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Ungedopt sollst du nicht spielen geh'n
Mozart, Wolfgang Amadeus (1 75 6-17 9I)

Es gibt mit Sicherheit keinen einzigen anderen Musikus in der westlichen Hemi-
sphäre, der Zweiten und Dritten Welt und sogar im Ostblock, der sich solch kolos-
sal verspäteter, doch dafür um so herzlicherer Zuneigung erfreuen darfwie oben-
genannter Johannes Chrisostomus Wolfgang Gottlieb, den wir als seine künftigen
Intimfreunde kurz Wolfgang nennen wollen. >Amadeus< nannte er sich selbst,
wenn überhaupt, nur zum Zwecke der Verulkung seines Namens, so wie er in
Briefen auch gern mit >Ritter von Sauschwanz< unterschrieb - doch was kann uns
femer liegen, als dieses unbestreitbar größte aller menschlichen Genies (sofern er
denn ein Mensch war) oder auch nur seinen hehren Namen zu verspqtten! Das
steht uns hundsgemeinen Sterblichen wahrlich nicht an. So sei eines vorangestellt:
Die allseits bekannte und verehrte wunderschöne lkone, welche die verklärten,
himmelwärts strebenden Züge des ewig jungen Meisters wiedergibt, soll auch hier
keiner Befleckung, keiner Beschmierung durch böse Narrenhände ausgesetztwer-
den: Da sei Gott vor, und zwar höchstpersönlich! Obgleich wir es im folgenden
wagen, einigen Ungereimtheiten in Leben und Werk Mozarts recht nachdrücklich
auf den Zahnz:u fühlen, gleichsam den Schleier des Großen Geheimnisses zu lup-
fen, welches Wolfgang in höchster Vollendung, Asthetik usw. verkörpert, halten
wir dabei doch immer devot den Kopf gesenkt und fallen auch ein paarmal auf die
Knie, wenn die Pietät es erfordert. Im Endeffekt nämlich, quasi als Dank für die
einmaligen Offenbarungen, die uns gewährt sein mögen, wird Wolfgangs Bildnis
durch unsere hinterfragenden Bemühungen womöglich noch heller erstrahlen als
jetzt, auch wenn dies kaum faßbar erscheint. Wo profane Neugier obwaltet, ent-
stehen nur ekle Gerüchte; doch uns, die wir uns dem Helden als schlichte Pilger
nähem, wird es im Gegenteil gelingen, einige Flecken zu tilgen, die böse Forscher
und sonstige Neider ihm auf die Weste kleckerten bzw. darunterjubelten, ohne
sich ein Gewissen aus ihrem fürchterlichen Sakrileg zu machen! Das Heiligenbild
Mozarts wird von uns mit Stahlwolle so blankgeputzt werden, daß darunter zwar
ein anderes, aber gleichzeitig ein viel schöneres zum Vorschein kommen muß.
Also frisch ans Werk.
Daß das Phänomen Mozart überirdischen, ja himmlischen Gefilden entstammt,
demnach nicht von dieser Welt ist, muß eigentlich nicht erst bewiesen werden;
und doch existieren in dieser Hinsicht noch immer Skeptiker, die - gegen alle Ver-
nunft - auf Wolfgangs ordindres Menschsein verweisen, gar daratf beharren.Yer-
trauen wir ruhig auf Theologen wie Karl Barth, der vermutet, daß die Englein

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Mozart spielen, wenn sie unter sich sind, und daß ihnen der liebe Gott dann beson-
ders gern zuhört. Oder auf Joseph Krips, der einräumt, daß auch andere Musiker
den Himmel kurzfristig erreichen - >>Mozart aber, der kommt von dort!<< Albert
Einstein hat mathematisch bewiesen, daß Wolfgang >nur ein Gast auf dieser Erde<
gewesen ist. Der Philosoph Kierkegaard plante das einzig Folgerichtige, nämlich
die Gründung einer Sekte, die ausschließlich Mozan verehren sollte. Angesichts
dieser überwältigenden Beweise für des Meisters transzendentale Natur könnten
wir eigentlich nur schweigen; doch wäre es eher angebracht, die Zweifler zur Rai-
$on zu bringen, d.h. zum alleinseligmachenden Glauben zu bekehren. Mozart
wandelte hienieden als Mensch, soviel darf man einräumen; er genoß jedoch
regelmäßigen Kontakt zum Himmelreich und befand sich mindestens so oft dort
droben wie hier unten. Und doch war er kein Gott im Sinne etwa Gustav Mahlers,
kein alttestamentarischer Herrscher, der anderen seinen Willen oder ihr Glück auf-
zwingen wollte. Mozart ward zu Fleisch und Blut, um uns Mtihsalbeladenen Freu-
den zu spenden und Erlösung zu bringen: ein Heiland eben, nicht mehr, nicht
weniger. Solange er Mensch war, durften wir auf ihm herumtrampeln, daß es
krachte, denn das war seine Bestimmung, während er unsere Luft atmete und auch
sonst einiges mit uns teilte. Aus dem Zwiespalt seiner Gott-Mensch-Existenz
resultiert der Zwiespalt imVerständnis der von ihm erschaffenen Musik: Während
die einen, die Erleuchteten, den ätherischen, jenseitigen Charakter seines Werks
intuitiv erkennen, gibt es andere, die seine schier unerschöpflichen Ergüsse als
ultra-seichtes, langweiliges Fließbandgedudel empfinden, bei welchem dem
geplagten Hörer nur eines übrigblelbt: ganz schnell einschlafenl Ist dies aber ein
Widerspruch bei näherer Betrachtung? Mitnichten. Mozarts Musik soll den Lei-
denden zum Trost gereichen, und tatsächlich spendet sie sogar den Ungläubigen
solchen, ob sie wollen oder nicht. Moribunde Patienten sterben nachweislich
schneller und vergnügter bei Mozartscher Musik, wobei man allerdings nicht
nachweisen kann, ob sie nur hurtig dem Dideldumdei entfliehen möchten (nicht
bedenkend, daß die Fortsetzung sie im Jenseits bereits erwartet). Depressive
Zwangsjackenträger kann man mit Mozart ganz ohne Chemie in völlige Starre
verfallen lassen, was für die behandelnden Arzte erheblich kostengünstiger aus-
tällt. Die Frauenklinik im schwedischen Halmstad spielt im Kreißsaal ausschließ-
lich das Klavierkonzert KV. 467,um die Mütter zu entspannen und den Noch-
nicht-Geborenen jede Möglichkeit zu nehmen, sich die Sache noch einmal zu
überlegen. In Fahrsttihlen und Supermärkten hält Mozart die Benutzerfl(unden
davon ab, sich an Ort und Stelle zu übergeben. Außerdem geben Mozart-beriesel-
te Kühe fröhlichere Milch und fühlen sich beinahe wie freilaufende.
Wir sind uns mithin einig und im klaren, was die Doppelnatur Mozarts angeht.
Um die Skeptiker zu überzeugen, scheint es aber angebracht, die Entstehung dre-
ses Wesens genauestens zu beleuchten - denn wie heißt es im Volksmund so tref-

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fend: Von nichts kommt nichts, nicht einmal ein Heiland. Gewisse (meta-)physi-
sche Gesetzmäßigkeiten birgt auch die Genese eines Himmelskörpers in sich, wie
Mozaft einen besaß. [n seinem Fall wirken sie zunächst sogar eigenartigprofan ...
Da Mozart im zarten Knabenalter von fünfunddreißig Jahren verstarb, kommen
wir Heutigen, Langlebigen, leicht auf die ldee, ihn als >allzu Frühvollendeten< ein-
zustufen. Das ist so nicht richtig. Dreieinhalb Jahrzehnte galten damals schon als
ganz schön lange Z,eit, zumal für Komponisten, deren Lebensspanne sprichwört-
lich unterdurchschnittlich ist. Philosophen und sogar Düsenjägerpiloten weilen in
der Regel viel länger auf Erden, obwohl sie doch meistens in den Lüften schwe-
ben. Mozart überlebte immerhin fünf seiner sechs Geschwister und vier seiner
sechs eigenen Ableger, wobei von letzteren kaum jemand Notiz genommen hat,
doch das tat der Erzeuger, welcher, wo er ging und stand, menschenseelenretten-
de Musik komponierte, schließlich auch nur flüchtig. Um den ersten Knaben trau-
erte er aber noch zutiefst: >>Wegen den armen dicken fetten und lieben Büberl ist
uns beyden recht leid..< Zw Zeit des herzzeneißenden Ausspruchs wargn schon
Wochen ins Land gegangen. Insgesamt schafften es bloß zwei Leute, ihn so rich-
tig deutlich zu überleben, seine Schwester Nannerl und seine Gattin Constanze,
welche beide nur knapp die Achtziger-Hürde verfehlten; doch sind Frauen, wie
man weiß, von vornherein ganz anders konstruiert. Apropos >fetten und lieben
Büberl< - der Mozart Wolfgang entsprach nicht völlig dem großen feschen
Manns-Bild, das uns Filme wie Amadeus vorgaukeln wollen, maß er doch nicht
mehr als 1,50 m; außerdem erreichte er nach der Pubertät, welche bei ihm nur kör-
perlich einsetzte, jene kugelige Leibesfülle, die etwas später gewisse Schokola-
denkreationen nachhaltig beeinflussen sollte. Doch abgesehen davon, daß man als
kleiner Dicker oft leichter durchs Leben kugelt, haben noch ganz andere, eindeu-
tig transzendentale Einflüsse seiner Langlebigkeit Vorschub geleistet - zvm
Schluß gar gegen seinen Willen.
Wir, die wir seine grausam frühen Wanderjatne kennen, diese strapaziösen
Odysseen in des Vatersfimpresarios unerbittlichem Schlepptau, die unzähligen
Kutschfahrten, die erbärmlichen Gasthöfe, die hyänischen sanilären Bedingun-
gen, die Plumpsklos, die dem Wort >Durchfall< damals noch eine andere, ganz-
heitliche Bedeutung verliehen, die wanzengefüllten Strohmatratzen, die ständige
Begleitung der doofen Schwester - wir haben uns gewiß schon oft gefragt, wie der
winzige Knabe das überhaupt hat lebend überstehen können. Nun, erstens war er
ein Wunderkind, sogar das Wunderkind schlechthin, mehr noch im harten Uber-
lebenstraining als in der Kleinknabenklimperei. Daß die Schwester angesichts
derselben Strapazen nicht den Geist aufgab, versteht sicft sie war etwas älter und
- halt nur ein Mädchen, dessen Klagen und vielleicht Sterben niemandem ernst-
lich aufgefallen wäre, weshalb sie es vernünftigerweise auch bleiben ließ. Wir fra-
gen uns also, wie hat der Junge das verkrafteq und dabei kennen die meisten nicht

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einmal sein größtes Handicap, welches bereits seit seiner Geburt nachhaltig gegen
sein Weiterleben auf Erden sprach. Vater kopold berichtet, daß man der Mutter
schweren Herzens dre Nachgeburt hat wegnehmen müssen, an der sie scheinbar
ebenso hing wie an Chrisostomus selbst; folglich konnte man sich nur mühsam
cntscheiden, welches von beiden Erzeugnissen a) hübscher aussah und b) mehr
Chancen im bevorstehenden Lebenskampf haben würde ...
All diese Umstände bilden nicht gerade die ideale Grundlage für eine pumperl-
gesunde, rotwangig-pausbäckige Knabenkindheit, die Wolfgang folglich auch
nicht genoß. Er war sehr oft schwer krank, was uns kaum zu verwundern vermag;
was uns irritiert, ist viel eher die Tatsache, daß er trotz der zahlreichen Leiden, ja
sogar Seuchen, in die er hineinschlitterte, alldieweil er sich bei soviel ungesundem
Königspack herumtrieb und ansteckte, niemals verblich. Neben unwichtigen
Unpäßlichkeiten wie Dauer-Katarrh, Gelenkschmerzen, schwerer Angina und
allerlei Kleinzeug fing er sich immerhin die Pocken, Blattern, Scharlach und einen
ausgewachsenen Bauchtyphus ein, was wahrscheinlich auch ein reisegestreßtes,
ungeimpftes neunjähriges Kind von heute nicht völlig unbeeindruckt lassen
würde. Wolferl kam augenscheinlich extrem gut zurecht mit den Bakterien und
Bazillen, selbst wenn er manchesmal auf allen Vren krauchte. Doch dieser beinah
spielerisch zu nennende Umgang mit den Viecherln täuscht den ahnungslosen
Leser medizinischer Berichte. Es ist wohl wahr, daß Wolfgang schnell wieder auf
den Beinchen war, wdhrend sein Schwesterlein ums Haar an dieser Typhusge-
schichte krepiert wäre. Jedoch liegt das in den äußerst speziellen Mitteln begrün-
det, welche Vater Leopold in derartigen Situationen dem Sohnemann zu verabrei-
chen pflegte, derweil das Nannerl mit dem bißchen Ol auszukommen hatte, das
der Pfarrer des öfteren mitbrachte, um ihr ordnungsgemäß den letzten Rest zu
geben. Immer kriegte sie bloß eine geschmiert von dem frommen Mann, und es
war nicht mal gute Butter.
An dieser Stelle müssen wir uns der ungeschminktenWahrheit stellen, daß Leo-
pold Mozart seinem Sohne regelmäßig und in stetig anwachsenden Dosen
Dopingmittel zuführte. Nach dem anf?inglichen Schock, den uns diese Offenba-
rung versetzt, ist unser erster Gedanke: >>Ha! ausbeuterischer Lumpenhund! Der
ging sowieso über Leichen. Dem war alles zuzutrauen!<< Jedoch wdre eine solche
Einstellung dem Manne gegenüber, den die Geschichtsschreibung längst mit dem
Etikett >jugendmißbrauchend< versehen hat, in höchstem Maße ungerecht. Leo-
pold plante zeitlebens das Beste für seine Kinder und nur das Allerbeste für Wolf-
gang. Anders als etwa Beethovens Erzeuger wollte er nicht bloß mit dem Filius
strunzen. Er war sich der von Geburt an zarten Konstitution Wolferls bewußt und
heabsichtigte, nicht nur das nackte kben desselben, sondern die für die geknech-
tete Menschheit so eminent wichtige Musik zu bewahren, so lange es eben ging.
Der heilige Zweck findet immer die passenden Mittel; viel Geld verdiente der

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fromme Vater eh nicht mit seinen Kinderlein, die er oft fast zum Selbstkostenpreis
verschleudern mußte. Denken wir hierbei nur an dte Z,eit im schönen London,
genauer gesagt in einem Gasthof in der Brewer Street, wo die beiden Kleinen,
neun bzw. dreizehn Jahre alt, täglich von zwölf bis drei Uhr auf Kommando vier-
händig zu klimpem hatten, was wie folgt vonstatten ging: Leopold stand als
Schaffner am Cembalo, und sobald ein Gast eine Münze in den Schlitz in seinem
Jäckchen steckte, fingen die Blagen an zu spielen. Wieviel Minuten doppelten
Mozart man damals für einen Penny bekam, ist leider nicht bekannt. Nein, das
große Geld ließ sich mit den kleinen Weltwundern wahrlich nicht verdienen, trotz
aller Strapazen; und so gestehen wir es ruhig ein: Leopold untemahm die Kon-
zertreisen aus Gott-, nicht Selbstgefälligkeit, und er plagte seine Kinderlein nicht
um des schnöden Mammons noch der eitlen Ehren willen. Er war - sagen wir's
gradheraus: ein Heiliger wie Mütterlein Teresa.
Unter diesem Aspekt >Alles zur Ehre Gottes< müssen wir auch die Doping-Ver-
stöße des liebenden Vaters betrachten. Wir heutigen Menschen, Sportler allesamt
zumindest vor dem Fernsehschirm, leben in tiefem Zwiespalt angesichtS dieses für
unmoralisch, gar kriminell erklärten Phänomens. Doch abgesehen davon, daß die
Einnahme von Aufputschmitteln zum Zwecke der konstanten Höchstleistung bei
Musikern absolut nicht verpönt, sondern (wortwörtlich) zum guten Ton gehörig
erscheint, blieb Leopold Mozart praktisch keine Wahl, wenn er die kränkliche
Beinahe-Nachgeburt Wolfgang zur Erbauung seiner Umwelt auf Trab bringen
wollte. Bei Nannerl brauchte er keine künstlichen Hilfsmittel, auch nicht auf dem
Krankenbett; Nannerl als weibliches Wesen konnte sich selbst helfen, und wenn
nicht, stand das allein in Gottes ungründlichem Ratschluß. Außerdem erbaute sie
die Leute mit ihrem Spiel nicht mehl so, wie es ein Neunjähriger zu tun imstande
war, andererseits noch nicht so, wie es eine hübsche Fünfzehnjährige zu tun ver-
mochte. Wolfgang galt es in Schuß zu halten, koste es was es wolle, und Leopold
nahm dies durchaus wörtlich. Was genau verabreichte er ihm aber auf dem Sie-
chenlager, das der Junge sonst mit Sicherheit kaum mehr verlassen hätte? Die For-
schung weiß von der exzellent bestückten Haus- und Reiseapotheke zu berichten,
welche derVater unter keinen Umständen mitzunehmen vergaß - während er recht
bereitwillig Nannerl und seine Gattin in einer blattemverseuchten Gaststube
zurückließ und mit Wolfgang unterm Arm von ebendort flüchtete. Die Weiber ver-
standen es schließlich, sich überall durchzubeißen.
Die Medizin von heute weiß, was Leopold dem Sohne gab; doch kann sie mit
diesem Wissen ganz offenbar nicht das geringste anfangen. Wir hingegen sehen
uns bald in der Lage, a) eine Hauptspielart des Mozartschen Dopings zu definie-
ren und b) eine furchtbare, Wolfgang aufs entsetzlichste diskriminierende Lüge
endgültig aus derWelt zu schaffen, wo sie hingehört. Wichtig ist hierbei, daß Leo-
pold alle Medizin mit Vorliebe in Form des Suppositoriums, auch Zäpfchen

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genannt, anwandte. Das bedeutet, er schob Sohnemann jegliche Tinktur, Paste,
Pille, Kugel usw. genau an jenen Ort, wo niemals die Sonne scheint. Zwei sol-
chermaßen zerstoßene und angerührte Pulver pflegte der Vater anzuwenden, Mix-
turen, deren Ingredienzen der Wissenschaft durchaus bekannt sind. Das eine nann-
te sich Markgrafenpulver und setzte sich zusiunmen aus: Eichenmistel, Pfingstro-
senwurzel, geraspeltem Elfenbein, Froschherzen, Regenwürmem und Blattgold
(wobei wir im nachhinein froh für den armen Wolfgang sein müssen, daß das Gute
in diesem Fall nicht von oben, sondem von hinten kam). Aber das andere Mittel
... Der Vater steckte auch dies dem Kleinen wir-wissen-schon-wohin und benutz-
te zudem Schwefelhölzchen ... Ich getraue mich kaum, es auszusprechen - es war
... Schwarzpulver! Ietzt ist es heraus, das grause Wort. Unter Todesverachtung
deponierte Vater Leopold regelm?ißig eine Ladung Schwarzpulver in Wolfgangs
Allerwertestem, zündete das Zeug an und puff! schoß der Junge ab wie eine Rake-
te. Es hätte doch wahrlich gereicht, dem Knaben Feuer unterm Hintern zu
machen, anstatt mittendrin in seinem zarten Podex. Nimmt es uns da noch wun-
der, daß das Wunderkind augenblicklich sein Genie nur so versprühte, wie eine
menschliche Leuchtkugel oder ein veritables Bengalisches Feuer? Eine solche
Behandlung kriegt auch den Siechsten wieder auf die Beine, das versteht sich von
selbst. Doch Leopold war nicht gar so kurzsichtig, wie wir vielleicht denken
mögen. Ihn störte eine - leider unvermeidbare - Nebenerscheinung. Gemeint sind
nicht die Knaller, Kracher und Böllerschüsse, denn die stellten natürliche Begleit-
umstände der Prozedur dar und waren kaum lauter als die Folgen eines Erbsen-
suppen-Einlaufs. Nein, weit schlimmer: Leopold war sich der Tatsache bewußt,
daß eine solche Rakete aus Fleisch und Blut, eine Sternschnuppe am Himmel des
Kunstschaffens, in ihrem Zeritzwat für kurze Zeit schier unerträgliche Helligkeit
an die freudlose, unterbelichtete Menschheit verstrahlt, doch dann als umso leere-
re und ausgebranntere Hülle wieder auf der Erde landet. Die Dosis mußte jedes-
mal um ein Vielfaches erhöht werden, um denselben Effekt zu erzielen wie das
Mal zuvor. Ewig konnte das natärlich nicht weitergehen - ohne im Detail schwel-
gen zu wollen, muß man konstatieren, daß beispielsweise habituelle Kokain-
schnupfer nach kurzer Znit um eine neue, goldene Nasenscheidewand sich zu
bemühen gezwungen sind. (Hier half auch das Blattgold aus dem Markgrafenpul-
ver nicht viel.) Es galt nun abzuwägen, was wichtiger war: Sollte man Wolfgang
als Untätigen so lange wie möglich am Leben erhalten oder lieber das Genie stän-
dig unter Höchstspannung setzen, bis es, noch jung an Jahren, tot zusammen-
brach? Leopolds Entscheidungzeriß ihm fast das Herz - aber durfte er sich dem
Höheren Willen widersetzen, der aus Wolferl ein gottverdammtes Genie gemacht
hatte ohne den dazu passenden perfekten Kö.p"t, jenem Willen, dem alles Mittel-
mal3 zutiefst zuwider sein mußte? Und Leopold ging hin und opferte sich auf.
Die regelmäßige Verabreichung obengenannter >Medikamente< durch den
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Anal- und Darmtrakt des Patienten, eine konventionelle, durchaus ehrenhafte und
keinesfalls geruchlose Methode, hat zu unserem tiefsten Leidwesen den armen
Dulder unverschuldet in übelsten Mißkredit gebracht. Wie jeder weiß, glauben
Psychologen und andere Quacksalber Mozart eindeutigst der sogenannten
Koprolalie bzw. Skatologie überführt zu haben. Wir unschuldigen Hascherln, die
wir uns nie etwas Böses denken, wo nichts Böses ist (und meist nicht einmal dort),
wissen mit diesen Begriffen gar nichts anzufangen - ich fiir mein Teil kannte sie
vor meiner intimen Bekanntschaft mit dem Meister überhaupt nicht. Tatsächlich
meinen einige bekannt windige Herrschaften wie beispielsweise Stefan Zweig
oder Sigmund Freud, Wolfgang sei lebenslänglich von dem Zwang beherrscht
gewesen, Fäkalbegriffe niederzuschreiben, auszusprechen und womöglich gar -
auszuleben ... daß er sich erotisch mit nichts so leidenschaftlich befaßte wie mit
seiner besseren, also hinteren Hälfte. Im widerwärtigen Bestreben, diese im übri-
gen unhaltbare Deutung um jeden Preis durchzusetzen, nehmen die Scharlatane
zu den sogenannten Bäsle-Briefen Zuflucht sowie zu anderen scbriftlichen
>Beweisen<. Zugegeben, in acht der neun Briefe an das >Bäsle<, Tochtei von Leo-
polds Bruder und vermutlich erste Liebschaft des Meisters, spielt der Kleine aus-
giebig im Dreck - doch er zählt zu dieser Zeit doch erst zweiundzwaruigLenze,
ist mithin noch ein halber Säugling, mit irgendwelcher ausgeklügelter Erotik
sicher nicht vertraut. Abgesehen davon wurde im Hause Mozart die Fäkalsprache
von alters her als eine Art Brauchtum geradezu gepflegt (Papa Leopold und Mama
Anna Maria zeigten viel Fantasie und wenig Zurückhaltung in dieser Hinsicht),
was in dem Kindeneim künstlerischen Niederschlag fand, welcher bereits in den
Gassen rund um das Geburtshaus des Komponisten gesungen ward: >Bei Mozart,
bei Mozart / sind alle Leut' am Po zart!<
Uns obliegt es mithin (und zudem mit Vergnügen), den Meister von allen Vor-
würfen reinzuwaschen, besonders hinten, und ihm im triiben, trügerischen Lichte
obiger Anschuldigungen sozusagen den A...llerwertesten zu retten. Wir wissen,
welch unbefleckter Natur die Erleichterung war, die Mozart empfand, wenn sich
der Vater oder später andere Heilkundige an seinem Hinterteil zu schaffen mach-
ten. Wir kennen auch die seelisch-geistig erhebende Wirkung, welche aus der
scheinbar so abgrundtief profanen Behandlung resultierte: per qspera ad astra,
durch die ew'ge Nacht des Dickdarms zum Stemenlicht des genialischen Gehims!
Das war nicht nur eine absolut lautere Methode, sondern angewandte Philosophie.
Doch erwartet man von Leuten wie Freud vergeblich das angemessene Verständ-
nis für derlei transzendentale Vorgänge. Andererseits mißdeuteten nicht nur Freud
und Konsorten, sondern schon Mozarts Zeitgenossen wie etwa seine Verleger
Breitkopf und Härtel den porentief reinen Hintergrund gewisser Niederschriften
Wolfgangs. Seine Lob- und Preislieder auf die von kopold ersonnene wundersa-
me Stärkungs- und Genesungskur betitelte der junge Mann mit naivem, jugendli-

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chem Freimut, welchen die schmutzigen alten Männer prompt in den falschen
Hals kriegten. Durch ihre mißlungenen >Korrekturyersuche< erhielten einige in
sich hehre Musikwerke den Anstrich des Vemrcht-Schmutzigen. Beispielsweise
der Kanon >Leck mich im Arsch<, was eine denkbar einfache Aufforderung dar-
stellt und nicht etwa einen >fäkal-immanenten Imperativ< (Hildesheimer); er
wurde durch Breitkopfs Version >Laßt froh uns sein< zu einer zumindest zweideu-
tigen Angelegenheit. Schlimmer noch steht es mit einem anderen erhabenen Werk,
Köchel-Verzeichnis 382d aus dem Iahre 1782: Hier macht Härtel aus >Leck mir
den Arsch fein recht schön sauber< - mithin dem sublimen Ausdruck des profun-
den Strebens nach vollkommener Reinheit! - das peinliche Substitut >Nichts labt
mich mehr<<. Diese von Ignorantenhand vorgenommenen Verschlimmbesserungen
brachten den Meister automatisch in Vemrf, den wir an dieser Stelle gänzlich aus-
zuräumen die Ehre haben.
Doch ausgeräumt oder nicht - Mozarts rückwärtiger Bereich ist von einem
exakt zu datierenden Punkt seiner Kindheit an unglücklicherweise kaum noch von
Belang, was das Doping oder besser die künstliche Stimulation seines vegetativen
Systems zu künstlerischen Zwecken betrifft. Unter Verwendung von Schwarzpul-
ver hatte Leopold den zwölfjährigen Wolfgang schon unzählige Male vom Kran-
kenlager hochgejagt; vom Totenbett aber vermochten selbst er und eine Stange
Dynamit den Sohn nicht mehr aufzurütteln. Ganz recht, vom Totenbett: Was prak-
tisch niemand weiß, nicht einmal die Arz@, ist die grundlegende sowie erschüt-
ternde Tatsache, daß Wolfgang Mozart mit zwölf Jahren zum ersten Male das Zeit-
liche segnete. Moment mql, werden nun viele erstaunt ausrufen, was soll denn das
bedeuten? Erstens ist er anno 1791 gestorben und nicht vorher, schon gar nicht vor
Erschaffung seiner Opern; oder falls doch, was hanebüchener Quatsch wäre, was
zum Henker hieße dann >zum erstenmal<? Nun gut, schon damals gab es Lazaret-
te, und derlei Institutionen haben ihren Namen immerhin vom biblischen Lazarus,
der mir nichts, dir nichts von den Toten auferwecket ward. Zudem heißt es von
manchen Kranken, sie seien >plötzlich wiederhergestellt<. Daß dies nicht wütlich
aufzufassen sei, behauptenjetzt so manche - und sie haben völlig recht, im allge-
meinen wenigstens. Als Wolfgang mit zwölf Jahren starb, genoß er das Glück,
einen Vater zu besitzen, welcher sich durch a) überdurchschnittliche geistige Reg-
samkeit, b) Skrupellosigkeit zur Ehre Gottes und c) einen faszinierenden Bekann-
tenkreis hervortat. Innerhalb dieses Zirkels von Musikliebhabern, denen durchaus
einiges am Leben des Wunderkindes gelegen war, befand sich der allseits berühm-
te Dr. Franz Anton Mesmer - gefeiert und illuster weniger aufgrund seines Tees
denn wegen seiner Reputation als Magnetiseur und experimentierfreudiger Physi-
kus.
Was genau dieser Magnetmensch mit dem jungen Mozart bzw. seiner noch tau-
frischen Leiche anstellte, kann heute kaum widerspruchsfrei rekonstruiert werden;

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doch daß der Arzt ihn ins irdische Irben zurückholte, bleibt im Ergebnis unbe-
stritten - schließlich hatMozm ja anstandslos weitergelebt, nicht wahr. Der nach
dem Mediziner benannte Mesmerismus bewegte zahllose dichterische wie prosai-
sche Gemüter: Allerlei Hexerei und unheilige Dinge hängte man dem Manne an,
ohne seine Methoden nur ansatzweise zu kennen, geschweige denn zu verstehen.
Die Schöpferin des Frqnkenstein ward von den verhunzten und völlig übertriebe-
nen Pseudo-Beschreibungen ebenso fasziniert wie - später noch - Edgar Allan
Poe in seiner Gruselgeschichte >Der Fall Valdemar<, in welcher ein todgeweihter
Patient in mesmerischen Schlaf versetzt wird, darin stirbt, nach sieben Monaten
geweckt wird und sich darob flugs in einen glibbernden Verwesungsbrei verwan-
delt. Das trifft den Kem der mesmerischen Kunst nun absolut nicht: Wenn er auch
>Körperströme< im weitesten Sinne verwendet haben soll, arbeitete er doch mit
Sicherheit nicht bei nächtlichem Gewitter im Dachstuhl seines Burgfurms, einzig
in Gesellschaft Igors, seines treuen buckligen Faktotums, um wiederbelebende
Blitze einzufartgen! All das ist Schnickschnack, Humbug, billiger Theaterdonner,
den Mesmer ganz gewiß nicht nötig hatte. Daß er weit mehr am toten Körper
Wolfgangs ausführte als nur die üblichen magnetischen >Striche<, scheint aller-
dings unausweichlich, da er üblicherweise am lebenden Objekt praktizierte.
Jedoch erwies sich die Versuchung, ausgerechnet jenen verehrten und genialen
Knaben aus den Gefilden zurückzuholen, in welchen er die Englein hatte singen
hören könnerz, als übermächtige Triebfeder für dieses - vielleicht erste, vielleicht
einzige - Experiment am mausetoten Menschen. Wir wissen nur, daß der Philo-
soph und Wundarzt Mesmer den Körper Wolferls hat öffnen müssen, denn nach
der Behandlung fehlten offenkundig verschiedene innere Organe. Ahnlich wie die
alten Agypter bei der Mumifizierung ihrer Pharaonen scheint auch der Chirurg
einiges entnommen zu haben, um den revitalisierten Knaben auf Dauer frisch zu
erhalten. So fehlte Wolfgang hernach das Herz, ein Umstand, den er selbst später
im Brief an einen Herrn von Puchberg beklagt: >>Schon letztens als ich bei Ihnen
war wollte ich mein Herz ausleeren - allein ich hatte das Herz nicht!<< Von ande-
ren Organen jedoch schweigt er.
Außer dem Verdienst, das größte musikalische Genie der Weltgeschichte retten
zu dürfen, was er aber auf Geheiß Leopolds verschweigen mußte, erbat sich Mes-
mer etwas durchaus Konkretes vom Erzeuger des verblichenen Wunderkindes. Er
wollte Wolfgangs erste richtige Oper für sich haben, Bastien und Bastienne
geheißen. Leopold versprach das auch im Handumdrehn; erstens hatte er nichts zu
verlieren, zweitens galt es, des Knaben Körperströme wieder in Fluß zu bringen,
bevor dieser noch strenger zu riechen anhng. Nun werden wieder einige Musik-
wissenschaftler aufschreien: >>Das ist aber doch mitnichten Wolfgangs erste
Oper!< Sie sind derselben Verschleierung aufgesessen wie Mozarts Zeitgenossen.
Um nämlich den plötzlichen Tod des Kleinen zu vertuschen, lieferte Leopold ter-

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mingerecht die komische Oper bei Maria Theresia ab, welche die Kaiserin in Auf-
lrag gegeben hatte. Natürlich stammte sie nicht von dem toten Kinde, was irgend-
wo verständlich ist; aus Gründen der Pietät und der Ehrlichkeit trug der gebeugte
Vater diesem Umstand der Täuschung im Titel Rechnung: La finta semplice, von
.jedermann als (wörtlich) >Die vermeintliche Einfache< mißdeutet, heißt umge-
dreht >Die einfache List<, was sie ja letztendlich auch darstellte. Sobald das Volk
ersl Die Heuchlerin aus Liebe daraus machte, war der (allzu verständliche) Betrug
kaum noch aufzudecken. Nur Mesmer hat's gewußt und brav geschwiegen in der
geheimen Bestätigung, das erste Opemwerk des Kleinen besitzen zu dürfen. Denn
cin Singspiel galt ihm als die einzig angemessene Belohnung für die dem Knaben
ermöglichte Rückkehr aus den Gefilden der Seligen: Menuette, Sonaten fürVioli-
ne und Klavier, Kompositionen für Klavier zu zwei, vier, sechs oder acht Händen,
ganze Sinfonien gar - all das hatte der Junge llingst verbrochen. Mehrere
Tonkünstler schon hatten (zumeist im Suff) leise und undeutlich die Harfen der
Englein im Himmel vemommen und in ihrer Instrumentalmusik nachzuahmen
versucht, doch der erfolgreich zurückgekehrte Wolfgang würde unweigerlich
einen messerscharfen Eindruck von den Singstimmen der Putten, obendrein von
denen auf Wolke Sieben, mit ins Diesseits bringen! Den exakten Widerschein
himmlischer Freuden als erster zu genießen - dies sollte dem Medicus für seine
göttergleiche Tat vergönnt sein. Was scherte es ihn da, daß nach der Rückführung
Wolfgang bei der Niederschrift der Engelsweisen kein Herz im Leibe tragen
würde. Ein eigenes Herz benötigte er für das Notieren dessen, was seine Ohren
gehört hatten, doch überhaupt nicht, da er strenggenommen lediglich nach Diktat
schrieb und nicht im herkömmlichen Sinne komponierte, sondem fremde, jensei-
tige Weisen transportierte, transponierte. Und so kommt es, daß beide Parteien,
sowohl Wolfgangs Anbeter als auch seine Gegner, mit ihren Argumenten und
Gefühlen völlig richtig liegen: Wolfgangs Musik rsr Himmelsmusik; Wolfgangs
Musik liegt keinerlei menschliches Herz zugrunde.
Nun ist wahrlich nichts Abtraghches oder gar Ehrenrühriges darin zu erblicken,
daß Wolfgang nach seinerWiederauferstehung (wie immer diese vor sich ging) als
herzloses Instrument der himmlischen Mächte fungierte bzw. funktionierte. Die
größten und weisesten Menschen haben sich von alters her glücklich geschätzt,
bloße Gefäße für göttliche Energie abgeben zu dürfen, Werkzeuge ohne eigenes
Bewußtsein, Katalysatoren, die nicht einmal entfemt begriffen, was mit ihnen
oder durch sie vor sich ging. Wolfgang stellt den Prototyp, die höchste Vollendung
dieserAuserwählten dar. Geeignet durch den physischen >Verlust<, bar jedes Her-
zens, war Mozart aufs vollkommenste gewappnet gegen jedwede unwillkommene
Einmischung einer niederen, weil mensch- und erdverbundenen, Regung des
durchschnittlichen homo sapiens. Manche Mystiker und Phantasten sehen im Her-
zen den Sitz der Seele, was bedeuten würde, Wolferl hätte nach der Transition

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keine mehr besessen. Das ist natürlich Blödsinn, doch selbst wenn: Auch die
benötigte er nicht bei seiner Apollo-007-Mission, die ihn in Galaxien entrückte,
die nie ein humanoides Wesen vor ihm gesehen und, wichtiger noch, gehört hatte.
Er stellte das absolut perfekte Aufnahmegerät dar, das die kosmisch-seismischen
Schwingungen des Himmelreichs registrierte, sie vermittels seines mit neuartigem
mesmerischen Strom erfüllten Leibes speicherte und nach und nach wieder aus-
schied, ohne davon Rechenschaft ablegen zu wollen oder können. Kein Zweifel:
Mozarts einstens profan-menschlicher Leib war zu einem veritablen Himmels-
körper herangereift.
Schon kurz nach der einschneidenden Veränderung legte Wolfgang eindrucks-
voll Zeugnis von seiner neuerworbenen Gabe ab. Er, der die wirklichen Englein
singen hören konnte, wirkte ein vergleichsweise bescheidenes Wunder (denn der
Iunge war sehr bescheiden) in der Sixtinischen Kapelle zu Rom. Zwar gab er
keine Wein-Wasser-Wandlung oder Brot-und-Fisch-Vermehrung zum besten,
denn solcherlei war seine Sache nicht, doch verblüffte er die Anweserden durch
eine Kostprobe seiner Funktion als lebender Tonträger/-fänger. Am Karmittwoch
des Jahres 1770 führte man das Miserere eines gewissen Gregorio Allegri auf,
welches aus unerfindlichen Gründen so glühend verehrt wurde, daß das Anferti-
gen einer Kopie der Partitur bei Androhung der Exkommunikation verboten war.
Dieses für fünf- und vierstimmigen Chor und einen neunstimmigen Schlußchor
gesetzte Werk, dessen Stimmen man über hundert Jahre langhatte geheimhalten
können, schrieb Wolfgang nach einmaligem Hören in der Sixtina nieder - völlig
fehlerlos zunächst, doch auf Anraten des weisen Leopold arbeitete er zwei, drei
mindere Schnitzer ein, da dem Vater, einem guten Katholiken, das mit der Exkom-
munikation nicht so gut gefallen hätte. Wolfgang war natürlich auch ein guter
Katholik, bloß dachte er, daß seine Art der Kommunikation ihm sowieso keiner
mehr nehmen konnte. Ubrigens schwankte der damals zuständige Papst Clemens
XIV. so sehr zwischen Bewunderung und Pflichterfüllung, daß auch er seinerseits
das Papier, durch das Wolfgang getadelt werden sollte, mit zwei, drei Federstri-
chen retuschierte, insbesondere aus Versehen ein >t< wegstrich, so daß Wolferl sich
plötzlich geadelt fand. Nicht daß ihn das irgendwie berührt hätte. So ein Papst war
schließlich nur ein Mensch.
Leider schlug sich die Prozedur der mesmerischen Reanimation allmählich in
Mozarts körperlichen Merkmalen nieder, was nicht zu vermeiden war, da sein
Leib vor der Behandlung zwfi noch frisch, jedoch bereits gänzlich tot gewesen
war. Die auffallende Leichenblässe beispielsweise schien sein Lebtag nicht mehr
weichen zu wollen. Daß sie sogar noch zunahm, bestätigt Schwester Nannerl, die
an zuviel südländische Sonneneinstrahlung glaubte: >>... wie er von Italien
zurückgekommen, bekam er die welsche gelbe Farbe, die ihn ganz unkenntlich
machte<<. Seine blasse, merkwürdig/alrle Gesichtsfarbe fiel auch anderen Zeitge-

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nossen auf, die zudem eine gravierende physische Reaktion seitens Wolferls Ner-
vensystems registrierten. Das scheint wenig verwunderlich, da wir heute wissen,
daß gerade Nerven auf der Basis von Körperströmen arbeiten. Ludwig Tieck
heschreibt Mozart als >klein, rasch, beweglich und blöden Auges<, wobei letzterer
Ausdruck Wolfgangs unsteten Blick bezeichnen soll, und ftihrt fort: >>Es besteht
eine ständig ausgeprägte Nervosität.<< Außerdem kam es zu Schädelveränderun-
gen mit Stirnhöckern und zu Knochendeformationen, welche auch die Hände mit
erfaßten. In den Konversationsheften Beethovens berichtet dessen Neffe Carl:
>Mozarts Finger waren von dem unablässigen Spielen so gebogen, daß er das
Fleisch nicht selbst schneiden konnte.<< Obgleich Carl van Beethoven somit die
Ursache verkennt - wie sollte er sie kennen? -, gibt er die Symptome richtig wie-
der, wie überdies die entsprechende Briefnotiz eines HermZ.eltet an einen Herrn
Goethe bestätigt. Gekrtimmt durch die galvanischen Ströme, welche sie ständig
durchliefen, waren Mozartens Hände gerade mal zum Klavierspiel zu gebrauchen;
aber schließlich reichte das für ein Genie wie ihn.
Ein übermenschliches Wesen blieb Mozart zeitlebens bzw. zeit seiner unzähli-
gen Leben, doch ein Wunderkind konnte selbst er nicht ewig sein. Das erkannte
recht widerstrebend auch Vater Leopold und trachtete darob, dem Sohnemann
eine geordnete Dauerstellung zu organisieren, die es ihm ermöglichen sollte, von
einem festen Punkte aus die ganze Welt glücklich zu machen. Merkwürdigerwei-
se gelang es dem eifügen Vater nicht, den Jungen als Kapellmeister in irgendeiner
der vielen schönen Städte unterzubringen, die seine glorreiche Gegenwart bereits
genossen hatten; sein Ruf war zwar wie Donnerhall, fand jedoch offensichtlich gar
kein Echo. Die gleiche fehlende Resonanz begegnete dem Sohnemann später
selbst, als er auf eigene Faust auf Jobsuche ging: Immer mußte er vor lauter Elend
zurück ins ungeliebte Salzburg, zum Brotherrn seines Vaters obendrein, demErz-
bischof Colloredo, welcher ein fieser kirchlicher Despot war, doch scheinbar der
einzige, der den Wolfgang überhaupt haben wollte. Mitte 1777 knndigte Wolf-
gang, was reibungslos klappte, reiste mit Seiner Mama nach Paris, ließ sie tot und
begraben dort zurück, ging sich eine Stellung in der Welt erobem und fand sie
prompt 1779 als Organist des - Salzburger Erzbischofs Colloredo. Zwar verlief
sämtlicher Verkehr zwischen dem Fürsten bzw. dessen Kämmerer Graf Arco und
dem Hoforgler Wolfgang auf unverändert höflicher Ebene, doch ein unglückliches
Mißverständnis trieb Mozart junior 1781 endgültig fort nach Wien: Daß der Graf
Arco unserm Wolferl zum Abschied den üblichen zärtlichen Fußtritt in den Aller-
wertesten verpaßte, nahm dieser dem guten Manne sicherlich nicht übel; allein der
Graf traf mit seiner Huldbezeigung ausgerechnet Mozarts empfindlichsten Nerv
sowie jene Hämorrhoiden, die sich als Spätwirkung der väterlichen Schwarzpul-
verbehandlung eingestellt hatten. Diesem Risiko auch fürderhin ausgesetzt zu
sein, konnte der ohnehin durchs Hoforgeln geplagte Wolfgang sich nicht leisten,

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wollte er nicht aller körperlichen Kräfte wieder verlustig gehen, die man so müh-
sam wiederhergestellt hatte. Also blieb Mozart junior in Wien hocken, und zwar
direkt im Hause seiner zukünftigen Ehefrau Constanze Weber, deren Schwester
Aloysia er genauso wenig hatte kriegen können wie eine ordentliche Anstellung,
obwohl er sich auch bei ihr stets ordentlich angestellt hatte. Von nun an arbeitete
er als freischaffender Künstler, und seine Karriere ging im folgenden Jalrzehnt
steil bergan und wieder bergab. Sein notgedrungen äußerst aufwendiger Lebens-
stil änderte sich durch solche Fährnisse nicht, nur daß er zuerst dafür mit schnö-
dem Geld bezahlte, später jedoch den Gläubigern ein beinah herzliches >Vergelt's
Gott< schenkte. Die Legende, welche von Brotrinden und Wasser spricht, stimmt
nicht so ganz; doch die aus Champagner und Pastetchen zusammengesetzte Hun-
gerdiät war sicher auch nicht immer angenehm.
Ein anderes Volksmärchen besagt, daß Vater Leopold und Schwiegertochter
Constanze sich niemals so richtig grün waren. Ein Körnchen Wahrheit liegt darin,
welches sich aber bloß auf den Anfang der Bekanntschaft bezieht. Hierzu muß
erläutert werden, daß es mit einer einmaligen mesmerischen Operation bei Wol-
ferl nicht getan sein kormte: Schließlich galt es doch, ihn in regelmäißigen Abstän-
den aufs neue ins Jenseits zu schicken und zurückzuholen, um den Notenvorrat
aufzufüllen, mit dem der junge Mann zugegeben ziemlichen Raubbau trieb. Stän-
dig hatte er sich zu diesem Zweck weiteren Sitzungen zu unterziehen. Da Dr.
Mesmer nicht andauemd verfügbar war, hatte Vater Leopold als Impresario,
Coach und Physiotherapeut des Genies sich frühzeitig die Grundlagen der mes-
merischen Massage angeeignet, um im Bedarfsfall den Jungen auf transzendenta-
le Botengänge zu entsenden. Da Wolfgang mrn nicht davon abzubringen war, fem
vom väterlichen Salzburg zu wohnen, mußte Leopold sein Wissen an die Schwie-
gertochter weitergeben. Die leichtfertige Constanze lernte ungern und war unauf-
merksam, weshalb sie bei den gemeinsamen Ubungen an Wolfgangs Körper dem
Vater oftmals gegen den mesmerischen Strich ging - sie bestrich ihren Gatten
nicht von unten nach oben, sondem von links nach schräg, ganz wie es ihrer Natur
entsprach. Sie verstand halt nichts von der Akutinktur, und Leopold sah mit
Schrecken, daß, bedingt durch die seitenverkehrte Behandlung, bei der sich
sowohl Vater als auch Sohn die vom Strom vibrierenden Nackenhaare sträubten,
der junge Spund plötzlich recht widerborstig wurde. Doch diese Phase ging vor-
bei; Constanze hatte bald den Dreh 'raus (gegen den Uhrzeigersinn). Sie ersann
sogar eine zusätzliche Form des Dopings, welche dem ansonsten widerstrebenden
Wolfgang auf so angenehme Weise verabreicht werden konnte, daß Leopold der
Erfinderin auf ewig dankbar blieb - egal, was andere darüber gehört haben wol-
len. Constanze fand Geschmack am Experimentieren mit der Unendlichkeit und
las u.a. einige Bücher über die alten Agypter, die auch schon Mesmer von Nutzen
gewesen waren. Der Skarabäus, jener Käfeq der jeden Tag von neuem die Son-

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nenkugel über das Firmament rollt, hatte es ihr angetan. Auch Mozart junior war
eine solche Sonne, die sozusagen regelmäßig über das Himmelszelt geschoben
werden mußte. Leopold hatte Constanze seine autodidaktisch erworbenen Kennt-
nisse über das Pillendrehen als Vermächtnis hinterlassen, und die fröhlich wer-
kelnde Hausfrau erfand eine Version, die ihren Ehemann in Farbe, Form und Kon-
sistenz an glückliche Kindertage erinnern sollte. Wir ahnen es bereits: Constanzen
haben auch wir Sterblichen die leckere Kreation der Mozartkugel zu verdalken,
welche angenehmerweise oral eingenommen werden kann und ebenfalls einen
Explosivstoff darstellt, eine Kalorienbombe nämlich. Für sich selbst erfand die
Gattin die Constanze-Kugel, die weit weniger gefährlich war, jedoch auch nicht
so nah der kulinarischen Ewigkeit.
Der Sarotti-Mohr Leopold hatte somit seine Schuldigkeit getan und durfte des-
halb zurück nach Salzburg. Das legenddre >Zerwürfnis< zwischen ihm und den
Kindem gab es nie; Leopold war heilfroh, sein Wolferl in Constanzens zarten
mesmerischen Händen und versehen mit den heiligen Tröstungen ihrer Küche zu
wissen. Ob Wolfgang Geld verdiente oder nicht, wen kratzte das, schrieb er doch
Oper über Oper nieder sowie haufenweise diverses Kleinzeug, welches er an dem
ins irdische Jammertal zurückführenden Wegesrand beiläufrg aufklaubte. So ent-
standen >Eine kleine Nachtmusik< und Die Enführung aus dem Serail und Die
Hochzeit des Figaro und Cosi fan tutte vnd und und ... Anno 1787 starb Leopold
in Salzburg, tief getröstet von einem Brief des Sohnes, welcher den Tod als End-
zweck des Lebens preist und den Vater munter dazu auffordert. Im Lichte unseres
Wissens erkennen wir den eindeutig konspirativen Tonfall des Verfassers: >... und
ich danke meinem gott, daß er mir das glück gegönnt hat mir die gelegenheit/ sie
verstehen mich / zu verschaffen, ihn [den Tod] als den schlüssel zu unserer wah-
ren Glückseeligkeit kennen zu lernen.<< Unmittelbar inspiriert durch den Tod des
Vaters, welcher ironischerweise auf eine Herzinsffizienz zurückgeführt wird,
schreibt Mozart KV. 522, >>Ein musikalischer Spaß<< betitelt. Seinem toten Vogel
>Star< widmet er gleichzeitig eine Trauerode. Er muß wohl irgendwas verwechselt
haben, der Gute.
Doch die nunmehr durch keinen Vater mehr gebremste Notenschreiberei fordert
ihren Tribut. Die Ausflüge werden zwangsläuhg immer häufiger, die anzuwen-
denden Mittel drastischer in Dosierung, Ausprägung und Dauer. Selbst Constanze
weiß kaum noch Rat. Um sich letzteren zu verschaffen, flährt sie monatelang in
teure Kuren, kommt zurück, baut Wolferl notdürftig auf und reist gleich wieder ab.
Es ist bezeichnend, daß ihr Kurarzt Dr. Closset, von dem sie das nötige Wissen
erhält, auch in der Sterbestunde Mozarts hinzugezogen wird - zusammen mit sei-
nem Spezi Dr. Sallaba, dem Primar des Allgemeinen Krankenhauses, den danker-
lüllte, jedoch unheilbare Patienten Dr. Quack-Sallaba nennen. All diese Medizin-
männer kannten offensichtlich das Geheimnis um den vermesmerten Mozart.

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Auch der Medikus Prof. Dr. Johann Nepomuk Hunczovsky besaß für Mozart
außerordentliche Bedeutung, wie letztercr selbst in einem Brief an Puchberg
betont - und der Professor war in der anatomischen Sezierabteilung der Gerichts-
medizin tätig ...
Wir schreiten nun zu dem wohl größten Mysterium in Mozarts geheimnisum-
wittertem Leben, nämlich dem Kapitel >Auslösendes Moment des endgültigen
Todes - Begräbnis - verschollenes Grab<. Dieser Komplex bildet einen einzigen
dicken Klumpen, mit dem obendrein die sagenumwobene Gestalt des Grauen
Boten unlöslich verknetet ist. Jener Maskierte, welcher angeblich dem bereits
kränkelnden Mozart den Auftrag für das berühmte Requiem und somit ein (selbst
durch Wolfgang) nicht mehr zu bewältigendes Arbeitspensum aufbürdete, ihm
dadurch auf heimtückischste Weise den Rest gebend, ist niemals identifiziert wor-
den. Viele wollen in ihm einen Abgesandten des Rivalen Salieri sehen, was eine
interessante Deutung, jedoch völliger Blödsinn ist, alldieweil der damals weitaus
populärere Salieri es beim besten Willen nicht nötig hatte, ein vom Publikum fast
vergessenes armes Würstchen wie Wolfgang umzubringen. Zugegeben, als man
Jahrzehnte später den Mozart wieder ausgegraben und aufpoliert hatte - im über-
tragenen Sinne, versteht sich -, gab Salieri zu, den >Rivalen< vergiftet zu haben;
aber das verkündete er nur auf vielfachen Wunsch von Pflegern und Mitinsassen
der Klapsmühle, die er zu jenem Zeitpvrkt bewohnte. Der Graue Bote war auch
nicht etwa der Geist des verstorbenen Vaters, der den Sohnemann aus dem Grabe
heraus quälen wollte wie der tote Komtur den herzlosen Don Giovanni. Wir wis-
sen schließlich, daß Vater und Sohn in bestem Einvernehmen voneinander schie-
den, Wolfgang sogar mit einem frohen Pfeifen auf den stets gespitzten Lippen.
Und dennoch kommt die Geisterwesen-Theorie der Wirklichkeit erheblich näher
als Salieri.
Wolfgang malte panisch-unablässig seine Notenblätter voll, etwa wie ein
gehetztes Reh es täte, wenn es schreiben könnte und dazu einen Griffel hätte. Er
war längst nicht mehr Herr seines Tempos, sondern mußte immer schneller wer-
den, ob er wollte oder nicht. Um fünf Uhr in der Frühe stand er auf und schrieb
den ganzen Tag bis Mitternacht, weitestgehend unbehelligt von seiner dauerku-
renden Gattin. Eine wesentliche Tatsache könnte hierbei den glühendsten Mozart-
Verehrem ein leises Tränchen des Bedauerns abdrücken: Das Notenniederschrei-
ben machte dem Getriebenen, stäindig elektromagnetisch und kulinarisch Aufge-
putschten gar keine Freude mehr. Der Streß war an sich schlimm genug, aber das
ständige Wandern zwischen zwei Welten ganz ohne Visum oder Reisepaß
schlauchte ihn fürchterlich. Einerseits behagte es ihm schon noch, den Engeln zu
lauschen, wenn auch nach den ersten paar Besuchen im Himmel der Lack ziem-
lich ab war und eine gewisse Langeweile einsetzte, welche durch die Routine im
Diesseits fortgesetzt wurde; andererseits empfand Wolfgang es irgendwo doch als

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entwürdigend, immer bloß fremder Engel Gesinge und Geharfe aufzuzeichnen,
ünstatt selbst im Engelschor oder -ballett mitmachen zu dürfen. Müde und ausge-
powert, wie er war, fühlte er sich hin- und hergerissen zwischen Dies- und Jen-
seits, zwischen Sehnsucht nach bzw. Furcht vorm endgültigen Tode. Er brauchte
tlringend eine schöne lange Pause, lila oder sonstwie, denn die Lust zum Musi-
zieren war ihm glatt vergangen.
Das ließ ihm sein geliebtes Weib leider nicht durchgehen. Constanze zeigte
kcin Verständnis für die Lebensmüdigkeit des Gatten, da sie selbst, bedingt durch
tlie zahllosen Kuren, fast ausgeschlafener war, als es die Polizei erlaubte. Lang-
sirm dämmerte es Mozart, was man da die ganzen Jahre Herzloses mit ihm ange-
slellt hatte; er begriff, daß man ihn zum Märtyrer für die Menschheit aufgepäppelt
Irntte, ohne ihn ein einziges Mal zu fragen. Kurzum, er hatte keine Lust mehr auf
I)oping - ja er traute nicht einmal mehr den leckeren Pralin6s der Angeffauten, mit
gutem Grund bekanntlich. Allmählich reifte in ihm die Überzeugung, er werde
systematisch zugrunde gerichtet. Sein berühmter Ausruf der Verzweiflung, >Mit
nrir dauert es nicht mehr lange. Gewiß hat man mir Gift gegeben<<, läßt dies
unschwer erkennen. Tatsächlich glaubte Wolfgang immer unumstößlichet, einer
seiner engsten Freunde habe ihm besagte Giftmixtur, wahrscheinlich Aqua Toffa-
na, heimlich eingeflößt. Er wußte nicht, wie nahe er der Wahrheit kam, bloß daß
die Mischung keineswegs Gift enthielt, zumindest nicht im strengen Sinne. Das
,Aqua Toffana<, nach einer talentierten Giftmischerin benarurt, war in seinem Fall
cher verflüssigtes Toffee in Form des gerade von Frau Mozart erfundenen Mozart-
I ikörs.

Noch immer schrieb Mozart brav die schönsten Werke der Musikgeschichte
nieder, die Zauberflöle beispielsweise, nach dem Libretto des Theaterdirektors
Emanuel Schikaneder. Abgesehen davon, daß er sich mies behandelt fühlte -
irngeblich, sehr angeblich soll Mozafi gesagt haben: >Der Scheiß-Schikaneder
schikaniert mich schändlich<<, obwohl dieser ungewollte Stabreim nach einem
ganz anderen Herrn klingt -, begann Mozart sich mehr und mehr als das zu
betrachten, was er in der Tat war, nämlich eine gedopte Labormaus im Laufrad.
So erfolgte noch am 30. September l79I die Uraufführung der >Maschinenkomö-
die<, die seine persönliche Lage nur allzu deutlich widerspiegelt. Doch Galgenhu-
mor half ihm auch nicht mehr. Ihm ging buchstäblich die Puste aus. Da beschloß
seine sich liebende Gattin, zur wohl drastischsten Maßnahme zu greifen, die ihr
bei der Lektüre esoterischer Bücher überhauptjemals begegnet war. Frei nach der
Bibelstelle, die besagt, daß der Mensch aus Lehm gemacht sei bzw. aus Staub, zu
dem er dereinst zurückkehren solle, wollte sie die geheimen Kabbala-Lehren des
Prager Rabbi Löw für ihre Zwecke (mithin Wolfgangs) modifrzieren. Dies bedeu-
tete im brutalen Klartext: Mozarts halbmenschlicher Körper sollte endgültig durch
einen tönernen ersetzt werden, genauso einen, wie ihn der mittelalterliche Golem

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besaß, damit in dieses neue, verlöt3lichere Gef?iß die Essenz des Mozartschen
Genies per Mesmerismus übertragen werden konnte. Sobald das geschehen wäre,
so glaubte Constanze, würde Wolfgang 2 funktionieren bis in alle Ewigkeit, noch
dazu ohne Pralin6s. Wer diese ihre Theorie für Science fiction hält, hat zweifellos
recht, doch Constanze war so ziemlich alles zuzutrauen. Die zahllosen Reisen
nach Prag inletzter Zeit, angeblich bloß wegen der Aufführung des Don Giovan-
ni und diverser Kleinigkeiten, dienten ganz anderen Beschäftigungen Constanzes.
Warum etwa hatte sie sich derart eng mit dem Wiener K.K. Kämmerer Graf von
Deym angefreundet, welcher ein Kunstkabinett unterhielt? Als Spezialität des
Hauses galt immerhin der Gipsgul3 ... Wie genau der Graf in Prag Mozarts Aus-
tausch vornehmen sollte, bleibt für immer ein dunkles Geheimnis; ebensowenig
wissen wir, wie der geplante Lehmkörper funktionierte, d.h. ob man wie beim Ur-
Golem einen Zettel hinter seiner Zwge deponieren mußte oder vielleicht - ein
Stück Notenpapier?
Mit Gewißheit können wir lediglich sagen, daß Wolfgang rechtzeitig Wind von
dem Vorhaben seiner Frau bekam und Prag fluchtartig verließ. Dei furchtbare
Schreck ob der ziemlich ein- und grausamen Entschlüsse Constanzes hatte jedoch
bereits das seinige zum Untergang unseres Helden beigetragen. Das Berliner
Musikalische Wochenblatt vermerkt: >Er kam von Prag kränklich heim, siechte
seitdem immer.<< Und das ist wirklich noch untertrieben angesichts des Schocks,
den er erlitten hatte. Im Lichte obiger Aufklärung machen wir uns nun mit heili-
gem Eifer über die Hauptaufgabe her und an die absolute Preisfrage heran: Wer
war der Graue Bote? Wir allein befrnden uns in der glücklichen Lage, die ulti-
mative Antwort auf dieses uralte Rätsel zu nennen. Jetzt heißt es, die uns ange-
messene Demut zu bewahren.
Verständlicherweise war Mozart nach seiner Rückkehr aus Prag außerordent-
lich aufgewühlt, ja sogar ziemlich wirr (>Mein Kopf ist schwach und zerstreut<<,
Brief an Lorenzo Da Ponte). Man hat niemals herausgekriegt, wer als Auftragge-
ber hinter dem Grauen Boten stand; nachdem das Werk später erst einmal durch
den Schüler Süßmayer vollendet ward, ließ es sich wunderbar verscherbeln, doch
gilt der Ktiufer, Graf Walsegg zu Stuppach, nicht als sein Besteller. Als Mozart,
der viel allein zu Hause blieb, auf einmal dauemd von einem Requiem faselte,
welches er schreiben müsse, hat man ihn ganz offenkundig vollkommen mil3ver-
standen. Er selber hat ja nie behauptet, der graue Finsterling habe das Ding bei
ihm bestellt! Es steht sogar zu vermuten, daß der Bote niemals wirklich, also in
persona, in Mozarts Stübchen stand, und falls doch, weiß man nicht, ob er ein
Musikwerk bestellt hat - und falls doch, gab er keineswegs ein Requiem in Auf-
trag. Die >Aufgabe< mit dem Requiem hat Wolfgang sich selber zumZiel erkoren,
denn er brauchte dringendst Ruhe. Das ergibt nicht den leisesten Sinn, wird man-
cher an dieser Stelle denken, der sein großes Latinum nicht mit >sehr gut plus<

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rrhsolviert hat wie übrigens die meisten Leute heutzutage. Mozart, der konnte
Itoch Latein, fast so gut wie Italienisch. Dem grauen Ommes sagt man ungerech-
lerweise nach, er habe von ihm verlangt: >Gib mir ein Requiem!<< Mozart wie-
rlcrholte lediglich diese Worte, die er selbst in finstrer Nacht und tiefster Seelen-
lrcin gestammelt hatte - nur eben auf Latein: >>Dona mihi requiem, Domine, fina-
lllcr nochmal!<< Dieses obskure >Geben Sie mir ein Requiem, mein Herr< bedeu-
lct also in Wahrheit >Gib mir endlich ein bißchenRuhe,lieber Gott!< Im o.g. Brief
run Da Ponte sagt Mozart nur: >> ... das Bild des Unbekannten will nicht von mei-
rrcn Augen weichen. Ihn sehe ich ständig vor mir; er bittet, er bedrängt mich, und
rrngeduldig treibt er mich zur Arbeit an.<< Das klingt doch ganz nach dem abstrak-
lcn Trugbild des Phantoms! Ein graues W'esen, immer gegenwärtig und trotzdem
rriemals wirklich da: Das ist der Bote! Die graue Farbe spiegelt zudem Mozarts
Angste wider, zu einem Golem aus Lehm verarbeitet zu werden; aus des künstli-
chen (weil nicht vorhandenen) Mannes tönernem Mund tönen die Laute des
grau(s)esten Grauens. Ein Bild ist das, ein schlimmes Bild zwar, doch nicht mehr!
l)aß Mozart gerade durch die Arbeit an dem Requiem solch große Pein erleidet,
ist auf den klassischen Zwiespalt des fleischgewordenen Heilands zurückzu-
l'ühren; er möchte, daß der Kelch an ihm vorübergehe - doch wenn nicht, dann
wird er ihn bereitwilligst zur Neige leeren. Mozart weiß längst, daß die Ruhe vor
sciner Frau Constanze, die er im Grunde nur begehrt, einzig durch Erlangung der
liwigen Ruhe möglich werden kann. Requiem aeternam also, >Ewige Ruhe< heißt
rlie Parole, denn es gilt: Alles oder nichts. Jedq andere Art der Entspannung weiß
(lonstanze gnadenlos unfehlbar zu hintertreiben.
Die widerlichen Gerüchte, welche man nach Mozarts Tod und Begräbnis über
scine Freimaurer-Brüder verbreitete, wurden durch Constanze gendtrt, wenn
rricht gar in die Welt gesetzt. Es hieß, die guten Brüder, die ihn im Leben mit Tau-
senden von Gulden versorgten, hätten ihn meuchlings umgebracht. Das Gegenteil
trifft zu. Baron van Swieten veranlaßte, daß Mozart eiligst in einem unbezeichne-
tcn Reihengrab beigesetzt wurde: nicht etwa aus plötzlicher Knausrigkeit, sondern
irus wahrer Menschenliebe. Der stets spendable Mann wollte wkeinen Preis ein
Binzelgrab für den geliebten Bruder, weil er als einziger das Geheimnis kannte.
tledingt durch van Swietens Nacht- und Nebelaktion war Constanze buchstäblich
ve rhindert, fand das Grab nicht heraus - und Mozarts ewige Ruhe war gerettet ...

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