer ein knappes Jahr-
zehnt Sankt Pauli unbeeindruckt übersteht, der läßt sich durch solch einen dämli-
chen Liszt-Wittgenstein-Nobelpuff überhaupt nicht berühren.
FratuLiszt dagegen zeigte sich ehrlich begeistert von dem kleinen Hannes.
Beim Überfliegen seiner Partituren, inklusive der mit dem Schmalzfleck, roch er
sozusagen bereits das große neue Talent, welches es in seinem Fanclub zu ver-
schleißen galt. Und weil Hannes, dieser störrische Patron, nicht dazu bewegt wer-

t4l
den konnte, sein Zeug im Kreise Lisztscher Anbeter selbst vorzuspielen, über-
nahm Franz in seiner höchsteigenen noblen Person diese Aufgabe. Er spielte wie
ein Dämon, wie ein Teufel oder Gott - oder besser noch: er spielte wie ein Liszt.
Wild-wütend, sanft-säuselnd, dann wieder pfeffrig-feurig, entfesselt wie die Urge-
walten, so tanzten, ja rasten seine langen, schlanken Finger über die Tasten. Sein
wogendes Haar wehte im wilden Winde der von ihm erzeugten Zentrifugalbe-
schleunigungsgewalt. Ein Dutzend Hände schien der Meister zu besitzen, und an
jeder Hand ein Dutzend Finger. Nie waren Brahmsens Noten derart firrios zur
Aufführung gelangt, und nimmer sollten sie es mehr. Liszt wuchs zum geist-
berührten Medium des Brahmsischen Gekritzels, zum Orakel, Pythia, zur Hydra
(?!). Er hauchte jenen Noten Odem ein von seinem Odem, Dämonie aus seiner
eignen Quelle. Unter der Berührung seiner Hände entfaltete sich der noch zähe,
klebrige Lehm der Brahmsischen Werke zu echtem - Leben. Liszt wurde dessen
schnell gewahr, die Brust schwoll ihm vor Glück und Arroganz. So warf er einen
einz'gen Blick ins Auditorium, wo hinter seinem Rücken seine Jünger bereits
Schlange standen, neinlagen, um als erste ihm die Füße abzuküssen. Liszt sah von
all dem nichts, er hatte Augen nur für seinen neuen Liebling, den Schöpfer dieser
Zeilen dort auf dem Klavier. Er war ganz sicher, ihn entrückt und in der himm-
lischsten Ekstase vorzufinden.
Nun ja, >entrückt< stimmte weitgehend. Hannes saß brav auf seinem Stühlchen,
schlaff in sich zusarnmengesunken, blond und mehlsackgleich: Der Rotzbengel
schlief. Und da sein Werdegang durch sein Zusammentreffen mit Liszt gewisser-
maßen eine neue Phase erreicht hatte, trug er dem Rechnung, indem er nicht nur
schlummerte . Er schnarchte. Dagegen konnte auch Remdnyi in diesem peinlichen
Fall nichts untemehmen (nicht daß der Eifersüchtige das gewollt hätte), saß er doch
drei Schemelchen entfernt. Nicht mal mit gestrecktem Geigenbogen hätte er Han-
nes rechtzeitig erreicht. Der schlief den Schlaf des Gerechten und wunderte sich
etwas später, daß plötzlich - und für immerdar - die Huld der Weimarer Jtinger von
ihm abgezogen ward. Liszt selbst hatte sich angesichts der o.g. Umstände, die von
dem damals persönlich anwesenden Amerikaner William Mason verbrieft und ver-
bucht wurden, fabelhaft unter Kontrolle. Er spielte sogar Brahmsens Musik zu
Ende, während aus seinen Ohren und Haaren Qualmwölkchen langsam in Rich-
tung Zimmerdecke stiegen. Aber nach dem Konzert merkte Brahms schnell, daß er
musikalisch mit Liszt nicht auf derselben Wellenlänge funkte - sei es, weil die Ver-
treter der Weimarer Schule gedroht hatten, ihn zu verhauen oder weil dieselben ihm
anvertraut hatten, daß er im Falle seines Bleibens bald seinen letzten Schnarcher
getan haben wtirde. So also wurde Brahms zum konsequenten Gegner dieser neu-
modischen, unmoralischen Weimarer Musik, die er nicht einmal gehöt hatte.
Kurz nach dem Zusammenprall mit der Weimarer Schule (der inzwischen auch
Wagner angehörte, dieser üble Bilderstürmer) komponierte Brahms eine Sympho-

r42
nie in c-Moll, die aus unerFrndlichen Gründen himmelhochgelobt wurde, nattlrlich
von erklärten Liszt-und-Wagner-Gegnern. Musikgeschmack hat selbstverständ-
lich nichts mit Politik oder Cliquenwirtschaft zu tun, und unsere edlen >Alten Mei-
ster< waren davor erst recht gefeit. Auf Brahms konzentrierten sich all die fana-
tisch Unentschlossenen, die die progressive Extremistenklitsche von Weimar
ablehnten und von der reaktionaren Leipziger Extremistenklitsche (die gerade
ihren Guru Felix Mendelssohn verloren hatte, über keinen Ersatzmann verfügte
und wütend-durcheinander war wie jedes Bienenvolk ohne Königin) als progres-
siv abgelehnt wurden. Brahms stellte den Mann der Stunde dar, den Mann der
Mitte, den perfekten Mittelsmann. Um ihm ein besonderes Löbchen zu zollen,
nannten einige seine c-Moll-Symphonie >Beethovens Zehnte< und ihn selbst
>Beethoven II<. Daß er gebürtiger Hamburger war, hieß allerdings nicht, daß er
einen Schiffsnnmen anzunehmen bereit war; er verzichtete auf diese Ehre. Doch
beging er Jahre später (1860) den Fehler, seine Unterschrift unter ein Pamphlet zu
setzen, welches nichts Geringeres darstellte als eine Kriegserklärung an die Schu-
le der >Neuen Musik<, d.h. Liszt, Wagrrer und Co. Prompt liefen ihm Scharen von
Verehrem zu, mit denen er absolut nichts anfangen konnte und die mit ihren
Gunstbezeigungen nur unnötig seinen Schönheitsschlaf störten.
Von Joachim, der guten Fee so vieler Musiker, hatte Hannes im Glück noch
einen weiteren Brief mit auf den Weg bekommen, auf welchem stand: >Bitte das
Siegel erst erbrechen, wenn Liszt dich rausgeschmissen hat<<. Also genau wie im
Märchen. Denn siehe da: Der Brief enthielt ein anderes Empfehlungsschreiben,
diesmal Robert Schumann betreffend. Es sollte gewissermaßen auf wechselseiti-
ger Basis funktionieren, also denjenigen dem jeweils anderen ans Herz legen, wel-
cher erfolgsmäßig hinterherhinkte. Momentan war dies eindeutig noch Hannes
alias Beethoven II. Schumann und seine berühmte Gattin Clara (siehe >Schu-
mann<) nahmen Hannes denn auch außerordentlich gastfreundlich auf. Hannes
verliebte sich spontan in Clara, Schumann verliebte sich spontan in Hannes, den
er als ein wahres Genie erkannte, als den neuen Heiland der deutschen Musikge-
schichte, als seinen eigenen rechtmäßigen Nachfolger mit anderenWorten. Und so
schrieb der Kritiker Robert Schumann in seiner Neuen Zeitschrift für Musik eine
Hymne auf Hannes, die sich gewaschen hatte. Bezeichnenderweise unter dem
Titel >Neue Bahnen<. Das Wort >neu< muß man mit Vorsicht genießen: nicht >neu<
im Sinne von >umstürzlerisch< wie in Neue Musik, sondern halbneu bzw. >neulich
schon dagewesen<.
Schumann und Brahms verstanden sich wie einreihige Zwillinge. Das scheint
keineswegs verwunderlich, zumal Schumann ein fast so ausgeprägter Langweiler
war wie sein Schützling. Brahms würde es obliegen, so dachte Schumann, einmal
sein eigenes Banner weiter ins musikalische Nirwana ztJ l'ra9en, seinen Krö-
nungsmantel umzulegen (den er heimlich aus dem Leipziger Gewandhaus stibitzt

143
hstte, hähä) und seine Tradition des Mittelmaßes zu höchsten Höhen zu führen.
Lcider verlor Schumann darob den Verstand und mußte in die Klapsmühle. Der
wahre Grund wird im Kapitel >Schumann< enthüllt; deshalb genieße man an die-
ser Stelle nur unter Vorbehalt das Gerücht, Schumann habe einmal den Ausspruch
getan: >>Der Kerl ist dermaßen ermüdend - der macht mich noch völlig verrückt!<
Wie dem auch sei - als Schumann freiwillig ins Heim ging, opferte sich Hannes
für seine Clara auf, und da er augenblicklich weder Stelle, Unterkunft noch Bar-
geld besaß, quartierte er sich gleich bei ihr ein. Manche sagen, Claras letztes Kind
sei von Hannes, andere sagen, Claras letztes und kleinstes Kind sei Hannes selbst
gewesen. Hannes betätigte sich als Oberhaupt der Familie, welches zu Hause
blieb; Clara ging mit Klavierspielen anschaffen. Die Rolle als Hausmann gefiel
Brahms unheimlich gut; die Kinder verpetzten ihn übrigens nie, weil er so viel
schlief, denn dann konnten sie tun, was sie wollten. Er war ihr Ersatzvater, hatte
jedoch sexuell nie etwas mit Clara. Das mag uns in Erstaunen versetzen, aber
unter Brahms-Anhängern ist dieses Wissen ein alter Hut. Ein Mr. Bumeff James
z.B. gibt uns die Erkllirung: Hannes erkannte in Clara seine Mutter wieder; laut
Sigmund Freud konnte der bürgerlich Erzogene das Inzest-Tabu nicht durchbre-
chen und blieb keusch für alle Zeit. Richard Wagner, der hätte es geschafft, das
Tabu zu überwinden; aber der war ja auch ein radikaler Schweinepriester der
Neuen Musik, der in der Walküre sogar Zwillinge miteinander verkuppelte. Wag-
ner war pfui. Allerdings muß Hannes gemäß obiger Keuschheitstheorie auch in
der gleichaltrigen ProfessorentochterAgathe von Siebold seine Mutter wiederent-
deckt haben, als er dem Mädchen plötzlich einen Korb gab - nach der Verlobung
wohlgemerkt.
Mit Frauen wußte Harures bald nichts mehr anzufangen, und mit der Musik
auch nicht allzuviel. Ihm fehlte der Einfluß Rem6nyis, der ihm immer eins über-
briet, wenn er es am dringendsten benötigte. Ohne Schlafbremse von außen
gelang die Komponiererei nicht halb so gut. Ein paar Sachen mag man noch ken-
nen - >In stiller Nacht< etwa oder das >Wiegenlied<. Die Namen sprechen Bände,
obwohl die Musik dazu ganz nett ist. Verschlafen aber niedlich. Brahms wurde im
Alter, welches übergangslos auf seine Jugendjahre folgte, ein brummiger Zausel
ohne einen Anflug von Manieren. Dies ist nicht seinem Zölibat zuzuschreiben,
sondern seiner Müdigkeit. Er hätte sooo gern vierundzwanzig Stunden am Tag
durchgeschlummert, doch man ließ ihn nicht. Als dann der Rummel um ihn lang-
sam aber sicher einschlief, entschlief auch Brahms. Wir Heutigen liegen also voll
im Trend, wenn wir bei seiner Musik einnicken - was der Meister konnte, können
wir schon lange.
Hoppala! Achtung, Achtung! Just in diesem Moment wollten wir uns, eingelullt
und eingestimmt durch die obigen schlaftrunkenen Betrachtungen, geradewegs in
Morpheus' liebende Arme werfen, um es Brahmsen nachzutun ... da erreicht uns

t44
(etwas verspätet, aber immerhin) eine interessante musikwissenschaftliche Nou-
igkeit. Ein paar schreibkundige Gauchos der Universität von Mexico City betrach-
ten sich im Vollbesitze eindeutiger Beweise für die Tatsache, daß Mutter Brahms
im Jahre 1833 mit Sprößling Hannes mitnichten in Hamburg niederkam, sondern
mitten im femen Chile, wohin eine Dienstreise die Gute verschlagen hatte. Was
sie dort wollte, bleibt unklar. Ob Vater Brahms mitkam, ist unwahrscheinlich - er
hätte mit seinem dicken Vieh von Kontrabaß schließlich die doppelte Schiffspas-
sage zu zahlen gehabt. Doch was für ein Licht wirft der angebliche Geburtsort im
nachhinein auf die gesamte Brahms-Forschung! Sollte es wahrhaftig stimmen,
daß Hänschen Klein im fernen Südamerika das Licht der Welt erblickte, wo
bekanntermaßen jedem Baby der leidenschaftliche Pampa-Rhythmus in die Wiege
gepackt wird - gleich neben die Pampers -, dann gäbe uns das ungeahnte Auf-
schlüsse über andere mögliche Reisen des Fast-Neugeborenen und seine unfehl-
bar daraus resultierenden Kinderkrankheiten. Denn daß dem Säugling Hans das
feurig-heiße, chili-scharfe Hochlandblut der Anden frtih verwässert oder gar ver-
seucht wurde, liegt auf der Hand: Kein Indio hat je so oft und ausgiebig gegähnt
wie unser Hannes.
Wenn eine höchstschwangere Dame aus Hamburg es schafft, unbeachtet vom
Rest der Welt einen Knaben in Ubersee zu gebdren, ihn mit Chili-Milch durchzu-
bringen, ohne daß etwas durchsickert (nicht einmal von der Milch) - dann kann,
ja mulS man davon ausgehen, daß die gute Frau noch ganz woanders ihr Unwesen
trieb, lange bevor Hannes am Jungfemstieg zu klimpern anfing. Ward sie womög-
lich - außer vom erdigen Geruch des Popocatepetl - angelockt vom lauten Ruf des
Brahmaputra, den angesichts des liebreizenden Knaben einige Brahmanen stante
pede in Brahmsaputra umtaufen wollten? Wer kann das mit Gewißheit sagen!
Doch als weit umwälzender und bahnbrechender erweisen sich die Konsequen-
zen, welche nun unaufhaltsam wie eine Lawine auf die moderne Medizin zurol-
len. Falls nicht ein barmherziger Nachfolger Albert Schweitzers rechtzeitig her-
ausfindet, daß Mutter Brahms auch den Kilimandscharo bestiegen hat (wo
bekanntlich die Tsetse-Fliege wohnt), bleibt uns nichts tibrig, als gezielt nach der
allertückischsten Version der Schlafkrankheit zu suchen: dem brand- bzw.
brahmsneuen sogenannten Chili-Stamm. Con carne. Und möglichst pronto. Bin
Genius wie unser Brahms muß nämlich einzigafüg bleiben - zum Wohle der
gesamten Menschheit.

t45