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Ken Wilber

Das Wahre, Schöne, Gute

Geist und Kultur im 3. Jahrtausend

Aus dem Amerikanischen von Clemens Willhelm

Wolfgang Krüger Verlag

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1997 unter dem Titel "The Eye of Spirit. An Integral Vision for a World Gone Slightly Mad" im Verlag Shambhala, Boston

© Ken Wilber 1997

Deutsche Ausgabe:

© 1999 Wolfgang Krüger Verlag,

Frankfurt am Main

Lektorat: Stephan Schumacher Gesamtherstellung: Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany 1999 ISBN 3-8105-2330-5

Inhalt

Vorwort: Eine integrale Sicht von Geist und Kultur

1

An den Leser: Über Gott und Politik

7

Einleitung: Ein integrales Verständnis des Wahren, Schönen, Guten

14

Das Gespenst in der Maschine

15

Inneres und Äußeres

17

Würdigung beider Wahrheiten: Der integrale Ansatz

21

Die vier Antlitze der Wahrheit

24

Wahrheit

25

Wahrhaftigkeit

25

Funktionelles Passen

28

Gerechtigkeit

28

Die Gültigkeit integraler Erkenntnis

30

Ich, Wir und Es

31

Flachland

33

Das Elend der Verleugnung

35

Szientismus

36

Kultureller Konstruktivismus

36

Der Reduktionismus der Systemtheorie

37

Kulturelle Relativität

39

Nur Ästhetik

40

Schlussfolgerung

41

Das Spektrum des Bewusstseins

41

Die großen Weisheitstraditionen

43

Schlussfolgerung

47

Kapitel 1 Das Spektrum des Bewusstseins

48

Kapitel 2 Im Licht unserer Zeit

67

Kapitel 3 Auge in Auge

88

Wo ist Gott?

89

Die Augen der Erkenntnis

92

Das Problem des Beweises

92

Die spirituelle Injunktion annehmen

95

Das Auge der Kontemplation

96

Spirituelle Schulung und transzendente Daten

98

Schlussfolgerung

100

Kapitel 4 Eine integrale Theorie der Kunst (1)

104

Einleitung

104

Kontexte in Kontexten ohne Ende

107

Bedeutung ist kontextabhängig

110

Was ist Kunst?

111

112

Kunst ist in der verborgenen Absicht 114

Kunst ist im Schöpfer

Kunst ist im Kunstwerk

115

Kunst ist im Betrachter

117

Wo also genau ist Kunst?

119

Kapitel 5 Eine integrale Theorie der Kunst (2) 122

Das Urholon der Kunst

122

Unbewusste

Absichten

124

Das Spektrum des Bewusstseins

125

Das Kunstwerk-Holon 127 Ein Paar abgetragener Schuhe 129 Das Betrachter-Holon 134 Das Wunder, ich zu sein 136 Schlussfolgerung 140

Kunstbetrachtung

141

Kapitel 6 Der wiedergewonnene Gott

146

Kurze Zusammenfassung meines Bewusstseinsmodells

146

Grundstrukturen und die Große Kette 147

Übergangsstrukturen 148 Das Selbst und seine Drehpunkte 149

Wilbers Modell ist streng linear und übersieht damit all die amorphen und nichtlinearen Aspekte des Lebens 151 Wilber schenkt den Konflikten auf den präegoischen Stufen zuwenig Aufmerksamkeit 153

Wilbers Modell leugnet das Selbst

155

Das romantische Modell

157

Ursprüngliche Einbettung und der dynamische Urgrund

162

Kapitel 7 Wiedergeboren

171

Die monologische Wissenschaft

171

Monologisches Bewusstsein 172

Perinatale Reduktion

175

Drehpunkt 0 und Drehpunkt 6

181

Frontale und psychische Entwicklungslinien

184

Kapitel 8 Integraler Feminismus 191

Eine feministische Perspektive

191

Carol Gilligan

191

Das durchlässige Selbst

194

Integraler Feminismus: Alle Ebenen und alle Quadranten 195

Oben rechts (verhaltensmäßig) 195 Unten links (kulturell) 196

Oben rechts (sozial)

198

Oben links (intentional)

200

Weibliche Spiritualität

202

Männliche und weibliche moralische Tiefe

204

Kapitel 9 Wie gerade ist der spirituelle Weg?

207

David Bohm, Jenny Wade und das holonome Paradigma

207

Die implizite Ordnung

212

Ebenen und Linien

215

Gibt es Stufen der spirituellen Entwicklung?

218

Ströme und Wellen

219

Eine spirituelle Linie?

222

Spirituelle Ebene und spirituelle Linie

224

Spirituelle Stufen

226

Mehr Tiefe, weniger Spanne

227

Weisheit für alle?

229

Das arme Selbst

230

Ist diese Reise wirklich notwendig?

231

Kapitel 10 Die Wirkungen der Meditation

234

Vedische Psychotherapie und transzendentale Meditation

234

Zustände, Stufen und Strukturen

235

Die Form der Entwicklung

238

Das eingebettete Selbst

241

Das Selbst-System

244

Meditation und Entwicklung

245

Die Wirkung der Meditation auf das psychologische Unbewusste

245

Die Wirkungen der Meditation auf die menschliche Entwicklung

246

Der Zusammenhang zwischen den verschiedenen Entwicklungslinien

247

Die Wirkungen der Meditation auf eine bestimmte Entwicklungslinie

248

Schlussfolgerungen

250

Psychotherapie und Meditation: Eine integrale Therapie

251

Psychologie und Spiritualität

254

Zusammenfassung

256

Zur Physiologie der Meditation

257

Die Zukunft des Körpers

257

Kapitel 11 Auf dem Weg zum Omega-Punkt?

261

Wo ist das Heilige wirklich?

261

Wegweiser

263

Der idealistische Traum

268

Eine integrale Theorie des Bewusstseins

270

Radikale Ökologie

274

Den spirituellen Baum schütteln 276

Der Punkt Omega

278

Kapitel 12 Immer schon

281

Die große Suche

281

Dem Kósmos begegnen 283

Allgegenwärtiges Gewahren

286

Das Auge des GEISTES

295

Und es wird alles ungeschehen gemacht

298

Anmerkungen 302

Einleitung 302

1.

Das Spektrum des Bewusstseins

305

3.

Auge in Auge

308

4. Eine integrale Theorie der Kunst (1)

309

5. Eine integrale Theorie der Kunst (2)

309

6: Der wiedergewonnene Gott 319

7.

8. Integraler Feminismus 334

344

10: Die Wirkungen der Meditation 358 11: Auf dem Weg zum Omega-Punkt? 367

403

12: Immer schon

9. Wie gerade ist der spirituelle Weg?

327

Wiedergeboren

Literaturverzeichnis 405

Colophon 418

Vorwort: Eine integrale Sicht von Geist und Kultur

Tony Schwartz, ehemaliger Reporter der New York Times und Verfasser des

Buches Was wirklich zählt Auf der Suche nach Weisheit und Lebenssinn heute

(München 1995), hat Ken Wilber den "umfassendsten philosophischen Denker unserer Zeit" genannt Ich teile diese Meinung, und ich war dieser Meinung schon vor zwanzig Jahren, als ich die Zeitschrift ReVision Journal gründete, um ein Forum für die integrale Sichtweise zu schaffen, die Ken damals bereits propagierte. Ich hatte gerade sein erstes Buch gelesen, Das Spektrum des Bewusstseins, das er als 23jähriger schrieb. Der Wunderknabe lebte in Lincoln, Nebraska, wo er Teller wusch, meditierte und jedes Jahr ein Buch schrieb. Die Zeitschrift Main Currents in Modern Thought, in der sein erster Aufsatz erschien, stand kurz vor dem Aus, und ich wollte den integrativen Ansatz und Geist, für den diese Zeitschrift stand, am Leben erhalten. Dies und mein Wunsch, dabei mit Ken zusammenzuarbeiten, veranlassten mich, ihn zum Einstieg ins Verlagsgeschäft zu überreden. Wir waren damals beide 27, und innerhalb von zwei Jahren "stand" die Zeitschrift ReVision, deren Hauptthema die integrale Sichtweise war, der wir beide anhingen und die Ken schon so beeindruckend formulierte. Aber eben weil dieser Ansatz so umfassend war, provozierte er teilweise sehr heftige Reaktionen. Nehmen wir zum Beispiel sein großes Werk Eros, Kosmos, Logos. Zweifellos hat dieses Buch viele Anhänger. Michael Murphy zählt es mit Aurobindos Göttlichem Leben, Heideggers Sein und Zeit und Whiteheads Prozess und Realität zu den vier größten Büchern dieses Jahrhunderts. Für Larry Dossey ist es "eines der bedeutendsten je veröffentlichten Bücher", und Roger Walsh stellt die Weite von Wilbers Sichtweise neben diejenige Hegels und Aurobindos. Der Scharfsinnigste von ihnen allen erinnert an Alasdair MacIntyres bekanntes Diktum, dass man nur die Wahl zwischen Aristoteles und Nietzsche habe, und sagt, dass die heutige Welt vielmehr unter dreien wählen könne: Aristoteles, Nietzsche und Wilber. Aber die Gegner des Buchs, von denen auf den folgenden Seiten (auch) zu lesen sein wird, treten nicht weniger zahlreich, lautstark und entschieden auf. Die Feministinnen behaupten X, die Jungianer meinen Y, und die Dekonstruktivisten, die es nie fassen können, wenn man sie selbst kontextualisiert, sagen Z, ganz zu schweigen von der allgemeinen Empörung

der Tiefenökologen, der mythopoetischen Bewegung, der Empiriker, der Behavioristen, der Gnostiker, der Neuheiden, der Prämodernisten, der Astrologen – um nur einige wenige zu nennen. Die meisten Kritiker nehmen Anstoß an Wilbers Angriffen auf ihr eigenes Fachgebiet, während sie seinen Attacken auf andere Fachgebiete Brillanz bescheinigen oder sie zumindest stillschweigend akzeptieren. Niemand hat jedoch bisher eine überzeugende Kritik von Wilbers Gesamtansatz vorgelegt. Der kollektive Aufschrei ist recht beeindruckend – aber die Kritik an Wilbers Ansatz ist doch eher dürftig. Fassen wir doch einmal ins Auge, worum es bei dieser Diskussion wirklich geht. Es ist ja nicht zu übersehen, dass Wilbers Ansatz, wenn er denn im großen und ganzen richtig ist, schlicht nichts anderes leistet als eine schlüssige Integration praktisch aller menschlichen Wissensgebiete. Dabei ist Wilbers Ansatz das Gegenteil von Eklektik. Er hat eine stimmige Vision vorgelegt, welche die Geltungsansprüche der unterschiedlichsten Fachgebiete zu einem nahtlosen Ganzen zusammenführt: Physik und Biologie, Ökowissenschaften, Chaostheorie und Systemwissenschaft, Medizin, Neurophysiologie und Biochemie, bildende Kunst, Dichtkunst und Ästhetik, Entwicklungspsychologie und ein weites Spektrum psychotherapeutischer Richtungen von Freud über Jung bis Piaget, die Theoretiker der Großen Kette von Platon und Plotin im Westen bis Shankara und Nagarjuna im Osten, die Modernisten von Descartes und Locke bis Kant, die Idealisten von Schelling bis Hegel, die Postmodernisten von Foucault und Derrida bis Taylor und Habermas, die weitere hermeneutische Tradition von Dilthey über Heidegger bis Gadamer, die Gesellschaftstheoretiker von Comte und Marx bis Parsons und Luhmann, und die kontemplativen und mystischen Schulen der großen östlichen und westlichen meditativen Traditionen in den großen Weltreligionen. Und dies ist nur eine Auswahl. Wer wollte sich also darüber wundern, dass diejenigen, die sich auf ein bestimmtes Fachgebiet spezialisiert haben, es nicht hinnehmen wollen, wenn dieses Gebiet nicht als der Angelpunkt des Kósmos* dargestellt wird?

* Da der Begriff "Kosmos" heute zum Synonym von "Universum" geworden ist und damit nur der physische Weltraum gemeint ist, benutzt Wilber "Kósmos" im alten pythagoreischen Sinn für die Gesamtheit aller Seinsbereiche "von der Materie bis zur Mathematik und zum Theos". (Anm. d. Red.)

Mit anderen Worten, für die Kritiker steht einiges auf dem Spiel, und man wird es mir an dieser Stelle nicht als Parteinahme auslegen, wenn ich sage, dass diejenigen, die sich ihr Lieblingsthema in Wilbers Ansatz herauspicken, bloß einen bestimmten Zweig am Ast seiner Darstellung attackieren. Wenn man aber statt dessen den ganzen Baum betrachtet, und wenn Wilbers

Ansatz grundsätzlich richtig ist, dann beinhaltet er mehr Wahrheit als jedes andere System in der Geschichte. Wie kommt das? Worin besteht letztlich Wilbers Methode? Sie besteht darin, dass er bei der Betrachtung eines jeden Fachgebiets einfach auf eine Ebene der Abstraktion zurückgeht, auf der eine Gemeinsamkeit zwischen den widerstreitenden Ansätzen sicht bar wird. Nehmen wir zum Beispiel die großen religiösen Traditionen der Welt: Stimmen sie darin überein, dass Jesus Gott ist? Nein. Also müssen wir dies über Bord werfen. Stimmen sie alle darin überein, dass es einen Gott gibt? Dies hängt davon ab, was man unter "Gott" versteht. Bejahen sie alle einen Gott, wenn man mit "Gott" einen Geist meint, der in vielerlei Hinsicht nicht beschreibbar ist, von der buddhistischen Leerheit bis zum jüdischen Geheimnis des Göttlichen? Ja, dies ist eine taugliche Verallgemeinerung, was Wilber eine "Orientierungs- Verallgemeinerung" oder eine "profunde Schlussfolgerung" nennt. In derselben Weise setzt sich Wilber mit allen anderen menschlichen Wissensgebieten auseinander, von der bildenden Kunst bis zur Dichtkunst, vom Empirismus bis zur Hermeneutik, von der Psychoanalyse bis zur Meditation, von der Evolutionstheorie bis zum Idealismus. In allen Fällen extrahiert er eine Reihe profunder und verlässlicher, um nicht zu sagen unwiderleglicher Orientierungs-Verallgemeinerungen. Er hält sich nicht mit der Frage auf – und dies sollten auch seine Leser nicht tun –, ob andere Fachgebiete die Schlussfolgerungen eines bestimmten Fachgebietes akzeptieren oder nicht; man sollte sich zum Beispiel nicht daran stören, wenn die Schlussfolgerungen des Empirikers nicht mit Schlussfolgerungen des Gläubigen übereinstimmen. Man trägt einfach die Orientierungs- Verallgemeinerungen zusammen, als enthielte jedes Gebiet außerordentlich wichtige Wahrheiten. Dies ist der erste Schritt in Wilbers integrierendem Verfahren, eine Art Phänomenologie allen menschlichen Wissens auf der Ebene von Orientierungs-Verallgemeinerungen. Mit anderen Worten, man nimmt alle Wahrheiten zusammen, die jedes Fachgebiet der Menschheit anbieten zu können glaubt. Man nimmt für einen Augenblick einfach an, dass sie wirklich wahr sind. Dann fügt Wilber diese Wahrheiten zu Ketten oder Netzen miteinander verknüpfter Schlussfolgerungen zusammen. Dabei wendet sich Wilber scharf von jeder bloßen Eklektik ab und versucht eine Synopsis. Dieser zweite Schritt in Wilbers Verfahren besteht darin, dass er alle Wahrheiten oder Orientierungs-Verallgemeinerungen, die er im ersten Schritt gewonnen hat, zusammennimmt und fragt: In welchem kohärenten System ließe sich die

größtmögliche Zahl dieser Wahrheiten zusammenfassen?

Das in Eros, Kosmos, Logos vorgelegte und auf den folgenden Seiten klar und einfach zusammengefasste System ist Wilber zufolge dasjenige, das die größtmögliche Zahl von Orientierungsverallgemeinerungen aus der

größtmöglichen Zahl menschlicher Forschungsgebiete miteinander verbindet. Wenn also Wilbers Vision gültig ist, dann enthält und berücksichtigt, das heißt integriert sie mehr Wahrheit als jedes andere System in der Geschichte. Der Grundgedanke ist ganz einfach. Es geht nicht darum, welcher Theoretiker recht hat und welcher unrecht. Wilbers Gedanke ist vielmehr, dass jeder im Grunde recht hat, und er möchte herausfinden, wie so etwas möglich ist. "Ich glaube nicht", so Wilber, "dass irgendein Mensch sich zu einhundert Prozent irren kann. Statt also zu fragen, welcher Ansatz richtig und welcher falsch ist, nehmen wir vielmehr an, dass jeder Ansatz wahr ist, aber nicht vollständig, und versuchen dann herauszufinden, wie viele Teilwahrheiten zusammenpassen und wie man sie integrieren kann, statt uns für eine von ihnen zu entscheiden und die anderen zu verwerfen." Der dritte Schritt in Wilbers Ansatz ist schließlich die Entwicklung eines neuen Typs einer kritischen Theorie. Sobald er sein Gesamtschema der größten Zahl von Orientierungs-Verallgemeinerungen fertiggestellt hat, kritisiert er damit die Begrenztheit der engeren Ansätze, ohne die grundlegenden Wahrheiten dieser Ansätze zu verwerfen. Er kritisiert also nicht ihre Wahrheiten, sondern nur ihre Unvollständigkeit. Diese seine integrale Sichtweise liefert letztlich die Erklärung für die polaren Reaktionen auf sein Werk, das heißt für die Auffassung einerseits, dass es zum Bedeutendsten zählt, was je geschrieben wurde, und die wütenden Angriffe des Chors der Entrüsteten andererseits. Die heftigste Kritik kommt fast ausnahmslos aus den Reihen der Theoretiker, die ihr eigenes Fachgebiet für das einzig wahre Fachgebiet und ihre eigene Methode für die einzig gültige Methode halten. An Wilber wurde bisher nie – ernstzunehmende – Kritik deshalb geübt, weil er eines der Wissensgebiete, die er betrachtet, falsch verstanden oder falsch dargestellt hätte, sondern deshalb, weil er Gebiete berücksichtigt, die der Kritiker jeweils nicht für wichtig hält, oder einfach deshalb, weil sie sich von ihm nicht die Butter vom Brot nehmen lassen wollen. Die Freudianer sagen nie, dass Wilber Freud nicht verstanden hätte, aber sie finden, dass er die Mystik weglassen sollte. Die Strukturalisten und Poststrukturalisten sagen nicht, dass er ihr Fachgebiet nicht verstanden hätte, aber sie meinen, dass er all diese schrecklichen anderen Disziplinen weglassen sollte. Den Angriffen liegt immer dieselbe Haltung zugrunde: Wie können Sie es wagen zu sagen, mein Fachgebiet sei nicht das einzig wahre! Jedenfalls steht, wie gesagt, viel auf dem Spiel. Ich habe Ken Wilber einmal gefragt, wie er selbst seine Arbeit sieht, und er antwortete mir: "Sie ist vielleicht eine der ersten glaubwürdigen weltumspannenden Philosophien, eine wirkliche Zusammenfassung von Ost und West, Nord und Süd." Ganz in diesem Sinne äußerte sich vor kurzem der bekannte Religionswissenschaftler Huston Smith: "Niemand, auch nicht Jung, hat so wie Wilber die westliche

Psychologie für die überdauernden Einsichten der großen Weisheitstraditionen der Welt sensibilisiert. Langsam, aber sicher, Buch um Buch, legt Wilber die Grundlagen einer echten west-östlichen Psychologie." Zugleich aber sagt Wilber auch: "Man sollte nicht zuviel Aufhebens davon machen. Es sind ja nur Orientierungs-Verallgemeinerungen. Die Details kann jeder so ergänzen, wie es ihm gefällt." Anders ausgedrückt: Wilber will uns nicht in eine begriffliche Zwangsjacke stecken. Im Gegenteil: "Ich hoffe zu zeigen, dass es im Kosmos mehr Raum gibt, als man sich vielleicht vorgestellt hat." Eng wird der Raum lediglich für diejenigen, die ihre Pfründe retten wollen, indem sie den Kosmos auf ein bestimmtes Fachgebiet – selbstredend ihr eigenes – reduzieren und die Wahrheiten anderer Disziplinen ignorieren wollen. "Man kann den verschiedenen Methoden und Disziplinen nur gerecht werden", so Wilber, "indem man zeigt, wie sie zusammenpassen. Nur so kann eine echte Weltphilosophie entstehen." Andernfalls hat man, wie er sagt, "Haufen", keine Ganzheiten, und so kommt gar nichts zu seinem Recht. Aristoteles sagte einmal, dass man den Wert seines Lebens erst beurteilen könne, wenn dieses zu Ende gehe, dass man erst sagen könne, ob man ein tugendhaftes Leben geführt habe, wenn man dieses als Ganzes betrachte. Wir wissen natürlich, wie schwierig es ist, das Ganze zu begreifen, geschweige denn es zu bewerten, vor allem, wenn man berücksichtigt, wie Wilber immer wieder sagt, dass ein Ganzes immer Teil eines größeren Ganzen ist. Und deshalb kennen wir die Leidenschaft, aber auch den Schmerz des Ringens um die Erkenntnis, wie die Teile unseres individuellen Lebens zusammenpassen, was ihr Wesen ist, womit und mit wem die Teile verbunden sind. Eben dabei hilft uns Ken Wilber; er zeigt ein Muster auf, nach dem das ganze Leben, der ganze Kosmos, der ganze GEIST miteinander verbunden sind. Sein Werk ist nicht weniger als ein Führer zu den Geheimnissen des Lebens, des biologischen, des gesellschaftlichen, des kulturellen und des spirituellen Lebens. Er hat für uns eine Landkarte entworfen, eine integrale Sichtweise der modernen und postmodernen Welt, eine Vision, die das Beste alter Weisheit mit dem Besten moderner Erkenntnis verbindet. Sein außerordentliches Werk gibt uns den Mut, unsere eigene Arbeit fortzusetzen, die lebenslange Reise zur Ganzheit, der niemand von uns ausweichen kann, die aber die wenigsten von uns richtig verstehen konnten, bis Wilber seine integrale Vision präsentiert hat.

Jack Crittenden

An den Leser: Über Gott und Politik

In der modernen westlichen Gesellschaft ist das drängendste politische Problem unserer Zeit die Frage, wie man die Tradition des Liberalismus mit einer echten Spiritualität verbinden kann. In der Geschichte gab es bisher keine brauchbaren Ansätze zur Verbindung dieser beider Stränge menschlichen Strebens. Im Gegenteil – der moderne Liberalismus (und überhaupt die ganze europäische Aufklärung) entstanden in weiten Teilen gerade als Gegenbewegung zur traditionellen Religion. Voltaires Schlachtruf "Vergesst die Grausamkeiten nicht!" hallte über den ganzen Kontinent:

Vergesst die Grausamkeiten nicht, die Menschen im Namen Gottes zugefügt wurden, und lasst diese Unmenschlichkeiten und diesen Gott ein für allemal hinter euch. Damit blieb Religion weitgehend den Konservativen überlassen. Und deshalb sehen wir bis heute zwei schwerbewaffnete Lager, die einander mit tiefem Misstrauen gegenüberstehen. Das eine Lager ist dasjenige der Liberalen, die für die Rechte und Freiheiten des Individuums gegenüber der Tyrannei des Kollektivs eintreten und daher gegenüber allen religiösen Bewegungen einen tiefen Argwohn hegen, weil diese immer bereit sind, anderen ihre Überzeugungen aufzudrängen und ihnen vorzuschreiben, wo sie ihr Seelenheil zu suchen hätten. Der Liberalismus der Aufklärung ist geschichtlich eine Gegenbewegung zu religiöser Tyrannei, und das tiefe Misstrauen, ja der Hass auf alles Religiöse und Spirituelle, auf alles, was irgendwie mit dem Göttlichen zu tun hat, ist ihm unauslöschlich eingeprägt. Deshalb neigten und neigen Anhänger des Liberalismus dazu, der Erlösung durch Gott eine Erlösung durch die Ökonomie vorzuziehen. Wahre Befreiung und Freiheit ist ihrer Meinung nach nicht in irgendeinem ungreifbaren Jenseits (oder einem anderen Opium für das Volk) zu finden, sondern vielmehr in konkreten Fortschritten auf dieser Erde, womit zunächst einmal die Befriedigung der materiellen und wirtschaftlichen Bedürfnisse gemeint ist. "Progressiv" und "liberal" wurden oft gleichbedeutend gebraucht, weil Fortschritte in den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen – wirtschaftliche, materielle, politische Freiheit – den Kern des Liberalismus ausmachten.

An die Stelle der Tyrannei des Kollektivs setzte der Liberalismus einen, wenn man dies so sagen kann, "universellen Individualismus", die Forderung, dass jeder Mensch ohne Ansehen seiner Rasse, seines Geschlechts, seiner Hautfarbe oder seiner Religion unparteiisch, gerecht und gleichberechtigt behandelt werden müsse. Der Mensch ohne die Tyrannei der Gemeinschaft, der seine wirtschaftliche und politische Freiheit genießen kann – dies hat sich der Liberalismus auf seine Fahnen geschrieben. Niemand wird in Frage stellen wollen, dass dieser Liberalismus sehr viel Gutes bewirkt hat. Die Kehrseite war allerdings, dass nur allzu oft religiöse Tyrannei schlicht durch ökonomische Tyrannei ersetzt wurde und der Gott des allmächtigen Geldes an die Stelle des Gottes des Papstes trat. Die Seele konnte jetzt nicht mehr von Gott zerbrochen werden, dafür aber von der Fabrik. Das Wichtigste im Leben war nicht mehr die Beziehung zum Göttlichen, sondern vielmehr die Beziehung zum eigenen Einkommen. Und so konnte es mitten im wirtschaftlichen Überfluss geschehen, dass die Seele langsam verhungerte. Deshalb beziehen im anderen Lager die Konservativen Position, die einer bürgerlichen humanistischen Tradition verpflichtet sind, der zufolge der Mensch in seinem Innersten auf gemeinschaftliche Standards und Werte einschließlich religiöser Werte angewiesen ist. Die republikanische und die religiöse Gesinnung sind in den meisten Formen des Konservatismus eng miteinander verwoben, so dass Konservative auch dann, wenn sie nachdrücklich für die individuellen Rechte und die "Freiheit gegenüber der Regierung" eintreten, dies nur unter dem Vorbehalt tun, dass diese "Freiheiten" im Einklang mit ihren religiösen Grundsätzen stehen müssen. Die Betonung der Werte der Gemeinschaft und der Familie erlaubt es Konservativen, kraftvolle Nationen zu bilden, oft aber zu Lasten derjenigen, die eine andere religiöse Orientierung haben. Hinter dem konservativen Lächeln versteckt sich nicht selten kulturelle Tyrannei, und die Liberalen wenden sich mit Grausen vor den Beteuerungen der Konservativen, dass sie alle Kinder Gottes lieben, denn leider hat man durchaus nichts zu lachen, wenn man nicht Kind ihres Gottes ist. Vereinfachend könnte man also sagen, dass es sowohl im liberalen als auch im konservativen Lager etwas "Gutes" und etwas "Tyrannisches" gibt, und es wäre offensichtlich ideal, wenn man das Gute von beidem bewahren und das jeweilige Tyrannische abschaffen könnte. Das Gute am Liberalismus ist seine Betonung der individuellen Freiheit und die Ablehnung der Herdenmentalität. In seinem Eifer, die individuellen Freiheiten zu schützen, hat jedoch der Liberalismus oft gemeinschaftliche Werte wie etwa Religion und Spiritualität verworfen und eine ausschließliche Hinwendung zu materiellen und wirtschaftlichen Aktivitäten an ihre Stelle gesetzt. Wirtschaftliches Streben ist als solches durchaus nichts Schlechtes,

aber es trägt zu einer liberalen Atmosphäre bei, in der man sich über alles mögliche Gedanken machen kann, nur nicht über seine Seele. Religiöse Themen sind in liberalen Kreisen immer ein wenig anrüchig. Kant war ganz der Sprecher der liberalen Aufklärung, als er zu der neuen Haltung gegenüber Gott sinngemäss sagte, jeder müsse peinlich berührt sein, der von einem anderen betend auf Knien überrascht werde. (Es ist vermutlich folgende Stelle gemeint: "Die Wahrheit der letzteren Anmerkung wird ein jeder bestätigt finden, wenn er sich einen frommen und gutmeinenden, übrigens aber in Ansehung solcher gereinigten Religionsbegriffe eingeschränkten Menschen denkt, den ein anderer, ich will nicht sagen, im lauten Beten, sondern auch nur in der dieses anzeigenden Gebärdung überraschte." [Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, S. 371.] Anm. d. Übs.) In der Atmosphäre des wirtschaftlichen und politischen Liberalismus ist alles Spirituelle und Religiöse nach wie vor verpönt. Wie ich gleich zu zeigen versuche, liegt dies an unserer mythischen und dürftigen Auffassung vom Geist. Eines ist jedenfalls klar: Der Liberalismus hatte die geschichtliche Aufgabe, Gott zu töten, und man muss ihm bescheinigen, dass ihm dies recht gut gelungen ist, weshalb dort, wo Liberalismus herrscht, auch eine geistfeindliche Tyrannei nicht weit ist. Der Vorzug des Konservatismus ist seine Einsicht, dass man bei aller Bedeutsamkeit des Individuums und seiner individuellen Freiheiten einem schweren Irrtum erliegt, wenn man das Individuum für eine isolierte Insel hält. Das Individuum ist vielmehr zwangsläufig in einen innigen Kontext der Familie, der Gemeinschaft und des Geistes eingebunden, und es hängt sogar seine ganze Existenz von diesen tiefen Zusammenhängen und Verbindungen ab. Auch wenn man daher auf seine Individualität pocht, hängen die tiefsten Werte nicht in einem selbstverliebten Verständnis von Autonomie von der Beziehung zu einem selbst ab, sondern von der Beziehung zur Familie, zu den Freunden, zur Gemeinschaft und zum eigenen Gott. Wenn man diese tiefen Verbindungen leugnet, stört man damit nicht nur das Gefüge der Gemeinschaft und gibt es dem Chaos des Hyperindividualismus preis, sondern man zerreißt damit auch die tiefste aller Verbindungen, nämlich diejenige zwischen einer menschlichen Seele und einem göttlichen Geist. Ja, aber welcher Gott soll denn damit gemeint sein? – antwortet der Liberale hierauf. Denn wie unbestreitbar wahr alle diese konservativen Auffassungen in der Theorie sind, so waren geschichtlich doch dort, wo eine bestimmte Religion mit einem bestimmten Moralkodex tatsächlich praktiziert wurde, die Hexenprozesse niemals weit. Die Betonung der Gemeinschaft und des spirituellen Zusammenhangs und Zusammenhalts führt nur allzu schnell in eine Haltung, die "meine" Gemeinschaft, "meinen" Gott, "mein" Land über alles stellt, und wer meinem Gott nicht anhängt, kommt in die Hölle – wobei

ich gern etwas Hilfestellung leiste. Die konservative Haltung ist einer mehr oder weniger unverhüllten kulturellen Tyrannei niemals fern. Sollte es nicht möglich sein, diese kulturelle Tyrannei des Konservatismus über Bord zu werfen und zugleich seine Stärke zu erhalten, insbesondere seine Spiritualität? Und könnte es nicht eine Möglichkeit geben, die Stärke des Liberalismus (die individuelle Freiheit) zu wahren und die Tyrannei der Geistfeindlichkeit über Bord zu werfen? Kurz, könnte es nicht einen spirituellen Liberalismus geben? Einen spirituellen Humanismus? Eine Haltung, die die Rechte des einzelnen in einen tieferen spirituellen Zusammenhang stellt, durch den diese Rechte nicht geleugnet, sondern vielmehr begründet werden? Könnte eine neue Auffassung von Gott, vom Geist, sich nicht in den edelsten Zielsetzungen des Liberalismus wiedererkennen? Könnten diese beiden modernen Feinde, Gott und der Liberalismus, in irgendeiner Weise eine gemeinsame Basis finden? Ich glaube, dass es für die moderne und postmoderne Welt keine dringlichere Frage gibt als diese. Eine konservative Spiritualität allein wird die Welt weiterhin spalten und zersplittern, weil man mit dieser Haltung Menschen nur dann zur Einheit bringen kann, wenn man sie zu seinem jeweiligen Gott bekehrt, und ob dieser Gott Jehovah, Allah, Shinto oder Shiva heißt, spielt überhaupt keine Rolle: In ihrem Namen werden Kriege geführt. Vielmehr geht es darum, die Vorzüge der liberalen Aufklärung zu erhalten, sie aber zugleich in den Kontext einer Spiritualität einzubinden, die den sehr konkreten und sehr präzise formulierten Einwendungen der Aufklärung die Spitze abbricht und eine Antwort auf sie gibt. Es wird eine Spiritualität sein, die auf der Aufklärung ruht, statt sie zu bekämpfen. Es wird, mit anderen Worten, ein liberaler Geist sein. Ich meine, dass die auf den folgenden Seiten umrissene spirituelle Orientierung ein Schritt in diese Richtung ist. In gewissem Sinne sind alle

meine Bücher (insbesondere Das Atman-Projekt, Halbzeit der Evolution, Die drei Augen der Erkenntnis, Der glaubende Mensch, Eros, Kosmos, Logos und

Eine kurze Geschichte des Kosmos) Vorreden zu genau diesem Thema: Der Suche nach einem liberalen Gott, einem liberalen Geist, einem spirituellen Humanismus oder einer humanistischen Spiritualität oder wie auch immer man letztlich den Kern einer solchen Orientierung nennen will. Ob es einen liberalen Gott geben kann, hängt vor allen Dingen von der Antwort auf die Frage ab, wo man den Geist ansiedeln will. Mit diesem Thema werde ich mich ausführlich im letzten Kapitel befassen, und in späteren Büchern soll dieses Thema noch eingehender behandelt werden. Aber das allgemeine Thema "Gott und Politik" entscheidet sich, wie ich glaube, an eben jenen theoretischen Fragen, die wir auf den folgenden Seiten erörtern werden, und diese Diskussion muss geführt werden, bevor man darangehen kann, die eigentlichen politischen Konturen mit einiger

Überzeugungskraft darzustellen. In diesem Buch soll also (als Teil meiner "Vorreden") das Thema Politik und Spiritualität nicht weiter explizit verfolgt werden, auch wenn es ständig im Hintergrund vorhanden ist. Statt dessen soll in den folgenden Kapiteln zunächst die "spirituelle humanistische" Orientierung auf Themen wie Psychologie, Philosophie, Anthropologie und Kunst angewandt werden. Ich bezeichne diesen Ansatz als integral. Integral bedeutet zusammenfassend, einschließend, umfassend, ausgewogen; es geht darum, diese integrale Orientierung auf die verschiedenen Gebiete menschlichen Erkennens und Strebens anzuwenden, wozu auch die Integration von Wissenschaft und Spiritualität gehört. Dieser integrale Ansatz ist nicht nur für die Politik von Bedeutung: er führt zu tiefgreifenden Veränderungen unserer Auffassung von Psychologie und dem menschlichen Geist, von Anthropologie und der Geschichte der Menschheit, von Literatur und der Bedeutung des Menschen, von Philosophie und dem Streben nach Wahrheit. All dies wird, wie ich glaube, von einem integralen Ansatz nachhaltig verändert, der versucht, das Beste dieser Gebiete in einem beide Seiten bereichernden Dialog zusammenzuführen. Das vorliegende Buch ist eine Einführung in eine solche integrale Sichtweise.

Über zwei Drittel des nachfolgenden Materials wurden speziell für dieses Buch geschrieben und erscheinen hier zum ersten Mal. In dieses neue Material habe ich einige frühere Aufsätze eingestreut, die unmittelbar mit den verschiedenen Themen zusammenhängen. Aber auch diese sind überarbeitet, weshalb ich dieses Buch für alle praktischen Zwecke als ein neues Buch betrachte. Dennoch kann man jedes Kapitel als relativ selbständigen Aufsatz betrachten, da sich jedes einem bestimmten Thema – von Psychologie über Philosophie und Anthropologie bis zu bildender Kunst und Literatur – widmet und dieses aus einer integralen Sichtweise untersucht. In der Einleitung wird die Bedeutung des Begriffs "integral" erläutert und die dahinterstehende Philosophie dargestellt (wie es auch Jack Crittenden in seinem Vorwort tut). In gewisser Weise ist die Einleitung der wichtigste und anspruchsvollste Teil. Sollte der Leser sie als "ein bisschen heavy" empfinden, kann er sie einfach kurz überfliegen und sich dann Kapitel 1 zuwenden, das sich in wesentlich einfacheren Begriffen mit der integralen Psychologie befasst. Kapitel 2 ist der integralen Anthropologie und Kapitel 3 der integralen Philosophie gewidmet. Wenn man nach der Lektüre des ganzen Buchs die Einführung noch einmal lesen will, könnte dies dem Gesamtverständnis dienlich sein. In Kapitel 4 und 5 wird eine integrale Kunsttheorie vorgelegt, und dies sind vielleicht meine persönlichen Lieblingskapitel. Es gibt wohl kaum ein verrückteres Gebiet als die Literaturkritik, die überladen ist mit politischen Agenden, welche als "Deutungsmethoden" daherkommen, und vollgestopft mit konstruierter Dekonstruktion, postimperialem Imperialismus,

antifemininem Feminismus, universellem Anti-Universalismus und was es dergleichen Selbstwidersprüche mehr gibt. Die Kunst- und Literaturtheorie mag als eher begrenztes, exotisches Spezialgebiet erscheinen, und doch glaube ich, dass gerade hier eine jede integrale Theorie die Nagelprobe bestehen muss. In der Zeitschrift ReVision Journal erschien vor kurzem eine dreiteilige Serie, die sich mit meinem Werk im allgemeinen und insbesondere mit Eros, Kosmos, Logos befasste. Kapitel 6, 7, 8 und 9 basieren teilweise auf meiner Antwort auf diese Aufsätze. Diese Kapitel sollten chronologisch gelesen werden, da andernfalls der Sinnzusammenhang nicht deutlich ist. Jedoch ist in ihnen alles Nötige gesagt, so dass man nicht die ursprünglichen Artikel in ReVision zu lesen braucht, um dem Thema folgen zu können. Da ich gebeten wurde, auf bestimmte Themen eine persönliche Antwort zu geben, enthalten diese Kapitel außerdem eine mehr oder weniger historische Zusammenfassung meiner eigenen Arbeit. Ich erörtere einige meiner wichtigsten Bücher und die darin vorgelegten Hauptgedanken, nenne die Daten und Umstände ihrer Entstehung und vergleiche sie mit anderen zum damaligen Zeitpunkt aktuellen Ansätzen. Im Grunde widerstrebt mir eine solche Selbstbespiegelung, aber ich sah in diesem speziellen Fall keine andere Möglichkeit der Darstellung. Ich bezeichne dabei die Hauptphasen meines Werks als Wilber I, Wilber II, Wilber III und Wilber IV, womit ich meinen Ergüssen recht selbsteingenommen die Aura der Bedeutsamkeit verleihe. Wie schon in meinen früheren Büchern empfehle ich dem Leser, die Anmerkungen getrennt zu lesen, da sie sonst den Lesefluss zu sehr stören. Die beiden letzten Kapitel, 11 und 12, sind der Frage gewidmet, wo genau der Geist seinen Sitz hat. Diese Kapitel befassen sich nicht ausdrücklich mit politischen Fragen, doch ist das Thema wiederum eine Vorrede hierzu. Denn daraus, wo wir den Geist ansiedeln, entstehen immer politische Agenden. Suchen wir den Geist im Patriarchat, beim Großen Gott? Suchen wir ihn im Matriarchat, bei der Großen Göttin? Suchen wir ihn in Gaia? In verflossenen romantischen Zeiten? In einer Offenbarung, die einem bestimmten Volk gegeben wurde? Oder suchen wir ihn in einem großen Punkt Omega, auf den wir alle zueilen? Ich werde zu zeigen versuchen, dass alle diese Antworten falsch sind. Mehr noch, alle diese Antworten führen ausnahmslos in eine politische Tyrannei, weil sie alle behaupten, dass der Geist an manchen Orten sei und an anderen nicht – und sobald man eine solche Trennlinie zieht, warten schon die Gaskammern auf diejenigen, die nicht auf unserer Seite des Zauns stehen.

Einen liberalen, befreiten und befreienden Geist findet man auf keinem dieser Wege. Wo siedeln wir den Geist an: Dies ist die große Frage unserer Zeit. Und dies ist die zentrale Frage für die Suche nach einem liberalen Gott. Auf den folgenden Seiten will ich versuchen, den einen Ort des Geistes deutlich zu machen, der niemandem Leid zufügt, alles umschließt und sich mit größter Klarheit ausspricht, der nichts von seiner Fürsorge ausnimmt noch seine Zuwendung auf wenige Auserwählte beschränkt, der weder sein Antlitz im geschlossenen Zirkel der "wahren Gläubigen" verbirgt noch seine Wohnstätte in einer bestimmten Örtlichkeit nimmt, sondern aus demjenigen blickt, der jetzt diese Zeilen liest – zu offensichtlich, als dass man es übersehen, zu einfach, als dass man es beschreiben, zu selbstverständlich, als dass man es glauben könnte. Im Auge des Geistes werden wir alle einander begegnen, und ich werde Sie dort finden und Sie mich, und das Wunder ist, dass wir einander tatsächlich finden. Dass dies geschieht, ist zweifellos einer der schlichtesten Beweise für Gottes beharrliche Existenz.

K.W.

Boulder, Colorado

Einleitung: Ein integrales Verständnis des Wahren, Schönen, Guten

Um das Ganze verstehen zu können, muss man die Teile verstehen. Um die Teile zu verstehen, muss man das Ganze verstehen. Das ist der Zirkel des Verstehens. Man geht vom Teil zum Ganzen und wieder zurück, und in diesem Tanz des Erkennens, in diesem erstaunlichen Zirkel des Verstehens erwacht man zu Bedeutung, Wert und Vision. Dieser Kreislauf des Verstehens geleitet uns, fügt die Stücke zusammen, heilt die Brüche, verbindet die auseinandergerissenen Teile, macht den Weg vor uns hell in einer außerordentlichen Bewegung vom Teil zum Ganzen und wieder zurück, wobei Heilung bei jedem Schritt geschieht und Gnade der köstliche Lohn ist. Dieses Einleitungskapitel ist ein kurzer Überblick über das Ganze, in diesem Fall dieses ganze Buch. Deshalb wird manches davon erst verständlich werden, wenn sich die Teile, das heißt die späteren Kapitel, entfalten. Ab Kapitel 1 werden dann die Teile klar und einfach erläutert; der Zirkel des Verstehens wird, wie ich glaube, in Gang kommen, und die integrale Schau wird deutlich werden.

Der Urknall hat aus allen nachdenklichen Menschen Idealisten gemacht. Zuerst war nichts – und dann platzte in weniger als einer Nanosekunde die materielle Welt ins Dasein. Diese ersten materiellen Prozesse gehorchten anscheinend mathematischen Gesetzen, die irgendwie vor dem Urknall existierten, weil sie offenbar von Anfang an wirksam waren. Es scheint, dass der Urknall, was auch immer er sonst noch bewirkte, von den beiden großen philosophischen Haltungen, die dem denkenden Menschen seit jeher zur Verfügung stehen, nämlich Idealismus und Materialismus, dem letzteren den Todesstoß versetzt hat. Dieser idealistische Trend in der modernen Physik geht jedoch mindestens schon auf die Doppelrevolution der Relativitäts- und Quantentheorie zurück. Die Mehrzahl des runden Dutzends von Pionieren der modernen Physik wie Albert Einstein, Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger, Louis de Broglie, Max Planck, Wolfgang Pauli und Sir Arthur Eddington waren

Idealisten oder Transzendentalisten der einen oder anderen Spielart. Und ich meine dies in einem ganz strengen Sinne. Von de Broglies Behauptung, dass "die Mechanik eine Mystik erfordert", bis zu Einsteins spinozistischem Pantheismus, von Schrödingers vedantischem Idealismus bis zu Heisenbergs platonischen Archetypen: Diese Physiker vereinte in ihren bahnbrechenden Anschauungen die Überzeugung, dass die Welt ohne die Hinzunahme des Bewusstseins selbst keinen Sinn hat und nicht befriedigend erklärt werden kann. "Die Welt beginnt immer mehr wie ein großer Gedanke, nicht wie eine große Maschine auszusehen", fasste Sir James Jeans die vorhandenen Befunde zusammen. Und wenn er sagt, dass sich die Welt wohl kaum mehr anders erklären lasse als durch die Annahme, dass sie "im Geiste irgendeines ewigen Geistes" existiert, dann hätte ihm wohl keiner dieser großen Physiker widersprochen. 1 Nun wird aber "geistige Gesundheit" seit jeher so definiert, dass man in einer irgendwie grundlegenden Weise "Kontakt" mit der Wirklichkeit hat. Aber wenn wir gerade bei den "realistischsten" Wissenschaften nachfragen, wie es denn um das Wesen dieser grundlegenden Wirklichkeit bestellt sei, jener Wirklichkeit, mit der wir "in Kontakt" sein sollen, und in der wir ohne Umschweife beschieden werden, dass diese Wirklichkeit in Wirklichkeit "im Geiste eines ewigen Geistes" existiert – was dann? Heißt dann geistige Gesundheit, in direktem Kontakt mit dem Geist irgendeines ewigen Geistes zu sein? Und wenn wir den Physikern bezüglich der Natur dieser höchsten Wirklichkeit keinen Glauben schenken, wem dann? Wenn wir geistig gesund bleiben wollen, mit welcher Wirklichkeit sollen wir dann Kontakt haben?

Das Gespenst in der Maschine

Eines der großen Probleme bei dieser "spirituellen" Argumentation besteht darin, dass die Schlussfolgerungen zu "mager", zu spekulativ, zu weit hergeholt, ja zu "schauerlich" klingen, sofern man nicht gerade mathematischer Physiker ist, der sich täglich mit diesen Problemen herumschlägt. Ganz zu schweigen davon, dass nur allzu viele östliche und westliche Theologen die klaffenden Schlupflöcher in der wissenschaftlichen Darstellung der Natur dazu genutzt haben, ihre Gottesversion ins Rampenlicht zu rücken. Aus diesem Grund gehen heute die meisten praktischen Naturwissenschaftler, Ärzte, Psychologen und Psychiater ruhig ihrer Arbeit nach, ohne sich von diesen ausgefallenen "idealistischen" Spekulationen ihren Horizont trüben zu lassen. Vom kognitiven Behaviorismus bis zur künstlichen Intelligenz, vom psychologischen Konnektivismus bis zur biologischen

Psychiatrie halten sich die meisten Forscher einfach nach wie vor an eine materialistische Erklärung von Geist, Psyche und Bewusstsein. Man nimmt also als grundlegende Wirklichkeit die materielle, physische oder sensomotorische Welt an, und der Geist ist dann nichts weiter als die Summe der Repräsentationen oder Abspiegelungen dieser empirischen Welt. Das Gehirn selbst ist angeblich eine biomaterielle Informations- Verarbeitungsanlage, die man mit objektiven und wissenschaftlichen Begriffen erklären kann, und die Informationen, die es verarbeitet, bestehen aus nichts weiter als Repräsentationen der empirischen Welt ("keine Berechnung ohne Repräsentation"). Ein materielles und objektives Gehirn verarbeitet eben eine materielle und objektive Welt, und der subjektive Bereich des Bewusstseins ist im besten Falle ein Epiphänomen, das im Gefolge eines physiologischen Feuerwerks entsteht. Der Geist spukt einfach als Gespenst in der Maschine, und ob diese Maschine ein Computer, ein biomaterieller Prozessor oder ein Servomechanismus ist, spielt überhaupt keine Rolle. Der langgezogene Todesschrei des gespenstischen Geistes hallt durch die endlosen Korridore der heutigen wissenschaftlichen Forschung. Ein typisches Beispiel für einen solchen objektivistischen Ansatz ist Daniel Dennetts in weiten Kreisen geschätztes Consciousness Explained (dt.

Philosophie des menschlichen Bewusstseins, Hamburg 1994), das, wie

andere weniger wohlmeinend sagen, besser Consciousness Explained Away heißen müsste. In allen diesen Ansätzen huschen objektive Repräsentationen durch konnektivistische Netzwerke, und das einzige, worin sich diese Darstellungen unterscheiden, ist die jeweilige Art des objektiven Netzes, durch das Informationsbits ihre festgelegten Runden drehen, um die Illusion von Bewusstsein zu erzeugen. Alle diese Darstellungen sind, abgesehen von einigen zweifellos wichtigen Beiträgen, letztlich doch Versuche des Bewusstseins, die Existenz von Bewusstsein zu leugnen, womit man doch einen recht erheblichen Aufwand an kausaler Argumentation um etwas treibt, das angeblich nur ein wirkungsloser Dunst, ein gespenstisches Nichts ist. Man kann es drehen und wenden, wie man will, diese empirischen und objektivistischen Darstellungen (analoge und digitale Datenmengen, die durch Informationsnetze huschen, oder Neurotransmitter, die über dendritische Pfade sausen) geben nicht unsere tatsächliche Erfahrung unseres inneren Bewusstseins wieder. Wenn Sie und ich in unser Inneres schauen, finden wir eine andere Welt vor, keine Welt von Bits und Bytes und imaginären digitalen Einheiten, sondern eine Welt von Bildern und Vorstellungen, von Hunger und Schmerz, von Gedanken und Wahrnehmungen, Wünschen und Begierden, Absichten und Abneigungen, Hoffnungen und Ängsten. Und wir erkennen diese inneren Daten unmittelbar und direkt: Sie sind uns einfach gegeben, sie sind einfach da, sie tauchen einfach auf, und wir gewahren sie in dem Umfang, wie wir sie gewahren

möchten. Diese inneren Daten könnten in der Tat durch umfangreiche Aneinanderreihungen vermittelter Ereignisse bedingt sein, wofür vieles spricht, nur spielt dies im Augenblick der Innenschau überhaupt keine Rolle:

Meine inneren Zustände sind dem Bewusstsein schlicht unmittelbar gegeben, sooft ich mich ihnen zuwende. Selbst wenn man versuchen wollte, den Kognitivisten, Funktionalisten und Behavioristen recht zu geben, wenn man sich das Bewusstsein als Informationsbits vorzustellen versucht, die durch neuronale Netze hüpfen, dann kann ich diese Vorstellung selbst nur als innere und direkte Wahrnehmung haben. Ich erfahre diese Vorstellung innerlich und unmittelbar; zu keinem Zeitpunkt erfahre ich tatsächlich etwas, das auch nur entfernt wie ein Informationsbit aussieht, welches über einen konnektivistischen Pfad flitzt. Dies ist einfach eine Vorstellung, und ich bekomme diese Vorstellung wie alle Vorstellungen in einem Akt einer inneren und Bewussten Wahrnehmung. Mit anderen Worten, der objektivistische Ansatz gegenüber Erfahrung und Bewusstsein kann nicht einmal seine eigene Erfahrung und sein eigenes Bewusstsein erklären, kann die Tatsache nicht erklären, dass digitale Bits nicht als digitale Bits, sondern als Hoffnungen und Ängste erfahren werden.

Inneres und Äußeres

Meine innere und subjektive Erfahrung ist mir also in einer Weise gegeben, der die objektivistischen und empirischen Begriffe des Funktionalismus oder Kognitivismus oder neuronalen Konnektivismus nicht gerecht werden. Meine subjektive und innere Welt, die viele Namen hat – Bewusstsein, Gewahrsein, Geist, Seele, Vorstellung, Idealismus –, fällt also durchaus nicht mit meiner objektiven und äußeren Beschreibung der Welt zusammen, die ebenfalls viele Namen hat: Gehirn, Natur, Materialismus, materielle, biophysische, empirische Welt. Es gibt ein Innen und ein Außen, Geist und Gehirn, Subjektivität und Objektivität, Idealismus und Materialismus, Innenschau und Positivismus, Hermeneutik und Empirismus usw. Es erstaunt daher nicht, dass sich praktisch vom Beginn des menschlichen Erkenntnisstrebens an die Theoretiker für einen dieser beiden ganz unterschiedlichen und anscheinend miteinander unverträglichen Erkenntniswege entschieden haben, den inneren oder den äußeren. Von der Psychologie bis zur Theologie, von der Philosophie bis zur Metaphysik, von der Anthropologie bis zur Soziologie war das menschliche Erkenntnisstreben praktisch immer in diese beiden Richtungen gespalten.

(Wie wir bald sehen werden, besteht eine der Hauptaufgaben eines integralen Ansatzes gerade darin, diese beiden grundsätzlichen Wege zu akzeptieren und zusammenzuführen, sie zu integrieren und zu zeigen, wie sie für ein Verständnis des menschlichen Bewusstseins und Verhaltens gleichermaßen bedeutsam und wichtig sein können.) Auf der einen Seite gibt es also diejenigen Ansätze, die von objektiven, empirischen und oft auch quantifizierbaren Beobachtungsdaten ausgehen. Diese Richtungen – nennen wir sie die "äußeren", "naturalistischen" oder "empirisch-analytischen" Richtungen – betrachten die physische oder empirische Welt als das Grundlegende, und für sie müssen alle Theorien streng in empirischen Beobachtungsdaten verankert sein. In der Psychologie ist dies der klassische Behaviorismus, dessen jüngstes Kind der kognitive Behaviorismus ist (kognitiven Strukturen wird nur insoweit ein Wirklichkeitsgehalt zugebilligt, als sie sich in beobachtbarem Verhalten manifestieren). In der Soziologie sind dies der klassische Positivismus (z. B. in der vom Begründer der Soziologie, Auguste Comte, vertretenen Form), aber auch die außerordentlich einflussreichen Strömungen des strukturellen Funktionalismus und der Systemtheorie (von Talcott Parsons über Niklas Luhmann bis Jeffrey Alexander), in denen kulturelle Hervorbringungen nur insoweit signifikant sind, als sie Aspekte eines objektiven gesellschaftlichen Aktionssystems sind. Selbst in der Theologie und der Metaphysik geht dieser naturalistische Ansatz von bestimmten empirischen und materiellen Daten aus und versucht, die Existenz des Geistes von empirischen Befunden herzuleiten (wie z. B. das teleologische Argument). Diesen naturalistischen und empirischen Ansätzen stehen andere gegenüber, die von der Unmittelbarkeit des Bewusstseins selbst ausgehen; nennen wir sie die "inneren" oder die "introspektiven und interpretativen" Ansätze. Diese leugnen nicht die Bedeutung empirischer und objektiver Daten, aber sie verweisen wie William James darauf, dass "Datum" definiert ist als "unmittelbare Erfahrung", und die einzige wirklich unmittelbare Erfahrung, die wir alle haben, ist unsere eigene unmittelbare und innere Erfahrung. Mit anderen Worten, das Ur-Datum ist dasjenige des Bewusstseins, der Intentionalität, des unmittelbaren gelebten Gewahrseins, und alles andere, von der Existenz von Elektronen bis zur Existenz neuronaler Pfade, sind Ableitungen aus dem unmittelbaren erlebten Gewahrsein. Diese sekundären Ableitungen können sehr wahr und sehr wichtig sein, aber sie sind und bleiben sekundär und Ableitungen von der primären Tatsache der unmittelbaren Erfahrung. Während also in der Psychologie der objektivistische Ansatz verschiedene Varianten eines Behaviorismus hervorbringt, führt der subjektivistische Ansatz zu den verschiedenen Schulen der Tiefenpsychologie wie zum Beispiel Psychoanalyse, jungianischer, Gestalt-, phänomenologisch-existentieller und

humanistischer Psychologie, ganz zu schweigen von der Vielzahl kontemplativer und meditativer östlicher und westlicher Psychologien. Alle diese Traditionen gehen von unmittelbar wahrgenommenen inneren Zuständen und direkten Erfahrungswirklichkeiten aus und bauen ihre Theorien auf diesen unmittelbaren "Daten" auf. Diese Schulen interessieren sich daher weniger für Verhalten als für die Deutung und Bedeutung psychologischer Symbole, Symptome und Zeichen. Der Titel von Freuds erstem großen Buch ist programmatisch: Die Traumdeutung. Träume sind eine innere und symbolische Hervorbringung, und alle Symbole müssen gedeutet werden. Was ist die Bedeutung von Hamlet? Von Krieg und Frieden? Unserer Träume, unseres Lebens? Die introspektiven und interpretativen Schulen der Psychologie sind Versuche, dem Menschen zu helfen, sein Inneres genauer und authentischer zu interpretieren und dadurch Sinn und Erklärung für sein Handeln, seine Symptome, sein Leiden, seine Träume, sein Leben zu finden. In der Soziologie tritt der subjektivistische Ansatz in den überaus einflussreichen Schulen der Hermeneutik und der interpretativen Soziologie zutage (Hermeneutik ist die Kunst und Wissenschaft der Interpretation). Wiederum im Gegensatz zu den objektivistischen Ansätzen, denen es darum geht, empirisches Verhalten zu erklären, möchten die interpretativen Ansätze in der Soziologie symbolische Hervorbringungen verstehen. Nicht "Wie

funktioniert es", sondern "Was bedeutet es?"

Nehmen wir zum Beispiel den Regentanz der Hopi. Der typische objektive funktionalistische Ansatz versucht, die Existenz des Tanzes als notwendigen Aspekt der Integration des sozialen Aktionssystems zu erklären. Mit anderen Worten, der Tanz hat eine verhaltensmäßige Funktion im Gesellschaftssystem als Ganzem, und diese Funktion, von der die Eingeborenen im allgemeinen nichts wissen, soll in der autopoietischen Selbsterhaltung des gesellschaftlichen Aktionssystems liegen (z. B. Parsons). Der hermeneutische Ansatz in der Soziologie versucht dagegen, sich in die Sichtweise der Eingeborenen zu versetzen und den Tanz gewissermaßen von innen, in einer sympathetischen Haltung des gegenseitigen Verständnisses zu begreifen. Der interpretierende Soziologe stellt (als "teilnehmender Beobachter") fest, dass mit dem Tanz sowohl die Natur geehrt als auch in einer sympathetischen Weise beeinflusst werden soll. Er kommt daher zu dem Schluss, dass der Tanz phänomenologisch der Versuch einer Verbindung mit einem Reich ist, das man als heilig erfährt. (Zu den neueren Vertretern einer hermeneutischen Soziologie und Anthropologie zählen so einflussreiche Theoretiker wie Charles Taylor, Clifford Geertz und Mary Douglas; ihre Arbeit ist befruchtet von Heideggers hermeneutischer Ontologie und Hans-Georg Gadamers hermeneutischer Philosophie, und zu

ihren geistigen Vätern zählen weiterhin Pioniere wie Wilhelm Dilthey und Friedrich Schleiermacher.) Auch in der Theologie und der Metaphysik stehen der äußere und der innere Ansatz in scharfem Gegensatz. Die objektivistische Haltung geht von gewissen empirischen materiellen Tatsachen aus und versucht, aus ihnen die Existenz transzendenter Wirklichkeiten herzuleiten. Thomas von Aquin zum Beispiel verfolgt bei seinen verschiedenen Gottesbeweisen diesen Weg. Er geht von bestimmten Naturtatsachen aus und versucht zu zeigen, dass diese nach einem Urheber verlangen. Auch heute noch zwingt für viele Physiker und Mathematiker dieses sogenannte teleologische Argument zu dem Schluss, dass es einen Weltbaumeister geben müsse. Hierzu gehört auch das neuerdings sehr beliebte anthropische Prinzip, dem zufolge die Welt von Anfang an einen verborgenen Plan gehabt haben muss, da die Existenz des Menschen extrem unwahrscheinlich ist. Der subjektive und introspektive Ansatz wiederum versucht nicht, die Existenz des Geistes deduktiv aus empirischen oder natürlichen Ereignissen zu beweisen, sondern richtet das Licht des Bewusstseins direkt auf den inneren Bereich selbst – den einzigen Bereich direkter Daten – und sucht den Geist in demjenigen, was diese Daten enthüllen. Meditation und Kontemplation sind das Paradigma, das Musterbeispiel, die konkrete Praxis, auf der alle theoretischen Erwägungen ruhen müssen. Der Gott im Inneren, nicht der äußere Gott ist das Ziel. (Im Westen ist dies der Weg, den vor allen Dingen Plotin und Augustinus vorgezeichnet haben, weshalb die großen Antagonisten in der westlichen Theologie Augustinus und Thomas von Aquin sind.) In der Philosophie selbst ist dies natürlich die tiefe Kluft zwischen dem angelsächsischen und dem kontinentaleuropäischen Ansatz der Moderne, ein Unterschied, den beide Lager nicht unter den Teppich kehren (sondern durch die lustvolle Kritik aneinander noch herausstreichen). Der typisch angelsächsische (britische und amerikanische) Ansatz ist empirisch- analytisch; seine Väter sind John Locke und David Hume, doch wurde er berühmt durch das Cambridge-Triumvirat G. E. Moore, Bertrand Russell und der frühe Ludwig Wittgenstein. "Wir machen uns Bilder der (empirischen) Tatsachen", sagt Wittgenstein in seinem Tractatus, und das Ziel einer jeden echten Philosophie ist für ihn die Analyse und Klärung dieser empirischen Bilder der empirischen Welt. Ohne empirische Bilder gibt es für ihn keine echte Philosophie. Dies wiederum erschien den großen kontinentaleuropäischen Philosophen immer als unglaublich naiv, seicht und sogar primitiv. Mit Immanuel Kant beginnend, wurde nach ihm in unterschiedlicher Weise und in verschiedenen Ausgestaltungen von Schelling, Hegel, Nietzsche, Schopenhauer, Heidegger, Derrida und Foucault etwas ganz anderes verkündet: Die sogenannte

"empirische" Welt ist in einer sehr bedeutsamen Weise nicht einfach

Wahrnehmung, sondern Deutung.

Mit anderen Worten, die angeblich einfache "empirische" und "objektive" Welt ist nicht einfach "da draußen" vorhanden, wo man sie nur anzuschauen brauchte. Vielmehr ist die "objektive" Welt in subjektive und intersubjektive Zusammenhänge und Hintergründe eingebettet, die in vielerlei Weise festlegen, was in dieser "empirischen" Welt gesehen wird und gesehen werden kann. Wahre Philosophie besteht also, wie diese Philosophen in ihrer je unterschiedlichen Weise sagen, nicht einfach darin, dass man sich Bilder von der objektiven Welt macht, sondern vielmehr in einer Erforschung der Strukturen im Subjekt, die es überhaupt erst ermöglichen, sich Bilder zu machen. Dies ist ganz einfach deshalb nötig, weil die "Handschrift" des Kartographen auf allen seinen Landkarten deutlich zu sehen ist. Der Schlüssel zur Welt sind also nicht einfach die objektiven Karten, sondern der subjektive Kartograph. Die Tatsache, dass diese beiden Ansätze, der äußere und der innere, der objektivistische und der subjektivistische, sich auf allen menschlichen Wissensgebieten nachdrücklich und beharrlich behauptet haben, sollte uns etwas sagen: dass nämlich beide Ansätze zutiefst signifikant sind. Beide sind für uns von unschätzbarer Wichtigkeit. Die integrale Sichtweise sieht ihre vornehmste Aufgabe darin, diese beiden tiefen Ansätze des menschlichen Erkenntnisstrebens zu würdigen und zu integrieren.

Würdigung beider Wahrheiten: Der integrale Ansatz

Wenn man nun die Beispiele genauer betrachtet, die ich für die verschiedenen Formen von Erkenntnisansätzen gegeben habe, stellt man fest, dass sie nicht in zwei, sondern vielmehr in vier große Kategorien zerfallen, weil der innere und der äußere Ansatz aus einem individuellen und einem kollektiven Teil bestehen. Mit anderen Worten, man kann sich jeder Erscheinung aus einer "inneren" und einer "äußeren" Sichtweise nähern, aber auch als Individuum und als Angehöriger eines Kollektivs. Innerhalb dieser vier Lager gibt es große und sehr einflussreiche Schulen. Die nachfolgende Tabelle 1 enthält die Namen einiger bekannter Theoretiker jedes dieser vier Lager. Oben Links (OL) ist "innen" und "individuell" (z. B. Freud). Oben Rechts (OR) ist "außen" und "individuell" (z. B. Behaviorismus). Unten Links (UL) ist "innen" und "kollektiv" (z. B. die kulturellen Werte und Weltsichten einer Gruppe, wie sie die interpretative Soziologie untersucht). Unten Rechts (UR) schließlich ist

"außen" und "kollektiv" (z. B. das objektive gesellschaftliche Aktionssystem, wie es die Systemtheorie erkundet). Nehmen wir einmal als Fallbeispiel für alle diese vier Bereiche (oder Quadranten, wie ich sie im folgenden nennen werde) einen einfachen Gedanken, zum Beispiel die Absicht, zum Bäcker zu gehen. Wenn ich diesen Gedanken habe, ist die eigentliche Erfahrung der Gedanke selbst, der innere Gedanke und seine Bedeutung, die Symbole, Bilder, die Idee, zum Bäcker zu gehen. Dies ist Oben Links, das Innere des Individuums.

INNEN

• hermeneutisch

interpretativ

AUSSEN

• empirisch, positivistisch

monologisch

 

• Bewusstsein

• Form

INDIVIDUELL

Sigmund Freud C. G. Jung Jean Plaget Aurobindo Plotin Gautama Buddha

B. F. Skinner John Watson John Locke Empirismus Behaviorismus Physik, Biologie Neurologic usw.

Intentional

Verhaltensmäßig

 

Kulturell

Sozial

KOLLEKTIV

Thomas Kuhn

Systemtheorie

Wilhelm Dilthey

Talcott Parsons

Jean Gebser

Auguste Comte

 

Max Weber

Karl Marx

Hans-Georg Gadamer

Gerhard Lenski

Diagramm 1

Während ich diesen Gedanken habe, treten natürlich entsprechende Veränderungen in meinem Gehirn auf: Ein Anstieg des Dopaminspiegels, Acetylcholin überspringt die Synapsen, die Betawellen nehmen zu usw. Dies sind empirisch beobachtbare Vorgänge in meinem Gehirn. Und dies ist Oben Rechts. Aber obwohl nun mein Gehirn "in" meinem Organismus ist, ist es doch nicht Teil meines eigentlichen inneren Gewahrseins. Ich kann mein Gehirn nicht einmal sehen, es sei denn, ich lasse mir den Schädel öffnen und einen

Spiegel geben. Mein Gehirn ist ein objektives, physisches, biomaterielles Organ, das in einer objektiven und empirischen Weise (Oben Rechts) erkannt werden kann. Meinen Geist, mein Bewusstsein aber erkenne ich auf eine unmittelbare, direkte und innere Weise (Oben Links). Wenn ich den Gedanken erlebe, dass ich zum Bäcker gehen will, sage ich nicht: "Hey, was für ein Dopamin-Tag!", sondern ich erfahre den Gedanken auf seine eigene Art, in seinen eigenen Umrissen. Das Gehirn kann objektiv gesehen werden, während der Geist subjektiv erfahren wird. Vielleicht stellt man sogar eines Tages fest, dass beides zwei verschiedene Aspekte derselben Sache sind, dass sie parallel, dualistisch, interaktiv oder was auch immer sind, aber im Augenblick ist das Entscheidende, dass sich das eine nicht ohne Rest auf das andere reduzieren lässt, weil, was auch immer man im übrigen aussagen kann, sie doch phänomenologisch etwas völlig Verschiedenes sind. Um noch einmal auf das innere Denken selbst (OL) zurückzukommen:

Man beachte, dass es nur in bezug auf den eigenen kulturellen Hintergrund einen Sinn ergibt. Wenn ich eine andere Sprache sprechen würde, würde sich der Gedanke aus anderen Symbolen zusammensetzen und hätte ganz andere Bedeutungen. Wenn ich vor einer Million Jahren in einer Stammesgesellschaft leben würde, könnte ich niemals den Gedanken haben, zum Bäcker gehen zu wollen. Ich würde vielleicht denken: "Es ist Zeit, einen Bären zu erlegen." Das Entscheidende ist, dass meine Gedanken selbst in einem kulturellen Hintergrund entstehen, der meinem individuellen Denken Struktur, Bedeutung und Kontext gibt, und ich könnte nicht einmal mit mir selbst reden, wenn ich nicht in einer Gemeinschaft von Menschen stünde, die ebenfalls mit mir reden. Die kulturelle Gemeinschaft dient also als intrinsischer Hintergrund und Kontext für alle individuellen Gedanken, die ich haben kann. Meine Gedanken tauchen nicht aus dem Nichts in meinem Kopf auf, sondern aus einem kulturellen Hintergrund, und wie weit ich mich auch von diesem Hintergrund entfernen mag, kann ich ihn doch niemals ganz hinter mir lassen, ja, ich hätte ohne ihn überhaupt niemals Gedanken entwickelt. Die Fälle von "Wolfskindern" zeigen, dass das menschliche Gehirn ohne Kultur von selbst keine sprachlichen Gedanken hervorbringt. Kurz gesagt, individuelle Gedanken existieren nur vor einem weitläufigen Hintergrund kultureller Praktiken, Sprachen und Bedeutungen, ohne die man praktisch keine individuellen Gedanken bilden könnte. Dies ist der untere linke Quadrant, das Innere des Kollektivs, der intersubjektive Raum des gemeinsamen kulturellen Kontexts. Meine Kultur selbst ist aber nicht einfach körperlos, schwebt nicht in einem idealistischen leeren Raum. Sie hat materielle Komponenten, wie auch meine eigenen individuellen Gedanken materielle Korrelate im Gehirn haben. Alle kulturellen Ereignisse haben soziale Entsprechungen. Zu diesen

konkreten sozialen Komponenten zählen Technikformen, Produktionskräfte (gartenbauliche, ackerbauliche, industrielle usw.), konkrete Institutionen, schriftlich festgelegte Codes und Muster, geopolitische Orte usw. Dies ist der untere rechte Quadrant, das soziale Aktionssystem. Diese konkreten materiellen Komponenten, das bestehende Gesellschaftssystem, sind entscheidend für die kulturelle Weltsicht, in deren Rahmen meine eigenen Gedanken auftauchen. Mein angeblich "individueller Gedanke" ist also in Wirklichkeit ein Phänomen, dem (mindestens) diese vier Aspekte eigentümlich sind, der intentionale, der verhaltensmäßige, der kulturelle und der soziale. Schreiten wir den holistischen Kreis ab: Das Gesellschaftssystem hat einen starken Einfluss auf die kulturelle Weltsicht, die die Bandbreite möglicher individueller Gedanken begrenzt, die sich wiederum in physiologischen Reaktionen im Gehirn niederschlagen. Diesen Kreis kann man in jeder Richtung abschreiten. Die Quadranten sind alle miteinander verwoben und determinieren einander. Sie sind die Ursache aller anderen Quadranten in konzentrischen Kreisen von Kontexten in Kontexten ohne Ende. Ich möchte dies nicht in langatmigen Ausführungen begründen, sondern einfach auf die schlichte Tatsache verweisen, dass das durchgängige Vorhandensein dieser vier großen Lager im Erkenntnisstreben Beweis genug dafür ist, dass sich keines vollständig auf das andere reduzieren lässt. Jeder Ansatz liefert gewissermaßen eine "Ecke" des Kosmos. Jeder von ihnen sagt etwas sehr Wichtiges über verschiedene Aspekte der bekannten Welt aus. Und keiner von ihnen kann ohne schwere und gewaltsame Brüche, Verzerrungen und Entwertungen auf einen anderen reduziert werden. Meiner Ansicht nach gibt es diese vier großen Bereiche menschlicher Erkenntnis einfach deshalb, weil diese vier Aspekte des menschlichen Seins sehr konkret, sehr beständig, sehr tief sind. Eines der Ziele des integralen Ansatzes (und der, wie man es nennen könnte, "integralen Studien") besteht darin, diese vier außerordentlichen Bereiche, den intentionalen, den Verhaltensmäßigen, den kulturellen und den sozialen, gelten zu lassen und zu integrieren. 2 Gehen wir weiter der Frage nach, wie der integrale Ansatz alle Ebenen und alle Quadranten einbeziehen kann.

Die vier Antlitze der Wahrheit

Jedem dieser "vier Quadranten" ist eine bestimmte Art von Wahrheit oder ein, mit Habermas' Ausdruck, "Geltungsanspruch" zu eigen, das heißt, eine andere Art und Weise, Daten und Evidenz zu sammeln und zu sichten. Eine

kurze Übersicht hierzu zeigt Abbildung 2. Wenn ich sage, dass keiner dieser Quadranten auf die übrigen reduziert werden kann, dann bedeutet dies auch, dass keine ihrer jeweiligen Wahrheiten verworfen oder verkürzt werden kann.

Nachfolgend einige kurze Beispiele für die verschiedenen Geltungsansprüche oder "Arten von Wahrheit", wobei ich die vier Quadranten von Abbildung 1 und 2 durchgehe.

Wahrheit Die Form von Wahrheit, die man im oberen rechten Quadranten findet, wird als repräsentationale, propositionale oder Wahrheit der Adäquation bezeichnet. Eine Aussage ist prepositional wahr, wenn sie mit einer objektiven Tatsache übereinstimmt. "Draußen regnet es" ist eine wahre Aussage, wenn dies zum gegebenen Zeitpunkt den Fakten entspricht. Propositionen sind mit einfachen empirischen, objektiven Beobachtungsdaten verknüpft, und wenn diese Propositionen zutreffen, werden sie als wahr bezeichnet. Mit anderen Worten, wenn die Landkarte mit dem Gelände übereinstimmt, nennt man sie eine wahre Repräsentation oder Adäquation ("Wir machen uns Bilder von Tatsachen"). Die meisten Menschen sind mit dieser Art von Wahrheit recht gut vertraut. Sie ist die Grundlage eines großen Teils der empirischen Wissenschaften, aber auch unseres ganz alltäglichen Lebens. Propositionale Wahrheit ist so allgemein, dass man sie auch mit Wahrheit schlechthin gleichsetzt.

Wahrhaftigkeit Im oberen linken Quadranten dagegen lautet die Frage nicht, ob es draußen regnet. Sie lautet vielmehr: Wenn ich Ihnen sage, dass es draußen regnet, sage ich dann die Wahrheit oder lüge ich? Sie lautet nicht, ob die Landkarte mit dem Gelände übereinstimmt, sondern vielmehr, ob man dem Kartographen trauen kann. Wir haben es hier ja weniger mit äußerlichem und beobachtbarem Verhalten zu tun als vielmehr mit inneren Zuständen, und dieses Innere eines anderen Menschen ist mir nur durch Gespräch und Interpretation zugänglich. Wenn ich nicht nur etwas über Ihr Verhalten in Erfahrung bringen möchte, sondern darüber, was Sie empfinden oder denken, dann muss ich mit Ihnen reden und interpretieren, was Sie sagen. Aber wenn Sie mir von Ihrem inneren Zustand berichten, können Sie auch lügen. Ja, man kann sich sogar selbst belügen. Mit der Tatsache, dass man sich selbst belügen kann, betreten wir das weite Reich der Tiefenpsychologie. Der Geltungsanspruch liegt hier weniger darin, ob meine Aussagen mit äußeren Tatsachen übereinstimmen, sondern

darin, ob ich etwas Wahres über meinen eigenen inneren Zustand aussagen kann. Praktisch allen Schulen der Tiefenpsychologie zufolge ist Neurose im weitesten Sinne ein Zustand, in dem man den Kontakt zu seinen eigenen wahren Gefühlen, zu seinen tatsächlichen Wünschen oder zu seinem authentischen inneren Zustand verloren hat. An irgendeinem Punkt der Entwicklung begann der Betreffende, wie die meisten dieser Schulen sagen, sich bezüglich seines eigenen inneren Status zu belügen, indem er diesen leugnete und verdrängte, verzerrte und unterdrückte – er begann, seine subjektive Verfassung falsch zu interpretieren. Diese Fehlinterpretationen, diese Verheimlichungen, diese Fiktionen beginnen das Bewusstsein in der symbolischen Form schmerzhafter Symptome zu verdunkeln, die verräterische Spuren der Lüge sind.

 

INNEN

AUSSEN

linksseitige Wege

rechtsseitige Wege

SUBJEKTIV

OBJEKTIV

INDIVIDUELL

Wahrhaftigkeit

Wahrheit

Aufrichtigkeit

Entsprechung

Integrität

Repräsentation

Vertrauenswürdigkeit

Proposition

 

Ich

Es

KOLLEKTIV

 

Wir

Es

Gerechtigkeit

funktionelles Passen

kulturelles Passen gegenseitiges Verständnis Richtigkeit INTERSUBJEKTIV

Gewebe der Systemtheorie Strukturell/Funktionalismus Gitter sozialer Systeme INTEROBJEKTIV

Diagramm 2

Für diese Schulen ist Therapie der vordringlichste Versuch, wieder mit den eigenen inneren Zuständen, seinen Symptomen, Symbolen, Träumen und Begierden in Kontakt zu kommen, um diese genauer und wahrhaftiger zu deuten. Eine genauere und wahrhaftigere Deutung der Leiden des Betreffenden hilft diesem, seine bislang rätselhaften Symptome zu verstehen, ihre Bedeutung zu erkennen. So wird der Betreffende sich selbst weniger

rätselhaft, er wird "durchschaubarer" und offener, und seine Schutzmauern fallen. Den tiefenpsychologischen Schulen zufolge entstanden also die schmerzhaften Symptome durch eine Fehlinterpretation, eine Verheimlichung, ein dynamisches und intensives Verbergen, eine Lüge bezüglich des eigenen inneren Zustands. Eine wahrhaftigere, getreuere und angemessenere Interpretation öffnet die Tiefen eines Menschen in einer sinnvolleren und transparenteren Weise, wodurch die Symptome abklingen.

Nicht so sehr objektive Wahrheit als subjektive Wahrhaftigkeit ist der

Geltungsanspruch des oberen linken Quadranten. (Eine integrale Therapie, die alle Ebenen und alle Quadranten einschließt, würde natürlich die verhaltensmäßigen und pharmakologischen Therapien des oberen rechten Quadranten keinesfalls vernachlässigen. Wir erörtern hier einfach nacheinander die Quadranten mit ihren typischen Geltungsansprüchen und Wahrheitsformen). Man beachte auch, dass zum Beispiel die Phänomenologie meditativer Zustände sich ganz auf den Geltungsanspruch der subjektiven Wahrhaftigkeit stützt, was ein völlig anderer Ansatz ist als die objektive Physiologie meditativer Zustände. Wenn man sich also für die neurophysiologischen Veränderungen interessiert, die im Meditationszustand auftreten, kann man einen Meditierenden an ein EEG-Gerät anschließen und seine Gehirnzustände aufzeichnen, gleichgültig, wie er selbst diese beschreibt. Man bedient sich einfach einer empirischen und objektiven Wahrheit, um dessen Gehirnphysiologie zu kartographieren; hierzu braucht man nicht einmal mit ihm zu reden. Die Maschine zeichnet genau auf, was an elektrischen Prozessen in seinem Gehirn abläuft. Wenn jemand jedoch wissen will, was tatsächlich in seinem Bewusstsein, in seinem Geist vorgeht, dann muss man ihn fragen und mit ihm reden, das heißt einen dialogischen und intersubjektiven Ansatz, keinen monologischen und bloß empirischen wählen. Was erfährt er, wenn die Nadel des Elektroenzephalographen ausschlägt? Sieht er ein strahlendes inneres Licht, das von einer mitleidsvollen Tiefe und Wärme erfüllt ist? Oder heckt er einen Plan aus, wie er die Spirituosenhandlung um die Ecke ausrauben kann? Der Elektroenzephalograph kann und wird dies nicht verraten. Für die Suche nach dieser Art von innerer Wahrheit heißt der Geltungsanspruch Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit, Aufrichtigkeit (OL). Wenn ich in meinen Aussagen unaufrichtig bin, bekommen Sie keineswegs eine genaue Phänomenologie meiner inneren Zustände, sondern nur eine Kette von Täuschungen und Verheimlichungen. Wenn ich mich schon die ganze Zeit selbst belüge, werde ich darüber hinaus aufrichtig glauben, die Wahrheit

zu sagen, und nichts im Kurvenbild des Elektroenzephalographen wird den geringsten Hinweis darauf geben. Soviel zu empirischen Tests. Die Physiologie der Meditation stützt sich also auf objektive Daten, deren Meßlatte die propositionale Wahrheit ist, während sich die Phänomenologie der Meditation auf subjektive Daten stützt, deren Meßlatte die Wahrhaftigkeit ist. Wir haben hier ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie der obere rechte und der obere linke Quadrant sich mit ihren je unterschiedlichen, aber gleichermaßen wichtigen Geltungsansprüchen dem Bewusstsein zu nähern versuchen.

Funktionelles Passen Die beiden unteren Quadranten, der innerlich-kollektive und der äußerlich-kollektive, gehen über das Individuelle hinaus und befassen sich mit dem Kollektiven oder Gemeinschaftlichen. Wie wir bei dem Beispiel des Regentanzes der Hopi gesehen haben, nähert sich der untere rechte Quadrant dem Gemeinschaftlichen aus einer äußerlichen und objektiven Haltung und versucht, den Status der einzelnen Mitglieder unter dem Gesichtspunkt ihres funktionellen Passens gegenüber dem objektiven Ganzen zu erklären. Dieser Ansatz versucht also mit seinem Geltungsanspruch jedes Individuum in ein objektives Netz einzuordnen, das in vielerlei Hinsicht die Funktion eines jeden Teils festlegt. Die Wahrheit liegt für diese Ansätze des unteren rechten Quadranten in der objektiven Vernetzung individueller Teile, so dass das objektive, empirische Ganze, das "Gesamtsystem", die primäre Wirklichkeit ist. Das aus einer empirischen Haltung betrachtete objektive Verhalten des ganzen gesellschaftlichen Aktionssystems bildet die Meßlatte, nach der Wahrheiten in diesem Bereich beurteilt werden. Der Geltungsanspruch dieses Quadranten ist, mit anderen Worten, funktionelles Passen, so dass jede Proposition in das Gewebe des Gesamtsystems eingebunden sein muss. Wir kennen dies als die übliche Systemtheorie in ihren vielen Verkleidungen. Theorien über Gaia (und meist zugleich auch die Göttin), über globale Netze und Systeme, über "neue Paradigmen", die "holistische Netzwerke" propagieren, über dynamische Prozesse, die in das große empirische Gewebe des Lebens eingewoben sind – all dies sind Ansätze des unteren rechten Quadranten, des Quadranten der beobachtbaren und empirischen Prozesse, die in funktionellem Passen nahtlos ineinander verwoben sind.

Gerechtigkeit Wenn der untere rechte Quadrant zu erklären versucht, wie Objekte in einem funktionellen Ganzen oder Geflecht empirischer Prozesse

zusammenpassen, so versucht der untere linke Quadrant zu verstehen, wie

Subjekte in einem Akt gegenseitigen Verständnisses zusammenpassen.

Anders ausgedrückt: Wenn ich mit jemandem zusammenziehe, nehmen wir nicht nur denselben empirischen und physischen Raum ein, sondern auch denselben intersubjektiven Raum gegenseitiger Wahrnehmung und Anerkennung. Wir müssen nicht nur unsere Körper in denselben objektiven Raum einpassen, sondern auch unser subjektives Sein in denselben kulturellen, ethischen und moralischen Raum. Wir müssen Mittel und Wege finden, die beiderseitigen Rechte und diejenigen der Gemeinschaft anzuerkennen und zu achten, und diese Rechte sind nicht im objektiven Stoff festgeschrieben, noch sind sie einfach eine Frage meiner eigenen individuellen Aufrichtigkeit, noch eine solche des funktionellen Zusammenpassens empirischer Ereignisse, sondern vielmehr eine Frage des Zusammenfügens unserer Seelen in einem intersubjektiven Raum, das es uns erlaubt, einander anzuerkennen und zu achten. Es kommt nicht darauf an, unbedingt immer einer Meinung zu sein, aber darauf, einander anzuerkennen – und wenn dies nicht geschieht, herrscht schlicht Krieg. Was wir also brauchen, ist nicht nur Wahrheit, nicht nur Wahrhaftigkeit und nicht nur funktionales Passen, sondern auch Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Güte und Fairness. Dieser intersubjektive Raum (unser gemeinsamer Hintergrund und unsere gemeinsamen Weltsichten) ist ein wesentliches Element unseres Menschseins, ohne das es unsere individuellen subjektiven Identitäten nicht gäbe und ohne das wir keine objektiven Wirklichkeiten wahrnehmen könnten. Weiterhin entwickelt und entfaltet sich dieser intersubjektive Strang nicht anders als die übrigen Quadranten. (Eine umfassende Theorie des menschlichen Bewusstseins und Verhaltens wird alle diese Quadranten und ihre Entwicklung sehr sorgfältig berücksichtigen müssen. Dies ist, wie ich noch ausführen werde, ein entscheidender Aspekt der integralen Studien.) Man beachte, dass die beiden kollektiven Ansätze gleichermaßen holistisch sind; dagegen betrachten die Gesellschaftswissenschaften das Ganze eher in einer objektiven oder empirischen Haltung von außen, während die kulturelle Hermeneutik sich dem Ganzen von innen aus einem empathischen Verstehenwollen nähert. Der Geltungsanspruch der ersteren ist funktionelles Passen oder Systemvernetzung, ein interobjektives Zusammenpassen eines jeden objektiven Prozesses mit jedem anderen Prozess. Der Geltungsanspruch der letzteren ist kulturelles Passen oder gegenseitige Anerkennung, die intersubjektive Vernetzung, die nicht zu einer objektiven Verknüpfung von Systemen führt, sondern zum gegenseitigen Verständnis von Menschen. Mit anderen Worten, das eine ist äußerer, das andere innerer Holismus.

(Es ist leicht zu zeigen, dass die meisten Theoretiker, die sich "holistisch" nennen, in Wirklichkeit bloß äußere Holisten sind, eine Einseitigkeit, der wir

nicht das Wort zu reden brauchen. Bisher hat noch niemand einen "Holismus" vorgelegt, der tatsächlich alle vier Quadranten auf allen ihren Ebenen

umfassen würde, und es wird deutlich werden, dass dies eines der zentralen Anliegen des integralen Ansatzes ist.)

Die Gültigkeit integraler Erkenntnis

Das Entscheidende ist nun, dass alle diese vier Geltungsansprüche ihre jeweils eigene Form von Evidenz und Daten besitzen, weshalb bestimmte Behauptungen innerhalb eines jeden Anspruchs beurteilt, das heißt bestätigt oder verworfen, bekräftigt oder zurückgewiesen werden können. Damit ist jeder dieser Ansprüche offen für das allentscheidende Falsifikationskriterium jeder echten Erkenntnis. Jeder weiß, wie die Falsifikation in den empirischen Wissenschaften funktioniert: Landkarten, Modelle und Bilder, die nicht mit den empirischen Befunden vereinbar sind, können durch Beibringung weiterer Fakten schließlich für ungültig erklärt werden. Derselbe Falsifikationsgrundsatz ist aber auf alle echten Geltungsansprüche anwendbar, weshalb in allen vier Quadranten überhaupt erst Lernen möglich ist: Irrtümer werden durch weitere Evidenz in diesen Quadranten beseitigt. So ist zum Beispiel Hamlet nur der Interpretation, nicht der Empirie zugänglich, und trotzdem ist die Aussage "im Hamlet geht es um die Freuden des Krieges" eine falsche Aussage – sie ist eine schlechte Interpretation, sie ist falsch, und sie kann von einer Gemeinschaft von Menschen zurückgewiesen werden, die 1. die Injunktion oder das Experiment durchführen (das heißt das Stück namens Hamlet lesen); 2. die interpretativen Daten oder Wahrnehmungen sammeln (die Bedeutung des Stücks im Lichte der gesamten verfügbaren Evidenz prüfen) und

3. diese Daten mit denjenigen anderer vergleichen, die dasselbe Experiment durchgeführt haben (Rechtfertigung oder Zurückweisung durch die Gemeinschaft Kompetenter). Diese drei Stränge allen echten Wissenserwerbs (Injunktion, Daten, Bestätigung) sind in allen Geltungsansprüchen vorhanden, die selbst wiederum in den ganz realen Daseinsbereichen des Menschen verankert sind, dem intentionalen, dem verhaltensmäßigen, dem kulturellen und dem sozialen. Mit anderen Worten, diese sehr realen Bereiche bilden das

Fundament unseres Strebens nach Wahrhaftigkeit, Wahrheit, Gerechtigkeit und funktionellem Passen, wobei sich der Fortschritt auf diesen Gebieten jeweils mittels der Prüfsteine Injunktion, Daten und Bestätigung vollzieht. (Wir werden uns diesem Thema noch in Kapitel 3 zuwenden.) Die epistemologischen Behauptungen der integralen Studien sind daher wie jede andere gültige Erkenntnisbehauptung ganz auf Experiment, Datensammlung und Rechtfertigung durch die Gemeinschaft Kompetenter gegründet. Zum Glück lässt sich all dies sehr gut vereinfachen.

Ich, Wir und Es

Diese vier gleich wichtigen Geltungsansprüche oder "Wahrheitstypen" sind in Abbildung 2 dargestellt. Neben das Achsenkreuz habe ich in die Ecken der vier Quadranten die Wörter "Ich", "Wir" und "Es" geschrieben. Dies hat seinen Grund darin, dass jeder dieser vier Quadranten in einer anderen Sprache beschrieben wird. Sie besitzen eine jeweils unterschiedliche, aber völlig gültige Phänomenologie, weshalb sie in einer eigenen Sprache beschrieben werden müssen. So werden die Ereignisse und Daten des oberen linken Quadranten in einer "Ich-Sprache" beschrieben, die Ereignisse und Daten des unteren linken Quadranten in einer "Wir-Sprache". Die beiden rechten Quadranten sind empirisch und äußerlich, weshalb sie in einer "Es-Sprache" beschrieben werden können. Damit lassen sich die vier Quadranten auf drei einfache Bereiche zurückführen : Ich, Wir und Es, die ich die Großen Drei nenne. Aber weil sich keiner der Quadranten auf einen anderen reduzieren lässt, können auch diese Sprachen nicht auf eine der anderen reduziert werden. Jeder Quadrant ist außerordentlich wichtig und bildet einen wesentlichen Bestandteil des Weltganzen. Und ganz gewiss sind sie wesentlicher Bestandteil eines umfassenden Verständnisses der Psychologie und Soziologie des Menschen. Nachfolgend einige wenige der wichtigsten Elemente dieser drei Hauptgebiete des Ich, Wir und Es:

Ich (OL): Bewusstsein, Subjektivität, Selbst und Selbstausdruck (u. a. Kunst und Ästhetik), Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit.

Wir (UL): Ethik und Moral, Weltsichten, gemeinsamer Kontext, Kultur, intersubjektive Bedeutung, gegenseitiges Verständnis, Angemessenheit, Gerechtigkeit.

Es (OR und UR): Wissenschaft und Technik, objektive Natur, empirische Formen (u. a. Gehirn und Gesellschaftssysteme), propositionale Wahrheit (Singular und funktionelles Passen).

Die empirische Wissenschaft befasst sich mit Objekten, mit einem "Es", mit empirischen Mustern. Moral und Ethik zielen auf das "Wir" und unsere intersubjektive Welt des gegenseitigen Verständnisses und der Gerechtigkeit. Kunst und Ästhetik betreffen das Schöne im Auge des Betrachters, das "Ich". Dies ist natürlich im Prinzip Platons Gutes (Ethik, das "Wir"), Wahres (im Sinne einer propositionalen Wahrheit, objektiver Wahrheit oder eines "Es") und Schönes (die ästhetische Dimension, die von jedem "Ich" wahrgenommen wird). Die Großen Drei sind auch Sir Karl Poppers recht berühmte drei Welten, die objektive (Es), die subjektive (Ich) und die kulturelle (Wir). Viele Menschen, mich eingeschlossen, betrachten Jürgen Habermas als den größten lebenden Philosophen, und die Großen Drei sind auch Habermas' drei Geltungsansprüche: Objektive Wahrheit, subjektive Aufrichtigkeit und intersubjektive Gerechtigkeit. Von großer historischer Bedeutung sind natürlich die Großen Drei in Kants außerordentlich einflussreicher Trilogie, der Kritik der reinen Vernunft

(objektive Wissenschaft), Kritik der praktischen Vernunft (Moral) und Kritik

der Urteilskraft (ästhetisches Urteil und Kunst). Auch auf der Ebene der spirituellen Entwicklung finden wir diese drei Bereiche, etwa – um nur ein Beispiel zu geben – in den "Drei Kostbarkeiten" des Buddhismus: Buddha, Dharma, Sangha. Der Buddha ist der erleuchtete Geist in allen fühlenden Wesen, das Ich, das Nicht-Ich ist, das ursprüngliche Gewahrsein, das in jedem Inneren aufleuchtet. Der Buddha ist das "Ich" oder das "Auge" des Geistes. Sangha ist die Gemeinschaft der spirituell Übenden, das "Wir" des Geistes. Dharma ist die spirituelle Wahrheit, die erkannt wird, das "Es", die "Esheit" oder "Soheit" einer jeden Erscheinung. Man könnte Dutzende weiterer Beispiele geben, doch dürften damit die Großen Drei ausreichend skizziert sein. Diese Darstellung ist nun für die integralen Studien von größter Wichtigkeit, weil jede umfassende Theorie des menschlichen Bewusstseins und Verhaltens alle vier Quadranten oder einfach diese drei großen Bereiche berücksichtigen und integrieren muss, die sich jeweils durch einen anderen Geltungsanspruch und eine ganz andere Sprache auszeichnen. Auch dies ist wiederum ein Beispiel für die pluralistische, multimodale und multidimensionale Haltung, die das prägende Merkmal des integralen Ansatzes ist: Berücksichtigung aller Ebenen und aller Quadranten.

Flachland

Wie überlebensfähig die "linksseitigen" Ansätze der Introspektion, der Interpretation und des Bewusstseins (die dem "Ich"- und dem "Wir"-Bereich zugewandt sind) sich auch erwiesen haben, haben wir es doch im Westen seit etwa dreihundert Jahren mit einem massiven und aggressiven Versuch der modernen Wissenschaft und der einseitig rechtsseitigen Ansätze zu tun, den ganzen Kosmos auf ein Bündel von "Es-heiten" zu reduzieren. Der Ich- und der Wir-Bereich wurden dabei von den Es-Bereichen, vom wissenschaftlichen Materialismus, vom Positivismus, Behaviorismus, Empirismus und den objektivistisch-äußerlichen Ansätzen fast vollständig usurpiert. Dieser rechtsseitige Imperialismus, der der westlichen Moderne seinen Stempel aufgedrückt hat, wird allgemein als Szientismus bezeichnet, bei dem es sich, wie ich ihn definieren würde, um den Glauben handelt, die ganze Welt ließe sich in einer Es-Sprache erklären. Er besteht in der Annahme, dass sich alle subjektiven und intersubjektiven Räume ohne Rest auf das Verhalten objektiver Prozesse reduzieren lassen, dass sich menschliches und nichtmenschliches Inneres vollständig als holistisches System dynamisch miteinander verflochtener Es-heiten darstellen lassen. Über den plumpen Reduktionismus wissen wir schon Bescheid: Dies ist die Reduzierung aller komplexen Entitäten auf materielle Atome, was man mit Fug als plump bezeichnen kann. Viel verbreiteter, heimtückischer und gefährlicher ist dagegen der subtile Reduktionismus. Dieser fuhrt einfach jedes Ereignis der linken Seite auf seinen entsprechenden Aspekt der rechten Seite zurück. Er reduziert alle Ich- und alle Wir-heiten auf ihre entsprechenden empirischen Korrelate, also auf Es-heiten. Der Geist wird auf das Gehirn reduziert, praxis auf techne, Inneres auf Bits digitaler Es-heiten, Tiefe auf endlose Oberflächen eines flachen und verblassten Systems, qualitative Ebenen auf quantitative Ebenen, dialogische Interpretation auf den monologischen Blick – kurz, die ganze mehrdimensionale Welt wird brutal auf ein Flachland zusammengedrückt. Aber ebendeshalb, weil der Mensch über die vier verschiedenen Aspekte verfügt, den intentionalen, den verhaltensmäßigen, den kulturellen und den sozialen, kann diese naturwissenschaftliche Vorgehensweise so attraktiv erscheinen, denn jedes innere Ereignis besitzt in der Tat eine äußere Erscheinung. (Selbst wenn man eine außerkörperliche Erfahrung hat, bewirkt dies Veränderungen im empirischen Gehirn!) Daher hat es zunächst durchaus etwas für sich, das Erkenntnisstreben dadurch vereinfachen zu wollen, dass man nur empirische Daten und objektive Es-heiten zulässt.

Aber wenn man schließlich alle Ich-heiten und Wir-heiten auf bloße Es- heiten reduziert hat, wenn man schließlich alles Innere in Äußeres verwandelt hat, wenn man alle Tiefen zu glattpolierten Oberflächen gemacht hat, dann hat man einen ganzen Kosmos restlos ausgeweidet. Man hat allen Wert, Bedeutung, Bewusstsein, Tiefe und Diskurs aus der Welt verbannt und die verdorrten und blutleeren Überreste auf dem Seziertisch des monologischen Blicks ausgebreitet. Das Bewusstsein wird so in der Tat zum Gespenst in der Maschine, denn es hat soeben Selbstmord begangen. Womit wir bei Whiteheads berühmter Beschreibung der modernen naturwissenschaftlichen Weltsicht (des subtilen Reduktionismus) angelangt wären: "Eine fade Sache, ohne Klang, ohne Duft, ohne Farbe, nur noch das endlose, sinnlose Hasten von Material." Und er fügte hinzu: "Das hat die moderne Philosophie ruiniert." Es nützt auch nichts, dass dieser subtile Reduktionismus oft in holistischem Gewand daherkommt, weil sein Holismus immer nur die Außenseite betrifft: holistische und dynamisch miteinander verwobene Es- heiten! Wenn man ein Buch über die holistische Systemtheorie oder das neue holistische wissenschaftliche Paradigma aufschlägt, findet man eine endlose Erörterung der Chaostheorie, kybernetischer Feedback-Mechanismen, dissipativer Strukturen, der Komplexitätstheorie, globaler Netze, von Systeminteraktionen – und all dies ist in der Sprache von Es-Prozessen beschrieben. Man findet nichts Substantielles über Ästhetik, Dichtkunst, Schönheit, Güte, ethische Dispositionen, intersubjektive Entwicklung, innere Erleuchtung, transzendente Intuition, ethische Antriebe, gegenseitiges Verständnis, Gerechtigkeit oder meditative Phänomenologie – und so etwas nennt sich "Holismus". Man findet, mit anderen Worten, nichts als eine monochrome Welt miteinander verwobener Es-heiten ohne Anerkennung der ebenso wichtigen und ebenso holistischen Bereiche des Ich und Wir, der subjektiven und intersubjektiven Räume, die doch überhaupt erst eine Wahrnehmung objektiver Systeme ermöglichen. Die Systemtheorie bekämpft daher in großartiger Weise den plumpen Reduktionismus, aber dafür ist sie selbst die herausragende Vertreterin des subtilen Reduktionismus, jenes "Es-ismus", der die Moderne so nachhaltig geprägt hat. "Das hat die moderne Philosophie ruiniert": Aber nicht nur diese, sondern auch die moderne Psychologie, Psychiatrie und Kognitionswissenschaft, weil sie nach wie vor alle Ich-heiten und alle Wir- heiten auf Info-Esheiten reduzieren, die durch neuronale Es-Pfade huschen, auf denen sie durch Es-Neurotransmitter ihren Es-Zielen entgegenbefördert werden. Gegenwart, Existenz und Bewusstsein des Menschen sind nicht mehr nötig. Dass dies oft holistische und systemorientierte Ansätze sind, nützt da

auch nichts mehr: Dies ist einfach subtiler Reduktionismus der schlimmsten Art, ein Flachland-Gewebe von Es-heiten. Dabei ist die Existenz dieser objektivistischen, empirischen, systemischen Es-Ansätze an sich nicht das Problem. Sie sagen Zutreffendes und Wichtiges über das Äußere verschiedener Phänomene aus, und insoweit sind sie unverzichtbar. Diesbezüglich bejahe ich sie voll und ganz. Das Problem liegt darin, dass diese Ansätze das Monopol auf die Wahrheit an sich reißen wollen und behaupten, der empirische Es-Bereich sei der einzige bedeutsame. Diesem aggressiven Imperialismus und dieser Usurpierung des Ich- und des Wir-Bereichs durch die monologischen Es-Ansätze muss man entgegentreten, wo immer man ihnen begegnet, und zwar im Namen anderer und ebenso ehrbarer Wahrheiten. Vergessen wir nicht: Das einzige, was der Urknall uns gelehrt hat, ist, dass eine Welt von Es-heiten das Universum in keiner Weise erklären kann. Auf irgendeine unauslöschliche Weise sind das Ich und das Wir ebenfalls dem Stoff des Kosmos eingewoben. Und in einer solchen Behauptung liegt durchaus nichts "Weithergeholtes" oder "Schauerliches". Jean's "im Geist eines ewigen GEISTES" mahnt uns lediglich, dass eine Welt bloßer Es-heiten überhaupt keine Welt mehr ist. Bewusstsein und Form, Subjektives und Objektives, Inneres und Äußeres, Purusha und Prakriti, Dharmakaya und Rupakaya sind Kette und Schuss eines wunderbaren Universums, das völlig sinnlos wird, wenn eines von beiden verworfen wird.

Das Elend der Verleugnung

Man kann sich also der Einsicht nicht mehr verschließen, dass jedes Denksystem von der Philosophie über die Soziologie und die Psychologie bis zur Religion, das versucht, einen der vier Geltungsansprüche zu ignorieren oder zu leugnen, es mit dem Problem zu tun bekommt, dass diese ignorierten Wahrheiten innerhalb des Systems als schwerer innerer Widerspruch wieder auftauchen. Mit anderen Worten, wenn man die Realität einer dieser Wahrheiten bestreitet, dann kommt der geleugnete Quadrant durch die Hintertür wieder in das System herein (man schmuggelt ihn selbst in seine Philosophie hinein) und wird dieses System von innen her aufzehren, bis er schließlich als eklatanter Widerspruch zur Oberfläche durchbricht. Lassen Sie mich im folgenden die Quadranten durchgehen und einige kurze Beispiele dafür anführen, was mit Erkenntnistheorien geschieht, die einen der Quadranten leugnen. Dies ist sehr wichtig, weil, wie ich glaube, nicht nur orthodoxe, sondern auch "postmoderne" Ansätze und solche des

"Neuen Paradigmas" oft von solchen einseitigen Modetorheiten infiziert sind, die ein integraler Ansatz im Interesse einer umfassenderen Vorgehensweise kritisieren muss.

Szientismus Wie wir gesehen haben, sprechen Empiriker (und Positivisten und Szientisten im allgemeinen) praktisch allen linksseitigen Dimensionen jegliche konstitutive Wirklichkeit ab; nur das Rechtsseitige ist für sie wirklich. Alle linksseitigen Sachverhalte seien höchstens Abspiegelungen oder Repräsentationen der sensomotorischen Welt, der Welt des einfachen Orts, der Welt der Es-heiten, die von den menschlichen Sinnen oder ihren Verlängerungen erfasst wird. Aber "empirische objektive Erkenntnis" findet nur im Raum einer intersubjektiven Struktur statt, die die Differenzierung von Subjekt und Objekt überhaupt erst erlaubt. Nach Thomas Kuhns berühmter Formulierung sind wissenschaftliche Fakten in kulturelle Praktiken oder Paradigmen eingebettet. Damit wird nicht die objektive Komponente der Erkenntnis bestritten, wohl aber, dass Erkenntnis bloß objektiv oder unbefleckt empirisch sei. Mit anderen Worten, um behaupten zu können, dass alle Wahrheit "streng empirisch" ist, müssen die Empiriker in intersubjektiven Strukturen stehen, über die ihre eigenen Theorien aber nichts auszusagen vermögen. Die linguistische Aussage, dass alle gültige Erkenntnis empirisch sei, ist selbst nicht empirisch, und wenn die Empiriker so ihre eigene Position bekräftigen, laden sie sich einen Widerspruch auf: Der geleugnete intersubjektive Quadrant schlägt mit einem Überraschungsangriff zurück. (Diese intersubjektive Komponente der empirischen Erkenntnis bildet den Ansatzpunkt für viele einflussreiche Kritiken, nicht nur Thomas Kuhns Angriff auf den einfachen Empirismus, sondern auch Piagets kognitiv-strukturelle Revolution und Noam Chomskys vernichtende Kritik am Skinnerschen Behaviorismus in der Linguistik, um nur einige zu nennen.)

Kultureller Konstruktivismus In neuerer Zeit haben wir es mit dem umgekehrten Versuch zu tun, der Leugnung jeglicher Form objektiver Wahrheit und ihrer Auflösung in einem kulturellen Konstruktivismus (dieser Ansatz heißt auch "sozialer Konstruktivismus", doch im technischen Sinne handelt es sich immer um einen kulturellen Konstruktivismus). Die extremen Versionen des Konstruktivismus beinhalten einen aggressiven Versuch, alle Quadranten auf den unteren linken Quadranten zu reduzieren (d.h. alle Erkenntnisbehauptungen zu intersubjektiven Konstruktionen zu machen). Dieser Versuch scheitert prompt und spektakulär. Nicht einmal Derrida und Foucault vertreten diesen extremen Konstruktivismus (auch wenn ihre

amerikanischen Anhänger dies immer behaupten). Derrida räumt heute die Existenz transzendentaler Signifikate ein; ohne sie wäre es ihm zufolge unmöglich, von einer Sprache in eine andere zu übersetzen. Auch Foucaults Archäologie ist eine Aufeinanderfolge universeller Konstanten im menschlichen Erkennen, innerhalb dessen kulturspezifische Variationen konstruiert werden. Die extremen Konstruktivisten behaupten jedoch, dass es so etwas wie objektive Wahrheit nicht gäbe, weil unsere Vorstellungen einfach gemäss den jeweiligen Interessen konstruiert werden, meist Macht, aber auch verschiedene "Ismen" und Ideologien (Sexismus, Rassismus, Speziesismus, Kolonialismus usw.). Aber nun nehmen die Konstruktivisten für sich selbst in Anspruch, dass ihre Auffassung wahr sei. Dies könnten sie aber nur tun, wenn sie eine Theorie der Wahrheit verträten, die selbst nicht durch Macht oder Ideologie verzerrt ist. Mit anderen Worten, sie müssten die rechtsseitigen Aspekte des Daseins akzeptieren und anerkennen, durch die die Behauptungen einer adäquaten Wahrheit erst eine Grundlage bekämen, denn dies ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt aller Erkenntnis. 3 Statt dessen behaupten sie einfach, es sei objektiv wahr, dass es keine objektive Wahrheit gibt. Natürlich sind Aspekte der Erkenntnis intersubjektiv konstruiert, aber diese Konstruktionen vollziehen sich in Netzen subjektiver, objektiver und interobjektiver Wirklichkeiten, die die Konstruktion einschränken. So werden wir zum Beispiel niemals eine gemeinsame kulturelle Weltsicht finden, in der Äpfel nach oben fallen oder in der Männer gebären – soviel zum willkürlichen Konstruktivismus. Deshalb ist auch John Searles letztes Buch ein scharfer Angriff auf den strengen Konstruktivismus. Er nennt es The Construction of Social Reality (im Gegensatz zur "gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit"), wobei er sagt, dass gesellschaftliche Wirklichkeit zum Teil an einer gegebenen sensomotorischen Welt konstruiert wird, die adäquat wiedergegeben wird, so dass diese Wirklichkeit selbst nicht gesellschaftlich konstruiert ist. Er sagt, dass wir auch zu den konstruierten Aspekten der Wirklichkeit nur vordringen können, wenn wir eine Übereinstimmung in der Vergleichbarkeit haben; beide sind unabdingbar.

Der Reduktionismus der Systemtheorie Während die kulturellen Konstruktivisten versuchen, alle Wirklichkeit auf den unteren linken Quadranten zu reduzieren, versucht die Systemtheorie, sie auf den unteren rechten zu reduzieren. Dieser soziale Reduktionismus versucht, alle Wahrheit auf funktionelles Passen zurückzuführen, auf das dynamische Wechselspiel holistischer Es-heiten. Alle Ich- und Wir-heiten sind im dynamischen Gewebe miteinander verflochtener Es-heiten aufgelöst.

Natürlich ist dieses dynamische Gewebe sehr wirklich – es ist der untere rechte Quadrant des Kosmos, aber dies ist nur eine Teilwahrheit, die, wenn sie verabsolutiert wird, die ganze linke Hälfte des Kosmos mit sich in den Abgrund reißt. Funktionelles Passen reduziert alle Wirklichkeit letztlich auf Begriffe des unteren rechten Quadranten (das Gesellschaftssystem), weshalb alle anderen Geltungsansprüche (von der propositionalen Wahrheit über kulturelle Bedeutung bis zur persönlichen Integrität) letztlich nur danach beurteilt werden, wie gut sie der holistischen Funktion des Gesellschaftssystems dienen. Alle qualitativen Unterscheidungen werden daher auf Begriffe der Zweckmäßigkeit und Effizienz reduziert; nichts ist "wahr", weil nur die reine Nützlichkeit in die Gleichung eingeht ("Wahrheit" ist dabei zum Beispiel alles, was der Autopoiese des sich selbst organisierenden Gesellschaftssystems nützlich ist; solche Theorien lösen freilich ihren eigenen Wahrheitswert im funktionellen Passen desjenigen auf, was sie beschreiben.) Trotzdem behaupten natürlich die Anhänger der Systemtheorie unter den Gesellschaftstheoretikern, Ökoholisten, Ökofeministinnen und Tiefenökologen, dass ihr Ansatz den Alternativen moralisch überlegen sei. Aber diesen moralischen Wert kann man in den Begriffen ihrer eigenen Systemtheorie nicht konstatieren, geschweige denn erklären, weil eben dieser Theorie zufolge alle existierenden Dinge und Ereignisse gleichermaßen Stränge im Gesamtgewebe des Lebens sind, weshalb es einfach nicht möglich ist zu sagen, dass irgend etwas davon richtig oder falsch sei. Alles, was geschieht, ist ein Ereignis im Gesamtsystem, und man kann und darf dieses Gesamtsystem nicht in Frage stellen, weil wir alle gleichermaßen Stränge in diesem Gewebe sind. Was uns als böse erscheint, ist einfach etwas, was das Gesamtsystem tut, weshalb sich auch alle ethischen Antriebe im Flachland- Gewebe dynamisch miteinander verwobener Es-heiten auflösen. Natürlich versuchen viele Systemtheoretiker sogleich, ethische und normative Behauptungen durch die Hintertür wieder in ihre Theorie einzuführen, indem sie letztlich sagen: Gut ist, was dem System nützt, und schlecht, was ihm schadet. Aber eine solche Behauptung überhaupt nur auszusprechen bedeutet, aus dem System herauszutreten, um etwas über es auszusagen, und dies ist der Systemtheorie zufolge unmöglich. Insoweit also Systemtheoretiker beanspruchen, eine moralische oder normative Richtung anzugeben, haben sie aufgehört, Systemtheoretiker zu sein. Sie sind damit von einer beschreibenden Es-Sprache zu einer normativen Ich- und Wir- Sprache übergegangen, und dies sind Begriffe, die die Systemtheorie nicht begreift und nicht begreifen kann. So machen sich der geächtete Ich- und Wir-Bereich doch wieder als formale Widersprüche in Flachland und im äußerlichen Holismus der Systemtheorie geltend.

Selbstverständlich kommt der Systemtheorie ein wichtiger Platz zu, aber sie ist heute wegen ihres ausufernden subtilen Reduktionismus einer der großen modernen Feinde des Ich und des Wir, der individuellen Lebenswelt und unseres kulturellen Reichtums, was Habermas die "Kolonialisierung der Lebenswelt durch die Imperative von Funktionssystemen, die ihre Kosten externalisieren", einen "erblindeten Zwang zur Systemerhaltung und Systemsteigerung" nennt. Ihr Ansatz entspringt selbstverständlich durch und durch noblen Absichten, denen wir unsere Anerkennung gewiss nicht versagen können, aber irgendwo unterwegs zur globalen Vermählung sind sie vom Weg abgekommen und weit in das Flachland des subtilen Reduktionismus hinausgeraten, der genau jene Zersplitterung betreibt, die sie überwinden wollten. 4 Wir wollen also die Systemtheorie und ihre Wahrheiten respektieren, aber wir müssen sie in den Kontext anderer und nicht weniger achtbarer Wahrheiten stellen.

Kulturelle Relativität Jene Theoretiker, die sich ausschließlich auf den unteren linken oder kulturellen Quadranten konzentrieren, hängen einer von vielen Spielarten eines extremen Relativismus an, der durch die Leugnung anderer Quadranten ebenfalls in einen inneren Widerspruch gerät. Kulturelle Relativisten, extreme Pluralisten und Multikulturalisten sind alle Opfer desselben Widerspruchs: Sie behaupten, dass alle Wahrheiten relativ sind, dass es keine universellen Wahrheiten gibt und geben kann. Diese Auffassung nimmt nämlich für sich selbst universelle Gültigkeit in Anspruch. Sie stellt eine Reihe strenger Behauptungen auf, die für alle Kulturen gültig sein sollen (die Relativität der Wahrheit, die Kontextualität von Behauptungen, die gesellschaftliche Relativität aller Kategorien, die Historizität der Wahrheit usw.). Diese Auffassung behauptet also, dass es keinerlei universelle Wahrheiten gibt – ihre eigene ausgenommen. Diese soll in einer Welt, in der angeblich nichts universell oder höherrangig ist, universell und höherrangig sein. Dies ist ein weiterer Versuch, alle objektive Wahrheit auf eine intersubjektive Vereinbarung zu reduzieren, und ihn ereilt dasselbe Schicksal:

Er kann seine eigene Haltung nicht bekräftigen, ohne sich selbst zu widersprechen. Er behauptet, dass sich über alle Kulturen etwas objektiv Wahres aussagen lässt, und dies ist richtig – aber nur dann, wenn man irgendeine Form objektiver Wahrheit anerkennt. Andernfalls kommt der geleugnete Quadrant wiederum durch die Hintertür in das System herein und legt es von innen heraus in Trümmer, was das Schicksal aller dieser selbstwidersprüchlichen Ansätze ist.

Gewisse Aspekte der Kultur sind zweifellos konstruiert, und manche sind relativ und historisch bedingt. Aber es gibt Merkmale der menschlichen Körper-Seele, die in allen Kulturen gleich sind. So hat der Körper des Menschen überall 208 Knochen, ein Herz und zwei Nieren. Und der menschliche Geist hat überall die Fähigkeit, Bilder, Symbole, Begriffe und Regeln hervorzubringen. Die einfache Schlussfolgerung hieraus lautet, dass Körper und Geist des Menschen in allen Kulturen gewisse gemeinsame Tiefenstrukturen besitzen, die dort, wo sie auftreten, überall sehr ähnlich sind, während die Oberflächenstrukturen, die tatsächlichen Manifestationen dieser gemeinsamen Merkmale, in der Tat relativ, kulturspezifisch und historisch bedingt sind. Der Körper des Menschen hat vielleicht überall, wo er vorkommt, 208 Knochen, aber nicht alle Kulturen setzen diese Knochen zum Baseballspielen ein. Der integrale Ansatz erkennt den Reichtum der kulturellen Vielfalt in Oberflächenstrukturen an und berücksichtigt ihn, hält aber auch an den gemeinsamen Tiefenstrukturen aller Menschen fest: Weder monolithischer Universalismus noch zusammenhangloser Pluralismus ist sein Credo, sondern vielmehr ein wahrhaft universeller Pluralismus der Gemeinsamkeit in der Unterschiedlichkeit.

Nur Ästhetik In jüngster Zeit ist ein wahrer Hagel rein ästhetischer Theorien der Wahrheit über uns hereingebrochen: Was man gerade schön findet, das ist der letzte Prüfstein der Wahrheit. Alle objektiven, interobjektiven und intersubjektiven Wahrheiten werden munter auf subjektive Neigungen reduziert (alle Quadranten auf den oberen linken). Der persönliche Geschmack allein ist der Richter der Wirklichkeit. Ich tue, was mir gefällt, und du tust, was dir gefällt. Und immer wird Nietzsche (fälschlich) der Vorwurf gemacht, diese Haltung verkündet zu haben. Selbstverständlich muss das ästhetische Urteil (oben links) in Wahrheit und Gerechtigkeit integriert werden, aber eine bloß ästhetische Erkenntnistheorie ist schlicht sprachlos. Sie lässt nicht nur intersubjektive Güte und Gerechtigkeit außer acht, sondern lässt auch keine objektiven Maßstäbe jeglicher Wahrheit gelten. Solange diese ästhetische Theorie schweigt und ihre eigenen Auffassungen niemals äußert, ist dies in Ordnung. Sobald sie aber zu erklären versucht, warum nur Ästhetik allein das gültige Kriterium sein kann, schmuggelt sie die anderen Quadranten herein und widerspricht sich selbst. Sie behauptet zumindest implizit, das, was sie tut, sei nicht nur wahr, sondern auch noch besser als andere Auffassungen, womit durch das Hintertürchen objektive und intersubjektive Urteile hereinkommen, die das schöne Theoriegebäude mit dem Sprengstoff des performativen Widerspruchs in Trümmer legen.

Schlussfolgerung So finden wir also in allen vier Quadranten dieselben Probleme wieder. Der Kern der Sache ist, dass jeder Mensch einen subjektiven Aspekt (Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit), einen objektiven Aspekt (Wahrheit, Entsprechung), einen intersubjektiven Aspekt (kulturell konstruierte Bedeutung, Gerechtigkeit, Angemessenheit) und einen interobjektiven Aspekt (Systeme und funktionelles Passen) besitzt und dass unsere unterschiedlichen Erkenntnisansprüche in diesen sehr realen Bereichen gründen. Sobald man versucht, einen dieser Bereiche zu leugnen, führt man ihn unversehens früher oder später doch wieder in seine Philosophie ein: Die Empiriker interpretieren, wenn sie die Bedeutung in der Interpretation leugnen; die extremen Konstruktivsten und Relativisten pochen auf eine universelle Wahrheit, wenn sie die Existenz einer solchen grundsätzlich leugnen; die extremen Ästhetiker wollen mit Schönheit allein moralisches Gutsein behaupten – und so weiter und so fort. Wenn man also einen dieser Bereiche leugnet, tappt man gewissermaßen in seine eigene Falle und gerät in einen schweren inneren Widerspruch. Die integrale Sichtweise versucht dagegen, das Moment der Wahrheit in jedem dieser Ansätze – vom Empirismus über den Konstruktivismus und Relativismus bis zum Ästhetismus – anzunehmen, und indem sie die Bürde des Anspruchs von ihr nimmt, die einzig mögliche Wahrheit zu sein, befreit sie sie auch von ihren Widersprüchen und führt sie sozusagen in einer echten Regenbogenkoalition zusammen.

Das Spektrum des Bewusstseins

Die integrale Betrachtungsweise sieht ihre Aufgabe grundsätzlich in einer alle Ebenen und alle Quadranten umfassenden Deutung des menschlichen Bewusstseins und Verhaltens. Gehen wir dennoch einmal näher auf den oberen linken Quadranten ein, das Innere des Individuums, den Ort des Bewusstseins selbst. Biologen und Medizinwissenschaftler arbeiten heute intensiv am menschlichen Genomprojekt, dessen Ziel es ist, alle Gene der vollständigen Sequenz der menschlichen DNA zu kartographieren. Dieses spektakuläre Projekt verspricht, alle unsere Auffassungen von Wachstum, Entwicklung, Erkrankung und medizinischer Behandlung des Menschen zu revolutionieren, und sein Abschluss wird zweifellos einen Markstein der menschlichen Erkenntnis bilden. Weniger bekannt, aber vielleicht wichtiger ist das, wie man es nennen könnte, menschliche Bewusstseinsprojekt, das heute intensiv betriebene

Vorhaben, das ganze Spektrum der verschiedenen Bewusstseinszustände des Menschen (einschließlich von Bereichen des menschlichen Un-Bewussten) zu kartographieren. Dieses menschliche Bewusstseinsprojekt, an dem Hunderte von Forschern auf der ganzen Welt beteiligt sind, umfasst eine Reihe multidisziplinärer, multikultureller und multimodaler Ansätze, die insgesamt eine umfassende Darstellung aller möglichen Bewusstseinszustände verspricht, gewissermaßen eine vollständige Sequenz der "Bewusstseinsgene". Diese verschiedenen Versuche konvergieren heute zunehmend auf eine "Hauptmatrix" der verschiedenen Stufen, Strukturen und Zustände des Bewusstseins, die dem Menschen zur Verfügung stehen. Durch Vergleich und Gegenüberstellung verschiedener multikultureller Ansätze vom Zen- Buddhismus bis zur westlichen Psychoanalyse, vom Vedanta bis zur existentiellen Phänomenologie, vom sibirischen Schamanismus bis zu veränderten Bewusstseinszuständen arbeiten diese Ansätze ein immer deutlicheres Bild heraus, ein Spektrum des Bewusstseins, wobei der eine Ansatz jeweils Lücken füllen kann, die ein anderer offen lässt. Wiewohl vieles im Detail noch genauer erforscht werden muss, ist die allgemeine Evidenz für die Existenz eines solchen Bewusstseinsspektrums mittlerweile so signifikant, dass dieses heute nicht mehr ernsthaft angezweifelt werden kann. Wir werden uns mit diesem Spektrum in Kapitel 1 noch ausführlicher befassen. Im Augenblick wollen wir einfach festhalten, dass dieses Spektrum von instinktiven über ichhafte zu spirituellen Modi zu reichen scheint, von vorpersonalen über personale zu transpersonalen Erfahrungen, von un-bewussten über selbst-bewusste bis zu über-bewussten Zuständen, vom Körper über die Seele bis zum GEIST. Das Fachgebiet, das dieses außerordentliche Spektrum des Bewusstseins vielleicht am sorgfältigsten und genauesten erkundet hat, ist die sogenannte transpersonale Psychologie. Sie wird manchmal auch "die vierte Kraft" genannt, wobei die ersten drei die behavioristische, die psychoanalytische und die humanistische Schule sind. Das Wort "transpersonal" bedeutet einfach "über das Personale hinausgehend". Damit ist gemeint, dass die transpersonale Orientierung alle Facetten der personalen Psychologie und Psychiatrie einschließt, aber jene tieferen oder höheren Aspekte der menschlichen Erfahrung hinzufügt, die über das Gewöhnliche und Durchschnittliche hinausgehen – Erfahrungen, die eben "transpersonal" oder "mehr als personal" sind. Die transpersonale Psychologie und Psychiatrie nehmen also das ganze Spektrum des Bewusstseins als Ausgangspunkt, um so den ganzen Bereich menschlicher Erfahrungsmöglichkeiten genauer und vollständiger darzustellen. Der integrale Ansatz anerkennt dieses umfassende Spektrum des Bewusstseins als die beste verfügbare Landkarte des oberen linken

Quadranten im allgemeinen, eine Landkarte, die das direkte Ergebnis dieses außergewöhnlichen menschlichen Bewusstseinsprojekts ist. Aber der integrale Ansatz erschöpft sich nicht hierin. Das Wesentliche ist vielmehr, dass dramatische Veränderungen eintreten müssen, wenn man das ganze Spektrum des Bewusstseins anerkennt und berücksichtigt, und zwar in allen Fachgebieten, denen er sich zuwendet, von der Anthropologie bis zur Ökologie, von der Philosophie bis zur Kunst, von der Ethik bis zur Soziologie, von der Psychologie bis zur Politik. Deshalb sagen wir, dass die integralen Studien grundsätzlich einer sich über alle Ebenen und alle Quadranten erstreckenden Sichtweise des menschlichen Bewusstseins und Verhaltens verpflichtet sind (also nicht einfach nur den Quadranten, sondern auch den verschiedenen Ebenen und Dimensionen eines jeden dieser Quadranten), das heißt dem ganzen Spektrum von Ebenen in den intentionalen, verhaltensmäßigen, kulturellen und sozialen Aspekten des Menschen. In den folgenden Kapiteln werden wir uns ausführlicher mit Beispielen für die einzelnen Disziplinen der integralen Studien befassen, nämlich mit integraler Psychologie (Kapitel 1, 9 und 10), integraler Anthropologie (Kapitel 2), integraler Philosophie (Kapitel 3), integraler Kunst- und Literaturtheorie (Kapitel 4 und 5), integralem Feminismus (Kapitel 8) und integraler Spiritualität (Kapitel 9, 10 und 11). Dies sind die Teile, die wir zu einer integralen, vollständigen Sichtweise verweben wollen, um – zumindest für unser aktuelles Vorhaben – diesen außerordentlichen Kreis des Verstehens zu vollenden.

Die großen Weisheitstraditionen

Der Mensch hat, wie die christlichen Mystiker oft betonen, (mindestens) drei Augen der Erkenntnis: Das Auge des Fleisches, das physische Ereignisse wahrnimmt, das Auge des Geistes, das Bilder, Begierden, Begriffe und Ideen wahrnimmt, und das Auge der Kontemplation, das spirituelle Erfahrungen und Zustände wahrnimmt. Dies ist natürlich nichts anderes als eine vereinfachte Version des Spektrums des Bewusstseins, das sich vom Körper über die Seele zum GEIST erstreckt. Der obere linke Quadrant wurde historisch als die Große Kette des Seins erkundet, eine Konzeption, die Arthur Lovejoy zufolge "die vorherrschende offizielle Philosophie des größeren Teils der zivilisierten Menschheit während des größten Teils ihrer Geschichte" war. Huston Smith hat in seinem bemerkenswerten Buch Forgotten Truth gezeigt, dass alle großen Weisheitstraditionen der Welt vom Daoismus bis zum Vedanta, vom Zen bis

zum Sufismus, vom Neuplatonismus bis zum Konfuzianismus auf der Großen Kette beruhen, das heißt auf einer Version des Gesamtspektrums des Bewusstseins mit seinen Seins- und Erkenntnisebenen. Einige postmoderne Kritiker haben eingewandt, dass der Begriff der Großen Kette hierarchisch und damit repressiv sei: ihre Grundlage sei eine garstige "Rangordnung" statt einer mitleidsvollen "Verknüpfung". Aber dieser Einwand scheint mir nicht sonderlich durchdacht zu sein. Zum einen fällen die ach so antihierarchischen Kritiker selbst ein hierarchisches Urteil, wenn sie behaupten, dass ihre Auffassung besser sei als die Alternativen. Sie haben selbst eine äußerst starre Hierarchie, auch wenn sie versteckt und unausgesprochen (und völlig widersprüchlich) ist. Zum anderen war die Große Kette in Wirklichkeit eine, wie Arthur Koestler es nannte, Holarchie, eine Aufeinanderfolge konzentrischer Kreise oder Verschachtelungen, wobei jede höhere Ebene die niedrigere transzendierte, aber zugleich einschloss. Natürlich ist dies eine Rangordnung, aber eine solche zunehmender Einschließung und Umfassendheit, wobei jede höhere Ebene mehr und mehr von der Welt und ihren Bewohnern einschließt, bis hin zu den oberen, spirituellen Regionen des Spektrums des Bewusstseins, die absolut allumfassend und all-einschließend sind. Wir haben es also, wie schon gesagt, mit einer Art radikalem universellen Pluralismus zu tun.

Selbstverständlich können alle Hierarchien (einschließlich der feministischen Hierarchie, die "Verbindung" höher einstuft als "Rangordnung") grob missbraucht werden, indem bestimmte Werte unterdrückt oder an den Rand gedrängt werden. Dies macht aber nicht Hierarchien als solche generell verwerflich, sondern nur pathologische oder Herrschafts-Hierarchien. Riane Eisler hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass ein großer Unterschied besteht zwischen Verwirklichungs- und Herrschafts-Hierarchien, und die Große Kette war von Anfang an eine ausgesprochene Verwirklichungs-Holarchie, auch wenn sie gelegentlich missbraucht wurde. (In Kapitel 1 werden wir uns der Großen Kette nochmals zuwenden und ihre Bedeutung ausführlicher untersuchen.) Andererseits, und abgesehen von solchen Missbräuchen, haben die großen Weisheitstraditionen in der Tat selbst dort, wo sie zur höchsten Vollendung gelangten, gewisse entscheidende Dinge vernachlässigt, die jene frühen Erforscher des Spektrums des Bewusstseins nicht erkannten oder vielleicht auch nicht erkennen konnten. Vor allem zwei eklatante Mängel der Weisheitstraditionen müssen hier angesprochen werden, weil die integralen Studien, wenn sie wirklich integral sein wollen, über diese schwerwiegenden Unzulänglichkeiten nicht hinwegsehen können. Das erste betrifft die Erkenntnis, dass die frühesten Entwicklungsphasen des Menschen eine entscheidende Rolle für das spätere Wachstum spielen

können, eine Erkenntnis, wie sie etwa Freud in seinem bahnbrechenden Werk formuliert hat. Die unvergleichliche Stärke der großen kontemplativen Traditionen lag in der Darstellung der menschlichen Weiterentwicklung von den mentalen und ichhaften Modi zu den transmentalen und spirituellen Modi; aber sie wussten nichts über die Stufen zu sagen, die überhaupt erst zum Mentalen und Ichhaften hinführen. In Jack Englers denkwürdiger Formulierung: "Man muss erst jemand sein, bevor man niemand sein kann." Das heißt: Man muss zuerst ein starkes und sicheres Ich entwickeln, bevor man es transzendieren kann – und die großen Traditionen verstanden sich hervorragend auf letzteres, während sie bei ersterem kläglich versagten. Ein wirklich das ganze Spektrum umfassender Ansatz in der Psychiatrie und Psychologie muss aber unbedingt beides einschließen: das Fortschreiten vom Instinkt zum Ich und das Fortschreiten vom Ich zum GEIST. Und weil sich das Spektrum des Bewusstseins entwickelt, können moderne Forscher überhaupt erst das ganze Arsenal von Techniken der Entwicklungsforschung einsetzen, um die verschiedenen Entwicklungslinien des Bewusstseins selbst aufzuklären. Wir können also heute beginnen, die Entfaltung von Entwicklungslinien wie derjenigen der Kognition, der Affekte, der moralischen Empfindung, der Objektbeziehungen, der Selbstidentität, der Modi von Raum und Zeit, der Motivationen und Bedürfnisse und so weiter nachzuzeichnen, und zwar nicht nur von vor-ichhaften zu ichhaften Modi, sondern auch von ichhaften zu trans-ichhaften Modi. Damit haben die integralen Studien die historische Chance, das erste über das ganze Spektrum sich erstreckende Modell des menschlichen Wachstums und der menschlichen Entwicklung zu entwerfen. Das nämliche gilt für die integrale Psychotherapie. Weil sich das Spektrum des Bewusstseins entwickelt, sind auf jeder Stufe dieser Entwicklung Fehlentwicklungen möglich. Wie bei jeder lebenden Identität sind an jeder Stelle des Wachstums Pathologien möglich. Das Spektrum des Bewusstseins ist damit auch ein Spektrum verschiedener Arten möglicher Pathologien, psychotischer, neurotischer, kognitiver, existentieller, spiritueller. Ein über das ganze Spektrum gehender Ansatz in der Psychologie und Psychiatrie ist auf Behandlungsformen ausgerichtet, die sich über die ganze Bandbreite mit diesen verschiedenen Formen von Pathologien auseinandersetzen (wir werden uns diesem Thema noch in Kapitel 6 und 7 zuwenden). Die zweite große Schwäche der großen Traditionen liegt darin, dass sie nicht klar erkannten, dass die verschiedenen Ebenen eines inneren Bewusstseins Korrelate in den übrigen Quadranten haben. Mit anderen Worten, es genügt nicht zu sagen – wie es die großen Traditionen tun –, dass der Mensch verschiedene Ebenen hat (zum Beispiel Körper, Geist, Seele und GEIST), sondern jede dieser Ebenen hat auch vier Aspekte, einen

intentionalen, einen verhaltensmäßigen, einen kulturellen und einen sozialen. Dieses mehrdimensionale Raster erweitert das Studium des Menschen in einer dramatischen und nie da gewesenen Weise. Dies eben ist der Kern der integralen Studien. So können wir zum Beispiel heute damit beginnen, eine Korrelation zwischen Zuständen meditativen Gewahrseins und Gehirnwellenmustern herzustellen (ohne zu versuchen, das eine auf das andere zu reduzieren!). Wir können physiologische Änderungen beobachten, die bei spirituellen Erfahrungen auftreten. Wir können den Spiegel der Neurotransmitter bei psychotherapeutischen Interventionen beobachten. Wir können die Wirkungen von psychoaktiven Mitteln auf die Blutverteilung im Gehirn verfolgen. Wir können den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Produktionsweisen und Veränderungen in der kulturellen Weltsicht aufzeigen. Wir können die historische Entwicklung kultureller Weltsichten nachvollziehen und den Status von Männern und Frauen in jedem Zeitraum festhalten. Wir können die Ich-Modi ermitteln, die mit verschiedenen Arten einer technischwirtschaftlichen Infrastruktur korrelieren. Und so können wir durch alle Quadranten fortfahren: Nicht einfach auf allen Ebenen, sondern auf allen Ebenen und in allen Quadranten. Die heutigen integralen Studien können also ein schweres Manko der großen Traditionen beseitigen: Sie können das Spektrum des Bewusstseins nicht nur in seinen intentionalen, sondern auch in seinen verhaltensmäßigen, sozialen und kulturellen Manifestationen darstellen, womit wiederum die Bedeutung eines mehrdimensionalen Ansatzes für eine wirklich umfassende Darstellung des menschlichen Bewusstseins und Verhaltens unterstrichen wird. Und schließlich versetzen uns diese umfassenderen und fortgeschritteneren Werkzeuge der Verhaltens-, Entwicklungs- und Kulturanalyse auch in die Lage, jene Bereiche präziser zu benennen, in denen die großen Traditionen allzu sehr in die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten ihrer Zeit verstrickt waren, vom Sexismus über den Speziesismus und den Militarismus bis zum Egozentrismus. Kurz, die integralen Studien unserer Zeit haben die Verbindung zu den großen Weisheitstraditionen der Welt wiederhergestellt und viele ihrer wesentlichen und bahnbrechenden Erkenntnisse wiederaufgegriffen, während sie zugleich neue Verfahren und Techniken hinzufügten, die bisher nicht vorhanden waren. Dies ist Multikulturalismus im besten und tiefsten Sinne, der kulturelle Unterschiede bewahrt, aber in einen wahrhaft universellen Kontext stellt.

Schlussfolgerung

Der integrale Ansatz ist einer alle Ebenen und alle Quadranten umfassenden Vorgehensweise verpflichtet, die das ganze Spektrum des Bewusstseins nicht nur im Ich-Bereich, sondern auch im Wir- und Es-Bereich abdeckt und dadurch Kunst mit Moral und Wissenschaft, Selbst mit Ethik und Umwelt, Bewusstsein mit Kultur und Natur, Buddha mit Sangha und Dharma und das Wahre mit dem Schönen und dem Guten integriert. In den folgenden Kapiteln werden wir uns mit ganz konkreten Beispielen für alle diese vielfältigen Facetten des Kosmos beschäftigen und dabei versuchen, diese zu einem farbenfrohen Tuch zu verweben. Und wer weiß – vielleicht gelangen wir, Sie und ich, in den oberen Regionen des Spektrums des Bewusstseins zu einer unmittelbaren Intuition des Geistes eines ewigen GEISTES, der in jedem Ich und jedem Wir und jedem Es leuchtet, eines GEISTES, der im Regen singt und im Wind tanzt, eines GEISTES, von dem zu sprechen immer aufrichtigste Verehrung ist, eines GEISTES, der mit unserer Zunge spricht und aus unseren Augen blickt, der mit diesen Händen berührt und mit dieser Stimme ruft, der uns seit jeher liebevoll ins Ohr flüstert: Vergiss niemals das Wahre, Vergiss niemals das Schöne, und Vergiss niemals das Gute. Die integrale Vision ist der moderne und postmoderne Versuch, ebendieses Versprechen einzulösen.

Kapitel 1 Das Spektrum des Bewusstseins

Integrale Psychologie und die Philosophia perennis

Wie in der Einleitung ausgeführt, ist die allgemeine Evidenz für die Existenz eines Bewusstseinsspektrums mittlerweile so signifikant, dass dieses heute nicht mehr ernsthaft angezweifelt werden kann. Darüber hinaus ist heute deutlich geworden, wie verblüffend gut dieses allgemeine Spektrum mit dem Kern der großen Weisheitstraditionen der Welt übereinstimmt. Die "Hauptmatrix", die diese modernen Forschungen erarbeiten, vermag daher eine Verbindung zum Kern der Weisheitstraditionen der Welt herzustellen und schafft zugleich die Möglichkeit, deren Einsichten dort, wo es notwendig ist, zu aktualisieren und zu modernisieren. Das Ziel des "integralen Ansatzes" ist daher die sinnvolle Verbindung von alter Weisheit mit modernem Wissen. Beginnen wir mit den grundlegenden Dingen, mit denjenigen Elementen der großen Traditionen, denen der Sturm der Zeiten nichts anhaben konnte und die heute in vielen modernen Wissenschaftsdisziplinen wieder eine glanzvolle Bestätigung finden. Sie alle sind in dieses außerordentliche Spektrum des Bewusstseins eingebettet. Welches ist nun die Weltsicht, die, wie Arthur Lovejoy sagt, "die vorherrschende offizielle Philosophie des größeren Teils der zivilisierten Menschheit während des größten Teils ihrer Geschichte" war, jene Weltanschauung, "um die es der Mehrzahl der subtileren spekulativen Geister und der großen religiösen Lehrer in Ost und West zu tun war, jedem auf seine Weise"? Welches ist die Weltsicht, die Alan Watts zu der nüchternen Aussage veranlasste, dass "wir uns der Absurdität unserer Haltung kaum Bewusst sind und uns die schlichte Tatsache befremdlich klingt, dass es einmal einen geschlossenen universellen philosophischen Konsens gab und noch gibt. Ihm hingen und hängen [Menschen] an, die von denselben Erkenntnissen berichten und dieselbe grundlegende Lehre verkünden, ob sie heute oder vor 6000 Jahren lebten, ob in Neumexiko, im Fernen Westen oder in Japan im Fernen Osten." Was hat dies mit den integralen Studien zu tun? Diese Weltsicht, die als Philosophia perennis, "ewige Philosophie", bezeichnet wird, weil sie in denselben Grundzügen in den verschiedensten Kulturen und in allen Zeitaltern auftritt, bildet nicht nur den Kern der großen

Weisheitstraditionen der Welt, vom Christentum über den Buddhismus zum Daoismus, sondern auch der Lehren vieler der größten Philosophen, Wissenschaftler und Psychologen in Ost und West, Nord und Süd. Diese Philosophia perennis (mit der ich mich gleich noch ausführlicher befassen werde) ist so überwältigend universell, dass sie entweder der größte Denkfehler ist, den sich die Menschheit in ihrer Geschichte je leistete, ein dermaßen weitverbreiteter Irrtum, dass man darüber tatsächlich an seinem Verstand (verzweifeln müsste – oder sie ist die getreueste Wiedergabe einer Wirklichkeit, die noch zutage treten wird. Den Kern der Philosophia perennis bildet der Begriff der Großen Kette des Seins. Dahinter steht eine im Grunde recht einfache Vorstellung: Die Wirklichkeit ist nicht eindimensional, kein Flachland einförmiger Substanz, die sich monoton vor dem Auge ausdehnt, sondern sie ist vielmehr aus mehreren unterschiedlichen, aber kontinuierlichen Dimensionen zusammengesetzt. Die manifeste Wirklichkeit besteht aus verschiedenen Abstufungen oder Ebenen, die von der untersten, dichtesten und am wenigsten Bewussten bis zur höchsten, subtilsten und Bewusstesten reichen. Am einen Ende dieses Kontinuums des Seins oder Spektrums des Bewusstseins steht dasjenige, was wir im Westen "Materie", das Unfühlende und das Nichtbewusste nennen würden, am anderen Ende der "GEIST", die "Gottheit" oder das "Überbewusste" (das auch als der alles durchziehende Grund der ganzen Abfolge bezeichnet wird, wie wir noch sehen werden). Dazwischen eingefügt sind die übrigen Dimensionen des Seins gemäss ihren unterschiedlichen Graden von Wirklichkeit (Platon), Aktualität (Aristoteles), Einschließlichkeit (Hegel), Bewusstsein (Aurobindo), Klarheit (Leibniz), Umfassendheit (Plotin) oder Bewusstheit (Garab Dorje). Oft wird die Große Kette mit nur drei Hauptebenen dargestellt: Stoff, Seele und GEIST. Andere Versionen nennen fünf Ebenen, und wieder andere geben noch ausführlichere Aufgliederungen der Großen Kette; einige der yogischen Systeme umfassen buchstäblich Dutzende verschiedener, aber ineinander übergehender Dimensionen. Für unsere Zwecke soll im Augenblick die einfache Hierarchie von Stoff, Körper, Geist, Seele und GEIST genügen. Die zentrale Behauptung der Philosophia perennis lautet, dass der Mensch wachsen und sich über die ganze Hierarchie bis hin zum GEIST entwickeln kann, wo er die "höchste Identität" mit der Gottheit verwirklicht, dem ens perfectissimum, dem alles Wachstum und alle Evolution zustrebt. Bevor wir uns jedoch damit befassen, sticht uns zunächst ins Auge, dass die Große Kette eine "Hierarchie" ist – ein Wort, das heute "keine gute Presse" mehr hat. Der von dem großen christlichen Mystiker (Pseudo- )Dionysios Areopagita eingeführte Begriff bedeutete ursprünglich "sein Leben spirituellen Prinzipien unterordnen" (hieros heißt "heilig", und -arche "Herrschaft"). Bald aber wurde er in einem politischen / militärischen Sinne

gebraucht, wobei aus "vom Geist beherrscht" "von der katholischen Kirche beherrscht" wurde – ein spirituelles Prinzip verwandelte sich in Despotie. Im Sinne der Philosophia perennis – aber auch der modernen Psychologie, der Evolutionstheorie und der Systemtheorie – ist eine Hierarchie einfach eine Gliederung von Sachverhalten nach ihrer holistischen Kapazität. In jeder Entwicklungssequenz ist etwas, das zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Ganzes ist, auf der nächsten Stufe nur noch Teil eines größeren Ganzen. Ein Buchstabe ist Teil eines ganzen Wortes, das Teil eines ganzen Satzes ist, der Teil eines ganzen Absatzes ist usw. Arthur Koestler prägte für etwas, das in einem Zusammenhang ein Ganzes und in einem anderen zugleich ein Teil ist, den Begriff "Holon". In dem Ausdruck "der Tau auf den Blüten" beispielsweise ist das Wort "Tau" im Hinblick auf die einzelnen Buchstaben ein Ganzes, aber ein Teil, wenn wir den Ausdruck insgesamt betrachten. Und das Ganze oder der Kontext kann die Bedeutung oder Funktion eines Teils bestimmen – in dem Wort "Morgentau" bedeutet Tau etwas anderes als in "Schiffstau". Das Ganze ist mit anderen Worten mehr als die Summe seiner Teile und kann in vielen Fällen die Funktion seiner Teile beeinflussen und bestimmen. Hierarchie ist demnach einfach eine Rangordnung immer umfassender werdender Holons und stellt eine Zunahme an Ganzheit und Integrationskraft dar. Deshalb ist Hierarchie von so entscheidender Bedeutung für die Systemtheorie, die Theorie der Ganzheitlichkeit oder des Holismus. Und sie ist auf alle Fälle ein zentraler Begriff der Philosophia perennis. Jedes umfassendere Glied in der Großen Kette des Seins steht für einen Zuwachs an Einheit und umfassenderer Identität, wenn man etwa von der isolierten Identität des Körpers über die gesellschaftliche und gemeinschaftliche Identität des Geistes zur höchsten Identität des GEISTES fortschreitet, einer Identität mit buchstäblich jeglicher Manifestation. Deshalb wird die große Hierarchie des Seins oft als Aufeinanderfolge konzentrischer Kreise oder Kugeln oder als Schachtelung dargestellt. Wie wir noch sehen werden, ist die Große Kette letztlich die große Verschachtelung des Seins. Schließlich ist Hierarchie auch asymmetrisch, weil der Prozess nicht umkehrbar ist. So gibt es zum Beispiel erst Buchstaben, dann Wörter, dann Sätze, dann Absätze, aber nicht umgekehrt. Dieses nicht umgekehrt stellt eine unvermeidliche Hierarchie oder Rangordnung, eine asymmetrische Aufeinanderfolge zunehmender Ganzheitlichkeit dar. Alle bekannten Entwicklungs- und Evolutionsabläufe vollziehen sich hierarchisch oder nach einer Stufenfolge zunehmender Ganzheitlichkeit, beispielsweise von Molekülen über Zellen, Organe, Organsysteme und Organismen bis zu Gesellschaften von Organismen. Bei der kognitiven Entwicklung sehen wir, wie das Bewusstsein von einfachen Bildern ausgeht, die jeweils ein Ding oder Ereignis repräsentieren, sich dann auf Symbole und

Begriffe als Stellvertreter ganzer Gruppen oder Klassen von Dingen und Ereignissen ausdehnt und schließlich zu Regeln kommt, die etliche Klassen und Gruppen zu Netzwerken ordnen und integrieren. Bei der moralischen Entwicklung begegnet uns ein Denken, das vom einzelnen Subjekt auf eine Gruppe oder einen Stamm verbundener Subjekte übergeht und Schließlich jenseits aller einzelnen Elemente, zu einem ganzen Netzwerk von Gruppierungen gelangt. Und so weiter. Und weil, beispielsweise, zuerst Moleküle da sind und dann Zellen und dann Organe und so weiter, bilden hierarchische Netzwerke sich notwendigerweise in Stadien oder Stufen und nicht auf einen Schlag. Alles Wachstum hat Stadien, und Stadien müssen im logischen wie im chronologischen Sinne eine Stufenfolge haben. Die holistischeren Stadien bilden sich später, weil sie das Auftauchen der Teile abwarten müssen, die sie dann integrieren und vereinigen werden – wie auch ein ganzer Satz erst entstehen kann, wenn ganze Wörter vorhanden sind. Manche Hierarchien beinhalten auch eine Art Regelmechanismus. Roger Sperry weist darauf hin, dass niedrigere (weniger ganzheitliche) Ebenen die höheren (ganzheitlicheren) durch "Aufwärts-Kausalität" beeinflussen können. Genauso wichtig ist aber, dass von den höheren Ebenen sehr starke Steuerungs- und Kontrolleinflüsse auf tiefere ausgehen können – das ist "Abwärts-Kausalität". Ein Beispiel für Abwärts-Kausalität: Wenn Ihre entsprechende Absicht zu einer Armbewegung führt, bewegen sich alle Atome, Moleküle und Zellen Ihres Arms mit. Wenn sich im Verlauf irgendeiner Entwicklungs- oder Wachstumssequenz ein umfassenderes Stadium oder Holon herausbildet, schließt es die Fähigkeiten und Muster und Funktionen der vorausgehenden Stadien oder Holons ein und fügt dann seine ganz eigenen und umfassenderen Fähigkeiten hinzu. In diesem und nur in diesem Sinn kann das neue Holon als "höher" oder "tiefer" bezeichnet werden. Jede Stufe besitzt demnach all das, was die vorige Stufe ausmachte, aber noch etwas darüber hinaus (zum Beispiel mehr Integrationskraft), und dieses "darüber hinaus" bedeutet einen Wertzuwachs gegenüber der vorausgehenden Stufe. Diese ganz entscheidende Definition einer höheren Stufe wurde im Westen mehrmals durch Aristoteles und im Osten durch Liezi und Shankara eingeführt und ist seither ein Kernsatz der Philosophia perennis. Ein kurzes Beispiel: Bei der kognitiven und moralischen Entwicklung von Jungen und Mädchen ist das Stadium des präoperationalen oder präkonventionellen Denkens weitgehend durch den eigenen Blickwinkel des Individuums bestimmt ("Narzissmus"). Auf der folgenden, der operationalen oder konventionellen Stufe bleibt zwar der eigene Blickwinkel bestehen, doch kommt jetzt die Fähigkeit hinzu, auch die Perspektive anderer nachzuvollziehen. Nichts ging verloren, vielmehr kam etwas hinzu. In dem

Sinne kann diese neue Stufe mit Recht höher oder tiefer genannt werden, nämlich wertvoller und nützlicher für eine breitere Palette von Interaktionen. Konventionelles Denken ist wertvoller als präkonventionelles, weil es ausgewogene moralische Reaktionen ermöglicht (und postkonventionelles Denken bringt abermals einen Wertzuwachs mit sich). Wie seit Hegel alle Entwicklungsdenker sagen, ist jedes Stadium in sich selbst angemessen und wertvoll, aber jedes tiefere oder höhere Stadium ist noch angemessener und in diesem Sinne wertvoller (und das heißt immer ganzheitlicher oder weniger eingeschränkt in den Reaktionsmöglichkeiten). Überlegungen dieser Art führten Koestler – nachdem er erkannt hatte, dass alle Hierarchien sich aus Holons zusammensetzen – zu dem Gedanken, dass man statt "Hierarchie" lieber "Holarchie" sagen sollte. Er hat völlig recht, und ich werde die beiden Begriffe in diesem Buch als austauschbar verwenden. Unter normaler oder natürlicher Holarchie verstehen wir eine gestufte oder in Stadien verlaufende Entfaltung größerer Netzwerke von zunehmender Ganzheit, wobei die größeren oder umfassenderen Ganzheiten die darunter liegenden beeinflussen können. Das ist natürlich und gut und kann nicht anders sein, aber man erkennt hier schon, wo auch Holarchien pathologisch werden können. Wenn die höheren Ebenen Einfluss auf die unteren ausüben, können sie auch allzu dominant werden und die tieferen Ebenen unterdrücken oder gar ausgrenzen. Dies erzeugt einen ganzen Rattenschwanz pathologischer Schwierigkeiten, beim einzelnen ebenso wie in der Gesellschaft. Denn eben weil die Welt holarchisch aufgebaut ist, aus Feldern in Feldern in Feldern, können die Dinge so ganz und gar schief laufen und kann eine pathologische Störung auf irgendeinem Gebiet das gesamte System erfassen. Und die Kur für solche pathologischen Störungen ist in jedem System grundsätzlich dieselbe: Die pathologischen Holons ausschalten, damit die gesamte Holarchie zu einem harmonischen Zustand zurückkehren kann. Die Kur kann nicht darin bestehen, die Holarchie selbst abzuschaffen, denn selbst wenn das möglich wäre, hätte man anschließend nur ein uniformes, eindimensionales Flachland ohne jegliche Wertunterschiede (weshalb auch die grundsätzlichen Hierarchiegegner ganz schnell eine eigene Werteskala – die sich dann prompt als Privathierarchie entpuppt – an ihre Stelle setzen wollen). Nein, alles Kranke wird dadurch geheilt, dass man all die Holons ausschaltet, die sich durch Missbrauch ihrer Fähigkeit, Abwärts- oder Aufwärts-Kausalität in Gang zu setzen, eine Position erschlichen haben, die ihnen nicht zusteht. Ebendieses Heilverfahren sehen wir in der Psychoanalyse (Schatten-Holons widersetzen sich der Integration), in demokratischen Revolutionen (monarchische oder faschistische Holons knebeln das

Gemeinwesen), in der Medizin (Krebs-Holons machen sich in einem gesunden System breit), in der kritischen Gesellschaftstheorie (ideologische Holons entstellen die offene Kommunikation), in radikalfeministischer Kritik (patriarchalische Holons beherrschen die öffentliche Sphäre) und so weiter. Es geht nicht darum, die Holarchie selbst abzuschaffen, sondern den überheblichen Holons Einhalt zu gebieten und sie wieder einzugliedern. Wie schon gesagt, sind die großen Weisheitstraditionen der Welt im Grunde Variationen der Philosophia perennis, der großen Holarchie des Seins. In seinem großartigen Buch Forgotten Truth benutzt Huston Smith einen Ausdruck, der nach seiner Auffassung auf alle großen Religionen der Welt zutrifft: "Hierarchie des Seins und Erkennens". Chögyam Trungpa Rinpoche schreibt in seinem Buch vom meditativen Leben, der Kerngedanke aller Philosophien des Ostens, von Indien über Tibet bis China, der allen Systemen von Shintoismus bis Daoismus zugrunde liegt, sei der "einer Hierarchie von Erde, Mensch und Himmel", und das entspricht, wie er sagt, "Körper, Seele, Geist". Ananda K. Coomaraswamy sagt in seinem Hinduism and Buddhism, dass alle großen Weltreligionen "auf ihre je eigene Weise eine Hierarchie von Typen oder Ebenen des Bewusstseins repräsentieren, die vom Animalischen bis zum Göttlichen reicht; ein und dasselbe Individuum kann zu verschiedenen Gelegenheiten mal dieser, mal jener Stufe zuzuordnen sein". Dies führt uns zum berüchtigtsten Paradoxon der Philosophia perennis. Wie wir gesehen haben, lehren die Weisheitstraditionen, dass die Wirklichkeit sich in Ebenen oder Dimensionen manifestiert, wobei jede höhere Dimension umfassender und daher der absoluten Gesamtheit der Gottheit oder des GEISTES "näher" ist. In diesem Sinne ist der GEIST der Gipfelpunkt des Seins, die oberste Sprosse auf der Leiter der Evolution. Zugleich gilt aber auch, dass der GEIST das Holz ist, aus dem die ganze Leiter und alle ihre Sprossen gemacht sind. Der GEIST ist die Soheit, die Seinsheit, die Essenz von allem Seienden. Der erste Aspekt, derjenige der obersten Sprosse, steht für die transzendentale Natur des GEISTES, die über alles "Weltliche", Geschöpfliche und Endliche hinausgeht. Selbst wenn man die ganze Erde oder auch das Universum zerstören würde, würde der GEIST bleiben. Der zweite Aspekt, der in die Analogie des Leiterholzes gekleidet ist, steht für die immanente Natur des GEISTES: der GEIST ist unparteiisch gleichermaßen und vollständig in allen manifesten Dingen und Ereignissen vorhanden, in der Natur, in der Kultur, im Himmel und auf der Erde. Aus diesem Blickwinkel ist keine Erscheinung dem GEIST näher als irgendeine andere, denn alles ist gleichermaßen "aus GEIST gemacht". Der GEIST ist also sowohl das höchste Ziel aller Entwicklung und Evolution als auch der Grund der ganzen Abfolge, am Anfang so gegenwärtig wie am Ende. Der GEIST ist vor dieser Welt, aber nicht jenseits von ihr.

Dass diese beiden paradoxen Aspekte des GEISTES oft nicht berücksichtigt wurden, hat historisch zu einigen erheblich verzerrten (und politisch gefährlichen) Auffassungen vom GEIST geführt. Traditionell haben die patriarchalen Religionen die transzendente Natur des GEISTES eher überbetont und damit die Erde, die Natur, den Körper und die Frauen zu einem minderwertigen Status verdammt. Davor haben die matriarchalen Religionen die immanente Natur des GEISTES in den Vordergrund gerückt, und die daraus entstehende pantheistische Weltsicht setzte die endliche und geschaffene Erde mit dem unendlichen und ungeschaffenen GEIST gleich. Es ist jedem erlaubt, sich mit einer endlichen und begrenzten Erde zu identifizieren, aber es ist nicht erlaubt, sie unendlich und unbegrenzt zu nennen. Beide einseitigen Auffassungen vom GEIST, die matriarchale wie die patriarchale Religion, haben in der Geschichte unsägliches Leid verursacht, von den grausamen und massenhaften Menschenopfern für die Fruchtbarkeit der Erdgöttin bis zu den verheerenden Kriegen im Namen des Vatergottes. In der Mitte zwischen diesen extremen Verzerrungen hat die Philosophia perennis, der esoterische oder innere Kern der Weisheitsreligionen, diese Dualitäten – Himmel und Erde, männlich und weiblich, unendlich und endlich, weitabgewandt und weltzugewandt – stets vermieden und sich statt dessen um ihre Vereinigung oder Integration (Stichwort Nichtdualität) bemüht. Sichtbar wird dieses Streben nach der Vereinigung von Himmel und Erde, von männlich und weiblich, von unendlich und endlich, von aufsteigend und absteigend, von Weisheit und Mitleid in den "tantrischen" Lehren der verschiedenen Weisheitstraditionen vom Neuplatonismus im Westen bis zum Vajrayana im Osten. Dieser nonduale Kern der Weisheitstraditionen macht das Wesen der "Ewigen Philosophie" aus. Das Entscheidende ist also, dass wir, wenn wir uns den GEIST in geistigen (mentalen) Kategorien vorstellen wollen (was zwangsläufig zu gewissen Schwierigkeiten führt), uns zumindest dieses Paradoxons der Transzendenz und Immanenz Bewusst bleiben sollten. "Paradox" erscheint die Nichtdualität bloß unserem Denken; der GEIST selbst ist nicht paradox, er ist, genauer gesagt, überhaupt nicht charakterisierbar. Dies gilt in zweifacher Weise für die Hierarchie (Holarchie). Wir haben gezeigt, dass der transzendentale GEIST sich in Stufen oder Ebenen manifestiert, der großen Holarchie des Seins. Damit sage ich aber nicht, dass der GEIST oder die Wirklichkeit selbst hierarchisch sei. Der absolute GEIST oder die absolute Wirklichkeit ist nicht hierarchisch. Er ist in mentalen Begriffen, Begriffen der unteren Holons, nicht qualifizierbar; er ist Shunyata, Nirguna, apophatisch – unqualifizierbar, ohne eine Spur spezifischer und beschränkender Merkmale. Aber er manifestiert sich in Stufen, Schichten, Dimensionen, Hüllen, Ebenen oder Phasen, wie auch immer man es nennen

mag, und dies ist Holarchie. Im Vedanta sind dies die Koshas, die den Atman umgebenden Hüllen; im Buddhismus sind es die sechs Vijnanas, die sechs Arten von Bewusstsein, deren jede eine verkürzte Version der jeweils höheren ist; in der Kabbala sind es die Sephirot, und so weiter. Worauf es hierbei ankommt, ist, dass dies Ebenen der manifesten Welt, der Maya sind. Soweit man Maya nicht als das Spiel des Göttlichen erkennt, ist sie nichts als Täuschung. Hierarchie ist Täuschung. Es gibt nur Ebenen der Täuschung, nicht Ebenen der Wirklichkeit. Den Traditionen zufolge können wir aber eben (und nur) dadurch, dass wir die hierarchische Natur des Samsara begreifen, diesen überwinden; dies ist die Leiter, die wir erst wegwerfen dürfen, nachdem sie ihren großartigen Zweck erfüllt hat. Betrachten wir also einige der Ebenen oder Sphären der Holarchie, der großen Verschachtelung des Seins, wie sie in den drei größten Weisheitstraditionen erscheint, der jüdischen / christlichen / muslimischen Tradition, im Buddhismus und im Hinduismus, wiewohl sich jede andere reife Tradition hierfür ebenso eignen würde. (Ich möchte hier noch einmal daran erinnern, dass dies die Ebenen im oberen linken Quadranten sind, die Ebenen im Spektrum des Bewusstseins selbst. In den späteren Kapiteln wollen wir betrachten, wie sich dieses Spektrum in den anderen Quadranten darstellt; im Augenblick aber wollen wir uns auf das Spektrum des Bewusstseins beschränken, wie es im individuellen Menschen erscheint, also im oberen linken Quadranten.) Zunächst die christlichen Begriffe, mit denen wir am einfachsten zurechtkommen, weil die meisten von uns mit ihnen aufgewachsen sind:

Stoff, Körper, Geist, Seele und GEIST. Stoff ist die physische Welt, wie sie in unserer eigenen Körperlichkeit erscheint (zum Beispiel in denjenigen Aspekten unseres Daseins, für die die Gesetze der Physik gelten), und – welche Bedeutung auch immer man dem Wort "Stoff" oder "Materie" sonst noch beilegen mag – es ist hier damit die Dimension mit dem geringsten Maß an Bewusstsein gemeint (manche würden sagen "ohne Bewusstsein" – ich überlasse es dem Leser). Körper bedeutet hier den Empfindungskörper, den "animalischen" Körper mit seinem Geschlechtstrieb, seinem Hunger, seiner Lebenskraft usw. (also diejenigen Aspekte des Daseins, mit denen sich die Biologie beschäftigt). Geist (mind) ist das rationale, denkende, sprachliche und phantasiebegabte Geistige, mit dem sich die Psychologie befasst. Seele ist das höhere oder feinstoffliche Geistige, der archetypische, der intuitive Geist, und die Essenz der Unzerstörbarkeit unseres eigenen Wesens, mit dem sich die Theologie befasst. GEIST (spirit) ist das transzendente Höchste unseres Wesens, unsere Gottheit, mit der sich die kontemplative Mystik befasst. Dem Vedanta zufolge ist das Individuum aus fünf "Hüllen", Ebenen oder Sphären des Seins zusammengesetzt, den Koshas, wofür auch der Vergleich

mit einer Zwiebel herangezogen wird, so dass man mit jeder Schicht, die man wegnimmt, immer näher zum Wesen gelangt. Die unterste (das heißt äußerste) Schicht ist Annamaya-Kosha, die "Nahrungshülle". Dies ist die physische Sphäre. Das nächste ist Pranamaya-Kosha, die Prana-Hülle. Prana bedeutet Lebenskraft, Bioenergie, Elan vital, Libido, emotionelle/sexuelle Energie im allgemeinen, die Sphäre des Empfindungskörpers (wie wir den Ausdruck benutzen). Dann folgt Manomaya-Kosha, die Hülle des Manas oder Denkens, der rationale, abstrakte, linguistische Bereich. Jenseits davon liegt Vijnanamaya-Kosha, die Hülle der Intuition, des höheren Denkens. Das höchste ist Anandamaya-Kosha, die Hülle der spirituellen und transzendenten Wonne. Weiterhin – und dies ist wichtig – unterteilt der Vedanta diese fünf Hüllen in drei Hauptreiche: Das Grobstoffliche, das Feinstoffliche und das Kausale. Das grobstoffliche Reich ist der untersten Ebene der Holarchie untergeordnet, dem physischen Körper (Annamaya-Kosha). Das feinstoffliche Reich umfasst die drei Zwischenebenen, den emotionellen/sexuellen Körper (Pranamaya- Kosha), den Geist (Manomaya-Kosha) und das höhere oder feinstoffliche Geistige (Vijnanamaya-Kosha). Das Kausale schließlich ist der höchsten Ebene zugeordnet, Anandamaya-Kosha, dem archetypischen GEIST, der manchmal auch als weitgehend nichtmanifest oder formlos bezeichnet wird. Weiterhin setzt der Vedanta diese drei großen Reiche des Seins in Beziehung zu den drei wichtigsten Bewusstseinszuständen: Wachen, Träumen und traumloser Tiefschlaf. Jenseits dieser drei Zustände liegt der absolute GEIST, der auch als Turiya bezeichnet wird, "das Vierte", weil er jenseits der drei Zustände der Manifestation liegt (und diese einschließt); er geht über das Grobstoffliche, Feinstoffliche und Kausale hinaus (und integriert es daher). 1 Man kann also sagen, dass die Vedanta-Auffassung von den fünf Hüllen der jüdischen/christlichen/muslimischen Auffassung von Stoff, Körper, Geist, Seele und GEIST sehr ähnlich ist, sofern man unter "Seele" nicht nur ein höheres Selbst oder eine höhere Identität, sondern ein höheres oder subtileres Denken und Erkennen versteht. "Seele" hat in allen höheren mystischen Traditionen immer auch die Bedeutung eines "Knotens" oder einer "Zusammenziehung" (was die Hinduisten und Buddhisten Ahamkara nennen), die aufgelöst werden muss, bevor die Seele sich transzendieren, sich selbst sterben und so zu einer höchsten Einheit und Identität mit dem absoluten GEIST gelangen kann (gemäss dem Christuswort: "Der kann kein wahrer Jünger sein, der nicht seine Seele Hasst"). Die "Seele" ist also sowohl die höchste Ebene individuellen Wachstums, die wir erreichen können, als auch die endgültige Grenze, der letzte "Knoten" vor der Erlangung der Erleuchtung oder höchsten Identität, und zwar einfach deshalb, weil sie als die transzendente "Zuschauerin" ein Gegenüber zu allem bildet, was sie gewahrt. Wenn wir aber diese Zuschauerposition überwinden,

dann löst sich die Seele oder Zuschauerin selbst auf, und dann gibt es nur noch das Spiel des nondualen Gewahrens, eines Gewahrens, das nicht Objekte betrachtet, sondern vollständig eins mit allen Objekten ist (im Zen heißt es, dies sei "wie wenn man den Himmel kosten würde"). Die Kluft zwischen Subjekt und Objekt verschwindet, die Seele wird transzendiert oder aufgelöst, und es entsteht ein reines spirituelles oder nichtduales Gewahren, das sehr einfach, sehr offensichtlich, sehr klar ist. Man erkennt, dass das eigene innerste Wesen weit und offen, leer und klar ist, und alles, was irgendwo entsteht, entsteht spontan in einem selbst als innewohnender GEIST. Das psychologische Kernmodell des Mahayana-Buddhismus sind die acht Vijnanas, die acht Ebenen des Bewusstseins. Die ersten fünf sind die fünf Sinne. Das nächste ist Manovijnana, das Bewusstsein auf der Ebene der sinnlichen Erfahrung. Es folgt Manas, was sowohl höherer Geist als auch das Zentrum der Täuschung eines getrennten Ich bedeutet. Manas ist der Betrachter von Alaya-Vijnana, der nächsthöheren Ebene, derjenigen des überindividuellen Bewusstseins, und hält es für ein getrenntes Ich oder eine substantielle Seele, wie wir sie definiert haben. Jenseits dieser acht Ebenen liegt als ihr Ursprung und Urgrund reines Alaya oder reiner leerer GEIST. Ich möchte keineswegs die sehr konkreten Unterschiede zwischen diesen Traditionen bestreiten. Ich will lediglich daraufhinweisen, dass sie gewisse tiefe strukturelle Ähnlichkeiten aufweisen, was nachdrücklich für die Allgemeingültigkeit vieler ihrer Erkenntnisse spricht. Wir können also mit einem erfreulichen Befund schließen: Nachdem die Große Kette des Seins, die große Holarchie des Seins im 19. Jahrhundert durch verschiedene reduktionistische Strömungen – vom wissenschaftlichen Materialismus über den Behaviorismus bis zum Positivismus – obsolet geworden zu sein schien, erlebt sie heute eine erstaunliche Wiederkehr. Diese vorübergehende Desavouierung, dieser Versuch, die Holarchie des Seins auf ihre niedrigste Ebene zu reduzieren, diejenige des Stoffs, war für die Psychologie besonders bitter, die zuerst ihren GEIST, dann ihre Seele und schließlich ihren Verstand verlor und auf die Untersuchung rein empirischen Verhaltens oder physischer Triebe verkürzt wurde, eine Einengung, die zu jeder anderen Zeit und an jedem anderen Ort als genaue Definition des Wahnsinns gegolten hätte. Heute ist jedoch die evolutionäre Holarchie, die holistische Betrachtung der Entwicklung und Selbstorganisation von Feldern in Feldern in Feldern in vielen wissenschaftlichen und Verhaltensdisziplinen wieder ein beherrschendes Thema (wie wir noch sehen werden), auch wenn sich dies unter einer Vielzahl von Namen verbirgt (so firmiert zum Beispiel Aristoteles' Entelechie heute als "morphogenetische Felder" und "selbstorganisierende Systeme"). Damit soll keineswegs gesagt werden, dass die modernen

Versionen der Großen Holarchie und ihrer Selbstorganisationsprinzipien keine neuen Einsichten enthielten; dies ist sehr wohl der Fall, vor allem bezüglich der tatsächlichen evolutionären Entfaltung der Großen Kette selbst. Jede Erkenntnis der Großen Holarchie ist angemessen; jede neuartige Erkenntnis ist angemessener Aber die Grundmerkmale sind unverkennbar. Ludwig von Bertalanffy, der Begründer der Allgemeinen Systemtheorie, drückt es so aus: "Die Wirklichkeit stellt sich nach heutiger Auffassung als eine gewaltige hierarchische Ordnung organisierter Entitäten dar, eine Überlagerung vieler Schichten, die von physikalischen und chemischen bis hin zu biologischen und soziologischen Systemen reicht. Diese hierarchische Strukturierung und Kombination zu Systemen von immer höherer Ordnung ist für die Wirklichkeit insgesamt kennzeichnend und von grundlegender Bedeutung vor allem für Biologie, Psychologie und Soziologie." So ist zum Beispiel in der modernen Psychologie die Holarchie das vorherrschende strukturelle und Prozessparadigma, das sich durch alle (oft recht unterschiedlichen) Inhalte der verschiedenen Schulen hindurchzieht. Jede Schule der Entwicklungspsychologie kennt irgendeine Form von Hierarchie oder eine Aufeinanderfolge diskreter, aber kontinuierlicher, irreversibler Stufen des Wachstums und der Entwicklung. Dies gilt für die Freudianer, die Jungianer, die Piagetianer, Lawrence Kohlberg und Carol Gilligan ebenso wie für die kognitiven Behavioristen. Maslow, der sowohl die humanistische als auch die transpersonale Psychologie vertritt, stellt die "Hierarchie der Bedürfnisse" in den Mittelpunkt seines Systems – und hiermit sind nur einige wenige Namen genannt. Von Rupert Sheldrake und seinen "geschachtelten Hierarchien morphogenetischer Felder" über Sir Karl Poppers "Hierarchie emergenter Eigenschaften" bis zu Birchs und Cobbs "ökologischem Wirklichkeitsmodell" auf der Grundlage "hierarchischer Werte", von Francisco Varelas bahnbrechender Arbeit über autopoietische Systeme ("Die Reichhaltigkeit natürlicher Systeme scheint generell ihren Niederschlag darin zu finden dass sie eine Hierarchie von Ebenen entstehen lassen") bis zu den Gehirnforschungen von Roger Sperry, Sir John Eccles und Wilder Penfield ("eine Hierarchie nichtreduzierbarer Emergenzen") bis zu Jürgen Habermas' sozialkritischer Theorie ("eine Hierarchie kommunikativer Kompetenz") – die Große Kette ist wieder da. Der einzige Grund, warum dies nicht jeder sieht, ist, dass sie sich unter einer Vielzahl verschiedener Namen verbirgt. Aber ob man sie nun erkennt oder nicht – sie ist wieder stark im Kommen. Das Großartige an dieser Renaissance ist, dass die moderne Theorie sich heute wieder mit ihren starken Wurzeln in der Philosophia perennis verbinden kann, dass sie wieder Anschluss nicht nur an Platon,

Aristoteles, Plotin, Maimonides, Spinoza, Hegel und Theresa von Avila im Westen findet, sondern auch an Shankara, Padmasambhava, Zhi-yi, Fazang, Abhinavagupta und Yeshe Tsogyal im Osten. Und all dies ist einfach deshalb möglich, weil so viele Aspekte der Philosophia perennis in der Tat perennierend, das heißt allgemeingültig, sind, wo auch immer sie auftreten, in allen Zeiten und Kulturen, und auf Herz, Seele und Geist des Menschengeschlechts (oder überhaupt aller fühlenden Wesen) verweisen. Etwas Grundlegendes bleibt aber nach der Renaissance der verlorenen Großen Kette des Seins noch zu tun. Eines der durchgängigen Paradigmen des modernen Denkens von der Physik über die Biologie und Psychologie bis zur Soziologie ist die evolutionäre Holarchie (siehe zum Beispiel Laszlo, Jantsch, Habermas, Lenski, Dennett); allerdings erkennen die meisten orthodoxen Schulen der Forschung nur die Existenz von Stoff, Körper und Geist an. 2 Den höheren Dimensionen der Seele und des GEISTES wird noch nicht ganz derselbe Status zugebilligt. Man könnte also sagen, dass der moderne Westen heute erst drei Fünftel der Großen Holarchie des Seins anerkannt hat. Die Aufgabe besteht also heute ganz einfach darin, auch die restlichen beiden Fünftel, Seele und GEIST, wiedereinzuführen. Wenn man alle Ebenen und Dimensionen der Großen Kette anerkennt, erkennt man damit auch alle entsprechenden Erkenntnismodi an, das heißt nicht nur das Auge des Fleisches, das die physische und sinnliche Welt enthüllt, oder das Auge des Verstandes, das die Welt der Sprache und der Symbole enthüllt, sondern auch das Auge der Kontemplation, das Seele und GEIST offenbart (wir werden uns diesem wichtigen Thema noch in Kapitel 3 zuwenden). Dies ist also unsere Aufgabe: Tun wir auch den letzten Schritt und führen wir das Auge der Kontemplation wieder ein, das als wissenschaftliches und wiederholbares Verfahren Seele und GEIST offenbart. Diese integrale Sichtweise ist, wie ich behaupten möchte, die endgültige Heimkunft, die Heimführung unserer modernen Seele in die Seele der Menschheit selbst (und dies wäre die wahre Bedeutung von Multikulturalismus), so dass wir, auf den Schultern von Riesen stehend, ihre ewig wiederkehrende Gegenwart transzendieren und zugleich einschließen, was immer auch bedeutet, dass wir uns ihres Werts Bewusst sind. Die Zusammenführung alter Weisheit mit modernen Erkenntnissen ist daher das große Ziel der integralen Sichtweise, ein Leitstern in der postmodernen Ödnis. Die Anerkennung des ganzen Spektrums des Bewusstseins hätte erhebliche Auswirkungen auf den Gang aller hiervon betroffenen modernen Disziplinen, und dies ist natürlich ein wesentlicher Aspekt der integralen Studien. Am stärksten und unmittelbarsten wäre davon natürlich das Gebiet der Psychologie betroffen. Ich habe den Rahmen einer solchen umfassenden Psychologie in mehreren Büchern erkundet (unter anderem Das Spektrum

des Bewusstseins, Wege zum Selbst, Das Atman-Projekt, Psychologie der Befreiung und Eine kurze Geschichte des Kosmos).

In diesen Büchern wird eine Auffassung der menschlichen Entwicklung dargelegt, die das ganze Spektrum des Bewusstseins einzubeziehen versucht, vom Instinkt über das Ich zum GEIST, vom Präpersonalen über das Personale zum Transpersonalen, vom Unbewussten über das Selbstbewusste zum Überbewussten. Wenn mir nichts Animalisches, Menschliches oder Göttliches fremd ist, dann kann auch kein Bewusstseinszustand aus dem Schoß einer wahrhaft integralen Psychologie verbannt werden. Im Vorwort zur Neuausgabe von Das Atman-Projekt versuche ich aufzuzeigen, warum eine solche integrale und einschließende Haltung so wichtig ist. Das Atman-Projekt war, soweit wir wissen, die erste Psychologie, die die Möglichkeit einer Zusammenführung von Ost und West, von konventionellen und kontemplativen, von orthodoxen und mystischen Auffassungen in einem einzigen kohärenten und schlüssigen Rahmen erkundete. Dabei wurde eine Fülle von Ansätzen berücksichtigt, von Freud bis Buddha, von der Gestaltpsychologie bis Shankara, von Piaget bis Yogachara, von Kohlberg bis Krishnamurti. Ich begann mit der Arbeit an Das Atman-Projekt im Jahre 1976 und zeitgleich dazu mit Halbzeit der Evolution; das eine Buch befasst sich mit der Ontogenese, das andere mit der Phylogenese. Diese Arbeit liegt nun fast zwei Jahrzehnte zurück, und ich bin der Meinung, dass der grundlegende Rahmen sich so gut bewährt hat, dass die grundsätzlichen Aussagen mit den nötigen Anpassungen noch lange gültig und fruchtbar bleiben werden. Einige Kritiker haben mir vorgeworfen, ich hätte bloß verschiedene Quellen literarisch verarbeitet und mein Ansatz stütze sich nicht auf klinische oder experimentelle Befunde. Aber das können sie wohl nicht im Ernst behaupten: Gerade diejenigen Theoretiker, auf die ich mich hauptsächlich stützte, haben bahnbrechende klinische und experimentelle Arbeit geleistet, von Jean Piagets methode clinique über Margaret Mahlers umfassend auf Videobändern dokumentierten Beobachtungen bis zu Lawrence Kohlbergs und Carol Gilligans grundlegenden ethischen Untersuchungen, ganz zu schweigen von der umfassenden phänomenologischen Evidenz, die die kontemplativen Traditionen selbst vorlegen. Das Atman-Projekt stützt sich direkt auf die Befunde von über sechzig Forschern unterschiedlichster Denkansätze und indirekt auf Hunderte anderer. (Mit dieser integralen Psychologie werden wir uns in Kapitel 6, 9, 10 und 11 noch ausführlich befassen.) Mit Das Atman-Projekt endete auch mein Liebäugeln mit der Romantik und mein Versuch, Regression zu einer Quelle des Heils zu machen. Meine ursprüngliche Absicht war es gewesen, mit Atman und Halbzeit der Evolution die romantische Sichtweise zu stützen: Der Mensch beginnt in einer

unbewussten Einheit mit dem Göttlichen, in einem unreflektierten Eingetauchtsein in eine Art Himmel auf Erden, einen paradiesischen Garten Eden, und zwar ontogenetisch wie phylogenetisch: dann verlässt er diese Einheit in einem Prozess der Entfremdung und Dissoziation (das isolierte und trennende Ich), bis er schließlich in einer Bewussten und glorreichen Vereinigung wieder zum Göttlichen zurückkehrt. In dieser Weise würde er also gewissermaßen vom unbewussten Himmel über die Bewusste Hölle zum Bewussten Himmel fortschreiten. Es war bei beiden Büchern mein Vorhaben, diese romantische Auffassung zu bestätigen. Je mehr jedoch die Arbeit an diesen Büchern fortschritt, desto offensichtlicher wurde es, dass die romantische Auffassung ein hoffnungsloses Durcheinander war. Sie verband einige sehr wichtige Wahrheiten mit einigen krassen Irrtümern, und das Ergebnis war ein Alptraum von theoretischem Chaos. Die Aufgabe, dieses monströse Durcheinander zu entwirren, beschäftigte mich fast ein Jahrzehnt lang und bildete eine der turbulentesten theoretischen Phasen meines Lebens. Der Grund, warum ich so viele Aufsätze über Trugschlüsse verfasst habe (wie zum Beispiel die Prä/trans-Verwechslung und den Trugschluss der einen Grenze), liegt einfach darin, dass die Romantiker so viele von ihnen begingen und auch ich als guter Romantiker ihnen mit Inbrunst verfallen war. Eben weil ich diese Täuschungen von innen heraus, aus der Nähe und in einer sehr persönlichen Weise kannte, konnte ich sie besonders nachdrücklich kritisieren. Man bekämpft gerade diejenigen Theorien am heftigsten, denen man am intensivsten zugetan war. Der grundlegende Fehler der romantischen Auffassung ist aber relativ einfach zu verstehen. Nehmen wir zum Beispiel die Kindheit. Die romantische Auffassung besteht, wie gesagt, darin, dass Kinder zunächst im Zustand eines unbewussten Himmels seien. Wenn das Kind noch nicht gegenüber seiner Umgebung (oder der Mutter) differenziert ist, sei das Kind im Grunde eins mit dem dynamischen Urgrund des Seins, wenn auch in einer unbewussten (oder "nicht-selbstbewussten") Weise. Es befände sich also in einem unbewussten Himmel, einem seligen, wunderbaren, mystischen, paradiesischen Zustand, aus dem es aber bald vertrieben wird und zu dem wir uns immer zurücksehnen. Irgendwann in den ersten Lebensjahren, so die romantische Auffassung weiter, differenziert sich das Selbst gegenüber der Umgebung; die Einheit mit dem dynamischen Urgrund geht verloren, Subjekt und Objekt fallen auseinander, und das Selbst kommt von einem unbewussten Himmel in eine Bewusste Hölle, die Ich-Welt der Entfremdung, der Unterdrückung, des Schreckens, der Tragödie. Dann aber, so wird uns beruhigend versichert, könne das Selbst in seiner Entwicklung eine Art Kehrtwende vollziehen, in den früheren kindlichen

Zustand der Einheit zurückkehren, sich wieder mit dem großen Urgrund des Seins verbinden, nur jetzt ganz Bewusst und selbstverwirklicht, und so in den Bewussten Himmel eintreten. Dies ist also in groben Zügen die romantische Sichtweise: Man beginnt im unbewussten Himmel, einer unbewussten Einheit mit dem Göttlichen; dann verliert man diese unbewusste Einheit und wird dadurch in die Bewusste Hölle gestoßen, aber man kann göttliche Einheit wiedererlangen, nur jetzt in einer höheren und Bewussten Weise. Das Problem bei dieser Sichtweise ist nur, dass der erste Schritt, der Verlust der unbewussten Einheit mit dem Göttlichen, absolut unmöglich ist. Alle Dinge sind eins mit dem Göttlichen Grund – dieser ist schließlich der Urgrund allen Seins! –, und das Einssein mit diesem Urgrund zu verlieren hieße, aufzuhören zu existieren. Betrachten wir uns die Sache genauer. Es gibt nur zwei mögliche Verhältnisse gegenüber dem Göttlichen Grund: Da alles eins mit dem Urgrund ist, ist man sich dieser Einheit entweder Bewusst, oder man ist sich ihrer nicht Bewusst. Man kann den göttlichen Grund gewahren oder nicht –

tertium non datur.

Die romantische Auffassung lautet, dass man als Kind in einer unbewussten Einheit mit dem Urgrund beginnt. Das Bewusstsein der Einheit hat man also schon verloren; darüber hinaus kann man aber nicht auch noch die Einheit selbst verlieren, da man sonst aufhören würde zu existieren. Wenn man also das Bewusstsein seines Einsseins verliert, kann es, ontologisch betrachtet, nicht mehr schlimmer werden. Dies ist bereits das Äußerste an Entfremdung. Man lebt gewissermaßen schon in der Hölle; man ist schon im Samsara gefangen, nur weiß man es nicht – es fehlt das Bewusstsein für die Entdeckung dieser schmerzlichen Tatsache. Der wirkliche Zustand des kindlichen Selbst ist also vielmehr derjenige der unbewussten Hölle. Was dann in der Tat folgt, ist ein Wachwerden für die entfremdete Welt, die einen umgibt und in einem ist. Man schreitet von der unbewussten Hölle zur Bewussten Hölle fort, und dieses Gewahren der Hölle, des Samsara, der scharfen Pein des Daseins, macht das Erwachsenwerden und Erwachsensein zu einem solchen Alptraum von Elend und Entfremdung. Das Kind selbst lebt relativ in Frieden, nicht weil es im Himmel wäre, sondern weil es die Flammen der Hölle nicht gewahrt, die es umlodern. Das Kind ist unbestreitbar dem Samsara verfallen – es weiß es nur nicht, es hat noch nicht genug Bewusstsein, um das zu erkennen. Aber Erleuchtung erlangt man nun keineswegs durch eine Rückkehr in diesen kindlichen Zustand und auch nicht durch eine "reifere Version" dieses Zustandes. Das Kind windet sich ebenso wenig wie mein Hund in Schuldgefühlen, Angst und Agonie, aber die

Erleuchtung besteht trotzdem nicht in einer Rückkehr zum Hunde- Bewusstsein (und sei es eine "reife Form" eines Hunde-Bewusstseins). Wenn das Bewusstsein und Gewahrsein des kindlichen Selbst wächst, entdeckt es nach und nach den Schmerz des Daseins, die mit dem Samsara verbundene Qual, die Mechanik des Wahnsinns, der die ganze manifeste Welt durchzieht, und es beginnt zu leiden. Es macht Bekanntschaft mit der ersten der Vier Edlen Wahrheiten, wird in die rauhe Welt der Wahrnehmung initiiert,