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Ein Kunstmensch in Kunsthausen
Haydn, Joseph (17 32-1809)

Wie sein Name deutlich zum Ausdruck bringt, entstammt Joseph einer langen
l,inie von unverbesserlichen Heiden. Halt! werden bereits an dieser Stelle seine
Vcrehrer empört ausrufen: Das geht nicht an, einen Menschen nach seinem Fami-
licnnamen zu beurteilen, für den er nichts kann, und außerdem, der Haydn Joseph
wirr sein Leben lang ganz schrecklich fromm und hat die wunderbarste religiöse
Musik komponiert! Das scheint wohl wahr. Doch abgesehen von dem fast unmaß-
gcblichen Umstand, daß Haydn stets bestrebt war, echt >haydnische< Musik zu
lchreiben (diverse Kirchenfürsten schrieben das Wort übrigens >heidnisch<, völlig
turrbewußt natürlich), führte er sich unter dem Deckmäntelchen des Katholizismus
Bcnauso auf- heidnisch eben. Er hatte gute Gründe dafür, denn er war ein guter
Mensch (obwohl kein >guter Christ<), und gute Menschen müssen gute Gründe
tlrl'ür haben, wenn sie sich so benehmen wie Heiden bzw. Haydn.
Beispielsweise galt der allzeit freundliche >Papa< Haydn als ein vollendeter
Kavalier dem schönen Geschlecht gegenüber, tugendsam und vorbildlich in je-
rlcr Lebenslage. Er sprach auch immer sehr verehrungsvoll über Damen. Eines
rler Londoner Tagebücher des damals rund Sechzigjährigen legt davon Zeugnis
rrb; >In Frankreich als Mädchen tugendhaft, Hure als Weib, in Holland Hure
rrls Mädchen, tugendhaft als Weib, in England bleiben sie alle Zeit Huren.<< Die-
rer Ausspruch beweist deutlich, daß Haydn die Frauen niemals pauschal beur-
leilte, sondern ganz individuell nach Nationalität, daß er überdies ihre Tugend
rchätzte sowie ihren Charakter, den er als durchaus wandlungsfähig einstufte
(rrul3er in England, wo man ihn gerade auf das herzlichste empfangen hatte).
I lirydn hielt sich ausgesprochen gern in weiblicher Gesellschaft auf, bloß nicht bei
rcriner Frau, welche ein echtes Ekel war und fromm bis zum Geht-nicht-mehr.
l)nß er zeitlebens so furchtbar schleimen mußte, der Papa Haydn, muß auf seine
knrnke Nase zurückgeführt werden; von seiner Frau Mutter hatte er einen mords-
rrriilSigen Polypen geerbt und ihr auf dem Totenbett versprochen, sich persön-
lich um das Tierchen zu kümmern. Das tat er weisungsgemäß. War es demnach
scirre Schuld, wenn seine Vorgesetzten ab und an auf seiner Schleimspur aus-
lrrlschten?
Man kann leider nicht umhin, auf Josephs bedeutungsvollen Familiennamen
rrrr'ückzukommen, denn dieser enthält das Ah und Oh des berühmtesten heidni-
richen Machwerkes, der >Schöpfung<. Normalerweise rühren Nachnamen von
llclufsbezeichnungen her, siehe Müller, Meier, Schneider und besonders Schulze

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und Co. Geht man von Hausnamen aus, hat jeder zweite Deutsche einen Bürger-
meister zum Vorfahren, wofür man sich nicht schämen muß: Schwarze Schafe gibt
es in jeder Sippe. (In Australien hat jeder Mensch einen Sträflingsurahn; in
Deutschland konnte man die Kommunalpolitiker jedoch nicht alle gleichzeitig
einsperren.) Folgt man der Berufs-Namensgebungstheorie, gerät man beim
Haydn-Klan unweigerlich in Verwimrng. Diese Haydn nämlich galten als ein
außerordentlich hartnäckiger und tiefverwurzelter Stamm von Wagenbauem. Uber
unzählige Generationen hinweg stellten sie alles her, was nicht niet- und nagelfest
war: Leiterwagen, Kutschen, Planwagen (auf Sonderwunsch auch ohne Plan),
Transportmittel jeder Art. Nach allen Regeln der Kunst hätte die Familie Wagner
heißen müssen. Es gibt nur eine einzige Erklärung für diese eklatante Abweichung
von der Regel, eine Abweichung übrigens, die wir mit Freude zur Kenntnis neh-
men, da sie uns von der lästigen Pflicht entbindet, uns mit noch einem Musiker
namens Wagner herumzuschlagen. (Natürlich hätte Joseph, der eine Zeitlang sehr
versucht war, in England zu bleiben, dann den Namen Joe Cartwright.annehmen
können, aber das hätte uns womöglich in noch tiefere Verwimrng gestürzt.) Der
unausrottbare heidnische Wesenszug ist es, der die Haydn somit davor bewahrte,
Wagner genannt zu werden. In der Tat waren diese Haydn ein gar sonderbares
Völkchen. Sie lebten in einer Gegend, welche den heidnischen Sippencharakter
im Laufe von Jahrhunderten weiter ausprägte, bis endlich Joseph ihn auf die höch-
ste und spitzeste Blüte trieb. Jenes an Ungarn grenzende österreichische Gebiet,
das heutige Burgenland, wurde damals pausenlos von feindlichen und freundli-
chen Truppen überrannt - keiner wußte, wer schlimmer war. Jedenfalls konnte
niemand die Türken leiden, die die unangenehme Gewohnheit besaßen, immer
alles abzufackeln, was sie bei anderen Leuten sahen, inklusive der Leute. Auch die
Kuruzzen galten als ziemlich üble Gesellen in dieser Hinsicht. Die Haydn begeg-
neten dieser Dauer-Invasion auf recht eigenartige Weise. Regelmäßig ließ sich der
jeweilige Oberheide Frau und Kinder metzeln und das Häuschen abbrennen, nur
um dann um so fleißiger alles wieder aufzubauen. Dann kamen die Kurzen zurück
und schlugen noch mal alles klein - egal, Frau und Kinder und Hof wurden neu
hergerichtet, sozusagen ohne Rücksicht auf Verluste. Dabei hatten ausgerechnet
die wagenbauenden Haydn jedesmal die beste Möglichkeit, viel schneller als ihre
Nachbam dem bösen Feind davonzurollen! Doch was taten sie? Sie, von Rechts
wegen Inbegriff der Mobilitöf, verkauften ihre fertigen Wagen an die herumlie-
genden Adligen, welche ihre Burg Burg sein ließen und nur eines suchten, näm-
lich das Weite. Und dann kamen zur Abwechslung die Türken und schlugen alles
kuruzz und klein. Eine solche >Reaktion< seitens der Haydn läßt nur zwei Rück-
schlüsse zu. Entweder waren sie ganz einfach saublöd - es mag ja schön sein, sich
mit der Heimaterde verwurzelt zu fühlen, aber der Spaß hört auf, wenn man
andauernd genauso plattgemacht wird wie die Scholle, auf der man ackert. Sicher,

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tlie Haydn hatten nicht gerade das Pulver erfunden, auch nicht das Rad. Die ande-
le Erklärung für ihre eigenartige Apathie besagt, daß sie im Laufe der Jahrzehnte
tlurch ihre konsequent aufrechterhaltene Feindberührung von den Heiden etwas
Grundlegendes lernen wollten - sie wußten nur nicht recht, was das sein mochte.
rPapa< Joseph aber zog seine Lehren und seinen Nutzen aus diesem fragwürdigen
haydnischen Erbe.
Man darf die Leutchen nicht falsch einschätzen: Sie waren durchaus fromme
l-laydn. Einige von ihnen hielten sich sogar für ausnehmend gute Christen, wie
lrcispielsweise Josephs Vater Mathias, der einundzwanTig Jahre lang als Markt-
richter fungierte. Ihm oblag es, den tugendsamen Lebenswandel der Dorfbevöl-
kerung zu überwachen, insbesondere den Kirchenbesuch und die Einhaltung der
Sonntagsruhe und übermlißige Spielleidenschaft und Ehebruch. Mit all diesen
l)ingen mußte es seine geregelte höhere Ordnung haben, und darauf achtete
Mathias nach Kräften. Außerdem hatte er das Recht, unangemeldet die Feuerstel-
lcn der Dörfler zu untersuchen. (Wahrscheinlich durfte er zu diesem Zweck einen
Löffel mitbringen.) Mathias hatte sich aus der großen weiten Welt, also von einem
zehn Meilen entfemten Kaff, eine Harfe mitgebracht und harfte abends, was das
Zeug hielt. Den Harhnisten begleitete sein treues Eheweib mit andächtigem Ge-
sang. Schon früh bemerkte man so das Genie des kleinen Joseph, der (wohl aus
f)lotest gegen die ewigen Hamburger Harfenkonzete) dazu krähte und jaulte und
rnit Holzscheiten den Takt um sich schlug. Die stolze Mama, Maria geheißen,
wünschte sich nichts sehnlicher, als daß ihr Sepperl einmal ein Priester würde,
tulso kein Wagner wie die anderen Depperl in der Familie. Dies gab den Ausschlag
l'tir Sepperls Lebensweg. Ein haydnischer Priester - das konnte nicht gutgehen.
'lht es auch nicht.
Niemand wußte es zu jener Zeit: Joseph war der größte kleine Erzheide, den die
rnusikalische Welt je zu Gehör bekommen sollte. Zunächst einmal galt er jedoch
lodiglich als Genie und Wunderkind, und das auch nur im engsten Familienkrei-
sr:. Eines Tages, als Sepperl noch nicht sechs war, kam der Onkel Johann vorbei,
cin angeheirateter Verwandter, welcher deshalb Schulleiter und Kirchenchormei-
ster war und kein Wagner. Der erkannte denn auch sofort das Talent des Knaben,
tlcnn er verdiente seinen eigentlichen Lebensunterhalt mit der Beherbergung von
Wunderkindern, aus denen dann, o Wunder, nie etwas Rechtes wurde. Mutter
Maria, die wußte, daß sie den kleinen Heiden nie mehr wiedersehen würde, sobald
cr einen Radius von zwei Kilometem überschritten hätte, sandte ihn dennoch in
tlie Ferne, auf daß aus dem Sängerknaben ein echter Dompfaff werde. Bei Onkel
,klhann war es dann auch sehr schön. Es gab viele neue Eindrücke in der Weltstadt
llainburg; viel zu singen den ganzen Tag, viel zu arbeiten, viel hinter die Löffel,
kaum etwas darauf. Viel Dreck gab es auch und Ungeziefer, mit dem man spielen
konnte. Noch im hohen Alter dankte Haydn seinem ersten Lehrer, der ihm nichts

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beigebracht und damit sein Gehim für vernünftige Eindrücke freigehalten hatte
(was Haydn allerdings etwas verbrämter ausdrtickte). Wie der Teufel es wollte,
kam nach ein paar Monaten der Kapellmeister des Wiener Stephansdoms vorbei
auf der Suche nach neuen Rekruten. Mit acht Jahren landete Sepperl also in Wien;
die Familie war überzeugt, daß sein Glück gemacht sei. Und tatsächlich gab es
hier noch viel mehr schöne Arbeit, viel weniger überflüssiges Essen, überhaupt
keinen Unterricht (außer >zwey< Lektionen zu Anfang) und Ungeziefer, soviel das
Herz begehrte. Außerdem befand sich Klein-Haydn neun Jahre lang fast ununter-
brochen im Stephansdom, eine Erfahrung, die mit Gold oder Dampfnudeln über-
haupt nicht aufzuwiegen ist. Was soll man sagen - natärlich war er glücklich, so
glücklich, daß er diese Zeit seines Lebens später am liebsten gar nicht erwähnte
vor Rührung. Das buchstäblich einschneidendste Erlebnis, welches dem jungen
Joseph in Wien zuteil wurde, bestand in seiner nur mit Mühe verhinderten >Sopra-
nisierung<, auch Kastration genannt. Da man der Meinung war, daß seine wun-
derschöne Stimme zur Ehre Gottes konserviert werden müsse, benachrichtigte
man Vater Haydn. Schnell wie der Blitz verließ dieser die heimatliche Scholle
(und wir wissen, was das für ihn bedeutete). Er wollte einen Pfaffen zum Sohn,
aber keinen falsettierenden! Doch Joseph hatte sich seiner Haut gewehrt, und als
der Vater besorgt fragte, ob er ihn nun >Josephine< nennen müsse, konnte der
Knabe dies verneinen.
DerVorfall jedoch muß sich in des Knaben Seele verheerend ausgewirkt haben.
Zur Ehre Gottes durfte er das ganze Kirchenjahr über fasten und arbeiten; nun
hätte er Gott fast eines seiner edelsten Teile vermacht - völlig ungefragt! Da war's
genug der Ehre Gottes. Aus dem Sängerknaben wurde der Heide, der er war; aus
dem Haydn wurde ein echter Rebell, fast schon ein Antichrist. Gemäß seiner
Wesensart aber ging Joseph still-subversiv ans Werk. Die ersten Kompositions-
versuche des jungen Heiden waren als versteckte Gotteslästerungen konzipiert:
Ihm war hauptsächlich daran gelegen, daß die Notenblätter >hübsch voll< wurden,
ihr Inhalt schlichtweg unausführbar. Ein zwölfstimmiges Salve Regina, bei des-
sen Komposition ihn Reutter erwischte, stellte eine direkte Attacke auf die gesam-
te Kirchenmusik dar, was der Erwachsene nicht erkannte und lachend abtat.
Haydn sollte lediglich zehn der zwölf Stimmen streichen ...
Als >Jugendstreich< tat man auch Haydns frühen Versuch der Usurpation ab:
Schließlich galten Monarchen als Götter auf Erden, Ersatzgötter sozusagen, und
wenn man an ihrem Thrönchen rüttelte, beleidigte man Gott selbst. Wie anders
aber sollte Haydns Attentat in Schloß Schönbrunn zu bewerten sein, als er das
Baugerüst erklomm, welches zu der Kaiserin Gemächern hinaufführte? Gleich
einem Luzifer erklärte er sich selbst zum Rädelsführer der Aktion - und kriegte
prompt eins hintendrauf. Als dann der Stimmbruch kam, wurde Sepperl endgültig
zum Revoluzzer. Er schnitt einem Mitsänger den Zopf abt. Nur eingeschworene

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Anti-Freudianer können hier die Verarbeitung des haydnischen Kastrationstrau-
ntas ignorieren. ZumAusgleich mußte der aufmüpfige Heide anderen jungen Leu-
lcn die altenZöpfe abschneiden - ob die dann aber, zopflos wie sie waren, etwas
rnit ihrer neuen Freiheit anfingen, kümmerte ihn nicht. Haydn selbst erlangte
schon bald viel mehr Freiheit, als ihm lieb war, und zwar durch o.g. Stimmbruch,
rlcn keine Schere hatte auftralten dürfen. Nachdem er seinen eigenen leiblichen
llruder Michael hatte ausbilden müssen, damit dieser in seine, Josephs, stimmli-
chen Fußstapfen treten konnte, kriegte Joseph zum Abschied etliche zafiliche
Stockschläge auf die flache Hand (die er wohl ursprünglich zum Abkassieren des
wohlverdienten Neunjalreslohnes hingestreckt hatte). Er durfte nicht maulen:
Itttmerhin ließ man ihn behalten, was er auf dem Leibe trug, als die Herren Geist-
lichen ihn an die frische Luft setzten, und das ist zumal im Winter eine rührend-
rtrenschliche Geste.
Nun war der heidnische Jüngling weder von der Natur noch von den Eltem
rroch von seinen Vorsängem mit irgend etwas gesegnet worden, nicht einmal mit
(iottes Gnade, die doch angeblich ganz umsonst ist. Er war klein, häßlich, unge-
hildet und arm, wobei letzterc Eigenschaft die anderen extrem verstdrkte. Ganz
gcwiß wdre er verhungert, wenn ihn um die Weihnachtszeit herum nicht ein bit-
lerarmes Paar mit Kleinstkind in ihren Saustall von Dachkammer eingeladen
hlitle. Der junge Heide stutzte ein wenig, nicht weil er von Nafur aus ein Stutzer
wtr, sondern weil er die Weihnachtsgeschichte irgendwie andersherum in Erinne-
lung hatte. Was man ihn jedoch im Dom hatte singen lassen, stimmte offensicht-
lich sowieso nicht im wahren Leben von Wien. Nach nur wenigen Monaten im
Klimmerlein der gastfreundlichen Familie Spangler konnte sich Sepperl, der
irrz,wischen ein Sepp geworden war, etwas Eigenes leisten: Il4 Zimmer im fünf-
le n Stock, ohne BadAVC und ohne Dach, dafür mit öffentlicher Treppe und Papp-
wiinden, im Alten Michaelerhaus, welches mindestens so ... romantisch anmute-
lc, wie es klang. Aus Dankbarkeit und zum Gotteslob scbrieb Haydn darauftrin
rcine erste Oper Der krumme Teufel und, nachdem diese verboten wurde und sein
lhnk nicht versiegen wollte, die zweite Oper Der neue krumme Teufel. Beide
Wcrke bezeugen seine tiefempfundene Frömmigkeit, die ihn nie verlassen sollte:
Alr den Teufel glaubte er zeitlebens.
Da brach plötzlich die adlige, weltliche Welt in sein bis dahin von Heiliger Gei-
rilcrhand bestimmtes Leben hinein. Sie kam in Gestalt eines gewissen Signore Pie-
trrr Metastasio, der tatsächlich ansteckend auf seine Adelskollegen wirkte, denn
irrrrcrhalb weniger Jahre stieg Haydn vom musizierenden Faktotum zum dudeln-
rlcrr Diener, ja sogar zum dienernden Allzweck-Musikus auf. Seine Karriere war
gcladezu rasant, obwohl nicht ganz so rasant wie die seines Bruders Michael, den
rlic Geistlichkeit hätschelte und tätschelte, wo sie nur konnte. Dabei war auch
Michael ein Mann geworden und geblieben. Aber wer verstand schon die Pfaffen?

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Nichtsdestotrolz gtng es Joseph gut; er mußte nur noch 16 Stunden täglich arbei-
ten statt 18.
Als der Heiden-Sepp seine erste Stelle als Musikdirektor antrat beim Grafen
Morzin, mit richtigem Geld, das sogar manchmal ausbezahlt wurde, mit eßbarer
Kost und einem fast eigenen Zimmer (er war nun nämlich auch Kammerkompo-
nist und brauchte deshalb eine), da wurde er im Handumdrehen übermütig. Kaum
achtundzwanzig, und schon wollte er durch eine überstürzte Heirat seine
Unschuld verlieren! Dabei hatte er das Fräulein, welches er zu lieben meinte,
bereits an die Kirche verloren: Ihre Eltern bestanden darauf, die hübscheste ihrer
Töchter ins Kloster zu schicken. Trotzdem blieb das Mädel auf leicht perverse Art
mit dem Sepp verbunden. Als Therese eine Braut Christi wurde (was erstens eine
vermaledeite Verschwendung und zweitens kirchlich sanktionierte Bigamie dar-
stellte, weil Christus doch schon ganze Klöster voller Bräute hatte), da bekam sie
den Namen Josepha zugeteilt - und wie wir wissen, wdre das Sepperls Name
gewesen, falls man auch ihn zur Braut Christi gemacht hätte! So bliebihm The-
rese doch gewissermaßen erhalten, und Sepp heiratete ihre potthäßliche, doofe
Schwester. (Übrigens wurde die ganze Heiratsgeschichte durch einen schreckli-
chen Hormonstoß in die Wege geleitet, den ausgerechnet die schöne Gräfin Mor-
zin dem armen Heiden verpaßt hatte, noch dazu von hinten: Sie guckte ihm beim
Klavierspiel über die Schulter, und - schwupps! - fielen ihre Kleinodien, welche
gar so klein nicht waren, aus dem Halstüchlein heraus. Gott sei Dank konnte
Haydn sie rechtzeitig auffangen, aber mit seiner Gemütsruhe war's aus von da an.)
Thereses ältliche, für die Kirche offenbar ungeeignete Schwester entpuppte sich
schon bald als voller Reinfall. Joseph schnupperte nur ein paarmal an ihr und ließ
sie links liegen, zumal sie keine Kinder bekommen konnte. Woher Joseph das
wußte? Nun ja, so etwas merkt ein Mann eben, nicht wahr.
Wenn bisher noch nicht von Haydns Werken die Rede war, spiegelt das genau
seine Lage wider: Es gab noch nichts Bedeutendes zu vermelden. Haydn, von
Natur aus ein Spätzünder, brauchte lange, um sich voll zu entwickeln. Aber diese
seine Entwicklung gipfelte dann auch im Erhabensten überhaupt, dem Oratorium
Die Schöpfung. Alles vorher ist mehr oder weniger Kokolores. Die der Frau
Haydn zugeschriebene Bosheit, die darin bestand, seine handgeschriebenen
Notenblätter absichtlich als Haarwickel und/oder Pastetenunterlagen zu mißbrau-
chen, darf man im allgemeinen nicht als tragisch werten. Die Schöpfung dagegen
entspringt direkt Haydns Schicksal, mit dem sie untrennbar verwoben ist. Man
sollte nun hinter der haydnischen Schöpfung nichts Göttlich-Biblisches erblicken,
obwohl der Heide selbst für diese gelungene Tarnung gesorgt hat. Seine Schöp-
fung bringt des Haydn Emanzipation zum Ausdruck, seinen Weg von der kirch-
lich gequälten Kreatur zum Spielball der gottgleichen Adligen und dann, hallelu-
jah!, zum nahezu unabhängigen Self-made-Haydn mit eigenem Oratoium, eige-

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trcr Kreation Zunächst jedoch, als Vorbedingung sozusagen, mußte Haydn per-
sönlich noch einmal die gesamte Schöpfungsgeschichte durchlaufen, von Adam
nn. Buchstäblich.
Im Anfang nämlich war Fürst Nikolaus von Esterhäzy, der Prachtliebende. Der
Fürst sah, daß an einem Fleck seines Reiches, nahe dem Neusiedler See, die offi-
ziell-göttliche Schöpfung mir nichts, dir nichts vorbeigewandert war. Dort gab es
ttusschließlich Sümpfe, Mücken, Wasser, Nebel und schlechte Luft, auch Malaria
ßcnannt. Er beschloß, daß es so gar nicht gut war und er selbst aus dem von Gott
g:roduzierten Schandfleckchen Erde etwas unendlich Schöneres gestalten könne.
(icwagt, getan. Fürst Nikolaus ließ alle trockenlegen, besonders die Sümpfe, auf
tluß sie das Fundament seines nagelneuen Superanwesens bildeten, welches
luunkvoller als Versailles, atemberaubender als Disneyland werden sollte. Und so
wud getrocknet, gerodet und gebaut Monat um Monat, Jahr um Jahr, bis der Fürst
zuliieden war ob der ganzen Pracht und des Prunkes und des Protzes und er
crkannte, daß der liebe Gott (mit Verlaub) bloß ein armer Stümper war gegen ihn.
Auf einer Fläche von nicht weniger als sechzehn Quadratmeilen lag die soge-
nunnte >Natur< nicht nur besiegt, sondem in Grund und Boden gerammt und in
l{cih und Glied geordnet. Der Neusiedler See verdiente endlich seinen Namen;
nun galt es nur mehr die neuen Menschen auszuwählen, die das künstliche Para-
rlics zu bevölkern die einzigartige Ehre genießen sollten. Der Fürst verehrte die
Kunst ganz außerordentlich, insbesondere die eigene. Einerseits suchte er Men-
lchenmaterial, welches roh genug war, nach seinem Bilde geformt zu werden,
rrrrdererseits mußte dieses menschliche Knetgummi künstlerische Begabung mit-
hringen, mit der man schön spielen konnte.
Wie der ideale Kunstmensch, von Nikolaus runderneuert und profiliert, auszu-
lehen hatte, ist wahrlich nicht schwer zt efiaten. Was gab es Besseres auf der von
e irrem anderen Gott erschaffenen weiten Welt als einen echten, unverbildeten jun-

pen Haydn? Obendrein einen, der sehr nett musizierte und schon mehrere Stellen
ttls Kammerdiener bzw. -virtuose bekleidet hatte! Den Heiden schleppte Nikolaus
rrril in seinen Garten Eden, in sein >hochfrirstliches Schloß Esterhaß im Königrei-
llrc Ungem<, wie es in einer Touristenbroschüre der damaligenZeitrecht ominös
lricll. Den Haydn hatte der Prachtliebende gern; der Mann mußte der gastlichen
Stiitte erhalten bleiben, wenn dies auch bedeutete, daß der Heide praktisch als ein-
zig,cr Einwohner sein getreues Fratichen mitbringen durfte. Alle anderen Musiker
rrntl Künstler hatten ihr Ehegespons oder -gespenst am Eingang abzugeben. Gera-
rle der arme, unglücklich beweibte Haydn hätte dem Fürsten gern klargemacht,
rlttl3 er keine Extrawurst gebraten kriegen wollte - umsonst. Er bekam sein eige-
ttcs Opernhaus, in dem er dirigieren, sein eigenes Marionettentheater, wo er die
I'rrlrpen tanzen lassen durfte. Allerdings wurde auch er selbst mit zum Inventar
p.cziihlt ...

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Dort also, in der Kunstwelt von Esterhflz, spielte Nikolaus Gott und Haydn Kla-
vier und Geige. Nikolaus fühlte sich in seinem Kulturzentrum so wohlig und erha-
ben, daß er überhaupt nicht mehr nach Schloß Eisenstadt, dem eigentlichen Sitz
der Familie, zurück mochte. Er konnte sich.auch beim besten Willen nicht vor-
stellen, daß einer seiner Kunstmenschen sich freiwillig von Esterhäz entfemen
wollte. So blieb denn der Heiden-Joseph dreißig Jahre lang in dem früheren
Sumpf hocken und fabrizierte wunderschöne Musik am Fließband. Das ihm auf-
erlegte Arbeits- und Produktionspensum war enorm; andauernd wollte Nikolaus
Musik hören, von morgens bis abends und am Wochenende erst recht. Haydn
schrieb und schrieb, dirigierte seine trutzigen Mannen vom Schützengraben des
Orchesters aus und blieb ansonsten sittsam und bescheiden, wie es ihm als fürst-
licher Kreatur zukam. Man hatte ihn und seine zölibatierenden Mitbewohner in
feine fürstliche Livreen und Wämschen gesteckt, passend zum nichtatmenden
Ambiente. 1773 kam die Kaiserin Maria Theresia in die Sumpfoase und wollte
fortan nur noch haydnische Musik hören. Auch sonst gab's viel Besugh; die mei-
sten brachten dem menschlichen Spielzeug Haydn goldene Tabatierert mit. Keiner
weiß heute, ob Haydns Nasenpolyp Schnupftabak überhaupt vertrug. Seine
Dosensammlung muß jedenfalls riesig gewesen sein.
Außer güldenen Dosen sammelte Joseph italienische Sängerinnen. Da er musi-
kalisch immer brav alles Geforderte leistete, noch weit übertraf und so den Ruhm
seines neuen Schöpfers in der Welt mehrte, durfte sich Haydn einige heidnische
Eigenheiten herausnehmen, die der restlichen Bevölkerung nicht anstanden. Er
wollte eine richtige Frau haben, keine fromme wie seine eigene, sondem eine mit
Dekollet6 und echtem Tremolo, nicht nur in der Singstimme. In einer gewissen
Luigia Polzelli fand er die Gesuchte. Es störte ihn nicht, daß die Polzelli ihren
Mann mitbrachte, welcher ebenfalls in fürstlichen Diensten stand. Beide Musiker
erwiesen sich als herzlich unbegabt, was dem ansonsten auf Qualität achtenden
Haydn schnurz war. Die Polzelli hatte ihre Qualitäten anderswo, und der Fürst gab
sie seinem Heiden, wie weiland der liebe Gott dem Adam seine Eva geschenkt
hatte. Der Fürst bemerkte nämlich sehr wohl, daß der nunmehr 4J Lenze zählen-
de Kapellmeister in letzter Zeittraunger und trauriger wurde. Das wdre nicht wei-
ter störend aufgefallen, wenn sich Haydns Zustand nicht so fatal auf seine Musik
ausgewirkt hätte. Die Begleitmusik zum Essen war mittlerweile so schleppend,
daß die Suppe im Löffel auf dem langen, trostlosen Wege zum fürstlichen Munde
eisekalt zu werden pflegte - gar nicht zu reden von der einschläfernden Wirkung
auf die fürstliche Verdauung. Es stimmte zwar, daß Haydns Genius sich in der
Einsamkeit wie eine Sumpfblüte entfaltet hatte und daß der pathetische Schmerz
seiner Werke in der Außenwelt mächtig geschätzt wurde, aber Nikolaus kriegte
davon Blähungen.
So also schenkte der Fürst seinem sehnsuchtskranken Haydn eine passende

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llcidin, und fortan schwebte das Paar durch die fürstlichen Parkanlagen wie der
Hlf'enkönig Oberon mit Gemahlin, losgelöst von der Welt, sogar ihrer künstlichen.
l:s fiel ihnen erstaunlich leicht auf ihren Höhenflügen, Herm Polzelli und Frau
llaydn völlig zu übersehen. (Allerdings litt Polzelli an Schwindsucht und wurde
von Täg zuTag weniger, bis er sowieso nicht mehr wahrzunehmen war.) Vielleicht
lrlieb die Geschichte dann doch nicht ganz so ätherisch. Es gab da den kleinen
Antonio, der auf Esterhäz das Licht der künstlichen Welt erblickte und dessen
Nachwuchs Haydn später >Opa< nannte, was natürlich gar nichts besagen muß.
Als das Paar l79l nach zwölf Jahren gemeinsamen Musizierens auseinanderging
(riler die Polzelli allein auseinanderging, denn sie war keine neunzehn mehr wie
zu Anfang der fruchtbaren Beziehung), da war der Haydn Sepp wieder allein und
rloch recht zufrieden. Er legte mittlerweile mehr Wert auf gutes Essen als auf Sex
nrit alten Einunddreißigjährigen. Sein Revoluzzerherz schlug nach wie vor laut
rund vernehmlich; jedoch achtete er darauf, daß der Fürst es nicht pochen hörte.
l)arum schrieb er lieber Briefe an seinen Herm, selbstbewußt, mannhaft und auf-
lccht, wie etwa: >>Durchleuchtig Hochgebohmer Reichsfürst. Gnädigst Hochge-
hiettender Herr Herr! Blahbtah...blah...blahblahblah .... Der mich zu ferneren
hochfürstlichen hulden und gnaden unterthänigst gehorsamst reccommendire und
rrrit aller Submissesten Respect ersterbe. Euer Hochfürstlichen Durchlaucht
urrterthänigst gehorsamster Josephus Haydn..< Dem hatte er es aber gezeigt, die-
scm hergelaufenen Fürsten! (Nebenbei bemerkt muß allein Haydns umfangreiche
Korrespondenz den unmittelbaren Auslöser für alle Rechtschreibreformen des 18.
.llhrhunderts dargestellt haben.) In der innersten Kammer seines Herzens fühlte
tlcr Kammermusikus schmerzlich, daß er mehr >Capell-diener< derm >Capell-mei-
sler< war, denn er durfte trotz seiner Erfolge und seiner ins Unheimliche wach-
senden Beliebtheit in der Außenwelt (d.h. Schnupftabakdosen von sämtlichen
Kiinigen Europas; er hatte inzwischen so viele davon, daß er sie nach einmaligem
I lineinschnupfen wegwarf) nicht das Esterhaß-Wolkenkuckucksheim in Ungem
vcrlassen. Die einzige Genugtuung bestand in dem Wissen, daß seinem Brüder-
clrcn Michael immer noch die kirchliche Gunst nachschlich, und zwar auf sehr
pcnetrante Weise: Der Arme mußte bis zu seinem unseligen Ende Kapellmeister
boim Bischof von Salzburg bleiben, der 1. keinen Sinn ftir Musik und 2. noch
wcniger Sinn für Gehaltserhöhungen besaß. Joseph beschloß, als Zeichen seiner
cigenen tief-katholischen Frömmigkeit den Freimaurern beizutreten, denn dort
wirren Frauen nicht zugelassen, und es gab Logenplätze auch für Unterprivile-
gicrte wie ihn.
Ausgerechnet eine Frau war es dann, die ihm sein Eingesperrtsein so unerträg-
lich machte, daß er beinahe gekündigt hätte. Sie hieß Marianne von Genzinger,
witr die Gattin des Leibarztes von Fürst Nikolaus und hatte nur einen großen Feh-
lcr': Sie lebte in Wien. Im Gegensatz zur Affäre Polzelli spielte sich ihrer beider

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Beziehung (der Gatte wurde wieder mal übersehen, aber Haydn ließ ihn immer
herzlich grüßen) auf rein spirituell-ästhetischer Ebene ab, wie man aus dem Brief-
wechsel ersehen kann. Haydn schreibt nie über Sex, auch nicht verbrämt; statt
dessen ergeht er sich in feinsinnigen Betrachtungen über Rinderbraten, Ragout
mit kleinen Knöderln, böhmischen Fasan, delicate Pomeranzen, Cioccolate mit
Sahne, Gefrornes mit Vanille oder Ananas, Parmesankäse. Das Musische schlug
halt stets durch bei ihm, besonders da er auf Esterhi{z von seiner Gattin bekocht
wurde, die ihn am liebsten mit schwarzen Nudeln verwöhnte (weiß der Himmel,
wie die Gute das angestellt hat). Nach eigener Aussage konnte Haydn durch die
eheliche Verköstigung binnen drei Tagen um zwanzig Pfund >mägerer< werden,
und das nicht einmal wäihrend der offrziellen Fastenzeit.
Diese künstlerische Identitätskrise also bewog ihn um ein Haar dazu, seinen
Job als Oberkunstmensch in Oberkunsthausen hinzuschmeißen. Es lagen so viele
Einladungen aus dem Ausland vor von unzähligen Verehrern und -innen seines
Schaffens, die bestimmt alle wunderbar kochen konnten. Haydn fählte den Ruf
der Ferne, hörte das Jammem seiner eingesperrten Seele und das Kriurren seines
darbenden Magens und wußte plötzlich, daß er der gastlichen Stätte musikalisch-
schöpferisch nunmehr vollends entwachsen war. Er spielte emsthaft mit dem
Gedanken, die Koffer zu packen, als Fürst Nikolaus der Prachtliebende freundli-
cherweise den ersten Schritt tat und verblich. Dessen Sohnemann Anton hatte kein
Interesse für Gedudel und entließ die meisten Musiker; den Haydn behielt er pro
forma, weil der irgendwie ein Relikt aus Kindertagen darstellte, welches schon
immer livriert in Esterhäz herumgestanden hatte und Musik machte, wenn man
auf den obersten Knopf drückte. Aber Papas altes Lieblingsspielzeug durfte rei-
sen, wohin es wollte, Hauptsache, es schickte ab und zu eine Ansichtskarte. Das
ließ Haydn sich nicht zweimal sagen. Fluchtartig düste er ab - ausgerechnet nach
England. Unter den unzähligen Freunden seiner Kunst mußte sich mindestens ein
Intimfeind befunden haben, der ihm von der guten englischen Küche berichtet
hatte ...
Nach seiner inhaltsschwangeren Ankunft zu Engeland am Neujahrstage I79I
begann Haydn prompt ein ganz neues Leben. Das schlägt sich wiederum in seiner
Post nieder: Bereits nach einer Woche fern von Esterhäz mag er plötzlich keine
Fürsten mehr küssen, zumindest nicht unterhalb der Gürtellinie (also Füße oder
Röckchen). Er suhlt sich in der mordsmäßigen Verehrung, die ihm die Engländer
entgegenbringen und die einen beinahe glauben macht, sie verwechselten ihn mit
dem toten Händel. Der Prinz von Wales läßt ihn persönlich auf Händen tragen und
betet ihn an. Beim Prinzen kriegt er sogar manierliches Essen aufgetischt. Er wird
herumgereicht wie ein Wanderpokal. An jeder Ecke, in jedem Heim und Konzert-
saal spielt man haydnische Musik, bis sie sogar Haydn manchmal zu den Ohren
herauskommt. Die musikliebende Menge verfällt in Raserei, sobald sie seiner

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ünsiichtig oder anhörig wird. Die anderen Massen rasen einfach mit, weil's Spaß
ntucht. Kleine und große Mädchen und sogar große Jungs binden sich Schleifchen
mit Haydns Namen ins Haar. Die alten Knaben in Oxford dräcken ihm einen
Ehrendoktortitel aufs Auge und wollen nicht auftrören, mit ihm zu feiem. Haydn
lindet das toll, ist nur ein bißchen knatschig, als er den Professoren Freibier bzw.
Frei-Ale ausgeben muß. Die Fürsten gehen entweder bei ihm ein und aus oder
rlrticken ihm ihre Klinke ftirmlich in die Hand. Jeder wünscht sich eine Locke sei-
nes verehrungswürdigen Haares oder wenigstens einen Reliefabdruck seiner
;rrachtvollen Blatternarben. Er behält wohlweislich beides, Haare und Narben,
denn die sind sein wahres Kapital (1796 beantragt er in Wien folgenden Kredit:
,rlch nehme mir die freyheit gehorsamst zu bitten, mir auf mein blattermasigtes
Cesicht 100 Gulden in Bankopapier zu leihen<<). Als nun Haydn erkennt, daß man
sogar diejenigen seiner Teile anbetet, die ihm früher eher zum Spott gereichten,
kommt ihm die Erleuchtung. Er selbst, Haydn, ist keine Kreatur mehr - er ist ein
Gott geworden.
In diesem neuen Bewußtsein seiner göttlichen Größe springt er von nun an auch
mit dem ihm hinterherlaufenden Hochadel um: >>Ich bin mit Kaisem, Königen und
vielen großen Herren umgegangen und habe manches Schmeichelhafte von ihnen
gehört; aber auf einem vertraulichen Fuss will ich mit solchen Personen nicht
leben ...< Schließlich hat er doch sich selbst als besten Umgang. Haydn ist nicht
nur umgänglich, sondem mittlerweile geradezu unumgänglicft. Schon nach neun-
zehn Monaten fährt er >heim<, aber nur, um kurz beim Esterhäzy vorbeizusehen,
ihm diverse Ratschläge für seine Regentschaft zu erteilen und schnurstracks nach
England zurückzukehren. Plötzlich gibt es einen neuen Esterhäzy, der nicht nur
Nikolaus heißt, sondem seinem Großpapa alle Ehre zu machen droht: Auch er ist
ein großer Musikliebhaber und möchte den Heiden wiederhaben. Na gut, denkt
sich der Haydn, jetzt, wo ich als Gott der Musik das Sagen habe, kann ich ihm ja
tlie Gunst meiner Kunst erweisen - und weil er sich in England Tag und Nacht vor
adeligen Lockenräubern schützen muß, kommt er ganz gern wieder nach Ungern.
Atsch - reingefallen.In Österreich ist er kein Oxford-Doktor mehr, nur noch ein
Musikus in ungarischen Diensten. Sein neuer Chef, ein Bürschchen noch, hat bloß
lnteresse an uralter Kirchenmusik (igitt!), ist obendrein ein Knauser und, schlim-
rner, ein glühender Fan von Haydn-Bruder Michael, der immer noch einsam und
unkastriert in seinem Dom sitzt und für Gotteslob komponiert, dieser Dussel.
Nikolaus Zwei will Haydn wiederhaben, weil jeder Haydn haben will, er selbst
irber das ererbte Vorzugsrecht genießt. Haydnische Musik kann er nicht ausstehen.
Andererseits erweist sich die Mißachtung von Haydns Musikschaffen als
Segen, denn nun hat der GottZeit genug, in Ruhe seine Schöpfung zu schöpfen,
tlie er schon in England fest ins Auge gefaßt hatte und deren Tantiemen er bereits
cbenso fest in seine Taschengeldberechnung einbezieht. Da setzt er sich also hin,

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der neue Ubermensch, und zückt den Gänsekiel (den Hesekiel und überhaupt die
Bibel braucht er nicht für das kühne, große Unterfangen). Berge von Notenpapier
liegen bereit, vom Meister vollgemacht zu werden. So eine Schöpfung dauert
lange, wenn man sich nicht mit Schlamperei begnügen will wie jener Andere. Der
Heide weiß, daß er eine Haydnarbeit vor sich hat, doch das schreckt ihn nicht. Er
kann sogar bei der Erschaffung singen wie einst als Domesknäblein - nun weiß
er: diese Schöpfung wird ein Oratorium! (So etwas ist in England ohnehin viel
beliebter. Schon Händel, den er niemals kopieren würde, hatte damit einen Mords-
erfolg.) Während er seine Noten zu Papier bringt, fein säuberlich und sogar leser-
lich, rekapituliert er den langen, dornenvollen Weg, der ihn letztendlich zum
Olymp der Heidengötter führte. Wie man weiß, zieht vor dem geistigen Auge von
Ertrinkenden, Fallschirmspringern und Größenwahnsinnigen immer wieder ihr
Leben vorbei, in Technicolor und Stereo. So auch beim Haydn. Die scheinbar bib-
lischen Elemente seines Werkes sind die Etappen seines eigenen Werdegangs.
Engel Luzifer mit der schönen Stimme, den man aus der Kirche wirft o die Zeit
als Mitesser bei der Krippenfamilie - diverse Krumme Teufel - das Paradies, in
dem man zuerst die Nebel verjagen und die Wasser teilen muß -Adam und Eva -
Adam allein - Adam in insula angelorum, im Land der Engel, die endlich ihren
rechtmäßigen Führer preisen und anbeten. Eine kurze, doch eindrucksvolle
Geschichte mit vielen Nöten, in vielen Noten, wunderbar zu singen. Beim Auf-
schreiben seiner Autobiographie läßt Joseph des öfteren einen Seufzer, später
jedoch manchen Triller fahren, denn er singt die gesamte Schöpfung mit, versteht
sich. Seine Feder huscht immer beschwingter über das Notenpapier, je mehr er
sich der Apotheose nähert, der Gottwerdung des Heiden-Menschen. Als das Werk
fast vollbracht ist, hört des Haydn Diener seinen Herm ganz seltsame Laute aus-
stoßen - ein Hecheln und Keuchen und Röcheln, welches nicht von dieser Welt
stammt oder zumindest von keinem vemünftigen Komponisten. Er lugt durch eine
Spalte in der Tür: Da schwebt der Heiden-Joseph über seinem Schreibpult, gött-
lich verklärl, ganz durchsichtig wie ein Astral-Leib oder eine Tiefseequalle! Die
Augen sind nicht himmelwärts verdreht, sondem nach innen, wie sich's in diesem
Fall gehörfi den Federkiel hat der Heide fahren lassen nach dem letzten Strich
übers Papier. Er ist entrtickt und kehrt so bald nicht wieder.
Es versteht sich von selbst, daß ein solches Werk die übrige popelige, nicht-
göttliche Menschheit vom Hocker bzw vom Thron reißt. Zwar weiß niemand
Bescheid über die recht unkatholische, unchristliche Erschaffung der Schöpfung,
doch das stört den Haydn nicht, bezieht sich doch allebezeigte Verehrung auf den
Hohepriester des musikalischenWerkes, nicht auf den Anderen, der vorher schon
den unwesentlichen Rest übemommen hatte. Doch jener Nebenbuhler vom
Christlichen Verein scheint ein recht eifersüchtiger Gott zu sein, der keine Haydn
neben sich dulden will. Den Ruhm für seine Schöpfung kann der Joseph noch voll

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rubkassieren, doch dann ist's langsam aus: Mit dem nächsten Oratorium, nach dem
u.a. das Hotel und diePizza Vier Jahreszeiten benannt sind, verausgabt sich der
neue Gott der Musik so fürchterlich, daß er fast über Nacht zum greinenden Tat-
lergreise wird. Ein Jahrzehnt lang quält er sich dahin, umsonst - alle Schaffens-
kraft ist endgültig versiegt. Das schmeckt nicht nur nach Gottes Rache, das ist sie,
klar und deutlich. Wenn nun noch Besucher kommen, setzt man Papa Haydn in
sein Stühlchen, geschniegelt wie Mamas Liebling, geteert, gefedert und gepudert,
inmitten seiner Tabakdosensammlung. Alle sind gerührt, wie gerührt der Alte
immer ist. Er weint, wenn man >seinen Mozart< erwähnt, er heult, wenn er seinen
l,ieblingspudding vorgesetzt bekommt, er vergießt heiße Tränen, wenn er ihn
rricht bekommt. Ganz besonders schmerzt es ihn, daß er für eines seiner letzten
brauchbaren Liedchen, >Gott erhalte Franz den Kaiser<, von Beckenbauers Hof-
staat keinen Orden erhalten hat.
Der alte Heide blieb bis zum Ende unverbesserlich. Als kurz vor seinem Tode
clie Franzosen Wien einnahmen und auch sein Häuschen beschossen, daß es bebte,
lröstete er die Dienstboten mit den wahrhaft erhabenen Worten: >>Kinder, fürchtet
cuch nicht, wo Haydn ist, kann euch kein Unglück treffen.< Es irritierte ihn etwas,
claß dies die Dienerschaft nicht augenblicklich beruhigte. Bevor er den Federkiel
ganz abgab, wollte er noch ein Oratorium schreiben, in dem er mit dem anderen
(iott schwer in >Das Jüngste Gericht< zu gehen plante. Daraus wurde nichts mehr.
Er starb dann inmitten so vieler Kriegswirren, daß man ihn zeitweilig, also ein
paar Jahrzehnte, völlig vergaß, javerschwitzfe. Seine Beerdigung war nicht Erster
Klasse mit IC-Zuschlag, wie er es ausdrticklich bestimmt hatte; außerdem kam
kein Schwein, zumindest kein Komponist oder Kapellmeister. Das Tollste war die
Sache mit dem Schädel. Nikolaus Zweihatte erst Lust, Haydn zu überführen, als
ihm jemand schmeichelte, er habe den Meister lebend besessen und nun auch
noch die Reste. Da erst f,rel dem Fürsten ein, was er in der Eile in Wien liegenge-
ltssen hatte. Als man Haydn ausbuddelte, fehlte der Kopf - nur die Perücke war
da, sauber gepudert. Es stimmt schon, daß Haydn immer seinen eigenen Kopf
hatte in solchen Dingen, aber seit 1954 trägt er ihn wieder unterm Arm, wo er hin-
gehört.
Zuletzt pflegte Haydn eine komponierte Visitenkarte benutzen, molto ada-
^r
ist alle meine Kraft/Alt und schwach bin ich.< Nicht
,gio, mit dem Lamento >Hin
rrur Fans der Minimalkunst halten dieses Dutzend Noten für Haydns größtes
Werk.

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