You are on page 1of 132

PREIS DEUTSCHLAND 4,00 €

DIE
WOCHENZEITUNG FÜR POLITIK WIRTSCHAFT WISSEN UND KULTUR
ZEIT 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20

Moralweltmeister

Die Angst
Deutschland

vor
Gunter Sachs zog daraus die
extremste Konsequenz und nahm
Fukushima, Libyen,
die Tötung Osama bin
Ladens: Die Deutschen
wissen es immer besser.
Gutmenschen nerven,
findet Josef Joffe. Sie sind
sich das Leben. Was Hoffnung nötiger denn je, antwortet
Katrin Göring-Eckardt
macht: Mediziner zeichnen längst
Politik Seite 2–4
ein positiveres Bild vom Umgang mit Feuilleton Seite 49
der Krankheit und den Patienten
Illustration: Smetek für DIE ZEIT

Der alte Mann und


das Drama der FDP
WISSEN SEITE 37–40

Ein Gespräch mit dem

Schluss mit luftig Es grünt im Klub Ehrenvorsitzenden


Hans-Dietrich Genscher.
Und: Philipp Rösler
versucht, sich die
Die EU hat alles versucht, um Griechenland aus der Krise zu helfen. Mit der Wahl Winfried Kretschmanns zum Ministerpräsidenten Zukunft vorzustellen
Jetzt hilft nur noch ein Schuldenschnitt VON UWE JEAN HEUSER etabliert sich die dritte deutsche Volkspartei VON GIOVANNI DI LORENZO Magazin; Politik S. 7

D A
er Fall Griechenland zerrt an Finnland – bis die europafeindlichen Rechts- uch wenn man die Grünen nie sie für die Bundesrepublik über viele Jahrzehnte ZEIT ONLINE
Europa wie kein Problem zuvor. populisten im April fast 20 Prozent der Stimmen gewählt hat, jetzt kann man ihnen tatsächlich gewesen sind: eine große Erfolgs-
Doch das heißt nicht, dass sich holten. In Deutschland spielen FDP-Politiker nur Glück wünschen. Am Don- geschichte, jede Volkspartei für sich eine kleine Bienen am Schaalsee. Wellen
der Kontinent ins Weiter-so mit dem europäischen Feuer und torpedieren die nerstag wird die erste Landes- Koalition, bestrebt, möglichst viele Menschen am sardischen Strand. Kleine
flüchten darf. Er muss sich deutsche Beteiligung am Rettungsfonds. Die regierung in Deutschland unter mitzunehmen, statt Standesinteressen oder Be- Augenblicke, die verzaubern
öffnen für etwas Unerhörtes: Mehrheit haben sie nicht einmal in ihrer Partei Führung eines grünen Minister- rufsgruppen zu vertreten.
eine unerprobte Lösung mit ungewissen Folgen. hinter sich, wohl aber die Stimmung. Und wenn präsidenten vereidigt, und es steht dabei mehr Das alles haben die Grünen nahezu geschafft, Eine neue Videoserie unter
www.zeit.de/video-momente
Aus Berliner Sicht sieht jede Antwort zunächst auch Spiegel Online gerade mit der Meldung auf dem Spiel als der Erfolg einer grün-roten Ko- und darin liegt eine Chance: In einer Zeit, in
einmal gleich unattraktiv aus. Ob man Hellas überzog, die Griechen überlegten, aus dem Euro alition in Baden-Württemberg, die für sich schon der die Zersplitterung der politischen Land-
aufs Neue rettet oder umschuldet, man macht auszutreten: Selbst dort, im Land, in das so viel eine historische Zäsur in der Parteiengeschichte schaft in lauter Klientelparteien befürchtet wird, PROMINENT IGNORIERT
sich unbeliebt. Geld fließt, wächst die Lust auf einen Befreiungs- ist. Es geht auch um die Hoffnung auf politische könnte eine dritte Volkspartei entstehen – voraus-
»Retten« ist ein hübsches Wort, aber die Deut- schlag, so desaströs seine Folgen wären. Erneuerung in Deutschland und um die grund- gesetzt, die SPD, die zweite Volkspartei, bleibt
schen können es nicht mehr hören. Es kostet nur Jeder verfolgt eigene Interessen im Spiel um legende Frage, ob und in welcher Form Volks- auch eine.
wieder Milliarden, und trotzdem beschimpft die Zukunft des Euro. Der Rettungsfonds will parteien eine Zukunft haben. Die baden-württembergischen Sozialdemo-
Europa uns, weil wir – und was könnte uns im weiter retten, die EU dabei mitregieren. Sogar die Grün-Rot also – ein politischer Umsturz aus- kraten haben kaum mehr als 23 Prozent der
Ausland unbeliebter machen – Disziplin im Ge- Europäische Zentralbank ist Partei, seit sie gegen gerechnet in einem wohlhabenden Bundesland, Stimmen auf sich vereinen können, bei diesem
genzug für unser gutes Geld verlangen. den erklärten Willen des damaligen Bundesbank- das jahrzehntelang als Trutzburg von Parteien Ergebnis ist ein Kriterium der Volkspartei schon
»Umschulden«, die andere Möglichkeit, ist chefs Axel Weber die ersten Staatsanleihen kaufte. galt, die einst als bürgerlich bezeichnet wurden. nicht mehr erfüllt. Die Entscheidung Kretsch-
auch eine hässliche Sache, die im Englischen Käme es jetzt zum griechischen haircut, dann Man hat das als fällige Reaktion auf eine 58 Jahre manns, der SPD dennoch die Mehrzahl und die
haircut heißt. Dabei würden die Griechen einen würde ihre Bilanz besonders stark leiden. währende Herrschaft der CDU (mit zeitweiliger wichtigsten Ministerien der Landesregierung zu
Skandal auf Samoa
Teil ihrer Schulden einfach wegschneiden. Ver- Nein, Ruhe wird in keinem Fall eintreten, Hilfe der FDP) interpretiert. Als Ausdruck einer überlassen, ist ihm als Zeichen der Schwäche Dass der Inselstaat Samoa, bislang
gessen. Nicht mehr bezahlen. Auch das käme alle auch nicht beim haircut. Deutschland wäre mit Stimmungswahl, die ohne die Reaktorkatastro- ausgelegt worden. Womöglich war es aber auch östlich der Datumsgrenze gelegen,
teuer zu stehen. Die Griechen, denen erst einmal einem Schlag Milliarden los, einige seiner Banken phe in Fukushima undenkbar gewesen wäre. ein Akt der Klugheit gegenüber einem Partner, beschlossen hat, um den Austausch
niemand mehr Kredit gewährte, ebenso wie die brauchten neue Hilfen, und für Griechenland Aber die Diagnose ist unvollständig, wenn sie der sich tief gedemütigt fühlen muss. Das ist mit dem westlich gelegenen Aus-
Deutschen und andere, die ihnen Geld liehen müsste Europa eine Art Marshallplan auflegen, nicht ein anderes Symptom berücksichtigt, das umso generöser, als Kretschmann und seine Mit- tralien zu erleichtern, dessen Da-
und Teile davon nie mehr wiedersähen. damit der Südosten der Union nicht abstürzt. für die etablierten Parteien die stärkste Heraus- streiter in den Wochen der Koalitionsverhand- tum anzunehmen, also einen Tag
Und doch hätte der Schock etwas Heilsames. forderung seit der Wiedervereinigung darstellt: lungen schwer an der SPD gelitten haben: Sie zu überspringen, ist schlicht ein
Europa will sich Ruhe kaufen. Aber die Warum sind wir denn in einer fortdauernden Noch nie waren die Präferenzen der Wähler so beklagten das Fehlen jeder politischen Fantasie, Skandal. Wenn jeder das Datum
ist auch für Geld derzeit nicht zu haben Schuldenkrise? Weil Banken und Fonds zockten, schwer voraussehbar, noch nie schienen sie so das Beharren auf Posten und alten Positionen. (»das Gegebene« notabene) nach
als gäbe es kein Morgen – und der Staat, der entschlossen zu sein, ihre Wut zu demonstrieren Paradoxerweise stellte ein Erfolg von Grün- Belieben festlegte, würden Schul-
Retten oder nicht retten? Europa spielt eine neue nicht aufgepasst hatte, deshalb unser aller Geld – sei es durch Wahlboykott, sei es durch die Rot in Baden-Württemberg für die SPD eher ein den nicht getilgt, Geburten hinfäl-
Runde seines seit Ausbruch der Schuldenkrise retten musste. Wenigstens einmal sollten Finanz- Stimmabgabe für eine Partei, die sie früher nie Risiko dar. Der Rest der Republik könnte sich an lig, und dieses Glösslein wäre
währenden Spiels. Diejenigen, die – überwiegend institute und Spekulanten mitbezahlen. Viele gewählt hätten. Das hat diesmal Grüne und den Gedanken grüner Ministerpräsidenten ge- längst Makulatur. GRN.
mit anderer Leute Geld – großzügig neue Milliarden haben griechische Staatsanleihen gekauft. Grie- SPD an die Regierung gebracht. Doch dieser wöhnen, als Nächstes bei den Wahlen zum Ber-
ausschütten wollen, positionieren sich als die guten chenland umzuschulden würde deshalb das Si- Erfolg ist nicht mehr als eine Belobigung auf liner Abgeordnetenhaus. kleine Abb. (v.o.n.u.): DZ-Grafik (nach einer
Idee von Markus Roost); Jonas Unger für DZ;
Europäer. Die Skeptiker aus dem Norden stehen im gnal an alle Hasardeure senden: Nehmt eure Bewährung. Aus dieser Gefahrenlage kommen die Sozial- Mauritius
Süden als Geizhälse da, obwohl doch alle gleicher- Verantwortung ernst, der Staat steht nicht im- demokraten nur heraus, wenn sie wieder Anker
maßen wissen, dass es ohne Europa nicht geht. mer für euch ein! Grün-Rot – ein politischer Umsturz in die ganze Gesellschaft werfen, die sie aus ZEIT ONLINE GmbH: www.zeit.de;
Wir erleben einen Austausch von Forderun- So ungewiss die genauen Folgen einer Um- ausgerechnet in Baden-Württemberg Rücksicht auf ihre Parteibasis aus den Augen ZEIT-Stellenmarkt: www.jobs.zeit.de
gen, Schuldzuweisungen und Dementis, in dem schuldung sind – allein das wäre ein ungemein verloren haben, und bei der Auswahl ihrer Spit- Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG,
20079 Hamburg
eigentlich niemand seiner Sache sicher sein dürf- wertvolles Signal. Was dagegen geschieht, wenn Der neue Ministerpräsident Winfried Kretsch- zenkandidaten weniger auf die Stimmung der Telefon 040 / 32 80 - 0; E-Mail:
te. Sooft dieser Tage in Ministerien, Geheimrun- Europa immer weiterzahlt, zeichnet sich schon mann ist sich seiner Verantwortung offenbar be- Parteifunktionäre als auf die Erfolgsaussichten DieZeit@zeit.de, Leserbriefe@zeit.de
den und Medien die Szenarien rauf- und runter- ab. Irland, seit einem halben Jahr unter dem wusst. Schon in der Stunde des Wahltriumphs bei den Wählern achten.
ABONNENTENSERVICE:
buchstabiert werden – keiner weiß annähernd, Rettungsschirm, will weniger Vorgaben und erinnerte er daran, nun gelte es, die Erwartungen Auch in diesem Punkt haben die Grünen in Tel. 0180 - 52 52 909*,
was kommt. Klar ist einzig, dass die Griechen mit niedrigere Zinsen. Wer wollte sie den Iren ab- der Bürger zu erfüllen, die zum ersten Mal Grün Baden-Württemberg ein Beispiel gegeben: Vor Fax 0180 - 52 52 908*,
dem ersten, 110 Milliarden Euro schweren Hilfs- schlagen, wenn die Griechen sie bekommen? Es gewählt hätten. In Interviews sprach er davon, einem Jahr, bei der Aufstellung der Spitzenkan- E-Mail: abo@zeit.de
**) 0,14 € /Min. aus dem deutschen Festnetz,
paket nicht auskommen und uns nicht nur Bürg- gäbe kaum noch ein Halten. Europa kann eben man wolle keine »feindliche Übernahme des didaten zur Landtagswahl, stellte eine linke max. 0,42 € /Min. aus dem deutschen Mobilfunknetz

schaften, sondern echtes Geld kosten werden. nicht nur an zu wenig Solidarität zerbrechen, Landes«, und er lobte den Amtsstil seines Vor- Fronde in der Partei dem Zugpferd Kretschmann PREISE IM AUSLAND:
Viel Geld. sondern auch an zu viel. vorgängers Erwin Teufel von der CDU. Auch noch misstrauisch ein Team zur Seite. Als Mi- DKR 43,00/NOR 60,00/FIN 6,70/E 5,20/
Eigentlich sollte Griechenland schon im Jahr Sosehr sie die Gefahren einer Umschuldung wenn er vor der Wahl Wert auf die Feststellung nisterpräsident hat er sich nun der Jahrhundert- Kanaren 5,40/F 5,20/NL 4,50/A 4,10/
CHF 7.30/I 5,20/GR 5,70/B 4,50/P 5,20/
2012 wieder gesund sein, doch könnte die Gene- beschwören, so beharrlich verschweigen die legte, dass die Grünen eine volksnahe und keine aufgabe zu stellen, in einer der wirtschaftlich L 4,50/HUF 1605,00
sung das ganze Jahrzehnt über dauern. Gleich- »guten Europäer« also, an welche Abgründe ihr Volkspartei sein wollten, weil dies ein überholter stärksten Regionen Europas die Ökonomie des
AUSGABE:
wohl verlangen die EU, die Euro-Gruppe und die eigener Weg führt. Die entscheidende Frage ist Begriff sei, so lassen diese Erklärungen doch den Landes mit der Ökologie zu versöhnen; nun
2 0

Zentralbank, dass Europa weiter für die Griechen aber nicht, wer der bessere Europäer ist, da haben Schluss zu: Die Grünen unter Winfried Kretsch- muss er nach den aufreibenden Auseinanderset-

20
bezahlt. Angeführt vom Euro-Gruppen-Chef alle führenden Politiker einschließlich Angela mann sind auf dem besten Wege, das zu werden, zungen um Stuttgart 21 auch einen Konsens
4 190745 104005

Jean-Claude Juncker, dem Vertreter des kleinen Merkel ihre Defizite. Die Frage ist vielmehr, was was gemeinhin eine Volkspartei ist. finden. Geschockt von einigen fanatischen For-
Luxemburgs, will das offizielle Europa Ruhe, was auf lange Sicht besser für Europa ist. Nach der Definition von Parteienforschern derungen von Baum- und Bahnhofsschützern,
sie auch kostet. Bloß ist Ruhe nicht zu haben. Die Antwort gibt die Wirklichkeit: Die Ret- zeichnen sich Volksparteien heute vor allem da- plädiert er bereits für den »zivilisierten Streit«.
Zwar beruhigen sich die Spekulanten in aller tung Griechenlands hat trotz aller Milliarden durch aus, dass sie ungefähr 30 Prozent der Wäh- Konsens? Zivilisierter Streit? Klingt verdammt
Welt, wenn Europa weiter zahlt. Aber was ist mit nicht funktioniert. Europa sollte die Umschul- ler vertreten und durch ein relativ unideologi- nach regierungsfähiger Volkspartei: Willkommen
Bürgern und populistischen Politikern? dung wagen. sches Parteiprogramm wählbar für Bürger aus im Klub!
Schon jetzt sind viele erzürnt. Niemand schien unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten 6 6 . J A H RG A N G
europäischer gesinnt als der EU-Musterschüler www.zeit.de/audio sind. Das klingt weit unattraktiver als das, was www.zeit.de/audio C 7451 C
2 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 POLITIK
M O R A LW E L T M E I S T E R D E U T S C H L A N D
Worte der Woche
Ob Deutschland sich bei der Entscheidung der Der Vorwurf steht im Raum: Die Deutschen Alleingang der Bundesregierung beim geplanten
» Das waren die längsten
40 Minuten meines Lebens.«
Vereinten Nationen über einen Militäreinsatz
gegen den libyschen Diktator Gadhafi enthält, die
wüssten wieder einmal alles besser. Aber stimmt
das? Sind wir wirklich Moralweltmeister?
Ausstieg aus der Kernenergie: »Jedes Land
diskutiert bestimmte Fragen besonders gründlich«
Barack Obama, US-Präsident, auf die Frage,
wie er sich während des tödlichen Angriffs auf
Regierung mal eben aus der Kernkraft aussteigen Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt (diese Seiten). Und Adam Soboczynski erklärt,
Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden gefühlt habe will oder das Land erregt über die Tötung des und ZEIT-Herausgeber Josef Joffe streiten über warum der moralische Idealismus, der nun wieder
»Pakistan behält sich vor, mit voller Al-Qaida-Chefs bin Laden diskutiert – manch das deutsche »Gutmenschentum« (Seite 4). zum Vorschein kommt, tief in der deutschen
Kraft zurückzuschlagen.« einer im Ausland wundert sich in diesen Tagen. Bundeskanzlerin Angela Merkel verteidigt den Geistesgeschichte wurzelt (Seite 49)
Yousuf Raza Gilani, Regierungschef Pakistans,
nach dem aus seiner Sicht rechtswidrigen Einsatz
der Amerikaner auf dem Staatsgebiet seines
Landes, der sich nicht wiederholen dürfe

»Ausbüxen gibt’s nicht mehr«


»Diese Leute werden in den
sicheren Tod geschickt.«
Laura Boldrini, UNHCR-Sprecherin in Italien,
zum Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer

»Ich bitte alle: Lasst Griechenland


in Frieden seinen Job tun.«
Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt ihre ganz persönliche Energiewende, warum die Deutschen besonders fundamental
Giorgos Papandreou, griechischer Premierminister,
zu den Gerüchten, sein Land drohe aus der über Kernenergie streiten und warum Deutschland auch mit mehr Windrädern ein schönes Land bleiben wird
Euro-Zone auszuscheiden

»Diejenigen, die das Treffen DIE ZEIT: Frau Bundeskanzlerin, Sie haben das ZEIT: Wo waren Sie am 12. März, wie haben Merkel: (lacht nicht) Ich habe nachgeschaut, ob nicht gestellt haben. Sie mahnen nun, wir soll-
organisiert haben, haben ein schwerste Projekt Ihrer Amtszeit vor sich: die Sie von der nuklearen Katastrophe erfahren? das Wort »Brückentechnologie« vorkommt. Es ten aufpassen, dass der Strom bezahlbar bleibt.
ziemliches Desaster angerichtet.« Energiewende. Ist Ihnen bewusst, dass Freund Merkel: Ich war in der Nacht vom EU-Rat aus kam vor. So war ich zufrieden. Schauen Sie, die Das war für die Union immer schon ein zen-
und Feind große Schwierigkeiten haben, da Brüssel zurückgekehrt. Schon das Erbeben und Volkspartei CDU ist vielleicht diejenige Partei, traler Gedanke. Dieser ganze Prozess führt nun
Martin Schulz, Vorsitzender der Sozialisten im
EU-Parlament, zu dem zunächst geheimen mitzukommen? die Bilder von der gewaltigen Flutwelle hatten die in dieser Frage die größte Spannbreite von vielleicht dazu, dass die Gesellschaft den Aus-
Treffen von Vertretern der Euro-Zone Angela Merkel: Es ist ein interessantes, span- mich tief erschüttert. Während der Sitzung des Meinungen hat. stieg als gemeinsame Anstrengung annimmt
nendes und großes Projekt. Aber ich weiß nicht, EU-Rates haben mich Mitarbeiter des Kanzler- ZEIT: Der Riss geht quer durch CDU und und auch Nachteile – siehe Netzausbau, siehe
»Ich war immer gerne ob es das schwerste ist. amtes über die dramatischen Ereignisse stets auf CSU. Speicherwerke, siehe Windmühlen im Land-
Fraktionsvorsitzende.« ZEIT: Mit das schwierigste! dem Laufenden gehalten, am Freitagabend hat- Merkel: Ja. Die Grünen haben damit kein Pro- schaftsbild – in Kauf nimmt, weil wir uns alle
Merkel: Natürlich hat das entsetzliche Unglück te Japan ja den atomaren Notstand ausgerufen. blem, für sie ist die Sache klar, das Thema ist ein gemeinsam auf einen ehrlichen Weg machen
Birgit Homburger nach ihrem eher widerwilligen
von Fukushima, dessen ganzes Ausmaß ja im- Als ich Samstag früh aufstand, sah ich im Fern- Gründungsimpuls dieser Partei. Bei uns stellen müssen.
Verzicht auf den FDP-Fraktionsvorsitz
mer noch nicht abzusehen ist, uns vor eine un- sehen Berichte von der Wasserstoffexplosion im sich viele die Fragen: Kann Deutschland es ZEIT: Bevor wir uns der Zukunft zuwenden,
»Die FDP hat immerhin erwartete Situation gestellt. Daraus jetzt die Kernkraftwerk. Ich bin dann zu einer Wahl- schaffen? Ist es wirtschaftlich? Trägt das Ver- wollen wir noch ein paar Minuten nachtragend
nötigen Konsequenzen zu ziehen kann zum kampfveranstaltung nach Rheinland-Pfalz ge- trauen in die erneuerbaren Energien? Deshalb sein.
Humor.« ersten Mal zu einem umfassenden Konsens in fahren. Die Stimmung dort war sehr gedrückt. wird es in den kommenden Wochen wichtig Merkel: Bitte!
Volker Beck, Geschäftsführer der dieser Frage, zu einem Zusammenrücken der Alle standen unter dem Eindruck der vielen sein, diese Bedenken ernst zu nehmen und da- ZEIT: Haben Sie, als Sie die Bilder von Fukus-
Grünen-Fraktion, zu den Personalquerelen Gesellschaft führen, auch wenn einige Unter- Todesopfer, der Zerstörung und eben auch der rauf Antworten zu finden. hima gesehen haben, die Laufzeitverlängerung
der Liberalen schiede bleiben. nuklearen Gefahr, die offenkundig wurde. ZEIT: Sie haben ja zwei Wenden in der Atom- bereut?
ZEIT: Was war für Sie als Politikerin und als ZEIT: Sie haben sich gerade an die bedrückte energie vollzogen, erst eine Verlangsamung des Merkel: Nein, ich spürte aber sofort, dass das,
»Wenn wir alle ein bisschen Physikerin das Unerwartete? Stimmung im Wahlkampf erinnert. Glauben Ausstiegs und jetzt eine Beschleunigung des was ich damals aus Überzeugung vertreten habe,
zusammenrücken, haben wir Merkel: Ich habe persönlich nicht erwartet, dass Sie, den Deutschen wäre ein Festhalten an den Ausstiegs. Sie haben im letzten Herbst zur Lauf- auf den Prüfstand muss. Wir haben über die
dazwischen viel mehr Platz für das, was ich für mich bis dahin als ein theoreti- verlängerten Laufzeiten vermittelbar gewesen? zeitverlängerung gesagt, dass die Kernenergie Laufzeitverlängerung jahrelang gesprochen – im
Natur.« sches und nur deshalb verantwortbares Rest- Merkel: Ich habe mich nicht gefragt, was ver- nicht länger als »unbedingt notwendig« laufen Übrigen auch im Wahlkampf –, es konnte also
Matthias Horx , »Zukunftsforscher« und Gründer
risiko gesehen hatte, Realität wird – und zwar in mittelbar ist, sondern ich hatte – wie viele ande- solle. Damals waren für Sie aber viel längere keiner überrascht sein, dass wir das getan haben.
des Zukunftsinstituts, über eine ökologischere einem Hochtechnologieland wie Japan. Wie re mit mir – den Impuls, dass wir unsere Ent- Laufzeiten »unbedingt notwendig« als heute. Ich habe, wie gerade dargestellt, schon im
Stadtplanung sehr aber auch ein Industrieland wie Japan, das scheidungen vom letzten Herbst und damit die Wieso? Herbst bedauert, dass wir nicht ausreichend
an technischem Können, Disziplin, Ordnung, Sicherheitsstandards in Deutschland noch ein- Merkel: In der Tat: Wir haben gesagt, auch wir deutlich machen konnten, dass es uns wirklich
»Blut! Es ist immer Blut. Da Gesetzlichkeit uns in nichts nachsteht, davon mal auf den Prüfstand stellen müssen. Vermit- steigen aus der Kernenergie aus – dieser Kon- um einen konsequenten Weg ins Zeitalter der
schreien die Leute.« erschüttert werden kann und in welche Lage die telbar ist es dann – das sage ich jetzt auch als sens, den es in Deutschland gibt, wird oft über- erneuerbaren Energien geht. Gerade auch als
Menschen dort gestürzt wurden – das ist das Parteivorsitzende der CDU –, wenn wir nach- sehen –, allerdings später als bei Rot-Grün, des- ehemalige Umweltministerin habe ich das be-
Wes Craven, Horrorfilmregisseur, auf die Frage,
wovor sich die heutige Jugend grusele
« Einschneidende dieser Kata-
strophe. Ich weiß, dass andere
Menschen vor solchen Gefah-
» Ich habe nicht
weisen können, dass wir halb die Laufzeitverlängerung. Das unterschei-
Wirtschaftlichkeit und Um- det uns Deutsche von weiten Teilen Europas:
weltfreundlichkeit vernünf- Wir bauen keine neuen Kraftwerke. Wir steigen
dauert. Andere haben uns den Vorwurf ge-
macht, wir würden den Energieversorgungs-
unternehmen einen Gefallen tun, damit die
ren durchaus gewarnt haben; tig zusammenbringen. Die aus. Wir wollen das Zeitalter der erneuerbaren möglichst viel erlösen.
ZEITSPIEGEL für mich lagen sie für ein Hoch- erwartet, dass das, was CDU hat mit der sozialen Energien erreichen. ZEIT: Und das stimmte gar nicht?
technologieland mit hohen Si- ich für mich bis dahin Marktwirtschaft schon ein- Unser Energiekonzept vom Herbst hat eine Merkel: Das hat nie gestimmt. Durch unser
cherheitsstandards bis vor Kur- als ein theoretisches mal vermeintlich Unver- klare Zielsetzung: Deutschland soll konsequent Energiekonzept wurden die Energieversor-
Ausgezeichnet zem außerhalb dessen, was ich
in meinem Leben erleben wer-
und nur deshalb
verantwortbares
söhnliches zusammen- den Weg in die erneuerbaren Energien gehen.
gebracht, nämlich Kapital Nur so lange, wie sie auf diesem Weg notwen-
gungsunternehmen erheblich belastet. Ihre
wirtschaftliche Lage ist im Übrigen nicht so ex-
de. und Arbeit. Jetzt haben wir dig ist, soll die Kernkraft noch eine Rolle spie- orbitant gut, dass sie jede Belastung schultern
Das ZEITmagazin wurde am vergangenen ZEIT: Was hat ein Physiker Restrisiko gesehen die Chance, auch die Ver- len. Wir haben also ein in sich schlüssiges Kon- könnten. Wir haben schließlich ein Interesse an
Wochenende mehrfach ausgezeichnet. Am
Freitag bekam Susanne Leinemann in Ham-
eher vor Augen, das Restrisiko
oder die große Wahrscheinlich-
hatte, Realität wird « pflichtung, Wirtschaftlich- zept erarbeitet. Aus heutiger Sicht würde ich
keit und Umweltfreundlich- sagen: Wir haben im Herbst einen durchaus
erfolgreichen großen heimischen Energieerzeu-
gern; die Stadtwerke alleine werden es nicht
burg den Henri-Nannen-Sonderpreis für ihr keit, dass nie etwas passieren keit unter der Leitlinie der machbaren Weg in das Zeitalter der erneuer- schaffen.
Stück »Der Überfall« (Nr. 49/10). Darin be- wird? Nachhaltigkeit zusammenzubringen. Es geht baren Energien beschrieben – und damit schon ZEIT: Es entstand auch der Eindruck, dass Sie
schrieb sie, wie Jugendliche sie brutal zusam- Merkel: Die Frage muss anders gestellt werden. darum, unseren Anspruch als Industrieland in weit mehr getan als Rot-Grün damals. bei Ihrer Entscheidung unter Druck gesetzt
menschlugen. Am Samstag wurde das ZEIT- Jeder Mensch muss in seinem Leben Risiken Einklang zu bringen mit unserem Ehrgeiz, eines ZEIT: Ein bequemer Weg! wurden.
magazin bei der Preisverleihung des Art Di- eingehen. Auch die Teilnahme am Verkehr, wo Tages ganz auf die erneuerbaren Energien zu Merkel: Nein, das im Herbst formulierte Ziel, Merkel: Ein falscher Eindruck, niemand setzt
rectors Club (ADC) in Frankfurt am Main ich jeden Tag überrascht werden kann, ist ein setzen. Wir werden es schaffen, viele dafür zu im Jahr 2050 80 Prozent unseres Stroms aus Er- mich unter Druck.
elfmal ausgezeichnet. Damit war es der meist- Risiko, das ich eingehe. Aber das Risiko bei der begeistern. neuerbaren zu beziehen, ist schon sehr ambitio- ZEIT: Mehrere namhafte Wirtschaftsvertreter
prämierte Titel und zugleich der einzige, der Kernenergie ist sowohl wegen der über Genera- ZEIT: Sie hatten bei Ihrer Entscheidung zwei niert, man darf sich da keinen Illusionen hin- und andere Prominente veröffentlichten damals
Gold gewann – und zwar für das Doppel- tionen reichenden zeitlichen als auch der über Landtagswahlen vor sich. geben. Aber gemessen an der Entschlossenheit eine Anzeige, um die Verlängerung der Lauf-
cover mit dem Schauspieler Gérard Depar- Ländergrenzen hinausgehenden räumlichen Merkel: Richtig. Und wenn man – wie ich nach heute, war es damals ein, sagen wir mal, ruhige- zeiten zu unterstützen. Haben Sie das als hilf-
dieu (Nr. 41/10). Die Infografik-Seite im Auswirkungen, wenn das an sich Unwahr- Fukushima – eine politische Position zu über- rer Weg, zurückhaltender. reich empfunden?
Ressort Wissen der ZEIT wurde zweimal aus- scheinliche doch eintrifft, ein völlig anderes. prüfen und zu verändern hat, dann ist Wahl- ZEIT: Sie haben in jenem Herbst auch gesagt, Merkel: Nein. Wenn ich so große Anzeigen
gezeichnet, darunter einmal mit Silber. Hinzu kommt die Unsichtbarkeit, also Nicht- kampf auf der einen Seite eine ungünstige Zeit, man dürfe aus der Atomenergie nicht vorzeitig sehe, bin ich eher traurig über das ausgegebene
Für seine Reportage »Ich denke, dass es fassbarkeit der Strahlung. Das Restrisiko der weil natürlich sofort der Vorwurf gemacht wird, »aus ideologischen Gründen« aussteigen. Sind Geld, weil ich als Parteivorsitzende aus Wahl-
meine Bestimmung ist, hier zu sein« ist der Kernenergie kann man deshalb überhaupt nur dass ich das jetzt nur mache, weil halt Wahl- Sie jetzt die Ideologin, oder waren Sie es da- kämpfen weiß, wie viel das kostet. Als hilfreich
Autor Frederik Obermaier mit dem CNN akzeptieren, wenn man überzeugt ist, es tritt kampf ist. Das kann man nicht vermeiden, aber mals? habe ich sie nicht empfunden.
Journalist Award ausgezeichnet worden. nach menschlichem Ermessen nicht ein. Für davor darf man auch keine Angst haben. Auf Merkel: Wäre ich das jemals gewesen, dann ZEIT: Sie haben im vergangenen Herbst auch
Obermaier hatte in Ausgabe 4/10 von ZEIT mich ist infolge Fukushimas deshalb die Frage der anderen Seite aber ist es genau die richtige hätte ich in den neunziger Jahren schon als Um- gesagt, sowohl die Atomenergie als auch Kohle-
CAMPUS die Radikalisierung der niederlän- übermächtig geworden: Welche Alternativen Zeit, weil man als Politiker auf all den Wahl- weltministerin keine Energiekonsensgespräche kraftwerke sind Brückentechnologien. Jetzt soll
dischen Studentin Tanja Nijmeijer nach- hast du, um zu zeigen, dass man ohne das Rest- kampfveranstaltungen mehr unter Menschen mit dem damaligen niedersächsischen Minister- die Brücke der Atomenergie verkürzt werden.
gezeichnet, die sich den Farc-Rebellen im risiko der Kernkraft leben kann? ist als sonst. Und da muss man einfach über die präsidenten Schröder führen können, die da- Muss dadurch die Kohlebrücke verlängert wer-
Kolumbianischen Dschungel angeschlossen ZEIT: In Japan haben ein Tsunami und ein Themen sprechen, die alle gerade bewegen. Ich mals übrigens auch nicht an uns beiden geschei- den? Und was sagt die Klimakanzlerin dazu?
hatte. DZ Erdbeben zugleich dieses Restrisiko eintreten sage Ihnen, auch wenn ich das tert sind. Dennoch: Die Merkel: Wenn wir nun schneller aus der Kern-
lassen. Halten Sie so etwas auch bei uns für nie beweisen kann: Wäre kein Auseinandersetzung um die energie aussteigen, dann wird sich zeigen, dass
denkbar? Wahlkampf gewesen, hätte ich
Merkel: Exakt mit diesen konkreten Ereignissen es genauso gemacht.
» Man kann die
zusätzlichen Wind-
Kernenergie
Deutschland
hatte
schon
in
lange
wir Ersatzkraftwerke brauchen, nach meiner
Meinung vornehmlich Gaskraftwerke. Auf je-
NÄCHSTE WOCHE IN DER ZEIT natürlich nicht. Denn man weiß ja, dass Japan ZEIT: Wäre das Wahlergebnis auch eine fast kulturelle Di- den Fall werden wir hoch effiziente Kraftwerke
erdbebengefährdeter ist als Deutschland. Man schlechter ausgefallen, wenn räder entlang der mension, da standen sich mit fossilen Brennstoffen benötigen. Das ver-
Regional ist das neue bio. Das behaupten weiß, dass Japan anders als Deutschland schon Sie es anders gemacht hätten? Autobahnen bauen. Parteien und Milieus fast ändert unsere CO₂-Bilanz, was wiederum be-
die Marktforscher, so sagen es die Kochbuch- unter Tsunamis zu leiden hatte. Man weiß, dass Merkel: Meine These ist: eher Daran wird unser unversöhnlich gegenüber. deutet, dass wir Wege finden müssen, um an
verlage. Weil wir Lebensmitteln mehr ver- deswegen dort die Küstenregionen gefährdet ja, aber das ist natürlich rein Land nicht zerbrechen, Ein unguter Zustand, zu anderer Stelle mehr einzusparen, um das aus-
trauen, die aus unserer Nähe kommen? Weil sind, und trotzdem hat man dort Kernkraft- spekulativ, und das war es dem alle Seiten ihren Beitrag zugleichen. Wir müssen die Gebäudesanierung
Essen auch ein Kulturgut ist? – In einer 40- werke hingebaut. Wir in Deutschland brauchen nicht, was mich angetrieben
und es wird immer geleistet haben. schneller vorantreiben und die Energieeffizienz
seitigen Beilage zu regionalen Zutaten und
regionaler Küche beschäftigen wir uns mit
vor einer exakten Wiederholung der japanischen hat. Wahlkampf kann Politiker
Katastrophe bei uns natürlich keine Sorge zu durchaus eher schneller dazu
noch schön sein « Kernkraftgegner haben
gesagt, sie wollten mit die-
unserer Produkte und unserer ganzen Wirtschaft
noch rascher verbessern, um diese zusätzlichen
diesem Trend. Darin interpretieren zwölf haben. Aber wir haben dennoch allen Grund, bringen, das Richtige zu tun, sem Restrisiko nicht leben, CO₂-Emissionen anderswo einzusparen.
junge Spitzenköche exklusiv zwölf Rezepte zu fragen, ob sich auch bei uns unglückliche aber aus rein taktischen Gründen, also wenn sie haben sich aber immer sehr darauf konzen- ZEIT: Die Zahl steht: neun bis zehn neue Koh-
ihrer Heimat neu WISSEN Umstände zu etwas Katastrophalem zusammen- gar nicht ehrlich gemeint gewesen wäre, hätte triert, den Ausstieg umzusetzen, und die Frage, lekraftwerke in den nächsten zwei Jahren.
ballen könnten: zivilisatorische Risiken, aber ich diese Entscheidung, die neue Ausrichtung wie man in eine bessere Energieversorgung ein- Merkel: Das haben die Unternehmen und der
auch naturbedingte Ereignisse, verbunden etwa der Energiepolitik vom vergangenen Herbst steigt, schleifen lassen. Auch über das Problem, Markt zu entscheiden und teilweise schon ent-
mit einem Stromausfall über längere Zeit, eine deutlich zu beschleunigen, nie getroffen, weil dass man möglicherweise aus dem Ausland schieden. Bei künftigen Festlegungen über
Verkettung also von Umständen, die nach ich sie dann nie mit innerer Überzeugung hätte Strom, auch Strom aus Kernkraft importieren Kraftwerksprojekte spricht vieles auch für Gas:
menschlichem Ermessen und allen Wahrschein- vertreten können. Ich bin nun über fünf Jahre muss, haben sie zu sehr hinweggesehen. Uns Gaskraftwerke können am schnellsten gebaut
lichkeitsberechnungen bis jetzt nach bestem Bundeskanzlerin – nein, so etwas scheidet für dagegen haben viele im Herbst nicht abgenom- werden, sie sind flexibel als Ergänzung erneuer-
Wissen und Gewissen ausgeschlossen wurde. Es mich aus! men, dass wir das Zeitalter der erneuerbaren barer Energien einsetzbar, und Gaskraftwerke
geht also um die Belastbarkeit von Wahrschein- ZEIT: Wie haben Sie denn in diesem Zusam- Energien wirklich erreichen wollen, weil die haben weniger CO₂-Emissionen.
Foto: Michael Brauner/stockfood

lichkeitsanalysen und Risikoannahmen. Des- menhang den Namensbeitrag von Helmut Kohl öffentliche Diskussion nur um die Frage »Ver- ZEIT: Sehen Sie das Klimaziel für 2020 gefähr-
halb haben wir eine Sicherheitsüberprüfung al- am Tag vor der Wahl gelesen – der ja eine Auf- längerung, ja oder nein?« kreiste und es uns det?
ler Kernkraftwerke angeordnet. Nach einem forderung zum Festhalten an längeren Laufzei- nicht gelungen ist, mehr Augenmerk auf die Merkel: Nein, das müssen und werden wir
Ereignis der Größenordnung von Fukushima ten war? anderen wesentlichen Elemente des Energie- schaffen. Wir schalten ja ganz sicher nicht alle
sehe ich mich außerstande, diese bei uns zuvor Merkel: Ich habe ihn als Unterstützung wahr- konzepts zu lenken. Kernkraftwerke sofort ab. Danach erst stellen
nur theoretisch ins Auge gefassten Verkettungen genommen. Interessanterweise werfen andere, die immer sich die entscheidenden Fragen, die Schwierig-
von Risiken einfach zu verdrängen und zu sa- ZEIT: (Interviewer lachen) Wie haben Sie dieses einen schnellen Ausstieg verlangt haben, plötz- keit wird also sein, von etwa 2020 bis 2035 oder
gen, um die kümmere ich mich nicht. Wunder der Wahrnehmung vollzogen? lich Fragen auf, die sie sich selbst bis dahin gar 2040 zu kommen.
POLITIK 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 3

HEN POLITIK
BÜCHER MAC

Der Käfighalter
Geradlinig? Nun ja. Zwei Autoren
porträtieren Winfried Kretschmann

Der Mann, der an diesem Donnerstag in Stutt-


gart zum ersten grünen Ministerpräsidenten
der Republik gewählt werden soll, hat ein präg-
nantes Image: Winfried Kretschmann sei kon-
servativer, als es die CDU erlaube, heißt es,
prinzipienfest bis zur Halsstarrigkeit und ein
ausdauernder Leser der Philosophin Hannah
Arendt.
Nun ist pünktlich zur geplanten Vereidigung
des 62-Jährigen eine Biografie erschienen, in der
die gängigen Klischees über Kretschmann mit
Lust zerlegt werden. Zum Vorschein kommt ein
Mann, der einen weiten Weg hinter sich hat –
und unterwegs ziemlich geschmeidig agiert hat.
Ganze drei Wochen haben die Journalisten Peter
Henkel und Johanna Henkel-Waidhofer für
diese Neubewertung gebraucht, was der Sache
nicht geschadet hat. Das Tempo führt sie ohne
Umschweife zu den Themen, die ihnen am
Herzen liegen: Kretschmanns antiautoritärer
Katholizismus, sein Kulturpessimismus, seine
Art von Liebe zur Natur, der Weg »von Mao zur
Mitte«. Die beiden Stuttgarter Journalisten – er
jahrzehntelang bei der Frankfurter Rundschau,
sie Lokalkorrespondentin – kennen Winfried
Kretschmann, seit er seinen allerersten Auftritt
im Stuttgarter Landtag verpasste: Im März 1980
gehörte Kretschmann zu der sechsköpfigen
Fraktion, mit der die Grünen erstmals in das
Parlament eines Flächenstaates einzogen. Aber
die Vereidigung von Lothar Späth (CDU) zum
Ministerpräsidenten versäumte der Neupar-
lamentarier, weil er es wichtiger fand, in Gorle-
ben zu protestieren.
Als Kretschmann die Grünen mitgründete, war
er alles andere als ein Konservativer. Als Sohn einer
katholischen Vertriebenenfamilie aus dem Erm-
land war er mit der Erfahrung aufgewachsen, wie
man in der Fremde erst ver-
achtet und dann aufgenom-
men wird. Er hatte ein katho-
lisches Internat mit viel

Fotos: Anatol Kotte für DIE ZEIT; Vignette: Smetek für DIE ZEIT
schwarzer Pädagogik hinter
sich gebracht, aber auch die
befreiende Wirkung des Zwei-
ten Vatikanischen Konzils er-
fahren. Bei der Bundeswehr
erlebte er die klassische Schin-
derei, was ihn aber nicht daran
hinderte, den Pazifismus der Peter Henkel/
grünen Gründerjahre für eine Johanna
Lebenslüge zu halten – schon Henkel-
im Hinblick auf die Befreiung Waidhofer:
Winfried
Nazi-Deutschlands durch die Kretschmann.
Alliierten. »Ich bin von Hause Das Porträt
aus kein Pazifist«, hat er da- Herder, 14,95 €
mals klargemacht. »Ich habe
»Ich bin nun über fünf Jahre Bundeskanzlerin.« Angela Merkel am Dienstag der vergangenen Woche im Kanzleramt nicht den Kriegsdienst ver-
weigert und bin schon von
Natur aus ein Typ, der sich verteidigt und dem
anderen dabei auch mal eine in die Fresse bü-
ZEIT: Wie stellen Sie sich die Lastenverteilung unser Land nicht zerbrechen, und es wird noch Endlagerfrage kommt auf den Tisch, wir wer- manchmal, wir bezögen 80 Prozent aus Kern- gelt.«
dieser Energiewende vor: mehr zulasten des immer schön sein. den über sie sprechen, wenn das neue Energie- energie. Das ist ja gar nicht der Fall. Aus manchen Landtagsprotokollen der acht-
Verbrauchers oder des Steuerzahlers? ZEIT: Wir könnten stundenlang zuhören, wie konzept steht. Grundsätzlich bin ich überzeugt, ZEIT: Aber keiner hat so radikal und schnell ziger Jahre lässt sich die Verzweiflung ermessen,
Merkel: Jeder Steuerzahler ist auch Verbrau- Sie die Härten der Energiewende vertreten! dass es nicht dadurch leichter wird, dass man reagiert wie Deutschland. die Kretschmann gelegentlich in der CDU-ge-
cher, nicht alle Verbraucher sind Steuerzahler. Geschmacksfragen sind da nicht so wichtig? die Last der Suche und Erkundung auf fünf Merkel: Das ist richtig. führten Republik erfasste. »Es hört doch nie-
Wir haben uns schon vor Jahren entschieden, Merkel: Selbstverständlich ist der Erhalt der Orte verteilt. ZEIT: Wie kommt das? mand auf einen«, rief Kretschmann einmal ins
dass wir mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz Schönheit unserer Landschaft wichtig, aber die ZEIT: Was nutzt dieser ganze schöne Ausstieg, Merkel: So fundamental wie bei uns wird fast Plenum. »Erst wenn man mal ein Ei wirft, dann
alle Verbraucher in die Lastenverteilung ein- Diskussion ist nicht neu. Denken wir nur da- wenn wir umringt sind von Ländern, die die nirgendwo sonst über Kernenergie diskutiert. ist die Presse da. Wenn Grundrechte in ihrer
beziehen. Gerade zwischen 2009 und 2011 gab ran, was los war, als vor 150 Jahren plötzlich Kernenergie weiter ausbauen? Hier ist eine ganze Partei darüber entstanden. Substanz gefährdet werden, dann sind wir auch
es einen großen Sprung in der Umlage, die die Eisenbahnen zu rattern begannen. Da sa- Merkel: Eine sehr berechtigte Frage, zumal in ZEIT: Sind die Deutschen so ängstlich wegen zu Regelverletzungen bereit. Wir sind eine radi-
durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz ent- hen manche auch das Ende gekommen. Jede einem europäischen Binnenmarkt: Was nützt des Restrisikos, oder sind sie nur mutig genug, kale Partei, weil man eine Politik machen muss,
stand, nämlich von knapp 1,5 Cent auf über 3 Generation hat die Aufgabe, die Infrastruktur es Deutschland, wenn es sich nach seiner neue Wege zu gehen? die die Probleme an der Wurzel löst.« Keine
Cent pro Kilowattstunde. der Zukunft möglich zu machen. Auf der an- Überzeugung richtig verhält, und alle anderen Merkel: Jedes Land diskutiert bestimmte Fra- sonderlich konservative Position.
ZEIT: Die Frage nach den Kosten beschäftigt deren Seite bauen wir heute auch Industriebau- tun es nicht? Wenn ich jedoch zuallererst da- gen sehr gründlich. In den Debatten über die Im Laufe der Jahre hat sich Kretschmanns
die Menschen sehr. Wann können Sie ihnen ten wieder zurück. Kohlezechen sind heute nach frage, ob auch alle anderen von meiner Solidarität in der Euro-Zone und die Stabilität Verhältnis zu den beiden Volksparteien viel ra-
greifbare Zahlen nennen? Kulturstätten, und manch altes Tagebaugebiet Haltung überzeugt sind, oder wenn ich nur an unserer Währung stelle ich auf europäischer santer verändert, als es das Image vom stets
Merkel: Bald. In der Wirtschaftskrise hatten dient der Naherholung. die anfänglichen Nachteile meines eigenen, Ebene Fragen, die sonst kaum einer stellt und prinzipienfesten grünen Konservativen glauben
wir einen Ölpreis von 50 Dollar je Barrel, in ZEIT: Sie verteidigen diesen Weg ganz anders, von mir für richtig erachteten Verhaltens den- die manche wohl auch manchmal anstrengend machen will. 1982 wirbt er in einem ausführ-
den letzten Wochen lag er wieder zwischen 120 als Grüne das machen. Die Grünen sagen: Es ke – dann drehen wir uns im Kreis. finden, die sagen dann, das sei schon wieder so lichen Aufsatz für ein Bündnis mit der SPD,
und 130 Dollar. Mit diesen Schwankungen le- wird alles ganz schön, und Sie sagen: Stellt Als in Deutschland Ber- eine Merkel-Idee. Das ist viel- ausgerechnet wegen der großen Übereinstim-
ben die Menschen heute schon. Sie werden euch nicht so an! Ist das die Merkelsche Ener- tha Benz mit dem ersten Au- leicht eine Kehrseite unserer mungen in der Sozialpolitik; ein Bündnis mit
auch mit den Schwankungen beim Strompreis giewende? tomobil über die Straßen ge- Präzision und unseres Erfin- der Union hält er »auf absehbare Zeit kaum für
leben müssen, die sich aus veränderten Rest- Merkel: Ich sage nicht: Stellt euch nicht so an. rumpelt ist, haben auch viele dungsgeistes. möglich«. Schon ein Jahr später begeistert er
laufzeiten von Kernkraftwerken ergeben. Ich lese jetzt von Designerwettbewerben um Zeitgenossen gesagt: So ein Ich werde darauf achten, sich für ökolibertäre Überlegungen. Über die
ZEIT: Wird es ein schöneres Land sein, mit schöne Hochspannungsleitungen. Damit will Quatsch, die eine Pferdestär- dass wir den richtigen Weg Sozialpolitik sagt er in jener Phase: »Nur wo
neuen Stromtrassen, wärmegedämmten Häu- ich nicht kommen, ich versuche, die Aussich- ke einer Kutsche reicht doch, finden, unsere Energie zu er- Mangel herrscht, kann es Freiheit geben.« Dann
sern und vielen hohen Windrädern? ten ganz realistisch zu beschreiben. Ja, es wird und wer weiß, wie gefährlich zeugen, einen Weg, der zu ei- wieder, 1992, plädiert er für Rot-Grün, wäh-
Merkel: Im Vergleich zur Zeit vor 20, 30 Jahren sich mancherorts etwas ändern. Mancher wird diese neue Erfindung ist. In nem ökologisch denkenden rend er 1999 findet, es sei »bitter notwendig,
ist unser Land doch an vielen Stellen schöner erleben, dass in der Nähe seines Wohnorts eine ihren Augen war Bertha Benz Die Kanzlerin beim Inter- Industrieland und einer be- dass es irgendwo zu einer schwarz-grünen Ko-
geworden. Damals waren viele Flüsse vergiftet, Leitung gebaut wird, wo vorher keine war. Das eine Geisterfahrerin auf ei- view mit Bernd Ulrich (links) deutenden Wirtschaftsmacht alition kommt«. Die Republik, so glaubt er
heute baden und fischen die Menschen wieder hat es zu allen Zeiten und in vielen Formen nem seltsamen Sonderweg – und Giovanni di Lorenzo passt. Dieser Weg ist dann 2000, braucht die CDU. 2010 ist es dann »an
in ihnen. Die Industrie arbeitet insgesamt viel gegeben. Bei dem einen wird eine Straße ge- aber das Auto hat sich durch- aber auch eine Verpflichtung. der Zeit, dass die Schwarzen in der Opposition
umweltschonender, nicht nur in meiner ost- baut, bei dem anderen eine Fabrik. In Berlin gesetzt. Deutschlands Wohl- Dann kann nicht jeder kom- landen«.
deutschen Heimat, dort ist der Unterschied entsteht gerade ein Flughafen neu. Wir Politi- stand gründet sich auch darauf, dass wir men und sagen: So viele neue Leitungen wollen Auch zu Kretschmanns eigener Ökologie
natürlich frappierend. Also wirklich: Ich glaube ker haben die Pflicht, gut zu begründen, wa- manchmal als Erste einen neuen Weg gegangen wir nicht, und die Windenergie passt uns ei- haben die beiden Autoren Interessantes zutage
nicht, dass unser Land viel weniger schön wird, rum das manchmal nötig ist, wir müssen auf sind. Als ich 1994 Umweltministerin wurde, gentlich auch nicht, die Umlage für die Photo- gefördert. Die Familie von Kretschmanns Frau
nur weil wir Energie anders produzieren und die Fragen der Menschen Antworten haben. kamen 4 Prozent unserer Stromerzeugung aus voltaik ist eh zu hoch, und gegen den Anbau Gerlinde besaß in Laiz eine Hühnerfarm mit
den Strom auch durchleiten müssen. ZEIT: Planen Sie eine verbindliche Laufzeit für erneuerbaren Quellen. Heute sind wir bei 17 von Pflanzen zur Energieerzeugung bin ich aus 600 Tieren in Käfigen – die Art der Tierhaltung,
ZEIT: Das sagen Sie, obwohl Sie in Ihrem Hei- jedes einzelne AKW? Prozent. Das ist schon beachtlich. Jetzt wollen Prinzip auch, aber aus der Kernenergie müssen die demnächst verboten sein wird. Als die drei
matland so schöne Landschaften vor Augen Merkel: Es gibt die Möglichkeit, die Summe an wir bis 2020 auf 40 Prozent kommen, was sehr wir sofort raus. Kinder klein waren, machten die Kretschmanns
haben. Kilowattstunden festzulegen. Es gibt die Mög- ambitioniert ist. Das wird uns Kraft kosten. Einen Ausstieg mit Augenmaß zu schaffen dort regelmäßig Urlaub. Der künftige Minister-
Merkel: Mecklenburg-Vorpommern hat 1 Pro- lichkeit, die Restlaufzeit in Jahren festzulegen. Aber wenn wir glauben, dass wir Vorteile da- ist die große Herausforderung im Augenblick. präsident Baden-Württembergs sammelte die
zent seiner Fläche für Windenergie ausgewie- Und es gibt die Möglichkeit, diese beiden Va- von haben, und das ist ja offensichtlich, dann Wir müssen in den nächsten ein, zwei Mona- Eier ein, fütterte die Tiere, hielt die Käfige sau-
sen, 99 Prozent also nicht. Natürlich sieht man rianten zu mischen. Wir haben das noch nicht ist das zu schaffen. ten alle sagen: Dazu stehen wir! Ein Ausbüxen ber und reparierte. »Wer von der Eierproduk-
diese Windräder zum Teil schon von Weitem, entschieden. ZEIT: Unser Sonderweg ist also eine Avantgar- gibt’s jetzt nicht mehr. tion leben will«, so sah er es, »kommt ohne Kä-
in meinem Wahlkreis stehen zum Beispiel be- ZEIT: Wie wollen Sie die Endlagerfrage lösen? derolle? fighaltung in Probleme.«
sonders viele. Aber man kann die zusätzlichen Wollen Sie außer in Gorleben noch woanders Merkel: Es gibt eine ganze Reihe europäischer Das Gespräch führten GIOVANNI DI LORENZO Die Konstante in Kretschmanns Charakter
teilweise entlang der Autobahnen, der großen bohren? Erwarten Sie mehr Kooperation von Länder, die nicht auf Kernkraft setzt. Deutsch- und BERND ULRICH lassen die Autoren von einem Parteifreund zu-
Verkehrstrassen bauen. Hochspannungsleitun- Baden-Württemberg zum Beispiel? land hat immer einen Energiemix gehabt. Bei sammenfassen: »Winfried Kretschmann ist der
gen können vielleicht zum Teil entlang der Ei- Merkel: Ich denke nicht, dass man jetzt überall uns macht die Kernenergie ein Fünftel aus. Energie: Wie die Wende funktionieren kann anständigste Mensch, der je in Deutschland
senbahnstrecken geplant werden. Daran wird parallel bohren sollte. Das wäre Unsinn. Die Wenn man die Diskussion verfolgt, denkt man www.zeit.de/energie Regierungschef wurde.« MARIAM LAU
4 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 POLITIK

Wissen wir es besser?


D L
er sogenannte Gutmensch hat es Debatten der letzten Monate, der letzten Jahr- ibyen? Da machen wir nicht mit, weil Ist es aber nicht. Vorweg fehlt das moralische

Fotos: Peter Steffen/dpa (l.); Matthias Bothor/Photoselection (r.); Vignette: Smetek für DIE ZEIT
schwer. Bücher, die sich über seinen zehnte? Erlebten wir bei Stuttgart 21 und beim bekanntlich Gewalt keine politischen Augenmaß. Was ist denn das größere Übel: einen
politisch überkorrekten Betroffen- Thema Atomenergie, in der Verteidigung unse- Probleme löst. Atomausstieg? Auch hier Mann weiter morden zu lassen, der den Tod von
heitskitsch belustigen, füllen ganze rer multikulturellen Republik nicht vielmehr leitet uns die höhere Einsicht, während Tausenden verantwortet – oder im Einzelfall die
Regale. Er gilt als zurückgeblieben und naiv, als den wirkungsmächtigen Auftritt des Gutmen- ringsum in Europa 137 Kernkraftwerke den Regeln des Rechtsstaates zu verletzen? Auch
Vertreter einer typisch deutschen Weltbeglü- schen als Gut-Bürger? Dem geht es nicht um Strom erzeugen, den wir demnächst importieren Deutschland kennt den »finalen Rettungsschuss«,
ckungsfolklore, die es sich im Gewirr der Glo- eine abstrakt menschelnde Wohlfühl-Moral, werden. Bin Laden? Ein eklatanter Bruch des auch Helmut Schmidt hat in Mogadischu den
balisierung einfach und bequem macht. Im sondern um bürgerliche Werte wie Solidarität, Völker- und Kriegsrechts, den wir genüsslich Tod der wenigen autorisiert, um die vielen zu
politischen Alltag ertönt »Gutmenschentum« Öffentlichkeit, Transparenz, politische Teilhabe geißeln. retten. Auf dem Hochsitz der Moral aber sieht
meist dann als Vorwurf, wenn Einwände gegen und Partizipation, mitunter schlicht um die Deutschland ist wieder Großmacht, jedenfalls man keine Konflikte zwischen Schlimm und
Entscheidungen vorgebracht Einhaltung von Gesetzen. Im eine moralische. Der mahnende Schlimmer. Natürlich passt der
werden, die angeblich alterna- Gut-Bürger und in der Gut- Zeigefinger ist heute so deutsch, Terrorismus weder ins Völker-
Im Kampf gegen den
tivlos sind. Der Heuchler, der
Pharisäer, der lieber politisch
Ja Bürgerin verbinden sich Prag-
matismus und Idealismus, Ori- Terrorismus, im Streit um die
wie es einst Pickelhaube und
Knobelbecher waren. Bin Laden
Nein noch ins Landesrecht. Aber vom
»Nicht zuständig« das »Nicht zu-
korrekt ist als realistisch, das ist entierung und Maßstäbe mit Energieversorgung der ist der jüngste Beweis. Und er lässig« abzuleiten ist kein Beweis
der Gutmensch, wie ihn schon dem klaren Blick fürs Mach- zeigt exemplarisch, wie das Land des Besserseins, sondern der
die Nazipropaganda im Stürmer bare. Es ist das Gut-Bürgertum,
Zukunft, bei der tickt. Im stern-Titel heißt es: Denkverweigerung.
zum Feind erklärte. das Deutschland in den letzten Entscheidung über den Krieg Amerikas Rache, im britischen Terrorismus ist weder Krieg
Heute wirft man ihm vor, Jahrzehnten zu einem lebens- gegen Gadhafi: Stets denken Economist: Now, kill his dream. noch gewöhnliche Kriminalität,
Weichei und Nervensäge in ei- werten und zivilen Land ge- und handeln die Deutschen Rache, das klingt vorchristlich; sondern Massenmord mit kriege-
nem zu sein, seine übersteigerte macht hat. Und es ist das Gut- das ist die atavistische Selbstjus- rischen Mitteln. Ist das Verbre-
Gesinnungsethik wird zum Ge- Bürgertum, dem wir die kriti- anders, als die große Mehrheit tiz. »Jetzt wollen wir seinen chen geschehen, helfen nur noch
sinnungsterror, weil er einer ist, K AT R I N G Ö R I N G  sche Öffentlichkeit bei vielen im Westen es tut. Traum töten« spiegelt die reale JOSEF JOFFE Leichenwagen. Also muss der
der sich den Notwendigkeiten
der Macht und des Machbaren
ECKARDT Themen zu verdanken haben.
Ob es um Auslandseinsätze der
Sollten wir stolz darauf sein – Welt, in der Kontext zählt, also
Größenordnungen und Ursa-
ist Herausgeber der Staat vorbeugend jene treffen,
die im Dunkeln die Drähte zie-
verweigert. Ist er also nichts an- ist Vizepräsidentin Bundeswehr geht, um Atom- oder steckt ein wahrer Kern chen. Das britische Blatt nennt ZEIT. Er meint, hen. Leider wohnen sie dort, wo
deres als ein störender Geselle, des Bundestags, energie, Ökologie oder Einwan- im hässlichen Wort vom die Zusammenhänge; es spricht den Deutschen die Polizei keinen Haft- oder
der sich auf Moral beruft? Neh- Grüne und EKD- derung: Seit den Bürgerinitiati- »Gutmenschen«? von einer »Mord-Orgie«, die bin Auslieferungsbefehl präsentieren
men wir die Erschießung Osama ven der siebziger und achtziger Laden entfesselt hat, von einem
komme es nicht kann. Zum Beispiel in Pakistan,
bin Ladens und den schlichten Präses. Gut-Bürger, Jahre redet und streitet der Gut- »Kampf, der einen fürchterlichen darauf an, gut zu das bin Laden Unterschlupf ge-
Hinweis auf den Verstoß gegen sagt sie, nehmen die Bürger Gott sei Dank mit. Er Preis an Blut und Gut gefordert handeln; sie wollten währte – fünf Jahre lang. Wehe
internationales Recht und darauf, eigenen Werte ernst ist der lebende Beweis dafür, hat« und just den »Krieg der sich nur gut fühlen dem Staat, der in diesem Schat-
dass triumphale Freude über den dass werteorientierte Politik al- Kulturen« provozieren sollte, tenkrieg agierte, als befände er
Tod des Massenmörders bin La- les andere als naiv und wirklich- den der Getötete wollte. Fügen sich im eigenen Verfassungs-
den unangemessen sei – schon bekommt der Gut- keitsfern ist – sondern ganz reale Wirkungen wir hinzu, dass die Massaker an Unschuldigen gebiet. Er würde wider seine höchste Pflicht sün-
mensch das Attribut »antiamerikanisch« oben- hat. Übrigens sogar wirtschaftliche: Die Öko- das gemeinste Verbrechen in jeder Kultur sind. digen: den Bürgern Sicherheit und Freiheit zu
drauf. Dabei dachte man doch, es wären einfach logiebewegung hat zum Beispiel dafür gesorgt, Ein solches Sündenregister verdient Empö- garantieren – Sicherheit vor der Heimtücke,
nur Demokratie und Rechtsstaat, die wir da ein- dass Deutschland zum technologischen Vorrei- rung und Verdammung. Aber weite Teile des Freiheit vor dem totalen Überwachungsstaat, der
fordern. ter für erneuerbare Energien wurde. deutschen Kommentariats haben die Gräueltaten im Namen der Terrorabwehr die Bürgerrechte
Was also steckt an Gutem im Gutmenschen, Der Gut-Bürger meint es ernst mit dem, wo- allenfalls am Rande erwähnt. Ihr Mitleid galt daheim dezimiert.
jenseits von einfacher Polemik und schlichter für er sich einsetzt, im Zweifel lebt er oder sie nicht den Opfern, ihr Zorn nicht dem Täter, der Warum also die eifernde Selbstgerechtigkeit?
Pointe? Mit dem Gutmenschen-Vorwurf sollen selbst danach. Viele Debatten der letzten Monate als älterer Herr mit Familienanhang firmierte. Die Antwort ist nicht neu. Sie wurzelt in der
doch Moral und Maßstäbe insgesamt lächerlich haben es gezeigt: Der gute Bürger und die gute Die Entrüstung zielte auf die üblichen Verdäch- Selbstvergewisserung einer wieder gut geworde-
gemacht werden. Die Polemik hat es eben nicht Bürgerin sind informiert bis ins Detail. Mit tigen: die Amerikaner und ihre Soldateska, dazu nen Nation, die einst für das Menschheitsver-
auf selbstgerechten Gesinnungskitsch abge- werteorientiertem Handeln widersetzen sie sich auf die Kanzlerin, die es gewagt hatte, Freude brechen verantwortlich war. Eigentlich wäre der
sehen, sondern auf den wertegebundenen Ein- der pragmatischen Beliebigkeit und einer blinden über den Tod eines Massenmörders zu äußern. Zeigefinger nach 66 Jahren mustergültiger Ent-
wand gegen die angeblichen Zwänge der Real- Logik der Sachzwänge, stehen aber auch zu den Natürlich soll man sich auch über den Tod wicklung nicht mehr nötig; die Welt hat diese
politik überhaupt. Zugegeben: Allzu oft drängt Widersprüchen zwischen Ideal und Wirklich- eines Feindes nicht freuen. Laut rabbinischer Leistung längst anerkannt. Doch der Reflex lebt
sich eine wohlfeile und populistische Variante keit. Sie weisen Thilo Sarrazin mit den von ihm Überlieferung ermahnte schon der liebe Gott fort, in der dritten Generation: die Enkel als Be-
des Gutmenschen in den Vordergrund: der Bes- selbst genannten Zahlen nach, dass seine Theorie seine Engel, die über den Untergang des pharao- währungshelfer der Noch-nicht-Geläuterten.
serwisser. Er redet bewusst undifferenziert und Unsinn und dem Fremden feindlich ist. Wer den nischen Heeres jubelten: Auch die Ägypter sind Warum? Weil Moralismus nicht nur erhe-
vereinfachend, weil das Publikum starke Sprü- Abgesang auf diesen Gut-Bürger singt, muss sich meine Kinder. Aber Erleichterung und Genugtu- bend, sondern auch nützlich ist. So entzieht man
che mag. Besserwisser sind allerdings auch die- darum fragen lassen, wie eine Welt ohne ihn aus- ung darf man sehr wohl empfinden, wenn ein sich den Händeln der Welt, so darf man im Na-
jenigen, die gegen den Gutmenschen polemi- sehen würde. Es wäre wohl eine zynische Welt, Unmensch stirbt. men der höheren Sittlichkeit der Verantwortung
sieren, sich selbst als wahre Faktenkenner und ohne Sinn für das Mögliche, in der die Werte, die Darf man das? Soeben hat ein Richter die ausweichen. Wer nicht handelt, muss keine mo-
gesunde Realisten darstellen und leider immer das Leben lebenswert machen, keine Rolle mehr Kanzlerin wegen »Billigung von Straftaten« ange- ralischen Konflikte bewältigen, abkanzeln ist ein-
nur die Seite der Münze mit der Zahl ansehen, spielen. Die Polemiker gegen den Gutmenschen zeigt. Ein Völkerrechtler dozierte: Kriegsrecht facher als abwägen. Dass so viele Deutsche die
weil ihnen die besser ins Konzept passt als der tun so, als bräuchten wir weder Ideale noch ge- gilt nicht, weil al-Qaida weder Staat noch Bür- Macht verachten, die sie nicht mehr haben (wol-
Charakterkopf auf der anderen. sellschaftlichen Zusammenhalt – noch die Zu- gerkriegspartei sei. Also: Beim nächsten Mal bitte len), ist eine Erblast der Geschichte. Doch mora-
Doch war der besserwisserische Pseudo-Gut- versicht, dass der Mensch zum Guten fähig ist. anklopfen und dem Mann seine Rechte vorlesen. lische Bescheidenheit ist auch eine Tugend, eine
mensch wirklich maßgeblich in den politischen Was für eine triste Welt das wäre! Siehe auch Feuilleton, Seite 49 So simpel ist das. der höchsten überhaupt.

Mail aus: ABIDJAN


Von: bartholomaeus.grill@zeit.de, Betreff: Freund und Helfer

Allein hätte ich mich niemals ins Café Cacao an fließend Deutsch sprach und über exzellente Lan-
der Rue Princesse in Abidjan gewagt. Dieser deskenntnisse und Kontakte verfügte. Ich wunder-
Nachtklub ist eine Höhle der Jeunes Patriotes, te mich zwar über seine Golduhr und die teuren
der militanten Anhänger des Ex-Präsidenten Designerklamotten. Auch der Zusatz »de Luxe« in
Laurent Gbagbo; sie verachten Weißnasen, ins- seinem Namen hätte mich stutzig machen müssen.
besondere Franzosen, die gerade Gbagbos Räu- Aber A. erwies sich als absolut zuverlässiger Führer
berregime stürzten. Aber ich hatte ja A. dabei, in der chaotischen, vom Bürgerkrieg geplagten
einen Gewährsmann, der die Jungpatrioten be- Metropole der Elfenbeinküste. Für ihn hätte ich
schwichtigte. Und so war ich als neutraler alle- meine Hand ins Feuer gelegt.
mand sogleich willkommen, durfte eine Flasche Zum Dank wollte ich A. ein Geschenk sen-
Johnny Walker ausgeben und bekam eine ver- den. »Das können Sie sich sparen«, bremste der
führerische Hostess zugeteilt – die ehemalige Botschafter. Warum? »Weil ich den Burschen
Miss Abidjan. feuern musste.« Er hatte nebenher einen lukrati-
Wir Korrespondenten sind auf Helfer wie A. ven Handel mit Einreisepapieren nach Deutsch-
angewiesen, vor allem in Kriegs- und Krisengebie- land betrieben. Der hilfsbereite, kompetente A.,
ten. Fixer werden sie genannt. Sie führen uns zu ein Visafälscher, dem ich vorbehaltslos vertraut
Informanten, arrangieren Interviews, sorgen für hatte! Wer weiß, welche Deals er nebenher im
unsere Sicherheit, zeigen uns Orte, die wir nie Café Cacao eingefädelt hatte. So kann man sich
finden würden. In brenzligen Situationen sind wir täuschen. A. soll sich unterdessen in Ghana he-
auf Gedeih und Verderb von ihnen abhängig. Mein rumtreiben. Er hatte sich nach dem Rauswurf
Fixer A. arbeitete als Presseattaché bei der deutschen flugs aus dem Staub gemacht und noch einen
Botschaft, ein aufgeweckter junger Mann, der Dienstwagen mitgehen lassen.

Mail aus: MOSKAU


Von: johannes.voswinkel@zeit.de, Betreff: Krieg und Eishockey

Einen Feiertag gibt es, der Russland vereint, den Verrätern in der Roten Armee. Familien und Lie-
9. Mai. Die einen setzen die Kartoffeln in die bespaare spazieren durch die Parks. An den Autos
Erde des Datschagartens, die anderen strömen hängen orange-schwarze Sankt-Georgs-Bänd-
ohne Befehl von oben auf die Straßen, um des chen als Erinnerung an den Krieg. Manche malen
Sieges über den Faschismus zu gedenken. auf die Heckscheibe, was einst auf den T34-Pan-
Der Morgen beginnt mit der Militärparade zern geschrieben stand: »Nach Berlin!« Der Fah-
auf dem Roten Platz und einem vieltausendstim- rer eines bayerischen Nobelwagens hat auf seine
migen »Hurra!« der Truppen. Manchmal gibt es dunkelblaue Motorhaube mit weißer Farbe das
ein neues Panzer- oder Raketenmodell zu bestau- Wort »Trophäe »gepinselt«, auf die Fahrerseite
nen. In diesem Jahr waren die neu geschneider- »Das Blut ist nicht vergeblich vergossen«. Den
ten Baretts der Soldaten die größte Innovation. Rückspiegel zierte ein roter Stern. Andere hielten
Später zogen die Kommunisten durch Moskau eine Russlandflagge aus dem Autofenster, bis der
und feierten den Generalissimo Stalin, dessen Arm schwer wurde oder Russland bei der Eis-
Abbild auf offiziellen Plakaten verboten war. Ein hockey-Weltmeisterschaft seine Führung gegen
paar Gadhafi-Anhänger und orthodoxe Monar- Finnland einbüßte. Russland verlor 2 : 3.
chisten durften sich anschließen. Es war die erste Niederlage der Eishockey-Na-
Das Fernsehprogramm ist patriotisch: Im ers- tionalmannschaft an einem Siegestag. Der russi-
ten Kanal verteidigt sich heroisch die Brester sche Trainer sagte im Interview nach dem Spiel,
Festung, im zweiten geht es um Sowjetspione im er werde jetzt erst mal den Fernseher anschalten
Hitlerregime (»Unser Mann in der Gestapo«), im und einen Kriegsfilm anschauen. Und riet dem
dritten läuft die Jagd auf militärische Werwölfe Journalisten, dasselbe zu tun. »Dann werden Sie«,
und im vierten ein Spielfilm über die Suche nach erklärte er, »ganz anders schreiben.«
POLITIK 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 5

O
peration »Lifeline« hat begon- ropa an seinen unsichtbaren Mauern baut. Soll
nen. In Abstimmung mit dem heißen: seit die Abwehr von Flüchtlingen zum
UN-Sicherheitsrat, der EU und ideologischen Kern der Migrationspolitik gewor-
der Nato werden in den nächsten den ist und eben diese Abwehr den Mitglieds-
Tagen mehrere Schiffe der deut- ländern am Rande Europas aufgebürdet worden
schen Marine ins Mittelmeer auslaufen, um ist. Wo der Flüchtling zuerst europäischen Boden
Bootsflüchtlinge zu retten und in mehrere euro- betritt, soll er auch bleiben. Schlupflöcher bieten
päische Aufnahmelager, darunter auch zwei in fast nur noch der Landweg über die Türkei nach
Deutschland, zu verteilen. Wie Außenminister Griechenland oder der Seeweg mithilfe von
Guido Westerwelle (FDP) und Verteidigungs- Schmugglern und verrotteten Booten nach Mal-
minister Thomas de Maizière (CDU) am Diens- ta und Italien. Wer die Reise übersteht, den er-
tag vor der Presse verkündeten, sehe es die Bun- wartet die Unterbringung in einem überfüllten
desregierung als ihre Pflicht an, die humanitäre Sammellager, einem Abrisshaus oder einer selbst
Katastrophe vor der libyschen Küste zu beenden. gezimmerten Bretterhütte. Diese Strategie der
Seit Ende März sind im Mittelmeer über 800 geduldeten oder gezielten Verwahrlosung ist die
Menschen bei dem Versuch ertrunken, in klei- logische Folge einer europäischen Politik, die den

Auf dem Wasser


verdurstet

Foto: Francesco Malavolta/dpa (Flüchtlinge erreichen Lampedusa, 7. Mai 2011)


Das Mittelmeer wird für immer mehr Flüchtlinge aus Libyen zur
Todesfalle. Kennt Europa keine Gnade? VON ANDREA BÖHM

nen Booten aus dem umkämpften Libyen nach Flüchtling nicht als Individuum mit Anspruch
Italien zu gelangen. An Operation »Lifeline« be- auf Würde und Schutz, sondern als in der Masse
teiligen sich auch die Küstenwachen Italiens, auftretendes Flutrisiko sieht. Und wenn das The-
Spaniens, Maltas und Griechenlands. Deutsch- ma Flucht und Migration auf ein Problem inne-
land, so betonte Westerwelle, habe sich zwar bei rer Sicherheit und öffentlicher Hygiene reduziert
der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat über wird, dann findet sich auch in der Außen-und
eine Militärintervention in Libyen enthalten, Sicherheitspolitik niemand, der bei der Vorberei-
doch müsse es nun humanitären Prinzipien und tung einer Militäraktion darüber nachdenkt, wie
dem Flüchtlingsschutz gerecht werden. Das man mit dem erwartbaren Anstieg der Flücht-
UN-Flüchtlingshilfswerk und mehrere Men- lingszahlen umgeht.
schenrechtsorganisationen begrüßten die deut- Und doch stellen die 800 Toten der vergangenen
sche Initiative, Papst Benedikt XVI. sprach sogar acht Wochen einen Skandal dar, der weit über
von einer ... Europas inzwischen chronische Gleichgültigkeit Gerettet, aber nicht
STOPP! gegenüber Flüchtlingen hinausgeht. Warum? Weil willkommen:
Alles erfunden. Bis auf eines: Seit Ende März Europa, allen voran Frankreich und Großbritan- Libysche Flüchtlinge
sind nach Schätzungen des UNHCR tatsächlich nien, mit der Unterstützung des Aufstands gegen treffen auf Lampedusa ein
mindestens 800 Menschen bei dem Versuch er- Gadhafi doch eine moralische Läuterung reklamiert.
trunken, von Libyen über das Mittelmeer nach Nicolas Sarkozy aber fällt nichts anderes ein als die
Italien zu gelangen. Wiedereinführung nationaler Grenzkontrollen im
Sollten sich Berichte bestätigen, wonach Ende Schengen-Raum. Dass Silvio Berlusconi bei solchen
vergangener Woche ein Boot mit bis zu 600 Men- Vorschlägen sofort mit von der Partie ist, muss
schen vor der libyschen Küste auseinandergebro- niemanden überraschen. Dass Deutschlands Innen-
chen ist, könnte die Zahl der Toten um mehrere minister Hans-Peter Friedrich (CSU) dem zu-
Hundert steigen. Blieben noch jene rund 72 Flücht- stimmt, vielleicht auch nicht. Trotzdem ist es be-
linge zu erwähnen, die nach Recherchen der eng- schämend. Friedrich verkündete unlängst im
lischen Zeitung The Guardian am 25. März von deutschen Fernsehen – sichtlich von sich selbst
Libyen aus Richtung Italien aufgebrochen und beeindruckt –, dass Deutschland dem EU-Mit-
sechzehn Tage manövrierunfähig auf dem Mittel- gliedsland Malta 100 Bootsflüchtlinge abnehmen
meer umhergetrieben sein sollen. 61 Menschen, werde. Zur Einordnung dieser humanitären Geste:
darunter mindestes zwei Kleinkinder, sind nach In Dehiba, einer kleinen tunesischen Stadt an der
Aussagen von Überlebenden verdurstet und ver- Grenze zu Libyen, sind bis auf Weiteres 20 000
hungert, obwohl es den Bootsinsassen nach wenigen Flüchtlinge untergekommen – die meisten in den
Tagen auf See gelungen war, über einen katho- Häusern der Bewohner.
lischen Priester in Rom die italienische Küstenwache Nach Angaben des UNHCR sind seit Aus-
zu alarmieren. Überlebende behaupten, mindestens bruch der Kämpfe in Libyen über 600 000 Men-
ein Militärhubschrauber und ein Flugzeugträger schen geflohen, die meisten über die Landes-
hätten ihr Boot gesichtet, ohne einen Rettungsver- grenzen nach Tunesien und Ägypten. Dort sind
such zu unternehmen. Die UN und der Europarat ihre Lebensumstände alles andere gut. Aber Mit-
wollen den Vorfall nun untersuchen lassen. arbeiter des UNHCR zeigen sich verblüfft,
Egal, was dabei herauskommt: wie bereitwillig die ägyptischen und
Knapp zwei Monate nach der UN- EUROPA vor allem die tunesischen Behörden
Resolution 1973 und nach den und die Bewohner der Grenz-
ersten Angriffen westlicher gebiete die Flüchtlinge empfan-
Kampfbomber auf Stellungen Lampedusa gen und versorgen.
der Armee Muammar al-Gad- Tripolis Mittelmeer Im Vergleich dazu sind die
hafis steht man vor der Er- ALGERIEN Bootsflüchtlinge, die gen Eu-
kenntnis, dass ein erheblicher ropa aufbrechen, keine »Wel-
ÄGYPTEN
Teil der zivilen Opfer nicht LIBYEN le«, sondern ein Rinnsal – gan-
durch Bomben und Kugeln ge- ze zwei Prozent sind auf EU-
storben ist, sondern durch un- Territorium gelangt. Die meisten
terlassene Hilfeleistung. Denn es ZEIT-Grafik boat people sind übrigens keine Li-
500 km
gibt in dieser Militäroperation kei- byer, sondern Schwarzafrikaner, Mig-
nen koordinierten Schutz von Flüchtlin- ranten, die in Libyen gearbeitet haben,
gen. Es gibt bislang lediglich einen verzweifelten sowie Flüchtlinge aus Kriegsgebieten und Dikta-
Hilferuf des UN-Flüchtlingshilfswerks turen wie Somalia, Darfur oder Eritrea, die be-
(UNHCR) an die europäischen Staaten, endlich reits eine monatelange Odyssee hinter sich haben
eine effektive Aktion zur Rettung von Boots- und in Libyen gestrandet waren. Sie sind – und
flüchtlingen zu starten. Die Reaktion in London, dieses Detail ist wichtig – mit Beginn des Auf-
Paris und Berlin? Schweigen. stands gegen Gadhafi zwischen die Fronten gera-
Resolutionen des UN-Sicherheitsrats ver- ten. Offenbar werden manche von ihnen von
schleiern oft mehr, als sie klarstellen. Aber Reso- Gadhafis Soldaten erst ausgeplündert und dann
lution 1973 – besser bekannt unter dem Schlag- auch Flüchtlingsboote gezwungen. Der Diktator
wort »Stoppt Gadhafi!« – enthält einige sehr möchte Europa wohl zeigen, dass es mit seinem
weitreichende Sätze. Am 17. März ermächtigte Sturz den wichtigsten Türsteher verliert. Noch
der Sicherheitsrat die UN-Mitgliedsstaaten, in mehr müssen sich Somalis, Eritreer oder Sudane-
Libyen »alle notwendigen Maßnahmen zu er- sen aber vor den Rebellen fürchten. Weil sich
greifen, um von Angriffen bedrohte Zivilper- unter Gadhafi-treuen Kämpfern auch Söldner
sonen zu schützen« – mit Ausnahme der Entsen- aus anderen afrikanischen Ländern befinden,
dung von Besatzungstruppen. Seitdem beobach- stehen nun alle Ausländer mit dunkler Hautfarbe
ten AWACS-Flugzeuge jede Bewegung von unter dem Generalverdacht der Gadhafi-Gegner.
Gadhafis Militäreinheiten, Flugzeugträger und Flüchtlinge berichten von Misshandlungen und
kleinere Kriegsschiffe patrouillieren nahe der li- Menschenjagden. Vielleicht sollte man den Text
byschen Küste, westliche Kampfjets bombardie- von Resolution 1973 auch dem Übergangsrat im
ren Kommandozentralen des Diktators. Und befreiten Bengasi noch einmal vorlegen.
seitdem wähnt sich Europa, das in den vergange- Die Nato bestreitet übrigens vehement, zu
nen Jahren eher dazu neigte, arabischen Diktato- irgendeinem Zeitpunkt ein Schiff mit Flücht-
ren Waffen zu verkaufen, als sie damit zu be- lingen in Seenot bemerkt zu haben. Die maltesi-
kämpfen, wieder auf der richtigen Seite der Ge- sche und die italienische Küstenwache weisen
schichte: Auf der Seite eines prodemokratischen ebenfalls jede Schuld von sich. Die italienische
Aufbruchs, der für jeden Einzelnen Freiheit und Küstenwache hat übrigens gerade erst in einem
Würde einfordert. Dem steht nun eine düstere wagemutigen Manöver 500 Flüchtlinge gerettet,
Zwischenbilanz von mindestens 800, wahr- die vor Lampedusa auf einen Felsen aufgelaufen
scheinlich über 1000 Toten gegenüber. Auch waren. Und womöglich hat im Fall des Schiffs,
Flüchtlinge sind bedrohte Zivilpersonen, aber das mit 72 Menschen an Bord über zwei Wochen
offenbar fallen sie nicht unter Resolution 1973. im Mittelmeer umherirrte, niemand vorsätzlich
Natürlich kann man fragen: Was ist daran oder gar böswillig Hilfe verweigert. Vielleicht
neu? Seit Jahren schon ziehen italienische Fischer ging dieses Schiff einfach im Durcheinander der
mit ihren Netzen immer wieder die Gebeine er- Prioritäten, Zuständigkeiten und Befehlshierar-
trunkener Flüchtlinge an Bord. Das Mittelmeer chien verloren: ein tödliches Chaos.
ist längst nicht mehr nur Urlaubsraum und Han-
delsweg, sondern auch ein großes Grab, seit Eu- www.zeit.de/audio
6 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 POLITIK

Illustration: Beck für DIE ZEIT/www.schneeschnee.de


Die neue Berliner Balance
Immer mehr Politiker fordern Zeit für Familie und Privates ein. Aber wie viel Freiheit darf sein in ihrem Job? VON TINA HILDEBRANDT

E
s gibt Jobs, in denen verdient man keinen heutzutage? »Ich finde diesen Satz sehr sympathisch«, Karl-Theodor zu Guttenberg gesucht wurde, wink- türlich! Denn moderne Frauen, das muss sie als bekennen: »Für mich ist Politik ein Stück Sucht.«
Euro mehr als am Tag bevor man sie an- sagt Baum. Weil er zum Nachdenken anrege über ten mit Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer und Ministerin sagen, können alles. Wenn sie ehrlich Zweimal hat er plötzlichen Machtverlust erfah-
trat, aber sie verändern den Alltag dra- die Frage: Was ist die Rolle eines Politikers? dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann ist, weiß sie: Nein, das würde wohl nicht gehen. ren. 1998, als die Regierung Kohl abgewählt wur-
matisch. Auf einmal steht ein BKA- Röslers Satz ist der Versuch eines Spitzenpoliti- gleich zwei konservative Politiker mit dem Hinweis Aber das wäre auch so ein Satz, den die Gegner de, und 2004, als er im Streit um die Gesund-
Kommando im Haus, und es heißt: Das kers, sich vor der Politik in Sicherheit zu bringen, ab, so einen Posten, Sicherheitsstufe 1, wollten sie schnell gegen einen verwenden können. »Meis- heitspolitik als Fraktionsvize zurücktrat. Einmal
Fenster hier muss raus, ins Schlafzimmer kommt einen Cordon sanitaire zu schaffen zwischen der sich und ihrer Familie nicht antun. Worauf der tens«, sagt Schröder mit einem feinen Lächeln, stand Seehofer am Fenster, sah draußen keinen
eine Stahltür, und übers Bett sollte ein Knopf. Damit Macht und dem Menschen. Es ist ein ungewöhn- CSU-Vorsitzende Horst Seehofer schließlich erbost »wird man in Deutschland unter 50 Jahren ja Fahrer mehr und keine Sicherheitsbeamten und
Sie die Polizei rufen können. licher Satz, weil Rösler sich damit angreifbar macht, verbot, dass irgendjemand noch irgendetwas erst ohnehin eher nicht Kanzlerin.« merkte voller Schreck, dass er keine Befreiung
Gerhart Baum hatte so einen Job. Wenn er im er stattet sich selbst mit einem Verfallsdatum aus. mit seiner Frau besprechen dürfe. Miriam Meckel war Staatssekretärin in Nord- empfand, sondern Angst und die bange Frage:
Auto saß, fuhr hinter ihm ein gepanzerter Wagen mit Der Satz ist auch zwiespältig, weil er das Klischee Das Thema Work-Life-Balance hat die Politik rhein-Westfalen, heute ist sie Professorin an der Gibt es mich eigentlich noch?
Sicherheitsleuten, vor ihm einer und daneben drei nährt, das Rösler bekämpfen will: dass die Politik erreicht. Immer mehr Politiker wollen nicht nur ein Universität in St. Gallen, sie hat ein Buch ge- Seehofer glaubt nicht an selbst gesetzte Ver-
Motorräder. Wenn nachts ein Hase durch den Vor- etwas Schmutziges ist, an dem man sich infizieren Leben nach der Politik, sondern ein Leben während schrieben, das vom Burn-out handelt. In der Po- fallsdaten, er glaubt, dass man die Macht umar-
garten hoppelte, wurde es taghell wegen der Licht- kann, vor dem man sich in Acht nehmen muss. der Politik. Vätermonate, politikfreie Wochenenden, litik hat Meckel Menschen gesehen, die in einem men muss: »Ich würde jede Wette eingehen, dass
schranken. »Ich bin viereinhalb Jahre nicht alleine Es gibt nicht viele wie Rösler in der Politik, aber es berufstätige Ehefrauen – was bei Grünen und Sozial- »Zwangssystem aus Terminen, noch mehr Termi- Philipp Rösler nicht mit 45 aufhört, jedenfalls
aufs Klo gegangen«, sagt Baum. Der FDP-Politiker gibt immer mehr, die so denken. »Ich werde alles daran- demokraten noch programmatischen Charakter nen, immer mehr Entscheidungen und auch einer wenn nichts Unvorhergesehenes passiert.« Das
hatte, ist längst auch bei bürgerlich-konservativen Menge Alkohol im Grunde bedauernswerte Exis- Work-Life-Problem empfiehlt er auf traditionelle
Politikern normal. Begriffe wie »in den Sielen ster- tenzen führten«. Ein gutes Vorbild für die Gesell- Weise zu lösen, nämlich dadurch, »dass er künftig
ben«, wie eine Metapher aus der Welt der Zugtiere schaft sei das nicht, meint sie, und auch deshalb die Termine für die Telefonkonferenzen bestimmt.
lautet, sind out; wer sich für die Partei aufopfert, sei ein Satz wie der von Rösler gut. »Es ist wichtig, Dann werden andere die Probleme haben.«
wird nicht mehr bewundert, sondern beäugt. Aber dass Menschen sagen, ich bin nicht Instrument
das Familienleben mit dem Beruf zu vereinen, kann eines Systems.« Wie es ist, Instrument eines Sys- Bloß nicht wie Kohl werden oder wie
dieser Wunsch in der Politik Wirklichkeit werden? tems zu sein, beschreibt Walter Kohl, der Sohn Westerwelle, denken viele
Das ist die eine Frage. Die andere Frage lautet, was Helmut Kohls, in seinem Buch Leben statt gelebt
es mit der Politik macht, wenn immer mehr Politiker werden. Es handelt vom Preis der Politik für die, Bloß nicht wie Kohl werden oder wie Westerwel-
ihren Posten als Teilzeitjob statt als Lebensinhalt die nicht gefragt wurden, ob sie einen solchen le, denken viele und meinen: keine Maske, kein
begreifen. Preis zahlen wollten: die Familien und Angehöri- Gefangener der Macht. Und nichts wünscht sich
gen von Politikern. Einmal kommt das BKA und das Publikum mehr als Politiker, die »authentisch«
»Die Anforderungen werden immer legt den Höchstpreis, der im Fall einer Entfüh- sind, »menschlich«, Politiker, die mitten im Leben
heftiger«, sagt Kristina Schröder rung des kleinen Walter zu zahlen sei, in dessen stehen, Familie haben, immer für ihre Kinder da
Beisein auf fünf Millionen Mark fest. sind, aber natürlich jederzeit in der Lage, Staats-
Inzwischen lässt sich die Schwangerschaft nicht Kaum einer der jüngeren Politiker mag sich so krisen abzuwenden. Es ist einer von vielen Wider-
mehr verbergen. Kristina Schröder sitzt in einem etwas vorstellen, kaum ein Partner sieht sich heu- sprüchen, mit denen Politiker umgehen müssen.
Besprechungsraum in ihrem Ministerium, eine te noch als stiller Dulder. Als in Berlin die Nach- »Die Menschen haben ein realistisches Gespür
Hand auf dem Bauch, zwischen den Antworten folge von Guido Westerwelle ausgehandelt wurde, dafür. Wenn einer Kanzler ist und Kinder hat,
atmet sie ein bisschen schwerer als sonst. Schröder ließ sich Philipp Rösler telefonisch zuschalten, dann sind das arme Kinder«, sagt Thomas Steg,
wollte Privatleben und Politik immer trennen. weil seine Frau Facharztprüfung hatte. Man kann ehemaliger Regierungssprecher. Denn was wollen
Bei ihrer Hochzeit hat sie die Kirche gewechselt, sagen: Da ist einer der wichtigsten Politiker die Bürger im Zweifel lieber: dass ihr Kanzler
um die Paparazzi irrezuführen. Nun ist die Fami- Deutschlands in der wichtigsten Stunde seiner nachts am Schreibtisch sitzt oder am Kinderbett?
lienministerin in einer Situation, in der sie, wie Karriere nicht dabei. Man kann aber auch sagen: Die Röslers suchen jetzt eine große Wohnung
sie selbst sagt, »offenkundig Privatleben und Be- Was ist eine Partei-Intrige gegen eine Facharzt- in Berlin-Mitte, probehalber, ein Umzug sei das
ruf vereinbaren muss«. Sie hat sich vorgenom- prüfung? Einer wie Peer Steinbrück, der als Fi- noch nicht. Rösler sagt, er mache sich keine Ge-
men, das offensiv zu tun, »nicht verdruckst zu nanzminister einen der tragenden Jobs hatte und danken, ob er seinen Satz zurücknehmen müsse
sagen: Ich habe einen anderen Termin, sondern: als harter Hund gilt, sagt: »Ich will lieber von eines Tages. Darum gehe es ja: keine Ausrede zu
Nein, dieses Wochenende ist für die Familie reser- Leuten regiert werden, die sich auch vorstellen finden, warum man inzwischen unabkömmlich
viert.« Wo so viele nicht zu ihren familiären Ver- könnten, wieder aufzuhören, als von machtver- sei, wie es so schön heißt.
pflichtungen stehen, sehe sie für sich als Ministe- sessenen Typen, die sich ausschließlich über eine Gerhart Baum ist seit Jahren nicht mehr Politiker,
rin »eine Bringschuld«. politische Stellung definieren.« er ist wieder Rechtsanwalt, allerdings ein politischer.
Ein Enddatum würde Schröder ihrer politi- Aber wo genau kippt die Work-Life-Balance Er vertrat sowjetische Zwangsarbeiter und verklag-
schen Laufbahn nicht öffentlich setzen, weil sie in der Politik aus dem Politischen hinaus? Für te die Telekom wegen ihrer Datenskandale. Zurzeit
weiß, dass das gegen sie verwendet würde. Aber Horst Seehofer sind bei allem Verständnis für ärgert er sich über die Jungen in seiner Partei. Nicht
ein Leben lang Politikerin zu sein, kann auch sie mitentscheidende Ehegatten irgendwann die weil sie nicht hart genug seien, sondern weil sie die
sich nicht vorstellen. »Die Anforderungen an Po- »Grenzen der Verantwortungslosigkeit erreicht«. Politik nicht verstanden hätten. »Falsche Loyalität
litiker werden immer heftiger«, sagt Schröder, »Wenn jemand beispielsweise Fraktionsvorsitzen- darf es in der Politik nicht geben«, sagt Baum. Fal-
und viele ihrer Kollegen empfinden es ähnlich. der ist, muss er auch bereit sein, andere Spitzen- sche Loyalität sei es zum Beispiel, die private Kate-
Die Schnelligkeit, mit der man reagieren müsse, positionen in der Politik zu übernehmen.« Nach- gorie der Dankbarkeit ins Politische zu übertragen
sei »Lichtjahre« von früheren Verhältnissen ent- dem Peter Ramsauer nicht Verteidigungsminister und Guido Westerwelle nicht zu stürzen.
fernt. Gleichzeitig steigen die Anforderungen, die und Joachim Herrmann nicht Innenminister Er wünscht all den jungen Politikern, dass ih-
Familie und Partner stellen – die Modernisierung werden wollte, platzte Seehofer der Kragen; er nen das alles gelingt: ehrlich bleiben, sich selbst
der Gesellschaft macht auch vor ihren Volksver- befahl Hans-Peter Friedrich, gefälligst ein Amt im treu, der Familie gerecht werden und den Wäh-
war Innenminister unter Helmut Schmidt, am Ende setzen, zu beweisen, dass man auch als Politiker ein tretern nicht halt. Die Politiker werden weicher Kabinett anzutreten. »Es gibt heute ein anderes lern. »Ich habe es nicht geschafft«, sagt er. »Wenn
seiner Dienstzeit war der rechte Arm vom Öffnen normales Privatleben haben kann und sich nicht ver- – man könnte auch sagen: normaler –, während Rollenverständnis in der Familie, in der der Part- Sie in die Politik gehen, werden Sie verführt. Sie
der schweren Auto-Panzertür lädiert. Baum, Vater biegen muss«, sagt Rösler. Politiker müssten auch Vor- die Politik immer härter wird. ner viel mehr Einfluss nimmt«, stellt Seehofer entfremden sich Ihrem privaten Bereich, und
von drei Kindern, in zweiter Ehe verheiratet, kann bild sein. Der Berliner Volker Ratzmann zog 2008 Familienfeindlich seien andere Jobs auch, da- fest. Es sei eine neue Erfahrung, dass selbst eta- wenn der private Bereich dann auch noch Schwie-
etwas erzählen über die Zumutungen der Politik. seine Kandidatur für den Bundesvorsitz der Grünen rauf legt Kristina Schröder Wert. In Spitzenjobs blierte Politiker nicht ohne Weiteres bereit seien, rigkeiten macht, dann umso mehr, dann flüchten
Was denkt einer, der für die Politik härteste Ein- zurück, weil seine Frau ein Kind erwartete und sich im der Wirtschaft habe man es auch schwer. Nur auf »gefahrengeneigte Posten« zu wechseln, »die Sie.« Was verführt einen? »Die Möglichkeit, Ent-
schränkungen in Kauf genommen hat, wenn er Jahr darauf wieder für den Bundestag bewerben woll- schaut bei denen nicht die ganze Republik zu. nicht in die persönliche Lebensplanung passen scheidungen zu fällen, interessante Menschen zu
hört, dass der neue Parteichef Philipp Rösler seine te. Katja Kipping von der Linken erklärte kürzlich, sie Kristina Schröder hat sich auf das Gespräch vor- oder in denen Unwägbarkeiten drohen«. treffen, die Chance, die in all dem liegt.«
Frau fragt, ob er sein Amt antreten soll, und sagt: könne sich vorstellen, irgendwann mal ihre Partei an- bereitet, sie hat überlegt, was sie sagen wird, wenn Horst Seehofer gilt vielen als Prototyp des Das Gefährliche an der Politik, sagt Baum, das
»Mit 45 höre ich wieder auf«? Beneidet der 78-Jäh- zuführen, aber mit Mitte 35 stehe für sie »die Familien- die Frage kommt: Kann eine Kanzlerin Mutter Machtpolitikers, als Gegen-Rösler par excellence. sei ja nicht das Hässliche, Abstoßende. »Das Ge-
rige den 38-Jährigen, oder denkt er: Alles Memmen planung im Vordergrund«. Und als ein Nachfolger für werden? Von Amts wegen müsste sie sagen: Na- Doch Seehofer ist einer der wenigen, die offen fährliche ist das Anziehende daran.«
POLITIK 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 7

»Am Ende
DIE ZEIT: Herr Rösler, mit Ihnen an der Spitze ZEIT: Sie reden viel über Stilfragen, über Glaubwür- Rösler: Definitiv ja.
wollte die FDP attraktiver und sympathischer wer- digkeit, Gelassenheit. Gibt es kein großes Projekt, ZEIT: Hier steht aber keine Fahne.
den. Finden Sie, dass das mit dem Personalgerangel das Sie als FDP-Chef vorantreiben wollen? Rösler: Nein, aus Platzgründen. Wir haben einen of-
der vergangenen Tage gelungen ist? Rösler: Glaubwürdigkeit gewinnt man nicht da- fiziellen Saal, da stehen die Deutschlandfahne und die
Philipp Rösler: Wir wollen vor allem wieder erfolg- durch zurück, dass man alte, bekannte Forderungen Europafahne.
reicher werden. Ich will, dass unser Parteitag am ständig wiederholt, möglichst noch etwas lauter als ZEIT: Was ist cool an Deutschland?
Wochenende ein Neuanfang wird. Und ich wollte
nicht, dass wir schon am Montag danach statt über
den Euro oder die Energiewende über die Besetzung
der Fraktionsführung reden. Der beste Weg, die
Diskussion zu beenden, war eine schnelle Entschei-
bisher, sondern durch Verlässlichkeit, Berechenbar-
keit und Entschlossenheit in der Sache. Deswegen,
richtige Feststellung, kündige ich jetzt nicht groß
an, was wir Tolles machen werden.
ZEIT: Sie wollen also immer noch die Steuern sen-
gewinne ich« Rösler: Der Begriff patriotisch wirkt ja ein wenig pa-
thetisch, und cool passt irgendwie nicht. Deutschland
ist meine Heimat, hier bin ich groß geworden. Die-
sem Land habe ich nicht nur viel, sondern alles zu
verdanken. Deutschland bietet allen Menschen alle
dung. ken, reden aber weniger darüber? Führungschaos, Euro-Skepsis, Atomausstieg: Chancen. Eine ostdeutsche Frau ist hier Bundeskanz-
ZEIT: Sie werden Wirtschaftsminister, Rainer Brü- Rösler: Wenn die Wirtschaft weiter so gut läuft, gibt lerin geworden, ein in Vietnam geborenes Adoptiv-
derle wird Fraktionsvorsitzender. Sie wollen die es dafür zumindest mehr Spielräume. Wie Philipp Rösler die zerrüttete FDP erneuern will kind wird jetzt ihr Stellvertreter. Nirgends kann man
Partei programmatisch verbreitern, Brüderle fordert ZEIT: Sie haben der FDP mal in einem Essay emp- den Amerikanischen Traum besser leben als in
eine Konzentration auf die Kernthemen der Libera- fohlen, den Begriff der Heimat zu entdecken. Ist Deutschland.
len, Freiheit und Wirtschaftskompetenz. Kann das Europa für Sie Heimat? ZEIT: Wie hat Ihre Herkunft Ihren Blick auf Deutsch-
funktionieren? Rösler: Heimat – da denke ich an die Region, in der land geprägt?
Rösler: Wenn es diesen Gegensatz gäbe, wäre das ich aufgewachsen bin. Und insgesamt glaube ich, Rösler: Meine Dankbarkeit macht es mir leichter, das
schwierig. Ich halte Wirtschaftskompetenz nicht für dass meine Generation zu Europa leider ein weniger Positive zu sehen. Dass das ein großartiges Land ist,
weniger wichtig, als Rainer Brüderle es tut. Sonst emotionales, eher intellektuelles Verhältnis hat als das spüre ich jeden Tag, auch jedes Mal, wenn ich
wäre ich auch falsch in meinem künftigen Ministe- diejenigen, die noch das Ende des Zweiten Welt- zum Reichstag fahre und die große schwarz-rot-gol-
rium. Wir geben unseren Markenkern nicht auf, im krieges erlebt haben. dene Fahne da oben sehe.
Gegenteil – es ist ein Signal, wenn der Parteichef ZEIT: Wir wüssten gern, warum ausgerechnet zur ZEIT: Zwanzig Prozent sind gegen einen schnellen
gleichzeitig das Wirtschaftsministerium führt. FDP, einer Partei mit großer außenpolitischer Tradi- Atomausstieg. Sind das nicht Ihre Wähler?
ZEIT: Bisher haben viele Ihnen die nötige Härte für tion, heute so viele Euro-Skeptiker gehören. Rösler: Beim Atomausstieg müssen wir die Partei der
ein Spitzenamt nicht zugetraut. Haben wir gerade Rösler: Meine Erklärung ist, dass beides zusammen- Vernunft sein. Und dazu gehört, dass wir an die Jah-
eine Häutung zum Machtpolitiker erlebt? hängt: Wenn diejenigen, die kritisch über europäi- reszahlen, die aktuell diskutiert werden, Preisschilder
Rösler: Sie haben erlebt, dass wir auch schwierige sche Bürokratie oder mangelnde Transparenz spre- hängen. Was kostet der Ausstieg 2020, 2030, 2040?
Entscheidungen anders fällen als andere Parteien. chen, immer wieder hören: Bitte nicht, du darfst Wenn sich andere überbieten bei den Ausstiegsdaten,
Zwischen Birgit Homburger und mir wird mensch- nicht die europäische Idee gefährden, wenn Kritiker wollen wir ein realistisches Ausstiegsszenario anbieten,
lich nichts Negatives zurückbleiben. Das Gleiche also reflexhaft in die europafeindliche Ecke gestellt das Sicherheitsaspekte, Kosten und Versorgungs-
gilt für Guido Westerwelle und Rainer Brüderle. werden, führt das zu Gegenreaktionen. Es wird mei- sicherheit berücksichtigt. Christian Lindner und ich
ZEIT: Wird es mit Ihnen an der Spitze mehr oder ne Aufgabe sein, sachliche Kritik aufzugreifen und sind uns vollkommen einig, dass dieses Projekt ver-
weniger Konflikte in der Koalition geben? Ihre Par- zu zeigen, wo sich Europa ändern muss. gleichbar ist mit der Mondlandung.
tei wünscht sich beides: weniger Streit und dass die ZEIT: Was wollen Sie am geplanten Euro-Rettungs- ZEIT: Der Preis ist der FDP also wichtiger als ein
FDP sich häufiger durchsetzt. paket ändern? möglichst schneller Ausstieg?
Rösler: Mit den Inhalten ist es nicht anders als mit Rösler: Erstens brauchen wir harte Auflagen, etwa Rösler: Nein. Bisher haben wir aber zu Recht primär
dem Personal: Wenn Sie etwas für sich als wichtig für die Haushaltskonsolidierung, damit klar ist, dass über die Sicherheit der Kernkraftwerke diskutiert.
entschieden haben, müssen Sie es auch durchsetzen. es sich bei allen Hilfen nur um Maßnahmen zur Eine vernünftige Partei, also die FDP, muss dafür
Aber für das Ansehen der Regierung ist nicht nur Überbrückung von Schwierigkeiten handelt, nicht sorgen, dass auch über den Preis des Ausstiegs geredet
wichtig, welche Inhalte wir vorantreiben, sondern um Dauerlösungen. Zweitens sind Sanktionsmaß- wird. Das werden wir tun. Die Balance muss stimmen
auch, wie wir miteinander umgehen. Da sind viele nahmen erforderlich für Länder, die sich nicht an in dieser Debatte.
Menschen enttäuscht – leider wird dieser Frust vor die Vereinbarungen halten. Drittens muss das Par- ZEIT: Sie sind demnächst Wirtschaftsminister. Sehen
allem bei uns abgeladen. lament bei jeder Rettungsaktion mitentscheiden. Sie in der Energiewende eher eine Belastung für die
ZEIT: Sie wollen einen anderen Umgang mit Frau Das ist mir besonders wichtig. Wenn Sie mehr Ak- Wirtschaft wegen der steigenden Preise oder eher eine
Merkel pflegen als Guido Westerwelle? zeptanz für Europa wollen, müssen Sie neben den Chance zur Erneuerung?
Rösler: Das ist eine Selbstverständlichkeit, weil Regierungen auch die Abgeordneten beteiligen. Rösler: Da man keine Wahl hat, muss man Optimist
Menschen nun mal unterschiedlich sind. Ich bin zu- ZEIT: Die FDP steht für große außenpolitische sein. Ich sehe die Energiewende daher als Chance für
versichtlich, weil ich glaube, dass Frau Merkel und Grundsatzentscheidungen. Verpflichtet das einen Deutschland. Sie wird einen Innovationsschub aus-
ich grundsätzlich ähnliche Typen sind. jungen Parteichef wie Sie? lösen. Mein Ziel als Wirtschaftsminister muss es sein,
ZEIT: Inwiefern? Rösler: Zur Zeit des Kalten Krieges war das erste in Deutschland produzierte Windanlagen überall in
Rösler: Ohne mich auf eine Ebene mit der Kanz- Ziel, Stabilität und Frieden zu erhalten, dafür steht der Welt anzutreffen. Vielleicht gelingt es der deut-
Foto (Ausschnitt): Anatol Kotte für DIE ZEIT

lerin stellen zu wollen: Frau Merkel sieht sich Dinge die Generation von Hans-Dietrich Genscher. Das schen Industrie jetzt sogar, eine Kaffeemaschine zu
ruhig an, wartet ab, lässt sich nicht irritieren von hat sich verschoben. Es gibt keine Ost-West-Aus- entwickeln, deren Heizplatte man abschalten kann,
äußeren Einflüssen und Kommentaren – und am einandersetzung mehr, keine Blockkonfrontation. ohne dass man erst zehn Menüpunkte auf einem Dis-
Ende kommt oft das heraus, was sie sich wünscht. Deutsche Interessen zu vertreten bedeutet heute play durchblättern muss. Das wäre ein Renner.
ZEIT: Die FDP hingegen verliert, und im Herbst auch, Wirtschaftsinteressen wahrzunehmen. ZEIT: Bei der Katastrophe von Tschernobyl waren Sie
wird in drei Bundesländern gewählt. Wie kommt ZEIT: Wie lässt sich der Schaden beheben, der durch 13 Jahre alt. Wie haben Sie diese Tage erlebt?
Ihre Partei aus dem Vier-Prozent-Loch? den deutschen Alleingang in der Libyen-Frage ent- Rösler: Wir durften nicht rausgehen zum Sportunter-
Rösler: Indem ich mich als Bundespolitiker bei den standen ist? richt. Und neulich habe ich das erste Mal seit 25 Jah-
anstehenden wichtigen Entscheidungen über den Rösler: Ich halte die Entscheidung für richtig, keine ren frischen Rhabarber gegessen. Meine Oma hatte
Euro, die Bundeswehr oder die Energiewende nicht deutschen Soldaten in einen Auslandseinsatz nach ihn immer in ihrem Garten in Hamburg-Harburg,
von Wahlterminen in den Ländern beeindrucken Libyen zu schicken. Aber wir dürfen niemals einen damals hieß es aber, Rhabarber dürfe man wegen der
lasse. Das war ein Fehler, den wir zu Beginn der Le- Zweifel an unserer Bündnistreue auch nur aufkom- radioaktiven Verseuchung auf gar keinen Fall essen.
gislaturperiode gemacht haben. Übrigens hat es men lassen. Trotzdem habe ich später zu denen gehört, die Atom-
auch nicht funktioniert.
ZEIT: Mit welcher Bilanz soll die FDP 2013 um
ZEIT: Haben Sie sich gefreut über den Tod von bin
Laden, wie die Kanzlerin?
Der Neue kraft für eine akzeptable, beherrschbare Technologie
hielten. Mit Fukushima hat sich das auch für mich
Wiederwahl werben? Rösler: Ich habe großes Verständnis dafür, dass sich 1973 geboren in Vietnam, adoptiert fehlt«) kritisiert er die Bundespartei. geändert, weil ein Ereignis, das angeblich nur einmal
Rösler: Auch da gilt, dass Sie nur verkrampfen, wenn viele Menschen erlöst fühlen. Osama bin Laden war von einem Ehepaar in Norddeutschland Ihr »ordoliberaler Kurs« gehe »an den in 100 000 Jahren eintritt, plötzlich Realität wurde –
Sie ständig an den Wahltag denken. Wenn die FDP ein Terrorist, verantwortlich für den Tod Tausender. 1992–1999 Sanitätsoffizier und Menschen vorbei«. In der Wirtschafts- und das im Hochtechnologieland Japan. Die Welt ist
gute Regierungsarbeit macht, wird sie 2013 gewählt. Als Mitglied des Zentralkomitees Deutscher Katho- Medizinstudium bei der Bundeswehr krise müsse die FDP sich deutlicher zu schöner, wenn man immer Rhabarber essen darf.
Es ist jetzt die Aufgabe der FDP, und so wird es un- liken habe ich mich allerdings stets sehr stark enga- 2000–2009 FDP-Generalsekretär, Lan- Werten wie Solidarität bekennen
ter meiner Führung sein, für die nötige Gelassenheit giert gegen die Todesstrafe. desvorsitzender und, mit 36, 2009 Bundesgesundheitsminister, Das Gespräche führten PETER DAUSEND und
innerhalb der Regierung zu sorgen. Nehmen Sie die ZEIT: Und was war Ihr erster Gedanke? jüngster Wirtschaftsminister Vorbereitung der Krankenkassenreform ELISABETH NIEJAHR
Energiewende: Da ist man sehr hektisch von einem Rösler: Stimmt das wirklich? Der zweite: Wie war in Niedersachsen 2011 Kandidat für den Parteivorsitz
Extrem ins andere umgeschwenkt. Das muss anders das, was ist da passiert? Ich war einfach neugierig. 2008 In einem Thesenpapier (»Was uns Hobby: Bauchredner FDP: Berichte vom Parteitag auf ZEIT ONLINE
werden. ZEIT: Sind Sie patriotisch? www.zeit.de/FDP
8 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 POLITIK

Foto: Faisaal Mahmood/Reuters


Jungen an einer Koranschule im pakistanischen Abbottabad. In der Nähe wurde bin Laden getötet

Der Sieg wird unser sein


Von Osama bin Ladens Tod lassen sich die Islamisten nicht beirren. Sie wittern ihre Chance. Eine Reise durch Pakistan VON GEORG BLUME

Peschawar/Lahore/Islamabad nem neu gebauten Moschee-Komplex mit islamischer Universitätsprofessor, hat jedes betroffene Land Wo immer man in Pakistan heute hinhört – alle Gerichtshof von Lahore klingen wie Islamisten. Sie

D
er Tod Osama bin Ladens, der Krieg Schule liegt. Er stellt die Stühle in die Sonne auf den genau studiert. Besonders bedauert er die Lage in liberalen Kräfte betonen, wie abgewirtschaftet die alte sprechen davon, dass ausländische Mächte für Terror
um Libyen, die Revolutionen in grünen Rasen, im Westen erheben sich die Berge um Syrien: kein Licht am Ende des Tunnels. Und ein demokratische Elite, wie sehr das Militär von Isla- und Gewalt in Pakistan verantwortlich seien, dass die
Ägypten und Tunesien – weshalb den Khyber-Pass nach Afghanistan, im Osten strahlt allzu weltlicher Präsident an der Macht. »Die ara- misten unterwandert sei und wie sich letztlich das USA und auch Deutschland kein Recht auf Inter-
die Aufregung? Der Weg, sagt Mo- die weiße Moschee vor blauem Himmel. Bald tönen bischen Völker kämpfen gegen ihre Despoten. Ihre ganze Land Schritt für Schritt, mit großer Beständig- vention in der Region hätten. Das ist einer der größ-
hammed Ibrahim, ist klar, das Ziel Kinderstimmen aus der Schule herüber. Genau das Geduld ist aufgebraucht. Alle Räder stehen still.« keit seit über 20 Jahren dem islamischen Glauben ten Erfolge der Islamisten: Sie haben die Grenze
auch. Nur keine Eile. Nur nicht drängen lassen von will Ibrahim zeigen – seine heile islamische Welt. Für Ibrahim geht die Geschichte weiter. Weil er in zuwende. Und zwar nicht dem moderaten, sondern zwischen radikalen und gemäßigten Muslimen ver-
den Ereignissen. Unter den Mullahs herrscht nicht nur Chaos. Und einer Demokratie lebe, die ihre Despoten abge- dem strengen, sogar radikalen Islam, der keinen an- schwimmen lassen. So sehr, dass selbst radikalste Ko-
Ibrahim ist der politische Kopf der größten is- wenn, dann sind andere dafür verantwortlich. »Die schüttelt hat, komme es nun zum entscheidenden deren Glauben neben sich duldet. ranprediger in Pakistan salonfähig geworden sind.
lamischen Partei in Pakistan, Dschama’at al-Isla- wirkliche Gefahr für uns ist der sogenannte Krieg Kampf – dem zwischen den USA und der isla- Lahore zum Beispiel, acht Millionen Einwohner,
mija. Er war Senator im pakistanischen Oberhaus, gegen den Terror, den die USA führen«, sagt Ibrahim. mischen Welt. »Die USA haben Verbindungen mit alte Mogul- und Kolonialpracht, einst Vorzeigestadt »Der Heilige Krieg wird nicht durch
er war Provinzpräsident, noch immer ist er ein »Wenn unsere Führer es wagen würden, sich von allen Despoten der Region. Deshalb fürchten sie Pakistans, die lange abseits von Gewalt und Terroris- den Tod einer Person geschwächt«
Mann mit viel Einfluss in Peschawar. Kaum einer diesem Krieg zu distanzieren, wären die Taliban und jetzt, dass islamische Bewegungen die Herrschaft mus lag. Aber in den vergangenen Jahren gab es im-
in seiner Partei hat so viel Regierungs- und Amts- al-Qaida keine Bedrohung mehr für uns.« mer wieder brutale Anschläge. Nach und nach ist die Es ist ein warmer Tag, als Maulana Abdul Aziz aus
erfahrung wie er. Ibrahim ist ständiger Gast der Über Jahrzehnte konnten die säkularen Regierun- ZEIT-Grafik Stimmung gekippt – wann, das weiß niemand mehr der Hauptstadt Islamabad in ein kleines Dorf auf-
pakistanischen Talkshows. Würden die Islamisten gen in Islamabad derartige Äußerungen aus dem so genau. Die vielen liberalen Intellektuellen der bricht, um den Bau einer Mädchen-Koranschule zu
in Pakistan die nächste Wahl gewinnen: Ibrahim Lager des Islamisten ignorieren. Zwar gründet Ibra- Stadt, die einst Lahores Ruf als Kulturhauptstadt besichtigen. Er wird begleitet von vier bewaffneten
würde Regierungssprecher oder Außenminister hims Partei Dschama’at al-Islamija auf einer über Abbottabad Pakistans begründeten, haben Angst. Frauen ver- Männern mit AK-47-Gewehren. Aziz ist Vorsteher
Khyber-Pass
werden. »Ist es nicht denkbar, dass die USA heute hundert Jahre alten, in der Geistlichkeit tief verwur- schleiern sich und schicken die eigenen Kinder auf der Roten Moschee. Er trägt eine weiße Kutte und
AFGHANISTAN Islamabad
nur deshalb ein Osama-Drama aufführen, weil sie zelten antikolonialen Bewegung. Doch politisch die strengsten Koranschulen. Wer den islamischen einen schwarzen Turban, er lächelt. Als ihn später die
ihre peinliche Niederlage in Afghanistan kaschie- bedeutsam wurde sie erst, als sie vor acht Jahren die Peschawar Gesetzen öffentlich widerspreche, müsse um sein Nachricht von bin Ladens Tod erreicht, sagt er, dass
Lahore
ren und uns glauben machen wollen, Osama sei Wahlen in der Nordwestprovinz gewann. Ibrahim Leben fürchten, klagt eine Frau, die bei einer Stiftung er die islamische Sache nicht in Gefahr sehe. »Es muss
tot?«, fragt er seelenruhig am Telefon mit seiner gilt als Architekt dieses Wahlsiegs. Fünf Jahre lang INDIEN arbeitet. Kürzlich sind zwei Politiker ermordet wor- heute Tausende geben, die bereit sind, Osamas Platz
leisen, aber betonten Predigerstimme. Kein Wort erlebte seine Partei, was es heißt, zu regieren. Dann u s den, die sich gegen das strenge Blasphemie-Gesetz einzunehmen. Der Heilige Krieg kann nicht durch
I nd
davon, ob Pakistan Osama bin Laden all die Jahre verlor sie die Wahlen. Dennoch: Die politischen Isla- des Landes ausgesprochen hatten. Die Empörung war den Tod einer Person geschwächt werden.«
geschützt hat. misten hatten gelernt, wie man auf demokratischem PAKISTAN schwach. Dagegen rief die Erschießung bin Ladens Aziz entstammt einer berühmten Predigerfamilie,
PAKISTAN
Weg die Macht erobert. Ibrahims Partei ist heute in durch die US-Streitkräfte deutlich mehr öffentliche seit 1965 führt sie die Rote Moschee, ein Gotteshaus
Ibrahim glaubt, dass die Revolutionen modernen Wahlkampftaktiken erprobt. Und obwohl Kritik hervor. mitten im Regierungsbezirk der Hauptstadt. Ein
ein Kampf für islamische Ideen sind ihre radikalsten Anhänger dieser Tage Bin-Laden- Arabisches Meer »Pakistan ist der zukünftige Staat al-Qaidas. kompakter roter Backsteinbau mit roten Mosaikfens-
Arabisches INDIEN
Porträts auf den Straßen schwenken, hat sie sich im 200 km
Meer Die Gefahr eines Atomstaats in Terroristenhand tern, in dem vor wenigen Jahren eine spektakuläre
Ibrahim sieht aus wie ein Weiser aus dem Morgen- öffentlichen Meinungsbild erfolgreich von al-Qaida steht hier unmittelbar vor der Tür«, warnt der in- Geiselnahme der Taliban endete. Militärs hatten die
land: langer weißer Bart, ruhiger klarer Blick, vor- abgegrenzt. Seither wird sie auch in der Hauptstadt ternational bekannte Autor und Journalist Khalid Moschee gestürmt, es gab zahlreiche Tote. Aziz und
nehme beige Kleider. Kurz bevor die Nachricht vom Islamabad ernst genommen. in den arabischen Ländern erringen. Ich aber zwei- Ahmed. Ahmed hat Angst vor Anschlägen. Er lei- seine Predigerfamilie aber unterstützten die Geisel-
Tod bin Ladens eintraf, hatte er in das nordwest- Jeder, der Ibrahim trifft, erhält seine politische fele daran nicht. Ich habe volles Vertrauen in die tet eine Journalistenschule in Lahore, politisch hält nahme. Bestraft wurden sie dafür nie. Seitdem gilt
pakistanische Peschawar eingeladen. Eine ungewöhn- Bibel: eine Schrift des bedeutendsten Theoretikers Massen der Muslime. Sie werden die USA und ihre er sich zurück. Doch er reist immer noch viel in die Moschee als Hochburg der radikalislamischen
liche Reise, denn seit Monaten dürfen westliche von Dschama’at al-Islamija aus den dreißiger Jah- Ideen besiegen und das heutige politische Vakuum der Region. »Die Demokratie, die sich der Westen Bewegung. Und neuerdings als Ort der Hoffnung.
Journalisten nicht nach Peschawar. Zu gefährlich. Wir ren. Das Büchlein ist kein Appell, zu den Waffen füllen – sofern man sie frei wählen lässt«, sagt Ibra- wünscht, wird nicht kommen«, sagt er. »Sogar auf Aziz’ Neffe kommt, ein junger Mann mit Brille
können in keinem Hotel übernachten, da extremis- zu greifen. Aber es ruft zum Kampf gegen die Un- him. Es ist sein Vereinnahmungsversuch. West- dem Tahrir-Platz in Kairo warfen sich alle auf die und brauner Predigerkappe. Er führt durch die Mo-
tische Gruppen einen Anschlag auf Ausländer planen gläubigen auf. Es fordert die strenge Wahrung der liche Intellektuelle betonen, der Zorn Arabiens Knie und beteten. Es war angsterregend. Sehr bald schee. Überall liegen rote Teppiche aus, er zeigt auf
könnten. Jede Nacht schlafen wir woanders, meistens islamischen Gesetze, der Scharia. Es neigt zur Into- richte sich nicht gegen die USA, sondern gegen die werden die Bewegungen in den arabischen Län- kunstvolle Deckenmalereien und lässt sich vor einer
in irgendeinem Büro. Tagsüber fährt uns ein Taxi, die leranz gegenüber Andersgläubigen. Ibrahim muss eigenen Herrscher und sei deshalb ein Votum für dern islamistische Züge bekommen.« Bücherwand in seinem Büro nieder. »Im Augenblick
Scheiben sind verdunkelt. Aber Ibrahim will endlich sich mit diesem Büchlein nicht verstecken. Es zählt die westliche Demokratie. Ibrahim dagegen glaubt, Im Gegensatz zu westlichen Beobachtern, die herrscht in der islamischen Welt Aufruhr«, sagt er.
reden, worüber die Islamisten bisher geschwiegen heute zu den weltweit meistverbreiteten isla- dass die Revolutionen ein Kampf für die isla- glauben, die arabischen Revolutionen stünden für »Aber der Wandel hat gerade erst begonnen. In fünf
haben: über sein Land, über Tunesien, Ägypten, über mischen Schriften. Nicht zufällig stammt es aus mischen Ideen sind. Modernisierung und Säkularisierung, spricht Ah- bis zehn Jahren wird er dauerhaft sein. Bis dahin wird
die Hoffnungen, die seine islamistische Partei hegt, Pakistan: Operativ war das Land für die islamisti- Ibrahim schaukelt mit seinem Stuhl auf dem med aus pakistanischer Erfahrung. Für ihn schrei- eine neue Generation der islamischen Bewegung an
seit der arabische Frühling herrscht. Ibrahim sieht sche Bewegung bedeutungslos, ideologisch aber Rasen und schaut in den Himmel. »Ich sehe keine tet mit Revolution und Instabilität in der Region seiner Spitze stehen. Dafür müssen wir jetzt schon
darin die Chance für eine Wende. Keine demokrati- umso einflussreicher. Notwendigkeit, auf die Straße zu gehen. Wir nur die »Talibanisierung der Köpfe« voran. hart arbeiten.« Er ist erst 35 Jahre alt und Imam, ein
sche, sondern eine islamische. Für Ibrahim ist die Demokratie nicht Ziel, son- können friedlich entscheiden. In zwei Jahren ha- Längst ist die Ideologie der Islamisten in der Mit- Prediger wie sein Onkel. Er ist sich sicher, dass seine
Den Ort für das Treffen wählt er mit Bedacht. Er dern Mittel zum Zweck eines islamischen Staates ben wir Wahlen«, sagt er. Nur keine Eile. Nichts te der Gesellschaft angekommen. Angesehene Män- Stunde noch kommen wird. Dass die Geschichte ihm
lässt zwei Stühle aus seinem Büro bringen, das in ei- – wie die arabischen Revolutionen. Er, ein früherer überstürzen. ner wie der frühere ranghöchste Richter am Obersten noch recht geben wird. Bald schon, nur keine Eile.
POLITIK 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 9

»Ich fühle mich umzingelt«


Das syrische Regime verhaftet wahllos Menschen und kappt das Internet. Wie lebt es sich dort jetzt? VON RAZAN ZEITOUNEH

A
m vergangenen Freitag um 15 sehe, wird es noch schlimmer: Das syrische Immer wieder erwischen wir es bei Lügen: gefoltert haben, um unser Versteck zu finden
Uhr habe ich in meinem Ver- Staatsfernsehen zeigt stundenlang falsche Vergangene Woche zum Beispiel traten zwei (das er gar nicht kennt).
steck noch ein Stück Freiheit ver- Geständnisse von angeblichen Terroristen – Männer im Fernsehen auf, die als Fahrer im Bislang also keine guten Nachrichten diese
loren: Das Regime hat die Inter- deren Familien sich dann wenig später bei uns Grenzverkehr zwischen Libanon und Syrien Woche. Daraa wird immer noch belagert, und
netverbindung über unseren Aktivisten melden und uns erzählen, dass arbeiten. Sie wurden an der Grenze ohne er- wir bekommen von dort praktisch keine Infor-
Provider und vorübergehend auch die Ein- nichts davon stimme und die Geständnisse sichtlichen Grund festgenommen; zwei wei- mationen mehr. Allenfalls ab und an ein paar
wahl übers Telefon gesperrt. Seither habe ich allesamt unter Folter erzwungen worden sei- tere Fahrer, die sich weigerten mitzukommen, Updates über Satellitentelefon, davon gibt es
kaum noch Verbindung zur en. Die Waffen, die angeblich wurden erschossen, und einige wenige in der Stadt.
Außenwelt. Seit Tagen habe R A Z A N Z E I T O U N E H bei diesen »Terroristen« ge- am nächsten Tag behaup- Im Moment sieht es aus, als
ich mit keinem Menschen funden wurden? Lachhaft! teten die beiden anderen würde das Regime mit seiner
mehr gesprochen, weil ich Wenn ich die Bilder sehe, Männer im Fernsehen, TÜRKEI brutalen Unterdrückungs-
mich nicht mehr bei Skype weiß ich genau, dass die Sicher- diese zwei seien Terroristen strategie die Oberhand ge-
einwählen kann. Mein Mo- heitskräfte ihre eigenen Be- gewesen. Wir haben die winnen. Trotzdem werden
biltelefon hat die Regierung stände vorführen. Wer sonst Namen der Erschossenen SYRIEN
IRAK die Proteste weitergehen. Sie
schon vor Wochen gesperrt, hat denn in Syrien solche und wissen, dass diese Be- Mittelmeer können uns verlangsamen,
eine neue Sim-Karte auf mei- Waffen? Die Demonstranten schuldigung falsch ist. Damaskus aber nicht stoppen.
nen Namen zu besorgen wäre jedenfalls nicht. Ich fühle mich regelrecht Einen Lichtblick im-
zu riskant. Und alle Freunde, Natürlich sehe ich auch die umzingelt. Vor ein paar merhin gab es diese Wo-
die mir auf ihren Namen eine lebte in der Hauptstadt Berichte über die getöteten Si- Tagen haben Sicherheits- Kairo che: Ich habe meinen
kaufen könnten, sind entwe- Damaskus, bevor sie im cherheitskräfte, die Bilder kräfte ein Viertel in der SAUDI- Mann wiedergesehen. Er
der verhaftet oder werden März untertauchte aus misshandelter Körper. Aber ich Nähe durchkämmt. Oft ARABIEN hat mich kurz in meinem

R ot
es M
gesucht. Furcht vor Verhaftung. Die glaube einfach nicht, dass dies nehmen sie einfach alle ÄGYPTEN Versteck besucht. Das war
Online-Chats – wenn denn Anwältin wird auch in den das Werk der Protestierenden Männer eines Haushalts zwar riskant, aber das war

e er
die Telefoneinwahl funktio- kommenden Wochen ist. Immer wieder hören wir mit, die älter als 15 Jahre es uns wert. Jetzt sind wir
niert – sind jetzt meine Nabel- berichten, was ihr als von Familien getöteter Sol- sind. Wenn der Gesuchte SUDAN wieder jeder für sich, in
schnur zur Welt, Buchstabe Dissidentin widerfährt daten, diese seien erschossen nicht angetroffen wird, ZEIT-Grafik derselben Stadt und doch
für Buchstabe morse ich mei- worden, weil sie sich geweigert nehmen sie gern auch ein 400 km wie aus der Welt. Nicht
ne Nachrichten nach draußen, hätten, auf Demonstranten zu anderes Familienmitglied als einmal telefonieren kön-
im Telegrammstil laufen die Meldungen von schießen. Beweisen können wir es nicht, und Geisel, so wie meinen Schwager. Von dem haben nen wir im Augenblick. Nur kleine Textbot-
außen bei mir ein. Zwölfjähriger Junge bei Pro- das Regime sendet fleißig seine Propaganda. Es wir kein Lebenszeichen, seit Sicherheitskräfte schaften wandern zwischen unseren Verste-
testen in Homs getötet. Mehr als 250 Men- wundert mich aber, dass es damit offenbar ei- am 30. April in unsere Wohnung eingedrungen cken hin und her.
schen in Banyas verhaftet. Strom und Internet nen gewissen Erfolg haben und Skepsis an den sind und ihn mitnahmen, weil mein Mann und

Fotos: Reuters
in vielen Vierteln von Homs unterbrochen. Motiven unserer Bewegung säen kann. Die ich nicht da waren. Nicht ein Wort seither! Wir Aufgezeichnet von SUSANNE FISCHER
Die Isolation schlägt mir aufs Gemüt. Ich Welt sollte doch inzwischen wissen, wozu die- wissen nicht, wer ihn verhaftet hat, wo er fest-
esse kaum, rauche viel zu viel. Wenn ich fern- ses Regime fähig ist. gehalten wird, wie es ihm geht oder ob sie ihn www.zeit.de/audio
Steine gegen einen Panzer: Von den Protesten
gibt es keine Fotos, nur solche Internet-Videos

Feuer für den Propheten


Ägypten nach Mubarak: Wer sind die radikalen Muslime, die
Kirchen anzünden? VON MICHAEL THUMANN

N
ach dem Regimesturz nun der Reli- book wurde gemunkelt, die Sendung sei nach-
gionskonflikt? Die Angst geht um in träglich gefälscht worden. Schon hatten die Sala-
Ägypten. Im Kairoer Arbeiterviertel fisten wieder Munition.
Imbaba mussten sich koptische Die bekommen sie übrigens auch von den
Christen am vergangenen Wochenende Atta- Kopten frei Haus. Cornelis Hulsman, Leiter des
cken muslimischer Radikaler erwehren. In dieser ArabWestReport in Kairo und ein langjähriger
furchtbaren Nacht brannten zwei Kirchen. Beobachter konfessioneller Beziehungen, wirft
Zwölf Menschen starben, Hunderte wurden den Kopten »mangelnde Transparenz« vor. Die
verletzt. Die Armee nahm 190 Randalierer fest Kirche betreibe Geheimniskrämerei, wenn Frau-
und kündigte Militärgerichtsverfahren an. Zur en sich von ihren Männern trennen wollten.
Abschreckung. Doch die Fundamentalisten Scheidung ist verboten. Viele ultrakonservative
drohen wiederzukommen. Rollt nun die Welle Priester bestehen streng auf dieser Tradition.
des radikalen Islamismus an, vor der das alte Mitunter wechseln christliche Frauen nur den
Regime des gestürzten Herrschers Hosni Muba- Glauben, um endlich von ihrem Mann wegzu-
rak immer gewarnt hatte? kommen. Doch verbietet das koptische Bekennt-
Längst bedrohen die Übergriffe von musli- nis den Übertritt zu einer anderen Religion – wie
mischen Extremisten nicht mehr nur Christen. auch der Islam. In der hiesigen Kultur von »Ehre
Säkulare Politiker sehen sich im Fernsehen und und Scham«, sagt Hulsman, werde so etwas so-
im Internet verleumdet. Schreine von ägyp- fort zur öffentlichen Angelegenheit. Dann stür-
tischen Sufis, Anhängern eines mystischen Is- men die Salafisten dankbar die Bühne.
lams, werden beschädigt oder zerstört. Radikale Warum Fundamentalisten gerade nach der
schnitten einem Kopten in Qena ein Ohr ab, Revolution vom Februar so schrill und sichtbar
weil er seine Wohnung angeblich an Prostituierte geworden sind, darüber kursieren in Ägypten
vermietet hatte. Die Extremisten greifen Alko- zwei Lesarten. Viele Kopten sagen, dass nun die
holgeschäfte an. Medien berichten von Säure- Islamisten überall Auftrieb gewönnen. Viele ra-
attacken auf unverschleierte Frauen. dikale Muslime seien aus den Gefängnissen ent-
Die Angreifer sind meist Salafisten. Sie beru- lassen worden. Im Verfassungsreferendum hätten
fen sich auf die Vorfahren (as-Salaf ), bestehen Salafisten und Muslimbrüder Seite an Seite für
auf dem, was sie für die Lebensformen der Pro- die Annahme gekämpft, weil sie den Passus über
phetenzeit halten. Dabei huldigen sie oft erfun- den Koran als eine Hauptquelle der Gesetze er-
denen Traditionen, die sicherlich im Internet, halten sehen wollten. Das ist richtig und den-
aber nicht unbedingt für das 7. Jahrhundert ste- noch nur die halbe Wahrheit.
hen: ultralange Bärte, knöchelfreie Pluderhosen, Die zweite Lesart unterscheidet stärker zwi-
Musikhass, Vollverschleierung. Salafisten gibt es schen den oft unpolitischen Salafisten und den
heute in der gesamten islamischen Welt, jüngst Muslimbrüdern, die derzeit eine eigene Partei
brachten sie in Gaza einen italienischen Frie- gründen – und vielleicht gar mehrere. Die Mus-
densaktivisten um. Dort liefern sie sich auch limbrüder wurden vom alten Regime stark be-
Gefechte mit der islamistischen Hamas. Salafis- kämpft, sie saßen im Gefängnis, ihre Medien
ten konkurrieren von rechts mit den Muslim- wurden behindert und verboten.
brüdern, der mächtigsten islamistischen Bewe- Die Salafisten hingegen genossen erstaunliche
gung im Nahen Osten. Viele salafistische Predi- Freiheiten. Nicht nur, dass ihre Prediger geduldet
ger in Ägypten wurden in Saudi-Arabien aus- wurden, sie hatten unter Hosni Mubarak sogar
gebildet, prägten dann aber am Nil einen eige- Fernsehkanäle, welche die Massen mit hoch-
nen radikalen Stil. Wie viele Anhänger sie wirk- angereicherter spiritueller Nahrung versorgten.
lich haben, weiß niemand genau. Der Lärm, den Die Muslimbruderschaft konnte davon nur träu-
sie machen, dürfte ihre Bedeutung aber weit men. Ihr populärster Prediger, Jussuf al-Qarada-
übertreffen. wi, musste seine Botschaften aus dem fernen
Aufmerksamkeit im Westen erregen vor allem Qatar senden.
ihre Scharmützel mit Christen. Oft geht es dabei Deshalb sind viele Ägypter überzeugt, An-
um Frauen, die angeblich zum Islam übergetre- hänger des alten Regimes förderten die Salafis-
ten sind. Irgendjemand streut dann etwa das ten, um ein Chaos zu säen, in dem die Menschen
Gerücht, diese Frauen würden von Christen fest- nach bewährter Ordnung riefen. Der Verdacht
gehalten, damit sie keinen Muslim heiraten. So erhärtete sich, als voriges Wochenende vor der
ging jedenfalls das Gassengerede am vergangenen Koptenkirche ähnliche Schlägertrupps auftauch-
Wochenende. Die Salafisten in Imbaba forderten ten wie schon im Februar auf dem Tahrir-Platz
die Herausgabe Kamiliya Shihatahs, der Frau ei- und früher bei Wahlkämpfen der inzwischen
nes koptischen Priesters. Kopten, hieß es, hielten verbotenen Staatspartei.
sie gefangen, weil sie zum Islam übergetreten sei. Niemand hat dabei vergessen, dass der
Soweit das Gerücht. schlimmste Anschlag auf Kopten mit 21 Toten
Es half nicht, dass Shihatah mit ihrem Mann und 79 Verletzten am Neujahrstag dieses Jahres
in einem christlichen Satellitensender beteuerte, geschah. Damals saß Präsident Hosni Mubarak
nie übergetreten zu sein. Auf Twitter und Face- noch fest im Sattel.
10 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 POLITIK

R O B E RT O S AV I A N O :
I TA L I E N I S C H E L E K T I O N E N ,
TEIL 6

Italien ist uns fremd geworden.


Eine Serie zur Erklärung
eines rätselhaften Landes

Warum
versinkt
Neapel

Fotos: Laura Lezza/Getty Images; Franck Courtes/VU/laif


im Müll?
6
IT

NEN
ALIEN

Wie von Geisterhand immer wieder da: Abfall auf den Straßen von Neapel
IO
T

SC

N
eapels Probleme mit der K ein Ausnahmezustand eben. Wenn er Boscoreale erzählte mir, wie sie jeden Morgen von das ist nicht alles: In den 1990er Jahren wurden kleiner Camorrista seinen Boss darauf aufmerk-
I

HE LE
Abfallentsorgung haben jedes Jahr wieder eintritt, dann handelt es ihrer Wohnung zur Schule nach Neapel fuhr, und viele Kippen eröffnet, die laut einem Bericht der sam macht, wie das nächste große Geschäft mit
nichts damit zu tun, dass die sich nicht mehr um einen »Notstand«. In der Gestank reiste mit. Ein beißender Fäulnisgeruch Umweltschutzorganisation Legambiente ein gan- Giftmüll das Grundwasser verschmutzen könnte,
Neapolitaner keine sauberen Men- Neapel ist die Müllkrise zum Normalzustand ge- hatte sich in den Sitzen des Autos und in ihrer Klei- zes Jahrhundert lang neapolitanischen Hausmüll antwortet der Boss ungerührt: »Was kümmert
schen wären. Da gibt es ganz andere worden: Wie es im Sommer heiß ist und im Winter dung festgekrallt, die arme Frau wurde deswegen hätten fassen können. Doch dazu kam es nicht uns das, wir trinken Mineralwasser.«
Gründe. Auf jeden Fall leiden die Neapolitaner kalt, so wachsen jedes Jahr die Müllberge. Neuer- von ihren Schülern gehänselt. – die Camorra füllte die Kippen umgehend mit Das Business der sogenannten Ökomafia
unter der ständigen Wiederholung des Müllnot- dings ereignet sich der Notstand sogar häufiger als Aber warum geschieht so etwas nicht in Genua, Müll aus ganz Italien. kennt keine Krisen, Abfall gibt es schließlich
standes, und sie leiden natürlich auch darunter, dass einmal im Jahr. Vor Weihnachten lagerten auf den Mailand oder Bologna, sondern nur in Neapel? Auf Der Abfall auf der Straße hat verheerende immer, und er wird sogar immer mehr. Laut Le-
ihre Stadt als »Müllhauptstadt« geschmäht wird. Straßen und Plätzen von Neapel 3000 Tonnen diese Frage gibt es eine einfache Antwort. Erstens Auswirkungen, wenn man versucht, das Volumen gambiente haben die Clans mit Müllgeschäften
Wenn der SSC Neapel auswärts Fußball spielt, ver- Müll, die schließlich mit Baggern weggeschafft wur- hat die Camorra bei dem dauernden Müllproblem der Müllberge zu verringern, indem man sie in allein in 2009 einen Umsatz von 20 Milliarden
spotten die gegnerischen Fans die Spieler als »Müll- den. Jetzt, wenige Tage vor der Bürgermeisterwahl, ihre Hand im Spiel. Sie verhindert zusammen mit Brand steckt. Es gibt da ein Dreieck im Hinter- Euro erzielt, ungefähr so viel wie die Telefonge-
männer«. Einige ausländische Fußballer wollten an- sind es erneut über 3000 Tonnen. Die Regierung korrupten Politikern eine funktionierende Entsor- land von Neapel zwischen den Orten Giugliano, sellschaft Telecom Italia und zehnmal so viel wie
geblich wegen der Abfallberge erst gar nicht beim hat wie so oft Soldaten geschickt, die in Neapel als gung, um den Clans riesige Gewinne durch eine in- Villaricca und Qualiano, das alle nur noch »Feu- die Kleiderfirma Benetton. Doch der Müllnot-
neapolitanischen Klub anheuern. Die Neapolitaner Müllmänner eingesetzt werden. effiziente, mit überhöhten Preisen operierende erland« nennen. Oft sieht man da an den Stra- stand war auch Manna für die Politik in Kampa-
vertreiben inzwischen sogar Postkarten, auf denen Um den Müll ranken sich mittlerweile viele Ge- Müllwirtschaft zu sichern. Zweitens wird die Abfall- ßenrändern pechschwarzen Rauch aufsteigen. nien, um ihn drehen sich schließlich Unmengen
Müllhaufen zu sehen sind, sie sind eben ein selbst- schichten, und manche sind geradezu grotesk. Da entsorgung in Neapel und der umliegenden Region Die Brände werden in bewährter Manier gelegt: von Beraterverträgen und Krisenmanagement-
ironisches Volk. Aber in Wirklichkeit empfinden sie gab es zum Beispiel im Hinterland plötzlich einen Kampanien zu einem ganz überwiegenden Teil Die besten »Brandstifter« sind ausländische Ju- Aufträgen. Wenn ganze Provinzen unter dem
die Dauerkonfrontation mit dem Müll als unwür- Boom von Klimaanlagen. Jeder Haushalt wollte durch Müllkippen betrieben. Diese Kippen füllen gendliche, denen die Clans der Camorra 50 Euro Müll begraben werden, muss man eben viel Geld
dig, für sie sind die Abfallhaufen ein weiterer Beweis eine haben, auch in den entlegensten Dörfern. Der sich mit der Zeit, und wenn das geschieht, verfügt pro verbrannten Müllhaufen zahlen. Die Jungen lockermachen, um sie von dem Abfall zu befrei-
dafür, dass sie nur Bürger zweiter Klasse sind, um die Grund dafür war der Müll, dessen Gestank derart ein Gericht die Schließung. Nicht selten erfolgt die umwickeln die Müllberge mit den Bändern von en. Wer aber viel Geld zu vergeben hat, der kann
sich der Staat nicht kümmert. aufdringlich in die Häuser drang, dass die Leute die Sperrung der Kippen auch wegen Umweltproble- Videokassetten, schütten Alkohol und Benzin auch auf viele Wählerstimmen hoffen, er kann in
Es gibt 16-jährige Jugendliche in Neapel, die Fenster geschlossen halten mussten. In der Ort- men, wenn austretende Flüssigkeit den Boden ver- darauf und entfernen sich. Mit dem Feuerzeug jedem Fall seine eigene Position festigen. Nur wer
ihre Heimatstadt praktisch noch nie ganz vom Müll schaft Maddaloni in der Provinz Caserta wurden schmutzt. Auf jeden Fall kommt der Schließungs- zünden sie die Videobänder an, die wie eine Neapel zumindest zeitweise vom Müll befreien
befreit erlebt haben. Denn der sogenannte Müllnot- 2008 die Schulen geschlossen, die Postangestellten befehl immer plötzlich, der Müll kann dann nicht richtige Zündschnur funktionieren. In wenigen kann, der darf auf politischen Erfolg hoffen.
stand existiert seit 16 Jahren – also so lange, dass die verweigerten die Arbeit, es wurden keine Märkte mehr abgeladen werden und bleibt auf der Straße. Sekunden brennt dann alles lichterloh, Haus- Im Notfall werden die Entsorgungsunterneh-
Bezeichnung »Notstand« schon gar nicht mehr an- mehr abgehalten – die Müllberge machten ein nor- Natürlich ist das grundlegende Problem dahinter müll und Gewerbeabfälle wie Lacke, Klebstoff, men nicht ganz so streng nach dem Antimafia-
gebracht ist. Ein »Notstand« ist nur eine Episode, males Alltagsleben unmöglich. Eine Lehrerin aus das Fehlen einer nachhaltigen Abfallpolitik. Aber Schmieröl, die jeden Quadratzentimeter Erde gesetz kontrolliert, Hauptsache, der Müll ist erst
mit Dioxin verseuchen. einmal weg. Und natürlich wird die Entsorgung
In Neapel hat die Mülltren- umso teurer, je länger der Abfall
nung nie funktioniert, und das schon auf der Straße liegt. Die
ist wirklich eine Schande. In der D E R A U F K L Ä R E R Camorra kennt die fundamen-
Millionenstadt gibt es nur weni- talen Regeln von Angebot und
ge Viertel, in denen der getrenn- Nachfrage. Von 1998 bis 2008
te Abfall zu Hause abgeholt wird wurden zur Bewältigung der Müll-
– die einzig effiziente Methode, krisen in Kampanien 780 Millio-
weil sie so etwas wie Sozialkon- nen Euro jährlich ausgegeben.
trolle impliziert. Wenn der Nach- Fast acht Milliarden in zehn Jah-
bar trennt, dann trenne ich auch, ren. Und das Ergebnis sehen wir
deshalb funktioniert das in die- auch jetzt wieder auf den Straßen
sen Vierteln hervorragend. Es von Neapel. Kein Zufall, dass der
sind nur zu wenige. Fast 84 Pro- Der Schriftsteller Müll kurz vor der Bürgermeister-
zent des Abfalls werden nicht Roberto Saviano wahl die Stadt verstopft. Die Ca-
getrennt und landen auf der wurde mit seinem morra benutzt den Abfall als Mit-
Müllkippe, dabei dürften es laut Buch »Gomorrha« tel der politischen Erpressung. Sie
Gesetz nur 35 Prozent sein. Die berühmt. Für die zeigt damit im Wahlkampf ihre
Mülltrennung funktioniert nicht ZEIT erklärt er Italien Macht.
etwa deswegen nicht, weil die in zwölf Lektionen. Was die Politik, links wie
Neapolitaner sie nicht beherrsch- Fünf sind bereits er- rechts, zur Lösung des Müllpro-
ten oder nicht wollten. Sie funk- schienen – zwei zu blems beigetragen hat, war bisher
tioniert nicht, weil das Geschäft Silvio Berlusconi, eine nur oberflächlich, kurzsichtig, ja
mit dem Abfall blüht, solange er zu der Frage, ob desaströs. Es wurden jede Menge
nicht getrennt wird. Mülltren- Italien eine Nation ist, Fehler gemacht, immer wieder fal-
nung bedeutet weniger Abfall, und zwei zur Macht sche Entscheidungen getroffen. In
und weniger Abfall bedeutet we- der Mafia Neapel regiert die linke Mitte, in
niger Verdienst für die Müllwirt- Kampanien die rechte Mitte. In
schaft, die mit dem Organisier- Rom regiert Berlusconi, der im-
ten Verbrechen verfilzt ist. So absurd es klingt: In mer wieder behauptet, er habe Neapel vom Müll
Neapel ist Mülltrennung eine Antimafiaaktion. befreit, in Wirklichkeit geht der Notstand auch
Bisher hat sich noch keine Stadtverwaltung ge- unter seiner Regierung weiter. Berlusconi hatte
traut, das wirklich durchzusetzen. zudem zum Staatssekretär im Finanzministerium
Am Geschäft mit dem Müll verdienen alle. Es einen Politiker berufen, den die Staatsanwalt-
verdient die Organisierte Kriminalität. Es ver- schaft beschuldigt, ein Gewährsmann der Ca-
dienen die Abfallunternehmen. Es verdienen am morra im Müllgeschäft gewesen zu sein. Inzwi-
Müll auch die sogenannten Entsorgungsgesellschaf- schen ist dieser Nicola Cosentino von seinem
ten. Das sind Konsortien mehrerer Kommunen, Amt als Staatssekretär zurückgetreten – aber er ist
die sich zusammentun, um die Mülltrennung immer noch Berlusconis starker Mann in Kam-
billiger zu machen. Doch in Wirklichkeit werden panien. Als Parteikoordinator des »Volkes der
diese Konsortien zum Paradies des Klientelismus, Freiheit« trat Cosentino trotz des schwerwiegen-
der getürkten Ausschreibungen und der gefälsch- den Verdachts nicht zurück. Berlusconi hat ihn
ten Rechnungen. Sie bilden regelrechte Kartelle auch nicht dazu gedrängt.
– nicht um den Preis zu senken, sondern um ihn Ich werde nie müde zu sagen: Wenn man den
in die Höhe zu treiben und den Müll letztendlich Müll, den die Clans der Mafia verwalten und ver-
von der Camorra »entsorgen« zu lassen. Längst waltet haben, aufeinandertürmen würde, dann
haben die Clans die Müllkonsortien mit ihren käme man bei einer Basis von drei Hektar auf
Mittelsmännern infiltriert. Denn der Abfallberg 15 600 Meter Höhe. Dieses schmutzige Business
ist jener Ort, wo Politik, Camorra-Clan und hat also ein langes Leben. Der Müll auf den Stra-
Unternehmen sich treffen. Die Grenzen sind da- ßen von Neapel bedeutet das Scheitern der Poli-
bei fließend. tik. Hoffentlich nicht mehr lange.
Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Nea-
pel zeigen, dass diese Müllkonsortien zu wahren Aufgezeichnet und übersetzt von BIRGIT SCHÖNAU
Machtzentren der Organisierten Kriminalität
geworden sind. Die Camorra betätigt die Hebel © 2011 by Roberto Saviano – Agentur R. Santachiara
im Müllgeschäft – so wurde der Bock zum Gärt- Die früheren Folgen von
ner gemacht. Wie, das illustriert eine Anekdote Roberto Saviano finden Sie unter
des Kronzeugen Gianfranco Mancaniello. Als ein www.zeit.de/saviano
POLITIK & LYRIK 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 11

Seit dem 10. März versuchen wir im Anfang dieses Jahres erleben. Die
Politikteil der ZEIT, Politik von Gedichte wurden dabei
einer anderen Seite und auf andere häufig sehr aktuell, einige
Art wahrzunehmen. wurden am Tag nach politischen
Elf Lyrikerinnen und Lyriker Entscheidungen oder nach
verfassen eigens für die ZEIT Katastrophen verfasst. Diesmal
Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht handelt eines unserer beiden
auf die Politik. Mal schreiben sie Gedichte von der Erschießung
unabhängig von den Osama bin Ladens, während das
Ereignissen, mal gehen sie direkt auf andere sich mit dem starken
politische Erlebnisse ein. Andrang moralischer Anforderungen
Womit wir anfangs nicht gerechnet in letzter Zeit befasst.
hatten, das ist die Fülle und Dichte Bislang sind vierzehn Gedichte
der Ereignisse, wie wir sie seit erschienen.

POESIE NRO: 10
Inkarnation
In diesem Gedicht wird kein Fleisch gegessen.
Dieses Gedicht ist nicht animalisch, es besteht
aus Luftgespinst und Liebe, und stirbt es einmal,
wird es, ohne zu stinken, aus dem Buch rieseln.
Dieses Gedicht tötet kein Lebewesen, niemand
soll sagen: Der Täter war ein so freundlicher
Familienmensch! Es emittiert kein CO₂ und leistet
keine Kompensation, es fliegt nicht nach Fuerte
und sagt »Scheiß drauf!«, weil irgendwo Koniferen
dafür gepflanzt werden. Ab und zu ritzt es sich
mit Realität, um sich zu spüren. Licht dringt ein.
Es blutet nicht, es lebt vorzüglich von Substanz.
Das Gedicht rettet. Genießen Sie’s. Schlucken Sie
nicht alles. Bitte verschonen Sie Ihre Liebsten.

HENDRIK ROST,
Jahrgang 1969, wurde im Münsterland geboren. Studierte
Philosophie und Literaturwissenschaft. Lebt als Autor
und Übersetzer mit seiner Familie in Lübeck. Seine Über-
setzungen (zusammen mit Mirko Bonné) der Gedichte
Foto: privat

von Rutger Kopland erschienen 2008 im Hanser Verlag.


Im Frühjahr 2010 erschien sein fünfter Gedichtband »Der
Pilot in der Libelle« im Göttinger Wallstein Verlag

Die Lebenden sind Legenden


aber was sind die Toten?
(B. O.)

Nicht war es die Zeit in solche Leere


zu irren wie die morgens sehr früh
als die Katze einer Amsel Gedärme
über die Kellertreppe hochzog
die rechte Zeit war es nicht zum
Briefkasten zu gehen zu sagen:
nichts heute nacht ist nichts
geschehen nein nicht war es
die Zeit nicht war es wahr nicht
geschehen das Nichts als ich
im Schlaf einem Kampf zusah:
der Vogel im Sperrfeuer mir
aus dem Grau ins Gesicht fiel nicht
war es Zeit zu schlafen für sich sein
nicht Zeit gleichzeitig die Katze zu
loben und die Amsel begraben

DANIELA DANZ,
Foto: Nils-Christian Engel

1976 in Eisenach geboren, lebt nach Stationen in Tübingen,


Prag, Berlin und Leipzig in Halle (Saale). Die Autorin
und Kunsthistorikerin unterrichtet als Lehrbeauftragte
der Universität Hildesheim Methodik des kreativen
Schreibens. Ihr letzter Gedichtband »Pontus« erschien 2009
im Wallstein Verlag
12 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20
MEINUNG
POLITIK
ZEITGEIST

Wer den Griechen hilft


JOSEF JOFFE:Europa wird für Hellas
bluten, um sich selber zu retten

Die Kassandras haben recht behalten: Geld- ohne HEUTE: 9.5.2011


Politikunion geht nicht. Vor zwölf Jahren hat Eu-
ropa mit dem Euro den »Zug der Hoffnung« auf
die Schiene gesetzt: 16 Lokomotiven mit 16 Füh-
rern. Die fromme Hoffnung? Jede Lok werde im Erinnern
gleichen Tempo – mit gleicher Steuer- und Aus-
gabenpolitik – fahren; sonst würden die Kupp- Als Deutscher ist man ja heut-
lungen brechen oder alle zusammen entgleisen. zutage eher wehrkraftzersetzend
Der Bruchpunkt ist jetzt. Um im Bild zu blei- eingestellt. Ordenbehangene Hel-
ben: Manche Lokführer, Athen vorweg, haben so denbrüste erinnern unsereinen an
lange so heftig geheizt, bis die Kohle ausging. Der Schützenvereine und Epauletten
Remeduren sind nur drei: 1. Athen nimmt Dampf an den Karneval. Hier aber ist das
weg, also spart und wird wieder wettbewerbsfähig. Original zu sehen, nicht die Ko-
2. Es wird zum europäischen Sozialfall, den die pie. So sehen Sieger aus.
anderen mit ihrer Kohle alimentieren. 3. Hellas Siegesfeier in Moskau: Was
koppelt sich ab oder wird abgehängt. muss das für ein Gefühl sein, vol-
Heute ist jede Lösung so hässlich wie die nächs- ler Stolz auf die Jahre 1941 ff. zu-
te. Griechenland, ein üppiger Sozialstaat mit ver- rückzublicken, auf den Großen
harzter Privilegienwirtschaft, kann nicht sparen. Vaterländischen Krieg, den sie mit
Trotz seiner Schwüre sind seine Schulden – private Recht so genannt haben? »Keiner
wie öffentliche – im Vorjahr gestiegen, von 325 ist vergessen«, singt die Sängerin
auf 340 Milliarden Euro. Und blähen sich weiter – wie sonst soll sich ein Volk an
auf. Das Wachstum lag im vierten Quartal 2010 eine Katastrophe erinnern, deren
bei einem Minus von knapp sieben Prozent. Opfer noch immer nicht auf eine
Weiter Kohle zuschießen? Griechische Bonds Million genau gezählt sind?
sind nach jeder Finanzspritze wieder abgestürzt; »Nichts ist vergessen«, singt sie.
die Zinsen liegen bei 15 Prozent, die Rating-Agen- Und man wünscht diesen alten

Foto: Denis Sinyakov/Reuters


tur S&P hat die Papiere auf »B« gedrückt – weit Herren, dass diese Zeile falsch sein
unter »Müll«. Wer nun den Griechen Geld leiht, möge. Wer hätte schon gerne ihre
sollte es besser im Kasino verjuxen. Mit Glück Erinnerungen? Und wenn die Or-
kriegt er 70 oder nur 50 Cent auf den Euro zu- denssammlung hilft, damit fertig
rück. Die Euphemismen für den Bankrott lauten zu werden, wer hätte das Recht,
»Umstrukturieren« oder »Umprofilieren«, sprich: darüber zu spotten? F. D.
Schuldenschnitt oder Stundung. Wie aber käme
dann Hellas zu neuem Geld – bei einem Schulden-
stand von 160 Prozent des Inlandsproduktes?
Also Abkoppeln (freiwillig) oder Abhängen (er-
zwungen), wie es der medienerprobte Ifo-Chef Sinn
fordert? Erstens erlauben die Verträge den Raus-
schmiss nicht, und zweitens ist die Medizin mörde-
rischer als die Sepsis. Noch bevor der Drachmen-
Mord und Totschläger Ein Land bleibt cool
Druck angelaufen wäre, bräche das Höllenfeuer aus:
Jugendgewalt: Zu viel Milde untergräbt das Vertrauen ins Recht Der Staat hätte bei der Volkszählung mehr Fragen stellen sollen
Wie Jugendliche zu grausamen Schlägern werden, schlag sieht das Jugendstrafrecht zehn Jahre Die Bürger bleiben cool. Am 9. Mai war Stichtag Leute auch nicht mehr, wenn der Staat etwas
das bleibt trotz aller Forschungen ein verstörendes Haft als Höchststrafe vor. Ob Torben P. die be- des »Zensus 2011«, der neuen Volkszählung. Der mehr wissen will.
Rätsel. Wie ihnen zu begegnen ist und ob die kommt, entscheidet das Gericht, Anklage ist ersten seit 1987. Volkszählung, das klingt nach Vor dem Hintergrund der digitalen Revolu-
Foto: Mathias Bothor/photoselection

Jugendgewalt insgesamt brutaler wird – all das ist nicht gleich Urteil. Aber die Anklage ist eine historischer Parallele, nach enormem Erregungs- tion und ihren technischen Möglichkeiten lässt
heftig umstritten. Nur über eines sind sich alle erste Weichenstellung. Für Täter und Opfer. potenzial. Am Montag aber mahnten bloß müde sich aber auch das entgegengesetzte Argument
Fachleute einig: Die Justiz muss schnell arbeiten, Und für die Öffentlichkeit. einzelne Landesdatenschützer, fanden sich ein führen: Die Bürger finden die Fragebögen
wenn sie es mit jugendlichen Gewalttätern zu tun Deshalb ist es auch legitim, wenn in Berlin paar nölige Kommentare in den Zeitungen (und okay. Dabei wissen sie sehr wohl um die Risi-
bekommt. Vergeht zwischen Straftat und Strafe jetzt nachgefragt wird, warum die Tat auf dem ebenso viele wohlwollende). Mehr öffentliche Re- ken der Datensammelei. Bloß sind die Chiff-
Josef Joffe ist zu viel Zeit, verpufft die Wirkung der Sanktion. Bahnsteig nicht als versuchter Mord angeklagt aktion war da nicht. ren dafür heute Apples Ortungsdatei, Googles
Herausgeber der ZEIT Das immerhin hat die Berliner Justiz im Fall worden ist. Die mögliche Höchststrafe wäre die- Mit Überrumpelung kann man das kaum Fotoautos oder Hacker-Raubzüge durch unsi-
des Torben P. richtig gemacht, der in der Nacht selbe, das Signal aber ein anderes. Mord ist mehr erklären: Schon 2010 fanden die Haus- und chere Onlineshops. Sammelwut und Schlam-
erst ein Run auf griechische Banken, dann Panikver- auf Ostersamstag am U-Bahnhof Friedrichstraße als ein Totschlag, eine besonders verwerfliche Tat, Wohnungsbesitzer Fragebögen in der Post. Seit perei sind die Zutaten jedes Datenskandals.
käufe von Griechenbonds im Ausland. Denn die einen Passanten offenbar ohne jeden äußeren An- sei es wegen besonderer Grausamkeit, sei es wegen Monaten wird plakatiert und informiert. Und Doch die Schauplätze sind stets Privatunter-
Besitzer müssten kalkulieren, dass die Neo-Drachme lass niedergeschlagen und dann immer wieder »niedriger Beweggründe«. Grausam ist nach den jetzt werden zufällig ausgewählten Bürgern 46 nehmen, vorzugsweise kalifornische Konzerne.
etwa die Hälfte ihres Wertes gegenüber Hartwährun- gegen den Kopf getreten hatte. Schon zwei Wo- gängigen Definitionen eine Tat, die dem Opfer Fragen zu Person, Lebensumständen, Ausbil- Im Vergleich zu deren Machen-was-geht-Men-
gen verliert, die Griechen also doppelt so viel zurück- chen später ist gegen den 18-Jährigen Anklage besonderes Leid zufügt, die gängige Hemm- dung und Beruf gestellt. Rund zehn Millionen talität erscheint die Neugier der Volkszähler
zahlen müssten, was sie erst recht nicht könnten. erhoben worden. Das ist ungewöhnlich schnell schwellen infrage stellt oder besonders erschüt- müssen antworten – ein ganz schöner Teil der verhältnismäßig, ja zurückhaltend.
Besonders pikant wäre die Lage in Deutschland, wo – und ein gutes Signal. Die Beweislage sei einfach, ternd wirkt. Wer das Video der Tat am Bahnhof Bevölkerung. Aber empört sie sich? Verweigert Vielleicht zu zurückhaltend. 700 Millionen
das meiste Gift bei Krisenbanken wie der HRE liegt. sagen die Staatsanwälte, der Täter habe gestanden, Friedrichstraße gesehen hat, kommt schon ins sie sich in nennenswerter Zahl? Nein. Euro soll der Zensus kosten, das ist nur eine
Schließlich: Wie würden die Pleitiers je wieder fri- der Tathergang stehe fest, da eine Videokamera Grübeln, ob hier von dem geradezu wie besin- Wer hätte das gedacht! Eine bürokratische Schätzung, also wird es teurer. Vor dem nächs-
sches Geld kriegen, um allein die steigenden Schulden den Angriff aufgezeichnet hatte. Allerdings darf nungslos zutretenden Täter nicht alle gängigen Großaktion (zumal eine, die Brüssel vor- ten Zensus 2021 wird es heißen: Können wir
zu bedienen? man wohl annehmen, dass auch das Entsetzen in Hemmschwellen überschritten werden. schreibt), doch die Deutschen bleiben cool. Bei für das ganze Geld nicht etwas mehr erfahren?
Europa wird also weiter zahlen müssen – auch der Öffentlichkeit über die Tat einiges zur Be- Nein, es geht nicht darum, eine möglichst jenem Thema, das in den achtziger Jahren zur Und zu Recht. 43 der Fragen schreibt die EU
bei einem Schuldenschnitt. Denn auch dann ge- schleunigung beigetragen hat. harte Strafe zu finden. Es geht darum, das Gesetz Chiffre für den vermeintlichen Überwachungs- vor. Nur drei fügte die Bundesrepublik hinzu
rieten die Euro-Zonen- und Griechenbanken mit Angeklagt wird Torben P. wegen versuchten ernst zu nehmen – und die friedensstiftende Funk- staat wurde. Die Reaktion lässt sich ganz gegen- (davon die freiwillige nach dem religiösen Be-
jeweils 80 und 65 Milliarden an Schuldscheinen in Totschlags. Das ist ein Mittelweg. Lange wurden tion des Rechts. Wenn einer wie Torben P. von sätzlich deuten – entweder als Zeichen von Ab- kenntnis). Dabei hatten Statistiker, Ökonomen
die Bredouille, derweil EU, IWF und EZB 100 vergleichbare Fälle milder beurteilt, meist als Kör- Untersuchungshaft verschont wird, wenn Heran- stumpfung oder von Akzeptanz. und Sozialwissenschaftler gefordert, weitere
Milliarden wertberichtigen müssten. Finanzkrise II perverletzung – mit entsprechend niedrigeren wachsende sehr häufig nach Jugendstrafrecht ver- Erklärung Nummer eins: Wir sind einfach Fragen zu drängenden gesellschaftlichen Pro-
nicht ausgeschlossen. Fazit: Wer den Griechen Strafen. Das haben Deutschlands höchste Straf- urteilt werden, obwohl für sie auch Erwachsenen- desensibilisiert durch ständige halb öffentliche blemen zu stellen: etwa zu Sprachen (Integra-
hilft, hilft seinen Banken. Europa wird zuschießen richter am Bundesgerichtshof gebilligt, sogar be- strafrecht in Betracht käme, wenn schon bei der Selbstinszenierung à la Facebook (wo fast 18 tion) und Kinderzahl (Demografie), zum
und stunden müssen. Es lebe die Transfer-Union! fördert. Denn sie wollten nicht einmal bei heftigen Anklage regelmäßig heruntergezoomt wird, dann Millionen Deutsche angemeldet sind). Außer- Pendlerverhalten (Verkehrsplanung) und, ganz
Wie lange? Bis der Euro-Zug nur einem ein- Tritten mit Springerstiefeln gegen den Schädel mag das in jedem Fall begründet sein. Das Rou- dem liegen in mehr als der Hälfte der Haushal- simpel, zur Heizung (Klimaschutz).
zigen Lokführer, also einer gemeinsamen Steuer- ohne weiteres einen Tötungsvorsatz annehmen. tinierte der Nachsicht jedoch, der Eindruck, te Kundenkarten (knapp 50 Millionen allein Der Staat – im Bestreben, die Befragten nur
und Ausgabenpolitik gehorcht. Und wenn er bis Das sahen die Berliner Staatsanwälte nun Spielräume würden nur in eine Richtung genutzt von Payback), die Spione der Konsumwirt- nicht zu verschrecken – verzichtete auf all das.
dahin entgleist? Vertrauen wir auf den Bushido- anders. Grobe Nachsicht wird man ihnen also – solche Tendenzen untergraben das Zutrauen ins schaft. Und selbst in einer H&M-Filiale wird Angesichts der Coolness der Bürger muss man
Song: »Die Hoffnung stirbt zuletzt.« nicht unterstellen können. Für versuchten Tot- Recht. WFG man beim Bezahlen gefilmt. Da schert es die sagen: Da wäre mehr drin gewesen. STX

www.zeit.de
DURCHSCHAUEN SIE JEDEN TAG. POLITIK WIRTSCHAFT MEINUNG GESELLSCHAFT KULTUR WISSEN DIGITAL STUDIUM KARRIERE LEBENSART REISEN AUTO SPORT

Schreiben Sie für uns!


Welches Thema brennt Ihnen schon seit
Foto: Andrew H. Walker/Getty Images for DIFF

Längerem auf der Seele? Schreiben Sie


einen Leserartikel. ZEIT ONLINE präsen-
Foto: Raigo Pajula/AFP/Getty Images

tiert Ihre Texte nun noch prominenter


Foto: Sean Gallup/Getty Images

www.zeit.de/leserartikel

Schüler arbeiten wissenschaftlich


Foto: Gordon Hempton

Bei ZEIT für die Schule erfahren Schüler,


wie sie Literatur und Quellen finden und
korrekt mit Bildern und Statistiken umgehen
www.zeit.de/schule
FDP HAUSHALT FILM HÖREN ZEIT ONLINE auf Facebook
Werden Sie einer von mehr als 58.000 Fans
Rösler übernimmt Volle Kassen Nach der Revolution Das Ohr zur Welt von ZEIT ONLINE auf Facebook und dis-
kutieren Sie aktuelle Themen mit uns
Neue Führung, neue Linie: Es ist ein Par- Die gute Konjunktur füllt die Kassen von Der ägyptische Regisseur Magdy Ahmed Aly Gordon Hempton ist akustischer Ökologe. www.facebook.com/zeitonline
teitag des Umbruchs, zu dem sich die FDP Bundesfinanzminister Schäuble. Am Don- hatte die lähmenden Strukturen in Ägypten Er reist um die Welt auf der Suche nach un-
am kommenden Wochenende trifft. Und nerstag stellen die Steuerschätzer ihre ak- unter Mubarak beschrieben. Nun macht er berührten Landschaften und unverfälschten ZEIT ONLINE twittert
bei den Themen Euro-Krise und Ener- tuelle Prognose vor. Erwartet wird ein Plus die Ereignisse der Revolution zum Thema Geräuschen, die so noch niemand gehört hat. Folgen Sie ZEIT ONLINE auf twitter.com,
so wie schon mehr als 70.000 Follower.
giewende droht Streit. ZEIT ONLINE be- von mehr als 100 Milliarden Euro bis 2015. seines nächsten Films. Ein Gespräch mit Für ZEIT ONLINE beschreibt, fotografiert Sie erhalten ausgewählte Hinweise aus
richtet aus Rostock Welche Begehrlichkeiten werden entstehen? dem Filmemacher aus Kairo und vertont er seine Erlebnisse dem Netz
www.zeit.de/politik www.zeit.de/wirtschaft www.zeit.de/kultur www.zeit.de/reisen www.twitter.com/zeitonline
POLITIK MEINUNG
12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 13

WIDERSPRUCH

Zu früh gefreut
Der Terror ist noch nicht
besiegt VON PHILIP DINGELDEY

DAMALS: 1945 In seinem Leitartikel Ein Krieg weniger


(ZEIT Nr. 19/11) entwirft Jan Ross ein op-
timistisches Bild von der Zukunft. Er
schreibt, mit dem Tod von Osama bin La-
Vergessen den ende auch die irregeleitete Vorstellung
des war on terror als Epochenthema. Der
Nur Ahnungslose träumen davon, arabische Frühling könne sich entfalten,

Fotos: Alexander Meledin/Mary Evans Picture Library/Interfoto; Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V. (u.)
die Zukunft entschlüsseln zu kön- und der Westen solle sich dabei bescheiden
nen, und nur Verrückte wünschen, zeigen.
nicht zu vergessen. Wüsste sie, was Bei näherem Hinsehen ist dieses Szenario
kommt, würde sie dann so lachen? allerdings wenig realistisch. Ein Abzug aus
Könnte er so tief versinken in ihren Afghanistan wäre nicht sinnvoll, will man
Geruch und das Gefühl ihrer das Land nicht in Schutt und Asche zurück-
Haut? Könnten sie beide das, wenn lassen. Auch der Terrorismus ist mit bin
ihnen die vergangenen Jahre ge- Ladens Tod keineswegs am Ende. Der Al-
genwärtig wären? Die Gegenwart Qaida-Chef war schlau genug, ein Terror-
ist ein unmögliches Komprimat, netzwerk aufzubauen, in dem einzelne Zel-
ein Nichts zwischen dem, was len unabhängig von einer zentralen Figur
kommt, und dem, was war, und agieren. Das werden wir noch zu spüren be-
doch ist dieses Foto ein Beweis ih- kommen.
rer Wirklichkeit. Wie wäre so ein Für Ross gehört der amerikanische Jubel
strahlendes Glück in Moskau im noch einer »abschließenden Zeit« an, er sei
Jahr 1945 möglich, im Angesicht ein Rückfall in das emotionale Klima von
dieser Vergangenheit und dieser 2001. In Wirklichkeit handelt es sich aber
Zukunft? Das Foto selbst ist ein nicht um einen krönenden Abschluss, son-
undatierbares Dokument, so ver- dern um einen neuen Höhepunkt dieser
schwommen wie das Wissen über aufgeheizten Atmosphäre. Anstatt bin La-
die Zeit seiner Entstehung. Ein den festzunehmen, um ihn vor Gericht zu
Jahr, ein Ort, der Name des Foto- stellen – er wäre zweifellos verurteilt worden
grafen, mehr ist nicht bekannt. So –, ließen ihn die USA töten und unter Miss-
hat der Sieg ausgesehen. So hat er achtung muslimischer Bestattungsbräuche
sich angefühlt, an diesem Ort, in von einem Flugzeugträger aus ins Meer wer-
diesem Moment. F. D. fen. Damit schüren sie Rachegedanken.
Ross gibt dies zwar zu, doch im Gegensatz
zu seiner zuversichtlichen Prognose wird die
Gefahr größer, nicht kleiner. Nun werden
selbst moderate islamische Kräfte radikali-

Mit gebremster Macht siert und mobilisiert.


Dies ist also leider nicht der Anfang einer
neuen, sondern höchstens ein Erfolg inner-
halb der gegenwärtigen Epoche, der aller-
Die westliche Intervention in Libyen wird am Ende Erfolg haben – gerade weil sie auf Bodentruppen verzichtet VON THOMAS SPECKMANN dings leicht in Misserfolg umschlagen kann.
Der arabische Frühling bedeutet nicht, dass
In Libyen haben sich die Vereinigten Staaten Mittel, die anderswo schmerzhaft fehlen. Der Wirt- halten, sondern auch einen Regierungswechsel friedlich terventionen in Afrika und das kluge Handeln der USA der Terror auf der ganzen Welt besiegt ist.
und ihre europäischen Verbündeten auf eine schaftsnobelpreisträger sieht in der ökonomischen überstanden. auf dem Balkan zu einer neuen Doktrin verschmelzen: Und Länder wie das chaotische Jemen ste-
Strategie besonnen, die bereits in früheren Kon- Schwäche seiner Heimat eine unmittelbare Folge des Nach den Langzeitstatistiken über 66 Konflikt- In allen Fällen war Bedingung für den nachhaltigen hen bereit, um den Terroristen neuen Un-
flikten erfolgreich war: Anstatt sich wie in So- Waffengangs im Irak. herde, die Paul Collier, ehemaliger Forschungsleiter Erfolg, dass der Westen militärisch Partei ergriff und terschlupf zu gewähren.
malia, Afghanistan oder im Irak mit dem Ein- Dabei hätte die amerikanische Strategie auf dem der Weltbank, an der Universität Oxford zusam- damit den Konflikt entschied. Dies gelang ihm aber
satz von Bodentruppen auf das Risiko eines Balkan auch am Hindukusch und am Golf zum mengetragen hat, sorgten auch die von Paris unter- nur, weil er sich zugleich Einsatzrestriktionen auf- Philip Dingeldey, 20, studiert Geschichte und
langwierigen und verlustreichen Krieges ein- Erfolg führen können: Zu Beginn des »Krieges gegen haltenen Militärbasen in Afrika für Sicherheit – wie erlegte, die ihm vor Ort wie an der Heimatfront die Politikwissenschaft in Erlangen-Nürnberg
zulassen, setzt der Westen in Nordafrika auf die den Terror« beschränkten die USA ihre Operationen jüngst im Fall der Elfenbeinküste. Denn dort haben politische Unterstützung sicherten. Hierzu zählten vor
Überlegenheit seiner Luftwaffe und unterstützt gegen dieTaliban und al-Qaida auf den Einsatz von sich die französischen Schutzversprechen mit der allem der Verzicht auf einen langwierigen Einsatz von Jede Woche erscheint an dieser Stelle ein
mit Geheimagenten, Spezialeinheiten, Militär- Air Force und Spezialeinheiten – wie nun erneut bei Entsendung von Kampfhubschraubern als genauso eigenen Bodentruppen und die weitgehende Beschrän- »Widerspruch« gegen einen Artikel aus dem
beratern und Waffenlieferungen die Streitkräfte der Tötung Osama bin Ladens. Den Krieg am Boden glaubwürdig erwiesen wie die britischen Garantien kung auf Luftschläge und Waffenlieferungen – auch politischen Ressort der ZEIT, verfasst von einem
Redakteur, einem Politiker – oder einem
der verbündeten Konfliktpartei vor Ort. führte die Nordallianz in Afghanistan. Es waren ihre für Sierra Leone. wenn sich dadurch der Krieg scheinbar in die Länge ZEIT-Leser. Wer widersprechen will, schickt
Eine ähnliche Strategie brachte bereits im Truppen, die in Kabul einmarschierten. Erst danach Will der Westen auch in Konflikten wie in Libyen zog. In Wirklichkeit erwies sich ebendiese Zurück- seine Replik (maximal 2000 Zeichen) an
jugoslawischen Bürgerkrieg die Wende: Es wa- begann die Stationierung von größeren Verbänden militärisch und politisch die Oberhand behalten, dann haltung als die schärfste Waffe. Sie wird es auch im Fall widerspruch@zeit.de. Die Redaktion behält sich
ren nicht allein die Bombardements der Nato, westlicher Infanterie – rückblickend ein schwerer sollte er die Tradition britischer und französischer In- Libyens sein. Auswahl und Kürzungen vor
die Bosniens Serben und ihre Helfer in Bel- Fehler. Das ursprüngliche Ziel nach dem 11. Sep-
grad zur Waffenruhe zwangen – es war viel- tember 2001, Afghanistan den islamistischen Terror-
mehr die Entscheidung von US-Präsident Bill gruppen als Rückzugsraum zu nehmen, war bereits
Clinton, die kroatischen Streitkräfte im Kampf erreicht worden. Die Nordallianz und weitere ver-
gegen die serbischen Truppen von einer ame- bündete Afghanen hätten einen Staat aufbauen
rikanischen Beratungsfirma für Militärfragen können, der zwar nicht einer mustergültigen Demo-
ausbilden zu lassen; und es war der Beschluss kratie geglichen, aber zumindest keine Bedrohung
Washingtons, zusammen mit einer internatio- für den Westen dargestellt hätte. Heute, zehn Jahre
nalen Koalition, die schon damals islamische später, haben UN und Nato ebenfalls nicht viel mehr
Staaten einschloss, das UN-Waffenembargo erreicht – aber um welchen Preis?
zugunsten von Bosniern und Kroaten de facto Auch im Irak hätte sich ein neuer Staat ohne
aufzuheben. amerikanische Invasion aufbauen lassen – und das
Diese indirekte Form west- bereits direkt nach dem zweiten
licher Kriegsführung zeigte Golfkrieg. Die Schiiten wurden
T H O M A S S PE C K M A N N
Wirkung. Nur wenige Wochen von den USA nach der Befreiung
nach dem serbischen Massaker Kuwaits 1991 und angesichts der
in Srebrenica waren die bos- stark geschwächten Armee von
nischen und kroatischen Trup- Saddam Hussein zu offenem Wi-
pen im Sommer 1995 in der derstand ermutigt, dann aber im
Lage, eine Gegenoffensive zu Kampf gegen die verbliebenen
starten und mehr als die Hälfte Panzer und Kampfflugzeuge des
von Bosnien-Herzegowina zu- Bagdader Regimes im Stich gelas-
rückzuerobern. Die Operation sen – ein Fehler, der sich heute in
– bei der es ebenfalls zu schwe- Libyen nicht wiederholen darf.
ren Kriegsverbrechen kam – war lehrt am Institut für Schon 1991 wurde der Volks-
militärisch so erfolgreich, dass Politische Wissenschaft aufstand im Süden des Iraks von
sich die Serben zu Verhandlun- und Soziologie der Soldaten mitgetragen, die dem
gen bereit erklärten. Ergebnis Universität Bonn Despoten nicht länger dienen
war der Vertrag von Dayton. wollten. Diese oppositionellen
Doch um Symmetrie auf dem Kräfte hätten die Alliierten spätes-
Schlachtfeld und dann später tens bei ihrer Invasion 2003 för-
am Verhandlungstisch zu errei- dern müssen, um rasch einen neu-
chen, waren keine Bodentruppen des Westens en Staatsapparat aufbauen und die eigenen Bo-
eingesetzt worden. dentruppen in die Heimat zurückholen zu kön-
Im Kosovo-Krieg beschränkte sich die Nato nen. Doch die fahrlässige Auflösung der irakischen
gleichfalls auf Luftschläge. Wie heute in Liby- Sicherheitskräfte verhinderte dies – eine Fehlent-
en schreckte der Westen auch damals aus gu- scheidung mit gravierenden Folgen. Auch im
ten Gründen vor dem Einsatz von Bodentrup- Norden des Iraks warteten 1991 wie 2003 kur-
pen zurück. Ihre Rolle übernahm die Kosovo- dische Kräfte darauf, Saddam Husseins Diktatur
Befreiungsarmee UCK. Gemeinsam startete loswerden zu können. Mit wirkungsvoller Unter-
man koordinierte Angriffe. Zwar mussten Wa- stützung aus der Luft hätten sie sich selbst befreien
shington und Brüssel dafür 78 Tage Bomben- können.
krieg politisch rechtfertigen. Aber den Kampf In Krisenregionen, wo militärisch schlagkräftige
zwischen UCK, serbischen Truppen und der Partner fehlen, kann es für den Westen hingegen
Nato entschied die Allianz aus Albanern und notwendig erscheinen, mit eigenen Bodentruppen
westlichen Interventionsmächten schließlich einzugreifen. Ein langjähriges Engagement mit hohen
für sich. menschlichen wie materiellen Kosten muss daraus
Anstatt sich die Strategie in Bosnien und im aber nicht entstehen. Eine Alternative sind langfris-
Kosovo zum Vorbild für kommende Interventio- tige Sicherheitsgarantien, wie sie Sierra Leone von
nen zu nehmen, beschloss Washington 2001 in der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien er-
Afghanistan und 2003 im Irak den Großeinsatz halten hat. London hat der Regierung in Freetown
der eigenen Infanterie – mit fatalen Konsequen- zugesichert, dass umgehend Truppen eingeflogen
zen: Bis heute sind Tausende alliierter Soldaten werden, wenn es zu einem Konflikt kommt wie zu-
gefallen, Zehntausende wurden verwundet. Auch letzt im Jahr 2000, als die Briten einen Rebellen-
ökonomisch sind derlei Einsätze ein Desaster. angriff stoppten. Der Erfolg, damit bislang einen
Allein der dritte Golfkrieg hat den amerikanischen Rückfall in den mehr als zehn Jahre währenden Bür-
Steuerzahler nach Berechnungen von Joseph gerkrieg verhindert zu haben, spricht für das britische
Stiglitz drei bis fünf Billionen Dollar gekostet – Modell. Sierra Leone hat nicht nur Wahlen abge-
TITEL
IN DER ZEIT Thema:
Die Angst vor Alzheimer 14
26 Elektroauto Warum es falsch ist, 51 Fernsehen Gespräch mit RTL- AUSGABE:
POLITIK nur die Autokonzerne zu fördern Senderchefin Anke Schäferkordt

20
2 Interview Kanzlerin Angela VON PETRA PINZLER
52 Max Frisch Er würde jetzt 100.
Merkel erklärt den Ausstieg aus 27 Kinderarmut Die Not ist viel Wiederbegegnung mit dem jung
dem Ausstieg aus dem Ausstieg geringer als bisher gedacht, sagen gebliebenen Klassiker
3 Bücher machen Politik Forscher VON KOLJA RUDZIO VON IRIS RADISCH

4 Gutmenschen Ist Deutschland 28 Pharma Die Industrie verdient zu- 53 Biografie, Essay-Sammlung und
ein Vorbild für die Welt? Ein Pro lasten von altersblinden Patienten ein Bildband
Foto: Anatol Kotte für DIE ZEIT

VON A. ISENSCHMID
und Contra VON KATRIN GÖRING- Milliarden VON NICOLA KURTH Erfahrungen eines Journalisten 12. MAI 2011
ECKARDT UND JOSEF JOFFE
Atompolitik Was der Chef von mit Frischs Fragebogen
5 Libyen Die ersten Kriegsopfer Greenpeace International will VON STEPHAN LEBERT
sind die Flüchtlinge VON A. BÖHM
29 Lebensmittel Ein Internetportal 54 Essay Eberhard Straub
6 Generation Rösler Passen für Verbraucher ärgert die Industrie »Zur Tyrannei der Werte«
Familie und Politik zusammen? VON GUNHILD LÜTGE VON HUBERT WINKELS
VON TINA HILDEBRANDT
30 Kika-Skandal Gegenseitige Roman Nicolas Dickner
nah 7 FDP Ein Gespräch mit Philipp Schuldzuweisungen VON A. MAROHN »Tarmac« VON CATHARINA KOLLER
Rösler über seine Regierungspläne Soziale Netzwerke 55 Margaux Fragoso »Tiger, Tiger«
»Ein Ausbüxen gibt’s nicht mehr« 8 Pakistan Die Islamisten freuen Industriespionage wird erleichtert VON IJOMA MANGOLD
sich über die arabischen VON ULRICH HOTTELET
Nachruf Zum Tod von Gunter

Foto: Marco Valdivia


56
Dass gemeinsam mit Interviewern meist auch Foto- Revolutionen VON GEORG BLUME 31 Telekom-Aktie Das Urteil in Sachs VON H.-BRUNO KAMMERTÖNS
grafen anrücken, hält Bundeskanzlerin Angela Merkel 9 Syrien Tagebuch einer dem Massenverfahren steht bevor 57 Umbruch Eine Ägypten-Reportage
grundsätzlich für überflüssig; es gebe, sagt sie dann, Dissidentin VON RAZAN ZEITOUNEH VON MARCUS ROHWETTER
der Philosophin SUSAN NEIMAN
doch schon genug Bilder von ihr. Fotograf Anatol Ägypten Die neue Regierung 32 Tunesien Der schwierige 58 Brüssel Toshio Hosokawas neue
Kotte durfte trotzdem bleiben – für wenige Minuten. kämpft gegen religiöse Gewalt wirtschaftliche Neubeginn Oper »Matsukaze«, getanzt von Gutes Gras: Blumen werden
VON MICHAEL THUMANN VON KARIN FINKENZELLER überschätzt, glaubt der
Nach dem Gespräch – es ging um die Energiefrage – Sasha Waltz VON CLAUS SPAHN
waren sich die ZEIT-Redakteure Giovanni di Lorenzo 10 Italienische Lektionen Warum 33 Lettland Ein Krisenopfer kommt Landschaftsarchitekt Peter
Kunst Der Medienkünstler
Neapel im Müll versinkt auf die Beine VON JAN PALLOKAT Wirtz. Zu Besuch bei seiner
und Bernd Ulrich (oben im Büro der Kanzlerin) einig: Paul Pfeiffer in München legendären Familie
VON ROBERTO SAVIANO 34 Ratenzahlung Versicherer VON HANNO RAUTERBERG
Frau Merkel hat mehr Gesichter, als sie zeigen möchte.
11 Politische Lyrik »Inkarnation«/ verschleiern die wahren Kosten 59 Kunstmarkt Mit Asiatika erzielt Kulinarische Wüste:
Das aktuelle ist zu sehen auf Seite 2/3 »Die Lebenden sind Legenden« VON TOBIAS ROMBERG Wolfram Siebeck reist durch
das Stuttgarter Auktionshaus
Finanzkolumne Nagel Rekorde VON TOBIAS TIMM Ägypten und kostet aus
12 Zeitgeist VON JOSEF JOFFE
der Küche der Revolution
Volkszählung Warum der Zensus 35 Kohle Deutschland sollte die Museumsführer (101) Das
niemanden aufregt VON S. SCHMIDT CO₂-Speicherung ausprobieren Museum Rade am Schloss Der Schauspieler Robert
VON CHRISTIAN TENBROCK Reinbek VON SVEN BEHRISCH Hunger-Bühler über den Tag,
Justiz Eine milde Anklage im Fall an dem er fast ertrunken wäre
des Berliner U-Bahn-Schlägers ThyssenKrupp Der schwerfällige 61 Kino »Joschka und Herr Fischer«
VON HEINRICH WEFING Konzern startet den lange fälligen VON GÖTZ ALY
Abb.: Haus d. Bayerischen Geschichte/Augsburg

Umbau VON JUTTA HOFFRITZ Kulturkanäle Das neue


13 Libyen Wie der Westen erfolg-
reich sein kann VON T. SPECKMANN Prozesse Medienkampagnen Fernsehprogramm zdf.kultur
beeinflussen Richter kaum, sagt VON NINA PAUER
Widerspruch Auch nach dem Tod
Anwalt TOBIAS GOSTOMZYK 62 GLAU BE N & ZW EIF E LN
von bin Laden lebt der Terrorismus
weiter VON PHILIP J. DINGELDEY 36 Was bewegt ... Armin Falk, Öko- Islamismus Der Prediger Pierre

Foto: AllzweckJack/Photocase
nom und Verhaltensforscher? Vogel reagiert auf bin Ladens Tod
VON ANNABEL WAHBA
DOSSIER Vergeltung Ein junger Amerikaner
15 München Ein Prediger will ein
WISSEN über die Jubelvideos aus seiner
weltoffenes Islamzentrum gründen. 37 Plagiatsaffäre Eine Reform Heimat VON PATRICK BRUGH
Plötzlich gilt er als Verfassungs- der Promotion ist nötig Heuchelei Merkels Kritiker
Zucker und Wahn feind VON ALBRECHT METZGER Alzheimer Plädoyer für einen
20 WOCHE NSCH AU neuen Blick auf die Krankheit Das Netz zivilisiert sich selbst
VON CHRISTOPH DIECKMANN
Eurovision Song Contest Die VON THOMAS VAŠEK REISEN Das ganze Internet krawallig,
Sein »Königreich der Kunst« entzog sich zwar den Realitäten Geschichte eines Liedes aus Island 39 Besuch in einem Heim für 63 Schweiz In Berzona fand der ewige grob und unfair? Nein,
der politischen Welt, aber verrückt war der Mann keines- – und wovon Europa singt schwer demenzkranke Menschen Reisende Max Frisch ein Zuhause längst gibt es dort Räume,
VON D. STEINBORN UND C. RIETZ VON BURKHARD STRASSMANN VON BERNADETTE CONRAD in denen Selbstkontrolle funk-
wegs: Eine große Ausstellung in Herrenchiemsee entkitscht
40 Wie pflegende Angehörige 65 Eurovision Ein Lob auf tioniert, und Gemeinschaften,
den »Märchenkönig« Ludwig II. GESCHICHTE SEITE 21 in denen Menschen respektvoll
Urlaub machen können Düsseldorfs Kö, das Altbier und
GESCHICHTE VON FRAUKE LÜPKE-NARBERHAUS das japanische Viertel miteinander umgehen
21 Ausstellung www.zeit.de/ziviles-netz
41 Infografik Die Renaissance der 67 Seychellen Wo William und
Bayern feiert Ludwig II. Bilder in Medien und Wissenschaft Kate angeblich ihre Flitterwochen
Zeitmaschine VON U. SCHNABEL VON CHRISTOPH DRÖSSER verbringen Die so gekennzeichneten
Artikel finden Sie als Audiodatei
VON WINFRIED SCHUMACHER
22 CSU Schon 1949 zeigte die Partei 44 Der Medienforscher Michael Stoll im »Premiumbereich«
über gute und schlechte Grafik von ZEIT ONLINE
ihre besondere Fähigkeit zum unter www.zeit.de/audio
geschlossenen Sowohl-dafür-als- 47 KINDERZEIT
auch-dagegen VON RALF ZERBACK Fremde Was es bedeutet, CHANCEN Anzeigen in dieser Ausgabe
Flüchtling zu sein VON A. BÖHM 71 Bachelor und Master: Spielpläne (Seite 19),
Ein Spezial auf 10 Seiten Link-Tipps (Seite 28), Museen und
WIRTSCHAFT
Foto: Thomas Rabsch/RTL

48 Kinder- und Jugendbuch Galerien (Seite 45), Bildungsangebote


LUCHS – Anne-Laure Bondoux 96 ZEIT DE R LESE R und Stellenmarkt (ab Seite 80)
23 Euro Rettung oder Schuldenschnitt »Die Zeit der Wunder«
– die Politik ist überfordert
VON MARC BROST UND MARK SCHIERITZ Früher informiert!

Microsoft Der Kauf von Skype FEUILLETON RUBRIKEN Die aktuellen Themen der ZEIT
schon am Mittwoch im ZEIT-Brief,
2 Worte der Woche dem kostenlosen Newsletter
24 EZB-Chef Angela Merkel stützt 49 Gesellschaft Die Deutschen www.zeit.de/brief
Die Quotenfrau Mario Draghi im Geisterreich der Moral
VON ADAM SOBOCZYNSKI
24 Macher und Märkte
25 Staatsschulden Der Harvard- 44 Stimmt’s/Erforscht & erfunden
Mit Formaten wie »Deutschland sucht den Superstar« »EINE STUNDE ZEIT«
Historiker Niall Ferguson über die Kunst und Zensur Der Mut 54 Taschenbuch
hat sie die Konkurrenz überholt. Angeblich weiß Krise des Westens iranischer Filmregisseure
Das Wochenmagazin von radioeins
56 Impressum und der ZEIT, präsentiert von
sie, was Deutschland sehen will: Ein Gespräch mit der 26 V W Der Konzern will jetzt 50 Kulturgeschichte Eine Katrin Bauerfeind und Anja Goerz:
Senderchefin Anke Schäferkordt über das Menschenbild 61 Wörterbericht/Das Letzte Am Freitag 18–19 Uhr auf radioeins
auch noch die meisten Laster Ausstellung über das Schicksal vom rbb (in Berlin auf 95,8 MHz)
von RTL FEUILLETON SEITE 51 bauen VON DIETMAR H. LAMPARTER VON THOMAS ASSHEUER 95 LESE R BR I E F E und www.radioeins.de
DOSSIER
WOCHENSCHAU GESCHICHTE
Eurovision Song Contest: Große Entkitschung: Wer war
Wovon Europa singt S. 20 Ludwig II. wirklich? S. 21

12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 15

Fotos: Kai Wiedenhöfer für DIE ZEIT


Unter Verdacht
Ein Imam aus Bayern will ein weltoffenes Islamzentrum in München gründen, Politiker aller Parteien sind begeistert. Doch plötzlich
gilt der Prediger als Verfassungsfeind. Bedroht er den Staat, oder fürchten Staatsschützer nur den Islam? VON ALBRECHT METZGER

A
m 25. Mai 2007 schreibt Imam verzeichnen«, die Stadt München sei informiert. Benjamin Idriz kam 1994 nach Penzberg und weil Idriz nicht provozieren will. Den Bauplan
Benjamin Idriz einen Brief an Jetzt möchte der Imam den Innenminister treffen. trat bald darauf seine Stelle als Imam an. Ein Imam sprach er mit dem Bürgermeister ab. »Was würden
den damaligen bayerischen In- Sein Gesprächsangebot versteht er als vertrauens- steht der Gemeinde vor und hält jeden Freitag die Muslime im Nahen Osten denken, wenn Christen
nenminister Günther Beckstein, bildende Maßnahme. Schließlich gibt es genug isla- Predigt. Idriz trägt stets ein mildes Lächeln im Ge- kämen und eine Kirche mit extra hohem Kirchturm
um ihm von einem neuartigen mische Geistliche in Deutschland, die vom Verfas- sicht, kleidet sich mit T-Shirt und Jeans. Nur wenn errichteten?«, fragte sich Idriz. Er hat seiner Moschee
Plan zu berichten. Als Absender sungsschutz als extremistisch eingestuft werden. er auf die Kanzel steigt, setzt er sich einen weißen sogar einen deutschen Namen gegeben: »Islamisches
steht oben rechts die Islamische Idriz rechnet sich nicht zu ihnen. Noch glaubt der Turban auf und legt einen schwarzen Umhang um. Forum«. Moscheen, die nach islamischen Eroberern
Gemeinde Penzberg, in den Sprachen Deutsch, Imam, er sei ein unverdächtiger Mann. Aber vier Seiner ruhigen Stimme hört man gerne zu, oft pre- benannt sind, mag er nicht.
Arabisch, Englisch, Türkisch, Bosnisch und Alba- Jahre später, im Mai 2011, wird Imam Idriz als digt er die Vorzüge der Demokratie. Er ermahnt die Der Imam will Deutschland beweisen, dass der
nisch – Ausdruck der nationalen Vielfalt der kleinen Feind der deutschen Verfassung gelten. Er wird ei- Männer, ihre Frauen gut zu behandeln, und 2009, Islam zu Europa gehört und mit den Werten der
Gemeinde des Imams. »Sehr geehrter Herr Innen- nen Rechtsanwalt engagiert haben und Gerichts- zum 60. Jahrestag des Grundgesetzes, lobt er das Aufklärung vereinbar ist. Er versteht sich als euro-
minister«, so geht es los. »Wie Sie sicherlich in der prozesse führen, und er wird sich fragen: Was ist politische System der Bundesrepublik. päischer Muslim. 1972 wurde er in Makedonien
Presse mitverfolgen, setzt die Islamische Gemeinde nur mit mir geschehen? Und warum? Progressiven Muslimen gilt Idriz als Hoffnungs- geboren, er spricht fließend Makedonisch, Türkisch,
in Penzberg seit Jahren auf die Schwerpunktarbeit Von Penzberg aus, eine Zugstunde südlich von träger. Er hat eine Buch mit dem Titel Grüß Gott, Bosnisch, Arabisch und Deutsch. Mit 15 ging er
einer gesunden Integration von Muslimen in die München, kann man schon die Umrisse der Alpen Herr Imam! geschrieben, das die Süddeutsche Zei- nach Damaskus und besuchte ein Gymnasium mit
hiesige Gesellschaftsverordnung.« am Horizont sehen. Die kleine Moschee am Orts- tung in den höchsten Tönen lobte. Zwangsheiraten dem Schwerpunkt islamischer Theologie. Sieben
Der Imam sucht Unterstützung für ein Islam- ausgang liegt inmitten eines Gewerbegebietes, ge- hält er für einen Rückfall in die Steinzeit; die Jahre später schrieb er sein Diplom zum Thema
zentrum, das er in München gründen möchte und genüber ein Autohändler, nebenan ein Getränke- ungleiche Erbverteilung, welche die Söhne den »Emanzipation der Frau im Islam«.
in dem er muslimische Geistliche in deutscher markt. Bis 1966 war ein Kohlebergwerk der größte Töchtern vorzieht, verurteilt er. Imam Idriz ist der Idriz will der islamischen Welt den »Geist der
Sprache ausbilden lassen will. Es habe schon zwei Arbeitgeber, dann siedelte sich der Lkw-Hersteller Muslim, den sich Deutschland wünscht: weltoffen, Erneuerung« bringen, ein »europäisches Klima der
Treffen mit Münchner Muslimen gegeben, das MAN an, später der Schweizer Pharmakonzern Benjamin Idriz, Imam der tolerant, eloquent. Offenheit«. Die rechtlichen Anweisungen im Ko-
»Projekt fand großes Interesse und stieß auf einen Roche Diagnostics. Als die Firmen Menschen aus Islamischen Gemeinde Penzberg, Die Penzberger Moschee, ein zweistöckiger Bau ran müssten aus ihrer Zeit heraus verstanden wer-
positiven Anklang der Teilnehmer«, fährt der Imam der Türkei, aus Bosnien, aus dem Nahen Osten gilt als Erneuerer. Im Gebetsraum aus Kalksandstein mit großen Fenstern und einem den, findet er. »Es muss darum gehen«, sagt Idriz,
in seinem Brief fort. Erste Kontakte mit der bayeri- einstellten, wurde auch der Islam heimisch in der Moschee (Bild oben) dürfen Minarett, ist als solche erst auf den zweiten Blick zu
schen Staatsregierung »sind bereits erfreuend zu Penzberg. 2005 eröffnete die Moschee. auch Frauen beten erkennen. Das Minarett hat deshalb keine Spitze, Fortsetzung auf S. 16
16 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 DOSSIER
Fortsetzung von S. 15 Extremismus distanziert. Allerdings sagt er jetzt, es
sei nicht seine Aufgabe, einzelne islamische Ge-
»eine Verbindung zwischen der Lehre und der meinschaften für verfassungsfeindlich zu erklären.
Wirklichkeit herzustellen – eine auf die Bedingun- »Diese Verantwortung obliegt allein den zuständi-
gen unserer Zeit passende Antwort: Was hat Gott gen Behörden«, schreibt er. Wenige Wochen spä-
gemeint?« Leider, sagt der Imam, hätten im Laufe ter lobt Staatssekretär Schmid in einem Brief die
der islamischen Geschichte »texttreue Dogmatiker« Distanzierungen der Penzberger von Milli Görüș.
die Vorherrschaft bei der Koranauslegung über- »Sie sind ein erster und auch notwendiger Schritt
nommen: »Sie verteufelten im Namen der Herr- Ihrerseits gewesen, um für die Zukunft eine neue
schaft des Textes die Realität und die Vernunft, so- Bewertung zu ermöglichen«, schreibt Schmid.
dass die islamische Kultur erstarrt ist.« Idriz glaubt nun, in Zukunft keine Probleme
Idriz geht noch weiter. Er kritisiert die isla- mehr zu bekommen – auch wenn islamische Or-
mischen Verbände in Deutschland für ihre Fixierung ganisationen wie Milli Görüș ihn jetzt für einen
auf ihre Herkunftsländer. Die Vermischung von Lakaien der Staatsschutzbehörden halten. Doch
Religion und Herrschaft habe dort zur »Entstehung Idriz versteht nur wenig vom Innenleben eines
und Zementierung von Despotien« geführt, meint Innenministeriums.
der Imam. Seine Worte provozieren die mächtigen Als am 30. März 2008 der bayerische Verfas-
Verbände und konservative Muslime gleicherma- sungsschutzbericht für das Jahr 2007 veröffentlicht
ßen. Idriz sucht den Kontakt zu den christlichen wird, ist Staatssekretär Georg Schmid längst nicht
Gemeinden in Penzberg, es gehe nicht mehr nur um mehr im Amt. Geblieben sind all die Ministerialdi-
einen Dialog, sondern um Freundschaft, sagt er. rigenten und Ministerialräte, die Staatsbeamten
Der katholische Pfarrer sagt dasselbe. auf Lebenszeit, die offensichtlich den Beteuerun-
In der modernen Moschee hängen nur wenige gen des Imams aus Penzberg nicht glauben.
religiöse Symbole, man sieht einige Frauen mit Da sind vor allem der Ministerialdirigent Wolf-
Kopftüchern und einige ohne, sie geben Männern Dieter Remmele und die Ministerialrätin Marion
die Hand. Im zentralen Gebetsraum, der in Mo- Frisch. Beide machen im Gespräch mit der ZEIT
scheen normalerweise den Männern vorbehalten keinen Hehl aus ihrem Misstrauen gegenüber Idriz
ist, beten auch Frauen. In der Bibliothek stehen und seinen Plänen. Sein Verein sei noch im Jahr
neben islamischen Klassikern die Werke von Islam- 2004 auf Mitgliedslisten von Milli Görüș geführt
kritikern, zum Beispiel von der evangelikalen Auto- worden, heißt es im Verfassungsschutzbericht,
rin Christine Schirrmacher und dem Amerikaner wenngleich der Vereinsvorsitzende Bayram Yerli
Mark A. Gabriel. Diese kontroverse Welt möchte mittlerweile Schreiben vorgelegt habe, »mit denen
Idriz nach München exportieren. Einer seiner Un- er um Streichung des Vereins aus dem IGMG-
terstützer ist Alois Glück, der frühere CSU-Frakti- Register bittet und seine persönliche Mitgliedschaft
onschef im Bayerischen Landtag, ein Vordenker der ab März 2006 kündigte«, heißt es in dem Bericht.
Partei. Glück hält Idriz für einen Hoffnungsträger Das stimme mit den Methoden der IGMG überein,
im Dialog der Religionen. gesellschaftliche Akzeptanz zu suchen und Ortsver-
eine zu gründen, bei denen direkte Bezüge zur ei-
Der Imam will kämpfen, aber er weiß genen Organisation fehlten.
noch nicht, was auf ihn zukommt
Alois Glück von der CSU rät den
Am 24. Juli 2007, zwei Monate nachdem Idriz den Muslimen, vor Gericht zu ziehen
Brief abgeschickt hat, antwortet ihm das bayerische
Innenministerium, unterschrieben hat Ministerial- Imam Idriz hat noch nie einen Verfassungsschutz-
dirigent Dr. Wolf-Dieter Remmele. Er schreibt: bericht in den Händen gehalten. Erst sein Rechts-
»Dem Bayerischen Landesamt für Verfassungs- anwalt macht ihm klar: Wer im Verfassungsschutz-
schutz liegen Erkenntnisse über die Zuordnung der bericht auftaucht, gilt als verfassungsfeindlich; und
Islamischen Gemeinde Penzberg e. V. und von Füh- wer als verfassungsfeindlich gilt, kann nicht darauf
rungsmitgliedern der Gemeinde zu der islamisti- hoffen, von staatlicher Seite unterstützt zu werden.
schen Organisation IGMG vor.« Gemeint ist offen- Idriz, meint der Anwalt, müsse schleunigst daran
bar Bayram Yerli, der Vorsitzende der Islamischen arbeiten, dass er aus diesem Bericht gestrichen wer-
Gemeinde Penzberg. de. Noch hält die Stadt München zu Idriz, die Ver-
Yerli ist ein Schlosser, der als Kind aus der Türkei handlungen über sein Projekt laufen weiter. Aber
nach Deutschland kam. 1985 trat er in Bad Tölz selbst Oberbürgermeister Christian Ude macht sich
einer Gemeinde der Islamischen Gemeinschaft Mil- angreifbar, wenn er mit einem Imam verhandelt,
li Görüș (IGMG) bei. Er bleibt auch dann Mitglied, der als extremistisch gilt. »Die bisherige Nennung
als er nach Penzberg zieht und sich der Gemeinde im Verfassungsschutzbericht konnte alle anderen
von Imam Idriz anschließt. Am 21. März 2005 Eindrücke und Informationen nicht widerlegen,
schließlich kündigt er schriftlich seine Mitglied- neue Tatsachen müssten natürlich neu geprüft wer-
schaft bei Milli Görüș, ein Vorgang, der dem Ver- den«, betont Ude. »Einen negativen Automatismus
fassungsschutz bekannt wird. Trotzdem glauben die gibt es nicht, aber auch keinen fahrlässigen Um-
Verfassungsschützer in Bayram Yerli einen Islamis- gang mit Erkenntnissen des Verfassungsschutzes.«
ten vor sich zu haben, denn die IGMG wird als ex- Imam Idriz kommt sich vor wie in einem
tremistisch eingestuft. Hamsterrad: Er läuft und läuft und kommt nicht
Die Staatsschützer sehen weitere Verbindungen voran. Als der neue Innenminister vereidigt wird,
zu den türkischen Islamisten: Bevor die Islamische schöpft er Hoffnung: Joachim Herrmann war
Gemeinde Penzberg 1994 entsteht, gibt es dort ei- CSU-Fraktionschef im Bayerischen Landtag, und
nen Ortsverein von Milli Görüș, der sich allerdings nachdem Idriz ihm zu jener Zeit die Entwürfe sei-
bald auflöst. Dennoch, der Regionalverband Süd- nes Zentrums geschickt hatte, schrieb Herrmann
Foto: Kai Wiedenhöfer für DIE ZEIT

bayern von Milli Görüș führt danach die Islamische zurück: »Das von Ihnen angestoßene Projekt ist
Gemeinde Penzberg als Ortsverein in seinem Re- sehr interessant und sollte auf jeden Fall Gegen-
gister weiter. Mehrfach verlangen die Penzberger, stand eines intensiven und kontinuierlichen Dia-
aus dem Vereinsregister entfernt zu werden, zuletzt logs zwischen Ihnen und der CSU-Fraktion im
in einem Brief vom 14. März 2006. Auch davon Bayerischen Landtag bleiben.« Idriz hofft jetzt,
erfährt der Verfassungsschutz. Trotzdem hält der dass Herrmann sich daran erinnern und mithelfen
Ministerialdirigent Remmele an dem Vorwurf fest, werde, dass die Islamische Gemeinde Penzberg aus
die Islamische Gemeinde sei eine Zelle von Milli dem Verfassungsschutzbericht gestrichen wird.
Görüș. »Als Imam können Ihnen die Verbindungen Idriz bittet um ein Gespräch, bekommt eine Zu-
dieser Gemeinde zur IGMG nicht verborgen ge- Imam Benjamin Idriz (oben) beim Freitagsgebet im Gebetsraum der Moschee im bayerischen Penzberg sage – und kurz darauf eine Absage: Der Innen-
blieben sein«, schreibt der Ministerialdirigent. Idriz’ minister sei verreist.
geplantes Islamzentrum in München, »unter der Im März 2009 wird der Verfassungsschutz-
Trägerschaft einer extremistischen Bestrebung«, 2,5 Millionen Euro unterstützt. Allein für das neue Staatsschutzbehörden anzuschließen, »dass es sich »Chef der Muslimbrüder in Deutschland«. Ibrahim bericht für das Jahr 2008 vorgestellt – und wieder
könne nicht unterstützt werden. Deshalb gebe es Grundstück in zentraler Lage in München ver- bei der IGMG um eine Organisation mit verfas- el-Zayat selbst bestreitet jegliche Verbindungen zur steht die Islamische Gemeinde Penzberg e. V. da-
auch keinen Gesprächstermin beim Minister. Ende anschlagt Idriz bis zu zehn Millionen Euro. Der Bau sungsfeindlicher Zielsetzung handelt«. Eine isla- Muslimbruderschaft, im April 2005 verklagt er die rin. Die Gemeinde sei ein Beispiel für »formal
der Debatte. selbst würde um die 30 Millionen Euro kosten. Den mische Organisation als »verfassungsfeindlich« zu damalige CDU-Abgeordnete Kristina Schröder, nach außen hin vollzogene Distanzierungsbemü-
Idriz liest den Brief und ist geschockt. Er will jährlichen Unterhalt in Höhe von 500 000 Euro bezeichnen wäre jedoch sehr ungewöhnlich für ei- heute Bundesfamilienministerin, die ihn als »Funk- hungen« gegenüber Milli Görüș, heißt es nun,
aber nicht aufgeben. Er will kämpfen, aber er weiß will Idriz jedoch ohne ausländische Hilfe finanzie- nen Imam und könnte ihm von muslimischer Seite tionär der Muslimbruderschaft« bezeichnet hat. Er doch im Berichtsjahr habe die Gemeinde erneut
noch nicht, was auf ihn zukommt. Er hat es mit ren, durch Mitgliedsbeiträge und die Verpachtung viele Anfeindungen einbringen. verliert den Prozess, die Bezeichnung sei eine zuläs- für eine Veranstaltung der Islamisten in Ingolstadt
einer Bürokratie zu tun, einem Gegner, der ihm von Läden und einem Restaurant im neuen Zen- sige Meinungsäußerung. geworben. Es handelte sich um eine Koranrezitati-
nicht vertraut ist. trum. Außerdem hofft Idriz auf Zuschüsse der Stadt Andere Muslime halten den Imam jetzt Kenner der islamischen Szene bezeichnen Ibra- on, die auch der dortige Oberbürgermeister be-
Am 1. August 2007 macht das Innenministe- München, zum Beispiel für Deutsch- und Integra- für einen Lakaien des Staatsschutzes him el-Zayat als Strippenzieher. Jahrelang ist er suchte – ein Mitglied der CSU. Die Geschichte
rium in einer Presseerklärung seine Bedenken ge- tionskurse. Bei der Imam-Ausbildung in deutscher Europavertreter der World Assembly of Muslim lasse sich leicht aufklären, sagt Imam Idriz heute:
genüber Idriz’ Projekt »Zentrum für Islam in Eu- Sprache will er mit deutschen Hochschulen koope- Aus der Sicht des Innenministeriums war alles Youth, einer aus Saudi-Arabien stammenden Ju- Die Penzberger Moschee stehe immer offen, jeder
rieren und hofft auch hier auf öffentliche Gelder. ganz anders: Demnach sind es die Vertreter der gendorganisation. Außerdem ist er Generalbevoll- könne ein und aus gehen. Gleich links neben dem
Im August 2007 glaubt Imam Idriz immer noch Islamischen Gemeinde Penzberg, die sich vom mächtigter der Europäischen Moscheebau- und Eingang hänge ein Schwarzes Brett, wo jemand,
an ein Missverständnis. In einem unterwürfigen Extremismus distanzieren wollen, um ihr Münch- Unterstützungsgemeinschaft, die auch die etwa ohne zu fragen, das Milli-Görüș-Plakat angebracht
Brief an Staatssekretär Schmid bedauert er die »Ir- ner Projekt nicht zu gefährden. Die Presseerklä- 300 Moscheen der Islamischen Gemeinde Milli habe. Es sei umgehend entfernt worden, nachdem
ritationen« über sein Konzept und bittet erneut um rung sei in beiderseitigem Einvernehmen erarbei- Görüș verwaltet. Zur Zeit des Telefonats läuft ein es entdeckt worden sei.
ein Gespräch. Die Gelegenheit dazu kommt tet worden. Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen Bildung Das Innenministerium sieht die Sache anders:
schneller als erwartet: Der Staatssekretär schlägt In jedem Fall kommt es zur Unterschrift, und einer kriminellen Vereinigung, das später einge- Diese Begebenheit bestätige die Nähe der Penzber-
den 13. August vor, der Imam bläst seinen Urlaub das Gespräch ist beendet. Noch am selben Tag ver- stellt wird; es geht um Spenden an die islamistische ger zu Milli Görüș. Jetzt schaltet Idriz seinen Anwalt
in Makedonien ab. Das Treffen findet in den Räu- öffentlicht das Innenministerium die Erklärung Hamas in Palästina. Die Münchner Polizei hört Hildebrecht Braun ein. Er soll herausfinden, was
men des Verfassungsschutzes im Innenministerium auf seiner Website. Die Penzberger aber gehen in also mit und schneidet das auf Deutsch geführte genau der Verfassungsschutz verfolgt: Was konkret
statt. Staatssekretär Schmid nimmt teil sowie die den Pizza Hut am Münchner Hauptbahnhof und Gespräch mit. Demnach sagte el-Zayat: »Du musst wirft man ihm vor? Braun trifft sich mit Innen-
Sachgebietsleiterin Ausländerextremismus, Marion diskutieren. Sie sind nicht glücklich mit der Presse- dich fragen, wer du sein möchtest. Wer ist der Ben- minister Herrmann. Der windet sich und rät dem
Frisch. Aus Penzberg ist neben Imam Idriz auch erklärung und beschließen, eine zweite Presseerklä- jamin Idriz? Möchtest du jemand sein, der sich ge- Anwalt, er solle das Gespräch mit den zuständigen
Bayram Yerli gekommen, der Vorsitzende der Isla- rung zu veröffentlichen, in der Imam Idriz das gen die Muslime wendet?« Beamten suchen. Am 12. Februar 2009 trifft Braun
mischen Gemeinde. Unterschriebene relativiert. Imam Idriz: »Ich sage doch, dass ich damit unter anderem den Ministerialdirigenten Remmele.
Nach vier Stunden glauben die Penzberger, die Am selben Abend noch erhält Idriz einen Anruf, nicht einverstanden bin, aber was ist die Lösung?« Seit 1994 sitzt er auf seinem Posten, inzwischen ein
Staatsschützer von sich überzeugt zu haben. Doch der ihn noch Jahre später verfolgen wird. Er wächst El-Zayat: »Das Richtige zu sagen. Du musst grau melierter Herr von 63 Jahren. Auch Ministeri-
dann passiert etwas, womit die Besucher nicht ge- sich zum wichtigsten Beweisstück aus, mit dem das wissen, wofür du stehst, wenn du gemeinsam mit alrätin Marion Frisch ist wieder dabei. Sie begrüßt
rechnet haben. Von dem Vorfall gibt es zwei Ver- bayerische Innenministerium belegen will, dass dem Innenministerium der Meinung bist, dass die den Anwalt Braun mit den Worten: »Eigentlich
sionen. Das Innenministerium, sagen die Penzber- Imam Idriz mit Extremisten gemeinsame Sache IGMG verfassungsfeindlich ist, dann kannst du treffen wir uns nicht mit den Objekten unserer Be-
ger, habe ihnen eine Presseerklärung vorgelegt, die mache. Bei Idriz meldet sich Ibrahim el-Zayat, eine aber nicht damit rechnen, dass dir islamische Or- obachtung.« Das sind die Worte, an die Braun sich
ropa München« (ZIEM) öffentlich. Viele Medien sie sofort unterschreiben sollten, ohne sich beraten schillernde Figur in der islamischen Szene. Geboren ganisationen in Zukunft helfen. Es ist nicht deine erinnert. Frisch sagt heute, sie wisse nicht mehr ge-
greifen das Thema auf, und Staatssekretär Georg zu können. Das Innenministerium habe die Unter- und aufgewachsen in Deutschland, der Vater ist Angelegenheit, andere islamische Organisationen nau, was ihre Worte waren.
Schmid aus dem bayerischen Innenministerium schriften zur Bedingung gemacht, andernfalls werde Ägypter. Bis zum Januar 2010 ist er Vorsitzender zu beurteilen. Der Anwalt ist über die Begrüßung pikiert, er
weist auf die Verbindungen zu Milli Görüș hin. man das Treffen als gescheitert betrachten. In dem der Islamischen Gemeinde in Deutschland, der Imam Idriz: »Ich bin ja deiner Meinung. Was hat mehrere Jahre lang im Bundestag gesessen, für
Dass ausländische Geldgeber das Projekt finanzie- Schreiben sollen die Penzberger erklären, nichts mit IGD. Sie ist nach Einschätzung des Verfassungs- soll ich tun?« die FDP. Er bekommt keine Einsicht in die Akten
ren wollten, gebe Anlass zu der Befürchtung, dass Milli Görüș zu tun zu haben, außerdem sollen sie schutzes der verlängerte Arm der islamistischen El-Zayat: »Du musst das richtigstellen. Du des Verfassungsschutzes. Und so bleibt unklar, was
ein »fundamentalistisch geprägtes Islamverständ- sich verpflichten, künftig keine Milli-Görüș-Mit- Muslimbrüder, die in Kairo ihren Ursprung haben kannst ja sagen, dass du sie nicht unterstützt. genau gegen die Penzberger vorliegt. Allerdings
nis« dahinterstecke. glieder in ihren Reihen zu »dulden« beziehungs- und bis zum Umsturz des Mubarak-Regimes offi- Aber du kannst nicht sagen, dass sie verfassungs- lernt der Anwalt etwas über das bayerische Innen-
Als Finanziers nennt der Imam Scheichs aus den weise sie »auszuschließen«. Unter Punkt 5 soll sich ziell verboten waren. Der damalige Führer der ägyp- feindlich sind.«
Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Emir von Imam Idriz von jeglichen islamistischen Organisa- tischen Muslimbrüder, Mohammed Mahdi Akef, Tatsächlich veröffentlicht Idriz am nächsten Fortsetzung auf S. 17
Schardscha hat bereits die Moschee in Penzberg mit tionen distanzieren, er hat sich der Bewertung der bezeichnet Ibrahim el-Zayat im Februar 2007 als Tag eine Presseerklärung, in der er sich erneut vom
DOSSIER 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 17

»Da wird ein Popanz aufgeblasen«


Um sich selbst wichtiger zu machen, übertreibe der Verfassungsschutz seine
Informationen unzulässig, kritisiert der Sozialwissenschaftler Werner Schiffauer

Fotos: Kai Wiedenhöfer für DIE ZEIT; Heide Fest (r.)


DIE ZEIT: Was bedeutet es für islamische Ge- noch unterstellt man ihnen, langfristig eine Organisation enttäuscht ist, oder auch, wer ein-
meinden, im Verfassungsschutzbericht erwähnt islamische Ordnung in Deutschland errichten fach Geld braucht. Solche Leute können zwar
zu werden? zu wollen. Indizien dafür sind dann oft per- benötigt werden, wenn es um Sachinformatio-
Werner Schiffauer: Das kommt einem Urteil sonelle Verflechtungen mit Organisationen in nen geht, etwa um Pläne zu einem Attentat.
gleich. Die Aussage »vom Verfassungsschutz den Herkunftsländern – etwa mit den Muslim- Aber wenn sie Wertungen über ihre Organisa-
beobachtet« wird gleichgesetzt mit: »ist verfas- brüdern in Ägypten. Auch wer für die Be- tion abgeben, ist das mit Vorsicht zu genießen.
sungsfeindlich«. Damit hat der Verfassungs- wahrung einer »islamischen Identität« eintritt, ZEIT: Schafft sich der Verfassungsschutz manch-
schutz in der Öffentlichkeit eine Rolle über- erregt schon den Verdacht, er wolle Parallel- mal seine Objekte auch selbst, um die eigene
nommen, die ihm ursprünglich nicht zugedacht gesellschaften bilden und die jungen Leute in Existenz zu rechtfertigen?
war. Er ist zur Prüfinstanz der Verfassungstreue Distanz zur gesellschaftlichen Ordnung der Schiffauer: Kurz nach dem 11. September 2001
geworden. Eigentlich soll aber das Verfassungs- Bundesrepublik bringen. war ich einmal bei einer Tagung des Verfas-
gericht darüber entscheiden. ZEIT: Ist das plausibel? Verläuft so die Radikali- sungsschutzes, da sagte ein Amtschef: Die
ZEIT: Wie entsteht ein Verfassungsschutz- sierung? schweren Zeiten sind vorbei. Nach dem Ende
Große Fenster, dezentes Minarett: Die Penzberger Moschee soll Offenheit ausstrahlen bericht? Schiffauer: Nein. Die islamistischen Attentäter des Kommunismus hatten sie befürchtet, der
Schiffauer: Die Mitarbeiter fassen aufgrund der letzten Jahre waren entfremdete und ent- Verfassungsschutz könnte als überflüssig be-
verschiedener Quellen – vor allem von Infor- wurzelte junge Männer, die sich trachtet werden. Nach 2001 wur-
Fortsetzung von S. 16 bericht 2008. Sie wollen eine einstweilige Anordnung manten und Publikationen – Erkenntnisse zu- im Internet selbst radikalisiert den dann viele junge Islamwis-
erwirken. Ein solches Eilverfahren dauert normaler- sammen, die dann im Innenministerium die haben. Sie waren gerade nicht senschaftler eingestellt. Und die
ministerium. Auf die Frage, was denn so gefährlich weise wenige Wochen. In diesem Fall lässt sich das Behördenleiter rauf und runter gehen. Am Mitglieder »legalistisch islamis- müssen nun auch etwas tun, um
an der Islamischen Gemeinde Penzberg sei, habe der Gericht ein Jahr Zeit. Ende kommt ein politisch gewichteter Text tischer« Gemeinden. Und wenn ihre Beschäftigung zu rechtfer-
Ministerialdirigent Remmele erwidert: »Uns macht Das Vorgehen des Innenministeriums bringt heraus. Ich kenne Fälle, bei denen Beamte sie doch Kontakt zu ihnen hat- tigen. Also üben sie das Lesen
die Gefahr islamistischer Gewalttäter deutlich weni- auch Idriz’ christliche Freunde auf. Sie sehen in ihm nicht sehr glücklich darüber waren, was aus ten, sind sie meist schnell wie- gegen den Strich ein, wo aus
ger Sorge als die Gefahr der schleichenden Islamisie- einen Hoffnungsträger, der zerrieben werden soll. ihren Erkenntnissen geworden ist. Einige von der ausgestiegen, weil ihnen das scheinbar unbedenklichen Äuße-
rung unserer Gesellschaft.« Und dann habe er noch »Wenn wir den wegbeißen – wer bleibt dann noch ihnen kenne ich seit Langem. Die haben ein Angebot dort zu langweilig und rungen durch Zuspitzung und
von der hohen Geburtenrate der Muslime gespro- übrig?«, fragt etwa Mathias Rohe, Professor für Berufsethos als unabhängige Ermittler. Der kompromisslerisch war. Das soll- Professor Werner Selektion Verdachtsmomente wer-
chen, die ein Problem für Deutschland sei. So lautet Rechtsvergleichung an der Universität Erlangen. Verfassungsschutz ist aber nicht politisch un- te den Sicherheitsbehörden viel Schiffauer lehrt an der den. Auf einer Tagung hat zum
die Version des Anwalts Braun, die in den Prozess- Von Anfang an hat Stefan Jakob Wimmer, Lehr- abhängig. mehr Sorgen machen, weil man Europa-Universität Beispiel ein führender Kopf von
akten des Verfahrens auftaucht, das die Penzberger beauftragter an der Katholisch-Theologischen Fa- ZEIT: Diese Ermittler liefern Belege für eine solche hoch individualisierten Viadrina in Milli Görüș gesagt, es gebe Pro-
später gegen das Innenministerium wegen der Nen- kultät der Universität München, den Konflikt mit- politische Wertung, die schon feststeht? Prozesse nicht beobachten kann Frankfurt (Oder) bleme mit gewissen antisemiti-
nung im Verfassungsschutzbericht anstrengen. erlebt. Er ist das einzige nichtmuslimische Mitglied Schiffauer: Das Material wird oft sehr zugespitzt wie das Leben in einem Mo- schen Äußerungen von Imamen,
Hat Ministerialdirigent Remmele etwas gegen im Vorstand von ZIEM. und stark gewertet. Zum Beispiel wird aus je- scheeverein. die er sich deshalb zur Brust nehme. Im Ver-
den Islam? »Das ganze Gespräch drehte sich um isla- Wimmer ist seit Langem im interreligiösen Dia- mand, der zur Zeit des Kriegs im Irak Solidari- ZEIT: Heißt das, man beobachtet eben, was fassungsschutzbericht von Baden-Württemberg
mischen Extremismus und nicht um den Islam«, log engagiert, er hat in Jerusalem an der Hebräischen tät mit dem irakischen Volk fordert, einer, der man beobachten kann, auch wenn es die Fal- wurde daraus: Der Funktionär bestätigt die
wehrt sich Remmele im Nachhinein. »Hildebrecht Universität studiert. Seine Frau ist Palästinenserin. zur Rekrutierung von Selbstmordattentätern schen sind? Existenz von Antisemitismus bei Milli Görüș.
Braun hat das Gespräch verfälscht wiedergegeben, Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern hat er die aufruft. Schiffauer: Ja, ich glaube, es geht manchmal Wenn die Sicherheitsperspektive den Blick so
ich könnte gegen ihn eine gerichtliche Unterlassungs- »Freunde Abrahams« gegründet, ein Dialogforum ZEIT: Welche islamischen Organisationen soll- mehr darum, zu zeigen, dass man etwas tut, um stark bestimmt, macht sie die Integrations-
anordnung erwirken.« Hat er aber bislang nicht. für Christen, Juden und Muslime. Im März 2010 ten Ihrer Meinung nach beobachtet werden? das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung zu politik kaputt.
Idriz’ alter Freund Alois Glück von der CSU rät schreibt Wimmer einen öffentlichen »Brandbrief«: Schiffauer: Bei manchen Islamisten ist das ab- befriedigen. Da wird dann ein Popanz aufgebla- ZEIT: Wozu brauchen wir den Verfassungs-
den Penzbergern, vor Gericht zu ziehen. Lange dis- Im bayerischen Innenministerium, so der Religions- solut unstrittig wie etwa bei Hisb ut-Tahrir oder sen. Das ist für die Sicherheit unseres Landes schutz? Was wäre seine Aufgabe?
kutiert der Vorstand der Gemeinde darüber, doch wissenschaftler, säßen Beamte, die offensichtlich der Gruppe Kalifatstaat, die beide eindeutig die kontraproduktiv, denn man trifft damit diejeni- Schiffauer: Er muss nachweisbaren Gefahren
manche fürchten, ihnen könnte die Moschee genom- inspiriert seien von der islamfeindlichen Website verfassungsmäßige Ordnung beseitigen möch- gen, die sich für die Integration eines konser- nachgehen. Dieses allgegenwärtige Misstrauen
men werden, wenn sie den Freistaat verklagen. Auch Politically Incorrect, deren Methoden man mit der ten. Schwieriger wird es beim sogenannten le- vativen Islams in die Gesellschaft einsetzen. war vielleicht in den fünfziger Jahren angemes-
der SPD-Bürgermeister von Penzberg, der bei Festen »antisemitischen Hetze« früherer Zeiten vergleichen galistischen Islamismus. ZEIT: Was sind die Quellen des Verfassungs- sen, in einer Zeit mit vielen alten Nazis und ei-
die Moschee in Lederhosen betritt, hat Bedenken. könne. Bloß seien diesmal nicht Juden die Opfer, ZEIT: Was sind »legalistische Islamisten«? schutzes? ner kommunistischen Gefahr im Kalten Krieg.
»Den Staat verklagen – da kann doch nichts Gutes bei sondern Muslime. Was wäre, fragt der Religionswis- Schiffauer: Aus der Perspektive der Sicherheits- Schiffauer: Auf der untersten Ebene sind das die Inzwischen ist die Demokratie längst gefestigt.
rauskommen«, sagt er. Am Ende klagen die Penzber- organe: Wölfe im Schafspelz. Sie halten sich an Informanten. Die sind von Natur aus problema-
ger gegen ihre Erwähnung im Verfassungsschutz- Fortsetzung auf S. 18 die Gesetze und verzichten auf Gewalt. Den- tisch. Informant wird oft, wer von seiner eigenen Das Gespräch führte JÖRG LAU
18 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 DOSSIER
Fotos (v.o.n.u.): Kai Wiedenhöfer für DIE ZEIT; Frank Leonhardt/picture-alliance/dpa; Peter Frischmuth/argus

Angehörige der Islamischen Gemeinde Penzberg beim Gebet in der Moschee

Fortsetzung von S. 17 steht. Wer das Gegenteil behauptet, betreibt be- Der Staatsminister habe sich deswegen in Inter- Am 2. April 2010, es ist Karfreitag, verteilt die Der Kontakt zu el-Zayat schadet Imam Idriz’
wusste Fälschung.« views immer dagegen ausgesprochen, Islamkritik Organisation Pax Europa vor den Kirchen in Penz- Glaubwürdigkeit. Andererseits: Ist es verboten, mit
senschaftler, »wenn in einer bayerischen Behörde Die radikale Bürgerbewegung Pax Europa als »Islamophobie« abzustempeln. »Wir dürfen berg Flugblätter: »Penzberger Bürger!, wussten Sie, Ibrahim el-Zayat zu telefonieren? Wer sich in
Personen mit offen antisemitischer Gesinnung fühlt sich bestärkt vom Innenministerium. Sie uns nicht scheuen, antiemanzipatorische und dass die Islamische Gemeinde Penzberg mit Hilfe der der islamischen Szene in Deutschland engagiert,
mit der Zuständigkeit für jüdische Gemeinden warnt schon lange vor der Islamisierung der deut- menschenrechtsferne Mentalitäten, Sitten, Ge- extremistischen Milli Görüș gegründet wurde? Wuss- kommt um den umtriebigen Funktionär kaum he-
betraut wären?« schen Gesellschaft und vergleicht den Islam mit bräuche und Traditionen der muslimischen Min- ten Sie, dass laut Koran alle Christen ›Ungläubige‹ rum. Und el-Zayat hat nicht nur Kontakt mit isla-
Kurz darauf erhält Wimmer Post von einem dem Nationalsozialismus. Das Minarettverbot in derheit klar zu thematisieren. Für die Unterdrü- sind? Wussten Sie, dass im Koran an 27 verschiede- mischen Organisationen. Er nahm im Jahr 2006
Ministerialdirektor im bayerischen Innenminis- der Schweiz hat sie begeistert gefeiert. Statt sich ckung von Frauen oder die Scharia ist bei uns nen Stellen in Befehlsform zum Töten der Ungläubi- auch an einer Konferenz in Südafrika teil, die von
terium. »Ihren Unterstellungen trete ich mit von diesen Leuten zu distanzieren, lässt Minister kein Platz.« gen aufgefordert wird?« der Evangelischen Akademie Tutzing veranstaltet
Nachdruck entgegen«, schreibt der Beamte. Die Herrmann im Jahr 2010 einen Ministerialrat in Nachvollziehbare Positionen, die jedoch Pax Am 30. März 2010 erscheint der Verfassungs- wurde. Emilia Müller, Ministerin für Bundes- und
Arbeit des bayerischen Innenministeriums richte seinem Namen an Pax Europa schreiben. »Kritik Europa für seine Zwecke benutzt. Es stellt den schutzbericht für das Jahr 2009, und wieder tauchen Europaangelegenheiten, sprach ein Grußwort. »Die
sich keinesfalls gegen den Islam als Religion, an bestimmten Ausprägungen des Islam ist auch Brief ins Internet. »Chapeau, Herr Innenminis- die Penzberger darin auf. Jetzt wird Imam Idriz zu- Regierung hat selbst Kontakt mit Ibrahim el-Zayat,
»sondern gegen den Islamismus, der im Wider- in muslimischen Gemeinden in Bayern nicht nur ter«, heißt es dazu. »Auf dieser Basis können wir sätzlich vorgeworfen, er habe sich von den Muslim- und mir wird vorgeworfen, ich sei ein Extremist«,
spruch zu unserer freiheitlichen Grundordnung legitim, sondern geradezu notwendig«, heißt es. Islamkritiker gut weiterarbeiten.« brüdern helfen lassen, eine Aufenthaltsgenehmigung sagt Imam Idriz.
zu bekommen. Was ist geschehen? Ibrahim el-Zayat selbst sich hat sich zu der ganzen
Imam Idriz hat zweimal die Hilfe eines gewissen Angelegenheit bislang nicht geäußert. Gegenüber
Ahmad Khalifa angenommen. Khalifa ist ein Prediger der ZEIT beschreibt er Imam Idriz als naiv, weil der
im Islamischen Zentrum München, der ältesten Mo- glaube, er könne sich mit dem Innenministerium ei-
schee der Stadt, die mithilfe der Muslimbrüder gebaut nigen. Diese Beamten seien doch nur darauf aus, ei-
wurde. Sie gilt als europäische Anlaufstelle der Orga- nen Keil zwischen die Muslime zu treiben. Idriz
nisation und wird deswegen im Verfassungsschutz- könne das aber nicht erkennen. Der Frage nach den
bericht erwähnt. Khalifa hatte Kontakt zu vielen fins- finanziellen Quellen, die er dem Imam verschließen
teren Gestalten, wie etwa Mahmud Abouhalima, der wollte, weicht er im Gespräch mit der ZEIT aus.
1993 versuchte, das World Trade Center in die Luft Idriz hingegen bestreitet vehement, jemals Geld von
zu jagen, oder Mamduh Mahmud Salim, einem en- Ibrahim el-Zayat oder Leuten, die ihm nahestehen,
gen Vertrauten Osama bin Ladens. Ungeachtet dessen bekommen zu haben. Finanziert werde die Gemein-
galt Khalifa lange Zeit als angesehener Mann in Mün- de aus Mitgliedsbeiträgen und den Mieteinnahmen
chen, die Moschee wird von vielen unbescholtenen aus einer Immobilie.
Muslimen besucht, und noch im Jahr 2008 rühmte Im November 2010 erfährt Imam Idriz etwas
sich der Staatsminister für Unterricht und Kultus, Neues über sich: Unter dem Titel Hitler? Ach so ver-
Ludwig Spaenle, er besuche regel- öffentlicht der Focus einen Bericht
mäßig das Islamische Zentrum Mün- über Hussein Djozo, einen bos-
chen – es sei ein Beispiel dafür, »wie nischen Militärimam der Waffen-
Integration funktioniert«. SS. Ausgerechnet diesen Hussein
So auch für Imam Idriz. Als er Djozo zählt Imam Idriz zu seinen
1994 nach Deutschland kommt, Vorbildern. Er bezieht sich dabei
braucht er eine Bestätigung von einer auf die Schriften, die Hussein Djozo
islamischen Autorität, damit er als nach dem Zweiten Weltkrieg ver-
Imam arbeiten darf. So verlangt es öffentlichte. Über dessen Ver-
das Landratsamt im bayerischen gangenheit als Imam der Waffen-SS
Weilheim, in dessen Landkreis Penz- habe er, beteuert Idriz, bis dahin
berg liegt. »Außer Ahmad Khalifa gab nichts gewusst. Ist Idriz naiv, oder
es damals niemanden, der so etwas lügt er?
auf Deutsch schreiben konnte«, sagt Der Focus muss ein paar Wochen
Idriz. Ein ähnlicher Vorgang wieder- später unter Androhung einer Ver-
holt sich fünf Jahre später. Die Auf- leumdungsklage eine Gegendarstel-
enthaltsgenehmigung ist abgelaufen, lung drucken, in der Idriz schreibt,
das Landratsamt in Weilheim sieht dass er die Shoah als »beispielloses
sich nicht in der Lage, sie eigenmäch- Ministerialdirigent Menschheitsverbrechen« verurteile.
tig zu verlängern, und ein Beamter Wolf-Dieter Remmele Zudem entschuldigt sich das Maga-
rät Idriz, sich Unterstützung zu ho- (oben) und der bayeri- zin: »Focus bedauert, dass der Ein-
len. Sein Anwalt wendet sich ganz sche Innenminister druck entstand, der Penzberger
nach oben, an Ministerpräsident Ed- Joachim Herrmann Imam nehme sich die Waffen-SS
mund Stoiber, zu dessen Wahlkreis zum Vorbild.«
Penzberg gehört. Die Penzberger Trotz dieser Irritationen halten
schicken Stoiber einen Brief ihres die nichtmuslimischen Unterstützer
Bürgermeisters und ein weiteres Schreiben von Ah- weiter zu Idriz. Unter ihnen ist auch Marian Off-
mad Khalifa, dazu Zeitungsartikel, aus denen her- man, CSU-Mitglied und Vizepräsident der Israeliti-
vorgeht, dass sich die Penzberger Gemeinde um die schen Kultusgemeinde in München. Er hat erlebt,
Integration von Muslimen bemühe. Kurze Zeit spä- wie das Jüdische Zentrum in München das jüdische
ter trifft die Nachricht ein: »Die von Herrn Minister- Leben erneuert hat. Er glaubt, ein Islamzentrum
präsident veranlasste Prüfung durch das Bayerische könnte für die Muslime dieselbe Wirkung haben.
Staatsministerium des Innern hat ergeben, dass der Auch Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-
Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung nichts Schnarrenberger von der FDP steht hinter Idriz. Am
entgegensteht«, schreibt die Staatskanzlei. Obwohl Tag, als der Verfassungsschutzbericht 2008 veröffent-
sich der düstere Islamist Ahmad Khalifa für Imam licht wird, besucht sie demonstrativ die Gemeinde in
Idriz starkmachte, hatte das Innenministerium da- Penzberg. Auch der amerikanische Konsul in Mün-
mals keine Bedenken. Zehn Jahre später taucht der chen kommt regelmäßig vorbei. Der evangelische
Fall im Verfassungsschutzbericht auf. Landesbischof Johannes Friedrich sagt nach seinem
Im Mai 2010 urteilt das Verwaltungsgericht, die Besuch in Penzberg: »Ich bin beeindruckt von der
Islamische Gemeinde Penzberg werde zu Recht im Offenheit der Gemeinde.«
Verfassungsschutzbericht 2008 erwähnt. Die Verbin- Im Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2010,
dungen zur Islamischen Gemeinde Milli Görüș seien der am 3. März 2011 veröffentlicht wird, tauchen
unbestreitbar. Kurz darauf findet jenes Treffen im die Penzberger wieder auf, diesmal auf zweieinhalb
Innenministerium statt, in dessen Anschluss Imam Seiten, so ausführlich wie nie zuvor. Benjamin Idriz
Idriz die IGMG als verfassungsfeindlich bezeichnet. hofft noch immer darauf, dass er den Kampf gegen
Ibrahim el-Zayat, der umstrittene Strippenzieher, die bayerischen Behörden gewinnen wird, die Hoff-
der Idriz zuvor am Telefon genau davor gewarnt hat, nung ist kleiner geworden von Jahr zu Jahr, und sie
ist erbost. In einem Gespräch mit einem hohen wäre vollständig zerstört, wenn da nicht dieser eine
Funktionär von Milli Görüș bezeichnet er Imam Satz stünde: »Neue Erkenntnisse über verfassungs-
Idriz als »Schwachkopf« und »Idioten«. »Das ist ja widrige Aktivitäten«, heißt es jetzt über die Penz-
nur noch peinlich«, sagt el-Zayat. »Ich werde ihm berger im Bericht des Verfassungsschutzes, »ergaben
jetzt drei bis vier Geldquellen schließen.« sich im Berichtsjahr jedenfalls nicht.«
WOCHENSCHAU 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 20

Frohnaturstatus im Härtetest
Kaum ist die Londoner Hochzeit verklungen, aus dem Leben verabschiedete. »Die Kugel sei ausgerechnet, informierte vor geraumer Zeit über ins Rheinische über, dessen Frohnaturstatus sich selbst (unten). Die Stadt hat sich auf das Event
kaum ist Osamas Leichnam bei den Haien, zur einen Schläfe ein- und zur anderen wieder das Berufsbild des Putzmannes im Sondereinsatz: diese Woche einem Härtetest ausgesetzt sieht. eingestimmt. Man singt seit Jahrzehnten und
wird schon wieder gejubelt, wieder geschossen. ausgetreten«, konnte Bild am Schreibtisch »Wer Tatortreiniger werden möchte, muss starke Drei Tage lang geht es um die Endausscheidung durchaus Bedenkenswertes: »Wärst du doch in
In Gstaad gibt es einen prominenten Toten zu ermitteln. Ein sauberer Schuss. Aber richtet ein Nerven haben.« Und natürlich Feudel und Eimer. beim Eurovision Song Contest. Endausscheidung, Düsseldorf geblieben, schöner Playboy, du wirst
beklagen, der sich nach Meinung vieler »stilvoll« Mann von Welt ein Blutbad an? Penthouse, Und damit gleiten wir zwanglos nach Düsseldorf besser kann man es nicht sagen. Aber lesen Sie nie ein Cowboy sein.« (Mehr Düsseldorf auf S. 65)

Trauern und hoffen


Eurovision Song Contest in Düsseldorf: Ein Sänger stirbt, seine Freunde singen statt seiner.
Die Geschichte des Liedes aus Island VON DEBORAH STEINBORN

Fotos [M]: ESC/RÚV/Gassi (2); Nigel Treblin/dapd (u.)


Sjonnis Friends – sie trugen Sjonni zu Grabe, zwei Tage später traten sie erstmals auf

M
atthias Matthiasson war auf dem geholfen. Am Abend vor dem Abgabetermin mit ihnen die Gruppe Sjonnis Friends. Matthias- einem Sattel, denn Sjonni ritt so gern. Das Video Ganz anders 2011: »Warum er Coming Home
Weg zu seinem Freund Sjonni, sie schrieb er mit ihr die letzten Zeilen auf Englisch, son singt, die anderen spielen, Thorunn Clausen zum Lied wurde in einem Stall bei Reykjavík ge- ausgesucht hat, so kurz vor seinem Tod, bleibt mir
wollten zusammen frühstücken, sie übersetzte den Text ins Isländische. produziert und managt. Sie sagt: »Wir können dreht, in dem Sjonni sein Pferd hatte. Sein Bruder ein Rätsel«, sagt seine Witwe. Vielleicht hatte das
da klingelte das Telefon: Sjonni Unüblich war diese Zusammenarbeit nicht. Sjonni nicht ersetzen, aber die sechs Freunde zu- und ein Cousin haben das Video gedreht, seine Lied mit ihr zu tun, sie hatte vor zwei Jahren einen
habe gerade eine Hirnblutung er- Die beiden waren sich 2002 während der Arbeit sammen können ihn vertreten, und wir helfen ei- Witwe, seine Söhne und seine Freunde tanzen. Schlaganfall erlitten. »Das Lied erinnert uns daran,
litten. Er starb, mit 36 Jahren. An jenem 17. Januar am Musical Le Sing in Reykjavík begegnet, seitdem nander. Einfach ist es für keinen von uns.« Sjonni Brink sei zwar ein Rocker gewesen, wie dass wir unser Leben heute leben müssen«, erklärt
2011 waren es noch zwölf Tage bis zur Vorrunde hatten sie gemeinsam Liedertexte fürs Theater ge- Zwei Tage nach der Beerdigung traten Sjonnis die Witwe sagt, aber auch ein großer Fan des Euro- sie. »Es erzählt die Geschichte eines Menschen, der
im Eurovision Song Contest. Dann würden die schrieben, für Sjonnis Band The Flavors und für Friends erstmals auf. Dann, im Finale, einige Tage vision Song Contest, und er habe alles gewusst: es nicht abwarten kann, nach Hause zu kommen zu
Isländer entscheiden, welche Lieder es ins nationa- sein Soloalbum, das im Jahr 2009 erschien. Sjonni später, entschied sich ein Zehntel der Bevölkerung Wer im Jahre 1986 Island zum ersten Mal vertrat, seiner Familie oder seinen Freunden, um ihnen zu
le Finale schaffen. Zwölf Tage, bevor Matthiassons war seit mehr als einem Jahrzehnt als Sänger in Is- für sie. Das war der Sieg. »Ein sehr merkwürdiges in welchen Jahren Island später fehlte, wie viele sagen, dass er sie liebt. Und dass, egal, was auch ge-
Freund Sigurjon »Sjonni« Brink mit Coming Home land bekannt, außerdem hatte er die Theatergrup- Gefühl, wir sind furchtbar traurig und doch so Punkte die Sänger in anderen Jahren sammelten. schieht, sogar nach dem Leben auf der Erde, diese
in der Hauptstadt Reykjavík auftreten sollte, einem pe Vesturport mitgegründet. froh darüber, dass sein Lied ausgewählt wurde und Viermal schon hatte Sjonni Brink an Liebe uns wieder zusammenführen wird.«
Song, halb Folk, halb Rock, zum Mitsummen. Und nun das: Er war als Solist schon bis ins in ganz Europa gehört werden kann«, sagt Tho- der heimischen Vorauswahl teilgenommen. »Wenn meine Zeit auf der Erde endet,
Der Text handelt von der Flüchtigkeit des nationale Halbfinale gekommen. »Als Sjonni dann runn Clausen. 2010 kam er mit Waterslide ins Finale: ein finde ich dich, und ich weiß, du wirst wieder
Seins. Es war ein Appell, das Leben so zu leben, als so unerwartet starb, war uns allen klar, dass wir nur Seither bereiten sich die Freunde auf Halb- lustiges, lebendiges Lied über die Wasser- meine Liebe sein«, heißt es im Lied.
ginge es morgen zu Ende – eine Botschaft an seine eine Wahl hatten«, sagt Matthias Matthiasson, finale (10. 5.) und Finale (14. 5.) des Eurovision rutschen in Reykjavíks Thermalbädern, Es gilt in Düsseldorf als ein Favorit.
krisengeschüttelten Landsleute, ja an alle Euro- »wir mussten das Lied in seinem Namen singen.« Song Contest in Düsseldorf vor. »Es wird unsere die er oft mit den vier Kindern – sie
päer. Im letzten Moment hatte Sjonni Brink das Sjonnis Witwe stimmte zu. Noch vor dem Be- Hommage an den Freund«, sagt Matthias Matthi- sind jetzt drei, fünf, elf und 16
Lied beim Wettbewerb eingereicht. Seine Frau gräbnis versammelte die 35-Jährige sechs Freunde, asson. Sie werden ihren Auftritt so inszenieren, wie Jahre alt – besuchte. Es war ein Sigurjon »Sjonni« Brink.
Thorunn Clausen, eine Schauspielerin, hatte ihm alle aus der isländischen Musikszene, und gründete Sjonni es gefallen hätte. Der Schlagzeuger sitzt auf Lied ohne Zweifel. Eine Hirnblutung, und
sein Leben war vorbei

Na na na, uo uo, ding dong!


Beim Eurovision Song Contest starten 43 Länder: Wovon singt Europa? Eine Textanalyse VON CHRISTINA RIETZ

I
m Anfang war die Geschichte. Eine gesungene Wir leben menschliche Leben Ich höre ein stilles Gebet, und das macht mich Abou-Dakn hört im Refrain eine sexuelle Fantasie es hier, aber da: »Wäre es der Eurovision Propagan-
Geschichte merkte sich der frühe Mensch bes- Wir sind Engel, wir sind in Gefahr High und ich fliege. Ich weiß, wo ich hinmuss anklingen, die dann in den Strophen, in denen von da Contest, würde Weißrussland einen Kantersieg
ser als eine erzählte. So entstand das Lied, als Wir sind kristallweiß, kristallweiß Und ich komme jetzt! Augenbinden und Stühlen die Rede ist, präzisiert hinlegen. Das Ganze ist grauenhaft und eine
noch niemand ans Aufschreiben dachte. Später, als Der Makedonier Vlatko Ilievski träumt wäh- Zarte Ansätze von Komplexität sind womög- werde. »Aber die Strophen interessieren sowieso Schande für den Wettbewerb.«
man schreiben konnte, behielt man das Singen bei, renddessen vom Wodkatrinken mit einer Russin, lich in den deutschen Beitrag der Vorjahressiegerin keinen mehr.« Für den Song Contest zu kom- Die eingereichte Liebeslyrik ist in jeder Hin-
verfeinerte es und machte es zur Kunstform. deren Haut so rein sei wie »ungeschlagener Schnee« Lena hineinzuinterpretieren. Taken By A Stranger ponieren sei so ähnlich, wie für Bild Schlagzeilen zu sicht grauenhaft. Im vergangenen Jahr enthielt
Viele, viele Hundert Jahre später entstand der und deren Augen so »schön und strahlend wie der ist ein Liebeslied der Kategorie »Bleib hier«. Ein machen. Der Impuls zählt, der Verstand weniger. das Gewinnerlied wenigstens so etwas wie einen
Eurovision Song Contest, und immer noch ging es Himmel über Moskau« seien. Dabei verlangt es den Mann und eine Frau sind sich nähergekommen, er Einen eingängigen Haken hat auch die Weiß- originellen physikalischen Vergleich. »Wie ein
um die Liebe. Aber beim europäischen Gesangs- Sänger ständig nach »Wodka!«, »Raki!« – zur Hilfe! würde das gern fortführen, sie geht. Der mysteriö- russin Anastasia Vinnikova: »I love Belarus!« Ihre Satellit« wollte Lena in elliptischen Bahnen um
wettstreit im Jahre des Herrn 2011, der an diesem Viele Komponisten haben Buchstabengebilde se Refrain fasst den Stand der Dinge zusammen: Liebe gilt dem Vaterland. Ursprünglich hatte sie den Geliebten fliegen, stets auf Kurs gehalten
Samstag in Düsseldorf sein pompöses internatio- eingebaut, die nichts bedeuten, die man aber gut Taken by a stranger einen Song namens Born in Belorussia eingereicht, durch seine Anziehungskraft. »Es ist Physik, da
nales Fernsehende findet, wollen die Lieddichter mitsingen kann – als da sind »eeeeeh«, »chaka cha- Stranger things are starting to begin der den weißrussischen Diktator Alexander Luka- gibt es kein Entkommen«, sang sie. Atomkraft-
keine Geschichten mehr erzählen. Sie wollen nur ka«, »da da da da da da«, »da da dam«, »oh-oh-pop Lured into the danger schenko mutmaßlich entzückte: gegner wissen das.
noch wegfliegen und möglichst viele möglichst oh-oh-pop«, »na na-na na na na«, »ouo uo uo«, Trip me up and spin me round again Als ich einen Stern trug Apropos Politik. »Da da dam« heißt der Haken
platte Metaphern aneinanderreihen. So begegnet »ding dong«. Auf Deutsch hieße die letzte Zeile wohl: »Führ Damals in der UdSSR des gleichnamigen finnischen Lieds, es ist der ein-
man in den 43 Liedern, die es dieses Jahr ins Halb- Haben sich die Librettisten an Shakiras WM- mich aufs Eis, und dreh mich im Kreis.« War ich so gut wie Mama zige gesellschaftlich ambitionierte Beitrag in Düs-
finale geschafft haben, fast durchweg einer geist- Kiefergymnastik orientiert? Waka waka? Im spa- Der Fairness halber muss man sagen: Überset- Fühl meine Leidenschaft seldorf. Der 20-jährige Axel Ehnström tritt unter
losen Vögel-und-Engel-Metaphorik. Die Lieben- nischen Lied macht das »ouo uo« fast den ganzen zung hat noch keinem Song gutgetan. Der von Wenn alles vorbei ist dem Decknamen Paradise Oskar an, um die Welt
den mögen ihre Flügel spreizen und wegfliegen, Refrain aus. Das »ding dong« stammt den Briten immerhin zum besten Lied der ver- Wird dein Name wie die Sonne strahlen zu retten. In Da da dam erfährt sein kleiner Held
höher fliegen, weiterfliegen, niemals landen. Him- aus dem Lied von Dana Interna- gangenen 25 Jahre gewählte Robbie-Williams- Du bleibst immer noch das Beste Peter von seinem Lehrer, »dass dieser Planet stirbt«.
mel! Mühelos erkennt der Analytiker vier Katego- tional. Die Gewinnerin des Song Angels verliert an Kraft, wenn »my pain walks Schön altmodisch Das will Peter verhindern:
rien des Begehrens: »Komm her«, »Komm nä- Jahres 1999 tritt nochmals für down a one-way street« zu »mein Schmerz geht eine Im März musste das Lied zurückgezogen wer- Und ich komme nicht zurück
her«, »Bleib hier« oder »Wo bist du hin?«. Israel an. »Ding dong« machen Einbahnstraße hinunter« wird. den, nicht etwa, weil Propaganda in Weißrussland Bis er gerettet ist
Beispiele? Lettland bringt Angel In Disguise die »Glocken der Seele«, ge- Für Lenas Quasi-Sado-Hymne Taken By A verboten worden wäre, sondern weil es regelwidrig Ich werde zum König gehen und zum Parlament
an den Start, den »verkleideten Engel«: flogen wird auch wieder: Stranger bediente sich ihr Komponist, der Ame- bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht worden Und wenn sie nicht helfen wollen
Kill mich mit einem Killer-Kuss Ding dong, rikaner Gus Seyffert, bewährter Stilmittel. Im Re- war. Der Lieddichter ließ sich nicht entmutigen Tu ich’s eben selbst
Liebe mich mit üppigen Schenkeln sag nichts frain treffen die beiden betonten Schläge des Vier- und hatte flugs ein paar neue patriotische Zeilen Ein dummer Text, aber wenigstens nicht erz-
Verkleideter Engel mehr vierteltakts mit den metrisch betonten Wortsilben auf Lager. Ich liebe Weißrussland heißt also das dumm. Für den könnte man stimmen.
Die Ukraine setzt Angel da- zusammen – der Refrain wird dem Hörer ins Ohr Stellvertreterlied, und es fällt insofern etwas tau- Oder man sehnt sich, wie einst, nach einer Ge-
gegen, einen schlichten »Engel«: gehämmert. Am Ende jeder Zeile endet auch der wettrig aus, als es nicht mehr von Bedrohungen schichte. Dann votiere man für Islands Beitrag
Wir sind Vögel Satz. Vier Verse, vier Einheiten, der Kreuzreim tut durch den Westen spricht, an dessen Wettbewerb Coming Home. Dessen Zeile »Denn niemand
Wir fliegen so hoch ein Übriges: reimt sich rhythmisch. es ja gerade teilnimmt. kennt sein Wann oder Wo« hat sich als hellsichtig
Und wir fallen runter Masen Abou-Dakn, Dozent an der Mannhei- In den Foren des Internets gehen die Meinun- entpuppt, das Schicksal hat eine Geschichte ge-
Wenn ich von dir träume Deutschlands Lena singt mer Pop-Akademie, erklärt uns auf Anfrage, dass gen dazu auseinander. »Schön, endlich ein biss- schrieben – siehe oben. Freilich singen sie auch in
Ist mein Traum so furchtlos quasi eine Sado-Hymne, Taken By A Stranger doch ein ganz guter »Hook« chen Patriotismus zu hören, es ist eine Schande, Coming Home von wenig mehr als vom »Lachen in
Wir sind Menschen des Planeten mit betonten Schlägen sei, ein Haken, an dem der Hörer hängen bleibe. dass sie nicht in ihrer Muttersprache singt!«, heißt den Bäumen« und vom »Flüstern im Wind«.
GESCHICHTE
Gehört Bayern zur Bundes-
republik? Sein Landtag lehnte

21 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20


1949 die Verfassung ab S. 22

Zucker und Wahn Zeitmaschine


Ein Ausflug in die Vergangenheit –
Eine große Ausstellung auf der Herreninsel im Chiemsee entkitscht den »Märchenkönig« Ludwig II. VON CHRISTOPH DIECKMANN diese Woche mit ULRICH SCHNABEL

W
ir kommen spät. Der Chiemsee gar. Ratlos staunend stehen wir im Paradeschlaf- Tod und Mythos. Man sieht Ludwigiana vom All das brach den Realpolitiker und trieb ihn Kernie’s Familienpark verspricht eine Kettenreak-
leuchtet im Abendschein, alpin zimmer; soeben hat Bayern die Orgie aus Gold Taufkleid bis zu seinem letzten Regenschirm. Da, in die Gegenwelt der Kunst. Die Schlossbauten tion des Vergnügens. Auf dem Gelände des eins-
überragt von Hochfelln und und Brokat weihwürdig restauriert. Auroras die Kinderflinte, eine funktionable Waffe, mit wurden Ludwigs »Hauptlebensfreude«. Zum tigen Kernkraftwerks in Kalkar am Niederrhein,
Kampenwand. Gegenüber liegt Strahl bricht durch purpurbeschleierte Lünetten aufgepflanztem Bajonett. Ludwigs Ausspruch: Weibe, gar zur Ehe zog’s ihn nicht. Die Ver- das nie in Betrieb ging, locken heute Karussell,
die Herreninsel. Ihr dichter und rötet den Raum. In diesem güldenen Alko- »Ich hasse, ich verachte den Militarismus.« Da- lobung mit seiner Cousine Sophie von Bayern Achterbahn und Kletterwand am Kühlturm. Doch
Wald birgt König Ludwigs Schloss. Die Schiff- ven unterm Baldachin, von Venus neben Bismarcks Diktum: »Nicht durch löste er 1867 auf. Gewaltiger Skandal! Allerdings was ist das? Bei unserem Besuch stehen wir plötz-
fahrt ruht bereits, doch der Priener Bootsver- malerisch umschlungen, täten Reden und Majoritätsbeschlüs- fühlte Sophie sich insgeheim nicht minder befreit lich vor einer Attraktion, die nicht im Plan ver-
mieter Stöffl hat noch auf. Wir entleihen den wir kein Auge zu. Der se werden die großen Fra- als der entsprungene Gespons; sie hatte sich in zeichnet ist: »Nukleus Panopticum« wirbt ein
Nachen Hansl und rudern zur Insel, in die Mün- König desgleichen. gen der Zeit entschie- Edgar Hanfstaengl, den Verlobungsfotografen, atomgelbes Schild. Fröhlich winkt uns ein Herr im
dungsbucht des Grand Canal. Dort klafft der Nie schlief er den [...], sondern verknallt. Ludwig erfuhr es wohl nie. Er notierte Strahlenschutzanzug heran.
Wald. Ein Rehkitz äst. Fern und in letzter Sonne hier, noch durch Blut in sein Tagebuch: »Sophie abgeschrieben. Das »Herein, herein«, ruft er mit fremdländisch
schimmert ein Orplid: Herrenchiemsee, das hatte er es und Ei- düstere Bild verweht; nach Freiheit verlangt klingendem Akzent und drückt uns Geigerzähler
bayerische Versailles. vor. sen.« mich, nach Freiheit dürstet mich, nach Aufleben in die Hand. Wir betreten einen Geisterbahn-ähn-
Wir kommen früh, am nächsten Morgen. von qualvollem Alp.« Der Schwulst ist Zitat. Mit lichen Tunnel. Gleich am Eingang schlagen die
Der Dampfer Barbara wimmelt von Kindern. ähnlichen Worten entringt sich Tannhäuser den Geigerzähler wild aus, links sehen wir die geister-
Südtiroler Schüler aus Meran wallfahrten auf Armen der Venus. haften Gerippe von Fukushima, rechts den noch
König Ludwigs Spuren. Was wisst ihr denn vom Denn Ludwig hatte Gott gefunden: Richard rauchenden Trümmerhaufen von Tschernobyl.
Ludwig? Wagner. Er wurde der Mäzen des sächsischen Doch unser Führer drängt weiter. In der Ferne
Dass er der Sonnenkönig war, sagt Isabella Komponisten; Wagner dankte es dem hochfüh- erklingt Swingmusik. Wir nähern uns dem golde-
Modanese. Nein, ruft Esther Osenberg, das ist ligen Monarchen mit Ideologie. Die heilige Mis- nen Zeitalter der Physik. Heisenberg grübelt über
der andere gewesen, der Ludwig von Frank- sion des Königs sei der bewusste Wahn. Als der Unschärfe, Otto Hahn gelingt die Kernspal-
reich. Ludwig II. von Bayern, erklärt Kathrin Mönch der Kunst müsse er sie leben und zur tung, Enrico Fermi bringt in einem Stapel von
Holzknecht, war ein bisschen verrückt, weil idealen Blüte bringen. Uran- und Grafitblöcken – mitten in der Groß-
er niemals einen Menschen sehen wollte. Durchaus war Ludwig kein bloßer Fantast. stadt Chicago – die erste Kernreaktion zum Lau-
Ludwig, der Kron- Er lebte im Zeitalter der Industrialisierung
Man weiß nicht, wie er gestorben ist. Er fen. »Das waren noch heldenhafte Zeiten«, seufzt
prinz, Porträtpost- und Elektrifizierung. Schön zeigt die Aus-
hat ganz viel Schönes bauen lassen, damit unser Führer und zieht den Schutzanzug aus.
karte (1910) nach stellung Ludwigs Faible für die technische
er sich in eine andere Welt und Zeit ver- Darunter kommen ein antikes Gewand und
einem Foto von Moderne – im Kontrast zu seinem ana-
setzen kann. Sandalen zum Vorschein. »Hätte nie gedacht, was
Joseph Albert 1863 chronistischen Eigenbild. Entschlossen
Ist euer Berlusconi auch ein Sonnen- aus meiner Idee alles werden würde«, sagt er mit
könig? ignorierte er das Wesen des konstitutio- unverkennbarem Stolz. Da erkennen wir ihn: De-
Schreckenskreischen, Augenrollen. nellen Königtums, dieser Friedensbrücke mokrit! Der »lachende Philosoph«, der 400 v. Chr.
Nein! vom Absolutismus zur Demokratie. In behauptete, die Natur sei aus kleinsten, unteil-
Barbara legt an. Zunächst durch- politicis war Ludwig rechtlich einge- baren Einheiten zusammengesetzt. »Ja, átomos
wandern wir den wunderbaren Buchen- schränkt, gestraft mit Kabinett, Parla- habe ich das genannt, das Unzerschneidbare«, ki-
wald. Es amselt, finkt und piroliert. ment, aufkommender Sozialdemokratie chert er. »Damals hat mir das ja keiner geglaubt.
Vom See her quarren Enten. Dem Wald und ähnlichem Erdenleid. Also schwelg- Aber die Wissenschaft hat mir recht gegeben.«
verdankt sich das Schloss. 1873 wollte te er in artibus, als gottunmittelbarer »Ihnen haben wir also den ganzen Schlamassel
ein württembergisches Holzkonsortium Königskünstler. Überließ seinen Minis- zu verdanken«, antworte ich vorwurfsvoll. Aber da
die urmächtigen Bäume fällen. Lud- tern das Regieren. Empfing und sprach wird der Alte grantig. »Mir ging es doch um etwas
wig II., von empörten Fischern zu Hilfe sie nie. Unterzeichnete, delegierte, schot- ganz anderes«, brummt er, »mir ging es um die
gerufen, erwarb die Herreninsel für seine tete sich ab. Machte die Nacht zum Tage. Seele. Denn wer das Wesen der Dinge erkennt,
Versailles-Kopie, die ursprünglich nahe Ließ mitternachts Theater spielen, nur für weiß: Auch Seelenatome haben ewigen Bestand!«
Linderhof im Graswangtal entstehen soll- sich. Wallte durchs nächtliche Hochgebir- Dann bricht er in lautes Gelächter aus. »Atom-
te. Der Chiemgau war dem Hochgebirgs- ge, wandernd oder im Rokoko-Schlitten. kraft, pff. Um Seelenfrieden ging es mir!«
schwärmer eigentlich zu flach. Der Wald Und er baute, baute, baute. Unvermittelt öffnet er eine Tür und schiebt uns
blieb, damit Ludwig das ebene Land und Ludwigs uferlose Schlossprojekte wurden zur ins Freie. »Wie konntet ihr meine Theorie nur so
den See nicht sähe und das Volk nicht seines einzigen Realität seines Königtums. Er lief aus missverstehen!«, ruft er uns hinterher. Verwirrt
Königs Schloss. dem Ruder. Er wurde zum Freak. Die Schulden blinzeln wir ins Sonnenlicht. Nur das Lachen De-
Bekanntlich kam es anders. Nach Ludwigs wuchsen. Die Staatskasse konnte Ludwig nicht mokrits dröhnt noch lange in unseren Ohren.
Amtsenthebung wegen angeblicher Geisteskrank- plündern, aber die Erbschatulle der Wittels-
heit und seinem mysteriösen Tod am 13. Juni bacher. Sein Finale bleibt dunkel. Drei Tage nach
1886 im Starnberger See öffnete Bayerns Regie- seiner Verhaftung und Amtsenthebung starb
rung die Königsschlösser. Man wollte den Ver- Ludwig, erst vierzig Jahre alt, im Flachwasser des ZEITLÄUFTE
schwendungswahnsinn des Verewigten beweisen Starnberger Sees. Dort endete auch sein Begleiter,
und mit den Eintrittsgeldern die Staatsfinanzen der Irrenarzt Bernhard von Gudden. Das Sterbe-
aufbessern. Letzteres glückte, bis zum heutigen Formal Mit register vermerkt: »Seine Majestät [...] hat sich in l y a des juges à Berlin«, »es gibt noch Rich-
Tag. Begeistert walzen die Touristenvölker dieser
Welt durch Ludwigs Prunkrefugien. Die Kitsch-
industrie überkleisterte den »Märchenkönig« mit
einer dicken Zuckerkruste. Ein Übriges taten
bietet die-
ses Chambre
de Parade, dop-
pelt so groß wie das
18 Jahren
musste Lud-
wig König wer-
den. Der plötzliche
seiner Geisteszerrüttung selbst in den See ge-
stürzt.« Das wäre ein Tristan-Schluss: »Ertrinken,
versinken – unbewusst – höchste Lust!«
War es so? Oder Mord? Und von Guddens
I ter in Berlin«. So lautet die hübsche Poin-
te einer hübschen historischen Legende.
Sie erzählt von einem Müller in Potsdam,
der sich gegen Friedrich den Großen zur Wehr
Filme, von Käutner bis Visconti. Die Ikone des in Versailles, eine histo- Tod seines Vaters Maxi- Tod? Die Ausstellung bietet ein Pro und Contra setzte und am Ende vor Gericht in Berlin obsieg-
Verklärten verdeckt die historische Gestalt. ristisch perfektionierte Nach- milian II. beförderte den kunst- möglicher Varianten und Motive. Eines fehlt: te. Eine Legende, nichts weiter. Aber in der Pointe
Ändern soll das die Bayerische Landesausstel- schöpfung. Ideell ist es ein Memorial durchglühten Jüngling 1864 auf den Wurde Ludwig von den Wittelsbachern exe- versteckt sich die ewige Hoffnung, dass die Ge-
lung 2011. Vom 14. Mai bis zum 16. Oktober der absoluten Monarchie, wie Ludwig II. sie im Thron der Wittelsbacher. Zwei Jahre später be- kutiert, als Verschleuderer des Sippenschatzes? rechtigkeit die Macht in die Schranken weist, dass
erzählt sie im Schloss Herrenchiemsee die Göt- »Sonnenkönig« inkarniert empfand und selbst fand sich Bayern im Krieg gegen Preußen, an Davon orakelt mit Begeisterung unser Bootsver- ein Richter den Souverän daran hindert, Unrecht
terdämmerung König Ludwigs II. Wir dürfen ersehnte. Auch der Spiegelsaal von Herren- Österreichs Seite. Königgrätz: Die Niederlage mieter Stöffl. Man kann nur rätseln, sagt er. Der zu tun.
Abb. [M]: Haus d. Bayerischen Geschichte/Augsburg

schon vorher gucken. Auf der Schlosstreppe, chiemsee steigert das Versailler Original. Uns geriet katastrophal. Ludwig liegt in der Gruft der Münchner Micha- Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr, der Sou-
zwischen Fama- und Fortunabrunnen, erwartet platzen die Augen. Genug! 1870 provozierte Bismarck den nächsten Krieg elskirche, und die Familie lässt den Sarg nicht verän ist das Volk. Das Volk hatte die Wahl, und es
uns geballte Ludwig-Kompetenz: der Projektlei- Und dann die Erlösung: das nördliche Trep- und nötigte Ludwig zur deutschen Waffenbru- öffnen. geruhte in Rheinland-Pfalz, die alte Industrie-Partei
ter Peter Wolf vom Augsburger Haus der Bayeri- penhaus. Kahl. Nackte Ziegel, blankes Licht. derschaft wider Preußens »Erbfeind«, Ludwigs Wären Sie dafür? SPCDU zu wählen (70,9 Prozent). Der Souverän
schen Geschichte sowie Katharina Heinemann Viele Schlossgemächer blieben unvollendet: Traumland Frankreich. Alsdann diktierte Bis- Nein, sagt Stöffl. Dann käme höchstens die also will diese grauenvolle Brücke über das Moseltal,
und Sybe Wartena von der Schlösserverwaltung. funktionsloser Hohlraum. Versailles war Hof- marck ihm den »Kaiserbrief«. Namens der deut- Wahrheit raus. Der Mythos ist viel schöner. wo einer der besten Weine der Welt wächst, will dieses
Der Palast empfängt wie einst Versailles: mit der staat, politisches Zentrum; Herrenchiemsee ist schen Bundesfürsten hatte Ludwig dem Preu- Monstrum, das die Landschaft mit den uralten
Escalier des Ambassadeurs im südlichen Treppen- L’art pour l’art. In den Rohbauräumen wird die ßenkönig Wilhelm die Kaiserkrone anzutragen. Die Ausstellung »Götterdämmerung – Rebhängen zerschneidet. Seine Majestät, das Volk,
König Ludwig II.« des Hauses der Bayerischen
haus, wobei die doppelläufige Protzstiege Lud- Landesausstellung gezeigt. Sie inszeniert Ludwigs Die Krönung stieg 1871 ausgerechnet im Spie- Geschichte (Augsburg) wird vom 14. Mai wünscht es, daran besteht überhaupt kein Zweifel.
wigs XIV. bereits 1752 wieder abgebrochen wur- Lebensdrama in fünf Akten: Die Werdejahre. gelsaal von Versailles. Wenigstens diesem idio- bis zum 16. Oktober im Neuen Schloss auf der Aber wer die Modellzeichnung sieht, dieses angekün-
de. Der bayerische Ludwig kopierte, zelebrierte, Wie der König Krieg führen musste. Wie er seine tischen Akt des antifranzösischen Triumphalis- Insel Herrenchiemsee gezeigt; Katalog (2 Bde.), digte Verbrechen betrachtet, der fragt sich doch:
imaginierte sein französisches Idol; er überbot es Gegenwelten schuf. Bayerns Modernisierung. mus hat Ludwig sich entzogen. Primus Verlag, 39,90 €. Tel. 0821/329 51 21 Gibt es denn keine Richter mehr in Mainz? B.E.
GESCHICHTE 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 22

Heimaterde,
»Volks-«,
»Rechts-«,
»Sozial-« und als
»Kulturstaat« be-
zeichnet. Gut 70 Pro-
zent aller abstimmenden
Bayern billigen am 1. De-
zember 1946 die neue Ver-
wei-
terer
Entwurf
hervor. Das ist
der Beitrag der
Länder zum Grund-
gesetz. Dementsprechend
fallen deren Rechte üppig
Vaterland
Gehört Bayern überhaupt zur Bundesrepublik Deutschland?
fassung. Es ist die vierte in der aus. Der Text bildet eine Im Mai 1949 lehnte sein Landtag das Grundgesetz ab.
bayerischen Geschichte nach 1808, wichtige Basis für den Par-
1818 und 1919. Zugleich finden die lamentarischen Rat in Bonn, Dabei zeigte vor allem die CSU schon früh ihre
ersten Landtagswahlen statt, die der CSU der am 1. September seine Arbeit besondere Fähigkeit zum geschlossenen
erneut eine kräftige Mehrheit bescheren. Nun aufnimmt.
muss Hoegner weichen. In seiner Bilanz hält er als 65 Delegierte entsenden die Länder- Sowohl-dafür-als-auch-dagegen VON RALF ZERBACK

W
eiß-blau knattern die Fah- einen Haupterfolg den »Kampf um die Eigenstaat- parlamente nach Bonn, hinzu kommen
nen, weiß-blau glühen die lichkeit Bayerns« fest. Immer wieder hat er wegen fünf Abgesandte aus West-Berlin, die aber
Herzen der Volksvertreter. seiner Heimatliebe Rüffel von der SPD-Zentrale in nicht stimmberechtigt sind. 14 Abgeordnete
Aus allen Winkeln des Hannover erhalten, wo der allzeit explosionsbereite stellt Bayern, davon sind acht Mitglied der CSU,
Freistaats sind sie nach Kurt Schumacher sogar das Recht auf einen eigenen fünf der SPD, einer ist Freidemokrat. Als V-Mann
München geeilt, zu strei- bayerischen Landesverband der SPD infrage stellt. Ehards dient der gebürtige Pfälzer Anton Pfeiffer.
ten für Bayerns Freiheit. Die FDP höhnt über »Hoegners Traum, aus der Er ist sogar Leiter der CDU/CSU-Fraktion. Ehard
Es ist der 19. Mai 1949. Der Landtag, den die SPD eine SPB (Sozialdemokratische Partei Bayerns) ist der einzige Ministerpräsident, der regelmäßig in
Nazis 1934 aufgehoben und dessen Sitz die Bom- zu machen«. die Debatten eingreift, seine Regierung die einzige,
ben zerstört haben, ist in sein neues Quartier, das Die neue starke Kraft im Lande, die CSU, streitet die in Bonn ein Verbindungsbüro unterhält.
wiederhergerichtete Maximilianeum, gezogen; es indessen hingebungsvoll vor sich hin. Schon bei der Seinen größten Coup landet der Bayer bei der
thront über der kriegsversehrten Stadt wie zu Kö- Wahl von Hoegners Nachfolger kann man sich nicht Gestaltung der zweiten Kammer, des Bundesrats. Von Vom
nigs Zeiten. Unterm Arm tragen die Parlamentarier einigen. Der erste Nachkriegslandtag versammelt sich Pfeiffer eingefädelt, trifft sich Ehard am 26. Oktober Wäh-
die Verfassung des Freistaats Bayern vom 2. Dezem- am 21. Dezember 1946 noch in der Aula der aus- 1948 im Bonner Hotel Königshof am Rhein zu ei- lervolk
ber 1946. Doch heute wird im Plenum über eine gebombten Universität. Die Fenster sind mit Brettern nem Abendessen mit dem nordrhein-westfälischen ganz zu
andere Verfassung abgestimmt, eine Verfassung, vernagelt, es ist eisig kalt, die Beleuchtung schummrig. Innenminister Walter Menzel, einem SPD-Mann. schweigen.
die sich – verdächtig bescheiden – »Grundgesetz« Die beiden Hauptkontrahenten innerhalb der CSU, Gemeinsam heckt die Rhein-Isar-Entente eine »Bun- Schäffer in-
nennt. Soll Bayern Teil eines westdeutschen Bundes- die Liberalkonservativen und die Erzkonservativen, desrats-Lösung« aus, in der die Länderregierungen trigiert be-
staats werden, einer »Bundesrepublik«? Um neun versuchen, die SPD zu sich herüberzuziehen, um einen das Sagen haben und nicht – wie bei der »Senats- reits seit 1948.
Uhr morgens beginnt die Debatte, sie endet um Kandidaten gegen den jeweils anderen Flügel durch- Lösung« – die Wähler. Der Präsident des Parlamen- Er will ein brei-
halb drei nachts. Dann stimmt eine große Mehrheit zusetzen. Die Ämter sind genau verteilt: Alois Hund- tarischen Rats, Konrad Adenauer, ein Anhänger der tes Bayern-Bündnis
gegen das Grundgesetz. hammer, der Heros des rechten Flügels, ist Fraktions- Senats-Idee, schäumt, als er von der Absprache hinter schmieden mit Bonn-
Zu diesem Zeitpunkt ist das neue, das Nach- vorsitzender, Josef Müller, der »Ochsensepp« und seinem Rücken erfährt. Doch die Bayern siegen. Gegnern aus CSU, Bayern-
kriegsbayern unter US-Verwaltung bald fünf Jahre Vertreter des liberalen Flügels, ist Parteichef. Doch Und setzen ihren Kampf sogleich fort. Der Bund partei und SPD. Man träumt von
alt. Territorial blieb es fast unberührt. Lediglich die keiner von beiden hat eine Chance. ist ihnen im Grundgesetz-Entwurf immer noch viel einem Aufstand des Volkes gegen das
verlorenen Westgebiete – die Rheinpfalz und der Schließlich präsentieren die Hundhammer-Leute zu dominant geraten, etwa bei der Finanzverwaltung Grundgesetz. Am 1. Mai 1949 halten
Kreis Lindau am Bodensee – stehen unter französi- einen Kompromisskandidaten: Hans Ehard, einen oder bei der Aufteilung der Steuern. Da kommt Hundhammer wie auch Bayernparteiler flam-
scher Verwaltung. Schon im Mai 1945 haben die bedächtigen Fahrensmann, der keinem der Flügel Hilfe in höchster Not. Die Alliierten monieren am mende Reden für ein freies Bayern. Hundhammer
Amerikaner Fritz Schäffer zum Ministerpräsidenten angehört und der zudem auch der SPD zu vermitteln 2. März 1949 den Grundgesetz-Entwurf, und zwar werden – nicht zum ersten Mal und nicht ohne
ernannt, einen strammen Konservativen; bis 1933 ist. Ehard berichtet später, er habe beim ersten Wahl- – oh Wunder! – in denselben Punkten wie die CSU: Grund – separatistische und monarchistische Nei-
war er Vorsitzender der Bayerischen Volkspartei. Bald gang noch »mit Mantel und hochgeschlagenem Kra- Die Bundesrechte seien zu stattlich. Zwar empfindet gungen nachgesagt.
kommt es zu Spannungen zwischen ihm und der gen im hinteren Teil des Saales« gestanden, »an einen Pfeiffer den Beistand als »peinlich«, denn noch im- Ehard muss dem Hundhammer-Flügel etwas
Militärverwaltung, nach einem halben Jahr wird er Heizkörper gelehnt«, nicht ahnend, dass er in Kürze mer ist es unpopulär, allzu eng mit den Besatzern zu bieten: das Nein zum Grundgesetz. Doch eigentlich
seines Amtes enthoben. zum neuen Chefbayern bestellt werden sollte. kooperieren. Ehard aber ist zufrieden. will Ehard den Beitritt Bayerns zum Bund. Zumal
Unter Ehard zeigt die Regierung zunächst gesamt- Denn er selber ist es, der die Amerikaner um das Verfassungswerk zu einem beträchtlichen Teil gefähr-
Den Herren aus dem protestantischen deutsches Engagement. Als die Diskussion um die Unterstützung gebeten hat. Weiteren Geländegewinn sein eigen Kind ist, auch wenn er es sich noch föde- det,
Norden ist nicht zu trauen zukünftige deutsche Verfassung beginnt, lädt er Ex- vor Augen, empfiehlt er seinen CSU-Freunden nun ralistischer gewünscht hätte. kritisiert
perten aus den elf westdeutschen Ländern für den die Zustimmung: Man könne nicht immer Nein Es gibt jedoch einen Ausweg. Die Alliierten und die Fi-
Die Ministerpräsidenten lösen sich nun ab wie die August 1948 auf die Herreninsel im Chiemsee ein. sagen. Bayern habe eine »Chance, wie sie nie mehr der Parlamentarische Rat haben festgelegt, dass eine nanzver-
Faschingsprinzen. Der Nachfolger Schäffers, der Der Leiter der bayerischen Staatskanzlei, Anton Pfeif- wiederkehrt«. Doch da revidieren die Alliierten ihr Zustimmung von zwei Dritteln der elf Landtage zum fassung und
SPD-Mann Wilhelm Hoegner, ist ebenfalls nur kurz fer, führt den Vorsitz. Auch die Diskussionsgrundlage, Urteil und zeigen sich am 22. April auf einmal fle- Grundgesetz ausreichen soll. So kann die CSU in die zu gerin-
im Amt, gut ein Jahr. Derweil ertrinken die deutsche der »Entwurf eines Grundgesetzes«, ist von baye- xibler gegenüber dem Verfassungsentwurf – schlecht Bonn wie in München guten Gewissens gegen das gen Rechte des
Zivil- und die amerikanische Militärverwaltung in rischen Experten verfasst. Aus dem berühmten für die CSU, die SPD jubiliert. Grundgesetz stimmen – folgenlos, sofern die meisten Bundesrats.
Arbeit. Überall herrschen Zerstörung und Mangel. »Verfassungskonvent von Herrenchiemsee« geht ein Die Bayern querulieren weiter. Mal ist es die Fi- anderen Landtage Ja sagen. Das Elternrecht
Zur Not der Einheimischen kommt die der Flücht- nanzverfassung, die ihnen nicht passt, dann wieder Mehr noch: In einer höchst akrobatischen Volte sei geschmälert.
linge aus dem Osten und der Displaced Persons. sind es die Rechte des Bundesrats. Einigen Herrgotts- kommen Ehard und seine Christgenossen auf die Für Joseph »Pep-
Das alles aber hindert Bayerns Politiker nicht, winkel-Advokaten ist das Ganze auch zu wenig christ- Idee, in einer zweiten Abstimmung im Landtag dann perl« Baumgartner
sich dem wichtigsten Thema überhaupt hinzugeben: lich. Außerdem böte das Grundgesetz »unheilvollen ausdrücklich den Grundsatz der Zweidrittelmehrheit von der Bayernpartei
der »bayerischen Frage«. Wie kann das Land seine Entwicklungen im Parteileben« keine Schranke. zu billigen und das Grundgesetz für rechtsgültig auch ist das Grundgesetz ein
Identität wahren? Soll es mitmachen bei einem Der Argwohn der Südländer ist gewaltig. »Ich in Bayern zu erklären. Die Formel für diese wirre Bruch der bayerischen
künftigen geeinten Deutschland? So schickt Hoeg- traue den Herren, je weiter sie im Norden wohnen, Dialektik ist rasch gefunden: Nein zum Grundgesetz, Verfassung. Manchem er-
ner gleich eine Sonderration Kartoffeln in die Rhein- umso weniger«, meinte bereits 1946 der spätere ja zu Deutschland. Ein denkwürdiger Doppelbe- scheint das Bonner Werk als
pfalz, allein in der Hoffnung, dass sich die Bevölke- Landtagspräsident Michael Horlacher. Einmal platzt schluss. Die Militärregierung kennt Ehards Nöte und der pure Gottseibeiuns. So be-
rung für den Wiederanschluss an Bayern erklärt. Und Ratspräsident Adenauer der Kragen ob der »bayeri- billigt am 5. Mai seine Kompromissformel. schwört der fromme CSU-Abge-
er jammert, als die Amerikaner ihm zunächst das schen Parteifreunde«. Die CSU habe »immer und ordnete Georg Meixner, seit 1910
Hissen der geliebten weiß-blauen Fahne verbieten. immer wieder« die Frage der Bundes- oder Landes- Die neue deutsche Republik priestergeweiht, die Heraufkunft eines
Am 15. Juli 1946 tritt die Verfassunggebende Ver- finanzverwaltung als Hindernis bezeichnet, und nun, wird ein »gottloser Zwangsstaat« »gottlosen Zwangsstaats«. Und Eugen
sammlung in München zusammen. Bei den Wahlen »nachdem im Sinne der Bayern die Entscheidung Rindt, ebenfalls von der CSU, lässt in Ab-
zu diesem Konvent haben sich 58,3 Prozent der Wäh- gefallen ist«, bedeute die Sache plötzlich nichts mehr. Drei Tage später stimmt der Rat in Bonn ab. Die bei- wesenheit zu Protokoll geben, die Formel,
ler für die CSU entschieden, auf die SPD entfielen Tatsächlich bringt die CSU am Ende ganz neue den Abgeordneten der katholischen Zentrumspartei wonach alle Staatsgewalt vom Volke ausgehe,
28,8 Prozent. Trotz des Ergebnisses bleibt Hoegner Themen auf wie zum Beispiel das Elternrecht – ge- und die beiden Kommunisten (alle vier aus NRW), stehe dem christlichen Glauben an die göttliche All-
auf Wunsch der Militärregierung Ministerpräsident, meint ist das Recht, die Kinder auf »Bekenntnis- die beiden Delegierten der rechtsnationalen Deut- gewalt diametral entgegen.
da es sich noch nicht um Landtagswahlen gehandelt schulen« zu schicken, säuberlich getrennt nach schen Partei aus Niedersachsen und sechs der acht SPD und FDP sind empört. Es gebe »keine
hat. Hoegner ist es auch, der den Versammelten einen Konfessionen. Thomas Dehler, damals bayerischer, CSU-Männer aus Bayern votieren gegen das Grundge- Freiheit in Portionen« und »auch kein Deutschland
Verfassungsentwurf präsentiert, den er im Schweizer später Bundesvorsitzender der FDP, resümierte, über setz (nur zwei fränkische CSU-Abgeordnete sind in Portionen«, ruft Thomas Dehler. Knoeringen
Exil ausgearbeitet hat. Dort ist er, im Geiste der Con- allen Verhandlungen in Bonn habe der »bayerische dafür). Vergebens hat Adenauer noch am Tag zuvor spottet, mit ihrem Nein geselle sich die CSU den
foederatio Helvetica, vom deutschen Zentralisten zu Zweifel« gestanden. Ehard um ein Votum zur neuen Verfassung gebeten. Kommunisten zu. Spannend wird es, als gegen Ende
einem überzeugten Föderalisten geworden. Bereits Das hehre Werk der Verfassungsgebung, es ver- Jetzt steht die Ratifizierung an, jetzt muss Ehards der Debatte Wilhelm Hoegner das Wort ergreift.
im November 1945 gab er die Parole aus: »Vor allem kommt zu einem Klein-Klein. Und doch hat sich komplizierter Plan glücken. Schon am 13. Mai geht Er ist schon seit 1947 nicht mehr Chef der bayeri-
aber wollen wir wieder unsere eigenen Herren im die Renitenz der Bayern am Ende für sie gelohnt. es im Landtag zur Sache. Die SPD hat eine »Inter- schen SPD und hat sich mit seiner erzbajuwarischen
›Gasthaus zum Bayerischen Löwen‹ sein.« Sie haben »viel erreicht«, wie Adenauer mürrisch pellation gegen die Bemühungen monarchistisch- Position weit von der Haltung seiner Partei entfernt.
Die Mehrheitspartei der Konstituante, die CSU, bilanziert. Auch andere Verfassungsväter sehen über- separatistischer Kreise in Bayern« eingebracht. Ehard Während seiner Rede bekommt er vor allem Beifall
kennt, abgesehen von einigen wenigen Mitgliedern, all Weiß-Blau. Theodor Heuss reimt ein ABC des muss mehrere Spagatkunststückchen zugleich vor- von der CSU. Am Ende freilich bekennt er sich
bloß zwei Gruppen: entschlossene Anhänger einer Parlamentarischen Rates, gleich die beiden ersten führen: zum einen stolz präsentieren, was er an »angesichts der weltpolitischen Lage« zur neuen
bayerischen Eigenstaatlichkeit und feurige Anhänger Buchstaben A und B behandeln die Bayern-Frage: Länderrechten im Grundgesetz durchgeboxt hat, Konstitution.
einer bayerischen Eigenstaatlichkeit. Wenn über- »Der Anton pfeift aus dem ff / adagio jetzt und jetzt zum andern begründen, warum dies nicht genug ist. Dann die Abstimmung, lange nach Mitternacht,
haupt, dann wollen sie nur einem stark föderalisti- andante / die Arien des Ochsenseph / der Aloys Außerdem muss er einerseits Hundhammer vom der 20. Mai ist angebrochen. Geschlossen votiert die
schen Deutschland beitreten. Nicht immer freilich schnalzt die Älplervariante ...« Und Carlo Schmid Vorwurf des Separatismus freisprechen, andererseits CSU gegen das Grundgesetz. 101 zu 64, so lautet
herrscht Eintracht. Um die Souveränität zu betonen, dichtet im homerischen Stil: »Wo auf den Bergen ihn dazu bringen, dass er dies selbst vor dem Par- das Ergebnis. Aus der SPD-Fraktion sind »Pfui«-Rufe
fordern einige Mitglieder neben dem Ministerprä- der Schütz, talwärts gezwiebelter Turm / Hüten die lament deutlich macht. zu hören. Es folgt die zweite Abstimmung. 97 Par-
Fotos (Ausschnitte v.o.n.u.): AP, Archiv Friedrich (2); Grafik: Anne Gerdes

sidenten auch ein richtiges Staatsoberhaupt, einen Freiheit, die fernher vom Norden der grimmige Prompt schießen die Wogen hoch. »Separatis- lamentarier bekennen sich zur Rechtsgültigkeit der
eigenen bayerischen Staatspräsidenten. Eine knappe Preusse / Heldentümlich bedroht. Doch er wütet ten!«, tönt es von links nach rechts, »Landesverräter!«, Bonner Verfassung; SPD und FDP enthalten sich.
Mehrheit verwirft die Idee. umsonst« – umsonst, denn Pfeiffer und Ehard haben schallt es von dort zurück. Gegenseitig schlägt man Orgeltöne erklingen, als am 23. Mai das Grund-
Die US-Besatzer haben ihre liebe Not. Sie wollen ganze Arbeit geleistet. sich die Geschichte um die Ohren: vom Heiligen gesetz in der Pädagogischen Akademie zu Bonn
eine zu weit gehende Eigenstaatlichkeit vermeiden. Bayern im Glück. Doch da passiert etwas Seltsa- Römischen bis zum »Dritten Reich«. Waldemar von feierlich verkündet und unterzeichnet wird. Auch
Der Stellvertretende Militärgouverneur Lucius D. mes: Ehard empfiehlt, das Grundgesetz abzulehnen. Knoeringen (SPD) reizt die Rechte bis aufs Blut mit Hans Ehard setzt seinen Namen unter die Urkunde.
Clay hält in einem Schreiben fest, dass der Ausdruck Was treibt ihn um? Es ist die Angst. Angst vor der These, Hitlers Münchner Anfänge hätten im Er hat am 19. Mai die Ablehnung als visionären
»bayerischer Staatsangehöriger« nicht im Gegensatz dem rechten Flügel der CSU. Angst dazu noch vor Dunstkreis des bayerischen Föderalismus gelegen; Schachzug präsentiert, der »die föderalistischen Prin-
zum Begriff des deutschen Staatsangehörigen zu einer anderen Partei, die sich als junge Alternative die Gegenseite sieht ebendiesen Föderalismus als zipien im neuen Bundesstaat stärken« werde.
sehen sei. Zudem beinhalte Artikel 178 der neuen empfiehlt: die Bayernpartei. In ihr versammeln sich Hitlers erstes Opfer. Man sollte also meinen, dass die Partei heute stolz
bayerischen Verfassung, wonach Bayern einem künf- Anhänger eines souveränen Freistaats; auch die Mo- Am 19. Mai dann die entscheidende Sitzung. auf ihren Kampf gegen das Grundgesetz zurück-
tigen deutschen Bundesstaat beitreten wolle, kein narchisten, treu dem Hause Wittelsbach, finden dort Ehard muss um seinen Doppelbeschluss fürchten, blickt. Doch seltsam: Auf der Internetseite der CSU
Recht, dies gegebenenfalls zu verweigern. Auf Druck Bild oben: Bayerns Ministerpräsident Unterschlupf. Selbst aus der Bayernhymne will die denn in einer Probeabstimmung hat sich Hundham- findet sich zwar eine detaillierte Chronik jener Jah-
der Amerikaner war der Artikel ohnehin umformu- Ehard (l.) mit Adenauer (r.). Darunter Partei jeden Hinweis auf Deutschland getilgt sehen. mer beim zweiten Teil der Kompromissformel – dem re. Aber über das gloriose Votum vom 20. Mai er-
liert worden, hatte es doch zunächst »deutscher eine turbulente Szene im Landtag: Statt »deutsche Erde, Vaterland« soll es jetzt »Hei- »Ja zu Deutschland« – enthalten. Ehard droht nun fährt man dort nichts. Warum nur?
Bund« und nicht »Bundesstaat« geheißen. Ehard (l.), Alois Hundhammer (mit Bart) materde, Vaterland« heißen. mit Rücktritt für den Fall eines doppelten Nein.
Staatsstolz wird das Land in den ersten drei Ar- und Josef »Ochsensepp« Müller (M.). Ehard befürchtet, dass die Mannen um Hund- Im Plenum stimmt die CSU ihren Klagegesang Der Autor ist Historiker und Journalist,
tikeln als »Freistaat« – also als Republik –, ferner als Unten: Hundhammer stimmt ab hammer und Schäffer zur Bayernpartei wechseln. an. Ehard sieht im Grundgesetz die Hoheit der Länder er lebt in Frankfurt a. M.
WIRTSCHAFT
Schutz vor Schwindlern?
Lebensmittelverbraucher
wehren sich im Netz S. 29

12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 23

INTERNET

Punkt für Microsoft


Mit dem Kauf von Skype greift
der Konzern Apple und Google an

D
ie jüngste Niederlage hat Verließe Griechenland die Euro-Zone, käme das Microsoft kauft Skype. Für 8,5 Milliarden
ihn siegessicher ge- Deutschland teuer zu stehen. Dollar übernimmt der Softwarekonzern den
macht. Frank Schäff- Die Griechen haben ihre Schulden in Euro auf- Anbieter von kostenlosen Internettelefona-
ler, 42 Jahre, Fi- genommen. Diese blieben auch nach Wiedereinfüh- ten. Mit dem Kauf zeigt Microsoft Sieges-
nanzexperte der rung der Drachme bestehen. Würde die Drachme willen im Kampf um die Kommunikation
FDP, Euro-Gegner und Partei- dann gegenüber dem Euro deutlich abgewertet, von morgen.
rebell: Ginge es nach ihm, bekä- könnten die Griechen ihre Euro-Schulden erst recht Skype betrachtet Telefonate und Video-
men die Griechen schon lange nicht mehr bezahlen. Die Staatspleite wäre perfekt. gespräche ebenso als Datenverkehr wie das
kein Geld mehr aus Deutschland. Weil deutsche Banken sehr viel Geld in Griechen- herkömmliche Surfen im Internet. Warum
Die deutschen Steuerzahler müssten land verliehen haben – geschätzte 17 Milliarden Euro also Gesprächsminuten extra zahlen, wenn
auch nicht für Irland oder Portu- allein an den griechischen Staat –, müsste die deut- man schon eine Flatrate fürs Surfen hat? 145
gal bürgen. 22 Milliarden Euro sche Regierung bei einer Staatspleite erst einmal ei- Millionen aktive Kunden konnte Skype damit
soll Deutschland vom Herbst nige deutsche Banken retten. Auch die Europäische gewinnen, zum Argwohn von Deutscher Te-
an für den europäischen Ret- Zentralbank ist in Griechenland engagiert – angeb- lekom & Co., die Skype in ihren Netzen lange
tungsfonds aufbringen. Für lich mit 153 Milliarden Euro. Auch sie bräuchte wohl unterdrückt haben, um ihr eigenes Geschäfts-
einen wie Schäffler sind das eine Kapitalspritze. Und der europäische Rettungs- modell zu schützen.
22 Milliarden Euro zu viel. fonds hat 37,9 Milliarden Euro verliehen, ein Drittel Mit Microsoft hat Skype nun einen starken
Am vergangenen Wochenende, der Verluste müsste Deutschland tragen. Partner, der viel Geld investiert, um seinen
beim Landesparteitag der FDP Nord- All das wären freilich nur die direkten Kos- Rückstand zu Apple und Google aufzuholen.
rhein-Westfalen, brachte er seine Forderungen als ten. Die indirekten wären weitaus größer – In die Spielekonsole Xbox, in ein neues Be-
Antrag ein – und scheiterte knapp. Am kommenden für die Deutschen und für die Griechen. triebssystem für Mobiltelefone, in eine Koope-
Wochenende, beim Bundesparteitag in Rostock, Wie hoch sie genau wären, ist unkal- ration mit dem Handyhersteller Nokia. Über-
werde die Abstimmung anders ausgehen, daran glaubt kulierbar. all könnte Skype nun eingebunden werden
Schäffler fest. »Die Basis tobt«, sagt er. »Viele Dele- In Griechenland würden die und Menschen verbinden: ob beim virtuellen
gierte wollen sich nicht länger hinhalten lassen.« Bürger die Banken stürmen, aus Tennismatch vor dem Wohnzimmerbild-
750 Milliarden Euro nahmen die Regierungen Angst vor der Zwangsumstel- schirm, unterwegs bei der Autofahrt oder beim
Europas vor genau einem Jahr in die Hand, um die lung und dem Wertverlust Spaziergang. Die Erlebniswelten von Microsoft
Probleme der Krisenstaaten zu lösen. Nun ist das ihrer Sparguthaben. Das werden gegenüber denen von Apple und
Geld fast weg, die Probleme aber sind immer noch Bankensystem würde kol- Google attraktiver.
da. Griechenland steht vor der Pleite, Portugal und labieren, der Zahlungsver- Ist der Kaufpreis nun zu hoch? Schwer
Irland wackeln. Europaweit rebellieren Bürger und kehr zusammenbrechen. zu sagen. Es kommt auf die Zahlungsbereit-
Parlamentarier. In Deutschland, in den Niederlanden, Das würde auch in Irland, schaft der Kunden an. Die ist bei Microsoft
in Finnland, wo die Euro-Skeptiker bei den jüngsten Portugal oder Spanien drohen. traditionell stärker ausgeprägt als bei Skype:
Wahlen 22 Prozent der Stimmen abräumten. Auch dort müssten Bürger und Gerade mal sechs Prozent nutzen dort bisher
Es hat sich eingebürgert, von Europa als »Schick- Investoren um ihr Geld fürchten. Pa- die kostenpflichtigen Zusatzdienste, die das
salsgemeinschaft« zu sprechen. Doch nun erlebt nik wäre die Folge. Ein Land nach dem Unternehmen neben den Gratisgesprächen
dieses Europa seine Schicksalstage. In der kommen- anderen könnte aus dem Währungsverbund anbietet. Umgerechnet zahlt Microsoft für
den Woche treffen sich die Finanzminister der 17 herausbrechen. Für Deutschlands Steuerzahler hieße jeden Nutzer knapp 1000 Dollar. Das
Euro-Staaten, um zu beraten, ob man den Griechen das: noch mehr Verluste, noch höhere Kosten. Das scheint nicht allzu viel, wenn es um die ei-
überhaupt noch helfen kann – und wie. Möglich, Ende der Währungsunion würde auf dem ganzen gene Zukunft geht. MARCUS ROHWETTER

Wie kommen
dass die FDP zu diesem Zeitpunkt beschlossen haben Kontinent eine Spur der Verwüstung hinterlassen.
wird, dass Deutschland nicht mehr mitmacht. Ver- Die schöne Option vom griechischen Ausstieg
weigert die Regierungspartei der eigenen Regierung könnte also grässliche Folgen haben. Zwar muss es
die Gefolgschaft, wäre das ein dreifacher Schaden – so weit nicht kommen. Aber zur Realität in einer
für die Partei, für die Koalition, für Europa. komplexen Welt gehört, dass man sich immer wieder
All das ist typisch für die Krise des Euro: Interna- fragen muss, welche Risiken man eingehen will – und
tionale Entscheidungen haben nationale Folgen, das welche nicht. 30 SEKUNDEN FÜR

wir da raus?
Nationale drückt aufs Internationale. Die Regierun- Deshalb bereitet die EU ein neues Hilfsprogramm
gen agieren unter enormem Zeitdruck. Und mit je- vor, mit neuen Auflagen. In der Hoffnung, dass die
dem Versuch, das Problem zu lösen, erschaffen sie zig Griechen ihre Kredite zurückzahlen können, wenn Generation 55 plus
neue. Es ist wie in einer antiken Tragödie: Es mag sie nur genug Zeit bekommen – und genug Geld.
zwar Alternativen geben – aber alle erscheinen sie 110 Milliarden Euro wurden schon zugesagt, allein Bundesregierung, Parteien und Arbeitgeber
schrecklich. im kommenden Jahr braucht die Regierung rund 27 betonen neuerdings, wie wichtig ihnen ältere
Milliarden Euro zusätzlich, sollte sie sich am Markt Arbeitnehmer seien. Kein Wunder: Schließ-
Die Deutschen ringen um die Zukunft des Euro. Und keiner kein Kapital leihen können. Im Jahr darauf wären lich wird uns der demografische Wandel
1. Drama, Baby, Drama
gibt zu, wie wenig er weiß VON MARC BROST UND MARK SCHIERITZ weitere 38 Milliarden Euro nötig. »Wir retten Grie- schon bald einen akuten Nachwuchsmangel
Wenn Frank Schäffler redet, klingt es, als könne man chenland seit einem Jahr, und wir werden damit wei- bescheren.
die Probleme Europas mit der Präzision eines Chi- termachen«, sagt die französische Finanzministerin Positiv zu spüren bekommt das die Gene-
rurgen lösen. Ein einziger Schnitt, und alles wäre Christine Lagarde. Gebracht hat die Retterei wenig. ration 55 plus aber kaum, wie sich nicht nur
vorbei. Die Griechen haben zu viele Schulden an- Die Griechen sparen, aber die Kürzungen haben die an den vielen Langzeitarbeitslosen dieser Al-
gehäuft? Dann werfen wir sie aus der Währungs- Krise weiter verschärft. Allein in diesem Jahr könnte tersklasse zeigt, sondern auch daran, dass sie
union! Oder lassen sie pleitegehen! Deutschland wäre die griechische Wirtschaftsleistung um mehr als drei bei betrieblichen Fortbildungsangeboten meist
Illustration: Smetek für DIE ZEIT/www.smetek.de

nicht länger Zahlmeister, die Griechen könnten frei Prozent schrumpfen. Und der Widerstand gegen neue außen vor bleibt.
von Spardiktaten agieren. Statt mühsam die Löhne Kürzungen wächst. Genau wie der Schuldenberg. Auch wenn man die Vorgänge bei der FDP
zu senken, um wieder konkurrenzfähig zu werden, Schrecken ohne Ende oder Ende mit Schrecken? beobachtet, bei der jetzt schon die 45-Jährigen
könnten sie die Drachme wieder einführen. Der Vor- Sicher kann niemand sagen, was besser ist. Und das zu alt für einen Führungsjob sind, ist das wenig
teil für Griechenland: Man könnte die eigene Wäh- ist das wahre Euro-Drama. ermutigend. Gerade noch rechtzeitig haben
rung beliebig abwerten, damit würden griechische Mannheimer Forscher entdeckt: Arbeitnehmer
Waren im Ausland billiger. Die Abkehr vom Euro 2. Wieselwörter bis 65 sind nicht weniger leistungsfähig als
verspräche ein Exportwunder ohne Schmerzen. jüngere. Die Oldies könnten sogar besser mit
Diese Option klingt so verlockend, dass sie auch ZUM THEMA: Ende März vergangenen Jahres erscheint in der Bild Stress umgehen und machten weniger Fehler.
in der Bundesregierung erörtert wird. In verschiede- Interview zur Schuldenkrise mit am Sonntag ein Artikel über das Treffen der europäi- Für die FDP ist es wohl zu spät, aber vielleicht
nen Ministerien beschäftigen sich Regierungsbeam- dem Harvard-Historiker Niall Ferguson könnten ja andere Organisationen aus der
te mit den Details. Und sie rechnen. Das Ergebnis: auf Seite 25 Fortsetzung auf S. 24 Studie lernen. DIETMAR H. LAMPARTER
24 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20
STAATEN IN DER SCHULDENKRISE
WIRTSCHAFT
MACHER UND MÄRKTE

Atom-Versicherung Sozialbewusst
Müssten RWE & Co. ihre Kernkraftwerke ge- In Deutschland haben Verbraucher im ver-
gen einen schweren Atomunfall wie in Fukushi- gangenen Jahr Fair-Trade-Produkte im ge-

27
ma versichern, wäre Atomstrom in Deutsch- schätzten Wert von rund 340 Millionen Euro
land unbezahlbar – und alle 17 Meiler würden gekauft. Das war fast
sofort stillgelegt. Das geht aus einer Studie der ein Drittel mehr als
Versicherungsforen Leipzig GmbH hervor, im Jahr zuvor. Die vor
einer Ausgründung aus der Universität Leipzig, allem nach sozialen
die sich als »Brücke zwischen Versicherungs- Produktionsbedingun-
wissenschaft und Versicherungspraxis« versteht. gen ausgewählten Wa-
Pro Kilowattstunde würde sich Atomstrom laut ren werden in etwa
der Expertise um mindestens 14 Cent verteu- 30 000 Supermärkten,
ern. Das ist weit mehr als doppelt so viel wie Bioläden und soge-
der Preis an der Leipziger Strombörse. Prozent beträgt das nannten Weltläden an-
Schon der noch moderat erscheinende Wachstum von geboten. Am beliebtes- Geheimtreffen in Luxemburg: Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker am vergangenen Freitag
Cent-Betrag bedeutete deshalb das ökonomi- Fair-Trade-Produkten ten war zuletzt wiede-
sche Aus für die Meiler. Tatsächlich dürfte aber rum fair gehandelter
die zu erwartende Kostensteigerung weit höher Kaffee (7200 Tonnen). Auch Rosen gehen gut,
sein. Denn bei den 14 Cent bliebe es nur, wenn aber ihr Marktanteil betrug zuletzt erst 2,4
die Versicherungssumme über 100 Jahre an- Prozent. LÜT
gespart werden könnte, eine unrealistische An-
nahme. Kürzere Ansparfristen, beispielsweise
zehn Jahre, verteuerten den Atomstrom um
mindestens vier Euro pro Kilowattstunde. »An-
ders als bislang vielfach behauptet, wäre der
durch Kernenergie erzeugte Strom nicht mehr
Ungleiche Erben
als preisgünstig im Vergleich zu anderen Ener- Ost- und Westdeutsche erben annähernd gleich
giequellen anzusehen«, heißt es in der 150-sei- oft, aber im Westen erbt man üblicherweise
tigen Studie der Versicherungsfachleute. deutlich mehr. Das ergab eine Studie der Post-
Finanziert wurde sie vom Bundesverband bank. Ihr zufolge beträgt der Wert eines Erbes
Erneuerbare Energie (BEE) – und der Auf- im Osten in rund 60 Prozent der Fälle weniger
trag erging schon im Januar, noch vor der Ka- als 25 000 Euro; im Westen trifft das nur auf
tastrophe von Fukushima. Die Ergebnisse zeig- 45 Prozent zu. Dagegen haben in den alten Bun-
ten, so Björn Klusmann, Geschäftsführer des desländern 19 Prozent aller Hinterlassenschaften
BEE, »wie verlogen die Debatte um die Kosten einen Wert von mehr als 100 000 Euro. Im Osten
unserer Energieversorgung geführt wird«. VO gilt das nur für knapp drei Prozent. LÜT Fortsetzung von S. 23

schen Staats- und Regierungschefs wenige Tage fessor und Chef des Münchner ifo Instituts. Griechenland, Irland, Portugal und Spanien plei-

Fotos: www.tvr-news.de (4); action press (u.)


zuvor. Die griechische Krise hat sich zugespitzt, Ein Mann, der polarisiert. Einer, den die Geg- tegingen. 400 Milliarden Euro sind mehr als der
dem Land geht das Geld aus. Die Zeitung be- ner der Griechenlandhilfen gern als ihren Kron- gesamte Bundeshaushalt.
schreibt, wie sich Angela Merkel in Brüssel erfolg- zeugen anführen. Das Grauen trägt bei Sinn Hans-Werner Sinn hat eine klare Vorstellung
reich gegen andere Mitgliedsstaaten zur Wehr den Titel Warum Deutschland ein Schulden- von der Welt. Früher ging es den Deutschen
gesetzt habe, die Griechenland konkrete Hilfs- Tsunami droht; so heißt ein Vortrag, den er in schlecht, weil es den Griechen und den Iren gut
zusagen machen wollten. Als »Kämpferin für die diesen Tagen oft hält. Die Rettungsprogramme ging. Heute geht es den Deutschen gut, weil es
Stabilität des Euro und deutsche Interessen« wird sind für ihn »eine tickende Zeitbombe, deren den Griechen und den Iren schlecht geht. Denn
sie bejubelt, als »eiserne Kanzlerin« gefeiert. Sprengkraft selbst die schlimmsten Ahnungen das Kapital bleibt zu Hause, statt in die Peripherie-
Merkel braucht solche Berichte, denn wenige der Öffentlichkeit übersteigt«. Und so be- staaten zu fließen. Für Sinn ist das weitgehend ein
Wochen nach dem Treffen wird in Nordrhein- schränkt er sich nicht mehr darauf, die Politik Nullsummenspiel – was der eine gewinnt, verliert
Westfalen gewählt. Die deutschen Bürger sind zu analysieren und zu bewerten – sondern greift der andere. Seine These ist umstritten, für viele
gegen ein Hilfspaket für Griechenland. Merkels selbst ein. Als der Bundestag im vergangenen Bürger und Parlamentarier aber auch attraktiv.
Koalition hat einen schlechten Start hingelegt, die Jahr über das Griechenlandpaket abstimmte, Als Sinn fertig ist, ergreift Michael Burda das
Senkung der Mehrwertsteuer für Hoteliers empört schrieb er Abgeordnete an und riet ihnen, da- Mikrofon, gebürtiger Amerikaner und Wirt-
das Volk, die Umfragewerte sind mies. Wenn das gegen zu votieren. schaftsprofessor an der Humboldt-Universität. Er
größte Bundesland verloren geht, ist die schwarz- Am Montag dieser Woche präsentiert er seine stimme seinem »Freund Hans-Werner« in fast
gelbe Mehrheit im Bundesrat weg. Von einer Thesen an der Humboldt-Universität in Berlin. allen Punkten zu, sagt Burda. Seine Sicht sei je-
drohenden Regierungskrise ist die Rede, sogar von Sinn wirft lange Zahlenreihen an die Wand; er doch ein wenig »national«.
der Gründung einer rechtspopulistischen Partei. zeigt Diagramme mit Kurven, die ins schier Bo- Bisher war die Idee der europäischen Integra-
Was damals keiner ahnt: Im Prinzip haben denlose stürzen; er häuft einen Turm aus bunten tion, dass vom engeren Zusammenrücken alle
Europas Politiker das Hilfspaket längst beschlos- Bausteinen an, wobei jeder Stein für einen Geld- profitieren. Dass die Deutschen mehr exportieren
sen. Sie haben es sogar verkündet – in einem betrag steht, den Deutschland zahlen muss. Am können, wenn in Griechenland die Wirtschaft
dieser diplomatisch verschwurbelten Bulletins, Ende ist der Turm unfassbar hoch. Fast 400 Mil- rund läuft. Dass griechische Rettungspakete auch
direkt nach einem Gipfeltreffen Monate zuvor. liarden Euro würde es Deutschland kosten, wenn deutschen Unternehmen zugutekommen. Dass
Am 11. Februar 2010 heißt es in der Ab- die Menschen sich irgendwann einmal nicht in
schlusserklärung nach dem Treffen der Staats- und erster Linie als Deutsche oder Franzosen begreifen,
Regierungschefs: »Die Mitgliedstaaten der Euro- sondern als Bürger eines geeinten Europas – in
Gruppe werden entschlossen und koordiniert dem es keinen Unterschied macht, ob ein reicher
handeln, sofern das nötig ist, um die finanzielle Draghis Chancen Bayer für einen armen Saarländer bezahlt oder ein
Stabilität in der Euro-Zone insgesamt zu sichern.« reicher Finne für einen armen Griechen. Ob be-
Entschlossen und koordiniert bedeutet: Europa Es ist die wichtigste Personalentscheidung, wusst oder unbewusst: An diesem Abend entwift
ist bereit, Griechenland zu stützen. Nur sagt das die in Europa 2011 zu treffen ist: Wer wird Hans-Werner Sinn das Gegenmodell.
niemand offen. Weil der Druck auf die Griechen der nächste Präsident der Europäischen
aufrechterhalten werden soll. Aber auch, weil in Zentralbank (EZB), der neue Herr über 4. Geheimdiplomatie, ganz offen
Nordrhein-Westfalen gewählt wird. den Euro? Der Amtsinhaber Jean-Claude
Als Griechenland dann Ende April tatsächlich Trichet tritt im Herbst ab. Seit sich der Als Wolfgang Schäuble am vergangenen Freitag
Finanzhilfe beantragt, wird sie innerhalb von deutsche Kandidat, der frühere Bundes- im Luxemburger Schloss Senningen eintrifft, muss
wenigen Tagen genehmigt. bankpräsident Axel Weber, zurückgezogen er eigentlich gar nichts mehr sagen. Seine euro-
Der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich hat, ist der italienische Notenbankgouver- päischen Kollegen, die mit ihm an der geheimen
August von Hayek hat den Begriff der Wiesel- neur Mario Draghi Favorit. Neben Italien Zusammenkunft der Finanzminister teilnehmen,
wörter bekannt gemacht. Gemeint sind Sprach- hat sich auch Frankreich für Draghi aus- wissen bereits, was ihn beschäftigt. Sie kennen
hülsen, gut klingend, aber ihres Inhalts beraubt gesprochen. Nur die Bundesregierung seinen Sprechzettel.
– so wie ein von einem Wiesel ausgesaugtes Ei, hatte sich noch nicht festgelegt – und als Wenige Stunden zuvor hat Spiegel Online be-
denn das Tier schafft es, keine Spuren an der größte Wirtschaftsmacht hat Deutschland richtet, Griechenland wolle die Euro-Zone ver-
Schale zu hinterlassen. »Eisern« ist so ein Wiesel- de facto ein Vetorecht. lassen. Das Nachrichtenportal zitiert aus einer
wort. Denn was bedeutet es, »deutsche Interessen« Im Gespräch mit der ZEIT (siehe S. 2/3) »internen Vorlage« des Bundesfinanzministeriums.
zu verteidigen? Hart sein um der Härte willen? hat sich Angela Merkel nun erstmals direkt Das Papier ist das für solche Treffen übliche Brie-
Die Griechen pleitegehen lassen, auch wenn es zur Kandidatenfrage geäußert – und ihre fing der Beamten für ihren Minister: eine Auf-
der hiesigen Wirtschaft schadet? Vielleicht wäre Sympathien für Draghi erkennen lassen. listung von Optionen, Szenarien, Kosten. Im
es ja im deutschen Interesse gewesen, einzugreifen, »Ich kenne Mario Draghi«, sagte sie. »Er ist Ministerium kennen diesen Sprechzettel nur acht
bevor die Lage eskaliert? Auch um den Preis, als eine sehr interessante und erfahrene Per- oder neun Personen. Dass er überhaupt bekannt
»weich« zu gelten. sönlichkeit. Er steht unseren Vorstellungen wird, zeigt: Der Konflikt um die Rettung des Euro
Der Streit um die Rettung des Euro ist voller von Stabilitätskultur und solidem Wirt- teilt nicht nur Europa. Er geht auch mitten durch
Wieselwörter. Etwa die »Gläubigerbeteiligung«. schaften sehr nahe. Deutschland könnte die deutsche Regierung.
Anstelle der Steuerzahler sollten die Banken ran, eine Kandidatur von ihm für das Amt des Schäuble gilt als Verfechter eines weiter zu-
wenn ein Staat pleitegeht – das klingt sozial ge- EZB-Präsidenten unterstützen.« sammenwachsenden Europas. Viele in CDU und
recht und ordnungspolitisch sauber. Es klingt Damit geht die Bundeskanzlerin ein innen- CSU sind dagegen, erst recht in der FDP. Sie
nach Eigenverantwortung und Härte gegenüber politisches Risiko ein. Ein Italiener an der fürchten vor allem das T-Wort – T wie Transfer-
der Finanzindustrie. Dabei würde sich die Politik Spitze der Notenbank – das wird jenen union. Europa darf alles sein, nur keine Haftungs-
nur den Launen der Märkte ausliefern. Wenn Kritikern neue Nahrung liefern, die Ange- gemeinschaft, bei der die Starken dauerhaft für
Investoren wissen, dass sie ihren Einsatz verlieren la Merkel vorwerfen, sie knicke vor den die Schwachen bezahlen. Das war die Leitlinie bei
könnten, ergreifen sie erst recht die Flucht. Dann Staaten Südeuropas ein. Dagegen kann sie den Verhandlungen über den Vertrag von Maas-
steigen die Marktzinsen für alle Staaten. Und für auf das Lob der Fachwelt zählen. Draghi tricht, und es war die Leitlinie bei den Beratungen
die angeschlagenen Länder könnten sie schnell zu gilt nach dem Rückzug Axel Webers weit- zu den Rettungspaketen. Deshalb dürfen bis jetzt
hoch sein. Je öfter in Berlin die Beteiligung der hin als der beste Mann für den Posten. Er nur Kredite vergeben werden, die von den Kri-
Gläubiger gefordert wird, desto näher rücken die ist ein Anhänger einer stabilen Währung, senländern mit Zinsen zurückbezahlt werden
Krisenländer dem Staatsbankrott. Alle wissen das er ist erfahren im Zentralbankgeschäft, und müssen. Und deshalb betonen deutsche Politiker
– es sagt nur keiner. Aus Angst vor der Wut des er hat für die G 20 die Reform der interna- immer wieder, die Krise habe den Steuerzahler
Volkes. tionalen Finanzmärkte koordiniert. noch keinen Cent gekostet.
Es sei nicht Aufgabe der Politik, »ein natur- Ohnehin waren Merkels Optionen be- Bis jetzt stimmt das auch. Das Problem ist nur,
wüchsiges Meinungsspektrum bloß abzubilden«, grenzt: Außer Weber hatte Deutschland dass in der Wirtschaftsgeschichte alle Versuche
schrieb der Philosoph Jürgen Habermas kürzlich keinen qualifizierten Kandidaten. scheiterten, einen Währungsraum ohne Haftungs-
in der Süddeutschen Zeitung. Vielmehr gehe es gemeinschaft zu errichten. Zumal wenn er so
darum, an »einem öffentlichen Prozess der Mei- unterschiedliche Länder umfasst wie Deutschland
nungsbildung« mitzuwirken. und Griechenland.
Die Demokratie ist die Herrschaft des Volkes. Europa müsse jetzt für die Fehler der Ver-
Eine Diktatur des Volkes sollte sie nicht sein. gangenheit bezahlen, heißt es oft. Vielleicht ist es
eher so: Entweder korrigiert Europa die Fehler der
3. Dort steht er und kann nicht anders Vergangenheit. Oder es bezahlt.

Dies ist der Mann, der über das Grauen spricht. Weitere Informationen im Internet:
Hans-Werner Sinn, 63 Jahre, Wirtschaftspro- www.zeit.de/finanzkrise
WIRTSCHAFT STAATEN IN DER SCHULDENKRISE
12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 25

»Russisches Roulette mit dem Haushalt«


Der britische Historiker Niall Ferguson glaubt, dass die USA mit ihren Schulden in die gleiche Lage geraten könnten wie Griechenland

DIE ZEIT: Professor Ferguson, Europa debattiert Afrika und Mittel- und Südamerika aus, und al- Ziele zu verfolgen, nämlich das Bankensystem
über die drohende Pleite Griechenlands, aber les sah danach aus, als würden die Russen den über Wasser zu halten und gleichzeitig die Infla-
auch die amerikanischen Staatsschulden haben Kalten Krieg gewinnen. Die Zukunft könnte tion unter Kontrolle zu bekommen. Ich halte es
ein Niveau erreicht, das die Finanzmärkte beun- ganz ähnlich aussehen: Die Prognosen sagen der für plausibel, dass wir von Europa in Zukunft
ruhigt. Unter den Rating-Agenturen macht sich US-Wirtschaft allenfalls ein Wachstum von 1,25 ebenfalls nur ein schwaches Wachstum erwarten
Zweifel über die Kreditwürdigkeit der Amerika- Prozent voraus, und steigende Inflation wird dürfen. Der Unterschied zwischen den Kernlän-
ner breit. Kurzum, Amerika hat ein Problem ... immer wahrscheinlicher ... dern und der Peripherie wird zunehmen, und als
Niall Ferguson: Das ist milde ausgedrückt. Ame- ZEIT: ... Stagflation also. Konsequenz werden populistische Bewegungen an
rika hat ein Riesenproblem, denn die Regierun- Ferguson: Genau, davon gehe ich aus. Wenn Sie Einfluss gewinnen. Nehmen Sie das Problem der
gen spielen seit fast zehn Jahren russisches Rou- den steigenden Goldpreis als Anzeichen dafür schlecht integrierten muslimischen Immigranten
lette mit dem Staatshaushalt. Es ist eine ziemlich nehmen, dass Investoren immer weniger Ver- und die demografische Entwicklung von immer
gefährliche Strategie, wenn die gesamte Haus- trauen in die Zukunft des Dollar haben, ist das älter werdenden Gesellschaften. Angesichts dessen
halts- und Fiskalpolitik darauf basiert, riesige ein ziemlich wahrscheinliches Szenario. Und können Sie zu keinem anderen Schluss kommen,
Konjunkturpakete zu schnüren, wenn die Geld- auch außenpolitisch scheint Amerika schwächer als dass Europa keiner besonders rosigen Zukunft
druckmaschine der wichtigsten Leitwährung denn je. Die Ermordung von Osama bin Laden entgegenblickt. Wenn es einen Wirtschaftsraum
heiß läuft und wenn sich die USA bei den Chine- mag den Abzug amerikanischer Truppen aus Af- gibt, der die japanische Stagflation der neunziger
sen immer mehr verschulden. Die Märkte haben ghanistan zwar vereinfacht haben, aber als Sieger Jahre erleben wird, dann ist es Europa.
allen Grund, unruhig zu sein. werden sie sich dennoch nicht feiern können. Af- ZEIT: Das klingt ja danach, als könnten wir alle
ZEIT: Amerika stellt nicht nur eine Gefahr für ghanistan ist so instabil wie eh und je. einpacken. Oder ist es doch nur Ihr Kulturpessi-
sich dar, sondern auch für den Rest der Welt? ZEIT: Sie sprechen von einer Verschiebung des mismus? Der »Untergang des Abendlandes« wurde
Ferguson: Ganz genau. Die USA sind immer globalen Weltmachtanspruchs nach Osten. Aber ja von dem Historiker Oswald Spengler schon vor
noch die größte Volkswirtschaft, und wenn die bisher gibt es kaum Anzeichen dafür, dass die neunzig Jahren vorausgesagt.
ihre Schulden nicht in den Griff kriegt, wird das Chinesen ihren wirtschaftlichen Einfluss in stra- Ferguson: Also, was Spengler angeht, der hat argu-
viel schlimmere Konsequenzen haben, als wenn tegische und militärische Macht ummünzen ... mentiert, dass Geschichte saisonal verläuft und
Griechenland oder Portugal pleitegehen ... Ferguson: Wir wissen, dass die Chinesen ihre jede Zivilisation eines Tages einen schrecklich kal-
ZEIT: Hat die Politik eine Antwort darauf? U-Boot-Flotte erneuern, und wir müssen eben- ten Winter erlebt. Ich sage dagegen, dass der Lauf
Ferguson: Allmählich sehen nicht nur die Politi- falls davon ausgehen, dass sie einen Flugzeugträ- der Geschichte eben nicht so linear ist. Davon ab-
ker ein, dass es so nicht weitergehen kann. Auch ger bauen. Dennoch wird es Jahrzehnte dauern, gesehen, bin ich absolut kein Kulturpessimist.
die Öffentlichkeit hat langsam begriffen, dass die bis China die US-Militärdominanz im Pazifik ZEIT: Ein Optimist sind Sie nicht gerade.
Schulden ein Problem sind. Dennoch herrscht herausfordern kann. Eine akute strategische Ge- Ferguson: Doch, denn am Ende rede ich doch
keine große Eile in Washington, und das liegt vor fahr existiert im Cyberspace. Wir bilden uns ein, vom Aufstieg des Ostens. Mal abgesehen von den
allem daran, dass die Amerikaner sich an ihren dass uns das Internet gehört, weil wir es erfunden möglichen ökonomischen und strategischen Kon-
Status als Supermacht zu sehr gewöhnt haben. haben. Darauf basiert das amerikanische Selbst- sequenzen für die Zukunft des Westens: Was wir
Seit 1872 sind sie die größte Volkswirtschaft, seit bewusstsein. Aber der Paradigmenwechsel, von erleben, ist, dass höhere Produktivität in den asia-
1945 eine politische Supermacht, und seit 1991 dem ich rede, lässt sich auch auf geostrategische tischen Ländern zu einem höheren Lebensstan-
ist diese Vorherrschaft konkurrenzlos. Kaum ein Fragen anwenden. Die Chinesen haben längst dard führt und dort viel weniger Menschen in Ar-
Amerikaner kann sich eine Welt vorstellen, in der das Know-how, um den Status quo mit neuen mut leben als noch vor zwanzig Jahren. Und das ist
das anders wäre. Deswegen wird in Washington Technologien aus den Angeln zu heben. Es ist doch positiv, oder nicht? Verstehen Sie mich nicht
auch kein glaubwürdiges Szenario diskutiert, das bekannt, dass amerikanische Militärausrüstung falsch, ich bin nicht für den Niedergang Amerikas.
die Schuldensituation in den nächsten fünf bis mit chinesischen Computerchips ausgestattet Schließlich lebe ich dort. Ich sehe mich als Warn-
zehn Jahren stabilisieren würde. Bitte betrachten wurde. Aber sind die sauber? Oder werden sie licht, das die Amerikaner vor einer unmittelbar
Sie das in einem größeren Zusammenhang: Der eines Tages unvermittelt den Dienst versagen? drohenden Gefahr warnt. Noch können sie den
Aufstieg des Westens, der vor sechshundert Jah- Wenn das militärische Ziel darin besteht, mit Niedergang abwenden. Aber in zwei Jahren oder

Foto (Ausschnitt): Tom Stockill/Camera Press/Picture Press


ren mit den portugiesischen Seefahrern begann, Computerviren das Stromnetz des Gegners aus- sogar noch früher könnte es zu spät sein.
hat seinen Höhepunkt längst überschritten. Wir zuschalten, dann hat China längst aufgeholt und ZEIT: Was muss also geschehen?
erleben gerade das Ende der westlichen Vorherr- könnte ein sehr aggressiver Gegner sein. Ferguson: Die Amerikaner haben jetzt die Wahl:
schaft. Indien und China holen auf. Das wirt- ZEIT: Wo sehen Sie Europa und die Euro-Zone Entweder kehren sie zu dem alten Modell zurück,
schaftliche Zentrum der Welt wandert vom Wes- in dieser apokalyptischen Zukunftsvision? Im- senken die Steuern und führen die Staatsquote zu-
ten in den asiatisch-pazifischen Raum, und dieser merhin herrscht in der europäischen Politik Ent- rück, oder sie entscheiden sich für den europäi-
Prozess könnte ohne Weiteres beschleunigt wer- schlossenheit, das Schuldenproblem zu lösen. schen Weg, den Obama gehen will. Der bedeutet
den, wenn Amerika seine Schulden nicht in den Ferguson: Ich frage mich, wie entschlossen die hier und da ein paar Einsparungen und höhere
Griff bekommt. Europäer wirklich sind. Schließlich haben sie erst Steuern. Ich würde ihnen zu der ersten Alternative
ZEIT: Die Tage der Weltmacht Amerika sind also gehandelt, als die Finanzmärkte nacheinander raten. Die Republikaner müssen einen neuen Ro-
Ihrer Meinung nach gezählt? den Griechen, den Iren und den Portugiesen das nald Reagan finden. Gesucht: Hollywoodschau-
Ferguson: Nicht nur die Tage Amerikas sind ge- Vertrauen entzogen haben. Was Amerika von spieler fürs Präsidentenamt. Charaktereigenschaf-
zählt. Der Aufstieg des Westens insgesamt geht den Europäern lernen kann, ist, dass man han- ten: jovial, volkstümlich und genial.
zu Ende. Ich habe mich in letzter Zeit viel deln muss, bevor das Vertrauen verloren geht.
mit Komplexitätstheorie beschäftigt, und ich ZEIT: Was hätten die tun sollen? Niall Ferguson vor dem Swiss-Re-Tower in London Das Gespräch führte JOHN F. JUNGCLAUSSEN
glaube, wir Historiker müssen uns von den zykli- Ferguson: Das ist ja das Problem der Euro-Zone.
schen Modellen verabschie- Sie war von Anfang an insti-
den, mit denen wir bisher tutionell defekt und wirt-
gearbeitet haben. schaftlich extrem ungleich.
ZEIT: Was nimmt man statt-
dessen?
Zur Person Und anstatt Konvergenz zu
schaffen, hat das Ungleich-
Ferguson: Wir müssen von Der Wirtschaftshistoriker Niall gewicht zwischen den gro-
der Wissenschaft lernen, dass Ferguson begann seine Karriere ßen Ländern und denen an
komplexe Systeme nicht vor knapp zwanzig Jahren mit der Peripherie zugenommen.
unbedingt linearen Gesetzen einer Detailstudie über die Nehmen Sie das Beispiel
folgen, sondern sich sehr Hyperinflation von Weimar, Lohnstückkosten: Sobald die
plötzlich verändern. Zivili- die das große Bild der Geschich- wirtschaftlich schwächeren
sationen sind komplexe Sys- te um ein Puzzlestück vervoll- Länder dem Euro beigetre-
teme, und die Geschichte ständigte. Mittlerweile schlägt ten waren, fingen sie an,
zeigt, dass Weltmächte nicht der Harvard-Professor mit sei- deutsche Löhne zu zahlen,
langsam verschwinden, son- nen Büchern und Fernsehdoku- ohne dabei jemals das Ni-
dern plötzlich in sich zusam- mentationen lieber den großen veau deutscher Produktivität
menfallen. Das Römische historischen und globalen Bo- zu erreichen.
Reich verschwand binnen gen. »Dass wir aus der Ge- ZEIT: Gleichwohl hat die
weniger Generationen. Ge- schichte lernen können, ist eine europäische Politik es unter
nau wie das Byzantinische alte Weisheit«, sagt er. »Nur tut den gegebenen institutionel-
Reich und die Habsburger- es keiner.« Ferguson will Ge- len Voraussetzungen immer
monarchie. Bedenken Sie, schichte anwendbar machen wieder geschafft, die Märkte
wie rasant die Sowjetunion und einen Beitrag zu den poli- zu beruhigen.
kollabierte. Warum sollte der tischen Entscheidungen der Ferguson: Fürs Erste viel-
Niedergang Amerikas schritt- Gegenwart leisten. JFJ leicht, aber das war schwierig
weise vonstattengehen? Bei genug, und es hat vor allem
einer Analyse der amerika- eines gezeigt: Zum ersten Mal
nischen Wirtschaftskrise wird oft ein willkür- in seiner Geschichte hat das europäische Projekt
licher Zeithorizont gesetzt. 2050 könnten unsere den Rückwärtsgang eingelegt, und zwar so über-
Enkelkinder ein Problem haben, heißt es dann. raschend, dass wir es noch gar nicht wahrgenom-
Aber wenn der Anleihenmarkt die Risikoprämie men haben. Und im Zentrum der europäischen
für US-Staatsanleihen nächste Woche verdop- Desintegration liegt Deutschland. Zum ersten
pelt, wird das Problem schon nächste Woche ver- Mal seit drei Generationen fühlen die Deutschen
dammt ernst. sich nicht dafür verantwortlich, den europäischen
ZEIT: Angenommen, die Weltmacht Amerika Integrationsprozess durch ihre Wirtschafts- und
stürzt von der Klippe, was passiert dann genau? Finanzkraft auf Kurs zu halten. Wenn Sie so wol-
Ferguson: Ganz einfach, viele Amerikaner wer- len, ist das historische Mandat verloren gegangen,
den sich mit einem wesentlich niedrigeren Le- und unzufriedene CDU-Wähler fragen sich, wa-
bensstandard abfinden müssen. Und genau ge- rum sie Iren oder Portugiesen unterstützen sollen.
nommen ist das ja jetzt schon der Fall. In weiten Wenn es eine Gruppe gibt, die von der Euro-Krise
Teilen des Landes müssen die Menschen schon bisher verschont geblieben ist, dann ist es der
jetzt mit viel weniger Geld auskommen – und deutsche Mittelstand, der still und zufrieden seine
zwar nicht erst seit der Finanzkrise. Durch den Produkte weiter nach China exportiert. Das sind
Aufstieg von China und Indien ist mehr als ein die Stammwähler, die Frau Merkel nicht verscheu-
Fünftel der Weltbevölkerung dem globalen Ar- chen will. Das größte Versagen der Bundesregie-
beitsmarkt zusätzlich beigetreten. Das Leben für rung liegt darin, den Wählern nicht deutlich zu
den ungelernten amerikanischen Arbeiter ist da- machen, dass deutsche Banken vom Zusammen-
durch ungleich schwieriger geworden, als es für bruch bedroht sind, wenn anderen Euro-Ländern
frühere Generationen war. Um sich aber aus- nicht geholfen wird.
zumalen, wie die Zukunft aussehen könnte, ZEIT: Dann ist der Zusammenbruch des Euro
lohnt sich ein Blick zurück in die siebziger Jahre. Ihrer Meinung nach nur eine Frage der Zeit?
Als ich ein Teenager war, befand sich Amerika in Ferguson: Nein, ganz so spektakulär wird es,
einem lausigen Zustand. Das Wirtschaftswachs- glaube ich, nicht kommen, dafür ist der Austritt
tum war schwach, die Inflation außer Kontrolle, aus dem Euro zu teuer. Aber die Zukunft wird
und nach dem verlorenen Vietnamkrieg herrsch- scheußlich genug werden: Griechenland wird
te ein allgemeines Gefühl von amerikanischer pleitegehen, Irland auch, und die EZB wird wie
Schwäche. Die Sowjetunion breitete sich in immer versuchen, zwei sich widersprechende
26 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 WIRTSCHAFT

Und bist du nicht willig ...


ZWISCHENRUF

Umdenken, dann umsteigen


Volkswagen ergreift die Macht bei MAN, um Synergien bei den Lkw zu erzwingen VON DIETMAR H. LAMPARTER Nicht das E-Auto gehört gefördert, sondern E-Mobilität VON PETRA PINZLER

N
eu, umweltfreundlich, aber für das nor- voll, um die Menschen an die neue Technologie
male Leben ziemlich unbrauchbar: So heranzuführen. Und warum nicht das Dienst-
knapp lässt sich das Elektroauto bisher wagenprivileg für große Spritschlucker kürzen –
beschreiben. Denn die Autos, die nicht Benzin zugunsten von E-Mobilen? Noch wichtiger aber
im Tank, sondern Strom in der Batterie haben, wäre etwas, das auch im Gutachten der Plattform

E
in Drama in drei Akten: Erst versucht übergangen fühlte. Danach ging Volkswagen in die te immer befürchten, als kleinerer Partner unterge- sind zwar gut fürs Klima – wenn sie Ökostrom nur beiläufig erwähnt wird: das Umdenken.
der Münchner Lkw-Bauer MAN, den Offensive, erwarb ein größeres Aktienpaket bei MAN buttert zu werden. Beim Traditionsunternehmen laden. Doch noch fehlt es an günstigen Model- Statt über das »Auto« sollten alle Beteiligten
Konkurrenten Scania zu übernehmen, und stockte seinen Scania-Anteil bis zum Erreichen MAN wiederum herrschte stets die Sorge, dass nach len, am Service, an Ladestationen, an der Be- mehr über »Mobilität« nachdenken. Das klingt
die Schweden wehren sich erfolgreich der Stimmenmehrheit auf. Piëch selbst übernahm einer Fusion der Lkw-Sparten das zweite Standbein kanntheit und damit an fast allen Zutaten, die theoretisch, hat aber praktische Folgen: In den
gegen den als feindlich empfundenen den Aufsichtsratsvorsitz bei MAN. Die beiden VW- des Unternehmens, zu dem Schiffsdiesel, Turbinen ein neues Produkt für eine erfolgreiche Markt- kommenden Jahren werden sich Menschen
Akt. Dann holt sich Scania bei seinem Großaktio- Beteiligungen wurden zur engeren Kooperation auf- und Turbopumpen gehören, abgestoßen wird. einführung braucht. anders als in der Vergangenheit von einem Ort
när Volkswagen das Plazet, seinerseits MAN zu gefordert. Seither wurde viel geredet, aber wenig er- Vorsorglich erklärte Winterkorn alle Geschäfts- Das alles soll sich nun ändern. In der kom- zum anderen bewegen. Sie werden weiterhin
übernehmen, was bei den Münchnern prompt Ab- reicht. Selbst die wiederholten Mahnungen von felder und die markenspezifischen Eigenschaften von menden Woche wird die Nationale Plattform mobil sein, aber nicht mehr unbedingt das ei-
wehrreflexe auf allen Ebenen auslöst. Eine ver- Martin Winterkorn, dem mittlerweile zum Volks- Scania und MAN für »unantastbar«. Reicht das, um Elektromobilität, in der Vertreter von Auto- gene Auto benutzen. Denn gerade viele junge
trackte Situation. Und nun das dramatische Finale: wagen-Konzernchef avancierten langjährigen Piëch- die Ängste in München und Södertälje abzubauen? industrie, Stromkonzernen und verschiedenen Leuten träumen heute nicht mehr vom eigenen
Volkswagen will selbst die Macht bei MAN über- Weggefährten, bewirkten keine sichtbaren Fort- Viele Branchenbeobachter sind skeptisch. »Das wäre, Verbänden sitzen, der Bundeskanzlerin ihren Auto. Vor allem in den großen Städten taugt es
nehmen, die Stimmenmehrheit bei Scania besitzen schritte. Ein erster Schritt auf dem Weg zu einer wie wenn man bei Pkw Mercedes und BMW zwangs- Bericht übergeben, verbunden mit großen offensichtlich immer weniger als Statussymbol,
die Wolfsburger bereits. So wollen sie die beiden »integrierten Nutzfahrzeug-Gruppe« gelang immer- verheiraten würde«, sagt einer. Hoffnungen. Denn danach soll die Bundes- es wird im Gegenteil zu einer teuren Last, für
störrischen Lkw-Bauer unter ihrer Regie endlich hin, als MAN die brasilianische Lkw- und Busfabri- Rein zahlenmäßig würde eine MAN-Scania-VW- regierung der E-Mobilität endlich zum Durch- die man auch noch stundenlang einen Park-
zum gemeinsamen Glück zwingen. kation von VW übernahm. So kamen die Münchner Allianz aber an Marktmacht gewinnen: Bislang bruch verhelfen und dafür tief in die Staats- platz suchen muss.
Dahinter steckt zuallererst der Traum eines Man- zu einem starken Standbein in Südamerika. führen bei den international tätigen Herstellern noch kasse greifen. Die Autoren wünschen sich eine Für die E-Mobilität wäre genau das die
nes: Ferdinand Piëchs. Der Aufsichtsratsvorsitzende Anfang der Woche hat Volkswagen seinen Anteil Daimler (252 000 Lkw von 6 Tonnen aufwärts im Hilfe von fast vier Milliarden Euro. Damit soll Chance – wenn Bund, Länder und vor allem
von Volkswagen hatte seine Liebe zu den großen an MAN auf mehr als 30 Prozent erhöht, deshalb Jahr 2010) und Volvo (129 000) das Feld an, MAN der Bund die Entwicklung neuer Batterien auch Städte durch viele kleine Maßnahmen die
Brummern bereits entdeckt, als er noch selbst Vor- müssen die Wolfsburger nun ein Übernahmeangebot (98 000) plus Scania (46 000) könnten deutlich auf- und eine Antriebstechnologie fördern, das Re- kluge Kombinationen von Leihautos, Fahr-
standschef in Wolfsburg war. Mitte der neunziger an alle übrigen Aktionäre machen. Das könnte mehr rücken. In Wachstumsmärkten wie China oder In- cycling und die neue Infrastruktur. Lang ist rädern, Elektroscootern, Bahn und Bus erleich-
Jahre ließ er seinen damaligen Wundermanager, als zehn Milliarden Euro kosten. Das Geld dafür dien wäre Größe ein Vorteil. die Wunschliste, ordentlich teuer, und sie legt terten. Gerade kompakte Elektroautos böten
Ignacio López, eine völlig neuartige Lkw-Fabrik in hätte VW nach dem Höhenflug der jüngsten Zeit, Die jetzt fällige Kartellprüfung (mit positivem die Vermutung nahe, dass sich wieder einmal sich als Teil eines solchen Konzeptes dann wie
Brasilien hochziehen. Später, als ein größeres Paket doch bietet man den MAN-Aktionären einen wenig Ausgang) werde eine engere Zusammenarbeit er- eine Industrie die Entwicklung neuer Produkte von selbst an. Denn deren Batterien reichen für
des schwedischen Lkw-Bauers Scania zu haben war, attraktiven Preis. Das Ziel sei erst mal nur ein Stimm- möglichen, sagt Finanzchef Pötsch. Rund 200 zumindest zum Teil vom Steuerzahler finan- längere Touren noch nicht aus, gut sind die
schlug Piëch zu. Dahinter, so erläuterte der Stratege rechtsanteil »zwischen 35 und 40 Prozent«, erklärte Millionen Euro könne man etwa durch einen ge- zieren lassen will. Noch-Wirtschaftsminister kleinen Wagen hingegen für kurze Strecken.
seinerzeit, stehe ein Kalkül: Für das Flottengeschäft VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch. Die Mo- meinsamen Einkauf einsparen. Rainer Brüderle hat denn auch schon mal vor- Das macht sie zu den idealen Verleihautos für
mit Großkunden sei es von Vorteil, wenn man die tivlage hatte Konzernchef Winterkorn eine knappe Wenn Scania und MAN sich eher zusammenge- sorglich abgewinkt. die Stadt. Wenn ihre Nutzung auch noch durch
komplette Fahrzeugpalette aus einer Hand bieten Woche zuvor schon auf der Hauptversammlung in rauft hätten, wäre mehr drin gewesen. In diesen Doch zu Ende ist die Geschichte damit noch reservierte Parkplätze, den Erlass von Park-
könne – vom Vertreterkombi über den Transporter Hamburg dargelegt: »Der Volkswagen-Konzern hat Wochen führen die großen Lkw-Bauer die neue nicht, und das ist auch gut so. Denn in einem sind gebühren, gut erreichbare Ladestationen und
bis hin zum schweren Lkw. es sich zum Ziel gesetzt, der weltweit führende Mo- Motorengeneration Euro 6 ein, die von 2013 an sich Industrielobbyisten wie auch unabhängige kluge Buchungssysteme unterstützt würde,
Das Engagement in Brasilien entwickelte sich gut, bilitätskonzern zu werden! Daher ist für uns das Pflicht ist. Rund eine Milliarde Euro kostet so eine Verkehrsexperten sicher: Elektromobilität ist könnten sie tatsächlich eine attraktive Alterna-
mit Scania aber lief wenig. Was Piëch gewaltig wurm- Segment der schweren Lkw und Busse ein hoch- Entwicklung. Branchenprimus Daimler etwa kann tatsächlich ein Thema mit Potenzial. Überall auf tive zum eigenen Auto werden. Nötige Geset-
te. Die stolzen Schweden vertrauten auf ihren eigenen interessantes, strategisches Geschäftsfeld.« die Entwicklungskosten jetzt auf seine drei Haupt- der Welt entstehen auf diesem Gebiet derzeit neue zesänderungen sollten ein Leichtes sein.
Erfolg. Schließlich gilt Scania, das sich ausschließlich Fraglich bleibt, ob sich die Zwangsheirat der marken Mercedes-Benz (Europa, Südamerika), Ideen, neue Produkte und damit auch neue Ar- Dass viele Autobauer immer noch lieber nur
auf das lukrative Segment schwerer Laster konzen- widerstrebenden Lkw-Bauer am Ende auch lohnt. Freightliner (USA) und Fuso (Asien) umlegen. Scania beitsplätze. Das klassische Autoland Deutschland den Ottomotor einfach durch einen Elektro-
triert, mit seinen Spitzenrenditen »als Porsche unter Weitere Querelen bei der »Ingegration« könnten und MAN haben beide ihre Euro-6-Aggregate völlig kann und sollte das nicht ignorieren, ebenso wenig antrieb austauschen und den Rest beim Alten
den Lkw-Bauern«, wie es ein Manager der Konkur- das Wolfsburger Management über Gebühr belas- unabhängig entwickelt. Klar, dass jeder seinen Motor wie seine Wirtschaftspolitiker. Zwar darf der Staat lassen würden, ist verständlich. Denn die neuen
renz formuliert. ten. Denn Winterkorn und Co. müssen auch noch auch in die eigenen Lkw einbauen will. Etwa zehn der Industrie nicht die Forschungs- und Entwick- Mobilitätskonzepte könnten irgendwann auch
Dann kam im Jahr 2006 der damalige MAN- die unvollendete Fusion mit Porsche und die un- Jahre ist eine Motorengeneration im Einsatz – so lungskosten für neue Produkte abnehmen. Über mal dazu führen, dass weniger Autos gekauft
Chef Håkan Samuelsson auf die Idee, Scania zu über- erwartet zähe Annäherung an den Kleinwagen- lange sind die Synergien jetzt in diesem zentralen eine kluge Hilfe, beispielsweise beim Aufbau der werden. So etwas ist zwar heute noch ein Tabu,
nehmen. Der Schwede, zuvor selbst Scania-Manager, partner Suzuki meistern. Bereich verstellt. Diese vergeudete Milliarde wird nötigen Infrastruktur, aber sollte er schon nach- zumindest darf es wohl kein Politiker laut fordern.
holte sich eine Abfuhr. Der Coup war psychologisch Und die Widerstände bei den beiden Lkw-Bauern Ferdinand Piëch gehörig geärgert haben. denken. So könnte der Bund beispielsweise dabei Aber wer sagt denn, dass Deutschland in der Welt
und taktisch schlecht vorbereitet. Die VW-Führung scheinen fest in deren Identität verwurzelt: Beide helfen, Standards für die Ladestationen zu ent- künftig nicht statt Autos gleich ganze Mobilitäts-
ergriff Partei für Scania, wohl auch, weil sich Piëch fühlen sich als technologische Vorreiter. Scania muss- www.zeit.de/audio wickeln oder Schilder für Plätze erfinden, an de- konzepte für Städte ohne Staus und Luftver-
nen die neuen, umweltfreundlichen Autos überall schmutzung verkaufen könnte? Von »systemischen
ans Netz können. Und auch die Förderung von Lösungen« träumt die Nationale Plattform. Mehr
Modellprojekten oder die steuerliche Begüns- Elektromobile auf Deutschlands Straßen wären
tigung der klimafreundlichen E-Autos sind sinn- dann tatsächlich ein Einstieg.
WIRTSCHAFT 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 27

Auf einmal gut?


Anteil der Kinder bis 18 Jahre, die in
Armut* leben, Angaben in Prozent

Dänemark 3,7
Norwegen 5,5
Frankreich 8,0
Deutschland 8,3 (2008)
Schweiz 9,4
Niederlande 9,6
Großbrit. 10,1
OECD ** 12,7
Japan 14,2
Italien 15,3
Deutschland 16,3 (2004)
Spanien 17,3
Foto: Jens Gyarmaty/VISUM

Polen 21,5
USA 21,6
Israel 26,6
*Arme Haushalte verfügen über weniger als 50 % des jeweiligen
mittleren Einkommens; die Daten stammen meist aus dem
Jahr 2008, **Durchschnitt
ZEIT-Grafik/Quelle: OECD
Ein Junge in Berlin sammelt Pfandflaschen, um sich etwas Geld zu verdienen

Der Armuts-Irrtum
Es gibt in Deutschland offenbar viel weniger arme Kinder als bisher gedacht – Forscher wollten das für sich behalten VON KOLJA RUDZIO

D
ie Zahl platzte mitten in den Bun- alsystem nun eher zu den erfolgreichen. Auch mensunterschiede stärker dämpfen, als es hier- Dass die Armut zunimmt, scheint plausibel, ders schwer, aus der Armut herauszukommen.«
destagswahlkampf. Jedes sechste wenn, wie Familienministerin Kristina Schröder zulande der Fall ist. schließlich breitete sich in den vergangenen einein- Was tatsächlich die Ursachen für die Kinderarmut
Kind in Deutschland, verkündeten nach Bekanntwerden der revidierten Werte ver- Was zeitliche Trends betrifft, gibt es widersprüch- halb Jahrzehnten der Niedriglohnsektor aus. Aller- sind – niedrige Löhne, Arbeitslosigkeit, zerfallende
Experten der Industrieländer- lauten ließ, »jedes arme Kind eines zu viel ist«. liche Signale. Nach den DIW-Zahlen ist die Kinder- dings ist auch das Gegenteil denkbar: Die Armut Familien, ungleiche Bildungschancen –, untersucht
organisation OECD im Septem- Fragwürdig erscheint jetzt eher, wie Teile des armut bis 2004 rasant gestiegen und danach etwas verringert sich, weil heute mehr Menschen einen der Professor gegenwärtig. Er arbeitet zusammen
ber 2009, lebe in Armut. Schlimmer sei die Situa- hiesigen Wissenschaftsbetriebs funktionieren. gesunken. Nach Berechnungen des Statistischen Job haben und Arbeitslosigkeit das Armutsrisiko mit anderen Wissenschaftlern an einem neuen,
tion nur in wenigen Ländern der entwickelten Wenn die Datengrundlage so wackelig ist, dass Bundesamtes wuchs sie beständig. Allerdings ist des- schlechthin darstellt. »Wahrscheinlich gibt es beide umfassenden Armutsbericht für die Bundesregie-
Welt, etwa in Mexiko, Polen und der Türkei. Es eine Neuberechnung frühere Ergebnisse auf den sen jährliche Erhebung noch recht neu und wurde Effekte«, sagt Christian Arndt. »Unklar ist, welcher rung. Nach den Erfahrungen der jüngsten Zeit ist
war ein Schock und eine Blamage für die deut- Kopf zu stellen vermag – hätten die DIW-For- methodisch verändert. So bleibt ausgerechnet bei überwiegt.« Armut sei allerdings auch nicht allein jede verlässliche Studie recht. Datensalat gab es
sche Politik. scher das nicht früher erkennen und warnen dieser brennenden Frage unklar: Befindet sich ein Geldproblem. »Das Schlimmste für ein Kind ist schon genug.
Die Berechnungen sorgten in Berlin zuerst müssen: Achtung, unsere Armutszahlen sind mit Deutschland auf einer schiefen Ebene – oder auf dem sicher, wenn es in einem Elternhaus aufwächst, in
für hitzige Debatten – und dann für Milliarden- extremer Unsicherheit behaftet? Statt die Werte richtigen Weg? dem niemand eine Arbeit hat. Dann ist es beson- www.zeit.de/audio
ausgaben. Sie werde die Kinderarmut entschie- bis auf eine Stelle nach dem Komma auszuwei-
den bekämpfen, versprach Ursula von der Leyen, sen, was aus heutiger Sicht eine absurde Schein-
damals noch Familienministerin. Dazu wolle sie genauigkeit darstellt. »Es wird viel zu selten auf
als Erstes das Kindergeld erhöhen. Was wenig die Unsicherheit von Stichprobenuntersuchun-
später auch geschah. gen hingewiesen«, sagt Christian Arndt, Profes-
Heute, eineinhalb Jahre später, ist klar: Die sor an der Hochschule für Wirtschaft und Um-
Zahl von der OECD war falsch. Datenmüll. welt Nürtingen-Geislingen. »Das ist aber nicht
Einige Experten wissen das seit Langem. Sie nur ein Problem des DIW.«
mochten es aber nicht an die große Glocke hän- Befremdlich erscheint allerdings der Um-
gen – schließlich hätten sie einräumen müssen, gang des öffentlich finanzierten Instituts mit
dass die Lage anders ist, als sie es bisher dar- der Öffentlichkeit. Bekannt wurde der extreme
gestellt haben: Deutschland rangiert bei der Be- Rückgang der Armutsquote, weil einer Journa-
kämpfung der Kinderarmut im internationalen listin der Financial Times Deutschland auffiel,
Vergleich tatsächlich nicht ganz hinten, sondern dass von der OECD veröffentlichte Zahlen
weit vorne. Hierzulande sind nicht mehr, sondern plötzlich nicht mehr zu früheren Angaben pas-
deutlich weniger Kinder von Armut betroffen als sen. Nach einem entsprechenden Zeitungs-
im OECD-Durchschnitt. Im Untersuchungsjahr bericht (Fauler Zahlenzauber) berief das DIW
2004 waren nach den neuen Erkenntnissen statt eilig eine Pressekonferenz ein, auf der der neue
16,3 Prozent nur 10 Prozent aller Jungen und Institutschef Gert Wagner nun behauptete,
Mädchen in der Bundesrepublik arm. Und zu- man habe in früheren Veröffentlichungen längst
letzt – 2008, neuere Zahlen gibt es nicht – waren »auf die verbesserte Methodik und ihre Kon-
es bloß 8,3. So rasant hat sich die Armut wohl sequenzen« hingewiesen.
noch nirgendwo halbiert. Das ist nur zur Hälfte richtig. Denn in den
Hinter der wundersamen Schrumpfung ver- angeführten Publikationen erläutern die For-
birgt sich ein Skandal. Ein Zahlenspiel, das zeigt, scher zwar veränderte Berechnungsmethoden
wie wenig verlässlich wissenschaftliche Experti- und allerlei Detailergebnisse – wie radikal sich
sen bisweilen sind, selbst bei einem gesellschaft- die Kinderarmut insgesamt verändert hatte,
lich so brisanten Thema wie der Armut von blieb aber bewusst ausgeblendet. Das geben Mit-
Kindern. Und wie schwer es den beteiligten Ex- arbeiter offen zu: »Wir hatten erwogen, die alten
perten fällt, das einzugestehen. Das Armutspro- und die neuen Zahlen einander gegenüber-
blem ist auch nach den neuen Zahlen nicht ge- zustellen«, sagte Markus Grabka der ZEIT, »aber
löst, aber die Frage, wie erfolgreich die deutsche wir wollten dann nicht noch Salz in diese Wun-
Politik es angeht, muss neu beantwortet werden. de streuen und haben darauf verzichtet.« So
wurde die Öffentlichkeit absichtlich im Unkla-
Eine vierköpfige Familie mit weniger ren darüber gelassen, von was für einer Qualität
als 1985 Euro netto gilt als arm die von ihr mitfinanzierten Untersuchungen
tatsächlich waren.
Im Mittelpunkt dieser Datenaffäre steht aus- Der Vorgang dürfte das Vertrauen in wissen-
gerechnet das Deutsche Institut für Wirtschafts- schaftliche Expertisen auf sozialpolitischem Ge-
forschung (DIW) in Berlin, das nach einer Reihe biet erschüttern. Einmal mehr scheint sich der
negativer Schlagzeilen und hausinterner Quere- Uralt-Spruch von der Statistik zu bestätigen, der
len gerade einen neuen Chef bekommen hat. man nur trauen dürfe, wenn man sie selbst ge-
Die von der OECD für Deutschland publizier- fälscht habe. Dabei ist die Politik auf me-
ten Zahlen stammen vom DIW. Das Berliner thodisch sauber ermittelte Daten angewiesen.
Institut lässt jedes Jahr einige Tausend Bundes- Sie bewegt sich sonst im Blindflug, und es lässt
bürger nach ihren Einkommen befragen. Daraus sich kaum beurteilen, welche Wege zur Armuts-
ermitteln die Forscher die Armutsquoten. bekämpfung tatsächlich Erfolg bringen und
Vor knapp zwei Jahren haben die Experten welche nicht.
begonnen, alte Befragungen neu auszuwerten. Klar ist, dass Deutschland auch nach den neuen
Der Grund: »Wir bekommen immer häufiger Zahlen ein Armutsproblem hat. Rund 1,1 Millio-
nur lückenhafte Auskünfte«, sagt Markus Grab- nen Kinder und Jugendliche lebten danach zuletzt
ka, der beim DIW für die Erhebung zuständig in finanzieller Bedürftigkeit. Wohl kaum ein Grund,
ist. »Früher war das Problem vernachlässigbar, im Kampf gegen Kinderarmut nachzulassen. Für
aber in den vergangenen Jahren wurde es immer die OECD ist ein Haushalt arm, wenn er netto über
größer.« Deshalb sei es nötig geworden, die Me- weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens
thoden zu verfeinern, mit denen fehlende Anga- im Land verfügt. Es geht dabei also um relative
ben ergänzt würden. Dazu werden komplexe Armut, um Einkünfte, die in Bezug zur Haushalts-
Hochrechnungsverfahren und Plausibilitätsüber- größe und zum Durchschnitt besonders niedrig
legungen genutzt. Das ist bei solchen Erhebun- liegen. In Deutschland hieß das im Jahr 2008: Eine
gen durchaus üblich, und dass sich Daten bei ei- Familie mit zwei kleinen Kindern war arm, wenn
ner Neujustierung ändern, gehört zum Alltag sie netto weniger als 1667 Euro im Monat zur Ver-
von Statistikern. Aber so krasse Veränderungen fügung hatte. Bei zwei älteren Kindern (über 14
wie bei den neuen Armutszahlen sind unge- Jahre) erhöht sich die statistische Armutsschwelle
wöhnlich. Zentrale Botschaften der früheren auf 1985 Euro.
Untersuchungen werden dadurch in ihr Gegen- Viele Sozialexperten setzen die Grenze zur
teil verkehrt. Armut deutlich höher an, etwa bei 60 Prozent
So warnte Monika Queisser, Leiterin der Ab- des mittleren Einkommens. Deshalb gibt es je
teilung Sozialpolitik bei der OECD, als sie die nach Definition unterschiedliche Armutszahlen.
alten Zahlen auf einer Pressekonferenz vorstellte, Aussagekräftiger als ein einzelner Wert ist aber
das deutsche Sozialsystem funktioniere nicht ein Vergleich – zu anderen Ländern oder zur Ver-
richtig. Die Bundesrepublik gebe besonders viel gangenheit. International schneidet Deutschland
Geld für die Familien aus, doch bei den Bedürf- nun offenbar besser ab als gedacht, allerdings
tigsten komme wenig davon an, deshalb lebten bleiben einige Länder ein gutes Stück voraus.
hier überdurchschnittlich viele Kinder in Armut. Das gilt vor allem für die skandinavischen Staa-
Nach den neuen Zahlen gehört das hiesige Sozi- ten, deren Steuer- und Sozialsysteme Einkom-
28 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 WIRTSCHAFT

»Sie sind Vorreiter!« Gleiche Wirkung


Kumi Naidoo, Chef von Greenpeace International, über die Bei Altersblindheit helfen zwei Medikamente.
Versorgung der Welt mit Energie und den deutschen Atomausstieg Weiter verbreitet ist das teure. Warum? VON NICOLA KURTH

F
ZEIT: Herr Naidoo, halten Sie den deutschen ZEIT: Ein Argument der Kernkraftbefürworter ür diese Studie interessieren sich Augen- Bei AMD ist das nicht mehr der Fall. Im Januar 2007 Studie keinesfalls eindeutig. Sowohl Lucentis als auch

Fotos: Thomas Einberger/argum (2); Tim Brake/dpa (l.)


Atomausstieg für einen »Sonderweg«? stimmt ja: Kernkraftwerke emittieren weniger ärzte weltweit. Sie wollen wissen, welches kam Lucentis auf den Markt. Der Preisunterschied Avastin waren ihr zufolge insgesamt gut verträglich
Kumi Naidoo: Nein, Sie sind Vorreiter! Aber CO2, und die Zeit drängt beim Klimaschutz. von zwei patentgeschützten Medikamen- empörte Kassen wie Mediziner schon bei der Zu- hinsichtlich relevanter Nebenwirkungen, da sind sich
auch Angela Merkel scheint zu beschäftigen, Naidoo: Tatsächlich ist unsere größte Heraus- ten besser gegen die feuchte Makula- lassung. Viele boykottieren es bis heute und bleiben Mediziner einig. Unterschiede gibt es bei sogenann-
dass ein Alleingang Deutschland isolieren forderung, den Ausstieg aus der fossilen Ener- degeneration hilft, die häufigste Ursache bei Avastin, eine Praxis, die von der zuständigen Auf- ten serious adverse events wie einem stationären Kran-
könnte. gieversorgung zu beschleunigen. Aber derzeit für Blindheit im Alter (AMD). Gegenstand des sichtsbehörde in Deutschland noch toleriert wird – in kenhausaufenthalt oder Durchblutungsstörungen im
ZEIT: Vergangene Woche waren Sie ja bei der decken AKWs nur zwei bis drei Prozent des abgekürzt CATT genannten Vergleichs, den das einer »wohlwollenden Duldung«, wie sich das offiziell Gehirn. Diese traten bei Patienten, die mit Avastin
Kanzlerin. Konnten Sie sie beruhigen? weltweiten Energiebedarfs, der Bau einer re- staatliche National Eye Institute in den Vereinigten nennt. Viele Krankenkassen schlossen mit Novartis behandelt wurden, etwas häufiger auf als bei Patien-
Naidoo: Wir sind die Länder durchgegangen, levanten Zahl würde zu lange dauern, und es Staaten angestellt hat, waren das für die Augen- Rabattverträge über die Nutzung von Lucentis ab, ten, die Lucentis injiziert bekamen. Allerdings war
um zu zeigen, dass die Bevöl- käme zu wenig Strom dabei erkrankung an sich nicht zugelassene Krebsmittel zugleich aber eigene Verträge mit die Anzahl der Patienten relativ
kerungen die Atomkraft welt- heraus. Es ist also eine völ- Avastin von Roche und das Spezialmedikament den operierenden Augenärzten, in klein, und ihr Alter lag im Schnitt
weit ablehnen. Selbst in lig unrealistische Darstellung, Lucentis von Novartis. Die Ergebnisse, die nun vor deren Folge sich der Einsatz von der Studie bei über 80 Jahren.
Frankreich mit seinem hohen dass die Atomkraft das Klima wenigen Tagen bekannt wurden, sind brisant. Der Avastin für die Ärzte mehr lohnt. Schon widersetzen sich Medizi-
Anteil an Atomstrom sind wirksam schützen könnte. Fall weist über sich selbst hinaus, er steht exempla- Es geht um sehr viel Geld. Ge- ner der Produkt- und Preispolitik
57 Prozent der Menschen für ZEIT: Weltweit droht der Ver- risch für die Frage, inwieweit der Staat den Konflikt schätzte 100 000 AMD-Patienten der Hersteller. So fordern die füh-
einen Ausstieg. zicht auf Atomenergie eine mit den Herstellern von Medikamenten wagt – und gibt es derzeit in Deutschland, sie renden Berufsverbände der Augen-
ZEIT: In den energiehung- Renaissance der Kohle nach wie viel die Gesellschaft für Gesundheit zu zahlen erhalten im Jahr rund 500 000 In- ärzte in Deutschland klärende Ent-
rigen Schwellenländern ist sich zu ziehen. bereit ist. Fragen, die sich in Zeiten technisch im- jektionen. Bei der Zulassung von Kostet rund 1300 Euro je scheidungen seitens der Politik.
das aber anders. Naidoo: Das werden wir ver- mer komplexerer Behandlungsmethoden und im- Lucentis errechneten Ökonomen, Injektion: Lucentis Wirkten beide Mittel gleich, bleibe
Naidoo: Ob in der Türkei, in
Brasilien oder Chile: Auch » Es ist also eine
völlig unrealistische
hindern, wenn wir mit Voll-
dampf in erneuerbare Quellen
mer kostspieligerer Mittel zunehmend stellen.
Im Kern zeigt die erste große Studie über die
dass es die Krankenkassen drei
Milliarden Euro pro Jahr kosten
die Frage, wie viel die Solidar-
gemeinschaft für mehr Sicherheit
dort gibt es überall Debatten und eine effizientere Nutzung Wirksamkeit der beiden Medikamente, dass die Be- könnte, sofern alle Patienten damit bereit sei zu bezahlen, so der Tenor.
über die Risiken der Atom- Darstellung, dass der Energie investieren. Wenn handlung mit dem Krebsmedikament Avastin gleich behandelt würden. Das entsprach Avastin solle offiziell erlaubt werden,
kraft. Im indischen Jaitapur die Atomkraft Deutschland dabei weiter vo- gute Ergebnisse erzielt wie die mit Lucentis, wenn es seinerzeit einem Achtel des gesam- die Überwachung der Sicherheit
wurden gerade Demonstran- das Klima rangeht, werden andere Län- um den Erhalt und die Verbesserung der Sehschärfe ten deutschen Arzneimittelbudgets. könne ein unabhängiges Institut
ten gegen ein geplantes der nachziehen. der Patienten geht. »Mit CATT wurde bestätigt, was Aktuell werden noch rund ein Drit- übernehmen. Eine nachträgliche
Atomkraftwerk von Areva wirksam schützen ZEIT: Gerade in Entwick- sowieso schon alle wussten«, sagt ein Insider. Brisant tel der Patienten mit Avastin be- Ist im Preis etwa 30-mal Nutzenbewertung könne dazu füh-
festgenommen.
ZEIT: Proteste gibt es da
könnte « lungs- und Schwellenländern
gilt es, die wachsenden Volks-
wird diese Einschätzung dadurch, dass die Präparate
zwar nach Meinung vieler Experten im Wirkstoff
handelt. Die Ergebnisse der Studie
könnten diesen Anteil schnell auf
günstiger: Avastin ren, dass sich die beiden Medika-
mente preislich annäherten.
zwar, aber auch die Hoff- wirtschaften von vorneherein vergleichbar sind, sich aber enorm in den Kosten über die Hälfte und mehr steigen Freiheit in der Therapie, Haf-
nung, dass Atomkraft den Klimawandel brem- emissionsarm aufzubauen. Wie stark ist Green- unterscheiden: Lucentis ist mit 1300 Euro pro Injek- lassen, schätzen Experten. tungsfragen, Kontrollen, die Initiierung neuer oder
sen kann. Man investiert weiter in Atom. peace dort vertreten? tion rund 30-mal so teuer wie Avastin von Roche. Heikel wird der seit Jahren schwelende Streit die Unterstützung laufender Studien – Stellschrauben
Naidoo: Die realen Investitionen decken aber Naidoo: Jedenfalls tun wir schon eine Menge. 4,5 Millionen Deutsche leiden an einer Form der durch die Verflechtungen der beteiligten Pharma- gäbe es für den Staat zur Genüge, wollte er eingreifen
nicht die Behauptung, dass es da eine Renais- Zum Beispiel haben wir vor Kurzem bei einer Altersblindheit, jeder Fünfte muss sich behandeln konzerne. Das Unternehmen, das einst sowohl Lu- und den Status quo überwinden. Ein Sprecher des
sance gebe. Regierungen finden weltweit kaum Solar-Tour durch den indischen Bundesstaat lassen. Die Sehzellen sterben ab, weil sich hinter der centis als auch Avastin entwickelt hat, gehört seit 2009 Gesundheitsministeriums aber lässt nur wissen, dass
Finanzierungsmöglichkeiten, weil die Atom- Bihar die Chancen solarer Kleinanlagen für die Netzhaut kleine Blutgefäße bilden, aus denen Flüssig- zu Roche. An Roche, das Avastin in Europa ver- Krankenkassen längst angemessene Preise mit den
kraft zu teuer und zu riskant ist. Gerade haben Allerärmsten demonstriert. 1,6 Milliarden Men- keit austritt. Seit 2005 kann diesen Patienten mit marktet, ist wiederum Novartis, das Lucentis heute Herstellern aushandeln könnten. Dass am Bundes-
wir erlebt, wie hilflos selbst die Hightechnation schen haben ja noch gar keinen Zugang zu Injektionen von Avastin ins Auge geholfen werden. herstellt, zu 30 Prozent beteiligt. Da verwundert es institut für Arzneimittel bereits zu Jahresbeginn eine
Japan war. Stellen Sie sich einen atomaren Un- Strom. Deshalb gilt aber auch weiterhin: Sie in Der Wirkstoff unterbindet die Blutversorgung von nicht mehr, dass Roche es ablehnt, Avastin als Mittel Expertengruppe eingerichtet worden ist, die sich mit
fall im indischen Rajasthan vor! den Industrieländern haben erst mal noch eine Tumoren – im Fall von AMD lässt sich mit ihm das für AMD zu testen und die dazu nötigen Studien den Fragen der Therapie einer altersbedingten Ma-
ZEIT: Viele rechnen aber mit einem Geschäft. Menge Kohlenstoffschulden abzuzahlen. Sie abnorme Wachstum der Blutgefäße hinter der Netz- durchzuführen. Derweil Novartis die neue Studie kuladegeneration befassen soll, dass also womöglich
Die Bundesregierung, die daheim aussteigt, verfügen über Technologien und Wirtschafts- haut stoppen. Ein amerikanischer Augenarzt hatte dahingehend interpretiert, dass Lucentis zwar teurer, Bewegung in die Sache kommt, sagt er nicht.
unterstützt den Export deutscher Atom- kraft. Sie sollten Ihr lebensrettendes Wissen Avastin erstmals erfolgreich off label, also abseits des aber so etwas wie der Goldstandard in der Therapie Weitere Vergleichsstudien könnten die Debatte
technik. den Entwicklungsländern großzügig weiter- eigentlichen Behandlungszwecks, angewendet. Seit- der Altersblindheit sei. Das Risiko, einen Schlaganfall beenden. Neuer Druck könnte entstehen, sollte
Naidoo: Ja, da wird mit zweierlei Maß gemes- geben. Die Hauptrolle spielen Sie. her folgten Mediziner weltweit seinem Beispiel. Doch zu erleiden oder gar zu sterben, sei unter Avastin Bayer wie geplant 2012 ein neues, eigenes Mittel zur
sen. Nach meinem Eindruck ist das der Kanz- solche Therapien sind nur erlaubt, wenn kein ande- deutlich höher als bei Lucentis. Dabei ist die Aus- Bekämpfung der Altersblindheit auf den Markt
lerin bewusst. Das Gespräch führte CHRISTIANE GREFE res zugelassenes Spezialmittel zur Verfügung steht. legung der festgestellten Unterschiede in der CATT- bringen. Wie teuer es sein wird, weiß noch keiner.
WIRTSCHAFT 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 29

Alles wahr
oder was?
Auf einem neuen Portal im Internet können sich
Verbraucher demnächst beschweren, wenn sie sich von
Lebensmittelherstellern getäuscht fühlen. Die Industrie
läuft Sturm dagegen VON GUNHILD LÜTGE

B
ananenschokolade ohne Banane, Zu- bensmittelbehörde, nicht aber ein Bundesminis- stellt die Ministerin klar, könnten die Verbraucher spricht, diese selbst aber das Problem sind. So muss genannten Arztnavigator, den die Krankenkassen
ckersirup statt Honig, Kräuterbutter terium«, sagt er. Auch Rechts- und Staatswissen- bei der Nutzung des Angebots eindeutig erkennen, beispielsweise eine Kalbswiener lediglich 15 Pro- AOK und Barmer in der vergangenen Woche im
mit Margarine. So etwas ist – wenn schaftler Fritz Ossenbühl bemängelt, dass der dass es als Informations- und Meinungsforum die- zent Kalbsfleisch enthalten. Und das Fleisch für den Internet starteten. Dort können die Kassenmitglie-
überhaupt – nur dem Kleingedruck- Ministerin die Zuständigkeit fehle, und kritisiert nen soll und kein Organ der amtlichen Über- Schwarzwälder Schinken darf auch aus Dänemark der nicht nur Ärzte suchen, sondern sie auch gleich
ten auf der Packung zu entnehmen. zugleich, dass »hoheitliche Gewalt durch gesell- wachung sei. Aigner: »Die Lebensmittelüber- stammen. Obwohl sich Hersteller völlig korrekt bewerten.
Vollmundige Werbeversprechungen suggerierten schaftliche Zwänge ersetzt werden soll«. Außer- wachung ist und bleibt Aufgabe der Länder.« verhalten, wenn sie sich nach diesen Vorgaben rich- Die Doktoren liefen zunächst dagegen Sturm.
Qualität oder Nähe zur Natur, monieren Ver- dem hat er Zweifel an der notwendigen Neutrali- Zudem haben die Konstrukteure des Portals aus ten, fühlen sich manche Verbraucher dennoch ge- Sie fürchteten, verunglimpft zu werden. Doch die
braucherschützer. Oftmals sei es damit aber nicht tät des Portals. der bisherigen Kritik bereits ihre Lehren gezogen. täuscht. Daraus, so hoffen die Initiatoren des Por- Konstruktion des Portals verhindert das. So sind
weit her. Die Mogler und Trickser sollen schon Das Vorhaben löst deshalb so viel Aufregung Dem Vorwurf, es würden auch Produkte angepran- tals, könnte auch der Gesetzgeber beim Erlass seiner beispielsweisen frei formulierte Texte nicht möglich.
bald ausgebremst werden: mit einem neuen In- aus, weil befürchtet wird, dass künftig lockere gert, deren Kennzeichnung rechtlich in Ordnung Vorschriften lernen. Es können nur vorgegebene Fragen beantwortet
ternetportal. Es trägt den Namen »Klarheit und Debattierzirkel erboster Verbraucher das strikte sei, begegnen sie mit einer speziellen Rubrik. Dort Digitale Sammelstellen dieser Art schrecken in- werden. Die anfängliche Aufgeregtheit hat sich des-
Wahrheit«. Reglement amtlicher Kontrolleure ersetzen werden jene Lebensmittel präsentiert, deren Kenn- zwischen nicht nur Unternehmen auf. Auch in ei- halb gelegt. »Wir können damit leben«, heißt es bei
Schon diese zwei Wörter reichen aus, um die könnten. Lebensmittelbehörden müssen vor- zeichnung zwar den gesetzlichen Vorschriften ent- nem anderen Fall gab es heftigen Ärger: beim so- der Bundesärztekammer heute.
Nahrungsmittelindustrie aufzuregen. Der Name sichtig agieren, sie haben strenge Vorschriften zu
suggeriere, dass in dieser Branche hauptsächlich beachten, bevor sie bei Nahrungsmittel-Skan-
Gauner unterwegs seien. Das ist nicht das einzige dalen Ross und Reiter nennen dürfen. Die Wah-
Argument, mit dem sich Vertreter der Branche rung von Geschäftsinteressen ist ein wichtiges
gegen die Initiative wehren. Was sie vor allem Gebot. So will es unter anderem selbst das Ver-
stört, ist, dass Bundesverbraucherministerin Ilse braucherinformationsgesetz.
Aigner das Portal finanziell unterstützt. Deshalb müssen die betroffenen Firmen zum
Nächsten Monat soll es laut Janina Löbel Beispiel angehört werden. Und sie haben ein
trotzdem losgehen. Sie koordiniert das Projekt Recht auf Akteneinsicht. Außerdem sind Be-
beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. schwerden gegen Entscheidungen der Lebens-
Betrieben wird das Portal vom Verbraucherver- mittelkontrolleure möglich. Bis endgültig klar
band Hessen. ist, wann und was im Einzelfall an die Öffent-
Das Angebot ist dreigeteilt: Im Informations- lichkeit darf, vergeht – zum Ärger vieler Verbrau-
bereich können sich die Besucher der Website in cherschützer – deshalb meist viel Zeit. Auf einem
rechtlichen Fragen kundig machen, etwa über Portal wie dem geplanten können sich die Teil-
Vorschriften zur Kennzeichnung von Lebens- nehmer sehr viel freier äußern als Beamte in den
mitteln. Außerdem wird es die Möglichkeit ge- Behörden.
ben, sich im Diskussionsbereich an Debatten zu
beteiligen oder Fragen an ein Expertenforum zu »Das Portal ist von Rechts wegen
richten. Darf im Schwarzwälder Schinken auch nicht akzeptabel«
Fleisch aus Dänemark sein? Oder Hühnchen in
der Kalbswiener? Auch Professor Winfried Hassemer, ehemaliger
Im sogenannten produktbezogenen Bereich Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts,
können Verbraucher konkrete Beispiele melden, geht mit dem Projekt streng ins Gericht. Dabei
bei denen sie sich durch die Aufmachung und findet er es grundsätzlich gar nicht schlecht. Da-
Kennzeichnung in die Irre geleitet fühlen. Fach- raus machte er in einer Stellungnahme für den
leute in der Internetredaktion prüfen die Kritik Verband BLL auch keinen Hehl. »Lebensmittel
und bitten die betroffenen Hersteller um eine sind heute ein komplexes Gut, dessen Eigen-
Stellungnahme. schaften die Verbraucher aus eigener Anschau-
Wenn die Verbraucherschützer eine Be- ung regelmäßig nicht kontrollieren können, ob-
schwerde fachlich nachvollziehen können und wohl sie lebenswichtig sind«, schreibt er. Ohne
sie für plausibel halten, wird das Produkt im In- vernünftige Information könne Vertrauen nicht
ternet abgebildet; versehen mit dem Kommentar bestehen und Kritik nicht wirksam sein. Dass die
des Herstellers, vorausgesetzt, er hat tatsächlich Meinung der Verbraucher nicht nur erforscht,
reagiert. »Manchmal stellt sich auch heraus, dass sondern auch zum Bestandteil von Auseinander-
ein Verbraucher lediglich schlecht informiert ist«, setzungen und Interventionen gemacht würden,
sagt Janina Löbel. In diesem Fall wird er nur auf sei eines modernen Staates und einer Informa-
den Informationsteil verwiesen. tionsgesellschaft würdig. Hassemer: »Es markiert
einen Weg zu bürgerlicher Autonomie.«
Lebensmittelbehörden können nur in Aber dann: Es gehe in dem Konzept weder
engen Grenzen agieren um Recht noch um Kontrolle oder Sanktion; es
gehe vielmehr um eine spezifische Form von
Obwohl das komplette Portal mit allen Funktio- Kommunikation. Gerade aber im Ausblenden
nen noch nicht in Betrieb ist, können schon des Rechts liege das Problem. Hassemers klares
heute Meldungen abgegeben werden. Manche Urteil: »Dieses Internetportal ist von Rechts we-
Hersteller sind deshalb bereits alarmiert. »Man- gen nicht akzeptabel.«
che reagieren direkt und ändern, was kritisiert Die Eingriffe, die davon ausgingen, könnten
wurde. Andere setzen sofort Rechtsanwälte in die Eigentumsgarantie, das Grundrecht auf Be-
Bewegung«, sagt Janina Löbel. Sie und ihr Kolle- rufsfreiheit oder das auf Gleichbehandlung ver-
ge Hartmut König, der bei der Verbraucherzen- letzen. Betroffene Interessen würden ausgeblen-
trale Hessen das Projekt leitet, bauen auf die Ein- det, der Markt würde womöglich gestört. Pro-
sicht der Hersteller. »Wir hoffen, dass sie die blematisch sei vor allem der produktbezogene
Kennzeichnung schnell verbessern, ohne dass wir Bereich. Dort ginge es um die »gefühlten Rechts-
rechtlich, zum Beispiel mit Abmahnungen, vor- verletzungen« von Laien. Hassemer gibt zu be-
gehen müssen«, sagt König. denken: »Allein das subjektive Gefühl einer Per-
Im Augenblick aber sind große Teile der Le- son, hintergangen oder enttäuscht worden zu
bensmittelwirtschaft regelrecht empört. Sie stört sein, ist nicht imstande, einen solchen Eingriff
insbesondere, dass einzelne Unternehmen und durch eine derart mächtige Institution zu recht-
deren Marken an den Pranger gestellt werden fertigen.« Als juristische Schludrigkeit bezeichnet
können. Und das im Zusammenhang mit einer er es, dass dem Hersteller zwar eine kurze Frist
lediglich »gefühlten Täuschung«, so Werner zur Kommentierung eingeräumt werde, die Ver-
Wolf, Präsident des Spitzenverbandes der deut- breitung der Sache aber dann auch ohne diesen
Illustration: Birgit Lang für DIE ZEIT/www.birgitlang.de

schen Lebensmittelwirtschaft (BLL). Er weiß et- Kommentar erlaubt sei.


liche Juristen auf seiner Seite. Auf einer Fachta- Ilse Aigner versucht derweil die Wogen zu
gung übten sie jüngst massiv Kritik. glätten: »Wir haben erstklassige, hervorragende
Skepsis löst bereits die Konstruktion der Platt- Lebensmittel in der Bundesrepublik Deutsch-
form aus: die Mischung aus Staat und privatwirt- land«, sagt sie. Und niemand müsse eine Ver-
schaftlicher Initiative. So bezweifelt Friedhelm unglimpfung befürchten. »Das Portal wird so
Hufen, Professor für Öffentliches Recht, Staats- konzipiert sein, dass ein fairer und sachbezogener
und Verwaltungsrecht an der Universität Mainz, Dialog zwischen Wirtschaft und Verbrauchern
ob die Bundesverbraucherministerin überhaupt gewährleistet ist.«
für ein solches Projekt zuständig ist. »Informati- Die Initiative liefe im Rahmen einer ganz
onseingriffe sind von vornherein nur rechtmäßig, normalen Projektförderung, die rechtlich in je-
wenn die zuständige Behörde tätig geworden ist. der Hinsicht zulässig sei. Insgesamt rund
Das ist in der Regel die örtlich zuständige Le- 775 000 Euro gibt es vom Staat. Im Übrigen,
30 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 WIRTSCHAFT

Brot und Spiele


Millionenbetrug beim Kinderkanal: Die beteiligten Sender streiten VON ANNA MAROHN

E
inmal im Jahr verleiht der Norddeutsche Frank Beckmann hat sich bislang nur einmal öf- »Wir prüfen die Vorgänge und behalten uns
Rundfunk intern den Sehstern. Die Ver- fentlich zu der Sache geäußert – in seinem eigenen Schadensersatzansprüche in alle Richtungen
anstaltung ist für den Sender eine gute Programm bei Zapp. Allerdings muss man fairer- vor«, sagt Hahn.
Gelegenheit, sich selbst, garniert mit ein weise sagen, dass er dabei trotzdem nicht besonders In dem etwas trockeneren Teil des Revisions-
paar launigen Worten, für gelungenen gut wegkam. »Ich habe bei dem Herstellungsleiter in berichts von MDR und ZDF, der nicht vom Zo-
öffentlich-rechtlichen Journalismus zu feiern. Nor- keinster Weise Verdacht schöpfen können«, antwor- cken in Casinos und der Übergabe von Geld in
malerweise. tet Beckmann auf die Frage, ob er etwas von der DVD-Hüllen handelt, steht: Schon 2009 waren
In diesem Jahr eröffnete Fernseh-Programmdirek- Spielsucht gewusst habe. Rechnungen aufgefallen, die nicht ordentlich ge-
tor Frank Beckmann die Veranstaltung mit einer Ver- Im Bericht, den die Revisoren von MDR und prüft worden waren. Das hatte ein Revisions-
teidigungsrede in eigener Sache. Es ging um seine Ver- ZDF verfasst haben, liest sich das anders. Nach bericht von ZDF und HR ergeben.
gangenheit beim Kinderkanal. Und die Frage, was Angaben eines Kika-Redaktionsleiters soll es schrift- Damals wurde auf die Schwachstellen im
Beckmann gewusst habe oder fahrlässig übersehen. Die liche Memos an die Programmgeschäftsführer gege- Kontrollsystem von MDR und Kika hingewie-
Ansprache sei in diesem Umfeld ein bisschen befremd- ben haben. »Dieser Schriftverkehr sei dem Redak- sen, und konkrete Änderungsvorschläge wurden
lich gewesen, sagt ein Mitarbeiter, der dabei war. tionsleiter im Zeitraum Ende Oktober bis Anfang gemacht. So wurde etwa beanstandet, dass Mit-
Beckmann ist seit Ende 2008 in Hamburg beim Dezember 2010 aber aus einem Ordner in seinem arbeiter die »Sachlich richtig«-Abzeichnung vor-
NDR, zuvor hat er acht Jahre lang in Erfurt die Ge- Büro entwendet worden.« Im November 2007 habe nahmen, die das nicht beurteilen konnten und
schäfte für den öffentlich-rechtlichen Kinderkanal außerdem ein Kika-Mitarbeiter über eine mit ihm teilweise auch nicht berechtigt waren. Dummer-
geführt, bei dem etliche Millionen Euro veruntreut befreundete Casinomitarbeiterin von den Spiel- weise beauftragte der MDR mit der Verbesserung
wurden. Auch sein Nachfolger als Programm- gewohnheiten des Herstellungsleiters erfahren. Er der Kontrollen aber denjenigen, bei dem die Feh-
geschäftsführer bemerkte den Betrug nicht und unterrichtete damals den Redaktionsleiter, der der ler beanstandet wurden – Marco K.
wurde dafür bereits abgemahnt. Information jedoch nicht nachging. Programm- Dafür mitverantwortlich war MDR-Verwal-
Der vorläufige Gesamtschaden beläuft sich auf geschäftsführer Beckmann wurde damals ebenfalls tungsdirektor Holger Tanhäuser, der im Zuge
8 183 815,24 Euro. Die Nummer zwei im Kika, Her- informiert und soll geantwortet haben: »Ich kenne der Affäre »ohne Anerkennung eines eigenen
stellungsleiter Marco K., hat über diese Summe Schein- Marco, so ist er nun mal.« An Skatrunden bei sei- Verschuldens sein Amt zur Verfügung stellte«,
rechnungen bezahlen lassen. Dabei wurden zum Bei- nem Mitarbeiter zu Hause hat Beckmann auch wie der MDR in einer Pressemitteilung schrieb.
spiel Aufträge für Trailer oder Onlineseiten gefälscht. schon mal selbst teilgenommen. Wie viel diese gesichtswahrende Lösung den Ge-
Kika-Star Bernd das Ein Teil des Geldes ging an K.s Komplizen bei den Marco K. trennte zwischen Beruflichem und Pri- bührenzahler gekostet hat, will der Sender mit
Brot musste für Schein- Firmen, die diese Rechnungen ausstellten. Viel floss an vaten kaum. Um ihn verhaften lassen zu können, muss- Hinweis auf vereinbarte Vertraulichkeit nicht
rechnungen herhalten den Geschäftsführer der Koppfilm. Er brachte das te ihn der MDR aus einem Las-Vegas-Urlaub mit einem preisgeben. Dass Tanhäuser erst im September
System durch eine Selbstanzeige im Herbst zu Fall, als Freund und Mitarbeiter holen. für weitere fünf Jahre wiedergewählt worden war,
seine Firma trotz der zusätzlichen Einnahmen auf die Beim NDR debattieren die Mitarbeiter nun, ob dürfte die Sache aber teuer gemacht haben.
Insolvenz zusteuerte. sich Beckmann auf seinem Posten halten kann. Als Den Gebührenzahler tröstet vielleicht die In-
Zu den großen Profiteuren des Betrugs gehört auch möglicher Nachfolger wird Fernsehchefredakteur formation der Westspiel Casinos, dass mit dem
das Spielcasino in Erfurt. Dort hielt man fest, Marco Andreas Cichowicz genannt. NDR-Justiziar Wer- Gewinn am Ende Gutes getan wird. Sie führen
K. sei im Jahr 2010 103-mal zu Besuch gewesen, er ner Hahn betont hingegen, Beschäftigungen vor bis zu 80 Prozent an die Länder und Kommunen
habe dabei vorzugsweise an einem Hyperlink-Auto- der NDR-Zeit könnten arbeitsrechtliche Maßnah- ab, die damit wichtige gesellschaftliche Projekte
maten mit einem Einsatz von 40 Euro gespielt und pro men grundsätzlich nicht begründen. Bei ARD und fördern. In Thüringen ist das die Ehrenamtsstif-
Woche zirka 20 000 Euro verdaddelt, unter Einrech- ZDF verweist man lieber auf die Fahrlässigkeiten tung, die 700 000 Menschen in ihrem Engage-
nung der Gewinne. des MDR, in dessen Verantwortung der Kika fällt. ment unterstützt.

Falsche Freunde
Ideen klauen, Mitarbeiter aushorchen – Soziale Netzwerke taugen
bestens dazu VON ULRICH HOTTELET

S
oziale Netzwerke eignen sich gut, um Kon- zutage Soziale Netze«, sagt Costin Raiu, Direktor

Foto: interTOPICS; Montage: DZ


takte zu schließen – und persönliche Infor- für Forschung und Analyse beim Virenschutz-
mationen einzuholen. Da erscheint es fast anbieter Kaspersky. Zum schnellen und effekti-
logisch, dass diese Netze auch vom zweitältesten ven Auskundschaften schreiben die Kriminellen
Gewerbe der Welt für seine Machenschaften ge- sogar Programme, die automatisch die Profile
nutzt und missbraucht wird: der Spionage. Wie durchforsten und analysieren, erklärt Sicherheits-
gerissen die Recherchen mit den Mitteln des Web forscher Stefan Tanase von Kaspersky. Wer die
2.0 betrieben werden, zeigt ein Fall aus Berlin, der Hintermänner dieser Aktionen und der darauf
an die erfolgreiche Romeo-Masche von DDR- beruhenden Spionageangriffe sind, lässt sich oft
Spionen gegenüber Bonner Ministerialsekretä- nur schwer ausmachen. »Geheimdienste und
rinnen erinnert. Konkurrenzfirmen gehen nach dem gleichen
Eine Frau hatte nach dem gemeinsamen Hoch- Muster vor«, sagt Zitting.
schulabschluss mit einem Studienkollegen ein Abhilfe ist schwierig: »In vielen Fällen sind
Unternehmen gegründet. Die Geschäftsidee war uns die Hände gebunden, und wenn Sie meinen
neu, und »die Firma lief richtig gut«, sagt Heike Schreibtisch sehen, werden Sie meine Bissspuren
Zitting, Leiterin des Wirtschaftsschutzes beim an der Tischkante wahrnehmen.« Zittings Pro-
Berliner Verfassungsschutz. Die Gründerin be- blem: Rechtlich ist der Verfassungsschutz nur für
schrieb die Dienstleistung auf ihrer Facebook- die Abwehr gegnerischer Nachrichtendienste,
Seite, auf die im Onlineprofil der Firma verwiesen nicht für die Spionage durch Firmen zuständig.
wurde. Irgendwann meldete sich Die Wirtschaft reagiert inzwi-
ein Mann bei ihr, »der erst sehr schen auf die Bedrohungslage.
nett schrieb«, so Zitting, und da- Aus Sicherheitsgründen haben
durch einen privaten Kontakt viele deutsche Großunterneh-
knüpfen konnte. men, darunter knapp ein Drittel
Später erzählte ihm die Frau der Dax-Konzerne, den Zugang
bei mehreren Treffen noch mehr zu Facebook oder ähnlichen
von ihrer Firma. »Sie ist in ihrer Plattformen gesperrt.
Naivität darauf hereingefallen«, Ein Beispiel, das auf Zittings
lautet die Einschätzung der Ver- Tisch landete und bei dem un-
fassungsschützerin. Der Mann klar ist, ob ein ausländischer
überredete sie, sich mit ihm Kanal geschlossen Wettbewerber oder ein Nach-
selbstständig zu machen. »Damit richtendienst dahintersteckte,
tappte sie endgültig in die Falle.« Knapp ein Drittel ist ein fingiertes Bewerberge-
Als der neue Partner die Ge- der DAX-Unternehmen spräch. Mitarbeiter in Schlüs-
schäftsdetails und den Kunden- sperrt den Zugang zu selpositionen haben oft Profile
stamm kannte, sei die Gutgläu- auf Businessportalen wie Xing
bige aus der Firma ausgebootet Sozialen Netzwerken – oder LinkedIn. Der bei einem
worden, berichtet Zitting. Der auch um Spionage Softwareentwickler beschäftigte
Inhaber des ursprünglichen Un- vorzubeugen Mann wurde von einem angeb-
ternehmens musste alles machtlos lichen Headhunter angeschrie-
mit ansehen. Weil er seiner Ex- ben: »Wir hätten eine interes-
Kommilitonin vertraut hatte, gab sante und hochdotierte Stelle
es keine Konkurrenzschutzklausel. Beide Unterneh- für Sie.« Zur anschließenden Unterredung traf
men existieren noch heute. man sich in einem Hotel. Da dem Mann die
Der Fall steht exemplarisch für den Trend. Fragen aber zunehmend merkwürdig vorkamen,
»Ich beobachte das Ausspähen von Profilen durch beendete er das vermeintliche Vorstellungs-
Konkurrenzfirmen und Nachrichtendienste seit gespräch. Offensichtlich handelte es sich um
vier Jahren. Heute wird zuerst versucht, über Ausspähung der Konkurrenz.
Soziale Netzwerke an die Informationen zu kom- Bei der Kontaktaufnahme in Sozialen Netz-
men«, sagt die Verfassungsschützerin. Und das werken sind Umwege beliebt: »Die Kriminellen
gilt allgemein mit steigender Tendenz. Auch versuchen zunächst, von einem Freund der Ziel-
wenn es keine offiziellen Statistiken dazu gibt, person akzeptiert zu werden. Als Freund eines
sind sich die Fachleute in dieser Frage einig. »Von Freundes wirken sie dann viel vertrauenswürdiger,
rund 50 Fällen, die wir pro Jahr bearbeiten, wenn sie die Zielperson anschreiben«, erklärt Raiu.
haben sechs mit Sozialen Netzwerken zu tun«, Bei den Tätern sind oft »kleine, sehr private oder
berichtet Michael Hochenrieder, Berater für In- fachliche Foren gefragt, weil sie leichter Vertrauen
formationssicherheit bei HvS Consulting. Das schaffen«, sagt Zitting. Eine gern angezapfte Quel-
Unternehmen ist auf die Bekämpfung von In- le sind laut Sicherheitsberater Hochenrieder auch
dustriespionage spezialisiert und zählt die im die Einträge von IT-Experten, die in Fachforen nach
Dax gelisteten Konzerne und den gehobenen Tipps fragen, um Sicherheitslücken in ihren Unter-
Mittelstand zu seinen Kunden. nehmenssystemen zu schließen. Oft scheint ihnen
Noch höher ist die Quote in der Cyberkrimi- nicht klar, dass sie damit diese Lücken ungewollt
nalität. »Alle gezielten Attacken nutzen heut- auch potenziellen Angreifern verraten.
WIRTSCHAFT höchster
Stand am
12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 31
6. 3. 2000
103,50 €

Fotos: Bernd Kammerer/AP/ddp; Nestor Bachmann/dpa; Stephanie Pilick/AP (v.l.n.r.)


Sie schufen einen
Börsenalbtraum
(v. l.): Ex-Telekom-
Chef Ron Sommer,
Schauspieler Manfred
Krug, Finanzminister
Theo Waigel (rechtes
Bild in der Mitte)
Start am
15.11.1996
15,57 €

1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010

Stand am

Der Zorn der siebzehntausend


10. 5. 2011
um 17 Uhr
11,22 €

Das Urteil zum Börsengang der Telekom fällt bald. Kleinanleger hoffen auf Entschädigung – die Justiz ist mit solchen Riesenprozessen überfordert VON MARCUS ROHWETTER

D
ie Telekom geht an die Börse, »und gesetz sollte ein wenig amerikanische Effizienz in Jurist, der eine Sammelklage gegen ein Unternehmen fahrensdauer auf der anderen: In den USA wächst Die Fälle, die zukünftig Sammelklagen provozieren,
ich geh’ mit«, versprach Manfred die Zivilprozessordnung bringen und anhand eines erfolgreich durchsteht oder einen Vergleich erzielt. Im ebenso wie hierzulande die Unzufriedenheit beim ju- werden alle etwas gemeinsam haben. Sie sind Ausdruck
Krug im Werbefernsehen, irgend- exemplarisch ausgewählten Musterklägers bürokra- Fall der Telekom wären das also bis zu 24 Millionen ristischen Umgang mit Massenschäden. Wichtige einer globalisierten Wirtschaft, als solche hochkomplex
wo zwischen Spots für Waschmittel tischen Wahnsinn verhindern. Etwa den, dass jeder Dollar Anwaltshonorar gewesen. Angesichts solcher Änderungen, etwa bei document discoveries oder den und von Einzelnen kaum zu durchdringen. Die Be-
und Tütensuppe. Der Schauspieler einzelne Kläger denselben Fehler im Börsenprospekt Summen kann es sich lohnen, gründlich zu recher- Anwaltshonoraren, könnte nur der amerikanische troffenen sind aber meist Laien – ob als Patienten, die
gab der Privatisierung des Staatskonzerns ein Ge- hätte nachweisen müssen. Diesen Musterfall klärt chieren und komplizierten Wirtschaftsfällen bis ins Gesetzgeber vornehmen. Zumindest die Demokraten zehntausendfach ein unzureichend getestetes Medi-
sicht und buhlte um das Geld der Massen. Damals demnächst das Oberlandesgericht: Ein süddeutscher Detail nachzuspüren. Die Anwälte bemühen sich, weil aber scheinen den Klägeranwälten eng verbunden zu kament schlucken. Oder als Anleger, die scharen-
galten T-Aktien noch als Volksaktien, und die Pensionär hatte ein Vermögen mit T-Aktien ver- sie extrem viel gewinnen können. sein. Der Washington Examiner hat herausgefunden, weise Problemaktien erwerben.
Aussichten schienen rosig. Es war einmal. Lange loren. Der Mann will darüber nicht öffentlich reden, In Deutschland sind die Anreize andere. Kläger dass die Parteispenden der 110 bedeutendsten Kläger- Man kann den Kampf ums Recht folglich als Ge-
Zeit grübelte Krug, und im Jahre 2007 entschul- und seine Anwälte von der Kanzlei Tilp aus Kir- können sogar mehr verlieren als gewinnen – was viele anwälte sowie ihrer Dachorganisation ATLA im ver- schäft begreifen, so wie es die Amerikaner tun. Oder
digte er sich schließlich dafür, Aktien der Telekom chentellinsfurt schotten ihn von den Medien ab. abschreckt, ihr Recht überhaupt erst zu beanspruchen. gangenen Jahr zu rund 97 Prozent an die Partei von als Suche nach der Wahrheit, so wie die Deutschen.
empfohlen zu haben. Das Parlament muss gehofft haben, dass die Das Prozesskostenrisiko bei Massenverfahren beträgt Präsident Obama flossen. Aber die Wahrheit ist womöglich eine ganz andere
Krug tat etwas, was Tausende andere noch nicht Sache längst erledigt gewesen wäre. Ursprünglich wegen der Gerichts- und Anwaltsgebühren mehr als Die deutsche Methode könnte künftig stärker von als diejenige, die das Frankfurter Oberlandesgericht
getan haben: Er setzte sich mit seiner Verantwortung sollte das Sondergesetz nämlich zum November das Eineinhalbfache des geforderten Schadensersatzes, Brüssel geprägt werden. Zwischen Februar und April nun versucht aufzuklären. Tatsächlich waren es wohl
während des größten deutschen Börsenversuchs 2010 wieder außer Kraft getreten sein. Doch zwi- haben Wissenschaftler bei einer Evaluation des neuen befragte die EU-Kommission Regierungen, Anwalts- nicht die fragwürdigen Detailangaben im Börsenpro-
auseinander und machte seinen Frieden. schenzeitlich wurde die Laufzeit um zwei Jahre ver- Gesetzes ausgerechnet. Wer mit Telekom-Aktien 5000 verbände und Juristenorganisationen zur Modernisie- spekt, die auch unbedarfte Anleger damals zum Kauf
Die meisten anderen hoffen auf die nächste längert. Bis auf Weiteres. Euro verloren hat, riskiert schlimmstenfalls auf mehr rung der europäischen Sammelklage. Das Ergebnis der Papiere animierten, sondern die Werbung des
Woche. Dann will das Oberlandesgericht in Frank- Dass sich der Fall so hinzieht, liegt an der deut- als 8000 Euro Kosten sitzen zu bleiben. dürfte in einigen Monaten veröffentlicht werden. Die privatisierten Staatskonzerns und die gezielt geschür-
furt entscheiden, ob die Deutsche Telekom beim schen Verfassung. Das Grundgesetz garantiert jedem Für Anwälte ist es zudem oft nicht attraktiv, sich Kommissare Viviane Reding und Joaquín Almunia te Masseneuphorie.
letzten ihrer drei Aktienverkäufe im Jahre 2000 das Recht, sein Anliegen einem Richter vorzutragen. in komplizierte Wirtschaftssachen einzuarbeiten. Ihr erwägen, die europäischen Ansätze für Massenver- Zur Wahrheit gehört aber auch, sich einzugestehen,
massenhaft Kleinanleger getäuscht und um Teile Und so mischen – vertreten von rund 800 Anwalts- Honorar bemisst sich in der Regel am Streitwert der fahren zu reformieren – an amerikanischen class actions dass man damals weit weniger vom Kapitalmarkt ver-
ihres Vermögens gebracht hat. Die Begeisterung für kanzleien – auch die übrigen Kläger munter mit in einzelnen Klagen und ist damit oft viel niedriger als wollen sie sich dabei ausdrücklich nicht orientieren. stand, als man zu verstehen glaubte. Masseneuphorie
die T-Aktie machte damals Hausfrauen und Rent- dem Musterverfahren, machen Eingaben und das ihrer amerikanischen Berufskollegen. Das hält Politisch ist das Thema gleichwohl heikel, denn das kann nur dort entstehen, wo es Massen gibt, die sich
ner, Arbeiter und Angestellte zu Börsenfans. Viele stellen Ergänzungsanträge. Deswegen wurde die nicht dazu an, Prozesse gut und schnell zu führen. Zivilrecht ist Sache der Mitgliedsländer. Doch Brüssel leicht lenken lassen.
verloren vieles, manche alles. Weil aber der Konzern Entscheidung in der Vergangenheit immer wieder Erpressungspotenzial und enorme Kosten auf der dürfte mit dem Binnenmarkt argumentieren: Grenz- Diesen Teil der Wahrheit ans Licht zu bringen
im Börsenprospekt falsche Angaben gemacht haben vertagt, und deswegen wackelt auch der Termin in einen Seite, ein schlechtes Anreizsystem und lange Ver- überschreitender Streit braucht ebensolche Regeln. überfordert jedes Gericht.
soll, klagten rund 17 000 einst stolze T-Aktionäre der nächsten Woche.
auf Schadensersatz. Wenn die Entscheidung aber kommt und die
Zu Recht? Bald wissen sie mehr. Es ist gut mög- Telekom tatsächlich zu Schadensersatz verurteilt
lich, dass der Termin der Urteilsverkündung noch werden sollte, müsste allerdings noch in jedem der
einmal verschoben wird. Nach mehr als zehn Jahren 17 000 Einzelverfahren geklärt werden, wie hoch
Kampf kommt es auf ein paar Tage nicht an. Der der individuelle Schaden gewesen ist. Reichlich
bedeutendste Massenprozess der deutschen Wirt- Stoff also für viele weitere Prozessjahre. Für den
schaftsgeschichte erreicht nun seinen Höhepunkt. Frankfurter Anwalt Bernd-Wilhelm Schmitz, der
Zugleich endet ein gewaltiges soziales Experiment: die Telekom gegen die Aktionärsstreitmacht ver-
Nirgendwo sonst lässt sich die deutsche Einstellung teidigt, dürfte es der Fall seines Lebens sein.
zu Chance und Risiko besser beobachten als am
Börsengang der Telekom und seiner juristischen Eine Sammelklage in den USA war
Aufarbeitung. Eine neue Aktienkultur sei entstan- nach wenigen Jahren erledigt
den, hieß es damals, Sparbuchfetischisten wären zu
besonnenen Investoren gereift. Dabei trieb die in In den Vereinigten Staaten wäre es undenkbar, sich
Wahrheit oft nur die Gier. Der Kurs der Papiere fiel mit einem Fall so lange aufzuhalten. Auch die
von 66,50 Euro auf heute gut 11 Euro, die Volks- T-Aktie ist dort längst kein Thema mehr. Die
aktie weckte Volkszorn. Nun soll Justitia den An- schnelle Ruhe hatte freilich einen hohen Preis, wie
legern zurückgeben, was ihnen Kapitalmarkt und so oft bei juristischen Auseinandersetzungen in den
Selbstüberschätzung genommen haben. USA. Wie praktisch alle class actions endete auch
Das kann nur schiefgehen. die gegen die Telekom nicht mit einem Urteil,
Denn selbst nach der Entscheidung der Ober- sondern mit einem Geschäft zwischen den Be-
landesrichter wird die Sache noch lange nicht vorbei teiligten: Wichtiger als die Frage, wer das Börsen-
sein. Wer unterliegt, wird wohl Beschwerde beim debakel letztlich zu verantworten hat, sind öko-
Bundesgerichtshof einlegen. Geduld ist die Tugend nomische Rechnungen. Das birgt grundsätzlich das
enttäuschter Aktionäre, und ein Jahrzehnt reicht Risiko, dass Unternehmen auch dann zahlen, wenn
offenbar immer noch nicht aus, um die Grenze sie sich eigentlich nichts vorzuwerfen haben. Weil
zwischen Börsenschwindel und Fehlspekulation zu ein Rechtsstreit so teuer werden kann, dass man sich
ziehen. Derartige Massenprozesse sind vergleichs- lieber vergleicht.
weise neu für die deutsche Justiz, entsprechend Vor allem die bei Klägeranwälten beliebte docu-
schwer tut sie sich damit. Wer sich Gerechtigkeit ment discovery lädt zum Missbrauch ein. Damit
erhofft, wird enttäuscht werden. kann ein Unternehmen gezwungen werden, alle
Dokumente, die für den Fall relevant sein könnten,
Rund 800 Anwaltskanzleien mischen herauszurücken und auf eigene Kosten neu auf-
in dem Verfahren mit zuarbeiten. Vertragsentwürfe, Vorstandskorres-
pondenz, Sitzungsprotokolle, Testergebnisse und
In den Vereinigten Staaten gibt es solche Mammut- viele Papiere mehr, oft über Jahre und Ländergren-
verfahren viel häufiger. Bei Bilanzfälschung oder zen hinweg entstanden, müssen neu katalogisiert
unterschlagenen Nebenwirkungen von Medika- werden. Das erledigen dann Scharen von Anwälten
menten werden Konzerne regelmäßig mit Sammel- in teils monatelanger Arbeit zu Stundensätzen von
klagen konfrontiert, die dort class actions heißen. mehreren Hundert Dollar. Irgendwann wird die
Die Telekom wurde nach ihrem Börsengang auch Verteidigung extrem teuer. Ein Beispiel: Als der US-
in den USA verklagt, weil ihre Aktien dort gehandelt Pharmakonzern Merck wegen seines Schmerz-
wurden. Doch während man hierzulande noch mittels Vioxx vor einigen Jahren mit einer Sammel-
viele Jahre lang weiterprozessieren dürfte, schloss klage konfrontiert war, plante er dafür vorsorglich
der Konzern in den Staaten bereits 2005 einen Ver- die Riesensumme von 1,9 Milliarden Dollar als Ver-
gleich: Er zahlte 120 Millionen Dollar, und damit teidigungskosten ein. Vom eigentlichen Schadens-
war die Sache erledigt. ersatz war da noch nicht einmal die Rede – und
Warum geht das dort so schnell? Und warum auch nicht von den möglichen Strafzahlungen, die
dauert es hier so lange? Weil sich Deutschland und amerikanische Laienjurys in solchen Fällen gern
die USA nicht nur bei der Aktionärskultur, sondern zusätzlich anordnen. Merck beendete den Fall au-
auch in der Abwicklung von Gerichtsprozessen ßergerichtlich.
unterscheiden. Der amerikanische Ansatz führt zu In den USA wird schnell geklagt, weil Kläger
ökonomischer Effizienz, der deutsche sucht Gerech- kein finanzielles Risiko tragen. Selbst im Fall einer
tigkeit im Einzelfall. Niederlage müssen sie nicht einmal ihren eigenen
Dabei hatte Deutschland eigens ein Gesetz ge- Anwalt bezahlen – denn mit dem haben sie typi-
schaffen, um die Causa Telekom zügig abwickeln scherweise ein Erfolgshonorar vereinbart. Zwischen
zu können. Das Kapitalanleger-Musterverfahrens- 10 und 20 Prozent bekommt normalerweise ein
32 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 WIRTSCHAFT

Streiken
und pokern
Vor knapp vier Monaten triumphierten in Tunesien die
Menschen über die Diktatur. Doch ein wirtschaftlicher

Foto: Jonathan Alpeyrie/Polaris/laif


Aufbruch steht noch aus VON KARIN FINKENZELLER

Das Leben geht weiter. Wandzeichnung des Ex-Diktators Ben Ali in einem Souk in Tunis

D
as Hotel Africa ist geschlossen. Ein spiel erschien. Am Sonntagnachmittag kommen viele geht davon aus, dass Tunesiens Wirtschaft dieses Jahr kas, peitscht der Wind die Wellen des Mittelmeers für 2011 deutlich angehoben. Ein Teil der 6000
Schild an einer weißen Metallabsper- Hauptstadtbewohner gerne auf die Avenue Bourgui- um lediglich 1,3 Prozent wachsen wird – nach 3,7 an die Felsen. »Ein Volk, das einen Diktator ver- Mitarbeiter im tunesischen Leoni-Hauptwerk in
rung vor dem Haus verspricht, das ba, um ihre neue Freiheit zu genießen. Sie bevölkern Prozent 2010. Und so mancher ausländische Investor, trieben hat, lässt sich von einem Unternehmer nicht Sousse arbeitet auch samstags. Auf der einen Seite
Hotel werde »in Kürze« wieder den dort die Straßencafés, und dass auf dem Mittelstreifen der Tunesien in den vergangenen Jahren als Billiglohn- mehr alles gefallen«, sagt Sonia Ben Salid. Sie ist des Hofes entstehen die Kabelstränge für die Mer-
Betrieb aufnehmen. Das Fünfsterne- ein Panzer steht und keinen Meter neben der Kaffee- land in Europas Nähe schätzte, fragt sich, ob er sich Personalchefin bei Goldtex. 200 Beschäftigte, meist cedes-E-Klasse und die BMW-3er-Serie, auf der
haus im Zentrum von Tunis ist nicht wegen ein paar tasse Stacheldrahtrollen aufgetürmt liegen, hinter nach einer neuen Werkbank umsehen muss. Frauen, arbeiten für den Ableger der portugiesischen anderen die für den VW-Konzern. Als Kompromiss
Umbauarbeiten abgesperrt, sondern wegen der Re- denen Militärs mit lässig umgehängten Maschinen- »Muss er ganz und gar nicht«, ist Claude Cheneval Textilfirma Petratex. 48 Stunden pro Woche ent- sollen demnächst 480 Beschäftigte, die schon seit
volution. Oder genauer: wegen der neuen Offenheit, pistolen das Innenministerium vor einer Demons- überzeugt. Gerade hat der französische Unternehmens- stehen bei Neonlicht in den Hallen einer ehemali- mindestens sechs Jahren im Betrieb arbeiten, unbe-
mit der jetzt auch in Tunesiens Wirtschaft miteinan- tration schützen, kümmert niemanden. Doch der berater, der seit Jahren im Land lebt und auch mit der gen Schokoladenfabrik T-Shirts für die französische fristete Verträge bekommen, sagt Rouis. Das habe
der gestritten wird. Neuanfang nach 23 Jahren Diktatur in Tunesien ist deutsch-tunesischen Handwerkskammer zusammen- Marke Isabel Marant, Blusen für Trussardi Jeans er den streikenden Mitarbeitern versprochen. »Da-
Ein erbitterter Arbeitskampf hat zur Schließung nicht so entspannt, wie er aussieht. Nicht in der Poli- arbeitet, in der Lobby eines Nobelhotels in Tunis ein oder Jacketts für Zara und Massimo Dutti. An je- ran halte ich mich.« Und die Forderung nach Lohn-
des Hotels geführt. Die Direktion des Hauses wenige tik, wo es zuletzt erneut zu gewaltsamen Auseinander- Bewerbungsgespräch mit einer jungen Ingenieurin dem Arbeitsplatz zählt ein Computer die fertigen erhöhungen? »Sie müssen sich entscheiden, ob wir
Meter neben dem Innenministerium auf der Pracht- setzungen zwischen Sicherheitskräften und Gegnern beendet. Trotz sechsjähriger Berufserfahrung, zwei Stücke. So kann die Zentrale in Portugal ohne Zeit- hier mit 6000 Leuten und moderaten Löhnen ar-
straße Avenue Habib Bourguiba hat Hunderte interna- der Übergangsregierung kam und sich bereits mehr Masterabschlüssen zusätzlich zum Studium und einer verzug mitlesen, was in Nordafrika gerade passiert. beiten, oder mit 3000, deren Einkommen auf-
tionaler Konferenzen organisiert und diskret auch so als 50 Parteien für die Wahlen zu der wegen der Un- Position als Teamleiterin bei einem Autozulieferer ver- Goldtex bezahlt besser als so manches andere Tex- gebläht werden.«
manches Geheimtreffen, als die PLO von Jassir Arafat ruhen nun unsicheren verfassungsgebenden Versamm- dient sie derzeit lediglich 900 Dinar brutto im Monat tilunternehmen. Dennoch sind die Löhne in Bizer- Mehdi Rouis muss da nicht lange überlegen.
ihren Sitz noch in der tunesischen Hauptstadt hatte. lung im Juli registrieren ließen. Und nicht in der Wirt- – umgerechnet nicht einmal 500 Euro. te mit 450 bis 600 Dinar um 30 bis 40 Prozent Mit einem Diplom von einer der renommiertesten
Doch mit den Folgen der Revolution im eigenen Land schaft. Streiks und Straßenblockaden behindern seit »Wenn die Arbeitgeber ein bisschen was drauflegen, niedriger als in der portugiesischen Heimat des tunesischen Ingenieurschulen und zwei Master-
wusste sie nicht umzugehen. Anstatt auf die Forderung Wochen immer wieder die Industrieproduktion und bekommen sie höchst qualifizierte Leute zu einem Unternehmens. abschlüssen in Mikroelektronik und Qualitäts-
der 190 Mitarbeiter nach höheren Löhnen und der Anlieferung wichtiger Materialien. immer noch sehr guten Preis«, sagt Cheneval. Ebenso »L’Union fait la force« steht auf den Kitteln der sicherung war der 30-Jährige ein Jahr lang arbeits-
gesetzlich festgeschriebenen Entfristung der Arbeits- wichtig sei aber die Wertschätzung der Mitarbeiter Arbeiterinnen, »Einheit macht stark«. Auch sie los, bevor er 2009 den Job als Vorarbeiter bei
verträge nach vier Jahren Betriebszugehörigkeit ein- Die Tunesier wollen sich auch von etwa durch Investition in deren Aus- und Fortbildung. haben gestreikt, für mehr Geld und eine 40-Stun- Leoni bekam. Die Aufgabe entspricht zwar nicht
zugehen, machte sie das Hotel lieber zu. Er lasse sich Unternehmern nichts gefallen lassen Daran hätten es viele der Offshorebetriebe, die durch den-Woche. Der Chef persönlich kam aus Portugal seiner Qualifikation, aber immerhin. »Studien-
nicht unter Druck setzen, ließ der Inhaber, Néji Mhi- die Befreiung von Steuern und Sozialabgaben ange- angereist und nahm sie ins Gebet. Seither ist erst kollegen von mir haben bis heute keine Arbeit.«
ri, wissen. Ihm gehören rund zehn Prozent der Hotel- Fast immer geht es dabei um die Höhe der Löhne und lockt wurden, in der Vergangenheit mangeln lassen, einmal Ruhe – auch, weil die Bezahlung dieses Jahr Einer von ihnen gehörte zu den jungen Tunesiern,
betten in Tunesien sowie ein Möbelimperium. Dass die Umgehung des Arbeitsrechts mithilfe von Sub- kritisiert er. Maximalforderungen von heute streiken- noch um 10 Prozent steigen soll, wie Directrice die in den vergangenen Wochen illegal nach Italien
ihm hervorragende Beziehungen zu Ex-Diktator Ben unternehmen oder anderen Tricks. Um 12,2 Prozent den Arbeitnehmern hätten auch mit Jahrzehnten des Lurdes Silva sagt. »Das müssen wir schon deshalb übersetzten.
Ali nachgesagt werden, macht den Arbeitskampf zu- sei allein im ersten Quartal die Industrieproduktion erzwungenen Schweigens und völliger Unerfahrenheit tun, weil auch die Preise für Lebensmittel und an-
sätzlich brisant. gesunken, warnt Abdelaziz Rassaâ, Industrieminister mit Tarifverhandlungen zu tun. »Aber wer nur über dere Waren steigen.« »Der Niedergang der Wirtschaft ist eine
Vier Monate nach der Jasmin-Revolution ist unklar, der Interimsregierung. Der Tourismussektor, der in Geld spricht, dem hat der Arbeitgeber bisher nichts Rund 600 000 Menschen arbeiten in Tunesien große Gefahr für die Demokratie«
ob Tunesien auch ein wirtschaftlicher Aufbruch ge- den vergangenen Jahren für 10 Prozent der Wirt- anderes geboten.« für Offshoreunternehmen. Das sind etwa 30 Pro-
lingt. Diktator Sein al-Abidin Ben Ali war so schnell schaftsleistung stand, ist aufgrund der ausbleibenden Besuch in Bizerte, etwa eine Autostunde nördlich zent der abhängig beschäftigten Arbeitnehmer. Für 75 Prozent der Schulabgänger in Tunesien haben
und leicht vertrieben, dass Revolution wie ein Kinder- Urlauber gelähmt. Der Internationale Währungsfonds von Tunis. Am Cap Blanc, dem nördlichen Ende Afri- Diktator Ben Ali, der keine wirtschaftliche Neben- Abitur. Viele studieren. Aber es ist nicht ungewöhn-
macht fördern wollte und Lizenzen für einheimische lich, dass ein Jurist mangels adäquater Alternativen
Unternehmensgründungen von Gunstbezeugungen als Verkäufer für einen Mindestlohn von 280 Dinar
der Antragsteller abhängig machte, waren die Pro- an einem Obststand arbeitet oder ein ausgebildeter
duktionsstätten ausländischer Betriebe praktisch. Ingenieur in einem Callcenter. Auch Mohamed
Eines der ausländischen Unternehmen, das in Bouazizi, der sich selbst anzündete, nachdem die
Tunesiens Wirtschaft eine größere Bedeutung er- Polizei seinen Gemüsekarren konfisziert hatte, be-
langt hat, ist der Nürnberger Kabelhersteller Leoni. saß ein Universitätsdiplom. Den 85 000 bis 90 000
Er beschäftigt in Tunesien 13 000 Mitarbeiter. Die jungen Leuten, die jedes Jahr Schule oder Hoch-
Entourage des Diktators glaubte sogar, sie könne schule verlassen, stehen lediglich 60 000 bis 65 000
den Umsturz mit seiner Hilfe verhindern. »Der freie Stellen gegenüber.
Minister für Internationale Zusammenarbeit und Interims-Finanzminister Jalloul Ayed hat einen
Ausländische Investitionen hat mich angerufen und »Marshallplan« für die arbeitslose Jugend angekün-
gebeten, wir sollten ein Werk mit tausend Leuten digt und das Ziel ausgegeben, binnen fünf Jah-
in Sidi Bouzid eröffnen«, er- ren mehrere Hunderttausend
zählt Mohamed Larbi Rouis, neue Jobs etwa durch öffent-
Operating Manager Tunesien Tunis liche Infrastrukturprojekte zu
Bizerte
von Leoni. Sidi Bouzid, das schaffen. Finanziert werden
ist jene Stadt im verarmten sollen diese unter anderem
Landesinnern, wo die Revo- Sousse durch die Privatisierung von
lution mit der Selbstverbren- Sidi Bouzid Unternehmen und Betei-
nung des jungen Mohamed ligungen von Ben Ali und
Buazizi ihren Ausgang nahm. seinem Clan. Schätzungen
Mittelmeer
Am Telefon in seinem Büro zufolge entzogen der Ex-
im Industriegebiet des Küs- TUNESIEN Diktator und seine Familie
tenortes Sousse signalisierte der tunesischen Wirtschaft
ZEIT-Grafik
Rouis dem Minister tags ALGERIEN LIBYEN
200 km
jährlich rund zwei Prozent
darauf, dass er grundsätzlich des Wachstums.
offen sei für den Standort. Er Ausländische Investoren
machte aber auch klar, dass Tunesien in Zahlen müssten aber auch aufhören,
das Unternehmen die Wirt- Tunesien als billigen Pro-
10,6
schaftlichkeit seiner Aktivi- Einwohner in Millionen: duktionsstandort zu begrei-
täten gewährleisten muss. Arbeitslosigkeit in Prozent*: 14,4 fen, mahnt Ayed. Demnächst
Die kostenlose Überlassung Inflationsrate in Prozent*: 4,0 will die Regierung Gespräche
einer Werkshalle sei daher Wirtschaftswachstum in Prozent*: 1,3 mit Gewerkschaftern und
eine der Voraussetzungen *Schätzung für 2011 Unternehmern über Tarifver-
gewesen, wie er sagt. »Aber handlungen aufnehmen. Die
EXPORT 11,1
es war schon zu spät. Die Er- Tunesien EU Sorge geht um, dass finan-
9,5 IMPORT
eignisse ließen sich nicht zielle Not und die Ent-
mehr aufhalten.« Handelsdaten von 2010, in Mrd. Euro täuschung über die wirt-
Inzwischen hat Rouis die ZEIT-Grafik/Quelle: GTAI schaftliche Entwicklung den
zu Diktaturzeiten obliga- politischen Neuanfang ge-
torischen Fotos von Ben Ali im Werk abhängen fährden könnten. Vor allem wird befürchtet, dass
lassen. Nur Haken an den Wänden erinnern noch die unter Ben Ali verbotene islamisch geprägte
daran, dass da mal was war. Auch die Übergangs- Partei Ennahda bei der Wahl am 24. Juli aus Un-
regierung geht jedoch fest davon aus, dass die zufriedenheit Profit schlagen könnte. Schon geht
Werksgründung kommt. Nichts sei entschieden, das Gerücht um, die Militärs könnten, wie 1992
betont Rouis. Er pokert. Gut möglich, dass der im benachbarten Algerien, bei einem Wahlsieg der
Operating Manager auch künftig nicht automatisch Partei einschreiten. Ennahda ist nach dem Verbot
nach vier Jahren unbefristete Verträge gewähren der früheren Regierungspartei RCD die einzige
muss. »Würden wir das umsetzen, hätten wir nicht Gruppierung, die aufgrund ihrer langjährigen Ar-
mehr die Flexibilität, die wir als Unternehmen beit im Londoner Exil über Parteistrukturen und
brauchen.« So wird auch in den neuen Zeiten, die einen gewissen Organisationsgrad verfügt.
zu Demokratie und Rechtsstaat führen sollen, um »Der Niedergang der Wirtschaft ist eine große
die Einhaltung von Vorschriften gefeilscht. Gefahr für den Übergang zur Demokratie«, warnt
Dabei läuft das Geschäft von Leoni und seinen Tunesiens Zentralbankchef Mustapha Kamel Nabli.
Abnehmern glänzend. Der Automobilzulieferer hat Leuten wie ihm graut schon vor den Schlagzeilen
seinen Konzerngewinn im ersten Quartal mehr als im Ausland, sollte die Islamistenpartei als stärkste
verdreifacht und die Umsatz- und Gewinnprognose Kraft aus den Wahlen hervorgehen.
WIRTSCHAFT 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 33

»Das geht nur mit Arbeit«


Lettlands Wirtschaft brach in der Krise ein. Nach harten Reformen könnte es 2011 wieder aufwärts gehen VON JAN PALLOKAT

S
eit die bekannte lettische Kosmetikkette nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion – die- ginnen werde, wieder Rücklagen zu bilden. Das Das verarbeitende Gewerbe zu fördern ist erklärtes
Kolonna ihre Preise um rund ein Viertel ser war weit drastischer als der gegenwärtige Ab- könnte auch Lettlands erklärtem Ziel helfen, schon Ziel der Regierung. Allerdings errichten Industrie-
gesenkt hat, ist Schönsein in Lettland so sturz. Also werden alte Überlebensstrategien neu im Jahr 2014 den Euro einzuführen und es damit konzerne aus dem Ausland im Baltikum keine Fa-
billig zu haben wie lange nicht mehr. belebt: Die Oma auf dem Land, im Boom eher dem Nachbarn Estland gleichzutun, wo die Ge- briken; Lettland ist zu klein und zu abgelegen. Und
Auch das Bier in den Gaststätten der eine Last, versorgt jetzt die meinschaftswährung seit Jah- wer den benachbarten russischen Markt bedienen will,
Hauptstadt, die Miete für die Rigaer Wohnung, ganze Familie mit preiswer- resbeginn gilt. produziert dort besser direkt. So verlässt zum Beispiel
der Käse auf dem Wochenmarkt: Vieles ist preis- tem Essen aus dem eigenen ESTLAND Die Chancen darauf stehen Holz das Land tonnenweise, unverarbeitet, als roher
werter als noch vor zwei, drei Jahren. Freuen kann Garten. »Wir gehen weniger gar nicht schlecht. Alle Zahlen Stamm, nur um als teures Importpapier wieder zu-
Ostsee
sich jedoch niemand darüber. Sinkende Preise sind aus«, sagt eine Mitarbeiterin deuten darauf hin, dass Lett- rückzukehren. Papierfabriken zu errichten würde viel
ein Krisensymptom. im Rigaer Day Spa. Und eine lands Wirtschaftsabsturz vorerst Kapital erfordern, das in Lettland nicht vorhanden ist.
Während des lettischen Booms, der etwa von der Kollegin fügt hinzu: »Beim LETTLAND gestoppt ist; dieses Jahr scheint »Zudem braucht es Knowhow, auch das gibt es zu
Riga
Jahrtausendwende bis 2008 währte, zeigten noch alle Einkaufen schaue ich jetzt ein leichtes Wachstum wieder wenig«, urteilt der Ökonom Morten Hansen.
Zahlen nach oben: das Wachstum, die Preise, die genauer hin, früher haben wir möglich. Getragen wird es fast Für wirtschaftliche Dynamik sorgen dagegen eine
Löhne. Die Welt sprach bewundernd vom »baltischen einfach in den Wagen gelegt, allein von der kleinen Export- Vielzahl kleiner Firmen, die mit Fleiß, Zuverlässigkeit
Tiger«, und die Letten glaubten der Welt sehr gern. was uns gefiel.« LITAUEN wirtschaft. Die deutlich reduzier- und den inzwischen wieder niedrigeren Löhnen Ni-
ZEIT-Grafik
Dann aber ging es in die umgekehrte Richtung. Auch Viel härter trifft es hin- 100 km ten Produktionskosten haben schen bedienen. Zum Beispiel die Firma von Ginta
im Baltikum schlug die globale Finanz- und Wirt- gegen jene, die sich in den lettische Waren wieder attrak- Amerika: Ehemals Beamtin in der Rigaer Stadtver-
schaftskrise mit unerbittlicher Härte zu: Die Wirt-
schaft schrumpfte allein 2009 um 18 Prozent, 2010
Boomjahren von den rasant
steigenden Löhnen dazu hin-
Lettland in Zahlen tiver gemacht.
Das merkt zum Beispiel
waltung, gründete Amerika vor einigen Jahren ein
Modelabel, um »endlich mal was Kreatives zu ma-
ging es noch ein bisschen weiter nach unten. reißen ließen, Wohnungen Einwohner in Millionen: 2,3 der Holzverarbeiter Osukalns chen«. Während ihre Landsleute noch mit Immobilien
Anders als in Deutschland, wo ein ziemlich starker oder Häuser auf Kredit zu aus Jekabpils (Jakobstadt) in zockten, baute Amerika mit ein paar Freundinnen auf
kaufen. Ihr Besitz ist nach Arbeitslosigkeit in Prozent*: 17,2 Ostlettland. Das Unterneh-
Staat die Beschäftigten mittels Kurzarbeit und Kon- ein Netz kleiner Boutiquen in Deutschland und Skan-
junkturprogrammen einigermaßen vor der Krise dem Absturz meist deutlich Inflationsrate in Prozent*: –1,1 men spürt den Wirtschafts- dinavien, die Pullis und Röcke aus Lettland in ihr
schützte, zahlten in Lettland überwiegend Arbeiter weniger wert als die Hypo- *Ende 2010 aufschwung in Mittel- und Sortiment aufnahmen. Inzwischen arbeiten zwölf Mit-
und Angestellte die Zeche. Die Arbeitslosenrate thek. Laut Statistik haben von Bruttosozialprodukt in Milliarden Euro Nordeuropa und besonders in arbeiter für die Firma Ameri, die sich in einem Haus
schnellte nach oben, auf zuletzt 17,2 Prozent. Die 600 000 lettischen Haushal- 23,0 Deutschland, wo Bauholz und am Rande der Rigaer Altstadt einquartiert hat.
18,6 18,1
Kosmetiker und Masseure bei Kolonna mussten ten 120 000 Kredite aufge- Stecklatten für Saunen und Ein weiteres Beispiel für die Chancen in der Nische
Lohnkürzungen um bis zu 40 Prozent hinnehmen. nommen; davon kann inzwi- Blockhäuser wieder stärker ge- ist der Holzspielzeughersteller Varis. Der Familien-
Damit ließen sich die Preissenkungen finanzieren. schen jeder dritte die Raten fragt sind. Allerdings fehlen betrieb lässt in der lettischen Provinz Holzbaukästen
Immerhin: »Am Ende brauchten wir keine einzige nicht mehr regelmäßig bedie- 2008 2009 2010 Vertriebschef Juris Kudeiko fertigen, aus denen sich Bauernhöfe oder Flugzeuge
unserer 40 Niederlassungen aufgeben«, sagt Kolonna- nen. Noch halten sich die ZEIT-Grafik/Quelle: Zentr. Statistikbüro Lettland nun die Lastwagen, um seine zusammenstecken lassen. Auch Varis verkauft direkt
Chefin Ieva Plaude-Röhlinger. Banken mit Zwangsversteige- Waren nach Westen zu brin- an ausgesuchte Spielwarenläden in ganz Europa, vor
Es war ein kreditfinanzierter Immobilien- und rungen zurück, weil es kaum Käufer gibt. Das dürf- gen. Örtliche Spediteure sind während der Krise allem in Deutschland.
Konsumboom, der die lettische Wirtschaft hatte te sich allerdings ändern, sobald der Markt wieder pleitegegangen, und ausländische Anbieter steuern Kann man aber mit Kleinstfirmen, mit Holzspiel-
heißlaufen lassen. »Es war im Prinzip das gleiche in Schwung kommt. das Land am Rand der EU kaum noch an. »Ich zeug und Ökopullis ein Land zum Wohlstand führen?
Spiel, das man auch in Ländern wie Spanien gese- Immerhin lag die Verschuldung des Staates in muss manchmal tagelang telefonieren, bevor ich Wahrscheinlich bleibt den Letten vorerst nichts ande-
hen hat«, erklärt der in Riga lehrende Ökonom Lettland vor Beginn der Krise bei nur etwa 20 Pro- einen freien Lkw bekomme«, sagt Kudeiko. Zu res übrig. Auf Knopfdruck lässt sich die industrielle
Morten Hansen. »Nur war die Blase, relativ zur zent des Bruttosozialprodukts und damit weitaus Boomzeiten war das anders; da transportierten die Basis nicht vergrößern. »Die Lehre aus der Krise ist:
Größe des Landes, viel gewaltiger.« niedriger als in westeuropäischen Krisenländern. Lastwagen aus dem Westen Baustoffe nach Lettland Es gibt nicht den einfachen Weg zum Wohlstand«,
Als die Blase platzte, nahm die Baltenrepublik Finanzstaatssekretär Bicevskis verspricht zudem, und luden für die Rückfahrt die Bretter und Latten sagt die Kleinunternehmerin Amerika. »Das geht nur
eine Entwicklung, die der Griechenlands ähnelt, dass die Regierung mit dem Ende der Krise be- aus Jekabpils auf. mit Mühsal und Arbeit.«
aber bereits weiter fortgeschritten ist – und die
manche Beobachter als Blaupause für Athen be-
trachten. Ende 2008, Lettland stand kurz vor der
Pleite, nahm der Staat Notkredite der Europäi-
schen Union und des Internationalen Währungs-
fonds in Anspruch und beugte sich im Gegenzug
dem Spardiktat der Geldgeber. Vom Gipfel des
Booms bis zum bisherigen Tiefpunkt der Krise
verlor das Land ein Viertel seiner Wirtschaftsleis-
tung und brach damit so stark ein wie kein ande-
res europäisches Land. Inzwischen allerdings,
nach harten Reformen und Einschnitten, scheint
ein neuerlicher Aufschwung möglich. Manchen
Wirtschaftsexperten gilt Lettlands Rosskur als
beispielhaft.
Mit seiner Hauptstadt Riga, der einzigen Me-
tropole des Baltikums, war das dünn besiedelte
Land als Teil der ehemaligen Sowjetunion einst zu
einem Industriestandort aufgebaut worden. Der
Kollaps des sozialistischen Riesenreichs traf Lett-
land hart. Er hinterließ Zigtausende arbeitslose
Industriearbeiter. Der Anteil des verarbeitenden
Gewerbes lag 2009 bei nicht einmal neun Prozent.
Sogar im traditionell agrarischen Litauen liegt er
weit höher. Lettland lebte dank seiner drei Ostsee-
häfen Riga, Liepaja (Libau) und Ventspils (Win-
dau) von Transport und Transit, vom Tourismus
und – wegen seiner ausgedehnten Wälder – vom
Holzexport. Im Boom allerdings blähten sich vor
allem der Einzelhandel, das Bauwesen und der Fi-
nanzsektor auf. Das Ende kam abrupt und mit
Wucht, die Rettung der wankenden Parex-Bank,
des einzigen lettischen Kreditinstituts von Bedeu-
tung, das nicht in ausländischen Händen ist, rui-
nierte die Staatsfinanzen.
Lettland machte durch, was im Ökonomen-
deutsch »interne Abwertung« genannt wird. Dabei
geht es darum, mit aller Kraft Löhne und Preise zu
drücken, damit die Wirtschaft zu wettbewerbs-
fähigen Kosten produzieren kann. Eine Abwertung
der eigenen Währung, des Lats, hätte zwar den
gleichen Effekt gehabt, aber auch jegliches Ver-
trauen internationaler Investoren in die Über-
lebensfähigkeit der Baltenrepublik untergraben –
und noch mehr Unternehmen und Privatleute in
den Ruin getrieben, vor allem jene, die sich bevor-
zugt in Euro verschuldet hatten. Deren Verbind-
lichkeiten wären weiter gestiegen.
Die daher verfügten Sparmaßnahmen summie-
ren sich bisher auf mindestens 16 Prozent der
Wirtschaftsleistung; die Löhne im öffentlichen
Dienst wurden um 40 Prozent gesenkt. Lettland
erhöhte die Umsatzsteuer auf 22 Prozent, verkürz-
te die Bezugsdauer für das Arbeitslosengeld und
kappte die Zuschüsse an den öffentlichen Nahver-
kehr. »Jahrelang ging es darum, Geld auszugeben.
Nun war plötzlich die Frage, wie man spart und
neue Einnahmequellen auftut. Das war hart«, sagt
Fotos (Ausschnitt): Roman Koksarov/AP/ddp (u.) ; ddp (2)

Finanzstaatssekretär Martins Bicevskis.


Erstaunlicherweise erlebte das Land keine Un-
ruhen. Zu Beginn der Krise gab es genau eine ein-
zige größere Demonstration. Als dabei ein paar
Fensterscheiben zu Bruch gingen, »waren die Let-
ten wohl derart erschrocken, dass sie es seither nie
mehr wagten, zu protestieren«, spottet ein Diplo-
mat in Riga. Die konservative Regierung wurde im
vergangenen Herbst sogar wiedergewählt.
Wahrscheinlich liegt die nachgerade unwirk-
liche Ruhe daran, dass die Balten in Jahrhunder-
ten der Fremdherrschaft gelernt haben, dass es
bisweilen klüger ist, sich dem Unvermeidlichen
zu beugen und auf ihre Chance zu warten. Viele
Letten hatten auch gar keine Gelegenheit, sich an
Blick von Rigas Kathedrale (oben), ein Café einen hohen Lebensstandard zu gewöhnen, sie er-
im Zentrum (Mitte), das Freiheitsdenkmal innern sich noch an den wirtschaftlichen Kollaps
34 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20
FINANZSEITE
WIRTSCHAFT

Kursverlauf
$ RUSSLAND-
€ GOLD MAIS ALUMINIUM
DAX DOW JONES JAPAN-AKTIEN AKTIEN EURO ROHÖL (WTI) 1514 US$/ 7,17 US$/ 2659 US$/
Veränderungen 7526 12 745 NIKKEI: 9819 RTS: 1928 1,44 US/$ 103 US$/BARREL FEINUNZE SCHEFFEL TONNE
seit Jahresbeginn +7,9 % +10,1 % –5,2 % +8,9 % +7,5 % +15,1 % +6,5 % +14,4 % +6,4 %

GELD UND LEBEN

Boom, Crash, Boom


Der Silberpreis steigt wieder, doch
Investitionen bleiben gefährlich

Der Silberpreis steigt rasant! Nein, er fällt ins Boden-


lose! Oder halt: Jetzt steigt er ja doch wieder!
Was denn nun?
Das begehrte Metall hat vielen in der Finanz-
branche gleich mehrfach glänzende Augen beschert.
Zunächst waren es Freudentränen, stieg doch der
Silberpreis binnen eines Jahres von weniger als 20
Dollar je Feinunze auf rund 50 Dollar. Dann kamen
Abgesichert oder
Illustration: Karsten Petrat für DIE ZEIT/www.splitintoone.com

Tränen der Angst, denn binnen weniger Tage Anfang


Mai verlor der Silberpreis rund 20 Prozent (was öffent-
lich allerdings nur wenig beachtet wurde, weil zur
selben Zeit die Tötung Osama bin Ladens diskutiert
wurde). Und schließlich flossen Tränen der Erleich-
abgezockt?
terung, denn der Silberpreis erholte sich etwas.
Für Normalanleger ist Viele Versicherte begleichen ihre Prämien in Raten.
das ein sicheres Zeichen: Dafür zahlen sie einen Aufschlag. Doch die Firmen
Diese Woche von Finger weg! Als der deut-
Marcus Rohwetter sche Edelmetallkonzern verschleiern die wahren Kosten VON TOBIAS ROMBERG
Heraeus am vergangenen
Montag in Hanau seine
Bilanz vorlegte, berichte-
ten Manager davon, dass
beim Silber immer noch
sehr viele Spekulanten
unterwegs seien. Umge-
kehrt heißt das: Mit den Aussichten der Weltwirt-

P
schaft, mit Inflations- oder Deflationsszenarien hat ia Lanze wollte Gerechtigkeit, zent war, schwante ihr erst Anfang 2010. Damals Es geht um Riesterverträge und Lebensver- sicherung am Landgericht Stuttgart verurteilt, ihre
der Silberpreis womöglich weniger zu tun als gedacht. wie sie sagt. Die 53-Jährige, die erfuhr sie von einem langen Rechtsstreit zwischen sicherungen, aber auch um Kfz-, Unfall- und Haft- Klauseln zu Teilzahlungszuschlägen zukünftig nicht
Die Kursausschläge sind unvorhersehbar. in Wirklichkeit anders heißt, Versicherern und Verbraucherschützern. pflichtversicherungen. Laut der Verbraucherzen- mehr zu verwenden, weil der Verbraucher nicht
Nicht nur Heraeus macht übrigens Spekulanten hatte etwas an der Ratenzahlung Pia Lanze schrieb ihrer Versicherung. Diese trale Hamburg sind lediglich Verträge unter 200 erkennen könne, wie hoch der Zuschlag sei.
für die Silberpreiskapriolen verantwortlich. Ende April für ihre Berufsunfähigkeitsversi- zögerte und verweigerte dann, so wie viele andere Euro Jahresprämie und Krankenversicherungen Pia Lanze nutzte für ihr Anliegen einen Muster-
hatte die Chicagoer Rohstoffbörse höhere Sicherheits- cherung und ihre Altersvorsorge auch, eine Rückzahlung des Differenzbetrags. Erst ausgenommen. Da wundert es nicht, dass die Un- brief, den sie sich von der Website der Verbraucher-
leistungen auf Silberkontrakte verlangt. Im Klartext: auszusetzen. Sie hält den Auf- als Lanze einen Anwalt einschaltete, kam Bewegung ternehmen verunsichert waren und zunächst mau- zentrale Hamburg herunterlud. Darin forderte sie
Wer mit Silber spekulieren wollte, musste mehr Geld schlag, den sie dafür zahlt, dass sie ihre Jahres- ins Spiel. Im Juni 2010 erhielt sie einen dreistelligen erten. Inzwischen sind sie etwas entspannter, auch eine »Neuberechnung des Ratenzahlungszuschlags
hinterlegen. Es ist ein klassisches Mittel, um Spekula- prämie monatlich abstottert, für zu hoch. Und Betrag – bei Weitem nicht so viel, wie sie erwartet weil die Verbraucherschützer sich auf Urteile stüt- seit Vertragsbeginn auf Basis des gesetzlichen Zins-
tionen einzudämmen, der Preis brach daraufhin ein. forderte Geld von ihrer Versicherung zurück. hatte. Und reine Kulanz, wie die Assekuranz be- zen, die lediglich Einzelfallcharakter haben. satzes von 4 Prozent« und die »Rückerstattung der
Es scheint, als habe sich die Geschichte wiederholt. Mittlerweile weiß sie, dass die meisten Ver- tonte, »ohne Anerkennung einer Rechtspflicht«. Bei dem Streit geht es um einen kleinen, aber zu viel gezahlten Zinsen«. Laut Verbraucherzen-
Denn schon einmal, in den späten siebziger Jahren, sicherungen ihre Prämien auf Jahresbasis kalkuliert Es ist ein Drahtseilakt. Für Versicherungs- gewichtigen Unterschied – den von Ratenzuschlag trale wurde dieser Brief fast 200 000-mal herunter-
trieben Spekulanten den Silberpreis bis an die 50- haben. Doch die meisten Kunden zahlen »unterjäh- nehmer wie Pia Lanze und für die Assekuranzen. und effektivem Jahreszins. Den Unterschied zwi- geladen. Glaubt man den Versicherern, schicken
Dollar-Marke. Es waren die Brüder Nelson Bunker rig«, also monatlich, vierteljährlich oder halbjähr- Denn geklärt ist die knifflige Sache noch lange schen einem in Verträgen ausgewiesenen Zuschlag aber nur wenige diesen Brief dann auch ab. »Ver-
und William Herbert Hunt. Sie wurden erst durch die lich. Wird die Jahresprämie gestückelt, heißt das nicht. Insgesamt geht es womöglich um Millio- für die Stückelung der Jahresprämie und einem einzelte Anfragen« habe man bekommen, so die
Anordnung höherer Sicherheitsleistungen gestoppt. Teilzahlung. Und dafür erheben die Versicherun- nen Verträge. Die Verbraucherzentrale Hamburg tatsächlich zu berappenden Preis. Höhere Finanz- Huk; »äußerst wenige« meldet die Continentale,
Wie wenig Neues gibt es doch am Finanzmarkt. gen einen Aufschlag. Pia Lanze ging lange Zeit sprach einmal von 15 Milliarden Euro, die die mathematik ist das. Der Ratenzuschlag für die »einige Hundert Anschreiben« die DEVK. Bei der
Erst Spekulation. Dann Begrenzung. Dann Absturz. davon aus, dass sie für ihre monatliche Zahlungs- Branche vielleicht zahlen müsse. Das war aus unterjährige Zahlung wird – wenn überhaupt – in Generali liegt die Zahl nach eigenen Angaben »im
Dann wieder von vorne. Der Silberpreis ist ja auch weise fünf Prozent mehr aufbringen muss. Dass es heutiger Sicht etwas hoch gegriffen. Brisant aber Prozent des Jahresbeitrags angegeben. Im Fall der unteren vierstelligen Bereich«, die Ergo nennt eine
schon wieder gestiegen. tatsächlich ein effektiver Jahreszins von 11,35 Pro- bleibt der Streit. monatlichen Zahlung von Pia mittlere vierstellige Zahl an
Lanze war es ein Zuschlag von fünf Briefen und Anfragen.
Prozent. Die Referenz bei der Be- Lanze erhielt eine Tabelle,
rechnung dieses Zuschlags ist stets die die Berechnung des Be-
die volle Jahresprämie – auch wenn Teilzahlung trags, den sie damals bekam,
die Prämie Monat für Monat abge- erklären sollte. Die Tabelle ist
stottert wurde und Lanzes »Schul- Bezahlt ein Kunde seine furchtbar unübersichtlich.
den« somit jeden Monat etwas Jahresprämie nicht auf Die »Kulanz« ihrer Versiche-
kleiner wurden. einen Schlag, sondern rung ist aber ein Beleg dafür,
Aussagekräftiger ist deshalb stottert sie halbjähr- dass in der Branche zeitweise
der Effektivzins. Er ist verbrau- lich, vierteljährlich oder Verunsicherung herrschte.
cherfreundlicher, benennt den monatlich ab, verlangen Denn auch die komplette
»echten Preis«, mit ihm kann die meisten Versicherer Rückabwicklung von Ver-
man beispielsweise auch bestim- Zusatzkosten. Sie trägen schien plötzlich mög-
men, ob ein Darlehen teuer oder begründen das mit lich. Lanzes Versicherung
günstig ist. Für den Effektivzins höheren Verwaltungs- betont heute, »dass es keine
gibt es komplizierte Berech- kosten und entgangenen rechtliche Verpflichtung gibt,
nungsformeln. Im Fall Pia Lanze Zinseinnahmen. Doch unterjährige Zahlweise wie
beträgt der Effektivzins 11,35 Verbraucherschützer ein Verbraucherdarlehens-
Prozent. Das räumte auch ihr kritisieren, die Klauseln geschäft oder Finanzierungs-
Versicherer ein. Verbraucher hof- in den Verträgen hilfe zu behandeln«.
fen nun, dass sie, wenn der effek- machten es für den Genau das ist der juristi-
tive Jahreszins nicht angegeben Kunden nicht trans- sche Knackpunkt: Gewähren
wurde, rückwirkend nur den ge- parent genug, wie viel die Versicherer den Ratenzah-
setzlichen Effektivzins von vier ihn das Bezahlen in lern einen Kredit oder nicht?
Prozent zahlen müssen, der dann Raten tatsächlich kostet Fast alle Versicherer argumen-
fällig wird, wenn wichtige Anga- tieren wie Lanzes Versiche-
ben zum Zins im Vertrag fehlen. rung. Verbraucherschützer
Die Versicherer sind alarmiert halten dagegen: »Wenn der
und versuchen, Nachteile für die gesamte Branche Versicherer vorschreibt, dass Jahresprämien geschul-
abzuwenden. Das gelang ihnen im Rechtsstreit der det und zu Beginn eines Jahres fällig sind, dann aber
Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) gegen anbietet, diese Jahresprämien in unterjährigen Raten
die Huk-Coburg. Der VZBV gewann 2006 vor gegen Ratenzuschläge abzutragen, dann ist das ein
dem Landgericht Bamberg gegen die Versicherung, klassischer Ratenkredit«, sagt Rechtsanwalt Joachim
die den effektiven Jahreszins in Riesterverträgen Bluhm, der für die Verbraucherzentrale Hamburg
nicht angegeben hatte. Das Oberlandesgericht Prozesse führt. Deshalb müsse auch der effektive
kassierte diese Entscheidung dann aber wieder. Die Jahreszins angegeben werden.
Sache ging bis vor den Bundesgerichtshof. Während Die Versicherung von Pia Lanze beruft sich wie
der mündlichen Verhandlung, so ist zu hören, soll viele andere Versicherer auf Urteile aus den ver-
sich abgezeichnet haben, dass der zuständige Senat gangenen Monaten. Doch diese Urteile sind bei
wohl dem VZBV recht geben würde. Die Huk genauerer Betrachtung nicht immer wasserdicht.
knickte ein. Es kam zu einem sogenannten An- In einigen Fällen ging es im Kern gar nicht um den
erkenntnisurteil, ohne dass der BGH zur Sache effektiven Jahreszins. Und mancher Kläger verhielt
selbst etwas entschied. Nun gilt das Urteil des Land- sich offenbar sehr ungeschickt.
gerichts. Ein geschickter Schachzug der Huk – ein Die Verbraucherzentrale Hamburg und Rechts-
Anerkenntnisurteil kann nicht auf andere Fälle anwalt Bluhm setzen deswegen auf Verbandsklagen:
übertragen werden. Es fehlt bis heute ein höchst- »Dort spielt auch keine Rolle, was für ein Typ der
richterliches Urteil mit Grundsatzcharakter. Versicherungsnehmer im Einzelfall ist«, sagt Bluhm.
Was den Verbraucherschützern unterdessen Bei Individualklagen mit niedrigen Streitwerten
gelingt, sind Etappensiege. Kleinere Schlachten und schlechter Vergütung der Rechtsanwälte seien
werden gewonnen, die Hoffnung machen, aber die Versicherer meist weit überlegen. »Wenn dann
Einzelfallcharakter haben. Anfang Mai erst ent- dort schlechte Entscheidungen ergehen, werden
schied das Landgericht Hamburg in einem Rechts- diese allen anderen Gerichten zum Abschreiben
streit der Verbraucherzentrale Hamburg und der vorgelegt«, sagt Bluhm.
Neue Leben Lebensversicherung AG, »dass bei Prä- Trotz der jüngsten Teilerfolge der Verbraucher-
mienratenzahlungsklauseln in Versicherungsbedin- schützer herrscht längst noch keine Klarheit. Und
gungen für den erhobenen Ratenzuschlag auch der die Versicherer werden weiterhin alles unternehmen,
effektive Jahreszinssatz ausgewiesen werden muss«. um ein höchstrichterliches Urteil zu ihren Unguns-
Und Ende April wurde die Stuttgarter Lebensver- ten zu verhindern.
WIRTSCHAFT ANALYSE UND MEINUNG
35

A
12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20

Probiert’s doch mal! DIE ANALYSE


Un-Gestaltung
Kohlestrom kann man sauberer machen. Doch viele Deutsche ThyssenKrupp baut um und ab. Aber eine neue Form
wollen das Verfahren nicht einmal testen VON CHRISTIAN TENBROCK bekommt der Mischkonzern so nicht VON JUTTA HOFFRITZ

Das Kürzel CCS steht für eine große Idee, so destens 50 Euro kosten – zu viel, als dass sich CCS Kaum mehr als 100 Tage ist tausendwende kündigte das Viel Spielraum kann Konzernchef Hiesinger mit
wie Ideen eben sein müssen, wenn sie die Welt gegenwärtig lohnen könnte. ThyssenKrupp-Chef Hein-
Der Plan Unternehmen schon mal ei- seinen Plänen also nicht gewinnen. Bevor er neue
ein klein wenig besser machen sollen. Mittels Es kann also gut sein, dass alle Tests am Ende rich Hiesinger im Amt, da Umsatz von ThyssenKrupp 2010 nen Börsengang an. Damals Investitionen tätigen kann, müssen erst mal die alten
Carbon Dioxid Capture and Storage soll das bei mit dem einen Urteil enden: Lieber nicht. Aber legt er einen gewaltigen Um- nach Sparten, in Milliarden Euro sollte nicht nur Edel-, sondern Schulden weg. Sechs Milliarden Euro. Eine gewal-
der Stromerzeugung in einem Kohlekraftwerk CCS nicht einmal erproben heißt, allzu früh bauplan für den Stahl- und auch der klassische Qualitäts- tige Summe – selbst bei einem Börsengang der Edel-
entstehende Klimagift Kohlendioxid aufgefan- aufzugeben. Kohleverstromung wird notgedrun- Technologiekonzern vor. Vom Edelstahl Auto
stahl aus dem Portfolio ver- stahl-Sparte.
gen, in Pipelines geleitet und schließlich in gen noch für Jahrzehnte einen wesentlichen Teil Edelstahl will er sich trennen Auto
schwinden. Doch die internen Mit dem Umbauprogramm will sich Hiesinger
6 4,4
Lagerstätten tief unter der Erdoberfläche ver- der weltweiten Energieversorgung ausmachen. und auch vom Autozuliefer- (verbleibt im Debatten zogen sich so lange von einem Viertel des Umsatzes (2010: 43 Milliar-
1,6 Konzern)
frachtet werden. CCS versucht also, Klima- Gegenwärtig erzeugt China – wo fast wöchent- geschäft. Ziel sei es, so teilt hin, bis im Spätsommer 2000 den Euro) trennen. Doch er bleibt die Entscheidung
schutz und Kohlenutzung zusammenzubrin- lich ein neues Kohlekraftwerk ans Netz geht – das Unternehmen mit, »Fle- 5 Aufzüge die Konjunktur einknickte. schuldig, ob ThyssenKrupp künftig Stahl- oder
Qualitäts- 12 Gesamt
gen. Die Internationale Energieagentur hat damit 80 Prozent seines Stroms, in den USA und xibilität« für den Ausbau at- stahl 43 4 Anlagenbau Damit hatte sich die Sache Technologiekonzern sein soll. Der Qualitätsstahl
sich ebenso für das Verfah- in Deutschland sind es etwa traktiverer Geschäfte zu ge- 1 Kriegsschiffe erst mal erledigt. macht auch nach dem Abschied vom Edelstahl noch
ren ausgesprochen wie der 50, beim Nachbarn Polen winnen. 13 Die sicherste Alternative gut ein Drittel des Portfolios aus. Die Autoteile
mit einem Nobelpreis be- sogar über 90 Prozent. Inner- Das klingt gut, doch vieles, Handel wird abgespalten wäre deshalb eine Abspaltung werden weniger, dafür baut der Konzern weiter Auf-
dachte Weltklimarat; Briten, DER STANDPUNKT: halb von 20 Jahren, so die was der neue Chef nun plant, ZEIT-Grafik/Quelle: Geschäftsbericht wie sie zu Jahresbeginn Bran- züge, Industrieanlagen, Kriegsschiffe und Wälzlager
Amerikaner und Australier Prognose seriöser Energie- hat auch Vorgänger Ekkehard chenprimus Arcelor-Mittal für Windmühlen.
fördern seine Erprobung »Nimby« heißt im experten, wird sich der Welt- Schulz schon versucht – und zwar vergeblich. vormachte. Beim Edelstahl kapitulierte nämlich Diese Fülle macht es einem Chef schwer, die
mit Milliarden. Englischen jene Spezies kohleverbrauch nahezu ver- Beispiel Edelstahl: »Nirosta« ist zwar die bekann- selbst der hartnäckigste Sanierer der Branche, Übersicht zu behalten – und noch schwerer, alle
Auch Angela Merkel warb doppeln. teste Marke des Konzerns, aber seit Erfindung des Lakshmi Mittal. Der Arcelor-Chef gründete für die Bereiche mit der nötigen Liquidität zu versorgen.
einmal für CCS. »Mit fröh- Mensch, die potenziell Dass auch in Deutsch- korrosionsbeständigen Werkstoffs vor 100 Jahren ungeliebte Tochter eine neue Gesellschaft namens ThyssenKrupp war einst Weltspitze beim Edel-
lichem Gemüt« solle die Tech- Unangenehmes zwar land kein Ende der Kohlen- ist viel passiert: Längst können Chinesen den Edel- Aperam und verschenkte deren Anteile kurzerhand stahl und hat die Position verloren. Beim normalen
nologie auch in Deutschland gerne dem Nachbarn utzung in Sicht ist, liegt stahl billiger herstellen. Im vergangenen Jahrzehnt an seine Aktionäre. Dieser Weg stünde auch Thys- Stahl verteidigt der Konzern Platz sechs im Bran-
vorangetrieben werden, sagte nicht – wie auch in dieser sorgte Nirosta für reichlich Verlust. senKrupp offen – allerdings käme dabei kein Cent chenranking, weshalb zuletzt alle verfügbaren Mit-
die Kanzlerin noch im Jahr überantworten, aber Zeitung schon suggeriert Mehr als einmal versuchte der Konzern die Spar- Bargeld in die Kasse. tel in neue Hochöfen und Walzwerke gesteckt
2007. Vergangen, vorbei. In vom eigenen Hinterhof wurde – am schnellen Atom- te Wettbewerbern anzudienen. Kartellrechtlich wäre Das wäre ein Problem, denn auch bei der Auf- wurden. Fragt sich, wie lange etwa die Aufzugbauer
dieser Woche beraten Bun- fernhalten will. In der ausstieg. Importierte Stein- das sicher nicht ganz einfach geworden – noch ist lösung der Autoteile-Sparte werden nur begrenzt Platz drei noch halten können, denn die mussten in
destag und Bundesrat zwar kohle ist relativ billig, und ThyssenKrupp einer der großen Edelstahl-Anbieter Erlöse fließen: Die Fahrwerk-Fabriken will Thyssen- dieser Zeit fast ohne Investitionen auskommen.
einmal mehr über ein Gesetz,
Debatte um saubere die reichlich vorhandene hei- weltweit. Doch die Kartellwächter kamen gar nicht Krupp ebenfalls bargeldlos in eine »strategische Part- Umbau hier und da reicht nicht, Heinrich Hie-
das Grundlage für die Erpro- Kohle hat man den mische Braunkohle gilt als dazu, Auflagen zu formulieren. Die potenziellen nerschaft« einbringen. Verkauft werden sollen ledig- singer muss klare Entwicklungslinien schaffen. Die
bung und weitere Erfor- Eindruck, als lebten in wichtiger Garant einer un- Partner winkten direkt ab. Natürlich könnten die lich die Autoblech-Pressen, Eisengießereien und Frage ist, ob Berthold Beitz, der Ehren-Aufsichts-
schung von CCS sein soll. Deutschland viele abhängigen Energieversor- Essener auch versuchen, die Tochter an die Börse zu Federfabriken des Konzerns – was nach optimisti- ratsvorsitzende und heimliche Herrscher des Kon-
Aber eigentlich könnten sich gung. Beide Kohlesorten bringen. Doch das braucht Zeit – gerade in einem scher Schätzung maximal 1,5 Milliarden Euro ein- zerns, den neuen Mann auch gewähren lässt, wenn
Abgeordnete und Landesver- dieser Zeitgenossen werden als unverzichtbarer behäbigen Konzern wie ThyssenKrupp. Zur Jahr- bringen dürfte. er ernsthaft Hand an den Mischkonzern legt.
treter ihre Arbeit sparen. In Grundstoff für deutschen
Deutschland hat die groß- Strom angesehen. Deshalb,
industrielle Anwendung des und nicht als Ersatz für abge-
Verfahrens fürs Erste kaum noch eine Chance. schaltete Atomkraftwerke, werden noch immer FORUM
Schuld daran sind der Widerstand der Bürger neue Kohlemeiler gebaut. Diese Stromfabriken
und die Mutlosigkeit vieler Landespolitiker. werden aller Wahrscheinlichkeit nach für 40 bis
Ende April gab der Atom- und Kohlestrom- 50 Jahre am Netz bleiben.
konzern RWE sämtliche Konzessionen zurück, Allerdings emittiert selbst ein modernes Koh-
die ihm die Erkundung unterirdischer CO2- lekraftwerk mit 1000 Megawatt Leistung noch
Lagerstätten im CDU/FDP-regierten Schleswig- jährlich so viel CO2 wie zwei Millionen Autos.
Lernen aus dem Fall Kachelmann
Holstein ermöglicht hätten. Die Begründung: Rund ein Viertel der gesamten deutschen Kohlen- Kommunikationsberatung bei Gerichtsverfahren nützt weniger als gedacht VON TOBIAS GOSTOMZYK
mangelnde Akzeptanz in Politik und Bevölke- dioxidemissionen entfallen gegenwärtig nur auf
rung. Ähnlich ist die Situation in Niedersachsen, die Verfeuerung von Braunkohle. Und sechs der Wer vor Gericht steht, kämpft manchmal um zwei- beeinflussen. Im Wissen, dass unbedachte Interview- Tendenz vieler Medien zur Skandalisierung und Per-
wo eine schwarz-gelbe Koalition die Unter- zehn klimaschädlichsten Stromfabriken Europas erlei: sein Recht und seine öffentliche Reputation. äußerungen den juristischen Sieg kosten können, sonalisierung unwahrscheinlich klingen mag.
suchung möglicher Kohlendioxidlager verbieten stehen in deutschen Landen. Letztere besitzt ihren eigenen, auch wirtschaftlichen wenn sie zum Beweismittel des Gegners werden. Des Weiteren ist es nicht erfolgversprechend,
will. Einzig im brandenburgischen Ketzin wird Weil die Republik vor Mitte des Jahrhun- Wert. Der Fall des Wettermoderators Jörg Kachel- Dass es aber auch falsch sein kann, zu schweigen. über Medien auf den Ausgang von Auseinanderset-
die CO2-Speicherung noch ausprobiert. Eben- derts ohne Kohle nicht auskommen wird und mann bietet dafür ein prominentes Beispiel. Der Gebrauch von Litigation-PR ist nicht nur zungen Einfluss nehmen zu wollen. Gerade die
falls im SPD-geführten Land Brandenburg steht weil CCS gegenwärtig die einzig bekannte Was ist geschehen? Leicht lässt sich dies bei der bei Anwälten und PR-Beratern, sondern auch bei Richter im Fall Kachelmann demonstrieren, vom
in Schwarze Pumpe das einzige deutsche Ver- Option ist, relativ kurzfristig die Luft über Verworrenheit des Falls nicht sagen. Der Vorwurf Staatsanwälten in Mode gekommen. In den Medien öffentlichen Druck unabhängig sein zu wollen. Si-
suchskraftwerk, in dem die Abscheidung von Kohlekraftwerken zu entlasten, scheint es un- einer Vergewaltigung steht im Raum. Viele Zeugen wird sie dabei eher kritisiert. Das ergibt auch eine cher nehmen auch Richter des Landgerichts Mann-
Kohlendioxid aus dem Rauchgas getestet wird. verantwortlich, auf die intensive Erprobung und Sachverständige wurden gehört. Etliche Medien aktuelle Studie der Kommunikationswissenschaft- heim die Berichte über das Kachelmann-Verfahren
Betrieben wird es von dem schwedischen Kon- des Verfahrens zu verzichten. Das erklären Um- und nicht zuletzt deren Publikum haben spekuliert, lerin Vanessa Tahal von der Hochschule für Musik, wahr. Sie leben und arbeiten nicht auf dem Mond.
zern Vattenfall. weltschutzorganisationen wie der Naturschutz- ob Kachelmann schuldig zu sprechen sei oder nicht. Theater und Medien in Hannover. Es gehe, so die Doch wäre es naiv, zu glauben, dass man jemandem
Grüne Parteipolitiker und lokale Bürgerini- bund Deutschlands und der WWF. Auch der Ungewöhnlich am Fall ist aber eine massive me- landläufige Meinung, um Manipulation von Justiz mittels Pressekonferenzen und Hintergrundgesprä-
tiativen mögen über den Teilausstieg aus CCS Ökonom Nicholas Stern, der vor einigen Jah- diale Begleitung über Monate hinweg, und Medien. Beides ist falsch: Es ist chen zum juristischen Sieg verhelfen könnte. Das
jubeln, eine gute Entwicklung ist dies nicht. ren mit seinen Prognosen über die Kosten des die detaillierte Veröffentlichung des T O B I A S nicht ersichtlich, dass die fortlaufende hat letztlich auch eine wissenschaftliche Erhebung
Natürlich gibt es berechtigte Zweifel an dem Klimawandels weltweit Aufsehen erregte, kann Privatlebens des Moderators und G O S T O M Z Y K Weitergabe von Details des Ermitt- über den Einfluss von Medienberichten auf Richter
Verfahren: Niemand weiß bislang etwa, ob sich den Kampf gegen den Klimakollaps ohne Gründers eines Wetterdienstes. lungs- und Strafverfahrens für Kachel- und Staatsanwälte dokumentiert. Die Kommuni-
die zur CO2-Lagerung vorgesehenen unterirdi- den Einsatz von Carbon Dioxid Capture and Auch die Auftritte bekannter Wirt- mann vorteilhaft war. Vielmehr dürfte kationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger
schen Gesteinsschichten – in Deutschland Storage nicht vorstellen. Die Welt benötige ei- schaftslenker vor Gericht bekommen der scheinbar nicht versiegende Infor- und Thomas Zerback fanden heraus: Schuldig oder
überwiegend unter der Norddeutschen Tief- nige Tausend Anlagen, meint er. große Aufmerksamkeit: Viele erinnern mationsfluss mit dazu geführt haben, nicht schuldig ist keine Frage guter Presse. Einzig
ebene und vor der Nordseeküste – das aus Koh- Sollen die alle nur anderswo stehen, aber sich an das Victory-Zeichen von Josef dass Medien neue Anlässe fanden, bei der Bestimmung der Strafhöhe gibt es einen, für
Foto: privat

lemeilern abgeschiedene Gas wirklich für Jahr- keinesfalls in Deutschland? Es ist reichlich ego- Ackermann, Vorstandschef der Deut- ständig über den Fall zu berichten. Juristen nicht verwunderlichen, Einfluss.
hunderte sicher speichern können. Unklar ist istisch, die Erprobung – und möglicherweise schen Bank, vor Beginn des Mannes- Steuern ließ sich die Presse dagegen Letztlich besteht das Ziel von Litigation-PR
bisher auch, was auf diese Weise gespeichertes auch die Anwendung – von CCS allein anderen mann-Prozesses. Lebendig bleiben ist Rechtsanwalt nicht, die sich teils pro und teils contra darin, den Standpunkt von Unternehmen oder Pri-
Gas für die anliegenden Grundwasservorkom- Ländern zu überlassen. Nimby heißt im Eng- auch die Bilder der Verhaftung Klaus bei der Kachelmann positionierte. Sie folgt vatpersonen, die in rechtliche Auseinandersetzungen
men bedeutet. lischen jene Spezies Mensch, die potenziell Un- Zumwinkels, des damaligen Vor- Wirtschaftskanzlei ihrer eigenen Berichterstattungslogik verwickelt sind, bekannt zu machen. Das klingt
Auch die Kosten sind ein Problem: Nach dem angenehmes durchaus dem Nachbarn überant- standschefs der Deutschen Post. KSB INTAX in und wirtschaftlichen Interessen. Nie- simpel, ist aber anspruchsvoll. Eine sorgfältige Ver-
gegenwärtigen Stand der Technik erhöht sich mit worten, aber vom eigenen Hinterhof fernhalten Fachkreise diskutieren in diesem Hannover. mand sollte deshalb ernsthaft meinen, zahnung von Rechts- und Kommunikationsstrate-
CCS der Energiebedarf eines Kraftwerks um will (Not in my backyard). Gegenwärtig hat Zusammenhang über Litigation-PR, Schwerpunkte Medien manipulieren zu können. Ein- gie ist dafür notwendig. Die Causa Kachelmann hat
mindestens 20 Prozent. Hunderte Kilometer man den Eindruck, als lebten in Deutschland eine neue und für Laien eigenartig seiner Arbeit sind zig durch sachliches, unermüdliches zwar ein breites, aber meist negativ besetztes Be-
lange Pipelines zwischen Stromfabriken und sehr viele dieser Zeitgenossen. anmutende Disziplin. Es geht da- das Recht der Herausarbeiten der eigenen Argumen- wusstsein für diese Beratungsleistung geschaffen.
Lagerstätten müssten gebaut, alte Meiler nach- rum, Kommunikationsprozesse wäh- Medien und der te gegenüber Journalisten lässt sich für Eine wirtschaftliche Analyse der Kommunikations-
gerüstet werden. Insgesamt würde eine Tonne Weitere Informationen im Internet: rend juristischer Auseinandersetzungen Telekommunikation den eigenen Standpunkt etwas errei- strategie von Kachelmann würde vermutlich nicht
eingespartes CO2 die Kraftwerksbetreiber min- blog.zeit.de/gruenegeschaefte vorauszudenken und gegebenenfalls zu chen – selbst wenn das angesichts der zu einem positiven Ergebnis führen.
36 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 WAS BEWEGT ARMIN FALK? WIRTSCHAFT

»Ich bin
risikobereit«
Als sozialdemokratischer Starökonom ist Armin Falk ein Sonderfall.
Er erforscht, wie wir sozial funktionieren. Ein Gespräch

DIE ZEIT: Wie wird ein friedensbewegter Junge Falk: Sicher, zum Beispiel bei der Steuermoral.
aus dem Rheinland zum Ökonomen? ZEIT: Wie das?
Armin Falk: Zum Glück wusste ich erst gar nicht Falk: Menschen brauchen das Gefühl: Für hohe
genau, was das eigentlich ist, ein Ökonom. Die Steuern gibt es auch ein gutes Angebot öffentlicher
traditionelle Auffassung davon hätte mich wahr- Güter. Zudem sind Bürger viel eher bereit, Steuern
scheinlich nicht überzeugt. zu zahlen, wenn sie glauben, dass die anderen auch
ZEIT: Beeinflusste Sie jemand bei der Studien- steuerehrlich sind. Genau das ist ja positive Rezi-
wahl? prozität. Es spielt auch eine wichtige Rolle, welches
Falk: Auslöser war der Philosoph Gerd Achenbach, Vorbild führende Politiker und andere Entschei-
Gründer der Philosophischen Praxis in Bergisch dungsträger abgeben. Und die Politik muss kom-
Gladbach. Er faszinierte mich extrem, als ich Abi- munizieren, dass Steuerbetrug kein Kavaliersdelikt
tur machte und Zivildienstleistender war. Bei ihm ist, sondern eine asoziale Handlung, die uns Schu-
habe ich erlebt, was es bedeutet, wenn man selbst len oder Kindergärten kostet.
nachdenkt und überprüft, was andere Wahrheit ZEIT: Nirgendwo wird mehr mit Gerechtigkeit
nennen. Und als wir über meine Studienwünsche argumentiert als in der Arbeits- und Sozialpolitik.
sprachen, sagte er, lies mal etwas von John Kenneth Falk: Reziprozität heißt da, dass die Gesellschaft
Galbraith ... für eine sozialpolitische Leistung auch Gegenleis-
ZEIT: ... dem linken Harvard-Ökonomen. tungen erwartet.
Falk: Bei Galbraith kam das Interesse an Wirt- ZEIT: Der Kerngedanke der Hartz-Reformen.
schaft zusammen mit der Frage, wie man die Le- Falk: Richtig. Zu dieser Frage haben wir kürzlich
benswirklichkeit der Menschen verbessern kann. ein Experiment gemacht. Ziel war es da, ein So-
Die Kombination finde ich nach wie vor wichtig, zialsystem überhaupt erst zu schaffen, bei dem die
allerdings mehr mit Blick aufs individuelle Ent- einen Transfers empfangen, während die anderen
scheidungsverhalten, um wirklich zu verstehen, diese durch ihre Arbeit finanzieren. Bevor man
warum die einzelnen Menschen so handeln, wie aber wusste, in welcher Rolle man nachher ist,
sie handeln. Heute kann man als Volkswirt beides musste man darüber abstimmen, ob es ein System
machen, kann psychologische Motive in den wirt- geben sollte, in dem Hilfeempfänger eine Gegen-
schaftlichen Entscheidungen erforschen. Wäre das leistung erbringen müssen – oder nicht. Wir fan-
immer noch unmöglich, dann wäre ich wohl auch den eine dramatisch große Zustimmung dafür.
nicht Ökonom geblieben. Und jetzt kommt das Interessanteste: Die Be-
ZEIT: Als Student hatten Sie es noch schwerer. In gründung war Fairness. Wer eine Gegenleistung
Köln wollten Sie eine Diplomarbeit über Vertrau- erbringen kann, soll das auch tun. Sehen Sie, oft
en schreiben. Aber alle Professoren lehnten ab, so- ist das, was ökonomisch sinnvoll ist, auch das, was
dass Sie etwas über Geldpolitik verfassten. Menschen als gerecht empfinden. In der prakti-
Falk: Tatsächlich hatte ich die Ursprungsidee aus schen Politik ist dann natürlich die Frage, wie
einem Bändchen von Niklas Luhmann von 1968, man Arbeitsfähigkeit feststellt, aber davon abge-
das einfach Vertrauen heißt. Ein sehr lohnendes sehen ist »Fördern und fordern« das Gegenteil
Buch, in dem er Vertrauen definierte als riskante von »unfair«.
Vorleistung. Luhmann erklärte, dass in der moder- ZEIT: Hartz IV wurde renoviert. Wo stehen Sie?
nen Wirtschaft bei allen Transaktionen Vertrauen Falk: Hartz IV soll nicht auf Dauer ein gutes Leben
eine Rolle spielt. Es war also eigentlich eine zen- garantieren, es ist eher eine Drohkulisse mit der
trale Wirtschaftsfrage. Für einen alltäglichen Auto- Funktion, die Menschen in reguläre Beschäftigung
kauf genauso wie jetzt für die Weltfinanzkrise, die zu bringen. Und Untersuchungen belegen ja, dass
auch eine Vertrauenskrise war. die Mobilität auf dem Arbeitsmarkt seit den Refor-

Fotos: Michael Dannenmann für DIE ZEIT; klein: Michael Hauri/imagetrust (l.); DFG
ZEIT: Sie durften nicht – und haben doch weiter men erheblich zugenommen hat. Die Forderung
an die Ökonomie geglaubt? nach deutlich höheren Sätzen entstammt falschen
Falk: Ich habe erst mal aus Pflichtbewusstsein das Gerechtigkeitsüberlegungen, denn jeder Euro mehr
Diplom gemacht – mit einer Arbeit über Finanz- verringert den Anreiz, aus Hartz IV und der staat-
marktinnovationen in Kanada. Viel spannender lichen Abhängigkeit herauszustreben. Und darum
geht es nicht (lacht). Ich hatte muss es doch gehen.
aber immer das Gefühl, es kann ZEIT: Sie waren mal SPD-Mit-
nicht sein, dass sich Ökonomie glied. Sie wirken wie ein Schrö-
in so etwas erschöpft. der/Steinbrück-Sozialdemokrat.
ZEIT: Ein paar wie Sie gab es Falk: Ich fühle mich der Partei
damals schon. sehr nahe. Innerhalb der SPD
Falk: Ich habe dann gesehen, stehe ich insoweit eher rechts, als
dass in Zürich einiges geschah. dass ich glaube, sie darf nicht die
Da wurde ich mit offenen Ar- Partei der Desillusionierten sein,
men empfangen. Und auf ein- sondern muss die Partei der Auf-
mal konnte ich genau das ma- stiegs- und Entwicklungswilligen
chen, was ich wollte. Ernst Fehr von der Uni sein. Sie muss Perspektiven er-
ZEIT: Führende Ökonomen lo- Zürich gilt als Nobelpreis- öffnen für Menschen, die voran-
ben Sie als besonders kreativ, Kandidat. Bei ihm feierte kommen möchten. Anders als
wenn es darum geht, die richti- Armin Falk erste Erfolge andere Parteien weiß die SPD,
gen Fragen zu stellen und dafür dass es dafür öffentlicher Unter-
dann die richtigen Experimente stützung bedarf, vor allem für
zu entwickeln. sozial benachteiligte Kinder. Es wäre höchst effi-
Falk: Für Experimente muss man wissenschaftliche zient, nähmen wir dafür sehr viel Geld in die egoistisch, dann ist ohne Staat alles wunderbar. auch die Ehepartner. Risikobereite Frauen bevor-
Fragen in einfache Verhaltensprobleme übersetzen. Hand. Gute sozialdemokratische Politik ist es Der Preisträger Aber Experimente und Befragungen zeigen, dass zugen risikobereite Männer und umgekehrt.
Dafür braucht man Empathie. Jemand, der zu nicht, die Gerechtigkeitsprobleme vom Ende her Menschen beschränkt rational sind und soziale ZEIT: Je mehr Verhaltensökonomen lernen, desto
modellverliebt ist, der nicht bereit ist, sich in die zu lösen, sondern die Entstehung dieser Probleme Es ist ungewöhnlich, dass ein wissen- Motive eine wichtige Rolle spielen. Vielfach erleben vielgestaltiger präsentiert sich die Wirklichkeit.
emotionalen Verwerfungen von Entscheidungs- zu verhindern. schaftlicher Außenseiter so jung die Menschen eine Diskrepanz zwischen dem, was sie Falk: Wir können es uns nicht aussuchen. Wir kön-
problemen hineinzuversetzen, der tut sich schwer. ZEIT: Sie haben durch einen Forschungspreis und großen Preise in seinem Metier ab- eigentlich wollen, und dem, was sie tun. Sie essen nen auch nicht einfach zum alten Modell zurück, weil
ZEIT: Zwei Kategorien menschlichen Tuns haben EU-Mittel rund vier Millionen Euro für Forschung räumt. Der heute 43-jährige Rhein- und trinken mehr, kaufen Dinge, die sie hinterher es unkompliziert war. Ich bin überzeugt: Je realistischer
Sie besonders erforscht: Wagemut und unser Ver- eingesammelt. Mit einem Teil erforschen Sie nun, länder Armin Falk hat nicht nur nicht wollen. Dadurch wird eine linke Position das Menschenbild, desto besser die ökonomischen
hältnis zur Fairness. Sind Sie risikoverliebt? wie man Kindern aus benachteiligten Familien 2009 den höchstdotierten deutschen wissenschaftlich salonfähig: Der Modelle und die Politikberatung.
Falk: Auch wenn ich schon viele Tausend Men- bessere Chancen verschafft. Was hat ein Ökonom Förderpreis für herausragende Wis- Staat kann helfen. ZEIT: Angenommen, die Kanz-
schen befragt habe, ich war selbst noch nie Gegen- dazu zu sagen? senschaftler gewonnen, den Leibniz- ZEIT: Bloß sind Politiker auch lerin riefe an: Herr Falk, unser
stand meiner Studien. Falk: Ökonomen beschäftigen sich heute mit Prä- Preis, sondern auch ein Jahr zuvor Menschen und machen Fehler, Wachstum hängt von der Risiko-
ZEIT: Dann wird es höchste Zeit. ferenzen, Einstellungen, Persönlichkeit, Fähigkei- den unter Ökonomen wichtigen selbst wenn sie es gut meinen. freudigkeit der Bevölkerung ab.
Falk: Wenn ich an eine Sache glaube, bin ich risiko- ten. Und genau die bestimmen ganz wesentlich, Gossen-Preis. Und vergangene Wo- Falk: Natürlich. Man darf das Erhöhen Sie die mal. Ginge das?
bereit, tue aber nichts nur um des Risikos willen. wie groß unser Lebenserfolg ist und wie zufrieden che wurde bekannt, dass er nun auch Kind nicht mit dem Bade aus- Falk: Das ist keine sinnvolle Auf-
Auf einer Skala von 0 (gar nicht risikobereit) bis wir sind. In Deutschland hängt der Bildungserfolg den Yrjö Jahnsson Award erhält, die schütten. Märkte und Wettbewerb gabe, weil wir gar nicht wissen, ob
10 (sehr risikobereit) bin ich eine 8. besonders stark von der Bildung der Eltern ab. wichtigste Anerkennung für europäi- sind zentral für Wohlstand. Und mehr Risikofreude unter dem
ZEIT: Kommen wir zur Fairness. Sie unterscheiden Wer mehr soziale Mobilität will, muss fragen, wie sche Ökonomen unter 45. Falk ist doch gibt es Korrekturbedarf. Strich gut ist. Vielleicht bekäme
zwischen Menschen, denen Fairness ein Anliegen die entscheidenden Fähigkeiten entstehen – wie der erste deutsche Preisträger. Nehmen Sie die Lebensmittel- man mehr Wachstum, aber auch
ist, und echten Egoisten. Unter den fairen Typen man deren Entwicklung durch Interventionen im Zwar hat er sich vom ersten Preisgeld ampel. Rot, Gelb, Grün: Quatsch, Falk erhält den Leipniz- mehr Alkoholiker und Unfalltote.
gibt es wieder zwei Gruppen: Die einen wehren frühkindlichen Lebensabschnitt positiv beein- auch vorlesungsfreie Semester ge- hätte man früher gesagt, das regelt Preis von Matthias Kleiner, Man sollte ohnedies nicht ver-
sich vor allem, wenn andere unfair sind, andere flusst. Wir erforschen das konkret anhand von gönnt. Aber der Mann für die richti- der Markt. Doch das tut er eben dem Chef der Deutschen suchen, ganze Bevölkerungsgrup-
gehen selbst mit gutem Beispiel voran. Und Sie? Kindern aus sozial benachteiligten Verhältnissen. gen Fragen lebt deswegen noch lange nicht, die Industrielobby interve- Forschungsgemeinschaft pen zu indoktrinieren. Beim Tele-
Falk: Ich würde nicht sagen, dass ich ein knallharter ZEIT: Was meinen Sie mit »Intervention«? nicht im Elfenbeinturm. Sein Institut niert, wo sie kann, und die Kon- fonat würde ich dann sagen, dass
Egoist bin. Ich neige zu reziprokem Verhalten, wie Falk: Mentorenprogramme für diese Kinder zum an der Bonner Universität liegt in sumenten sind nicht so schlau wie sich der untere Teil der Gesellschaft
wir das nennen, positiv wie negativ. Ich bin bereit, Beispiel. Wir wollen sehen, ob dadurch mehr Fä- einem alten Reihenhaus nahe dem gedacht. Zu helfen ist sinnvoll. Und der Aufschrei zunehmend ablöst. Hier versäumen wir es, grund-
jemandem etwas Gutes zu tun, wenn er mich vor- higkeit zur Selbstkontrolle entsteht, mehr Risiko- Juridicum. Drinnen herrscht Betrieb- der Industrie zeigt ja die Wirkung. legende Fähigkeiten mit Nachdruck zu fördern. Die
her anständig behandelt hat. Werde ich dagegen bereitschaft, aber auch mehr Empathie mit ande- samkeit unter den vielen jungen For- ZEIT: Sie sind ein Verhaltensforscher. Wo hat Ihr Politik sollte sich übrigens öfter melden. Ökonomen
unfair behandelt, dann reagiere ich abweisend. ren und mehr Selbstvertrauen. schern, und Falk ist mittendrin. Zum Proband, der Mensch, Sie besonders überrascht? können viel zu einer besseren Politik beitragen.
ZEIT: Das sind Grundregungen der Gerechtigkeit. ZEIT: Immer gab es auch linke Ökonomen in der Essen geht es ins Studentenlokal um Falk: Ein Beispiel: Wir haben in einer repräsenta- ZEIT: Der Junge aus Bergisch Gladbach hat sich
Falk: Sie gehören zu den wichtigsten Motiven, ja. Bundesrepublik. Aber ein sozialdemokratischer die Ecke. tiven Studie untersucht, inwiefern Kinder ihren durchgesetzt. Aber hat die Ökonomie auch seine
Die positive Reziprozität wird in der Gesellschaft Ökonom, der große Auszeichnungen wie den Und langsam merkt man, wie Armin Eltern in ihrer Risikobereitschaft ähneln. Wir fan- Hoffnungen erfüllt, die Lebensumstände der Men-
oft von uns erwartet, die negative ist stärker von Leibniz-Preis abräumt – das ist neu. Falk als Chef und Forscher funktio- den dabei heraus, dass Risikoeinstellungen über schen zu verbessern?
der Evolution geprägt. Aber die ist auch wichtig. Falk: Tatsächlich ist die deutsche Ökonomenzunft niert. Er begeistert, weil er sich be- verschiedene Lebensbereiche sehr verschieden Falk: Ökonomie ist schon das Richtige für mich.
Es ist individuell manchmal von Vorteil, wenn die stark durch den Liberalismus geprägt. Aber heute geistert. An realen politischen Fragen sind. Ein und derselbe Mensch ist vielleicht über- Man kann innovative Ideen ausprobieren und wird
anderen wissen, sie können einem nicht auf der erleben wir eine Öffnung. Die wissenschaftlichen genauso wie an ökonomischen oder aus risikobereit, wenn es um finanzielle Dinge durch die hohen Standards einer gestandenen
Nase rumtanzen. Sie können einem nichts weg- Befunde der Verhaltensökonomik zeigen, dass nicht philosophischen Problemen. Die geht, aber gar nicht bei Gesundheitsfragen. Bei ei- Wissenschaft diszipliniert. Aber ob ich immer als
nehmen ohne ernste Konsequenzen. alle Menschen eigennützig und rational sind. Und Wirklichkeit ist für ihn kein Störfall, nem anderen ist es umgekehrt. Interessanterweise Wissenschaftler arbeite, weiß ich noch nicht. Ich
ZEIT: Diese Reziprozität verändert das Menschen- genau aus dem Rationalitätsglauben ergab sich ja sondern ein Faszinosum. Könnte wird das gesamte Einstellungsprofil von Eltern auf kann mir auch etwas ganz anderes vorstellen.
bild der Ökonomen. Ändert sie auch wirtschafts- das weitverbreitete Dogma gegen staatliches Han- sein, dass er sie deswegen nachhaltig die Kinder übertragen. Im Schnitt sind wir unse-
und sozialpolitische Antworten? deln. Sind Märkte perfekt und Menschen rational- verändert. UJH ren Eltern also sehr ähnlich. Übrigens ähneln sich Das Gespräch führte UWE JEAN HEUSER
WISSEN
KINDERZEIT
Hoffnung im Gepäck: Was es bedeutet,
Flüchtling zu sein S. 47
Kinder- und Jugendbuch S. 48

12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 37

P L A G I AT S A F FÄ R E

Doktor-Prüfung
Der Fall zu Guttenberg zeigt: Eine
Refom der Promotion ist nötig
Die Universität Bayreuth ist sich sicher:
»Nach eingehender Würdigung der gegen
seine Dissertationsschrift erhobenen Vor-
würfe stellt die Kommission fest, dass Herr
Freiherr zu Guttenberg die Standards guter
wissenschaftlicher Praxis evident grob ver-
letzt und hierbei vorsätzlich getäuscht hat.«
Ist mit der Veröffentlichung des voll-
ständigen Kommissionsberichts am Mitt-
woch dieser Woche der Fall erledigt? Das
System hat den Sünder überführt und be-
straft. Hat es damit bewiesen, dass es selbst
ohne Fehler ist? Viele Hochschulrektoren
zeigen öffentlich ihr Entsetzen über die Af-
färe. Manch einer hat sich klammheimlich
bei seinen Professoren erkundigt, ob auch
der eigenen Uni Skandale drohen. Nach-
haltige Konsequenzen aus dem Fall aber hat
bisher keine Universität gezogen.
Dabei haben nicht nur Guttenberg

Foto: Philipp Wente für DIE ZEIT/www.philippwente.com


selbst, sein Doktorvater oder dessen Fakul-
tät versagt. Beispielhaft zeigt der Fall, dass
sich das System der Promotion in Deutsch-
land überlebt hat und reformbedürftig ist.
So vergibt Deutschland als eines von
wenigen Ländern Noten für Doktorarbei-
ten. Dass mehr als die Hälfte der Disserta-
tionen mit »ausgezeichnet« oder »sehr gut«
bewertet werden, sagt mehr über die Nähe
von Doktorvater und Doktorand als über
die Leistung des Promovenden.
Externe Doktoranden sind oft nicht eng
genug in den wissenschaftlichen Betrieb
eingebunden. Aber nur dann lernen sie wis-
Bernd Linde leidet an Alzheimer, seine Frau Beate pflegt ihn (siehe Seite 40). Der Fotograf Philipp Wente hat sie für uns begleitet senschaftliche Standards in der Praxis ken-
nen und können ihre Erkenntnisse in in-
tensiven Debatten auf die Probe stellen.
Vor allem aber sollten jene Doktorarbei-

Damit die Würde bleibt


ten, die nicht zum Erkenntnisfortschritt
beitragen, sondern höchstens einen Tür-
schildtitel rechtfertigen, von echten Doktor-
arbeiten unterschieden werden. Der Wissen-
schaftsrat hat für die Medizinerausbildung
schon vor Jahren einen entsprechenden Vor-
T I T E LG E S C H I C H T E Die Diagnose Alzheimer löst oft Horrorvorstellungen aus. Dabei kann man auch mit dieser schlag gemacht. Es ist höchste Zeit, ihn um-
zusetzen. ANDREAS SENTKER
Krankheit Freude am Leben haben. Ein Plädoyer für einen neuen Blick VON THOMAS VAŠEK

M
Mehr als eine Million it ihm sei es wie mit einer Zimmermann will raus aus seiner Burg. An schlech- Toten«, von »welken Hüllen«, die sinnlos dahinvege-
Menschen in Deutschland
Sandburg, sagt Christian ten Tagen, erzählt er, steige die Angst in ihm hoch. tierten. Man denkt an sabbernde Greise, die lallend Fleischfrei fahren
Zimmermann: »Ständig brö- Dann kommt es vor, dass wieder etwas abbröckelt, durch die Altenheime irren. Die im Nachthemd auf
sind von Demenz betroffen – ckelt etwas ab.« Doch die dass ihm Namen, Orte und Begriffe verloren gehen. die Straße laufen, die ihre engsten Angehörigen nicht Womöglich liegt doch ein Fluch auf der
Tendenz steigend. Jetzt Burg, die sei »standhaft«, die Er sucht die Schlüssel, das Handy, das Portemonnaie; mehr erkennen und am Ende nicht mal mehr sich Müngstener Brücke. Die höchste Eisen-
sei immer noch da. Zimmer- lässt die Einkaufstüte im Supermarkt liegen oder selbst. Alzheimer, dieses Schicksal möchte niemand bahnbrücke Deutschlands überspannt die
ergründet die Forschung, wie mann spricht gern in Bildern. bringt die falschen Dinge nach Hause. erleiden. Gunter Sachs hat sich – so schreibt er in Wupper, seit 1897. Die damals schier unglaub-
die Kranken die Welt erleben Seine Bilder helfen ihm, sich verständlich zu machen, An guten Tagen malt er, geht mit Freunden spa- seinem Abschiedsbrief – aus Angst vor »der ausweg- liche Konstruktion reizte zur Legendenbil-
wenn er wieder einmal die Worte nicht findet. Wenn zieren – oder berichtet anderen von seiner Situation. losen Krankheit A.« erschossen. Der Tod schien ihm dung: Der Baumeister
(diese Seite). Wie man gut ihm die Sätze, die Gedanken auseinanderfallen. Eigentlich sei es die »bestbetreute Zeit« seines Le- die bessere Alternative. HALB habe falsch gerechnet,
mit ihnen umgeht, hat unser Seit vier Jahren lebt der 62-Jährige mit der Dia- bens, sagt Zimmermann. Manchmal schaue er in Doch Menschen mit Demenz (von der es neben WISSEN ein Teil der Brücke
Autor in einem besonderen gnose Alzheimer. Vorher arbeitete er in seinem Be- seiner alten Firma vorbei. Immerhin erkenne er noch dem Alzheimer-Typ noch andere Formen gibt) erle- habe abgerissen werden
trieb, der auf die Herstellung von Kunststoffspiegeln heute, wenn die Mitarbeiter wieder einmal etwas ben sich selbst keineswegs nur im Zustand abgrund- müssen. Oder: Der Baumeister habe richtig
Heim erfahren (Seite 39). spezialisiert ist. Irgendwann machte er plötzlich Feh- falsch zusammenbauten – obwohl er es selbst nicht tiefer Verzweiflung. Wie Befragungen zeigen, finden gerechnet, aber falsch nachgerechnet und
Und dass auch pflegende ler, einmal sägte er sich fast den Finger ab. Beim mehr zusammenbrächte. Es freut ihn, wenn die Leu- sie durchaus noch Freude am Leben. Ihre Zufrieden- sich aus Scham über den (falschen) Fehler in
Autofahren verlor er die Orientierung, überfuhr te überrascht reagieren. Man müsse die Krankheit heit hängt ab von erfüllenden Tätigkeiten, von der den Tod gestürzt, natürlich von der halb fer-
Angehörige Hilfe brauchen Bordsteinkanten. Eines Tages fiel er aus der Dusch- eben »überlisten«, diesen Alzheimer »übermalen«, so Bindung an Familie und Freunde, vom Gefühl, doch tigen Brücke. Alles falsch. Richtig dagegen ist
und wie man mit einem kabine, einfach so. Der lange Weg durch die medizi- wie es ein Maler mit einem schlechten Bild mache. noch irgendwie gebraucht zu werden. die Meldung über die jüngste Fehlkalkula-
dementen Partner Urlaub nische »Maschinerie« begann, bis ihm der Neurologe Und wenn die Leute im Supermarkt mal wieder Die medizinische Diagnostik nimmt allerdings tion: Nachdem die Deutsche Bahn die Brü-
ein Bild seines atrophierten Gehirns zeigte. »Dann grantig werden, weil er so lange zum Einpacken vor allem die Defizite in den Blick: den schleichen- cke saniert hatte, beantragte sie die Freigabe
macht, lesen Sie auf Seite 40. sitzt man da und schaut«, sagt Zimmermann und braucht, erklärt er einfach, er habe Alzheimer. »Dann den, jahrelangen Prozess der Hirnveränderung; die für Personenzüge bis 72 Tonnen. So viel etwa
Praktische Tipps und macht eine lange Pause. reagieren die immer ganz betroffen und packen mit Gedächtnisprobleme und Wortfindungsstörungen, wiegen die Züge – ohne Personen. Mit Fahr-
Informationen zum Thema: Mit Dreitagebart und Nickelbrille sitzt er am mir zusammen die Tüte ein.« die irgendwann so groß werden, dass die Betroffenen gästen (Fachjargon: Fleischgewicht) sind sie
Küchentisch seiner Dachwohnung im Münchner Alzheimer – schon der Begriff löst bei vielen Hor- zehn Tonnen schwerer. Nun wird über-
www.zeit.de/alzheimer Stadtteil Haidhausen und redet über seine Krankheit. rorvorstellungen aus. Es ist die Rede von »lebenden Fortsetzung auf S. 38 brückt, per Schienenersatzverkehr. SAM
38 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 T I T E LG E S C H I C H T E : Die Angst vor Alzheimer WISSEN
Foto [M]: Philipp Wente für DIE ZEIT/www.philippwente.com

Fortsetzung von S. 37 Ich fühle mich wie ein Außenseiter.« Andere er- Berührung bleibt wichtig – auch Spielerisches – abwechselnd produzierten die bei- Nach ihrer These machen schwer demenzkranke
klärten, sie seien »ein Haufen Mist« – oder eine wenn die Sprache verloren geht den ihre Töne und lachten immer wieder dabei. Menschen durchaus Sinnerfahrungen. Natürlich
nicht mehr selbstständig leben können; der schließ- »seltsame Kreatur«, die irgendwie auf die Erde ge- Solche Erlebnisse zeigen: Trotz ihres devastier- könne jegliche Interpretation solcher Handlungen
liche Verlust der Sprache, zunehmende körperliche kommen sei: »Aber ich weiß nicht, wer das ist.« ten Gehirns sind die Äußerungen demenzkranker von außen fehlgehen. Doch indem wir Demenz-
Probleme bis hin zur Inkontinenz und Bettlägerig- Demenzkranke Menschen entwickeln aber Menschen keineswegs reflexhaft oder beliebig. Sie betroffene überhaupt als »Sinnsucher« anerkennen,
keit; das Endstadium mit künstlicher Ernährung. auch Strategien, um mit dem fortschreitenden folgen vielmehr, wie die Heidelberger Wissen- so meint Bär, können wir die kognitive Ungleich-
Selten ist in diesem Zusammenhang davon die
Rede, dass Demenzkranke häufig mehr Fähigkei-
geistigen Verfall zurechtzukommen. Während ei-
nige ihre Krankheit herunterspielen oder so lange
Hirn und Person schaftler nachwiesen, einer bestimmten Logik.
Das erschüttert allerdings die traditionelle Vor-
heit überwinden – und damit das Gefühl der
Fremdheit, das uns von ihnen trennt.
ten haben, als wir ihnen gemeinhin zutrauen. Auch wie möglich zu verstecken suchen, setzen sich Mit der Alzheimer-Krankheit, so stellung, die Autonomie einer Person basiere ledig-
in einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit die anderen aktiv damit auseinander, gehen in scheint es, geht die Person für sich lich auf ihrer rationalen Fähigkeit zum Planen und Durch das Erzählen erschaffen wir
können sie mitteilen, was ihnen wichtig ist, was sie Selbsthilfegruppen, beteiligen sich an Forschungs- selbst und ihre Angehörigen verloren. Entscheiden. Die Philosophin Agnieszka Jaworska unser Selbst. Dazu braucht es Zuhörer
wollen und was nicht. Und selbst schwerst de- projekten. Manchen gelingt es sogar, mit ihren Aber was macht die Person aus? Tra- von der Universität Stanford etwa argumentiert,
menzkranke Menschen haben – wie neuere Studien Defiziten humorvoll umzugehen. Oft helfen die ditionell sind unsere Konzepte von Autonomie sei weniger eine Sache des rationalen Menschen sind im Kern »narrative« Wesen: Mit
zeigen – noch immer ein subjektives Erleben und intakten Langzeiterinnerungen. Aus der Rück- Autonomie und Personalität eng ge- Urteilsvermögens, sondern eher der Fähigkeit, unseren Geschichten erzählen wir uns und ande-
einen Rest von Selbst. Dieser andere Blick auf die schau auf ihr früheres Leben schöpfen viele neues knüpft an das Vernunftvermögen. etwas als »wichtig« ansehen zu können. Und diese ren, wer wir sind. Unser Selbst steckt demnach
Alzheimerkrankheit legt nahe, dass wir Menschen Selbstwertgefühl. Der englische Philosoph John Locke Fähigkeit besäßen selbst hochdemente Menschen: nicht in einem bestimmten Hirnareal, sondern es
mit Demenz als Personen ernst nehmen müssen – So hatte eine scheinbar völlig apathische Heim- definierte im 17. Jahrhundert die Per- Mit ihren Emotionen brächten sie weiterhin ihre besteht aus einem Netz all der Geschichten, aus
und dass wir ihnen Selbstbestimmung zugestehen bewohnerin zeitlebens ihren Beruf als Schreibkraft son als »denkendes, verständiges We- Wertvorstellungen zum Ausdruck, auch wenn denen wir unsere Identität immer wieder neu zu-
sollten, solange sie dazu noch irgendwie in der geliebt. Als ihr die Forscher eine alte Schreib- sen, das Vernunft und Überlegung ihnen jegliche Möglichkeit fehlte, diese in Han- sammenweben. Demente Menschen tun im
Lage sind. maschine und Papier gaben, fing die Frau nach besitzt und sich selbst als sich selbst deln umzusetzen. Grunde nichts anderes. Nur müssen sie immer
Mehr als eine Million demenzbetroffene Men- kurzer Zeit zu tippen an, bis am Ende alle Blätter betrachten kann«. Nach Kant ist es Die Frage nach der Autonomie von Demenz- wieder neue Geschichten erfinden, weil sie ihre
schen leben derzeit in Deutschland. Bis zum Jahr vollgeschrieben waren. Auf dem Papier stand zwar die Vernunftfähigkeit, die mensch- kranken treibt ebenso den Deutschen Ethikrat früheren Rollen nicht mehr ausüben können.
2050 soll sich die Zahl mehr als verdoppeln. Jeder nur Buchstabensalat. Doch als die Frau das letzte liche Personen von den Tieren unter- um. Wie zum Beispiel soll eine frühere Patienten- Marion Bär erzählt etwa von einer Heimbe-
dritte Mann, jede zweite Frau könnte – so warnt Blatt ausgespannt hatte, atmete sie tief ein, strahlte scheidet – und damit ihre Autonomie verfügung interpretiert werden, wenn ein schwer wohnerin, die mit leuchtenden Augen ihre Tätig-
die Deutsche Alzheimer Gesellschaft – im Laufe plötzlich übers ganze Gesicht und sagte nur: »Da und letztlich ihre Würde begründet. Demenzkranker erkennen lässt, dass er nun ei- keit als Sekretärin in der Einrichtung beschrieb,
des Lebens an einer Demenz erkranken. Und da hast du aber was weggeschafft.« Heute bestimmen Philosophen das gentlich doch weiterleben möchte? Was ist sein obwohl sie dort nie irgendwelche Arbeiten über-
uns die Medizin wenig Hoffnung auf eine wirk- Von »Selbstaktualisierung« spricht Andreas Personsein auf der Basis von Krite- »autonomer« Wunsch? Oder: Wann überwiegt das nommen hatte. Ihr Sinnpotenzial verwirkliche
same Therapie macht, folgt daraus zwangsläufig: Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie an rien, zu denen meist unabdingbar Ra- Fürsorgeprinzip, wann muss man dem Kranken sich durch das Erzählen, meint Bär: Sie erschafft
Wir müssen lernen, mit demenzkranken Men- der Universität Heidelberg. In jeder Person gebe es tionalität und Selbstbewusstsein ge- Selbstbestimmung zugestehen? Solche Fragen sind sich gleichsam eine neue Geschichte – und damit
schen zu leben und nicht nur über sie zu reden, etwas, das Kontinuität zeige bis zuletzt. Das See- hören. Menschen mit Demenz fallen von drängender Relevanz: Tagtäglich laufen Pflege- ein neues Selbst.
sondern mit ihnen. lische drücke sich aus, es teile sich mit – auch wenn tendenziell aus diesem Personen- personen und Angehörige Gefahr, die Selbstbestim- Doch wer erzählt, der braucht Zuhörer. Nur im
»Wir stehen mitten in einem großen Verände- es sich bei Menschen mit schwerer Demenz nur begriff heraus. mung demenzkranker Menschen einzuschränken sozialen Raum, im Austausch mit anderen, mit un-
rungsprozess«, sagt Peter Wißmann, Herausgeber noch situativ äußere, für einen Augenblick. Um Der Oxforder Ethiker Jeff McMahan – aus Überfürsorglichkeit, aus Achtlosigkeit oder serer Unterstützung können Menschen mit Demenz
des Demenz-Magazins, das über Fragen des Um- solche Formen der »Selbstaktualisierung« aber etwa sieht Demenzbetroffene als schlicht aus Zeitmangel. ihren Sinn verwirklichen – und ihr Selbstgefühl auf-
gangs mit den Betroffenen berichtet. Die Gesell- wahrzunehmen, müssten wir uns ebenso bemü- »Post-Personen«, die moralisch keine Doch die Positionen zur Frage der Autonomie rechterhalten. Es liegt also an uns, die Vergesslichen
schaft dürfe Menschen mit Demenz nicht länger hen, die Emotionen, Empfindungen und sozialen Personen im eigentlichen Sinn mehr sind im Ethikrat gespalten. Die einen argumentie- an ihr Selbst zu erinnern. Wir alle schreiben mit an
»ins Abseits der Krankheit und Pflegebedürftig- Bedürfnisse der Betroffenen zu erfassen. seien, und sein Kollege ren, wer kein Reflexionsvermögen mehr besitze, ihren Geschichten. Das allerdings zwingt zum genau-
keit« schieben. Immer mehr Betroffene gehen mit In den vergangenen Jahren sind die Heidelber- Peter Singer von der könne keinen »Gesamtbegriff seiner Situation« en Zuhören, zum Verstehenwollen, es erfordert Ent-
ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit. Statt den ger Wissenschaftler auch in die Erlebenswelt jener Universität Prince- mehr fassen. Folglich sei ein solcher Mensch nicht schleunigung, Toleranz und Empathie.
Blick nur auf die Krankheit zu richten, so lautet Demenzkranken vorgedrungen, die sich nicht ton spricht deshalb mehr selbstbestimmungsfähig. Eine frühere Patien- Es dauert manchmal quälend lange, bis Chris-
ihre Botschaft, sollten wir uns mehr auf die Men- mehr sprachlich äußern können. Per Videokamera schwer demenzkran- tenverfügung, im Vollbesitz der geistigen Kräfte tian Zimmermann, der Demenzbetroffene in
schen dahinter konzentrieren. beobachteten die Forscher demente Heimbewoh- ken Menschen das festgelegt, habe daher Vorrang, auch wenn der München-Haidhausen, einen Satz zu Ende bringt.
ner in verschiedenen Alltagssituationen – wenn sie Personsein überhaupt Kranke später andere Präferenzen zeige. Andere Manchmal findet er den Spickzettel nicht, auf den
Die Demenz rührt an das Menschenbild Besuch von Verwandten bekamen, in ihrer Lieb- ab. Das passt zusammen Experten halten dagegen: Demenzkranke Menschen er sich etwas notiert hat. Mitunter liegt die Schwie-
der Leistungs- und Wissensgesellschaft lingszeitschrift blätterten oder am Fenster standen mit der Auffassung mancher Hirn- seien selbst in späten Phasen der Erkrankung noch rigkeit aber auch bei seinem Gegenüber. Als Inter-
und die Vögel beobachteten. Dabei wurden zu- forscher, nach der wir nichts anderes in der Lage, Situationen zu bewerten und ihren viewer etwa wird mir plötzlich bewusst, wie ich
Vor 30 Jahren erstritten sich behinderte Menschen nächst die mimischen Ausdrucksmuster auf- sind als ein hochkomplexes Netzwerk eigenen Willen zu äußern – und sei es am Ende nur selbst überdeutlich spreche. Wie ich auf seine De-
die gesellschaftliche Anerkennung. Aus den »Krüp- gezeichnet, vom kleinsten Stirnrunzeln bis zum von Nervenzellen. Wenn das Gehirn noch durch mimische Reaktionen. fizite achte. Die Wortfindungsstörungen. Die
peln« von einst sind weitgehend gleichberechtigte Anflug eines Lächelns; dann ordneten die Forscher zerstört ist, so folgt aus dieser Sicht, ist »Wer eine Patientenverfügung unterzeichnet, Wiederholungen. Hat er mich richtig verstanden?
Dialogpartner geworden. Heute geht es um die diesen Mustern Basisemotionen wie Freude, Ärger auch die Person zerstört. In der Sum- hat keine Vorstellung davon, wie es tatsächlich ist, Als ich später das Band abhöre, wundere ich mich
Rechte von Menschen mit Demenz. »Wir verletzen oder Traurigkeit zu. me läuft eine solche »Entpersonalisie- dement zu sein«, sagt etwa der Psychiater Hans weniger über seine klugen Antworten als über die
tagtäglich die Menschenwürde von Demenzkranken«, »Auch schwerst demenzkranke Menschen ver- rung« darauf hinaus, den Würde- Lauter, Mitbegründer der Alzheimer Gesellschaft. Banalität meiner Fragen.
sagt der Bonner Gerontopsychiater Rolf Hirsch. fügen über ein höchst differenziertes emotionales anspruch von Demenzkranken zu Statt verbindlicher Verfügungen fordert er ein Wer wirklich zuhört, kann von Menschen wie
Schätzungen zufolge ist jeder dritte Pflegeheimbe- Erleben«, fasst Kruse das Ergebnis seines Projekts relativieren – und damit auch unsere »ethisches Konzil« aus Angehörigen und Ärzten, Zimmermann lernen – von ihrer Kreativität, von
wohner in Deutschland von freiheitsentziehenden zusammen. Wenn die Menschen Zuwendung und gesellschaftlichen Verpflichtungen ge- das im Ernstfall das Für und Wider weiterer medi- ihrem Humor, von ihren Bildern. Klar, irgend-
Maßnahmen betroffen: An ihren Betten werden Ansprache bekämen, zeigten viele Ausdrücke von genüber den Betroffenen. zinischer Maßnahmen abwägen soll. wann sei seine »Sandburg« abgebröckelt, sagt Zim-
Gitter angebracht, ihre Türen werden verschlossen, Freude oder Wohlbefinden, ebenso wenn sie ihren Doch unter Akademikern regt sich Die Philosophin Agnieszka Jaworska geht noch mermann. In solchen Momenten frage er sich zum
oder man stellt sie mit Psychopharmaka ruhig. Über- Lieblingsaktivitäten nachgingen. Hingegen rea- Widerstand gegen diese eindimensio- einen Schritt weiter: Sie plädiert dafür, Demenz- Beispiel, ob er nicht doch was falsch gemacht habe
all fehlt es an Geld und an Personal. Doch wer die gierten sie verärgert, wenn man sie zu etwas dräng- nale Sicht auf die Person. »Unser kranke auch im täglichen Leben in ihrer Autonomie- mit seiner Burg, die er einst so akribisch geplant
Demenz nur auf ein Pflegeproblem reduziert, der te oder nötigte. Selbstverständnis an das Gehirn zu fähigkeit gezielt zu fördern, indem man ihnen hilft, hatte. Mit seinem Leben. »Das schleppst du immer
redet am eigentlichen Notstand vorbei. Trotz weit fortgeschrittener Demenz, glaubt knüpfen beraubt uns der Ganzheit nach ihren noch verbliebenen Wertvorstellungen zu mit. Das kriegst du voll rein. Dann reißt das Seil.
Die Alzheimerkrankheit rührt auch an unser Kruse, hätten diese Menschen ein intuitives Emp- des Lebendigen«, sagt etwa der Hei- leben. Ein früherer Wissenschaftler etwa, der selbst Erinnern oder Vergessen, das ist der Knackpunkt.«
Menschenbild, das sich einseitig am kognitiven finden, dass sie selbst es sind, die eine Handlung in delberger Psychiater und Philosoph an Alzheimer erkrankte und nun an einem Demenz- Stellen wir uns ähnliche Fragen nicht alle? Und
Leistungsvermögen orientiert: Wer geistig nicht Bewegung setzen – und nicht jemand anderer. Thomas Fuchs. Ihm zufolge ist die Forschungsprojekt teilnahm, zog daraus tiefe Be- haben wir nicht alle womöglich auf Sand gebaut?
mehr folgen, wer nicht mehr sinnvoll kommuni- Wegen ihrer kognitiven Defizite neigten wir aller- Person im wesentlichen »verkör- friedigung. Obwohl er kaum noch verstand, worum Schließlich gehört der Verfall, das »Abbröckeln«,
zieren kann, der droht aus der menschlichen Ge- dings dazu, die Fähigkeiten von Demenzbetroffe- pert«: Das Selbst steckt nicht nur im es in dem Projekt überhaupt ging, steigerte die bloße zu jeder Existenz. Solange die Burg bröckelt, ist sie
meinschaft herauszufallen. Schon sprechen einige nen zu unterschätzen, sagt Kruse. Dabei besäßen Gehirn, sondern verwirklicht sich in Mitwirkung sein Selbstwertgefühl: Als Projektteil- noch da. In diesem Punkt sind alle Menschen
Philosophen Menschen mit schwerer Demenz den sie oft noch Ressourcen und Potenziale, die ge- unseren leiblichen Interaktionen mit nehmer könne er »viel mehr machen«, erklärte der gleich – mit oder ohne Demenz. Uns alle eint un-
Personenstatus ab (siehe Kasten). Da ist der Schritt weckt werden könnten. der Welt. Diese Erfahrungen schlagen Mann – im Heim hingegen sei er »nichts«. ser emotionales Erleben, das soziale Bedürfnis, die
nicht mehr groß vom Menschen zur Sache, vom Das erlebte zum Beispiel die schottische Psy- sich nieder in Gewohnheiten, in ei- Nach Auffassung des amerikanischen Psychia- Suche nach Sinn. Was uns trennt, sind unsere
»Jemand« zum »Etwas«. chologin Maggie P. Ellis, die das Kommunikations- nem »Leibgedächtnis«, das für ters Steven Sabat sind Menschen mit Demenz im- unterschiedlichen kognitiven Defizite. In den
Dabei hat die Wissenschaft gerade erst begon- verhalten einer schwerst demenzkranken, bett- Fuchs die Kontinuität einer Person mer noch »semiotische Subjekte«, also sinngeleite- allerletzten Phasen der Krankheit kann es sein,
nen, das persönliche Erleben von Demenzkranken lägerigen Frau studierte. Schon vor Jahren hatte ausmacht. te Wesen, die ein Anliegen, einen Sinn verfolgen dass wir bei einem dementen Menschen nichts
zu erforschen – ihre Ängste, ihre Freuden, ihren diese ihr Artikulationsvermögen verloren, sie rea- Daher lasse sich unsere subjektive Er- – auch wenn es für Außenstehende oft schwierig Kognitives mehr finden, kaum noch Emotionen
Blick auf die Welt. Forscher der Universität Ban- gierte auf keine normale Ansprache mehr. Manch- fahrung nicht auf das Gehirn und die ist, diesen Sinn zu entschlüsseln. Was etwa soll oder einen Ausdruck von Selbst. Aber wir dürfen
gor in Wales etwa befragten Heimbewohner mit mal allerdings stieß sie einen durchdringenden Ratio reduzieren, argumentiert Fuchs. man von der Heimbewohnerin halten, die aus nicht aufhören, danach zu suchen.
leichter bis mittelschwerer Demenz. Was sie in den hohen Ton aus. Als Ellis den Ton nachahmte, hob Vielmehr müssten wir auch demenz- dem Kaffeegeschirr kleine Bauwerke errichtet?
Interviews zu hören bekamen, war zum einen be- die Frau ihren Kopf und rieb ihn an der Hand der kranke Menschen als Personen be- Oder von dem Mann, der ständig mit dem Roll- Thomas Vašek, Journalist und Buchautor (»Seele.
drückend. Viele Betroffene äußerten Gefühle von Forscherin. Als diese sich zu ihr herabbeugte und trachten, die ihr Selbst in ihren leib- stuhl unterwegs ist, um nach Gegenständen zu Eine unsterbliche Idee«) kennt die Demenzproblematik
Angst, Entfremdung und Einsamkeit. »Ich fühle sich die beiden Köpfe berührten, schaute die de- lichen Beziehungen mit der Welt fahnden, die er in ihre Einzelteile zerlegen kann? aus der eigenen Familie. Sein Vater erkrankte vor Jahren
mich so allein hier. Ich weiß nicht, was los mit mir mente Frau überrascht und gab wieder ihren Ton realisieren können – wenn man sie Die Heidelberger Gerontologin Marion Bär an frontotemporaler Demenz, ist mittlerweile sprach-
ist. Warum die Leute nicht mehr mit mir reden. von sich. Plötzlich bekam die Interaktion etwas denn lässt. TV hat solche Verhaltensweisen zu deuten versucht. und bewegungsunfähig und wird zu Hause gepflegt
WISSEN T I T E LG E S C H I C H T E : Die Angst vor Alzheimer 12. Mai 2011 DIE ZEIT No 20 39

Foto [M]: Philipp Wente für DIE ZEIT/www.philippwente.com


Z
um Glück hört mich keiner. Was für Mittags wird es voll im Bereich Licht. Auch in den Spielerische Tagesgestaltung: Bernd Vielleicht ist dieser Kontakt durch die Berüh- Wertschätzung, Respekt, Achtung: klingt gut,
einen Blödsinn ich rede: »Café au lait, Abteilungen Luft, Wasser und Erde sammeln sich Linde mit anderen Erkrankten rung zustande gekommen. Nicht immer versteht doch im Alltag stellen sich da viele Fragen. So dis-
pardon madame, la France, en vacances, jetzt Freiwillige. Mit den Festangestellten allein ließe man, was gerade als Schlüssel gewirkt hat. Frau kutiert Jenny Sauerwald mit ihren Mitarbeitern
ja, jetzt kommen die Motorräder aus sich das Arbeitspensum überhaupt nicht bewältigen Barnstedt besucht ihren Mann hier im Haus im gerade, ob man Demenzkranken in ihrer letzten
der Garage, Lederjacke an, Helm auf, – die Hälfte der Bewohner hat die Pflegestufe 3+, das Park sechs Tage in der Woche. Das Heim ist ihr Lebensphase noch die für alle so mühsame tägliche
merci, monsieur, voilà, mon Dieu, brumm, brumm, bedeutet besonders hoher Pflegebedarf. Für die ins- zweites Zuhause geworden, sie sagt: als wir hier komplette Körperreinigung und das aufwendige und
die dicke BMW, auf nach Dangast, ans Meer, da gesamt 61 Bewohner gibt es eine knappe Hundert- eingezogen sind. Hier ist der einzige Ort, an dem oft schmerzvolle Anziehen zumuten soll. Traditio-
halten wir an und trinken einen Kaffee.« schaft an Freiwilligen, die von einem eigenen Verein, sie keine Schuldgefühle plagen, weil sie ihren nelle Pflege und die Angehörigen wollen das so – die
Bremerhaven, Haus im Park, das »Zuhause für dem Solidar e. V., betreut werden. Mann ins Heim gegeben hat. Seit fünf Jahren re- Frauen müssen adrett sein, die Männer mindestens
Menschen mit Demenz«. Ein lichtdurchflutetes, Das Haus im Park ist ein in vielerlei Hinsicht det Herr Barnstedt nicht mehr. Doch an seinem ein gebügeltes Hemd tragen. Könnte man sich auf
in freundlichen Farben gehaltenes zweigeschossiges außergewöhnliches Haus. Unter anderem verzich- 90. Geburtstag drehte er sich ohne erkennbaren T-Shirt und Trainingshose beschränken, ließen sich
Haus in U-Form, drumherum ein großer Garten, tet man – im Gegensatz zu den meisten Einrich- Auslöser zu ihr und sagte: »Hallo, was machst du mehr Zeit und Kraft in die Mahlzeiten investieren
an den der Bürgerpark anschließt. Der Wohn- tungen, die Menschen mit Demenz aufnehmen – denn hier?« Seitdem hat er bloß hin und wieder – die Momente intensivster Zuwendung am Tag.
bereich im ersten Stock namens Licht ist zwar ausdrücklich auf medikamentöse Sedierung, Fixie- »schöne wache Augen«, sagt seine Frau. Andererseits: Beim Waschen und Anziehen werden
nicht offiziell, aber de facto der Palliativbereich des rung im Bett und künstliche Ernährung. Lieber Heute hat Frau Vogel Geburtstag. Sogenannte die Menschen bewegt, die Sehnen gedehnt. Und
Heimes. Hier leben die schwer Demenzkranken, sitzt einer eine geschlagene Stunde bei den Kran- Alltagsbegleiter – das sind alle, die keine Pflegeaus- wahrscheinlich hat es zumindest auf das Personal eine
und wenn alles gut geht, sterben sie auch hier. ken und reicht ihnen das Essen an. bildung haben, aber auch nicht rein ehrenamtlich gewisse Wirkung, wenn der Betreute tagsüber rund-
In breiten roten Samtsesseln schlafen die Alten, An die etwas sperrigen Begriffe hier arbeiten – haben den Tisch um gutbürgerlich wirkt. So wie früher.
einer ist an einen Rollstuhl geschnallt, eine Frau gewöhne ich mich schwer. Menschen mit Girlanden dekoriert und einen
schnarcht auf einem Sofa. Sie sind noch Men- mit Demenz statt Demente; Essen an- Erdbeerkuchen aufgedeckt. Es Eine alte Dame will nicht mehr essen.
schen, aber keine Personen mehr, findet der um- reichen statt füttern. Wohnbereich statt dauert eineinhalb Stunden, bis alle Darf sie gezwungen werden?
strittene australische Philosoph Peter Singer; man- Station. Doch es geht hier ausdrück- Licht-Bewohner aus dem Mittags-
che sprechen sogar abschätzig von »Gemüse« oder
»welken Hüllen«. In Großbritannien wird dieser
Tage über Demenz und Euthanasie diskutiert.
Drei Tage lang darf ich hier hospitieren, um eine
Vorstellung von der Lebensphase zu bekommen,
lich um Würde oder, um den Lieb-
lingsausdruck im Heim zu benutzen:
um »Wertschätzung«. Von Betroffe-
nen im Frühstadium, die etwa drei-
mal hintereinander beim Bäcker
»Ist mir egal, schlaf aufgetaucht und zur Party
erschienen sind. Die notorisch
hungrige Frau Rudersdorf hat da
schon überall am Kuchen ge-
nascht; die winzige Frau Erlen-
Noch tiefer reicht die Frage nach dem Respekt
angesichts des offensichtlichen Wunsches eines
Bewohners, nichts mehr essen, also sterben zu
wollen. Generell versucht man, das Gewicht der
Demenzkranken auch in einem späten Stadium
die jeder Dritte von uns erleben wird.
Zum Glück hört mich einer. »C’est la vie mon
ami, hast du vollgetankt? Quelle heure est-il? Oh,
auf dem Sozius sitzt eine Schöne!« Herr Knorr*,
der seit einer guten Stunde im Sessel neben mir
hängt und reglos vor sich hin starrt, bewegt plötz-
Brötchen holen, Socken über die
Schuhe ziehen oder ihre Haustür
nicht mehr erkennen, aber noch gut
reden können, weiß man um ihr
Leiden unter acht- und liebloser
Terminologie. Dement, also »geistlos«
du Arsch« bruch windet sich in unbeobach-
teten Momenten die Girlande um
den Kopf.
Frau Vogel wird als Letzte in
ihrem Rollstuhl hereingefahren.
Sie ist deutlich noch kein Fall für
auf dem gleichen Niveau zu halten. Kann Ge-
wichtsverlust nicht verhindert werden, wird meist,
falls keine Patientenverfügung das ausschließt, eine
Magensonde eingesetzt. Das schreckliche Wort
vom Verhungern reicht fast immer, jede ethische
Diskussion zu beenden.
lich langsam den Kopf. Seine Augen suchen meine möchten sie nicht heißen. Und sie
Im Bremerhavener Haus im Park werden die Palliativversorgung. Sie be- Doch einen solch rabiaten Zwang zum Weiterle-
Augen. Lange schaut er mich an. Ich streichele schreien nicht herum – sie vokalisie- schwer demenzkranke Menschen nicht obachtet und spricht. Gegenüber ben lehnen die Mitarbeiter vom Haus im Park ab.
seine eiskalte Hand. Er beginnt zu weinen. ren. Ein Star der Szene der neuen allen, die ihr näher kommen, ob Nun gibt es dort gerade eine alte Dame, die sich allen
selbstbewussten Menschen mit De- bevormundet. Beruhigungsmittel, künstliche beim Ankleiden, beim Blutzucker- Bemühungen widersetzt, ihr etwas Essbares zu geben.
Ein Geruch, eine Berührung – vieles menz, der Texaner Richard Taylor, Ernährung und Festschnallen sind tabu messen oder beim Essen anrei- Was tun? Das Haus im Park wird eine Ethik-Kon-
kann einen Kanal in den Geist öffnen wünscht sich sogar, statt von Demen- chen, ist sie grundsätzlich aus- ferenz einrichten. Gemeinsam mit Ärzten und An-
ten von Personen mit kognitiven Ver- VON BURKHARD STRASSMANN gesprochen biestig. Sie schlägt und gehörigen wird in einer solchen Konferenz das weitere
Von Schlüsseln sprechen sie hier. Biografischen lusten zu sprechen. Und Bewohner spuckt. »Sie haben heute Geburts- Vorgehen besprochen.
Schlüsseln. Es kann eine Melodie sein, ein Foto, ließe sich durch Freund ersetzen. tag, Frau Vogel!« – »Das ist mir Herrn Knorr schmeckt es noch. Nach der Ge-
ein Geruch, ein Berührung oder eben ein Begriff. Im Licht leben fünfzehn Men- doch egal, du Arsch!« Das anwe- burtstagstafel gehe ich mit dem alten Lkw-Fahrer in
Die Leiterin des Wohnbereichs Luft, Beate Vetter, schen mit Demenz; nur drei von ih- sende Personal singt, was in dieser den Park. Er hängt im Rollstuhl, der Kopf ist nach
hatte mir »Motorrad« und »Frankreich« als Schlüs- nen können noch selbständig essen. Die übrigen Situation durchaus verrückt klingt: »Zum Geburts- hinten gekippt. Ich habe keine Ahnung, was er mit-
sel für Herrn Knorr mitgegeben. Der Lkw-Fahrer, brauchen eigentlich eine 1:1-Betreuung. Ich reiche tag viel Glück!« kriegt vom frischen Grün und vom Gezwitscher, ob
wussten die Angehörigen zu erzählen, war mal ein Herrn Gabler und seinem Tischnachbarn gleich- Beate Vetter hat schon oft Schläge abbekom- es ihm gut geht und guttut. Plötzlich rutscht er voll-
Motorradfan. Außerdem soll er gern nach Frank- zeitig das Essen an. Herr Gabler hat einen Meister- men von Frau Vogel, und es ist offensichtlich, ends aus dem Stuhl und sitzt vor mir auf dem Boden.
reich gereist sein. brief als Glaser im Zimmer hängen. Als er vor fünf dass die Wohnbereichsleiterin das nicht leicht Herr Knorr ist sehr schwer, muss ich feststellen; ihn
Mit meinem Gestammel habe ich einen Kon- Jahren ins damals neu eröffnete Haus im Park kam, runterschluckt. »Ich sage mir immer, sie meint ja einfach zurück in den Rollstuhl zu heben ist un-
takt zu dem alten Herrn gefunden, eine aufregende war er noch ein flotter Tänzer. Dann mussten ihm nicht mich.« Sie glaubt, dass einige Bewohner möglich. Ich hocke mich also vor ihn, nehme ihn fest
und beglückende Erfahrung für mich. Das mit der infolge einer Diabeteserkrankung beide Beine am- noch etwas in ihrem Leben zu erledigen zu haben. in den Arm, und gemeinsam stehen wir auf.
beglückenden Erfahrung scheint für beide Seiten putiert werden. Heute wirkt er auf den flüchtigen »Sie können noch nicht loslassen.« Da war mal Wieder eine umwerfende Erfahrung. Herr
zu gelten. Denn auch die schwer Demenzkranken, Betrachter wie ein auf den Stoffwechsel reduzierter ein ungewöhnlich aggressiver Mann, der dauernd Knorr hilft! Er kann sich hochdrücken und schließ-
die oft unter Schmerzen und Ängsten leiden, ent- Körperrest. Nähere ich mich ihm mit einem Löffel, herumgeschrien hat. Er war Nazi gewesen, bei lich, während ich mit einem Fuß den Rolli herbei-
spannen sich, wenn sie irgendwo in ihrer verworre- reißt er den Mund auf und verschluckt unterschieds- der SS. »Alles Verdrängte, nicht Gelebte, nicht angele, fast allein stehen. Am Ende sitzt er wieder
nen, chaotischen Welt einen Kommunikations- los große Mengen an Nahrung. Nach dem Dessert Verarbeitete kommt heraus«, meint auch Jenny im Rollstuhl, wir schauen uns in die Augen – und
kanal finden. scheint er – mit weit offenem Mund – zu schlafen. Sauerwald, die Gründerin und Heimleiterin. er lacht. Und lacht. Über beide Backen. Was für
Sacht und etwas verlegen drücke ich seine Schultern. Nicht selten macht sie sich darum um ihre Mit- ein Abenteuer!
Da reißt er die Augen auf und schaut mich so – ja: arbeiterinnen Sorgen: »Wertschätzung brauchen
* Namen der Bewohner von der Redaktion geändert privat – an, dass mir selber die Tränen kommen. die auch!« www.zeit.de/audio

Ab 80 steigt das Risiko Wachsendes Problem Gesellschaft der Dementen


Zukünftig wird es immer mehr
Häufigkeit von Demenz in verschiedenen Altersgruppen nach Geschlecht, in Prozent Demenzkranke geben. Das liegt nicht Von 100 000 Menschen erkranken an Demenz: Entwicklung der Zahl der Demenzkranken
daran, dass die Krankheit sich wie eine in Deuts