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Sabine Büssing

Leuchttuffn
im Dschungel

Roman über das Leben des Schriftstellers


Robert Louis Stevenson

FRIELING
Im Verlag Frieling & Partner erschien von Sabine Büssing bereits

,,Das deutsche Reiseschauderbuch" (ISBN 3 -8280-06 I 7-5)

Die Deutsche Bibliothek - ClP-Einheitsaufnahme


Büssing, Sabine:
Leuchtturm im Dschungel : Roman über das Leben des Schriftstellers
Robert Louis Stevenson / Sabine Büssing. -
Orig.-Ausg., l. Aufl. - Berlin : Frieling, 1999
ISBN 3-8280-0759-7

@ Frieling & Partner GmbH Berlin


Hünefeldzeil e 18, D-12247 Berlin-Steglitz
Telefon: 0 30 I 76 69 99-0

ISBN 3-8280-0759-7
l. Auflage 1999
Umschlaggestaltung: Michael Reichmuth
Sämtliche Rechte vorbehalten
Printed in Germany
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,,Uv Gorrrs wtt-lprq! So spät schon!"


Im Laufe ihrer heutigen Malversuche war Fanny jedes Zeitgefühl abhanden
gekommen. Es mußten Stunden vergangen sein, seit sie das letzte Mal bewußt den
Stand der glühendheißen Novembersonne beobachtet hatte, denn der Feuerball
bewegte sich bereits mit beunruhigender Geschwindigkeit in Richtung Horizont.
Ausgerechnet heute gab es daheim noch so vieles zu tun, was keinenAufschub
duldete, und Fanny hätte womöglich bis zum Einbruch völliger Dunkelheit hier
ausgeharrt, wenn nicht ein Tausendfüßler ihre Staffelei erklommen und sie aus
ihrer Versunkenheit aufgeschreckt hätte. Sosehr sie die giftigen kleinen Erdläufer
verabscheute, die im tropischen Klima von Samoa prächtig gediehen und gar so
klein nicht blieben, so dankbar war sie ausnahmsweise diesem speziellen, auf-
dringlichen Exemplar. Als es gerade dabei gewesen war, quer über ihr neuestes
Projekt in Öl zu laufen und das Bild mit seinen Hunderten von Fußspuren zu ver-
schmieren, hatte Fanny das Tier in ihrer Panik mit einem Bananenblatt beiseite
gefegt und darnit höchstpersönlich ihrem Werk den Rest gegeben. Alles war bis
zur Unkenntlichkeit verwischt; die Konturen des Hafens von Apia konnte man
beim besten Willen nicht mehr identifizieren. Fannys Tagewerk war vernichtet.
In einem Winkel ihres Bewußtseins hielt Fanny diese Tatsache für jene Art
gerechter Strafe, die dem Bruch eines Tabus auf dem Fuße folgte, wie zumindest
die Eingeborenen glaubten. Fannys Versuch, die Siedlung und den Hafen mitsamt
den beiden Schiffen zu malen, die seit heute morgen vorAnker lagen, stellte einen
unerhörten Verstoß gegen ihren eigenen Vorsatz dar, auf Samoa niemals etwas
anderes darstellen zu wollen als von Menschenhand unberührte Landschaft. Na-
ttirlich porträtierte sie bisweilen Menschen: ihre Familie etwa, die farbige Diener-
schaft oder auch Weiße und Samoaner aus der näheren Umgebung von Vailima;
doch blieb sie bei solchen Gelegenheiten strikt im häuslichen Rahmen. Was die
Inselumgebung betraf, war sie bis zu diesem Tage ihrem känstlerischen Bestreben
treu geblieben. Keine Menschenseele tauchte auf ihren Bildem auf, nur die unver-
gleichliche Schönheit, welche die Hauptinsel desArchipels, Upolu, demAuge des
Betrachters bot. Zn Beginn ihres Aufenthalts auf Samoa hatte sie ihren Freunden
in Südfrankreich und besonders den Mitgliedem der von ihr gegründeten Künstler-
salons in San Francisco begeisterle Briefe geschrieben. ,,Ihr könnt euch die Natur
in euren ausschweifendsten Gedanken nicht vorstellen. Die Gegend bedarf kaum
der Hand des Malers; sie malt sich gleichsam von selbst."
Welcher Teufel aber hatte sie heute geritten, welcher Dämon war in sie ge-
drungen, der ihr gebot, alle Regeln zu brechen und das von den Bergbewohnern
belächelte und verachtete Apia abbilden zu wollen, eine kunterbunt zusammen-
gewärfblte, geschmackloseAnsammlung von Bruchbuden, Kramläden, üblen Spe-
lunken, halb verfallenen Feudalhotels mit faulenden Fassaden und hochtrabenden
Namen? Dort wohnten durchweg gestrandete Existenzen: weiße Seeleute, die kein
Kapitän mehr anheuern wollte und die ihren Tag mit Whisky und Kartenspiel ver-
brachten, Mischlinge, die es in der Kunst, ankommende Neulinge mit echten Insel-
souvenirs übers Ohr zu hauen, zu erstaunlicher Meisterschaft gebracht hatten. Die
Besitzer der Kramläden erfreuten sich inmitten solch erlesener Gesellschaft noch
der mit Abstand höchsten Wertschätzung, denn kein Bergbewohner mochte auf
die Dauer ohne sie leben. Die weißen Händler waren die Mittelsleute, die den
regelmäßigen Kontakt zu jener fernen, fih manche unerreichbaren Welt aufrecht-
erhielten, welche man gemeinhin Zivilisation nannte.
Fanny wußte den Dämon zu benennen, der sich, unbeeindruckt von der Schön-
heit der exotischen Kulisse, hinterhältig und verstohlen in ihre Seele geschlichen
und schließlich von ihr Besitz ergriffen hatte. Der Name des Teufels war Heim-
weh.
Der giftige Tausendfüßler erschien Fanny im nachhinein wie eine fleisch-
gewordene Mahnung, sich nicht weiter ihren Sehnsüchten hinzugeben, die doch
zu nichts Gutem führen konnten. Vor weniger als einem Jahr hätte sie sich über
jede Art von ,,Omen" oder ,,Vorzeichen" köstlich amüsiert und die bloße Idee
daran lachend abgetan, wie es Louis auch heute noch tun wtirde - wenngleich
ohne die geringste Spur von echter Heiterkeit in seinem feinsinnigen Spott. Aus
ihrem Spiel war inzwischen Ernst geworden, so wie Fanny, Louis und ihr KIan
l?ingst keine vogelfreie Truppe von ungebärdigen Bohemiens mehr bildeten, son-
dern sich in eine eng verschweißte Gemeinschaft von Schiffbrüchigen oderAus-
gesetzten verwandelt hatten, die sich in ihrer Not oft aneinanderklammerten wie
verängstigte Kinder. Nur war es allein Fanny, der dies wirklich ins Bewußtsein
drang: Ihr Sohn Lloyd vergaß die Abgeschiedenheit, indem er sich ausgiebig in
die Arbeit und in die Arme seiner Inselschönen warf; ihre Tochter Isobel verehrte
ihren Gott; und was Louis anging ... nun, er war vor langer Zeit schon über sich
hinausgewachsen wie vor ihm kein zweiter Sterblicher.
Heute war Louis 43 Jahre alt geworden, und alle wtirden sie kommen, um sei-
nen Geburtstag zu feiern.
Der Gedanke daran riß Fanny endgültig aus der Grübelei, in die sie ganz unbe-
merkt schon wieder verfallen war. Es wurde höchste Zeitfir sie, wollte sie recht-
zeitig daheim erscheinen und ihre Vorbereitungen für die Festlichkeiten treffen.
Mit einem unwillkürlichen Seufzer verpackte sie ihr mißglücktes Bild in mehre-
ren Lagen riesiger Bananenblätter, faltete ihren leinenbezogenen Klappstuhl und
verwandelte die hölzerne Staffelei mit wenigen geübten Handgriffen in ein prakti-
sches Lattenbündel. Bevor sie den Ort verließ, warf sie einen letzten Blick auf die

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Behausungen von Apia. Lange ruhten ihre feucht schimmernden Augen auf den
beiden Segelschiffen, die dort unten vorAnker lagen; eines davon war das Post-
schiff, welches verhältnismäßig oft vorbeikam - fast jeden Monat einmal -, un-
mittelbar daneben schaukelte ein deutscher Schoner auf den Wellen, den sie nicht
kannte. Wahrscheinlich würde er schon morgen oder übermorgen nach Sydney
aufbrechen oder womöglich nach San Francisco ... Mit einem fast körperlichen
Ruck riß sich Fanny aus ihren ungesunden Träumereien, ergriffentschlossen ihre
Bürde und stapfte davon, indem sie den kürzesten Weg nach Vailima einschlug'
Fannys Heim lag unmittelbar unter dem höchsten Punkt der gesamten Insel,
was die Wanderung entsprechend beschwerlich gestaltete. Hinzu kam, daß die
,,Straße", die auf halber Höhe noch recht breit und gut befestigt war, zu einem
erbärmlichen Trampelpfad zusammenschrumpfte, je mehr man sich Vailima nä-
herte. Zum guten Schluß, kurz vor dem Ziel, konnte man den Urwald nur noch mit
äußerster Mühe durchdringen. Ftir Menschen mochte das angehen; doch saß man
zu Pferde, artete der Marsch zu einer regelrechten Expedition aus' Louis, den bei
weitem passioniertesten, unermüdlichsten Reiter auf ganz Upolu, machte der
Dschungel bei solchen Gelegenheiten schier verrückt. Schon häufig hatte er den
glühenden Wunsch geäußert, es möge doch um des Himmels willen bald eine
breite, mit Steinen bepflasterte Straße geben, die den Urwald ein für allemal in
seine Schranken weisen und ihm, Louis, ungehinderten Einritt in sein Land ge-
währen möge. Die Irnvitzigkeit des Unterfangens störte ihn nicht; er verfolgte
seinen Traum weiter, wenn er auch insgeheim genau wissen mußte, daß kein Sa-
moaner sich jemals zu einer Arbeit heranziehen lassen würde, die solch biblische
Dimensionen in sich barg. Ebensowenig hätte man die stolzen Samoaner, für die
,,Arbeit" in der Regel ein absolut unverstänCliches Fremdwort darstellte, zum Bau
der ägyptischen Pyramiden bewegen können. Schließlich mußte es seine tiefere
tledeutung haben, wenn sogar die deutschen Kolonialherren seit jeher bezahlte
Fremdarbeiter von den Salomoninseln importierten.
Nichtsdestotrotz ließ Louis keinen wachen Moment von seinem Wunsch ab -
im Schlaf wahrscheinlich erst recht nicht.
Mittlerweile floß der Schweiß in Strömen an Fanny herunter. Dicke Tropfen
kullerten von ihrer Stim und fielen auf den von Schlingpflanzen und Wurzeln
tiberwucherten Weg vor ihr, während sie sich mit tief vorgeneigtem Oberkörper,
mühsam keuchend, den Berg hinaufarbeitete. In der winzigen Lichtung hatte sie
I'ust reglos gesessen und war von der unbarmherzigen Sonne nur mäßig gequält
worden. Der Pfad, auf dem sie sich nun fortbewegte, wurde zwar von einem Bal-
rlachin aus dichtem Blattgeshüpp überdeckt, doch die hohe Luftfeuchtigkeit machte
jcde noch so geringe Bewegung zu einer unmenschlichen Anstrengung. Manch-
rnal bezweifelte Fanny stark, daß sich ihr Leib je an die tropische Hitze würde
gewöhnen können, zumal sie nicht jünger wurde und im Gegensatz zu Louis, der
imZenit seiner Jahre stand, ihre beste Zeit bereits hinter sich wußte. Louis gedieh
in diesem Klima wie die Pflanzen um sie her; physisch blähte er stetig auf, bis er,
orchideengleich, vor Saft und Kraft nur so strotzte. Fanny lächelte: Der Vergleich
mit Blumen pflegte ihn ungemein zu belustigen.
Als Louis vier Jahre zuvor Vailima erworben hatte, war Fanny der Grund für
diese Wahl zunächst nicht völlig klar gewesen. Dabei verhielt es sich nicht etwa
so, daß dieses besondere Fleckchen Erde nicht ihren ungeteilten Beifall gefunden
hätte, im Gegenteil; sie liebte sowohl das Land als auch seine Bewohner vorbe-
haltlos. Allerdings wäre ihr persönlich, was die Wahl der Wohnstatt betraf, nahezu
jedes polynesische Eiland recht gewesen, denn die zahlreichen Inselgruppen stan-
den einanderan Schönheit und Einfachheit derLebensbedingungen in nichts nach.
Überall konnte der Mensch von der Hand in den Mund leben, sich das ganze Jahr
hindurch an einer wahrhaft verschwenderischen Fülle von Kokosnüsgen, Bana-
nen, Brotfrüchten und Taro laben oder nach Herzenslust Fische und Krebstiere
schlemmen, die es in Hülle und Fülle gab. ImZuge der ausgedehnten Kreuzfahr-
ten an Bord ihrer eigenen Segelyacht,,Casco" hatten Fanny und Louis fast die
gesamte pazifische Inselwelt erkundet und die wenigen verbleibenden Lücken in
ihren geographischen Kenntnissen durch weitere Reisen ergänzt, aufdem Scho-
ner ,,Equator" etwa oder dem britischen Handelsschiff,,Janet Nicoll", dann auch
auf der S.S. ,,Lübeck" mit ihrem knurrigen, obgleich stets zuvorkommenden deut-
schen Kapitän. Tausende von Seemeilen hatten sie sogar an Bord des Postdampfers
zurückgelegt. Wenn Fanny also mittlerweile, nach all den mühselig erworbenen
Erfahrungen der letzten Jahre, jene sagenumwobenen, beinahe mystischen Orte
recht prosaisch über einen Kamm scherte -Archipele wie die Fidschis, Marshalls,
Salomonen, Marquesas, die Gesellschafts- und die Gilbertinseln zählte sie ohne
große Anstrengung in einem Atemzuge auf -, dann wußte sie sehr gut, wovon sie
sprach. Und nun, nach Ablauf von fünf Jahren, ertappte sie sich immer häufiger
dabei, daß sie nicht nur ohne Unterschied, sondern barjeglicher Begeisterung an
diese winzigen im Ozean verstreuten Paradiese dachte, deren bloße Erwäihnung
ihre amerikanischen Landsleute, Landratten allesamt, unfehlbar in einen Taumel
der Begeisterung gerissen hätte. Fannys Freunde von einst beneideten sie zweifellos
über die Maßen, so wie es die fernen Verehrer ihres Mannes mit Louis hielten. Wie
gr! daIJ siedieWahrheitnichtkannten-undwiegut, daßLouis seinerseits dieWabr-
heit in Kanäle umzulenken verstand, die seinem Geist weit besser bekamen.
Spätestens seit dem vergangenen September wußte Fanny, daß sich ein riesiger
Sägefisch auf ihrer Fährte befinden mußte, der ihnen mit gnadenloser Präzision
den Raum zum Leben raubte, indem er Stäck für Stäck davon zerteilte und Louis
mitsamt seiner Familie auf den jeweils kleineren Rest verbannte. Diesen giganti-

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schen Sägefisch ihrer Phantasie, den Fanny in grimmiger, sarkastischer Nachah-
mung eingeborener Bräuche zum ,,Sitz" eines ,,Großen Geistes" erkoren hatte,
nannte sie in Ermangelung des samoanischen Wortes einfach ,,sawfish-u". So
machten es die Samoaner mit den Dingen, die sie nicht kannten: Sie bedienten
sich des entsprechenden englischen Wortes und hängten kurzerhand ein ,,u" an
das für sie fremde Gebilde. Schon seit geraumer Zeit zercägle Sawhsh-u unent-
wegt und unaufhaltsam ihre Welt, unmerklich zuerst, dann immer dreister und
unersättlicher. Am Anfang waren es Europa und Amerika gewesen, zwischen die
und Louis er einen tiefen Riß trieb, bis Louis das Hindernis nicht mehr überwin-
den konnte und vor lauter Elend seinen Stiefsohn Lloyd als Boten auszusenden
gezwungen war, der ihm das herbeiholen mußte, was von seinen Gütern aufjener
anderen Seite der Großen Kluft zurückgeblieben war. Dann, noch im Februar die-
ses Jahres 1893, hatte der Fisch erneut eine ungeheure Portion bewohnbaren Lan-
des abgesägt: Für Louis war es fast schon zu spät, als er merkle, daß er die unsicht-
bare Grenze nach Australien nie mehr ungestraft wtirde übenchreiten dürfen. Syd-
ney hätte ihn um ein Haar getötet. Nun, den Verlust der sogenannten zivilisierten
L?inder wollte er guten Mutes verschmerzen, wenn er nur ungehindert mit seiner
Yacht im schwimmenden Garten Eden der Südsee umherschippern durfte ... Doch
auch hier schlug Sawfish-u erbarmungslos zu. Vor zwei Monaten, im September,
hatte Fanny ihm in h<ichster Not zu Hilfe eilen und den Todkranken von Honolulu
heimbringen müssen - oder wenn vielleicht nicht wirklich ,,heim", dann doch
zumindest nach Samoa. Kaum war die Barriere überquert, die Sawfish-u geschaf-
fen hatte, kaum hatte Louis wieder den Boden von Vailima betreten, war die Krank-
heit von ihm gewichen, als sei sie niemals über ihn hergefallen. Seine Kräfte kehr-
ten wieder, wie von Zauberhand zurückgebracht, garz als ob das gastfreundliche
Land selbst ihn großzügig damit segnen wollte. Hier war er willkommen, gesund
und sicher. Ob damals, zu Beginn des Südseelebens, Louis in weiser Voralrnung
Samoa ausgesucht oder aber Samoa ihn erwählt hatte - wer vermochte das mit
letzter Gewißheit zu sagen? Louis schuldete der Insel größten Dank, das wußte er,
und er gedachte sich auf seine Art erkenntlich zu erweisen, Es lag nicht in seiner
Natur, jemals eine Verantwortung abzulehnen.
Ein wichtiges Element der heilenden Kraft des Eilandes bestand gemäiß Fannys
tiefuerwurzelter Überzeugung in einer bemerkenswerten geographischen Eigen-
heit: Obwohl Samoa eigentlich eine Ansammlung von Koralleninseln darstellte,
die sich normalerweise nur unwesentlich über den Meeresspiegel erhoben, besaß
Upolu eine veritable Bergwelt, wie sie in der Südsee nicht ihresgleichen fand.
Louis hatte Vailima, das höchste Stück Land des Archipels, erworben und wohnte
nun mit seinem Klan direkt unterhalb der obersten Spitze des Berges Vaea. Der
Berg wirkte wahre Wunder für seine Gesundheit und obendrein in verschiedener

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Hinsicht. wäihrend das Klima durch Einflüsse, die keinAfi diagnostizieren konnte,
seinen spindeldtinen Körper stärkte und stählte und ihm eine unerhörte wider-
standskraft verlieh, um die ihn mancher weiße hier beneidete, beflügelte der Blick
vom Hochland hinunter zur See seine Phantasie und mobilisierte gleichzeitig sei-
ne seelische Energie, Schließlich wußte kein Mensch auf Erden so genau um die
heilende wirkung des Gebirges wie ausgerechnet ein gebürtiger schotte, der noch
dazu eine ellenlange Liste an waschechten Highland-Vorfahren aufzuweisen hat-
te. Louis fand im Hochland von Upolu seine Highlands wieder, so gut es seine
vorstellungskraft eben einzurichten vermochte. und was die sprichwörtliche ver-
achtung betraf, die jeder Highlander mit Blut in denAdern und Mark in den Kno-
chen für die degenerierten Lowlander empfand - auch sie hatte hier ihren platz.
Fannys Göttergatte galt als ein Philanthrop, der keinem Menschen etwas zuleide
tat undjedem half, ob arm oder reich, mächtig oder unbedeutend. Das entsprach
vollauf der wahrheit. Doch gleichzeitig lebte tief in seinem Innern ein Hochland-
bewohner, wild, unbezähmbar und stolz bis an die Grenze zur Arroganz, der mit
Fug und Recht den höchsten Platz in der Gemeinschaft beanspruchen zu dürfen
glaubte. wer allerdings diese Überlegenheit willig akzeptierte, den überschüttete
er mit Zeichen seiner aufrichtigen Freundlichkeit. Heute, an seinem Geburtstag,
stellte er zudem erneut eine seiner größten Hochlandtugenden unter Beweis, die
der unumschränkten Gastfreundschaft. Seine Feier, so wußte Fanny schon jetzt,
mußte als Hauptgesprächsstofffür das nächste halbe Jahr herhalten. Und sie wür-
de diesen Stellenwert im Inselleben auch verdienen.
So feierte Louis in den Highlands von Samoa seinen Ehrentag, hoch droben auf
seinem Bergsitz, umgeben von der unermeßlichen Weite der pazifischen See, die
zu durchstreifen er nicht länger imstande war, obwohl er eine wunderbare yacht
sein eigen nannte. Draußen auf dem Meer lauerte der Große Sägefisch, der Louis,
wenn er ihm schon nicht endgültig den Garaus machen konnte, in einen Gefange-
nen der Insel verwandelte. Auf dem schützenden Berg war schwerlich an ihn her-
anzukommen; trotzdem beschlich Fanny das Gefühl, daß der Fisch seine Zeit ge-
duldig abwartete, insgeheim auf einen Fehler oder eine Unvorsichtigkeit des Be-
lagerten hoffend. Im Wasser war etwas, Fanny spürte es genau. Falls Sawfish-u
resignierte, gab es immer noch Myriaden von Haien, die die Insel in immer enger
werdenden Kreisen umrundeten ...
,,Unsinn! Verdammter abergläubischer Unsinn! Reiß dich gefälligst zusammen,
Fanny!"
Fanny war abrupt mitten auf dem Fußpfad stehengeblieben, angewidert von
ihrer eigenen Furchtsamkeit, die beinahe noch größere und saftigere Blüten trieb
als die Schlingpflanzen um sie her. Energisch stampfte sie mit dem Fuß auf, wäh-
rend sie laut mit sich schimpfte. Hier hörte sie ja zum Glück niemand. Die Erfah-

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rung hatte sie gelehrt, daß es ihr am besten gelang, sich zu Ruhe und Gelassenheit
zu zwingen, wenn sie ab und zu ein Wort mit sich selber wechselte. Louis war das
ein Greuel. Gerade in der letzten Zeit schien er so manches Mal an ihrem Geistes-
zustand zu zweifeln. Fanny erkannte seine diesbezügliche Sorge an dem zutiefst
skeptischen Blick und seinen zwar charmanten, aber leicht verkrampften Bemü-
hungen, ihre,,Stimmung" aufzuhellen. Frauen galten als klassische Spielbälle ih-
rer Launen - obgleich Fanny nie zur Hysterie geneigt hatte, war,,Stimmung" auch
für ihren Mann eine plausible Erklärung.
Andererseits hätte Fanny unter keinen Umständen für sein ,,feines Benehmen"
garantieren mögen, wenn sie zum heutigen Wiegenfest ihres Gatten tatsächlich
dasjenige Geschenk besorgt hätte, welches sie vor nur drei Monaten noch fest im
Auge gehabt hatte. Vor besagter Frist w?ire er von ihrer Idee entzückt, ja begeistert
gewesen, ihm jenes Flaschenschiff zu verehren, das bereits seit etwa einem
Dreivierteljahr in der Auslage von Jack Gardiners Kramladen unten in Apia die
Bewunderung aller Passanten aufsich zog. Besonders die Eingeborenen schienen
von dem guten Sttick kaum wegzubekommen: Zu groß war ihre Faszination. Nicht
zuletztaus diesem Grunde zeigte sich Gardiner, Seebär im Ruhestand und neben-
bei ein Erzhalunke, dermaßen unwillig, sich von dem winzigen Dreimaster
,,Caledonia" zu trennen, der durch sein gläsernes GefZingnis hindurch alle Men-
schen verzauberte, Weiße wie Farbige. Fanny wußte, daß der Besitzer des Hotels
,/um deutschen Heinrich" - ein Holländer namens Van de Jong, der gewiß nicht
l{einrich hieß - seinen Ladennachbam schon seit geraumer Zeit vergeblich be-
rchwatzte, ihm das Prachtexemplar von einem Flaschenschiffzu verkaufen. Doch
das alte Schlitzohr Gardiner hegte eine rührende Schwäche für Fanny, ein
npinnwebzartes Gefühl, das ihn seine angeborene Durchtriebenheit urplötzlich
vcrgessen ließ, wenn sie seinen Laden betrat. Der verehrten Fanny wollte er sei-
ncn Stolz, die ,,Caledonia", bereitwillig abheten ... natärlich gegen Bezatrlung,
rlenn ganz so weit ging seine Liebe zu ihr nun auch wieder nicht.
Doch die Ereignisse der letzten Monate bereiteten Fannys schönem Plan ein
jiihes Ende. Im vergangenen Jahr hätte sich Louis über solch ein Geschenk gefreut
wie ein kleiner Junge; von dem Schiffselbst wäre er ebenso hingerissen gewesen
wie von der beziehungsreichen Anspielung, die hinter ihrer Gabe steckte. Heute
jedoch würde ihn derselbe Hintersinn über alle Maßen quälen: ein schottisches
Schiff, eingezwängt in ein durchsichtiges, aber undurchdringliches Gef?ingnis!
[Jnter normalen Bedingungen war Louis kein Mann, der vor Wut mit Gegenstän-
rlcn um sich warf oder sich zu Handgreiflichkeiten hinreißen ließ - um die
,,(ialedonia" allerdings wdre es möglicherweise bald geschehen gewesen. Eine
e inzige ungeschickte Bewegung seinerseits genügte ... So nahm Fanny lieber recht-
ze itig Abstand von dem zum Scheitern verurteilten Unterfangen.

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Fanny blieb erneut stehen, diesmal, um ein wenig auszuruhen. Der Weg gestal-
tete sich immer beschwerlicher, obwohl das kaum möglich schien. Die Sonne war
mittlerweile emsthaft im Untergehen begriffen, eine sachte Brise wehte; in der
feuchten Luft aber geriet schon das Atmen zur Tortur. Vailima war ein ausgedehn-
tes Sttick Land,3l4tlz Morgen fruchtbarsten Inselbodens, mit einem Gef?ille von
insgesamt gut 1.000 Fuß. BeimAbschluß des Handels hatte man Louis und Fanny
erklärt, was Vailima bedeutete: das Land der fünf Ströme. Abgesehen davon, daß
man strenggenommen das Wort,,Strom" nicht aufjeden derFlüsse anwenden konn-
te, da zwei von ihnen nicht viel mehr als Rinnsale darstellten, zwei andere dage-
gen mancherorts eindrucksvolle Kaskaden von etlichen Hundert Fuß Höhe bilde-
ten, war der Name Vailima durchaus ineführend - es gab nämlich nur vier Flüsse,
die vom Mount Vaea entsprangen und sich kreuz und quer über das Areal ver-
teilten. Kein menschliches Auge, oder zumindest kein Auge eines Weißen, hatte
jemals den sagenhaften fünften Strom erblickt, der das Land scheinbarderart nach-
drücklich prägte. Louis und Fanny war dieses nebensächliche Detail von Herzen
gleichgültig gewesen. ,,Vier Flüsse dürften völlig zum Leben ausreichen", hatte
Louis damals gescherzt, ohne eine Miene zu verziehen, und dann hinzugefügt,
daß seiner Meinung nach die Eingeborenen nicht zählen könnten oder wollten
oder garu einfach die Fünf für interessanter, weil magisch bedeutungsvoller hiel-
ten. Damit erledigte sich die Sache. Keiner der beiden verfiel auf die Idee, ernst-
haft nach jenem verschollenen flinften Fluß zu suchen. Sollte er doch im Nie-
mandsland verschwunden bleiben bis zum Jüngsten Tag! Es sei denn, daß Fannys
Fuß einmal zuf?illig an sein Ufer stoßen sollte.
,,Oh!" entfuhr es der überraschten Fanny unwillkürlich.
Für den Bruchteil eines Augenblicks verlor sie die Orientierung. Sie wußte nicht,
wo sie sich befand. Eben noch hatte sie sich mühsamst ihren Weg durch den nahe-
zu undurchdringlichen Urwald gebahnt, ihr Bündel mit Malutensilien auf dem
Rücken; nun stand sie plötzlich vor einem riesigen Tor, mitten im Dschungel! Und
das verschlossene Tor bildete den einzigen Durchlaß in einem mehr als mannsho-
henZavr, der den Pfad hoffnungslos blockierte, weil er sich links und rechts wei-
ter erstreckte, als Fannys Auge reichte! Helle Panik ergriff sie. Wie sollte sie an
diesem furchtbaren Hindernis vorbei nach Hause gelangen? Louis wartete schon
auf sie ...
,,Du bist und bleibst ein dummes Frauenzimmer, Fanny." Sie sprach die Worte
leise, für sich. Kaum war ihr wieder klar, wo sie sich befand, kam ihr das Lächer-
liche ihrer Situation und ihres Benehmens schmerzlich zu Bewußtsein. Mögli-
cherweise war Louis' Sorge um ihren Geisteszustand doch nicht völlig aus der
Luft gegriffen. Fanny machte lieber die schwüle Atmosphäre und die körperliche
Anstrengung für ihre momentane Verwimrng verantwortlich. Trotzdem empfand

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sie Scham: Der Schreck, der ihr in sämtliche Glieder gefahren war, schien durch
nichts zu rechtfertigen. Dort vor ihr lag das magische Reich, Tusitalas Zauber-
garten - nicht mehr und nicht weniger. Der Große Tusitala war für seine über-
schwengliche Gastfreundschaft auf der ganzen Insel berühmt. Nie war es ihm ein-
gefallen, Freunde oder Fremde draußen vor dem Tor stehenzulassen oder sie un-
verrichteter Dinge wieder hinaus in den Dschungel zu schicken. Daß er überhaupt
einen riesigen Wall um sein Reich hatte ziehen lassen, erschien auf den ersten
Blick eigenartig, das stimmte schon. Aber der hohe Zaun stellte weder einen Schutz
noch eine ernstgemeinte Barriere dar; der mächtige Tusitala brauchte keines von
beiden. Zwar gab es nirgendwo sonst auf Upolu etwas Vergleichbares - nicht ein-
mal das Anwesen des deutschen Gouverneurs wartete mit einem richtigen Zaun
auf, geschweige denn das des amerikanischen Gouverneurs auf der Nachbarinsel
Tutuila -, doch das hatte auch seine Richtigkeit. Tusitalas Macht reichte viel wei-
ter als der Einfluß der politischen Henen, die unter Lärm und Getöse kamen und
gingen und letztendlich doch keinen der Bewohner nachhaltig zu beeindrucken
verstanden. Mit der Einfriedung sagte der Große Tusitala schlicht: ,,Seht her, dies
ist mein Reich. Jeder ist hier willkommen." Tusitala, ein ausgesprochen eigenwil-
liger Christ, hielt nichts von Engeln mit Flammenschwedern, die sein Paradies
vor Unbefugten abschirmten; er wollte es lediglich für jedermann kenntlich ma-
chen, so daß erst gar kein Zweifel aufkam, worum es sich dabei handelte.
Wie um Fannys Einschätzung der Lage bestätigen zu wollen, kam nach weni-
gen Sekunden ein junger Eingeborener zum Tor gelaufen. Fanny hörte von drau-
lJen seine übermütigen Sprünge, kurz bevor er eilfertig die Passage für sie öffnete.
Der Junge trug den landesüblichen Lavalava, eine Art Wickelrock aus Tapa, dem
Material, das die Samoaner aus hauchdünnen Baumrindenschichten zu fertigen
pflegten. Das Muster des Kleidungsstücks dagegen wies den bronzehäutigen Jiing-
ling eindeutig als Gefolgsmann des Großen Tusitala aus. Wer seinen Lavalava mit
den Farben, in den Zeichen des Zauberers trug, gab damit zu erkennen, daß er dem
mächtigen Mann bedingungslos ergeben und praktisch alles für ihn zu tun bereit
war. Tusitalas Herrschaft hatte nichts mit Versklavung zu tun; seine Mannen und
lirauen verehrten ihn aus tiefstem Herzen und gaben sich ihm bereitwillig hin.
Anders als aus freien Stticken ließ sich ein echter Samoaner nämlich erst gar nicht
in Fesseln legen.
,,Talofa!" begrüßte der Torwächter Fanny, und seine großen, schwarzenAugen
blitzten sie vergnügt an.
,,Talofa, Mafulu", erwiderte Fanny freundlich die Anrede und durchschritt das
lbr ohne weitere Aufforderung.
Augenblicklich und ohne Vorwarnung senkte sich der magische Bann auf sie
rrieder, der dem Garten innewohnte. Fanny kannte Tusitalas Reich nun schon so

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langeZeil,und trotzdem erstaunte sie noch immer der krasse Gegensatz zwischen
dem Land ,,draußen" und dem prachtvollen Garten innerhalb der Umzäunung,
Tusitalas Land zeichnete sich nicht etwa durch eine üppige Vegetation aus - das
hätte auf Samoa keine Menschenseele in Verwunderung versetzt. Das exakte Ge-
genteil war der Fall: Sein Territorium hatte man gründlich von allem befreit' was
dem Wanderer draußen die Luft nahm. Hier endlich konnte man frei durchatmen,
denn der Dschungel hatte einer gigantischen Lichtung weichen müssen, einem in
seiner Weiträumigkeit beinatre beängstigenden Nichts, Hier durften bloß diejeni-
gen Pflanzen wachsen, denen Tusitala das Wachsen erlaubte, und er tolerierte ein-
zig und allein die Rasenfläche, die seine Wohnstatt umgab. Der Rasen war von
sattestem Grän, streichholzktxz,überaus gleichmäßig und gewissenhaft von jeg-
lichem Unkraut gesäubert. Ihn zu Fuß zu überqueren, dauerte mehr als fünfge-
schlagene Minuten, so weit erstreckte er sich.
wzihrend Fanny auf das imposante Haupthaus ntging, welches zweifelsohne
den ehrfurchtgebietendsten Herrensitz von Samoa, womöglich in der gesamten
Südsee darstellte, hörte sie schon die vertrauten Klänge, die aus dem untersten
stockwerk drangen und sich in leisen, einschmeichelnden windungen den weg zu
ihrem Ohr bahnten. Der Schlangenbeschwörer spielte demnach gerade sein
Flageolett, wie er es so oft tat; die unwirklich hohen Töne der Flöte durchzogen
sanft, unaufdringlich, aber unaufhaltsamer als der Wind jeden Winkel des Anwe-
sens. Niemand vermochte sich gegen den Einfluß dieser eigenartigen Musik zu
wehlen, die sich in phantastischen Kadenzen halb klagend, halb liebkosend in die
Seelen der Bewohner schlängelte.
Fanny, die die betäubende wirkung des Flageolettspiels bereits seit vielen Jah-
ren kannte, wußte nicht, ob sie das Instrument lieben oder hassen sollte.
,,Da bist du ja endlich, Mutter!" wurde sie ungehalten von ihrer Tochter Isobel
begrüßt, die geschäftig auf der Veranda hin und her lief. ,,Hast du etwa vergessen,
daß heute Tusitalas großer Tag ist? Zunttrauen wäre es dir. Tusitala hat nach dir
gefragt, mehrmals schon. Du mußt dich noch umziehen!"
Plötzlich stieg Zorn in Fanny auf. Wie kam Belle dazu, so mit ihrer Mutter zu
reden? Belles an Schwachsinn grenzende Verehrung flir ihren Stiefoater ließ sich
manchmal kaum ertragen; aber daß sie auch noch im trauten Familienkreis den
ihm von den Eingeborenen verliehenenTitel benutzte, als sei es sein Taufname ...
das ging Fanny dann doch zu weit.
Fannybeschloß, den charme seines Flötenspiels mit Gewalt zu ignorieren. Nur
so konnte man sich hier Gehör verschaffen.
,,Louis, um der Barmherzigkeit willen", flehte sie durch das Fenster zu ihm
hinein, ,,hör mit dem schaurigen Quieken auf. Die schweine für das Festmahl sind
längst geschlachtet,"

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Abrupt endete das Spiel drinnen in der Bibliothek. Einige Sekunden lang hensch-
te völlige Stille, dann begann ein höllisches Spektakel, ein infernalischer LZirm,
der Fanny z\ tdng, sich mit aller Kraft die Hände vor die Ohren zu pressen. Wild
und schrill jagten die hohen Töne des Flageoletts einander in den tollsten Disso-
rLanzen, bis man tatsächlich glauben konnte, im Haus würde gerade jemand unter
unsäglichen Qualen niedergemetzelt und dies seien seine jämmerlichen Todes-
schreie. Ein paar Momente dauerte das Konzert, dann schwieg das Instrument
endgültig. Fanny wußte, daß dieser kleineAusbruch ihr gegolten hatte. Louis be-
nahm sich häufig wie ein verzogenes Kind, das unbedingt das letzte Wort behalten
mußte, besonders darur, wenn Fanny ihm die Flötentöne auszutreiben wagte. Aber
ohne durch das Fenster zu schauen, wußte sie auch, daß Louisjetzt sein eigentüm-
liches Lächeln aufgesetzt hatte, jenes etwas schiefe, hintergründige Grinsen, das
schon in Frankreich ihren Sohn Lloyd dermaßen für ihn eingenommen hatte.
,,Mama", hatte der kleine Lloyd damals voller Angst und Wonne geflüstert, ,,der
Mann da sieht aus wie der böse Wolf im Märchen!"
Fanny wandte sich vom Bibliotheksfenster zurück zu ihrer Tochter Isobel. Ge-
rade hob sie zu fragen an, ob schon alles für das Fest gerichtet sei, als Belle aufge-
regt mit dem Finger in Richtung Tor deutete.
,,Da kommen schon die ersten Gäste! Mutter, ich bitte dich, beeil dich mit dem
Umziehen! Du als Gastgeberin ..."
Fanny drehte sich übenascht um. Tatsächlich: Vier der Geladenen, alle zu Pfer-
de, betraten in Zweierreihen das Grundsttick. Es waren die wenigen Weißen, die
Louis auf seinenAusritten angetroffen, für interessant genug befunden und herbe-
stellt hatte. Zwei ältliche Fräulein waren darunter, demAussehen nach Englände-
rinnen; des weiteren der Kapitän des Postschiffes sowie ein stämmiger Mann mitt-
leren Alters, den Fanny nicht kannte. Er saß wie ein Mehlsack auf dem kleinen
Inselpferd und blickte ein wenig unglücklich drein - offenbar bescherte ihm das
Reiten keine rechte Freude. Demnach war er höchstwahrscheinlich wederAmeri-
kaner noch Engländer.
,,Das ist mal wieder typisch!" schimpfte Fanny. ,,Von den Weißen zumindest
sollte man erwarten därfen, daß sie sich an die ausgemachte Zeit halten. ,Nicht
vor Einbruch der Dunkelheit', haben wir doch ausdrücklich gesagt!"
,,Schau dich um, Mutter", meinte Belle darauf nur trocken.
Fanny stutzte, tat dann aber wie ihr geheißen.
,,Oh-oh." In den vergangenen Minuten hatte sich die Dämmerung in Finsternis
verwandelt. Fanny hatte die Besucher nur deswegen so deutlich erkemen können,
weil neben jedem der Gäste zwei fackeltragende Bedienstete einherschritten.
,,Ich bin schon weg", rief Fanny ihrer Tochter über die Schulter zu und eilte ins
Haus. Dann fiel ihr etwas ein. Sie streckte noch einmal den Kopf aus derTüröffirung.

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,,Begrüß du die Leute, sei so lieb. Und sag deinem Stiefrater Bescheid. Er ist
sicher schon gestiefelt und gespornt."
,,,{ber ich kann doch nicht ..." Belle wollte noch etwas sagen, doch Fanny war
längst im Haus verschwunden.
Fanny hetzte an der Bibliothek vorbei, die Treppe hinauf zum ersten Stock, wo
sich ihr Ankleidezimmer befand. Dort angekommen, machte sie sich nicht die
Mtihe, ein Licht anzuzänden; wenigstens ihre Garderobe hatte sie wohlweislich
heute morgen schon zurechtgelegt. Während sie sich die vom Schweiß durchnäß-
ten Kleider vom I eib schälte, warf sie regelmäßige Blicke auf die Rasenfläche
draußen. Im Schneckentempo nZiherten sich die Reiter der Veranda. In einiger
Entfernung vom Haus stiegen sie nun ab und überließen ihre Pferde den
eingeborenen Begleitern, Tusitalas Untertanen, die die Tiere wegführten und ver-
sorgten. Andere Bedienstete nahmen ihren Platz ein und geleiteten die Weißen
unter fröhlichen ,,Talofa"-Rufen ins Haus. Der Rasen war übersät von teichtfijSig
hin und her huschenden fackeltragenden Gestalten.
Fanny beschloß nach kurzer Überlegung, sich trotz der vorgeschrittenen Stun-
de nicht mit einer Katzenwäsche zu begnügen; sie fühlte sich von den Anstren-
gungen des Tages ausgelaugt und ließ sich für ihre gründliche Körperpflege mehr
Zeit, als sie sich erlauben konnte. Das KokosöI, mit dem die Eingeborenen sich
gewöhnlich einrieben und das ihren braunen Leibern einen fast unirdischen Glanz
verlieh, vertrug Fanny zu ihrem Leidwesen nicht. Ihre Haut litt täglich mehr in
diesem Klima; oft befielen sie grundlos regelrechte Schweißausbrüche, während
ihr Mann, wie es die Briten so treffend auszudräcken verstanden, stets kühl blieb
wie eine Gurke.
Endlich war Fanny für die Festlichkeiten eingekleidet und machte sich auf den
Weg ins Erdgeschoß, wo, wie sie wußte, ihr Mann mit den wenigen Weißen auf
die eingeborenen Gäste wartete. Am heutigen Tage würde ein rundes Dutzend
Häuptlinge Tusitala die Ehre geben; das wäre an sich nichts Besonderes mehr
gewesen, hätten sich unter den Geladenen nicht auch drei Gefolgsleute von König
Mataafa befunden, die Louis und Fanny vor einigen Monaten unter recht dramati-
schen Umständen kennengelernt hatten. Sie schienen Louis ganz besonders ans
Herz gewachsen zu sein, denn er zeigte seit Wochen Ungeduld.
Aus einern der unteren Räume drang blauer Rauch nach draußen. Fanny lä-
chelte. Das war kein Grund zur Beunruhigung. Der Qualm bewies, daß sich unter
Louis'weißen Geburtstagsgästen keine Tabakverächter befanden. Fanny selbst,
Louis, Lloyd und sogar Belle rauchten daheim und auf Reisen wie die Schlote;
Louis hatte einmal, nachdem ihnen auf ihrer Yacht ,,Casco" der Tabakvonat aus-
gegangen war, mit himmelwärts verdrehten Augen bemerkt, er könne unter Um-
st2inden sein Leben ohne Fleisch und ohne Mehl fristen, aber niemals - niemals! -
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ohne seinen geliebten Tabak. Das war einer der Grtinde gewesen, warum Louis sofort
eine garue Plantage seiner bevorangten amerikanischen Sorte hatte anlegen lassen.
Fanny hörte Louis bereits von der Treppe aus. Offenkundig hatte er sich in der
Runde seiner Gäste längst warmgeredet.
,,... besuchte ich vorkurzem eine weiße Dame und mußte zu meinem Ent-
setzen bemerken, daß die armen jungen Dinger in ihrem Haushalt von ihr dazu
gezwungen wurden, europäische Kleider nrtragent. Ich machte ihr diesbezüglich
natürlich Vorhaltungen. Stellen Sie sich vor, was sie mir zur Rechtfertigung auf-
tischt: ,Selbstverst?indlich sind meine Mädchen von Kopfbis Fuß bekleidet', sagt
sie, ,ich lasse keine Frau in meine Nähe kommen, die nicht überall verhüllt ist.'
Daplatzte mir der Kragen. ,Frau!' donnerte ich, ,ist dein Denken so verrottet, daß
du die Schönheit, die der allmächtige Gott geschaffen hat, nicht in der ihr eigenen,
gemäßen Form sehen und bewundern kannst? Verstehst du denn nicht, daß ihre
eigene Kleidung dem Klima und ihrer einfachen Lebensweise perfekt entspricht?
Und begreifst du nicht, weiße Frau, daß deine erste Untat nach der Landung auf
dieser schönen Insel darin besteht, ihre Seelen zu beschmutzen und ihre beschei-
denen Gedanken zu vergiften?' Ich glaube, der armen Frau klingen nach meiner
Zurechtweisung noch heute die Ohren."
Fanny hörte das leise Lachen der Anwesenden und trat nt ihnen in die Bi-
bliothek. Wie sie vermutet hatte, labten sich alle Gäste an den Leib-und-Magen-
zigarctten des Hausherrn und Geburtstagskindes. Auch die beiden englischen La-
dies beteiligten sich bereitwillig an der Darbringung des Rauchopfers. Daß ausge-
rechnet hier, inmitten der riesigen Regale voller wertvoller Bücher, so ausgiebig
Tabakqualm verbreitet wurde, störte den Besitzer der Kostbarkeiten nicht im ge-
ringsten - im Gegenteil. Die ledernen Einbände mußten sowieso mit mehreren
Firnisschichten überzogen werden, um sie halbwegs effektiv vor den Unbilden
der Witterung und vor den Insekten zu schützen, die sich überall einschlichen; wie
konnte ein zusätzlicher Schutz durch Räucherung da wohl von Übel sein?
Als Louis Fannys Eintreten bemerkte, nahm er sie galant bei der Hand und
stellte sie nacheinander denAnwesenden vor. Louis selbst satr wieder einmal pracht-
voll aus, bemerkte Fanny im stillen. Hochaufgeschossen und dün, wie er war,
machte er doch einen mehr als imposanten Eindruck aufjeden Menschen, den er
traf, Mann und Frau gleichermaßen. Seine aufrechte, gerade Haltung verriet den
Stolz seines Wesens; seine schwarzen, manchmal verwegen glitzemden Augen
inmitten dieses für einen Schotten auffallend dunkelhäutigen Gesichtes wirkten
bedrohlich und anziehend zugleich. Wieder mußte Fanny an einen frtiheren Ver-
gleich ihres Sobnes Lloyd denken, der immer schon ein unverbesserlicher roman-
tischer Schwärmer gewesen war: ,,Mama, der Mann da sieht aus wie ein mexika-
nischer Vaquero. Wann willst du ihn endlich heiraten?"

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Louis trug wie jedermann im Raum einen Blütenkranz aus betörend duftendern
Jasmin, was ihn womöglich noch abenteuerlicher erscheinen ließ. Auch Fanny
erhielt nun diesen Willkommensgnrß aus den H?inden eines ihrer Mädchen, das
den hier üblichen Lavalava trug - und nichts sonst. Fanny blieben die erstaunten
Blicke der Ladies, die tatsächlich Engl?inderinnen aus Bristol waren, und beson-
ders des unwilligen Reiters von vorhin nicht verborgen. Letzterer, ein Franzose
namens Raoul Dupont, war noch ein Neuling, was das Inselleben betraf; dem
Wohlgefallen nach zu urteilen, welches er für das Mädchen Cipau an den Tag
legte, würde er sich allerdings r!cht bald auf Samoa einleben.
,,Ich muß Ibren Ausführungen von vorhin aus ganzem Herzen beipflichten",
sagte er nun lächelnd. Es war ein Lächeln, das Fanny gar nicht gefiel. ,,Gottes
Schönheiten sollte man in der natürlichen, ihnen gernäßen Form genießen dürfen.
Ich halte Ihre Bemühungen in dieser Hinsicht für exernplarisch. So ein - wie heißt
der Fetzen? - so ein Lavalava ist in der Tat viel praktischer alsjede Spielart euro-
p2üscher Kleidung. Aber wie in aller Welt sind Sie darauf gekommen, ihnen dieses
originelle Muster zu geben? Einfach bezaubemd, muß ich sagen."
Fanny bezog die letzte beifällige Bemerkung eher auf die Reize des Mädchens
als auf das Muster ihres Rockes. Sie sagte nichts. Sie wußte, daß auch Louis sich
mit Gewalt zusammenreißen mußte, la,enngleich aus einem völlig anderen Grund.
,,Ich sehe, daß Sie mit der Bekleidung der schottischen Hochlandbewohner nicht
unbedingt vertraut sind." Seine Stimme klang sanft. ,,Meine Leute tragen das kö-
nigliche Tartan-Muster des Stuart-Klans." Louis lächelte sein Wolßlächeln.
,"Ah. Ich verstehe." Der Franzose nickte, fügte aber nach einem Moment hinzu:
,,Und was hat dieses reizvolle Muster mit der Eigenart der Eingeborenen zu tun,
wenn Sie mir die Frage höflichst gestatten?"
Louis'Miene blieb unverändert freundlich, sein Ton mild, als er antwortete:
,].{un, das ist offensichtlich. Das Muster des Stuart-Klans paßt perfekt zu ihrer
bronzefarbenen Haut."
Einige Sekunden lang henschte verwirrtes Schweigery dann erfolgte allgemeines
Gelächter, in das Louis aus voller Kehle mit einstimmte. Seine schwarzen Augen
sprähten Funken.
Ein erstaunterAufschrei des vierten weißen Gastes unterbrach plötzlich diesen
trügerischen Heiterkeitsausbruch. Dupont und die Ladies aus Bristol wandten sich
abrupt zu der Quelle des Aufruhrs um. Samuel Clayborne, seit kurzem Kapit?in
des Postschiffes, das zwischen Samoa und den Neuen Hebriden verkehrte, haffe
sich, statt sich am Gespräch zu beteiligen, mit größter Aufrnerksamkeit in der
Bibliothek umgesehen. Die Regale, die der schottischen Geschichte vorbehalten
waren, fanden sein ungeteiltes Interesse, während er mit der Abteilung französi-
scher schöngeistiger Literatur offenbar nichts anzufangen wußte. Er hatte sich zu

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einer dritten Hauptsektion der umfangreichen Büchersammlung durchgearbeitet
und war gerade damit beschäftigt gewesen, jeden Buchdeckel eingehend zu stu-
dieren, als ein Band darunter seine besondere Neugier geweckt hatte. Dieses Buch
hielt er nun in der Hand.
Eswar Die Schatzinsel.
,,Sir." Claybornes Stimme klang belegt; es fiel ihm sichtlich schwer, seine Ge-
fühle auszudrücken. ,,Sir", sagte er zum wiederholten Male. ,,Verzeihen Sie mir
bitte. Meine Unwissenheit ist beschlimend."
,,Was sollte ich Ihnen denn verzeihen, guter Mann?" fragte Louis, der dieAnt-
wort kannte. Szenen wie die, welche unfehlbar folgen würde, spielten sich in Vailima
häufig genug ab.
,,Sir, ich bin ein ldiot. Da habe ich nun tausendmal gehört, daß auf Samoa ein
weltberühmter Romancier wohnt, und kenne Ihren werten Namen - und kann doch
zwei und zwei nicht zusammenzählen!" Der Kapitän war den Tränen nahe.
,,Wieso? Was ist denn los?" wollte Dupont wissen.
,,IJnser verehrter Gastgeber ist niernand geringerer als der große Robert Louis
Stev.enson!"
,,Ach so", nickte Dupont wieder. ,,Verstehe."

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Bevon onn sesrüRzrn Kapitän Clayborne Gelegenheit erhielt, weiter seine auf-
richtige Zerknirschung zu beteuern, stärzte plötzlich Isobel in den Raum. Auch sie
hatte ihre Kleidung gewechselt, wie Fanny mit einem Hauch von Wehmut zur
Kenntnis nahm: Das lange, enganliegende weiße Seidenkleid mit der wertvollen
Petitpoint-Stickerei, das in diesem Klima schon nach einer halben Stunde zu einer
unerträglichen Belastung werden und sich nach einer weiteren Stunde unweiger-
lich in einen schweißdurchtränkten Lumpen verwandeln wtirde,-ließ Isobel im
Augenblick noch erstrahlen wie eine frische Lilie. So kleidete sich normalerweise
eine junge Braut, fand Fanny.
,,Sie sind angekommen!" verkündete Isobel nun freudestrahlend. ,,Die Häupt-
linge und ihre Frauen sind da!"
IsobelsAugen suchten die ihres Stiefraters, doch sobald sich ihre Blicketrafen,
schaute sie sofort zu Boden und errötete bis in den Ansatz ihres langen, ebenmä-
ßig geschwungenen Nackens hinein. EinAusdruck rührender Unschuld lag in ih-
rem Gesicht und in ihrer Haltung, eine jungfräulich anmutende Mischung aus
Schamhaftigkeit und atemloser Erwartung, wie sie zu einer geschiedenen Frau
und Mutter eines kleinen Sohnes nicht recht passen wollte.
Louis schien das alles nicht zur Kenntnis zu nehmen. Genau wie er es Minuten
zuvor mit seiner Gattin getan hatte, nahm er nun Belles HZinde in die seinen und
führte die leicht widerstrebende junge Frau in die Runde seiner Gäste ein.
,,Dieses wunderschöne Geschöpf ist meine Tochter Isobel."
Fanny durchrieselte es kalt bei seinel Worten. Was sie verspärte, war nicht etwa
eine Aufivallung von Eifersucht - sie wußte oder glaubte zumindest zu wissen, daß
sie Belle und auch Louis bedingungslos verfauen konnte, was ihrer beider Respekt
vorder ehelichen Treue betraf. Andererseits war sie weit davonentfemt Louis'durch-
aus wohlbedachten Ausspruch als ein bloßes Zeichen väterlichen Stolzes zu deuten.
Warum sagte er nicht ,,meine Stieftochtet'', wie es nun einmal dan Gegebenheiten
entsprach, oderbesser noch,,unsere Tochter"? Belle sollte niernandem als sich selbst
gehören. Ihre Mutter stellte keine Besitzansprüche an ihren Nachwuchs, hatte es nie
getan. Belles Stiefuater hätte einen diesbezüglichen Vorwurf meilenweit von sich
gewiesen, und ein jeder seiner Bekannten w?ire flugs zur Stelle geeilt, um seine sprich-
wörtliche Selbstlosigkeit zu bestätigen und zu verteidigen. Und keiner von ihnen
hätte im entfemtesten geatrnt dalJ auch er Louis längst erlegen war - denn Louis
hatte
sich sein Leben lang als ein unendlich sanfter Eroberer erwiesen. Die Methoden je-
doch tinderten nichs am Resultat seiner Feldzäge.
Belle nahm noch immer die zahlreichen Komplimente entgegen, die man ihr
darbrachte, wobei sich die Kommentare der Bristoler Damen auf ihre erlesene

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Garderobe bezogen und die Schmeicheleien der Herren, obgleich dezent, eher auf
den Inhdt derselben abzielten. Die Blicke des Franzosen klebten fiirmlich an Isobels
schlanker, hochgewachsener Gestalt.
,,Ich störe das amüsante Geplauder nur ungern", fuhr Louis dazwischen und
beendete abrupt die Huldigungen. ,,Belle, mein Liebling, hast du zufiillig sehen
können, ob sich unter den Ankömmlingen die drei Häuptlinge befinden, die zu
König Mataafas Gefolgschaft gehören?" Erwartungsvoll sah er sie an.
Wieder richtete sich Belles Blick auf Louis, prallte formlich an seinen schwar-
zenAugen ab und schien nach einem imaginären Gegenstand auf dem Fußboden
zu suchen.
,,Ja, die drei Männer, auf die du wartest, sind bei ihnen."
,,Gut. Sehr gut." Louis rieb sich zufrieden die H?inde und drängte dann die
weiße Gästeschar zielstrebig aus der Bibliothek, indem er scherzhaft, aber täu-
schend echt die kehligen Lock- und Ermunterungsrufe eines schottischen Schal
hirten nachahmte. Alles lachte herzlich ob seines kapriziösen Einfalls. Fanny, die
sich vorkam wie das schwarze Schaf in dieser seltsamen Herde, gehorchte trotz-
dem und folgte dem Rest.
Draußen auf der breiten Veranda verharte die Gruppe auf Geheiß des Haus-
herrn eine Weile. Louis wartete dortganz bewußt so lange, bis die Häuptlinge, 13
an det Zahl, mit ihren Frauen den Rasen beinahe nt zvrei Dritteln überquert hat-
ten. Dann erst setzte er sich in Bewegung, indem er die verbleibende Strecke stol-
zen Schrittes und hocherhobenen Hauptes zurücklegte und nach seinem Marsch
jählings vor den Besuchern haltmachte. Fanny, die mit den anderen vorerst noch
beim Haus zurückgeblieben war, sah Louis und die Eingeborenen die für Festtage
üblichen überaus höflichen und aller Schlichtheit zumTrotz äußerst komplexen
Mllkommensgesten austauschen. Dabei fiel ihr auf, daß Louis die Häuptlinge der
Dörfer Malua, Vailele, Fangaloa und Nuutua, die er seit Jahren kannte und zu
seinen engen Freunden zählte, heute eigenartig stieftnütterlich behandelte: Diese
stolzen Männeq die Tusitala so aufrichtig liebten und verehrten, daß lediglich ihre
hohe Stellung sie zu zwingen vermochte, jedes Zeichen ausgesprochener Unter-
würfigkeit in der Öffentlichkeit tunlichst zu verrneiden, wurden nun mit einigen
belanglosen Floskeln abgespeist und alsdann von Louis nicht weiter beachtet. Die
drei Häuptlinge hingegen, die von der Nachbarinsel Savaii stammten und heute
clas erste Mal beim großen Tusitala zu Gast waren, empfing der Herr des An-
wesens mit ausgesuchtester Liebenswürdigkeit und größtem Respekt - sogar mit
lihrerbietung.
Schon durch ihre Kleidung und ihren Schmuck hoben sich die drei Neulinge in
'lusitalas Reich von den übrigen Stammesfürsten ab, obwohl der Unterschied al-
les andere als augenfüllig war. Ein Kopfoutz aus rotenVogelfedem oder eine Ket-
te aus Walzähnen genügten, um die Träger als Bewohner derNachbarinsel auszu-
weisen. Beide Attribute vereinigten aber auch bereits das Höchstmaß an Prunk in
sich, das ein Herrscher der Inseln jemals zur Schau stellte. Anders als ihre Unter-
tanen nämlich, die noch die auf den ersten Blick unmöglichsten Gegenstände zur
äußerlichen Verschönerung za rutzen verstanden, verkörperten die ehrenwerten
M?inner eine für die farbenfrohe Inselwelt geradezu untlpische Schlichtheit. Fanny
kam ihr Hausboy Tuvale in den Sinn, der vor Jahren das Gepäck der älteren Mrs.
Stevenson, Louis' Mutter, ausgepackt und dabei eines ihrer gestärkten, spitzen-
besetzten Häubchen entdeckt hatte. Un{ähig, angesichts solch übermenschlicher
Henlichkeit zu widerstehen, hatte er das gute Stück an sich genommen und eine
Zeillang versteckt - nicht aus Angst vor Bestrafung, sondem um dem Neid der
anderen zu entgehen -, bis er es schließlich nicht länger aushalten konnte und die
Haube, seinen stolzesten Besitz, bei der Gartenaöeit aufsetzte. Königin Victoria
wäre bei seinem Anblick ohne Zweifel erblaßt ... doch ob vor Neid, ließ Fanny
wohlweislich dahingestellt
Auf einen Weißen, der solcherlei Ausbrüche von Putzsucht auf Samoa täglich
zu erleben die Gelegenheit hatte, mußte die Zurückhaltung der Häuptlinge einen
um so tieferen Eindruck machen. Sie wurden ihrem Status vollauf gerecht und
wirkten sogar hoheitsvoller als manöher europäische Monarch, denn sie verban-
den auf unnachatrmliche Weise die angeborene Anmut ihrer einfacheren Lands-
leute mit jenem gravitätischen Betragen, das ihrAmt ihnen eingab. In der Kombi-
nation beider Elemente lag der wahre Ausdruck ihrer Macht begrändet. Die ein-
heitliche Tracht, die aus einem simplen Wickelgewand bestand, welches sich von
der Brupt bis hinunüer zu den Waden ersteckte, unterstrich durch ihre unaufrlringli-
che Eleganz die schlichte Würde ihrer Tr?iger. Das Kleidungsstück war blütenweiß.
Und so standen sich Hausherr und Gäste auf dem Rasen inmitten einer fak-
kelbeleuchteten Arena gegenüber, beide Parteien in strahlendstes Weiß gekleidet,
wie eine bizane Spielart von Revolverhelden, die sich, statt einen Kampfmit Waffen
auszutragen, in der blendenden Helligkeit ihrer Gewandung zu übertreffen such-
ten. Doch während die Häuptlinge in Wahrheit nichts dergleichen beabsichtigten
und dem Gastgeber arglos, ohne Hintergedanken ihre Reverenz bezeugten, war
sich Fanny nicht so sicheq was Louis Tusitala anbelangte. Er trug seine auch bei
Ausritten bevorangte Kluft: ein weißes, weites Hemd, das zum einen seinen aus-
gemergelten Oberkörper verhüllte und zum anderen seiner Vorstellung von
Seeräubernoblesse perfekt entsprach; eine weiße Baumwollhose, weit geschnitten
nach Art der südamerikanischen Viehbarone. Die einzigen Farbtupfer in dieser
Aufrnachung bildeten seine schwarze Schtirpe, die er sich wie einen Kummer-
bund um die Taille geschlungen hatte, und seine vom Hausboy auf Hochglarz
polierten schwarzen Reitstiefel. Darüber hinaus genoß Tusitala bei friedlichen,

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freundschaftlichen Konfrontationen wie der heutigen stets einen unschätzbaren
Vorteil: Er übenagte jeden seiner Gäste um Hauptesl?inge.
Fanny betrachtete die Szene, versenkte sich ganz in den spektakulärenAnblick,
Da, schlagartig, wurde ihr eine fundamentale Erkenntnis zuteil. Plötzlich wußte
sie, warum Louis niemals am eigenen Leib das seinen Leuten verordnete Tartan-
Muster trug, Hoheitszeichen der Stuarls und Erinnerung an sein watres Zuhause.
Er selbst war hier ein Häuptling unter Häuptlingen. Während aber die anderen
sich der traditionellen Kleiderordnung unterwarfen, beanspruchte Louis sie für
sich und seine Zwecke - machte sie sich nutz- und dienstbar.
Fanny war dermaßen in das Schauspiel versunken, daß es eines recht unsanften
Stoßes durch ihre Tochter bedurfte, sie aus ihrer Trance zu reißen. Sie blinzelte
irritiert, schaute in die Runde und vergewisserte sich, daß die übrigen Weißen sich
inzwischen den Eingeborenen angeschlossen hatten, welche nun unter Führung
Tusitalas auf eines derNebengebäude zumarschierten. Um ein Haarhätte man sie,
Fanny, hier auf der Veranda vergessen! Noch im letzten Novembeq exakt vor ei-
nem Jahr also, hatte Fanny unter lauten, fröhlichen Segensrufen an Louis' Seite
die feierliche Prozession angeführt ...
,,Komm mit mir, Mutter"; befahl Belle schroffund griffnach Fannys Hand, als
sei sie eine willenlose Invalidin. Das ging Fanny denn doch zu weit. Mit einem
Ruck riß sie sich von ihrer Tochter los, bemühte sich allerdings gleichzeitig, mit
der hastig Davoneilenden Schritt zu halten.
,,Hast du dir die Häuptlingsfrauen angesehen, Mutter? Sag selbst: Ist ihr Auf-
zug nicht wieder zum Schreien komisch?"
Fannywar insgeheimübenascht, daß Bellenicht ihreungeteilteAufinerksamkeit
auf den großen Tusitalakonzenfrerthatte, doch sie hütete sich, den Gedanken laut
nuszusprechen.
,,Nein, auf die Frauen habe ich nicht geachtet. Sie standen am Rand, außerhalb
tles Lichts - man konnte sie kaum sehen."
,,Na, du kennst ja ihre Festtracht. Matten, nichts als Matten, diese unformigen
l)inger aus Maulbeerbaumborke. Eine der Damen hat sich mindestens zehn Sttick
davon um ihren dicken Bauch gewickelt und wirkt ungefätr so anmutig, als ginge
$ie mitAchtlingen schwanger. Aber du wirst die Gute gleich näher inAugenschein
nehmen können," Belle erz?ihlte munter in einem fort, ohne ihr Tempo auch nur
um einen Deut zu verlangsamen. Sie freute sich auf das Festessen im Kreis der
vielen Gäste - doch mehr noch auf die Worte und Werke Tusitalas des Prächtigen,
tlcssen göttliche Anwesenheit dem gesellschaftlichen Ereignis der Saison ihren
Stempel aufdrticken sollte.
Es hatte sich einst, vor langer Zeit, im Ratrmen eines ähnlichen Festmahls zu-
gctragen, daß Louis diesen seinen Namen aus dem Mund eines Häuptlings emp-

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fangen hatte. Kurz darauf schon war sein Ruf wie Donnerhall gewesen, und wer
immer das Zauberwort hörte, erstarrte in Ehrfirrcht. Bei vergleichbaren Gelegen-
heitenhäfte somancherBewohner Spaniens oderderKarpatenvielleichtdas Kreuz-
zeichen geschlagen oder die Finger vorsorglich gegen den bösen Blick gespreizt,
überlegte Fanny bisweilen. Auf Samoa hielt man es im allgemeinen für effektiver,
einem mächtigen Geist respektvoll zu dienen, als vorwitzig einen aussichtslosen
Kampf gegen ihn zu führen, wie die Christen es gewöhnlich taten.
Fanny konnte sich noch genau daran erinnern, wie sie ihr erstes samoanisches
Dienstnädchen, das anfangs kein einziges englisches Wort sprach, nach der Be-
deutung des Namens gefragt hatte. Die Erklärung war unendlich mühsam vonstat-
ten gegangen, aber zum guten Schluß hatte Fanny alles begriffen, wie sie damals
in ihrer Anmaßung glaubte. Heute war sie sich nicht mehr sicher. Das Mädchen
Tamaitai wußte sich recht geschickt mit Gesten verständlich zu machen und ent-
wickelte besonders bei der Deflrnition abstrakter Begriffe erstaunliche Phantasie
und großen Einfallsreichtum. Zunächst einmal galt es abzuklären, daß das Wort
,,Tusitala" eigentlich aus drei Ideen zusammengesetzt war. Das erste Konzept,
,,Häuptling", vermittelte Tamaitai, indem sie eine strenge, unendlich würdevolle
Miene aufsetzte, die in solch krassem Widerspruch zu dem kindlichen Gesicht des
Mädchens stand, daß Fanny unwillkürlich laut aufgelacht hatte. Der Zweck war
erfüllt: Fanny hatte die gewünschte Bedeutung erfaßt. Als nächstes kam der Be-
griff,,weiß" an die Reihe. Tamaitai hatte sanft Fannys Hand genommen und sie
zum Vergleich neben die ihre gehalten: vergebens. Das Mädchen wußte schnell
Rat und bestrich ihre von Natur aus honigfarben getönte Haut mit einer dicken
Schicht feuchter, dunkler Erde. Dieser Kontrast war sogur für Fanny, die soeben
erst den Trubel der Zivilisation hinter sich gelassen hatte und sich auf dieAusdrucks-
form der reinen Zeichensprache noch nicht verstand, aussagekräftig genug ge-
wesen. Das dritte Rätsel erwies sich als eine weit härtere Nuß.
Die Vorstellung von,,Wissen" oder,,Kunde", die Samoaner gemeinhin hegten,
war ohnedies fremdartig genug für den zivilisieden weißen Verstand. Der Samoa-
ner, so wußte Fanny, natrm gewissermaßen jedes ihm mitgeteilte Wort flir bare
Münze und faßte den Inhalt als Wirklichkeit auf. Was immer gesagt wurde, ent-
sprach unweigerlich einer Tatsache; die Eingeborenen machten keinen Unterschied
zwischen erdachten Geschichten und realen Begebenheiten - weil sie einen sol-
chen Unterschied gar nicht kannten. Louis galt aus diesem Grunde keineswegs als
eineArt MZirchenerzähler, sondern als eine unerschöpfliche Quelle an Wissen, ein
sprudelnder Brunnen voller Nachrichten aus der Fremde. Seine ,,Kunde" entsprach
der reinen Wahrheit.
Wiehatte sichFanny damals amüsiert, als Tamaitai ihrdie entsprechendeTheorie
vermittels Zeichensprache kundtun wollte! Zuerst beschrieb sie mit beiden Hän-

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den den Umriß eines riesigen Ballons über ihrem flachen Jungmädchenbauch, um
eine Schwangerschaft anzudeuten. Diesen unsichtbaren Ballon führte sie mit bei-
den Händen zu ihrem Kopf und blies zusätzlich die Backen auf, um zu demon-
strieren, daß auch der Kopf, zum Bersten angefüllt mit stlindig wachsendem In-
halt, kurz vor einer befreienden Geburt stand. Dann öffnete sie den Mund sperran-
gelweit, griffmit den Fingern blitzschnell hinein, immer und immer wieder, als
wolle sie etwas zwischenZunge und Zähnen herausholen, was sich zuerst gegen
ihre Bemühungen sperrte und kurz darauf von selbst zu fließen schien wie ein
unaufhaltsamer Strom. Das war der Redefluß! schoß es Fanny dabei durch den
Sinn. Und so war es auch. Die überschüssige Kunde verließ den armen, gequälten
Wissenden, bevor er von ihr aufgebl?iht wurde, bis er platzen mußte. Auf diese
Weise haffe zumindest Fanny die ;,Nebenwirkungen" der Kunde gedeutet. Von
Louis jedenfalls wußte sie definitiv, daß er wtirde sterben müssen, wenn er keine
Möglichkeit mehr flinde, seine Kunde regelmäßig vor einer gespannten, in seinen
Zauberbann geschlagenen Zuhörerschaft auszubreiten. Die Resonanz, welche von
seiner Leserschaft daheim in Schottland zu ihm drang - und von seinen Anhän-
gern im Rest der zivilisierten Welt -, bedeutete ihm zwar im Grunde weit mehr als
das gläubige Staunen der Insulaner, doch sie war zu seinem Leidwesen nicht greifbar
genug. Die Faszination in den Gesichtern seiner schottischen Leser würde er nie
mehr mit eigenenAugen sehen können.
Auf diese originelleWeise also warFanny derName ihres Mannes nähergebracht
worden: ,,Häuptling" - ,,weiß" -,,Kunde". Was Fanny erst sehr viel später be-
schäftigen sollte, war die völlig ungeklärte Frage, was die Kombination der drei
Elemente beinhaltete. War Louis nun der,,weiße Häuptling des Wissens" - oder
etwa, wenn man die Reihenfolge leicht veränderte, ein Herr der weißen Kunde?
Louis, selbst ein Meister des gesprochenen und geschriebenen Wortes, hätte Fannys
Überlegungen sofort als woftklauberische Spitzfi ndigkeit abgetan . . .
,,Mutter! Da bist du ja endlich!" schallte es Fanny vom Eingang des hölzernen
Nebengebäudes, in dem wie immer das üppige Bankett stattfand, laut und barsch
cntgegen. Im ersten Moment glaubte Fanny, Isobel habe gerufen; dann sah sie
ihren Sohn Lloyd in der geöffneten rohgezimmerten Tür stehen, die breiter war als
alle Stalltore auf den Farmen von Indiana, dem Heimatland ihrer Kindertage. Lloyd
winkte seine Mutter mit ebenso ungelenken wie ungeduldigen Fuchtelbewegungen
seiner überlangenArme herbei. Seine randlose Brille glitzerte im Schein der Fak-
kcln, die in einem Halbkreis außerhalb des Eingangs zur Hütte angebracht waren.
'lhgsüber sah Lloyd mit den Augengläsern, die nur einen unzulänglichen Aus-
gleich für seine angeborene Kurzsichtigkeit darstellten, wie ein altersschwacher
Maulwurf aus, der kaum noch aus seinem Bau an die frische Luft drang. Heute
nacht, im trügerischen Flackerlicht jedoch, wirkte er auf Fanny wie ein verzerter
Doppelgänger jenes Mannes, welcher nicht sein leiblicher Erzeuger war und ihn
doch zu pragen wußte, wie kein Vater sonst es vermochte.
,,Mutter! Alle warten auf dich! Wo bleibst du nur immer so lange?" Obwohl
Lloyd in Fannys Ohren klang wie das unfreiwillig komische Echo seiner älteren
Schwester Belle, war ihr durchaus nicht zum Lachen zumute. Der impertinente
Ton, den ihre Kinder sich neuerdings ihr gegenüber herausnahmen, verletzte sie
tief. Fanny baute darauf, daß Louis sich eher die Zunge abgebissen hätte, als ein
einziges abfälliges Wort über seine Frau zu äußern: Doch zeigte er sich, wenn er
überhaupt einmal anwesend war, allzu besorgt, allzu fürsorglich um sie bemüht
und gab damit den Kindern zu verstehen, daß irgend etwas mit ihrer Mutter nicht
stimrnte. Was bei Louis letzten Endes aber echter Zuneigung entsprang, wurde
von Lloyd und Belle gnindlich mißverstanden. Herablassung war das Ergebnis.
Und dieser junge Mann vor ihr, der sich aus freien Stticken zu einem miß-
lungenen Abziehbild seines Stiefuaters degradiert hatte, wagte es doch tatsäch-
lich, ganz wie seine ins Backfischalter zurückgefallene Schwester die eigene Mut-
ter vor aller Augen und Ohren zurechtzuweisen! Fast hätte Fanny sich vergessen
und zu diesem unpassendsten aller Zeitpunkte einen Streit vom Zaun gebrochen,
als ein winziges Detail an ihrem respektlosen Sprößling sie innerlich auflachen
ließ und sie augenblicklich mit seiner fehlenden Liebenswtirdigkeit aussöhnte.
Lloyd erduldete heute wahrlich einen herben Verlust! Der jahrelange erbarmungs-
würdige Versuch, sich denselben Bart wachsen zu lassen wie Louis - eine üppige,
wenngleich sorgfültigst zurechtgestutzte Haartracht nachArt des Herzogs Wallen-
stein -, hatte ein Ende gefunden, und zweifellos eines mit Schrecken: Ohne einen
vernichtenden Kommentar des Vorbildes hätte Lloyd sich nicht von einem solch
markanten Merkmal getrennt, das beide für jedermann sichtbar vereinen sollte!
Lloyd ließ nicht locker. Er drängte und zog sie. Was hatte er nur vor? Warum
setzte er sich nicht einfach an seinen angestammtenPlatz, neben seine Schwester
und ihren kleinen Sohn, und überließ Fanny sich selbst? Den Weg hinein würde
sie allein finden; soviel durfte er getost von ihr erwarten.
,,Du sitzt heute abend neben Louis, nehme ich an?" fragte Lloyd gedehnt, mit
angeshengt geheuchelterAusdmckslosigkeit in der Stimme. Fanny erstarte zur Salz-
säule. Nun verstand sie seine Absicht. Lloyd fand es dernnach an der Zeit, seine
Mutüerzu ersetzen. Dergehorsame Sohngedachte den Glorienschein seines allmäch-
tigen Herm zu teilen - zur Rechten des Vaters wollte er sitzen, in seinern Königreich.
Den Teufel würde er tun.
,,Natrirlich sitze ich neben meinem Mann. Was für eine überflüssige Frage! Wo
sonst ist wohl der Platz einer Ehefrau?"
Lloyd zuckte merklich zusaülmen bei dieser spontanen, deutlichen Antwort.
Seine Eulenaugen hinter den dicken Brillengläsern zwinkerten vorNervosität und

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verhaltener Empörung, Er war inAnbetracht aller krampftraften Bemifüungen ein
über die Maßen schlechter Schauspieler, Für diesen speziellen Mangel an Bega-
bung allerdings liebte Fanny ihren Sohn ungeachtet seiner sonstigen Fehler abgöt-
- -
tisch. Trotzdem oder eher deswegen verspärte sie nicht die geringste Lust,
seiner neuesten Unverschämtheit nachzugeben. Spitzbübisch lächelte sie ihrem
Sohn ins Gesicht und schritt ihm voran in den weit geöffneten Festsaal. DerAppe-
tit auf die Köstlichkeiten, die drinnen auf sie warteten wie in jedem der vergange-
nen Jahre, war ihr leider schonjetzt gründlich vergangen.
Doch als sie endlich den riesigen Raum betrat und die Tafel erblickte, die ihre
Diener am späten Nachmittag aufgebaut und festlich geschmückt hatten, entfuhr
ihr ein Laut des Entzückens. Sie hatte geglaubt, die regelmäßig sich wiederholen-
de Zeremonie genau an kennen und vor Überraschungen, guten wie schlechten,
gefeit zu sein; dabei hatte sie die Erfindungsgabe und den kindlichen Enthusias-
mus ihrer Bediensteten grändlich unterschätzt. Cipau, die inzwischen verheiratete
Tamaitai und ihre Gefiihrtinnen suchten sich ständig selbst zu übertreffen und ge-
genseitig zu überbieten, was ihnen bei der Vorbereitung des heutigen Festrnahls
eindeutig gelungen war. Strenggenommen handelte es sich bei demArrangement
von Speisen und Dekoration natürlich nicht um ein ,,Bankett", weil es keinen Tisch
gab - am ehesten konnte man das Ensemble mit einem gigantischen überdachten
Picknick vergleichen. Aufeiner sechs Fuß breiten und beinatr fünfzig Fuß langen
,,Decke" aus übereinandergelegten Palmblättern befanden sich die erlesensten
Speisen, die auf der Insel zu finden waren, in einer nie zuvor erlebten Pracht und
Fülle. Die Brotfüichte, Kokosnüsse, Yam-Wurzeln, der Taro und die Bananen,
ausnahmslos makellose Exemplare, lagen nicht etwa einfach auf dieser Blätter-
decke ausgebreitet; die Bananen hatte man halb geschält, die Kokosnüsse ange-
bohrt und mit Trinkhalmen versehen, um den Gästen die Speisen wahrhaft mund-
gerecht zu servieren. Den Taro, eine schmacltrafte und vielseitig verwendbare
Knollenfrucht, fand man in fünferlei Variationen vor: gebacken wie Kartoffeln,
zerstampft und mit Kokosnußmilch schaumig geschlagen, gedünstet, gekocht und
mariniert. In vorgekauter Form war er heute nicht vorhanden, denn die Häuptlinge
waren jung und gesund und besaßen wahrscheinlich noch die meisten ihrer Z?ihne
- und falls nicht, hatten sie schließlich ihre Frauen dabei. Auch Palusame, eine
hcgehrte Delikatesse aus Taroblättern und Kokosnußsahne, gehörte zu den Früch-
tcn und Gemüsegerichten. Vor jedem einzelnen der Gäste lag, sozusagen als
l{orsd'ceuvre, ein Bananenblatt mit riesigen Gamelen darauf. Was den farben-
prächtigenAnblick aber ins Phantastische steigerte, waren die Blumenund Blüten-
gewinde, die sich, nur scheinbar ungeordnet, in perfekter Harmonie durch die en-
gcn Täler entlang der Berge von Nahrungsmitteln schlängelten, als wüchsen sie
wie Ranken unmittelbar aus dem Boden hervor. Scharlachroter und cremefarbe-
ner Hibiskus, lieblich säß duftende Ingwerblüten, betörender weißer Jasmin be-
deckten jeglichen freien Zoll dieses Gesamtkunstwerks. Auch die W?inde und Ttir-
pfosten hatten ihren Teil der blumigen Verschönerung abbekommen. Üppige Gir-
landen beherrschten den gesamten Innenraum.
Ohne es selbst recht zu bemerken, hatte sich Fanny neben Louis auf den Boden
gehockt und die Beine gekreuzt. Das Paar saß am Kopfende des Bananenblatt-
Tischtuches, nah am Eingang. Louis nahm Fannys Hand in die seine und strahlte
sie an. Seine Augen leuchteten vor kindlicher Freude, und diese Art von Glanz
liebte Fanny an ihnen: Es gab nur wenige Momente, in denen sich Louis den ihm
Nahestehenden wirklich öffnete, obwohl er viel und gern redete. Dies hier war ein
solcher Augenblick, kostbar und köstlich ob seiner Seltenheit.
Viel zu schnell verging die Sekunde völliger Eintracht, da der Hausherr von
allen Seiten abgelenkt wurde. Fanny war wieder sich selbst überlassen und gab
sich ihren Gedanken hin. Einer davon hatte sie schon seit jeher beschäfrrgt. Wie in
allerWelt, fragte sie sich oft, konnten sich die Eingeborenen mit nie versiegender
Inbrunst an Speisen erfreuen, die ihnen geradem in den Mund wuchsen, Gerich-
ten, die sich im Grunde genommen kaum nennenswert voneinander unterschie-
den? Wieso ging diese Vorliebe so weit, daß zu größeren Zusammenktinften diesel-
ben Früchte als Geschenke mitgebracht wruden, die man an jedem beliebigen Treff-
punkt, im Umlcreis von höchstens 30 Fuß, ebensogut hätte frisch pflücken können?
Fanny würde die Frage nie zufriedenstellend beantworten, das war ihr klar. Ihr
Trost bestand darin, daß die Sache sich bei dem mit Abstand wichtigsten, beliebte-
sten Bestandteil des Festrnalrles ganz anders verhielt. Der unumschränkte Favorit
aller Samoaner war das Schweinefleisch. Huhn oder Ente konnten mit dem Schwein
nicht konkurrieren; Rindfleisch emtete gar allgemeines Naseriimpfen. Schweine
hingegen liebte man in ganz Polynesien. Fanny hatte selber miterlebt, wie Schiff-
brüchige, vor die schwere Watrl gestellt, Säugling oder Schwein zu retten, letzte-
rem unweigerlich den Vorzug gaben. Nun, heute würde ein jeder Eingeborene auf
seine Kosten kommen, denn das Bananenblatt-Bankett wartete mit einer Fülle an
gebratenen Tieren auf, unter der sichjeder Tisch gebogen hätte. Fast zwei Dut-
zend kleinere Exemplare waren urtlang dem Rand verteilt, etwa spanferkelgroß,
aber auf samoanische Art zubereitet - ,,fM Samoa". Die Dienerschaft hatte zu
diesem Anlaß eine Reihe von Erdlöchern gegraben, sie zur Hälfte mit Steinen
aufgefüllt, daraufein Feuer entfacht und unterhalten, bis die Steine glühendheiß
wurden. Dann hatten sie die Asche entfemt, die kleinen Schweine fest in Ba-
nanenblätter eingewickelt und die rotglühenden Steine über sie gehäuft. Nach er-
staunlich kurzer Zeitwarendie Tiere gar. Fanny erinnerte diese Art der Zubereitung
an die Kochktinste europäscher Zigeuner, die auf 2ihnliche Weise Igel brieten.
Beide Methoden zeicbneten sich durch ihre köstlichen Ergebnisse aus.

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Einer der Häuptlinge warf zunehmend begehrliche Blicke auf die Mitte der
Tafel, wo das unumstrillene piöce de rösistance thronte: ein wahres Ungeheuer
von einem Mastschwein, das die restlichen Exemplare mühelos in sich hätte ver-
einigen können. Das ausschließliche Mastfutter für Schweine bestand auf Samoa
aus Kokosnüssen, und die Tiere gediehen prächtig bei dieser Nahrung. Sie hatte
nur einen Nachteil - zudem einen Nachteil, der niemanden außer Fanny zu betrü-
ben schien: Alles war viel zu säß für Fannys Geschmack. Oft lechae Fanny nach
Pikantem und bekam doch immer nur süße Bananen, süße Brotfrucht, ja sogar
süßlich schmeckendes Krabbenfleisch. Es gab anscheinend nicht genug Salz auf
ganz Samoa, um Taro-Wurzeln wirklich würzigzvntbereiten. Und wenn sie dann
das Glück genoß, ein Schwein von solchen Dimensionen vorgesetzt zu bekom-
men, wußte Fanny doch von vornhereirl, daß das Fleisch süßlich sein würde, bei-
nahe so süß wie das der Kokosnuß. In Vailima naschte Fanny ohne Umschweife
direkt aus dem Salzfaß; in freier Natur lutschte.sie den Schweiß von der eigenen
Haut. So hatte das Vieh daheim in Indiana sie auch oft und gern abgeschleckt!
Noch hatte keiner der Anwesenden ntgelang! denn Samoaner nahmen es mit
der Etikette überaus genau. Niemand hätte es gewagt, vor dem Trink- und Segens-
spruch des tonangebenden Häuptlings unter den Gästen an einer der Speisen zu
naschen oder nur danach die Hand auszustrecken. Tischgespräche waren derweil
jedoch schon munter im Gange; allerdings fanden sie nur zwischen den beiden
Bristoler Damen, dem Franzosen, Kapitän Claybome und Famys Kindern auf der
einen Seite statt, zwischen Louis und den ihm zunächst sitzenden Häuptlingen auf
der anderen Seite. Die meisten Wärdenträger und alle samoanischen Frauen schwie-
gen, eine Zurückhaltung, die nicht ihrer Schüchternheit entsprang, sondern dem
ungeschriebenen Gesetz, daß man sich nicht untereinander in einer Sprache zu
unterhalten hatte, die das fremde Gegenüber nicht verstand. Oft kam es vor, daß
samoanische Mädchen Weiße besuchten, stundenlang zu Gast blieben, nichts sag-
(en, sondem lediglich lachten und kicherten. Diese Mädchen machten gewöhnlich
uuf die weißen Gastgeber einen leicht schwachsinnigen Eindruck, insbesondere
nuflnselneulinge. Baldlemteman, daß sienurumjedenPreis denVerdachtvermei-
den wollten, sie amüsierten sich in trauter Runde über die merkwürdigen Frem-
rlcn.
Ungef?ihr sechs Fuß von Fanny entfernt schien Lloyd in ein anregendes Ge-
rpräch mit den englischen Fräulein vertieft zu sein. Daß er sich nur in Szene set-
ecn wollte, erkannte Fanny an den häufigen kurzen Blicken, die er zu seiner Mut-
lcr herüberwarf. Seine Brillengläser spiegelten sich im Schein der Fackeln, so daß
liunny dieAugen nicht zu sehen vermochte; doch sein herausfordernder Gesichts-
nusdruck war der eines übelgelaunten Kobolds. Er hatte Fanny noch nicht verzie-
hen.

3l
,,Wissen Sie übrigens, meine verehrten Damen", wandte er sich an die Eng-
länderinnen, ,,daß es gemäß der vorherrschenden Meinung der Eingeborenen nur
eine einzige Fleischsorte gibt, die das köstlicheAroma eines gebratenen Schweins
übertift? Dieses Wildwirdzugegebenermaßen auf Samoa schon längst nicht mehr
gejagt - zumindest versichert man uns Weißen das -, aber die älteren Häuptlinge
lecken sich noch heute die Lippen, wenn sie sich an jene ausgesuchte Köstlichkeit
erinnern. Die Arbeiter, die die Deutschen von den Salomoninseln zu importieren
pflegen, geben vor, den Geschmack nicht persönlich genossen zu haben, weil es
aufihrer Insel nichts in der Richtung gibt ... aber alle, alle kennen sie Leute auf
den Nachbarinseln, die wiederum Leute kennen, die ..."
,,Lloyd!" zischte Fanny ihrem Sohn zu. Lloyd wollte der Mutter einen Schlag
versetzen, indem er die Gäste verunsicherte. Hoffentlich hielt ihn Fannys Zwecht-
weisung auf.
Lloyd grinste nur boshaft. Würde der junge Mann denn nie erwachsen werden?
Als Jugendlicher hatte er sich vernänftiger und verständiger betragor als heute.
Jetztwar er lediglich altklug, arogant - und manchmal unendlich kindisch.
,,Um welches Wild handelt es sich, mein Freund?" wollte die ältere der eng-
lischen Damen wissen, die so aussah, als wüßte sie eine ordentliche Fuchsjagd
durchaus zu schätzen. Womöglich hatte man sie bei dieser Gelegenheit schon als
junges Mädchen blutig gemacht. Fanny erschauerte.
,,Nun - um den Menschen natürlich. Von der Krone der Schöpfung sollte man
erwarten, daß sie auch am besten schmeckt."
,,Um Gottes willen!" jammerte die jüngere der Damen und erbleichte, während
ihre Gef?ihrtin sich als sturmerprobtes Wesen erwies, das man so leicht nicht zu
schrecken vermochte.
,,Obwohl man also, wie gesagt, das Wild selbst nicht mehr jagt, kennt man noch
so manches exquisite Rezept der Zubereitung. Das Fleisch sollte vor allem gut
abgehangen sein..."
,,Lloyd!" fauchte Fanny ihren Sprößling zwischen zusammengebissenen Zäh-
nen an, gleichzeitig ängstlich bernüht, ihren anderweitig ins Gespräch vertieften
Gatten nicht auf Lloyds maliziösen kleinen Vortrag aufinerksam zu machen. Lou-
is bemerkte zum Glück nichts von alledem.
Lloyd ignorierte die Zurechtweisung seitens seiner Mutter vollkommen. Sie
ließ ihn natürlich nicht ungerührt, doch anstatt bei ihm eine Sinneswandlung her-
beizuführen, war sie wie Wasser auf seiner Mühle. Sein Mund venzog sich zu
einem breiten Hohnlächeln, das er zweifellos seinern Stiefrater abgeschaut und
heimlich stundenlang vor dem großen Spiegel in seinem Zimmer einstudiert hatte,
ohne nennenswerte Erfolge zu erzielen. Auf Lloyds Gesichtszüge übertragen wirkte
Louis' typisch schiefes Grinsen ungefähr so charismatisch wie das Gelächter einer

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Hyäne. Auch Fannys liebendes Mutterherz vermochte diesen Umstand nicht zu
verschleiem oder zu beschönigen - ihr Mutterblick, ob liebevoll oder nicht, blieb
nun einmal unbestechlich.
,,In einem Punkt zumindest darf ich Sie beruhigen", wandte sich Lloyd nun der
jüngeren Dame zu, in der er ein verletzlicheres Opfer witterte. ,,Selbstverständlich
wurden niemals - ich wiederhole: zu keiner Zeit - weiße Missionare in Fleisch-
kipfe gesteckt und mit Haut und Haaren gekocht. Das ist ein lächerliches Lügen-
märchen, das man leichtgläubigen Weißen in Europa, nun ja, seruiert hat."
,,Oh", hauchte die Lady und stieß einen Seufzer unendlicher Erleichterung aus.
Leider etwas vorschnell, wie Fanny wußte.
,,Wie hätte das auch vonstatten gehen sollen?" fuhr Lloyd ungerährt fort. ,,In
ganz Polynesien und Mikonesien gibt es noch heute keinen Topf, der groß genug
wäre, einen Missionar in einem Sttick aufzunehmen. Außerdem ist die Kochkunst
der Eingeborenen zu verfeinert, ja zu subtil, um ein solches Verbrechen zvzt;Jas-
sen. Es versteht sich für einen guten Küchenchefvon selbst, daß das feinste Stück,
welches man auf freier Wildbahn zur Stecke bringen kann, vor der weiteren Ver-
arbeitung sorgfültig tranchiert und ausgenommen werden muß. Auf den Fidschi-
inseln, um nur ein Beispiel zu nennen, kennt man mindestens 50 ausgeklügelte
Arten der Zubereitung, vom Dünsten, Dämpfen, Braten, Grillen oder Schmoren
bis hin zum Rösten, Fritieren oder gar Flambieren. Wer allerdings die schnelle
Küche bevorzugt, wird wabrscheinlich eine ähnliche Methode anwenden wie die,
welcher wir die köstlich duftenden Schweinchen hier vor unserer Nase zu verdan-
kenhaben..."
Die jüngere englische Lady war dieser letzten herzlosen Bemerkung Lloyds
endgültig zum Opfer gefallen. Laut aufstöhnend warf sie sich in die Arme ihrer
Begleiterin. Sogar beim ständig wechselnden Licht der Fackeln war ihre Leichen-
blässe nicht zu übersehen. ,,Harriet!" schluchzte sie immer wieder. ,,Harriet! Wo-
hin sind wir nur geraten?"
Haniet ihrerseits blieb völlig ungerührt. Sie klopfte der jüngeren Frau ein paar-
mal recht unsanft auf den Rücken, als wolle sie ihr helfen, etwas herun-
terzuschlucken, was ihr im Halse steckengeblieben war. ,,Reiß dich gef?illigst zu-
sammen, Prudence, wir befinden uns in Gesellschaft", schalt sie die unglückliche
Freundin und fügte dann für aller Ohren hinzu: ,,Sie müssen die gute Prudence
schon entschuldigen. Sie ist, wie Sie bernerkt haben werden, ein wenig überemp-
findlich. Das fing bereits auf dem Schoner an, gleich nachdem wir Bristol verlas-
sen hatten. Pru verbrachte die Hälfte der Reise über die Reling gebeugt, wenn Sie
verstehen."
Me schrecklich unbitßch von ihr!fuhr es Fanny durch den Kopf. Daß ein
Schlachtroß wie diese Harriet Sensibilität als ein Zeichen schlimmster Entartung
wertete, verstand sich von selbst. Prudence tat Fanny aufrichtig leid; ihr mißrate-
ner Sprößling dagegen brachte ihr Blut zum Kochen.
,,Lloyd, mein Sohn", wandte sie sich an den jungen Mann, der sie auf Kosten
der bedauemswerten Pru so hinterhältig provoziert hatte. Fannys Stimme klang
heiser vor mühsam unterdrückter Empörung. ,,Wenn es dir noch ein einziges Mal
einfallen sollte, unseren Gästen mit solch widerwärtigen Geschichten zu nahe zu
treten, wirst du es bereuen."
Lloyd tat überrascht. ,,,A.ber Mutter, ich verstehe dich nicht. Was trennt denn
diese angeblich so widerw?irtigen Geschichten von der christlichen Lehre? War-
um fordert uns Christus selbst dazu auf, seinen Leib zu essen? Das haben wir
schließlich jeden Tag so gehalten, in Vailima, auf Fidschi -wo ist da der grundle-
gende Unterschied, frage ich dich?"
Fanny blieb vor Entsetzen der Mund offenstehen. Nun wagte Lloyd es auch
noch, blasphemische Reden zu führen, um seiner Mutter entgegenzutreten! Hastig
warf Fanny einen Blick auf Louis, der noch immer vollauf mit den Inäuptlingen zu
seiner Linken beschäftigt war. Andemfalls hätte Lloyd es auch niemals gewagt, in
einern derart frivolen Ton über Religion zu reden, denn auf diesem Gebiet ver-
stand Louis nicht viel Spaß.
,,Worin der Unterschied besteht, fragst du mich allen Ernstes?" Fanny gelang
es nur mit Mühe, einen Rest ihrer Fassung zu wahren. ,,Du schwelgst in widerna-
tärlichen Kochrezepten, nennst unseren Glauben im selben Atemzug und scherst
beides über einen Kamm? Hast du jemals in deinem Leben gehört, wie - Gott
möge mir vergeben! - der Priester bei der Eucharistie über 50 ausgeklügelte Arten
der Zubereitung für den Leib des Herrn spricht? Hast du das?"
Anstatt einzulenken, wurde Lloyd zusehends verstockter, obwohl ihm deutlich
anzusehen war, daß er sich längst nicht mehr wohl in seiner Haut fühlte. Doch er
wollte keinen Fußbreit von dern umkämpften Territorium zurückweichen. Nicht
vor seiner Mutter jedenfalls,
,,Und warum gibt es dann in unserer Sprache nur ein einziges Wort für die
Hostie und den Gastgeber, wenn das nicht bedeutet, daß man den Leib des Gastge-
bers essen soll ..."
Plötzlich horchte Louis auf und drehte den Kopf in Fannys und Lloyds Rich-
tung. ,,Was ist mit dem Gastgeber?" fragte er.
Fanny preßte die Lippen fest aufeinander und schüttelte nur stumm den Kopf.
Lloyd schwieg wohlweislich ebenfalls.
Als Louis festzustellen glaubte, daß seine Person mit dem Gespräch nichts zu
tun hatte, wandte er seineAuftnerksamkeit sofort wieder den samoanischen Wür-
denfiägern zu, mit denen er sich in einem offenbar sehr bedeutsamen Gedanken-
austausch befand. Seine äußerst lückenhaften Kennürisse der samoanischen Spra-

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che glich er dabei erfolgreich durch sein ausdrucksvolles Mienenspiel und seine
lebhafte Gestikulation aus.
Die Gefahr, von Louis bei seinen allzu lockeren Reden ertappt und mit stum-
mem Vorwurf gestraft zu werden, hatte Lloyd endlich zum Schweigen gebracht.
Doch Fanny war noch nicht fertig mit ihrem Sohn.
,,Samuel - Lloyd - Osbourne." Sie dehnte die drei Worte absichtlich und mach-
te zwischen jedem eine ominöse Pause. Fanny verrrochte Lloyds Reaktion vor-
auszuberechnen: Erst fuhr er zusammen wie von der Tarantel gestochen, dann
begann er irm ganzen Körper nt zittern,ja zu vibrieren, während jegliche Farbe
aus seinem Gesicht wich. Mit der bloßen Nennung seines Namens hatte Fanny
ihm die verhaßte Wahrheit vor Augen gehalten, daß er von einem ungeliebten
Mann im femen Amerika abstammte - und daß Louis ihn nie ausdrücklich adop-
tiert hatte.
Bevor aber Lloyd, bis ins Mark getroffen von Fannys simpler Feststellung, sei-
ne kindische Streitlust fahren lassen und sich für den Rest der Festlichkeiten in
seinen bevorzugten geistigen Schmollwinkel zurückziehen konnte, machte sich
Louis sZimtlichen Anwesenden nachdrticklich bemerkbar. Dreimal klatschte er laut
in die Hände und sorgte damit augenblicklich für absolute Stille. Die Weißen in
der Runde werteten dies lediglich als die übliche ungezwungene Aufforderung
des Geburtstagskindes, alle Aufrnerksamkeit nunmehr freundlichst dem Ausbrin-
gen des Trinkspruchs zuzuwenden; für die Samoaner galt jedes Signal Tusitalas
als unmittelbares Gebot. Instinktiv verstanden die Insulaner ihren Tusitala gut,
wenn sie seinen Wunsch als Befehl deuteten - Tusitala pflegte nämlich seine Be-
fehle stets als zart verhüllte Wünsche zu äußern.
Nun richtete er lächelnd einige knappe, kaum hörbare Worte an seinen Nach-
barn zur Linken.
Häupfling Misifolo war der Herrscher des Dörfchens Nuutua, das auf dem gleich-
namigen Eiland lag, welches im äußersten Südosten dem vergleichsweise riesigen
Upolu vorgelagert war. Er gehörte zu jenen Männern, die der Gastgeber bereits
des öfteren eingeladen und bei der Ankunft am heutigen Abend ein wenig ver-
nachlässigt hatte. Im Laufe der vergangenen Minuten andererseits war Tusitala
fast ausschließlich mit Misifolo beschäftigt gewesen; er hatte sich dem Häuptling
sogar mit ausgesprochener Eindringlichkeit gewidmet. Fanny, die nicht wußte,
was das Therna ihres Gespächs gewesen war, stellte zu ihrem Erstaunen fest, daß
Misifolo momentan eine bedrückte, geradezu unglückliche Miene machte. Den
Grund dafür konnte sie sich beim besten Willen nicht erklären. Wie jeder Bewoh-
ner der Insel zeigte auch Misifolo sich normalerweise überglücklich, wenn der
große Tusitala ihm die Gunst zuteil werden ließ, so viele seiner bekanntermaßen
inhaltsschwangeren und datrer kostbaren Worte an ihn zu verschenken.

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Nun wurde die riesige Schüssel mit Kawa-Bier vor ihn hingestellt, und Mi-
sifolo verrichtete die dem Brauchtum entsprechenden zeremoniellen Handlungen
mit einem kläglichen, erstarrt wirkenden Lächeln auf dem Gesicht, das ihn zu
diesem feierlichen Anlaß alles andere als würdevoll aussehen ließ. Mittels eines
erheblich kleineren Napfes, der aus einer polierten und mit kunstvoller Schnitze-
reiverzierten Kokosnußhälfte gefertigt war, schöpfte Misifolo die Portion Kawa-
Kawa aus dem großen Gefäß, welche er dem Gastgeber zu kredenzen gedachte.
Dabei bemtihte er sich sichtlich, nichts von dem guten Naß zu verschütten, das aus
den Wurzeln einer auf Samoa heimischen Pfefferpflanze bereitet worden war.
Obwohl Kawa-Bier nicht im eigentlichen Sinne gegoren und daher ein alkohol-
freies Getränk war,zeiligte es doch bei ausgiebigem Genuß eine gewisse Rausch-
wirkung, ähnlich wie andernorts die Betelnuß. Fanny mußte sich eingestehen, daß
sie in der letzten Zeit manchmal etwas übeneichlich zugelangt hatte, wenn die
Köstlichkeit gereicht wurde; sie beruhigte ihre Nerven und d?impfte die Gemüts-
bewegungen, beeintächtigte dagegenkeineswegs ihrenklarenVerstanil. Zum Glück
machte das Kawa-Bier niemanden süchtig. Zl gtt kannte Fanny dieAuswirkun-
gen der in den amerikanischen Südstaaten so fatalen, nichtsdestotrotz überaus be-
liebtenAllzweck-Medizin, des Opium-Derivates Laudanum. Wie viele weiße Frau-
en, deren Nervenkostäm der ständig feuchtschwülen Luft in jenen fruchtbaren
Gebieten nicht gewachsen war, dämmerten wie lebende Tote auf ihren nach dem
Kriege wiederaufgebauten Plantagen dahin! Nicht wenige wurden von ihren be-
sorgten Familien für ein paar Jahre oder auch für immer,,fortgeschickt", wie man
das verharmlosend umschrieb ,,.
Häuptling Misifolo stimmte unterdessen den traditionellen Gesang an, welcher
mit der Darbringung des Kawa-Kawa einherging. Auf samoanisch pries er zu-
nächst den Gastgeber und dessen Großzügigkeit, um dann die volle Kokosnuß-
schale einem der jungen männlichen Bediensteten zu übergeben, die unauffZillig
an der Eingangstür standen. Begleitet von lautem allgemeinen Händeklatschen
trug der Knabe das Gef?iß vorsichtig vor sich her, kniete vor Tusitala nieder und
reichte ihm mit rührend feierlichem Gesichtsausdruck das Getränk dar. Der Haus-
herr stand ihm in nichts nach, was sein wihdevolles Gebaren betraf; er nahm die
bis zum Rand gefüllte Schale in beide Hände, hob sie hoch in die Luft, streckte sie
der Gemeinschaft seiner Gäste entgegen und rief laut: ,,Ia manuia! Ia manuia!"
Diese Worte, die man wohl am ehesten mit ,uA,uf euer aller Gesundheif'über-
setzen konnte, wurden durch ein fröhlichkräftiges,,Soi fua! Soi fua!" aus sämtli-
chen Kehlen der Besucherschar beantwortet. ,,Mögest du lange leben!"
Dieselbe Formel wiederholte Fanny, als man ihr das Gef?iß reichte. Der Chor
erwiderte wie zuvor sein ,,Soi fua", freundlich, höflich, aber mit unüberhörbar
geringerer Begeisterung. Lloyd und Belle warteten scheinbar geduldig, bis die

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Reihe an sie fiel, während sie, wie Fanny wußte, insgeheim bangen Herzens dar-
auf hofften, tatsächlich als Nächste auserkoren und nicht etwa von den fremden
weißen Gästen in Häuptling Misifolos Gunst zurückgesetztarwerden. IhreAngst
war berechtigt: Unmittelbar nach Fanny erhielt die junge Prudence die Schale aus
den Händen des Jungen. Misifolo, der leidlich der englischen Sprache mächtig
war, zeige mit dem Finger auf sie und sagte: ,,Für Matalanumoana. Die schöne
junge Fremde mit blauenAugen von jenseits der Meere." Prudence, wieder halb-
wegs bei Kräften, wechselte emeut die Farbe - diesmal errötete sie.
Einerseits empfand Fanny aufrichtige Freude darüber, daß die scheue Prudence
auf solch galanteArt für erlittene Unbill entschädigt wurde, alldieweil ihr Peiniger
Lloyd sich vor kaum verhohlenem Schmerz wand wie ein harpunierter Fisch. Das
war die gerechte Strafe für seinen Mutwillen, fand Fanny. Und auch Belle stand
die Seelenqual ins Gesicht geschrieben: Schöne junge Fremde ... Mit verkniffe-
nem Mund saß sie an ihrem Platz; kein,,Soi fua!" kam über ihre fest versiegelten
Lippen, als Prudence gesenkten Hauptes, aber überglücklich die allgemeinen
Ehrbezeigungen entgegennatrm. Auf der anderen Seite jedoch erinnerte Fanny die
spontane ,,Taufe" durch Häuptling Misifolo wohl zum tausendsten Male daran,
daß ihr selbst nie ein eigener Name verliehen worden war und niemals verliehen
werden würde. Tusitalas strahlendes Licht war zu mächtig, zu hell und zu glei-
ßend, als daß die Insulaner neben ihm etwas anderes hätten wahmehmen können
als bloße Schattenwesen. So wie der Mond kein eigenes Licht besaß, sondem nur
durch die allmächtige Sonne ein wenig Helligkeit abbekam, verfügte Fanny ein-
zig in und durch Tusitalas Gesellschaft über eine begrenzte Macht. Hätte Tusitala
selbst die Häuptlinge um einen Namen für diese seine Frau befragt - was ihm gar
nicht einfiel -, wäre zwangsläufig nicht mehr dabei herausgekommen als ,,Ge-
f?ihrtin des Tusitala". Darauf verzichtete Fanny gern.
Eine geraume Weile verstrich, bis sämtliche Trinksprüche ausgebracht worden
waren und alle Anwesenden, sogar Belles kleiner Sohn Austin, ihre Portion Kawa-
Kawa erhalten hatten. Endlich machte man sich genäßlich über die Delikatessen
der Insel her. Die Gamelen, die jeder Gast vor sich liegen hatte, verschwanden mit
atemberaubender Geschwindigkeit, desgleichen die schmaclhaften Flußkrebse,
die man aus den vier Strömen des Fünfstromlandes Vailima gezogen hatte. Wäh-
rend die britischen Damen und Dupont, der Franzose, ratlos entlang der Tafel nach
cinem möglichen Ersatz flir Servietten Ausschau hielten, kamen bereits die dienst-
baren Geister vom Eingang gespmngen, um den Anwesenden Fingerschalen und
'Iücher darzubieten. Die anschließende Speisefolge blieb ganz den Vorlieben und
dem Gutdünken der Gdste überlassen. Nur einen Gang gab es noch, der speziell
nuf einem Blatt herumgereicht wurde und bei den Eingeborenen größtenAnklang
l'und, wogegen die Weißen sich mit einem unwillktirlichenAusdruck desAbscheus

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gegen die Leckerei sträubten. Fanny lächelte. Sie wußte, daß es sich hierbei um
Palolo handelte, einen grünlichen Wurm, der sich nur während bestimmter
Mondphasen im Meer zeigte und dem man daher Kräfte allerArt zuschrieb - nicht
nietzt Einfluß auf die menschliche Fruchtbarkeit. Die Kreaturen auf dem Blatt
waren zu einer schleimig-glitschigen, grauschwarzen Masse zusammenge-
schrumpft, und obwohl sie wahrscheinlich besser schmeckten als Austem, ekelten
sie den weißen Gaumen unweigerlich an. Auch Louis wehrte stets dankend ab und
atrnete tief auf, sobald die Wtirmer seinen Gesichtskreis verließen.
Doch halt - was war das? Louis nahm nicht nur einen, sondern gleich drei
Palolo in die Hand, schluckte die rohen Tiere herunter und .., machte dazu Laute
größtenWohlbefindens!
Was war heute nur in ihn gefahren?
Fanny schüttelte ratlos den Kopf und widmete sich ihrem eigenen Teller aus
Bananenblatt. Als sie nach einer in ihrerNähe liegenden Brotfrucht grifl runzelte
sie die Stirn. Die Frucht war übersät mit krabbelndenAmeisen. Fanny streifte die
Insekten sorgfültig ab, konnte sich dann aber nicht mehr überwinden, die Brot-
frucht zu essen. Genauso erging es ihr mit einer der Bananen, die man morgens
frisch gepflückt und vor einer halben Stunde halb abgeschält hatte. Die Bananen-
hälfte ohne Schale war pechschwarz; winzige panzerbewehrteAmeisen wimmel-
ten über das weiße Fruchtfleisch, welches unter ihren Leibern kaum mehr sichtbar
war. Sie bildeten mehrere Schichten. Fanny schleuderte die Banane über ihre Schul-
ter, ohne daß es einer der Häuptlinge sehen konnte.
Was war los mit Louis, und schlimmer noch, was war los mit ihr? Nie hatte sie
ein solch kleinliches Benehmen an den Tag gelegt, niejene krankhafte, gekünstel-
te Spielart von Abscheu versptirt, wie ihn allzu hochgezüchtete Damen und Her-
ren in Europa hegten und pflegten! Wie hätte sie wohl auch sonst in der Südsee zu
überleben vermocht, wo ,,loi", wie man winzige Insekten zusammenfassend nannte,
den einzig verläßlichen, immer ptinktlichen Tischgenossen darstellten! In ganz Poly-
nesien kunierte die vielsagende Geschichte von jenem bedeutenden weißen Mann,
der, durch Geschäfte gezwungen, nach Jahrzehnten ausschließlichen Insellebens ei-
nen kurzen Abstecher nach New York gemacht hatte und dort in einern sehr noblen
Restaurant bewirtet worden war. Geistesabwesend hatte dieser Mann das zum Menü
gereichte Brot minutenlang an derTischkante ausgeklopft, bis ihn ein entnervter Ge-
scNäftspartnervorsichtignach dem Grund für seinTun fragte. Noch immerin Gedan-
ken versunken, hatte der lnselbewohner darauftrin erkl?irt, er wolle keinesfalls mehr
Arneisen in seinem Brot mitessen als absolut notwendig. Fanny wußte um die tauri-
ge Wahrheit, die sich hinter dieser amüsanten kleinen Anekdote verbarg ...

Fanny begnügte sich heute abend also wohlweislich mit Kokosnußmilch. Die
Nüsse wiesen in ihrer Schale nur ein winziges Loch auf, in dem der Trinkhalm

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steckte; den beschwerlichen Weg durch den Halm hindurch würde nicht einmal
die wendigste Vertreterin allerAmeisen bewältigen - so hofte Fanny inbränstig
und schalt sich zugleich ob ihrer Unvernunft.
Wieder machte der Palolo die Runde, wieder nahm Louis ein Sttick und schien
es genüßlich hinunterzuschlucken, wdhrend die Häuptlinge wohlgefällig dazunick-
ten und lachten. Da sah Fanny wenigeAugenblicke später von der Seite, wie Lou-
is verstohlen und mit äußersterVorsicht den Wurm in die Handfläche spuckte, die
er sich, als ob er ausgiebig gäihnte, flach vor den Mund hielt. Er hatte die Delika-
tesse der Einheimischen demnach nur angerährt, um seine mächtigen Gäste noch
stärker zu beeindrucken, als es ohnehin schon der Fall war. Louis mußte damit
eine ganz bestimmte Strategie verfolgen - der Wunn diente nur als Köder, den
statt Louis die Häuptlinge bereitwillig geschluckt hatten. Was aber war der be-
gehrte Fang?
Fanny glaubte zu spüren, wie eine einzelneAmeise über ihren Rücken krabbel-
te, von oben nach unten, ganz langsam, und ihr einen kalten Schauer nach dem
anderen bescherte. Die Prinzessin auf der Erbse war offenkundig ein hartgesotte-
nes Frauenzimmer im Vergleich zu Fanny, der Mimose ...
Schon klatschte Louis abermals laut in die Häinde, um sich Gehör zu verschaffen,
und eine Eingebung sagte Fanny, daß das Festessen nun beendet war, obwohl das
Prachtexemplar von einem Ma.stschwein in der Mitte der Tafel noch nicht einmal
angeschnitten, geschweige denn davon gekostet worden war. Louis brannte dar-
auf, etwas kundzutun; seit Wochen hatte er seine Ungeduld nur mit Mühe imZaunr
halten können, und im Lauf der vergangenen Minuten war seine rastlose Span-
nung so mächtig angewachsen, daß Fanny sie beinahe greifen konnte. Doch wenn
er erst einmal offen ausgesprochen hätte, was er mitzuteilen beabsichtigte, wäre
selbst das wundervolle Schwein nicht l?inger von Bedeutung. Der große Tusitala
hatte seinen Gästen das Festmahl des Jahres vorgesetzt, um es ihnen, rücksichtslos
durch seine Ungeduld, beinah sogleich wieder zu verwehren.
Eine eindeutige Handbewegung Tusitalas gab dem widerstrebenden Misifolo
zu verstehen, daß nunmehr seine Stunde der Bew?ihrung angebrochen war. Misifolo
schaute noch unglücklicher drein als zuvor und ließ keinen Zwetfel daran, daß er
sich augenblicklich nichts sehnlicher wünschte, als in einem Loch im Erdboden
zu verschwinden. Er sträubte sich natürlich nicht angesichts Tusitalas lie-benswür-
digerAufforderung, doch preßte er den Kopf so eng zwischen die emporgereckten
Schultern, als hegte er insgeheim die unsinnige Hoffitung, sich auf diese Weise
unsichtbar machen zu können.
,,Häuptling Misifolo enveist uns eine hohe Ehre", begann Louis mitleidlos, ,,in-
dem er sich soeben spontan dazu bereit erklärt hat, einige Worte für mich ins Sa-
moanische zu übersetzen, die ich insbesondere an unsere Freunde von der Insel
Savaii richten möchte. Wie die meisten von Ihnen wissen, gehören Häuptling
Talupu, HäuptlingApa Loto und Häuptling Nulimu zu jenen Tapferen, die sich im
Juli dieses Jahres gegen die Fronhenschaft der deutschen Fremdlinge erhoben
und nach heldenmütigem Kampf von der Übermacht in den finsteren Kerker von
Apia geworfen wurden." Es folgte eine kurze Pause, die zum einen der Übersa-
zung durch Misifolo, zum anderen der rhetorischen Wirkung diente. Die Kunst
des Schweigens an der rechten Stelle übertraf oft die geschickteste Wortwahl.
Fanny amüsierte sich insgeheim. Ein,,finsterer Kerker" war es nicht unbedingt
gewesen, in dem man die Gefolgsm?inner König Mataafas einquartiert hatte, nach-
dem sie gegen dessen widerborstigen Venvandten Malietoa in den Krieg gezogen
waren und nicht etwa gegen die Deutschen. Es stimmte, daß die deutschen Ver-
walter König Malietoa in sein Amt eingesetzt hatten; doch auch die britischen
Behörden mißtrauten dern unberechenbaren Mataafa, der oft selbst nicht zu wis-
sen schien, was er gerade wollte. Eines wollte er naturgemäß nicht,,und das war
ein anderer König neben oder gar über dem großen Mataafa. So waren es eher
Machtgerangel und familiäre Streitigkeiten gewesen, die ihn dazu bewogen hat-
ten, mit seinen Mannen eine,,Rebellion" in Gang zu bringen, wie die Deutschen
das kläglich planlose Unternehmen anschließend hochtrabend nannten, die Rebel-
len aber gleichzeitig nicht viel härter bestaften als unartige Kinder. Übrigens wußte
niemand auf den Inseln genau, wie viele Opfer die Kriegshandlungen gefordert
hatten - ja ob überhauptjernand getötet worden war. Die Berichterstattung wurde
durch den besonderen Umstand verzerrt, daß ein jedes mitgeteilte Wort von Natur
aus die reine Wahrheit darstellte, daß diese Kunde langsam von Dorf zu Dorf zu
gehen pflegte und daß jeder Bote, jeder Neugierige am Wegesrand sich bemüßigt
fühlte, ein Stück neuer, gewissermaßen eigener Wahrheit daranzuhängen ... Es
war schon vorgekommen, daß weiße Kapittine die Insel Upolu monatelang mie-
den, weil angeblich ein wildes Gemetzel Tausende von Menschenleben gefordert
hatte. Ausgangspunkt der Kunde - und Endpunkt des ,,Massakers" - war indessen
ein simpler Reitunfall gewesen, bei dem obendrein niemand ernstlich zu Schaden
gekommen war. Das alles Zinderte selbstverstlindlich nichts daran, daß die Mög-
lichkeit eines Blutbades durchaus bestehen blieb.
Louis hatte sich von Anbeginn der Streitigkeiten als gltihender Sympathisant
König Mataafas ausgesprochen. Er kannte ihn nicht einmal persönlich, soweit Fanny
wußte; für Louis reichte die Erkenntnis aus, daß Mataafa die volle Ungnade der
Deutschen und der Briten auf sich vereinigte und seine Sache von vornherein zur
Aussichtslosigkeit verdammt war. Louis lehnte jegliche Oberhoheit frernder Völ-
ker auf Samoa strikt ab und verteidigte diesen Standpunkt mit ungehemmter Streit-
lust. Und noch einen weiteren Grund gab es für Louis' bedingungslose Parteinah-
me: Louis liebte es, für eine gute Sache - mit anderen Worten die seine - ohne

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Rücksicht auf Verluste zu Felde zu ziehen. Unbewußt stiirzte er sich dabei mit
Vorliebe in Kreuzzüge, denen das Scheitern im Kern vorherbestimmt war. Viel-
leicht w?ihlte er seine Windmühlenkämpfe aber auch ganz bewußt. Immerhin heg-
te er eine romantische Leidenschaft für Verlierer; schon vor vielen Jahren hatte er
Lloyd beim Lesen von Cervantes' Romanen erklärt: ,,Das ist es, was ich bin, Lloyd
- genau ein zweiter Don Quijote!"
Eines gewissen Maßes an Theatralik war sich Louis in diesem Zusammenhang
zweifelsohne bewußt. Als die Anhlinger Mataafas in jenem besagten Kerker ge-
fangen gewesen waren, hatte ,,Sa Tusitala", die Sippe des großen Tusitala, beladen
mit Geschenken, Vorräten und Segenswünschen, die schmachtenden Häftlinge in
ihrem finsteren Verlies besucht. Die Männer, die sie dort vorfanden, freuten sich
ihres Lebens, waren wohlgenährt und nach wie vor sonnengebräunt; auch verfüg-
ten sie über genügend eigene Lebensmittel, um die zu Hilfe geeilten Tröster opu-
lent zu bewirten ... in einem Festmahl fast wie dem heutigen. Louis hatte die
feierliche Prozession seines Klans durch die Gemeinde von Apia und das anschlie-
ßende Gelage im sonnendurchfluteten Gefiingnishof in vollen Zigen g!nossen.
Die Häuptlinge ihrerseits bekundeten unaufhörlich ihre Dankbarkeit und ließen
den großen Tusitala, der ihnen in ihrer Bedrängnis half, ein dutzendmal und mehr
hochleben. Wieder auf ihrem Berg in Vailima angekommen, hatte Louis Fanny
gegenüber bemerkt, die am Nachmittag erlebte Szene sei reif für die komische
Oper gewesen. Und doch hatten seineAugen bei diesem Scherz verräterisch feucht
geschimmert. Es waren wie so oft zwei Seelen gewesen, die aus ihm gesprochen
hatten.
,,Aus tiefster Seele", hob nun Louis erneut zu sprechen an, ,,bewundere und
verehre ich die Vision des großen Königs Mataafa, der sein stolzes Volk aus Knecht-
schaft und Sklaverei herausführen will, wie einstens Moses es tat, als er das von
Gott gesegnete Volk Israel aus der verhaßten Herrschaft der Agypter hinfort ins
Gelobte Land führte."
Fanny war im höchsten Grade verwundert. Die Tatsache, daß Louis mit Vorlie-
be biblische Gleichnisse herarzog oder sich neue, der Situation angemessene zu-
rechtbastelte, lag wohl in seiner Natur begrtindet. Er entstammte mütterlicherseits
einer langen Ahnenreihe von Predigern und Kirchenmännern, unter ihnen die ob
ihrer feurigen Rednergabe berühmt-berüchtigten Balfours, welche nicht nur in
Louis' eigenem RomanDavid BalfourilvenPlatz erhalten hatten, sondern auch in
manchem Pamphlet ihrer erbosten Zeitgenossen geschmäht worden waren. Nicht
das religiöse Element war es demnach, das Fanny in Erstaunen versetzte; davon
bekam man in Tusitalas Reich jeden Morgen eine gehörige Portion verabreicht.
Aber erstens hatte Louis diesmal nicht die Übersetzungshilfe der Inselmissionare
in Anspruch genommen, die ihm immer dann seine Rede in feierlichstes Samoa-

4t
nisch übertragen mußten, wenn es sich um dieAuslegung des Evangeliums nach
Tusitala drehte. Zweitens war es wenig typisch für den eloquenten Louis, daß sein
Vergleich so kraß am Kern der Sache vorbeiging - schließlich wollte und sollte
niemand die Samoaner aus dem ,,Land der Unfreiheit" hinauslühren Es gehörte
schließlich ihnen! Der einzige in dieser Runde, der Samoa von Herzen gem ver-
lassen hätte, um in sein eigenes Land zurückzukehren, wff - Louis . ..
Fanny spürte wieder, wie die winzigkleine Ameise von vorhin über ihren Rük-
ken krabbelte, und erschauerte leicht.
Die Häuptlinge ließen unterdessen ein beifrilliges Gemurmel hören. Sie waren
samt und sonders Christen, wenn auch nur dem Namen nach, denn sie liebten die
Kunde aus dem dicken Buch der weißen Menschen. Zwar wtirden sie nie begrei-
fen, was Begriffe wie ,,Wüste" oder,,Hunger" beinhalten sollten; doch mit Tot-
schlag, Krieg und den Gesetzen der Vergeltung kannten auch sie sich genügend
aus, um Oie Atrntictrt<eiten zu schätzen.
,,Moses hatte den Pharao gewarnt, daß sein Gott ein Gott der Rache sei, der den
ägyptischen Fronherren Plagen senden wärde. Doch der Häuptling Pharao blieb
verstockt, und so karnen alle die Plagen auf die Häupter seiner Untertanen, als da
waren Frösche, Stechmücken und Heuschrecken; und die Lepra suchte sie heim
und die Schweinepest; und eine große, alles Licht verschluckende Finsternis brei-
tete sich über das Land."
Fanny verstand die Welt nicht mehr. Abgesehen davon, daß Louis in der Regel
fast ausschließlich das Neue Testament zitierte, weil seiner Meinung nach die al-
ten Geschichten einen zu großen Gegensatz zur nattirlichen Fröhlichkeit der Insu-
laner bildeten, hatte er die biblischen Plagen noch niemals so frei verändert. Nicht
nur die Reihenfolge! Statt Blattern hatte er Lepra gewählt, nun gut; die Eingebore-
nen konnten mit dieser Heimsuchung tatsächlich mehr anfangen als mit den Seu-
chen der Weißen. Den Hagel hatte Louis ganz weggelassen. Doch statt der Vieh-
pest ausgerechnet die Schweinepest zu wählen ... das mußte die versammelten
Häuptlinge zwangsläufig erheblich schmeräafter berühren als jeden bibelfürch-
tigen Israeliten.
Die Wirkung auf die samoanischen Gäste war in der Tat sehr zwiespältig. Eini-
ge lachten neryös, andere schwiegen betreten oder schauten mit gernischten Ge-
fühlen auf das große Schwein in der Mitte der Tafel, dessen Maul zu einem Grin-
sen verzogen war und dessen glasige Augen ins Leere stierten. Fanny, davon un-
berührt, spürte indes nur das Krabbeln von Loi, derAmeise.
,,Schließlich wurde der Häuptling Pharao durch all diese Plagen besiegt, die
Moses ihm auf sein Haupt herabgezaubert hatte, und Moses zog mit seinern Volk
ungehindert von dannen, zurück in die Heimat. Das Volk der Israeliten pries zuerst
seinen Gott für die Unterstützung, aber dem Moses zeigte es seine Dankbarkeit

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für die Errettung dadurch, daß es eine riesige Straße erbaute, die geradewegs bis
nach Hause führte."
Was um Himmels willen soll das bedeuten? fragle Fanny sich entsetzt. Das
Jucken wurde unerträglich. Mit der linken Hand fuhr sie sich so unauff?illig wie
möglich am Nacken entlang unter den Kleidersaum, um der Ameise den Garaus
zu machen.
,,Der große König Mataafa aber ist euer Moses, der euch eine Straße der Freude
und der Liebe ebnen will, auf der ihr als freie Menschen wandeln sollt. Das ist die
Vision des Königs Mataafa! Das ist das Ziel seines großadigen Kampfes! Als ich
vor Monaten die Ehre genießen durfte, euch in eurem Gefängnis zu besuchen und
das Mahl mit euch zu teilen, war mir die Absicht des Königs noch nicht so bewußt
wie heute, denn ich bin nur ein einfacher weißer Mann .. ."An dieser Stelle mach-
te Louis eine künstlerische Pause, die wie erwartet durch laute Protestreden sei-
tens der Häuptlinge erfüllt wurde. ,,... ein einfacher Mann, der die Klugheit des
Königs nicht sofort begreifen konnte. Nun aber, da ich den König in seiner ganzen
Weisheit erstrahlen sehe, möchte auch ich seinem hehren Ziel meinen Tribüzol-
len."
Erwartungsvoll und etwas verwird schauten alle Häuptlinge auf Tusitala. Die
drei Neulinge von der Insel Savaii, noch nicht vertraut mit Louis' Redekunst, die
einfach schien und sie trotzdem überforderte, ja gleichsam übenannte, runzelten
die Stirn, schwiegen und warteten einfach ab. Misifolo aber, dem nach wie vor die
Übersetzung oblag, war den Tränen nahe.
,,Als es mir vor wenigen Monden vergönnt war, eure Leiden zu lindern und
euch Nahrung und Trost zu spenden, ließet ihr mir eine außerordentliche und gänz-
lich unverdiente Ehre zuteil werden: Ihr fragtet mich nach einem Wunsch, den ihr
mir um jeden Preis erfüllen wolltet. Ich Unwürdiger erkannte eure Großzügigkeit
an, verschob die Nennung des Wunsches auf einen späteren Tag, mit dem Vorsatz,
niemals auf der Einlösung dieses allzu großen Anerbietens bestehen zu wollen.
Nun aber, da ich die höhere Macht erkannt habe, die mit voller Absicht bewirkt
hat, daß ich noch immer jenen Wunsch frei habe, möchte ich ihn im Zeichen die-
ser Macht - und als Zeichen dieser Macht - für unser aller Wohl aussprechen.
Auch ich wünsche, daß eine Straße entsteht, ein Weg der Freiheit und der Liebe,
der als Symbol des Hohen und Erhabenen bis in die höchsten Gipfel der Insel
führt ... bis hierher nach Vailima. Ihr allein seid die Auserwählten, die diese Stra-
ße bauen dürfen."
Fanny hörte kaum das laute, bestürzte Raunen, welches nach der Übersetzung
Louis'letzter Worte den Raum erfüllte. Ein Sausen und Brausen erklang im Innem
ihres Kopfes, und eine ganze Armee von gepanzertenAmeisen wandede plötzlich
in Schlachtformation über ihren Rücken. Sie ließ es geschehen.
In dieser Nacht ffiumte Fanny einen seltsamen, verwottenen, ganz und gar nicht
biblischen Traum: Der Pharao, auf einem fahlen Pferd reitend, befahl einer riesi-
gen Schar dunkelhäutiger Männer, ihm eine Pyramide zu bauen, gtößer und schö-
ner als alle Pyramiden. Die Männer errichteten das Monument in großer Eile,
doch glich es eher einem Turm, der geradewegs in den Himmel wuchs. Der Pha-
rao aber sah, daß es gut war. Voller Freude und Stolz blickte er aufdie dunkelhäu-
tigen Untertanen, die alle das Muster des Stuart-Klans tugen.

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3

,,.,. NApoLEoN BEsAss diese Flasche, und mit ihr wurde et


ziLm König der Welt;
aber schließlich verkaufte er sie und ging unter. Captain Cook besaß diese Fla-
sche, und mit ihr fand er den Weg zu vielen Inseln; aber auch er verkaufte sie und
wurde auf Hawaii erschlagen ... Wenn ein Mann nicht zufrieden ist mit dem, was
er hat, kommt das Böse über ihn."
Fanny saß in einem Korbstuhl aufder breiten vorderen Veranda und las in Lou-
is' neuestem Buch" Inselnächle, das soeben erst in Edinburgh erschienen war. Die
Geschichte vom Flaschenteufel hingegen, in die sie sich gerade vertieft hatte, konnte
mit einer längeren und abenteuerlicheren Vergangenheit aufinarten als die übrigen
Texte der Sammlung. Louis hatte sie ursprünglich für Hawaüaner erdacht, erzählt
und aufgeschrieben: Deshalb war auch der Held der Geschichte ein Eingeborener aus
Hawaii, der die teuflische Flasche von einem Weißen in San Francisco erwarb und sie
nach langen, bösen Erfahrungen mit dem DZimon an einen ande,ren weißen Mann
verkaufte. Die Hawaiianer hatten sich natüilich begeistert gezeigt, und der ,,Flaschen-
teufel" war in verschiedenen Gazetten abgednrckt worden. Louis fühlte sich darauf-
hin bemäßigt, die Wirkung der Geschichte auf sämtlichenArchipelen auszuprobie
ren, die Fanny und er mit ihrer Familie ansteu!rten. Nirgendwo jedoch hatte er einen
so fundamentaleru buchstäblich magischen Erfolg erzielt wie hier auf Samoa.
Die Tatsache, daß alle Polynesier und Mikronesier einen guten Geschich-
tenerzifüler nach Gebühr zu schätzen wußten, war Louis bekannt gewesen. Auf
Samoa aber karn ein gänzlich neuer Begleitumstand hinzu. Jede Geschichte wur-
de mit der Wahrheit gleichgesetzt; was der Erzähler im Kreise der Lauschenden
auch behaupten mochte, mit oder ohne Vorsatz der Täuschung, glaubte man vor-
behaltlos. Den winzigen Rest, welcher zur Legendenbildung nötig war, erledigten
die ,,kleinen" Wahrheiten der ausschmückenden Berichterstatter, die in ihre Dör-
fer zurückkehrten und aufgeregt die neue Kunde verbreiteten. Und die Kunde lau-
tete: Der weiße Mann mit dem merkwürdigen Bart, den langen Haaren und den
Reitstiefeln befand sich im Besitz einer Flasche, in welcher ein dienstbarer Dä-
mon hauste. Der Däimon erfüllte dem großen, hageren Mann jeden Wunsch, schafte
ihm Reichtümer herbei und verdarb alle seine Feinde. Ein gewisser Napoleon -
wer immer das sein mochte, wahrscheinlich ein anderer weißer Mann aus
,Peretania" - hatte die Flasche samt Teufel einst besessen; Captain Cook hatte sie
besessen, und nun besalJ dieser Mann Tusitala das Ding. Es schien demnach nicht
angebracht, mit ihm zu spaßen, denn seine Macht war schier grenzenlos. Tusitala
machte einen freundlichen Eindruck, doch zweifelsohne konnte er sich im Falle
eines Falles auch weniger liebenswürdig benehmen, und ein entfesselter Dämon,
das wußte jedes Kind, kannte niemals Erbarmen.
Hinzu kam der Umstand, daß die Geisterfurcht der Samoaner von alters her die
Angstlichkeit aller anderen Inselbewohner in dieser Hinsicht bei weitem übertraf;
und das wollte schon etwas bedeuten. Lief oder ritt man in nächtlicher Dunkelheit
an einern Dorf auf Upolu vorbei, sah man unweigerlich Lichter vor jeder Hütte.
Nie hätte es ein Samoaner gewagt, in völliger Finsternis zu schlafen: Dämonen
lagen schließlich überall auf der Lauer. Sogar bei Tage bewegten sich die Einge-
borenen nicht unbedingt stets mit jener Läissigkeit durch den dichten Dschungel,
die man ihnen von weitem anzusehen verrneinte. Nur in der Gruppe, im munteren
Gespräch, waren die Samoaner von Herzen fröhlich und guter Dinge. Allein fürch-
teten sich jeder Mann, jede Frau und jedes Kind im unentwirrbaren Gestrlipp des
Urwaldes, wo die bösen Geister wohnten und auf sie warteten. Manchmal zeigten
sich die Dämonen in überaus anziehender Gestalt, als junge Mädchen etwa, die
mit dem auserw?fülten Insulaner ihres dunklen Begehrens im Meere schwimmen
gehen wollten, um ihn dann nie mehr ans Land zurückkehren zu lassen, So etwas
passierte vonZeitntZeit, wollte man dem allgemeinen Erfahrungssöhatz Glau-
ben schenken. Der Dämon in der Flasche des großen Tusitala dagegen war oben-
drein ein außergewöhnlich häßliches Exemplar, mit dem sicher niemand freiwillig
schwimmen gegangen wäre. Daß man bei seinem Anblick vor Entsetzen beinahe
zu Stein erstarrte, hatte Tusitala im Kreise der Zuhörer selbst bestätigt. Der Dä-
mon war allmächtig, soviel stand fest; sein Besitzer mußte allerdings genauge-
nommen noch einen Deut mächtiger sein, denn er gebot ja dem Geist ...
,,Eine Sache gibt es, deren der Teufel nicht mächtig ist: Er kann das Leben nicht
verlängern", las Fanny halblaut aus dem Buch vor sich hin. Sie hörte, wie sich
Schritte näherten. Eigentlich war es vielmehr ein Galopp, vollführt mit bloßen
Ftißen auf hölzernen Bohlen, und dieses unverwechselbare Geräusch ktindigte den
Ankömmling schon von weitem an, lange bevor er um die Hausecke biegen konn-
te. Fanny vernahm ein lautes, schrilles Wiehern, dann ein kurzes Schnauben und
lächelte nachsichtig. Austin war mittlerweile zwölf Jahre alt und sicherlich ein
wenig zu alt für ein Steckenpferd. Andererseits hätte man ihn in San Francisco
oder Edinburgh viel jünger eingeschätzt als seine dortigen Altersgenossen, denn
er war ziemlich klein von Gestalt, und - was entscheidender war - man hatte ihm
niemals Vorschriften datringehend gemacht, mit welchen Spielen ein Kind seines
Alters sichvergnügen durfte, damiteines Tages,,etwasAnständiges" aus ihm würde.
,,Hallo, Hutchinson", begrtißte Fanny ihren Enkel, als er mit seinem Pferd auf
die vordere Veranda galoppierte. Austin näherte sich geschwind unter lauten ,,Hüa"-
ü
Rufen; offenbar zog es in der Gegenwart der Großmutter vor, den Reiter zu
spielen, nicht das Pferd. Vor ihrem Sessel angekommen, stieß er ein gebieteri-
sches ,,Brrrr" aus und rammte beide Füße zugleich in den Boden. Sein ungestü-
mes Roß kam auf diese dramatischeWeise rechtzeitig zum Stehen, bevor es Fanny

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über den Haufen reiten konnte. Galant schwang sich Austin aus dem Sattel, um
das arme reiterlose Pferd anschließend achtlos in die Verandaecke zu schleudern.
Er vergrub beide Hände in den Taschen seiner kurzen Hosen und schlenderte auf
Fanny zu.
,,Ist das etwa eine Art, sein Pferd zu veniorgen, junger Mann? Ich hätte Ihnen
mehr Verantwortungsgefühl zugetraut, Mr. Hutchinson." Fanny breitete die Arme
aus. Ganz gegen seine Gewohnheit gab ihrAustin lediglich einen recht flüchtigen
Kuß auf die Wange. Er wirkte bedrückt.
,,Mein Name ist General Hoskyns, Ma'am. Zu Ihren Diensten. Sie haben mich,
wie ich glaube, mit einem meiner Untergebenen verwechselt." Bevor er ordnungs-
gemäß salutierte, strich er sich eine widerspenstige braune Locke aus der Stirn.
,,Das tut mir aufrichtig leid, General," Fannys Worte entsprachen nicht der
Wahrheit. Wie in aller Welt sollte sie auf dern laufenden bleiben, wenn Louis sei-
nem jungen Spielkameraden täglich einen neuen Namen verpaßte? Gestem noch
war er Fähnrich Hopkins gewesen; innerhalb von 24 Stunden hatte Louis ihn nicht
nurvon der Marine zum Heerversetzt, sondern ihn auch gleich im Schnellverfah-
ren befiirdert, vor seinem ureigenen ,,Standgerichf' sozusagen. Nicht umsonst war
Louis Jurist, noch dazu ein vollwertiges Mitglied der schottischen Anwaltskam-
mer - er verstand sich auf Gesetze.
Trotz der somit zweifellos rechtskräftig erfolgten Beftirderung sah der General
recht traurig drein. Austin ließ den Kopf hängen und scharrte mit seinem
unbeschuhten rechten Fuß über die Bohlen des Verandabodens.
,,Wo ist Onkel Louis, Großmutter? Ich habe ihn seit dem Frühstück nicht mehr
gesehen. Er wollte mit mir ausreiten."
Da war er wiedeq der kleine, nichtsdestotrotz schmerzhafte Unterschied. Fanny
hieß für Austin schlicht ,,Großmutter", und das hatte schließlich seine Ordmrng;
Louis hingegen hätte um keinen Preis zugelassen, daß man ihn Großvater nannte.
Als Freund aller Kinder, denen er sich mit Inbrunst und Feuereifer widmete, wenn
ihn die Lust zum Spiel überkarn, ließ er es doch nicht zu, daß sie ihn anders titu-
lierten als ,,Onkel Louis" oder ,,Tusitala". Er war der hingebungsvolle Onkel eines
jeden Kindes, nicht mehr und nicht weniger, denn auch der beste Onkel der Welt
wurde nie mit tatsächlicher Verantwortung belastet. Ein idealer Onkel genoß zu-
dem den Vorteil der Alterslosigkeit, wenn nicht gar den Zauber der ewigen Ju-
gend.
Dein Onlrel Louß ist allein in den Dschungel geitten, um zu schauen, ob sein
Flaschenzauber schon wirh, wollte Fanny herausplatzen, beherrschte sich aber
noch rechtzeitig.
,,Ich dachte, du hättest deinen Ritt für heute schon hinter dir", meinte sie statt
dessen und deutete mit der Hand in die Ecke, in der das verlassene Holzpferd lag.

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,,Aber Großmutter!" erwiderte Austin vorwurfsvoll. ,,Ich rede doch von richti-
gen Pferden! Onkel Louis wollte mir diesmal den Braunen geben und mit mir
hinaus zum Fort reiten, Der Flaggenmast muß repariert werden. Allein schaffe ich
das nicht." Ungeduldig tratAustin von einem Fuß auf den anderen.
Fanny seufzte. Das ,,Fort", eine winzige Reisighütte auf einer kleinen Lichtung
jenseits des Zauns, mußte wohl warten. Noch vor zwei, drei Monaten hätte Louis
sich mit begeistertem Schwung kopfüber in das Unternehmen der Flaggenmast-
reparatur geworfen und dafür womöglich sogar einen garuenTag lang sein uner-
müdliches Schreiben unterbrochen. Louis war ein disziplinierterArbeiter, was das
Erzählen betraf - er brauchte im Grunde nichts selbst schriftlich niederzulegen,
denn Belle, die getreue Privatsekretärin, hing fortwährend an seinen Lippen und
fing all die kostbaren Wörter mit ihrer Kurzschrift ein, die Louis wie bunte Schmet-
terlinge durch die Bibliothek fliegen ließ. Kein einziges entkam jemals ihrerAuf-
merksamkeit, und so bestand Louis'eigentlicheArbeit im gemessenen Deklamie-
ren jener Wahrheiten, die sich spontan, doch im niemals versiegenden Strom sei-
ner dichterischen Phantasie zu neuer Kunde für die schottischen Leser formten.
Mit Strenge und Selbstzucht weihte Louis seine Freizeit diesem nicht allzu unge-
mütlichen Tagewerk. Müßiggang war ihm ein Greuel.
Wenn aber sein Spielkamerad Austin lockte, ließ Louis oft die Arbeit fahren
und versenkte sich mit dem Jungen in die Vergnügungen seiner eigenen Kinder-
jahre, die, soweit Fanny das beurteilen konnte, nie endgültig für abgeschlossen
erklärt worden waren. Louis hatte das Reich der Kindheit nicht verlassen, ledig-
lich vom Spielzimmer in die Bibliothek verlagert. In jenem großen Zimmer mit
den Büchern tollte er mit den Großen durch geistige Gefilde, wobei Lloyd sein
begabter, beinah ebenbürtiger Gefiihrte sein durfte und Belle, die Chronistin der
Abenteuer, mehr oder minder ins Schlepptau genornmen werden mußte: Schließ-
lich brauchte man sie, um den Proviant hinterherzutragen und das von den Män-
nern erkundete und abgesteckte Wunderland gewissenhaft zu kartographieren.
Austin hingegen verkörperte für Louis den ,,Smout", jenen schmächtigen klei-
nen Louis der frtihen Jahre, den seine Krankheiten für Wochen an sein Edinburg-
her Bett zu fesseln pflegten; er stellte gleichzeitig den l3jährigen Lloyd dar, mit
dem Louis in Frankreich stundenlang die Zinnsoldaten in endlosen Paraden auf-
marschieren lassen konnte, ohne im geringsten zu ermüden, und mit dem er Lloyds
kleine Spielzeug-Druckerpresse und das Figurentheater mit den ausgeschnittenen
Papierpiraten zu ausgelassenem Leben erweckte. Bilder und Ereignisse wieder-
holten sich. Austin war nun fast im selbenAlter wie seinerzeit Lloyd, als er Louis
dazu anspornte, die Schatzinsel zu schreiben: ein echtes, packendes Abenteuer-
buch statt der vielen schottischen Geschichtsromane, die zwar nett zu lesen wa-
ren, aber einen l3j2ihrigen nicht recht zu fesseln vermochten. Und maß man das

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Alter der spielenden Kinder ganz prosaisch in Lebensjahren, stellte man fest, daß
Louis schon immer der perfekte Onkel gewesen war - er stand in der Mitte zwi-
schen Lloyd und Fanny, hätte also weder den leiblichen Vater des einen noch den
leiblichen Sohn der anderen überzeugend vorstellen können.
Mittlerweile verwischten sich diese rein rechnerischenAbmessungen durch den
bloßen äußeren Eindruck, und zwar erheblich zu Louis'Gunsten. Während Lloyd
täglich mehr wie Louis' kaum jüngerer Bruder aussah, fühlte sich Fanny, wenn sie
sich im Spiegel betrachtete, beinahe schon wirklich wie Louis'Mutter. Sie durfte
die Zeichen der Zeit nicht leugnen und tat auch nichts dergleichen. So unange-
nehm die Erkenntnis flir sie war, sie akzeptierte sie: Insbesondere die letzten Jahre
hier auf Samoa hatten die umschwärmte Schönheit von einst in eine leicht ver-
nachlässigte Mahone verwandelt. Dasselbe Klirna, das für Louis die Dienste eines
Jungbrunnens übernahm, saugte Fanni die späirlichen Reste jugendlicher Frische
aus Körper und Seele. Wie ein grünender Baumschößling erhob sich Louis über
all die langsam welkenden weißen Gräser um sich her. Sogar Lloyd war ihm als
Spielgefiihrte im Grunde nicht mehr jung genug, und so begrüßte Louis freudigen
Herzens die unschätzbarwertvolle Gesellschaft des jängsten KlanmitgliedsAustin.
Nur gut für ihn, dachte Fanny mit einer winzigen Spur Bitterkeit, daß diesem
Mann, der selbst niemals Kinder haben wollte, die jungen, unverbrauchtenAble-
ger anderer Menschen geradewegs in den Schoß fielen wie taufrische Früchte ...
MitAustin hatte Louis die kleine Lichtung draußen im Urwald gerodet; zusam-
men hatten sie das Fort erbaut und den Flaggenmast hoch aufgerichtet. Zwar be-
stand die ,,Flagge" nur aus einem löchrigen Fetzen alter Wäsche, doch vergaßen
die beiden Abenteurer nicht, sie getreulich zu hissen, wenn es galt, vorbeisegelnde
oder -dampfende Schiffe zu begrüßen. Daß Louis in solchen Momenten eine schuld-
los verrückte Gestalt abgab, die es mühelos mit jedem Don Quijote aufuehmen
konnte, fiel zum Glück niemandem außer Fanny auf: Ein Schiffbrüchiger, den es
verzweifelt danach verlangte, endlich nach Hause zurückzukehren, winkte fröh-
lich den vorbeiziehenden Schiffen auf ihrem Wege hinterher, wünschte den See-
leuten eine gute Reise ohne ihn an Bord, als befinde er sich schon in Europa und
warte, wenn überhaupt, gelassen auf die nächste Droschke.
Bilder und Ereignisse wiederholten sich, das stimmte; doch verkehrten sie sich
zusehends in ihrkrasses Gegenteil. Derkleine Smout, von derKrankheit grausam
in sein Zimmer eingesperrt, hatte sich durch den Edinburgher Nebel hindurch in
feme Welten begeben, sich nach entlegenen Gestaden gesehnt, wo kein weißer
Mensch hauste, außer vielleicht einigen tollkühnen britischen Eroberern und einer
Handvoll Piraten. Mit Lloyd zusammen, der damals in Frankreich ebenso wie
Louis selbst eine schwere Krankheit auskurieren mußte, hatte er sich ausgemalt,
wie es auf einer Schatzinsel wohl zugehen müßte. Tropische Früchte, ungeahnte
Köstlichkeiten, von denen man in Europa kaum gehört, geschweige denn gekostet
hatte, brauchte man nur sorglos im Vorbeigehen abzupflücken. Wunderbarer, un-
durchdringlich dichter Dschungel herrschte überall dort, wo nicht gerade der fein-
ste weiße Sandstrand zum Baden einlud. Lianen und Schlingpflanzen hingen her-
ab; es gab nackte Wilde allerorten und bunte Vögel und exotische Tiere und ...
Und nun befand sich Louis nach einem Leben voller Reisen und erstaunlicher
Erlebnisse auf eben dieser Schatzinsel und wünschte sich weit, weit fort von ihr,
zurück in sein Zimmer im nebligen Edinburgh oder wenigstens ins heitere Frank-
reich. Mit Lloyd hatte er sich hierher versetzt, nach einem Ort wie Samoa; in
Austins Gesellschaft reiste er heim in die Zivilisation, wo das Leben wohlgeord-
net war, wo gepflasterte Straßen den Menschen alle Wege öffneten. Pflanzen gab
es dort hauptsächlich in Parkanlagen; sie waren leicht unter Kontrolle,jain Schach
zu halten und wuchsen nicht zügellos wild wie die Schlingpflanzen, die als
zehnköpfrge Drachen wiederkehrten, sobald man ihnen nur ein einziges glitschi
ges Glied mit dem Buschmesser abgehauen hatte. In Europa waren die Bäume
von Natur aus klein, das Gebüsch auf die rechte Größe zurechtgeschnitten, die
Blumenbeete planvoll angelegt. Gab es dort wirklich einmal ein Labyrinth, dann
war es mit Sicherheit ein von Menschenhand kreiertes, ähnlich wie die kunstvoll
gestutzten Hecken in den Gärten von Versailles. Verlief man sich in den Irrgärten
der Menschen, jauchzte man laut auf vor Vergnügen. Verlief man sich im Ingarten
der unerbittlichen Natur dieser Inselwelt, lachte man gewiß nicht, denn man wuß-
te schließlich nicht, ob man lebend aus dem erstickenden, erdrückenden Dschun-
gel herausfinden wiirde.
Fanny wußte genau, was in Louis vorging, obwohl ihr Mann ihr gegenüber
nicht ein einziges Wort hatte verlauten lassen. Das war nicht nötig: Fanny las die
Zeichen, die ihr ins Auge sprangen. Es quälte Louis, daß eine mysteriöse Krank-
heit ihn ebenso unerbittlich an diese Schatzinsel fesselte wie einst an sein Kinder-
bett, ein dummes Leiden, das ihm hier auf Samoa nicht im geringsten zusetzte, das
also gar nicht wirklich in seinem Körper existierte! Seit Louis ihr einmal lachend
geschildert hatte, auf was für lustige Gedanken der kleine Austin verfiel, wenn er
in seinem Fort inmitten des Dschungels spielte, kannte Fanny die Wahrheit.
,,Weißt du, wovon der Bengel träumt, wenn er durch den Urwald streift? Dar-
auf kommst du nie! Er glaubt, er sei in Europa! Ist das zu fassen?" Dann hatte
Louis Austins Phantasiegebilde im Detail beschrieben: ,,Der Junge spinnt sich für
jeden Baum und jedes Gewächs Namen zurecht. Du wirst es nicht für möglich
halten, wie viele ,Eichen', ,Buchen' und ,Kastanien' es da draußen vor dem Tor
gibt! Die ekligen Orchideen verzaubert der Kleine im Handumdrehen in Hecken-
rosen und Vergißmeinnicht. Er pflückt sich Kirschen und Weintrauben und Him-
beeren, die samt und sonders aussehen wie ordinäre Bananen und Ananas. So

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große ,Himbeeren' hast du übrigens dein Lebtag nicht gesehen, Fanny!" Dann
hatte Louis leiser, wie zu sich selbst, hinzugefügt: ,,Den Hang ntm Fabulieren
muß er von mir haben." Fanny gab ihm insgeheim unumwunden recht, obgleich
sie einen ganz anderen Hintergedanken hegte. Allein hatte Austin wohl kaum sei-
neArt dermagischenVerwandlung entwickelt, aus dem einfachen Grunde, weil er
nur aus Louis' Mund von alljenen Pflanzen und Früchten gehört haben konnte.
Ein anderer, deutlicherer Anhaltspunkt für Louis' wahren Seelenzustand war
Fanny vor etwa zwei Jahren unter die Augen gekommen. Sie erinnerte sich an
jenen Tag im Frühling, als sei er erst gestern gewesen. Die Rührung, die sie da-
mals ergriffen hatte, ließ ihr auch heute noch heiße Tränen in die Augen steigen.
An dem bewußten Morgen des Jahres 1892 hatte Fanny wie so oft die Bibliothek
betreten, um sich ein Buch aus den Regalen herauszusuchen, bevor Louis und
Belle zu arbeitenbegannenund derZutritt somit fürUnbefugteverboten seinwärde.
Wie immer sah das Innere der Bibliothek aus wie ein Schlachtfeld. Bücher, Manu-
skriptseiten, Schreibutensilien und Zigarettenbildeten ein wüstes Durcheinander
auf Boden, Tisch und Sekret2ir; dieses Chaos war eine der Vorbedingungen für
Louis' erfolgreiche schriftstellerische Tätigkeit.
Auf der Suche nach Zündhölzem hatte Fanny einige leere Bögen Briefrapier
vom Schreibtisch gefegt und war dabei zufüllig auf ein beschriebenes Blatt Papier
gestoßen. Es handelte sich offenbar um einen Brief, verfaßt in Louis' eigener spin-
nenartiger Handschrift, die auf den ersten Blick ebenso unverwechselbar wie un-
leserlich erschien. Weniger aus Neugier denn aus amüsierter Verwunderung her-
aus begann Fanny das Schriftstück zu lesen, das an eine ,,Miss B." in Schottland
adressiert war. Selten schrieb Louis einen Brief persönlich; seine durchaus um-
fangreiche private Korrespondenzpflegte er Isobel zu diktieren wie alles andere.
Diese,,offrziellen" Briefe atmeten denselben Geist wie seine Reden: Sie zeugten
von großer Stilsicherheit und einem ausgeprägten Sinn für Humor, doch sie sagten
nichts über das Gefühlsleben des Verfassers aus. Dieser Brief war anders. Fanny
spürte es sofort.
Die unbekannte ,,Miss 8." aus Schottland mußte sich, wohl im Auftrage ihrer
drei kleinen Töchter, mit der herzlichen Bitte an Louis gewandt haben, den Mäd-
chen etwas über das lnselleben zu erzählen. Das tat Louis ausführlich in seiner
Antwort, und zwar mit solch ungewohnter Offenheit, solch beinah schockieren-
dem Freimut, daß Fanny das Herz blutete. Louis ließ darin zunächst die schutzbe-
fohlenen Mädchen grüßen und bat dann ihre Mutter, ihnen zu erklären, daß tief zu
ihren Füßen, gleichsam auf der Unterseite ihrer Welt, ein ,,langer, magerer Mann"
wohnte. Diesem Mann unter ihnen, so bat Louis, sollten die Mädchen doch freund-
lichst wenigstens ein paar Schritt näherkommen, indem sie in ihren Keller hinab-
stiegen!

5l
Dieser Wunsch nach kindlichem Entgegenkommen war bei Louis an sich nichts
Ungewöhnliches. Alser jedoch von Samoa zu erzählen begann, fiel es Fanny bald
wie Schuppen von den Augen. Erst las sie zwischen den Zeilen, dann war auch
dieser Kunstgriff nicht mehr vonnöten, um mit Bestimmtheit sagen zu können,
daß der Schreiber des Briefes zutiefst unglücklich war, krank vor Heimweh und
voller Furcht.
,,Wenn der magere Mann in den Wald geht, schämt er sich sehr, das zuzugeben,
aber er hat ständig schreckliche Angst. Der Wald ist so riesig und menschenleer
und heiß und immer voller eigenartiger Geräusche ... Ihm ist immerfort einsam
zumute und bang, und er weiß gar nicht, wovor er Angst hat . . ."
ln der Einfachheit dieser Worte lag ausnahmsweise nichts GeKinsteltes, das
sptirte Fanny instinktiv. Aus ihr sprach Louis'zltn G'änze entblößte Seele, unge-
schützt und unendlich verletzlich in ihrer ungewohnten Nacktheit. Was Mrs. B. -
wer immer sie war - als wohlbedachtes Zugeständnis eines Alteren an die furcht-
same Kindernatur ansehen mochte, konnte Fanny besser deuten. Als Louis berich-
tete, wie er einmal einen Fluß hatte überqueren wollen und ihm plötzlich ein Schlag
versetzt worden war, der ihn kopfüber vom Pferd riß, hielt sich Fanny erschrocken
die Hand vor den Mund. Nur eine dumme Kokosnuß ... aber Kokosnüsse erwie-
sen sich oft als tödlich auf Samoa,
Louis fürchtete sich also vor der Macht des Urwaldes und ritt dennoch so oft
ganz allein hinein. Wollte er dem unbezwinglichen Urwald trotzig die Stirn bieten
wie sein Vorbild Don Quijote auf seinem dürren Roß oder eher wie ein Kind, dem
es vor dem Dunkel und den Spinnweben und den Gespenstern des Kellers grauste
und das sich gerade deswegen verbissen pfeifend die Stiege zur Finsternis hinab-
quälte? Fanny wußte nicht, welches von beiden es war; sie erkannte nur, daß Lou-
is den Dschungel täglich aufs neue herausforderte. Er war David, der Urwald Go-
liath. Aber der Urwald hier war kein biblischer Ort. Falls es der Wahrheit ent-
sprach, daß auf der anderen Seite der Erde einst ein Knabe einen zweibeinigen
Riesen zur Strecke gebracht hatte, berlihrte das diesen tausendfach verwurzelten
Giganten nicht im geringsten.
Möglicherweise, überlegte Fanny oft, würde Louis nicht annähernd so häufig
sein lückenlos umzäuntes Refugium verlassen, wenn er sich dabei nicht stets in
Begleitungjenes anderen befände, in der Gesellschaft des großen Zauberers Tusitala
näimlich. Tusitala besaß seine eigene Macht, die Louis gegen den Widersacher
beschützen sollte. Zum Zeichen dafür trug Louis Tag und Nacht jenen Ring, wel-
chen ihm die samoanischen Eingeborenen kurz nach seiner Namensgebung ver-
ehrt hatten: ein kostbar verziedes Schmucksttick, aus Schildpatt gefertigt, das aus
Silber geformte Wort Tusitala kunstvoll in den Reif eingelegt. Louis trug es am
rechten Ringfinger. Den gravierten Ehering, den er seinerzeit mit Fanny getauscht

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hatte, behielt er an seiner linken Hand, wie das in Fannys amerikanischer Heimat
üblich war. Der Ring mit Ttrsitala darin steckte an seiner rechten Hand, wie das in
Louis' europiüscher Heimat nach der Hochzeit üblich war ... Bedeutete dieser
Umstand, daß Louis rechtn?ißig ein Paar mit Tusitala bildete?
Nun aber waren mittlenveile mehr als acht Wochen verstrichen, seit Louis-
Tusitala seine fürstlichen Geburtstagsgäiste bewirtet hatte, und noch immer mach-
te niemand die leisestenAnstalten, seinen so geschmackvoll und erfinderisch vor-
getragenen Wunsch zu erfüllen. Louis wurde zuerst von Tag za Tag, dann von
Stunde zu Stunde unruhiger. Schon das unerwartet zögerliche Verhalten der Häupt-
linge unmittelbar nach seinerAnsprache, als seine Worte kaum verklungen waren
und dieWucht ihrerBedeutsamkeit dieWZinde derHütte sprengen zuwollen schien,
hatte Louis außerordentlich irritiert. Ob er die unerhörte Tragweite seines Wun-
sches nicht erfaßte? Fanny bezweifelte das stark. Louis-Tusitala hielt sich selbst
für einen unerhört mächtigen Mann, und nicht einmal zu Unrecht.
Nach anfiinglichem entsetzten Raunen und einer ebenso langen Spanne be-
tretenen Schweigens hatte sich endlich HäuptlingApa Loto dazu aufgerafft, eini-
ge passende Worte an Tusitala zu richten. Häuptling Misifolo übernatrm nach wie
vor die Aufgaben des Übersetzers. Apa Loto versicherte, auch im Namen seiner
beiden Mitstreiter für König Mataafas Sache, daß der Wunsch des großen Tusitala
allen Samoanern heilig sei und seine guteAbsicht jedermanns Bewunderung ver-
diene. Dann allerdings wiesApaLoto bedauemd auf die Schwierigkeiten hin, die
dem Straßenbau zvr Zeit noch im Wege stünden. Nicht einmal Louis konnte sich
den Argumenten verschließen, die Apa Loto vorbrachte: Der Häuptling und seine
beiden gleichrangigen Begleiter waren die einzigen Gefolgsleute Mataafas, die an
der Geburtstagsfeier teilnehmen konnten, aus dem schlichten Grunde, weil von
allen Teilnehmem des Mahles in Apia nur diese drei sich bereits auf freiem Fuß
befanden. Es ging das Gerücht um, daß König Mataafa von den Deutschen ins
Exil auf die Marquesasinseln geschickt werden sollte; sogar die Engländer befür-
worteten den Plan der Deutschen, und die Amerikaner hielten sich wohlweislich
aus der ganzen verzwicktenAngelegenheit heraus. Wenn aber Mataafa gehen mußte,
blieb unklar, ob man nicht gleichzeitig die Mehrzatrl seinerAnhänger fortzuschaf-
fen gedachte . Zwar schien das unwahrscheinlich, denn die Deutschen hatten sich
bisher stets recht nachsichtig gezeigt, doch wußte niemand etwas Konkretes.
Wohlgemerkt waren das nicht Häuptling Apa I-otos genaue Worte gewesen, denn
den Begriff,,Gerüchf'kannte er nicht. Es waren allerdings unterschiedliche ,,Wahr-
heiten" zu ihm durchgedrungen, die sich zu seinem Leidwesen nur schwer miteinan-
der vereinbaren ließen: König Mataafa war tot; König Mataafa lebte friedlich mit
seiner katholischen Frau nebst den anderen Gattinnen auf Savaii; König Mataafa
sollte demnächst von den Deutschen als rechtnäßiges Oberhaupt eingesetzt werden.

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Unter solchen Voraussetzungen erkannte sogar Louis, daß er sich gewaltsam
zur Geduld zwingen mußte. Er hofte darauf daß bald stimtliche Häuptlinge von
den deutschen ,,Fronherren" die Freiheit zurückerhielten, damit er sie umgehend
für seine eigenen Zwecke einsetzen konnte - zugleich natürlich für das Wohl aller
Bewohner, also für das Wohl der Insel.Im Laufe der vergangenen acht Wochen
hatten Fanny und er sämtliche Informationen aufzuschnappen versucht, die sich
im Umlauf befanden. Eine weitere Handvoll samoanischer Häuptlinge hatte of-
fenbar das Gefängnis verlassen dürfen, soviel schien eindeutig festzustehen. Was
mit derüberwältigenden Mehrheit geschah, wußte niemand. Und so wartete Lou-
Is...
Seit seinem Gebudstag wurde er zunehmend neryöser und gereizter, was ihn
nicht hinderte, dasselbe von den Mitgliedern seines Klans zu behaupten. Die Tat-
sache, daß er die Festlichkeiten anläßlich seines Ehrentages nicht nur empfindlich
beeinkächtigt, sondem beinahe zum Erliegen gebracht hatte, ignorierte er völlig.
Den Häuptlingen und ihren Frauen war das nackte Entsetzen anzusehen gewesen.
Naturgemäß steckten die drei direkt betroffenen Ehrengäste im schlimmsten Zwie-
spalt von allen. Die restlichen Samoaner erschauerten lediglich bei der Vorstel-
lung, daß ein Insulaner - obendrein ein Häuptling! - wirkliche, wahrhaftige Ar-
beit verrichten sollte. Das von Tusitalas Ansinnen heimgesuchte Dreigespann da-
gegen benahm sich wie vom Donner gerührt. Die Männer sahen unglücklich zu
Boden, als könnten sie dort einenAusweg aus ihrer Lage entdecken, während ihre
Frauen aufgeregt durcheinanderplapperten und keinerlei Rücksicht mehr auf die
Regel natrmen, daß man vor Fremden nicht in fremder Sprache zu reden hatte.
Nach einiger Zeitbrachtendie Häuptlinge ihre erbosten Gemahlinnen zum Schwei
gen, zweifellos mit dern Argument, daß ein Versprechen, einmal gegeben, nicht
zurückzunehmen war, selbst wenn es nur eine belanglose Höflichkeitsfloskel dar-
stellte wie die meisten Schwüre dieserArt auf Samoa. Wer hatte denn auch ahnen
können, damals in Apia, daß der Tusitala einmal mit einer solch unglaublichen
Bitte herausrücken würde!
Wie Fanny bereits vorausgeahnt hatte, zeigte danach niemand mehr Interesse
an dem unterbrochenen Festnahl, und auch die anschließende Tanzzercntorie verlor
ganz erheblich an Anziehungskraft. Wäihrend sich die Dienerschaft fröhlich und
ausgelassen zu Inselkläingen bewegte, schauten Häuptling Talupu und sein Lei-
densgenosse Nulimu fortwährend auf den großen Tusitala und beschworen ihn
ftirmlich mit den Augen. Nur - Tusitala erwiderte ihren Blick niemals. Er hatte
gesagt, was zu sagen war, und die Sache war damit fürs erste erledigt. Als Nulimu
und Talupu merkten, daß sie nichts auszurichten vermochten, fielen ihre verzwei-
felten Blicke immer öfter auf Fanny. Es verstand sich von selbst, daß sie über ihre
mißliche Lage nie und nimmer mit Worten sprechen würden, schon gar nicht zu

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Fanny; aber sie wagten eindeutig den Versuch, ihr begreiflich zu machen, in welch
schreckliche Bedrtingnis ihr Gatte die Häuptlinge durch seine Bitte gebracht hatte.
Fanny mußte keine Gedankenleserin sein, um genau zu erraten, welche Fragen
die drei Männer ihr lautlos zuriefen, während auf der Tanzfläche des Holzhauses
die farbigen Mitglieder aus Tusitalas Sippe ihre eigene pantomimische Darbie-
tung zum besten gaben. Warum nimmt der große Tusitala nicht seinen Flaschen-
dämon zu Hilfe? Warum will er ausgerechnet uns?
Und ohne es auch nur im geringsten zu ahnen, stelltgn sich seit dem mißlungenen
Geburtstagsfest - einem Fehlschlag, den außer den Betroffenen im übrigen nie-
mand mitbekommen hatte - sowohl Louis als auch die Häuptlinge zweifellos die-
selbe bohrende Frage: I(irkt Tusitalas Zauber etwa nicht mehr? Fanny allein wuß-
te mit unbeinbarer Sicherheit zu sagen, daß Louis' magische Kraft niemals versie-
gen würde, komme, was wolle. Der Zauber des großen Tusitala nämlich war im
Grunde nichts anderes als die Fortsetzung des klassischen Stevensonschen Zau-
bers mit - zugegeben - ein wenig abgewandelten, auf die Inselwelt zugeschnitte-
nen Mitteln. Bei näherer Betrachtung jedoch stellte sich heraus, daß Louis sogar
den berühmt-berüchtigten Geist in der Flasche schon sein Leben lang besessen
und benutzt hatte. Das Geftiß für den Dämon war sein eigener, ansonsten so man-
gelhafter, unzulänglicher Körper; der Geist, der aus ihm heraus über die Men-
schen aller Länder gebot, war jene Gabe, die ansatzweise bereits seinen Prediger-
vorfahren treulich gedient hatte. Louis verfügte über diese Gabe in unerschöpfli-
chem Übermaß. Es war Charisma, das durch göttliche Gnade verliehene Talent,
Führer für andere Menschen zu sein.
Doch der Flaschenzauber wirkte noch auf eine andere Art und Weise, die eng
mit der ersteren verknüpft war. Fanny wagte nicht zu ennessen, ob der Prediger-
nachkomme Louis wirklich nur jenem Befehl des Herm Folge leistete, wie alle
verläßlichen Jünger seine Netze auszuwerfen und ein,,Menschenfischer" in Chri-
sti Namen zu werden. Blinder Gehorsam gehörte nicht zu Louis' Eigenschaften,
guten oder schlechten. Allerdings legte er tatsächlich seine Menschenfallen aus,
wo er gerade ging und stand; keinem menschlichen Wild gelang es, sich seiner
phänomenalen Anziehungsk,raft nt entziehen. Die Ausstrahlung seiner Persönlich-
keit schien ihm sämtliche Gefangenen ganz ohne sein bewußtes Zutun in die Net-
ze antreiben, doch konnte man sich in dieser Beziehung niemals sicher sein. Eines
wußte Fanny mit Bestimmtheit: Louis verstand es, die Seelen derer, die er an sich
fesselte, dauerhaft in Gefüßen einzuschließen, sie gleichsam in die Tasche zu stek-
ken, wie man sagte, und sich ihrer im Bedarfsfalle ohne langes Zögemzu bedie-
nen.
Fanny blickte ihrem Enkel Austin hinterher, der haurig, mit gesenktem Kopf
von dannen trottete, weil der Mittelpunkt seines jungen Lebens heute nicht mit

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ihm ausreiten wollte. Es war noch heller Vormittag, aber für den kleinen Austin
war die Sonne bereits untergegangen, der Tag verdorben. Unter all den schier un-
zähligen ,,Q)fem", die sich ein Leben lang in Louis' sanfter Gewalt befanden,
bildete Fanny die eirlz;ige Besonderheit. Sie fühlte keinen Stolz angesichts ihrer
Einzigartigkeit, im Gegenteil; die Ironie ihres Schicksals traf sie mit doppelter
Härte. Fanny nämlich stellte den einzigen Menschen auf Gottes Erdboden dar, der
den wundervollen, sagenhaften Louis nicht um seines seelischen Magnetismus
willen liebte. Anfangs hatte sie den Jäger, dem das Wild wie hypnotisiert entge-
genkam, um sich ohne Gegenwehr gefangensetzen zu lassen, aufgrund seiner Gabe
zutiefst verabscheut. Erst später, viel später, hatte sie dann gelernt, denselben Mann
-
zu lieben trotz seiner Gabe. Zum Dank dafür durfte sie sich nun als das mit
Abstand unfreieste Lebewesen auf der Insel betrachten. Die Geiseln, um derent-
willen sie ihrer Unabhängigkeit auf ewig Lebwohl gesagt hatte, ahnten unterdes-
sen nichts von ihren wahren Beweggrärnden ...
UnwillHirlich dachte Fanny an ihren ersten Mann zurück, Samudl Osbourne,
der durch sein unmögliches, unverantwortliches Verhalten die Widerstandskraft
seiner Gattin gegen jederlei Ausprägung von Charme nicht nur gefördert, son-
dern geradezu gestfült hatte. Verglichen mit Louis'Kräften wirkten Sams Über-
redungskünste im nachhinein fast lächerlich - wie billige Taschenspielertricks
angesichts echter Magie, Für die zur Zeit der Eheschließung l7jährige Frances
Vandegrift aber hatte sich Sams Westentaschencharme als fatal genug erwiesen.
Seine Anstellung als Sekret?ir des Gouvemeuß von Indiana schien der blutjun-
gen Fanny eine sichere Grundlage für jede Ehe zu sein. Wie sollte sie ahnen, daß
sich hinter dem vier Jahre älteren Sam ein ewiger Goldsucher verbarg, den sein
rastloser Geist um und um trieb, der kein halbes Jahr an einem Ort verbringen
wollte und der nichts auf der Welt mehr verabscheute als sichere Verhältnisse!
Mit den ständig wechselnden Lebensumständen, die das Gold- und Silberschürfen
mit sich brachte, verstand Fanny sehr schnell umzugehen, denn das rauhe, primi-
tive Leben im Staate Indiana wirkte aufjederrnann abhärtend, der nicht schon in
der Jugend daran zugrunde ging. Fanny war also von Hause aus gut vorbereitet.
Selbst das Dahinvegetieren in der wilden Prospektorensiedlung Virginia Ciry
meist allein mit Baby Isobel, ertrug die junge Fanny klaglos: Sie hatte es noch
nicht gelernt, sich zu beklagen. Anstatt mit der Zeit ruhiger und etwas seßhafter
zu werden, wenigstens um seinerTochterwillen, entwickelte sich Sarn zu einem
echten Vagabunden, der mrar mit Schätzen beladen zu Fanny zurückzukehren
pflegte, doch unglücklicherweise stets im Abstand von mehreren Jahren. In San
Francisco lebte Fanny in einem der schönsten Häuser, aber fast immer allein;
seine mehr als ausgedehnten Streifztige auf der Suche nach weiterem Gold unter-
ließ Sam keineswegs. Es wäre ihm nie eingefallen, besagtes Gold als Geschäfts-

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mann in der Stadt zu verdienen, solange er es unter unsäglichen Mühen dem
Erdboden entreißen konnte .., Dann erreichte Fanny die Meldung von Sams ge-
waltsamem Tod, riß sie in Verzweiflung, nur um als Vorbote für das plötzliche
Erscheinen eines höchst lebendigen Samuel zu dienen. Diesem kurzen Intermez-
zo hatte Lloyd seine Entstehung zu verdanken, und schon war Sam wieder ver-
schwunden. Abermals erklärte man den abwesendenAbenteurer für tot, abermals
kam er zurück, um einen Sohn zu zeugen und sich kurz daraufaus dem Staube zu
machen. Daß Sam jedesmal den Heimweg zu Fanny fand, stand außer Zweifel,
nur wurde diese Gewißheit mittlerweile zu einer Quelle der Beunruhigung: Die
st?indige nervenzermürbendeAbfolge von scheinbarem Tod und allzu realer Ge-
burt zehrte stärker an Fannys Kräften, als es das Leben aufder Prärie vermocht
hatte. Fanny, die zwischen Sams fruchtbaren Besuchenifue Zeit damit verbrach-
te, künstlerische und literarische Zirkel n gründen und so das kulturelle Brach-
land namens San Francisco mit nachhaltigem Erfolg zu bepflanzen, hatte keinen
Sinn mehr für Sams dramatische Auftritte. Sie verfaßte mittlerweile selbst Dra-
men und besaß genügend Sachverstand, um das Treiben ihres Gatten als
Schmierenkomödie entlarven zu können. Zum Lachen war ihr allerdings kaum
zumute, und so beschloß sie eines Tages kurzerhand, den Spieß umzudrehen und
ihrerseits das Weite zu suchen, bevor sie und ihre Kinder den unvermeidlich tra-
gischen Teil des Dramas zu spären bekamen. Immerhin blieb Fanny dabei rück-
sichtsvoll genug, Sam ihre jeweiligenAdressen in Europa mitzuteilen - ob es ihn
nun interessierte oder nicht.
Hier auf Samoa hatte Fanny Zeit im Überfluß, um über die Richtigkeit ihres
Verhaltens injenem Jahre 1875 nachzugrübeln, als sie die trügerische Sicherheit
ihres Haushaltes an der amerikanischen Westktiste gegen die völlige Unsicherheit
eines Lebens in Paris eingetauscht hatte. Sam erfuhr nie, daß Fanny ihn nur um
seinetwillen verließ; sie ,,entschuldigte" ihr mutwilliges Entweichen aus dem Kä-
fig mit der bedrohten Gesundheit ihres Jüngsten, Hervey. Es stimmte, daß Hervey
die feuchte, diesige Luft San Franciscos nicht gerade zuträglich war. Hervey, der
seinen Geschwistern kaum ähnelte, wirkte so zerbrechlich, so zart und durchschei-
nend, als sei er gar kein wirkliches Kind, sonderr; wie manche Leute es auszu-
drücken pflegten, ein Engel auf kurzem Besuch im irdischen Jammertal. Seine
goldenen Locken und tiefblauenAugen verstdrkten noch diesen sonderbaren Ein-
druck, welcher sich nur allzubald als wahr erweisen sollte. Jedenfalls reichte
Herveys angeschlagene Gesundheit sogar für den verantwortungslosen Sam als
Begründung aus, sich verpflichtet zu fühlen, Fanny regelmtißig winzige Geldsum-
men zu überweisen. Dieses Bargeld und ein wenig ererbter Schmuck wärden Fanny
und ihren drei Kindern in Paris schon irgendwie über die Runden helfen, wie sie
inständig hoffte. Sie täuschte sich grändlich.

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Nein, ihre Kinder mußten selbstverständlich nicht darben - zumindest nicht im
strengen Sinne, denn das hätte Fanny niemals zugelassen. Ihre Freiheit, mit 17
Jahren verloren und nun neu gewonnen, bedeutete ihr viel, doch nicht annähernd
genug, um sehenden Auges Leben und Wohlergehen ihrer Kinder aufs Spiel zu
setzen. Und dennoch tat sie genau das. Nach wenigen Monaten in Paris, im Laufe
eines bitterkalten Winters, zog sich Hervey ein schleichendes Leiden zu, das der
hinzugezogeneArzt auch für teures Geld nicht zu definieren wagte, wie er sagte:
Wahrscheinlich hatte er die Hoffnung für ihren Kleinen bereits aufgegeben. Was
Fanny sah, meinte sie selbst unschwer als Schwindsucht erkennen zu können. Ih-
ren verbliebenen Schmuck trug sie ins Pfandhaus und kaufte dem dahinsiechen-
den Hervey Leckerbissen und Spielsachen, die anzurähren der Junge schon nicht
mehr die Kraft aufbrachte. Sein Lebenslicht wurde täglich, ständlich schwächer,
flackerte für Momente auf und verlosch endlich gara. Den völlig ausgezehrten
Körper des Fünlährigen begruben Fanny und ihre beiden Alteren auf dem Fried-
hof Pöre Lachaise, in einem jener pietätlosen Gräber, die ihre Bewohner nur für
die Dauer von fünf Jahren - mithin Herveys Lebensspanne - aufnahmen und die
Gebeine nachAblauf der Frist in die Katakomben ausspien.
Schon damals, im Winterjenes Jahres 1876, hatte Fanny darüber nachgegrübelt,
ob diese Prüfung nicht gleichzeitig eine Bestrafung für ihre Selbstsucht darstellte.
Die Frage nach einem Gott, der ihr Hervey entrissen hatte, schien ihr zweitrangig
-jedenfalls weit weniger wichtig als der offensichtliche Zusammenhang zwischen
Ursache und Wirkung. Ohne den eisigen, mörderischen Pariser Winter wäre Henrey
noch am Leben. Fanny schwor sich in jenem Winter, an Herveys bejammernswert
armseliger Grabsfätte, daß nie wieder eines ihrer Kinder unter ihren Kapricen zu
leiden haben sollte, Das Wohl von Belle und Lloyd würde ihr fortan über alles
gehen, auch wenn das bedeutete, daß Fanny ihre eigenen Bedürfnisse für den Rest
ihres Lebens zugunsten ihrer Kinder ignorierte.
Wenn Fanny sich selbst gegenüber ehrlich Rechenschaft abgab, mußte sie ge-
stehen, daß dieser frei erwählte ,,Opfergang" sich zunächst nicht sonderlich be-
schwerlich gestaltet hatte. Sie war ursprünglich eigens nach Paris aufgebrochen,
um in dieser Weltstadt der schönen Kikrste zu lernen, zu studieren und ihre eigene
Malerei zu vervollkommnen. In Paris hatte die respektable Bürgerliche, die das
gesunde Selbstbewußtsein der Pionierfrauen und zugleich das kulturelle Minder-
wertigkeitsgefühl allerAmerikaner mitgebracht hatte, mit atemberaubender Schnel-
ligkeit erkannt, daß sie inmitten der dort ansässigen Künstlerhorden nichts zu be-
fürchten ... und absolut nichts verloren hatte. Nach wenigen Tagen schon vergaß
sie die Beklommenheit, mit der sie bei ihrerAnkunft sowohl Werke als auch Lo.
bensweise der Einheimischen mit ihrer eigenen, zwangsläufig ,,bourgeoisen" Sicht
der Dinge verglichen hatte. Die meisten Vertreter des Künstlervölkchens rund um

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die Akademie gehörten keineswegs zu den Berufenen, zu denen sie selbst sich
prahlerisch zählteq viele von ihnen waren schlicht und ergreifendjunge Schnö-
sel, die ihren Vätern auf der Tasche lagen und sich inmitten gleichgesinnter ,,Schön-
geistef'angenehme Tage und wilde Nächte zu machen gedachten. Jeder in der
Hauptstadt hielt sich für ein besonderes, von den Musen auserwähltes Wesen -
gemeinsam bildeten diese Jtfurger der Kunst nicht mehr als eine Schafrrerde, wenn-
gleich eine, die sich aus überwiegend schwarzen Exemplaren zusammensetzte.
Fanny amüsierte sich köstlich über die jungen Leute und betrachtete ihr ausgelas-
senes Treiben mit wohlwollenderNachsicht. Die anf?ingliche Furcht, ihnen unterle-
gen zu sein, verflüchtigte sich im Handumdrehen. Fanny kam sogar zu dern Schluß,
daß die hart arbeitenden Feierabendmaler von San Francisco oft wahrhaftere künst-
lerische Beseeltheit besaßen als die Pariser.
Ihren Sohn Hervey hatte Fanny unwiederbringlich verloren; nun galt es der
Stadt schleunigst den Rücken zu kehren, um Lloyd zu retten. Mit jenem un-
heilverheißenden Gesichtsausdruck, den sie seit dem Siechtum ihres Jüngsten nur
allzugut kannte, legte der behandelnde Arzt ihr einen sofortigen Ortswechsel ans
Herz: ,,Madame, es ist unerl2ißlich, daß Sie dieses Kind aufs Land schicken. Der
Junge ist einem Nervenzusammenbruch nahe, und wenn Sie ihn nicht umgehend
aufs Land hinausbringen, lehne ich jede weitere Verantwortung ab."
Bereitwillig leistete Fanny dem eindringlichen Ratschlag Folge und reiste mit
Lloydund Belle in das Örtchen Grez,einrerzrrolles, altes Städtchen am Saum des
Waldes von Fontainebleau. Auch hier, so hatte man sie vorgewarnt, hauste eine
verwilderte Rotte von Bohemiens; der Gasthof, in dern sie absteigen sollte, sei
gottlob ,,künstlerfrei". Fanny verbarg mühsam ihre Belustigung ob der zweifellos
gutgemeinten Wamung, beschloß allerdings, sich strikt aus jedem,,krinstlerischen"
Treiben herauszuhalten und sich statt dessen voll und ganz ihrem Sohn und dessen
Gesundheit zu widmen. Wieder einmal entwickelte sich alles anders als geplant,
denn ausgerechnet Lloyd, der in der sonnigen, fröhlichen Atmosphäre von Grez
von Anfang an wie ausgewechselt schien, zog es unter die gefürchteten, berüch-
tigten Boherniens. Auch Belle, die zusehends zu einer anmutigen jungen Darne
heranwuchs, zeigte sich dem scherzhaften Werben der Tunichtgute um sie her
nicht abgeneigt, und so mußte Fanny die beiden zwangsläufig begleiten. Verstoh-
len gestand sie sich ein, daß sie weit mehr Vergnügen empfand, als es einer pflicht-
bewußtenAnstandsdame zukam - denn auch Fanny wurde heftigst umschwärmt.
Nach wenigen Tagen stellte keiner der Osbournes mehr einen Fremdkörper in der
Siedlung dar: Sie gehörten vielmehr zum Kern der Truppe.
Schon zu Beginn ihres Aufenthaltes in Grez - ja, wenn sie es recht bedachte,
bereits in Paris! - waren Fanny wilde Gerüchte über zwei offenbar über die Ma-
ßen verdorbene und zwielichtige Gestalten zu Ohren gekommen. Nannte man ihre
Namen, senkte sich Stille über jede Gesellschaft, entsetztes Schweigen herrschte
dann bei der Bevölkerung des Städtchens, stumme Andacht bei den Bohemiens.
Dieselben drei Worte hörte Fanny immer und immer wieder: die nuei Stevensons !
Noch hielten sich die,,zwei Stevensons", die ihrem Ruf zufolge wahre Wundertie-
re sein mußten, fern von Grez auf und wurden mit heißer Inbrunst täglich zurück-
erwartet. Sie genossen ihren zweifelhaften Ruhm nicht zuletzt aufgrund der wag-
halsigen, absolut hirnverbrannten Exkursionen, die sie zu Lande und zu Wasser zu
untemehmen pflegten, Die allgemeine Aufregung angesichts der ersehnten Wie-
derkehr der,,zwei Stevensons" übertrug sich schnell aufden phantasievollen, ner-
vösen, leicht beeinflußbaren Lloyd. Augenscheinlich trachtete einjeder der in Grez
ansässigen Känstler begierig - beinahe ?ingstlich! - danach, sich des Wohlwollens
jener,,zwei Stevensons" nachhaltig zu versichem. Ob jemand Lloyd den Floh ins
Ohr gesetzt hatte oder ihr Sprößling selbst auf die Idee verfallen war, wußte Fanny
nicht zu sagen: Lloyd bildete sich ernsthaft ein, es liege in der Macht der ,,zwei
Stevensons", Fanny und ihre Kinder aus der paradiesischen Kolonie von Grez zu
vertreiben. Nun, sie würde abwarten, schwor sie sich damals. Und wenn irgendein
hergelaufener Stevenson ihr den rechfrnäßig erworbenen Platz streitig machen
wollte, sollte er es nur versuchen!
Im nachhinein erschien Fanny der Umstand völlig angemessen, daß damals die
,,zwei Stevensons" nicht gleichzeitig zurückgekehn waren. Louis war der unum-
strittene Abgott der Gemeinde, während sein Vetter Bob seinen Propheten dar-
stellte. Und ein Prophet war schließlich hauptsächlich dazt da, die Ankunft seines
Gottes anzuktindigen und angemessen vorzubereiten ... Nattirlich erfreute sich
Bob Stevenson der allgemeinen Huldigung seitens der gläubigen Gemeinde, aber er
genoß nur den Vorgeschmack dessen, was den göttlichen Louis erwartete, falls der
Gesalbte den Jtingem zu Grez endlich die Ehre zu geben geruhte. DieAdventszeit fiel
in jenem Jahre eindeutig in die Sommermonate! Fanny, die diese l?icherlicheAnbe-
tung in allen Einzelheiten mitbekam, konnte sich nicht entscheiden, ob sie lachen
oder weinen sollte. Bob Stevenson, den sie unbefangen begrüßt und bereits näher
kennengelemt hatte, gefiel ihr ausnehmend gut. Sie mochte seine abenteuerliche Klei-
dung und insbesondere sein schiefes Grinsen. Es war jenes typische Wolfslächeln,
das sie erst später in perfekterAusprägung an Louis, dem Urheber, entdeckte. Irgend-
warur begann es wohl jeder seiner Gtinstlinge und Epigonen aufzusetzen - wobei ein
waschechter Stevenson, zudem ein Vetter des großen Louis, das göttliche Merkmal
von Natur aus besser zu imitieren imstande war als andere, gewöhnliche Menschen.
Zu allem UUs.fluß tug Bob auch noch denselben Vomamen wie sein Verwandter,
was bei Fanny wiederholt zu Verwechslungen führte. Eines erkannte sie jedoch auf
Anhieb: TroE seines scblechten Rufes und seines abenteuerlichen Gebarens war Bob
Stevenson ein sanftes Lamm im Wolßpelz.

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In Fannys Gegenwart legte er augenblicklich jede Verstellung ab und offenbar-
te ihr bereitwillig sein wahres, überraschend schüchtemes Wesen.
Wtihrend sich Fanny und ihre Kinder mit Bob anfreundeten, hieß es in der
gesamten Kolonie mittlerweile nur ununterbrochen: ,,Warte, bis Louis kommt!"
Diese Worte, die den damals achtjährigen Lloyd anAussprüche zu gemahnen schie-
nen wie etwa ,,Warte, bis der Schwarze Mann dich holen kommt", verfehlten kei-
neswegs ihre Wirkung auf die ohnehin überreiae Einbildungskraft des Jungen.
Zwar verspürte Lloyd Angst bei den Worten, die man überall und bei jeder Gele-
genheit vemahm, doch wuchs gleichzeitig schon jetzt seine anbetende Bewunde-
rung fürjenes ferne Götterwesen ins Unermeßliche. Lloyd begann diesen,,Louis"
zu lieben, lange bev'or er ihn das erste Mal vonAngesicht zuAngesicht satr. ,,Lou-
is" wußte und konnte alles, ,,Louis" war.der geistreichste, faszinierendste Mann
auf der Erde, ,,Louis" war diejenige höchste Instanz, die man zu Rate ziehen muß-
te, wenn ordinären Sterblichen nichts mehr gelingen wollte.Allein die pittoreske Art,
wie er der Sage nach gewöhnlich in einer winzigen Segeljolle nach Grez geschippert
kam und jede Nacht draußen unter dem Stemenzelt zubrachte ... Louis hatte sich,
ohne es zu alrnen, ohne überhaupt körperlich anwesend zu sein" zum ausschließli-
chen Inhalt von Lloyds kindlicher Gedankenwelt aufgeschwungen. Schon viele Wo-
chen vor Louis'Ankunft war Lloyd sein glücklichster Gefangener gewesen ...
Bereits damals hatte der Junge seine Mutter doch tatsächlich zu fragen gewagt,
warum sie kein ,,hellblaues Samtgewand" besäße und ob sie sich nicht ein solches
Kleid beschaffen wolle, um den allseits angehimmelten,,Louis" ein wenig stärker
zu beeindrucken als andere Frauen. Hätte Fanny nicht nach wie vor auf Lloyds
geschwächtes Nervenkostlim Rücksicht genommen, wäire ihr spätestens nach die-
ser Bemerkung die Hand ausgerutscht. Was sie noch verrückter anmutete, war
Lloyds leise geäußertes Bedauern darüber, daß er nicht die goldenen Locken und
meerblauenAugen des verstorbenen Hervey besaß. Bei jenen Worten schüttelte es
Fanny innerlich. Der Schmerz um ihren Jüngsten, noch nicht verebbt, kehrte durch
Lloyds widersinnigen Wunsch mit doppelter St?irke wieder.
Dann eines Tages, als der Weg für die Rückkunft des großen Louis hinreichend
geebnet war, saßen etwa 16 oder 18 Personen gerade beimAbendmahl im Gasthof
beisammen, als es geschah. Lautes Poltern und Scheppern ertönte plötzlich an
einem der aufdie Straße hinausschauenden Fenster, Gepäckstücke flogen in das
Innere der Schankwirtschaft, und mit einem einzigen riesigen Satz sprang ein jun-
ger Mann herein, der ein staubiges Felleisen auf dem Rücken trug. Die Tischge-
sellschaft erhob sich wie auf Befehl und umringte den Ankömmling unter lauten
Jubelrufen. Zwei Dutzend Häinde streckten sich sehnsuchtsvoll nach ihm aus und
beriihrten den jungen Mann am ganzen Körper. Am liebstenwürden sie den Saum
seines Gewandes küssen, schoß es Fanny durch den Kopf, und beinahe hätte sie

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laut aufgelacht. Mittlerweile hatten zwei der Jünger den Ehrengast auf ihre Schul-
tern gehoben; nun trugen sie ihn auf den Stuhl, den man geschwind in der Mitte
der frohen Runde postierte. Wrirdevoll wie ein König nahm der große Louis -
natärlich war er niemand anderer! - auf seinem Thron Platz und wurde alsdann
unter Durcheinandemrfen und glücklichem Lachen den drei ,,Neuen" in der Ge-
meinde vorgestellt. ,,Mein Vetter, Herr Stevenson", verkündete Bob feierlich, in-
dem er gravitätisch den Kopf neigte und so dem Amt des Hofrnarschalls und Zere-
monienmeisters vollauf gerecht wurde. Fanny wulderte sich, daß die Vorstellung
nicht umgekehrt erfolgte, damit der König durch ein lässiges Nicken seine Zu-
stimmung zu ihrer Anwesenheit, ja ihrer unwürdigen Existenz geben konnte.
Fanny war als einzige Anwesende nicht aufgestanden. Zum ersten Mal traf nun
Louis'Blick auf den ihren. Ob er in Fannys Augen ihre instinktiveAblehnung las?
Die Botschaft in seinen schwarz blitzendertAugen war dafür unmißverständlich:
Wartb nur ab - dich Widerspenstige erwische ich auch noch ...
Was für eine sorgfältige und doch erbärmliche Inszenierung, hatte Fanny im
stillen erwidert, und was für eine unwürdige Art der Selbstdarstellung. Alle ande-
ren sind ihm rettungslos vedallen.
Doch Fanny hielt ohne das leiseste Blinzeln seinem sanften Tyrannenblick stand.
Zu allem Überfluß hatte sie ihrerseits ein feines, spöttisches Lächeln für ihn parat,
und zwar ihre private, persönliche Ausprägung - selten benutzt, aber stets wirk-
sam. Es war dermaßenzart, daß mitAusnahme von Louis niemand es registrierte,
was Fanny nur recht sein konnte. Indem sie halb züchtig, halb kokett die Augen
niederschlug, begrüßte sie Louis aufdas freundlichste.
,,Seien Sie von Herzen gegrüßt, Robert Stevenson Nummer zwei. Endlich ha-
ben Sie also die Markierungen entziffem können, die der große Robert dem klei-
nen Vetter in weiser Voraussicht auf seinem Heimweg hinterlassen hat. Aus Erfah-
rung weiß ich, daß das Spurenlesen eine hohe Kunst ist, die unter Strapazen er-
lemt sein will. Gottlob genossen Sie die Hilfe Ihres liebevoll um Sie besorgten
Vetters! Aber sagen Sie, Robert der Zweite, hatten Sie Schwierigkeiten, durch die
Ttir zu gelangen? Als wir anderen vorhin eintraten, bewältigten wir dieses gewag-
te Unterfangen ohne die geringste Mühe."
Der hinterhältige Schachzug, Original und Kopie vor aller Ohren lässig auszu-
wechseln, erschütterte Louis bis ins Mark. Oh, er behielt sich unter nahezu voll-
kommener Kontrolle und fegte Famys impertinente Bemerkung mit lautem La-
chen hinweg; doch für den winzigen Bruchteil einer Sekunde vermochte Fanny
den Anblick des Höllenfeuers zu erhaschen, das in seinen Augen loderte. Blitz-
schnell senkte sich ein Vorhang überjenes erschreckende Bild, das Fanny trotz
ihrer herausfordemden Reden niemals zu sehen erwartet hätte. Ihr stockte der
Atem.

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Das anschließende Gastrnahl, das durch dieAnkunft des großen Louis erst richtig
in Schwung kam und bald von einer ausschweifenden Zecherei begleitet wurde,
schien für den Rest der Gesellschaft durch keinerlei Verstimmung getrübt. Fanny
und Louis jedoch befanden sich bereits mitten in dem Krieg, den sie einander
offen erklärt hatten - wenn auch ,,nur" durch Blicke und Gesten. Was die Ah-
nungslosen um sie her als verspielten Scherz und womöglich als kaum verstecktes
Liebäugeln deuten mochten, war in Wahrheit ein erbitterter Zweikampf. Es ging
dabei nicht um die Eroberung einer Frau im klassischen Sinne. Louis hatte zwar
zahlreiche ,,romantische" Erfahrungen gesammelt, wie sich später herausstellte,
doch besaßen Liebeleien - ob erfolgreich oder enttäuschend - keinen allzu großen
Stellenwert für ihn. Hier ging es um unendlich viel mehr. Louis konnte nicht be-
greifen, geschweige denn akzeptieren, wie ein menschliches Wesen, Mann, Frau
oder Kind in der Wiege, nicht augenblicklich im wärmenden Feuer seines Charmes
dahinschmolz und anbetungsvoll auf die Knie sank.
Fannys erster Fehler war es gewesen, damals den Fehdehandschuh aufgenommen
zu haben. Ihr zweiter Fehler bestand darin, den Feind gnadenlos weiter zvreizen
und aufzustacheln. Ihre Kämpfernatur erlaubte zu jener Zeit keine andere Vorge-
hensweise, und doch ... Am schlimmsten war allerdings die böse Ironie, daß aus-
gerechnet ihre für den Durchschnittsamerikaner außergewöhnliche historische
Bildung ihr eine schreckliche Waffe in die Hand gab, die sich nach Gebrauch
umgehend gegen sie selbst wenden sollte. Sie hätte gar nicht einmal gewußt, wo-
von sie sprach, wenn sie in San Francisco nicht jahrelang Muße gehabt hätte, in den
Büchern ihres Mannesüberschoffische Geschichtenachzulesen.Auch Sam Osboume
war vemarrt in die Lebensumstände seiner vermeintlichen ,,Vorfahren ' ...
,,Mir ist zu Ohren gekommen, Mr. Stevenson", hatte sie ins allgemeine Ge-
spräch eingeworfen, ,,daß Sie wie Ihr Vetter von Kopf bis Fuß ein waschechter
Schotte sind. Die königliche Familie der Stuarts genießt demnach, wie ich anneh-
me, Ihre ungeteilte Bewunderung?" Dazu lächelte Fanny honigsüß.
Louis runzelte erstaunt die Stirn, neigte den Kopf zur Seite und lächelte. Dies
wat Nt Abwechslung und zu Fannys großem Erstaunen ein träumerisches, ver-
sonnenes Lächeln, weder gektinstelt noch selbstbewußt und daher auch für Fanny
überaus einnehmend. Beinahe bereute sie schon, den nächsten logischen Schritt
gehen zu müssen. Sie zwang sich dazu.
,,Man hat Sie richtig informiert, Madame", gab Louis erwartungsgemäß zr.lr
Antwort. ,,Der Klan der Stuarts verdient, wie ich meine, jedermanns ehrliche Hoch-
achtung und Sympathie."
,,Nun, ich als Frau verstehe nattirlich nicht allzuviel von diesen Dingen", fuhr
Fanny heuchlerisch fort, indöm sie ihre eigene Verstellung von galzem Herzen
verdammte. ,,Ich meine jedoch sagen zu dürfen, daß Sie, verehrter Mr. Stevenson,
sich Ihrem Stuart-König Jakob und seinem Stamm gegenüber in jeder Hinsicht als
ein würdiger Nachfolger erweisen."
,,Sie spricht von unserem Bonnie Prince Charlie, Louis!" rief Bob Stevenson
fröhlich dazwischen. ,,Er lebe hoch!" Bob ergriffsein Rotweinglas, das er schon
etliche Male geleert hatte, und brachte den Toast aus. ,",A,uf den seligen Charlie!"
Louis griffzwar gleichfalls nach seinem Glas, gab sich aber erheblich zurückhal-
tender. ,,Fast aufden Tag genau 130 Jahre ist es her, dalJ die Hochlandhäuptlinge
bei Culloden vernichtend geschlagen wurden von den vedluchten Engländern."
Zögemd setzte er hinzu: ,,Ich bitte untertänigst um Entschuldigung für meinen
kleinenAusbruch, Madame. Sie haben ein glorreiches und zugleich trauriges Ka-
pitel berührt. Trinken wir also auf den guten Highland Harry und seine tapferen
Krieger, die für eine ehrenvolle Sache ihr Leben wagten und es gegen die nichts-
würdigen Engländer verloren." Louis hob sein Glas langsam, starte ein paar Se-
kunden nachdenklich hinein und stürzte den Inhalt dann in einem Zuge hinunter.
Da fiel ihm unvermittelt Fannys Kompliment wieder ein.
,,Womit ich die Ehre verdiene, von Ihnen mit den Nachfahren James des Zwei-
ten verglichen zu werden, weiß ich zwar beim besten Willen nicht - aber ich dan-
ke Ihnen verbindlichst für die Artigkeit, Madame." Louis stand auf und machte
eine galante Verbeugung. Seine Miene war ernst. Fanny brach es fast das Herz,
mit ihrem Schlachtplan fortzufahren.
,,Ich meine, die Übereinstimmungen springen jedermann ins Auge, der nicht
völlig blind ist", sprach sie eisig. ,,Allein der Name Ihres gepriesenen Prinzen ist
-
vielsagend ,Highland Harry'! Für mich klingt das nach einem Straßenräuber,
einem hergelaufenen Halsabschneider, der seine armen Untertanen bis aufs Blut
aussaugte, Und das Schlimmste war, daß sich diese Untertanen selbst in seine
Hand begaben, denn schließlich war er alles andere als ihr rechtunäßiger König

,,Madame!" Louis war zutiefst verwundet, ließ sich aber in Gesellschaft seiner
- nun, seiner eigenen Untertanen um keinen Preis gehen. Statt offene Wut zu
verraten, verlegte er sich auf das genaue Gegenteil. Stimme wie auchAugen nah-
men jene sanfte, engelhafte Milde an, die Eingeweihten von dem unter dieser wei-
chen Decke glähenden Feuer ebenso deutlich kündete wie die Rauchsignale der
Prärieindianer.
,,Schon die Art und Weise, wie Sie hier Hof zu halten pflegen", fuhr Fanny
unbarmherzig fort, ,,wie Sie sich von Ihren Freunden feiern lassen . . . Bonnie Prince
Charlie hätte das kaum besser gekonnt, damals in der ,Verbannung'. Die Schlach-
ten durften andere für ihn schlagen, und der Feigling floh kurzerhand ins angeneh-
me französische Exil, wo er den ganzen Tag nur Wohlleben und Ausschweifung
genoß. Charlie war kein Freiheitsheld, sondern eine machtbesessene königliche

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Nachgeburt, einer der verdammenswürdigsten Feudalherren, die die Welt gesehen
hat. Schottland kann sich glücklich preisen, daß man den Krieg vor einem Jahr-
hundert nicht für ihn gewonnen hat!"
Fanny merkte sofort, daß sie erheblich zu weit gegangen war, aber sie konnte
ihre Worte nicht mehr zurücknehmen. Die vergnügten, weinseligen Franzosen
verstanden natürlich nicht, wie tiefder Schlag ging, den sie Louis versetzt hatte.
Sie hielten die ganze Szene für ein Gepläinkel, ein bloßes Scheingefecht unter
Freunden, und lachten anschließend nur etwas unsicher, ohne wirklich um den
Stand der Dinge zu wissen. Sogar Bob verkannte die Situation grtindlich. Er pfiff
leise durch die Zihne und zwinkerte Fanny zu.
,Nie hätte ich gedacht, Fanny, daß in dir ein so temperamentvolles Wesen
schlummert", murmelte er verwirrt, abör anerkennend. ,,Kann schon sein, daß un-
ser guter Charlie im Grunde ein ziemlich krummer Hund war - wenigstens war er
ein echt schottischer Hund, das mußt du zugeben. Was allerdings Louis mit ihm
zu schaffen hat, kapiere ich nicht. Du kennst unseren Louis doch kaum. Louis ist
die edelste Seele auf der ganzenWelt. Eher würde er sich die rechte Hand abhak-
ken, bevor er andere Menschen versklaven könnte. Stimmt's, Leute?"
,,Stimmt!" riefen alle wie aus einem Munde und lachten dabei. Amen, dachte
Fanny nur, Auch sie lächelte.
Louis hob inmitten des Tumults um seine Person lautlos die Hand, um sich zu
Wort zu melden, Man erkanate seine Absicht und verfiel augenblicklich in völli-
ges Schweigen. Niemand gab auch nur einen Mucks von sich. Nein, sie waren
keine Sklaven.
,,Die hochverehrte Mrs. Osbourne hat völlig recht mit ihrer Einschätzung - ich
meine, soweit sie Charlie betrifft." Louis neigte den Kopf vor Fanny. Noch einmal
füllte er sein Glas aus der Rotweinkaraffe und prostete ihr darauftrin zu. ,,Einen
Toast auf Mrs. Osbourne, eine echte amerikanische Demokratin ... und anschlie-
ßend einen auf die kläglich verblendeten Stevensons sowie alle anderen armen
schottischen Hunde auf Gottes Erdboden." Er hob das Glas zum Munde und leerte
esin drei langen Schlucken.
,,Auf alle schottischen Hunde!" echoten seine Anhänger und taten es ihm ge-
treulich nach.
Nach dem Zwischenfall, der nur Fanny und Louis unauslöschlich im Gedächtnis
bleiben sollte, wußte Fanny, daß Louis aufRache sinnenwürde-nicht auf Revan-
che im herkömmlichen Sinne, sondern auf eine zweifelsohne erhndungsreiche
und obendrein überausy'eundliche Form der Vergeltung. Sie brauchte nicht lange
im Dunkeln zu tappen. Allzubald erkannte sie, in welche Richtung er seine Fall-
stricke auslegte. Es waren Lloyd und Belle, die er für den Rest des Abends und
somit für den Rest ihres Lebens in Beschlag zu nehmen gedachte. Während er

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Fanny, die neben ihn zu sitzen gekommen war, ohne es zu wollen, im Laufe der
weiteren Stunden jenes quälend langenAbends nicht weiterbeachtete, widmete er
sich ausgiebigst den kleinen Sorgen und Nöten ihres Nachwuchses. Lloyd lechzte
sowieso längst nach Louis'Zuwendung: Er jaulte vor Wonne wie ein Welpe, den
man unter dem Bauch krault. Auch Belle wurde bald zu Wachs in Louis'Händen,
die im Formen und Zurechtbiegen vonjungen Seelen recht geübt schienen ... Und
so landeten Fannys Kinder genau dort, wo ihre verstockte Mutter nie hatte gefan-
gen sein wollen: in zwei sorgsam etikettierten Flaschen, auf einem Regal des La-
boratoriums von Mr. Louis Stevenson.
,,Mutter, wir brauchen deinen Rat. Soll der Koch zum Mittagessen eine der
guten Flaschen aus dem Vorrat aufrnachen?"
Fanny fiel vor Schreck um ein Haar aus ihrem Korbstuhl. Wie hatte Belle sich
nur so rücksichtslos anschleichen können; sie wußte doch, daß ihre Mutter in letz-
ter Zeit zusehends schreckhafter wurde!
,,Fla-flaschen?" stotterte Fanny verdattert und war sich zugleich schmerzhaft
bewußt, daß Isobel ihr im Geiste mittlenveile eine ganze Reihe von Qualitäten
absprach, unter ihnen nicht zuletzt die F?ihigkeit des zusammenhängenden Den-
kens und Redens. Nun, wenn es weiter nichts war ...
,,Ja, Flaschen. Ratatui schlägt vor, ein paar Dosen zu öffnen und dazu den Weiß-
wein zu kredenzen, von dem Tusitala noch ein Dutzend auf Lager hat. Dein Gatte
ist nicht da; ihn können wir nicht um Rat fragen. Was meinst also du, Mutter?'
Fanny zögerte keine Sekunde. ,,Öffne die Flasche! Öffne sie sofort, bevor wir
es uns anders überlegen!" Dann platzte sie unwillkärlich heraus: ,,Nein, warte -
entkorke nicht nur die eine, sondern mach sie alle auf, bevor Louis zurückkommt!"
Belle bedachte ihre Mutter mit einem prüfenden Blick, der die ausgesprochen
kühle Diagnose gleich mit einschloß. Ach, Fanny wußte nur zu gerlau, was die
Kinder hinter ihrem Rücken über sie redeten. Dieser unbedachte Ausbruch würde
das heutige Tagesgespräch bilden - allerdings sicher nicht bei Tisch.
,,Ich denke doch, eine wird reichen, Mutter", entgegnete Isobel gedehnt und
wandte sich zum Gehen. ,,Ich werde Ratatui Bescheid geben." Kopfschüttelnd
machte sie sich auf den Weg.
Fanny sann über die eigent{imliche Faszination nach, die alle Samoaner beim
Anblickundbesonders beim Öffirenvon ordin?irenBlechbüchsen ernpfanden. Auch
Ratatui, ihr Koch, den Louis scherzhaft,,Ratatouille" zu nennen pflegte, bildete in
dieser Angelegenheit keine Ausnahme. Samoaner besaßen nichts, was Europäer
oder sogarAmerikaner,,Geschichtsbewußtsein" genannt hätten - sie lebten in den
Tag hinein, kannten nicht einmal das Jatr ihrer eigenen Geburt und vermochten
diesbezüglich nur vage Antworten zu geben, die stets um Jahrzehnte an der Wahr-
heit vorbeizugehen schienen. Das hatte nichts mit Eitelkeit zu tun: Junge Frauen

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siedelten ihr Alter nach Gutdünken zwischen zehn und hundert Jahren an, ohne
sich das geringste dabei zu denken. Auf dieser Insel, wo die Zeit ein Chaos ohne
Anfang und ohne Ende darstellte, weil sie als Konzept im Verstand der Eingebore-
nen genaugenommen gar nicht existierte, gab es nur wenige eindeutige histori-
sche Fakten. Der Kampf König Mataafas gehörte keineswegs dazv; er war nur
eine unbedeutende Episode, an die sich bald niemand mehr würde erinnern kön-
nen, seine Gefolgsleute eingeschlossen. Ein außerordentlich geschichtsträchtiges
Ereignis war im Gegensatz dazu die Ankunft der ersten Blechbüchse auf Samoa
gewesen. Die Weißen, die sie einst in ihrem Gepäck mitbrachten, waren wie alles,
was sich vor mehr als zwei, drei Jahren ntgetragen hatte, längst vergessen. Doch
man brauchte weiß Gott kein hndigerArchäologe zu sein, um sofort aus den Ein-
geborenen herauszubrin ge\ was sich damals in jener ersten Dose befunden hatte.
Aus dem samoanischen Wort für Blechbüchse, ,,peasoup-u", ließ sich entnehmen,
daß es sich bei dem Inhalt der geheiligten ersten Dose um Erbsensuppe gehandelt
hatte.
Die Faszination, welche ,,peasoup-u" unweigerlich auf alle Insulaner ausübte,
wirkte auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Zum einen war der Begriff ,,Dose"
gleichbedeutend mit ,,Delikatesse", denn jedwedes Lebensmittel, das in Büchsen
tür teures Geld und unter großen Umständen auf die Insel transportiert wurde,
mußte diese Investition auch lohnen. Wann immer ein Samoanermit Dosenfleisch
oder Büchsengemüse bewirtet wurde - Vorräten also, die in der zivilisierten Welt
tiischen Speisen niemals den Rang streitig machten und oft sogar von Seeleuten
mit Mißbilligung gestraft wurden -, fühlte sich der Insulaner über die Maßen ge-
ehrt und verwöhnt und schnalzte vorVorfreude mit der Zwge. Eingemachtes aus
dcm gl?inzenden Blech der Weißen zog er sogar dem dicksten Schwein vor; der
lnhalt spielte dabei keine Rolle. Man ließ sich überraschen. Nach Fannys Erfah-
rung hatte es noch nie eine Enttäuschung gegeben.
Die zweite Ebene der Bezauberung erwies sich als erheblich komplexer. Das
l'rinzip des hermetischen Ab- oder Einschließens war der samoanischen Natur
viillig fremd. Daß Weiße auf die Idee verfielen, ein Lebensmittel nicht bloß locker
in Bananenblätter zt wickeln, sondern es einzusperrerz, so daß es nicht mehr aus
tlem Gefängnis herausschauen und man selbst nicht hineinsehen konnte, stellte
e ine unbegreifliche Form von Magie dar. Samoaner kannten ja nicht einmal das

rluuerhafte Gefangennehmen von Menschen, geschweige denn die Methode, ei-


rtcn Feind wochen-, monate- oder jahrelang einzuschließen.
Ganz ähnlich schien es auch um die staunende Bewunderung bestellt zu sein,
rlic die SamoanerbeimAnblickvonFlaschenschiffen empfanden. Die,,Caledonia"
im Kramladen unten inApia zum Beispiel zog nicht von ungefZihr so viele Einge-
hurene in ihren Bann. Fanny hatte in vielen Häfen der Erde Miniaturschiffe wie

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dieses gesehen, in San Francisco, in Marseille, sogar in Edinburgh und Sydney,
und ein alter deutscher Kapitän hatte im Gespräch einst mit feierlichem Ernst dar-
auf bestanden, die prächtigsten Exemplare kämen aus seiner Heimatstadt Ham-
burg. In allen Häfen drtickten sich Kinder und Halbwüchsige, aber auch viele
Envachsene an den Vitrinen mit den Flaschenschiffen darin regelrecht die Nasen
platt. Jeder von ihnen wollte ergränden, mit welchem Trick der Erbauer das Schiff
in die Flasche hineinbekommen hatte. Die meisten wußten nicht, daß der Bastler
die winzigen Schiffsmasten vermittels eines komplizierten Geflechtes von Fäd-
chen so tiefbeugte, daß er das fertige schmale Gebilde leicht durch den Flaschen-
hals schieben und es anschließend zu voller Größe aufrichten konnte, indem er
lediglich sein Netzwerk aus Fäden losließ, Das war der ,,Zaubertick", dessen
Charme weiße Bewunderer erlagen, gleichgültig, ob sie ihn durchschauten oder
nicht. Bei den Eingeborenen verhielt sich die Sache grundlegend anders. Sie,,wuß-
ten", daß das Schiff in der Flasche ein echtes Schiff war, das bereits die Inseln
bereist hatte, und vielleicht fragten sie sich manchmal, wo seine Mannschaft geblie-
ben war - sie zeigte sich jedenfalls nie an Deck oder in der Takelage. Die Magie,
welche darin lag, ein großes Schiffdermaßen zu verkleinern, erstaunte sie durch-
aus, wenngleich nicht allzusehr: Menschenköpfe konnte man schließlich auch ganz
erheblich einschrumpfen. Was die Samoaner an einem Miniaturschiff wie der
,,Caledonia" so über die Maßen fesselte, war die Verwunderung darüber, daß man
den freien, stolzen Geist, der dem Wasserfatrzeug innewohnte wie jedem sich
bewegenden Wesen, in die winzige Flasche hatte sperren können,
Ging man von dem malSlosen Staunen aus, das sie angesichts eines gefangenen
sichtbaren Wesens zeigen, war leicht zu begreifen, daß Tusitalas Flaschendämon
ihnen vollends denAtem raubte. Einen Dämon zu beherrschen, war übermensch-
lich; ihn in jenermilchig-undurchsichtigen Flasche aufzubewahren, von derTusitala
ihnen erzählt hatte, verstärkte diesen Eindruck. Doch nicht einmal die berüchtigte
Flasche hatte man je zu Gesicht bekommen - obwohl, wie Fanny wußte, Mitglie-
der ihrer Dienerschaft des öfteren nach dem bewußten Behältnis Ausschau hiel-
ten. Da Tusitala niemals persönlich behauptet hatte, die Flasche zu besitzen, sie
sich aber zweifellos in seinem Berlitz befand,wuchs das Geheimnis ins für den Men-
schenverstand Unermeßliche. Ein unsichtbarer Däimon, eingesperrt in einem unsicht-
baren Gefiingnis ... Auf solche Weise vereinigte Tusitalas abgefüllter und verkorkter
Dämon also das eherprosaisch anmutende Geheimnis von,pea.soup-u", dem Unsicht-
baren in der Dose, mit dem gefangenen Schiffsgeist. Büchse und Flasche, von den
Weißen mitgebracht, hatten demnach kräftig mitgeholfer\ Tusitalas Teufel den Weg
zu ebnen und ihn für alle Zeit unsterblich zu machen. Er war Teil der Inselgeschichte.
Aber Fanny kannte die Inselgeschichte recht gut und wußte, daß Upolu selbst
über einen Flaschengeistzauber verfügte, der stärker und unerbittlicher wirkte als

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jede Magie des weißen Mannes. Obwohl Fanny Louis gegenüber nie dartiber sprach,
besalJ sie zudem den schriftlichen Beweis dafür, daß auch er um den Flaschen-
d2imon wußte, der der Insel untertan war und sich in der jtingsten Vergangenheit
bereits einmal gegen weiße Eindringlinge zur Wehr gesetzt hatte - mit vernichten-
dem Erfolg.
Als Louis es sich zurAufgabe gesetzt hatte, einenAbriß über die Inselgeschichte
zu schreiben, war er auch auf den Grund zu sprechen gekommen, warum derAr-
chipel von Samoa heute nicht länger eine Kolonie darstellte wie noch im letzten
Jahrzehnt, sondern politisch nur mehr unter der gemeinsamen ,,Aufsicht" der Deut-
schen, Briten und Amerikaner stand. Für Louis schien das System der Fremdherr-
schaft nach wie vor arg genug, um sich darüber bis zum Siedepunkt zu erhitzen;
doch Louis brauchte stets ein Thema von,,allseitigem" Interesse, für das er einen
seiner aussichtslosen Kreuzzüge unternehmen konnte. Raubte man ihm die Grund-
lage für seine gerechte Sache und machte die Kampagrre überflüssig, war et zrl
Tode betrübt,
Louis, der glühendste Verfechter samoanischer Unabhängigkeit und Selbst-
bestimmung, hatte sich seinerzeit m?ichtig zusammenreißen müssen, um nicht sei-
ner Genugtuung angesichts der Vernichtung dreier ,,fremder" Flotten in seinem
EssayAusdruck zu verleihen. Erstens hielt ein guter Geschichtsschreiber sich tun-
lichst zurück, was die Gefühlsverwicklung der eigenen Person betraf- als Vollju-
rist und selbsternannterAnwalt der Insel bekam er genügend Gelegenheit, sich im
Rahmen seiner anderen Pamphlete in flammenden Plädoyers auszulassen. Zwei-
tens gehörten zahlreiche Briten zu den Heerscharen von Opfem, und auch Englän-
der lagen ihm um der alten Zeiten willen am Herzen, trotz ihres Charakterfehlers,
nicht als Schotten auf die Welt gekommen zu sein.
Im März.des Jahres 1889, fast unmittelbar vor Louis' Ankunft auf der Insel -
schon im Dezember erwarb er Vailima -, hatte ein,,tragisches Unglück", ein Hur-
rikan, die stolzesten und modernsten Kriegsschiffe der drei Flotten im Hafen von
Apia völlig vernichtet. Nun galt ein Hunikan immer als Quelle schlimmster Zer-
störung; doch derAblauf dieser Katastrophe schien Fanny etwas Besonderes, das
durchaus nicht den ,].{aturgesetzen" entsprach, wie die Weißen sie auslegten. Louis
bemühte sich in seiner kurzen Chronik um trockene Sachlichkeit, soweit dem ein-
gefleischten Romancier das gelingen wollte; doch er mußte wissen, was er tat-
sächlich beschrieb: Wie sonst war es zu erklären, daß er den Hafen vonApia nicht
weniger als ein dutzendmal mit einer riesigen Flasche verglich, die Mole mit dern
gewölbten Boden derselben, die schmaleZufahrtmit ihremHals, ja ihremSchlund,
der den gefangenen Schiffen das Entkommen und letztlich die Rettung unmöglich
machte? Dieselbe Flasche des Hafens, die zu jeder anderenZeit die sich in ihr vor
Stürmen verbergenden Schiffe beschützte wie eine Mutter die ihr anvertrauten
Kinder, hatte sich gegen sie gewendet - warum? Die Antwort war grauenerregend
einfach. Die Geister der Schiffe gebärdeten sich nicht wie schutzsuchende G$ste,
die sich still und bescheiden an die nattirliche Mole schmiegten, sondern wie mäch-
tige Herrscher der Meere, die gekommen waren, um die Insel endgültig in Besitz
zu nehmen. Nie zuvor hatte es eine solche Zurschaustellung geballter Macht im
kleinen Apia gegeben, nie zuvor mehr als ein Dutzend fremder Zerstörer und
Schlachtschiffe dort, wo sonst nur ein oder zwei Boote lagen und wo nach Ansicht
der kühnsten Experten höchstens ihrer vier gefahrlos vorAnker gehen durften!
Es war die Zeit der größten Auseinandersetzungen zwischen den drei Groß-
mächten gewesen, als noch eine jede von ihnen Samoa als ihr verbrieftes Eigentum
beanspruchte. Die Flaggschiffe der L?inder bekriegten sich zwar nicht auf offener
See, drohten jedoch täglich mit Übergriffen. Als die Wettergläser ins Bodenlose
fielen und der Hurrikan erwadet wurde, legten die Schiffe nebeneinander im Ha-
fen an, eins neben dem anderen, auf engstem Raum; die Spätankömr.nlinge mach-
ten es sich im Flaschenhals der Zufahrt bequem. Da lagen sie nun riebeneinander,
alles andere als friedlich: Kampfh?ihne, gespornt und zum äußersten bereit, im
Zaum gehalten einzig vom Frieden des belagerten Hafens. Doch der Dämon des
Hafens beschloß, den in seinem Obdach herrschenden Frieden als erster zu bre-
chen. Seine Geduld mit den Fremden war erschöpft.
Sie alle hätten guteAussichten gehabt, den Hurrikan außerhalb des Hafenbeckens
zu überstehen, zumindest nicht mit Mann und Maus unterzugehen: ,,Adler" und
,,Eber", Stolz des Deutschen Reiches; die prächtige,,Vandalia", die ,,Nipsic" und
die,,Trenton" derAmerikaner; die,,Calliope" unter dem britischen Captain Kane.
Unmittelbar vorAusbruch des Sturmes war selbstverst?indlich keines der Schiffe
bereit, seinenAnkerplatz aufzugeben und Raum für den Feind zu machen. Als der
Hurrikan erst einmal zu toben begann, konnte keines der Fahrzeuge mehr aus der
Hafenflasche entweichen, sosehr ein jedes es auch versuchte. Der Dämon hatte
die enge Züafut durch die vereinte Kraft des Windes und der ttickischen Strö-
mungen fest verkorkt und gestattete kein Entrinnen mehr aus dem geschlossenen
Schlund der Flasche. Als er sah, daß sein Zauber wirkte, schüttelte er die hilflos in
dem Behältnis gefangenen Flaschenschiffe mit Riesenkräften hin und her, ließ die
Ungetüme aus Holz und Eisen gegen die Korallenriffe prallen, wo sie zerschell-
ten, ja zerbröckelten wie Eierschalen. Der DZimon kannte seine Insel und wußte,
wie sie beschaffen war: Ihr korallener Ursprung, der sie eigentlich zu einem fla-
chen Atoll hätte machen sollen, war durch das unterirdische Wirken der Vulkane
verändert worden. Nun bestand sie aus vorgelagerten Ketten von Korallenbänken,
aus Sandstränden und hohem Gebirge und stellte eine Einzigartigkeit im Stilleq
Ozean dar. Der Dämon verließ sich auf die zerstörerische Arbeit der Riffe, aus
denen die Ränderder Hafenflasche vonApia zu beinahhundert Prozent bestanden

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- rasiermesserscharfe Splitter und Scherben, die den Bauch eines Schiffes wie ein
Holzspielzeug aufschlitzen konnten. An ruhigen Tagen bargen sie keine Gefahr,
auch nicht dann, wenn genügend Raum zum Manövrieren vorhanden war. Nun
jedoch behinderte ein Schiff das andere, der Feind den Feind, der Freund den
Kriegsgeführten. Sie alle hatten sich vorwitzig in die Flasche hineinbegeben, aus
freien Stticken, und somit ihre Gefangenschaft selbst verschuldet. Um den tödli-
chen Korallen auszuweichen, die bereits die ,,Eber" mit scharfen Krallen ausge-
weidet, unter ihre Bänke gezogen und regelrecht verschluckt hatten, schipperten
die restlichen Schiffe verzweifelt und verstört umeinander. Und nun beschloß der
Dämon, der einen gesunden, wenn auch sehr bösen Sinn für Humor besaß, seine
hinterh?iltigste Waffe einzusetzen. Er ließ die Geister der feindlichen Schiffe ge-
geneinander zum ,,Kampf' anfeten, wie sie es ja im Grunde schon immer gewollt
hatten...
Eines nach dem anderen spielte der Dämon die Schiffe gegeneinander aus. Was
kein Krieg auf hoher See bewerkstelligt hatte, schafte der Ankerplatz von Apia,
der mühelos den gesamten Inhalt des Flaschenbauches aufüeb. Jedes Schiffsuch-
te zu entkommen; auf der panischen Flucht streifte und rammte jedes die anderen,
l.'reund wie Feind. Diejenigen, die steuerlos umhergeworfen wurden, waren ge-
f?ihrlich. Diejenigen, die sich noch im Besitz ihres eigenen Willens glaubten, wa-
ren tödlich für sich selbst und den traurigen Rest. Eines nach dem anderen zer-
schellten sie an den Rändem der Flasche und aneinander. Sie gingen unter und
nahmen die Besatzungen mit in das dauerhafte Grab der Korallenriffe.
Als man nach dem Abflauen des Windes das Ausmaß der Zerstörung erkun-
dete, sah man keine Flotte mehr. Ein Schiff, die ,,Adler", das Schmuckstäck der
f)eutschen, hatte es jedoch sehr weit gebracht. Dort, wo der deutsche Adler nun
mit aufgerissenem Rumpf lag, sollte er für lange Jahre von dem Humor des Dä-
mons künden. Wie ein toter Vogel, der nie mehr mit vollen Segeln über den Pazi-
lik fliegen würde, wie ein erbärmliches Stück Aas ruhte die große Konstruktion
von Menschenhand mitten auf dem Festland der Insel - eine Trophäe des Dä-
rnons. Die wenigen geretteten Seeleute stolperten hilf- und ziellos auf der Insel
umher. Sie waren nicht länger stramme Marinesoldaten, sondern schlicht Schiff-
hrüchige. Nein, dachte Fanny, die Insel brauchte wahrlich keine Menschen zu ih-
tvr Verteidigung.

7t
4
,,NuN, wENN ou mich fragsl sollte Louis seine überschüssige Kraft lieber daanver-
wenden, einen Leuchtturm für den Hafen von Apia zu bauen. Das ist avar ebenso
unsinnig wie sein gegenwärtiges Unterfangen, aber es schadet auch niemandem."
Isobel, die rurtätig neben Fanny auf derVeranda saIJ, nickte stumm zu den Worten
ihrer Mutter, doch Fanny bezweifelte stark, ob sie ihr überhaupt zuhörte. Is&el bebte
am ganzen Körper und konnte ihre Hände nicht einen Moment lang still in ihrem
Schoß ruhen lassen. In unregelmäßigenAbständen durchlief ein Zucken ihre Finger,
die sie dann krampflraft gegeneinanderrieb. Fanny war gerade damit beschäftigt, die
Zwiebeln aus ihrem liebevoll gehegten Gemüsegarten zu schälenund für das Mittag-
essen voranbereiten. Gem häüe sie der müßig dasiEenden Belle angeboten, ihr bei
dieser Arbeit zu helfen, die sie normalenveise niemand anderem anvertraute; zog
man allerdings Belles jetzigen Zustand in Betachq mußte man damit rpehnen, dalJ
Belle sich an dem scharfen Messer verldzte. Das durfte man keinesfalls riskieren:
Belles flinke Finger waren höheren Aufgaben geweiht als dem Gemüseputzen, sie
benötigte sie während des gemeinsam mit Louis zelebrierten Gottesdienstes, wel-
chen man im Kreise gewöhnlicher Steölicher gemeinhin,,Schreiben" nannte.
Der einzige Haken bestand zar Zeit darin, daß die stolze Hohepriesterin - als
die Belle sich insgeheim sicher betrachtete, während Louis im besten Falle seine
Meßdienerin in ihr satr - verloren und von ihrem Gott verlassen auf den Veranda-
stufen hockte, ein Häufchen Elend, das intensiv Löcher in die schwüle Morgenluft
starrte und als musikalische Untermalung ihres Kummers ab und an langgezoge-
ne, tiefe Seufzer ausstieß.
Louis war es heute nämlich gar nicht in den Sinn gekommen, sich an die all-
morgendliche Diktier- und Schreibarbeit zu begeben - und diese für Belle un-
haltbare Situation währte nun bereits eine geschlagene Woche! Wenige Monate
zuvor noch hatte Louis den Morgen zwar friih, aber mit Bedacht begräßt, hatte
regelmäßig jeden Tag vor der versammelten Familie und den vertrautesten Mit-
gliedem der Dienerschaft eine Andacht abgehalten, sonntags eine ganze Messe
zelebriert, bevor der Klan gemeinsam das Frühstück einnahm. Seit Tagen nun
stand Louis mitten in der Nacht auf, zusammen mit den wenigen Hühnern, die in
der Nähe des Hauses lebten, um zunächst einige Runden um die Veranda zu dre-
hen und sich dann an sein neuerdings bevorzugtes Tagewerk zu begeben: das Ro-
den. Stundenlang hörte man ihn draußen vor dem Haus klopfen, hacken, hämmern
und sägen, und wenn der Rest der Familie aufstand, entnervt durch den frühen
Lärm, begutachteten Fanny, Lloyd und Belle mit gemischten Gefühlen die Früch-
te seinerArbeit. Die wenigen Bäume, die auf dern pedantisch kurzgehaltenen Ra-
sen verblieben waren, hatten mit Stumpf und Stiel Louis' Rodungswut weichen

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müssen. Einer nach dem anderen verschwand in den Morgenstunden, in dern ge-
heimnisvollenZwielicht, das die Dämmerung ankändigte. Das Fällen der Bäume
überließ Louis niemandem aus der Dienerschaft; die Hausboys mußten nach voll-
brachter Tat die Stämme wegfragen und hinter dem Haus zerkleinem, aber den
eigentlichenAkt des Umstürzens nahm Louis für sich allein inAnspruch. Wenn er
dann endlich das Haus betrat, noch immer bis zu den Zälnonmit Buschmessern,
Axten und Sägen bewaffnet, begrüßte er den Rest seiner Sippe mit einem flüchti-
gen Nicken und nahm im Grunde niemanden wirklich walr. Während er die tradi-
tionelle Andacht abhielt, merkten alle, daß weder sein Verstand noch sein Herz
sich bei der Sache befanden. Statt seine eigenen ergreifenden Gebete zu erfinden,
für die er weit und breit berühmt war, rasselte er lediglich ein oder zwei Vaterunser
herunter, um dem immerhin von ihm persönlich eingeführten Ritual der Morgenan-
dacht so schnell wie möglich zu entrinnen. Und schon grng es wieder ans Roden.
Eine weitere frühmorgendliche Beschäftigung von ehedem begann Fanny mitt-
lerweile schmerzlich zu vermissen, obwohl sie sich diese Schwäche nur ungern
eingestand: Vor einigen Wochen noch hatte Louis es sich nicht nehmen lassen, die
Familiekurz nach dem Frühstäckmitdenmanchmal überirdisch säuselnden, meist
aber erbärmlich quiekenden Tönen seines Flageoletts zu verwöhnen. Nun dachte
er gar nicht mehr daran, auch nur eine Minute seiner freien Zeit auf das Qu?ilen
dieses Instrumentes zu verwenden, welches Fanny klammheimlich mit einem recht
anzüglichen Spitznamenbelegthatte. Das lange, flötenartige, miteinem schnabel-
ähnlichenAuswuchs versehene Ding erinnerte sie so nachdräcklich an das National-
instrument der Schotten, daß sie es sich nicht verkneifen konnte, es hinter Louis'
Rücken seinen ,,kastrierten Dudelsack" zu nennen. Und nun vermißte sie das
Monstrum doch tatsächlich!
,,,{ber Louis ist doch nach wie vor mit seinem neuesten Roman beschäftigt oder
etwa nicht? Ich habe im Vorbeigehen des öfteren bemerkt, daß die Tür zur Bibliothek
wenigstens nachmitüags verschlossen ist. Dermach aöeitet ibr zusamm!f,f"
Belle hörte nach der Frage ihrer Mutter für einenAugenblickmit ihren Zuckun-
gen und dem dauernden Häinderingen auf, um alsdann in verstärktern Maße erneut
damit zu beginnen. Wer mochte hier wohl die wahre Nervenkranke sein? fragte
Fanny sich nicht das erste Mal in der vergangenen Woche. Die arme Isobel schien
ihr regelrecht süchtig nach der Gegenwart des großen Tusitala. Blieb er fort, wuß-
te sie nichts mit sich anzufangen. Ihr SohnAustin konnte sich in solchen Notlagen
wenigstens allein beschäftigen, wenn er auch seiner kindlichen Enttäuschung
manchmal etwas unangemessenen Ausdruck verlieh.
,Ja, es stimmt ... wir arbeiten noch zusammen." Isobel preßte die Worte fiirm-
lich hervor und k?impfte dabei mit den Tränen. Dann stieß sie einen schier endlos
langen Seufzer aus.
,,,{ber dann ist doch im Grunde alles beim alten geblieben", bemerkte Fanny,
die nichts dergleichen dachte, sondern ihre Tochter dazu ermutigen wollte, sich an
der Mutterbrust ihren ganzen Kummer von der Seele zu reden. Es wäre so schön,
wieder einmal zu spüren, wie Belle sich vertrauensvoll an ihre Schulter lehnte.
Wie entsetzlich weit lagen die Augenblicke trauter Zweisamkeit von Mutter und
Tochter nun schon zurück!
Belle schluchzte zvtü kurz auf, teilte aber offensichtlich das Bef,ürfnis ihrer
Mutter nach echter Nähe nicht. Die junge Frau schenkte Fanny nicht einmal einen
Blick, während sie ihr die Lage schilderte. Nach wie vor schaute sie angestrengt
ins Leere und knetete krampftraft einen Finger nach dem anderen.
,,Weißt du, Mutter ... wenn Louis und ich früher zusammen in der Bibliothek
waren, dann habe ich - habe ich ihm viel mehr bedeutet als nur ein . . . ein Schreib-
utensil. Wir scherzten und lachten zusammen, ich gab meine eigenen Kommenta-
re zu seinen Geschichten, und ... und . .. er natrm sie auch ernst! Wie gft hat er zu
mir gesagt: ,Belle, liebste Belle, du bist meine beste Kritikerin. Wäs sollte ich
ohne deine Inspiration anfangen?"'
Das kam Fanny überaus bekannt vor, doch sie hütete sich, eine diesbezügliche
Bemerkung zu machen. Oh, Louis, wie viele deiner Jünger hqst du schon mit ge-
nau diesem Lob bedqcht? Sie selbst hatte die Worte jahrelang vernommen, sie
wußte, daß auch Lloyd mit ihnen groß geworden war - zumindest so groß, wie
sein angebeteter Held es zuließ. Lob wirkte wahre Wunder.
,,Und nun lobt er dich nicht mehr?" fragte Fanny.
,,Loben? Er sieht mich ja nicht einmal mehr!" platzte Isobel heraus und senkte
sofort wieder die Stimme, erschrocken über ihren eigenen heftigen Ausbruch. Leise
fuhr sie fort.
,,Jeden Nachmittag sitze ich zwischen den Regalen, vor dem Sekretär, und war-
te auf Louis. Mal kommt er erst spät, mal gar nicht - aber ich warte. Er weiß, daß
ich warte, so wie er weiß, daß die Nacht auf den Tag folgt und Ebbe auf Flut. Ich
bin immer da, wenn er mich braucht. Das ist auch in Ordnung so. Ich würde nie-
mals auf den Gedanken verfallen, mich zu beschweren, denn ein großer Künstler
wie er hat seine eigenen Gesetze, denen man sich eben unterordnen muß. Ich habe
die ... die Notwendigkeit dieser Gesetze schon vor Jahren erkannt und richte mich
nach ihnen. Aber - aber ..."
,,Nun sieht er dich nicht mehr", flüsterte Fanny kaum hörbar, und sie wagte
dabei nicht zu bestimmen, ob sie mit ihrer Tochter sprach oder mit sich selbst.
,,Wenn er die Bibliothek betritt, bemerkt er mich nicht so, wie man etwa einen
Freund wahmimmt: Er setzt meine Anwesenheit stillschweigend voraus. Ich bin
nicht länger seine Muse, ich bin zu einem ... einern Ding geworden, dessen man
sich wie selbstversttindlich bedient. Es mag furchtbar klingen, aber ... ich fühle

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mich wie ein Stäck seines Schreibtisches - wie die Sekretärin, die mit dem Sekre-
tär verwachsen ist. Hört sich das alles nicht schrecklich komisch an, Mutter?"
Fanny schwieg. Was sollte sie ihrer Tochter sagen? Es war höchste Zeit, daß sie
die Watrheit persönlich entdeckte.
,,Wenn wir nun beginnen, befieblt er mir, den letztenAbschnitt vorzulesen. Dann
diktiert er mit solch grauenhafter Schnelligkeil als ob der Satan ihm im Nacken säße
... Es gibt keine Kurzschrift, die es mit diesem Höllenternpo aufrrimmt!"
,,Das ist doch früher niernals seineArt gewesen", murmelte Fanny. ,,Das Dik-
tieren bereitet ihm gewöhnlich erst dann wirkliches Vergnügen, wenn er jedes
Wort gleichsam auf der Zunge zergehen lassen kann." Sie schüttelte ungläubig
den Kopf.
Belle, die nicht danach fragte, woher ihre Mutter die feierlichen Besonderheiten
des schriftstellerischen Hochamtes wohl kennen mochte, nickte bekrtiftigend zu
Fannys Aussage.
,,Genau das ist es, was mir einen Schauer über den Rücken jagt", enviderte sie.
,,Seine Schilderungen erscheinen mir genauso packend und einfallsreich wie im-
mer - obwohl ich das während der Niederschrift gar nicht recht zu beurteilen
vennag, denn alles geht so rasend schnell, daß meine Hände und mein Denkver-
mögen nach kuruer Zeit auf der Strecke bleiben. Wie ein Automat lcitzele ich
dann nur noch vor mich hin, ohne eigenen Sinn und Verstand. Und auch Louis
macht keinen glücklichen Eindruck, obwohl er so produktiv ist wie nie zuvor."
,,Hmmmmm", machte Fanny und enthielt sich ansonsten jedes Kommentars.
Sie hielt eine der kleinen, festen Zwiebeln in die Höhe, die sie selbst in ihrem
Gemüsegärtchen gezogen hatte, und betrachtete sie mit größterAufrnerksamkeit.
Langsam drehte sie das Lauchgewächs in ihrer Hand, schweigend, versunken, bis
es ihrer Tochter Belle zuviel wurde.
,,Mutter, ich wage nicht zu ennessen, wieviel deine .., deine Zwiebeln dir und
deinem Seelenfrieden bedeuten mögen." Ihre Stimme troffvor Sarkasmus. ,,Du
hast dich sehr weit von uns anderen entfernt, und watrscheinlich ist dir das nicht
einmal bewußt geworden. Aufjeden Fall faszinieren diese verdammten Zwiebeln
dich mehr als dein eigener Mann und die Tatsache, daß er zutiefst unglücklich ist."
Fanny konnte nicht länger an sich halten. ,,Wer ist denn wohl unglücklicher
von euch beiden, Louis oder du? Der Mann geht wenigsüens seinen Beschäftigungen
nach, so unsinnig manche davon uns auch anmuten mögen, während du hier ne-
ben mir kauerst und die H?inde ringst und ergreifeirder stöbnst als die Drittbesetzung
der Ophelia in einem Schmierentheater."
Fannys Vorwurf hatte Isobels mühsam zur Schau getragenen Gleichmut nicht
nur ins Wanken gebracht, sondern ihm vollends den Garaus gemacht. Erst verhal-
ten, dann immer hemmungsloser begann Belle zu weinen, bis die Tr"anen ungehin-

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dert ihre Wangen herabkullerten. Wortlos griffFanny in den Armelaufschlag ihres
Kleides und reichte der Tochter ein baumwollenes, mit Klöppelspitze verziertes
Taschentuch. WZihrend der vergangenen zwei Jahre auf Samoa hatte sie stets so
einTüchleinbereitgehalten, um ihre eigenen, oft schwerkontrollierbaren Gefühls-
ausbrüche wenigstens vor ihrer Dienerschaft zu verbergen. Für die Samoaner wa-
ren weinende Frauen ein ganz und gar ungewohnter und unbegreiflicherAnblick.
,,Ist ja schon gut, Belle, mein Liebling", suchte Fanny den Kummer der noch
immer laut schluchzenden Isobel zu beschwichtigen. Fanny nahm sie 6icht in den
Arm - gern hätte sie das getan, aber sie scheute vor der möglichen Abwehrreakti-
on ihrer Tochter zurück. ,,Weißt du, was mich wundert? Da sitze ich hier und
scbneide frische Zwiebeln, und du hockst fast vier Fuß weit weg und mußt davon
weinen. Zwiebeln sind schon ein arg seltsames und eigenwilliges Gemüse."
Isobel antwortete natürlich nicht auf diese lapidare Feststellung. Um sie aufzu-
heitem, holte Fanny etwas weiter aus. .j
,,Wußtest du übrigens, mein Schatz, daß die größten Gelehrten sich im Laufe
der Geschichte über das Wesen der Zwiebel ausgebreitet haben? Schon die alten
Griechen machten sich so ihre eigenen tiefphilosophischen Gedanken über dieses
Gernüse." Ob das stimmte, wußte Fanny beim besten Willen nicht, aber es küm-
merte sie im Augenblick auch herzlich wenig. ,,Irgendein weiser Mann oder eine
weise Frau hat, so glaube ich, einstmals verkündel ,Die Zwiebel stellt nichts ge-
ringeres dar als das getreue Abbild der menschlichen Natur. Ihre äußerste Schale
sagt noch nichts über den Inhalt aus; sie ist sozusagen die Hülle der diskreten
Höflichkeit, die sich fest um das wahre Wesen schmiegt. Man riecht nichts, man
kann sich noch keine Meinung bilden über das, was bei näherer Untersuchung
unweigerlich zutage tritt.' Na ja, das Zwiebelchen sieht jedenfalls lecker aus, und
man gibt sich natürlich nicht damit zufrieden, es in einer Vitrine aufzubewahren.
Wo käme man da hin! Also entfernt man die Hülle, und die Shafe folgl auf dem
Fuße. Die Haut darunter ist schon nicht mehr halb so diskret und unaufdringlich
wie ihr Deckmäntelchen."
,,Dafür stömt sie Würze aus ... ein besonderes Aroma." Belle merkte endlich,
worauf ihre Mutter hinauswollte, und lächelte zustimmend. Fanny betrachtete die
Tochter mit Wohlgefallen.
,,Du hast es genau erfaßt, mein kluges Kind. Obwohl dem Liebhaber des Zwie-
belchens bereits zu diesem Zeitpunkt die ersten Tränen in die Augen treten - denn
es ist frisch und saftig und daher besonders geführlich -, denkt er nicht daran, die
Finger davon zu lassen oderwenigstens mit dem Schälen Schluß zu machen. Der
Dummkopf! Mit jeder Haut, die der unbesonnene Tropf entfemt, stößt er auf neue
pikante Schönheiten. Die Zwiebel reizt seine Sinne, seine Neugier - aber vor al-
lem reizt sie ihn zu immer mehrTränen. Der Mensch jedoch ist ein selten dummes

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Tier. Er häutet und entschleiert und kann nicht damit aufhören, obwohl ihm längst
regelrechte Bäche aus den Augen fließen. So genau wollte er sein heißgeliebtes
Zwiebelchen sicher gar nicht kennenlernen! Wenn er schließlich das Herz in Hän-
den hält, zerreißt es ihn schier."
Belle starrte nachdenklich vor sich hin, doch ihr Schluchzen war versiegt. Sie
wirkte erheblich ruhiger und gefaßter.
,,Das war eine schöne Geschichte, Mutter. Hab vielen Dank dafür." Bei diesen
Worten griffIsobel nach Fannys Handund drückte sie kurz. Nun, eine Umannung
hätte Fanny weit besser gefallen, aber sie freute sich überjede noch so unschein-
bare Geste, die ihr die Zuneigung der Tochter offenbarte.
,,Weißt du, Mutter, es gibt da noch eine weitereAngelegenheit, die mir Sorgen
und Kopfzerbrechen bereitet", fuhr Belle fort. ,,Im Laufe der letztqWochen hat
sich hier in unserem Vailima vieles so drastisch verändert, daß man manchmal
ganz die Orientierung verliert. Unsere Bräuche, unsere gesafirte Lebensweise ...
Und ausgerechnet Louis ist es, der Herr von Vailimq der die Regeln umstößt, die
er selbst ins Leben rief."
Fanny erwiderte schweigend Belles fragenden Blick. Spnch weiter, bedeutete
sie ihr lautlos.
,,Es ist fast so, als ob Louis seine alte Weltordnung mit Gewalt zerstört, um
einer neuen Platz zu schaffen. Dieser unablässige Kahlschlag in unserem Garten -
garlz ar schweigen von der verrückten Idee, ausgerechnet die Häuptlinge eine
ausgewachsene Straße durch den Dschungel hauen zu lassen. Und das ist bei wei-
tem noch nicht alles! Er plant viel mehr!"
,,Was sagst du da, Kind?" Fanny spürte, wie ihre Eingeweide sich zu einem
festen Knoten zusammenballten. Nur unterschwellig nahm sie zur Kenntnis, daß
Isobel das erste Mal in ihrem Leben ihren Stiefuater zu kritisieren gewagt, ja eine
seiner Handlungen unverblümt als ,,velrückt" bezeichnet hatte ...
Isobel holte tief Luft.
,,Als ich vor rund einer Woche morgens in die Bibliothek trat - damals schien
alles noch beim alten zu sein -, sah ich, daß Louis eine große Landkarte aufdem
Schreibtisch ausgebreitet hatte. Ich dachte bei mir: ,Diese Karte hat Louis selbst
gezeichnet, wahrscheinlich für Austin, denn sie ähnelt ganz erstaunlich jener
Phantasielandkarte, die Louis seinerzeit in Schottland anfertigte, um den kleinen
Lloyd aufzuheitern.' Du weißt, von welcher Karte ich rede, Mutter, ntimlich von
derselben, die später von den Verlegern als Buchumschlag für die Scftaainselver
wendet wurde. ,Wie schön', sagte ich also im stillen zu mir, ,Louis trägt sich mit
dem Vorhaben, eine neue wundervolle Abenteuergeschichte zu schreiben.' Ich trat
näher an die Karte heran. Was genau ich erwartete, weiß ich nicht zu sagen ... so
etwas wie L2ingen- und Breitengrade, Angaben von Seemeilen, Navigationshilfen

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und natürlich die Markierung für den Schatz, den es zweifellos auf dieser Insel zu
heben galt. Ein Goldschatz wie der, dem Long John Silver, derböse Schiffskoch,
und Jim Hawkins hinterherjagen."
Fanny spürte, wie sich trotz der morgendlichen Schwüle eine Gänsehaut über
ihren Körper ausbreitete. Ihr schwante Unangenehmes. Schweigend, atemlos
lauschte sie der Tochter.
,,Du kennst jedes Fleckchen auf der Schatzinselkarte, Mutter, und dahgr ist dir
ja bekannt, daß Louis damals außerdem eine Unmenge geographischer Einzelhei-
ten hineingemalt hat: Urwald, Felsen, Strände, aber auch einzelne Bäume. Anders
hätte es mit der Erzählung wohl nicht so reibungslos funktioniert, denn schließlich
heißt es dort überall: Such dir diesen verkrüppelten Baum, jenen überhZingenden
Felsen, ein ganz bestimmtes Gewässer, dann lauf 150 Schritt und fang an, nach
des toten Mannes Kiste zu buddeln. Na" wie dem auch sei - ich war bei meinem
Fund tatsächlich auf die Karte einer Insel gestoßen. Bei näherer Betrachttrng sah
ich, daß Louis minutiös wie stets sämtliche geographischenAnhaltspunkte einge-
tragen hatte. Inklusive der Inselvegetation ..."
,,Und? Was weiter?" Fanny scheute vor Belles Erwiderung zurück, doch ihre Span-
nungwuchs ins Unerhäglicheundvedangteunverzüglichnach einerkonlaetenCrrund-
lage. Fanny bekam sie prompt und wünschte sofort nie danach gefragt zu haben.
,,Die Insel, die Louis diesmal gezeichnet hat, ist durchaus kein Phantasiegebilde
- wohl aber die Hunderte undAberhunderte von Markienmgen, die er eingetragen
hat. Es handelt sich bei dem Plan um eine Karte von Upolu, nicht wie es anr Zeit
besteht, sondern wie es offenbar in Jahren oder Jahrzehnten aussehen soll. Ich
habe nicht alles begriffen."
,,Was soll das heißen: ,wie Upolu aussehen soll'?" Fanny schüttelte ihre Toch-
ter unsanft mit beiden HZinden.
,,Nun ja ... zumindest eine Sache konnte ich unzweideutig erkennen. Louis
beabsichtigt, garn Vailima zu roden, urbar zu machen und aufjedem verfügbaren
Stück Land Plantagen anzulegen. Wohlgemerkt nicht kleine Pflanzungen für Ka-
kao und Kaffee und Tabak, wie wir sie für unsere bescheidenen Bedtirfrrisse be-
reits besitzen - riesengroße Felder sollen es werden."
,,Um Himmels willen!" rief Fanny entgeistert aus. ,,Vailima umfaßt 3l4llz
Morgen fruchtbares Land! Das kann man doch unmöglich alles in Plantagen ver-
wandeln! Wir - wir behnden uns doch schließlich nicht in Europa!"
Isobels Gesicht natrm einen rätselhaft verklärtenAusdruck an. ,,Wer weiß", sagte
sie und klang geheimnisvoll wie ein in Trance versetztes Orakel. ,,Vielleicht wer-
den wir bald in einem zweiten Europa leben. Was Tusitala sich bisher vornahm,
hat er im Endeffekt noch jedesmal in die Tat umgesetzt."
,pu und dein Tusitala! Ihr zwei macht mich krank!"
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Der verschleierte Blick wich langsam aus Isobels Augen, zu Fannys großer
Erleichterung.
,,Er wird es schaffen", wisperte Belle. ,,Ich habe Angst."
Fanny runzelte die Stim. Sie ergriffBelles Schulterund drtickte sie leicht. ,,Du
brauchst keine Angst zu haben, Kind. Denk daran, wie oft schon Louis sich in der
Vergangenheit auch für schlichtweg aussichtslose Unternehmungen eingesetzt und
versagt hat. Er pflegt aber derart wtirdevollund grandios dabei unterzugehen, daß
man stets versucht ist, seine Feldzüge trotz allem als Siege zu verbuchen. Als
moralische Siege zumindest. Wart's nur ab, auch bei diesem Vorhaben wird er
schließlich die Windmtihlen erkennen und Windmühlen sein lassen und sich mit
Bravour aus der Schlinge ziehen."
,,Meinst du wirklich, Mutter?" fragte Belle hoftrungsvoll und wischte sich mit
dem Handrücken verstohlen die Augen.
,,Aber selbstventändlich glaube ich das. Bald schon wird sich das Leben hier in
Vailima wieder in normalen Bahnen bewegen. Die Häuptlinge werden mit Sicher-
heit keine Straße bauen, Louis wird deswegen ein paar Wochen schmollen und
seine übrigen Pläne für ewig aufEis legen - na, und dann kehrt die gepriesene
Routine wieder hier ein, an der du so hdngst."
,,Ach, Mutter, sei doch nicht so!" schalt Isobel, aber sie war wegen der letzten
Bemerkung ihrer Mutter nicht verärgert. Im Gegenteil, sie strahlte wie ein kleines
Mädchen, dem man seine Zuckerstange erst vom Munde geraubt, dann heil und
unversehrt zurückgebracht hatte.
,,Nur eines verstehe ich nicht, Mutter", sinnierte Isobel. ,,Warum ist Louis über-
haupt auf diesen kuriosen Plan verfallen? Wieso dieses tägliche Bäumeroden, bis
bald außer Rasen kein einziges Gewächs mehr innerhalb des Zaunes zu sehen ist?
Auch mit dem Rasen wird Louis von Tag nt Tag kleinlicher und pedantischer.
Gestern hörte ich ihn laut mit Tusamu und Valele schimpfen, weil sie angeblich zu
nachlässig Unkraut jäteten. Die zwei haben ihre Sache bisher doch gut gemacht."
Nur eines verstehst du also nicht, mein Kind, dachte Fanny bei sich und staunte
über das gigantischeAusmaß von Belles lgnoranz. Daß dieses ,,Eine" zufüllig den
Kem der Existenz ihres geliebten Herrn und Meisters ausmachte, entging der ach
so einfühlsamen, sensiblen Isobel völlig. Belle vermochte nicht einmal den ge-
nauen Zeitpunkt zu bestimmen, an dem Louis begonnen hatte, sich so einschnei-
dend zu verändern. Fanny dagegen konnte Zeit, Grund undAusmaß der Umwand-
lung benennen. Vor dem vergangenen Septernber, als Fanny den todkranken Louis
aus Honolulu hatte herholen müssen, hatte er seinem Wohnort keine übertriebene
Aufmerksamkeit geschenkt: Gut, erwollte auf ein gewisses Maß an europäschem
Komfort nicht verzichten - obgleich weiße Besucher dieses bißchen ,,materielle
Bequemlichkeit" als reinsten Luxus bestaunten. Er ließ einen prächtigen Garten
anlegen und trimmte sowohl Park als auch Untertanen auf schottische Manier.
Genaugenommen stellte der Rasen viel eher ein Sinnbild für englische Dekadenz
dar oder zumindest für die elende Verweichlichung der Lowlander, doch Fanny
hütete sich, Louis mit solchen Spitzfindigkeiten zu b6lästigen. Louis lebte recht
gemütlich in der Illusion, sich ein winziges Stück Schottland mitgebracht zu ha-
ben, das seinen Bedürfnissen vollauf genügen würde bis zu dem gebenedeiten
Tag, an dem er mit seiner Familie in die Zivilisation, in die Freiheit, ins ersehnte
Heimatland zurückkehren würde.
Der Traum von der Rückkehr schien damals keinem Mitglied des Klans unan-
gemessen oder gar weltfremd. Die Familie richtete sich auf der Insel Upolu häus-
lich ein, doch eben nur so häuslich, wie sie es im Laufe einer langen Kette von
Aufenthaltsorten getan hatte, einer endlosen Perlenschnur von vermeintlichen
Gesundheitsbrunnen zwischen denAlpen und denAdirondacks, die sich samt und
sonders als Fehlschläge entpuppt hatten. Bei jedem Halt am Wegespand ihres
Nomadentrecks hatten sie ein Häuschen gemietet oder gekauft, um sich ihre Un-
abhängigkeit so gut wie möglich zu bewahren. Erst in der Südsee fand Louis'
Leiden wirkliche Linderung; erst auf Samoa schien er dauerhaft, ja endgültig von
seiner Krankheit zu genesen. Der Kauf von Vailima bedeutete allerdings keines-
wegs, daß Louis auf immerdar in dem Gesundheitsparadies zu bleiben gedachte.
In seinen Augen wie in den Augen seines gesamten Klans stellte Louis einen Kur-
und Badegast auf Upolu dar, und zwar den glücklichsten, den die Welt bisher
gesehen hatte. Aus dem Krtippel, der sein halbes Leben hatte im Bett verbringen
müssen, war plötzlich ein kraftstrotzendes, ausdauemdes Wesen geworden, des-
sen Körper endlich - endlich! - mit der energiegeladenen Seele mitzuhalten im-
stande war. Er wurde zum Fisch unter Fischen, wenn er im Meere schwimmen
ging, zu einer veritablen schottischen Bergziege, wenn er in Vailima umherkletterte
oder gar hohe Palmen erklomm. Er aünete frei und leicht, kannte kaum noch die
Bedeutung des Wortes ,,Blutsturz", denn die Krankheit besaß keine Macht mehr
über ihn. Natürlich liebte er Vailima, das ihm so viel Kraft spendete; aber er liebte
es wie den schönsten I'e rienort der Erde: ein Fleckchen, wo er Abenteuer erleben
und gleichzeitig an seinen Romanen schreiben konnte, wo er ungebunden von der
Zivilisation war wie kein Bohemien vor ihm, wo er diesen ihm neu geschenkten
Leib in seiner reinsten, unbekleidetsten Form genießen durfte wie nirgendwo sonst.
Das galt es auszunutzen! Und hatte er die Geschenke dieses wunderbar heilsamen
Ortes erst bis zur Neige ausgekostet, würde er als kerngesunder Mann, neugebo-
ren, in sein geliebtes Schottland zurückkehren und trotz aller Dankbarkeit nicht
ein einziges Mal mehr hinter sich blicken. Sein wahres Paradies wtirde stets Schott-
land bleiben; Samoa besaß nicht denAnflug einer Chance gegen diese übermäch-
tige Konkunenz im Innersten, Allerheiligsten seines Herzens. Im Vergleich be-

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deutete Vailima, sein vorübergehendes Heim, Louis nicht mehr als eine flüchtige
Liebschaft,
Darüber zeigten sich im Grunde auch die Mitglieder seines Klans erleichtert,
allen voran Fanny, die das allerdings nie laut aussprach. Eines Tages kam Isobel in
Fannys Ankleidezimmer gestärmt, führte einen walren Freudentanz auf und ver-
kündete, Louis wolle ,,höchstens noch ein Jahr" auf Samoa bleiben und dann end-
lich in die Heimat fahren! Minuten zuvor hatte er ihr einen Brief an seinen engsten
literarischen Freund diktiert, den amerikanischen Romancier Henry James, der
Louis laut schriftlichem Bekunden überaus schmerzlich vermißte und seine Ab-
wesenheit kaum noch zu ertragen imstande war. Louis bat um das Verständnis des
Freundes und um seine Geduld, denn binnen Jahresfrist würde Louis' Gesund-
heitszustand sicherlich dermaßen gefestigt sein, daß nichts und niemand mehr diese
Robustheit ernsthaft untergraben könne! Natürlich, so räumte Louis in dern Brief
ein, vernachlässigte er sträflich seinen Freund und auch die gesamte zivilisierte
Welt; doch nach seiner Wiederkehr sollte die Schuld zehnfach aufgewogen wer-
den. Derart optimistisch äußerte sich Louis im Jahre 1890 ...
Im September war der Traum zerplatzt wie eine Seifenblase. Über Nacht wurde
aus dem Feriengast ein Gefangenel aus dem paradiesischen Refugium ein Ker-
ker, aus dem Inselkurort ein trostloses Eiland, von dem es kein Entrinnen mehr
gab. Nie wieder sollte Louis Schottland wiedersehen! Nie wieder durfte er die
Insel verlassen! Ein Dasein im Exil war an sich schon grausam genug; doch in
mehr als einer Hinsicht spielte Louis' Schicksal einen mitleidlosen Schabernack
mit ihm. In seiner jetzigen Lage hatte Louis die ,,freie" Watrl zwischen dem Ver-
szclr, Schottland zu erreichen - denn mittlerweile wußte eq daß er schon wenige
Tage nach dem Verlassen der Insel unweigerlich sterben wärde -, und dem Ver-
bleib auf Samoa, was mit jahrzehntelanger Haft gleichzusetzen war. Samoas Geist
hielt Louis am Leben, und sein Leben in Gefangenschaft konnte theoretisch nahe-
zu ewig währen. Wie hatte es ein britischer Arzt zehn Jahre zuvor so treffend
ausgedrückt, als er Louis in Südfranlcreich untersuchen kam und den Kranken in
einer Blutlache vorfand, unf?ihig zu sprechen: ,,Madam, erhalten Sie ihn am Le-
ben, bis er die 40 erreicht hat, und haben Sie das vollbracht, kann er gut und gern
90 werden." Fanny hatte sich nach Kräften bemüht, den Rat des Arztes zu befol-
gen; die Insel leistete ihren ureigenen Beitrag. Nichts hinderte Louis nun daran, 90
Jahre alt zu werden, weitere 50 Jatre in Gefangenschaft zu verbringen. Welch
greulicher, entsetzlicher Fluch war das! War es Louis doch früher schon unendlich
schwergefallen, seine Zeit abnwarten, seine von Doktoren verordnete Haft abzu-
sitzen, sei es im Lungensanatorium von Davos, das er haßte wie die Pest, oder in
den Vororten von Nizza und Marseille, die er nicht viel weniger verabscheute. Vor
einem Jahr noch hatte Louis sich die vermeintliche Wartezeit mit Schreiben und

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Flötenspiel recht angenehm vertreiben können. Nun gab es nichts, aufdas es noch
zu warten galt - sogar der eigene Tod lag in unerreichbar weiter Ferne ...
Louis sah die Grundfesten seines Lebens in Trüuünern liegen und seine letzten
Hoffnungen auf ein Leben in Schottland zerschmettert; daher schien es nur nattir-
lich, daß er sich etwas gänzlich Neues aufbauen mußte, um nicht den Verstand zu
verlieren. Wie gut konnte Fanny ihm dieses Bedürfiris nachfühlen! Das bißchen
,,Schottland", das Louis sich im Herzen von Vailima zurechtgestutzt hatte, reichte
nun nicht mehr aus. Auch der phantasiebegabteste Mensch konnte sich nicht für
die Dauer seines ganzen Lebens mit einer solch fadenscheinigen Illusion zufrie-
dengeben. Was lag näher als derunstillbare Drang, diese Insel, die Louis in Gefan-
genschaft hielt wie den Dämon in der Flasche, zu seiner ihm angehörenden Hei-
mat umzuformen? Insgeheim hegte Fanny einen unerhörten Verdacht, was das
Verhältnis zwischen der Insel Upolu und dem weißen Bewohner auf ihrem Berg
betraf. Verhielt sich die Insel nicht ganz und gar wie eine schöne, üppige, frucht-
bare Frau, die den an ihren Gestaden gelandeten siechen Fremdling hüldvoll auf-
nahm, ihn gesund pflegte, verwöhnte und verhätschelte, sich an der Entfaltung
seines - zugegeben - grotesk mageren, doch sehnigen und zähen Leibes erfreute?
Diese ,,Frau" merkte jedoch allzubald, daß, je mehr sie den exotischen Mann aus
dem femen Peretania kräftigte, sein Wunsch um so stäirker wuchs, der Wohltäterin
so bald als möglich auf immer den Rücken zu kehren. Zt einer anderen Heimat
drängte es die zeitlebens geschundene Kreatur, zu einer Heimat, die den Mann seit
seiner Kindheit stiefmütterlich behandelt hatte und die er nichtsdestotrotz über
alles liebte. Das konnte die Insel nicht zulassen.
Oh, Fanny war sich durchaus bewußt, daß Louis über solche Gedanken laut
lachen wtirde odeq viel schlimmer, daß er sie voll quälender Besorgnis mustern
könnte wie eine Kandidatin für das Tollhaus. Manchmal glaubte Fanny selbst, daß
sie sich hart an der Grenze zum Wahnsinn bewegte. Das unablässige Grübeln, die
unerhägliche Schwüle ... Und spann sie die Idee von der imaginären Insel-Frau
wirklich weiter, stellte sich nur zu bald heraus, wie unhaltbar sogar ihre Art von
Märchenlogik war. Schließlich sorgte nicht die Insel, sondern der Rest der Welt
dafür, daß Louis nirgendwo sonst überleben konnte! Alle anderen Länder brach-
ten ihn in tödliche Gefahr! Nur ein Umstand erschien Fanny dabei äußerst beunru-
higend, wenn nicht gar ausgesprochen zwielichtig: Bevor Louis erstmals seinen
Fuß auf die Insel gesetzt hatte, war er zrluat ein Invalide, doch immerhin kräftig
genug für die weitesten Kreuzfahrten gewesen, die auch manchen robusteren Eu-
ropäer arg in Mitleidenschaft gezogen hätten. Je mehr Zeit er auf Samoa verbrach-
te, je mehr sein körperliches Wohlbefinden durch Samoa wuchs, desto schwer-
wiegender wurden die anschließenden Attacken, die seine Krankheit hinterrücks
auf ihn unternahm, sobald er die Insel verließ . . . Unbestreitbar hatte von Anfang

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an ein Wechselverhältnis bestanden zwischen der Dauer seines Aufenthaltes hier
und den Barrieren, die sich zwischen Insel und Außenwelt auftärmten. Die Insel
verdarb ihn für alle anderen Gestade, indem sie ihn zu einem ihrer einheimischen
Lebewesen umformte. Jener Sägefisch Sawfish-u, den Fanny vor Monaten aus
einer Laune heraus ersonnen hatte, nahm immer konkretere Gestalt an - als ein
Verbündeter, ein Hilfsgeist der Insel.
Egal, ob Fanny nun diese vemunftwidrigen ,,Überlegungen" als Ausgangspunkt
wählte oder einfach nur die Qualen nachempfand, die Louis in der Gefangenschaft
erdulden mußte: Sie begriff sehr gut, wamm ihr Mann zumindest vorläufig das
Roden zu seinem obersten Ziel erkoren hatte. Don Quijote war in der Tat wieder
einmal ausgezogen, um ein irnvitziges Unternehmen zu beginnen. Diesmal trug
der dürre Mann, wenn er auf seinem Pferd in den Dschungel ritt, statt einer Lanze
eine riesige Säge über dem Rücken. Mit der Säge wtirde er seine eigenen Kreise
ziehen, einen nach dem anderen, um Vailima, sein vom Urwald befreites Land, bis
zum Rand des Menschenmöglichen auszudehnen und so womöglich gar dem mäch-
tigen Sawfish-u zu trotzen. Wenn die Insel-Frau ihn behalten wollte, würde er die
Eifersüchtige eben der rechtmäßigen, eirzigen Liebe seines Lebens so sehr an-
gleichen, daß die Imitation ihn halbwegs zufriedenstellen konnte. Alles Grtinzeug,
das höher wuchs als schottisches Heidekraut und keinen ausgleichenden Nutzen
aufivies, mußte seiner Säge weichen; Louis wärde Plantagen anlegen und sie der
schiägen, abfallenden Lage Vailimas gemäß in Parzellen aufteilen. Doch auch der
vermeintliche Flickenteppich, der sich zwangsläufig aus den örtlichen Uneben-
heiten ergab, würde sich im Endeffekt lückenlos in den großen schottischen Plan
einfügen - nur ein vorbeiziehender Vogel könnte dann allerdings noch den Ent-
wurf der Tapisserie ersp?ihen, das gigantische grüne Tartan-Muster, welches aus
Vailima dereinst entstehen würde. Es gäbe dann keinen Baum mehr, der es Men-
schen ermöglichte, das Werk aus der Höhe zu betrachten.
,,Unmöglich! Das ist völlig ausgeschlossen!" Fanny hieb sich mit beiden Fäu-
sten gegen die Schläfen, um sich die aberwitzigen Gedanken buchstäblich aus dem
Kopf zu schlagen. Kein Mensch konnte es auf Dauer gegen den Urwald auftrehmen;
Louis erfuhr das noch früh genug, und für den Augenblick sollte er ruhig wie ein
Besessener roden, um seine Wut, seine Angst und seinen Schmerz zu betäuben - sich
ihrerbestenfallssogarzuentldigen EswürdekeinegrünenSchottenkarte.esinVailima
geben, was Jür ein lächerliches Hirngespinst war das wieder!
Bezeichnenderweise hatte auch Louis'Wunsch nach einer gepflasterten Straße,
die nach Vailima hinauffiihrte, erst seit dem vergangenen September konkrete
Formen angenommen. Aus Hawaii zurück und augenblicklich genesen, mußte er
sofort über das Mittel nachgegrübelt haben, mit dem er die Häuptlinge für seine
Sache einspannen konnte. Beim Gastmatrl seinerzeit in Apia hatte Louis bestimmt

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noch keinen Gedanken an ein derartiges Vorhaben verschwendet. Das As in sei-
nem Armel - oder besser der ,,Joker" des freien Wunsches - blieb unangetastet.
Louis hatte dem Anerbieten der Häuptlinge gewiß 4icht mehr Bedeutung beige-
messen, als diesemA-usdruck guten,,Willens" zukam; die Höflichkeit der Samoa-
ner galt als sprichwörtlich, aber auch erwiesenermaßen als nichtssagend und bar
jeglicher Grundlage. Und dann rückte Louis plötzlich mit einem Plan heraus, der
jeden auf der Insel, ob weiß oder farbig, durch seineAbsurdität schockieren muß-
te. Die Verwimrng wuchs angesichts der Tatsache, daß Louis, anstatt auf das Un-
erhörte zu spekulieren, seine Straße ohne großesAufhebens aus eigenen Kräften
hätte errichten lassen können - Arbeitskräften nämlich. So gigantisch das
Straßenbauprojekt auf den ersten Blick schien, war es doch ein Nichts verglichen
mit den Zielery die sich der selbstemannte Landschaftsgärtner von Vailima ge-
steckt hatte. Louis verfügte über genügend samoanische Gefolgsleute, die seine
Plantagen errichten würden. Wie gut ließen sich also ein, zwei Dutzerld von ihnen
für den Straßenbau abzweigen! Im äußersten Notfall hätte er sogar'auf die zeit-
weise Hilfe der Fremdarbeiter von den Salomoninseln zurückgreifen können. Ob-
gleich Fanny wußte, daß Louis die Gegenwart solcher,,Fremdef'auf seinem Ter-
ritorium ganz und gar nicht schätzte, mußte der unbändige Wunsch nach einer
gepflasterten Straße dieses Unbehagen eigentlich aufiviegen - zumal die Salomon-
insulaner viel mehr von solchen Dingen verstanden.
Aber Louis verlangte kompromiß- und einsichtslos nach der Unterstützung der
samoanischen Häuptlinge, die ihm mit höchster Wahrscheinlichkeit niemals zuteil
werden wtirde. Warum? Louis'Verhalten, das er an seinem Geburtstag ihnen ge-
genüber an den Tag gelegt hatte, verriet Fanny, daß seine Taktik envas mit dem
Streben nach Macht zu tun hatte: Keine Geringeren als die Herren der Insel sollten
ihm zu Diensten sein und damit ein flir allemal ein Zeichen setzen. Wenn Louis
schon auf einem erbärmlichen Stückchen Land inmitten der Einöde des pazih-
schen Ozeans hockenbleiben mußte bis ans Ende seiner Tage, erwies es sich als
angebracht, den restlichen Einwohnern seiner Insel die ihnen angemessenen Plät-
ze alz;üeilen Wie oft schon hatte Louis Fanny von seiner Jugend in Schottland
erzählt, als er seinem Leiden und seiner jammervollen körperlichen Verfassung
ntmTrolz regelrechte Überlebensexkursionen unternommen hatte, die er seinen
besorgten Eltern mit den lapidaren Worten ankündigte: ,,Ich gehe crusoieren!"
Wie der berühmte Romanheld untenvarf sich auch Louis, damals allerdings frei
willig, den Entbehrungen, die das Leben eines Schiffbrüchigen mit sich brachte.
Mittlerweile hatten sich die Vorzeichen drastisch gewandelt; doch gab dies Louis
Crusoe das verbriefte Recht, seine Inselgefthrten, deren Anspruch auf Freiheit
und Selbstbestimmung er persönlich so vehement vertrat, in eine riesige Armee
kleiner Freitage zu verwandeln?

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Ihr Gefühl sagte Fanny jedoch, daß der Hauptgrund für sein Beharren nichts
mit jenen gewöhnlichen Machtgelüsten zu tun hatte, die andere Mäinner zu ihren
,,Ruhmestaten" trieben. Louis'erklärter Gegner war der Dschungel, der sich über-
all auf der Insel breitmachte. Der Urwald stellte gleichzeitig den einzigen Feind
dar, der Louis Todesangst einjagte. Louis lebte seiner Selbsteinschätzung gemliß
aufdem höchsten bewohnbaren Punkt der Insel. Die Luft war dünn hier oben und
bekam einem Mann wie ihm, der nicht zu aünen vermochte wie andere Menschen,
ausgezeichnet - doch die Höhe machte ihn noch einsamer, noch verwundbarer in
seinem Kampf gegen das undurchdringliche Gestrüpp, das ihn hier auf dem Berge
Vaea umgab. Eine Straße gestaltete nicht bloß das Reiten angenehmer; eine Straße
würde Louis mit den anderen Häuptlingen verbinden, die unterhalb seines Rei-
ches angesiedelt waren. Um die Straße zu bauen, mußten diese mächtigen Häupt-
linge, rechtmlißige Eingeborene der Insel, mit Axten, Buschmessem, Sicheln und
Sensen gegen den Urwald angehen, sich zum ersten Mal mit ihm anlegen und
durch diesen Akt der Herausforderung zu Louis'Verbtindeten, an Kampfgenossen
werden. Louis brauchte im Grunde nicht dieArbeitskraft der Häuptlinge. Erbenö-
tigte ihre angestammte Macht, damit sie ihm seine entsetzliche Angst nahmen.
,,Mutter, schau doch mal dort drtiben! Da reitet unser Ritter in schimmernder
Rüstung in den Dschungel hinein!"
Diesmal schnitt sich Fanny vor Schreck mit dem Schälmesser tief in den Dau-
men. Die Zwiebel, mit der sie gerade beschäftigt war, entglitt ihren Händen und
fiel zu Boden. Es dauerte einen Moment, bis der Schmerz ihr Gehim erreichte;
dann aber schrie sie laut auf. Blut tropfte aus Fannys Daumen auf die hölzernen
Stufen der Veranda. Fanny war verwirrt.
,,Mutter, das mußt du unbedingt verbinden!" meinte Isobel kategorisch und
wickelte kurzerhand das Taschentuch, mit dem sie sich vor Minuten noch die ei-
genen Tränen abgewischt hatte, um den verletzten Daumen ihrer Mutter. Sehr zart-
fühlend ging sie nicht mit ihr um, doch Fanny ließ es geschehen: Isobel war keine
Veteranin aufdem Gebiet der Krankenpflege.
,,Wie kannst du dich nur so ungeschickt anstellen, Mutter!" plapperte Isobel
weiter. ,,Ich habe dich doch nicht einmal angestoßen. DerAnblick deines Sohnes
ist zwar nicht gerade erhebend, aber daß der gute Lloyd eine solch einschneidende
Wirkung auf dich ausübt . . ." Isobel kicherte vor sich hin. Sie war tatsächlich ein
Ausbund anZartgefithl.
Es stimmte: Dort drüben ritt Lloyd gerade durch das Tor, das Vailima von dem
umgebenden Urwald trennte. Zu Pferde sah er leider nicht viel besser aus als zu
Fuß, obwohl er sich für diesen Ausflug in seine erlesensten Kleider geworfen hat-
te. Fanny hegte den leisen Verdacht, daß Lloyd, der ähnliche Körpermaße besaß
wie sein Vorbild, heimlich in Louis' Kleiderschrank gestöbert hatte . . .

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,,Ist das nicht Louis' bestes Hemd, Mutter?" fragte Isobel und bestätigte Fannys
Vermutung. ,,Dein Sohn, dieser Schlingel, befindet sich also wieder einmal auf
Freiersfüßen. Na, viel Glück, junger Mann. Du wirst es brauchen."
Diese Worte aus dem Munde einer noch jungen Frau, deren Liebesleben völlig
brachlag und die nach gescheiterter Ehe ausgerechnet zu Mutter und Stiefuater
auf Samoa zurückgekehrt war, befremdeten Fanny nachdrücklich. Was genau tat
Isobel eigentlich hier? Ihrer Mutter zuliebe lebte sie sicherlich nicht auf der Insel,
und ihrem Sohn erwies sie keinerlei Gefallen damit, ihn abseits aller Zivilisation
aufivachsen zu lassen, ohne Schulen, ohne gleichartige Spielgeführten.
,,Lloyd ist schließlich kein Mönch, Isobel", gab Fanny deshalb etwas spitz zu-
rück. ,,Er hat kein Gelübde ewiger Keuschheit abgelegt ... wie es allem Anschein
nach gewisse andere Leute getan haben." Dabei sah sie der Tochter ins Gesicht.
,,Die Tapos darfst du aber doch nicht zählen, Mutter", entgegnete Isobel, die
wieder einmal nichts verstand und sich den Schuh daher auch keinesyegs anzog.
,,Diese Mädchen müssen, wie du sehr wohl weißt, nur solange keuSch leben, bis
die Altesten einen passenden Mann für sie aussuchen."
,,Ich rede auch gar nicht von den Ehrenjungfrauen, meine Liebe", erwiderte
Fanny leise. Sie gab es auf, das Thema mit ihrer Tochter vernünftig zu bereden. Es
hatte keinen Sinn.
,,Üb.igens hat Lloyd, um auf Brautschau zu gehen, eigens seine scheußliche
Brille abgelegt", fuhr nun Isobel munter damit fort, über den Bruder zu lästem.
,,Hoffentlich findet er sich dort draußen im bösen Dschungel zurecht, so ganz
ohne Sehhilfe. Wehe, wenn er vom rechten Weg abkommt und sich in den fleisch-
fressenden Pflanzen verf?ingt! Oder es wirft womöglich irgendein kleines, fettes
Inselmädchen seine Fallstricke nach ihm aus. Immerhin ist er im Moment, nun ja,
blind vor Liebe und entsprechend hilflos ... Schlimmstenfalls trifft er auf eine
Vertreterin dieser berüchtigten weiblichen Dämonen, so ein hübsches Wesen mit
drei Armen, dafir ganz ohne Zähne, und geht mit ihr gründlich baden."
Trotz der Bosheit ihrer Tochter konnte sich Fanny ein Lachen nicht verkneifen.
Ein Körnchen Wahrheit war in Isobels Schilderung sehr wohl zu finden; Lloyd
pirschte sich meist an weibliche Wesen heran, die sich bei näherer Betrachtung als
peinliche Entgleisungen erwiesen - doch ob das an der fehlenden Brille lag oder
an Lloyds eigentümlichem Geschmack, mochte Fanny lieber nicht beurteilen. Meist
entschied Lloyd weise, daß sein Hauptvergnügen in der geweihten Suche lag und
nicht etwa im Gegenstand derselben. Manchmal hatte er mehr Glück; in letzteren
Fällen schien er allerdings weit zufriedener mit dem jeweiligen Gegenstand. Fanny
sah die Sache gelassen. Die Insulanerinnen nahmen es mit Tugenden wie Treue in
der Regel nicht gerade genau, Enthaltsamkeit kannten die meisten überhaupt nicht,
und so ließ Fanny ihren Lloyd in Frieden ziehen. Erstens konnte sie ihn sowieso

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nicht aufhalten; zweitens war er ein gesunder junger Mann und sollte sich ruhig
seiner Jugend entsprechend austoben. Alles war in bester Ordnung, solange er
sich nicht mit Lepra infzierte.
,,Weißt du noch, Mutter, wie deine Freunde in San Francisco uns beide aufzu-
ziehen pflegten, als wir unseren Plan bekanntgaben, alle zusammen in die Südsee
zu reisen? ,Nehmt euch vor der Konkurrenz in acht', haben sie gesagt, ,dort unten
sind alle Frauen Göttinnen.' Daß ich nicht lache! Mir persönlich scheint es viel
eher, als ob gerade hier in der Südsee mehr häßliche, plumpe, mißgestaltete und
fette Frauen zu finden seien als irgendwo sonst auf der Welt.'
Fanny schüttelte den Kopf. ,,Das kannst du so nicht sagen. Zunächst mußt du
bedenken, daß die Samoaner fette Frauen zutiefst verehren ... sie möglichst auf
Händen tragen, immer vorausgesetzt, daß sie das körperlich auch schaffen."
,,Wie würdest du es dann also ausdrücken, Mutter?"
Fanny überlegte. ,,Ich glaube, es gibt da gar keinen Unterschied", meinte sie
dann. ,,In San Francisco sind die Frauen verhüllt und ihre kleinen Unre-
gelmäißigkeiten mit ihnen. Hier laufen alle weiblichen Wesen nackt herum und
zeigen dementsprechend auch jeden Makel, mit dem sie behaftet sind. In San Fran-
cisco halten die Menschen Samoa schlechthin für das Paradies. Das schließt für
die Männer mit ein, daß auch die eingeborenen Frauen perfekte Kreaturen sein
müssen. Natürlich stellen sie sich in ihrer Phantasie bildschöne, grazile nackte
Mädchen vor. Kein gesunder Mann würde von einer nackten Drei-Zentner-
lnsulanerin mit schwarzen Ztihnen träumen ..."
,,Außer unserem Lloyd." Isobel kicherte.
Fanny seufzte tief auf. ,"A.ußer unserem Lloyd", gab sie zu.
,,Aber Scherz beiseite." Isobel wurde ernst. ,,Ich habe heute morgen den neue-
sten Inselklatsch mitbekommen, und er ist dermaßen extravagant, daß er der Wahr-
heit entsprechen muJ3. Kein Insulaner kann sich etwas so Phantastisches ausden-
ken. Und wenn das stimmt, was ich gehört habe, muß sich Lloyd tatsächlich vor
einem der Mädchen in acht nehmen, sonst verliert er am Ende noch seinen Kopf -
im wahrsten Sinne des Wortes."
,,Was meinst du?" Fanny legte ihr Schälnesser beiseite.
,,Du hast doch sicher schon von der berühmten Soenga vemommen, dem gan-
zen Stolz der französische,n Missionsschule?"
,,Selbstverständlich." Die junge Soenga, eine der wenigen wirklich makellos
schönen Frauen der Insel - zumindest gemäß landläufigen europäischen Vorstel-
lungen - und zudem mitAbstand die intelligenteste von allen, war die Tochter des
Häuptlings Cielasengo, dessen Stamm nicht weit von hier lebte. Bereits als halber
Säugling war sie zw Tapo erkoren worden, zur Ehrenjungfrau ihres Dorfes; dann
überlegte man es sich anders und übergab das vielversprechende Kind der Obhut

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der weißen Missionare. Soenga erlernte dort unter anderem drei Sprachen in Wort
und Schrift, vornehme Konversation für weiße Salons und kirchliche Picknicks,
das Speisen mit Messer und Gabel und das würdeyolle Tragen weißer Kleidung.
Die Reihenfolge dieser ihrer Fertigkeiten konnte höchstens einem Nicht-Samoa-
ner Rätsel aufgeben: Wer je einen Samoaner dabei beobachtet hatte, wie er sich
verzweifelt mit Eßbesteck abquälte oder aber mit Knöpfen, Haken und Ösen, ver-
stand den Verlauf des christlichen Erziehungsplanes vollkommen. Auf diese Wei-
se verbrachte Soenga annähernd ihre gesamte Kindheit und Jugend, sogar das
frtihe Erwachsenenalter, in der hermetisch abgeschlossenen Gesellschaft von Mis-
sionaren und wenigen weißen Siedlern. Wie vorausberechnet entwickelte sich das
Mädchen zu einem perfekten Vorzeigemodell der missionierten Eingeborenen; sie
stellte mit ihrem Charme, ihrerAnmut und ihrer Intelligenz den natärlichen Mit-
telpunkt jeder,,weißen" Festlichkeit darund wurde gefeiert, ja angebetet wie viel-
leicht nur noch die katholische Madonna neben ihr. i
,,Ich dachte, Soenga sei vor kurzem zu ihrem Stamm zurückgekelirt", sagte
Fanny. ,,Sie sollte wohlo wenn ich mich nicht ine, ihren Verwandten das Leucht-
feuer der Zivilisation heimbringen. Zu diesem Zweck hat man sie ja schließlich
weggeschickt. Und hat sie ihre Leute schon etwas gelehrt?"
,,Das kann man wohl mit Fug und Recht behaupten", antwortete Isobel lang-
sam und mit unheilschwangerer Betonung.
,,Mach's nicht so spannend, Liebes. Hat sie in der Hütte ihrer Familie einen
Debattiersalon für höhere Töchter aufgemacht, oder ist sie mit Messer und Gabel
auf eine Kokosnuß losgegangen? Was soll sich Dramatisches abgespielt haben?"
,,Du brauchst dich gar nicht darüber lustig zu machen", gab Isobel tro%igzu-
rück. ,,Das Mädchen hat beinah einenAufstand angezettelt - nattirlich keinen krie-
gerischen, aber immerhin. Sie kam nach Hause, so berichtet man, und trug noch
immer die Sachen am Leibe, die sie während der letzten Jahre selbst zu bevorzu-
gen schien. Weiße Kleidung, versteht sich, Rock und Bluse, ja sogar Schuhe und
Strümpfe. Kaum war sie in ihrem Heimatdorf aufgetaucht, scharte sich alles Volk
um sie, wie du dir leicht vorstellen kannst, und wollte die neue, rundum verbesser-
te Soenga ausgiebig begutachten. Daraus wurde tatsächlich eine interessante Vor-
stellung! Die Gute stellte sich in die Mitte des Dorfplatzes, wartete, bis sie jeder-
mannsAufmerksamkeit genoß, und zog sich dann langsam und genüßlich splitter-
nackt aus. Die schönen Kleider, die sie mitgebracht hatte, zerriß sie entweder oder
stülpte sie den Dorfschweinen über die Köpfe! Stell dir das einmal vor! Alle stan-
den nur mit offenem Mund um sie herum und glotzten. Ich nehme an, sie fragten
sich ernsthaft, ob sie ein solches Verhalten bei den Missionaren gelernt hatte. Aber
das war nur der Anfang."
,,So?" Fannys Interesse an Belles Bericht wuchs zusehends.

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,,In der Tat. Soenga bequemte sich bald, einen Lavalava anzuziehen, aber sie
wäihlte mit Bedacht das gröbste und wohl schmuckloseste Ding, das jemals von
einer Insulanerin getragen wurde. Sie übertreibt es überhaupt ein:bißchen mit der
Einfachheit! Daß sie wie die anderen wieder mit den Fingern ißt, versteht sich
wohl von selbst. Und wofür sie die drei Sprachen gelernt hat, weiß nur der Teufel.
Statt sie ihren Stammesleuten ein wenig nZiherzubringen, verlegt sie sich auf das
exakte Gegenteil: Sobaldjemand sie anfangs ansprach und dabei auch nur ein,
zwei Brocken Samoa-Englisch benutzte, um sich bei dem weißen Wunderkind
beliebt zu machen, ist sie dem ahnungslosen Betreffenden fast vor Zom ins Ge-
sicht gesprungen. Mittlerweile wagt es niemand mehr, in ihrer Gegenwart wie die
Missionare zu reden - geschweige denn über sie. Alles ,Weiße' hat sie höchstper-
sönlich gewissermaßen zum Tabu erklärt; und sie läßt in ihren Hetztiraden nicht
einmal die Stammesältesten zu Wort kommen. Schließlich und endlich hat der
Rhetorikunterricht der Franzosen also Früchte getragen. InjederArt von Konver-
sation kann Soenga ihre Gegner nämlich mit Leichtigkeit an die Wand dräcken.
Und das obendrein fein, sittsam, bescheiden und ganz ohne christliche Nächsten-
liebe."
Fanny starrte ihre Tochter mit offenem Mund an. ,,Das ist wirklich erstaunlich",
flüsterte sie.
,,Nicht wahr?" entgegnete Belle, die den wahren Grund für das Erstaunen der
Mutter nicht erahnte. ,,Außerdem ist mir zu Ohren gekommen, daß Soenga sich
sehr ungebührlich und undankbar behägt, wenn sie zufällig aufweiße Siedler stößt.
Sie schaut sie kurz giftig an, wirft stolz den Kopf in den Nacken und rauscht
hoheitsvoll an ihnen vorbei, ohne ihnen auch nur einen Gruß zu schenken. Dabei
können die Weißen wahrscheinlich noch von Glück reden, daß Soenga sie nicht
attackiert. Falls also unser armer Lloyd auf sie teffen sollte und ohne seine Brille
am Ende nicht bemerkt, daß Soenga sich aufdem Kriegspfad befrndet und gar
nicht in Stimmung für seine amourösen Anschleichversuche ... dann ist es urn
mein Bruderherz wohl endgültig geschehen. Soenga würde ihn aufressen."
,,Höchst faszinierend", murmelte Fanny versunken.
Isobel warf ihr einen mißbilligenden Blick zu. ,,So mag man es auch nennen,
wenn man will. Ist dir denn nicht bewußt, was fürAuswirkungen ein solches Be-
tragen haben könnte, was eine Unruhestifterin wie Soenga anzurichten vermag?
Das Mädchen ist doch ansonsten klug und verständig und weiß sich jeder Heraus-
forderung zu stellen. Wenn ihre Stammesgenossen nicht so unglaublich täge, phleg-
matisch und denkfaul wären, wie es nun einmal alle Samoaner von Natur aus sind,
würde ich Soenga fast zutrauen, daß sie eines Tages halb Upolu gegen die Weißen
aufiviegelt. Da hast du dein gepriesenes ,Leuchtfeuer der Zivilisation'. Dcs Expe-
riment ist wohl grändlich mißglücl1."
Fanny lächelte still vor sich hin. Ihr Schweigen erzümte Belle sichtlich. Als
Fanny nach einer vollen Minute noch immer nichts sagte, warf Isobel resigniert
die Arme in die Höhe, erhob sich von den Stufen {er Veranda und zog von dannen.
,,Das Experiment ist allerdings anders verlaufen als geplant", murmelte Fanny.
Sie wußte nicht, was sie von den möglichen Folgen halten sollte, die Soengas
widerborstiges Verhalten zeitigen mochte; sie war sich lediglich bewußt, dal3 Soenga
sie zutiefst faszinierte. Eine junge Frau, der das Feuer der weißen Götter als Ge-
päck mit auf den Weg zu den Ihren gegeben worden war, entledigte sich mit voller,
klarerAbsicht dieses Feuers, suchte sogar noch die wenigen Funken auszutreten, die
beteits auf ihr Volk übergesprungen waren. ,,Ein umgekehrter Prometheus", flüsterte
Fanny und bemerkte dabei nicht die eigene andächtige Ergriffenheit.
Und sie fragte sich, was denn nun wirklich passieren konnte, wenn ein junger
Mann wie ihr Sohn Lloyd zurAbwechslung auf eine willensstarke Frau wie Soenga
prallte, anstatt mit einem seiner üblichen sarnoanischen Mädchen anzubandeln.
Leider lag n?imlich Isobel mit ihrer Einschätzung der samoanischen Wesensart gar
nicht so falsch; schon die m?innlichen Insulaner zeigten kein großes Maß an Ener-
gie, während die Frauen einen regelrecht apathischen Eindruck machten, wenn sie
sich nicht gerade in einer vielköphgen Gesprächsrunde befanden. Zum großen
Teil mußte man die geistige Schlafftreit der Bevölkerung garz einfach dem uner-
träglich schwülen Klima zuschreiben. Fanny bemerkte schließlich an sich selbst
und den anderen Weißen, wie alle hier langsam, aber sicher verfielen - alle außer
Louis natürlich. Und doch gab es offensichtlichAusnahmen wie diese Soenga, die
sich zu ihrer eigenen Lebensform bekannte ... nicht a:os Mangel an Widerstands-
kraft, sondem gestäirkt durch ein Übermaß an Durchsetzungsvermögen.
Unwillkürlich, beinah unbemerkt, schlich sich die Erinnerung an Fannys eige-
nen amowösen Zweikampf mit Louis in ihre Gedanken - obwohl Fanny bezwei-
felte, daß Louis sie zu Anfang überhaupt wie ein Liebhaber begehrt hatte. Daß sie
ihn darnals nicht geliebt hatte, wußte Fanny nur allzlugat ...
Es war in Frankreich gewesen, eine geraume Zeitnachihrer ersten Begegnung
in der Schenke nt Grez. Fanny hatte Louis Stevenson längst spurlos aus ihrem
Gedächtnis gestrichen - oder hätte dies ohne die stZindige Erinnerung durch äuße-
re Umstände zumindest sehr leicht tun können. Seine allseits bis zur Raserei ge-
liebte Person hatte keinen nachhaltigen Eindruck bei Fanny hinterlassen, wohl
aberbei ihren Kindem, die auch Monate nach Louis'Abreise aus Grez noch jeden
Tag von ihm schwtirmten. Fanny ihrerseits interessierte sich recht lebhaft für ein
anderes männliches Exemplar der Gattung Stevenson: für seinen Vetter Bob, der
in Südfranlreich geblieben war, während Louis sich nach Schottland begeben hat-
te. Wäre er staff dessen nach Timbuktu oder Feuerland aufgebrochen, hätte dies
Fanny zu jener Zeit kaum gleichgültiger sein können. Bob Stevenson hingegen

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war so recht ein Mann nach Fannys Geschmack, freundlich, warrnherzig, freimü-
tig und geradeheraus, keineswegs ein Meister der Verstellung wie sein jifurgerer
Verwandter. Seinen schlechten Ruf in bezug auf die Damenwelt nabm Fanny in
Kauf, zumal sie rasch merkte, daß in Bobs Fall die Gerüchtekäche jede seiner
vermeintlichen Eskapaden zehnfach neu aufzuwännen oder füsch zu garnieren
pflegte, und zwar ohne sein Zutun. Es war ein Phänomen, wie es Fanny späternur
auf Samoa wieder in ähnlich starkerAusprägung begegnen sollte. Weit davon ent-
femt, einen geeignetenHeiligen abzugeben, besaß Bob Stevenson doch genügend
Qualitäten, die ihn grundlegend von den anderen jungen Windhunden in Grez und
Umgebung unterschieden. Fanny betachtete ihn als einen lieben und liebenswer-
ten Freund und schloß eine intensivere Entwicklung ihrer Beziehung in der nahen
Zukunft keineswegs aus.
Das Leben in der Känstlerkolonie verlief bescheiden, aber in jeder Beziehung
beschaulich und angenehm. Oft machten sich Fanny und Bob frühmorgens ge-
meinsam auf den Weg, um sich nach einem passenden Motiv umzuschauen, das
sie anschließend in Öl festhielten,jeder an seiner eigenen Staffelei arbeitend, doch
stets in trauter Zweisamkeit. Landschaftsbilder stellten auch Bobs große Leiden-
schaft dar, während die meisten der anderen männlichen ,,Kolonisten" Portraits
bevorzugten - vomehmlich Aktstudien, wie Fanny unschwer den Ergebnissen zu
entnehmen vermochte, welche imZuge so manch abendlichen Umtrunkes in fro-
her Runde herumgezeigt wurden. So verbrachten Fanny und Bob zahlreiche Tage
und Nächte in völliger Unschuld, trotz der Nähe des vemrchten Künstler-
Gomorrhas. Insgeheim wänschte sich Fanny manchmal, Bob solle ihr einen An-
trag machen, der ein wenigvnsittlicher ausfallen könnte ...
Daß Bob nichts dergleichen untemahm, lag gewiß nicht an seiner mangelnden
Zuneigung zu Fanny. Das spürte sie instinktiv, ohne sich dabei ungebührlich zu
schmeicheln. Bob genoß schließlich ihre Gesellschaft: Sonst hätte er sie wohl kaum
tagein, tagaus begleitet, anstatt sich entweder allein auf den Weg in die Natur zu
machen oder sich dieZeit mit seinen Freunden zu vertreiben, die allesamt jünger
waren als Fanny. Der größte Hinderungsgrund für Bob, den Fanny sich vorstellen
konnte, lag in der Tatsache begründet, daß sie noch immer ehelich gebunden war.
Zwar bedeutete diese Ehe frr Fanny nur mehr eine reine Formsache; Bob jedoch
scheute offensichtlich davor zurück, einer verheirateten Frau die Art vonAvancen
zu machen, die Fanny sich heimlich erträumte.
Und es gab noch zwei weitere Gründe, die Bob davon abhielten, sich Fanny zu
offenbaren. Die beiden Grtinde hießen Lloyd und Isobel. Bob verstand sich präch-
tig mit Fannys Kindern - wenn auch nicht annähernd so prächtig wie Louis, dem
sie vonAnbeglnn an aus der Hand gefressen hatten -, und im Falle einer engeren
Verbindung wären die beiden Bob Stevenson wohl sicher nicht im Wege gewesen.

9l
Doch Lloyd undlsobel dachfez erst gar nicht daran, eine solche Verbindung zuzu-
lassen. Auf Fanny, ihre eigene leibliche Mutter, wirkten sie offrnals wie fremde
Wesen ... wie zwei Agenten in geheimer Missionl von einer femen, feindlichen
Macht dazu angestiftet, die Pläne ihrer Mutter gründlich im Auge zu behalten und
notfalls mit rigorosen Maßnahmen zu vereiteln. Die Lage gestaltete sich um so
verrückter, als der,,Auftraggeber" nicht das geringste von der geheimen Weisung
wußte. Oder ahnte Louis zumindest etwas? SeinerWirkung auf Kinderseelen war
er sich zweifellos vollaufbewußt - doch kämmerten ihn dieAuswirkungen seines
magnetischen Charmes überhaupt, drtiben im fernen Schottland?
Neben ihren Malausflügen suchte Fanny selbstverständlich soviel Zeit wie
möglich auf die Erziehung ihrer Sprößlinge za verwenden. Sie widmete ihnen
regelm?ißig die Mittags- und frühenAbendstunden, oft auch garueTage; vonVer-
nachlässigung konnte also gar keine Rede sein. Isobel, bereits eine junge Dame
und rein theoretisch im heiratsfühigen Alteq zeigle anrn Glück keiner-lei Bereit-
schaft, sich von einem der Bohemiens den Kopfverdrehen zu lassen. Fanny durfte
sie getrost ohne Anstandsdame in der Gesellschaft der,,bösen Buben" zurücklas-
sen, was sie sehr erleichterte: Schließlich wäre nur Fanny persönlich für dieses
Amt in Betracht gekommen und darnit rund um die Uhr beschäftigt gewesen. Doch
wie dankten ihr Lloyd und Belle die ungewohnte und recht ungewöhnliche Frei-
heit? Nicht genug damit, dalJ sie ihrer Mutterununterbrochen, ohneAtem zu schöp-
fen, von dem großartigen, wunderbaren, göttlichen Fabelwesen namens Louis
vorschwärmten und ihren armen Verstand mit dieser besonders niederträchtigen
Spielart der indianischen Wasserfolter auszuhöhlen trachteten. Anstatt die eigene
Ungebundenheit zu genießen wie andere Kinder in ihrem Alter, vergeudeten die
beiden die meiste Zeit darnit, Fanny hinterherzuschleichen und sie auf Schritt und
Tritt zu überwachen wie Polizeispitzel. Wenn ihre Verfolger sich allerdings ernst-
lich einbildeten, entsprechend unbemerkt bleiben zu können, läuschten sie sich
gründlich. Isobels weiße Kleiderblitzten regelmtißig aus dem Unterholz des Wal-
des von Fontainebleau hervor, und Lloyds Kurzsichtigkeit hinderte ihn schon da-
mals an der vollen Entfaltung der von ihm angesüebten indianergleichen Körperbe-
herrschung und Tamfritrigkeit. Fanny hätte diese Unternehmungen ihrer Kinder
mit amüsierter Nachsicht betrachtet, wenn da nicht ein unangenehmer Umstand
gewesen wäre: Bob bemerkte die Verfolger natärlich auch.
Bob Stevenson war sich derAnziehungskraft, die sein Vetter Louis von fem auf
die beiden ausübte, vollaufbewußt und wunderte sich nicht im geringsten dar-
über. Er akzeptierte den Zauber, der von seinern Verwandten ausging, als dessen
angeborenes und daher absolut rechtmäßiges Privileg. Wenn Fanny ehrlich zu sich
war, mußte sie sich eingestehen, daß auch Bob ihr manchmal mit der Wasserfolter
erheblich auf die Nerven ging, denn Bob verstand es ebensogut wie ihre Kinder,

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seinen Vetter ohne Unterlaß zu verherrlichen. Er redete für sein Leben gern über
Louis, und Fanny ließ ihn gewähren; allerdings trug Fannys mühsam aufgebrach-
te Geduld nicht unbedingt dazu bei, Bobs Idol in ihrenAugen sympathischer wer-
den zu lassen.
,,Was mich an Louis möglicherweise am meisten fasziniert", pflegte Bob bei
diesen Gelegenheiten ar sagen, ,,ist seine gespaltene Natur. Es wohnen zwei See-
len in seiner Brust, zwei Männer in seinem Körper ... wenn du verstehst."
,,Nein, das verstehe ich nicht", gab Fanny darauf jedesmal zurück. ,,Ich per-
sönlich finde, daß sein Körper schon für elnen Mann erheblich zu dürr geraten ist.
Wo soll danoch Platz füreinen zweiten sein?" Fanny stellüe sich absichtlich dumm.
,,Ach, Fanny", stöhnte Bob dann auf, weil erbegriff, daß sie ihn nur aufziehen
wollte, ,du weißt ganz genau, was ich meine. Louis besteht aus zwei ganz und gar
unterschiedlichen, nein, sogar vollkommen gegensätzlichen Wesen, die zueinan-
der in einer Beziehung stehen wie der Tag zur Nacht, das Licht zur Dunkelheit.
Und ich wage kaum zu sagen, welche der Kreaturen in seinem Innern mich mehr
zu fesseln vermag,"
,,Das hast du aber schön ausgedrückt, Bob", spottete Fanny. ,,Sehr poetisch.
Leuchtet Louis' Schmachtleib vielleicht sogar im Dunkeln? Dieses Talent würde
mich nach dern, was du mir geschildert hast, nicht sonderlich überraschen."
,,Fanny, du machst mich rasend!" Das war in Bobs Fall ein Ding der Un-
möglichkeit; seine dunklen Augen konnten zvtar ab und an gef?ihrlich aufblitzen,
doch dabei blieb es dann auch: Bobs Heiterkeit und Sanftnut siegten stets sofort
über aufkeimenden Unwillen. Sein Lächeln strafte seine Worte Lügen.
,,Aber im Ernst, Fanny - du müßtest Louis so gut kennen wie ich, dann würdest
du anders über ihn reden. Er ist ein Mensch äußerster Extreme. Mittelwege und
faule Kompromisse sind ihm seit jeher fremd. Louis ist mitAbstand der feurigste
Rebell, den ich kennengelemt habe, der wildeste Heißspom und der unnachgiebigste
Bildershirmer. Doch zugleich erfüllt ihn der tiefste Drang nach Moral, Religion
und menschlichem Anstand. In diesen Belangen zeig! er manchmal regelrecht
unerbittliche Härte. Gegen jedes Unrecht geht er mit Feuer und Schwert an."
Diese Schilderung machte Fanny stutzig. Sie wußte inzwischen natürlich, daß
Louis ein erblich vorbelasteter Calvinist war und auf eine komplette Ahnengalerie
von religiösen Fanatikern zurückblicken durfte. Bei den Worten ,,Moral" und ,"R e-
ligion" rieselten ihr nun kalte Schauer über den Rücken. Oh, sie brachte beiden
Begriffen die größte Hochachtung entgegen und betrachtete sie als unverzichtbare
Bestandteile des menschlichen Lebens - aber wie verzerrt und böse hörten sich
dieselben Worte aus dem Munde eines Eiferers oft an! Und sie mußte plötzlich an
die Heerscharen von reitenden Predigern denken, die schon mr Zeit ihrer Kind-
heit wie eine Heuschreckenplage über ihr heimatliches Indiana hergefallen waren.
Sie kamen meist aus dem Osten, aber auch aus Nebraska, Iowa und Kansas, jenen
noch neuen Gebieten, die man kurze Zeit späternicht grundlos den Maisgtirtel nann-
te ... und den Bibelgürtel. Jet ., nach dem Btirgerpieg, suchten sie die ausgelaugte,
moralisch ziel- und wehrlose Bevölkerung wahrscheinlich schlimmer heim als zu-
vor. Fanny erinnerte sich, daß fastjeden Tag ein Verfteter dieser unheimlichen Spezi-
es bei ihrer Familie aufzutauchen pflegte. Zum Glück jagte ihr Vater, ein zutiefst
gottesfürchtiger, aber keineswegs gutgläubiger Mann, die Prediger regelmäßig mit
der Flinte von seinem Grund und Boden. Fannys Vater war Forsthdndler und Grund-
stücksmakler, ein harter Geschäftsmann, der sich von keinem hergelaufenen Strolch
die Butter vom Brot nehmen ließ, wie er es ausdrtickte. Werur er wieder einen solch
zwielichtigen ,,Mann Gottes" mit Kaninchenschrot vertrieben hatte, atrnete Fanny
erleichtert auf. Sie kamen einzeln, einer nach dem anderen, und sahen doch alle gleich
aus: wie Geier, die sämtlich demselben Nest entflogen waren. Auf die kleinelanny
machten sie einen nachhaltigen Eindruck, doch durchaus keinen angenehmen. In der
Erinnerung schienen sie zu einem einzigen Wesen zu verschnielzen, einer
schwarzgekleideten Kreatur, stocksteif und hager wie eine Vogelscheuche, die auf
einer rippendürren Schindmähre ritt gleich einer Gestalt aus derApokalypse. Oh, wie
gewandt diese selbstemanntenApostel daherarreden wußten, wenn man ihnen nicht
- wie Fannys Vater - augenblicklich die Medizin verabreichte, die sie brauchten, die
Antwort gab, die sie verstanden! Ihre Stimmen klangen leise und samtweich, aber in
ihren schwarzenAugen loderten alle Feuer der Hölle ...
,,Mit Feuer und Schwert, sagst du?" fragte Fanny, und derAtem stockte ihr fast.
,,So einer ist dein Louis also?"
Bob schien bemerkt zu haben, daß seine Worte bei Fanny einen üblen Eindruck
hinterlassen hatten. Sofort suchte er seinen vermeintlichen Fehler wiedergutzumachen.
,,Nun, das sagt man doch nur so", druckste er herum. ,,Louis ist ein lieber Kerl,
der niemandem ein Leid zufügen könnte. Und wenn ich bei ihm von Moral spre-
che, meine ich seine eigene Sichtweise der Sache. Nicht die herkömmliche, bür-
gerliche Moral, die mit Menschenliebe gar nichts zu tun hat, sondern eher die
Auflehnung gegen alle Heuchelei. Louis hat in den letzten Jahren mit allen Mit-
teln gegen die bourgeoise Scheinheiligkeit angekäimpft. Der Umgang mit Dirnen
und der regelmäßige Gang ins Bordell in der Lothian Road von Edinburgh waren
ihm sozusagen stets ein christliches Bedürfnis."
Fanny taute ihren Ohren nicht. Fär eine Weile stand sie mit offenem Mund da,
unfähig zu sprechen - zumal sie erkannte, daß Bob das alles todemst meinte und
nicht einAnflug von Ironie in seinem Gerede lag. War Bob denn schwachsinnig?
,,Ein ... christliches ... Bedürfnis." Fanny nickte zu ihren Worten, als ver-
stände sie dadurch das Unfaßbare. Fanny hegte keinen Widerwillen gegen Dirnen
- ,,Shady Ladies" nannte man sie in ihrer Heimat, weil die armen Dinger ihrem

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Gewerbe nur auf der Schattenseite der Staße nachgehen durften -; aber den Bordell-
besuch mit praktiziertem Christentum gleichzusetzen, ging ihr doch etwas zu weit.
,,Genau", bestätigte Bob nun ganz unbefangen. ,,Louis hat auch Gedichte über
seine Vorliebe geschrieben, um die Btirger von Edinburgh grtindlich zu schockie-
ren, Er hat sie allerdings noch nicht veröffentlicht."
Die Geschichte wurde immer toller! Fannys Glaube an Bobs gesunden Men-
schenverstand schwand zusehends. ,pas ist ja wirklich ganz reizend', flüsterte sie
tonlos.,,Undweiß denn Louis'Vatervon seinenEskapaden, wennich fragendarf?"
Bob riß Mund und Augen weit auf. ,,Um Gottes willen!" rief er erschrocken.
,,Das würde den armen Mann auf der Stelle umbringen! Nein, er weiß gar nichts.
Louis liebt seinen Vater über alles - das könnte er ihm niemals antun. Aus diesem
Grunde fühlte er sich auch moralisch gezwungen, den, nun ja, intimeren Verkehr
mit einem Mädchen aus dem Bordell abzubrechen, das ihm sehr am Herzen lag.
Die Kleine muß reizend gewesen sein, so wie Louis sie beschreibt. Aber sie be-
gann auf einmal, Louis Liebesbriefe nach Hause zu schicken, auf teurem Bütten-
papier mit Blumenarabesken, für das sie sich ihr letztes Geld vom Munde abge-
spart hatte, das arme Geschöpf ,.."
,,... und da hatte Louis natürlich die moralische Pflicht seinem Vater gegen-
über, mit dem ... Geschöpf kurzen Prozeß zu machen." Fannys Stimme vibrierte
vor kaum verhohlenem Zorn.
,,Nun ja - leider. Louis litt seinerzeit sehr darunter. Er wohnt schließlich bei
seinen Eltern und hat eine gewisse Verantwortung zu tragen. Deshalb sprach ich
auch von jenen zwei Naturen, die in seiner Brust existieren. Weißt du, es ist eigen-
tümlich: An der Vorderseite seines Vaterhauses in der Heriot Row prangt ein wun-
derschönes Messingschild mit der Aufschrift ,R. L. Stevenson, Advokat'; aber
wenn er sich in amouröse Abenteuer sftirzen möchte, schleicht sich Louis - der
andere, in seinem Körper verborgene Louis - gleichsam durch die Hintertür in die
Gasse hinaus wie ein Dieb in der Nacht."
Fanny hielt jede weite,re Unterhaltung mit Bob für überflüssig, was das Thema
Louis Stevenson behaf. Niemand schien mehr zurechnungsfrihig bleiben zu können,
wenn er über Louis sprac[ dns war allzu offensichtlich. Sogar der verständige Bob
hörte sich an wie ein vollendeter Schwachkopf! Ein ,,Rebell', der sich nachts zwecks
geheimer christlicher Umtriebe aus dem Haus des Herm Papa schlich, um dessen
Seelenfrieden nicht zu stören - gdnz z\ schweigen von dem väterlichen Geldsegen,
der den klientenlosenAnwalt rmd erfolglosen Schreiberling überWasser halten muß-
te! Wo hatte man so etwas schon gehört? Und Bob bewunderte seinen Vetter oben-
drein dafür, daß er kompromißlos gegen bürgerliche Scheinmoral ankämpfte ...
Als Fanny kurze Zeit später mit Lloyd und Isobel in ihr gernietetes Häuschen
nach Paris zurückkehrte, fragte Bob sie umständlich und rührend zaghaft, ob er ihr
dort einen Besuch abstatten dürfe. Natürlich frohlockte Fanny innerlich bei dem
Gedanken, daß Bob eigens ihretwegen in die Hauptstadt reisen wollte und ihr dort
womöglich ernstere Absichten kundzutun beabsiclrtigte. Wer konnte das wissen?
In der Ktinstlerkolonie mit ihrer fröhlichen, aber frivolen Atmosph?ire wäire ihm
dies sicherlich unmöglich erschienen, doch die Metopole genoß immerhin einen
etwas respektableren Ruf - genau wie Fanny.
Ob ihre Kinder Louis über den für sie beunruhigenden Lauf der Dinge informiert
hatten, wußte Fanny auch im nachhinein nicht zu erraten. Die Möglichkeit kam
jedoch schon deshalb kaum in Beüacht, weil Belle und Lloyd Louis' Postanschrift
nicht besaßen: Sonst hätten sie ihm nämlich täglich lange Briefe geschrieben und
ihre Korrespondenz nicht lange vor ihrer Mutter geheimhalten können. Wahrschein-
lich war es Bob selbst gewesen, der gutmütige, gutgläubige Tropf, der Louis den
erhoften Verlauf seiner Herzensangelegenheit enthüllt hatte. Als nämlich Bob seine
Freundin Fanny in Paris aufsuchte, hatte er - zufällig, rein zufiillig - seinen Vetter
Louis im Schlepptau ... obwohl Fanny jeden Eid geschworen hätte, daß Louis die
treibende Kraft hinter diesem Tauziehen darstellte. Fanny fiel aus allen Wolken,
als sie den ungeliebten, aufdringlichen Menschen gastfreundlich aufnehmen muß-
te. Zwar gebäirdete sich Louis, was Manieren und makellos höfliches Auftreten
betraf, wie ein vollendeter Gentleman; doch es war nicht zu übersehen, daß er sich
in Fannys Räumen von der ersten Minute an so lässig bewegte, wie es eigentlich
nur dem Hausherrn zukam.
Fanny verfluchte ihn innerlich, machte aber notgedrungen gute Miene zu Lou-
is' vermutlich bösem Spiel,
Alle saßen sie in Fannys winzigem, aber schmucken Salon, Fanny, Bob, Lou-
is, Isobel und Lloyd, und vertieften sich in vorwiegend literarische und künstleri-
sche Gespräche. Isobel und Lloyd schien das von Herzen egal; sie hingen ge-
bannt an Louis'Lippen, die übrigens fortw?ihrend in Bewegung blieben, und scher-
ten sich dabei keinen Deut um den Inhalt des Gedankenaustausches. Fanny konn-
te schließlich nicht umhin, ihrem Widerwillen endlich einmal Luft zu verschaf-
fen.
,,Bob hat mir kürzlich erzählt, Mr. Stevenson, dalJ IhrAufenthalt in Frankreich
Sie zu ganz bestimmten literarischen Forschungen angeregt hat." Fanny nutzte
eine der wenigen Pausen in Louis'Redefluß, um ihren eigenen Teil beizusteuern.
,,Wenn ich Bob recht verstehe, planen Sie eine Reihe von Essays über drei, nun
ja, moralisch außerordentlich umstrittene Persönlichkeiten. Vertreter der Dicht-
kunst, nehme ich an?"
Louis begriffsofort, worauf Fanny hinauswollte, und verstellte sich meisterhaft.
Ausgesucht ritterlich neigte er den Kopf vor Fanny, wobei sich Belles Brust ein
abgründig tiefer, aber unhörbarer Seufzer entrang. Isobel schmachtete Louis an.

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,,In der Tat, Madame. Ich schreibe bereits an einem Abriß über das Leben Fran-
gois Villons, des wohl größten, bedeutendsten französischen Dichters ..."
,,... der die käufliche Damenwelt über alles liebte und ein verurteilter Verbre-
cher war, nicht watr? Hat er nicht am Galgen sein Leben ausgehaucht?" Fanny
lächelte süffrsant.
,,Nun, so heißt es bösartigen Gerüchten gemäß. Er lebte immerhin im aus-
gehenden Mittelalter. Die Aufzeichnungen über ihn erweisen sich als ver-
gleichsweise rar und irreführend ..."
,,Oh", hauchte Fanny in gespielter Verwimrng, ,,Dann hoffe ich doch, daß Sie
bei Ihren Untersuchungen zu den zwei anderen Herren mehr Glück haben werden.
Um wen handelt es sich?"
,,LIm unsere wohl erhabensten Dichterfürsten, Fannf', kam Bob Louis zuvor.
Das Thema stellte für ihn als Schotten eine nationale Ehrensache dar; natürlich
hatte er Fanny längst detailliert über Louis'Vorhaben in Kenntnis gesetzt.
,,Das ist wahr", pflichtete ihm Louis sofort bei und nahm die Zügel des Ge-
sprächs wieder auf.
,,Es handelt sich um den großen Robert Bums und seinen etwas unbekannteren
Vorgänger Robert Fergusson. Letztercr von beiden lebte im 17. Jatrhundert und
war das wohl überragendste Genie seiner Zeit."
,,Das interessiertmichbrennend, Mr. Stevenson", erwiderteFanny.,,Bobs Schil-
derung meinte ich entnehmen zu können, daß dieser Fergusson sozusagen ein
Edinburgher Vorgäinger von Ihnen gewesen sein muß, mit dem Sie sich in jeder
Beziehung zu identifizieren scheinen. Ich für mein Teil betrachte ihn als ein durch
und durch verrottetes Subjekt, einen hemmungslosen Säufer und - haltet euch
einenAugenblick die Ohren zu, Kinder- einen abscheuerregenden Lüstling. Was
sagen Sie daztr?*
Fanny hatte selbstredend nicht damit gerechnet, daß Louis sich einem offenen
Streitgespräch über Moral stellen würde; sie behielt recht. Dieser gerissene Hund
wußte, wann es den Schwanz einzuklemmen galt!
,,Sie träuschen sich keineswegs in Ihrer Einschätzung seines Charakters, Ma-
dame. In sittlichen Belangen darf man sich den armen Robert Fergnsson demnach
auch keineswegs zum Vorbild erw?ihlen. Sie haben Bob grändlich mißverstanden,
was meine Verehrung für seine Person betrifft. Es ist ausschließlich der Poet, der
mich rührt - und vergessen Sie nicht, daß der Bedauernswerte mit nur 24 Jatren
im Edinburgher lrrenhaus zugrunde ging. Wir Glücklicheren sollten demgernäiß in
unserem Urteil Milde und Barmherzigkeit walten lassen."
Ah, da kam sie deutlich zum Vorschein, seine christliche Nächstenliebe! Schon
hob Fanny an, sich über den letzten Verfreter des Dreigespanns auszulassen, als
Louis ihr zuvorkam.

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,,IJnd was Robert Burns angeht, unser aller Idol und Wegbereiter, so haben
meine genaueren Nachforschungen schon jetzt ergeben, daß ich seine Lebens-
weise aus tiefstem Herzen verdammen muß uhd dies auch in meinem Aufsatz
Niederschlag finden wird - sosehr mich persönlich das schmerzt."
Was für ein plötzlicher, aus diesem Moment heraus geborener Sinneswandel
das doch war! Fanny traute ihren Ohren kaum.
,,Ich stellte unlängst gewissermaßen eine chronologische Tabelle seiner zahllo-
sen Liebschaften auf ... und seitdem finden Sie mich geradezu sprachlos vorAb-
scheu und Widerwillen."
Sprachlos? Nun, zumindest vermochte Louis nach wie vor ausgiebig über die-
se seine Unf?ihigkeit zu plaudern ...
,,Robert Burns war, sehr zu meinem Leidwesen, ein vulgärer Verführer, ein
gewissenloser Trophäensammler ohne den geringsten Respekt vor der mänsch-
lichen Würde der Opfer seiner unseligen Jagdleidenschaft. Es gibt keine Entschul-
digung für ein solches Verhalten. Er war, kurz gesagt, ein Schuft." '
Falls Bob Stevenson eine grundlegende Veränderung in Louis'Thesen auffrel,
schien ihn das zumindest nicht zu erstaunen. Die Kinder hatten sowieso kaum ein
Wort der Unterhaltung verstanden. Wieder einmal waren es nur Fanny und Louis,
die um den wahren Kern ihrer Auseinandersetntng wußten, so wie damals im
Gasthof zu Grez. Und so wie damals warfen sich die beiden, unbemerkt vom Rest
der Runde, vielsagende Blicke zu, die nichts mit liebevollem Geplänkel zu tun
hatten.
Du vermaledeiter Heuchler, lautete Fannys Botschaft, die Louis mit mildem
Lächeln und sanftem Blick zur Kenntnis nahm.
Dich erwische ich auch noch,wiederholte Louis seine ursprängliche Drohung.
Es wird gar nicht mehr lange dauern.
Seine ominöse Ankündigung sollte sich bereits nach wenigen Wochen zu be-
wahrheiten beginnen.
Nach dem Besuch der beiden Stevenson-Vettern hörte Fanny auf einmal kein
Wort mehr von Bob. Hatte er seiner vertrauten Freundin etwa übelgenommen,
was sie überjene schottischen Poeten gesagt hatte - oder aber zu Louis? Fanny
bezweifelte das stark. Ein solch nachtragendes Verhalten hätte nicht zu Bob ge-
paßt: Gab es eine Unstimmigkeit zu kldren, tat er das stets sofort, ohne lange dar-
über nachzugrübeln, wie tief er gekränkt worden war oder wie schwer er sich an
dem odei der Betreffenden zu rächen hatte. Fanny beschloß, ihn offen nach der
Ursache seiner plötzlichen Zurückgezogenheit zu fragen.
In Grez, Auge inAuge mit Fanny, zögerte Bob lange mit derAntwort. Als Fanny
sie schließlich vernommen hatte, traf der Schock sie wie ein Blitzschlag. ,,Ich
liebe diese Frau über alles, Bob", hatte Louis seinem Vetter anvertraut. ,,Ich werde

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gie für mich gewinnen, koste es, was es wolle." Gleichzeitig hatte Louis Bob von
einem Briefan seine Eltern in Edinburgh erzählt. In dem Schreiben ktfurdete er
ihnen von einem wundervollen Wesen, einer,,ausnehmend schönen Frau", die er
bei Fontainebleau kennengelernt hatte und heimzuführen gedachte.
,,Aber was habe ich mit deinem Louis zu schaffen? Ich kenne ihn doch kaum,
und was ich von ihm kenne, mag ich nicht!"
Bob blickte nur schweigend zu Boden.
Er war wieder zu dem geworden, was er zu Anfang ihrer Bekanntschaft ge-
wesen war: der Prophet seines Herrn, der die Wege des Meisters ebnete und sich
sofortklag- undwillenlos zurückzog, wenndie Pläne des anderen die seinen durch-
kreuzten. Und Fanny, belagert von einem selbsternannten Hochlandhäuptling,
mußte einsam in ihrer Wagenburg aushalten, während die Kavallerie zum Ab-
schied eine weiße Fahne schwenkte.

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5

VBrwInRr UND ENrcEIsrEnr schaute die gesamte Farnilie von der Veranda aus ihrem
Oberhaupt nach, das sich gerade im Begdtrbefand, aufseinem Lieblingspferd
Jack in den Dschungel hinauszureiten. Nicht der Ausritt an sich war es, der sie
verblüffte, sondern Louis'lauter, ein wenig schräger, dafür leidenschaftlicher Ge-
sang, den nur Jack auf die Dauer ertrug.
,,My heart's in the Highlands, my heart is not here", tönte es durch das gesamte
Anwesen innerhalb des Zaunes und vermutlich durch halb Vailima. Louis sang
dieses Lied oft und gern, was zu jeder anderen Zeit niemanden verwundern durfte,
war es doch das populärste Volkslied der Schotten, ihre von Louis'gerühmtem
und geschmähten Dichtervorbild Robert Burns ins Leben gerufene heimliche Na-
tionalhymne. Daß sich Louis' Herz im schottischen Hochland befand, wie es in
dem Lied hieß, und nicht etwa hier auf Samoa, hätte nach Fannys Meinung inzwi-
schen auch der Dümmste begreifen müssen - abgesehen von Lloyd und Isobel
natürlich. An die Art, wie Louis seinen Gesang in die Welt hinausschmetterte,
hatte man sich wohl oder übel gewöhnt. Was die Familie verunsicherte, war der
merkwürdige Umstahd, daß ihm heute noch zum Singen zumute war, nach all dem
Furchtbaren, welches sich seit dem Morgengrauen in Gesinde- und Haupthaus
ereignet hatte. Louis hatte die Situation souverän gerneistert, doch gerade die Tat-
sache, daß er jetzt so inbrünstig sang, demnach Herz und Verstand noch bereitwil-
liger ins Hochland flüchten ließ als gewöhnlich, konnte nur eines bedeuten:Auch
ihm hatten die Vorf?ille insgeheim einen Mordsschreck eingejagt. Der zivilisierte
Louis war auf zivilisierte Weise mit der leidigenAngelegenheit umgegangen und
hatte sie zu jedermanns Zufriedenheit bewtiltigt. Der andere, urspriturglichere Louis
fürchtete sich, weil er wußte, daIS die wohltuende Schutzschicht weißer Kultur in
einer Sache wie dieser nur die Gemüter beschwichtigte und einlullte. Die wahre
Gefahr vermochte sie niemals zu bannen.
Im Morgengrauen, als noch alles in tiefem Schlaf gelegen hatte - sogar Louis,
der inzwischen innerhalb des Zaunes beim besten Willen nichts mehr zu roden
vorfand, war noch nicht aufgestanden -, wurden s?imtliche Familienmitglieder
plötzlich durch ein markerschüfferndes Kreischen aus den Betten gescheucht. Das
ohrenbetäubende, verzweifelte Geschrei ließ alle augenblicklich an Mord und
Totschlag denken. Jemand dort draußen brauchte dringendst Hilfe, wenn es dafür
nicht schon längst zu spät war. Louis war als erster in seine Kleider geschlüpft;
Fanny, die im Zinner nebenan schlief, folgte ihm auf dem Fuße nach draußen,
und auch Lloyd und Belle stäLrmten hinterdrein. Austin schickfe man umgehend
zurück ins Bett, denn was man draußen vorzufinden befürchtete, war mit Sicher-
heit kein angemessener Anblick für Kinderaugen.

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Als die Familie schließlich vor dem Gesindehaus ankam, wo die Hausan-
gestellten zu schlafen pflegten, traf sie zwar auf eine erregte Menschenansammlung,
doch fand sich kein Hinweis auf eine mögliche Bluttat. Und doch wäre, wie sich
nur eine Minute später herausstellte, um ein Haar ein Meuchelmord geschehen!
Vier kräftige Männer hielten den jungen Tauilo, Tamaitais christlich angetrauten
Ehemann, fest an Rumpf und Gliedern umschlungen und machten keinerlei An-
stalten, ihren Griffzu lockem, als Tusitala zu ihnen trat. Dabei schien ihre Maß-
nahme alles andere als nötig: Tauilo, offenbar leicht verwirrt, aber ansonsten lamm-
fromm, stand ganz ruhig da und leistete nicht die geringste Gegenwehr. Er machte
lediglich kugelrundeAugen; sein Mund stand weit offen vor Erstaunen.
Zu seinen Füßen lag ein riesiges Buschmesser, an dem gottlob kein Blut klebte,
soweit man das bei der notdärftigen Beleuchtung feststellen konnte. Selbst Fackel-
schein hätte aber den fzuchten Glanz von frischem Blut erkennen lassen müssen.
,,Was hat sich hier abgespielt?" fragte Louis die vier Samoaner, die Tauilo um-
klammerten und denen ihre Aufgabe ein merkwürdig kindliches Vergnügen zu
bereiten schien. Tauilo selbst hielt nun, in Tusitalas Gegenwart, etwas verschämt
den Kopf gesenkt und grinste dümmlich. Was auch immer vorgefallen sein moch-
te, eines merkte jederderweißen Herren: Tauilo wußte genau, daß es A,rger für ihn
geben würde, doch einer Schuld in dieser Angelegenheit war er sich keineswegs
bewußt.
,,Wo steckt deine Frau, Tauilo?" fragte Louis jetzt. ,,Wo ist Tamaitai geblieben?
Antworte mir auf der Stelle!"
Wie um ihren Ehernann von jeder Entgegnung zu entbinden, trat plötzlich
Tamaitai selbst aus dem Hintergrund der Schar hervor und nickte Tusitala grüßend
zu. Ihr Lavalava hing ihr in Fetzen vom Körper herab, und ihr Haar satr wirr und
völlig zezaust aus; doch sie lächelte Tusitala freundlich und gelassen an und meinte
nur: ,,Hier bin ich."
,,Warst du vielleicht diejenige, die eben noch so verzweifelt geschrien hat,
Tamaitai?" fragte Louis steng.
,,Ja, Tusitala." Ihr Lächeln blieb so freimütig wie zuvor, ihre Haltung wirkte
entspannt und gelöst. Auch sie schien dem Ereignis, das sie gerade vor Angst
beinah um den Verstand gebracht hatte, mittlerweile keine Bedeutung mehr beizu-
messen.
,,Warum hast du denn so entsetzlich geschrien, Tamaitai?'fragte Louis weiter.
,,Es klang fast so, als sei jemand mit dem Buschmesser hinter dir her ..." Louis
stockte.
,,Das stimmt, Tusitala", gab Tamaitai ihm heiter zur Antwort. ,,Tauilo wollte
mir vorhin den Kopf abschlagen. Aber nun nicht mehr. Es ist alles wieder in Ord-
nung." Ihr fröhliches Lächeln hätte jeden der Weißen augenblicklich für sich ein-

l0l
genommen, wenn ihre Worte nicht gewesen wären. Der lapidare Kommentar, zu
dem ihre gute Miene so gar nicht passen wollte, peunruhigte alle zutiefst. Doch
der Wunsch, Tarnaitais Aussage möge sich um Gottes willen als MißverstZindnis
entpuppen, erfüllte sich nicht. Im Grunde hatten sie das auch alle gewußt.
Nachdem man zunächst das Buschmesser aus Tauilos Reichweite entfemt und
den jungen Mann dann aus der Umklammerung der Freunde befreit hatte, erzählte
Tamaitai den Vorfall. Die Samoaner nickten ab und zu und murmelten beiftillig zu
ihrerAt der Darstellung. S?imtliche Versammelten hatten sich auf den Boden ge-
hockt, um Tamaitziza lauschen, eine der eingeborenen Frauen holte einen großen
Topf Kava-Bier herbei, und so erwuchs aus der Geschichte von Tauilos nächtli-
chem Mordversuch an seiner geliebten Tamaitai im Handumdrehen ein prächtiger
Anlaß für eine frühmorgendliche frohe Feierrunde. Eirlr;ig den weißen Teilneh-
mern an dieser Sitzung lag es fem, Erleichtemng zu empfinden; ihr Unbehagen
wuchs rapide im Laufe des Berichtes. Belle verzog immer häufrger v.orAbscheu
das Gesicht, bis es zu einer Grimasse erstarte. Lloyd, der in derAuftegung seine
Brille im Haus vergessen hatte und nun in mehr als einer Hinsicht im Dunkeln
tappte, blinzelte ratlos umher und kratzte sich nervös den Nacken. Fanny fühlte
genau wie die beiden, nur gesellte sich zu ihrem Widerwillen kein Erstaunen. Ihr
Hauptaugenmerk galt Louis, dem Untersuchungsrichter im vorliegenden Krimi-
nalfall: Es kam nur selten vor, daß ein ums Haar demAnschlag des eigenen Gatten
entkommenes Opfer munter plaudernd die Details zum besten gab, während der
Schuldige - aber nichtAngeklagte - neben ihr saß und, lebhaft nickend, frohen
Mutes ihre Worte untermauerte.
Tamaitai, die gottlob ihr ganzes Leben lang einen ausgeprägt leichten Schlaf
gehabt hatte, war durch diesen Umstand sozusagen messerscharf dem Tode ent-
ronnen. Die Dämonenfurcht, gemeinsames Erbteil aller Insulaner, verhinderte im
Einklang mit der fortwährenden nächtlichen Schwüle jeglichen tiefen Schlum-
mer; die mit der Muttermilch eingesogene Dämonenfurcht hatte Tamaitai also ei-
nerseits gerettet, doch andererseits auch den Weg für die blutrünstige Attacke ih-
res Mannes geebnet. Mitten in der nächtlichen Dunkelheit, die nur durch die un-
vermeidliche einsame Lampe vordem Eingang des Gesindehauses gemildert wurde,
war Tamaitai durch ein Geräusch an ihrer Seite aufgewacht. Schemenhaft erkann-
te sie die Gestalt ihres Tauilo und nahm wahr, wie er sich über sie beugte. Nun war
das an sich für Eheleute nichts Besonderes; ausgesprochen merkwärdig erschien
Tamaitai dagegen die Tatsache, daß er sich seiner jungen Frau mit dem Buschmes-
ser in der Hand näherte, das er obendrein wild über seinem Kopf hin und her
schwang. Geistesgegenwärtig rollte sich Tamaitai zur Seite und entkam dadurch
dem sonst unfehlbar tödlichen Hieb, der ganz ohne Wamung erfolgte. AufTamaitais
aufgeregtes Kreischen reagierte der wildgewordene Tauilo nicht oder höchstens

102
insofem, als er zu weitererVerfolgung aufgestachelt wurde. Inzwischen waren die
anderen Bediensteten im Gesindehaus aufgewacht. Sie hätten Tamaitai jedoch kaum
rechtzeitig zu Hilfe eilen können, wenn nicht ein günstiger Umstand der jungen
Frau einen Vorsprung verschaft hätte: Tauilo hatte sich mitsamt seinem Busch-
messer in Tamaitais Moskitonetz verfangen und wand sich darin hin und her wie
ein gefangenes Tier. Er mußte das zarte Gespinst zuerst mit der scharfen Waffe
durchtrennen, bevor er sich wieder mit ungeteilter Konzentration der Jagd nach
seiner Gefährtin widmen durfte. Seine blinde Wut war durch den Kampf mit dem
Moskitonetz nur noch weiter geschürt worden. Von panischerAngst getrieben lief
Tamaitai in Richtung Haupthaus und schrie sich dabei die Seele aus dern Leib -
zumindest pflegten die Weißen verzweifelte Laute wie die ihren auf solche Weise
zu umschreiben. Tauilo sauste unbeirrt hinterdrein, messerschwingend und wild
gestikulierend, doch zugleich stumm wie ein Fisch. Sein Ziel war es, Tamaitai den
Garaus zu machen, da gab es nicht den Schatten eines Zweifels. Die Mitbewohner
der beiden Eheleute, die seine Absicht richtig deuteten, unternahmen alles in ihrer
lkaft Stehende, den Rasenden aufzuhalten. Daß Tauilo ohne Unterlaß mit seiner
beeindruckend großen Waffe herumfuchtelte und wahllos Hiebe in alle Richtun-
gen austeilte, erschwerte die Rettungsaktion beträchtlich, doch zu guter Letzt ge-
lang es einem der Männer, ihm ein Bein zu stellen und ihn zu Fall zu bringen. Im
nächsten Moment saßen vier Samoaner rittlings auf ihm und entwaffneten ihn
mühelos, und schon nach wenigen Sekunden war in Tauilos Wesen die alte Ruhe
eingekehrt, die jedermann so außerordentlich an ihm schätzte. Seine Sanfonut war
sprichwörtlich; und Sanftmut legte er auch jetzt wieder an den Tag.
Tamaitai hatte mit ihrer Erzählung geendet, und die Umsitzenden spendeten ihr
vorbehaltlosenApplaus. Die junge Frau strahlte über das ganze Gesicht - ihr Ehe-
mann desgleichen. Die vier Weißen enthielten sich wohlweislich jeder Beifalls-
kundgebung. Fanny brauchte sich nicht erst die Erklärungsversuche der beiden
Hauptbeteiligten anzuhören, um zu wissen, wer sich unweigerlich als der einzig
,,Schuldige" an diesem Zwischenfall herausstellen würde. Es war natärlich ein
Dämon gewesen! Anfrille geistiger Umnachtung wie der soeben allseits glücklich
überstandene ereigneten sich aufder Insel zwar nicht häufig, doch ziemlich regel-
mäßig. Schnell erholten sich die Betroffenen wieder, manchmal allerdings nicht,
bevor sie mindestens ein Familienmitglied zur Strecke gebracht hatten. Niemand
verübelte ihnen ihr Verhalten, niemand bestrafte ihr Verbrechen, denn in den Au-
gen der Insulaner gab es wohl eine Untat, aber keine Schuld seitens des Täters. Ein
Dämon hatte seine Finger im Spiel, und dagegen erwiesen sich die Menschen als
machtlos. So auch hier, in Tamaitais und Tauilos Fall: Tamaitai verteidigte ihren
geliebten Gatten mit der simplen Feststellung, daß ein Urwaldgeist in den Schlä-
fer eingefalren war und zur Tatzeit seinen Körper besessen hatte. Tauilo hingegen

103
konnte sich kaum erinnem, aber er brachte vor, daß er in der Nacht aufgewacht sei
und statt seinerTamaitai einen ekelhaften Dämor1 in Frauengestalt neben sich habe
liegen sehen. Schnell habe er nach seinem Buschmesser gegriffen, um dem Phan-
tom auf die Sprtinge zu helfen. Das Gespenst habe tatsäichlich gekreischt und ge-
brüllt, wie nur ein unirdisches Wesen zu schreien vermochte - also galt es die
Verfolgung des bösen Geistes aufzunehmen. Und der Dämon hatte durch seine,
Tauilos, tapfere Gegenwehr ja nun auch wirklich die Flucht ergriffen, denn kaum
sah Tauilo aus der Umklammerung seiner Landsleute auf, erblickte er statt des
scheußlichen Phantoms wieder seine heißgeliebte Tamaitail Trotz der ein wenig
widersprüchlichen Aussagen der beiden Eheleute stand eine Tatsache für die Insu-
laner felsenfest: Ein Dämon hatte sich ins Gesindehaus eingeschlichen, jeden Gat-
ten einzeln verhext und betört und ein schlimmes Durcheinander verursacht. Nun
aber war er wieder verschwunden und die Sache somit erledigt. Man hoffie in-
brifurstig, er möge nicht zurückkommen, aber den armen Beinahe-Opfern des Dä-
mons das Leben nachträglich unnötig schwerzumachen, fiel niemandem ein. Was
hatten Tauilo und Tamaitai schließlich mit dem eklen Geist zu schaffen?
Auch Louis wußte natürlich um die Ausmaße des leidigen Dämonenproblems - er
hatte die Geisterfurcht schließlich für seine eigenenZwecke eingespannt. Deshalb
verblüften seine nächsten an Tauilo gerichteten Worte Fanny, die still neben ih-
rem Gatten saß, um so nachdrücklicher.
,,Entspricht das tatsächlich der Wahrheit, Tauilo? Ein D?imon ist also in deinen
Leib eingedrungen, oder meinetwegen in Tamaitais Leib, und hat dich dam ge-
bracht, das Buschmesser gegen deine Frau zu ergreifen?"
,J4 Tusitala. Aber Frau war nicht Frau."
,,Nun gut. Darüber wollen wir nicht streiten. Doch war es nicht vielleicht ganz
anders? Wolltest du nicht vielmehr einfach Tamaitais Kopf, um ihn als Trophäe zu
verwenden?"
Genauso übenascht wie Fanny, ja sogar zutiefst verletzt, geblirdete sich nach
diesen Worten Tusitalas die gesamte Runde der Eingeborenen. Tusitala hatte da
einen furchtbaren Vorwurf gegen Tauilo erhoben, der ibn dementsprechend mit
erhobenen Händen, körperlich gleichsam, entschieden von sich wies. Natärlich
waren alle Anwesenden anständige, ehrenwerte Samoaner und daher Kopfäger
wie ihre Väter, aber niemals, um keinen Preis, hätte sich einer von ihnen dazu
hinreißen lassen, einen Frauenkopf abzuschlagen. Frauenleben und Frauenehre
tastete man auch in Kriegszeiten nicht absichtlich an, und wer gegen die Etikette
verstieß und trotzdem einem weiblichen Wesen den Kopf abhackte, galt als ruch-
los, ehrlos und, schlimmer noch, als ausgesprochen ungalant.
Fanny mußte daran zurückdenken, wie zur Zeit von König Mataafas Feldzügen
auch einige ihrer Hausboys, die Mataafa aufgrund ihrer Klanzugehörigkeit Loya-

104
lität zu bezeigen hatten, von Boten regelrecht zum Kriegsdienst geladen worden
waren. Seinerzeit hatten ,,ihle" Boys, fröhliche und freundliche junge Bwschen
allesamt, ihr unaufgefordert versichert, sie würden keinesfalls Köpfe sammeln,
ein Versprechen, dern Fanny danals schon keinen Glauben schenkte. Ein unheim-
liches Gefühl beschlich sie beim Aufbruch der Jungen, als sie die frischgebacke-
nen Krieger im Gänsemarsch das Grundstück verlassen sah, unter munterem Ge-
sang und aufgeräumt winkend. Jeder von ihnen trug die ,,Uniform" Mataafas, ein
rotes Halstuch, das er sich vorher noch schnell unten im Kramladen zuApia hatte
beschaffen müssen, und einen großen Picknickkorb, dessen Inhalt Fanny eigens
für ,,ihre" kriegerischen Helden ansammengestellt hatte. Kriegshandlungen auf
Samoa, durch weiße Augen betrachtet, trugen stets einen Stempel des Lächerli-
chen und zugleich Grausigen: Die Krieger - auch die Veteranen! - zeigten eine
solch kindliche, naive Freude an den Schlachten, die vor ihnen lagen, daß man
glauben konnte, sie machten sich auf den Weg zu einer Familienfeier. Erwies sich
ihr provisorisches Feldlager im Dschungel allerdings als zu feucht und zu wenig
komfortabel, kehrten sie oft einfach in ihre Dörfer zurück, denn sie liebten die
Bequemlichkeit über alles und waren nur schwer aus ihrer angeborenen Trägheit
aufzurütteln. Unmittelbar vor einer Schlacht kam es nicht selten vor, daß die geg-
nerischen Parteien sich umarmten, heiter miteinander plauderten und einen ge-
meinsamen Umtrunk zelebrierten. Hatte der eigentliche Kampf aber erst einmal
begonnen, kannten die fröhlich spielenden Kinder plötzlich nicht mehr den An-
-
flug von Gnade. Nicht genug damit, daß sie einander abschlachteten das tat
schließlich jeder Soldat. Schon während des allgemeinen Tötens jedoch emtete
man eifrig gegnerische Köpfe, und manchen Sammlem fiel es einfach zu schwer,
vorher lange auf das Ableben des Opfers zu warten. Insbesondere davonhumpelnde
Verwundete galten als begehrte, weil angenehm leichte Beute.
Die Tatsache, daß Louis soeben auf das Sammeln weiblicher Köpfe angespielt
hatte, entbehrte keineswegs jeder Grundlage. Louis zog es voq das Thema im
Familienkreis zu ignorieren, doch Fanny selbst hatte oft genug Gerüchte gehört,
welche besagten, daß es in den Schlachten um die Herrschaft König Mataafas zu
unerhörten, nie zuvor dagewesenen Ausschreitungen gekommen war. Mataafa
konnte ausnahmsweise nichts damit zu schaffen haben, denn er hatte seinen Krie-
-
gern die Kopfiagd ausdrücklich verboten ein verrücktes, typisch christliches
Verbot, das selbstverständlich von jedem echten Samoaner mißachtet wurde. Die
Gerüchte, die Fanny zu Ohren gedrungenwaren, mußten ausnahmsweise derWahr-
heit entsprechen, denn sie warfen ein zu peinliches Licht aufdie Siften ganz Sa-
moas, als daß ein stolzer lnsulaner sie hätte erfinden können. Eine Eigenheit der
samoanischen Kriegführung bestand nämlich darin, daß die Tapos, die Ehren-
jungfrauen ihres Stammes, die Krieger zu begleiten und sich recht ausgiebig an

105
den Kampftrandlungen zu beteiligen pflegten. Die Mädchen schenkten vor der
Schlacht Kava-Bier an Freund und Feind aus, luden wdhrend des Kampfes die
Gewehre nach und wehrten nach Kräften die Arlnäherungsversuche gegnerischer
Kopfiäger ab, die sich wie Aasgeier auf die Leichen oder noch lebenden Leiber
ihrerAngehörigen stürzen wollten. Die Tapos trugen zu diesen gesellschaftlichen
Anlässen ihre hübschesten Lavalavas, bei gutem Wetter möglichst geblümte
Sonnenschirme, die ihnen prächtig standen - und da auf Samoa grundsätzlich nur
bei Sonnenschein gekämpft wurde, ergriffen Tapos stets die Gelegenheit für Mo-
denschauen. Nur selten fand eine Tapo während der Schlacht den Tod, denn sie
war tabu: Lediglich ein verirrter Speer oder eine abgelenkte.Kugel konnten sie
niederstrecken. Und war wirklich eine Tapo den Heldentod gestorben, verstand es
sich von selbst, daß niernand sich an ihr und insbesondere ihrem Kopfvergreifen
durfte. Dieses Gebot stellte sozusagen das oberste Gesetz samoanischer Ritter-
lichkeit dar. ,;

Doch vor wenigen Monaten war dann tatsächlich das Unglaubliche passiert;
und es sollte noch schlimmer kommen. Nach dem Einsammeln der Köpfe nämlich
behielten die glücklichen Recken in der Regel ihre Beute nicht, sondem lieferten
sie bei ihrem Stammesfürsten ab, der die Ernte begutachtete und den Männem
entsprechendes Lob zollte. Am ,,Hofe" eines der Fürsten begab es sich, daß man
bei der Besichtigung der Trophäen zu jedermanns größter Scham und Entrüstung
drei Frauenköpfe entdeckte. Nun konnte ein Kopf ein bloßes Versehen bedeuten
und zwei Köpfe äußerste Nachlässigkeit - aber drei Köpfe! Die Kunde von dieser
Entgleisung machte auf ganz Samoa die Runde, und obwohl man die Häupter der
Tapos, deren eine zu allem Unglück als Nichte einer von Mataafas Hofdamen
identifiziert wurde, schleunigst vergrub, war das Verbrechen geschehen. Zwar ging
der Fürst nicht so weit, die Krieger zu bestrafen, die es immerhin gut mit ihrem
Herrn gemeint hatten - doch sie empfingen einen ausdräcklichen Tadel für ihr
Verhalten.
Vor diesem ehrenrührigen Hintergrund also sprach Louis nun seinen Verdacht
aus, und seine Bediensteten zeigten sich, wie Fanny fand, zu Recht ein wenig
pikiert, Fanny wunderte sich, wie ihr Gatte im vorliegenden Falle des nächtlichen
Überfalls auf Tamaitai eine Übereinstimmung mit jenem beschämenden Kriegs-
ereignis sehen konnte. Es fiel ihr nur ein plausibler Grund für seine Unlogik ein:
Er glaubte selbst nicht an eine Entsprechung und wollte lediglich Zeit gewinnen,
um seine Strategie zu überdenken. Tusitala galt immerhin als der Oberste Richter
von Vailima. Er entschied über Gut und Böse. Dämonen jedoch bereiteten ihm
ganz offenbar großes Unbehagen ...
In der immerhin bereits vier Jahre wäihrenden Geschichte der Rechtssprechung
zu Vailima unter dem ehrenwerten Richter Tusitala-Stevenson hatte sich erst ein

106
Pr'äaedenzfall ereignet, der im weitesten Sinne mit der Einwirkung von ,,Dämo-
nen" zu nm gehabt hatte. Das Verfahren hatte damals ,,mangels Beweisen" einge-
stellt werden müssen, da sich zu Louis'und Fannys größtem Vergnügen heraus-
stellte, daß Louis' Mutter mit Hilfe ihrer bauchrednerischen Fähigkeiten den Dä-
mon verkörpert hatte. Die gute alte Maggie, eine zerbrechlich wirkende, aber re-
solute Dame, hielt es seinerzeit für ein probates Mittel, sich solcherart in einen
bösen Geist zu verwandeln, und der Erfolg ihres Einfalls gab ihr recht. Eine junge
Frau namens Sina hatte sich gerade den Fuß entzündet und litt unter Schmerzen.
Nun waren Samoaner in der Regel kaum anfiillig für Krankheiten, und wurden sie
tatsächlich einmal kranlg dauerte es meist nur wenige Tage, bis sie sich wieder
wohlauf befanden. Doch bedingt durch ihr phlegmatisches Wesen, das sie dazu
brachte, vorjedem Schicksalsschlag ohne Gegenwehr zu kapitulieren, hielten sich
von Schnupfen oder Husten geplagte Samoaner sofort für todgeweiht und legten
sich schnurstracks zum Sterben nieder. Das taten sie dann allerdings keineswegs
still, sondern unter lautem, anhaltenden Jammern und Jaulen. Die liebe Maggie,
stets in hochgeknöpftes Schwan gekleidet und trotz des Klimas eine vollendete
britische Dame, konnte und wollte Sinas Geschrei nicht länger ertragen. Als Sinas
Pflegerin fühlte sie sich ermächtigt, zu drastischen Maßnahmen zu greifen: Inmit-
ten eines Kreises von lnsulanem, die auf Sinas unvermeidliches Ableben warte-
ten, schimpfte sie laut mit dem,,Dämon", der zweifellos in Sina eingefahren war
und sie nun piesackte. Und der böse Geist gab in der Tat Antwort - mit leiser,
zittriger Stimme versprach er, hinfort ein,,guter Junge" sein zu wollen und Sina in
Ruhe zu lassen. Sowie Sina das dämonische Versprechen vernahm, verebbten
merkwärdigerweise auch ihre Schmerzen auf der Stelle. Maggie hatte den Sieg
über die Krankheit davongetragen, prahlte aber im Haupthaus nicht mit der wah-
ren Natur ihres dwchscNagenden Erfolges. Bei seinen Untersuchungen unter den
Eingeborenen fand Louis heraus, daß der Dämon,,Tu" hieß und seine Mutter per-
sönlich diesen Namen gehört hatte ... Das machte ihn stutzig, und bald zeigte es
sich, daß die gottesfürchtige Maggie nach dem Beinahe-Bibelspruch,per Zweck
heiligt die Mittel" vorgegangen war. Etwas verblüffi ob der Tatsache, daß ausge-
rechnet seine Mutter, von deren Seite schließlich sämtliche h,edigeworfatuen stanm-
ten, sich dazu hatte hinreißen lassen, samoanischen Naturglauben zu praktizieren,
sprach Louis sie respektvollst auf diesen Umstand an. Der guten Maggie saß schon
seit jeher der Schalk im Nackeq und sie wußte sich mit bescheidenem Augenauf-
schlag, aber entschieden zu verteidigen: ,,Mein lieber Smout, ich bitte doch darum,
das tunlichst nicht durcheinanderzubringen: Der Geist den ich zu Anschauungs-
zwecken benutzt habe, war ein stang biblßcher Dämon, geradewegs aus dem Alten
Testament, undhattemitdem Hokuspokus dieserlnsel nichtdas geringste zutun. Ich
verwahre mich gegen solcheAnspielungen auf das schärfste, mein Sohn."
Fanny hatte sich ein Taschentuch auf den Mund pressen müssen, um nach
Maggies Rede nicht vor Lachen laut loszuprusten. Maggie, die ihrem viktorianisch-
sittsamenAussehen nach kein Wässerchen tlüben konnte, setzte ihrem Louis non-
chalant eine der saftigsten Lügen vor, die Fanny je vernommen hatte. Denn auf
einen,,Mr. Tu", der sich auf wunde Füße spezialisierte, war Fanny imAlten Testa-
rnent noch nie gestoßen! Louis seinerseits wirkte froh, daß die Dämonenan-
gelegenheit sich auf diese Weise erledigt zu haben schien. Die Nachwirkungen
zeigten sich allerdings schon in der folgenden Nacht: Der Raum bei den Stallun-
gen, in dem die vermeintlich todkranke Sina gelegen und in welchem der Dämon
sie beschlichen hatte, galt von nun an als unbetretbar für die Eingeborenen. Schließ-
lich hatte der böse Geist lediglich versprochen, Sina zu verschonen; davon, daß er
nicht in die Kammer zurückkehren würde, hatte er nichts verlauten lassen :.. Alles
endete damit, daß Sina und ihre kleine Familie in ein anderes Nebengebäude um-
gesiedelt werden mußten. Das Schlimmste an der Sache bestand darin;'daß Louis'
Augapfel, sein ,,Soldatenzimmer", in dem er entweder allein oder mit Austin ima-
ginäire Schlachten schlug und das seine Sammlung prachtvoller Militaria beher-
bergte, dem Umzug weichen mußte und lange Zeit kein angemessener Ersatz zu
finden war. Louis und Austin blieb nichts anderes übrig, als an der Tür zu dem
seither leerstehenden Raum bei den Stallungen ein Holzschild anzubringen, auf
das Austin gepinselt hatte: ,,Mr. Tu, Dämon. Bitte dreimal klopfen."
Doch heute morgen, nach dem nur durch unglaubliches Glück vereitelten Mord-
anschlag auf Tamaitai, sah die Situation anders aus. Keiner der Weißen konnte den
Zwischenfall auch nur ansatzweise lächerlich finden, das verstand sich von selbst.
Zu ernst waren die Untat oder der bloße Versuclr, sie zu begehen. Selbst Maggie
Stevenson mit ihrem praktischen und zupackenden Wesen wäre hier mit ihrem
Latein am Ende gewesen; und die alte Dame befand sich seit einigen Monaten
nicht einmal mehr auf der Insel, sondern daheim in der Zivilisation, wo sogar die
Dämonen sich besser zu benehmen wußten. Soweit es nicht gerade seine Flaschen-
geist-Geschichte betraf, verstand Louis mit Dämonen nicht sonderlich geschickt
umzugehen. Fanny war sogar insgeheim überzeugt, daß ihm die unbekämmerte
Art, wie seine Mutter ihre eigenen Dämonenprobleme meisterte, bereits im Falle
,,Tu" sowohl imponiert als auch ein vages Unbehagen eingeflößt hatte. Und nun
gar ein Kapitalverbrechen!
Bei den veritablen kleinen ,,Gerichtsverhandlungen", die von Zeit nt Zeit auf
Vailima abgehalten wurden, handelte es sich stets um reine Bagatelldelikte, und
die Angeklagten gehörten selbstverständlich ausnahmslos zu Tusitalas Unterta-
nen. Eine echte Befugnis zur Ausübung des Richteramtes besaß Louis nämlich
durchaus nicht; die Rechtssprechung aufder Insel oblag dem ofüziellen Obersten
Richter beziehungsweise dem Magistratsvertreter des Archipels. Diese Herren je-

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doch gaben sich erstens grundsätzlich nicht mit Lappalien ab, bei denen sich Ein-
geborene untereinander massakrierten, es sei denn, die Gewalttaten nahmen krie-
gerische Ausmaße an. Ausscbreitungen gegen Weiße, die seit langer Zeit nicht
mehr vorgekommen waren, hätten die Verwaltung allerdings sehr wohl aus ihrer
Ruhe aufgeschreckt. Zweitens hatte der derzeitige ChiefJustice, der doppelzängi-
-
ge und -gesichtige Mr. Ide den Fanny heimlich ,,Mr. Hyde" nannte, was sie
sowohl auflouis'berühmte Geschichte bezog als auch aufdie Tatsache, daß det
gute Mann sich sehr gern vor Verantwortung,,versteckte" - vollauf damit zu tun,
sich nicht wie seine unglücklichen Vorgänger mit den drei Konsuln der,,Schutz-
mächte" zu überwerfen. In dem politischen Durcheinander, welches auf Samoa
herrschte, suchten s2imtliche Regierungsbeamten zu verhindem, daß ihre Köpfe
rollten, was sich jedoch nicht auf die Traditionen der Eingeborenen bezog. Politi-
ker genossen kein langes Leben auf Samoa, und Mr. Ides deutsche Vorgänger,
Freiherr Senfü von Pilsach und Herr Cedercrantz, waren nach kärzestsr Frist er-
wartungsgemäß an ihrem allzu gewagten und phantastischen Versuch gescheitert,
,,Ordnung" auf Samoa einkehren zu lassen.
Weit davon entfernt, sich ernsthaft zum Richter aufschwingen zu wollen, trach-
tete Louis denn auch nur danach, ein Mindestmaß an,,Ordnung" in seinem Reich
Vailima zu wahren. Die Nichtigkeiten, die ihm dabei bisher untergekommen wa-
ren, bereiteten ihm eher Vergnügen als Verdruß. Fanny ging sogar so weit, seine
Verhandlungen als kindlichen ZeiWertreib zu betrachten, denn er legte oft unter
seiner strengen Maske eine solch naive Spielfreude an den Tag, daß es sie gerade-
zu entzückte. Es ging schließlich um nichts bei seinen Auftritten ,,vor Gericht"!
Hatte ein Samoaner Tusitala oder einen Landsmann bestohlen, eine Arbeit nicht
nach Kräften oder weisungsgemäß ausgeführt, ein Mann seine Frau geschlagen
oder umgekehrt, war Tusitala als Richter zur Stelle. Alle fügten sich in das unver-
?inderlich milde Urteil, nachdem sie mit fröhlich gesenktem Kopf den passenden
Spruch gehört hatten, der interessanterweise ganz genauso klang wie die all-
morgendliche Predigt. Jedem der Beteiligten, vom Angeklagten bis zum Richter,
machte die Rechtsprechung den größten SpaI3. Darüber hinaus hegte Louis die
angenehme Überzeugung, daß seine Urteile dem Rechtsgefühl der Samoanerund
ihrer eigenen Sicht der Dinge völlig entsprachen, sie demnach auf die ,,ihnen ge-
mäße" Weise zu zivilisieren halfen. Fanny brachte es nicht über sich, ihm in dieser
seiner Herzensangelegenheit zu widersprechen. Louis wußte einfach nicht, was
den Samoanem,,gemäß" war - niemandwußte das genau, nicht einmal die Insu-
laner selbst. Fanny zumindest konntg in der sogenannten Rechtsprechung der
Stammesfürsten nw ausgeprägte Willkür entdecken, keine Logik, keine Indizien,
keine Argumente. Es gab demzufolge auch nur zwei Urteile: Täter und Tat wurden
entweder ignoriert, oder aber der Unglückliche verlor seinen Kopf. Der jeweilige

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Ausgang hing nach Fannys Dafürhalten eher von der Verdauung des Fiirsten ab
als von seinem Willen oder seiner F?ihigkeit zu gerechten Schlußfolgerungen.
Nun aber stand der große Tusitala inmitten seiner Leute, die er um Hauptes-
länge übenagte, und halle ü.otz seiner üblichen Geistesgegenwart nicht die ge-
ringsteAhnung, wie er in derschlimmen Geschichte verfahren sollte-imwahrsten
Sinne des Wortes. Ausgerechnet Tauilo, der Schuldige in Louis'Augen, war der-
jenige, der die furchtbaren Worte aussprach.
,,Du machen./ono, Tusitala? Ja?" Und dabei strahlte Tauilo vor lauterVorfreude
über das ganze Gesicht.Einzig Fanny bemerkte sogar beim späirlichen Licht der
Fackeln, wie Louis erbleichte. Zum ersten Male war ihr Gatte wirklich sprachlos.
Ein ,,fono" hatte Tauilo sich gewänscht, eine Zusammenkunft der Eingeborenen,
die immer unter einem guten, fröhlichen Zeichen stand, ganz gleich, ob es sich
dabei um ein Geburtsfest, ein Essen oder eine politische Versammlung handelte.
,,Fono" bedeuteten für Tauilo und seine Landsleute demnach ebenso die berähm-
ten und allem Anschein nach heißbegehrten Gerichtsverhandlungen Tusitalas!
Fanny wand sich unwillkürlich. Sie war sich bewußt, daß jetzt erst, in diesem
Augenblick, ihrem Louis das volle Ausmaß seiner Selbsttäuschung zu Bewußt-
sein kommen mußte. Das Spiel, das er jahrelang mit seinen begeisterten Unterge-
benen gespielt hatte, so wie er sich auch mitAustin schauspielerisch zu verstellen
pflegte, hatte sich im Handumdrehen für Louis in traurigen Ernst verwandelt. Es
war der Ernst des weißen Mannes, der Emst des Erwachsenen, der Emst des ver-
eidigten Advokaten. Alle drei Dinge wollte Louis nicht sein" doch danach fragte
ihn in dieser Lage niemand mehr. Das ewige Kind und der Bohemien in ihm muß'
ten sich der grausamen Wirklichkeit stellen, einem echten Mordversuch, began-
genvonlurrd an einem seiner Spielkameraden!
Dieselben ,,Kinder", die Louis' Rasen auf Streichholzktirze trimmten, seine
Pferde pflegten und sein Tartan-Muster trugen, hatten das Spiel zu weit getrieben
und sich von ihm entfemt. Er war nun der verantwortungsvolle Eltemteil, der
seine verirrten Schäfchen weise auf den Pfad der Tugend zurückzuführen hatte.
Doch für seine Schutzbefohlenen hörte das Spiel nicht auf, denn sie kannten ja
keinen Ernst! In dem einsamen Wissen um jegliches Fehlen von Gut und Böse,
Verbrechen und Bestrafung, Schuld und Sähne würde Louis die Verhandlung ab-
halten, und die Lächerlichkeit des Prozesses, der Prozedur, mußte ihn bis ins Mark
hinein treffen. Für Louis gestaltete sich das Spiel von ehedem unweigerlich zur
quälenden Farce.
Wlihrend Louis noch immer betroffen schwieg, erinnerte sich Fanny an einen
Ausspruch seiner Mutter. Maggie hatte ihr vorgelesen, was sie schon während
Louis'drittern Lebensjahr in ihrem Tagebuch festgehalten hatte: ,,Smouts Lieb-
lingsbeschäftigung ist es, eine Kirche zu bauen; er macht sich eine Kanzel mit

lr0
Snrhl und Betschemel; er liest im Sitzen oder steht abwechselnd auf und singt."
Ein Dreij?ihriger! Und derselbe Smout spielte 40 Jahre spätermit genauso glühen-
der Leidenschaft den Prediger, den Richter, den Soldaten. Womöglich aber setzte
Tauilos nächtliche Meucheltat dem glücklich versunkenen Spiel Tusitalas ein
schlimmeres Ende, als der Eingeborene es seiner Frau jemals hätte bereiten kön-
nen...
Fanny dachte noch einen logischen Schritt weiter. Selbst der wider Willen er-
wachsen gewordene Louis war im Grunde außerstande, sich mit dieser speziellen
Lage auseinanderzusetzen. Louis verspürte den übermächtigen Drang, Ordnung
in das Chaos samoanischen Lebens zu bringen, sei es pflanzlicher oder menschli-
cher Natur. Alles um ihn her wuchede, wie es wollte, ohne daß jemand dem Wild-
wuchs Einhalt gebot. Die Jurisprudenz aber, die normalerweise - in der Zivilisati-
on, mit anderen Worten - dant angetan war, Ordnung zu schaffen, ließ sich hier
überhaupt nicht anwenden, es sei denn, Louis verfuhr letztendlich mit derselben
Willkrlr wie die Stammesfürsten. Niernand von seinen Leuten verstand die ab-
strakten Konzepte der Juristerei, dieja schon Europäern oft undurchsichtig schie-
nen. Selbst Louis hatte sich einmal über die unsinnigen Unterschiede zwischen
schottßcher wÄ englßcher Rechtsprechung ausgelassen, und da er in London
studiert hatte, wußte el wovon er sprach. Die Jurisprudenz war eine Erfindung der
Weißen, eine äußerst willktirliche obendrein, die sich anmaßte, Allgemeingültig-
keit zu besitzen, obwohl sie in jedern Land, jeder Grafschaft, jeder Stadt anders
aussah. Davon, daß Recht mit Gerechtigkeit nichts zu tun hatte, wußte manch
armer Mann in der sogenannten Zivilisation ein Lied zu singen - doch erst auf
einer Insel wie Upolu, die von beidern nie gehört hatte und ohne beide lebte, er-
fuhr ein Rechtsgelehrter wirklich, wie überflüssig seine Profession war.
,,Wir alle werden dich bei diesem wichtigen/ono untersttitzen, großer Tusi-
tala", verktindete Fanny plötzlich in die Runde hinein, ohne recht zu wissen, was
sie da tat. Louis drehte abrupt den Kopf in ihre Richtung, zutiefst überrascht: Nie
zuvor hatte Fanny ihren Mann ,,Tusitala" genannt. Fannys Blick traf den seinen
und las darin neben all der Unsicherheit und dem Zweifel auch eine Spur von
Hoffirung. Sie nickte ihm aufinuntemd zu und fuhr fort: ,,Wir brauchen dich selbst-
verständlich als unseren Richter. Um der Bedeutung des Anlasses aber den gebüh-
renden Nachdruck zu verleihen, wird Isobel heute als Gerichtsschreiberin fungie-
ren, Lloyd als Staatsanwalt, und ich selbst werde die Verteidigung des Schuldigen
übernehmen, wenn du das großmütig gestattest." Fanny neigte den Kopf.
Eine halbe Ewigkeit stand Louis wortlos neben ihr, stumm vor Erstaunen. Dann
aber begriffer und strahlte seine Frau an. Schweigend tastete er nach Fannys Hand
und drückte sie. Du kannst dich immer an mirfesthalten, hatte Fanny ihm signali-
siert, und Louis verstand die Botschaft. Wenn du im Sturm den Hafen nicht mehr

lll
siehst, bin ich da, um dir zu leuchten. Dieses Gelöbnis, dessen Wahrheit Louis und
auch Fanny langeZeitvergessen hatten, wischtg Louis'Angste restlos hinweg.
,,Na dann los!" rief er der Gruppe m, ,,Auf anmfono! DieAngelegenheit duldet
keinen weiteren Aufschub ! "
Die Tatsache, daß weder Lloyd noch Belle begriffen, worum es ging oder wor-
in ihre Aufgaben bestehen sollten, ktimmerte Louis nicht im geringsten. Ausschlag-
gebend war, daß der Jurist, der sonst stets allein die Verhandlung bestritt - als
,,Ktonanwalt", ,,Verteidiger" und ,,Richter" in Personalunion -, am heutigen
Sitzungsmorgen Unterstützung von neuen, weißen Spielgefdhrten bekam. Nun,
da er die tragischeAbsurdität seines eigenen Spiels erkannt hatte, wußte er Fannys
Beitrag hundertfach zu schätzen: Nie zuvor hatte sich Fanny an seinenAufführun-
gen beteiligt und so seiner Selbstdarstellung Vorschub geleistet. Louis kannte sei-
ne Frau nur als Ausbund an Vernunft und gesundem Menschenverstand, und bei-
des waren Eigenschaften, die er zwar dringend an ihr brauchte, abep im Innern
verabscheute wie j eder Künstler - und fast j eder Mann. Doch gerade jetzt, als sein
Spiel im Grunde aus war, bot Fanny sich ihm als Spielgeführtin an und ließ alle
Vernunft fahren, damit er nicht allein blieb. An ihr und an der neuen, aufin endigen
Zeremonie konnte er sich festhalten, wenn es auf dieser furchtbaren, chaotischen
Insel sonst nichts gab, an das er sich zu klammern vermochte. Zum Spiel brauchte
er weder Recht noch Gesetz; was er brauchte, waren echte Freunde.
,,Los, los", scheuchte Fanny Belle und Lloyd auf die sich aus eigenemAntrieb
nicht von der Stelle rühren zu wollen schienen. ,,Steht nicht dumm herum und
haltet Maulaffen feil. Ihr habt doch gehört, was zu tun ist. Holt den großen Tisch
aus dem Eßzimmer und ein paar Stühle aus Maggies Wohnung."
,,Aber ...", wagte Lloyd seiner emsigen Mutter entgegenzuhalten. Fanny ver-
schloß ihm den Mund mit ihrern erhobenen Zeigefinger und sah ihn ernst und
gebieterisch an. Vor lauter Erstaunen ob der ungewohnten Strenge schwieg Lloyd
tatsächlich.
,,Wozu denn Stähle?" wollte Isobel wissen, doch auch bei ihr duldete Fanny
au Abwechslung keinerlei Widerspruch.
,,Glaubst du denn etwa, liebste Belle, wir sollten ausgerechnet bei Louis' wich-
tigster Verhandlung seit seinem Eintritt in die Anwaltskammer auf den Veranda-
stufen herumhocken wie Hähner auf der Stange - oder wie Bqrbsren?"
,J.{-nein, Mutter", fügte sich Belle vorsichtshalber und erklomm eilig die brei-
ten hölzemen Außenstufen zu Maggies Fijäumen, die seit einigen Monaten unge-
nutzt geblieben waren.
Fanny überlegte. Was brauchte ein ordentlicher Richter noch? Da war zum ei-
nen die samoanische Bibel, ein Geschenk der englischen Missionsschule, aufwel-
che die zu vereidigenden Zeugen schwören mußten, auch wenn sie weder Buch

t12
noch Ritual begriffen. Fanny lief in die Bibliothek und holte sie. Kaum zurück auf
der Veranda, wo nun bereits der Eßzimmertisch stand, hatte sie eine neue Einge-
bung. Natärlich! Das schönste Spielzeug eines jeden Richters! Fanny rannte in die
Küche und packte im Vorüberhuschen den riesigen Fleischklopfer, der seinen üb-
lichen Platz neben Hack- und Tranchiermessern einnahm. Als Fanny den Klopfer
abschätzend in der Hand wog und dabei an den auf Hochglanz polierten Tisch
dachte, ihren ganzen Stolz, ergriffsie auf dem Weg nach draußen kurzerhand ei-
nes der winzigen Zierkissen von der Chaiselongue im Wohnzimmel Jetzt konnte
Louis nach Herzenslust mit dem Klopfer auf dem Tisch herumhämmem, ohne
Kerben in der Mahagoniplatte zu hinterlassen. Fanny seufzte schuldbewußt. Wie
es aussah, wärde noch eine geraume Weile vergehen, bis die ordentliche Hausfrau
endlich lernte, sich völlig ungehemmt ins Spiel zu stürzen - ohne jegliche Rück-
sicht auf Leib, Leben oder Möbel.
Draußen war inzwischen alles bereit. Kronanwalt Lloyd saß an der linken Ecke
des Richtertisches, Belle unmittelbar davor, Papier und Bleistift bei der Hand.
Fanny nahm ihren Platz an der rechten äußeren Kante des Eßtisches - nein, des
Richtertisches ein. Weiße wie Samoaner warteten gespannt auf die Ankunft des
Höchst Ehrenwerten Richters Tusitala, der sich im Hinterzimmer - wo immer das
sein mochte - auf den Fall vorbereitet hatte und nunmehr mit einem dicken roten
Buch unter demArm auf die Verhandlungsveranda trat. In dem Nachschlagewerk
erkannte Fanny amüsiert das schottische Zivilgesetzbuch. Nun, die Sache mochte
in Schottland vielleicht vor eine andere Kammer gehören, doch hier galt es ja
schließlich, sie so zivilisierl wie möglich zu regeln . . . Fanny merkte plötzlich, daß
etwas Wichtiges vergessen worden war: derAngeklagte! Sie winkte Tauilo aufge-
regl zn sich an den Tisch. In seinem Feuereifer sprang der junge Mann sporn-
streichs über das Geländer, anstatt den Weg über die Stufen zu nehmen, und hock-
te sich neben seiner Verteidigerin auf den Boden. Der Rest der Samoaner, s?imtli-
che Zeugen und das freudestrahlende Opfer, das voller Stolz auf seinen Gatten
blickte, mußten vorerst ,,draußen" bleiben, denn auf der Veranda gab es für sie
keinen Platz mehr. Farury war es in Tauilos unmittelbarer körperlicher Nähe etwas
unbehaglich zumute. Zwar,,kannte" sie ihn seit Jahren, und er wirkte im Moment
überaus friedlich; doch der Gedanke, daß er nur wenige Minuten zuvor seiner
Tamaitai das Lebenslicht haüe ausblasen wollen, ließ einen unüberwindlichen
Graben zwischen Fanny und ihm entstehen. Allerdings wußte Fanny, daß sie ir-
gendwie einen Kompromiß zwischen der samoanischen Lebensweise und ihrer
eigenen finden mußte, wollte sie ihrer Verteidigerrolle gerecht werden. Im übrigen
war ihr seit hzute morgen ihre alte Freundin Tamaitai beinatre noch frernder gewor-
den als Tauilo: Ein frohlockender Gewaltverbrecher wirkte auf weiße Betachter wie
ein Sctrlag ins Gesichq ein frohlockendes Opfer war einfach ein Unding.

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Louis kam sofort zur Sache. Fanny bemerkte, daß der neuartig ausgestattete
Gerichtssaal ihm einigenAuftrieb verlieh; dochrer wollte dieAngelegenheit nichts-
destotrotz so schnell wie möglich hinter sich bringen. Ohne Zweifel erleichterte es
ihn dabei unendlich, daß er, der große Redner, an diesem Tage keines der Plädoy-
ers halten mußte!
Als erster kam Lloyd an die Reihe. Er war ein begabter, vielversprechender
Schriftsteller, aber ohne Feder in der Hand alles andere als ein rhetorisches Talent.
Zunächstverbrachte ereinige Minutendamil feierlichundmit Lampenfieberkämp-
fend seine Brille zu putzen, die er für diese Gelegenheit zwar überhaupt nicht
benötigte, von der er sich jedoch versprach, sie möge ihm ein gesetztes, würdevol-
les Aussehen verleihen. Als das Drahtgestell endlich auf Lloyds Nase saß und er
ein paarmal in die Runde gezwinkert hatte, legte er sich ohne Vorwarnung vehe-
ment ins Zeug. Unglücklicherweise verlor erbei seinerAnklageerhebung völlig den
Umstand aus den Argeo, daß der Angeklagte am Ende ungeshaft da,rronkommen
würdennd dies schonzum gegenwärtigenZeitpunktfelsenfest stand. DeintnrgLloyds
feurige Rede leider nicht die geringste Rechnung. Als er schließlich von Schwefel
und ewigem Höllenbrandzupredigenbegannund forderte, man solle denAngeklag-
ten rädem, vierteilen, aufir?ingen und seine steölichen Überreste verbrennen, wurde
es Fanny endgültig zu bunt. Lloyd begriffnicht! Statt in ihrer aller Bühnenstäck einen
Rest von Würde und Erhabenheit zu wahrerq totz des unüberbrückbarenAbgnrndes,
der sich zwischen den beidsn Kulturen auftat, befand sich der begeisterte, in unglück-
selige Euphorie geratene Lloyd im Begnfl dieAngelegenheit in das reinste Kasper-
letheater zu verwandeln! Womöglich stammte die Vorlage zu seiner flammenden Rede
aus einem der Romane seines Stiefuaters, in denen die nichtswärdigen Lowland-
Richter meist blutrtinstige Tlnannen oder kriecherische Vasallen Englands darstellten
- wie dem auch sein mochte, es galt Lloyd aufzuhalten, bevor er noch mehr Unheil zu
stiften vermochte, als dieser Morgen b!reits gebracht hatte.
Leise bedeutete Fanny der eifrig kritzelnden Isobel, sich ein wenig zur Seite zu
neigen; sodann streckte sie so unauffällig wie möglich das rechte Bein aus und
verabreichte ihrem Sohn einen kräftigen Tritt. Sie war sich bewußt, daß sie dabei
selbst den schmalen Grat überschritt, der zwischen Seriosität und Farce verlief,
und Schamröte stieg ihr ins Gesicht. Doch Lloyds Redefluß geriet unverzüglich
ins Stocken und versiegte schließlich ganz; nichts anderes hatte Fanny bezweckf.
Keiner der Samoaner bemerkte Fannys unwürdigen Triclq Lloyd war gottlob vor
Schmerz sprachlos, und Louis, garz gravitätischer Richteq zog es vor, still in sei-
nen Bart zu lächeln.
Nachdem Tauilo seine Darstellung der vereitelten Bluttat noch einmal hatte
wiederholen dürfen, wobei er viele neuartigewrd noch nicht gehörte Einzelheiten
vorbrachte, die jedermann vor der Veranda zu Beifallsstürmen hinrissen, erhielt

tt4
die Verteidigung das Wort. Fanny erinnerte sich plötzlich an das Buschmesser, das
noch immer vor dem Gesindehaus lag, und ließ es schleunigst herbeiholen. Drei
Männer,,trugen" es.
,,Euer Ehren, ich bitte Sie darum, sich dieses Beweisstück anzusehen." Fanny
legte das Messer vor Louis auf den Tisch. ,,Ich weise nachdrücklichst darauf hin,
daß keinerlei Blutspuren auf der Klinge zu finden sind. Demnach ist auch nie-
mand einem Verbrechen zum Opfer gefallen."
Fannys einfache Worte, die zurar dem Hohen Gericht angemessen, doch weit
verständlicher für die Eingeborenen waren als Lloyds hochtrabende Phrasen, wur-
den von den Samoanern mit lautem Beifall begräßt. Fanny, die noch immer keine
Ahnung hatte, wie ihre eigene Strategie aussehen sollte, faßte durch die Unterstüt-
zung der Insulaner Mut - auch wenn sie diese Leute nicht begriffund wahrschein-
lich nie begreifen würde.
,,Die Ehefrau des Angeklagten, Tamaitai, weist ebenfalls keine Spuren auf, die
auf eine Gewalttat ihres Mannes schließen lassen. Es ist offensichtlich kein Ver-
brechen geschehen."
,,Einspruch, Euer Ehren!" meldete sich Lloyd zu Wort.
,,Abgewiesen", schmetterte Louis ihn unerbittlich ab. ,,Verteidigung, fatren Sie
mit Ihren Ausführungen fort."
,,DerAngeklagte - wenn wir ihn denn überhaupt so nennen wollen, denn nie-
mand in der Runde bezichtigt ihn eines Verbrechens - vertritt im Gegenteil die
Ansicht, er habe durch sein beherztes Verhalten eine Schandtat verhindert.Tatilo
hat mit eigenen Augen einen Dämon gesehen, der sich für Tamaitai ausgab, und
ihn mutig vertrieben."
Der Beifall, der Fanny von außerhalb der Veranda entgegenschlug, zeigte ihr
deutlich, daß zumindest die Dienerschaft ihreArgumente guthieß. Fanny ließ sich
einfach treiben.
,,Wir alle, die wir schon lange im Dschungel gelebt haben, wissen, wie Dämonen
von Menschen Besitz ergreifen. Sie kommen aus dem Unvald angeschlichen, drin-
gen durch einen Spalt in der Wand oder ein Astloch und beteten ungehindert die
Häuser der Menschen. Der Mensch an sich ist frei von Schuld, wie ein leeres Gefüß,
welches Tag und Nacht flir fremde Geister offensteht. Der Mensch ist gegen die An-
griffe der Dämonen machtlos und wehrlos. Ist ein Geist in seinen Leib, das offene
Gefäß, eingedrungen, leben plötzlich zwei Wesen dort wo vorher nur eines gelebt
hat. Jenes zweite Wesen, das von dem Menschen nicht aus sich verlrieben werden
kann, ist ein Teufel, böse, ganein und hinterhliltig. Es will das Gefüß mißbrauchen."
Die Runde draußen applaudierte. Louis wartete gespannt. Da kam Fanny eine
Idee, wie sie weiter vorgehen konnte; wenn Lloyd zu Louis' Schriften Zuflucht
nahm, tat sie das auch!

ll5
,,Euer Ehren, in Ihrer Funktion als Herr der Kunde wissen Sie von jener seltsa-
men Begebenheit, die sich kurz vor Ihrer Abrgise im schönen Peretania nrgetra-
gen hat. Ich spreche von Ihrem weißen Bekannten, jenem Gelehrten der Medizin
und des Rechts, in dessen Hinterhaus regelmäßig ein affenartiges Wesen einzu-
dringen pflegte - ein buckliger kleiner Dämon."
Erstaunt hob Louis die rechte Augenbraue und öffnete den Mund, als wolle er
etwas sagen, Dann besann er sich eines Besseren und erwiderte nur trocken: ,,Fah-
ren Sie fort."
Oh, selbstversttindlich war sich Fanny darüber im klaren, daß sie kein un-
passenderes Beispiel hätte wählen können als ausgerechnet die Geschi_chte von
Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Aber wie sonst sollte sie all diese verdammten Dämonen
ordentlich unter einen Hut bringen: jene, die auf Dauer in den Menschen wohnten;
jene, die sich nur auf der Durchreise befanden; jene, die von ihren Gastgebem
dazv aufgefordert wurden, sich bei ihnen einzunisten und es sich hühch bequem
zu machen ,,. Sogar Louis'aufgeklärte Leser wußten oft nicht zwischen den ver-
schiedenen Sorten von Teufelsbtaten zu unterscheiden. Vor einem knappen Jahr-
zehnt, kurz nach derVeröffentlichung derNovelle, die einen Meilenstein auf Lou-
is' Ruhmesstraße darstellte, hatte Fanny sich auf einer Soir6e mit Bewunderern
ihres Mannes unterhalten und festgestellt, daß sie Louis' unheimlichen,,Helden"
genauso auf den Leim gekrochen waren wie ihrem Schöpfer. Weit davon entfernt,
Dr. Jekyll als den abgefeimten Schurken und Heuchler zu entlarven, den er auch
ohne seinen selbstgebrauten Dämon abgab, hielten die meisten ihn für einenAus-
bund an Güte, der leider von einem dahergelaufenen Teufel bis ins gemeinsame
Grab hinein gequält wurde. Daß Dr. Jekyll absichtlich eine zweite Gestalt an-
nahm, um seiner Lüsternheit freien Lauf lassen zu können, ohne seinen guten Ruf
zu schädigen, war den Leuten irgendwie entgangen. Jekyll und Hyde waren schon
jetzt gleichbedeutend mit ,,gut" und ,,böse" geworden! Der Dämon schlich sich
zltrat Hintertür des Laboratoriums herein; doch war derselbe Dämon zuvor
^Jt
zwecks Auslebung niederer Triebe in die Welt hinaus entsandt worden.
,,Die Verteidigung erlaubt sich, auf die Tatsache hinzuweisen, daß der Ehrenwerte
Richter Tusitala selbst im fernen Peretania einen Fall erlebt hat, der dem heutigen
nicht unähnlich ist, und dementsprechend bittet sie das Hohe Gericht, Verständnis,
Milde und Barmherzigkeit walten zu lassen. Auch Tauilo wurde offensichtlich
durch das Eindringen eines Dämons zu einem Doppelwesen, das von der Über-
macht des Teufels zu seinen Handlungen gezwungen wurde. Der Dämon ist wie-
der verschwunden. Tauilo wohnt wie vorher allein in seinem Leib."
Und gerade dieser Umstand war es, der die samoanischen Eingeborenen ewig
von ihrem Häuptling Tusitala trennen mußte. Sie waren keine Doppelwesen, son-
dern einfache Kreaturen. Sie sahen keine Veranlassung nJ Heuchelei und ,,dop-

ll6
pelter" Moral, denn sie besaßen nicht einmal eine einfoche Moral, die streng ge-
nug war, so genannt zu werden! Sie mußten sich niemals in der Nacht auf die
Gasse hinausschleichen wie Diebe, denn sie brauchten nichts zu verbergen. Und
gerade diese Notwendigkeit der Tarnung fehlte Louis unbeschreiblich auf dieser
simplen, erschreckend paradiesischen Insel. Was hätte er darum gegeben, hier mit
zwielichtigen Elementen zu verkehren um der alten Zeiten willen, mit anderen
faszinierenden, schillemden Doppelwesen, wie er eines war, und mit ihnen den
Aufstand gegen das Bürgertum zu proben! Heute sah Fanny nur mehr das Trauri-
ge an seiner Lage, denn daß das Ausmaß seiner Heuchelei gar so schlimm niemals
gewesen war, wußte sie seit langer Zeit. Hier gab es keinen Heuchler, der ihm
cbenbürtig war, keinen Teufel, mit dem er verkehrte. Er war doppelt - einsam.
,,Ich danke der Verteidigung für ihe interessanüen Ausfühnrngen", sprach Louis
nun lächelnd, denn er hatte Fannys anzüglichenAufrufzu ,,Mlde" und ,,Barmherzig-
keit" als das erkannt, wozu er mittlerweile, im Laufe ihrer ehelichen Verfrautheit,
geworde,n war: ein liebevoll gemeinter privater Scherz. ,,Unter Berücksichtigung der
von Ihnen vorgebrachten Fakten aus dem fernen Peretania sehe ich mich imstande,
umgehend ein Urteil zu sprechen. Der Angeklagte Tauilo war zx Zeit der Tat ein
Doppelwesen, und nw der Dämon, der nun nicht mehr in ihm wohnt, darf für die Tat
bestaft werden. Tauilo und Tamaitai därfen wie üblich an ihre Arbeit gehen."
Die Beobachter der Verhandlung jubilierten lauthals. Tauilo strahlte Tusitala an,
nahm wieder die Abkürzung über das Geländer und fiel seiner Tamaitai in die
offenen Arme. Er hatte zwar keinen anderen Ausgang derAngelegenheit erwartet,
aber dasfono war so aufregend gewesen! Nur die Sache mit derArbeit schmeckte
ihm nicht ganz. Aber das war unvermeidlich.
Bevor die Runde sich aufzulösen drohte, rief Fanny alle noch einmal zur Ord-
nung, obwohl dieser Teil der Zeremonie eher Louis-Tusitala zugekommen wäre.
F)in wichtiges Problem galt es nach wie vor zu klären - eine wirkliche, handfeste
Schwierigkeit, die augenblicklich bewältigt werden mußte, wenn Louis nicht Ge-
f'ahr laufen wollte, ein ganz neues Gesindehaus bauen zu lassen. Nach dem heuti-
gen Vorfall würde kein Samoaner mehr das Nebengebäude betreten, wenn nicht
cine Lösung gefunden wurde, die die Beseitigung des unliebsamen dämonischen
Besuchers betraf. Mr. Tu und der Verlust des Soldatenzimmers hatten Louis diese
Lektion nachdrücklich gelehrt.
,,Euer Ehlen, wir müssen zwei Dinge bewerkstelligen, bevor die Nacht wieder
hereinbricht", diängte Fanny nun deshalb besorgt. ,,Es ist unabdingbar, daß wir
den Dämon offen beim Namen nennen - du weißt, daß er das schlecht verträgt -
und ihn ein für allemal von unserem Grund und Boden vertreiben."
Eine Idee zur ,,Taufe" des Dämons war Fanny schon gekommen. Vor Jahren,
als das erste Rinderpaar, ein Bulle und eine Kuh, Vailima gemeinsam betrat wie

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einstAdam und Eva, fragten die Samoaner Louis, wie sie die fremden Kreaturen
nennen sollten. Mit einer ausladenden Handbewegrung hatte er aufbeide gewiesen
und erklärt: ,Ä bull and a cow." Nun galt jedes Rindvieh, gleich welchen Ge-
schlechts, als eine eigene Art von Doppelwesen ,,bullanacow". Das mußte doch
auch mit Dämonen gehen ...
,,Mir ist zu Ohren gekommen, daß unser Quälgeist einen komplizierten Namen
hat. Er nennt sich Jekalahyde."
Augenblicklich brach Louis in lautes, befreiendes Gelächter aus. Die Samoaner
sahen ihn ob dieser Reaktionmit großenAugen an, doch sie wußten, daß ihr Tusitala
noch mit jedem Däimon fertig wurde. ,,Was schlägst du vor?" fragte er Fanny.
,,In die Flasche mit ihm. Wie mit dem anderen auch."

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,,Es rsr NIcHr zu fassen. Da öffiren sich vor ihrer Nase die Gefiingnistüren, und
keine Seele denkt daran, freiwillig zu entweichen! Was geht nur in den Köpfen
dieser Menschen vor?"
Auf dem Rückweg nach Vailima mußte Fanny fast ununterbrochen an diese
Worte denken, die Louis heute morgen im Zwiegespräch mit seiner Frau geäußert
hatte. Die Tatsache, daß er den Drang versptirt hatte, die neuesten politischen Er-
eignisse derart ausgiebig mit ihr zu besprechen, noch dazu während des Früh-
stticks, verriet Fanny das Ausmaß seiner Ratlosigkeit. Im Augenblick gab es aber
auch wirklich zu viele Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellten; Don Quijote
selbst hätte wahrscheinlich angesichts dei Unzahl von Windmühlenflügeln kapi-
tuliert, mit denen Louis sich mr Zeit abquälte. Doch Don Quijote war nicht halb
so halsstarrig und verbohrt wie Louis.
Erst seit wenigen Wochen durfte Fanny sich wieder einigermaßen sicher füh-
len, wenn sie den Weg nach Apia hinunter einschlug oder, was ungleich öfter vor-
kam, den Trampelpfad zu ihrer Lieblingslichtung mit Blick auf den Pazifischen
Ozean. Ein neuer selbsternannter König, Tamasese mit Namen, hatte einen Auf-
stand angezettelt, der erheblich blutiger vonstatten gegangen war als Mataafas
mißglücktes Unterfangen, und im Unterschied z-trletzterem schreckte Tamasese
keineswegs davor zurück, offen die weißen Siedler zu bedrohen. Nun mußte auch
Tamasese sich der vereinten Waffengewalt der drei Schutzmächte beugen. Was
Louis und Fanny gleichermaßen erboste, war der Umstand, daß Tamasese nicht
etwa verbannt werden sollte wie der arme Mataafa, sondern lediglich ein paar
rostige alte Gewehre abzuliefern hatte, die Tamaseses Mannen mangels Munition
sowieso nicht mehr zum Schießen taugten.
Was Louis allerdings noch ein wenig mehr arsetzte als diese himmelschreiend
ungerechte Vorzugsbehandlung seitens des ,,größenwatrnsinnigen Dreigestirns",
wie er die Konsuln zu titulieren pflegte, war das Verhalten der Opfer ihrer Willktir.
Mataafa lebte in der Verbannung und 13 seiner Gefolgsleute mit ihm. Einige we-
nige, Louis' Geburtstagsgäste, befanden sich auf freiem Fuß. Weitere 27 Häupt-
linge jedoch, allesamt jung und kräftig und nach Louis'Ansicht zweifelsohne ganz
hervorragende Straßenbauer, bevölkerten noch immer das Gefüngnis von Apia.
Es ging ihnen gut, sie waren wohlgenährt, und sie brauchten im Gefüngnis nicht
zu arbeiten, was sich für die Konsuln von selbst verstand. Louis seinerseits war
nicht von dem Gedanken abzubringen, daß die Armen in ihrem Kerker fürchter-
lich leiden mußten, ja geradezu verschmachteten. Doch was taten sie, als während
Tamaseses Aufstand die Bewacher, mit Polizei?imtern bekleidete Insulaner, in
Windeseile wie ein Mann die Flucht ergriffen? Mataafas Männer blieben sitzen.

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Und wie verhielten sie sich, als eine Gruppe anderer Gefangener, die zu Tamasese
stoßen wollte, aus dem finsteren Kerker flüchtete - was zwar keine sonderliche
Anstrengung darstellte, aber immerhin ein'e Andeutung von Tatendrang? Anstatt
sich der Truppe anzuschließen, legten Mataafas Männer eine völlig unenilartete
Taktik an den Tag, die jedermann übemrmpeln mußte: Sie blieben sitzen.
,,Ich könnte mir vorstellen, daß sie den Leuten aus Aära noch hinterhergewunken
haben", hatte Louis gegrollt, um dann überraschend hinzuzufügen: ,,Fanny ...
glaubst du, sie sind möglicherweise meinetwegen dort hocken geblieben?"
Fanny hatte ungläubig reagiert und auch durchaus Verwunderung verspürt, al-
lerdings weniger inAnbetracht der ldee - denn die war ihr selbst schon gekommen
- als angesichts des Umstandes, daß Louis' Gedanken dieselbe Richtung einge-
schlagen hatten. Er z.og somit durchaus die Möglichkeit in Erwägung, daß die
Häuptlinge, ,,gowarrt" durch ihre drei Standesgenossen, das Verweilen im Kerker
ganz ohne nützliche Beschäftigung der Freiheit und der mit ihr verbundenen freude-
spendendenArbeit vorziehen könnten. Eine sehr gewagte Vorstellurig, zugegeben
- aber die samoanische Wirklichkeit schlug mitunter verrücktere Kapriolen als die
Phantasie des begabtesten Romanciers.
,,Nun sag doch, Fanny: Was meinst du? Könnte etwa ich der Grund für ihre
Weigerung sein, sich einfach aus dem Staub zu machen?" Louis hatte plötzlich
zutiefst beKimmert geklungen. Sosehr er sich auch wtinschte, die Häuptlinge in
dienstbare Geister zu verwandeln, wollte er doch nicht auf solche Weise schuld an
ihrem ,,Elend" sein. Mehr aus Mitleid denn aus echter Überzeugung hatte Fanny
ihren Mann beschwichtigt.
,,Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Es gibt eine plausiblere
Erklärung für ihr Verhalten."
,,Tatsächlich?" Louis hatte hoffnungsvoll aufgehorcht.
,,Allerdings, Mataafas Verbannung geht ihnen sehr nahe. Sie hoffen darauf, daß
die Entscheidung noch einmal überdacht wird oder die Regierung zumindest Gna-
de walten lZißt. Wenn die Konsuln aber sehen, daß seine Gefolgsleute mir nichts,
dir nichts die Flucht ergreifen, gef?ihrdet das Mataafas Sache beträchtlich. Statt
dessen bleiben sie also brav im Gef?ingnis zurück und lassen die anderen fliehen,
um zu zeigen: ,Seht her, auf Mataafa und seine Männer ist jederzeit Verlaß."'
Louis'Erleichterung nach diesenAusführungen Fannys war fast körperlich spür-
bar gewesen. Er hatte über das ganze Gesicht gestrahlt und gerufen: ,,Natürlich!
Absolut logischt" Stimmt,hatte Fanny gedacht. Wel zu logischJür SamoanerDoch
wieder einmal hütete sie sich, ihre Gedanken laut auszusprechen. Fanny wußte,
daß sich Louis nun erneut und mit verdoppelter Energie in seine Kampagne zur
Erlösung Mataafas und seiner Männer sttirzen würde, die in den letzten zwei Mo-
naten vornehmlich darin bestanden hatte, Briefe an britische Zeitungsverleger und

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Parlamentsmitglieder zu senden. Mittlerweile schrieb man April; mit dem März
war die Zeit der schlimmsten Hurrikane zu Ende gegangen, von denen man oben
auf Vailima manchmal nur ein fernes, tiefes Summen und Brummen vernalun,
durch die man bei anderen Gelegenheiten ein paar Dächer einbüßte, wtihrend die
Einwohner von Apia stets vorAngst zitterten - und das mit Recht. Der Sturm in
Louis' schmächtiger Brust dagegen würde sich niemals legen, nicht zu seinen Leb-
zeiten. Augenblicklich tobte und wetterte er gegen die drei Konsuln, die in Louis'
Augen die Wurzeln so ziemlich allen Übels auf Samoa repr2isentierten. Mit müh-
sam gezügeltem Zorn und ebenso angestrengt gewahrter Diplomatie suchte Louis
die Vertreter der Presse und des Parlaments von der Gerechtigkeit einer Sache zu
überzeugen, welche die selbstgef?illigen Mäinner im femen Britannien durch ihre
erbarmungswtirdige Nichtigkeit und die drollige Verbissenheit ihres Verfechten
zutiefst rühren mußte ... zu Tränen der Heiterkeit. Louis war sich der Zwiespältig-
keit seiner Wirkung vollauf bewußt.
,,Ich habe mich selbst längst zum Idioten abgestempelt, Fanny", hatte er seiner
Frau heute morgen anvertraut. ,,Die Herausgeber der Tizes und des Daily Chronicle
sind so großmütig, meine Ergüsse in vollem Umfang abzudrucken, aber ich weiß
genau, daß sie das nur aus Achtung für den bertihmten Schriftsteller tun. Sicher
fragen sie sich: Warum begrügt sich der Wirrkopf nicht mit seinen Romanen, um
Himmels willen, statt uns unsere Zeitundunseren Platzztr stehlen?"
Fanny blieb stumm. Was sollte sie darauf antworten?
,,Jeder von ihnen lacht insgeheim über die kauzige Bohnenstange auf diesem
-
winzigen Fleckchen Erde auf der Unterseite der wirklichen Welt ihrer Welt.
,Dieser Stevenson hat dort unten scheinbar nur ein verdammtes Hobby', höre ich
sie reden, ,einen alten Häuptling, den man von einer Kokosnußinsel auf eine an-
dere verfrachtethat. Sorgen muß der Mann haben!"'
,,Sei nicht zu streng mit dir oder mit den Verlegern." Fanny hielt es nicht l2inger
aus, Louis so verächtlich über sich selbst herziehen zu hören, obwohl der Ver-
dacht, der seine Wirkung betraf, sicher nicht unbegrtindet war. ,,Dieser Mr. Hogan
aus dem Unterhaus hat sich immerhin auch schon einmal in der Angelegenheit
Mataafa zu Wort gemeldet, wie du weißt. Er kennt Mataafa und möchte ihm hel-
fen. Wende dich doch an ihn. Er wäre wirklich der letzte Mann, der deine Absich-
ten verlachen würde ... wenn das überhaupt jemand tut, heißt das."
Louis nickte eine Zeitlangnur langsam und erwiderte dann: ,,Gute Idee. Genau
das mache ich noch heute."
Fanny suchte unterdessen krampftaft nach neuenAnsatzpunkten. Es erschien
ihr gesünder, nattirlicher, wenn Louis sich mit demjenigen Talent Befreiung und
Befriedigung verschaffie, welches ibn noch nie im Stich gelassen hatte, anstatt
sich auf das unsinnige Roden zu verlegen. Sollte er sich doch zur Zielscheibe

t2t
englischen Gespötts machen; daran waren die bornierten Engländer schuld, nie-
mand sonst.
,,Oder schreib der Times, daß sich die Lage von Grund auf geändert hat, weil
Tarnasese ohne Strafe davonkommt und kein Grund mehr besteht, Mataafa festzu-
halten, und - und sag ihnen, daß seine Leute nicht geflohen sind! Und . . ."
,,,4.usgezeichnet. Und ichbetone, daß ich seit vier Jahren pünktlich meine Steu-
ern an die samoanische Regierung zahle."
,,Nun ja ..." Das schien Fanny jetzt doch ein arg possierliches Argument; ande-
rerseits trug man vor dem britischen Unterhaus fortwährend ähnlich sachdienliche
Hinweise vor.
,rA,ußerdem werde ich in allen Einzelheiten schildern, wie die 27 M?inner im
Gefiingnis an Leib und Seele darben, daß man ihnen nichts zu essen gibt ..."
,,Aber das stimmt doch überhaupt nicht!" entfuhr es Fanny.
,,Zumindest muß es ihnen so scheußlich schmecken, daß sie die G,eschenke
ihrerVerwandten vorziehen." Louis'Phantasie jagte mittlerweile unterVollen Se-
geln dahin und ließ sich nicht mehr durch Unerheblichkeiten vom Kurs abbringen.
,,Und ich könnte die Tatsache verwerten, daß Mataafa strenggläubiger Katholik
ist. Nach seiner Befreiung tritt er womöglich freiwillig in ein Kloster ein ... etwas
in dieser Richtung."
Aber nur, wenn er all seine Frauen mitnehmen darf, dachte Fanny grimmig.
Jetzt trieb Louis es ihr endgültig zu toll.
,,Schreib ihnen lieber, daß Mataafa aus lauter Dankbarkeit zur anglikanischen
Kirche übertreten würde", stichelte sie.
,,Meinst du wirklich? Das gnge auch." Louis erwog ihren Vorschlag tatsäch-
lich! Fanny verdrehte dieAugen himmelwärts.
,,Wie dern auch sei: Eir Umstandwird ihre kalten Herzen gewiß nichtungerährt
lassen." Louis' Stimme klang unvermittelt heiser und rauh; sie war fast zu einem
Flüstern abgesunken. Alarmiert musterte ihn Fanny. Wenn Louis so sprach, hatte
er keine wohlüberlegten taktischen Schachzüge im Sinn. Er redete mit sich selbst
und, ohne es zu wissen, über sich selbst,
,,Der Unglückselige muß auf einem winzigen Eiland sein Dasein fristen", mur-
melte Louis. ,,Dieses Jaluit ist doch nicht mehr als ein erbärmliches Korallenatoll.
Dort hat er sein angestammtes Hochland nicht mehr, nur Sand und Kokosnüsse.
Kein richtiges Gras. Flaches Land. Ekles Brackwasser. Die Hölle;'
Louis'Worte versetzten Fanny einen schmerzhaften Stich. So,,offen" hatte er
über seine Lage noch nie gesprochen. Eines seiner vorherrschenden Charak-
termerkmale - dasjenige, welches Fanny am meisten an ihm schätzte - bestand
darin, daß es ihm im Leben nicht eingefallen wdre, über seine Krankheit, seine
mißliche Lage, seineAbgeschiedenheit zu lamentieren. Louis ertrug je.de noch so

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verzweifelte Situation klaglos, ja sogar mit einem Scherz auf den Lippen. Er konnte
sich bis zur Weißglut erhitzen, wenn er um ein Nichts, um ausgemachten Unsinn
kämpfte; sobald es aber um sein eigenes Leid ging, trug er ein heiteres, oft gar
fröhliches Wesen zur Schau und riß über sich selbst, den lächerlichen Ritter mit
der,,Haarnadelfrgur", die schonungslosesten Witze.
Wäihrend Fanny nun die steile Anhöhe nach Vailima erklomm, unter der übli-
chen Last von Leinwand und Staffelei, keuchend und schwitzend in der feuchthei-
ßen Luft, die man mit keinem Buschmesser hätte zerschneiden können, dachte sie
zum wiederholten Male an die Unsinnigkeit eines Straßenbaus. Sicher, die Pferde
würden ein wenig leichter durch den Dschungel kommen, doch bis jetzt hatten sie
das auch geschafft. Für Fußgänger konnte sich durch die komfortabelste Straße
nichts Wesentliches ändern: Der Weg würde so steil bleiben wie zuvor, die Luft
ebenso schwül und wattedick und drückend. Fanny persönlich war es völlig gleich-
gültig, ob Louis seine Straße bekam oder nicht. Zu ihrer bevorzugten Lichtung
oder anderen, noch unzugänglicheren Stellen vermochte sie sowieso nicht zu Pferde
zu gelangen ... und falls doch, was hätte sie wohl während ihrer Malstunden im
Urwald mit dern Gaul anfangen sollen? Das Schicksal Mataafas und seiner Män-
ner lag ihr also nur insofern am Herzen, als Louis'Wesen zum großen Teil in ihrer
verlorenen Sache aufging. Sie wünschte ihm jeden denkbaren Erfolg bei der Be-
freiungsaktion, doch was die Häuptlinge anschließend trieben, ließ sie ausge-
sprochen ungerührt. Und da Fanny genau wußte, daß weder Mataafanoch die27
Aufrechten wirklich,,schmachten" mußten, wünschte sie insgeheim, die Kampa-
gne möge sich noch lange, sehr lange hinziehen. Solange Louis seine Briefe schrieb,
Meisterwerke der Dicht- und Fabulierkunst wie seine Romane, ging es ihm sicher
sehr viel besser als bei der Verwirklichung seiner ominösen Rodungs- und
Kultivierungspläne.
Mit wachsender Besorgnis hatte Fanny seit dem Tage der Gerichtsverhandlung
zur Kenntnis nehmen müssen, daß Louis etliche seiner früheren geistigen Lieb-
lingskinder nicht nur vemachlässigte, sondem offen als törichte Mißgriffe ver-
warf. Zwar schlichtete er nach wie vor Streitigkeiten, doch tat er das ohne Zere-
moniell, indem er einfach Befehle erteilte. Das Element des Spielerischen war
seiner nunmehr preußisch präzisen Rechtsprechung völlig abhanden gekommen.
Fanny gegenüber hatte er aus freien Stlicken zugegeben, daß er sich nicht länger
anmaßen durfte, die Natur und das Denken der Insulaner verstehen, geschweige
denn nachvollziehen zu können. Das bedeutete mit anderen Worten: Er hatte das
Vorhaben aufgegeben, die Samoaner gemäß ihrer eigenen Weise zu zivilisieren.
Fanny bereitete das eine nicht geringe Sorge. Die Missionierung und Kultivierung
der Eingeborenen war in ihren Augen von Anfang an anm Scheitern verurteilt
gewesen, doch mit dem Versuch dazu hatte Louis immerhin ein wunderbares Stek-

t23
kenpferd besessen, das er, was Fanny anging, ewig hätte reiten können. Seine
sanfte Spielart der Zivilisierung würde niernals der üblichen weißen Tyrannei
weichen, das war Fanny klar - aber Louis hatte das Interesse an den Samoanern
verloren. Was er noch für sie unternatrm, tat er im Grunde genommen über ihre
Köpfe hinweg, indem er ihre Probleme mit weißen Männem besprach, die im
fernen Peretania lebten, nie einem ,,Wilden" begegnet waren und sich rein gar
nichts aus dern Archipel machten. Würde Upolu bei einem Vulkanausbruch im
Meer versinken, gäbe es eine lapidare Randnotiz in der Times. Und dann nichts
mehr.
Jenseits der dichten, beinahe undurchdringlichen Wand des Urwäldes, durch
den sich Fannys Fußweg schlängelte, befanden sich die Dörfer Lefanga, Safaata
und Valauli, in denen Louis und Fanny kurz nach ihrem Hausbau oft zu Gast ge-
wesen waren. Fanny seufzte unwillkürlich tief auf, als sie an den schmalen Seiten-
pfaden vorbeikam, deren bloßes Vorhandensein anzeigte, daß sich an,ihrem Ende
menschliches Leben im Dschungel befinden mußte: Andernfalls gäbö es sie schon
nach wenigen Tagen nicht mehr. Der Urwald nahm ohne Zögern jede lichte Stelle
wieder in Besitz, die nicht beinahe täglich von Menschenfüßen begangen und ein-
geebnet wurde. Fanny versuchte, mit denAugen dem Verlauf der kaum zwei Fuß
breiten Pfade zu folgen, doch umsonst. Fast unmittelbar hinter den ,,Kreuzungen"
mit dem Hauptweg schienen sie sich schon wieder in eine solide grüne Dschungel-
mauer zu verwandeln. Kein Wunder, daß auch Samoaner, die einzeln untenyegs
waren, weil sie es durchaus nicht hatten vermeiden können, in diesem Wirnvarr
oft von panischem Schrecken befallen wurden. Ihr heimatlicher Pfad war selbst
für ihr geübtes Auge nicht besser zu erkennen als eine grtine Nische in einem
riesengroßen, immergrünen Wall.
Der Pfad, dan Fanny soeben passierte und den sie als Verbindung zum Dörf-
chen Valauli identifizieren zu können glaubte, weckte in ihr zugleich angenehme
Erinnerungen und ein Gefühl unwiederbringlichen Verlustes. In Valauli und den
umliegenden Siedlungen hatten Louis und Fanny vor Jabren ihr unerhörtes Unter-
fangen begonnen, die Samoaner mit der unverzichtbaren Einrichtung der Ge-
schichtsschreibung zu beglücken. Zwar hatten die Samoaner bis dahin nicht allein
auf die Niederschrift, sondern gleich auf das gesamte Feld der geschichtlichen
Überlieferung verzichtet, doch kamen sie dem tatendurstigen Louis auch diesem
Mangel entsprechend unglücklich vor. Ein richtiger Mensch konnte nach Louis'
Ansicht nur,,in der Geschichte leben", wie er es nannte. Ein Mensch ohne eigene
Historie war ein Unding - in Grunde gar kein Mensch. Das ließ Louis nicht zu.
Mit Feuereifer gab erSamoa seine Geschichte.
Dern Ph?inomen ,,samoanischer Geschichtsschreibung", das einen krassen Wi-
derspruch in sich darstellte, stand Fanny von Anbeginn an skeptisch gegenüber

124
und wurde bald in ihren Zweifeln bestätigt. Doch die Eigenheiten, auf die Louis
und Fanny imZuge ihrer Unternehmung stießen, die lariosen Dinge, die sie bei-
läuhg - und von Louis, dem Geschichtsbesessenen, nahezu unbeachtet - erlebten,
wogen die Unsinnigkeit ihres neuen Zeitvertreibs in Fannys Augen doppelt auf.
Eines Tages hatten sie wieder einmal dem Dörfchen Valauli einen Besuch abge-
stattet, wo sie von Häuptling Laupepa persönlich auf das freundlichste bewirtet
wurden. Der Häuptling verstand nicht, weshalb der große Tusitala so viel Kunde
von ihm verlangte; er wußte ja nicht, daß alles nur zu seinem Besten geschah. Da
der mächtige Tusitala aber solch großen Wert auf seine Erzählungen zu legen schien,
trachtete der alte Mann nach Kräften danach, dem Ehrengast diesen Herzenswunsch
zu erfüllen. Indem er Hände und Füße zu Hilfe nahm, schilderte Häuptling Laupepa
alles, was Louis begehrte, während Fanny jedes Wort niederschrieb. Nur zu bald
jedoch kam Fanny das Ganze zunehmend eigenartig vor, insbesondere daruq wenn
sie ihre bei frtiherenBesuchen verfaßtenAufzeichnungen mit denen neueren Datums
verglich. Fanny war schon zu Ohren gekommen, daß die Samoaner weder eine Vor-
stellung von Zeitablauf noch Ahnenlinie,n besafJen, die sie weiter als ein Jahr ,gu-
rückzuverfolgen" vermochten. Da sie zudern den schönen Brauch übten, ihre Kinder
untereinander auszutauschen, um andere Familien freundlich zu stimmen, wobei sie
l$ne Zert später oft alles über den Veöleib des eigenen Nachwuchses veqgaßen"
schien Fanny das Problem der,"A,hnenreihen" kaum zu bewältigen. Wie viele Halb-
wüchsige, so fragte sich Fanny später manchmal, mochten wohl im Kriege unwis-
sentlich ihre gesamte leibliche Familie ausgerottet und zu Trophäen verarbeitet ha-
ben, nur weil man sie als Kleinkinder an nette Besucher verschenkt hatte!
So wunderte es Fanny im Grunde nicht allzusehr, wenn sie bei näherer Betachtung
ihrer Notizen feststellen mußte, daß bei derselben Schlacht einmal 30, dann wie-
derum 300 Männer gefallen waren; daß dieselbe Schlacht einmal vor fünf Mona-
ten, ein andermal vor zehn Jahren stattgefunden hatte. Oder war es im letzten
Jatrhundert gewesen? Daß Samoaner Verwandtschaftsbeziehungen willktirlich
formten, wußte sogar Louis und ignorierte diesen Umstand beharrlich. Wörter wie
,,Vater", ,,Neffe", ,,Sohn" waren absolut austauschbar; ,,Großväter" gab es keine,
was in einem Land ohne Zeit irgendwie auf der Hand lag. Ein gebeugter Greis
deutete offrnals auf einen wirzigen Knirps, der neben ihm im Schlamm spielte, und
erklärte stolz: ,,1\4ein Vater." Wohlgemerkl auf Samosnßch .. .
Louis' Begeisterung verflog aber keineswegs, sondern wuchs womöglich noch
im Zuge ihrer ,,Recherchen". Fanny brachte es nicht übers Herz, ihm von der
haarshäubenden Ungenauigkeit zu berichten, die sich vor ihrenAugen auftat, wenn
schon nicht vor Louis' Ohren. Statt dessen verlegte sie sich auf die Methode, bei
Zeit- und teilweise auch Ortsangaben einen brauchbaren, halbwegs plausiblen
Mittelwert auszurechnen.

125
Im Dörfchen Lefanga, welches sie ebenfalls recht oft besuchten, hatte Häupt-
ling Mulinuu das Paar mit derselben auggesuchten Höflichkeit und Zu-
vorkommenheit empfangen. Er versorgte sie natärlich mit seiner eigenen Version
geschichtlicher Ereignisse. Längst schrieb Fanny nicht mehr jedes Wort mit, son-
dern malte Männchen auf das Papier oderbetrachtete die Dorfbewohner, während
Louis gebannt denAusführungen des Häuptlings lauschte. Zumindest seine Kennt-
nisse des Samoanischen erweiterten sich ungemein im Laufe ihrer Bemühungen.
Eines Tages hatte eine der Frauen Mulinuus ihren Sprößling vor Louis und Fanny
hingestellt und gefragt: ,,Du mögen?"
Louis öffnete den Mund und stand schon im Begnff, der Muffer des Kindes ein
knappes, aber höfliches Kompliment zu machen, als Fanny ihm atemlos zuvor-
kam: ,,Häßlich! Kind sehr häßlich! Weg damit!" Louis bekam den zur Schmeiche-
lei geöffneten Mund nur langsam wieder zu, so erstaunt war er, als er das unmög-
liche Benehmen seiner Frau mitansehen mußte. Im Gegensatz zu Fanny, die von
Tamaitai vorgewarnt worden war, wußte Louis nichts über die Geste des Kinder-
verschenkens an hohe, einflußreiche Persönlichkeiten. Bekundete man sein Ge-
fallen an dem betreffenden Kind, bekan man es ausgehändigt; sträubte man sich,
es auf der Stelle mitzunehmen, fand man es unweigerlich bei der Rückkehr auf der
eigenen Schwelle vor.
Im nachhinein hatte Louis sich nicht erbost gezeigt, daß Fanny ihm den neuen
Nachwuchs verwehrt halte. Zwar liebte er Kinder, ob braun, schwarz oder weiß,
doch um dieses hätte er sich wohl oder übel als Vaterinimmern müssen. So gern er
sich der Eingeborenenkinder annahm - das ging denn doch zu weit. Lieber wollte
er jene Kinder vor dern Verhungern retten, die die Salomoninsulaner vor der Heim-
reise zu Dutzenden auszusetzen pflegten, sofern die Eltern sie nicht einfach er-
schlugen. Daß die stolzen Samoaner, denen er die gefundenen Salomon-Kinder
anschließend zur Pflege anvertraute, die ,,kleinen schwarzen Tiere" mit ungleich
mehr Widerwillen annahmen, als Louis ihn bei Häuptling Mulinuus Nachwuchs
empfunden hätte, übersah er geflissentlich. Die Samoaner, denen er mithin die
eigentliche Last der Rettung aufbürdete, gehorchten ihrem Tusitala und zogen die
Findlinge nach besten Kräften auf; der große Tusitala sah es mit Wohlgefallen und
in der Überzeugung, daß jedennann auf eigene Weise seiner Christenpflicht Ge-
nüge tat.
Übrigens hatten sich weder Häuptling Mulinuu noch seine Frau pikiert gezeigt.
Tusitala mochte ihr Kind nicht - dafür mußte es einen triftigen Grund geben. Si-
cher war es möglich, den Kleinen einem nicht ganz so wählerischen Passanten,
der allerdings aus guter Familie zu stammen hatte, mit auf den Weg zu geben.
Fanny hatte nie herausgefunden, wie die Samoaner ohne Ahnenlinien und oft un-
ter völliger Unkenntnis, was Verbleib oder aber Herkunft von Nachwuchs betraf,

t26
mit solch traumwandlerischer Sicherheit zwischen ,,hohen" und ,,niederen" Sip-
pen unterscheiden konnten. Und das taten sie durchaus rigoros. Kurz nach dem
Einzug seiner Familie in das schöne neue Herrenhaus hatte Louis fürVailima eine
Büglerin eingestellt, ein nettes und anstelliges samoanisches Mädchen. Unmittel-
bar nach derAnkunft der Kleinen benahm sich die übrige Dienerschaft in höch-
stem Grade merkurärdig: Der Koch bereitete nur noch kalte Speisen zu, wenn es
ihm überhaupt einfiel, die Küche zu betreten; die Hausboys schlichen bedrückt
umher und stöhnten und seufzten dabei, als habe ihr letztes Stündlein geschlagen;
sogar Tamaitai und ihre Freundinnen bewegten sich so schleppend, als liefen sie
unter Wasser. An geregelteArbeit war demnach gar nicht zu denken. AufTusitalas
Frage nach der Ursache gaben alle bereitwilligst Auskunft. Die Büglerin war nicht
gesellschaftsfühig! Louis, der so gern gegen gesellschaftliche Mißst?inde Sturm
lief und soziale Ungerechtigkeit seit jeher mit Feuer und Schwert bekämpfte, tat
auch diesmal das einzig Konsequente und Kompromißlose, indem er das Mäd-
chen auf der Stelle wieder entließ. Fanny wußte, daß daran letztendlich kein Weg
vorbeiführte, und das arme Mädchen pflichtete der Meinung seiner Landsleute
sogar noch bei, indem es ,,gestand", aufgrund seiner schlechten Familie nicht in
den Haushalt zu passen. Fanny war jedoch über alle Maßen aufgebracht darüber,
daß Louis, störrisch wie ein Maultieq nicht zuzugeben bereit war, daß er auf die
Dauer nicht ohne warme Mahlzeiten leben und auch auf andere Bequemlichkeiten
nicht verzichten wollte, welche ihm durch die wohlgelenkte Arbeitskraft der Sa-
moaner zuteil wurden. Statt dessen hielt er eloquente Vorhäge darüber, daß er als
Europäer keinesfalls das Recht besäße, sich in das gesellschaftliche Leben einer
fremden Kultur einzumischen, geschweige denn Samoanern in dieser Hinsicht
Vorschriften machen zu wollen. Fanny gltihtevor Zom, das Mädchen verschwand,
alle waren so glücklich wie ehedem und beendeten einen Zustand, der natärlich
keinerlei entfernte Ahdichkeit mit einem Streik besessen hatte ... und Louis, der
Rebell, bekam wieder sein heißes Süppchen.
Das Ergebnis der Geschichtsschreibungsbemühungen fiel am Ende doch noch
überraschend ansehnlich aus, was nicht zuletrzt atuf zvtei grundlegende Vorschläge
von Fannys Seite zurückzuführen war. Ztm einen brachte sie vor, man könne die
geplanten,,Fußnoten" zur samoanischen Historie auf einen Zeitraum von, nun ja,
zehn Jahren begrenzen, statt eine Einteilung in Urspränge, Mittelalter und Neuzeit
vorzunehmen. Das Auftauchen der berühmten ,,peasoup-u"-Blechdose am histo-
rischen Horizont kam dabei allerdings auch für Fanny nicht in Betracht. Ztxn an-
deren überzeugte Fanny ihren Gatten, der mittlerweile über schier unüberschau-
bare Reserven von gesammelter Kunde verfügte, von der augenfülligen Tatsache,
daß man eine echt samoanische Chronik am besten mit dem ersten wirklich pro-
blematischen Aufeinanderstoßen von Insulanern und weißen Kolonialherren be-

t27
ginnen lassen mußte. Erstens, so dachte Fanny im stillen, wurde bloß durch das
Eingreifen derWeißen die Geschichte desArghipels wirklich interessant-zumin-
dest in den Augen der britischen kser. Louis betrieb die Geschichtsschreibung
zwar für die Samoaner, ,,verkaufte" ihre Geschichte jedoch immerhin an Europäer
und Amerikaner. Zweitens konnte man, wenn man die Zeitrechnung derart ein-
grenzte, weiße Zeugen der Geschichte zu Rate ziehen. So stur, bomiert, eingebildet,
rassistisch, einseitig und parteiisch diese Zeitzevgen sein mochten - abgesehen
davon, daß das läihmende Klima auch ftrer historischen Gesichtskreis erheblich
schrumpfen ließ -, sie besaßen gegenüber den Samoanern einen ungeheuren Vor-
teil, der sich im Volksmund ,,Kalender" nannte ... All das sagte Fanny nicht laut,
und auch den Hauptgrund für ihre Vorschläge gab sie nicht preis: Bei aller Zunei-
gung zu den Insulanern zog Fanny das gernütliche Beisammensein mit wetter-
gegerbten Seebären, leidgeprüften Missionaren, ältlichen Fräulein und manchmal
sogar dem weißen Abschaum von Apia der Gesellschaft der Samoaner vor. Sie
schämte sich dieser,,typisch weißen" Schwäche, aber sie konnte nichts daran än-
dern.
Niemand kannte so gut wie Fanny den walnen Auslöser für Louis'besessene
Chronistentätigkeit. Die historische Grundlage und Einbettung, die Louis den Sa-
moanern schenkte, war für diese Menschen ungeführ so nützlich wie ein dritter
Fuß. Für Louis dagegen erwies sie sich als absolut lebenswichtig. Er wohnte auf
einer Insel ohne Zeit und Geschichte, in einem Chaos und zugleich in einem Va-
kuum. Von Kindesbeinen an nahezu zum Bersten mit schottischer Historie ange-
füllt, mit der erdachten seines Vorbildes Sir Walter Scott ebenso wie mit der tat-
sächlichen Geschichte seines eigenen Klans, därstete Louis danach, historischen
Boden unter die Ftiße zu bekommen. Der samoanische Archipel hatte offenbar
keine nennenswerten Daten und Fakten zu bieten; der Strom der Zeit floß hier
ungehindert, unkontrolliert und völlig hemmungslos dahin. Also mußte der Ro-
mancier sich ans Werk begeben, der seinen Lebensunterhalt auf der Grundlage
geschichtlicher Werke bestritt - im wahrsten, unmittelbarsten Sinne des Wortes.
Es galt sich inmitten des zeitlichen Durcheinanders, das gem?iß seinem Empfin-
den der Lage dem erstickenden Wirnvan des Dschungels mindestens ebenbürtig
erschien, ein wenig Lebensraum und Atemluft zu verschaffen. Louis mußte das
Chaos in Ordnung verwandeln, um das eigene Überleben zu sichern.
So war Louis ganz folgerichtig darangegangen, durch den Urwald der Zeit eine
Schneise zu hauen, sich eine Lichtung zu schaffen, die er roden und mit nützlichen
Gewächsen bepflanzen konnte. Daß er bei diesem Rodungs- und Kultivierungs-
feldzug allerlei Nebeneffekte in Kauf zu nehmen hatte, störte ihn nicht. Wichtig
war allein, daß er Platz für seine Schößlinge schuf, daß er sie wachsen und nach
seinem Plan gedeihen sehen durfte. Das Saatgut, das er zur Hand hatte, waren die

t28
oftmals falschen, stets willhirlich aufgebauschten Erztlhlungen der Häuptlinge,
die ihn freigebig und höflich mit Nachschub versorgten. In der von Louis angeleg-
ten Lichtung innerhalb der Zeit trieben diese Samen die phantastischsten, tollsten
Blüten. Auch sie taugten im Grunde zu nichts, waren bestenfalls hübsch anzuse-
hen. Was zählte, war die Tatsache, daß der von Louis angelegte bunte Blumen-
teppich sich von dem Dschungel um ihn her aufdas deutlichste unterschied - so
deutlich wie der steichholzkurze Rasen im umzäunten Herzen von Vailima. In
dieser Zeit, obgleich von ihm geschaffen, war er ebensowenig wirklich daheim
wie an diesem von ihm hervorgebrachten Ort, aber ein Mensch wie er vermochte
in beiden wenigstens ar existieren. Wenn Louis'eigene historische Wurzeln sich
auch in Schottland befanden, hatte er doch höchstpenönlich dazu beigetragen,
sich die Insulaner, seine ihm vom Schicksal aufgedräingten Nachbarn, zu ,,Zeitge-
nossen" heranzuzüchten. Nur so ließ die Gegenwart sich ertragen - auch die Ge-
genwart der Samoaner. Indem er diesen Schemen historische Gestalt verlieh, ge-
lang es ihm, sie zu beriihren und als Menschen wahrzunehmen. Der Dschungel
der Geschichtslosigkeit wich Louis' sorgsam bepflanzter Lichtung, den
ungebändigten Strom der Zeit zwZingte Louis in seinen geraden, ordentlich von
Punkt zu Punkt verlaufenden Kanal. Und in derselben Weise, wie die geographi-
sche Lage der Inseln von europäischen Kartographen nach Längen- und Breiten-
graden bestimmt worden war, stopfte nun Louis die Vergangenheit des Archipels
in ein zeitliches Koordinatensystem. Da für Louis, den Romantiker, das Wort
,,Geschichte" immer nur die Historie der Menschen beinhalten konnte, hieß das
auch, daß er Samoas Menschen gleich wilden Vögeln ein Netz überwarf, bevor
sie am Ende noch auf die Idee verfielen, seinen Emrngenschaften entwischen zu
wollen.
Doch nun, nach jahrelangen Bemühungen, hatte Louis selbst sein einstmals
liebstes geistiges Kind verstoßen. An diesem Morgen hatte er das Fanny gegen-
über bekannt.
,,Ich glaube nicht, Fanny, daß die Eingeborenen von irgendeiner meiner Phan-
tastereien wirklich zu profitieren imstande sind - geschweige denn, daIJ sie auch
nur den geringsten Anteil daran nehmen. Ich vergeude lediglich meine Zeit."
,,Als Zeitvergeudung würde ich all die Anstrengungen, die du unternommen
hast, aber nicht bezeichnen", hatte Fanny ihm daraufhin erwidert und es auch so
gemeint. Nur vertrat sie dabei dieAuffassung, daß Louis selbst mehr durch seine
zivilisatorischen Bemühungen gewann als die Nutznießer, die er im Auge zu ha-
ben glaubte. Er erhielt auf dieseArt sein inneres Gleichgewicht aufrecht, was Fanny
weitaus wichtiger erschien.
Doch Louis' Glauben an seine gottgegebene Mission wankte nicht bloß; er war
vollends dahingeschmolzen.

129
,,Du willst mich nur beruhigen, Fanny", hatte er leise gesagt und traurig dazu
gelächelt. ,,Aber es stimmt leider: All die weißerrldeen, die ich diesen Menschen
aufzwingen wollte, sind für sie überflüssig bis zum Rande der Lächerlichkeit. Ju-
risprudenz, Geschichte, Politik, ja vielleicht sogar Religion - samt und sonders
abstrakte weiße Theorien, hohle Phrasen, leeres Geschwätz. Nutzlos." Plötzlich
hob Louis den Kopf und sagte mit betont fester Stimme, so als hätte er sich nach
langem Ringen endlich zu Großem entschlossen: ,,Ich werde den Menschen hier
etwas Handfesteres geben, Fanny."
Fanny hatte sofort verstanden, was Louis damit meinte, und war innbrlich ent-
setzt. Seine Rodungsarbeiten wärden jetzt also weitergehen, womöglich mit ver-
doppeltem Einsatz. Auch das Straßenbauunternehmen hatte Louis keinen Moment
lang aus denAugen verloren. Fanny vermochte nicht zu erklären, warum sie der
Gedanke an diese,,handfesteren"Vorhaben dermaßenbeängstigte - immerhin war
Louis sein Leben lang keiner von den zahllosen Schriftstellern gewesen, die sich
damit begnügten, die Feder zu schwingen, und ansonsten aufjede löibliche Betä-
tigung verzichteten. Louis hatte sich von Jugend an größten körperlichen An-
strengungen unterzogen und sich, wenn Not am Mann war, als Matrose, Bergstei-
gerund Lastenkuli abgemüht. Sein geplanterFeldzug gegen den Dschungel dieser
Insel aberjagte Fanny Angst ein. Sicher war sie unbegründet, doch das änderte
nichts an ihrer Stärke und bohrenden Behanlichkeit.
Nicht zuletzt deshalb hatte Fanny heute wieder ihren Lieblingsplatz aufgesucht,
ihre winzige Lichtung mit demAusblick auf die See und, wenn man sich ein klein
wenig verrenkte, auf den Hafen vonApia. Sie war allerdings nicht dorthin aufge-
brochen, um ihre überreizten Nerven zu beruhigen, ihre Angste zu vergessen, in-
dem sie sich in die Schönheiten der Natur vertiefte. Das Gegenteil war der Fall:
Fanny beabsichtigte, sich dem Gegner Urwald auf ihre eigene Weise zu stellen.
Während sie ihre Staffelei an jedem anderen, frtiheren Maltag so plaziert hatte,
daß sie von ihrem leinenen Faltstuhl aus das Meer sehen konnte und ihr Motiv
somit beinahe zwangsläufig eine Mischung aus Blau und Grün darstellte - näm-
lich aus Himmel, Pflanzenwelt und Wasser -, hatte sie das sperrige kleine Holzge-
rüst heute völlig anders ausgerichtet. Um exakt 180 Crrad gedreht, zurang es den
Maler fürmlich, den Dschungel und nichts als den Dschungel im Blick zu behal-
ten; und genau das war es, was Fanny bezweckte. Vergessen war heute der Hafen
von Apia. Himmel und Meer galt es zu ignorieren. Fanny behielt die undurch-
dringliche, wuchemde grtine Wand des Urwalds im Auge und bildete sie auf ihrer
Leinwand getreulich ab. Es gab keinen blauen Himmel auf Fannys Gemälde, denn
den hätte sie nur gesehen, wenn sie den Kopf in den Nacken gelegt hätte, und
keinen Erdboden, weil die Lianen des Waldes mit den bodenkriechenden Schling-
pflanzen eine verschworene, aufs innigste verflochtene Einheit bildeten, die

130
menschliches Sehvermögen und menschlicher Verstand nicht auseinanderhalten
konnten. Was Fanny auf diese Weise unfehlbar wiedergab, war eine kompakte
grüne Wand, die sich vom oberen bis zum unteren Rand der Leinwand erstreckte,
ohne Lücke, ohne nennenswerte Erleichterung für den Blick des Betrachters. Gewiß
bestand die grtine Mauer aus unendlich zahlreichen Schattierungen, aus Hunderten,
nein Tausenden von unterschiedlichen Faötönen, wenn man aufrnerksam hinsatr und
sich konzentrierte. Fannyjedoch hatüe vor langer Zeit schon aufgehörl die atnende,
sich ständig verstohlen bewegende Wand vor ihr als ,,Landschaft" watrrannehmen.
Sie registrierte die Nuancen und übertug sie mit beinatre übertriebener Präzision auf
ihre Leinwand. Ihre Genauigkeit hatte allerdings nichts mit ktinstlerischer Hinge-
bung zu tun, schon gar nichts mit jener Inspiration und Leidenschaft, welche sie bei
Fontainebleau, in der Bucht von San Francisco und anfangs sogar aufdieser Insel
beseelt hatten. Fanny prtigte sich jedes Merkmal mit Verbissenheit und Ingrimm ein,
so wie man die körperlichenAttribute eines Gegners studierte, gleichgtiltig, ob man
ihn bekäimpfen oder ihm lediglich weise ausweichen wollte. Stundenlang hockte sie
vor dem grünen Wall und malte, indem sie abwechselnd zwei Pinsel benutzte. Wdh-
rend sie mit dem einen arbeitete - meist dem dickeren Borstenquast, dsn sie zum
Auflragen einer einheitlich gränen Grundschicht verwendete -, hielt sie den jeweils
anderen fest zwischen den Zähnen. Einmal, als sie sich eine kurze Pause gönnte,
bemerkte Fanny, daß der krampftrafte Griff ihrer Kiefer einen tiefen Abdruck im
Holz der beiden Stiele hinterlassen hatte. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Den
dtinneren Pinsel, mit dem sie die Feinheiten des Blattwerks, der Lianen und der Blü-
ten herausstrich, hatte sie, ohne es im geringstenzu fühlen, um ein Haar durchgebissen!
Erst jetzt wurde ihr klar, wie sehr sie das Motiv ibrer Malerei verabschzute.
Während sie weitermalte, suchte sie sich Rechenschaft über dieses Gefühl der
Feindseligkeit abzulegen. Sie empfand dem Dschungel gegenüber weder die Angst
der Eingeborenen, die ihn als Geburtsstätte wie als Schlupfloch der heim-
tückischsten Dämonen betrachteten, noch den mit Furcht gepaarten Widerwillen
ihres Mannes, der den übermächtigen Gegner unter Einsatz von Waffengewalt
zum endgültigen Duell herauszufordem beabsichtigte. Fanny wünschte sich kein
zweites Schottland wie Louis. Sie pflegte nicht von Entsetzen gepeinigt durch den
Dschungel zu laufen wie die abergläubischen Samoaner. Der Urwald stellte für
Fanny sehr wohl eine Art von lebender Kreatur dar: Nur ein Blinder und Tauber
war imstande, die pulsierende Energie dieses gigantischen grünenWesens zu igno-
rieren. Wenn es denn tatsächlich Däimonen in ihm gab oder aber einen mächtigen
Geist, der gewissermaßen für den Urwald ,,ruständig" war, focht er Fanny nicht
an - er tat ihr nichts zuleide, und sie fürchtete sich nicht vor ihm.
Angst war es demnach nicht, was Fanny angesichts der grünen Mauer vor ihr
empfand. Wenn sie aber die Schlingpflanzen, die Fleischfresser und die Boden-

r3r
kriecher eingehender betrachtete, deren schleimig-glitschige Oberfläche sie sogar
aus erheblicher Distanz noch ausmachen kongte, wußte sie, dalJ es der schiere
Ekel war, der sie am Hals gepackt hielt und best?indig würgte. Diese Pflanzen, die
auf der Insel so rasend schnell wuchsen, daß sie sich immerfort zu bewegen schie-
nen- ganz abgesehen von jenenArten, die sichwahrhaftig in begrenztem Maße
bewegten -, hatten Fanny auf ihren einsamen Wanderungen schon oft gestreift
und manchmal beinahe dazu gebracht, sich zu übergeben. Jede unvennutete Be-
rührung ihrer schmierig-feuchten grünen Gliedmaßen löste in Fanny äußersten
körperlichen Abscheu aus, dem sie nicht zu gebieten vermochte. Also wich sie
ihnen aus, so gut es eben ging, und mit der Zeit hatte Fanny gelernt, sich von ihnen
nicht mehr derart mühelos aus der Fassung bringen zu lassen. Außerdem war sich
Fanny bewußt, daß es nicht die Pflanzen an sich waren, welche ihr dieses über-
mächtige Ekelgefühl einflößten. Nicht einmal der Schleim machte ihr im Grunde
etwas aus. Auch Schnecken waren schleimige Tiere, und in Frankrcich hatte sie
sich im Kreise ihrer schlemmenden Kifurstlerfreunde wahren Orgüen der Vertil-
gung von Weinbergschnecken hingegeben. Nein, das hier war etwas anderes: das
Prinzip der unerbittlichen, unmäßigen, schranken- und gnadenlosen Fruchtbar-
keit, das hinter dem Wachstum all dieser gränen Monstrositäten stand. Sie war
keineswegs der erste Mensch, der den Dschungel so sah, noch würde sie der letzte
Mensch sein, der den Urwald als Lebensquelle begriff. Fanny hatte in ihrem Le-
ben genügend Gebiete voller tropischer Vegetation besucht, um zu wissen, daß
unglaublich vieleVölker den Dschungel als Ursprung des Wachstums betrachteten.
Doch zahlreiche Kulturen teilten in demselben Maße Fannys Widerwillen, der
demzufolge nicht einfach den Abscheu einer einzelnen zivilisierten weißen Frau
darstellen konnte. Die Samoaner beispielsweise besaßen wie jedes Volk in Poly-
nesien oder Europa ihre eigenen Fruchtbarkeitsriten, die für reichen Kindersegen
sorgen sollten - doch um keinen Preis hätte ein Samoaner sich dazu hinreißen
lassen, besagte Riten im Herzen des Dschungels zu zelebrieren ...
Fanny konnte ihren Abscheu zwar nicht leugnen, doch wäre sie andererseits,
im Gegensatz zu Louis, niemals auf die Idee verfallen, den Auslöser ihres Ekel-
gefühls einfach auslöschen zu wollen. Erstens schwankte die St?irke ihrer Abnei-
gung von Tag nt Tag, so daß sie sie oftmals gar nicht empfand oder zumindest
nicht darüber nachgrübelte; zweitens akzeptierte sie widerspruchslos die Über-
macht des Dschungels, der immer schon dagewesen war und triumphierend auf
der Insel zurückbleiben würde, wenn Louis und sie l?ingst tot und begraben waren.
Sie, Fanny, mußte sich notgedrungen anpassen, nicht der Dschungel. Es war im
Grunde genornmen dasselbe Problem wie mit /oi, derAmeise: Man mochte sich
manchmal vor dem Tierchen ekeln, doch man wußte schließlich, daß man es nie
würde zur Strecke bringen können. Loi drarry durch jede Ritze, sosehr man sich

t32
auch bemühte, sein Heim gegen /ors unwillkommenen Besuch abzudichten und
für sich allein zu beanspruchen. Ebensowenig gelang es dem Menschen im Endef-
fekt, sich gegen den Urwald zu verbarrikadieren. Loi war winzig, der Dschungel
riesengroß; beide bezwangen den Menschen auf ihre Art.
Stunde um Stunde hatte Fanny auf diese Weise an ihrem Urwald-,,Porträf'ge-
arbeitet, malend und grübelnd, Mit dem schmaleren ihrer beiden Pinsel wob sie
hier und da weiße und rote Kleckse in den grtinen Wandteppich: Orchideen, deren
gewaltige Größe und Ausprägung den Betachter an offene, stets hungrige Mün-
der erinnerten. Fanny mochte nicht behaupten, die Blumen seien ihr,,nicht geheu-
er" - das wäre denn doch eine Übertreibung gewesen, Am unmittelbaren Ort ihrer
Entstehung aber widerten auch sie Fanny an. Erst zu Hause in Vailima wärde es
ihr wieder gelingen, an den einzelnen Blüten jene exquisite Schönheit wahrzuneh-
men, die sie an den Unvaldgewächsen nicht mehr schätzen konnte. Nachdem Fanny
den letzten Farbtupfer angebracht hatte, empfand sie eine tiefe Genugtuung, näm-
lich das Gefühl, der Lösung ihres eigenen ,,Dschungelproblems" ein gutes Stäck
nähergerückt zu sein.
Während sie ihr neuestes Machwerk, das sie vielleicht sogar in ihrem Zimmer
aufzuh?ingen gedachte, vorsichtig in Bananenblätter wickelte, entsann sie sich
anderer Anlässe, mit Hilfe der Malerei persönliche Schwierigkeiten aus der Welt
zu schaffen. Nachdem aus Louis seinerzeit der große Tusitala geworden war und
aus Fanny -ja, was denn nur? da hatte sich Fanny kurzerhand ihre Staffelei
-,
unter den Arm geklemmt und war in den Dschungel hinausmarschiert, um im Schut-
ze ihrer kleinen Lichtung ihr wohl verrücktestes Bild zu malen: ein Selbstporhät,
und zwar das erste und einzige seinerArt. Ein kleiner Taschenspiegel hatte ihr
dabei genügen müssen. Daheim standen ihr damals alle Annehmlichkeiten zur
Verfügung, nicht zuletzt ihr großer, dreiseitiger, ausklappbarer Ankleidespiegel.
Doch ,daheiil", h Tusitalas Palast, hätte sie zu jener Zeit nicht zu malen ver-
mocht - geschweige denn herauszufinden, ob irgendeines der drei Gesichter im
Spiegel überhaupt noch ihr gehörte. Diese Frage hatte sie erst in der Einsamkeit
der Wildnis zufriedenstellend beantworten können.
Nun, mit ihrem neuen Werk im Gepäck und schweißüberströmt, mühte sich
Fanny weiter und weiter den Fußpfad nach Vailima hinauf und hoffte, daß der
Weg sie endlich an ihr Ziel bringen möge. Die Vorstellung, hier vor Erschöpfung
zusammenzubrechen und womöglich hilflos zu Boden gestreckt auf Rettung war-
ten zu müssen, flößte sogar Fanny Angst ein. Sie blieb für einen Augenblick ste-
hen und richtete sich auf, um Kraft zu sammeln. Plötzlich vernahm sie ganz in
ihrer Näihe leise Fußtritte. Noch konnte sie den Näherkommenden nicht sehen,
denn der schmale Weg beschrieb unmittelbar vor Fanny eine Biegung. Daß der
Entgegenkommende ein Eingeborener war, hörte sie art Geräusch der Schritte.

133
Bedingt durch die Nähe der beiden gegenüberliegenden Dschungelwände und der
Blätterkuppel, die den Pfad bedeckte wie die Überdachung eines mittelalterlichen
Wehrganges, klang jedes Geräusch beinah unnatürlich gedämpft. Zudern hel an die-
ser Stelle nw spärliches Licht durch den grtinen Himmel, gerade genug, um bedäch-
tig einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne pausenlos über Wurzeln zu stolpern.
Die Tritte unbeschuhter Füße näiherten sich Fanny unaufhaltsam, doch in höchst
unregelmäßigem Rhythmus, so als könne der Entgegenkommende sich nicht ent-
schließen, ob er schnell oder langsam gehen solle. Fanny, die noch immer auf der
Stelle stand, um zuAtem zu kommen, fühlte die eigentämliche Unruhe in diesen
Schritten, die alle Eingeborenen an den Tag legten, wenn sie den Urwald mutter-
seelenallein durchqueren mußten.Yor Fanny fürchtete sich der andere sicher nicht;
er konnte die geräuschlos Wartende schließlich noch gar nicht wahrgenommen
haben. Fanny ihrerseits verspürte keine Angst. Nachdem der aufständische Usur-
pator Tamasese, dessen Drohungen gegen die Weißen sie nicht unbe-oindruckt ge-
lassen hatten, von den weißen Schutanächten in seine Schranken v'erwiesen wor-
den war, hielt Fanny jede weitere Aufregung für überflüssig. Zrxn Glück war es
selbst in der,,heißen" kriegerischen Phase nie zu irgendwelchenAusschreitungen
gekommen - zumindest nicht in der Umgegend von Vailima. Nun wirkte der Ur-
wald in dieser Hinsicht wieder sicher wie Abrahams Schoß; und wovor sollte sich
Fanny sonst fürchten? Dämonen, die ihr derart zögerlich und am ganzen Leib
verkrampft entgegenkamen wie das Exemplar jenseits der Wegbiegung, würden
ihr schwerlich ein Leid zufügen können. Ruhig harrte Fanny des Ankömmlings.
Das junge Mädchen, das wenige Sekunden später die Biegung umrundete und
plötzlich, ohne die leiseste Warnung, Fanny gegenüberstand, erstarrte au-
genblicklich vor namenlosem Entsetzen. Das Überraschungsmoment befand sich
also eindeutig auf Fannys Seite - ein ,,Vorteil", den sie weder bedacht noch im
entferntesten herbeizuführen beabsichtigt hatte, denn das arme Geschöpf vor ihr
vermittelte den Eindruck, als wolle es vor Grausen den Geist aufgeben. Beschwich-
tigend hob Fanny die Hände, um dem Mädchen zu verstehen zu geben, daß keine
Gefahr von ihr ausging. Gottlob beruhigte sich die junge Samoanerin bald wieder.
Die Erleichterung darüber, ein anderes menschliches Wesen angetroffen zu haben,
war dem Mädchen unschwer anzumerken. Tief hob und senkte sich ihr Brustkorb,
während sie ihren keuchenden Atem und ihren zweifellos rasenden Puls wieder
halbwegs unter Kontrolle zu bringen versuchte. Anstatt jedoch anschließend in
ein befreites, kindliches Kichern auszubrechen, wie es eingeborene Frauen in Si-
tuationen wie der jetzigen gewöbnlich taten, reagierte dieses Mädchen, dem Fanny
im übrigen nie zuvor in der Nä\e von Vailima begegnet war, völlig unerwartet.
Sobald sich die junge Frau notdürftig beruhigt hatte, kniffsie die Lippen zusam-
men, warf trotzig den Kopf in den Nacken und schickte sich an, hocherhobenen

t34
Hauptes an Fanny vorüberzurauschen. Diese auf Samoa unerhörte Unhöflichkeit,
gepaafi mit dem äußeren Erscheinungsbild der Eingeborenen, erinnerte Fanny an
einen unl?ingst vernomm!nenAusspruch. Sie musterte den ungefärbten, schmuck-
losen Lavalava des Mädchens, ihr Haar, in dem nicht eine einzige Blüte steckte,
und wußte mit einem Male, wen sie vor sich hatte.
,,Talofa, Soenga", begrtißte sie die Enteilende fast beiläufig. Langsam drehte
sie sich um und schaute der Fremden nach.
Es handelte sich in der Tat um Soenga, denn die junge Frau blieb unvermittelt
und wie angewurzelt stehen. Erst wandte sie den Kopf in Fannys Richtung, dann
nach und nach den ganzen Körper, bis sich beide FrauenAuge inAuge gegenüber-
standen. Fanny fragte sich im stillen, ob Soenga ihren GrulS erwidem würde und
ob sie ihr in diesem Falle auf Englisch zu antworten geruhte oder aber auf Samoa-
nisch. Sie hoffte, Soenga möge englisch mit ihr reden, denn Fannys Kenntnisse
des Samoanischen waren selbst jetzt, nach über vier Jahren, noch immer bekla-
genswert lückenhaft . Fanny lächelte einladend.
,,Talofa, weiße Frau", entgegnete Soehga ihr dann wirklich, wenn auch nach
einer halben Ewigkeit. Sie preßte die Worte fürrnlich zwischen den Zähnen her-
vor. Fanny fühlte sich trotzdem geehrt, denn dies war sicher mehr der Aufmerk-
samkeig als Soenga weißen Wesen im allgemeinen angedeihen ließ. ,,Woher kennst
du meinen Namen?" verlangte das Mädchen nun zu wissen.
,,Du bist eine bekannte Persönlichkeit aufUpolu, Soenga." Fanny afrnete inner-
lich auf, daß Soenga in der für sie fremden Sprache zu ihr redete, wenn das Mäd-
chen sie auch, wie es allgemein hieß, vollendet beherrschte. Ein gutes Zeichen.
,,Du gehst diesen Weg ganz allein, weiße Frau", fuhr Soenga mit heiserer Stim-
me fort. ,,Glaubst du nichto du hast allen Grund, Angst zu haben?" Ihr trotziger
Tonfall täuschte Fanny nicht dartiber hinweg, daß Soenga sich zutiefst ihrer Schwä-
che schämte, selbst so viel Furcht gezeig! zu haben - obendrein ausgerechnet vor
einer verhaßten Weißen.
,,Ich habe auf der garwen Strecke niemanden außer dir getroffen, Soenga. Bei-
nah habe ich es bis nach Hause geschaft, und nun hoffe ich von Herzen, du tust
mir hier im Wald nichts zuleide." Fanny verzog bei ihren Worten keine Miene und
senkte ihre Stimme zu einem fast unterwärfigen Wispern.
,,Warum in allerWelt sollte ich dirdenn etwas antun, weißeFrau?" fragte Soenga
gedehnt und amüsiert. Fannys Taktik zeitigte den gewünschten Erfolg: Soenga
durfte sich Fanny gegenüber gönnerhaft geben und ihren eigenen peinlichen Man-
gel an Haltung vergessen. Das hob ihre Laune; die Feindseligkeit verschwand.
Soengas Reaktion belohnte den kleinen Kunstgriff.
,,Es heißt allgemein, du seist auf weiße Menschen nicht gut zu sprechen. Ich
wußte nicht, wie weit deine Abneigung geht.'Noch immer benahm sich Fanny

135
betont devot. Das fiel ihr nicht leicht, doch sie hofte, es würde sich am Ende
auszahlen.
Soenga ging auf Fannys Bemerkung nicht ein. Statt dessen zeigte sie mit einer
wegwerfenden Handbewegung auf das Bündel von Holzstangen, das Fanny vor
sich auf dem Boden abgelegt hatte. Ein herablassendes Lächeln erschien auf ih-
rem Gesicht.
,,Wolltest du damit etwa Tamaseses Männer abwehren, werul es ihnen doch
noch einfallen sollte, weißen Leuten den Kopf abzuschlagen?" Obgleich der In-
halt ihrer Bemerkung nicht eben freundlich schien, hörte Fanny deutlich, daß das
Mädchen nur scherzte. Soenga war nähergekommen; ihre nackten Zehen spielten
mit Fannys Handwerkszeug. Sie war offenbar neugierig!
,,O nein. Das wtirde mir wohl kaum gelingen", gab Fanny zurück. ,,Das da ist
nur meine Staffelei," Im selben Moment fiel ihr ein, daß Soenga mit dem Wort
watuscheinlich nicht viel anfangen konnte, und fügte hastig hinzu: ,,Das ist ein
Gerüst, auf das man eine Leinwand stellt, damit . . ."
Aber Soenga fegte Fannys Erklärungsversuch mit der linken Hand schlichtweg
beiseite. ,,Ich weiß sehr gut, was eine Staffelei ist", meinte sie trocken, und ein
leiser Hauch der alten Feindseligkeit kehrte zurück. Sei geftiUigst besser auf der
Hut, schalt Fanny sich selbst insgeheim.
,,Deine Kenntnis überrascht mich, Soenga, denn ich muß auch vielen weißen
Leuten hier manchmal lange erläutern, was es mit dem komischen Haufen Brenn-
holz auf sich hat. Die meisten lachen dann über meinen merkwürdigen Zeitrer-
treib." Das war eine glatte Lüge, was vielleicht sogar die aufgeweckte Soenga
ahnte. Nichtsdestoweniger zeigte ihrGesichtzurAbwechslung einunmißverständ-
lich freundliches Lächeln. Erstjetzt sah Fanny, was für eine bildschönejunge Frau
da vor ihr stand. Ihre Zige strahlten nach dem überstandenen Schrecken mittler-
weile Ruhe und Gelassenheit aus - aber keineswegs den üblichen ergebenen, an
Stumpfsinn grenzenden Gleichmut ihrer Geschlechtsgenossinnen auf dieser Insel.
Soengas Antlitz wirkte jugendlicher als die oft vorzeitig schlaffen Gesichter ande-
rer, weit jüngerer Mädchen. Die trotz der Schwüle hellwache Intelligenz, die in
ihrem hübschen Kopf arbeitete, spiegelte sich in ihren blitzenden Augen wider;
ihre Energie ließ es nicht zu, daß Wangen und Mundwinkel kraftlss herabfielen
wie bei vielen Insulanern, die durch den auff?illigen Mangel an Vitalität selbst im
Wachzustand eher Schlafivandlem glichen.
,,Der Pater in der französischen Mission pflegte auch immer zu malen", mein-
te Soenga spöttisch. Fanny glaubte allerdings zu bemerken, daß die Ironie in
ihrer ansonsten wohlklingenden Stimme sich gegen besagten Pater richtete,
nicht gegen Fanny. Soengas anschließender Kommentar bestätigte FannysVer-
mutung.

136
,per Pater ist aber, soviel ich weiß, nicht ein einziges Mal in den Dschungel
hinausgegangen, um zu malen. So etwas wäirdihm nie in den Sinn gekommen. Er
hat die Mission sowieso kaum verlassen." Fanny vermeinte aus Soengas Worten
oine Mischung aus Geringschäeung und ausgeprägtem Widenvillen herauszuhören.
Sie selbst ,,kannte" den Pater nur oberflächlich.
,,Was für Motive malt er denn dort?" fragte sie Soenga und konnte sich die
Antwort bereits denken. Was gab es innerhalb einer Missionsstation schon Inter-
essantes zu malen?
Soenga lachte laut auf. ,,Immer dasselbe. Braune M?idchen in weißen Kleidern,
die Tee servieren. Seine Kirche. Die Nonnen. Braune Mädchen, die Spit-
zentaschentiicher besticken. Am liebsten mag er braune Mädchen mit Gebetbuch.
lch war sehr oft sein Modell. Watrscheinlich, weil ichsofromm aussehe ..."
Unvermittelt erstarrte Soengas hübsches Gesicht zu einer undurchdringlichen
Maske. Welche Wahrheit sich hinter dieser Fassade wie auch Soengas rätselhaf-
tem letzten Satz verbergen mochte, wollte Fanny lieber nicht ergründen. Sie muß-
te daran denken, auf welch extravagante Weise manche Männer, ihr Gatte einge-
schlossen, ,,praktiziertes Christentum" deuteten, und zog es vor zu schweigen.
Aber es fröstelte sie plötzlich.
,,Manchmal, wenn ein Ordensbruderaus Frankreichbei uns ankam", fuhr Soenga
fbrt, ohne daß Fanny sie dazu auffordem mußte, ,,oder wenn es irgendeinen wei-
ßen Reisenden zu uns verschlug, hat der Pater seinem Gast eines seiner scheußli-
chen Gemälde mitgegeben. Ein Bild geradewegs aus dem Paradies, zur Erbauung
für die Weißen in der Feme. Pah!" Des letzten Ausrufes hätte es gar nicht bedurft,
um Soenga ihre abgrundtiefe Verachtung anzumerken. ,,Der Pater hat nie etwas
begriffen."
Obwohl Soenga sich lediglich in Andeutungen erging, kam Fanny mehr und
mehr zu der Überzeugung, daß sie selbst die erste Person war, weiß oder farbig,
der das Mädchen seit ihrer Rückkehr aus der Zivilisation von ihren Erlebnissen
dort berichtete. Und da sie Soenga im Grunde nur einen winzigenAnstoß gegeben
und schon damit einen regelrechten Redeschwall ausgelöst hatte, lag auf der Hand,
wie dringend es die stolze, unnahbare Soenga danach verlangte, sichjemandem
zu öffnen. Daß sie unter ihren Stammesgenossen aufgrund ihrer Bildung nicht
länger einen geeigneten Menschen finden konnte, war eing traurige, aber keines-
wegs erstaunliche Wahrheit.
,,Ich fürchte, du mußt in dieserAngelegenheit nachsichtig mit uns Weißen sein",
tastete sich Fanny vorsichtig über den schmalen Grat, auf dem sie sich keinen
Fehltritt erlauben durfte, wenn sie Soengas Zutrauen nicht für alle Zeit wieder
verlieren wollte. ,,Wir sind Fremde auf deiner Insel. Fremde wissen nicht, wie sie
sich fern der eigenen Heimat verhalten sollen - und dann tun sie genau das Fal-

137
sche. Was das Bilderverschenken angeht ... ich muß gestehen, daß auch ich mich
in der Vergangenheit dieses Verbrechens schuldig gemacht habe."
Soenga legte den Kopfschief, und ein koboldhaftes Lächeln erschien aufihrem
Gesicht. ,,Ich glaube aber nicht, daß du im Dschungel allzu viele meiner Lands-
leute finden kannst, die dir hier geduldig Modell sitzen. Deshalb wirst du wohl
etwas anderes malen als die übrigen weißen Leute."
,,Das ist wahr", gab Fanny zurück und mußte daran denkpn, daß es in Ma-
lerkreisen seit wenigen Jahren geradewegs in Mode gekommen war, auf Süd-
seeinseln nach Motiven zu jagen. Aus Europa brachen nicht viele Künstler gen
Polynesien auf- die Reise war den meisten denn doch zu beschwerlich. Allerdings
hatten schon in der Kolonie von Grez nicht wenige junge Männer zumindest den
Wunsch geäußert, eines Tages ins ,,Paradies" zu pilgern, und aus dem nicht gar so
weit entfernten San Francisco hatte sich bereits so mancher fromme Wallfabrer
ein Eiland auserkoren, um dort zu malen: lnselmfulcheru unter Palmeq siEend; Insel-
mädchen, in Lagunen schwimmend; Inselmädchen in allen Lebenslagen. Wenn sie
gewußt hätten, wie wenig sie im Grunde von dem französischen Paterunterschied!
,,Ich male nur sehr selten Menschen", meinte Fanny. ,,Und wenn ich es tue, dann
auf ihren ausdrticklichen Wunsch. Aber ich bilde gem die Natur dieser lnsel ab, wie
ich sie in meinem Innern empfinde. Das sind dann die Bilder, die ich manchmal an
Freunde in Amerika verschicke. Diese Menschen kämen sonst nie in den Genuß,
einen Eindruck von den Schönheiten deines Landes zu erhaschen, und das ist wohl
auch die eiruige Entschuldigung, die eine Dilettantin wie ich vorweisen kann."
Soenga war sichtlich beeindruckt. Eine Weiße, die allein im Urwald spazie-
renging und Landschaften malte, schien ihr erheblich besser zu gefallen als ein
Pater, der im eigenen Gärtchen - gleichsam im ,,Schatten" seiner Kirche - braune
Schützlinge weiblichen Geschlechts zu porträtieren pflegte.
,,IJnd was hast du heute - erhascht, weiße Frau?" fragte Soenga mit einem
spitzbübischen, aber durchaus freundlichen Unterton. Sie gab es nicht zu, aber sie
brannte vor Neugier.
-Oh . . . das." Fanny schämte sich ein wenig ihrer heutigen Bemühungen; da sie
jedoch wußte, daß sie Soenga ihr Bild würde zeigen müssen, suchte sie verzwei-
felt nach einer Entschuldigung für ihr seltsames Gekleckse, das keine Überein-
stimmung mit dem Stil ihrer sonstigen Landschaftsgemälde aufwies.
,,Es ist nicht eben ansprechend ausgefallen, fürchte ich", murmelte Fanny, wdh-
rend sie die feuchte Leinwand vorsichtig und ganz langsam von der schützenden
Hülle An den Rändern hatte sie es gewagt, das Bild
aus Bananenblättern befreite.
mit Bindfaden lose zu venchnären, damit die Blätter nicht vemrtschten - eine
Verpackung auf typisch weiße Art, schoß es ihr unvermittelt durch den Kopf. Fanny
löste die Knoten.

r38
,,Wie ich schon sagte: Ich habe mich bloß hingesetzt, stundenlang in den Wald
hineingeschaut und die eigenartigen Dinge einzufangen versucht, die dort meine be-
sondere Aufinerlsamkeit erregten. Das Ganze ließ ich auf mich einwirken und sich
in meinem Inneren entwickeln wie in einerArt Gefäß, bis ich es auf die Leinwand
bannen konnte. Na ja
- mehr oder weniger." Fanny wurde sich bewußt, daß das Mäd-
chen mit ihrem schwärmerischen Ktinstlergerede, das sich für vem{inftige Menschen
wie ein Kochrezept anhören mußte, nun wirklich nichts anzufangen vermochte. Sie
nestelte weiter an den Knoten herum, bis sie ihr Machwerk sclrließlich ganz aus sei-
nem Gef?ingnis befreite. Mit gemischten Gefühlen präsentierte sie es nun Soenga.
Aber auf ihre Reaktion war Fanny nicht gefaßt.
Wäihrend Soenga in dem Halbdunkel, das auf dem blätterüberwucherten Dschun-
gelpfad tagsüber herrschte, Fannys Gemälde betrachtete, veränderte sich ihr Ge-
sichtsausdruck auf dramatische Weise. Sie benötigte gcraume Zeit" vm in dem
diffrrsen Licht Einzelheiten auszumachen; doch nachdem ihr dies gelungen war,
riß sie entsetzt die Augen auf. Ihr Mund öffnete sich zu einem Schrei, den sie nur
deshalb nicht ausstieß, weil sie sich die Faust gewaltsam auf die Lippen preßte,
ihn zu unterdrücken. Was ihr am Ende entfuhr, war kaum mehr als ein Hauch - ein
flüsternd gestammelter Schwall samoanischer Wörter, von denen Fanny nur ein
einziges verstand, ein Wort fiir Dtimon. Dann war Soenga einenAugenblick lang
still, hielt sich aber nach wie vor die Faust auf den Mund gedrtickt. Wieder machte
sie den Eindruck, als stände sie kurz vor einer Ohnmacht. IhrAtem ging keuchend
und stoßweise, und sie taumelte leicht. Endlich, nach einer halben Ewigkeit, ge-
wann Soengas Verstand die Oberhand über den Körper - gewissermaßen.
,,Kel e le tongafitie!" rief sie laut aus. Diesen Ausdruck kannte Fanny weit
besser, als ihr lieb war. ,,Großer Zauber" bedeutete er, und Fanny hatte ihn im
Zusammenhang mit Louis'Teufelsflasche immer und immer wieder vernommen.
,,Das hat mit Zauber nichts zu tun, Soenga", suchte Fanny das hysterische Mäd-
chen zu beruhigen. ,,Das ist doch nur ein Bild. Ein Ölbild, wie du sie schon oft
gesehen hast."
Soenga schüttelte so heftig den Kopf, daß ihr ganzer Körper mit in Bewegung
geriet. Sie starrte Fanny ins Gesicht.
,Nein', verHindete sie entschieden. ,,Das ist kein gewöhnliches Bild. Du bist
keine gewöhnliche Frau. Du kannst Dämonen fangen. Du gehst zu ihnen in den
Dschungel und sperrst sie in ein Gefüß in deinem Innern und bannst sie dann auf
die Leinwand. Das hast du selbst gesagt." Fanny verfluchte insgeheim ihre eigene
Nachlässigkeit. Hätte sie geahnt, wie aufmerksam die intelligente Soenga lausch-
te - nie wäre es ihr eingefallen, sich solch verfänglicher Worte zu bedienen!
,Äber nein, Soenga, wenn ich es dir doch sage: Ich fange keine Geister, ich
male nur die Natur, so wie ich sie sehe."

139
Soenga bebte. Sie glaubte Fanny offenkundig nicht.
,,Und was ist dann das da?" Mit zitternden Fingern zeigte das Mädchen auf
einige hellere Flecken, die trotz der spärlichen Beleuchtung dzutlich von dem Tep-
pich aus grüner Farbe abstachen. ,,Was ist das, wenn nicht die gräßlichen weißen
Augen von Dämonen und ihre hungrigen blutoten Münder?"
Fanny erkannte plötzlich, was Soenga meinte, was sie dermaßen aus der Fas-
sung gebracht hatte. Im Zwielicht des Urwalo'o, noch dazu mitten im Herrschafts-
gebiet jener Mächte, die den Eingeborenen unweigerlich nach dem Leben trachte-
ten, haüe sie nur allzuleicht daraufverfallen können, die Orchideen und Hibiskus-
blüten in Fannys Bild für gespenstische Gliedmaßen zu halten, Im Halbdunkel
wirkten sie unheimlich genug.
,,Soenga." Fanny packte das Mädchen an beiden Schultern und sprach mit ruhi-
ger, gleichmäßiger Stimme auf sie ein. ,,Ich sage es dir noch einmal: Ich fange
keine Dämonen, aus einem einfachen Grund. Es gibt gar keine bösen Geister im
Dschungel, die dir etwas zuleide tun könnten. So glaube mir doch:"
Soenga starrte Fanny lange schweigend an. Ihre Miene verriet Ehrfrrrcht - als
wlire Fanny selbst ein höheres Wesen.
,,Du kennst nicht die Größe deiner eigenen Macht!" rief sie aus. ,,Du merkst es
nicht einmal, wenn die Geister dir in die Falle gehen. Dir können sie tatsächlich
nichts zuleide tun."
,,Ich male nur, Soenga, ich male nur dumme kleine Bilder, wie sie der Pater aus
deiner Missionsstation pinselt! Mehr tue ich nicht, und mehr kann ich auch nicht,
zum Kuckuck! Ich habe heute den verdammten Urwald gemalt, weil er nun ein-
mal da ist, weil er immer schon da war und weil er zur Landschaft gehört, auch
wenn man ihn haßt wie die Pest. Das ßt alles."
Soenga enviderte nichts, aber das war beinah schlimmer als ihre unverhoh-
lenen, unerträglichen Bekundungen der Verehrung. Mit raschen Handgriffen packte
Fanny ihr Bild wieder ein; es kürnmerte sie inzwischen nicht mehr, ob sie die
Farben auf der Leinwand in der Eile verwischte. Nachläissig schlang sie zu guter
Letzt den Bindfaden um die Bananenblätter.
,,Fessele sie gut", flüsterte Soenga, und Fanny wußte, daß das Mädchen keines-
wegs von den Bananenblättern sprach.
Nachdem Fanny ihre ,,Dämonen" ordentlich verstaut und verknotet hatte, war
Soenga augenblicklich wieder guter Dinge. Sie klatschte in die Hände wie ein
vergnügtes Kleinkind - und sie kicherte. Fanny seufzte auf.
Wenn es um die leidigen Geister ging, benahm sich also auch die gebildete,
aufgekl?irte Soenga wie all ihre eingeborenen Schwestern. Dann erinnerte sich
Fanny, daß das für Soenga nur von Nutzen sein konnte, wenn sie in Frieden auf
Samoa weiterleben wollte. Bloßer Eigennutz sprach aus Fannys heimlichem

140
Wunsch, Soenga möge sich völlig von den andeten unterscheiden. Doch der Wunsch
war da.
,,Weiße Frau", sagte Soenga nun, ,,ich habe dich nicht nach deinem Namen
gcfragf und ich weiß auch nicht, wo du wohnst."
Die Tatsache, daß Soenga sich danach erkundigte, zeigte Fanny deutlich ihre
Bereitschaft, der weißen Frau bei Gelegenheit einen der auf Upolu üblichen Nach-
barschaftsbesuche abzustatten. Das wiederum freute Farury über die Maßen.
,,Ich heiße Fanny. Mein Mann Louis und ich wohnen in Vailima. Vielleicht bist
du dort oben schon vorbeigekommen."
,,Ist das etwa derselbe Ort, wo auch der Tusitala lebt?"
Oh nein, dachte Fanny. Hat das denn niemals ein Ende?
,,Ja, das ist der Ort. Du bist herzlich eingeladen, bei uns hereinzuschauen. Du
kannst jederzeit vorbeikommen."
Soenga schwieg betreten. Fanny blickte ihr in die Augen.
,,Was ist denn, Soenga? Hast du etwa keine Lust, uns zu besuchen? Liegt es
daran, daß du auf Weiße nicht gut zu sprechen bist?" Soenga preßte unwillkürlich
die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Es dauerte eine Weile, bis sie sich
zu einerAntwort durchrang. Sie satr Fanny dabei nicht an.
,,ZweiZauberer unter einem Dach ... Vailima ist ein mächtiger Ort. Zumächtig
fiir mich." Soenga schaute zu Boden.
,,Zwer Zauberer . . " Fanny begriff langsam. Natürlich! Tusitala fing Dämonen
.

und hortete sie in Flaschen; nun kam zu allem Überfluß Fanny selbst daher, ver-
bannte mir nichts, dir nichts Dämonen in ÖtUitOer, als sei das eine ihrer leichtesten
Übungen! Fanny stieß ein gutes Dutzend unhörbarer Flüche aus, die ihren seligen
Vater zum Erröten gebracht hätten.
,,Ob du es nun glaubst oder nicht, Soenga", sagte sie leise, indem sie sich zur Ruhe
zwang,,,wir sind keine Zauberer. Tüsitala und ich können keine Däimonen fangen.
Falls wir welche besäßen - und wir besitzen keine, sage ich dir -, wüßten wir nicht,
wie wir mit ihnen umgehen sollten. Deshalb kommen sie uns gar nicht erst ins Haus."
Vorausgeseat, wir schaffen es, uns die Viecher vom Leib n halten, dachte Fanny.
Soenga schaute zwar nach wie vor ungläubig drein, schien aber nicht mehr
BattSo ?ingstlich. Sie lächelte sogar.
,,Weißt du was, Soenga? Wenn du zu mir kommst, zeigst du mir, wie man aus
den Blättern und Blüten deiner Insel Farben herstellt. Du denkst, ich sei eine mäch-
tige Zauberin - nun, ich bin sogar zu dumm, mir meine Farben anzurühren. Ich
muß sie fix und fedig aus San Francisco bestellen!" Daß Fanny schon in Frank-
reich gelernt hatte, aus Pflanzenpigmenten, Ö1 und Terpentin alles Nötige zu mi-
schen, verschwieg sie wohlweislich. Viel lieber war es ihr, wenn Soenga dem-
nächst ihren eigenen Zauber mit sich nach Vailima bringen wärde.

t4l
7
Es wnn rnüHrsrnn Morgen, beinahe noch Schlafenszeit, als Louis seine Truppen
formierte und sie in die verschiedenen Kriegsgebiete entsandte, die der Feldherr
auf seiner Generalstabskarte für ihre Einsätze markiert hatte. Der Befehlshaber
persönlich würde ihnen bald schon zu Pferde folgen, um seinen jungenAdjutanten
abzulösen und flir seinen Tatendrang, mehr noch aber für seine nie erlahmende
Wachsamkeit zu belobigen. Schon bei fräheren Gelegenheiten hatte Louis den
kleinen Austin seinen ,,Aufseher" genannt, und in der Tat nahm der Junge es mit
den ihm übertragenen Pflichten außerordentlich genau. So manches Mal warAustin
mit einem guten Dutzend Eingeborener und vier bis fünf Packpferden hinunter
nach Apia aufgebrochen, um Vorräte aller Art nach Vailima zu transportieren und
streng darauf zu achten, daß die für gutes Geld erworbene Ware richtig verschnärt
und auf dem Rücken der Pferde befestigt wurde. ,,Der Junge fühlt sich,dabei gar:z
und gar wie der Herr der Insel, Fanny", pflegte Louis dann zu sagen, und Fanny
pflichtete ihm grimmig nickend bei. Wäihrend der Kleine, selbst hoch zu Roß, den vor
sich herlaufenden Boys Anweisungen zurief - und viele der ,,Boys" hatten immerhin
schon dasAltervon Großvätem! -, war seine schmächtigeBrustvor Stolz geschwellt.
Das Hen-der-Insel-Spiel schienbei weitem aufregender zu sein als jeder andere Zeit-
vertreib; Austins Vorbild Louis hatte das schließlich längst herausgefunden.
Bereits in Friedenszeiten also hatte Austin eine elementare Rolle gespielt. Nun
aber, im Zuge des Großen Rodungsfeldzuges, war er zu einer echten Respektsper-
son avanciert und strebte best?indig danach, sich des in ihn gesetzten Vertrauens
würdig zu erweisen. Daß General Hoskyns strenggenommen zumAdjutanten de-
gradiert worden war, störte ihn nicht, solange er nur Louis, dem Herrn aller Her-
ren, unmittelbar unterstellt blieb. Für ein Lob aus Louis' Munde tat er alles.
Das einzige Detail, welches den kleinen Reitersmann jetzt noch wesentlich von
seinem Meister unterschied, waren - einmal abgesehen von der Barttracht des
letzteren - die fehlenden Sporen. Fanny hatte sich schon immer gefragt, zu wel-
chem absonderlichen Zweck Louis als einziger Reiter auf Upolu Sporen tragen zu
müssen glaubte, während sich die meisten Weißen klaglos mit den kleinen, unbe-
schlagenen Inselponies zufriedengaben. Nun durfte sie zudem darübernachgrübeln,
mit welcher aufsehenerregenden Heldentat Jung-Austin sich seine Sporen wohl
dereinst verdienen mochte ...
Kaum zehn Minuten waren vergangen, seit die Armee hinaus in die Wildnis
gestapft wur - zlorar nicht im Gleichschritt, doch zumindest in wohlgeordnetem
Gänsemarsch. Schon vernahm man innerhalb des Zaunes all j ene Arten von Lärm,
die mit intensiver Urbarmachung einhergingen. Die Geräusche wurden durch die
Einfriedung gedämpft; trotzdem drang genug an Fannys Ohren, um sie in Unruhe

t42
m versetzen. Seit einigen Tagen schickte Louis seine mit Axten und Buschmes-
sern bewehrten Rodungskompanien in den Urwald hinaus, und ein Ende war kei-
neswegs in Sicht - im Gegenteil, Louis hatte sein Werk gerade erst wirklich be-
gonnen. Davon, daß er es bis zum bitteren Ende fortzuführen gedachte, war sogar
Fanny inzwischen felsenfest überzeugt. An demselben Täge nämlich, als Louis mit
dem systematischen Kultivieren jener Teile Vailimas begonnen hatte, die außerhalb
des Zaunes und abseits derbestehenden Plantagen lagen, war ihrn morgens zu Ohren
gekommeq daIS die samoanische Regierung die 27 Häuptlinge bereits eine Woche
zuvor entlassen hatte. Der Zusammenhang lag auf der Hand. Anstatt dem Tusitala
schnurstracks ihre Aufinartung zu machen, wie es ihre Schuldigkeit gewesen wäre,
besalJen die Häuptlinge die Frechheit, sich zuerst ausgiebig im Kreise ihrer Frauen,
Kinder und übrigen Stammesgenossen von den Stapazen des Schmachtens in jenem
,,hnsteren Kerket'' von Apia zu erholen - der immerhin einzig durch Louis' literari-
sche Bernühungen einen regelrechten Legendenstatus erreicht hatte!
Entgegen allen Gesetzen der Logik schien Louis dem Glauben anzuhängen,
daß es letztendlich auch seine wiederholten Aufrufe gewesen waren, welche die
Freilassung der Häftlinge bewirkt hatten. Ein simples Rechenexempel, das jedoch
nur Fanny anstellte, machte solchem Wunschdenken schnell den Garaus. Zwi-
schen dem Verfassen seiner leidenschaftlichsten Appelle an die Menschlichkeit,
die in der Times vnd im Chronicle veröffentlicht werden sollten, und der Befrei-
ung der Häuptlinge waren nur wenige Wochen vergangen. Diese Zeitspanne be-
nötigte allein das Postschiff, um die Strecke nach Großbritannien zurückzulegen -
Louis aber redete sich allen Ernstes ein, seine eloquenten Beschwörungen hätten
die Runde im Unter- wie im Oberhaus gemacht und dort wie eine Bombe einge-
schlagen. Fanny wäre kaum erstaunter gewesen, hätte Louis der Überzeugung
Ausdruck verliehen, Königin Victoria höchstpersönlich könne heimlich ihr Siegel
unter sein Gnadengesuch gesetzt haben. Für Fanny löste sich das Rätsel schneller
und weitaus prosaischer: Die 27 Häuptlinge waren unnütze Esser, längst nicht
mehr auf der Höhe der politischen Aktudität - und sie nahmen, schlicht und er-
greifend, zuviel Platz weg.
Injedem Falle aber litt Louis darunter, daß seine Schützlinge, für deren Freiheit
er ohne Unterlaß vehement kämpfte, sich recht undankbar gezeigl hatten. Trotzig
begann er mit dem Roden ... fürs erste aufeigene Faust und aufeigenem Land.
Tag für Tag wtirde er von nun an seine Gefolgsleute ins Hochland von Vailima
hinausschicken, um Tusitalas Territorium in eine einzige große Lichtung zu ver-
wandeln. Selbstverständlich legte Louis in eigener Person Hand an. Zum einen
gedachte er für die Kämpen, die seine gute Sache vertraten, ein bewunderungs-
würdiges Vorbild abzugeben; zum anderen wollte er es sich nicht nehmen lassen,
derjenige zu sein, der die dicksten Stämme jungfräulichen Waldes zum Stärzen

143
brachte, nachdem die Untertanen die nötige Vorarbeit geleistet hatten, Louis war,
so oft es ging, bei ihnen, entweder körperlich anwesend oder vertreten durch sei-
nen getreuenAdjutantenAustin. Tusitalas Geist aber schwebte beständig über den
Häuptern der Arbeitenden, spornte sie zu Leistungen an, wie sie kein deutscher
Kolonialhen bei einem Samoaner je für möglich gehalten hätte.
Fanny stand stets zur selben Zeit auf wie Louis, obwohl die beiden in getrenn-
ten Zimmem schliefen. Sie wußte, daß nur wenige Minuten später an Schlummer
sowieso nicht mehr zu denken war. Den morgendlichen Appell gestaltete ihr Gatte
so leise wie möglich, doch der Lärm der Axthiebe fast unmittelbar darauf been-
dete die Nachtnrhe unwidemrflich. Allerdings schien es mehr als fraglich, ob Fanny
ihre Ruhe wärde wiederfinden können, sobald die Rodungsarbeiten erst einmal so
weit fortgeschritten waren, daß man sie vom Haupthaus aus nicht mehr verneh-
men konnte. Daran aber wollte Fanny nicht denken.
Wtihrend sie nun über die Veranda schlenderte und in tiefen Zügen die erste
Zigarette des Tages genoß, ließ sie ihren Blick über den weiten Rasen schweifen,
der so grotesk kurz wirkte, als würde er inzwischen nicht mehr mit Sensen und
Sicheln, sondem mit der Nagelschere getrimmt. Fanny seufzte und betrachtete
ifue Zigarette. Auch das Rauchen hatte Louis beinahe ganz aufgegeben, ebenso
wie das Flageolettspiel. Obwohl ihm dieses für Lungenkranke ansonsten recht
unübliche Vergnügen überaus gut bekam, vergafi er es nun regelrecht in seinem
allgemeinen Übereifer - er, der immer betonte, ohne Fleisch und Brot, doch nie-
mals, nur über seine Leiche, ohne seinen innigstgeliebten Tabak leben zu wollen!
Als Fanny am weitgeöffneten Bibliotheksfenster vorbeikam, hörte sie drinnen
erregte Stimmen. Sie war erstaunt darüber, daß Louis noch keine Anstalten mach-
te, sich auf Patrouillenrrtt nr begeben, und blieb stehen, um herauszufinden, mit
wem er sich so lautstark unterhielt. Es war Lloyd. Fanny spitzte die Ohren. Sie
hatte nicht die Absicht die beiden zu belauschen - ganz sl cher ntcht! -, aber schließ-
lich konnte sie ihre Zigarette rauchen, wo es ihr beliebte, und im Moment beliebte
es ihr direkt vor dem offenen Fenster.
,,. . . habe ichApa Loto und die anderen zu den Dörfern der 27 restlichen Häuptlin-
ge geschickt. Dort solle,n sie ihnen erklären, was ich in den leEten Monaten alles für
die undankbare Bande untemommen habe - natürlich so höflich'und diplomatisch
wie möglich. Ich bezweifle inzwischen aber, ob selbst Apa Loto und seine beiden
Begleiter emsthaft willens sind, ihr heiliges Versprechen einzulösen."
Fanny hörte darauftrin Lloyds Stimme, konnte jedoch nur Gemurmel wahmeh-
men. Sofort nahm Louis wieder den Faden auf.
,,Ja, das meine ich auch", fuhr er fort. ,,,{pa Loto wird ihnen erläutern, daJS es
meine Intenrention in Per,etania ge\rresen sein muß, die ihnen die ersehnte Freiheit
gebracht hat."

t44
Fanny schluckte versehentlich Rauch und verspürte starken Hustenreiz, den sie
nur mit größter Anstrengung unterdrückte. Dann erzähle ihnen doch gleich die
ganze ,,Wahrheit", o grotJer Tfusitala, dachte sie erzärnt. Sag ihnen, daß du, ein
armer Schiffbrüchiger, eine Flaschenpost in den unendlichen Ozean geworfen hast,
natürlich nicht aufs Geratewohl, sondern in einer deiner beliebten magischenFla-
schen, daß der Teufel in diesem verkorkten Postflakon deine Nachrichten schnel-
ler daheim hat ankommen lassen als jedes Postschiff- und daß mächtige Männer
sie dann lasen, obwohl sie dich kaum noch kennen. Weil du nämlich zu den auf
ewig Verschollenen gehörst.
Bevor Fanny sich ob dieses bösartigen Gedankens schelten konnte, hatte Louis
in der Bibliothek wieder zu sprechen angehoben. Offenbar ging es nun um ein
gänzlich anderes Thema.
,,Und was diese ... nun ja, deine ,Herzensangelegenheit' betrift, Lloyd, da laß
dir eines gesagt sein: Kämmere dich niemals um anderer Leute Vorschriften, um
Traditionen, Sitten und dergleichen mehr. Tue immer nw das, was deine Gefühle
dir eingeben, ganz gleich, ob du sie nun von ,Hetzen' kommen lassen willst oder
einfach nur deinen Gelüsten frönst, wie man so schön sagt. Upolu ist eine freie
Insel mit freien Menschen. Deine Angebetete will dich, und du begehrst sie. Ich
sehe da keine ernstlichen Schwierigkeiten auf dich zukommen."
Lloyd sprach zögerlic[ als er Louis antwortete, doch laut genug, daß auch Fanny
ihn von draußen verstehen konnte.
,,Louis, ich weiß nicht recht. Natürlich begehre ich dieses Mädchen, aber ich
hege weiß Gott nicht die Absicht, sie zu heiraten. Eine Liebelei mit ihr dürfte
einigen Arger geben. Du kennst ihre Leute. Sie w?ire durchaus gewillt, mir Ver-
gnügen zu bereiten, daran würde es nicht scheitern, aber ..."
,,... aber das ist schließlich die Hauptsache. Du bist einjunger, kerngesunder
Mann und du hast natürliche Bedürfnisse. Als ich in deinem Alter war, habe ich
mich den Teufel um solche Skrupel geschert. Wenn die Mädchen freundlich und
willig waren und selbst Spaß bei der Sache ernpfanden, fragte ich nicht lange nach
dem Urteil der Spießbürger! Sollten sie mir doch die Hölle heiß machen und mich
der ewigen Verdammnis überantworten, solange ich nur meinem rechtmäßigen
jugendlichen Vergnügen nachging! Und hier auf Samoa gibt es nicht einmal eine
,Moral', die sich mit der britischen Engstirnigkeit vergleichen ließe. Hier kannst
du deiner Sinnlichkeit freien Lauf lassen, deine Phantasien ausleben: Nutze das
aus, junger Mann! Nirgendwo sonst bietet sich dir die Chance!"
Fanny hörte einen kurzen Augenblick lang nichts mehr. Dann raffte sich Lloyd
endlich zu einer Erwiderung auf.
,,Wie du weißt, verhält es sich durchaus nicht so, daß ich nie zuvor ein Insel-
mädchen besessen hätte. Im allgemeinen bringt das ja auch keine Probleme mit

145
sich, doch in diesem speziellen Fall ..." Lloyd verstummte für eine Sekunde und
fuhr dann, wie es Fanny schien, etwas schamhaft fort: ,,Ich weiß nicht, wie zum
Beispiel Mutter darauf reagieren würde."
Fanny biß sich auf die Ltppen. Sie hielt denAtem an, ohne es zu bemerken, als
drinnen in der Bibliothek Louis laut auflachte. Es war ein boshaftes und zugleich
schuldbewußtes Lachen - dieArt von Gelächter, wie Louis es anstimmte, wenn er
sich kurzfristig auf eine ausgemachte Lüge vorbereitete.
,,Du solltest dich nicht darum ktimmem, wie deine Mutter die Angelegenheit
aufnimmt", sagte er nun. Fanny wich ein wenig zur Seite, damit Louis sie nicht
erspähen und womöglich seinen Vortrag unterbrechen konnte. ,,Deine Mutter ist
eine wunderbare Frau, eine treue Gef?ihrtin und die beste Freundin, die ein Mann
sich vorzustellen vermag. Doch muß ich leider gestehen, daJJ sie eines ganzwd
gar nicht verkörpert: eine leidenschaftliche Geliebte. Die sogenannten ehelichen
Pflichten sind eine Sache ... aber ungezügelte, wilde, grenzenlose Sinnlichkeit ist
eine andere, von der sie noch nie gehört zu haben scheint. Deine Mutter kann drch
also nicht verstehen."
Fanny traute ihren Ohren nicht. Um ein Haar hätte sie laut aufgeschrien. Das
Blut stieg ihr zu Kopfe, und ihre Schläfen pochten wie Dampfhämmer, Fannys
Gesicht lief dunkel an, doch mit Scharfföte hatte diese Verfiirbung nichts zu tun.
Sie kochte vor ohnmächtiger Wut. Hundesohn! brüllte sie lautlos.
Kaum war sie in der Lage, Louis'verteufelten Ammenmärchen weiter zu fol-
gen. Sie z\tang sich mit letzter Kraft zur Ruhe.
,,Obwohl ich niemals - nicht einen einzigen Augenblick, das schwöre ich -
bereut habe, deine Mutter geheiratet zu haben, muß ich doch gestehen, daß mich
besonders in den vergangenen Monaten des öfteren ein ganz bestimmter Gedanke
gequ?ilt hat. Daß deine Mutter keine Leidenschaft besitzt, geht ja noch an, denn
ich hatte mir vor unserer Hochzeit bereits gehörig die Hörner abgestoßen, wie der
Volksmund so treffend sagt. In dieser Hinsicht - als Mann also - mußte ich nicht
allzuviel vermissen. Was mich aber insgeheim oft martert, ist die Überzeugung,
daß Fanny mich stets, und zwar ohne mein eigenes Wissen und Erkennen, in der
Auslebung meiner künstlerischen Phantasien behindert hat. Ich schrieb nicht, wie
ich wollte."
Fanny begannen die Sinne zu schwinden, so tief verletzten Louis' Worte ihr
Innerstes. Sie hockte sich unter dem Fenster der Bibliothek auf den Verandaboden
und starrte mit leeren Augen dumpf und teilnahmslos vor sich hin. Erst als ihre
linke Hand mit der Glut der Zigarelte, die neben ihr lag, in Bertihrung kam, brach-
te sie der Schmerz wieder zur Besinnung.
Erbarmungslos fuhr ihr Gatte drinnen fort, ihren Sohn mit den dreistesten und
gemeinsten Unwalrheiten zu vergiften.

r46
,,Du kennst all meine Romane, Lloyd, meine Kurzgeschichten, meine Essays.
Du wirst dich möglicherweise manches Mal gewundert haben, warum ein gestan-
dener Mann davor zurückschreckt, sich in Dingen der Sexualität offener auszu-
drücken, die nackten Tatsachen bei ihren Namen zu nennen. Verglichen mit der
Art und Weise, wie ich hätte schreiben so llen,benahm ich mich prüde und zimper-
lich wie ein frommes altes Weib auf dem Weg zur Kirche! Heute kann ich dir
darauf die Antwort nennen: Ein Teil von mir mußte stets auf das Feingefühl deiner
Mutter Rücksicht nehmen, immer befand sie sich hinter meinem Rücken, unsichtbar,
unhörbar, und beeinflußte mich. Auch wenn sie einige meiner Werke nicht las,
fühlte ich mich von ihrer Moral eingezwängt, befand ich michin den liebevollen,
doch leidenschaftslosen Häinden einer Erbin puritanischer Sittenwächter!"
Fanny hielt sich entsetzt die Ohren zu, um die Worte ihres Mannes nicht mehr
vernehmen zu müssen. Sie kauerte reglos auf der Veranda und verharrte in diesem
Zustand, bis einige Zeit später Louis und Lloyd die Bibliothek verließen, ohne sie
zu bemerken, und sich zu den Ställen begaben - zweifellos, um sich den verschie-
denen Vergnügungen hinzugeben, die ein,,gestandener" Mann brauchte! Fanny
lachte kurz und bitter auf. Louis schob es aufihre, Fannys, Prüderie, daß er in
seinen Büchern die Dinge nicht,,beim Namen nannte"! Wann hatte er das denn
jemals getan? Er, der ausgerechnet während der letzten Monate, in einer Zeit see-
lischer Heimsuchung, Trost in den zahllosen albernen, weinerlichen Traktätchen
der schottischen Kirche zu finden trachtete, die er sich aus Europa senden ließ -
anstatt Vergessen oder Lust oder auch beides in denArmen seiner eigenen Frau zu
suchen!
Daß Louis' Selbstdarstellung sich lückenlos in das Weltbild seines Stiefsohns
Lloyd einfügte, dessen Mittelpunkt er verkörperte, verstand sich von allein. Um
so verdammenswerter erschienen Fanny seine Worte. Sie glaubte, daß Louis nicht
einmal bewußt log, sondern daß der Jurist in ihm,,lediglich" die Wahrheit in die
Richtung verdrehte, die ihm genehmer war. Insbesondere bei seinen amourösen
,,Abenteuem" hatte er das zeitlebens so gehalten, wie Fanny aus eigener, teilweise
unfreiwillig gemachter Erfahnrng bekunden konnte. Fanny war allerdings diskret
genug gewesen, weder Lloyd noch Belle jemals davon zu erzählen, auf welch
atemberaubend sinnliche, sttirmische Weise ihr Gatte sie damals in Frankreich
,,erobert" hatte. Ein wenig von dem heroischen Glanz ihres Stiefuaters wäre im
Zuge einer solchen Enthtillung aufder Strecke geblieben ...
Nachdem sich Vetter Bob seinerzeit pflichtschuldigst vom Schlachtfeld der Liebe
- wenn schon nicht dem der Ehre - zurückgezogen hatte, riß Louis ohne zu zau-
dern das Regiment an sich. Er verrneinte nun die exklusiven Rechte an Mrs. Fanny
Osbourne zu besitzen und tat dies auch nur zu bereirwillig jedem kund, den er
kannte, ganz gleich, ob der Betreffende danach fragte oder nicht. Fanny befand

t47
sich in jenen Tagen in einer für sie ungewohnten und äußerst untypischen Phase
derApathie, hervorgerufen durch die tiefe Enttäuschung, die der sanftmütige, aber
allzu willensschwache Bob ihr bereitet hatte. Sie ließ viele Dinge einfach gesche-
hen, die unter normalen Umständen Zorn und sofortige Gegenwehr in ihr wachge-
rufen hätten. Ihrem stets verläßlichen Freund Bob konnte sie nicht wirklich böse
sein, was ihre Lage wesentlich erschwerte: Wut auf ihn, Wut auf die gesamte schot-
tische Stevenson-Bande mit ihrem selbstemannten Klansherm Louis hätte Fanny
unweigerlich aus ihrem Zustand wachgerüttelt. So nahm sich Louis mit einer alle
Grenzen zur Impertinenz überschreitenden Selbstverständlichkeit sogar das Recht
heraus, sein offizielles Domizil in Fannys Pariser Häuschen aufzuschlagen. Inter-
essanterweise erfuhr Fanny von diesem ,,EinztJg" erst durch die Tatsache, daß
sämtliche an ihn gerichteten Briefe bei ihr eintrafen: Louis hatte seinen Freunden
ihre Adresse als Postanschrift genannt! In diese ,,leidenschaftliche Zeit" mußte
auch ihre erste Liebesnacht gefallen sein, die Louis in sentimentalen, dooh hinrei-
chend vielsagenden Briefzeilen diversen Bekannten schilderte. Fanny benahm sich
zwar recht passiv und phlegmatisch in jenem frühen Stadium, zugegeben - eine
zu zweit verbrachte Nacht jedoch hätte sich sicherlich in ihrem Gedächtnis festge-
setzt. Die Freunde, denen Louis in poetisch verbrämten, aber deutlichen Details
die Neuigkeit von ihrem intimen Verhältnis mitteilte, wußten sehr viel eher Be-
scheid darüber, daß Fanny das Kopfkissen mit Louis teilte, als Fanny selbst. Ihr
Erstaunen angesichts der Tatsache, daß sie während der gemeinsamen Nächte nie
körperlich zugegen war, ließ sich mit Worten nur schwer beschreiben. So äthe-
risch fühlte Fanny sich nicht - allen Zuneigungs-,,Beweisen" zum Trotz.
Schon bei ihrer ersten Begegnung im Gasthofzu Grez hatte Fanny geahnt, daß
Louis ein Heuchler war; nun aber begann sie bald, das ganze Ausmaß seiner Doppel-
natur zu begreifen und die schier bodenlose Kluft, welche sich zwischen Schein
und Sein auftat. Auch die Grundlagen seiner,,Moral" erkannte sie schnell. Wäh-
rend Bob, der über mangelnde Erfahrung in Liebesdingen gewiß nicht klagen konn-
te, frühere Affären nicht zu erwähnen pflegte und seine einstigen Geliebten nie in
Verlegenheit gebracht hätte, erfand Louis, der Vollblutdichter, zahlreiche sehr ro-
mantische, kunstvoll blumige und ausgesprochen kompromittierende Märchen.
Im Gegensatz zu Bob, der sich Fanny aufgrund ihrer ehelichen Bindung nicht
ungebührlich hatte nähem wollen, betrachtete Louis offensichtlich gerade diese
bestehende Bindung als zusätzlichen Anreiz.
Eine wunderbare Ironie lag in dem Umstand begründet, daß ausgerechnet Fannys
anfüngliche Passivität ihr nur wenig später das vollendete Mittel in die Hand gab,
sich bei Louis angemessen für seine unglaubliche Dreistigkeit zu revanchieren.
Von der ersten Stunde ihrer Bekanntschaft an hatte Fanny gespürt, daß ihr geisti
ger Widerstand eine übermächtige Herausforderung für Louis darstellte - viel-

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leicht den ersten großen Prüfstein überhaupt für einen Mann, dem sich jedes
menschliche Wesen auf der Stelle zu Füßen warf. Ihr Unwille, sich in eine der
unztihligen Flaschen stecken zu lassen, die er aufseinen Beutezügen füllte, erreg-
te ihn, spornte seinen Jagdinstinkt an. Als ein Mann, der sich körperlich immer
neuen, für seinen schmächtigen Leib scheinbar unüberwindlichen Barrieren stell-
te, fühlte er sich nun geradezu verpflichtet, Fanny geistig zur Strecke zu bringen
und wenigstens denlnhalt ihres Kopfes in seine Trophäensammlung einzureihen.
Zumindest ebenso stark jedoch wirkte der Druck von außen: die Erwarhrngen sei-
ner Freunde, die im Gasthof naGrezZetgen seiner einstweiligen Niederlage ge-
worden waren, als dieses amerikanische Weib ihn in froher Runde düpiert hatte
wie niemand vor ihr.
Fanny machte sich in bezug auf Louis',,Liebe" nichts vor. Die Beteuerungen,
er wolle sie zu,,der Seinen" machen, hatten den lästigen Konkunenten Bob ver-
trieben, der den tieferen, bösen Sinn dieser Worte in seinerArglosigkeit gar nicht
verstand. Wenn Louis nun überall vorgab, er und Fanny seien ein Liebespaar, meinte
er damit die Hälfte seines Zieles mühelos eneicht zu haben - und er behielt recht.
Für die Boherniens und Zechkumpane, die Louis' Oberhoheit nie in Frage stellten,
schien es nicht weiter verwunderlich, daß die schöne Frau aus Amerika sich in ihn
verliebthatte. Im Vergleich zu Louis waren sie schlichte Gemüter. Die vermeintli-
che Tatsache, daß er und Fanny ein intimes Verhältnis unterhielten, bedeutete für
sie nichts anderes, als daß Fanny sich wie sie alle in den Chor derAnbeter einge-
reiht hatte. Denn welcher Zuneigungsbeweis hätte größer sein können als die kör-
perliche Hingabe einer Frau - noch dazu einer verheirateten Frau aus bürgerlichen
Verhälbrissen? Durch eine einzige wohlplazierte Lüge also schaffte es Louis, die
Außenwelt, deren Meinung ihm wichtiger war als alles andere, davon zu überzeu-
gen, daß l\drs. Osbourne sich ihm mit Haut und Haaren verschrieben hatte. Louis'
Künstler- und Schriftstellerfreunde, allesamt keine Meister der subtilen Unterschei-
dung, setzten als gegeben voraus, daß zu ,,Haut und Haaren" einer Frau sowohl ihr
Herz als auch ihr Hirn gehörte ... Louis wußte das nattirlich und wandte diese
jahrtausendealte dichterische Freiheit im vollen Vertrauen auf die bewährte Wir-
kung an. Es war ein primitiver, schäbiger kleiner Winkelzug, wie nur ein wahrer
Poet oder ein abgefeimter Philister ihn sich erlauben durfte, Der originelle Kunst-
griffhinterließ bei Fanny prompt den gebührenden Eindruck.
Die heuchlerische Fassade, das Lügengebäude, das Louis somit für seine Be-
kannten errichtet hatte, verhalf ihm in Windeseile zu dem Teil des Erfolges, des-
sen Erlangung ihm dringlicher erschienen war: derWiederherstellung seines Rufes.
Lediglich er und Fanny kannten die Wahrheit. Selbstverständlich waren ihm die
Risiken seiner Vorgehensweise vollauf bewußt. Zum einen erwartete er von einer
Frau wie Fanny nichts andereq als daß sie sich voller Entrtistung gegen die unge-

t49
rechtfertigten Behauptungen eines Mannes zur Wehr setzen mulSte, der ihre Ehre
dermaßen in den Schmutz gezogen hatte - obgleich, zugegeben, dieser Schmutz
in Künstlerkreisen nicht halb so anrüchig war wie anderswo. Zum anderen aber
würde er, nach der Anwendung seiner für jeden echten Mann unwürdigen Schli-
che, bei der nunmehr anstehenden Venvirklichung des ursprünglicheren Teils sei-
nes Planes - der tatsächlichenlnbesitznahme Fannys - auf härteren Granit beißen
dennje zuvor.
In beiden Punkten ,,enttäuschte" Fanny ihn gründlichst. Ohne ihrerseits einen
Schlachtplan für dieses lächerliche Duell entworfen zu haben, durfte sie im nach-
hinein feststellen, daß sie sich vonAnfang an nicht weiser hätte verhalten können,
wäre sie nach einer ausgeklügelten Strategie vorgegangen. Eine solche Politik
schrittweiser Berechnung aber lag nicht in Fannys Natur. DerAugenblick gab ihr
in diesen ersten Monaten der unerwänschten Gemeinsarnkeit mit Louis Stevenson
stets das Richtige ein. Später hatte Fanny sich dann des öfteren gefragtrwas pas-
siert wäre, wenn sie alle erotischenAnzüglichkeiten unverblämt vor dem gesamten
Bekanntenkreis als Lügengespinst zurückgewiesen hätte. Die Antwort lautete
schlicht: wahrscheinlich gar nichts. Niernand hätte ihr tatsächlich geglaubt, son-
dern ihre Enttamung im äußersten Falle als den Ausdruck jenes instinktiven und
doch halb koketten Selbstverteidigungszwanges gedeutet, wie er insbesondere
weiblichenAnh?ingern der Bourgeoisie nun einmal innewohnte. Louis'Worte da-
gegen standen außer Zweifel, sozusagen von allem Irdisch-Profanen enträckt. Man
durfte Gott und Gesetz in Frage stellen, ein jeder nach seiner Fasson - Louis war
unantastbar.
Und doch mußte Louis nach seinen vorangegangenen Erfahrungen mit Fanny
damit rechnen, daß sie sich nach Leibes- und Geisteskräften wehrte. Der Abgott
der Kolonie, dieser hausgemachte Zew mit den wahrhaft mystischen Proportio-
nen einersich in den Himmel rankendenBohnenstange, hatte sich derarmen Fanny
genähert, dem sterblichen Gegenstand seiner Begierde. Anders als in der Myttro-
logie hatte dieser Gott allerdings zu befürchten, daß es nicht Fanny sein würde, die
im Feuer zugrunde ging - und daß die Flammen eher einAusbruch ihrer Wut sein
wlirden, die ihm entgegenschlagen mußte. Gar nichts schlug ihm im Endeffekt
entgegen, und das war weit schlimmer.
Resignation und Trägheit, die nach der gewaltlosenAbdankung Bob Stevensons
für Wochen Fannys ständige Begleiter geworden waren, erwiesen sich ausnahms-
weise als hilfreiche Berater. Nachdem Fanny von Louis'F,inzug in ihr Haus und
insbesondere vom Beginn ihrer körperlichen Leidenschaft für Louis gehört hatte,
unternahm sie nicht das geringste. Sein Gebaren erstaunte sie nicht wirklich; es
war auf eine sch?indliche Art absolut folgerichtig - und Fanny, die sich selbst aus
weiter Ferne betrachtete wie eine völlig Außenstehende, kam zu dem Schluß, daß

150
sie persönlich nichts damit zu tun hatte. Sollten sich doch andere um ihre Ehre
oder Unehre balgen, solange sie selbst um den aktuellen Zustand beider wußte!
Nichts lag ihr ferner, als sich zornentbrannt und blutdüntig in ein widerwärtiges
Spiel einzumischen, das nur einem garstigen kleinen Jungen, keinem wirklichen
Mann, hatte einfallen können.
Als die ausApathie geborene Gleichgültigkeit sich langsam verabschiedete und
Fanny wieder zur Besinnung kam, sah sie mit Wohlgefallen, daß sich während
ihres geistigen Schlummers wie durch Zauberkraft alles aufs beste geregelt hatte.
Lloyd und Belle, von der baldigen und endgültigen Vereinigung ihrer Mutter mit
dem geliebten Idol überzeugt, waren überglücklich. Louis dagegen, der nicht ver-
stand, wie ihm geschah, war alles andere als glücklich: Fanny dementierte nicht,
warf ihn nicht aus dem Haus, ktimmerte sich keinen Deut um ihren guten Ruf -
was in aller Welt sollte das bedeuten? Denn daran, daß Fanny, fasziniert durch
seine ritterliche Freveltat, plötzlich in heißer Liebe zu ihm entflammt war, glaubte
nicht einmal der von sich selbst so über die Maßen eingenommene Mr. Louis
Stevenson. Fanny begriff, was ihr Versäumnis der Gegenwehr letäendlich be-
wirkt hatte. Jede öffentliche Brüskierung hätte Louis erwartet und pariert; ihre
Gleichgültigkeit rieb ihn auf. Seine Existenz bedeutete ihr in der Tat so unendlich
wenig, daß sie es nicht einmal fru der Mühe wert hielt, sich seiner formell zu
erwehren! Mrs. Osboume gewährte ihm Tisch und Bett - allerdings nicht ilr Bett
- in jenem kleinen Pariser Domizil, das für drei Menschen kaum genug Platz bot.
Sie tat es mit derselben kühlen, distanzierten Freundlichkeit, die eine jede gute
Christin aufbot, welcher ihre Bibel die Aufnahme eines Obdachsuchenden aufer-
legte, auch wenn der Gast sich als unerwänscht erwies. Und Louis wußte, daß er
unerwünscht war, ein lästiges Insekt, dem Fanny wenigerAufrnerksamkeit schenkte,
als sie gemeinhin einem solchen aufdringlichen Mitbewohner zuteil werden ließ.
Doch sie ignorierte ihn auch nicht ausdrticklich, blieb stets ruhig und besonnen -
und untergrub damit seine Fassung gründlich und nachhaltig.
So kam es, daß sich Louis, wenn er nicht gerade mit Lloyd und Belle ins kind-
liche Spiel versunken war, trotz seines Platzes am Kopfende des Tisches - wel-
cher dem Hausherrn, aber auch jedem gnädig aufgenommenen Fremdling zustand
- oft nicht ganz wohl in seiner Haut und Fannys Häuschen fühlte. Niemanden,
weder die Bohemiens aus Fontainebleau noch die eigenen Kinder, hatte Fanny mit
einem einzigen Wort der Richtigstellung bedacht. Sie bestätigte Louis'Lügen nicht,
hütete sich allerdings auch wohlweislich, die Phantasiegebilde und ihren Schöpfer
zu entlarven. Indem sie aus freien Stücken Spielregeln befolgte, die Louis für sich
selbst aufgestellt hatte, genoß sie bald schon Momente der exquisitesten Rache.
Stiße Augenblicke dieser Art boten sich überall und zu jeder Zeit. Wenn zum
Beispiel Mme. Arnaud, die Schankwirtin des Coq rouge in Grez, an deren Theke

151
vorbei sämtliche Gerüchte der Kolonie die Runde machten - sofem sie nicht über-
haupt erst dort in die Welt geset wurden -, Fanny neugierig befragte, seit wann
sie denn ,,ein Paar seien", warf Fanny einen bedeutungsvollen Blick zu ihrem
Begleiter hin und säuselte: ,,Du hast demnach der guten Madame Amaud schon
alles über uns beide erzZihlt, nicht wahr, Lieber?' Dazu schenkte sie sowohl Mme.
Arnaud als auch ihrem ,,lieben Louis" das reizendste Lächeln und ließ kein Ster-
benswörtchen darüber verlauten, was es mit dem ,,alles über uns" auf sich haben
mochte ... und Louis litt zurAbwechslung Höllenqualen. LEingst war ihm zu Be-
wußtsein gekommen, daß Fanny über eine Form von Souveräinität verfügte, die
ihm persönlich, allen übrigen Talenten zum Trotz, völlig fehlte. Sie zeigte keiner-
lei Abhängigkeit von der Meinung anderer. Fanny kannte ihren eigenen Stellen-
wert und verzichtete dankend auf Zuspruch oder Schmeichelei von Menschen, die
ihr im Grunde nicht wichtig waxen. Auch die mögliche Verdammung durch Dritte
nahm sie bereitwillig in Kauf. Indem sie nun an Mme. Arnauds Schanlctisch stand
und freundlich lächelnd darauf wartete, wie Louis seine Märchen weiterspinnen
mochte, verabreichte sie ihm lässig den furchtbarsten Beweis ihrer Geringschät-
zung. Sie gewährte ihm freie Hand, ließ ihn erzählen, was er wollte; ja, es wäre
nicht einmal verwunderlich für ihn gewesen, wenn sie in der Ölfentlichfreir Küsse
oder Umarmungen zugelassen hätte, die unter vierAugen jenseits alles Denkba-
ren standen! Gerade dies aber war das Zeichen ihrer Macht, welches seine Grund-
festen erschütterte. Louis, der kecke Bilderstürmer, bedurfte dringend einer Fas-
sade flir sein Leben. Fanny bewahrte die Fassade im Beisein von Fremden vor
dem Einsturz und brachte es auf diese Weise fertig, das Götzenbild sogar in desseh
eigenen Augen zu entblößen.
Wann immer Louis sich in Fannys Gegenwart seiner Ohnmacht ausgeliefert
fand, die er persönlich verschuldet hatte und an der er jetzt nichts mehr ?indern
konnte, triumphierte Fanny innerlich. Sie hatte nicht vergessen, wie Louis mit
Bob und ihr umgesprungen war, als wären sie seine Marionetten;jetzt saß Louis in
der von ihm ausgelegten Falle und verstrickte sich mit jeder neuen Notlüge tiefer
und tiefer. Doch wenn er Fanny nun anblickte, während er im Netz zappelte und
niernand außer Fanny es bemerkte, es bemerken konnte, dräckten seine Augen
etwas grundlegend anderes aus als damals in der Runde seiner Jünger. Nicht ge-
nug damit, daß ihm ein echter Hauch von Schamröte in die olivfarbenen Wangen
stieg, wenn er gegen seinen Willen fabulieren mußte -wenn erneuerdings Fannys
Blick suchte, geschah es, um einen vagen, aber verzweifelten Hilferuf an sie aus-
zusenden. Und spontan, ohne es zu wollen, empfand Fanny dann sogar Mitleid
mit dern Übeltäter ... doch die Lage zu ändern, lag nicht in ihrer Macht.
Bisweilen, wenn Louis, Lloyd und Belle nach stundenlangem ausgelassenen
Herumtollen im Wald von Fontainebleau an den Mittagstisch zurückkehrten, wo

t52
Fanny aufdas Dreigespann wartete, bereitete ausgerechnet der kleine Lloyd Fannys
Dauergastdie schrecklichsten Schwierigkeiten. Aus Louis warlängst,,Onkel Louis"
geworden, und Lloyd hoffte auf bedeutend mehr für die nähere Zukunft. Eines
Tages, während des gemeinsamen Essens, brachte Lloyd zum ersten Male die ent-
scheidende Frage mitten auf den Tisch: ,,Wann werdet ihr beide heiraten?"
Er hatte seine Mutter gefragl, die den Schwarzen Peter sofort zum rechtnäßi-
gen Eigentümer weiterschob: ,,Da mußt du Onkel Louis fragen, Liebling. Er kann
dir das mit Sicherheit besser erklären als ich." Onkel Louis schien von einer Er-
klärung weit entfernt. Mit offenem Mund und großen Augen starrte er Lloyd an
und - war sprachlos. Zögemd fabrizierte er sein berühmtes Grinsen. Du magst ja
lächeln wie ein Wolf, dachte Fanny süffrsant, aber dreinschauen tust du wie ein
Schaf ... Als Fanny dana bemerken mußte, daß Louis nicht nur von Verlegenheit
gepeinigt wurde, sondern einen echten Kummer empfand, der sich nicht auf seine
bedrohlich bröckelnde Fassade bezog, verschwand ihre Genugtuung. Schließlich
wußte sie, wie sehr Lloyd seinen Onkel Louis anbetete. Louis wirkte nicht minder
glücklich in Lloyds Nähe, und auch Isobel, die sich beim Fangen oder Versteck-
spiel in Sekundenschnelle von der jungen Dame in ein kleines Mädchen zurückver-
wandelte, hatte Louis in sein Herz geschlossen. Oft beobachtete Fanny die drei im
Wald herumtobenden Gestalten von fern und sptirte dabei deutlich, daß es keine
Rangordnung in ihrem Spiel gab, daß Louis zum Kind unter Kindern geworden
war und sich keines der Vorrechte herausnahm, die sich ein befehlsgewohnter Er-
wachsener bei der Beschäftigung mit so jungen Geschöpfen mehr oder minder
unbewußt anzumaßen pflegte, War Louis mit den beiden zusrunmen, verflogen im
Nu alle Heuchelei und Affektiertheit. Sein Lachen war dann ausgelassen, selbst-
vergessen und geradezu einf?iltig. Das Vergnügen, das er selbst empfand, schenkte
er gleichermaßen den Gefährten, denn ohne den Spaß der Kinder hätte auch Louis
keinerlei Freude am Spiel gehabt. Wann immer Fanny unvermittelt Zeugin sol-
cher Szenen dreifachen Glücks wurde, ertappte sie sich dabei, daß sie den Feind
von einst nicht länger mit dem ursprünglichen Abscheu betrachtete - ja daß er
jetztim schlimmsten Falle ein Kontrahent war, den es auf Distanz zu halten galt.
Und wenn Fanny schonungslos ehdich zu sich war, gestand sie sich ein, daß Louis
zwar nicht mit einem wohlproportionierten, jedes Maler- und Frauenauge entzük-
kenden Körper wie Vetter Bob aufivarten konnte, daß aber seine grotesk langen
Gliedmaßen durchaus eigene Reize besaßen. Louis hielt sich in der Ruheposition
stets kerzengerade, und wenn er sich bewegfe,tat er das mit erstaunlicherAnmut.
Allerdings brachte Louis seine Hausherrin niemals in die Verlegenheit, ihn phy-
sisch abwehren oder sich zumindest eine dementsprechende Gewissensfrage stel-
len zu müssen. Eigentlich war Fanny diese ,,Unterlassungssünde" seitens eines
Mannes, der sich öffentlich Unversclr:jimtheiten allerArt herausnahm, schon von

153
Anfang an äußerst merkwürdig vorgekommen. Louis erschien ihr zwar nicht im
geringsten wie ein Schuft, der sich körperliche Grobheiten einer Frau gegenüber
erlauben würde - doch im Zuge seiner sonstigen Dreistigkeiten häfte es Fanny
kaum verwundert, wenn er, sozusagen um die Lage nt erkunden, ein paar ... nun
ja ... Fingerübungen an ihr ausprobiert hätte. Nicht einmal zu Beginn ihrer seltsa-
men Beziehung unternahm er Versuche in dieser Richtung, und nun, nachdern sie
ihm tiefen Respekt eingeflößt hatte, waren derart plumpeAnnähemngen ganz aus-
geschlossen. Louis hatte eingesehen, daß Fanny weder körperlich noch geistig
erobert werden konnte oder wollte. Er buhlte mittlerweile geradezu um ihre Gunst,
las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, unterwarf sich ihr unausgesprochen. Es
verlangte Louis nun nach wahrhaftiger Zuneigung, nicht Kapinrlation ihrerseits.
Er hatte sich in eine mißliche Situation hineinmanöwiert und erkannt, dal3 nur das
vorbehaltlose Eingeständnis der eigenen Sbhwäche ihn retten konnte. In einer Hin-
sicht nämlich bediente er sich, obwohl er Fanny ansonsten ohne Hinterlist begeg-
nete, einer geÄellen Strategie, die auf seiner neuerdings erworbenen'Menschen-
kenntnis basierte. Er wußte, daß Fanny keinen Feind vernichten konnte, der mit
gestreckten Waffen rücklings vor ihr auf dem Boden lag. Der große böse Wolf -
oder war es ein langer böser Wolfl - bot ihr seine ungeschützte Kehle dar und
verließ sich darauf, daß Fannys natürliche Beißhemmung sie unfehlbar daran hin-
dern würde, dem ungebetenen Quälgeist etwas zuleide zu tun.
Diese völlige Umkehr der Lage mißfiel Fanny beinahe noch mehr als die frühe-
re Feindseligkeit. Irgend etwas stimmte offenkundig nicht an der ganzen Sache,
das spürte sie überdeutlich. Fanny verabscheute Unterwerfung, sowohl die eigene
als auch die ihrer Mitmenschen. Bob Stevenson hatte sich ihr auf die rechte Art
gen?ihert, ihre Freundschaft zu erwerben - die einzige Art, die in Fannys Augen
zv'teier erwachsener Menschen wtirdig war. Er hatte sich weder zu einem riesen-
haften Popanz aufgeblasen, noch war es ihm in den Sinn gekommen, sich vor
Fanny auf die Knie zu werfen. Seine unbefangene Liebenswürdigkeit und der völ-
lige Verzicht auf die üblichen abgedroschenen, schmeichlerischen Phrasen, die
der Mehrzahl aller Frauen den Kopf verdrehten, nahmen Fanny flugs für ihn ein.
Was also war mit diesem undurchsichtigen Louis Stevenson nicht in Ordnung?
Er heischte ihre Zuneigung, erniedrigte sich, ihre Gunst zu erringen: Daß es ihm
dabei aber keinesfalls um jene äußerste Gunst ging, die sie ihm in der Meinung der
Welt bereits bezeigl hatte, war mehr als nur eine Ahnung. Louis wünschte sich
eine fertige Familie, ein schützendes Heim, in dem er, die Erlaubnis der ttichtigen
Hausfrau immer vorausgesetzt, sowohl den gütigen Patriarchen als auch ... das
dritte Kind spielen durfte, je nach Lust und Laune! Sobald Fanny dieser monströ-
se Gedanke das erste Mal in den Sinn gekommen war, vermochte sie ihn nicht
mehr abzuschütteln. Sah Louis etwa - eine Ersatzmutter in ihr, der reiferen Frau?

t54
Nur zu bald erhielt Fanny die Bestätigung ihrer Befürchtung. Nach vielen Wo-
chen dauernden Beisammenseins verwendete sie mittlerweile kaum noch Energie
darauf, Louis die obligatorische kalte Schulter nt zeigen - ntrrral sie sich insge-
heim wieder nach einer warrnen Schulter zum Anlehnen sehnte. Die Vorstellung,
sich an Louis' knochige Brust zu schmiegen, kam Fanny nicht mehr annähernd so
abstoßend vor wie zu Beginn ihrer gemeinsamen Haushaltsführung. Niemals wdre
sie bei Louis aber auf die Idee verfallen, den ersten Schritt zu tun, während sie sich
in Bobs Fall irgendwann sicher ein Heru gefaßt hätte. Ohne bewußt auf ein roman-
tisches Töte-ä-t!te zuzusteuern, hatte Fanny eines Abends, als die Kinder schon
im Bett lagen, die idealen Voraussetzungen dafür geschaffen: ein behagliches
Kaminfeuer, eine Flasche besten Burgunders, der für eine mehr als aufgeräumte
Stimmung sorgte. Es fielen einige Bemerkungen - Fanny vermochte sich an-
schließend kaum an den Wortlaut zu erinnern, wußte lediglich noch, daß das Ge-
spräch ansatzweise in erotisch verfiingliche Gefrlde geführt hatte. Das Bewußtsein,
sich mit Fanny allein in einem Raum zu befinden, ließ Louis zunehmend nenröser
werden. Fanny, leicht beschwipst, hielt seine Unruhe irrtümlich für Leidenschaft und
kam ihm langsam, behutsam immer näher. Und Louis? Louis verhielt sichztttar nach
aufien hin,wie es sich für einen Mann in einer derartigen Situation gehörte, legte den
Armum Fannyund machte gehorsamAnstalten, sie zuküssen. Dochjedeverkrampfte,
vor Schreck zu Stein erstarrte Faser seines Körpen rief ihr während der,,IJmarmung"
fürmlich zu: Hör auf, um Himmels willen, schlag mir auf die Firger, dreh den Kopf
weg, wirf mich aus dem Zinner - denn ich habe Angst vor dir!
Der Nebel in Fannys Kopf lichtete sich augenblicklich. Als ihr dämmerte, was
für ein Mann das war, der ihr Bob Stevenson genommen hatte, stieg nackte Wut in
ihr hoch. Ehe sie es sich versah, diktierte ein Teufel, ein nie gekannter Dämon aus
einem geheimen Winkel ihres Hims, Fanny den nächsten Satz.
,,Heute nacht gebe ich dir Gelegenheit, mir alles z.Jzeiger., was du den Mäd-
chen in der Lothian Road gezeigt hast. Ich bin doch schließlich auch eine recht
folgsame Christin ..."
Kaum waren die Worte verklungen, erschrak Fanny über sich selbst. Ihr war
heute nacht bloß nach ein wenig Z?irtlichkeit zumute gewesen, nicht nach lüster-
nerAusschweifrrng, wie sie sie Louis,,angedroht" hatte. Louis' fortgesetztes heuch-
lerisches Treiben schien auch in ihr einen bösen Geist wachgerüttelt zu haben.
Nur um ihn zu provozieren, ihn zu bestrafen und zu demütigen, hatte sie das Bor-
dell in Edinburgh erwähnt!
Es kam, wie es kommen mußte: Louis wurde aus heiterem Himmel von einer
scheußlichen Unpäißlictrkeit überfallen - der Wein bekam ihm offenbar nicht, und
das Kaminfeuer erstiche ihn geradezu. Jedenfalls drängte es ihn schleunigst hin-
aus an die frische Luft. An diesemAbend sah Fanny ihn nicht mehr. Am nächsten

155
Morgen war sie nicht erstaunt, ihn bei Reisevorbereitungen anzutreffen: Sein Va-
ter war erkrankt, gewissermaßen überNacht, und Louis mußte unverzüglich nach
Schottland aufbrechen, um nach dem armen alten Mann zu sehen. Fanny verstand
seine mißliche Lage - wie gut sie sie verstand!
Das Schlimme an der Geschichte war der Umstand, daJJ sie sich inzwischen
viel zu sehr an den Eindringling gewöhnt hatte, um über sein Verschwinden froh
sein zu können. Louis versprach ihr, so bald wie möglich zu ihr, Lloyd und Isobel
zurückzukehren. Mit gemischten Gefühlen ließ sie ihn ziehen, fest entschlossen,
ihr ursprüngliches, von keinem Stevenson getrübtes Leben in der Kolonie und in
Paris wieder aufzunehmen, als sei nie etwas geschehen. Wie konnte sie ahnen, daß
Louis seine Drohung wahrmachen und dadurch ein viele Monate währender, für
alle Beteiligten zermürbender Kreislauf von Anziehung und überstürzter Flucht
entstehen sollte! Mal hielt Louis es ein halbes Jahr bei Fanny aus, die sich wäh-
rend dieser Zeitspanne wohlweislich in Sachen ,,Leidenschaft" zurückhielt; dann
venchwand er wieder auf ebenso lange Dauer.
Oft wünschte sich Fanny, sie wdre weder Bob noch Louis je über den Weg
gelaufen. Wie friedlich hätte sich ihr Leben im schönen Frankreich gestalten kön-
nen! Nun befand sie sich in ,,festen Händen', deren Besitzer sich mit unschöner
Regelmäßigkeit in Luft auflöste; sie erfreute sich eines Hausfreundes, der tatsäch-
lich nur Freund des Hquses war. Louis hatte von Heirat gesprochen, ohne daß
Fanny ihn im geringsten dazu ermunterte, und meinte es höchstwahrscheinlich
sowieso nicht ernst mit derlei Pläinen. Sein Kommen und Gehen entnervte sie, und
wären die Kinder nicht gewesen, die seine Rückkehr voll inbrtinstiger Sehnsucht
erwarteten, hätte sie am liebsten die Koffer gepackt und sich auf den Heimweg
nach Amerika gemacht. Die Situation, in der sie sich nun befand, schien ihr
entwärdigender als die Zeit der unverschämten Belagerung; zudem kam sie ihr
auf nahezu unheimliche Weise bekannt vor. Eine Strohwitwe konnte sie auch in
San Francisco sein, inAbwesenheit ihres rechtmäßigen Gatten Samuel. Zwei Din-
ge mußte man sogar dem Nichtsnutz Samuel zugute halten: Er brachte von seinen
Beutezügen als Goldsucher genug Geld für den Unterhalt seiner Familie mit, und
er fand - geübter Spurenleser, der er war - wenigstens alle paar Jalre den Weg in
Fannys Bett. Was Fanny, bedingt durch Louis'ferne Existenz, in der Kolonie an
intimer männlicher Zuwendung genoß, war, mit Verlaub, weniger als nichts. Lou-
is' vermeintlicher Besitzanspruch wirkte nachhaltiger zu seinen Gunsten als jeder
mittelalterliche Keuschheitsgürtel. Fanny galt schlicht als unantastbar!
Trotzdem hätte Fanny das unwtirdige Spielchen womöglich bis in alle Ewigkeit
weiter mitgespielt - aus Liebe zu ihren Kindern, die in regelrechten Trübsinn ver-
fielen, wenn ihr Onkel Louis nicht bei ihnen war. Doch der Ztfiall wollte es, daß
Fanny Dinge zu Ohren kamen, die einer stolzen Frau wie ihr nun wirklich keine

156
Wahl mehr ließen. Klatsch und Tratsch gehörten in der ländlichen Gemeinschaft
unausgegorener Kifurstlernaturen genauso zum täglichen Leben wie in jeder belie-
bigen Arbeiterspelunke in der Großstadt. Jedes Wort, jede unbedeutende Neuig-
keit machte unweigerlich überall die Runde. Ein Ausspruch des großen Louis
Stevenson aber galt von vomherein als Evangelium und genoß in Sachen Verbrei-
tung höchste Priorität. Da sich allerdings das Zitat, das Fanny so tiefverletzte,
unmittelbar auf ihre Person bezog, befand sie sich naturgemäß unter den anletzt
Aufgeklärten - doch als sie endlich an der Reihe war, erfuhr sie mehr als genug.
Louis hatte nicht nur einem, sondern gleich mehreren Bekannten in Briefen sein
Leid geklagt: ,,Ich werde sie heiraten. Doch - Gott helfe mir! - das Leben eines
Mannes, der die Ehe wählt, ist unwidemrflich vorbei. Sein Weg liegt vor ihm, lang
und kerzengerade und staubig, bis hin zu seinem Grabe. Keine Seitenpfade me\
die er betreten darf, keine grünen Wiesen, über die er tollen könnte! Er gewährt
einem Zeugen Zutritt, der alle Handlungen überwacht und den er nicht belügen
kann. Es ist beinah so, als bäte man jenen furchtbaren Engel in sein Haus, der
Buch führt über alle Taten bis zum Tag des Jüngsten Gerichts! Ist man erst verhei-
ratet darf man sich bloß noch anstlindig benehmen - und nicht einmal der Selbst-
mord vermag einen Mann dann noch aus derNot zu retten."
Diese Bezeugung überschwenglicher Vorfreude seitens eines Mannes, der sei-
ne Heiratsabsichten in keinerlei formellen Antrag gekleidet, sondern besten- oder
schlimmstenfalls vage Drohungen ausgestoßen hatte, überstieg Fannys Begriffs-
vermögen. Vor allem aber überstieg solch schriftlich fixierter Unfug Fannys Ge-
duldmit ihrem Peiniger. Sollte der elende Kerl doch auf ewig dort bleiben, wo das
Heidekraut wuchs!
Den allerletzten Stein des Anstoßes, der in Fannys Seele die l?ingst überfüllige
Lawine auslöste, brachte ausgerechnet Vetter Bob ins Rollen. Der gute Bob hatte
inzwischen die persönliche Enttäuschung überwunden und freute sich nun ehrlich
und vorbehaltlos für die beiden ,,Brautleute". Mittlerweile gelang es ihm auch
wieder, erhobenen Hauptes mit Fanny über das Thema zu sprechen. So kam ihm
eine Offenbarung über die Lippen, die Fanny den kargen Rest Selbstbeherrschung
raubte.
,,Es ist schön, daß ihr beide euch zur Heirat entschlossen habt, Fanny. Du bist
die gam große Liebe in Louis' Leben ... na ja" wenn man einmal von Mrs. Sitwell
absieht - aber die war von vornherein völlig uneneichbar für unseren Louis."
Fanny verkrampfte sich unwillkürlich. Von einer Mrs. Sitwell hatte ihr Louis,
der ansonsten so viel und gern redete, kein Sterbenswörtchen erzählt. Fanny fühl-
te keine Eifersucht, aber irgend etwas war ihr nicht geheuer an der Unbekannten.
,,Da kamen mehrere Gründe zusammen", antwortete Bob auf ihre Frage, war-
um Louis das Herz dieser ominösen Mrs. Sitwell nicht hatte erweichen können.

ts7
,,Erstens hatte sie zwölf Jahre mehr auf dem Buckel als er, was sie ihm ständig
vorhielt. Und zweitens zog sie ein Kind groß. Sie lebte zwar von ihrem Mann
getrennt, war aber noch verheiratet ... oh, verflucht noch mal."
Bob schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Diesmal begriff sogar er,
daß er sich durch seine unbeabsichtigte Taktlosigkeit um Kopfund Kragen gere-
det hatte. Dennoch drang lediglich einAspekt derAngelegenheit in sein Bewußt-
sein. Er glaubte, Fannys Ehre sowohl als ,,ältere" wie als verheiratete Frau ge-
känkt zu haben. Schamröte stieg ihm ins Gesicht.
,,Schon gut, Bob", beruhigte Fanny ihn, indem sie ihm beschwichtigend die
Hand auf die Brust legte. Ihr gingen garu andere Dinge durch den Sinn. ,,Erzähl
mir mehr von ihr."
Obgleich der armen Fanny im Laufe von Bobs Bericht abwechselnd heiße und
kalte Schauerüber den Rücken liefen, ließ sie erst davon ab, ihn zum Weiterreden zu
drängen, nachdem er auch das winzigste Detail preisgegeben hatte. Schpnkte man
Bobs Darstellung Glauben - und das durfte man getrost tun -, hätte Mrs. Sitwell
Fannys Zwillingsschwester abgeben können! Frst 1873, also drei Jahre vor seiner
ersten Begegnung mit Fanny, hatte Louis sich,,unsterblich" in eine Freundin seiner
Kusine Maud verliebt: eine schöne, intelligente Frau, die mit l7 Jahren einem Mann
in die Ehe gefolgt war, der sich nur wenig später als Tunichtgut enpuppte. Zwar war
Frances-noch eineFrances!- Sitwell die Gattin einesUnholdes im Predigergewand
geworden, was der blutjungen Fanny Vandegrift im Leben nicht passiert wäre, doch
ansonsten stimmten die Lebensläufe beider Frauen fast haargenau überein.
Mrs. Sitwell, sprachlich und känstlerisch hochbegabt, betätigte sich als Über-
setzerin, Rezensentin und Sekretärin und war unter anderem an einem College am
Londoner Queen's Square beschäftigt. Demnach mußte sie eine Frau sein, die
Louis'Ansprüche in geistiger Hinsicht vollauf befriedigte. Sie sorgte für einen
kleinen Jungen von sensibler, schwächlicher Konstitution, der- zumindest in Louis'
Augen - für die Zuwendung, die Louis als älteres Kind geben konnte, einfach wie
geschaffen schien. Der Kleine war, wie Bob sagte, der reinste Engel.
Wer vermochte damals, im Grez des Jahres 1878, den furchtbaren Schicksals-
schlag vorauszuahnen, der die beiden Frauen namens Frances zusammentreffen
lassen sollte? Zwei Jahre später ki,immerten sich beide in der Schweiz, im Lungen-
sanatorium zu Davos, mit vereinten Kräften um dieselben Kranken - um Louis,
doch weit intensiver noch um Mrs. Sitwells todgeweihten Sohn, dem es genau wie
Fannys kleinem Hervey nicht vergönnt war, das Erwachsenenalter zu erreichen.
Die Mütter, die ein unbarmherziges Los zu geduldigen Krankenpflegerinnen aus-
gebildet hatte, trauerten gemeinsam um Mrs. Sitwells Kind.
Noch schrieb man jedoch das Jahr 1878, und Fanny, die der arglose und geistig
manchmal geradezu unbedarfte Bob über die,,Vorgängerin" aufklärte, schwanden

158
zusehends die Sinne. Nun nämlich vermeinte Fanny die endgültige Bestätigung
für ihre langgehegteAngst zu erhalten, daß Louis sich aufder Suche nach einer
Ersatzmutter befand, die ihm in körperlicher Hinsicht nicht geftihrlich werden
würde. Frances Sitwell war, was das betraf, die vollkommene Kandidatin. Die
Gesetze im viktorianischen Britannien satren die Möglichkeit einer Scheidung nicht
vor; Prüderie und Scheinmoral verlangten, daß die gute Christin, wenn sie schon
getrennt von ihrem Ehemann lebte, zu dessen Lebzeiten unerbittlich keusch blieb.
Mrs. Sitwell galt denn auch in der Tat als Modell an Sittsamkeit und Unnahbarkeit.
Darüber hinaus existierte noch ein weiterer triftiger Grund, warum Louis keine
Angst vor der Frau haben mußte, die er voll sehnsüchtiger Leidenschaft seine
,,Madonna", seine,,Sonne" nannte. Hätte ihr Ehemann ohne Vorwarnung das Zeit-
liche gesegnet, wdre Louis, der jugendliche Held, noch lange nicht an der Reihe
gewesen - er hätte sich geduldig hinter dem Galan seiner mütterlichen Freundin
anstellen müssen! Dieser Mr. Colvin, dem es seinerseits beschieden sein sollte,
volle drei Jahrzehnte auf die körperliche Liebe seiner Angebeteten zv warterL,
erkannte in Louis folglich einen so geführlichen Rivalen, daß die beiden während
der ,,gemeinsamen" Wartezeit zu engen Freunden wurden. Louis durfte seiner Göttin
feurige Liebesbriefe schreiben, und doch konnte sich der Glückspilz unfehlbar
darauf verlassen, daß sie ihm bei jedemAnnäherungsversuch einen Klaps auf die
Finger geben würde ...
Fanny, die den letzten kümmerlichen Rest ihrer Geduld dabei aufgezehrt hatte,
Bobs Geschichte bis zum bitteren Ende zu lauschen, entschloß sich nun im Hand-
umdrehen zur Rückreise in die Vereinigten Staaten. Sie fühlte keine Eifersucht -
wie hätte sie auch eifersüchtig sein können auf eine Frau, die Louis'Avancen auf
eine Art von schmachtender Madonnenliebe begrenzte und ihm gerade dadurch
mehr entgegenkam, als sie vielleicht ahnte! Die wahre Kränkung, die Fanny nicht
zu ertragen gewillt war, lag in dem Umstand begrtindet, daß sie die vergangenen
Jahre über eine bloße Notlösung für Louis dargestellt haben mußte. Während sie
sich insgeheim so manches Mal über Louis' Epigonen amüsiert hatte, über die
vielen jungen Männer, die ihn in Gestik, Mimik, Haartraclrt und Kleidung zu imi-
tieren suchten, hatte sie selbst die garueZeitnichts als eine armselige Doppelgän-
gerin für Louis' ,,Sonne" abgegeben. Wie sich die Bilder in Louis'Leben doch
wiederholten! Fanny hatte von Kindesbeinen an Gruselgeschichten gelesen, und
das Motiv des Doppelgängers, das in dieser Literatur eine so große Rolle spielte,
liebte sie über alles. Doch niemals, nicht in der schaurigsten Geschichte, war sie
auf ein Zweitwesen gestoßen, das seinem Original derart hoffnungslos unterlegen
war - ja, das sein Original nicht einmal kannte! Eine von Louis zurechtgestutzte
Kunstfigur: das war es, was Fanny nun in sich sah. Sie und ihre Kinder bildeten
eine Art Tableau, ein lebendes Bild, nach dem Louis offenbar immer und immer

159
wieder suchte. Aber Fanny war lebendig, keine von seinen Puppen! Viel zu lange
schon hatte sie sich von Louis beeinflussen lassen, ohne es zu merken. Ihre Lang-
mut war erschöpft.
Und da sie sich nun endlich einmal anschickte, Nägel mit Köpfen zu machen,
beschloß Fanny, sich in dernselben Abwasch auch gleich ihres Gatten zu entledi-
gen. Ihre erste Befreiungstat nach der Rückkehr in die Staaten würde die Schei-
dung von Samuel sein. Ihr Dasein als Lückenbüßerin für Louis gedachte sie näim-
lich keinesfalls gegen ein neuerliches Leben als Samuels Strohwirwe einzutau-
schen. Kaum hatte Fanny diesen weitreichenden Entschluß gefaßt, begann sie auch
schon, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sie packte ihre Habseligkeiten zusam-
men, griffsich ihre widerstrebenden, lauthals protestierenden Sprößlinge und be-
gab sich mit ihnen auf die lange, weite Reise nachAmerika. Dort angelangt, bezog
sie mit Lloyd und Belle Quanier bei einer freundlichen Mexikanerin im Küsten-
städtchen Monterey, unweit von San Francisco. Von diesem Stützpunkt aus, der
ihre finanziellen Mittel nicht übermäßig strapazierte, machte sie sich an die Auf-
gabe, ihre Scheidung von Samuel in die gesetzm?ißigen Wege zu leiten.
Niemand aber vermochte auch nur halbwegs angemessen Fannys fassungslo-
ses Staunen zu beschreiben, als eines schönen Tages, viele Monate später, ein
abgezehrtes, klapperdürres Individuum über ihre Schwelle stolperte, das rnan nur
unter Zuhilfenahme blumigster Phantasie als Mr. Louis Stevenson identifizieren
konnte! Hatte der Unglückselige schon in Frankreich als ein Ausbund an Hager-
keit gegolten, so war sein Leib nun dermaßen geschwunden, daß außer Haut und
Knochen nichts mehr übrig zu sein schien. Das Gespensterwesen, das Fanny ins
Haus geweht kam, war überdies krank und fieberte sichtlich: Die Augen in dem
zum Totenschädel abgemagerten Gesicht glänzten so unnatürlich, daß keine ärzt-
liche Diagrrose nötig war, um das festzustellen. Zudenwar Louis bleicher als ein
Laken. Als Fanny den Überraschungsgast ins Bett verfrachtete, schlug ihr der
Geruch von Schnaps entgegen. Das Louis-Wesen bemerkte es und grinste. Es hat-
te sich zuerst ausgiebig betrunken, bevor es gewagt hatte, Fanny seine Aufivar-
tung zu machen ...
Nach und nach erfuhr Fanny dann, was der verrückle Mensch alles angestellt
hatte, um zu ihr nach Kalifornien zu gelangen, nachdem ihm zu Bewußtsein ge-
kommen war, daß er es ohne seine unfreiwillige Verlobte nicht aushalten konnte.
Seine Freunde in Frankreich und auch einige Bekannte in London wußten von
seinem himverbrannten Plan, ohne einen Penny in der Tasche die Reise über den
Großen Teich anzutreten, Seine Eltern ahnten nichts davon - wie sich etwas später
herausstellte, ahnten sie nicht einmal Genaueres von Fanny! - und taugten dem-
nach kaum zur Finanzierung seiner neuesten Eskapade. Wieder einmal hatte sich
Louis statt der simplen Watrheit einer seiner Mystifikationen bedient. Seinen Freun-

160
den nämlich erzählte er, die gute Fanny sei lebensbedrohlich erkrankt und verlan-
hilflosen Lage per Blitztelegramm nach seiner trostreichen Gegenwart!
ge in ihrer
FannysAdresse hatte Louis sich auch zu verschaffen gewußt, und nicht nur die: Er
besaß die Postanschrift eines ihrer Malerfreunde, an die er seine Briefe sandte.
Dieser Mittelsmann, Joseph Strong, agierte allerdings eher im geheimen Auftrag
von Töchterchen Isobel, einer vielversprechenden Nachwuchsintrigantin. Von ihr
mußte Louis auch den Wohnort seiner Familie in spe erfahren haben. Als Isobel
kurzeZeit später diesen Joseph Strong heiratete, der auch für die Existenz Klein-
Austins verantwortlich zeichnen sollte, wunderte Fanny übrigens rein gar nichts
mehr.
Nun, einen oder zwei Pennies mußte Louis besessen haben, doch sicher nicht
viel mehr, denn seine Passage im hoffnungslos überfüllten Zwischendeck des
Emigrantenschiffes Devonic bot nicht ein Mindestmaß an Komfort, dafür jedoch
eine reiche Auswahl an interessantestem Ungeziefer, zwei- wie sechsbeinig. Eine
stark juckende, harträckige Hautkranltreit war die hauptsächliche Ausbeute die-
ser faszinierenden Seefahrt. In New York angekommen, genehmigte sich der be-
reits geschwächte Louis für eine Nacht den Luxus einer Pension, die es getrost mit
jedem Flohzirkus aufnehmen konnte. Dann aber ging es endgültig zur Sache. In-
mitten des Gewimmels, welches durch die gleichzeitige Ankunft von vier Aus-
wandererschiffen venrsacht wurde, schipperte Louis mit der Fähre über den Hudson
nach Jersey City, wo eine fast nicht enden wollende Odyssee quer über den
amerikanischen Kontinent begann. Unz?ihlige Male mußte Louis seine Transport-
mittel wechseln. Oft waren sie derart primitiv, daß der Zug von Council Bluffs am
Ostufer des Mississippi, eine Neueinwanderem und Glücksrittern ,,vorbehaltene"
Verbindung der Union-Pacific-Eisenbahn, sich noch als das bei weitem angenehm-
ste Vehikel erwies. Hier durfte Louis es sich immerhin auf dem Dach bequem
machen, wenn er sich gut festhielt, und war dort oben, sah man von ein paar
Menschentrauben ab, beinahe allein und ungestört. Erst als er ernstlich krank wur-
de- was ihm aber von den Reisegefdtrten nicht verübelt wurde, sondern im Ge-
genteil Anlaß zu allgemeiner Heiterkeit gab -, verließ Louis allmählich der eigene
Humor.
Bei seiner Fanny fand er ihn gottlob in Windeseile wieder, obwohl die Schwere
seiner Krankheit nicht zu unterschätzen war, wie Fanny auf den ersten Blick er-
kannte. Louis'spindeldünes Gerippe, das aufgrund vonAuszehrung und dauern-
der Erschöpfung keinerlei Widerstandskraft mehr besitzen konnte, hatte trotz alle-
dem den Weg zu ihr gefunden - zweifellos angespornt vom eisernen Willen seines
Besitzers. War Louis von einer Idee oder einem Wunsch wirklich beseelt, verlang-
te er seinem armseligen Körper stets das Letzte ab; in diesem Fall aber hatte er
seinen Leib erbarmungslos bis an die äußersten Grenzen gepeitscht, ihn ohne Gnade

t6l
den weiten Weg entlanggequält, wie er kein kerngesundes Reittier je geschunden
hätte.
Nach all den Strapazen, die Louis um Fannys willen durchliffen hatte, verstand
es sich von selbst, daß sie ihn pflegte - wenn sie ihn auch nach wie vor für einen
ausgemachten Narren hielt. Kopfschüttelnd hörte sie seinem fröhlich vorgetrage-
nen Reisebericht an, obwohl sie ihm ausnahmsweise jedes Wort glaubte. Kein
Mensch, den das Fieber beinahe verbrannte, vermochte so ausgeklügelt zu schwin-
deln! Und kopfschüttelnd sorgte sie für ihn, als derArzt ihm nach einem ausgiebi-
gen Blutsturz die Erlaubnis zum Sprechen entzog und Louis sich mit ihr nur noch
durch gekritzelte Botschaften verständigen konnte. Seine Temperatur war inzwi-
schen normal, sein Verstand so klar, wie das bei diesem verrückten Kerl überhaupt
möglich schien. Jetzt war Louis auch umgehend wieder zur Verstellung f?ihig -
ausnahmsweise jedoch, wie Fanny sich verwundert eingestehen mußte, zu einer
Spielart der Täuschung, die ihr den größten Respekt einflößte. Fanny hatte - nicht
ganz unberechtigterweise - erwartet, Louis würde sich aufdem Krankenlager be-
nehmen wie die meisten Männer, nämlich wie ein verwöhntes, ohne Unterlaß jam-
memdes Kind. Louis enttäuschte sie mit seinem Verhalten gründlich. Wohl wis-
send, wie emst es um ihn stand, nahm erden eigenenZustandnichtbloß gelassenhin,
sondem riß die schonungslosesten Witze über die Krankheit und ihreAuswirkungen.
Eine Eigenschaft fehlte ihm ganz und gar: der Hang zum Selbstrnitleid. Louis ließ
jeder leidenden KreaturAnteilnahme zuteil werden, ausgenommen sich selbst.
Und so verbrachte Louis etliche Tage und Nächte damit, guten Mutes Blut zu
spucken und seine Krankheit mit trockenstem Sarkasmus herunterzuspielen, wäh-
rend jeder normale Mann geklagt und hinreichend Berechtigung zur Klage ge:
habt hätte. Louis dramatisierte seine Krankheit sehr wohl: Er gestaltete sie für
seine treusorgende Zuschauerin Fanny zur Farce. Aus Erfahrung wußte Fanny,
daß sich am Krankenbett eines Mannes - sehr viel seltener dem einer Frau! -
leicht Liebesbeziehungen entwickeln konnten, die aus dem Mitleid der Pflegerin
und der Dankbarkeit des Gepflegten entsprossen. Wenn der Sieche dann mögli-
cherweise auch noch hüstelte wie die berühmte Kameliendame, die Fanny ein-
mal auf einer Pariser Bühne gesehen hatte, war es oft um Seele und Verstand der
Barmherzigen am Bettrand geschehen. Nun bemerkte Fanny deutlich, daß ihr
ähnliches zustieß - mit dem nicht geringen Unterschied, daß sie auf dem besten
Wege war, sich in einen mit dem Tode ringenden Possenreißer zu verlieben. Sie
hatte nicht damit gerechnet, es eines Tages zu erleben, aber nun bewunderte sie
Louis zutiefst.
Gut, er mochte sterbenskrank sein: doch nicht krank genug, um Fannys Schwä-
che nicht zu registrieren und Nutzen aus dem Augenblick zu ziehen. Folglich schrieb
er Farny prompt einen Heiratsantrag. ,,Bist du gewillt", kritzelte er, ,,dieses untä-

162
tig in deinem Bett herumliegende Knochengestell zum Ehemann zu nehmen?" Als
Fanny ihm zt larlrge mit der Antwort zögerte, fügte er erläuternd hinzu: ,,Es hat
manchmal ein wenig Husten, aber daflir schnarcht es garantiert nicht." Er überleg-
te kurz, machte dann mit dem Bleistift drei Ausrufezeichen, bevor er Fanny den
Zettel reichte. Und grinste bis zu den Ohren.
Fanny vermochte sich nicht länger zu beherrschen und gab dem absonderlichen
Geschöpf in ihrem Bett einen Kuß. Louis wich zurück, doch diesmal aus einem
anderen Grund als sonst. Er schrieb wieder. Fanny las: ,,Steck dich gefülligst nicht
bei mir an - wer sonst soll mir wohl beim Schreiben zuhören?" Die Warnung kam
leider etwas zu spät. Fanny hatte sich während der intensiven Krankenpflege längst
infiziert. Doch der Keim, der von ihr Besitz ergriffen hatte, wirkte sich weniger
auf Fannys Lunge aus als auf ihr Herz . .. denn er hieß Louis.
Warf Fanny zu ihrer eigenen Zuneigung noch die heiße Liebe ihrer beiden Kin-
der in die Waagschale, blieb ihr gar nichts anderes übrig, als Louis zu heiraten.
Leider stand ihr noch immer die Ehe mit Samuel im Wege, wenn auch genauge-
nommen nur die Dauer der legalen Prozedur. Kaum hatte Fanny Louis halbwegs
aufdie Beine zurückgeholfen, begaben sich beide nach San Francisco: Fanny im
Zuge der juristischen Formalitäten, Louis als ihr getreuer Schatten. Dann war es
geschafft, Fanny geschieden - und Louis lag erneut todkrank darnieder, weil die
berüchtigten Nebelschwaden San Franciscos ihm womöglich noch weniger beka-
men als der Dunst von Edinburgh. Die Heirat zwischen Louis und Fanny war denn
auch nicht weniger als eine Feier,,in extremis", wie sogar Louis zugab, eine Not-
hochzeit im Angesicht des drohenden Todes. Dem schottischen Presbyer, der die
zwei in seinern Heim vermählte, gab Fanny als Familienstand,yerwitwet" an. Sie
schämte sich nicht etwa ihrer just vollzogenen Scheidung, sondern war dermaßen
aufgewühlt, daß ihr aus Todesangst um Louis dieser Versprecher unterlief.
Inzwischen hatten Louis' Eltern längst alles über die Umstände erfahren, unter
denen ihr Filius verschwunden war, und zeigten sich unendlich verständnisvoller
und großzügigeq als Fanny es sich hätte träumen lassen. Von Louis'Vater reich
versorgt, konnten die Eheleute mit dem Pullman-Zugund in einer luxuriösen Ka-
bine des Dampfers City of Chester nach Großbritannien zurückkehren - wo sie ein
volles Jahr nach Louis'übersttirztem Aufbruch eintrafen. Die Stevensons hießen
Fanny herzlich willkommen, und ihre Freundlichkeit kam zweifellos von Herzen.
Bei einem Umtrunk war auch Louis'Onkel George Balfour zugegen, der Fanny in
weinseligem Zustande die artigsten Komplimente machte. ,,Du wirst Louis zätr-
men", meinte er. ,,Hab'mil selbst 'n Besen wie dich genommen und's nie bereut."
In Edinburgh lemte Fanny das ,,bürgerliche", großstädtisch zivilisierte Zen-
trum des Stevenson-Klans kennen. lm Zuge der etwas verspäteten, inoffrziellen
Hochzeitsreise, welche die beiden in die entlegensten schottischen Winkel führte,

163
zeigte Louis seiner frischgebackenen Gattin das wahre Wirkungsgebiet des m?inn-
lichen Teils der Familie. Andeutungsweise hatte Fanny bereits erfahren, daß die
Stevensons eine veritable Dynastie von Ingenieuren bildeten: vier Generationen
von technischen Erbauern und Erfindern, die sich seit den bescheidenenAnf?ingen
dieser noch jungen Wissenschaft tatkräftig an deren Entwicklung beteiligt hatten.
Doch nun erst, während ihrer Exkursionen, begriff Fanny das tatsächliche Aus-
maß des Stevensonschen Schöpferdranges und Unternehmungsgeistes. Sie ver-
stand auch, dalJ Louis zwar in gewisser Hinsicht ein schwarzes Schaf darstellte,
welches seine Sippe trotzdern nicht weniger innig in ibr weiches, gutnütiges Klan-
Herz geschlossen hatte, daß er in vielen Dingen aber doch gleichzeitig ein echter
Ableger Stevensonscher Wesensart war. In demselben Maße, wie Louis'Vorfah-
ren mütterlicherseits als Prediger Licht in das heidnische Dunkel schottischer See-
len zu bringen trachteten, mühten sich SeineAhnen väterlicherseits seitjeher da-
mit ab, verirrte Seelen zu retten, indem sie ihnen gewissermaßen ein Licht ins
Fenster stellten. Die Bemühungen dieser Blutlinie von leidenschaftlichen Inge-
nieuren aber bewertete Fanny sehr viel höher als die gesammelten Predigten jener
salbadernden Pfaffen. Louis'Vater, seine Onkel, sein Großvater, Urgroßvater und
Ururgroßvater hatten Schottland treulich gedient und waren durch die Bauwerke,
die sie hinterließen, auf ewig mit dem Land verschmolzen. Häfen hatten sie er-
richtet, die den Seeleuten Schutz gaben - doch, was unendlich wichtiger war, auch
die allerersten Leuchtttirme auf den schottischen Inseln.
Selbst Louis'Vater war in seiner aktiveren Zeit-völlig aus dern Metier zurückzu-
ziehen vermochte sich zeitlebens keiner dieser Vollblut-Pioniere - ein überaus
begabter Konstrukteur und Erhnder gewesen. Ihm verdankten Leuchttürme auf
der ganzen Welt das revolutiondr neuartige System des kreisenden Blinkfeuers;
doch war es tlpisch für Thomas Stevenson, daß er nie daran gedacht hatte, ein
Patent anzumelden, und so wurde seine Idee zum Allgemeingut, ohne seinem
Namen den geringsten Ruhm einzubringen. Das aber machte diesem Mann der
Tat, den der Erfolg eines konkreten Unternehmens die größtmögliche Belohnung
seiner Mühen dünkte, entsprechend wenig aus.
Selbstredend hatte ursprünglich auch Louis die Stevensonsche Ingenieurs-
tradition fortsetzen und in die Fußstapfen jener Männer treten sollen, die das Licht
von Zivilisation und Geborgenheit in das düstere Chaos der Meere tmgen. Un-
gern, wenngleich folgsam, hatte sich Louis mit zarten 17 Jatren an der Edinburg-
her Universität eingeschrieben und Physik, Mathematik und Ingenieurswissenschaf-
ten belegt - bis sogar sein stolzer Vater merkte, daß Louis gtinzlich ungeeignet für
den Beruf des Leuchtturmbauers war. Zum einen fehlten dem jungen Mann Nei-
gung und Interesse, zum anderen begann er sich gegen die Tradition der Familie
aufzulehnen. Gutmütig, wie Thomas Stevenson stets war, hatte er den Sprößling

164
Jurisprudenz studieren lassen. Juristen taugten zwar im Grunde zu nichts, erfreu-
ten sich aber immerhin einer gewissenAchtung.
Die Tatsache, daß Louis persönlich keinerlei Ambitionen verspürte, der Haupt-
richtung des Klans zu folgen, sondem sich als Dichterschaf weit von seiner Herde
entfernt hatte, verminderte durchaus nicht seinen unbändigen Stolz auf die Emrn-
genschaften der Vorfahren. So kam es, daß er Fanny nach ihrer beider Rückkehr
ausAmerika in einige derwildesten, unzugänglichsten Gebiete seines Heimatlan-
des entführte - um ihr zu demonstrieren, wozu so ein waschechter Stevenson fü-
hig war, wenn er nur wollte! Mit gemischten Gefühlen folgte Fanny der abenteu-
erlichen Route, die Louis für das Paar bestimmte, wobei sie nicht so sehr Abnei-
gung vgr Entbehrungen und Strapazen empfand als vielmehr die berechtigteAngst,
daß Louis, soeben erst halbwegs genesen, auf ihrem Wege einen weiteren Rück-
fall erleiden könne. Daß Louis die Strecke zum größten Teil aus seiner Jugendzeit
kannte, als er seinen Vater auflnspektionsreisen begleitet hafte, so wie einst Tho-
mas seinem eigenen Vater gefolgt war, flößte Fanny schwachen Trost ein. Es war
typisch für alle Stevenson-Ingenieure gewesen, einen Neubau nicht nur zu planen,
sondern auch in sämtlichen Stadien der Fertigstellung zu beaufsichtigen, nötigen-
falls selbst Hand anzulegen und sogar nach vollbrachter Tat den für die Wartung
Verantwortlichen regelmäßig Kontrollbesuche abzustatten. Sie alle mußten, um
ihrer Berufung zu genügen, das Natuell von Befehlshabem besitzen: Strenge, Zucht
und Ordnung galt es zu bewahren, damit die glücklich entzündeten Feuer nicht sofort
wieder erloschen - im wahrsten Sinne des Wortes. Die Stevensons arbeiteten für das
Wohl der Menschheit, insbesondere für das Heil aller Matrosen, die einen sicheren
Seeweg zurück in die schoftische Heimat suchten. In dieser wichtigen Funktion fühl-
ten sie sich berufen, jene widerstrebenden Leuchtturmwäder, welche die lange Ein-
samkeit abgestumpft und nachlässig ganacht hatte, zu ihren Pflichten nt zwlngen.
Als Außeher wwden alle Stevensons flugs zu strengen, doch gerechten Patiarchen,
die von Idealismus beseelt einer höheren Sache dienten und dabei die Untergebenen
lenken mußten - weil diese einfacheq primitiven kute den tieferen Sinn ihres eige-
nen Tuns oft gar nicht richtig zu erfassen imstande waren.
Louis und Fanny durchquerten im Zuge ihrer Expedition Gebiete, die noch immer
genauso wild und von Menschenhand unberührt wirkten wie 100 Jahre zuvor, als
die ersten Stevenson-Ingenieure dort ihre einsamen Bauten errichtet hatten. Wie
unaussprechlich mußten die Qualen gewesen sein, die Louis'Vorfahren freiwillig
auf sich genommen hatten, nur um ihre Reiseziele zu erreichen! Das Land, durch
das sie sich ihre Wege bahnen mußten, wies nicht die geringste Ahnlichkeit mit
den geradezu lieblichen Gestaden der englischen Südküste auf. Weniger als ein
Jahrhundert vor dem ,,Hochzeits"-Gewaltmarsch der beiden Neuvermählten hatte
es vielerorts keine Wege gegeben, von Straßen ganzru schweigen. Pferde versan-

165
ken so tief im moorigen Boden, daß der entnervte Reiter lieber zu Fuß ging, als
sein erschöpftes Tier ohne Pause antreiben zu müssen. Das Land sah oft nicht bloß
jungfräulich aus - vielfach war der allgegenwärtige schottische Schlamm in der
Tat noch niemals vom Stiefelabdruck eines Menschen verziertworden.
Den Höhepunkt der pittoresk-eindrucksvollen Reise bildete eine Überfahrt zum
wohl berühmtesten Triumph Stevensonscher Erfindungsgabe und Hartrräckigkeif zum
Turm von Bell Rock, den Louis'Großvater ersonnen und buchstäblich selbst in die
Welt gesetzt hatte. Die Passage in dem kleinen Schiff der Leuchtturmgesellschaft,
das die Eheleute zu dem berüchtigten Riffbrachte, galt durchaus nicht als ungeführlich.
Die Shömungen und Untiefen in dieser Gegend wurden seit Urzeiten gefürchtet wie
böse Geister, denn die Eingeborenen der schottischen Küste waren über die Maßen
abergläubische Menschen. Das Riffvon Bell Rock lag mitten in der See, ungeführ
auf halber Höhe zwischen den Mündungen von Tay rurd Forth, 13 Meilen von Fifeness
und elf von Arbroath entfernt. Eigentlich war es beinahe 1.500 Fuß lang; es besaß
neben vielen anderen unschönen Eigenschaften allerdings den Nachteil, daß es die
meiste Zeit des Tages und der Nacht völlig unter Wasser lag. Erst ein Teufelskerl wie
Louis' Großvater hatte den Mut aufgebracht, den unter diesen Umstlinden regelrecht
dreisten Plan für einen Turmbau zu erstellen. Der Türm von Bell Rock galt dement-
sprechend als ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Er war der erste seinerArt, der
auf ständig wasserumspültem Gestein allen Wogen standhielt; die Konstruktion sei-
nes Fundamentes war mittlerweile seit gut 70 Jatren eine unübertroffene, ja uner-
reichte Leistung geblieben.
,,Früher gab es hier nicht einmal ein einfaches Kohlenfeuer, das den Seeleuten
hätte helfen können", erzählte Louis, nachdem sie den Turm erklommen hatten.
Die beiden Leuchtturmwärter kümmerten sich nicht um das Paar, sondern un-
terhielten sich unterdessen mit den Leuten vom Boot. Der Wind trug ihre brummi-
gen Seemannsstimmen ab und an bis herauf zur Spitze des Gemäuers. ,,Mein Groß-
vater hat es in seinen Aufzeichnungen nie ausdrücklich ausgesprochen, aber ich
bin davon überzeugt, daß die Küstenbewohner absichtlich Irrlichter entzündeten,
um die Schiffe an ihre Gestade zu locken. Er hat damals nämlich oft mit eigenen
Augen gesehen, wie ganze Dörfermit Palisaden aus Schiffsplankenumgebenwaren.
Einmal machten die Herren und Damen Strandsucher besonders fette Beute. Ein
ganzes Schiffvoller Weinkisten - und prompt genehmigten sich die guten Leute
zu ihrem Porridge einen gehörigen Schuß besten Clarets. Auch diese armen See-
len haben schließlich das Recht, sich wenigstens einmal im Leben von etwas Bes-
serem zu ernähren als immer nur von Hummer, Krabben und Haferschleim."
Fanny sagte nichts. Bei dem Gedanken an Leuchtfeuer, die man heimttickisch
für seine Mitmenschen auf See entfachte, um ihren Untergang heraufzubeschwö-
ren, wurde ihr speiübel.

166
,gein Wrmder, daß die Einwohner so abergläubisch sind. Offenbar haben sie
allen Grund, sich vor der Rückkehr ihrer Opfer zu fürchten. Die Teufel und bösen
Geister, vor denen sie solche Angst haben, sind doch in Watrheit nur sie selbst."
,,Ich glaube, du gehst ein wenig zu streng mit ihnen um", meinte Louis darauf.
,,Weißt du, schon mein Großvater - der übrigens selbst einmal fast ihr Opfer ge-
worden wdre - vertrat die Ansicht, daß diese Menschen in verschworenen Ge-
meinschaften leben und wrs Fremde aus der Zivilisation überhaupt nicht als mensch-
liche Wesen wahrnehmen. Besonders gilt das für die Inselbewohner auf den Orkneys
oder den Shetlands. Im Grunde genommen", fügte Louis plötzlich grüblerisch hinzu,
,,waren meine Ahnen die Todfeinde dieser einfachen Leute. Ohne die regelmäßige
Ausbeute an gestrandeten Schiffen wdre so mancher Insulaner bestimmt einfach
verhungert ..."
Fanny protestierte lauthals. ,,Nun übertreib nicht, mein Lieber! Dein Großvater
muß ein bewundernswerter Mann gewesen sein. Nicht umsonst nennt man ihn
schließlicb, wie mir dein Vater erzählte, den Robinson Crusoe der Ingenieurs-
kunst."
Louis nickte, blieb jedoch versonnen, ,,Vielleicht", meinte er dann, ,,hat man
ihn nicht nur seines Einfallsreichtums wegen so genannt. Wer solche Wunder voll-
bringt" - Louis machte eine ausholende Bewegung mit beiden Annen - ,,wer ei-
nen Turm auf Wasser bauen kann, ist oft ein unendlich einsaner Mann."
Fanny schwieg eine Weile. Dann fiel ihr ein, wie sie ihren grundlos betrübten
Gatten aufzuheitern vermochte.
,flinen interessanten Weggef:ihrten hatte dein Großvater zumindest - und zwar
einen Mitreisenden und Vertrauten, um den sogar du ihn dein Leben lang glühend
beneiden wirst!"
Augenblicklich hellte sich Louis' Gesicht auf, als würde es von innen heraus
beleuchtet - wie der Turm von Bell Rock.
,,Du verstehst es, mich aufzuheitern, Fanny", lachte er. ,,Aber du hast völlig
recht. Wenn auch mir der Ingenieurberuf einmal die Möglichkeit gäbe, mit dem
berühmten Sir Walter Scott kreuz und quer durchs Landzu ziehen, könnte ich mir
fast vorstellen, das Familiengewerbe doch noch zu erlernen."
Louis lehnte sich für einen Moment über das auf Hochglanz polierte Messing-
geländer. Wie es aussah, dachte er dabei an jenen Schriftsteller, der Werke wie
Ivanhoe erschaffen hatte und Louis'großes romantisches Vorbild war. Doch als er
endlich zu sprechen begann, merkte Fanny, daß ihm gäinzlich andere Dinge durch
den Kopf gegangen waren.
,,Ich habe mich von einer Familie entfernt, die Leuchttürme gebaut hat - die
besten aller denkbaren Leuchttürme. Ob das ein Fehler war, weiß ich nicht; ich
konnte ohnehin nicht anders handeln. Aber als Ausgleich ..." Louis Stimme wur-

t67
de leise und hörte sich plötzlich geradeza feierlich an. ,,... gleichsam als Entschä-
digung fürjeden Leuchtturm, den ich niernals errichten werde, habe ich ein Exem-
plar mit zwei Beinen gefunden, dern ich geteulich folge. Sein Licht hat mir bis
nach San Francisco gelzuchtet. Ob ich wollte oder nicht ich mußte dem Licht-
strahl nachreisen. Das tue ich auch in Zukunft. Ich weiß ja, daß dieser Leuchtturm
mich vor allem Übel bewahrt."
Fanny senkte den Kopf. ,,Ich wußte gar nicht", witzelte sie dann gezwungen,
,,daß ich eine so ,.. kompahe Figur besitze." Louis' Worte rlihrten sie. Trotzdern
fragte sie: ,,Was ist mit Mrs. Sitrvell, Liebster? Werur ich nicht irre, war sie deine
Sonne. Da kann ein simples Tärmchen wie ich nicht mithalten.'t
Louis stellte sich ihrer Frage, ohne lange zu überlegen.
,,Mrs. Sitwell ist eine Sonne, Fanny.. Sie stahlt für alle, die sie kennen. Aber
was nützt schon die hellste Sonne einem verirrten Seemann, wenn er in dunkler
Nacht unterwegs ist?"

168
8

,,NA, DAl.rN essN nicht!" fauchte Isobel leise in sich hinein und stürmte mit wehen-
den Röcken aus der Bibliothek, so daß sie Fanny, die in einern Korbstuhl auf der
Veranda saß, in ihrer blinden Hast fast umwarf. Isobel hielt ihren Schreibblock vor
die Brust gepreßt, obwohl sie ihn in der Regel in der Bibliothek aufbewahrte. Wie
es aussah, hatte sie einen erhitzten Disput mit Louis gehabt und das Arbeitsmaterial
bei ihrem überstürzten Abgang gleich mit sich entführt. Schon seit geraumer Zeit
zeigte sich Belle ungewöhnlich gereizt und anfüllig für nenröse Ausbrüche, die so
manches bitterböse Wort mit sich bringen konnten. Der Rest der Familie behan-
delte sie mittlerweile wie ein rohes Ei und war dennoch niemals sicher vor dern
merkwtirdigen Zorn, der sie wie aus dem Nichts übermannte und gewöhnlich
Minuten später wieder verließ, als sei nichts geschehen. Ihre Wut ähnelte dem
Dämon, der vor Monaten den liebenden Ehemann Tauilo beinah zum Mord getrie-
ben hätte; gottlob aber war Isobels böser Geist schlimmstenfalls Jekalahydes al-
lerkleinster Bruder. Einerseits fühlte Fanny Erleichterung darüber, daß sie nicht
länger als nervenlranke Außenseiterin betrachtet wurde. Andererseits beurnuhig-
te es sie, daß die gesamte Familie ihr langsam, aber sicher diese zweifelhafte Do-
mäne streitig zu machen suchte - jeder auf seine Art. Denn daß Fanny nicht mehr
als überspannt galt, war im Grunde lediglich auf die mangelndeAuftnerksamkeit
der anderen zurückzuführen: Jeder von ihnen schien von früh bis spät so sehr in
seine eigenen verschrobenen Marotten versunken, daß Fanny in dem allgemeinen
Durcheinander gar nicht auffrel. Wenn man im Augenblick Belle betrachtete, mit
dem Block vor der Brust, den sie wie einen Schild fest umklammert hielt, mit
wildem Blick und wutverzerrtem Gesicht, dann konnte man ob ihres geistigen
Gleichgewichts schon ins Grtibeln geraten.
,,Was ist denn geschehen, Kind?" fragte Fanny leise und behutsam. ,,Überfor-
dert dich Louis wieder einmal? Er denkt sich nichts Böses dabei, das weißt du
doch. Er redet eben oft sehr schnell und kiknmed sich nicht darum, ob man mit-
halten kann,"
,,Hal Mithalten ! DaIJ ich nicht lache!" Isobel stampfte mit dem Fuß aui und für
einen Moment erinnerte sie ihre Mutter an die junge Soenga. Mit dem Unter-
schied, daß Belle sich weit weniger zivilisiert betrug ... und nicht halb so verstän-
dig.
,,Wie soll ich wohl mithalten können, Muttet'', frage jetzt Belle mit hohn-
triefender Stimme, !,wenn der hohe Hen sich nie zu entscheiden beliebt, an wel-
chem verfluchten schottischen Machwerk er sich heute wieder versuchen möch-
te? Wir arbeiten sage und schreibe - sage und schreibe, was für eine treffende
Wortwatrl übrigens! - an vier Romanen gleichzeitig und abwechselnd, oder ab-

169
wechselnd gleichzeitig, wie immer man es nennen mag. Am Montag geht es um
einen adeligen schottischen Grundbesitzer, am Dienstag um einen schottischen
Richter, am Mittwoch um einen Franzosen in Edinburgh, am Donnerstag ..i'
,,Beruhige dich, mein Liebling", raunte Fanny ihrer Tochter zu, um die hy-
sterische Belle zu beruhigen, doch nicht ny',etzt auch um Louis' willen, der die
ganze Unterredung von drinnen sicher unfreiwillig mitanhörte. Das Schrciben fiel
ihm in der Tat zunehmend schwerer. Fabulierkunst und Eifer litten nicht, sondern
wuchsen womöglich noch, aber er brachte kaum noch die Geduld und Selbstdiszi-
plin auf, sich länger als ein paar Tage hintereinander mit ein und demselben Werk
zu beschäftigen. Wenn er dann vollends die Lust an einem Handlungsstrang, ei-
nem Charakter oder gar einem kompletten Romanvorhaben verlor, tat er prompt
das einzig Falsche: Er flüchtete sich in eine brandneue Idee, denn solche Ideen zur
Flucht gingen ihm niemals aus. Leider nützten sie ihm nicht das geringste.
,,Ach, Mutter", seufzte nun Isobel, während ihre Wut sich in Luft auflöste. Sie
hockte sich neben Fanny aufden Boden der Veranda und stützte ihreri Kopfauf
die Armlehne des Korbstuhls. ,,Louis ist doch ein dermaßen vielgereister Mann.
Er hat zahllose Länder gesehen und die interessantesten Menschen kennengelernt,
die man sich vorstellen kann - denk nur an den netten König Kalakaua auf Ha-
waii, oder Prinzessin Moe auf Tahiti, oder an diesen Henry James, der fast so gut
schreibt wie er selbst, oder ... ach, es sind viel zu viele, um sie alle aufzuzählen.
Aber worüber dichtet Louis ohne Unterlaß? Über Schottland, Schottland, Schott-
land! Manchmal wäre es mir lieber, er schriebe eine Geschichte über die Lepra-
kolonie, die er vor Jahren besucht hat, oder gleich einen gdnzen Roman! Es mag
pietätlos klingen, aber die armen Leprakranken sind mir lieber als all diese schot-
tischen Idioten, die ich nicht mit der knge anfassen wtirde, wenn sie mir im Le-
ben begegneten!"
Fanny mußte lächeln. Atrntictr doppelsinnig hatte sich auch Louis seinerzeit
ausgedrückt, um nach seinem einwöchigen Besuch auf der Leprainsel Molokai,
die zum hawaiianischen Archipel gehörte, seine Erschütterung und Ergriffenheit
zu überspielen. Er war mit den Leprakranken dort so nattirlich umgegangen, als
bemerke er ihre aufs schrecklichste entstellten Gesichter und Leiber gar nicht, und
nach kurzer Zeit auf der Insel haffe er sich in der Tat völlig an den Anblick ge-
wöhnt. Die Zuversicht und Freundlichkeit der Kranken dagegen gewannen seine
tiefempfundene Bewunderung. Mit seltsam versteinerter Miene hatte er hinterher
erkl2irt: ,,Natürlich habe ich Handschuhe getragen, Fanny, das mußte ich. Trotz-
dem war es eine überaus ... anrührende Erfahrung, wenn man so will."
,,Du hast recht, Isobel", antwortete Fanny nach kurzem Zögern. ,,Louis könnte
über alles mögliche schreiben, wenn er wollte - das hat er frtiher ja auch oft genug
unter Beweis gestellt. Aber während er erzählt, lebt er in Schottland. Er braucht

170
die Erinnerungen an seine Heimat, seine Jugend und seine Wurzeln. Schreib du
überAmerika, wenn du willst, nur laß ihm seine Träumerei." Mit leiserer Stimme
fügte sie hinzu: ,,Oder möchtest du ihm den ganzen Tag beim Roden helfen? Da
schwingst du wohl doch noch lieber den Stift als die Axt."
Tatsächlich war Fanny inzwischen froh um jede Stunde des Tages, die Louis
der Schriftstellerei widmete, anstatt sich jenseits des Zaunes herumzutreiben und
fortwährend neue Plätze für den Kahlschlag auszusuchen. Seine Pläne nahmen
immer verrücktere Formen an, und das Schlimmste an ihnen war, daß er sie alle
verwirklichte! Nur gut, dachte Farmy nun oft, dalS Vailima selbst ihn nicht gewäh-
ren läft, es besitzt zuviel abschüssiges, unzugängliches Gelände. Felsvorsprünge,
Abgrtinde, Gebirgsschluchten und nrchtzuletzt die vier Flüsse des Fünfstromlan-
des Vailima mit ihren gigantischen Wasserftillen setzten Louis natürliche Gren-
zen, vor denen er kapitulieren mußte. Andernfalls nämlich - das hatte Fanny nun-
mehr begriffen - wäre Louis nicht mehr aufzuhalten, nicht bevor er ganz Vailima
jener ,,Schatzinselkarte" gemäß umgewandelt hätte, die Isobel vor Monaten auf
seinem Schreibtisch ins Auge gefallen war. Nun gut, sollte er das Flachland noch
flacher gestalten; anschließend mußte seine Energie ganz von allein zur Schrift-
stellerei zurückkehren. Ein wenig schuldbewußt dachte Fanny an den anf?ingli-
chen Enthusiasmus, den sie selbst beim Kauf von Vailima an den Tag gelegt hatte:
Damals war sie diejenige gewesen, die mit neuem Saatgut und Stecklingen expe-
rimentiert und von riesigen Vanilleplantagen geschwärmt hatte.
Vailimatrotzte den Kultivierungsarbeiten seines Besitzers durch seine natürliche
Lage. Mit dem von Louis heißersehnten Straßenbau verhielt es sich ?ihnlich bis
auf den Unterschied, daß menschliche Wesen seinen Vorstellungen entgegentra-
ten. In diesem August, um die Mitte des Monats, hatten die betroffenen Häuptlin-
ge ersten Mal zögerlich-veöltimt, doch absolut unmißverständlich zu erken-
^rm
nen gegeben, dal3 sie nicht beabsichtigten, die von Louis ,,erbetene" Arbeit in Angriff
zu nehmen. Jeder der Stammesfürsten hatte feierlich Boten an den großen Tusitala
entsandt, die Louis Geschenke, Segenswtinsche und die tiefste Verehrung dar-
brachten - und ihm die Botschaft übermittelten, daß ihr jeweiliger Herr und Mei-
ster dem Tusitala alle nur erdenkliche Hilfe bei seinern Unternehmen zukommen
zu lassen gewillt sei. Tusitala könne selbstverst?indlich fest darauf bauen, daß auf
seinen bloßen Wink hin Hunderte von Arbeitskräften zu seiner Verfügung stehen
wtirden: Die Häuptlinge waren notfalls bereit, ihren gesamten Stamm zurArbeit
zu schicken. Was aber den eigeptlichen Kern all dieser weihevoll überbrachten
Botschaften ausmachte, war die unausgesprochene Ankündigwrg: Der Höuptling
persönlich wird sich jeder körperlichen Anstrengung tunlichst enthalten.
Der große Tusitala zwang sich zwar jedesmal zu äußerlicher Ruhe und Höf-
lichkeit, wenn wieder ein Bote mit dieser identischen Nachricht bei ihm eintraf,

t7t
doch innerlich kochte er vot Zom, Fanny verstand Louis, doch noch besser konnte
sie die durchaus nicht unehrenhaften Beweggründe der Häuptlinge nachvollzie-
hen: Sie fürchteten ihr Gesicht zu verlieren, wenn sie in eigener Person eine Arbeit
verrichteten, die ihre Untergebenen ebensogut und viel schneller zu erledigen ver-
mochten - zumal es sich obendrein um eine niedere, unwürdige, ausnehmend
schweißteibende Plackerei handelte. Hingegen wärde keiner ihrer Untertanen auch
nur einen Bruchteil seiner Ehre einbüßen, wenn er sich für Louis abplagte, denn
der direkte Befehl seitens eines Häuptlings entband den Betreffenden von jeder
Eigenverantwortung. Ausgerechnet der Umstand, daß Louis den Stammesfürsten
um jeden Preis ,,freiwilligen" Einsatz abtrotzen wollte, verbot es ihnen, seinern
Anliegen zu willfahren. Ein Häuptling arbeitete nun einmal nicht für andere Men-
schen, selbst wenn er es gewollt hätte! WZhe Tusitala der König der Insel gewesen,
ein Oberbefehlshaber, der seinen Leuten den Straßenbau barsch abverlangte -jq
dann,..!
,,Danit mußtest du rechnen", hatte Fanny zu Louis gesagt, nachdern auch der
letzte der Boten unter zeremoniellern GeprZinge ein höflich verschleiertes, aber
unzweideutiges,,Nein" geäußert und sich in sein Heimatdorf zurückbegeben hat-
te. ,,Erinnere dich nur an das nackte Entsetzen, das unsere Diener packte, als du
ihnen vor Jahren erzählt hast, wie Häuptling Christus seinen zwölf Kriegern vor
dem Essen eigenhändig die Ftiße wusch ... ich habe seinerzeit allen Emstes be-
fürchtet, dieArmen wollten vor Scham den Geist aufgeben."
In diesem August hatte Louis zum ersten Male ernsthaft die Möglichkeit in
Betracht gezogen, die Wirkung der Teufelsflasche, die sich angeblich in seinem
Besitz befand, flir seinen Plan zu nutzen. ,,Zu irgend etwas muß der verdammte
Aberglaube doch taugen", hatte er gemurmelt, ,,es gilt die Sache nur behutsam
anzugehen, um die Eingeborenen nicht zu erschrecken."Auf welche Weise Louis
die Flasche ins Spiel bringen wollte, ohne die Bevölkerung augenblicklich in pa-
nische Angst zu versetzen, war Fanny schleierhaft. Louis hatte niemals zuvor mit
eigenen Worten das Gerücht bestätigt, daß er einen Dämon besaß, und auch Fanny
hütete sich peinlichst vor einem solchen Mißbrauch der imaginären Flasche. Nw
zu einer einzigen Gelegenheit hatte Fanny selbst auf den Dämon angespielt, wäh-
rend der Gerichtsverhandlung gegen Tauilo näimlich. Es war ihr auch nicht gerade
wohl dabei gewesen, aus freien Stücken den Teufel in der Flasche zu beschwören,
doch der Akt geschah letzten Endes nicht mutwillig: Die samoanischen Diener
fürchteten sich dermaßen vor jenem Dämon, welcher von Tauilo Besitz ergriffen
hatte, daß sie ohne das ,,Wissen", daß Tusitala diesen Jekalatryde zu,dem ande-
ren" in die Flasche sperren wärde, nie wieder wirklich zur Ruhe gekommen wä-
ren. ImVerlaufe derVerhandlung schienen alle guterDinge, denn die Gefahrhatte
sie soeben verlassen; spätestens bei Anbruch der nächsten Nacht jedoch wäre die

172
Furcht hundertfach verstärkt zurückgekehrt. Fanny hatte die Flasche also fol-
gerichtig eingesetzt, um den Eingeborenen ihre Angst nt nehmen - einmal abge-
sehen von dern nicht garz unerheblichen Vorteil, deß dadurch gleichzeitig der Bau
eines neuen Gesindehauses überflüssig wurde ...
Louis dagegen gedachte die Flasche eindzutig als Druckmittel zu verwenden.
Wie subtil er das auch anstellen mochte - das bloße Ansinnen machte Fanny unru-
hig, Es schien ihrnicht richtig, eine solch gewaltige Macht zu mißbrauchen, selbst
wenn man sie gar nicht besafJ: Für die Samoaner stellte sie ja eine unumstößliche
Wirklichkeit dar!
,,Und wie willst du die Sache in die Wege leiten?" hatte Fanny ibren Mann
gefragt. ,,Wie willst du diese unverschämten freien Geister zur Arbeit vor deinen
Karen spannen?"
,,Ganz einfach", hatte Louis ihr zur Antwort gegeben. ,,Ich entsende meinen
eigenen Boten. Du weißt, daß die Flaschenteufelgeschichte in einem Missio-
narsblättchen abgedruckt wurde - auf Samoanisch. Ich lasse unseren Mafulu den
Häuptlingenjene Passage vorlesen, inwelcherder Held sichvom Dämon ein Haus
erbittet. Der Wunsch erfüllt sich - aber durch Menschenwerk."
Fanny hatte unwillHirlich gestutzt, als sie das hörte. Irgend etwas stimmte nicht
gal;rz ar Louis' Behauptung. Sie rief sich den Ablauf der Geschichte ins Gedächt-
nis zurück, so gut sie es vermochte, und überlegte krampfhaft. Dann erkannte sie
Louis'Denkfehler ... vorausgesetzt, es handelte sich wüklich um ein Versehen
und nicht um hinterhältige Berechnung.
,,Wenn ich mich recht erinnere", begann sie langsam ihren Einwand, ,,wünscht
sich Keawe, der Besitzer der Flasche, ein schönes großes Haus an der Küste von
Kona. Er hat ziemlich präzise Vorstellungen, was seinen zukünftigen Palast an-
geht. Wenn du unter ,Menschenwerk' die tatkräftige Mithilfe seines Onkels ver-
stehst ..." Fanny sprach den Satz nicht zu Ende.
,,Nun ja ..." erwiderte Louis, der ihren Vorbehalt verdächtig schnell verstand,
und verstummte.
,,Nattirlich war es ausgesprochen nett von Keawes Onkel, in den letzten Tagen
seines Lebens plötzlich ungeheuer reich zu werden, und noch zuvorkommender
finde ich seine Bereitschaft, mitsamt seinem Sohn und einzigen Erben auf See zu
ertrinken und sich von den Haien fressen zu lassen, nur um Keawe das passende
Grundstück und genug Geld für Baumaterial zu hinterlassen. Ja, doch: Bei ge-
nauerer Betrachtung hat Onkelchen in der Tat sehr kräftig beim Hausbau mitge-
holfen."
Mehr brauchte Fanny nicht zu sagen, damit Louis begntr, daß sie ihn durch-
schaut hatte. Seine ach so feinsinnige und vorsichtige Botschaft an die Häuptlinge
beinhaltete im Grunde nicht weniger als eine perfide Drohung. Wenn der Tusitala,

t't3
der nun Besitzer derselben Flasche war wie Keawe, seinem Dämon befahl, die
Straße zu bauen, könnte es - als unkalkulierbaren Nebeneffekt sozusagen - Opfer
unter denjenigen geben, die ihn durch ihre Sturheit zu dieser Maßnahme gezwun-
gen hatten. Tusitala und der weiße Kern seines Klans befanden sich in Sicherheit,
doch für die Unversehrtheit eines Außenstehenden konnte auch der Zauberer kei-
ne Garantie mehr übernehmen, sobald er die Macht des Dämons durch den von
ihm ausgesprochenen Wunsch erst einmal entfesselt hatte.
Louis fühlte sich ertappt und schaute schuldbewußt drein.
,,Ich weiß genau, wie sehr dich die Häuptlinge enttäuscht haben", meinte Fanny
sanft. ,,Nattirlich gaben sie dir damals im GefZingrris vonApia dieses dumme Ver-
sprechen, das nur Gerede war - und dessen bist du dir im Grunde deines Herzens
auch bewußt. Aber deine Schuld liegt darin, daß du diraus einer Fülle hohler
Phrasen, deren Nichtigkeit du an Ort und Stelle erkanntest, erst später eine Art . . .
eine Art Blankovollmacht zurechtgebastelt hast. Noch dazu eine religiös und dä-
monisch verbrämte! Du hegst tiefen Groll gegen dieselben Männer, für die du
dich ehrenhaft eingesetzt hast. Das gibt dir aber keineswegs das Recht, sie nun so
böse einschüchtern zu wollen." Als sie bemerkte,'wie nachhaltig ihre Vorhaltun-
gen Louis getroffen hatten, fligte sie scheinbar scherzhaft hinzu: ,,Solche Arglist
liegt doch überhaupt nicht in deiner Natur. Das kann dir nur ein kleiner Teufel der
Verblendung eingegeben haben. Sieh bloß z-u, daß du diesen echt schottischen
Kobold so rasch wie möglich loswirst." Fanny lächelte ihren Gatten freundlich an,
obwohl ihr durchaus nicht nach Lächeln zumute war.
Louis hatte darauflrin angektindigt, seine Taktik abändern zu wollen, da sie
seiner, wie Fanny ihm mit Fug und Recht vorAugen gehalten hätte, alles andere
als wärdig war. Zwar sollte Mafulu nach wie vor die Häuptlinge außuchen und
Tusitalas Ehrbezeigungen überbringen; anschließend wtirde es aber sicher genü-
gen, wenn der junge Mann an einer ,passenden Stelle" des Gespräches dezent
einwürfe, daß Besitzer und Dämon es einfach ,,vorzögen", daß die Mächtigen der
Insel das Werk übernZihmen.
Diese erheblich gemilderte Version des urspränglichen Planes erschien Fanny
immer noch aggressiv genug. Man mußte nun abwarten, wie die Häuptlinge auf
Louis' Shategie reagierten. Der junge Mafulu galt zv'rar als rednerisches Talent
mit enormer Überzeugungskraft, doch in Gegenwart eines Stammesoberhauptes
wtirde er sich wahrscheinlich derart ,diplomatisch" aus der unangenehmenAfflire
zu schlängeln versuchen, daß von der ihm aufgetragenen Botschaft nicht mehr
viel übrigbleiben wärde. Es war nicht einmal ausgeschlossen, daß Mafulu, der die
delikaten und überaus komplexen Feinheiten samoanischer Politik sehr gut be-
herrschte, Tusitalas Worte geschickt in ihr exaktes Gegenteil verkehrte, um nie-
mandenunangemessen zu verZirgem. Nichtumsonsthatte derjunge Mann die wich-

174
tige Funktion des Türhüters am großen Zaun inne, einem Dreh- undAngelpunkt in
Tusitalas Reich!
Fanny nahm es ihrem Gatten nicht übel, daß er seinen samoanischen Freunden
gegenüber eine Kriegslist anwenden wollte. Allerdings sorgte sie sich nun um so
mehr um ihn, da sie verstand, was ihn zu seinem Erpressungsversuch verleitet
hatte. Der August dieses Jahres hatte sich zu einem Monat voller übler Nachrich-
ten entwickelt; die Widerborstigkeit der Häuptlinge brachte das Faß lediglich zum
Überlaufen. Schon zuAnfang des Monats hatte Louis Post aus England erhalten,
die ihn grtindlichst aus der Fassung brachte. Es handelte sich um den Briefeiniger
Schriftstellerkollegen, die er seit seiner Studienzeit kannte. Nattirlich war das an
sich nichts Besonderes; Louis empfing regelm?ißig GrtiIJe und Neuigkeiten, Klatsch
und Tratsch frisch aus den spitzen Federn seiner literarischen Freunde aus Schott-
land und England. Bei diesem speziellen Schreibenjedoch handelte es sich um
eine Einladung des zu Unrecht berühmten Londoner Savile Club, jenes infamen
Vereins von Kleingeistern und Saufbrüdem, der sich selbst für den Nabel der
känstlerischen Welt hielt. Die meisten Mitglieder dieser Horde von Wichtigtuem
waren Fannys erklärte Todfeinde - tiefer, unversöhnlicher Haß von beiden Seiten
prägte die Beziehung zwischen Fanny und dem Club. Und dabei hatte es Fanny
vor ihrem ersten Zusammentreffen mit den Savile-Poeten für völlig unmöglich
gehalten, daß sie irgendeinen Menschen auf der Welt wirklich brennend zu hassen
imstande sein könnte. Kurz nach ihrer Hochzeitsexkursion mit Louis hatte sich
wieder einmal herausgestellt, daß Louis' geliebte Heimat seine Zuneigung nicht
erwiderte; das Paar sah sich gezwungen, zu den SchweizerAlpen auftubrechen,
um den ausgemergelten Kranken dort nachhaltig aufzupäppeln. Auf dem Wege
zum Kontinent machten die beiden Zwischenstation in London, um Louis' alte
Geführten zu treffen. Louis war geradent außer Rand und Band vor kindlicher
Vorfreude, und Fanny, die ihm den vermeintlich harmlosen Spaß von Herzen gönnte,
welcher ihnen im Grosvenor Hotel bevorstand, nahm sich fest vor, Louis' Freunde
zu den ihren zumachen. Das KänstlervölkchenvonFontainebleauhatte sie schließ-
lich auch liebgewonnen - lange vor Louis'Ankunft.
Doch auf was für aufgeblasene, verlogene ,,Freunde" war sie dann im Gros-
venor Hotel gestoßen! Auch sie feierten,,ihren" Louis - oder R. L. S., wie sie ihn
zu nennen beliebten - wie ihren ungekrönten König, das verstand sich von selbst.
Zum einen aber hatten sie dazu auch allen Grund, denn verglichen mit den Malern
von Grez handelte es sich bei den Vertetern des Savile Club um eine Ansamm-
lung von witz- und phantasielosen Gesellen, die Louis nicht annähernd das Was-
mit Weingeist wett-
ser reichen konnten. Was ihnen an Geist fehlte, versuchten sie
zumachen - aber auch die Geister in den zatrllosen Flaschen, die sie auf Louis'
Kosten leerten, halfen ihnen kaum nennenswert aufdie Sprünge. Zum anderen

t75
erwiesen sich die Freunde aus Louis' fröhlichen Junggesellentagen als erbärmli-
che Schnorrer, die die angeborene Großzügigkeit des Mannes, den sie wie selbst-
verständlich in ihre Mitte nahmen, schamlos ausnutzten. Louis, der offiziell gar
nioht als Gastgeber der Festlichkeit galt, fand sich zum Schluß nichtsdestotrotz im
,,Besitz" einer Rechnung wieder, deren Höhe sogar ihn erbleichen ließ. Obwohl
jeder wußte, daß Louis noch immer keine Einktinfte erzielte, die ihn ohne seines
Vaters Hilfe hätten überleben lassen, h?ingten sich die Freunde liebevoll an ihn
und saugten ihn aus bis auf den letzten Blutstropfen.
All das jedochhätte Fanny ihnenbereitwillig durchgehen lassenundwenigstens
an diesem einenAbend gute Miene zu ihrem bösen Spiel gemacht, zumal sie sah,
wie prächtig Louis sich mit den Kumpanen von einst amüsierte. Fanny hatte sich
vor dem Dinner vorgenonrmen, ihren ganzen Charme spielen zu lassen, um nie-
manden - schon gar nicht Louis - aufden Gedanken zu bringen, daß der Ehestand
ihn notwendigerweise sämtlicher Freuden der Jugendzeit berauben miisse. Einen
guten Tropfenwußte auch Fanny stets zu schätzen, und daß manbei eiiem feucht-
fröhlichen Wiedersehen nicht immer Maß halten konnte, leuchtete ihr ein. Was
aber Louis' Freunde mit dem Kranken in ihrer Mitte anstellten, spottete jeder Be-
schreibung. Wie immer ignorierte Louis selbst sein Leiden und seinen gefiihrde-
ten körperlichen Zustand völlig, wurde statt dessen zusehends aufgekratzter, sprit-
ziger und geistvoller, sehr zur Erbauung seiner stumpfsinnigen Genossen. Ein wrfr-
licherFrctndjedoch hätte bemerken müssen, daß sich in Louis' glücklichem Ge-
sicht bald hektische rote Flecken zeiglen, daß seine Augen einen fiebrigen Glanz
annahmen und daß sein abgemagerter Leib von immer stärker werdenden Husten-
anf?illen geschüttelt wurde !

Schon in derselben Nacht mußte Fanny notdtirftig den Schaden begrenzen, den
die Savile-Club-Halunken angerichtet hatten. Gottlob entwickelte sich aus Louis'
Husten kein ernsteres Leiden wie etwa ein Blutsturz, doch das war reines Glück.
Fanny setzte durch, daß Louis so schnell wie möglich vor seinen Kameraden -
diesen ,,als Freunde verkleideten Schurken", wie Fanny die Bande seitdem stets
nannte - das Weite suchte und mit ihr auf den Kontinent weiterreiste. Doch sie
merkte schnell, daß die schädlichen Verehrer ihres Mannes frtiher oder später
zwangsläufig an jedan Ort auftauchten, den sich die beiden als Kurort oder Erho-
lungsstätte erkoren hatten. Innerhalb Europas waren Louis und Fanny nirgendwo
vor ihren Überf?illen sicher - wobei Louis die Besuche nattirlich nicht als unange-
nehm empfand, weil er vor den unvermeidlichen Folgen der Heimsuchungen die
Augen fest verschloß. Fanny aber durfte das armselige Häuflein Scherben
zusammenkehren und notdtirftig kitten, das die Verbrecher von Louis übrigließen!
Als das Paarim südfranzisischenHyäeswohnte, verschlepptenHenleyundBa<ter,
die nicht einmal die Schlimmsten der Truppe waren, Louis auf einen ,,Ausflug"

176
nach Nizza ... und Fanny mußte den Schwerkranken ohne Unterstützung zurück
nach Hyöres bringen, wo er nicht nur wochenlang unfreiwillig schweigend
darniederlag, sondern eine dicke grüne Schutzbrille zu tagen hatte. Einzig Vetter
Bob, aufden stets Verlaß war, halfFanny aufopfernd bei der Krankenpflege. Lou-
is, wieder einmal am Rande des Todes, kritzelte unterdessen seine üblichen auf-
munternden Kommentare - doch die Bemerkung, daß sich der wunderschöne Prinz,
den Fanny geheiratet hatte, leider in den urspränglichen Frosch zurückverwandelt
hatte, konnte weder Bob noch Fanny zum Lachen bringen. Zu bedauemswert sah
das Opfer seiner trinkfesten, kerngesunden falschen Freunde aus.
Auch in Boumemouth, einem der wenigen Kurorte in England, die das Paar auf
der Suche nach Heilung ausprobierte, waren die beiden vor den Savile-Freunden
nicht sicher. Das hübsche Häuschen am Strand, das Louis'Vater seiner Schwie-
gertochter geschenkt hatte und das Fanny - eingedenk des gleichnamigen, von
Thomas gebauten Leuchtturms - auf den Namen ,,Skerryvore" taufte, wurde ihr
durch die Besuche der verhaßten Männer beinatr ganz verleidet. Der einzige Gast,
den Fanny dort immer gern sah, war der Amerikaner Henry James, ein nrhiger,
besonnener Gentleman. Wenn Mr. James hereinschaute, stimulierte seine bloße
Gegenwart Louis auf eine gesündere Art, als es jeder andere Mensch vermocht
hätte; er steigerte Louis'seelisches und körperliches Wohlbefinden, und nicht zu-
letzt deshalb hielt Fanny stets einen Platz bei Tisch für ihn bereit.
Auch Bournemouth mit seinem milden Klima verschafte Louis keine Linderung;
die Tatsache, daß dies zum großen Teil der Näihe Londons und damit den regelmä-
ßigen Besuchen des Savile Clubs zuzuschreiben war, verdrängte Louis selbstver-
ständlich völlig. Louis warf Fanny,,übertriebene Fürsorglichkeit" vor, wirre Ang-
ste, unter denen seine alten Freunde überflüssigerweise mitzuleidan hätten - ja,
die Halunken vom Club zeichneten sogar für die ersten ernsthaften Streitigkeiten
des Ehepaares verantwortlich. ,,Du bist in der Tat eine Künstlerin, Fanny", pflegte
Louis in jener Zeit zu ihr zu sagen, ,,du verstehst dich auf die seltene Kunst, aus
dem strahlendsten Feuerball am Himmel eine totale Sonnenfinsternis zu erschaf-
fen." Fanny erwiderte nichts darauf. Sie dachte an Mrs. Sitwell, die sie inzwischen
kennengelernt hatte, und wußte, daß Louis sogar ihr, seiner Sonne, in dieser Situa-
tion dasselbe Kompliment hätte machen müssen. Denn auch Mrs. Sitwell hätte
nach Kräften versucht, den falschen Freunden den Garaus zu machen.
Fanny gelangte bald zu der traurigen Gewißheit, daß Europa Louis nicht mehr
helfen konnte. England erwies sich mittlerweile als kaum weniger zuträglich für
seine Gesundheit als die Schweiz, deren sterile Gebirgssanatorien ihn bedrückten
und seiner Konstitution alles in allem mehr Schaden als Nutzen brachten. In Eng-
land war Louis zumindest seinem Vater ndher, der nach einer ganzen Reihe von
Schlaganfüllen selbst zunehmend schwächer und hinfülliger wurde. Als Thomas

t77
Stevenson schließlich starb, gelang es Fanny, Louis zum Aufbruch in die Verei-
nigten Staaten zu bewegen, zumal Louis' Mutter Maggie die Idee sofort nach Kräf-
ten untersttitzte und flugs ihren eigenen Koffer für die weite Reise packte.
Nach Amerika folgten ihnen die Savile-Kumpane nicht - ein glücklicher Um-
stand, den Fanny vorausgesehen und in ihre Pltine mit einbezogen. hatte: Diese
Londoner Snobs, die nicht einmal die Energie einer älteren Lady wie lvfrs. Tho-
mas Stevenson besaßen, behaupteten einfach dreist, daß kein Schriftsteller sich
für längere Zeit aus London wegbegeben dürfe, ohne daß er einen,,sittlichen Scha-
den" davontrüge. Was Trunkenbolde wie sie unter der Bezeichnung,,sittlich" ver-
standen, begehrte Fanny allerdings nicht zu wissen. Einervon ihnen, ein gewisser
Gosse, ging sogar noch einen Schritt weiter und erklärte, daßjeder Poet der engli-
schen Zunge, der sich mehr als drei Meilen von Charing Cross entfemte, unwei-
gerlich seiner Begabung und seiner Reputation verlustig gehen müsse. Falls Fanny
einen endgültigen Beweis dafür benötigt hätte, daß sie es mit einem Haufen aus-
gemachter Schwachköpfe zu tun hatte, so wäre dieser Ausspruch wohl das best-
mögliche Zeugnis gewesen. Es verstand sich von selbst, daß Louis'Vereinsbrüder
Fanny nach ihrer Abreise noch weit mehr haßten als je zuvor - hatte das Weib
doch den Freunden ,,ihren Louis" in die Wildnis entführt!
Aber dort, ausgerechnet in der,,Wildnis" des Staates NewYork, empfingen ihn
zum ersten Male die Scharen von Zeitungsreportern und Verlegern, die Louis nach
Mr. Gosses Theorie - nämlich aufgrund seiner teulosen Abkehr vom gelobten
Lande Albion - niemals hätte zu Gesicht bekommen dürfen. Wie sich herausstell-
te, erfreute sich seine Erzählung von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, die kurz zuvor in
England publiziert worden war, in Amerika ganz besonderer Wertschätzung. Loti-
is befand sich plötzlich in der glücklichen Lage, sich die günstigsten Verträge
aussuchen zu können: Er war über Nacht zu dem geworden, was man einen ge-
machten Mann nannte. Nachdem er mit dem Verlagshaus Scribner's die Überein-
kunft getroffen hatte, regelmäßige Essays und Artikel abzuliefern, widmeten er
und seine Gefolgschaft, nunmehr barjeder finanziellen Sorge, sich am Saranac-
See ausgiebig der Genesung des Klan-Oberhauptes und - des frischgebackenen
Emährers der Familie.
Auch dieser Gebirgssee, eines der bekanntesten Refugien für Lungenkranke,
die Nordamenka an bieten hatte, verschafte Louis allenfalls etwas Linderung:
Jede dauerhafte Heilung war ausgeschlossen. Fanny unternahm alles in ihrer Macht
Stehende, damit Louis den bitterkalten Winter heil überstand - sie machte sich
sogar eigens auf den Weg ins kanadische Montreal, um ihm gefütterte Indianer-
stiefel zu besorgen. Louis wußte ihre Aufrnerksamkeit gebährend zu schätzen und
äußerte, er sei nun sicher, dalJ zumindestseine Füfie gut über den Mnter kommen
würden ... für den bescheidenen Rest seines Kadavers könne er nicht garantieren.

178
Das war seine spezielle Art, leise anzudeuten, daß sich wieder einmal eine Hoff-
nung aufGenesung zerschlagen hatte. Fanny wußte nun, daß es an der Zeitwar,
mitl-owsdiejenlgeReisezuunternehmeq die imRufe stand beinahejedes Lungen-
leiden zum Stillstand zu bringen. Sie baute dabei aufden Umstand, daß sich Welten-
bummler Louis dermalJenblitzartig für eine neue Reiseroute zu begeistern ver-
mochte, daß er hinterher kaum noch wußte, wer ihm die Idee eingeflößt hatte - ja
daß er in der Regel überzeug rr, er sei von ganz allein aufden Gedanken verfal-
len. So fügte es sich, daß Louis während der frostigen Wintertage am Saranac mit
wachsender Verzückung von all den pazifischen Inseln zu sprechen begann, die er
schon'sein Leben lang hatte besuchen wollen. Wie wäre es, wenn die Familie von
San Francisco aus einmal einen Abstecher in die Südsee machen würde ... wo-
möglich einen etwas ausgedehnteren? Fanny frohlockte innerlich. Louis mußte
nur diesen Winter überstehen, und der ihm untergeschobene Einfall wie auch die
durch den brandneuen Reiseplan geschtirte Hochstimmung würden ihm dabei
maßgeblich helfen!
Louis' Enthusiasmus wurde durch eine Reihe wunderbarerund in hohem Gra-
de merlo,vürdiger Z:ufdlle, die sich im Laufe der folgenden Wochen ereigneten,
noch weiter angestachelt. Sein Verleger Scribner beispielsweise trug den Vorschlag
an ihn heran, eine Serie von Reiseberichten und Essays zu verfassen, die ausge-
rechnet inder Südsee angesiedelt sein sollten. Und dem amerikanischen Verleger
und Herausgeber McClwe, der im Jahr 1884 die erste landesweite Nachrichten-
agentur eingerichtet hatte, war durch ,,Dritte" zu Ohren gekommen, daß Louis
eine Reise nach Polynesien plante. Wenn Louis der Agentur in bestimmten Ab-
ständen Zusammenfassungen seiner Eindrücke zukommen lassen wolle, meinte
Mr. McClure, solle es sein Schaden nicht sein. Louis fühlte sich geschmeichelt,
wenn er sich auch in stillen Stunden wunderte, wie schnell die unausgegorenen
Träume eines halbwegs berühmten Mannes die Runde machen konnten. Fanny
lächelte still in sich hinein: Louis mußte schließlichnicht alles über die Macht des
Zufalls wissen ...
Im Frühling machte sich Fanny dann allein auf den Weg nach San Francisco,
um sich dort nach einer passenden seetüchtigen Segeljacht umzusehen, während
Louis sich in New Jersey und New York herumtrieb, auf Mark Twain stieß und
neue literarische Kontakte knüpfte. Nach ausgiebiger Suche fand der Schoner
,,Casco" Gnade vor Fannys Augen, die unerbittlich durchdringend waren, wenn es
sich um Louis'Wohlbefinden drehte. Er selbst legte wätnend seiner Schiffsreisen
auf Luxus keinen Wert, was noch anging: Daß sein Körper aber ein Mindestmaß
ar Komfortbenötigte, wollte der sture Mensch nicht walrhaben. Fanny gratulierte
sich mit Recht zu ihrer Wahl des Schiffes, ebenso zur Auslese des Kapitäns und
der kleinen Mannschaft, die sie im Hafen von San Francisco anheuerte. Es waren

t79
gerade genug Matrosen an Bord, um alles problemlos unter Kontrolle zu behalten,
wenn die See friedlich blieb. Falls einmal rauhe See herrschen oder gar ein Hurri-
kan aufkommen sollte - und die ,,Chancen" dafür standen im ,,Stillen Ozean"
ganz hervoragend! -, würde auch Louis sich ausgiebig in der Takelage zu bewäh-
ren haben, Die tatkräftige Arbeit als Seemann bekam seiner Gesundheit
merkwtirdigerweise stets ausgezeichnet, garzzrschweigen von seiner seelischen
Verfassung. Indem Fanny also nicht mehr Seeleute anheuerte als unbedingt nötig,
zwar;rg sie Louis ohne dessen Wissen zu seinem Glück: Er liebte jede Form von
Wagnis, doch ein richtiges Abenteuer war für ihn im Grunde nur dasjenige, in
welches man unerwartet hineinschlitterte und in welchem man sich, so gut es ging,
zurechtfinden mußte . .. oder unterging. Nun, Louis würde gewiß auf seine Kosten
kommen und den Spaß seines Lebens haben. In bezug aufihre eigene Person heg-
te Fanny gemischte Gefiihle. Sie war weiß Gott eine reiselustige Frau, freute sich
unbändig aufdie Südsee - doch sie wußte um die bevorstehenden Höllenqualen
der Seekrankheit, die nur sie allein wtirde durchleiden müssen. Der forte Kapitän
Otis versprach ihr zwar, er habe im Bedarfsfall einige ,,unfehlbare" Mittel in petto,
doch Fanny blieb skeptisch. Kein Mensch, der noch nie bei hoher See unter Übel-
keit gelitten hatte, vermochte dieses Martyrium nachzuempfinden.
So hatte Fanny also die Reise in die Wege geleitet und ihren Gatten am Ende
tatsächlich in Gefilde gelotst, die seine Krankheit zum Verstummen brachten. Aber
auch die Halunken vom Savile Club behielten in gewisser Weise recht, wenn sie
Fanny vorwarfen, sie habe ihnen Louis - wie es zumindest ganz denAnschein
hatte - für immer und ewig entzogen. Dabei wußten sie nicht einmal von der
Existenz des verhaßten Sägefisches, der Louis' Spuren folgte! Fanny hatte nach
bestem Wissen und Gewissen den Weg dafür geebnet, daß Louis nun gesund und
munterwar, zumindest körperlicfu doch war sie damit gleichzeitig für sein lebens-
langes Exil, für seine furchtbare Gefangenschaft verantwortlich? Der Gedanke
drängte sich ihr unweigerlich auf, und es gelang ihr nicht, ihn abzuschütteln. Na-
tärlich hatte niemand mit der ausgesprochenen Extravaganz rcchnen können, die
Louis'Krankheitsverlauf seit ihrerAnkunft in der Südsee genommen hatte ... und
doch: Hätte Fanny nicht vielleicht besser daran getan, Louis die wenigen letzten
Jahre in der Heimat zu versüßen, anstatt ihn zu diesem unheimlichen Quell der
Heilung zu schleifen, der Samoa hieß?
Vor ein, zwei Jahren noch hätte Fanny die Frage mit einem rigorosen, ja völlig
verständnislosen ,,Nein" beantwortet, und auch jetzt rang sie sich zumindest zu
einem leisen, langsamen Kopfschütteln durch. Fanny hatte viele Wochen mit Lou-
is in Schottland verbracht: Nur selten wirkte er an Ort und Stelle wirklich glück-
lich. Es warweniger das tatsächliche Schottland des 19. Jahrhunderts, an dem sein
Herz hing, als vielmehr das Kaledonien seiner Phantasie, seiner Ahnen, seiner

180
literarischen vorbilder. Allerdings konnte er die Bilder, die in seinem Inneren leb-
ten, nur in Schottlands Burgen, Mooren und Hochlandgegenden vollkommen mit
der Wirklichkeit der Gegenwart in Einklang bringen, Zu gewissen Stunden des
Tages, zumeist am fiühen Morgen und spätenAbend, wenn die Laternenanzünder
ihre Runden machten, gelang es Louis auch, das Edinburgh von einst getreulich
aus der historischen Versenkung heraufzubeschwören. Im Grunde aber lehnte er
die moderne Metropole von heute ab, soweit sie ihm nicht dazu diente, Altes zu
geistigem Leben wiederzuerwecken. Im Laufe ihrer gemeinsamen Reisen hatte
Fanny erkannt, daß Louis jeden Landstrich mit Schottland - seinem Ideal von
Schottland - verglich: Südfrankreich liebte eq weil es ihn an die Sonnentage sei-
ner im Hochland verbrachten Kindheit erinnerte. Fanny wußte nicht zu sagen, wie
so ein ,,Sonnentag" in Schottland aussehen mochte, denn sie hatte niemals einen
erlebt, aber Louis' Eltern bestätigten ihr schmunzelnd, daß das von Louis beschrie-
bene Phänomen tatsächlich ein- oder zweimal im Jahr bei ihnen auftrat. InAmeri-
ka war Louis ebenfalls auf ein Fleckchen Erde gestoßen, das größtenAnklang bei
ihm fand. Im Hochland der Adirondacks entdeckte Louis viele vertraute Einzel-
heiten wieder. Einzig die ,,henliche Farbe der Torfrnoore" fehlte zum höchsten
Glück - und natürlich das unverzichtbare Heidekraut.
Nein, auch im heutigen, modernen Schottland wäre Louis nie auf Dauer glück-
lich gewesen. Aber er hatte die Freiheit der Watrl seines Wohnortes genossen, be-
vor er Samoa betrat, und den nötigen Spielraum ntr Suche nach dem Paradies ...
ob es nun ein Eden auf Erden gab oder nicht. Samoa war gewiß nicht sein Traum-
land, doch ein böses Schicksal wollte es, daß er hier im Exil endlich sein Traum-
land,,fand". Er verwechselte jetzt das wirkliche Schottland mit dem idealen Reich
seiner Phantasie, warfbeide in einen Topf- und wußte doch nur eines ganz genau:
daß er das Land seiner Sehnsucht niemals zu Gesicht bekommen wärde, solange
er lebte. Das Paradies lag auf der anderen Seite der Welt, exakt da, wo Louis nicht
leben konnte. Vielleicht, dachte Fanny, war das ja eine Art Naturgesetz . . .
Die schriftliche Einladung seiner Freunde vom Savile Club hatte erneut die
alte, nie vernarbte Wunde aufgerissen. Fanny mußte, wenn sie Gerechtigkeit wal-
ten ließ, einräumen, daß die Clubmitglieder Louis teils aus Unkenntnis seiner
walren Lage quälten. Ihre nachdräcklich vorgebrachte Bitte, Louis möge doch in
einigen Monaten endlich wieder einmal der englischen Hauptstadt einen Besuch
abstatten und seinenAufenthalt mit einem großen Festakt im Club verbinden, war
sicher nicht als ein Zeichen abgründiger Bosheit zu werten. Nun gut, Fanny er-
wähnten sie nicht in ihrer Einladung; andererseits mußten sie davon ausgehen,
daß Louis niemals ohne seine Gattin bei ihnen erschienen wäre. Louis' alte Freun-
de verstanden tatsächlich nicht, warum er sich so gegen die Außenwelt abschotte-
te, und wollten den kauzigen Einsiedler - der gewiß erst durch diese widerwärtige

l8l
Xanthippe auf seinen Spleen verfallen war! - mit sanfter Gewalt heimholen. Zu-
dem wußten sie von früher, welch ausgedehnte Reisen Louis zu untemehmen pfleg-
te, noch dazu aus unvergleichbar nichtigeren Anlässen als einem Clubtrefen ...
schließlich war er auch dieser Fanny Osbourne hinterhergeeilt, ohne Geld, ohne
Vorbereitung, unter Einsatz seines Lebens! Die Wichtigkeit des Clubs rechtfertig-
te jeden Abstecher in das pochende Dichterherz von Albion.
Louis' Reaktion auf die Einladung stellte nur ein Symptom seiner Kranlüreit
dar, nicht die Ursache. Doch was war der Kern jenes Leidens, das nichts mit seiner
Lunge zu tun hatte? Fanny glaubte sich zumindest andeutungsweise einen Reim
darauf machen zu können. Es war ausgerechnet Louis' scbriftstellerischer Ruhm,
der seinen inneren Zwiespalt, seine schmerzliche Zerrissenheit bewirkte! Seine
Berühmtheit hatte sich ja erst gebührend einzustellen begonnen, als Louis sich
bereits auf dem Weg in die Abgeschiedenheit befand: In Europa kam er praktisch
gar nicht mehr dazu, sich seiner wachsenden, beinah explodierenden:Wichtigkeit
zu erfreuen, und auch in Amerika blieb ihm nur wenig Zeit nn persönlichen
Einheimsen der Lorbeeren. Kaum war es ihm ernsthaft gelungen, aus dem Schat-
ten seiner leuchtturmbauenden Vorväter hervorantreten und als abtünniges Ein-
zelwesen größere Bedeutung zu erlangen als alle Stevensons vor ihm - da riß ihm
ein rätselhaftes Schicksal sein Spielzeug sofort wieder aus den Händen. Es war
fast, als hätte eine höhere Macht ihm den Ruhm nur geschenkt, um ihm zu zeigen,
wie süß er schmeclte, wie berauschend er war, wenn man ihn in der Zivilisation
bis zur Neige auskosten konnte ... dann hatte dieselbe Macht ihn in der Wildnis
verschmachtend zurückgelassen. Solange er noch in der Lage gewesen war, nach
Australien zu reisen, hatte er jedesmal den Beweis erhalten, wie seine Berähmtheit
schier ins Unendliche wuchs. In Sydney wurde er von Bewunderern ftirmlich be-
lagert, man warf sich ihm zu Ftißen, betete ihn ungehemmt an. Doch aus Sydney
rief ihn die Insel jedesmal unerbittlich zurück, als ob sie seinen nur scheinbar
erholten Lungen den Befehl gab zu bluten, sobald er die Früchte seines Ruhmes
zu ungeträbt genoß.
Wäre Louis ein unbekannter Hungerleider von einem Poeten geblieben, der
nach und nach das väterliche Erbe aufgezehrt hätte und danach in der Südsee
seinen bescheidenen Lebensunterhalt als Besitzer einer winzigen Plantage hätte
verdienen müssen, ginge es dem Armsten nun vielleicht sehr viel besser. Aber
Louis war wohlhabend - so reich, daß er seinen Klan oft scherzhaft die
,,MacRichies" nannte - und, was Fanny schlimmer erschien, weltberähmt. Jeder
beliebige schiffbrüchige Matrose, auf einer fruchtbaren Insel gestrandet, wäre sich
zweifellos wie der größte Glückspilz vorgekommen, wenn er sich durch sein er-
zälrlerisches Geschick, mit einwenig Seemannsgarn, zu der Position eines Tusitala
hätte aufschwingen können. Auch ein unbekannter, garz und gar unbedeutender

182
Louis hätte womöglich auf diese Art seine Erfüllung finden dürfen! Ein Dichter,
von seinen eigenen Fähigkeiten zwarüberzeugt, doch im Heimatland ständig ver-
nachlässigt, wenn nicht totgeschwiegen, hätte das Los preisen müssen, welches
ihn aufgrund seiner Künste zu einem überirdischen Wesen erhob. Der Dichter-
Olymp von Samoa lag nicht in der Wiege der Zivilisation, zugegeben, doch er war
ein ausnehmend hoher Berg für jeden, dern in seinem femen Herkunftsland nicht
die geringste Anerkennung zuteil wurde. In Europa - soviel stand fest - wäre
selbst Louis niemals zu einer so mächtigen Respektsperson geworden wie dem
Tusitala, der er hier war: Europäer wie Samoaner schätzten gute Fabulierer, doch
was die einen lediglich als einen begabten Freudenspender verehrten, beteten die
anderen an wie eine beinah göttergleiche Kreatur.
Louis' launisches, bösartiges Schicksal aber trieb den makabren Scherz bis zum
äußersten. Nicht genug darnit, daß es dem aus dem Gesichtskreis der zivilisierten
Welt Entschwindenden unmittelbar vor dem Abschied noch schnell eine Kostpro-
be höchsten Glücks verabreichte, um seinen Seelenfrieden dauerhaft zu erschüt-
tern. O nein. Louis' Ruhm war vor seiner Abfährt auf die schnelle so stark ange-
wachsen, daß seine anschließende rätselhafte Abwesenheit, seine nebulöse Exi-
stenz aufjener unwirklichen Südseeinsel, eine ansonsten,,normale" Berühmtheit
im Schoße Albions plötzlich zu einer mystischen Angelegenheit hochstilisierte.
Nun wurden Louis sogar in der Heimat göttergleiche Züge zugeschrieben! Jener
fremdartige Mann, dem die Literatur so eigenttimliche Werke wie die Erz?ihlung
von Dr. Jekyll und Mr. Hyde zu verdanken hatte, war wie ein Stern am Himmel
aufgetaucht, um dann die Welt, die den Dichter-Messias aus irgendeinem unbe-
kannten Grunde sicherlich dringend brauchte, umgehend im Stich und in Düster-
nis zurückzulassen. Daß das der reinste Unsinn war, schien niemanden beim We-
ben dieser einzigartigen Legende zu stören. Als man in der Heimat des verloren-
gegangenen Leitstems auch noch des Umstandes gewahr wurde, dalS derselbe Mann
sich unumschränkterAnbetung seitens fremder Kulturen erfreute, kannte die Begei-
sterung in Peretania keine Grenzen mehr. Der Südseezauber Tusitalas schwappte
buchstäblich bis an die Gestade seiner Heimat zurück. ,,R. L. S.* erhob sich nun
auch in Britannien über jeden gewöhnlichen Sterblichen - denn er war nicht an-
wesend.
Man konnte allerdings nicht behaupten, daß Louis in seinem Gefüngnis völlig
abgeschnitten von der anderen Seite der Erde lebte. Seine Korrespondenz war
äußerst umfangreich, und er emphng Scharen von weißen Besuchern aus aller
Herren Länder. Doch Fanny erkannte bald, daß diese Kontakte Louis'innere Zer-
rissenheit nur noch verstärkten, anstatt ihn nachhaltig zu erfreuen. Die ,,wirkli-
che" Welt hatte ihn nicht vergessen, sie würde ihn niemqls vergessen - aber wer
eigentlich war jener Mann Stevenson, an den sie sich mit solcher Verklärung zu

183
erinnern glaubte? Es gab zwei Arten von weißen Besuchern: Die einen reagierten
?ihnlich wie Mr. Clayborne, der Postschiff-Kapitän, der bei Louis'letzter Geburts-
tagsfeier zugegen gewesen war. Sam Clayborne hatte den Mann Louis gekannt,
bevor er merkte, daß Lnuis der Stevenson war - und er schämte sich. Auch der
zweiten Gruppe von Besuchern gelang es in der Regel nicht, die Sagengestalt und
den Menschen unter einen Hut zu bringen. Pilger aus vielen Teilen des Erdballs
suchten Louis in seiner Einsiedelei auf, um ihm ihre Ehrerbietung zu erweisen.
Meist kamen diese Leute natürlich nicht speziell seinetwegen in die Südsee ge-
reist, das verstand sich von selbst - aber es hatte sich gewissermaßen eingebtir-
gert, daß jedermann, den Geschäft oder Vergnügen in die Inselwelt brachten, ei-
nen Abstecher nach Upolu machte. Samoa hatte um Louis' willen Berühmtheit
erlangt, so wie anfangs Louis'Bertihmtheit durch seinen pazifischen Wohnsitz
gesteigert worden war!
Wann immer Vertreter der letzteren Gruppe auf Upolu eintrafen, lqdylouis sie
ein und behandelte sie mit ausgesuchter Zuvorkommenheit und Gastfreundschaft.
Fanny und Louis zeigten den Leuten ihre ,,Klause", die offenbar etwas luxuriöser
geraten war, als die meisten sich das vorgestellt hatten. Oft jedoch merkte man den
Besuchern eine eigenartige Beklommenheit an, die man bei Weltenbummlern wie
ihnen schwerlich auf Scheu zurückführen konnte. Fanny benötigte eine geraume
Weile, um zu bestimmen, worin diese beinah ängstliche Zurückhaltung bestand:
Louis galt als Legende; Legendengestalten aber pflegtan von Rechts wegen tot zu
sein; diese Legende vor ihnen sah putzmunter aus - wie also sollte man ihn ein-
ordnen?
Louis unterhielt sich immer außerordentlich angeregt mit seinen Gästen. Auf
seine Frau wirkte er zu diesen Gelegenheiten fast unnattirlich aufgekratzt. Er sprühte
wie eine Wunderkerze! Tat er das, um seine Gäste davon zu überzeugen, daß der
Gastgeber wirklich lebte und mehr war als ein Traumbild? Daß er sich ehrlich
überjeden Besuch freute, erklärte viel, aber nicht alles. Louis war doppelt so geist-
reich, dreimal so liebenswürdig wie sonst, weil er es mit einem übermächtigen
Rivalen aufnehmen mußte ... seinem anderen Ich, das auf der gegenüberliegen-
den Seite der Erdkugel lebte. Oft warf er mitten im Gespräch mitNeuankömmlin-
gen einen Blick zu Fanny hinüber, die sich zwar auch charmant an der Unterhal-
tung beteiligte, aber nicht annähernd so viel redete wie der Herr von Vailima.
Louis' Blicke strahlten im allgemeinen heitere Zufriedenheit aus. Bisweilen je-
doch beschlich Fanny das unheimliche Gefühl, Louis brauche den Augenkontakt
zu seiner Vertrauten, um eine Bestätigung für seine eigene Existenz zu erhalten.
Manchmal, wenn es sogar Louis bei der unangebrachten Verehrung seiner Gäste
insgeheim schauderte, schien er sie fragen zu wollen: Gibt es mich wirklich? Oder
bin ich nur ein Gespenst, Fanny?

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Ein einziges Mal hatte Louis Fanny gegenüber seinen seelischen Zwiespalt zu
beschreiben versucht. Damals hatten die beiden soeben einen anglikanischen Pfarrer
aus Liverpool mitsamt Gattin und zwei Söhnen verabschiedet und in Begleitung
zweier Eingeborener nach Apia hinuntergeschickt. Obgleich Louis sich anschei-
nend recht munter mit dem Geistlichen die Zeit vertrieben hatte, seufzte er ab-
grundtief auf, als die Gruppe jenseits des Zaunes verschwunden war.
,,Weißt du, wer ich wirklich bin, Fanny?" fragte er dann. Und als Fanny ihn
bloß anstarrte, gab er selbst die Antwort. ,,Ich bin nichts weiter als der dunkle
Schatten jener Lichtgestalt, die auf der anderen Seite der Welt lebt. Ich habe mich
mit dem Reverend ausgiebig über Dr. Jekyll und Mr. Hyde unterhalten - und nun
sehe ich, daß ich mein eigenes Werk verkörpere, nicht mehr und nicht weniger. So
einfach ist das."
,,Aha. So einfach also." Fanny wartete auf die Erklärung.
,,In der Tat. Diese Erleuchtung wurde mir zwar nicht durch den Reverend zuteil
- der gute Mann l's/ n?imlictr, mit Verlaub, keine allzu große Leuchte. Trotzdem
weiß ich jetzt Bescheid."
,,Tust du das." Fannys Bemerkung war keine Frage.
,,Als ich die Geschichte von Dr. Jekyll scbrieb, die mich endgültig berühmt
machte, habe ich damit, ohne es zu wissen, einen Doppelgänger von mir in die
Welt gesetzt - in die Welt hinausgesandt, vrr genau zu sein. Mein anderes Ich
wohnt jetzt in allen Bibliotheken und feinen Salons Großbritanniens. Es ist in
vornehmstes Leder gebunden und trägt Blattgold an der Seite, während ich hier
umherstapfe wie ein alter Seeräuber. Mein anderes Ich ist durch und durch gesell-
schaftsfähig."
,,Und das [ch, das gerade vor mir steht, scheint mir durch und durch betrunken.
Du und der gute Reverend, ihr habt ein bißchen zuviel vom Portwein genippt,
möchte ich behaupten."
,,Nicht betrunken genug", murmelte Louis. ,,Weißt du, Fanny, es ist schon in-
teressant: Mein Abbild auf der anderen Seite des Spiegels ist ein Wesen aus Zuk-
kerguß, eine süßliche Erfindung, die nichts mit mir zu tun hat. Doch obwohl der
Kerl nur aufleinenbuchdeckeln existiert, scheint er lebendiger zu sein als ich.
Wie ist das möglich? Bei den Figuren meiner Geschichte wußte ich immer, wer
das Original war - Jekyll war schließlich zuerst da. Aber wer von zns beiden ist
das Original, wer die Fälschung? Ich war zwar zuerst auf der Welt ... doch ich bin
es, der sich ewig verstecken muß. Das Elixier muß erst noch erfunden werden, das
Louis Hyde befreien kann!"
Obwohl Louis, der tatsächlich zuviel getrunken hatte, nach diesen seinen Wor-
ten scheinbar herzlich lachte, zog sich Fannys Brust schmerzhaft zusammen. Sie
war den Tr?inen nahe, als sie ihn so ungewohnt offen reden hörte. Weit davon

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entfemt, sich bei einer anderen Menschenseele zu beklagen, hatte Louis seine Er-
kenntnisse in einen Scherz verpack! doch dieser IJlk ließ das Blut in Fannys Adern
gefrieren. Er hatte ja vollkommen recht mit seiner Einschätanng der Lage! Louis
war jetzt der dunkle Bruder, der eingesperrt auf der Unterseite der Erde lebte und
der immer nur dann seinen Kopf zur Türe herausstreckte, wenn auf der anderen
Hälfte des Globus, wo alle ordentlichen Menschen wohnten, finsterste Nacht
herrschte!
Unwillkürlich mußte Fanny an das allgemeine Hunagebrüll zurückdenken, das
der Klan auf dem Dampfschiff Ludgate Hill angestimmt hatte, als sich kurz vor
New York herausstellte, daß der Hafenlotse kurioserweise auf den Namen Hyde
hörte ... Was für ein besonders gutes Omen schien das zu sein! Alle stießen darauf
mit dem Champagner an, den Henry James seinem Freund Louis mit auf den Weg
geschickt hatte, und niemand von ihnen ahnte, daß es für das Oberhaupt des Klans
keine Rückkehr geben wärde. Im nachhinein betrachtet schien der Lotse ein recht
hinterhältiger Steuerrnann gewesen zu sein, ein trägerisches Leitzeichen aufihrer
Reise. War es möglich, dachte Fanny und erschrak ob ihres blasphemischen Ge-
dankengangs, daf Mn Hyde kein Zufall gewesen war, sondem der böse Scherz
eines Gottes, der den allmächtigen Romqncier gespielt hatte? Es stimmte zwar,
daß die Erzählung von Dr. Jekyll und seinem bösen Pendant kurz nach ihrern Er-
scheinen zahlreiche Kirchenmtinner zu Begeisterungsstürmen hingerissen hatte -
sie wurde enthusiastisch zur Grundlage von Kanzelpredigten benutzt, in Dutzen-
den von religiösen Zeitschriften nachgedruckt und überall heftigst erörtert. Doch
wenn die Geschichte auch aus der Feder eines Mannes stammte, der es an Heu-
chelei manchmal mit seinen ,,Helden" auftrehmen konnte, war das selbst für den
unbarmherzigsten Gott noch lange kein Grund, den Verfasser des Werkes derart
grausam zu bestrafen ...
Wenn Louis sich dazu verstieg zu behaupten, daß er seine eigenen literarischen
Werke verkörperte, schien die ,,Übereinstimmung" sogar Fanny nicht gZinzlich
aus der Luft gegriffen. Als Louis die Einladung des Savile Club zu Gesicht be-
kommen hatte, vermochte Fanny aus seinem gequälten Gesichtsausdruck die alte
Angst zu lesen: Bin ich endgültig tot und begraben? Seine Sauf- und Debattier-
kumpane von einst, die lZingst eingesehen hatten, daß Mr. Gosses Prognose sich
nicht bewahrheitete, verlangten nach seiner Gesellschaft, um den großen Erzähler
zu feiern. Sie würden es ohne ihn tun müssen. Der Louis, den sie kannten, war
nicht tot, aber lebendig begraben ohne Hoffnung auf Wiederkehr. Die Tatsache,
daß die Genossen den Meister zu ,,Lebzeiten" getroffen hatten, nützte nur den
Daheimgebliebenen. Sie durften den Ruhm genießen, der Louis gehörte, konnten
sich noch in seinem Schatten sonnen! Der Goldjäger persönlich hatte einen Lage-
plan seines Schatzes für die Nachwelt aufgezeichnet ... und war gewissermaßen

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erst dadurch fündig geworden. Aber nun hockte er aufeiner Schatzinsel fest, die er
nicht erschaffen und nicht gewollt hatte!
So mußte also Louis der fernen Kameraden gedenken, die gewiß auch ohne
ihn, die Hauptperson, aufs ausgelassenste seine wunderschöne Leichenfeier zu
zelebrieren imstande waren. ,,,A.uf abwesende Freunde!" würde ihr Trinkspruch
lauten. Louis, die quicklebendige Leiche, konnte dem Begtingnis leider nicht bei-
wohnen ... doch das machte seinen Freunden sicher nicht viel aus. Fanny mußte
an die Schatzinsel denken und daran, daß inzwischen sogar zahlreichen Söhnen
im Kindesalter die Lekttire dieses Buches von ihren Vätem erlaubt, gar ans Herz
gelegt wurde, sofern die Erzeuger ihre Sprößlinge für,,Manns genug" hielten. Die
Hyänen vom Savile Club zählten mehr als ,,15 auf des toten Mannes Kiste", wie es
im Lied der Piraten hieß. Doch Käpt'n Louis Flint, ihr Wohltäter, hinterließ ihnen
seinen Schatz, und sie würden ihn hochleben lassen. Johoo ... und 'ne Buddel mit
Rum - ob Louis nun tot war oder nicht.
Wäihrend Fanny noch angestrengt darüber nachgrübelte, was der August an
weiteren unliebsamenÜberaschungen für sie und Louis bereithalten mochte, ver-
nahm sie unvermittelt Rufe aus der Richtung des Eingangstores. Wie auf ihr Stich-
wort! Fanny vermutete ohne zu zögern etwas Übles und schalt sich selbst, weil sie
durch die schwarzen Gedanken, die sie seit Monaten hegte und pflegte, das Unan-
genehme geradezu magisch anzvziehen schien. Als ihr dann bewußt wurde, daß
diese letzte Idee die düsterste und unsinnigste von allen war, nahm sie sich vor,
das Denken lieber ganz aufzugeben. Wenigstens für heute.
Dann gelang es Fanny, den Rufen, die seltsam verhalten und fast ehrfürchtig
klangen, ein einzigesWortzu enfirehmen, das sie augenblicklich fröhlich stimmte.
Sie hatte den Namen ,,Soenga" gehört! Demnach mußte sich Soenga auf dem
Dschungelpfad befinden, der zum Tor herauffiihrte. Und da es sich bei dem Mäd-
chen um eine ganz besondere Persönlichkeit handelte, die sich dem Anwesen nä-
herte, war die Nachricht von ihrem bevorstehenden Erscheinen ihr vorausgeeilt
wie ein Lauffeuer. Aufgeregt lief die samoanische Dienerschaft zusammen und
bildete unten am Tor einen wirren Halbkreis. Jeder versuchte, den besten Platz nr
ergattern, um einAuge oder besser noch zwei aufdie sagenhafte Soenga werfen
zu können, sobald sie Tusitalas Garten betrat. Von der Veranda aus ähnelten Mafulu
und die anderen einem wilden Bienenschwarm; weder das erregte Summen noch
das ständige Umeinanderkreisen der Beteiligten hätten für den Uneingeweihten
einen Sinn ergeben. Doch Fanny wußte, daß ihre Freundin Soenga kam, daß sich
diejunge Frau nach so langer Zeit doch noch zum Besuch entschlossen hatte, und
dieser Umstand erkläirte einfach alles.
Gerade machte sie sich auf den Weg quer über den Rasen, um Soenga gleich
am Tor persönlich willkommen zu heißen, als sie mit Isobel zusammenstieß, die

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allem Anschein nach schon wieder einer ihrer finsteren, bitterbösen Launen frön-
te.
,,Was will dieses unselige Weib hier, Mutter?" begann Belle sogleich, und ihre
Stimme überschlug sich vor Zorn. Auch sie hatte also inzwischen die Botschaft
vernommen. ,,Du willst ihr doch wohl nicht gestatten, unseren Grund und Boden
zu betreten, oder? Wenn wir abgerichtete Hunde besäßen, könnten wir sie jetzt
wenigstens auf sie hetzen! Was denkt sich das Luder dabei, sich bei uns einschlei-
chen zu wollen?"
Belle schrie diese Worte nicht bloß, sie kreischte wie eine Besessene. Hätte
Fanny nicht gewußt, daß der Wutausbruch nicht von Dauer sein und Belle an-
schließend ihr unmögliches Betragen bereuen wärde, wäre sie der Tochter über
den Mund gefatren. So sagte sie nur: ,,Ich habe Soenga eingeladen."
Isobels Kinnlade klappte vor Entsetzen herunter. Zuerst war sie zu keiner Envi-
derung fühig; die Sprache versagte ihr den Dienst. Als Fanny ernstlich.einen hy-
sterischenAnfall befürchtete, beruhigte sich ihre Tochter gottlob wieder, schüttel-
te nur resignierend den Kopf und murmelte tonlos: ,,Du bist ja endgültig von allen
guten Geistern verlassen, Mutter", bevor sie sich in die Küche nxickzog. Fanny
atmete auf.
,,Danke, gleichfalls", flüsterte sie, bevor sie ihren Weg zum Tor ohne weitere
Belästigung fortsetzte. Als sie unten im Kreise ihrer Dienerschaft ankam, machte
man ihr sofort unaufgefordert Platz. Stille senkte sich über die Anwesenden, die
nicht wissen konnten, wie Fanny die Begeisterung ihrer Untergebenen für die be-
rüchtigte Soenga wohl aufrrehmen mochte. Einige der Mädchen kicherten nervös
und wichen ein paar Schritte zurück. Fanny trat über die Schwelle in den Urwald
hinaus und wartete mit wachsender Ungeduld. Aus den Augenwinkeln bemerkte
sie, wie die Diener einander ratlose Blicke zuwarfen.
Da kam sie endlich! Allen Rodungsaöeiüen zum Trotz begann der dichte Dschun-
gel nach wie vor schon wenige Fußbreit vor dem Tor, so daß Soenga buchstäblich
erst im letzten Moment vor ihrerAnkunft vom Garten aus zu sehen war. Die junge
Frau trug wie immer schlichte, ungefiirbte Kleidung und hatte sogar auf die Blü-
ten im Haar verzichtet, die alle Samoaner, Männer wie Frauen, bei wichtigen Be-
suchen zu tragen pflegten. Ihre Kleidung strahlte jene vornehme Einfachheit aus,
die sonst nur Häuptlinge an den Tag legten, und auch ihr majestätischer Gang
erinnerte Fanny lebhaft an den Besuch der Stammesfürsten zu Louis' letztern Ge-
burtstag. Die gute Soenga war sich durchaus ihrer Wirkung bewußt, wie Fanny
bemerkte. Doch noch eine weitere Regung vermochte sie aus Soengas Gesicht
abzulesen: Die junge Frau verspürte eine Angst, die sie krampftraft zu verschlei-
ern suchte. Den Urwald mit seinen Dämonen hatte sie glücklich hinter sich gelas-
sen; dannach konnte es nur Tusitalas Reich mit den dortbeheimateten Dämonen

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sein, welches ihr angst machte. Wahrscheinlich war es diese Furcht gewesen, die
Soenga so lange von einem Anstandsbesuch abgehalten hatte.
Ohne viele Umstände lief Fanny ihr entgegen, nahm sie bei der Hand und führ-
te sie hinter sich her durch das Tor in das Herzstäck von Vailima hinein. ,,Will-
kommen, Soenga", begrüßte sie das Mädchen, doch nicht bevor sie gemeinsam
die weite Rasenfläche betreten hatten. Unter der Dienerschaft erhob sich ein viel-
stimmiges Raunen der Verwunderung. Die deutlichsten Ausrufe des Erstaunens
jedoch entfuhren unwillkürlich Soenga, dem neuen Gast. Im Gegensatz zu den
meisten Eingeborenen um sie her war sie seinerzeit nicht Zeugin der zeitrauben-
den, nur ganz allmählich vorangetriebenen Urbarmachung der riesigen Lichtung
gewesen, noch hatte sie die mühsame Enichtung des Haupthauses in all ihren
Phasen, mit sämtlichenAn- und Umbauten, erlebt. Deshalb empfand Soenga nun
dasselbe Gefühl, welches Fanny neuerdings manchmal ergriff, wenn sie in einem
Zustand leichter geistiger Verwimrng nach Hause kam. Ein regelrechtes Schwin-
delgefühl erfaßte Soenga angesichts der urplötzlichen kere, in die sie nach dem
langen, bedrtickendenMarsch durch das Dschungeldickicht ohne Vorwarnung ein-
tauchte. Das Mädchen schwankte - nicht vor Erschöpfung, sondern weil ihr Kör-
per, ihr Gleichgewichtssinn sich der ungewohnten Umgebung nicht schnell genug
anzupassen vermochte. Unvermittelt mußte Fanny an eine Unterhaltung zwischen
Louis undAustin zurückdenken, als Louis - der übrigens auch das Tiefseetauchen
in diesen unheimlichen, neumodischen Anzägen selbst ausprobiert hatte - dern
Jungen von den merkwürdigen Fischkreaturen am Meeresgrunde erzählte. Man
sagte, es gäbe Fische dort unten, die niemals das Licht zu sehen bekämen und
trotzdem existieren könnten; bleiche, durchscheinende Tiere, die nur durch den
unglaublich starken Druck zusammengehalten würden, der in der Tiefe auf ihnen
lastete. Zöge man solche Geschöpfe ans Licht hinaul müßten sie unweigerlich
zerplatzen. Sie brauchten die Finsternis und die Bedrückung, sonst verlören sie
zuerst die Orientierung und dann gar das Leben ...
Was für ein dummer Gedanke hatte Fanny da wieder überfallen! Schon war
Soenga völlig erholt, als sei nichts gewesen - und es warja schließlich auch nichts
passiert. Allerdings gelang es Soenga nur mit äußersterAnstrengung, nicht zuviel
von dem überwältigenden Erstaunen zu verraten, welches sie beim Anblick des
Hauses ergriff. Sie riß die Augen weit auf, und ihr hübscher Mund formte ein
lautloses, aber kreisrundes ,,O". Fanny merkte, daß Soenga weniger der Gastgebe-
rin als den umstehenden samoanischen Landsleuten gegenüber ihre wahren Emp-
findungen zu verbergen bemüht war. Also packte sie Soenga kurzerhand am Arm
und zog das Mädchen weiter mit sich, um sie den Blicken und Kommentaren der
Dienerschaft zu entreißen. Kaum befanden sie sich außer Hörweite, überschüttete
Soenga sie mit einem ganzen Strauß ernstgemeinter Komplimente.

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,,Was für ein Palast!" sprudelte sie begeistert hervor und schien sich dabei gar
nicht mehr an ihreAbneigung gegen die Bauten derWeißen Zu erinnern. Tusitalas
großes Haus unterschied sich in der Tat grundlegend von dem zu allen Seiten
offenen, palmwedelgedeckten fole, dertypischenHütte der Beqgbewohner. Das ein-
zige Element, das in beiden Gebäudearten gleichermaßen vorherrschte, hatte mitAr-
chitektur nichts zu tun: Es war die peinliche Sauberkeit der jeweiligen Bewohner.
Dann kniffSoenga plötzlich dieAugen zusammen und warf einen skeptischen
Blick auf die steile Erhebung hinter
dern Wohnhaus. Das war der Berg Vaea, der
das Gelände, auf dem das Haus stand, um etliche Fuß übenagte und in das wohl
dichteste Urwaldgestrüpp gehüllt war, das es auf der gesamten Insel zu finden
gab. Soenga betrachtete den Berg und dann Fanny.
,,Hast du keine Angst", fragte sie dann, ,,daß der Berg eines Tages wieder Flam-
men speien könnte? Du wohnst sehr nah an der Gefahr. Aber", fuhr sie fort und
gab sich selbst die Antwort auf ihre Frage, ,,der Tusitala braucht sich jd nicht zu
fürchten. Den Feueöerg dort kann er sicher auch bezwingen."
Fanny erwiderte nichts. Sie hatte sich mittlerweile an die Nachbarschaft des
Vulkans gewöhnt, der sich angeblich schon seit vielen Jahrzehnten so benahm,
wie sich jeder freundliche Nachbar betagen sollte: still und unauffällig. Fanny
suchte ihn gewöhnlich aus ihrern Gedächtnis zu verbannen; sie dachte ungern an
den Berg Yaea, garu im Gegensatz zu Louis, der andauernd von ihm sprach. Er
hatte besondere Pl?ine für ihn ... und dieser letztendliche ,,Verwendungszweck"
gefiel Fanny absolut nicht. Ilr Unbehagen hatte aber nichts mit dem Bewußtsein
ständiger Gefahr zu tun. Sicher, Louis würde im - zugegebenermaßen unwahr-
scheinlichen - Ernstfall eines Ausbruchsversuches den Berg genausowenig mit
einem Korken verstopfen können wie seine phantastische D?imonenflasche. Doch
im Laufe ihres Lebens hatte Fanny sich mit entaunlich vielen Naturencheinun-
gen abgefunden, einschließlich der Erdbeben, die hier auf Upolu an der Tagesord-
nung waren und nur Gäste von anderen Inseln manchmal ein wenig aus der Fas-
sung brachten.
,,Komm mit, Soenga, ich zeige dir unser Haus." Fanny ließ Soengas Hand kei-
ne Sekunde lang los, obwohl es dem von all der Pracht wie verzauberten Mädchen
gar nicht einfiel zu widerstreben. Fanny machte es einfach Spaß, mit ihrer Besu-
cherin durch das Anwesen zu tollen, als sei sie selbst noch ein junges Ding und
sehe die Wunder von Vailima zum ersten Mal.
Fanny traute ihren Augen kaum, als unvermittelt Lloyd auf der Veranda auf-
tauchte. Seit Tagen hatte sie ihren Sohn nicht gesehen, der wie ein verliebter Kater
in der Landschaft umherstreunte. Auf Lloyd war in letzter Zeit weit weniger Ver-
laß gewesen als auf Maud und Henry, die beiden Lieblingskatzen ihres Mannes,
die Louis abends von der Hängematte aus mit seinen fast fingerlangen Zehen aus-

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giebig zu kraulen pflegte. Doch da stand nun Lloyd in voller Lebensgröße, ziern-
lich verwildert obendrein - was ihm gar nicht so schlecht stand, wie Farury im
atillen fand. Er warf Soenga bewundernde Blicke nt, aber er zeige kaum noch
otwas von jener linkischen Unsicherheit, die er noch vor Monaten im Umgang mit
Frauen an den Tag gelegt hatte ... zum leisen Vergnügen von Schwester und Mut-
ter. Wie und wo er sich zu seinem Vorteil verändert hatte, wußte Fanny nicht zu
sagen. Nach dem Gespräch über,,Liebesdinge", welches er und sein Stiefvater
damals hinter Fannys Rücken geführt hatten, bekam sie ihnja nur noch selten zu
Cesicht. Und ausgerechnetjetzt pflanzte sich Lloyd vor den Frauen aufder Veran-
da aufund drohte Fanny den Tagan vergällen!
Gottlob tat Lloyd nichts dergleichen. Er widmete Soenga einen artigen Gruß,
hängte ein wohlgelungenes Kompliment an und machte schon wiederAnstalten,
sich zu entfernen. Selbstverständlich nahm Lloyd Soengas Schönheit zur Kennt-
nis; nicht einmal ein Lloyd Osbourne ohne seine Brille konnte ihre außergewöhn-
licheAnmutübersehen. Aberderjunge Gentleman versuchte diesmal keineswegs,
um jeden Preis die Bekanntschaft der Schönen zu machen. Es gab nur eine Erklä-
rung: Sein Herz war endgültig vergeben, und er widmete seine ungeteilte Auf-
merksamkeit einem anderen weiblichen Wesen auf der Insel.
,,Lloyd, Lieber, wärdest du uns einen Gefallen tun?" fragte Fanny ihren Sohn,
nachdem die lormliche Vorstellung beendet war. ,,Geh und bitte Belle um zwei
Gläser ihrer wunderbarenLimonade. Und sag ihr, sie möchte mehr Zucker hinein-
geben als sonst. Belle wirkt immer so säuerlich, wenn sie zuviel davon trinkt."
Lloyd, der schon im Davoneilen begriffen war, wandte sich erst ein wenig wider-
strebend um. Dann aber lachte er und nickte. Wie jedem guten Bruder bereitete es
auch ihm Vergnügen, seine Schwester zu piesacken - selbst wenn das bei Isobel
seit kurzem mit akuter Lebensgefahr verbunden schien.
Wer immer das geheimnisvolle Mädchen sein mag, dachte Fanny begeistert, sie
hat bei Lloyd wahre Wunder baoirkt.
Ohne auf Lloyds Rückkehr zu warten, zog Fanny Soenga mit sich ins Haus. Ihr
Sohn wärde sie mit Sicherheit finden: Das Haus war groß, doch das Erdgeschoß
bestand beinah ausschließlich aus dem großen Ballsaal, wie Fanny den riesigen
Raum nannte, wo Louis prächtige Empfiinge für weiße Würdenträger zu veran-
stalten pflegte. Er maß 60 mal 40 Fuß, und sowohl W?inde als auch Decke waren
mit dern Holz kalifornischer Mammutbäume getäfelt. Hierwar es auch, wo Louis
in festlichernAufzug, mit einer Samt-und-Seiden-Fanny an seiner Seite, das böse
Dreigespann willkommen geheißen hatte ... Jawohl, Louis' ,,Erzfeinde" hatten
hier nach seiner Musik getanzt, der deutsche, derbritische und der amerikanische
Konsul - nur eben nicht gleichzeitig. Und sie hatten sich, jeder ,privat", mit dem
Gastgeber zusammen aufs prächtigste amüsiert.

l9l
Soenga kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie tanzte ganz allein und
ohne musikalische Untermalung durch den leeren Saal, wo die Schritte ihrEr
unbeschuhten Füße eigenartig widerhallten. Nachdem sie sich so wild ausgetobt
hatte, daß Fanny schon durch den bloßenAnblick schwindlig zumute wurde, blieb
sie abrupt stehen. Soengas bronzefarbene Haut glänzte, doch ob und wie stark das
Mädchen schwitzte, war nicht zu erkennen. Der Schimmer konnte ebensogut von
dem Kokosöl henäfuen, welches Soenga wie alle Frauen der Insel benutzte.
Alle Henlichkeiten des Hauses zeigte Fanny ihrer Besucherin, und sie ver-
mochte sich nicht zu erinnern, wann sie das letzte Mal solches Vergnügen dabei
empfunden hatte. Spontan schenkte sie Soenga einen kunstvoll verzierten Silber-
spiegel, der noch aus ihrern Häuschen Skerryvore in Bournemouth stammte. Das
ganze Herrenhaus von Vailima war mit den Kostbarkeiten angefüllt, die Lloyd
eigens aus Skerryvore und aus Louis'Vaterhaus in der Heriot Row herbeigeschafü
hatte, sobald allen klar wurde, daß es kein Zurück mehr geben wünde. Soenga
bekam sogar den einzigen gemauerten Kamin des gesamtenArchipel's zu Gesicht!
Wie tief sie von den Piranesi-Radierungen beeindruckt war, die Louis so liebte,
konnte Fanny nicht ermessen; was Soenga von dern verschlossenen Waffenschrank
mit dem knappen Dutzend Colt-Gewehren darin halten mochte,wollte Fanny lie-
ber nicht wissen. Auch ein Tusitala, der mit einer Dämonenflasche gesegnet war,
verließ sich im Ernstfall - welcher gottlob niemals eingetreten war, nicht einmal
zu Tamaseses aufständischenZeiten - doch weit besser auf sein Gewehr.
Plötzlich, als Fanny sich gerade anschickte, dem Gast das obere Stockwerk zu
zeigen, zupfte Soenga sie an einem Zipfel ihrer Baumwollbluse. Das Mädchen
sah aus, als wolle es gleich vor Neugier platzen, doch gleichzeitig schien es Angst
davor zu haben, die Frage auszusprechen, die ihm aufder Seele lag.
Endlich rang sich Soenga zu einer Bitte durch. ,,Wo ... wo ist denn die Fla-
sche?" raunte sie fast unhörbar, am ganzen Leib zitternd. ,,Zeigst du sie mir ein-
mal?"
Natürlich hatte Fanny zu irgendeinem Zeitpunkt mit dieser speziellen Frage
gerechnet. Bei einer wißbegierigen Frau wie Soenga war das Thema früher oder
später wohl unvermeidbar.
,,Alles, was ich dir zeigen kann, Soenga", erklärte Fanny lächelnd, ,,ist unser
Weinkeller. Er ist recht ordentlich mit Flaschen aller Art bestückt - aber eine
Dämonenflasche wirst du in diesem Hause nicht finden. Das sagte ich dir bereits."
Soengas Gesichtsausdruck offenbarte eine Mischung aus Enttäuschung und
Erleichterung ... und ein wenig Unglauben.
Bevor Fanny zu einer umfassenderen Erklärung auszuholen vermochte, wurde
sie von einem Geräusch unterbrochen, das sie lange nicht mehr vernommen hatte.
Sie hatte ihn vermißt, diesen Lärm, doch just in diesem Augenblick verwänschte

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sie ihn aus dem Grunde ihres Herzens. Der Klang von Louis' Flageolett drang zur
Abwechslung nicht aus der Bibliothek, sondern aus seinem winzigen verschlag-
ähnlichen,,Arbeitszimmer", das er zu benutzen vorzog, wenn er mit eigener Hand
schrieb. Louis, so musikliebend wie unmusikalisch, spielte heute eine der höch-
stens drei Melodien, die er wirklich vollendet behenschte. Dcl er sie beherrschte,
daß dies in der Tat die einzigen Musikstücke waren, die den bezaubernden Klang
des Flageoletts sogar trotz Louis' unsachgemäßer Behandlung des armen Instru-
ments ausnehmend gut zur Geltung brachten, hatte man Louis allerdings eigens
sagen müssen. Louis fandjeden Ton schön, auch den scbrägsten, gequältesten;
jeder Klang, der einem Musikinstrument entfuhr, war für ihn zwangsläufig Musik.
Des Abends, wenn Isobel und Lloyd, Fannys musikalische Sprößlinge, auf der
Veranda Banjo oder Gitarre spielten, dauerte es immer erst eine geraume Weile,
bis die beiden ihre Saiten gestimmt hatten. Zudem konnten sie in der feuchten,
drückenden Luft höchstens zehn Minuten musizieren, bevor es wieder an der Zeit
war, die Instrumente nachzustimmen: Die hölzernen Bestandteile verzogen sich
im tropischen Klima während des Spiels nach allen Richtungen. Louis vermochte
nicht zu unterscheiden, ob Lloyd und Belle gerade eine Melodie improvisierten
oder ob sie andere Saiten aufzogen - er applaudierte voll kindlicher Begeisterung
an den unpassendsten Stellen. Seine völlige Unf?itrigkeit zur Unterscheidung von
Tönen, gepaart mit seiner Freude am Spiel, hatte selbst Isobel einmal zu einem
Scherz auf Louis'Kosten hingerissen: ,,Louis hat das absolute Gehör. Absolut, äh
. . . vorurteilslos." Außerdem gab man dem begnadeten Flageolett-Dilettanten eine

ganze Reihe guter Ratschläge. Als Schlangenbeschwörer dürfe er getrost arbeiten,


denn Schlangen seien taub und hätten demnach unter seiner Kunst nicht so zu
leiden. Auch als Rattenfänger sei Louis mit seiner Quietschflöte zu gebrauchen;
zwar wärde er niemals ein Nagetier/angen, aber sämtliche Schäcllinge in wilder
Flucht aus dem Hause treiben, und das sei schließlich noch praktischer. Louis
nahm solche Witzeleien alles andere als übel, sondem lachte im Gegenteil herz-
lich mit. Er wußte schließlich um seinen hoftungslosen Mangel an Begabung -
und quiekte fröhlich weiter. Es war offensichtlich, daß ihn sein Flageolett an Schott-
land erinnerte, das Schottland seiner Phantasie ... und es war wieder einmal ty-
pisch für Louis den Widerborstigen, daß er, ein Lungenlcanker, sich ausgerechnet
einem Instrument verschrieben hatte, welches seinen ganzenAtem verlangte. Sein
Unwille, sich Widerständen zu beugen, zeigte sich noch in den kleinsten Dingen
des täglichen Lebens.
Und nun spielte Louis nach vielen Wochen wieder auf seinem ,,Dudel ohne
Sack" - ein anderer geheimer Spitzname Fannys für das Ding: Sie durfte Louis'
Spiel nach Lust und Laune beleidigen, aber niemals das schottische National-
instrument. Warum spielte er gerade jetzt? Wieso hatte er, der auf nichts und nie-
manden in seiner Umgebung musikalische Rücksicht nahm, eine Melodie ausge-
sucht, die nicht nur erträglich, sondern geradezt unirdisch berückend klang?
Soenga, die gebannt neben Fanny stehengeblieben war und mit verzücktem Ge-
sichtsausdruck lauschte, gab ihrer Gastgeberin unwissentlich die Antwort.
,,Was sind denn das für magische Töne? Ist das der Tusitala, der diesen Zauber-
kl?ingen befiehlt?" Soenga flüsterte andächtig, wie um den Wohllaut nicht zu ent-
weihen.
,,Ja, das ist unverkennbar mein Mann Louis." Fanny wurde unruhig. ,,Er besitzt
ein Blasinstrument, das in den Ländem, aus denen die Weißen stammen, jedes
Kind zu spielen versteht, viel besser als Louis. Mich wundert, daß du es nicht
kennst. Der Pater in deiner Mission hat sicher auch so ein Ding."
Fannys verzweifelter Versuch, Soenga von Louis' Spiel abzulenken, schlug fehl.
Nicht einmal die Bemerkung über den verhaßten französischen Priester riß das
Mädchen aus seinerAndacht, denn sie nahm Fannys Worte gar nicht zpr Kenntnis.
Fanny ergriff sie wieder bei der Hand, um sie von der Quelle der Musik wegatzie-
hen, doch Soenga sträubte sich sdnft, aber bestimmt. Mit offenem Mund lauschte
sie der Melodie, welche aus Louis'Arbeitsverschlag an ihr Ohr drang. Soengas
Verhalten gab Fanny die Erklärung dafür, warum Louis gerade jetzt und hier und
ausgerechnet diese Melodie spielte: Er wußte um Soengas Ankunft, die ihm in
Anbetracht des allgemeinen Durcheinanders in der Dienerschaft auch kaum hätte
verborgenbleibenkönnen, und erwollte denGast aus irgendeinem obskuren Grunde
flir sich gewinnen. Fanny konnte sich beim allerbesten Willen nicht vorstellen,
wieso er sich für das Mädchen interessieren sollte. Aber die Tatsachö, daß er ganz
bewußt den,,Zantber" der Musik einsetzte und die geringen ihm zu Gebote stehen-
den Kräfte aufdiesem Gebiet ausspielte, um Soenga zu becircen, sprach für sich.
Louis zog buchstäblich alle Register seines bescheidenen Könnens und präsen-
tierte dem Gast sämtliche ausgereiften Früchte jahrelanger Übung - alle drei.
,,Komm mit, Soengq wir wollen uns das obere Stockwerk anschauen", dr?ingte
Fanny und hätte am liebsten Brachialgewalt angewendet - doch es war bereits zu
spät.
Das Flageolettspiel hörte abrupt auf, und Sekunden später trat Louis durch die
Tär seines Arbeitszimmers zu den Frauen in den Korridor heraus. Als Fanny ihren
Mann erblickte, verschlug es ihr den Atem. Er hatte es wirklich und wahrhaftig
auf Soenga abgesehen! Fanny wußte, daß Louis stets mehr als nachlässig geklei-
det war, wenn er in seiner winzigen,,Lasterhöhle" hauste, die außer ihm meist
niemand betrat. Doch nun trug er Kleidung, welcher Fanny sofort ansah, daß Lou-
is sie in großer Eile speziell für dieses Zusammentreffen ausgewählt haben mußte!
Nattirlich war ihm Soengas Abneigung gegen die Sitten und Gebräuche der Wei
ßen zu Ohren gekommen; dem hatte er Rechnung getragen, indern er einerseits

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sohlichte Garderobe zusammenstellte, andererseits die Stäcke wählte, die seine
wenigen körperlichen Vorzüge exquisit zur Geltung brachten. Louis war nicht ei-
tcl im herkömmlichen, landläufrgen Sinne, doch er besaß einen sechsten Sinn da-
lür, die perfekte äußere Hülle anzulegen, wenn es galt, andere Menschen zu beein-
drucken und für sich einzunehmen. Ging es darum, britischen Würdenträgern zu
imponieren, warf sich Louis gern in feinstes Tuch, gestdrkte Jacketts und Seiden-
hemden aus Sydney. Alles mußte für ihn maßgeschneidert sein - obschon er zu
diesemZweck lediglichseineMafeauf die ReisenachAustralien entsendenkonnte.
Wenn Louis hoch zu Roß seine Ländereien inspizierte, tat er das stets in Kleidem,
die das Element des Abenteuerlichen, das ihm ohnehin anhaftete, noch verstärkten.
Nun trug Louis ein einfaches weißes Baumwollhemd und weiße Leinenhosen,
nichts weiter. Beide Stücke verhüllten durch ihren raffrnierten Schnitt Louis'allzu
drahtigen Körper, der selbst hier auf Samoa kein Gramm Fett ansetzen wollte , und
betonten zugleich seine imposante Größe und die erstaunliche Länge seiner Glied-
maßen. Wie immer, wenn er sich daheim in Vailima befand und kein wichtiger
Gast in Sicht war, ging Louis barfuß. Heute steckte natürlich eine zusätzliche Ab-
sicht hinter dem Verzicht auf Schuhwerk: Soenga würde den Anblick nackter Füße
bei einem Weißen mit Wohlgefallen aufnehmen. Zudem bewegte sich Louis, be-
sonders wenn er keine Stiefel trug, trotz seiner eigenartigen Proportionen mit na-
hezu raubtierhafter Geschmeidigkeit und Anmut.
Obwohl Louis Erstaunen heuchelte, als er auf die beiden Frauen stieß, durch-
schaute Fanny seine Absichten sofort; nur der tiefere Sinn seiner Vorbereitungen
entging ihr. Er kannte Soenga doch gar nicht persönlich! Warum war es ihm so
wichtig, die junge Frau zu beeindrucken? Zom stieg in Fanny auf, und noch eine
andere, ungewohnte Regung verspürte sie: Eifersucht. Sie war nicht eifersüchtig
aufihren Ehemann, denn sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, daß er sie nicht
betrog. Aber er wollte ihr Soenga entreißen, ihren Gast, ihreFreundin! Louis ver-
langte es nicht nach Soengas Körper - er wollte in den Besitz ihrer Seele gelan-
gen, nicht mehr und nicht weniger. Zu welch unseligem Zweck er sie zu mißbrau-
chen gedachte, war Fanny einerlei. Sie wollte Soenga, dieses einzigartige, maje-
stätische Wesen, nicht in einer der vielen verkorkten Flaschen wiederfinden müs-
sen, die Louis für seine Anbeter bereithielt. Doch ein Blick auf Soenga offenbarte
Fanny, daß es wahrscheinlich schon zu spät war, sie vor ihm zu reffen.
Louis brauchte kein Wort zu sagen, um ihr zu verstehen zu geben, daß er der
Tusitala war. Soenga spürte seinen ,,Zanber" auch ohne weitere Hinweise seiner-
seits. Eines mußte Fanny widerwillig zugeben: Louis wurde durch seine leibliche
Erscheinung all den Wundermärchen gerecht, die sich um seine Person rankten.
Wenn er aus seinen nachtschwarzen Augen Funken sprühen ließ, so wie ein Gott
Blitze aussandte, war es um jeden Menschen geschehen, den nicht eine Fügung

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des Schicksals - die in Fannys Fall, viele Jahre zuvor, Sam Osbourne geheißen
hatte - rechtzeitig für derartige Formen des Blitzschlags undurchdringlich mach-
te. Wie Louis'Jünger damals im Gasthof zu Grez konnte sich nun Soenga nur mit
Mühe zurückhalten, sich Louis zu Füßen zu werfen. Der Unterschied bestand dar-
in, daß eine solche Geste der Verehrung hier auf Samoa nicht nur als Sprichwort
existierte. Soenga blieb zwar stehen, doch ihre Augen starten gebannt auf den
weißen Zatbercr. Fanny fühlte sich um anderthalb Jahrzehnte zurückversetzt, sah
ihren einstigen Widersacher in seiner alten Wolfsgestalt ... und drohte nun Zeugin
zu werden, wie er sich auf dieses ahnungslose Lamm stürzte, das wie hypnotisiert
zwischen den Eheleuten stand. Und Fanny haffe Soenga, den freisten Geist der
Insel, direkt in die Höhle des Wolfes geführt!
Die altenZeiten waren in der Tat zurückgekehrt, und mit ihnen die Feindseligkeit,
der Kampf, den Fanny nach der Hochzeit für endgültig beendet gehalten hatte.
Die Streitaxt war jedoch keineswegs begrab en . . . Zum ersten Male seit dem Abend
im Wirtshaus von Grez und dem Nachmittag in ihrem Pariser Salon Sah sich Fanny
heute gezwungen, einen dieser abscheulichen lautlosen Zweikämpfe mit Louis
Stevenson auszutragen.
Taste mir dieses Mädchen nicht an, signalisierte sie ihm, und auch ihre Augen
sprühten Funken. Louis wußte genau, was er tat, denn sein Blick ruhte nicht län-
ger auf dem Mädchen, sondem vereinigte sich mit dem seiner Frau. Soenga be-
merkte von dem Duell der Eheleute nicht das geringste,
Fanny wiederholte ihre Botschaft, obwohl sie genau wußte, daß ihre Chancen
schlecht standen. Was vermochte schon eine bescheidene, unbedeutendeZatbein
wie sie, die obendrein ihre eigenen Kräfte ableugnete, gegen die Macht des gro-
ßen Tusitala auszurichten - in diesem widerwäirtigen Tauziehen um Soengas Frei-
heit? LalS sie in Ruhe, sonst ... Aber wie sollte die Alternative wohl aussehen, mit
der sie ihm drohen konnte?
Ich brauche das Mtidchen, ob du es verstehst oder nicht, gab Louis zurück, und
obwohl er seine Entscheidung bereits getroffen hatte und keineswegs zu widemr-
fen gedachte, las Fanny noch etwas in seinenAugen, das es früher dort nicht gege-
ben hätte. Sein Blick heischte Fannys Verständnis.
Der Kampf trug sich in Sekunden zu, noch bevor Louis ein Wort gesprochen,
noch bevor er Soenga auch nur begrü/3t hatte. Das holte er nun nach ... und als-
baldzog der Wolf mit seiner willenlosen, Fanny so leicht abgetrotzten Beute von
dannen.
Kraftlos, ihrer Niederlage bewußt, streckte Fanny noch die Hand nach dem
Mädchen aus, doch Soenga warf nicht einmal mehr einen Blick zurück auf die
Freundin. Sie folgte dem Tusitala, gezogen von den unsichtbaren Fäden seiner
magnetischen Anziehungskraft, taub und blind für alles andere um sie her.

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Fanny wußte nicht, wohin Louis Soenga mitnahm, um sich ihr auf seine ganz
porsönliche Art zu widmen. Sie ahnte aber, daß die Soenga, die frtiher oder später
zu ihr zurüclftehren würde, nach Louis'Entführung und Verführung nicht länger
dioselbe junge Frau sein würde, die sie kannte und deren selbstbewußte Gegen-
wart sie schätzte. Doch niemand außer Fanny bemerkte je solche Verwandlungen,
wie die Erfahrung es sie gelehrt hatte.
,,Mutter, wo bist du?" hörte sie plötzlich die Stimme ihrer Tochter. ,,Ich habe
dir und deinem - deinem Ehrengast Limonade zubereitet. Zuckersül|,wie die gnä-
dige Frau befohlen hat."
Schon rauschte Isobel mit einem kleinen Silbertablett herbei, bereit zum sofor-
tigen Rückzug, als sie der veränderten Situation gew?irtig wurde. Belle runzelte
die Stirn. Auch sie vermochte sich den passenden Reim auf Soengas Verschwin-
den zu machen, denn sie stellte keine Fragen. Statt dessen gesellte sie sich zu ihrer
Mutter, ergriffeines der Gläser, reichte Fanny das andere und brachte einen bitte-
ren Toast aus.
,,Auf Louis' neuen Liebling. Möge sie seine Gunst so lange genießen wie ihre
Vorgänger." Darauf stürzte sie die Limonade in einem Zug herunter, verzog das
Gesicht zu einer Grimasse und schüttelte sich. Das Geträink schien demnach doch
nicht so säß zu sein wie angeh'indi$. Auch Isobel war tief verletzt, auch sie ver-
spürte Eifersucht - doch Belle war eifersüchtig auf ihr Idol und gleichzeitig wü-
tend auf Louis, weil er ausgerechnet diese aufsässige kleine Wilde in den Kreis
seiner Vasallen aufoahm. Daß sie selbst nicht mehr als eine seiner Gefangenen
war, hatte Isobel niemals begriffen, geschweige denn sich selbst eingestanden.
Nichts auf Erden hätte sie zu der Einsicht bringen können, daß sie in Wahrheit in
einer Flasche lebte wie die vielen,,Günstlinge", über die sie so ausgiebig spottete,
weil sie für die giftigen Dämpfe ihrer Eifersucht kein geeigneteres Ventil fand.
Isobels Flasche war durchsichtig und ließ ihr die Illusion von Freiheit. Möglicher-
weise aber erfüllte sie trotzdem manchmal eine dumpfe Ahnung ihres Zustandes,
denn es war ihr von jeher ein inneres Bedürfnis, sich über die anderen
Flaschenbewohner zu erheben.
,,Kein Wunder, daß Louis sich momentan nicht auf seineArbeit konzentrieren
kann", begann Belle nun zu lästern, als sich die unerlrägliche Stille des plötzlich
louislosen Hauses auf die beiden Frauen herabsenkte. ,,Ich möchte zu gern wis-
sen, welchen Honig er ihr um den Bart schmiert."
Und ich möchtewissen, warum er dcs tut, fügte Fanny in Gedanken hinzu. Sie
und Belle hatten sich nebeneinander aufden Boden gehockt und verhelen erneut
in brütendes Schweigen. Isobel witterte in der Mutter eine Leidensgef?ihrtin und
ahnte nicht, wie sehr sie sich irrte: Sicher litten sie beide, doch die Ursachen ihres
Kummers konnten kaum gegensätzlicher sein. Vor Fannys innerem Auge tauchte

r97
unvermittelt die heimatliche Veranda ihres Geburtshauses in Indiana auf, wo sie
als junges Mädchen mit ihrer Schwester Nellie regelmäßig kühle Limonade ge-
schlürft und dabei ausgelassen gescherzt hatte. Sie dachte an Louis'Verführungs-
künste, daran, daß ihr Vater damals zwischen räudigem Wolf und säuselndem
Prediger keinen Unterschied zu machen pflegte, weil er kurzerhand beiden ein
Loch in den Schafspelz brannte ... Trotzdem hatte ihr Vater nicht verhindern
können, daß Klein-Frances in Samuel Osbournes F?inge geriet, betört und be-
täubt von seinem Charme.
Fanny mußte für einenAugenblick eingenickt sein, denn als sie den Kopf hob,
von leisen Fußtritten aufgeschreckt, merkte sie sofort, dalJ Isobel nicht mehr ne-
ben ihr saß. Auch das Tablett und die beiden Gläser waren verschwunden.
,,Da bin ich wieder", sagte plötzlich Soenga, die still und unbemerkt vor Fanny
hingetreten war. Kein Wunder, daß Fanny ihre Rückkunft nur verschwornmen
walrgenommen haüe - Soenga schwebte buchstäblich auf Wolken. Louis war weit
und breit nicht zu entdecken, was Fanny kaum erstaunte; nach vollendeter Tat hielt er
es für wenig sinnvoll, seiner erbosten Gattin zu begegnen. Daß er seine Sache gründ-
lich vorangetieben hatte, zeigte Soengas Verhalten Fanny allzu deutlich.
llie ßt es nur möglich, fragte sie sich gleichermaßen entsetzt und fasziniert,
daJ3 der Blick eines Menschen getrübt und vernebelt und zugleich voll strahlender
Sterne sein kann?
,,Der Tusitala ist wirklich ein großer Mann", flüsterte Soenga zutiefst ergriffen
und, was zumindest ihre Gastgeberin betraf, völlig überflüssigerweise. Dieser
schwärmerische Gesichtsausdruck war Fanny geläufig bis zum Überdruß!
,,Er ist überhaupt nicht wie die anderen Weißen, die immer alles besser zu wis-
sen glauben und doch im Grunde gar nichts verstehen." Soenga suchte vergebens
nach Worten, die halbwegs angemessen denAufruhr ihrer Gefühle widerspiegel-
ten. ,"Er ist fast wie einer von uns. Er spricht unsere Sprache ... er drtickt die
Gefühle der Samoaner aus. Das habe ich nie zuvor erlebt."
Fanny schloß gequält dieAugen. Was hatte Louis dawieder angerichtet! Soenga,
die doch selbst längst nicht mehr zu beurteilen imstande war, wie ihre Landsleute
im Innersten dachten, fühlten oder träumten, war nun durch seinen Einfluß end-
gültig von ihrem Weg abgeirrt. Es war ohnehin schwierig genug für die junge Frau
gewesen, ihren eigenen verschlungenen Pfad zu beschreiten und seinen Windun-
genzt folgen, ohne sich im Dschungeldickicht zu verlieren.
,,Es ist, als ob der Tusitala mir ein Licht gezeigt hätte, dem ich von nun an
folgen werde", fuhr das Mädchen begeistert fort und merkte nicht, wie Fanny ob
ihrer Wortwahl besttirzt zusamrnenzuckte. ,,Er hat mir die Erkenntnis großer Wahr-
heiten gebracht, die mein ganzes Leben verändem werden."
Erkenntnis! Wahrheit! Um Gottes willen, Soenga hatte sich aus freien Stäcken

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von den Pfaffen aus der französischen Mission abgewendet - nur um jetzt von
Louis' selbstgepfl anztem Baum der,"Erkenntnis" zu kosten! Begriff dieses Mäd-
chen, dern weiße Menschen die Bilderwelt der Bibel fürmlich aufgepfropft hatten,
denn nicht den schrecklichen Doppelsinn in ihren Worten? Und welch böse Ironie
verbarg sich hinter dem ,,Lichf', das Louis in seiner privaten Bibelstunde für eine
junge Eingeborene entzündet hatte, die sich aufnächtlicher Suche befand ... Ge-
hörte etwa auch Louis zu den gewissenlosen Freibeutern, die an dunklen Gestaden
falsche Lockfeuer entfachten, ohne sich um die zerschellten Opfer ihrerTücke zu
kümmern? Fanny konnte und wollte das nicht glauben.
Aber vielleicht regte Fanny sich ja zu Unrecht so maßlos auf. Sie hatte schließlich
noch gar nicht erfahren, worin eigentlich Louis' neuartige Lehre bestand. Im Gegen-
satz zu ihren Landsleutenwar sich Soenga des Unterschiedes zwischenDichtungund
Watnheit bewußt; was konnte [,ouis' ,$unde" ihr somit schon anhaben? Mehr als
genug,hörteFanny eine Stimme in ihrem Innern raunen. Wie viele weiße Menschen
hatten in Louis' Gegenwart aufgehört klar und folgerichtig zu denken!
,,Welche . . . was für profrrnde Erkennürisse hat dir mein Mann denn in so kurzer
Zeit vermittelt?" wollte Fanny wissen und hätte vor Soengas Antwort am liebsten
die Ohren verschlossen.
,,Oh, es waren im Grunde ganz einfache Dinge", berichtete das Mädchen strah-
lend, ,,ich habe bloß nie zuvor richtig über sie nachgedacht. Nicht alles, was die
Franzosen mir beibrachten, )var Unfug - die Missionare wußten aber selbst nicht
um die tiefe Wahrheit dessen, was sie mir predigten."
,+{ha. So ist das also", sagte Fanny und hatte doch keine Ahnung, wovon Soenga
da überhaupt sprechen mochte.
,,Der Tusitala ist der einzige Mensch auf garz Samoa, der nicht nur die Bewoh-
ner der Inseln versteht, sondern die Inseln selbst! Er ist so eng mit Upolu verbun-
den, daß er weiß, was Upolu wünscht, was Upolu fühlt und was Upolu Schmerz
bereitet. Der Tusitala besitzt ein Gespür dafür, was das Land von seinen Einwoh-
nern fordert, damit alle glücklich werden!"
Langsam, aber sicher ging Fanny ein Licht auf.
,,Bestimmt rührt Tusitalas große Weisheit auch davon her, daß er hier oben
neben dem Berg wohnt, Sicher kann er mit dem Vaea sprechen, und der Vaea
antwortet nur ihm allein."
,,Hat dir das etwamein Mann erzählt?" Es war Fanny nicht möglich, noch län-
ger an sich zu halten; dieser hirnverbrannte Unsinn erschöpfte den letzten Rest
ihrer Geduld.
,,Nein, nicht direkt. Das denke ich mir so." Soenga krauste die Stim und fügte
nachdenklich hinzu: ,,Wie sonst kann ein Mensch denn allwissend sein wie der
Tusitala?"

t99
Diese logische Schlußfolgerung mußte Fanny wohl oder übel akzeptieren. All-
mählich verlor sie den Boden unter den Füßen, körperlich wie geistig. Ihr war
schwindelig zumute.
,,Der Tusitala sagt, daß alles, lvas der lnsel Pein zufügt, auch die Menschen
schmerzt, und daß alles, was die Insel erfreut, den Menschen zum Heil gereichen
muß. Upolu hat eine göttliche und nattirliche Bestimmung, aber ohne unsere Hilfe
kann die Insel nicht an ihr vorgegebenes Ziel gelangen."
,,Und was sagt der Tusitala sonst noch Interessantes?" Fanny war es mittlerweile
völlig gleichgültig, ob das Mädchen den blanken Hohn aus ihrer Stimme heraus-
hörte oder nicht.
,,Was Upolu ganz besondere Schmerzen bereitet, ist der Urwald. Upolu möchte
gern die Gewächse hervorbringen, die seiner Bestimmung gemäß sind - nützliche
Pflanzen, die wir Menschen essen können. Die Insel ist den Menschen freundlich
gesonnen und will ihnen helfen. In der Bibel erschaffi Gott die Inseln, indem er
das dunkle Durcheinander beseitigt und Licht in die Welt bringt. Er vörnichtet den
Dschungel und schaft Freiräume, die Lichtungen heißen. Erst dadurch wird die
Welt wirklich zur Schöpfung! Aber Upolu ist noch nicht fertig."
Fanny mußte sich an der Wand abstützen, um dem Evangelium nach Louis
weiter lauschen zu können. Sie schloß die Augen.
,,Gott liebt die Inselmenschen", fuhr Soenga unerbittlich fort, ,,und er würde
gern überall das Licht henschen lassen. Aber der Teufel, sein alter Feind, läßt den
Urwald wuchern, der die Bewohner der Inseln quält und verängstigt. Dir Teufel
liebt das Dunkel, die Fleischfresser und Schlingpflanzen. Der Tusitala sagt, die
Schlingpflanzen sind Fallstricke des Bösen und die Bodenkriecher das gräne Ab-
bild der Schlange aus dem Paradies. Der Urwald selbst ist die Brutstäfte der Dä-
monen! Vieles von alledem war mir vorher nicht bewußt, doch daß im Dschungel
Dämonen hausen - das wissen a//e Inselmenschen."
,,Und was verlangt die Insel von ihren Bewohnern?" fragte Fanny, obwohl sie
die Antwort bereits kannte.
,,Wir müssen ihr helfen, indem wir Gottes Gebot befolgen. Der Urwald macht
sichüberall breitundweicht nicht von der Stelle, wenn der Mensch nichtnachhilft
und ihn vemichtet. Gott will nicht alle Arbeit allein tun müssen, Wir können die
Insel und uns selbst nur von den bösen Dämonen befreien, wenn wir die Schling-
pflanzen, die Upolu bedrücken, mit Stumpf und Stiel ausrotten. Wir müssen urbar
machen, roden ..."
Da fiel endlich das erwartete Stichwort. O ja, Louis hatte Soenga walrlich
meisterhaft pr?ipariert! Nun alrnte Fanny auch recht deutlich, warum Louis es der-
art nachdrticklich aufihren Gast abgesehen hatte. Schweigend harrte Fanny der
weiteren Einzelheiten, die Soenga unfehlbar zum besten geben wüLrde. Den Pfer-

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defuß an Louis' erweiterter Schöpfungsgeschichte erahnte sie längst ... und da
kam er auch schon.
,,Der Tusitala hat mir auch von der Straße erzählt, die König Mataafas Häupt-
linge für ihn bauen möchten. Der T\rsitala ist betrübt. Er befürchtet, die Häuptlin-
gc hätten vielleicht etwas zuviel Angst vor seiner Macht. Sie brennen darauf, ihm
seinen Wunsch zu erfüllen, aber anscheinend scheuen sie davor zurück, sich den
Weg zu seinem Reich zu balrnen. Dabei haben sie wirklich gar keinen Grund zur
Sorge. Deshalb habe ich dern Tusitala angeboten, mit ihnen zu reden. Ich kann
nämlich sehr gut reden!" Die letzten Worte sprudelte Soenga formlich hervor, und
der Stolz, der in ihnen mitschwang, war unüberhööar. Soengas nicht unerhebli-
cher Einfluß auf eine genzs fteifie von Häuptlingen bildete immerhin schon seit
geraumer Zeit ein Hauptthema in den Gesprächen der weißen Siedler.
Auch die Flasche, in der Soenga nun lebte, war durchsichtig, und das Mfichen
glaubte nach wie vor, Herrin ihrer Entscheidungen zu sein. Sle hatte dern Tusitala
Hilfe angeboten! Wäire Louis'Berechnung nicht so abscheulich gewesen, hätte
Fanny laut aufgelacht. Sein Plan hatte perfekl funktioniert.
,,Zum Dank hat mir der Tusitala diesen henlichen Stoff geschenkt", jauchzte
Soenga, die doch sonst nur ungef?irbte Gewänder trug. ,,Schau!" Schaudernd satr
Fanny das Tuch in ihren Händen: Es war das königliche Tartan-Muster des Stuart-
Klans.

20t
9
MnrsN rN osn Nacht wachte Fanny schweißgebadet auf. Sie fuhr abrupt mit dem
Oberkörper in die Höhe und warf dabei beideAnne so wild durch die Luft, daß sie
sich in dem Moskitonetz verfing, welches über ihrem Bett aufgespannt hing. Im
ersten Augenblick wußte sie nicht, wo sie sich befand; das feine Netzgewebe, das
aufsie herabfiel und sich wie Spinnenfaden um sie legte, versetzte sie deshalb in
helle Panik.
Langsam fand sich Fanny wieder zurecht, erinnerte sich, daß sie auf Samoa
lebte und nicht in einem jener Länder, in denen das Märchen, das ihrem Alptraum
zugrunde lag, jedem kleinen Kind geläufig war. Was flir ein verrückter Traum war
das gewesen! Sieben Zwerge hatte Fanny gesehen, verwachsene, höckrige Krea-
turen mit uralten Gesichtem, und in ihrer Mitte lag ein junges, bildschönes Mäd-
chen, welches die winzigen Wesen argwöhnisch und wachsam zu bescfl'titzen schie-
nen. ,,Schneewittchen und die sieben Zwerge" - das hatte Fanny angesichts dieser
Versammlung sogar im Traum amüsiert gedacht. Doch als Fanny die Gruppe dann
aus nächster Nähe betrachtete, wobei sie selbst offenbar unentdeckt oder unbe-
merkt blieb, verstand sie schnell, daß etwas an dem Märchen nicht stimmte. Die
sieben Zwerge hoben ein lautes Jammergeschrei an, das sich auf das unbewegli-
che Mädchen in ihrer Mitte bezog; aber die junge Schöne lag in keinem gläsernen
Sarg, war von keiner bösen Stiefinutter mit einem Apfel vergiftet worden: Ihre
strahlenden Augen standen weit offen, und ihre Lippen öffireten sich zu einem
glücklichen Lächeln. Und doch lag sie in einem gläsernen Behältnis! Sie vermochte
in dem engen Gefängnis ihre Gliedernicht zubewegen und schien trotzdem durch-
aus nicht beunruhigt. Fanny bemerkte voller Ehrfurcht, wie bezaubernd schön das
Mädchen war. Sie besaß die ebenmäßigsten Proportionen, die Fannys Malerblick
je untergekommen waren, eine samtene, bronzefarbene Haut, makellose, perlwei-
ße Zähne und goldenes langes Haar, das ihr wie eine Krone hochgesteckt worden
war. Um ihren reglosen Leib trug sie drei übereinandergewickelte Matten aus
Pandanu-Borke, die vor Alter bereits ganz grau waren, und an ihrem Hals erblick-
te Fanny eine Halskette aus Walzähnen. Drei Zähne waren es, Prachtexemplare
allesamt, deren Kostbarkeit Schneewittchen wahrhaftig als echte Königstochter
auswies. Sie lächelte, doch nicht in Fannys Richtung, auch nicht zu den beküm-
merten, mißtrauischen Gesichtern der Zwerge hinauf. Sie sah freudig einem Neu-
ankömmling entgegen.
Es war merkwürdig - und dann auch wieder nicht, denn Fanny befand sich
schließlich in einem Traum: Während sie das Mädchen und ihre Begleiter in allen
Einzelheiten wahrzunehmen imstande war, erhaschte sie von dem Fremden nur
schemenhafte Eindrücke. Dieser Mann war es, der Fanny beängstigte. Sein schwar-

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tor Schattenumriß erinnerte sie an jemanden, den sie sehr gut kannte. Er schien
dom Mädchen in seinem Gefiingnis keinerlei Furcht einzuflößen; sie strahlte ihn
m, hätte gewiß beideArme nach ihm ausgestreckt, wenn ihr die geringste Bewe-
gung möglich gewesen wäre. Und doch sptirte Fanny instinktiv, daß dieser Mann
dcm Mädchen zum Verhängnis werden würde.
Sosehr sie sich anstrengte, ihn genauer zu Gesicht zu bekommen, mußte sie
rich doch mit seinem Umriß begnügen. Der Fremde war hochgewachsen, besaß
ausgeprägt lange Gliedmaßen und war sehr schlank - nicht grotesk mager wie
Louis, aber mit ?ihnlichen Körpermaßen gesegnet. Seinem Schatten nach zu urtei-
lcn, mochte es sichum Louis'Doppelg2ingerhandeln, um einenZwilling,derzttar
such kein Fett, dagegen wenigstens en bi/3chen Fleisch auf den Rippen zu haben
rchien.
Seine schemenhafte Gestalt bewegte sich langsam und unaufhaltsam auf die
erwartungsvoll daliegende Schöne zu. Als die Zwerge seiner gewahr wurden, ver-
stummte das Jammem sofort, um einem zornigen Warnruf aus sieben Kehlen zu
weichen. Die Buckligen kannten den Mann, daran bestand kein Zweifel; und es
sah ganz danach aus, als hätte Schneewittchen die Gefangenschaft im gläsernen
,,Sarg" ihrem geliebten Prinzen zu verdanken. Aber nur dieZwerge beklagten ih-
ren erbarmungswärdigen Zustand! Sowohl die bronzehäutige Schönheit als auch
ihr Galan störten sich nicht an dem Behältnis. Der Prinz mit den langen Armen
und Beinen, dessen Funktion es im Märchen doch stets war, der bedrängten Jung-
fer zu Hilfe zu eilen, machte keinerlei diesbezüglicheAnstalten -
ganz im Gegen-
teil. Bevor die Kleinen es sich versahen, hatte der Fremdling auch schon den glä-
sernen Kerker seiner Geliebten ergriffen und begonnen, ihn seelenruhig hinter
sich herzuschleifen, wie ein Höhlenbewohner der Steinzeit sein Wild heim-
geschleppt haben mochte ...
Schreiend und schier verzweifelnd sttirzten sich die Zwerge auf ihn, hängten
sich an jedes seiner langen Glieder und versuchten mit letzten Kräften, den Ent-
führer aufzuhalten. Der Mann lachte nur laut und schüttelte die winzigen Wesen
ohne Anstrengung ab, als habe er es lediglich mit lästigen Insekten zu schaffen.
Dann sah Fanny jene eine Einzelheit, die sie augenblicklich aus ihrem Alptraum
auffahren ließ: Das gläserne Ding mit der Prinzessin darin war in der Tat kein Sarg
wie im Märchen - es verjüngte sich deutlich an jener Seite, die der Mann ergriffen
hatte. Dort befanden sich die Füße der Gefangenen; dort befand sich auch der
Korken der riesigen Flasche, in der die Wehr- und Arglose steckte .,.
Nachdem Fanny aus diesem wirren Durcheinander aufgewacht war, fegte sie
jede Hoffnung auf neuerlichen Schlaf beiseite. Sie entwirrte das Moskitonetz,mit
dem sie den wilden Zweikampf im Dunkeln ausgetragen hatte, und stand auf, um
sich in der Küche eine Tasse Tee zu bereiten. Sie mußte unbedingt ihre Nerven
beruhigen; ihr Herz pochte noch immer wild, und der kalte Schweiß stand auf
ihrer Stirn, aller nächtlichen Schwüle ann Trotz. Mit bloßen Ftißen tappte sie
durch den Raum in Richtung Treppe und fat prompt auf irgendein glitschiges
Etwas, von dem sie hofte, es möge sich im nachhinein als nicht allzu giftig erwei-
sen. Es war nicht möglich, das Ungeziefer aus dern schönsten Haus auf Samoa ztr
verbannen, also galt es, sich mit allen Arten zu anangieren. Nie hätte Fanny ge-
ahnt, daß es ihr einmal beschieden sein würde, mit Ratten im selben Haus zu leben
und dies als völlig natürlich und absolut unab?inderlich akzeptieren zu müssen!
Louismochte soviel edlenChampagnerin seinem Kellerbeherbergen, wie erwollte;
sogar als feinster Mann auf Upolu litt man ständig unter derAnwesenheit ungebe-
tener Hausgenossen, die noch der bitterZirmste Mann in Schottland mit ein wenig
Mühe verjagen konnte.
Auf dem Weg zur Küche entztindete Fanny dann doch eine Petoleumlampe.
Sie bereitete sich eine Tasse Tee, nahm Milch nach Art der Briten, lchüttete aus
der Dose ein wenig Zucker hinzu, wartete einige Sekunden und fiSchte dann mit
dem Löffel die Ameisen heraus, die mit dem Zuckerstrahl zusammen in die Tasse
zu wandern pflegten. Es war unmöglich, ,,loi" auf Dauer aus dem Zuckertopf zu
entfernen; also ließ man ,,loi" einfach ertrinken und barg zuerst die Leichen, um
alsdann das Getränk zu genießen. Schaben besaßen zumindest die Freundlichkeit,
sich möglichst unauffiillig über die Vorräte heranmachen. Die kleinen Rüsselkäfer
in Getreide und Mehl benahmen sich weniger dezent und entgegenkommend. Doch
hier auf Samoa gewöhnte man sich an alles - oder verhungerte im Überfluß.
Während Fanny in der Küche stand und langsam ihren heißen Tee schlürfte,
ließ sie sich den Inhalt ihres verrückten Alptraums durch den Kopf gehen. Alle
Figuren in diesem Phantasiegebilde, mitAusnahme des ,,Prinzen", waren ihr der-
art klar und detailliert erschienen, daß sie beinahe an einen Wahrtraum hätte glau-
ben können, wenn sie diese Möglichkeit nicht ihr Leben lang verworfen hätte. Es
gab keine Träume, die den Menschen die Zukunft oder zumindest einen Schlüssel
zu unbekannten Wahrheiten enthüllten - wenigstens nicht für Fanny, eine Frau aus
Indiana, deren beide Beine fest auf dem Boden standen. Sie war schließlich keine
abergläubische Schottin! In Schottland, das hatte sie bei ihren Besuchen zur Kennt-
nis genommen, lebten Gnome, Elfen, Kobolde und ähnliche Plagegeister in Hülle
und Fülle, und besonden im Hochland und in den entlegenen Inselgruppen wie
Orkney und Shetland trieb derAberglauben die ausgefallensten Blüten. Louis blieb
weitestgehend davon verschont, denn er war als Stadtmensch aufgewachsen und
besaß neben seiner überdurchschnittlichen Einbildungskraft eine ordentliche Por-
tion ,,gesunden Ingenieursverstand", wie er ihn gern nannte, der seinen Hirnge-
spinsten die nötigen Zigel ar;Jegen vermochte. Und wenn schon ihr schotti-
scher Fabulierer nicht abergläubisch war, wamm sollte dann ausgerechnet Fanny,

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lln echtes Präriegewächs, sich wie ein Waschweib aufführen? Vorahnungen wa-
ron ctwas für übernervöse Blümchen-rühr-mich-nicht-an. Dieser Gedanke berühr-
lo Fanny höchst unangenehm ... wurde nicht ausgerechnet sie selbst in den
vorgangenen Monaten wie ein solches PflZinzchen behandelt?
Wahrscheinlich, räsonierte Fanny, bezog sich jener dumme Traum auf das böse
Erlobnis mit Soenga, die Louis mit seiner hausgemachten Religion völlig konfus
gomacht hatte. Aber die meisten Elernente des Nachtnalrs paßten nicht in die
Thcorie. Fannys Traum verquickte das alte Märchen von Schneewittchen mit eini-
gen überaus wirklichen Fakten samoanischen Lebens, wo sogar die sieben Zwer-
ge ihren rechtmtißigen Platz beanspruchen durften! Es existierte auf Samoa durch-
aus ein Zusammenhang zwischen Buckligen, Kleinwüchsigen und holden Jung-
fiauen, obwohl den weißen Siedlem die fraglichen Jungfrauen oft alles andere als
hold erschienen. Allerdings entsprachen auch die Zwerge nicht ganz der herkömmli-
chen ,,weißen" Märchenvorstellung, denn die kleinen Samoaner, die sich um besagte
Jungfern scharterq waren sarnt und sonders weiblichen Geschlechts. Samoaner wie
Weiße mochten Zwergen nicht viel Körperkraft zutauen ... doch die Möglichkeit,
daß eine unberährte Samoanerin auch durch einen männlichen Zwerg thre Jungfem-
schaft verlieren konnte, hatten sie in ihre Bräuche weise mit einbezogen.
Fast alle Tapos auf Samoa - zumindest alle Ehrenjungfrauen auf Upolu, die
Fanny je gesehen hatte - wurden Tag für Tag von früh bis spät von einer Gruppe
buckliger kleiner Frauen umgeben und begleitet, ob die betreffende Tapo deren
Allgegenwart zr schälzet wußte oder nicht. Die gesellschaftliche Stellung einer
Tapo war außerordentlich hoch, und alle Eltern rissen sich um das Privileg, ihre
Tochter eines Tages als Thpo sehen zu därfen. ln der Regel erfreute sichjedes Dorf
einer Ehrenjungfrau, die schon kurz nach der Geburt für das Amt auserkoren wur-
de; meist handelte es sich um die Tochter des Häuptlings oder ein anderes Mäd-
chen vomehmster Herkunft. Von verkriippelten Kleinwüchsigen gab es auf den
Inseln eine erstaunliche Vielzahl - eine Besonderheit, welche die paradiesgläubigen
Weißen in Europa und Amerika natürlich nicht erahnten. Schon bei den ersten
Schritten wurde der weibliche Tapo-Säugling von den Zwerginnen eskortiert, da-
mit sich der kleine Wurm rechtzeitig daran gewöhnte, nie für sich sein zu därfen.
Sobald darur später die Geschlechtsreife einsetzte, wuchs die Wachsamkeit der
winzigenAnstandsdamennochbeträchflich: Nunhatten die Zwerginnen nichtmehr
nw die Aufgabe, mit Palmwedeln und Fliegenklatschen hinter der Tapo herzuei-
len, um sie vor Sonneneinstrahlung und lästigem Ungeziefer zu beschützen. Jene
aufdringlichen Wesen, die sich - was zugegeben selten vorkam - an das Mädchen
heranmachen wollten, gingen auf zwei Beinen und waren männlichen Geschlechts,
und es bedurfte des Höchsünaßes zwergischer Schläue, ihnen den Gegenstand
ihrer Begierde dauerhaft voranenthalten. Mit dem Heranwachsen der Tapo wurde
auch derAbstand größer, den die durchaus diskreten Verfolgerinnen zwischen sich
und ihrem Augapfel einhielten, aber wenn sie auch bewußt still im Hintergrund
blieben, mußten sie doch immer und überall das Mädchen im Blickfeld behalten.
Eine wirklich schlaue Tapo versuchte niemals, ihren Gesellschafterinnen zu ent-
wischen, denn durch einen solchen Akt unüberlegter Auflehnung hätte sie sich
unweigerlich tief ins eigene Fleisch geschnitten. Diejenigen Tapos, die sich dumm
genug anstellten, auch nur für einen Moment seitwärts ins Gebüsch zu huschen -
womöglich bloß, um den Kleinen einen Streich zu spielen -, gingen in aller Regel
ihres Titels und ihres immensenAnsehens für immerverlustig. Eine wichtigeAuf-
gabe der Zwerginnen bestand nämlich darin, notfalls als Garanten für die Keusch-
heit der Tapo aufzutreten; sie waren die einzigen Entlastungszeugen des Mäd-
chens, falls es von eifersüchtigen Müttem anderer geeigneter Jungfrauen verleumdet
wurde - eine weitaus alltäglichere Notsituation als das tatsächliche Herannahen
der,,männlichen" Gefahr. i
Dieübenv?iltigendeMehrzahl derTapos fand sichmit dieserEskoite sehrscbnell
ab; die meisten bemerhen die Gegenwart der kleinen Frauen nach Kirzester Frist
überhaupt nicht mehr. ,,Das sind so kleine Dinger", hatte einmal eine frtihere Tapo,
die inzwischen verheiratet war, Fanny gegenüber geäußert, ,,es ist ganz leicht, sie
zu übersehen. Zwerge zählen nicht." Und da die gesellschaftliche Position der
Ehrenjungfrau über die Maßen geachtet wie begehrt war, nahmen die Glücklichen
solch winzige zweibeinige Unannehmlichkeiten gern in Kauf.
Als Fanny das erste Mal einer großen Versammlung mehrerer Inselstämme bei-
gewohnt hatte, war ihr sofort aufgefallen, daß die Tapos sich von ihren Verwand-
ten entfemten und sich zu ,,ihresgleichen" gesellten, den Tapos der anderen Stäm-
me, um sich vom gemeinen Pöbel tunlichst abzuheben. Sie stolzierten hoch-
erhobenen Hauptes umher, so arrogant und eingebildet, daß sie wie Karikaturen
ihrer selbst ausschauten. Obwohl sie auf diese Weise eine elitäre Gruppe bildeten,
blieb doch eine jede im Grunde für sich, denn untereinander wechselten die verzo-
genen Gören kaum ein Wort. Die Tapo des Stammes war es, die stets die Festlich-
keiten anführte, ob es sich um Kriegszüge oder kulinarische Völlereien handelte.
Bei den politischen Gesprächsrunden der Häuptlinge und Stammesältesten, die
Fanny für sich nur,,Schwatzfeiem" nannte, durfte die Tapo als einziges weibli-
ches Wesen zugegen sein und sogar an der Kava-Bier-Zerernonie teilnehmen.
Strenggenommen hätte es ohne Tapo allerdings auch gar kein Kava-Bier gegeben,
denn die Zubereitung des Getränks, die mindestens so kompliziert und langrruierig
war wie jede japanische Teezeremonie, oblag zur Gänze der Ehrenmaid. Die Tat-
sache, daß während Louis' Geburtstagsfeier weiße und eingeborene Frauen ihr
Schälchen Kava-Bier bekommen hatten, lag zum großen Teil daran, daß man beim
,,Häuptling" Tusitala die Etikette ein wenig lascher auszulegen pflegte.

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"Ia, dachte Fanny nun, als sie sich jeneAlptraumgestalt in der gläsernen Flasche
vergegenwärtig3e, das war eindeutig eine Tapo. Keine andere fofine hätte solch
wundervolle uralte Matten ihr eigen nennen können, das sorgsam gehütete Erbe
etlicher Generationen - ganz zu schweigen von jenen prächtigen Walzähnen. Die
Matten, die von bestimmten Frauen eines Stammes in gemeinsamer monatelan-
ger, manchmal jatrelanger mühseliger Arbeit geflochten wurden, galten als wich-
tigster Besitz und Bestandteil der Aussteuer. Was die Fertigung und die traditio-
nelle Weitergabe betraf, mochte man sie mit den Quiltdecken vergleichen, welche
Fanny aus ihrem heimatlichen Indiana kannte; auf weiße Betrachter wirkten diese
Matten zwar kunstvoll, doch erheblich weniger anziehend. Je grauer sie waren,
desto wertvoller für die Stammesmitglieder, und eine Matte mit frischer grüner
Farbe mußte gewissermaßen ordentlich,,nachreifen", Walzähne waren auf Samoa
ebenso heiß begehrt wie auf fast allen Archipelen Polynesiens. Der Empftinger
eines geschenkten Zahnes hatte dem Schenkenden nichtjeden Wunsch zu erfüllen
wie etwa auf Fidschi, aber wer auf Samoa einen Walzahn aus den Händen des
Besitzers erhielt, durfte sich dessen tiefster Zuneigung und Wertschätzung gewiß
sein. Samoaner wurden zu Recht als ein ausgesucht großzügiges und freigebiges
Volk betrachtet - von Matten oder Walz'ähnen allerdings trennte man sich zumeist
nur über seine Leiche.
Die Tapo im Glas war mit beidem gut versorgt gewesen, fand Fanny, und auch
ihre Frisur ließ erkennen, daß sie sich für einen hohen Festtag geschmückt hatte.
YielefoJines liebten es, sich zu besonderen Anl?issen das dicke, leicht drahtige
Haar golden zu tönen und es mit Hilfe einerArt Leimpaste in die unmöglichsten
Richtungen zu verbiegen. Die Natur dieses Festtages konnte Fanny dem verrück-
ten Traum unschwer entnehmen: Es ging um die Verbindung des Mädchens mit
dem unbekannten Mann. Die Art und Weise, wie der Mann sie verschleppte, legte
es jedoch nahe, daß der Fremde nichts Gutes im Schilde führte und dem Mädchen
großes Unheil bringen würde.
Es war leicht, den guten Ruf einer Tapo zu ruinieren, wenn man sie ihren Zwer-
ginnen enhiß. Unter Umständen konnte es frr einen Mann ebenso einfach sein,
den Tod des Mädchens heraufzubeschwören - wenn er charmant genug war und
die Tapo freiwillig nicht von ihm lassen wollte, schritten die Dorf?iltesten und
,,weisen Männer" ein, brachten das Mädchen in ihre Gewalt und hielten es in ei-
nem nur ihnen bekannten Versteck mitten im Dschungel gefangen, bis es sich dem
Willen der Alten beugte . . . oder auch nicht. Die Strenge, mit der die weisen Män-
ner vorgingen, variierte von Dorf zu Dorf; in vielen Stämmen hatten sie die Ge-
walt über Leben und Tod inne und durften sogar über die Tochter des Häuptlings
richten. Selten war es einer Tapo vergönnt, den Jüngling ihrer Wahl zu ehelichen,
denn die Weisen trachteten danach, ihre wertvolle Ehrenjungfrau möglichst mit
einem mächtigen Fürsten zu verheiraten, der dann in Kriegszeiten ihrVerbändetcr
sein würde. Nun, in gewisser Weise war es im Europa der Feudalzeit dasselbo
gewesen; nur hatte man in Europa widerspenstige Heiratskandidatinnen ins Klo.
ster gesperrt und sie nicht wie auf Samoa über die Klinge springen lassen. Es kam
nämlich nicht eben selten vor, daß eine allzu eigensinnige Tapo nie mehr aus dem
Urwald zurückkehrte. Was Fanny bei solchen Gelegenheiten den größtenAbscheu
einflößte, war nicht einmal die selbsthenliche Anmaßung der alten Männer, son-
dern das Verhalten der Verwandten der Verschollenen. Sie verzichteten dardufi,
nach dem Verbleib der Tapo zt frageg weniger aus Angst denn aus dumpfer Träg-
heit, und fanden sich innerhalb von Tagen mit dem Verlust von Tochter oder Schwe-
ster ab. Bei der Hitze war langes Trauem einfach zu anstrengend und das Gedächt-
nis ausgesprochen kurz.
Fanny spann diese Gedanken hauptsächlich aus Langeweile, während sie in der
Küche ihren Tee schltirfte. Sie selbst hatte nie engeren Kontakt 4r einer Tapo
unterhalten, kannte die Ehrenmädchen nur als Grußbekanntschaftön, mit denen
man ein lautes, oberflächlich herzliches ,,Talofa" austauschte, wenn man einander
auf den Dschungelpfaden begegnete. Da Fanny also mit keinem der Mädchen
befreundet war, gab es für sie auch keinerlei Anlaß, sich über das Schicksal ir-
gendeiner von ihnen den Kopf zu zerbrechen. Außerdem hatte sie nur geträumtl,
Als sie einen Blick nach draußen warf, merkte Fanny, daß die Sonne bald auf-
gehen wärde. Morgen- und Abenddämmerung waren auf den polynesischen In-
seln dermaßen kurz, daß man fast den Eindruck bekam, der Feuerball tauche in
Sekundenschnelle auf und unter; die Zeit des Zwielichts verging wie im Fluge.
Fanny löschte die Lampe und sah bereits genug, um sich ihren Weg zurück ins
Schlafzimmer bahnen zu können. An ein Wiedereinschlafen war allerdings kaum
zu denken, denn mit der Sonne kamen augenblicklich s?imtliche Bedienstete aus
ihren Nachtquadieren, und obwohl die samoanischen Diener ein recht häges Völk-
chen abgaben, galten Langschläfer bei ihnen als fragwtirdige, wenn nicht gar an-
rüchige Gestalten. Es war wei"ß Gott nicht immer einfach, seiner Dienerschaft
alles recht zu machen, dachte Fanny lächelnd und spülte ihre Teetasse aus, bevor
sie sich auf den Weg zur Treppe nach oben begab.
Als sie draußen auf der Veranda Fußtritte hörte, blieb sie verdutzt stehen. Die
Schritte waren leise, doch Fanny stellte sofort fest, daß der Unbekannte Stiefel
trug. Fanny lauschte ein wenig lZinger und gelangte bald zu der Gewißheit, daß es
sich nicht um einen Fremden handelte, sondern um Lloyd, den Streuner. Ihr vaga-
bundierender Sprößling machte jedoch keineAnstalten, ins Haus zu kommen, son-
dem drehte einsame Runden auf der Veranda. Vielleicht haüe er das bereits seit
geranmer ZeiI getzr., ohne daß Fanny ihn gehört hatte. Unvermittelt kam Lloyd
zum Stillstand, und Fanny beschloß, sich zu ihrem Sohn zu gesellen, den sie seit

208
gcraumer Zeit allzuselten zu Gesicht bekam. Mit bloßen Füßen trat sie hinaus auf
die Veranda. Ihre Schritte waren leise, und Lloyd, ganzin den Anblick eines Ge-
genstandes in seinen H?inden vertieft, nahm die plötzliche Anwesenheit seiner
Mutter gar nicht wahr.
,,Talofa, du Herumtreiber", begrüßte Fanny ihn leise, um den offenbar tief in
Oedanken Versunkenen nicht über Gebühr zu erschrecken. ,,Ich hoffe, du sprichst
überhaupt noch unsere Sprache, mein Sohn." Lloyd war sicher wie immer in Liebes-
dingen unterwegs gewesen, deren, nun ja, Dinglichlceit ihn dazu veranlaßte, so-
gar in stockfinsterer Nacht den Dschungel zu durchqueren. Die Tatsac_he, daß er
von seinen Ausflügen stets recht abgerissen heimkehrte, bedeutete, daß seine An-
gebetete wohl kaum eine Weiße sein konnte. Die wenigen weißen Damen, die
längere Zeit auf Samoa lebten, machten zwar nach wenigen Wochen jeden noch
so gefährlichen Zeitvertreib der Eingeborenen mit, oft aus purer Langeweile,
manchmal aus Verzweiflung; doch wenn sie mit einem Mann anbandelten, woll-
ten sie früher oder später geheiratet werden - eine Idee, mit der Lloyd sich nun gar
nicht anfreunden konnte. Es war einfacher, eine Britin dazvntbewegen, sich mit
ihrem Galan in die überaus beliebten Wasserfälle von Papaseia hinunteranstürzen
- wo man beim geringsten Fehltritt leicht den Kopf mitsamt Inhalt verlieren konn-
te, im Erfolgsfall aber großen Spaß hatte -, als sie zum allerkleinsten erotischen
Abenteuer zu überreden.
Trotz der Rücksicht, die Fanny auf den Tagträumer genommen hatte, zuckte
Lloyd entsetzt zusammen. Mit zitternden Fingem nestelte er an dem Gegenstand
herum, den er in Häinden hielt, und indem er durch eine schnelle seitliche Drehung
Fanny den Rücken zukehrte, versuchte er möglichst unauff?illig, das Ding in sei-
nem Hemd verschwinden zu lassen. Wenn sich Lloyd jedoch durch eine Eigen-
schaft nicht auszeichnete, war dies Geschicklichkeit. Er wollte zweifellos eine
blitzartige Bewegung ausführen, doch seine nervösen Finger waren ihm dabei wie
immer das größte Hindernis. Fanny hatte ausreichend Zeit nt bemerken, daß der
Gegenstand recht groß war, mindestens viereinhalb Zoll,spitz zulaufend und von
gelblicher Tönung. Auch ein paar purpurne Sprenkel meinte Fanny zu erkennen,
doch noch war die Sonne nicht ganz aufgegangen, und so mochte das Farbenspiel
sie täuschen. Bei der Bestimmung des spitzen Objekts selbst gab es allerdings
keinen Intum, und als Fanny zudem noch sah, daß Lloyd einen dünnen Lederstreifen
um den Hals geschlungen tug, an dem das Ding befestigt war, wußte sie mit letzter
Gewißheit, wonrm es sich handelte. Ihr Sohn Lloyd besaß einen kostbaren Walzahn,
von dessen Exisüenz niemand etwas erfahren sollte! Wer in drei Teufels Namen hatte
ihm den Zahn verehrt? So etwas fand man doch nicht im Urwald!
,,Was hast du denn da Interessantes, Lloyd?* fragte Fanny scharf und wußte im
voraus, daß Lloyd sie belügen würde.

209
,,Gar nichts, Mutter", gab er prompt zurück, wohl wissend, daß seine Mutter
ihn sowieso durchschaute. Doch sie konnte ihren erwachsenen Sohn wohl schwer-
lich durchsuchen, und Lloyd verließ sich darauf, daß Fanny dieAngelegenheit
mangels Beweissttick wärde auf sich beruhen lassen müssen. Trotzdem war ihm
ganz und gar nicht wohl in seiner Haut. Lloyds schlechtes Gewissen stand ihm ins
Gesicht geschrieben, und da war noch eine weitere Regung: Besorgnis. Da Lloyd,
der Verhaute des Tusitala, von niemandem auf Upolu etwas zu befürchten hatte,
empfand er also zwangsläufig Angst um einen anderen Menschen.
Einen weiblichen Menschen, oder ich will verdammt sein. Es paßte alles zu-
sammen: Lloyds Ausflüge, sein enorm gestiegenes Selbstbewußtsein, das kostba-
re Geschenk - seine Auserwählte mußte in der Tat aus allerbestem Hause stam-
men. Aber weshalb nun diese ängstliche Unruhe in seinem Blick? Was hatte er vor
der Mutter zu verbergen? Das Gespräch mit Louis vor kurzem ...
,,Mutter, ich warte hier lediglich auf deinen Mann. Dann muß icii gleich wieder
fort. Hast du Louis schon gesehen?"
Natürlich. Gespräche unter Männern. Fanny fühlte den Zom in sich hochsteigen,
den sie empfunden hatte, als sie Monate zuvor Zeugin ihrer eigenen Verunglimp-
fung geworden war.
,,Ich muß dich enttäuschen", gab sie bissig zurück, ,,aber es hat sich in diesem
fale htzvtischen eingebtirgert, daß niemand mehr weiß, wo ein anderes Mitglied
des Haushalts steckt. Vielleicht befindet sich Louis im Haus - das w:ire allerdings
unwalnscheinlich. Am besten suchst du ihn irgendwo im dichten Dschungel. Vailima
erstreckt sich schließlich nur über 314 Morgen ... und einen halben. Viel Glück
also."
Lloyd öffnete den Mund, als wolle er Fanny noch etwas sagen, besann sich
jedoch eines Besseren - oder auch Schlechteren, je nachdem. Sein Blick zumindest
bat sie um Verzeihung, und das war immerhin freundlicher als nichts. Fanny stell-
te behoffen fest, wie unglaublich bescheiden sie in dieser Hinsicht im Umgang
mit dem eigenen Sohn geworden war.
Lloyd schlich betrübt von dannen, gebeugt unter der Last seiner zweieinhalb
Jahrzehnte, und bestieg das Pferd, mit dem er vor weniger als einer halben Stunde
angekommen sein mußte: Er hatte das müde Tier, noch immer gesattelt und ge-
zäumt, neben dem Stall angebunden, um nach der erhofften Unterredung mit Lou-
is ohne VerschnauSause wieder aufbrechen zu können. Was wühlte ihn so auf,
daß er sich keine Minute Ruhe gönnte?
Fanny beschloß, Lloyds Verhauten, den Drahtzieher hinter allen heimlichen
Machenschaften in und um Vailima, persönlich zur Rede zu stellen. Wo aber mochte
Louis stecken? Fanny hatte Lloyd die passendeAuskunft erteilt, was den Verbleib
ihres Gatten betraf: Keiner konnte mehr mit Sicherheit sagen, wo sich Louis zu

210
oiner bestimmten Tageszeit auftrielt. Früher waren seine Schreib- und sonstigen
Arbeitsgewohnheiten stets klar umrissen gewesen, Orte und Zeiten allen geläufig
- doch das schien endgültig vorbei. Fanny nahm sich vor, zu Pferde die Gegend
nach ihm abzusuchen. Allerdings wartete Vailima mit entrnutigend viel ,,Gegend"
aut und es wärde sich als einfacher erweisen, eine Nadel im Heuhaufen aufzustö-
bern . . . zumindest als weniger anstrengend. Fanny seufzte tief auf.
Als sie sich für den Ausritt ankleiden wollte, kam ihr vom oberen Stockwerk
Austin entgegen, ausgeschlafen und schon in sämtlichen Kleidern, die er füLr die
stilvoll-wtirdige Ausübung seines Aufseheramtes zu benötigen glaubte. Fanny zeigte
sich überrascht, ihn bereits so fräh morgens hier unten zu sehen-
,,Guten Morgen, Großmutter", begrüßte Austin sie und machte Anstalten, um-
gehend das Haus zu verlassen. Hatte Vailima sich nun etwa endgültig in einen
Taubenschlag verwandelt? Fanny verstand die Welt nicht mehr. Sogar Austin, ein
halbes Kind, das sich vor nicht allzu langer Zeitmit einem Steckenpferd begnügt
hatte, wurde von der ungesunden Betriebsamkeit befallen, jener beinahe unheim-
lichen Unrast, welche mittlerweile alle Klan-Mitglieder außer Fanny an den Tag
legten.
,,Verlangt dein Onkel Louis nun etwajeden Morgen von dir, dalS du die Rodungs-
arbeiten beaufsichtigst? Was treibt er selber denn so während der gar.a;en Zeit?
Wirst du es nicht leid, immer alles allein machen zu müssen? Du bist doch noch
ein Junge, sicher möchtest du wieder spielen wie früher ..."
Fanny hielt inne. Die völlige Verständnislosigkeit in Austins Augen ließ sie
verstummen. Sie satr nichts Kindliches in diesem Blick, nichts Verspieltes. Austin
nahm die ihm durch Louis überfagenen Aufgaben über die Maßen emst, und so-
wohl seinAuftreten als auch seine Haltung trugen unverkennbar militärische Züge.
Nicht seine Kleidung verriet den geborenen Soldaten, sondern die Aura von Diszi-
plin und strenger Selbstzucht, welche Jung-Austin trotz der als Kind genossenen
Freiheiten plötzlich umgab. Sein Streben nach getreuer Pflichterfüllung stand au-
ßer Frage. Die seiner,farriere" innewohnende Ironie bestand darin, daß Austin
einen echteren Soldaten vorstellte als derAusbilder dieses kleinen Rekruten. Lou-
is sagte häufig halb im Scherz, wie schrecklich gern er ein Soldat geworden w2ire,
weil erdas Kampfgetümmel liebte - doch seien Schlachten stets mit dem unange-
nehmen Nebeneffekt behaftet, daß jeder K?impfer Feinde hatte. Das wiederum
widersprach Louis' ausgeprägtem Harmoniebedtirfnis, seinem Wunsch, von je-
dermann geliebt zu werden. Er war schon ein seltsamer Heiliger!
,,Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Großmutter", bestätigte Austin Fannys
Verdacht, ,,was ich tue, tue ich freiwillig, weil es getan werden mul|. Es wäre
natärlich schöner, wenn Onkel Louis mir öfter Gesellschaft leisten könnte, doch
er hat nun mal Wichtigeres zu tun. Daran l?Et sich nichts ändern."

2tt
Austin sprach so schnörkellos und vernünftig, daß es Fanny angst machte. Hät-
te Austin sich pompös und aufgeblasen angehört wie früheg wäre dies ein beruhi-
gendes Zeichen seiner altersgemäßen Unreife gewesen ... aber in seinem Auftre-
ten lag kein Funken vonArroganz, nur eine ungeheure Zielstrebigkeit. Da Fanny
nicht wußte, wo das angestrebte Ziel liegen mochte, befiel sie ein übermächtiges
Gefühl von Verlassenheit. Ihr Klan schien Fanny mehr und mehr wie eine Kara-
wane, die auf Nachztigler wie sie keine Rücksicht nehmen und sie irgendwann in
nicht allzu ferner Zukunft völlig abgehängt haben wtirde.
,,Und was hat dein Onkel Louis so Wichtiges zu tun?" fragte Fanny ihren En-
kel, weil sie im stillen hoffte, nebenbei Louis'Aufenthaltsort von dem Jungen zu
erfahren.
Austin zögerte für einen Sekundenbruchteil und verzog das Gesicht. ,,Das kann
ich dir gar nicht genau sagen, Großmutter. Er tut eigenartige Dinge - oder eigent-
lich gar nichts. Jeden Tag reitet er in den Urwald, sucht sich eine bestimmte Stelle
aus und steht einfach dort. Stundenlang! Manchmal bleibt er auf Jack sitzen, re-
gungslos, dann sieht er fast aus wie ein Reiterstandbild oder wie ein Zinnsoldat
aus seiner Sammlung. Meistens steigt er ab, bindet Jack an und starrt in die Land-
schaft. Er hat ein Notizbuch dabei und kritzelt öfter hinein. Irgend etwas beobach-
tet er, aber ich weiß nicht, was es ist."
Austins Beschreibung brachte eine Saite in Fanny zum Erklingen. Die Worte
des Jungen mochten jeden anderen Menschen unverständlich anmuten, doch Fanny
erahnte ihre Bedeutung.
,,Großmutter", fuhrAustin fort und klang auf einmal etwas zögerlicher als zu-
vor, ,,glaubst du, Onkel Louis rechnet mit einem Überfall?" Mit gerunzelter Stirn
sah der Junge sie an.
,,Wie in aller Welt kommst du denn auf die Idee, Austin?" gab Fanny völlig
überrascht zurück.
,,Nun ja", druckste Austin herum, ,,Onkel Louis steht jetzt oft so lange im Ur-
wald herum, ohne sich zu rühren, daß ich an eine Schildwache denken muß, wenn
ich zufüllig an ihm vorbeikomme. Aa Wachtposten wie die in seinen Soldaten-
büchern. Gibt es bald einen Krieg hier? Erwartet er einen Eindringling?"
,,Aber nein, mein Liebling", beruhigte Fanny ihren Enkel, der durchaus ein
wenig besorgt schien. ,,Ich glaube, ich kenne den Grund für Onkel Louis'Verhal-
ten. Hab keineAngst."
,,Ich habe keine Angst", antwortete Austin so seelenruhig, daß Fanny ihm ohne
Zögem Glauben schenkte. ,,Ich möchte nur wissen, womit ich es zu tun habe ...
im Falle eines Falles."
Er klingt wirklich wie ein kleiner Soldat, dachte Fanny und wußte nicht, ob sie
traurig oder froh darüber sein sollte. Die Welt brauchte gute Soldaten, aberAustin

212
war noch so jung! Auch ihr Enkel hatte sich wie der Rest der Familie innerhalb
kuner Zeit dramatisch verändert. Den kleinen Jungen mit dem Holzpferd wtirde
Fanny wohl nicht mehr wiedersehen.
,,Weißt du, wo Onkel Louis heute morgen stecken könnte, Austin? Ich möchte
lhn nämlich dort draußen besuchen."
,,Gestern hat er den ganzenTag beim großen Wasserfall verbracht, neben dem
Felsvorsprung, am Rand der Vanilleplantage. Dort ist er heute bestimmt auch noch,
denke ich mir."
Fanny wußte Bescheid. Für die Tätigkeit, die Louis nach Fannys Dafürhalten
dieser Tage zu zelebrieren pflegte, schien ihr der Wasserfall der richtige Aussichts-
und Ausgangspunkt.
Austin machte inzwischen emsthafteAnstalten, zu seinen Mannen aufzubrechen.
Seine Großmutter hatte ihn offenkundig schon lange genug von seinen Pflichten
abgehalten, doch als Nachwuchskavalier durfte man so etwas einer Dame gegen-
über nur sehr vage zum Ausdruck bringen. Austin scharte also nur sehr vage mit
den Hufen und warfununterbrochen ebenso vcge Blicke nach draußen - bis Fanny
ihn endlich entließ.
,,Ich muß wirklich dringend nach meinen Boys sehen, Großmutter", sagte er
beim Hinauseilen entschuldigend, ,,sie sind andauemd zu irgendwelchern kindi-
schen Unfug aufgelegt."
Seine Boys! Fanny hätte gern darüber gelacht, wie altklug ihr Enkelsohn sich
auszudräcken beliebte - aber da war nichts Frühreif-Gekänsteltes in seinem Aus-
spruch gewesen. Austin spielte keine Spiele mehr; er war inzwischen älter als
Lloyd!
Kopfschüttelnd machte sich Fanny auf den Weg zu den Stallungen und gab dort
dern kleinen Stallburschen LauliiAnweisungen, eines der drahtigen, vor Sehnigkeit
fast dtiur wirkenden Inselpferdchen zu safteln. Louis' Lieblingspferd Jack war auch
recht mager und paßte insofern gut zu seinem Herrn, aber Jack überragte die nor-
malen Inseltiere um etliche Zoll. Zudem hatte man Louis' Hengst beschlagen,
obwohl Hufeisen sich auf Upolu nicht als sonderlich praktisch erwiesen. Die Pfer-
de auf der Insel kannten die,pormalen" Gangarten ihrerArtgenossen im Rest der
Welt kaum: Ein ordentlicher gestreckter Galopp, wie ihn jeder Reiter von Zeit ztt
Zertschätzte,wurde durch das extrem unebene Gel?inde unmöglich gernacht; selbst
ein Kanter von nur wenigen Sekunden Dauer, welcher den passionierten Reiter
nicht zufriedenstellte, sondem höchstens durch die Kürze des Vergnügens quälte,
ließ sich einzig auf einem handtuchbreiten Stück Strand nahe Apia ausführen.
Zwei Jahre zuvor hatte der britische Konsul, Mr. Cusack-Smith, sich verzweifelt
nach irgendeiner Lichtung umgesehen, welche ihm und seiner Gattin genügend
Platz für ihr heißgeliebtes Polo bot. Man suchte in der Ntihe des Konsulats, man

213
sah sich auf der gesamten Insel um und war willens, den Poloplatz notfalls aus
dem Dschungelboden zu stampfen. Upolu erwies sich jedoch als zu gebirgig für
alle Versuche der hohen Herrschaften. Letztendlich nahmen die armen Cusack-
Smiths zu einer wahrhaft erbärmlichen Lösung Zuflucht. In der Nähe des Flüß-
chens Fuisa stieß man auf ein Stückchen Sandstrand, welches immerhin nuei ge-
schlagene Stunden des Tages nicht unter Wasser stand! Beide Eheleute waren dar-
ob unsagbar glücklich, so wie fast alle auf Samoa lebenden Weißen unendlich
einfach zu beglücken waren, sofern sie es nicht vorzogen, im Garten Eden zu
ausgemachten Säufern zu werden. Nicht jeder Weiße vertrug das Paradies.
Nun trottete Fanny auf ihrem Pferdchen durch den Urwald und war wieder
einmal froh, daß ihr Reittier sich seinen Weg selbst zu suchen vermochte. In der
Dunkelheit des Dschungelpfades, inmitten all der Bodenkriecher, des gigantischen
Wurzelwerks und der schlüpfrigen Felsen, hätte ein ,,zivilisiertes" britisches Roß
sich und seinem Reiter bald Beine oder Hals gebrochen. Nicht _sp die Inseltiere.
Sie zeichneten sich durch eine ungeheure Behendigkeit aus, diö an Bergziegen
gemahnte, und wußten stets ihre Hufe auf die einzig begehbare Stelle zwischen
den Hunderten von Fußangeln zu setzen. Wenn der Weg sich selbst für sie beson-
ders schwierig gestaltete, ertasteten die Pferde sich fürmlich jeden Schritt; wurde
es dann etwas leichteq verhelen sie in ihre schnellste Fortbewegungsart - einen
bequemen Paßgang. Ja, die Tiere stellten durchaus eine Besonderheit dar, auch der
große Jack, den seine Hufeisen bei der Pfadfinderei nur behindem konnten. Louis
mußte natürlich ein beschlagenes Pferd besitzen - aber einem Mann mit Sporen
war schließlich alles zuzutrauen ... Nun ja, dachte Fanny nicht ganz bar jeder
Schadenfreude, zur Strafe muJJ sich Louß der Lulatsch besonders tief zu Jack
hinunterbeugen. Anders nämlich schaffie man es nicht, den herabhängenden Lianen
und querwachsenden Asten zu entgehen. Einen stolzen, aufrechten Reitersmann
gab es im Dschungel nicht!
Nach einer knappen Stunde gelangte Fanny zu der von Austin bezeichneten
Stelle. Tatsächlich, dort stand Louis, beim großen Wasserfall, welchen Strom Num-
mer eins bildete, sobald er über das große Felsplateau neben der Vanilleplantage
hinabschoß, Eigentlich war es merkwtirdig, daß Louis, ein Mann von solch ausge-
prägter Phantasie, den Flüssen auf seinem Grund und Boden niemals Namen ge-
geben hatte. Sein Samoanisch hätte ausgereicht, sie zumindest in der Landesspra-
che durchzunumerieren.,,Vai" hieß ,,Wasser", ,,lima" bedeutete ,,fünf'- und von
eins bis vier konnte Louis doch auch längst zählen ...
Fanny stieg vom Pferd und band die Zijgel an den nächstbesten Baum. Louis,
der im allgemeinen ein gutes Gehör besaI3, war offenbar derart in seine Betrach-
tungen versunken, daß er Fannys Ankunft gar nicht zur Kenntnis nahm. Fanny
musterte ihren Mann, der völlig reglos in der Gegend stand, wie Austin ihn ge-

214
rchildert hatte. Von Zeit zu Zeit griffer nach einem kleinen ausziehbaren Fernrohr
in der linken Hosentasche, sah minutenlang hindurch und kritzelte dann mit dem
Bleistift Notizen in ein winziges Heft, das er in der rechten Gesäßtasche aufbe-
wahrte. Austin gegenüber hatte Fanny geäußert, sie kenne den Grund für Louis'
Verhalten, und obwohl sie ihn noch nie zuvor bei ?ihnlichen Tätigkeiten gesehen
hatte, war sie sich völlig sicher, daß sie die Situation richtig einschätzte.
Louis wirkte aufs Haar genauso, wie er noch vor kurzem den eigenen Vater
beschrieben hatte: Wenn der Leuchtturmingenieur Thomas Stevenson das Terrain
fi,ir zukünftige Bauwerke erkundete, pflegte er zu diesem Zweck stundenlang be-
wegungslos die Landschaft zu studieren. Er hatte ohne Unterlaß den Strand er-
fbrscht, den Wechsel und die Stärke der Gezeiten, Untiefen und Sandbänke, Priele
und Dünen, Flora und Fauna. Als Thomas mit seinem Sohn die große Inspektions-
reise unternahm, standen die Türme bereits, und Louis studierte. Doch Thomas
hatte den Sprößling schon als kleinen Jungen mit sich hinaus in die Natur genom-
men, hatte dort fasziniert, ja seltsam beglückt jeden Stock und jeden Stein unter-
sucht, während Klein-Louis den Vater an den Rockschößen zog und vor verständ-
licher Ungeduld quengelte. Louis war nur ein Kind gewesen, das nichts von der
Schönheit der Natur hören, sie nicht zu schätzen wissenwollte, wenn eine Stunde
Fußmarsch entfemt eine Brause winlcte!
Es hatte über 30 Jatue gedauert, bis der nunmehr etwas reifere Knabe Louis
endlich die wahre Bedeutung der für den Eetrachter des Betrachters so langweili-
gen Feldforschungen angemessen zu würdigen wußte. Louis hatte sich schon im-
mer mit seinen Leuchtturmvorfahren gebrüstet, doch sein Stolz galt dem guten
Namen aller Stevensons, den steinernen Zeugen ihres Mutes, ihrer Tatlraft und
crusoegleichen Erfindungsgabe. Es war eine Art pauschaler Stolz gewesen, den
jeder Sproß der Sippe mit der Mutterrrilch einsog. Die unendlich vielen kleinen,
unbedeutenden und unspektakulären Dinge, mit denen sein Vater es in seinem
Berufsleben zu tun gehabt hatte, ohne die er jedoch nie zu einem so genialen
Leuchtturmbauer herangereift wäre, interessierten den Romantiker Louis nicht.
Das änderte sich schlagartig auf Samoa. Seit Louis auf der Insel lebte, dachte er
immer häufiger an seinen Vater zurück, an ihre gemeinsamen Exkursionen, die er
als Kind nicht hatte ausstehen können und die er durch seine ununterbrochene
Nörgelei jedesmal auch dem begeisterten Thomas vergällte. Louis' Vater hatte
seinen Beruf derart innig, j a zärtlich geliebt, daß Fanny sich sehr lebendig vorzu-
stellen vermochte, wie er seineAugen die schottischen Küsten hinauf- und hinab-
wandem ließ, von kindlicherer Freude beseelt als der zappelige Filius an seiner
Seite. Farury hatte Thomas liebgehabt, vielleicht noch lieber als Louis' Mutter
Maggie, und das Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit. So bullig und b?irbeißig Louis'
Vater bei flüchtiger Bekanntschaft wirken mochte, so sanft und zartfühlend konn-

215
te er sein. Seine Gattin trug er auf Händen, und dem Sprößling verzieh er nach
kurzem Donnergrollen alle Sünden.
Doch nun war Thomas Stevenson schon sieben Jahre tot. Möglichenrreise hätte
Louis sich leichter mit dem Verlust des Vaters abfinden können, wenn das Schick-
sal ihm nicht auch in dieser Beziehung einen bösen Streich gespielt hätte.rFanny
und Louis waren immerhin eigens nach Bournernouth gezogen, um Louis'Vater
näher zu sein, mit dessen Gesundheit es nicht zum besten stand. Doch als Thomas
dann sterbenskrank darniederlag und sein Sohn sofort zu ihm eilte, kam er trotz-
dem zu spät, ihn noch lebend anzutreffen. Um Louis'Kummer die Krone aufzu-
setzen, befiel den bauernden Sohn eine böse Erkältung, die ihn ans Bett fesselte
und ihm nicht einmal erlaubte, Thomas'Beerdigung beizuwohnen! Wochenlang
durfte Louis das Vaterhaus in der Heriot Row nicht verlassen. Alles in allem hatte
Louis das Grab nicht öfter als ein-, zweimal besuchen können, denn drei Monate
später schon trat er seine Reise in die Feme an, nicht ahnend, daß ir keine Rück-
fahrkarte besaß. Diese Form der Trennung, unvermittelt und verheerend wie ein
Blitzstrahl, hatte sich als zu grausam für Louis erwiesen.
Hier auf Samoa dachte Louis oft an den Vater zurüclg obgleich er selten über ihn
sprach. Wie sehnlich Louis sich in seinem weltabgeschiedenen Exil in die Ntihe sei-
nes Vaters, ja all seiner Vorväter zurückwtinschte, entnahm Fanny allerdings der blo-
ßen Tatsache, daß er erst aufUpoludenDrangverspürthatüe, eine detaillief,te FamilierF
chronik zu erstellen. Lloyd hatte aus Schottland Unmengen von Papieren mitbringen
müssen, darunter das Reisetagebuch des berühmten Großvaters und zahllose Briefe
und Aufzeichnungen anderer lngenieursvorfähren. Als Fanny mithalf, das literari-
sche Dwcheinanderzu ordnen, welches drei Generationenvon Stevensons hinterlas-
sen hatten, war sie erstaunt gewesen: Jeder von Louis'Verwandten bekundete im
Nachlaß ein Körnchen jenes schriftstellerischen Talents, das Fanny vorher als Louis'
alleiniges Besitztum angesehen hatte, alsjeneleuchmrrmhoheÜberlegenheit, die sei-
ne willkürliche Abkehr von der Berußtradition rechtfertigte.
Insbesondere Louis' Großvater - unbestritten bedeutendster unter sämtlichen
Stevenson-Pionieren, alldieweil er nichts als Neuland betrat und zudem über Jahr-
zehnte hinweg der einzige vom ,,Nordlichter-Amt" angestellte Ingenieur blieb -
hatte eine große Neigung zur Literatur besessen. Sein ,,Tagebuch" umfaßte eine
schiere Unmenge von minutiös geschilderten Einzelheiten, die sich teils auf seine
Arbeit, teils auf seine Abenteuer bezogen; die Mehrzahl der Details verriet dage-
gen, daß das eine vom anderen kaum deutlich zu trennen war. Robert Stevenson
der Altere beschrieb in seinem riesigen Werk, dessen Inhaltsangabe allein mehre-
re Dutzend Seiten umfaßte und das sogar einen Index enthielt, die überall lauern-
den Unwägbarkeiten und Gefahren für Leib und Leben, mit denen es ein
Leuchtturmingenieur tagein, tagaus ohne nennenswerte Atempause aufzunehmen

216
hltte. Louis' Großvater und Namensvetter legte in seinen Erzählungen nicht nur
tttflliche Stilsicherheit und einen für diesen Mann der Tat außerordentlich ge-
lchickten Umgang mit der Schreibfeder an den Tag. Er stellte zudem einen ausge-
prägten Sinn für effelctvolle Dramaturgie zur Schau; obwohl er sich und seine
Loistungen niemals über Gebühr in den Vordergrund hob, wußte er doch die von
lhm durchlebtenAbenteuer greifbar und packend ins Bild zu setzen. Mehrere Male
war es vorgekommen, daß Louis'Großvater zumindest für kurze Zeit atsgesetzt
rufeiner kargen, öden Insel gelebt hatte, weil das Segelschiff, welches ihn dort zu
Erkundungszwecken auf eigenen Wunsch zurückgelassen hatte, unmittelbar dar-
auf mit Mann und Maus unterging! Robert wäre vielleicht nie wieder lebend von
jenen Eilanden entkommen, wenn das Nordlichter-Amt nicht über seine Pläne
informiert gewesen wäre und ihm - wohlgernerkt mit erheblicher Verzögerung -
cin weiteres Schiffzur Rettung nachgesandt hätte. Sein Wunsch, Leuchttürme in
der gottverlassensten Einöde zu errichten, hätte Robert Stevenson oftmals um ein
Haar das Leben gekostet. Schon beim bloßen Überfliegen seinerAufzeichnungen
crgriffFanny damals ein Gedanke, der sie nicht wieder loslassen sollte. Was Lou-
is' Großvater erlebt hatte, der doch fast nie sein Heimatland verließ und lediglich
zur eigenen beruflichen Weiterbildung Leuchttlirme in England und an der euro-
päischen Nordseektiste besuchte, war unendlich aufregender und abenteuerlicher
als alle von Fanny und Louis unternommenen Weltreisen! Allein das ständige
Umherschippern zwischen den schottischen Inseln erforderte ebensoviel Mut und
Selbstüberwindung wie die Umsegelung Kap Hoorns, obwohl die zurückgelegten
Strecken jeweils nur,,wenige" Seemeilen umfaßten. Doch diese wenigen Meilen
bargen grausige Fallen - im Vergleich zu denen sich Odysseus' klassische Gegen-
spieler Scylla und Charybdis, Felsenriff und Strudel in der Straße von Messina,
bestenfalls als Übungshindernisse für Segelanfünger entpuppten.
Robert Stevenson galt im Klan als die große Patriarchengestalt, die niemand
übertreffen konnte, und doch erwiesen sich sämtliche Söhne seiner würdig. Tho-
mas' Bruder David setzte nicht nur den Leuchtturmbau, sondern auch die schrift-
stellerische Linie fort, indem er dem Vater ein literarisches Denkmal in Buchform
errichtete. Thomas hingegen, ein bescheidenerer und trotz seiner profunden Bil-
dung einfacherer Mann, ,,begnügte" sich damit, großartige Erfindungen zu ma-
chen, die die Leuchtturmentwicklung international zu höchster Blüte trieben -
obgleich Thomas selbst kaum schottischen Boden verließ. Erst als Fanny mithalf,
etwas Ordnung in das papierne Chaos zu bringen, welches nicht weniger als die
gesamte Stevenson-Tradition darstellte, begriff sie ganz langsam, warum Louis
sein Leben lang Thomas gegenüber eine eigenartige Scheu verspürt hatte. Sein
Erzeuger war doch watrlich kein Tyrann gewesen, der den Sohn unterdrückte
oder den Erst- und Einziggeborenen gar wegen seiner Kränklictrkeit verabscheu-

2t7
te, wie es schließlich bei ,,gestandenen" Männern nur zu oft der Fall zu sein pfleg-
te. Im Gegenteil hatte Thomas während der zahllosen Wochen der Bettlägerigkeit
seines kleinen Smout fast ebensooft am Krankenlager gesessen wie Maggie, hatte
ihn zum Fabulieren ermutigt und endlose Spiele mit ihm gespielt. Louis liebte
seinen Vater stets von ganzem Heruen, und doch schien er ihn aus hgendeinem
Grunde zu fürchten. Seine Bekannten und Freunde, besonders jene in Frankreich,
die Thomas nicht kannten, mußten den abwesenden Vater für ein selbstgefülliges
und knauseriges Scheusal halten, das den Sohn nur finanziell untersttitzte, wenn
dieser brav nach seiner Pfeife tanzte. Und selbst die Freunde, die regelmtißig in
der Heriot Row zu Gast waren und Thomas'Großzügigkeit kennengelernt hatten,
glaubten vorbehaltlos Louis'Befürchtung, der Vater würde die Verbindung mit
der dlteren Fanny unter keinen Umständen dulden.
Doch wie ,,schrecklich" konnte wohl ein Vater sein, der dem ungeratenen Spröß-
ling nach fastvier Jahren fruchtlosen Ingenieursstudiums verzieh, daß der Junge
alles hinwerfen wollte! Was für ein Monstrum verbarg sich hintet einem Mann,
der dem schwarzen Schaf dann eigens einen Abschiedsvortrag schrieb, mit dem
Sohnemann vor der Königlich-Schottischen Gesellschaft der Känste trotz fehlen-
den Examens noch einmal gehörigen Eindruck schinden konnte! Louis glänzte bei
seinem Auftritt so außerordentlich, daß man ihm gleich eine Silbermedaille ver-
lieh . .. Daß Louis sich mit den Ergüssen aus einer fremden Feder schmückte, weil
er zumindest vor,,den Leuten" nicht als völliger Versager dastehen wollte, ahnte
man nur, wenn man Thomas' Spezialgebiet kannte. ,,Louis" hatte einen Essay über
eine neuartige Weiterentwicklung des kreisenden Blinkfeuers geschrieben! Trotz
seiner auf diese Weise für jedermann erkennbaren Begabung zog der vielverspre-
chendejunge Ingenieur es dann vor, die Jurisprudenz zu,,erlernen" - um dann
keinen einzigen Fall behandeln zu müssen. Ein gnädiger Gott bewahrte ihn von
Anfang an vor Klienten. Louis besaß eine wunderschöne Anwaltsrobe und, was
noch besser war, er hatte seine Ruhe.
All das warf ihm Thomas niemals ernstlich vor. Der gute Mann konnte manch-
mal sehr streng sein, doch er wur um Louis' Gesundheit stets besorgt wie eine
Glucke um ihr Küken. Hatte zwischen den beiden eine Auseinandersetzung statt-
gefunden und wurde Louis zuf?illig zvtei Monate später krank, gab sich der un-
tröstliche Thomas gleich selbst die Schuld daran - hatte er doch die Nerven des
Sohnes übersfrapaziert und der Krankheit Vorschub geleistet, dem Siechtum Tür
und Tor geöffnet! Er akzeptierte auch - wie übrigens jedermann - bereitwillig den
im Grunde recht merkwürdigen Umstand, daIJ Louis' körperliche Konstitution ei-
nerseits viel zu zart für jene Reisen war, die das Leuchtturmbauertum mit sich
brachte, andererseits hervorragend geeignet für alle Gewaltmärsche und Expedi-
tionen in die rauhe Wildnis, welche Louis freiwillig unternatrm ...

2t8
Erst während der Lektüre der Schriften, die das Fundament der von Louis ge-
planten Familienchronik bilden sollten, verstand Fanny. Louis hatte seinen Vater
nicht wirklich gefürchtet und wußte insgeheim, daß dazu auch nie der geringste
Anlaß bestanden hatte. Louis schämte sich im tiefsten Innem, die Tradition des
Leuchtturmbaus und damit zugleich die Großtaten aller Stevensons verraten zu
haben. Er fühlte sich wie ein Fahnenflüchtiger, dem der Klan die Desertion nach-
rah, da er nun einmal anders war als die übrigen Stevensons. Aber im femen Sa-
moawollte Louis plötzlich nicht mehr,,anders" sein!
Als Louis vor rund anderthalb Jahren seinen Roman David Balfuur beendet
und seinem Werk eine Widmung an Savile-Freund Baxter vorangesetzt hatte, traute
Fanny zwar ihren Augen, jedoch keineswegs den Worten, die Louis darin benutzt
hatte. Er brachte zum Ausdruck, wie er Baxter darum beneide, nach wie vor die
Stadt ihrer gemeinsan verbrachten Jugend durchstreifen zu können. So weit, so
gut oder zumindest glaubhaft. Der Roman zeichnete sich schließlich durch seinen
betont schottischen Inhalt aus;natürlichbeneidete LouisBaxtn glühen4 und dies
war eine der seltenen Gelegenheiten, seiner wahren Sehnsucht Worte zu verleihen
- Louis hätte sich nämlich normalerweise eher die Zunge abgebissen, bevor er vor
anderen Menschen zugegeben hätte, daß er im Kreise seiner geliebten Samoaner
nicht immerzu überschwenglich, ja unverschämt glücklich war. ,,Ich sehe wie in
einer Vision die Jugend meines Vaters, seines Vaters, den ganzen langen Strom
von Menschenleben, der dort im fernen Norden fließt, der Gelächter und Tränen
mit sich führtund derwie nach einerplötzlichen Sturzflut schließlich mich an die
Gestade dieser entfemtesten aller Inseln geworfen hat." Oh, auch das glaubte Fanny
ihrem Louis noch, denn da jedermann dachte, Louis sei durch besagten Strom
geradewegs ins Paradies katapultiert worden, blieb der Inhalt doppeldeutig genug,
um ihn nicht zu kompromittieren. Louis war vom schottischen, vom Steversonschen
Lebensstrom auf ewig abgeschnitten und versptirte nun die berechtigte Angst, im
Boden dieser fremden Insel einsam zu versickern.
,,Und ich bewundere den romantischen Zauber des Schicksals und beuge mein
Haupt." Das war eine glatte Lüge. Vielleicht glaubte Louis das, um seinen Kum-
mer Hinstlerisch verbrämen zu können, doch Fanny wußte, daß er in diesem Fall
sein Haupt allenfalls beugte, um dem Schlag des Schicksals auszuweichen. Er
hatte in seinem Leben schon manche Widrigkeit standhaft ertragen, das hielt Fanny
ihm zugute - doch die ewige Verbannung einfach hinzunehmen und obendrein die
unbarmherzige Vorsehung oder eine grausame höhere Macht dafür zu preisen, fiel
ihm gar nicht ein. Louis fand sich in der Regel atemberaubend schnell mit Mißge-
schicken ab, die er für unab2inderlich hielt. Der Aufenthalt auf der Insel gehörte
zwar grundsätzlich in diese Kategorie, aber nur auf den allerersten Blick, wenn es
nach Louis ging. Sollte es einem Stevenson etwa nicht möglich sein, einen Aus-

2t9
weg aus dem Dilemma zu finden, sich geschickt zu ducken und so den Hals aus
der Schlinge zu ziehen, die das ,,romantische Schicksal" wie ein Lasso über seinen
Kopf geworfen hatte? Ein Stevenson verkörperte in der wirklichen Welt all das,
was ein Crusoe in der Phantasie darstellte, und hatte sein Großvater Robert, hatte
etwa Robinson Crusoe bis zu seinem Tode auf einer vermaledeiten Insel ausharen
müssen? All seine Vorfahren hatten Wunder vollbracht, indem sie sich die einzig-
artige Stevensonsche Kombination von Phantasie und Tatkraft ntrrutze machten,
von hehrer Vision und schlauer Berechnung. Zuletzt wtirde der schöpferische Ver-
stand den Sieg über die scheinbare Unvermeidlichkeit der Lage davontragen!
Fanny beobachtete Louis, der sie noch immer nicht bemerkt hatte, und sah ver-
wundert, wie er ein größeres Stück Schreibpapier zusammenzufalten begann. Er
ging methodisch dabei vor, mit flinken Fingern, und bald war aus dem Briefbogen
ein Gegenstand geworden, den Fanriy aus ihrer Position allerdings nicht garz deut-
lich wahrnehmen konnte. Was hatte er mit dem Papiergebilde vor?Louis machte
eine ganze Reihe gemessener Schritte nach links, gegen den Flußlaul und ent-
fernte sich auf dieseArt eine behächtliche Strecke von dem Wasserfall. Dann ließ
er den Gegenstand zu Wasser. Fanny machte große Augen. Es war ein Papier-
schiffchen! Sobald Louis das zierliche Wasserfahrzeug vom Stapel gelassen hatte,
blickte er ihm aufmerksam nach und zählte - Fanny sah es an seinen Lippen-
bewegungen und an den zehn ausgestreckten Fingern, die er einen nach dem ande-
ren einknickte. Er benötigte die gesamte linke Hand sowie Daumen und Zeigefin-
ger der rechten, bevor das zartePapiergebilde vom Fluß über den Felsvorsprung
mitgerissen wurde. Sieben Sekunden hatte der ganze Vorgang also gedauert. Lou-
is holte seinNotizbüchlein aus derHosentascheundkritzeltemitbefriedigterMiene
seine Erkenntnisse nieder.
In füiheren Zeiten hätte sich Fanny sicher über die drollige Operation amüsiert.
Es würde den Uneingeweihten zweifellos seltsam anmuten, wie dieser ausgewach-
sene Mann seine Berechnungen anstellte. Daß er jedoch ausgerechnet ein Papier-
schiffchen benutzt hatte ... Fanny mußte an einen Tag zurückdenken, als Louis
gerade miffen in der Aufzeichnung der Familienchronik steckte. Er wirkte über-
nervös und verschlossen und bereit, jeden Augenblick zu explodieren. Als Fanny
so unaufdringlich wie möglich seine Lasterhöhle im Erdgeschoß betrat, zerknüllte
Louis wütend ein halbes Dutzend beschriebener Seiten, schleuderte sie in eine
Ecke des winzigen Gelasses und tobte: ,,Meine Vorfahren waren allesamt richtige
Männer, und was tue ich? Ich sitze hier warm und trocken und sicher und, Herr-
gott noch mal , ich spiele mit Papierl Ist das nicht reinweg zum Totlachen?" Fanny
schwieg dazu und ließ ihren Mann weiterreden, bis sich der ärgste Knoten in sei-
ner Brust löste. ,,Wenn ich es recht bedenke", fuhr er fort, ,,kann ich ebensogut
versuchen, mir Schiffchen zu basteln - aus dem einzigen Material, mit dem ich

220
wlrklich umzugehen verstehe! Wer weiß, vielleicht schaffe ich es auf die Art, jene
Strecken zurückzulegen, die ich sonst niemals bewältigen würde!" Fanny begriff
natfulich, daß Louis die Fatrt nach Schottland im Sinn hatte, wenn er von,jenen
Strecken" redete; er wollte es bloß nicht unumwunden aussprechen. Nun, er be-
gntigte sich mittlerweile offenkundig nicht mehr damit, Papier zum ,,Spielen" zu
vcrwenden, wie er seine schriffstellerische Tätigkeit verächtlich genannt hatte.
Schiffchen waren es zwar noch immer, doch jetzt dienten sie der Mathematik, der
Physik, waren zu Vehikeln ernsthafter, ja ernstzunehmender wissenschaftlicher
Forschung herangereift! Fanny war eher zum Weinen denn zum Lachen zumute.
Sie dachte an das winzige Wasserfahrzeug, welches der Strömung des übermäch-
tigen Flusses und den Unbilden seines Schicksals exakt sieben Sekunden getrotzt
hatte, bevor die Kaskade es mit sich riß und es über den Rand des Felsvorsprungs
in sein Verderben hinabpurzelte. In früheren Jatrhunderten hatten Seeleute stets
die Befürchtung gehegt, an den äußersten Rand der Welt zu stoßen und über ihn
hinweg in die tödlichen Tiefen zu stärzen ... Allerdings wußte damals noch nie-
mand, daß es eine Unterseite der Welt gab und daß man dort leben kowfie. Doch
wöre ihnen die Exßtenz einer solchen anderen Seite auch nur vage bekannt gewe-
.ren, so begriffFanny blitzartig, hötten die Mafiosen sie sicher ,,Hölle" genennt ...
Fanny taumelte leicht und stolperte über das Wurzelwerk, das sie an diesem
Aussichtspunkt umgab wie überall im Urwald. Louis hörte endlich das Geräusch
ihrer Tritte und wandte sich zu ihr um. Er winkte ihr, näher an den Fluß heranzu-
kommen.
,,Ist das nicht wundervoll?" fragte er und breitete die Arme aus. Fanny hatte
keine Ahnung, was er wohl meinen mochte. ,,Früher, in meiner ungestümen und
gedankenlosen Jugend, habe ich mich nie ernsthaft mit den Naturwissenschaften
auseinandergesetzt, wie du weißt. Wenn man mich gefragt hätte, ob ich denn kei-
nen Funken Begabung für den Ingenieurberuf besäße, wäre meine Antwod wohl
nur ein gleichgültiges Achselzucken gewesen. Ich hätte das Vorhandensein eines
solchen Talents bei mirbezweifelt-und es hätte mich nicht im geringsten geküm-
mert, geschweige denn betrübt. Doch jetzt weiß ich, daß waschechtes Stevenson-
Blut in mir fließt!" Louis strahlte.
,,Was hätte wohl auch sonst in deinen Adem fließen sollen, Lieber?" fragte
Fanny mit ironischem Unterton.
Louis grinste schief. ,N4 was schon - Tinte natärlich!"
Fanny wurde augenblicklich ernst. Es gefiel ihr nicht, wie geringschätzig Louis
manchmal über seinen Beruf, seine Berufung redete. ,,Du warst dein ganzes Le-
ben lang ein Mann der Tat", entgegnete sie ihm. ,,Du bist weit gereist, hast zatrllo-
se Abenteuer bestanden und bist nie vor einer Gefahr zurückgeschreckt. Wie viele
Mäinner können das von sich behaupten? Dein Pech besteht darin, daß du einem

22r
Klan von beinahe übermenschlichen Wesen entstammst. Auf deine Art bist auch
du ein Titan - ein schwachbrüstiger Riese, zugegeben, aber zweifelsohne der
Stevenson mit dem allerdicksten Kopf der Sippe!"
Louis lachte laut. Er war ohnehin bester Laune, und Fannys Worte steigerten
noch seine Heiterkeit. ,,Heute habe ich ihn ganz deutlich gespürt!" rief er aus, und
wäre er eine Frau gewesen, hätte wohl jedermann gleich gedacht, dem schwange-
ren Louis habe das ungeborene Kind in seinem Leib soeben die ersten Fußtritte
versetzt. ,,Wen oder was hast du gespürt?" erkundigte sich Fanny vorsichtig bei
ihrem Gatten.
,,Na, den transzendentalen Koeffizienten, mein Schatz!"
Fanny mußte hart mit sich ringen, um sich das Lachen zu verbeißen. Diesen
von Louis geprägtenAusdruck kannte sie bereits, sonst hätte wohl ihre Besorgnis
die Oberhand gewonnen.
,,Soso. Ich dachte schon, es sei etwas Schlimmes. Ich werde,tlich zu Hause
sofort ins Bett packen und Ratatui Bescheid geben. Der Gute wird'dir eine kräftige
Hühnerbrühe zubereiten, du schläfst ein bißchen, und du sollst sehen: Danach bist
du deinen Koeffrzienten im Handumdrehen wieder los."
,,Oh, Fanny, du bist eine gat:'z und gar unmögliche Person", stöhnte Louis laut
auf und lachte dann abermals glücklich.
,,Hat es dich heute arg gebissen, das transzendentale kleine Luder?" Louis wtir-
de ihr nun sicher einen Vortrag halten, aber das schien ihr nach all den Tagen, an
denen sie ihn kaum zu Gesicht bekommen hatte, ein geradezu verlockender Ge-
danke.
,,,{llerdings", gab Louis stolz zur Antwort. ,,Die Kunst des Ingenieurwesens,
die so lange in mir brachlag, beginnt jetzt endlich zu keimen und zu sprießen -
und wird hoffentlich bald die ersehnten Früchte bringen. Es ist auch höchste Zeit.
Für die Pläne, die ich in naher Zukunft ausführen möchte, bedarfes eines echten
Künstlers, nicht eines blutigur Dilettanten."
,,Und ich Dummchen dachte immer, ich hätte einen Ktinstler geheiratef',ver-
setzte Fanny spitz. Was sollte dieses Gerede?
Louis ging nicht auf ihren Einwand ein. Er wanderte Fluß Nummer eins ent-
lang, stromauf und stromab, und holte zu einer weitschweifigen Erklärung aus.
Fanny fügte sich in ihr Los.
,,Dir ist bekannt, daß ich früher wie die meisten Ignoranten die Ingenieurskunst
für eine strenge, absolut exakte Wissenschaft hielt, die auf Daten, Fakten, Maßen,
Zallen und Gewichten beruht und damit in Hülle und Fülle aufivartet. All diese
scheinbar unbeugsamen Fakten langweilten mich, ödeten mich unsagbar an. Ich
hatte noch nicht erkannt, daß ein guter Ingenieur nur im Notfall zu ihnen Zuflucht
nehmen muß."

222
Fanny, die mit dem Großen Reisetagebuch vertraut war, Louis'zweiter Bibel,
rchwieg still und wartete.
,,Erst als ich mich ohne das Vorurteil der Jugend in die Arbeit meiner Väter
vertiefte, begann ich zrr verstehen."
,,Und was genau begriff der weise, uralte Louis jählings, nachdem er die Tor-
heit der Jugend endlich abgestreift hatte?' stichelte Fanny belustigt. ,,Als du ein
Kind warst, redetest du wie ein Kind, o großer Louis", fuhr sie fort, gat:.z gegen
ihre Gewohnheit von der Lust ergriffen, die Bibel so frei zu zitieren, wie Louis es
gewöhnlich tat. ,,Aber nun, da ein großer Junge aus dir ward, sprichst du erst
wahrhafi kindßch."
Louis schüttelte stumm den Kopf, doch er war alles andere als verärgert. Auch
cr unterdrückte gewaltsam einen Heiterkeitsausbruch. Nichts schien seine gute
Laune heute trüben zu können, was Fanny im übrigen keineswegs beabsichtigte;
von Zeit nt Zeit erwies es sich allerdings als wichtig, Louis an seinen langen
Beinen auf den Erdboden zurückzuziehen.
,,Du kannst ein rechtes Ekel sein, Fanny, und das Schlimmste daran ist, daß du
mir andauernd die Wahrheit ins Gesicht schleuderst. Von einer liebenden Gattin
sollte man erwarten dürfen, daß sie ihren Herrn und Meister überzeugend zu belü-
gen versteht. Als ich dir vor langa Zeit diese Ode verehrte, ,Meine Gernahlin',
muß ich's schon geahnt haben. ,Treu wie Statrl' und ,gerade wie eine Klinge' hat
der Große Erfrnder meine Gefährtin erschaffen. Wie wahr, wie allzu wahr!"
,Nun, Gott ist eben auch ein recht guter Ingenieur, mein Schatz." Fanny verzog
keine Miene. ,,Vielleicht nicht so genial wie ein Stevenson, aber immerhin. Doch
nun erzähl mir von deinem brennenden Dornbusch oder deiner qualmenden
Bananenstaude und von dem, was sie dir offenbart haben. Um so schneller hab'
ich's hinter mir." Insgeheim war Fanny über die Frivolität der Worte schockiert,
die da aus ihrem Munde kamen.
,,Eigentlich habe ich es wohl mein Leben lang geahnt, daß meine Vorfahren die
größten, wahrhaftigsten Künstler waren, die man sich überhaupt vorstellen kann",
begann Louis. ,,Die technische Seite ihres Berufes hat mich jedoch stets darüber
hinweggetäuscht, daß sie derart vollendete Poeten darstellten. Ich meine damit
nicht ihre schriftstellerischen Leistungen - Großvater Robert besaß zwar eine
Menge Talent, pflegte sich aber in unwichtigen Kleinigkeiten zu verzetteln. Of-
fengestanden habe ich bei der Lekttire seines Buches an vielen Stellen im dunkeln
getappt oder gegtihnt, oder beides."
,,Was war dann das Entscheidende?" fragle Fanny.
,,Meine ach so technisch bewanderten, naturwissenschaftlich belasteten Alt-
vorderen haben ganz nebenbei - ohne es auch nur zu ahnen - die erlesenste aller
möglichen Künste ausgeübt. Es ist kaum zu glauben! Sie schaften das, was nur

223
Auserwählte zustande bringen, Leonardo da Vinci vielleicht und eine Handvoll
andere. Sie brachten Dichtung und Wirklichkeit in perfekten Einklang miteinan-
der, machten ihre verrücktesten Ideen wahr, schufen einzigartige Schönheit, die
zu allem Überfluß unschätzbaren Nutzwert für die Menschheit in sich trägt!"
Fanny verstand Louis' Begeisterung und teilte sie vorbehaltlos. Nicht der Beruf
des Ingenieurs im allgemeinen war es, der Louis faszinierte, weit gefehlt. Allein
jener Tätigkeitsbereich, der den Stevensons als Privileg und heißgeliebte Bürde
vorbehalten geblieben war, versetzte ihn nahezu in Ekstase. Eirzig das priester-
gleicheAmt, Leuchttürme zu errichten, und zwar Leuchfürme inSchottland,ver
einigte die Merkmale in sich, die Louis soeben angesprochen hatte. Fanny hatte
mit eigenen Augen den König aller Ttirme erblickt, das Wunder von Bell Rock,
und fand sich überwältigt angesichts seiner grandiosen Schönheit. Der Turm war
nichts Geringeres als steingewordene Poesie, eine,,unmögliche" Vision, die sich
allen menschlichen Erfahrungen zum Trotz in greifbare Materie verwandelt hatte.
Daß die Stevenson-Ingenieure die Herzen von Dichtern besaßen, wußte Fanny
seit der Begegnung mit Thomas; kurios war der Umstand, daß weder Thomas
noch die anderen erkamten, was für Phantasten und Träumematuren in ihren har-
ten Schädeln steckten. Die Erklärung mochte darin zu finden sein, daß die Phanta-
sien und Träume nicht lange in ihnen dahindämmerten, sondern durch Arbeit zu
Eigenleben erweckt wurden. Diese Arbeit jedoch war stets derart schweißtreibend
und knochenbrecherisch, daß die braven, redlichen Leute überhaupt nicht darauf
kamen, sie könnten es mit,,Kunst" zu tun haben!
Nur Schottland vergönnte einem Leuchtturmbauer vom Kaliber eines Stevensons
die wahre Erfüllung, die seinen ungeheuren Fähigkeiten entsprach. Gebäude wie
die ihren waren überall auf der Erde schön anzusehen, wirkten an jedem Ort male-
risch und prächtig. Dazv, daß die hohen, schlanken, blendendweißen Bauten auf
den einsamen Inseln oder an den steilen Küsten Schottlands noch erhabener aus-
sahen als anderswo, trugen die Stevensons nichts bei - zugegeben. Die zerklüfte-
ten grauen Felsen, welche den eindrucksvollen Hintergrund für ihre Werke bilde-
ten, hatten sie nicht erschaffen. Daß die nattirliche Schönheit gleichzeitig mit Ge-
fahr verbunden war und höchste Anforderungen an den Stevensonschen Genius
stellte, kam den Männem allerdings sehr viel gelegener, als sie selbst sich das je
eingestanden hätten. Diese Draufg2inger liebten das Abenteuer und die Herausfor-
derung - denn weshalb sonst hätten sie ausgerechnet den Leuchtturm- und Hafen-
bau allen harmloseren Zweigen ihrer Profession vorziehen sollen? Im Grunde,
räsonierte Fanny weiter, waren sämtliche Stevensons verkappte Herumtreiber und
Bohemiens gewesen. Sie erkannten es selbst nicht, denn die ,,Entschuldigung"
war so brillant, daß sie ihren Ruf der Wohlanständigkeit noch steigerte, statt ihn
anzutasten. Die guten Bürger errichteten Bauwerke für das Gemeinwohl, keine

224
,,Kunst"; sie segelten nicht in der Weltgeschichte herum wie nichtsnutzige Vagabun-
don, sondem Eotzten lediglich den Widrigkeiten, welche die rauhe Natur ihrer ge-
llobten Heimat ilnen gottlob in den Weg stellte! Ihe abenteuerlichen Reisen unter-
nahmen Louis'Vorfahren unter dem wehenden Banner von Heimatverbundenheit
und Bodenständigkeit. Welche Symbole vermochten diese Eigenschaften wohl glor-
rcicher zu verkörpem als ausgerechnet Lzuchtturm und Hafen?
Eine Besonderheit, die Fanny schon an Louis' sagenhaftem Großvater zu s chätzen
Sclemt hatte, war dessen Flihigkeit gewesen, die Gewalt der Elemente möglichst in
roine Pläne mit einzubeziehen, ohne gegen sie zu kämpfen. Er erkannte die Oberho-
heit derNaturkräfte bedingugslos an, und obwohl er ab und anZufluchtza Spreng-
rtoffen nahm, zog er es bei weitern vor, sich mit der Wldnis zu verbünden, statt sich
reinen Weg gewaltsam ,,freizuschieß!n" und seinen Bau gewissermaßen auf den
Ruinen einsünals unberührter Landschaft zu errichten. Wirklich glücklich war er erst,
wenn sein Turm maj estätisch dastand, während in der Umgebung des Gebäudes nichts
verriet, daIJ überhaupt ein Mensch am Werk gewesen war. Sein Motiv, so vermutete
Fanny heimlich, war eine seltsame Mischung aus tiefer Ehrfurcht rmd fast blasphe-
mischer Arroganz: Robert wollte wie Gott Vollkommenheit erschaffen und, gleich-
falls wie Gott, keinerlei Spur seinerAnstengung auf Erden hinterlassen.
,,In den fiihigen Händen meiner Vorfahren gedieh der Ingenieurberuf zu einer
lebendigen Kunst", hörte Fanny wie von fern Louis' Stimme an ihr Ohr dringen.
Sie wußte nicht zu sagen, ob er die ganze Zeit über zu ihr gesprochen, sie ihm
nicht zugehört- oder ob ihre Gedankenkette sich möglicherweise innerhalb von
Sekundenbruchteilen abgespult hatte. Fanny tauchte sofort wieder auf, zurück an
die Oberfläche des Gesprächs.
,,Und wie bei jeder Kunst ist es nicht möglich, die Grundlagen zu erlernen,
wenn man nicht Talent und Gefühl dafür bereits in sich trägt. Gleich meinem Groß-
vater und Vater besitze auch ich die Fähigkeit, in einem wilden, im Urzustand
befindlichen Sttick Land das fertige Werk zu erspdhen und dementsprechend alle
nötigen Veränderungen vorauszuberechnen. Im Grunde ist es ähnlich wie bei der
Bildhauerei - in einem unbehauenen Stück Stein sieht der Künstler eine Gestalt
und bemüht sich, dieses Bild, das in seinem Kopf schon fertig vorhanden ist, aus
dem Stein herauszuhauen. Nun hat er es mit den Widrigkeiten des Materials auf-
zunehmen, mit Festigkeit, Härte, Bruchrichtung, mit Dutzenden von Faktoren.
Wenn er einen der Faktoren nicht angemessen berücksichtigt, zerstört er den Stein
... und mit ihm die Gestalt, die darin wohnt."
,,Du meinst die Gestalt, die in seinem Kopf wohnt", korrigierte Fanny ihn, ob-
wohl sie nicht dles verstanden hatte.
Louis stutzte und überlegte kurz. ,,Verwirr mich doch bitte nicht so", bat er
dann und fuhr fort: ,,Du hast recht: Das Bild in meinem Kopf wäre natürlich im-
mer noch da, und ich würde es wahrscheinlich ein weiteres Mal versuchen. Aber
das ist nicht der Punkt. Es rührt sicher von der Blutsverwandtschaft her, daß ich
nur wenige Dinge kenne, die aufregender sind als das Vorausahnen eines fertigen
Leuchtturmes inmitten einer Wüste aus Moor, Heidekraut und leerer Luft."
,,Das hast du seinerzeit aber nicht so gesehen, als du mit deinem Vater un-
terwegs warst", gab Fanny trocken zurück.
,,Nun ja ... ich muß es wohl verdrängt haben", druckste Louis herum. ,,Was ich
sagen will, ist dies: Großvater Robert war ein großartiger Neugestaher der Natur.
Wenn er eine Brücke schlug, wenn er eine Straße baute, wenn er einen Fluß umlei-
tete und ein völlig neues Bett für ihn zu entwerfen hatte ..."
,,, , . was er aber nur im äußersten Notfall tat, wenn kein Weg an solchen Verän-
derungen vorbeiführte", unterbrach Fanny.
,,Wie auch immer", fuhr Louis unbeirrt fort. ,,Jedenfalls pflegte er vor der ei-
gentlichenAusführung dieser Projekte das Land und die See zu studibren, mit dem
Notizbuch in der Hand, wie es ein ordentlicher Ktinstler stets tut. Abör er berechnete
die Naturgewalten nicht auf der Grundlage vorgegebener Werte, sondern ließ die
Landschaft auf sich einwirken. Er war vollkommen eins mit dern Land - auf einer
mystischen Ebene, sonst hätte er seine Werke nie erschaffen können."
,,Der transzendentale Koefhzient", murmelte Fanny.
,,Eben dieser. Die MalJe und Daten, welche die Universität dern Ingenieur mit auf
den Weg gibt, entbehren selbstverständlich nicht aller Bedeutung. Sie sind allerdings
auch nichts weiter als grobe mathematische Hilfsmittel, eine zwar solide, doch unzu-
längliche Grundlage für die Höhenflüge echten Schöpfergeistes. Die Kräfte derNa-
tur sind unberechenbar im wahrsten Sirure des Wortes, ihre Auswirkungen auf die
Pläne des Ingenieurs mannigfaltig und geheimnisvoll. Der Ingenieur muß das Unvor-
hersehbare vorhersehen können. Noch ist sein Werk nicht im Bau befindlich, und
schon hat er Spekulationen anzustellen, wie Regen, Wind und Wellen die Konstruk-
tion zu beeinflussen vermögen. Er muß sich vorAugen halten können, wie das fertige
Gebäude den Gezeitenstrom bricht, Wellen vergrößert, Regenwasser eindämmt oder
Blitze anzieht. All das gilt es noch vor Baubeginn zu enträtseln. Den Spärsinn für die
Geheimnisse der Natur aber kann man nicht erlemen. Er ist angeboren. Keine Akade-
mie der Welt vermittelt das nötige Wissen. Dagegen ist es Ingenieuren mit der Ftihig-
keit, sich auf dem Schachbrett lebendiger Naturkräfte zu behaupten, durchaus mög-
lich, die Barrieren vonZeit und Raum zu durchbrechen."
Dann hättest du wohl besser rechtzeitig versuchen sollen, Bergbauingenieur zu
werden, dachte Fanny bei sich, als sie sich vorstellte, auf welche Weise Louis denn
Zeit und Raum durchbrechen wollle. Als Minenfachmann und geborener Stevenson
wäre es dir sicher gelungen, dir einen Fluchttunnel durch den Erdkern zu graben
und in Edinbutgh wieder herauszukommen.

226
,,Du hast doch nicht etwa vor, hier im Mittelpunkt von Vailima einen Leucht-
turm zu errichten", scherzte Fanny. ,,Unser Haus ist schon jetzt das einzige, das
noch aus enonner Entfemung von vorbeifalrenden Schiffen aus zu sehen ist, wie
du weißt, Unser leuchtendrotes Dach füllt allen Seeleuten insAuge, undder Union
Jack, denduimmer am großen Flaggenmast auf dem Rasen hißt, zeigt jedem noch
ro dummen MaEosen, daß er sich in der Nähe von Upolu befindet."
Louis grinste sein Wolfsgrinsen. ,,Du hast wieder einmal vollkommen recht,
Mrs. Louis Stevenson. Ein Leuchtturm wäre wohl für unser schönes Eiland eine
höchst überflüssige Einrichtung. Im übrigen erinnere ich mich dunkel, dir an ge-
eigneter Stelle einmal anvertraut zu haben, daß ich als Mann von Welt meinen
privaten Leuchtturm stets mit mir zu führen pflege. Das Privileg habe ich gottlob
meinen Vorfahren voraus. "
Fanny begann, schweigend am Rande des Flusses entlangzuwandern. Warum
nur hatte Louis damit begonnen, physikalische, nein: metaphysische Spielchen zu
npielen? Wollte er lediglich prüfen, ob auch er tatsächlich die geheimnisvolle, über-
irdische Gabe der Stevensons besaß? Um ein Sttick Land zu roden, sogar ein so
unebenes und von Hindernissen durchzogenes wie Vailima" brauchte man doch
keinen sechsten Sinn!
,,Wieso hast du dein Schiffchen fahren lassen?" fragte sie.
Louis grinste noch breiter. ,,Ich beabsichtige, diesen Fluß umzuleiten - den
Lauf unserer vier Ströme zu korrigieren."

227
10
Me,ruLu, psn TonwÄcgtrn, und sein bester Freund Sao waren die ersten aus dor
Dienerschaft, die die langsam herannahende Prozession erspähten. Aufgeregt eil-
ten sie zum Haupthaus.
,,Häuptling Misifolo kommt hierher zu uns mit vielen Kriegern!" verkündete
Mafulu, während Sao, den er abwechselnd seinen Vater, Onkel oder Sohn nannte
und der tatsächlich aus einem ganz anderen Dorf stammte, bekräftigend zu Mafulus
Worten nickte. ,,Viele Krieger!" wiederholte Sao zur Sicherheit.
Fanny befand sich im Haus, als die Nachricht eintraf, und tat nun neugierig auf
die Türschwelle hinaus. Häuptling Misifolo, der wZihrend des Gashnahls an Lou-
is' letztem Geburtstag den unglücklichen Übersetzer hatte spielen müssen, kam
selten zu Besuch, und falls doch, dann niemals ohne Vorankündigung. Wenn er
Tusitala eine Höflichkeitsvisite abstattete, hatte er von seinem Dqrfchen Nuutua
bis nach Vailima einen recht beschwerlichen Weg zurückzulegeh: Das Dorf lag
auf der gleichnamigen Insel im Südosten, und Misifolo ließ sich zuörst in seinem
Prunkboot an die Küste von Upolu rudern, um sodann mit der Dorf-Tapo und
seinen Mannen zu Fuß hinauf nach Vailima zu marschieren. Ihre Pferde hatten die
Reisenden zu ihrem Leidwesen daheim auf Nuutua zurücklassen müssen.
Heute aberkamen Msifolound sein Gefolge ohne vorherige Benachrichtigung,
was Fanny sehr wunderte. Doch fast noch erstaunlicher schien ihr die Tatsache,
daß ausgerechnet an diesem Nachmittag Louis und Lloyd sich fortw?ihrend in un-
mittelbarer Nähe des Hauses aufhielten, statt ihren üblichen Zeitvertreiben nach-
zugehen. Den ganzen Tag über hatten sie auf der Veranda herumgelungert oder
waren, tiefin Gespräche versunken, über den Rasen geschlendert. Ihre zur Schau
getragene Lässigkeit täuschte Fanny nicht. Sie wälzten ein schwieriges Problem,
und Lloyd schaute alle paar Augenblicke gehetzt um sich, als fühle er sich von
einem wilden Tier verfolgt. Lloyd wirkte nicht nur besorgt, sondern ausgespro-
chen ängstlich.
Wen oder was envartete Lloyd, und Louis mit ihm? Waren es etwa Häuptling
Misifolo und sein Gefolge? Fanny kannte aluf garu' Samoa keinen freundlicheren
-
und zuvorkommenderen Mann als Misifolo vor ihm Angst zu haben, schien
schlechterdings unmöglich. Lloyd teilte Fannys Einschätzung der Lage offenbar
nicht im geringsten; als Mafulu die unverzügliche Ankunft des Häuptlings ange-
kündigt hafte, war der junge Mann in blinder Panik ins Haus geeilt, seinem be-
stärzten Blick nach zu urteilen jedeneit bereit, sich drinnen zu verbarrikadieren
und sowohl Haut als auch Kopf so teuer wie möglich zu verkaufen.
Fanny wollte ihm nacheilen, um ihn unnachgiebig zu verhören, doch dann hielt
ein einziger Satz aus Louis' Munde sie wie gebannt auf der Türschwelle fest.

228
,,Mafulu", fragte Louis seinen Torhüter ruhig und betont gleichgültig, ,,hast du
erkennen kömen, ob Misifolos Krieger schwarze Gesichter haben?" Fanny stock-
te der Atem. Auch Mafulu war großes Erstaunen anzumerken. Während der ver-
gangenen Tage hatte Louis ihn recht schroffbehandelt, beinahe barsch, weil Mafulu
in seiner Funktion als Nachrichtenübermittler so kläglich versagt hatte - ebenso
wie Louis' Sonderbotschafterin Soenga. Keiner von beiden hatte bei König Mataafas
Leuten etwas ausrichten können. Die Häuptlinge stellten sich dumm, zeigten sich
höflich ,,, und blieben verstockt. Und nun fragte Tusitala seinen Diener zu allem
Überfluß nach Männern mit geschwärzten Gesichtem! Was war davon zu halten?
Das Auftragen schwarzer Farbe bedeutete nicht exakt dasselbe wie indianische
Kriegsbemalung, doch ein Samoaner, der sein Antlitz auf diese Art verzierte, tat
damitjedem kund, daß er größte Lust verspürte, dem Nächstbesten den Kopfvom
Rumpf zu schlagen, der ihn zureizen wagte. Nun wußte Mafulu einerseits, daß
der mächtige Tusitala angesichts solcher Lappalien keineAngst zu verspüren pfleg-
te. Andererseits glaubte der arme Kerl sicher, durch seine schlechte Diplomatie
und fehlgeleitete Redekunst zum Auslöser für Zwistigkeiten geworden zu sein -
und Mafulu, weit weniger tapfer als sein Herr, hätte seinen Kopf nur äußerst un-
gern eingebüßt. Schlotternd stand er vor Tusitala und machte riesige, kugelrunde
Augen, bis sein Freund Sao, der Mafulus Qualen nicht zu bemerken schien, fröh-
lich an seiner Statt antwortete: ,,Keine schwarzen Gesichter, Tusitala."
Mafulu atmete hörbar auf und tat sofort, als beträfe dieAngelegenheit ihn nicht
weiter. Fanny, die von der Türschwelle aus jedes Wort urrd jede Regung mitbe-
kommen hatte, fragte sich nun erst recht, was Louis' Bemerkung bedeuten sollte.
Wie konnte Louis es für erwägenswert halten, daß ausgerechnet Misifolos Man-
ttcn ihm und seinem Klan etwas antun wollten?
Doch bevor sie Gelegenheit bekam, den einen oder anderen der Verschwörer in
ihrer Familie zur Rede zu stellen, sah sie bereits Häuptling Misifolo mitsamt Ge-
lirlge über den Rasen auf das Haus zustapfen. Der Aufmarsch der Männer von
Nuutua wirkte keineswegs bedrohlich, wie sie schnell feststellte. Feierlich, ja ge-
tnächlich bewegten sich die Krieger im Gänsemarsch aufTusitala und seinen Stamm
zu, Bald konnte man mit bloßem Auge erkennen, daß sie Geschenke mit sich tru-
gcn, wahre Berge von Mitbringseln aller An. Großzügigkeit war stets Misifolos
Itorausragendste Eigenschaft gewesen. Er bekundete sie auch jetzt - wie nur hatte
Louis auf den verrückten Gedanken verfallen können, dieserHäuptling wolle ihm
ctwas zuleide tun? Und Lloyds panischer Schrecken war noch unbegreiflicher ...
Es dauerte seine Zeit, bis Häuptling Misifolo oben am Haus angelangt war,
rlenn er gehörte nicht mehr zu den Jüngsten. Gemessenen Schrittes ging er seiner
'l'ruppe voran und bemühte sich, seine Erschöpfung nach dem steilen Marsch zu
vcrbergen. Fanny fiel auf, daß die lange Schlange nicht wie sonst üblich von der

229
Dorf-Tapo angeftihrt wurde. Bei Tusitalas Geburtstagsfeier hatte die schöne
Misiluenga, Zierde ihres Dorfes und ihres Vaters geliebter Augapfel, zwar eben-
falls gefehlt, doch waren an jenem Abend überhaupt keine Tapos zugegen gewe-
sen. Lediglich die Gattinnen der Häuptlinge hatten sich das Recht auf Ehrerbie-
tung und Schweinsbraten nicht nehmen lassen. Zu anderen Gelegenheiten aber
verzichtete Misifolo niemals auf die Anwesenheit seiner Tochter, und der Vater-
stolz stand ihm ins strahlende Gesicht geschrieben, wenn er das hochgewachsene,
zartgliedige Mädchen betrachtete. Misiluenga maß fast sechs Fuß, was eine enor-
me Größe für weiße Frauen darstellte, doch auf Samoa nicht ganz und gar unge-
wöhnlich war. Ihr Körper, schlank und biegsam wie frischer junger Bambus, glich
durch das Ebenmaß der Proportionen die fehlenden Fettschichten aus, welche bei
samoanischen Betrachtern eigentlich al-s eine wesentliche Vorbedingung für voll-
endete Schönheit galten. Seit ihrer frühesten Kindheit hatte Misiluenga sämtli-
che Pflichten einer Tapo erfüllt und schon als halber Säugling ilU Dorf in die
Schlacht geführt; daß sie zu einer ansehnlichen Jungfrau erblüht war, erhöhte
noch den Wert, den sie fiir das Dorf und den Häuptling besaß. Wo aber war die
Tapo heute?
Plötzlich erstarrte Fanny. Dort hinten ging ja Misiluenga, ganz an Ende der
langen Reihe von Kriegern! Eine Tapo schritt doch stets majestätisch vorneweg.
Warum schlich das Mädchen nun hinterdrein, mit gesenktem Kopf, hängenden
Schultem, ohne Blütenschmuck - schlicht gekleidet wie füiher nur Soenga? Et-
was Vergleichbares hatte Famy noch nie erlebt, und sie war gespannt, ob sie auf
sich allein gestellt des Rätsels Lösung hnden würde. Immer näher rückte die Pro-
zession, und Fanny, deren scharfer Blick die Gesichtszüge der Tapo deutlicher zu
erkennen vermochte, las nun dieselbe Trawigkeit in Misiluengas ZiJtgen, welche
auch aus der Haltung des Mädchens sprach. In dem Maße jedoch, wie derAbstand
zwischen ihr und dem Haus sich verringerte, erwachte neben der Niedergeschla-
genheit ein leiser Funken Hoffnung. Fanny sah es an der Art, wie ihre Augen,
züchtig unter halbgesenkten Lidern auf den Boden gerichtet, sich in regelmäßigen
Abständen weit öffneten und blitzschnell hin und her fuhren, als suchten sie nach
etwas ganz Bestimmtem, um sich dann ebenso unvermittelt wieder zu einem Spalt
zu schließen. Misiluenga bildete die Nachhut der Truppe, konnte also damit rech-
nen, bei ihren versteckten Nachforschungen zumindest von den eigenen Leuten
nicht ertappt zu werden. Wen oder was sie suchte, blieb ein Geheimnis. Niemand
aus der bunt aus allen Dörfern der Insel zusammengewürfelten Dienerschaft stamm-
te vom Eiland Nuutua. Jeder einflußreiche Samoaner empfand es als Ehre, seinen
Nachwuchs zum Zwecke des letzten Feinschliffs würdevollerErziehung zuTusitala
in die ,,Lehre" entsenden zu dürfen, doch im Augenblick lebte keiner von Häupt-
ling Misifolos Untertanen in Vailima.

230
Einfach alles am heutigen Ablauf der zeremoniellen Begrüßung schien Fanny
flalsch,verzerrt ... und ebenso unbegreiflich wie unheilschwanger. Auf die Frage,
worauf ein Samoaner den größten Wert legte, hätte Fanny wie aus der Pistole
geschossen geantwortet: Etikette! Makellose Höflictrkeit! Ausgesuchteste Manie-
ren, sinnentleert und zu bloßen Floskeln erstarrt, doch unendlich wichtig in einer
Kultur, wo niemand arbeitete und ein Mann von Inselwelt den Tag mit Volksreden
vcrbrachte. Oh, Häuptling Misifolo hielt seinenAnteilar'derZeremonie in Ehren
- an seinerHöflichkeit gab es nicht das geringste auszusetzen. Aber Louis, der die
Bedeutung eines jeden Rituals kannte wie kein Weißer neben ihm, zu dem die
Häuptlinge Upolus und manchmal sogar Savaiis strömten, um seinen weisen Rat
in allen Lebenslagen zu erbitten - Louis benahm sich heute schlechterdings un-
möglich. Es waren bloß subtile Kleinigkeiten, durch die sich sein unartiges Beka-
gen ausdrückte; allerdings schien Fanny derAffront, welcher sich in ihnen wider-
spiegelte, dadurch nur noch größer. Louis war sich bewußt, daß nicht allein ein
samoanischer Häuptling, sondern sein gesamter Hofstaat zur Kenntnis nehmen
würde, wie stark er von den ungeschriebenen Regeln flir angemessene Umgangs-
tbrmen abwich. Dem Häuptling verbot seine eigene gute Erziehung jedwede
Erwiderung von Ungezogenheit; er mußte vor allerAugen lächelnd die Schmach
ertragen und durfte sich auch später nicht zu Vergeltungsmaßnahmen hinreißen
lassen. Ein höflicher Samoaner hatte diese Dinge geflissentlich zu übersehen.
Es begann damit, daß Louis gar nicht daran dachte, Misifolo entgegenzugehen,
um ihn auf halbem Wege zu begrüßen und zu einem Ehrenplatz zu geleiten. Wäh-
rend der Häuptling sich die schiefe Ebene des Rasenplatzes hinaufarbeitete, blieb
Fannys Göttergatte seelenruhig sitzen und wartete ab, bis die lange Reihe mit
Misifolo an der Spitze vor der Veranda haltmachte. Dann endlich bequemte er
sich, langsam aufzustehen und den Gast ehrerbietig willkommen zu heißen. Doch
Louis blieb weiterhin auf der Veranda; Misifolo mußte notgedrungen neben ihm
Platz nehmen. Seine Krieger hockten sich indes auf den Rasen nieder, einen Halb-
keis um die beiden bildend. Im nächsten Moment klatschte Louis in die Hände
und befahl dem herbeieilenden Ratatui, einen großen Topf mit Kava-Bier zu ho-
len, um die vielen Gäste zu bewirten. Von ihrem Platz an der Schwelle hörte Fanny
den Koch seinem Herrn betreten zuraunen: ,,Holen? Nur holen?" Was einen völlig
Fremden wie spontane gastfreundliche Bewirtung angemutet hätte, konnte nicht
einmal mehr einen Weißen täuschen, der länger als drei Tage auf Upolu verbracht
hatte. Das Nationalgetränk, welches Insulaner zu jeder Gelegenheit und den gan-
zenTag über zu sich zu nehmen pflegten, mußte - so verlangte es die Etikette -
unbedingt vor den Augen des Gastes frisch zubereitet werden. Nur in seiner Ge-
genwart durften die Wurzeln zerrieben und zerstampft werden, nicht etwa hinter
dem Haus; der Gipfel schlechten Geschmacks bestand jedoch darin, dem Ankömm-

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ling Kava-Bier anzubieten, das schon geraume Zeit fertig war. Ratatuis Entsetzen
schien Fanny demnach verständlich und unter den gegebenen Umständen sogar
durchaus gerechtfertigt. Durch den Türspalt erhaschte Fanny einen Blick auf
Mafulu und seinen Freund Sao, die sich sichtlich unbehaglich fühlten, weil sie
die Lage mittlerweile überhaupt nicht mehr einzuschätzen vermochten. Sicher
dachte Mafulu im stillen, wie wundervoll es doch war, dalS Tusitala ihn für Misifolo
nicht als Dolmetscher benötigte; vielleicht würde es ihm im Endeffekt ja ver-
gönnt sein, seinen Kopf noch eine Weile auf den Schultern zu tragen, wo er hin-
gehörte.
Eine innere Stimme flüsterte Fanny zu, es sei besser, in ihrer strategischen Po-
sition zwischen Veranda und Hausinnerem zu verharren. Sie fiihlte keine Furcht,
aber sie wollte alles sehen, ohne gesehen zu werden, und gleichzeitig jedes Wort
mit anhören, welches draußen gesprochen wurde. Doch ausschlaggebend für ih-
ren Entschluß, bei der Zeremonie zu fehlen, war ihr instinktives Wissen, daß ir-
gendwo im Hause Lloyd dasselbe tat wie Fanny: Just in diesem Moment stand er
an einem anderen offenen Fenster, zusammengekauert, und lauschte gebawrt. Und
wer weit3, schoß es Fanny urplötzlich durch den Sinn, ob Louis nicht genau aus
diesem Grunde den Gast aufdie Veranda gezwungen hat? Je mehr sie darüber
nachdachte, desto plausibler kam ihr diese Idee vor. Lloyd sollte aufdem laufen-
den bleiben, ohne von den Kriegem erspäht zu werden ...
Die Kava-Zeremonie wurde ungebührlich formlos abgehalten, wie nunmehr
nicht anders zu erwarten. Mit aufgesetzt fröhlichen Mienen nahmen Häuptling
und Krieger ihre Schalen entgegen, tauschten mit dem Hausherrn abwechselnd
ein recht lustloses ,,Ia manuia" und ,,Soi fua" aus und brachten den Verzehr des
alten Kava-Bieres so schnell wie möglich hinter sich. Gegen Ende des Rituals
winkte Misifolo seine Tochter zu sich heran, die bis dahin schweigend vor sich
hingestarrt hatte, nachdem sie den Gegenstand ihrer anfünglichen Suche offenbar
nirgends hatte entdecken können. Misiluenga kroch näher.
,,Sei gegrüßt, schöne Tapo", sagte Louis zu dem Mädchen und reichte ihr einen
Napf mit Kava. Misiluenga schüttelte wortlos den Kopf und wies das Gefiiß dan-
kend zurück. Louis entzog ihr den Napf, ohne zu fragen, ja ohne für den Bruchteil
einer Sekunde nr zögerr., fast als hätte er ihre Reaktion vorausgeahnt. Warum nur
erstaunt mich dqs nicht? fragte sich Fanny, während ihr Unbehagen stetig wuchs.
Ihre Nackenhaare sträubten sich, doch Fanny vermochte sich über diese Eigenwil-
ligkeit ihres Körpers keinerlei Rechenschaft abzulegen.
,,Misiluenga ist nicht mehr Tapo unseres Dorfes", erklärte nun Misifolo und
hatte, für alle Weißen hörbar, dabei größte Mühe, die rechte Wortrvahl zu treffen.
Seine Ausdrucksschwierigkeiten waren allerdings kaum auf fehlende Englisch-
kenntnisse zurückzuführen. Misifolo galt als gewandter Redner sowohl in seiner

232
Muttersprache als auch der in Peretania üblichen Zwrye. Misifolos Sprachlosig-
koit beruhte auf Scham.
,,Was soll das bedeuten, nicht mehr eure Tapo?" hakte Louis nach, und Fanny
hörte, daß erUnwissenheit heuchelte. ,,Bist du denn inzwischen vermählt worden,
Schöne, ohne daß es mir zu Ohren kam? Welcher Häuptling ist dein glücklicher
(Jemahl?" Louis wandte sich mit einschmeichelnder Z?irtlichkeit in der Stimme an
das Mädchen, das noch immer vor ihm hockte. Nie zuvor in ihrem ganzen Leben
hatte sich Fanny dermaßen stark an den großen bösen Wolf aus dern Märchen
orinnert gefühlt.
Widerstrebend antwortete Misifolo anstelle seiner Tochter. Seine Krieger ver-
rtanden nicht annähernd genug Englisch, um dem Gespräch folgen zu können,
nber Mafulu, Sao, Ratatui und ein halbes Dutzend anderer Bediensteter, die sich in
cler Zwischenzeit natre der Veranda eingefunden hatten, machten keinen Hehl aus
der Neugier, mit der sie den Worten des Häuptlings lauschten. Neugier galt auf
Samoa zwar nicht als Zier, aber andererseits auch nicht als Laster; sie stellte eine
liigenschaft dar, die ebenso ausgeprägt und übermächtig war wie die Dämonen-
tbrcht. Samoaner mußten ständig alles wissen oder zumindest glauben dürfen,
ulles zu wissen, und so spitzten sie ununterbrochen die Ohren. Tusitalas Torwäch-
tcr mitsamt Freundeskreis schloß sich bei dieser hochinteressanten Gelegenheit
selbstverstiindlich nicht freiwillig aus. Es brach Fanny beinahe das Herz, als sie
die flehentlichen Blicke sah, mit denen Misifolo seinen Gastgeber beschwor, sei-
ne wissensdurstige Dienerschaft fortzuschicken. Was immer der Häuptling zu sa-
gen hatte, bedurfte seiner Ansicht nach gewiß keiner Zeugen! Doch Louis, dem
die inbrünstige Bitte nicht entging, nicht entgehenkonnte, stellte sichverständnis-
los. Die Diener blieben.
,,Meine geliebte Tochter ist nicht länger Tapo unseres Dorfes, weil sie sich
mehrere Male ohne Aufsicht der Zwerginnen im Dschungel aufgehalten hat."
Misifolo schluckte und fuhr fort. ,,Die Buckligen versuchten, ihr zu folgen. Doch
meine Tochter ist groß, ihre Beine sind lang, sie mag nicht immer auf ihre Beglei-
tcrinnen warten. Sie ist zu leichtfüßig, zu unachtsam! Nur so konnte es geschehen,
tlaß mehrere Frauen aus Nuutua sie verleumdeten! Sie haben selbst Töchter, und
ihre Zungen sind so pelzig und giftig und schnell wie das Tier mit hundert Beinen.
Aber die Kleinen verloren Misiluenga aus den Augen und wußten nicht, wo sie
war. Ich mußte mich beugen."
Louis schien dies erst langsam erfassen und überdenken zu müssen. Etwa eine
Minute schwieg er. Im Hintergrund hörte man das nicht eben dezente Getuschel
Mafrrlus und seiner Genossen.
,,Es tut mir aus tiefstem Herzen weh, das zu hören, Misifolo", hob Louis nach
seiner Kunstpause wieder an. Seine Stimme klang vor,,Trauef' ganz belegt, so als

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habe auch er heute einen giftigen Tausendfüßler im Mund statt einer Zwge.
,,Misiluenga war stets eine Zierde für ihr Dorf, hat ihre Pflichten treu und tapfer
erfüllt wie keine zweite Tapo außer ihr - wie nur konnte so etwas passieren? Es ist
verständlich, daß die Zwerge nicht mit ihr mitzuhalten vermochten ... Aber wenn
ich ganz ehrlich sein soll, Misifolo, war unsere wunderschöne Misiluenga nicht
nur leichtJüfiig, sondern ebenso leichts innig."
Auf diese Worte aus Tusitalas Munde hin ließ der arme Misifolo den Kopf
hängen und sah aus wie ein geprügelter Hund. Fannys Eingeweide verlrampften
sich schmerzhaft, als sie den sonst so stolzen, freundlichen Mann nun betrachtete.
Mu/|te Louis mit seiner unnützen Gardinenpredigt unbedingt zusätzliches Salz in
die Wunde reiben? AtchMisiluenga schaute tiefbetrübt zu Boden, aufrichtig zer-
knirscht, und wagte vor Scham den Blick gar nicht mehr zu heben.
,,Doch wenn ich deine Tochter ansehe, Misifolo", fuhr Louis mit weitaus fröh-
licherer Stimme fort, ,,weiß ich, daß ihre Unschuld für jedermann erpichtlich sein
muß. Was immer die bösen Frauen behaupten mögen, es entspricht nie und nim-
mer der Wahrheit - und dessen sind sich im Grunde alle Bewohner deines Dorfes
bewußt. Eine reine, unverdorbene Knospe wie deine Misiluenga gibt es auf genz
Upolu nicht ein zweites Mal. Ich persönlich würde mich für ihre Unversehrtheit
verbürgen!"
Misifolo zuckte unter der Wucht dieses vermeintlichen Trostes zusammen wie
unter einem Peitschenschlag. Seiner Misiluenga, der heimlich die ersten Tränen in
die Augen gestiegen waren, entfuhr ein kaum unterdräcktes Schluchzen. Zwei
große Tropfen, schwer wie tropischer Regen, fielen vor ihr auf den Boden. Dabei
stöhnte das Mädchen auf, als wolle es in einem der nächstenAugenblicke seinen
allerletzten Seufzer tun.
Was um Gottes willen hatte sich Louis bei seinem Ausspruch nur gedacht?
Dewrda/3 er etwas bezweckte, war Fanny klar; sie kannte Louis lange genug, um
zu wissen, daß er niemals gedankenlos daherplapperte. Wenn er Unsinn redete,
war der Unsinn wohl durchdacht - zumindest Louis'Ansicht nach. Niemals aber
ließ er achtlos Bemerkungen fallen, ohne sich darum zu klimmern, was für einen
Schaden seine Außerungen in den Seelen anderer Menschen anrichten mochten.
Louis war ein Mann vieler Worte, doch legte er ein jedes von ihnen auf die Gold-
waage. Und nun dieser hirnverbrannte Unsinn, er wolle sich notfalls als Garant für
Misiluengas Unberührtheit aufspielen! Erstens vermochte kein Mann diese Bürg-
schaft zu übernehmen; zweitens hätte ein solches ,,Urteil" vom samoanischen König
höchstpersönlich stammen können und trotzdem nicht das geringste ausgerichtet.
Hier war man auf Samoa, nicht in der Zivilisation und schon gar nicht beim Papst,
der nach eigenem Gutdünken Frauen für unversehrt erklären durfte, an deren Rock-
zipfel sich bereits ein halbes Dutzend Sprößlinge klammerte ...

234
Es war Louis ebenso klar wie Fanny, daß das Kind bereits in den Brunnen
gefallen und Misiluengas Taposchaft unrettbar verloren war. Auch der schlechte-
ste Jurist verstand, daß das Mfichen keinAlibi für eine Zeit besaß, während derer
sie den Anschuldigungen neidischer Frauen gemäß ihr höchstes Gut eingebäßt
hatte. Die Zwerge hätten niemals von sich aus gegen ihren ungeb?irdigen Schütz-
ling Klage erhoben, wenn die Kleine ihnen entwischte, doch den Intrigen einer
dritten Partei traten sie nur entgegen, wena sie reinen Gewissens des Mädchens
Aufenthaltsort angeben ko wrten. Ob die Tapo während der Zeit ihrer Abwesenheit
tatsächlich mit einem männlichen Wesen zusammengewesen war, erwies sich in
diesem Zusammenhang als nebensächlich, wenn nicht gar als völlig irrelevant!
,,Wie hat sich denn die leidige Geschichte bisher für dich und deine Tochter
ausgewirkt, Misifolo?" fragte Louis nun den Gast. ,,Was haben die weisen Alten
deines Dorfes zu tun beschlossen - welches Los haben sie über Misiluenga ver-
hängt?"
Jetzt vermeinte Fanny letztendlich doch eine Spur echten Interesses in Louis'
Stimme waluzunehmen. Das Schicksal des Mädchens ließ ihn offenbar nicht un-
gerührt. Die weisen M?inner des Dorfes Nuutua standen zwar nicht unbedingt in
dem Ruf unverhältnismäßiger Grausamkeit, sondern galten wie ihr Häuptling als
gemäßigt und verständnisvoll. Was die Dorf-Tapo betraf, waren allerdings sogar
ihre H?inde gebunden. Strafe mußte sein! Auch die fräheren Verdienste der Tapo
zählten nicht zu ihren Gunsten, denn schließlich hatte sie ihre gesamte Jugendzeit
über die dementsprechenden Privilegien genossen.
,,Leider ist der Vater der neuen Tapo mein schlimmster Gegenspieler im Großen
Rat", stöhnte Misifolo leise und wähnte sich des Mitgefühls seines Gastgebers sicher.
,,Misiluengas Ruf ist ruiniert. Es ist zu spät sie anrHeiatzu zwingen."
,,Nun, zumindest befindet sich deine Tochter also nicht in Gefahr, und das ist
meines Erachtens das Wichtigste." Louis gab sich jovial und zuversichtlich. In der
Tat verriet sein Tonfall Fanny, daß gerade eine innere Last von ihm abfrel.
,,Das ist wohl wahr", gab Misifolo zu, ,,und ich bin glücklich, daß meiner ge-
liebten Misiluenga nichts geschehen wird. Doch mein Ansehen ist gesunken, im
Dorf und auf dem Festland, und meine besten Tage der Macht sind vorbei.
Misiluenga muß einen unbedeutenden Mann heiraten, keinen Häuptling, wie sie
es verdient hat. Es sei denn ..." Misifolo schwieg betreten.
Louis wartete, ohne den Gast zum Weitersprechen zu ermuntern. Fanny er-
schien die Geschichte von Minute zu Minute mysteriöser. Sie fühlte mit dem be-
dauernswerten Misifolo und amüsierte sich nicht wie sonst über seine drollige
Angewohnheit, die Insel Upolu,,das Festland" zu nennen. Der Häuptling lebte
nun einmal in anderen Dimensionen, räumlich wie zeitlich, und von seiner Warte
aus betrachtet zählte die Hauptinsel seiner Welt mehr als jeder fremde Kontinent,

235
den er nur vom Hörensagen kannte. Jetzt war sein privates Universum zu allem
Unglück angefüllt mit persönlichem Kummer, den niemand mit ihm teilte - außer
seiner Tochter. Es rührte Fanny, daß Misifolo dem Mädchen keinerlei Vorwürfe
machte und sie statt dessen vor Tusitala verteidigte. Das kam auch beim liebevoll-
sten Vater selten vor, wenn der Enanger durch die Unvorsichtigkeit der Tochter
derart in Bedrängnis geriet.
,,Großer Tusitala" , platzte Misifolo unvermittelt heraus, ,,ich bin in meiner ein-
flußreicheren Zeit oft. zu dir gekommen, um deinen weisen Ratschlag zu erbitten.
Sag, kannst du mir nicht den Mann nennen, der Misiluengas Ehre rettet, sie zur
Frau nimmt und ihren Ruhm dadurch noch hundertfach vermehrt?"
Obwohl der Häuptling keinen Namen envähnte, begriffFanny mit einem Mal,
von wern Misifolo sprach. Louis wußte es ebenfalls, hatte es die ganze Zeitiber
gewußt ... schon vor dieser peinlichen Unterhaltung. Während der vielen Stun-
den, die er am heutigen Tage im Zwiegespräch mit Lloyd zugebrachthatte, waren
die beiden insgeheim bemüht gewesen, einen Ausweg aus einer verzwickten Si-
tuation zu finden. Beide Schriftsteller, der Meister wie sein Lehrling, befanden
sich nicht selten in der mißlichen Lage, einen wundervollen Handlungsstrang für
die Figuren ihrer Gedankenspielerei erfunden zu haben, aus dessen unausweichli-
chen Verwicklungen sie sich aus eigener Kraft bald nicht mehr zu befreien ver-
mochten. In solchen Fällen stand der eine Romancier dern anderen bereitwillig
mit Rat und Tat zur Seite. Gewöhnlich ließen sich die Spinnwebfüden der Enäh-
lung durch die gemeinsame Anstrengung recht schnell entwirren. Heute aber war
es nicht um Intrigen in einer erfundenen Geschichte gegangen, ebensowenig um
erdachte Personen. Das Komplott, welches die beiden Dichter in vollendeter Har-
monie miteinander geschmiedet hatten, betraf das Leben atmender, denkender,
fühlender Menschen. Auf dem Schachbrett ihrer Phantasie hatten Louis und Lloyd
die strategisch nötigen Zige geplant, um sämtliche unliebsamen Geschöpfe aus
dem Weg der Handlung zu räumen. Daß die Störenfriede aus Fleisch und Blut
gemacht waren, schien sie nicht weiter zu berühren.
Und so nannte auch Louis in seiner Erwiderung jenen Namen nicht, der sowohl
ihm als dem Gast auf der Ztngelag.
,,Misifolo, du erwartest Unmögliches von mir. Wie kann ich, ein unbedeutender
weißer Mann, mich zur Brautwerbung um deine Misiluenga äußem? Eine solche
Einmischung kommt mir als außenstehendem Fremden nicht zu - es wdre die
reineAnmaßung."
Misifolo rang sichtlich mit sich, bevor er sich entschloß, entgegen aller gebote-
nen diplomatischen Raffrnesse zum Kern seines Anliegens vorzustoßen. Seine
Stimme sank zu einem fast unhörbaren Flüstem herab, was lediglich bewirkte,
daß Mafulu und seine Freunde die Hälse noch ein Stück weiter in seine Richtung

236
rcckten und ihn mit offenen Mündern erwartungsvoll anstarrten. Ihnen Einhalt zu
gobieten, fiel Louis nicht ein.
,,Die Frauen, die meine Tochter verleumdeten", wisperte Misifolo stockend,
,,gingen in ihrer Bosheit noch weiter. Misiluenga ist einern Mann in den Urwald
gofolg, der sie von den Zwergen weglockte - so sagen die Frauen. Er war oft mit
lhr zusammen, mehr als dreimal. Die bösen Weiber erzählen, es war ein wei,ßer
Mann." Misifolo schwieg, wohl in der Hoffnung, genügend Andeutungen zum
bosten gegeben zu haben. Da kannte der arme Mann Louis schlecht. Tusitala zeig-
to eich gnadenlos.
,,Diese bösen Weiber werden wohl wieder einmal einen ihrer beliebten Dä-
monen erspäht haben, denke ich", erwiderte er geringschätzig. ,,Du weißt, daß
Dtrmonen jede Gestalt annehmen."
Misifolo, am Ende seinerWeisheit angelangt,ließ alle Umschweife fahren. ,Jede
Oestalt, ja - auch die Gestalt deines Sohnes? Hältst du das für möglich, Tusitala?"
Du hast es gewutJt, schrie eine Stimme in Fannys Kopf. Auch du hqst es die
ganze Zeit über gewuft und nichts unternommen Seit dem Tag, als sie den Wal-
-
zahn an Lloyds Hals bemerkt hatte nein, seit der Nacht ihres merlorürdigen
Traumes ... doch selbst das stimmte nicht. Seit jenem Morgen vor mehreren Mo-
naten, ats sie durch Zufall Zeugin des Männergespräches zwischen Louis und Lloyd
gcworden war, hatte sie über die Wahrheit Bescheid gewußt und war nicht einge-
nchritten.
Aber das würde sich ändem. Fanny hoffte inbrünstig, daß es noch nicht zu spät
war für eine Lösung des Problems, die allen Beteiligten unnötiges Leid ersparen
konnte. Sie durfte nicht l?inger den Kopf in den Sand stecken; ihre Mitschuld war
bereits groß genug. Aber was konnte sie tun? Fanny hielt sich mit beiden Händen
den schmerzenden Kopf. In ihren Schläfen begann es wieder zu pochen, lauter
denn je zuvor. Obwohl ihr der Schädel zu zerspringen drohte, mußte sie sich mit
letzter Kraft zusammenreißen, galt es doch, unverzüglich das schlimmste Unheil
abzuwenden. Fanny stürmte die Treppe zum Obergeschoß hinauf, um Lloyd zur
Rede zu stellen.
Fanny fand ihn nach kurzer Suche in Maggies leerstehender Wohnung, deren
Türen und Fenster nach vorn aufdie Rasenfläche hinauszeigten. Tatsächlich stand
der junge Mann neben einem der beiden Fenster, von dem aus er unbemerkt die
Verhandlungen auf der Veranda unter ihm mitverfolgen konnte. Im Moment aller-
dings schaute er nicht hinaus. Er lehnte mit zusammengekrümmtem Rücken an
der Wand, neben den halbgeschlossenen Blendläden, und hielt beide Handflächen
vor das Gesicht gepreßt. Fannys Eintreten schien er überhaupt nicht wahrzuneh-
men. Seine Mutter war mit dem festen Vorsatz ins Zimmer gesttirmt, dem gewis-
senlosen Verführer die Hölle heiß zu machen, ihn, falls nötig, an den Haaren die

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Treppe hinunterzuschleifen und aufdie Veranda hinaus, damit er sich dort unten
der ganzen Versammlung stellen mußte ... und seiner eigenen Schuld.
Aber just in dem Moment, als die wutentbrannte Mutter das Häufchen Elend
erblickte, das dort im Zwielicht an der Wand kauerte, entfuhr dem Missetäter ein
solch abgrundtiefer Seufzer, daß Fanny betroffen mitten im Schritt innehielt. Die-
ser Laut glich dem gequälten Schluchzen der armen Misiluenga auf fast unheimli-
che Weise. Wenn Lloyd vorhin auch aus nackter Angst das Weite gesucht hatte,
aus Unkenntnis darüber, wie die Samoaner sein verbrecherisches Verhalten ahn-
den mochten, so wurde er nun von echter Zerknirschung heimgesucht. Daß ihm
von Misifolo keine Gefatu drohte, war ihm ja nicht entgangen.
Fanny trat ans Fenster, um sich zu sammeln, bevor sie sich ihren Sprößling
vomahm. Der schluchzende Lloyd hatte die Gegenwart der Mutter noch immer
nicht bemerkt. Er verharrte in seiner gebückten Haltung und machte keineAnstal-
ten, ztr seinem Horchposten zurückzukehren. Zwischen einzelnen Stoßseufzern
murmelte er abgerissene Sätze vor sich hin, während er den Obelkörper rhyth-
misch hin und her wiegte. Fanny gelang es nur mit größterAnstrengung, die dump-
fen Grabeslaute zu verstehen, die er durch seine gespreizten Finger hervorpreßte.
,,Das habe ich nicht gewollt", glaubte Fanny ihl sagen zu hören. ,,So darf man
sie doch nicht behandeln", war die nächste halbwegs verständliche Außerung. Und
dann machte Lloyd eine Bemerkung, die Fanny bewies, daß sich Lloyd die diplo-
matische Abwicklung der Afliire durch den Stiefuater völlig anders vorgestellt
hatte . .. trotz aller geheimen Absprachen.
,,Wqrum mu/3 er sie so demütigen 2" Dieser Satz war ein Aufschrei; während
Lloyd ihn hervorstieß, riß er die Hände vom Gesicht und richtete sich kerzengera-
de auf. Seine Augen waren rotgerändert, und sein Gesicht wirkte aschfahl unter
der sonnengebräunten Haut. Als sich der Tränenschleier, der ihm noch immer die
Sicht nahm, allmtihlich auflöste, bemerkte er Fanny.
Langsam drehte sich Lloyd in ihre Richtung, hochaufgerichtet, und trat ihr ge-
genüber. Seine Miene war ausdruckslos.
,,Ich weiß, was für Vorhaltungen du mir jetzt machen wirst, Mutter", sagte er
leise, aber bestimmt. ,,,A.lles, was du mir sagen könntest, habe ich mir selbst hun-
derbnal und öfter vorgeworfen. Ich bin ein Schuft ... und dieses Mädchen muß
meinetwegen leiden. Aber nichts macht die Sache ungeschehen."
Fanny hatte mit allerleiAusflüchten gerechneg mit fadenscheinigen Vorw?inden,
Leugnen, Scheinheiligkeit ... ganz besonders aber mit kindischern Trotz. Lloyd bot
ihr nichts von alledem und nahm ihr auf diese Weise den Sturmwind aus den Segeln.
Blitz und Donner, die Fanny eben noch auf ihren Sohn hatte niedergehen lassen wol-
len, lösten sich auf und machten einer tostlosen Leere Platz. Lloyd der in die Enge
getriebene Übeltäter, stand buchstäblich mit dern Rücken zur Wand; doch ansüatt eine

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unwilrdige Flucht nach vom anzuteten, gab er unumwunden seine Schuld zu. Wie
woit mochte seine Einsicht aber reichen? Weit genug, um das Mädchen zu heiraten?
,,Ich weiß, was dir durch den Kopf geht, Mutter", sagte er mit ruhiger, fester
Stimme. Fanny beschlich in der Tat das Gefühl, Lloyd könne ihre Gedanken lesen
- or, der gewöhnlich seine sensible Ader nur dann herauskehrte, wenn er jene Art
von Schonung beanspruchte, die einer,,Ktinstlerseele" zukam.
,,Es ist möglich, daß du mich ewig dafür hassen wirst, Mutter", fuhr Lloyd fort.
,,Er ist sehr gut möglich, dall ich mich ewig dafür hassen werde. Aber ich kann und
w i IMädchen nicht heiraten. Dieses Mädchen nicht und kein anderes, das auf der
I das
lnsel lebt." Lloyd begann, langsam in Maggies Zimmer aufund ab zu wandern, wäh-
rtnd er weitersprach. Dem Blick der Mutter wich er dabei j edoch keine Sekunde lang
eus. ,,Ich habe Misiluenga sehr lieb, ob du es nun glaubst oder nicht. Natürlich hoff-
lon wir beide, daß uns niemand auf die Schliche käme - vergebens, wie du siehst. Ich
merke, daß Louis' Zauber mich recht wirksam beschützt, so wie derselbe ,Zauber'
mich wohl auch in MisiluengasAugen attaktiv erscheinen ließ. Immerhin bin ich der
Sohn des großen Tusitala!" Lloyd lachte bitter aufundblieb vor seiner Mutter stehen.
,,Misiluenga besitzt keine Magie, die sie beschützen könnte, und den Nimbus, der sie
umgab, habe ausgerechnet ich zerstört. Das tut mir unendlich leid. Trotzdem werde
ich hier nicht heiraten, keine Samoanerin, keine Weiße, niemanden. Nicht hier."
Unvermittelt begab sich Lloyd nach diesen Worten zu seinem Ausguck zurück.
l)urch den Spalt zwischen den Blendläden, der kaum größer war als die Schieß-
lcharte einer mittelalterlichen Burg, starrte er auf die Versammlung hinunter, die
aich seinetwegen hier zusammengefunden hatte. Obwohl ihn der Kummer beina-
ho übermannte, er sich dazu, die Szene von seinem erhöhten Standpunkt
^t{ang
nus weiter zu verfolgen. Fanny gesellte sich schweigendnt ihm. Ftir denAugen-
blick war sie sprachlos, und bis sie ihre wirren Gedanken geordnet haffe, wollte
nic zumindest über den Wortlaut der Unterredung informiert sein.
,,. .. zugeben müssen, daß deruntadelige Lebenswandel meines Sohnes ihn weit
ilber jeden Zweifel erhebt. Er würde sich eher einen Arm abhacken, bevor er ein
'lbbu bräche, welches dem von dir angedeuteten auch nur annähernd gleichkommt.
Wären du und ich nicht seit langem Freunde, Misifolo, müßte ich jetzt zutiefst
gekänkt sein. Aber ich vergebe dir dein Mißtrauen - in deiner momentanen Lage
ist dein Urteilsvermögen leicht zu beeinflussen. So wie die Dinge stehen, greifst
du verständlicherweise nach jedem Strohhalm, der sich dir bietet."
Von der Veranda her vemahmen weder Mutter noch Sohn eine Antwort. Misifolo
hatte es offenbar die Sprache verschlagen.
,,Warum tut Louis das, Mutter?" fragte Lloyd tonlos, ohne den Kopf zur Seite
zu drehen. ,,Ich weiß, weshalb ich Misiluenga verftihrte. Sie ist bildschön, sie ist
I'reundlich, immer fröhlich ... fast immer fröhlich. Als Louis mir anbot, die Ange-
legenheit taktvoll zu regeln, war ich grenzenlos dankbar, aber nun ... wamm nur
beleidigt er die beiden fortwährend?"
,,Eine Heirat mit meinem Sohn - meinem wohlgemerkt unschuldigen Sohn -
käme schon deswegen nie in Betracht, weil Lloyd das Sakrament der Ehe als et-
was über alle Maßen Heiliges verehrt. Obgleich er schon vor vielen Jahren das
Stadium der Mannbarkeit erreichte, hat er sich bis jetzt für seine spätere Hochzeit
aufgespart. So nennen wir Weißen es, wenn man bis zum Zeitpunkt der Eheschlie-
ßung rein und keusch wie ein katholischer Priester lebt . Womöglich sogar noch ein
wenig keuscher und unnahbarer als deine wunderschöne Tochter."
Lloyd zuckte erneut vor Schmerz zusammen, als er diese Bemerkung hörte.
,,Da siehst du, was ich meine, Mutter. Ich gebe ja zu, daIJ ich ein verantwortungsloser
Lump bin - aber Misiluenga kann doch nichts dafür. Ich weiß, daß Louis stets das
Beste für alle will, aber ich kann wirklich nicht verstehen, warum er eine solch
grausame Taktik verfolgt. Mir hat er den Fehltritt mit keinem einzigen Wort vor-
geworfen .,,"
Fanny hätte ihrem Sohn bereits die passende Antwort geben können, doch sie
wollte erst hören, wie die Affüre ihrem unrühmlichen Ende entgegensteuerte. Ei-
nen Ausweg aus der verfahrenen Lage sah auch sie ohnehin läingst nicht mehr.
,,Großer Tusitala", hörten die beiden Misifolo einen weiteren verzweifelten
Überredungsversuch unternehmen. ,,Es besteht eine Möglichkeit, die wir noch
nicht in Erwägung gezogen haben. Wie wäre es, wenn dein Sohn meine Misi-
luenga zur Frau nimmt und sie nach zwei oder drei Wochen zu mir ins Dorf zu-
rückschickt? Das könnte unsere Ehre wiederherstellen, während dein Sohn in die-
ser Zeit so keusch leben darf, wie er will - darauf kommt es ja nun nicht mehr an.
Ich hätte meine Tochter wieder und könnte sie an einen anderen mächtigen Mann
verheiraten. Dein Sohn wird sich nicht beflecken und bleibt rein bis zu seiner
nächsten Ehe ... bis zur wirklichen Hochzeit."
Als Lloyd diesen Vorschlag vernahm, schlug er sich mit der geballten Faust vor
die Stirn. Fanny vermutete schon, Lloyd wolle endgültig der Verzweiflung an-
heimfallen, als er plötzlich glücklich auflachte, seine Mutter an Taille und Schul-
ter ergriff und begann, ausgelassen mit ihr durchs Zimmer nJ tanzen. Er strahlte
über das ganze Gesicht, während er die übemrmpelte Fanny wie eine Kleider-
puppe hin und her schwenkte. ,,Das ist es! Das ist es!" rief er immer wieder aus
und drückte seiner Mutter nach jedem Freudenschrei einen dicken Kuß auf die
Wange. ,,Das ist die Lösung! Wie wunderbar!"
Fanny überlegte kurz und begriff, daß es stimmte: Das wäre der idealeAusweg
aus dem Dilemma, der allen Beteiligten nur Vorteile bringen würde. Eine Samoa-
nerin, die einen mächtigen Mann heiratete und irgendwann von ihm in ihr Heimat-
dorf zurückgeschickt wurde, was derAuflösung der Ehe gleichkam, war durchaus

240
kcin Opfer des Spotts und der Erniedrigung - im Gegenteil. Ihr wurde ein Vielfa-
ohos ihrer ursprtinglichen Aussteuer mit auf den Weg gegeben, und ihr Dorf feier-
to oin ausgelassenes Fest. Das Wichtigste nämlich, was die geschiedene Frau auf
Lobenszeit für sich und ihr Dorf einbehielt, war der Ruhm des Mannes, welcher
durch die Hochzeit auf sie übertragen worden war. Außerdem existierte zwischen
don Dörfern beider Eheleute trotz der Scheidung weiterhin eine unverbrüchliche
Allianz in Kriegs- wie Friedenszeiten. Daher war es nicht weiter verwunderlich,
daß Scheidungen auf Samoa beinahe ebenso freudig begräßt wurden wie Hoch-
aoiten. Misifolos Vorschlag klang wirklich verlockend für alle Parteien. An seiner
'lbchter und somit an ihm selbst würde auf ewig derAbglanz jener unvergleichli-
chen Macht haftenbleiben, welche in der berühmten Flasche steckte. Lloyd müßte
keine Gewissensqualen mehr erleiden, brauchte sich nicht zu binden und dürfte
rich zudem in dem Ruhm sonnen, eines der schönsten Mädchen Samoas besessen
zu haben - und für Mr. Louis MacRichie, der seine Bediensteten an Festtagen mit
Gcschenken geradezu überschüttete, wäre es ein leichtes, Misiluengas Aussteuer
zu verzehnfachen.
,,Oh, Mutter, das ist zu schön, um wahr zu sein!" jubelte Lloyd. ,,Und oben-
drein eine so einfache Lösung! Da haben Louis und ich uns stundenlang die Köpfe
zerbrochen, was zu tun sei, und keiner von uns kam auf diese geniale Idee. Nicht
oinmal dein blitzgescheiter Marur hat andeutungsweise daran gedacht!"
Fanny drängte sich ein bitterböser Verdacht a:uf. Genqu das ist es ja, was mir
Sorgen macht, mein Junge. Louis hat bisher noch immer an alles gedacht Plötz-
lich fröstelte es Fanny am ganzen Leib, Sie sagte nichts, als LloydAnstalten machte,
im Sturme der neuentfachten Begeisterung die Treppe hinunterzueilen. Vergessen
waren Furcht und Scham, die ihn bis jetzt in diesen unwürdigen Unterschlupf
gezwungen hatten: Nun durfte er sich endlich hocherhobenen Hauptes vor die Tür
wagen und seiner Misiluenga mannhaft ins Auge blicken. Der Überschwang der
Gefühle verwirrte ihm offenbar nicht nur den Kopf, sondern auch die überlangen
Gliedmaßen; bevor er am oberenAbsatz der Innentreppe angelangt war, stolperte
cr über die eigenen Füße und schlug der Länge nach hin. Sofort rappelte er sich
wieder auf. Da hörten er und Fanny Louis' Erwiderung.
,,Als du mit deinen Sorgen zu mir kamst, Misifolo", sprach Louis mit lauter,
vor Empörung vibrierender Stimme, ,,wollte ich alles in meiner Macht Stehende
untemehmen, um meinem alten Freunde zu helfen. Mittlerweile habe ich den Ein-
druck gewonnen, daI3 du mich und meinen Sohn zu beleidigen trachtest. Wie kannst
clu es emsthaft wagen, mirvozuschlagen, die heilige christliche Ehe in den Schmutz

zu ziehen, einen uralten Brauch der Lächerlichkeit preiszugeben? Habe icft mich
denn jemals erdreistet, die geweihte Stellung der Tapo herabzuwürdigen und ihre
llrhabenheit in Frage zu stellen? Du bist doch selbst Katholik, Misifolo, und weißt,

24r
daß du dich nicht mir nichts, dir nichts von deinen drei Frauen trennen darfst. In
dem Land, aus dem ich stamme, sind Ehescheidungen überhaupt nicht erlaubt!
Lloyd kann unmöglich in deinen Vorschlag einwilligen, ohne dabei für immer
seine Ehre zu verlieren."
Lloyd, der den Worten seines Stiefraters atemlos gelauscht hatte, erbleichte.
Fassungslos sank er in sich zusammen.
,,Aber ..." Mehr brachte Lloyd nicht heraus. Der junge Mann begriffnichts von
dem niederträchtigen Schauspiel, welches hier über die Bühne ging, was Fanny
ihm keineswegs verdenken oder gar verübeln konnte. Verschlagenheit war nicht
Lloyds Sache, und da er seinen Stiefuater vergötterte, traute er ihm nichts Übles
zu. Lloyd war zutiefst schockiert; wie Fanny ihren Sprößling allerdings einschätz-
te, glaubte er schlimmstenfalls an ein kolossales Mißverständnis.
,,Ich gehöre aber gar nicht der schottischen Kirche an", murmelte Lloyd mit
versteinertem Gesicht und bestätigte Fannys Vermutung. ,,Ich bin AmBrikaner. Das
weiß Louis doch..."
,,Ja, das weiß er." Fannys eiskalte Empörung richtete sich nicht mehr gegen
ihren Sohn, der seine Schuld erkannt hatte und einzig durch Louis' teuflische,,Di-
plomatie" noch lange an dieser Last zu tragen haben würde. Louis, der die prekäre
Lage sehenden Auges heraufbeschworen hatte, indem er seinen Stiefsohn zum
Tabubruch ermuntede, zog weiterhin virtuos die Stränge der Handlung und die
Schicksalsf?iden seiner Marionetten. Er machte es Fanny sogar unmöglich, Lloyd
dazu anzustiften, den Zwischenfall persönlich zu bereinigen, nun, da eine voll-
kommene Lösung schon in Reichweite lag. Jedes Mitglied des Klans wußte, daß
man dem Tusitala nicht in Gegenwart bedeutender Samoaner widersprechen durf-
te - nicht etwa, weil Louis ein Despot war, sondern weil man sein Ansehen emp-
frndlich geschmälert und damit die eigene Sicherheit aufs Spiel gesetzt hätte.
Tusitala war unantastbar und mußte es bleiben.
Von der unteren Veranda her vernahmen Fanny und Lloyd, wie Häuptling
Misifolo nach dem kläglichen Scheitern seines letzten Vorschlags das Zeichen
zumAufbruch gab. Durch den schmalen Spalt im Blendladen beobachteten Mut-
ter und Sohn gemeinsam, Wange an Wange, den traurigen Abmarsch der Besu-
cher. Misifolos Mannen begaben sich in derselben Formation zum Tor zurück, in
welcher sie gekommen waren, ein Krieger hinter dem anderen. W?ihrend die Un-
tergebenen des Häuptlings, die aus Misifolos Mienenspiel lediglich vage auf eine
mißglückte Unterhandlung hatten schließen können, stolz und aufrecht einher-
schritten, bewegte sich ihrAnführer wie ein um Jahrzehnte gealterter Mann. Mit
hängenden Schultem und eingezogenem Kopf sah Misifolo aus zunehmender
Entfernung bald auf frappierende Weise einer jener Buckligen ähnlich, die seine
Tochter vergeblich vor dem weißen Verführer zu schützen versucht hatten.

242
Misiluenga bildete wie zuvor die einsame Nachhut. Sie stolperte mehr, als daß sie
llofl, und blieb alle paar Schritte stehen, um sich nach dem Geliebten umzusehen.
Das tat sie nun nicht mehr verstohlen, sondern in einem Anflug von Panik: Es war
lhre letae Gelegenheit, Lloyd noch einmal zu sehen. Den gesamten Rückweg zum
'lbr tiber versuchte das Mädchen, um jeden Preis einen Abschiedsblick zu erha-
rchen, denn sie ahnte wohl, daß ihr Liebhaber sich ganz in der Näihe befand. In
lhrcm Bemtihen, jeden Winkel des Anwesens auszuspähen, drehte sie sich, wäh-
rond sie den anderen folgte, mehrmals um die eigene Achse. Ratlos streckte sie
lmmer wieder die Arme aus, als könne sie den unsichtbaren Beobachter mit dieser
(loste zu sich locken. Sicher hätte sie laut Lloyds Namen gerufen, wenn dadurch
nlcht die lange Menschenschlange vor ihr auf sie aufrnerksam geworden wäre,
wclche nun die widerstrebende Misiluenga für immer mit sich aus Tusitalas Reich
lirrlzog.
Als die unselige Prozession l2ingst die Eingangspforte hinter sich gelassen und
Mafulu sich mit zufriedenem Grinsen an seinen Posten zurückbegeben hatte, stan-
tlon Fanny und Lloyd noch immer reglos am Fenster. Mafulu würde vorerst nie-
mandem erlauben, aus dem Garten zu entschlüpfen, und da kam ihm seine strate-
glsche Position gerade recht: Er mußte noch einige Stunden Wachdienst tun, doch
tlann wäre er der allererste von Tusitalas Bediensteten, der von Dorf zu Dorf lau-
lbn und die - in jedem Sinne des Wortes - unerhörte Kunde verbreiten durfte, daß
rler Tusitala dem Häuptling Misifolo eine furchtbare Abfuhr erteilt hatte. Es gab
nichts Aufregenderes für einen Samoaner, als neuen Klatsch in die Welt zu setzen;
tla zudem jedermann wußte, daß er es bei Mafulu mit einer leibhaftigen berufenen
Quelle zu tun hatte, mit einer Person, die man im Zeitungsjargon einen autorisier-
tcn Informanten genannt hätte, konnte sich Mafulu der ungeteiltenAuftnerksam-
keit ganz Upolus sicher sein. Fanny vermochte vom Fenster aus seinen Gesichts-
nusdruck nicht zu erkennen, doch sie war sicheq daß er mit stolzgeschwellter Brust
und trunken vor Vorfreude dort unten am Tor stand, die Arme selbstzufrieden vor
rler Brust gekreuzt und trotzdem stets auf dem Sprung, bei der ersten Gelegenheit
in den Urwald zu entwischen und seine aufregenden Neuigkeiten exklusiv unter
rlts Volk zu tragen. Um dieser einzigartigen Gelegenheit willen, so spekulierte
lianny, würde ervielleicht das Wagnis in Kauf nehmen, eine Nacht außerhalb der
I lmzäunung zu verbringen, auf einsamerWanderschaft mitten im finsteren Dschun-
gcl. Neugier und Sensationslust stellten für einen Samoaner die wohl einzige über-
rnächtige Triebfeder dar, die es an Stärke bisweilen mit der Dämonenfurcht auf-
nchmen konnte.
Fanny entfemte sich vom Fenster. Sie fühlte eine eigenartige Käilte in sich auf-
rteigen, die bis in ihr Gehirn drang, dort aber ausschließlich ihre Gefühle zu Eis
gcfrieren ließ, während ihr Verstand mit gewohnter Schärfe arbeitete. Sie betrach-

243
tete den Sohn, der noch immer mit wachsbleichem Gesicht am Fenster stand. Wio
Häuptling Misifolo schien auch Lloyd in Sekunden um Jahre gealtert zu sein. Hatte
das Beisammensein mit seiner geliebten Misiluenga ihn reifer, männlicher wirken
lassen, so zeitigte die heutige Begebenheit ein gäinzlich anderes Ergebnis. Ein Pest-
hauch hatte den jungen Mann gestreift und den Krankheitskeim in ihm gesät, wel-
cher seine Seele würde vor der Zeit verdorren lassen. Der Name dieses Däimons
der Vernichtung war nicht ,,Legion" wie in der Bibel. Fanny kannte seinen Namen
... denn sie war mit dem Dämon verheiratet.
Mit fast klinischer Kälte beobachtete Fanny ihren Sohn - nicht etwa, weil sie
ihm, einem weiteren Opfer des großen Tusitala" noch gram gewesen wäre, son-
dern weil zumindest für den Augenblick jegliches Gefühl aus ihrem Hirn gewi-
chen war. Sie verstand Lloyds Motive, so wie sie immer alles und jeden verstan-
den hatte. In letzter Zeit aber erschien ihr diese Fähigkeit mehr und mehr wie ein
Fluch. Fanny war es leid, ihre Miünenschen so gründlich durchschauen, ja durch
sie hindurchsehen zu können, als bestünden sie selbst auch aus Glas wie die un-
sichtbaren Behältnisse, welche sie gefangenhielten. Die Worte ihres Sohnes, aus-
gestoßen weniger als Rechtfertigung denn zur KlZirung seiner Position in der gan-
zenAngelegenheit, bestätigten lediglich Fannys langgehegte Einschätzung seines
Seelenlebens. Er wolle niemanden auf dieser Insel heiraten, halle er mit einer
Bestimmtheit verkündet, die Fanny nicht in Zweifelzog. Keine Eingeborene und
keine Weifie. Nicht auf Samoc. Es verhielt sich durchaus nicht so, daß Lloyd keine
dauerhafte eheliche Bindung eingehen wollte - aber er gedachte seine Ehe keines-
falls am unteren Ende der Welt zu schließen. Lloyd gehörte Louis mit Leib und
Seele; er war Louis' Gefangener und genoß diesen Zustand sogar. Niemals würde
er Louis zu dessen Lebzeiten verlassen, auch wenn das bedeutete, dal3 er weitere
vier Jahrzehnte unbeweibt auf Upolu wtirde zubringen müssen. Lloyd war Louis'
treuester Jünger, sein Adept der Künste und sein in jeder Schicksalsfügung willi-
ger Sklave. Gleichzeitig besaß Lloyd - im Gegensatz zu seiner Schwester - eine
dumpfe Ahnung von dem Ausmaß der eigenen Gefangenschaft. Er war Louis auf
Lebenszeit verfallen, denn er liebte seinen Stiefuater über alles; da sein Herr und
Meister auf dieser Insel leben mußte, verstand es sich von selbst, daß auch der
Getreue blieb. Doch Lloyd war kein unmittelbarer Gefangener der Insel. SeinLe-
ben und leibliches Wohlbefinden hingen ja nicht bedingungslos von diesem scha-
len Südseeparadies ab, wie das Überleben seines Herrn es tat. Lloyd stand der
Insel bestenfalls gleichgültig gegenüber, keineswegs bewundernd - die Phase der
anfänglichenVerzückung, die den gesamten Klan erfaßt hatte, warbald allgemei-
ner Ernüchterung gewichen - und schon gar nicht liebevoll. Unter normalen Um-
ständen hätte ein junger Mann die weite Welt bereist, insbesondere ein Sprößling
Fanny und Sam Osbournes, dem die Wanderlust sozusagen in die Wiege gelegt

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wordcn war, Er ,,versauerte" zwar nicht auf Samoa, doch einzig Louis' Gesell-
rohaft verhinderte dies. Der Rest der Insel, das Gebiet außerhalb Vailimas, bedeu-
t!to ihm in seiner Lage nicht mehr als der geringe Auslauf, der einem gefangenen
Penther imZoo zurVerfügung stand.
Lloyd begriffinstinktiv, daß die Hochzeit mit einer Tapo oder einer Weißen, die
hlor auf Upolu lebte, auch ihn unrettbar an die Insel gekettet hätte, Die weißen
Frauen, welche lange genug blieben, um umworben zu werden, waren in der Re-
gol zähe britische Ladies, die jedem Klima und jedem widrigen Lebensumstand
mlt Freude trotzten und gerade deshalb ihr Herz auf Dauer an die Insel verloren.
Oomeinsam mit solchen Geschöpfen hätte Lloyd das Eiland nie wieder verlassen
dürfen. Die Hochzeit mit einer Tapo hätte sich wahrscheinlich weniger schlimm
aurgewirkt, doch auch hier wäre das endgültige Resultat Lloyds dauerhafte Ge-
tbngenschaft gewesen. Samoanischen Frauen lag die Neugier im Blut, und sie
zoigten sich schnell bereit, Neuland zu erkunden. Man konnte mit ihnen also für
olnige Monate, vielleicht ein Jahr, nach Australien oder Neuseeland ziehen, bevor
das Heimweh sie mit voller Gewalt ergriff: Südseeinsulaner hatten die leidige
Angewohnheit, buchstäblich vor Sehnsucht sterben zu können. Der kleine Austin
hatte das einst erleben müssen, als sein Freund Arick, ein Salomoninsulaner sei-
nos Alters, sich nach wenigen Monaten auf Samoa zum Sterben niedergelegt hat-
te. Er habe Heimweh, antwortete der Kleine aufAustins Frage, und natürlich nahm
niemand seine Anktindigung emst, denn die Wehleidigkeit der Samoaner verleite-
te nicht nurAustin zu einer krassen Fehleiirschätzung der Lage. Arick legte sich hin -
und starb tatsächlich. DerArzt konnte keinerlei Krankheitssymptome erkennen.
Die Hochzeit mit einer Tapo erwies sich demnach ebenfalls als etwas, nach
tlem nur weiße Männer streben durften, die bereits ihre geistige Heimat auf der
lnsel gefunden hatten. Es gab eine Handvoll dieser Glücklichen auf Upolu. Ja, sie
konnten sich tatsächlich glücklich preisen, wenn es ihnen gelang, eine Tapo für
die Ehe zu gewinnen. Sowohl unter den weißen Landsleuten als auch in der Insel-
bevölkerung wuchs das Ansehen jenes Freiers, dem das Unterfangen gelang, ins
I Jnermeßliche. Die Dorfültesten, die über die Verheiratung einer Tapo zu entschei-
tlen hatten, waren ausgemachte Snobs und wiesen oft reiche Weiße ab wie armse-
lige Bittsteller, wenn sie das betreffende Mädchen mit einem mächtigen Samoa-
ner verkuppeln zu können glaubten. Einen Häuptling mit zahlreichen Kriegern
und womöglich gehörigem Einfluß beim König zogen die weisen Männer eines
l)orfes unweigerlich jedem Weißen vor.
Lloyd hätte diese große Ehre zuteil werden können, nach welcher er indes ganz
und gar nicht strebte. Was nämlich sein Verhältnis zur Insel betraf, so wollte er
seine Freiheit ihr und ihren Bewohnern gegenüber niemals aufgeben. Wenn er
uuch möglicherweise sein halbes oder ganzes Leben hier fristen mußte, beabsich-
tigte er doch, seine Distanz zu Upolu für die gesaffrte Dauer seiner Anwesenheit
zu wahren. Im Innersten ihres Herzens teilte Fanny Lloyds Standpunkt vollkom-
men. Auch sie hatte sich mit der Insel bestenfalls a:rangiert, doch sie wtirde hier
niemals Wurzeln schlagen, solange sie lebte. Und was Louis-Tusitala anging -
auch er war nicht durch neugefaßte Wurzeln mit der Insel verbunden, sondern
durch die erstickende, unzertrennliche Liebesumarmung einer Schlingpflanze.
Doch das gab Louis noch lange nicht die Befugnis, die auf der Insel geborenen
und somit rechtmäfiigen Einwohner auf eine so unerhörteArt und Weise zu brüs-
kieren. Unter dem Deckmäntelchen des Christentums und innerhalb der Grenzen
samoanischer Etikette hatte Louis sich scheinbar angemessen verhalten, aber alle
Beteiligten, sogar Mafulu und die übrigen zum Haushalt gehörigen samoarrischen
Ohrenzeugen, erahlten den bösen Willen hinter Tusitalas Worten.
Fanny verspürte nach wie vor nichts als eine eisige Taubheit an der Stelle, wo
vorher Zorn und Mitleid erbitted miteinander gerungen hatten. E-ie unwürdige
Farce, deren unfreiwillige Zuschauerin sie soeben geworden war, hatte den Vorrat
ihrer Gefühle bis auf den Bodensatz aufgezehrt - einen Quell, der sonst nie ver-
siegte und oft wilder sprudelte, als es Fanny lieb war. Fannys Kraft war geschwun-
den, und doch wußte sie um die Pflicht, die es zu erfüllen galt. Louis durfte um
keinen Preis ungeschoren davonkommen. Zu Fannys Leidwesen existierte außer
ihr selbst niemand, der den Schurken zur Rede stellen konnte. Todmüde, mit äu-
ßerster Anstrengung um Haltung ringend, machte sie sich auf den Weg nach un-
ten, auf die Veranda. Als sie Louis erblickte, verflog ihre Erschöpfung augenblick-
lich. Ihre Kräfte kehrten zurück, doch gleichzeitig wuchs die Eisschicht in Kopf
und Herz und drohte sie zu verwandeln ... Indem sie sich kerzengerade vor Louis
aufbaute, beschlich sie insgeheim der Eindruck, sie sei soeben zu einem mensch-
lichen Eiszapfen erstarrt. Sogar ihr Kiefer war taub.
Fanny konnte kaum glauben, was sie da vor sich sah. Louis hatte sich doch
tatsächlich seelenruhig in seine Hängematte auf der Veranda geschwungen, um
diese Tageszeit - und nach einer solch verbrecherischen Tat! Das Schlimmste an
demAnblick war die Tatsache, daß Louis nicht im entferntesten nervös, geschwei-
ge denn schuldbewußt wirkte. Er frohlockte ganz offensichtlich! Er hatte dem-
nach das Böse, das er angerichtet hatte, in vollen Zügen genossen. Wie stets, wenn
er in der Hängematte lag, gesellten sich seine beiden Katzen zu ihm, und auch
heute kraulte er sie gelassen mit seinen langen Zehen. Was für ein abscheuliches
Bild von Behaglichkeit er bot! Er sah selbst aus wie ein zufriedener Kater, der
gerade eine fette Maus verspeiste, mit der er zuvor ein hinterhältiges Spielchen
getrieben haIte. O Gott, nun zwirbelte er sich gar die Schnunbarthaare ... Fanny
vergingen fast die wenigen noch verbliebenen Sinne. Sie ertappte sich bei dem
plötzlich aufflammenden Wunsch, Louis'Katzen mit einem brutalen Fußtritt kopf-

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über von der Veranda zu befürdern - doch dann schämte sie sich. Die Katzen
konnten nichts flir das Benehmen ihres Herrn.
,,Du hättest Jesuit werden sollen, Louis." Fanny gelang es kaum, ihre zu Eis
orstarrten Kiefer auseinanderzubringen.
,,Weshalb denn das, mein Herz?" entgegnete Louis, der genau wußte, worauf
Fanny anspielte. Sein Tonfall verstärkte noch den Eindruck, den er auf seine Frau
machte: Vor ihr lag ein sattes Raubtier, das sich, aufs angenehmste ermattet durch
grausame Jagd und genüßliche Einverleibung der Beute, nun wohlig in seiner be-
vorzugten Liegestatt räkelte. Die wenigen lässigen Bewegungen, die Louis mit
seinenüberlangen Gliedmaßen vollführte, um die schaukelnde Hängematte in sanf-
tem Schwung zu halten, strahlten wie immer seine ganz besondereArt vonAnmut
aus - eine nattirliche Eleganz, die Fanny nicht ertragen konnte. Nicht heute, nicht
nach all dem Leid, das er seinen nächsten Mitmenschen vorsätzlich angetan hatte.
,,Du bist wirklich ein diplomatisches Naturtalent", setzte Fanny nach. ,,Ein voll-
endeter Wortverdreher, ein Sophist, wie er im Buche steht. Ein verfluchter Heuch-
ler . . . und der mit Abstand scheinheiligste Bilderstürmer, der mir je begegnet ist.
lch dummes Frauenzimmer hatte tatsächlich zu hoffen gewagt, die schlechten al-
tcn Zeiten seien endgültig begraben."
,,Scheinheilig? Wer? Ich?" Um seinem widerwärtigen Benehmen die Krone
aufzusetzen, bedachte Louis sie mit seinem scheinheiligsten Lächeln, während er
diese amüsierte Frage stellte!
,,Diesmal sind also nicht die christlichen Werte deines Vaterlandes an der Rei-
he, von dir verfiilscht und geschmäht zu werden. O nein. Diesmal erstürmst du die
heiligen Bilder der Samoaner, deiner langmütigen Gastgeber - und benutzt dabei
dieselben feierlichen Phrasen, die du einst in Edinburgh verdammtest ... aber nur
heimlich, im engsten Freundeskreis, damit niemand dich wirklich für deine Blasphe-
mie belangen konnte. Und du, ausgerechnet du, giltst als der beste Freund Samoas!"
Während Fanny sprach, löste der Zorn den Eismantel um ihr Innerstes auf, und
cine hebrige Hitze durchströmte sie. Nach den ersten schleppenden Worten berei-
tete es ihr deshalb keine Mühe mehr, ihre schlimmen Gedanken zu artikulieren.
Dieser Umstand stellte jedoch alles andere als einen Trost dar.
,,Du bist seit deinerAnkunft hier als Verfechter der samoanischen Sache aufge-
treten", fuhr Fanny ohne innezuhalten fort. ,,Du wußtest zwar nur sehr vage, was
du dir unter solch einem Leitspruch vorstellen solltest, aber du wurdest über Nacht
lür alle zum großen Helden ... am meisten wohl für dich selbst. Die Briten ma-
chen einen Gott aus dir. Die Samoaner machen ein höheres Wesen aus dir. Bis jetzt
hat ihnen, zugegeben, dein Einsatz fift deine große Mission unter dem Strich mehr
genutzt als geschadet. Bis jetzt, sage ich. Nun allerdings zeigst du dich als ihr
Feind, der sie verachtet."

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,,Das ist nicht wahr!" platzte Louis heraus, den Fannys berechtigter Vorwurf
mittlerweile doch aufunihlte. Seinen gemütlichen Ruheplatz verließ er zwar nicht,
aber er richtete den Oberkörper aufund schaute Fanny tiefbeleidigt an.
,,Die Samoaner kämen ohne meine Intervention gar nicht ztrecht", grollte er.
,,Ich helfe ihnen in allen Lebenslagen mit Rat, Tat und gutem Willen. Sowohl in
ihren politischen als auch alltäglichen Belangen. Sie brauchen mich."
,,Ach was - sie brauchen dich nicht! Du brauchst sie viel dringender als umge-
kehrt!" Fanny glühte. Sie näiherte sich der Hängematte und beugte sich über ihren
liegenden Gatten. ,,Und weißt du, wofür die Samoaner am allerwenigsten Ver-
wendung haben? Für einen weißen Teufel, der im Licht weißer Wohlansttindigkeit
ihre Tabus bricht, weil er sie im Grunde seines Herzens verabscheut. Indem du
Lloyd auftretztest, den unwissenden Tropi hast du bewußt ein Sakrileg begangen,
welches nur des Luzifer würdig ist. Mit weniger gibst du großer Lichtbringer dich
ja nie zufrieden! Du spielst entweder Gott oder Satan!" .-;

,,Ich ... weiß nicht, was du meinst." Louis' Selbstzufriedenhdit war vollends
geschwunden. Er wirkte unsicherer denn je.
,,Bist du dir am Ende der wahren Bedeutung deiner Tat nicht bewußt?" Fanny
zog diese Möglichkeit zum ersten Mal ernsthaft in Erwägung. ,,Kennst nicht ein-
mal du den Hintersinn des Verbrechens, das du begangen hast?" Fanny blickte
Louis lange starr an und schüttelte dann verwirrt den Kopf. ,,Ich glaube fast, du
weißt wirklich nicht, was du getan hast. Dann erkläre ich es dir. Du wolltest unge-
straft eines der wenigen moralischen Gesetze brechen, die hier henschen, und
hattest es dabei auf den armen Misifolo abgesehen ... weshalb auch immer. Die
eirrzige, die größte, ja die wahrhaft volllammene Sünde - Gott helfe mir - kann
aber für einen Mann wie dich nur in der Entweihung einer Tapo bestehen. Du hast
Misiluenga als dein Opfer erkoren, denn du wolltest ihr Innerstes, während du
Lloyd ihren Leib überließest, an dern du keinerlei lnteresse hattest. Lloyd war
nichts als das ausführende Organ bei deinem Vorhaben, ein verliebter Handlanger,
den du benutztest!"
,,Was soll das, Fanny? Was spinnst du dir da zurecht?" Louis wand sich unwill-
kürlich in seiner Hängematte und machte l2ingst keinen lässigen oder gar anmuti-
gen Eindruck mehr.
,,Ich habe recht, und du erkennst es. Lloyd drang für dich in das Innerste einer
Tapo ein - du siehst, ich kann es auch drastischer formulieren! -, und durch die
unheilige Bertihrung deines Gefolgsmannes entweihtest du sie und alles, wofür
sie steht. Die Tapo aber vertritt ganz Samoa. Denn was heißt ,tapo' anderes als
,verboten', ,nicht berühren'? Auf allen pazifischen Inseln trafen wir auf Tabus
dieser oder jener Art. Hier auf Samoa heilSt das Wort eben nicht Tabu, sondern
Tapo!"

248
Louis erbleichte sichtlich. Er öffnete den Mund, als wolle er etwas erwidern,
und besann sich dann eines besseren. Langsam schüttelte er den Kopf. Seine Ver-
wimrng schien echt, wie sogar Fanny fand. Wurde ihm erst jetzt alles wirklich
bcwußt?
,,Ein Mann, der eine Tapo verführt, weil die Fleischeslust ihn überwältigt, ist
halbwegs entschuldbar." Fanny sprach instinktiv leiser, sanfter. ,,Er mag das Kli-
ma nicht vertragen oder lange Enthaltsamkeit oder was auch immer. Du aber, ge-
liebter Gatte, handeltest wohlüberlegt wie stets. Dein Beweggrund war nicht un-
hezwingbare Gier. Oh, du wolltest die Tapo auf deine Art besitzen, doch nicht das
Mädchen aus Fleisch und Blut, sondem das innerste Herz, die wahrhaftige Seele des
Verbotenen! Indendu Lloyd ihren geweihten Leib schänden ließes! vollbrachtest du
dasselbe, als hättest du die Ikonen der Heiligen vom christlichenAltar gestoßen und
zerteten. Wärdest du die katholische Jungfrau Maria ebenso behandeln?"
Louis stand das nackte Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Erst durch Fannys
Vorhaltungen wurde ihm die Tragweite seiner Missetat bewußt. So gut er die christ-
liche Religion zu seinen Gulsten zu verdrehen vermochte, so tief und ernsthaft
war sie gleichzeitig in ihm, dem Vorbeter von Vailima, verwurzelt.
,,Ich habe nie etwas dergleichen beabsichtigt", erwiderte er nun leise, tastend
gleichsam, als ob er währenddessen prüfend in sich hineinhorchte. ,,Ich wollte
Misifolo bestrafen, das ist wahr. Misifolo hat an meinem Geburtstag den Häupt-
lingen König Mataafas mein Anliegen vorgetragen und es dabei vorsätzlich ver-
llilscht. Aus welchem anderen Grunde sollten die Häuptlinge es so lange versäu-
men, mir meine Bitte zu erfüllen? Die Schuld liegt eindeutig bei Misifolo - und
noiner verdammten, echt samoanischenArt, die Dinge nie beim wahren Namen zu
nennen und lieber verwickelteAusreden zu erfinden!"
Fanny traute ihren Ohren nicht. ,,Ja, merkst du denn nicht, daß du gerade dabei
bist, dich selbst und dein Handeln zu beschreiben? Nennst du die Dinge beim
wahren Namen, indem du Misifolo von der Keuschheit meines Sohnes vor-
rchwindelst und von der Unantastbarkeit der Ehe? Du bist ein Gaukler und ein
Aufschneider, doch wirst du dich aus deinen Tiefen kaum zur Heiligkeit aufschwin-
gcn wie so mancher mittelalterliche Erzsünder. Denn was dich von den anderen
rrnterscheidet, ist dein Wunsch, in der Sifurde zu verharren, statt sie womöglich
ungeschehen zu machen. Auf einem silbernen Tablett wurde dir der ideale Weg
tlurgeboten, wie du zwar deinen Tabubruch genießen, doch die armen Opfer dei-
rrcr Tat zugleich wieder glücklich machen könntest . . . Du aber willst nicht Misifolo
rlrafen, sondern dem Gott trotzen, der dich aufdiese Insel verschlug!"
,,Das ist nicht wahr!" rief Louis wutentbrannt. ,,Ich habe Misifolo eine Lektion
orteilt, nicht mehr und nicht weniger! All das lächerliche Geschwätz um Stinde
und Teufelei ... über solche Dinge hast du dir frtiher doch nicht den Kopf zerbro-
chen. Mir scheint, du bist auf deine alten Tage unter die Frömmlerinnen gegangen.
Viel Vergnügen dabei!"
Während ihrer gesamten Ehe hatte Louis niemals so zu Fanny gesprochen. Der
Stachel saß tief und verwundete sie schwer. Gleichzeitig bewies Louis' ausfülliges
Verhalten, wie stark auch seine Grundfesten erschüttert waren. Er schlug einfach
blind um sich, um weiteren wohlverdienten Hieben zu entgehen.
,,Eine Lehion für Misifolo." Fanny spie die Worte verächtlich aus. ,,Soso. Was
die arme Misiluenga, was Lloyd dir angetan haben könnten, wage ich gar nicht
erst zu fragen. Du und deine verdirmmte Straße! Du bist ein Dorn im Fleisch die-
ses Volkes, Louis - nein, was sage ich: Du bist die schottische Dßtel in Person,
die es quält, und du bist stolz darauf."
Trotzig verschränkte Louis die Arme über der schmächtigen Brust. Er machte
keine Anstalten, Fannys Schlag zu parieren.
,,Im Grunde weißt du, daß Männer wie Misifolo dir haushoch überlegen sind.
Misifolo zeigte watre Größe, indem er zu dir kam um seiner geliebten Tochter
willen und fiirmlich vor dir auf dem Boden kroch. Das hast du genossen, nicht
walu! Du wähnst dich ihm überlegen, weil du eine unsichtbare ,Flasche' besitzt,
die erst das samoanische Volk mit Leben erfüllt hat. Vergiß nicht, wer dich zu dem
gemacht hat, was du bist! Du, mächtiger Tusitala, willst den Abglanz einer Macht,
die aus der Flasche Samoas stammt, nicht mit Misifolo teilen ... dabei hätte er
mehrAnspruch auf das verfluchte Ding als du. Und willst du noch etwas wissen?
Misifolo ist sogar ein besserer Ingenieur, als du es jemals sein wirst. Er hat dir eine
goldene Brücke zur wahrhaftigen Verständigung mit seinem Volk gebaut, ein
Monument, wie es wunderbarer dein Großvater Robert nicht hätte aus Luft er-
schaffen können. Was tatest du darauf? Du zerstörtest das feine Gespinst eines
edlen Geistes wie der roheste Kretin auf Erden, bevor es Gestalt annehmen konn-
te. Soviel zu dir und deinem erbärmlichen ,hanszendentalen Koeffrzienten'! Du
bist nicht wert, den Namen Stevenson zatragen. Deine Verbannung bewahrt den
Klan vor Schande!"
Louis fuhr mit einem wütenden Satz aus der H?ingematte. Aller angeborenen
Geschmeidigkeit zum Trotztat er einen falschen Schritt und trat seinem Lieblings-
kater Henry mit voller Wucht auf den Schwanz. Henry kreischte aus Leibeskräf-
ten auf und schlug dem geliebten Herrn eine tiefe Kratzwunde. Henrys GefZihrtin
Maud, obgleich nicht unmittelbar betroffen, eilte ihm fauchend zu Hilfe. Louis'
nackte Füße waren arg zerschunden, bevor die Tiere sich endlich beruhigten. Aus
mehreren Wunden blutend - und lautstark fluchend - setzte sich Louis zurück in
seine Matte. Sein Zorn war durch die Aufsässigkeit seiner ansonsten lammfrom-
men Haustiere nur noch weiter angewachsen. Alle Kreaturen von Vailima wende-
ten sich gegen ihn!

250
Fanny, insgeheim durch den Anblick eines kopflos hin und her springenden
Louis belustigt, hatte sich davor gehütet, ihn durch Lachen zttreizen. Sie wußte,
daß sie in ihrer Rede bereits den äußersten Punkt der Herausforderung erreicht
hatte; dabei wollte sie es bewenden lassen. Die Lage war angespannt genug, auch
ohne einen Heiterkeitsausbruch ihrerseits.
Doch Louis'nächste Worte zeigten Fanny, daß sie in ihrem Unmut ltingst zu
weit gegen ihn vorgeprescht war.
,,Misifolo hat mich hintergangen, obwohl er stets auf meinen wohlgemeinten
Rat bauen durfle", flüsterte Louis tonlos. ,,Ich herrsche nicht über ihn noch über
irgend jemanden sonst. Wer das behauptet, lügt. Niemals habe ich mir angemaßt,
den Samoanern befehlen zu dtirfen. Doch sie haben mich beleidigt, indem sie mir
einen Gefallen versprachen und ihn nicht einzulösen beabsichtigen." Louis mach-
te eine Pause und fügte dann hinzu: ,,Du kennst den Sinnspruch, welcher an der
Festung meiner Geburtsstadt in Stein gemeißelt zu lesen steht. Er heißt Nemo me
impune lacessit. Niemand fordert mich ungestraft heraus. Nun, was für meine
Landsleute in Schottland gilt, wende ich auch auf meine Landsleute auf Samoa an.
Du sagst, Fanny, daß Misifolo der bessere Baumeister sei, ein Mann, der architek-
tonische Wunderwerke aus Luft zaubern könne."
Wieder hielt Louis inne, und diesmal ahnte Fanny Furchtbares. Da sich Louis
vor dem heutigen Tage nie dermaßen unvernünftig verhalten hatte, vermochte sie
seine wilden Eskapaden nicht einmal mehr andeutungsweise vorherzusehen.
,,Misifolo und seine Freunde müssen ihr Talent unverzüglich unter Beweis stel-
len. Oder ich werde die Flasche öf[nen."

251
11

,,O tr T,tp,c.',tu i le Lagi, o mächtiger Gott im Himmel! Deine treuen Diener sagen
dir an diesem wunderbaren Morgen Dank für deine übergroße Güte! Lasse auch
weiterhin deine Sonne gnädig auf uns Unwürdige herabscheinen und gib den gu-
ten Männern dieser Insel deinen Segen, die im Schweiße ihres Angesichts dir zu
Ehren die prachtvolle Straße erbauen! Mögest du ihnen stets Mut machen bei ih-
rem Unternehmen, mögest du sie anspomen und ihre Begeisterung nie versiegen
lassen auf ihran langen, mühsanen, entbebnrngsreichen Weg, auf daß sie ihre
glorreiche Tat im Glar:ze deines Wohlwollens vollenden können! Gib ihnen die
Kraft, o Herr, den Urwald zu besiegen und ein Land zu schaffen, welches deinem
göttlichen Auge wohlgef?illig ist. Lavea'i ia imatou ai le leaga: Erlöse uns vom
Bösen. Amene!"
,,Amene! Amene!" schallte es aus zwei Dutzend Kehlen zurück.ru Louis, der
mit dem Dankgebet seinen morgendlichen Gottesdienst beendette. Nun, da die
langersehnte Straße endlich im Bau befindlich war, hielt er emeut die täglichen
Andachten ab, die er so lange Zeit vernachlässigt hatte. Die samoanische Diener-
schaft zeigte sich begeistert vom Wiederaufleben des liebgewonnenen Rituals und
begleitete mit Feuereifer jedes Lied und jede Hymne. Wenn sie den jeweiligen
Text nicht kannten, summten sie die Melodie laut mit und wiegten sich zu ihr in
vollkommen harmonischem Rhythmus. Man durfte sogar so weit gehen zu be-
haupten, daß Louis und seine Klan-Gemeinde den Gottesdienst nie zuvor so in-
brünstig zelebriert hatten. Louis für sein Teil jedenfalls sprach die Dankgebete
nun mit aufüchtiger Rührung: Das tägliche Brot zu erhalten, war auf Upolu wahr-
lich nicht besonders schwierig; daß ihm durch höchste Vermittlung nun aber doch
noch die begehrte Straße zuteil werden sollte, machte Louis über alle Maßen glück-
lich. Seit dem Beginn des Straßenbaus gab er sich stets aufgekratzt wie ein Kind,
und sein eigenes Projekt der Flußumleitung, welches er persönlich gleichzeitig
durchführte, brachte das Faß seiner Zufriedenheit mit sich und der Welt fast zum
Überfließen.
Fanny war inzwischen zu der Überzeugung gelangt, daß sie sowohl den Vorfall
mit Misifolo als auch den Tatbestand der Erpressung, welcher den Straßenbau erst
ermöglichte, anfangs ein wenig überbewertet hatte. Ihr Standpunkt war naturge-
mäß der einer Weißen; demnach bemaß sie die Gefühle und die Denkweise der
Samoaner wie eine Weiße - und verstand im Grunde gar nichts. Das Schlimme,
das Louis angerichtet hatte, schien sich von ganz allein in Wohlgefallen aufgelöst
zu haben: Misifolo war schließlich noch immer Häuptling seines Dorfes, derVater
der neuen Tapo schwächte seinen Einfluß nicht, und Misiluenga hatte man mit
einem wohlgestalten, über sechs Fuß großen Krieger verheiratet, der bei nächster

252
blutiger Gelegenheit den König sicher mit zahlreichen erbeuteten Feindesköpfen
orfreuen würde. Nach allem, was Fanny zu Ohren gekommen war, sah er Lloyd
nicht im mindesten ähnlich.
Was nun die vermeintliche Zwangsarbeit betraf, welche die Häuptlinge zum
Zwecke des Staßenbaus zu leisten hatten, so waren Fanny auch hier große Zwei-
tbl an ihrer urspränglichen Einschätzung der Lage gekommen. Sowohl Louis als
auch Fanny selbst hatten das lange ,,Zatdem" der Anhänger Mataafas ganz falsch
ausgelegt - als verbrämte Weigerung nämlich. Offenbar hatte Louis durch seinen
Wink mit der Flasche offene Türen eingerannt, eine Drohung ausgestoßen, die
oich im Endeffekt als völlig überflüssig erwies ... Ihrem eigenen Bekunden ge-
mliß hatten die Häuptlinge nämlich ltingst sämtliche Vorbereitungen zum StralJen-
bau getroffen, um Tusitala damit zu überraschen. Tatsächlich gestaltete sich jener
Tag, an welchem Louis mit Mataafas Leuten ansarnmen den Beginn des großen
Unternehmens feierte und ihnen die nötigenAnweisungen gab, überaus angenehm,
trählich und vielversprechend. Fanny, die zuerst nur widerstrebend zu dem Fest
mitgegangen war, vermeinte schnell zu erkennen, daß sämtliche Beteiligten gute
Miene machten und sogar ein wenig Vorfreude zeigfen. Die Tapos aller Häuptlin-
ge waren anwesend und kredenzten wie üblich Kava-Bier, Auf einer größeren
Lichtung, dem letzten freien, sonnenbeschienenen Ort nahe dem dichten Dschun-
gel, welcher vom nächsten Tage an den Arbeitsplatz der Würdentäger darstellen
sollte, erfreute man sich an einem üppigen Picknick. Alle waren guter Dinge.
Nur ein einzigerunangenehmer Gedanke ging Fanny an jenem Tage wiederholt
durch den Kopf: Ebenso ausgelassen lachten und Eanken die Männer und Tapos
gewöhnlich auf dem Scblachtfeld, unmittelbar bevor sie dernselben Tischnach-
barn, der so nett mit ihnen gescherzt hatte, im Kampf den Kopf abschlugen.
Die schlimmen Bedenken aber, die Fanny nach Louis'trotziger Missetat ge-
hegt hatte, schienen mir nichts, dir nichts jegliche Grundlage verloren zu haben.
Sowie Lloyd die Kunde von Misiluengas Vermählung vernahm, hörte er auf, mit
gesenktem Kopf durch die Gegend zu schleichen, und wirkte bald wieder recht
ausgeglichen - wenn er auch seine Expeditionen zu den Behausungen der Insel-
schönen seither unterließ. Und da nun sogar die Häuptlinge sich nicht mehr ,,süäub-
ten" - falls sie das jemalswirklich getan hatten, hieß das -, gedachte Fanny Louis
seine Freude nicht durch weitere Vorhaltungen zu verderben. Vielleicht nahm sie
in der Tat alles um sie herum zu ernst; vielleicht war sieja eine verbissene
F-römmlerin ... Jedenfalls hatte sie nach zwei endlos langen Tagen beiderseitigen
Schweigens und Einander-aus-dem-Weg-Gehens eingelenkt und die furchtbare
Stille zwischen den Eheleuten gebrochen. Louis, unendlich dankbar für das Frie-
densangebot, überschüttete Fanny formlich mit Aufrnerksamkeiten und las ihr je-
den Wunsch von denAugen ab. Nur eine Entschuldigung brachte er diesmal nicht

253
heraus, obwohl er sonst nicht zu jenen Menschen zählte, die, für alle Argumente
taub, rechthaberisch auf einer einmal gefaßten Meinung beharrten. Der Straf3en-
bau und alles, was mit ihm zusammenhing, verblendete Louis in nie erlebtem
Ausmaß. Fanny hoffie nun, daß seine Besessenheit sich legen würde, sobald die
vermaledeite Straße erst fertig wäre.
Seit dem Tag der fröhlichen Feier, die in Europa mit einer Grundsteinlegung
oder einem ersten Spatenstich einhergegangen wäre, hatte Louis sich noch nicht
wieder bei den Häuptlingen blicken lassen. Eine ausgeprägte Scheu hielt ihn da-
von ab, zu ihnen zu reiten und sie auf diese Weise einer Behandlung zu unterzie-
hen, die man nur zu leicht als Beaufsichtigung hätte auslegen können. Das hieß
jedoch durchaus nicht, daß ihn die brennende Neugierde nicht lichterloh verzehr-
te. Louis sandte täglich Boten aus, die ihm vom Voranrücken der gegen den Ur-
wald zu Felde ziehenden Häuptlinge bbrichten mußten. Er wählte hierzu seine
unauff?illigsten, geschicktesten Spione aus, denn er wollte unbedingt den-Eindruck
vermeiden, daß Mataafas Männer bespitzelt wurden ... obgleich geriau das der
Fall war.
,,Die erste Woche ist sehr gut verlaufen", meinte er eines Mittags im Kreise der
Familie, ,,Um ganz ehrlich zu sein, hatte ich befürchtet, es könnte sich eine 2ihnli-
che Begebenheit abspielen wie vor fünf Jahren, als wir den Kern von Vailima
rodeten. Ihr wißt schon - der Mann mit den zwei Köpfen."
Isobel erschauerte. ,,Uuuuh. Erinnere uns bitte nicht daran. Das war sogar für
uns Weiße eine recht gruselige Geschichte."
,,Allerdings", pflichtete Lloyd seiner Schwester bei. ,,Ich glaube, wenn in den
ersten Tagen des Straßenbaus eine Sache wie damals passiert wäre, hätten wir das
gesamte Unterfangen vergessen können. Ein solch grausiges Omen wtirde bestimmt
der stärkste und tapferste Häuptling nicht aushalten."
,,Das meine ich auch", bestätigte Louis. ,,Deshalb bin ich so froh, daß der Be-
ginn der Arbeiten ereignislos vonstatten gegangen ist. Jemand wie unser guter
Ulupoolua, der Zweikopfrnann, hätte zweifellos alle Männer in die Flucht ge-
schlagen."
Fanny erinnerte sich gut an die Episode, auf die Louis anspielte. Als der Klan
Vailima gerade erworben und das Land noch ausschließlich aus dichtestem Dschun-
gel bestanden hatte, waren sie alle in den Urwald aufgebrochen, um mit einigen
wenigen Samoanern zusammen einen P1atz für das zukänftige Haus zu bestim-
men und die gröbsten Vorbereitungen zur Urbarmachung zu treffen. Die samoani-
schenBoys droschen aus L,eibeshäften aufGiftstauden, Lianenund Bodenkriecher
ein, die so eng miteinander verflochten und verwachsen waren, daß sie eher an die
verrottende Takelage eines Geisterschiffes gemahnten als an lebende Pflanzen.
Plötzlich stieß einer der Boys einen hohen, spitzen Schrei aus. Alle drängten in

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seine Richtung, und augenblicklich bildeten die restlichen Samoaner mit ihrem
unseligen Vordermann einen lauten Chor zu Tode entsetzter Gemüter. Louis kam
und sah sich an, was die Boys erschreckt hatte. Es handelte sich in der Tat um
cinen interessanten Fund: ein vollständig erhaltenes Skelett, welches einen weite-
ren Schädel unter dem Arm trug! Während die Samoaner noch immer schlotterten
und Isobel sich ins Gebüsch hinein übergab, fand Louis die einfache Erkl?irung für
das Phänomen. Das Gerippe mußte seit ungef?ihr einem Jalr anjener Stelle gele-
gen haben, einer Zeit, als auf der gesamten Insel ein blutiger Krieg um die Königs-
würde getobt hatte. Ein Krieger hatte offenkundig einen Feindeskopf erbeutet,
doch gleichzeitig schwere Verwundungen aus der Schlacht davongetragen. Bevor
or die schöne Trophäe voller Stolz seinem Feldherrn präsentieren konnte, ereilte
ihn das unabwendbare Schicksal mitten im Dschungel. Ermattet durch Blutverlust
und Schmerz hatte der Krieger sich hier niedergelegt, um nie wieder aufzustehen.
Den Kopf seines Feindes fest an den eigenen Leib gepreßt, war der Mann just an
dieser Stelle seinen Verletzungen erlegen, und er verfaulte hier mit dem Feind
,usammen - im Tode mit ihm vereint wie das berühmte Zwillingspaar Chang und
tsng in Siam ... nuei Köpfe, zwei Wesen, die sich einen Leib teilten.
Louis hatte vorgeschlagen, beide Menschen, das vollständige Gerippe und den
Kopfdes Feindes, gemeinsam unter einem riesigen Baum zu begraben, aufchrist-
liche Weise. So geschah es auch. Fär den Fall, daß es sich bei einem von ihnen -
oder womöglich bei beiden - um einen Häuptling gehandelt hatte, erlaubte Louis
den Boys, Salutschüsse in Richtung Himmel abzufeuern. Den Himmel selbst konnte
man von unten nicht sehen.
Durch Tusitalas Erkltirung und das anschließende Begräbnis beschwichtigt,
f'uhren die samoanischen Boys mit derRodungsarbeit fort, ohne zu murren. Isobel
ging es ebenfalls bald besser. Damals war sie noch ein blutiger Neuling in der
Südsee gewesen, trotz ihrer Reisen von Archipel zu Archipel. Es bedeutete nun
cinmal etwas grundsätzlich anderes, sich vollends auf einer Insel niederzulassen.
lirst nach Jahren wurde man mit dem Leben auf einem Pazifikeiland vertraut ge-
nug, um sagen an dürfen: Ich liebe es ... oder aber: Ich hasse es.
Fanny besam sich noch gut auf den einzigen Ausspruch, den Lloyd damals
getan hatte. ,lwei Wesen, ein Körper - kurios, nicht wahr? Louis, du könntest Mr.
I lyde den Kopf von Dr. Jekyll das nächste Mal unterm Arm tragen lassen. Das hat

was."
Nun, darüber konnte man geteilter Meinung sein. Jedenfalls hatte sich beim
Straßenbau bisher kein PhZinomen wie der Zweikopfrnann gezeigt, und Fanny hofte
inständig, das Unterfangen möge ungestört und recht bald zu einem glücklichen
llnde kommen. Ein halbes Jahr würden die Häuptlinge mitsamt der handverlesenen
'l'ruppe ihrer Würdenträger und hochrangigen Krieger schon benötigen, um die

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enonne Sfrecke zu bewältigen - doch nun, da sie sich erst einmal ans Werk bege-
ben hatten, war Louis sofort viel ausgeglichener und bereit, die große Stunde der
endgültigen Fertigstellung mit so etwas wie Geduld abzuwarten. Die Distanz,
welche die Dorfoberhäupter im Laufe der nächsten Monate rodenderweise zu-
rückzulegen hatten, betnrg nicht nur etliche Meilen; der Weg hielt auch die hart-
näckigsten Hindernisse für die Männer bereit, die man sich vorstellen konnte.
Abgesehen davon, daß die geplante StrafJe nach Vailima steil und kerzengerade
ins Gebirge hinaufführen sollte, ohne Serpentinen, ohne Umgehungen angesichts
der gewaltigsten Barrieren, mußten die Häuptlinge es auch mit dem allgegenwär-
tigen Schlamm aufnehmen. Schon nach jedem tropischen Regenguß erschwerte
die matschige, schlüpfrige Erde das Gehen ganz erheblich, doch wäihrend der ei-
gentlichen Monsunzeit, die immerhin ein halbes Jahr währte, gestaltete sich die
Fortbewegung für Mensch und Tier beinahe unmöglich. Die heftigen und langanhal-
tenden Regenfülle von November bis April würden, so schätzte Fary-ry, den kör-
perlich ungeübten Samoanem allein dadurch die letzten Kräfte abverlangen, daß
sie sich gegen die von Vailima herabjagenden Wassermassen stemmen mußten,
um nicht den Berg hinuntergespült zu werden. Nicht wenige Gäste hatten bisher
schon zwei bis drei Tage Quartier auf Vailimabezogen, einzig weil die Betreffen-
den bei Regen nicht in der Lage waren, uaversehrt den steilen Berg hinabzu-
gelangen.
In Anbetracht dieses unwillkommenen Überangebotes an Stißwasser in einem
Landstrich, der ohnehin mit Flüssen und Wasserfällen reichlichst gesegnet war,
hielt Fanny Louis' Flußumleitungsprojekt für ausgemachten Unsinn, An ihrer
Meinung hielt sie nach wie vor fest, wenn sie nun auch akzeptierte, daß Louis
nicht von seinem verrückten Vorhaben lassen wollte. An jenem Tage nämlich, als
Louis mit dem Papierschiffchen gespielt und ihr angektindigt hatte, er werde den
vier Strömen ihres Fünfstromlandes neue Bahnen und andere Richtungen verlei-
hen, hatte er seinen Plan mit der bisher unzureichenden Bewässerung der Planta-
gen begrtindet - und das war schlicht der reine Unfug. Sogar hier oben im Gebirge
gab es Grundwasser in Hülle und Fülle ... und zumeist weit mehr Regen, als der
seelisch robusteste Mensch zu ertragen imstande war, ohne dem Trübsinn anheim-
zufallen. Abgesehen davon hüllte ein ständiger feuchtwarmer Dunst die Gebirgs-
kämme ein, der so stickig und beklemmend massiv wirkte, daß man ihn mit dem
Buschmesser dwchtrennen zu können vermeinte. Leider war das ein lrrtum: Nichts
und niemand vermochte der immens hohen Luftfeuchtigkeit die Stirn zu bieten.
Trotzdem ließ es sich auf dem Berg erheblichbesser aushalten als drunten inApia,
wo der Neuankömmling zu Schiff, noch durch frische Brisen verwöhnt, unmittel-
bar nach Betreten des Festlandes plötzlich gegen eine kompakte Wand aus brütend-
heißer, dampfender Luft ankämpfte.

256
Tatsächlich waren die Beschaffenheit der Luft und die häufigen Platzregen, die
es dermenschlichen Haut nicht erlaubten, jemals auch nu für einen Moment ganz
trocken zu werden, derAuslöser für Louis' Bestreben, die Eingeborenen vom Tra-
gen ,,weißer" Kleidung abzuhalten. Während die meisten Weißen ihre abgelegten
Kleider an Samoaner zu verschenken pflegten, tat Louis im Gegenteil alles in
seinen Kräften Stehende, um seine eigene alte Garderobe vor der Dienerschaft so
gründlich zu verstecken, daß auch die findigsten Schatzsucher die begehrten Stük-
ke nachträglich nicht mehr aufstöbern konnten. Er hatte sich zu diesem Zweck
darauf verlegt, die betreffenden Kleiderbündel heimlich im Urwald zu vergraben.
Da die samoanischen Diener Augen und Ohren stets überall hatten, gestalteten
sich die Versuche, alle Lumpen endgültig loszuwerden, als regelrechte Expeditio-
nen, bei denen die gesamte Familie zu Späh- undAblenkungsdiensten herangezo-
gen wurde. Kapittin Flint höchstpersönlich hätte nicht vorsichtiger beim Verber-
gen seiner Piratenbeute vorgehen können - doch die Samoaner betrachteten Lou-
is' Kleidung als einen wertvollen Besitz, mit dem es Golddublonen und Edelsteine
nicht aufrrehmen konnten. Manchen Besucher Vailimas, den Louis'Bemähungen
drollig und unverständlich anmuteten, kläirte der Gastgeber bereitwillig über den
Hintersinn seinerAktion auf: Wenn ein Samoaner die Kleidung der Weißen mit all
den komplizierten Haken und Ösen, Bändern und Schaüren trug und damit in den
tropischen Sturzregen geiet,zog er die völlig durchnäßten Sachen anschließend
nicht aus. Für Samoaner war es anstrengend genug, sich am Morgen in die schö-
nen, aber unpraktischen Kleider nt nuängen. Die Stoffe klebten den ganzen Tag
uuf ihrer Haut, ohne zu trocknen, und geführdeten ihre Lungen - so zumindest
urgumentierte Louis. Während ein Lavalava schnell gewechselt war und nackte
Haut durch die ständige Hitze geschützt wurde, befiachtete Louis die Seidenhemden
und Kordhosen der Weißen als außerordentlich gesundheitsschädigend für Insula-
ner,
Das galt selbstverständlich nicht für die weißen Dinner-Jacketts, welche die
I lausboys zu feierlichen Anlässen über ihren Schottenröcken tragen sollten ...

doch wenn Louis Stevenson ein Fest gab, hatte es schließlich auch nicht zlJreg-
ncn!
Aber selbst der fast allmächtige Tusitala geriet ab und an in einen Regenschauer.
Obwohl sich Louis'Gesundheitszustand auf SamoavonAnbeginn an als geradezv
bcunruhigend stabil erwiesen hatte, hielten es sowohl Fanny als auch er für ange-
lrracht, beim Bau des großen Hauses zumindest vorsichtshalber seinem früheren
l,eiden - oder neuerdings genaugenommen seiner Krankheit aulSerhalb der Gren-
:un Upolus - Rechnung zu tragen. Während der riesige Ballsaal im Erdgeschoß
einen Auswuchs von Luxus und Prestigebedürfnis darstellte, wie beide Eheleute
vor Freunden bereitwillig zugaben, erfüllte der einzige steinerne Kamin auf Sa-

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moa eine wichtige Funktion des täglichen Lebens. Man benötigte ihn natürlich
nicht zumAufheizen der Räumlichkeiten, Gott bewahre; aber um ein Kleidungs-
sti,ick aus Samt oder Kord vor dem Verrotten zu schützen, ja um es überhaupt
halbwegs trocknen zu können, kam man ohne den berühmten Kamin nicht aus.
Denn Louis gedachte nicht, bei seinen täglichen Ausritten statt der bevorangten
braunen Kordhose womöglich ein Wickelgewand im Muster des Stuart-Klans zu
tragen...
Es gab tatsächlich weit mehr Wasser auf Vailima, als ein normaler Sterblicher
es sich erträumen oder gar wünschen würde. Süßwasser im Boden, in Rinnsalen,
Flüssen, Strömen und Kaskaden. Salzwasser auf menschlicher Haut, welches eben-
sowenig versiegen wollte wie der Ozean rund um die Insel. Es rann in eigenen
Kaskaden die Leiber herunter, von den Haarwurzeln über die Brauen, seitlich am
Hals herab, es sammelte sich in den Kuhlen zwischen Hals und Schlüsselbein, bis
der Staudamm endlich überfloß und das Wasser unbeirrt weiter seinen Lauf ver-
folgte. Louis hatte es sich also zur großen Aufgabe erkoren, das Bewässerungs-
system von Vailima umzugestalten, allem gesunden Menschenverstand zum Trotz.
Fanny sah ihn in seiner Paraderolle: Don Quijote, der in den aussichtslosen Kampf
gegen die Flügel einer Mühle auszog - nun zurAbwechslung gegen das Rad einer
Wassermtihle. Sein Begehren war ebenso überflüssig wie aberwitzig; allerdings
barg es nach Fannys Ermessen keine unmittelbaren Gefahren für Louis, und so
fügte sie sich in das Unvermeidliche. EinzigdenZeitpunkt für seinVorhaben hätte
Louis nicht ungünstiger auswählen können. Die Tatsache, daß das wäßrige Baupro-
jekt mit den für die große Straße notwendigen Rodungsarbeiten zusammenfiel,
hatte eine peinliche Verknappung von Werkzeugen aller Art zur Folge. Obgleich
nämlich die Häuptlinge vor dem Straßenbaufest beteuerten, sämtliche ,,Vorberei-
tungen" für die Urbarmachung abgeschlossen zu haben, um damit den Tusitala zu
überraschen, stellte sich nur zu bald heraus, daß die Samoaner Gerätschaften wie
Axte, Sägen oder Buschmesser nicht in besagte Vorbereitungen mit einbezogen
hatten ... Diese Unterlassung sagte Wesentliches über ihr Verhältnis zur Arbeit
aus. Sie hatten nicht nur übersehen, daß sie gewisser Hilfsmittel bedürfen würden;
außer einigen wenigen Kriegern, die vor Jahren ein Auslegerboot und ein
Versammlungs-Fale zusammengezimmert hatten, besaß die überwältigende Mehr-
heit der,,Freiwilligen" nur soviel Werkzeug, wie gemeinhin nötig war, um eine
Kokosnuß zu knacken!
Die Straße ging selbstverständlich vor, und Louis stellte den eifügen Ein-
geborenen einen Großteil seiner eigenenAusrüstung zurVerfügung. Um den Man-
gel auszugleichen, erwarben Louis und der Klan in Apia jedes Utensil, das auch
nur entfemt einem Werkzeug ähnlich sah oder als solches verwendet werden konnte.
Wie die Heuschrecken fielen er selbst, Fanny, Lloyd und Belle über alle Kramlä-

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den her, die um das Halbrund des Hafenbeckens verteilt waren; nach der Heimsu-
ohung gab es im ganzen Örtchen nichts Niet- und Nagelfestes mehr zu kaufen. Am
liebsten, so vermutete Fanny im stillen, hätte Louis wohl auch noch das vorAnker
liegende Postschiffgeentert und bis auf das letzte brauchbare Hilfsmittel ausge-
plündert.
Manchmal dachte Fanny bei sich, ob es nicht vielleicht angebrachter gewesen
wtire, wenn Louis sich doch noch zum Bau eines Leuchtturms entschlossen hätte.
Zwar wäre auch das eine überflüssige Untemehmung gewesen, doch wenigstens
keine ganz und gar widersinnige. Außerdem entsprach die Errichtung von Leucht-
türmen der wahren Stevenson-Tradition - im Gegensatz zu den Spielereien, die
l,ouis sich in den Kopf gesetzt hatte und angesichts derer Großvater Robert sicher
nur entrlistet die Nase gerümpft hätte. Mit einem Lächeln besann sich Fanny auf
den Artikel, den Lloyd ihr erst gestern aus dem Missionarsblättchen vorgelesen
hatte.InApia existierten zwei winzige Zeitungsverlage, die alles abdruckten, was
nuf den Inseln geschah, alle Trivialitäten, welche die Einwohner von Upolu be-
wegten. Das Presseorgan der katholischen Missionare, eine geradezu anrtihrend
einfache Gazette, bestand in sprachlicher Hinsicht aus einem kunterbunten Durch-
cinander englischer, deutscher, französischer und samoanischer Texte. Das feierli-
che Hochsamoanisch wurde ausschließlich zu religiösen oder wichtigen politi-
schen Anlässen verwendet, und die Missionare hatten es nattirlich in Windeseile
crlernt, um stets das angemessene Vehikel für ihre frohe Botschaft zur Verfügung
zu haben. Einer der Missionare, ein guter Freund des Klans und Bewunderer des
von Louis praktizierten Christentums, schrieb in dem Blättchen von den Empfin-
rlungen, die ihn nach einem mehrmonatigen Besuch auf den Gesellschafts-Inseln
hei seiner Rückkehr nach Upolu übermannt hatten. Zwar war er Franzose, doch
nannte er genau wie zahlreiche Briten den samoanischen Archipel nur die
,.Navigatorinseln". Nun, wie ein guter Navigator hatte dieser weiße Mann den
Weg zurück in seine neue Heimat gefunden, die er nach rund 20 hier verbrachten
,hhren über alles liebte und nie wieder für längere Zeit nt verlassen gedachte.
llber Geschmack ließ sich bekanntlich streiten, fand Fanny, die den guten Mann
irn übrigen charakterlich sehr schätzte. Das reizende Komplimeng welches er der
l;amilie in seinem Artikel verehrt hatte, nahm Fanny vollends für den Pater ein.
l'öre Blanvalet ging auf die Angewohnheit des Klans ein, zu nächtlicher Stunde
l'ctroleumlampen in s?imtliche Fenster des Herrenhauses zu stellen. Der gutmüti-
gc Schelm wußte sicherlich, daß dies vor allen Dingen geschah, um die Dienstbo-
lcn davon zu überzzugen, daß Vailima und insbesondere das Haupthaus ,,dlimonen-
lrci" waren . . . in seinem Aufsatz jedoch verglich er das Haus, welches als einzi-
Hcs vom offenen Meer her sichtbar war, ausdrücklich mit einem Leuchthrrm. Got-
tcsfi.irchtige Leute, so schrieb er, wachten hier über ihre Mitmenschen und stellten

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für ihr Wohlergehen Lichter in die Fenster, als Leitstern und Willkommensgruß an
Heimkehrer in dunkler Nacht.
Nattirlich wußte der Pater von Louis'Vorfatren - war ihm doch das segensreiche
Vergnügen zuteil geworden, direkt aus dem Munde des Herrn vonVailima zahlrei-
che Geschichten, ja Legenden nt empfangen, welche sich um die Stevensonsche
Sippe rankten. Pöre Blanvalet flocht nun in seiner bescheidenen Schrift das Ge-
hörte zu einer eigenttimlichen Heilsbotschaft, indem er Vailima zu einem Mittel-
punkt stratrlenderNächstenliebe hochstilisierte. Das Kuriosum an der Sache lag in
dem Umstand begründet, daß der Pater das samoanische Wort für Leuchtturm
benutzte - welches in den Köpfen der Einheimischen einen konkreten Platz ein-
nahm, obwohl es weder auf Upolu noch auf den anderen Inseln ein solches Ge-
bäude gab!Allerdings kannten die InsulanerAbbildungen. In derVitrine des Kram-
ladens hatte einst ein kitschiges Ölgemälde an fast derselben Stelle gehangen, an
welcher nun bereits seit Monaten die ,,Caledonia" in ihrem gläsernen Gefängnis
vor Anker lag. Außerdem waren mehr als einmal Darstellungen von Leuchttär-
men in der Missionarszeitung abgedruckt worden, Fotogtafien wie auch Radie-
rungen und Kupferstiche. So hatte sich sogar ohne dessen ,,körperliche" Anwe-
senheit derName für das Phänomen eingebürgert. Fale malamalamahieß ein sol-
ches Gebäude, das auch in finsterer Nacht die Umgebung freundlich beleuchtete
und eine Oase des Friedens bildete. Als einfale malamalama, ein,gaus der Er-
leuchtung", galt mithin auch das Herrenhaus des Tusitala ... und war es da etwa
ein Wunder, war es nur im geringsten erstaunlich, daß malamalama gleichzeitig
das eingeborene Wort für den Begriff der weißen ,,Zivilisation" darstellte?
Das liebenswürdige Kompliment des französischen Paters war zweifellos ernst
gemeint und gewann dadurch noch an Wert. Es verstand sich von selbst, daß Louis
heimlich beinah vor Stolz zerplatzt wäre, als er den Artikel des Freundes las. In
einem gewissen Grade hatte er das Lob des Missionars auch durchaus verdient,
wie Fanny meinte: Öfter als einmal hatte Louis seine Reputation und sein gesam-
tes Vermögen aufs Spiel gesetzt, als er einfache Menschen verteidigte und im sel-
benZuge die offrzielle Institution der Kirche unverhohlen anprangerte. Da gab es
beispielsweise den verstorbenen Father Damien, für den sich Louis seinerzeit so
vehement und kompromißlos eingesetzt hatte, daß sich die Angelegenheit in Groß-
britannien wie auch in der Südsee zum regelrechten,,Fall Damien" ausweitete.
Louis hatte Father Damien nie persönlich kennengelemt; der katholische Geistli-
che war zwei Monate vor seinem eigenen Eintreffen auf der Lepra-Insel Molokai
verstorben, an dem Ort, wo er lange Jatre aufopferungsvoll unter den verbannten
Kranken gelebt und gewirkt hatte. Es galt für jedermann als offenes Geheimnis,
daß der Pater ein schmutziger, bigotter, verlogener und jähzorniger Trunkenbold
gewesen war - ein durch und durch unmoralischer Zeitgenosse also, den seine

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Schäfchen jedoch mit vollem Recht liebten, respektierten und verehrten. Seino
Oroßzügigkeit und Gutherzigkeit den Leprakranken gegenüber ließenjede cha-
rakterliche Unzulänglictrkeit nichtig erscheinen, denn für sie tat er sein Leben
lang alles nur Menschenmögliche. Bei Louis, den derAufenthalt auf Molokai in-
nerlich zutiefst aufgewühlt hatte, bewirkte seine angeborene Zuneigung für mora-
lisch zerrissene Wesen ein übriges, den nie persönlich gekannten Mann inbrünstig
lieben zu lernen.
Dann plötzlich, acht Monate später, stieß Louis in einem Kirchenblatt in Syd-
ney auf eine üble Beschimpfungskanonade, die sich gegen den Toten richtete. Der
Geistliche, welcher Father Damiens Andenken in jenem Brevier auf die schänd-
lichste Weise besudelte, zogLouis' Zom auf sich - eine Wut, wie Fanny sie nie in
diesem Maße an Louis erlebt hatte, die sie selbst allerdings als gerechtfertigt er-
achtete und vorbehaltlos teilte. Louis ließ seinerseits in Sydney eine flammende
Verteidigungsrede veröffentlichen, ein Pamphlet, welches sich gleichzeitig derart
rasend gegen den Verleumder kehrte, daß Louis mit einem Beleidigungsprozeß
und - angesichts kirchlicher Macht - fest mit seinem eigenen finanziellen Ruin
rechnete. Auch im letzteren Falle hätte Louis sich der vollen Untersttitzung seitens
des Klans sicher sein dürfen. Die Beteuerungen aller Familienmitglieder, unum-
stößlich hinter ihm zu stehen, hatten feierlich geklungen wie sonst nur Treue-
gelöbnisse schottischerHochlandrecken des Mittelalters. Stolz undungebeugt ließ
derAnführer das Pamphlet alsdann in England drucken. Jener Reverend in Hono-
lulu, den Louis mit Billigung des Klans der Doppelmoral zieh, hieß übrigens - Dr.
Hyde...
Louis hatte also auf seine höchst eigenwillige Weise Licht in das Dunkel der
Südsee getragen und zusätzlich sogar die Art von ,,zivilisierter" Finsternis be-
kämpft, welche verbohrte Pfaffen vom Schlage eines Dr. Hyde sowohl unter den
beleseneren Eingeborenen als auch bei ihren weißen Landsleuten verbreiten woll-
ten. Nichts vermochte Louis'Verdienste in dieser Hinsicht zu schmälern. Das ?in-
derte leider nicht das gerinlste an der Tatsache, daß Louis'Projekte die Grenzen
des gesunden Menschenverstandes überschritten und weit hinter sich ließen, so-
bald sie sich auf die greifbare Umwelt ihres Schöpfers bezogen. An dem Tage, als
Louis' Schiffchen vom Stapel liefund den Wasserfall hinunterstärzte, hatte Fanny
unmißverständlich diese Meinung geäußert und Louis dabei nicht geschont. Nach-
dem sie nämlich seinen Plan vernommen hatte, die vier Flüsse von Vailima umzu-
leiten, war ihr das nackte Entsetzen in die Glieder gefalren. Nicht genug damit,
daß Louis ein solch gigantisches Vorhaben ins Auge faßte, das sicherlich die Land-
schaft ganz Vailimas in Mitleidenschaft ziehen würde: Diese einschneidenden
Veränderungen der Natur hatten doch überhaupt keinen Sinn oder Nutzen! Wenn
cin Bauer sein Land in wohlgeordnete Parzellen aufteilte, konnte er mit den Früchten

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seiner Bemühungen zumindest ein paar hungrige Mäuler stopfen. Es war viel-
leicht manchmal traurig, sich unberührtes Land auf diese Weise untertan machen
zu müssen, doch der Zweck heiligte im Falle der Nahrungsbeschaffirng wohl alle
Mittel. Vailima aber brachte auch ohne Louis'neuerliches Eingreifen Nutzpflan-
zen im Überfluß hervor - sogar seine geliebten ,,Thlee Castles"-Tabakstauden,
aus Amerika importiert, gediehen hier prächtig. Einige wenige Gewächse hatten
sich in der fruchtbaren Erde nicht behaupten können, was allerdings nicht am
Wassermangel lag, sondern an giftigem einheimischen Wurzelwerk.
Fanny hatte sich am Tage des ,,Stapellaufs" ins Gedächtnis gerufen, wie der
berühmte Großvater Robert über das willkürliche Verändem der natürlichen Land-
schaft zu denken pflegte. Während Robert, angeblich Louis'großes Vorbild in
allen Belangen des Ingenieurwesens, unter keinen Umständen einen so haarsträu-
bend überflüssigen Eingriffan Erde, Wasser oder Vegetation vorgenommen hätte,
wollte Louis gerade durch ein unnützes Werk von gigantischendusmaßen seine
Befühigung als Baumeister unter Beweis stellen! Alle Stevenson-Ingenieure vor
Louis dem Verstiegenen zeichneten sich dadurch aus, daß sie ihre wildesten Träu-
me mit der konkreten Natur in harmonischen Einklang hatten bringen können. Im
Gegensatz zu anderen Architekten zerstörten sie nicht bereits vorhandene Schön-
heiten, nur um ihr privates Zeichen in der Welt zu hinterlassen. Die Stevensons
bauten niemals auf selbstverschuldeten Ruinen.
,,Ein Vorhaben wie das deine mag sich in Europa vemünftiger anhören als hier,
Louis", hatte Fanny zu ihrem Gatten gesagt, ,,und sicher erscheint es Europäern
auch eher bescheiden als extravagant. Trotzdem kommst du mir beinatr vor wie
Kublai Khan, der sich seinen wahnwitzigen Traum von einem monströsen
Vergnügungspalast erfüllen will. Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte:
Hier ist nicht Xanadu, und du bist zum Glück kein Mongolenfürst, Louis. Bleib
lieber mit dem Klan in unserer bescheidenen Jurte und errichte weiter deine Spe-
zialität - einen besseren Baumeister von Luftschlössem gibt es nämlich auf der
ganzen weiten Welt nicht."
Leider hatten Fannys Worte Louis nicht im mindesten beeindruckt. ,,Dann denk
doch an Roberts eigene Worte", fuhr sie fort, ,,daran, wie streng er seinen Vor-
mann ermahnte, als der einen nattirlichen Steinbruch auspländem wollte. Und er-
innere dich an Roberts oberstes Gebot: Verschandle die Insel nicht!"
Während Fanny das sagte, hatte sie an Louis' eigenen Vergleich zwischen Inge-
nieur und Bildhauer zurückdenken müssen. Ein genialer Steinmetz salr bereits im
unbehauenen Material das Ergebnis seiner Bemühungen gefangen und bearbeitete
seinen Werkstoff auf die angemessene Weise, um das Bild aus dem steinernen
Kerker zu befreien, welches er vor seinem inneren Auge erblickte. Ein wunder-
schönes, geradezu berauschendes Gleichnis dünkte Fanny das - sofem es sich bei i
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besagtem Ingenieur zufüllig um einen Gott handelte. Ein Bildhauer, dem das sorg-
ftiltig und vorsichtig behandelte Sttick Fels kurz vor der Vollendung in hundert
Stticke auseinanderbrach, obwohl er es wie ein rohes Ei gehätschelt hatte, fiel
zumindest für den Augenblick der Verzweiflung anheim; doch dann suchte er sich
am Ende einen neuen Stein, um sein Bild doch noch ins Leben zu rufen. Was aber
wüLrde der Ingenieur Louis tun, falls die Verwandlung nicht seinem Ideal entsprach
oder einfach Ldäglich scheiterte? Er konnte sich bei etwaigem Nichtgefallen schwer-
lich eine neue Insel beschaffen, um damit zu experimentieren - denn er vermochte
.ja auf keiner anderen zu leben!
Fanny gelangte zu einer unangenehmen Schlußfolgerung, die sie vor Louis na-
türlich sorgsam zu verheimlichen gedachte: Ihr Gatte war kein echter Stevenson,
und seine Vorgehensweise widersprach der Stevensonschen Tradition aufdas hef-
tigste. Daß dies nur zum Teil seine Schuld war, änderte nichts an der grundlegen-
den Tatsache. Louis besaß zweifellos ein inneres Auge von ausgeprägter Klar-
sicht. Der Sternennebel aber, welcher seine beiden äußeren Augen inletzter Zeit
stäindig umflorte, hinderte ihn daran, die Umgebung so wahrzunehmen, wie sie
wirklich war. Trotz all seiner physikalischen Spielchen, seiner minutiösen Mes-
sungen und der wissenschaftlichenAkribie, mit denen er scheinbar zu Werke ging,
praktizierte er lediglich einen eigenwilligen Hokuspokus, der ihn selbst weit nach-
haltiger einlullte als die Menschen um ihn her. Alle Stevensons waren Phantasten
gewesen, das stimmte wohl; doch sie benutzten immerhin jenes Augenpaar aus
l.'leisch und Blut, das Gott ihnen nicht grundlos mit auf den Weg gegeben hatte.
Sie nahmen die Landschaft ihrer Heimat gebührend zur Kenntnis und ließen den
Eindruck, welchen sie von außen emphngen, mit dem Bild in ihrem Inneren ver-
schmelzen. Erst durch diese Mischung aber, die Auflösung aller Widersprüche
und Ungereimtheiten, konnten ihre Vorhaben zu den Meisterwerken heranreifen,
die den Klan so berühmt gemacht hatten. Louis dagegen war ... nun, in gewisser
Weise der erste Versager de.r Familie. Seine innere Vision hatte stets über seinen
llealitätssinn gesiegt, ihn gleichermaßen zu Don Quijote wie zum besten Roman-
cier seiner Zeit werden lassen. Jetzt, da er die übermächtige Gewalt dieser Vision
zum ersten Male in den Dienst der Stevensonschen Sache stellen wollte, wie er
uelbst glaubte, verblendete sie seinen Verstand völlig. Er besaß gar kein Auge
rnehr für die Natur der Insel und somit keinerlei Bezug zu ihr.
Man mußte Louis allerdings zugute halten, daß jeder einzelne seinerVorfahren
ihm gegenüber einen unschätzbaren Vorteil genossen hatte. Wann immer Robert
oder seine Söhne Thomas und David Bild undAbbild in Einklang zu bringen hat-
tcn, handelte es sich bei beiden Faktoren um schottisches Land - der Zwiespalt
zwischen Traum und Wirklichkeit erwies sich also als verhältnismäßig gering,
Steile Klippen, Heidekraut und Torfrnoor existierten in beiden Welten; einzig der

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zu errichtende Leuchtturm oder Hafen spielte in der Vorstellung eine verdndernde
Rolle. Daß Louis das schottische Hochland vor dem inneren Auge sah, stand fel-
senfest ... nun wollte er Schoftland wieder in natura betrachten können, statt die-
ses eklen samoanischen Hochgebirges, welches nur erschaffen worden war, um
seiner Vision im Wege zu stehen! Und erbaut hatte es derselbe unbarmherzige
Gott, der Louis vom Lebensstrom der Stevensons abgeschnitten und in einer ge-
waltigen Flutwelle auf dieses Eiland gespült hatte, unrettbar weit fort von datreim.
War es da etwa nicht nur recht und billig, dem,,großen Ingenieur", wie Louis ihn
manchmal halb scherzhaft nannte, nttrotzenund den eigenen Lebensfluß wieder
in freundlichere Bahnen zu lenken? Nein, Louis sah nicht Samoa, wenn er rodete
und baute: Er übersah es im Gegenteil geflissentlich. Er würde solange die Augen
vor dem Land verschließen, bis er auch im hellwachen Zustande endlich Schott-
lan