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Schwämmlein vor dem Fischgericht
Schuber t, ß r anz (17 97 -1828)

Der Schubert Franz gehört ohne Frage zu den Komponisten, die uns musikalisch
wie auch menschlich am innigsten ans Herz gewachsen sind. Zwar kennen die
meisten unter uns ihn nicht mehr persönlich; so viel darf man getrost vorausset-
zen. Trotzdem vermeinen wir doch, ganz tief im Grunde unserer Natur, den Franz
zu begreifen und liebzuhaben, als sei er unser leibhaftiger Bruder, gewissermaßen
der Franz in uns allen. Der Franz mit seiner Gemütlichkeit, der wienerischen; der
Wonneproppen mit dem stets vollen Glase Wein; der Rauschgoldengel mit den
üppigen Löckchen und den wunderbaren Liedern; der kleine Schwerenöter mit
der Lustseuche, der anhänglichen - das alles macht den Franz aus, den wir schät-
zen und verehren. Einunddreißig Jahre ist er alt geworden, was auf den ersten
Blick nicht übermäßig viel erscheint, doch er hat die Zeit genutzt. Überhaupt kam
sie ihm sicherlich manchmal viel schöner vor als seinen Freunden, die nach sei-
nem Ableben samt und sonders noch ein freudloses Dasein mit Eheweib, daher
ohne Wein und Gesang fristen mußten, ihre Beamtenpension und sonstige Diäten
verzehrten und ungeduldig auf ihr Ende warteten, denn ihr Franz, der war ja lang
nicht mehr.
Franz hatte in der ihm vom Schicksal vergönnten Lebensspanne eigentlich auch
genug komponiert, um in Ruhe Federkiel, Notenpapier und Löffel abgeben zu
können. Da ging es ihm ähnlich wie Mozarfi Alles Musikalische kam ihm zuge-
llogen, und dann schrieb er und schrieb er, bis entweder die Tinte verbraucht war
oder ein vom Zuschauen gelangweilter Freund ihm einen Klaps auf den Hinter-
kopf gab, um den dort befindlichen Komponiermechanismus abzustellen. Die
Ausschweifung war nun einmal sein Leben, und zwar in jeder Hinsicht, so wie sie
später sein Tod wurde. Franz aß und trank sehr viel. Den meisten Überschuß
konnte er gottlob künstlerisch, d.h. auf Notenpapier, wieder ausscheiden; der Rest
blieb an seinem wohlgerundeten Alabasterkörper h2ingen. Man verbindet mit
Franz hauptsächlich seine furchtbar vielen, dafür wohltuend kurzen Lieder. Wenn
man dem Franz im Scherze ztxief >>Franz, Lieber: ein Lied, zwo drei vier!<<, dann
hatte der Gute das gewünschte Lied bei >zwo< bereits fertiggestellt, sauber abge-
schrieben und eingeübt.Franzübernachtete häufig bei seinen Freunden, und man-
che legten ihm in weiser Voraussicht ein paar Kubikmeter Papier aufs Nachtka-
sterl. Als sie am nächsten Morgen nachschauten, was das bei ihnen übemachten-
de Heinzelmännchen geleistet hatte, fanden sie, über den groben Daumen gepeilt,
die Menge an Noten vor, die dem Gesamtlebenswerk des durchschnittlichen
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Wald- und Wiesenkomponisten (damals wie heute) entspräche. Franz hatte den
Überblick sowieso längst verloren. Er schrieb Symphonien (darunter selbstver-
ständlich eine Unvollendete, wollte er doch später würdig neben Beethoven begra-
ben sein), haufenweise Kammermusik, Tonnen von Opemfragmenten (komplette
Opem mochte er offenbar nicht), überhaupt alles Mögliche, und alles möglichst
im Übermaß. Darin lag seine Stlirke. Er konnte im Grunde genornmen nur eines
nicht: freiwillig wieder auftrören, wenn er sich erst einmal an seinem GZinsekiel
festgebissen hatte.
Das Essen und Trinken liebte Franz fast ebensosehr wie das Beschreiben von
Notenpapier - vielleicht sogar noch ein klein wenig mehr. Zwei Dinge nämlich
machen uns stutzig, d.h. stutziger als sonst. Franzens wohl bekanntestes Lied,
>Die Forelle<, die wegen großer Nachfrage später von ihm auf fünf Leute verteilt
wurde (wobei wahrscheinlich keiner der Beteiligten genug mitkriegte, besonders
der Kontrabaß nicht), hat immerhin ein Nahrungs- bzw. Genußmittel zum Thema
und Inhalt. Außerdem verbat sich Franz bei der Neuverteilung der Forelle ganz
das Singen der am Ohrenschmaus Beteiligten, damit keiner im Quinteit was in den
falschen Hals kriegen sollte von den Gräten. Geiger haben es beim Singen
ohnehin besonders schwer, wie man weiß, wegen ihres verkrampften Unterkie-
fers. Die zweite Sache, die uns stutzen macht, liegt in Franzens frühem Verzicht
auf eine lebenslange Lehrerposition begründet. Er hatte immerhin drei Jahre dafür
gebüffelt, Aushilfsnebenunterlehrergehilfe zu werden wie der traurige Rest seiner
großen Familie. Dann begehrte er plötzlich den Job nicht mehr. Da sogar Ober-
lehrer damals als furchtbar arme Schweine galten, was das Finanzielle anging
(und wer kann schon von Luft und Liebe seiner Schüler leben!), wollte Franz das
tun, was er liebte: komponieren, essen und trinken. Ironischerweise hielt der Vater
die freie Musikerlaufbahn für eine brotlose Angelegenheiti Frunz, der verfressene
kleine Schelm, hatte allerdings weniger an Brot gedacht und konnte es mit Fleisch
und Wurst auch recht gut aushalten. Das haben er und sein Körperumfang schließ-
lich allen Skeptikem bewiesen.
Leider scheint damals Wien für frei musizierende Junggesellen ein außeror-
dentlich gefährliches Pflaster gewesen zu sein. Denken wir nur an den armen
Beethoven, den die Frauenwelt mitleidlos dahirnaffte. Franz erging es merkwür-
digerweise in vielen Einzelheiten sehr ähnlich. Es verwundert schon folgendes
Detail: Kaum hatte unser Franz mit sieben anderen Ludwig vans Sarg zur Gra-
besruh getragen - schwupps! lag er auch schon neben ihm. Sein Wunsch nach
guter Nachbarschaft wurde demnach sogar für Franzens Geschmack etwas zu fräh
berücksichtigt. Diese Begebenheit stellt jedoch lediglich die Spitze eines Eisber-
ges dar, die Ausgeburt einer kalten Scholle, wie sie nur im Herzen einer ver-
schmähten Frau wachsen und gedeihen kann. Daß Franz ein Opfer seiner Flei-
scheslust wurde, ist hinl?inglich bekannq während jedoch die eine Hälfte aller Bio-

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graphen seinen Tod lieber ganz verschweigt, als den Grund desselben auch nur
anzudeuten, glaubt der Rest ernsthaft an die vernichtende Wirkung der Syphilis.
Dieser weitverbreitete L:rlum, dem man - zugegeben - in der Tat allzuleicht erlie-
gen kann, hat hier keine Überlebenschance. Immerhin sollte man vermerken, daß
die Syphilis-Sage bzw. Lues-Lüge so hinterhältig ausgeklügelt worden war, daß
Franz höchstpersönlich niemals an ihr zweifelte, ganz zu schweigen von den ihn
darob falsch behandelnden Arzten.
Abgesehen von Franzens uraltem Lehrerstammbaum sind zwei Dinge zu seiner
Erbsubstanz zu untersuchen (irgendwie kommt es immer so hin, daß Merkwür-
digkeiten paarweise auflreten). Erstens: Franz war ein ausgesprochenes Wasser-
wesen. Das scheint auf den ersten Blick sowohl irrelevant als auch idiotisch, und
letzteres ist es auch; trotzdem übte das wässrige Element auf Franzens Lebensweg
eine nicht zu unterschätzende Wirkung aus. Geboren ward Franz am 31. Jänner,
d.h. er war ein echter Wassernann mit allen Schikanen. Ob die Fische seinen
Aszendenten bestimmten, weiß Neptun allein - aber sein Geburtshaus beweist
unwiderlegbar eine schicksalsträchtige Verknüpfung mit dem Wasserzeichen, die
unsereinem im Hinblick auf spätere Geschehnisse kalte Schauer über den Rücken
jagen könnte. Franzens Geburtshaus, in dem er das Dutzend der elterlichen Kin-
derschar vollmachte, hieß >Zum roten Krebsen<, was nicht nur auf ein x-beliebi-
ges Wassertier, sondem ein ganz hartgesottenes Exemplar desselben hinweist!
Zudem klingt der Künstlername des Hauses (welches bürgerlich Nußdorfer-Str.
54 hieß) sehr nach einem Ort, wo man Feuchtes finden kann, und man weiß ja:
Fisch muß schwimmen. Das lernte Franz demnach schon mit dem ersten Fläsch-
chen.
Die zweite Angelegenheit, über die wir uns den Kopf zerbrechen wollen, ist eng
mit dem oben Erwähnten verknüpft. Dazu, daß man Franz in seiner Jugend für
einen Fisch hielt, wurde zwar nie etwas Konkretes überliefert - doch es müssen
Vermutungen in dieser vagen Richtung im Umlauf gewesen sein. Zumindest hat
nicht jedermann Franz für ein normales menschliches Wesen gehalten. Die detail-
lierteste Beschreibung der Schubertschen Merkmale findet sich (übrigens urkund-
lich festgehalten, versiegelt und verbrieft) in der wissenschaftlichen Abhandlung
eines gewissen Georg Franz Eckel. Nun war besagter Eckel seinerzeit Leiter des
Wiener Veterinärinstituts; man fragt sich mithin erschrocken und beklommen,
warum in aller Welt man den jungen Franz einer tierörztlichen Untersuchung
unterzogen hat ... Des weiteren muß es während seiner Schulzeit im Wiener Kon-
vikt zu Zwischenf?illen gekommen sein. Franz schied aus besagtem Konvikt aus,
nachdem, wie es heißt, seine >Mutation< unwidemrflich vorangeschritten war. Das
klingt nun wirklich unheimlich, zumal man damals noch nicht so genau über ato-
mare Störftille, Umweltverseuchung und Besuche außerirdischer Lebensformen
informiert war wie heutzutage. Offenbar wußte man in Franzens Schule mit

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Mutanten wie ihm nichts anzufangen. Möglicherweise hatten seine körperlichen
Veränderungen etwas mit einem Stimmbruch zu tun, denn im Konvikt wurde eine
Menge gesungen - eigentlich die ganze Znitnbror, und wer sich im Zuge dieser oft
akrobatischen Anstrengungen die Stimme brach, flog 'raus. Der mutierte Franz
sang nicht mehr wie andere kleine mlinnliche Menschen. Am 26. Juli 1812 soll er,
gemäß einem Vermerk auf einem Notenblatt, >>zum letzten Mal gekräht< haben.
Gekräht!Wie schrecklich. Zwar deutet diese Notiz nicht unbedingt auf Schuberts
angeborene Wassernatur hin, doch sie entkrdftet nicht etwaige Zweifel an seinem
Menschsein. Auch Hühnervögel spielten in Franzens Leben eine ganz entschei-
dende Rolle, wie man noch sehen wird. Und vielleicht befand Franz sich gegen
Ende seiner Schulzeit gerade in der Mauser -
Außerlich allerdings konnte man Franz nicht allzuviel ausgesprochen
Unmenschliches ansehen. Sein Körperbau hatte den berühmten >pyknischen<
Charakter, wie er schon Beethoven erfolgreich angehängt wurde. (Wären die bei-
den sich zuLebzeiten irgendwo begegnet und nicht erst auf dem Friedhof, hätten
sie sicher ein nettes Pyknick im Wiener Wald arrangiert.) Franz galt sogar damals
als klein von Gestalt. Man kennt seine exakten Maße: 4 Schuh, 1l ZoIl vnd 2
Strich. Legen wir nun vier Schuh aneinander (nicht vier Fuß, derur die Länge
Franzens winziger unbeschuhter Füße ist ein Risikofaktor), dazu den Rest,
bekommen wi ganz genau 1,57 m heraus, wohlgemerkt k. und k. österreichische
Meter mit Doppeladler. So ziemlich alles an Franz war klein und knubbelig und
niedlich. Er besaß laut o.g. tierdrztlichem Gutachten >stramme Muskeln ohne
Ecken, mehr gerundet<, >Brust und Becken breit, schön gewölbt<, dazu >braunes,
üppig sprossendes Lockenhaar< sowie eine kleine, stumpfe, etwas aufgewölbte
Nase und diverse Kleinigkeiten. Sein Freund Hüttenbrenner ergänzt, daß der
extrem kurzsichtige Franz seine Brille sogar nachts aufbehielt - ob zur Tarnung
eventueller Fisch-, Frosch- oder Hühneraugen, wird jedoch nicht erwähnt.
Etwa mit zwanzig Jahren begann der Gute, ausgesprochen dick, ja sogar etwas
fettig za werden. Er wuchs sehr eindrucksvoll in die Breite, der kleine Mutant.
Seine Bekanntschaft liebte das Behäbig-Gemütliche an seiner dicklichen Statur;
er war sozusagen jedermanns dickster Freund. In dieser Eigenschaft erntete er
Kosenamen wie >Schwämmlein< oder, fast noch herziger, >Talgklumpen<. Alle
Gerüchte, nach denen man Franz ein Wiener Würstchen oder gar eine >Wiener
Walze< nannte, blieben dagegen unbestätigt. Bei aller Kleinheit und Masse des
Körperumfangs nämlich blieb Franz bis zu seinem Ende quicklebendig und
äußerst beweglich. Er latschte mit Vorliebe durch den Wiener Wald, so weit ihn
seine zarten Füßchen trugen, und er liebte es durchaus, auch einmal querfeld-
ein zu springen, anstatt den geraden, gesitteten Weg zu nehmen. Das kann man
getrost so zweideutig verstehen, wie es gemeint ist. Der Schubert Franz war
nicht ganz so harmlos, wie manche glauben möchten - nicht jeder Mann, der wie

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eine fleischgewordene Putte aussieht, benimmt sich zwangsläufrg wie ein Ka-
paun.
Wer hätte beispielsweise gedacht, daß der liebe Franz, dem wohlwollende
Gemüter eine einzige Liebesnacht bzw. Liebesviertelstunde mit tragischem Aus-
gang andichten, mehr Frauenherzen gebrochen hat als die meisten Vier-Schuh-
Großen und Drei-Käse-Hochs inklusive Beethoven? Er war schon ein kleiner
Filou: Seine Jugendliebe Therese Grob wollte er partout nicht ehelichen und lie-
ber Junggeselle bleiben. Er genoß erstens das ungebundene Dasein zu sehr, woll-
te zweitens, wie er es hübsch formulierte, keine Natur-, sondern ausschließlich
Kunststücke für die Nachwelt abliefem - und drittens war ihm die Resi wahr-
scheinlich zu Grob, während Franz nach Edlerem Ausschau hielt. Ein hochwohl-
geborenes Geschöpf wie die Komtesse Caroline von Esterhi{zy, der er 1817-18
Klavier- und Gesangsunterricht erteilte, hätte dem Feinschmecker schon gemun-
det; allein sie blieb unerreichbar. Als nicht ganz so unerreichbar stellte sich der
Ersatz in Gestalt ihrer Kammeruofe Pepi Pöckelhofer heraus ... Pepi, obschon
keine geborene Esterhäzy, durfte er ungestraft Osterhasi nennen und auch sonst
allerlei mit ihr anstellen. Sie war halt ein sehr anstelliges Mädel. Und, was noch
viel besser war (zumindest für den Zusammenhalt von Franzens Leib und Seele):
Pepi verwalrte an ihrem Leibe einen Schlüssel zur Speisekammer, den sie inbrün-
stiger verteidigte als ihre Unschuld und schließlich doch ihrem Franz hingab.
Während seines ersten Aufenthalts auf dem Esterhasen-Landsitz im schönen
Ungarland unterhielten Franz und Pepi die Art von Beziehung, die man wohl
>Bratkartoffelverhältnis< nennen könnte, wenn der Franz sich mit Kartoffeln zu-
lriedengegeben hätte. >Tafelspitz< käme eher hin.
Wer dem Franz mithin unterstellen möchte, er habe sich seine ominöse Lust-
seuche nach nur einmaligem Besuch bei einem freudenspendenden Wiener
Maderl zugezogen (hierzu aufs schärfste gedrängt von seinem Freund Schober),
der verkennt unseren kleinen Liebling vollkommen. Er wußte schon selber, wo's
lang ging, d.h. wo der schnellste Weg zur Speisekammer verlief. Darum gab er
sich niemals mit Frauen ab, die nicht gleichzeitig als Königin in ihrer Küche
schalteten und walteten. Der Geruch von unumschränkter Macht, der sie umgab,
dazu der Duft von gebratenen Hühnerbeinchen, Putenbrüstchen und Hasenschen-
kelchen, ließen ihn seine angeborene Schüchtemheit in Gegenwart der holden
Weiblichkeit ganz vergessen. Obwohl von Natur aus, wie es Freund Hüttenbren-
ner ausdrückt, ein eher trockener Patron gegen das schöne Geschlecht, ja biswei-
len direkt ungalant, konnte Franz sich durchaus zusammeffeißen, frische Wäsche
anziehen und sich sogar einmal im Monat die Zähne putzen, wenn es ihn >er-
wischt<, d.h. wenn er eine exquisite Fleischlieferantin entdeckt hatte. Einer guten
Köchin verfiel der Franz mit Haut und Haaren und ohne die geringste Gegenwehr.
Diese seine Fleischeslust jedoch erwies sich als ein grober Wiener Schnitzer, ein

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ausgewachsener Charakterfehler, der den unmittelbaren Anlaß zu seiner frühzeiti-
gen Vemichtung in sich barg. So besteht letzten Endes doch ein Zusammenhang
zwischen Fleischeslust und Tod, nur wird dieser mißverstanden: Wenn es so schön
heißt, der Schuben Franz habe sich in aller >Unbekümmertheit und Treuherzig-
keit< mit der Syphilis infiziert, liegen hierin gleich zwei krtümer. Der Franz besaß
kein sehr treues Herz, wenn es um das Fleischliche ging, und er litt an einer Ver-
seuchung ganz andererArt, welche ihm allerdings in der Tat ein weibliches Wesen
untergejubelt hat. Und dieser Frau errichtete der Nichtsahnende auch noch ein
musikalisches Denkmal !

Wir wissen nicht, ob Franz wußte, was er tat, als er das Lied >Die Forelle< kom-
ponierte. Der Text sagt nämlich schonungslos offen alles über sein eigenes Leben
aus. Da er letzteres aber nie richtig begriff (nicht einmal das Wesen oder besser
IJnwesen seiner Krankheit), bleibt ungeklärt, ob er je sein eigenes Lied kapiert
hat. In besagtem Machwerk geht es um ein Wasserwesen, wie Franz selbst eines
war in höchster Vollendung. Alles ist höchst zwiespältig und zweideuti!. Es heißt
beispielsweise >der Fisch<, doch >die Forelle<. Früheren düsteren Andeutungen
können wir entnehmen, daß Franz a) ein Mutant war und b) schöne breite Hüften
besaß. Das soll um Gottes willen nicht besagen, daß Franz nicht wußte, ob er
Männlein oder Weiblein war - von Interesse ist nur eines: Er war weder Fisch
noch Fleisch und konnte sich daher für keines von beiden endgültig entscheiden.
Außerdem weist die Zwitternatur der Forelle darauf hin, daß Franz sich (immer
unterbewußt) abwechselnd mit dem Fisch und mit dem Angler identifizierte, der
die Forelle am Ende zur Strecke bringt. Vergleicht er sich mit dem Fisch, dann ist
damit das freie, ungebundene Junggesellenleben gemeint, das ziel- und gesetzlo-
se Hin- und Herflutschen des fleischfressenden Raubfisches. Der im Liede zu
Wort kommende >neutrale< Betrachter ist der Meinung, der Angler könne die
schlaue, das Zigeunerleben meisternde Forelle niemals aus ihrem Element her-
ausbekommen. Sie kennt jeden Winkel im Bach, jeden Weg und Steg und jeden
Stein im Brett. Und sie hat ihr Vergnügen daran, den Angler an der Nase herum-
zuführen und ihre Freiheit ihm zum Trotz weiter zu genießen. Kein Angler von
einem Weibe kann den rastlosen Fisch aus seinem eigenen Bachbett ziehen, ihn
mit Wurmfleisch-Ködem zur Ehe locken und dann in die Pfanne hauen! Doch die
dritte und letzte Strophe beweist natürlich das Gegenteil: Der Angler wird unge-
duldig und unwirsch, er hat die Nase voll von der Forelle Bocksprüngen und
macht kurzen Prozeß mit dem Fisch, indem er gehörig Staub bzw. Schlamm auf-
wirbelt. Die Forelle kann vielleicht kein Wässerchen trüben - der Angler vermag
es um so besser. Einzig durch den faulen Zauber von Gewässerverschmutzung
schafft es der Angler, den dicken Fisch an Land zu ziehen; der Betrachter wirft
einen letzten bedauemden Blick auf >die Betrogene<.
Franz hat sich demnach sicherlich lieber in der Gestalt des Angelnden gesehen

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als in der Opfenolle seines schlüpfrigen Fischkollegen. Forellen waren schließlich
zum Essen da, und aufs Essen verstand der Franz sich ausgezeichnet; auch konn-
te der kleine Wiener Schlawiner, der er war, die Frauen manchmal ganz schönzap-
peln lassen, bevor er sie nach Herzenslust ausnahm, streng fleischmäßig betrach-
tet. Hauptsache, er tat es unbekümmert und arglos.
Dann kam jener unselige Karfreitag des Jahres 1821 oder 1822, der den armen
Franz im Endeffekt für seine fleischliche Natur bezahlen ließ. Selbswerständlich
gab es an just diesem Tage im um Wien herum zutiefst katholischen Osterreich
kein Stück Fleisch zu ergattem. Schon von den mittelalterlichen Mönchen wissen
wir dagegen, daß Fisch kein Fleisch ist und daher zum Verzehr an fleischfreien
Tagen taugt. Kaninchen sind übrigens auch kein Fleisch, wie jedermann oder
zumindest jedermönch damals mühelos begriff. Sei's drum: Der Schubert Franz
sah sich an jenem Tage sowieso gezwungen, in Sachen Mahlzeit fremdzugehen.
Das ihn regelmäßig bekochende Frauenzimmer des Jahres 1821 hatte sich schon
am Morgen mit Franz überworfen. Sie sollte ihm >Forelle blau< zubereiten, mit
allen Schikanen und möglichst dem passenden Wein dazu, nicht zu knapp bitte.
Franzens unfreiwillige Wirtschafterin warf ihrem Dauergast vor, er sei kalt wie ein
Fisch, wenn es nicht gerade zu Tisch ging. Sie war seine Faxen langsam leid; end-
lich vergaß die gute Frau sich ganz: >>Und überhaupt - blau bist du schon selbst.<<
Tatsächlich hatte sich ihr Franz bereits ein paar kräftige Schluck hinter die Kie-
men gegossen. Als er den Fehler beging, in ihrer Küche ziellos nach Eßbarem her-
umzusuchen und ihr dauemd in die Quere zu kommen (in ihren unmittelbaren
Machtbereich), bekam er sofort eins auf die Flossen. Drauf ward er weggeschickt
mit der Belehrung, er solle ihr gef?illigst nicht in ihre Fischkompositionen hinein-
reden, denn das täte sie bei den seinen sctrließlich auch nicht.
Draußen, auf freier Wildbahn, ereilte ihn sein Schicksal. So manches Mal war
er durch Feld und Flur gestreift, den Wiener Forst durchwandemd. Doch heut
betrat er ein ihm fremdes Jagdrevier, zudem ohne Begleitung - Schwämmlein
allein im Walde. Er pfiff ein frohes Liedlein für sich hin, wie man es meistens fut,
wenn man sich ftirchtet oder freut. Da tat sich eine Lichtung vor ihm auf. Welch
unerwartet hübscher Anblick: eine Wassermühle! Gleich bei der Mühle ein ent-
zückend Weib - die schöne Müllerin, kein Zweifel. Bei ihrem Anblick wurd's dem
Franz so anders im Gemüt, daß er schnurstracks die Notenpapienolle aus dem
Armel schüttelte. Er hatte seine Sonntagsbrille auf der Nase, trotzdem kniff er die
Augen fest zusammen, glaubte er doch, die holde Szene nur zu ffäumen. Nichts
da - dies war die reine Wirklichkeit. Die Müllerin sah ihn nur an, sah seinen Appe-
tit; dazog sie aus dem Mühlbach einen Fisch, die Zaubein, wie andre ein Kanin-
chen aus dem Hut! Und siehe da: Das Fischlein war eine Forelle. >>Dies Fischlein
reicht gewiß für zwei<<, sprach rätselhaft die Schöne, >>ich brat' es dir nach Art der
Müllerinnen.<

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Gesagt, getan. Die schöne Müllerin beträufelte das Tierchen (welches tot) mit
dem Saft einer Zitrone, würzte mit Salz und Pfeffer, wendete den Fisch in Mehl,
bestäubte ihn am Ende auch von innen. Drauf briet sie langsam ihn in heißem Ole,
gar reichlich ihn begießend. Als fertig war der Fisch, kam er gleich auf die Platte;
die gute Butter aus der Pfanne ergoß sich schäumend über ihn. Dazu gab's keine
Salzkart<iffelchen, doch Reis von Müllers Mühle. Drei Kapem noch und Petersi-
lie geschwind - doch wo zum Teufel die Müllerin damals schon die Flasche Wor-
cestersauce hernahm, bleibt dem Betrachter ewig rätselhaft.
Ein Rätsel waren sowohl Fisch als Dame auch dem Franz. Er hatte ihr bei der
Zubereitung zugesehen, fasziniert von ihren flinken, anmutigen Bewegungen, der
souveränen Art der göttlich begnadeten Köchin. Als er dann probieren durfte, kam
ihm seine eigene Forellenkreation im Vergleich rnit dieser richtig dürftig vor. Er
aß die Forelle übrigens ganz allein (was ihm bei seinem Appetit nicht weiter auf-
fiel), während die Circe von einer Müllerin ihm schweigend zusah. Ab und zu
nickte sie ihm aufmunternd zu, wenn er von seinem Teller aufblickte, vtas selten
vorkam. In Null-komma-nichts hatte der Franz das Fischlein verputzt; wdren
Kopf, Schwanz und Gräten nicht in weiser Voraussicht rechtzeitig vom Rumpf
entfemt worden, hätte der Müllerin Katze nichts mehr abgekriegt. Nach Genuß
der Mahlzeit bedankte Franz sich artig und gelobte feierlich, er werde seiner schö-
nen Gastgeberin einen Eanzen Liederzyklus auf den Leib schreiben, falls ihm
gestattet sei, immer mal wieder bei ihr >vorbeizuschau'n< (und zu probieren). Das
erlaubte sie ihm gern, zumal sie wußte, daß Fischlein wie das von ihr zubereitete
dem Gast im Magen liegen blieben, von Zeit zu Zeit ihm käftig aufzustoßen
pflegten und somit ihren ureigenen >Zyklus< in sich trugen, gegen den sich der
Esser gar nicht wehren konnte. Die Müllerin bedang sich aus, daß nur ihr Hen
Gemahl, der abwesende Wilhelm Müller, die Texte zu dem Liederzyklus schrei-
ben dürfe. (Und so geschah es auch.)
Die geheimnisvolle Müllerin erscheint uns schon jetzt verdächtig; wäre aller-
dings der Schubert Franz ihr treu geblieben, rein fischverzehrmäßig gesehen, hätte
die Sache und mit ihr Franz ein besseres Ende nehmen körmen. Die kochende
Müllerin war Herrin über vielerlei Gewürze mit eigenartigerWirkung. Außer zwei
besonders großen Bottichen (der eine mit der Aufschrift >Magie, weiß<, der ande-
re betitelt schwarz<) besaß sie Unmengen von winzigen Phiolen, Fläsch-
'Maggi,
chen, Döschen und Pulvertütchen, deren geheime Bewandtnis selbst der Müller
nicht recht kannte. Die schöne Hexe hatte sicher wirklich vor, den kleinen Ge-
nießer regelmäßig zu verköstigen, ganz ohne böse Absicht. Auch schmeichelte ihr
die Aussicht auf den Liederzyklus. Doch - o Graus! - kaum war der Karfreitag
vergangen und mit ihm die leidige Fastenzeit, da überkamen den Franz, die
fleischfressende Pflanze, seine alten Gelüste. Der Müllerin ihrerseits kam gleich
zu Ohren, daß ihr Franz, statt zu ihrem Herd zurückzukehren, einen schnöden

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Gasthof aus der Wienerwald-Kette aufgesucht und dort ein ordindres Grillhähn-
chen verzehrt hatte! Diese Beleidigung ertrug die Müllerin nicht. Der undankba-
rc Patron mußte büßen. >>Das Wandem ist des Müllers Lust< hatte ihr Gatte, der
Ahnungslose, einmal gesagt - sie jedoch wollte Fremdwandern niemals tolerie-
ren.
Sie wußte, daß der Stockfisch früher oder später wieder einmal zur Mühle kom-
men würde, wahrscheinlich an einem Freitag. Alles war vorbereitet für den Fall
der Fälle. Und tatsächlich erschien der Franz, der Mann mit dem kalten Fischblut
in seinen Adem, welches sie ihm gehörig zu vergiften gedachte. Er schmauste
seine Forelle, bedankte sich kurz und ging. Doch diesmal enthielt das Fläschchen
mit dem Etikett >Worcestersauce< garantiert nicht selbige, sondern ein unendlich
langsam schleichendes Verhängnis. Einen schnellen Tod gönnte die Müllerin dem
Franz natürlich nicht. Sie hatte ihm ebenfalls einen >Zyklus< zugedacht, der es in
sich haben sollte. Von den Japanem, die sich bekanntlich von alters her auf Fisch-
vergiftungen aller Art verstehen (ist doch der verdorbene Kugelfrsch dort so
beliebt wie hier nur der Knollenblätterpilz), haben wir die Erkenntnis gewonnen,
daß Quecksilber am allerbesten zur qudlend langsamen Verseuchung von Tier und
Mensch geeignet ist. Wenn wir zudem bedenken, daß die Müllerin den Schubert
bei der zweiten Mahlzeit kosend >mein kleines Silberf,rschchen< nannte ...
Die Symptome der Vergiftung, die übrigens bei Kaltblütern wie Franz noch
langsamer voranschritt als bei Nicht-Mutanten, glichen aufs Haar denen der
Syphilis. Als Höhepunkt der bitteren Ironie stellte sich bald heraus, daß die
Krankheit (die nicht durch Infektion, sondern durch Injektion entstanden war) in
Franzens äußerer Gestalt die Fischseele zum Ausdruck gelangen ließ: Er verlor all
seine Kräuselwolle auf dem Haupte. Ein fleckförmiger Lockenausfall suchte den
Kopf heim, >>als ob die Motten in die Haare gekommen wären<<. Franz wurde kahl-
geschoren und trug eine >gemütliche Perücke<. Das Interessante während dieser
Phase lag darin, daß Franz sich überall wie ein Fisch häutete; erst fiel es ihm wie
Schuppen aus den Haaren, dann helen die Haare hinterher. Sein Freund Schwind
schreibt zunächst von einem starken Ausschlag, später von einem
'niedlichen
Schneckerlanflug<. Ob er die zarte Neubildung von Franzens Lockenpracht meint,
sei dahingestellt; wahrscheinlicher ist, daß sich Schnecken an Schuberts Fisch-
kopf festsetzten (wenn auch nicht unbedingt fliegende). Die etwas bleigraufarbe-
ne Haut an Kopf und Körper weckte keinerlei Verdacht. Diese erste Phase der
Krankheit wurde stationär behandelt, im Wiener Allgemeinen Krankenhaus, wo
Franz bereits einen großen Teil der Müllerin-Lieder auf Notenpapier verewigte.
Uberhaupt hatte die Müllerin den Verlauf des Siechtums so eingerichtet, daß
Franz zwischendurch immer wieder zu frischen Kräften kam, ordentlich aß und
trank und brav an ihrem Zyklus schrieb, der unwissende Tropf. Tatsächlich wurde
Schubert bei jeder scheinbaren Besserung gleich übermütig, als sei er gar kein

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bißchen krank. Erst seine Freunde konnten ihn mühsam davon >überzeugen<, daß
er an der Syphilis litt, denn schließlich war er ein glücklicher Junggeselle und sie
nicht, die Armen.
Was nun die ärztliche Behandlung der vermeintlichen Syphilis angeht, sind es
wiederum zwei Dinge, die unsere volle Verwunderung verdienen. Wie bei jeder
unheilbaren Krankheit, wo Arzte nicht weiter wissen, gab es Standardmethoden,
die nicht halfen, aber meist auch nicht allzusehr schadeten. Im Falle Schubert hin-
gegen wurde praktisch nichts unternommen, obwohl die Arzte von der Lues-
Theorie überzeugt waren. Es gab nur einen Aderlaß (in einer Epoche, als man
ganze Völkerscharen von Siechen gemächlich auslaufen ließ): Dies beweist, daß
Franzens kaltes Blut bereits zu dick fürs Bluten war! Statt dessen bekam der Gute
Senfmehl zur Panierung ... Die einzig drastische Maßnahme, der man damals eine
kleine Heilchance einräumte, wurde ebenfalls unterlassen - die Quecksilberkur.
Offenbar fanden die Quecksilber, pardon, die Quacksalber bereits genügend von
demZeug in Schuberts Blutbahn, um zu der Meinung zu gelangen, die;Schmier-
kur< sei längst angewendet worden, und zwar von innen, was noch kein Arzt
gewagt hatte!
Als Schubert seinen >Müllerin<-Zyklus beendet haffe, sah man eigentlich keine
Verwendung mehr für ihn. Die Umstände seines Todes weisen dann noch einmal
überdeutlich auf Einwirkung der Müllerin sowie auf Franzens Fischnatur hin:
Sein letztes Abendmatrl nahm Schubert urm 31. Oktober 1828 im Lokal >Zum
Roten Kreuz(, welches er gern besuchte, ein. Urplötzlich, so berichtet Bruder Fer-
dinand, habe Franz Messer und Gabel auf den Teller geworfen, nachdem er den
ersten Bissen eines Fischgerichtes geschluckt hatte. Franz sagte, >es ekele ihn
gewaltig vor diesem Fische und es sei ihm, als habe er Gift genommen<. Guter
Gott! Da endlich dämmerte es ihm! Er aß darob nichts mehr, fing an zu delirieren
und verblich.
Das also war eines echten Gourmets Leidensweg, vom >Roten Krebsen< bis
zum >Roten Kreuz<. Die als Rot-Kreuz-Kellnerin verkleidete Frau Müller im
dezenten Fischgrätkostüm machte Franz endlich den Garaus. Er wurde nun, wie
er es gewünscht, Beethovens Nachbar: erst auf dem Währinger, dann auf dem
Wiener Zentralfüedhof, nachdem man sie zus:rmmen zweimal exhumiert hatte. So
etwas verbindet zwei Menschen ungemein, auch wenn sie sich erst nach dem
Leben näher kennenlernen. (Beethoven hatte lediglich Schuberts Lieder gelesen
und gemeint, sie seien ja ganz reizend, aber er könne sie langsam wirklich nicht
mehr hören.) Um ihr spätes Glück komplett zu machen, stieß zuletzt noch Johan-
nes Brahms zu dem Pdrchen. Es bleibt zu hoffen, daß wenigstens einer von den
dreien zu Lebzeiten das Skatspielen erlernt hat - schließlich kann man sich nicht
andauemd über Noten unterhalten, noch dazu mit einem Tauben in der Mitte.

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