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Der Notenvampir
Schumann, Robert (18L0-1856)

Hunderte von Mythen und Märchen, die sich anmutig wie Myrtenkr?inzchen und
hartnäckig wie Kletterefeu um die Häupter großer Personen der Weltgeschichte
ranken, hat man im Laufe der Zeit schon gehörig entlauben müssen. Nicht genug
damit, daß inzwischen wirklich jeder weiß, daß Shakespeare nicht Shakespeare
war, sondern die erfundene Galionsfigur eines geheimen, verschlafenen engli-
schen Penn-Clubs mit Namen S.H.A.K.E.S.P.E.A.R.E. Oder daß Jesus Christus
drei Jahre vor Christi Geburt das Licht der Welt erblickte und damit irgendwie
nicht ganz er selbst gewesen sein kann. Und erst das Entsetzen der Bevölkerung
von Mallorca, als sich herausstellte, daß George Sand nicht der Ehemann der Frie-
derike Chopin war, sondem umgekehrt! Dieser zwar traurigen, aber notwendigen
Tradition der schonungslosen Enthüllung folgend, muß man auch Robert Schu-
mann vom Höckerchen schubsen, und das tut uns viel mehr weh als ihm, derur der
Mann genießt die Gnade der frühen Geburt und kriegt nichts mehr davon mit.
Dabei hat wohl niemand es so dringend verdient wie gerade er, dazu gezwungen
zu werden, seine Lorbeerblättchen nachträglich wieder herauszurücken und die
aus fremder Leute Gefieder herausgerupften Federn den rechtmäßigen Besitzern
zurückzuerstatten.
Das große Zauberwort, welches mit Schumann in unmittelbare Verbindung
gebracht werden muß, heißt >Mystifikation<. Also Verschleierung von Tätsachen,
Geheimhaltung der eigenen Person, Verdrehung der Wahrheit, Tarnung mit Hilfe
von erfundenen Gestalten, Spielerei mit Rätseln, Auftritte inkognito, anonyme
Verleumdungen und Drohungen, Verdummung der Angehörigen sowie der restli-
chen Menschheit - und insbesondere die böswillige Manipulation seiner Gattin,
Clara Wieck. In jener vampirhaften psychischen Ausbeutung seiner Gemahlin
liegt der wahre Schlüssel zu all seinem Ruhm: welch grausam-bittere lronie! Dies
soll nicht etwa nur bedeuten, daß Schumann Clara als seine Muse mißbrauchte
(das tut schließlich jeder Mann). Es heißt schlicht und ergreifend, daß der Clara-
lose Schumann keine blasse Ahnung von Musik hatte, außer ein wenig Notenle-
sen und dilettantischem Klimpem, und daß er ohne Clara ein unbedeutendes,
nichtssagendes Leben hätte führen müssen. Nicht einmal in seiner hübschen,
gemütlichen Lieblingsheilanstalt hätte er sterben dürfen ohne Clara!
Es schmerzt zutiefst (gerade in unserem Zeitalter der Lieblosigkeit und des Ver-
falls der britisch-sittlichen Monarchie), eine als mustergültig und ergreifend
romantisch verklärte eheliche Verbindung wie die von Robert Schumann und

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Clara Wieck im grellen Neonlicht der Fakten zu beleuchten und nicht llinger bei
wärmendem Kerzenschein. Doch es geht nun einmal nicht anders. Eine einzige,
wenn auch winzige Kleinigkeit bereits läßt den hochfliegenden Schwärmer ziem-
lich unsacht zu Boden plumpsen: Schumann befand sich anderthalb Jahre in der
von ihm gewöhlten, offenen Heilanstalt zu Endenich bei Bonn, untemahm zahl-
reiche ausgedehnte Spaziergänge und Kurzreisen und empfing so manchen Gast.
Er war demnach nur mäßig verblödet zu jener Zeit-kaum mehr als außerhalb der
Klapsmührle. Clara kam während dieser speziellen Szene-ihrer ach so vorbildli-
chen Ehe nur ein einziges Mal zu Besuch. ZweiTage später war der Gatte tot ...
Nun ja, wie der Zufall eben so spielt.
Apropos >Szenen einer Ehe<. Robert Schumanns wirkliche Begabung lag in
der lnszenierung und dramaturgischen Aufbereitung seines an sich todlangweili-
gen Lebens. Darin war er der unumstrittene Meister, denn immerhin schaffte er
es mit links, sich und seine farblose Existenz bereits im ersten Jahrzehnt des Ton-
films auf Zelluloid bannen zu lassen, ganz abgesehen von den unzähligen Buch-
autoren, die darauf bestanden, ihm schwarz auf weiß einen Heiligenschein zu
verpassen. Die vier grundlegenden Elemente seines Lebensweges bestechen
durch ihre absolute melodramatische Perfektion jeden Dichter und jeden Regis-
seur, wobei letztere Berufsgruppen nur leise in ihr Schnupftüchlein schluchzen
dürfen, weil ihnen in ihren wildesten Fantasien niemals etwas annähernd Schö-
nes eingefallen wäre. Sie wissen ja nicht, daß Schumann selbst lediglich nach
einem fräh ausgeklügelten Drehbuch gelebt hat (so wie andere nach Diät), sich
allerdings strengstens an den einmal erwählten Bauplan haltend. Illusionen
waren ihm das tägliche Brot, mit welchem er seine Umwelt fütterte. Man muß
ihm zugestehen, daß sein Script alles vor ihm und nach ihm Dagewesene schlägt,
von Doktor Schiwago bis Vom Winde verweht (inklusive Fortsetzung). Die vier
Zutaten sind a) das Scheitem aller Virtuosenpläne nach einer Verletzung der
Hand, b) der Kampf um eine Geliebte, die der böse Vati ums Verrecken nicht her-
geben will, c) das häusliche Glück mit vielen Kinderlein, d) das sanfte Verdäm-
mern in der Heilanstalt. Das ist noch echte Biedermeier-Idylle, insbesondere
Punkt d. Da kommt unsereins nicht mit. Schumann selbst wäre nicht mitgekom-
men, wenn er nicht höllisch aufgepaßt und jeder Regie-Möglichkeit anständig
nachgeholfen hätte. Wo der begnadete Mensch lenkt, spielt das Schicksal nur
eine sehr untergeordnete Rolle.
Was den Schumann-Unkundigen in musikalischer Hinsicht als erstes überra-
schen dürfte, ist die Tatsache, daß Robert nicht nur kein Noten-Wunderkind war
(in einer Z,eit, als man ununterbrochen über Wunderkinder stolperte), sondem das
bürgerlich-obligatorische Erlernen des Klavierspiels mehr oder minder passiv
über sich ergehen ließ, ohne je aus seiner Apathie zu erwachen. Einen wahren
Berufenen stellt man sich irgendwie anders vor: Der braucht keine Lehrer, keine

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Noten, nicht einmal ein Instrument, wenn die göttliche Gabe ihn durchglüht. Neun
Jahre Unterricht bei einem netten alten Organisten namens Kuntsch hinterließen
weder Spuren noch Eindrücke; nachdem Schumann jedoch die Blüte seiner Popu-
larität erreicht hatte, war sich Kuntsch ganz sicher, daß dieser Dings, dieser Wie-
hieß-er-noch-gleich schon immer den Anflug des Genialischen mit in sein Kla-
vierstübchen gebracht hatte und den begeisterten Lehrer so bezauberte, daß dieser
vor Aufregung meist darüber einschlief.
Die eigentliche - und einzige - Liebe des Robert Schumann gehörte der Litera-
tur. Sein Herr Papa besaß eine Buchhandlung in Zwickau, welches nicht nur am
hintersten Ende der damaligen Welt, sondern auch im Nichts-und-Niemandsland
von Sachsen lag.ZumAusgleich gab es dort furchtbar viel Landschaft und enorn
viel Z,eit zum Lesen. Vater Schumann hatte neben literarischem auch verlegeri-
sches Blut in den Adern; beide Blutgruppen vererbte er Robert, seinem Jüngsten.
Robert wollte Dichter werden, nicht Musiker. Zumindest steht in dem Tagebuch,
das der Sechzehnjährige anlegt, noch kein Wort übers Klavierspielen, dafür eine
Menge über den von ihm gegründeten literarischen Verein für Halbwüchsige. Ro-
bert möchte alle Gattungen persönlich ausprobieren, beginnt Dramen, Romane,
Gedichte, bis er jäh erkennt, daß das wahre und einzig würdige schriftstellerische
Genre das Fragment ist, der großangelegte Zwei-Seiten-Entwurf ohne Fortset-
zung. In dieser Sparte bringt er es dann auch zu echten Meisterleistungen. Doch
die Hauptsache ist, daß im Kreise des ihm, dem Gründe1 an den Lippen hängen-
den Vereins ausgiebig darüber diskutiert wird. Nur im Fragment steckt schließlich
die Möglichkeit zum wirklich Großen, selbst wenn man beschließt, sie nicht zu
nutzen.
Die literarische Vereinsmeierei unter dem Deckmäntelchen des Verschwöre-
risch-Geheimnisvollen bleibt Roberts Steckenpferd. Er folgt darin - und das er-
weist sich als folgenschwer für alle unfreiwillig an seinem Leben Beteiligten -
dem Beispiel eines gewissen Jean Paul und besonders der Vorgabe E.T.A. Hoff-
manns. Die Art und Weise, wie sowohl Hoffmarurs irdische Existenz als auch sei-
ne Erzählungen das Schumannsche Lebensdrehbuch beeinflußten, erscheint nach-
gerade unheimlich, gelinde gesagt. Zuerst ist noch Jean Paul an der Reihe mit dem
Angeschwärmt-Werden: Schumann identifiziert sich mit dem Kerl bis zur Selbst-
aufgabe seiner Persönlichkeit, schwafelt >jean-paulisch<, schreibt jean-paulische
Fragmente, denkt angeblich jean-paulisch (was niemand beweisen kann); die
Hektoliter von Bier, die er schluckt, säuft erjedenfalls ganz und gar aufjean-pau-
lische Art. Die Bayreuther Mädchen, die er nach des Meisters Tod dem Vorbild zu
Ehren anbetet, verführt er nach jean-paulischer Manier, obwohl sich kein Gerin-
gerer als Dietrich Fischer-Dieskau himself für Roberts Jungfräulichkeit während
dieser Epoche verbürgt. Sein Woft steht allerdings gegen das von Schumann, wel-
cher von >Pussaden< spricht, sogar von >Fingerübungen, Doppelschlägen und Ton-

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leitern unter Röcken<. Wem soll man nun glauben, dem Experten oder dem Dilet-
tanten?
Wie dem auch sei - in seinem achtzehnten Jahre jedenfalls folgt Schumann,
wenn auch erfolglos und ohne zu erröten, den konkreten Spuren seines ande-
ren literarischen Leitstems, der immerhin viel mehr mit Musik zu tun hat als Jean
Paul, aber genauso tot ist. E.T.A., bekanntermaßen begnadeter Dichter, Musiker,
Maler und Opernkomponist, wirkte zwischendurch auch als begnadigter Jurist.
Zwar ist die Jurisprudenz keine richtige Wissenschaft, doch geeignete Vertreter
derselben verstehen sich auf die schöne Kunst, Dichtung und Watrheit besser
und nachhalti9et ztr verdrehen als jeder Poet (lediglich etwas trockener). Schu-
mann, der nach dem Tode seines Vaters nicht mehr weiß, in welcher Sparte er
genialer wirken kann - Literatur oder Musik -, schreibt sich, scheinbar auf Drän-
gen der Mutter und Brüder, an der Leipziger Uni ein: juristische Fakultät natür-
lich. Nun ist er weg von zu Hause, in einer großen Stadt ohne Aufpasser, und hat
alle 7-eit der Welt, weiter mit sich zu ringen, ob er lieber schreiben oder kompo-
nieren soll. Es darf nämlich nicht gänzlich unerwähnt bleiben, daß am Grunde
einer schimmligen Kiste auf dem Zwickauer Dachboden, neben der Gedichtfrag-
ment-Spickzettel-Sammlung, ein loses Blatt mit irgendeinem Psalm begraben
liegt, den er mit zwölf Jahren verbrochen hat. Angeblich beweist das Ding seine
überragenden kompositorischen Fähigkeiten, doch mit der einmaligen Demon-
stration seines Könnens schien Robert vollauf zufrieden. Er war halt von Anfang
an ein ziemlich fauler Sack. Anders als E.T.A., der erst Richter wurde und sich
danach hauptberuflich ausruhte, kürzte Robert die Prozedur des Studiums auf sehr
zweckmäßige Weise ab, indem er, wie sein Busenfreund Emil Flechsig bestätigt,
nach der Immatrikulation kein einziges Mal einen Hörsaal betrat. (Allerdings ist
auch von einem etwaigen bestandenen Examen bei Flechsig keine Rede. Trotz-
dem hat Schumann später den Ehrendoktor der Uni Jena verpaßt bekommen,
nachdem er selbst den diesbezüglichen Antrag stellte; offenbar ging das damals
ebenso leicht vonstatten wie heute die Wühltisch-Verramschung von Bundesver-
dienstkreuzen.)
Was macht ein Student, wenn er - wie im Falle Schumann - gerade nicht büf-
felt? Er schließt sich einer Schlagenden Verbindung an, kann sich aber wegen sei-
ner Abneigung gegen spitze Gegenstände nicht recht durchscNagen. Vor lauter
Elend wendet er sich mal wieder der Musik zu, denn eine gewisse Agnes Carus,
von Beruf Professorengattin, schleppt ihn regelmäßig zu ihren Hausmusiken, wo
sie singt. Robert liebt Agnes abgöttisch, was er später takfvollerweise auch Clara
erzählt, der er übrigens bei eben diesen Hausmusiken das erste Mal begegnet. Sie
ist neun und dem Heiratsalter somit nicht mehr fern. Robert macht sich für den
späteren Gebrauch hierüber eine mentale Notiz, nimmt aber sonst kaum welche
von Clara. Dafür nimmt er Unterricht bei Vater Wieck, welche ihm beide bald stin-

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ken, denn sie bedeuten Arbeit mit einem großen A. Robert möchte richtig studie-
ren, in der weiten Welt, in Heidelberg. Und tatsächlich >schmeckt< ihm hier das
>Jus< exzellent, wie er der besorgten Mama schreibt. Nur versteht er unter >Jus<
keineswegs das Studienfach, sondern Fruchtsäfte allerArt wie Champagrrer, Bier,
Punsch und Rum, die seine geistigen Kräfte zur vollsten Entfaltung bringen. Sei-
nem Tagebuch entnehmen wlr, daß er zum regelrechten Kampftrinker avancierte,
der es schaffte, während des gesamten Jahres 1830 immerhin zwei oder drei Tage
nüchtern zu bleiben. Ansonsten ist er >knill<, wie er es nennt, also so stockbesof-
fen, daß seine Kumpane ihn morgens meist wie ein Paket vor seiner Tür ablegen.
Bei einem wunderschönen Ausflug in die Natur bricht wieder das literarische
Genie aus ihm hervor; alle sind blau, auch der Kutscher, dessen Zustand er in
anmutigen Worten beschreibt: >>... er lag in seiner Gotze<<. Jene lebensnahe Schil-
derung, die obendrein echt sächsisches Flähr ausstrahlt, legt Zeugnis von Schu-
manns feinsinnig-romantischer Poesie ab. Wtihrend einer Italienreise, die künstle-
risch ganz ohne Nachwirkungen bleibt, sammelt Robert einen einzigen riesigen
Eindruck aus der Musikwelt. Diese Impression, obschon mit einer Rossini-Auf-
führung in der Scala verbunden, läßt keine Rückschlüsse in Sachen Oper zu. Es
ist die Sängerin, der Robert mit Leib und Seele verfüllc Giuditta Pasta, genannt
>pasta asciutta<, für ihre Freunde schlicht >die Nudel<.
Dann aber geht es Schlag auf Schlag, musikalisch gesehen. Bei dem Rechtsge-
lehrten Thibaut hat Robert ausgiebig studiert, streng nach dessen Buch >Die Rein-
heit der Tonkunst<. Im Hause Thibaut macht er begeistert im Liederverein mit,
denn das Liederliche kommt seiner natürlichen Begabung sebr entgegen. Daß der
junge Mann für Jura ungeeignet ist, versteht sich von selbst; daß er auch mit der
Musik schiefliegt, sagt ihm Thibaut nicht. Schumann darf regelmäßig an den Don-
nerstagskonzerten teilnehmen, denn donnerstags bleibt Thibaut in der Uni und
braucht demnach nicht zuzuhören. Robert sitzt wieder öfter vor dem Klavier und
spielt sogar ab und zu. Er brütet über Entwürfen und Fragmenten (siehe oben). Er
hat das Gefühl, dasZntsg zum Komponieren zu besitzen, und schreibt an Wieck in
Leipzig: >Wüßten Sie, wie es in mir drängt und treibt und wie ich in meinen Sym-
phonien schon bis op. 100 gekommen sein körmte, hätte ich sie aufgeschrieben.<<
Zum Komponieren gehört leider meist auch das Aufschreiben, welches mitArbeit
verbunden ist; immerhin aber hatte Robert zu just jenem Zeitpunkt bereits sein
Opus I (in Worten: Eins) vollendet, >Abegg-Variationen< geheißen. Als ob das
etwa nichts wäre! Thibaut lobt den Liederjan schließlich weg, und Wieck richtet
das seinige an, indem er Robert und dessen Mama im Zustande geistiger Umnach-
tung verspricht, den Taugenichts in einen Künstler zu verwandeln, >leidenschaft-
licher als Moscheles und großartiger als Hummel<<. Keiner weiß, was der Ver-
gleich bedeuten soll; aber Hummel konnte schon damals sehr schöne Porzellanfi-
guren brennen.

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Robert Schumann selbst hat inzwischen sehr wohl begriffen, daß er für das Vir-
tuosentum völlig unbegabt und zudem viel zu faul ist. Die ersten Monate in
Wiecks Hause (er nistet sich bei seinem Lehrer ein und bekommt Kost, Klavier
und Logis) scheint er zu klimpern wie ein Bekloppter, natürlich nur, wenn man
seine Anwesenheit am Pianoforte auch wahrnimmt. Aus dieser Zeit stammt die
Legende mit dem vor lauter Arbeitsübereifer abgeklemmten Finger, die wie folgt
geht: Robert bemerkt, daß der Mittelfinger der rechten Hand noch schneller, noch
beflissener spielt als die anderen und will dem Racker Einhalt gebieten, um die
Kleinen auch zum Zuge kommen zu lassen. Deshalb bindet er ihn fest. Das Blut
staut sich, der Finger kriegt keine Luft mehr, er bäumt sich noch einmal in Todes-
agonie in seiner Schlinge aufund - stirbt. Danach gereicht er höchstens noch zur
Zierde des Besitzers, wenn überhaupt, denn er bleibt leichenblaß bis an sein Ende.
Das soll angeblich der Auslöser für Roberts ersten bildschönen Zusammenbruch
gewesen sein. Bei jedem anderen, richtigen Musiker wäre man mehr als bereit,
solch eine Story unbesehen zu glauben. Nicht so bei Robert dem Faulen, der sei-
ner Mama lange vor dem >Unglück< schrieb: >>An den reinen Virtuosen denke ich
nicht - das ist ein sawes, undankbares Leben.<< Und später: >>Wegen des Fingers
mache Dir keine Unruhe! Komponieren kann ich auch ohne ihn, und als reisender
Virtuose würde ich kaum glücklich sein.<< Das klingt alles recht nett, nur - kom-
ponieren konnte er noch nie ... Aber er hat ja Clara, und zwar mit Haut und Haa-
ren, denn er versteht es, dem Mädchen die gart.z;e Fingergeschichte in die kleinen
Schuhe zu schieben.
Es stimmt: Schumann opfert in voller Absicht einen Finger, um Clara lebens-
lang gefügig zu machen. Als älterer Spielgefährte Claras und ihrer beiden Brüder
tollt er mit den dreien herum, erzählt Mdrchen ... und stellt sich nur zu bereitwil-
lig als Partner für Claras Lieblingsspiel zur Verfügung: >Katzenwiege<. Altere
Menschen (d.h. Leute über dreißig) erirurem sich vielleicht noch an dieses
Fädchengewirr: Zwischen den Daumen und kleinen Fingem des einen Spielers
wird ein Netzwerk gesponnen, das der andere mit den Mittelfingern abnehmen
und kunstvoll verändern soll. Ein Kätzchen fände mühelos in diesem Gespinst
Platz - Schumanns dicker rechter Mittelfinger aber nicht. Er spielt trotzdem wei-
ter, bis der Finger erst blau, dann schwarz, dann tot ist. Augenscheinlich kann ihn
Claras anschließendes gutgemeintes Geschenk nicht über seinen f,rngerlosen
Zustand hinwegtrösten, nämlich die weitgehendst unbekannt gebliebene Kompo-
sition mit dem Titel >Variationen über ein Neunfingerfaultier<. Die eigentliche
Ursache für Roberts hinterhältig ausgeklügelten Plan, das Spiel mit der unschul-
digen Seele eines zarten, hochbegabten, beinahe heiratsfähigen Kindes, liegt wie-
der einmal viel tiefer. Es ist mithin an der Zeit, zu E.T.A. Hoffmann, Schumanns
Vorbild zurückzukehren, den er auch oder besser gerade in Verbindung mit Clara
gnadenlos zu imitieren sucht.

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Wem bis zum Zeitpunkt des Fingerhakelns das Leben und Wirken Schumanns
blaß, nichtssagend und verworren vorkam, der hat mit diesem Eindruck völlig
recht. War Robert S. bis dato ein streunender Bluthund auf der Suche nach einem
unbekannten Knochen, der sein Bein mal hier, mal don hob, um wahllos Zeichen
seiner Existenz zu hinterlassen, so hat die Kreatur, die er von nun an sein wird,
das Opfer seiner Träume gefunden: Clara. Es ist bezeichnend, daß er vor seinem
Einswerden mit dieser armen Dulderin aussclrließlich Stückchen schreibt, die
etwas mit Maskierungen nJ tvn haben - schließlich liegt der Bösewicht auf der
Lauer. Seine >Papillons<, knappe, rasch vorüberziehende Neglig6-Fetzchen von
Melodien (so kurz, daß sie schon wieder futsch sind, bevor man etwaige andere
Schöpfer ausmachen kann), sind Figuren eines musikalischen Romans, die sich zu
einem Maskenfest versammelt haben. Sie huschen dahin, bis die Morgenglocken
dem trunkenen Trubel ein Ende bereiten. Der >Carnaval< von 1834 ist ebenfalls,
wie Robert selbst zugibt, ein >Maskenroman<, in dem alle möglichen zwielichti-
gen Gestalten besoffen herumtaumeln, die nicht erkannt werden wollen und die
tatsächlich niemand erkennt. Aber nicht genug mit den Verkleidungen: Die
>Davidsbündlertänze< (immerhin schon op. 6!) stellen nach Roberts Worten
>Totentänze, Veits-, Grazien- und Koboldstänze< dar, bei denen es hinterher wie-
der niemand gewesen sein will, außer vielleicht den Davidsbündlern, einer von
Schumann gegründeten öffentlich-geheimen Clique von >Neuerem< oder >Neue-
ren< oder was auch immer. (Die Ziele dieser Bande waren relativ unklar, beson-
ders den Mitgliedern selbst. Manche Freischärler wußten nicht einmal, daß sie
Davidsbündler waren - z.B. Beethoven, der längst tot war und posthum zum
Ehrenmitglied ernannt wurde, oder Chopin, der Schumann überhaupt nicht leiden
konnte, was der Kerl einfach nicht akzeptierte.) Festzuhalten wäre höchstens, daß
die Davidsbtindler ein Vorbild in E.T.A.s Werk haben, den >Serapionsbrüdem<,
und daß auch ihr Ringelreihen ein >Nachtstück< ist, bei dem erst der Glocken-
schlag die aufdringlichen freien Geister vertreiben muß. Nach der Anlehnung an
weitere Phantasie- und Nachtstücke Hoffmanns bekennt Schumann Farbe in sei-
nem Werk >Kreisleriana<, wo er sich, für jedermann sichtbar, hinter einem Kater
namens Murr versteckt. Hoffmanns Kapellmeister Kreisler (Untertitel: >Lichte
Stunden eines wahnsinnigen Musikers<) teilt sich ein Doppelleben mit dem Kat-
zenvieh, so wie Schumann zum selbstemannten Doppelgänger Hoffmanns heran-
reift. Und böse Doppelgänger sind Hoffmanns Stlirke ...
Das wohl berühmteste und unheimlichste Prachtstück von Nachtstück, den
>Sandmann<, bezieht Robert folgerichtig auf sich selbst, Vater Wieck und dessen
Wunderkind Clara. Schon aus Offenbachs Oper kennt man das holde Geschöpf
Olimpia, welches von seinem Professoren-Vater, der dabei fast vor Stolz platzt,
dem musikbegeisterten Publikum vorgestellt wird. Anders als in der Oper kann
E.T.A.s Olimpia nicht nur gottserbärmlich kreischen, sondern ausgesprochen takt-

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voll dazu Klavier spielen! Natürlich sieht sich Robert in der Rolle des jungen Stu-
denten, der von Wiecks präpariertem, dressierten kleinen Wunderwerk der Spiel-
technik ebenso in den Bann geschlagen werden soll wie die anderen Philister.
(>Philister< war Roberts Lieblingsausdruck und bezog sich auf alle, die seine
Musik nicht mochten, selbst als er noch keine geschrieben hatte.) Aber Robert ist
mit dem Szenario vertraut, wie er glaubt, und läßt sich nicht becircen von dem
Kinder-Automaten: Es kann und darf nicht sein, daß ein neunjähriges Gör besser
spielt als er und obendrein angeblich eigene Kompositionen vorträgt. Sofort sucht
der Eingeweihte nach den geheimen Mechanismen, die der Vater, Claras Klavier-
drahtzieher, betätigt, um sein Geschöpf zum Klingen zu bringen. Alle Welt mag
verblendet sein; Robert ist es nicht, wenn er auch den Trick noch nicht herausbe-
kommt. Aber etwas später kehrt er wieder und schleimt sich ins Wiecksche Haus
ein, diesmal allerdings aus völlig anderen Beweggrtinden - er hat erkannt, daß er
persönlich eine Flasche ist, wenn auch eine begabte, und daß er den verdammten
kleinen Automat für seine eigenen Zwecke umprogrammieren muß, will er es in
dieser Welt zu etwas bringen. Das Clara-Ding muß dem Schöpfer-Vater abspen-
stig gemacht werden. Er selbst, Robert, wird die Fäden derMarionette in die Hand
bekommen und sie für sich springen lassen! Deshalb auch die Geschichte mit der
Katzenwiege. Leider funktioniert die Fingerabwürge-Geschichte nicht zu seiner
Zufriedenheit, denn Robert verliert den Faden der Handlung schnell wieder. Er
gleitet ihm aus den tauben Händen, weil er - o Schreck - plötzlich einsehen muß,
daß das Balg sehr wohl ein Eigenleben entwickelt hat, einen Willen, Wünsche und
überhaupt eine Menge Zeug, das weiblichen Wesen (ob nun maschinell oder
natürlich hergestellt) nicht guttut.
In einer Sache denkt Clara so wie ihr Vater und andere Mädchen: Sie will gut
versorgt sein, wenn sie einmal heiratet. Schumann schreibt ihr in einem Brief
sehr zuversichtlich von seinem bevorstehenden Wahnsinn, der jeden Moment zu
erwarten sei; doch das hat Clara eigentlich nicht gemeint mit dem Wort
>Zukunftsaussichten<. Sie kann sich nicht so recht über Roberts Versprechen
freuen, auch dann nicht, als er ihr aufs Butterbrot schmiert, sie sei immerhin
schuld an seinem Finger und der geplatzten Virtuosenkarriere. Obwohl Robert
nicht Orgel spielt, zieht er nun alle Register, denn er muß das widerspenstige
Etwas in den Griff kriegen. So spielt er ein anderes Weib gegen Clara aus, ein
älteres und abgebrühteres, welches ebenfalls bei Wiecks Wohnung bezieht:
Emestine von Fricken. Als Clara auf Toumee geschickt wird, weil der Papa die
von Robert ausgehende Gefahr erkennt, nicht aber dessen Plan, wirft sich Schu-
mann flugs auf Emestine und verlobt sich mit ihr. Bei ihrer Rückkehr wird Clara
fürchterlich eifersüchtig. Schwuppdiwupp löst Robert die Verlobung und wirft
sich auf Clara, die jetzt alles mit sich geschehen läßt. Zynisch erklärt Schumann:
>>Ernestine mußte kommen, damit wir vereint wurden.<< Wie wahr! Interessant

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erscheint dann auch die sagenhafte Schnelligkeit, mit der sich Emestine zurück-
zieht, ohne zu maulen, sowie ihre anschließende Hilftstellung beim Kampf des
Paares gegen Vater Wieck. Ernestine hatte vorher immer wenig Geld besessen,
was natürlich gar nichts besagen soll ...
Jetzt kommt es zum Duell Schumann-Vater Wieck, Usurpator gegen Schöpfer.
Clara möchte sich mit dem Vater, der sie so gut dressiert hat, nicht überwerfen und
gibt das Robert deutlich zu verstehen. Robert, seit längerem erfolgreicher Her-
ausgeber einer schöngeistigen Zeitschrift, weiß, daß er endgültig über Clara tri-
umphieren wird, wenn der Vater ihren Liebling meucheln zu wollen scheint. Er
intrigiert folglich gegen sich selbst, benutzt die eigenen Zeitungspseudonyme so-
wie diverse Davidsbündler für seine Zwecke (unter ihnen einen Herrn >Serpenti-
nus<, einen wahrhaft lächerlichen Schlangenmenschen). Und Robert gewinnt:
Clara prozessiert mit ihm gegen den Vater und heiratet ihren neuen Herrn und
Meister.
Clara hat damit ein für alle Mal verspielt, im wahrsten Sinne des Wortes. Robert
kennt nur ein einziges Ziel - er muß an die kostbaren Noten in Claras Kopf her-
ankommen und sie verwerten, ohne Clara wissen zu lassen, daß sie die Urheberin
seiner >Werke< ist. Zunächst einmal muß er sie ans Haus ketten; also macht er ihr
ein Kind. Clara ist ganz erstaunt, wie schnell so etwas geht und wie furchtbar es
sich auswirkt. (Danach kommen in schneller Folge sieben weitere Sprößlinge.)
Schon zuvor, am Tage ihrer Vermählung, hat er ihr das kostbarste Hochzeitsge-
schenk abgeknöpft, einen von dem berühmten Klavierbauer Conrad Graf aus-
dräcklich der Gattin verehrten Flügel. Schumann allein darf darauf klimpem,
Clara notiert beträbt: >Nicht ein Stündchen am ganzen Tag findet sich für mich!<<
und >>Er ist kalt gegen mich.<< Doch die häusliche Harmonie ist perfekt, wenn
Clara, wie Robert befriedigt notiert, Goethes Leben liest und Bohnen schneidet.
Bohnenschneiden und Goethe - das hält auf die Dauer ja kein Mensch aus! Offen-
sichtlich bewacht Robert den Flügel Tag und Nacht und schläft auch darin, denn
er sagt einmal, das Klavier werde ihm langsam zu eng. Die Konzertreisen würde
Robert seiner Frau sehr gem verbieten, nur - er ist dauernd pleite, und sie kann
damit Geld verdienen. Im Endeffekt jedoch liefern ihm gerade die verhaßten
Tourneen den lange vergeblich gesuchten Schlüssel zu Claras Noten. Robert
beklagt sich nämlich bitterlich, daß er inkognito herumsteht oder -sitzt, während
man Clara umjubelt, daß er sogar gefragt wurde, ob er auch etwas mit Musik zu
tun habe! Zum Großherzog von Oldenburg darf er nicht mit hinein (nicht mal zum
Dienstboteneingang), und als Clara dem russischen Zaren zwei Stunden vorspielt,
drückt sich Robert allein draußen im Schnee vor dem Winterpalais herum, schnat-
tert vor Kälte und flucht. Vor lauter Langeweile fängt er an zu zeichnen: Frag-
mente natürlich.
Aus lauter Mitleid begeht Clara den letzten großen, verhängnisvollen Fehler.

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Sie weiß, daß Schumann sein Leben lang mit übersinnlichen Phänomenen herum-
experimentiert hat, Okkultismus und Tischrücken praktiziert (es ist daheim immer
Robert, der die Täfel aufhebt) und mit Toten zu kommunizieren sucht. Gewisse
musikalische Themen will Schumann direktemang von den Geistern Schuberts
und Mozarts empfangen haben. Da meint Clara, es dürfte doch ein kichtes für
ihn sein, mit seinem Frauchen in telepathischen Kontakt zu treten, alldieweil sie
doch noch nicht so tot sei wie seine anderen Freunde. Sie schlägt vor, daß beide
einander allabendlich zu bestimmter Stunde auf einer >Gedankenbrücke< treffen
sollen. Robert zeigt sich zu Recht begeistert, hat er doch somit durch Clara selbst
die Möglichkeit erhalten, ihren Notenvorrat nicht nur zu lesen, sondem auch anzu-
zapfen und nach Belieben, mühelos wie nach Diktat, niederschreiben zu können!
Was sein Eheweib ihm sonst noch mitzuteilen hat - ob sie etwa Goethe mehr liebt
als Schnippelbohnen oder umgekehrt -, ist ihm herzlich schnurz. Von nun an geht
es munter voran mit der Komponiererei, besonders weil Claras Verstand immer
offen für ihn steht, nicht nur nachts. Sie weiß nur nichts davon. Hurtig purzeln die
Noten nur so auf Roberts Papier; manchmal prasseln sie sogar nieder, und er
kommt kaum mit bei der Niederschrift. Einmal geht ihm gar die Tinte aus. So
schreibt und schreibt er, was er in Claras Gedanken findet: Z,entnerweise Lieder
(die er früher gehaßt hat), Oratorien, Kammermusik en masse, doch vor allen Din-
gen Symphonien. Die erste, >Frühlingssymphonie< genannt, später die berühmte
>Rheinische< Sinfonie. Alles wunderbare Sachen. Schumanns Gedanken-Vampi-
rismus verleiht dem Wortpaar Inspiration und Transpiration eine völlig neue
Bedeutungsebene. Die einzigen Flops dieser Zeit sind natärlich die wenigen
Stücke, die Robert persönlich verbricht, d.h. ohne Vordenker. Übrigens bis auf
seine Oper >Genoveva< allesamt Fragmente. Und der Genoveva, die durch ihr
Martyrium im tiefen Wald heilig und berühmt wie Mutter Teresa wurde, fehlt bei
Schumann unter anderem besagtes Martyrium im tiefen Wald. Das hat er wohl
irgendwie vergessen. Trotzdem versucht er weiter, ab und zu etwas Eigenes zu
komponieren, was durch die planmäßigen Erfolge seiner Frau Gott sei Dank auf-
gefangen wird.
Manchmal jedoch scheint es die vielbesungene poetische Gerechtigkeit tatsäch-
lich zu geben. Betonung auf >scheint<. Da Schumann zeitlebens ein Dilettant
blieb, der sich beim Gedankenlesen und Notenlauschen wie bei der Niederschrift
außerordentlich anstrengen mußte, führte der dauemd an Clara begangene geisti-
ge Mißbrauch zu deutlichen mentalen Abnutzungserscheinungen bei ihrem para-
sitären Nutznießer. Er wirkte in Gesellschaft zunehmend abwesender, was durch-
aus wörtlich zu verstehen ist, weil er sich permanent auf der o.g. >Gedanken-
brücke< befand, die langsam ins Schwanken geriet. Etliche Bekannte zeigten sich
besttirzt ob der geistlos-geisttötenden Art, wie der weggetretene >Gesprächspart-
ner< sie anglotzte. Wagner beklagte sich über den unmöglichen Menschen, der

ll3
einmal so gut wie stumm fast eine Stunde lang geblieben sei; der Dichter Hebbel,
von Schumann eingeladen, saß lange erwartungsvoll ihm gegenüber, bis ihm der
Kragen platzte: r'Er sprach nicht und gaffte mich nur an ... Er tat den Mund nicht
auf. Da sprang ich wie verzweifelt empor. Auch S. langte nach seinem Hute und
begleitete mich [eine halbe Stunde] ... Er ging stumm neben mir her. Ich tat, grim-
mig geworden, desgleichen..< Ganz Offenbach hatte Schumann gerade eine Sen-
depause, da er auf höheren Empfang geschaltet war. Später klappte es auch mit
dieser lebenswichtigen Frequenz nicht mehr - es scheint, als ob Clara sich damals
langsam aber sicher aus der Kommunikation auszuklinken begann. Das Dilemma
bestand darin, daß Schumann, der von Natur aus keine musikalischen Fähigkeiten
aufwies (nur die ausgeprägte telepathische), seine Sinfonien selbst dirigieren
mußte: Das gehörte zu seinem Job. Er hatte keinerlei Taktgefühl, wie wir wissen,
und so hieß es in Düsseldorf bald über ihn: >Wie der schlägt! Wenn er überhaupt
schlägt und nicht schläft! Ein Versager.< Ferdinand David schrieb an Mendelssohn
über Roberts Proben mit dem Leipziger Gewandhaus-Orchester: >>Der ein-
zige Mensch, der etwas von seinen Bemerkungen verstanden hat, war sein
Taktstock, den er beim Sprechen immer vor den Mund hielt, alle übrigen hörten
nichts ...<< Robert befaßte sich mit allerlei Hilfsmitteln zur Ubertragung von gei-
stigen Energien, war vertraut mit Mesmerismus, Pendelei usw. Nun sehen wir, daß
er als allerletzte Möglichkeit Zuflucht zu einem ordinären Zauberstab nahm, den
er wahrscheinlich mit einem Verstärker ausgerüstet hatte. Man hört förmlich sei-
nen Hilfeschrei - >>Erde ruft Clara! Bitte melde dich, Schatz, du mußt auch nie
mehr Goethe lesen, ehrlich!<.
Aber Clara beginnt den Braten zu riechen, denn der stinkt bereits erb?irmlich.
Als zum Schluß Johannes Brahms sich bei Schumanns einquartiert, ist der Ofen
bald ganz aus. Brahms findet auch in seinem Stübchen eine Wanze und wird
mißtrauisch. Er zeigt sie Clara, die die Zusammenhänge langsam begreift ... Man
hat sich oft gefragt, ob Schumanns freiwilliger Abgang in die Heilanstalt etwas
mit dem Verhältnis Clara-Brahms zu tun haben könnte. Klar hat es das, nur ist das
Erotische gZinzlich nebensächlich, also ob nun Clara den kleinen Felix mit Brahms
gebaut hat oder nicht. Schumann hatte zu verschwinden und vor der Welt alle
Zweifel und Spuren zu beseitigen. Ergo stellte er sich wahnsinnig, denn so folgte
er einer guten alten Tradition und muJJte im nachhinein als übergeschnapptes
Genie gelten. Er war nattirlich nicht die Spur behämmert, d.h. nicht mehr als in
seiner Jugend. Als bester Beweis dafür gilt sein Nachwuchs: Alle sechs (Felix, den
Benjamin, zählen wir vorsorglich nicht mit) erfreuten sich bester geistiger
Gesundheit. Eine so markante Geisteskrankheit wie die (vorgetäuschte) Schu-
mannsche lädt zur Vererbung geradezu ein - bloß wo nichts ist, kann man nichts
vererben! Die Flucht in die Klapsmühle muß als brillanter Schachzug gewertet
werden, gegen den Clara nicht ankommen konnte. Kinder, Kleintiere und

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Bekloppte waren auch damals unantastbar. Und man erzäihle einmal einem Gei-
steskranken etwas von >Copyright-Verletzung< ...
Ubrigens stellt der von dem großen Manipulator Schumann inszenierte Abgang
ein Knallbonbon der obersten Güteklasse dar, weil sich in ihm das Maskeraden-
Motiv perfekt widerspiegelt. Bekanntlich war dies das einzige Motiv, welches
Robert wirklich in Vollendung beherrschte. Kurz nachdem man ihn ertappte, im
Februar 1854, simulierte er peinigende Halluzinationen, also Engelsingen, Dämo-
nengeschrei und wahrscheinlich mittendrin wieder Mozart und Schubert. Er heult
zur Vorsicht selbst mit, damit jeder mitkriegt, wie es um ihn steht. Und dann, als
er heiser wird, ausgerechnet am Rosenmontag, schleicht er sich aus der Wohnung
und stürzt sich so heimlich in den Rhein, daß er sofort von Schiffem gerettet und,
gefolgt von einer lärmenden Karnevalsmenge, nach Hause gebracht wird. Wer
jetzt noch anZufalle in Schumanns selbstgemachtem Lebenslauf glaubt, ist selber
schuld. Bezeichnenderweise wurde die Krankengeschichte vernichtet . . .
Robert führt daraufhin ein recht angenehmes Leben in der Anstalt von Ende-
nich, doch es wurmt ihn, daß er keine Kontrolle mehr über Clara, seinenAutomat,
besitzt. Diese, so nimmt er an, wird wohl mittlerweile von Brahms ausgeübt. Er
will Clara wiederhaben, die beharrlich wegbleibt, und simuliert einen Hunger-
streik. Clara wird gerufen. Sie erzählt darauf die rührende Geschichte, wie Robert
von ihrer Hand ein wenig Gelee leckt, von ihrem FingerWein schlürft. Diese däm-
liche Art der Nahrungsaufnahme ist interessanterweise Claras ldee: Clara hat von
ihrem Gatten die hohe Kunst der Verdummung und Verschleierung gelernt.
Augenscheinlich spendet sie ihm Nektar und Ambrosia - tatsächlich muß Robert
ihr brav aus der Hand fressen. Robert tobt innerlich vor Zom und beschließt,
sofort sanft zu entschlafen. Das heißt, eigentlich nicht sofort, sondern zwei Tage
später. Außerdem stirbt er gar nicht persönlich. Er weiß schließlich, daß sein Tod
für Clara eine große Erleichterung bedeuten würde. Den Gefallen täte er ihr frei-
willig niemals. Vor aller Welt will er als tot gelten, doch gleichzeitig muß er daftir
sorgen, daß sein Automat weiterhin >seine< Stücke spielt, unter seinem Namen
wohlgemerkt.
Glücklicherweise (für ihn) findet er einen geeigneten Hoffmannschen Doppel-
gänger seiner selbst, einen armen lrren, der sich für Robert Schumann hält. Die-
sem Mann schilden er dessen bzw. seine traurige Lebensgeschichte, worauftrin
der Doppelgänger bereitwillig das Zeitliche segnet. Schumann (das Original) ist
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mithin vogelfrei und wie er dann Clara maskiert und inkognito vierzig Jahre
lang zum Spielen zwingt, wissen wir in groben Zügen aus dem Musical >Phantom
der Oper<.

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