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Forschungs- und Anwendungsbereiche der Soziologie

Rudolf Forster (Hg.) Zsf. von Sarah Mohrs

Abweichung und soziale Kontrolle (Irmgard Eisenbach-Stangl, Wolfgang Stangl; S. 11)


1 Einleitung: die Formierung der Soziologie der Devianz und der sozialen Kontrolle
Durkheim: Deviantes Verhalten ist ein normales Phänomen und Devianz hat nützliche Funktionen für die Ges.
stellte sich gegen biologischen Erklärungen der Devianz (Lombrosos „geborener Verbrecher“); Die „sittliche
Entwicklung“ profitiere vom Verbrechen.
Ähnlich: G.H. Mead: „… die feindselige Haltung gegenüber dem Gesetzesbrecher hat den einzigartigen Vorteil,
die Mitglieder einer Gruppe zu einen“.
Der Begriff d. sozialen Kontrolle wurde Ende d. 19.Jh. von dem amer. Nationalökonomen Edward A. Ross in die
Soz. eingeführt. Er meinte, dass die soziale Kontrolle das Zusammenleben erst möglich mache. 2 Komponenten:
1. ungeplante soziale Einflüsse (social influence) heute: „informell“
2. zweckgerichtete, „eigentliche“ soziale Kontrolle (social control) „formell“
Die „Geburt“ d. speziellen Soz. d. Devianz u. d. soz. Kontrolle ist verbunden mit dem neuen soziolog. Paradigma
d. Labeling Approach (Symb. Interaktionismus).
In der neuen Sicht von Devianz wird abw. Verhalten als „normal“ angesehen und nicht auf eine individuelle Pa-
thologie, auf eine persönl. Schwäche oder eine moralische Verfehlung zurückgeführt. Die Forschung richtet sich
auf die ges. Reaktionen, ihre soziale Genese, ihre (problematischen) Wirkungen auf die Abweichenden und ihre
Funktionen f. d. Ges.

2 Ein kurzer historischer Abriss der wichtigsten Paradigmen anhand der Diskussion
ausgewählter Arbeiten
2.1 Das funktionalistische Paradigma
Durkheim: abw. Verh. fördert die Einhaltung von Regeln und damit die Kohäsion i. d. Ges. und regt Innovationen an.
Merton: „Es ist unser oberstes Ziel zu entdecken, wie bestimmte soziale Strukturen ausgesprochenen Druck auf
bestimmte Personen in der Gesellschaft ausüben, sich eher nicht-konform als konform zu verhalten“. Die kultu-
relle Struktur d. Ges. besteht aus von allen geteilten, festgelegten Zielen, wie Erfolg, Reichtum, Ehre, Patriotis-
mus o. Frömmigkeit und aus einem Element, das die zulässige Form d. Strebens nach diesen Zielen definiert,
reguliert und kontrolliert. Abweichendes Verhalten ist eine nicht zulässige Form des Strebens nach denselben Zielen.
Er entwickelt 4 „Arten der Anpassung“ um mit widersprüchlichen Ziel-Mittel Relationen umzugehen:
1. Innovation: intensive Betonung d. Erfolgs fördert die Anwendung nicht erlaubter, aber oft wirksamer
Mittel, um zu Wohlstand und Macht zu gelangen Kriminalität
2. Rückzug: Personen verlieren das Interesse an (unerreichbaren) Zielen und an den vorgesehenen Mitteln zur
Zielerreichung sind soziologisch gesehen die wahren Außenseiter (Clochards, Autisten, Parias, Süchtige)
3. Rebellion: Ziele und Mittel werden zurückgewiesen (teils durch andere ersetzt) z.B. Aufstands- o.
Freiheitsbewegungen. (4. Ritualismus spielt in diesem Kontext wenig Rolle)
2.2 Labeling Theorie
Howard S. Becker führte Studien an Cannabiskonsumenten und Jazzmusikern durch und zeigte, dass deviantes Ver-
halten nicht die Folge individueller physischer, psychischer oder sozialer Defizite ist, sondern einem „normalen“
Lernprozess folgt. Abweichung ist das Ergebnis eines komplexen Interaktionsgeschehens, bei dem die Reaktionen
anderer, insbes. der Instanzen der Kontrolle aufgrund ihrer Definitionsmacht eine entscheidende Rolle spielen.
Abw. V. entsteht dadurch, dass Regeln aufgestellt werden, deren Verletzung abw. V. konstituiert.
„… [a]bweichendes Verhalten [ist] […] eine Konsequenz der Anwendung von Regeln durch andere und der Sanktio-
nen gegenüber einem „Missetäter“. […] abweichendes Verhalten ist Verhalten, das Menschen so bezeichnen“.
E.M. Lemert: primäre Devianz = abweichendes Verhalten; sekundäre Devianz = abweichendes Verh., das aus
den stigmatisierenden ges. Reaktionen auf primäre Devianz resultiert.

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Die soziologische Devianzforschung und die auf ihr beruhende Kritik an den strafrechtlichen Kontrollinstanzen
führte zu einer breiten Diskussion über das Strafrecht, zur Suche nach Alternativen zur (zwangsförmigen) Ans-
taltsbehandlung und zur Entwicklung alternativer Konzepte z.B. im Sucht- u. Drogenbereich.
2.3 Michel Foucault: Disziplin und Gouvernementalität
(ab 70ern) Im Zentrum seiner Analysen von psychiatrischen Anstalten und Gefängnissen steht die Analyse der
„Disziplin“, der Wahnsinnige und Verbrecher unterworfen werden: „Sie ist die spezifische Technik einer Macht,
welche die Individuen sowohl als Objekte wie als Instrumente behandelt und einsetzt“.
2.4 Neue Kontrollregimes und sozialer Ausschluss
Die neuen Kontrollregimes zielen nicht mehr darauf, Personen, die abw. Handlungen gesetzt haben, wegzusperren,
zu resozialisieren oder zu kurieren, sondern setzen bei der privaten Gestaltung von Räumen und Situationen an, um
damit indirekt bestimmte – erwünschte –Verhaltensweisen zu stimulieren, andere – unerwünschte – zu erschweren
und zu unterdrücken (z.B. Videoüberwachung öffentl. Räume). Unter dem Stichwort Public-Private-Partnership wer-
den die staatlichen Kontrollinstanzen zunehmend in Kooperation mit privaten Organisationen etabliert.

3 Beispiele aktueller Forschung


3.1 Beispiel 1: Sicherheitswahrnehmung im Städtevergleich
Im Zentrum einer zwischen 2001 und 2004 durchgeführten Studie stand die Frage, wie Stadtbewohner Sicherheit
und Unsicherheit im städtischen Raum und Alltag wahrnehmen, inwieweit riskante Geschäftsentwicklungen die Un-
sicherheitswahrnehmung beeinflussen und welche Bedeutung den unterschiedlichen gespol und ökonomischen
Rahmenbedingungen zukommt. Budapest, Krakau, Hamburg, Amsterdam und Wien nahmen teil.
Untersuchungsmethoden: als Untersuchungsgebiete wurden je zwei „benachteiligte“ Stadtgebiete gewählt. In Wien
wurde eine repräsentative Stichprobe an 1079 Personen durchgeführt und 86 P. wurden in teilstrukturierten Inter-
views befragt. Ergebnisse: hohes Maß an Zufriedenheit mit d. Wohnumgebung + d. Ausstattung d. Stadtviertels all-
gemein. Die überwiegende Mehrheit beurteilte die Wohngegend als „(eher) sicher“. Eine beobachtete höhere Op-
fererfahrung schlägt sich nicht in einer höheren „Ängstlichkeit“ nieder. Frauen beurteilen die Stadtteile unsicherer
als Männer. Das Gefühl von Unsicherheit ist auch als Folge eines allgemeinen „Unzufriedenheitssyndroms“ und nicht
so sehr als Folge konkreter Sicherheitsprobleme zu verstehen.
In Wien fühlt man sich sicherer als in den anderen Städten, obwohl die tatsächliche Kriminalitätsbelastung nicht we-
sentlich differiert (Sorge über Kriminalität in Wien 42%, i. d. anderen Städten weit über 70 bzw. 80%). Dieses Ergeb-
nis wird mit den pos. Zukunftsszenarien in Verbindung gesetzt, die in Wien vorherrschen. Es widerspricht gängigen
soziologischen Diskursen über zunehmende Unsicherheiten in der Spätmoderne.

3.2 Beispiel 2: Wahrnehmung der Wiener Drogenpolitik durch Betroffene


Diese Studie fand im gleichen geo-politischen Raum statt. Es ging um Wahrnehmung und Beurteilung der in den
70ern etablierten Wiener Drogenpolitik. 3 Teile:
1. Entwicklung d. Wiener Drogenpolitik im Beobachtungszeitraum, im Detail Drogenhilfe, -prävention u.
-verwaltung. Der gesetzliche Rahmen, dem sich die Drogenpolitik fügen muss, wurde erfasst.
2. > 40 Personen interviewt, die im Dogenbereich tätig waren („Akteure“): Fragen zur Beurteilung d. Drogensi-
tuation + -politik in Wien
3. > 40 „Adressaten“ interviewt: „unauffällige“ Drogenkonsumenten; jene mit viel Erfahrung mit der Drogenhil-
fe („Klienten“); „Kriminalisierte“, die in erster Linie mit Polizei etc. konfrontiert waren und Eltern von Dro-
genkonsumenten
Ergebnisse: sowohl Akteure als auch Adressaten sehen Wiener Drogenpol positiv; erste sehen sie jedoch zunehmend
kritisch (Bürokratie + Ökonomie), während unter letzteren sich nur ein Teil angesprochen fühlt.

4 Zusammenfassung und Ausblick


Abweichendes Verhalten und soziale Kontrolle sind soziale Tatsachen, die sich aufeinander beziehen und einander
bedingen. Die Analyse d. Zsh. zw. den Versuchen d. Ges. Devianz zu verhindern bzw. zu steuern und der Tatsache,
dass deviantes Verhalten diese Kontrollbemühungen durchbricht und neue Felder für Kontrollmaßnahmen eröffnet,
ist Thema d. Devianzsoziologie.
Diese hat sich jetzt auf die sozialen Kontrollen konzentriert, Risiko- u. Sicherheitsforschung werden zunehmend nicht
nur von den Nationalstaaten, sondern auch von der EU mit großem finanziellem Aufwand gefördert.

2
Alter (Anton Amann; S. 27)
1 Bestimmung des Themas und Rückblicke
Eine d. gängigsten Unterteilungen ist die Unterscheidung zw. Sozialgerontologie und Alterssoziologie, wobei erstere
im herkömmlichen Sinn keine eigene Disziplin ist. Die soziolog. Altersforschung begann ab ca. 1950 stark zu wachsen,
die Sozialgerontologie hatte ihre frühesten Wurzeln am Übergang vom 19. zum 20. Jh., die Geriatrie (medizinische
Altersforschung) stammt aus den frühen Anfängen d. 20. Jh. Wegen der unterschiedl. Zugänge zum Altersthema und
den sich darin spiegelnden wiss. Fragestellungen + Problemen ist es notwendig, diese 3 Bereiche abzugrenzen.
„Alterssoziologie“ befasst sich mit den objektiven strukturellen Bedingungen d. Lebenssituation usw. von Älteren,
Alten und Hochbetagten. Ergänzend entwickelte sich Ende d. 70er eine eigene Soziologie d. „Lebensalter“ u. d. „Le-
bensverlaufs“, die die ges. Differenzierung einer Vielzahl von Altersgruppen, Kohorten und Generationen sowie das
historisch sich wandelnde Verhältnis zw. diesen in den Vordergrund rückt. Jüngst erweiterte sich diese Perspektive
durch eine „Lebenslauforientierte Sozialpolitikforschung“ (fundiert in philosophischer Anthropologie) deren Kernvor-
stellung die Gestaltung d. Lebensverlaufs für Gruppen von Menschen durch die Sozialpolitik ist: Frage nach dem Ein-
fluss d. Staates auf die Lebenslagen verschiedener Kohorten.
Geriatrie hat einen transitorischen Charakter: (1) Die Frage, ob die Entwicklung in Richtung „Geriatrisierung d. Spezi-
algebiete“ oder „Spezialisierung d. Geriatrie“ geht/gehen soll, ist unentschieden. (2) Innerhalb d. med. Paradigmas
unterscheidet sich die Entwicklung d. Geriatrie erheblich von den bisherigen Verselbständigungsprozessen med.
Teilgebiete.
Sozialgerontologie: Wegen der Transdisziplinarität können fachwissenschaftliche Definitionen nur vorläufigen Cha-
rakter haben.

2 Theoretische Konzeptionen
Nach dem 2. WK entwickelte sich in den USA eine an Umfragemethoden orientierte Forschung, die entweder direkt
Fragen d. Situation älterer Menschen aufgriff oder Daten dazu als „Nebenprodukt“ abwarf. Darauf folgte (USA, 60er)
eine Phase, in der die ersten sowi „Alterstheorien“ entwickelt wurden.
Vieldiskutierte Anfänge bildeten die „Disengagement-Theorie“ (funktionalistisch; Cumming + Henry) und die „Aktivi-
tätstheorie“ (symbolisch-interaktionistisch; Cavan, Burgess, Havighurst). Erstere fasste Älterwerden als einen von d.
Ges. bedingten und von d. Person gewollten wechselseitigen Rückzugsprozess auf, letztere postulierte „erfolgrei-
ches“ Altern als das gelungene Zusammentreffen von Aktivität + Zufriedenheit.
Im Strukturfunktionalismus entwickelten sich Anfang d. 70er Theorien d. „Altersschichtung“ (Riley) und der „Moder-
nisierung“ (Cowgill, Holmes). Erstere meinte, dass jede Geburtskohorte hinsichtlich historischer Außenbedingungen,
Größe + Klassenlage einzigartig sei. Letztere unterstrich die sozialstrukturellen Bedingungen der Lage d. Älteren im
interkulturellen Vergleich und sah die historischen Variationen in Abhängigkeit von Grad d. Industrialisierung: „Mo-
dernisierung“.
Die „Austausch-Theorie“ (Blau, Dowd) konzentrierte sich empirisch auf materielle und kulturelle, weniger auf kogni-
tive und emotionale Verhältnisse d. Austauschs zw. Generationen, wobei Ältere häufig in einer schwächeren Position
gesehen wurden.
Die Theorie d. „Kompetenzverlustes“ (Kuypers, Bengtson; Anfang 70er) legt das vorrangige Augenmerk auf die Inter-
dependenz zw. Alten und ihrer Sozialwelt. Kerngedanke ist ein mit fortschreitendem Alter spiralförmig sich vor-
schraubender Kompetenzverlust. Gegenwärtige Theoriediskussionen zeigen davon stark abweichende Tendenzen,
indem Kompetenz, Selbstaufmerksamkeit + Produktivität im Alter betont werden.
Marxistische Theorietraditionen (sp. 70er): „Politische Ökonomie d. Alters“ (Estes, Philipson, Olson). Entstehung d.
kapitalist. Wohlfahrtsstaates + seiner sozialen Sicherungssysteme; Kreation struktureller Abhängigkeitsverhältnisse
für Ältere; empirischer Nachweis systematischer Benachteiligung + Machtlosigkeit der Älteren. zu einer „Kriti-
schen Gerontologie“ umgedeutet (Genderperspektive, Klassen- und Ethnienansatz, Identitätstheoreme + Politische
Soz. spielen eine entscheidende Rolle).

3 Aktuelle Forschungslinien
Im Kern d. aktuellen empirischen Forschung steht der „Altersstrukturwandel“ (Begriff eingeführt von d. Soz.geront.).
In der allg. Diskussion wird zu wenig sorgfältig zw. den Prozessen individuellen Alterns und den Fragen nach dem
Altern d. Bev. unterschieden.
Beim „Altern d. Gesellschaften“ sind 3 Perspektiven zu beachten:
1. Die Sozialgerontologie ist transdisziplinär, weil Alter + Altern körperl., seelische + ges. Fragen umfasst
3
2. Alter + Altern ist historisch + ontogenetisch (spezif. Entw. d. Individuums) bedingt gewaltige Unterschiede
im Prozess + im Ergebnis d. Alterns zw. einzelnen Personen, Kulturen + historischen Phasen
3. V.a. das höhere Alter ist ein noch wenig gestalteter Bereich d. Ges., weil eine für alle hohe Chance, ein hohes
Alter zu erreichen, erst eine Errungenschaft d. 20. Jh. ist.

3.1 Wandel der Altersstrukturen


Gemäß d. Theorie d. demografischen Übergangs befinden wir uns derzeit in der dritten (letzten), der „posttransfor-
mativen“ Phase: Die Fertilität singt stetig ab und gleicht sich der sinkenden bzw. dauernd niedrigen Sterblichkeit an;
die Bev. wächst kaum noch (bzw. sinkt) – sie altert.
1870: * > 50% der Gestorbenen waren unter 25 Jahre 2000: * < 2% unter 25
* 8% über 75 * 60% über 75
* 1,5% über 85 * 30% über 85
Der wesentliche Grund für demografisches Altern ist nicht die geringere Sterblichkeit/Steigerung d. Lebenserwar-
tung, sondern die sinkende Kinderzahl pro Frau.
Kinder (u14):
- 1923 gab es in Ö 1,6 Millionen,
- heute 1,2 Mio.,
- in den nächsten 35 Jahren vermutlich unter eine Million
Ältere (60+):
- 1923 gab es das erste Mal mehr als 600.000,
- 1970 waren es 1,5 Mio.,
- 2040 werden es vermutlich 2,8 Mio. sein
Hochaltrige (85+):
- Heute ~ 150.000
- 2050 vermutlich 500.000
„Alterskonzentrationsprozess“:
- Komprimierung d. Berufslebenszeit,
- massive Alterung d. Erwerbsbevölkerung,
- Hochaltrigkeit als neues „Massenphänomen“
- Feminisierung d. Alters
- Auflösung d. trad. Dreiphasenmodells d. Biografie (Kindheit/Jugend = Lernen/Ausbildung, Erwachsen = Er-
werbstätigkeit, Alter = Ruhestand)

3.2 Die Vielfalt der Effekte


Im ersten Bericht zur Lage d. älteren Bev. in Ö sind 11 Themenschwerpunkte d. Analyse von Altersfragen gewidmet.
Sie reichen von Lebensformen + Generationenbeziehungen, der wirtschaftlichen + sozialen Lage, über Wohnen, Ge-
sundheit, Kulturverhalten + Erwerbsbeteiligung bis zur ges. Partizipation + Versorgung + Pflege im Alter.
Der Bericht zur Lebenssituation zeigt 2 Charakteristika:
1. Unter Forschern herrscht ein gewisses Selbstverständnis über die wichtigen Fragen in einer alternden Ges. vor
2. Sozialgerontologische Forschung ist v.a. durch den Gesichtspunkt d. Anwendungserfordernisse (Politik, Pflege
etc.) und der innovativen Praxisforschung bestimmt.
Der Strukturwandel lässt buchstäblich keinen ges. Bereich unberührt und ist unumkehrbar.

4 Der Anwendungsprimat?
Ein großer Teil d. empirischen Forschung folgt dem Diktat d. Informationsgewinnung zum Zweck d. Entscheidungs-
findung. Länder + Kommunen sind zu dauernden Auftraggebern für sozialgerontologische Forschung geworden, da
pol. Entscheidungsprozesse ohne Verwissenschaftlichung der Politik nicht mehr denkbar sind.
Einen spezifischen Bereich d. Sozialgerontologie stellt das Aus- u. Weiterbildungssystem d. medizinisch-pflegerischen
u. sozialen Berufe dar.

5 Zusammenfassung
Alterssoz., Sozialgerontologie + Geriatrie haben sich seit ca. Ende 19. Jh. nebeneinander, aber nicht völlig getrennt
voneinander entwickelt. Geriatrie ist ein relativ abgegrenztes (medizinisches) Forschungsfeld geblieben, wenn auch
mit Anknüpfungen an die Sozialgerontologie. Alterssoz. + Sozialgerontologie haben viele gemeinsame Angelpunkte.

4
Familie (Ulrike Zartler, Rudolf Richter; S.39)
1 Was ist Familie?
Es gibt in den unterschiedlichen Disziplinen zahlreiche Definitionen von Familie. Eine mögliche soziologi-
sche Definition gab Rosemarie Nave-Herz. Besondere Merkmale der Familie sind:
o Biologisch-soziale Doppelnatur: Reproduktions- u. Sozialisationsfunktion
o Generationendifferenzierung
o Besonderes Kooperations- und Solidaritätsverhältnis
Für andere, speziell statistische und demografische Definitionen ist das Zusammenleben in einem gemein-
samen Haushalt besonders relevant. Dies inkludiert Ehepaare/Lebensgemeinschaften mit und ohne Kind
und Alleinerziehende mit Kind.
Laut Statistik Austria (2008a) gibt es in Österreich 2,315.000 Familien. Davon sind
o 31,2% Ehepaare ohne Kinder
o 42,2% Ehepaare mit Kindern
o 7,2% NEL (nicht eheliche Lebensgemeinschaften) ohne Kinder
o 6,1% NEL mit Kindern
o 11,1% alleinerziehende Mütter
o 1,9% alleinerziehende Väter

2 Theoretische Zugänge in der Familiensoziologie


2.1 Strukturfunktionalismus
Familie gilt hier als relativ geschlossene soziale Gruppe mit klar geregelter Rollenverteilung (z.B. male
breadwinner model).
Dieser Ansatz untersucht vor allem, welche Nomen und Regeln die Familie bestimmen und wie sich diese
im Laufe der Zeit verändern.

2.2 Systemtheorie
Familie = soziales System, das sich gegenüber der Umwelt abgrenzen muss (mittels spezifischem Code).
Luhmann: Ein Charakteristikum der Familie ist, dass eine Vielzahl auch intimer Dinge zur Sprache kommen kann.
Familie = System, das Intimität organisiert
Dieser Ansatz hat in der Praxis der Familientherapie und Interventionen in Familienberatung Eingang gefunden.

2.3 Interaktionistische Ansätze (Symbolischer Interaktionismus)


Individuum als sozial Handelndes steht im Mittelpunkt. Dieses Handeln ist sinnorientiert.
Untersucht, WIE Regeln interpretiert und gelebt werden. Interaktionen zwischen Familienmitgliedern ste-
hen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Analysiert, wie Routinen und Rituale entstehen, wie Rollen-
verteilung u. Alltag organisiert, wie Konflikte bewältigt werden.

2.4 Rational Choice und Austauschtheorie


Das Individuum handelt rational und stellt Kosten-Nutzen-Rechnungen an, um zu einem Ziel zu gelangen.
Dieser Ansatz will zeigen, dass Macht- und Rollenverteilung stark vom sozialen Status, insbesondere vom
Bildungsniveau, der Partner abhängen.
2.5 Theorie der Postmoderne
Betont, dass sich die starre Rollenstruktur auflöst, historische & biografische Perspektive werden mitbe-
rücksichtigt. Familie wird nicht als geschlossene Einheit (Kernfamilie) gesehen, sondern eher als Bezie-
hungsnetzwerk.

5
2.6 Individualisierungs- und Pluralisierungsthese
(Theorie mittlerer Reichweite)
Im Zuge der Moderne kommt es in Europa zu einer verstärkten Individualisierung: der/die Einzelne wird wichti-
ger als das Kollektiv mehr Formen, wie Partnerschaft und Familie gelebt werden
Wertewandel (Übergang von 60ern in 70er) Wertepluralität
Deinstitutionalisierung der Familie: weniger Eheschließungen, mehr Kohabitationen (NEL), hohe Scheidungs-
raten, niedrige Geburtenraten; Diskussion über Auflösung der Kernfamilie
Aus empirischer Sicht kann eher von „Pluralisierung partnerschaftlicher Lebensformen“ als von „Pluralisierung
von Familienformen“ gesprochen werden.

3 Familien heute: Charakteristika und Forschungsergebnisse


3.1 Familie wird zur Mehrgenerationenfamilie
Die Lebensphase in der Kernfamilie wird immer kürzer: heute nur ein Viertel (bis max. ein Drittel) der gesamten
Lebensspanne. Gleichzeitig werden vertikale Familienbeziehungen häufiger, horizontale dafür seltener: „Boh-
nenstangenfamilie“. Waren früher v.a. die Geschwister Bezugspersonen, so sind es heute die Eltern. (Trotzdem
ist nur jedes 8. Kind ein Einzelkind, knapp die Hälfte hat ein Geschwister [unter 5-Jährige ausgenommen].)
Dazu einige Daten:
o 80% leben in multilokalen Drei- und Viergenerationenfamilien
o 80% der 30- bis 44-Jährigen erreichen die Eltern in weniger als einer Stunde
o 30% sehen Vater und/oder Mutter fast täglich,
o 30% zumindest 1x pro Woche
o 40% der unter Zwanzigjährigen sehen Großeltern täglich

3.2 Alternativen zu Ehe und Familie werden häufiger


Der Zusammenhang zwischen Ehe und Familie wird immer schwächer, Alternativen (NEL, Living Apart To-
gether, „Regenbogenfamilien“, Singles) werden sozial akzeptabel.
Das Single-Leben im jungen Erwachsenenalter ist v.a. durch sozioökonomische Umstände wie längere Bil-
dungszeiten und unklare Berufssituation bedingt. Der Anteil d. Einpersonenhaushalte stieg von 17,5 %
(1951) auf 35,1% (2007) (verstärkt auch Personen 60+).
Anzahl der „echten“ Singles zwischen 25 und 55 wird auf 5% geschätzt.
Das Erstheiratsalter steigt seit Jahrzehnen an und betrug 2007 für Frauen 28,8 und für Männer 31,6 Jahre.
Ursachen dafür sind verlängerte Ausbildungszeiten und wenig abgesicherte ökonomische und berufliche
Situation.
Bedeutungswandel: Die emotionale Qualität der Partnerbeziehung erscheint wichtiger als die Legalisierung
einer Partnerschaft durch die Ehe. Kindorientierte Eheschließung ist vorherrschend.

3.3 Familienplanung und -gründung verändern sich


∅ Erstgebähralter: 27,9 Jahre (1991: 25,1)
Nettoreproduktionsrate liegt seit 1972 unter dem demografischen „Ersatzniveau“ von 1 und beträgt ak-
tuell 0,68 (d.h. die Tochtergeneration wäre (unter stationären Bedingungen) um 32% kleiner als die Müt-
tergeneration).
∅ Kinderzahl: 1,68 (2008a); ideale Kinderzahl (Wunsch und Biologie etc.) sinkt erstmals auf unter 2.
Familienplanung ist heute zunehmend eine Frage der Regulierung biologischer Vorgänge geworden.

3.4 Die Gestaltung familialer Beziehungen wird zu einer komplexen Aufgabe


Familie ist heute nicht mehr einfach da, weil man in sie hineingeboren wurde oder sie gegründet hat. Viel-
mehr muss sie von ihren Mitgliedern aktiv hergestellt, gepflegt und organisiert, d.i. gewollt und gewählt
werden: „doing familiy“
Starke Veränderung der Eltern-Kind-Beziehung: Kinder werden zu Sinnstiftern für das Leben der Eltern; das
einzelne Kind hat einen größeren Stellenwert und lebt wesentlich behüteter.
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Abkehr von autoritären Erziehungsprinzipien, zunehmende Akzeptanz und Förderung der Individualität des
Kindes: „Übergang vom ‚Befehlshaushalt‘ zum ‚Verhandlungshaushalt‘“
Verändertes Männer-Rollenbild: „Neue“ Väter wollen zu ihren Kindern eine enge emotionale Beziehung
aufbauen und an ihrem Leben intensiv teilhaben. Allerdings bleibt es meist beim Wunsch/ der Einstellung.

3.5 Scheidungen und ihre Folgen erfordern eine Reorganisation familialer Beziehung
Scheidungsrate: 49,5% (Wien 64%)
Scheidungsrisiko aus Kindersicht: 20% (Wien 22%)
Soziodemografische Zusammenhänge d. Scheidungsrisikos: Ehedauer (U-förmiger Zsh.), Heiratsalter (je jünger
desto mehr Risiko), Rangzahl der Ehe (höheres Scheidungsrisiko für 2.- und 3.Ehen)
Bedeutsam für die Etablierung einer „gelungenen“ Nachscheidungsfamilie:
o Trennung von Paar- und Elternebene
o Befriedigende Kontakte zw. Kind und nicht (haupt-)sorgeberechtigtem Elternteil
o Verlässliches soziales Beziehungsnetz
Häufigste Familienform nach Scheidung: (mütterliche) Einelternfamilie
Ansteigen von Stief- und Patchworkfamilien (wegen geringerer ges. Stigmatisierung)

3.6 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen beeinflussen das Familienleben


Familie und Bildung
Bildungsbiografien von Kindern werden immer zentraler, und schulische Belange stellen ein wichtiges (Konflikt-)
Thema innerhalb der Familie dar. Der Familienalltag wird durch die Schule weitgehend zeitlich und organisato-
risch bestimmt.
Familie, Beruf und Kinderbetreuung
Der Anteil erwerbstätiger Mütter steigt kontinuierlich an, die Erwerbsbeteiligung von Männern ist von der Fa-
milienkonstellation nach wie vor kaum beeinflusst.
Familie und ökonomische Situation
Besonders armutsgefährdet sind Einelternfamilien, kinderreiche Familien und Familien mit kleinen Kindern.
Kinder aus MigrantInnenfamilien haben nach wie vor signifikant schlechtere Lebenschancen.
Die schulische Laufbahn eines Kindes ist stark vom familiären Hintergrund, insbesondere von den sozio-
ökonomischen Merkmalen und dem Bildungsstatus der Eltern, abhängig.
Familie und rechtliche Situation
Das Recht schafft Rahmenbedingungen für das Familienleben, z.B. die Absicherung und Gestaltungsmöglichkei-
ten unterschiedlicher Lebens- und Familienformen.

4 Familiensoziologisches Wissen in der Forschungspraxis


Familienforschung findet auf universitärer und außeruniversitärer Ebene statt. Seit 1969 erschienen im
10jahresintervall Familienberichte.

5 Resümee
Familie wird mitunter als „Auslaufmodell“ dargestellt, da sie sich in unterschiedliche Familienformen ausdiffe-
renziert. Eine Betrachtung größerer historischer Zusammenhänge zeigt, dass die Vielfalt von Familienformen
vermutlich in der Vergangenheit größer war als heute und dass ein Bedeutungsverlust von Familie nicht ohne
weiteres postuliert werden kann.
Rollenvergaben werden unklarer;
Unterschiedliche Familienleitbilder: konservativ mit traditioneller Rollenverteilung, individualistisch, welche die
einzelne Person in den Mittelpunkt stellt, egalitär, die die Gleichheit von Mann und Frau betont.
Wichtiger als die Familienform ist die emotionale Qualität der Beziehungen.

7
Geschlechterverhältnisse und Beziehungen (Roswitha Breckner; S.56)
1 Einleitung
Es gibt nicht „die“ Soziologie d. Geschlechterverhältnisse u. -beziehungen. Feministische Theorien, Frauen-
und Geschlechterforschung sind durch inter- u. transdisziplinäre Ansätze gekennzeichnet.

2 Historischer Hintergrund und Entstehungsgeschichte


Gemeinsam war allen Frauenbewegungen, Erklärungen f. die Verfasstheit d. G.beziehungen zu finden + Kritik an
Macht- u. Herrschaftsbeziehungen. Eine fundamentale Kritik am „androzentristischen Weltbild“ (männlich =
normal, weiblich = abweichend/zweitrangig) entwickelte sich insbes. während d. Aufklärung u. d. Französischen
Revolution im 18. Jh. sowie im Zuge d. Industriellen Revolution im 19. und 20. Jh.
Die Erste Frauenbewegung (Franz. Rev.) formierte sich unter Olypme de Gouche. Sie sprach Widersprüche im
(männlichen) Konzept vom Menschen/d. Franz. Rev. an: Die „Gleichheit aller Menschen“ meinte eigentlich die
Gleichheit aller Männer, da „Mann“ und „Mensch“ gleichgesetzt waren. Diese Ungleichheit wurde von den „Re-
volutionären“ damit begründet, dass die Frauen „ins Haus“, aber nicht in die Öffentlichkeit und schon gar nicht
in die Politik gehörten. Es seien zwar alle Menschen „von Natur aus“ gleich, aber da Mann und Frau „von Natur
aus“ unterschiedlich seien, seien sie eben doch nicht gleich „Paradox der ‚natürlichen‘ Ungleichheit in der
naturrechtlichen Gleichheit“.
O. de Gouche wurde noch während d. Fr. Rev. als „Verräterin an der Revolution“ durch die Guillotine hingerichtet.
Ende 18. und im 19.Jh. brachten Anthropologie und Biologie den „natürlichen“ Unterschied zw. Mann + Frau als
wissenschaftl. Tatsache hervor. Das Ein-Geschlecht-Modell (Antike bis Mittelalter vorherrschend: biolog. Ge-
schlecht von Mann + Frau als Variationen nur eines Geschlechts) wurde vom Zwei-Geschlechter-Modell (2 sich
dichotom voneinander entscheidende Geschlechter) abgelöst Neubestimmung d. Geschlechterdifferenz.
2 Annahmen sind bis heute aktuell: Mann- und Frau-Sein schließt sich gegenseitig aus; Begründung + Legitima-
tion soz. Ungleichheit zw. Männern und Frauen mit biologisierter Geschlechterdifferenz.
In der Industriellen Revolution löste Lohnarbeit die „Ökonomie des ganzen Hauses“ ab. Die Erwerbsarbeit löste
sich von d. Sphäre d. Hausarbeit. Erstere wurde zur wertschöpfenden „produktiven“ Arbeit, letztere zur werter-
haltenden „reproduktiven“. Konkurrenz um entlohnte Arbeit Verdrängung d. Frauen in die „private“ Sphäre.
Begründung dafür war die Polarität d. Geschlechtscharaktere (K. Hausen), der zufolge die „Charaktereigenschaf-
ten“ von Männern und Frauen in ihrer „Natur“ verankert seien (z.B. Männer: aktiv, Frauen: passiv usw.).
neuer Männertypus: „Familienernährer“, neuer Frauentypus: „Nur-Hausfrau“, neue Familientypus: „Kleinfami-
lie“ („bread-winner-Modell“).
Zweite Frauenbewegung (nach WK2): Frauen traten zunehmend in die Erwerbssphäre ein. Kritik an der Zuwei-
sung v. Tätigkeitsbereichen aufgrund zugeschriebener „Charaktereigenschaften“.
Die soziale Ungleichheit zw. Männern und Frauen hat sich jedoch (noch) nicht aufgelöst: in best. Gesellschafts-
bereichen sind Frauen marginalisiert (Wirtschaft, Politik, Technik, Medizin usw.); in Führungspositionen bzw.
Stellungen mit dem höchsten Prestige + Einkommen sind sie unterrepräsentiert.

3 Theoretische Perspektiven, zentrale Fragestellungen, Forschungsansätze und Forschungsfelder


3.1 Frauenforschung
Simone de Beauvoir (20.Jh.): „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“.
Während d. Studibewegungen in den 60ern etablierte sich Frauenforschung als akademisches Forschungsfeld
und fragte danach, wie man zur Frau wird und wie die Lebenswirklichkeit von Frauen beschaffen ist. Ziel: Frau-
en aus der Privatheit befreien (Motto: „Das Private ist politisch“); sichtbar machen, wie stark unsere Ges. ent-
lang der Kategorie „Geschlecht“ ungleich strukturiert ist, d.h. zu zeigen, dass Frauen strukturell benachteiligt
sind öffentl. Bewusstsein f. die Ungleichheiten. Die entdeckte soz. Ungleichheit wird als Ausdruck eines
durch Macht- u. Herrschaftsverhältnisse gekennzeichneten patriarchalischen Geschlechterverhältnisses ver-
standen.
3.2 Geschlechterverhältnisforschung
Ziel: gesellschaftstheoretische Konzepte, mit denen das Geschlechterverhältnis als gesellschaftliche Struktur
erfasst + erklärt werden kann. Empirische Befunde zur Lebenssituation von Frauen bzw. zum Verhältnis zw.
8
Männern + Frauen werden als Bestandteile einer übergreifenden Struktur d. Verhältnisses zw. Genusgruppen in
d. sozialen Ordnung einer Ges. begriffen.
Die Verschränkung d. verschiedenen ges. Bereiche bzw. Subsysteme bringt eine spezifische Relation zw. Ge-
nusgruppen hervor und sichert diese gegenüber Veränderungen in den einzelnen Bereichen ab.
Paradoxe Strukturierung: Erwerbs- u. Reproduktionssphäre sind grundlegend aufeinander angewiesen; den-
noch wird erstere ges. weitaus höher bewertet und mit mehr Macht(ressourcen) (z.B. Geld) ausgestattet. Er-
klärt wir diese Strukturierung mit der (historischen) Wirksamkeit von patriarchalen Macht- u. Herrschaftsver-
hältnissen.
3.3 Geschlechterforschung – Gender Studies
Thema sind vornehmlich Interaktionsbeziehungen zw. M + F in sozialen Institutionen (z.B. Familie, Betriebe,
Organisationen).
Unter „Geschlechterbeziehungen“ werden institutionalisierte Formen d. Interaktion zw. M + F verstanden.
Frauen geraten nicht mehr vorwiegend als Opfer in den Blick, sondern als Handelnde und Beteiligte an konkre-
ten sozialen Prozessen + Beziehungen.
Es entwickelten sich konkrete Maßnahmenpakete, um soz. Ungl. in institutionellen Kontexten abzubauen und
mit der Vielfalt d. Unterschiede produktiver umzugehen (z.B. gender mainstreaming u. diversity management).
Das Interesse richtet sich zunehmend auch auf Orientierungen, Verhaltensweisen, Interaktionsrituale von Män-
nern Männerforschung (versteht sich als Beitrag zur Genderforschung): Thema: interaktive + institutionelle
Herstellung d. Geschlechterbeziehungen. Verhaltensweisen + Orientierungen zw. F + F und M + M unter-
scheiden sich erheblich voneinander fraglich, ob die Annahme, die biolog. Differenz zw. M + F („sex“) sei die
„Basis“ für die soz. G.differenz („gender“), überhaupt noch haltbar ist.
3.4 Feministische Theoriebildung
Fokus ist die Analyse + Kritik d. Kategorie „Geschlecht“ u. d. Logik d. Geschlechterdifferenz. Die Annahme, „sex“ sei
„natürlich“ wird radikal in Frage gestellt: Die Vorstellungen von d. „Natürlichkeit“ d. „biolog. G.differenz“ ist ebenso
ein gesellschaftshistorisches, (natur-)wissenschaftl. wie alltäglich sozial immer wieder hergestelltes Produkt.
Am brisantesten ist die Frage, welche Rolle Körper, Leib bzw. Gefühle für die Konstruktion d. G.differenz/
G.verhältnisse spielt. 3 Ansätze:
o „Doing-Gender-Ansatz“: Herstellung d. G.differenz in alltägl. Interaktionsbeziehungen; Körper als Ressource
o Diskurstheoretischer Ansatz: Sprache, Diskurs und durch „heterosexuelle Matrix“ geprägte symb. Ordnung
o Leibphänomenologischer Ansatz: Zsh. körperl.-leiblicher Empfindungen + Gefühle & diskursive Konstruktion
Die Selbstverständlkt der Kategorien „Mann“ + „Frau“ ist nachdrücklich in Frage gestellt worden. Auch die Basis
pol. Frauenbewegungen, die sich auf diese Kategorie beziehen müssen, um Ungl. aufzudecken, ist fraglich geworden.

4 Praxisfelder
Die mögl. Tätigkeitsbereiche lassen sich nicht auf abgrenzbare + überschaubare Felder begrenzen, weil gender-
spezifische Fragen + Problemstellungen in nahezu allen ges. Bereichen relevant sind.
4.1 Lern- und Forschungsfelder
Gender-Themen und -Schwerpunkte können derzeit an der Fakultät für Sowi der Uni Wien und am IHS studiert
werden. Es gibt eine Vielzahl von genderspezifischen Forschungsprojekten an den Fakultäten + Instituten d.
Wiener Unis und auch außeruniversitär (z.B. geistes- u. kulturwissenschaftlich: IWM, IWK, IFK; sozial-, politik- &
wirtschaftswissenschaftlich: IHS, ZSI, FORBA, WIFO).
4.2 Außeruniversitäre Praxisfelder und gesellschaftliche Handlungsansätze
Das Tätigkeitsfeld ist aus dem professionalisierten polit. Engagement im Zuge d. Zweite Frauenbewegung hervorge-
gangen. Es gibt
- eine Vielzahl von Beratungsstellen,
- den Bereich d. Evaluation von Beratungsstellen,
- etliche Ministerien,
- Konzepte zu work-life-balance und diversity management in Betrieben,
- internationale Organisationen.
- In politischen Parteien gibt es ExpertInnen zu diesem Thema.
9
Gesundheit und Medizin (Rudolf Forster, Karl Krajic; S. 72)
1 Einleitung: Zum Gegenstand und seiner Aktualität
Gesundheit gilt vielen als Ausdruck und Teil von Lebensqualität und wird zunehmend zum Entscheidungskriterium
beim Konsum von Waren und Dienstleistungen.
Schwere Krankheiten oder längere Pflegebedürftigkeit gehören zu den vorrangigen Lebensängsten spätmoderner
Individuen.
Je reicher Gesellschaften sind, umso höher werden ihre relativen Aufwendungen für die Krankenversorgung: die
öffentlichen + privaten Ausgaben dafür liegen in den meisten (alten) EU-Staaten bei ca. 10% des BIP (ca. doppelt so
viel wie vor 40 Jahren).
Gesundheit und Krankheit sind kulturell und sozial geprägte Konstrukte, die Wandlungen unterliegen und inter- und
intrakulturell variieren.
Schulmedizinische Denkansätze haben zu einem komplexeren, auch bio-psycho-sozialem Verständnis von Gesund-
heit & Krankheit geführt und zur (Weiter-)Entwicklung von Interventionen, die über klinische Medizin hinausgehen.

2 Zentrale Forschungsbereiche: Geschichte, Theorien, Forschungsergebnisse


2.1 Gesellschaftliche Determinanten und sozial ungleiche Verteilung von Krankheiten
Historischer Wandel des Krankheitssprektrums und der Lebenserwartung
In Ö hat sich die ∅ Lebenserwartung seit 1868 mehr als verdoppelt und lag 2000 bei 81 bzw. 76 Jahren. Dies liegt v.a.
an der starken Verringerung der Kinder- und Säuglingssterblichkeit. Mitte des 19. Jh. ging die hauptsächliche ge-
sundheitliche Bedrohung von Infektionskrankheiten aus. Im Laufe d. 20. Jh. traten immer mehr chronisch-
degenerative Erkrankungen in den Vordergrund (Herz-Kreislauf-, Krebs-, psychische Erkrankungen).
Der Rückgang der Sterblichkeit ist v.a. auf die Verbesserung der Lebensbedingungen zurückzuführen (Wasserversor-
gung, Abfallbeseitigung, Nahrungsmittelhygiene – nationalstaatliche Autoritäten erkannten, dass ein gesundes Volk
wirtschaftliche Prosperität und militärische Stärke aufwies). Nur ein sehr kleiner Teil des Wandels wird medizini-
schen Entdeckungen und Technologien zugerechnet.
Soziale Ungleichheiten als Kern der Soziogenese-Forschung
Beobachtungen über Verteilungen von best. Krankheiten sind wichtig für die Analyse der Einwirkungen ges. Verhält-
nisse auf das Befinden von Individuen.
Durkheims Studie über den Selbstmord ging von Unterschieden im Suizid-Verhalten zwischen Protestanten und Ka-
tholiken aus. Sein Erklärungsansatz strich dabei Faktoren wie Zusammenhalt und Solidarität hervor und gilt heute als
Pionierarbeit für die Erforschung der gesundheitlichen Relevanz sozialer Unterstützung.
Große Studien in den USA vor + nach dem 2. WK belegten eindrücklich das gehäufte Auftreten von psychischen
Krankheiten in den sozial benachteiligten Vierteln von Großstädten und generell in den unteren sozialen Schichten.
Trotz eines weiteren Anstiegs der Lebenserwartung und wachsender Aufwendungen für Krankenversorgung nehmen
diese vielfach belegten gesundheitlichen Ungleichheiten eher zu als ab.
Erklärungsansätze gesundheitlicher Ungleichheit
Der Zusammenhang zwischen Sozialstatus und Gesundheitszustand ist mit sozialer Verursachung erklärbar (Status-
position beeinflusst Gesundheit) und nicht mit sozialer Selektion (gesundheitl. Status determiniert Sozialstatus). Zu
unterschiedlichen gesundheitlichen Belastungen kommen untersch. Bewältigungs-Ressourcen; ergänzt werden sie
durch Unterschiede in gesundheitsrelevanten Lebensstilen und Konsummustern; schließlich können auch Ungleich-
heiten der gesundheitl. Versorgung zu gesundheitl. Ungleichheit beitragen.
Beisp. Herz-Kreislauf-Erkr.: je niedriger die berufliche Stellung, desto höher das Erkrankungs- und Sterberisiko.
„Anforderungs-Kontrollmodell“ (R. Karasek): Umfang und Intensität von Stresserfahrungen hängen vom Zusam-
mentreffen von hoher Arbeitsbelastung und geringen Entscheidungsmöglichkeiten ab.
Modell „sozialer Gratifikation“ (J. Siegrist): ungünstiges Verhältnis von Verausgabung und verschiedenen Formen
der Belohnung. Beide Modelle haben sich in empirischen Studien bewährt.

2.2 Soziologie der Krankenversorgung (Medizinsoziologie)


Mit der Etablierung des Wohlfahrtsstaates bildete sich ein hochkomplexes medizinisches Dienstleistungssystem, was
(zuerst in den USA) zur Begründung einer speziellen Medizinsoziologie führte. R. Straus unterschied eine „Soziologie
in der Medizin“ (Beitrag zur Lösung praktischer Probleme) und eine „Soziologie der Medizin“ (distanziert & kritisch).
10
Parsons‘ strukturfunktionalistische Analyse der Arzt- und Krankenrolle
Eigenes Kapitel in Parsons Werk über soziale Systeme gilt als Pionierwerk der Medizinsoziologie. Sein Interesse galt
der Funktion der Medizin für die Erhaltung sozialer Ordnung in arbeitsteilig organisierten Ges., in denen Krankheit
das komplexe Gefüge von Rollenerwartungen und -ausführungen bedroht. Dies umso mehr, als Krankheit als legiti-
mer Rückzug aus dem Leistungsdruck an Attraktivität gewinnen könnte. Moderne Ges. entwickeln daher spezifische
Normen und Institutionen, um Krankheiten zu regulieren und eine möglichst rasche Rückkehr zur Normalität zu un-
terstützen: aufeinander bezogene Rollen von Ärzten und Kranken mit jeweiligen Pflichten und Privilegien.
Ausgewählte Forschungsstränge nach Parsons
Parsons sieht eine dominante Stellung der ärztlichen Experten gegenüber den Patienten als funktional und rational.
Problematische Seiten einer paternalistischen Arzt-Patient Beziehung wären z.B. eine unzureichende Informiertheit
vieler Patienten und die verbreitete Nicht-Befolgung ärztlicher Anweisungen.
Der Parsons’schen Annahme der „Entschuldung“ der Kranken wird insofern widersprochen, als in der Realität den
Kranken oft unterstellt wird, sie seien für ihren Zustand mitverantwortlich und damit werden die mit der Krankenrol-
len verbundenen „Privilegien“ nur widerwillig oder eingeschränkt gewährt; Tendenz zunehmend.
Bezüglich der sozialen Kontrollfunktion der Medizin sah Parsons in der wissensch. und ethischen Verankerung der
Arztrolle ausreichend Vorkehrungen für die Balance zwischen Patienten- und anderen Interessen. Bald unterliegt
diese Kontrollfunktion aber kritischerer Auseinandersetzung: „Medikalisierung“ – fortscheitende Ausdehnung medi-
zinischer Definitions- und Interventionsmacht auf immer mehr gesellschaftliche Phänomene.
Parsons‘ Analyse war vorwiegend auf akute Krankheiten ausgerichtet. Mittlerweile stehen die chronischen K. im
Zentrum, gestützt auf interpretative Thematisierung und qualitative Forschungsmethoden.
Das Auftreten einer chronischen Erkrankung verändert gewohnte soziale Rollen und Beziehungen, führt zu Unsicher-
heiten, Irritationen und Diskriminierungen und zu einem von der Krankheit geprägten Alltag. Das Konzept der Le-
bensqualität hat sich damit als Evaluationskriterium medizinischer Intervention etabliert.
Organisationen der medizinischen Versorgung
In der Med.soziologie wurde Krankenversorgung lange primär als Produkt professionellen Handels verstanden. Ana-
lysen organisierter, arbeitsteiliger Krankenversorgung waren lange Zeit sekundär und konzentrierten sich auf Kran-
kenhäuser. Wichtig dabei: diagnostizierbare Widersprüchlichkeiten im Umgang mit Patientenbedürfnissen: starke
Reglementierungen der Patienten und ausgeprägte soziale Asymmetrien zw. Personal u. Patienten, besonders bei
langfristiger Unterbringung u. erhöhter sozialer Kontrollmacht (Psychiatrie). Goffman analysierte an diesem Bsp.
Strategien der Aufrechterhaltung der Identität von „Insassen“ unter extremen Bedingungen.
Krankenhäuser unterliegen einem beschleunigten Wandel: technologische Innovationen + Gesundheitsreformen.
Dies eröffnet der Soziologie neue Möglichkeiten: Organisationsentwicklung, Qualität, Gesundheitsförderung.
Krankenhäuser gehören zu den komplexesten und interessantesten Organisationen unserer Gesellschaft. Sie mana-
gen existenzielle und emotionsgeladene Probleme und schaffen es, viele ausdifferenzierte Spezialistenperspektiven
wieder zu einer Gesamtwirkung zusammenzuführen.
Versorgungsforschung
Zentraler Hintergrund sind die Folgeprobleme der Ausdifferenzierung immer spezifischerer Fachgebiete, spezialisier-
ter Berufe und Institutionen in der Krankenversorgung.
Themen sind z.B. Kontinuität und Integration der Versorgung von chronisch Kranken, von Schwer(st)-Behinderten zu
Hause und das subjektive Krankheitserlebnis von Patienten und Angehörigen.
Gesundheitssystemforschung
Es hat sich eine multi- und interdisziplinäre, international vergleichende G.systemforschung etabliert, die von Ge-
sundheitsökonomie und Politikanalyse dominiert wird. Das Interesse an soziolog. Beiträgen wird stärker.

2.3 Von der Medizin- zur Gesundheitssoziologie?


Soziolog. Beobachtung von „Gesundheit“ ist verstärkt auch auf den ges. Umgang mit Gesundheit und Krankheit ge-
richtet. Man spricht nicht mehr von Medizinsoz. sondern von Medizin- und Gesundheitssoz., oder nur von letzterem.
Nettleton beschrieb eine Veränderung auf mehreren Dimensionen:
Krankheit Gesundheit Intervention Überwachung
Krankenhaus Primärversorgung Behandlung Pflege & Betreuung
akut chronisch Patient Person
Heilung Prävention

11
Gesundheit wird nicht mehr nur als Abwesenheit von Krankheit, sondern immer mehr als Fähigkeit verstanden, mit
Belastungen und Risiken erfolgreich umzugehen. Gründe dafür können die Dominanz chronischer Krankheiten und
un-/schwer heilbare Infektionskrankh. wie AIDS sein. Hier geht es v.a. um Prävention, Unterstützung und Lebensstile.
Gesundheitsförderung – das Konzept der Ottawa Charta 1986
Die Ottawa Charta konnte zunächst auf dem WHO-Gesundheitsbegriff aufbauen: G. ist der „Zustand vollständi-
gen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheiten oder Be-
hinderung“.
Gesundheit wird sowohl als anstrebenswerter Zustand als auch als prinzipiell steigerbare Fähigkeit verstanden,
um die Herausforderungen des Lebens zu bewältigen.
Handlungsfelder umfassen eine gesundheitsförderliche Gesamtpolitik, die Schaffung von gesundheitsförderli-
chen Lebenswelten („Settings“), die Entwicklung persönlicher Kompetenzen, die Unterstützung von Schwäche-
ren durch Empowerment und anwaltschaftliches Handeln, die Reorientierung des Gesundheitssystems in Rich-
tung Gesundheit etc. Soziologisch besonders interessant ist der Settings approach. (Settings [z.B. Schulen, KH
ect.] werden auf krankmachende + gesundheitsfördernde Aspekte hin beobachtet und optimiert).
Weiterreichende gesellschaftliche Veränderungen – Auf dem Weg zur Gesundheitsgesellschaft?
Verschiedene Thesen:
o Aufblähung d. Gesundheitsbegriffs auf alle Lebensbereiche
o Gefahren einer weiter verschärften sozialen bzw. herrschaftlichen Kontrolle der menschl. Körper
o „Gesundheitsgesellschaft“: mehr Chancen für individuelle Gesundheit, Reduktion gesundheitl. Ungleichheit etc.

3 Beispiele aktueller Forschung


3.1 „Migrant friendly hospitals“ (MFH)
Aus professionellen bzw. Qualitäts-Perspektiven ist soziale Ungleichheit in der Versorgung nur schwer akzeptabel,
denn eine wachsende Zahl von MigrantInnen kommt traumatisiert bzw. krank in den Ziel-Ländern an. Die Seuchen-
gefahr durch unzureichend/nicht behandelte Kranke steigt.
Deshalb wurde 2002-2005 ein Projekt zur Verbesserung der Gesundheit von Migranten und ethnischen Minderhei-
ten in Europa mit 12 KH aus alten EU-Ländern durchgeführt. In Kooperation zw. Wissenschaft und Praxis konnten
Diagnose- und Interventionsinstrumente bzw. Verfahren entwickelt und erprobt werden. Die beteiligten KH entwi-
ckelten sich so zu „migrantenfreundlichen“ Organisationen. Dolmetschen, Geburtsvor- und Nachsorge und Training
zum Aufbau inter- bzw. transkultureller Kompetenz für das Personal waren drei konkrete Interventionsbereiche.
Die Maßnahmen erwiesen sich als in der Alltagspraxis machbar, zeigten aber auch eine Reihe von Schwierigkeiten.

3.2 Patienten- und Angehörigenorganisationen in Österreich


In den letzten Jahrzehnten wurde ein starkes Wachstum von Gruppen beobachtet, in denen sich Personen mit
gesundh. Problemen und/oder deren Angehörige zusammenschließen, v.a. zur gegenseitigen Unterstützung.
Dies verweist zum einen auf die Vernachlässigung wichtiger Bedürfnisse durch die von Technisierung und Spezi-
alisierung gekennzeichnete Medizin, den Mangel an Verständnis und Zuwendung, an Information und Unter-
stützung bei der Alltagsbewältigung. Zum anderen erwächst eine potentielle Herausforderung, eine Infragestel-
lung der Überlegenheit der professionellen Wissensbestände und Praktiken und ihrer Dominanz in der Gestal-
tung von Versorgungsangeboten und -leistungen.
Eine von der Uni Wien durchgeführte Befragung ergab, dass 60% aller befragten Gruppen Interessensvertre-
tung als Hauptziel neben Selbsthilfe nennen, ein Drittel beschränkt sich ausschließlich auf die wechselseitige
Unterstützung.

4 Institutionalisierung und Anwendungsbezüge


Medizin- und gesundheitssoziologische Forschung ist an ö Unis relativ schwach institutionalisiert, sie findet v.a.
im außeruniversitären Sektor statt.
Sowi Wissen über Gesundheit & Krankheit wird nachgefragt: z.B. Gesundheitsberichterstattung, Analysen zur
Unterstützung des Managements u. der Steuerung d. Krankenversorgesystems; Entwicklung, Implementierung
u. Evaluation von Gesundheitsförderungsinitiativen.
Für SoziologInnen werden die Arbeitsmöglichkeiten eher zunehmen, Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen
ist aber gefragt.

12
Hochschulen (Hans Pechar; S. 88)
1 Hochschulforschung: ein interdisziplinär ausgerichtetes Fach
Hochschulforschung = Forschung über Hochschulen (nicht an Hochschulen), interdisziplinäres Forschungsfeld
(sozial- u. wirtschaftswiss. Kerndisziplinen, Human- u. Geisteswi.); oft innerhalb der Hochschulverwaltung be-
trieben.
Studienangebote gibt es auf der Ebene der Graduiertenstudien, üblicherweise nicht im Grundstudium.
Ö ist in diesem Feld schwach repräsentiert.
Die meisten Forschungsfragen werden an den Schnittstellen der Disziplinen formuliert:
o Soziologie: Analyse sozialer Barrieren beim Hochschulzugang oder der Studienwahl, Studienmotivation oder
Studienverhalten konstituierenden Faktoren
o Schnittst. zur Geschichtswissenschaft wegen starker Traditionsbildung besonders bedeutsam
o Schnittst. zur Ökonomie: (1) Humankapitaltheorie: Akademikerarbeitsmarkt, Erträge eines Hochschulstudiums
(2) Finanzwissenschaft: Inwiefern sind Hochs.bildung u. Forschung öffentl. Güter?
(3) Betriebswirtschaft: Hochschulen als Unternehmen
o Schnittst. zur Powi: politische + rechtliche Rahmenbedingungen (etatistisch vs. liberal; aktuelle Reformen)
o Schnittst. zur Psychologie: Optimierung von Lernprozessen, Validität psychometrischer Verfahren; Evaluati-
onsforschung
o Schnittst. zur Erziehungswissenschaft: Bildungstheorie, Gliederung d. Studiums, Hochschuldidaktik

2 Zur Entwicklung der Hochschulforschung


Eine wichtige Schiene zur Theorieentwicklung war und ist der internationale Vergleich. Pionierarbeiten fallen in
die Phase des Höhepunkts der nationalstaatlichen Prägung.
- A. Flexner: früher Klassiker d. internationalen Vergleichs
- J. Ben-David: Pionierarbeit
- B. Clark: unter methodischen Gesichtspunkten bahnbrechende Arbeit zum internationalen Vergleich
Lange Zeit hatten die USA eine dominante Stellung, im letzten Drittel d. 20. Jh. hat die Hochschulforschung auch
in Europa Terrain gewonnen.
Sehr einflussreich waren die Arbeiten von Bourdieu, im dt. Sprachraum Teichler; Stichweh aus soziolog. Perspektive.
Auch in Ö hat die Bildungsexpansion der Nachkriegsphase den Anstoß zu neuen Formen der Beschäftigung mit
Bildungsfragen gegeben.
3 hochschulpolitische Phasen:
o 1960/70er: erste Ansätze einer sowi H.forschung; Expertise + Legitimation für staatliche Reformpolitik;
Reformphase in Ö. Sehr optimistisches Klima bezügl. ges. + ökonom. Stellenwert d. Bildung & Durch-
führbarkeit von Reformen. Auftragsforschung durch das neu gegründete Bundesministerium für Wis-
senschaft und Forschung war die wichtigste Triebkraft f. die Entwicklung sowi Hochschulforschung. Im
Gegensatz dazu haben die Entscheidungsträger an den Unis einer sowi orientierten H.forschung zu-
nächst große Skepsis entgegengebracht.
Ab Mitte d. 70er verlor H.forschung insgesamt an Bedeutung. Es wurden keine neuen Akzente erwartet,
sondern „Schadensbegrenzung“ der negativen Folgen der Hochschulexpansion Bedeutungsverlust
o 80er: Ernüchterung, Scheitern der Reformhoffnungen, Kritik technokratischer Modernisierung
o 90er: liberale Wende, Öffnung gegenüber angelsächsischen Kompetenzen, internationale Orientierung.
Bildungsexp. wird jetzt wieder positiv gesehen; Eigenverantwortung von Studis und Hochschulen be-
tont.
Tertiäres Studienangebot wird stärker diversifiziert.

3 Zentrale theoretische Konzepte der Hochschulforschung


3 Themenbereiche der H.forschung:
o Quantitativ-strukturelle Entwicklung d. H.wesens (und dessen Beitrag zur sozialen Reproduktion)
o H.organisation (im Hinblick auf Entscheidungsstrukturen und auf das Verhältnis öffentl. + privater Sektoren)
o Strukturelle Veränderungen im Forschungsbetrieb, die zur Ausbildung neuer Formen der Wissensproduktion
geführt haben
13
3.1 Die Unterscheidung von Elite- und Massenhochschulsystem
M. Trow unterscheidet Elitesysteme (bis zu 15% haben Zugang) von Massensystemen (15-50% Zugang;
darüber: universal higher education). Trow geht es hier nicht um einen „Konkurrenzkampf“ der Systeme,
sondern der nicht-selektive Bereich müsse den selektiven entlasten. Anders könne das Niveau im oberen
Qualitätssegment nicht gehalten werden.
3.2 Die „Cooling out function“ in Hochschulsystemen
Dieses Konzept (nach B. Clark) ergänzt die Unterscheidung von Elite- und Massensystemen. Die erhöhte Partizi-
pation auf tertiärem Niveau ging mit steigender Differenzierung der tertiären Bildungsangebote einher. Die
tertiären Abschlüsse unterscheiden sich am Arbeitsmarkt erheblich (Qualität, Prestige, Verwertbarkeit).
Die Cooling out funktion beschreibt den Balanceakt, die Tür zu anspruchsvollen Bildungs- u. Karrierewegen
„halboffen“ zu lassen, d.h. einerseits keine Möglichkeit prinzipiell auszuschließen, aber zugleich die Ambitionen
und Erwartungen in realistische Bahnen zu lenken.
3.3 Eine Typologie des Übergangs vom Schul- in den Hochschulbereich (Teichler 1984)
(1) Der „undramatische Übergang“ im deutschsprachigen Raum hat eine hohe Einheitlichkeit sowohl d.
abgebenden wie der aufnehmenden Bildungssektoren zur Voraussetzung. Die frühe Selektion beim
Übergang in den Sekundärbereich trägt zur Einheitlichkeit des Gymnasiums bei und ersetzt spätere Se-
lektion.
(2) Einen „zugespitzten Höhepunkt der Ausbildungsentscheidung“ sieht Teichler in Japan. In der Sekun-
därstufe werden Studienambitionen geweckt, die in der Tertiärstufe auf ein Hochschulsystem treffen,
das sich durch eine steile Hierarchie, Undurchlässigkeit und eine starke Monopolstellung d. Eliteseg-
ments auszeichnet. Die Entscheidung dafür ist folgenschwer, irreversibel und extrem stressig (Prü-
fungshölle).
(3) In den USA ist der „Knotenpunkt eines durchlässigen Systems“ gegeben. Relativ selektionsfreie Sekun-
därstufe weckt Studienambitionen. Das H.system ist durch eine steile Reputationshierarchie geprägt,
aber durchlässiger als in Japan. Die Entscheidung dafür ist zwar folgenschwer aber nicht irreversibel.
3.4 Governance im Spannungsfeld von Staat, Markt und akademischer Oligarchie
Clark entwickelte eine Typologie untersch. Mechanismen d. sozialen Koordination und Governance von Hoch-
schulsystemen:
Er unterscheidet staatliche Macht, den Marktmechanismus und den Clanmechanismus („akadem. Oligarchie“):
(1) Staatlich dominiert: Die wichtigsten Entscheidungen werden von Politik + Bürokratie getroffen, Handlungs-
spielräume der Leitungsorgane von H. sind stark beschränkt, Rektoren haben eher eine Repräsentations-
funktion.
(2) Marktorientiert: Die Entscheidungskompetenzen sind bei den strategischen und exekutiven Leitungsorgan-
gen der H. Sie haben eine vergleichsweise große und professionelle Verwaltung. Individuelle Profilbildung ist
die Treibkraft jenes Wettbewerbs, der die Marktorientierung dieser Systeme ausmacht.
(3) Die innere Organisation d. akademischen Betriebs ist stark durch zunftartige Strukturen bestimmt: 1) die
besondere Form hierarchischer Beziehung zw. „Meister“ (ProfessorIn) und „Lehrling“ (Studierende, akad.
Nachwuchs). 2) die partielle Abkapselung gegenüber den Organisationsprinzipien von Markt und Staat.
Akademische Oligarchie: Eine kleine Gruppe mächtiger „Meister“ dehnt ihren Einfluss auf die Gesamtkoordi-
nation des Systems aus und kann in dem Ausmaß, in dem ihr das gelingt, das ganze Hochschulsystem dem
Einfluss von Markt und Staat entziehen.
3.5 Eine Typologie privater und öffentlicher Hochschulsektoren (Geiger 1986)
(1) Privatunis als marginale Sektoren: in den meisten europäischen Ländern (~ 1% aller Studis). Besonderes
Profil, hohe Reputation
(2) Öffentl. + private Unis mit gleichem Status: selten; in Ländern, in denen es aus historischen Gründen ein
kleines (kirchlich getragenes) Segment an Privatunis gibt, das mit öffentl. Unis völlig gleichgestellt ist (Bel-
gien, NL).

14
(3) Öffentl. Elite- & private Massensektoren: (v.a. Japan; andere asiatische Länder, weite Teile Südamerikas;
Portugal, Tendenzen in Osteuropa): vor d. H.expansion gab es ein kleines Segment an öff. Eliteunis. Als ab
den 60ern die Nachfrage stieg, öffneten sich diese nicht. Es entwickelte sich ein privater H.sektor, der die
Massen abfing. Sie sind auf Einnahmen aus Gebühren und Auftragsforschung angewiesen. Geringer akad.
Status. Öffentl. Eliteunis sind aufgrund d. Basissubventionen vom Marktdruck entlastet, haben hohes akad.
Prestige Nachfrage nach Studienplätzen sehr groß, strenge Selektion; Privatsektor ist zweite Wahl.
(4) Private Eliteunis: USA. Spenden, Stiftungen, Schenkungen sind sehr ungleich verteilt: Öffentliche und wenig
prestigeträchtige Privat-Unis bekommen (fast) nichts. Ohne diese privaten Zuwendungen wären Eliteunis
nicht lebensfähig.
3.6 Unterschiedliche Formen universitärer Wissensproduktion (Gibbons 1994)
- „Mode 1": traditionelle universitäre Forschung. Innerhalb etablierter Disziplinen organisiert; Trennung von
Grundlagen- u. anwendungsorientierter Forschung bzw. Entwicklung.
- „Mode 2“: Grundlagen- u. Anwendungsforschung laufen parallel; problemorientiert und kontextabhängig.
Relativierung disziplinärer Grenzen, verstärkte transdisziplinäre Orientierung.

4 Aktuelle Fragestellungen der Hochschulforschung


4.1 Der österreichische Sonderweg beim Hochschulzugang
Aus international vergleichender Perspektive ist der offene H.zugang in Ö eine unwahrscheinliche Kombination
zweier Merkmale (Pechar 2007):
a) Festhalten am Konzept der „allgemeinen Studienberechtigung“
b) Grundsätzlicher Verzicht auf eine „Studienplatzbewirtschaftung“.
Ad a)
Zwei Grundphilosophien: Berechtigung durch sekundären Bereich od. Eingangsselektion durch tertiären Be-
reich.
- Berechtigungssystem: (im kontinentalen Europa dominierend) v.a. weil schon sehr früh selektiert wird
Schnittstelle zw. sekundärem und tertiärem Bereich wird vom Selektionsdruck entlastet
- Eingangsselektion: (im angelsächsischen Raum entwickelt) prinzipiell sind (fast) alle zum Studium geeignet;
es fragt sich aber in welcher Form und in welchen Bildungseinrichtungen
Ad b)
Fast überall übersteigt die Anfrage das Angebot an Studienplätzen. Deshalb gibt es in Ländern mit Berechti-
gungssystem eine formelle Rationierung, d.h. in gewissen Fächern gilt ein Numerus Clausus. Österreich hat ei-
nen Sonderweg eingeschlagen: Unis haben kein Recht, BewerberInnen abzuweisen, auch wenn sie völlig über-
lastet sind. Erst mit dem EuGH-Urteil von 2005, das Ö verpflichtet, Studis aus anderen EU-Ländern gleichzustel-
len, wurden in einigen Fächern Zugangsbeschränkungen eingeführt.
Ö hat eine der niedrigsten AkadermikerInnenquoten und eine ausgeprägte soziale Vererblichkeit akad. Bildung.
4.2 Ein neues Modell universitärer Governance
Etwa 150 Jahre lang war der Staat ein „benevolenter Schutzherr“ der Unis als zweckfreie Kultureinrichtungen.
Mit dem Unigesetz von 2002 wurde die Grundphilosophie von New Public Management (NPM) eingeführt. Der
Staat finanziert die Unis nun als Schlüsselinstitutionen der Wissenschaft und berücksichtigt kultur- u. bildungs-
politische so wie wirtschafts- und sozialpolitische Gesichtspunkte.
Die Reformen im Sinne von NPM streben eine Lockerung d. staatlichen Regulierung von Inputs und Prozessen
an, um Finanzautonomie u. pädagogische Handlungsspielräume von Bildungseinrichtungen zu erweitern. Dies
soll zu besserer Qualität und höherer Zufriedenheit der KlientInnen führen. Frage: ist das nur ein eleganter Weg
zur Durchsetzung von Budgetkürzungen?
Wichtige Fragen zukünftiger Forschung:
o Welche Organisationen u. welcher Managementstil werden den Besonderheiten d. universitären Betriebs
gerecht?
o Was sind in einem öff. System legitime Formen staatl. Einflussnahme, und wie lassen sie sich mit univ. Auto-
nomie vereinbaren?

15
Kunst (Alfred Smudits; S. 105)
1 Charakterisierung und Abgrenzung
Kunstsoziologie beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Gesellschaft und Kunst
(1) ist an der Schnittstelle von sozial- und kulturwissenschaftlichen Traditionen angesiedelt. In der Analyse
stehen soziale Faktoren im Vordergrund, Vorkenntnisse im künstlerisch-ästhetischen Bereich sind aber sehr
ratsam.
(2) Das Verständnis davon, was Kunst eigentlich ist, reicht von einem sehr engen, bürgerlich-romantischen,
über ein avantgardistisches bis hin zur Aussage, dass Kunst ein Bereich von Phänomenen ist, bei denen die
ästhetische Dimension eine entscheidende Rolle spielt (wie z.B. auch Gartenbaukunst, japanische Teezeremo-
nie, Auto-Design). Im Folgenden soll Kunst im Sinne dieser letzten Definition verstanden sein.
(3) Kunstsoziologie beschäftigt sich mit vielen verschiedenen Kunstgattungen und sollte daher vl. besser als
„Soziologie der Künste“ bezeichnet werden. Vielleicht wäre es auch sinnvoller, von einer „Soziologie der Ästhe-
tik“ zu sprechen, da der künstlerische Stellenwert mancher soziolog. Betrachtungsobjekte umstritten ist (z.B.
Comics, Werbung).

2 historische Entwicklung der Kunstsoziologie


Vorläufer und Klassiker
Reflexionen über Wesen und Funktion von Kunst, über Bedingungen und Regeln für das Entstehen von Schön-
heit sind im Rahmen der Philosophie entstanden und weitgehend essentialistisch und universalistisch ausge-
richtet.
o D. Hume, A. Smith (18. Jh.): Hinweise auf gesellsch. Entstehungsbedingungen von Geschmacksurteilen
o A. Comte, K. Marx, H. Spencer (19. Jh.): marginale Beschäftigung mit Kunstsoz.; Marx‘ Unterscheidung von
Basis und Überbau und seine Überlegungen zur Warenproduktion haben aber zahlreiche kunstsoz. AutorIn-
nen beeinflusst.
Die Anfänge der Soziologie (Mitte 19. Jhdt. bis Beginn des 20. Jhdts.)
o Madame de Stael (17./18. Jh.): über die ges. Wirkmöglichkeit von Literatur
o Pierre-Joseph Proudhon (fr. 19. Jh.): über künstlerische Tätigkeit als menschl. Bedürfnis und Form von Arbeit
o Hippolyte Taine (sp. 19. Jh.): gesellsch. Faktoren („Miljös“, „historische Momente“) beeinflussen Kunst
o Jean-Marie Guyau (19. Jh.): „ästhetische Erregbarkeit“ und künstlerische Verantwortung; Soziabilität der
Kunst
Etablierung der Soziologie (Jahrhundertwende bis ca. 1920)
o M. Weber (1864-1920): führt den Erfolg der abendländischen Musik auf die Rationalisierung d. Tonsystems
zurück. Äußerungen zur Qualität von Kunstwerken seien in der Kunstsoziologie zu vermeiden.
o G. Simmel (1858-1919): Beschäftigung mit herausragenden Künstlerpersönlichkeiten (Goethe, Rembrandt,
Rodin) und mit z.T. sehr spezifischen Themen zu Kunst u. Ästhetik; entwirft ansatzweise Soziologie der Le-
bensstile.
Die bisher genannten AutorInnen gehen von einem unhinterfragten Verständnis von Kunst aus; so lagen offenbar
Phänomene wie Film u. Grammophon außerhalb ihres kunstbezogenen Wahrnehmungsspektrums (Großbürgertum).
Entdeckung der Populärkultur (Zwischenkriegszeit, bis ca. 1960)
Ab den 20ern beginnen kunstsoziologische Ansätze sich mit etablierten Kulturindustrien zu beschäftigen.
- Gesellschaftskritische, marxistische Ansätze: Frankfurter Schule: T.W. Adorno, W. Benjamin, A. Hauser
- Positivistische, empirische Studien zum Publikumsverhalten: P. Lazarsfeld, A. Silbermann
- Strukturalistische, zeichentheoretische Position: F. de Saussure
o Adorno: „Kunst muss Wahrheit vermitteln“ in einer kaptalist. Ges. kann es sich nur dann um Kunst han-
deln, wenn diese die Widersprüchlichkeit und Entfremdung dieser Ges. zum Ausdruck bringt, also letztlich
unerträglich ist (wie insbesondere bei A. Schönberg, S. Becketts). Wenn Kunst erträglich, vl. sogar erfolgreich
ist, wird sie zu einem Produkt der Kulturindustrie. Diese stellt einen „Verblendungszusammenhang“ her u.
praktiziert „Aufklärung als Massenbetrug“. Kunstsoziologie hat eine stark kulturpessimistische und sozialphi-
losophische Ausrichtung.

16
o Benjamin entwickelt eine kunstsoziologische Position, in der die historische Dimension im Vordergrund
steht. Neue Produktivkräfte im Bereich der Kunst verändern deren Wesen und Funktion. Anstelle der kon-
templativen Betrachtung tritt die zerstreute, aber auch prüfende Rezeption.
o Lazarsfeld erhob Verhalten und Werthaltungen des Radiopublikums Begründer der empirischen Kunstso-
ziologie; entwickelte in den 30ern die Grundlagen der modernen „Survey-Forschung“ in den USA: repräsen-
tative Erfassung von Verhaltens- u. Rezeptionsmustern u. Werthaltungen.
o In Silbermanns Konzept von Kunstsoz. steht die Auseinandersetzung mit dem „Kunsterlebnis“ im Mittel-
punkt, Ziel ist die Beschreibung von Kulturwirkekreisen. Er will auch die physiologischen (Wahrnehmung),
psychologischen (Gefühle) und soziologischen (Geschmacksurteile) Funktionsweisen mitberücksichtigt wis-
sen. Sein Bsp: Musik.

3 Aktuelle Positionen der Kunstsoziologie


3.1 Aktuelle theoretisch-konzeptuelle Ansätze
Paradigmenwechsel in der Kunstsoz. ab den 60ern:
1) Einbeziehung strukturalistischer und medientheoretischer Konzepte. Künstlerische Phänomene sind nur eine spe-
zielle Variante von symbolisch-expressiven Zeichen Ausweitung hin zur Populärkultur
2) Zunahme von WissenschaftlerInnen, zumeist aus mittleren Schichten; bringen biografische Erfahrungen ein.
Charakteristisch: Cultural Studies (ab sp. 50er), Arbeiten Bourdieus + des „Production of Culture-Ansatzes“ (ab 70er)
o Cultural Studies (R. Williams, S. Hall, P. Willis, J. Fiske): ganzheitl. Analyse der Lebensweisen v. Gruppen o.
Klassen; über künstlerisch-ästhetische Phänomene verständigen sich Individuen darüber, ob sie zusammen-
gehören oder nicht, ob sie die „gleiche Sprache“ sprechen, denselben (Lebens-)Stil haben, wie ges. Macht
gerechtfertigt wird. Verknüpfung von klassentheoretischen mit strukturalistischen Konzepten;
weitere Schwerpunkte: gender studies, postcolonial studies;
o Bourdieus „Die feinen Unterschiede“ weist nach, dass Geschmacksurteile den Abstand zw. verschiedenen
ges. Klassen symbolisch legitimieren sollen. Mit diesem sowohl gesellschaftskritischen als auch empirisch
fundierten Ansatz ist der Widerspruch zw. „kritischer“ und „empirischer“ Kunstsoziologie aufgehoben.
o „Production of Culture-Ansatz“: Kunst = Ergebnis des Zusammenwirkens verschiedenster ges. bedingter
Faktoren ( gegen Individualisierung künstl. Tätigkeiten); Begründer: H.S. Becker (symb. Interaktionismus)
6 Faktoren, die die Entwicklung des Kunstbereichs beeinflussen (R.A. Peterson):
a) rechtl. Rahmenbedingungen (Rundfunk-, Urheber-, Patentrecht)
b) Wandel der Technologien (v.a. Medieninnovationen)
c) Industriestruktur (Monopole, Oligopole, Verflechtungen)
d) Organisationsstruktur (Kooperation, Beziehungsnetzwerke)
e) institutionalisierte Berufsrollen (Professionalisierung, funktionelle Differenzierung)
f) Nachfrage- und Marketingkonzepte (v.a. Wahrnehmung d. Publikums durch die Anbieterseite)
o Systemtheoretischer Ansatz: N. Luhmann: schreibt über die Herausbildung d. bürgerl.-romantischen Kon-
zepts und deren Selbstreferenzialität; entwickelt aber eher philosophische als soziologische Konzepte
3.2 Aktuelle Konzeption der Kunstsoziologie
Spätestens seit den 80ern hat ein Paradigmenwechsel hin zur „Postmoderne“ stattgefunden: zunehmendes
Eingehen auf die historische und gesellschaftl. Formbestimmung der Kunst. Es wird klar, dass die Konzeption
von „Kunstsoziologie“ im traditionellen Sinn genauso wenig aufrecht erhaltbar ist wie die (hegemoniale) Kon-
zeption des traditionellen (bürgerlichen) Kunstbegriffs.
Heute gilt es als soziologische Selbstverständlichkeit, dass „Kunst“ das Ergebnis ges. Auseinandersetzungen ist.
D.h. alles kann als künstlerisch wertvoll angesehen werden, solange sich nur eine Gruppe findet, die die Macht
hat, eine entsprechende Werthaltung zu einer ges. legitimen Werthaltung zu machen.
Kunst ist in zweifacher Hinsicht als formbestimmt zu begreifen:
o Historisch: als historische Kategorie ändert sich Kunst nicht nur als Abfolge von Stilen, sondern auch das, was
als Kunst gilt. Der Kunstbegriff ist auch heute umstritten und hat sich historisch verändert.
o Sozial: Was als Kunst angesehen wird, ist das Ergebnis von Auseinandersetzungen konkurrierender Gruppie-
rungen in der Gesellschaft – also von Schichten, Klassen, Teilkulturen. Es geht darum, Definitionsmacht über
die Regeln der Kunst zu erlangen
17
Kunstsoziologie beschäftigt sich also mit denjenigen Phänomenen, die in einer gegebenen Gesellschaft zu
einem gegebenen Zeitpunkt von bestimmten Gruppierungen dieser Gesellschaft als Kunst bezeichnet wer-
den, damit, warum dies so ist und – wenn Änderungen zu konstatieren sind – warum diese stattfinden.
3 Sphären in Bezug auf künstlerisch-ästhetische Phänomene:
Entstehungszusammenhang, Vermittlungszusammenhang, Aneignungszusammenhang.
Weiters ist eine Vielzahl von Dimensionen zu berücksichtigen, ohne die ein Verständnis zahlreicher Aspekte des
Kunstbereichs nicht möglich wäre: Religion, Politik, Recht, Technik, Ökonomie. Sie sind trotz ihrer „Kunstfremd-
heit“ notwendiger Bestandteil und Gegenstand kunstsoziologischer Betrachtungsweise und Forschung
enorme Bedeutung interdisziplinären Arbeitens in der Kunstsoz. (naheliegendste Fächer: Kulturwissenschaften
+ benachbarte sozial- und wirtschaftswissensch. Disziplinen; Berufs-, Industrie-, Konsum-, Kultursoziologie, Cul-
tural Studies).
Entsprechend ist das Spektrum möglicher Forschungsmethoden sehr umfassend. Prinzipiell ist keine Form so-
zialwissenschaftl. Erhebungstechniken auszuschließen und eine zumindest annähernde Kompetenz in fach-
fremden Methoden ist naheliegend.
Zum Erkenntnisinteresse der Kunstsoziologie:
o Beziehungsgefüge der AkteurInnen u. Institutionen, Struktur d. künstlerischen Feldes u. deren Veränderung
o Aus-/Rückwirkungen d. künstlerischen Feldes auf die Gesellschaft bzw. dessen gesellschaftliche Funktion

4 Etablierung des Fachs und aktuelle Forschung in Österreich


In Ö gibt es eine starke empirische Tradition in der Kultur- und Kunstforschung (v.a. G. Adler [Musikwissen-
schaftler], A. Riegl [Kunsthistoriker]); die „antimetaphysische“ Position d. Wiener Kreises beeinflusste ebenfalls
die kunstbezogene Forschung (R. von Mises, P. Lazarsfeld, K. Blaukopf [Musiksoziologie; gründete Mitte der
60er das Institut für Musiksoziologie], G. Kapner [Begründer d. Fachs Kunstsoziologie am Wiener Soziologieinsti-
tut Anfang d. 70er]).
Spätestens seit den 70ern gab es immer wieder groß angelegte Studien zum kulturellen Verhalten der Bevölke-
rung (v.a. IFES), ab den 90ern zu Lebensstilen (v.a. Fessel). Außerdem gibt es zu ersterem Thema Mikrozensus-
erhebungen und regelmäßige Sonderveröffentlichungen zur Kulturstatistik (Statistik Austria).
Daneben gibt es zahlreiche ad hoc-Studien zu einem jeweils bestimmten Thema, mit denen ein Problem auf über-
schaubare Weise geklärt werden soll, ohne notwendigerweise den Anspruch auf Verallgemeinerbarkeit zu stellen.
Die dem „Produktion of Culture-Ansatz“ sehr nahestehende Mediamorphosen-Forschung des Instituts „Media-
cult“ beschäftigt sich mit den Folgen der Digitalisierung im künstlerischen Feld oder historisch mit den Auswir-
kungen des Buchdrucks oder den elektronischen Medien.

5 Der Anwendungsbezug
Es gibt v.a. drei Bereiche, die kunstsoziologisches Wissen nachfragen:
o die private Hand,
o (halb)private Organisationen und Institutionen des Kunst- und Kulturlebens und
o die Wirtschaft.
Sozialwissenschaftliche Studien dienen seit den 80ern v.a. der Klärung von Umwegrentabilitäten. Im künstle-
risch-öffentlichen Bereich tätige Personen und Organisationen wollen über ihr Publikum Bescheid wissen.
Seit der Lebensstil-Thematik ist ein zielgruppenspezifisches Marketing Anliegen von Wirtschaftsunternehmen.
Aktuelle Nachfrage lässt sich also mit den Schlagworten Kulturökonomie, Kulturmanagement, Kulturmarketing,
Kulturstatistik und Grundlagenforschung fassen.
Zur Optimierung berufl. Chancen ist jedenfalls eine Kombination von kunstsoziologischer Expertise mit anderen
Disziplinen anzuraten.

6 Zusammenfassung
Die Kunstsoziologie soll versuchen – neben der Bereitstellung spezieller Detailanalysen – eine objektive Gewich-
tung vorzunehmen, welche Funktionen von Kunst die in einer Gesellschaftsformation tatsächlich dominieren-
den, hegemonialen sind.
Außerdem soll sie untersuchen, welche ges. Gruppierungen zu einem gegebenen historischen Zeitpunkt welche
Interessen in dieser Hinsicht verfolgen bzw. in welcher Weise sie Kunst instrumentalisieren.
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Lebensqualität (Wolfgang Schulz; S. 121)
1 Zum Konzept Lebensqualität
Die Lebensqualitätsforschung beschäftigt sich sowohl mit den objektiv feststellbaren Ausstattungs- und
Bestandgrößen (Lebensstandard [level of living]; im Rahmen von Wohlfahrtsforschung) (z.B. der Woh-
nungs- & Umweltbedingungen) als auch mit den kognitiven und emotionalen Reaktionen der Menschen.
Für einen guten Lebensstandard ist eine Befriedigung d. Grundbedürfnisse notwendig, was zur Frage führt,
welche davon relevant, welche unerlässlich sind.
Materielle Bedingungen (input) Wahrnehmungen, Bewertungen, Emotionen (output)
Zum Forschungsfeld „Quality of Life“ (QOL) zählen der „Subjective Well Being Approach” (SWB), die Zufrie-
denheitsforschung (satisfaction research) und die Glücksforschung (happiness research).
In der Praxis (z.B. Social Survey) finden sich objektive und subjektive Daten nebeneinander. Welcher Le-
bensqualitätsbegriff sich durchsetzt hängt vom politischen mainstream + den inst. Verankerungen d. For-
schung ab: So hat sich in Skandinavien der „Level of Living Approach“ entwickelt, in den USA die QOL-
Forschung.
Die Psychologie ist an den Ursachen d. individuellen Varianten von SWB interessiert und untersucht z.B.
Faktoren wie Extraversion, persönl. Erfolg, Ich-Stärke, frühkindl. Sozialisation.
Die Soziologie ist an jenen Ursachen d. Unterschiede von SWB interessiert, die auf konkrete untersch. Le-
bensbedingungen von Gruppen, soz. Schichten + Nationen zurückgeführt werden können.
Im Prinzip geht es bei der Lebensqualitätsf. jedoch darum, zu ergründen, unter welchen Lebensbedingun-
gen Menschen besser oder schlechter leben, um Hinweise für mögl. Interventionen zu gewinnen.

2 Entwicklung des Forschungsfeldes


Ursprungsland d. sozialen Indikatoren: USA Sozialindikatorenbewegung erfasst Europa, OECD (1973)
bemüht sich um die Entwicklung eines Indikatorensystems, das auch zur Messung von Veränderungen im-
stande ist.
In Skandinavien entwickelt Drewnowski 1968 den „Level of Living-Index“; er verbindet Grundbedürfnisse
mit best. Befriedigungsniveaus, z.B. die tägl. Kalorienzufuhr für die Ernährung, Trockenheit + Personendich-
te/Raum für das Wohnen etc.
Die von Campbell (1981) definierten domains gelten auch heute noch als die wichtigsten Glücksquellen:
„having high status; being married; having family and friends; having a job; being a working woman; satis-
faction with community; neighbourhood and housing; trust in government and freedom”, Gesundheit, po-
sitives Selbstbild „the need for having, the need for relating and the need for being”.
Nach den Ölkrisen 1973 + 79 u. mit d. Ende d. Fordismus wird subjektive Befindlichkeit wieder stärker zum
Forschungsgegenstand. Heute wird die Relevanz d. QOL-Forschung für pol. Beratung wieder mehr in den
Vordergrund gerückt.
Ein (theoretisches) europäisches System sozialer Indikatoren enthält die Module:
- Bevölkerung
- Haushalt und Familie
- Wohnen
- Transport
- Freizeit, Medien, Kultur
- Soziale + politische Teilnahme + Integration
- Erziehung + Berufsausbildung
- Arbeitsmarkt + Arbeitsbedingungen
- Einkommen, Lebensstandard, Konsummuster
- Gesundheit
- Umwelt, soziale Sicherheit

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- Öffentliche Sicherheit + Kriminalität
- Gesamte Lebenssituation
Für jede dieser domains werden Zieldimensionen formuliert.
2 Indices, die über den Großteil d. Welt berechnet + laufend aktualisiert werden:
o „Index of Social Progress“ (Estes 1984): zehn Subindices (durch mehrere aggregierte Indikatoren er-
fasst): 1) Bildung, 2) Gesundheit, 3) Frauenstatus, 4) Verteidigungsausgaben, 5) Ökonomie, 6) De-
mografie, 7) Geografie, 8) polit. Partizipation, 9) kulturelle Diversität, 10) Wohlfahrtsaufwand.
o „Human Development Index“ (HDI):
§ Pro Kopf-Einkommen mit stark sinkendem Grenznutzen,
§ Durchschnittliche Lebenserwartung,
§ Bildung (Analphabetenrate, Ausbildungsdauer)
2.1 Institutionalisierung in Österreich
Lebensqualitätforschung ist in Ö nicht institutionalisiert und es haben sich keine universitären Forschungs-
zentren gebildet; es sind aber europäische Surveys verfügbar.

3 Forschungsfragen und Kontroversen


Problem 1: Der niedrige Zusammenhang zwischen objektiven und subjektiven Variablen
Zapf (1984) bezeichnet das Zusammentreffen schlechter obj. Lebensbedingungen mit hoher subj. Lebens-
qualität als „Zufriedenheitsparadox“, den umgekehrten Fall als „Unzufriedenheitsdilemma“.
Es gibt einen positiven Zsh. zw. BSP + Zufriedenheits- oder Glücksniveau. Die auffälligsten Ausnahmen sind
südamerikanische Länder (Zufriedenheitsparadox) und Japan, bzw. konfuzianische Länder (Unzufrieden-
heitsdilemma).
Veenhoven (2002) liefert Argumente für die Verwendung subjektiver Indikatoren in der Sozialpolitik:
o Sozpol. stößt auch auf Mentalitäten von Personen/Gruppen, nicht nur materielle Sachverhalte,
o Fortschritt kann objektiv nicht ausreichend gemessen werden,
o Politiker benötigen Infos über Präferenzen d. Bevölkerung – diese sind sehr oft subjektiv
o Politiker sollten zw. Wünschen + Bedürfnissen unterscheiden können – letztere sind nicht direkt
beobachtbar, ihre Erfüllung materialisiert sich aber in der Zufriedenheit mit dem Leben als Ganzes.
(Grafik zum nationalen Wohlstand und der subjektiven Lebensqualität siehe Buch S. 127)
Problem 2: Die Positivitätstendenz
Alle Verteilungen von Zufriedenheits- und Happiness-Maßen befinden sich überwiegend im pos. Bereich.
Cummins (2000) erklärt das damit, dass es für Menschen auf längere Dauer nicht akzeptabel sei, ihr Leben
negativ einzustufen.
Problem 3: Emotion vs. Kognition
Die Frage, ob kurzfristige Emotionen oder lang anhaltende kognitive Orientierungen für die Messung von
QOL heranzuziehen sind, ist offen. Auch wenn manche Forscher letztere („Over-all-Einstufungen“) vorzie-
hen, bleiben Emotionen berücksichtigenswert. Z.B. verrichten Menschen besonders gerne Handlungen, für
die sie positive Rückmeldungen erhalten – dadurch entsteht ein Fluss (flow) von Handlungen + erlebten
Handlungserfolgen, den sie aufrecht erhalten wollen, da er als höchst befriedigend erlebt wird.
Problem 4: Top-down vs. Bottom-up-Theorie
Die Richtung d. Kausalität zw. domain-satisfaction und over-all-satisfaction ist doppelt interpretierbar.
Problem 5: Verschiedene Operationalisierungen zur Messung von Lebensqualität
o Eurobarometer (2x jährlich): „On the whole, are you very satisfied, fairly satisfied, not very satisfied,
or not at all satisfied with the life you lead?”
o Cantril-Leiter: 0-10-Skala; oben – best possibe life, unten – worst possible life
o Delighted – Terrible (D-T) Scale: delighted – pleased – mostly satisfied – about equally satisfied and
dissatisfied – mostly dissatisfied – unhappy – terrible
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o Satisfaction with Life Scale (SWLS): “in most ways my life is close to ideal”; “The conditions of my life
are excellent”; “I am satisfied with my life”; “So far I have gotten the important things I want in life”;
“If I could live my life over, I would change almost nothing”
Andere Skalen ziehen Lebensbereiche heran. Problematisch ist, wie viele enthalten sein sollen. Bsp.:
- relationship with your spouse
- friends
- standard of living
- ability to meet non-financial family responsibilities
- usefulness to others
- amount of non-job stress of worries in your life
- financial independence
- leisure time activities
- achievement of personal goals
- happiness in general
- health
- size of the city you live in
- religious life
- family’s happiness
In anderen Indices wird der Zufriedenheits-Score d. Lebensbereiche mit einem „Wichtigkeitsgewicht“ ge-
wichtet.

4 Eigene Forschungen zu speziellen Themen


Internationale Studie: „Multiple-Discrepancy Theory“ (MDT) (Michalos) wurde mit einen Ressourcen-
Ansatz an studentischen samples verglichen.
Erhobene Diskrepanzen: zw. dem, was man hat und …
o dem, was andere haben;
o dem, wie man es einschätzt;
o dem Benötigten sowie dem Gewünschten;
o dem, was man vor drei Jahren zu erreichen glaubte, sowie im Vergleich zur jemals realisierten
besten Situation

Für Ö konnte Lebensqu. repräsentativ in einer Langzeitstudie erforscht werden: 1984 – 2003. Hervorste-
chende Veränderungen: 2003 beeinflussten objektive Merkmale, v.a. HHeinkommen + Partnerschaft die
Lebensqualität deutlich stärker als 1984. Materielle Lebensbedingungen + Partnerschaft wurden zu domi-
nierenden Faktoren. In den erhobenen Bereichen Lebenszufriedenheit, Glück, Wohlbefinden und Lebens-
qualität allgemein erhöhte sich jeweils die Zufriedenheit von 1984 im Vergleich zu 2003.
Die niedrigste Lebensqualität wiesen Personen mit niedriger Bildung, niedrigem Einkommen und ohne Kin-
der auf.
Spitzenreiter (alle unter 60):
(1) Männer mit besserer Bildung, gemeinsamer HH mit Partnerin, keine Kinder (ist die Frau berufstätig:
„Dinks“ – double income, no kids)
(2) Männer mit niedriger Bildung, mehrheitlich nicht erwerbstätig, niedriges Einkommen, keine Partne-
rin, keine Kinder „Aussteiger“
(3) Frauen mit höherer Bildung, besserem Einkommen, mit Partner, (zumindest) ein Kind – bürgerlich,
meist berufstätig.

Eine relativ niedrige subjektive Lebensqualität haben außerdem KünstlerInnen und Studierende.

21
Medien (Eva Flicker; S. 137)
1 Einleitung
Luhmann: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja, über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch
die Massenmedien.“
Krotz: „Mediatisierung“ = ges. Metaprozess, der sich über den ganzen Globus spannt (wie „Globalisierung“,
„Individualisierung“).
Die Kernoperation im Mediensystem ist die Kommunikation:
o Interpersonale K. (Telefon, Handy, email)
o Interaktive K. (Internet, Computergames)
o „Massenkommunikation“ (Radio, Fernsehen)

2 Mediennutzung in Österreich
o Fast jedeR zweite liest die „Kronen Zeitung“ (44%)
o ∅ 3,5 Stunden Radio / Tag
o ∅ über 2 Stunden TV /Tag
o 67% nutzen das Internet (2007)

Der ORF unterscheidet das Publikum


in 10 Sinus-Milieus: Auf Basis einer
jährlichen Fragebogenerhebung
werden 3 Schichtdimensionen mit 3
Dimensionen einer Grundorientie-
rung und Werthaltung verknüpft.

3 Klassiker der Mediensoziologie


Schon seit Mitte d. 19. Jh. beschäftigten sich die Klassiker der Soz., wie Durkheim, Spencer, Dewey, Weber
mit Medienthemen.
1932 führte P. Lazarsfeld die Wiener RAVAG-Studien durch (Auftrag der Radio-Verkehrs-A.G.). Diese Studie
galt lange als verschollen (Lazarsfeld emigrierte in die USA) und wurde erst 1996 veröffentlicht. Sie wurde
als Hörerbefragung durchgeführt, um die Wünsche d. ö. RadioteilnehmerInnen zu erforschen. 110.312 Fra-
gebögen wurden nach Alter, Schicht, Geschlecht + Regionalität (Stadt/Land) ausgewertet. Die Studie gilt als
Vorläufer heutiger Medientheorien und als Pionierstudie: auch heute will man herausfinden, was das Pub-
likum wann mit welchen Medien tut und was es angeboten haben will.

4 Theoretische Konzepte der Mediensoziologie


Theorien beschäftigen sich mit Fragen, wie Medien auf Menschen wirken, wie Menschen mit Medien um-
gehen, welche Bedeutung und Auswirkung Medien für das Individuum + die Gesellschaft haben.
4.1 Ausgewählte theoretische Konzepte
Kritische Medientheorie
= Teil d. „Kritischen Theorie“ bzw. d. „Frankfurter Schule“ (Adorno, Horkheimer), der sich mit den Phäno-
menen d. Kulturindustrie + dem Manipulationspotenzial d. Massenmedien auseinandersetzt.
2 Zugänge: (1) politische Gesellschaftstheorie, wendet sich gegen Entfremdung + Unterdrückung d. Bevöl-
kerung;

22
(2) Erfahrungen mit Nazi-D. + hoch manipulativer Verwendung von Massenmedien zur Verbreitung von
Rassismus + Kriegshetze.
Kritikpunkte: Wirkungspotenzial zur Manipulation, zur Verbreitung eines Eigengeschmacks + zur industriel-
len Organisation + Ökonomisierung medialer Kulturindustrie
Cultural Studies
Göttlich bezeichnet sie als eine Forschungsperspektive „zwischen kritischer Sozialforschung und Kulturwis-
senschaft“.
Sie lehnen (wie Adorno) eine elitäre Perspektive auf Kunst + Hochkultur ab und kritisieren die dominante
Herrschaftskultur. Im Zentrum d. Interesses stehen d. ges. Alltag mit seinen vielfältigen medialen Lebens-
weisen und Populärkultur.
Systemtheorie
Luhmann: Medien operieren als Beobachter zweiter Ordnung, indem sie die Welt beobachten, beschreiben
und somit auch öffentliche Themen anbieten. Wir sind heute in unserer Meinungsbildung und Wissenser-
weiterung von Medien und ihrer Qualität der Berichterstattung abhängig.
Für das Funktionssystem werden 3 Stränge unterschieden: Nachrichten + Berichte – Unterhaltung – Wer-
bung.
Feministische Theorien
Kritik an d. Dominanz patriarchaler Medienstrukturen: Zugangsselektionen zu journalistischen + redaktio-
nellen Tätigkeiten; gläserne Decke i. d. vertikalen Segregation; horizontale Segregation („männliche“ +
„weilbliche“ Ressorts).
4.2. Medien – Macht – Öffentliche Meinung
Medien werden als vierte und kontrollierende Gewalt in der Gewaltenteilung betrachtet.
Ihre Grundlage sind Meinungs-, Presse- und Informationsfreiheit.
Investigativer Journalismus kann bestehende Machtverhältnisse in Politik- u. Wirtschaftskonzentrationen
aufzeigen und erfüllt damit wesentliche Aufgaben für die Bildung und öffentliche Formulierung kritischer
Meinung + Kontrolle in Demokratien und Zivilgesellschaften.

5 Aktuelle Forschung und Anwendungsbezüge in Österreich


Universitär ist Mediensoziologie wenig verankert. Im außeruniversitären Bereich gibt es verschiedene For-
schungsinstitute (z.B. SORA, FORBA), die sich mit Medienthemen beschäftigen.
- Marktforschung & Rezeptionsanalyse (z.B. Fessel-GfK im Auftrag d. ORF)
- Media-Analyse liefert jährlich Daten zum Medienkonsum + zu Auflagezahlen ö. Medien
- Feministische Medienforschung wird v.a. universitär betrieben
5.1 Ein Forschungsbeispiel
Im Jahr 2000 entwickelte der ORF ein eigenes TV-Format „Taxi Orange“, das dem deutschen „Big Brother“
Konkurrenz machen sollte. Das Land war zweigespalten in Begeisterung und Empörung. Alle Medien griffen
das Thema auf um zu berichten und zu debattieren.

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Migration und Integration (Christoph Reinprecht, Hilde Weiss; S. 153)
1 Einleitung: Historische Hintergründe und Traditionen in der Migrationsforschung
G. Simmel: In d. agrarischen Ges. war der Wandernde einer, „der heute kommt und morgen geht“;
industrielle Moderne: Einwanderer ist ein Fremder, „der heute kommt und morgen bleibt“.
Paradox der Moderne:
Notwendigkeit geografischer Mobilität (Arbeitskraft) & Idealisierung der Migration als Ausdruck von kollek-
tiver + individueller Entwicklung + Expansion
VS.
Unterbindung & Stigmatisierung der Migration durch Grenzziehungen, Kontrolltechniken + Identitätspolitik
In Europa setzt eine intensive Auseinandersetzung mit Migration + Integration erst nach dem WK2 ein
(Entkolonialisierung + Anwerbemigration). Die US-amerikanischen Forschungen über die wechselseitige
Anpassung zw. Minderheit + Mehrheit (bes. Phasen d. Eingliederungsprozesses von EinwanderInnen) be-
gründeten eine bis heute aktuelle Forschungstradition. In Europa richtete sich soziologische Forschung auf
den defizitären Status von GastarbeiterInnen. Fragen d. soz. Eingliederung + die Folgen d. M. für die fak-
tisch zu Einwanderungsges. gewordenen Nationen blieben bis weit in die 80er weitgehend ausgeklammert.
Definitorische Eingrenzungen
Migration = dauerhafte Ortsveränderung; kann mit Grenzüberschreitung verbunden sein, geht mit Wechsel
d. sozialen + kulturellen Bezugssystems einher Dimensionen: Raum, Zeit, Grenze, Sozialstruktur, kultu-
relles System.
Sozialwissenschaftl. besonders interessant ist d. Zsh. von räuml. + sozialer Mobilität (z.B. Arbeitsmigration).
Die auch unter MigrationsforscherInnen verbreitete Gleichsetzung v. Gesellschaft + Nationalstaat begüns-
tigt die Bestimmung d. Migrationsgeschehens als Störprozess sozialer Gleichgewichtszustände.
Problematisch sind Kategorisierungen nach Staatsbürgerschaft, Herkunft, Ethnizität.

2 Wandel der Forschungskonzepte und Gesellschaftsmodelle


Der Schmelztiegel – ethnischer Pluralismus der USA oder Mythos?
Der „ethnische Pluralismus“ charakterisiert das Selbstbild d. USA.
Lange das leitende Paradigma blieb die von Park 1928 formulierte These d. Entwurzelung d. Wandernden,
d. Wechsels d. Identität u. d. typischen Verlaufs d. Neuanpassung (Assimilation). Dieser Prozess d. Akkultu-
ration erstreckt sich über mind. 3 Generationen: die 2. lebt noch „zwischen den Kulturen“, erst der 3. ge-
lingt die gänzliche soz. + kulturelle Eingliederung. Ein Zurücklassen d. Herkunftsidentität ist in den USA qua-
si unumgänglich, da Erfolg sonst in der kap. Marktges. nicht möglich wäre. Mit Marginalität (kein Zugehö-
rigkeitsgefühl zur einen o. anderen Kultur) verband Park die Neigung zu deviantem Verhalten.
Kritik + Erweiterung d. These: nicht alle ethn. Minderheiten fügen sich dem Modell von soz. Aufstieg + kult.
Assimilation; Ethnizität ist eng verbunden mit sozialer Klasse, lokalen + sozialen Bedingungen (Gordon:
„ethclass“); dauerhafte + sichtbare Segregation + Exklusion best. Minderheiten; soz. Abschottung ethn.
Gruppen.
Berry: Wandel d. US-Gesellschaft vom melting pot zur salad bowl.
Europäischer Multikulturalismus vs. Republikanismus?
Multikulturalismus (GB, NL): im Mittelpunkt stehen pos. Funktionen ethn. Gemeinschaften im Eingliede-
rungsprozess; durch die Unterstützung d. Staates können Anpassungsleistungen d. Einzelnen besser reali-
siert + deren Identitätsbedürfnisse geschützt werden; ethn. Traditionen können gepflegt, Identität auch
symb. i. d. Öffentlichkeit gezeigt werden.
Republikanismus (F): alle im nationalen Territorium Geborenen haben die gleichen Rechte; symb. Reprä-
sentanz ethn. + religiöser Symbole im öffentl. Raum wird unterdrückt (Laizismus).
Ö + D: ius sanguinis

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Ethnische Unterschichtung vs. Transnationalismus?
Eckpfeiler d. Europäisierungsprozesses (Angleichung d. EU-Länder) im Bereich d. Einwanderungspolitik:
o Restriktionen im Bereich d. Einwanderungs- u. Aufenthaltsregimes,
o Immigration als sicherheitspolitische Agenda,
o Vorrang für hochqualifizierte + Schlüsselarbeitskräfte,
o Ausbau von Modellen saisonaler Migration.
diese Mischung ist umstritten, da eine „feudale Unterschichtung“ (wie beim Gastarbeitsregime) be-
fürchtet wird: dauerhafte Abkoppelung d. ZuwanderInnen von d. Aufnahmegesellschaft (feudal = auf eth-
nischen Merkmalen beruhend).
Auch die USA haben seit den 60ern Arbeitskräfte angeworben. Von diesen sind viele geblieben, andere
zurückgekehrt oder pendeln: dichtes, vielfältiges Netzwerk transnationaler Beziehungen Transnationa-
lismus/ transnationale Migration = Sich-Bewegen zw. nationalen Grenzen + Kulturen (z.B. wiederholte Aus-
u. Rückwanderungen, zirkuläre + Pendelmigration).

3 Migration und Integration: Theorien, Konzepte, Forschungsergebnisse


3.1 Gibt es eine allgemeine Theorie zur Erklärung von Wanderungen?
Menschen ziehen von ökonomisch weniger entwickelten Gebieten in entwickeltere (Städte).
- Push und pull-Faktoren:
Makroebene: Abwanderung z.B. wegen Arbeitslosigkeit/ niedriger Löhne (push) – Bedarf an Arbeits-
kräften + attraktive Arbeitsbedingungen im Aufnahmeland (pull).
Mikroebene: z.B. Armut, Not, Naturkatastrophen, politischer Druck (push) – Mögl. zu Wohlstand zu
kommen, Sicherheit, rechtl. Einwanderungsmöglichkeiten (pull).
- Migration findet häufig entlang ausgetretener Pfade statt: bestehende administrative Beziehungen,
Transport- u. Kommunikationswege; Vorhandensein informeller Informationskanäle (erleichtert Ket-
tenmigration).
Filterfunktion: gesetzl. Einwanderungsbestimmungen
- Weiters: Erklärung mit Distanz- bzw. Affinitätsvariablen, d.h. Faktoren d. materiellen + kulturellen Ähn-
lichkeit bzw. Distanz zw. Herkunfts- u. Zielland. Theorie hat an Überzeugungskraft verloren

Zsf: 2 Tendenzen:
1) Verlagerung von individuellen Entscheidungstheorien hin zu mesotheoretischen Ansätzen, in denen
transnationale Netzwerkstrukturen + Migrationssysteme in den Mittelpunkt rücken.
2) strukturelle Erklärungsansätze, die untersuchen, wodurch Migrationssysteme insgesamt gesteuert
werden.
3.2 Theorien und Konzepte der Integrationsforschung
Was ist „Integration“?
Das Konzept d. Integration ist umstritten, da es einseitige Anpassungsleistungen von einzelnen und Grup-
pen an die Dominanzges. suggeriert. Soziologie: Integration = Herstellung ges. Ganzheit + Stabilität.
Die Positionierung am Arbeitsmarkt ist der zentrale Integrationsmechanismus schlechthin. Den Bildungsin-
stitutionen kommt daher eine Schlüsselrolle f. soziale Integration zu. Integration umfasst wichtige Lebens-
bereiche wie Arbeit, Wohnen, soz. Kontakte, Familie, politische + kulturelle Teilhabe.
Esser unterscheidet verschiedene Dimensionen d. Integration:
o Kognitiv (Sprache, Fähigkeiten)
o Strukturell (Arbeits-, Wohnungsmarkt)
o Sozial (Kontakte)
o Identifikatorisch (Identifikation mit dem Aufnahmeland).

25
Einwände gegen dieses Modell beziehen sich v.a. auf die Vielzahl intervenierender Faktoren (z.B. Bezie-
hungen zw. Mehrheit + Minderheit, institutionelle Rahmenbedingungen), die den Integrationsprozess
strukturieren. Im Zuge von Eingliederungsprozessen verändert sich jedoch auch die Aufnahmegesellschaft,
weshalb Integration als wechselseitiger Prozess gilt.
Segmentierte Assimilation?
Forschungen in den USA zeigten, dass Anpassungsprozesse d. Generationen parallel zueinander verlaufen +
den wechselseitigen Auswirkungen zw. den Generationen eine wichtige Bedeutung zukommt. Anpassung
richtet sich an der jeweiligen sozialen Umwelt aus – an der Schichtkultur. Gelingt es der 2. Generation
nicht, ihre Position im Vergleicht zu den Eltern zu verbessern, besteht die Gefahr, auf Dauer vom mains-
tream d. Ges. abgeschnitten zu werden.
Integration als multidimensionales Konzept
Auf jeder der oben genannten Dimensionen kann der einzelne unterschiedliche Positionen einnehmen;
keine dieser Positionen muss eine andere zwingend ausschließen oder zur Folge haben.
Prozesse d. sozialen Exklusion u. ethnischen Unterschichtung sind zum Nachteil beider Seiten. Für erfolg-
reiche Integration sind Möglichkeiten zur sozialen Mobilität, Reduktion von „komplexer Unsicherheit“, die
Verfügbarkeit von sozialen Beziehungen und die Erfahrung von Respekt + Anerkennung entscheidend.

4 Migrationsforschung in Österreich
Erste Forschungen in den 70ern befassten sich mit den oft katastrophalen Lebensbedingungen von Gastar-
beitern. Später tritt die Integrationsforschung an die Stelle d. Gastarbeiterforschung.
Demografie: „Notwendige“ Zuwanderungsraten in alternden europäischen Ges.
Powi: staatsbürgerl. Rahmenbedingungen
Soziologie: sozialstrukturelle Ursachen + Folgen, Lebensverhältnisse + psychosoziale Reaktion d. Zugewan-
derten + ihre Beziehungen zur Mehrheitsgesellschaft
Ausgewählte Forschungsergebnisse
- Zentrale Einsicht d. „Österreichischen Migrations- und Integrationsberichts“: migrantische Bevölke-
rung hierzulande ist durch Heterogenität + zunehmende sozial-kulturelle Diversität charakterisiert.
- Mit dem Risiko multipler Benachteiligung (z.B. berufl. Dequalifizierung) ist besonders die aus Ex-
Jugoslawien und der Türkei zugewanderte Bevölkerung konfrontiert.
- Mit der Randstellung am Arbeitsmarkt und in der Ges. erhöht sich die Gefahr einer Verdichtung von
Problemlagen + einer damit verbundenen Einschränkung d. Handlungsräume.
- Die Bildungspartizipation d. 2. Generation hat sich in den letzten 10 Jahren deutlich erhöht.
- Rund ein Drittel d. Kinder hat den niedrigen Status d. Eltern „geerbt“.
- 2. Generation: geringe Marginalisierung; der Großteil d. Jugendlichen ist in komplexer Weise in die ö.
Ges. eingebunden
Anwendungsbezüge
Geringe Institutionalisierung in Ö. Bedarf wird im Zsh. mit ökonomischen + demografischen Entwicklungen
und dem Wandel d. globalen Ungleichheitsordnung weiter zunehmen.

26
Mobilität und Verkehr (Ralf Risser; S. 169)
1 Geschichte und Entwicklung der (sozialwissenschaftlichen) Mobilitätsforschung
Über lange Zeit befassten sich nur technische Wi. mit dem System, in dem individuell geführte KFZ verkehren,
allerdings als „isolierte“ Wi., ohne Rücksicht auf die ges. Auswirkungen dieses Systems. Eine übergreifende wi.
Betrachtung hat erst in den letzten zwei Jahrzehnten eingesetzt, insbesondere für den Straßenverkehr.
Verkehrssoziologie befasst sich mit den Menschen in Zsh. mit ihrem räuml. Mobilitätsverh. unter untersch. Ge-
sichtspunkten (Sicherheit, Umweltschutz etc.) und hat bisher eine marginale Rolle gespielt (Hilfswissenschaft).
- Ende 50er, Angang 60er: Verkehrsdelinquenz
- Mitte/Ende 60er, Anf. 70er: Anfänge deutlich kritischen Hinterfragens d. Autokultur
- 70er, A. 80er: andere Formen d. Fortbewegung bis zu Fußgängerfragen
- 80er: Umweltproblematik
- E. 80er, A. 90er: „wahnsinnige Liebe“ zum Auto (+ Motorrad); Fahrrad in den Vordergrund; erneut + ver-
stärkt Umweltproblematik
- M.+E. 90er: Life-Style u. Gender-Aspekte
- E. 90er: autokritische Untersuchungen + Studien häufen sich; Methoden, die (vielleicht) helfen können,
den (Auto)Verkehr einzudämmen
- E. 90er, A. 21.Jh.: älter werdende Gesellschaft

2 Mobilität im gesellschaftlichen Kontext


Menschen müssen mobil sein, um sich versorgen zu können. Mobilität ist also hier als Ortsveränderung zur Be-
friedigung von Bedürfnissen zu verstehen und meist durch (unter menschlichem Zutun entwickelte) Vorausset-
zungen für die eigene Versorgung und die der Familie geprägt.
Bedingt durch das Auto hat es jahrzehntelang Wege verlängernde Entwicklungen gegeben. Die Verfügbarkeit
von KFZ erlaubt es, dass Industrieanlagen, Großmarkthallen, Einkaufszentren an die Stadtränder gebaut werden
konnten. Das brachte billige Baugründe, großzügige Parkmöglichkeiten etc., ging aber mit einer Abnahme von
Einrichtungen zur Nahversorgung einher: sich ohne motorisierte Hilfe zu versorgen, ist bedeutend schwieriger
geworden.
Es ist möglich geworden, seinen Wohnort „naturnäher“ zu wählen „Urban sprawl“
In Europa sind ca. 50% aller Autofahrten kürzer als 5km und 15% kürzer als 1km. Fußgänger und Radfahrer füh-
len sich wie „Bürger zweiter Klasse“.

3 Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf Mobilität und Verkehr


Soziale Einflüsse
auf das Mobilitäts-Verhalten: Individuum
und seine Merkmale

Interaktion Fahrzeug
Kommunikation zw. Individuen (Verk.teiln.) und dessen Merkmale

Gesellschaft Infrastruktur
Kultur, Gesetze, informelle Normen, Medien u.v.a. und ihre Merkmale

3.1 Gesellschaft und Kultur – die strukturelle Ebene


Wie wir mit Verkehr und allem, was dazu gehört, umgehen, hängt stark von unserer Sozialisation ab und davon,
was von Politik, Medien etc. vermittelt wird. Wichtige soziale Fakten, die nicht bekannt sind/ öffentl. erwähnt
werden:
o Ca. 50% d. Menschen in den Industriestaaten haben nicht die Möglichkeit, KFZ zu lenken
o Fußgänger + Radfahrer sterben selten bei Alleinunfällen, sondern fast ausschließlich durch Autofahrer
Das Fehlen klarer und verbindlicher Ziele zur besseren Kontrolle des Autoverkehrs führt zu verminderter Attrak-
tivität von Alternativen zum Auto.

27
3.2 Das Individuum
Befragung in Wien: 90% meinten, man sollte weniger Auto fahren. Knapp 50% meinten sie selbst sollten weniger
Auto fahren. 30% sagten, sie würden weniger Auto fahren. Eigeninitiative in die „richtige Richtung“ würde dadurch
bestraft, dass man selbst Nachteile hätte, während Ignoranten die Vorteile lukrierten.

3.3 Kommunikation mit anderen


Im Verkehr erweist sich die soziale Kontrolle (durch Anwesenheit anderer) als sehr reduziert. Die Konsequenzen ei-
nes Regelbruchs sind gewöhnlich schwach/nicht existent, weil der andere binnen weniger Sek. außer Reichweite ist.

3.4 Die Infrastruktur


Kreisverkehre, angehobene Kreuzungsplateaus, Schwellen, Aufpflasterungen etc. sind Bsp. für selbsterklärende Stra-
ßen. Sie sollen dazu führen, dass Autofahrer z.B. nicht aufgrund der Breite einer Straße zu schnell fahren u. Ä.

3.5 Das Fahrzeug


Viele Signale, die normalerweise helfen, Geschwindigkeit wahrzunehmen, sind in modernen Autos verschwunden.
Der Geräuschpegel ist gering, es ist keine persönl. Energie von Nöten, um zu beschleunigen.

4 Anwendungsbezüge
4.1 Probleme durch den KFZ-Verkehr
Die Zunahme d. Autoverwendung schafft Probleme für den menschl. Alltag, für die Umwelt u. die Lebensqualität.
Dementsprechend ist die Forderung nach einer Bremsung der Zunahme d. KFZ-Verwendung und weiters deren Ab-
nahme. Andererseits bedeutet die KFZ-Verwendung auch Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft. Beim Abwägen des Für
und Wider gibt es motivationale Probleme: Denken, Reden und Handeln sind dreierlei.

4.2 Kostenfragen
2002 wurde von INFRAS/IWW in 17 europ. Ländern eine Studie zu den externen Kosten (nicht vom Verwender für
Kauf bzw. Verwendung selbst bezahlt) des Verkehrs durchgeführt: 1995 betrugen die ext. K. insges. 658 Mrd. €. (Un-
fälle 23,6%, Luftverschmutzung 20,4%, Staukosten 19,5%, Klimawandel 18,5%, Lärm 5,5%, Landschaftsschäden 2,4%,
anderes 10%); das sind 9,7% d. BIP. 57% entfallen auf den Straßenverkehr, 32% auf Flug-, 10% auf Schienen-, 1% auf
Wasserverkehr. Auf 2000 hochgerechnet werden die ext. K. mit 700 Mrd. angegeben. Bei einer „do-nothing“-
Strategie wird bis 2010 ein Anstieg um 42% vom Ausgangswert 1995 erwartet ( ~ 934 Mrd. €).

4.3 Wenige klare Programme zur Veränderung


Trotz der Umweltprobleme und obwohl seit der Existenz d. Autos weltweit mehr Menschen im Verkehr starben
als in allen Kriegen seither, gibt es kaum Länder, in denen gesetzl. geregelt ist, dass die Autoverwendung abzu-
nehmen hat.
In Kalifornien soll der Anteil der „Zero-exhaust“- und „Near-to-zero-exhaust“-Fahrzeugen bis 2010 einen genau
bestimmten Anteil am gesamten Fahrzeugpark erreichen. Das reduziert zwar nicht die Fahrzeugzahl, aber kann
z.B. durch Elektromotoren die Lärmbelästigung verringern.
In Schweden wurde die „Vision Zero“ Bestandteil von Gesetzen. Sie besagt, dass auf lange Sicht niemand mehr
im Verkehr getötet oder schwer verletzt werden soll. Das hat z.B. zur Folge, dass die erlaubte Höchstgeschwin-
digkeit reduziert werden muss.
4.4 Fehlerhafte Akzeptanzschätzungen?
Ein Problem, das einer geänderten Politik im Weg steht, ist die falsche Einschätzung der Bereitschaft d. Bürger, best.
Maßnahmen zu akzeptieren. Grund dafür ist oft eine falsche Methodenwahl.

4.5 Unterscheidung wichtiger Zielgruppen


o Durchschnittliche Autofahrer: Analyse ihres Verhaltens, Gründe dafür + mögl. Maßnahmen zur Beeinflussung
o Junge KFZ-Lenker: gefährlichste + gefährdetste Gruppe
o Ältere Menschen: selbständige Mobilität unter sicheren Bedingungen aufrecht erhalten. Sind am ehesten
auf das Auto angewiesen, besonders auf dem Land
o Behinderte: Kraftfahreignung + Erhaltung weitgehender selbständiger Mobilität
o Radfahrer/Fußgänger: Attraktivierung dieser Fortbewegungsart (Sicherheit!)
o usw. z.B. Anrainer, Öffis-Nutzer, Bahnfahrer etc.
28
Organisationen (Ulrike Froschauer; S. 186)
1 Einleitung
Für Menschen in modernen Ges. sind Organisationen ein unausweichlicher Bestandteil ihres Daseins. Die Ein-
bettung in O. bestimmt auch die Teilnahme am sozialen Leben (Mitgliedschaften, Konsummöglichkeiten etc.).
O. sind kein neues Phänomen; die Industrialisierung und die zunehmende arbeitsteilige Ausdifferenzierung er-
höhten aber die ges. Komplexität. O. stellen Verbindlichkeit + Erwartungssicherheit her Schlüsselbereich zum
Verständnis moderner Ges.

2 Klassische Entwicklungslinien
2.1 Von der Organisation als Maschine zur Organisation sozialer Beziehungen
Systematische Erforschung von O. begann Anfang 20.Jh.
Einer der ersten war Frederick W. Taylor. Er entwickelte die Prinzipien des „Scientific Management“ zur mög-
lichst effizienten Gestaltung von O. Für ihn funktionierten O. wie Maschinen – alle Handgriffe sollten durch das
Management vorgegeben sein. Henry Ford machte das Fließband zum Symbol d. Industriearbeit. Diese Entwick-
lung war der Beginn einer ganz anderen Richtung, O. zu verstehen:
Hawthorne-Effekt: Nicht strukturelle Arbeitsbedingungen, sondern soziale Zuwendung führen zu Leitungsstei-
gerung O. funktionieren nicht wie Maschinen; soziale Bezieh. sind ein entscheidender Faktor moderne
Organisationsentwicklung: O. sind sich ständig verändernde soziale Gebilde aktiv gestaltendes Handeln rückt
ins Zentrum.
2.2 Bürokratie als reinste Form legaler Herrschaft
Für Max Weber entfaltet sich in der Differenz von traditionaler und legaler Herrschaft die Bedeutung einer bü-
rokratischen Struktur als reinstem Typus von Herrschaft, weil jede Verwaltung im Rahmen d. Verteilung von
Befehlsgewalten irgendeine Form v. H. benötigt und folglich jede H. auch als Verwaltung funktioniert.
Traditionale H.: Übertragung von Befugnissen erfolgt nach persönl. Vertrauensbeziehungen.
Legale H.: O.mitglieder sind nicht dem Vorgesetzten ausgeliefert, sondern nur der Sachlichkeit verpflichtet. Entschei-
dungen werden schriftl. fixiert. BeamtInnen sind über Verträge in die O. eingebunden und werden mit Geld entlohnt.
Gerade die Sachlichkeit/Unpersönlichkeit/Kalkulierbarkeit sieht Weber als Vorteil d. Bürokratie gegenüber d.
traditionalen H. Sie hält willkürliche Entscheidungen, Abhängigkeiten, Korruption hintan Bürokratie als reins-
te Form d. H. + Keimzelle d. Massenverwaltung
R.K. Merton machte auf die Dysfunktionen von Bürokratie aufmerksam: Regelbefolgung kann plötzlich zum
Selbstzweck werden – O.ziele werden in den Hintergrund gedrängt („bürokratischer Virtuose“ lässt niemals eine
Regel für seine Amtshandlung außer Acht).
2.3 Die begrenzte Rationalität organisationaler Entscheidungen
Chester I. Bernard ging davon aus, dass O. nicht aus den Organisationsmitgliedern, Gebäuden, Geräten ect. be-
stehen, sondern aus Handlungen. Diese waren für ihn Gegenstand bewusster Koordination u. diese Handlungs-
koordinationen waren die Grundlage von Handlungssystemen: die einzelnen Personen sah er davon losgelöst,
sie waren dessen Umwelt.
Herbert A. Simon und James G. March interessierten sich für Entscheidungsverhalten; sie versuchten, O. aus einer
Entscheidungsperspektive zu verstehen: Fallstudien zur Analyse konkreter Entscheidungsprozesse. Sie konzentrier-
ten sich auf Infosuche, Alternativenbewertung, unterschiedl. Interessenskonstellationen in O.; Ergebnisse:
o Aufgrund d. Unvollständigkeit d. Wissens d. Entscheidungspersonen sind Präferenzzuordnungen i.d.R. mehrdeutig
o Das Wissen um Alternativen fehlt begrenzte Auswahl an Entscheidungsalternativen
o Wissen reicht nicht aus, um Alternativen mit Präferenzen zu versehen
o Wissen, um zukünftige Ereignisse objektiv rational zu bewerten, ist nicht gegeben
o Präferenzen sind endogen konstruiert, sie verändern sich im Prozess d. Entscheidens
Schluss: Entscheidungen sind situationsabhängig; sie werden aufgrund einer befriedigenden Alternative getroffen,
nicht einer optimalen Konzept d. begrenzten Rationalität. Wenn Handlungen und Entscheidungen verändert wer-
den sollen, ist es notwendig, an Strukturen wie Arbeitsteilung, standardisierten Verfahren wie Programmen, Herr-

29
schaft + Hierarchie, Kommunikation + Koordination u. Indoktrination anzusetzen und nicht am konkreten Handeln
oder Entscheiden.

3 Neuere theoretisch-konzeptionelle Perspektiven


3.1 Organisationen systemtheoretisch betrachtet
Luhmann geht es darum, welche Funktionen Entscheidungen für die O. einnehmen. O. sieht er als das Produkt evolu-
tionärer Entwicklung. Sie fungieren als Schnittstelle zw. Personen und Funktionssystemen.
Die Systemtheorie (u. damit auch Luhmann) sieht O. als verkettete Abfolge von Kommunikation, O.strukturen sind
letztlich das Resultat von Entscheidungen. Die Grenze zur Umwelt wird über Entscheidungen gezogen.
Da Entscheidungen unmittelbar nach dem Prozess d. Entscheidens verschwinden, bedarf es Erwartungsstruktu-
ren. Diese sind selbst das Produkt v. Entscheidungen, ihre Relevanz reicht aber über eine einzelne anstehende
E. hinaus. Entscheidungsprämissen – mehrere zusammen sind Programme. Luhmann unterscheidet Kondi-
tionalprogramme (Bedingungen geben vor, welche Konsequenzen damit verbunden sind) von Zweckprogram-
men (Zweck vorgegeben, geeignete Mittel sind dementsprechend zu wählen).
3.2 Die institutionelle Erklärung von Organisationen
Klassisches rationales O.verständnis: O.strukturen und -prozesse sind rational an den Zielen d. O. ausgerichtet und
formale Strukturen stellen die Effizienz sicher. Der Neue Institutionalismus bezieht eine klare Gegenposition: formale
Strukturen dienen der Legitimation; der Glaube an die Rationalität organisationalen Handelns ist institutionalisiert,
es entstehen Mythen (i.S. kultureller Deutungsmuster), z.B. Fortschrittsglaube o. Zweckrationalität O. nehmen
Mythen für sich selbst in Anspruch (=„Isomorphie“) Strukturähnlichkeit zw. O. + Umwelt, die die Überlebensfähig-
keit d. O. nachhaltiger verbessert als eine Orientierung nach technisch-instrumentellen Kriterien.
Zw. Aufgabenumwelt + Legitimationsanforderungen d. institutionellen Umwelt kann es zu Widersprüchen
kommen – Auseinanderklaffen von Formal- (Oberfläche d. institutionellen Rationalitätsmythen) u. Aktivitäts-
struktur (faktische Aufgabenerfüllung).
Die Wirksamkeit von inst. Vorgaben variiert (Zucker) – Annahme v. variablen Institutionalisierungsmaßnahmen.
O. sind also nicht mehr als Mittel zur Zielerreichung o. i.d. Funktionalität ihrer Strukturen und Prozesse zu mes-
sen, sondern vor dem Hintergrund einer Umwelt zu betrachten, die Erwartungen an sie heranträgt, die für das
Überleben derselben besonders wichtig sind.
3.3 Organisation als soziale Konstruktion: Wissenssoziologische Überlegungen
Für die Wissenssoz. sind auch Organisationswirklichkeiten ges. konstruiert (insbes. P. Berger, T. Luckmann). O. sind
zugleich Bedingungen und Konsequenz d. sozialen Welt: Sie setzten Rahmenbedingungen für d. Aufbau sozialer
Wirklichkeitsvorstellungen und strukturieren damit die Handlungsmögl. d. Akteure. O. entwickeln vor dem Hinter-
grund d. organisationalen Wissens permanent ihre eigene Ordnung u. Routinen zur Sicherung ihres Zusammenhalts.
Der Prozess d. kontextgebundenen Sinngenerierung ist eine entscheidende Komponente einer wissenssoziolo-
gischen O.forschung. Zentrale Elemente (nach Froschauer) sind Kommunikation (sinngenerierend), der Sinn
selbst (Ordnungsform d. Erlebens + Handelns) und Strukturierung (Produktion v. Ordnung). Karl Weick: Prozess
d. Sinngenerierung in O. macht die Menschen handlungsfähig, indem er die Welt mit Kohärenz unterlegt und
dadurch Ordnung schafft.

4 Organisationstheoretisches Wissen für die Forschungspraxis


Eine fundierte soziologische Analyse versucht zu erfassen, wie Organisationen die kollektiven Aktivitäten ihrer Mitg-
lieder koordinieren, sodass relativ verlässliche wechselseitige Erwartungen herausgebildet werden. Immer im Hin-
tergrund steht die Frage, wie Organisationsmitglieder im Kooperationszsh. jene Muster erzeugen, die eine O. charak-
terisieren und was sie dazu bringt, so zu handeln.

5 Zusammenfassung
Die Entwicklung v. organisationstheoretischen Ansätzen ist sehr eng mit konkreten empirischen Forschungen ver-
bunden. Die vorgestellten Ansätze bauen teilweise aufeinander auf, haben aber jeweils eigene Schwerpunkte.
Bei betriebswirtschaftlichen Ansätzen steht die Effizienz d. O. im Vordergrund,
soziologisch orientierte Ansätze rücken Verstehen und Erklären organisationaler Prozesse unter Berücksichtigung
ges. Rahmenbedingungen ins Zentrum.

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Religion (Friedhelm Knoll; S. 202)
1 Revitalisierung der Religionssoziologie im globalen Umbruch
Im Lauf d. 90er erfuhr das Thema „Religion + Gesellschaft“ einen unerwarteten Aufschwung: „Wiederkehr d.
Religion“. Gründe:
o Wiedererstarken kirchl.-religiöser Kräfte in Osteuropa (Zusammenbruch d. sozialist. Staatsgefüges)
o Wiederbelebung rel.-kultureller Traditionen im Zuge d. marktökonomisch-technolog. Globalisierung
o Respiritualisierung d. Lebensweise wegen tiefgreifenden Wertewandels, bes. in West- u. Mitteleuropa
seit 70ern
o i. d. Migrationsforschung vernachlässigt: herkunftsreligiöse Identitätsbildung in muslimischer Migrati-
onspopulation
o hochgradige Religiosität d. USA: „soul like a church”
Es wurde eingesehen, dass Modernisierung/ Enttraditionalisierung nicht kausal mit d. Entkräftigung d. Reli-
gion zusammenhängt Bestreben auch in Ö, das Geflecht von Religion, Kirche, Kultur und Gegenwarts-
ges. als eigendisziplinären religionssoziologischen Problemzusammenhang ernst zu nehmen (markrosoz.
Untersuchungen zum sozialen Wandel).
Die Ursprünge d. Rel.soz. um 1900 wurden von z.B. Durkheim und Weber mit begünstigt, indem sie d.
rel.soz. Forschung + Theoriebildung eine Schlüsselstellung für die Diagnose + Trendanalyse d. modernen
Ges. einräumten.
Rel.soz. Forschung ist nicht nur geeignet, die rel.-kult. Fermentierung sozialen Wandels auf makro-, meso-,
& mikrosoz. Ebene ins Licht zu rücken, sondern sie misst darüber hinaus der interdisziplinären Forschung
einen gebührenden Stellenwert zu.

2 Zur Konstitution der Religionssoziologie


Die Grundlegung d. Rel.soz. erfolgte als eine breit angelegte, historisch orientierte + weithin geisteswissen-
schaftlich ausgerichtete kultursoz. Theoriebildung und Forschung. Im Zentrum stand die Analyse + Diagno-
se d. subjektiv-mentalen Implikationen d. Umbruchs geschlossener traditionaler Vergesellschaftung in of-
fene Formen modernisierungsdynamischer, industriekultureller Verges. („Erste Modernisierung“)
Rel.soz. zentral i.d. Soz.: Durch Simmel bürgerte sich der Begriff „Religionssoziologie“ ein; er führte Studien
zum Problemzsh. von Religion, Kultur + Gesellschaft durch Unterscheidung zw. Religion als Institution
und Religiosität als dispositionelles Moment individueller + gruppenspezifischer Gefühlskulturen.
Webers und Durkheims Weichenstellungen zu sozialtheoretischer Grundlegung, wiss. Terminologie + For-
schungsorientierung d. Soz. hat sich in den ggwrtgen Kultur- u. Sozialwi. als nachhaltig bewährt, als fruch-
tbare Perspektive f. die Untersuchung d. Kulturbedeutung von Rel. an der Schwelle zum 21. Jh. bzw. der
entwicklungsoffenen Prozesse, die in d. Ggwrtssoz. als „Zweite Modernisierung“ charakterisiert werden.
Durkheim arbeitete das Schlüsselkriterium d. Unterscheidung zw. Heilig + Profan heraus und entwickelte
die Fragestellung, was, wenn Gott tot ist, an die Stelle von Religion als social cement treten könnte, um
normative Ordnungen zu garantieren bzw. zu legitimieren.
Die Gründergeneration d. Soz. war skeptisch gegenüber d. seit d. Aufklärung gängigen Annahme, dass mit
der „Entzauberung der Welt“ die Religion (langsam) aus der Welt verschwände. Kritik d. Rel. ist nicht
gleichbedeutend mit und kann nicht Ausgangspunkt d. Rel.soz. sein, aber Weber + Durkheim wollten sie
streng von Theologie getrennt wissen.

3 Religionssoziologie heute: Theorien, Debatten, Fragen


Die Entwicklung nach 1945 schien (in protestant. Ländern schneller, in kath. langsamer) die Generalthese
„je mehr Fortschritt und Modernisierung desto weniger Religion“ zu bestätigen, zumindest in Westeuropa.
Dementsprechend verkürzte sich die Rel.soz. zur Kirchensoz. Dieser gelang es, sich als angewandte Sozial-
forschung zu behaupten, auch weil den Kirchen daran gelegen ist und liegt, Daten + Fakten zum Prozess d.
Entkirchlichung, damit zur Zukunft, zum Überleben d. Kirche in d. Modere, zu erhalten, mit dem Ziel, ei-
genständige Gegenstrategien in Gang zu bringen.

31
Im Lauf der 70er deutete sich eine stille Renaissance d. Rel.soz an, die darauf hinauslief, die enge und mithin bis
in die theoretischen Grundlagen und leitenden Fragestellungen hinein defensive Position kirchensoz. Forschung
hinter sich zu lassen zugunsten einer selbstbewussten Neuorientierung (Matthes, Berger, Luckmann). Spätes-
tens mit Erscheinen d. Sonderbandes d. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie „Religion und
Kultur“ (1993) trat die Rel.soz. wieder als eigengewichtige Spezielle Soziologie auf den Plan.
Im Grunde haben sich heute zwei rel.soz Interpretamente herausgebildet:
o Transformationsthese: der neuzeitl. Megatrend d. Säkularisierung im Sinne von Entkirchlichung hält zwar an,
ist aber nicht mehr gleichbedeutend mit dem tendenziellen Verschwinden d. Rel. Vielmehr ist ein anhalten-
der Umwandlungsprozess d. ges. Phänomens „Religion“ zu verzeichnen („unsichtbare Religion“), Teilaspekt
d. gesamtges. Kulturwandels. Der Trend im Westen geht weg von der kirchlich verankerten, sozial sichtbaren
Obligations- zur privatförmig ausgestalteten Optionsreligion. Diverse Diagnosen kommen zu dem Schluss,
dass sich die Durkheim’sche Unterscheidung zw. Heilig und Profan vermischt. Es gibt eine Tendenz, die Reli-
gion als jenes weite Land zu sehen, auf dem die „Sehnsucht nach Sinn“ sich manifestiert, ein rastloses Su-
chen nach Wegen + ruheloses Experimentieren mit Medien „innerweltlicher Erlösung“ sattfinden äußerst
erweiterter Rel.begriff: von „Seelenheil“ bis „Wellness-Glück“, vom „Beichtinstitut“ bis zum „Körperkult“.
Kurz: Eine Tendenz zur Verschränkung von Rel.- mir Arbeits-, Kultur-, Medien-, Gesundheits-, Sport-, Jugend-
und Sektensoziologie zur Erforschung d. globalisierten Märkte f. Religionswaren ist unübersehbar.
o Gegen das Theorem von d. „unsichtbaren Religion“ wurden, als erstes von Detlef Pollack (1996), erhebliche
Zweifel + Einwände vorgebracht. Pollack sieht es, wenn nicht gar im Kern widerlegt, so doch in seiner Allge-
meinheit wesentlich relativiert:
1. von einem Bedeutungsschwund d. Rel. ist auch während d. „Zweiten Modernsierung“ auszugehen:
„Wenn die Kirchen an ges. Bedeutung verlieren, tut dies auch die Religion“.
2. die fortdauernde ges. Wirkungsmacht d. Kirche wird unterschätzt
3. Ausmaß + Gewicht d. neuen Formen d. Optionsreligiosität werden weithin überschätzt. Entkirchli-
chungsprozesse werden nicht durch Neue Religiosität kompensiert
4. Es ist fragwürdig, den Religionsbegriff vom Kirchenbegriff abzukoppeln, da zw. ihnen eine hohe Korre-
lation herrscht.
5. Folge davon ist eine Entgrenzung d. Religionsbegriffs bis zur Unbrauchbarkeit für die Forschung

4 Religionssoziologische Forschung in Österreich


Auch hier steht die Scheidefrage „Religiöse Individualisierung oder Säkularisierung?“ im Mittelpunkt d. Interesses.
4 Forschungsschwerpunkte:
1. Thematisierung im Rahmen übergreifender Erhebungen zum Werte- u. Lebensformwandel
2. komparatistische Studien zur Entwicklung der Religion in Europa
3. religionssoziologische Spezialstudien zur „Wiederkehr der Religion“; Ergebnisse: Abnahme d. Kirchen-
bindung, Zunahme d. Privatreligiosität
4. kirchen- u. pastoralsoziologische Forschungstradition, vor dem Hintergrund einer „Zweiten Modernisie-
rung“ einer weithin homogenen katholischen Kulturtradition

5 Religionssoziologie in Österreich: Berufliche Möglichkeiten


o Wertewandel- u. Lebensweise-Forschung
o „Jugendarbeit“ (Akzent: Sektensoziologie)
o klassische Kirchensoziologie (Akzent: Organisations-, Angebots-, Bildungsberatung)
o „interkulturelle Kompetenz“ im Kontext der Gesamtproblematik „Migration + Integration“

6 Enger oder weiter Religionsbegriff? – Eine offene Problemlage innerhalb der Religionssoziologie
Ein soziologischer Begriff von Religiosität wird sich von okzidental-kirchenzentristischen Fixierungen lösen müs-
sen, um der Komplexität d. religiösen Phänomens hinreichend gerecht zu werden.
Rel.soz. Begriffsarbeit wird in Zukunft Kriterien verdeutlichen und präzisieren müssen, die das Phänomen d.
Religiösen umrissschärfer kenntlich machen. Hier bietet sich zum einen Durkheims Unterscheidung von Profan
und Heilig als fruchtbare Anknüpfungspunkte an. Zum anderen kann Bergers und Luckmanns substanzialisti-
sches Konzept von Religion forschungsleitende Anknüpfungspunkte bieten. Hiernach gründet Religion in den je
eigens institutionalisierten Sphären von Kontingenzbewältigung und Grenzerfahrungen.

32
Sport (Gilbert Norden, Otmar Weiß; S 218)
1 Einleitung
Aufgabe d. Sportsoziologie: Erforschung d. soz. Handelns + d. soz. Strukturen im Sport sowie d. Wechsel-
wirkungen zw. Sport + Gesellschaft. Problematisch ist, dass verschiedene Personen/ verschiedene Länder
sehr Unterschiedliches mit „Sport“ verbinden (z.B. Pilzesammeln, Vogeljagd etc.).
Definitionen: Sportsoziologie: „Sport ist eine körperliche Aktivität, die erlebnis-, gesundheits-, leistungs-,
spiel- und wettkampforientiert betrieben wird“.
Systemtheorie: Sport ist „jenes Funktionssystem, das aus allen Handlungen besteht, deren
Sinn die Kommunikation körperlicher Leistungsfähigkeit ist“.
Sportmodelle unterscheiden z.B. zwischen:
o Freizeit-/Breitensport + Leistungs-/Spitzensport
o Traditionellem (vereinsorganisiertem) Sport (Wettkampfsport) + Trendsport (Fitnesssport, Risikosport,
Funsport)
o Spaßsport, Gesundheitssport + Leistungssport
o Professionellem Sport, alltagskulturellem Sport (Vereinssport, Selbstorganisation) + medialem Sport
(Sport als Medium: z.B. im Kur-, Schulwesen, Strafanstalten, Sportstudios, Betrieben)
o Leistungssport, „Medien“-Sport, Freizeitsport, Alternativsport + instrumentellem Sport
o Traditionellem Wettkampfsport (Amateurideal), professionellem Showsport (Unterhaltung), expressi-
vem Sport (Freizeit), funktionalistischem Sport (Gesundheit, Körperformung) + traditioneller Spielkultur

2 Zur historischen Entwicklung der Sportsoziologie


H. Risse (1921): „Soziologie des Sports“ (Sport ist „Reaktion auf das gesamte System [industrieller Kapita-
lismus], innerhalb dessen Menschen zu Maschinen werden“).
H. Plessner (1956): „Sport ist eine Ausgleichsreaktion“ (1) auf die mit d. Entwicklung d. modernen Indust-
riegesellschaft verbundene Bewegungsarmut und (2) auf die mit d. industrielle Arbeitsorganisation einher-
gehende Anonymisierung Einzelner im „Heer“ d. Arbeitenden.
Habermas (1958) hat diese Thematik auf das ges. Freizeitverhalten ausgeweitet: Freizeit hat (in Bezug
auf die Arbeit) eine Kompensationsfunktion, eine Regenerationsfunktion u. eine Suspensionsfunktion.
empirische Befunde (Linde u. Heinemann 1968) zeigen, dass das Sportengagement nicht aus d. Kompen-
sationsbedürftigkeit erklärt werden kann, sondern es erschien vielmehr als Folge eines Selektionsprozesses
( Besonderheiten in Bezug auf sozialbiografische Merkmale, z.B. Überrepräsentation v. Protestanten im
Sport, insbesondere des höheren Leistungsniveaus „protestantische Ethik“ [Weber])
Themen: „Sport + Kultur“, „Sport + Industriearbeit“, „Kleingruppe im Sport“, „Jugend + Sport“ (Thema am
2. Seminar d. ICSS [International Committee for Sociology of Sport]); 70er: „Sportsoziologie als Ideologiekri-
tik“ bzw. „Kritische Sporttheorie“ (Rigauer: Phänomene wie Sport sollten „auf das hin untersucht werden
(Normen, Werte, Funktionen), was man an ihnen zu verschleiern sucht“).
N. Elias‘ These lautet, dass der vergleichsweise gewaltlose Sport in modernen Ges. deshalb zu einem
grundlegenden Thema geworden sei, weil die Menschen gezwungen würden, ihr Verhalten immer diffe-
renzierter zu regulieren, ihre Emotionen zunehmend zu kontrollieren. Im Sport sei es möglich, Spannungen
zu erleben + Emotionen auszuleben.
Seit den 70ern erfolgte ein starker Zuwachs an sportsoz. Publikationen. Für die Menschen ist Sport immer
wichtiger geworden, sei es aktive Teilnahme, Besuch von Sportveranstaltungen oder Konsum d. Medien-
sports.

3 Zu den theoretisch-konzeptionellen Perspektiven und Fragestellungen in der Sportsoziologie


Die Systemtheorie (in Luhmann‘scher Fassung) gilt als die „elaborierteste“ soziolog. Theorie d. Sports.
Sport (zumindest Leistungs-/Spitzensport) wird hier als eigenständiges ges. System verstanden.
Praxis-Theorie (Bourdieu): Wird ein Akteur im Handlungsfeld Sport aktiv, wird dies mitbestimmt durch sei-
nen Habitus u. sein ökonomisches + kulturelles Kapital.
33
Generell herrscht auch in der Sportsoziologie eine „multiparadigmatische Situation“ (z.B. Kommunikations-
u. Interaktionstheorien; Kooperation mit d. Körpersoziologie).
Themenspektrum:
o Welche Einflüsse + situative Gegebenheiten führen zu Sporttreiben?
o Motive?
o Inwieweit erfolgt im Sport eine Sozialisation? Ist ein Transfer von Kompetenzen, Handlungsorientie-
rungen + Werten in andere Lebensbereiche möglich?
o Inwiefern ist soziale Integration möglich?
o Zsh. zw. Mannschaftsstrukturen + Mannschaftserfolg? Heimvorteil?
o Beziehung zw. Sport + Politik, Sport + Wirtschaft? Sport in Massenmedien?
o Wie trägt Sport zur Lebensqualität bei?
o Ges. Stellenwert? Wie/ warum verändern sich Sport, seine Inhalte, Organisationen, Werte, Regeln,
Sanktionen?

4 Neue sportsoziologische Forschungen in Österreich: Themen und Beispiele


An Österreichs Unis ist nur die Fachabteilung am Institut für Sportwissenschaften der Uni Wien auf Sport-
soziologie spezialisiert.
Aus dem von Hilscher et al. 2007 herausgegebenen Sammelband „Entwicklungstendenzen im Sport“ ist z.B.
ersichtlich, dass nicht die Sportausübung, sondern die Nicht-Sportausübung mehr volkswirtschaftliche Kos-
ten verursacht.
In Ö ist der alpine Schilauf und Fußball sehr populär, weshalb viele Untersuchungen diese besonders ge-
wichten. Fußball wurde z.B. im Kontext von Arbeiter- u. Stadtkulturen + als Phänomen d. „Popularkultur“
analysiert. Außerdem wurde das Verhältnis zu Geschlecht + zu Migration behandelt.
Eine Untersuchung zur Schi-WM 2007 ergab, dass v.a. die Boulevardblätter „Kronen Zeitung“ und „Öster-
reich“ sich stark an heimischen Rennläufern orientierten u. nicht nur deren Erfolg sondern auch Persön-
lichkeitsmerkmale zu den wichtigsten Selektionskriterien für die Thematisierung zählen.

5 Zum Anwendungsbezug der Sportsoziologie


Zunehmend werden im Auftrag von Sportorganisationen, Regierungsstellen + Wirtschaftsunternehmen
anwendungsorientierte sportsoziologische Forschungen durchgeführt.
Bsp.1:
Im Auftrag von „Der Standard“ wird seit 2007 regelmäßig das Pass-Verhalten d. ö. Fußballnationalmann-
schaft analysiert. Die Ballwege zu den 3 wichtigsten Pass-Partnern jedes Spielers werden grafisch darges-
tellt.
Bsp.2:
Im Auftrag d. Sektion Sport d. Bundeskanzleramtes wurde die Situation von Spitzensportlern beim Über-
gang in die nachsportliche Erwerbstätigkeit untersucht. Dabei kam heraus, dass Spitzensportler häufig aus
Familien mit höherem sozio-ökonomischen Status stammen und v.a. „individualistische“ Eigenschaften
haben, weniger teamorientierte.
Bsp.3:
Im Auftrag d. Österreichischen Bundes-Sportorganisation wurde eine „Aktivierungsstudie zur Förderung
des Sportengagements in Österreich“ durchgeführt.

6 Abschließende Bemerkungen
Innerhalb d. Soziologie ist die Stellung d. Sportsoziologie marginal. Dies steht in starkem Gegensatz zur
großen Bedeutung d. Sports in der Gesellschaft. Dieses Ungleichgewicht in der Bedeutung zu beheben ist
die große Herausforderung d. Sportsoziologen und -soziologinnen.
34
Städte, Regionen, Siedlungsräume (Jens S. Dangschat; S. 235)
1 Einleitung
Juristisch: Stadt ist an entsprechende Rechte f. Politik + Verwaltung einer Kommune innerhalb administra-
tiver Grenzen gebunden
Umgangssprachlich: Stadt ist v.a. an EinwohnerInnenzahl + an eine relativ dichte Bebauung gekoppelt.
Verstädterungsgrad in Europa/ in „entwickelten“ Gesellschaften: ca. 80%.
weltweit: 50% (2007 überschritten)
Stadtsoziologie war lange Zeit eine Teilsoziologie, dann jedoch als Spezielle Soziologie für eine zunehmend
systematische Betrachtung von sehr untersch. Phänomenen in Großstädten entwickelt, die in Folge d. kap.
Industrialisierung im Rahmen einer dynamischen Urbanisierung entstanden/ rasch angewachsen sind.
Suburbanisierung: Ausufern d. Stadt in ihr Umland.
Der Zugang zu Medien sorge dafür, dass Infos, Werte + Lebensstile unabhängig vom Wohnort + Lebensmit-
telpunkt einander angenähert werden.
Im Engeren geht es um die ges. Phänomene, die bei der Nutzung von Raum sichtbar werden bzw. diese
beeinflussen „Siedlungssoziologie“. Es geht um Produktion + Reproduktion d. (Siedlungs-)Raumes und
um sozial-räuml. Phänomene, die „den Städten“ zugeschieben werden.

2 Entwicklungsgeschichte
2.1 Chicago School der Humanökologie und Großstadt-Ethnologie
Im späten 19. Jh. wuchs die Wirtschaft in Chicago rapide. Die zuströmende Wanderbevölkerung war sehr
heterogen. In ihrer Not, eine „Ordnung“ in die Stadtgesellschaft zu bekommen, bat die Stadtverwaltung die
Uni um Mithilfe. Zu dieser Zeit entstand der theoretische Hintergrund d. Chicago School.
Das Grundmuster dieser (biologistischen) Theorie baute auf der These auf, dass soziale Gruppen in koope-
rativer Konkurrenz um Standorte als knappe Güter stehen (symbiotic competition). Soziale Gruppen haben
demnach relativ homogene Erfordernisse + Durchsetzungschancen in d. Standort-Konkurrenz (kultureller
Überbau [moral order] bestimmt den Wettbewerb).
Vertreter: Robert E. Park, G.H. Mead
2.2 Die Neugründung der Stadtsoziologie in Deutschland
R. König hatte in D den ersten Lehrstuhl für Gemeindesoziologie inne (Köln).
2.3 Die new urban sociology
(makrotheoretisch) … wurde in den 70ern + 80ern in F, GB + den USA im Kontext einer Auseinandersetzung +
Kritik am sozial- & humanökologischen Ansatz entwickelt. Kritik wurde v.a. an der quantitativen Chicago
School geübt.
Ausgangspunkt: kapitalismuskritischer, neo-marxistischer bzw. neo-weberianischer Ansatz. „Stadt“ wird
hier nicht als isolierbarer Gegenstand betrachtet, sondern als Ort kapitalistischer Produktion + der Rege-
lung d. Verteilung d. Mehrwertes. Internationalisierung ausdifferenzierte Arbeitsteilung Auflösung
d. Stadt/ Land-Gegensätze einerseits, neuartige Polarisierungen zw. den Regionen + innerhalb d. Stadtregi-
onen andererseits („dual city-These“)
2.4 Die feministische Stadt- und Regionalforschung
Ausgangspunkt sind die benachteiligenden Strukturen in den Städten + die vorherrschenden patriarchalen
Strukturen in Studium, Beruf, Stadtplanung + Gesellschaft (Frauenbewegung d. 70er). Thematisiert wurden
in diesem Zsh. das Zurückwerfen von Frauen auf die Reproduktionsarbeit im Wohnbereich, Frauen als Op-
fer von Männergewalt, Ängste von Frauen im öff. Raum usw.
Forderung nach einer frauengerechten Planung, die die Reproduktionsarbeit d. Frauen i. d. Mittelpunkt
stellt.
35
Kritik wurde außerdem an den theoretischen Grundlagen d. soziolog. Stadtforschung geübt, und zwar im
Wesentlichen an der stadtsoziolog. Konzeption einer Bipolarität von Öffentlichkeit und Privatheit: public
man, private woman.
Die Überwindung einer dichotomen Sichtweise ist die Bedingung zur Aufhebung d. realen Hierarchien zw.
„männlichen“ und „weiblichen“ Lebenswelten.

3 Raumtheoretische Ansätze
Wenn heutzutage „Stadt“ kaum noch eine Distinktion gegenüber „Land“ zulässt, stellt sich die Frage der
Berechtigung einer speziellen Stadtsoziologie.
Die Forderung, Soziales nur durch Soziales zu erklären, führte zu einer Abkehr von materiellen Dingen und
die Kategorie „Raum“ wurde vernachlässigt.
Hamm (1982) bezeichnet Raum jedoch als „ein Strukturierungsmoment sozialer Organisation“ und sieht
Räume als individuelle Produkte von sozialisationsbedingten Reproduktionsleistungen.
10 Jahre später löst Läpple mit seinem Konzept des „sozialen Raumes“ eine Debatte in der Raumsoziologie
aus weitgehende Akzeptanz d. relationalen Raumverständnisses. Dieses besteht aus 4 Elementen:
o Materiell-physisches Substrat gesellschaftl. Verhältnisse,
o gesellschaftl. Interaktions- und Handlungsstrukturen,
o institutionalisiertes und normatives Regulationssystem und
o das mit dem materiellen Substrat + seinen Akteuren verbundene räuml. Zeichen-, Symbol- & Reprä-
sentationssystem
Bourdieu (1991): „Der soziale Raum weist die Tendenz auf, sich mehr oder weniger strikt im physischen
Raum in Form einer bestimmten distributionellen Anordnung von Akteuren und Eigenschaften niederzu-
schlagen.“ „der vom Akteur eingenommene Ort und sein Platz im angeeigneten physischen Raum [ge-
ben] hervorragende Indikatoren für seine Stellung im sozialen Raum [ab].“

4 Herausforderung für die Stadtsoziologie


Stadt- und Regionalsoziologie ist in ihrer Bedeutung rückläufig. In ö. Soziologieinstituten gibt es keine Pro-
fessur dafür. Aber sie ist offensichtlich eher anwendungsorientiert gebraucht, da jeder Studiengang für
Raumplanung eine Soziologiestelle aufweist.
Gegenwärtig besinnt man sich als „Gegenbewegung“ zur Globalisierung auf Werte wie Öffentlichkeit, Soli-
darität, Toleranz und auf das vertraute und bewährte Regulationssystem der „sozialen Marktwirtschaft“.
In dieser post-fordistischen Gemengelage d. Übergangs zur Dienstleistungsgesellschaft gewinnen stadtso-
ziologische Themen wie Segregation, Migration und Integration an Bedeutung.
Heute ist eher von „binnenintegrativer Segregation“ die Rede, denn es hat sich die Erkenntnis durchge-
setzt, dass das Ausmaß von Ausgrenzung sozialer Gruppen weniger von Strukturmerkmalen (wie Auslän-
deranteil) abhängt, sondern ob die sozialen Prozesse vor Ort geeignet sind, die Interaktionsbeziehungen zu
stärken und auf diese Weise ein multikulturelles soziales Kapital erzeugt werden kann.

36
Tourismus (Franz Kolland, Julian Strizek; S 250)
1 Charakterisierung und Abgrenzung des Themengebiets
2006 gab es rund 846 Mio. internationale Ankünfte und die Einnahmen beliefen sich auf 735 Mrd. US-
Dollar.
Tourismus = „Aktivität von Personen, die an einen Ort außerhalb ihrer gewohnten Umgebung reisen und
sich dort nicht länger als ein Jahr ohne Unterbrechung zu Freizeit-, Geschäfts- oder bestimmten anderen
Zwecken aufhalten.“
Tourismussoziologie beschäftigt sich außerdem mit den Motiven für Reisen. Sie steht in einem Nahver-
hältnis zur Migrationssoz. (geografische Mobilität) und zur Umweltsoz. (Nachhaltigkeit).

2 Historische Entwicklung des Tourismus und theoretische Ansätze der Tourismussoziologie


4 Phasen d. (europäischen) Reisens:
1. Vorphase (bis ca. 1850): Zweckgerichtetheit: Entdeckungs-/Eroberungsdrang, Religion, Handel
2. Anfangsphase (ab M. 19. Jh.): Ausbau d. Post- & Nachrichtenwesens, Verbesserung d. Verkehrsnet-
zes (1841 bot Thomas Cook die erste Pauschalreise an). Reisen war Privileg von Adeligen, Geschäfts-
leuten, Wohlhabenden.
3. Einführung von Urlaubsregelungen vermehrte tourist. Aktivität Veränderung d. Sozialstruktur
d. Reisenden
4. Moderner Massentourismus (nach WK2): wirtsch. Aufschwung westl. Industrienationen. Automobi-
lisierung + Pauschalangebote Demokratisierung d. Reisens industriell organisierter + standar-
disierter Massentourismus
Nach Keitz (1997) ist Tourismus dann modern, wenn er planbar ist, „und zwar individuell“.
Boorstin (1964): Differenz zw. Reisenden + Touristen: erstere setzten sich Risiken + Unannehmlichkeiten
aus, sind aktiv auf der Suche nach persönl. Weiterentwicklung; letztere suchen lediglich das Vergnügen.
Der moderne Tourismus passt sich den Bedürfnissen letzterer an: „echte Erlebnisse“ werden durch Pseu-
do-Events ersetzt.
MacCannell (1973/76): Zentrales Motiv tourist. Aktivität ist die Suche nach Authentizität + das Eintauchen
in das „echte“ Leben der Fremden. Analogie zu religiösen Pilgerfahrten: 1) Trennung von gewohnter Um-
gebung, 2) Begeben in die Unsicherheit einer fremden Kultur, 3) Rückkehr mit höherem sozialen Status.
Urry (1991): Tourismus besteht aus einer Ansammlung konstruierter Zeichen (Bilder – Fotos, Werbung), in
der Schaffung einer neuartigen Realität. Aktuelle Formen sind geprägt vom „romantischen Blick“: Touris-
tInnen haben den Wunsch, sich von gewohnten Mustern d. Massentourismus zu distanzieren.

3 Forschungsfelder – zentrale Fragen und aktuelle Debatten


3.1 Motive und Bedürfnisse von Touristen/ Touristinnen
Dann (1981) trennt hinsichtlich d. Ortes und unterscheidet Push- und Pull-Faktoren.
Cohen (1979) unterscheidet 4 Typen von Reisenden, je nachdem inwieweit die tourist. Erfahrung zu einem
sinnstiftenden Bestandteil d. Lebens d. Reisenden wird.
3.2 Beziehungen zwischen Touristen/ Touristinnen und Einheimischen
1. Interaktionen: meist einmalig, von kurzer Dauer, in mehrfacher Hinsicht durch Asymmetrien ge-
prägt
2. Einstellungen: a) von Einheimischen gegenüber Touris: Doxey (1976) spricht von 4stufigem Prozess,
der bei Euphorie beginnt und in einer antagonistischen Haltung endet. Letztere besteht v.a. in Län-
dern mit rasch expandierender tourist. Aktivität + starken kult. Unterschieden zu den Touris.
b) von Touris gegenüber Einheimischen: bestehende Bilder (pos. + neg.) werden bestätigt. Begeg-
nung mit fremden Kulturen führt oft zu einer verstärkten Wahrnehmung d. eigenen kult. Differenz.
3. Gegenseitige Wahrnehmung: je nach früheren Erfahrungen/Informationen

37
3.3 Struktur und Funktionsweise des touristischen Systems
Strukturelle Ungleichheit: zentralisierte Organisationsstruktur Gewinne kommen meist großteils einem
einzigen Akteur des touristischen Systems zugute.
Dominanz d. Herkunftsländer: 1) ökonomisch: Durch den Besitz d. notwend. Infrastruktur können Touris-
musströme kontrolliert werden; 2) kulturell: Nachfrageländer können festlegen, welche Charakteristika ein
tour. Produkt aufweisen soll, um touristische Bedürfnisse zu befriedigen Logik d. Konsumgutes
3.4 Auswirkungen des Tourismus
- Schaffung v. Arbeitsplätzen
- Erhalt von Devisen
- Steigerung d. Einkommens
- Veränderungen im Bereich d. sozialen Schichtung
- Tendenz, bestehende Aspekte d. lokalen Kultur kommerziell nutzbar zu machen
- Beschleunigung des sozialen + kulturellen Wandels
- Binnenmigration
- Veränderungen im Lebensrhythmus d. Bereisten
- Veränderungen in der innerfamiliären Machtverteilung
- Geringere Abhängigkeit von traditionellen Machtstrukturen v.a. für Frauen
3.5 Reisen und Alltag – Auflösung eines Gegensatzes?
Zunehmende horizontale Mobilität in modernen Ges.
Anstieg tour. Aktivitäten allgemein + Anstieg von Kommunikation über weite geograf. Distanzen i.d.
letzten 2 Jahrzehnten (time-space compression [Harvey])
Mögl. einer räuml. Ausdehnung von soz. Netzwerken und Erhaltung dieser über große Distanzen.
Copresence: imaginierte/ virtuell vermittelte Präsenz von Personen, die physisch nicht da sind (z.B. via
Handy, Email).
Urry unterscheidet 3 Formen d. Reisens: 1) physische Ortsveränderung (corporeal travel), 2) Vermittlung
von touristischen Bildern (imaginative travel), 3) Teilhabe an Reisen anderer (virtual travel).
Der Anteil an personenbezogenen Reisen (visiting friends & relatives) steigt in Relation zu den (häufigeren)
Urlaubsreisen (leisure, recreation, holiday).
Tour. Aktivität ist in bestehende soz. Muster eingebettet + kann nicht unabhängig von tagtägl. Mustern d.
soz. Lebens & den darin enthaltenen Verpflichtungen betrachtet werden.

4 Tourismusforschung in Österreich
Wichtig: Statistik Austria; bis 2002 wurden die Reisegewohnheiten d. Ösis jährlich im Rahmen d. Mikrozen-
sus erhoben, seit 2003 werden vierteljährliche Erhebungen zu den „Urlaubs- u. Geschäftsreisen der Öster-
reicherInnen“ erstellt.
Ö kann hinsichtl. der Tourismus-Ankünfte & -Einnahmen zu den großen Ländern gezählt werden (hohe Zahl
an Nächtigungen im Verhältnis zur Einwohnerzahl). Wichtigste Herkunftsländer d. Touris sind D, NL, GB, CH.
Anteil d. Reisenden in Ö: 75,4% (= Reiseintensität);
höchste Aktivität: 35 bis 44-jährige (82,7%)
ab 65 J.: 56,4%
Männer: 77% (Geschäftsreisen: 25%)
Frauen: 74,3% (Geschäftsreisen: 11%)

5 Diskussion des Anwendungsbezugs


Xenophobie + Xenophilie prägen Reisemotive d. Touris und können außerdem zu Verzerrungseffekten i. d.
Untersuchung von touristischen Zielländern führen.
Universitäre sozialwissenschaftliche Tourismusforschung gibt es in Ö nur an der WU Wien.

38
Umwelt und Ökologie (Marina Fischer-Kowalski, Andreas Mayer; S. 266)
1 Einleitung
Wegen des globalen Wandels der Umwelt (Klimawandel, Zerstörung der Artenvielfalt) ist die Soziologie
vermehrt herausgefordert, das Verhältnis von Natur und Ges. in den Blick zu nehmen und damit zur Prob-
lemlösung beizutragen.
Dafür sind interdisziplinäre Kooperation mit den Nawi und neue wissenschaftliche „Hybride“ wie die Sozia-
le Ökologie gefordert.

2 Wissenschaftliche Positionierung: Umweltsoziologie und Soziale Ökologie


Die Soziologie entdeckte Natur und Umwelt erst relativ spät als mögliche Gegenstände ihrer Betrachtung,
denn sie hat ihre Identität gerade daraus gewonnen, ihren Erkenntnisgegenstand von der Natur säuberlich
abzugrenzen (Durkheim’sches Paradigma „Soziales nur aus Sozialem zu erklären“) und dies blieb bis zum
Beginn der 80er auch so.
W. Catton und R. Dunlap waren der Ansicht, dass der Hochmut des human exemptionalism paradigm (HEP)
(= die traditionelle Sichtweise der Soziologie, dass gewisse Eigenschaften des Homo Sapiens [Sprache, Kul-
tur, Technik] ihn von der Natur emanzipieren) technologisch herbeigeführte Umweltkatastrophen begüns-
tige. Sie forderten daher ein new ecological paradigm (NEP), das die Einbindung von menschlichen Gesell-
schaften in natürliche Ökosysteme betont.

3 Drei Perspektiven auf den Gegenstand


3.1 Die Beobachterperspektive
≈ Umweltsoziologie, klassische soziologische Perspektive
Sie sucht zu rekonstruieren, wie neue Diskurse über die Störungen, die die Ges. in ihrer natürlichen Um-
welt auslöst, ges. Problemwahrnehmungen, Konfliktfelder, Handlungsarenen, institutionelle Routinen und
Alltagspraktiken erobern oder auf bestehende Routinen und Diskurse neu strukturierend wirken.
Z.B. Analyse von Umweltbewegungen und ihrer Aktionsformen: Umweltbewegungen (seit 70ern) waren
maßgeblich daran beteiligt, ges. zu definieren, was „Umweltprobleme“ sind. Sie bedienen sich in der Regel
außerparlamentarischer Methoden und Interventionen in politische und wirtschaftliche Prozesse.
Z.B. international vergleichende Umfragen zur Frage, ob Umweltbewusstsein ein Wohlstandsphänomen
sei. (Ergebnis: Es gibt keinen systematischen Unterschied zw. armen und reichen Ländern hinsichtlich der
Bedeutung, die die Bewohner einer intakten Umwelt zumessen.)
3.2 Die reflexive Perspektive
Hier ist die Soziologie selbst im Blickpunkt der Betrachtung: Ist sie mit ihren theoretischen und methodi-
schen Traditionen überhaupt in der Lage, das Gesellschaft-Umwelt-Verhältnis oder die wechselseitigen
Bedingtheiten von Ges. und Natur angemessen zu erfassen? „Naturvergessenheit der Soziologie“?
In den Anfängen der Soz. war die Distanz zw. Ges. + Natur geringer: Für Marx war Arbeit der Stoffwechsel
des Menschen mit der Natur, Comte entwarf eine physique sociale und Spencer sah einen Zusammenhang
zw. ges. Fortschritt und effizienter Nutzung von Energie. Seit Durkheim und Weber wird das Soziale nur
noch aus dem Sozialen erklärt.

39
Gesellschaftstheorie d. Environmentalism
19.Jh. Carson
Comte Ehrlich
Spencer Lovelock
Marx Gesellschaft hat störende
Mensch & Gesellschaft Wirkung auf die Natur;
emanzipieren sich aus diese ist Opfer d.
den Gewalten der menschl. Bevölkerungs-
Natur wachstums

2. Hälfte d. 20.Jh.:
Sozialökologische
Soziologische Klassik
Außenseiter
Weber, Durkheim,
Geddes, Godelier, …
Mead, Schütz, …
Bookchin, Beck, Rosa,
Parsons, Habermas,
Latour
Luhmann

Für M. Bookchin ist Umweltzerstörung eine der kapitalistischen Wirtschaftsweise immanente und direkte
Folge des instrumentellen Umgangs von Ges. mit Natur, die Natur immer hinsichtlich ihrer Funktion als
materielle und energetische Ressource für Ges sieht. Er sieht daher die Lösung d. ökol. Krise in der Zer-
schlagung jeglicher Form von Machtverhält.
M. Godelier: Der Mensch hat eine Geschichte, weil er Veränderungen in der natürlichen Umwelt auslöst,
die dann wiederum auf ihn zurückwirken, indem sie neue ges. Arrangements fordern.
3.3 Die problembezogene Perspektive
Ausgangspunkt ist das Problem, dass der Mensch/ die Wirtschaft/ die Gesellschaft ökologische Zusam-
menhänge „stört“ und damit die eigenen Lebensbedingungen gefährdet. Wissenschaft soll aufklären, wel-
ches ges. Verhalten die Störungen auslöst und wie dieses verändert werden kann. Die nawi. Fragestellung
muss ökologische Zusammenhänge und Sensibilitäten verstehen, die sowi. muss den Menschen/ die Wirt-
schaft/ die Gesellschaft in ihrer inneren Dynamik verstehen. Dazu bedarf es theoretischer Konzepte, die die
Austauschbeziehungen zw. sozialen und naturalen Systemen beschreiben können und in beiden Bezugssys-
temen anschlussfähig sind (z.B. Club of Rome 1972).
Ein besonders geeignetes Konzept dafür ist das des gesellschaftlichen Stoffwechsels.
Dieses geht (in Analogie zur Biologie) davon aus, dass Ges. zur Erhaltung ihrer Strukturen und Funktionen
Material- und Energieflüsse mit ihrer Umwelt organisieren. Sie extrahieren Rohstoffe, verarbeiten sie zu
Nahrung und anderen Produkten und schließlich zu Abfällen und Emissionen. Den natürlichen Kreisläufen
bleibt es dann überlassen, diese „Ausscheidungen“ wieder in brauchbare Ressourcen rückzuverwandeln.
Ges. mit dieser Art von Stoffwechsel können unter Knappheitsproblemen leiden (wenn die Bevölkerungs-
dichte relativ zur Ressourcendichte zu hoch wird oder Ressourcen übernutzt werden), aber sie können
kaum unter „Umweltverschmutzung“ leiden. Es sind eben nicht mehr Ressourcen verfügbar, als die Natur
auch problemlos entsorgen kann.
Dieser Stoffwechsel – und damit die Knappheitsprobleme – kann aber gesprengt werden, wenn man Res-
sourcen von außerhalb der aktuellen regionalen Biosphären verwendet (z.B. aus geologischen Depots ent-
nommen – Metalle, fossile Energieträger – oder aus größeren Entfernungen herbeigeschafft).
Dieser erweiterte Stoffwechsel kann zwar helfen, Knappheit zu überwinden, aber er zieht auch Umweltver-
schmutzung nach sich. Es ist eben nicht mehr gewährleistet, dass die Ökosysteme die Ausscheidungspro-
dukte verarbeiten. Durch die neuen Energieträger sind völlig neue Handlungsspielräume gegeben, aller-
dings nur auf begrenzte Zeit (Wendepunkt – oil peak, gas peak – bald erreicht?).
Das dringendere Problem ist aber die Umweltverschmutzung: Mit der Verbrennung fossiler Energieträger
verändert die Menschheit die Zusammensetzung der Erdatmosphäre in einer Weise, die das gewohnte
40
Funktionieren eines der wichtigsten lebenserhaltenden Systeme – des Klimasystems – gefährdet. Deswe-
gen bemüht sich das von der UNO eingesetzte International Panel on Climate and Climate Change, Lösun-
gen vorzuschlagen, die die Industrieländer zur Absenkung ihrer CO2-Emissionen verpflichten, den Entwick-
lungsländern aber einen gewissen Spielraum gewähren, ihren eigenen Energieverbrauch an den der In-
dustrieländer anzunähern, ohne sie aus der Pflicht zu entlassen, an einem Klimaabkommen mitzuwirken.
Ein häufig gebrauchter Indikator für soziale Ungleichheit im Ressourcengebrauch ist der ökologische Fuß-
abdruck.
Er misst, ob und in welchem Ausmaß der aktuelle menschliche Konsum und die daraus entstehenden Emis-
sionen und Abfälle die regenerativen Kapazitäten der Biosphäre übersteigen. In Fläche umgerechnet ist ein
ök. Fußabdruck von 1,8 Hektar pro Person noch nachhaltig (USA: 9,6 ha; Ö: 4,9 ha; Länder mit höchstem
Einkommen: 6,4 ha; Länder mit niedrigstem Eink.: 0,8 ha).
Der globale Fußabdruck übersteigt mit 2,2 ha/Person die Biokapazität um 25%.

4 Umweltsoziologie oder Soziale Ökologie?


Für Problemlösungskapazität im Gesellschaft-Umwelt-Verhältnis reicht soziologische Kompetenz allein
nicht aus. Es bedarf interdisziplinärer Zusammenarbeit mit der Ökonomie einerseits und den Naturwissen-
schaften andererseits. Es ist daher zu einer Art wissenschaftlicher Hybridbildung gekommen: Soziale Öko-
logie.
In einem Systemmodell werden die drei Dimensionen Lebensqualität, Wohlstand und Stoffwechsel ver-
knüpft.
Die Dynamik besteht darin, dass diese Größen miteinander positiv rückgekoppelt sind: Lebensqualität setzt
(vermeintlich?) Wohlstand und eine Menge materieller Güter voraus, durch wirtschaftliche Aktivität wird
Wohlstand geschaffen und der materiellen Stoffwechsel wird erhöht Aufschaukelungsprozess.
Dieses System ist an 2 Seiten mit der nat. Umwelt rückgekoppelt:
(1) Der Stoffwechsel hängt von den nat. verfügbaren Ressourcen und der Fähigkeit der Natur, Abfälle und
Emissionen zu absorbieren ab.
(2) Das Wohlbefinden/ die Lebensqualität von Menschen hängt von stetiger Sonneneinstrahlung, stabilem
Klima, Wasser, Nahrung ab. Und hier kommt es mittelfristig zu einer negativen Rückkoppelung: Umweltbe-
lastungen beeinträchtigen die Lebensqualität.
Konsumkritik betont, dass ab einem bestimmten Wohlstandsniveau ein Mehr an Gütern für das Wohlerge-
hen der Menschen irrelevant wird.
Wohlfahrtskritik meint, dass der positive Zsh. zw. Lebensqualität und Wohlstand keineswegs ungebrochen
ist.

5 Bedarf an sozialwissenschaftlicher Kompetenz


1. Wissenschaftliche Forschung: interdisziplinär vernetzte „sozio-ökonomische Umweltforschung“
2. Forschung im Profitbereich: Unternehmen im Bereich Umwelttechnik und Consulting
3. Betriebliches Umweltmanagement, öffentliche Verwaltung: Verteuerung fossiler Energie, Notwen-
digkeit, Klimaschutzabkommen auch einzuhalten
Eine berufliche Karriere in diesem Bereich setzt Qualifikationen voraus, die über die Soziologie hinausge-
hen. Neben einer guten Kenntnis sozialer Systeme muss man sich auch solide umweltwissenschaftliche
Kenntnis erwerben.

41
Wissenschaft (Ulrike Felt; S. 282)
Wissensgesellschaft als analytisches Konzept stellt auf die tiefgreifende Veränderung d. Verhältnisses von
Wissenschaft + Ges. ab. Die Grenzen zw. Wissenschaft und anderen ges. Systemen werden zunehmend
durchlässig. Wissenschaft wird als in unterschiedlichen Formen in der Ges. präsent wahrgenommen und
Ges. bekommt eine immer bedeutendere Rolle in der Wissenschaftsentwicklung.
z.B. Auseinandersetzungen um grüne Gentechnik, Kernkraft, Homöopathie: Welche Form der Expertise
gilt?
Wissenschaftsforschung begreift Wissenschaft selbst als soziales System und Ges. + Wissenschaft als aufs
Engste miteinander verwoben.

1 Wissenschaftsforschung: Charakterisierung und Abgrenzung eines Forschungsfeldes


1.1 Wissenschaft im Spiegel des „wissenschaftlichen Outputs“
Wissenschaft produziert Erkenntnis. Als Erkenntnis gilt etwas ab dem Zeitpunkt, an dem es formal inner-
halb d. wiss. Gemeinschaft kommuniziert, und auch bis zu einem gewissen Grad validiert wurde.
Output von Wissensch.: Zeitschriften, Bücher, Patente, Vorträge.
In den Nawi. sollen haupts. Lehrbücher „das Wissen der Zeit“ festhalten. Dieses Wissen ist allerdings
schnell veraltet. In den Sozial- u. Geisteswissenschaften sind Bücher immer noch das wichtigste Medium.
Nur jenes Wissen gilt als anerkannt, das auch von der wiss. Gemeinschaft und ihren Organen publiziert
wird.
W. ist zu einem kooperativen Unterfangen geworden, das nationale Grenzen sprengt.
Publikationsverhalten + Formen der Publikation sind gute Indikatoren für die Entwicklung eines Systems:
Welche Normen + Werte sind im W.system von Bedeutung, wie sind die Zentren d. Macht verteilt?
1.2 Wissen und Institutionen: eine Vernunftehe?
Im 17. Jh. wurden erstmals Räume geschaffen, in denen man gemeinsam festzumachen begann, was über-
haupt als wissenschaftliches Wissen gilt.
Ein gutes Bsp. für die Institutionalisierung von W. ist die Herausbildung von Disziplinen. Diese ist ein Pro-
zess des bewussten Besitzergreifens und Unabhängigmachens eines Bereiches und hat somit auch eine
politische Dimension.
Unis: Grundlagenforschung + Ausbildung
Außeruniv. Forschungsstätten: gesellschaftsrelevante angewandte Forschung.
Diese Trennung wird derzeit massiv infrage gestellt und z.T. aufgelöst.
1.3 Wissen produzieren: im Beruf/ ein Beruf/ eine Berufung
Wissenschaftliches Arbeiten wird von der Berufung zum Beruf: im 19. Jh. entstand der Beruf d. Univ.Prof.
Nun konnten junge Wissenschaftler (später auch -innen) im Rahmen einer Institution herangebildet wer-
den. Damit schließt sich das W.system und wird ein sich selbst reproduzierenden System.
1.4 Wissensproduktion als soziale Praxis – Wissens- und Forschungskulturen
L. Fleck wies bereits in der 30ern darauf hin, wie sozial konstruiert wiss. Wissen ist in den 70ern gingen
erstmals ethnologisch geschulte WissenschaftsforscherInnen in Forschungslabors um Science in Action, die
Praxis wissenschaftlichen Arbeitens, zu beobachten. Ziel: Aufschlüsse über die (soziale) Konstruktion von
naturwissenschaftlichen Tatsachen in Labors.
Ergebnis: in den Labors ging es sehr „normal“ zu. Hohe Ähnlichkeit zw. wiss. und Alltagslogik, zw. wiss. und
sozialen „Verhandlungsprozessen“.
Frage: Sind Beobachtungen der W.forschung über einzelne Fallstudien hinaus generalisierbar oder stellen
diese nur Ausnahmefälle von wiss. Praxis dar?
In den letzten Jahren wurde die Rolle d. Repräsentation ins Zentrum d. Aufmerksamkeit gerückt
42
1.5 Wissenschaft aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive: Interaktionen und Begegnungen
Wissenschaft als ges. Teilbereich ist eng gekoppelt mit Militär, Wirtschaft u. Politik
In den letzten Jahren ist ein wachsendes Ausmaß an Kommunikationsaktivitäten festzustellen, mit dem
Ziel, Wissenschaft in diversen Formaten und mit unterschiedlichen Zielsetzungen an spezifische Öffentlich-
keiten zu vermitteln.
Während W. zum einen durch Auf- und Ausbau institutioneller Freiräume für die Forschung immer erfolg-
reicher wurde, fand gleichzeitig eine Abkoppelung von der Gesellschaft und damit von deren Bedürfnissen,
Erwartungen u. Anforderungen, statt. Innerwissenschaftlicher Erfolg war damit gewissermaßen mit dem
Verlust ges. Integration u. damit auch Glaubwürdigkeit gekoppelt.
Menschen erfahren wiss. Wissen durch die sozialen Beziehungen, in denen es vermittelt wird. Dabei muss
es immer auch persönlichem u. kollektivem Laienwissen standhalten evtl. massive Widersprüche zw.
untersch. Wissensformen Ablehnung wiss. Erklärungsmuster u. Handlungsanleitungen

2 Die kurze Geschichte einer noch jungen (Inter)Disziplin und ihre Verankerung in Österreich
Frage: Inwieweit bringen soziale Strukturen und Erkenntnisse einander wechselseitig hervor?
Die 30er waren von Versuchen geprägt, neue methodische Zugänge zu einem besseren Verständnis des
Wissenschaftssystems zu entwickeln; 1939 erstmals Begriff „Science of Science“.
Erster Vertreter einer systematischen Wissenschaftssoziologie: R.K. Merton: versuchte v.a. die soziale Or-
ganisation von W. zu erforschen.
Elemente traditioneller Forschungsorganisation koexistierten und standen in Konflikt mit neu zu schaffen-
den Strukturen; Diskrepanz zw. den Möglichkeiten der W. und ihrer politischen u. ökonomischen Verwen-
dung: Welchen Nutzen zieht Ges. aus aufwändigen Forschungsprogrammen?
Im Rahmen d. sozialen Bewegungen der späten 60er rückte auch W. in den kritischen ges. Blick und die
Erforschung d. Zusammenhänge zw. Wissenschaft, Technik u. Gesellschaft avancierten zu einem wesentli-
chen Thema. Ab 70ern/80ern setzten empirische u. systematische Forschungsanstrengungen u. die univ.
Institutionalisierung d. W.forschung ein.
Gründung einschlägiger Fachgesellschaften:
- Sektion „Wissenschaftsforschung“ d. Deutschen Gesellschaft für Soziologie (1974)
- „Society for Social Studies of Science“ (international; 1975)
- „European Association for the Study of Science and Technology“ (1976)
Aktuell lässt sich eine beachtenswerte institutionelle Etablierung d. Faches feststellen: Wissenschaft ist als
ein legitimer Untersuchungsgegenstand sozialwissenschaftliche Forschung anerkannt. Weltweit gibt es
~200 Einrichtungen, an denen Wissenschafts- und Technologieforschung betrieben wird (STS – Science and
Technology Studies oder Science, Technology & Society).
In der Forschungsförderungslandschaft ist das Gebiet mittlerweile sehr gut verankert.
In Ö etablierte es sich relativ spät und nur langsam. Die Soziologie war als Triebkraft lange zurückhaltend.
Auch heute ist W.forschung institutionell eher verstreut angesiedelt, z.B. Institut f. W.forschung an der Uni
Wien (1987 gegründet), Einheit an der Uni Klagenfurt, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen eher
fragmentierte wissenschaftliche Gemeinschaft.

43
3 Ausgewählte kontemporäre Debatten
3.1 Governance und Partizipation
Die Frage von Governance und Partizipation in W. und Technik entwickelte sich zu einem Fokus d. Wissen-
schaftsforschung.
Governance: an der Steuerung und Regelung von wiss.-technischen Entwicklungen sind nicht nur der Staat,
sondern auch andere ges. Akteure beteiligt und sollten das auch.
Es geht darum, die Veränderung d. Wissensbildungs- und Entscheidungsstrukturen in W. und Ges. zu ana-
lysieren und z.T. auch in Form von Aktionsforschung an ihrer Weiterentwicklung mitzuwirken. Dabei wird
oft die eingeübte Grenze zw. ExpertInnen und Laien neu definiert. (Biomedizin, Lifesciences; Umwelt, Na-
notechnologien)
3.2 Wissenschaftskommunikation
Hier geht es darum, die derzeitige Intensivierung d. Komm. zw. W. und versch. Öffentlichkeiten aufzuarbei-
ten. Es soll ein besseres Verständnis dafür erworben werden, wie wiss. Wissen in Gesellschaften eingeb-
racht und dort aufgenommen wird, und welche Vorstellungen von W. und deren Bedeutung sich heraus-
bilden.
3.3 Forschungs- und Wissenskulturen
Im Zentrum steht die Analyse unterschiedl. sich verändernder Praxen und Kulturen wiss. Wissensprodukti-
on, aber auch alternativer außerwissenschaftlicher Wissenskulturen. Es geht darum, zu erforschen, wie
ges. Ordnungs- und Wertesysteme, aber auch Anforderungen an und Erwartungshaltungen gegenüber W.
in den Prozess der Erkenntnisproduktion vordringen und dort wirksam werden.
Wissenskulturen sind z.B. soziale Gruppen, die sich um eine best. Problemlage versammeln und in diesem
Zsh. gemeinsames Wissen produzieren (z.B. Patientenorganisationen)
3.4 Politik des Wissens und institutioneller Wandel
o Analyse d. Politik für Wissenschaft: Frage des Wandels d. sozialen u. institutionellen Organisation
von Wissenschaft
o Politik durch Wissenschaft: Frage d. Verwendung von wiss. Wissen in politischen Entscheidungszu-
sammenhängen
o Politik des Wissens: Frage, wie durch best. Wissen auch ges. Ordnung hergestellt wird

4 Wissen für wen? – Einige abschließende Bemerkungen


Wissenschaft befindet sich in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess; vielfältige soziale Kontexte, in
die sie eingebettet ist, spielen dabei eine maßgebliche Rolle. Wissenschaft/ Technik prägt + gestaltet diese
Kontexte, während sie gleichzeitig von ihnen bis hinunter auf die inhaltliche Ebene geprägt + gestaltet
wird. Diese Veränderungen zu begleiten und Artikulationen aufzuzeigen ist daher von zentraler Bedeutung.
Wissen über W., deren Entwicklungslogik u. ein Verständnis d. Interaktion zw. Wissenschaft + Gesellschaft
ist dringend von Nöten.

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