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Teekessel mit einer Einleitung im Stil von Marcel Reich-Ranicki

© Christof Wahner 2011

[der Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki:]


Das Wetter ist zwar gut, aber die Texte sind wieder einmal grottenschlecht, ja geradezu unerträglich.
Dieser Literaturzirkus hier erinnert an eine üble Szene im Zweiten Weltkrieg. Aber man hat ja überlebt.
Nun, vor einigen Wochen engagierte mich ein vagabundierender Möchtegern-Schriftsteller für diese
Anmoderation und überließ mir dafür außer meinem Honorar einige Notizen, und zwar in der überaus
naiven Hoffnung, dass ich dieses Vorwort unkommentiert verlese. Aber bei einem wahrheitsliebenden
Literaturexperten wie mir verschätzt man sich da gründlich. Nun ja, ein gesundes Selbstbewusstsein
ist ja schon eine gute Sache. Das weiß ich schließlich aus der eigenen Erfahrung. Aber ein gesundes
Selbstbewusstsein ist eben von einer narzisstischen Selbstwertproblematik streng zu unterscheiden.

http://www.tagesspiegel.de/images/marcel-reich-ranicki/1346510/2.jpg

Jedenfalls ist es eine geradezu erschreckende Zumutung, wie dieser daher gelaufene Autor mit seinen
unbedarften Texten sein Publikum vor vollendete Tatsachen stellt, so dass der Auftritt einer öffentlichen
Darmspiegelung gleich kommt. Aber solch ein unqualifizierter Psychopath – wobei es natürlich auch
durchaus qualifizierte Psychopathen gibt wie etwa die Herren Ministerpräsidenten Berlusconi, Erdoğan
und Putin – aber wie bereits gesagt: solch ein größenwahnsinniger Schreiberling hier, der bestenfalls
als stellvertretender Schriftführer in einem Hasenzüchterverein taugen mag, hat noch nicht einmal das
allergeringste Fünkchen Ahnung, welch literarisches Unheil er mit seinen desolaten Auftritten anrichtet.
So ist es kein Wunder, dass er von sämtlichen Lesebühnen verbannt wurde und sich seither nur noch
auf so genannten Poetry Slams herum treibt. Vor der anglizistischen Sprachverseuchung kannte man
übrigens für solcherlei Veranstaltungen den Begriff Dichterwettstreit. Aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls ist es immer wieder erstaunlich, dass solche unseligen Kulturbanausen überhaupt Zugang
zu zeitgenössischen Veranstaltungen erhalten und dies auch noch in solch einer prominenten Position.
Dieser scheinbare Anflug von Bewunderung relativiert sich aber nur allzu schnell im Lichte der ebenso
herben wie düsteren Erkenntnis, dass dieses offenbar dem Schreiben hinreichend zugeneigte Subjekt
nicht einmal ansatzweise als "Schriftsteller" und erst recht nicht als "Dichter" bezeichnet werden kann.
So gelangte ich zu jener alles entscheidenden Frage, ob es sich hier überhaupt um einen Menschen _
handelt. Nach reiflicher Überlegung und ausführlicher Recherche stieß ich zu folgendem Resultat vor:
Er ist weder ein Schriftsteller noch ein Mensch – obwohl sich diese beiden Kategorien ja grundsätzlich
nicht ausschließen. Vielmehr ist er ein Angehöriger des geistigen Proletariats, zumal er sich noch nicht
einmal in der vorteilhaften Lage befand, meine Autobiografie zu studieren, bevor er sich vertrauensvoll
an mich wandte. Statt dessen belästigte er mich am Telefon mit allerlei befremdlichen Anekdoten aus
seinem an sich eher belanglosen Werdegang, um es noch einigermaßen wohlwollend zu formulieren.
Dass er kein Mensch sein kann, ergibt sich eigentlich allein schon aus dieser grenzwertigen, überaus
konstruktivistisch anmutenden Situation, dass ihn offenbar niemand auszustehen geschweige denn
wertzuschätzen vermag, wovon er selbst, laut seiner eigenen Äußerungen, hinreichend überzeugt ist.
Sobald ihm einmal ein aufgeschlossener, lebensfroher, gebildeter Mensch – so wie ich zum Beispiel –
ihm eine gewisse Sympathie bekundet, so reagiert er nun hierauf mit seiner ausgeklügelten Strategie,
diese Sympathie so gründlich in Zweifel zu ziehen und als reine Heuchelei zu entlarven, bis sich auch
die allerletzten Zeitgenossen von ihm abwenden, so dass er sich auf diese Weise wieder einmal mehr
in seiner Isolation bestätigt sieht. Falls ich hier nun irgendetwas falsches gesagt haben sollte, so kann
er ja gleich anschließend meine Aussagen richtig stellen. Er ist schließlich nicht mehr der kleine Junge,
der ohne Fürsprecher verloren ist. Aber ich muss feststellen, dass es für mich eine einzige Schande ist,
mich überhaupt auf solch einen Dilettanten eingelassen zu haben und dass daher mein sowieso schon
bescheidenes Honorar in diesem Fall bestenfalls ein kümmerliches Schmerzensgeld darstellen kann.

Wir dürfen von seinem Vortrag also nicht das geringste erwarten. Sollen also bitte keine Leute kommen
und behaupten, ich hätte sie nicht gewarnt! Andererseits bewahrt uns genau diese unerschütterliche
Tatsache vor einer wie auch immer gearteten literarischen Enttäuschung. Ungeachtet dessen möchte
ich das Publikum dazu ermuntern, sich trotzdem ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit abzuringen.
In diesem Sinne begrüße ich nun Herrn Wahner auf dieser Bühne. Nun – über die Frage, ob er trotz
all seiner gravierenden Defizite einen Mitleidsapplaus verdient, entscheidet bekanntlich das Publikum.

http://www.merkur-online.de/bilder/2009/09/25/477407/1327654399-fernsehpreis-marcel-reich-ranicki.9.jpg

[meine Wenigkeit Christof Wahner:]


Tja Leute, das eben war für mich eher nicht so das gelbe vom Ei. Uiuiuiuiui! – Mannomannomann! –
Das ging ja so richtig in die Hose. Aber ich tu jetzt einfach mal so, als ob niemand zugehört hätte.
Jetzt bleibt mir halt leider nicht mehr viel Zeit. Deshalb muss ich meinen allerkürzesten Text bringen.
Zufälligerweise handelt dieser Text genau vom Thema 'Zeit'. Er besteht auch nur aus einem einzigen
Wort, das dafür aber umso mehr Silben hat. Also ein richtiger Teekessel in der Konfektionsgröße XL.
Zeit.dauer lauf.pass höhen.luft schloss.park uhr.zeit dauer.lauf pass.höhen luft.schloss park.uhr
Dankeschön und Tschaui ...