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ВЫСШЕЕ ОБРАЗОВАНИЕ

М. D.STEPANOVA, I.I.CERNYSEVA

LEXIKOLOGIE
DER DEUTSCHEN
GEGENWARTSSPRACHE

М.Д.СТЕПАНОВА, И.И.ЧЕРНЫШЕВА

ЛЕКСИКОЛОГИЯ
СОВРЕМЕННОГО
НЕМЕЦКОГО ЯЗЫКА
УЧЕБНОЕ ПОСОБИЕ
Для студентов лингвистических университетов и факультетов
иностранных языков высших педагогических учебных заведений

Москва

ACADEMA
2003
УДК 803.0(075.8)
ББК 81.2 Нем-3я73
С81

Авторы:
М.Д. Степанова — части 2, 5; И. И. Чернышева — части 1, 3, 4

Рецензенты:
доктор филологических наук, профессор Военной академии РВСН
им. Петра Великого Т.Д. Михайленко;
доктор филологических наук, профессор МГОУ Л. К. Латышев

Stepanova M.D., eernyseva I.I.


С 81 Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache: (Степанова
М.Д., Чернышева И. И. Лексикология современного немецко-
го языка): Учеб. пособие для студ. высш. учеб. заведений. -
М.: Издательский центр «Академия», 2003. - 256 с.
ISBN 5-7695-0929-5
Учебное пособие, созданное крупнейшими специалистами в области не-
мецкого языка, соответствует требованиям действующего стандарта высше-
го образования. В пособие рассматривается теория и функции слова как ос-
новной единицы лексической системы, лексико-семантическая система язы-
ка, словообразование, сочетаемость лексических единиц.
Может быть полезно также аспирантам и преподавателям высших и сред-
них учебных заведений.

УДК 803.0(075.8)
ББК 81.2 Нем-3я73

© Чернышева И. И., 2003


ISBN 5-7695-0929-5 © Издательский центр «Академия», 2003
VORWORT

Die Lexikologie als eine Lehre von Wort und Wortschatz


einer Sprache ist heute vielleicht eine der zentralen Teildiszipli-
nen der Sprachwissenschaft. Das hängt zusammen nicht nur mit
der Disziplin allein, die bekanntlich komplexer Natur ist, son-
dern mit der Vielzahl neuer Probleme und Fragestellungen, die
im Zusammenhang mit Verwertung von Ergebnissen der Nach-
bardisziplinen (Psycho-, Sozio-, Textlinguistik, kognitive Lin-
guistik, Pragmalinguistik) kommen.
Das vorliegende Buch verfolgt das Ziel, eine Einführung in
die lexikologische Problematik der Sprache, hier der deutschen
Gegenwartssprache zu sein. Dies bedeutet in diesem Fall die
nähere Betrachtung folgender grundlegender Fragen: die Struk-
tur des deutschen Lexikons, die Natur der lexikalischen Bedeu-
tung, Methoden der synchronen Wortschatzanalyse, dynamische
Prozesse im Lexikon, das Wort in System und Text u.a.
Die zeichenorientierte Semantik im Lehrbuch ist entsprechend
ihrer Rolle in der Entwicklung dieser linguistischen Wissenschaft
in den 70er—80er Jahren des XX. Jhs. in unserer Germanistik
zu erklären. Einiges Wissen, das als Ergänzung vermittelt wur-
de, kann u.E. den Umriss einer interdisziplinären Synthese se-
hen lassen, die die gegenwärtige Lexikologie anstrebt.
/. /. Cernyseva
0. DIE LEXIKOLOGIE ALS BEREICH
DER SPRACHWISSENSCHAFT UND ALS LEHRFACH

0.1. GEGENSTAND, ZIELE UND METHODOLOGISCHE


GRUNDLAGE DER LEXIKOLOGIE

Die Lexikologie (griech. lexis „Wort", logos „Lehre") ist ein Bereich der
Sprachwissenschaft, der sich mit der Erforschung des Wortschatzes befasst.
Die Lexikologie als Lehre vom Wortschatz einer Sprache untersucht den
Wortschatz als System. In diesem Fall handelt es sich um ein lexikalisch-
semantisches System, das ein Teilsystem oder Subsystem der Sprache bildet.
Als zentrale Bereiche der lexikologischen Forschung sind zu nennen:
- das Wort als eine grundlegende nominative Spracheinheit im lexika-
lisch-semantischen System, seine strukturellen Wesensmerkmale und seine
Bedeutung,
- die Struktur des Wortschatzes als System und die Beziehungen zwi-
schen seinen Elementen,
- die Stratifikation bzw. Schichtung des Wortschatzes aus der soziolin-
guistischen und funktionalen Sicht,
- kommunikativ begründete Veränderungen des Wortschatzes. Die Quel-
len der Wortschatzerweiterang.
Die methodologische Grundlage der lexikologischen Forschung in der
Linguistik von heute bildet die materialistiche Sprachauffassung, die Be-
trachtung der Sprache als ein unikales System, geeignet mentale, konzeptu-
elle und kommunikative Tätigkeit des Menschen zu ermöglichen.

0.2. ZUR ENTWICKLUNG


DER LEXIKOLOGIE ALS WISSENSCHAFT

Die Lexikologie gehört zu den relativ jungen Bereichen der Theorie der
deutschen wie auch anderer Sprachen. Obwohl sich die Lexikologie erst Mitte
unseres Jahrhunderts als selbständiger Wissenszweig herausgebildet hat, gin-
gen ihr jedoch viele wichtige Untersuchungen voraus, die ihren Werdegang
bestimmten.
Die diachrone Sprachbetrachtung, die die ersten Perioden der deutschen
Sprachwissenschaft kennzeichnete, erweckte das besondere Interesse für
die Entwicklungsgeschichte des Wortbestandes. So wurde die Wortbildung
als einer der wichtigsten Wege zur Bereicherung des Wortschatzes einge-
hend untersucht; bereits J.Grimm, den H.Paul mit Recht als deren „ei-
gentlichen Schöpfer" nennt', später H. Paul selbst und auch andere bekannte
Vertreter der junggrammatischen Richtung lenkten auf die Wortbildung
ihr besonderes Augenmerk (siehe unten). Die dem Wortschatz eigenen se-
mantischen Gesetzmäßigkeiten wurden ebenfalls untersucht, und zwar pri-
mär aus der Sicht einer Entwicklung, wobei das klassische Werk von
H. Paul „Prinzipien der Sprachgeschichte"2 auf die weiteren Untersuchun-
gen einen entscheidenden Einfluss ausgeübt hat3. Auch spätere Arbeiten
betrachteten die Semasiologie als „Bedeutungslehre" (und die Onoma-
siologie als „Bezeichnungslehre") meist im prozessualen Aspekt4. Vom
Standpunkt der Entwicklungsgeschichte des deutschen Wortschatzes
wurde auch die Entlehnung untersucht5. Die territoriale und sozial-be-
rufliche Differenzierung des Wortbestandes erweckte ebenfalls schon um
die Jahrhundertwende das Interesse der Sprachforscher6. Am wenigsten
wurden Probleme der Phraseologie untersucht: Die festen Wortverbin-
dungen wurden entweder vom Standpunkt der „Isolierungstheorie" den
Zusammensetzungen gleichgestellt7 oder in der Syntax als Abarten der
Wortfügungen betrachtet8. Das Werk von F.Seiler über die Idiomatik des
Deutschen blieb im Laufe eines halben Jahrhunderts die einzige bedeu-
tende Arbeit zu diesem Problem9.
Was die Theorie des Wortbestandes von verschiedenen Gesichtspunk-
ten aus betrifft, so muss die Rolle der klassischen meist etymologisch
ausgerichteten Wörterbücher erwähnt werden, die aber teilweise auch
als erklärend zu betrachten sind10. So wurde die Entstehung eines spezi-
ellen, der Beschreibung und der Analyse des Wortschatzes gewidmeten
Bereiches der deutschen Sprachwissenschaft allmählich durch mehrere
grundlegende Arbeiten im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vorbe-
reitet. Als eines der ersten Werke, das mehrere lexikologische Aspekte
zusammenfasst, ist die „Etymologie der neuhochdeutschen Sprache" von
H.Hirt11 zu nennen. Der Verfasser gibt eine ausführliche etymologische
Beschreibung des deutschen Wortschatzes und seiner Bereicherung. Im
ersten Viertel des 20. Jhs. erscheint eine Art Lehrbuch der Lexikologie
von E. Wilke, das verschiedene Aspekte der Behandlung des deutschen
Wortbestandes umfasst12; das Buch hat aber keinen theoretischen Wert
und spiegelt außerdem die chauvinistischen Tendenzen des Purismus in
der deutschen Sprache nach dem ersten Weltkrieg wider. Positiv zu wer-
ten waren die Arbeiten, die seit Ende der 50er Jahre zu erscheinen be-
gannen und den Problemen des deutschen Wortschatzes und im besonde-
ren dessen semantischen Charakteristika gewidmet waren13. Darunter wa-
ren z. T. Bücher, die praktische Ziele des Sprachunterrichts verfolgten,
aber auch in diesen Werken waren die Verfasser bemüht, die neuen Er-
gebnisse der Linguistik zu nutzen.
Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich die Lexikologie an den Fremd-
spracheninstituten unseres Landes seit mehr als vierzig Jahren als selbstän-
diges Lehrfach behauptet hat. Dementsprechend sind auch die Lexikologie-
lehrbücher in verschiedenen Sprachen erschienen. Was die deutsche Spra-
ehe betrifft, so sind die Arbeiten folgender Verfasser zu nennen: L. Saleshsky14,
L.R.ZinderundT.W.Strojeva15, K.A.Lewkowskaja16, A.Iskos, A.Lenko-
wa17, M. D. Stepanova, 1.1. Cernyseva18.
In den 70er Jahren wurden — sowohl in der allgemeinen Sprachwissen-
schaft als auch in einzelnen Sprachen — lexikologische Probleme immer
intensiver untersucht. Folgende Grundprobleme rücken in den Vordergrund:
Probleme der sprachlichen Nomination, das Wort, seine Bedeutung und sei-
ne Beziehung zu dem von ihm bezeichneten Begriff; verschiedene Aspekte
der Zeichentheorie; die semantischen Gesetzmäßigkeiten innerhalb des
Sprachsystems; die Wege der Wortschatzentwicklung; die Wortbildung als
einer dieser Wege und als Lehre von der Wortstruktur; die lexikalischen Ent-
lehnungen als kommunikativ-pragmatisches Phänomen; das phraseologische
System und seine Stellung im Sprachbau; soziolinguistische Aspekte der
Stratifikation des Wortbestandes u.a.m. Dabei unterscheidet sich die theore-
tische Grundlage der heutigen lexikologischen Forschungen grundsätzlich
von der der „klassischen" Wortlehre.
So rückte in erster Linie die synchrone Auffassung der Wortschatzanaly-
se im Zusammenwirken mit der Systembetrachtung der Lexik als Bestand-
teil des Makrosystems der Sprache in den Vordergrund; dem Funktionieren
der Wörter in Sprachsystem und Text wird ebenfalls besondere Aufmerk-
samkeit geschenkt.
Neben diesen Grundthesen, die als universell anzunehmen sind, können
aber wesentliche Unterschiede beobachtet werden, die die Prinzipien der
sprachlichen Untersuchungen ganzer Forscherkollektive kennzeichnen. So
bestand im Laufe mehrerer Jahre ein besonderes Interesse für die Struktur,
für die äußere Form der sprachlichen Gebilde, darunter auch der Lexeme,
was hauptsächlich durch den Einfluss des amerikanischen Deskriptivismus
zu erklären ist. Als positiv erweist sich dabei die Entwicklung von formali-
sierten Forschungsmethoden in bezug auf die Struktur des deutschen Wortes
(in erster Linie die Verwendung der Morphemanalyse, die in der klassischen
deutschen Wortlehre keine Rolle spielte), verschiedene Arten von Transfor-
mation, die Distribution u.a.m.19 Dabei spielte in den strukturbezogenen
Arbeiten die Erforschung der ideellen Seite des Wortes eine nur geringe Rolle.
Anders stand es mit einer Forschungsrichtung, die als „inhaltbezogen"
bezeichnet wird. Sie hat sich in der BRD entwickelt und geht teilweise auf
einige Ideen von W. Humboldt zurück. Aus diesem Grund wird sie auch „Neo-
humboldtianismus" genannt. Aber was bei Humboldt noch ein kühner An-
satz zu werten ist, dem Verhältnis zwischen objektiver Wirklichkeit, gesell-
schaftlichem Denken und Sprache auf die Spur zu kommen, ist bei vielen
seiner Nachfolger — vor allem Weisgerber eine völlige Loslösung von der
materialistischen Sprachauffassung. Folgende Thesen liegen dem Neohum-
boldtianismus zu Grunde: die Unabhängigkeit des Geistes von der objekti-
ven Außenwelt, das Vorhandensein einer „sprachlichen Zwischenwelt", ei-
ner Welt reiner Ideen, die sich in der Sprache mit Hilfe von gewissen „sprach-
lichen Zugriffen" realisieren lassen. Diese Grundideen finden hauptsächlich
in den Arbeiten von L. Weisgerber ihren Ausdruck20. Einige von L. Weisgerber
б
und seinen Nachfolgern vorgeschlagene Verfahren der lexikalischen Analy-
se (in erster Linie der Wortbildungsanalyse) haben ein bestimmtes prakti-
sches Interesse (siehe weiter unten). Was die idealistische Grundlage des
Neohumboldtianismus anbetrifft, so hat sie eine gründliche Kritik in unserer
Literatur erfahren 21 . In einem 1971 erschienenen Werk22 versucht
L. Weisgerber seine Grandideen zu entwickeln, indem er gegen „den naiven
Realismus" auftritt, der in „der Sprache nur Benennungen für Sachen"23 sieht.
Abgesehen davon, dass diese Aussage sich auf keine wissenschaftliche
Sprachtheorie stützen kann, muss betont werden, dass sich die methodologi-
sche Grundlage von Weisgerbers Anschauungen nicht geändert hat. Was ei-
nige neuere praktische Hinweise zur konkreten Sprachanalyse betrifft, so
werden sie in den entsprechenden Abschnitten erörtert.
Die Einseitigkeit der rein formalen Sprachbetrachtung, die in den Wer-
ken einiger Forscherkollektive der ehemaligen DDR vorherrschte, wurde in
der weiteren Entwicklung überwunden. Das Wort wird als strukturelle und
semantische Einheit betrachtet. Es entwickeln sich semantische Theorien in
ihrer Verbindung mit den objektiven Methoden der Analyse des lexikalisch-
semantischen Systems. Besondere Aufmerksamkeit wird dem funktional-
kommunikativen, pragmatischen und soziolinguistischen Aspekt des Wort-
schatzes geschenkt. In diesem Zusammenhang sollten folgende Linguisten
erwähnt werden, deren Arbeiten lexikologischen Problemen gelten: R. Große
als Erforscher der dialektalen und sozialen Differenzierung der Lexik,
W.Fleischer, dessen Wirken verschiedene Aspekte der Lexikologie umfasst,
W.Schmidt, Th. Schippan, G.Wotjak, E.Agricola, D. Viehweger als Verfas-
ser der semantischen Arbeiten. W. Schmidt ist auch besonders zu erwähnen
im Zusammenhang mit seinen Arbeiten auf dem Gebiet der funktional-kom-
munikativen Sprachbeschreibung.
In unserem Lande wird die lexikologische Problematik im Rahmen der
allgemeinen Sprachwissenschaft, der einzelnen Sprachen und speziell der
deutschen Sprache intensiv untersucht. Die Arbeiten unserer Germanisten
stützen sich auf die materialistische Betrachtung der Sprache, in erster Linie
auf das Zusammenwirken von Form und Inhalt, auf die Beziehung Sprache —
Gesellschaft. Bei der Erforschung der lexikologischen Probleme werden
Begriffe und Methoden der gegenwärtigen Sprachanalyse angewandt. Das
schmälert aber keineswegs die Anerkennung der Errungenschaften der klas-
sischen Wortforschung.
Die Lexikologie von heute, was der internationale Stand der Forschung
zeigt, ist eine theoretische Disziplin, die den zentralen Bereich der mensch-
lichen Sprache — den Wortschatz oder das Lexikon im Rahmen des kogni-
tiv-kommunikativen Paradigmas untersucht. Die Anwendung der Forschungs-
ergebnisse von Nachbardisziplinen, vor allem Psycholinguistik, Soziolin-
guistik, Pragmatik, Informationstheorie u.a. lässt annehmen, dass es hier der
Umriss einer interdisziplinären Synthese abzeichnet.
Im vorliegenden Buch wird im Zusammenhang mit den Problemen der
allgemeinen wie auch speziell der deutschen Lexikologie deji Arbeiten
der Sprachforscher V. V. Vinogradov, S.D.Kacnel'son, V.M.Zirmunskij,
А. I. Smimickij, О. S. Achmanova, A. A. Ufimceva, V. G. Admoni, M. M. Guch-
mann, G. V. Kolsanskij, V. M. Pavlov, E. V. Rozen, E. S. Kubrjakova, V. N. Telija
und den Arbeiten der Verfasserinnen dieses Buches wie auch einiger Sprach-
forscher der jüngeren Generation große Beachtung geschenkt24.

0.3. DIE LEXIKOLOGIE ALS LEHRFACH

Die Lexikologie als Lehrfach - und hier die Lexikologie der deutschen
Gegenwartssprache als Lehrfach - hat die Aufgabe, den Studierenden nicht
nur Kenntnisse auf dem Gebiet des deutschen Wortschatzes zu vermitteln,
sondern sie auch in die aktuelle Problematik der lexikologischen Forschung
einzuführen. Zu diesem Zweck werden, um den Studierenden bei ihrer wei-
teren selbständigen Arbeit zu helfen, die wichtigsten Methoden und Rich-
tungen der modernen Sprachtheorie kritisch besprochen.
Entsprechend den Bereichen lexikologischer Forschung erfasst das Lehr-
fach Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache folgende grundlegende
Themenkreise:
(1) Das Wort im lexikalisch-semantischen System. Synchronie und Dia-
chronie bei der Betrachtung des Wortbestandes.
Zu diesem Themenkreis gehören die Fragen der Struktur und Semantik
des Wortes im allgemeinen und des deutschen Wortes als Gegenstand der
deutschen Lexikologie, seiner Beziehungen im lexikalisch-semantischen
System und der Methoden seiner Erforschung bzw. Wortforschungsmetho-
den. Die Betrachtung der kommunikativ begründeten Veränderungen im
Wortschatz erfordert Elemente der diachronen Wortforschung. Diese wird
bei der Analyse der wichtigsten Wege der Wortschatzerweiterung angewandt.
Es sind dies: (a) semantische Derivation bzw. Bedeutungswandel, (b) Ent-
lehnung, (c) Wortbildung, (d) Phrasenbilding
(2) Sprachsoziologische Schichtung im Wortschatz Dieser Themenkreis
erfasst die Fragen der Stratifikation des deutschen Wortbestandes unter dem
soziolinguistischen und funktionalen Aspekt, d.i. die Beschreibung der fach-,
sozial- und territorialgebundenen Lexik und Tendenzen in ihrer Entwick-
lung.
(3) Phraseologie bzw. Lehre von festen Wortkomplexen der Sprache
(4) Lexikographie als Theorie und Praxis der Aufzeichnung bzw. Expli-
kation des Wortschatzes in Form eines Wörterbuchs
(5) Text als Medium der kommunikativ-pragmatischen Potenzen des
Wortschatzes.
1. DAS WORT IM LEXIKALISCH-SEMANTISCHEN
SYSTEM. SYNCHRONIE UND DIACHRONIE BEI
DER BETRACHTUNG DES WORTBESTANDES BZW.
DES LEXIKONS

1.0. GRUNDSÄTZLICHES ZUM WORT ALS GRUNDEINHEIT


DER SPRACHE UND ALS SPRACHLICHES ZEICHEN

Das Wort ist die grundlegende Einheit der Sprache, die in der Struktur
einer Sprache Schlüsselpositionen einnimmt. Diese Tatsache bestreitet heu-
te fast niemand mehr25.
Die zentrale Rolle des Wortes im Mechanismus der Sprache ist auf fol-
gende Eigenschaften desselben zurückzuführen:
Das Wort ist in Bezug auf seine Funktionen in der Sprache universell und
in Bezug auf den Umfang dieser Funktionen unikal, denn nur das Wortzei-
chen und nicht das Morphem kann zugleich sämtliche sprachliche Funktio-
nen haben: die nominative (die Funktion der Benennung), die signifikative
(die Funktion der Verallgemeinerung), die kommunikative und die pragma-
tische26.
Das erklärt die Tatsache, weshalb die Versuche gewisser linguistischer
Richtungen, primär der deskriptiven Linguistik gescheitert waren, das Wort
als grundlegende Einheit der Sprache durch das Morphem und den Begriff
des Wortes durch den Begriff einer „Morphemsequenz", die sich von den
syntaktischen Gefügen nicht prinzipiell unterscheidet, zu ersetzen.
Der funktionale Bereich des Wortes ist sehr groß, er reicht vom Mor-
phem (bei der Wortzusammensetzung als Wortbildungsart) bis zu der rein
kommunikativen Einheit, der Äußerung. Vgl. das Wort Feuer in Zusam-
mensetzungen: Feueralarm („Alarm bei Ausbruch eines Feuers"), Feuer-
ball („Zentrum einer Atombombenexplosion") und als prädikatives Zei-
chen bzw. Satz: Feuer! („Warn- und Hilferuf beim Entdecken eines Feu-
ers").
Dank dieser Polyfunktionalität bzw. leichter Wandlungsfähigkeit bald in
ein Morphem, bald in den Teil einer Wortgruppe oder einen Satz nimmt das
Wort in der Struktur der Sprache eine nur ihm eigene Stellung ein.
Infolge seiner Eigenschaft, mehrere Funktionen wechselseitig erfüllen
zu können, ist das Wort das universellste und zugleich ein spezifisch organi-
siertes sprachliches Zeichen.
Als sprachliches Zeichen hat das Wort folgende Merkmale:
Zum Unterschied von den anderen bilateralen Einheiten der Sprache (den
Morphemen, Wortgruppen, Sätzen, die ihren semantischen Wert nicht nach
dem nominativen bzw. syntagmatischen Bereich der Sprachtätigkeit verän-
dern) existiert das Wort in seinen zwei Modifikationen - als virtuelles poly-
semes Zeichen im System der Benennungen, im Vokabular und als geglie-
dertes, aktuelles Zeichen im Text.
Die Bezeichnungen „virtuell" und „aktuell" verweisen auf die verschie-
denen Modifikationen des Wortes und differenzieren es in Bezug auf die
Bereiche der sprachlichen Tätigkeit. Das virtuelle Zeichen gehört zur nomi-
nativen Tätigkeit, das aktuelle zur syntagmatischen27.
Die Anerkennung des Wortes als Grundeinheit der Sprache hebt die
Schwierigkeiten nicht auf, die mit seiner Definition verbunden sind. Eine
befriedigende Bestimmung des Wortbegriffs bereitet Schwierigkeiten hin-
sichtlich folgender Aspekte:
(1) die Isolierbarkeit des Wortes und die Festlegung der Wortgrenzen,
(2) die Identität des Wortes,
(3) die lexikalische Bedeutung.
Die Hauptschwierigkeiten entstehen im Zusammenhang mit gewissen Wi-
dersprüchen im Wesen des Wortes selbst, besonders durch die Beziehungen
zu seinen „benachbarten" sprachlichen Einheiten — zum Morphem und zum
syntaktischen Wortgefüge; durch die Möglichkeit, es von verschiedenen Sei-
ten aus zu betrachten. Und der Umstand, der die allgemeine Wortdefinition
besonders erschwert, ist eine unterschiedliche phonetische, morphologische
und semantische Ausformung des Wortes in verschiedenen Sprachen. Des-
halb sind in der Fachliteratur nicht wenige Äußerungen bedeutender Lingui-
sten bekannt, die eine universelle, für alle Sprachen gültige Wortdefinition
vorläufig praktisch nicht für möglich halten (L.V.Scerba, J.Vendryes,
A.Martinetu.a.).
Trotz der Schwierigkeit, das Wort widerspruchsfrei und universell zu
definieren, gibt es trotzdem eine Möglichkeit, an dieses Problem heranzuge-
hen. Von Th. Schippan stammt der Vorschlag, eine widerspruchsfreie Defi-
nition der Einheit „Wort" zu geben, wobei das Wort auf jeweils einer Ebene
definiert und im Sinne einer allgemeinen Theorie im Schnittpunkt verschie-
dener Ebenen betrachtet wird28. Auf diese Weise erweist sich das Wort:
(a) Auf der lexikalisch-semantischen Ebene als kleinster, relativ selb-
ständiger Träger der Semantik;
(b) auf der morphematischen Ebene dagegen als eine aus dem Rede-
strom potentiell isolierbare morphematische Einheit, die zwar teilbar sein
kann, jedoch im System zur Einheit eines morphologischen Paradigmas zu-
sammengeschlossen ist;
(c) auf der phonologischen Ebene als eine durch mögliche Pausen iso-
lierbare Einheit;
(d) auf der graphemischen Ebene als eine durch Leerstellen im Schrift-
bild isolierbare Einheit;
(e) auf der syntaktischenen Ebene kann es durch seine syntaktische Funk-
tion, Satzglied, vertausch- und umstellbar zu sein, definiert werden.
Die aufgezählten Betrachtungsebenen lassen darüber hinaus „VollWör-
ter" von „Funktions wörtern" unterscheiden: Vollwörter sind relativ selbstän-
dige Bedeutungsträger, Funktionswörter aber stellen solche Einheiten dar,
die vorwiegend relationelle Bedeutung tragen, wie z.B. Präpositionen.
10
Im Ideal erweist sich ein Wort als Einheit sowohl auf der phonolo-
gisch-graphemischen, als auch auf der morphematischen, der syntakti-
schen und der lexikalisch-semantischen Ebene. Es steht im Schnittpunkt
mehrerer Ebenen.
Ungeachtet dieser Vielschichtigkeit dürfen wir davon ausgehen, wie
Th. Schippan betont, dass auf jeder Ebene eine Kategorie „Wort" wider-
spruchsfrei zu definieren ist. Für die Zwecke der Wortbedeutung wird das
Wort als lexisch-semantische Einheit interpretiert, als kleinster relativ
selbständiger Bedeutungsträger, dessen Formen durch die zu gründe
liegende gemeinsame lexikalische Bedeutung zu einem Paradigma ver-
eint sind, das als Bestandteil des Systems (als „Wörterbuchwort") als
graphemische und phonemische Einheit auftritt29.

1.1. WESENSMERKMALE DES WORTES UND SPEZIELL


DES DEUTSCHEN WORTES

1.1.1. ALLGEMEINES

Das Wort ist eine Einheit der Sprache (potentielles Zeichen) und eine
Einheit der Rede (aktualisiertes Zeichen als Textelement).
Als Einheit der Sprache ist das Wort:
1. lautlich-inhaltlich strukturiert, d.h. konstituiert aus einem oder mehre-
ren Repräsentanten
(a) der Klasse Morphem und damit auch
(b) der Klasse Phonem;
2. organisiert im sprachlichen System
(a) stets als Vertreter einer bestimmten Wortklasse mit einer kategorialen
Grundbedeutung;
(b) meist auf Grand bestimmter semantischer Merkmale als Bestandteil
eines lexikalisch-semantischen Paradigmas.
Als Einheit der Rede (des Textes) ist das Wort:
1. artikuliert (notiert), d.h. textkonstituierend;
(a) isoliert, als Minimaläußerung eines Sprechers oder •
.(b) kombiniert, als Glied eingefügt in ein Syntagma, einen Satz oder eine
Satzfolge;
2. mit Aktualisierung (s)einer Bedeutung bezogen
(a) als zeichenhafte Bestimmung (Symbol) auf ein sachlich Gemeintes;
(b) als Information (Signal des Sprechers) auf einen angesprochenen Hörer
(Leser)30.

1.1.2. STRUKTUR DES WORTES


Die phonetische und morphologische Ausformung des Wortes weist ne-
ben allgemeinen Merkmalen auch eine bestimmte nationale Spezifik auf.
11
Für die phonetische Ausgestaltung des deutschen Wortes sind folgende
Merkmale kennzeichnend:
(1) Die Lautgestalt der deutschen Wörter wird durch die Kombination
und wechselnde Anordnung von etwa 40 Phonemen bestimmt31.
(2) Im Deutschen besitzt das Wort eine morphologisch gebundene Beto-
nung. In einfachen Wörtern ist gewöhnlich die erste Silbe betont: 'Erde,
'Acker. Dasselbe gilt für'abgeleitete Wörter außer Präfixbildungen mit
be-, er-, ent-, ge-, ver-, zer-: 'langsam, 'lesbar, 'möglich, 'Mannschaft, aber:
be' sprechen, er'zählen, zer'reißen, Ver'fall. Typisch für abgeleitete und zu-
sammengesetzte Wörter ist das Vorhandensein der Haupt- und Nebenbeto-
nung: 'Mann'schaft, 'Schreibmaschine 'Arbeits'tisch.
Abweichende Betonungen sind feststellbar:
— bei den Suffixen -ei und -ieren: Backe 'rei, po 'Heren;
— in einigen mehrgliedrigen Zusammensetzungen: Fünf'markstück;
— bei Abkürzungen (Buchstabenabbreviaturen), sie sind auf dem letzten
Teil betont: derLK W;
— bei einigen Namen: Ber'lin, Heil'bronn;
— bei Fremdwörtern.
(3) Die Hauptbetonung im Deutschen ist stark zentralisierend, sie gestal-
tet das Wort als eine lexikalische Ganzheit.
(4) Die Konsonanten im Auslaut und im Silbenauslaut werden stimmlos
ausgesprochen: Rad [ra:t], Nord [nort], Grab [gra:p], Abschied ['apfi:t].
(5) Die Vokale im Wort- oder Silbenanlaut erhalten den festen Einsatz:
Art ["a:rt], verengern [fer"ef)9], bearbeiten [be"arb£t3n].
(6) In unbetonten Silben werden die langen Vokale quantitativ reduziert:
Leben [1е:Ьэп] — lebendig [le'bendic].

Die morphologische Struktur des Wortes stellt eine Morphemkombi-


nation dar. Morpheme sind die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten der
Sprache, die durch Phoneme lautlich repräsentiert werden. Gewöhnlich wird
zwischen lexikalischen und grammatischen Morphemen unterschieden.
Lexikalische Morpheme sind Wurzel- und Derivationsmorpheme bzw. Wort-
bildungssuffixe, und grammatische Morpheme sind grammatische Suffixe
und Flexionen.
Das Wurzelmorphem oder das Wurzelmorphem mit dem Derivationssuf-
fix bilden den lexikalischen Stamm des Wortes: Ma-ler, langsam, Lieb-ling,
fleiß-ig. Der lexikalische Stamm kann auch zusammengesetzt sein: Maler-
pinsel, Kunstmaler, hellblau.
Die grammatischen Morpheme dienen zum Ausdruck der grammatischen
Kategorien. So bei dem Suffix des Präteritums -te: (sie) betrachten das Bild
und er betrachtete das Bild; oder bei den Komparationssuffixen der Adjek-
tive: groß — größ-er, klar — klar-er — am klarsten. Ferner gehören zu
grammatischen Morphemen zahlreiche Flexionselemente, die die deutsche
Sprache für bestimmte syntagmatische Beziehungen besitzt: Er sprach mit
den Maler-n; das Bild des Malers.

12
1.1.3. BEDEUTUNG DES WORTES (WORTBEDEUTUNG)

1.1.3.1. Allgemeines
Die Wortbedeutung bzw. die lexikalische Bedeutung bildet in der dialek-
tischen Einheit mit dem Wortkörper das sprachliche Zeichen. Sprachliche
Zeichen sind Produkte der gesellschaftlichen Aneignung der objektiven Rea-
lität durch den Menschen.
Für die zeichenorientierte Semantikforschung ist bei der Betrachtung des
Wortzeichens die Zuwendung zur Widerspiegelungs- oder Abbildtheorie
kennzeichnend. Die Sprache erfüllt ihre Funktionen als Erkenntnis- und Kom-
munikationsinstrument, weil die reale Wirklichkeit als Erkenntnisgegenstand
dient und seine Widerspiegelung im Bewusstsein des Menschen hat. Die
menschliche Erkenntnis findet ihren Gegenstand nicht innerhalb des Bewusst-
seins, sondern er existiert außerhalb und unabhängig vom Bewusstsein, und
er wird von diesem, hervorgerufen durch die Einwirkung auf die Sinnesor-
gane, in einem komplizierten Prozess auf der Grundlage der Praxis erfasst
und in ideellen Abbildern wie Begriffe usw. widergespiegelt. Die gesell-
schaftliche Praxis einer bestimmten ökonomischen Gesellschaftsformation
ist die konkret-historische Grundlage des gesamten Erkenntnisprozesses. Der
Prozess der Widerspiegelung ist kein Kopieren, kein mechanisches Abbilden
der Gegenstände und Erscheinungen der objektiven Realität im Bewusstsein,
sondern die aktive ideelle Aneignung der Wirklichkeit durch den Menschen.
Zwischen dem Abbild und dem abgebildeten Gegenstand bestehen Ähn-
lichkeiten und Übereinstimmungen in wesentlichen Beziehungen und Cha-
rakteristika. Die im Prozess der Widerspiegelung entstandenen Abbilder sind
an sprachliche Zeichen gebunden, die im Erkenntnis- und Kommunikations-
prozess Gegenstände, Erscheinungen und Prozesse der objektiven Realität
vertreten. Diese Zuordnungsbeziehung zwischen Bewusstseinsinhalten (Be-
deutung) und Lautfolgen (Formativ), d.h. zwischen materiellen und damit
wiederum im Bewusstsein widerspiegelbaren Gebilden, wird innerhalb ei-
ner historisch-konkreten sozialökonomischen Gemeinschaft gesellschaftlich
gefestigt.
Auf diese Weise ist das Wort ein bilaterales sprachliches Zeichen, eine
Einheit von Formativ (Lautfolge) und Bedeutung (Bewusstseinsinhalt), wo-
bei die Bedeutung ein gesellschaftlich determiniertes, interindividuelles
Abbild der Merkmalstruktur einer Erscheinung der objektiven Reali-
tät ist.
Die dargelegte Theorie der Wortbedeutung unterstreicht die Tatsache, dass die
Bedeutung der Wortzeichen eine Realität der Sprache ist, also eine Substanz im phi-
losophischen Sinne des Wortes (das „für sich Seiende").
Zum Unterschied davon wäre die Theorie der Wortbedeutung zu erwähnen, die
für die strukturelle Semantik charakteristisch ist. Danach ist die Bedeutung des Wor-
tes eine Funktion der Beziehungen, die es mit anderen Wörtern in einem „lexikali-
schen Subsystem" oder in einem bestimmten „Feld" eingeht. Die Bezeichnung „struk-

13
turelle Semantik" versteht sich als Sammelname für verschiedene strukturalistisch
orientierte Modelle der Bedeutungsbeschreibung. Als Vertreter repräsentativer Rich-
tungen seien genannt: in Frankreich A. J. Greimas und B. Pottier, in England J. Lyons,
in Deutschland J.Trier, W.Porzig und in der heutigen Zeit E.Coseriu.
Die methodologischen Grundlagen der strukturalistischen Theorien der Wortbe-
deutung wurden in der zeitgenossischen Linguistik wiederholt einer gründlichen Kritik
unterzogen32. Auch für die jüngste Wortforschung ist der Grundsatz aktuell, dass die
kontextuelle Wandelbarkeit der Semantik die Wortbedeutung als Substanz nicht auf-
hebt, sondern eine gesetzmäßige Erscheinung der sprachlichen Zeichen im Sprach-
system und im Text darstellt. (Davon ausführlich in 1.1.3.2.)
Die substantielle semantische Theorie wird durch die Analyse der Moti-
viertheit der Wortbedeutung besonders deutlich.
Sprachliche Zeichen sind also Mittel des Denkens (Kognition) und Kom-
munikation.
Kennzeichnend für die Betrachtung der Wortbedeutung in der Lexikolo-
gie der Gegenwart ist unter anderem das Bestreben, die kognitiven Fähig-
keiten des Menschen (in seiner Rolle als Sprecher-Hörer) und den Ablauf
sprachlicher Prozesse adäqat wiederzugeben. Große Beachtung finden hier-
bei Probleme der Wissensrepräsentation. Bei der Analyse des semantischen
Wissens werden die beiden grundlegenden Arten von Wissen in Betracht
gezogen: lexikalisches und enzyklopädisches (bzw. Weltwissen) mit allen
möglichen Unterarten derselben.
Dieser Aspekt wird in den letzten Jahren innerhalb der sprachorientier-
ten Forschung der Künstlichen Intelligenz (KI) intensiv entwickelt und fin-
det in natürlich-sprachlichen Systemen Verwendung. Der Einfluss der KI-
Ansätze der Wissenrepräsentation betrifft gegenwärtig vorwiegend die ko-
gnitive Psychologie und die Bereiche der Linguistik, die psychologisch ori-
entiert sind. Neu bei der Analyse der Wortbedeutung sind schemaorientierte
Repräsentationen. Die beiden bekanntesten Ausprägungen stellen Minskys
(1975) Frames und Schank/Abelsons (1977) Scripts dar. Frame ist typi-
scher in der Beschreibung von Sachobjekten, Script dagegen für eine situa-
tive Handlung. Aktuell sind auch einige andere Schlüsselbegriffe der kogni-
tivorientierten Analyse wie semantische Netze, Schemata, die zur formali-
sierten Wortbedeutung verwendet werden. Eine übersichtliche Erschließung
dieser Termini33 zeigt die Vielfalt der schemaorientierten Beschreibung der
Wortbedeutung (Näheres siehe S.239 ff.).

1.1.3.2. Die Motiviertheit bzw. Motivation der Wortbedeutung


Die Motiviertheit ist die Beziehung zwischen Formativ und Bedeutung,
bei der die Wahl des Formativs durch bestimmte Eigenschaften, Verhaltens-
weisen u.a. des Benennungsobjekts bedingt ist. Die Wahl der Lautkomplexe
bzw. des Formativs zur Bezeichnung einer Gegenstandsklasse ist aber nicht
durch die Natur dieser Gegenstände bedingt, wie das z.B. die unterschiedli-
chen Bezeichnungen des Gegenstands „Baum" in verschiedenen Sprachen
bezeugen (vgl. deutsch Baum, russ. дерево, lat. arbor, engl. tree usw.). Bei
14
der Benennung bzw. Nomination eines in der Praxis neu gewonnenen Sach-
verhalts dient gewöhnlich ein Merkmal, wonach der ganze Nominationsge-
genstand benannt wird. So z.B. der Frühling nach dem Merkmal „früh", und
das Eigenschaftswort „früh" selbst gehen auf die Wurzel *prö „zeitlich vorn,
voran". Oder die Wörter schlafen, Schlaf gehen auf die Wurzel *[s] leb-, [s]-
läb- „schlaff", „herabhängend".
Die Motiviertheit ist um so vollständiger, je leichter sich die Anreihung
in Bestandteile zerlegen lässt, wie das beispielsweise in abgeleiteten oder
zusammengesetzten Wörtern der Fall ist: Friedensfreund, rötlich, Nashorn,
Arbeitszimmer.
Das Motiv oder das Merkmal der Nomination wird manchmal mit dem
Terminus die innere Wortform bezeichnet. Dieser Terminus geht auf
W. Humboldt zurück, war aber von ihm auf die Sprache als Schöpfung des
„ewigen Volksgeistes" angewandt, aus der Sicht seiner Betrachtung der Spra-
che als „die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten
Laut zum Ausdruck des Gedankens fähig zu machen"34.
Der Terminus „die innere Wortform" wird in der Fachliteratur der Ge-
genwart nicht nur im Zusammenhang mit der etymologischen Bedeutung
des Wortes gebraucht, sondern auch für die semantische Motiviertheit des
Wortes in der Synchronie.
Wenn ein historisch adäquates Benennungsmotiv, d.h. die historisch ad-
äquate innere Wbrtform nicht mehr eindeutig zu erkennen ist, kann auf Grund
begrifflicher oder lautlicher Angleichung an durchsichtige Wörter und Wort-
elemente eine neue Etymologie entstehen. In der älteren Germanistik wurde
sie mit dem Namen Volksetymologie, in der jüngeren Wortforschung als
Fehletymologie oder Pseudoetymologie bezeichnet.
Zu bekannten Beispielen der Fehletymologie gehören folgende:
Maulwurf > ahd. müwerf heißt ursprünglich „Tier, das Erdhaufen auf-
wirft". Unter Anlehnung an „Maul" wurde, da das ahd. mü „Haufen" im
Neuhochdeutschen nicht erhalten ist, die innere Form des Wortes umgedeu-
tet.
Leinwand > mhd. linwät „Leinengewebe" > frühnhd. Umbildung in „Lei-
nengewand, -kleid" wird im Neuhochdeutschen in der zweiten Komponente
der Zusammensetzung als identisch mit „Wand" empfunden, zumal gespannte
Leinwand als Bildwand im Kino dient, beachte dazu die Zusammensetzung
des 20. Jhs.: die Leinwandstar.
Hagestolz „alter Junggeselle" > ahd. hagustalt bedeutet wörtlich „Besit-
zer eines Nebengutes" im Gegensatz zum Besitzer des Hofes. Da das Ne-
bengut im allgemeinen zu klein war, um dort einen Hausstand zu gründen,
musste der Hagbesitzer unverheiratet bleiben. Im Mittelhochdeutschen wur-
de die zweite Komponente -stalt „Besitzer" volksetymologisch in -stolz
umgedeutet.
Der Pseudoetymologie unterliegen auch Fremdwörter, deren innere Form
in der entlehnenden Sprache undurchsichtig ist, z.B. Trottoir „Bürgersteig,
Gehsteig". Ende des 18. Jhs. aus dem Französischen übernommen, wurde es
scherzhaft umgedeutet in Trittuar.
15
1.1.3.3. Struktur der Wortbedeutung
Zu den wichtigsten Erkenntnissen der modernen Semantikforschung ge-
hört die Einsicht 1. in die Komplexität und 2. in die strukturelle Beschaffen-
heit der lexikalischen Bedeutung. Das heißt:
1. Die lexikalische Bedeutung ist komplexer Natur. Sie enthält drei Kom-
ponenten: die denotative, signifikative und konnotative Komponente. Die-
se Komponenten resultieren aus den Funktionen des Wortzeichens, die oben
(siehe 1.1.3.1.) besprochen wurden. Die denotative Komponente ist die in
einer sprachlichen Äußerung realisierte Funktion des Zeichens, eine be-
stimmte Erscheinung der objektiven Realität (Gegenstand, Denotat) zu re-
präsentieren. Dieser Aspekt der Bedeutung wird als denotative Bedeu-
tung bezeichnet.
Die signifikative Komponente resultiert aus der Funktion des Wortzei-
chens, das interindividuell invariante Abbild der Merkmalstruktur einer
Erscheinung der objektiven Realität zu sein. Auf Grund dieser Eigenschaft
der Wortzeichen — eine kategoriale Abgrenzung zu schaffen, zu verallge-
meinern und zu abstrahieren — können sie als Benennungen für ganze
Klassen von Gegenständen dienen. Diese unikale Funktion des Wortzei-
chens der menschlichen Sprache wurde von W. I. Lenin in seiner bekann-
ten Bemerkung charakterisiert: „Jedes Wort (Rede) verallgemeinert
schon"35. Dieser Aspekt der Bedeutung wird als signifikative Bedeutung
bezeichnet.
Da die denotative und die signifikative Komponente der Wortbedeutung
eine Einheit bilden, werden sie in der Fachliteratur oft als denotativ-signifi-
kative Komponente und entsprechend als denotativ-signifikative Bedeutung
bezeichnet.
In der Semantiktorschung36 wurde der Versuch unternommen, die Bedeutungs-
formen weiter zu präzisieren: Unter denotativer Bedeutung wird umgekehrt die Be-
deutung verstanden, die das bereits erwähnte interindividuell invariante Abbild der
Merkmalstruktur einer Erscheinung der objektiven Realität darstellt. Die Bedeutung,
deren Funktion es ist, eine bestimmte Erscheinung der objektiven Realität zu vertre-
ten und zu repräsentieren, wird referentielle Bedeutung genannt in Anlehnung an
„Referent" (Gegenstand, Sachverhalt). „Denotat" wird in diesem Fall nicht wie bei
Morris gebraucht, der diesen Terminus seinerzeit in der Bedeutung „Gegenstand,
Sachverhalt" eingeführt hat, sondern als Bewusstseinsgehalt.
Die konnotative Komponente resultiert aus wertenden semantischen
Merkmalen der signifikativen Bedeutung der betreffenden Wörter. In den
Wertungen drücken sich die Beziehungen des Menschen zu den von ihm
widergespiegelten Gegenständen und Erscheinungen der objektiven Reali-
tät aus. Solche Wertungen werden in der signifikativen Bedeutung sprachli-
cher Zeichen als begrifflich wertende semantische Merkmale fixiert und
kodifiziert. Vgl. Wörter wie Gelaufe, Visage, Früchtchen („Taugenichts",
„Nichtsnutz"), Flasche („unfähiger Mensch, Versager, bes. auf sportlichem
Gebiet"), Raumpflegerin („Putzfrau"). Dieser Aspekt ergibt die konnotati-
ve Bedeutung.
16
Das Vorhandensein der Konnotation bzw. der begrifflich wertenden Merk-
male bestätigt die Eigenschaft der lexikalischen Bedeutung als sprachliche,
gnoseologische Kategorie und ihren Unterschied zum Begriff als logische
rationelle Kategorie.
Zum Unterschied von begrifflich wertenden semantischen Merkmalen
werden Emotionen in einigen neueren semantischen Arbeiten37 anders be-
trachtet. Entgegen der in der Literatur weit verbreiteten Auffassung, dass in
den Wortbedeutungen wertender Wörter auch Gefühlskomponenten enthal-
ten wären, d.h. dass in die Bedeutungen solcher Wörter auch emotionale
Reaktionen der Menschen eingingen, wird die folgende Ansicht vertreten:
Die Wortbedeutung kann nur begrifflich geprägt sein, folglich sind emo-
tionale Elemente nicht in Form von zusätzlichen semantischen Merkmalen
in der Bedeutung kodifiziert, sondern werden durch die Bedeutung ausge-
löst. Emotionen sind infolgedessen nicht Komponenten der Wortbedeutung.
2. Die Bedeutung ist strukturiert, d.h. sie besteht aus einer Konfiguration
von Bedeutungselementen, die in der linguistischen Forschung mit folgen-
den terminologischen Bezeichnungen belegt sind:
Seme, semantische Merkmale, Bedeutungselemente, semantische Kom-
ponenten, Noeme und andere weniger gebräuchliche Bezeichnungen wie
semantische Marker und Distinktoren.
Die Vielfalt der Termini für die kleinsten Bestandteile der Wortbedeutung
ist darauf zurückzufuhren, dass sie verschiedenen semantischen Beschreibungs-
modellen der strukturellen und z.T. der generativen Semantik entstammen,
z.B. Sem (Pottier, Greimas), semantisches Merkmal (Weinreich), semantischer
Marker und semantischer Distinktor (Katz/Fodor), Noem (Meier). Seme sind
also die kleinsten Bedeutungselemente als Bestandteile der lexikalischen Be-
deutung. Diese wird dementsprechend als „Semem" bezeichnet.
Obgleich die Explikation der lexikalischen Bedeutung als Merkmalbün-
del erst in der Linguistik unserer Zeit wissenschaftlich fundiert und in der
Wortforschung angewandt wurde, ist die Idee der Bedeutungszerlegung be-
reits Ende des 19. Jhs. ausgesprochen worden. So wies A. Rosenstein (1884)
darauf hin, dass sich die Bedeutungen aus kleineren Elementen konstituie-
ren, von denen je nach dem kontextualen Zusammenhang bald die einen,
bald die anderen in den Vordergrund des Bewusstseins treten38.
Diese frühe Erkenntnis der semantischen Mehrgliedrigkeit der lexikali-
schen Bedeutung wurde von den Sprachforschern der älteren Semasiologie
empirisch festgestellt. Sie, d.h. die semantische Mehrgliedrigkeit, ist eine
Folge der Widerspiegelungstätigkeit des Bewusstseins, die eben die Merk-
malstruktur der Objekte in der realen Wirklichkeit verallgemeinert und
abstrahiert wiedergibt. Die detaillierte Beschreibungstechnik der Konfigu-
ration der semantischen Elemente innerhalb der lexikalischen Bedeutung
verdanken wir gerade den stmkturorientierten Richtungen in der Sprachwis-
senschaft.
Die Konfiguration der semantischen Merkmale meint eine geordnete
Menge, eine Hierarchie derselben innerhalb eines Semems. Einige der se-
mantischen Merkmale setzen andere voraus.
2576 17
Die Merkmale, die das Semem am allgemeinsten charakterisieren, sind
zunächst kategorial-semantische Seme. Sie spezifizieren das Lexem als
Wortart. So ist das kategorial-semantische Sem der Verben „Prozessualität,
Prozess", das der Substantive „Gegenständlichkeit", das der Adjektive „Merk-
malhaftigkeit".

Vater / Mutter Gegenständlichkeit

(.belebt')

.Mensch'

.verwandt'

.hervorbringende (Generation)'

.männlich' .weiblich'

Löwe/Katze Gegenständlichkeit
(.belebt')

.Tier'

.Katze'

.wild', .domestiziert'

.mächtig' .gefährlich'... .anschmiegsam'

.Herrscher unter Tieren'

Die zweite Gruppe bilden lexikalische bzw. individuelle Basisseme. Sie


stellen den begrifflichen Kern des Semems dar.
Die dritte Gruppe bilden differenzierende bzw. konkretisierende und
auch begrifflich wertende Seme, die besonders relevant sind bei der Kom-
ponentenanalyse der Synonyme, Antonyme und der feldmäßigen Anordnung
der Lexik (davon ausführlich in 1.1.4.).
Die Hierarchie der Seme lässt sich besonders übersichtlich in der Rei-
henfolge und mit Hilfe von Oppositionen nachweisen (Siehe oben).
Dieses Beispiel39 zeigt, dass die semantischen Merkmale durch empiri-
sche Analyse und nicht durch die wissenschaftliche Klassifizierung gewon-
nen werden können, denn die Merkmale „mächtig", „gefährlich", „anschmieg-
sam" gehen zwar nicht in die wissenschaftliche zoologische Beschreibung
ein, sind aber wesentliche Merkmale für den Sprachbenutzer, sie sind sprach-
lich relevant.
18
Ein weiteres Beispiel40 zur Illustration der hierarchisch organisierten Seme
wird am Material des semantischen Feldes „Gewässer" in Form von Matrix
angeführt, in der alle Arten von Semen vorkommen: (1) kategorial-semanti-
sche („Gegenständlichkeit"), (2) lexikalische („unbelebt", „Aggregatzustand"
und „Begrenzung"), (3) differenzierende oder konkretisierende Seme der
„Bewegung" („stehende" oder „fließende" Gewässer) und der „Größe" („gro-
ße/kleine" stehende oder fließende Gewässer), wobei hier auch wertende
Seme („positiv", „negativ") vorhanden sind.

Gewässer
\. Merkmale i lAggregsitzu- 1
Größe Bewegung Bewertung
N. (Seme) а C2 a

sehr gro:
Gegensi

sehr klei
unbeleb
lichkeit

stehend

negativ
positiv
stand

Formative N. ffl 1 'S


а — О
Ozean + + + + + + +
Meer + + + + + + +
See (der) + + + + + + +
Teich + + + + + + +
Weiher + + + + + + +
Tümpel + + + + + + +
Pfötze + + + + + + +
Strom + + + + + + +
Fluss + + + + + + +
Bach + + + + + + +
Rinnsal + + + + + + +

Die Sememe im semantischen Feld „Gewässer" tragen ebenfalls wie im


ersten Beispiel lexikalische Bedeutung, denn die Merkmale sind nicht durch
die wissenschaftliche Klassifizierung gewonnen, umso mehr als sie auch
wertende Seme enthalten.

1.1.3.4. lypen der Wortbedeutung


Wortbedeutungen können auf Grund verschiedener Kriterien klassifiziert
werden. Dementsprechend gibt es verschiedene Typen der Wortbedeutung,
die z.T. bereits erwähnt wurden.
So wurde nach Bezeichnungs- und Inhaltsfunktion der Bedeutung deno-
tative und signifikative bzw. referentielle und denotative Bedeutung un-
terschieden. Während die Bezeichnungsfunktion der Bedeutung das refe-
rentielle „was" des Bedeutens reflektiert, stellt die Inhaltsfunktion der Be-
deutung das interiore „wie" dar. Das Objekt als solches (Bezug auf einen
Gegenstand der realen Wirklichkeit) und als Erkenntnisobjekt wurde von
Logikern (G.Frege u.a.) und später von Linguisten unterschieden. Hierzu
einige bekannte Beispiele der Logiker:
. Die Inhaltsfunktion der Bedeutungen von „Morgenstern" und „Abend-
stern" ist durchaus verschieden, in den Merkmalsangaben von „Morgen"
2* 19
und „Abend" sogar völlig entgegengesetzt, beide bezeichnen jedoch ein iden-
tisches Denotat, den Planeten Venus. Auch die Ausdrücke „Der Sieger von
Jena" und „Der Besiegte von Waterloo" besitzen völlig unterschiedliche In-
haltsfunktionen ihrer Bedeutungen, wie etwa „Sieger" und „Besiegter" und
bezeichnen das identische Denotat „Napoleon"41.
Unter dem Aspekt der Nominationstechnik sind zu unterscheiden: 1. di-
rekte Bedeutung und 2. übertragene Bedeutung.
Direkte Wortbedeutung entsteht bei der primären Nomination be-
stimmter Erscheinungen und Gegenstände der objektiven Realität, wenn
Wörter auf Grund bestimmter sinnlich wahrnehmbarer Eigenschaften
dieser Gegenstände benannt werden, die infolge der verallgemeinernden
Denktätigkeit als Merkmal dieser Gegenstände ermittelt sind. Vgl. das
Adjektiv „schwarz" als Farbbezeichnung „von der dunkelsten Farbe, die
alle Lichtstrahlen absorbiert, kein Licht reflektiert", z.B. schwarze Schu-
he, schwarzes Kleid, eine Trauerkarte mit schwarzem Rand. Die paralle-
len Termini für diese Bedeutung sind: wörtliche, eigentliche, nominati-
ve Bedeutung.
Übertragene Bedeutung entsteht bei der sekundären Nomination. Die
Benennung vollzieht sich in diesem Fall nicht mit den Mitteln der konkret
sinnlichen Beobachtung, sondern auf Grund eines qualitativ höheren Ab-
straktionsvorganges, wobei das Konkretsinnliche der eigentlichen oder di-
rekten Bedeutung des Wortes zu einer neuen Bezeichnungsfunktion führt.
So entsteht auf Grund der konkret sinnlichen Farbbezeichnung „schwarz"
eine Reihe von abgeleiteten Bedeutungen zur Bezeichnung für abstrakte
Begriffe wie (a) „düster, unheilvoll", z.B. schwarze Gedanken-, (b) „bos-
haft", „niederträchtig", z.B. eine schwarze Tat, schwarze Pläne; (c) „ille-
gal", z.B. etwas schwarz kaufen. Der parallele Terminus zur übertragenen
Bedeutung ist uneigentliche Bedeutung.
Die semantische Ableitbarkeit der beschriebenen Art bildet die wichtig-
ste Quelle der Mehrdeutigkeit oder Polysemie.
Mehrdeutigkeit bzw. Polysemie
Unter Mehrdeutigkeit oder Polysemie versteht man die Fähigkeit ei-
nes Wortes (einer Wortform oder eines Formativs), mehrere miteinander
verbundene/zusammenhängende Bedeutungen zu haben. Mehrdeutige
oder polyseme Wörter sind innerhalb des Bedeutungsgefüges struktu-
riert. Den Kern eines polysemen Wortes bildet die direkte Bedeutung.
Sie wird als Hauptbedeutung bezeichnet. Ein in der Synchronie we-
sentliches Merkmal der Hauptbedeutung ist, dass diese Bedeutung auch
bei isolierter Nennung des Wortes im Bewusstsein der meisten Angehö-
rigen der Sprachgemeinschaft zuerst auftaucht. Die abgeleiteten Bedeu-
tungen, das sind nominativ abgeleitete (nach V. V. Vinogradov) und über-
tragene, heißen Nebenbedeutungen. Vgl. das Bedeutungsgefüge des
Adjektivs „blau":

20
Die Hauptbedeutung ist die Bedeutung, die zu einem bestimmten Zeit-
punkt als gesellschaftlich wichtigste Bedeutung im Bewusstsein der Sprach-
gemeinschaft zuerst realisiert wird.
Die Polysemie gilt allgemein als semantische Universalie, als zentrale
Eigenschaft lexikalischer Spracheinheiten und als struktureller Grundzug
der Sprache als System. Auf der Textebene erfolgt die Monosemierung der
polysemen Wörter in entsprechenden Kontexten, wodurch die Kommunika-
tion gesichert wird.
Wenn das diachrone Merkmal, d.h. die etymologische Zusammengehö-
rigkeit der zentralen und abgeleiteten Bedeutungen ausscheidet, bleibt als
Kriterium der Mehrdeutigkeit das der verschiedenen Bedeutungen im Text
bzw. die kontextuell bedingten Bedeutungsvarianten. Dabei ergeben sich
unscharfe Grenzen zur Homonymie.
Homonyme sind Wörter mit gleichem Formativ und völlig unterschied-
licher Bedeutung, z.B. die Mutter „Verwandtschaftsname", die Mutter
„Schraubenmutter". Sie entstehen im Deutschen grundsätzlich durch (1) den
Zerfall der Polysemie und (2) durch eine zum gleichen Ergebnis führende
lautliche Entwicklung. So entwickelten sich z.B. die Homonyme der Bauer
(„Landmann") und das (der) Bauer („Vogelkäfig") aus einem Etymon: ahd.
böan, mhd. büwen „wohnen, bewohnen, Landwirtschaft betreiben"; die ety-
mologische Zusammengehörigkeit ist im Neuhochdeutschen nicht erhalten.
Oder: die Homonyme die Bremse „Insekt" zu „brummen" und die Bremse
„Hemmschuh" zum Mittelniederdeutschenpramen „drücken" haben sich aus
verschiedenen Wörtern entwickelt, die lautlich zusammengefallen sind.
Für die strukturelle Semantik ist die Unterscheidung der Polysemie und Hom-
onymie nicht relevant, da die Bedeutung aus synchroner Sicht und unter Einbe-
ziehung des Kontextes ermittelt wird. Vgl. folgende Bemerkung einer Lingui-
stin, die „eine kontextuell orientierte Bedeutungskonzeption vertritt: „Eine am
syntaktischen und lexikalischen Kontext orientierte Bedeutungskonzeption lässt
keine Unterscheidung von Grund-, Haupt- und übertragener Bedeutung bzw. ei-

21
gentlicher und uneigentlicher Bedeutung zu"42. Das angeführte Zitat illustriert
die Bedeutungskonzeption als Relation der strukturellen Semantik. In inserer
Linguistik sowie Germanistik wird den kontextuellen Realisierungen der mehr-
deutigen Wörter zwar große Beachtung geschenkt, aber aus der Bedeutungsva-
riabilität der Wörter in Kontexten ist jedoch keine Kontexttheorie der Bedeu-
tung abzuleiten. Ein polysemes Wort existiert mit seinen Sememen bzw. lexisch-
semantischen Varianten (der Terminus von A.I. Smirnickij) im Bewusstsein der
Sprachbenutzer und wird auch ohne Kontext in seiner Hauptbedeutung verstan-
den. So wird bei der isolierten Nennung der Lautfolge „Tisch" die zentrale Be-
deutung „Möbelstück zum Essen, Arbeiten usw." identifiziert. Dasselbe geschieht
bei der Nennung der Lautfolge „Stuhl", die als Bedeutung „Möbelstück zum
Sitzen" identifiziert wird. Gerade diese Tatsache, dass dem Sprachbenutzer die
direkten Wortbedeutungen als bestimmte semantische Größen bekannt und ge-
läufig sind, sichert ihre kontextuelle Verwendung erstens in der normativen und
zweitens — in der abweichenden Form, was zur Entstehung neuer Sememe im
Bedeutungsgefüge der Wörter führt.

Unter dem Aspekt der Zugehörigkeit des Wortes zum System (langue)
oder Text (parole) werden die Bedeutungen terminologisch differenziert be-
zeichnet als lexikalische (im System) und aktuelle (realisierte im Text)
(W. Schmidt) oder als potentielle und aktualisierte (J. Erben) u.a.

1.1.4. BEDEUTUNGSBEZIEHUNGEN
IM LEXIKALISCH-SEMANTISCHEN SYSTEM

1.1.4,1. Allgemeines zum Begriff der Bedeutungsbeziehungen


im lexikalisch-semantischen System
Unter System versteht man in der Sprachwissenschaft ein „Ganzes" oder
eine Menge von Elementen, zwischen denen bestimmte Beziehungen beste-
hen. Unter lexikalisch-semantischem System ist in Anlehnung an beste-
hende Auffassungen dieses Terminus43 ein „Ganzes" von Lexemen zu ver-
stehen, die durch paradigmatische, und zwar wechselseitige Beziehungen
zu einer Einheit verknüpft werden. Das lexikalisch-semantische System ist
entsprechend der Wandelbarkeit der Lexik ein offenes System. In der Fach-
literatur44 wird darüber hinaus betont, dass sich die Systemhaftigkeit, d.h.
systemhafte Beziehungen nur in einigen Bereichen dieses Systems deutlich
erweisen, in anderen dagegen ist die semantische Strukturierang nicht im-
mer zweifelsfrei nachzuweisen.
Wenn man die semantischen Beziehungen der Lexeme im Wortschatz als
System (d.h. die semantischen Beziehungen der Mikrostrakturen in der Ma-
krostruktur) beschreiben will, so ist es notwendig zu unterscheiden: (1) die
Art der Bedeutungsbeziehungen und (2) wie diese Bedeutungsbeziehungen
im Sprachsystem ermittelt werden.
Zu (1) ist ermittelt45, dass es fünf Grundtypen der Bedeutungsbeziehun-
gen im Wortschatz gibt:
22
1. BedeutungsgleichheMdentität von zwei Bedeutungseinheiten, z.B.
Beifall = Applaus; obwohl = obgleich;
2. Bedeutungsähnlichkeit / Similarität / Synonymie (im engeren Sinne),
z.B. Klang ~ Ton;
3. Bedeutungsüberordnung und -Unterordnung / Hyperonymie und Hy-
ponymie / Synonymie (im weiteren Sinne), z.B. Blume ~ (Sonnenblume #
Anemone Ф Veilchen Ф Narzisse Ф ...);
4. Bedeutungsgegensatz / Polarität / Antonymie, z.B. alt — neu;
5. Unvergleichbarkeit/Inkomparabilität/, z.B. Höchstgeschwindigkeit \\
Hasenscharte.
Zu (2) wird die Analyse mittels bestimmter Verfahren im Rahmen der
paradigmatischen Beziehungen aufschlussreich.

1.1.4.2. Paradigma tische Beziehungen


im lexikalisch-semantischen System
Unter Paradigmatik ist die Gesamtheit der paradigmatischen Beziehun-
gen der Elemente einer Sprache zu verstehen. Das ist die Betrachtung sprach-
licher Einheiten als Elemente des Sprachsystems.
In der strukturellen Semantik werden die paradigmatischen Beziehungen
definiert erstens als Beziehungen der Einheiten, die durch die Relation der
Opposition verbunden sind. Paradigmatische Beziehungen stellen in diesem
Fall Beziehungen zwischen Einheiten dar, die in ein und demselben Kontext
auftreten können und sich in diesem Kontext gegenseitig bestimmen oder
ausschließen. Beispiele solcher lexikalisch-semantischen Paradigmen sind:
{V) Mann —Tier
(2) Mann — Frau
(3) Mann — Junge
(4) Mann — Arbeiter
(5) Mann — Offizier
Die fünf lexikalisch-semantischen Paradigmen (1), (2), (3), (4), (5), die durch
die Relation der Opposition verbunden sind, ermöglichen es, die Semantik des
Lexems „Mann" ohne Kontext zu bestimmen. Ein Lexem kann auf eine solche
Weise Element mehrerer lexikalisch-semantischer Paradigmen sein, wobei die
Paradigmen hierarchisch strukturiert sind. Das Paradigma (1) charakterisiert
das Lexem auf Grand des Merkmals Art von Lebewesen, das Paradigma (2) —
Geschlecht, (3) — Alter, (4), (5) — Beruf, Beschäftigung usw.
Paradigmatische Beziehungen werden ferner bestimmt durch ein Verfah-
ren, das als Substitution oder Austauschprobe bezeichnet wird. Die Substi-
tution ist die Ersetzung unterschiedlicher oder synonymischer sprachlicher
Einheiten in derselben Umgebung zur Ermittlung der Identität oder Variabi-
lität derselben.
Nachstehend werden die Verfahren in den grundlegenden paradigmati-
schen Bedeutungsbeziehungen näher betrachtet.
23
1.1.4.2.1. Synonymie (im engeren Sinne)

In der traditionellen Bedeutungslehre sind Synonyme definiert als sinn-


gleiche oder sinnverwandte Wörter.
Die strukturelle Semantik verfügt über präzisere Beschreibungen, die das
Wesen der Synonymie in der Sprache explizit darstellt, mit Hilfe speziali-
sierter Verfahren, und in erster Linie durch die Explikation der Bedeutung
als Sembündel. Wie in 1.1.4.2. bereits erwähnt, besteht die Bedeutungsgleich-
heit und Bedeutungsähnlichkeit in folgendem:
Bei der Bedeutungsgleichheit sind die Lexeme in ihren semantischen
Strukturen völlig gleich oder identisch, d.h. es besteht in diesem Fall eine
völlige Übereinstimmung in Substanz und Struktur ihres Aufbaus aus Be-
deutungselementen bzw. Semen. Die beiden Spracheinheiten beziehen sich
auf dieselbe Erscheinung der Wirklichkeit und können daher uneinge-
schränkt in der gleichen Textumgebung füreinander eintreten. Bei einer
solchen Bedeutungsidentität der Lexeme entstehen die sog. absoluten Syn-
onyme, wie sie in der traditionellen Lexikologie bezeichnet wurden. Vgl.
die Beispiele oben Beifall = Applaus; obgleich = obschon. Solche Synony-
me sind aber in einer jeden Sprache und auch im Deutschen keine typische
Erscheinung, denn sogar die synonymischen Dubletten vom Typ Telefon —
Fernsprecher, Auto — Kraftwagen, importieren — einführen u.a., d.h.
Dubletten, die sich durch die puristische Tätigkeit in der Geschichte der
deutschen Sprache durchgesetzt haben, sind, wie die jüngste Wortforschung
zeigt, nicht austauschbar, obgleich sie sich auf einen Gegenstand der rea-
len Wirklichkeit beziehen.
So kann man auf Grund der Kommunikation feststellen, dass man in ty-
pischen Situationen wie nachstehend die synonymische Dublette Telefon be-
vorzugt: das Telefon klingelt, läutet, schrillt; das Telefon der Redaktion, Ver-
waltung; zum Telefon gehen, laufen, greifen; am Telefon warten, durch/per
Telefon etw. erfahren, ins Telefon etw. sagen, sich am Telefon melden; — Sie
werden am Telefon verlangt I gewünscht! — Bitte ans Telefon! — Bleiben
Sie bitte am Telefon!
Nur Telefon wird in folgenden Zusammensetzungen gebraucht: Auto-,
Dienst-, Tischtelefon.
Nur Fernsprecher. Münzfernsprecher, Fernsprechamt, -anläge, -ansa-
gedienst, -auskunft u.a.
Für Synonyme ist nicht die Bedeutungsidentität, sondern die Bedeu-
tungsbeziehung der Ähnlichkeit relevant. Gerade diese Synonymie ist
eine natürliche Entwicklung einer natürlichen Sprache. Sie vervollkomm-
net die lexikalischen, semantischen und pragmatischen Potenzen der Spra-
che.
Diese Synonymie basiert auf der Bedeutungsbeziehung der Ähnlichkeit
und ist folgenderweise zu charakterisieren:
Zwei Lexeme sind im substantiellen und strukturellen Aufbau aus Be-
deutungselementen bzw. Semen einander ähnlich, d.h. sie gleichen sich hin-
sichtlich bestimmter wesentlicher Seme und unterscheiden sich nur in se-
24
kundären Elementen (Semen), die semantisch konkretisierend, regional,
wertend-stilistisch u.a. sein können.
Solche Bedeutungsbeziehungen sind nicht nur die paarigen Beziehun-
gen, sondern oft Glieder einer ganzen Reihung: Film — Streifen; dunkel —
finster, klug — gescheit. Aber auch: Gesicht—Antlitz — Fratze; weinen —
schluchzen — wimmern.
Bei der Ermittlung der synonymischen Beziehungen wird selbstverständ-
lich vorausgesetzt, dass es sich, falls die Lexeme polysem sind, um ein syn-
onymisches Semem oder um eine lexisch-semantische Variante des Wor-
tes handelt.
Je nach der Art unterschiedlicher konkretisierender Seme werden die
bedeutungsähnlichen Synonyme entsprechend bezeichnet. Hierzu einige
Beispiele.
Die Bedeutungsbeziehungen der polysemen Substantive Lohn — Gehalt—
Gage weisen in einem Semem Bedeutungsähnlichkeit auf: Bezahlung für
geleistete Arbeit.
Die Bezahlung wird jedoch differenziert bezeichnet abhängig von der
Art der geleisteten Arbeit und abhängig davon, von wem sie ausgeführt wird:
Bezahlung für geleistete Arbeit der Arbeiter heißt der Lohn.
Bezahlung für geleistete Arbeit der Angestellten oder Beamten heißt
das Gehalt.
Bezahlung für geleistete Arbeit der Künstler heißt die Gage.
Ein weiteres differenzierendes Merkmal dieser Wörter ist das Merkmal
„regelmäßig" (monatlich) / „nicht regelmäßig" bzw. Einzelleistung. Dem-
nach ist das Merkmal „regelmäßig" (monatlich) den Lexemen Lohn — Ge-
halt eigen und „nicht regelmäßig" (Einzelleistung) dem Lexem Gage. Man
kann den Sembestand der beschriebenen synonymischen Bedeutungsbezie-
hungen durch eine Matrix veranschaulichen:

N. Merkmale
Big, Einzelle
ten, Beamtei

der Künstler
Gegenständ-

nicht regelm
der Angeste
der Arbeiter

(monatlich)
nicht belebt

ад**1
regelmäßig


lichkeit

stung

3 ел
H ' S •+>
Formative N.
der Lohn + + и "El
+ + +
der Gehalt + + + + +
die Gage + + + + +

Die Bedeutungsähnlichkeit der Lexeme Lohn — Gehalt — Gage beruht


auf semantischer Differenzierung, ist also ideographisch, deshalb heißen sie
auch ideographische Synonyme.
Bedeutungsbeziehungen der semantischen Ähnlichkeit können manch-
mal bei einer größeren Anzahl von Lexemen festgestellt werden, wodurch
ganze synonymische Gruppen bzw. Reihen entstehen. Als Beweis führen
wir das bekannte Beispiel rennen an46:
25
rennen intensiv auch mit Raumangabe (RA)
stürmen intensiv (sehr) auch mit RA zum Ziel
rasen intensiv (sehr) auch mit RA zum Ziel ugs konnotativ
sausen intensiv (sehr) auch mit RA zum Ziel ugs konnotativ
pesen intensiv (sehr) auch mit RA ugs konnotativ Schülersprache
eilen auch mit RA gehoben
*ugs = ugs., umg.
Die Wörter einer Synonymgruppe können sich demnach unterscheiden:
(1) nach den begrifflichen Merkmalen Г (а) bei gleichem Denotat
|(b) bei ähnlichem Denotat
(2) nach den konnotativen Elementen
(3) nach den besonderen f(a) sozialer Natur
Anwendungsbedingungen i(b) sprachlicher Natur (stilistische Bedin-
gungen)
Die Bedeutungsbeziehungen der Lexeme Gesicht — Antlitz — Visage —
Fratze weisen die Gemeinsamkeit der zentralen Seme auf, weil alle vier Sub-
stantive sich auf ein Denotat beziehen — das menschliche Gesicht. Die Sub-
stantive Antlitz, Visage, Fratze enthalten aber darüber hinaus begrifflich-
wertende, konnotative Seme. So ist in der Bedeutungsstruktur des Wortes
„Antlitz" die positive Bewertung vorhanden, deshalb ist das Wort stilistisch
markiert als Lexem gehobener, dichterischer Sprache. Dagegen sind die
Wörter Visage, Fratze negativ konnotiert. Sie enthalten abwertende Seme
und sind stilistisch als saloppe abwertende Lexeme markiert. Dies kann man
übersichtlich in folgender Matrix darstellen:
zumKörperteil

Vorderseite des

Kinnb is Haar-

\Merkmale
Kopfes >(vom

I
Gegen ständ-

IT
I
gehörend
lichkeit

9 tt
gehobe

(abwei
salopp
(aufwe
ansatz

neutra

Forraative \.
das Gesicht + + + +
das Antlitz + + + +
die Visage + + + +
die Fratze + + + +
Die differenzierenden Seme, die begrifflich-wertend, konnotativ sind,
ergeben die stilistische Markiertheit der Lexeme, deshalb werden die Syn-
onyme dieser Art als stilistische Synonyme bezeichnet.
In den synonymischen Reihen wird die Dominante oder das Grundsy-
nonym unterschieden. Das ist gewöhnlich ein solches Synonym, das be-
grifflich und stilistisch eine Invariante der anderen Glieder der synonymischen
Reihe bildet. Begrifflich gibt das Grundsynonym den Sachverhalt ohne dif-
ferenzierende Seme wieder, und stilistisch ist es neutral. Vgl. die Synonyme
„rennen", „das Gesicht" in den entsprechenden synonymischen Gruppen.
26
Zahlreich sind im Deutschen Lexeme, die sich zwar auf dieselbe Erschei-
nung der Wirklichkeit beziehen, sich aber regional unterscheiden wie z.B.
Stulle—Bemme. Beide Wörter bezeichnen „ein belegtes, bestrichenes Brot",
Bemme ist aber ostmitteldeutsch, sächsisch und Stulle nordd., besonders berli-
nisch. Diese Bedeutungsbeziehungen werden als territoriale oder regiona-
le Dubletten bezeichnet. Sie werden in 3.3.2. eingehend betrachtet.

1,1.4.2.2. Bedeutungsüberordnung und -Unterordnung


(Hyperonymie und Hyponymie)

Analysiert man die Bedeutungsbeziehungen der Wörter: Blume — Son-


nenblume, Mohnblume, Strohblume, Veilchen, Narzisse, Malve, Rose, so wird
hier die Relation: Allgemeines — Spezielles — Gesamtheit — Element u.a.
festgestellt47. Blume ist in diesem Fall ein Oberbegriff „Hyperonym", für
andere angeführte Bezeichnungen von Blumen, die als artgleiche Elemente
„Hyponyme" gemeinsam einer Gattung angehören, die gerade durch das
Hyperonym Blume repräsentiert wird.
Dieselben Hyperonym-Hyponym-Beziehungen sind feststellbar bei den
Wörtern: Rauchwaren — Nerz, Feh, Fohlen, Kanin, Nutria, Persianer, Sil-
berfuchs, Zobel, Biber, Maulwurf, wo Rauchwaren ein Hyperonym (Bezeich-
nung für Pelzwaren) ist und die anderen Bezeichnungen Hyponyme (Namen
verschiedener Pelzarten) sind.
Die Bedeutung des Hyperonyms schließt die Bedeutungen der Hypony-
me ein (Inklusionsbeziehung).
Die Bedeutungen der Hyponyme können aber auch Bezeichnungen je
eines Teils der Bedeutung des Hyperonyms sein („Teil — von" — Bezie-
hung), was die nachstehenden Wörter illustrieren:
Blume — Wurzel, Stengel, Blatt, Blüte.
Die Erkenntnis und Beschreibung der Hyperonym-Hyponym-Beziehun-
gen in der Lexik hat, wie Th. Schippan betont48, nicht nur sprachtheoreti-
sche, sondern auch pädagogisch-praktische Bedeutung. Beim Erfassen der
Wörter, die die Beziehungen der Denkkategorien „Ganzes" — „Teil", „All-
gemeines" — „Einzelnes", „Konstante"—„Variante" usw. ausdrücken, dient
die Untersuchung der Wortbedeutung in hohem Maße zur Klärung erkennt-
nistheoretischer Zusammenhänge.

1.1.4.2.3. Bedeutungsgegensatz/Antonymie

Antonyme sind Gegenwörter oder Gegensatzwörter, Wörter mit Gegen-


bedeutung, z.B. hell — dunkel, arm — reich, reden — schweigen, Leben —
Tod usw.
Eine überaus wichtige Voraussetzung der Antonymie ist das Vorhanden-
sein eines gemeinsamen semantischen Kerns, auf dessen Basis die Polarität
entsteht. Vgl.:
27
Im Falle der Antonymie unterscheiden sich also die Lexeme in einem
wesentlichen Bedeutungselement bzw. Sem, das den Charakter der Ge-
gensätzlichkeit genereller Art hat. Da kategorial-semantische Seme sowie
die zentralen lexikalischen Seme bei antonymischen Wörtern übereinstim-
mend sein müssen, sind Antonyme nur als Spracheinheiten gleicher Wort-
art denkbar.
Man unterscheidet den kontradiktorischen Gegensatz (Sein — Nicht-
sein, Armut — Reichtum, Liebe — Hass, Möglichkeit — Unmöglichkeit,
jeder— keiner) vom konträren (Maximum — Minimum, nehmen — geben,
fragen — antworten) und komplementären Gegensatz (männlich — weib-
lich, verheiratet — ledig).
Der kontradiktorische Gegensatz ist ein „strengerer" Gegensatz, er stellt
eine logische Negation des gegensätzlichen Begriffs dar: Sein — Nicht-
sein.
Konträre Gegensätze hingegen sind zwei Begriffe, die innerhalb eines
bestimmten Bewertungs- oder Bezugssystems als Artbegriffe existieren.
Zwischen diesen bestehen die größten Unterschiede, und unter einem ge-
meinsamen Gattungsbegriff schließen sie einander aus, sie beide stellen
aber positive Gegebenheiten dar: Maximum — Minimum. Die Komple-
mentarität (nach J.Lyons) unterscheidet sich von der Antonymie kontra-
diktorischer Art dadurch, dass die Negation eines Begriffs die Behauptung
eines anderen Begriffs voraussetzt: männlich — weiblich, ledig — verhei-
ratet.
Zum Unterschied von der Synonymie ist die Antonymie bedeutend weni-
ger entwickelt. Die Möglichkeit der Antonymie ist stark gebunden an das
Vorhandensein qualitativer Merkmale, die sich gradieren und / oder zum
Gegensatz führen lassen. Deswegen ist die Antonymie in erster Linie bei
Adjektiven und mit ihnen in Relation stehenden Substantiven und Verben
entwickelt:

hell — dunkel Armut — Reichtum


arm — reich hell werden — dunkeln
Helle — Dunkelheit verarmen — reich werden
28
1.1.4.2.4. Semantische Felder, lexikalisch-semantische Gruppen

Einen weiteren Einblick in paradigmatische Bedeutungsbeziehungen der


Wörter im lexikalisch-semantischen System ermöglicht die Wortfeldfor-
schung in ihrer theoretischen und empirischen Entwicklung der letzten Jahr-
zehnte. Das Wortfeld ist ein lexikalisch-semantisches Paradigma höherer
Ordnung als Synonymgrappen.
Der Begriff des Feldes wurde von G.Ipsen eingeführt (1924), der sich
darunter eine bestimmte „Sinneinheit höherer Ordnung" vorstellte, die sich
aus Wörtern bildet, wobei die Wörter nicht nach ihrer etymologischen Zu-
sammengehörigkeit gruppiert werden, sondern nach ihrem gegenständlichen
Sinngehalt. Mit anderen Worten, Lexeme, die etymologisch und assoziativ
miteinander nicht verbunden zu sein brauchen, fügen sich zu einem Mosaik
zusammen, und alle zusammen gehen in „einer Sinneinheit höherer Ord-
nung" auf.
In der Wortforschung seit G.Ipsen gab es zahlreiche Versuche, die Lexik
in Wortfelder zu gliedern. Von W.Porzig stammt die Theorie der syntakti-
schen Felder49. Syntaktische Felder entstehen durch die „wesenhaften Be-
deutungsbeziehungen", die zwischen Wörtern bestehen, die linear d.h. durch
die semantische Fügungspotenz, zu einer Redekette verbunden werden kön-
nen. So setzt das Verb greifen die Verbindung mit Hand voraus; sehen —
das Auge; reiten — das Pferd; bellen — der Hund; oder: blond — mensch-
liches Haar u.a.
In der Geschichte der Wortfeldforschung sind ferner die Konzeptionen
der Wortfelder von J. Trier50 und L. Weisgerber51 zu nennen, die in der Fach-
literatur mehifach kritisch besprochen wurden. Kritisiert wurden vor allem
die Auffassungen der Autoren vom Wesen der Sprache und ihrer Einheiten,
wonach diese angeblich dem Menschen a priori eigen seien und das Denken
des Menschen formen. Das Bedeutungssystem der Sprache sei nach einem
vorgefassten Plan entstanden und ausgebaut und werde von geheimnisvol-
len geistigen Kräften der Sprachgemeinschaft geformt.
Das Einzelwort trägt nach J. Trier keine Bedeutung. Es „empfängt seine
inhaltliche Bestimmtheit vom Gefüge des Ganzen". Es „bedeutet" nur in
diesem Ganzen und kraft dieses Ganzen. Die Geltung eines Wortes werde
erst dann erkannt, wenn man sie gegen Geltung benachbarter und gegen-
sätzlicher Wörter abgrenzt, denn nur im Feld gebe es ein Bedeuten.
Die praktische Schlussfolgerung aus Triers Wortfeldtheorie, nämlich —
das Wort einer Sprache könne erlernt und richtig gebraucht werden, wenn
dem Sprechenden das ganze Feld gegenwärtig sei — hat sich experimentell
nicht bestätigt.
Diese Konzeption der Wortfeldtheorie wurde von L. Weisgerber beson-
ders konsequent entwickelt, ganz im Sinne des Neohumboldtianismus, d.h.
in Bezug auf das Wesen der Sprache, die Bedeutung der Einzelwörter u.a.
Betrachtet man aber die Gliederung der Wörter in Wortfelder als Resul-
tat einer realen sprachlichen Entwicklung des Wortschatzes, so erweist
sich die Wortfeldforschung äußerst produktiv.
29
Wortfelder stellen eine Gliederung der Spracheinheiten dar, die über die
Synonymie hinaus in weiteren semantischen Beziehungen zueinander stehen.
Die Wortfeldforschung von heute kennzeichnet sich dadurch, dass im
Bereich des Feldes sämtliche Spracheinheiten — minimale sprachliche Zei-
chen bzw. Lexeme und komplexe sprachliche Zeichen bzw. feste Wortkom-
plexe erfasst werden. Dementsprechend werden solche semantischen Felder
als lexikalisch-phraseologische Felder bezeichnet.
Felder sind strukturiert als vielschichtige Gebilde. Den Kern des Feldes
bildet ein Hyperonym oder ein Archilexem, um dieses gruppieren sich neu-
trale Lexeme, und in Richtung Peripherie liegen stilistisch markierte Wör-
ter und feste Wortkomplexe, d.h. Spracheinheiten, die in ihren semanti-
schen Strukturen begrifflich wertende Seme oder Einstellungsseme ent-
halten.
Felder sind begrifflich differenziert, wozu Wörter und feste Wortkom-
plexe beitragen, die z.B. in Bezug auf die Intensität der Handlung oder in
Bezug auf andere semantische Merkmale differenziert sind.
Das kann man an dem lexikalisch-phraseologischen Feld mit dem Hype-
ronym bzw. Archilexem „tadeln" illustrieren:
tadeln: neutral, einsetzbar für alle Glieder, enthält Hyperseme, die in
allen übrigen Konstituenten des Feldes enthalten sind („Pro-
zessualität", „objektgerichtete Handlung", „jmdm. sein Miss-
fallen über ihn oder sein Verhalten, Tun zum Ausdruck brin-
gen");
differenzierende begriffliche Seme:
„Intensität" (gründlich, zurechtweisen, rügen, schelten,
scharf, tüchtig, heftig) schmähen, schimpfen, ausschimpfen,
bespotten u.a.
differenzierende begrifflich-wertende Seme:
(negativ) abstauben (landschaftlich), abbürsten (landschaftlich),
anranzen (salopp), jmdm. eins auf den Dez geben (sa-
lopp), jmdm. die Hammelbeine lang ziehen (salopp),
jmdm. den Kopf waschen (umg.), jmdn. mit scharfer Lau-
ge waschen (salopp), jmdn. aus den Lumpen schütteln
(salopp) u.a.m.
Alle Konstituenten des Feldes „tadeln" sind nach dem invarianten Hy-
persem gruppiert, das in allen Spracheinheiten feststellbar ist und sehr allge-
mein, etwa als „negative Bewertung des Verhaltens bzw. Tuns des Objekts"
zu bezeichnen wäre.
Darüber hinaus enthalten Lexeme und Phraseologismen zusätzliche dif-
ferenzierende Merkmale, was den zentralen Begriff des Feldes semantisch
und stilistisch konkretisiert. Semantisch: scharf, heftig, energisch, streng,
hart... tadeln, zurechtweisen. Stilistisch erfasst dieses lexikalisch-phraseo-
logische Feld Lexeme und Phraseologismen (a) geh., z.B. jmdn. anherrschen,

30
anlassen; (b) umg., z.B. abtrumpfen, salopp jmdm. die Hammelbeine lang
ziehen; (c) salopp, z.B. abkanzeln, umg. jmdm. den Kopf waschen; (d) vulg.
anscheißen. Lexikalisch-semantische Paradigmen vom Typ „Feld" können
in der Fachliteratur auch als lexikalisch-semantische Gruppen bezeichnet
werden. Innerhalb solcher Gruppen ist dann dieselbe Strukturierung der
Konstituenten durchführbar.

1.1.4.3. Syntagmatische Bedeutungsbeziehungen


der lexikalischen Einheiten
1.1.4.3.1. Allgemeines zum Begriff der syntagmatischen Bedeutungs-
beziehungen der lexikalischen Einheiten. Valenz und Distribution,
lexikalisch-semantische Kombinierbarkeit der Wörter
Die syntagmatischen Bedeutungsbeziehungen sind (im Gegensatz zu
den paradigmatischen Beziehungen) Anreihungsbeziehungen der Sprach-
einheiten, die auf dem linearen Charakter der Sprache beruhen. Das sind
Beziehungen zwischen Einheiten, die in einem Kontext gemeinsam vor-
kommen, d.h. in einem Syntagma bzw. einer Wortverbindung und im Satz.
Daher stammt die Bezeichnung syntagmatische Bedeutungsbeziehungen
oder die Beziehungen der Spracheinheiten in der Syntagmatik. Die sprach-
lichen Zeichen, Wörter und feste Wortkomplexe treten im konkreten Re-
deakt nicht isoliert auf, sondern verbinden sich im Syntagma und im Satz
immer mit bestimmten „Partnern". Diese Verbindungsmöglichkeiten mit
bestimmten Partnern sind nicht beliebig und willkürlich, sondern unter-
liegen bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die kombinatorische Regularitä-
ten bilden. Für die syntaktisch-semantische Vereinbarkeit bzw. Verträg-
lichkeit aufgrund bestimmter semantischer Merkmale der Spracheinhei-
ten sind in der strukturellen Semantik und Grammatik folgende Termini
bekannt: Kompatibilität, lexikalische Solidarität, semantische Verträg-
lichkeit u.a. So setzt die lexikalische Bedeutung des Verbs anziehen „ein
Kleidungsstück anlegen" ein tätiges Subjekt der Handlung und ein Ob-
jekt der Handlung voraus: Der Mann zieht den Mantel an; die Frau zieht
ihr Kleid an.
Der Verstoß gegen eine Solidarität der Lexeme kann unter bestimmten
Kontextbedingungen eine sprachliche Metapher erzeugen. Vgl. das lyrische
Gedicht von H. Heine, in dem gerade der Verstoß gegen die semantische
Verträglichkeit eine einmalige Wirkungskraft schafft:
Der Wind zieht seine Hosen an,
Die weißen Wasserhosen.
Er peitscht die Wellen, so stark er kann,
Die heulen und brausen und tosen!
Die Verletzung der Regularität in der semantischen Verbindbarkeit der
Wörter zeigt z.B. der Phraseologismus sein blaues Wunder erleben „eine
(böse) Überraschung erleben". Das Abstraktum „Wunder" kann mit verschie-
31
denen qualifizierenden und quantifizierenden Adjektiven verbunden wer-
den (ein schönes, großes, lustiges Wunder erleben), nicht aber im „norma-
len", nicht metaphorischen Sprachgebrauch — mit einem Farbadjektiv; kon-
krete Farbbezeichnung + Abstraktum (Wunder, Höhe, Interesse) sind seman-
tisch nicht miteinander zu verbinden. Wenn die Kombination trotzdem auf-
tritt, handelt es sich entweder um die übertragene, gegebenenfalls farbsym-
bolische Verwendung des Adjektivs oder eben um die Verwendung in einem
idiomatischen Ausdruck52.
Eine besonders große Verbreitung in der Erforschung der syntagmati-
schen Beziehungen der Spracheinheiten hat die Valenztheorie. So schrei-
ben z.B. darüber M. D. Stepanova und G. Heibig folgendes:
„Heute fasst man die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten der Verbind-
barkeit (Kombinierbarkeit) einer bestimmten sprachlichen Einheit mit ei-
ner anderen unter dem Begriff der Valenz... Damit kommt dem Begriff der
Valenz die entscheidende Rolle zu, wenn man die syntagmatischen Aspek-
te der Wörter (Wortarten) erfassen will. In diesem Sinne kann man auf
paradigmatischer Ebene von ,differentieller Bedeutung' (,Wert'), auf syn-
tagmatischer Ebene von ,Valenz' (oder .syntaktischer Bedeutung') spre-
chen. Während zu dieser differentiellen Bedeutung die gesamte lexika-
lisch-semantische Struktur des Wortes (wie sie durch eine Sem- oder Kom-
ponentenanalyse ermittelt werden kann und muss) gehört, meint die Va-
lenz im allgemeinsten Sinne das notwendige oder mögliche Auftreten kon-
textueller Verbindungen eines Wortes, die kontextuellen Verbindungen ei-
nes Wortes, die kontextuellen Beziehungen zwischen den Wörtern verschie-
dener Wortarten im Satz, die Beziehungen der Verbindbarkeit von Wör-
tern im Satz auf semantischer und syntaktischer Ebene, die Kombinierbar-
keit von Wörtern als semantischen und / oder syntaktischen ,Partnern' im
Satz"53.
Zwischen Syntagmatik und Paradigmatik besteht ein dialektischer Zu-
sammenhang und eine wechselseitige Beeinflussung insofern, als mit der
lexikalischen Bedeutung eines Wortes bereits die wesentlichsten Bedingun-
gen für die Kombinierbarkeit mit anderen Wörtern im Syntagma und schließ-
lich im Satz festgelegt sind. Somit sind die syntagmatischen Verknüpfungen
bereits in den Gesetzmäßigkeiten der paradigmatischen Ebene angelegt. So
sind mit der lexikalischen Bedeutung des Wortes (oder genauer gesagt: mit
der lexikalisch-semantischen Variante des betreffenden Wortes) zugleich
Bedingungen gesetzt für das Auftreten notwendiger und möglicher Partner
im Satz. Umgekehrt kann das Auftreten in verschiedenen Kombinationen,
können unterschiedliche syntaktische Eigenschaften Unterschiede in der le-
xikalischen Bedeutung signalisieren:
(1) Die Frau ist ledig.
(2) Die Frau ist der Sorge ledig.
Die homonymen Adjektive in (1) und (2) lassen sich paradigmatisch und
syntagmatisch in der Bedeutungsstruktur und in der Kombinierbarkeit un-
terscheiden:
32
In der Bedeutung wie in (1) (= „unverheiratet") fordert ledig nur einen
Partner im Satz (einen Nominativ, der überdies auf Personen im erwachse-
nen Alter festgelegt ist), in der Bedeutung wie in (2) (= „frei von") fordert es
zwei Partner (außer dem Nominativ noch einen Genitiv). Ohne diesen zwei-
ten Partner kann das Adjektiv die gemeinte Bedeutung nicht realisieren und
wurde automatisch im Sinne von (1) verstanden werden54.
Unter Valenz wird also die Fähigkeit von Wörtern verstanden, andere
Wörter an sich zu binden. Obgleich uns der Valenzbegriff dem Sinne nach
schon in der älteren Grammatik begegnet — man hat z.B. zwischen subjek-
tiven (d.h. keine Ergänzung fordernden) und objektiven (d.h. eine Ergän-
zung fordernden) Verben unterschieden - entwickelt sich die Valenztheorie
erst in der Linguistik der 50er Jahre, als L.Tesniere im Rahmen seiner
strukturellen Syntax (Abhängigkeitsgrammatik) vom Verb ausging und als
dessen unmittelbar Untergeordnete die „actants" und die „circonstants" (d.h.
die Handelnden und die Umstände) ansah. Im Unterschied zu den „circon-
stants" ist die Zahl der „actants" im Satz zahlenmäßig durch das Verb be-
grenzt. Die Fähigkeit der Verben, eine bestimmte Anzahl von „actants" an
sich zu binden, vergleicht Testiere mit der Wertigkeit eines Atoms in der
Chemie und bezeichnet sie als „Valenz". Als solche „actants" sieht Tesniere
die Subjekte und die Objekte an. Adverbialbestimmungen und Prädikativa
werden aus den Valenzbeziehungen ausgeschlossen. Nach der Zahl der „ac-
tants" unterscheidet er im Französischen avalente, monovalente, divalente
und trivalente Verben.
Etwa zur gleichen Zeit wurde der Begriff und z.T. der Terminus „Valenz"
auch in unserer Sprachwissenschaft diskutiert und weiter entwickelt von sol-
chen Gelehrten wie S.D.Kacnel'son, V.G.Admoni, T.P.Lomtev, M.D.Ste-
panova, B.A. Abramov u.a. In der deutschsprachigen Germanistik versuch-
te man ebenfalls den Valenzbegriff zu präzisieren, so H. Brinkmann, J. Erben,
H.-J. Heringer, W.Bondzio u.a.
Einen besonders großen Beitrag zur Entwicklung der Valenztheorie hat
aber G. Heibig geleistet. So wurde von ihm der Begriff der syntaktischen
Notwendigkeit — im Unterschied zu einer semantischen und kommunika-
tiven Notwendigkeit — näher bestimmt, da er die Voraussetzung bildete,
um die valenzgebundenen von den nichtvalenzgebundenen Gliedern zu un-
terscheiden. Es wurden bestimmte Kriterien ermittelt, um die valenzge-
bundenen von den nichtvalenzgebundenen Gliedern zu unterscheiden, die
als freie Angaben syntaktisch im Satz beliebig hinzufüg- und weglassbar
sind. Zu den valenzgebundenen Gliedern gehören nicht nur die „actants"
im Sinne von Tesniere (d.h. Subjekte und Objekte), sondern auch ein Teil
der herkömmlichen Umstandsbestimmungen, denn es gibt durchaus „Ak-
tanten" oder „Mitspieler" im syntaktischen Sinne, die z.B. vom Verb her
notwendig gefordert sind, aber einen Umstand im semantischen Sinne aus-
drücken:
Berlin liegt an der Spree.
Er legte den Bleistift auf den Tisch.

2576 33
1.1.4.3.2. Valenzwörterbuch von G.Helbig / W.Schenkel

Ende der 60er Jahre entstand ein Valenzmodell, das viele Mängel der
ersten Darstellungen der Valenz, vor allem der von Tesniere beseitigte und
seinen Niederschlag u.a. im „Wörterbuch zur Valenz und Distribution deut-
scher Verben" von G. Heibig und W. Schenkel fand. Dieses Modell ging zu-
nächst von der syntaktischen Valenz (d.h. von der Valenz der Ausdrucksebe-
ne) und von der Wortart der Verben aus, ist aber, wie sich das später erwie-
sen hat, einerseits übertragbar auch auf die Valenz anderer Wortarten (z.B.
der Adjektive und der Substantive)55 und ist andererseits als notwendiger
Bestandteil integrierbar in ein komplexeres Modell, das verschiedene Ebe-
nen umfasst.
Im Wörterbuch von G. Heibig und W. Schenkel wurde ein dreistufiges
Modell entwickelt, das die Valenz und Distribution deutscher Verben be-
schreibt. Dabei wird unter Valenz die Fähigkeit des Verbs (oder entspre-
chend: einer anderen Wortart) verstanden, bestimmte Leerstellen um sich
herum zu eröffnen, die durch obligatorische oder fakultative Aktanten zu
besetzen sind. Als Leerstellen werden verstanden die vom Verb (oder ei-
nem anderen Valenzträger) geforderten und obligatorischen bzw. fakultativ
zu besetzenden Stellen, die in der Bedeutung des Verbs (oder eines anderen
Valenzträgers) angelegt sind. Aktanten (oder „Mitspieler") werden diejeni-
gen Glieder genannt, die diese Leerstellen besetzen.
Um die Aktanten adäquat zu beschreiben, genügt nicht das Wissen um
die Zahl der Aktanten, d.h. die Valenz im engeren Sinne. Man muss viel-
mehr auch ihre Art (syntaktisch und semantisch), d.h. die Distribution des
Verbs (oder eines anderen Valenzträgers) kennen. Unter Distribution eines
sprachlichen Elements wird die Summe aller Umgebungen verstanden, in
denen es vorkommt.
Entsprechend diesen Bestimmungen der Begriffe „Valenz" und „Distri-
bution" werden in dem „Wörterbuch zur Valenz und Distribution deutscher
Verben" von Heibig / Schenkel die Verben auf folgenden drei Stufen (in
einem dreistufigen Modell) interpretiert:
(1) Auf Stufe I wird für jedes Verb die quantitative Anzahl der Aktan-
ten, d.h. seine syntaktische Valenz im engeren Sinne festgelegt, z.B.:
I. erwarten2
rauben 2+(1) = 3)
wobei die obligatorischen Aktanten ohne Klammern, die fakultativen
Aktanten in Klammern stehen und beide zur Gesamtheit der valenzdetermi-
nierten Glieder addiert werden.
(2) Auf Stufe II werden die Aktanten qualitativ durch Angabe der syn-
taktischen Umgebungen der Verben in streng formalen Begriffen festge-
legt (z.B. Sn = Substantiv im Nominativ, Sa = Substantiv im Akkusativ,
Sd = Substantiv im Dativ, pS - Substantiv mit Präposition, NS = Nebensatz):

II. erwarten > Sn, Sa / NSdass / Inf

34
(3) Auf Stufe III werden die Aktanten qualitativ durch Angabe der se-
mantischen Umgebungen der Verben festgelegt, und zwar mit Hilfe sol-
cher Begriffe wie Hum (= menschlich), ± Anim (± belebt), Abstr (= ab-
strakt) usw. Diese Stufe III spezifiziert somit die determinierten Aktanten
durch die Angabe des zugelassenen semantischen Gehalts. Solche Regeln
werden heute meist als „Selektionsregeln" bezeichnet. Sie sind notwendig,
weil bei den meisten Wörtern nicht jedes beliebige Sn oder Sa erscheinen
kann:
III. Sn > 1. Hum (Der Freund erwartet uns)
2. Abstr (als Hum) (Das Institut erwartet Besuch)
3. Abstr (Viel Arbeit erwartet uns)
Sa > keine Selektionsbeschränkungen (Er erwartet den Freund, den
Hund, die Kommission, den Brief, einen Beschluss, das Schwimmen)
NS > Act (Wir erwarten, dass er kommt)
Inf > Act (Er erwartet eingeladen zu werden)
Das Valenzwörterbuch von G.Heibig und W.Schenkel hat für den
Deutschunterricht (Deutsch als Fremdsprache) nicht nur eine theoretische,
sondern auch eine große praktische Bedeutung. Es sichert dem Deutsch ler-
nenden Ausländer die Generierung von grammatisch und semantisch richti-
gen Sätzen.

1.1.4.3.3. Fragen der lexikalisch-semantischen Kombinierbarkeit

Kennzeichnend für die Valenztheorie von heute ist die Tatsache, dass die
frühere Betonung des syntaktisch-grammatischen Aspekts überwunden ist.
Das ist beispielsweise in dem dreistufigen Model] des oben beschriebenen
Valenzwörterbuchs, auf der Stufe III zu sehen. Zwar wurden die Beziehun-
gen der Verträglichkeit (Kompatibilität) lexikalisch-semantischer Art zwi-
schen Wörtern im Satz auch früher in der Linguistik beachtet, aber sie tauch-
ten gewöhnlich nicht unter dem Begriff und / oder Terminus der Valenz auf
und wurden in der Regel auch völlig unabhängig davon erörtert. So erscheint
z. B. bei E.Leisi für die Verbindbarkeit von Substantiven und Verben der
Terminus „semantische Kongruenz"56. Er hat in intuitiver Weise dieses Phä-
nomen beschrieben und darauf aufmerksam gemacht, dass z. B. ein Satz
möglich ist wie „Er schießt Rehe", aber nicht ein Satz wie „Er schießt Men-
schen" (im Akkusativ kann offensichtlich ein belebtes, aber kein menschli-
ches Wesen erscheinen), dass ein Satz möglich ist wie „Er beschädigte das
Auto", aber nicht „Er beschädigte seinen Freund" (im Akkusativ erscheint
nur ein unbelebtes Wesen, kein Mensch).
Heute ist in die Valenztheorie auch die semantische Valenz eingeschlos-
sen. Diese spiegelt die Tatsache wider, dass Wörter (als Valenztrüger) be-
stimmte Kontextpartner mit bestimmten Bedeutungsmerkmalen fordern, an-
dere Kontextpartner mit anderen Bedeutungsmerkmalen ausschließen. Sie
regelt die Besetzung von Leerstellen mit Klassen von Partnern, die seman-
3* 35
tisch durch bestimmte Bedeutungsmerkmale festgelegt sind. Die Wahl ge-
eigneter Kontextpartner erfolgt auf Grund der Kompatibilität der Bedeutungs-
merkmale der beiden Kontextpartner (intralinguistisch), die ihrerseits in der
außersprachlichen Realität (extralinguistisch) motiviert ist. So setzen z.B.
die Verben des Sagens und Denkens als Subjekt menschliche Wesen, die
Verben des Sehens und Erblickens als Objekt konkrete Wesen voraus. So
sind Sätze wie
Peter stirbt manchmal und
Er kennt Peter auf dem Flughafen
•o"
im Deutschen (bei der ursprünglichen und nicht metaphorischen Bedeutung
der Verben) nicht möglich, weil die Adverbialien Bedeutungsmerkmale ent-
halten (etwa: [+ frequentativ] und [+ lokal]), die den Bedeutungsmerkmalen
des Verbs widersprechen und deshalb mit ihnen unverträglich sind. Ein Satz
wie Er stirbt manchmal ist nur dann möglich, wenn das Subjekt Prowort
für eine Gattungsbezeichnung ist (z.B. Die Operation ist immer lebensge-
fährlich für den Patienten. Er stirbt manchmal.), nicht aber, wenn es
Prowort für eine Individualbezeichnung ist. Bei der semantischen Valenz
handelt es sich somit um Selektionsbeschränkungen, die reguliert werden
auf Grund der semantischen Kompatibilität zwischen den Kontextpartnern.
Darum betont G. Heibig: der Valenzbegriff wird erweitert von der syntakti-
schen auf die logisch-semantische Ebene57.

1.2. KOMMUNIKATIV BEGRÜNDETE SYSTEM-


VERÄNDERUNG DES WORTSCHATZES BZW. DES LEXIKONS

1.2.1. WORTSCHATZERWEITERUNG DURCH SEMANTISCHE


DERIVATION BZW. BEDEUTUNGSWANDEL

1.2.1.1. Allgemeines
Unter semantischer Derivation bzw. Bedeutungswandel versteht man
die В edeutungsVeränderung der Wörter, die sich im Laufe der Zeit bei die-
sen sprachlichen Zeichen einstellt, bedingt durch Wesen und Charakter der
Sprache als soziales Phänomen.
Der Bedeutungswandel tritt gesetzmäßig im Zusammenhang mit dem
Sachwandel ein, denn die Gegenstände und Erscheinungen der Wirklichkeit
befinden sich in einem Zustand dauernder Veränderung. So ist z.B. Bleistift
heute „ein von Holz umschlossener Graphitstift zum Schreiben". Die im 17.
Jahrhundert belegte ursprüngliche Form Bleystefft (eine Klammerform für
Bleyweißstefft) zeugt davon, dass Stifte zum Schreiben aus einem anderen
Material hergestellt wurden. Das Formativ blieb, als man im 18. Jahrhundert
zu Graphitstiften (-minen) mit Tonzusatz überging.
36
Aber außer diesem Bedeutungswandel gibt es auch eine Veränderlichkeit
der Bedeutung von einer anderen, viel komplizierteren Art, was aus der Ana-
lyse alter Sprachdenkmäler besonders deutlich hervorgeht. Eine der größten
Schwierigkeiten für das Verständnis eines mittelhochdeutschen Textes, schreibt
W. Porzig58, bieten Wörter, die scheinbar bekannt und heute noch geläufig
sind, aber etwas ganz anderes bezeichnen, als wir heute darunter verstehen.
So fängt Walther von der Vogelweide (ca. 1160—1227) ein Gedicht mit
folgenden Worten an:
Ich hört ein wasser diessen
Und sach die vische fliessen.
In der Gegenwartssprache fließt nur das Wasser, bei Walther von der Vo-
gelweide fließen auch die Fische, die im Deutsch von heute schwimmen.
Schwimmen konnte zu Walthers Zeit nur ein Mensch oder ein Schiff, über-
haupt etwas, was die Oberfläche des Wassers bricht. Was sich ganz im Was-
ser befand, das floss, wenn es sich selbst bewegen konnte, wenn es nur da-
hintrieb, so schwebte es. In der Gegenwartssprache dagegen kann etwas nur
in der Luft schweben, nicht im Wasser, vgl. ein Adler schwebt hoch in der
Luft. Die Vevbenfließen, schwimmen, schweben sind also heute wie damals
vorhanden, aber sie bezogen sich ehemals auf andere Sachverhalte.
Aber im Zusammenhang mit der Wortschatzerweiterung wären hier zahl-
reiche Bedeutungsentwicklungen zu nennen, die den Bedeutungsumfang
eines Lexems oder seine Bedeutungsstruktur erweitern. Das geschieht, in-
dem dasselbe Formativ zur Bezeichnung eines neuen Sachverhalts ausge-
wertet wird neben des bereits vorhandenen.
So erhielt ein altes gemeingermanisches Wort Netz zu seiner herkömmli-
chen Bedeutung „geknüpftes maschenförmliges Gebilde" durch den Meta-
phorisierungsprozess zusätzlich ein Semem „System aus vielen sich vielfäl-
tig kreuzenden, miteinander verbundenen Strecken und Linien" — Strom-
netz, Eisenbahnnetz, Verkehrsnetz.
Wichtige Erkenntnisse vermittelt in Bezug auf die Polysemie die kogni-
tivorientierte Psycholinguistik. Erstmals in der Geschichte der Semasiologie
wurden die grundlegenden Faktoren erschlossen, die den regelmäßigen Cha-
rakter dieses Prozesses sichern und abhängig machen vom (I) Typ der Lexe-
me und (2) vom Typ der begrifflichen Abstraktion. Danach sind semantisch
ableitbar in erster Linie Konkreta, weil die semantische Struktur der konkre-
ten Namen über Elemente verfügt, deren Grundlage weitere derivative Pro-
zesse ermöglicht (Metaphoriesierung, Metonymisierung). Der zweite Fak-
tor, der die Produktivität der semantischen Ableitung erklärt, ist Grad der
begrifflichen Abstraktion, wie das in der bezeichneten Disziplin unterschie-
den wird. Danach ist am produktivsten der mittlere Grad bzw. die mittlere
Stufe der Abstraktion, so z.B. von den Substantiven:
Säugetier — Hund — Spürhund
kommt sie dem Substantiv „Hund" zu, weil Lexeme dieser Stufe dem
Menschen begrifflich relevanter sind als die anderen.
37
Einen bedeutenden Beitrag zur Polysemie der deutschen Spache hat
LG.Olsanskij geliefert59.
Die semantische Derivation kann erfolgen, indem dasselbe Formativ zur
Bezeichnung nicht nur neuer Sachverhalte verwendet wird, sondern auch
zur Schaffung expressiver, stilistisch markierter Synonyme zu den bestehen-
den Lexemen. Sie sind wertenden, meistens abwertenden Charakters. So ist
Huhn nicht nur Bezeichnung einer Geflügelart, sondern auch die einer Per-
son, vgl. salopp: Dieser Mensch ist ein dummes, verdrehtes, verrücktes Huhn.
Lappen ist nicht nur ein Stück Stoff, Fetzen (zum Waschen, Wischen, Polie-
ren usw.), sondern eine umgangssprachliche Bezeichnung für Geldschein:
er blätterte einige Lappen auf den Tisch. Waschlappen ist „ein feiger, ener-
gieloser, charakterschwacher, weichlicher Mensch".
Der Bedeutungswandel kann also ein Semem betreffen und es kann zur
Entwicklung neuer Sememe innerhalb der semantischen Struktur des Le-
xems führen.

1.2.1.2. Die Ursachen des Bedeutungswandels


Die Ursachen oder Triebkräfte des Bedeutungswandels können außer-
sprachlich bzw. extralinguistisch und sprachlich bzw. intralinguistisch
sein.
Die allerwichtigste Ursache, die eine Zusammenfassung aller extralin-
guistischen Ursachen des Bedeutungswandels darstellt, wird von H. Kronasser
folgenderweise formuliert: „So ist die letzte und oberste Ursache des Bedeu-
tungswandels in der Divergenz zwischen begrenzter Wortzahl und Unend-
lichkeit der Erscheinungen gelegen"60.
Unter den wichtigsten extra- und intralinguistischen Ursachen sind zu
nennen:
1. Die gesellschaftliche Entwicklung mit all ihren vielseitigen Aspekten,
die fortwährend neue (zum Teil durch bestehende Formative ausgedrückte)
Begriffe entstehen lässt.
2. Der Sachwandel, der in den bestehenden sprachlichen Zeichen eben-
falls den Bedeutungswandel hervorruft.
3. Die Wechselbeziehungen zwischen dem Allgemeinwortschatz und den
Fach- und Sonderwortschätzen: Spezialisierung der Bedeutung beim Wechsel
eines Wortes aus der Allgemeinsprache in die Gruppensprachen, Generali-
sierung oder Verallgemeinerung der Bedeutung beim Wechsel eines Wor-
tes aus der Berufssprache in die Allgemeinsprache („die sozialen Ursachen").
4. Das Ziel der sprachlichen Tätigkeit, wo zu unterscheiden sind: (1) das
Streben nach Ausdrucksverstärkung oder der Affekt; (2) das Streben nach
Ausdracksabschwächung oder der Euphemismus.
Die extra- und intralinguistischen Ursachen des Bedeutungswandels sind
nicht in gleichem Maße erforscht. Am besten sind in der älteren Semasio-
logie verschiedenartige Zusammenhänge zwischen Veränderlichkeit von
Gegenständen und Erscheinungen der objektiven Realität und Bedeutungs-
veränderlichkeit untersucht (extralinguistische Ursachen). Viel weniger ka-
38
men Prozesse der Bedeutungsentwicklung intralinguistischer Natur zur
Geltung. Diesen Aspekt berücksichtigte erst die spätere Semantikforschung
im Rahmen der Systemlinguistik, wo das Wort als Element des lexikalisch-
semantischen Systems der Sprache betrachtet wurde. Nachstehend wird
auch dieser Aspekt der Bedeutungsentwicklung beachtet, wobei auseinan-
der zu halten ist:
(a) die Betrachtung der Arten des Bedeutungswandels, d.h. der Technik
der Bedeutungsveränderung,
(b) die Betrachtung der semantischen Prozesse, die zur Entwicklung ei-
nes neuen Semems bzw. einer neuen lexisch-semantischen Variante in der
semantischen Struktur eines Lexems führen.

1.2.1.3. Die Arten des Bedeutungswandels


Die Untersuchung der Arten des Bedeutungswandels und ihre Klassifi-
zierung ist vielleicht das älteste Anliegen der Semasiologie. H. Kronasser
führt zehn verschiedene Betrachtungsmöglichkeiten an. Er stellt jedoch fest,
dass es vorläufig nicht möglich ist, ein befriedigendes System aller Arten
des Bedeutungswandels zu geben. Die wichtigsten Klassifikationen sind die
logische und die psychologische Klassifikation.
Die logische Gliederung entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus
der alten rhetorischen Gliederung. Sie basiert auf der quantitativen Gegen-
überstellung der Bedeutung vor und nach dem Bedeutungswandel. Die psy-
chologische Gliederung basiert auf den Assoziationen und stützt sich auf die
psychologischen Arbeiten, vor allem auf die von Wundt61. Da die logische
Klassifikation es ermöglicht, die wichtigsten Arten des Bedeutungswandels
zu erfassen, wird sie auch heute neben anderen Gliederungsmöglichkeiten
ausgewertet.
Das logische Prinzip setzt, wie erwähnt, die Gliederung vom quantitati-
ven Standpunkt voraus. Danach kann es nur drei verschiedene Kategorien
geben. Die neue Bedeutung ist quantitativ größer, kleiner oder gleich. Die-
ser Umstand bedingt die logische Gliederung des Bedeutungswandels, die
nachstehend dargelegt wird.
Die logische Klassifikation unterscheidet drei Arten des Bedeutungs-
wandels: 1. Bedeutungserweiterung; 2. Bedeutungsverengung; 3. Bedeutungs-
Übertragung und — Verschiebung.
1. Die Bedeutungserweiterung meint die Erweiterung des Bedeutungs-
umfanges eines Wortes nach dem Prozess des Bedeutungswandels. Der par-
allele Terminus für die Bedeutungserweiterung ist die Generalisierung der
Bedeutung. Beispiele:
machen — ein westgermanisches Wort (engl. make), verwandt mit griech.
mässein (kneten), russ. mazat' „bestreichen, schmieren". Als Grundbedeu-
tung ist „kneten, formen, zusammenfügen (beim Lehmbau)", dann „zurecht-
machen, in Ordnung bringen" anzunehmen. Die Bedeutung hat sich dann
verallgemeinert. Heute gehört machen zu den Lexemen mit erweiterter se-
mantischer Grundlage.
39
gehen — Die Grundbedeutung des westgermanischen Verbs gehen ist
„mit den Füßen schreiten" (von Menschen und Tieren). Es hat sich aber
auch zu einer allgemeinen Bezeichnung für Bewegung jeder Art entwickelt.
Sache — Das im heutigen Sprachgebrauch gewöhnlich im allgemeinen
Sinne von „Ding, Gegenstand, Angelegenheit" verwendete Wort stammt aus
der germ. Rechtssprache und bezeichnete ursprünglich die Rechtssache, den
Rechtsstreit vor Gericht.
fertig — aus Fahrt abgeleitet, bedeutete das Wort ahd. und mhd. eigent-
lich „zur Fahrt bereit, reisefertig sein". Daraus hat sich schon im Mhd. die
allgemeine Bedeutung „bereit" entwickelt, die dann zu dem jetzigen Sinn
„zu Ende gebracht, zu Ende gekommen" führte.
Bei der Bedeutungserweiterung handelt es sich also um die Bedeutungs-
entwicklung vom Konkreten zum Abstrakten, vom Einzelnen zum Allge-
meinen.
Die Bedeutungserweiterung ist oft eine Begleiterscheinung des Übergangs
der Wörter aus einem fachsprachlichen Bereich in die Allgemeinsprache.
Vgl. die ursprüngliche Bedeutung von Sache in der Rechtssprache und im
Allgemeinwortschatz. Zahlreiche Beispiele der Bedeutungserweiterang bie-
ten ferner Wörter und feste Wortkomplexe, die aus dem Sonderwortschatz
der Sportler in die Gemeinsprache übernommen wurden: So bedeutet (gut)
in Form sein in der Gemeinsprache nicht „in guter sportlicher Form" im
Sinne der Leistungsfähigkeit, Kondition, sondern allgemein „sich gut füh-
len", „etwas gut machen", z.B. der Minister war bei der Debatte glänzend in
Form. Oder starten heißt in der Gemeinsprache nicht „den Wettlauf, das
Rennen usw. beginnen", sondern überhaupt etw., z.B. „ein neues Unterneh-
men beginnen".
2. Die Bedeutungsverengung ist das Gegenteil zur Bedeutungserweite-
rung. Die Bedeutungsverengung besteht darin, dass ein Wort mit einem ur-
sprünglich weiten Bedeutungsumfang später nur noch einen Teil des ursprüng-
lichen Anwendungsbereichs aufweist. Der parallele Terminus für die Be-
deutungsverengung ist die Spezialisierung der Bedeutung. Beispiele:
fahren — bezeichnete ursprünglich jede Art der Fortbewegung wie „ge-
hen, reiten, schwimmen, im Wagen fahren, reisen". Das zeigen noch Aus-
drücke wie fahrendes Volk, fahrende Habe, der Fuchs fährt aus dem Bau,
mit der Hand über das Gesicht fahren usw. Im Deutsch von heute versteht
man aber unter fahren nur die Fortbewegung auf Wagen, Schiffen, mit der
Bahn u.a.
reiten — bedeutete im Mittelalter jedes Schaukeln (Fortbewegung), z.B.
in einem Wagen, in einem Schiff, an einem Strick, aber heute bezeichnet es
nur eine ganz bestimmte Art, „sich eines Pferdes oder eines ähnlichen Tieres
zur Fortbewegung zu bedienen".
Ein Sprichwort—bezeichnete ursprünglich eine geläufige Redewendung,
erst in neuerer Zeit wurde es eingeengt auf die Bedeutung „kurzer, volks-
tümlicher Satz, der eine praktische Lebensweisheit enthält". Die alte erwei-
terte Bedeutung ist in einigen festen Wortkomplexen erhalten geblieben: etw.
zum Sprichwort machen; zum Sprichwort werden (= sprichwörtlich werden).
40
Diese Bedeutungsspezialisierung ist insofern typisch, als hier ein Übergang
aus dem Allgemeinwortschatz in die Fachlexik der Sprachwissenschaft vor-
liegt.
3. Die Bedeutungsübertragung. Das Wesen der Bedeutungsübertragung
besteht darin, dass neue Sachverhalte mit bereits bestehenden Wortkörpem
oder Formativen auf Grund einer Ähnlichkeit, Assoziation benannt werden.
Es handelt sich in diesem Fall, genauer gesagt, um Bezeichnungsübertra-
gung.
Je nach den Assoziationen können sich die Arten der Bezeichnungsüber-
tragung unterscheiden: die Assoziation kann auf einer Ähnlichkeit und auf
einer unmittelbaren Beziehung in Zeit, Raum usw. beruhen. Ähnlichkeit
(Vergleich) zwischen zwei Begriffen ergibt die Metapher, eine unmittelba-
re Beziehung zwischen zwei Begriffen ergibt die Metonymie.
Metapher. Die Metapher (meta — „über", phero — „trage") ist die Über-
tragung der Namensbezeichnung auf Grund einer (äußeren und inneren) Ähn-
lichkeit. So ist Schlange „lange Reihe wartender Menschen:" eine metapho-
rische Übertragung der Namensbezeichnung Schlange „Schuppenkriechtier"
auf Grund äußerer Ähnlichkeit. Somit bedeutet Schlange 1. „Schuppenkriech-
tier", 2. „lange Reihe wartender Menschen". Diesen Vorgang kann man über-
sichtlich folgenderweise umschreiben: Das Wort A (Formativ а + Bedeu-
tung a) bezeichnet die Denotatenklasse A' {Schlange „Tier"). Mit der Über-
tragung auf die Denotatenklasse B' („lange Reihe wartender Menschen")
erhält das Wort A (Schlange) noch zusätzlich die Bedeutung b („lange Rei-
he"), so dass nun an das Formativ zwei Bedeutungen (a+b) gebunden sind—
der Bedeutungsumfang hat sich erweitert. In diesem Fall ist die Entwicklung
in der semantischen Struktur des Lexems Schlange eines neuen Semems
oder einer lexisch-semantischen Variante („lange Reihe") — das Ergebnis
der metaphorischen Übertragung. Die Metapher ist also 1. ein Prozess und 2.
das Resultat der Bezeichnungsübertragung — die neue übertragene Bedeu-
tung eines Lexems.
In der semantischen Struktur des Lexems Schlange gibt es bekanntlich
andere, auf dem Wege der metaphorischen Bezeichnungsübertragung ge-
wonnene, lexisch-semantische Varianten. So besteht auf Grund derselben
Assoziation — eines langgestreckten, sich windenden Körpers der Schlange —
noch die Benennung „eines alten Geschützes" mit kleinem Kaliber, aber lan-
gem Rohr, das die Treffsicherheit erhöhen sollte (Feldschlange), ferner Heiz-
schlange, Papierschlange. Auf Grand einer anderen Assoziation (Giftzähne
der Schlange) hat sich die übertragene Bedeutung „falsche, hinterhältige Frau"
entwickelt.
In allen bezeichneten Fällen beruht die Übertragung auf Ähnlichkeitsbe-
ziehungen zwischen Primär- und Sekundärsignifikat, was wiederum seine
Ursachen in den Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen den Denotaten hat.
Das Resultat der metaphorischen Übertragung — die übertragene Be-
deutung — ist nicht unbedingt eine Nebenbedeutung in der semantischen
Struktur eines Lexems. Es sind auch Fälle bekannt, wo die Sekundärbedeu-
tung zur Hauptbedeutung geworden ist, z.B.:
41
ausspannen — „ausruhen"- Metapher zu „Pferde aus dem Geschirr neh-
men". Die Sekundärbedeutung ist heute Hauptbedeutung.
sich zügeln - „sich zurückhalten" — Metapher zu „die Zügel straffen",
d. i. „zurückhalten" (seit dem 18. Jh. übertragen), heute ist die metaphori-
sche Bedeutung Hauptbedeutung62.
Viele Verben des Denkens, wie Th.Schippan bemerkt, sind metaphorisch
aus dem Bereich manueller Tätigkeit gewonnen: „sich etwas vorstellen",
„etwas überlegen", „etwas abwägen" u.a.
Die Metaphern sind polyfunktional. Sie können eine rein benennende Funk-
tion erfüllen, z.B. Heizschlange, Feldschlange und eine wertende, oft abwer-
tende Funktion, wie z.B.: Du falsche Schlange! Heimtückische Schlange!
Die benennenden und wertenden oder charakterisierenden Metaphern
gehören zum lexikalisch-semantischen System. Sie sind in jeder Sprachge-
meinschaft gut bekannt und geläufig, das ist zum Teil schon in ihrer Be-
zeichnung Gebrauchsmetaphern angedeutet.
Von der Produktivität der metaphorischen Übertragung dieser themati-
schen Gruppe, der Tiermetaphem, zeugt übrigens eine Reihe verbaler Bil-
dungen wie. fuchsen, ochsen, büffeln, unken, äffen, eseln, wobei die verbalen
Tiermetaphern vielfach mehrdeutig sind. So bedeutet fuchsen (ugs.) nicht
nur „betrügen", sondern auch „jmdn. plagen, schikanieren", eine Bedeutung,
die vermutlich auf das heute veraltete Fuchs = „Student jüngerer Semester"
zurückgeht, der von seinen älteren Kommilitonen schlecht behandelt, herab-
gewürdigt wird63. Oder eseln (ugs.) heißt: 1. „arbeiten", 2. „reinfallen" (beim
Kartenspiel), 3. „dumm handeln", 4. „jmdn. verulken, narren".
Obgleich die metaphorische Übertragung eine Realität der meisten ent-
wickelten Sprachen ist, stellt das Resultat der metaphorischen Übertragung,
d.h. die übertragenen Bedeutungen selbst, vielfach ein Produkt nationaler
Sprachschöpfung dar. Das fällt auch bei den Gebrauchsmetaphern des Deut-
schen im Vergleich mit denen des Russischen auf. Ein Teil dieser Lexik wird
in den beiden Sprachen allerdings übereinstimmend gebraucht.
So ist ein Hase — „ein furchtsamer Mensch", ein Fuchs — „ein listiger",
ein Pfau — „ein eitler", eine Pute - „eine aufgeblasene dumme Person" u.a.
Aber solche metaphorische Übertragung wie z.B. Birne, als eine abwertende
saloppe und grobe Bezeichnung für „Kopf kennt die russische Sprache nicht.
Eine metaphorische Übertragung kann auch auf Grand einer Ähnlichkeit
nach der Funktion erfolgen. Zwischen den beiden Größen — Primär- und
Sekundärsignifikat — bestehen dementsprechend Ähnlichkeitsbeziehungen
nach der Funktion. Bekannte Beispiele für solche Übertragungen sind Hund
für den Förderkarren im Bergwerk (ursprünglich von Hunden befördert).
Oder Feder — ursprünglich „zum Schreiben zugeschnittene Schwungfe-
der eines Vogels", dann auch auf Stahlfeder auf Grand derselben Funktion
übertragen.
Fensterscheibe — bezeichnete ursprünglich „eine runde Butzenscheibe",
d.h. eine runde, in der Mitte verdickte Glasscheibe. Heute wird die Bezeich-
nung Scheibe in der Zusammensetzung Fensterscheibe weiter gebraucht,
obgleich sie längst nicht mehr rund ist.
42
Brille — war urspünglich „eine aus Beryll (Edelstein mit schönen Pris-
menkristallen) verfertigte Augenlinse". Für die Linsen der ersten, um 1300
entwickelten Brillen verwandte man geschliffene Berylle (mhd. berillus, be-
rille, barille), nachdem man deren optische Eigenschaft, Gegenstände stark
zu vergrößern, erkannt hatte. Der Name wurde auch später beibehalten, als
man dazu überging, die Linsen aus Bergkristall bzw. aus dem wesentlich
billigeren Glas zu schleifen.
Eine Sonderart der Metapher ist die Synästhesie64, die Übertragung von
einem Sinnesbereich auf einen anderen. Wörter werden aus dem Bereich
eines Sinnes oder einer Gefühlsempfindung auf den Bereich einer anderen
Sinnesempfindung übertragen, z.B. von akustischer zu optischer Wahrneh-
mung: schreiende Farben, von optischer zu akustischer Wahrnehmung: dunkle
Töne, helle Stimme.
Bei der synästhetischen Metapher verweist St. Ulimann auf eine Ten-
denz: Die Übertragung von den „niederen" Sinnen auf „höhere" ist wesent-
lich häufiger als umgekehrt. So ist der Ausgangspunkt der synästhetischen
Übertragung vorwiegend der taktile Bereich (der Tastsinn), Ziel der Über-
tragung ist am häufigsten die Bezeichnung einer akustischen Wahrnehmung,
vgl. weiche Töne, harte Töne, harte Worte, harte Aussprache.
Die Synästhesie ist seit der Antike in verschiedenen Sprachen bekannt
und produktiv: (engl.) cold voice, piercing sound, loud colors; (franz.) cou-
leur criarde; (ital.) colore stridente u.a.m.
Die Synästhesie gehört nach St. Ulimann zu denjenigen Erscheinungen
des semantischen Wandels, die als semantische Universalien zu betrachten
sind. Dazu zählt er alle metaphorischen Übertragungen:
(1) „Expansion" auf Grund emotionaler Ladung, (2) „Anthropomorphis-
mus", wie iü: Flaschenhals, Flußarm; (3) „Übertragung von konkret zu ab-
strakt", wie in: ein warmer Empfang; (4) „Synästhesie"65.
Die Erweiterung des Bedeutungsumfangs von Lexemen durch metapho-
rische Bezeichnungsübertragung ist in der Gegenwartssprache sehr produk-
tiv. Mit Recht betont Th. Schippan diesen Umstand, indem sie schreibt: „Ent-
gegen allen Annahmen, dass mit der Tendenz stärkerer Wissenschaftlichkeit
und Abstraktheit die Metapher als semantisches Modell für Neubenennun-
gen zurücktrete, nehmen metaphorische Bezeichnungsübertragungen zu. In
Wissenschaft und Technik, Politik und Kultur werden Bezeichnungen mit
einer metaphorischen Konstituente gebildet. Ohne Zweifel wirkt hier das
Prinzip der Verdeutlichung und Veranschaulichung als Regulator. Durch die
metaphorische Konstituente werden bestimmte Merkmale des Denotats her-
vorgehoben: Impfpistole, Kobaltkanone, Magnetkissen, Schaumbeton, Herz-
schrittmacher"^.
Durch die metaphorische Bezeichnungsübertragung vorhandener Wort-
formative entstehen in der Gegenwartssprache Benennungen, die das De-
notat sprachökonomisch und wertend bezeichnen. Vgl. die vor kurzem
aufgekommene übertragene Bedeutung zu Senkrechtstarter (Coleopter):
jmd., der ohne lange Anlaufzeit eine ungewöhnlich steile Karriere macht;
etw., was plötzlich ungewöhnlich großen Erfolg hat, z.B. ein Senkrecht-
43
Starter in der Politik sein; ihr neues Buch entpuppte sich als Senkrecht-
starter61.
Metonymie. Die Metonymie (griech. metä—„über", 'onoma—„Name")
ist auch eine Art Bezeichnungsübertragung auf Grund mannigfaltiger Be-
deutungsbeziehungen. Diese sind räumlicher, zeitlicher, ursächlicher Art,
Beziehungen zwischen Handlung und Resultat der Handlung, Subjekt der
Handlung, Mittel und Werkzeug der Handlung u.a.
Im Wortbestand des Deutschen gibt es Lexeme, die Produkt mehrstufiger
metonymischer Bedeutungsveränderungen darstellen. Zu solchen gehört z.B.
Person. Dieses Wort ist im Deutschen seit dem 13. Jh. bezeugt. Es beruht
auf der gelehrten Entlehnung aus dem lat. persona „Maske des Schauspie-
lers". Im römischen Drama wurden auf der Bühne Masken verwendet, die je
nach der dargestellten Rolle wechselten. Bald bekam persona die Bedeu-
tung „durch eine Maske dargestellter Charakter", und sodann „Charakter
(allgemein)". Daraus entwickelte sich die Bedeutung „Darsteller oder Re-
präsentant eines Charakters", späterhin „Repräsentant oder Vertreter (allge-
mein)".
Somit hat das Wort Person erhebliche Bedeutungsveränderungen erfah-
ren — von der Bezeichnung für einen Teil der Theaterkostümierang über
die Benennung für ganz bestimmte menschliche Rollen bis zu einer allge-
meinen Bezeichnung für einen Menschen, eine Person schlechthin68. Also:
Person > Maske > Rolle > Charakterrolle > Mensch.
Eine mehrstufige Bedeutungsentwicklung ist bei Mahlzeit belegt: „Zeit-
punkt, festgesetzte Zeit" > „Essenszeit" > „Essen" > „Gruß am Mittag."
Zeitliche oder temporale Bedeutungsbeziehungen verursachten ferner den
Bedeutungswandel des Wortes Mittag (m): „Zeitpunkt, Tagesmitte" > Es-
sen, Mittagessen > „Mittag" (s).
Räumliche oder lokale Bedeutungsbeziehungen haben den Bedeutungs-
wandel verursacht, wenn heute Auditorium im Sinne „Zuhörerschaft" ge-
braucht wird. Vgl. auch folgenden Wortgebrauch: die letzte Bank („die Schüler
der letzten Bank") hat nicht aufgepasst; das ganze Hotel („alle Hotelgäste")
wurde wach; die Schule („alle Schüler") macht einen Ausflug.
Ursächliche oder kausale Bedeutungsbeziehungen haben die Bedeutungs-
veränderang in den Fällen bewirkt, wenn die Namen der Erfinder für Erfin-
dungen selbst gebraucht werden, z.B. Röntgenstrahlen: Die elektromagneti-
schen Strahlen sind nach dem Physiker Wilhelm Conrad Röntgen (1845 —
1923) benannt. Röntgen selbst nannte sie X-Strahlen „unbekannte Strahlen";
pasteurisieren — durch Erhitzen auf etwa 65 °C haltbar machen — ist
nach Louis Pasteur (1822—1895) bezeichnet.
Oder Bedeutungsbeziehungen zwischen Produkt und Herstellungsort:
Champagner (nach der französischen Provinz Champagne), Tokaier (nach
der ungarischen Stadt Tokaja), Tüll (nach der französischen Stadt Tülle);
Achat (nach dem Fluss Achates in Sizilien).
Oder Bedeutungsbeziehungen wie pars pro toto („ein Teil für das Gan-
ze"): er ist ein heller, kluger Kopf „er ist klug", er ist ein Dumm-, Schafs-,
Schwachkopf'„er ist dumm".
44
Maske „maskierte Person", Blaustrumpf (scherzhaft für gelehrte Frau).
Linguisten, die sich mit den Entwicklungstendenzen der deutschen Ge-
genwartssprache befassen, betonen die Produktivität der Metonymie in der
Erweiterung des Lexikons69. Die Metonymik spielt in der Benennung neuer
Erscheinungen in der gesellschaftlichen Praxis neben der Metaphorik eine
sehr wichtige Rolle.
Ein weiterer Typ des universellen semantischen Sprachwandels ist der
Euphemismus.
Euphemismus. Unter Euphemismus versteht man eine verhüllende, mil-
dernde, beschönigende Ausdrucksweise. Der Gebrauch von Euphemismen
kann ebenfalls Grand für die Bedeutungsentwicklung sein.
Der Anlass für den Gebrauch von Euphemismen kann verschieden
sein:
(a) Furcht vor natürlichen oder übernatürlichen Wesen in alter Zeit. Für
diesen Typ wird vielfach der parallele Terminus „Tabu", „Tabuwörter" ge-
braucht. Die bekanntesten Tabuwörter in den germanischen Sprachen sind
abergläubischer und religiöser Art: Gottseibeiuns, der Böse, der Schwarze,
der Versucher für den „Teufel", der Braune für „Bär". Man fürchtete den
Bären im nördlichen Europa und hütete sich, seinen Namen auszusprechen,
um ihn damit nicht herbeizurufen. Das Tabuwort bero „der Braune" trat da-
für ein.
(b) Zartgefühl in unangenehmen Situationen. Die Euphemismen verfol-
gen hier eine schonende Wirkung: verscheiden, einschlafen, entschlafen, die
Augen für immer schließen für „sterben"; Unwohlsein, Unpässlichkeit für
„Krankheit".
(c) Prüderie: Freundin für „Geliebte", in anderen Umständen sein für
„schwanger sein", ein Verhältnis haben für „ein Liebesverhältnis haben".
(d) Höflichkeit, Freundlichkeit, Scherz, Ironie: stark für „dick", Zweitfri-
sur für „Perücke", dritte Zähne für „künstliches Gebiss".
Kennzeichnend für die Euphemismen ist aber, dass die verhüllend ge-
brauchten Wörter meist sehr bald eine Bedeutungsveränderung erfahren. Der
Euphemismus nützt sich ab und nimmt die Bedeutung des Wortes an, den er
mildernd oder verhüllend nannte.
Eine solche Bedeutungsentwicklung in historisch absehbarer Zeit hat das
Adjektiv krank durchgemacht, das in seiner jetzigen Bedeutung das gemein-
germanische siech verdrängt hat. Die mhd. Bedeutung von krank war:
„schwach, gering, nichtig"; statt siech wurde es besonders für den anste-
ckenden Zustand der Aussätzigen gebraucht. Die ältere Bedeutung „schwach"
hat dieses Wort im 16. Jahrhundert verloren.
Von den erwähnten Euphemismen sind euphemistische Bildungen im Be-
reich gesellschaftlich-politischer Lexik zu unterscheiden, deren Ziel in der
Aufbesserung des tatsächlichen Sachverhalts besteht. Dazu dient „die posi-
tive Wertungskomponente", die allen solchen Bildungen eigen ist, vgl. Nach-
lassen der Konjunktur, konjunktureller Rückgattg für „Wirtschaftskrise";
Sozialdienst, Sozialarbeit für „Armenpflege"; Nullarbeit, gesimdschrump-
fen für „Arbeitslosigkeit, arbeitslos sein"70.
45
1.2.1.4. Der Bedeutungswandel und das lexikalisch-semantische System

Die sprachlichen bzw. intralinguistischen Gründe des Bedeutungswan-


dels hängen mit der Systemhaftigkeit des Lexikons zusammen. Das Lexikon
bildet eine Struktur, d.h. eine geordnete Schichtung in semantisch-gramma-
tische und funktionale Klassen. Demnach wird die Entwicklung der sprach-
lichen Zeichen (ihrer Formative und Sememe) ständig von der jeweiligen
Anordnung der Lexeme in den verschiedenen lexisch-semantischen Grup-
pen bzw. Wortfeldern und von ihren Wechselbeziehungen innerhalb dieser
Gebilde bestimmt und geregelt. Lexeme, die auf Grund ihrer semantischen
Beschaffenheit lexische MikroStrukturen bilden, weisen in ihrer Entwick-
lung bestimmte Regelmäßigkeiten oder Gesetzmäßigkeiten auf71. In diesem
Zusammenhang besteht auch die Möglichkeit, ein in der semasiologischen
Fachliteratur viel umstrittenes Problem wieder anzuschneiden, ob man in der
semantischen Entwicklung überhaupt von Gesetzmäßigkeit sprechen darf72.
Eine solche Gesetzmäßigkeit wurde in der Fachliteratur festgestellt. Sie
wird bei verschiedenen Sprachforschern unterschiedlich bezeichnet, das
Wesen aber lässt eine allgemeine oder generelle Tendenz konzipieren.
Diese Gesetzmäßigkeit wurde schon in der älteren Semasiologie im aus-
gehenden 19. Jahrhundert von Karl Schmidt Deutlichkeitstrieb genannt und
folgendermaßen formuliert: „Wenn ein Wort mehrere Bedeutungen hat, stößt
es unter Umständen die eine oder die andere ab, wenn sich Ersatz dafür
findet"73.
K. Schmidt kam also zu der klaren Erkenntnis, schreibt Kronasser, dass
die Schicksale der Wörter einander beeinflussen74.
Eine ähnliche Feststellung wurde in unserer Germanistik gemacht75. Die
Analyse der Bedeutungsentwicklung vieler Wörter ließ folgendes erkennen:
Die Entwicklung der Polysemie, eine Erscheinung, die selbst eine semanti-
sche Gesetzmäßigkeit darstellt (denn die meisten Konkreta einer entwickel-
ten Sprache sind polysem), wird im System der Sprache regelmäßig von
einem entgegengesetzten Prozess begleitet - der Neutralisierung oder Auf-
hebung der lexisch-semantischen Varianten durch Synonyme. Diese Entwick-
lung wird anhand der Geschichte des Lexems Art illustriert.
Das Substantiv Art, ahd. art, ist aus dem ahd. Verb erren „den Acker
bestellen" abgeleitet. Die Bedeutung des ahd. art war zunächst — entspre-
chend dem Verb — Acker. Im weiteren wird eine Entwicklung der semanti-
schen Struktur des Wortes belegt. Es entstehen die anderen Bedeutungen:
art „Feld", art „Land" und aus der letzten Bedeutung art „Weise". Im Mit-
telhochdeutschen werden die ehemaligen Bedeutungen des einen Substan-
tivs nicht mehr als motiviert empfunden, sie wurden Homonyme, denn man
begegnet den Formen: artacker, artlant, artfeit, artwlse, die gewissermaßen
als Verdeutlichung gemeint waren. Später wurden diese Homonyme aus
„Deutlichkeitstrieb" durch die betreffenden Synonyme Acker, Feld, Land
aufgehoben. Geblieben ist nur Art im Sinne „Weise" und eine stehende tau-
tologische Wendung Art und Weise. Die Monosemierung des Substantivs ist
auf die Tendenz nach kommunikativer Deutlichkeit zurückzuführen.
46
Wie die Wortgeschichte von Mühle zeigt, hat das aus dem Lateinischen
entlehnte Wort Mühle das deutsche verdrängt, weil im Mhd. infolge lautli-
cher Entwicklung das heimische ките, kürn Homonyme besaß, Mühle hin-
gegen monosem war76.
Im Konkurrenzkampf der Wörter gehen gewöhnlich monoseme Wortfor-
mative als Sieger hervor: Familie hatte das alte polyseme Wort Haus in die-
ser Bedeutung ersetzt, denn Familie war als entlehntes Wort monosem.
Ferner wurde auf Grund der diachronen Analyse festgestellt, dass auch
die Prozesse der Spezialisierung und Generalisierung der Bedeutung nicht
isolierte Bedeutungsentwicklungen einzelner Wörter sind, sondern Folgeer-
scheinungen der jeweiligen Veränderungen in den betreffenden synonymi-
schen Reihen bzw. thematischen Gruppen.
Eine Spezialisierung der Bedeutung tritt gewöhnlich dann ein, wenn
die synonymische Reihe durch neue Lexeme gleichen Sachverhaltes
aufgefüllt wird. So geschah es mit dem Wort Genösse, das im Ahd. ein
vieldeutiges Lexem war und seit der Übernahme der Fremdwörter Kollege,
Kamerad, Kumpan eine spezialisierte Bedeutung „Gesinnungsgenosse" ent-
wickelte, was seine Auswertung bei der Anrede unter Angehörigen der Ar-
beiterparteien seit 1879 möglich machte77.
Die Bedeutungsspezialisierang, genauer Bedeutungsverschlechterung des
Wortes Weib (ahd. wib, neutrale Bezeichnung) erfolgt seit der Auffüllung
der entsprechenden synonymischen Reihe durch die Lexeme Frau (frühere
Bedeutung „Herrscherin", „adelige Frau"), Frauenzimmer (urspr. eine neu-
trale Bezeichnung)78.
Somit gewährt die Betrachtung des Wortes im lexikalisch-semantischen
System einen Einblick in die Wechselbeziehungen zwischen extra- und
intralinguistischen Faktoren, die den Bedeutungswandel der Lexik bestim-
men.

1.3. WORTSCHATZERWEITERUNG DURCH ÜBERNAHME


AUS ANDEREN SPRACHSYSTEMEN (ENTLEHNUNG)

1.3.1. ALLGEMEINES ZUR ART UND FORM LEXIKALISCHER


ENTLEHNUNGEN
Die Entlehnung der Lexik aus einer Sprache in die andere gehört zu den
gesetzmäßigen Folgen der sprachlichen Kontakte auf ökonomischem, politi-
schem, kulturellem, wissenschaftlichem und sportlichem Gebiet, die es in
der Entwicklungsgeschichte einer jeden Sprache gibt.
Unter dem Terminus Entlehnung versteht man in der einschlägigen Li-
teratur sowohl den Entlehnungsvorgang, d.h. die Übernahme fremden Sprach-
gutes, als auch das Resultat dieses Prozesses — das entlehnte fremde Sprach-
gut selbt. In der lexikologischen Forschung sind entlehnte Lexeme und feste
Wortkomplexe Objekte der Analyse.
47
Von den vielen Aspekten, die eine moderne Forschung zu diesem Fra-
genkomplex voraussetzt, ist aus der synchronen Sicht vor allem das Problem
zu untersuchen, wie bedeutend der Beitrag des entlehnten Sprachgutes im
lexikalisch-semantischen System ist und wie die entlehnte Lexik und Phra-
seologie in der sprachlichen Kommunikation fungiert. Da die Entlehnung
fester Wortkomplexe im Vergleich zu Lexemen zahlenmäßig nicht sehr be-
deutend ist, sprechen wir weiter im Grunde von lexikalischen Entlehnungen.
Die Betrachtung des Wortschatzes als System, die Präzisierung des Be-
griffs „das lexikalisch-semantische System" erwiesen sich auch für die Er-
forschung von Entlehnungen als äußerst fördernd. Es sind nun neue Aspekte
bei der Analyse des entlehnten Wortschatzes in den Vordergrund gerückt, in
erster Linie die Wechselbeziehungen zwischen Stammwörtern und Entleh-
nungen.
In unserer Linguistik und insbesondere in der Germanistik erschienen
Arbeiten, die erstmals eine adäquate Erklärung der zwischensprachlichen
Homonyme boten79. Ferner wurde die semantische Assimilation bzw. Inte-
gration der Entlehnungen im Deutschen als zweiseitiger Prozess identifi-
ziert: als Einwirkung des deutschen lexikalisch-semantischen Systems auf
entlehnte Lexeme einerseits und als Einwirkung der entlehnten Lexik auf
den deutschen Wortbestand andererseits80.
Zur Betrachtung verschiedener Integrationsprozesse und funktional-kom-
munikativer Leistungen des entlehnten Sprachgutes sind einige Grundbe-
griffe zu präzisieren. Das sind vor allem Arten und Formen lexikalischer
Entlehnung.
Nach der Art der Entlehnung sind zu unterscheiden: 1. Sach- und Wort-
entlehnung; 2. Wortentlehnung.
Im ersten Fall, d.h. bei der Sach- und Wortentlehnung, werden fremde
Formative übernommen, deren Sachverhalte in der betreffenden Sprache neu
oder unbekannt sind. Das Ergebnis einer solchen Entlehnung sind z.B. im
Deutschen genetisch lateinische Wörter, die von den germanischen Stäm-
men bei ihrer ersten Berührung mit den Römern übernommen wurden: Mau-
er (mürus), Ziegel (tegula), Kalk (calx), Pforte (porta), Fenster (fenestra),
Keller (cellarium) u.v.a.m.
Oder Sach- und Wortentlehnungen aus der amerikanischen Variante der
englischen Sprache nach 1945: Motel — Hotel an großen Autostraßen, das
besonders für die Unterbringung von motorisierten Reisenden bestimmt ist,
Camping — das Leben im Freien (auf Campingplätzen), im Zelt oder Wohn-
wagen während der Ferien oder am Wochenende.
Bei Wortentlehnungen werden fremde Formative übernommen, deren
Sachverhalte in der entlehnenden Sprache bereits durch eigene Wörter aus-
gedrückt sind. Es handelt sich hier also primär um die Übernahme von Du-
bletten:
Pläsier (aus dem Franz., 16. Jh.) für „Vergnügen, Spaß"; Charme, Scharm
(aus dem Franz., 18. Jh.) für „Anmut", „Liebreiz", „Zauber" ; Apartment (aus
dem Engl. u. Amerik. nach 1945) für „Kleinwohnung"; Swimmingpool (aus
dem Engl. u. Amerik. nach 1945) für „luxuriös ausgestattetes Schwimmbad".
48
Nach der Eatlehnungsform sind zu unterscheiden:
1. Fremdwortübernahme. Bei dieser Entlehnung werden fremde Forma-
tive in die entlehnende Sprache übernommen. Das Ergebnis sind Fremdwör-
ter vom Typ: Bungalow — einstöckiges (Sommer)haus, Designer — Form-
gestalter für Gebrauchsgüter. Der parallele Terminus dafür ist formale Ent-
lehnung.
2. Lehnprägung. Dieser Entlehnungsvorgang besteht in der Nachbil-
dung des fremden Inhalts mit Mitteln der eigenen Sprache. Bei genauer
Analyse kann man hier einige Unterarten unterscheiden81, von denen vor
allem zu nennen sind: Lehnübersetzung, Lehnübertragung und Lehnbe-
deutung.
Bei der Lehnübersetzung (russ. калькирование) handelt es sich um
eine Nachbildung der Morphemstruktur von Fremdwörtern oder fremden
Wortgruppen: Wandzeitung (russ. стенгазета), Heldder Arbeit (russ. Герой
Социалистического Труда).
Lehnübertragung ist eine freiere Wiedergabe der Morphemstruktur der
entlehnten Wörter: patria — Vaterland, longplaying — Langspielplatte.
Lehnbedeutung ist die Zuordnung einer fremden Bedeutung zu einem
deutschen Formativ. Eine Lehnbedeutung aus dem Russischen war „Arbeits-
kollektiv" in der semantischen Struktur des Wortes Brigade; — „Mitglied
einer Pionierorganisation" in der semantischen Struktur von Pionier.
Von diesen Formen der Übernahme sind die Bezeichnungsexotismen zu
unterscheiden. Sie werden zur Benennung fremder Gegebenheiten, Einrich-
tungen genutzt: Kopeke, Dollar, Cent, Wallstreet, Rüde Prävo, Prawda,
Kreml.
Man kann die Formen der Entlehnung in folgender Übersicht zusam-
menfassen:

Lehngut

formale Entlehnung Lehnprä:igung

Fremdwort Lehnübersetzung Lehnbedeutung

Lehnübertragung

1.3.2. SOZIALE UND INNERSPRACHLICHE URSACHEN


DER ENTLEHNUNG
Die sozialen Ursachen der Entlehnung ins Deutsche sind in der deutsch-
sprachigen Germanistik eingehend beschrieben worden. Hier ist vor allem
das umfassende Werk von F. Seiler zu nennen82, einige kleinere Spezialab-
handlungen, zahlreiche Arbeiten zur Geschichte der deutschen Sprache (äl-
tere und neuere) und eine sehr informative Zusammenfassung der Entleh-
nung in der Kleinen Enzyklopädie „Die deutsche Sprache"83.
4 2576 49
Das entlehnte Wortgut im lexikalischen System der deutschen Sprache
ist zahlenmäßig sehr bedeutend, was auf die geschichtliche Besonderheiten
der Entwicklung des Landes zurückzuführen ist. Hier sind historische Bedin-
gungen aufschlussreich, die schon aus dem germanischen und frühdeutschen
Alter im deutschen Wortschatz bedeutende Spuren hinterlassen hatten, und
die spätere Periode der Ausgestaltung der deutschen nationalen Schriftspra-
che im Zusammenhang mit der Ausgestaltung der deutschen Nation.
Die verlangsamte Überwindung des Feudalismus, die gescheiterte früh-
bürgerliche Revolution (die Reformation des 16. Jhrs.) waren die histori-
schen Ursachen für die späte und unvollkommene bürgerliche Entwicklung
zur Herausbildung der deutschen Nation. Deutschland blieb im Laufe der
Jahrhunderte ein Land der Klein- und Kleinststaaten und geriet infolgedes-
sen in verschiedenen historischen Perioden unter den wirtschaftlichen, poli-
tischen und kulturellen Einfluss anderer, höher entwickelter Länder.
Diese sozial-historischen Ursachen geben Aufschluss auch über Arten,
Wege und Formen der Entlehnung in verschiedenen Perioden der deutschen
Geschichte.
Entscheidend für das Schicksal der übernommenen Lexik ist immer ein
Zusammenwirken konkreter historischer Umstände. Es gibt aber einige Ge-
setzmäßigkeiten, die sich auf Grund der Zusammensetzung des gegenwärti-
gen deutschen Wortbestandes formulieren lassen:
In erster Linie sind im lexikalischen System der deutschen Sprache Ent-
lehnungen verwurzelt, die Sach- und Wortentlehnungen waren und Sachver-
halte einer höheren Entwicklungsstufe repräsentieren, auf der sich eines der
kontaktierenden Völker in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht befand.
Das zeigte die erste Schicht der lateinischen Entlehnungen in den west-
germanischen Sprachen. Zur Zeit der ersten Berührung mit dem Römischen
Reich84 lebten die Germanen in der Gentilordnung, während die Römer ge-
rade den Höhepunkt in der Epoche der Sklaverei erreicht hatten. Entlehnun-
gen aus diesem Zeitalter waren deshalb Wörter, die Begriffe einer höher
entwickelten materiellen Welt repräsentierten, z.B. aus der Kriegstechnik:
Straße, spätlat. (via) strata „gepflasterter Weg" — römische Heerstraße; aus
der Technik des Steinbaus: Mauer (mürus), Keller (cellarium), Fenster (fe-
nestra), Kalk (calx, Akk. calcem), Kammer (camera); aus Ackerbau, Garten-,
Obst-, Weinbau: Frucht (fructus), (Dresch-) Flegel (flagellum), Kohl (cau-
lis), Kirsche (ceresia), Most (mustum).
Zahlreiche Sach- und Wortentlehnungen in diesem germanischen Zeit-
raum wurden ferner auch aus anderen Bereichen übernommen — aus Ver-
waltung, Rechtsprechung, Handel, aus dem täglichen Leben u.a.m.85
Ein ähnliches Bild bieten lexikalische Entlehnungen aus dem Lateini-
schen und Griechischen ins Frühdeutsche im Zusammenhang mit der Chri-
stianisierung der Germanen seit dem 5. Jh., besonders jedoch im 7. und 8.
Jh., als im wesentlichen die deutschen Stämme christianisiert wurden. Be-
sonders viele lateinische Entlehnungen entstanden bis zum 11. Jh. auch in-
folge der in den Klöstern gepflegten Bildung und des Unterrichts: Kirche
(griech. kyriakön), 5z.?c/zo/(griech. episcopos), Engel (griech. ängelos), Teufel
50
(griech. diabolos), Altar (Iat. altare), Chor (lat. chorus), Messe (lat. missa),
Kloster (vulgär-lat. clöstrum), Nonne (spätlat. nonna), Schule (vulgär-lat.
scöla), Tafel (lat. tabula), Tinte (lat. tincta), Griffel (griech.-lat. graphium),
schreiben (lat. scribere) u.v.a.m.
Die dritte starke Schicht lateinischer Entlehnungen in der deutschen Spra-
che war im Zeitalter des Humanismus (14. — 16. Jh.) zu beobachten. Die
Orientierung an den antiken Sprachen, vor allem an dem klassischen Latein
dieser Zeit, macht sich auf vielen Gebieten bemerkbar (im Fachwortschatz
des Buchdrucks, der Musik, des staatlichen Lebens, des Rechtswesens, der
Kirche), aber insbesondere im Wortschatz der Universitäten und der höhe-
ren Schule86:
Aula, Auditorium, studieren, Abitur, Zensur, Akademie, Doktor, Profes-
sor, Examen, Fakultät, Rektor, Lektion, Katheder, Lyzeum, Prima, Sexta,
repetieren, rezitieren u.v.a.m.
Die lateinischen Entlehnungen aus der humanistischen Gelehrsamkeit
bestehen z.T. auch in modernen Fachwortschätzen, z.B. im Buchdruck, in
der Mathematik u.a. Der Einfluss dieses Zeitalters ist aber auch darin zu
sehen, dass zahlreiche Termini der modernen Wissenschaften und Technik
vielfach aus dem Lateinischen, Griechischen oder durch eine Kombination
der beiden gebildet werden: Kosmodrom, Kosmographie, Kosmovision, Te-
levision u.a.
Soziale Faktoren waren in der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands
bestimmend für starke Entlehnungen aus dem Französischen. Hier waren
drei Perioden zu nennen.
Die erste war das Mittelalter (vom 12. bis 14 Jh.) im Zusammenhang mit
dem Einfluss des französischen Rittertums. Entlehnungen aus dem Altfran-
zösischen (Gallizismen) waren dementsprechend sozial beschränkt; sie wa-
ren zwar Sach- und Wortentlehnungen, repräsentierten aber Kultur, Lebens-
haltung und höfisches Leben nur eines Standes — des Rittertums und der
mittelhochdeutschen Ritterliteratur, vor allem der höfischen Dichtung. Ihr
Einfluss auf den deutschen Wortschatz war deshalb vorübergehend, denn
die Mehrzahl davon verschwanden mit dem Untergang des Ritterstandes.
Geblieben sind von den französischen Entlehnungen dieser Periode Wörter,
die mehr oder weniger allgemeine Begriffe ausdrückten, und Bezeichnun-
gen aus Sonderbereichen, die entweder als Historismen im Wortbestand ge-
blieben sind, oder bis heute Benennungen aktueller Gegenstände:
Tanz, tanzen, Manier, fein, klar, prüfen, Platz, Preis, Abenteuer, Palast,
Turm, Pavillon, logieren; Turnier, Lanze, Harnisch, Panzer, Koller, Kristall,
Rubin, Smaragd, Samt u.a.m.
Die zweite starke Entlehnungsschicht aus dem Französischen bildete sich
gegen Ende des 16. und im 17. Jh. heraus. Die sozialen Ursachen für diese
Entlehnungen sind im Einfluss des französischen Absolutismus auf die herr-
schenden Klassen, den Adel und das Patriziat, zu suchen. Diese Periode der
beispiellosen Nachäffung von französischen Modetorheiten ist in die Ge-
schichte als „Alamodezeit" eingegangen und umfasst einen reichen Wort-
schatz aus den verschiedensten Bereichen. Da waren Innenarchitektur und
4* 51
Möbel, Bau- und Gartenkunst, Essen und Trinken, Kleidung und Schön-
heitspflege, Tänze und Spiele, Vergnügungen, Gebrauchsgegenstände u. v.
a. m.: Galerie, Loge, Fassade, Balkon, Nische, Terrasse, Garderobe, Kabi-
nett, Salon, Möbel, Sofa, Büffet, Kostüm, Perücke, Puder, Pomade, frisie-
ren, Frisur, Tuopet, Parfüm, Teint, Serviette, servieren, Frikassee, Ragout,
Omlette, Sauce, marinieren, Kompott, Konfitüre, Marmelade, Torte, Biskuit,
Limonade, Pläsier, amüsieren, Ballett, Ball, Maskerade, Promenade, Dame,
Billard, Scharade u.a.87
Die dritte Entlehnungsschicht aus dem Französischen war eine Folge der
Französischen bürgerlichen Revolution, die den deutschen politischen Fach-
wortschatz entscheidend beeinflusste. Die Schlagwörter der Revolutionsbe-
wegung wurden auch im Deutschen in Form von Fremdwörtern oder Lehn-
übersetzungen bald geläufig: Revolution, revolutionär, liberal, Reaktion,
Marseillaise, Terrorismus, Guillotine, Initiative (zunächst nur in politischem
Sinne), Jakobiner, Bürokratie, Defizit, Komitee, Demokrat, Emigrant, Or-
ganisation, Fraktion, öffentliche Meinung, Fortschritt.
Entlehnungen aus dem Italienischen waren nicht so zahlreich wie die
aus dem Französischen. Sie umfassen zwei historische Abschnitte. Der erste
davon (vom 14. bis 16. Jh.) brachte Entlehnungen, die mit den engen Han-
delsbeziehungen Süddeutschlands zu Oberitalien verbunden waren: Bank,
Konto, Kredit, Risiko u.a. Auch Söldnerheere brachten zahlreiche Fremd-
wörter. Doch sind hier italienische und spanische Wörter nicht immer zu
unterscheiden: Kanone, Kavallerie u.a. In diese Zeit fallen auch die ersten
Entlehnungen aus dem Bereich der Musik: Kapelle, Sonate, Motette u.a.
Der zweite Abschnitt (17. — 18. Jh.) brachte fast ausschließlich Fach-
wörter der Musik: Oper, Konzert, Mandoline, Arie, Bariton, Duett, Operet-
te, Solo, Sopran, Violine, Violoncell (später zu Cello verkürzt) u.a.
Entlehnungen aus dem Englischen traten besonders gegen Ende des
18. und im 19. Jh. auf. Die geschichtliche Voraussetzung für die englischen
Entlehnungen dieser Periode bildet der Einfluss Englands bzw. Großbritan-
niens als führende Industrie- und Kolonialmacht. So wurden aus dem Be-
reich der Technik entlehnt: Jennymaschine, Mulemaschine, Ventilator, Koks,
Patent, patentieren; Lehnübersetzungen: Pferdekraft, Pferdestärke (engl.
horsepower) u.a. Aus Finanz- und Handelsbeziehungen: Scheck, Banknote,
Budget, Export, Import u.a. Aus Politik und Außenpolitik: Koalition, Kolo-
nisation, Kongress, Majorität, Minorität, Opposition, Parlamentarier, par-
lamentarisch, Meeting u.a. Aus Haushalt und anderen Lebensbereichen: Beef-
steak, Roastbeef, Plaid, Brandy, Pony, Bulldogge, boxen, Boxer, Farmer,
Klub u.a.88
Englische Entlehnungen reißen weiter nicht mehr ab.
Seit dem Beginn des 20. Jhs., besonders aber nach dem zweiten Welt-
krieg, sind Entlehnungen aus dem amerikanischen Englisch bzw. aus der
amerikanischen nationalen Variante der englischen Sprache zu verzeich-
nen. Obgleich nicht immer festzustellen ist, welche Entlehnungen aus dem
amerikanischen und welche aus dem britischen Englisch kommen, ob es also
Amerikanismen oder Anglizismen sind, (deshalb werden auch in der Fachli-
52
teratur solche Entlehnungen vielfach Angloamerikanismen genannt), han-
delt es sich aber nach 1945 vorwiegend um Amerikanismen, denn Großbri-
tannien wurde als Weltmacht in wirtschaftlicher Hinsicht in der Nachkriegs-
entwicklung von den USA überflügelt (Näheres über lexikalische Entleh-
nungen der Nachkriegsperiode in der deutschen Sprache siehe S. 66 ff.).
Entlehnungen aus slawischen Sprachen existierten in der Vergangen-
heit nur in geringem Umfang im deutschen Wortbestand. Auch hier kann
man von drei Entlehnungsperioden sprechen89. Die erste umfasst die ältere
Zeit, 11. bis 14. Jh. Die geschichtlichen Voraussetzungen dieses Lehngutes
sind einerseits die deutsch-polnischen Handelsbeziehungen und andererseits
die Ausdehnung des deutschen Siedelgebiets über die Elbe-Saale-Linie nach
Osten. Entlehnungen aus dieser Periode sind Bezeichnungen von Handels-
objekten wie: Zobel, Stieglitz, Zeisig; Lebensmitteln wie Quark, Gurke,
Schöps, ferner Kummet, Peitsche u.a.
Die Etlehnungen der zweiten Periode umfassen die Zeit vom 17. bis 19.
Jh. und beruhen teils auf dem Einfluss der russischen Literatur, teils auf der
Übernahme bestimmter Gegenstände (Sach- und Wortentlehnungen): Torni-
ster, Droschke, Kalesche.
Die Entlehnungen der dritten Periode erfolgten besonders zahlreich nach
1945 im Zusammenhang mit der DDR. Nach der Wiederverenigung Deutsch-
lands sind die meisten von ihnen Historismen.
Innerspachliche Ursachen der Entlehnung wurden bis vor kurzem in
der einschlägigen Literatur nur flüchtig und sporadisch gestreift. Aber eini-
ge interessante Beobachtugen liegen heute auf Grund der französischen Ent-
lehnungen in der deutschen Sprache bereits vor90.
Zur sprachlichen Ursache allgemeiner Art gehört der jeweilige Entwick-
lungsstand des semantischen Systems91 einer entlehnenden Sprache. So zei-
gen die romanischen Entlehnungen im deutschen Wortbestand, dass das frem-
de Wortgut eine Reihe von „Leerstellen" im semantischen System des Deut-
schen schloss. Durch zahlreiche romanische Entlehnungen wurden themati-
sche Reihen, thematische Gruppen bzw. lexisch-semantische Gruppen der
deutschen Sprache aufgefüllt und auf diese Weise vervollkommnet.
Als Beispiel kann die thematische Gruppe der Farbbezeichnungen die-
nen, die bekanntlich durch Farbbezeichnungen des Französischen oder über
das Französische erweitert wurde: lila, beige, orange, violett, azurn u.a.
Die Auffüllung thematischer Reihen und lexisch-semantischer Gruppen
durch Entlehnungen expressiver Synonyme aus anderen Sprachen gehört
ebenfalls zu den linguistischen Ursachen der Entlehnungsvorgänge und geht
auf die Tendenz zurück, die expressive Lexik stets zu erneuern, weil sie
beim Funktionieren schnell an Ausdruckswert einbüßt. Entlehnungen dieser
Art sind z.B. kapieren (lat.) zu „begreifen", „verstehen"; krepieren (ital.) zu
„sterben", „verrecken"; Visage (franz.) zu „Gesicht" u.a.
Der Bedarf an euphemistischer Lexik kann ebenfalls ein Grund der Ent-
lehnung fremden Sprachgutes sein, denn Fremdwörter sind für den größten
Teil der1 Sprachgemeinschaft semantisch unmotiviert, was ihre verhüllende
oder mildernde Wirkung begünstigt. Das lexikalisch-semantische System der
53
deutschen Sprache verfügt über eine bedeutende Anzahl von ethischen und
sittlichen Euphemismen fremden Ursprungs: korpulent (lat.) für „dick"; tran-
spirieren (lat, franz.) für „schwitzen"; renommieren (franz.) für „prahlen",
„angeben", „großtun" u.a.
Innersprachliche Gründe liegen vor bei der Entlehnung von Fremdwör-
tern zur terminologischen Verwendung. Entlehnungen dieser Art monose-
mieren das entlehnte Wort, d.h. es wird nur eine lexisch-semantische Varian-
te des Lexems entlehnt, was die Eindeutigkeit des Terminus in einem neuen
lexikalisch-semantischen System sichert.
Und schließlich ist noch eine innersprachliche Ursache der Entlehnung
zu nennen. Entlehnungen können gleich Stammwörtern zur Neutralisierung
einer übermäßigen Polysemie beitragen (vgl. Tendenz nach kommunikati-
ver Deutlichkeit, 1.2.1.4., S. 46.) oder zum Rückgang entbehrlicher Hom-
onyme. So hat z.B. das entlehnte Wort Insel (lat. insula) die entsprechende
Bedeutung aus polysemen Wörtern Au, Werder verdrängt.
Oder die Entlehnung der Farbbezeichnung violett (17. Jh.) hat das Hom-
onym braun „veilchenblau, violett" verschwinden lassen.

1.3.3. DIE EINWIRKUNG DER PURISTISCHEN TÄTIGKEIT


AUF DEN WORTBESTAND DES DEUTSCHEN

Unter Purismus versteht man eine Bewegung zur Sprachreinigung oder


Fremdwortbekämpfung.
Obgleich diese Erscheinung in vielen europäischen Sprachen bekannt
war, ist ihr Verlauf in Deutschland durch eine besondere Intensität und Zeit-
dauer gekennzeichnet. Die Ursachen der puristischen Tätigkeit sind, wie bei
jeder sozialen Erscheinung, konkret historisch zu verstehen. Das ist der Grund,
weshalb unsere Germanistik im deutschen Purismus einen Unterschied macht
zwischen 1. dem fortschrittlichen oder progressiven Purismus des 17. und
18. Jhs. und 2. dem reaktionären Purismus des 19. und 20. Jhs.92
Der Purismus des 17. und 18. Jhs. war Ausdruck des Kampfes um die
Stärkung der deutschen Nationalsprache. Westeuropäische Vorbilder natio-
naler Sprachpflege und Literatur, insbesondere die Florentinische Akade-
mie der Kleie (Accademia della Crusca, 1582) war für die Form der deut-
schen Sprachgesellschaften bestimmend, die sich mit sprachregelnder Tä-
tigkeit zu befassen begannen. '
Im Laufe des 17. Jhs. wurden zahlreiche Sprachgesellschaften gebildet.
Die erste und bedeutendste von ihnen war die 1617 in Weimar gegründete
Fruchtbringende Gesellschaft (später Palmenorden genannt), aus der alle
übrigen Vereine dieser Art hervorgingen. Zur Fruchtbringenden Gesellschaft
gehörten Fürsten und Adelige und später auch Vertreter des Bürgertums. In
den drei Jahrzehnten seines Bestehens hatte dieser Verein die bedeutendsten
Zeitgenossen zusammengeführt, unter denen in erster Linie zu nennen sind:
Martin Opitz, August Buchner, Georg Philipp von Harsdörffer, Philipp von
Zesen, Friedrich von Logau, Christian Queintz, Justus Georg Schottel.
54
Die Satzungen der Fruchtbringenden Gesellschaft gewähren einen Ein-
blick in die Zwecke und Vorhaben der Sprachpflege. Eine davon lautete:
„Zum Andern. Soll auch den Gesellschaftern vor allen Dingen obliegen,
unsere Hochgeehrte Muttersprache, in ihrem gründlichen Wesen und rech-
ten Verstande, ohn Einmischung fremder ausländischer Flickwörter, sowohl
im Reden, Schreiben, Getichten, aufs allerzier- und deutlichste zu erhalten
und auszuüben"93.
Das Programm der Fruchtbringenden Gesellschaft zielte im Grunde auf
die Festlegung einer schriftsprachlichen Norm. Der Einfluss dieses Sprach-
vereins machte sich in der Tatsache geltend, dass auch in anderen, geistig
und wirtschaftlich bedeutenden Zentren Deutschlands Sprachgesellschaften
entstanden: die Aufrichtige Gesellschaft von den Tannen in Straßburg (1633),
die Teutschgesinnte Gesellschaft in Hamburg unter Leitung Philipp von
Zesens (1643), der Hirten- und Blumenorden unter Georg Philipp Harsdörf-
fer und Johann Klaj (1644), der Elbschwanenorden (1656), die Deutsch-
übende Poetische Gesellschaft in Leipzig (1717), die 1727 unter Ch. Gott-
sched den Namen „Deutsche Gesellschaft" erhielt.
Unter den Puristen des 17. Jhs. zeichnet sich insbesondere die sprachrei-
nigende Tätigkeit Harsdörffers, Zesens und Schotteis aus. So stammen von
Harsdörffer: Aufzug statt Akt (im Drama), beobachten statt observieren, Blei-
stift statt Crayon, Briefwechsel statt Korrespondenz, Fernglas statt Teleskop.
Auf Schottel, der einige treffliche grammatische und lexikalische Werke
geschaffen hat (vor allem die „Ausführliche Arbeit von der Teutschen Haubt-
Sprache", 1663), gehen gelungene Verdeutschungen sprachwissenschaftli-
cher Fachausdrücke zurück: Mundart, Sprachlehre, Wörterbuch, Wortfor-
schung, Geschlechtswort, Hauptwort, Zeitwort, Strichpunkt statt Semikolon,
Doppellaut statt Diphtong.
Außerdem stammen von Schottel Verdeutschungen auch nichtsprachwis-
senschaftlicher Art: Jahrhundert statt Säculum, Lustspiel statt Komödie, Trau-
erspiel statt Tragödie, Tunke statt Sauce.
Im Zusammenhang mit dem Purismus des 17. Jhs. verdient aber die puri-
stische Tätigkeit Zesens eine besondere Erwähnung, und zwar aus folgen-
den Gründen: Von ihm stammen viele treffliche Verdeutschungen, die in den
deutschen Wortbestand aus jener Zeit übernommen wurden:
Anschrift statt Adresse, Augenblick statt Moment, Bollwerk statt Bastion,
Bücherei statt Bibliothek, Feldmesser statt Geometer, Gesichtskreis statt
Horizont, Grundstein statt Fundament, Jahrbücher statt Annalen, Nachruf
statt Nekrolog, Sinngedicht statt Epigramm u.a.
Aber auch alle Schwächen und Mängel der puristischen Sprachreinigung
sind bei Zesen feststellbar. Als Purist — und darin unterscheiden sich Puri-
sten von zeitgenössischen Dichtern, Schriftstellern oder Gelehrten, die nur
entbehrliche Fremdwörter bekämpfen, — setzte er sich zum Ziel, alle, auch
völlig assimilierten Fremdwörter zu verdeutschen. Auf diese Weise entstan-
den die berüchtigten Verdeutschungen Zesens, die auch in den Augen seiner
Zeitgenossen literarisch exklusiv wirkten und als Wortspielerei aufgefasst
wurden. So sind sie auch später in die Geschichte des deutschen Purismus
55
eingegangen. Vgl. Tageleuchter statt Fenster, Zeugemutter aller Dinge statt
Natur, Schauburg statt Theater, Dichterling statt Vers u.a.m.
Dieser übertriebene, übereifrige Purismus erhielt dann auch die Bezeich-
nung Ultrapurismus.
Die sprachlichen Leistungen der deutschen Sprachgesellschaften des 17.
Jhs. waren nicht bedeutend. Bleibende Erfolge wurden nur auf dem Gebiet
der poetischen und der grammatischen Theorie erzielt. Das lag nicht nur am
Fehlen einer Sprachtheorie, sondern auch an besonderen wirtschaftlich-po-
litischen Verhältnissen, unter denen die Entwicklung der nationalen Schrift-
sprache der bürgerlichen Nation in Deutschland verlief: Nach dem Dreißig-
jährigen Krieg wurde die Macht der Fürsten gestärkt, die feudale Zersplitte-
rung Deutschlands vertieft und die Entwicklung des Landes gehemmt.
Aber ungeachtet der verhältnismäßig geringen Leistungen der Sprachge-
sellschaften des 17. Jhs. wäre es falsch, ihre Rolle im Kampf um die nationa-
le Schriftsprache zu unterschätzen. Die Fremdwörterei, die Vorherrschaft
der lateinischen und der französischen Sprache in dieser Zeit wurde von der
Tätigkeit der Sprachgesellschaften stark angegriffen, das nationale Bewusst-
sein geweckt. Auf dem Gebiet der Dichtkunst wurde ferner der Herrschaft
der lateinischen Sprache ein Ende bereitet. Und wenn auch die Bemühun-
gen der Sprachgesellschaften um die Pflege und Reinhaltung der deutschen
Schriftsprache keine großen Ergebnisse brachten, haben sie den Boden für
die Sprachpolitik in dem darauffolgenden 18. Jhr., der Zeit der bürgerlichen
Aufklärung, vorbereitet.
Der Purismus des 18. Jhs. ist mit der sprachpflegerischen Tätigkeit Joa-
chim Heinrich Campes verbunden. Campe (1746 — 1818) war als Erzieher,
pädagogischer Schriftstellerund Übersetzer tätig. In Anlehnung an das grand-
legende lexikographische Werk Adelungs stellte sich Campe die Aufgabe,
ein möglichst vollständiges Wörterbuch der deutschen Sprache herauszuge-
ben. Unter Berücksichtigung des Adelungschen Werks wurde zuerst die
Ausarbeitung zweier besonderer Ergänzungs wörterbücher geplant, und zwar
des Wörterbuchs der fremden Ausdrücke mit ihren Verdeutschungen und
des Wörterbuchs der von Adelung teils übergangenen, teils, wie Campe dach-
te, irrig behandelten deutschen Wörter mit den dazu nötigen Berichtigungen.
Im Jahre 1801 erschien das „Wörterbuch zur Erklärung und Verdeut-
schung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke" (6 Teile
bis 1804). In den Jahren 1807—1812 folgte eine zweite, stark erweiterte
Auflage.
Campes Purismus entwickelte sich völlig unter dem Banner der Aufklä-
rung und unter dem großen Einfluss der Französischen Revolution von 1789.
Davon zeugen sowohl der Zweck des Verdeutschungswörterbuchs, wie Cam-
pe es sich vorstellte, als auch die Art der Verdeutschungen selbst.
So schrieb er in seinem grundlegenden, als Vorwort zum Wörterbuch der
fremden Ausdrücke gedachten Artikel „Grundsätze, Regeln und Grenzen
der Verdeutschungen": „Eine Kenntnis könne nicht eher einem Volke ange-
hören und auf das Volk nicht eher wirken, als bis sie aus den Köpfen der
Gelehrten in die der ungelehrten Volksklassen übergegangen wäre"94. Des-
56
halb haben „die ausländischen Wörter... den schädlichsten Einfluss auf die
geistige und sittliche Volksausbildung, indem sie die Verbreitung der nötig-
sten und wünschenswürdigsten Kenntnisse und Einsichten am meisten hin-
dern, und eine unselige Verwirrung der Begriffe über die wichtigsten mensch-
lichen Angelegenheiten verursachen"95.
Fremdwörter wurden in Campes Wörterbuch nicht nur verdeutscht, son-
dern auch mit Erklärungen und Erläuterungen versehen. Diese Art von Ver-
deutschung verwandelte das Werk Campes in einen regelrechten Schauplatz
des Kampfes für bürgerliche Interessen gegen den Feudalismus und die ka-
tholische Kirche als ideologische Stütze des Feudalismus. Einige Beispiele
mögen das veranschaulichen: „Aristocrat. Nach der ursprünglichen Bedeu-
tung des Wortes müsste es durch ,EdeIherrscher' übersetzt werden; nur scha-
de, dass aus der Geschichte älterer und neuerer Zeit nicht erweislich ist, dass
die Aristokraten auch immer die Edelsten ihres Volkes, so wie die Mächtig-
sten waren. Der neuste, vom Parteigeiste (während der Französischen Revo-
lution — I. C.) gebildete Sprachgebrauch hat beide Wörter,, Aristocrat' und
,Demokrat', zu Schimpfnamen gemacht, womit die eine Partei die andere
zu brandmarken glaubt. Diesem neuen Sprachgebrauche zufolge glaube ich
in meiner Preisschrift das erste durch Herrscherling verdeutschen zu müs-
sen"96.
So ist Campes Purismus nichts anderes als ein Ausdruck der Aufklä-
rungsideen, eine Waffe für die bürgerliche Aufklärung des Volkes.
Von den zahlreichen Verdeutschungen Campes, die er vorgeschlagen hat,
haben sich, wie A. Schirmer sagt, immerhin mehr durchgesetzt, als seine
Gegner angenommen haben97. Verwurzelt im deutschen Wortbestand sind
u.a.: Ausflug statt Exkursion, befähigen, befähigt statt qualifizieren, qualifi-
ziert, buchen statt registrieren, Emporkömmling statt des franz. parvenu,
enteignen statt expropriieren, Fernschreiber statt Telegraf, Weltall statt Uni-
versum, Lehrgang statt Kursus, Zartgefühl statt Delikatesse, Stelldichein,
statt Rendezvous u.v.a.m.
Unter Campes Verdeutschungen gab es aber auch Bildungen, die nur als
puristische Missgriffe bezeichnet werden können wie Süßchen für Bonbon,
Griffbrett für Klavier, Lotterbett für Sofa, Anderswo statt Alibi u.a. Als pe-
dantischer Ultrapurist offenbarte sich Campe auch dann, als er fest einge-
bürgerte lateinische Wortbildungsmittel zu verdeutschen suchte, z.B. die
Suffixe -or, -ur, -ismus, -ität, u.a. Vgl. Purper, Mariner, Lateinelei — statt
Purpur, Marmor, Latinismus.
Der puristische Eifer und Pedantismus machte sich vor allem in der zwei-
ten, stark erweiterten Auflage des Wörterbuchs geltend, wo Campe beson-
ders deutlich als übereifriger Purist auftrat. Seine Verdeutschungen gingen
in die Tausende. Viele davon ernteten Hohn und Spott, auch unter seinen
genialen Zeitgenossen Goethe und Schiller.
Von dem Purismus des 17. und 18. Jhs., der im Kampf, wie erwähnt um
die nationale Schriftsprache entstanden war und seinem Wesen nach doch
eine fortschrittliche Bewegung darstellte, unterscheidet sich der reaktionäre
Purismus, dessen Tätigkeit in das ausgehende 19. Jh. und den Anfang des
57
20. Jhs. fällt, als Deutschland zu einem einheitlichen Nationalstaat gewor-
den war. Der darauf folgende Aufschwung in der Entwicklung des Landes
hatte ein stürmisches Anwachsen von Nationalismus und Chauvinismus zur
Folge. Das war ein günstiger Boden für die Entwicklung des national-chau-
vinistischen Purismus. Eine besonders große Rolle kam in der puristischen
Bewegung dieser Periode dem „Allgemeinen Deutschen Sprachverein" zu,
der 1885 gegründet wurde und sich in der Fremdwortbekämpfung beson-
ders ereiferte. Bei der Verdeutschung ging man vom nationalistischen Grund-
satz aus, es gäbe keine unentbehrlichen Fremdwörter: „Jedes Fremdwort ist
entbehrlich", hieß es bei dem führenden Puristen des „Allgemeinen Deut-
schen Sprachvereins" Eduard Engel. „Kein Fremdwort für das, was ebenso-
gut deutsch gesagt werden kann, deutsch aber kann, deutsch soll alles gesagt
werden"98.
Der Verein veröffentlichte zahlreiche Schriften, in denen Fremdwörter
und ihre Anwendung verpönt wurden. Es wurden zu denselben Zwecken auch
Verdeutschungswörterbücher herausgegeben, von denen in erster Linie das
ultrapuristische Werk von E. Engel zu nennen ist, das 1918 unter dem Titel
„Entwelschung" erschien. Im Wörterbuch wurden alle Fremdwörter, auch
die mit internationaler Geltung und Verbreitung, verdeutscht, z.B. Schiffs-
graben statt Kanal, Mörtel statt Zement, Entpuffung statt Detonation.
Der reaktionäre Purismus des 19. und 20. Jhs. hat im deutschen Wortbe-
stand beträchtliche Spuren hinterlassen. Gerade dieser Purismus hat auf den
deutschen Wortbestand in bedeutendem Maße eingewirkt.
Der Umstand, der zur Verwurzelung von sehr zahlreichen Verdeutschun-
gen dieser Periode entscheidend beigetragen hat, war die Unterstützung der
puristischen Tätigkeit seitens der Staatsbehörden. Statt entsprechender Fremd-
wörter wurden Verdeutschungen amtlich eingeführt.
„Bahnbrechend" hierbei war die deutsche Post mit ihrem nationalistisch
gesinnten Direktor Stephan. Dutzende fremder Termini wurden durch deut-
sche ersetzt: eingeschrieben statt rekommendiert, Briefumschlag statt Ku-
vert, drahten statt telegrafieren, Drahtanschrift statt Telegrammadresse,
Drahtnachricht statt Telegrammnachricht.
Hunderte von Verdeutschungen wurden auf amtlichem Wege an der Ei-
senbahn eingeführt: Fahrkarte statt Billett, Bahnsteig statt Perron, Abteil
statt Coupe, Schaffner statt Kondukteur, Fahrgast statt Passagier.
Zahlreiche Verdeutschungen wurden auch beim Militär offiziell einge-
führt:
Hauptmann statt Kapitän (der Infanterie), Dienstgrad statt Charge, Vor-
hut statt Avantgarde, Nachhut statt Arrieregarde.
Aber auch Bereiche der Kunst, vor allem Theater, Presse u.a. erhielten
Ersatzwörter statt der früher geläufigen Fremdwörter: Uraufführung statt Pre-
miere, Zuschauer statt Publikum, Schriftleiter statt Redakteur, Hauptleiter
statt Chefredakteur u.V. a. m.
Außer einer rein zahlenmäßigen Beeinflussung ließ der deutsche Puris-
mus, besonders der des 19. und 20. Jhs., eine Eigenart aufkommen, die eine
Besonderheit des deutschen lexikalisch-semantischen Systems bildet..
58
Diese Besonderheit besteht in einer zahlenmäßig bedeutenden Synony-
mie vom Typ deutsches Wort — Fremdwort bzw. Internationalismus, z.B.
Fernsprecher — Telefon, Kraftwagen, Wagen — Auto.
Die Entwicklung dieser Synonymie war die Folge des Zusammenwir-
kens von sprachinternen und -externen Vorgängen. So war die Einbürgerung
der puristischen Ersatzwörter oder Verdeutschungen in erster Linie mit der
Tatsache verbunden, dass Fremdwortbekämpfung auf amtlichem Wege un-
terstützt wurde. Dass aber dabei sehr viele Internationalismen und andere
Fremdwörter von Ersatzwörtern nicht verdrängt wurden, ist nur auf rein
sprachliche, linguistische Ursachen zurückzufuhren, worauf in der einschlä-
gigen Literatur hingewiesen wird". Unter den sprachlichen Ursachen sind
folgende zu nennen:
1. Fremdwörter bzw. Internationalismen sind wortbildend produktiv. Ihre
wortbildenden Potenzen liegen z.T. viel höher als die der Verdeutschungen,
die selbst zumeist Zusammensetzungen sind. Vgl. das Telefon — telefonisch,
telefonieren, Telefonist, Telefonistin, Telefonzelle, Telefonzentrale; das Auto
Autogarage, Autohalle, Autoverkehr, Autofahrt, Autofahren, Autounfall; der
Export — exportieren, Exportartikel, Exporthandel, Exportfracht, Export-
produktion, Exportkredite, Exportüberschuss, Exportland.
Der Gebrauch von Internationalismen und Fremdwörtern in Zusammen-
setzungen und Ableitungen verhinderte, dass sie aus dem Wortbestand ver-
schwanden.
2. Die semantischen Strukturen der Internationalismen und ihrer Verdeut-
schungen sind nicht immer adäquat. Vgl. die Synonyme:
Adresse (Internationalismus) Anschrift (Verdeutschung)
a) Wohnort; a) Wohnort
b) Grußadresse, b) ...
Saison (Int.): Spielzeit (Verd.):
a) (die richtige) Jahreszeit; a)....
b) Hauptbetriebs-, Hauptverkehr- b)....
szeit (Kurbäder, Bäder, Sport);
c) Theaterspielzeit. c) Theaterspielzeit.
Repertoire (Int.): Spielplan (Verd.):
a) Gesamtheit der Bühnenstücke a) Gesamtheit der Bühnenstücke
(im Spielplan) eines Theaters; (im Spielplan) eines Theaters
b) Gesamtheit der einstudierten b)...
Rollen, Lieder oder
Vortragsstücke eines Künstlers.
Tragödie (Int.): Trauerspiel (Verd.):
a) ein tragisches Geschehen a) ein tragisches Geschehen
schilderndes Schauspiel, schilderndes Schauspiel,
ein Schauspiel vom tragischen ein Schauspiel vom tragischen
Ende eines Menschen; Ende eines Menschen
b) (übertr.) ein tragisches Geschehen, b) ...
Unglück.
59
Komödie (Int.): Lustspiel (Verd.):
a) heiteres, humorvolles a) heiteres, humorvolles
Theaterstück; Theaterstuck;
b) (auch) Theater, in dem (nur) b)....
Komödien gespielt werden;
c) (übertr). umg. abwertend: c) Verstellung, Täuschung
Verstellung, Täuschung.
Aus diesen wenigen Beispielen ist ersichtlich, dass ein paralleles Neben-
einanderbestehen beider Synonyme infolge der nichtadäquaten semantischen
Strukturen der beiden eine Notwendigkeit ist.
3. Fremdwörter werden in euphemistischer Funktion verwendet, deshalb
werden sie auch regelmäßig neben korrespondierenden deutschen Wörtern
gebraucht. Diese Eigenschaft der Fremdwörter ist in der deutschen Sprache
sehr bekannt und wird vielfach auch stilistisch in Publizistik, Presse und
schöner Literatur ausgewertet. So beginnt z.B. ein Feuilleton im „Eulenspie-
gel" mit folgenden Worten: „Wenn der Deutsche einen unangenehmen Tat-
bestand verschleiern will, gebraucht er Fremdwörter"100.
Ein treffliches Beispiel für die euphemistische Leistung der Fremdwörter
ist in einem Dialog aus dem Roman H. Falladas „Wolf unter Wölfen" zu
sehen: ,/^ber Wolfgang spielt, Betty, verspielt alles... Wenn man dein Ge-
sicht sieht, beste Mathilde! Der Junge jeut ein bisschen — du musst nicht
,spielen' sagen, ,spielen' klingt so gewöhnlich — alle jungen Menschen
jeuen ein bisschen..."101.
4. Es gibt darüber hinaus noch eine stilistische und semantische Ausein-
anderentwicklung der Entlehnungen mit ihren korrespondierenden deutschen
Äquivalenten, was sie zum festen Bestand des lexikalisch-semantischen Sy-
stems macht (siehe 1.З.4.).
Das Korpus der synonymischen Dubletten vom Typ deutsches Wort —
Fremdwort bzw. Internationalismus bildet eine dynamische Schicht des Wort-
102
schatzes . Ihre Untersuchung hat gezeigt, dass hier neben dem allgemei-
nen Trend zur Internationalisierung mannigfaltige Auseinanderentwicklungs-
potenzen feststellbar sind, semantischer und anderer Art. Vgl. den Gebrauch
von Telefon — Femsprecher 1.1.4.2.1., S. 24).

1.3.4, ELEMENTE DER SYSTEMHAFTIGKEIT IN DEN WECHSELBE-


ZIEHUNGEN ZWISCHEN STAMMWÖRTERN UND ENTLEHNUNGEN

Probleme der Wechselbeziehungen zwischen Stammwörtern und Entleh-


nungen gehören zu den neuen Aspekten der Wortforschung. Die ältere Lin-
guistik mit ihrer atomaren Betrachtung des Wortschatzes beschränkte sich
bei der Erforschung des entlehnten Wortgutes lediglich auf die Prozesse ih-
rer formellen und semantischen Assimilation. Mit diesem Umstand haben
sich heute bereits mehrere Sprachforscher kritisch auseinander gesetzt, vor
allem diejenigen, die sich mit Entlehnungen im lexikalisch-semantischen
System des Deutschen und Russischen befasst haben, aber auch andere. So
60
heißt es z.B. in einer der semasiologischen Arbeiten: „Natürlich spiegelt der
Wortschatz in vielen Fällen Geschichte wider: Die Christianisierung der
Germanen, die normannische Eroberung Englands, das europäische Ritter-
tum, die Mystik, die Aufklärung ... Aber: Gerade die Auswirkung der Über-
nahme neuer Wörter und das Verschwinden anderer Wörter auf die Struktur
des Wortschatzes ist bis jetzt kaum untersucht worden"103.
Nur Fremdwörter, die neu erfundene oder neu eingeführte Dinge bezeich-
nen, z.B. Motel oder Hovercraft, üben beim Hinzutreten zu dem vorhande-
nen Wortgut keine Wirkung auf ihre Umgebung aus104. Andere Entlehnun-
gen bewirken Änderungen in thematischen und synonymischen Reihen des
lexikalisch-semantischen Systems der entlehnenden Sprache. Die Beeinflus-
sung der Stammwörter durch Entlehnungen ist aber kein einseitiger Prozess.
Die Entlehnungen selbst werden durch Stammwörter, mit deren Bedeutung
sie sich überschneiden, nicht minder verändert. Es handelt sich also dabei
um Wechselbeziehungen, die in verschiedenen lexikalisch-semantischen
Systemen verschiedenartig verlaufen und verschiedene Ergebnisse haben.
Nachstehend sind die wichtigsten Typen solcher Modifikationen zu behan-
deln.
Wie bereits im Zusammenhang mit der Betrachtung der innersprachli-
chen Ursachen der Entlehnung (S. 53) ausgeführt wurde, beginnt das Zu-
sammenwirken des lexikalisch-semantischen Systems der entlehnenden Spra-
che und der entlehnten Lexik schon beim Entlehnungsvorgang selbst. Der
jeweilige Zustand des Systems setzt potentielle Entlehnungen voraus. So
war es mit der Auffüllung der thematischen Reihe von Farbbezeichnungen
aus dem Französischen und durch Vermittlung des Französischen, mit der
Entlehnung abstrakter Lexik in einer der Entwicklungsperioden der deut-
schen Sprache u.a.
Das System der entlehnenden Sprache bestimmt ebenfalls eine auf ver-
schiedenen Entwicklungsstufen des deutschen Wortbestandes belegte Re-
gelmäßigkeit: Entlehnt wird nicht die ganze semantische Struktur eines Le-
xems, falls es mehrdeutig ist, sondern nur ein Semem, seltener zwei oder
mehrere Sememe. Diese Erscheinung, die in verschiedenen Arbeiten mit Hilfe
unterschiedlicher terminologischer Bezeichnungen beschrieben wurde, brach-
te besonders interessante Ergebnisse auf Grund der Erforschung formal ähn-
licher, aber semantisch abweichender Wörter, die in verschiedenen Spra-
chen als Entlehnungen aus einer Quelle fungieren und in unserer Linguistik
unter dem Namen „falsche Freunde des Übersetzers", auch „zwischensprach-
liche Homonyme" oder „zwischensprachliche Analogismen" bekannt sind.
Da waren z.B. solche Lexeme zu erwähnen wie Quartier, Seance, Anekdote
im Deutschen, квартира, сеанс, анекдот im Russischen, die in beiden
Sprachen aus dem Französischen übernommen wurden und ihrer Form nach
zwar sehr ähnlich sind, sich aber semantisch voneinander unterscheiden.
Von besonderem Interesse sind sie deshalb, weil sie als Entlehnungen
aus ein und derselben Sprache eine potentiell identische Ausgangsform be-
sitzen. In verschiedene lexikalisch-semantische Systeme versetzt, weisen sie
eine unterschiedliche Entwicklung auf. Daher kann man bei solchen Wör-
61
tem sowohl das Gemeinsame als auch das Unterschiedliche der Entlehnungs-
vorgänge feststellen.
Die Analyse der parallelen französischen Entlehnungen im Deutschen
und Russischen hat ergeben, dass beim ersten Entlehnungsvorgang bei 50
Prozent dieser Lexeme die semantische Struktur auf ein Semem reduziert
wurde, obgleich im Französischen die meisten von ihnen mehrdeutig wa-
ren105.
Die Reduzierung der semantischen Struktur der Entlehnungen beim As-
similationsvorgang wurde auch auf Grund der Analyse der terminologischen
Lexik nachgewiesen106. Die Untersuchung der Gründe, warum nicht die ganze
Bedeutungsstraktur der Fremdwörter entlehnt wird, lässt folgende System-
haftigkeit dieses Prozesses feststellen:
Entlehnt werden Sememe, die im betreffenden System fehlen. Der jewei-
lige Stand des Systems ist bestimmend für die Einfügung oder Adaptation
des Lexems oder nur einer bzw. einiger seiner lexisch-semantischen Varian-
ten. So hat sich z.B. bei der Analyse der romanischen Entlehnungen im Deut-
schen erwiesen, dass oft übertragene Bedeutungen fremder Lexeme über-
nommen wurden, da die eigentlichen Bedeutungen durch deutsche Wörter
bereits ausgedrückt wurden107.
Der zweite Prozess, der für die Assimilation des Wortes und seine An-
passung an ein neues lexikalisch-semantisches System entscheidend wirkt,
ist die Entwicklung der semantischen Selbständigkeit.
Unter semantischer Selbständigkeit einer Entlehnung wird die Aufhe-
bung der Dubletten-Beziehung in den synonymischen Paaren Fremdwort —
Stammwort verstanden108. So sind z.B. die Wörter Job-Arbeit nicht aus-
tauschbar, denn der Angloamerikanismus, der nach 1945 übernommen wur-
de, bedeutet heute nicht nur „Arbeit". Er hat sich vom deutschen Wort se-
mantisch und stilistisch differenziert und bezeichnet in der BRD umgangs-
sprachlich vielmehr „eine gelegentliche, vorübergehende Beschäftigung",
„Stellung", „Gelegenheit zum Geldverdienen", „Arbeit auf Zeit", Job hat
Arbeit oder Beschäftigung nicht verdrängt, sondern hat dem Wortfeld eine
besondere Nuance hinzugefügt, die erst in der Gegenwart Aktualität erhal-
ten hat109.
Die Entwicklung der semantischen Selbständigkeit ist die wichtigste
Voraussetzung für die Einbürgerung eines Fremdwortes im Wortbestand der
entlehnenden Sprache, denn die semantische Selbständigkeit manifestiert
die Tatsache, dass das betreffende Fremdwort im lexikalisch-semantischen
System seinen Platz einnimmt. Es wird zu einem notwendigen Lexem110.
Die semantische Selbständigkeit bedeutet also eine Einfügung des Fremd-
worts in ein neues lexikalisch-semantisches System und das setzt Wechsel-
beziehungen desselben mit Elementen dieses Systems voraus111. Dement-
sprechend ist der Prozess der Auseinanderentwicklung des Fremdwortes von
seiner deutschen Entsprechung eine vielseitige Differenzierung. Sie kann
semantischer und funktional-stilistischer Art sein.
Viele Fremdwörter passen sich dem lexikalisch-semantischen System an,
indem sie die entsprechenden synonymischen oder thematischen Reihen mit
62
funktional-stilistisch differenzierter Lexik auffüllen. Vgl.: Gesicht — Visa-
ge (derb, abwertend); Zeitung — Gazette (umg. abwertend); Strauß — Bu-
kett (geh.).
Wie die Differenzierungsprozesse verlaufen und welche Differenzierungs-
art eintritt, eine semantische, funktional-stilistische oder beides, bestimmt
das lexikalisch-semantische System. Dabei können Prozesse, die die Entste-
hung der semantischen Selbständigkeit bewirken, mehrstufig sein und die
Folge eines Zusammenspiels von sozialen und sprachlichen Faktoren dar-
stellen. Das lässt sich z.B. an der obenerwähnten Entlehnung des Wortes
Job verfolgen.
Das Fremdwort ist zuerst ein Slangausdruck für Beruf oder gelegentli-
chen Nebenverdienst112.
Nach Angaben der Fachliteratur wird der Angloamerikanismus ursprüng-
lich als Bezeichnung nicht für alle, sondern nur für bestimmte berufliche
Tätigkeiten gebraucht, wobei eine wertende, genauer abwertende Bedeu-
tung festgestellt wird: Der Job ist eine (oft kurzfristige) Tätigkeit, deren
Hauptzweck der Gelderwerb ist. Im weiteren wird für das Fremdwort ein
zunehmender Gebrauch in der Presse registriert, wobei es vielfach seine ne-
gative Wertung einbüßt113. Oft ist das Fremdwort in Kontexten belegt, wo
die Beschäftigung das Element des Kurzfristigen voraussetzt. So beim Feri-
enjob der Studenten, die in der Ferienzeit ihren Unterhalt verdienen. Auf
diese Weise entwickelt sich im Fremdwort ein neues differentiales Sem,
wodurch sich die Bedeutung des Lexems sowohl von dem der Quellenspra-
che (des Englischen und Amerikanischen) als auch von dem der deutschen
Entsprechung Beschäftigung, Arbeit unterscheidet. Das lexikalisch-seman-
tische System des Deutschen akzeptiert diese Auseinanderentwicklung der
Wörter Job — Beschäftigung — Arbeit. Das neue Synonym mit seiner lexi-
kalischen Bedeutung „eine vorübergehende Beschäftigung, Gelegenheitsar-
beit, Arbeit auf Zeit" ist sprachökonomischer durch ein Lexem ausgedrückt
als durch Umschreibungen114.
Dass die Differenzierungstendenzen des Lehngutes, je nach dem lexika-
lisch-semantischen System auch unterschiedliche Ergebnisse und Entwick-
lungen aufweisen, kann man besonders deutlich an den parallelen Entleh-
nungen aus einer Quellensprache verfolgen.
So wurden z.B. von den vier lexisch-semantischen Varianten bzw. Seme-
men des französischen Lexems bagage115 im 16. Jh. in die deutsche Sprache
zwei entlehnt. Das Fremdwort bagage bedeutet: 1. „Gepäck, Reisegepäck",
2. „Tross". Dann wurde das Fremdwort in diesen Bedeutungen durch die
deutschen Wörter infolge der puristischen Tätigkeit verdrängt. Bagage als
„Gepäck" oder „Tross" wird in der deutschsprachigen Lexikographie als ver-
altet bezeichnet. Aber die französische Entlehnung hat im lexikalisch-se-
mantischen System der deutschen Sprache eine neue, im Französischen nicht
vorhandene lexisch-semantische Variante entwickelt: „üble Gesellschaft",
„Pack", salopp abwertend. Im Russischen existieren zwei aus dem Französi-
schen entlehnte Bedeutungen: 1. „багаж = 1. упакованные вещи (для
перевозки), 2. запас знаний".
63
Bei Entlehnung und Entwicklung der semantischen Struktur des franzö-
sischen chef im Deutschen und Russischen ist ein umgekehrtes Verhältnis
festzustellen116. Von den sechs lexisch-semantischen Varianten der
lexikalischen Bedeutung des französischen Wortes werden ins Deutsche zwei
entlehnt: 1. „Leiter, Vorgesetzter"; 2. „Geschäftsinhaber". Ins Russische wurde
nur eine lexisch-semantische Variante entlehnt: „шеф, начальник, руко-
водитель, заведующий". Dagegen ist im lexikalisch-semantischen System
des Russischen eine absolut neue Bedeutung aufgekommen Chef: „учреж-
дение, принявшее шефство (= покровительство) над кем-л., чем-л."
In jüngster Entwicklung der semantischen Struktur des Fremdwortes ist
die Verwendung der Entlehnung als salopp vertrauliche Anrede für Unbe-
kannte feststellbar: Hallo, Chef, wo ist die nächste Tankstelle?1"
Die oben angeführten Beispiele zeigen neben den bereits besprochenen
Merkmalen der Systemhaftigkeit bei der Integration der Entlehnungen noch
eine gesetzmäßige Erscheinung: Die semantische Struktur der Entlehnun-
gen ist im lexikalisch-semantischen System der entlehnenden Sprache in der
Entwicklung begriffen. Wie andere Vollwörter einer Sprache weisen auch
Entlehnungen eine Tendenz auf, ihre semantische Struktur zu erweitern. So
wurde auf Grand der parallelen französischen Entlehnungen im Deutschen
und Russischen festgestellt, dass 71,9 % der französischen Fremdwörter im
Deutschen und 72,7 % derselben im Russischen neue lexisch-semantische
Varianten entwickelt haben118.
Beim Gebrauch des entlehnten Wortgutes im System der entlehnenden
Sprache wird noch ein Merkmal der systemhaften Wechselbeziehungen zwi-
schen Fremdwort und Stammwort festgestellt. Es besteht in der Tendenz, die
Mehrdeutigkeit der Lexeme (in der Paradigmatik) mit Hilfe von Fremdwör-
tern zu neutralisieren119.
Als Beispiel kann das Lexem Schlager dienen. Um 1880 als österreichi-
sche (Wiener) Neubildung aufgekommen, wohl nach dem zündenden Blitz-
schlag120, hatte das Wort ursprünglich nur die Bedeutung „erfolgreiches Lied".
Dann begann sich die semantische Struktur des Wortes stürmisch zu entwi-
ckeln, und heute bedeutet das Wort: 1. „ein in Mode befindliches, internatio-
nal bekanntes, zündendes, oft sentimentales Tanzlied, auch aus Operette,
Film oder Musical"; 2. „ein erfolgreiches Theaterstück"; 3. „ein erfolgrei-
ches Buch"; 4. „ein erfolgreicher Film"; 5. „eine gängige Ware, die reißend
abgesetzt wird".
Die Mehrdeutigkeit des deutschen Wortes Schlager wird durch entlehnte
Synonyme neutralisiert. In der ersten Bedeutung konkurriert der Angloame-
rikanismus Hit. Zwar ist dieses Fremdwort selbst vieldeutig („erfolgreiches,
allgemeinbeliebtes Musikstück", „Spitzenschlager" (Der Große Duden, Bd. 5),
aber es wird im Deutschen vorwiegend als „Schlagerlied", „Tanzlied" ge-
braucht, vgl. folgenden Text: Von allen Werken, die auf Platten erscheinen,
haben nur jene Chance, ein Hit zu werden, die auch der Rundfunk zu einem
Hit machte™.
Besonders populär sind die Komposita Hitmusik, Hitparade122, vgl. die
Hitparade von Radio Luxemburg. Von diesem Gebrauch schreibt B.Cars-
64
tensen: „Hitparade, das am häufigsten vorkommende Kompositum, macht
heute dem älteren Schlagerparade Konkurrenz"123.
Das zweite entlehnte Synonym, das neben Schlager im Sinne „ein mo-
dernes Schlagerlied" gebraucht wird, ist der Angloamerikanismus Song. Somit
entsteht eine synonymische Reihe: Schlager = „Lied" — Hit — Song, in der
die Entlehnungen mit dem Stammwort erfolgreich konkurrieren.
Auch für die vierte Bedeutung des deutschen Wortes werden je nach dem
Charakter des Films entlehnte Synonyme gebraucht. Das sind die Anglo-
amerikanismen Thriller und Hit. So wurden z.B. in der BRD-Presse unsere
Filme „Anna Karenina", „Krieg und Frieden" u.a. als Hits bezeichnet.
Handelt es sich aber um einen Kriminalfilm oder einen ganz auf Span-
nungseffekte eingestellten Film, „Nervenreißer", so wird der Angloameri-
kanismus Thriller gebraucht, vgl. den Thriller „Lohn der Angst", u.a. Das
gibt den Grand zur Aufstellung der zweiten synonymischen Reihe: Schlager -
„Film" — Hit — Thriller.
Auf Grand der geläufigen Anwendung von Thriller als „ein aufregendes
Buch" und dann einer älteren Entlehnung — Bestseller — in der Bedeutung
„Verkaufsschlager" (meist von Büchern) kann man auch die dritte synony-
mische Reihe aufstellen: Schlager = „Buch" — Thriller — Bestseller.
Als Folge der semantischen Selbständigkeit der Entlehnungen tritt die
formelle Assimilation ein, d.h. eine Anpassung in Lautung, Schreibweise,
Formenbildung. Je nach der gegebenen Entlehnungsperiode verläuft diese
formelle Integration verschieden, vgl. eine völlige Anpassung der ältesten
mündlichen Übernahmen {Fenster, Ziegel, Mauer u.a.) und eine teilweise
Anpassung in der Gegenwartssprache. Die vollständige formelle Assimilati-
on kann auch ausbleiben. Die Abhängigkeit der anderen Arten der Assimila-
tion von der lexikalisch-semantischen zeigt sich auch darin, dass der struk-
turelle Faktor nicht selten durch den semantischen überspielt wird. Das be-
deutet: Das Geschlecht eines Fremdwortes wird durch die Anlehnung an ein
deutsches Synonym bestimmt. So kennen wir die Wörter das Sei-vice (nach
dem Französischen) in Anlehnung an das Geschirr, aber der Service „Kun-
dendienst" (nach dem Englischen) in Anlehnung an der Dienst.
Freilich lässt sich nicht in jedem Fall eine überzeugende Erklärung
geben, warum die Genusbestimmung bei manchen Fremdwörtern schein-
bar nicht folgerichtig ausgefallen ist, vgl. die Farm gegenüber der Hof.
Auch der zweite genusbestimmende Faktor des Fremdwortes — die wort-
bildende Struktur — ist vom lexikalisch-semantischen System der ent-
lehnenden Sprache bedingt. Es handelt sich dabei um einen Parallelvor-
gang zu der genusbestimmenden Wirkung deutscher Ableitungssuffixe,
vgl. der Teenager — im Deutschen ein Maskulinum, da das Wort auf -er
auslautet124.
Unsere kurze Betrachtung der Systemhaftigkeit in den Wechselbeziehun-
gen zwischen Stammwörtern und Entlehnungen lässt sich zusammenfassend
folgenderweise formulieren:
1. Bei Einfügung der Entlehnungen in ein neues lexikalisch-semantisches
System wird die semantische Struktur der Fremdwörter nur teilweise ent-
2576 65
lehnt. Die semantische Struktur oder das Bedeutungsgefüge der Fremdwör-
ter wird reduziert.
2. In einem neuen lexikalisch-semantischen System zeigen Fremdwörter
eine Tendenz zur Erweiterung ihrer semantischen Struktur.
3. Die Entwicklung der semantischen Selbständigkeit einer Entlehnung
ist entscheidend für ihre Einbürgerung in ein neues System.
4. Alle anderen Abwandlungen und Prozesse, denen Entlehnungen beim
Funktionieren in einem neuen lexikalisch-semantischen System unterliegen,
sind sekundäre Folgen der semantischen Selbständigkeit: formelle Assimi-
lation, wortbildende Produktivität, Geläufigkeit, regelmäßiger Gebrauch.
5. Die Wortschatzbereicherung durch die Entlehnung besteht nicht nur in
der quantitativen Erweiterung des Wortbestandes, bei der Wörter entlehnt
werden, die neue Gegenstände und Erscheinungen bezeichnen.
Die Bereicherang des Wortbestandes offenbart sich auch darin, dass das
Lehngut Ausdrucksmöglichkeiten der entlehnenden Sprache durch begriff-
liche und funktional-stilistische Differenzierungen erweitert, die Fremdwör-
ter in den betreffenden thematischen oder synonymischen Reihen bewirken.

1.3.5. LEXIKALISCHE ENTLEHNUNGEN IN DER DEUTSCHEN


GEGENWARTSSPRACHE
Der bedeutende wirtschaftliche, soziale, politische, militärische und kul-
turelle Einfluss der USA auf die Bundesrepublik verursachte eine starke
Übernahme englischamerikanischen Fremdwortgutes.
Charakteristisch für diese Entlehnungen aus dem Amerikanischen war
die Tatsache, dass neben terminologischer Lexik oder Lexik, die die „ameri-
kanische Lebensweise" (American Way of Live) oder Mode, Werbung
u. dgl. widerspiegelt, auch zahlreiche Wörter entlehnt wurden, die deutsche
Lexeme dublierten, z.B. comeback — „Wiederauftreten".
Wenn man dabei in Betracht zieht, dass die überwiegende Mehrheit eng-
lischamerikanischer Fremdwörter formale Entlehnungen sind125, so bietet
sich hier eine einmalige Gelegenheit, Systemhaftigkeit in den Wechselbe-
ziehungen zwischen Lehn- und Stammgut zu verfolgen.
Die Übernahme der Angloamerikanismen nach 1945 in alle Lebensbe-
reiche erfolgte in einem solchen Umfang, wurde zu einer solchen Massener-
scheinung, dass man seinerzeit dieser amerikanischen Sprachinvasion mit
Besorgnis entgegensah. Nach einer cirka fünfzigjährigen Entwicklung der
amerikanischen Entlehnungen auf deutschem Boden kann man heute einen
Einblick in gewisse Gesetzmäßigkeiten gewinnen, die davon zeugen, dass
das lexikalisch-semantische System einer Sprache ein zweck- und funkti-
onsgerechter Mechanismus ist. Diese Eigenschaft des Systems kann man,
wie oben erwähnt, vor allem auf Grund der Dubletten-Entlehnungen nach-
weisen.
Bezeichnend für die Dubletten-Entlehnungen ist heute die Tatsache, dass
sehr viele davon sich auseinanderentwickelt oder differenziert haben, so-
wohl von Lexemen der Quellensprache als auch von den deutschen Entspre-
66
chungen. Das bedeutet die Entwicklung eines der wichtigsten Merkmale der
systemhaften Assimilation — Entwicklung der semantischen Selbständig-
keit. Dieser Vorgang wird vielfach von anderen Kennzeichen der System-
haftigkeit begleitet, nämlich der Reduzierung der semantischen Struktur bei
ihrer Einfügung ins Iexikalisch-semantische System des Deutschen. Folgen-
de Beispiele mögen das veranschaulichen: Comeback ist aus dem Englischen
bzw. aus dem Amerikanischen nur mit einer Bedeutung entlehnt — „Rück-
kehr" (zu einer alten Stellung). In der Quellensprache gibt es noch eine gan-
ze Reihe anderer lexisch-semantischer Varianten, wie „Genesung", „Vergel-
tung" und im amerikanischen Slang noch „schlagfertige Antwort". Folglich
liegt hier im Vergleich zur Quellensprache eine Reduzierung der semanti-
schen Struktur des Fremdwortes vor.
Zweitens hat der Angloamerikanismus auf deutschem Boden eine seman-
tische Auseinanderentwicklung von der entlehnten lexisch-semantischen
Variante („Rückkehr zu einer alten Stellung") durchgemacht. Comeback
bedeutet jetzt im Deutschen „erfolgreiches Wiederauftreten eines bekannten
Sportlers, Künstlers oder Politikers nach längerer Pause"126. Hier sind zwei
zusätzliche Seme hinzugekommen, das eine fakultativ: „erfolgreich", das
zweite obligatorisch: „nach längerer Pause", vgl. den Gebrauch des Fremd-
wortes im Text: In Westdeutschland inszenierte er (Erwin Piscator — I.C.)
nach 1952 gastweise an verschiedenen Bühnen, bis er 1962 die Westberli-
ner Volksbühne übernahm und dort noch als Siebzigjähriger, ein Comeback
als Regisseur politisch brisanter Zeitdramatik erleben konnte12"1.
Das Fremdwort erweitert außerdem seine Bedeutung, indem es jetzt auch
auf Sachen bezogen wird. Vgl.: An ein Comeback des Nahtstrumpfes glaubt
der Modekreis nicht.
Eine Spezialisierung der Bedeutung liegt bei dem Angloamerikanismus
die Band vor, denn im Deutschen ist es nur die Bezeichnung für eine moder-
ne Tanzkapelle, und Band ist in der einschlägigen Forschung folgenderwei-
se erläutert: „Tanzkapellen spielen Walzer und Tangos usw., Bands dagegen,
Jieiße Musik' (d.i. moderne Musik mit Jazzbegleitung)"128.
Eine semantische Auseinanderentwicklung ist bei dem Angloamerika-
nismus Teenager und dem deutschen Synonym Backfisch festzustellen, denn
heute verbinden sich mit den beiden Lexemen andere Vorstellungen und
Emotionen: im Vergleich zu Backfisch ist Teenager ein selbstbewusstes mo-
dernes Mädchen mit betont sicherem Auftreten. Eine Reduzierung der Be-
deutungsstruktur des Angloamerikanismus bei der Einfügung ins Deutsche
und eine weitere Spezialisierung der Bedeutung ist an dem Lexem Ticket zu
sehen. Das Wort hat in der Quellensprache eine entwickelte Bedeutungs-
struktur, darunter auch das Semem Fahr-, Flug-, Eintrittskarte (für Kino,
Theater, Ausstellung). Diese lexisch-semantische Variante wurde übernom-
men, aber im Deutschen vornehmlich auf die Bedeutung „Flugkarte", „Flug-
schein" spezialisiert. Heute hat diese Entlehnung einen festen Platz in der
thematischen Reihe: Fahrkarte — Billett — Eintrittskarte — (Flug)ticket,
wo sie den herkömmlichen Wörtern Flugschein, Flugkarte erfolgreich Kon-
kurrenz gemacht hat.
5* 67
Semantische Selbständigkeit wird auch beim Angloamerikanismus Hob-
by verzeichnet. Es sind heute deutliche Unterschiede zum deutschen Syn-
onym Steckenpferd zu erkennen. Während Steckenpferd eine Lieblingsbe-
schäftigung bezeichnet, die den Neigungen einer Person entspringt und un-
ter Umständen als abseitig oder skurill, von Außenstehenden vielleicht so-
gar als liebenswerte Schrulle belächelt wird, der man sich aber in seiner
Freizeit mit großem Vergnügen hingibt, ist Hobby eine als Ausgleich zur
Tagesarbeit gewählte Beschäftigung, mit der man seine Freizeit ausfüllt; meist
handelt es sich dabei um etwas, was allgemein Mode ist129.
In der einschlägigen Forschung wird in letzter Zeit außer der erwähnten
Bedeutungserweiterung von Hobby („Freizeitgestaltung") noch eine weitere
Entwicklung in der bezeichneten Richtung festgestellt, wovon folgender
Beleg zeugt:
Techn. Exportkaufmann, ..., Hobby: Marktaufbau in Entwicklungslän-
dern, sucht... Entwicklungsmöglichkeiten130.
Außer den oben erörterten Prozessen der Anpassung der Angloamerika-
nismen an das lexikalisch-semantische System des Deutschen sind auch an-
dere Triebkräfte der semantischen Assimilation zu erwähnen, die Einfügung
und Verwurzelung dieser Entlehnungen bedingen.
Es geht hier vor allem um die sprachökonomische Tendenz. Angloameri-
kanische Formative sind meistens kürzer als deutsche, besonders, wenn es
sich um korrespondierende Wendungen handelt, vgl. das Make-up und die
deutsche Umschreibung Verschönerung (des Gesichts) mit kosmetischen
Mitteln131.
Mit Kategorisierungstendenzen hängt wohl die Übernahme solcher Wör-
ter zusammen, die im Gegensatz zu den konkreten Einzelbezeichnungen der
deutschen Sprache umfassender sind. Man vergleiche z.B. den Gebrauch
des Fremdwortes Baby neben den deutschen Wörtern Kleinstkind, Säugling,
Neugeborenes, Kindlein. In vielen Fällen lässt sich Baby nur durch Kind,
nicht aber durch Kleinstkind, Säugling oder Neugeborenes ersetzen132.
Die semantische Struktur vieler Angloamerikanismen ist z.Z. mehrdeu-
tig oder erweitert. Dieser Umstand ist bereits in der Lexikographie wieder-
gegeben. So bringt beispielsweise das Universalwörterbuch folgende lexisch-
semantische Varianten für cool: 1. nicht nervös werden, sich nicht aus der
Fassung bringen; 2. keine Emotionen zeigend, zurückhaltend; 3. Blasiert;
allgemein positiv wertend (cooles Buch, coole Musik). Oder: Power: 1. gro-
ße Leistung entfalten: 2. mit großem Aufwand fördern; 3. Durchsetzungs-
vermögen, Tätigkeit, Stärke, Energie, Antrieb, Lebenslust haben133.
Aus dieser Perspektive gesehen, können die angloamerikanischen Ent-
lehnungen als Bereicherung des deutschen Lexikons betrachtet werden, was
auch seitens einiger Germanisten geschieht, vgl. einen Auszug aus dem Auf-
satz mit dem Titel „Droht der deutschen Sprache die Anglisierung": „ ...
Aachjoggen bereichert den deutschen Wortschatz, bezeichnet doch das Verb
eine Form des Dauerlaufs, bei dem regelmäßig und bewusst in einem gleich-
mäßigen, eher ruhigen Tempo längere Strecken zurückgelegt werden. Job
ist ebenso wenig mit „Arbeit" oder „Beruf gleichzusetzen wie Handicap
68
mit „Behinderung" oder „Nachteil"; cool ist nicht identisch mit „kühl" oder
„ruhig", fair weist zumindest graduelle Unterschiede zu „anständig" ...
auf'134.
Die Folge der semantischen Selbständigkeit, die die Angloamerikanis-
men im Deutschen entwickeln, ist ihre bedeutende wortbildende Produktivi-
tät. In dieser Beziehung fungieren sie gleich anderen Wortklassen des deut-
schen lexikalischen Systems. Sie können bilden: (a) Zusammensetzungen
und Zusammenbildungen: Hitmusik, Hitparade, Ferienjob, Jobsucher, Teen-
modelle, Rückflugticket; (b) Ableitungen: Hobbyst, Hobbysmus; (c) Wort-
artwechsel: Job —jobben.
Von besonderem Interesse sind die Belege des Wortartwechsels, denn
die Wortbildungsmodelle, die hier wirken, geben regelmäßige Beziehungen
verschiedener Wortklassen in der Paradigmatik wieder, vgl. Job für „Arbeit
auf Zeit" —jobben für „auf Zeit arbeiten".
Wenn man noch den Umstand beachtet, dass einige Angloamerikanis-
men systemhafte Beziehungen im deutschen Wortbestand zeigen, auch im
Falle der Neutralisierung der Mehrdeutigkeit auf paradigmatischer Ebene
(siehe S. 64), so ist die Einwirkung des lexikalisch-semantischen Systems
auf das Lehngut deutlich zu sehen.
Wenn man dazu in Betracht zieht, dass eine Schicht der Angloamerika-
nismen bereits sich als Internationalismen entwickelt hat und in verschiede-
nen Bereichen wie Technik, Wissenschaft, Sport, vor allen die Computer-
welt und das Internet auch der deutschen Sprache ihren Stempel aufdrückt,
bleiben praktisch nur Sprachmode und Prestigegründe Objekte der Kritik
hisichtlich des übermäßigen Gebrauchs des angloamerikannischen Sprach-
gutes. Pauschalurteile sind, wie der Autor des oben zitierten Aufsatzes meint,
dem multikausalen Sprachphänomen nicht gerecht und bedürfen einer diffe-
renzierten Analyse.

1.3.6. DIE KLASSIFIKATIONEN DES ENTLEHNTEN WORTGUTES


Verschiedene Aspekte bei der Betrachtung des entlehnten Wortgutes fan-
den ihren Ausdruck in den verschiedenen Klassifikationen der entlehnten
Lexik.
In erster Linie ist hier die traditionelle Klassifikation zu nennen, die seit
Beginn des 20. Jhs. in der deutschen Germanistik (H.Hirt, O.Behaghel,
F. Wrede u.v.a.) allgemein gebraucht wurde.
Danach wird das entlehnte Wortgut in zwei Gruppen eingeteilt: 1. Lehn-
wörter, 2. Fremdwörter.
Zu den Lehnwörtern rechnet man Entlehnungen, die im Deutschen völ-
lig assimiliert sind, d.h. sich dem Deutschen in Lautgestalt, Betonung, Flexi-
on und Schreibung völlig angepasst haben. Als Fremdwörter bezeichnet man
Entlehnungen, die ihren fremden Charakter bewahrt haben.
Zu Lehnwörtern gehören dementsprechend 1. die allerältesten Entleh-
nungen in den germanischen Sprachen — keltische Entlehnungen aus dem
5. •—• 3. Jh. v.u.Z. Eisen, Amt, voralthochdeutsche lateinische Entlehnungen:
69
Mauer, Ziegel, Fenster, Straße u.a., voralthochdeutsche und althochdeut-
sche lateinische und griechische Entlehnungen, die mit der Christianisie-
rung der germanischen Stämme und der Entwicklung der Klöster übernom-
men wurden: Kloster, Mönch, Münster, Schule, Tafel, Tinte, Priester u.a.;
2. französische Entlehnungen der mittelhochdeutschen Periode: tanzen, Ban-
ner, Turnier u.a.; französische Entlehnungen des 16. und 17. Jhs.: Weste,
Tasse, Nische u.a.; 3. slawische Entlehnungen der alt-, mittel- und frühneu-
hochdeutschen Periode: Zobel, Quark, Gurke; 4. italienische Entlehnungen:
Kapelle, Oper, Konzert u.a.; 5. englische Entlehnungen: Sport, Streik u.a.
Zu Lehnwörtern gehören ferner Entlehnungen aus anderen Sprachen, die
auf verschiedenen Wegen ins Deutsche gekommen waren und eine vollstän-
dige Assimilation aufweisen wie Zucker, Reis, Kaffee u.a.
Fremdwörter sind entsprechend dieser Klassifikation Entlehnungen, die
von ihrer fremden Lautung, Betonung, Flexion und Schreibung im Deut-
schen noch etwas bewahren, z.B. Journal [зиг'па:1], Feuilleton [foejo'to],
Chiffre C'Jifar], Milieu [mili0:], Valuta [valu:ta']
Da dieser Klassifikation praktisch nur der Grad der formalen Anpassung
zu Grunde liegt und eine völlige Assimilation für die meisten germanischen,
althochdeutschen, mittelhochdeutschen und z.T. frühneuhochdeutschen Ent-
lehnungen typisch war, wurde die Unterscheidung in Lehn- und Fremd-
wörter mit dem Kriterium der Entlehnungszeit verbunden: So werden alle
Entlehnungen bis zum 15. Jh. als Lehnwörter, alle Entlehnungen vom 16. Jh.
ab als Fremdwörter betrachtet135.
Dieses Einteilungsprinzip, nach dem alle Entlehnungen, die in der alt-
hochdeutschen und mittelhochdeutschen Zeit aufgekommen waren, als Lehn-
wörter und alle etwa nach 1500 übernommenen als Fremdwörter bezeichnet
wurden, wurde in der älteren und neueren einschlägigen Literatur mit Recht
vieler Inkonsequenzen überführt. Denn Wörter wie Streik, Sport, Kaffee
u.v.a.m., die erst in neuerer oder neuester Zeit in den deutschen Wortbestand
übernommen wurden, sind völlig assimiliert, während andere, die schon vie-
le Jahrhunderte im Deutschen gebräuchlich sind, als Fremdwörter empfun-
den werden.
Die moderne Wortforschung rückte bei der Analyse des entlehnten Wort-
gutes neue Aspekte in den Vordergrund. Das ist vor allem eine synchrone
Betrachtung der funktionalen Leistung der Entlehnungen im lexikalisch-se-
mantischen System der entlehnenden Sprache.
Der erste Versuch, die deutschen Entlehnungen aus neuer Sicht zu analy-
sieren, wurde in unserer Germanistik von L. R. Zinder und T. V. Strojeva un-
ternommen136. Im Wortgut der deutschen Gegenwartssprache wurden drei
Gruppen unterschieden: 1. Deutsche Wörter, 2. Internationalismen, 3. Fremd-
wörter,
Die erste Gruppe deutsche Wörter umfasst die deutschen Stammwörter
und Lehnwörter, die im Wortbestand völlig assimiliert sind und sich nur durch
ihre Herkunft unterscheiden: Mauer, Ziegel, Fenster, Straße u.a.
Die zweite Gruppe bilden Wörter, die sich in vielen Sprachen der Welt
finden und überwiegend Fachausdrücke verschiedener Wissenszweige sind,
70
z.B. Fachausdrücke der Natur- und Gesellschaftswissenschaften u.a.: Atom,
Absorption, Demokratie, Klasse, Sozialismus, materiell. --—
Die dritte Gruppe umfasst Entlehnungen, die (a) ihre fremde Lautung
beibehalten, (b) parallel zu deutschen Synonymen bestehen, (c) schwache
wortbildende Produktivität und (d) in einigen Fällen auch eine spezifische
lexikalische Bedeutung haben: Gentleman, Spleen, Snob.
Im weiteren erfuhr diese Klassifikation eine Veränderung, wobei zur Grup-
pe der deutschen Wörter auch die Internationalismen hinzukamen137. In ei-
ner anderen Klassifikation der Germanistin L. J. Granatkina138 sind die mo-
dernen Aspekte des deutschen Lehngutes stärker zur Geltung gekommen.
Sie unterscheidet innerhalb der Gruppe der entlehnten Lexik neben deut-
schen Wörtern: 1. Internationalismen, 2. gemeingebräuchliche Fremdwör-
ter, 3. wenig gebräuchliche Fremdwörter.
Diese Gruppen lassen in der bezeichneten Klassifizierung eine semanti-
sche und stilistische Leistung des Fremdwortes im Deutschen erkennen.
Von großem Interesse ist der Versuch des Germanisten K.HelIer (ehem.
DDR), das Fremdwort aus der Sicht der Systemhaftigkeit der Lexik zu erfor-
schen.
Das semantische Verhältnis zwischen Fremdwort und deutschem Wort
liegt seiner Klassifikation zu Grande, nach der folgende Fälle unterschieden
werden: 1. Fremdwörter mit direkter deutscher Entsprechung, 2. Fremdwör-
ter ohne direkte deutsche Entsprechung, 3. vieldeutiges Fremdwort, 4. um-
fassendes Fremdwort139.
Diese Klassifikation gewährt einen Einblick in die Angleichung der Be-
deutung des Fremdwortes an das deutsche lexikalisch-semantische System.

ANMERKUNGEN
1
Paul H. Deutsche Grammatik. — Halle a. S., 1920. — Bd. V. — S. 3.
2
Paul H. Prinzipien der Sprachgeschichte. — 1. Aufl. (der mehrere andere folg-
ten). — Halle (Saale), 1880.
3
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lenleben der Wörter. — Schauenburg, 1908.
4
Quadri B. Aufgaben und Methoden der onomasiologischen Forschung. Eine
entwicklungsgeschichtliche Darstellung. — Bern, 1952; DomseiffR Bezeichnungs-
wandel unseres Wortschatzes. Ein Blick in das Seelenleben der Sprechenden. —
Schauenburg, 1955 (u.a.); Deutsche Wortgeschichte/Hrsg. von F.M.Maurer und
F.Stroh. — 2. neubearb. Aufl. — В., 1959. — Bd. 1—2 (u.a.).
5
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Kultur im Spiegel des deutschen Lehnwortes. — Halle (Saale), 1921 — 1925. —
Bd. 1—8.
6
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Seemannsprache. — Halle (Saale), 1911 (u.a.m.; siehe weiter unten Teil 3.).
7
Paul H. Deutsche Grammatik. — S. 20 (u.a.).
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Ries J. Zur Wortgruppenlehre. — Prag, 1928; Sütteiiin L Die deutsche Sprache
der Gegenwart. — Leipzig, 1918.
71
9
Seiler F. Deutsche Sprichwörterkunde. —München, 1922.
~>—l0 Grimm J. u. W. Deutsches Wörterbuch. — 1854 (beendet erst viele Jahre nach
dem Tod der Verfasser, 1961); Paul H. Deutsches Wörterbuch. — 1. Aufl. — Mün-
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Wortschatzes in seiner geschichtlichen Entwicklung. — München, 1909.
12
Wilke E. Deutsche Wortkunde: Ein Hilfsbuch für Lehrer und Freunde der Mut-
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13
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de. — 1. Aufl. — В., 1959 (der mehrere Neuaufl. folgten; 7. bearb. Aufl. — В.,
1972); Lexikalische und aktuelle Bedeutung. Ein Beitrag zur Theorie der Wortbe-
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deutschen Gegenwartssprache.—Moskau, 1975 (2. verbesserte Aufl.—Moskau,
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19
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20
Weisgerber L. Grundzüge der inhaltbezogenen Grammatik.—Düsseldorf, 1962;
Die vier Stufen in der Erforschung der Sprache. — Düsseldorf, 1963 (u.a.).
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Лингвистика на исходе XX века: Итоги и перспективы: Тезисы
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72
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Вопросы теории языка в современной зарубежной лингвистике.—М., 1961;
Будагов P.A. Я з ы к — р е а л ь н о с т ь — я з ы к . — М., 1983 (und andere Arbeiten).
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Wörter. — 1884; zitiert nach: Schippan Th. Einführung... — S. 84.
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Das Beispiel und die Interpretation ist entnommen: Schippan Th. Einführung... —
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matik // Greifswalder Germanistische Forschungen. — Greifswald, 1977. — H. 1. —
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Zitiert nach: Bräuer R. Zu Wesen und Struktur der Bedeutung im Modell einer
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Düsseldorf, 1962; Sprachfelder in der Erschließung der Welt // Festschrift für Jost
Trier. — Meisenheim, 1954. — S. 34 ff.
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языке: АДД. — М., 1991 (und andere Arbeiten).
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chungen zum Bedeutungswandel // Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache
und Literatur 100. — Halle (Saale). — S. 179—244.
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1992. — S . 103.
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учебный теоретический курс лексикологии // Филологические науки. —
1999. — № 4 .
72
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МГПИИЯ. — М . , 1955. — Т . VII. — С . 16—17.
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Уч. Зап./1 МГПИИЯ. — М., 1957. — Т. XI. — С. 39 — 40.
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Schäfer R. Einiges zur Bedeutungsentwicklung des Wortes „Genösse" // Sprach-
pflege. — 1959. — № 7; Kumpel, Kameraden, Kollegen //Sprachpflege. — 1959. —
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Дегтерева Т. А. О лексическом значении... — С. 41, 42.
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Готлиб К Г. Междуязычные аналогизмы французского происхожде-
ния в немецком и русском языках: Автореф. дис.... канд. филол. наук/Ново-
сибирский гос. ун-т. — Новосибирск, 1966; Маковский М. М. Теория лекси-
ческой аттракции (опыт функциональной типологии лексико-семантичес-
ких систем). — М., 1971.
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Архангельская К. В. Равнозначные синонимы немецкого языка: Авто-
реф. дис. ... канд. филол. наук /1 МГПИИЯ. — М., 1959; Рыбакова Л. М.
Романские заимствования в лексико-семантической системе немецкого
языка: Автореф. дис.... канд. филол. наук /1 МГПИИЯ. — М., 1967; Май-
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териале англоамериканизмов в современном немецком языке в ФРГ и ГДР):
Автореф. дис.... канд. филол. наук/I МГПИИЯ.—М., 1967; ЧернышеваИ.Й.
74
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материале немецкого языка)//Лингвистика и методика в высшей школе
Сборник V изд./МГПИИЯ. — М., 1970. — Т . V. — С . 6 3 — 7 3 ; Черныше-
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докл. научн. конф. / МГПИИЯ. — М., 1971. — Ч. II. — С. 159 —166.
Kleine Enzyklopädie. Die deutsche Sprache. — Leipzig, 1983. — S. 304.
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Seiler F. Die Entwicklung der deutschen Kultur im Spiegel des deutschen Lehn-
wortes. — Halle (Saale), 1913 —1924. — Bd. 1—8.
83
Kleine Enzyklopädie. — S. 304—306.
84
Das hing mit der Romanisierung des benachbarten Gallien und mit der teilwei-
sen Besetzung germanischer Gebiete durch die Römer zusammen.
85
Aus dieser Entlehnungsschicht, vom 1. bis zum 5. Jh., sind im deutschen Wort-
schatz der Gegenwart an die 600 Wörter nachweisbar, die sich völlig assimiliert
haben. Schiriner A. Deutsche Wortkunde. Eine Kulturgeschichte des deutschen Wort-
schatzes. — В., 1926. — S. 40.
86
Wie zahlreich die Übernahme antiker, vor allem lateinischer Fremdwörter in
dieser Zeit war, beweist das erste Fremdwörterbuch, das am Ende dieser Periode
(1571) erschien und von Simon Roth zusammengestellt war: Es zählte gegen 2000
lateinische Fremdwörter. Noch heute enthalten die umfangreichen Fremdwörterbü-
cher, die ein besonderes Kennzeichen der deutschen Sprache bilden, in ihren langen
Wortlisten zu etwa drei Vierteln aus dem Lateinischen und Griechischen stammende
Wörter der gelehrten Bildung, zu denen das Zeitalter des Humanismus im wesentli-
chen den Grund gelegt hat.
87
Wie A. Schinner mit Recht bemerkt, könnte man ein ganzes Wörterbuch hier
anführen, wollte man die in jener Zeit ins Deutsche eingedmngenen Fremdwörter
aufzählen. Wenn auch vieles davon nur vorübergehende Bedeutung hatte, so hat
sich doch beinahe die Hälfte der damals aufgenommenen Fremdwörter bis heute
erhalten. Deutsche Wortkunde... — S. 83.
88
Ganz P F. Der Einfluß des Englischen auf den deutschen Wortschatz 1640 —
1815.89
— В., 1957. — S. 21 — 25.
Kleine Enzyklopädie. Die deutsche Sprache. — Leipzig, 1969. — Bd. I. —
S. 508—509.
90
91
Vgl. Рыбакова Л. М. Романские заимствования...
Unter dem semantischen System verstehen wir den Begriffsschatz einer Sprache.
Vgl. auch die Erschließung des Terminus bei Ufimceva A.A.: "Семантической си-
стемой языка называют часть, совокупность значений слов как единиц вока-
буляра, или вообще сумму понятий (сем), выражаемых лексическими едини-
цами в системе номинативных средств языка (ср. нем. Begriffsschatz). Основ-
ным видом изучения системы языка в таком понимании являются многочис-
ленные пробы в области семантического картографирования, исследования
понятийных сфер, как они находят свое отражение в членимости внешнего
мира, опыта носителей языка при помощи лексики и грамматики". Уфим-
Цева 92
A.A. Слово в лексико-семантической системе языка.—М., 1968.—С. 249.
Левковская К. А . Лексикология немецкого языка. — М., 1959; Lewkow-
skajaKA. Lexikologie...; Iskos A., LenkowaA. Deutsche Lexikologie.—Leningrad,
I960; Степанова М. Д., Чернышева И. К Лексикология современного немец-
кого языка. — М., 1962.
93
94
Schulz О. Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts. — В., 1824. — S. 10.
Campe J.H. Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Spra-
che aufgedrungenen fremden Ausdrücke. — 1801. — S. 16.
75
95
Ebenda. — S. 8.
96
Ebenda. — S. 167.
97
Schirmer A. Deutsche Wortkunde... — S. 93.
98
Engel E. Sprich deutsch. — Leipzig, 1917. — S. 236.
99
Архангельская К. В. Равнозначные синонимы немецкого языка // Уч.
зап. /1 МГПИИЯ. — М., 1958. — Т. XVI. — С. 129—164; Polen Р v. Ge-
schichte der deutschen Sprache: Sammlung Göschen. — В., 1970. — Bd. 915,915a. —
S. 161 f.
100
Eulenspiegel. — 1957. — S. 18.
101
Fallada H. Wolf unter Wölfen. — В., 1954. — S. 139.
102
Кузнецова В. А. Функционально-семантические потенции немецких
равнозначных синонимов вида Moment — Augenblick (к проблеме систем-
ных отношений в лексике): Автореф. дис.... канд. филол. наук / МГПИИЯ. —
М., 1984.
103
Fritz G. Bedeutungswandel... — № 2. — S. 17.
104
Weinreich U. Languages in Contact. Findings and Problems. — The Hague;
Mouton, 1963. — S. 53; deutsch zitiert nach: Burger A. Die Konkurrenz englischer
und französischer Fremdwörter in der modernen deutschen Pressesprache // Mutter-
sprache. — 1966. — № 2. — S. 33—48.
105
Готлиб К. Междуязычные аналогизмы французского происхождения
в немецком и русском языках: Краткий очерк. — Кемерово, 1966. — С. 45.
106
Фридман Л. А. Английские заимствования во французской медицин-
ской терминологии: Автореф. дис. ... канд. филол. наук / МГПИ. — М.,
1968.
107
Рыбакова Л. М. Романские заимствования... — С. 8.
108
Крысин Л. П. Иноязычные слова в современном русском языке. —
М., 1968. — С. 41.
109
Der Große Duden. — Mannheim, 1965. — Bd. 9. — S. 45.
110
In diesem Sinne wird die semantische Selbständigkeit eines Fremdwortes bei
Heller K. betrachtet. Heller K. Das Fremdwort in der deutschen Sprache der Gegen-
wart. — Leipzig, 1966. — S. 23.
111
Vgl. Крысин Л. П. Иноязычные слова... — С. 41.
112
Ullstein. Fremdwörter-Lexikon. —19. Aufl.—Frankfurt/Main; Berlin; Wien,
1972. — S. 90.
113
Carstensen B. Englische Einflüsse auf die deutsche Sprache nach 1945. —
Heidelberg, 1965. — S. 142.
114
Der Zug zur Sprachökonomie als einer der Triebkräfte der semantischen Assi-
milation der Angloamerikanismen im Deutschen wird auch von Carstensen B. er-
wähnt: Amerikanische Einflüsse auf die deutsche Sprache // Jahrbuch für Amerika-
studien. — Heidelberg, 1963. — Bd. 8. — S. 53.
115
Готлиб К. Междуязычные аналогизмы... — С. 15.
110
Ebenda.
117
WDG. — Berlin, 1970. — Bd. 3. — S. 1995.
118
Готлиб К. Междуязычные аналогизмы... — С. 45.
119
Diese Erscheinung wird auch auf Grund der Entlehnungen im Englischen
festgestellt (Арнольд И. В. Лексикология современного английского языка. —
М., 1959. — С. 212). In einigen Arbeiten wird sie als intralinguistische Ursache der
Entlehnung angesehen (Якобсон М. Я. Французские заимствования в испанском
языке: Автореф. дис.... канд. филол. наук / МГПИИЯ им. М.Тореза. — М.,
1968. — С. 8).

76
120
Der Große Duden. — Mannheim, 1963. — Bd. 7.
121
Zitiert nach: Carstensen B. Englische Einflüsse... — S. 136.
122
Unter der Hitparade oder Schlagerparade versteht man eine regelmäßig er-
scheinende Aufstellung der beliebtesten Schlager, die von Fachzeitschriften nach
Untersuchungen des Schallplatten-Umsatzes, des Rundfunk- und Musikbox-Einsat-
zes ermittelt wird.
123
Carstensen B. Englische Einflüsse... — S. 136.
124
Majorow A.P. Zur lexikalisch-semantischen Assimilation der Fremdwörter
im modernen Deutsch // DaF. — 1971. — № 2. — S. 119.
125
Nach der Untersuchung von H. Fink beträgt die Zahl der formalen Entlehnun-
gen („in unveränderter Form") bei den Amerikanismen der deutschen Tagespresse,
z.B. in der „Welt" 59,6 %, Teilsubstitution oder Mischkomposita in der „Süddeut-
schen Zeitung" — 40,0 % und Vollsubstitution oder Lehnprägung—5,4 % (Fink H.
Amerikanismen i m Wortschatz der deutschen Tagespresse, dargestellt am Beispiel
dreier überregionaler Zeitungen: Inauguraldissertation zur Erlangung der Doktor-
würde der philosoph/Fakultät der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz. —
1968. — S. 484).
126
Der Große Duden. — Mannheim, 1974. — Bd. 7.
127
Politisches Theater. Zur Herausgabe der Schriften Erwin Piscators // Neue
Deutsche Literatur. / Hrsg. Dr. K. Pfützner. — 1968. — S. 13.
128
Zindler H. Anglizismen in der deutschen Pressesprache nach 1945: Diss. —
Kiel, 1959. — S. 83; zitiert nach: Carstensen B. Englische Einflüsse... — S. 98.
129
Der Große Duden. — Mannheim, 1965. — Bd. 9. — S. 45.
130
Zitiert nach: Carstensen B. Englische Einflüsse... — S. 137.
131
Der Große Duden. — Mannheim, 1974. — Bd. 5.
132
Majorow А. P. Zur lexikalisch-semantischen Assimilation... — S. 119.
133
Universal Wörterbuch (Duden); zitiert nach: Розен Е. В. Н а пороге X X I века.
Н о в ы е слова и словосочетания в немецком языке. — М., 2000. — С. 134,135.
134
Ostenvinter R. Droht der deutschen Sprache die Anglisierung // Sprachspie-
gel. — 1 9 9 8 . — № 1; zitiert nach der Zeitung „Deutsch". — M., 2001. — № 14. —
S. 12,
135
13.
Wassenieher E. Woher? Ableitendes Wörterbuch der deutschen Sprache. —
13. Aufl. — Bonn, 1952. Die Unterscheidung des Lehngutes in Lehnwörter und
Fremdwörter ist auch beibehalten in den jüngeren Publikationen: Kleine Enzyklopä-
die. — 1983; Schippan Th. Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. — Tü-
bingen, 1992.
136
Зиндер Л. Р., Строева Т. В. Современный немецкий язык. —Л., 1941.—
С 319.
137
Зиндер Л. Р., Строева Т. В. Современный немецкий язык. — 3-е изд. —
М., 1381957. — С . 372.
Гранаттна Л. Ю. Иноязычные слова и их стилистическое использова-
ние 139
в современном немецком языке // Уч. зап. /1МШИИЯ.—М., 1956.—Т. X.
Das umfassende Wort unterscheidet sich vom vieldeutigen Fremdwort da-
durch, dass es sich „auch im Kontext nicht auf eine klar umrissene Bedeutung, einen
exakt abgrenzbaren Inhalt festlegen lässt". Für solche Wörter gebraucht Heller auch
den Ausdruck „Schwammwörter", z.B. raffiniert. (Heller K. Das Fremdwort... — S. 91).
2. WORTBILDUNG

2.1. GRUNDBEGRIFFE DER SYNCHRONEN WORTBILDUNG

Eines der Grandprinzipien der heutigen Sprachwissenschaft ist eine deut-


liche Abgrenzung der Synchronie von der Diachronie. Das heißt durchaus
nicht, dass die Geschichte der Sprache unterschätzt wird: sie ist und bleibt
eines der wichtigsten Gebiete der Sprachforschung. Es heißt auch nicht, dass
der synchrone Stand der Sprache keine Dynamik voraussetzt: die Sprache
ist und bleibt in ständiger Bewegung. Aber die Methoden und die Begriffe
der historischen Auffassung dürfen nicht ohne weiteres auf die heutige Spra-
che übertragen werden. In unserem Buch handelt es sich um die synchrone
Wortbildung der deutschen Sprache, jedoch unter Berücksichtigung ihrer
Dynamik.
Der Terminus „Wortbildung" bezeichnet einerseits einen der Wege der
Entwicklung des Wortschatzes (dabei einen recht produktiven Weg), ande-
rerseits die Wortstruktur. Das heißt, dass auch die Lehre von der Wortbil-
dung zweifach zu betrachten ist: als Beschreibung der Prozesse, die der
Entwicklung des Wortschatzes dienen (auch des Entwicklungsprozesses
jedes einzelnen Wortes) und als Analyse der fertigen Wortstrukturen. Der
erste Aspekt der Wortbildung wird oft als „prozessualer Aspekt", der zweite
als „analytischer (oder statischer) Aspekt" der Wortbildungsanalyse be-
zeichnet1. Es muss betont werden, dass die diachrone Wortbildung in der
Regel mit dem prozessualen Aspekt verbunden ist, während für die syn-
chrone Wortbildungslehre beide Aspekte gelten. Beim analytischen Aspekt
handelt es sich um die fertige Wortbildungsstruktur, unabhängig von ih-
rem Entstehungsprozess. M.Dokulil nennt diesen Aspekt „Wortgebildet-
heit"2. Der Prozess und sein Resultat fallen dabei bei weitem nicht immer
zusammen (siehe weiter unten). Für den prozessualen Aspekt ist die Pro-
duktivität — Unproduktivität der Wortbildungsstrukturen, d.h. die Mög-
lichkeit oder Unmöglichkeit der Entstehung neuer Wörter nach diesen
Mustern, von Bedeutung. Dabei muss sich diese Art von Charakteristik
auf eine objektive Analyse der Sprache stützen, unter Anwendung analyti-
scher Methoden in Bezug auf die Entstehung der Neubildungen. Beim ana-
lytischen Aspekt spielt die Produktivität / Unproduktivität der Wortbildungs-
strukturen keine große Rolle: Relevant ist aber das Feststellen der Struktu-
ren, die dem in der Sprache funktionierenden lebendigen Wortschatz ent-
sprechen. M.Dokulil hat recht mit seiner Behauptung, dass „sich das In-
78
teresse der Wortbildung keineswegs in den produktiven Bildungstypen er-
schöpfen kann"; „...auch die unproduktiven Gruppen von Strukturen müs-
sen in der Wortbildung beschrieben werden, denn sie spielen auch eine
bedeutende Rolle in dem System der Wortbildung als Ganzen"3. Wird die
Analyse unter beiden Aspekten (dem analytischen und dem prozessualen)
durchgeführt, so kann festgestellt werden, inwiefern die qualitative (vom
Standpunkt Produktivität / Unproduktivität) und die quantitative Analyse
der Wortstrukturen zusammenfallen. Wichtig ist die Behauptung, man habe
zu unterscheiden zwischen produktiven Bildungen, nach deren Muster in
einer bestimmten Zeit neue Wörter massenweise entstehen, und aktiven
Bildungstypen, die noch „lebendig" sind, ohne dass man von vielen Neu-
bildungen dieser Art sprechen kann4.
Bei der synchronen Analyse des Wortes sind folgende Begriffe von Be-
deutung: der primäre und der sekundäre Stamm des Wortes; das Wort-
bildungsmittel; das Wortbildungsmodell; die Wortbildungsart; die Wort-
motivation; die Wortbildungsbedeutung; das Wortbildungsnest; das
Wortbildungsparadigma; die Dynamik in der synchronen Wortbildung.
Der „primäre" und der „sekundäre" Stamm sind nicht im Sinne der Her-
kunft des Wortes zu verstehen, sondern vom Standpunkt seiner Struktur aus:
der „sekundäre" Stamm ist Stamm des zu analysierenden abgeleiteten oder
zusammengesetzten Wortes als einer fertigen Ganzheit; der „primäre" Stamm
geht in den Bestand des „sekundären" Stammes ein. So ist tischler (im Wort
Tischler) sekundärer Stamm; tisch — primärer Stamm; tischtuch (im Wort
Tischtuch) — sekundärer Stamm, tisch und tuch sind primäre Stämme; be-
dienen (im Verb bedienen) — sekundärer Stamm, dienen—primärer Stamm
u.a.m. Vom diachronen Standpunkt aus entsprechen die primären und se-
kundären Stämme nicht unbedingt dem Prozess der Entstehung der Wörter
— man vergleiche die sogenannte Rückbildung, wo das kürzere Wort auf
das längere zurückgeht wie z.B. Freimut auf freimütig u.a.m. Auch können
primäre Stämme aus dem Bestand der sekundären ausgesondert werden in
dem Fall, wenn das Wort seine Wortbildungsstraktur verändert oder infolge
der Fehletymologie erhalten hat, z.B. häng(e) — matte im Stammbestand
des Wortes Hängematte, das auf das indische hamäca zurückzuführen und
als Entlehnung, nicht aber als Zusammensetzung entstanden ist. Auch eini-
ge heutige affixale Wörter z.B. manche Substantive mit dem Suffix -heit
(siehe S. 115) gehen auf Komposita zurück. Manche Wurzelwörter sind ehe-
malige Zusammensetzungen (Adler — mhd. adel — ar „Edelar") und Ab-
leitungen (Mensch aus ahd. mennisco mhd. mensche westgerm. Substanti-
vierung des Adjektivs mennisch zu Mann) u.a.m.
Das „Wortbildungsmittel" ist ein konkretes Morphem, ein lexikalisches
Affix, das neben dem primären Stamm ausgesondert wird, wie z.B. -ler in
Tischler, Ье- in bedienen u.a. Auch die sogenannte innere Flexion, die einen
der Bestandteile des sekundären Stammes kennzeichnet (z.B. Gärtner zu
Garten, Gebirge zu Berg), wird manchmal als Wortbildungsmittel betrach-
tet. Das entspricht aber nicht der Morphemtheorie, nach der es sich um ein
und dasselbe Morphem handelt (siehe weiter unten 2.4.1. S. 95).

79
Der Terminus „Modell" ist mehrdeutig. Die eine Grundbedeutung, dem
englischen Terminus „model" entsprechend, lässt sich erstens (mit verschie-
denen Varianten) als eine Theorie erschließen, ein hypothetisch deduktives
System als Analogon zum Original — im linguistischen Sinn — Analogon
der Sprache oder eines Teils in ihrem Bestand; zweitens als Art und Weise •
der linguistischen Analyse. Die dritte Bedeutung, die der Bedeutung des
englischen Wortes „pattern" entspricht, setzt ein Muster, ein Schema voraus,
nach dem sprachliche Einheiten gebildet werden. In diesem dritten Sinne
wird der Ausdruck „Modell" gern bei der konkreten Sprachanalyse wie auch
in der Methodik des Sprachunterrichts gebraucht. Von ihm ausgehend, defi-
nieren wir das Wortbildungsmodell als stabile Struktur, die über eine
verallgemeinerte lexikalisch-kategoriale Bedeutung verfügt und geeig-
net ist, mit verschiedenem lexikalischem Material (d.h. mit verschiede-
nen lexikalischen Stämmen) ausgefüllt zu werden5. Der Begriff des Wort-
bildungsmodells kann einen weiteren und einen engeren Umfang haben, je
nachdem ob ein stärkerer oder schwächerer Grad von Verallgemeinerung
und Abstraktion gemeint wird — die Grundbedeutung bleibt stabil (über die
Wortbildungsmodelle in der deutschen Gegenwartssprache siehe weiter un-
ten 2.4.4. — 5.1.). Die Modellierung der Wortbildung aus synchroner Sicht
kann sowohl dem prozessualen wie auch dem analytischen Aspekt der Wort-
analyse entsprechen. Im ersten Fall wird die Frage gestellt: Wie, nach wel-
chem Modell ist das Wort entstanden? Oder: Können nach diesem oder je-
nem Modell neue Wörter gebildet werden? (die letzte Frage entspricht den
Begriffen der Produktivität/Unproduktivität der Modelle). Im zweiten Fall
fragt man: Welchem Wortbildungsmodell entspricht die Struktur des Wor-
tes? Dabei muss betont werden, dass die Bestimmung des Wortbildungsmo-
dells im ersten Fall mit Schwierigkeiten verbunden ist, denn die heutige
Wortstruktur entspricht nicht immer der Entstehung des Wortes — z.B. die
„Scheinkomposita" (vom Standpunkt der Etymologie) - siehe oben, S. 79.
Die Frage aber, welchem Wortbildungsmodell die Wortstruktur heute ent-
spricht, lässt sich eindeutig beantworten, denn sie bezieht sich auf den ana-
lytischen Zustand des Wortschatzes, unabhängig davon, „wie" das eine oder
das andere Wort entstanden ist.
Der Begriff des Modells mit verallgemeinerter, von konkreter Füllung
abstrahierter Bedeutung entspricht dem Begriff „Wortbildungsart"; letzte-
re hat aber einen prozessualen Nebensinn, denn es handelt sich um die „Art
und Weise" der Entstehung eines Wortes.
Neben dem Begriff und dem Terminus „Modell" wird auch der Ausdruck
„Typ" gebraucht. In der Russistik versteht man unter „Wortbildungstyp" ein
„Wortbildungsmodell" im engeren Sinne des Wortes, das heißt, beschränkt
durch ein und dieselbe morphologische Wortart6. Prof. W. Fleischer definiert
den Wortbildungstyp als ein Muster, nach dem auch keine neuen Wörter ge-
bildet werden7. So wird das Modell nur als produktives Muster verstanden.
Die „Wortmotivation" ist ein semantischer Begriff, der teilweise dem
traditionellen Begriff „innere Wortform" entspricht; er hat aber einen rein
synchronen Charakter: es handelt sich um die Gegenwartssprache, nicht um
80
die Etymologie der Wörter. Motiviert können natürlicherweise nur Ablei-
tungen und Zusammensetzungen sein. Es gibt eine Meinung, dass die schall-
nachahmenden Wörter motiviert sind, unabhängig von ihrer morphologischen
Struktur — man vergleiche: der Kuckuck, ächzen, piepsen u.a.m. — es ist
aber eine ganz andere Art von Motivation, die sich auf die mit dem Wort
verbundenen Laute stützt.
Die Wortmotivation (im eigentlichen Sinn des Wortes) ist die Bedeu-
tung, die durch die Semantik des Wortbildungsmodells und die lexikalische
Bedeutung des primären Stammes (der primären Stämme) bestimmt wird,
z.B.: Arbeiter „ein Mann, der arbeitet", „ein arbeitender Mann" — die Mo-
tivation wird bestimmt durch die Semantik des suffixalen er-Modells (han-
delnde Person) und die Bedeutung des primären Stammes „arbeiten"; Zim-
mertür „die Tür des Zimmers" die Motivation entspricht der Semantik des
Modells einer Bestimmungszusammensetzung (in der die 1. Komponente die
2. Komponente näher bestimmt) und der Bedeutung der beiden primären
Stämme im Bestand des sekundären Stammes. Man vergleiche auch: Arbei-
terschaft „die Gesamtheit der Arbeiter"; Missernte „misslungene Ernte"; be-
freien „jmdn. freimachen"; goldähnlich „dem Golde ähnlich" u.a.m. Die
Wortmotivation nähert sich mehr oder weniger der gegenständlichen Bedeu-
tung des Wortes, fällt aber bei weitem nicht immer mit ihr zusammen. Es
gibt auch mehrere Wörter, deren Motivation nur im übertragenen Sinn zu
verstehen ist, z.B.: Goldherz „ein goldenes, d.h. ein gutes, liebevolles Herz",
Samtaugen „Augen wie Samt", himmelschreiend „schrecklich, unerhört",
bleischwer „sehr schwer", „schwer wie Blei" u.a. Die Wortmotivation kann
auch vollständig verdunkelt sein, z.B.: Ohrfeige, Junggeselle, höflich, iiber-
handnehmen u.a.m.
Die meisten Wortbildungsmodelle sind mehrdeutig, d.h. dass die Wort-
motivation beim Gebrauch ein und desselben Modells variiert. So kann das
substantivische suffixale er-Modell eine handelnde Person bezeichnen (z.B.
Arbeiter), ein unbelebtes zählbares Ding (z.B. Dampfer), einen abstrakten
Begriff (z.B. Seufzer); ein Bestimmungskompositum kann verschiedene Be-
ziehungen zum Ausdruck bringen (z.B. Handarbeit — instrumentale Fa-
brikarbeit — lokale Beziehung) u.a. Diese semantischen Besonderheiten der
Wortbildungsmodelle werden weiter unten erschlossen (siehe 2.5.1.).
Die drei nächsten Begriffe spiegeln verschiedene Meinungen und erhal-
ten verschiedene Definitionen wider.
Unter „Wortbildungsbedeutung" eines Lexems verstehen wir die Be-
deutung des Wortbildungsmodells, die in diesem Lexem realisiert wird,
d.h. dass sie mit der Wortmotivation aufs engste verbunden ist. So ist die
Wortbildungsbedeutung des Substantivs Lehrer — die Bedeutung der han-
delnden Person, des Substantivs Dampfer—eines unbelebten zählbaren Din-
ges, des Substantivs Seufzer — eines abstrakten Begriffes, des Komposi-
tums Handarbeit — der instrumentalen, des Kompositums Fabrikarbeit —
der lokalen Beziehung u.a.m.
Im allgemeinen kann man annehmen, dass die Suffixe eine kategoriale
Bedeutung, die Präfixe ein kategoriales Merkmal, die Bestimmungszusam-
6 2S76 81
mensetzung eine Beziehung zwischen zwei Gegenständen zum Ausdruck
bringen; Varianten ergeben sich aus der Bedeutung der konkreten Lexeme.
Der Begriff „Wortnest" berührt sich mit dem Begriff „Wortfamilie", der
in der klassischen Wortbildungstheorie gebraucht wurde, d.h. mit der ety-
mologischen Verwandtschaft der Wörter, die auf ein und dasselbe Wurzel-
wort zurückzuführen sind. Neu ist aber die Interpretation der „Wortfamilie"
vom Standpunkt der semantischen Beziehungen in der Gegenwartssprache.
Das „Wortnest" enthält die Wörter, die nicht nur etymologisch, sondern auch
semantisch verbunden sind. So gehövenfahren, Fahrer, Fahrt, Fahrerei, fahr-
bar, befahren u.a.m. zu ein und demselben Wortnest mitfahren als Zentrum,
während fertig, Furt u.a. heute außerhalb dieses Wortnestes stehen (über
den Begriff „Fächerung" siehe weiter 2.5.4.).
Der Begriff „Paradigma" gehört zu den Grundbegriffen der Grammatik.
Das morphologische Paradigma eines Wortes ist das geschlossene System
seiner grammatischen Formen. So gehören zum Paradigma des Substantivs
„Kind" dessen Kasus- und Pluralformen, zum Paradigma des starken Verbs
„halten" alle Formen, die seine temporalen, modalen, Personal-Genusfor-
men gestalten u.a.m. Zum Paradigma einer Wortart im allgemeinen gehören
alle diese Wortart gestaltenden morphologischen Formen. Auch in der Syn-
tax ist der Begriff des Paradigmas ausgearbeitet.
In der Wortbildung ist das Paradigma ein neuer Begriff, der verschie-
dene Schilderungen erhält. Wir schließen uns der Definition von B. Block
und G. L. Trager an: „Ein Paradigma ist jede Gruppe verwandter Wörter, die
von einem gemeinsamen Stamm mit Hilfe aller an diesen Stamm anfügbaren
Affixe gebildet sind"8, nur muss hinzugefügt werden, dass die zu dieser Grup-
pe gehörenden Wörter mit dem Grundlexem semantisch verbunden sind. Das
heißt, dass das Paradigma die 1. Stufe eines Wortbildungsnestes darstellt. So
gehören zum Wortbildungsparadigma des Verbs lehren folgende Ableitun-
gen: Lehrer, Lehrling, Lehre, lehrhaft, lehrbar, gelehrig, belehren, mit ande-
ren Worten substantivische suffixale Modelle mit -er, -ling, -e, adjektivische
suffixale Modelle mit -haft und -bar, das adjektivische präfixal-suffixale
Modell mit ge- und -ig, das verbale präfixale Modell mit be-. Die Zusam-
mensetzungen werden nicht in Betracht gezogen, da sie ein „offenes" Sy-
stem bilden. Die Ableitungen weiterer Stufen bilden das Paradigma des ent-
sprechenden abgeleiteten Wortes: so gehören Lehrerin, Lehrerschaft zum
Paradigma des suffixalen Wortes Lehrer, Belehrung zum Paradigma des prä-
fixalen Verbs belehren u.a.m.
Zum Wortbildungsparadigma einer Wortart gehören alle für sie mögli-
chen Wortbildungsmodelle.
Man kann das Wortbildungsparadigma mit den morphologischen Para-
digmen eines einzelnen Wortes und jeder Wortart vergleichen: so gehören
zum morphologischen Paradigma des Substantivs Lehrer die Form des Geni-
tivs Singular Lehrers und des Dativs Plural Lehrern; zum morphologischen
Paradigma des Substantivs alle ihm eigenen Kasus- und Pluralformen u.a.m.
Die dynamischen Prozesse in der synchronen Wortbildung finden ihren
Ausdruck in mehreren Erscheinungen. So gibt es periphere Wortbildungs-
82
modeile, die bald zu einem, bald zu einem anderen Gebiet zu zählen sind
(siehe weiter unten 2.4.4.4.)- Auch lassen sich neue Modelle und neue Re-
geln der Füllung der Modelle beachten, die in Neologismen und Okkasiona-
lismen erscheinen, wobei andere Modelle archaischen Charakter gewinnen:
die Spracherscheinungen schwanken zwischen „Regellosigkeit" und „Re-
gelhaftigkeit", was jedoch die Grundgesetzmäßigkeiten der sprachlichen
Norm nicht verletzt.

2.2. ZUR STELLUNG DER WORTBILDUNGSTHEORIE


IN DER SPRACHWISSENSCHAFT

Die Wortbildung ist eine komplizierte Erscheinung, die mit verschiede-


nen Prozessen verbunden ist, d.h., dass sich auch ihre Stellung in der Sprach-
wissenschaft nicht leicht und eindeutig bestimmen lässt. Die lexikalische
Bedeutung des Wortes, seine onomasiologische Funktion wie auch die se-
mantischen Prozesse, die mit seiner Entstehung verbunden sind, eröffnen
der Wortbildung eine Stellung innerhalb der Lexikologie. Der morphologi-
sche Bestand des Wortes, seine enge Verbindung mit dem grammatischen
Bau der Sprache wie auch eine strenge strukturelle Gesetzmäßigkeit aller
Erscheinungen der Wortbildung verbinden sie mit der Grammatik in ihrem
engeren (d.h. im eigentlichen) Sinne des Wortes — sowohl mit der Morpho-
logie als auch mit der Syntax. Gleichzeitig besitzt die Wortbildung Eigen-
schaften, die sie als ein spezielles Gebiet der Sprache, und demzufolge die
Wortbildungslehre als eine Sonderdisziplin im Bestand der Sprachwissen-
schaft betrachten lassen. Diese dreifache Spezifik der Wortbildung hat die
Entwicklung ihrer Theorie beeinflusst.
In der klassischen deutschen Grammatik wird die Wortbildung meist als
Teil der Grammatik behandelt. J. Grimm, den H. Paul mit Recht den „eigent-
lichen Schöpfer der Wortbildungslehre"9 nennt, hat ihr die Stelle zwischen
Flexionslehre und Syntax zugewiesen, d.h. neben der Morphologie. H. Paul
meint: „die gleichzeitig Lautgestalt und Bedeutung berücksichtigende" Wort-
bildungslehre stehe „nicht im Parallelismus zu der Flexionslehre für sich,
sondern zu der Verbindung von Flexionslehre und Syntax." So hat es ihm
„am zweckmäßigsten geschienen, die Wortbildungslehre erst hinter der Syntax
zu behandeln."10 Das heißt, dass H. Paul einerseits die Verbindung der Wort-
bildung mit den beiden Teilen der Grammatik im eigentlichen Sinne des
Wortes anerkennt (und dabei betont, dass es sich nicht nur um die Wortge-
stalt handelt, sondern auch um eine bestimmte Analogie mit syntaktischen
Fügungen, was die Zusammensetzung speziell kennzeichnet), andererseits
ihr auch eine bestimmte Selbständigkeit als einer Sonderdisziplin der Sprach-
wissenschaft zuweist. In den meisten Grammatiken der deutschen wie auch
jeder anderen Sprache, die in der ersten Hälfte des 20. Jhs. erschienen sind,
wird die Wortbildungslehre als Teil der Grammatik im engeren Sinne des
Wortes behandelt. Seit sich aber die Lexikologie als selbständiger Zweig der
6* 83
Sprachwissenschaft herausgebildet hat, entwickelt sich die Tendenz, die
Wortbildungslehre mit der allgemeinen Lehre vom Wort zu verbinden. Schon
H. Hirt schließt die Wortbildung in seine „Etymologie" ein11. Die Wortbil-
dung wird später immer öfter in den Büchern behandelt, die der Lexikologie
speziell gewidmet sind; diese Tendenz kennzeichnet die Werke der deutsch-
sprachigen wie auch unserer Germanisten12.
Die Wortbildung hat auch ihre eigene Spezifik, die sie sowohl von der
Lexikologie als Lehre vom Wortschatz als auch von der Grammatik als Leh-
re vom grammatischen Bau der Sprache unterscheidet. Die Wortbildungs-
lehre bezieht sich auf die Formierung und die Gestalt des Wortstammes und
die strukturellen Gesetze, die dabei mitwirken. Diese Gesetze unterscheiden
sich wesentlich von den Gesetzen der Flexions- und der Satzlehre: es han-
delt sich um lexikalische Kategorien, die von den einzelnen Wörtern abstra-
hiert sind, nicht um Beziehungen, die die Grundlage der grammatischen Ka-
tegorien bilden. Auch die Zahl der Wortbildungsmittel ist viel größer, und
sie sind viel stärker differenziert im Vergleich zu den grammatischen Mor-
phemen. Die Wortbildung ist ein System innerhalb des Makrosystems der
Sprache. Es lässt sich weder mit dem grammatischen noch mit dem lexikali-
schen System identifizieren. Das schließt jedoch seine periphere Lage in
Bezug auf die beiden Systeme nicht aus.
Die Spezifik der Wortbildung hat manche Sprachforscher veranlasst, ihre
einzelnen Gesetzmäßigkeiten als selbständige Probleme zu untersuchen. So
erschienen bereits im 19. Jh. manche größere Werke wie z.B.: A. Tobler „Über
die Wortzusammensetzung nebst einem Anhang über die verstärkenden Zu-
sammensetzungen", Berlin, 1867; L. Sütterlin „Geschichte der Nomina agen-
tis im Germanischen", Straßburg, 1887 u.a. Diese Tendenz wird auch im 20.
Jh. bis in unsere Zeit fortgesetzt z.B.: N.Kjellmann „Zusammensetzungen
mit ,durch"'. Inauguraldissertation, Lund, 1945; K.E.Heidolph „Beziehun-
gen zwischen Komposition und attributiven Substantivkonstruktionen in der
deutschen Gegenwartssprache", Phil. Diss. Berlin, 1961 u.a.m. Auch erschie-
nen zahlreiche Aufsätze der Wortbildung gewidmet in den Zeitschriften der
ehemaligen DDR „Deutsch als Fremdsprache", „Sprachpflege", „Linguisti-
sche Studien" u.a.m. von W.Fleischer, H.-J.Grimm, G.Starke, M.Schröder
u.a. Auch unsere Germanisten schenken der Wortbildung besondere Auf-
merksamkeit: In den letzten Jahrzehnten wurden ihr manche Monographien
wie auch einzelne Aufsätze gewidmet13.
Schließlich setzt sich allmählich der Standpunkt durch, die Wörtbildung
müsse als selbständiges Gebiet der Sprachwissenschaft behandelt werden.
Im Jahre 1947 erscheint die 1. Auflage der „Deutschen Wortbildung" von
W. Henzen — ein Buch, das die Wortbildung der deutschen Sprache als ein-
heitliches System behandelt14. Ihm folgen die Arbeiten von Stepanova (in
rassischer Sprache)15 und zwei neue Auflagen des Buches von W. Henzen1 ,
später — zwei Bücher von Vasunin17. Von besonderer Bedeutung ist das
Buch von Wolfgang Fleischer, in dem das Wortbildungssystem vom Stand-
punkt der Synchronie behandelt wird18. In der Bundesrepublik sind noch
folgende Werke erschienen: von Bernd Naumann19, von Johannes Erben ;
84
3 Bände „Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwarts-
sprache"21. Auch muss ein Buch genannt werden, das als Ergebnis der Zu-
sammenarbeit von zwei Verfassern — M. D. Stepanova, W. Fleischer — er-
schienen ist22.
So lassen sich in der gegenwärtigen Germanistik drei Tendenzen bezüg-
lich Rang und Platz der Wortbildungslehre in der Sprachwissenschaft aus-
sondern: sie ist auch jetzt in manchen Werken mit der Grammatik verbun-
den, erscheint als Teil der Lexikologie oder wird auch als selbständiges Ge-
biet der Sprachwissenschaft behandelt.
Als Lehrfach an den Hochschulen für Fremdsprachen gehört die Wort-
bildung in der Regel zur Lexikologie, d.h. zur allgemeinen Lehre vom Wort.
Das wird dadurch gerechtfertigt, dass ihr Gegenstand — das Wort — als
semantische, strukturelle und kommunikative Einheit des Wortschatzes zu
behandeln ist. Auch in unserem Lehrbuch erscheint die Wortbildung als Teil
der Lexikologie, was aber ein weiteres spezielles Studium der Wortbildung
und ihrer einzelnen Probleme nicht ausschließt.

2.3. ÜBER DIE GRUNDLINIEN IN DER DEUTSCHEN


WORTBILDUNGSLEHRE

2.3.1. DIE WORTBILDUNGSLEHRE IN DER DEUTSCHSPRACHIGEN


GERMANISTIK

2.3.1.1. Zur Geschichte der Wortbildungslehre


in der deutschsprachigen Germanistik
In der klassischen deutschsprachigen Germanistik, d.h. in der 2. Hälfte
des 19. und im 1. Viertel des 20. Jhs. wurde die Wortbildung vom diachronen
Standpunkt aus beschrieben. Es gilt sowohl für J. Grimm als Schöpfer und
Vertreter der historisch-vergleichenden Richtung in der Sprachwissenschaft
(was seine Verdienste auf dem Gebiet der empirischen Methoden nicht aus-
schließt) als auch -später- für die Junggrammatiker, in erster Linie für H.
Paul: die Wortbildung wird als Prozess, als Weg zur Erweiterung und Berei-
cherung des Wortschatzes behandelt, wobei auch das Endresultat, die Struk-
tur der einzelnen Wörter in dem zu analysierenden Zustand der Sprache vom
historischen Standpunkt aus beschrieben wird. So werden die Wörter, deren
Stämme Restelemente enthalten, d.h. periphere Bildungen W'IQ Demut, Bräu-
tigam u.a.m. ihrer Herkunft entsprechend zu den regelrechten Komposita
gezählt; die Präfixbildung wird als Zusammensetzung mit flexionslosen
Wörtern als erstes Glied behandelt u.a.m. Der qualitativen Charakteristik
der Wortbildungsarten und -mittel (ihrer Teilung in „produktive" und „un-
produktive", d.h. im prozessualen Aspekt, dabei oft vom historischen Stand-
punkt aus) wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt, zum Unterschied von

85
der Häufigkeit der Verwendung der entsprechenden Modelle in der Gegen-
wartssprache, d.h. von ihren quantitativen Besonderheiten. In der traditio-
nellen Grammatik überwiegt die Tendenz, von den Einzelbelegen und nicht
vom Ganzen auszugehen: der Mangel an Systembetrachtung der Sprache
wird in der modernen Sprachwissenschaft „Atomismus der Junggrammati-
ker" genannt. Zu betonen ist ebenfalls, dass bei der Sprachanalyse, die für
die Vertreter der traditionellen Theorie typisch ist, die Intuition des Sprach-
forschers eine besonders große Rolle spielte; diese Intuition führte oft zu
richtigen Schlussfolgerungen, jedoch die expliziten Methoden blieben ihnen
noch fern.

2.3.1.2. Die Reaktion gegen die klassische Theorie. Zum heutigen


Stand der Wortbildungslehre in der deutschsprachigen Wissenschaft
Wie aus dem Gesagten hervorgeht, widersprechen die führenden Prinzi-
pien der gegenwärtigen Sprachwissenschaft den Grundprinzipien der klassi-
schen Theorie. So stehen einander gegenüber: scharfe Abgrenzung der Syn-
chronie von der Diachronie — Verquickung der beiden Aspekte; Systembe-
trachtung der Sprache — synthetische Analyse der Einzelerscheinungen; ex-
plizite Methoden der Sprachforschung — implizite Annahme der sprachli-
chen Erscheinungen. Dennoch spielen die Errungenschaften der traditionel-
len Wortbildungslehre bis heute eine bedeutende Rolle. Nicht nur das von
den Gelehrten des 19. und des ersten Viertels des 20. Jhs. gesammelte reiche
Material, sondern auch die von ihnen benutzten Klassifikationen und Fach-
ausdrücke (auch manche theoretische Erwägungen und Schlussfolgerungen)
beeinflussen — mehr oder weniger — die Forschungen der Linguisten der
Gegenwart. Im allgemeinen aber gelten für die Erforschung der Wortbil-
dung die oben erwähnten Besonderheiten für alle Arbeiten auf diesem Ge-
biet unabhängig davon, welche Linie sie vertreten. Die Reaktion auf die
Grundprinzipien der klassischen Sprachtheorie gilt auch für die Wortbildung.
In erster Linie müssen die strukturelle Methode und die ihr nahe stehende
generative Grammatik genannt werden.
So geht man von der Wortstruktur und von der formellen Verbindung des
Wortes mit anderen Ebenen der Sprache aus, wobei die Semantik unterschätzt
wird. Eine besonders große Rolle spielt die formelle Transformation, die für
die generative Grammatik typisch ist. „Wortbildung ist in dieses hier sehr
andeutungsweise vorgestellte Modell (es handelt sich um die semantisch-
syntaktische Interpretation der Wörter — M.S.) integriert als ein großer Teil
der Wörter der deutschen Gegenwartssprache als Transformationsprodukte
dargestellt werden kann23. In den Arbeiten, die in der Bundesrepublik er-
scheinen, stützt sich die Wortbildungsanalyse auf die Transformation, die
die „Oberflächenstruktur in die Tiefenstruktur" verwandelt. Dabei entspre-
chen die syntaktischen Gebilde bei weitem nicht immer der Bedeutung der
Ableitungen und der Zusammensetzungen, die in diese Gebilde transfor-
miert werden. So finden wir z.B. in der letzten Auflage der Duden-Gramma-
tik folgende Transformationen der „syntaktisch-semantisch durchsichtigen
86
Wörter": „Das Pferd ist vorübergehend lahm. — Das Pferd lahmt"24; „Er
macht ihn zu einem scheinbaren Heros. — Er heroisiert ihn"25; „Wilhelm
malt Bilder an die Wand. — Wilhelm bemalt die Wand mit Bildern"26 u.a.m.
Es muss konstatiert werden, dass die Beziehung — abgeleitetes oder zu-
sammengesetztes Wort — oft einem syntaktisches Gebilde entspricht. Es ist
aber in Betracht zu ziehen, dass es sich dabei um die semantische Motivati-
on handelt, die mit der Wortbedeutung bei weitem nicht immer zusammen-
fällt.
Es ist anzunehmen, dass die strukturelle Auffassung der Wörter auch
manche positive Erscheinungen einschließt: es handelt sich um die Morphe-
manalyse der Wörter, um die Analyse nach unmittelbaren Konstituenten, um
die Modellierung u.a. Verfahren, die jetzt erfolgreich benutzt werden.
Die in der Bundesrepublik erschienenen Werke, die der Wortbildung ge-
widmet sind, können bei der Wortbildungsanalyse helfen. So enthält das Buch
von J.Erben „Einführung in die deutsche Wortbildungslehre"27 eine interes-
sante Schilderung der synchronen Wortbildung; die „Deutsche Wortbildung.
Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache" ist eine ausführliche Be-
schreibung der Wortbildung (durch Ableitung) der deutschen Grundwortar-
ten28 u.a.m.
Zum Unterschied von „strakturbezogenen" Werken der Sprachforscher
der BRD muss die sogenannte auch in der BRD entstandene „inhaltbezoge-
ne" Wortbildung erwähnt werden als Bestandteil der „inhaltbezogenen"
Grammatik, als deren anerkanntes Haupt L. Weisgerber genannt wird. Diese
Theorie stützt sich auf eine idealistische Anschauungsweise: es existiere eine
sprachliche „Zwischenwelt" — eine Welt von reinen Ideen —, die mit Hilfe
von „sprachlichen Zugriffen" in sprachlichen Zeichen (darunter auch Wör-
ter und Morpheme) ihren Ausdruck finden. Ein anderer Grundsatz ist die
Idee des Geistes der Muttersprache—jedes Volk habe nicht nur seine eige-
ne Sprache, sondern auch sein eigenes Bewusstsein, wobei Sprache und
Bewusstsein identifiziert werden. So zeuge z.B. die Neigung zur Bildung
von Zusammensetzungen im Deutschen davon, dass das Denken eines Deut-
schen konkreter sei als das Denken der Angehörigen anderer Nationalitäten,
die weniger Zusammensetzungen gebrauchen. Von besonderer Wichtigkeit
ist die Annahme, dass die Sprache nicht „Ergon" (das Seiende), sondern
„Energia" (die schöpfende Kraft) sei: sie beeinflusse das Leben der Men-
schen 9. Die Grundsätze der inhaltbezogenen Grammatik sind nicht eindeu-
tig, sie sind widerspruchsvoll. Aber trotz der wesentlichen theoretischen
Mängel, die in unserer Sprachwissenschaft eingehend kritisiert wurden, sind
einige von Weisgerber vorgeschlagene Verfahren der Wortbildungsanalyse
von Interesse. Er entlehnte die Idee von K. Baidinger im Hinblick auf die
Aussonderung der „Wortnischen" (der „semantischen Nischen" nach der Ter-
minologie von K. Baidinger), d.h. von Wortgruppen mit gleicher kategoria-
ler Bedeutung innerhalb ein und derselben Wortbildungsstruktur — es han-
delt sich um die „Vorarbeit", die die lautbezogene Wortbildungslehre liefert:
Solche „Nischen" lassen sich zu „Wortständen" vereinigen, die in der Wort-
bildung dieselbe Rolle spielen wie die semantischen Felder in der Lexik.

87
Nach К. Baidinger und L. Weisgerber gehen auch W. Porzig30, H. Geckeier31
u.a. von gleicher Konzeption aus.
Obgleich die Einstellungen der „strukturellen" und der „inhaltbezoge-
nen" Wortbildungslehre grundverschieden sind, haben beide Linien in der
Entwicklung dieser Lehre einige gemeinsame Züge: eine konsequent durch-
geführte synchrone Sprachbetrachtung und die Beleuchtung der Wortbildung
unter analytischem Aspekt. Beide Besonderheiten erscheinen als eine Art
Reaktion gegen die traditionelle Theorie und lassen sich als positiv einschät-
zen.
Es sei bemerkt, dass die inhaltbezogene Theorie auch in der BRD jetzt
nicht mehr populär istNur die oben genannte große Arbeit „Deutsche Wort-
bildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache" (siehe S. 84) steht
noch teilweise unter dem Einfluss der „inhaltbezogenen Wortbildung", ent-
hält dabei umfangreiches Material, das objektiv analysiert wird.
Als Übergang von der Tradition zu der neuen Auffassung der Wortbil-
dung ist das Werk von W. Henzen anzusehen, dessen „Deutsche Wortbil-
dung" in drei Auflagen erschienen ist (siehe oben, S. 84), wobei jede dieser
Auflagen „moderner" als die ihr vorangehende ist. So verzichtet der Verfas-
ser seit der 2. Auflage auf die traditionelle Vereinigung der Präfixbildung
mit der Zusammensetzung wegen der „Unterordnung des historischen Ge-
sichtspunktes unter einen funktionellen". Die 3. Auflage enthält „Ergänzun-
gen zu den einzelnen Abschnitten" (Hinweis auf weitere Abhandlungen),
womit das Ziel verfolgt wird, neuere Einstellungen oder Ergebnisse der For-
schungen kurz anzudeuten32. Eine diachrone Einstellung ist in allen drei Auf-
lagen deutlich zu bemerken — die Wortbildungsarten und -mittel werden
historisch beleuchtet; es werden aber auch Strukturen angegeben, die für die
Sprache der Gegenwart typisch sind, wobei zahlreiche Belege aus der Ge-
genwartssprache angeführt werden.
In der ehemaligen DDR hat sich in den 60er — 70er Jahren eine struktu-
rell-semantische und funktionale Einstellung der Sprachwissenschaft ent-
wickelt, was auch für die Wortbildungstheorie gilt. W. Jung hält sich noch in
dem Teil seiner Grammatik, in dem die Wortbildung geschildert wird, an
den historischen Aspekt; auch gibt er knappe historische Erläuterungen in
Bezug auf die Herkunft der Wortbildungsmittel und der einzelnen Wörter.
Andererseits behandelt er kurz den Bau des Wortes und widmet besondere
Aufmerksamkeit den Tendenzen in der Wortbildung der Gegenwart33, z.B.
der „Entstehung" der Zusammensetzungen mit einer substantivischen Plu-
ralform als erste Komponente, — Typ Gästehaus (was auch W. Henzen un-
ter dem Terminus „Pluralkomposita" erwähnt), mit Personennamen — Typ
Goethehaus; der Kurzwörter, der einfachen desubstantivischen Verben ne-
ben Ableitungen mit -ieren, -isieren — Typ lacken (vgl. lackieren), pulvern
(vgl. pulverisieren) u.a.m. Bemerkenswert ist auch, dass bei der allgemeinen
Schilderung „der Wörter und des Wortschatzes" (womit der Teil „Wortbil-
dung" beginnt) die „Wortfelder" kurz erwähnt werden.
Die Arbeiten mancher Sprachforscher weisen eine strukturell-semanti-
sche Einstellung auf; dabei findet das Streben, die Sprachtheorie auf der
88
materialistischen Sprachauffassung aufzubauen, auch auf diesem Gebiet sei-
nen Ausdruck. Von besonderer Bedeutung sind die der Wortbildung gewid-
meten zahlreichen Aufsätze von W. Fleischer und in erster Linie seine „Wort-
bildung der deutschen Gegenwartssprache" — ein Buch, das dieses Gebiet
sehr ausführlich darstellt und es dabei von verschiedenen Seiten und anhand
von Belegen aus Presse und schöner Literatur der neuesten Zeit beleuchtet34
W.Fleischer bricht nicht vollständig mit der Tradition, er wendet aber auch
manche Methoden an, die die moderne Sprachwissenschaft kennzeichnen
und damit die Wortbildungslehre mit den aktuellen Problemen der Sprach-
wissenschaft verbindet. Im Zusammenhang mit der Wortbildung werden sol-
che Probleme behandelt, wie die Bezeichnungsstruktur des Wortes und das
Abbild, die Entstehung neuer Wörter im allgemeinen, die Wortmotivation
u.a.m. Das Grundziel des Buches ist eine synchrone Darstellung der deut-
schen Gegenwartssprache, dabei bedient sich der Verfasser solcher Metho-
den der Wortanalyse wie der Zerlegung der Wortstämme in die unmittelba-
ren Konstituenten, Transformation, Distribution, Modellierung. Von großem
Wert sind die Belege, die den deutschen Wortschatz der Gegenwart in sei-
nem Werden darstellen, wie auch Hinweise auf die stilistischen Aspekte der
Wortbildung. W. Fleischer gebraucht teilweise die traditionellen Klassifika-
tionen und Begriffe, wenn auch einige von ihnen wie z.B. die Betrachtung
der Possessivkomposita als eines dritten Typs der Zusammensetzung neben
den Determinativ- und Kopulativkomposita und die Termini „eigentliche"
und „uneigentliche" Zusammensetzungen u.a.m. überarbeitet werden. Be-
sondere Aufmerksamkeit widmet der Verfasser dem Übergang der Kompo-
nenten der Komposita in Wortbildungsmittel (siehe weiter unten S. 116),
was den neuen Tendenzen der Wortbildungstheorie entspricht. Was die Aspek-
te der Wortbildungsanalyse angeht, so nimmt W. Fleischer, wie oben gesagt,
das Vorhandensein des „prozessualen" und „analytischen" Aspektes an. Es
ist zu betonen, dass der Verfasser der Tradition der deutschen Sprachlehre
entsprechend die Präfixbildung aus der Ableitung ausschließt, wenn er sie
auch mit der Zusammensetzung nicht identifiziert, d.h. er sondert im Allge-
meinen drei Grundarten der Wortbildung aus: Zusammensetzung, Ableitung,
Präfixbildung (dasselbe gilt für W.Henzen — siehe die 2. und 3. Auflage
seiner „Deutschen Wortbildung" — W. Jung und andere deutsche Germani-
sten). Speziell zu erwähnen sind mehrere Aufsätze von W. Fleischer wie z.B.
„Tendenzen der deutschen Wortbildung". In diesem Aufsatz werden einige
häufig gewordene Konstruktionen erwähnt wie die „Verdichtung" einer syn-
taktischen Wortverbindung zu einem einzigen Wort-Typ Lese-Blatt-Samm-
lung; lautlich-grafische Reduktion und Kürzung Schirm (neben Regenschirm),
verbale Präfixbildungen zu Fremdwörtern-Тур verkomplizieren u.a.m. Auch
wird das Entstehen neuer Affixe erwähnt, darunter die „Morphematisierung"
fremdsprachiger Elemente Typ mini- in Minilok, -koffer u.a. Zum Schluss
behandelt der Verfasser „die ständige Entwicklung von Isolierungen und
unikalen Morphemen" und auch Erscheinungen, die jetzt noch als „Störun-
gen des Systems" empfunden werden, in Wirklichkeit aber bestimmten Ge-
setzmäßigkeiten folgen: „das entspricht dem Wesen der Sprache und dem

89
Charakter ihrer durch außersprachliche Faktoren bestimmten Entwicklung"35.
Die letzte Äußerung wie auch die Schilderung des heutigen Wortbildungs-
systems in seiner Verbindung mit extralinguistischen Momenten gehören zu
einem neuen Gebiet in der Wortbildungstheorie: Es handelt sich um ihre
Funktion als eines Teils der Soziolinguistik, die im Mittelpunkt des Interes-
ses der Sprachforscher verschiedener Länder steht.
Die pragmatische Einstellung der Wortbildung kommt im Aufsatz von
W. Fleischer „Konnotation und Ideologiegebundenheit in ihrem Verhältnis
zu Sprachsystem und Text"36 zum Ausdruck: da werden sowohl fertige
Lexeme als auch „Typen von Formativstrukturen" von diesem Standpunkt
aus behandelt37. Eine besonders ausführliche Beschreibung der deutschen
Wortbildung finden wir in den Teilen des Buches „Теоретические основы
словообразования в немецком языке", die W. Fleischer geschrieben hat38.
Zum Schluss muss betont werden, dass der Wortbildung in der deutsch-
sprachigen Germanistik viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es lässt sich
immer deutlicher fühlen, dass Struktur und Semantik im Sinne der gegen-
ständlichen Bezogenheit und kommunikativen Funktion der sprachlichen
Zeichen eng miteinander verbunden sind, was als Grundlage einer einheitli-
chen Forschungsrichtung dienen kann.

2.3.2. DIE WORTBILDUNGSLEHRE IN DER GERMANISTIK


UNSERER LANDES

2.3.2.1. Zur Geschichte der Wortbildungslehre


Das Interesse für die Theorie der deutschen wie auch anderer Fremdspra-
chen entfaltete sich in unserem Land gleichzeitig mit der Methodik des Fremd-
sprachenunterrichts. In der ersten Periode — ungefähr in den 30er Jahren
unseres Jahrhunderts — ließ sich dabei der Einfluss der klassischen deut-
schen Theorie deutlich fühlen. Die Ergebnisse der ersten Bemühungen der
Germanisten spiegeln sich in einer Sammlung wider, die der diachronen Be-
trachtung der deutschen Sprache gewidmet war39. Drei Aufsätze galten der
deutschen Wortbildung. Von besonderem Interesse sind zwei Aufsätze von
A. V. Desnizkaja: der eine Aufsatz ist der Zusammensetzung, der andere der
inneren Flexion gewidmet. Obgleich beide Aufsätze diachronen Charakter
haben, werden hier auch einige Besonderheiten der modernen deutschen
Sprache beleuchtet. Später entwickelte sich allmählich die synchrone Dar-
stellung der deutschen Wortbildung: zuerst in den Arbeiten, die der Gram-
matik gewidmet waren40, dann in den Lehrbüchern der Lexikologie von
L. Saleshsky, K.A.Lewkowskaja, A.Iskos und A.Lenkova, Z.Murygina,
M.D.Stepanova und I.I.Cernyseva u.a. Von Interesse ist die Schilderung
der Wortbildung in der 3. Auflage des Werkes von L. R. Zinder und T. V. Stro-
jeva: die Wortbildung wird in dem Kapitel „Morphologie" unmittelbar nach
der „Wortbiegung" ausführlich geschildert und teilweise in dem Kapitel „Le-
xikologie"41. Wie schon erwähnt, ist auch ein spezielles Werk, das derdeut-

90
sehen Wortbildung gewidmet ist, im Jahre 1953 erschienen. In den letzten
Jahrzehnten herrscht eine deutlich von der Diachronie getrennte synchrone
Auffassung der Wortbildung. Ihr werden viele Dissertationen und Aufsätze
gewidmet. Auch ist das erste Wörterbuch erschienen, das speziell der Wort-
bildung gewidmet ist42. Das Wörterbuch enthält 770 Wortbildungselemente,
ihre allgemeine Charakteristik, Beispiele mit der Übersetzung ins Russische:
es kann als eine kurz gefasste Enzyklopädie der deutschen Wortbildung cha-
rakterisiert werden.

2.3.2.2. Zum gegenwärtigen Stand der Wortbildungslehre


Grundprinzipien, die den heutigen Stand der Wortbildungstheorie kenn-
zeichnen, sind: synchrone Einstellung mit Neigung zum analytischen Aspekt;
Behandlung der Wortbildung als System innerhalb des Makrosystems der
Sprache; Explizitheit der Verfahren, zu denen auch die in der deskriptiven
Linguistik ausgearbeiteten gehören: Morphemanalyse, Zerlegung in die un-
mittelbaren Konstituenten u.a.m. Es werden aber die Errungenschaften der
klassischen Sprachwissenschaft, manche traditionelle Klassifikationen und
Begriffe nicht aufgegeben, wenn auch gleichzeitig Neuerungen eingeführt
werden. Die Theorie der Wortbildung zeigt dabei eine starke Neigung zur
Explizitheit und Objektivität der Analyse.
Es können einige Grundfragen der Wortbildung genannt werden, an de-
ren Lösung unsere Germanisten besonders aktiv arbeiten:
1. Die semantische Analyse der Wortbildungsstrukturen unter Anwen-
dung der semantischen Methoden; dabei wird der onomasiologischen Seite
der Ableitungen und der Zusammensetzungen besondere Aufmerksamkeit
geschenkt43.
2. Das Wesen der Zusammensetzung und ihre Funktion im Deutschen44.
3. Die Beziehung zwischen Zusammensetzung und Ableitungen; das
Vorhandensein der Halbaffixe und der Komponenten mit hoher Frequenz45.
4. Die „innere Valenz" im weiten und im engen Sinne des Wortes46.
5. Ein neues Problem ist die kommunikativ-pragmatische Funktion der
Wortbildungsstrukturen im Text. Vorläufig gibt es nur einige Aufsätze47 und
Teile in Arbeiten, die der Wortbildung gewidmet sind48.
Es muss betont werden, dass nicht alle theoretischen Grundlagen der Wort-
bildung in den Arbeiten unserer Germanisten mit denen der deutschen Kol-
legen zusammenfallen. Es sind folgende voneinander abweichende Thesen
zu nennen:
1. Wie bereits erwähnt, betrachten wir die Präfixbildung als Unterart der
Ableitung neben der Suffigierung und nicht als selbständige Wortbildungsart:
der zweite Gesichtspunkt ist in der deutschsprachigen Germanistik verbreitet.
2. Das Suffix des Infinitivs -(<?)» wird, ebenso wie die Infinitivsuffixe in
anderen Sprachen, nur als grammatisches Morphem betrachtet, da es in den
übrigen Formen des verbalen Paradigmas verschwindet: in der deutschspra-
chigen Germanistik erscheint es auch als Wortbildungsmittel; dieser Unter-
schied ruft manche Folgen in der Wortbildungstheorie hervor.
91
3. Die „Halbaffixe" („Affixoide") werden verschieden aufgefasst, in der
deutschsprachigen Germanistik teilweise auch als regelrechte Affixe.
Aber diese unterschiedlichen Gesichtspunkte betreffen nicht die Grund-
lage der heutigen Wortbildungslehre.

2.4. METHODEN DER WORTBILDUNGSANALYSE

2.4.1. MORPHEMANALYSE
Das Wort als komplexe Ganzheit besteht aus kleineren strukturellen Bau-
elementen und zwar aus Morphemen, die man als „kleinste bedeutungstra-
gende sprachliche Einheiten" definieren kann, und die zum Unterschied von
den Gegenstand der Lautlehre bildenden Phonemen und Silben, zur Mor-
phologie (im weiteren Sinne des Wortes, d.h. zur Flexion und Wortbildung)
gehören. Dieser Definition, die wir auch in der klassischen rassischen Gram-
matik finden49, widersprechen nicht die Definitionen in der modernen Lin-
guistik, die deskriptive Linguistik mitgezählt50. In der klassischen deutschen
Germanistik wurde die Morphemanalyse als solche nicht durchgeführt und
der Begriff des Morphems nicht erschlossen, obwohl die einzelnen form-
und wortbildenden Elemente ausführlich behandelt wurden. Zum Unterschied
von der traditionellen Sprachlehre beschäftigen sich die Germanisten unse-
rer Zeit mit allen Fragen des Morphembestandes des Wortes, unabhängig
davon, welche "Linie" oder welchen „Aspekt" sie vertreten. In unserer Ger-
manistik wird der Morphemanalyse besondere Aufmerksamkeit geschenkt,
und sie wird sowohl auf dem Gebiet der Grammatik als auch auf dem Gebiet
der Wortbildung konsequent durchgeführt, was nicht nur den Forderungen
der modernen Sprachwissenschaft entspricht, sondern auch die Tradition der
klassischen rassischen Grammatik fortsetzt. Was die germanischen Sprachen
betrifft (d.h. ein weites Gebiet umfassend), so sind die Arbeiten von E.S. Kub-
rjakova von besonderem Interesse.
Es muss betont werden, dass manche Aspekte der Morphemanalyse auf
eine neue Art und recht ausführlich untersucht worden sind. Das ist teilwei-
se den Bemühungen der Vertreter der amerikanischen deskriptiven Lingui-
stik zu verdanken, obwohl manche von ihren Grundthesen nicht anzuneh-
men sind. Zu diesen Thesen gehört in erster Linie die Meinung, nicht das
Wort, sondern das Morphem sei die grundlegende sprachliche Einheit, das
Wort aber bloß eine Morphemkonstruktion, eine Folge oder Sequenz von
Morphemen wie auch jede syntaktische Fügung. Diese These, die in der
deskriptiven Fachliteratur ebenfalls bei weitem nicht konsequent beibehal-
ten wird, widerspricht der realen Funktion der Sprache als des Mittels der
Gestaltung und der Wiedergabe unserer Gedanken. Wir denken nicht mit
Hilfe von Morphemen, sondern bedienen uns der Wörter in ihrer gegen-
ständlichen Bezogenheit; wir benennen die Gegenstände und Erscheinun-
gen der realen Welt mit Wörtern und nicht mit Morphemen. Sogar in dem
92
Fall, wenn das Wort nur aus einem Morphem besteht (d.h. wenn es ein Wur-
zelwort ist), ist es mit diesem Morphem nicht identisch, denn nicht das Wur-
zelmorphem erscheint in der Paradigmatik als Komplex von grammatischen
Formen, in der Syntagmatik als Träger einer bestimmten grammatischen
Bedeutung, sondern das Wort; an der Wortbildung nimmt dagegen nicht das
Wort, sondern das Wurzelmorphem teil. Abgesehen von dieser wie auch von
einigen anderen nicht überzeugenden Thesen (siehe weiter unten) spielt der
von den Deskriptivisten ausgearbeitete Apparat der Morphemanalyse in der
modernen Linguistik eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Oben wurde das Morphem als kleinste bedeutungstragende sprachliche
Einheit definiert.
Die nächste Frage der Morphemtheorie bezieht sich auf die Funktion der
in der Sprache vorhandenen Morpheme. In der deskriptiven Linguistik wer-
den sie in der Regel in zwei Klassen eingeteilt: in freie und gebundene Mor-
pheme. Eine gleiche Einteilung gibt auch W. Fleischer, aber mit einer weite-
ren Systematisierung51. Die freien Morpheme können, wie er schreibt, allein
als Grundmorpheme den lexikalischen Stamm des Wortes bilden, die gebun-
denen Morpheme erscheinen nur in Verbindung mit freien Morphemen. Es
kann aber eine andere Einteilung vorgeschlagen werden, die Einteilung in
lexikalische und grammatische Morpheme, die sich mit der obigen kreuzt,
ohne mit ihr zusammenzufallen. Die ersten konstituieren den lexikalischen
Stamm (die lexikalische Basis) des Wortes, d.h., dass sie den Träger seiner
gegenständlichen Bezogenheit gestalten; die zweiten drücken die grammati-
sche Bedeutung im Kommunikationsprozess aus. Die lexikalischen Mor-
pheme können frei und gebunden sein; im ersten Fall sind es Wurzelmorph-
eme, im zweiten Fall lexikalische (wortbildende) Präfixe und Suffixe; die
grammatischen Morpheme sind immer an den lexikalischen Stamm gebun-
den. Eine solche Einteilung, die als der sprachlichen Realität entsprechend
anzunehmen ist, ist aber mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Erstens
sind die lexikalischen Morpheme nicht immer einwandfrei von den gram-
matischen zu trennen. Ein Problem bildet das Suffix des Infinitivs -en. In
unserer Germanistik wird es, wie oben bereits erwähnt, zu den grammati-
schen Morphemen gezählt. W. Fleischer meint, es handle sich einerseits um
ein Wortbildungsmorphem, andererseits im System der Flexionsformen des
Verbes um ein Flexionsmorphem52. Auch andere Fälle wären zu erwähnen
wie z.B. die Suffixe der Steigerung, denn diese Kategorie wird manchmal
als grammatische, machmal als wortbildende Kategorie betrachtet (strittig
ist in erster Linie der Elativ, der in der Regel eine lexikalisierte Form dar-
stellt, man vgl.: im äußersten Norden, aufs Schlimmste gefasst sein u.a.m.).
Im Deutschen lassen sich die Morpheme in linearer Verbindung meist
leicht voneinander abgrenzen, d.h., dass auch das Grundmorphem leicht aus-
zusondern ist. Es gibt aber Fälle, wo es immer „gebunden" ist: Das bezieht
sich in erster Linie auf die verbale Wurzel, die (wie auch jeder andere verba-
le Stamm) ohne grammatisches Morphem nicht erscheint (mit Ausnahme
von einigen Fällen, wo der Imperativ Singular mit dem Stamm zusammen-
fällt: Komm! Geh! Schreib!). „Gebunden" sind auch einige Wurzelmorphe-

93
me neben dem unbetonten Suffix -e, das leicht eliminiert wird: Affe —Affin,
Erde — Erdball u.a.m. (eliminiert werden können auch andere Endlaute —
siehe weiter unten).
Die gebundenen grammatischen Morpheme bilden ein geschlossenes
System, was sich jedoch auf die gebundenen lexikalischen Morpheme nicht
vorbehaltlos bezieht. Einerseits gibt es solche Affixe, die sich nur noch iso-
liert erhalten haben (Zier-de; Wüte-rich); andererseits beobachten wir einen
interessanten Prozess, den W. Fleischer „Morphematisierung fremdsprachi-
ger Elemente" nennt. Als solche erwähnt er z.B. tele-(Teleklub, Television),
mini-(Minirock, Ministraßenbahn u.a.). Auch die sogenannten Halbaffixe
(siehe weiter unten) bilden kein deutlich umrissenes System, denn einige
von ihnen verlieren in verschiedenem Maße ihre Verbindung mit den ihnen
entsprechenden Wörtern, die anderen stehen noch den Komponenten einer
Zusammensetzung nahe.
Ein besonderes Problem ist das Problem „des Nullmorphems", das ei-
gentlich zum grammatischen System gehört, manchmal aber auch im Zu-
sammenhang mit der Wortbildung erwähnt wird. In der Grammatik versteht
man unter der „Nullform" eines Wortes eine grammatische Form, die durch
kein gebundenes Morphem gestaltet ist, z.B. Komm! (Imperativ Singular),
(ich lese) das Buch (Akkusativ Singular), (das Kind ist) krank (kurze Form
eines Adjektivs) u.a.m. Die Nullformen existieren nur in dem Fall, wenn sie
flektierten Formen in ein und demselben Paradigma gegenübergestellt wer-
den, vgl. komm! im verbalen, Buch im substantivischen, krank im adjektivi-
schen Paradigma. Die Nullform wird durch das Fehlen eines grammatischen
Morphems, mit anderen Worten, durch ein „Nullmorphem" gestaltet, denn
das Fehlen eines Morphems ist im Vergleich mit den durch Morpheme ge-
kennzeichneten Formen ein Zeichen der grammatischen Bedeutung. Was die
Wortbildung angeht, so wird manchmal die Meinung geäußert, dass die af-
fixlose oder implizite Ableitung mit Hilfe eines „Nullmorphems" ihren Aus-
druck findet53, was uns aber strittig zu sein scheint, denn hier werden ganz
unterschiedliche sprachliche Fakten identifiziert.
Die Identität der Morpheme und ihre Kriterien gehören zu den Fragen,
die in der deskriptiven Linguistik ausführlich beleuchtet wurden. An und für
sich ist das Problem nicht neu. Es ist allgemein bekannt, dass sich das Wur-
zelmorphem eines Wortes bei der grammatischen Abwandlung verändern
kann, wobei die lexikalische Bedeutung des Wortes stabil bleibt, z.B. lesen —
las, (du) liest u.a. bei den Verben; Haus — Häuser bei den Substantiven;
stark — stärker bei den Adjektiven. In der deskriptiven Linguistik wird das
Morphem als Komplex betrachtet, als eine Gesamtheit von Varianten, die als
dessen Manifestierung in konkreter Umgebung realisiert werden. Diese Va-
rianten werden Allomorphe oder Morphemalternanten genannt. Als Kriteri-
en der Identität des Morphems (d.h. auch der Definition eines Allomorphs)
werden genannt: 1. gleiche Bedeutung; 2. komplementäre Distribution;
3. das Auftreten in parallelen Konstruktionen54.
Wie bekannt, ist die Distribution die Summe aller Kontexte, in denen
eine sprachliche Einheit gebraucht wird, zum Unterschied von den Kontex-
94
ten, in denen sie nicht erscheinen kann. Die komplementäre Distribution ist
die Umgebung einer sprachlichen Einheit, die die Umgebung aller übrigen
sprachlichen Einheiten ausschließt: Im gegebenen Fall heißt es, dass jedes
Allomorph in einer solchen Umgebung gebraucht werden kann, die für die
übrigen Allomorphe des betreffenden Morphems nicht möglich ist. So kann
z.B. das Allomorph./wzd — (finden) in der Distribution des Präteritums (man
vgl. fand-) oder des Partizips (gefunden) nicht erscheinen; dagegen gilt für
fand- nur die Distribution des Präteritums, für -fand—des Partizips П; haus
ist an den Singular, häus- an den Plural gebunden u.a.m.
Die phonematische Ähnlichkeit oder Nichtähnlichkeit der Allomorphe
wird nicht in Betracht gezogen. In der Sprachwissenschaft unseres Landes
wird im Gegenteil anerkannt, dass das Vorhandensein von Allomorphen durch
ihre phonematische Ähnlichkeit bedingt sein muss, d.h. dass das Vorhan-
densein einer phonematischen Invariante als viertes Kriterium der Identität
des Morphems anzunehmen ist55. Von diesem Standpunkt aus enthalten die
suppletiven grammatischen Formen (sein, ich bin ... war, gut, besser u.a.)
keine Allomorphe, sondern unterschiedliche Wurzelmorpheme, die in ein
und demselben Paradigma vereinigt werden (zum Unterschied von lesen, du
liest — las; klug — klüger u. a. m., wo man es mit Allomorphen ein und
desselben Morphems zu tun hat). Auch sind die Verkleinerongssuffixe -chen
und -lein wie auch die partizipialen Suffixe -en und -t keine Allomorphe,
sondern verschiedene Morpheme, obwohl sie gleiche Funktionen erfüllen.
Das Vorhandensein von Allomorphen ist typisch für die Wurzelmorpheme
der starken Verben, auch oft der Substantive und der Adjektive. Dabei gilt
für die grammatische Abwandlung der Verben der Ablaut, die Tonerhöhung
und der Umlaut, z.B. geben — (du) gibst, gabst, gäbest, der Substantive und
der Adjektive nur der Umlaut, z.B. Schrank — Schränke, stark — stärker.
Die Allomorphe kennzeichnen auch manche Wurzelmorpheme bei der Wort-
bildung, wobei hier dieselben Prinzipien gelten wie bei der grammatischen
Abwandlung, wenn auch mit einigen Besonderheiten: stabil bleiben aber
immer die komplementäre Distribution und die phonematische Invariante.
Die Semantik kann mehr oder weniger variieren im Zusammenhang mit den
entsprechenden Wortbildungsprozessen, wobei aber das Wurzelmorphem
durch eine semantische Invariante gekennzeichnet wird, die das „Wortbil-
dungsnest" zusammenhält, man vgl.: der Garten — der Gärtner (ein Mann,
dessen Tätigkeit mit Gärten verbunden ist); der Berg — das Gebirge (meh-
rere Berge, eine Gesamtheit von Bergen); das Haus — das Gehäuse (Be-
hältnis nach der Art eines Hauses); singen — der Sänger (jmd., der singt);
warm — wärmen (warm machen); springen — der Sprung (die dem „sprin-
gen" entsprechende Aktion, gegenständlich gedacht) u.a.m. Während sich
die Sprache entwickelt, kann die semantische Verbindung zwischen den ety-
mologisch verwandten Wörtern verschwinden, und die Allomorphe des
Wurzelmorphems verwandeln sich in homonyme Wurzelmorpheme, z.B. Gift—
geben, Mitgift, Hof— höflich u.a.m.
Speziell ist zu betonen, dass die Allomorphe in der Wortbildung oft den
Allomorphen bei der grammatischen Abwandlung des Wurzelwortes ent-

95
sprechen, man vergleiche: der Garten — die Gärten und der Gärtner, der
Kranz — die Kränze und bekränzen; das Buch — die Bücher und das Büch-
lein; klug — klüger und ausklügeln; groß — größer und die Größe; stark —
stärker und die Stärke, stärken; trinken — trank — tränke — getrunken und
der Trinker, der Trank, der Trunk, tränken; bergen — birgst und der Berg,
das Gebirge; binden — band — bände — gebunden und die Binde, der
Band — die Bände, der Bund u.a.m.
Was das Kriterium „parallele" Konstruktionen angeht, so kommt es in
der Wortbildung nicht so konsequent wie bei der grammatischen Abwand-
lung zum Ausdruck. Wie schon gezeigt wurde, sind die Allomorphe in der
Grammatik und in der Worbildung identisch, aber das heißt durchaus nicht,
dass hier eine vollständige Symmetrie vorherrscht. So gibt es Fälle, wo ei-
nem in der Grammatik polyallomorphen Morphem nur ein monoallomor-
phes Morphem in der Wortbildung entspricht, und umgekehrt, man vgl.:
werben — wirbst — warb — würbe — geworben und die Werbung, der
Bewerber; klar — klarer und klären; Schule — Schulen und der Schüler
u.a.m. Diese Assymetrie lässt sich durch komplizierte historische Prozesse
erklären, die mit der Wortbildung verbunden sind.
Für die gebundenen Wortbildungsmorpheme (Präfixe und Suffixe) gel-
ten die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Morphemvariierung nicht. Nur
in einigen Fällen lässt sich eine ähnliche Erscheinung aussondern, wenn ne-
ben einem älteren Suffix, dessen Verbindung mit einem anderen Suffix oder
eine Verschmelzung mit dem Auslaut des Wortstammes im Wortbildungssy-
stem vorhanden sind; vgl.: -er, -ler, -ner, -aner, -ianer, -enser; -heit, -keit,
-igkeit; -ei, -erei, -elei u.a.m. In der Regel haben solche Suffixvarianten glei-
che kategoriale Bedeutung (siehe weiter unten) und werden durch komple-
mentäre Distribution gekennzeichnet, denn sie treten an verschiedene Stäm-
me — Lehr-er, Künst-ler, Schaff-ner, Amerik-aner, Hall-enser, Frei-heit,
Fröhlich-keit, Arbeitslos-igkeit, oder (wenn sie an ein und denselben Stamm
angehängt werden) verleihen sie den Wörtern verschiedene Bedeutung Neu-
heit — Neuigkeit. Was die Präfixe anbelangt, so verfügt die deutsche Spra-
che der Gegenwart nur über ein einziges Beispiel solcher Variation, und
zwar miss-: Misserfolg, -ernte, -ton, -laune usw. und Misse-tat. Präfixale
Allomorphe erscheinen in Entlehnungen: ad — assimilieren, Assistent, in —
illegal, irregulär56.
Wie bereits gesagt, lassen sich die deutschen Wörter im allgemeinen leicht
in Morpheme zerlegen; dabei hat jedes Morphem seinen eigenen Inhalt. Es
gibt aber auch Fälle, wo die Morphemanalyse mit Schwierigkeiten verbun-
den ist. Diese Fälle lassen sich nicht eindeutig erklären. Allgemein bekannt
ist, dass ein Kompositum oft Fugenelemente (Bindelemente) enthält, die die
beiden Komponenten miteinander verknüpfen. Formell fallen sie mit den
grammatischen Morphemen zusammen, und zwar mit den genitivischen Fle-
xionen oder den Pluralsuffixen der Substantive: -(e)s, -{e)n, -er, -e, -ens (sel-
ten), was ihrer Herkunft auch entspricht; (teilweise erscheint -e als Rest ei-
nes stammbildenden Elementes, vgl.: fr. nhd. gras-e-mücke, tag-e-lön; auch
nach einem verbalen Stamm wie in Werdegang, Nagetier u.a.m.).
96
In den meisten Fällen entspricht auch jetzt das Fugenelement den gram-
matischen Morphemen der ersten Komponente, vgl.: Tageslicht, Menschen-
kraft, Bücherschrank, Pferdestall. Als Ausnahmen sind zu nennen: das „un-
organische ,s'" nach einer Konstituente weiblichen Geschlechts, oft nach
„schweren" Suffixen, d.h. solchen, die mehrere Konsonanten enthalten: Wirt-
schaftsplan, Erholungsheim, Freiheitskampf u.a. und auch nach der Konsti-
tuente liebe — Liebesdienst, Liebespaar u.a. oder -n als Rest alter Kasusfor-
men Sonnenstrahl, Schwanenlied. Was die Semantik anbelangt, so entspricht
das Fugenelement bei weitem nicht immer der genitivischen oder der plura-
lischen Bedeutung der Verbindung, man vgl.: Jägersmann, Lieblingsbuch,
Kinderkopf, Städtename usw. Auch fehlt das Fugenelement da, wo es zu
erwarten wäre {Augapfel, Hausflur; schließlich gibt es strukturelle Varian-
ten mit gleicher Bedeutung (Schiff- und Schiffsbau, Herz- und Herzensbru-
der u.a.m.). So kann man zur Schlussfolgerung kommen, das Fugenelement
sei in der Gegenwartssprache kein regelrechtes Morphem, sondern nur ein
fakultatives Funktionszeichen der Verbindung von zwei Konstituenten mit-
einander, das teilweise infolge einer historischen Tradition, teilweise aus pho-
netischen Gründen, dabei aber bei weitem nicht immer konsequent genug
gebraucht wird. Das heißt, dass das Fugenelement eine Art von „leerem
Morph", ein strukturelles Element ohne Inhalt darstellt. Dasselbe gilt für das
„unorganische t" (auch „Übergangslaut" oder „Gleit-t" genannt): Dieses t
erscheint aus rein phonetischen Gründen innerhalb des Wortstammes zwi-
schen der Lautverbindung -en, -ne und einem wortbildenden Element: we-
sentlich, eigentlich, -wöchentlich; meinet-, deinetwegen u.a.m.
Eine andere Erscheinung liegt in den Fällen vor, wo neben einem regel-
rechten Wurzelmorphem oder einem Wortbildungselement sich ein Lautkom-
plex aussondern lässt, der weder zu der ersten noch zu der zweiten Art von
Morphemen gezählt werden kann. Das Wurzelmorphem kann natürlicher-
weise an der Komposition und an der affixalen Ableitung teilnehmen, aber
als Test bleibt die Möglichkeit, es als einziges stammbildendes Morphem zu
gebrauchen; vgl.: Lebensglück, Unglück, glücklich und das Substantiv Glück,
dessen Stamm dem Wurzelmorphem glück identisch ist. Gebundene Wort-
bildungsmorpheme — Präfixe und Suffixe — besitzen die Fähigkeit, serien-
weise in verschiedenen Wörtern zu erscheinen, wobei sie ihnen in der Regel
eine bestimmte kategoriale Bedeutung verleihen, man vgl.: Unglück, Un-
sinn, Undank (negative Bedeutung); rötlich, ärmlich, ältlich, säuerlich (Mil-
derung des durch das Grandmorphem ausgedrückten Merkmals). Ganz an-
ders steht es mit den Lautkomplexen innerhalb der Wortstämme, die weder
den Kriterien der Wurzelmorpheme noch der Wortbildungsaffixe entspre-
chen. Solche Lautkomplexe können unikalen Charakter haben oder in einer
ganzen Gruppe von Wörtern erscheinen. Unikalen Charakter haben Laut-
komplexe neben Wortstämmen: -gam in Bräutigam, -gall in Nachtigall, de-
inpemut u.a.m. und neben Wortbildungsaffixen:/<?>1'- in Ferkel, löff- in Löffel,
-ziefer in Ungeziefer, -geheuer in Ungeheuer, -ginnen in beginnen, -He?-en
in verlieren, -gessen in vergessen u.a.m. Solche Lautkomplexe erhalten in
der Fachliteratur verschiedene Benennungen: „Quasi morphe", „Submor-
7
2576 97
phe" u.a. Unserer Meinung nach ist hier der Ausdruck „Restelement" be-
rechtigt, obgleich solche Lautkomplexe historisch auf Morpheme zurückzu-
führen sind: in der Synchronie sind es unikale „Reste", die sich nach dem
Abstreichen der Wurzel- oder Wortbildungsmorpheme aussondern lassen.
Solche Wörter sind als Ganzheiten nur teilweise motiviert {Nachtigall ist
mit der Nacht verbunden; Ungeheuer hat negative Bedeutung u.a.m.) und
gehören zu den peripheren Gebilden, die den Wurzelwörtern naheliegen.
Eine andere Art von Lautkomplexen stellen solche Elemente dar, die eben-
falls nicht den Kriterien der regelrechten Morpheme entsprechen, aber zum
Unterschied von den „Restelementen" keinen unikalen Charakter haben: Sie
erscheinen in einem ganzen Wortnest neben verschiedenen Affixen. Solche
Wortnester sind zahlreich im Bestand der Entlehnungen, die mehr oder we-
niger eingedeutscht sind wie auch die entsprechenden Wortbildungsaffixe,
man vgl.: studieren, Student, Studium; demonstrieren, Demonstrant, Demon-
stration; elektrisch, Elektrizität, Elektrik u.a. Die Lautkomplexe stud-, de-
monst-, elektr- u.a. schlagen wir vor, „Pseudowurzeln" zu nennen, denn,
obgleich sie immer an Affixe gebunden sind, verleihen sie den Wörtern des
Wortnestes, die einander gegenseitig motivieren, ein und dieselbe Grundbe-
deutung.
Auch im Bestand der Entlehnungen gibt es Wörter mit unikalen „Rest-
elementen" wie bar- in Baron, balk- in Balkon u.a. Speziell sind Wörter zu
nennen, die aus zwei gebundenen Elementen bestehen, wobei schwer zu
bestimmen ist, welches Element als Pseudowurzel zu betrachten ist, man
vgl.: Kosmodrom, Kosmonaut, Aerodrom u.a. In den erwähnten Fällen, die
in der modernen Sprache recht verbreitet sind, wirken gleichzeitig zwei Fak-
toren: eine stets zunehmende Tendenz zur Entlehnung von ganzen Wörtern
und Wortbildungselementen, außerdem die Neigung zur Analogie, die in
der Wortbildung eine große Rolle spielt.

2.4.2. ANALYSE NACH DEN UNMITTELBAREN KONSTITUENTEN (UK)


Trotz der Wichtigkeit der Morphemanalyse spielt sie nur eine unterge-
ordnete, gleichsam vorbereitende Rolle für die allgemeine Wortanalyse —•
als lineare Zerlegung des Wortes in seine minimalen strakturell-semantischen
Elemente („Segmente"). W.Fleischer betont, dass „in die hierarchische Struk-
tur der Morphemkonstruktion einen Einblick erst die Analyse nach deren
unmittelbaren Konstituenten (immediate constituents, neposredstvenno so-
stavljajuseie) vermittelt57. Die Analyse nach den unmittelbaren Konstituen-
ten (weiter UK genannt) wurde von L. Bloomfield vorgeschlagen und später
von anderen Deskriptivisten entwickelt. Da die UK-Methode für die Analy-
se komplizierter Strukturen gilt, wird sie in erster Linie in der Syntax ge-
braucht; dabei sind die UK immer maximale Segmente, in die die zu analy-
sierende Konstruktion zerlegt wird. Strittig sind solche Fragen wie die obli-
gatorisch oder nicht obligatorisch lineare Teilung der Konstruktion, die nur
solche oder auch „diskontinuierliche" Anreihung der UK gestattet. Was das
Wort anbelangt, so gebraucht schon L. Bloomfield diese Analyse. Das er-
98
laubt ihm, den Unterschied zwischen Zusammensetzung und Ableitung aus
einer Wortgruppe festzustellen: letztere zählt er zu den „phrases derivati-
ves", z.B. oldmaidish (old maid + ish)5S.
Die erste Etappe der UK-Analyse des Wortes in der syntagmatischen Kette
besteht darin, dass der grammatische Teil, der aus grammatischen Morphe-
men besteht, vom lexikalischen Stamm getrennt wird. Die zweite Etappe der
UK-Analyse betrifft den lexikalischen Stamm und gehört zur Wortbildungs-
lehre. Dabei fallen die UK des Stammes nur in den einfachsten Fällen mit
den lexikalischen Morphemen zusammen, z.B.: un-frei, Frei-heit, Tisch- tuch.
Stellt der Stamm eine kompliziertere Struktur dar, so lassen sich die UK
weiter zerlegen, z.B. Freiheitskampf— die erste UK freiheits muss in frei +
heit zergliedert werden, Freiheitsbewegung besteht aus zwei weiter zerleg-
baren UK: frei + heit und beweg + ung. Die Fugenelemente wie -s- bei frei-
heit sind zu der UK zu zählen, nach der sie stehen.
Die Wortbildungsstrukturen lassen sich durch die UK bestimmen, die bei
der UK-Analyse die 1. Stufe darstellt. So ist Freiheitsbewegung ein Kompo-
situm, obgleich die beiden UK als suffixale Bildungen zu betrachten sind.
Die Bestimmungskomposita lassen sich stets in zwei UK zerlegen, unab-
hängig davon, aus wie viel Wurzelmorphemen sie bestehen. Was die additi-
ven (d.h. die kopulativen) Komposita angeht, so lassen sie sich in zwei oder
auch mehr als zwei UK teilen: schwarz-rot-golden; russisch-deutsch-fran-
zösisch u.a.m.
Aus den obigen Beispielen lässt sich schließen, dass sich die UK-Analy-
se des Wortstammes auf die Semantik der Konstruktion stützt, d.h., dass die
UK-Analyse durch die Transformationsanalyse zu ergänzen ist (siehe weiter
unten). Das ist besonders bei den Komposita zu beachten. Man vgl: Grund-
stücksbesitzer = Besitzer des (eines) Grundstückes; Kriegsschauplatz =
Schauplatz des Krieges; Arbeiterkinderferienlager = Ferienlager für Arbei-
terkinder u.a.m.
Nicht immer lässt sich die UK-Analyse leicht und eindeutig durchführen.
Es gibt Fälle, wo sich die UK nur auf der Morphemebene, nicht auf der
Ebene der Wortbildung aussondern lassen. So besteht das Substantiv der
Verkauf aus zwei Morphemen, die vom Standpunkt der Wortbildungsanaly-
se aus zwei Gründen keine UK sind: erstens ist ver- ein verbales Präfix (sie-
he weiter unten) und kann sich nicht unmittelbar mit nominalen Stämmen
verbinden; zweitens entspricht die Motivation von „Verkauf" nicht der Be-
deutung der Morpheme ver + kauf sondern der Bedeutung des Verbs ver-
kaufen — es handelt sich um den Prozess von „verkaufen", der gegenständ-
lich gedacht wird. Dasselbe gilt für Ratschlag — zu ratschlagen, Beifall —
zu beifallen u.a.m. Ein anderer Fall liegt vor, wenn sich eine doppelte Glie-
derung der Stämme ergibt, z.B. unglücklich - Unglück + lieh (suffixale Bil-
dung; Motivation = „Unglück haben") und wi + glücklich (präfixale Bil-
dung; Motivation = „nicht glücklich"); Veilchensträußchen = Veilchensträuß
+ chen (suffixale Bildung; Motivation = „kleiner Veilchenstrauß") und Veil-
chen + sträußchen (Kompositum; Motivation = „Sträußchen aus Veilchen")
u.a.m. Eine zweifache Zerlegung gilt auch für die „movierten" Feminina
7* 99
(d.h. für die Feminina, die von Personenbezeichnungen männlichen Ge-
schlechts abgeleitet sind) mit dem Suffix -in. Traditionell werden solche
Feminina in den Stamm der Maskulina und das Suffix -in zerlegt: Lehrer-in,
Arbeiter-in (wie auch Genoss{e)-in, Ärzt-in u.a.). Der Motivation nach ge-
statten sie aber auch eine andere Art von Teilung, und zwar: Lehr-erin = „eine
Frau, die lehrt", Arbeit-erin = „eine Frau, die arbeitet" u.a.m. — man vgl.
auch: Näh-erin, Wäsch-erin, Wöch-nerin, die keinen Maskulina entsprechen.
Schließlich ist zu erwähnen, dass in den Wortstämmen mit Restelemen-
ten und Quasiwurzeln diese Lautkomplexe als besondere Art von UK er-
scheinen, man vgl.: Demut = de + mut; Geziefer = ge + ziefer; vergessen =
ver + gessen; Veilchen = veil + chen u.a.m.

2.4.3. TRANSFORMATIONSANALYSE UND IHRE GRENZEN


Wie bereits erwähnt, wird die Transformation in der modernen Sprach-
wissenschaft auf verschiedenen sprachlichen Ebenen angewandt. Der Trans-
formationsanalyse, deren Quelle auf die generative Grammatik von Chomsky
zurückzuführen ist, liegt die Idee zu Grande, die Beziehungen zwischen Struk-
tur und Inhalt zu erfassen und sie unter Verwendung von äquivalenten Kon-
struktionen zu explizieren. Bei der Beschreibung der Wortbildung kann die-
se Art von Analyse verschiedenen Zwecken dienen. So kann sie auf frucht-
bare Weise zur Klärung der semantischen Beziehungen innerhalb des Wor-
tes verwendet werden, wenn die UK-Analyse nicht weiterführt. Sie ist eine
notwendige (oft unentbehrliche) Ergänzung der UK-Methode. Die Transfor-
mation hilft beim Erschließen der Wortmotivation, man vgl.: der Lehrer =
„jemand, der lehrt"; Mädchenschule = „Schule für Mädchen"; das Erdbeben
= „das Beben der Erde", „die Erde bebt"; das Abschiednehmen = Abschied
nehmen, „man nimmt (von jmdm.) Abschied" u.a.m.
Selbstverständlich begrenzt die Idiomatisierung wie auch jeder andere
Bedeutungswandel die Anwendung der Transformation.
Die Transformation kann als „indirekte" und „direkte" verwendet wer-
den. Im ersten Fall wird nur die Wortmotivation erschlossen (Lehrer — „je-
mand, der lehrt", u.a.); im zweiten Fall kann eine Konstruktion durch eine
andere ersetzt werden, ohne dass sich der Inhalt der Kommunikation we-
sentlich ändert. Die direkte Transformation spielt eine große Rolle bei der
Analyse der Komposita, denn sie lässt bestimmen, ob ein Kompositum einer
Fügung inhaltlich identisch oder nicht identisch ist. Somit können bestimm-
te Transformationsmodelle ausgesondert werden, die es ermöglichen, man-
che Serien von Komposita transformationell zu erschließen. Man vergleiche:
1. Komposita, deren 1. UK den Stoff und die 2. UK ein Ding aus diesem
Stoff bezeichnen — Typ Goldring, Ziegeldach, Milchsuppe. Hier sind zwei
Arten von Transformationsmodellen zu erwähnen: Substantiv + präpositio-
nales Attribut; Substantiv mit einem attributiven Adjektiv. Das erste Trans-
formationsmodell gilt für alle entsprechenden Komposita, das zweite hängt
davon ab, ob ein Adjektiv aus der ersten UK gebildet werden kann oder im
Deutschen fehlt.
100
Goldring — Ring aus Gold — goldener Ring; aber: Ziegeldach — Dach
aus Ziegeln.
2. Zusammengesetzte Adjektive mit einer partizipialen 2. UK, die die
Beziehung des „Vorhandenseins" (der Ausstattung) zum Ausdruck brin-
gen — Typ schneebedeckt — mit Schnee bedeckt; blumengeschmückt —
mit Blumen geschmückt; kissenbelegt — mit Kassen belegt u.a.m.
Es könnten noch manche andere Beispiele verschiedener Transforme
angegeben werden (siehe weiter unten).
Selbstverständlich weisen nicht alle Komposita (sogar mit ein und der-
selben 1. oder 2. UK) auf identische Transforme hin. So kann die UK, die ein
Metall bezeichnet, sich mit einer Ortsbestimmung verbinden, wobei das
Kompositum eine lokale Beziehung zum Ausdruck bringt (Goldgrube — in
der Bedeutung Goldlagerstätte). Dementsprechend werden sie auf anderen
Wegen transformationell erschlossen, man vgl. „Grube, wo Gold erzeugt
wird"...
Die Verwendung der Transformation bei der Analyse der Komposita hat
nicht nur theoretischen, sondern auch praktischen Wert sowohl für den Sprach-
unterricht als auch für die Lexikografie. Aber die Feststellung der Transfor-
me (in erster Linie für Komposita, die Seriencharakter aufweisen) bedarf
einer langwierigen Arbeit, die sich auf objektive Verfahren stützt.
Die direkte Transformation kann auch bei der affixalen Wortbildung ge-
braucht werden, z.B. erhärten — hart machen, das Ziel ist erreichbar —
kann erreicht werden u.a. Es muss aber betont werden, dass in der deutsch-
sprachigen Germanistik — besonders oft in der Germanistik der BRD — oft
die indirekte Transformation gebraucht wird, ohne dass ihre Grenzen ange-
geben werden, so finden wir in der Duden-Grammatik folgende Beispiele:
Willi streut Sand auf den Bürgersteig — Willi bestreut den Bürgersteig
mit Sand59 (bestreut enthält die Bedeutung der vollkommenen Bedeckung,
das im Verb streuen nicht vqrhanden ist).
Er hat Muskeln — er ist muskulös60.
Es muss auch in Betracht gezogen werden, dass sogar bei der nahen Be-
rührung einer Wortbildungsstruktur mit ihrer Transform auch eine stilisti-
sche Abwandlung meist vorhanden ist.

2.4.4. DIE MODELLIERUNG IN DER WORTBILDUNG

2.4.4.1. Die Grundwortbildungsmodelle


Das Wortbildungsmodell wurde oben definiert als „stabile Struktur, die
über eine verallgemeinerte lexikalisch-kategoriale Bedeutung verfügt und
geeignet ist, mit verschiedenem lexikalischen Material ausgefüllt zu wer-
den" (s. S. 80). Das heißt, dass es dem englischen Terminus „pattern" ent-
spricht. Es muss betont werden, dass ein Modell einen weiteren und einen
engeren Kreis von Strukturen umfassen kann, was davon abhängt, von wel-
chem Grad der Verallgemeinerung und Abstraktion man ausgeht. In diesem
101
Buch sind 13 Grundwortbildungsmodelle der deutschen Gegenwartsspra-
che festgelegt.
Erläuterung der Symbole:
M], M2 ... Grundmodelle der Wortbildung
L2 ••• sekundärer Stamm (Stamm des zu analysierenden Wortes)
Lj ... primärer Stamm oder Basis (der Stamm, der in den Bestand des
sekundären Stammes eingeht)
li ... primärer Stamm mit gesetzmäßiger Veränderung des Wurzelmor-
phems
DP ... Derivationspräfix (lexikalisches Präfix)
DS ... Derivationssuffix (lexikalisches Suffix)
R ... Restelement oder Pseudowurzel
Aufzählung der Modelle:
Die Modelle werden mit Hilfe der UK- Analyse bestimmt, d.h., dass die
UK den maximalen Segmenten der sekundären Stämme entsprechen.
M,: Lj=Lj — Modell der Wurzelstamme: Frau, gut, hier, geh(en)
M 2 :L 2 =L[ — Modell der impliziten Ableitung des Wortart-
oder L2=Lj + Gr wechseis: grün — das Grün; leben — das Leben
M 3 : L2=11 — Modell der impliziten Ableitung — des Wortart-
wechsels — mit Veränderung des Wurzelmor-
phems: krank — kränken; treiben — der Trieb
M 4 :L 2 =DP+L! — Modell der präfixalen Ableitung: die Urzeit •—
zeit; unschön — schön; erfinden —finden
M 5 : L 2 =DP+1, — Modell der präfixalen Ableitung mit Veränderung
des Wurzelmorphems: das Gehölz — Holz; be-
trunken — trinken
M6: L 2 =Lj+DS — Modell der suffixalen Ableitung: die Achtung •—
acht(en); gleichsam — gleich; endigen — end(en)
M 7 : L2=11 + DS — Modell der suffixalen Ableitung mit veränderter
Wurzel: der Gärtner — Garten; gründlich —
' Grund; lächeln — lachen
M 8 :L 2 =DP+L,+DS— Modell der präfixal-suffixalen Ableitung: das
Gelaufe — laufen; gestiefelt — Stiefel; beerdi-
gen — Erde
M9:L2=DP+11+DS— Modell der präfixal-suffixalen Ableitung mit ver-
änderter Wurzel: das Gehäuse — Haus; gehörnt •—
Hörn
M 10 :L 2 =L,+L! — Modell der Determinativkomposita: das Land-
haus — Land, Haus; kirschrot — Kirsche, rot;
weggehen — weg, gehen
M 1I :L 2 =L 1 +L I +L 1 — Modell der nicht-determinativen Komposita: das
Vergissmeinnicht — vergiss mein-(er) nicht; grün-
weißrot— grün, weiß, rot; der Ohnebart—ohne,
Bart, ohnedies — ohne, dies
102
M I2 : L 2 =L!+R — Modell der Komposita mit einem Restelement:
R+Lj die Nachtigall — die Nacht...; die Himbeere —
...beere
M 13 :L 2 =DP+R — Modell der affixalen Ableitung mit einem Rest-
R+D S element oder einer Pseudowurzel: Demut mut;
Löffel—...-el; Studium, studieren—...-ium, ...-ierien).
Obgleich die Wortbildungsmodelle mit Hilfe der UK-Analyse festgelegt
werden, wobei die UK nur in den einfachsten Fällen mit Morphemen zusam-
menfallen, werden hier der Anschaulichkeit wegen gerade die „einfachsten
Fälle" als Illustration angegeben.
Es können aber auch andere, kompliziertere Beispiele angeführt werden:
das Himmelblau — himmelblau (M2); das Ableben (M2) — abieben; betrei-
ben (M3) — Betrieb; der Urgroßvater — Großvater (M3); Verachtung —
verachten (M6); Arbeitererholungsheim (M10); russisch-deutsch-französisch;
das Tischleindeckdich (Mn) u.a.m.

2.4.4.2. Beschreibung der Wortbildungsmodelle


Mj — Modell der Wurzelwörter
Die Wurzelwörter haben in der modernen Sprache unabhängig von ihrer
Herkunft zwei Grandmerkmale: Ihr Stamm besteht nur aus einem Wurzel-
morphem; sie sind nicht motiviert. Als Ausnahme (in Bezug auf das 2. Merk-
mal) können schallnachahmende Wurzelwörter genannt werden (Interjek-
tionen: paff! piep! miau! auch Verben wie sausen, zischen u.a.), die einige
Forscher als „unmittelbar motivierte" betrachten. Das ist aber eine spezifi-
sche Art von Motivation, und zwar durch Schallnachahmung, die mit der
sprachlichen Semantik keineswegs verbunden ist.
Die Wurzelwörter bilden eine im synchronen Plan relativ geschlossene
Kategorie, denn ihre Entwicklung aus Ableitungen und Zusammensetzun-
gen (Typ Mensch, Adler) ist ein langwieriger Prozess, dessen Verlauf wir in
der gegenwärtigen Sprache weder beobachten noch voraussehen können.
Neue Wurzelwörter können nur im Resultat der Entlehnung entstehen, un-
abhängig davon, ob sie in der Sprache, aus der sie entlehnt werden, Wurzel-
wörter oder Nicht-Wurzelwörter sind, man vgl.: das Perlon, der Perkai, die
Wolga u.a.m. (über die Initial- und Kurzwörter siehe weiter unten). Auch
neue Schallnachahmungen können als Wurzelwörter entstehen, das sind je-
doch seltene Erscheinungen.
M2 und M3 — Modelle der impliziten Wortbildung (des Wortartwechsels)
Die beiden Modelle haben einige Besonderheiten, die sie von allen übri-
gen unterscheiden. Erstens können die entsprechenden Strukturen sowohl
Ein- als auch Mehrmorphemwörter sein; im zweiten Fall lassen sie sich nur
auf der Morphemebene und nicht vom Standpunkt der Wortbildung in die
UK zerlegen; in beiden Fällen (auch wenn es Einmorphemwörter sind) un-
terscheiden sie sich von den echten Wurzelwörtera dadurch, dass sie moti-
103
viert sind. Zweitens fehlt hier ein explizites Mittel der Wortbildung, d.h. ein
wortbildendes Affix, das es gestatten könnte, den sekundären Stamm von
dem primären zu unterscheiden. Zwar wird M3 durch allomorphe Stämme
gekennzeichnet, aber, wie bereits gezeigt, wird die Morphemidentität dabei
nicht verletzt.
Trotz der Identität der Stämme beim Vorhandensein der Allomorphe un-
terscheiden wir bei der Behandlung der Wortbildungsmodelle aus methodi-
schen Gründen Modelle ohne und mit Stammvariierung — siehe auch wei-
ter unten — Modelle der Präfigierung und der Suffigierung.
Die obenerwähnten Besonderheiten der Strukturen, die zu den Modellen
2 und 3 gehören, verursachen eine gewisse Schwankung, ja sogar Unsicher-
heit bei ihrer Schilderung auf synchroner Ebene. Es schwankt auch die Ter-
minologie: „innere Ableitung" (J. Grimm); „Ableitung ohne erkennbare Suf-
fixe", auch — für bestimmte Typen — „Konversion" und „Transfiguration"
(W. Henzen); „невыраженная производность" (E.S.Kubrjakova).
W. Fleischer widmet diesen Modellen besondere Aufmerksamkeit unter An-
wendung des Terminus „implizite Ableitung"61. Dabei ist er bestrebt, die
Wortmotivation, die sich teilweise auf die Transformation stützt, als Haupt-
kriterium der Unterschiede zwischen den primären und sekundären Stäm-
men anzunehmen. Von diesem Standpunkt aus („von historischen Erwägun-
gen ganz abgesehen") zählt er zu den von Substantiven abgeleiteten Verben,
z.B. fischen — „Fische fangen", loben, sägen u.a.m.; schauen muss umge-
kehrt als „motivierende Basis" des Substantivs Schau, d.h. das Substantiv
Schau als abgeleitet angesehen werden62. An einer anderen Stelle werden
starke und schwache Verben als „Basis der substantivischen Ableitung" (Fall;
Fang; Biss; Ritt; Dampf, Dank) betrachtet63. Trotz der Bemühungen des Ver-
fassers, die „implizite" Ableitung ausführlich zu behandeln, — das gehört
zu den Vorteilen seines inhaltsreichen und originellen Buches — scheint es
ihm nicht gelungen zu sein, das Problem in vollem Maße zu lösen. Der Grund
dafür ist darin zu suchen, dass der prozessuale Aspekt hier kaum angewandt
werden kann. Vom Standpunkt der historischen Entwicklung des Wortschat-
zes kann in der Regel bei der „impliziten Ableitung" der primäre Stamm
bestimmt werden; die Bemühungen aber, die Richtung der Ableitung vom
Standpunkt der Synchronie zu klären, scheitern an manchen Widersprüchen
(auch W.Fleischer schreibt von „Grenzfällen" und von „zwei Interpretati-
onsmöglichkeiten", z.B. für Paare wie Ruf— rufen, Schrei — schreien u.a.)64.
Man könnte eine andere Lösung dieser schwierigen Frage vorschlagen.
Da wir uns in diesem Fall auf synchroner Ebene auf kein strukturelles Merk-
mal stützen können, das semantische Merkmal aber nicht immer gilt, müs-
sen wir von der Tatsache ausgehen, dass ein und derselbe Stamm in ver-
schiedener morphologischer Distribution (d.h. in verschiedenen, jeder Wortart
entsprechenden Paradigmen) funktionieren kann. Das bestimmt auch die
syntaktische und semantische Distribution der betreffenden lexikalischen
Ganzheiten. Als semantische Invariante dient in der Regel eine der Bedeu-
tungen (meist die Grundbedeutung) oder eine der Bedeutungsschattierun-
gen, die die korrelativen Lexeme zusammenhält; die Stammstruktur bleibt

104
unangetastet oder variiert in den Grenzen der Allomorphe, d.h. der Identität
des Wurzelmorphems. Man vgl.: grün — grünen — das Grün; der Kauf—
kaufen, der Verkauf— verkaufen; der Trieb — treiben, der Betrieb — be-
treiben; der Rat — raten; der Trotz — trotzen — trotz (Präp.); seit (Präp.) —
seit (Konj.) u.a.m.
Dazu wären folgende Erläuterungen zu geben:
1. In allen erwähnten Fällen handelt es sich um korrelative Wortstämme;
das infinitivische Suffix -en wird von uns als grammatisches und nicht als
wortbildendes Suffix betrachtet, als Merkmal nur einer grammatischen Form,
das in den übrigen grammatischen Formen des Verbs fehlt, man vgl.: grün-
en, das Gras grün-t, grün-te...
2. Das grammatische Paradigma, das die morphologische Distribution
des Wortstammes bestimmt, fehlt bei den unflektierbaren Wortarten (Ad-
verb, Präposition, Konjunktion). Das gilt ebenfalls als Merkmal der betref-
fenden Wortart: die führende Rolle gehört hier der syntaktischen Distributi-
on — seit dieser Zeit..., seit ich hier wohne... .
3. Was die Semantik der korrelativen Wortarten anbelangt, so behauptet
jede von ihnen die sie kennzeichnende kategoriale Bedeutung: grün — Merk-
mal; das Grün — Gegenständlichkeit, grünen — Prozess; der Trotz — Ge-
genständlichkeit, trotzen — Prozess, trotz (Präp.) — Beziehung. Dabei ist
das Bedeutungsgefüge jeder von den korrelativen Wortarten unterschied-
lich, was in ihrer syntaktischen und semantischen Distribution seinen Aus-
druck findet. So bezeichnet das Adjektiv grün nicht nur eine der Grundfar-
ben, sondern auch einen noch nicht reifen Zustand (grünes Obst), es kann
auch auf eine fahle Gesichtsfarbe hinweisen; das Substantiv das Grün kann
als Bezeichnung der gegenständlich gedachten grünen Farbe gebraucht wer-
den, aber auch als Bezeichnung der Gesamtheit von grünen Blättern (das
erste Grün) oder der jungen Pflanzen; das Verb grünen drückt nur den Pro-
zess des Grünseins oder des Grünwerdens aus (auch andere Beispiele kön-
nen angegeben werden). Da die Glieder des betreffenden Wortnestes trotz
der verschiedenen kategorialen Bedeutung und des unterschiedlichen Be-
deutungsgefüges durch eine semantische Invariante (meist durch ihre Grund-
bedeutung) zusammengehalten werden, kann man sie „grammatische Hom-
onyme" nennen; fehlt eine solche Invariante, so handelt es sich um regel-
rechte lexikalische Homonyme, z.B. der Gang in der Bedeutung — „Flur,
Korridor" — und das Verb gehen; auch die Präposition trotz und das Sub-
stantiv der Trotz befinden sich an der Grenze der Homonymie.
Wie ersichtlich, kann das Modell2 (wie auch das Modell3) aus Gründen
der Tradition und auch dank der Unifizierung der Beschreibung der Wort-
strakturen „Wortbildungsmodell" genannt werden. In Wirklichkeit handelt
e
s sich um korrelative Wortarten, die im Schnittpunkt der Grammatik und
der lexikalischen Semantik stehen und sich gegenseitig motivieren. Am be-
sten passt hier der Ausdruck „Wortartwechsel", falls man diesen Terminus
nicht im prozessualen, sondern im analytischen Sinn gebraucht. Dabei ist
anzunehmen, dass sich in einigen Fällen zwischen den Gliedern der korrela-
tiven Lexeme bestimmte semantische Beziehungen unifizieren lassen, die
105
mit Hilfe der Transformation erschlossen werden. Solche Beziehungen ver-
binden z.B. manche Adjektive und korrelative transitive (faktitive) und intran-
sitive (inchoative) Verben: etwas bereiten — bereit machen; kürzen — kurz
machen; bessern — besser machen; grünen — grün sein {werden); reifen —
reif werden; gleichen — gleich sein; gesunden — gesund werden u.a.m.
Es gibt im Deutschen eine kleine Gruppe von korrelativen Wörtern, die
zu ein und derselben Wortart (und zwar zum Verb) gehören und durch kau-
sative Beziehung miteinander verbunden sind: fällen —fallen lassen {ma-
chen), setzen — sitzen lassen {machen), legen — liegen lassen {machen),
tränken — trinken lassen. Die Bildung solcher Verben ist nicht mehr pro-
duktiv.
Innerhalb des Wortartwechsels sind zwei Fälle zu erwähnen, wo sich der
primäre Stamm deutlich von dem sekundären unterscheiden lässt. Es han-
delt sich um den Übergang anderer Wortarten in die Klasse der Substantive,
wobei das substantivische Paradigma nicht angenommen wird. So bei der
Substantivierung der Adjektive: alt — der Alte, ein Alter, zwanzigjährig —
der Zwanzigjährige, ein Zwanzigjähriger — in diesen Fällen ist das Sub-
stantiv eine sekundäre Struktur. Anders, wenn sich eine grammatische Wort-
form in den lexikalischen Stamm einer unterschiedlichen Wortart verwan-
delt: bei der Substantivierung des Infinitivs {lesen — das Lesen, aufstehen —
das Aufstehen, weggehen — das Weggehen u.a.), auch bei der Adverbiali-
sierung des substantivischen Genitivs des Abends — abends; des Tages —
tags; {-s hat sich hier schon in ein adverbiales Suffix verwandelt, das als
Merkmal eines Adverbs dient). Bei der Substantivierung der Partizipien sind
gleichzeitig zwei Merkmale des sekundären Charakters des Substantivs vor-
handen: der Übergang der partizipialen verbalen Wortform in seinen lexika-
lischen Stamm und das Vorhandensein des adjektivischen Paradigmas {ge-
lehrt — der Gelehrte, ein Gelehrter; lächelnd — die Lächelnde, der Lä-
chelnde u.a.)65.
M4 und M5 — Modelle der präfixalen Ableitung
Der Tradition unserer Linguistik folgend, betrachten wir zum Unterschied
von manchen ausländischen Germanisten die Präfigierung als Unterart der
affixalen Ableitung, denn es handelt sich, ebenso wie bei der Suffigierung,
um Strukturen, deren UK einen primären Stamm und ein Wortbildungsmor-
phem darstellen. Der formale Unterschied zwischen der Präfigierung und
der Suffigierung besteht in der Reihenfolge der UK: das Präfix steht vor, das
Suffix nach dem primären Stamm. Das Suffix besitzt die Fähigkeit, eine
Wortart in eine andere Wortart zu transponieren. Diese Fähigkeit ist bei den
Präfixen beschränkt: sie gilt nur für die verbalen Präfixe (außer ge- und
miss-) und für das substantivische Präfix ge- (siehe weiter unten).
Zu den Präfixen (wie auch zu den Suffixen) zählen wir zum Unterschied
von einigen Linguisten, unter ihnen auch W. Fleischer (siehe weiter unten),
nur gebundene lexikalische Morpheme, die weder lautlich noch semantisch
einem Wurzelmorphem entsprechen. Das unterscheidet sie von den „Halb-
affixen", die sich in verschiedenem Maße den Affixen nähern (siehe weiter
106
unten). W. Fleischer, der das affixale System der deutschen Sprache viel aus-
führlicher als je untersucht, nennt 10 „echte" (von unserem Standpunkt aus)
deutsche (und vollständig verdeutschte) und 21 Präfixe fremder Herkunft
(die Anzahl der letzten könnte vergrößert werden). Da wir in unserem Buch
in erster Linie das Ziel verfolgen, die Verwendung der Methoden der Wort-
bildungsanalyse zu behandeln und dabei die Grundbesonderheiten des deut-
schen Wortbildungssystems zu klären, begnügen wir uns mit einer knappen
Darstellung des präfixalen Systems, indem wir alle deutschen Präfixe und
die gebräuchlichsten fremden Präfixe nach ihrer Verwendung in den Wort-
arten gruppieren.
Präfixe der Substantive: 1. deutsche (und vollständig verdeutschte) Präfi-
xe: erz- ge-, miss- (misse-), un-, ur-; 2. fremde Präfixe: a-, anti-, auto-, ex-,
extra-, hyper-, in-, inter-, ко- (коп-), такт-, mikro-, mini-, mono-, poly-,
pseudo-, re-, super-, ultra-, vize-.
Präfixe der Adjektive: 1. deutsche (und vollständig verdeutschte) Präfi-
xe: erz-, ge-, miss-, un-; 2. fremde Präfixe: a-, anti-, extra-, hyper-, in-,
inter-, такт-, mikro-, mono-, poly-, super-.
Präfixe der Verben: 1. deutsche Präfixe: Ье-, ent-, emp-, er-, ge-, miss-,
ver-, zer-, 2. fremde Präfixe: de-, dis-, ex-, ко-, re-.
Die deutschen Präfixe sind produktiv (Ausnahmen ge- bei den Adjekti-
ven, ge- bei den Verben; misse bei den Substantiven — Variante des
Präfixes miss-, das verbale Präfix emp-); die von uns erwähnten fremden
Präfixe sind entweder produktiv oder mehr oder weniger aktiv. Trotz der
verhältnismäßig geringen Anzahl der Präfixe im modernen Deutsch spielen
sie im Wortbildungssystem doch eine bedeutende Rolle. Dabei verbinden
sich die meisten fremden Präfixe sowohl mit primären Wortstämmen als auch
mit Restelementen und Pseudowurzeln; diese Besonderheit kennzeichnet
ebenfalls (wenn auch in geringerem Maße) die deutschen Präfixe, man vgl.:
Gehölz und Gemahl, Unmensch und Ungeheuer, misstreu und misshellig,
verreisen und verlieren, beherrschen und beginnen u.a.m. Die meisten Prä-
fixe sind unbetont; als Ausnahmen sind zu nennen: un- und ur- bei den Sub-
stantiven ('Unglück, 'Urfeind) und ur- bei Adjektiven, das entweder die
Hauptbetonung trägt ('uralt) oder durch eine schwebende Betonung gekenn-
zeichnet wird (bei der Funktion der Verstärkung: 'ur'komisch), und miss-
bei den Verben, wenn der primäre Stamm ein präfixaler ist (in diesem Fall
wird miss- schwach betont: missverstehen).
Es ist bemerkenswert, dass mehrere Präfixe nicht in einer, sondern in
zwei oder drei Wortarten gebraucht werden, und zwar: erz- (Subst., Adj.),
ge- (Subst., Adj., Verb), miss- (Subst., Adj., Verb), un- (Subst., Adj.), ttr-
(Subst., Adj.), ex- (Subst., Verb), extra- (Subst., Adj.), mter-(Subst, Adj.),
makro- (Subst., Adj.), mikro- (Subst., Adj.), mono- (Subst., Adj.), poly-
(Subst., Adj.), super- (Subst., Adj.), re- (Subst., Verb). Dabei muss betont
werden, dass die lautlich zusammenfallenden Präfixe auch semantisch iden-
tisch oder fast identisch sind; als Ausnahme gilt das Präfix ge-, das den Sub-
stantiven die Bedeutung der Abstrakta — Gebrüll, Geheul, Gefühl — oder
der Kollektiva — Gehölz, Gebäck, Gebüsch — verleiht, bei Adjektiven und
107
Verben desemantisiert ist: getreu, gestreng, gehorchen, geziemen, d.h., dass
es sich um homonyme Präfixe handelt.
M6 und M7 — Modelle der suffixalen Ableitung
Die Wortbildungssuffixe der deutschen Gegenwartssprache sind viel zahl-
reicher als die Präfixe; W. Fleischer nennt circa 48 deutsche und 35 entlehn-
te Suffixe (wir zählen aber zu den Suffixen ebenso wie zu den Präfixen nur
vollständig gebundene Morpheme). Es gibt manche gleichlautende Suffixe,
die verschiedene Wortarten bilden; sie sind aber in der Regel semantisch (oft
auch etymologisch) unterschiedlich und gelten als homonyme Morpheme.
Bemerkenswert ist auch, dass einige substantivische Morpheme dem Sub-
stantiv verschiedenes Geschlecht geben. Es gibt Suffixvarianten, die den zu
bildenden Lexemen gleiche kategoriale Bedeutung zugeben (solche Varian-
ten geben wir in Klammern an).
Suffixe der Substantive männlichen Geschlechts: Deutsche Suffixe:
-bold, -e, -el, -er(-ler, -ner, -aner, -ianer, -enser, -iker), -icht, -ian (-jan), -ing,
-ling, -rieh, -sei, -ung; fremde Suffixe: -al, -an, -ant, -ar (-är), -at, -ent, -et,
-eur (-ieur), -ier -ismus {-asmus), -ist, -it, -on, -or (-ator). Am produktiv-
sten sind: -er (wie auch die meisten seiner Varianten), -ling, -ant, -ent, -eur
{-ieur), -ismus, -ist, -пот, -or (die fremden Suffixe kennzeichnen fast aus-
schließlich Entlehnungen). Als unproduktiv gelten: -e, -ing, -ung, -sei, die
meist neben Restelementen stehen: Schütze, Kampe, Hering, Messing, Stöp-
sel; einige bilden Familiennamen: Adelung, Hartwig. Die übrigen deutschen
und alle fremden Suffixe der Maskulina sind mehr oder weniger aktiv.
Suffixe der Substantive weiblichen Geschlechts: Deutsche Suffixe:
-e, -ei (-erei, -elei), -de, -heit {-keit, -igkeii), -icht, -in (-erin, -nerin), -nis, -
sal, -schaft, -t, -ung; fremde Suffixe: -ade (-iade), -age, -el, -enz (-anz),
-esse, -isse, -ide, -ie (-erie), -iere, -ik (-atik), -ion (-ation), -ose, -tat (-ität),
-ur. Besonders produktiv sind: -heit (mit seinen Varianten), -in, -schaft,
-ung; unproduktiv sind -de, -icht; die übrigen deutschen und alle fremden
Suffixe der Feminina sind mehr oder weniger aktiv.
Suffixe der Substantive sächlichen Geschlechts: Deutsche Suffixe: -chen,
-el, -lein, -nis, -sal (-sei), -tum; fremde Suffixe: -al, -ament (-ement), -at
(-iat), -är, -ent, -et, -eur, -ier, -пот. Produktiv sind: -chen, -lein, -tum, -el,
-nis, -sal (-sei), die fremden Suffixe sind mehr oder weniger aktiv.
Wie ersichtlich, sind die Suffixe der Feminina am zahlreichsten; ihnen
folgen die Suffixe der Maskulina; die kleinste Anzahl bilden die Suffixe der
Neutra. In der Regel erscheinen die Suffixe als Merkmal des grammatischen
Geschlechts: Eine Ausnahme bilden: -e sowohl bei den Maskulina der Jun-
ge, Schütze als auch bei den Feminina die Tiefe, Schere; -el bei den Masku-
lina der Flügel, Deckel wie bei den Neutra das Bündel, Mädel; -nis bei den
Feminina die Kenntnis, Finsternis und bei den Neutra das Geheimnis, Bünd-
nis; -sei (vereinzelt beim Maskulinum: der Stöpsel), sonst bei den Neutra
das Rätsel, Geschreibsel; -tum fast ausschließlich bei den Neutra das Eigen-
tum, Altertum; vereinzelt bei den Maskulina der Reichtum, Irrtum; auch
manche fremde Suffixe -al; der Admiral, das Kapital; -ar. der Bibliothekar,

108
das Glossar, -at: der Kandidat, das Lektorat; -ent: der Student, das Monu-
ment; -et: der Prolet, das Paket; -eur. der Kommandeur, der Monteur, das
Odem; -ier. der Kanonier, das Plaisier; -пот: der Agronom, das Metro-
nom u.a.
Suffixe der Adjektive: Deutsche Suffixe: -bar, -en {-ern), -er, -haft,
-ig (-artig, -förmig, -haltig, -malig, -mäßig), -isch (-itisch), -lieh (-tlich),
-sam; fremde Suffixe: -abel (-ibel), -al (-ial), -ant (-ent), -el (-iett), -esk, -iv,
-os (-ös).
Die Anzahl der adjektivischen Suffixe ist im Vergleich zu den substanti-
vischen gering; dagegen sind alle deutschen Suffixe produktiv, die fremden
Suffixe aktiv, das heißt, dass die Suffigierang bei der adjektivischen Wort-
bildung eine große Rolle spielt. Bemerkenswert ist das Vorhandensein von
mehreren zweisilbigen Varianten des Suffixes -ig. Der Herkunft nach gehen
sie auf Zusammensetzungen zurück: Eigenart — eigenart-ig. Flaschen-
fonn —flaschenfönn-ig oder auf Wortgruppen (Art eines Affen — affen-
artig, andere Art—andersart-ig). Wir zählen sie zu den erweiterten Varian-
ten des Suffixes -ig, sind aber der Meinung, dass es sich hier oft um zwei
Möglichkeiten der Zerlegung des Wortstammes in die UK handelt, eigenart+ig
und eigen + artig. Der Umlaut auf -förmig gestattet nur eine Art der Zerle-
gung:fletschen-,glocken-, ketten-, birnen-förmig u.a.m.
Suffixe der Numeralien: Wie bekannt, bilden die Numeralien eine un-
begrenzte Wortklasse, da auch das Zählen, das ihnen zu Grande liegt, keine
Grenzen hat. Bemerkenswert ist aber, dass alle Numeralien aus einer gerin-
gen Zahl von Wurzelwörtern (durch Suffigierung und Zusammensetzung)
entstehen; es sind: eins bis zwölf, hundert, tausend, Million (Trillion, Qua-
drillion...). Zu den Suffixen der Kardinalia gehören: -zig (-ßig); der Ordina-
lia: -t, -st; die Bruchzahlen erhalten die Suffixe -tel und -steh Die Multipli-
katiya zählt man auch zu den Adjektiven und Adverbien je nach ihren gram-
matischen Merkmalen, oder man nennt sie „adjektivische und adverbiale
Multiplikativa", was durchaus berechtigt ist, denn sie werden ebenfalls aus
den mineralischen Wurzelwörtern gebildet. Die ersten erhalten das Suffix
•erlei, das unflektierte Formen bildet (zwei-, dreierlei Fragen), -malig (eine
Verbindung von -mal + ig; die auf diese Weise gebildeten Multiplikativa
lassen eine zweifache Zerlegung in die UK zu: zwei-malig und zweimal +
fe). fach und -faltig; die zweiten werden mit Hilfe des Suffixes -ens gebil-
det (drittens; die Basis ist der Stamm der Ordinalia).
Suffixe der Verben: Die verbalen Suffixe lassen sich in solche Suffixe
einteilen, die Vokale enthalten, und in „konsonantische", die nur aus Kon-
sonanten bestehen, d.h. nur als Bestandteile einer Silbe zu betrachten sind.
Zu den ersten gehören: deutsche Suffixe -el(n), -enz(en), -er(n),-ig(en), -
itz(en); das fremde Suffix -ier(en), -(is)ier(en), -(ifiz)ier(en)\ zu den zwei-
ten: -ch(en), -s(en), -sch(en), -tsch(en), -z(en). Recht produktiv ist das
fremde Suffix -leren wie auch seine Varianten; -ig(en) und-er(n) sind
unproduktiv. Die übrigen Suffixe scheinen nur bei der Bildung schall-
nachahmender Verben aktiv zu sein: lispeln, knirschen, piepsen, sonst er-
scheinen sie nur relikthaft. Im Allgemeinen spielt die Suffigierang bei den
109
Verben, zum Unterschied von den Nomina, eine viel geringere Rolle als
die Präfigierung.
Suffixe der Adverbien: Die adverbialen Suffixe sind nicht zahlreich. Es
sind -lieh, -sam, -wärts, -lei{-erlei), -s(-dings, -lings), -st. Besonders pro-
duktiv ist -s; unproduktiv ist -sam; die übrigen scheinen mehr oder weni-
ger aktiv zu sein.
Wie aus der Schilderung des suffixalen Systems folgt, spielt die Suffigie-
rung eine bedeutende Rolle im deutschen Wortbildungssystem, besonders
bei den Nomina. Die Grundfunktion der Suffixe besteht darin, dass sie als
Merkmal einer Wortart erscheinen, wobei jede Wortart durch ihre eigenen
Suffixe gekennzeichnet wird. Wie schon oben gesagt, gibt es Suffixe ver-
schiedener Wortarten, die lautlich zusammenfallen, oft auch etymologisch
verwandt sind; dennoch sind es grammatische und meist auch lexikalische
Homonyme, z.B.: -er bei Substantiven Lehrer, bei Adjektiven Leningrader
(Straßen), bei Verben plappern; -sam bei Adjektiven {einsam) und verein-
zelt bei Adverbien {gleichsam), auch manche fremde Suffixe. Als Homony-
me sind auch gleichlautende substantivische Suffixe zu betrachten, die den
Substantiven verschiedenes grammatisches Geschlecht verleihen, wie -e bei
den Maskulina und Feminina, -nis und -sal bei den Maskulina und Neutra
u.a.m. (siehe oben). Bemerkenswert ist auch, dass die fremden Suffixe wie
auch die fremden Präfixe recht zahlreich und — wenn auch nicht immer
produktiv — doch mehr oder weniger aktiv sind.
Mg und M9 — Modelle der präfixal-suffixalen Ableitung
Die Besonderheiten dieser Strukturen bestehen darin, dass sie sich in die
UK verschieden zerlegen lassen: Präfix + primärer Stamm + Suffix, oder:
primärer Stamm mit einer diskontinuierlichen gebundenen UK, die sich weiter
in Präfix und Suffix teilen lässt, man vgl.: DP+L^IO+DS oder L^li) + DP, DS.
Solche Strukturen sind nicht zahlreich und spielen keine bedeutende Rolle
im Wortbildungssystem der deutschen Gegenwartssprache. Bemerkenswert
ist auch, dass der primäre Stamm in der Regel ein Wurzelmorphem ist.
Präfixal-suffixale Substantive: Es sind de verbau ve und denominative
Strukturen mit dem Präfix ge- und meist mit dem Suffix -e (seltener mit
einigen anderen Suffixen), man vgl.: Gefrage, Gelaufe, Gebrülle, Gespiele,
Geschreibsel, Gebirge, Gebäude. Ableitungen mit verbalen Stämmen sind
produktiv, mit nominalen Stämmen nur aktiv. Relikthaft sind einige Bildun-
gen mit Restelementen: Genösse, Gemüse, Gesinde u.a. Die Hauptbetonung
fällt in der Regel auf das Wurzelmorphem.
Präfixal-suffixale Adjektive: Diese Strukturen, die recht produktiv sind,
werden nach dem Modell der Partizipialformen der schwachen Verben ge-
bildet, ohne dass ein Verbalparadigma dazu existiert, man vgl.: gestiefelt,
befrackt, entmenscht, vertiert, zertalt (am produktivsten sind Bildungen mit
dem Präfix ge-). Das Suffix -t und das Präfix ge- fungieren in diesem Fall als
lexikalische, nicht als grammatische Morpheme.
Präfixal-suffixale Verben: Diese Strukturen sind weder aktiv noch zahl-
reich, man vgl.: beerdigen, befriedigen u.a.
110
Wie schon gesagt, zählen wir das verbale Suffix -en zu den grammati-
schen Merkmalen, zum Unterschied von W. Fleischer, der solche Einhei-
ten wie beglasen, zerstücken u.a. als präfixal-suffixale Verben betrachtet.
M10 — Modell der determinativen Komposita
Dieses Modell spielt in der deutschen Gegenwartssprache (siehe weiter
unten S. 123) eine besonders große Rolle und ist typisch für Substantive,
Adjektive, Numeralien und Verben. Drei Grandmerkmale kennzeichnen das
Modell: erstens ist die hierarchische Struktur der entsprechenden Konstruk-
tionen immer binär, d.h., sie lassen sich in zwei UK teilen, unabhängig von
der Anzahl der sie konstituierenden Morpheme; zweitens wird die Wortart,
zu der die Konstruktion gehört, durch die 2. UK bestimmt; drittens ist die
Beziehung der ersten UK zu der zweiten, die die Wortmotivation bestimmt,
(im zweiten Sinne des Wortes) determinierend. Vom formalen Standpunkt
aus lassen sich die determinativen Komposita in drei Arten teilen: echte (ei-
gentliche) Komposita, deren UK sich miteinander unmittelbar verbinden:
Lichtstrahl, Schreibtisch, dunkelblau; unechte (uneigentliche) Komposita,
die ein Fugenelement enthalten: Tageslicht, kinderleicht, Sonnenstrahl, Wer-
degang; Zusammenriickungenrd.h. solche Komposita, die der Struktur und
der Stellung ihrer UK nach mit den aus den UK entsprechenden Lexemen
gebildeten syntaktischen Fügungen identisch sind — man vgl.: Krausemin-
ze, weitberühmt, gutaussehend, zweihundert, dreitausend, wachliegen, em-
porsteigen, u.a.m. Die Termini „echte" („eigentliche"), „unechte" („unei-
gentliche") Komposita hat J. Grimm eingeführt. Wir gebrauchen sie der Tra-
dition folgend, obgleich sie nicht motiviert sind. Unsere Definition der „Zu-
sammenrückung" entspricht im Allgemeinen der Definition von 0. Behag-
hel, der darunter „eine ganz lose Art von Zusammensetzung" versteht, „wenn
Wörter, die im Satz häufig nebeneinander stehen, zur Einheit zusammenge-
fasst werden, ohne dass bei der Vereinigung eine Veränderung eintritt, sei es in
der Beziehung der Teile untereinander, sei es in ihrem Verhältnis zu den be-
nachbarten Teilen der Rede"66. Innerhalb der determinativen Substantive sind
die Zusammenrückungen selten: die meisten Komposita dieses Modells gehö-
ren zu den „echten" und „unechten" Zusammensetzungen; dasselbe gilt für
die Adjektive, wo aber die Zusammenrückungen häufiger erscheinen; was die
zusammengesetzten Verben angeht, so können sie zu den determinativen Zu-
sammenrückungen gerechnet werden unter der Bedingung, dass die erste sub-
stantivische Komponente den Artikel verliert, man vgl.: teilnehmen, haushal-
ten, achtgeben u.a. (das kennzeichnet übrigens auch die meisten festen Wort-
komplexe dieser Art: Abschied nehmen, Gefahr laufen, Wache stehen u.a.).
Der Hauptakzent fällt bei den determinativen Komposita auf die betonte
Silbe der ersten UK, eine schwächere Betonung erhält die betonte Silbe der
zweiten UK.
M u — Modell der nichtdeterminativen Komposita
Es handelt sich dabei eigentlich nicht um ein Modell, sondern um mehre-
re Modelle, die durch folgende gemeinsame Merkmale gekennzeichnet sind:
111
Die entsprechenden Komposita sind immer Zusammenrückungen; sie kön-
nen mehr als zwei UK einschließen, d.h., dass sie nicht unbedingt binär zu
gliedern sind. Dazu gehören: 1. kopulative (additive) Komposita, deren UK
anreihend miteinander verbunden sind (wie Glieder einer syntaktischen
Wortreihe): Dichterkomponist, Strichpunkt, deutsch-russisch, taubstumm,
dreizehn, einundzwanzig, hundertzweiunddreißig; 2. die sogenannten Impe-
rativnamen, d.h. substantivierte Imperativsätze (mit und ohne Anrede): das
Tischleindeckdich, das Vergißmeinnicht, der Taugenichts; 3. substantivierte
präpositionale Gruppen: der Ohnebart; 4. zusammengesetzte Adverbien:
geradeaus, bergauf, meistenteils; 5. einige gelegentliche Verschmelzungen
von Lexemen, die im Satz nebeneinander stehen: ein Maßvoll, eine Hand-
voll, das Vaterunser. Produktiv sind die Komposita, die zur ersten Gruppe
gehören, d.h. Substantive, Adjektive, Numeralien und die adverbialen Kom-
posita (4. Gruppe). Substantivierte präpositionale Gruppen (3. Gruppe) sind
selten; die übrigen Strukturen scheinen mehr oder weniger aktiv zu sein. Die
Betonung unterliegt keinen festen Gesetzmäßigkeiten, sie hängt von den
Einzelbildungen und auch von der verschiedenen syntagmatischen Umge-
bung der Lexeme ab.
M12 — Modell der Komposita mit einem Restelement
Diese Strukturen sind das Resultat historischer Prozesse, d.h. dass die
„Restelemente" den Stämmen solcher Wörter entsprechen, die als selbstän-
dige Lexeme verschwunden sind und sich nur noch vereinzelt als „gebunde-
ne UK" eines Wortstammes erhalten haben. Sie können sowohl die erste als
auch die zweite Stelle einnehmen, man vgl.: Demut (dio-ahd. „Knecht");
Brombeere (brama — ahd. „Dornstrauch"); Nachtigall (gala — ahd. gehört
zu einem untergegangenen Verb galan — „singen"); Werwolf(wer — ahd.
wer, got. wair — „Mann"). Solche Wörter sind selten und gehören zu den
peripheren Strukturen sowohl innerhalb der Zusammensetzungen als auch
innerhalb der Wurzelwörter. Dazu gehören einzelne Substantive, darunter
auch geographische und Familiennamen: Heidelberg, Wiesbaden; Dessel-
mann, Brinkmann u.a.m.) und einige desubstantivische Verben, deren Basen
untergegangen sind: brandmarken, willfahren u.a.
M13 — Modell der affixalen Ableitung mit einem Restelement oder einer
Pseudowurzel
Dieses Modell zerfällt in zwei Unterarten: zur ersten Unterart gehören
einzelne deutsche Strukturen mit Präfixen oder Suffixen, die neben Einzel-
elementen, die keinen Wortstämmen mehr entsprechen, ihre Wortbildungs-
funktion beibehalten; zur zweiten Unterart — meist Entlehnungen, die mit
ein und demselben Grundelement ganze Wortnester bilden. Die Wörter der
ersten Art und die zum 12, Modell gehörenden Zusammensetzungen können
verschiedene Wortarten sein: Substantive •*— t/ngeziefer (man leitet es aus
ahd. ze'bar— „Opfertier" ab); LöffeZ (zu einem noch mundartlich gebrauch-
ten Verb laffen man vgl. „lecken"); auch geographische und Personennamen
München, Dietrich; Adjektive — billig (in der Geschichte der Sprache im-

112
mer nur suffixales Wort), wragestüm (gestiieme = „sanft", schon im Mhd.
selten); Verben — gewinnen (winnan = ahd. „sich mühen", „leisten"), verlie-
ren (auch in altgermanischen Sprachen nur mit einem Restelement als 2.
UK bekannt) u.a.m. In allen diesen Fällen handelt es sich um einzelne Rest-
elemente.
Auch innerhalb der Entlehnungen gibt es Einzelbildungen mit einem
Suffix und einem Restelement, z.B., Elefant, Komet, Baron u.a.
Zur zweiten Art gehören zahlreiche Entlehnungen mit „Pseudowurzeln",
die sich in mehreren etymologisch und semantisch verwandten Wörtern wie-
derholen, ohne dass das sie vereinigende Element einem selbständigen Wört-
stamm entspricht: studieren, Student, Studium; demonstrieren, Demonstrant,
Demonstration; elektrisch, Elektrizität, elektrifizieren, Elektron u.a.m. Man-
che Forscher zählen sie zu regelrechten Ableitungen, deren primärer Stamm
gekürzt wird. Unserer Meinung nach sind es periphere Bildungen, die zwar
einander motivieren, aber nur „Pseudowurzeln" enthalten, die immer als
gebundene Elemente des Wortstamms funktionieren.

2.4.4.3. Wortbildungsstrukturen als Varianten der Grundmodelle


Initial- und Kurzwörter Sowohl die Initialwörter im eigentlichen Sinn
dieses Terminus als auch verschiedene Arten von Kurzwörtern entstehen
aus sprach-ökonomischen Gründen als eine Art Reaktion gegen die Bildung
schwerfälliger, mehrgliedriger Zusammensetzungen. Die Initialwörter be-
stehen aus aneinander gereihten Großbuchstaben, die die Anfangslaute der
Vollform bezeichnen. Die Aussprache der Initialwörter folgt am häufigsten
den Benennungen der Buchstaben: VEB* [faoe:be: ] = „Volkseigener Be-
trieb"; ebenso FDJ* = „Freie Deutsche Jugend", ZK* = „Zentralkomitee",
ZKSK = „Zentrale Kommission für Staatliche Kontrolle" u.a.m., wobei, wie
die Beispiele zeigen, den Initialwörtern Komposita („Handelsorganisation"),
öfter aber Fügungen wie „Volkseigener Betrieb" zu Grande liegen; der letz-
te Bestandteil erhält einen etwas stärkeren Druckakzent. Auch können (was
aber seltener zu beobachten ist) die den Initialbuchstaben entsprechenden
Laute einheitliche Lautkomplexe bilden wie iga [i:ga] = „Internationale Gar-
tenbau-Ausstellung", WOK [wo:k] = „Wäsche ohne Kochen" u.a.m. Eine
dritte Unterart bilden „Silbenwörter", in denen Anfangssilben oder andere
(willkürlich gewählte) Wortteile gekoppelt werden: Spowa - „Sportwaren-
haus", Nirosta = „nicht rostender Stahl" u.a.; hier fällt der stärkste Druckak-
zent meist auf die erste Silbe (falls es die Silbe oder ein anderer Anfangsteil
eines Substantivs ist). Die Initialwörter erhalten in der Fachliteratur verschie-
dene Deutung. Die meisten Sprachforscher betrachten die Initialwörter mit
Recht als Wortbildungstyp ohne ihn aber näher zu bestimmen. Unserer Mei-
nung nach kann man sie zur peripheren Schicht der Wurzelwörter zählen
(d.h. zu M^, denn sie lassen sich in keine Morpheme zerlegen. Von den
eigentlichen Wurzelwörtern unterscheiden sie sich aber dadurch, dass man

* Nach der Wiedervereinigung Deutschlands sind diese Wörter Historismen geworden.


8
2576 113
ihre Motivation erschließen kann, falls die entsprechende Vollform bekannt
ist (was bei manchen speziellen Fachausdrücken nicht der Fall ist).
Eine Übergangsgruppe zwischen den Initialwörtern und den determinati-
ven Zusammensetzungen (d.h. zwischen M^ und M10) bilden Lexeme, die
aus einem Wortteil und einem Wortstamm bestehen: U-Bahn „Untergrund-
bahn", R-Gespräch besondere Art des Ferngesprächs u.a.
Zur peripheren Schicht der Wurzelwörter gehören ebenfalls Kurzwörter,
die durch Kürzung des Wortendes („Kopfwörter") oder des Wortanfangs
(„Schwanzwörter") gebildet werden: Auto „Automobil", Labor „Laborato-
rium", Lok „Lokomotive", Bus „Omnibus", Schirm „Regenschirm" u.a.m.
Auch die Mitte eines Wortes kann getilgt werden: Motel „Motorhotel".
Die Modelle der Initial- und der Kurzwörter sind — das betrifft speziell
die Substantive — in der Gegenwartssprache recht produktiv. Dabei sind
Wörter zu unterscheiden, die sich in der Sprache eingebürgert haben, und
Kunstbildungen, die nur in der Fachsprache gebraucht werden wie Minol
„Mineralöl", Exa, Praktika (Benennungen von Fotoapparaten), Wiratex,
Novatex (bei Stoffbezeichnungen, wobei das Element -tex an die Vollform
Textilien erinnert)67.
Zusammenbildungen. Den Terminus „Zusammenbildung" (im weite-
ren und engeren Sinne) gebrauchten schon Vertreter der klassischen Germa-
nistik. Am deutlichsten wird er von O. Behaghel definiert, der die „Zusam-
menbildung" als eine besondere Art von Wortbildung neben „Zusammen-
setzung" und „Ableitung" aussondert. Hierzu gehören Ableitungen, die von
Wortgruppen ausgehen, „die durch syntaktische Beziehungen zusammenge-
halten werden" (Typ Hofhaltung aus „Hof halten", altjüngferlich aus „alte
Jungfer")68. Wir nehmen ebenfalls an, dass in diesem Fall (wie auch in ande-
ren Fällen) die morphologische und semantische Motivation maßgebend ist.
Die Zusammenbildung gehört unserer Ansicht nach zu den suffixalen Mo-
dellen (M6 und M7); ihre Besonderheit besteht aber darin, dass der primäre
Stamm (die 1. UK) keine Ganzheit, sondern eine freie (oder feste) Wortfü-
gung ist, deren Glieder bei der Verbindung „abgeschliffen" werden können.
Zu den Zusammenbildungen gehören Substantive — Typ Eisbrecher zu „Eis
brechen", Besserwisser zu „besser wissen", Stubenhocker zu „in der Stube
hocken", Inbetriebsetzung zu „in Betrieb setzen" und Adjektive — Typ rot-
bäckig zu „rote Backen", zweibeinig zu „zwei Beine", frühmorgentlich zu
„früher Morgen", wasserhaltig zu „Wasser (enthalten" u.a.m. In unseren
Beispielen entsprechen die von den ersten Gliedern der Zusammenbildun-
gen getrennten Teile -brecher, -wisser, -Setzung, -bäckig, -beinig u.a. keinen
Wortstämmen. Aber es muss hier die semantische Motivation in Betracht
gezogen werden; d.h., dass auch „Schnelläufer" und „viereckig" Zusammen-
bildungen, obgleich Läufer und eckig selbständige Lexeme sind, denn diese
Strukturen werden durch „schnell laufen" und „vier Ecken" motiviert.
Die suffixalen Zusammenbildungen berühren sich teilweise mit Ablei-
tungen von zusammengesetzten primären Stämmen, sind aber von ihnen zu
unterscheiden; man vgl.: Eisenbahner (eisenbahn+er), planökonomisch
(planökonomie+isch). Auch Komposita mit einer Wortfügung als erste UK
114
Siebenmeilenstiefel, Tagundnachtgleiche zählen wir zu den determinativen
Zusammensetzungen, nicht aber zu den Zusammenbildungen, denn hier fehlt
das Merkmal der Ableitung.
Eine besondere Art von Strukturen, die man ebenfalls „Zusammenbil-
dungen" nennen kann, stellen Substantivierungen ganzer Wortfügungen dar,
mit einem Infinitiv als 2. und einem oder mehreren von ihm abhängigen
Lexemen als 1. UK, z.B. das Abschiednehmen, das Alleinsein, das Gerufen-
werden, das Türöffnen, das An-den-Türen-Kleben, das Dem-anderen-sich-
vors-Gesicht-Setzen u.a.m. Solche Zusammenbildungen können, wie unsere
Beispiele zeigen, eine einfache und eine kompliziertere Struktur haben: man-
che bringen ganze Situationen zum Ausdruck, was einen besonderen stilisti-
schen Effekt verursacht. Die infinitivischen Zusammenbildungen zählen wir
zu M2 (d.h. zum Modell der impliziten Ableitung*, und zwar zu der soge-
nannten Transfiguration).
Strukturen mit „Halbaffixen" und „Komponenten mit hoher Fre-
quenz" Das vielumstrittene Problem der „Halbaffixe", das bis jetzt noch
keine eindeutige Lösung erhalten hat, betrifft solche sprachlichen Fakto-
ren, die man weder leugnen noch umgehen kann. Es handelt sich um das
Vorhandensein von Kompositionsgliedern der Komposita, die nicht ver-
einzelt, sondern serienweise gebraucht werden, und somit die Funktion
der Wortbildungsmittel erfüllen ohne dabei ihre lautliche wie auch partiel-
le semantische Verbindung mit den ihnen entsprechenden Lexemen zu ver-
Heren. Schon die Vertreter der klassischen Germanistik haben ihnen be-
stimmte Aufmerksamkeit geschenkt: O. Behaghel schreibt, dass man, wenn
die Ableitung nicht mehr genügen kann, „zu Zusammensetzungen gegrif-
fen hat: Neben Ackerer steht Ackersmann, neben Bettler Bettelmann,.., die
Wäscherin wird zur Waschfrau oder zum Waschweib, die Pflegerin zur
Pflegeschwester, der Schreier zum Schreihals^. Dieses Problem wird in
den Arbeiten der letzten Jahrzehnte ausführlich betrachtet. So schreibt
W. Henzen, dass an die einstigen zweiten Kompositionsglieder, die jetzt zu
Suffixen verblasst sind, uns noch einige heutige gemahnen müssen, „de-
nen das gleiche Los droht" und nennt dabei die Elemente -werk, -zeug,
-vogel, -mann u.a.70 Bemerkenswert ist, dass fast gleichzeitig in unserer
Linguistik die Termini „Halbsuffix", „Halbpräfix" und in der ausländischen
Anglistik „semi-suffix" entstanden sind71. Im weiteren werden die „Halb-
affixe" verschiedener Wortarten gründlich untersucht, wenn auch neben
diesem Terminus noch andere gebraucht werden (Affixoid, relatives Af-
fix) 2. Dann begann man auch in der deutschsprachigen Linguistik das ent-
sprechende Problem ausführlich zu behandeln. So vertritt H.J.Grimm die
Meinung, die „Halbsuffixe" sollten als spezifische Komponenten der Kom-
posita betrachtet werden73. H. Petermann versucht „gruppenbildende" Kom-
positionsglieder vom semantischen Standpunkt aus zu untersuchen, wobei
er betont, dass „der Versuch ... erste Kompositionsglieder wie riesen-, hei-
den- oder mords- durch die Bezeichnung „Halbpräfixe" von den ersten

* Die 1. Komponente kann als Zusammenrückung betrachtet werden.

115
Kompositionsgliedern regulärer Zusammensetzungen abzuheben — nicht
ohne weiteres von der Hand zu weisen ist"74.
Besondere Aufmerksamkeit widmet dem Problem W.Fleischer. Er son-
dert einige Momente aus, die diese Wortbildungselemente kennzeichnen.
Dabei ist er bestrebt, innerhalb dieser Elemente verschiedene Schichten zu
unterscheiden. So gehören seiner Schilderung nach manche von ihnen schon
zu „jüngeren Suffixen": -gut, -werk, -zeug u.a.75 Mehrere Elemente werden
als „Präfixe mit homonymen freien Substantiven": haupt-, grund- u.a., „mit
homonymen freien Substantiven und Adjektiven" u.a.m. betrachtet. In sei-
nem Aufsatz „Tendenzen der deutschen Wortbildung" schreibt der Verfasser
über den Ersatz „verbrauchter" Suffixe durch „die Entwicklung neuer Suffi-
xe", zu denen er die Elemente: -werk, -zeug, -wesen, -los u.a. zählt; dabei
schlägt er vor, „für tatsächlich im Übergangsbereich befindliche Elemente,
denen man einen klaren Suffixcharakter (noch) nicht zusprechen kann —•
am besten den Terminus Suffixoid (Präfixoid, Affixoid) zu empfehlen. In
seinem letzten Werk teilt er die Affixe nach Gruppen, wobei nur die 1. Grup-
pe zu den echten Affixen gehört. Für die übrigen Gruppen werden, wie er
betont, verschiedene Termini (Affixoide, Halbaffixe, relative Affixe) ge-
braucht76.
Es ist zweifellos ein Verdienst von W. Fleischer, dass er nicht nur aus-
führlicher als andere Vertreter der deutschsprachigen Germanistik das Pro-
blem der „Halbaffixe" („Affixoide", „Präfixoide", „Affixe mit homonymen
freien Substantiven, Adjektiven" u.a.m. — der Terminus spielt keine ent-
scheidende Rolle) behandelt, sondern auch den Übergangscharakter, die ein-
zelnen Besonderheiten dieser Elemente betont. Im allgemeinen ist er be-
strebt, die Neigung mancher Kompositionsglieder als „Werden" neuer Affi-
xe zu betrachten.
Wir leugnen durchaus nicht, dass die „Halbaffixe" keinen homogenen
Bereich bilden. Ihr Vorhandensein in der Sprache zeugt von den Berührun-
gen einzelner Wortbildungsmodelle miteinander. Zweifellos stehen die ei-
nen den Komponenten der Zusammensetzungen, die anderen den Affixen
näher. Weitere Untersuchungen müssen die einzelnen Fragen klären. Vor-
läufig muss aber — in erster Linie aus praktischen Gründen — der Grund-
satz angenommen werden, dass bestimmte Kriterien „die Halbaffixe" im gro-
ßen und ganzen als Wortbildungselemente von den übrigen Wortbildungs-
elementen unterscheiden. Zu solchen Kriterien der Halbaffixe gehören:
1. der Seriencharakter der Lexeme, die sie enthalten;
2. ihre formelle Identität und etymologische Verwandtschaft mit frei ge-
brauchten Wörtern;
3. Semantische Verschiebungen, denen sie als Wortbildungselemente
unterliegen, ohne dass die semantische Verwandtschaft mit freien Wurzel-
morphemen vollständig verloren geht.
Diese Kriterien sollen hier näher erläutert werden.
1. Die Serie der Lexeme mit ein und demselben Halbaffix kann verschie-
denen Umfang haben: die Halbsuffixe sind entweder mehr oder weniger aktiv
oder produktiv; auch die Zahl der zu bildenden Wörter kann kleiner oder
116
größer sein. So ist z.B. -mann recht produktiv, -liese, -peter und andere den
Eigennamen entsprechende Elemente sind in ihrer Verbindung mit bestimm-
ten primären Stämmen dagegen beschränkt u.a.m.
2. Die formelle Identität mit frei gebrauchten Wörtern ist ein absolutes
Kriterium. Auch betrachten wir als solches die etymologische Identität der
Halbaffixe und der freien Morpheme trotz unserer synchronen und analyti-
schen Auffassung der Wortbildung, denn gerade diese Identität ist eins der
Grundmerkmale der Halbaffixe. So sind erz- und ur- regelrechte Präfixe
nicht nur ihrer Semantik wegen, sondern auch deshalb, weil sie von den
gleichlautenden Substantiven Erz und Ur etymologisch zu trennen sind,
während wir z.B. haupt- und grund- sowohl aus semantischen als auch aus
etymologischen Gründen (man vgl. mit Haupt und Grund) zu den Halbprä-
fixen zählen.
3. Das semantische Kriterium bestimmt, ob das Halbaffix einer Kompo-
nente der Zusammensetzung oder einem regelrechten Affix näher steht. So
ist das Halbaffix -mann als kategoriale Bezeichnung eines Berufs (man vgl.
Kauf-, Arbeits-, Finanzmann u.a.m.) noch teilweise mit dem Substantiv Mann
als Personenbezeichnung verbunden; -frei, -leer drücken als adjektivische
Halbsuffixe ebenso wie die entsprechenden Adjektive den Mangel an etwas
aus. Dagegen erscheint das adjektivische Halbpräfix in stockdumm, stock-
heiser u.a. schon als Homonym des Substantivs Stock und ist mit ihm nur
noch durch das Klangbild, die Etymologie und durch das Vorhandensein in
stocksteif, stockgerade verbunden; blut- und kreuz- sind Homonyme der freien
Lexeme. Je loser die semantische Verbindung des Halbaffixes mit dem ent-
sprechenden Lexem ist, desto mehr nähert es sich einem Affix. Dabei muss
betont werden, dass auch in den Fällen, wo sich die Halbaffixe und die frei-
en Lexeme semantisch noch stark berühren, sich die ersten von den zweiten
durch einen starken Grad der Verallgemeinerung und Abstraktion unterschei-
den, man vgl.: das Substantiv Riese und das Halbpräfix riese- mit verstär-
kender Bedeutung, das Substantiv Zeug und das Halbsuffix -zeug mit reiner
gegenständlicher Bedeutung usw.
Die Halbaffixe bilden zum Unterschied von den Affixen, deren Bestand
verhältnismäßig stabil ist, eine „offene" Klasse von Wortbildungsmitteln,
deren Grenzen sich verschieben lassen; auch gibt es eine bestimmte Subjek-
tivität bei der Entscheidung, ob ein Element ein Halbaffix ist oder nur eine
Komponente der Zusammensetzungen, die häufig gebraucht wird. Weiter
werden die Halbaffixe genannt, die unserer Ansicht nach am deutlichsten
den Grundkriterien der Halbaffixe entsprechen.
Halbsuffixe der Substantive: -mann {-leute, -männer), -/гаи, -bild, -per-
son, -hans, -liese, -peter, -meier, -fritze (in Personenbezeichnungen); -stück
-werk, -zeug (in Bezeichnungen der leblosen Einzeldinge oder der Kollekti-
va); -mut, -sinn, -lust, -sucht, -gier, -künde, -wesen (mit abstrakter Bedeu-
tung).
Halbsuffixe der Adjektive: -frei, -leer, -arm (drücken den Mangel an
etw. oder das Fehlen von etw. aus); -reich, -voll (bezeichnen das Vorhanden-
sein von etw. in hohem Maße).

117
Halbsuffixe der Adverbien: -weise, -maßen, -dings (drücken verschie-
dene Schattierungen der Modalität aus); -willen (mit kausal-konsekutiver
Bedeutung); -seit, -weg (mit lokaler Bedeutung, meist in übertragenem Sinn).
Halbpräfixe der Substantive und Adjektive: riese(n)-, mord(s)-, blitz-,
grund-, stock-, hoch- {höchst-), über-, all- {allzu-, aller-), stink- (mit verstär-
kender Bedeutung); ab-, vor-, neben- (mit lokaler Bedeutung, auch im über-
tragenen Sinn); ober- (mit der Bedeutung eines höheren Ranges).
Halbpräfixe der Verben: 1. Gruppe: ab-, an-, auf-, aus-, bei-, ein-, mit-,
nach-, vor-, zu-; 2. Gruppe: hinter-, über-, unter-, wider-.
Die verbalen Halbpräfixe sind in der Regel mehrdeutig wie auch die
gleichlautenden Präpositionen {„ein-" ist der Präposition „in-" etymologisch
und semantisch verwandt), obwohl das Bedeutungsgefüge der Elemente dieser
beiden Kategorien sich nur berührt und nicht vollständig zusammenfällt. Die
verbalen Halbpräfixe unterscheiden sich von den Präfixen dadurch, dass sie
betont und trennbar (1. Gruppe) oder bald betont und trennbar, bald unbetont
und untrennbar (2. Gruppe) sind. Von den ersten Komponenten der verbalen
Komposita unterscheiden sie sich erstens durch ihre diffuse Bedeutung, zwei-
tens dadurch, dass sie nicht Voll-, sondern Dienstwörtern entsprechen, die
sich in ihrer Funktion und ihrer Lage im grammatischen System den gram-
matischen Morphemen nähern.
Wie aus unserer Schilderung folgt, gehört die Kategorie der Halbaffixe
einerseits zu den peripheren Schichten der Komposita, andererseits zu de-
nen der Derivata: die einen Halbaffixe berühren sich mehr mit den Kompo-
sitionsgliedern der Zusammensetzungen, die anderen mit den Affixen.
In den letzten Jahren ist in der einschlägigen Forschung der Begriff der
„Komponenten mit hoher Frequenz"77 entstanden. Es sind erste und zweite
Komponenten der determinativen Komposita, die in großen Serien von Le-
xemen erscheinen, sich dabei von den Halbaffixen dadurch unterscheiden,
dass sie keine (oder eine nur geringe) Bedeutungsverschiebung aufweisen.
Handelt es sich um mehrdeutige Lexeme, so entspricht die Bedeutung der
Komponente einer der Bedeutungen oder der allgemeinen Bedeutung des
Lexems, die immer vorhanden ist. So erscheint -stelle als „Komponente mit
hoher Frequenz" mit lokaler Bedeutung in den Komposita Arbeits-, Lan-
dungs-, Melde-, Annahmestelle u.a.m.; nicht- in den Komposita Nichtach-
tung, -fachmann, -metall, -raucher, nicht-antagonistisch, -linear, -arbeitend,
-rostend u.a., wobei es die Verneinung zum Ausdruck bringt. Von besonde-
rer Bedeutung sind die 2. Komponenten mit hoher Frequenz bei den deter-
minativen Verben, z.B. -halten, -heben, -stehen, -wollen, -legen, -bleiben
und viele andere: sie sind auf Grund ihrer selbständigen Stellung im Satz in
finiten Formen nicht als „Halbaffixe" zu betrachten, auch wenn eine Bedeu-
tungsverschiebung vorhanden ist.
So erscheint das Modell der determinativen Komposita als Merkmal des
dynamischen Charakters der synchronen Wortbildung. Man kann es folgen-
derweise zusammenfassen:
Komponenten der Bestimmungskomposita — Komponenten mit hoher
Frequenz — Halbaffixe — Affixe (wenn sie als vollständige Homonyme der
118
ihnen entsprechenden Lexeme zu betrachten sind, wie z.B. kreuz- in kreuz-
brav, -fidel u.a.m.). Die Grenzen zwischen den einzelnen Arten sind flie-
ßend und lassen sich nicht deutlich definieren.

2.4.4.4. Zweierlei Gliederung der Ableitungen und Zusammensetzungen


Nicht immer lässt sich ein Nicht-Wurzelwort einheitlich zergliedern. Es
gibt Fälle, wo die UK-Analyse Varianten zulässt, wobei auch verschiedene
Modelle zum Vorschein kommen können. In solchen Ableitungen wie „bret-
tem", das sich auf zweierlei Weise zerlegen lässt — „brett + ern" und „bret-
ter + (e)n", handelt es sich um das suffixale Modell. Anders steht es beim
Kompositum Veilchensträußchen: Veilchen/ sträußchen ist ein Kompositum;
Veilchensträußchen — ein suffixales Wort, auch beim Adjektiv unglücklich:
un + glücklich gehört zum präfixalen, Unglück + lieh zum suffixalen Modell.
Häufig lässt sich auch ein Kompositum oder ein Derivat auf zweierlei Arten
teilen, wenn die Wortmotivation nicht entscheidet, z.B. Briefträger = Briefe
tragen + er (Zusammenbildung), Briefe + träger (Kompositum); erfinde-
risch = erfinden + erisch erfinder + isch (in beiden Fällen affixale Ableitun-
gen, aber mit verschiedenen Basen und verschiedenen suffixalen Varianten).

2.4.4.5. Das allgemeine Wortbildungsmodell der deutschen


Gegenwartssprache
Die von uns beschriebenen 13 Grundwortbildungsmodelle der deutschen
Gegenwartssprache umfassen den ganzen strukturellen Bestand ihrer lexi-
kalischen Stämme. Diese Wortbildungsmodelle können „Wortbildungsmo-
delle 1. Stufe" genannt werden. Die meisten von ihnen lassen sich aber, von
verschiedenen Prinzipien ausgehend, weiter teilen in „Modelle 2. Stufe". So
gliedert sich M2 in zwei Modelle 2. Stufe, und zwar der Konversion und der
Transfiguration: M4, M5, M6, M7 in so viel Modelle 2. Stufe, wie viel Präfixe
und Suffixe sie umfassen. M8 und M9 enthalten eine bestimmte Anzahl von
Morphempaaren (Präfix — Suffix); M10 zerfällt in drei Modelle 2. Stufe,
und zwar: die echten, die unechten Komposita und die Zusammenrückun-
gen; M u in fünf Modelle 2. Stufe je nach der Struktur der Komposita, die es
enthält; Ml2 in zwei Modelle 2. Stufe je nach der Stelle des „Restelements"
im Wortstamm; M13 in so viel Modelle, wie viel Präfixe und Suffixe neben
den „Restelementen" und „Pseudowurzeln" erscheinen können.
Das allgemeine Wortbildungsmodell der deutschen Gegenwartssprache
kann als Schema dargestellt werden (siehe S. 128): m... bezeichnet die Mo-
delle 2. Stufe. Das Zeichen <- weist darauf hin, dass das Modell der 1. Stufe
mehr als fünf Modelle 2. Stufe enthält; das Zeichen - » gibt die Zahl der
Modelle 2. Stufe an.
Beispiele der Modellierung einiger Strukturen: Der Kauf— Мз, пц; das
Lesen — M2, m2; Urzeit — M4 mit dem Präfix ur-; unschön — M4 mit dem
Präfix un-; vergehen — M4 mit dem Präfix ver-\ Gehölz — M5 mit dem
Präfix ge-\ Lehrer — M6 mit dem Suffix -er, folgsam — M6, mit dem Suf-
119
fix -sam; Gärtner—M7, mit dem Suffix -er; nötig — M7 mit dem Suffix -ig;
lächeln — M7 mit dem Suffix -el(n); Geschreibsel — M8 mit dem Präfix ge-
und dem Suffix -sei; beerdigen — M8 mit dem Präfix be- und dem Suffix -ig;
Gebirge — M9 mit dem Präfix ge- und dem Suffix -e; gehörnt — M9 mit
dem Präfix ge- und dem Suffix -t; Lichtstrahl — Мю, mjj himmelhoch —
M I0 , т.£ Tageslicht — M10, m2; lebensgefährlich — M10, m2; Feinstlieb-
chen — Мю, тз'> gutgelaunt — М ш , m3, freilassen — Мю, т 3 ; Elsass-Loth-
ringen — M 1 1 ; mj; blauweiß — Mn, m2; das Rührmichnichtan — M u , m2;
keineswegs — M u , m4; eine Handvoll — M u , m5; Damhirsch — M12, m^
Bräutigam — M12, m2; Ungebühr—M13 mit dem Präfix un-; genesen — MI3
mit dem Präfix ge-; Aspirant — M13 mit dem Suffix -ant; referieren — M]3
mit dem Suffix -ierieri).
\

\
\
\

Wie oben schon gesagt, gehören die Initial- und die Kurzwörter zur Peri-
pherie der Wurzelwörter. Man könnte sie auch weiter einteilen, nach ihrer
Aussprache und Struktur (siehe oben, S. 113, 114). Die Zusammenbildun-
gen gehören zu den Modellen M2, m2 und M6. Was die Halbaffixe und die
Komponenten mit hoher Frequenz betrifft, so können sie weiter eingeteilt

120
werden nach jedem konkreten Wortbildungselement: das allgemeine Modell
schwankt zwischen dem Modell der Bestimmungszusammensetzung (M10)
und den affixalen Modellen.
Oben (siehe S. 80) wurde die Definition des Wortbildungsmodells ge-
geben, die dem Begriff entspricht, den der englische Terminus „pattern"
zum Ausdruck bringt, zum Unterschied von dem ebenfalls englischen Ter-
minus „model" als Bezeichnung eines allgemeinen sprachlichen Systems,
eines Analogons der Sprache. Aber die Gesamtheit der 13 Grundmodelle
(der Modelle der 1. Stufe) mit den ihnen untergeordneten Modellen 2. Stu-
fe führt zum allgemeinen Modell, das das ganze System der deutschen
Wortbildung widerspiegelt; das bedeutet, dass die einzelnen Wortbildungs-
strukturen mit allen ihren Gesetzmäßigkeiten sich schließlich in einem ein-
zigen „Modell", einem Analogon der gesamten Wortbildungsstruktur der
deutschen Sprache vereinigen, in einem Schema, das auch die Theorie der
deutschen Wortbildung darstellt. Von dieser Warte aus kann jede Wortbil-
dungserscheinung der deutschen Gegenwartssprache erschlossen und ex-
pliziert werden.

2.5. SEMANTISCHE-ANALYSE
DER WORTBILDUNGSKONSTRUKTIONEN (WBK)

2.5.1. DIE SEMANALYSE IN DER WORTBILDUNG


Die semantischen Besonderheiten der WBK lassen ihre semantische Ana-
lyse speziell durchführen. In erster Linie gehört hierher die Semanalyse.
Die Semanalyse in der Wortbildung geht von folgender Grundthese aus:
Die semantische Komponente (weiter „Sem" genannt) ist das kleinste Be-
deutungselement im Bestand der Information einer sprachlichen Einheit. Vom
Morphem unterscheidet sich das Sem dadurch, dass es an keine materielle
Hülle gebunden ist. Das Morphem kann mehrere Seme enthalten, anderer-
seits kann ein und dasselbe Sem in mehreren Morphemen vorhanden sein.
Mit Hilfe der Semanalyse können verschiedene Aspekte der Wortbildung
geklärt werden. Die Semanalyse trägt zur Erschließung der Wortmotivation
bei. So kann die Motivation des Substantivs „der Dreißiger" folgenderweise
erschlossen werden: „ein Mann von dreißig Jahren". Das Alter wird durch
die 1. UK dreißig bestimmt, die 2. UK — das Suffix „-er" — gibt folgende
Information: „Gegenständlichkeit, Lebewesen, Person männlichen Ge-
schlechts". Die Motivation des Wortes Schwarzbeere entspricht den Grund-
semen der UK: schwarz und -beere („eine Beere von schwarzer Farbe"); des
Adjektivs unschön — dem Sem der Verneinung, das un- enthält, und dem
Sem der positiven Eigenschaft schön („nicht schön") u.a. Die Semanalyse
hilft ebenfalls die Grenzen des Wortnestes des Kernwortes zu bestimmen.
So ist das Sem des Lehrprozesses in den Ableitungen vom Verb lehren vor-
handen — Lehrer, Lehrling, belehren u.a.m.

121
Von bedeutendem Interesse ist die Semanalyse bei der Bestimmung der
Information der Wortbildungsaffixe. Das Sem als minimales Bedeutungs-
element im Bestand einer Information ist eine diskrete Einheit, die sich nicht
weiter teilen lässt, es kann sich aber bei seiner Aktualisierung in jedem kon-
kreten Fall in einer hierarchischen Beziehung zu anderen Semen befinden,
d.h., dass die Seme als über- oder untergeordnete Glieder einer Rangord-
nung zu betrachten sind. Die Affixe können auch wie andere sprachliche
Einheiten mehrdeutig sein, d.h., dass sie potentielle Seme enthalten, die un-
ter verschiedenen Bedingungen aktualisiert werden.
Die Semanalyse kann ebenfalls zur Feststellung der semantischen Be-
ziehungen zwischen den einzelnen Wortbildungselementen dienen. So er-
scheinen die adjektivischen Suffixe -lieh und -bar bei der Aktualisierung
des Sems des passiven Zustandes als Synonyme — erklärlich, erklärbar,
dasselbe gilt für das Suffix -er als Berufsbezeichnung, das dem Grundsem
des Halbsuffixes -mann entspricht, wie auch für die substantivischen
Suffixe -chen und -lein, mit dem ihnen eigenen Grundsem der „Verkleine-
rung". Auch können einige Wortbildungselemente als Antonyme betrach-
tet werden, denn sie enthalten Seme, die einander ausschließen: so die ver-
balen Präfixe be- (bei der Aktualisierung des Sems des „Versehens") und
ent- mit dem Sem der „Aufhebung" (man vgl. bekleiden — entkleiden);
die adjektivischen Halbaffixe -reich, -voll einerseits und -arm, -leer an-
dererseits (man vgl. wasserreich — wasserarm u.a.). Bei gleichen primä-
ren Stämmen bilden solche Wörtbildeelemente auch synonyme oder ant-
onyme Lexeme, was aber ihre kategorialen Beziehungen, die auch bei un-
terschiedlichen Wortstämmen zum Ausdruck kommen, als solche nicht
ausschließt, z.B. in den Wortpaaren Arbeiter und Arbeitsmann (Kategorie
des Berufs); bekohlen und entkohlen (Kategorie des Versehens und der
Aufhebung) u.a.m.
Wie gesagt, muss die Semanalyse in der Wortbildung noch gründlich un-
tersucht und systematisiert werden, wenn sie auch bereits bei der Erörterung
einzelner Fragen der Wortbildung verwendet wurde.
Das substantivische Suffix -er umfasst folgende Seme: „Gegenständlich-
keit", „Lebewesen", „männliches (natürliches) Geschlecht", „Ding" (d.h.
„kein Lebewesen"), „abstrakter Begriff". Von diesen fünf Semen ist nur das
erste („Gegenständlichkeit") in jedem Substantiv mit dem Suffix -er vorhan-
den. In mehreren Wörtern finden wir das zweite, dritte und vierte Sem, dabei
gibt es eine hierarchische Reihe: „Gegeständlichkeit" — „Lebewesen" - -
„Person" — „männliches natürliches Geschlecht"; im Zusammenhang mit
dem primären Stamm ergeben sich noch andere potentielle Seme, die den
obigen untergeordnet sind: „Beruf" (Lehrer), „Nationalität" (Engländer),
„Alter" (Vierziger) u.a.m. Das Sem, das einem „leblosen Ding" entspricht,
ist in solchen Wörtern aktualisiert wie Bohrer, Kühler, Dampfer u.a., wobei
auch hier eine weitere Unterordnung vorhanden ist: „Gerät", „Transportmit-
tel" u.a. Bei den Abstrakta wie Seufzer, Walzer u.a. finden sich das Sem der
„Gegenständlichkeit" und die Seme des „Zustandes" oder der „Handlung"
im weiten Sinne des Wortes.

122
Das verbale Präfix ent- enthält zwei Seme, die jedem der ent- Verben
eigen sind — des Prozesses und der terminativen Bedeutung; die übrigen
haben potentiellen Charakter: das Sem der Entfernung von einem Ort —
entfliegen, -strömen, -kommen; einer dem Stammverb entgegengesetzten
Handlung — entfalten, -rollen; der Aufhebung eines Gegenstandes, einer
Eigenschaft — enthaupten, -rechten, -mündigen; des Anfangs eines Prozes-
ses — entbrennen, -flammen, -schlummern u.a.m.
Bei der Verdunkelung der Motivation enthält das abgeleitete oder das
zusammengesetzte Wort dieselbe Semanalyse wie ein Wurzelwort. So feh-
len im Wort Junggeselle die Seme „der Jugend" und „der Zugehörigkeit zu
einem Geschäft", sein Sembestand ist „Person männlichen Geschlechts, un-
verheiratet". Ist das Wort teilweise motiviert, so bleiben einige dieses Wort
motivierende Seme erhalten: in „Frauenzimmer" bleibt das Sem der „Person
weiblichen Geschlechts", das Sem des „Raumes" fehlt, an seiner Stelle er-
scheint die stilistische Komponente der „Verachtung" u.a.m.

2.5.2. ONOMASIOLOGISCHE FUNKTION


DER WORTBILDUNGSKONSTRUKTIONEN (WEITER WBK)

Jede WBK ist in erster Linie ein Lexem, d.h. ein Wort mit einer ihm
eigenen nominativen Funktion. Es muss aber betont werden, dass die nomi-
native Bedeutung sowohl der Komposita als auch der affixalen Derivata Be-
sonderheiten aufweist, die dem Wurzelwort nicht eigen sind. Sie bestehen
aus Einheiten — Wortstämmen und Affixen —, die an und für sich bedeu-
tungstragend sind; auch sind Beziehungen zwischen den UK der WBK in
Betracht zu ziehen. Das heißt, dass die WBK motiviert sind (selbstverständ-
lich solche, deren Motivation nicht vollständig verdunkelt ist). Dabei haben
sie auch, ebenso wie jedes Wurzelwort, eine sie überlagernde lexikalisch-
grammatische Bedeutung der Wortart, zu der sie gehören. Auch ihre stilisti-
sche Färbung hat spezifischen Charakter. Daraus folgt, dass die onomasiolo-
gische und kommunikative Funktion der WBK speziell zu betrachten ist.
Wir beginnen mit der Analyse der Komposita, die den Wortfügungen am
nächsten stehen.
Sie können grob in vier Untergruppen eingeteilt werden.
1. Gruppe. Das sind Komposita, deren Motivation vollständig oder fast
vollständig verdunkelt ist: Fähnrich, Junggeselle, zufrieden u.a.
2. Gruppe. Das sind bildliche Komposita, die, wie man annehmen könn-
te, zwei Bedeutungen haben: eine buchstäbliche und eine übertragene, z.B.
der Wassermantel (bei einem Motor), der Seehund, das Tischleindeckdich,
faustdick, himmelhoch, schiefgehen u.a.m.
3. Gruppe. Sie erscheint als Gegensatz zur ersten: das sind Komposita,
die einer Wortfügung deutlich entsprechen, z.B. Wohnungsaustausch „Aus-
tausch von Wohnungen", Familienmitglied „Mitglied der Familie", schnee-
vermischt „mit Schnee vermischt", kissenbelegt „mit Kissen belegt", pflege-
bedürftig „der Pflege bedürftig", weitergehen u.a.m.
123
4. Gruppe. Zu dieser Gruppe gehören die meisten Komposita des Deut-
schen. Sie sind nicht idiomatisiert und haben eine bestimmte Motivation,
dennoch unterscheiden sie sich von den Wortfügungen, in die sie zerlegt
werden können. So ist Großbauer kein „großer Bauer", Zahnrad nicht bloß
„ein Rad mit Zähnen", halbhell ist nicht die „Hälfte von hell", freisprechen
enthält nicht nur die Seme der „Freiheit" und des „Sprechens", sondern die
Bedeutung des „Freisetzens" u.a.m. Auch muss immer in Betracht gezogen
werden, dass die Komponenten der Komposita mehrdeutig sind und ver-
schiedene Seme zum Ausdruck bringen können, was den Sembestand der zu
bildenden Lexeme beeinflußt. So hat „Himmel" eine direkte und eine über-
tragene Bedeutung, man vgl.: Himmelskarte und Himmelsgeduld, schwarz
hat nicht nur die Bedeutung der Farbe, sondern noch mehrere andere Bedeu-
tungen, darunter auch „illegal" — man vgl.: schwarzäugig und Schwarzar-
beit; „bleiben" nicht nur lokale, sondern auch die Bedeutung des Zustandes,
man vgl.: hierbleiben und festbleiben u.a. So ist auch der Sembestand dieser
Lexeme unterschiedlich: bei Himmelsgeduld enthält die 1. Komponente das
Sem der Verstärkung, bei festbleiben verliert die 2. Komponente das Sem
des „Hierseins" u.a.m.
Die Komposita der 1. Gruppe haben dieselbe Art von Nomination wie die
Wurzel Wörter; die Komposita der 2. Gruppe werden durch expressiven Cha-
rakter gekennzeichnet, die Komposita der 3. Gruppe lassen sich leicht in
ihre UK zerlegen: ihre Nomination entspricht der Nomination der syntakti-
schen Fügungen; die Komposita der 4. Gruppe haben in der Regel individu-
ellen Charakter.
Am kompliziertesten ist der onomasiologische Charakter der Komposita
der 3. Gruppe, denn sie entspricht teilweise der Funktion der ganzen Ein-
heit, teilweise aber ist sie mit den sie motivierenden Bestandteilen einer
Wortfügung verbunden.
Auch die Ableitungen lassen sich vom Standpunkt ihrer Semantik in glei-
che Gruppen einteilen. So gibt es vollständig unmotivierte Ableitungen wie
höflich, Schicksal, hässlich, bestehen, besitzen, gehören u.a.m. bildliche Ab-
leitungen mit zwei Bedeutungen — einer direkten und einer übertragenen •—
man vgl.: giftige Pflanze und giftige Kritik; väterliches Erbteil und väterli-
che Liebe; eine Fahne entfalten, Aktivitäten entfalten u.a.m. Zahlreich sind
die Ableitungen, die den syntaktischen Fügungen fast vollständig entspre-
chen, z.B. etwas erwärmen = „warm machen"; jmdn. bedrohen = „jmdm.
drohen", ermüden = „müde werden"; sie lassen sich aber nicht immer leicht
von den Ableitungen absondern, die den syntaktischen Wortfügungen nahe
stehen, aber mit ihnen nicht zusammenfallen, z.B.: er ist ein Kompromissler
= „er macht (gern) Kompromisse"; er stolziert = „er geht stolz daher"; jmdn.
heroisieren = „jmdn. (zu einem scheinbaren) Heros machen" u.a.m.
In den letzten Jahren werden von den Linguisten verschiedene onomasiolo-
gische Prozesse diskutiert. So unterscheidet W. Fleischer drei Grandtypen ono-
masiologischer Kategorien vom Standpunkt des kategorialen Charakters von
onomasiologischer Basis und onomasiologischem Merkmal, d.h. von determi-
niertem Element (Basis) und determinierendem Element (Merkmal). Das sind:

124
Der „Mutationstypus", z.B.. Städter (Stadt — Merkmal, -er — Basis).
Der „Modifikationstypus", z.B. Häuschen (Haus — Basis, -dien—Merk-
mal).
Der „Transportationstypus", wo „ein abhängiges Merkmal als unabhän-
gig betrachtet wird" (Schönheit — schön)18.
Nicht alles ist in dieser Klassifikation klar: von Interesse ist aber das
Vorhandensein einer semantischen Beziehung der UK zueinander innerhalb
eines Nichtwurzelwortes.
Die Besonderheiten der Semantik der Komposita und der Ableitungen
bilden den Grund ihrer onomasiologischen Wirkung. Nur die Bildungen,
deren Motivation vollständig verdunkelt ist, entsprechen in dieser Hinsicht
den Wurzelwörtern. In allen übrigen Fällen lässt sich ihr lexikalischer Be-
stand mehr oder weniger fühlen. So ist der bildliche Vergleich die Quelle der
Empfindung der besonderen Bedeutung der Komposita und der Ableitun-
gen. Eine eigenartige onomasiologische Wirkung haben die Komposita und
die Ableitungen der 3. Gruppe, die syntaktischen Fügungen entsprechen: sie
sind innerlich zergliedert, obgleich sie äußerlich Einheiten bilden. Auch die
4. Gruppe ist mit der Syntax eng verbunden. Und dennoch handelt es sich
um Wörter und nicht um Wortfügungen. Von besonderem Interesse sind ok-
kasionelle Bildungen, die im Text ebenso wie freie Wortfügungen entstehen
(siehe weiter unten).
Die kommunikative Funktion der Komposita und der Derivata ist mit
ihren onomasiologischen Besonderheiten verbunden. Einerseits sind es Be-
nennungen von Gegenständen und Erscheinungen der reellen Welt wie auch
die Wurzelwörter. Andererseits erscheinen in ihrem Bestand UK, die eine
bestimmte Rolle im Kontext spielen, je nach den semantischen Beson-
derheiten dieser UK. Näher über ihre Funktion siehe weiter unten im Teil
5.4., 5.5.

2.5.3. DIE SEMANTISCHE MODELLIERUNG IN DER WORTBILDUNG


Die oben beschriebene Modellierung in der Wortbildung basiert auf den
Wortstrukturen und ist mit ihrer Bedeutung untrennbar verbunden. In der
heutigen Sprachlehre gibt es einige Versuche, die Modellierung auf Grund
der Semantik durchzuführen. Der Romanist K.Badinger hat den Begriff der
»semantischen Nischen" innerhalb ein und derselben Wortstruktur einge-
führt, d.h. Wortgruppen mit einer gleichartigen Semantik, und zwar der Kol-
lektiva, die den „Kollektivbegriff" als Ganzes gestalten79. Eine weitere Ana-
lyse gehört L. Weisgerber, der nicht nur „Wortnischen" aussondert, sondern
auch ganze „Wortstände", die gleiche Nischen innerhalb einer Wortart ver-
einigen, u.z. den Wortstand der „ornativen Verben" und auch den Wortstand
der „Berufe"80. Obgleich die methodologische Grandlage dieser Theorie nicht
anzunehmen ist, ist die Art der Wortbildungsanalyse von praktischem Inter-
esse, denn der „Wortstand" kann als eine Art von semantischem Modell be-
trachtet werden. Auch hat diese Analyse praktischen Wert. So benutzt auch
H. Brinkmann den Begriff der „Wortstände" bei der inneren Gliederung der
125
Substantive und der Adjektive81. Die Methodik der „Wortnischen" und der
„Wortstände" wurde in unserem Lande in mehreren Dissertationen weiter-
entwickelt.
Diese einzelnen Versuche sind von Bedeutung, denn es handelt sich um
das Prinzip der semantischen Modellierung der Wortbildung. Es ist jedoch
zu betonen, dass man diese Art von Modellierung nicht gebrauchen kann
ohne sich auf den formalen Bestand der Modelle zu stützen. Nur eine sorg-
fältige und genaue Untersuchung aller in der Sprache vorhandenen struktu-
rellen Wortbildungsmodelle und ihrer Semantik kann als Endresultat zur
Aussonderung der semantischen Modelle bzw. großer semantischer Klassen
innerhalb jeder Wortart führen. Diese Arbeit kann etappenweise durchge-
führt werden. So finden wir in der Grammatik der russischen Literaturspra-
che der Gegenwart nach einer ausführlichen Schilderang der substantivi-
schen Suffixe eine Zusammenfassung der semantischen Kategorien, die durch
verschiedene Suffixe ausgedrückt werden, u.z. der weiblichen Lebewesen,
der jungen Wesen, der Ähnlichkeit, der Gesamtheit, der Einzeldinge, der
subjektiven Einschätzung82. W. Fleischer gibt neben einer Beschreibung der
Wortbildungsstrakturen einige interessante Übersichten von Bedeutungsgrup-
pen der Substantive und der Verben, die verschiedene explizite Ableitungen
einschließen83.
Eine weitere Zusammenfassung konnte dazu führen, dass man „semanti-
sche Modelle" aussondert, die mehrere Wortarten umfassen, z.B. das Mo-
dell der Verkleinerung (Substantive, Adjektive, Verben84, der Stofflichkeit
(Nomina und Verben) u.a. Im Allgemeinen bleibt doch bis jetzt die semanti-
sche Modellierung in der Wortbildung ein interessantes, aber noch kaum
berührtes Gebiet, das spezieller Untersuchungen bedarf.

2.5.4. DAS PROBLEM DER „FÄCHERUNG"


Der Begriff des „Wortfeldes" oder des „semantischen Feldes", in seinen
verschiedenen Varianten, der in den letzten Jahrzehnten recht populär ge-
worden ist, wurde schon kurz (siehe 1.1.4.2.4.) behandelt. An dieser Stelle
muss noch einmal betont werden, dass trotz der vielen theoretischen und
auch praktischen Mängel dieser Begriff für die Sprachtheorie von Bedeu-
tung ist, denn er ist mit dem Streben verbunden, den Wortschatz in einem
bestimmten System darzustellen. Auch ist der Wortstand ein „Wortfeld", das
sich dabei auf objektive sprachliche Erscheinungen stützt, u.z. auf die se-
mantischen Gruppen, die sich in den Wortbildungsmodellen aussondern las-
sen. Eine andere, wenn auch mit dem Wörtstand eng verbundene Art von
„Wortfeld" entsteht im Resultat der „Fächerung", die von L. Weisgerber fol-
genderweise definiert wird: „So wie ein Fächer die Möglichkeit einbeschließt,
ihn mehr oder weniger weit aufzufächern, ohne dass er seine Geschlossen-
heit verliert — so hat ein jedes Stammwort die Möglichkeit sich im Rahmen
der bestehenden Wortstände auszuweiten und zu entfalten"85. Soweit die
Ableitungen in dem Zusammenhang der Wortstände bleiben, würden sie zur
Fächerang gehören, wo der Zusammenhang jedoch unterbrochen ist, würde

126
die inhaltliche Bestimmtheit aufhören. Es handelt sich um einen prozessual-
analytischen Aspekt der synchronen Wortbildung, d.h. um die Möglichkeit
der Entfaltung des Kernwortes. Als Zentrum der Fächerung kann nicht nur
ein einzelnes Wort, sondern auch ein ganzes Wortfeld erscheinen, d.h. eine
Gruppe von Kernwörtern, die semantisch miteinander verwandt sind. So be-
handelt L. Weisgerber die Fächerung im Zusammenhang mit dem sprachli-
chen Feld der Farbwörter, d.h. am Beispiel der deutschen Grandfarbwörter:
rot, grün, gelb, blau, braun, weiß, grau, schwarz, violett, lila, rosa*6. Da im
Resultat der Fächerang semantisch verwandte Wörter entstehen, die verschie-
denen Wortarten angehören und auch zusätzliche Bedeutungsschattierun-
gen erhalten, die ihnen die entsprechenden Wortbildungsmodelle verleihen,
zeigt uns das ganze Bild das „Farbige" unter verschiedenen Gesichtspunk-
ten. So drückt das Adjektiv rötlich die Verminderung von rot, eine Ähnlich-
keit mit dieser Farbe aus, das Rot lässt uns diese Farbe gegenständlich vor-
stellen; das Verb röten heißt „rot machen" oder „rot färben" u.a.m. Auffal-
lend ist, dass nicht von allen Farbwörtern gleiche Ableitungen möglich sind:
so gibt es keine Faktitiva (Bewirkungsverben) von gelb, grau; intransitive
Verben (mit der Bedeutung des Zustandes) werden nur von grün (grünen),
blau (blauen) gebildet. Den entlehnten Adjektiven lila, rosa entsprechen
nur affixlose Substantive: das Lila, das Rosa. Das heißt, dass die Fächerang
zweifache theoretische Bedeutung hat: erstens ergibt sich ein vielfach ge-
gliedertes semantisches Feld, das den Wortschatz semantisch und strukturell
organisiert; zweitens wird das Zusammenspiel von Wortbildungsmodellen,
Semantik und sprachlicher Tradition veranschaulicht, d. h. die Begrenzung
der Verwendung der Wortbildungsmodelle unter gleichen Bedingungen.
Auf dieselbe Weise wie das Feld der „Farbwörter" lassen sich recht ver-
schiedene kleinere und größere Wortfelder im Prozess der Fächerang dar-
stellen. Als Beispiel schlagen wir die Fächerung einer Gruppe von Wurzel-
adjektiven vor, die positive und negative Eigenschaften eines Menschen
zum Ausdruck bringen: Die Fächerung wird in der Tabelle auf den Seiten
1.28 —129 veranschaulicht.
Die Tabelle bedarf einiger Erläuterungen. Wir geben (ebenso wie bei der
Schilderung der Farbwörter von L. Weisgerber) nur die sogenannte 1. Stufe
der Fächerang an; eine weitere Fächerang betrifft als Basen die Elemente
der 1. Stufe, so Veredelung <- veredeln; ausklügeln, Klügelei <- klügeln;
Zärtlichkeit <- zärtlich, Zärtelei <- zärteln u.a. (mitunter ist eine zweifache
Zerlegung in die UK möglich: Klügelei auch klug + elei, Zärtelei auch zart +
elei). In der Tabelle fehlen Zusammensetzungen und Bildungen mit Halb-
suffixen, da die ersten eine offene, die zweiten eine nur relativ geschlossene
Kategorie bilden. Was den Charakter und die Semantik der Elemente der
angegebenen Fächerang betrifft, so lassen sich daraus folgende Schlussfol-
gerungen ziehen:
1. Jedes substantivierte Adjektiv kann als Bezeichnung des Trägers der
betreffenden Eigenschaft gebraucht werden, während die entsprechenden
suffixalen Bildungen nur in fünf Fällen (und dabei mit pejorativem Neben-
sinn) vorhanden sind.
127
l-O
Die Fächerung der Adjektive, die positive und negative Eigenschaften der Menschen sum Ausdruck bringen

Wurzeladjek- Präfixale Suffixale Affixlose Suffixale Affixlose Suffixale Affixale Verben*


tive Adjektive Adjektive Substantive Substantive Substantive Substantive

Bezeichnungen der Träger der Bezeichnungen der Faktitive vt Inchoative vi


Eigenschaften Eigenschaften

gütig der, die — —


gut ungut das Gute die Güte —
gütlich Gute

— der, die — —
edel unedel das Edle die Edelkeit** veredeln
Edle

ernstlich der, die — — —


emst unernst der Ernst
ernsthaft Ernste

— der, die — — — —
kühn kühnlich die Kühnheit
Kühne

der, die — — die Dreistheit


dreist — — — —
Dreiste die Dreistigkeit

der, die derKlügler — —


klug unklug klüglich die Klugheit klügeln
Kluge derKlügling

— — der, die — — die Gescheit- — —


gescheit
Gescheite heit

tapfer — — der, die — — —


die Tapferkeit
Tapfere
brav — — der, die — — —
(-tapfer) Brave die Bravour

brav (-gut, — — der, die — — —


ehlich) die Bravheit
Brave
der, die zärteln —
zart unzart zärtlich der Zärtling das Zarte die Zartheit
Zarte (süddtsch.)

— boshaft der, die


böse das Böse die Bosheit erbosen
böslich Böse

grob — gröblich der, die


der Grobian das Grobe die Grobheit
Grobe
die Schläue
— — der, die — — die Schlauheit — —
schlau
Schlaue die Schlauig-
keit
der, die der Dummer- — verdummen verdummen
dumm erzdumm dümmlich jan die Dummheit
Dumme (h) (s)

— — der, die —
feige der Feigling die Feigheit
Feige

* Affixlose Verben fehlen.


** Fachausdruck „Metallbestand im Erz" — nur wenig mit dem Feld verbunden.

to
2. Substantivierungen als Abstrakta, die potentiell von jedem Adjektiv
gebildet werden können, sind hier bei weitem nicht immer geläufig; entspre-
chende Bezeichnungen von Eigenschaften werden nach dem Modell mit -heit
{-keit, -igkeit) konstruiert.
3. Die präfixalen Bildungen haben keinen universellen Charakter und
werden fast ausschließlich mit dem Präfix un- (mit negativer Bedeutung),
die suffixalen Adjektive meist nach dem Modell mit dem Suffix -lieh gebildet.
4. Adjektivische Verben sind Einzelerscheinungen. Die Fächerang ist ein
Verfahren, das sowohl theoretischen als auch praktischen Wert haben kann.
Vom theoretischen Standpunkt aus verbindet sie die Wortbildung mit den
Wortfeldern. Außerdem erweist sie sich als wichtiges Hilfsmittel für den
Fremdsprachenunterricht und auch für die Lexikographie. Es ist zu betonen,
dass unsere Germanisten auf diesem Gebiet aktiv gearbeitet haben, wovon
Dissertationen und Aufsätze zeugen.

2.6. DIE REALISIERUNG DER WORTBILDUNGSMODELLE

2.6.1. INNERSPRACHLICHE GESETZMÄßIGKEITEN BEI


DER REALISIERUNG DER WORTBILDUNGSMODELLE.
DER BEGRIFF DER VALENZ. DIE INNERE VALENZ DES WORTES
Der Ausdruck „Valenz" hat zwei Grandbedeutungen. Die 1. Bedeutung ist
als Synonym der Zusammenfügung der Sprachelemente zu betrachten: Das ist
die Valenz im weiten Sinne des Wortes. Die 2. Bedeutung (die Valenz im en-
gen Sinne des Wortes) ist die Fähigkeit des Wortes, eine grammatisch richtige
Wortfügung zu gestalten, die Folge seiner Synsemantie. So besitzen solche
Lexeme wie „machen", „ähnlich", „Mitglied" eine obligatorische Valenz, denn
sie verlangen einen obligatorischen Mitspieler: (eine Arbeit) machen, (dem
Vater) ähnlich, das Mitglied (der Familie) (siehe oben 1:1.4.3.).
In diesem Abschnitt gebrauchen wir den Ausdruck „Valenz" im 1. Sinne
des Wortes. Die Valenz kann als „äußere" (d.h. als Gesetzmäßigkeit der Ver-
bindung der Wörter im Satz) und auch als „innere Valenz" betrachtet werden.
Die „innere Valenz" des Wortes ist als Gesamtheit von Gesetzmäßigkei-
ten der Zusammenfügung von Wortsegmenten zu definieren. Dabei handelt
es sich nicht um lexikalische Morpheme, sondern um „unmittelbare" bzw.
maximale Konstituenten des lexikalischen Wortstammes, die, wie oben be-
reits (S. 103) gesagt, nur in den einfachsten Fällen mit Morphemen zusam-
menfallen. Die Füllung der Modelle mit primären Stämmen, die sich inner-
halb des gesamten (sekundären) Stammes der fertigen Ganzheit aussondern
lassen (vgl.: arbeiterschafi — sekundärer Stamm; arbeiter — primärer
Stamm, gleichzeitig sekundärer Stamm in Bezug auf den Stamm arbeit, der
sich als Wurzelmorphem nicht weiter zerlegen lässt), ist durchaus nicht un-
begrenzt. Sie richtet sich nach den Gesetzmäßigkeiten der „inneren Valenz",
die sich als formale und als semantische Voraussetzungen betrachten lassen.

130
Dabei muss betont werden, dass sich diese Voraussetzungen sowohl auf pro-
duktive und aktive als auch auf unproduktive Modelle beziehen. Aber von
besonderer Wichtigkeit sind sie bei der Realisierung der produktiven und
aktiven Modelle, d.h. bei der Bildung neuer Wörter.
Die formalen Gesetzmäßigkeiten der Füllung der Wortbildungsmodel-
le lassen sich in phonematische, strukturelle, morphologische und ge-
netische einteilen. Die phonematischen Gesetzmäßigkeiten sind noch sehr
wenig untersucht. In der Fachliteratur gibt es einzelne Hinweise auf die
Besonderheiten der Verbindung einiger Suffixe mit den UK im Zusam-
menhang mit deren Auslaut: der Verkleinerungssuffixe -dien und -lein,
-heit und -keit u.a.
Auch der Gebrauch der Bindeelemente im Bestand der Komposita unter-
liegt keinen bestimmten Regeln. Es scheint, hier spiele die phonematische
Struktur der Komposita als Ganzheiten eine bestimmte Rolle, die teilweise
P.Menzerath untersucht hat87.
Die strukturelle innere Valenz hängt davon ab, welche Wortbildungs-
struktur die primären Stämme haben. Selbstverständlich handelt es sich hier
nur um bestimmte Tendenzen, denn die Analyse der Ableitungen und Zu-
sammensetzungen zeigt, dass ihre UK verschiedene Struktur haben können.
Dennoch darf man vermuten: je einfacher die Struktur des Wortstammes ist,
desto eher kann er an der Ableitung und Zusammensetzung beteiligt sein.
Was die determinativen Komposita betrifft, so hängt ihre Wortbildungsstroktur
von dem funktionalen Stil ab: In der schönen Literatur und in der Umgangs-
sprache haben die Komposita meist eine einfachere Struktur, während in der
wissenschaftlichen, besonders in der technischen Prosa, Mehrwurzelwörter
(„Wortungeheuer") üblich sind.
Die morphologische innere Valenz (d.h. die Einfügung primärer Stäm-
me) entsprechend den verschiedenen Wortarten lässt sich leicht auf Grand
der üblichen, uns bekannten Gesetzmäßigkeiten feststellen.
Für die determinativen Zusammensetzungen gilt eine allgemeine Regel:
Die zweite UK bestimmt die Wortart, zu der das Kompositum gehört; in der
Funktion der ersten UK können die Stämme (Worlformen) verschiedener
Wortarten gebraucht werden; man vgl.: Tischtuch, Kleingeld, Zweilaut, Ichton,
Säugetier, Außenwelt, Mitmensch, (in aller) Herrgottsfrühe, himmelhoch,
dunkelrot, denkfaul, überglücklich; zweihundert, derselbe; teilnehmen, frei-
sprechen, weitergehen u.a.m. Am reichsten ist dabei der morphologische
Bestand der ersten UK beim Substantiv vertreten, wo alle Wortarten mitwir-
ken. Beim Adjektiv treten in dieser Funktion Stämme (Wortformen) der Sub-
stantive, Adjektive, Verben, seltener Adverbien und Präpositionen auf, bei
den Numeralien nur der Numeralien. Die determinativen Pronomina sind
nur Einzelbildungen, u.z. mit dem bestimmten Artikel derjenige, derselbe,
derselbige auch das Pronomen jedermann. Bemerkenswert ist, dass zu den
ersten UK der Verben (außer den Substantiven, Adjektiven, Adverbien, Prä-
positionen) in der Regel verbale Nominalformen — stehenbleiben, gelau-
fenkommen — aber keine Verbalstämme gehören (Ausnahmen siehe weiter
unten). Die kopulativen (additiven) Komposita sind durch Substantive, Ad-
9* 131
jektive und Numeralien vertreten. Dabei gehören ihre UK zu den den Ganz-
heiten entsprechenden Wortarten: Dichterkomponist, taubstumm, zweiund-
dreißig. Für die übrigen nichtdeterminativen Komposita gelten keine bestimm-
ten Regeln, denn es handelt sich um Zusammenrückungen von im Satz ne-
beneinander stehenden Wörtern verschiedener morphologischer Art. Eine
Ausnahme bilden die Imperativnamen; sie enthalten in der Regel eine verba-
le Wortform, die die übrigen Elemente regiert: das Rühr-mich-nicht-an, das
Vergissmeinnicht u.a.
Die Präfixe lassen sich deutlich in nominale und verbale teilen. Die no-
minalen Präfixe verbinden sich mit nominalen Stämmen: Unglück, Erzdieb,
Urwald, Antifaschist, unschön, hypermodern, superkorrekt u.a.m. Die ver-
balen Präfixe (außer miss- und ge-) stehen bei Verben sowohl vor verbalen
als auch vor nominalen Stämmen: beherrschen — behaupten; verlaufen —
vergolden, zerreißen — zerstückelt. Zwei Präfixe bilden sowohl Nomina als
auch Verben: miss- und ge-. Dabei hat miss- in allen Fällen ein und dieselbe
Bedeutung: Missernte — misstreu — misshandeln. Anders steht es mit ge-,
das den Substantiven eine prozessuale oder kollektive Bedeutung verleiht:
Geheul, Gehölz, bei den Verben und Adjektiven demotiviert ist — gehören,
geziemen, gestreng, getreu u.a. Es handelt sich um zwei homonyme Mor-
pheme. Unter den fremden Präfixen gibt es solche, die in verschiedenen Wort-
arten erscheinen: a-, anti-, extra- u.a. in Substantiven und Adjektiven, ко-,
re- bei Substantiven und Verben etc. Es muss betont werden, dass sich die
meisten fremden Präfixe in Wörtern mit Pseudowurzeln und Restelementen
aussondern lassen: Automat, Exaration, mikroporös, polygam, exponieren
u.a., was bei den deutschen Präfixen selten ist.
Die Suffixe, die, wie gesagt, jede Wortart kennzeichnen, sind aber im
Vergleich zu den Präfixen vom Standpunkt ihrer morphologischen Valenz
weniger spezialisiert: das heißt, dass sie in den meisten Fällen an verschie-
dene morphologische Stämme treten, unabhängig davon, welche Wortart
sie bilden. Man vgl.: Lehr-er, Engländ-er, Zwanzig-er; bärt-ig, belieb-ig,
heut-ig; hüst-eln, äug-eln, klüg-eln; nacht-s,jenseit-s, bereits, eilend-s u.a.m.
Es gibt auch Suffixe mit beschränkter morphologischer Valenz: -aner (-ianer),
-enser verbinden sich nur mit substantivischen Stämmen (der geographischen
und der Personennamen), -en (-ern) ebenfalls mit substantivischen Stäm-
men (der Stoffnamen), die meistens konsonantischen verbalen Suffixe er-
scheinen in schallnachahmenden Verben u.a.m. Die fremden Suffixe wer-
den meist neben Pseudowurzeln und Restelementen gebraucht, vgl.: Inge-
nieur, Republik, Moment, eventuell, elektrifizieren u.a.m.
Vom Standpunkt der Genesis aus gibt es einen wesentlichen Unterschied
zwischen der Zusammensetzung und der Ableitung. Die determinativen no-
minalen Komposita enthalten oft UK verschiedener Herkunft, man vgl.: Au-
tozubehör, Ballasteisen, Bromwasser, Kühlapparat, Saugbagger, Saugven-
til; rosafarben u.a.
Was die Ableitungen anbetrifft, so gibt es eine deutlich ausgeprägte Ten-
denz: die deutschen Affixe verbinden sich mit deutschen primären Stäm-
men, die fremden Affixe mit fremden Stämmen (oder mit fremden Pseudo-

132
wurzeln und Restelementen). Ausnahmen sind verhältnismäßig selten, z.B.
hausieren, stolzieren; Benehmität, (scherzh.) Expropriierung, Antikörper u.a..
(Über die Neuerscheinungen auf diesem Gebiet siehe weiter unten.)
Das am schwersten zu lösende Problem der inneren Valenz ist ihr seman-
tischer Aspekt, d.h. die Gesetzmäßigkeiten der semantischen Kongruenz,
die die Zusammenfügung der UK innerhalb des Wortstammes bedingen. Diese
Gesetzmäßigkeiten sind mit mehreren Faktoren verbunden, nicht nur lingui-
stischer, sondern auch außerlinguistischer und situationsbestimmter Natur.
Dabei sind zu unterscheiden: die innere Valenz der Komposita und die inne-
re Valenz der Ableitungen.
Die innere semantische Valenz der Komposita kann teilweise mit der
äußeren Valenz der Wörter verglichen werden (denn auch hier handelt es
sich um die Wortbedeutung), teilweise weist sie aber spezifische Züge auf:
sie hängt von den semantischen Besonderheiten der Komposita ab. Wir ver-
binden ihre semantische Valenz mit der Einteilung in vier Gruppen (siehe
oben, S. 123). Die Komposita der 1. Gruppe weisen keine innere Valenz auf,
denn sie sind vollständig idiomatisiert. Zur 2. Gruppe gehören, wie gesagt,
Komposita, die durch metaphorische Übertragung gekennzeichnet werden:
ihre innere Valenz richtet sich nach dem Bild, das ihnen zu Grunde liegt,
man vgl.: Wassermantel — „Mantel für Wasser", Seehund — „Hund in der
See", Langfinger - „jmd. mit langen Fingern" u.a.m. (Über die Komposita
mit verdunkelter Motivation, die als Okkasionalismen entstehen, siehe wei-
ter unten.)
Die Valenz der Komposita der 3. Gruppe fällt mit der Valenz der ihnen
entsprechenden freien Wortfügungen zusammen, z.B. Briefmarkenverkauf—
„Verkauf von Briefmarken", kissenbelegt — „mit Kissen belegt" u.a. (Über
den Gebrauch der Okkasionalismen dieser Art siehe weiter unten).
Die meisten Komposita der 4. Gruppe gehören zum allgemeinen Wort-
schatz: nach gleichen Modellen, oft mit gleichen (ersten oder zweiten) UK
können aber auch neue Ganzheiten gebildet werden, die für unser Sprachge-
fühl leicht verständlich sind. Die zweite UK vertritt hier eine weite semanti-
sche Kategorie, zu der das Ganze als Bestandteil gehört, man vgl.: -bäum
und Birnbaum, -stunde und Morgenstunde, -ring und Goldring, -blau und
hellblau, -liebend und friedliebend, -kommen und zurückkommen u.a.m. So
haben die zweiten Komponenten feldmäßigen Charakter, was noch dadurch
verstärkt wird, dass viele von ihnen nicht in Einzelbildungen, sondern auch
in ganzen Wortreihen erscheinen. Nach der Erklärung von H.Brinkmann
wird das „Grundwort" (2. UK—M. S.) „zu einem vielfach gegliederten Feld"
wie Schmerz in der Reihe Zahn-, Kopf-, Hals-, Leibschmerzen usw. Auch
Handarbeit gehört in das Feld der Arbeit und darin — Kopfarbeit als Gegen-
wort (ein anderes Paar aus diesem Feld: Land-, Fabrikarbeit)85.
In der deutschen Gegenwartssprache lassen sich viele „Felder" dieser
Art aussondern, vgl.: Apfel-, Bim-, Pflaumenbaum (daneben: Fichten-,
Eichbaum, Tannenbawn); Mädchen-, Knaben-, Flieger-, Militärschide (da-
neben: Hoch-, Mittelschule); Silberuhr (daneben: Wand-, Turmuhr); hell-,
dunkelblau (daneben: himmel-, lasur-, veilchenblau); zurück-, weg-, da-
133
vongehen u.a.m. Auch die erste UK kann als Ausdruck eines kategorialen
Merkmals, als eigenartiges „Feld" verstanden werden, wozu eine Reihe
von Komposita gehört, man vgl.: Golduhr, -ring, -kette -zahn (daneben:
Goldgrube, -bergwerk); hellblau, -gelb, -braun, -blond; zurückgehen, -sprin-
gen, -blicken usw. Manche Komposita dieser Art enthalten Komponenten
mit hoher Frequenz.
Die semantische Kongruenz der UK kommt in solchen Zusammenset-
zungen darin zur Geltung, dass die 1. UK im Allgemeinen zum „Feld" der 2.
UK gehört {Bäume und Obst, Schule und Studierende; verschiedene Schat-
tierungen ein und derselben Farbe; Metall und Gegenstand aus diesem Me-
tall u.a.m.).
Die Gesetzmäßigkeiten der inneren semantischen Valenz der affixalen
Wörter haben einige allgemeine Züge, die sie von der inneren Valenz der
Komposita unterscheiden, u.z. in dem Sinn, dass sie strenger umrissen sind
und bedeutend deutlicher erscheinen. Das geschieht aus folgenden Grün-
den: 1. die lexikalischen Affixe bilden zum Unterschied von den Komponen-
ten der Komposita ein „geschlossenes" System von Morphemen, die sich
sowohl aufzählen als auch registrieren, d.h. auch beschreiben lassen; 2. das
Bedeutungsgefüge eines jeden Affixes umfasst einen engeren Kreis von Be-
deutungen (außer den wenigen Fällen, wo die Affixe keine spezifische Se-
mantik besitzen und nur als Merkmal der betreffenden Wörter dienen, wie
z.B. -ig bei mehreren Adjektiven, ge- bei den Verben); 3. die innere Valenz
ist oft mit ihrer morphologischen Valenz verbunden, d.h., dass die Vieldeu-
tigkeit der Affixe teilweise durch die morphologische Art des primären Stam-
mes neutralisiert wird.
Im folgenden werden Verbindungen mit zwei Morphemen analysiert: mit
dem substantivischen Präfix ми- und mit dem adjektivischen Suffix -lieh.
Diese Analyse soll die semantische Valenz der affixalen Ableitung erläu-
tern. Dem Umfang unserer Arbeit entsprechend werden dabei nicht alle Be-
deutungsfälle, sondern nur die Wichtigsten erwähnt: Es kommt uns mehr
auf die Methode als auf die Belege an. Nicht zufällig haben wir auch solche
Modelle gewählt, die früher von anderen Standpunkten aus analysiert wur-
den (siehe oben). Damit werden verschiedene Methoden an ein und demsel-
ben Material veranschaulicht.
Das substantivische Präfix un- kann entsprechend den zwei Hauptbedeu-
tungen des Modells dem Substantiv zwei Bedeutungen verleihen: Negation
und Verstärkung. Im ersten Fall sind folgende Arten von semantischer Va-
lenz möglich: das Präfix steht a) vor Stämmen solcher Substantive (oft Ab-
strakta) mit positiver Bedeutung, die Antonyme zulassen: Dank — Undank,
Geduld — Ungeduld, Gunst — Ungunst, Glück — Unglück; b) vor — vom
wertenden Standpunkt aus — neutralen Stämmen, was die negative Bedeu-
tung der Ganzheiten nicht ausschließt: Kraut — Unkraut, Fall — Unfall,
Ding — Unding; c) vor Stämmen mehrdeutiger Substantive, wobei sich die
Ganzheiten mit unterschiedlicher, wenn auch mit negativer Bedeutung auf
die Grundwörter beziehen: Unwetter — 1) Synonym zu Wetter = „Sturm,
Gewitter, d.h. schlechtes Wetter", 2) kein Synonym zu Wetter = „jeweiliger

134
Zustand der Atmosphäre"; Unstern — 1) Antonym zu Stern - (übertr. Be-
deutung); 2) kein Antonym zu Stern = „Himmelskörper".
Im zweiten Fall verbindet sich un- mit solchen Stämmen, die Zahl und
Maß bezeichnen oder kollektive Bedeutung haben, d.h., dass diese Begriffe
eine Verstärkung zulassen: Unzahl, Unmenge, Unkosten.
Das adjektivische Suffix -lieh ist mehrdeutig: es lassen sich im Allge-
meinen fünf Grandbedeutungen aussondern, und jede wird durch eine spe-
zielle semantische Valenz gekennzeichnet. Die „Verminderung" ist typisch
für Adjektive, deren primäre Stämme verschiedenen Grad des betreffenden
Merkmals aufweisen können: gelb — gelblich, lang — länglich, zart —
zärtlich u.a. Die Bedeutung einer aktiven oder passiven Tätigkeit, eines akti-
ven öder passiven Zustandes setzt voraus, dass der primäre Stamm ein verba-
ler ist, wobei im 1. Fall das Verb ein transitives oder ein intransitives sein kann
(vergesslich — vergessen vt, nachdenklich — nachdenken vi), im zweiten Fall
nur ein transitives (begreiflich — begreifen vt, erträglich — ertragen vt).
Am kompliziertesten ist die Feststellung der Valenz bei den „Beziehungs-
adjektiven"; hier sind verschiedene Beziehungen zu Personen, Gegenstän-
den, Erscheinungen möglich, man vgl.: väterliches Haus = „dem Vater ge-
hörend", abendlich = „am Abend stattfindend", glücklich = „Glück empfin-
dend" u.a.m. Was die qualitative Beziehung anbelangt, so handelt es sich in
der Regel um Eigenschaften, die eine (durch den primären Stamm bezeich-
nete) Person kennzeichnet — ritterlich, freundlich, feindlich = „in der Art
eines Ritters, Freundes, Feindes" usw. (auch in übertragener Bedeutung —
väterlich = „wie ein Vater"). Wie die Analyse des Suffixes -lieh zeigt, ist die
innere semantische Valenz der betreffenden Adjektive mit ihrer inneren
morphologischen Valenz verbunden.
Selbstverständlich lässt sich die innere Valenz der Ableitungen wie auch
der Zusammensetzungen bei weitem nicht immer leicht erschließen. Es gibt
Wörter mit deutlich auszusondernden Affixen und verdunkelter Motivation
wie höflich, hässlich, bekommen, gehören usw., die keine innere semanti-
sche Valenz aufweisen; das gleiche gilt für Wörter mit Restelementen und
Pseudowurzeln.
Oben wurde schon konstatiert, dass die Halbaffixe meist ein- oder zwei-
deutig sind. Was ihre innere Valenz betrifft (sowohl die formelle als auch die
semantische), weist sie ebenfalls wesenhafte Merkmale auf:
Sie unterliegt im Vergleich zu den Zusammensetzungen konsequenteren
Gesetzmäßigkeiten, ist auch im Vergleich zu den Ableitungen stärker be-
schränkt (man vgl.: die Valenz des Halbsuffixes -mann, das sich meist mit
substantivischen Stämmen verbindet, die einen Beruf, eine Tätigkeit bezeich-
nen und die mannigfaltige Valenz des Suffixes -er, der adjektivischen Halb-
suffixe -voll, -reich, -arm, die nach substantivischen Stämmen mit beschränk-
ter Semantik stehen, und die Valenz der adjektivischen Suffixe -ig, -lieh u.a.).
Eine Ausnahme bilden die verbalen Halbpräfixe, die in ihrer Valenz den
Präfixen nahestehen, obgleich auch hier eine bestimmte Beschränkung vor-
handen ist. Die Frage der Valenz der Halbaffixe bedarf einer speziellen Un-
tersuchung. Es muss bemerkt werden, dass die Besonderheiten der inneren
135
Valenz dieser Bildungen vielleicht als einer der Beweise dafür dienen, dass
sie nicht ohne weiteres zu den gewöhnlichen Zusammensetzungen und zu
den Ableitungen gezählt werden können.
Die Gesetzmäßigkeiten der „inneren Valenz" gehören zu den „Regeln der
Wortbildung", die in den letzten Jahren besonders aktiv behandelt werden.
Dabei geht es nicht nur um Regeln, sondern auch um verschiedene Restrikti-
onsfaktoren, die diese Regeln begrenzen89. Eine weitere Erforschung sowohl
der „Regeln" als auch ihrer Restriktion, verbunden mit manchen Änderungen
in der modernen deutschen Sprache, ist von besonderer Wichtigkeit.

2.6.2. DIE WIRKUNG DER AUßERSPRACHLICHEN FAKTOREN BEI


DER REALISIERUNG DER WORTBILDUNGSMODELLE

Die Notwendigkeit einer neuen Wortbildungskonstraktion — sei es die


Bezeichnung eines neuen Gegenstandes oder einer neuen Erscheinung bzw.
eine neue Benennung bereits bekannter Dinge — muss bei der Realisierung
von Wortbildungsmodellen natürlich als außersprachliche Hauptvorausset-
zung betrachtet werden. Die Erforschung der Entstehung von Neologismen
verschiedener Art stellt ein besonders wichtiges Problem der Soziolingui-
stik dar, dem in den letzten Jahren mehrere größere und kleinere Werke ge-
widmet sind. Da aber die Erweiterung des Wortbestandes und ihre Gründe
oben schon behandelt wurden, begnügen wir uns hier mit der Erwähnung
dieses wichtigen Faktors bei der Realisierung der Wortbildungsmodelle. Die
von uns oben angeführte Einteilung der Wortbildungsaffixe in „produktive",
„aktive" und „unproduktive" stützt sich auf Angaben der neuesten Werke
der deutschen Wortbildung sowie auf unsere unmittelbaren Beobachtungen,
kann aber nicht als endgültig und unwiderruflich betrachtet werden, denn
jedes Modell bedarf einer speziellen statistischen Untersuchung. Ähnliches
gilt auch für die Wahl von Wortbildungsmodellen je nach den dialektalen
und stilistischen Besonderheiten des zu analysierenden Wortbestandes, ob-
gleich wir hier nur einige Momente näher behandeln können.
Die dialektalen Varianten der deutschen Sprache lassen sich bekanntlich
in letzter Zeit immer mehr nivellieren. Das gleiche gilt auch für die Wortbil-
dungsmodelle. Noch zu betrachtende Verschiedenheiten beziehen sich z.B.
auf den Gebrauch von Verkleinerungs-(Diminutiv-) bildungen; so schreibt
W. Fleischer von hier vorhandenen „gewissen Unterschieden" „zunächst geo-
graphischer Art". Das Suffix -lein sei im Oberdeutschen beliebt, wobei die
oberdeutschen Mundarten eine Reihe von Variationen des Diminutivsuffixes
aufweisen: Rössel, Masserle, Raderl, Blättli u.a.m. Nach den Beobachtun-
gen von W. Fleischer ist heute -chen in der Literatursprache am stärksten
vertreten, während sich oberdeutsche Schriftsteller noch an das Suffix -lein
halten (man vgl.: Bahnhöflein, Brieflein, Zimmerlein)90. Wenn die mundart-
lichen Unterschiede in der Wortbildung wie auch auf anderen Sprachgebie-
ten sich jetzt nivellieren lassen, so steht es mit den nationalen Varianten der
deutschen Sprache anders. Eine ausführliche Behandlung der Wortbildung

136
von diesem Standpunkt aus gehört nicht zu den Aufgaben des vorliegenden
Buches — wir begnügen uns nur mit einigen Beispielen aus der österreichi-
schen nationalen Variante der deutschen Sprache. So finden sich hier viel
öfter Bildungen mit dem Suffix -ist, sowohl mit fremden als auch mit einhei-
mischen primären Stämmen: Pensionist, Stipendist, Bohrist u.v.a. Recht pro-
duktiv ist das verbale Suffix -ieren: garagieren = „in eine Garage einstel-
len", paprizieren = „mit Paprika würzen" u.a.m. Das Suffix -erl ist beson-
ders beliebt, nicht nur in den Diminutiva, sondern auch in anderen Bildun-
gen, man vgl.: Knopf erl, Tupferl, Glaserl, Erikerl usw.; besonders produktiv
sind Verben mit dem Suffix -el(n): schnapsein = „gern Schnaps trinken",
fischein = „nach Fisch riechen" u.a.; manche Substantive mit dem Suffix -er,
die im Deutschen fehlen: Deuter = „jmd., der etwas erläutert", Genierer =
„Schüchternheit"; auch mit dem Suffix -ler. Taxler = „Fahrer, Taxifahrer",
Postler, Öbstler usw.
Von besonderer Bedeutung ist die Realisierung der einzelnen Wortbil-
dungsmodelle im Zusammenhang mit den funktionalen Stilen. Im Folgen-
den werden nur ganz allgemeine Fragen der stilistischen Aspekte der Wort-
bildung untersucht:
1. Die stilistische Färbung der Wortbildungsmodelle und ihrer Varianten
sowie der Gebrauch dieser Modelle in verschiedenen funktionalen Stilen.
2. Beziehungen zwischen der stilistisch-kommunikativen Funktion des
Modells und dem Kontext, in dem das Wort gebraucht wird.
Im ersten Fall handelt es sich um bestimmte stilistische, dem Wortbil-
dungssystem der deutschen Sprache eigenen Normen. Im zweiten Fall hängt
die stilistische Rolle des Modells nicht nur von seiner Füllung ab, sondern
auch von dem engeren oder weiteren Kontext, in dem das Wort gebraucht
wird. In allen Fällen gehen wir von der Opposition aus: neutrale stilistische
Färbung — spezialisierte stilistische Färbung, neutraler Stil — spezialisier-
ter funktionaler Stil. Die stilistische Färbung des Modells wie auch des Wor-
tes als einer Ganzheit und deren Anwendung in einer bestimmten Stilart
sind als zwei Seiten ein und desselben Phänomens zu betrachten, was im
ersten der obigen Fälle besonders deutlich wird: ist das Modell bzw. dessen
Variante neutral gefärbt, so gehört es auch zum neutralen Stil; hat es eine
expressive Färbung, so ist es an einen speziellen (gehobenen, familiären usw.)
funktionalen Stil gebunden u.a.m. Aus diesem Grund wird weiter nur von
der stilistischen Färbung der Modelle die Rede sein, wobei auch der betref-
fende funktionale Stil gemeint ist.
Von großer Wichtigkeit sind die Besonderheiten der Füllung der Modelle—
wir betrachten sie jedoch weiter unten bei der Behandlung der Okkasiona-
Usmen (2.7.).
Wie die Analyse zeigt, gibt es in der deutschen Gegenwartssprache nur
wenig stilistisch gefärbte Wortbildungsmittel bzw. Modelle: die substantivi-
schen Suffixe -hold und -ian und das Präfix erz- bei den Adjektiven. Alle
drei Affixe verleihen dem Wort eine pejorativ-familiäre Färbung, was sich
bei Substantiven im Vergleich der Bildungen mit diesen Suffixen mit ihren
stilistisch neutralen Varianten und Synonymen feststellen lässt: Saußold—
137
Säufer, Witzbold — der Witzige, Grobian — grober Kerl, Schlendrian —
Nach-, Fahrlässigkeit. Die Adjektive mit erz- haben keine stilistisch neutra-
len Synonyme, dagegen betonen die gleichbedeutenden stilistisch gefärbten
Adjektive mit dem Halbpräfix stink- ihre pejorativ-verstärkende Wirking,
man vgl.: erzfaul, erzdumm, erzböse und stinkfaul, stinkböse. Wie aus die-
sen Beispielen zu ersehen ist, verbinden sich die erwähnten Wortbildungs-
mittel mit primären Stämmen, die ebenfalls eine negative Bedeutung haben:
also besitzen die beiden UK gleiche Seme (negativer Einschätzung) und stim-
men semantisch überein. Es gibt auch Modelle, die nur unter bestimmten
Vorbedingungen, d.h. bei entsprechender innerer Valenz, eine stilistische
Färbung erhalten. So steht es mit erz- bei Substantiven (nicht aber bei Ad-
jektiven): Es verleiht dem Wort eine verstärkend-pejorative Schattierung bei
primären Stämmen mit negativer Bedeutung: Erznarr, -scheint, -grobi-
an, -lump (als Ausnahme, d.h. ohne expressive Färbung, gilt Erzfeind), bei
Stämmen, die einen Verwandtschaftsgrad oder Titel zum Ausdruck bringen,
sind sie stilistisch neutral und bezeichnen einen höheren Rang: -herzog,
-bischof. Das präfixal-suffixale Modell Ge — e, ist stilistisch neutral bei
nominalen primären Stämmen: Gebirge, Gehäuse, Gelände und expressiv
gefärbt bei verbalen primären Stämmen. Das ist leicht festzustellen, wenn
man diese Substantive mit anderen Wortbildungsvarianten vergleicht: Ge-
brülle — Gebrüll, Geheule — Geheul, Getanze — Tanz. Auch verleiht das
Suffix -ei (und dessen Variante -erei) den Substantiven mitunter ebenfalls
pejorative Färbung: Brüllerei, Heuchelei, Schreiberei, Lauferei, Schlagerei,
Malerei (in Bedeutung „Gekleckse", man vgl. auch Kleckserei zu klecksen;
die übrigen Bedeutungen von Malerei sind stilistisch neutral). Mo vierte Fe-
minina mit dem Suffix -in sind in der Regel stilistisch neutral; aber Ableitun-
gen von Familiennamen, die die Gattinnen der betreffenden Personen bezeich-
nen, erhalten eine familiäre Färbung: die Schulzin, die Müllerin (man. vgl. im
Russischen Иваниха, Антониха, Макариха). Es gibt Benennungen der
Tiermütter, von den Namen einiger großer Tiere abgeleitet — Wölfin, Hündin,
Eselin, die nur terminologisch geprägt sind, denn in der (neutralen) Umgangs-
sprache werden beide Geschlechter gleich bezeichnet: Wolf, Hund, Esel.
Als Sonderfall ist die stilistische Färbung der Diminutiva zu betrachten.
Zum Unterschied von der russischen Sprache, die über ein ganzes System
von Diminutivsuffixen mit verschiedenen Expressivitätsschattierungen ver-
fügt wie -OK, -ец, -уся, -юля, -ище, -ишко u.a.m., dienen die deutschen
Suffixe -chen und -lein als neutrale Verkleinerungsmittel und auch als Aus-
druck der Verachtung, der Familiarität, der Liebkosung und anderer subjek-
tiver Faktoren: die entsprechende Färbung der Diminutiva wird mit Hilfe
eines engeren oder weiteren Kontextes zum Ausdruck gebracht, „...eine grü-
ne und eine rote Schlange..., die Mathilde ... sich um den Hals gelegt hatte,
die zwei Köpfchen vorne überkreuzt." (L.Frank. Mathilde. Berlin, 1956,
S. 19). „Köpfchen" hat hier nur eine Verkleinerungsbedeutung.
„Auf seinen ungeheuren Rumpf ward sein kleiner Kopf plötzlich anzuse-
hen: — „Freundchen!" (H.Mann. Der Untertan. Moskau, 1950, S. 24).
„Freundchen" hat familiäre Prägung.

138
Im großen und ganzen ist das deutsche affixale System nicht reich an
stilistisch gefärbten Modellen. Den Mangel an entsprechenden Mitteln fül-
len teilweise die Halbaffixe aus, die den zu bildenden Wörtern unterschied-
liche stilistische Färbung verleihen. Zu nennen sind: manche substantivi-
sche Halbsuffixe — Personenbezeichnungen und Eigennamen wie -person,
-bild mit familiärem Nebensinn: Weibs-, Mannsbild, Weibs-, Mannsperson; -
hans, -liese, -peter, -bruder, -meier, die den Substantiven entweder nur fa-
miliäre oder auch negative Bedeutung verleihen: Fabel-, Prahl-, Sanflians;
Heul-, Tränenliese; Miese-, Faulpeter u.a.m.: -fritze bei Scherznamen der
Verkäufer: Automobil-, Süßigkeits-, Zigarettenfritze; auch nominale Halbpräfi-
xe und einzelne Komponenten mit verstärkend-expressiver Färbung — stock-:
stockdumm, -heiser, -blind, -taub; mords-: Mordsskandal, -geschrei, -kerl; pec
pechschwarz, -dunkel; stink-: stinkfaul, -dumm und manche andere.
Nicht zufällig zählt L. Sütterlin einige solcher Bildungen zu „Volkssu-
perlativen"91, weil sie eine bestimmte umgangssprachliche Färbung zum Aus-
druck bringen.
Die stilistische Färbung der Komposita hängt von ihrer Füllung ab, aber
einige Modelle wären speziell zu erwähnen. Es handelt sich um manche
bildliche Imperativnamen mit umgangssprachlich-familiärer Färbung: der
Springinsfeld, derHans-guck-in-die-Welt, das Schmücke-dein-Heim neben
neutralen: das Vergissmeinnicht, das Stehaufmännchen usw. und um meh-
rere Bahuvrihi (Possessivkomposita), die gleichzeitig Metonyme und Me-
taphern sind: der Blaustrumpf, der Langfinger, die Schlafinütze u.a.m.
Von besonderer Bedeutung ist der Gebrauch der WBK in verschiedenen
funktionalen Stilen. Allgemein bekannt ist, welche außerordentliche Rolle
die Komposition im Deutschen in jeder Stilart spielt. Besonders häufig sind
dabei die substantivischen Zusammensetzungen. Es lassen sich aber einige
stilistische Unterschiede feststellen. In der schönen Literatur werden meist
Zwei-, manchmal Dreigliederkonstruktionen gebraucht, z.B.: Zeltlager, gut-
gelaunt, weltberühmt, mittelgroß u.a. m.; auch gelegentliche Einmalbildun-
gen weisen meist solche Strukturen auf: altersbraun (L.Frank. Mathilde.
Berlin, 1956, S. 39); winderfahren (W.Borcherts Werke. M., S. 112) u.a.m.
Dasselbe gilt für die im Alltagsgespräch verwendeten gebräuchlichen Kom-
posita92. In der wissenschaftlichen Prosa, besonders in der wissenschaftlich-
technischen Literatur, gebraucht man dagegen gern mehrgliedrige Komposi-
ta, die sogenannten Wortungeheuer, die schwer zu zergliedern sind, z.B.
Halbleiterfotobauelemente, Klarsichtfolien, Mehrzweckhülle, Heißgaslabor-
elektroabschneideranlage92. In der schönen Literatur sind aber mehrgliedri-
ge infinitivische Zusammenbildungen üblich, die ganze Situationen in einer
Ganzheit zum Ausdruck bringen. So schreibt G.Möller: „Es entspricht der
Funktion des Verbs im Satz, dass bei Substantivierung der Infinitiv unter-
schiedliche Partner an sich ziehen — oder besser: bei sich behalten—kann"
und führt folgende Beispiele an: Denkenlernen, Sichselberhören, das Sich-
a
ngeblich-nicht-in-die-Gemeinschafieinfügen-Können u.a.m.94
Solche WBK tauchen in der schönen Literatur immer wieder auf, was
zahlreiche Belege bestätigen, z.B. „dies krampfige Ineinanderringen und
139
Sichgegenseitighalten1' (St.Zweig. Novellen. Moskau, 1959, S. 291); „das
Zu-Bette-Geschickt-Werden" (ebenda, S. 60); „(das) Dem-anderen-sich-ins-
Gesicht-Setzen" (H.Mann. Der Untertan. M., 1950, S. 376).
Was die affixalen Modelle betrifft, so gibt es auch hier in den Stilarten
Unterschiedlichkeiten. So kann man a priori behaupten, dass die expressiv
gefärbten Wortbildungsmittel (die substantivischen Suffixe -bold, -ian> die
Halbsuffixe -liese, -peter, -person, -bild, die meisten verstärkenden Halb-
präfixe — siehe oben) nur in der schönen Literatur oder im Alltagsge-
spräch gebraucht werden, der Publizistik und der wissenschaftlichen Pro-
sa aber fernbleiben. Solche Untersuchungen sollten fortgesetzt werden.
Über die stilistische Verwendung der WBK, besonders im Zusammen-
hang mit ihren syntaktischen Äquivalenten siehe W. Fleischer und G. Michel,
ebenfalls E. Riesel und E. Schendels95.

2.7. WBK ALS NEOLOGISMEN UND OKKASIONALISMEN.


DYNAMIK IN DER WORTBILDUNG

Die Entstehung neuer Wörter in der Sprache ist ein unaufhörlicher Pro-
zess. Die Wortbildung spielt dabei innerhalb der übrigen Wege der Wort-
schatzerweiterung die führende Rolle. Es muss aber in Betracht gezogen
werden, dass nicht jede in einem Text auftretende „neue" WBK als „Neolo-
gismus" anzusehen ist. Die Nichterscheinung einer WBK in den neuesten
Wörterbüchern ist noch kein Indiz für ihre „Neuheit". So bleibt das Urteil
über eine im Text auftretende WBK oft intuitiv. Was scheinbar „neu" ist,
kann eine individuelle Prägung, d.h. ein Okkasionalismus sein. Auch ist nicht
klar, „wie lange" bleibt ein neues Wort ein „Neologismus"? W. Braun meint,
dass der Neologismus nach 10—15 Jahren in den allgemeinen Wortschatz
der Sprache übergehen kann96.
Am leichtesten lassen sich die Neologismen aussondern, die ganz neue
Gegenstände und Erscheinungen bezeichnen wie z.B. das Wort „Container"
als Benennung eines „transportablen Großbehälters", das in einem ganzen
Wortnest als Komponente mit hoher Frequenz gebraucht wird: Container-
netz, -System, -schiff, -verkehr u.a.m. A. Neubert nennt die Lexeme Volk(s)
und Staates) in einer Reihe von Neologismen: Volksvertretung, -polizei, -ar-
mee, -eigentum, -kontrolle; Staatsbürger, -organ, -vertrag, -besuch „lexika-
lische Mittel, die eine Vorzugsstellung in der gesellschaftlichen Kommuni-
kation... genießen"97, d.h., dass es Komponenten mit hoher Frequenz sind,
die Neologismen bilden*. Es gibt Neologismen mit der zweiten Konstituen-
te -raumschiff, die mit der Kosmosforschung verbunden sind: Versorgungs-
raumschiff, Transport-, Fracht-, Tankraumschiff9S. Auch einzelne Neolo-
gismen sind zu erwähnen: Heimsonne (elektrisches Gerät zur Erzeugung
von Ultra-Infrarot-Strahlung), Ideenbuch (Buch für Verbesserungsvorschlä-

* Heute sind diese Wörter Historismen.

140
ge) u.a.m. Die Neologismen werden nach produktiven Wortbildungsmodel-
len und (vom Standpunkt der inneren Valenz) mit der gesetzmäßigen Fül-
lung gebildet, obgleich es sich auch um übertragene Bedeutung handeln kann
(z.B. in „Heimsonne").
Von den Neologismen sind die „Okkasionalismen" zu unterscheiden (man
nennt sie auch „Einmalbildungen", „Augenblicksbildungen"). Sie werden
nicht als fertige Bildungen dem Wortschatz entnommen, sondern im Text
„produziert". In den meisten Fällen erscheinen sie bei ein und demselben
Autor, manchmal in ein und demselben Text. Dabei sind folgende Unterar-
ten der Okkasionalismen zu unterscheiden:
1. Okkasionalismen sind nach den vorhandenen Modellen und ohne Ver-
letzung ihrer gesetzmäßigen Füllung gebildet, d.h., dass sie systemgeprägt
sind. Z.B. „...mit blauen Plüschaugen" (L.Frank. Links, wo das Herz ist.
Berlin, 1955, S. 18), „geföhlsklug" (ebenda, S. 232), „Wieder kam aus der
Hörmuschel ein Sprechfeuerwerk" (J. Petersen. Yvonne. Berlin, 1958, S. 24),
„so charmant-verdreht" (ebenda, S. 39), „blutlebendige Jugend" (A. Seghers.
Überfahrt. Berlin u. Weimar, 1971, S. 165) u.a.m. Diese Okkasionalismen
lassen sich sogar außerhalb des Textes leicht verstehen, auch wenn eine Be-
deutungsübertragung (z.B. „Sprechfeuerwerk") vorhanden ist.
2. Weniger produktiv sind Okkasionalismen, die durch Verletzung der
morphologischen oder (öfter) semantischen Gesetzmäßigkeit der inneren Va-
lenz gekennzeichnet werden, z.B. (die) mondeinsame Halle (W.Borcherts
Werke. M., 1970, S. 125), „lilagehungerte Kinder" (ebenda, S. 178), „Bier-
flaschenjacke" (ebenda, S. 199), „Glücksbeamte,, (J.Becher. Abschied. M.,
1950, S. 219), „die Haben-haben-haben-Wirtschafisordnung" (L. Frank. Links,
wo das Herz ist, S. 342) u.a.m. Diese Okkasionalismen sind an den Text ge-
bunden und lassen sich nicht immer ohne Kontextumgebung verstehen.
Zu den Verletzungen der morphologischen Regeln der Füllung der Mo-
delle gehört die Bildung der „Zwillingsverben", die aus zwei verbalen Stäm-
men bestehen: sie finden sich „höchstens als stilistisch expressive Bildun-
gen in der Dichtung und in gewissem Ausmaß auch in der Fachsprache der
Technik"99. Solche Beispiele werden sowohl von W. Fleischer100, als auch von
W. Schneider101 angeführt. Es sind: rollrasseln, lebdonnern, schwatzlachen u.a.
Die Okkasionalismen verursachen einen mehr oder weniger greifba-en
stilistischen Effekt: besonders die Okkasionalismen mit Verletzung der all-
gemeinen Regeln der Wortbildung.

2.8. DYNAMISCHE PROZESSE


IN DER SYNCHRONEN WORTBILDUNG

Im Allgemeinen sind die Grundmodelle wie auch die Regeln ihrer Fül-
lung stabil. Die Wortbildung weist in dieser Hinsicht einige Besonderheiten
im Vergleich mit anderen Sprachgebieten auf. So bleiben Wörter als Ganz-
heiten wie auch grammatische (morphologische, syntaktische) Strukturen,
141
die als Archaismen zu betrachten sind, im Sprachgebrauch isoliert und er-
scheinen höchstens als Historismen mitbestimmter stilistischer Färbung oder
als Zubehör der Beschreibung einer entfernten Epoche — man vgl.: „Base"
und „Oheim" durch „Tante" und „Onkel" verdrängt, „weiland" = „vor Zei-
ten" (jetzt nur mit der Bedeutung „verstorben", „selig" gebraucht), „Feuer-
stelle" als Bezeichnung einer Universität u. a. m. Als morphologische Ar-
chaismen erscheinen präteritale Formen „hüb", „pflog", als morphologisch-
syntaktische - teilweise der Genitiv in nicht attributiver Funktion, z.B. sich
der Sonne freuen, sich eines Tages erinnern, vergessen; „dieweil", „derweil",
„auf dass" als Unterordnungsmittel der Gliedsätze u.a.m.102 Was die Wort-
bildung angeht, so funktionieren manche Lexeme, nach jetzt unproduktiven
Modellen gebildet, im heutigen Wortschatz aktiv, z.B. Substantive mit den
Suffixen -t, -de {Macht, Tat, Saat, Neugierde, Zierde u.a.), Verben mit dem
Präfix ge- (gehören, gehorchen, geziemen), emp- (empfangen, empfinden)
u.a. Auch haben sich im Bestand der gebräuchlichen Wörter „Restelemen-
te" erhalten, die den in der Sprache verschwundenen freien Lexemen ent-
sprechen (siehe oben, Modelle 12,13, S. 103). Das alles zeugt von bestimm-
ten Tendenzen der Stabilität der Wortbildungsstrukturen: ihr archaischer Cha-
rakter verhindert die Bildung neuer Wörter, aber nicht den Gebrauch der
fertigen Strukturen.
Die Stabilität der Wortbildung als ganzes System widerspricht nicht dem
Vorhandensein dynamischer Prozesse in ihrem Bestand. Es handelt sich da-
bei nicht nur um die Entstehung von Neologismen. Dazu gehört die Entste-
hung — wenn nicht neuer Grundmodelle, — so doch ihrer Varianten, wie
auch neuer Gesetzmäßigkeiten ihrer Füllung und ihrer Funktion. Die Ge-
schichte der Sprache kennt manche Beispiele dieser Art. Zu nennen ist das
Eindringen der verbalen Stämme in manche Modelle der abgeleiteten und
zusammengesetzten Wörter. So wurde ursprünglich das adjektivische Suffix
-bar (seiner Herkunft nach mit dem Verb heran = tragen verbunden) nur
neben substantivischen Stämmen gebraucht, jetzt erscheint es zumeist in de-
verbalen Adjektiven, denen es passivische und modale Bedeutung verleiht
(brauch-, dreh-, wasch-, entzünd-, zerlegbar u.a.), während Adjektive mit
substantivischen Stämmen selten geworden sind (z.B. fruchtbar), und eini-
ge von ihnen wie dienstbare (Geister), milchbare (Kuh) als Archaismen emp-
funden werden. Verbale primäre Stämme erscheinen immer häufiger auch in
anderen suffixalen Adjektiven — mit den Suffixen -lieh (beweg-, ertrag-,
üblich), -haft, (lehr-, schwatz-, lebhaft) u.a.m. Obgleich die substantivischen
ersten Komponenten im Bestand der determinativen Komposita am häufig-
sten erscheinen, beobachten wir hier ebenfalls das Eindringen der verbalen
Stämme — zuerst in Anlehnung an verbale Substantive (Slafkamara), dann
auch ganz selbständig (Turnstunde, Schreibtisch, Wanderlied, Siedetempera-
tur u.a.). Es könnte noch eine ganze Reihe solcher Beispiele genannt werden.
Wie oben schon gesagt, werden nach archaischen Wortbildungsmodellen
keine neuen Wörter gebildet. Dieser Mangel wird durch das Entstehen neuer
Wortbildungsmittel neutralisiert. So schreibt Prof. W. Fleischer von der „Mor-
phematisierang" der Bestandteile der entlehnten Wörter in der deutschen

142
Gegenwartssprache wie -tron aus Elektron (Robo-, Cellatron), -thek (Biblio-,
Karto-, Phonothek), tele- (Teleklub, -vision), mini- (Minilok, -Straßen-
bahn, -koffer) u.a.m.103 Als ein anderer recht aktiver Weg der Bereicherang
der Wortbildungsmittel muss die Entstehung der Halbaffixe erwähnt wer-
den. Die Entwicklung der einzelnen Halbaffixe, wie auch des ganzen Sy-
stems dieser Wortbildurigsmittel, die Entstehung der entsprechenden Neolo-
gismen, das Ersetzen durch diese Mittel einzelner Affixe wie auch die Fül-
lung der „Leerstellen" innerhalb des Derivationssystems (z.B. bei der Nen-
nung der zählbaren unbelebten Dinge durch Verwendung der Halbsuffixe -
stück, -zeug, oder bei der Bildung stilistisch markierter Personenbezeich-
nungen mit den Halbsuffixen -person, -hans, -liese, -peter und anderer Ar-
ten von Lexemen mit den Halbpräfixen mords-, blitz-, stock- u.a.m.) verur-
sacht eine Art von „Bewegung" im synchronen Wortbildungssystem.
Die dynamischen Prozesse in der Wortbildung sind nicht nur mit dem
Vorhandensein der Halbaffixe als System verbunden, sondern auch mit der
Polysemie der Basislexeme und der Mannigfaltigkeit der Funktionen der
entsprechenden Elemente in der Sprache. Gleichlautende Elemente erschei-
nen innerhalb verschiedener Lexeme bald als Halbaffixe, bald als gewöhnli-
che Komponenten oder Komponenten mit hoher Frequenz der Komposita;
bei ihrer vollständigen semantischen Loslösung von dem Stammwort kön-
nen sie als regelrechte Affixe betrachtet werden (z.B. -zeug in einigen Fäl-
len). So ist groß- ein Halbpräfix in den Verwandtschaftsbezeichnungen (Groß-
mutter, -vater, -eitern), wo es die allgemeine Bedeutung einer „höheren Stu-
fe" in der Hierarchie der Verwandtschaftsbezeichnungen zum Ausdruck
bringt, erscheint aber als Komponente mit hoher Frequenz in den Komposita
Großbetrieb, -erdbeben, -bagger (das Merkmal eines hohen Maßes), und als
Komponente mit Einzelbedeutung im Kompositum Großbauer (Bauer mit
großem Grundbesitz und zahlreichem Vieh). Das Element -werk muss als
Komponente mit hoher Frequenz in den Komposita Automobil-, Metall-,
Riesen-, Elektromotorenwerk betrachtet werden; in Laub-, Blätter-, Mauer-,
Wurzelwerk als Halbsuffix, das Kollektiva bildet und das schon zum Status
der Suffixe neigt. Verschiedene Funktionen erfüllen die Elemente -mann, -frau,
-zeug im Bestand der Substantive und die Elemente pech-, himmel-, stock-,
Zucker- u.a. innerhalb der Adjektive. Tatsächlich stellt das ganze System der
Elemente, die teilweise als Halbaffixe gebraucht werden, eine „Zone" von
dynamischen Prozessen dar, was, wie es scheint, die Grundlage verschiede-
ner Meinungen in Bezug auf die „Halbaffixe" zu betrachten ist.
Zu den dynamischen Prozessen in der Wortbildung muss auch die Ent-
wicklung neuer Gesetzmäßigkeiten der Füllung der bereits vorhandenen
Modelle gezählt werden: in einigen Fällen handelt es sich um vollendete
Veränderungen, in anderen Fällen um okkasionelle Bildungen, deren Wie-
derholung von der Möglichkeit der Entstehung neuer Systemregeln zeugt.
Zu den ersten muss in der deutschen Gegenwartssprache das Erscheinen von
Ableitungen gezählt werden, deren unmittelbare Konstituenten etymologisch
nicht gleichartig sind. Früher war es nicht vorhanden, jetzt aber zeugt das
von der Tendenz des deutschen Wortschatzes zur Internationalisierung (wie
143
auch das Erscheinen neuer Affixe Typ -tron, siehe oben, S. 141). Als Bei-
spiele solcher Ableitungen können Substantive mit internationalen Stäm-
men und deutschen Suffixen dienen wie: Interessiert-, Explizit-, Motiviert-
heit; präfixale Verben wie verkomplizieren, versimplizieren und auch Ver-
bindungen entlehnter Affixe mit deutschen Stämmen — Benehmität, Mini-
koffer u.a. Verbreitet sind im modernen Deutsch die früher nicht geläufigen
Komposita von Typ Oxymoron: wehmütig-heiter (H.Heine. Ausgewählte
Werke. Band П. M., 1949, S. 18); Hassliebe (L.Frank. Links, wo das Herz
ist. Berlin, 1956, S. 212) u.a.m. Noch selten sind kopulative Verben (s. S. 131)
ein Modell, das von jeher nur für Substantive und Adjektive typisch war
(Dichterkomponist; schwarzweiß u.a.).
Zum Gebiet der dynamischen Prozesse in der Wortbildung gehört ein
den neuen Wortbildungsmitteln entgegengesetzter Prozess — die strukturel-
le Verselbständigung der Elemente der Komposita und der Ableitungen, ihre
Verwandlung in Lexeme. In diesem Fall findet eine „syntaktisch bedingte
Destruktion der zusammengesetzten und abgeleiteten Wörter" statt104. Es
handelt sich um die Möglichkeit der Aussonderung solcher Elemente in
Wortreihen infolge der Eliminierung der gleichlautenden Wortteile wie z.B.
Regional- und Senatsreform, Rohrbe- und -entlüfter, Wasser-, Ab- und Über-
laufventil u.a.m.105 Eine andere Art von Destruktion, die man „strukturell-
semantische" nennen kann, findet statt, wenn ein Attribut sich weder auf das
ganze Kompositum, noch auf das Grundwort, sondern auf das Bestimmungs-
wort bezieht. In der klassischen Stilistik und Grammatik werden solche Fäl-
le als „Verletzung der Norm" betrachtet: als Beispiele werden „falsche Kopp-
lungen" angeführt wie „der verrückte Kinderarzt", „die reitende Artillerie-
kaserne" u.a.m. Dennoch finden wir in der heutigen schöngeistigen Litera-
tur Beispiele ähnlicher Art: der Lebensretter meines Kindes (J.Petersen.
Yvonne. 1958. Berlin, S. 13) = „der Retter des Lebens meines Kindes" u.a.m.
Systemberechtigt sind Wortfügungen, in denen sich das Possessivpronomen
auf die erste Komponente des Kompositums bezieht — unsere Meinungs-
verschiedenheiten = „Verschiedenheiten in unseren Meinungen, sein Lebens-
werk — „das Werk seines Lebens", ihre Mundwinkel = „die Winkel ihres
Mundes", seine Wohnungstur = „die Tür zu seiner Wohnung" u.a. Solche
Wortfügungen werden auf Schritt und Tritt gebraucht.
Zu der „Verselbständigung" der Wortbildungselemente können gezählt
werden: der Schirm (in der Bedeutung von „Regenschirm"); der Ismus (aus
dem entlehnten Suffix der Substantive -ismus); das Mini, das Maxi (aus den
gleichlautenden entlehnten substantivischen Präfixen) u.a.
Die oben erwähnten Beispiele der dynamischen Prozesse in der synchro-
nen Wortbildung zeugen davon, dass es in der Sprache keinen Stillstand
gibt, dass sie sich in ständiger „Bewegung" befindet. Man muss aber unter-
scheiden, ob es sich um einzelne Prozesse handelt, die nicht immer leicht zu
beobachten sind, oder um prinzipiell neue Erscheinungen, d.h. qualitative
Veränderungen im Sprachbau, Die qualitativen Veränderungen vollziehen
sich so langsam, dass man sie im synchronen Querschnitt nicht immer be-
stimmen kann. Es handelt sich um Tendenzen, die bei weitem nicht immer

144
das Werden neuer Regeln verursachen. Im großen und ganzen bleibt das
Wortbildungssystem grundsätzlich stabil. Die allgemeine Stabilität der sprach-
lichen Gesetzmäßigkeiten ist von großer Bedeutung, denn sie erscheint als
Grandlage der Benennung neuer Realien, die mit den Veränderungen auf
allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens der Menschen verbunden sind.

ANMERKUNGEN
1
Fleischer W. Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. — 3. Überarb.
Aufl. — Leipzig, 1974. — S. 19 (u.a.); Степанова М.Д. Аспекты синхронного
словообразования//Иностр. языки в школе. — 1972. — № 3.
2
Dokulil M. Zur Theorie der Wortbildung // Zur Lexikologie der deutschen Spra-
che der Gegenwart. Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität.—Leip-
zig, 1968. — 17. Jg. — H. 2 / 3. — S. 205.
3
Ebenda. — S. 205.
4
Кубрякова Е. С. Что такое словообразование. — M., 1965. — С. 21,22.
5
Словарь словообразовательных элементов немецкого языка // Под рук.
М.Д.Степановой. — М., 1979. — С. 522
6
Русская грамматика. — М., 1982. — Т. I. — С. 135.
7
Степанова М.Д., Фляйшер В. Теоретические основы словообразования в
немецком языке. — М., 1984. — С. 80, 81.
8
Zitiert nach: Moskalskaja O.l. Probleme der systemhaften Beschreibung der
Syntax / Ins Deutsche übersetzt von Eberhard Fleischmann.—Leipzig, 1978.—S. 119.
9
Paul H. Deutsche Grammatik. — 3. Aufl.—Halle (Saale), 1957. — Bd. 5.—S. 3.
10
Ebenda. — S. 3.
11
HirtH. Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. Darstellung des deutschen
Wortschatzes in seiner geschichtlichen Entwicklung. — München, 1909.
12
Schmidt W. Deutsche Sprachkunde: Ein Handbuch für Lehrer und Studieren-
de. — 1. Aufl. — Berlin, 1959 (der neue Aufl. folgten; 7. bearb. Aufl. — Berlin,
1972. — S. 344); Schippan Th. Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. —
Leipzig, 1984; Левковская К. А . Лексикология немецкого языка, — М., 1956. —
С. 247; Stepanova M.D., Üemyseva I.I. Lexikologie der deutschen Gegenwarts-
sprache. — M., 1975. — S. 272 (u.a.). Dasselbe gilt für die Lehrbücher der Lexiko-
logie des Englischen und des Französischen.
3
Степанова М.Д. Словосложение в современном немецком языке:
Автореф. дис.... докт. филол. наук ЛГУ им. А. А. Жданова. — Л., 1960; Пав-
лов В.М. Субстантивное словосложение в немецком языке: Автореф. дис. ...
Докт. филол. наук / Ленинградское отделение ин-та языкознания АН СССР. —
Л., 1973. Verschiedene Fragen der Wortbildung sind in Monographien und Aufsa't-
zen von Batrak, Korol, Levitene, Nedjalkov, Avetisjan, Jefimov, Cekunajeva, Anty-
§ev, Skakun, Bujanov, Novikova, Pamoroskaja, Kalasnikova u.a. erörtert.
14
Henzen W. Deutsche Wortbildung. — Halle (Saale), 1947.
5
Степанова М.Д. Словообразование современного немецкого языка. —
М., 1953.
'* Henzen W. Deutsche...—2. Aufl.—Tübingen, 1957; 3. Aufl. —Tübingen, 1965.
Вашунин В. С. Структура определительных сложных существительных
в современном немецком языке. — Куйбышев, 1982.
Fleischer W. Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. — 1. Aufl. —
Leipzig. 1969; 2. Aufl. — Leipzig, 1971; 3. Überarb. Aufl. — Leipzig, 1974.
10 2576 145
19
Naumann B. Wortbildung in der deutschen Gegenwartssprache. — Tübingen, 1972.
20
Erben J. Einführung in die deutsche Wortbildungslehre. — Berlin, 1975.
21
Kühnhold /., Wellmann H. Das Verb: 1. Hauptteil. — 1. Aufl. — Düsseldorf,
1973; Wellmann H. Das Substantiv: 2. Hauptteil. — 1975; Kühnhold I., Putzer O.,
Wellmann H. Das Adjektiv: 3. Hauptteil. — 1978.
22
Степанова М.Д., Фляйшер В. Теоретические основы словообразования
в немецком языке. — М., 1984; Stepanova M.D., Fleischer W. Grundzüge der
deutschen Wortbildung / VEB Bibliographisches Institut Leipzig. — Leipzig, 1985.
23
Naumann B. Wortbildung... — S. 20.
24
Der Große Duden. Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. — 3. neu-
bearb. und erweiterte Aufl. Bearbeitet von P. Grebe./Bibliographisches Institut. —
Mannheim; Wien; Zürich, 1973. — Bd. 4. — S. 348.
25
Ebenda. — S. 353.
26
Ebenda. — S. 346.
27
Erben J. Einführung....
28
Deutsche Wortbildung....
29
Weisgerber L. Der Mensch im Akkusativ // Wirkendes Wort / Sprachwissen-
schaft. — Düsseldorf, 1962. — Sammelband 1. — S. 264 ff.; Die 4 Stufen in der
Erforschung der Sprache.—Düsseldorf, 1963 (und andere Arbeiten von L. Weisgerber).
30
Porzig W. Das Wunder der Sprache. — 3. Aufl. — Bern; München, 1962.
31
Geckeier H. Strukturelle Semantik und Wortfeldtheorie. — München, 1971.
32
Henzen W. Deutsche... — 3. Aufl. — Tübingen, 1865. — S. 14.
33
Jung W. Grammatik der deutschen Sprache. — Leipzig, 1966. — S. 390 ff.
34
Fleischer W. Wortbildung...
35
Fleischer W. Tendenzen der deutschen Wortbildung // Deutsch als Fremdspra-
che. — 1972. — H. 3. — S. 132 ff.
36
Fleischer W. Konnotation und Ideologiegebundenheit in ihrem Verhältnis zu
Sprachsystem und Text // Wissenschaftliche Zeitschrift / Gesellschafts- und Sprach-
wissenschaftliche Reihe. — Leipzig, 1978. — 27. Jg. — H. 5. — S. 543 ff.
37
Ebenda.
38
Степанова М.Д., Фляйшер В. Теоретические основы...
39
Вопросы немецкой грамматики в историческом освещении. — Л., 1955.
40
Адмони В.Г. Введение в синтаксис немецкого языка: Приложение к
главе III. — М., 1955. — С. 3 0 4 — 3 0 9 ; Москальская О.И. Грамматика не-
мецкого языка. — М., 1956. — С. 39; Гулыга Е.В., Натанзон М.Д. Грамма-
тика немецкого языка. — М., 1957.
41
Зиндер Л. Р., Строева Т. В. Современный немецкий язык. — М., 1957. —
С. 130 — 2 3 5 , 379 f.
42
Зуев А.Н., Молчанова И.Д., Руфьева АЛ., Степанова М.Д. Словарь
словообразовательных элементов немецкого языка / Под рук. М. Д. Степа-
новой. — М., 1979.
43
I m Allgemeinen und speziell in den germanischen Sprachen wird das Problem
besonders aktiv von Kubrjakova E.S. untersucht: Части речи в ономасиологи-
ческом освещении.—М., 1978; Типы языковых значений.—М., 1981 (u.a.m.).
44
Степанова М.Д. Словосложение в современном немецком языке: Ав-
тореф. дис.... докт. филол. наук; Павлов В.М. Субстантивное словосложе-
ние в немецком языке: Автореф. дис.... докт. филол. наук; Вашунин B.C.
Структура... Функции...
45
Die Arbeiten von M.D.Stepanova. Dann auch: Ефимов P.B. Синонимия
словообразовательных аффиксов// Сб. научных трудов/МГПИИЯ им. М.То-

146
реза. —М., 1975. —Вып. 91. — С. 15 (и далее); Буянов А .П. Субстантивные
полусуффиксы в словообразовательной системе современного немецкого
языка / АК МГПИИЯ им. М. Тореза. — М., 1979; Словарь словообразова-
тельных элементов...
46
Степанова М.Д. Валентность в синтаксисе и в словообразовании не-
мецкого языка. — М., 1983; Новикова H.H. Синсемантия существитель-
ных и именное словосложение в современном немецком языке: Автореф.
дис.... канд. филол. наук / МГПИИЯ им. М. Тореза. — М., 1978.
47
Кубрякова Е. С. О связях между лингвистикой текста и словообразо-
ванием// Сб. научных трудов / МГПИИЯ им. М. Тореза. — 1984. — Вып.
217; Степанова М.Д. Лексические и словообразовательные средства орга-
низации текста (там же).
48
Вашунин В. С. Ф у н к ц и и . . . — С. 34 — 54; Степанова М.Д., Фляйшер В.
Теоретические основы... — С . 6 4 — 7 8 , 1 8 0 — 182; 235 — 246; Борисенкова
Л. М. Семантическая структура и коммуникативные функции девербати-
вов, деадъективов и морфологически родственных им компонентов (на ма-
териале немецкого языка): Автореф. дис.... канд. филол. наук. — М., 1984.
49
БодуэндеКуртенеИ.А. Введение в языкознание. — Пг., 1917. — С. 197.
50
Глисон Т. Введение в дескриптивную лингвистику / Пер. с англ. Е. С. Куб-
ряковой и В. П. М у р а т . — М., 1959. — С. 99, 105 (и др.).
^ Fleischer W. Wortbildung... — S. 38, 39.
52
Ebenda. — S. 314; auch: Степанова М.Д., Фляйшер В. Теоеретические
основы... — С. 141.
53
Marchand H. The Categories and Types of Present-Day English Word-Forma-
tion. A Synchronic — Diachronie Approach. — Wiesbaden, 1960. — P. 2 ff.
54
Глисон Г. Введение... — С. 136.
55
Русская грамматика. — М., 1982. — Т. I. — С. 125.
56
Schippan Th. Lexikologie... — S. 75.
57
Fleischer W. Wortbildung... — S. 4 9 ff.
58
Блумфильд Л. Язык/Пер. с англ. Е.С.Кубряковой и В.П.Мурат. —
М., 1968. — С . 245 (и далее).
59
D e r Große Duden. — Bd. 4 . — S. 346.
60
Ebenda. — S. 369.
61
Fleischer W. Wortbildung... — S. 63 f., 72 ff (u.a.m.).
62
Ebenda. — S. 73.
63
Ebenda. — S. 204 f.
64
Ebenda. — S . 7 3 .
65
Zum Problem des Wortartwechsels, siehe: Степанова М.Д. Ч а с т и речи и
корреляция лексических единиц// Теория языка. Англистика. Кельтология. —
М., 1976.
66
Behaghel О. Die deutsche Sprache... — Halle (Saale), 1954. — S. 224.
67
Beispiele der Kurzwörter sind dem Buch von Fleischer W. entnommen: Wort-
bildung... — S. 232 ff.
68
Behaghel O. Die deutsche Sprache... — Halle (Saale), 1954. — S. 223, 224.
69
Ebenda. — S. 224.
70
Henzen W. Deutsche Wortbildung... — S. 192, 193.
71
Marchand H. The Categories... — P. 290 — 292.
72
Als erster gebraucht den Terminus „Halbaffix" Prof. OSanin in Bezug auf eine
Gruppe von wortbildenden Elementen in der chinesischen Sprache. Ошанин И. М.
О частях речи в китайском языке // Т р у д ы В И И Я . — 1 9 4 7 . — № 3. Zitiert nach:
10* 14 7
Цыкин B.B. П о л у а ф ф и к с а ц и я в составе к и т а й с к о г о словообразования//
ВЯ. — 1979. — № 5. — С. 80 (и далее).
73
Grimm H.J. Einige Gedanken zum Begriff „Halbsuffix" // Sprachpflege. —
1968. — № 4.
74
Petermann H. Semantische Veränderungen erster Kompositionsglieder im
Grenzbereich zwischen Zusammensetzungen und Präfixbildungen // Deutsch als
Fremdsprache. — 1971. — № 2.
75
Fleischer W. Wortbildung... — S. 67 — 76.
76
Fleischer W. Wortbildung... — S. 137; Степанова М.Д., Фляйшер В. Тео-
ретические основы... — С. 70 — 72,145 — 1 4 9 .
77
Словарь словообразовательных элементов... — С. 530 — 532.
78
Fleischer W. Wortbildung... — S. 65, 66. Er beruft sich dabei auf Dokulil M.
Zur Theorie der Wortbildung // Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-
Universität. Leipzig /Gesellschafts- und Sprachwissenschaft. Reihe 17. — 1968. —
S. 209. Siehe auch: Кубрякова Е. С. Теория номинации и словообразование//
Я з ы к о в а я номинация. Виды наименований. — М., 1977. — С. 265 (и далее).
79
Baidinger К. Kollektivsuffixe und Kollektivbegriff. — Berlin, 1950.
80
Weisgerber L. Grundzüge der inhaltbezogenen Grammatik. — Düsseldorf,
1962. — S. 222 ff. (u.a. Werke von L. Weisgerber).
81
BrinkmannH. Die deutsche Sprache.—Düsseldorf, 1971. — S . 17—40,116ff.
82
Русская грамматика. — M., 1982. — С. 200 (и далее).
83
Fleischer W. Wortbildung... — S. 198 — 1 9 9 , 340 ff.
84
Степанова М.Д. К вопросу о семантическом моделировании в сло-
вообразовании (на материале немецкого языка) // Вопросы семантики и
стиля. — Уфа, 1979. — С. 3 (и далее).
85
Weisgerber L. D i e inhaltbezogene Grammatik... — S. 231 ff.
86
Ebenda. — S. 256.
87
Menzerath P. Architektonik des deutschen Wortschatzes // Phonetische Studi-
en. —Bonn; Hannover; Stuttgart, 1954.—№ 3. Auf die Untersuchungen von Menze-
rath stützt sich auch Erben J. Deutsche Grammatik. Ein Abriß. — Berlin, 1972. — S. 47.
88
Brinkmann H. Z u s a m m e n s e t z u n g im Deutschen // Sprachforum. — Köln; Graz,
1956/57. — 2. Jg. — H. 3/4. — S. 222 ff.
89
Siehe z.B. Степанова М.Д., Фляйшер В. Теоретические основы... —
С. 83, 84.
90
Fleischer W. Wortbildung... — S. 178 —180.
91
Sütterlin L. Die deutsche Sprache der Gegenwart. — Leipzig, 1918. — S. 161.
92
Девкин В. Д. Особенности немецкой разговорной речи. — М., 1965. —
С. 229 (и далее); Немецкая разговорная лексика. — М., 1973. — С. 286;
Немецкая разговорная речь. — М., 1979. — С. 184.
93
Die Beispiele sind dem Aufsatz von Möller G. entnommen: Stilpraktische
Überlegungen zur Wortzusammensetzung // Sprachpflege. — 1973. — № 10. —
S. 193 ff.
94
Ebenda. — S. 197, 198.
95
Fleischer W., Michel G. Stilistik der deutschen Gegenwartssprache. — Leip-
zig, 1975. — S. 115 ff.; Riesel E., Schendels E. Deutsche Stilistik. M., 1975. —
S. 171 ff.
96
Braun W. Neuwörter und Neubedeutungen in der Literatursprache der Gegen-
wart //Sprachpflege. — 1978. — № 8. — S. 164.
97
Neubert A. Zu Gegenstand- und Grundbegriffen einer marxistisch-leninistischen
Soziolinguistik//Beiträge zur Soziolinguistik. — Halle (Saale), 1974. — S. 29 ff.
148
98
Thilmann S.E. Neue Wörter bei der Kosmosforschung//Sprachpflege. —
1978. — № 1 2 . — S . 249 ff.
99
Fleischer W. Wortbildung... — S. 306.
100
Ebenda.
101
Schneider W. Stilistische deutsche Grammatik. — Freiburg; Basel; Wien,
1969.^—8.205.
102
Гулыга Е., Розен Е. Новое в лексике и грамматике немецкого языка. —
Л., 1977.
103
Fleischer W. Tendenzen... — S. 138.
104
Siehe Абрамов Б. А. Синтаксически обусловленная деструкция слож-
ных и производных слов // ВЯ. — 1970. — № 5. — С. 66 (и далее), diesem
Absatz sind auch die Beispiele entnommen; Носоченко С. Синтаксико-слово-
образовательное совмещение и его связь со способами словообразо-
вания (на материале современного немецкого языка)/МГПИ им. В.И.Ле-
нина. — М., 1977.
105
Абрамов Б. А. Синтаксически обусловленная деструкция. — С. 73.
3. DIE SOZIOLINGUISTISCHEN UND FUNKTIONALEN
ASPEKTE DER STRATIFIKATION DES
DEUTSCHEN WORTBESTANDES

3.1. EINFÜHRUNG

Unter Stratifikation des Wortbestandes ist seine Schichtung zu verste-


hen, d. h. die Schichtung, die eine Sprache entwickelt, um der vielseitigen
Kommunikation einer Sprachgemeinschaft gerecht zu werden.
Aus den wichtigsten Funktionen der Sprache geht hervor, dass sie eine in
vieler Hinsicht komplexe Erscheinung ist. Jede Sprache weist nicht nur re-
gionale Unterschiede auf, sie ist auch in sozialer und funktionaler Hinsicht
nicht homogen, sondern durch verschiedenartigste Varietäten und Varianten
gekennzeichnet.
Innerhalb einer Sprache, stellte schon A.Meillet fest, die durch die Ein-
heit der Aussprache, und insbesondere durch die Einheit der grammatischen
Formen gekennzeichnet ist, gibt es in Wirklichkeit soviel besondere Wort-
schätze, wie es innerhalb einer Gesellschaft, die diese Sprache spricht, auto-
nome soziale Gruppen gibt1.
So tritt uns auch die deutsche Sprache der Gegenwart in mannigfaltiger
Gestalt entgegen. Sie klingt in Mecklenburg anders als in Sachsen oder Bay-
ern, sie trägt aber auch unterschiedliche Züge, je nachdem, ob sie im amtli-
chen oder privaten Verkehr, im Alltag oder bei feierlichen Anlässen, im For-
schungslabor oder auf der Jagd gebraucht wird. Als das Instrument der Ver-
ständigung ist sie den verschiedenartigen Bedingungen und Anforderungen
der gesellschaftlichen Kommunikation angepaßt; so bilden sich ihre beson-
deren Erscheinungsformen heraus2.
Die Heterogenität natürlicher Sprachen bestimmte die wichtigste Rich-
tung der soziolinguistischen Forschung. Im Zentrum der Soziolinguistik steht
die Beschreibung und Erklärung sprachlicher Varietäten (= sprachliche Exi-
stenzformen sowie andere Subsysteme) und Varianten (= einzelne Elemen-
te), ihrer Dynamik sowie ihrer wechselseitigen Beziehungen3. Die Grundla-
ge der lexikalischen Schichtung des Deutschen ist zunächst in den Varietä-
ten mit ihren regionalen, sozialen und funktionalen Differenzierungen zu
erkennen. Nachstehend wird eine übersichtliche Darstellung der Erschei-
nungsformen des Deutschen gegeben, die von R. Große zwar vor mehreren
Jahren aufgestellt wurde4, aber mit einigen Präzisierungen auch heute allge-
mein gültig ist (siehe unten).
Die allgemein gültige Erscheinungsform der deutschen Sprache wird in
der Germanistik traditionell Schriftsprache genannt. Dieser Terminus meint
150
durchaus auch die gesprochene Sprache und ist lediglich Ausdruck des ge-
schichtlichen Werdens dieser Erscheinungsform: zunächst entstand eine Ei-
nigung in der Schreibung; die schriftlichen Traditionen hatten sich schon
gefestigt, bevor sich die gesprochene Sprache annähernd auf einheitliche
Normen konsolidierte. Die synonymischen Bezeichnungen: Literaturspra-
che, Standardsprache5.

"""-»•^Erscheinungsweise
^~"\^CFunktion) soziologisch
räumlich stilistisch
(historisch)
Erscheinungsform"1"--»^
Einheitssprache, Kultursprache,
I. Schriftsprache Hochsprache
Gemeinsprache Standardsprache
II. Umgangssprache Verkehrssprache
Landschaftssprache (Stadtsprache)
oder Halbmundart
Alltagssprache
III. Mundart Ortssprache (Volkssprache) Haussprache

Die Schriftsprache, wie sie sprachsoziologisch allseitig charakterisiert


wird6, ist jene normalisierte Form, jene präskriptive Norm der deutschen
Sprache, die gesprochen wird: auf der Bühne, im Funk, im Film, am Redner-
pult, auf der Kanzel, im offiziellen Gespräch; die geschrieben wird: in der
schönen und wissenschaftlichen Literatur, in der Presse, im amtlichen Brief.
Genauer gesagt: an diesen Stellen und bei diesen Gelegenheiten wird die
schriftsprachliche Norm angestrebt. Die Realisierung der Norm nennt man
Hochsprache; sie ist also eine aktivierte Schriftsprache mit gewissen land-
schaftlichen Färbungen. Sie ist die Sprache der kulturellen Funktion, also
Kultursprache neuerdings auch Standardsprache genannt. Zu den wich-
tigsten funktionalen Merkmalen der Schriftsprache gehört die Überwindung
der landschaftlichen und sozialen Begrenztheit. Sie ist Einheitssprache, Ge-
meinsprache.
So hebt sich die Gemeinsprache von den Mundarten ab, insofern sie
deren landschaftliche Begrenztheit überwindet, und sie steht den verschie-
denartigen Fach- und Gruppensprachen gegenüber, deren Gültigkeit auf
bestimmte Sachbereiche oder soziale Gruppen von Sprachträgem be-
schränkt ist. Die Gemeinsprache ist die im ganzen deutschen Sprachgebiet
gültige, allen Angehörigen der Sprachgemeinschaft verständliche und zur
allgemeinen, nicht speziell fachgebundenen Kommunikation gebrauchte
Form des Deutschen.
Darüber hinaus ist die funktionale Vielseitigkeit (Polyfunktionalität)
der Literatursprache hervorzuheben, die es ermöglicht, dass, in ihr alle Er-
scheinungen und Prozesse der objektiven Realität, des menschlichen Den-
kens und das gesamte von der Menschheit auf allen Gebieten ihrer Tätig-
keit gesammelte Wissen ausgedrückt und beschrieben werden können7. Mit
dieser Eigenschaft der Literatursprache hängt ihre funktionalstilistische Dif-
151
ferenzierung zusammen. Das findet seinen Ausdruck im Reichtum an Funk-
tionalstilen.
Die zweitwichtigste Erscheinungsform, die mit gewissen Einschränkun-
gen zu den gemeinsprachlichen Formen gehört, ist die Umgangssprache, —
ein Ausgleichsprodukt zwischen der Gemeinsprache und den Mundarten.
Sie hat sich als Verständigungsmittel entwickelt, das lokale Begrenzungen
der Mundarten überwindet und überlandschaftliche Geltung erhält8. Es han-
delt sich bei der Umgangssprache hinsichtlich der Entstehung, der sprachli-
chen Form, der räumlichen Verbreitung und der Funktion um eine Mittel-
stellung zwischen Literatursprache und Mundart. Räumlich ist sie gekenn-
zeichnet durch einen regional begrenzten Geltungsbereich; funktional ist sie
in erster Linie ein Kommunikationsmittel des mündlichen Verkehrs, und zwar
vor allem des persönlichen Gesprächs, also gewöhnlich der nicht offiziellen
Situation9.
Nach der Nähe / Weite zur Literatursprache unterscheidet man heute drei
Typen der Umgangssprache10:1. Hochdeutsche bzw. literarische Umgangs-
sprache der Gebildeten. Sie weist gegenüber der Literatursprache einige land-
schaftliche Eigenheiten auf, wird aber vielfach auch mit der mündlichen Form
der Literatursprache identifiziert. 2. Großlandschaftliche Umgangssprachen
(областные обиходно-разговорные языки). Sie werden auf größeren Ter-
ritorien gesprochen und meiden möglichst kleinräumige Formen. 3. Klein-
landschaftliche Umgangssprachen (местные обЕкодно-разговорныеязыки).
Sie sind in einem kleineren Gebiet üblich und enthalten in stärkerem Maße
mundartliche Merkmale. Für sie gelten mit vollem Recht die Bezeichnungen
mundartnahe Umgangssprache oder Halbmundart.
Die Erscheinungsformen des Deutschen sind dementsprechend folgen-
derweise darzustellen:

I. Literatursprache bzw. Schriftsprache

II. Umgangssprache Hochdeutsche (literarische)


Umgangssprache der Gebildeten
Großlandschaftliche Umgangssprache
Kleinlandschaftliche (mundartnahe)
Umgangssprache
III. Mundart

Entsprechend der sprachsoziologischen Charakteristik der Erscheinungs-


formen sind im deutschen Wortbestand zu unterscheiden: 1. Wörter und feste
Wortkomplexe, die im ganzen deutschen Sprachgebiet von allen Angehöri-
gen der Sprachgemeinschaft verstanden und in der allgemeinen sprachli-
chen Kommunikation gebraucht werden; 2. Wörter und feste Wortkomple-
xe, die auf bestimmte Sachbereiche oder soziale Gruppen von Sprachträgern

152
beschränkt sind; 3. Wörter und feste Wortkomplexe, die regional (landschaft-
lich) beschränkt sind. Ihre Charakteristika und Wechselbeziehungen sind
Objekte der soziolinguistischen Forschung.

3.2. DIE SOZIAL-BERUFLICHE DIFFERENZIERUNG


DES WORTBESTANDES (SONDERLEXIK)

3.2.1. BEGRIFFSBESTIMMUNG.
DAS PROBLEM DER KLASSIFIKATION
Für sozial-beruflich bestimmte Ausprägungen des Wortschatzes werden
in der Germanistik viele Termini gebraucht: Sondersprachen bzw. Sonder-
wortschätze, Sonderlexik, Soziolekte. Dieser Wortschatz entwickelt sich in
verschiedenen Gruppen der Sprachgemeinschaft auf Grund des gemeinsa-
men Berufes, gemeinsamer Interessen, gemeinsamer Lebensbedingungen.
Das ist also ein eigenständiger, von allgemein verständlichen Wörtern und
Wendungen der Gemeinsprache abweichender Wortschatz der sozialen Grup-
pen der Sprachgemeinschaft, differenziert nach Sachbereichen und anderen
Merkmalen des Gruppendaseins.
Zwei Besonderheiten der Sonderlexik wären aus soziolinguistischer Sicht
besonders hervorzuheben. Es handelt sich hier um keine selbständigen Er-
scheinungsformen der Sprache. Es ist nur ein eigentümlicher Wortschatz,
der in den lautlichen, grammatischen und anderen Formen der Gemeinspra-
che realisiert wird. Darum ist die ältere traditionelle Bezeichnung Sonder-
sprachen den jüngeren präzisierten Termini — Sonderwortschätze, Son-
derlexik, Soziolektismen — gewichen.
Ferner handelt es sich bei den Sonderwortschätzen um sozial relevante
Größen, d,h. es geht nicht um individuelle Abweichungen von der Norm der
Schriftsprache, sondern um die von der Norm abweichenden sprachlichen
Besonderheiten ganzer Sprechergruppen, was eine der Grundbedingungen
der soziolinguistischen Forschung ist11. Dieser Aspekt ist schon in der Be-
nennung des in jüngster Zeit aufgekommenen Terminus Soziolekt enthal-
ten, denn von Soziolekt wird gesprochen, wenn sprachliche Besonderheiten
an sozial-ökonomisch determinierte Kommunikationsgemeinschaften gebun-
den sind, vor allem also an gesellschaftliche Klassen und Schichten oder
politische Gruppen12.
In der Germanistik wurde die Sonderlexik traditionsgemäß in drei Grup-
pen eingeteilt: 1. Standessprachen (Jargons); 2. Berufssprachen (Berufswort-
schatz); 3. Fachsprachen (Termini)13.
Auf die Ungenauigkeit in der Bezeichnung dieses Wortschatzes als Spra-
chen wird auch in älteren einschlägigen Arbeiten hingewiesen, indem diese
sogenannten Sprachen als die in Wortschatz und Redewendungen eigentüm-
liche Ausdrucksweise gewisser Standes-, Alters- oder Berufsgruppen inner-
halb einer Gemeinsprache erläutert werden.
153
In der einschlägigen Literatur der letzten Zeit besteht eine Tendenz, den
Gesamtbereich der Sonderlexik nach der Art ihrer funktionalen Beschaffen-
heit als eine Zweiteilung zu betrachten: 1. Fachsprachen / Fachwortschätze;
2. gruppenspezifische Wortschätze14.
Im Zusammenhang mit der sprachtheoretischen Analyse des Verhältnis-
ses von Sprache und Gesellschaft scheinen die letzten Klassifikationen be-
sonders geeignet zu sein, die Spezifik in der Entwicklung des Sonderwort-
schatzes der Gegenwartssprache zu untersuchen. Im Unterschied zu her-
kömmlichen Betrachtungen der Sonderwortschätze, wobei besonders große
Aufmerksamkeit den sogenannten Standessprachen galt15, rücken heute im
Zeitalter der wissenschaftlich-technischen Revolution Probleme der Fachle-
xik, des Fachwortschatzes oder der Fachsprachen in den Vordergrund.
Das hängt mit der immer stärker von Wissenschaft und Technik beein-
flussten gesellschaftlichen Entwicklung zusammen und mit einer zunehmen-
den Intellektualisierung auch der Gemeinsprache als Folge der gegenwärti-
gen gesellschaftlichen Entwicklung.

3.2.2. FACHSPRACHEN/FACHWORTSCHÄTZE
i

ad) Termini (Fachwörter)


Der Terminus als Kategorie ist besonders in unserer Linguistik einge-
hend untersucht worden16. Aber auch in der Germanistik hat die immer wei-
tere Verbreitung der Termini in den Bereichen Wissenschaft, Technik, Wirt-
schaft, Verkehr, Politik, Kultur und ihr Einfluss auf die Gemeinsprache eine
Reihe von Arbeiten hervorgebracht17, die positive Ergebnisse brachten.
Unter Termini oder Fachwörtern versteht man fachbezogene Wörter,
die in fachgebundener Kommunikation realisiert werden.
Als wesentlichste Merkmale des Terminus wären zu betrachten:
1. Der Terminus ist nur durch eine Definition zu erklären. Termini sind
deshalb immer Fachwörter, deren Inhalte durch Definitionen festgelegt sind.
2. Der Terminus ist nur aus einer Theorie abzuleiten und kommt daher
nur als Element einer Terminologie vor.
Außerhalb dieses terminologischen Systems kann er auch nichttermino-
logisches gemeinsprachliches Wort sein. Dieses Merkmal des Terminus ist
besonders im Zusammenhang mit einer anderen, in der Fachliteratur vertre-
tenen Auffassung hervorzuheben. Danach werden Fachbezogenheit und
Nichtfachbezogenheit eines Wortes bzw. einer Wortgruppe nicht nach der
Realisierung im Text, sondern außerhalb des Kontextes, auf der Ebene der
Sprache (Langue) bestimmt. Die Fachlexik wird definiert als „Gesamtheit
aller lexikalischen Einheiten, die bei isolierter Nennung im Bewusstsein der
meisten Sprachteilhaber zuerst mit einem fachlichen Bezug verstanden, also
sofort als dem Wortschatz des Fachmannes zugehörig erkannt werden"18-
Dieses Kriterium („bei isolierter Nennung") ist nicht stichhaltig, was auch
in der einschlägigen Literatur hervorgehoben wird. Hier wird nicht berück-
sichtigt, dass viele Fachwörter erst durch die Aufnahme in einen fachsprach-
154
liehen Kontext als zu einem fachspezifischen Begriffssystem zugehörig er-
kennbar sind. Bei dem Wort Geschoss z.B. ist, wenn es isoliert genannt wird,
nicht festzustellen, ob es ein Fachwort des Bauwesens oder der Ballistik ist;
viele Menschen werden das Wort Flasche sicher zuerst als gemeinsprachli-
ches Wort verstehen, nicht aber als ein Fachwort der Fördertechnik Flasche
„Teil des Flaschenzuges"19.
3. Der Inhalt oder die Bedeutung des Terminus nähert sich dem höchsten
Grad begrifflicher Abstraktion. Damit wird bei allen Kommunikationsteil-
nehmern, die über eine bestimmte Terminologie verfügen, eine höchstmög-
liche Übereinstimmung der Begriffe erreicht.
4. Das Verständnis eines Terminus setzt die Kenntnis seiner Systemge-
bundenheit voraus20.
Abschließend wäre noch ein bezeichnendes Merkmal der Termini zu nen-
nen: Viele technische Termini sind standardisiert, sie sind das Ergebnis der
Terminologienormung.
a(2) Berafslexik bzw. Professionalismen (Halbtermini)
Die Berafslexik oder die Professionalismen dienen ebenso wie die Ter-
mini der sach- oder fachgebundenen Kommunikation. Das ist wie die Termi-
ni eine sach- oder fachgebundene Lexik. Aber zum Unterschied von den
Termini sind die Professionalismen nichtstandardisierte und nichtdefinierte
Fachwörter.
Allgemein wird der Unterschied der Professionalismen von den Termini
darin gesehen, dass die Berufslexik der praktischen fachgebundenen Ver-
ständigung dient oder eine praktisch-fachliche kommunikative Funktion aus-
übt zum Unterschied von der theoretisch fachlichen kommunikativen Funk-
tion der Termini21. Ähnlich unterscheiden einige Sprachforscher die Berufs-
sprachen oder Fachsprachen der Handwerker, Bauern, Kaufleute usw. von
den „erhöhten" Fachsprachen der Hochsprache, d.h. den Termini22. Ebenso
wird die Möglichkeit vorausgesetzt, Fachsprachen nach ihrer Entstehungs-
zeit einzuteilen, wonach alte (handwerkliche) und moderne (industrielle)
Fachwörter bzw. Berufssprachen und Fachsprachen unterschieden werden23.
So versteht man in der älteren Germanistik24 unter Berufslexik bzw. Berufs-
sprache solche Sonderwortschätze wie Bergmannssprache, Zimmermanns-
sprache, Seemannssprache.
Der Wortschatz der fachgebundenen Lexik dieser Schicht stellt sehr dif-
ferenzierte Benennungen von Werkzeug, Werkstoffen, Arbeitsvorgängen und
Erzeugnissen dar. Das sind Wörter, die sich mit dem gemeinsprachlichen
Wortschatz kreuzen und sich von diesem meist nur durch Zugehörigkeit zu
einem speziellen Fachbereich und — dementsprechend — durch eine spe-
zialisierte Bedeutung abheben.
Gleich den Termini stehen die Professionalismen, wie das in der ein-
schlägigen Literatur hervorgehoben wird, nicht als Dubletten neben ent-
sprechenden Ausdrücken des gemeinsprachlichen Wortschatzes, sondern
»dieser Wortschatz vertieft und besondert diesen vielmehr in einem Teil-
bereich"25
155
a(3) Fachjargonismen (Berufsjargonismen)
Neben Termini und Halbtermini werden zur fachgebundenen Lexik auch
expressive Dubletten der Fachwörter gezählt. Sie haben einen anderen Cha-
rakter als gewöhnliche Fachwörter, denn bei ihrem Gebrauch kommt es nicht
auf Genauigkeit oder Eindeutigkeit der fachgebundenen Kommunikation an,
sondern auf wertende, oft abwertende Charakteristika. Sie tragen nicht zur
Besonderang und Vertiefung der fachsprachlichen Ausdracksmöglichkeiten
bei, sondern werden neben den Termini oder Halbtermini und häufig an ih-
rer Stelle gebraucht, besonders im alltäglichen vertrauten Umgang mit Ar-
beitskollegen oder anderen Angehörigen der betreffenden Berufsgrappe. Sie
sind deshalb oft nur auf einen engeren Kreis von Personen beschränkt. Sie
haben meist bildhaften Charakter und enthalten vielfach eine starke werten-
de Bedeutungskomponente26.
Aufgrund dieser Funktion wird diese Lexik als Berufsjargonismen27 oder
Fachjargonismen28 bezeichnet. Beispiele für Berufsjargonismen gibt es
buchstäblich in jedem Berofsbereich der Angehörigen einer Sprachgemein-
schaft: Hexe für einen Materialaufzug auf der Baustelle, Klettermaxe für
einen kleinen Spezialkran bei Turmbauten; einen verewigen für einen Ver-
brecher in den Akten registrieren; Klavier spielen für Fingerabdrücke ab-
nehmen (Berafsjargonismus der Kriminalpolizei). Schnürsenkel für kleine
Aale, die noch nicht das vorgeschriebene Maß haben (Berufsjargonismus
der Fischer).
Eine identische Betrachtung dieses Wortschatzes ist auch in der einschlä-
gigen Literatur des Russischen festzustellen, vgl. den Berufsjargonismus
окурки „мелкая сайра" in der Sprache der Fischer29.

3.2.3. GRUPPENSPEZIFISCHE WORTSCHÄTZE


Unter gruppenspezifischen Wortschätzen versteht man Sonderwort-
schätze verschiedener sozialer Gruppen einer Sprachgemeinschaft mit ge-
meinsamen Lebensbedingungen. In den früheren Klassifikationen als Stan-
dessprachen (Jargons), in jüngeren als Gruppensprachen, Gruppenwortschät-
ze, Soziolekte, gruppenspezifische Wortschätze bekannt, entstammen sie
Sprachverwendungsweisen sozialer Gruppen der Gesellschaft außerhalb der
Sphäre der Produktion, Wissenschaft und Technik. Ihr Gebrauch kennzeich-
net den Sprecher als Angehörigen einer Interessen-, Freizeit-, Alters- oder
Organisationsgruppe.
Die sprachlichen Eigenheiten der sozialen Gruppen bestehen vor allem
in einem gruppenspezifischen Wortschatz, wobei Grundwortschatz und
grammatische Struktur jedoch einer Existenzform entsprechen: der Litera-
tursprache, der Umgangssprache oder der Mundart. In der Regel verfügt
ein Sprecher über mehrere Normen, z.B. die Literatursprache, verschiede-
ne Register der Umgangssprache, eine Fachsprache. Je nach dem Bildungs-
grad und der konkreten Kommunikationssituation werden entsprechende
Normen verwendet.
156
Der Unterschied dieser grappenspezifischen Lexik von den Fachwort-
schätzen ist bereits in der älteren Germanistik treffend formuliert: Zum Un-
terschied von Fach- und Berufssprachen sind die besonderen Ausdrücke der
gruppenspezifischen Wortschätze expressive oder euphemistische Synony-
me zu den bereits bestehenden Wörtern der Gemeinsprache.
Die Grappenwortschätze werden von der jeweiligen Gruppe der Sprach-
gemeinschaft geprägt, die sie ins Leben ruft. All diese Wortschätze haben
jedoch eines gemeinsam — die Anschaulichkeit und Bildhaftigkeit der Wör-
ter, die durch metaphorische Übertragung der gemeinsprachlichen Lexik
entsteht. Das ist die Hauptquelle aller Gruppenwortschätze sozialer Grup-
pen. Vgl. einige aus dem zweiten Weltkrieg stammende Soziolektismen der
Soldaten wie Drahtverhau für gedörrtes Gemüse, Spatz für ein kleines Stück
Suppenfleisch, Wasser mit Wasser für dünne Suppe, Chinesenschweiß für
Tee, Negerschweiß für Kaffee, Nullenmacher für Intendaturbeamten, brau-
ne Husaren für Flöhe.
Zu den bekanntesten grappenspezifischen Wortschätzen des Deutschen,
die in der älteren Germanistik betrachtet wurden30, gehören die sogenannte
Studentensprache, die Gaunersprache bzw. das Rotwelsch oder Argot, die
Soldatensprache. Dass die Spezifik solcher Grappensprachen von der kon-
kreten Wirklichkeit determiniert und modifiziert wird, kann man an diesen
gruppenspezifischen Wortschätzen in einer historisch absehbaren Zeit ver-
folgen.
So ist die Entstehung und das Aufblühen der Studentensprache (17—18. Jh.)
in erster Linie mit alten studentischen Korporationen verbunden. Das war
ursprünglich eine „ausgebildete Kastensprache"31. Im Gmppenwortschatz der
Studenten wurden neben gemeinsprachlicher Lexik auch Fremdsprachen
ausgewertet, vor allem Griechisch, Latein und Französisch. Besonders be-
liebt waren scherzhafte Bildungen aus deutschen Stämmen mit fremden Af-
fixen vom Typ schauderös für schauderhaft, pechös für unglücklich, Schwach-
matikus für Schwächling, Politikus für Schlaukopf.
Sehr zahlreich waren Wörter zur Bezeichnung des Begriffs „Student":
Bursch, Musensohn, Muse, Bruder Studio u.a.; zur Bezeichnung der Nicht-
korpsstudenten wurde auch eine reiche synonymische Reihe mit stark ab-
wertender Charakteristik geschaffen: Finken, Trauermäntel, Kopfliänger,
Stubenhocker, Stubenschwitzer u.a. Für Studenten der ersten Semester: Mut-
terkalb, Pennalputzer, Fuchs.
Außer den üblichen Mitteln der Wortschöpfung waren in der alten Stu-
dentensprache, wie Kluge schreibt, Entlehnungen aus anderen Jargons be-
liebt, aus der Gauner-, Soldaten- und Seemannssprache, z.B. blechen = zah-
len (Rotwelsch); Knote = NichtStudierter (Soldatensprache);jfifo« (Seemanns-
sprache). Diese alte Studentensprache ist heute nur von historischem Inter-
esse, umso mehr, als viele Wörter und Wendungen dieses Gruppenwortschat-
zes längst in die deutsche Umgangssprache übernommen wurden (siehe
3.2.4.).
Unter gruppenspezifischen Wortschätzen nimmt die sogenannte Gauner-
sprache, auch als Deklassiertenjargon bezeichnet, einen besonderen Platz
157
ein. Die Jargonismen dieser Gruppe erfüllen, wie das traditionsgemäß in der
einschlägigen Literatur betrachtet wird32, eine Tarnfunktion. Dieser Grup-
penwortschatz ist ein Mittel, sich von den Nichteingeweihten abzusondern
und für alle anderen Angehörigen der Sprachgemeinschaft unverständlich
zu bleiben. Dieser Jargon ist seit dem 13. Jh. bekannt. Thematisch sind das
vor allem Synonyme für verschiedene Arten von Verbrechen, Verbrechern,
Verbrecherwerkzeug, ferner Synonyme für Geld, Polizei, besonders Krimi-
nalpolizeibeamten, Bezeichnungen von Lebensmitteln, Kleidung u.a. Zur
Tarnfunktion eigneten sich sowohl die gemeinsprachliche Lexik als auch
Entlehnungen aus Fremdsprachen mit sehr beschränkter Verbreitung.
Alles, was zur Schaffung der Argotismen aufgrund gemeinsprachlicher
Lexik ausgewertet wurde, trug einen sehr bedingten Charakter, vgl. Regen-
wurm für Wurst, Wetterhahn für Hut, Windfang für Mantel, Breitfiiß für Gans,
Spitzfiiß für Katze, Brotlade für Mund. Von Fremdsprachen war vor allem
das Hebräische sehr produktiv, aus dem z.B. folgende Argotismen entlehnt
wurden: kapores für tot, baldowern für auskundschaften, Moos für Geld.
Auch die Zigeunersprache war Quelle einiger Wörter wie z.B. balo für
Schwein, grai für Pferd, Маю für Brot u.a.
Dieser Gruppenwortschatz zeichnet sich durch eine besondere Wandel-
barkeit aus. Sobald ein Argotismus in der Gemeinsprache, vor allem in der
Umgangssprache, bekannt wurde — gewöhnlich durch Kriminalbeamte —
wurde er sogleich durch ein neues Wort ersetzt. So löste man seinerzeit z.B.
Dietrich (Nachschlüssel, hakenförmig gebogener Draht zum Öffnen von
Schlössern) durch Schränker ab.
In der linguistischen Literatur wird die Verminderung des Rotwelsch in
unserer Zeit erwähnt33.
Ein viel umstrittenes Problem der gruppenspezifischen Lexik sind ge-
wisse Eigenheiten des Wortschatzes der Jugendlichen, die sich nach 1945
entwickelt haben. In der einschlägigen Literatur wird dieser Gruppenwort-
schatz sehr verschieden bezeichnet: Jugenddeutsch, Jugendjargon, Jugend-
slang, Halbwüchsigendeutsch, Teenagerdeutsch, Twendeutsch, die Sprache
der Teenager und Twens, Jugendsprache, Soziolekt (der Jugendlichen).
Dass es sich in diesem Fall um keinen Jargon im Sinne einer Einheit von
lexikalischen, grammatischen und lautlichen Besonderheiten handelt, die sich
durch Systemhaftigkeit und Norm auszeichnet, haben auch die jüngsten
Untersuchungen gezeigt, in denen als Elemente der Signalfunktion der Ju-
gendlichen nur Wörter und Wortgruppen angeführt werden34.
Was die sogenannte Jugendsprache von früheren Altersgruppensprachen
z.B. der alten Studentensprache unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie so-
zial nicht gebunden und nicht beschränkt ist. Das Jugenddeutsch war, wie
die Übersicht der wichtigsten Arbeiten dieses Sonderwortschatzes der 50er—
60er Jahre ergab35, nicht nur unter der Jugend der besitzenden Klasse (BRD)
verbreitet, sondern auch unter berufstätigen Jugendlichen, die in der Pro-
duktion tätig waren, sowie unter Angestellten, der studierenden Jugend u.a.
Träger dieses Gruppenwortschatzes sind verschiedene Altersgruppen, sie
umfassen Jugendliche im Alter von 14 bis 30 Jahren. Vgl. die lexikographiJ
158
sehen Angaben: der Teenager ist ein junges Mädchen von 14 bis 19 Jahren,
der Twen — ein junger Mann von 20 bis 30 Jahren.
Als Triebkräfte oder Ursachen, die zur Ausgestaltung der Jugendsprache
der Nachkriegszeit beigetragen haben, werden in der Germanistik verschie-
dene genannt. Die Entstehung dieses grappenspezifischen Wortschatzes wird
vor allem aus dem Bedürfnis nach expressivem Ausdruck erklärt, als Ver-
such, das Alltägliche und Langweilige der Sprache zu überwinden36. Man
versucht auch diesen Gruppenwortschatz aus der Psyche dieser Altersgrup-
pe zu erklären, oder aber als Produkt der Blasiertheit und Haltlosigkeit eines
Teils der bürgerlichen Jugend hinzustellen37.
In der soziolinguistisch und funktional-kommunikativ orientierten For-
schung der Gegenwart werden die Besonderheiten in der Redeweise Jugend-
licher als Mittel zur Identifizierung mit einer sozialen Gruppe akzentiert38.
Der Zusammenhalt innerhalb einer sozialen Gruppe und das daraus resultie-
rende Gefühl des Selbstwerts und der Selbstbestätigung werden als Stimu-
lus für die Entwicklung jugendsprachlicher Besonderheit angesehen39.
Die Ursachen der Jugendsprache oder des Jugendjargons der Nachkriegs-
zeit in der BRD waren komplexer Natur. Sie entsprangen einerseits dem
Drang der Jugend nach expressiver Ausdrucksweise, andererseits wurde die
Ausgestaltung dieser Lexik der 50er — 60er Jahre zugleich von der Presse
und der anderen Massenmedien entscheidend beeinflusst. In zahlreichen
Magazinen, Zeitschriften der BRD, besonders in denen für Jugendliche, wurde
ständig der Typ eines modernen jungen Mädchens und eines modernen jun-
gen Mannes in unserem Zeitalter beschrieben: Beat, Pop, Mode — das sei
die Welt der Teenager und Twens.
Daraus erklärt sich auch die thematische Charakteristik dieser grappen-
spezifischen Wörter, die aufgrund der Wörterbücher40 und zum Teil auch
einiger Werke der schönen Literatur jener Zeit gegeben wurde. Diese Jargo-
nismen sind expressive, meist abwertende Dubletten gemeinsprachlicher
Lexeme aus den Bereichen der Mode, Musik und Technik. Dazu gehört auch
ein besonders entwickelter Wortschatz zur Charakterisierung der Jugendli-
chen selbst..
Die Anzahl der Jargonismen selbst ist nicht genau zu bestimmen, denn
von Lexemen und Phraseologismen, die in den oben erwähnten Wörterbü-
chern als Jargonlexik der Jugendsprache bezeichnet werden, erweisen sich
viele als umgangssprachliche Bildungen.
Die Sammlungen der 80er Jahre4' reflektieren neue thematische Berei-
che dieses Wortschatzes, der vor allem eine Verstärkung der Antihaltung der
jungen Generation zeigt, eine Antihaltung altersbedingter, aber auch politi-
scher Art gegen die Institutionen der bestehenden Gesellschaftsordnung im
Zusammenhang mit der Studentenbewegung Ende der 60er und Anfang der
70er Jahre. Sprachlicher Ausdruck dieser Antihaltung ist einer der populär-
sten Phraseologismen Null Bock, daher auch Null-Bock-Haltung, Null-Bock-
Generation, Null Bock auf nix! Der Ausdruck ist auch in positiver Bedeu-
tung^möglich, z.B. Auf die Sache hob' ich unheimlich Bock! „sehr große
Lust". Gruppenspezifische Einheiten dieser thematischen Gruppe können
159
auch Entlehnungen sein, z.B. street-fighter. Dieses Wort hat sich wahrschein-
lich besonders aus der Hausbesetzerszene heraus entwickelt. Das sind jene
Personen, die die Konfrontation mit der Staatsgewalt nicht scheuen42.
Ein weiterer gruppenspezifischer Wortschatz reflektiert Angst, Drogen,
Tod. Wörter und Phraseologismen zu diesem Themenkreis sind durch eine
reiche Synonymie gekennzeichnet, sie sind sowohl metaphorische Transfor-
mationen des deutschen Wortgutes als auch angloamerikanische u.a. Entleh-
nungen. So sind z.B. zahlreiche Bezeichnungen für Rauschgift: Stoff, Dro-
gen (Opium, Heroin, Haschisch, Marihuana u.a.) zu nennen: Gras, Heu, Tea,
Pot, Mary Jane, Afghan, Shit, Dope u.v.a. m.; Bezeichnungen für Drogenab-
hängige: User, dazu auch Ferien- und Feierabend-User, Ex-User „jmd., der
seine Abhängigkeit von Drogen überwunden hat; Bezeichnungen für jmdn.,
der unter Einwirkung von Drogen steht: high, stoned, cool, sich abdröhnen
(sich unter Drogeneinfluss setzen, sich von bestimmten Umwelteinflüssen
abschirmen), sich antörnen, sich zu machen, zu sein, zugeknallt sein u.a.
Das Bild von diesem reich entwickelten Nominationsbereich wäre noch
durch ein Zitat aus einschlägiger Sammlung zu ergänzen: „Der in der Ju-
gendszene (d.i. Jugendsprache — I.C.) entstandene, zumindest verbreitete
Spruch по hope, по dope, nofuture mag signalisieren, aus welcher Gemüts-
lage heraus die Flucht in die Droge unternommen wird"43.
Nach wie vor sind ein beträchtlicher Teil dieses gruppenspezifischen
Wortschatzes Bezeichnungen für Jugendliche selbst. So sind z.B. sehr viele
Bezeichnungen für junge Mädchen zu nennen: Sahneschnitte „ein beson-
ders hübsches Mädchen", Torte „ein hübsches, junges Mädchen", Disko-
Torte „eher abwertend für ein hübsches, junges Madchen", Tussi „junges
Mädchen", Schnecke „ein eher hübsches Mädchen", scharfe Käthe „ein auf-
reizendes Mädchen", Alte „feste Freundin", Teenie — Bopper „weibliche
Teenager, die meist in Diskotheken anzutreffen sind". Letztere Bezeichnung
ist jedoch abwertend. Als gängige positive Bezeichnungen für junge Mäd-
chen werden auch weibliche Verwandtschaftsnamen gebraucht: Mutti, Tan-
te, Suppermutter „ein besonders attraktives Mädchen".
In der Entwicklung des gruppenspezifischen Wortschatzes der Jugendli-
chen in der ehemaligen DDR gab es im Vergleich zur Jugendsprache der
BRD Elemente der Übereinstimmung.
Übereinstimmend ist der altersspezifische Aspekt, das Bestreben der Ju-
gendlichen sich von Älteren zu unterscheiden, die Vorliebe für Extremhal-
tungen, der Versuch das Alltägliche zu überwinden, was sprachlich in der
Sekundärnomination der Umwelt resultiert. Das sind in beiden Fällen betont
expressive, je nach den Objekten der Nomination abwertende oder aufwer-
tende Bezeichnungen für die im Moment subjektiv bedeutenden Sachver-
halte und Personen, nicht zuletzt Bezeichnungen für die Jugendlichen selbst.
Dieser Wortschatz ist z.T. mit dem der Jugendlichen in der BRD überein-
stimmend. Vgl. Bezeichnungen für „junges Mädchen", „Freundin": Käthe,
Tussi, Alte, übelste Alte (übelst als Ausdruck der Verstärkung), Kirsche, Weib,
Ische, Praline, Madame, Klunte44, Es gab aber auch Unterschiede, worauf
in der Literatur hingewiesen wird45.

160
Die Hauptquelle der gruppenspezifischen Lexik der Jugendlichen ist die
gemeinsprachliche Lexik, aber auch Entlehnungen aus anderen Gruppen-
sprachen, Dialekten und Fremdsprachen sind zu verzeichnen. Gerade in der
Jugendsprache treten die Wechselbeziehungen zwischen gemeinsprachlicher
Lexik und anderen Gruppensprachen besonders deutlich zutage.
Die überwiegende Mehrheit der Jugendjargonismen (semantisch-trans-
formierte gemeinsprachliche Lexeme) entsteht durch metaphorische Bedeu-
tungsübertragung: Tenne für Tanzdiele 46 , Kanne für Saxophon, Pfanne für
Banjo, Badewanne, Hundehütte für Kontrabass, Schießbude für Schlagin-
strument, Wurzel für Klarinette 47 .
Interessant sind Fälle sekundärer semantischer Transformationen, die in
der Fachliteratur festgestellt werden 48 . Das Substantiv Bulle hat in der Um-
gangssprache folgende lexisch-semantische Varianten:
1. Kriminalbeamter, salopp abwertend; 2. starker, ungeschlachter Mann,
salopp, abwertend 49 . Die erste lexisch-semantische Variante ist laut lexiko-
graphischer Quelle aus dem Rotwelsch entlehnt, die zweite entstand durch
metaphorische Bedeutungsübertragung aufgrund der äußeren und inneren
Ähnlichkeit von Tier und Mann. In der Jugendsprache der 60er Jahre fun-
gierte das Lexem Bulle mit der Bedeutung „jugendlicher Boss", „ein nicht
mehr sehr junger, tonangebender Junge". Wenn bei primärer Metaphorisie-
rung von Bulle in der Umgangssprache ein Merkmal der Stärke ausgewertet
ist, so ist das in der Jugendsprache ein Merkmal der moralischen Stärke bzw.
Überlegenheit. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass die Bedeutung des
Wortes aus der Gruppensprache der Soldaten entlehnt wurde, wo Bulle „wich-
tige Person auf einträglichem Posten, leitendem Posten beim Militär" be-
zeichnet 50 .
Weitere Entlehnungen aus anderen Gruppensprachen sind z.B. Brumm-
те „Braut, Freundin" aus der Soldatenlexik, Ische „Freundin, Mädchen"
aus der Gaunersprache.
Entlehnungen aus Fremdsprachen sind primär Angloamerikanismen. Das
sind in erster Linie Bezeichnungen für Jugendliche selbst: der Teenager und
die Scheinentlehnung — der Twen (englisch nicht vorhanden, eine Bildung
der Jugendsprache aus dem engl. twenty). Ferner sind zahlreiche Angloame-
rikanismen zu nennen aus den Bereichen Musik, Film, Femsehen, Freizeit-
gestaltung, Mode: Western-, Country-, Funky-Musik, Hard-Rock, hard-ro-
ckige Komposition, Remake (Neuverfilmung eines älteren Spielfilmstoffes),
Blues-Revival, Disko, Diskjockey, Disko-Seiyice, Live-Disko, Single, Debüt-
Single, Single-Platte, Sportdress, T-Shirt u.a.m.
Interessante Ergebnisse zeigte die Analyse der wortbildenden Struktur
dieser gruppenspezifischen Lexik 51 . Bezeichnend ist hier die Tatsache, dass
die Wortbildung oft mit Prozessen der Bedeutungsübertragung verbunden
ist. Neben gewöhnlicher Zusammensetzung, wo der Jargonismus mit einer
näheren Bestimmung fungiert, z.B. Jazzbomber für „Tänzer mit großer Aus-
dauer im Tanz", gibt es Zusammensetzungen, in denen beide Komponenten
umgedeutet sind, z.B. Wimmerschlauch für Tonbandgerät, Flüstermaschine
für Telefon, Jubelrohr für Klarinette, Wimmerscheune für Konzertsaal.
H 2576 161
Eine Besonderheit der Wortbildung im Jugendjargon der 60er Jahre war
die hohe Produktivität des Suffixes -e, das im Wortbildungssystem der Ge-
meinsprache völlig unproduktiv ist und nur eine gewisse Verbreitung in der
Umgangssprache hat52. In der Jugendsprache dagegen entstanden sehr viele
Jargonismen aus entsprechenden Verben: die Benehme (sich benehmen), die
Tobe (toben), die Tippe (tippen) = Ausflug, Marsch; die Verhaue (verhauen)
= Fehler, Irrtum; die Heule (heulen) = Transistorradio; die Rauche (rauchen)
= Zigarette; die Rieche (riechen) = Nase; die Absteige (absteigen) = Hotel,
Wohnort, Wohnung; die Scheine (scheinen) = Lampe.
Die Sonderwortschätze wie Jugenddeutsch sind besonders wandelbar, was
bereits aus der thematischen Charakteristik der Jugendjargonismen zu erse-
hen ist. Darum ist die Bestandsaufnahme dieses Sonderwortschatzes in der
Lexikographie immer bedingt aufzufassen. Vieles von dem, was bekannt
und registriert wurde, ist bereits überholt, und es kommen immer neue Wör-
ter und Wendungen auf, die völlig überraschend wirken. Vgl. Ausdrücke,
die missbilligendes Erstaunen in der Jugendsprache der 70er — 80er Jahre
(BRD) wiedergeben:
Ich — glaub', ich knall' auseinander1.
Ich glaub', ich klink aus!
Ich glaub'.mein Opa boxt im Kettenhemd!
Ich glaub', der Papst boxt im Kettenhemd!
Ich glaub', mein Schwein pfeift!
Ich glaub', mein Hamster bohnert!
Ich schnall', ab!
Ich brech', zusammen!^

ЪЛА. WECHSELBEZIEHUNGEN ZWISCHEN SONDERLEXIK


UND ALLGEMEINWORTSCHATZ
Die Wechselbeziehungen zwischen der Sonderlexik und dem Allgemein:
Wortschatz standen immer und stehen auch heute im Mittelpunkt des Interr
esses. Schon F. Kluge, der sich als einer der ersten mit den Sonderwortschät-
zen des Deutschen befasste, sprach seinerzeit von Sondersprachen als einer
Quelle, aus der sich die Gemeinsprache fortwährend bereichert. Auch späte-
re Forschungen beachteten diesen wichtigen Aspekt, vgl. die Worte von
A, Schirmer: „Es ergibt sich also, dass die Sondersprachen einen nicht zu
unterschätzenden Anteil an der Ausbildung des gemeinsprachlichen Wort-
schatzes haben"54.
Die Bereicherang der Gemeinsprache, in diesem Fall des Allgemeinwort-
schatzes, durch die Sonderwortschätze ist aber kein einseitiger Prozess. Die
moderne Wortforschung untersucht deshalb die beiderseitigen Einwirkungen
bzw. Wechselbeziehungen zwischen Sonder- und Allgemeinwortschatz. Die-
sem Problem ist eine umfangreiche einschlägige Literatur gewidmet, darunter
sind viele Arbeiten, die sich mit den Einflüssen der Fachlexik auf den Ge-
meinwortschatz auseinandersetzen. Das hängt damit zusammen, dass die Fach-
162
Wörter verschiedener Bereiche immer stärker den Wortbestand der Gemein-
sprache beeinflussen. Darum spricht man heute von einer zunehmenden Intel-
lektualisierang auch der Gemeinsprache als Folge einer immer stärker von
Wissenschaft und Technik beeinflussten gesellschaftlichen Entwicklung55.
Die Intellektualisierang der Gemeinsprache im Bereich der Lexik voll-
zieht sich vor allem dadurch, dass Fachausdrücke für Gegenstände und Er-
scheinungen der geistigen und materiellen Kultur aus den entsprechenden
Fachsprachen in die Gemeinsprache eindringen.
Ehemalige wissenschaftliche Termini, die heute im Zusammenhang mit
der wissenschaftlich-technischen Entwicklung immer stärker von der Ge-
meinsprache adoptiert werden, sindAnalyse, Basis, Charakter, Element, Fak-
tor, Kettenreaktion, Kollektiv, Perspektive, Struktur u.v.a.m.
Eine wichtige Rolle spielen hier die ständige Erhöhung des Bildungsni-
veaus, die zunehmende Bedeutung populärwissenschaftlicher Arbeiten usw.
Da Philosophie und Politik alle Bereiche des menschlichen Lebens durch-
dringen, erklärt ihre vielfach vorgeschobene Stellung im fachbezogenen
Bereich der Lexik56.
Ehemalige wissenschaftliche Termini, die ursprünglich nahezu ausschließ-
lich in den Fachsprachen verwendet wurden, sind unter anderem: Begriff,
Inhalt, Urteil, (das) Sein, Bewusstsein, wobei das letztere zur Grundlage
vieler Komposita geworden ist57.
Aber das Eindringen der ehemaligen Termini in die Gemeinsprache ist
wiederum nicht ein einseitiger Prozess, denn der Bedarf an neuen Fachwör-
tern wird (von Entlehnungen aus Fremdsprachen abgesehen) in bedeuten-
dem Umfang unter Zuhilfenahme von Wortmaterial aus dem nichtfachbezo-
genen Bereich der Lexik gedeckt, d.h. aus dem Allgemeinwortschatz. Die
Verfahrensweisen, die zur Bildung neuer Termini angewendet werden, sind
mannigfaltig — vor allem aber ist das die Spezialisierung der Wortbedeu-
tung gemeinsprachlicher Lexeme. So hat z.B. das alte Wort Strom „großes,
fließendes Gewässer" spezialisierte Bedeutung durch die Elektrotechnik er-
halten: Stromnetz, Wechselstrom usw. Ähnlich ist es bei Fluss, es wird in den
Komposita Verkehrsfluss und Arbeitsfluss im Sinne von „kontinuierlicher,
störungsfreier Ablauf" verwendet u.v.a.m.
Sehr produktiv ist ferner die metaphorische Bedeutungsübertragung, z.B.
Schnecke als Tier und Schnecke in der Medizin für „Teil des inneren Ohres".
Für den Bereich der Termini ist allerdings typisch, dass die weitaus größte
Zahl aller Metaphern nur als Elemente von Komposita auftreten, z.B. -hals,
-feld in Zahnhals, Wortfeld usw.58
Die Lexik der Gemein- und Umgangssprache wird ständig durch Grup-
penwortschätze bereichert. Die synonymischen und thematischen Reihen des
Allgemeinwortschatzes werden mit stilistischen und ideographischen Syn-
onymen, Lexemen und Phraseologismen der gruppenspezifischen Wortschät-
ze der sozialen Gruppen aufgefüllt. Die Übernahme der Gruppenwortschät-
ze in die Gemeinsprache wird, je nach der Art derselben, von verschiedenen
semantischen Transformationen begleitet, was in unserer Germanistik aus-
führlich beschrieben wurde59.
4* 163
Bezeichnend für alle Lexeme und Phraseologismen, die in die Umgangs-
sprache oder Schriftsprache aus den Gruppenwortschätzen übernommen
werden, ist, wie oben bereits erwähnt, ihre zusätzliche semantische Umfor-
mung. Entweder sind die Bedeutungen im Vergleich zu denen der Sonderle-
xik erweitert oder — und das ist vor allem für Wortgruppen kennzeichnend —
es tritt eine metaphorische Bedeutungsübertragung ein, wodurch Phraseolo-
gismen entstehen.
Bin typisches Bild zeigen Lexeme und Phraseologismen, die aus alten
Berufssprachen und Gruppensprachen, wie z.B. Jägerlexik, Bergmannsspra-
che stammen. Bei einigen Lexemen und Phraseologismen ist die metaphori-
sche oder metonymische Bedeutungsübertragung oder Bedeutungserweite-
rung deutlich zu sehen, z.B. Kesseltreiben, hetzen, spüren, aufstöbern, das
Hasenpanier ergreifen, durch die Lappen gehen. Der letzte Phraseologis-
mus entsteht aufgrund einer homonymischen syntaktischen Wortgruppe, die
beschreibt, wie das Wild gejagt wird: durch das Umstellen des Wildes mit
aufgehängten Tüchern. Bei einigen Wörtern ist die semantische Ableitung
nicht so augenfällig. So bedeutet {einer Sache) nachhängen eigentlich: tun
wie der Jagdhund, der eifrig eine Fährte verfolgt, während ihm der Jäger das
Leitseil locker hängen lässt.
Als naseweis konnte einst nur ein Hund mit guter Spürkraft bezeichnet
werden. Vorlaut wurde jener Hund genannt, der auf frischer Fährte vorzeitig
„laut" wurde, d.h. bellte, ehe er das Wild aufgesprengt hatte. Bärbeißig nennt
man die zur Bärenjagd abgerichteten Hunde, die zur Jagd auf Schwarzwild
verwendeten dagegen Schweinehunde. Auch unbändig stammt aus der Jä-
gerlexik: bändig (oder führig) ist der am Hängeseil abgerichtete Hund.
Ähnliche semantische Transformationen sind auch in der Lexik festzu-
stellen, die aus der Bergmannssprache in die Gemeinsprache übernommen
wurde, vgl. das Verb fördern „vorwärtsbringen, unterstützen", das im Ver-
gleich zur konkreten Bedeutung „Kohlen zutage fördern" eine Bedeutungs-
erweiterung erfahren hat. Oder das Substantiv Fundgrube, das in der Berg-
mannssprache ein ergiebiges Bergwerk bedeutete und in der Gemeinsprache
durch die metaphorische Bedeutungsübertragung „eine reiche Quelle" im
Allgemeinen bezeichnet.
Die erste Erscheinungsform der deutschen Sprache, die gewöhnlich durch
die Sonderwortschätze- der sozialen und Altersgruppensprachen bereichert
wird, ist die Umgangssprache, aus der gewöhnlich unter bestimmten Bedin-
gungen auch das weitere Eindringen der Sonderlexik in die Schriftsprache
möglich ist.
Über die Wechselbeziehungen zwischen Jugendlexik und Umgangsspra-
che schreiben viele deutschsprachige und russische Linguisten, denn der
Beitrag dieses Sonderwortschatzes zur Erweiterung der expressiven, stili-
stisch markierten Lexik ist in den letzten Jahrzehnten bedeutend. Gerade die
Jugendsprache ist, wie das in jüngster Forschung gezeigt wird60, eine der
wichtigsten Quellen der gängigen Ausdrücke bzw. Modewörter in der salop-
pen Alltagsrede. Dies geschieht nämlich vor allem dann, wenn das sprachli-
che Invertar der Jugendlichen von anderen übernommen wird, die außerhalb
164
der sozialen Gruppe der Jugendlichen stehen und somit eine andere Funkti-
on erfüllt als gruppenspezifischer Wortschatz der Jugendsprache. Zu beob-
achten war das in den 60er Jahren bei dem Wort Klasse „hervorragend, aus-
gezeichnet". Gegenwärtig, erlebt die Wendung Ich denk', mich tritt ein Pferd!
eine ähnliche Entwicklung. Zu diesem Ausdruck der Verwunderung entste-
hen in der Jugendsprache neue Parallelbildungen, die sehr schnell von der
saloppen Alltagsrede — und pointiert gebraucht auch von der gehobenen
Alltagsrede — übernommen werden: Ich denk', mein Hammer bohnert. Ich
denk', mein Goldfisch pfeift. Ich denk', mich knutscht ein Elch61. Aus der
Jugendsprache stammen auch Wörter und Wendungen, die sich in den 50er—
60er Jahren einer besonderen Popularität erfreuten und heute fast völlig aus
der Umgangssprache verschwunden sind wie Heule, auch Kofferheule, hei-
ße Musik; Zahn I Biene für „Mädchen", besonders in den Komposita Gold-
zahn für „reiches Mädchen", Barzahn für „Mädchen, das in der Bar arbei-
tet", Wucht/Wolke (großartige Sache) u.a.
Zur Besonderheit dieser Sonderlexik gehört die Tatsache, dass sie ohne
sekundäre semantische Transformation in der Umgangssprache fungiert.
Es gibt noch einen Sonderwortschatz, dessen Jargonismen ähnlich der
Jugendlexik vorwiegend ohne sekundäre semantische Prozesse in die Ge-
meinsprache übernommen wurden. Das ist die Gaunersprache (Argot, Rot-
welsch). Diese Jargonismen, vielfach als Argotismen bezeichnet, drangen in
erster Linie in die saloppe oder grobe Umgangssprache ein: Kittchen „Ge-
fängnis", Polente „Polizei", berappen, blechen „widerwillig bezahlen", me-
schugge „verrückt", Schlamassel „Unglück" u.a.
Einige Argotismen sind in die Schriftsprache eingegangen, wie z.B. Hoch-
stapler, Ganove. Diese Wörter haben auch einen Bedeutungswandel erfah-
ren. Hochstapler ist eine Substantivbildung zu dem gaunersprachlichen sta-
peln „betteln" und bezeichnete zunächst „den ,hoch* (d.h. .vornehm') auf-
tretenden Bettler62. Heute bedeutet das Wort: „jmd., der durch betrügeri-
sches Auftreten eine geachtete gesellschaftliche Stellung vortäuscht, um sich
dadurch Vorteile zu verschaffen"63. Vgl. den Titel des Romans von Th. Mann
„Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krall".
Auch Ganove fungiert heute in der Umgangssprache nicht in der spe-
zialisierten gaunersprachlichen Bedeutung „Dieb", sondern in der erwei-
terten — als „Verbrecher" im Allgemeinen. Das sicherte den Übergang die-
ses Argotismus in die stilistisch markierte, abwertende Lexik der Gemein-
sprache, vgl. den Gebrauch des Wortes in der Presse: Ganoven „Kriegsbrand-
stifter", „Verbrecher gegen die Menschheit" u.a.
Bei der Betrachtung der Erscheinungsformen der deutschen Sprache, der
Stratifikation des deutschen Wortbestandes und der Wechselbeziehungen
zwischen verschiedenen Schichten desselben kann man folgende grundsätz-
liche Schlüsse ziehen:
1. Aus synchroner Sicht ist der Wortbestand ein vielschichtiges Gebilde,
das die Kommunikation einer Sprachgemeinschaft gewährleistet.
Die zentrale Schicht bildet der Allgemeinwortschatz oder der gemein-
sprachliche Wortschatz, der den Begriffsschatz der Sprache repräsentiert,
165
was seine Multivalenz bedingt, d.h. seine Gültigkeit in allen Gebrauchssphä-
ren. Diese Schicht ist außerdem durch normative Vorbildlichkeit für alle
Sprachträger und einen Reichtum an funktional-stilistischen Varianten ge-
kennzeichnet64.
Um diesen Kern liegen weitere oder periphere Schichten, von denen in
erster Linie zu nennen sind die zahlenmäßig bedeutende Schicht fachgebun-
dener Lexik (Termini, Halbtermini, Fachjargonismen), ferner die Grappen-
wortschätze sozialer Gruppen und der Altersgruppen. Und schließlich ist in
der Schichtung die territorialgebundene Lexik (dialektale und landschaftli-
che) zu verzeichnen, die nachstehend näher erörtert wird (3.3.).
2. Aus diachroner Sicht ist der Wortbestand Produkt zahlreicher sozial-
bedingter und sprachlicher Übergange aus zentraler Schicht in periphere und
umgekehrt. Die Wechselbeziehungen zwischen Allgemeinwortschatz und
fachbezogener Lexik einerseits und Allgemeinwortschatz und Gruppenwort-
schätzen andererseits werden von verschiedenen semantischen Prozessen
begleitet.
Die Übergänge gemeinsprachlicher Lexeme in Grappenwortschätze sind
mit gruppenspezifischer sprachlicher Absonderung bzw. Spezialisierung
verbunden.
Die Übergänge der Gruppenwortschätze in den Allgemeinwortschatz sind
durch Erweiterung der sozialen Geltung und funktional-stilistischen Anwen-
dung der letzteren bedingt, da sie sich in der Gemeinsprache in stilistisch mar-
kierte, meistens abwertende Synonyme verwandeln, wie das beispielsweise
der Gebrauch des ehemaligen Argotismus Ganove in der Pressesprache zeigt.
Bei der Übernahme von Jargonismen und Argotismen in die Schrift-und
Umgangssprache handelt es sich nicht nur um rein mechanische Auffüllungs-
prozesse, sondern auch um zusätzliche semantische und funktional-stilisti-
sche Transformationen, die die soziale Geltung des Lexems verändern: vom
beschränkten gruppenspezifischen Gebrauch zum gemeinsprachlichen.

3.3. DIE TERRITORIALE DIFFERENZIERUNG


DES DEUTSCHEN WORTBESTANDES

3.3.1. ALLGEMEINES ÜBER MUNDARTLICHE, LANDSCHAFTLICHE


UND NATIONALE VARIANTEN DER LEXIK
Die territorialgebundene Lexik ist für zwei Erscheinungsformen der deut-
schen Gegenwartssprache kennzeichnend: 1. Mundart, 2. Umgangssprache
(siehe Tafel auf S. 151). Unter Mundart bzw. Dialekt — beide Bezeichnun-
gen werden vielfach gleichbedeutend verwendet — wird hier eine Existenz-
form der Sprache verstanden, die
(1) vorwiegend gesprochen wird,
(2) das Kommunikationsmittel einer geographisch enger begrenzten (lo-
kalen) Sprachgemeinschaft darstellt,
166
(3) eine bestimmte soziale Trägerschicht besitzt,
(4) nicht universell verwendbar ist, sondern nur bestimmte Funktionen
im Rahmen der gesellschaftlichen Kommunikation ausübt und
(5) durch ein Sprachsystem mit spezifischer Struktur gekennzeichnet ist65.
Die bedeutenden territorialen bzw. landschaftlichen Unterschiede in Le-
xik und Phraseologie der Umgangssprache und eine bis heute bedeutende,
eng begrenzte Lexik und Phraseologie auf mundartlicher Ebene bildet eine
spezifische Eigenart der deutschen Sprache.
Die historischen und sprachsoziologischen Ursachen für diese Eigenart
liegen in den Besonderheiten des Entwicklungsprozesses der deutschen Nati-
on und der deutschen nationalen Schrift- bzw. Gemeinsprache (siehe S. 149).
Das Scheitern der frühbürgerlichen Revolution (der Reformation des 16.
Jhs.), die darauf folgende Verstärkung der feudalen Zersplitterung, der erst
im 18. Jh. einsetzende Aufstieg der Produktivkräfte und die späte Bildung
des einheitlichen Staates (1871) — all das waren die entscheidenden Fakto-
ren zur späten Herausbildung der deutschen Nation und der nationalen Schrift-
sprache.
Die Grundlage der deutschen Schriftsprache bilden die ostmitteldeutschen
Dialekte von Obersachsen und Ostthüringen. Diese liegen allerdings nicht
in rein mundartlicher Form dem Schrifttum der Reformation und des deut-
schen Bauernkrieges sowie der Sprache der Lutherschen Bibelübersetzung
zugrunde, da die Bibel ja ein Werkzeug der Reformation war.
Kennzeichnend für die Formierung der deutschen nationalen Einheits-
sprache war die Tatsache, dass diese ostmitteldeutsche Variante der Schrift-
sprache sich im Laufe des 16., 17. und 18, Jhs. sowohl nach Süd- und Nord-
westen als auch nach Nordosten verbreitete und die lokalen Mundarten erst
allmählich verdrängte. Das bedeutete ein jahrhundertelang währendes Ne-
beneinanderbestehen von Schriftsprache und Mundarten, was dem deutschen
Wortbestand ein besonderes Gepräge verliehen hat. Aus diesen Gründen er-
scheint es sinnvoll, auf die Wechselwirkung zwischen Schriftsprache und
Mundart kurz einzugehen und Tendenzen ihrer Entwicklung festzustellen.
Da Schriftsprache und territoriale Dialekte historisch veränderlich sind
und historische Kategorien bilden66, muss man präzisieren, dass sie in der
Epoche der Herausbildung der nationalen Schriftsprache der deutschen Na-
tion betrachtet werden.
Die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Schriftsprache und territo-
rialen Dialekten sind in der Epoche der Nation folgende:
1. Die nationale Schriftsprache bzw. Gemeinsprache ist im Vergleich zum
territorialen Dialekt eine höhere Entwicklungsstufe der Sprache. Sie ist im
Gegensatz zum Dialekt nicht territorial begrenzt und gebunden. Sie ist mul-
tivalent, d.h. sie gewährleistet die Kommunikation in allen Bereichen des
gesellschaftlichen Lebens einer Sprachgemeinschaft.
2. Die territorialen Dialekte bilden in der Epoche der nationalen Ein-
heitssprache eine degradierende Kategorie. Sie gewährleisten nur eine be-
schränkte Kommunikation: die Verständigung bei der Ausübung beruflicher
Tätigkeit unter der Bauernbevölkerung und den Alltags verkehr in einer geo-
167
graphisch eng begrenzten Gegend. Ein wirksamer Faktor bei der allmähli-
chen Verdrängung der Dialekte sind Nationalsprachen, die sich bereits beim
Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus herauszubilden begannen. In
diesem Sinne werden die territorialen Dialekte dieser Epoche als territorial-
soziale Dialekte betrachtet67.
Der Wortschatz der Ortsdialekte, historisch aus den Bedingungen der
bäuerlich-agrarischen Produktions- und Lebensweise hervorgegangen und
dies im starken Maße reflektierend, kennzeichnet sich durch folgende Ei-
genheiten68.
Im mundartlichen Wortschatz sind verschiedene Gebiete des landwirt-
schaftlichen Berufes, die in der betreffenden Landschaft bestehen, reich ver-
treten. Das sind Feldwirtschaft, Viehzucht, Gemüseanbau, Gartenbau, fer-
ner der Wortschatz verschiedener Gewerbe wie Fischfang, Jagd, Weberei,
Zimmerei u.a. Außerdem zeigt der mundartliche Wortschatz eine Fülle von
Synonymen zum Ausdruck der Lebensbedürfnisse, der Hauswirtschaft, des
Alltags. Je nach der geographischen Lage und wirtschaftlichen Entwicklung
der betreffenden Gegend überwiegen im Wortschatz der Mundarten diese
oder jene Wortklassen der Berufslexik.
Wie reich die mundartliche Lexik an Bezeichnungen verschiedener Be-
rufsprozesse sein kann, davon zeugen ältere Arbeiten der deutschen Fachli-
teratur. So umfasste der Wortschatz des rheinischen Winzers (Weinbauer) zu
Beginn des 20. Jhs. über 600 Wörter zur Ausübung seines Berufs69.
Äußerst detaillierte Bezeichnungen gibt es z.B. in der Viehzucht, wo Tiere
je nach Geschlecht, Alter und wirtschaftlicher Verwendung Dutzende von
Namen haben. So kennt die Schriftsprache für das Schweinejunge nur ein
Wort — Ferkel. In den Dialekten unterscheidet man je nach Geschlecht —
Eberle — Lösle. Dem Alter nach heißt das kleinste Ferkel — Schössling,
das ältere Ferkel — Läufer, Springer u.a.
Für die mundartliche Lexik ist aber die Tatsache kennzeichnend, dass
hier neben einer Fülle von Wörtern im Bereich der gewerblichen Tätigkeit
der Bauern solche Gattungsnamen wie Rind, Pflanze, Ähre, Garbe fehlen70
oder oft nicht gebräuchlich sind71.
Viele Gebiete, auf denen die Schriftsprache großen lexischen Reichtum
aufweist, sind dagegen in den Mundarten nur schwach oder gar nicht ent-
wickelt, z.B. Staats- und Heerwesen, Wissenschaft, Kunst u. dgl. m. Was
diese Lexik abstrakten Charakters anbelangt, so fällt sie mit der der Schrift-
sprache zusammen. Dieser Umstand ist entweder darauf zurückzuführen,
dass diese Wortklassen in die Schriftsprache zur Zeit ihrer Herausbildung
aus Mundarten übernommen wurden, oder dass sie eher der Schriftsprache
entnommen sind.
In dieser Hinsicht ist folgende Stelle in einer Arbeit von O. Behaghel
interessant: „Unsere deutschen Mundarten gehen in einem Teile ihres Wort-
bestandes sehr stark auseinander, in einem anderen stimmen sie überein.
Und zwar, je sinnlicher, je greifbarer die Anschauung, desto größer die Ver-
schiedenheit, je verblasster die Vorstellung, um so weiter reicht die Überein-
stimmung. Die Schriftsprache hat natürlich hauptsächlich Wörter aufgenom-
168
men vom möglichst weiten Verbreitungskreis, also zumal die Wörter der
zweiten Klasse"72.
In der Epoche der Nation weichen die Dialekte vor der Schriftsprache
immer mehr zurück, und wenn das im Deutschen auch bedeutend langsa-
mer als in anderen Sprachen geschah, wurde dieser Prozess doch überall
festgestellt. So heißt es z.B. bei G. Schambach im Vorwort zu seinem Wör-
terbuch: „In unseren Städten ist im Laufe eines Menschenalters das reine
Plattdeutsch aus dem Gebrauche der Familien so ziemlich verschwunden,
und das Platthochdeutsche, ein unbestimmbarer Mischmasch, an seine Stelle
getreten"73.
Analoge Äußerungen sind auch bei O.Behaghel, H. Reis und vielen an-
deren zu finden: „Es ist schwer, in die Zukunft zu schauen. Aber so viel ist
schon jetzt mit Sicherheit zu erkennen, dass die reine Mundart rettungslos
dem Untergang verfallen ist..."74 „...der Untergang der Mundarten ist besie-
gelt"75.
Trotz der historisch unabwendbaren Tatsache, dass die Ortsdialekte in
der Epoche der Schriftsprache eine überlebte Kategorie bilden, war in der
Germanistik des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jhs. eine irrtümliche Auf-
fassung vom Wesen der Mundarten verbreitet: Sie wurden der Schriftspra-
che gegenübergestellt als Born, als Urquell allen Schrifttums, in ihnen allen
wäre die natürliche Sprachentwicklung, Volkstümlichkeit enthalten. Die
Schriftsprache dagegen wäre ein künstliches, fremdes Erzeugnis, das der
Mundart aufgenötigt sei. Dieser Standpunkt ist bei O.Wiese sogar anschau-
lich dargestellt. Er vergleicht die Mundart mit einer rotwangigen Dorfschönen,
die in einfachem Gewand harmlos und ungezwungen ihre Straße zieht, und
die Schriftsprache mit einer aufgeputzten Städterin, die das blasse Antlitz
durch künstliche Mittel färbt, doch im Vollgefühl ihrer Würde selbstbewusst
dahinschreitet76.
Zum Abschluss der Betrachtung der Mundarten in unserer Zeit wären die
Worte H. Beckers anzuführen: „Seit zweihundert Jahren werden die Mund-
arten totgesagt. Aber wenn man bei den richtigen Menschen ist, erkennt man:
Die Mundart ist nicht einmal krank! ... Wenn sie verachtet oder abgelehnt
wird, können viele Menschen ihr Bestes nicht ausdrücken und müssen in der
großen Aussprache unserer Zeit schweigen oder nur im stillen Winkel spre-
chen... Darum müssen wir die Mundarten pflegen und nützen"77.
Aber gerade am Beispiel der Entwicklung in der ehemaligen DDR konn-
te man sehen, dass der Mundart entsprechend ihrer historischen Rolle keine
Zukunft als Volkssprache zukommt.
Gerade durch das Aufkommen neuer sprachbildender Faktoren (Aufbau
einer Industrie, Landwirtschaft, Wirtschaft und Kultur, Intensivierung des
Verkehrs, Einfluss der Massenkommunikationsmittel, vor allem steigende
Einflussnahme von Wissenschaft und Technik in allen Lebensbereichen) hat
sich die Sprachsituation in den niederdeutschen Gebieten, die sich bis ins
20. Jahrhundert durch starke Gegensätze zwischen der niederdeutschen
Mundart und der hochdeutschen Schriftsprache kennzeichneten, grundsätz-
lich verändert78.
169
Als Folgen der erwähnten sprachbildenden Faktoren sind unter anderem
erhebliche Veränderungen innerhalb des Systems der Mundart zu beobach-
ten. Das betrifft am wenigsten das Lautsystem, dagegen ist eine starke An-
näherung der Mundart an die Morphologie, Syntax, Wortbildung und den
Wortschatz des Hochdeutschen zu verzeichnen.
Durch die soziolinguistische Forschung in der ehemaligen DDR wurden
genaue Einblicke gewonnen über den Verlauf des Zurückgehens des Dia-
lekts und die Erweiterung des kommunikativen Geltungsbereichs der Um-
gangssprache. Bei einigen Prozessen zeigen sich beträchtliche Unterschiede
zwischen sozialen Gruppen und Regionen. Beispielsweise erfüllt in Teilen
Thüringens der Dialekt noch heute seine Funktion als Kommunikationsmit-
tel auch im Arbeitsbereich79.
In der einschlägigen Forschung ist auch eine neue Funktion der Mundart
erwähnt. Vgl. folgende Feststellung: In der Alltagsrede stellt sich der Spre-
cher mit der Wahl eines umgangssprachlichen oder eines Mundartwortes auf
die Gesprächssituationen und -partner ein. Oft soll die Verwendung regional
gebundenen Wortgutes Vertrautheit, familäre Nähe signalisieren. Damit er-
hält die regionale Varietät eine soziale Funktion80.
Der erste Typ territorialgebundener Lexik sind mundartliche Varian-
ten. Sie sind landschaftlich eng begrenzt und nur auf mundartlicher Ebene
bekannt und geläufig. Beispiele: Hündin — Pätze — Lusche — Töle —
Tebe; Frosch — Padde — Pogge — Hetsche — Kecker, Mücken — Schna-
ken — Gelsen81.
Den zweiten Typ territorialgebundener Lexik bilden territoriale oder
landschaftliche Varianten (territoriale Tautonyme).82 Sie sind mundartli-
cher Herkunft, aber unterscheiden sich von der Mundartlexik dadurch, dass
sie zum Wortbestand einer anderen Erscheinungsform der Sprache (Umgangs-
sprache) gehören. Diese landschaftlichen Varianten sind zwar landschaft-
lich gebunden, aber überall bekannt. P. Kretschmer, der als erster diese land-
schaftlichen Varianten erforschte und beschrieb, betonte, dass „sie alles gleich
gute hochdeutsche Ausdrücke sind"83.
R. Große charakterisiert sie folgendermaßen: „...man verwendet gewöhn-
lich nur eines der Wörter. Aber sehr vielen Menschen, die Deutsch als Mut-
tersprache sprechen, sind doch die anderen auch bekannt und viele wissen
auch um die landschaftliche Beurteilung dieser Wörter84. Beispiele: Sonn-
abend — Samstag; Fleischer — Metzger — Schlächter, gestern Abend —•
gestern auf die Nacht; heute Morgen — heute in der Früh; dieses Jahr —
heuer, Junge — Bub; fegen — kehren; Rauchfang — Schlot — Esse; Sahne —
Rahm; Streichhölzer — Zündhölzer.
Auch in der DDR sind, wie R.Große schrieb, durch den intensiven
Austausch innerhalb der Republik viele landschaftliche Varianten bekannt.
Der Leipziger weiß z.B., dass der Berliner Schrippen anstelle seiner Bröt-
chen verlangt, wie der Berliner (nicht ohne Lächeln) von der Bemme des
Leipzigers anstelle seiner Stulle Kenntnis nimmt; und beiden sind das
Achtwasser von der Ostseeküste und die Pyramide aus dem Erzgebirge
bekannt85.
170
Von den landschaftlichen Varianten sind die nationalen Varianten der
Lexik zu unterscheiden. Es handelt sich in diesem Fall um die Lexik solcher
mehr oder weniger standardisierten Varianten der deutschen Sprache, die als
Literatursprachen anderer Nationen funktionieren86. Dazu gehören vor al-
lem die österreichische nationale Variante und die Schweizer Variante. Die-
se Lexik bildet Forschungsgegenstand der lexikalischen Systeme der betref-
fenden Varianten der hochdeutschen Schriftsprache und wurde in der Fach-
literatur entsprechend charakterisiert87. So können z.B. die Wörter Samstag,
Erdapfel zu gleicher Zeit als landschaftliche oder nationale Varianten der
Lexik betrachtet werden je nachdem, ob sie in Schwaben, Bayern oder in
Österreich gebraucht werden.

3.3.2. DIE LANDSCHAFTLICHEN (TERRITORIALEN) VARIANTEN


DER LEXIK UND TENDENZEN IN IHRER ENTWICKLUNG

Von allen territorialgebundenen Varianten der Lexik sind die landschaft-


lichen Tautonyme von besonderem Interesse. Zum einen gehören sie zur Lexik
der Verkehrs- und Alltagssprache, die landschaftliche Komplementärformen
bilden, zum anderen sind sie eine potentielle Quelle der synonymischen Le-
xik der Gemeinsprache.
Die Herausbildung von landschaftlichen Varianten der Lexik hängt un-
mittelbar mit der konkreten sozialen Entwicklung der deutschen Sprachge-
meinschaft zusammen.
Seit der Bestandsaufnahme landschaftlicher oder territorialer Varianten
der hochdeutschen Umgangssprache in der bekannten Arbeit von
P. Kretschmer, die zwar erst 1918 veröffentlicht wurde, im Grande jedoch
eine Materialsammlung des ausgehenden 19. Jhs. darstellte, haben sich in
dieser so bedeutende Veränderungen eingestellt, dass sie bereits für die zweite,
im Jahre 1938 geplante Auflage eine neue, grundsätzliche Nachprüfung und
Berichtigung erforderlich machten. Die Feststellungen der ersten Auflage
hatten schon für die dreißiger Jahre, wie Kretschmer selbst schrieb, nur noch
historischen Wert88. Die großen Verschiebungen ganzer Bevölkerungsgrup-
pen während des Zweiten Weltkriegs und danach haben dann die Wortland-
schaften noch viel einschneidender verändert, als es zuvor geschehen war.
Um welche Veränderungen dieser Lexik es sich handelt, geht aus einer
Analyse hervor, die in der Fachliteratur vorliegt89.
Die territorialen Dubletten, die in der Materialsammlung Kretschmers
enthalten sind, bilden drei Gruppen:
1. Territorial beschränkte landschaftliche Varianten: Samstag (südd.).
Erdapfel (südd.), Karfiol (südd.)
2. Territorial bevorzugte landschaftliche Varianten: Junge (nordd., mit-
teld.) — Bub (südd.), Abendbrot (nordd., mitteld.) — Abendessen (südd.)
3. Ehemalige territoriale Varianten, die heute in der Schriftsprache bzw.
Literatursprache mit einer gewissen semantischen oder stilistischen Diffe-
renzierung erscheinen: Kissen, Polster, Mütze, Kappe u.a.
171
Die ehemaligen territorialen Synonyme mit demselben Sachverhalt Kis-
sen und Polster unterscheiden sich heute semantisch. Einerseits handelt es
sich um ein mit Federn gefülltes weiches Kissen und andererseits um ein aus
Rosshaar oder Seegras hergestelltes festgestopftes hartes Polster als Unter-
lage, besonders auf Ruhemöbeln. Daher sagt man Kopflcissen, aber Polster-
möbel, Polsterstuhl.
Dasselbe sehen wir bei den Synonymen Mütze und Kappe. Die beiden
Wörter haben sich heute in der Schriftsprache semantisch differenziert. Die
Mütze ist „Kopfbedeckung ohne Rand", „Rundkrempe", daher: Matrosenmüt-
ze, Baskenmütze, Feldmütze, Reisemütze, während Kappe „eine enganliegen-
de Mütze": Badekappe, Autokappe, Jagdreiterkappe, Boykappe bezeichnet.
Darüber hinaus ist bei den ersten zwei Gruppen eine Tendenz feststell-
bar, dass die frühere territoriale Beschränkung heute viel lockerer geworden
ist und dass sie, d.h. diese Gruppen nicht immer den herkömmlichen Wort-
gebrauch aufweisen. So ist beispielsweise in der Presse und in der Alltagsre-
de nicht selten eine landschaftliche Variante zu bemerken, die früher immer
territorial beschränkt war, wie z.B. der Gebrauch von Samstag statt Sonn-
abend in Berlin.

ANMERKUNGEN
l
MeilletA. Linguistique historique et linguistique generale. — Paris, 1926; zi-
tiert nach: Allgemeine Sprachwissenschaft. — Berlin, 1975. — Bd. 1. — S. 395.
2
Schmidt W., Scherzberg J. Fachsprachen und Gemeinsprache//Sprachpfle-
ge. — 1968. — № 4. — S. 65.
3
Schönfeld H. Zur Soziolinguistik in der DDR. Entwicklung, Ergebnisse, Auf-
gaben // Zeitschrift für Germanistik. — 1983. — № 2. — S. 215.
4
Große R. Sprachsoziologische Schichtung im Wortschatz // DaF. — 1972.—№ 6. —
S. 327.
5
Lewandowski Th. Linguistisches Wörterbuch. — Heidelberg; Wiesbaden,
1985. — S. 664.
6
Große R. Ebenda.
7
Kleine Enzyklopädie... — S. 420.
8
Schmidt W., Scherzberg J. Fachsprachen... — S. 65 f.
9
Kleine Enzyklopädie... — S. 430 f.
10
Siehe den Überblick über die Entwicklung der Umgangssprache: Домаш-
нее А. И. Современный немецкий язык в его национальных вариантах.—Л.,
1983. — С. 33 — 37; Kleine Enzyklopädie. — S. 430 f.
11
Schippan Th. Lexikologie... — S. 190 ff.
12
Theoretische Probleme der Sprachwissenschaft/Hrsg. von W. Neumann. —-
Berlin, 1976. — S. 570 — 582.
13
Stroh F. Handbuch der germanischen Philologie. — Berlin, 1952. — S. 334 ff.
14
Kleine Enzyklopädie... — S. 444 ff.; Schippan Th. Lexikologie... — S. 243 ff.
15
Kluge F. Unser Deutsch. Einführung in die Muttersprache. — 6. Aufl. — Hei-
delberg, 1958.
16
Реформатский A.A. Что такое термин и терминология. Вопросы терми-
нологии // Материалы всесоюзного терминологического совещания. — М.,
1961 (и др.).

172
17
Schmidt W., Scherzberg J. Fachsprachen...; Schmidt W. Charakter und gesell-
schaftliche Bedeutung der Fachsprachen/Sprachpflege. — 1969. — № 1; Schippan
Th. Die Rolle der politischen und philosophischen Terminologie im Sprachgebrauch
beider deutscher Staaten und ihre Beziehungen zum allgemeinen Wortschatz // Wis-
senschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität. — Leipzig, 1968. — H. 2 / 3;
Heller K. Der Wortschatz unter dem Aspekt des Fachwortes — Versuch einer Syste-
matik//Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität. — 1970. — № 4;
Friese E. Stellung, Wesen und Charakter der technischen Fachsprachen in der ge-
sellschaftlichen Kommunikation//Sprachpflege. —1974. — № 1 (u.a.).
18
Heller K. Der Wortschatz... — S. 533 ff.
19
Friese E. Stellung, Wesen und Charakter... — S. 12.
20
Schippan Th. Die Rolle... — S.181
21
Drozd L. Die Fachsprache als Gegenstand des Fremdsprachenunterrichts //
DaF. — 1966. — № 2. — S. 25.
22
Moser H. Deutsche Sprachgeschichte. — 5. Aufl.—Tübingen, 1965. — S. 15 ff.
23
Porzig W. Das Wunder... — S. 260.
24
Kluge F. Unser Deutsch....
25
Stroh F. Handbuch... — S. 335; siehe auch Schmidt W., Scherzberg J. Fach-
sprachen... — S. 66. Eine ähnliche Beobachtung wurde ebenso in der älteren Fach-
literatur gemacht: Schirmer A. Die Erforschung der deutschen Sondersprachen // Ger-
manisch-romanische Monatsschrift. — 1913. — № 5. — S. 11.
26
Schmidt W. Charakter... — S. 20.
27
Riesel E. Stilistik... — S. 102.
28
Schmidt W. Charakter... — S. 20.
29
Гаранина H. С. Специальная лексика / МГУ. —1967.
30
Kluge F. Unser Deutsch....
31
Ebenda. — S. 102.
"Ebenda.
33
Kleine Enzyklopädie... — S. 300; Schippan Th. Lexikologie... — S. 237 f.
34
Heinemann M. Zur Signalfunktion der Jugendsprache//Linguistische Studi-
en. Reihe A Arbeitsberichte. — Berlin, 1983. — S. 122—136.
35
Портяниикова В. Н. Некоторые проблемы лексической характеристики
жаргонизмов (на материале «молодежного жаргона» современного языка в
ФРГ): Автореф. дис.... канд. филол. наук. — М., 1971. — С. 10.
36
Porzig W. Das Wunder... — S. 253 ff.
37
Riesel E. Der Stil der deutschen Alltagsrede. — M„ 1964. — S. 112.
38
Hartwig W.D. Kommunikation und Sprachvariation. — Berlin, 1981. — S. 16.
35
Heinemann M. Zur Signalfunktion... — S. 130.
40
Steiler Zahn und Zickendraht. Das Wörterbuch der Teenager- und Twenspra-
che. — Stuttgart, 1960; Welter E. G. Die Sprache der Teenager und Twens.—Frank-
furt/Main, 1964; Küpper H. Wörterbuch der deutschen Umgangssprache. — Ham-
burg, 1970.—Bd. VI.
41
Müller-Thurau C.P. Lass uns mal'ne Schnecke angraben. Sprache und Sprü-
che der Jugendszene. — 7. Aufl. — Düsseldorf, 1983.
42
Ebenda, — S. 161.
43
Ebenda. — S. 116.
44
Heinemann M. Zur Signalfunktion... — S. 132 f.
45
Ebenda. — S. 130.
46
Küpper H. — Bd. VI. — S. 330.
47
Портянникова В. Н. Некоторые проблемы... — С. 16.
173
48
Ebenda. — S. 13 f.
49
WDG. — S. 697.
50
Портятшкова B.H. Некоторые проблемы... — С. 15, 16.
51
Ebenda. — S. 18 f.
52
ДевкииВ.Д. Немецкая разговорная речь. — М., 1979. — С. 191. Козыре-
ва И. В. Словопроизводство коллоквиализмов в современном немецком язы-
ке: Автореф. дис.... канд.филол. наук / МГПИ им. В. И. Ленина. — М., 1967.
53
Müller-Thumu СР. Lass.... — S. 54 f.
54
Schirmer А. Deutsche Sondersprachen//GRM. — 1913. — H. 1. — S. 2.
55
Schmidt W., Scherzberg J. Fachsprachen... — S. 68 ff.
56
Heller K. Der Wortschatz... — S. 537. Dazu ausführlicher bei Schippan Th.
Die Rolle... — S. 177 ff. und besonders bei Fleischer W. Terminologie und Fach-
sprache im Bereich der Politik. Abschnitt: zum Begriff Fachsprache // Wissenschaft-
liche Zeitschrift der Pädagogischen Hochschule / Gesellschafts - und Sprachwissen-
schaftliche Reihe. — Potsdam, 1969. — H. 13. — S. 475 ff.
57
Schmidt W., Scherzberg J. Fachsprachen... — S. 69.
58
Ischreyt H. Studien zum Verhältnis von Sprache und Technik. — Düsseldorf,
1965. — S . 199.
59
Зиндер Л. Р., Строева Т. В. Современный немецкий язык. — М., 1957.
т
Heineinann M. Wie modern sind Modewörter /Sprachpflege. —1984.—H. 11.—
S. 159.
61
Ebenda.
62
Der Große Duden. — Mannheim, 1963. — Bd. 7. — S.268.
63
WDG. — S . 1874.
64
Филин Ф.П. О структуре современного русского литературного язы-
ка // ВЯ. — 1973. — №2. — С. 3, 4.
65
Kleine Enzyklopädie... — S. 384 f.
66
Näheres siehe: Guchmann M.M. Die Literatursprache//Allgemeine Sprach-
wissenschaft. — Berlin, 1973. — Bd. I. — S. 412 ff.
67
Жирмунский В.М. Проблема социальной дифференциации языков//
Язык и общество. — М., 1968. — С. 22—39.
68
D i e Mundart ist eine selbständige Erscheinungsform u n d unterscheidet sich
von der Schriftsprache auch in phonologischer und grammatischer Charakteristik,
auf die hier näher nicht eingegangen wird.
69
Kadel P. Beiträge zur rheinhessischen Winzersprache. — Gießen, 1928.
70
Näheres siehe: Жирмунский В. М. Н а ц и о н а л ь н ы й я з ы к и с о ц и а л ь н ы е
диалекты. — Л., 1936. — С. 79 (и далее).
71
Kleine Enzyklopädie... — S. 385.
72
Behaghel 0. Schriftsprache und Mundart. — Gießen, 1896. — S. 9.
73
Schambach G. Wörterbuch der niederdeutschen Mundart der Fürstentümer
Göttingen und Grubenhagen. — Hannover, 1858.
74
Behaghel 0. Schriftsprache... — S. 14.
75
Reis H. Die deutschen Mundarten. — Berlin; Leipzig. — 1912. — S. 2.
76
Wiese 0. Unsere Muttersprache, ihr Werden u n d ihr Wesen. — Leipzig; Ber-
lin. — 1902. — S. 72.
77
Becker H. Zu Mundart und Mundartforschung // Sprachpflege. — 1 9 5 8 , — № 7. —
S. 97, 98.
78
Gementz H. J. Über den Auflösungsprozess der Mundart im Norden der Deut-
schen Demokratischen Republik: Xth International Congress of Linguists. — Buka-
rest, 1967.—S. 118 ff.
174
79
Schönfeld H. Zur Soziolinguistik in der DDR // Zeitschrift für Germanistik. —
Leipzig. — 1983. — № 2. — S. 219.
80
Zitiert nach: Schippan Th. Lexikologie der deutschen Gegenwartsprache. —
Tübingen, 1992. — S. 14
81
Große R. Sprachsoziologische... — S. 329.
82
Ebenda.
83
Kretschmer P. Wortgeographie der hochdeutschen Umgangssprache. — Göt-
tingen, 1918. — S . 2.
84
Große R. Sprachsoziologische... — S. 330.
85
Ebenda.
86
Nach dem Charakter der Einheit und dem Stand des Normierungsprozesses
gehört die deutsche Spache ähnlich wie Englisch und Französisch zu Literaturspra-
chen, die neben einem grundlegenden Standard eine mehr oder weniger standardi-
sierte Variante als Literatursprache einer anderen Nation aufweisen//Allgemeine
Sprachwissenschaft. — Berlin, 1975. — Bd. I. — S. 453.
87
Riesel E. Stilistik... — S. 88; Der Stil... — S. 11 ff; Домашнее А.И. Очерк
современного немецкого языка в Австрии...—М., 1967; Перковская И. Д. Диф-
ференциальные признаки швейцарского варианта немецкого литератур-
ного языка (на материале швейцарской художественной литературы 19 и
20 в. и современной швейцарской прессы: Автореф. дис.... канд. филол.
наук / МГПИИЯ им. М. Тореза. — М., 1972; Домашнее А. И. Современный
немецкий язык в его национальных вариантах.
88
Kretschmer Р. Wortgeographie.... Aus „Vorbemerkungen zur 2. Auflage". —
Göttingen, 1969.
89
Архангельская K.B. Равноязычные синонимы немецкого языка (К про-
блеме классификации синонимов) // Уч. зап. /1 МГПИИЯ. — М., 1958. —
Т. XVI. — С. 153—161; Große R. Sprachsoziologische...
4. PHRASEOLOGIE

4.1. BEGRIFFSBESTIMMUNG.
ZIELE UND FRAGESTELLUNGEN
DER PHRASEOLOGISCHEN FORSCHUNG

Die Phraseologie ist ein neuer Bereich der Linguistik, der sich mit fe-
sten Wortkomplexen einer Sprache befasst. Feste Wortkomplexe sind se-
kundäre sprachliche Zeichen. Sie werden auf der Basis der primären bzw.
minimalen sprachlichen Zeichen, der Lexeme gebildet. Deshalb werden
sie auch komplexe Zeichen genannt. Der Struktur nach sind das Syntag-
men bzw. Wortgruppen und Sätze, die nach produktiven Modellen der Syn-
tax gebildet sind. Von den variablen Syntagmen unterscheiden sie sich da-
durch, dass innerhalb der festen Syntagmen und Sätze keine regulären se-
mantischen Beziehungen bestehen. Produktive strukturell-semantische
Modelle der Syntax dienen in diesem Fall zum Ausdruck einer unterschied-
lichen Semantik. Vgl.:
„jmdm. den Kopf waschen" als variables Syntagma bezeichnet eine kon-
krete Situation, in der einer dem anderen den Kopf wäscht;
„jmdm. den Kopf waschen" als festes Syntagma — ugs. jmdn. scharf
zurechtweisen;
„Das kannst du vergessen!" als variabler Satz bezeichnet die Aufforde-
rung, dass man irgendetwas vergessen kann;
„Das kannst du vergessen!" als festgeprägter Satz — ugs. das ist nicht
mehr aktuell; daraus wird nichts; z.B. den Mantel kannst du vergessen! (= er
ist nicht mehr brauchbar).
Unter festen Wortkomplexen sind somit reproduzierbare Syntagmen
bzw. Wortverbindungen, Wortgruppen, prädikative Verbindungen und fest-
geprägte Sätze zu verstehen, die über eine besondere Semantik verfügen.
Als Träger einer solchen gehen sie in das semantische System der Sprache
ein. Ihr Aufkommen und Bestehen in natürlichen Sprachen ist eine Folge-
erscheinung der Divergenz zwischen der Unendlichkeit der menschlichen
Erkenntnis, der gesellschaftlichen Praxis und der beschränkten Zahl der
Wurzelmorpheme.
Im Rahmen der sich intensiv entwickelnden Theorie der sprachli-
chen Nomination1 in unserer Linguistik sind weiterführende Aspekte
der modernen Phraseologieforschung deutlicher in Erscheinung getre-
ten. Diese betreffen in erster Linie folgende Bereiche der linguistischen
Forschung:
176
(1) Benennungsaspekt, d.h. die Untersuchung der Frage, welche Frag-
mente der außersprachlichen Wirklichkeit durch feste Wortkomplexe be-
zeichnet werden. Die Mechanismen ihrer Erzeugung, Probleme der Mo-
dellierung.
(2) Semantische Eigenständigkeit im Vergleich zu minimalen sprachli-
chen Zeichen primär im Hinblick auf den denotativ-referentiellen Bedeu-
tungsanteil.
(3) Kommunikativ-pragmatische Potenzen und Leistungen.
Der eigentlichen Betrachtung der oben genannten Fragen wären einige
begriffliche und terminologische Präzisierungen vorauszuschicken.
Der Begriff „Phraseologie" ist bis heute terminologisch nicht eindeutig.
In letzter Zeit gewinnt allerdings ein deutliches Übergewicht die Konzepti-
on, nach der sich dieser Bereich der linguistischen Forschung mit allen Ar-
ten fester Wortkomplexe der Sprache befasst. Demnach sind vorerst die Klas-
sen fester Wortkomplexe zu besprechen.

4.1.1. KLASSEN FESTER WORTKOMPLEXE UND DAS PROBLEM


IHRER IDENTIFIZIERUNG

Eines der schwierigsten Probleme in der Phraseologieforschung bildet


die Auffindung eines objektiven Verfahrens zur Identifizierung fester Wort-
komplexe. Die Schwierigkeit entsteht infolge der Tatsache, dass diese Ge-
bilde sehr heterogen sind. Sie unterscheiden sich nach der syntaktischen Struk-
tur, nach dem Typ der Semantik, nach der Verknüpfbarkeit der Konstituen-
ten oder Komponenten innerhalb des Komplexes u.a.m. Vgl. folgende Wort-
komplexe des Deutschen, die in der Rede nicht produziert, sondern vom
Muttersprachler reproduziert werden, d.h. Wortgruppen und Sätze, die gleich
Wörtern zum vorgeformten Sprachgut gehören:
(a) etw. an den Nagel hängen „etw. aufgeben" ugs.;
(a})jmdn. nicht riechen können „jmdn. unausstehlich finden" ugs.;
(b) großer Bahnhof „festlicher Empfang" ugs.;
(bj) der rote Faden „der leitende Gedanke, das Grundmotiv";
(c) in Hülle und Fülle „im Überfluss";
(d) mager wie eine Spinne „sehr dünn, mager";
(e) (ein) gebranntes Kind scheut das Feuer „nach einem erlittenen Scha-
den sieht man sich vor";
(e;) wo der hinhaut, wächst kein Gras mehr „er ist in seinen Handlungen,
in seiner Kritik sehr massiv, rigoros" ugs.;
(e2) der gerade Weg ist der kürzeste;
(/) ein blinder Schuss „ungezielter Schuss";
(fj) eine ägyptische Finsternis „sehr tiefe Finsterais";

12 2576 177
(g) blinde Fenster, Türen; ein blindes Knopfloch „vorgetäuschte Fenster"
usw.;
(h)jmdn., etw. in Empfang nehmen „jmdn., etw., empfangen";
(hj) ein Berg von einem Zuchtbullen ugs.;
(i) der Nahe Osten;
{ij) Nationales Olympisches Komitee.
Wie die Beispiele zeigen, sind die angeführten festen Wortkomplexe syn-
taktisch sowohl Wortgruppen (a), (aj), (b), (bj), (c), (d), als auch Sätze (e),
(ei)> (ег)'> semantisch sind es sowohl ganzheitliche umgedeutete feste Wort-
komplexe wie (а), (а,), (b), (b,), (c) und nicht umgedeutete (i), (i t ) als auch
solche mit analytischer Bedeutung (f), (fi), (g); ferner sind hier festgeprägte
Sätze mit übertragener und erweiterter Bedeutung (e), (e{), (e2) und schließ-
lich Wortkomplexe, die semantisch und strukturell nach bestimmten Model-
len der Sprache in der Rede aktualisiert werden (h), (hj); funktional sind die
festen Wortkomplexe ebenso nicht homogen, denn einige davon sind rein
benennende (denotative) Spracheinheiten wie (i), (ii), (g), (h), die anderen
dagegen wertende, charakterisierende (konnotative) wie (a), (a^, (b), (bj,
(c), (d), kommentierende, verallgemeinernde wie (e), (e{), (e2). Diese sind
infolgedessen oft stilistisch markiert.
Die Vielfalt der Forschungsobjekte bedingt in diesem Fall die Wahl eines
Komplexes von Kriterien, deren Anwendung die Eigenart fester Wortkom-
plexe identifizieren lässt. Es werden also alle wesentlichen Faktoren berück-
sichtigt, die sie konstituieren: die grammatische (syntaktische) Struktur, die
Verknüpfungsart des Konstituentenbestandes, die Semantik als Ergebnis des
Zusammenwirkens von Struktur und Umdeutung einschließlich des Umfangs
der Umdeutung.
Daraus ergeben sich folgende Kriterien zur Identifizierung fester Wort-
komplexe aus synchroner Sicht:
1. grammatische (syntaktische) Struktur:
a. Wortverbindungen bzw. Wortgruppen;
b. prädikative Verbindungen und Sätze.
2. Verknüpfungsart der Konstituenten:
a. singuläre;
b. serielle;
с modellierte.
3. Bedeutung als Resultat des Zusammenwirkens von Struktur und se-
mantischer Transformation der Konstituenten:
a. Bedeutung als Ergebnis der semantischen Transformation
des Konstituentenbestandes;
b-. Bedeutung als Ergebnis einer typisierten Struktur (modelliert);
с Bedeutung als Ergebnis der eigentlichen lexikalischen
Bedeutungen des Konstituentenbestandes2.

178
Die Anwendung der entwickelten Kriterien ermöglicht es, folgende Klas-
sen fester Wortkomplexe aufzustellen:
Syntaktische Wortverb. Präd. Wortverb. Wortverb u. Wortverb.
Struktur Verbind, u. Satz
Satz
\Bedeutung transformiert
übertragen übertragen übertragen modelliert eigentlich
(alle Konsti- od. erwei- (eine Konsti-
tuenten) tert tuente)
VdK* \
singulär Ia Ib Ic IV
seriell II

modelliert III

* VdK = Verknüpfungsart der Konstituenten

Die I. Klasse (Ia, Ib, Ic) ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
singuläre Verknüpfbarkeit der Konstituenten3 und semantisch transformier-
te Bedeutung (übertragene oder erweiterte).
Die Subklasse Ia erfasst die festen Wortkomplexe mit der syntaktischen
Struktur der Wortverbindungen bzw. Wortgruppen, deren Bedeutung auf-
grund der semantischen Transformation des gesamten Konstituentenbestan-
des entsteht. Das sind die Beispiele (a), (aj), (b), (bj), (c).
Die Subklasse Ib erfasst die Komplexe mit der syntaktischen Struktur der
Sätze bzw. der prädikativen Verbindungen, deren Bedeutung auf dem Wege
der Bedeutungsübertragung bzw. -erweiterung zustande kommt. Das sind
die Beispiele (e) (в[), (е2).
Die Subklasse Ic erfasst die Komplexe, die durch eine singuläre Ver-
knüpfung einer semantisch transformierten (übertragenen) Konstituente ent-
stehen. Die andere Konstituente solcher festen Wortkomplexe ist nicht über-
tragen. Vgl. die Beispiele (f), (fi).
Die II. Klasse fester Wortkomplexe ist gekennzeichnet durch die serielle
Verknüpfung einer semantisch transformierten (übertragenen) Konstituente
mit Lexemen in der eigentlichen Bedeutung. Vgl. das Beispiel (g).
Die III. Klasse ist durch modellierte Verknüpfung der Konstituenten und
eine modellierte Semantik gekennzeichnet, d.h. es handelt sich hier um be-
stimmte Strukturen bzw. Modelle der Sprache mit einer typisierten Semantik,
die auf der Ebene der Rede situativ realisiert werden, vgl. die Beispiele (h), (hi).
Die Einbeziehung der III. Klasse in das Korpus fester Wortkomplexe ist
insofern bedingt zu betrachten, als es sich in diesem Fall um Schemata han-
delt, deren lexikalischer Bestand erst in der Rede konkretisiert wird.
Die IV. Klasse kennzeichnet sich durch eine singuläre Verknüpfung der
Konstituenten für die gegebene Semantik, die aufgrund der eigentlichen le-
xikalischen Bedeutung derselben entsteht, vgl. die Beispiele (i), (i,).
12* 179
Terminologische Bezeichnungen für die vier gewonnenen Klassen fester
Wortkomplexe sind:
I. Phraseologismen. III. Modellierte Bildungen.
П. Phraseologisierte Verbindungen. IV. Lexikalische Einheiten.

4.2. FESTE WORTKOMPLEXE DER KLASSE I —


PHRASEOLOGISMEN

4.2.1. DEFINITION. GRUNDSÄTZLICHES ZUR PHRASEOLOGISCHEN


NOMINATION AUS KOMMUNIKATIV-PRAGMATISCHER SICHT.
KLASSIFIKATION
Aufgrund des entwickelten Kriterienkomplexes können die sprachlichen
Zeichen der Klasse „Phraseologismen" folgenderweise definiert werden:
Phraseologismen sind feste Wortkomplexe verschiedener syntaktischer
Strukturtypen mit singulärer Verknüpfung der Konstituenten, deren
Bedeutung durch eine vollständige oder teilweise semantische Trans-
formation des Konstituentenbestandes entsteht.
Die Phraseologismen als sprachliche Benennungen besitzen folgende
Spezifik: Sie dienen nicht zur rationellen Benennung des Referenten, son-
dern zur expressiv-wertenden, konnotativen. In dieser Benennung kommt
primär die Stellungnahme des benennenden Subjekts zur Geltung, die
Ab- oder Aufwertung des Objekts der Aussage vom Standpunkt des benen-
nenden Subjekts. Gerade,dieser Faktor ist für die Beteiligung der Phraseolo-
gismen an der Nomination entscheidend. In der jüngsten Forschung wurde
der subjektive Faktor folgenderweise konkretisiert: „Im Ganzen wird also
die Beteiligung der Phraseologismen an der Nomination von einem Faktor
bestimmt, den man den Grad der subjektiven Bedeutsamkeit der objek-
tiven Erscheinungen nennen könnte"4. Aus dieser Erkenntnis resultiert
die Tatsache, dass die Phraseologismen vor allem zur Benennung von sub-
jektiv bedeutsamen physischen, psychischen und sozialen Situationen und
Zuständen des Menschen dienen. Die zahlenmäßig bedeutendsten phraseo-
semantischen Gruppen sind dementsprechend Aspekte der menschlichen
Psyche sowie der zwischenmenschlichen Beziehungen: Lob und Tadel, Glück
und Unglück, Liebe und Hass, Erfolg und Misserfolg, Niederlage, Bloßstel-
lung, Tod, Krankheit, Zwietracht, Dummheit, Zerstörung, Schwierigkeiten,
Betrug, Trübsinn, Zorn, Hilfe u.a.
Das eindeutige Übergewicht der negativ konnotierten Phraseologismen
scheint allerdings eine sprachliche Universalie zu sein. Das geht unmittelbar
auch auf die objektive Wertung vieler aufgezählter Situationen und Zustände
des Menschen zurück wie Tod, Krankheit, Unglück, Niederlage, Zerstörung u.a.
Die subjektiv-wertende phraseologische Nomination ist nach der Art, wie
der Referent benannt wird, eine indirekte Nomination, denn bei dieser Be-
180
nennung wird das Objekt der Aussage durch die Merkmale der anderen Re-
ferenten charakterisiert. Da die Referenten im Fall der phraseologischen
Nomination Bezeichnungen von Situationen sind, resultiert die indirekte
Nomination in der Schaffung einer bildlichen Motiviertheit der Bedeutung.
Dies stellt die konnotative Komponente in der semantischen MikroStruktur
des Phraseologismus dar und bildet die Grundlage der Expressivität.
Die indirekte Nomination der mehrgliedrigen Strukturen resultiert fer-
ner in der semantischen Eigenständigkeit der Phraseologismen denotativ-
referentieller Art, was ihnen im nominativen Inventar der Sprache einen
besonderen Platz einräumt und ihren kommunikativ-pragmatischen Wert
bestimmt.

4.2.2. KLASSIFIKATION DER PHRASEOLOGISMEN


Die Phraseologismen des Deutschen wurden in unserer Germanistik
nach verschiedenen Prinzipien systematisiert. Diese Prinzipien sowie die
Klassifikationen selbst spiegeln in gewissem Sinn die Entwicklungsperi-
oden der phraseologischen Forschung in der Linguistik im Allgemeinen
wider.
So entstand Anfang der 50er Jahre die semantische Klassifikation der
deutschen Phraseologie (nach der Vinogradovschen Klassifikation)5.
Anfang der 60er Jahre folgte ihr die funktionale Klassifikation der Phra-
seologismen6.
Aus dem Kriterienkomplex zur Identifizierung fester Wortkomplexe
(S. 178) resultiert die strukturell-semantische Klassifikation der Phraseo-
logismen, die in der nachstehenden Beschreibung des phraseologischen Kor-
pus verwendet wird. Wie aus dem Schema (S. 179) ersichtlich ist, erfasst sie:
(1) Subklasse Ia, in der einschlägigen Forschung unter dem Terminus
„phraseologische Einheiten" bzw. „phraseologische Ganzheiten" bekannt;
(2) Subklasse Ib — „festgeprägte Sätze";
(3) Subklasse Ic — „phraseologische Verbindungen".
Schließlich ist noch die lexikalisch-syntaktische Klassifikation zu nen-
nen, die in 4.2.3. ff. näher betrachtet wird.

4.2.3. (1) SUBKLASSE „PHRASEOLOGISCHE EINHEITEN"


Phraseologische Einheiten sind zahlenmäßig die bedeutendste Subklasse
der deutschen Phraseologie. Was die Struktur der Phraseologismen dieser
Subklasse anbetrifft, sind hier alle syntaktischen Modelle variabler Syntag-
men bzw. Wortgruppen der deutschen Gegenwartssprache zu verzeichnen.
Das sind syntaktische Modelle sowohl der Wortgefüge, deren Glieder durch
Subordination (Unterordnung) miteinander verbunden sind, als auch Wort-
reihen, deren Glieder durch Koordination (Beiordnung, Nebenordnung) mit-
einander verbunden sind.
Nachstehend werden davon nur die wichtigsten für die phraseologische
Nomination angeführt. Vgl.;
181
(1) Sa+V: den Mund halten „schweigen"; Grillen fangen „grübeln";
(2) (Pron Sd)+Sa+V: jmdm. den Kopf waschen „jmdn. scharf zurecht-
weisen"; jmdm. einen Bären aufbinden „jmdn. belügen";
(3) Präp+S obl+V: ins Gras beißen „sterben"; in der Tinte sitzen „in
einer misslichen Situation sein";
(4) Sa+Präp + S obl+V: die Beine unter die Arme nehmen „sich beei-
len", „schnell davon laufen"; die Hände in den Schoß legen
„nichts tun", „faulenzen";
(5) Adj [Part] + Sn: eine weiße Maus „Verkehrspolizist", ugs. scherzhaft;
ein schwerer Junge „Verbrecher";
(6) Sn+Sg: der Apfel der Zwietracht „etw., was die Menschen entzweit";
die Kuh des kleinen Mannes „die Ziege";
(7) [Präp] + S [obl]+Konj+S [obl]: Freund und Feind „alle", in Hülle
und Fülle „im Überfluss";
(8) S+Prap+S: Schritt für Schritt „allmählich"; Schritt um Schritt „mehr
und mehr"; Hand in Hand „gemeinsam", „zusammen";
(9) Adj [Part]+Konj+Adj [Part]: alt und jung „alle"; geschniegelt und
gebügelt „übertrieben fein herausgeputzt";
(10) Adv+Konj+Adv: hin und wieder „manchmal"; hin und her „ohne
bestimmtes Ziel", „auf alle Möglichkeiten hin";
(11) V+Konj+V: hegen und pflegen „behüten und pflegen"; schinden
und schaben „geizen", veralt.; sich schinden und plagen
„sich plagen, abmühen";
(12) Präp+S: durch die Bank „ohne Ausnahme"; um ein Haar „beina-
he"; auf Anhieb „sofort", „beim ersten Versuch"; um Haa-
resbreite „sehr knapp"; im Handumdrehen „sehr schnell";
Adj mit offenen Armen „freudig";
(13) Präp+Pron + S: aufjeden Fall „unbedingt";
Zahlw unter vier Augen „ohne Zeugen";
(14) Adj + Konj + S [Vergleichsgruppe]: schnell wie der Wind „sehr
schnell"; nass, durchnässt wie eine gebadete Maus „ganz
durchnässt";
(15) V+Konj + S [Vergleichsgruppe bzw. -satz]: arbeiten wie ein Pferd
„äußerst intensiv, angestrengt arbeiten"; dahinschmelzen wie
Schnee an der Sonne „verschwinden, aufhören bes. von
Zorn"; er tut, als hätte er die Weisheit mit Löffeln gefressen
„er tut, als ob er sehr klug wäre"; '
(16) S+Konj + S [Vergleichsgruppe]: ein Gesicht (machen) wie drei (sie-
ben) Tage Regenwetter „sehr verdrießlich, mürrisch".
Die Phraseologismen der syntaktischen Modelle der Wortgefüge und
Wortreihen lassen sich nach ihrer Korrelation mit Wortarten klassifizieren,
da sie die lexikalisch-grammatische Bedeutung der gegebenen Wortarten
besitzen und ihre syntaktischen Funktionen erfüllen.
Auf diese Weise entsteht die lexikalisch-syntaktische Klassifikation der
phraseologischen Einheiten, die in erster Linie folgende Gruppen umfasst:
182
1. Verbale Phraseologismen.
2. Substantivische Phraseologismen.
3. Adverbiale Phraseologismen.

4.2.3.1. Verbale Phraseologismen


Verbale Phraseologismen bzw. verbale phraseologische Einheiten bilden
unter anderen Phraseologismen dieser Subklasse die zahlreichste Gruppe.
Ihre typischen syntaktischen Modelle (siehe 4.2.3.) sind (1), (2), (3), (4).
Die Bedeutung der verbalen Phraseologismen entsteht infolge der se-
mantischen Transformation variabler Syntagmen bzw. Wortverbindungen,
die primär die metaphorische Bezeichnungsübertragung darstellt.
Verbale Phraseologismen korrelieren kategorialsemantisch mit dem Verb.
Entsprechend der referentiellen Charakteristik des Verbs als eines „zustand-
oder vorgangschildernden Aussagewortes" (Erben) kommt es zur metapho-
rischen Bezeichnungsübertragung aufgrund der Ähnlichkeit im Verlauf der
Vorgänge, in der Intensität, Ähnlichkeit in der Fortbewegung (bei Fortbewe-
gungsverben), Ähnlichkeit im Ziel, Resultat, in der Voraussetzung und in
der Folge des Geschehens. Die Metaphorisierung variabler Wortverbindun-
gen hat ein überaus wichtiges Merkmal, das aus dem mehrgliedrigen Konsti-
tuentenbestand resultiert. Die variablen Wortverbindungen sind zum Unter-
schied von Lexemen, die sich auf isolierte Denotate und Klassen von sol-
chen Denotaten beziehen, Fragmente der Wirklichkeit bzw. Situationen. Vgl.
solche variablen Verbindungen wie jmdm. unter die Arme greifen, keinen
Finger rühren, den Nagel auf den Kopf treffen, bergauf gehen, bergab gehen
u.a. In den syntaktischen Modellen der angegebenen variablen Wortverbin-
dungen weisen die Lexeme eine reguläre logisch-semantische Verknüpfbar-
keit auf. Auf einen anderen Bereich übertragen erhalten die bezeichneten
Fragmente der Wirklichkeit — in allen angegebenen Fällen sind es konkrete
Handlungen — eine abstrahierte, verallgemeinerte ganzheitliche Bedeutung.
So bedeutet z.B. jmdm, unter die Arme greifen „jmdm. in einer Notlage hel-
fen". Was von der genetischen syntaktischen Basis der neugewonnenen Be-
deutung überliefert ist, kann man als das phraseologische Bild bezeichnen,
das auch vielfach die „innere Form" des Phraseologismus genannt wird7.
Semantisch resultiert das in zusätzlichen semantischen Merkmalen, die
die Bezeichnung des jeweiligen Vorganges oder Zustandes präzisieren. So
bedeutet der Phraseologismus bei jmdm. auf den Busch klopfen nicht nur
„etwas zu erkunden suchen", sondern „ v o r s i c h t i g , d u r c h g e s c h i c k -
t e s F r a g e n zu erkunden suchen"; sich bei jmdm, lieb Kind machen be-
deutet „sich bei jmdm. ein gutes Ansehen verschaffen und dadurch Vor-
teile verschaffen, sich einschmeicheln";seineHautzuMark-
te tragen heißt nicht nur „sich voll für jmdn., etw. einsetzen", sondern es hat
ein zusätzliches semantisches Merkmal „s i с h d a b e i s e l b s t g e f ä h r -
d e n " , „ s i c h in G e f a h r b e g e b e n " .
Diese semantische Besonderheit kann man mit dem Terminus denota-
tiv-referentielle Komplexität bezeichnen, da die Bedeutung durch meh-
183
rere semantische Merkmale charakterisiert bzw. differenziert und konkre-
tisiert wird.
Die innere Form des Phraseologismus bzw. das Bild als Motivation der
neugewonnenen Bedeutung bewirkt darüber hinaus die konnotative Wirkung,
somit auch die Expressivität. Die Konnotation des Phraseologismus ist ein
Element seiner semantischen MikroStruktur. Sie ist für diese Spracheinhei-
ten kategorialbildend.
Für phraseologische Einheiten, primär für verbale Phraseologismen ist fer-
ner noch eine Semantik kennzeichnend, die das Gegenteil der denotativ-refe-
rentiellen Komplexität der Bedeutung bildet, und zwar die weite Bedeutung.
Das Wesen der weiten Bedeutung und ihr Unterschied von der Polyse-
mie wurde in der einschlägigen Forschung folgenderweise formuliert:
Unter der weiten Bedeutung versteht man eine maximal abstrahierte Be-
deutung, die erst bei der isolierten Nennung von Kontextrealisierungen er-
folgt. Bei der Aktualisierung wird diese sehr allgemeine, abstrakte Bedeu-
tung konkretisiert. Sie ist nie mit einer im Kontext konkretisierten Bedeu-
tung identisch8. Die Aktualisierung des Phraseologismus mit der weiten Be-
deutung besteht jedesmal in der Konkretisierung dieses einen Semems.
So ist z.B. die Bedeutung des verbalen Phraseologismus jmdm., einer
Sache den Rest geben in der Lexikographie folgenderweise formuliert: (ugs.)
„den Zustand völligen Ruins o.a. herbeiführen, bewirken". Bei der Realisie-
rung dieser sehr allgemeinen Bedeutung werden folgende typische Realisie-
rungen anhand des Wörterbuches (Binovic-Grisin) festgestellt:
1. „...man munkelte, ...dass die Geschäfte meines armen Vaters verzwei-
felt schlecht stünden, und dass die kostbaren Feuerwerke und Diners ihm als
Wirtschafter notwendig den Rest geben müssten" (Th. Mann. Bekenntnisse
des Hochstaplers Felix Krall).
— Hier bedeutet der Phraseologismus soviel wie „jmdn. völlig zu Grun-
de richten, finanziell vernichten".
2. „Die Tür wurde, so breit sie war, von Karl verstellt. Karl ließ niemand
ein, während er im Gegenteil schrie, man sollte kommen und den noch be-
wahrten Protestanten den Rest geben" (H.Mann. Henri Quatre, Jugend).
— Hier bedeutet der Phraseologismus „jmdn. physisch, körperlich ver-
nichten".
3. „Die fünfte Flasche gab ihm den Rest" (Friederich W.Mdtl).
— Hier bedeutet der Phraseologismus „jmdn. völlig betrunken machen".
Es ist klar, dass keine der im Kontext realisierten Bedeutungen mit der
Grundbedeutung identisch ist und dass die Kontexte nur Konkretisierungen
der weiten Bedeutung des Phraseologismus darstellen.
Außer den oben behandelten Einheiten, deren innere Form auf den in der
Sprache parallel bestehenden variablen Wortverbindungen basiert, gibt es in
dieser Subklasse verbale Phraseologismen anderer Phraseologisierungsty-
pen, bestehend aus
(1) Spracheinheiten mit einer sog. alogischen Verbindung der Konsti-
tuenten, wie etw. Hals über Kopf tun „etw. überstürzt, kopflos tun", die
Beine unter die Arme nehmen „schnell davon laufen, sich beeilen", den Kopf
184
unter dem Arm tragen „sehr krank sein" u.a.m. Ihre Motiviertheit ist für die
betreffende Bedeutung für einen Muttersprachler trotzdem völlig durchsich-
tig und beruht auf bestimmten Regelmäßigkeiten in der Kodierung der Be-
deutung, die Phraseologismen aufweisen, in deren Konstituentenbestand sich
Grundlexeme des Typs Kopf, Bein, Hand u.a. befinden (siehe 208 f.).
(2) Spracheinheiten, deren Phraseologisierung aufgrund bestimmter hi-
storischer Ereignisse erfolgt ist (in der Geschichte des deutschen Volkes oder
anderer Völker), wie z.B. nach Kanossa gehen „sich demütigen, um Verge-
bung bitten", den Rubikon überschreiten „den entscheidenden Schritt tun,
der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann". Solche Phraseologismen
sind eine Teilgruppe der sog. geflügelten Worte, zu der alle phraseologi-
schen Wortfügungen mit nachweisbarer Quelle gehören.
(3) Spracheinheiten, deren Phraseologisierung auf Grund alter, längst ver-
schwundener Sitten und Bräuche erfolgte wie bei jmdm. auf dem Kerbholz
stehen „jmdm. etw. schuldig sein", bei jmdm. in der Kreide stehen „bei jmdm.
Schulden haben", einen Korb bekommen, auch sich einen Korb holen (1), jmdn.
ablehnen, der einen Heiratsantrag macht"; (2) „jmdm. etw. ablehnen".
Die innere Form solcher Phraseologismen, wie auch bei (2) ist verdun-
kelt. Deshalb werden sie in bestimmten phraseologischen Theorien in eine
besondere Gruppe untergliedert. So von V. V. Vinogradov, der sie als phra-
seologische Zusammenbildungen bezeichnet (фразеологическиесращения).
Die Frage, inwiefern sich die Phraseologisierangsart auf die Art der Seman-
tik auswirkt im Sinne einer größeren Spezialisierang der Bedeutung, kann mit
Sicherheit nicht beantwortet werden und bedarf wohl zusätzlicher Untersuchung.
Verbale Phraseologismen können im Satz ebenso wie das Verb in der Rolle
verschiedener Satzglieder auftreten: Prädikat, z.B. In dieser Gesellschaft spiel-
te er die erste Geige (die erste Geige spielen ugs. „tonangebend sein"); Sub-
jekt, z.B. Die erste Geige in dieser Gesellschaft zu spielen, war ihm leicht;
Attribut, z.B. Sein Wunsch, die erste Geige zu spielen, erfüllte sich.
Bei der Realisierung der verbalen Phraseologismen im Text ergeben sich
aber in vielen Fällen transformationeile Defekte9, d.h. bestimmte Gruppen
von verbalen Phraseologismen können z.B. keinen Imperativ bilden. Vgl.
die Phraseologismen ins Gras beißen „sterben", imfinstern tappen „bei ei-
ner Sache völlig im ungewissen sein" u.a., wo die Formen *beiße ins
Gras,*tappe im finstern unmöglich sind. Bestimmte Gruppen von Phraseo-
logismen können kein Passiv bilden u.a.m.
Kategorialidentische minimale und komplexe Zeichen können folglich
beim Funktionieren morphologisch-syntaktische Unterschiede aufweisen.

4.2.3.2. Substantivische Phraseologismen


Die semantische Transformation der variablen Wortverbindungen der syn-
taktischen Modelle (5), (6) bewirkt die Entstehung der Phraseologismen mit
ganzheitlicher Semantik, die sich kategorial mit Nomina korrelieren lassen.
So ist hier vorerst der Typ (a) zu nennen, der phraseologische Einheiten
erfasst, die der Kategorie Nomina agentis und anderer Appellativa adäquat
185
sind wie (ein) schwerer Junge „Verbrecher", die weißen Mäuse „Verkehrs-
polizisten", das schwarze Gold „Erdöl", die weiße Kohle „Wasserkraft" auch
„Elektrizität".
Die Nomination ist dabei mit der Konnotation verbunden. Alle Phraseo-
logismen dieser Art sind stilistisch markiert. Es handelt sich bei diesen sub-
stantivischen bzw. nominalen phraseologischen Einheiten zum größten Teil
um Phraseologismen, die der stilistischen Variation wegen gebildet sind10.
Ein Beweis der semantischen „Gegenständlichkeit" dieser Gebilde ist die
Tatsache, dass sie im Satz nicht nur als Prädikativum, sondern als Subjekt
und Objekt fungieren können, z.B.:
Aufdieser gefährlichen Strecke sollten d i e w e i ß e n M ä u s e regel-
mäßig patrouillieren, meinst du nicht! (Subjekt) Auf dieser gefährlichen Stre-
cke kann man leider nicht immer d i e w e i ß e n M ä u s e t r e f f e n . (Ob-
jekt)
Den Typ (b) bilden substantivische Phraseologismen, die Charakteristi-
ka mit stark wertender Funktion darstellen. Das gilt z.B. für totgeborenes
Kind „eine aussichtslose Sache", ein gelehrtes Haus „eine gelehrte Person",
scherzh., ein unbeschriebenes Blatt „unbekannt", „unerfahren". Dazu sind
auch Phraseologismen zu zählen, die sich infolge der phraseologischen De-
rivation entwickelt haben, wie z.B. ein stilles Wasser „jmd., der seine inne-
ren Gefühle und Ansichten nicht zeigt und schwer zu durchschauen ist" aus
dem Sprichwort stille Wasser sind tief, .hinter stillen, ihre Gefühle und An-
sichten nicht äußernden Menschen verbirgt sich mehr, als man denkt". Aus
der semantischen Spezifik dieser substantivischen Einheiten resultiert ihre
funktionale Gebundenheit, so dass sie nur als Prädikativum im Satz mög-
lich sind:
Sie ist ein g e l e h r t e s H a u s (Prädikativum).
* E i n / d a s g e l e h r t e ( s ) H a u s betrat das Zimmer (Subjekt).
Der neue Mitarbeiter ist noch e i n u n b e s c h r i e b e n e s B l a t t (Prä-
dikativum).
* E i n / d a s u n b e s c h r i e b e n e ( s ) В l a t t arbeitet seit kurzem
im Büro (Subjekt).
Der Unterschied zwischen substantivischen phraseologischen Einheiten
des Typs (a) und (b) ist auch am Artikelgebrauch ersichtlich. Während bei
(a) in der Subjekt- und Objektstellung der bestimmte und unbestimmte Arti-
kel möglich ist, kann bei (b) nur der unbestimmte Artikel gebraucht werden.
Eine Reihe von substantivischen Phraseologismen sind funktional nur
auf den Vokativ beschränkt. Das gilt z.B. für umg. saloppe Anreden wie
alter Schwede, älter Knabe.
Die substantivischen phraseologischen Einheiten des syntaktischen Mo-
dells (5) scheinen semantisch eine Variante des Typs (a) und (b) zu sein, so
jedenfalls die Kuh des kleinen Mannes „die Ziege", der internationale Phra-
seologismus Apfel der Zwietracht „etwas, was die Menschen entzweit" oder
des Pudels Kern „die eigentliche Ursache", „das Wesentliche, worum es geht",
ein Derivat aus dem geflügelten Wort aus Goethes „Faust": Das also war
des Pudels Kern!

186
4.2.3.3. Adverbiale Phraseologismen
Adverbiale Phraseologismen entstehen auf der Basis der syntaktischen
Modelle (7), (8), (9), (10), (11), (12), (13), (14), (15), (16) (siehe S. 182).
Diese Modelle erfassen grundsätzlich drei Gruppen der Phraseologismen:
1. adverbiale Phraseologismen mit der syntaktischen Struktur der Präpo-
sitionalgruppen, Modelle (12), (13), z.B. durch die Bank „gänzlich, ohne
Ausnahme", um ein Haar „beinahe", aus dem Stegreif „ohne Vorbereitung,
improvisiert", mit offenen Armen „freudig", unter vier Augen „ohne Zeu-
gen";
2. Paarformeln bzw. Wortpaare, Modelle (7), (8), (9), (10), (11).
3. Komparative Phraseologismen, Modelle (14), (15), (16). Da die letz-
ten zwei Gruppen besonders mannigfaltig und zahlreich sind, werden sie
gesondert betrachtet.

4.2.3.3.1. Paarformeln bzw. Wortpaare

Das wichtigste strukturelle Merkmal der Paarformeln ist, dass sie binäre
Wortfügungen sind, d.h. Fügungen aus zwei Lexemen der gleichen Wortart.
Paarformeln verdienen unter phraseologischen Einheiten eine besondere
Beachtung, weil sie sehr produktiv sind und neben den kodifizierten alten
und älteren Paarformeln zahlreiche Bildungen dieser Art nach den struktu-
rell-semantischen Modellen der Paarformeln in der Gegenwartssprache ent-
stehen. Dieser Aspekt bei der Betrachtung der Paarformeln wird in der ein-
schlägigen Forschung oft übersehen.
Die meisten Paarformeln haben wie auch die anderen adverbialen Phra-
seologismen vorwiegend modale Bedeutung, ein kleinerer Teil lokale und
temporale. Sie werden wie Adverbien als adverbiale Bestimmungen ge-
braucht11.
Entsprechend den syntaktischen Modellen werden die Paarformeln un-
terschieden in:

{ Feuer und Flamme


mit Haut und Haar
Schritt für Schritt

{ krumm und lahm


alt und jung
verflucht und zugenähtl!

verbale Г hegen und pflegen


\ nicht leben und nicht sterben können

adverbiale Г hin und wieder


1 ab und zu

187
Hinsichtlich der Semantik sind die Paarformeln generell ganzheitlich.
Dies entsteht auf Grund verschiedener semantischer Umformungen der bei-
den Konstituenten. Hier lassen sich folgende grundsätzliche Phraseologisie-
rungsarten feststellen:
(1) Die ganzheitliche Bedeutung entsteht durch die metaphorische oder
metonymische Bezeichnungsübertragung der binären Wortgruppen, deren
Konstituenten in einem Verhältnis der Ähnlichkeit (Synonymie), der Ergän-
zung oder des Gegensatzes (Antonymie) zueinander stehen, z.B.:
Feuer und Flamme „begeistert", „sofort für etwas begeistert sein" mit
Haut und Haar „ganz", „völlig".
(2) Die ganzheitliche Bedeutung entwickelt sich aufgrund der semanti-
schen Konsolidierung der beiden Konstituenten der binären Wortgruppen,
die in einem Verhältnis der Synonymie, der Ergänzung oder der Antonymie
zueinander stehen, z.B.:
Grund und Boden „Grandbesitz";
Haus und Hof „jmds. gesamter Besitz";
Freund und Feind „alle";
arm und reich „alle";
alt und jung „alle".
Die Entstehung der ganzheitlichen Bedeutung der Paarformeln, im be-
sonderen der Gruppe (2), wird in der neueren einschlägigen Forschung mit
überzeugenden Belegen aus der Rechtssprache illustriert' 2 . Ein Teil solcher
Wortpaare wird als substantivische Phraseologismen verwendet.
Die ganzheitliche Bedeutung der Paarformeln ist auch rein formell fest-
stellbar, was schon F. Seiler seinerzeit zeigte. Sie fungieren in der Rede als
eine Art Zusammensetzung, z.B. mit Hab und Gut, mit all ihrem Hab und
Gut, obwohl es die Habe heißt; er lief in die Kreuz und Quere trotz das
Kreuz- Vgl. auch andere typische Realisierungen der Paarformeln: ein klipp
und klares Ja; ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen.
(3) Die ganzheitliche Bedeutung entsteht auf Grund der tautologischen
Verknüpfung der identischen Wortarten, die deshalb auch tautologische Paar-
formeln genannt werden, z.B. Schritt für Schritt, Schritt um Schritt, Stunde
für Stunde, Schlag auf Schlag, durch und durch, halb und halb.
Ihre Semantik ist primär als Verstärkung ihrer kategorialen Semantik zu
bezeichnen, z. B. Schlag auf Schlag „in rascher Folge, rasch nacheinander"),
vgl. den Kontext: Dies war das erste Unglück, das mich traf. Von jetzt an
aber kam es Schlag auf Schlag (W.Hauff. „Die Geschichte von der abge-
hauenen Hand". Ferner: Schulter an Schulter [stehen] „dicht gedrängt, sehr
dicht beieinander [stehen]"; Kopf an Kopf [stehen] „dicht gedrängt [stehen]";
durch und durch „völlig", z.B. in den Kontexten: ich bin durch und durch
nass; durch und durch davon überzeugt sein, dass... Hinsichtlich der Model-
lierbarkeit sind die tautologischen Paarformeln nicht gleich, da die Phraseo-
logisierungsprozesse in den einzelnen Paarformeln verschieden sind. So gibt
es Paarformeln durch und durch, über und über, nach und nach, aber es gibt
keine Formeln* auf und auf,* wider und wider,* gegen und gegen12.

188
Im Rahmen der tautologischen Paarformeln ist jedoch ein Modell mit
frei austauschbaren Konstituenten feststellbar. Das ist S + für + S, in dem/иг
nicht die Bedeutung der freien Präposition hat. Die typisierte Semantik die-
ses Modells wird von H. Burger folgenderweise formuliert: jedes X, eines
nach dem anderen14, Jahr für Jahr, Tag für Tag, Stunde für Stunde, aber
auch andere nicht nur auf Zeitbezeichnungen beschränkte Begriffe: Punkt
für Punkt, vgl. den Kontext: Sie überlegte eifrig seine Worte, verarbeitete
sie Punkt für Punkt; Wort für Wort. Einen weiteren Einblick in die Model-
lierbarkeit der Paarformeln kann man auf Grand ihres Funktionierens in ver-
schiedenen Textsorten bekommen.

4.2.3.3.2. Komparative Phraseologismen


Für die komparativen Phraseologismen ist im Rahmen der kategorialen
Semantik eine charakterisierende und intensivierende Bedeutung kennzeich-
nend, die je nach dem syntaktischen Modell bezeichnen kann: einen hohen /
niedrigen Grad des Vorhandenseins einer Eigenschaft, die Intensität der
Handlung, Wertung / Abwertung.
So wird in den syntaktischen Modellen (14), (16) — adjektivische und
substantivische komparative Phraseologismen — primär ein hoher Grad ei-
ner Eigenschaft oder eine Wertung / Abwertung angezeigt. Vgl.:
hässlich wie die. Nacht „sehr hässlich";
dumm wie die Sünde „außerordentlich dumm";
ein Gedächtnis haben wie ein Sieb ugs. „ein sehr schlechtes Gedächtnis
haben".
Im Modell (15) — verbale komparative Phraseologismen — ist in erster
Linie eine intensivierende und charakterisierende Bedeutung feststellbar. Vgl.:
arbeiten wie ein Roboter „ununterbrochen, schwer arbeiten";
schimpfen wie ein Rohrspatz ugs. „laut und heftig schimpfen";
schlafen wie ein Sack ugs. „tief schlafen";
toben wie ein Berserker ugs. „ganz wild, wie ein Wahnsinniger toben";
sich benehmen wie die Axt im Walde ugs. „sich ungehobelt benehmen".
Bei den verbalen komparativen Phraseologismen kann die semantische
Transformation der Vergleichsgruppe (comparatum) in einigen Bildungen
auch eine Präzisierung anzeigen. Vgl.:
essen wie ein Spatz, ugs. „sehr wenig essen";
essen wie ein Scheunendrescher, salopp „viel und gierig essen".
Die phraseologische Bedeutung dieser Subklasse scheint ein universel-
les semantisches Merkmal zu sein. Das bestätigen zahlreiche spezielle Un-
tersuchungen der komparativen Phraseologismen in verschiedenen Sprachen.
Die stark wertende und intensivierende Semantik des komparativen Phra-
seologismus entwickelt sich auf Grand der semantischen Transformation der
grundlegenden Konstituente des Vergleichs bzw. der Vergleichsgruppe, die
aber erst unter Bezug auf die zweite Konstituente eintreten kann. So be-
kommt z.B. der Vergleich wie die Nacht eine abwertende Bedeutung erst in
der Verbindung mit dem Adjektiv hässlich, der Vergleich wie ein Hund hat
189
je nachdem mit welcher Konstituente die Phraseologisierung geschieht, eine
positive oder eine negative, abwertende Bedeutung. Vgl.:
treu sein wie ein Hund „sehr treu";
leben wie ein Hund, ugs. „elend, ärmlich leben".
Oder: schlafen wie ein Sack, salopp „sehr tief schlafen";
voll sein wie ein Sack, salopp „sehr betranken sein".
Die semantische Transformation besteht bei diesen Phraseologismen darin,
dass der Vergleich bzw. die Vergleichsgruppe in Verbindung mit der in Fra-
ge kommenden Konstituente (tertium comparationis) — Adjektiv, Adverb,
Verb, Substantiv — eine Bedeutung der Intensität einer Eigenschaft oder
eines Geschehens ergibt.
Von konkreten und bildlichen Vergleichen individueller Art unterschei-
det sich der stehende Vergleich bzw. der komparative Phraseologismus durch
eine verallgemeinerte Bedeutung, die darüber hinaus usualisiert ist. Der
Unterschied dieser Größen (konkreter individueller Vergleich, bildlicher in-
dividueller Vergleich, stehender Vergleich bzw. der komparative Phraseolo-
gismus) lässt sich an folgenden Beispielen illustrieren:
(a) Karl ist stark wie sein Vater
comparandum tertium comparationis comparatum
(b) Karl ist stark wie ein Tiger
comparandum tertium comparationis comparatum
(c) Karl ist stark wie ein Bär
comparandum tertium comparationis comparatum
Im Beispiel (a) wird das Subjekt (Karl) durch einen konkreten Vergleich
charakterisiert, der lediglich feststellt, dass Karl und sein Vater gleich stark
sind. Das comparatum als Charakteristik der Eigenschaft stark ist in diesem
Fall konkret und individuell.
Im Beispiel (b) wird die Charakteristik des Subjekts mit Hilfe eines bild-
lichen Vergleichs erzielt. Der Unterschied des comparatum (b) von dem des
(a) besteht darin, dass das Lexem Tiger nicht konkret, sondern übertragen
als Sinnbild der Stärke gemeint ist. Dadurch gewinnt die Charakteristik der
Eigenschaft etwas Unterschiedliches: das comparandum und comparatum
sind in diesem Fall hinsichtlich der Eigenschaft stark (tertium comparatio-
nis) nicht gleich charakterisiert, sondern dem comparandum im höchsten
Grad zugeschrieben. Infolgedessen gewinnt die auf das Subjekt bezogene
Eigenschaft die Bedeutung: „Karl ist sehr stark". Der Vergleich ist metapho-
risch, aber individuell, denn „Tiger" ist im Deutschen in einem solchen Ge-
brauch nicht usualisiert, er ist Sinnbild der Wildheit und Blutgier und kann
höchstens als eine individuelle Ausformung der Aussage gelten.
Im Beispiel (c) ist das comparatum nicht konkret, sondern übertragen als
Sinnbild der Stärke gebraucht. Zum Unterschied von (b) ist Bär als Kompo-
nente des metaphorischen Vergleichs im Deutschen usualisiert, und in Ver-
bindung stark sein erfolgt die Transformation des comparatum in eine neue
intensivierende Bedeutung. Somit heißt stark [sein] wie ein Bär = „sehr stark
sein". Die Tatsache, dass die semantische Transformation erst stattfinden
190
kann, wenn die Vergleichsgruppe auf das tertium comparationis bezogen
wird, gibt das Recht, es als den ersten Teil des Phraseologismus zu betrach-
ten (den zweiten Teil bildet dann die Vergleichsgruppe.) Dementsprechend
sind diese Spracheinheiten als zweiteilige Strukturen aufzufassen und somit
genauer gesagt nicht als stehende Vergleiche, sondern als komparative Phra-
seologismen zu bezeichnen. Der Terminus komparative Phraseologismen ist
aus unserer Anglistik entlehnt.
Einige Sprachforscher bezeichnen den Phraseologisierungsprozess als
Abschwächung der komparativen Semantik infolge der eintretenden verall-
gemeinerten Bedeutung der zweiteiligen Gesamtstruktur15.
Es gibt allerdings eine andere Auffassung, wonach der erste Teil — Ver-
ben, Adjektive u.a., mit denen sich dje Vergleichsgruppe verbindet, weil sie
nicht übertragen sind, als Exoelemente betrachtet werden, die nicht zum
Konstituentenbestand des Phraseologismus gehören16.
Die Anhänger dieser Auffassung übersehen dabei die Erscheinung „der
semantischen Bifurkation", die darin besteht, dass die erste Konstituente in
der Rede gleichzeitig als freies Lexem und als Konstituente des komparati-
ven Phraseologismus fungiert.
Die Folge der beschriebenen Phraseologisierang in den komparativen
Strukturen ist eine neue spezialisierte konnotative Bedeuting, die die Festig-
keit der komparativen Phraseologismen und ihre Reproduzierbarkeit in
Sprachsystem und Text sichert.
Das Korpus der kodifizierten komparativen Phraseologismen des Deut-
schen beweist ein zahlenmäßiges Übergewicht der verbalen Spracheinhei-
ten17, was wohl mit der allgemeinen Charakteristik dieser Subklasse (der
phraseologischen Einheiten) zusammenhängt. Die Struktur der komparati-
ven Phraseologismen und die lexischen Konstituenten, die in diesen Struk-
turen mitwirken, bilden Voraussetzungen zur Entstehung der Spracheinhei-
ten mit einer bedeutenden konnotativen Wirkung.
Daraus folgt die stilistische Markiertheit der Phraseologismen dieses Typs.
Sie sind zum überwiegenden Teil literarisch-umgangssprachlich und salopp,
wozu auch häufige Hyperbeln verhelfen, z.B. toben wie zehn nackte Wilde
im Schnee (ugs., scherzh.); bleich wie der Tod.
Die überwiegende Mehrzahl der literarisch-umgangssprachlichen und
besonders der saloppen Phraseologismen dieses Typs sind auf Witz und Gro-
teske aufgebaut, sie sind auch oft stark abwertend, z.B. das passt wie die
Faust aufs Auge „das passt überhaupt nicht"; steif wie ein Stock stand sie da
„unbeholfen"; er geht, als hätte er ein Lineal verschluckt „aufrecht und steif;
er sieht aus wie bestellt und nicht abgeholt „missmutig".
Beachtenswert ist der Umstand, dass viele Gebrauchsmetaphern in den
Bestand fester Vergleiche eingehen, z.B. die Ziege, der Bär, das Vieh, der
Spatz, der Sack. Vgl. einige Beispiele: wählerisch wie eine Ziege; neugierig
wie eine Ziege; mager wie eine Ziege; grob sein wie ein Sack; umfallen wie
ein Sack; es ist dunkel wie in einem Sack; ein Himmel wie ein Sack.
Die komparativen Phraseologismen sind in einer weiteren Hinsicht be-
sonders zu beachten. Ihre zweiten Konstituenten (Vergleiche) repräsentieren
191
die „kollektiven" Assoziationen und gewähren somit einen Einblick in die
nationale Eigenart. Die gesellschaftliche Erfahrung der Völker, die vielfach
in phraseologischen Fügungen ihren Niederschlag findet, zeigt unterschied-
liche Assoziationen in Bezug auf die Wertung verschiedener Gegenstände
der materiellen Welt, die der Phraseologisierung zu Grande liegen. Beson-
ders deutlich ist das an den komparativen Phraseolögismen zu sehen. So
werden in verschiedenen Sprachen zur Schaffung des phraseologischen Aus-
drucks einer Bedeutung nicht unbedingt gleiche Gegenstände oder Eigen-
schaften ausgewertet. So ist z.B. der russischen Sprache der Phraseologis-
mus gesund wie ein Fisch im Wasser absolut fremd, wie auch viele andere
Vergleiche des Deutschen: mager wie eine Spinne, dumm wie ein Ochse,
dumm wie die Sünde oder dumm wie Bohnenstroh. Vgl. die russischen Phra-
seolögismen: здоров как бык, вол; свеженький как огурчик; тощий
как жердь; глуп как пробка.

4.2.4. (2) SUBKLASSE „FESTGEPRÄGTE SÄTZE"


Die festgeprägten Sätze18 sind Phraseolögismen mit der syntaktischen
Struktur der Sätze. Sie bilden Satzäquivalente bzw. satzwertige Sprachein-
heiten.
Das syntaktische Merkmal der Satz Wertigkeit macht allerdings die be-
zeichnete Subklasse nicht homogen. Sie erfasst festgeprägte Sätze, die kom-
munikativ und semantisch unterschiedlich sind.
Nach dem kommunikativen Wert und der semantischen Beschaffenheit
sind hier zwei große Gruppen festgeprägter Sätze zu unterscheiden:
(a) sprichwörtliche Satzredensarten,
(b) Sprichwörter.

4.2.4.1. Sprichwörtliche Satzredensarten


Die sprichwörtlichen Satzredensarten lassen sich auf Grand der oben zi-
tierten Kriterien (S. 178) problemlos als Phraseolögismen identifizieren. Sie
besitzen gleich anderen phraseologischen Einheiten eine semantische Sin-
gularität, die infolge rein sprachlicher Prozesse zustande kommt. Das sind
semantische Transformationen des Typs metaphorische und metonymische
Bezeichnungsübertragung einschließlich Bedeutungserweiterung. Vgl.:
Das macht den Kohl auch nichtfett ugs. „das nutzt auch nichts". Da liegt
der Hund begraben „das ist der wahre Grand, das ist der Kern der Sache,
darauf kommt es an".
Das sind zweierlei Stiefel ugs. „das sind ganz verschiedene Dinge".
Wo der hinhaut, wächst kein Gras mehr „er ist in seinen Handlungen, in
seiner Kritik sehr massiv, rigoros".
So schnell schießen die Preußen nicht ugs., scherzh. „so schnell geht das
nicht, man muss Geduld haben und keine übereilten Entschlüsse fassen".
Das kommt in den besten Familien vor „das ist nicht so schlimm".
192
Aus semantischer Sicht sind die beschriebenen Satzredensarten als cha-
rakterisierend oder wertend zu bezeichnen, denn ihre funktionale Spezifik
besteht in der Stellungnahme zu dem unmittelbar vorangehenden Kontext.
Dementsprechend kann die Wertung (von jeweiligen Gegenständen, Situa-
tionen, Menschen) positiv oder negativ, abwertend sein. Beispiele positiver
Wertung:
etw. ist Musik in jemands Ohren ugs. Da liegt Musik(e) drin „die Sache
lässt sich hören"; eigentl.: „sie klingt erfreulich wie Musik .
Dazu muss man Sie sagen „davor muss man Achtung haben, es ist her-
vorragend, einmalig und bewunderungswürdig".
(Es ist) Alles in (schönster) Butter ugs. „alles ist in bester Ordnung".
Beispiele der Abwertung bzw. der Missbilligung:
Gegen jnidn. I etw. ist kein Kraut gewachsen ugs. „gegen jmdn. / etw.
kommt man nicht an, gibt es kein Mittel".
Viel Geschrei und wenig Wolle „viel Gerede, aber wenig Grund dafür".
Davon gehen zwölf aufs/auf ein Dutzend ugs. „etw. ist nichts Besonde-
res".
Für die Struktur der sprichwörtlichen Satzredensarten ist die Tatsache
kennzeichnend, dass die Bindung an den vorangehenden Kontext in den al-
lermeisten Fällen durch ein entsprechendes Pronomen oder Pronominalad-
verb gesichert wird19:
Das ist nicht mein Bier, Da liegt der Knüppel beim Hund; (damit) lockt
man keinen Hund hinter dem Ofen hervor; Darüber sind sich die Gelehrten
noch nicht einig, salopp auch scherzh. „das ist noch unentschieden".
Das Pronomen bzw. Pronominaladverb ist deshalb in solchen Satzredens-
arten strukturfest und gegen andere Pronomina nicht austauschbar. Dank der
abstrakt hinweisenden, sehr allgemeinen Bedeutung dieser Konstituente im
Bestand der sprichwörtlichen Satzredensarten können sie ihre universelle
wertende/abwertende Funktion im Text erfüllen20.
Somit sind die wertende Funktion der sprichwörtlichen Satzredensarten
und die Phraseologisierungsprozesse, die diese Gebilde entstehen lassen,
von denen der wortäquivalenten Phraseologismen nicht grundsätzlich ver-
schieden. Dieser Umstand veranlasst die Linguisten, sprichwörtliche Satzre-
densarten als eine Untergruppe der phraseologischen Einheiten zu betrach-
ten. Aus semantischer Sicht können die sprichwörtlichen Satzredensarten
außerdem noch interjektional und modal sein. In diesem Fall sind sie den
einfachen Interjektionen des Typs ach! nanu! pfui! ebenso den Modalwör-
tern des Typs ja, nein, keineswegs sehr nah. Sie sind in einem besonders
hohen Grad idiomatisch:
Du kriegst die Motten! (ugs.) j Ausdruck des Erstaunens, der
Heiliger Strohsack! (salopp) I Missbilligung
Ach, du grüne Neune!
Au Backe (mein Zahn)! (ugs.) Ausruf bei einer unangenehmen
Überraschung, Verwunderung
Himmel noch (ein) mal! (salopp) Ausruf der Ungeduld, des Unwillens

13 2476 193
(Ach du) heiliger Schreck.' ) Ausruf des Entsetzens, Schreckens
Ach, du Schreck! i
(Aber) ich bitte Sie! (ugs.) | Ausrufe der Entrüstung
Ich muss doch sehr bitten! (ugs.) I
In struktureller Hinsicht sind sprichwörtliche Satzredensarten sehr man-
nigfaltig. Neben Aussagesätzen der charakterisierenden sprichwörtlichen
Satzredensarten (siehe oben) gibt es auch zusammengesetzte Sätze: So was
lebt, und Schiller musste sterben, salopp, scherzh. „So dumm kann ein Mensch
sein und stirbt nicht an seiner Dummheit"; Wissen, was die Uhr geschlagen
hat „über jmds. Zorn, Empörung Bescheid wissen".
Besonders zahlreich sind Aufforderungssätze bei interjektionalen und
modalen Satzredensarten des Typs: Du kriegst die Tür nicht zu! ugs. (Ausruf
des Erstaunens), Nun wird's aber Tag! salopp „das ist ja unglaublich!" und
Fragesätze: Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? salopp „Bist
du denn normal?".

4.2.4.2. Sprichwörter
Die Sprichwörter weisen im Vergleich zu sprichwörtlichen Satzredensar-
ten einen grundsätzlichen Unterschied auf: Ihre Semantik entsteht nicht durch
die Phraseologisierung des Konstituentenbestandes im jeweiligen Sprich-
wort, sondern stellt die auf bestimmte Situationen bezogenen Verallgemei-
nerungen der menschlichen Lebenserfahrung dar.
Dieses unterschiedliche Merkmal der Sprichwörter wird z.B. bei
V.N.Telija folgenderweise formuliert: „Wie uns scheint, bilden die Sprich-
wörter ein besonderes Korpus der in gewissem Sinne paralinguistischen
Einheiten, deren Bedeutung außerhalb der eigentlichen sprachlichen
Strukturierung geformt wird, auch wenn sie durch sprachliche Mittel aus-
gedrückt ist21.
Nach ihrer Entstehung „im Volksmund", ihrer Semantik („lehrhafte Ten-
denz", Verallgemeinerung der Lebenserfahrung, Volksweisheit)22 und ihrem
Gebrauch, — sie fungieren als selbständige Texte — gehören diese Gebilde
zur Folklore. Dieser Umstand darf aber nicht entscheidend sein bei der Dis-
kussion über die phraseologische Zugehörigkeit der Sprichwörter23.
Trotz der grundlegenden Unterschiede zwischen Sprichwörtern und Phra-
seologismen aller anderen Arten weisen sie Merkmale auf, die sie in den
phraseologischen Bestand einbeziehen lassen. Das sind:
1. Semantische Spezialisierang der Sprichwörter, die infolge des logisch-
syntaktischen Phraseologisierangstyps zustande kommt24. Das sind bestimmte
„logische Regeln", die sprachlich realisiert werden und vielfach ganze Seri-
en von synonymischen Sprichwörtern ergeben. Vgl. die Regel „Wer einmal
die Sache unterstützt, kann sich nicht mehr von ihr distanzieren" und ihre
sprachlichen Realisierungen:
Wer A sagt, muss В sagen.
Wer das Pferd will, muss auch die Zügel nehmen.
194
Wer den Wein trinkt, muss auch die Hefe trinken.
Wer zum Spiele kommt, muss spielen.
Wer den Teufel im Schiffe hat, der muss ihn fahren25.
Oder die Regel „Wie das Haupt einer Gemeinschaft ist, so ist auch die
Gemeinschaft selbst" und ihre sprachlichen Realisierungen:
Wie der Abt, so die Brüder.
Wie der Herr, so 's Gesehen:
Wie der Herr, so der Knecht.
Diese semantische Spezialisierung wird manchmal, wie oben erwähnt,
auch als „lehrhafte Tendenz", „didaktischer Sinn" formuliert. Die wichtig-
ste Folge der bezeichneten logisch-syntaktischen Phraseologisierung ist
die Bildung bzw. Entstehung der Spracheinheiten, die, ähnlich anderen
Phraseologismen, zum Inventar der konnotativen sprachlichen Zeichen
gehören.
Wenn man das Sprichwort als sprachliches Zeichen besonderer Art be-
trachtet, so ist der Terminus „kommentierendes Zeichen"26 der Funktion des
Sprichworts gerecht, denn mit dem Gebrauch eines Sprichworts wird der
situative Kontext nicht nur verallgemeinert und beurteilt, sondern auch ge-
wertet, wozu sich auch die künstlerische Formgebung der Sprichwörter sehr
gut eignet. In diesem Zusammenhang wären auch die Worte von
A. I. Smirnickij zu zitieren, der betonte, dass Sprichwörter, sprichwörtliche
Satzredensarten, Aphorismen und verschiedene andere Sprüche erst dann
als Spracheinheiten fungieren, wenn sie in der Kommunikation als Mittel
zur emotional geladenen, bildhaften Ausdrucksweise der Gedanken repro-
duziert werden. Als Schöpfung oder Werke unbekannter oder bekannter
Autoren sind sie in dieser Eigenschaft eigentlich keine Spracheinheiten und
gehören zur Folklore oder Literatur7.
2. Das zweite grundlegende Merkmal der Sprichwörter als Spracheinhei-
ten ist die Reproduzierbarkeit28. Erst dieses Merkmal überführt die Ein-
heiten der Volkskunst in die Klasse der Spracheinheiten des Typs Phraseolo-
gismen. Deshalb ist in der Subklasse (2) „Festgeprägte Sätze" von gängigen
sprichwörtlichen Satzredensarten und gängigen Sprichwörtern die Rede2'.
Die sprachliche Ausformung der „logischen Regeln" geschieht unter
Anwendung:
(1) semantischer Transformationen, unter denen ganz besonders beliebt
die Metaphorisierung ist, z.B.: Ein räudiges Schaf steckt die ganze Herde
an „Gerät in einen zusammengehörenden Kreis von Menschen ein einziger,
der sittlich verdorben ist, so verdirbt er auch die anderen". Hohle Fässer
klingen am meisten „Unwissende machen viel Aufhebens von sich". Es ist
nicht alles Gold, was glänzt „Nicht alles, was äußerlich einen schönen Schein
hat, ist auch innerlich wertvoll".
Neben der Metaphorisierung gehört zu den beliebten Mitteln der „inne-
ren Formgebung" (F. Seiler) auch die Groteske, Paradoxe, Hyperbel, Iro-
nie, Antithese, z.B.:
13* 195
Wer 's Glück hat, demfliegendie Enten gebraten ins Maul. Man muss die
Leute reden lassen, die Fische können's nicht. Er ist der Beste — wenn die
anderen nicht zu Hause sind. Ist die Kuh noch so schwarz, sie gibt immer
weiße Milch. Heute rot, morgen tot.
(2) Anwendung der „äußeren Redeformen" des Sprichworts (F. Seiler):
Sinnreim, Rhythmus, Reim, Parallelismus usw., z.B.:
Wenn man den Teufel nennt, so kommt er gerennt. Leid ist ohne Neid.
Nachrat, Narrenrat. Hoffen und Harren macht manchen zum Narren. Ende
gut, alles gut. Wie man ins Holz schreit, so schreit es zurück. Kleine Kinder,
kleine Sorgen; große Kinder, große Sorgen.
(3) Den dritten Typ bilden Sprichwörter, die auf den ersten Blick den
Eindruck erwecken, ohne besondere Redemittel ausgeformt zu sein,. z.B.:
(a) Der gerade Weg ist der kürzeste.
(b) Irren ist menschlich.
(c) Tadeln ist leichter als besser machen.
Bei genauer Betrachtung erkennt man aber, dass das Sprichwort des Typs
(a) auch eine semantische Umformung aufweist, eine Bedeutungserweite-
rung, die aus dem Anwendungsbereich dieser Spracheinheit deutlich her-
vorgeht: der Weg hat nicht unbedingt einen räumlichen Sachverhalt und meint
eigentlich „das Handeln", was auch das synonymische Sprichwort besagt
Der rechte Weg ist nicht krumm. Im Beispiel (c) ist ebenfalls ein zusätzliches
Mittel ausgewertet, und zwar der Vergleich. Im Beispiel (b) liegt ein ideales
Muster für die Realisierung eines der wichtigsten Merkmale der Sprichwör-
ter vor — die Kurzfassung30.
Die Diskussion über die Einbeziehung der Sprichwörter der Gruppe
(3), der nichtbildlichen und nichtallegorischen Sprüche, in das Korpus der
Phraseologie wird schon sehr lange geführt, aber bis heute ist noch nicht
abgeschlossen. Schon F. Seiler, der sich mit den wesentlichen Merkmalen
der älteren und neueren Auslegung der Sprichwörter auseinander setzt,
schreibt: „In neuerer Zeit ist man sogar so weit gegangen, nur die allegori-
schen, also die bildhaften für wirkliche Sprichwörter zu erklären, den un-
bildlichen, abstrakt gehaltenen dagegen den Charakter von Sprichwörtern
abzusprechen und sie den Denk- oder Sittensprüchen zuzuweisen. Die Tren-
nung der abstrakten Sprichwörter von den bildlichen ist schon aus dem
Grunde nicht möglich, weil zwischen den beiden Übergänge vorhanden
sind. Viele Sprichwörter sind im Subjekt abstrakt, im Prädikat bildlich...
Es können also nur solche (Sprichwörter) in Frage kommen... wie z.B.
Irren ist menschlich; Tadeln ist leichter als besser machen; Selber essen
macht fett; Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Wer möchte aber diesen und
anderen in allen Schichten des Volkes verbreiteten lehrhaften Sprüchen,
die jeder Deutsche von Kindheit an kennt und gebraucht, den Titel Sprich-
wort' versagen?"31
Der Stellungnahme F.Seilers entspricht die von L.I.Rojzenzon, der sich
mit den Phraseologen A.V.Kunin, A.M.Babkin u.a. auseinandersetzt, die
für eine Trennung des Sprichwörterbestandes in semantisch transformierte,
bildliche und nichtbildliche eintreten32.
196
In strukturell-semantischer und funktionaler Hinsicht haben die Sprich-
wörter viele Eigenarten, was nachstehend z.T. in 4.2.8. und 4.4.1.2. ge-
zeigt wird.

4.2.5. (3) SUBKLASSE „PHRASEOLOGISCHE VERBINDUNGEN"


Diese Subklasse erfasst zweigliedrige feste Wortkomplexe, die durch
eine singuläre Verknüpfung einer semantisch transformierten Konstitu-
ente zustande kommen. Sie realisiert ihre semantisch transformierte
(übertragene) Bedeutung nur in einer einzigen Verbindung — mit der
anderen Konstituente des Komplexes. Diese wird in ihrer eigentlichen
Bedeutung gebraucht, die ihr auch außerhalb des festen Wortkomple-
xes eigen ist. Die Bedeutung des Komplexes ist dementsprechend ana-
lytisch. Vgl.:
(ein) blinder Passagier „ein reiseunberechtigter Passagier";
blinder Schuss „ungezielter Schuss";
kalte Miete ugs. „Miete ohne Heizungskosten";
warme Miete ugs. „Miete einschließlich Heizungskosten";
leer ausgehen „von etw. nichts abbekommen".
Die Einbeziehung fester Wortkomplexe dieses Typs ins Korpus der Phra-
seologie basiert dementsprechend auf dem Kriterium der semantischen Sin-
gularität. Das drückt sich in einer absoluten Festigkeit und Reproduzierbar-
keit dieser Komplexe aus.
Eine vielseitige Betrachtung dieser festen Wortkomplexe bei A. Rothke-
gel (unter dem Terminus „feste Syntagmen" — FS2) zeigt zusätzliche Merk-
male des Phraseologischen33. Das sind:
(a) Restriktionen hinsichtlich der Wortstellung. Für feste Wortkomplexe
des Typs blinder Passagier gilt die feste und unmittelbare Sequenz, d.h.
wenn bei variablen Syntagmen des Typs der schöne Garten eine Trennung
möglich ist, z.B. der schöne, sich weit bis ans Ufer erstreckende Garten, so
ist eine Diskontinuität in einem festen Syntagma unmöglich: *der blinde, in
der Ecke sitzende Passagier. Dasselbe illustrieren auch die Beispiele: (i) ein
kleiner blinder Passagier;
(ii) ein blinder kleiner Passagier,
in denen die Syntagmen (i) und (ii) nicht bedeutungsgleich sind34.
(b) Transformationelle Lücken. Bei Fügungen des Typs blinder Passa-
gier ist eine Zurückführung auf einen Relativsatz, wie das in einem varia-
blen Syntagma der Fall ist, nicht möglich, z.B.:
VS: der blinde Vogel > der Vogel, der blind ist
FS: der blinde Passagier *der Passagier, der blind ist
Ebenso ist eine andere Transformationsmöglichkeit, die der Nominali-
sierung, bei diesen Wortkomplexen ausgeschlossen:
VS: der blinde Vogel > die Blindheit des Vogels
FS: der blinde Passagier >* die Blindheit des Passagiers
Die phraseologischen Verbindungen sind zahlenmäßig unbedeutend, da
diese Art von Phraseologismen für das Deutsche nicht typisch ist.
197
4.2.6. SEMANTISCHE KATEGORIEN DER PHRASEOLOGISMEN
Die Analyse der semantischen Kategorien phraseologischer Fügungen —
der Polysemie, Homonymie, Synonymie und Antonymie —, mit denen der
Lexik konfrontiert, gewährt einen Einblick in die Eigenart des phraseologi-
schen Systems.

4.2.6.1. Phraseologische Polysemie und Homonymie


Die phraseologische Polysemie weist im Vergleich zur Polysemie in der
Lexik grundsätzliche Unterschiede auf. Sie unterscheiden sich in erster Li-
nie quantitativ. Die Vielzahl von Vollwörtern einer Sprache sind bekanntlich
mehrdeutig. Die Fähigkeit der Lexeme, semantisch ableitbar zu sein, d.h.
Mehrdeutigkeit oder Polysemie zu entwickeln, wird deshalb, wie in 1.2.1.4.
erwähnt, als eine semantische Universalie betrachtet.
Die meisten Phraseologismen dagegen sind monosem. Nur wenige Grup-
pen der Phraseologie können Mehrdeutigkeit entwickeln. In der deutschen
Phraseologie ist sie praktisch nur den verbalen Einheiten eigen und beträgt
etwa 9% der Gesamtzahl35. Dass es sich in diesem Fall nicht um eine natio-
nale Besonderheit der deutschen Sprache handelt, zeigt die Untersuchung
der russischen Phraseologie, wo sich die Zahl der mehrdeutigen phraseolo-
gischen Fügungen auf 17% beläuft36.
Dazu kommt auch eine unterschiedliche semantische Struktur der poly-
semen Phraseologismen. In der Regel besitzen sie nur zwei, seltener drei
Sememe im Unterschied zur lexikalischen Polysemie, wo die Anzahl der
Sememe bedeutend größer ist.
Die semantische Ableitung, die die Entwicklung der lexikalischen Mehr-
deutigkeit bewirkt, ist für diese Polysemie nicht relevant.
Die Erklärung dafür ist in der Eigenart der phraseologischen Bedeutung
zu suchen. Die semantische Ableitbarkeit phraseologischer Fügungen ist ein-
geschränkt bzw. dadurch verhindert, dass die phraseologische Bedeutung
selbst Resultat einer Metaphorisierung ist. Eine weitere Ableitbarkeit ist nur
dann möglich, wenn im Prozess primärer Metaphorisierung die Abstrahie-
rung nicht den höchsten Grad erreicht hat. Erst in diesem Fall ist dann eine
sekundäre Metaphorisierung möglich. Eine solche Entwicklung der seman-
tischen Struktur phraseologischer Fügungen kann man am folgenden Bei-
spiel verfolgen:
Die phraseologische Fügung jmdn. über die Klinge springen lassen hat zwei
Sememe: 1. Jmdn. töten", 2. „jmdn. wirtschaftlich, beruflich vernichten".
Die semantische Ableitbarkeit in dieser Einheit ist lexikographisch nach-
gewiesen. Das erste Semem stammt „aus der alten Kriegssprache.... streng-
genommen ist es nur der Kopf, der über die Klinge springen muss, während
der übrige Körper darunter bleibt". Luther sagt noch deutlich: „Die ihm den
Kopf über die kalte Klinge hatten hüpfen lassen." Um 1700 wurde der ur-
sprüngliche Sinn der Redensart schon nicht mehr allgemein verstanden37.
Der semantischen Transformation bzw. Metaphorisierung liegt demnach das
198
Bild eines mit der Klinge abgehauenen Kopfes, der „eben über die Klinge
springt" zu Grunde. Diese innere Form oder bildliche Motiviertheit dieser
phraseologischen Fugung wird im 17. Jh. vergessen. Geblieben ist der allge-
meine Sinn „töten". Diese Bedeutung lässt eine weitere, sekundäre Meta-
phorisierung zu, indem die referentielle Bezogenheit verändert wird: statt
der körperlichen eine wirtschaftliche oder berufliche Vernichtung.
Die semantische Ableitbarkeit / Derivation des oben beschriebenen Ty-
pus ist aber nicht immer nachvollziehbar. Darüber hinaus kann sie erst erfol-
gen, wenn bei der primären Metaphorisierung die Abstrahierungsstufe der
Bedeutung eine sekundäre Metaphorisierung zulässt. Vgl. jmdni. aufdie Beine
helfen: „einem Gestürzten wieder aufhelfen" > 2. „jmdm. helfen, eine Schwä-
che od. Krankheit zu überwinden" > 3. „jmdm. finanziell helfen, damit er
wieder wirtschaftlich vorankommt".
Da aber die Phraseologismen bereits durch die primäre Metaphorisie-
rung über eine übertragene, abstrahierte Bedeutung verfügen, ist die weitere
Derivation meistens blockiert.
Dagegen gibt es im phraseologischen System eine andere Entwicklungs-
weise: Neue Bedeutungen oder neue homonymische Phraseologismen ent-
stehen dabei durch parallele Metaphorisierung ein und desselben Syntag-
mas. So z.B. die Tapeten wechseln bedeutet: (ugs.) 1. „umziehen", 2. „sich
am Arbeitsplatz, im Beruf verändern".
Alle angegebenen Sememe sind assoziativ zusammenhängend, aber sie
sind nicht voneinander abgeleitet, denn jedes davon weist dieselbe Abstrak-
tionsebene auf.
Die parallele Metaphorisierung ist aber im Falle der Polysemie nicht sel-
ten fraglich, denn die Betrachtung z.B. der semantischen MikroStruktur des
Phraseologismus die Tapeten wechseln, u.z. die angeführten Sememe 1, 2,
können auch als typische Realisierungen der weiten Bedeutung betrachtet
werden, umso mehr, als die Zahl der potentiellen Sememe größer ist als in
einigen repräsentativen lexikographischen Werken kodifiziert ist. Vgl. die
Explikation der semantischen MikroStruktur des Phraseologismus bei
W. Friederich „Moderne deutsche Idiomatik": 1. „umziehen", 2. „das Lokal
wechseln", 3. „sich im Beruf verändern".
Die parallele Metaphorisierung kann Sememe entstehen lassen, die se-
mantisch nicht zusammenhängend sind, d.h. ein unterschiedliche referenti-
elle Bezogenheit haben. So im Phraseologismus jmdm. schwillt der Kamvv.
(ugs.) 1. „jmd. wird überheblich, bildet sich etwas ein"; 2. „jmd. gerät in
Zorn, wird wütend".
In diesem Fall sind die Sememe I, 2 Homonyme. Die parallele Meta-
phorisierung ist ein spezifischer Entwicklungsweg der phraseologischen
Homonymie. Es ist insofern von Interesse, da ein und dieselbe variable Ver-
bindung aufgrund verschiedener Merkmale metaphorisiert werden kann.
Diese ist, wie man sich leicht vorstellen kann, nicht bei allen Basisstruktu-
ren denkbar, deshalb sind phraseologische Homonyme im Deutschen zah-
lenmäßig unbedeutend. Dass es dabei nicht nur um eine Besonderheit der
deutschen Sprache geht, beweist das Material der rassischen Sprache38.
199
4.2.6.2. Phraseologische Synonymie
Unter phraseologischen Synonymen verstehen wir sinngleiche oder ver-
wandte Phraseologismen, die auf der paradigmatischen Ebene neben gemein-
samen auch ein differenzierendes Merkmal aufweisen.
Die phraseologische Synonymie ist eine der produktivsten und bedeu-
tendsten Kategorien der deutschen Phraseologie. Das entspringt dem lingui-
stischen Status dieser Klasse der festen Wortkomplexe, wo die konnotative
Bedeutung, durch einen mehrgliedrigen Konstituentenbestand gesichert, fort-
während neue Phraseologismen entstehen lässt und die synonymischen Rei-
hen der Sprache auffüllt.
Phraseologische Synonyme können wie in der Lexik sein:
(a) sinngleich, z.B. das Pferd beim Schwanz aufzäumen — den Aal beim
Schwanz fassen „eine Sache verkehrt anfangen".
(b) ideographisch, z.B. einen Affen [sitzen] haben „betrunken sein" —
einen {kleinen) Aal haben „leicht betrunken sein".
(c) stilistisch, z.B. die Augen schließen, geh. — ins Gras beißen, salopp,
derb „sterben".
(d) territorialgebunden: regional, landschaftlich, z.B. schwäb. Dearhaut
nix äs Laus, und dia send krank — gemeind. arm sein wie eine Kirchenmaus.
Eine unikale Eigenschaft der phraseologischen Synonymie im Vergleich
zur lexikalischen bildet eine bedeutende Anzahl von sinngleichen Synony-
men, die auf der syntagmatischen Ebene austauschbar sind und deshalb noch
als absolute Synonyme bezeichnet werden. Unter absoluten Synonymen sind
folglich Phraseologismen zu verstehen, die hinsichtlich der Semantik und
der stilistischen Markiertheit identisch sind.
Der Form nach sind sie wie auch alle anderen Typen der phraseologi-
schen Synonyme:
(a) gleichstrukturiert, z.B.
in die Pilze gehen, in die Nüsse gehen I „verloren gehen, verschwinden"
in die Binsen gehen, in die Wicken gehen J ertrinken und verderben"
(b) verschiedenstrukturiert, z.B
einen Vogel haben
bei dem piept's wohl „nicht recht bei Verstand sein"
nicht alle Tassen im
Schrank haben
beijmdm. spukt es im Kopf
leeres Stroh dreschen
Holz in den Wald tragen
Wasser im Siebe tragen „vergebliche, unnütze Arbeit tun"
Wasser mit einem Sieb
schöpfen
Die Gruppe (a) wird in der einschlägigen Forschung oft als strukturelle
Synonymie bezeichnet39. Strukturelle Synonyme sind sehr zahlreich. Gene-
tisch erfasst diese Gruppe Spracheinheiten zweierlei Art. Zum einen gehö-
200
ren dazu Phraseologismen, die infolge der Metaphorisierung verschiedener
variabler Wortverbindungen entstanden sind, wie das beispielsweise bei den
Fügungen in die Pilze gehen der Fall ist.
Laut lexikographischen Werken ist die Bedeutung eines der ältesten Syn-
onyme dieser Reihe in die Pilze gehen (17. Jh.) auf Grund des Vergleichs
damit entstanden, wie sich Pilzsucher im Wald verirren.
Das aus dem 19. Jh. stammende Synonym geht vermutlich auf die Jäger-
sprache zurück, denn die vor dem Hund flüchtende Wildente rettete sich ins
Wasser und versteckte sich in den Binsen. Damit war sie für den Jäger verlo-
ren, ähnlich wie das Wild, das ihm in die Wicken ging und in deren Ranken
und Schlingen nicht mehr gefunden werden konnte.
Es sind folglich verschiedene Phraseologismen in dieser Reihe, die un-
abhängig voneinander und in verschiedenen Entwicklungsperioden der Spra-
che entstanden sind.
Zum anderen gehören zu dieser Gruppe Synonyme, die sich aufgrund der
Austauschbarkeit einer bzw. mehrerer Konstituenten der Phraseologismen
bilden. Die bekanntesten Beispiele solcher Synonyme sind:
jmdm. geht ein Licht auf } , jmd. versteht, durchschaut
jmdm. geht ein S e ife nsieder\ plötzlich etw".
auf
Dass es sich in solchen synonymischen Reihen um die Variierung ein
und desselben Phraseologismus handelt als humorvolle Äußerung oder zur
Steigerung der Expressivität, beweisen auch zahlreiche andere Beispiele wie
alter Mann {od. alte Oma) ist "1
doch kein D-Zug I „ich kann nicht so schnell
alter Mann {od. alte Oma) ist Г wie du möchtest"
doch kein Düsenjäger J
Strukturelle Synonyme mit austauschbaren Konstituenten zeigen die se-
mantische und funktionale Spezifik der Phraseologismen besonders deut-
lich und erklären die Tatsache, weshalb der phraseologische Bestand der
Sprache auf diesem Wege fortwährend bereichert wird. Vgl. die synonymi-
sche Reihe mit der Grundbedeutung „nicht recht bei Verstand sein", die in
der Gegenwartssprache Dutzende von umgangssprachlichen Synonymen
erfasst und immer wieder neue Synonyme aber auch neue Variationen auf-
weist, z.B.; nicht alle Lichter am Baum haben, Jugenddeutsch, und das lilte-
re Synonym nicht alle auf dem Christbaum haben.
Der Terminus „strukturelle Synonyme" bleibt in der Fachliteratur um-
stritten. Es gilt zu entscheiden, ob bei solchen Gebilden Synonyme oder
Varianten vorliegen. U.E. handelt es sich bei Phraseologismen mit austausch-
baren Konstituenten sowohl um Synonyme als auch um Varianten, je nach-
dem, was diese Austauschbarkeit bewirkt. Man kann mit vollem Recht von
Synonymen in dem Fall sprechen, wenn die Austauschbarkeit der Konstitu-
enten semantische, stilistische oder territoriale Unterschiedlichkeit im Ver-
gleich zur Basiseinheit hervorruft. Ein überzeugendes Beispiel hierzu waren
201
die Phraseologismen, wo die austauschbare substantivische Konstituente eine
unterschiedliche stilistische Markiertheit herbeiführt:
den Mund halten, ugs. 1
den Rand halten, salopp, derb г „schweigen"
die Schnauze halten, salopp, derb J
Eine expressiv steigernde und somit semantisch differenzierende Funk-
tion erfüllt den Konstituentenwechsel in folgenden strukturellen Synony-
men:
jmdm. fällt ein Stein vom "J „jmd. ist sehr erleichtert
Herzen [ über etwas"
jmdm. fällt ein Steinbruch
vom Herzen
Und schließlich kann der Konstituentenwechsel die Phraseologismen land-
schaftlich differenzieren:
Nur die allerdümmsten Kälber wählen sich den Schlächter selber
(Sprichw., Gemeinspr.)
Nur die allerdümmsten Kälber wählen sich den Metzger selber
(schwäb., bair.)
Wie aus den erwähnten Beispielen hervorgeht, gehören die austauschba-
ren Konstituenten zu den zentralen, die innere Struktur des Phraseologismus
bildenden Elementen. Eben dieser Umstand bewirkt eine differenzierende
Kraft und lässt Phraseologismen entstehen, die sich in genannten Aspekten
voneinander unterscheiden und somit den Kriterien entsprechen, die für Syn-
onyme erforderlich sind.
Wenn die Variierung der Konstituenten die innere Struktur des Phraseo-
logismus nicht verändert41, d.h. das phraseologische Bild grundsätzlich er-
halten bleibt, dann handelt es sich nicht um strukturelle Synonyme, sondern
um strukturelle Varianten. Dazu gehören die Variierung in der Kategorie des
Numerus substantivischer Konstituenten, die Variierung der Präpositionen,
die Umstellung der Konstituenten in bestimmten phraseologischen Wortfü-
gungen (Paarformeln) u.a. Vgl.:
ein Haar — Haare in der Suppe finden;
die Hand — die Hände bei etw. im Spiel(e) haben;
etw. brennt jmdm. auf den Nägeln — etw. brennt jmdm. unter den Nägeln;
nichts auf den Rippen haben — nichts zwischen den Rippen haben,
groß und klein — klein und groß;
aufheben und Tod — auf Tod und Leben.
Eine solche Betrachtung der phraseologischen strukturellen Synonyme
und Varianten steht in voller Übereinstimmung mit der Sprache selbst, in
der die Zahl der sinngleichen Synonyme in der Phraseologie nicht nur sehr
bedeutend ist, sondern sich fortwährend auf diesem Wege erweitert. Der
Grand dieser scheinbar widersprüchlichen Erscheinung ist die Tatsache,
dass sinngleiche Synonyme, wenn auch hinsichtlich der semantisch-stili-
202
stischen Charakteristik austauschbar, dennoch keine Dubletten sind. Die
Motiviertheit ihrer Bedeutung oder die innere Form ist immer verschie-
den. Vgl.:
alles über einen Leisten schlagen ] „alles gleich behandeln und
alles über einen Kamm scheren l dabei wichtige Unterschiede
alles in einen Topf werfen J nicht beachten", ugs.
Oder:
mitjmdm. ein Hühnchen zu
rupfen haben „jmdn. wegen etw. zur Rechen-
mitjmdm. eine Rübe zu schaft ziehen müssen", ugs.
schaben haben
mitjmdm. ein Nüsschen zu
knacken haben
Sinngleiche phraseologische Synonyme sind folglich in ihrer bildlichen
Motiviertheit differenziert, wodurch ihre paradigmatische Synonymität auf-
rechterhalten bleibt.
Darüber hinaus illustrieren die oben angeführten synonymischen Reihen
gleichzeitig eine andere Besonderheit der phraseologischen Synonymie —
das Fehlen einer semantischen Dominante bzw. eines Grundsynonyms.
Bekanntlich bildet das Grundsynonym einer lexikalischen synonymischen
Reihe das zentrale Glied, von dem sich die anderen Synonyme der Reihe
durch Nebenmerkmale (untergeordnete Merkmale) abrieben. Es ist in den
meisten Fällen stilistisch merkmallos, und sein zentraler Charakter wird auch
dadurch betont, dass gerade davon, d.h. vom Grundsynonym, die Bildung
von Ableitungen und Zusammensetzungen erfolgt42.
Eine solche Struktur der synonymischen Reihe in der Phraseologie ist,
wie man sehen kann, nicht möglich, weil alle phraseologischen Synonyme
infolge ihrer Semantik stilistisch markiert sind und eine invariante Bedeu-
tung der Glieder einer solchen Reihe nur auf Grund eines Lexems zu identi-
fizieren ist, wie das von Ch.Bally erstmals gemacht wurde.

4.2.6.3. Phraseologische Antonymie


Unter phraseologischen Antonymen verstehen wir in Anlehnung an le-
xikalische Antonyme Phraseologismen mit gegensätzlicher Bedeutung. Die
Präzisierungen in der Begriffsbestimmung „Antonymie", die in der jüngsten
Forschung hinsichtlich der lexikalischen Antonyme vorgenommen wurden,
können im phraseologischen Bereich zwar berücksichtigt werden, aber phra-
seologische Antonyme als mehrgliedrige Komplexe weisen in Bezug auf
Semantik und Bildung viel Eigenartiges auf. Vorerst wäre ein adäquater Be-
griff der lexikalischen Polarität bzw. des Bedeutungsgegensatzes festzuhal-
ten und am phraseologischen Material zu überprüfen.
In der lexikologischen Forschung beruht der Bedeutungsgegensatz der
lexikalischen Einheiten auf der Übereinstimmung aller Bedeutungskompo-
203
nenten bis auf eine, die den Charakter des Gegensätzlichen genereller Art
hat. Die Übereinstimmung der meisten Bedeutungskomponenten (Seme) ist
darauf zurückzuführen, dass die beiden Einheiten Kohyponyme einer hype-
ronymischen Einheit sind. Die Kohyponyme, die sich in mindestens einem
wesentlichen Bedeutungselement unterscheiden, können meist in der glei-
chen Textumgebung füreinander eingesetzt werden, verkehren aber dadurch
die Gesamtbedeutung in ihr Gegenteil oder erzeugen eine widersprüchli-
che Äußerung, z.B. Stellungnahme = (Zustimmung: Ablehnung)43. Im
phraseologischen Korpus kann man eine analoge Antonymie beobachten
mit dem Unterschied, dass es hier nicht um ein gegensätzliches Bedeu-
tungselement bzw. Sem geht, sondern um eine gegensätzliche lexikalische
Konstituente des Phraseologismus. Die antonymischen Beziehungen in den
phraseologischen Paaren lassen sich gerade dort am eindeutigsten feststel-
len, wo sie, d.h. die gegensätzlichen Beziehungen, auf den lexikalischen
Konstituenten (Vollwörtern und Partikeln) der gleichstrukturierten Phraseo-
logismen basieren. Hier offenbart sich auch die früher festgestellte Tatsa-
che, dass die lexikalischen Bedeutungen der Wörter im Konstituentenbe-
stand phraseologischer Wortfügungen sich nicht völlig und nicht immer auf-
lösen. Vgl.:
ein warmes Herz haben „tiefe Gefühle haben, Liebe empfinden" —
ein kaltes Herz haben „kalt, gefühllos sein";
ein weites Herz haben „großzügig sein" — ein enges Herz haben
„nicht großzügig sein";
jindn. i n den Sattel heben „jmdn. in eine einflussreiche Position hinein-
bringen" — jmdn. aus dem Sattel heben „jmdn. aus einer einflußreichen
Position drängen".
Antonymische lexikalische Konstituenten können verschiedenen Wort-
arten angehören:
jmdm. die Zunge binden —jmdm. die Zunge lösen; auf dem r i с li-
tt g e n Dampfer sein — auf demfal sehen Dampfer sein; im Vorder-
grun d stehen — imHintergrund stehen, groß von jmdm. denken —
klein von jmdm. denken; aus demselben Holz geschnitten sein — aus
anderem Holz geschnitten sein.
Die phraseologischen Antonyme der explizierten Art sind nicht frei mo-
dellierbar. So sind z.B. die nachstehenden Phraseologismen durch antony-
mische lexikalische Konstituenten in antonymische Phraseologismen nicht
umkehrbar:

jmdm. die Hände { binden \


l Hosen i
jmdm. die {*^J Schulter zeigen

etw. mit der {f^J Hand erledigen44

204
Diese Art der phraseologischen Antonymie „arbeitet" auch in einer an-
deren Hinsicht nicht, nämlich: antonymische lexikalische Konstituenten er-
geben nicht immer ein antonymisches Verhältnis der Phraseologismen. So
in den Wendungen:
etw. durch einefremde Brille sehen; etw. durch seine eigene Brill
sehen, wo im zweiten Beispiel infolge der Umdeutung des gesamten Konsti-
tuentenbestandes das Adjektiv eigen eine andere Bedeutung entwickelt hat,
nämlich „subjektiv".
Dass phraseologische Antonyme auf diesem Weg nicht regelmäßig ge-
bildet werden, geht folglich aus dem linguistischen Status dieser Sprachein-
heiten hervor, weil Phraseologismen eben semantisch transformierte Wort-
komplexe sind
Auf denselben Umstand ist auch die Antonymität der Konstituenten zu-
rückzuführen, die außerhalb der Phraseologismen nicht antonymisch sind:
grünes Licht „Handlungsfreiheit"; rotes Licht „Versagung der Hand-
lungsfreiheit".
Keine Regelmäßigkeit in der Bildung von antonymischen Paaren in der
Phraseologie ist auch durch Negation feststellbar, obgleich es im phraseo-
logischen Bestand einzelne gegensätzliche Phraseologismen dieser Art gibt,
vgl:
sich über etw. Kopfzerbrechen machen „sich über etw. Gedanken ma-
chen" — sich über etw. kein Kopfzerbrechen machen „sich über etw. keinen
Kummer machen".
Das ist besonders deutlich zu sehen an der Tatsache, dass zu den be-
stehenden phraseologischen Wortfügungen, in deren Bestand eine Nega-
tion enthalten ist, keine positiven Formen gebildet werden können. Vgl.:
nicht auf den Kopf gefallen sein „nicht dumm sein", aber es gibt unter
den kodifizierten festen Wortkomplexen des Deutschen keinen antony-
mischen Phraseologismus *aufden Kopf gefallen sein; etw. ist nicht von
schlechten Eltern „etw. hat Format", aber *etw. ist von den schlechten
Eltern; aussehen, als ob man kein Wässerchen trüben könnte „ganz harm-
los aussehen", aber ^aussehen, als ob man ein Wässerchen trüben könn-
te; jmdm. nicht grün sein „jmdm. nicht wohlgesinnt sein",, aber *jmdm.
grün sein.
Dieser Umstand ist darauf zurückzuführen, dass die innere Form der
bezeichneten Phraseologismen bzw. das Motivationsmerkmal, das derPhra-
seologisierung zu Grunde liegt, bei solchen Umkehrungen sinnwidrig wird.
Vgl. ^aussehen, als ob man ein Wässerchen trüben könnte. Bei anderen
Einheiten würde die konnotative Komponente — das Ironische, Scherz-
hafte einer Wendung —, was gerade die semantische Einmaligkeit vieler
Phraseologismen bildet, verschwinden, z.B. *aufden Kopf gefallen sein,
*jmdm. grün sein.
Da phraseologische Antonyme nicht frei modellierbar sind, bilden gleich-
strukturierte antonymische Einheiten lediglich eine Gruppe unter anderen
phraseologischen Antonymen. Wie groß diese Gruppe ist, wird wohl die
künftige Forschung ergeben. Zahlreicher scheinen allerdings verschieden-
205
strukturierte Einheiten zu sein, die infolge der Phraseologisierung variabler
Wortverbindungen entstehen. Daraus resultieren folgende Typen gegensätz-
licher Beziehungen der Phraseologismen:
(a) die Phraseologismen sind semantisch einander nur annähernd gegen-
sätzlich und stilistisch gleich markiert. Vgl.:
jmdm. den Kopf waschen ugs. jmdn. in den Himmel heben
„jmdn. s c h a r f zurechtweisen" ugs. „jmdn. ü b e r m ä ß i g loben"
(b) die Phraseologismen sind semantisch einander nur annähernd gegen-
sätzlich und stilistisch verschieden markiert. Vgl.:
jmdn. auf der Latte haben salopp jmdn. über den grünen Klee
„jmdn. n i c h t l e i d e n loben ugs. „jmdn. ü b e r m ä ß i g
können" loben"
Diese Eigenschaften verschiedenstrukturierter phraseologischer Antony-
me — und ihre Zahl ist bedeutend — gibt Anlass festzustellen, dass „perfek-
te Antonymie in der Phraseologie an sich selten ist"45. Diese Lücke des Sy-
stems wird bei situativer Realisierung vielfach kompensiert, indem zu beste-
henden Einheiten völlig äquivalente Antonyme geschaffen werden. Das heißt
in diesem Fall, dass die innere Form oder die bildliche Motiviertheit der
Bedeutung genau gegensätzlich ist. Vgl. den usuellen Phraseologismus der
Apfel fällt nicht weit vom Stamm „jmd. ist in den negativen Anlagen den
Eltern sehr ähnlich" und sein situatives Antonym der Apfel rollt oft weit vom
Stamm („Eulenspiegel" 29 /1977, S. 13).
Zusammenfassend wäre über die semantische Kategorie der phraseolo-
gischen Antonymie folgendes zu bemerken: Die phraseologische Antony-
mie ist im System und im Text nicht ganz gleich zu charakterisieren. Die
Antonymie im System ist konstituiert durch (1) gleichstrukturierte (absolute)
antonymische Einheiten und (2) verschiedenstrukturierte (relative) antony-
mische Einheiten. Phraseologische Antonyme sind nicht frei modellierbar.
Dies gilt sowohl für die Gruppe (1) als auch für die Gruppe (2).
Im Text kann das Korpus der antonymischen Phraseologismen für prag-
matische Zwecke durch absolute situative Einheiten erweitert werden.
Folglich sind phraseologische Antonyme im Text potentiell modellier-
bar.
-t *

Nach der Betrachtung der semantischen Kategorien in der Phraseologie


kann man also feststellen:
Die von der Lexik abweichende Gestaltung der semantischen Kategorien
der Phraseologie ist auf die strukturelle und semantische Spezifik dieser
Spracheinheiten zurückzuführen — auf ihre mehrgliedrige Form und ganz-
heitliche (im Sinne der Einheit der Nomination) semantisch transformierte
Bedeutung. Diese Tatsache gibt Aufschluß über den systemhaften Charakter
aller abgeleiteten Kategorien der phraseologischen Semantik — Polysemie,
Homonymie, Synonymie und Antonymie.
206
4.2.7. ZUM PROBLEM DER PHRASEOLOGISCHEN MODELLIERUNG

Das Problem der Modellierbarkeit/Nichtmodellierbarkeit der Phraseo-


logismen rückte vor allem in den 70er Jahren in den Vordergrund im Zusam-
menhang mit zwei sich intensiv entwickelnden Aspekten der phraseologi-
schen Forschung — dem Benennungsaspekt und der synchron-vergleichen-
den und typologischen Analyse.
Die Untersuchung größerer Gruppierungen von phraseologischen Sprach-
einheiten vor allem in onomasiologisch strukturierten semantischen Feldern
zum einen und die synchron-vergleichende Betrachtung der phraseologischen
Systeme verschiedener Sprachen zum anderen hat mit aller Deutlichkeit ge-
zeigt, dass im Bereich des Phraseologischen, d.h. in der Phrasembildung,
wie auch auf den anderen Ebenen der Sprache Elemente des Regulären fest-
stellbar sind.
Elemente des Regulären lassen sich vor allem nach der phrasembilden-
den Basis nachweisen.
So bestimmt die phrasembildende lexikalische und syntaktische Basis
die potentiellen semantischen und strakturell-semantischen Spezifika der
davon abgeleiteten Phraseologismen. Hier sind grundsätzlich zwei phrasem-
bildende Basen zu unterscheiden: (a) Grundlexeme, (b) variable Syntagmen
und Sätze.
Im Fall (a) geht es um Phraseologismen, die aufgrund der semantischen
Umdeutung eines Lexems, des Grundlexems entstehen. Es handelt sich hier-
bei um solche Lexeme wie Bezeichnungen für Körperteile, Tier- und Pflan-
zennamen, bei denen der Sembestand die Entwicklung der Phraseologismen
sowie der phraseologischen Reihen oder Serien programmiert. Ein beweis-
kräftiges Material des regulären Charakters der semantischen Motiviertheit
dieses Typs ist am Beispiel der Phraseologismen mit der Grandkonstituente
„Kopf zu zeigen, deren serienhafter Charakter durch den Sembestand des
Wortes determiniert ist.
Das Lexem „Kopf wird in der deutschsprachigen Lexikographie folgen-
derweise definiert: „Oberster, als Sitz des Gehirns und Zentrum der Sinnes-
organe wichtigster Körperteil des Menschen, der Tiere" (WDG). So formiert
sich z.B. auf Grund des Sems „oberster Körperteil" die semantische Ent-
wicklungslinie „Raum", „Kontrastierung des Raumes", die ein Phraseo-
sem bildet, auf dessen Basis dann folgende phraseologische Reihe entsteht:
von Kopf bis Fuß; bis über den Kopf in Schulden stecken; jmdnu über
den Kopf wachsen; Hals über Kopf.
Auf Grand des Sems „Sitz des Gehirns" formiert sich die semantische
Entwicklungslinie „Denkfähigkeit und Leistung"
jmd. hat Kopfugs. Köpfchen „ist klug"; jmd. ist nicht auf den Kopfgefal-
len ugs. „gewitzt, nicht dumm sein; sich den Kopf zerbrechen ugs. „sehr
angestrengt über etw. nachdenken"; sich etw. durch den Kopf gehen lassen
ugs. „über etw. angestrengt nachdenken"46.
Semantisch ist bei dieser Phrasembildung ebenfalls etwas Reguläres zu
beobachten. Wenn z.B. die Basis Grundlexeme des Typs animalistischer Lexik

207
bilden wie Hund, Schwein, Affe, Ziege, Pferd, dann entstehen Phraseologis-
men, die neben verschiedenen Einzelbedeutungen der phraseologischen Se-
rien das eine typologisch geraeinsame semantische Merkmal besitzen — sie
drücken die sozial gezielte Wertung der Charaktereigenschaften und der
Haltung des Menschen aus. Diese Semantik findet oft Ausdruck in den kom-
parativen strukturellen Modellen. Vgl. arbeiten wie ein Pferd, leben wie ein
Hund, wählerisch wie eine Ziege.
Sind die phrasembildende Basis Somatismen wie Hand, Kopf, Auge, Herz,
Ohr, so ist das gemeinsame typologische Merkmal — Ausdruck von emo-
tionalen, mentalen Eigenschaften und verschiedenen Handlungen des Men-
schen. Vgl. die nachstehenden Phraseologismen mit der Grundkonstituente
„Herz":
jmdm. ist (wird) das Herz schwer „jmd. ist (wird) sehr traurig, hat großen
Kummer"; ein Herzßrjmdn., etw. haben „Interesse, Sympathie für jmdn.,
etw. haben"; seinem Herzen Luft machen ugs. „sich über etw., was einen
ärgert, mit einiger Heftigkeit äußern"; jmdn. in sein Herz schließen „jmdn.
lieb gewinnen, eine starke Zuneigung zu jmdm. fassen".
Im Fall (b), wenn die phrasembildende Basis variable Syntagmen oder
Sätze sind, so trägt die Modellierbarkeit der Phraseologismen stets einen
potentiell-wahrscheinlichen Charakter. Dies bedeutet folgendes:
Ein Wortkomplex mit konkret-gegenständlicher Bedeutung kann in der
betreffenden Sprache durch bildliche Übertragung eine phraseologische
Bedeutung erlangen, muss es aber nicht; falls nun eine solche phraseologi-
sche Umdeutung geschehen ist, so können Richtung, Umfang und Resultat
sehr verschieden sein. Statt eindeutiger Determinationsbezeichnungen zei-
gen sich bei der Bildung von Phraseologismen nur bestimmte Präferenzen,
mehr oder weniger typische Fälle und bevorzugte Korrelationen. Diese
Umstände schränken den theoretischen und besonders den praktischen Wert
der strukturell-semantischen Modellierung in der Phraseologie ein47.
Das ist der Grund, weshalb die führenden Phraseologieforscher der 60er
Jahre, wie N. N. Amosova, V. L. Archangerskij, A. V. Kunin u.a. die struktu-
rell-semantische Modellierung der Phraseologismen im Sinne der produkti-
ven Modelle der Generierung ablehnten.
Andererseits haben die onomasiologisch strukturierten lexikalisch phra-
seologischen Felder mit solchen Archilexemen wie „irreführen, betrügen",
„tadeln", „sterben" gezeigt, welche Regelmäßigkeiten in der phraseologi-
schen Nomination feststellbar sind. Zwar wirkt ein jeder Phraseologismus,
wie es in der einschlägigen Forschung mehrfach betont wurde, individuell,
aber innerhalb der größeren semantischen Bereiche wie die oben genannten
Gruppierungen von Lexemen und Phraseologismen lassen sich invariante
Motivationsmodelle feststellen, die dann strukturell-semantisch „individu-
ell" variiert werden. Vgl. das Motivationsmodell „zu atmen aufhören" ini
lexikalisch-phraseologischen Feld „sterben" und seine strukturell-semanti-
schen Variierungen: die letzten Atemzüge tun, den letzten Atem aushauchen,
den letzten Hauch von sich geben, den letzten Seufzer tun, 's Atemholen
vergessen (landsch.), das Atmen vergessen (sold.). Vgl. ferner das Motivati-
208
onsmodell „zu es?en aufhören" und seine strukturell-semantischen Varian-
ten: den Löffel sinken lassen, den Löffel wegwerfen (wegschmeißen), den
Löffel abgeben, 's letzte Brötche gefressen haben (landsch.), 's Brotessen
vergessen (landsch.)-
Übereinstimmungen in der inneren Form bestimmter Gruppen der Phra-
seologismen der phrasembildenden Basis (b) sind ferner festgestellt am
Material der slawischen Sprachen48. Sie geben eine Vorstellung von typi-
schen Wegen, auf denen viele Phraseologismen entstanden sind und eventu-
ell noch heute entstehen. Allerdings sind es nur Modelle der Beschreibung,
die zum besseren Verständnis der Tendenzen in der Entwicklung des phra-
seologischen Korpus der jeweiligen Sprache dienen und keine Regeln, nach
denen neue Phraseologismen frei zu bilden wären.
Trotz der beschränkten Rolle der phraseologischen Modellierung im Sinne
der Generierungsmodelle lässt die phraseologische Forschung von heute die
allgemeinen logisch-semantischen Modelle ermitteln, die für Sekundärbil-
dungen der menschlichen Sprachen typisch sind und die sich auch in der
Phraseologie wirksam erweisen. Sie beruhen auf den universellen Gesetzen
des menschlichen Denkens, auf gemeinsamen logischen und assoziativen
Prozessen, die zur Gewährleistung der emotiven Funktion der Sprache die-
selben Mechanismen nutzen und gleiche oder ähnliche komplexe Sprach-
einheiten entstehen lassen. Hier wären z.B. solche logisch-semantischen
Modelle zu nennen wie die Antithese und das Modell der Identität, die bei
der Ausformung des deutschen phraseologischen Korpus auch äußerst pro-
duktiv sind. Vgl. vor allem zahlreiche Paarformeln, deren Gesamtbedeutung
auf Grund der Antithese, d.h. der semantischen Integrierung von antonymi-
schen Lexemen innerhalb einer Wortgruppe entsteht, z.B. Freund und Feind,
alt und jung, arm und reich „alle". Außer dieser sehr bekannten Schicht der
Phraseologie ist auch ein beträchtlicher Teil der festgeprägten Sätze des Typs
Sprichwort mit Hilfe der Antithese ausgeformt, z.B. Friede ernährt, Unfrie-
de verzehrt; Lüge vergeht, Wahrheit besteht; außen blank, innen stank; ein-
mal ist keinmal; der Wölfe Tod ist der Schafe Heil; kleine Ursache, große
Wirkung.
Das Modell der Identität, das mit dem Vergleich operiert, ist ebenfalls ein
generelles iogisch-semantisches Modell der allgemeinen und deutschspra-
chigen Phraseologie. Neben nahezu 500 stehenden Vergleichen bzw. kom-
parativen Phraseologismen des Deutschen wie: hässlich wie die Nacht „sehr
hässlich", sich freuen wie ein Schneekönig „sich sehr freuen" ugs., gibt es
auch zahlreiche festgeprägte Sätze, die nach diesem Modell gebildet sind.
Vgl.: Besser eine Stunde zu früh als eine Minute zu spät; besser I lieber zu
viel als zu wenig.

4.2.8. PHRASEOLOGISCHE UND DEPHRASEOLOGISCHE DERIVATION


Unter phraseologischer Derivation versteht man die Phrasembildung
auf der Basis der in der Sprache bereits bestehenden Phraseologismen. Es
handelt sich hierbei primär um eine Ableitung phraseologischer Einheiten
И 2576 209
aus festgeprägten Sätzen des Typs Sprichwörter. Das Resultat des Derivati-
onsprozesses heißt das Derivat. Vgl.:
Ausgangsform Derivat
1. Wer Butter auf dem Kopfe Butter auf dem Kopfe haben „etw.
hat, soll nicht in die Sonne angestellt haben, ein schlechtes
gehen (Sprichwort). Gewissen haben" (phraseologische
Einheit).
2. Stille Wasser sind tief Stilles Wasser „jmd., der seine
(Sprichwort). inneren Gefühle und Ansichten
nicht zeigt" (phraseologische Einheit).
Zahlreiche phraseologische Einheiten der Gegenwartssprache sind Ab-
leitungen oder Derivate aus festgeprägten Sätzen mit nachweisbarer Quelle
(geflügelte Worte):
1. Ich kenne meine seine Pappenheimer kennen „be-
Pappenheimer (Schiller) stimmte Menschen mit ihren Schwä-
chen kennen und wissen, was man
von ihnen zu erwarten hat".
2. Wir tanzen auf einem Vulkan auf einem Vulkan tanzen
(Zitat, Geschichte).
3. Das also war des Pudels des Pudels Kern „die eigentliche
Kern (Goethe). Ursache"
Kennzeichnend für diese Derivation ist die Verselbständigung oder Los-
lösung vom Text, vgl. die Gebundenheit der Sätze 1,2, 3 an die Subjekte der
Aussage im Urtext und die semantische Transformation derselben, wodurch
Phraseologismen eine abstraktere Bedeutung erhalten, die durch den Urtext
nur motiviert, aber an diesen nicht gebunden ist.
Die geschilderten Derivationsprozesse beruhen auf Ableitungsbeziehun-
gen fester Wortkomplexe in der Diachronie und Synchronie, denn Derivate
sind immer durch die Ausgangsformen nach der Bedeutung und nach dem
Komponentenbestand motiviert. Außerdem bestehen meistens die beiden in
der Sprache, wie die Beispiele oben zeigen.
Von der phraseologischen Derivation ist die dephraseologische Derivati-
on zu unterscheiden49.
Unter dephraseologischer Derivation versteht man die Bildung von Le-
xemen, die auf der Basis von Phraseologismen entstehen. Vgl.:
jmdm. den Hals abschneiden „jmdn. [wirtschaftlich] zugrunde richten,
ruinieren" ugs. > der Halsabschneider „Wucherer" ugs.
Bei der dephraseologischen Derivation sind zwei morphologische Wort-
bildungsarten entscheidend: 1. Zusammenbildung; 2. Zusammensetzung.
Es gibt auch eine lexisch-semantische Büdungsart, die in der Bildung
von Homonymen besteht.
(1) Zusammenbildung. Entsprechend den Basisstrukturen ist die Zusam-
menbildung (Modelle M6, M7, M2) (Siehe S. 102 f.) hierbei führend. Von
210
morphologischen Derivaten, die Substantive und Adjektive sein können, sind
die Substantive, darunter die Nomina agentis, die produktivste Klasse.
Entsprechend den Basisstrukturen sind alle dephraseologischen Derivate
stilistisch markiert. Sie sind in der Regel stark wertende bzw. abwertende
Personenbezeichnungen. Das ist durch die Wortbildungsart gesichert, wobei
die bildliche Motiviertheit des Phraseologismus erhalten bleibt.
Dephraseologische Derivate sind eine der Quellen, aus der die deutsche
Umgangssprache durch expressive Synonyme bereichert wird. Viele davon
finden den Weg in die Umgangssprache durch Sonderwortschätze50. Dephra-
seologische Derivate sind besonders zahlreich in thematischen Reihen mit
salopp abwertender Markiertheit. Vgl:
die thematische Reihe „Prahler": Bogenspucker „große Bogen spucken";
— Dicktuer „sich mit etw. dick tun"; — Großtuer „groß tun";
— Maulaufreißer „das Maul aufreißen"; — Sprüchemacher „Sprüche
machen"; — Wichtigtuer „sich wichtig machen od. tun"; — Windmacher
„Wind machen"; — Wortemacher „viel Worte machen";
die thematische Reihe „Faulenzer", „Nichtstuer": Bärenhäuter „auf der
Bärenhaut liegen"; — Gassentreter, Pflastertreter „Pflaster treten"; —Zeit-
totschläger „die Zeit totschlagen";
die thematische Reihe „Raufbold": Radaumacher „Radau machen";
— Lärmmacher „Lärm machen"; — Randalmacher „Randal machen";
— Spektakelmacher „großes Spektakel machen";
die thematische Reihe „Intrigant": Quertreiber „es quer treiben"; —
Ränkeschmied „Ränke schmieden";—Ränkespinnet; Ränkemacher „Ränke
spinnen";
die thematische Reihe „Pessimist": Schwarzseher „schwarz sehen";
— Kopfhänger „den Kopf hängen lassen".
Die zweitproduktivste Klasse der substantivischen Zusammenbildung sind
Nomina actionis. Sie werden vor allem mit Hilfe der Suffixe — (er)ei und
als implizite Ableitung gebildet. Vgl. die Haarspalterei, abwertend „Spitz-
findigkeit", — Haare spalten „übergenau, allzu pedantisch sein", Wichtig-
tuerei — sich wichtig tun „prahlen", Dicktuerei — dick tun „prahlen, groß-
tun"; (das) Naserümpfen — die Nase rümpfen, „etw. verächtlich betrach-
ten". Mundtotmachen —jmdn. mundtot machen „zum Schweigen bringen",
Phrasendrusch, Phrasendreschen — Phrasen dreschen „wohltönende, aber
nichtssagende Reden führen", Tapetenwechsel — die Tapeten wechseln „1.
umziehen; 2. sich am Arbeitsplatz, im Beruf verändern", wobei das Derivat
im Vergleich zum Basisphraseologismus über eine Bedeutungserweiterung
verfügt. Vgl. der Tapetenwechsel (ugs.) „vorübergehende od. dauernde (emp-
fehlenswerte, erwünschte) Veränderung der gewohnten Umgebung (durch
Urlaub, Umzug, Wechsel der Arbeitsstelle u.a.")51.
Die eigentliche Gebrauchssphäre dieser Derivate ist die Alltagsrede mit
ihren situativen Realisierungen der phraseologischen Potenzen. Hier seien
nur einige Beispiele aus Werken der deutschen Gegenwartsprosa zitiert: „Du,
Bracke, Tüchtigkeit allein macht's auch nicht. Wenn man vorwärts kommen
will, muss man auch die Schnauze halten können." — „Spar dir deine guten
14* 211
Leute. Ich kenne sogar welche, die nur durch Schnauzehalten vorwärts ge-
kommen sind." (W.Reinowski. Die Versuchung) Oder: — „Hör endlich auf.
Im Phrasendreschen war ich schon immer eine Null" (E.Neutsch. Spur der
Steine).
Dephraseologische Derivate mit den Suffixen -ung, -e sind wenig pro-
duktiv, obgleich auch solche Zusammenbildungen in der Lexikographie ko-
difiziert sind: die Handreichung — jmdm. — die Hand reichen „helfen",
Kopfwäsche —jmdm. — den Kopf waschen „scharf zurechtweisen".
Adjektivische Zusammenbildungen sind nicht zahlreich, sie sind vor
allem Gelegenheitsbildungen, vgl. luchsäugig = Augen haben wie ein Luchs
ugs. „ungewöhnlich gut sehen können". Im Kontext: Hoffentlich hatten Au-
gustin und dieser Don Diego nichts von seinem Anfall bemerkt; sie waren
luchsäugig beide (L. Feuchtwanger. Goya); großfressig — eine große Fresse
haben, grob „sich brüsten, laut und frech reden": „Ihr wart ja alle so tapfer
und so großfressig, aber da werdet ihr laufen wie die Hasen (W. Steinberg.
Als die Uhren stehen blieben).
(2) Die Zusammensetzung bei dephraseologischer Derivation ist weni-
ger produktiv als die Zusammenbildung.
Von zusammengesetzten Ableitungen kommen primär adjektivische De-
rivate vom Typ Determinativkomposita in Frage, die Vergleichs- und Verstär-
kungsbildungen darstellen:
aalglatt — glatt wie ein Aal „nicht zu fassen sein, sich aus jeder Situation
herauswinden", bärenstark — stark wie ein Bär, sackgrob, sacksiedegrob
„sehr grob" — grob wie ein Sack „sehr grob".
Diese Vergleichbildungen, die vielfach als Verstärkungsbildungen auf-
gefasst und bezeichnet werden, sind in der Regel Zweikomponentenstruktu-
ren. Infolgedessen ist die semantische Motiviertheit mancher Derivate ver-
dunkelt, z.B.: pudelnackt (nackt wie ein geschorener Pudel); pudelnass nass
wie ein nasser Pudel; mausetot (tot wie eine erschlagene Maus).
Substantivische dephraseologische Derivate sind wenig produktiv. Es sind
eigentlich nur Derivate aus komparativen Phraseologismen, wobei semantisch
zwei Arten von Derivaten zu unterscheiden sind: Abstrakta und Konkreta.
Bei den Abstrakta handelt es sich um Derivate, die Eigenschaftscharak-
teristika sind. Sie entstehen auf Grund der Transformation von adjektivi-
schen Komponenten in Substantive, wodurch die synchrone Analyse ein-
deutig Determinativkomposita identifiziert: der Wolfshunger „hungrig wie
ein Wolf"; die Hundetreue „treu wie ein Hund"; der Bienenfleiß „fleißig wie
eine Biene, wie die Bienen"; die Berserkerwut „wütend, zornig sein wie ein
Berserker".
Genetisch ist eine nur derivative Deutung dieser Zusammensetzungen
vielleicht nicht überall zutreffend. So ist z.B. die Hundetreue nicht aus dem
komparativen Phraseologismus treu wie ein Hund herzuleiten, sondern kann
auf Grund der Zusammensetzung mit dem Substantiv Treue entstanden sein,
weil im Bedeutungsgefüge des Lexems Hund auch die metaphorische Be-
deutung „Sinnbild der Treue" vorhanden ist. Es gibt aber Lexeme, deren
derivative Herkunft durch den korrelierenden komparativen Phraseologis-
212
raus eindeutig motiviert ist, z.B. der Kanonenrausch, salopp „schwerer
Rausch" gebildet aus voll (sein) wie eine Kanone „sehr betrunken sein".
Die andere Klasse von Derivaten (Konkreta) ist durch die mit ihnen kor-
respondierenden Phraseologismen eindeutig motiviert und stellt salopp ab-
wertende Personenbezeichnungen dar: das Saufloch „Trinker" — saufen wie
ein Loch „unersättlich trinken".
Verbale dephraseologische Derivate sind nicht produktiv.
(3) Die lexisch-semantische Wortbildungsart der dephraseologischen
Derivation wird dadurch ermöglicht, dass lexikalische Konstituenten im Phra-
seologismus im Zusammenhang mit einer integrierten (phraseologischen)
Bedeutung eine neue Semantik entwickeln können. Auf diese Weise entste-
hen neue Lexeme, die zu den gleichlautenden Ausgangswörtern Homonyme
bilden.
Eine solche Entwicklung ist z.B. bei folgenden Homonymen der deut-
schen Gegenwartssprache zu sehen:
der Korbt „geflochtener Behälter" der Korb2 „Zurückweisung eines
Heiratsantrags; Ablehnung" (ugs.)
Das Homonym Korb2 hat sich aus den phraseologischen Fügungen einen
Korb bekommen, jmdm. einen Korb geben entwickelt. Das Derivat ist be-
reits seit dem 17. — 18. Jh. belegt. Oder: der Bockx „männliches Tier be-
stimmter Arten — Ziegen, Reh u.a.", derBock2 „Fehler, peinlicher Verstoß"
(ugs.).
Das Homonym der Bock2 hat sich aufgrund des Phraseologismus einen
Bock schießen (oder machen), salopp „einen primitiven Fehler machen" ent-
wickelt.
Die angeführten Beispiele illustrieren einen Prozess, dessen Ergebnis Le-
xeme des Wortbestands sind. In der Rede aber kann man zahlreichen okka-
sionellen Bildungen begegnen, die zur gesteigerten Konnotation ausgewer-
tet werden.

4.3. FESTE WORTKOMPLEXE DER KLASSE II —


PHRASEOLOGISIERTE VERBINDUNGEN

Phraseologisierte Verbindungen sind feste (stehende) Wortkomplexe mit


analytischer Bedeutung. Sie entstehen dann, wenn eine der Konstituenten
mit übertragener Bedeutung mit Wörtern einer bestimmten semantischen
Gruppe in Verbindung tritt. Von den phraseologischen Verbindungen unter-
scheiden sie sich durch eine serielle Verknüpfbarkeit der semantisch trans-
formierten (übertragenen) Konstituente, z.B. jmdm. Achtung, Anerkennimg,
Bewunderung, Lob, Verehrung, Beifall, Dank zollen „jmdm. Achtung usw.
erweisen". Die Konstituente zollen erscheint in dieser seriellen Verbindung in
der übertragenen Bedeutung; blutiger Anfänger, Laie „völliger, absoluter An-
fänger, Laie". Die Konstituente blutig hat hier eine übertragene Bedeutung.
213
Die Bedeutung dieser festen Wortkomplexe ist nicht an einen einzigen
Kontext gebunden, nicht singulär, es sind vielmehr usuell begrenzte kontex-
tuelle Verbindungen52.
Der erste Versuch, die usuell begrenzten Verbindungen linguistisch und
nicht nur durch Usus zu erklären, stammt von V. N. Telija. Nach ihrer Analy-
se des russischen Materials erfolgt die Blockierung der Verbindbarkeit dann,
wenn die beiden Wörter konnotativ aufeinander nicht abgestimmt sind53.
Man kann diese Erscheinung auch an deutschen Gebilden dieser Art ver-
folgen. So verbindet sich die übertragene Konstituente „genießen" nur mit
Lexemen, die eine überaus positive denotativ-referentielle Besonderheit auf-
weisen, und zwar: jmds. Vertrauen, Achtung genießen, beijmdm. hohes An-
sehen, jmds. Schutz genießen. Da „genießen" in diesem Fall positive Konno-
tationen voraussetzt, ist die Verbindbarkeit der Lexeme mit negativer deno-
tativ-referentieller Bezogenheit und Konnotation blockiert: *jmds. Misstrau-
en, Verachtung, Missgunst genießen.
Da diese Bildungen zwischen Phraseologismen und unfesten Wortver-
bindungen stehen, erscheint es sinnvoll, sie als phraseologisierte Verbindun-
gen zu betrachten. Die phraseologisierten Verbindungen sind eine der zah-
lenmäßig bedeutendsten Gruppen von festen Wortkomplexen.
Nach der syntaktischen Struktur sind die phraseologisierten Verbindun-
gen entweder verbale Verbindungen (V + S), z.B.: seine Gier, Neugier, Be-
gierde, Leidenschaft, seinen Hunger, Durst, seine Zunge bezähmen; oder
nominale Verbindungen (Adj. + S), z.B.: ein sauberer Mensch, Charakter,
eine saubere Haltung, Gesellschaft „anständig, einwandfrei".

4.4. FESTE WORTKOMPLEXE DER KLASSE III —


MODELLIERTE BILDUNGEN

Die modellierten Bildungen entstehen in der Sprache nach bestimmten


strukturell-semantischen Modellen, die in der Rede situativ realisiert oder
aktualisiert werden. Die modellierten Bildungen existieren als bestimmte
syntaktische Gebilde mit einer typisierten Semantik, die auf der Ebene der
Rede realisiert werden. Darum sind in diesen Bildungen die Konstituenten
(teilweise oder ganz) lexikalisch frei auffüllbar, vgl. (ugs.) das Modell
S + hin, S + her mit einer typisierten Bedeutung der Einräumung. Ihre situa-
tiven Realisierungen sind praktisch unbegrenzt: Bruder hin, Bruder her „wenn
er auch mein Bruder ist", Freund hin, Freund her, Geld hin, Geld her, Vater
hin, Vater her, Hobby hin, Hobby her.
Die funktional-stilistische Markiertheit des Modells (ugs.) ist kein Hin-
dernis, dass es auch in der Presse und Publizistik im Dienste der Ironie,
Satire verwendet wird z.B. Krise hin, Krise her.
Unter den modellierten Bildungen sind folgende Klassen zu unterscheiden:
1. Feste analytische Verbalverbindungen54.
2. Typisierte grammatisch-stilistische Konstruktionen55.
214
(1) Feste analytische Verbalverbindungen. Die festen analytischen Ver-
balverbindungen sind nach dem Modell „Verb + abstraktes Substantiv" (mei-
stens ein Verbalsubstantiv) gebildet. Die .typisierte Semantik dieser Verbin-
dungen ist Ausdruck der verbalen Handlung. Der eigentliche Träger der Se-
mantik ist in dieser Verbindung das Substantiv, das Verb dagegen erscheint
„bedeutungsleer", es büßt seinen semantischen Eigenwert ein und behält nur
noch seine syntaktische Funktion. Das Modell kann eine Variante haben,
dann erscheint das Substantiv mit Präpositionen. Vgl.: Eile haben, in Eile
sein für „eilen"; Sorge tragen für „sorgen"; einen Vorschlag bringen für „vor-
schlagen"; Anwendung finden für „angewendet werden"; in Schrecken set-
zen für „erschrecken."
Trotz der Tatsache, dass die festen analytischen Verbalverbindungen im
Wortbestand als korrespondierende Glieder einfache Verben haben, wird ihre
Austauschbarkeit oder völlige Synonymie heute, und ganz besonders nach
den Arbeiten von K.-H.Daniels, W.Schmidt56, H.Eggers57, P.v.Polenz58,
V.Schmidt59 u.a. sowie nach den oben zitierten unseren Germanisten ent-
schieden abgelehnt. Eine eingehende Analyse der festen analytischen Ver-
balverbindungen ermöglichte die Überwindung einer einseitigen Bewertung
der Funktionsverbgefüge seitens der normativen Stilistik mit ihrer dogmati-
schen Stilregel „Drücke Handlungen in Verben aus!"60
Auf Grand dieser Arbeiten wurde es möglich, die unterschiedliche Lei-
stung der analytischen Verbalverbindungen im Vergleich zu den mit ihnen
korrespondierenden finiten Verben aufzudecken und ihre zunehmende Pro-
duktivität als Entwicklungstendenz der Gegenwartssprache zu sehen.
Die sprachliche Leistung der analytischen Verbalverbindungen besteht
darin, dass sie befähigt sind, Lücken im deutschen Verbalsystem zu schlie-
ßen. Vgl. hierzu die Worte von Daniels: „Es ist das Hauptziel unserer Unter-
suchung nachzuweisen, dass nominale Umschreibungen im Deutschen in
vielfacher Weise eintreten für die Mängel und Lücken unseres Verbalsystems,
sei es das Fehlen von Verbalsuffixen, Aspektformantien und Kennzeichnung
der Aktionsart, sei es ungenügender Ausbau des verbalen Wortschatzes und
dergleichen"61.
Am bedeutendsten ist wohl die Leistung der analytischen Verbalverbin-
dungen im Vergleich zu finiten Verben im Ausdruck der Aktionsart. Die
Fähigkeit der deutschen Verben, rein verbal besondere Aktionsarten auszu-
drücken, ist begrenzt. Dagegen können mit Hilfe der analytischen Verbal-
verbindungen praktisch alle Aktionsarten ausgedrückt werden.
Während die finiten Verben in der Regel die durative Aktionsart haben,
können die analytischen Verbalverbindungen mit den spezialisierten verba-
len Komponenten setzen, stellen, legen, bringen, kommen, treten u.a. die
ingressive bzw. resultative Aktionsart ausdrücken. Vgl.:
Durativum Ingressivum
kämpfen in den Kampf treten
streiken in den Streik treten
sich bewegen sich in Bewegung setzen
sich wehren sich zur Wehr setzen
215
Kontinuative Verbalverbindungen sind nicht durch finite Verben substi-
tuierbar. Vgl.:
Kontinuativum
in Unruhe halten beunruhigen
in Zersplitterung halten zersplittern
in Entwicklung bleiben sich entwickeln
in der Diskussion bleiben diskutieren, diskutiert werden
im Wachsen bleiben wachsen62
Diese sprachliche Leistung der analytischen Verbalverbindungen wur-
de von allen Linguisten, die sich damit befassten, hevorgehoben.Eine be-
sondere Beachtung verdient außerdem noch ein Grund, der von H. Eggers
angeführt wird, um die Anwendung der analytischen Verbalverbindun-
gen zu erklären: „Das Verbum wird von unserer Sprache selbst ausge-
sprochen schlecht behandelt. Im Hauptsatz steht die finite Verbalform in
aller Regel an der schwächstbetonten Stelle im Tonschatten der umge-
benden nominalen Glieder. In einem Satz wie ,Das erfahre ich erst mor-
gen' liegen die Haupttonstellen auf dem ersten und dem letzten Wort,
und das unbetonte Verb entzieht sich der Aufmerksamkeit, besonders,
wenn sich an das ,morgen' noch weitere Bestandteile der Aussage, etwa
ein Nebensatz, anschließen. Dem trägt die Stilisierung ,das bringe ich
erst morgen in Erfahrung' Rechnung. Hier ist das unbetonte Verb fast
bedeutungslos geworden, aber sein ursprünglicher Inhalt steht jetzt sub-
stantiviert am Ende der ganzen Äußerung und haftet, als zuletzt Gesag-
tes, im Ohr, selbst wenn es nicht betont wird. Gerade wer seine Sprache
bewusst gestaltet, wird daher nicht selten die Streckformen statt des ein-
fachen Verbs wählen"63.
Noch eine bemerkenswerte Funktion der analytischen Verbalverbindun-
gen wäre zu erwähnen, die davon zeugt, dass sie, neben den anderen Sprach-
einheiten systemhafte Beziehungen im Wortbestand eingehen. Es sind ein-
zelne Fälle belegt, wo sie zur kommunikativen Deutlichkeit der finiten Ver-
ben beitragen und eine übermäßige Entwicklung der lexikalischen Polyse-
mie neutralisieren (siehe 1.2.1.4.). Und das bedeutet, dass der Gebrauch von
festen Verbalverbindungen nicht ausschließlich in den Bereich der Stilkunst
gehört, sondern auch durch innersprachliche Gründe hervorgerufen und be-
dingt wird. Solche Beziehungen zwischen dem korrelativen oder korrespon-
dierenden Paar finites Verb — feste analytische Verbalverbindung ist an der
Entwicklung der semantischen Struktur des Verbs beschlagen zu sehen.
Das Bedeutungsgefüge des Verbs beschlagen sieht heute folgenderweise
aus: 1. „Hufeisen anbringen": ein Pferd b.: das Pferd musste vom Schmied
beschlagen werden; die Hufe eines Pferdes b. — 2. „an den Rahen festma-
chen": Segel b. (seem.). — 3. „mit Feuchtigkeit, einem Belag überziehen":
das Glas, Metall, Fenster, der Spiegel beschlägt, beschlug: die Scheiben sind
b.; die Wurst, Speise beschlägt leicht, schnell „beginnt zu schimmeln". — 4.
„kenntnisreich": auf einem Gebiet, in Mathematik gut b. sein. — 5. „begat-
ten": die Ricke ist b. worden (weidm.)64.
216
Aus der semantischen Struktur von beschlagen ist nach H. Pauls „Deut-
schem Wörterbuch" eine Bedeutung des Verbs „mit Arrest belegen" durch die
analytischen Verbalverbindungen mit Beschlag belegen, in Beschlag nehmen
verdrängt worden; diese wurden zuerst als verbale Bedeutung in der Fachspra-
che der Jurisprudenz gebraucht und haben später auch eine nichtterminologi-
sche Bedeutung „jmdn. oder etw. beanspruchen" entwickelt. Noch im 19. und
zu Beginn des 20. Jhs. ist das Verb in der juristischen Fachsprache im Ge-
brauch. H. Paul zitiert diesen Sprachgebrauch bei Arndt: wegen einiger bei
mir gefundener und b e s c h l a g e n e r Briefe (gesperrt gedruckt von I. C.)65.
Die Gründe, weshalb die synonymische analytische Verbindung die fach-
sprachliche verbale Bedeutung verdrängen konnte, dürften zweierlei sein:
Wirkung der Tendenz nach der kommunikativen Deutlichkeit („Deutlich-
keitstrieb" der Wörter); das Verb war mehrdeutig und die Verbalverbindung
eindeutig. Der zweite Umstand, der diese Entwicklung unterstützte, ist die
stilistische Markiertheit dieser analytischen Verbindung als terminologischer
Verbindung der Rechtswissenschaft.
Noch eine unterschiedliche Charakteristik der korrespondierenden festen
analytischen Verbalverbindungen und finiten Verben wäre zu erwähnen, die
ideographische Unterschiedlichkeit, z.B.: Bericht erstatten ist mit berichten
nicht austauschbar, weil Bericht erstatten ein offizielles und vor allem schrift-
liches Berichten voraussetzt. Darum ist, wenn mündlich Bericht erstattet
wird, das Verb berichten vorzuziehen66. Dass berichten zur weniger offiziel-
len Kommunikation gehört, davon zeugen die typischen Verbindungen des
Verbs: über ein Erlebnis, einen Vorgang, Vorfall b.\ es ist mir berichtet wor-
den, dass...; ... nun berichte erst einmal, was du erlebt, getrieben hast, wie
es dir geht, wo du warst]...
Die analytischen Verbalverbindungen können ihre semantische Struktur
erweitern, indem sie manchmal neben terminologischer auch nichttermino-
logische Bedeutung bzw. Anwendung entwickeln, vgl. oben (jur.) in Be-
schlag nehmen, mit Beschlag belegen „mit Arrest belegen" und die nichtter-
minologische Bedeutung „jmdn., etw. beanspruchen": sie schien ihn ganz
in Beschlag zu nehmen mit der Atmosphäre dessen, was sie erzählte (H. Mann.
Professor Unrat).
Dasselbe zeigt auch die feste analytische Verbalverbindung Klage füh-
ren, die terminologisch (jur.) gebraucht wird — „einen Rechtsanspruch vor
Gericht geltend machen" und ein nichtterminologischer Gebrauch: es wurde
immer wieder Klage darüber geführt, dass die Ausstellimg nur wenig Inter-
essefand — „über etw., jmdn. klagen".
(2) Typisierte grammatisch-stilistische Konstruktionen. Für die typisier-
ten grammatisch-stilistischen Konstruktionen ist das Vorhandensein eines
Strukturmodells und einer bestimmten typisierten Semantik charakteristisch,
die bei der Realisierung in der Kommunikation je nach der lexikalischen
Füllung variiert wird.
Die typisierten Konstruktionen sind in der deutschen Gegenwartsspra-
che zahlreich und mannigfaltig. Nachstehend werden einige davon näher
erläutert.
217
1. Konstruktion „Substantiv+Präp. + (unbest. Art.) + Substantiv."
Die typisierte Semantik der Konstruktion ist eine wertende Charakteri-
stik der Individuen, Lebewesen oder Dinge: eine Seele von Mensch „ein
sehr gutmütiger Mensch"; ein Berg von einem Bullen; ein Betonklotz von
Hotel; ein Ozean von einem Markt; der Fettklotz von Wirt; diese Kalkhöhle
von Wohnung.
Beide substantivischen Konstituenten der Konstruktion sind situativ auf-
füllbar oder austauschbar. Die erste substantivische Konstituente ist cha-
rakterisierend, die zweite die zu charakterisierende. Die Substantive selbst,
die als erste Konstituenten dienen — viele davon sind Hyperbeln oder Me-
taphern — bewirken eine stark wertende Charakteristik. Darum ist diese
Konstruktion, wie die meisten dieser Art, stilistisch markiert. Ihre eigentli-
che Gebrauchssphäre ist die Umgangssprache, oft salopp. Die Leistungs-
fähigkeit der Konstruktion in der abwertenden Charakterisierung des Ob-
jekts ist besonders hoch, vgl. folgende Beispiele: Sieh dir das Foto an\
Dieses Bierfass von einem Kerl (E. Strittmatter. Ole Bienkopp); Was wird
Hertchen sich einen alten Schrank von einem Mann aufbuckeln (Ebenda);
Noch schöner fand Bullert das Wort Eklektismus. Eine Löwenzahnblüte
von Wortl (Ebenda); Dieser übereifrige Esel von einem Pförtner hat mir
mit seiner Anmeldung das Überraschungsmoment gestohlen (B.Disken.
Der halbe Tod).
2. Konstruktion „es ist(war) zum + substantivierter Infinitiv".
Die typisierte Semantik der Konstruktion ist eine höchst emotionale ab-
wertende Charakteristik von Objekten, die dem Gebrauch der Konstruktion
vorangehen: Handlungen, Personen, eine Situation und dgl.
Situativ auffüllbar ist nur eine Konstituente, u.z. der substantivierte Infi-
nitiv: Es ist zum Davonlaufen! Es ist zum Verrücktwerdenl Es ist zum Ku-
gelnl Es ist zum Heulenl
Bezeichnend ist die Tatsache, dass die auffüllbare Konstituente der Kon-
struktion eine Zusammenrückung beliebiger Art sein kann, sogar ein Phra-
seologismus: Es ist zum Aus-der-Wäsche-Springenl Es ist zum Platzenl"
(B. Neuhaus. 26 Bahnsteige). Die eigentliche Gebrauchssphäre der Kon-
struktion ist die saloppe Umgangssprache. Die Konstruktion hat eine Vari-
ante: „Substantiv + ist(war) zum + substantivierter Infinitiv", z.B. Die Luft
ist zum Schneiden „verräuchert, verbraucht"; Mein Hemd war zum Aus-
wringen, als ich die Dienststelle erreichte „nass" (G. Radtke. Die Täto-
wierten).
Die Variante gilt für den Fall, wenn das Substantiv in der Konstruktion
das Subjekt der Aussage ist.
3. Konstruktion „Präposition+Substantiv+Verb gehen". Die situativ auf-
füllbare Konstituente ist das Substantiv bzw. Präposition. Es präzisiert die
typisierte Semantik: Ausdruck der Tätigkeit des Handlungsträgers: in die
Lehre gehen „Lehrling sein"; zum Theater gehen „Schauspieler werden";
zur, in die Schule gehen „Schüler sein"; auf die Universität gehen „Student
sein"; zum Film gehen „Filmschauspieler werden"; zu Bett gehen „schlafen
gehen", z.B. Sein Sohn will zum Theater gehen.
218
4. Konstruktion: „Substantiv + ist + Substantiv"
„Adjektiv + ist + Adjektiv"
„Partizip II + ist + Partizip II
„Adverb + ist + Adverb".
Die Eigenart dieser Konstruktion besteht darin, dass die situativ auffüll-
baren substantivischen u.a. Konstituenten identisch sind: Betrug ist Betrug;
tot ist tot; sicher ist sicher; geschehen ist geschehen; verloren ist verloren;
hin ist hin.
Aus der Struktur ergibt sich die typisierte Semantik der Konstruktion: die
Feststellung, dass das Subjekt der Aussage eben so ist und nicht zu ändern,
vgl. die Aktualisierung der Konstruktion: Befehl ist Befehl, Herr Hauptmann
(W. Altendorf. Das Hauptquartier).
In unserer Germanistik sind diese Konstruktionen noch unter dem Termi-
nus „festgeprägte Satzschemas" bekannt, wo gerade hervorgehoben wird,
dass sie keine konkreten Sätze sind, sondern die strukturell-syntaktischen
und kommunikativ-grammatischen Invarianten einer ganzen Reihe von Sät-
zen, die durch Veränderungen im lexikalischen Aspekt gebildet werden67.
Die eigentliche Gebrauchssphäre der Konstruktion ist die Umgangsspra-
che, manchmal salopp, vgl. futsch ist futsch „es ist kaputt, nicht mehr zu
gebrauchen".

4.5. FESTE WORTKOMPLEXE DER KLASSE IV —


LEXIKALISCHE EINHEITEN

Lexikalische Einheiten sind feste Verbindungen mit nominativer Funkti-


on. Als nominative Spracheinheiten verfügen sie über eine Gesamtbedeu-
tung, bilden eine semantische Ganzheit, jedoch auf Grund der eigentlichen
lexikalischen Bedeutung der Konstituenten. Es fehlt hier jede Art semanti-
scher Transformation.
Die Anzahl der Konstituenten und ihre Reihenfolge ist genau festgelegt
und lässt keinerlei Änderung zu: die Bundesrepublik Deutschland, der Nahe
Osten, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die Künstliche Intelligenz.
Die Nähe der lexikalischen Einheiten zu den Lexemen zeigt sich darin,
dass sie leicht zur Bildung von Initialkurzwörtern bzw. Abbreviaturen nei-
gen, womit sie in die Klasse der Lexeme übergehen: die BRD, die EWG,
die KI.
Dass die lexikalischen Einheiten ihrem Wesen nach attributiven Zusam-
mensetzungen gleich sind, bezeugt die Tatsache, dass einige davon als sol-
che in der Sprache parallel nebeneinander bestehen, z.B. der Nahe Osten
und Nahost.
Das syntaktische Modell der attributiven Verbindungen, das den lexika-
lischen Einheiten zu Grunde liegt, prädestiniert ihren Gebrauch als Termini,
z.B. die strukturelle Linguistik, die kontrastive Grammatik, der grammati-
sche Wechsel (linguist.).
219
4.6. KOMMUNIKATIV-PRAGMATISCHE POTENZEN
FESTER WORTKOMPLEXE

Unter kommunikativ-pragmatischen Potenzen fester Wortkomplexe wird


ihre potentielle Leistung verstanden, in der Kommunikation einen bestimm-
ten illokutionären Effekt beim Hörer / Leser zu erzielen68.
Illokutionär bedeutet hier vor allem, dass der Hörer / Leser die Intention
(Absicht) des Sprechers erkennt, wodurch die Perlokution ermöglicht wird.
Der operationale Ausbau der Illokution setzt voraus, dass die sprachlichen
Zeichen in dieser Sprachhandlung wirkungsvoll genutzt, d.h. pragmatisch
ausgewertet werden.
Die pragmatische Leistung fester Wortkomplexe ist je nach der Klasse
dieser sprachlichen Zeichen und je nach Textsorten zu bestimmen.

4.6.1. FUNKTIONAL-KOMMUNIKATIVE LEISTUNG


DER KLASSE I — PHRASEOLOGISMEN
Die kommunikativ-pragmatischen Potenzen der Phraseologismen resul-
tieren aus ihrer strukturell-semantischen Eigenständigkeit, die sie als beson-
dere Spracheinheiten im nominativen Inventar der Sprache kennzeichnet.
Dazu gehören:
(1) die Semantik, in der die konnotative Komponente kategorialbildend
ist;
(2) die semantische Eigenschaft vieler Phraseologismen, die oben als
denotative Komplexität bezeichnet wurde;
(3) die weite Bedeutung vieler Phraseologismen, die sich situativ im Text
konkretisieren lässt;
(4) die potentielle Variabilität bzw. Austauschbarkeit des Konstituenten-
bestandes im Phraseologismus als Mittel der pragmatischen Einwirkung;
(5) die potentielle Wandelbarkeit anderer Art, wie Kürzung oder Erwei-
terung des Phraseologismus als Mittel der pragmatischen Einwirkung.
Bei der Untersuchung der funktional-kommunikativen Leistung phraseo-
logischer Wortfügungen ist primär zu bestimmen, für welche Textsorten die-
se Spracheinheiten zahlenmäßig und pragmatisch kennzeichnend sind.
Für Phraseologismen kommen hierbei in Frage Texte innerhalb einiger
Funktionalstile der deutschen Schriftsprache — die der schönen Literatur,
Publizistik und bestimmter Genres der Presse und die Texte der gesproche-
nen Sprache. Die Phraseologismen in der gesprochenen Sprache sind wohl
ein Bereich künftiger Forschung, denn gegenwärtig ist dieser Aspekt am
wenigsten untersucht.
Dagegen sind die Texte der anderen oben bezeichneten Funktionalstile
besser erforscht, vor allem die der Publizistik und Presse sowie die Texte der
schönen Literatur. Phraseologische Wortfügungen sind in den Werken der
schönen Literatur neben Lexemen ein unentbehrliches Baumaterial der Tex-
te. Aber ihre Frequenz ist verschieden. Sie sind durch viele Faktoren deter-

220
miniert, nicht zuletzt durch den Individualstil des Autors, und auch durch
den Ideengehalt des Werkes.
In den Werken einiger bekannter Schriftsteller der deutschsprachigen
Gegenwartsliteratur, die unter dem bezeichneten Aspekt untersucht wurden,
ergibt die Zahl der Phraseologismen gegenüber der der Lexeme folgendes
Verhältnis:
Lion Feuchtwanger — 1:25
Willi Bredel—1:50
Hans Fallada — 1:166
Bertolt Brecht — 1:200
Nicht alle Subklassen der Phraseologie sind quantitativ sowie nach ihrer
textbildenden Bedeutsamkeit gleich. Vor allem wären hier diejenigen Klas-
sen zu nennen, die bei der Ausformung des Inhaltsplans der Texte als erst-
rangig zu bestimmen sind.
In dieser Hinsicht sind in erster Linie die phraseologischen Einheiten zu
nennen, deren zahlenmäßige Überlegenheit in den Werken solcher Autoren
der Gegenwartsliteratur festgestellt wurden, wie Willi Bredel, Herbert Jobst,
Fritz Erpenbeck, Max Frisch, Max Walter Schulz, Werner Steinberg, Erik
Neutsch u.a.
Unter den phraseologischen Einheiten sind wiederum bestimmte Arten
von besonderer Wichtigkeit— die verbalen phraseologischen Einheiten, und
unter den anderen Einheiten — die Paarformeln.
Die zentrale Stellung der phraseologischen Einheiten in den Texten der
schönen Literatur geht aus ihren Funktionen hervor, die sie hier erfüllen. Sie
werden in der Autoren- und Figurensprache der Romane gebraucht. Neben
zahlreichen anderen sprachlichen Mitteln werden sie genutzt zu Charakteri-
stika sowohl der handelnden Personen als auch zur Schilderung der wichtig-
sten, das Leitmotiv der Werke bestimmenden Handlungen und Situationen.
Viele der phraseologischen Einheiten sind in der charakterisierenden Funk-
tion rekurrent. So sind z.B. im Roman W. Steinbergs „Pferdewechsel" 65
Phraseologismen zwecks einprägsamer Charakteristik wiederholt genutzt.
Besonders oft kommt der Phraseologismusj>n<i/?t. den schwarzen Peter zu-
schieben vor, auch in der derivativen Form der schwarze Peter „Schuld",
»Verantwortung". Vgl.:
..., sie hasst ihn, d e n s c h w a r z e n P e t e r (S. 210).
..., dann muss man nicht d e n s c h w a r z e n P e t e r h a b e n (S.213).
Das war das erste Mal, dass d e r s c h w a r z e P e t e r a u f g e t a u c h t
w a r (S. 213).
..., denn der s c h w a r z e P e t e r begann von jenem Tag an zu wan-
dern (S. 213).
Jetzt weiß ich, das ist d i e s e r v e r d a m m t e s c h w a r z e Peter,
den sie mir zugeschoben habenl (S. 218)
...und auf keinen Fall würde der s c h w a r z e Peter, den sie ihm
heute alle z u s c h i e b e n wollten,//! seiner Hand bleiben, neinl (S. 228)
(Gesperrt gedruckt in allen Beispielen von — I.C.)
221
Oder die immer wiederkehrenden Phraseologismen goldene Hände ha-
ben zur positiven Charakteristik und zwei linke Hände haben zur negativen
Charakteristik der handelnden Personen. Darüber hinaus eine besonders
wirksame Auswertung der beiden in einem Satz zur betont negativen Cha-
rakteristik:
„Der einzige Schatten, ein lichter Schatten nur, aber doch ein Schatten in
ihrem Leben, war das Wesen des Sohnes Thomas, ganz unterschiedlich von
dem ihres Mannes; der h a 11 e k e i n e g o l d e n e n H ä n d e , der h a t t e
z w e i l i n k e H ä n d e , wie Peter Legion erst mit freundlichem Spott, spä-
ter mit ärgerlicher Ungeduld feststellte." (S. 48)
Zu den textbildenden Funktionen der phraseologischen Einheiten in den
Texten der schönen Literatur gehören alle bekannten Typen der okkasionel-
len Modifikation im Konstituentenbestand. An erster Stelle hinsichtlich der
Produktivität steht hierbei die Austauschbarkeit von lexikalischen Kon-
stituenten.
Zahlreich sind situative Bildungen, wo das austauschbare Lexem in der
Semantik in gewisser Weise konkretisierend wirkt. Die modifizierten Phra-
seologismen erhalten somit eine etwas andere bildliche Motiviertheit und
stehen zur Basiseinheit im Verhältnis der Synonymie.
Dies lässt sich illustrieren an der situativen Bildung sein Schäfchen wei-
dete im trocknen (H. Jobst. Der Glücksucher, S. 58) gegenüber den kodifi-
zierten Formen sein Schäfchen im trocknen haben oder sein Schäfchen ins
trockene bringen „sich wirtschaftlich sichern; großen Gewinn einheimsen".
Oder: sich in Schweigen h i n e i n k a u e r n gegenüber der kodifizierten Form
sich in Schweigen hüllen.
Textbezogene austauschbare Lexeme sind dagegen in den Texten der
schönen Literatur bedeutend seltener als in den sozialkritischen Texten der
Presse.
Textbezogene austauschbare Konstituenten der Phraseologismen bilden
ein charakteristisches Merkmal der Darstellungsart in solchen Genres der
Presse wie Feuilleton, Glosse, Skizze, Pamphlet u.a. Das Wesen solcher
Realisierung der Phraseologismen besteht darin, dass die jeweilige austausch-
bare Konstituente in ihrer eigentlichen Bedeutung verwendet wird und nur
aus dem gegebenen Text zu verstehen ist, z.B. I c h bin ja nicht auf den
K n o p f gefallen gegenüber „nicht auf den Kopf gefallen sein" in einem
Text, wo es sich um teure modische Knöpfe handelt (Eulenspiegel, 6 /1978,
S. 10).
Einer großen Frequenz erfreuen sich textgebundene Modifikationen, die
in der Erweiterung bzw. Präzisierung der Konstituenten bestehen. Die Er-
weiterung kann in Form einer Zusammensetzung erfolgen, wo die erste Kom-
ponente der Zusammensetzung eben situativ- oder textgebunden ist. Eine
solche Erweiterung kann bei verbalen und nominalen phraseologischen Ein-
heiten entstehen. Folgende Belege aus den Texten der schönen Literatur illu-
strieren diese Art:
Seit ihm dieser Kollege von der Gewerkschaft d e n E r f i n d e r f l o h
ins Ohr gesetzt hat, zerknobelt er sein letztes bisschen Grips (H. Jobst, Der
222
Glücksucher, S. 187). Vgl.jmdm. einen Floh ins Ohr setzen, ugs. „in jmdm.
einen unerfüllbaren Wunsch wecken". Aber: Sie sind ein alter S c h a c h t -
h a s e (ebenda, S. 29). Vgl. ein alter Hase, ugs. „ein durch viele Erfahrun-
gen (lebens)klug gewordener Mann".
Die Erweiterung kann in Form eines Attributs erfolgen, wie z.B.:
Ist es da nicht viel einfacher, es mit einem neuen Besen zu tun zu haben,
für den der Parteisekretär dann der alte e r f a h r e n e Hase ist (W. Steinberg.
Pferdewechsel, S. 437).
...dass Leps dazu schwieg, beunruhigte ihn,... wollte der Sekretär nicht
ein k l e i n e s , sondern ein g r o ß e s Fass aufmachen! (ebenda, S. 377).
Vgl. ein Fass aufmachen ugs. „Streit anfangen"69.
Er sah sie an, die e i n g e s e s s e n e n Hinzes und Kunzes (H. Sakowski.
Daniel Druskat, S. 141). Vgl. Hinz und Kunz ugs. „jedermann".
Diese Erweiterung erscheint allerdings mit einer anderen Modifikation
kombiniert, was in solchen Texten ziemlich oft geschieht.
Die quantitative Analyse der phraseologischen Einheiten vom Typ der
Paarformeln hat ergeben, dass sie in den Texten der schönen Literatur nach
verbalen Phraseologismen die zweitgrößte Gruppe bilden.
In den Texten analytischer Genres der Zeitung wie „Leitartikel", „Kom-
mentar" sowie in den sozialkritischen Texten und in der Publizistik sind die
Paarformeln ebenfalls sehr zahlreich. Die funktionale Charakteristik der
Paarformeln in den Texten der schönen Literatur und der Presse wurde in
der älteren und jüngeren Forschung allgemein als verstärkend bezeichnet.
Diese allgemeine Charakteristik ist aber im Weiteren zu präzisieren, denn
sowohl der Bestand der Paarformeln, d.h. ihre Arten, als auch ihre funktio-
nalen Leistungen weisen in verschiedenen Textsorten zusätzliche Merk-
male auf.
Zu den textbildenden Leistungen der Paarformeln in den verschiedenen
Genres der Presse und in den Texten der schönen Literatur gehört die Aus-
nutzung der Modellierbarkeit. Neben kodifizierten Zwillingsformeln wer-
den situative Paarformeln gebildet. Darunter sind zahlreiche textpragmati-
sche Einmalbildungen zu nennen, die nur für die gegebenen Texte relevant
sind: Mit Lutz und Lüge, Charm und Chic aus Warschau.
Zum Unterschied von den rein situativen Bildungen sind einige Arten
der modellierten Paarformeln in den analytischen Genres der Presse keine
Okkasionalismen. Sie sind für eine bestimmte Entwicklungsperiode der Ge-
sellschaft feste Wortkomplexe der Sprache, die als notwendige Elemente
zur Struktur dieser Texte gehören. Das sind Paarformeln, die in binären Struk-
turen (den traditionellen Zwillingsformeln nachgebildet) aktuelle Losungen,
Schlagworte des gesellschaftlich-politischen Lebens wiedergeben. Vgl. die
typischen Beispiele, die aus den Leitartikeln der Zeitungen der ehemaligen
DDR stammen:
Pflichten und Rechte; Leitung und Organisation; Wissenschafi und Pra-
xis; Planung und Leitung; Freundschaft und Zusammenarbeit.
Wie die traditionellen Zwillingsformeln sind die modellierten Paarfor-
meln vor allem substantivisch, aber auch adjektivisch, adverbial und verbal.
223
Die Konstituenten dieser Paarformeln befinden sich in den meisten Fällen
im Verhältnis der Ergänzung, der Präzisierung oder Synonymie. Vgl. Ideen
und Vorschläge; Einheit und Geschlossenheit; Tiefe und Vielfalt; Wissen und
Können; Maschinen und Geräte; Analysen und Vorschläge; Freude und Stolz;
fest und widerruflich; interessant und rege; blühen und gedeihen; entwickeln
und stärken.
Die Konstituenten der Paarformeln können auch zueinander im Verhält-
nis der Gegensätzlichkeit oder Antonymie stehen:
Plus und Minus; Wissenschaft und Praxis; Stabilität und Dynamik; Ge-
danken und Taten; materiell und geistig; geben und nehmen; lehrend und
lernend.
Diese modellierten Paarformeln sind Standardausdrücke, aber ihre Se-
mantik wird durch binäre Aneinanderfügung präzisierender sinnverwandter,
synonymischer, antonymischer Lexeme einprägsam ausgeformt. Im Rahmen
solcher Textsorten wie „Leitartikel" oder „Kommentar" sind sie rekurrente
Strukturelemente.
Beachtenswert ist die Produktivität der Paarformeln als Überschriften in
den sozialkritischen Texten der Presse. Hier werden aber bei okkasionellen
Nachbildungen der traditionellen Zwillingsformeln vor allem der Stabreim
und der Endreim ausgewertet: Mit Lutz und Lüge, Kreuz- und Querschüsse,
In Hülle und Fülle.
Die Änderung in der funktionalen Leistung festgeprägter Sätze vom
Typ Sprichwort ist für Texte bestimmter Genres der Presse und Publizistik
kennzeichnend. In den sozialkritischen Textsorten der Presse sind die Sprich-
wörter außerordentlich produktiv, und im Gegensatz zum allgemeinen Sprach-
gebrauch, wo ihre Popularität zurückgeht, ein heute beliebtes Mittel von
Humor und Satire.
Für die Auswertung der festgeprägten Sätze in diesen Texten ist typisch,
dass sie primär als Überschriften bzw. Titel für solche sozialkritischen Texte
gebraucht werden.
Die festgeprägten Sätze können in dieser Eigenschaft zusätzlichen Mo-
difikationen unterliegen, unter denen einige besonders populär sind.
Dazu gehört in erster Linie die Kürzung bekannter Sprichwörter und
Satzredensarten. Vgl. die Überschrift eines kritischen Textes „Die Axt im
Haus" (Eulenspiegel, 2 / 1978, S. 4) gegenüber dem bekannten Sprichwort
die Axt im Haus erspart den Zimmermann. Die Kürzung diesen Typs ist
auch in der russischen Sprache in einer ähnlichen Funktion sehr bekannt,
vgl. „ложка дёгтя" (Вечерняя Москва, 60 /1977, С.2) gegenüber ложка
дегтя в бочке меда.
Die Kürzung kann auch umgekehrt die Anfangsworte eines festgepräg-
ten Satzes betreffen, z.B. im Titel „...ist ehrenvoll und bringt Gewinn" (Eu-
lenspiegel, 47 / 1977, S. 3) gegenüber dem bekannten Zitat aus Goethes
„Faust" — Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren, ist ehrenvoll und ist Ge-
winn. Vgl. auch ein ähnliches Beispiel aus der russischen Presse
„Подсчитали — прослезились (Вечерняя Москва, 88 / 1977, С. 3)
gegenüber Пировали — веселились, подсчитали — прослезились.
224
Die rein äußerliche Beschreibung der Modifikationen, die an den festge-
prägten Sätzen und im Besonderen an den Sprichwörtern vorgenommen wer-
den, kann jedoch die textpragmatischen Potenzen dieser Spracheinheiten nicht
real erschließen. Ihre funktionale Leistung in den bezeichneten sozialkriti-
schen Texten der Presse kann nur im Rahmen der textlinguistischen Analyse
erkannt werden. Erst die Betrachtung der Zusammengehörigkeit von Über-
schrift und Text gibt Aufschluss über ihre spezifische Auswertung und prag-
matische Leistung.
Zum Unterschied vom Gebrauch der Sprichwörter in der Umgangsspra-
che, wo sie mit ihren verallgemeinerten Lebensregeln in Bezug auf ähnliche
Situationen verwendet werden, stehen die Überschriften der analytischen
Texte zum Textinhalt in einem anderen Verhältnis. Das kann an den oben
zitierten Texten illustriert werden. Das Sprichwort die Axt im Haus erspart
den Zimmermann wird in der Lexikographie folgenderweise erläutert: „je-
mand, der geschickt ist im Umgang mit Handwerkzeug, braucht für vieles
nicht die Hilfe eines Fachmanns".
Der satirische Text „Die Axt im Haus" behandelt aber etwas anderes,
nämlich die Misstände in Werkzeugläden, Schwierigkeiten, die es beim Be-
schaffen von Werkzeugen gibt. Der einzige Berührungspunkt zwischen Text-
titel und Textinhalt ist folglich die Konstituente Axt in ihrer lexikalischen
Bedeutung als eine Art Werkzeug. Der Effekt liegt in der doppelten Aktuali-
sierung. Daraus geht hervor:
Der Textinhalt korreliert nicht mit der jeweiligen Lebensregel des Sprich-
worts, sondern mit der lexikalischen Bedeutung einer Konstituente, die mit
der Hauptidee des Textes thematisch verbunden ist. Darauf basiert dieses
Verfahren beim Funktionieren der Sprichwörter, das zum Ausdruck von
Humor, Spott und Satire benutzt wird und eine neue textpragmatische Funk-
tion der Sprichwörter in den sozialkritischen Texten der Presse ermöglicht.
Hinsichtlich textpragmatischer Modifikationen sind Sprichwörter in der be-
zeichneten Textsorte nach verbalen Phraseologismen die zweitproduktivste
Gruppe.

4.6.2. FUNKTIONAL-KOMMUNIKATIVE LEISTUNG FESTER


WORTKOMPLEXE DER KLASSE II, III

Die funktionale Leistung der bezeichneten festen Wortkomplexe wird


betrachtet an kommunikativ unentbehrlichen festen analytischen Verbalver-
bindungen, phraseologisierten Verbindungen und modellierten grammatisch-
stilistischen Konstruktionen. Lexikalische Einheiten sind aus der Analyse
ausgeklammert, da sie sich als mehrgliedrige Benennungen mit nominativer
Funktion funktional problemlos identifizieren lassen.
Zwei Klassen fester Wortkomplexe — die praseologisierten Verbindun-
gen und die festen analytischen Verbalverbindungen — sind laut der quan-
titativen Analyse70 in den Textsorten „Leitartikel", „Kommentar", „Inter-
view" allen anderen Verbindungen zahlenmäßig überlegen. In diesen Text-
15 •)%% 225
sorten kommen sie fast doppelt so oft vor wie phraseologische Wortfügun-
gen. Das zahlenmäßige Verhältnis in absoluten Zahlen und prozentual so-
wie die Durchschnittsfrequenz wird nachstehend übersichtlich dargestellt:

festen Wort-
festen Wort-

komlexe, %

schnittsfre-
% -Anzahl
menszahl-

menszahl,
Vorkom-

Vorkom-
komlexe

Zahl der
Zahl der
Typ der festen

-Anzahl

Durch-

quenz
Wortkomlexe

Phraseologische Einheiten 1378 37,78 3264 23,27 2,4

Festgeprägte Sätze 293 8,05 1016 7,24 3,4


Phraseologische
Verbindungen 76 2,08 496 3,54 6,3
Phraseologisierte
Verbindungen 1013 28,00 3869 27,59 3,8
Feste analytische
Verbindungen 856 23,52 5344 38,11 6,3
Modellierte (typisierte)
grammatisch-stilisti- 21 0,57 34 0,25 1,6
sche Konstruktionen
Gesamtzahl* 3637 100 14023 100 3,8

* Die angegebenen Zahlen sind aufgrund von 1 Mill. Wortformen errechnet.

An der ersten Stelle unter den bezeichneten Gruppen stehen die phra-
seologisierten Verbindungen des syntaktischen Modells V + S, z.B. Ach-
tung, Vertrauen, Ansehen, Schutz genießen.
Ihre funktionale Leistung in den bezeichneten Texten besteht in der Rea-
lisierung eines der konstruktiven Prinzipien der Zeitungssprache, das von
V. G. Kostomarov im Wechselspiel expressiver und standardisierter Elemen-
te gesehen wird71. Zu den expressiven Elementen gehören phraseologische
Wortfügungen, zu den standardisierten zählen unten anderen rekurrenten
Ausdrücken auch die phraseologisierten Wortverbindungen.
Der linguistische Status dieser Subklasse fester Wortkomplexe bildet die
Grundlage ihrer funktionalen Auswertung: auf der Basis einer semantisch
transformierten (übertragenen) Konstituente entsteht eine Reihe (Serie) von
Wortverbindungen, die aktuelle Begriffe des Lebens vielfach auch des ge-
sellschaftlich-politischen Lebens wiedergeben. Das kann man an einer zur
Zeit sehr populären Reihe usuell begrenzter Wortverbindungen illustrieren,
die sich in der Zeitungssprache auf der Basis des Verbs anheizen entwickelt
hat. Die semantische Struktur des Verbs besteht aus zwei Sememen: (1) „ein
Feuer entfachen, zu heizen beginnen"; (2) übertr. „zu einem Höhepunkt trei-
ben, steigern". Aufgrund von (2) sind heute in den bezeichneten Textsorten
folgende phraseologisierte Verbindungen belegt:
226
die Stimmung
einen Applaus
die Inflation
eine Kampagne anheizen
die Lage
die Hysterie
die Lohndebatte
das Wettrüsten

Das zahlenmäßige Verhältnis dieser Subklasse in der oben angeführten


Tabelle ist allerdings nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Reihen
phraseologisierter Verbindungen von 2 bis 10 Einheiten erfassen können.
Das beeinflußt auch ihre Frequenz.
Analytische Verbalverbindungen bzw. Streckformen des Verbs, die die
zweitgrößte Klasse fester Wortkomplexe in den bezeichneten Texten bilden,
erfüllen grundsätzlich drei Funktionen: (1) syntaktische, (2) aspektuale, (3)
wortbildende.
Die Funktionen (1) und (2) waren Gegenstand mehrerer umfassenden
Arbeiten in unserer und der deutschsprachigen Germanistik (Daniels,
V.Schmidt, Herrlitz u.a.m.).
Die dritte Funktion fester analytischer Verbalverbindungen, die wort-
bildende, wird dagegen in der einschlägigen Forschung unter dem Aspekt
der funktionalen Leistung dieser Gebilde eigentlich erst von Zaicenko her-
vorgehoben. Es wird darauf hingewiesen, dass die wortbildenden Poten-
zen fester analytischer Verbindungen für die Gewährleistung der sprach-
ökonomischen Information in den bezeichneten Textsorten sehr resultativ
sein können. Vgl. Hilfeleistung, Zurschaustellung, Stimmenabgabe, Inan-
griffnahme u.a.
Die Analyse der bezeichneten Textsorten hat ferner ergeben, dass die
Verteilung fester Wortkomplexe nach konkreten Texten, d.h. „Leitartikel",
„Kommentar" und „Interview", folgende Regelmäßigkeit aufzeigt.
Im „Kommentar" ist die Zahl der phraseologisierten Verbindungen und
der festen analytischen Verbindungen kleiner als im „Leitartikel" oder „In-
terview", dagegen ist die Zahl der Phraseologismen höher als in diesen bei-
den. Im „Interview" ist die Zahl der phraseologisierten Verbindungen und
der analytischen Verbalverbindungen die höchste. Das entspricht dem Cha-
rakter dieser Texte, denn der „Kommentar" ist im Vergleich zum „Interview"
emotionaler gehalten, wodurch die höhere Besetzung der Phraseologismen
hervorgerufen wird.
Phraseologisierte Verbindungen und feste analytische Verbindungen sind
neben Phraseologismen unentbehrliche Bauelemente eines jeden Textes
der schönen Literatur. Ihr Anteil am Ausgestaltungsplan des Textes wird
durch zwei Faktoren bestimmt: (1) ihre eigentliche Semantik und funktio-
nale Notwendigkeit, (2) Auswertung dieser festen Wortkomplexe als stili-
stische Darstellungsmittel zur Schaffung des Sprachporträts, des Zeit- oder
Ortskolorits.
J5* 227
So illustrieren z.B. die Streckformen: in Gang kommen, im Gang(e) sein,
etw. in Gang halten, wie sie im Roman W. Steinbergs „Pferdewechsel" ver-
wendet wurden, die erste Funktion. Sie werden in ihrer eigentlichen Seman-
tik und hinsichtlich der Aktionsart ausdifferenziert in der Autoren- und Fi-
gurensprache zur Entwicklung der Handlung schlechthin gebraucht. Vgl.
den Kontext:
Wie stets ist der Tisch gedeckt, wie stets sitzen Legion und seine Frau
Susanne einander gegenüber, doch heute, da Wind, Schneeregen, Wolken
die Fenster grau verkleben, kommt kein rechtes Gespräch in Gang (S. 110).
„Mayers stand vor ihrem Schreibtisch, er troff von Schweiß,... er atmete
heftig, er sagte: ,Wir müssen die Produktion zurücknehmen, das Wasser reicht
nicht mehr, um alles in Gang zu halten.'"(S. 529)
Dagegen sind solche analytischen Verbalverbindungen wie: zur Debatte
stehen (S. 219), etw. zu Protokoll nehmen (S. 332) feste Wortkomplexe der
offiziellen Kommunikation. Sie werden als stilistische Mittel zur Schilde-
rung der betreffenden beruflichen Situation gebraucht. Vgl.
„Es ist eine sachgerechte Entscheidung; ich trage der Ablehnung durch
die VVB Rechnung;... begrenzen Sie das Thema, und wenn Sie nach gründ-
licher Überprüfung tatsächlich noch Mittel benötigen, können Sie die mit
Sicherheit aus Ihrem eigenen Fonds freimachen". Legion wendet sich an
Johanna Bruungraben (die Sekretärin — I.C.): Nehmen Sie die Entschei-
dung zu Protokoll (S. 332).
Obgleich das zahlenmäßige Verhältnis phraseologischer zu anderen fe-
sten Wortkomplexen in den Texten der schönen Literatur dem in den oben
beschriebenen Textsorten der Presse gerade entgegengesetzt ist, ist ihre Zahl
nicht unbedeutend.
Bei der Betrachtung der funktionalen Leistung modellierter Bildungen in
den Texten der schönen Literatur verdienen die typisierten grammatisch-
stilistischen Konstruktionen eine besondere Erwähnung. Ihre zahlenmäßi-
ge Produktivität ist zwar vorläufig nicht genau erfasst, aber ihre stilistischen
Funktionen in diesen Textsorten sind den phraseologischen Wortfügungen
gleichzustellen.
(1) Primär ist hierbei die modellierte (typisierte) Konstruktion mit stark
wertender bzw. abwertender Bedeutung zu nennen, die infolge ihrer charak-
terisierenden Semantik von den meisten Schriftstellern der Gegenwartslite-
ratur gebraucht wird. Das ist die grammatisch-stilistische Konstruktion
S+von+S. Vgl. die situativen Realisierungen:
„Der schwarze Teufel von Heizer drohte mit der kurzen Schaufel aus der
Luke des Führerstandes" (M. W. Schulz. Wir sind nicht Staub im Wind, S. 201).
Oder:
„...du sabotierst den Plan. So ein Bremsklotz von einem Hauer" (H. Jobst.
Der Glücksucher, S. 185). Unser Prachtstück von Telefon hat wieder Mu-
cken" (F. Erpenbeck. Der Tote auf dem Thron, S. 62).
Die eigentliche Gebrauchssphäre dieser Konstruktion ist die Umgangs-
sprache. Je nach der Realisierung kann sie — wie die angeführten Beispiele
zeigen — salopp, scherzhaft oder ironisch sein.
228
(2) modellierte (typisierte) Konstruktion mit (positiv) wertender Bedeu-
tung. Vgl.:
Sie war die Menschenfreundlichkeit in Person (F. Erpenbeck, S. 59).
Er schien die Harmlosigkeit in Person (ebenda, S. 115).
(3) modellierte (typisierte) Konstruktion mit (positiv) wertender Bedeu-
tung. Vgl.:
„Aus der Maltschi ist wirklich eine Amalthea geworden. Jeder Zoll eine
große Dame. Nur im Gang zeigt sich noch was vom Theater" (F. С Weiskopf.
Abschied vom Frieden, S. 64).
(4) modellierte (typisierte) Konstruktion mit einräumender Bedeutung
S+hin, S+her.... Vgl.:
Schmerz hin, Verzweiflung her (W. Steinberg. Der Verlierer zahlt, S. 62).
Die eigentliche Gebrauchssphäre ist die Umgangssprache.
(5) modellierte (typisierte) Konstruktion S + Kop.+ S, Adj. + Kop.+Adj.,
Part. + Кор. + Part. u.a. Die typisierte Semantik: etwas ist so und nicht zu
ändern. Vgl. Streik ist Streik (E.Neutsch. Spur der Steine).
Gestohlen bleibt gestohlen und gebrummt bleibt gebrummt QN. Steinberg.
Der Verlierer zahlt, S. 92).
Wie aus den angeführten Beispielen hervorgeht, werden die modellierten
(typisierten) Konstruktionen in den Texten der schönen Literatur gleich phra-
seologischen Wortfügungen stilistisch und pragmatisch genutzt.

ANMERKUNGEN
1
Языковая номинация. Общие вопросы. — М., 1977; Виды наименова-
ний. — М., 1977.
2
Phraseologische Arbeiten, die sich mit den festen Wortkomplexen verschiede-
ner Sprachen befassen, vor allem die Arbeiten von N. N. Amosova, L. I. Rojzenzon
und Aufsätze von O.I.Moskalskaja zum Problem des grammatischen Idiomatismus
wurden bei der Aufstellung dieser Kriterien berücksichtigt.
3
Singuläre Verknüpfung der Konstituenten wird verstanden nicht als ein einma-
liges bzw. unproduktives syntaktisches Modell einer Wortverbindung oder einer prä-
dikativen Verbindung. Singular bedeutet bei der Verknüpfung der Konstituenten das
semantisch-syntaktische Resultat, was das syntaktische Modell regelmäßig nicht
voraussetzt. Dies ist auf die semantische Transformation zurückzuführen, die ein
globales Merkmal der Phraseologismen ist.
4
Райхштейп А.Д. Вопросы фразеологической семантики: Тексты лек-
ций по фразеологии современного немецкого языка / МГПИИЯ им. М. То-
реза.— М., 1981.—-С. 16.
5
Виноградов В. В. Основные понятия русской фразеологии как лингви-
стической дисциплины//Труды юбилейной научной сессии ЛГУ. Секция
филол. наук. — Л., 1946.
6
Щукина И. А. Стилистическая дифференциация устойчивых словосо-
четаний и их использование в современной немецкой художественной ли-
тературе: Автореф. дис.... канд. филол. наук /1 МГПИИЯ. — М., 1953.
7
Виноградов В.В. Основные... — С. 353.
8
Frei nach: Амосова Н. Н. Основы английской фразеологии / ЛГУ.—Л.,
1963. — С . 114.
229
9
Burger H., Jaksche H. Idiomatik des Deutschen. — Tübingen, 1973. — S. 78 ff.
10
Häusermann J. Phraseologie. Hauptprobleme der deutschen Phraseologie auf
der Basis sowjetischer Forschungsergebnisse. — Tübingen, 1977. — S. 99.
11
Fleischer W. Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache. — Leipzig,
1982. — S. 158.
12
Burger H., Jaksche ff. Idiomatik... — S. 45.
"Ebenda. — S . 46
14
Ebenda. — S. 47.
15
Назарян А. Г. Фразеология современного французского языка. — М.,
1976. — С. 207.
16
So bei Amosova N.N. Основы... (u.a.).
17
In der deutschen Lexikographie und Phraseographie sind über 500 stehende
Vergleiche registriert, darunter 340 verbale und 171 adjektivische Vergleiche. Гла-
зырин P.A. Сопоставительный анализ компаративных фразеологических
единиц в современных германских языках (на материале немецкого, анг-
лийского и шведского языков): Автореф. дис. ... канд. филол. наук/
МГПИИЯ им. М.Тореза. — М., 1972. — С. 18.
18
Wir fassen den Terminus weiter als er von Agricola E. gebraucht wurde: Wör-
ter und Wendungen. — 1. Aufl. — Leipzig, 1962. Mit diesem Terminus bezeichnen
wir alle satzwertigen Phraseologismen analog dem russischen Terminus „feste Phra-
sen".
19 Bürger H., Jaksche H. Idiomatik... — S. 5 3 .
20
Райхштейн А.Д. Немецкие устойчивые фразы. — М., 1971. —
С. 80,81.
21
Allgemeine Sprachwissenschaft. — Berlin, 1975. — Bd. 2. — S. 428.
22
Nach F. Seiler sind die Sprichwörter „im Volksmund umlaufende, in sich ge-
schlossene Sprüche von lehrhafter Tendenz und gehobener Form". Siehe: Deutsche
Sprichwörterkunde. — München, 1922. — S. 2.
23
Aus d e m Bereich der Phraseologie wurden die Sprichwörter als „Miniatur-
formen" der Volkskunst bzw. Parömieen von einer ganzen Reihe Phraseologiefor-
scher ( N . N . Amosova, A . M . B a b k i n , V.P.Zukov, V.N.Telija, M . D . Gorodnikova
u.a.) ausgewiesen. M i t dieser Auffassung setzte sich aus der Sicht d e r neueren
Phraseologieforschung L.I. Rojzenzon auseinander (1973), dessen Standpunkt wir
teilen.
24
Der Terminus von L.I.Rojzenzon, ebenda. In diesem Fall werden bestimmte
„logische Figuren" m i t sprachlichen Mitteln realisiert, die Lebensmaximen eines
Volkes darstellen. Eine ähnliche Betrachtung siehe auch in: Пермяков Г. Л. О т
поговорки д о сказки. — М., 1970. — С. 141
25
Häusermann J. Phraseologie... — S. 114.
26
Ebenda. — S. 116.
27
Смирницкий А.И. Лексикология английского языка. — М., 1956. —
С. 16, 17. (Übertragen I.Ö.).
28
Ebenda.
29
Vgl. die Bezeichnung der analogen Spracheinheiten der russischen Sprache
bei Archangelskij V.L. Общеупотребительные пословицы, общеупотребитель-
ные поговорки. — С. 159 (и далее.).
30
Vgl. hierzu: Seiler F.: „Das Sprichwort muss also kurz und knapp sein. Lange
Sätze werden nicht volkläufig" (S. 4). — Das .oberste Stilgesetz' des Sprichworts
ist die Kürze (S. 181).
31
Ebenda. — S. 6 f.

230
32
Rojzenzon L./., a.a.O. — S. 120 — 1 3 2 .
33
Rothkegel A . Feste Syntagmen. Grundlagen, Strukturbeschreibung u n d auto-
matische Analyse // Linguistische Arbeiten 6. — Tübingen, 1973. — S. 78 ff.
34
Ebenda. — S. 3 7 .
35
Езиев X. X. Полисемия фразеологических единиц современного немец-
кого языка: Автореф. дис.... канд.филол. наук / МГПИИЯ им. М. Тореза. —
М., 1969.
36
Глухое В. М. Вопросы многозначности фразеологических единиц и
их решение в Фразеологическом словаре русского языка / Под ред. А. И. Мо-
лоткова. // Проблемы устойчивости и вариантности фразеологических еди-
ниц.—Тула, 1968.
37
Borchard, Wustmann, Schoppe. D i e sprichwörtlichen Redensarten. — S. 357.
38
Молотков А.И. Основы фразеологии русского языка. — Л., 1977.—
С. 160.
39
D e r Terminus von А . V. Kunin.
40
In diesem Phraseologismus ist statt des Lichtes sein Hersteller eingesetzt. Röhrich
L . Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten.—Freiburg im Breisgau, 1 9 7 3 . — S . 598.
4
' Амосова H.H. О с н о в ы . . . — С. 100.
42
Filipec J. Zur Theorie der lexikalischen Synonyme in synchronischer Sicht//
Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität. Gesellschafts- und Sprachw.
Reihe 17. — Leipzig, 1968. — H. 2 / 3 . — S. 196.
43
Agricola E. Wörter u n d Gegenwörter. Eine Einführung in die Probleme der
Antonymie//Sprachpflege. — 1978. — № 4. — S. 72.
44
Koller W. Redensarten Linguistische Aspekte, Vorkommensanalysen, Sprach-
spiel. — Tübingen, 1977. — S. 25.
45
So b e i Häusermann J. Phraseologie... — S. 9 5 .
46
Золотова Л. М. К проблеме семантической мотивированности фразео-
логизмов современного немецкого языка: Автореф. дис. ... канд. филол.
наук/МГПИИЯ им. М. Тореза. — М., 1978. — С . 12,13.
47
РайхштейпА.Д. Вопросы фразеологической семантики: Тексты лек-
ций по фразеологии современного немецкого языка / МГПИИЯ им. М. То-
реза. — М., 1981. — С. 49.
48
Мокиенко В.М. Славянская фразеология. — М., 1980.
49
D e r Terminus von W.Fleischer in: Fleischer W. Phraseologie der deutschen
Gegenwartssprache. — Leipzig, 1982. — S. 189.
50
Siehe Näheres in: Kluge F. Unser Deutsch. — S. 9 6 (Kopfhänger, Stubenho-
cker, Grillenfänger, Pflastertreter); Küpper H. Wörterbuch...—Bd. I . — S . 110 (Bogen-
spucker); Borchardt, Wustmann, Schoppe. Die sprichwörterlichen Redensarten. —
S. 101 (Bärenanbinder u.a.m.).
51
Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 6 B ä n d e n . — B d , 6. —
S. 2563 f.
52
Амосова H.H. Основы... — С. 69.
53
Телия В.Н. Типы языковых значений. Связанное значение слова в
языке. — М., 1981. — С. 253.
54
Für diese Gebilde sind auch andere Termini im Gebrauch. Die wichtigsten
davon sind: nominale Umschreibungen (Daniels K.-H. Substantivierungstendenzen
in der deutschen Gegenwartssprache. — Düsseldorf, 1963); die Streckformen
(Schmidt V. Die Streckformen des deutschen Verbums. — Halle (Saale), 1968); feste
Verbindungen (Duden. Grammatik. — Mannheim, 1966. — Bd. 4); Funktionsverb-
gefüge (Duden. Stilwörterbuch. — Mannheim, 1970. — Bd. 2).
231
55
Der Terminus von N . N . Amosova.
56
Schmidt W. Lexikalische und aktuelle Bedeutung. Ein Beitrag zur Theorie der
Wortbedeutung. — 4. Aufl. — Berlin, 1967. — S. 79, 84.
57
Eggers H. Zur Syntax der deutschen Sprache der Gegenwart // S t u d i u m Gene-
rale.—1962.—H. 1.
58
Polenz P. v. Funktionsverben im heutigen Deutsch. Sprache in der rationali-
sierten Welt//Wirkendes Wort. — 1963. — Beih. 3 .
59
Schmidt V. Die Streckformen des deutschen Verbums. — Halle (Saale), 1968.
60
Reiners L . Vom deutschen Stil. Der Große Duden. — 5. Aufl. — Mannheim,
1963. — Bd. 2. — S. 10.
61
Daniels K.-H. Substantivierungstendenzen... — S. 32.
62
Schmidt V. Die Streckformen... — S. 4 1 .
63
Eggers H. Zur Syntax... — S. 56.
M
Agncola E. и. а. Wörter und Wendungen. Wörterbuch zum deutschen Sprach-
gebrauch // Hrsg. von E. Agricola unter Mitwirkung von H. Görner und R. Küfner. —
Leipzig, 1962. — S. 92.
65
Paul H. Deutsches Wörterbuch. — 7. Aufl. — Halle (Saale), 1960. — S. 86.
66
Wörter und Wendungen.
67
Reichstein A . D , Festgeprägte prädikative Konstruktionen i m Deutschen // DaF. —
1973.— №4. — S. 216.
68
Die Termini illokutionär, entsprechend Illokution u n d Perlokution entstam-
men der Sprechakttheorie. Vgl. Austin J. L . H o w to do things with words. — Oxford,
1962; Deutsch zur Theorie der Sprechakte. — 1972. — S. 117. Austin hat bei einer
sprachlichen Äußerung (Lokution) ausgegliedert illokutiven bzw. illokutionären Akt
(die Art des Vollzugs einer Sprechhandlung als Fragen, Informationen usw.) und
perlokutiven bzw. perlokutionären Akt (Wirkungen auf die Gefühle, Gedanken oder
Handlungen des Hörers).
69
Küpper H. Wörterbuch der deutschen Umgangssprache. — Bd. VI. — S. 114.
70
Заиченко Н.Л. Актуальные глагольные устойчивые словесные комп-
лексы немецкого языка в прогрессивной прессе (на материале некоторых
аналитических жанров прессы ГДР, ФРГ и Австрии): Автореф. дис.... канд.
филол. наук / МГПИИЯ им. М.Тореза. — М., 1977.
71
Костомаров В. Г. Русский язык на газетной полосе. Некоторые особен-
ности языка современной газетной публицистики. — М., 1971.
5. TEXT ALS MEDIUM DER KOMMUNIKATIV-
PRAGMATISCHEN POTENZEN DES WORTSCHATZES

5.1. ALLGEMEINES ZUR TEXTTHEORIE

Die Texttheorie ist eines der führenden Gebiete der heutigen Sprachleh-
re. Das lässt sich dadurch erklären, dass der Text zur kommunikativ-prag-
matischen Einstellung der Sprache gehört. Auch in den früheren Perioden
der Entwicklung der Sprachtheorie versuchte man Einheiten, die vom se-
mantischen Standpunkt aus größer sind als der Satz, auszusondern; so ent-
stand der Begriff des „komplexen syntaktischen Ganzen" — einer Satzge-
meinschaft mit einem einheitlichen Inhalt, die mehr als einen Satz einschließt.
Allgemein bekannt ist auch, dass es sich in jeder Satzdefinition nur um ei-
nen „relativ abgeschlossenen" Gedanken handelt. Ungefähr in den 60er Jah-
ren kam es zu einem entscheidenden Aufschwung in der Erforschung der
Einheiten, die semantisch und strukturell größer sind als ein Satz, d.h. zu der
Entstehung der Texttheorie1. Obgleich auch heute bei weitem nicht alle Fra-
gen, die zu dieser Theorie gehören, gelöst sind, lassen sich einige Begriffe
aussondern, die von allgemeiner Bedeutung sind. Dazu gehören:
(1) Der Satz ist als minimale kommunikative Einheit zu betrachten, d.h.
auch als minimale Texteinheit. Nur selten kann der Satz als vollendeter Text
betrachtet werden — das kann ein Sprichwort, ein Telegramm, eine Anzeige
u.a. sein. Die höchste Grenze des Textes ist ein Roman, ein wissenschaftli-
ches Werk, eine publizistische Schrift u.a.m.
(2) Es sind zu unterscheiden: Mikrotext (Kleintext) und Makrotext (Groß-
text). Der Makrotext ist unabhängig von seinem Umfang eine inhaltlich ab-
geschlossene Einheit. Der Mikrotext ist mit anderen Mikrotexten inhaltlich
verbunden.
(3) Sowohl der Makro- als auch der Mikrotext haben Zeichencharakter:
sie werden durch Inhalt und Struktur gekennzeichnet. Die äußere und innere
Kohärenz des Textes wird durch das Vorhandensein von sprachlichen Ver-
flechtungsmitteln erzielt.
(4) Die Grenzen des Makrotextes lassen sich leicht bestimmen. Die Aus-
sonderung der Mikrotexte ist mit Schwierigkeiten verbunden. Der Mikro-
text muss ebenso wie der Makrotext ein bestimmtes Thema, Anfangs- und
Schlusssignale haben, so wie auch Verflechtungsmittel, die seine Kohärenz
gestalten.
(5) Bis jetzt bleibt unbestimmt, zu welcher theoretischen Disziplin die
Texttheorie gehört. Der Mikrotext, der aus Sätzen besteht, scheint eine gram-
233
matische Einheit zu sein; der Makrotext ist in erster Linie mit der Stilistik
verbunden, aber auch mit dem Fach, zu dem er gehört. Obgleich wir den
Mikrotext als grammatische Einheit betrachten, muss betont werden, dass
die Verflechtungsmittel nicht nur grammatische, sondern auch stilistische,
lexikalische, phraseologische und phonetische Bildungsmittel sind. Diese
Mittel erfüllen auch andere Funktionen, die mit den entsprechenden Diszi-
plinen verbunden sind.
Der vorliegende Teil unseres Buches ist der Funktion der Wortschatzein-
heiten verschiedener Art, d.h. der einzelnen Wurzelwörter, der Wortbildungs-
konstruktionen (WBK), der festen Wortkomplexe im Text gewidmet. Oft
handelt es sich um das Zusammenspiel von verschiedenen Arten der lexika-
lischen Mittel im Text.

5.2. TEXTVERFLECHTENDE FUNKTION


DER WORTSCHATZEINHEITEN IM TEXT

Es sind zu nennen: Prowörter, synsemantische Wörter; miteinander the-


matisch verbundene Wortschatzeinheiten; sich wiederholende Lexeme.
Prowörter (Proformen) sind solche Lexeme, die keine unmittelbare Re-
ferenzfunktion erfüllen, sondern auf ein anderes Wort, eine Wortfügung, eine
Situation hinweisen. Zu den Prowörtern gehören alle Pronomina, Pronomi-
naladverbien im weiten Sinne des Wortes, d.h. nicht nur solche Pronominal-
adverbien wie dazu, womit, dadurch, darunter u.a.m., sondern auch: hier,
dort, einmal, damals u.a.; auch die von solchen Adverbien abgeleiteten Ad-
jektive wie hiesig, dortig u.a.m.2 Die Prowörter erfüllen sowohl anaphori-
sche als auch kataphorische Funktion.
Die Termini „synsemantische" und „autosemantische" Wörter haben zwei
Bedeutungen. Erstens bezeichnet man als „autosemantische Wörter" — (Au-
tosemantika) eigentliche Wortarten, synsemantische Wörter (Synsemantika)
— Funktionswörter3; zweitens handelt es sich um semantisch vollständige
Wörter, die keiner Ergänzung bedürfen, und um semantisch unvollständige
Wörter, die ohne nähere Bestimmung keine vollendete Information enthal-
ten. Von diesem Standpunkt aus sind solche Wörter wie schlafen, der Ge-
lehrte, groß autosemantisch, geben, Mitglied, ähnlich synsemantisch. Hier
werden diese Termini im zweiten Sinn gebraucht. Die Synsemantie in die-
sem Sinn entspricht in der Syntax der obligatorischen Valenz4.
Zur Textverflechtung dient auch der Gebrauch der Lexeme, die seman-
tisch miteinander verbunden sind, d.h. zu ein- und demselben Thema ge-
hören5.
Folgendes Beispiel soll die oben genannten lexikalischen Verflechtungs-
mittel in Texten illustrieren:
Das Thema des Mikrotextes ist die Beschreibung des Gartens von Eliza,
einer Freundin von Maria-Luisa im Roman von A. Seghers „Überfahrt" (Ber-
lin und Weimar, 1971, S. 121).
234
„Jetzt2 wohnteb sie" im Viertel Ipanema. Ihr" Heines Hausc wirkteb an-
sprechend. Esa hatte5 keinena richtigen Garten0, wie icha nach Emmas Wor-
ten geglaubt13 hatte, doch einen Vorgarten0, dena hohe Gitter0 vor der Straße
verbargen13. Bugambilien0 begannen erst am Haus0 hinaufzuwachsen. Zwi-
schen blühenden kleinen Mandelbäumen0 standen ein Tisch0 und Sessel0 —
allesa frisch für Besucher vorbereitet. Als icha die Gartentür0 öffheteb, ent-
stand statt Klingeln eine besondere Tonfolge, diea micha zum Nähertreten
verlockte1"...*
Zu den textverflechtenden Elementen gehört auch die Wiederholung ein
und desselben Lexems. Diese Wiederholung wird durch die Wortbildungs-
regeln erleichtert, besonders durch die Leichtigkeit der Bildung der Kompo-
sita, die die deutsche Sprache kennzeichnet. Als Beispiel geben wir einen
Mikrotext aus dem Roman von J.R. Becher „Abschied" (M., 1950, S. 158).
In diesem Mikrotext wird das Lexem „Gold" vielfach angegeben, als Be-
zeichnung des Edelmetalls und auch in übertragenem Sinn.
„Das Schränklein erzählte von GoZdgräbern. Golden scheint die Sonne,
auch die Luft ist go/iihaltig. Götter gibt es aus Gold, auch heute beten Men-
schen Gold an. Heiligenscheine sind aus Gold gemacht. In den Zügen, flü-
sterte das Schränklein, fahren Goldbaren, Schiffe tragen Go/rffracht. Das
Geld kommt vom Gold her, die Fünfern, die Zehnern, die Geldscheine. Die
Berg- und Talbahn, die Schiffsschaukel — alles kommt vom Gold her und
will wieder zu Gold werden".
Auch die Wortkomplexe dienen zur Wiederholung der Lexeme, die sie
enthalten, z.B.:
„Wir müssen viel sagen, aber wir müssen es in aller Kürze tun. Aber
vorwärts, Jugendfreunde, in aller Kürze,.." (H. Kant. Die Aula. Berlin, 1970,
S. 205).
„Lache du nur, sagte ich bei mir, wer zuletzt lacht, lacht am besten. Ich
war zutiefst überzeugt, dass ich der letzte und der beste Lacher sein wür-
de..." (HJobst. Der Vagabund.... S. 478)**

5.3. DIE MEHRDEUTIGEN LEXEME IM TEXT

Zu den Besonderheiten der Funktion der mehrdeutigen Lexeme im Text


gehört die Realisierung ihrer lexikalisch-semantischen Varianten. In diesem
Fall spielt der Kontext die führende Rolle als Umgebung der sprachlichen
Einheit, die „ihre Bedeutung präzisiert, als Mittel dient, diese Bedeutung
hervorzubringen"6. Der Kontext ist in die semantische Struktur des Textes
verflochten, ist unentbehrlich bei der Organisation des Textes, ohne mit ihm
identisch zu sein.
* а — bezeichnet die Prowörter, b — synsemantische Wörter, с — thematisch verbunde-
ne Wörter.
** Beide Beispiele sind dem Buch entnommen: Козырева Л.Ф. Устойчивые фразы и
контекст. — Ростов /Д., 1983. — С.103, 104.

235
„Weißt du... ich wollte dir sagen... Aber sag mir du zuerst: ist dir nicht
etwas aufgefallen in den letzten Tagen an unserem Fräulein". (St. Zweig.
Novellen. Die Gouvernante. M., 1959, S. 23).
Der Kontext wie auch der ganze Text der Novelle zeigen, dass die Be-
deutung des mehrdeutigen Wortes Fräulein „Erzieherin der Kinder" ist; in
dieser Bedeutung wird das Wort im ganzen Text gebraucht.
Von Interesse ist der Gebrauch des Wortes „die Sache" im folgenden Text:
„Die Sache mit Xaver erregte in mir Bedenken, ob wir vielleicht in eine ganz
schlimme Zeit eingetreten seien." (J.R. Becher. Abschied. M., 1950, S. 25)
Einerseits ist „Sache" mehrdeutig; die Bedeutung „Umstände" wird hier
durch den Kontext realisiert. Andererseits ist das Substantiv in dieser Be-
deutung synsemantisch und weist auf das Geschehnis hin, das im vorange-
henden Text (S. 23 — 24) beschrieben wurde; der Junge hat durchs Fenster
Xaver betranken im Bett liegen sehen wie auch die ganze Unordnung im
Zimmer.
„Sie begleitete ihn zum Flugplatz. Ein Mann mit einem Handkoffer eilte
auf das Flugzeug zu. Es war Zeit. Sie sagte: „Ich gebe dir mein Herz mit,
mein Mann, mein Geliebter!" (L.Frank. Mathilde. Berlin, 1956, S. 304)
Das erste Mal wird Mann mit der Bedeutung „eine Person männlichen
Geschlechts" gebraucht; diese Bedeutung wird aber weiter konkretisiert durch
den Kontext: es ist der Gemahl von Mathilde (siehe ... „mein Mann, mein
Geliebter").

5.4. DAS ZUSAMMENSPIEL VERSCHIEDENER ARTEN VON


WORTSCHATZEINHEITEN IM TEXT. DIE PRAGMATISCHE
WIRKUNG DIESER EINHEITEN

Oben wurde gezeigt, dass die Wiederholung eines Lexems im Text als
Verflechtungsmittel teilweise durch die Wortbildung und die Verwendung
der festen Wortkomplexe erleichtert wird. Auch andere Aspekte der Texte
können durch das Zusammenspiel verschiedener Arten der Wortschatzein-
heiten zum Ausdruck gebracht werden. Neben den einfachen Lexemen spie-
len hier die festen Wortkomplexe und die Wortbildungskonstruktionen (WBK)
eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Die Funktion der festen Wortkomplexe im Text wird erörtert: in den Ar-
beiten von 1.1.Cernyseva7, A.D.Reichstein8, L.T.Kosyreva9 und teilweise
auch in den Arbeiten von W.Fleischer10. Die Wortbildung im Text wird be-
leuchtet: in den Aufsätzen von M.Schröder11, V.S.Vasunin12, E.S.Kub-
rjakova13, in einigen Arbeiten von M. D. Stepanova14 und teilweise in eini-
gen Werken, die der Grammatik15 und der Stilistik16 gewidmet sind.
Die pragmatische Wirkung wird durch folgende Faktoren hervorgerufen:
1. bildliche Übertragung;
2. okkasionelle Füllung der WBK und der festen Wortkomplexe;
3. Nominalisierungstendenzen in der Syntax.
236
5.5. ZU EINIGEN SPEZIFISCHEN FUNKTIONEN
DER WBK IM TEXT

5.5.1. FUNKTION DER VERDICHTUNG IM TEXT

Die Komposita und die Zusammenbildungen werden in der schönen Li-


teratur oft zum Ausdruck einer ganzen Situation gebraucht.
„Durch den scharfen Gegensatz in der Kleidung schien es, als wollten
der elegante Herr... und der Maler... eine Fünfminuten-Vorstellung als Zau-
berkünstler geben..." (L. Frank. Mathilde. Berlin, 1956, S. 125) — eine Vor-
stellung, die fünf Minuten dauert....
„Aber er war nicht imstande, eine ernstzunehmende Geschichte zu schrei-
ben". (L.Frank. Links, wo das Herz ist. Berlin, 1956, S. 302) — „eine Ge-
schichte, die ernst zu nehmen wäre..."
„Jene Was-kann-ich-noch-tun-Augen" (G. Weisenborn. Memorial. Ber-
lin, 1948, S. 139) — „Jene Augen, die zu sagen schienen: ,Was kann ich
noch tun?'"
Die Funktion der Zusammenbildungen im Text bestimmt, dass sie gleich-
zeitig als Mittel der Verdichtung und der Nominalisierang dienen.
„Die Angst vor dem Nicht-mehr-leben-dürfen..." (H. Sudermann. Die Frau
von Stephan Tromhold. Berlin, 1928, S. 649) — „die Angst, dass er nicht
mehr leben durfte...".
„...das brüske Aufspringen und wieder Sachte-an-den-Tisch-zwiickge-
führtsein des deutschen Herrn..." (St. Zweig. Vierundzwanzig Stunden aus
dem Leben einer Frau. Novellen. M., 1959, S. 279)
„...das Wiederaufgetansein meines Lebenswillens..." (ebenda, S. 314)
„...was mich aber zunächst so schreckhaft überraschte, war... dies kramp-
fige Ineinanderringen und Sichgegenseitighalten" (Ebenda, S. 291)
* * *
Die von uns erwähnten Funktionen der Wortschatzeinheiten werden hier
nur kurz angedeutet. Sie bedürfen einer weiteren Analyse.

ANMERKUNGEN
1
Zu speziellen Werken, die die Texttheorie behandeln, können folgende gezählt
werden: Москалъская О. И. Грамматика текста. — М., 1981; Новое в зарубеж-
ной лингвистике. — Вып.УШ: Лингвистика текста. — М., 1978; Studia
Grammatika XVIII. Probleme der Textgrammatik. — Berlin, 1977; Pfütze M.
Probleme der Satz- und Kontextverflechtung. — Potsdam, 1970 (u.a.m.).
2
Stepanova M. D„ Heibig G. Wortarten und das Problem der Valenz in der deut-
schen Gegenwartssprache. — 2. unveränderte Aufl. — Leipzig, 1981. — S. 52.
3
Moskalskaja 0.1. Grammatik der deutschen Gegenwartssprache.—M., 1983. —
S. 46 ff.
4
Stepanova M.D., Hclbig G. Die Wortarten... — S. 22, 23.
237
5
Москалъская О.И. Текст как лингвистическое понятие// Иностр. яз. в
шк. —1978. — № 3 . — С . 17.
6
Колшанский Г.В. Функции контекста в системе языка // Zeitschrift für
Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung. —1980.—Bd. 33. —
№ 3. - S. 336,337.
7
Öernyseva I.I. Feste Wortkomplexe. — M., 1980.—Teil II; Чернышева И.И.
Коммуникативно-прагматический потенциал устойчивых словесных ком-
плексов современного немецкого языка // Сб. научных трудов / МГПИИЯ
им. М.Тореза. — Вып. 217. — С. 135 —142.
8
Райхштейн А. Д. Текстовая значимость устойчивых словесных
комплексов. — С. 76—87.
9
Козырева Л. Ф. Устойчивые фразы и контекст. — Ростов / Д., 1983.
10
Fleischer W. Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache. — Leipzig,
1982. — S . 218 —328.
11
Schröder Marianne. Über textverflechtende Wortbildungselemente // Deutsch
als Fremdsprache. — Leipzig. — 1978. — № 2. — S. 85 — 93.
12
Вашунин B.C. О сверхфазовых функциях немецких композитов // Сб.
научных трудов / МГПИИЯ им. М.Тореза. — М., 1980. — Вып. 164. —
С. 25 — 32; Текстоконституирующая функция субстантивных композитов
и ее типы // Функции определительных сложных существительных в
современном немецком языке. — Куйбышев, 1982. — С. 33 — 49.
13
Кубрякова Е. С. Номинативный аспект речевой деятельности и
словообразование как его важнейший компонент//Сб. научных трудов /
МГПИИЯ им. М.Тореза. — М., 1980. — Вып. 164. — С. 40 — 47.
14
Степанова М.Д. Лексические и словообразовательные средства
организации текста (на материале немецкого языка) // Сб. научных трудов /
МГПИИЯ им. М.Тореза. — М., 1983. — Вып. 217. — С. 107—115;
Степанова М.Д., Фляйшер В. Теоретические основы словообразования в
немецком языке. — М., 1984. — С. 233 — 246.
15
Schendels E. Deutsche Grammatik. — М. 1982. — Kapitel 27.
16
Fleischer W., Michel G. Stilistik der deutschen Gegenwartssprache. —
Leipzig, 1975.— Teile 5.1.З., 5.1.4. — S . 195—199.
ERGÄNZUNGEN ZU EINIGEN ABSCHNITTEN
DES LEHRBUCHES

ERGÄNZUNG ZU 1.1.3.1. WORTBEDEUTUNG

1.1. DIE REPRÄSENTATION DER WORTBEDEUTUNG IN DER


KOGNITIVORIENTIERTEN LEXIKOLOGISCHEN FORSCHUNG
Das wichtigste Anliegen der kognitiven Semantikforschung bildet der
Fragenkomplex, dessen zentrale Fragen sind:
— kognitive Erfassung der Welt (die Erkenntnistätigkeit des Menschen);
— Konzeptualisierungsprozesse im Bewusstsein bzw. im mentalen Lexi-
kon des Menschen (Bildung von Begriffen) und Entstehung als Ergebnis der
menschlichen Erfahrung von Sinneinheiten, die als Konzepte bezeichnet
werden. Das Konzept ist demnach eine operative Inhaltseinheit des menta-
len Lexikons;
— sprachliche Ausformung der Konzepte und konzeptuellen Struktu-
ren.
Die kognitiv begründete Auffassung von Konzepten als operativen Ein-
heiten ergibt die Notwendigkeit, die sprachliche Ausformung der Bedeu-
tung mit Rücksicht auf die Wissensrepräsentation durch konzeptuelle Struk-
turen zu erforschen, die hinter Spracheinheiten stehen. In diesem Zusam-
menhang ist auch die Rolle verschiedener Verfahrensweisen zu verstehen,
die in der Gegenwartsforschung aktuell sind. Hierzu ist ein bedeutender
Beitrag zur Entwicklung der gegenwärtigen Sprachforschung hervorzuhe-
ben, den psychologische Studien und vor allem die in der 2. Hälfte des 20.
Jahrhunderts entstandene Psycholinguistik geleistet haben. Wie die Sprache
in dieser Wissenschaft betrachtet war, zeigt beispielsweise folgender Aus-
zug: „... die Welt im Bewusstsein der Menschen. Wenn auch der Träger der
Bedeutung die Sprache ist, so ist doch die Sprache nicht der Demiurg der
Bedeutung. Hinter den Bedeutungen verbergen sich die gesellschaftlich er-
arbeiteten Verfahren (Operationen) der Handlung, in deren Prozess die Men-
schen die objektive Realität verändern und erkennen. Mit anderen Worten,
in den Bedeutungen ist die in Sprachmaterial umgestaltete und eingekleide-
te ideelle Existenzform der gegenständlichen Welt, ihrer Eigenschaften, Zu-
sammenhänge und Beziehungen repräsentiert, die durch die gesamtgesell-
schaftliche Praxis entdeckt wurden"1.
Mit der Zuwendung zum sprachlichen Handeln, mit der Erklärung des
Benennens und Verstehens, der Produktion und Rezeption von Texten sind
wissenschaftliche Probleme entstanden, die nur von Psychologen und Sprach-
wissenschaftlern gemeinsam bearbeitet werden können. Psychische Prozes-
se, mentale Konzepte, Probleme der Wissensspeicherung bzw. Begriffsspei-
239
cherung sind in der psychologischen Forschung ermittelt. Das erklärt die
Tatsache, weshalb einige psychologische Modelle der Wissensrepräsenta-
tionen in der lexikologischen Arbeit besonders intensiv gebraucht werden:
die Mengen-, die Prototypen-, die Netzwerk-, die Merkmalsrepräsentionen
und Referenzmodelle.

1.1.2. DIE REPRÄSENTATION DER WORTBEDEUTUNG


IN VERFAHRENSWEISEN BZW. MODELLEN
Da Bedeutung als Wissen aufgefasst wird, sind heute einige Verfahrens-
weisen feststellbar, die sich an bereits oben erwähnten psychologischen
Modellen orientieren: der Prototypen- und Stereotypensemantik, an Netz-
werkmodellen, die Bedeutungen als Wissensrepräsentationen darstellen. Über
einige davon siehe weiter unten.

1.1.2.1 Die Prototypensemantik


Die Prototypensemantik hat die lexikologischen Studien der letzten
Jahrzehnte in entscheidendem Maße beeinflusst. Die Prototypentheorie, wie
sie ursprünglich in den Arbeiten von E. Rosch (1971,1973)2 entwickelt wurde,
stellte einen Versuch dar, eine psychologisch realistische Grandlage für die
Erklärung von Kategorisierungsprozessen zu finden. Rosch wies an den Far-
badjektiven nach, dass der Bereich der Farbbezeichnungen nach einem uni-
versellen Prinzip strukturiert ist, nach dem Prinzip des „besten Exemplars"
der entsprechenden Kategorie. Der beste Vertreter einer Klasse dient als
Maßstab für andere Exemplare, die an ihm nach dem Grad der Ähnlichkeit
gemessen werden. Danach werden semantische Kategorien nicht als Bündel
von definitorischen Merkmalen, sondern nach dem „Analogieprinzip" (aus-
gehend von einem Prototyp vom Abbild eines „typischen" Vertreters der
betreffenden Kategorie) gebildet und verwendet. Der Prototyp besitzt aber
neben definitorischen Merkmalen auch charakteristische Merkmale (oder
stereotypische Merkmale, die nicht bei allen Gliedern der betreffenden Ka-
tegorie vorhanden sein müssen. So sei z.B. [kann fliegen] wohl ein charakte-
ristisches Merkmal von Vogel, aber kein notwendiges: Ein Pinguin kann nicht
fliegen und ist dennoch ein Vogel. Er sei deshalb ein „schlechter" Vertreter
seiner Kategorie, wie E.Rosch in ihrer späteren Arbeit schrieb3. Die Theorie
der Prototypen besagt also, dass Bedeutungen als Ganzheiten erworben und
gespeichert werden in Gestalt ihrer typischen Vertreter (ihrer „besten Vertre-
ter"), und so sind sie zu beschreiben. So ist z.B. die Bedeutung von „Baum"
durch beste Vertreter zu repräsentieren, also durch Linde, Buche, Eiche. Mit
deren typischen Merkmalen „starker Stamm", „stark verzweigt" ist der Kern
der Bedeutungen erfasst. Andere Vertreter ordnen sich nach dem Grad der
Ähnlichkeit ein, so dass auch Exemplare mit Baum referiert werden können,
die in den Grenzbereich (zum Busch, Strauch) gehören: Fliederbaum, Ho-
lunderbaum4.
240
Die Tatsache, dass bei der Analyse zur Beweisführung der Prototypen-
theorie die Korrelation zwischen Stimuli und Benennungsmöglichkeiten sol-
che Kategorien bilden, deren Mitglieder in der „sichtbaren Welt" kognitive
Referenzpunkte aufweisen, entschieden die Weiterentwicklung dieser For-
schung allerdings mit verschiedenartigen Modifikationen. Da wird beispiels-
weise der Prototypenbegriff in einigen Arbeiten erweitert: nicht mehr als
das „beste Exemplar" der betreffenden Kategorie, sondern als eine prototy-
pische Situation, d.h. eine Situation, in der der Gebrauch des entsprechen-
den Lexems uneingeschränkt möglich ist. Dazu ist auch ein interessanter,
von D.Dobrovolskij stammender Versuch zu rechnen, prototypentheoreti-
sche Ansätze bei der Beschreibung der deutschen Idiomatik zu entwickeln5.
Oder die in der jüngsten Zeit sich wiederholten Versuche, die Prototypen-
theorie bei der Beschreibung metasprachlicher Kategorien anzuwenden,
wobei die Prototypentheorie nicht nur als eine semantische Konzeption, son-
dern als ein allgemeines methodisches Prinzip verstanden wird, das die Er-
fassung vager Kategorien möglich macht6.
Abschließend ist zu betonen, dass die von Rösch und späteren Forschern
entwickelten Konzeptionen der Kategorien-Hierarchien des Prototyps — von
Zentrum und Peripherie einer Kategorie gebraucht werden sowohl für be-
stimmte Bereiche des Lexikons als auch in semantischen Netzen, Schemata,
insbesondere Frames, teilweise unter anderen Bezeichnungen.

1.1.2.2. Die Netzwerkmodelle


Diese Bezeichnung erfasst einige Ausprägungen der Netz-Konzeptionen,
deren wesentliches gemeinsames Merkmal die Speicherang von lexikalischem
Wissen im Gedächtnis und Verwendung netzartiger grafischer Darstellungs-
methoden bildet.
Die Organisation der Wissensstrukturen wird in den Vordergrund der
Untersuchungen gestellt. Betrachtet man diesen Problembereich aus psy-
chologischer Sicht, so sind die Netzwerkmodelle als Gedächtnismodelle
aufzufassen7.
Als ältestes Modell von Speicherung des Wissens gilt das Assoziations-
modell. Das semantische Netz wird durch die Wörter gebildet, die als Reak-
tion auf ein Stimuluswort genannt werden. Durch Assoziationsexperimente
wird die semantische Nähe von Wörtern ermittelt. Die so festgestellten asso-
ziativen Verbindungen stimmen größtenteils mit den linguistisch nachge-
wiesenen paradigmatischen und syntagmatischen Relationen im Wortschatz
überein. Wenn z.B. auf Reizwörter wie Vater mit Mutter, auf Bruder mit
Schwester reagiert wird, so werden Lexeme mit komplementärer Bedeutung
aktiviert8.
Hierarchische Netzwerkmodelle, die vor allem auch durch Forschungen
zur KI stimuliert wurden, Geschehenstypen und Begriffsvernetzungen re-
präsentieren sprachliche Zusammenhänge. So hat gerade Psychologie in den
letzten Jahrzehnten des 20. Jhs. wesentliche Einsichten in die sprachlichen
Speicherungsstrukturen vermittelt, die für die Beschreibung des lexikalisch-
16 2576 241
semantischen Systems der Sprache insofern von Bedeutung sind, als sie
Auskunft über die psychologische Realität linguistisch nachweisbare Zu-
sammenhänge im Wortschatz geben9.
Semantische Netze als Modelle der Repräsentation lexikalischen Wis-
sens greifen auf die Prototypenhypothese zurück, weil sie Gedächtnisstrak-
turen adäquater modellieren, als das analytische Modelle vermögen.
Für das in der KI-Forschung repräsentierte lexikalische Wissen, was auch
für das semantische Netzeverfahren gilt, ist eine Integrationsauffassung kenn-
zeichnend, das heißt: Eine Abgrenzung des lexikalischen Wissens von Welt-
wissen, d.h. enzyklopädischem Wissen, wird in Kl-Systemen zu Gunsten
einer integrierten Wissensrepräsentation aufgegeben10.

1.1.2.3. Schemaorientierte Repräsentation


Unter dem Begriff der schemaorientierten Repräsentation können ver-
schiedene Konzeptionen für Wissensrepräsentationen zusammengefasst wer-
den, die die Beschreibung von prtotypischen Ereignissen (bzw. Ereignisab-
läufen, aber auch Objekten) zum Thema haben. Aber in erster Linie sind
hierzu Frames und Scripts zu nennen. Die beiden sind interne, begrifflich
repräsentierte Muster bzw. Modelle gleichen Typs, aber ein wesentlicher
Unterschied v