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Universität Bremen SoSe 2006

Seminar: Der Filmkanon – Filme, die man kennen muss? VAK: 10-408-GH-1405
Dozenten: Dominik Orth / Thomas Schultke
Verfasserin: Katrin Derstroff

Handout zum Film:

M / M – eine Stadt
sucht einen Mörder

Abb. 1

Produktion: Nero-Film AG
Produzenten: Seymour Nebenzahl, Ernst Wolff
Regie: Fritz Lang
Buch: Fritz Lang und Thea von Harbou
Kamera: Fritz Arno Wagner
Musik: Thea von Harbou: Motiv aus „Peer Gynt“ von Edvard
Grieg (gepfiffen von Fritz Lang)
Schnitt: Paul Falkenberg
Darsteller: Peter Lorre, Gustaf Gründgens, Otto Wernicke, Paul
Kemp, Theo Lingen, Theodor Loos, Inge Landgut, Georg
John, Ellen Widmann, Hertha von Walther, Lotte
Loebinger, Ernst Stahl-Nachbaur, Friedrich Gnaß, Fritz
Odemar, Franz Stein, Rudolf Blümner, Karl Platen,
Gerhard Bienert, Rosa Valetti u.a.
Deutscher Kinostart: 11.05.1931;
Format / Länge: sw, 117 Minuten (3.208m lang; nach der Zensur im Mai
1931 Laufzeit 111 Minuten / 3.100m lang)

Der Regisseur Fritz Lang:


Fritz Lang wurde 1890 in Wien geboren und starb im Jahre 1976 In
Beverly Hills / Kalifornien. Er hat oft mit seiner Frau Thea von Harbou
zusammengearbeitet. Sie schrieb viele der Drehbücher zu seinen Filmen.
1934 verließ Lang seine Frau, die sich dem Nationalsozialismus
Abb. 2 angeschlossen hatte, und emigrierte in die USA. Dort nahm der
Österreicher dann die amerikanische Staatsbürgerschaft an. 1931 brachte er mit „M“
seinen ersten Tonfilm heraus. Einige andere bekannte Filme des Regisseurs sind
zum Beispiel „Der müde Tod“, „Dr. Mabuse, der Spieler“, „Die Nibelungen“,
„Metropolis“ und „Frau im Mond“.

Der Schauspieler Peter Lorre:


Sein richtiger Name war László Löwenstein. Er wurde 1904 in Ungarn
geboren und starb 1964 in Los Angelos / Kalifornien. Der große
Durchbruch gelang Lorre im Jahre 1931 als er in dem Film „M“ die
Abb. 3
Hauptrolle des Kindsmörders übernahm. Er spielte seine Rolle glaubhaft
und sehr beeindruckend.

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Seminar: Der Filmkanon – Filme, die man kennen muss? VAK: 10-408-GH-1405
Dozenten: Dominik Orth / Thomas Schultke
Verfasserin: Katrin Derstroff

Inhalt:
In Berlin treibt ein Kindsmörder sein Unwesen. Sein bis
dato letztes Opfer ist die kleine Elsie Beckmann. Die
Bevölkerung ist stark beunruhigt, denn vom Mörder fehlt
jede Spur. Auch die Polizei weiß nicht, wie sie den Mörder
finden und dingsfest machen kann. Doch nicht nur die
Abb. 4
Polizei sucht nach dem Mörder, sondern auch Verbrecher
und Kleinkriminelle aus der Berliner Unterwelt. Auch sie
verachten den Serienmörder und fühlen sich zudem durch die Arbeit der Polizei, die
vor allem in den Kreisen der Verbrecher sucht, in ihrer Bewegungs- und
Handlungsfreiheit eingeschränkt. Ein blinder Mann, der auf der Straße Luftballons
verkauft und mit den Verbrechern in Kontakt steht, erkennt die Melodie wieder, die
der Mörder pfeift. Ein Mann, der diese Melodie gepfiffen hat, kaufte am Tag von
Elsies Verschwinden einem kleinen Mädchen einen Luftballon. Der blinde Verkäufer
benachrichtigt die Ganoven, die den Mörder nun verfolgen. Einer der Verfolger
„markiert“ den Mörder mit einem „M“ auf dem Mantel. Der Kindsmörder flieht in ein
Bürogebäude. Dort wird er von den Ganoven eingekreist. Nach Feierabend
verschanzt sich der Mörder im Gebäude und die Verbrecher überwältigen das
Wachpersonal und dringen in das Bürogebäude ein. Sie finden den Kindsmörder,
nehmen ihn mit und fliehen vor der Polizei, die über den Einbruch informiert wurde
und gerade anrückt. Nur einer der Einbrecher hat nicht mitbekommen, dass die
Polizei da ist und wird festgenommen. Der Einbrecher verrät der Polizei erst nach
längerem Zögern, warum sie in das Bürogebäude eingedrungen sind. Die Verbrecher
sind in der Zwischenzeit mit dem Kindsmörder in eine alte leer stehende Fabrik
gelangt und wollen ihm dort den Prozess machen. Sie
wollen Selbstjustiz üben. Ihm wird ein Verteidiger
zugewiesen. Die Meute der Verbrecher will den Mörder
töten, nachdem dieser die Morde zugegeben hat. Der
Verteidiger argumentiert allerdings: „Niemand hat das
Recht, einen Menschen zu töten, der nicht
verantwortlich sein kann für seine Taten!". Der Mörder Abb. 5
ruft immer wieder: „Will nicht! Muss! Will nicht! Muss!".
Gerade noch rechtzeitig kommt die Polizei hinzu und nimmt den Mörder fest.

Zum Film:
Der Film basiert auf „realen Fällen“ (Seeßlen 2005, S. 49). Berichte über die
Serienmörder Peter Kürten („Vampir von Düsseldorf“) und Fritz Haarmann („Vampir
von Hannover“) brachten Lang auf die Idee, einen Film über einen Triebtäter zu
drehen. Der Mörder wird hier tatsächlich als ein Triebtäter dargestellt, der seinen
Trieben selbst ausgeliefert ist. Er ist gleichzeitig Täter und auch ein Opfer seiner
selbst („Immer muss ich durch die Straßen gehen und immer spür ich,
es ist einer hinter mir her. Das bin ich selber!“). Schon die
Eingangsszene, in der Kinder mit einem Ball spielen und rufen
„Warte, warte nur ein Weilchen. Bald kommt der schwarze Mann zu
dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir“,
evoziert ein Gefühl von Angst und Beklemmung. Der Mörder wirkt
freundlich, lüstern und infantil als er das Kind vor der Litfasssäule
Abb. 6
anspricht. Es ist, als ob der „schwarze Mann“ aus dem Kinderreim

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real geworden wäre. Als er die kleine Elsie vor der Litfasssäule anspricht, steht er vor
Abb. 6
dem Plakat, dass eine Belohnung für die Ergreifung des Serienmörders verspricht. In
diesem Augenblick unterläuft das „Böse […] das Bild des Bösen“ (ebd., S. 43). „M –
eine Stadt sucht einen Mörder“ ist Langs erster Tonfilm. Die Wichtigkeit des Tons
unterstreicht er, indem er den Film mit Ton (Lied der Ball spielenden Kinder)
beginnen lässt, ohne dass schon ein Bild zu sehen ist. Film wirkt spannend, obwohl
kein einziger Mord zu sehen ist. Das liegt vor allem an der Inszenierung. Zum einen
ist fast nie Himmel zu sehen; die Stimmung ist düster und dunkel. Es scheint wenig
Hoffnung zu geben. Lang verwendet expressionistische Lichtkontraste, visuelle Mittel
des „film noir“ werden eingesetzt: Licht/Schatten, Hell/Dunkel etc., bevor es den
eigentlichen „film noir“ überhaupt gab. Oft sind nur Schattenbilder und Silhouetten zu
sehen (Siehe Abb. 6). Auch das gepfiffene Lied wird mit Bedrohung verbunden.
Immer wenn das Lied gepfiffen wird, weiß der Zuschauer, dass Unheil droht. In
diesem Film werden viele verschiedene Genres bedient: Thriller, Gangster-,
Detektivfilm, Horror, Komödie, Melodram. Aber keines wird „vollständig ausgeführt“
(ebd. S. 44). Es findet eine Verbindung von Dramatik und Komik statt. Der Film ist
noch zu Zeiten der Weimarer Republik entstanden. Er zeigt die Machtlosigkeit der
Politik, indem er die Macht der Unterwelt und die Hilflosigkeit der Polizei hervorhebt.
Lang inszeniert eine „Gleichung zwischen rechtsstaatlicher Autorität und Ehrenkodex
der Unterwelt“ (ebd. S. 45) durch die parallel verlaufende Lagebesprechung der
Polizei und des Ganoventreffens. Parallelschnitte und Überlappungen des
zugehörigen Tons setzen Staatsapparat und Unterwelt in Bezug zueinander. Der
Film ist zudem gefüllt von Symbolen: Sexuelle Symbole (z.B. Lecken der Lippen,
Spirale, Pfeil, glänzendes Messer), Symbole der Macht (Stock, Hand) und der in
einem Telegrafenmast verfangende Ballon steht für die „Seele des getöteten
Mädchens, die den Weg ins Jenseits noch nicht finden kann“ (ebd. S. 43). Schon
1931 zeichnete sich die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ab. Auch
dies baut Lang in seinen Film ein. Der Anführer der Ganoven über den Mörder, die
Bestie, sagt: „Die muss ausgerottet werden“. Ein einzelnes Individuum, eine Bestie,
kann aber nicht ausgerottet werden, sondern nur „ein Volk, eine Rasse, eine Klasse“
(ebd. S. 45). Der Film ist voll von Leere und Fehlen: das leere Treppenhaus, der
leere Platz am Tisch von Elsies Mutter, der Ruf der Mutter nach dem Kind, auf den
nicht geantwortet wird und der Ball auf der Wiese, ohne ein Kind das mit ihm spielt.
Der Film kann auch unter ethischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Man kann
zweifellos über das Tribunal der Unterwelt, die Todesstrafe und Selbstjustiz
diskutieren und darüber streiten. Auch darüber, ob der Mörder tatsächlich ein Opfer
ist. Lang wirft diese Fragen durch seinen Film zwar in den Raum, aber „verweigert
jede Antwort auf die Fragen“ (ebd. S. 50).
Literatur:
- Seeßlen, Georg: M – eine Stadt sucht einen Mörder. In: Holighaus, Alfred (Hg.): Der Filmkanon. 35 Filme, die Sie kennen müssen.
Berlin: Bertz + Fischer 2005
- Schönemann, Heide: Fritz Lang. Filmbilder, Vorbilder. Berlin: Ed. Hentrich 1999
- http://www.medienkultur.org/sm2/filmnoir/m/ (letzter Aufruf am 27.05.2006)
- http://www.helmut-schmitz.net/weimarer_republik/texte/m/m_real.html (letzter Aufruf am 27.05.2006)
- http://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Lang (letzter Aufruf am 27.05.2006)
- http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Lorre (letzter Aufruf am 27.05.2006)

Quellen der Bilder:


- Abb. 1: http://www.medienkunstnetz.de/assets/img/data/2729/bild.jpg (letzter Aufruf am 27.05.2006)
- Abb. 2: http://www.nwlink.com/~erick/silentera/Lang/FL-01-A.jpg (letzter Aufruf am 27.05.2006)
- Abb. 3: http://www.thegoldenyears.org/peter_lorre.jpg (letzter Aufruf am 27.05.2006)
- Abb. 4: http://www.cinematheque.be/decentra/images_cat/M%20(Lang)%203.jpg (letzter Aufruf am 27.05.2006)
- Abb. 5: http://www.25frames.org/media/screens/1677.jpg (letzter Aufruf am 27.05.2006)
- Abb. 6: http://www.cinefania.com/movie/200105/01.jpg (letzter Aufruf am 27.05.2006)