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Innen noch eine Baustelle: Wie von Karl August Lingner gewünscht, hat sein Schloss nun endlich

auch ein öffentlich zugängliches Restaurant. Fotos R. Grosser / Förderverein Lingnerschloss

Ein Schloss für alle


Schönheiten dieser herrlichen, in Europa und gesellschaftlichen Umbrüche des Die sogenannten Klubs der Intelligenz
In Dresden erfand Karl einzigartigen Lage zu genießen“. 20. Jahrhunderts ließen das nicht zu. sollten im ganzen Land die Elite an den
August Lingner Odol. Lingner hatte in den neunziger Jahren Zwar wurde das Haus in den zwanziger Sozialismus binden. Dafür gewährte die
Partei zum Teil üppige Privilegien. In
des 19. Jahrhunderts mit der Erfindung Jahren gelegentlich für Konzerte und Ta-
Sein Wasser ist bis des Mundwassers Odol einen Nerv der gungen genutzt; ein Restaurant jedoch Dresden wiederum war der Klub noch ex-
Zeit getroffen; die Deutschen suchten gab es nie. Im Zweiten Weltkrieg diente klusiver, weil sein Vorsitzender Manfred
heute in aller Munde, sich damals vor gefährlichen Bakterien zu es als Reservelazarett, danach bezogen von Ardenne hieß, der in der Nachbar-
sein Letzter Wille aber schützen, für die der Mund als „Haupt- die Sowjetische Militäradministration schaft das einzige private Forschungsin-
eintrittspforte“ galt. Mit der geschickten und später ein Studentenwohnheim das stitut des gesamten Ostblocks betrieb. So
wird erst 100 Jahre Vermarktung des Produkts in der weißen unzerstörte Schloss. Mitte der fünfziger gab es im Lingnerschloss neben Vorträ-
Schwanenhals-Flasche mit ihrem unver- Jahre schließlich entschied der Kultur- gen berühmter Wissenschaftler, Künstler
nach seinem Tod erfüllt. wechselbaren Schriftzug und eingängigen bund der DDR, hier einen „Klub der Intel- und Schriftsteller ein gehobenes Restau-
Namen, für den er Odous, das griechische ligenz“ einzurichten. rant sowie ausländische Zeitungen und
Von Stefan Locke Wort für Zahn, mit Oleum, dem lateini- Zeitschriften zu lesen und internationale
schen Begriff für Öl, kombinierte, machte Filme zu sehen. In den siebziger und acht-
Lingner innerhalb kurzer Zeit ein Millio- Karl August ziger Jahren ließ die Exklusivität jedoch
DRESDEN, 23. Mai. In diesen Tagen nenvermögen. Sein Produkt fand reißen- nach, auch weil die Elite nun nicht mehr
Lingner, der ohne weiteres in den Westen türmen
steht Peter Lenk besonders gern auf der den Absatz, obwohl es für 1,50 Mark je „Odol-König“, konnte; nach der Wiedervereinigung lös-
Terrasse des Lingnerschlosses hoch über Flasche bei einem um 1900 üblichen
Dresden. Im Tal fließt träge die Elbe ent- vermachte seine te sich der Klub auf.
Durchschnittslohn von etwa 100 Mark im
lang, und etliche Bauten im Zentrum da Monat zu den Luxuserzeugnissen zählte. große Villa an Das Schloss verfiel trotz zahlreicher
unten reflektieren orange-rot das Licht der Elbe mitsamt Ideen, sogar der Verkauf stand – testa-
1906 erwarb Lingner das später nach
der untergehenden Sonne. Lenk, 71 Jah- Park 1916 der mentswidrig – zur Debatte, bis 2003 Pe-
ihm benannte Schloss, das Jahrzehnte zu-
re alt, Körpergröße wie Norbert Blüm ter Lenk übernahm. Der Dresdner will
vor für den Kammerherrn des preußi- Stadt Dresden. das Erbe erhalten und möglichst original-
und Augenbrauen wie Theo Waigel, ist schen Prinzen Albrecht, einen Bruder
Chef des Fördervereins Lingnerschloss getreu wiederherstellen, auch wenn so
Wilhelm I., errichtet worden war. „Es ist gut wie keine Bilder mehr vom ursprüng-
und mindestens so beharrlich wie die bei- ein echtes Zeugnis des Berliner Spätklassi- Zuvor jedoch ließ die Partei alles, was lichen Zustand des Hauses existieren.
den ehemaligen Bundesminister. „Wir zismus“, schwärmt Lenk. „Diese Harmo- an Preußen und damit an den vermeintli- „Wir nähern uns Raum für Raum“, sagt
sind dabei, jetzt erstmals Lingners Vision nie und die vollendeten Proportionen.“ chen Verursacher von Krieg und Kata- er. Unterstützung kommt auch von Fir-
zu verwirklichen“, sagt er stolz. Der Genuss ist freilich nur noch äußerlich strophe erinnerte, gründlich tilgen. Die men wie GlaxoSmithKline, dem Pharma-
Die Vision oder besser das Vermächt- zu haben, innen gleicht das Gebäude heu- gesamte Inneneinrichtung des Schlosses riesen gehört Odol inzwischen.
nis war nobel, obgleich nicht unerfüllbar, te in vielen Teilen einer Baustelle. In der wurde herausgerissen; eichene Kassetten- Bis 2014 soll das Schloss der Allge-
und doch wurde seit 1916 permanent da- Eingangshalle ist der Putz abgehackt, Bal- decken, schwere Teppiche, Kamine und meinheit zugänglich und das Testament
gegen verstoßen. Im Testament hatte Karl ken, Stahlträger und Ziegel liegen offen. opulente Sessel wurden ersetzt durch wei- vollstreckt sein. Schon jetzt, zum 150. Ge-
August Lingner, der „Odol-König“, wie Mit zehn Millionen Euro, davon 90 Pro- ße Wände und helle Holztäfelungen so- burtstag Lingners, ist der Ostflügel als
er bis heute in Dresden heißt, die Stadt zent aus Spenden, will Lenks Verein das wie durch für die damalige Zeit durchaus Restaurant fertig, und dessen Pächter hat
verpflichtet, sein Schloss der Allgemein- Schloss in seinen ursprünglichen Zustand repräsentative moderne Leuchten und sich verpflichtet, stets ein Getränk anzu-
heit zugänglich zu machen und obendrein versetzen, inklusive Stuck, Säulen und Pi- Möbel. Das alles kostete unglaubliche bieten, dessen Preis umgerechnet den
ein Restaurant mit den billigsten Preisen lastern. Rund die Hälfte des Geldes hat er 812 000 Ost-Mark. „Es war eine Bilder- von Lingner geforderten 20 bis 30 Pfenni-
in der Umgebung einzurichten. Er wolle, bereits zusammen. stürmerei“, sagt Peter Lenk, der erst gen entspricht; derzeit ist es eine Him-
schrieb Lingner, „dass die gesamte Bevöl- Möglich, dass das alles nicht nötig ge- jüngst Statuen von Bismarck und Fried- beerlimonade für 75 Cent. Das sei frei-
kerung in die Lage gebracht wird, mit ei- wesen wäre, wenn man Lingners Testa- rich dem Großen wiederfand, die einfach lich symbolisch, sagt Lenk. „Aber so kom-
ner Ausgabe von 20 bis 30 Pfennig die ment befolgt hätte. Doch die politischen im Park vergraben worden waren. men wir endlich dem Vermächtnis nach.“