Sie sind auf Seite 1von 108

Joachim Hirsch · Der nationale Wettbewerbsstaat

Joachim Hirsch
Joachim Hirsch ist einer der wichtigsten Theoretiker
der mittlerweile schon etwas in die Jahre gekomme-
nen Neuen Linken in der Bundesrepublik. Insbe-
Der nationale
Wettbewerbs-
sondere seine zwei Bücher Der Sicherheitsstaat ()
und Das neue Gesicht des Kapitalismus () wurden
von der radikalen und universitären Linken stark
diskutiert. Die aktuelle Arbeit schließt an die frühe-
ren Untersuchungen zum Sicherheitsstaat an – unter
dem Blickwinkel der eingetretenen Umwälzungen
staat. Staat, Demokratie und
des globalen Kapitalismus. Politik im globalen Kapitalismus
Ausgehend von der Frankfurter Schule, dem fran-
zösischen Neo-Marxismus und der neueren Regula-
tionstheorie bietet Der nationale Wettbewerbsstaat
auch einen ersten Einstieg in die materialistische
Staatskritik.

 ---

Edition ID-Archiv

Edition ID-Archiv
Der nationale Wettbewerbsstaat

Edition ID-Archiv
Berlin – Amsterdam
Joachim Hirsch
Der nationale Wettbewerbsstaat
Staat, Demokratie und Politik im globalen Kapitalismus

Edition ID-Archiv
Berlin – Amsterdam
Editorische Notiz: Joachim Hirsch ist Professor an der Universität Frankfurt am Main. Von
Inhalt
ihm sind u.a. folgende Bücher erschienen: »Der Sicherheitsstaat« (1980), »Das neue Gesicht
des Kapitalismus« (mit R. Roth, 1986), »Politik, Institution und Staat. Zur Kritik der Regulati-
onstheorie« (1994). Seine Arbeiten wurden in mehreren Sprachen übersetzt.
Hirsch war jahrelang im Sozialistischen Büro (SB) und als Redakteur der Zeitschrift »links« Vorwort 7
tätig. Heute engagiert er sich u.a. im Vorstand von Medico International.
I. Staat, Staatensystem und Demokratie
1. Kapitalismus, Staat und Demokratie
Ein widersprüchliches Verhältnis 11
2. Was heißt eigentlich »Staat«?
Einige Überlegungen zur Theorie des kapitalistischen Staates 16
3. Warum gibt es eine Vielzahl von Staaten?
Staat und Staatensystem 31
4. Ein unabdingbarer Zusammenhang
Nationalstaat, Nationalismus und Rassismus 36
5. Staat und Regulation
Stabilität, Krise und Wandel kapitalistischer Gesellschaften 44

II. Die Krise des Fordismus und ihre Folgen


1. Fordismus: der Kapitalismus des 20. Jahrhunderts 75
2. Von der Krise des Fordismus zur globalen
Edition ID-Archiv Restrukturierung des Kapitalismus 83
Postfach 360 205 3. Funktionswandel des Staates und des Staatensystems 94
10972 Berlin
III. Der nationale Wettbewerbsstaat
ISBN: 3-89408-049-3
1. Gesellschaftliche und politische Folgen der Globalisierung 101
Oktober 1995 2. Ein neuer Typ des kapitalistischen Staates 114
3. Kapitalismus ohne Klassen?
Titel
Die Fragmentierung der Gesellschaft 121
Frank Lutz/Support Agentur Berlin
4. Das veränderte Geflecht der Räume 133
Satz & Layout 5. Die Transformation der Demokratie 136
seb, Hamburg 6. Zwischen autoritärem Etatismus und zivilgesellschaftlichem
Totalitarismus 156
Druck:
Winddruck, Siegen
IV. Neue Weltordnung oder globales Chaos? 171

Buchhandelsauslieferungen: V. Politische Perspektiven:


BRD: Rotation Vertrieb, Berlin
Demokratie jenseits des Wettbewerbsstaats 183
Schweiz: Pinkus Genossenschaft, Zürich
Österreich: Herder-Auslieferung, Wien
Niederlande: Papieren Tijger, Breda Literaturverzeichnis 206
Vorwort

Der aktuelle, auf Liberalisierung und Deregulierung des Geld- und Kapitalver-
kehrs beruhende Globalisierungsschub verleiht der Internationalisierung des ka-
pitalistischen Produktionsverhältnisses völlig neue Dimensionen. Zum zweiten
Mal in diesem Jahrhundert verändert sich das Gesicht des Kapitalismus ein-
schneidend. Während die neoliberale Botschaft dies mit der Hoffnung auf ein
neues Goldenes Zeitalter des Wachstums und der Prosperität verbindet, liegen
die höchst bedrohlichen Folgen jetzt schon auf der Hand. Unverkennbar ver-
größern sich die sozialen Ungleichheiten, wachsen die politischen und sozialen
Konflikte, nehmen die weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen zu. Na-
tionalismus, Rassismus und »Fundamentalismus« haben Hochkonjunktur. Die
Zahl der Kriege und Bürgerkriege wächst. Schließlich wird mit fortschreitender
Globalisierung kapitalistische »Standortsicherung« in praktisch allen Staaten
zum vorrangigen politischen Ziel, zu dem es keine Alternativen mehr zu geben
scheint. Regierungen sehen sich hilflos internationalen Kapitalbewegungen und
Finanzspekulationen ausgeliefert, die vorhandenen wirtschafts- und sozialpoliti-
schen Instrumente sind stumpf geworden, Gesetzgeber und Steuerbehörden ja-
gen den Gewinnen nach, die in undurchschaubaren internationalen Unterneh-
mensnetzwerken versickern und – in exotischen Steueroasen wieder auftauchend
– das Schmiermittel des postmodernen »Casino-Kapitalismus« bilden.
Wenn sich alles, von der Sozial- über die Bildungs-, Wissenschafts- und Um-
welt- bis hin zur Kulturpolitik, dem Diktat der »Standortsicherung«, das heißt
der Schaffung profitabler Rahmenbedingungen für ein global operierendes Ka-
pital, zu unterwerfen hat, verengen sich die Handlungsspielräume der Regierun-
gen so sehr, daß den liberaldemokratischen Institutionen entscheidende Grund-
lagen entzogen werden. Gleichzeitig erweisen sich die konkurrierenden Natio-
nalstaaten immer weniger als fähig, mit globalen Bedrohungen, den sozialen
Desastern und Umweltkatastrophen fertig zu werden.
Im Prozeß der Globalisierung strukturiert sich der »fordistische« Kapitalis-
mus, der die politischen und sozialen Verhältnisse dieses Jahrhunderts zumin-
dest in den Metropolen geprägt hatte, nachhaltig um. Nicht nur gesellschaftli-
che Strukturen und Lebenslagen verändern sich, sondern auch der Charakter
des Staates. Damit verschieben sich die Fronten, Ebenen, Akteure und Perspek-
tiven politisch-sozialer Konflikte. Der mit den Merkmalen eines »autoritären
Etatismus« (Poulantzas 1978) ausgestattete fordistische »Sicherheitsstaat«
(Hirsch 1980) macht einem neuen Typ des kapitalistischen Staates, dem »natio-

7
nalen Wettbewerbsstaat«, Platz. Die Auswirkungen, die dies nicht nur für das li- ten politischen Erfahrungen und die stattgefundenen gesellschaftlichen Verän-
beraldemokratische Institutionengefüge, sondern insgesamt für die politischen derungen berücksichtigt. Im ersten Teil dieser Arbeit versuche ich deshalb,
Spielräume auf nationalstaatlicher Ebene hat, gebieten es, die Perspektiven und anschließend an die Debatten der siebziger Jahre, das Konzept einer materiali-
Konzepte einer Politik der Befreiung neu zu überdenken. stischen Staatstheorie weiterzuentwickeln und mit den kapitalismustheoreti-
Der Zusammenbruch des »realen« Sozialismus und der damit verbundene schen Ansätzen, die im Kontext der sogenannten »Regulationsschule« vorgelegt
»Sieg« des Kapitalismus rief in Wissenschaft und Politik eine erstaunliche De- worden sind, zu verbinden. Dabei steht vor allem der Zusammenhang von Kapi-
mokratiekonjunktur hervor. Mit der entschlossenen Absage an revolutionäre talismus, Nationalstaat, Demokratie, Nationalismus und Rassismus zu Debatte.
Mythen und sozialistische Utopien verband sich ein bis weit in das linke politi- Ausführlicher auf die staatstheoretischen Grundlagen politischer Konzepte ein-
sche Spektrum hineinreichendes Bekenntnis zur real existierenden Demokratie. zugehen, scheint mir schon deshalb notwendig, weil diese in der aktuellen linken
Die Auseinandersetzung mit der »bürgerlichen« Form von Politik, Staats- und Diskussion kaum noch allgemein präsent sind.
radikale Kapitalismuskritik hatten ausgedient. In der nach den osteuropäischen Daran anschließend untersuche ich die ökonomisch-politischen Ursachen
Umstürzen 1989 in Gang gesetzten »Zivilgesellschafts«-Diskussion bildeten die und Inhalte des aktuellen Globalisierungsschubs. Es geht dabei vor allem um die
Unveränderbarkeit des kapitalistischen Produktionsverhältnisses und die Un- in den siebziger Jahren manifest gewordene Krise des fordistischen Kapitalismus
hintergehbarkeit des liberaldemokratischen Institutionengefüges eine nicht und die Strategien, die zu ihrer Überwindung eingeschlagen wurden. Meine
mehr hinterfragte Voraussetzung. Das liberaldemokratische Repräsentativsy- These ist, daß die Globalisierung und deren Folgen nicht als unvermeidliche
stem könne zwar ausgestaltetwerden, müsse aber in seinen Grundstrukturen un- und quasi gesetzmäßige Entwicklung, als Ausdruck einer unverrückbaren »Lo-
angetastet bleiben. Andernfalls bestehe die Drohung von Diktatur und Totalita- gik« des Kapitals anzusehen sind, sondern ein ökonomisch-politisches Projekt
rismus. Das so proklamierte »Ende der Geschichte« kennzeichnet nicht mehr darstellen, das in vielen Auseinandersetzungen und Konflikten durchgesetzt
nur konservative Weltsichten, sondern prägt immer stärker auch linke theoreti- wurde und immer noch äußerst umkämpft ist. Bei der Etablierung dieses neuen,
sche und politische Debatten. als »neoliberal« charakterisierbaren Gesellschaftsprojekts haben nicht zuletzt
Dies geschieht zu einer Zeit, in der sowohl »Staat« wie »zivile Gesellschaft« auch die sogenannten »neuen sozialen Bewegungen« eine ebenso bedeutsame
derart einschneidenden Veränderungen unterworfen sind, daß praktisch sämtli- wie ambivalente Rolle gespielt.
che Prinzipien und Kategorien der klassischen bürgerlichen Demokratietheorie Vor diesem Hintergrund skizziere ich dann die Grundzüge des sich im Zuge
zur Disposition stehen. Was unter »Staat«, »Volk«, »Gesellschaft« oder »Nati- dieses Globalisierungsschubs herausbildenden »nationalen Wettbewerbsstaats«.
on«, gar demokratischer »Partizipation« real zu verstehen sei, ist ungewisser Behauptet wird, daß damit ein gesellschaftlich-politisches System entsteht, das
denn je. Wissenschaftliche und politische Debatten, die dies ignorieren, jagen mit den Faschismen und Staatstotalitarismen des 20. Jahrhunderts, aber auch
einem Phantom nach und dienen bestenfalls der Ideologieproduktion. Mit der mit traditionellen Formen der kapitalistischen Demokratie wenig Gemeinsam-
Globalisierung des Kapitalismus stellt sich die »demokratische Frage« historisch keiten hat, sondern einen historisch durchaus neuen Typ kapitalistischer Herr-
in einer ganz neuen Weise. Und sie fordert Antworten, die im theoretischen schaft bezeichnet. Besonders bedeutsam sind die Tendenzen zur Herausbildung
Fundus des 18. und 19. Jahrhunderts kaum zu finden sein werden. einer neuen, nämlich »zivilgesellschaftlichen« Form von Totalitarismus.
Die Frage ist also, ob die herkömmlichen liberaldemokratischen Institutio- Alle diese staats- und kapitalismustheoretischen Überlegungen münden in
nen und Verfahren auf nationalstaatlicher Ebene überhaupt noch eine Zukunft die Frage, wer angesichts der beschriebenen Entwicklungen was tun könnte, da-
haben und welche Möglichkeiten es für eine demokratische Politik jenseits des mit die Chance zur Realisierung einigermaßen vernünftiger, gerechter und frei-
kapitalistischen, zum »nationalen Wettbewerbsstaat« transformierten Staates er Verhältnisse erhalten bleibt. Wenn es um die Möglichkeiten einer erweiterten
gibt. Es geht um die Bedingungen und institutionellen Grundlagen einer Demo- Demokratie jenseits des Wettbewerbsstaats geht, stehen die politischen Prinzi-
kratie, die ihre historische Bindung an das kapitalistische Produktionsverhältnis pien, Institutionalisierungs- und Handlungsformen zur Debatte, die es ermögli-
und den kapitalistischen Nationalstaat durchbricht und damit auch ihre bisheri- chen, die Schranken des bürgerlich-kapitalistischen Staates zu durchbrechen.
gen strukturellen Grenzen und Beschränkungen aufhebt. Diese abschließende Wende ins Positive hat ihre Gründe. Sie schließt eine
Die Antwort bedarf einer kritischen Kapitalismus- und Staatstheorie, die Kritik linksradikaler Strömungen ein, die auf fatale Weise zwischen dem objek-
neuere wissenschaftliche Entwicklungen, die seit den sechziger Jahren gemach- tivistischen Ausmalen von Zusammenbruchsszenarien, abgestandener Orthodo-

8 9
xie und kritisch verbrämtem Fatalismus oszillieren. Nicht zuletzt eine »Kritische I. Staat, Staatensystem und Demokratie
Kritik«, die sich in Diskurskämpfen erschöpft, jede Form darüber hinausgehen-
der politischer Praxis aber denunziert und sich damit begnügt, in der Resignati-
on ein identitätsstiftendes Fähnchen hochzuhalten, bleibt unpolitisch.
Darüber hinaus aber könnte sich, etwas pathetisch gesprochen, die Verwirk-
lichung einer neuen Form internationaler Demokratie schlicht als gesellschaftli-
che Überlebensfrage erweisen. Ein Blick auf die Geschichte des Kapitalismus
zeigt, daß die zerstörerischen Tendenzen der profitgesteuerten Marktökonomie 1. Kapitalismus, Staat und Demokratie
immer nur politisch, unter dem Druck demokratisch-sozialer Gegenbewegun- Ein widersprüchliches Verhältnis
gen, vorübergehend gebrochen werden konnten. Es bedurfte immer wieder ei- Sowohl in der wissenschaftlichen wie auch in der politischen Diskussion scheint
ner politischen Reaktion der Gesellschaft auf ihre eigene ökonomische Dyna- es inzwischen ganz selbstverständlich zu sein, daß »Demokratie« die politischen
mik, die bislang allerdings die Existenz des nationalstaatlichen politischen Insti- Systeme bezeichnet, die gegenwärtig im wesentlichen in Westeuropa und Nord-
tutionengefüges zur Voraussetzung hatte. Mit der Aushöhlung der nationalstaat- amerika beheimatet sind, und daß diese eng an das Vorhandensein einer »frei-
lichen Regelungskompetenz steht also grundsätzlich die Fähigkeit zur Debatte, en«, das heißt kapitalistischen Marktwirtschaft geknüpft sind. Daraus folgt die
auf immanente gesellschaftliche Krisen- und Zerstörungstendenzen zu reagie- ebenso nachhaltig propagierte wie verbreitete Vorstellung, es bedürfe in den
ren. Von »Sozialismus« wird heute kaum noch geredet. Die Alternative der übrigen Teilen der Welt nur entschlossener marktwirtschaftlicher Strukturan-
»Barbarei« hat sich mit dem »Sieg« des Kapitalismus aber keineswegs verflüch- passungen, um schließlich auch dort demokratische politische Verhältnisse ein-
tigt. Im Gegenteil. Die Frage ist nur, wie wirklich andere gesellschaftliche Ver- ziehen zu lassen. Blickt man aber beispielsweise auf die sogenannten ostasiati-
hältnisse aussehen und wie sie erreicht werden könnten. Ich hoffe, daß die fol- schen Tigerstaaten, so scheinen Kapitalismus und Demokratie nicht ganz so
genden Analysen und Überlegungen ein Beitrag zu dieser höchst notwendigen harmonisch zusammenzupassen. Gerade dort gilt autoritäre Herrschaft als be-
Diskussion sein können. sonderer kapitalistischer »Standortvorteil«.
Das wirft die Frage auf, wie nun eigentlich der Zusammenhang von »Kapita-
Frankfurt/Main, Juli 1995 lismus« und »Demokratie« zu verstehen ist, was beides mit »Staat« zu tun hat
und was überhaupt gemeint ist, wenn von »Demokratie« geredet wird. Gesell-
schaften, die sich als »demokratisch« bezeichnen, hat es in der Geschichte be-
kanntlich viele und höchst verschiedenartige gegeben. Darunter auch solche, in
denen das »Volk« von jeder wirklichen politischen Mitsprache ausgeschlossen
war. Auch die antike griechische Polis, woher der Begriff der Demokratie
stammt, hat mit den zeitgenössischen Formen recht wenig gemein. Der heute
gängige Demokratiebegriff meint in der Regel ein politisches System, das durch
im wesentlichen freie und allgemeine Wahlen, parlamentarische Repräsentati-
onsverfahren, ein Minimum rechtsstaatlicher Garantien, gewisse Formen der
Gewaltenteilung, die Möglichkeit eines friedlichen und geregelten Regierungs-
wechsels auf der Basis eines Mehrparteiensystems und die Geltung bestimmter
Grundrechte gekennzeichnet ist. Zu diesen Grundrechten gehört vor allem das
Privateigentum an Produktionsmitteln, in das politisch, also durch den »demo-
kratischen Willensbildungsprozeß«, nicht eingegriffen werden kann. Dadurch
entsteht die für die heutigen Demokratien charakteristische Trennung von
»Staat« und »Gesellschaft«, »Politik« und »Ökonomie«, die der in Wahlen
oder Volksabstimmungen geäußerten demokratischen Willensbildung klare

10 11
Grenzen setzt. Dies ist die Form der Demokratie, die sich mit der Herausbil- grundeliegenden gesellschaftlichen Verhältnisse nie verwirklicht werden konn-
dung der modernen kapitalistischen Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert ten. Entgegen der verbreiteten Auffassung, mit dem Ende des Kalten Kriegs und
durchgesetzt hat und deshalb auch als »bürgerliche« oder »liberale« bezeichnet der Konkurrenz der Gesellschaftssysteme sei auch das Ende der Geschichte und
werden kann. Entgegen dem Wortlaut des Begriffs beinhaltet sie keinesfalls eine damit der Gestaltbarkeit von Gesellschaft gekommen, gilt es, die bürgerlich-li-
umfassende Volksherrschaft. Eher könnte man sie als ein System pluralistischer berale Demokratie als historische, unter ganz bestimmten Bedingungen entstan-
Machtverteilung – zwischen Parteien, Unternehmungen, Staatsbürokratien usw. dene Form zu begreifen, die veränderbar ist. Die Frage der Veränderbarkeit
– mit gewissen demokratischen Beteiligungsmöglichkeiten bezeichnen. Joseph stellt sich besonders angesichts einer Entwicklung, die unverkennbare Tenden-
Schumpeter hat diese Demokratie einmal recht treffend als die Staatsform be- zen zur Rückbildung demokratischer Verhältnisse hinter den historisch schon
zeichnet, in der verschiedene Machtgruppen in periodischen Abständen um einmal erreichten Stand beinhaltet. Das aktuelle Problem ist, daß die Globalisie-
Wählerstimmen konkurrieren, und damit verdeutlicht, daß sie sehr viel mit der rung des Kapitals dazu führt, selbst die vorhandenen bürgerlich-demokratischen
kapitalistischen Marktwirtschaft zu tun hat, bei der die »Konsumentensouverä- Strukturen zu unterminieren. Damit stellt sich die Frage einer Vereinbarkeit von
nität« bekanntlich auch ihre Grenzen hat (Schumpeter 1950). Die theoretische Kapitalismus und Demokratie in einer historisch neuen und schärferen Weise.
Rechtfertigung dieser Beschränkung liegt in der Annahme, volle Volkssouverä- Blickt man auf die Geschichte der bürgerlichen Demokratien, so scheint
nität würde zu einer Diktatur der Mehrheit oder gar einer den Mehrheitswillen tatsächlich ein enger Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Kapitalis-
für sich beanspruchenden Partei und damit zu einem totalitären, die persönliche mus, des modernen Nationalstaats und politisch demokratischer Verhältnisse zu
Freiheit bedrohenden politischen Herrschaftssystem führen. Ihre praktische bestehen. Gleichzeitig lehren aber die Erfahrungen mit dem Faschismus und
Grundlage allerdings sind die kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Zu ga- Nationalsozialismus, daß Kapitalismus und Demokratie – selbst in ihrer bürger-
rantieren, daß diese nicht durch demokratische Mehrheitsentscheidungen abge- lichen Form – keineswegs so eng verbunden sind, wie heute gerne unterstellt
schafft werden, ist ein wesentlicher Sinn der für die »bürgerliche« Demokratie wird. Ein Blick über die kapitalistischen Zentren hinaus in die Regionen, in de-
charakteristischen Repräsentations- und Gewaltenteilungsverfahren. Gemessen nen halbwegs entwickelte kapitalistische Strukturen, aber kaum demokratische
an früheren Zuständen bedeutet die Durchsetzung dieser bürgerlichen Demo- Verhältnisse anzutreffen sind, bestätigt dies ebenfalls. Der Zusammenhang von
kratie zweifellos einen Fortschritt bei der Verwirklichung von allgemeiner Frei- Kapitalismus, Nationalstaat und Demokratie ist zwar eng, jedoch keineswegs lo-
heit und Gleichheit. Dieser Fortschritt hat allerdings seine Grenzen: Er blieb gisch oder strukturell notwendig. Er bleibt höchst widersprüchlich.
bislang auf einige kleine Teile der Welt beschränkt und stößt auch dort auf die Allerdings läßt sich zeigen, daß erst die Durchsetzung kapitalistischer Pro-
Schranken, die mit der Existenz grundlegender gesellschaftlicher Ungleichhei- duktionsverhältnisse die Voraussetzungen dafür schuf, daß diese besonderen und
ten, z.B. patriarchalen Herrschaftsstrukturen und nicht zuletzt den kapitalisti- historisch neuen politischen Formen – der zentralisierte und bürokratische Staat
schen Produktions- und Eigentumsverhältnissen gesetzt sind. Das heißt, daß und die bürgerliche Demokratie – entstehen konnten. Im modernen kapitalisti-
das, was innerhalb der bürgerlichen Demokratie an »Freiheit«, »Gleichheit« schen Staat, in dem alle Menschen als StaatsbürgerInnen in gleicher Weise einer
und »Selbstbestimmung« verwirklicht ist, strukturell immer auf gesellschaftli- einzigen zentralen politischen Gewalt unterliegen – daher der Begriff des »Sub-
cher Unfreiheit, Ungleichheit und Fremdbestimmung beruht. jekts« als des/der »Unterworfenen« –, wird die formelle Gleichheit der Men-
Dieser Widerspruch wirft die grundlegende Frage nach der Möglichkeit ei- schen als konkurrierende »Warenbesitzer« zum ersten Mal in der Geschichte
ner Weiterentwicklung der Demokratie über die bestehende historische Form materielle Wirklichkeit. Damit bildet sich zugleich die Trennung von »Staat«
hinaus auf. Die Frage danach, ob es möglich ist, die dem bürgerlichen Demo- und »Gesellschaft«, von »Politik« und »Ökonomie« heraus, die den modernen
kratiekonzept innewohnenden, aber strukturell nicht verwirklichbaren Prinzipi- Staat von früheren Formen der politischen Herrschaft unterscheidet und die
en praktisch einzulösen, ein politisches Gemeinwesen zu entwickeln, in dem die grundlegend ist für die sich nun entwickelnde bürgerliche Demokratie. Erst
Forderungen nach allgemeiner Freiheit, Gleichheit, Individualität und Selbstbe- dann, wenn der Staat als zentralisierter politischer Gewaltapparat von der Ge-
stimmung tatsächlich realisierbar sind. Dies bedeutet zunächst einmal, daß die sellschaft und deren Ungleichheits- und Machtverhältnissen formell getrennt
heute bestehende Demokratie einschließlich ihrer theoretischen Begründungen ist, wenn ökonomische und gesellschaftliche Macht mit der politischen nicht un-
an den Normen und Prinzipien kritisch zu messen ist, die im Zuge der langen mittelbar identisch ist, kann Herrschaft einer demokratischen politischen Kon-
Kämpfe zu ihrer Durchsetzung entwickelt wurden, aber aufgrund der ihr zu- trolle unterworfen werden. Diese Entwicklung war allerdings höchst komplex

12 13
und widerprüchlich. Es ist zunächst einmal keinesfalls so, daß die kapitalistische die durch die Forderungen der sich politisch organisierenden Frauen ergänzt
Gesellschaft den Staat als zentralisierten Gewaltapparat aus sich heraus hervor- und weitergetrieben wurden. Daß diese Kämpfe stattfinden und erfolgreich ge-
gebracht hätte. Die Entstehung zentralisierter, bürokratisierter und territorial führt werden konnten, liegt wiederum an den besonderen gesellschaftlichen
klar abgegrenzter Herrschaftsapparate – auf dem europäischen Kontinent in der Strukturen des sich entwickelnden Industriekapitalismus: Die traditionelle, feu-
Form der absoluten Monarchien – war vielmehr selbst eine wesentliche Voraus- dal geprägte agrarische Grundbesitzerklasse büßte gegenüber der Industrie- und
setzung der bürgerlich-kapitalistischen Entwicklung (Gerstenberger 1973). Erst Finanzbourgeoisie allmählich an ökonomischer und politischer Bedeutung ein.
durch die Schaffung zentral kontrollierter und territorial klar abgegrenzter poli- Die Entstehung großer Fabriken und Städte sowie die Verbesserung der Trans-
tischer Räume konnten starke und geschlossene »National-Ökonomien« über- port- und Kommunikationsmöglichkeiten schufen die Voraussetzungen für die
haupt entstehen. Dadurch wurde die Durchsetzung von Regeln möglich, die ei- politische Organisierung der ökonomisch und politisch beherrschten Klassen
ne entfaltete Marktwirtschaft funktionsfähig machen, konnten die infrastruktu- (vgl. dazu v.a. Rueschemeyer u.a. 1992). Von Anfang an war die Entwicklung des
rellen Voraussetzungen der Kapitalakkumulation geschaffen werden (Kommu- in Nationalstaaten politisch aufgeteilten Weltkapitalismus international höchst
nikations- und Verkehrswege, Gesundheitsvorsorge usw.), und erst dadurch ungleich, und entfalteten sich die kapitalistischen Zentren ökonomisch zu La-
standen dem Kapital die konzentrierten militärischen Gewaltmittel zur Verfü- sten der – kolonialen – Peripherie. Die damit verbundene ökonomische und po-
gung, die es zu seiner internationalen Expansion benötigte (Gill/Law 1993, litische Vorherrschaft der Zentren schuf nun ihrerseits die materiellen Spielräu-
97 ff.). Von Anfang an entwickelten sich nämlich die nationalstaatlich organisier- me für soziale Zugeständnisse, mit denen die internen Klassengegensätze eini-
ten kapitalistischen Gesellschaften im Rahmen eines sich entfaltenden Welt- germaßen befriedbar waren und ohne die demokratische politische Verhältnisse
markts: Koloniale Herrschaft und darauf gegründete Handelsbeziehungen bil- auf längere Sicht kaum hätten stabil sein können. Die nationalstaatliche Aufspal-
deten eine entscheidende Grundlage der Kapitalakkumulation und der Indu- tung des globalen Kapitalismus schuf damit die Voraussetzungen dafür, daß in
strialisierung (Wallerstein 1979, Gerstenberger 1973, v. Braunmühl 1973, Bali- einigen Teilen der Welt bürgerlich-demokratische Verhältnisse erkämpft wer-
bar/Wallerstein 1992). Die Beherrschung und Ausbeutung einer kolonial abhän- den konnten, während in den übrigen Regionen alle Voraussetzungen dafür
gigen »Peripherie« steht somit schon an der Wiege der heute existierenden De- fehlten und entsprechende Entwicklungen unterbunden wurden. Damit konnte
mokratien. Sie sind historisch und strukturell auf Gewalt und Ausgrenzung so- ein die sozialen Klassen, die gesellschaftlichen Ungleichheiten, die Geschlech-
wohl nach innen wie nach außen hin gegründet. terdifferenzen und kulturellen Unterschiede übergreifendes »Nationalbewußt-
Ebenso widersprüchlich und komplex sind die Zusammenhänge zwischen sein« entstehen, das die Einheit der Gesellschaft in Abgrenzung nach außen
der Entstehung des kapitalistischen Territorialstaats und der bürgerlichen politi- über die sozialen Spaltungen und ökonomischen Ausbeutungsverhältnisse hin-
schen Demokratie. Auch wenn wir die herrschende Form der Demokratie als weg ideologisch zu begründen vermochte.
»bürgerlich« bezeichnen, so ist es doch keinesfalls die kapitalistische Bourgeoi- Die Unterschiede in der konkreten ökonomischen Entwicklung der einzel-
sie, die sie aus eigenem Antrieb geschaffen hat. Ihr Interesse beschränkte sich auf nen Länder, ihrer jeweiligen Position innerhalb des kapitalistischen Weltsy-
den Schutz der Geschäftstätigkeit vor willkürlichen herrschaftlichen Übergrif- stems, ihrer sozialen Strukturen, der Organisationsformen und politischen Stra-
fen und auf die Berechenbarkeit der staatlichen Politik, wozu die Durchsetzung tegien der verschiedenen Klassen begründen somit auch die sehr großen Diffe-
verfassungsmäßiger Sicherungen (»Rechtsstaat«) und eigene politische Kon- renzen bei der Entwicklung der politischen Verhältnisse. Sie fallen sofort ins Au-
troll- und Mitspracherechte eine entscheidende Voraussetzung waren. »No tax- ge, wenn man etwa die westeuropäischen Länder oder die USA mit Deutschland
ation without representation« hieß das Losungswort der nordamerikanischen als einem sehr spät, aber dann in beschleunigtem Tempo kapitalistisch industria-
bürgerlichen Revolution. Einer Ausdehnung der politischen Beteiligung und lisierten Land vergleicht, in dem quasi-feudale Produktions- und Sozialstruktu-
insbesondere des Wahlrechts über die eigene Klasse hinaus stand die Bourgeoi- ren noch bis ins 20. Jahrhundert hinein eine große Bedeutung hatten.
sie immer höchst ablehnend gegenüber. Die bürgerliche Demokratie bildete Betrachtet man die nationalstaatliche politische Verfaßtheit des globalen Ka-
sich zunächst als eingeschränkte »Klassendemokratie« heraus. Die Durchset- pitalismus, so gewinnt dieser Widerspruch noch eine weitere Dimension. Weil
zung allgemeiner staatsbürgerlicher Gleichheit und Freiheit sowie die allmähli- der Nationalstaat den ökonomischen, sozialen und institutionellen Rahmen für
che Einführung des allgemeinen Wahlrechts zu Beginn dieses Jahrhunderts wa- demokratische Kämpfe dargestellt hat, blieben insofern grundlegende demokra-
ren vor allem eine Folge der politischen und sozialen Kämpfe der Arbeiterklasse, tische Prinzipien – Gleichheit aller Menschen, Rechtsförmigkeit der sozialen

14 15
Edited by Foxit Reader
Copyright(C) by Foxit Corporation,2005-2009
For Evaluation Only.
Beziehungen, allgemeine Freiheit – kurz: die Menschenrechte – selbst in ihrer duktion, Lohnarbeit und Warentausch materiell erhält und entwickelt. Ihren
höchst widersprüchlichen und unvollständigen Entwicklung immer an diesen Zusammenhang und ihre Dynamik gewinnt sie aus der markt- und tauschver-
gebunden. An ihm finden sie bis heute ihre wesentliche Schranke. Wirksam sind mittelten privaten Aneignung des produzierten Mehrwerts, also aus dem Prozeß
sie nur als »Staatsbürgerrechte«, und jenseits der staatlichen Grenzen bleiben der Kapitalverwertung. Die vom Zwang zur Profitmaximierung angetriebene
sie nach wie vor weitgehend Anspruch und Fiktion. Das Verhältnis der Staaten Akkumulation des Kapitals bestimmt sehr wesentlich die gesellschaftlichen
untereinander ist von Abhängigkeit, Gewalt und Krieg geprägt. Unterdrückung Strukturen und Entwicklungen, die Veränderung der sozialen Lagen, die Ar-
und die Herrschaft der Stärkeren konnten hier nur sehr beschränkt begrenzt beits- und Arbeitsteilungsverhältnisse, die Form des technischen Fortschritts
und durch internationale Institutionen und Rechtsverhältnisse höchstens ansatz- usw. Das bedeutet aber, daß die Menschen in wechselseitigen Verhältnissen ste-
weise eingehegt werden. Die einigermaßen gesicherte und wie auch immer rela- hen, die sie weder frei wählen noch durch unmittelbares individuelles Handeln
tive Geltung von Menschenrechten bleibt praktisch bis heute auf eine kleine ohne weiteres verändern können. Sie sind zunächst LohnarbeiterInnen, Unter-
Zahl ökonomisch und politisch herrschender Staaten beschränkt. nehmerInnen, Bauern oder Einzelhändler. Diese Positionen innerhalb der sozia-
len Struktur bestimmen sehr wesentlich die individuellen Gestaltungs- und
Handlungsmöglichkeiten. Da die kapitalistische Marktgesellschaft sowohl durch
2. Was heißt eigentlich »Staat«? das allgemeine Konkurrenzverhältnis der verschiedenen »Warenbesitzer« als
Einige Überlegungen zur Theorie des kapitalistischen Staates auch durch grundlegende Gegensätze zwischen sozialen Klassen und Gruppen
Wenn es um die Bedingungen demokratischer Politik geht, so bedarf es zuerst gekennzeichnet ist, läßt sich politische Gemeinschaftlichkeit nicht direkt, be-
einmal einer Verständigung darüber, was eigentlich unter »Staat« zu verstehen wußt und durch unmittelbare Übereinkunft herstellen. Vielmehr sind andauern-
ist und welches Verhältnis zwischen dem modernen Staat und der politischen de Konflikte, Auseinandersetzungen und Kämpfe ihr grundlegendes Merkmal.
Demokratie besteht. Denkt man an die Parteien, Regierungen und Parlamente, Dies macht es unmöglich, daß ihre Mitglieder zu einer freien, bewußten und
die Finanzämter, die Gerichte, das Militär und die Polizei, so scheint erst mal of- planmäßigen Entscheidung über sich selbst, ihre wechselseitigen Beziehungen
fenkundig zu sein, was »Staat« ist. In Wirklichkeit ist dem aber nicht ganz so. Zu und ihre gemeinsame Entwicklung kommen können. Die Gesellschaftlichkeit
allererst gilt es festzuhalten, daß es Staaten im heutigen Sinne nicht immer ge- der Menschen äußert sich vielmehr in von ihnen getrennten sozialen Formen. Mit
geben hat. Nicht jede politische Herrschaft nimmt die Gestalt eines von der sozialen Formen werden in der materialistischen Gesellschaftstheorie den Men-
»Gesellschaft« getrennten »Staates« an. Das Gebilde, das wir als »Staat« be- schen äußerlich und fremd gegenüberstehende Objekte bezeichnet, in denen ihr
zeichnen, hat sich erst mit der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft herausge- gesellschaftlicher Zusammenhang in einer verstellten, nicht unmittelbar durch-
bildet und stellt eines ihrer grundlegenden Strukturmerkmale dar. Deshalb ist es schaubaren Weise zum Ausdruck kommt und mittels derer Gesellschaftlichkeit
zumindest ungenau, wenn nicht irreführend, von einem »antiken«, »mittelalter- unter den bestehenden ökonomischen Bedingungen überhaupt erst möglich
lichen« oder »feudalen« Staat zu sprechen. Feudale Verhältnisse zum Beispiel wird. Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen müssen die Form von
sind dadurch gekennzeichnet, daß »politische« und »ökonomische« Herrschaft Objektbeziehungen annehmen, d. h., ihre eigene gesellschaftliche Existenz tritt
weitgehend zusammenfallen und die Herausbildung eines von den unmittelba- den Menschen als Sache, als nur schwer zu durchschauender »Fetisch« gegen-
ren sozialen Unterordnungs- und Abhängigkeitsbeziehungen getrennten politi- über, der verbirgt, was ihn hervorbringt und bewegt.
schen Apparats unterbleibt. Nicht allein das bloße Vorhandensein von Herr- Die beiden grundlegenden sozialen Formen, in denen sich der gesellschaftli-
schafts- und Machtverhältnissen und auch nicht besondere Aufgaben und Funk- che Zusammenhang im Kapitalismus vergegenständlicht, sind der Wert, der sich
tionen machen den Staat aus, sondern die gesellschaftliche Form, in der diese Ver- im Geld ausdrückt, und die politische Form, die sich in der Existenz eines von der
hältnisse sich ausdrücken und in der diese Aufgaben ausgeführt werden (Hollo- Gesellschaft getrennten Staates äußert. In der Wert- und Preisform der produ-
way 1991, 235). Von »Staat« als Herrschaftsform ist prinzipiell erst dann zu zierten Waren kommt die Gesellschaftlichkeit der arbeitsteiligen, voneinander
sprechen, wenn sich ein eigenständiger, zentralisierter Gewaltapparat, getrennt unabhängig betriebenen und damit zunächst einmal unkoordinierten Privatar-
von Gesellschaft und Ökonomie, herausbildet, »Politik« und »Ökonomie« als beiten zum Ausdruck. Ihre gesellschaftliche Bedeutung äußert sich in der Markt-
gesellschaftliche Funktionsbereiche damit auseinandertreten. Die kapitalistische gängigkeit der jeweiligen Produkte. Im Wert oder Preis der Waren werden die
Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, daß sie sich auf der Basis von Privatpro- individuellen Arbeiten verglichen, hier entscheidet sich, ob die einzelne Arbeit

16 17
Edited by Foxit Reader
Copyright(C) by Foxit Corporation,2005-2009
For Evaluation Only.
notwendig und gesamtwirtschaftlich erforderlich ist. Das Geld ist die soziale die allerdings für die herrschenden Wahrnehmungsmuster und Handlungsmög-
Form, in der sich die Vergleichbarkeit und der gesellschaftliche Zusammenhang lichkeiten höchst bedeutsam sind. Es geht also um die in den materiellen Pro-
der vielen Privatarbeiten ausdrückt, und dieser Zusammenhang tritt den Men- duktionsverhältnissen liegenden Handlungsmöglichkeiten und -zwänge, die die
schen zugleich als äußerliches Zwangs- und Gewaltverhältnis gegenüber. Das politischen Institutionen und die politischen Prozesse der bürgerlichen Gesell-
zeigt sich schon daran, daß es ohne Lohnarbeit kein Geld und damit auch keine schaft prägen, nicht um die Erklärung konkreter Staatsapparate oder einzelner
Bedürfnisbefriedigung gibt und es andererseits wiederum vom Geld, genauer politischer Systeme. Diese können kaum verstanden werden, wenn man die hin-
von den Gewinnaussichten der Unternehmer abhängt, ob Arbeitsplätze angebo- ter ihnen liegenden und sie bestimmenden gesellschaftlichen Strukturzusam-
ten und Löhne bezahlt werden. Nicht die Nützlichkeit der geschaffenen Ge- menhänge nicht begreift (vgl. dazu Hirsch 1974, Blanke u.a. 1975, Holloway/
brauchswerte, sondern die Marktgängigkeit der erzeugten Waren, d. h. letzten Picciotto 1978, Holloway 1991).
Endes die Profitabilität des eingesetzten Kapitals bestimmt darüber, was produ- Der in den zwanziger Jahren lebende sowjetische Staatsrechtler Eugen Pa-
ziert wird. schukanis hat die Frage, um die es geht, prägnant formuliert:
Die kapitalistische Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, daß sie die reale »Warum bleibt Klassenherrschaft nicht das, was sie ist, d. h. die faktische
Gesellschaftlichkeit der Arbeit, den schließlich weltweiten Zusammenhang und Unterwerfung eines Teils der Bevölkerung unter den anderen? Warum nimmt
das Ineinandergreifen unzähliger Teilarbeiten immer weiter entwickelt. Da- sie die Form einer offiziellen staatlichen Herrschaft an oder – was dasselbe ist –
durch wird es zugleich immer unmöglicher, die gesellschaftlichen Verhältnisse wird der Apparat des staatlichen Zwangs nicht als privater Apparat der herr-
unmittelbar, durch das bewußte und gemeinschaftliche Handeln der Menschen schenden Klasse geschaffen, sondern spaltet sich von der letzteren ab und nimmt
zu gestalten. Wer was und für wen arbeitet, hängt erst einmal von kaum durch- die Form eines unpersönlichen, von der Gesellschaft losgelösten Apparats der
schaubaren internationalen Geld- und Kapitalbewegungen ab. Ihre Gesell- öffentlichen Macht an?« (Paschukanis 1970, 119 f.).
schaftlichkeit drängt sich den Menschen hinter ihrem Rücken als Zwangsver- Die Antwort findet sich in den Eigentümlichkeiten der kapitalistischen Ver-
hältnis auf, geprägt durch einen im Prinzip krisenhaften Prozeß von Geldzirku- gesellschaftungsweise. Diese ist durch die Trennung der unmittelbaren Produ-
lation und Kapitalverwertung. Was aber die Form der Gesellschaftlichkeit der zentInnen (der Arbeiter und Arbeiterinnen) von den Produktionsmitteln, durch
Arbeit unter den Bedingungen der kapitalistischen Warenwirtschaft kennzeich- Privatproduktion, Lohnarbeit und Warentausch charakterisiert. Dies bedeutet,
net, gilt auch für die politische Gemeinschaftlichkeit: Auch sie ist in einer »na- daß die Ausbeutung der lebendigen Arbeit oder die Aneignung des Mehrpro-
turwüchsig« arbeitsteiligen, durch Konkurrenz und Klassenauseinandersetzun- dukts nicht durch unmittelbare Gewaltanwendung, sondern über einen schein-
gen geprägten Gesellschaft nicht unmittelbar, durch freie Übereinkunft aller bar äquivalenten Warentausch einschließlich der »Ware« Arbeitskraft stattfin-
herstellbar, sondern muß eine ebenso verdinglichte und objektivierte Gestalt an- det. Ungehinderter Warentausch (der »freie Markt«), Konkurrenz und die
nehmen. Dies ist der den gesellschaftlichen Individuen in gleicher Weise als »Freiheit« der LohnarbeiterInnen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, sind aber nur
äußerer und fremder Zwangszusammenhang entgegentretende – bürgerlich-ka- dann gewährleistet, wenn die ökonomisch herrschende Klasse auf die individuel-
pitalistische – Staat. le Anwendung direkter Gewaltmittel im unmittelbaren ökonomischen Verkehr
Wenn wir uns nun genauer mit der Form des Politischen unter kapitalisti- verzichtet, wenn also Konkurrenzkämpfe nicht mit Waffen ausgetragen und Ar-
schen Vergesellschaftungsbedingungen beschäftigen, so geht es zunächst nicht beitskräfte nicht zwangsrekrutiert werden. Nur wenn dies verwirklicht ist, kann
darum, zu erklären, wie Staaten entstehen, wie sie konkret aussehen, was sie tun eine kapitalistische Gesellschaft Bestand gewinnen, sich selbst erhalten und ent-
oder nicht tun. Vielmehr muß zuallererst begründet werden, weshalb das politi- wickeln. Kapitalistische Verhältnisse können sich also nur dann voll herausbil-
sche Gemeinwesen überhaupt eine von »Ökonomie« und »Gesellschaft« ge- den, wenn die physische Zwangsgewalt eine von allen gesellschaftlichen Klassen,
trennte Form annimmt und welche Folgen dies für die gesellschaftlichen und po- auch der ökonomisch herrschenden, getrennte Institutionalisierung erfährt, eben in
litischen Institutionen und Prozesse hat. Dieser theoretische Schritt wird oft als Gestalt des Staates. Das heißt keineswegs, daß die Gewalt aus der Gesellschaft
»Staatsableitung« bezeichnet und ist in seiner Bedeutung und seinem Er- verschwindet: Sie wirkt vielmehr zumindest als »stumme« weiter, indem etwa
klärungsgehalt häufig mißverstanden worden: Das Ziel ist nicht die Erklärung die Menschen zum »freiwiligen« Verkauf ihrer Arbeitskraft gezwungen sind,
konkreter politischer Institutionen, Prozesse und Entwicklungen, sondern die und sie wird, weil im bürokratischen Staatsapparat zusammengefaßt und kon-
Analyse der grundlegenden Strukturmerkmale der kapitalistischen Gesellschaft, zentriert, noch durchschlagender und wirksamer als je zuvor in der Geschichte.

18 19
Edited by Foxit Reader
Copyright(C) by Foxit Corporation,2005-2009
For Evaluation Only.
Diese Konzentration der Zwangsgewalt in einer von allen gesellschaftlichen Instanz: Das gesellschaftlich Allgemeine erscheint als von der Gesellschaft Ab-
Individuen und Klassen getrennten Form begründet die den Kapitalismus kenn- gesondertes (vgl. Marx 1970, 203 ff.).
zeichnende Trennung von »Ökonomie« und »Politik«, von »Staat« und »Ge- Nun läßt sich genauer angeben, was »Form«, »Widerspruch« und »Regula-
sellschaft«. Deshalb hat Max Weber ganz zutreffend festgestellt, daß der moder- tion« unter kapitalistischen Vergesellschaftungsbedingungen heißt. Der von der
ne Staat im wesentlichen nicht durch seine Tätigkeiten, sondern vor allem durch Wertform (Geld, Kapital) und durch das Wertgesetz (Markt) zusammengehalte-
sein »Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit« charakterisiert ist (Weber ne materielle Reproduktionszusammenhang ist – wie Marx im »Kapital« gezeigt
1974, 1042). Natürlich heißt das nicht, daß es keine außerstaatliche Gewaltan- hat – als Produktion und Realisierung von Mehrwert grundsätzlich krisenhaft.
wendung gibt, sondern nur, daß der Staat sich in der Regel als letzte Gewaltin- Und er ist dies in einem doppelten Sinne: Der Akkumulationsprozeß des Kapi-
stanz behauptet, also beispielsweise Verbrechen bestraft. Man sieht also, daß das tals, der zugleich Klassenkampf, Kampf um die Produktion und Aneignung des
»staatliche Gewaltmonopol«, dem heute gerne die Eigenschaft einer höchst po- Mehrprodukts ist, unterliegt ständig der Möglichkeit von Stockungen und Zu-
sitiven zivilisatorischen Errungenschaft zugeschrieben wird, zunächst nichts an- sammenbrüchen. Gleichzeitig beruht er auf gesellschaftlichen Bedingungen und
deres darstellt als eine besondere historische Form gesellschaftlicher Ausbeu- Naturvoraussetzungen, die er weder herzustellen noch zu erhalten vermag, son-
tungs- und Unterdrückungsverhältnisse. Es hat allerdings die Art und Weise, in dern tendenziell sogar zerstört. Das sind nicht nur kulturelle Traditionen, Wert-
der Gewalt angewendet und gesellschaftliche Kämpfe geführt werden, erheblich vorstellungen und nichtwarenförmige soziale Beziehungen, sondern auch
verändert, rationalisiert, kalkulierbarer gemacht und damit in gewisser Hinsicht grundlegende materielle Reproduktionsformen wie etwa agrarische und hand-
sicher auch »zivilisiert«. werkliche Subsistenzproduktion oder traditionelle Formen der Hausarbeit. Oh-
Diese Argumentationsfigur ist es in etwa, die den Kern der materialistischen ne diese wären weder die Existenz der Arbeitskräfte noch der Bestand und Zu-
»Staatsableitung« darstellt. Es bleibt noch zu betonen, daß damit der Staat kei- sammenhalt der Gesellschaft möglich. Ebenso müssen die Naturbedingungen
neswegs als bloßer Ausdruck oder abhängige Funktion der Ökonomie bestimmt der Produktion, die dem einzelnen Kapital als »Gratisproduktivkraft« erschei-
wird, wie es simple Basis-Überbau-Theorien tun. Vielmehr liegt die Eigentüm- nen, um so nachhaltiger gegen die Dynamik der Kapitalverwertung geschützt
lichkeit der kapitalistischen Vergesellschaftungsweise in der Trennung und und erhalten werden, je mehr diese sich weltweit durchsetzt.
gleichzeitigen Verbindung von »Politik« und »Ökonomie«. Die Ökonomie ist Allein dieser Zusammenhang schließt eine nur durch die ökonomische Form
der Politik weder theoretisch noch historisch vorausgesetzt. »Der Staat ist kein bestimmte, wertgesetzregulierte, d. h. marktförmige Reproduktion der Gesell-
Überbau, der mit dem Verweis auf die ökonomische Basis erklärt werden könn- schaft aus. Als schlichte »Marktwirtschaft« ist der Kapitalismus nicht existenz-
te. Wie Wert, Geld usw. ist er eine historisch besondere Form sozialer Bezie- fähig. Seine inneren Widersprüche erzwingen eine auf den materiellen Bestand,
hungen« (Holloway 1991, 229, Übers. d. d. Verf.). Ökonomische und politische die Ordnung und den Erhalt der Gesellschaft insgesamt gerichtete und außer-
Form kennzeichnen die Art und Weise, wie die kapitalistische Gesellschaft trotz halb des unmittelbaren Verwertungsprozesses stehende Tätigkeit. Diese kann
ihrer antagonistischen Widersprüche und durch diese hindurch zusammenge- nur in der Weise stattfinden, in der politische Gemeinschaftlichkeit in der kapi-
halten, bestands- und entwicklungsfähig wird. Wichtig ist nun, daß diese politi- talistischen Gesellschaft überhaupt möglich ist: mittels des Staates. »Markt« und
sche Form mehr beinhaltet als die Verselbständigung der physischen Zwangsge- »Staat« sind somit nicht nur Gegensätze, sondern untrennbar aufeinander bezo-
walt gegenüber den gesellschaftlichen Individuen, Gruppen und Klassen. Der gen. Der Staat muß in das Wirken des Markts eingreifen und hat dabei immer
Staat ist nicht nur Zwangsapparat, sondern in ihm drückt sich, da er scheinbar die Tendenz, diesen schließlich aufzuheben. Zugleich bleibt er aber in seinen
über der Konkurrenz und den sozialen Kämpfen steht, zugleich – wenn auch in Grundlagen davon abhängig, daß der marktregulierte kapitalistische Verwer-
einer verdinglichten und verobjektivierten Weise – die politische Gemeinschaftlich- tungsprozeß bestehen bleibt.
keit der Gesellschaft aus. Er ist die gleichermaßen illusorische und reale Gestalt, Ebenso wie die ökonomische ist auch die politische Form der kapitalistischen
die das politische Gemeinwesen unter den herrschenden gesellschaftlichen Be- Gesellschaft von komplexen Widersprüchen gekennzeichnet. Die »Besonderung«
dingungen annimmt. des Staates, die Trennung von Politik und Ökonomie, ist für den Erhalt der ka-
Nicht nur der ökonomische, sondern auch der politische Zusammenhang pitalistischen Gesellschaft zwar notwendig, aber nicht von vorneherein gewähr-
der durch Konkurrenz und Klassenantagonismen geprägten Gesellschaft mani- leistet. »Politik« und »Ökonomie« bilden keinen nahtlos sich selbst regulieren-
festiert sich in einer von ihr getrennten und ihr äußerlich gegenübertretenden den Funktionszusammenhang. Die »Besonderung« des Staates, die Trennung

20 21
Edited by Foxit Reader
Copyright(C) by Foxit Corporation,2005-2009
For Evaluation Only.
von »Staat« und »Gesellschaft«, bildet sich in politischen und sozialen Kämpfen chen Gesellschaft, die eine Gewähr dafür bieten, daß die Besonderung des Staa-
heraus und wird von diesen selbst immer wieder in Frage gestellt, wenn es etwa tes auch gegenüber den Interessen und Einflüssen einzelner mächtiger Kapitale
zu engen Verflechtungen des Staates mit einzelnen Kapitalgruppen kommt und und Kapitalgruppen erhalten bleiben kann. Gleichzeitig ist es diese »Besonde-
die staatlichen Aktivitäten von deren »privaten« Interessen gesteuert werden. rung«, seine formelle Trennung von den gesellschaftlichen Klassen und Grup-
Ökonomisch herrschende Klassen neigen grundsätzlich zu einer Reprivatisie- pen, die die politische, auf Freiheit und Gleichheit aller StaatsbürgerInnen ge-
rung der physischen Zwangsgewalt, wenn in Zeiten wachsender sozialer Kon- gründete Demokratie in einer individualisierten Marktgesellschaft überhaupt
flikte ihre Herrschaft mittels des Staatsapparats nicht mehr gesichert werden erst möglich macht. In der Trennung von »Politik« und »Ökonomie«, von
kann. Solche Entwicklungen müssen allerdings auf längere Sicht den Bestand ei- »Staat« und »Gesellschaft« bewegt sich also der Gegensatz von ökonomischer
ner kapitalistischen Gesellschaft überhaupt in Frage stellen. Weil die politische Herrschaft, Ausbeutung und »Klassenlage« auf der einen, Freiheit, Gleichheit
Form und damit der Staat sich nur erhalten kann, wenn die materielle Repro- und Selbstbestimmung aller Menschen auf der anderen Seite (vgl. Blanke u.a.
duktion der Gesellschaft insgesamt gewährleistet ist, kann die Trennung von 1975, Williams 1988). Im Staat als Ausdruck der kapitalistischen politischen
»Staat« und »Gesellschaft« nicht absolut sein, sondern beruht auf wechselseiti- Form manifestiert sich damit nicht nur verselbständigte Klassengewalt, sondern
gen Beziehungen in Gestalt von »Staatsinterventionen« und »gesellschaftli- auch die formelle Gleichheit, Unabhängigkeit und Freiheit der Marktindividu-
chen« Einflüssen auf den Staat. Der Staat ist in seiner spezifischen gesellschaft- en. Das reale Moment von Freiheit und Gleichheit, das in der kapitalistischen
lichen Form nur so lange bestandsfähig, als der ökonomische Reproduktions- Vergesellschaftungsweise enthalten ist, begründet den der Möglichkeit nach
prozeß als Kapitalverwertungsprozeß gewährleistet bleibt. Insofern ist es das bürgerlich-demokratischen Charakter des kapitalistischen Staates und erklärt
»Interesse des Staates an sich selbst« (oder genauer: das Eigeninteresse seiner den historischen Zusammenhang von Kapitalismus und politischer Demokratie.
bürokratischen und politischen Funktionäre), das ihn weitgehend unabhängig Aber diese steht immer im Gegensatz zu dem in dieser Form zum Ausdruck
von direkten Einflüssen zum Garanten kapitalistischer Produktionsverhältnisse kommenden Klassen- und Ausbeutungsverhältnis, und eben dies begründet den
macht (vgl. zu dieser Formel Offe 1975). Der Staat ist daher immer »Interventi- von Marx so bezeichneten »Widerspruch der bürgerlichen Konstitution« (Marx
onsstaat«, ohne aber mit der Gesellschaft einfach verschmelzen zu können. 1969).
»Staat« und »Gesellschaft« sind nicht nur getrennt, sondern zugleich verbun- Halten wir also fest: Der Staat in der kapitalistischen Gesellschaft ist weder
den, und diese Trennung/Verbindung stellt sich über permanente soziale Kon- das bewußt geschaffene Instrument der herrschenden Klasse noch die Verkörpe-
flikte her. »Staat« und »Gesellschaft« bilden so eine widersprüchliche Einheit, rung eines demokratischen »Volkswillens« und auch kein selbständig handeln-
in der beiden Bereichen eine »relative Autonomie« zukommt (Poulantzas 1978). des Subjekt. Er ist vielmehr ein soziales Verhältnis zwischen Individuen, Gruppen
Ein grundlegender Widerspruch der politischen Form liegt darin, daß sich in ihr und Klassen, die »materielle Verdichtung eines sozialen Kräfteverhältnisses«
der kapitalistische Vergesellschaftungszusammenhang als Einheit von Klassen- (Poulantzas 1978). Dieses Verhältnis gewinnt im System der politischen Institu-
und Marktvergesellschaftung ausdrückt. Die Ausbeutung der Arbeitskraft zur tionen, Organisationen und Apparate eine konkrete, von eigenen bürokratischen
Produktion des Mehrwerts ist an die Konkurrenz der Kapitale untereinander und politischen Mechanismen geprägte Gestalt. »Der Staat hat eine eigene
und an die Existenz der LohnarbeiterInnen als freie Marktsubjekte und Staats- Dichte und Widerstandskraft und reduziert sich nicht auf ein Kräfteverhältnis.
bürgerInnen gebunden. Rechtssubjektivität, staatsbürgerliche Freiheit und Eine Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen hat sicher im-
Gleichheit sind daher keinesfalls nur ein ideologischer Schein, sondern haben mer auch Auswirkungen innerhalb des Staates, sie überträgt sich jedoch nicht di-
im kapitalistischen Vergesellschaftungszusammenhang eine materielle Basis. rekt und unmittelbar. Sie paßt sich der Materialität der verschiedenen Apparate
Gleichzeitig bleiben die Momente von Freiheit und Gleichheit in die strukturel- an und kristallisiert sich im Staat nur in gebrochener und differenzierter, den
len sozialen Ungleichheits- und Klassenverhältnisse eingebettet und finden in Apparaten entsprechender Form« (Poulantzas 1978, 21 ff., vgl. auch Jessop
diesen ihre Schranken. Die Menschen sind also zugleich Klassenangehörige und 1985, 75 ff.). Der Staat drückt in seiner konkreten organisatorischen Struktur
formell freie und gleiche StaatsbürgerInnen und VertragspartnerInnen. Eben soziale Kräfteverhältnisse aus, formt und stabilisiert sie aber auch zugleich. Daß
dieser Widerspruch treibt die sozialen Konflikte voran, mittels derer sich die der Staat ein Geflecht von gegensätzlichen sozialen Beziehungen und Klassen-
Form des Staates durchsetzt und erhält. Nicht zuletzt sind es die liberaldemo- verhältnissen darstellt, drückt sich in der Vielfalt seiner einzelnen Bestandteile
kratischen Institutionen und Verfahren, also das politische System der bürgerli- aus. Er ist keine geschlossene organisatorische Einheit, sondern zerfällt immer

22 23
Edited by Foxit Reader
Copyright(C) by Foxit Corporation,2005-2009
For Evaluation Only.
in relativ selbständige, miteinander konkurrierende und sich öfter sogar Kräfteverhältnisse sich verschieben, wenn also etwa das Kapital in einer wirt-
bekämpfende Instanzen, die jeweils eigene Sozial- und Klassenbeziehungen her- schaftlichen Krisensituation durch soziale Zugeständnisse seinen Profit ent-
stellen, sei es, daß sie als Stützpunkt von Klassen oder Teilen von Klassen fun- scheidend beeinträchtigt sieht und die Lohnabhängigen durch Arbeitslosigkeit
gieren (so etwa im Falle der Bundesbank oder des Finanzministeriums in bezug politisch geschwächt sind, verändert sich der gesamte Raum und Inhalt staatli-
auf das große Finanzkapital), sei es in der Form von Agenturen, die sich auf die cher Politik.
beherrschten Klassen (z.B. die Bauern in Form des Landwirtschafts- oder die Bisher sind wir von der vereinfachenden Annahme ausgegangen, es gäbe in
Lohnabhängigen in Form des Arbeitsministeriums oder der Sozialämter) bezie- der kapitalistischen Gesellschaft nur einen grundlegenden sozialen Konflikt,
hen und deren Interessen nach eigenen Regeln und Verarbeitungsweisen in die nämlich den zwischen »Lohnarbeit« und »Kapital«. In Wirklichkeit gibt es eine
staatlichen Entscheidungsmechanismen einbeziehen. Die verschiedenen Staats- ganze Reihe weiterer sozialer Gegensätze von Herrschafts-, Ausbeutungs- und
apparate verkörpern Beziehungen zu allen Klassen und Gruppen, tun dies aber, Unterordnungsverhältnissen: geschlechtliche, religiöse, kulturelle, regionale.
was die Wirksamkeit der Interessendurchsetzung angeht, in höchst unterschied- Diese sind weder aus dem kapitalistischen Klassenverhältnis einfach »ableitbar«,
licher, »selektiver« Weise. Die Beziehungen der staatlichen Apparate zu den ge- noch würden sie mit diesem verschwinden. Tatsächlich sind sie meist älter als die
sellschaftlichen Klassen und Gruppen sind nicht stabil, sondern können sich mit kapitalistische Gesellschaft selbst. Dies gilt auch für das gesellschaftliche Ver-
der Veränderung der Kräfteverhältnisse und der sozialen Konfliktlagen verschie- hältnis zur Natur, das als Beherrschungs- und Ausbeutungsverhältnis weit hinter
ben. Dies setzt eine erhebliche Anpassungsfähigkeit der staatlichen Apparatur in die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft zurückreicht und selbst eine
bezug auf Veränderungen der sozialen Gegensätze und Auseinandersetzungen Grundlage ihrer Entstehung ist. Der Grund dafür, die kapitalistische Vergesell-
voraus, stellt aber gleichzeitig ihre relative Einheit und ihre Fähigkeit zur Ge- schaftungsform zum Ausgangspunkt einer Analyse des Staates zu machen, liegt
währleistung des gesamten gesellschaftlichen Produktions- und Entwicklungs- deshalb nicht darin, daß diese Gegensätze unwesentliche oder gar untergeordne-
prozesses andauernd in Frage. Die Gewährleistung der relativen Einheit der po- te »Nebenwidersprüche« darstellten. Im Gegenteil: Das Natur- und Geschlech-
litischen Apparatur durch »politische Führung« ist daher ein grundlegendes und terverhältnis, sexuelle oder rassistische Unterdrückung sind mit dem Kapitalver-
ständig vorhandenes Problem der Herrschaftssicherung. Auch in seiner parla- hältnis untrennbar verwoben, und es könnte ohne diese gar nicht existieren.
mentarisch-demokratischen Form ist somit der Staat »Klassenstaat«. Aber er ist Entscheidend ist aber, daß die kapitalistische Vergesellschaftungsform als mate-
nicht »Instrument« einer Klasse. Seine »Besonderung« und seine relative Auto- rieller Reproduktionszusammenhang in der Weise bestimmend ist, daß sie die
nomie gegenüber den sich bekämpfenden gesellschaftlichen Kräften machen es gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen prägt, in denen alle diese gesell-
möglich, daß er zum Ort der Vermittlung der sozialen Kompromisse und schaftlichen Antagonismen zum Ausdruck kommen und sich miteinander ver-
Gleichgewichte wird, ohne die keine kapitalistische Gesellschaft überdauern binden. Das gilt, wie noch zu zeigen sein wird, für die konkrete Ausformung von
kann: Erst innerhalb seiner und durch seine Apparatur kann sich so etwas wie die Rassismus ebenso wie für die Art und Weise der geschlechtlichen Unter-
gemeinsame Politik der ökonomisch herrschenden, aber zugleich konkurrieren- drückung. Der moderne Nationalismus und Rassismus ist ohne den kapitalisti-
den und sich bekämpfenden Klassen und Klassenfraktionen herausbilden, und schen Staat nicht verstehbar. Die Situation der Frauen ist unter feudal-patriar-
sie stellt gleichzeitig den institutionellen Rahmen zu einer sowohl repressiven chalen Verhältnissen anders als unter bürgerlich-kapitalistischen, auch wenn
wie ideologisch-materiellen Befriedung der beherrschten und ausgebeuteten sich ihre Diskriminierung historisch durchhält. Die Entstehung der kapitalisti-
Klassen bereit. Ohne dies hätte bürgerliche Klassenherrschaft als »Einheit von schen Gesellschaft, von Lohnarbeit, staatsbürgerlicher Freiheit, Demokratie
Zwang und Konsens« (Gramsci) keine Grundlage und keinen Bestand. Um und Staat hat ein »kapitalistisches Patriarchat« entstehen lassen, in dem sich
dafür ein Beispiel zu geben: Wenn Parteien den Unternehmern in Form staatli- nicht nur die Inhalte und Mechanismen der Unterdrückung, sondern auch die
cher Gesetzgebung soziale Zugeständnisse abringen, um ihre Wahlchancen zu Bedingungen von Befreiung verändert haben (vgl. z.B. Beer 1990). Gerade die
verbessern, so resultieren daraus sowohl eine bestimmte, nämlich »sozialpart- kapitalistische Trennung von »Staat« und »Gesellschaft« hat den Gegensatz
nerschaftliche« Politik des Kapitals als auch eine bestimmte Form der Integrati- zwischen »Öffentlichkeit« und »Privatheit« hervorgebracht, der heute mit
on und Befriedung der Arbeiterklasse. Ob Parteien eine solche Politik verfolgen, Recht als einer der entscheidenden Mechanismen geschlechtlicher Unter-
hängt entscheidend von den sozialen Kräfteverhältnissen, also z.B. der politi- drückung betrachtet wird, und zugleich stellt der Anspruch auf staatsbürgerliche
schen Organisiertheit und Kampfkraft der Lohnabhängigen ab. Wenn diese Freiheit und Gleichheit eine wesentliche Grundlage des Kampfes dagegen dar.

24 25
Edited by Foxit Reader
Copyright(C) by Foxit Corporation,2005-2009
For Evaluation Only.
Dies bedeutet allerdings, daß das Verhältnis von »Gesellschaft« und »Staat« marktzusammenhang ab. Sie unterliegen daher erheblichen historischen Verän-
nicht nur durch den kapitalistischen Verwertungsprozeß, sondern auch durch derungen.
die mit ihm eng verbundenen geschlechtlichen, ethnischen, nationalistischen Diese Widersprüche der politischen Form drücken sich nicht zuletzt im po-
und rassistischen Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse bestimmt wird. litischen Repräsentativsystem (Parteien, Parlament, Wahlen) als institutionellem
Der bürgerliche Staat ist somit immer zugleich ein kapitalistischer, rassistischer Ausdruck der Vermittlung von »Staat« und »Gesellschaft« aus. Dabei erscheint
und patriarchaler Staat, und die sozialen Beziehungen, die er in seiner Apparatur »Gesellschaft« zunächst einmal als »Volk« als die Summe abstrakter und indivi-
ausdrückt und »reguliert«, umgreifen alle diese Gegensätze. In seiner Verfügung dualisierter WarenbesitzerInnen und StaatsbürgerInnen, was das Prinzip des all-
über das »Gewaltmonopol« kann und muß der Staat fortwährend stabilisierend gemeinen und gleichen Wahlrechts und die prinzipielle Geltung der Mehrheits-
in den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß eingreifen, ohne aber dessen we- entscheidung begründet. Auf dieser Ebene drückt sich die »Besonderung« des
sentliche Strukturen – das Privateigentum an Produktionsmitteln, aber auch das Staates darin aus, daß institutionelle Barrieren des »politischen Willensbil-
Natur- und Geschlechterverhältnis – verändern zu können, die vielmehr seine dungsprozesses« das unmittelbare Durchschlagen des »Volkswillens« auf staatli-
Grundlage sind. Seine Eingriffe müssen darauf gerichtet sein, die grundlegen- che Entscheidungsprozesse verhindern. Dazu zählen das Repräsentativsystem
den ökonomisch-gesellschaftlichen Strukturen zu erhalten oder veränderten Be- und das freie Mandat der Abgeordneten, das dadurch bewirkte Parteienmono-
dingungen anzupassen. Dies setzt erhebliche Spielräume hinsichtlich der kon- pol, die Konflikte zwischen der Partei »in« und »außerhalb« der Regierung, die
kreten Politik angesichts sich immer wieder verändernder sozialer Kräftever- sich darin zeigen, daß parlamentarische Fraktionen in der Regel unter den
hältnisse unabdingbar voraus. Das Wirken des Staates ist niemals das einfache »Sachzwängen« des Systems sich um den »Wählerwillen« oder um Parteitags-
Ergebnis des strategischen Handelns einzelner Akteure – etwa von Parteien, In- beschlüsse nur beschränkt kümmern. Dazu gehören auch die »Gewaltentei-
teressengruppen, sozialen Bewegungen, der Bürokratie oder auch »des« Kapi- lung« als Trennung von Gesetzgebung und administrativer Maßnahmekompe-
tals –, sondern entsteht aus der Dynamik der Sozial- und Klassenbeziehungen, tenz (»Herrschaft der Bürokratie«), die eingeschränkten Kontroll- und Einfluß-
die in der Gesamtheit der politischen Apparatur ihren Ausdruck finden. Da aber rechte der Legislative gegenüber der Exekutive und schließlich die Beschrän-
der Staat weder existieren noch handeln kann, wenn der kapitalistische Verwer- kung des Mehrheitsprinzips durch Grundrechte, insbesondere das Privateigen-
tungsprozeß in Frage gestellt ist, müssen die sozialen Beziehungen, Konflikte tumsrecht. Die politische Demokratie der kapitalistischen Gesellschaft kann kei-
und Kompromisse im politischen System so ausbalanciert werden, daß sie mit ne »Basisdemokratie« oder unmittelbare Herrschaft des Volkes sein, sondern re-
diesem vereinbar sind. Dies läßt sich an einem einfachen Zusammenhang deut- duziert sich auf dessen höchst beschränkte und an äußerst enge Verfahrensregeln
lich machen: Der kapitalistische Staat ist im wesentlichen Steuerstaat. Die finan- gebundene »Mitwirkung«.
ziellen Mittel, über die er verfügt, stammen aus dem kapitalistischen Produk- Durch die Möglichkeit des Zusammenschlusses der StaatsbürgerInnen in
tionsprozeß. Gerät dieser in eine Krise, folgt die »Finanzkrise des Staates« auf Form von Parteien, Interessenorganisationen und »Bewegungen« treten dem
dem Fuß und beschneidet seine Handlungsmöglichkeiten. Die Durchführbar- Staatsapparat gesellschaftliche Gruppen mit eigener Macht und Regulierungs-
keit sozialstaatlicher Maßnahmen ist deshalb grundsätzlich daran gebunden, daß fähigkeit entgegen. Die kapitalistische Vergesellschaftungsform als Einheit von
der Verwertungsprozeß des Kapitals nicht ernsthaft gestört wird. Soweit sie Markt- und Klassenvergesellschaftung läßt die Organisierung von Interessen
durchgesetzt werden, müssen sie mit diesem vereinbar sein. Oder in der beste- und politische Zusammenschlüsse zu, die zu den Klassenstrukturen quer liegen
chenden Einfachheit der Politikersprache: »Man darf die Kuh nicht schlachten, und andere gesellschaftliche Antagonismen und Gegensätze wie religiöse, regio-
die man melken will.« nale, kulturelle oder geschlechtliche ausdrücken. Die direkte Organisation von
Gelingt dieses Ausbalancieren der sozialen Kräfteverhältnisse und Konflikte Klasseninteressen ist nicht nur deshalb unmöglich, weil ökonomische Klassen-
nicht, gerät »das System« in die Krise. Die sich innerhalb der staatlichen Appa- positionen äußerst uneinheitlich sind und durch vielfältige politische, soziale
ratur abspielenden Kämpfe und Auseinandersetzungen unterliegen demnach und kulturelle Differenzen überlagert werden. Vielmehr knüpft jede politische
strukturellen Bedingungen und Zwängen, ohne daß damit ihr Ergebnis bereits Organisation zunächst einmal nicht an »objektive« Klassenlagen, sondern an
eindeutig vorausbestimmt wäre. Die Art und Weise der staatlichen Tätigkeit, isolierte und konkurrierende StaatsbürgerInnen und Marktindividuen an, die
seine Funktionen und konkreten Politiken hängen vom jeweiligen Stand des Ak- aber immer von einer Vielzahl von Bestimmungen und Zugehörigkeiten, von
kumulationsprozesses und den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen im Welt- ökonomischen, geschlechtlichen, religiösen oder kulturellen geprägt werden.

26 27
Edited by Foxit Reader
Copyright(C) by Foxit Corporation,2005-2009
For Evaluation Only.
Gleichwohl bleibt es den gesellschaftlich-politischen Organisationen verwehrt, teien treibt oder aber ihnen die Mitglieder davonlaufen, wenn dieser nicht ge-
sich von der existierenden Klassenstruktur gänzlich unabhängig zu machen. Die sucht wird. Insofern ist es völlig unzutreffend, im politischen Sinne von einem
ihrem Anspruch nach »klassenübergreifenden« Parteien verfügen bekanntlich einfachen Gegensatz von »Staat« als Gewaltapparat und einer »zivilen Gesell-
über sozial höchst unterschiedliche Anhänger- und Wählerschaften. Der Klas- schaft« als Sphäre von Freiheit und Demokratie auszugehen, wie dies in neueren
senhintergrund sozialer Bewegungen prägt deren Erscheinungsform und Politik demokratietheoretischen Diskussionen gerne getan wird. Die politische Form
in der Regel ganz erheblich. Trotzdem kann das »Klasseninteresse«, auf das sie prägt Staat und Gesellschaft gleichermaßen. Beide bilden eine widersprüchliche
Bezug nehmen, durchaus mit anderen, wie geschlechtlichen oder religiösen, zu- und zusammenhängende Einheit.
sammenstoßen. Gelegentlich, wenn auch nicht allzu häufig, gibt es auch organi- Poulantzas’ Definition des Staats als eine »Kristallisationspunkt von Klassen-
sationsübergreifende Koalitionen wie die der »Parteifrauen«. beziehungen« mit eigener institutioneller Materialität (Poulantzas 1978, 121)
Wird schon damit verhindert, daß Klasseninteressen auf die staatliche Politik kann damit verdeutlicht werden. Die widersprüchliche Trennung/Verbindung
unmittelbar durchschlagen, so verstärkt sich dies noch dadurch, daß die ökono- von »Staat« und »Gesellschaft« bedeutet, daß der Staat von den gesellschaftli-
misch-politischen Interessenorganisationen den Gegensatz von »Staat« und chen Gruppen und Klassen formell getrennt ist und zugleich mit ihnen in Ver-
»Gesellschaft« um so mehr selbst in sich tragen, je größer und bedeutungsvoller bindung steht, sie miteinander in Beziehung setzt. Soziale und ökonomische Ge-
sie werden. Ihre Bürokratisierung schafft eine gewisse Nähe der Führungsspit- gensätze sind somit in die Apparatur des politischen Systems selbst eingelassen
zen zur staatlichen Verwaltung, und der strukturelle Gegensatz von »Basis« und und kommen in den herrschenden Institutionen zum Ausdruck: in der Form von
»Führung« durchzieht keineswegs nur die Parteien, sondern auch Unterneh- Konflikten zwischen einzelnen Staatsapparaten, von Bürokratie-Klientel-Ge-
merverbände, Gewerkschaften oder Kirchen. Grundsätzlich gilt, daß Interessen- gensätzen, als Konkurrenz der Interessenverbände und Parteien. Das heißt, die
organisationen, die auf den Staat als Mittel der Verwirklichung ihrer Ziele set- politische Form transformiert soziale Antagonismen und Klassenverhältnisse in
zen, sich dem Zwang der politischen Form, d. h. der Trennung von »Staat« und den Gegensatz von »Volk« und »Staat«, in bürokratische Konflikte, in die Kon-
»Gesellschaft« und dem Bezug auf den Kapitalverwertungsprozeß nicht entzie- kurrenz von Parteien- und Interessenverbänden. Damit verändert sich aber
hen können. Gewerkschaften etwa werden gezwungen, die Bedingungen kapita- auch, was als das »gesellschaftliche Interesse« erscheint. Es nimmt einen von
listischen Wachstums, die Verwertbarkeit des Kapitals und den Erhalt bürger- dieser politisch-sozialen Form bestimmten Inhalt an.
lich-kapitalistischer Gesellschaftsstrukturen zu berücksichtigen, und zwar um so Die einzelnen Teile des politischen Systems einschließlich des administrati-
stärker, je einflußreicher sie sind. Deshalb ist der immer wieder auftretende ven Staatsapparats verkörpern unterschiedliche Beziehungen zu den gesell-
Konflikt zwischen Führung und Mitgliedern grundsätzlicher Natur. Etablierte schaftlichen Klassen, ohne diese als Klassenverhältnisse erscheinen zu lassen.
Frauenverbände neigen dazu, die Familie als Grundlage des Staates zu verteidi- Dies schon deshalb, weil eben »Klassen« immer schon durch sehr unterschiedli-
gen, auch wenn diese eine wesentliche Grundlage geschlechtlicher Diskriminie- che konkrete Lagen, Milieubedingungen, kulturelle und geschlechtliche Bestim-
rung ist. Gewerkschaften sind, wie andere Interessenorganisationen und -grup- mungen gekennzeichnet sind, was divergierende Bewußtseins- und quer zu den
pen auch, zugleich Interessenvertretung und Kontroll-, Herrschafts- und Diszi- »objektiven« Stellungen liegende Interessenkonstellationen entstehen läßt.
plinierungsorgane, in diesem Sinne also immer auch Quasi-Staatsapparate. Gleichwohl drückt sich der Klassengegensatz immer – wenn auch in meist ver-
Zuammengenommen hat dies zur Folge, daß die Politik von Parteien, Ver- stellter, überlagerter und verschobener Form – in den Konflikten und Gegensät-
bänden und selbst von sozialen Bewegungen bis zu einem wesentlichen Grade zen im Inneren der politischen Apparatur aus.
von der »Logik des Staates«, genauer: von den in der kapitalistischen politischen Die kapitalistische Gesellschaft ist durch permanente Krisen und Konflikte
Form wurzelnden Mechanismen bestimmt wird. Dies um so stärker, je mächti- gekennzeichnet, die das bestehende System der politischen Apparatur immer
ger und bedeutungsvoller sie für die gesellschaftliche Entwicklung sind. Dies wieder erschüttern und seine periodische Umbildung erzwingen. Nur durch die-
heißt, daß die in der allgemeinen Formbestimmung des Politischen liegenden se Krisen- und Reorganisationsprozesse hindurch können sich die »Besonde-
Widersprüche auch innerhalb der einzelnen Organisationen und Institutionen rung« und »relative Autonomie« des Staates erhalten. Der Grund dafür, daß
des politischen Systems zum Ausdruck kommen. Daraus resultieren permanente dies selbst noch in tiefgreifenden ökonomischen Krisen und bei eskalierenden
Konflikte in und zwischen diesen: etwa, wenn ein nicht mehr kontrollierbarer sozialen Konflikten geschieht, liegt darin, daß zunächst einmal auch sozialer
Druck der Basis die Gewerkschaften in einen Konflikt mit Regierung und Par- Protest und selbst radikale Opposition in die bestehenden politischen Institutio-

28 29
nen und Mechanismen wie Verbands- und Parteipolitik, Wahlen usw. eingebun- muß, weil der Staat nichts anderes als die institutionelle Verdichtung von sozia-
den bleiben und daß das materielle Leben, Arbeit, Einkommen und Sicherheit len Kräfteverhältnissen darstellt, zu immer neuen institutionellen Krisen und
der Menschen davon abhängen, daß der Produktionsprozeß überhaupt weiter- Reorganisationsprozessen im politischen System führen. Veränderungen des po-
geht. Insofern wirken sich die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen selbst litischen Systems werden also durch soziale und politische Kämpfe vorangetrie-
und gerade dann sehr nachhaltig und verhaltensprägend aus, wenn deren Kri- ben und erfolgen daher grundsätzlich krisenhaft. Sie sind weder geplant noch
senhaftigkeit offen zutage tritt. setzen sie allgemeine Zustimmung voraus. Das Handeln der beteiligten Indivi-
Fassen wir zusammen: Die kapitalistische politische Form darf nicht mit dem duen und Gruppen ist zwar an bestimmte strukturelle Zwänge und gesellschaft-
konkreten Staatsapparat verwechselt werden, denn dieser ist nur ein institutio- liche Formen gebunden, aber dennoch nicht eindeutig vorauszubestimmen.
neller Ausdruck der dahinterstehenden gesellschaftlichen Strukturen. Die kapi- Dies widerspräche der herrschenden Vergesellschaftungsform, die ja durch Pri-
talistischen – ökonomischen wie politischen – Formbestimmungen durchziehen vatproduktion, naturwüchsige Arbeitsteilung, Konkurrenz und Warentausch ge-
alle gesellschaftlichen Bereiche, prägen also die Staatsbürokratien ebenso wie kennzeichnet ist. Wenn gesellschaftliches Handeln allerdings die grundlegenden
das Parteiensystem, die Interessenverbände und Medien, die ökonomischen In- ökonomischen und politischen Formen durchbricht, wird der Bestand der kapi-
stitutionen bis hin zur Familie. Damit bildet der gesamte Komplex von »Staat« talistischen Gesellschaft in Frage gestellt.
und »ziviler Gesellschaft« ein System voneinander abhängiger und zugleich wi- »Revolutionäres« Handeln ist also genau genommen weniger durch beson-
dersprüchlicher Institutionen. »Staat« und »Zivilgesellschaft« sind keine einfa- dere materielle Ziele noch durch die Radikalität der materiellen Forderungen,
chen Gegensätze, sondern bilden eine sich widersprüchlich bedingende Einheit. sondern dadurch gekennzeichnet, daß es sich den kapitalistischen sozialen Formen
So ist die politische Form – institutionell konkretisiert im Staatsapparat – ab- bewußt entgegenstellt und sie durchbricht. Werden diese Formbestimmungen –
hängig von der Geld- und Kapitalform und steht zugleich im Widerspruch dazu. letztlich die Trennung von »Politik« und »Ökonomie«, von »Staat« und »Ge-
Das Geld bedarf der Garantie durch den staatlichen Zwangsapparat, muß also sellschaft« und deren institutionelle Ausdrucksformen – aufgehoben, so sind der
staatlich kontrolliert und reguliert werden. Es wird aber vom Staat nicht ge- Bestand des kapitalistischen Systems und die Möglichkeit der Regulation seiner
schaffen, sondern entsteht aus der Struktur und der Dynamik des Kapitalverwer- Antagonismen und Konflikte grundsätzlich in Frage gestellt. Eine revolutionäre
tungsprozesses. Dies setzt staatlicher Geldpolitik klare Grenzen. Gelingt die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft ist also eng mit der praktischen
Stabilisierung des Geldes nicht und kommt es zum Beispiel zu inflationären Pro- Überwindung ihrer politischen Form verknüpft. Eben dies ist in vielen Revoluti-
zessen, so ist auf längere Sicht die Geldform selber in Frage gestellt. Diese rela- onstheorien übersehen worden. Zugleich müssen sich »revolutionäre« Bewe-
tive Trennung von »Politik« und »Ökonomie«, von »Staat« und »Gesellschaft« gungen und Prozesse immer aus den bestehenden politischen Formen und Insti-
bedeutet, daß die kapitalistische Gesellschaft über kein steuerndes, die Gesellschaft ins- tutionen und aus deren eigenen Widersprüchen heraus entwickeln. Und sie ha-
gesamt umfassendes und kontrollierendes Zentrum verfügen kann. Vielmehr existiert ben es mit der Schwierigkeit zu tun, nicht nur mit der Gesamtheit der bestehen-
eine Vielzahl relativ voneinander unabhängiger und sich teilweise bekämpfender den Institutionen – von der Familie bis zum Staat – zusammenzustoßen, sondern
Institutionen, Organisationen und Gruppen, die zwar durch strukturelle Hand- das gesamte gesellschaftliche Regulationssystem anzugreifen, das nun einnmal
lungszwänge, aber nicht durch eine gemeinschaftlich formulierbare politische das materielle Leben in einer hochkomplexen Gesellschaft gewährleistet. Beides
Strategie aufeinander bezogen und miteinander verbunden sind. Gerade dies zusammengenommen bezeichnet die grundlegende Problematik jeder system-
verleiht jedoch der kapitalistischen Gesellschaft nicht nur eine ungeheure Dyna- verändernden Politik im Kapitalismus.
mik, sondern auch eine besonders große Anpassungsfähigkeit über alle Krisen
und Katastrophen hinweg. Dies ist zugleich auch die Bedingung der relativen in-
dividuellen Freiheit, die sie im Vergleich zu anderen historischen Gesellschafts- 3. Warum gibt es eine Vielzahl von Staaten?
formen ermöglicht. Der Akkumulationsprozeß des Kapitals kann sich nur durch Staat und Staatensystem
dauernde ökonomische und politische Krisen hindurch aufrechterhalten. Seine Daß die politische Struktur des globalen Kapitalismus durch eine Vielzahl von
Dynamik führt dazu, daß die Arbeits- und Konsumweisen, die Technologie, die (National-)Staaten geprägt wird, ist zunächst einmal eine augenscheinliche Tat-
sozialen Strukturen und Klassenverhältnisse, kurz: die historisch konkrete Ge- sache. Historisch gesehen, bildete die Existenz eines Systems konkurrierender
stalt dessen, was »Kapitalismus« heißt, fortwährend umgewälzt werden. Dies Einzelstaaten eine entscheidende Grundlage für die Entwicklung des Kapitalis-

30 31
mus im Weltmaßstab. Diese Form der politischen Organisation hat sich gegen- dem er den Unternehmern Maßnahmen zur Technologieförderung anbietet und
über anderen offensichtlich als überlegen erwiesen (Weber 1964, 1034). Einige zugleich die Lohnabhängigen zur Hinnahme entsprechender Rationalisierungs-
Gründe sprechen für die Annahme, daß die Vielzahl konkurrierender Einzel- folgen zwingt. Über den Staat wirken also die Zwänge der Weltmarktkonkur-
staaten ein grundlegendes Merkmal der kapitalistischen politischen Form und renz auf die internen politischen Prozesse zurück. Zugleich ist er die Instanz, die
eine der wesentlichen Bestands- und Entwicklungsbedingungen dieser Produk- sowohl gegensätzliche als auch gemeinsame Klasseninteressen nach außen hin
tionsweise darstellt (Holloway 1991, Clarke 1991, Barker 1991). Wir haben ge- zur Geltung bringt. Im Außenverhältnis repräsentiert er immer Teile der globa-
sehen, daß der kapitalistische Staat in seiner relativen Autonomie die Möglich- len Bourgeoisie und Arbeiterklasse, und dies erzeugt spezifische Differenzen
keit schafft, die Beziehungen zwischen den sozialen Klassen und Gruppen so zu und Gemeinsamkeiten. Das bedeutet auch, daß sich nicht nur interne, sondern
regulieren, daß der Bestand und die Entwicklung der Gesellschaft trotz ihrer auch internationale soziale Kräfteverhältnisse und Konflikte (z.B. zwischen »na-
strukturellen Antagonismen und Konflikte möglich ist. Dies bezieht sich vor al- tionalem« und »internationalem« Kapital, zwischen »inländischen« und »aus-
lem darauf, daß nur mittels des Staates eine gemeinsame Politik der ökonomisch ländischen« LohnarbeiterInnen) in der Apparatur des Staates ausdrücken. Der
herrschenden Klassen formulierbar ist und die Beherrschten in die bestehenden Staat ist die institutionelle Materialisierung eines internationalen Geflechts von
Macht- und Ausbeutungsverhältnisse eingebunden werden können. Daß diese Klassenbeziehungen und Kräfteverhältnissen (Poulantzas 1978, Barker 1991).
Form der Klassenregulierung tatsächlich gelingt, beruht nun sehr wesentlich Die »Besonderung« des Staates gegenüber der Gesellschaft wird ganz we-
darauf, daß die im globalen Verwertungs- und Akkumulationszusammenhang sentlich dadurch hergestellt, daß sich jeder einzelne Staat auf andere, mit ihm
sich gegenüberstehenden Klassen durch die Existenz konkurrierender Einzel- ökonomisch, militärisch und politisch konkurrierende, beziehen muß. Daß die
staaten in sich selbst politisch gespalten werden. Das kapitalistische Klassenverhält- kapitalistische Form des Politischen sich in den sozialen Auseinandersetzungen
nis wird durch das Staatensystem in der Weise modifiziert, daß die immer auch und durch diese hindurch erhält, ist also wesentlich der politischen Aufspaltung
in wechselseitiger Konkurrenz stehenden Klassenangehörigen – die Lohnab- des globalen Kapitalismus in ein System konkurrierender Einzelstaaten geschul-
hängigen ebenso wie die Unternehmer – auf staatlicher Ebene zusammengebun- det (Barker 1991, 208 ff.). Die einzelstaatliche politische Organisation beruht
den und damit zugleich in Gegensatz zu den entsprechenden Klassen außerhalb auf globalen Klassenspaltungen und -verbindungen und befestigt diese zugleich.
des staatlichen Territoriums gebracht werden. Dadurch vor allem entsteht auf Sie erlaubt nicht nur eine Dämpfung und Verschiebung des Klassenkonflikts in-
einzelstaatlicher Ebene die Möglichkeit zur Bildung klassenübergreifender Koali- nerhalb der staatlichen Grenzen, sondern gestattet es der ökonomisch herr-
tionen zwecks Sicherung gemeinsamer Konkurrenzvorteile auf dem Weltmarkt schenden Klasse überhaupt erst, sich als Bourgeoisie zu formieren und politisch,
(Beaud 1987, 46). Die Politik der »Sozialpartnerschaft« und die Herausbildung ökonomisch und kulturell »hegemonial« zu werden, also einen Anspruch auf die
korporativer Strukturen – in welchen konkreten Formen auch immer praktiziert Vertretung übergreifender gesellschaftlicher Interessen zu erheben (Balibar/
– muß vor allem vor diesem Hintergrund gesehen werden. Auf der Ebene des Wallerstein 1992, 111 f.). Die Vielzahl der Einzelstaaten ist somit selbst Aus-
kapitalistischen Weltmarkts fällt eine übergreifende politische Organisierung druck und Mittel von Konkurrenz und Klassenkampf. Sie stellt insoweit ein
von Klasseninteressen daher noch sehr viel schwerer als innerhalb des national- grundlegendes und keineswegs beliebig aufhebbares Strukturmerkmal des Kapi-
staatlichen Zusammenhangs: Es gibt zwar ein globales Kapitalverhältnis, aber talismus dar. Sie ist unmittelbar mit dem globalen Akkumulationsprozeß ver-
im politischen Sinne kaum internationale Klassen (Balibar/Wallerstein 1992, knüpft und dessen Bestandteil. Die Aufspaltung des Weltmarkts in Einzelstaaten
190 ff.). Das System der konkurrierenden Staaten organisiert die sozialen Ge- gestattet die Schaffung unterschiedlich zugänglicher Märkte für Waren, Kapital
gensätze und Konflikte so, daß die »Besonderung« der jeweiligen Staatsappara- und Arbeitskraft und ermöglicht dadurch dem prinzipiell unbeschränkt mobilen
te gegenüber den sozialen Klassen verstärkt wird, diese aber noch deutlicher als Kapital, innerhalb national umgrenzter ökonomischer Räume zu operieren und
Verkörperung gemeinsamer gesellschaftlicher Interessen erscheinen können. diese zugleich gegeneinander auszuspielen, einfach ausgedrückt: von der »Kon-
Die Konkurrenz nationalstaatlich organisierter kapitalistischer Ökonomien er- kurrenz der Standorte« zu profitieren. Der globale Akkumulationsprozeß ist mit
zeugt »Systemzwänge« – beispielsweise in Form bestimmter Außenhandelsin- der Existenz unterschiedlicher politischer Räume untrennbar verbunden. Er ist
teressen oder Rationalisierungserfordernisse –, die mittels des Staates gegenüber den einzelnen Staaten weder vor- noch nachgeordnet. »Globale« und »nationa-
allen Klassen geltend gemacht werden. Dies wird beispielsweise deutlich, wenn le« Akkumulation bilden vielmehr eine komplexe und widersprüchliche Einheit.
der Staat die Konkurrenzfähigkeit seines »Standorts« zu sichern versucht, in- Die Herausbildung von Nationalstaaten knüpft an kulturelle und historische

32 33
Differenzen und Besonderheiten an, ohne freilich durch diese begründet zu sein. scheidende Instrumente der Herrschaft des Zentrums über die kapitalistische
Daß das Aufkommen des modernen Nationalstaatensystems eng mit der Entste- »Peripherie«, weil durch sie die internationale Ungleichheit der Akkumulati-
hung des Kapitalismus zusammenhängt, ist somit kein Zufall, auch wenn es sich ons- und Ausbeutungsbedingungen hergestellt und verfestigt wird. Daß der Ko-
dabei nicht um recht komplizierte Wechselwirkungen handelt. Im geschichtli- lonialismus an der Wiege des modernen Staatensystems steht, kennzeichnet
chen Verlauf sind einzelne Staaten untergegangen, andere sind neu entstanden, nicht nur eine zurückliegende geschichtliche Periode, sondern bleibt als struktu-
gab es vielfältige Spaltungen und Zusammenschlüsse. Nicht ein einmal existie- reller Zusammenhang in vielfach gewandelten Formen weiterhin bestimmend.
rendes System von Staaten, sondern das Strukturprinzip einzelstaatlicher politi- Tatsächlich wird der globale Kapitalismus durch das Nebeneinanderbestehen
scher Organisation ist eine Voraussetzung der globalen Kapitalakkumulation sehr unterschiedlicher Produktions- und Ausbeutungsformen – verschiedene
und der sie ermöglichenden Prozesse der Klassenregulierung. Zugleich beinhal- Arten der Lohnarbeit, kleinlandwirtschaftliche und Subsistenzproduktion bis
tet die einzelstaatliche politische Organisation die Notwendigkeit übergreifen- hin zu den modernen Formen der Sklaverei – gekennzeichnet. Die einzelnen
der internationaler Kooperations-, Koordinations- und Konfliktregelungsfor- Staaten basieren immer auch auf unterschiedlichen Ausbeutungsstrategien. Ihre
men, die eine eigene institutionelle Gestalt annehmen können. Nicht nur die in- Vielfalt dient nicht zuletzt dazu, diese sowohl aufrechtzuerhalten als auch mit-
neren Sozial- und Klassenbeziehungen, sondern auch die globalen schlagen sich einander in Verbindung zu setzen (Balibar/Wallerstein 1992, 215 ff. Vgl. auch
daher in der Apparatur des Staates und ihren internationalen Verflechtungen Beaud 1987). Wenn also ein Land, oder genauer gesagt: eine herrschende Klasse
nieder (Pooley 1991). Schon deshalb, weil der kapitalistische Akkumulations- oder Klassenkoalition ihre internationale Konkurrenzfähigkeit dadurch sichert,
und Verwertungsprozeß grundsätzlich globale Dimensionen hat, ist kein einzel- daß sie die Löhne niedrig, die Lebensbedingungen schlecht und die politischen
ner Staat völlig unabhängig und souverän. Rechte gering hält, so unterscheidet sich das entsprechende Herrschaftssystem,
Internationale Unternehmen benötigen die Staaten – nicht zuletzt zur mi- der »Staat«, sehr wesentlich von solchen Ländern, in denen auf technologischen
litärischen Unterstützung ihrer Politik – als Basis ihrer Expansion und stehen Fortschritt, umfassende Qualifikation und sozialen Kompromiß gesetzt wird.
dennoch im Gegensatz zu ihnen (Beaud 1987, 48 ff., Pooley 1991). Die Tendenz Beide Formen des Klassenverhältnisses und der Ausbeutung bedingen sich aber
zur Internationalisierung der Produktion unterhöhlt ständig die Struktur des gegenseitig, und der globale Akkumulationsprozeß beruht geradezu auf deren
Staatensystems und beruht gleichzeitig darauf. Die Entstehung multinationaler Verbindung. Also auch darauf, daß die billige Arbeitskraft der Peripherie durch
Konzerne hebt das einzelstaatliche System nicht auf, sondern bleibt – etwa in die Metropolen ausgebeutet werden kann. Diese Unterschiede können nur da-
Form komplexer unternehmerischer Zentralisierungs- und Dezentralisierungs- durch dauerhaft existieren, daß sie in getrennten Staaten organisiert werden.
prozesse – auf dieses bezogen. Auf diese Weise setzt sich die reale Einheit des Die Ungleichheiten zwischen den verschiedenen Staaten, die im Kern also
Weltmarkts mit und gegen die nationalstaatliche Form durch. Das einzelstaatli- unterschiedliche Formen der Ausbeutungs- und Klassenverhältnisse im globalen
che System ist daher nie stabil, sondern in seiner konkreten Struktur immer be- Kapitalismus darstellen, sind sowohl Grundlage als auch Wirkung der ökonomi-
stands- und krisenbedroht. Dies nicht nur wegen der Permanenz der letzten En- schen Dominanz der kapitalistischen Zentren und ihrer Prosperität. Das darauf
des kriegerischen Konflikte, sondern auch deshalb, weil die Klassenkämpfe nie- gegründete Wachstum und der relative Wohlstand ermöglichen unter bestimm-
mals völlig in die staatliche Form eingebunden werden können (ein Beispiel ten Bedingungen friedliche Klassenkompromisse, sozialstaatliche Maßnahmen,
dafür sind internationale Migrations- und Fluchtbewegungen) und weil die im eine auf materielle Zugeständnisse gegründete Einbindung der Lohnabhängigen
Rahmen des globalen Akkumulationsprozesses notwendig ungleiche ökonomi- und den relativ friedlichen Ausgleich sozialer Konflikte. Erst der »Sozialstaat«
sche Entwicklung immer neue Brüche und Verwerfungen schafft. der kapitalistischen Zentren erlaubte die Ausweitung des Staatsbürgertums über
Die politische Aufspaltung des globalen Kapitalismus in ein System konkur- die herrschenden Klassen hinaus, und diese Verallgemeinerung von Gleichheit
rierender Einzelstaaten ist also eine wesentliche Basis ungleicher ökonomischer auf nationaler Ebene blieb an internationale Ungleichheit gebunden. Der Zu-
Entwicklungen und der darauf beruhenden internationalen Dominanz- und Ab- sammenhang von Kapitalismus und Demokratie ist also nicht nur grundsätzlich
hängigkeitsverhältnisse. Mit Hilfe »ihrer« Staaten erringen Teile der internatio- widersprüchlich, sondern er gilt auch nicht allgemein im kapitalistischen Welt-
nalen Bourgeoisie eine dominierende Position. Daran wird deutlich, daß die na- maßstab. Bürgerliche Demokratie ist mit imperialistischer Ungleichheit un-
tionalstaatlich erzeugte Klassenspaltung grundsätzlich die Interessen der Bour- trennbar verbunden. Sie blieb und bleibt daher im wesentlichen auf die kapitali-
geoisie stützt, während sie die ArbeiterInnenklasse schwächt. Staaten sind ent- stischen Zentren beschränkt, während in der Peripherie die hier beschriebene

34 35
besondere Form des kapitalistischen Staates – seine Trennung von den gesell- kontrollierten Staatsgebiets und Staatsvolks zu suchen sind (Anderson 1974,
schaftlichen Klassen, die relative Allgemeinheit der Staatsbürgerrechte, Rechts- Elias 1978, Balibar/Wallerstein 1992, 107 ff.). Nicht nur der Staat als zentrali-
staatlichkeit und Zentralisierung der physischen Zwangsgewalt – nur höchst un- sierter Gewaltapparat, sondern auch Elemente von »National«-Staatlichkeit
vollkommen ausgebildet werden kann. Dies ist wiederum eine wesentliche Ursa- sind dem Kapitalismus also in gewissem Grade vorausgesetzt und Grundlage sei-
che von »Unterentwicklung«, weil damit eine entscheidende Vorbedingung für ner Entstehung. Dennoch kann der ausgebildete Nationalstaat als Produkt des
einen stabilen und sich selbst tragenden Akkumulationsprozeß fehlt. sich global durchsetzenden Kapitalverhältnisses betrachtet werden und ist eng
Da die Vielzahl konkurrierender Einzelstaaten eine Grundbedingung der mit diesem verbunden. Wenn man diesen Zusammenhang erklären will, reicht
Existenz und Stabilisierung kapitalistischer Verhältnisse ist, kann sie nicht ein- es allerdings nicht aus, nur die ökonomischen Ausbeutungs- und Klassenverhält-
fach beseitigt werden. Ohne sie müßte der kapitalistische Akkumulationsprozeß nisse zu betrachten, die die besondere Form des kapitalistischen Staates begrün-
zusammenbrechen. Von der Möglichkeit eines »Weltstaats« unter den herr- den, sondern es ist notwendig, auf weitere und tiefer liegende Dimensionen der
schenden ökonomischen Bedingungen kann deshalb nur dann gesprochen wer- bürgerlich-kapitalistischen Vergesellschaftungsweise einzugehen. Wir können
den, wenn unter Kapitalismus ein einfaches Warentauschverhältnis, nicht aber mit der Frage beginnen, wie angesichts der widersprüchlichen sozialen Struktur
eine auf Ausbeutung und Klassenantagonismus beruhende Gesellschaft verstan- des Kapitalismus die Herstellung von »Gesellschaft«, das heißt eines die Men-
den wird (so z.B. und stellvertretend für viele Knieper 1993). Die Beseitigung schen verbindenden und ihre Gemeinschaftlichkeit begründenden Zusammen-
des Systems konkurrierender Einzelstaaten würde grundlegende Mechanismen hangs überhaupt möglich ist. Weiter oben haben wir gesehen, daß unter den Be-
der Ausbalancierung von Antagonismen und Konflikten sowohl innerhalb als dingungen der Marktkonkurrenz und des Klassengegensatzes die politische Ge-
auch zwischen den Klassen – eben die notwendige »relative Autonomie« des meinschaftlichkeit sich nur in Form des von der Gesellschaft getrennten Staates
Staates – verschwinden lassen, weil die dafür maßgebenden »nationalen« Klas- darstellen kann, als abstraktes, äußerliches Verhältnis oder als Objektzusammen-
senspaltungen entfallen würden. Diese Behauptung ist allerdings nicht gerade hang. Die Eigenheit der kapitalistischen Gesellschaft liegt darin, daß sie die
neu: »Der geschlossene nationale Staat ist es, der dem Kapitalismus die Chance Menschen nicht nur in antagonistische Klassen und Gruppen aufspaltet, son-
des Fortbestehens gewährleistet; solange er nicht einem Weltreich Platz macht, dern zugleich als Marktindividuen systematisch vereinzelt, isoliert, sie tendenzi-
wird also auch der Kapitalismus andauern«, hatte schon Max Weber geschrieben ell von allen unmittelbaren sozialen Beziehungen losreißt. Der Staat gründet
(Weber 1964, 1034). wesentlich auf dieser Individualisierung der Menschen, die sie als Ansammlung
konkurrierender Warenbesitzer und Privateigentümer erscheinen läßt. Er be-
stätigt und verstärkt diese durch seine eigenen Institutionen und Mechanismen.
4. Ein unabdingbarer Zusammenhang Als Objekte von Bürokratien, als Rechtssubjekte oder WählerInnen werden die
Nationalstaat, Nationalismus und Rassismus Individuen unabhängig von ökonomischen, sozialen und kulturellen Zusam-
Nun stellt sich allerdings die Frage, weshalb die politische Form konkurrieren- menhängen als vereinzelte StaatsbürgerInnen erfaßt und zusammengehalten
der, mit bestimmten Strukturmerkmalen ausgestatteter Herrschaftsapparate die (Jessop 1985, 63 ff., Holloway 1991, 242 ff., Gellner 1991, 98 ff.). Diese für die
Gestalt von Nationalstaaten einschließlich ihrer ideologischen Ausdrucksformen kapitalistische Gesellschaft typische Form der »Individualisierung« ist historisch
– Nationalismus und Rassismus – annimmt. Auch hier zeigt zunächst ein Blick einmalig und setzt gänzlich neue Bedingungen für die Möglichkeit, »Gesell-
auf die Geschichte, daß der typisch kapitalistische Staat Nationalstaat ist, der schaft« überhaupt zu begründen. Die Herrschaft des Markts als Ausdruck eines
den Anspruch erhebt, sich auf ein einheitliches »Volk« zu beziehen, das durch sich globalisierenden Verwertungszusammenhangs erzwingt eine prinzipiell
gemeinsame Merkmale – seien es kulturelle, ethnisch-biologische oder traditio- schrankenlose Mobilität und Austauschbarkeit der Individuen. Seine Durchset-
nelle Wertorientierungen – ausgezeichnet ist. Diese Herrschaftsform ist nicht zung ist überall mit der Auflösung verwandtschaftlicher, nachbarschaftlicher und
selbstverständlich, sondern setzt sich erst mit dem Aufkommen der bürgerlich- lokaler Zusammenhänge, der Zerstörung bestehender sozialer und kultureller
kapitalistischen Gesellschaft durch. Bei genauerem Hinsehen ist der Zusam- Milieus verbunden. Diese Tendenz zur Säkularisierung und Rationalisierung un-
menhang von Kapitalismus und Nationalismus freilich weniger eindeutig, wenn terminiert herkömmliche kulturelle und religiöse Zugehörigkeiten und Orien-
man berücksichtigt, daß die ersten Anfänge des modernen Nationalstaats in den tierungen. Als Warenbesitzer sind die Menschen isolierte Atome und »Weltbür-
Bemühungen absoluter Herrscher um die Schaffung eines einheitlichen, zentral ger« zugleich. Die kapitalistische Ökonomie hat also die Tendenz, all die sozia-

36 37
len Beziehungen, kulturellen Gemeinsamkeiten, kollektiven Orientierungen nicht mehr auf partikulares Brauchtum, lokale Gemeinschaften und persönliche
und Lebenszusammenhänge zu untergraben und fortwährend umzuwälzen, die Beziehungsgeflechte stützen, sondern gründet sich nun – der neuen Raum- und
eine Gesellschaft als bestimmte, sich selbst bewußte überhaupt erst möglich und Zeitmatrix folgend – auf die Prinzipien einer linearen nationalen »Tradition«
bestandsfähig machen. Darüber hinaus gibt sie die Menschen einer gesellschaft- und auf territorial eindeutig umrissene Zugehörigkeit. Das heißt, daß »Gesell-
lichen Maschinerie preis, die um so undurchschaubarer und unbeeinflußbarer schaft« unter kapitalistischen Bedingungen in ganz bestimmter und von frühe-
erscheint, je mehr sich das Kapitalverhältnis weltweit durchsetzt. Unsicherheit ren historischen Phasen unterschiedener Form »kodiert«, d. h. symbolisch be-
und Angst, die Ungewißheit über sich selbst als gesellschaftliches Individuum – greifbar gemacht wird: als Einheit einer gleichförmigen Masse von Individuen,
im Jargon des Zeitgeists gesprochen: das Problem der »Identität« – gehören als »Volk«, dessen Zusammenhang durch zugeschriebene gemeinsame Merkma-
deshalb zu den Grundmerkmalen kapitalistischer Vergesellschaftung. Das mo- le – Sprache, Abstammung, kulturelle Werte usw. – gestiftet wird. »Volk« und
derne Individuum, das ein Produkt der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft »Nation« im heutigen Sprachgebrauch hat es nicht immer schon gegeben. Sie
ist, beruht auf dieser Unsicherheit. Deshalb sagt Max Horkheimer: »In Angst sind ein Produkt der kapitalistischen Produktionsweise und der damit verbunde-
hat sich das Individuum historisch konstituiert. Es gibt eine Verstärkung der nen Vergesellschaftungsform. Mit »Nationalität« als symbolischer Gemein-
Angst über die Todesangst hinaus, von der es sich wieder auflöst. Die Vollen- schaftlichkeit verbindet sich untrennbar die moderne Konstruktion des Ge-
dung der Zentralisation in Gesellschaft und Staat treibt das Subjekt zu seiner schlechterverhältnisses und der Zusammenhang von Nationalismus und Sexismus.
Dezentralisation« (Horkheimer 1972, 68). Man muß nun davon ausgehen, daß Erst mit der Auflösung der traditionellen, ökonomisch begründeten Verwandt-
die moderne Nation und der Nationalismus das Feld bilden, durch das der so- schaftsbeziehungen in den alten Agrarwirtschaften wird die verallgemeinerte
ziale Zusammenhang unter den Bedingungen kapitalistischer Vergesellschaftung und zugleich von allen anderen sozialen Zusammenhängen abgelöste Verbin-
symbolisch neu begründet werden kann. Dies geschieht durch die auf Macht ge- dung von »Frauen« und »Männern« als getrennten Geschlechtsindividuen zu
stützte Erzeugung von Gemeinsamkeiten und Traditionen, die über lokale und einer entscheidenden Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenhangs. In der
partikulare Beziehungen hinausgehen. Dies bedeutet immer auch die Abgren- romantischen Liebe und dem Ideal der kleinfamiliären Paarbeziehung findet
zung gegenüber einem Fremden, Äußerlichen, Exterritorialen. Mit der Vorstel- dieser symbolische gesellschaftliche Kitt seinen Ausdruck. »Nation« und »Ge-
lung von »Nationalität« kann sich die von Individualisierung geprägte und von schlecht« verbinden sich damit aufs engste und sind in ihrer sozialen Konstruk-
sozialen Gegensätzen zerrissene, die bestehenden Lebens- und Vergesellschaf- tion unmittelbar aufeinander bezogen (Balibar/Wallerstein 1992, 123 ff.). Natio-
tungsformen ständig umwälzende kapitalistische Gesellschaft als bestimmbarer nalismus, Rassismus und Sexismus sind daher keine äußerlichen oder historisch
und sinnhafter Zusammenhang, als Einheit begreifen. Dadurch gewinnt sie im zufälligen Zutaten, sondern grundlegende Bestandteile der Konstruktion von
Bewußtsein ihrer Mitglieder Konturen, Gemeinsamkeiten und Grenzen und Gesellschaftlichkeit unter kapitalistischen Bedingungen (Balibar 1993, 132).
verleiht den Individuen scheinbar einen Ort in Raum und Zeit, vermittelt das Praktisch wird dieser Zusammenhang in der Familien- und Bevölkerungspo-
Gefühl von Zugehörigkeit und existentieller Sicherheit (Jackson/Penrose 1993, litik, die von Anfang an zum Kernbereich nationalstaatlicher Aktivitäten gehört
202 ff.). hat. Die »Verstaatlichung« der Familie ist eine Reaktion auf die Auflösung tradi-
Dem liegt zugrunde, was Poulantzas als die besondere kapitalistische Raum- tioneller, vorkapitalistischer Produktions- und Beziehungsformen und zielt auf
und Zeitmatrix bezeichnet hat (Poulantzas 1978, 85 ff.). Erst mit der Durchset- die bürokratisch garantierte Erhaltung genau der gesellschaftlichen Einrich-
zung der kapitalistischen Produktionsweise entsteht nämlich die Vorstellung ei- tung, die das Geschlechterverhältnis als soziales Beziehungs- und Unterwer-
nes einheitlichen, linearen und fest abgegrenzten Raums sowie einer gleichför- fungsverhältnis am entscheidendsten prägt und erhält. Auch in dieser Beziehung
migen und kontinuierlichen Zeit. Jetzt erst können geographische Räume mit sind Familie und Ehe »Keimzellen« des Staates. Deshalb gilt abweichendes se-
einer bestimmten Ausdehnung und definierten Grenzen als zusammenhängende xuelles Verhalten oftmals als gesellschaftszerstörend und damit staatsgefähr-
Einheiten begriffen, eine größere Räume umfassende und vereinheitlichte Zeit dend. Ebenso kann Bevölkerungspolitik erst dann bedeutsam werden, wenn ein
entwickelt und die Menschen darin verortet werden. Weil der Kapitalismus ver- territorial abgegrenztes »Volk« zum Objekt zentralisierter Planung und Über-
einzelte und verstreute Produktions- und Lebenszusammenhänge auflöst und wachung – von »Geburtenkontrolle« bis hin zur »Asyl«- oder »Einwanderungs-
die Menschen in räumlich und zeitlich vereinheitlichte Strukturen eingliedert, politik« – wird. In der biologischen Konstruktion von Nationalität als abstam-
kann die Anerkennung der gesellschaftlichen Regeln und Institutionen sich mungsmäßiger Verwandtschaft fließen beide symbolischen Kodierungen zusam-

38 39
men, und hier wird die Verbindung von Nationalismus, Rassismus und Sexismus als ›ein Volk‹ erscheint, d. h. als Grundlage und Ursprung politischer Macht«
besonders offenkundig. (Balibar/Wallerstein 1992, 115). Diese fiktive Ethnizität begründet den engen
Es gibt keine vorgegebenen Nationen, genausowenig wie Rassen und Ge- Zusammenhang von Nationalismus und Rassismus, denn »wie die modernen Staa-
schlechter. Diese sind vielmehr das Produkt von Macht- und Herrschaftsver- ten sich nur als Nationen bilden konnten, so konnten die Nationen sich nicht
hältnissen unter bestimmten ökonomisch-gesellschaftlichen Bedingungen. Es ohne nationalistische Ideologien bilden, und so geht schließlich mit den nationa-
wäre falsch und leicht widerlegbar, den Nationalstaat als Produkt einer ihm vor- listischen Ideologien eine rassistische Tendenz einher, die sich je nach den histo-
ausgesetzten »Nation« begreifen zu wollen. Wo heute »Nationen« um »ihren« rischen Umständen auf unterschiedliche Objekte ›fixiert‹ findet« (Balibar 1993,
Staat kämpfen, geschieht dies unter den Bedingungen eines schon bestehenden, 64 f.). Herrschende Gruppen benutzen »Rasse« und »Nation«, um andere von
durch gewaltsame Herrschaft, enorme soziale Ungleichheiten und erbarmungs- sich und sich von anderen zu unterscheiden. »Wenn die Gleichsetzung zwischen
lose Konkurrenz gekennzeichneten Staatensystems, in dem die Selbstnationali- einem bestimmten Volk und einem bestimmten Raum Teil der Vorstellung von
sierung in bestimmten Fällen als schlichte Überlebensstrategie erscheinen mag. ›Nation‹ ist, dann wird die Zuschreibung von ›Rasse‹ die Grundlage des Aus-
»Nationalität« ist das Erzeugnis zentralisierter staatlicher Gewaltapparate, ihrer schlusses« (Jackson/Penrose 1993, 204). Die oft angeführte Entgegensetzung ei-
Vereinheitlichungs- und Ausgrenzungsstrategien (Jackson/Penrose 1993, nes politisch-demokratischen und universalistischen »französischen« sowie ei-
202 ff.). Diese »erfinden« und konstruieren erst die einheitliche »nationale« nes ethnisch-kulturellen und partikularistischen »deutschen« Nationbegriffs ist
Kultur, indem sie Abweichendes ausgrenzen, auslöschen und unterdrücken. An deshalb kaum haltbar: Beide schließen auf ihre Weise Partikularismus, Ausgren-
den nationalen Hochsprachen wird dies beispielhaft deutlich, die über alle regio- zung und die Diskriminierung des »Fremden« ein (vgl. dazu Mármora 1983).
nalen Dialekte und Idiome hinweg – nicht zuletzt durch das Schulsystem – mit- Die Konstruktion von Nationalität gründet immer auf der Abgrenzung ge-
tels staatlicher Macht durchgesetzt worden sind. Der moderne Staat-als-Nation genüber einem kulturell oder abstammungsmäßig als anders oder fremd Be-
entsteht, indem bestehende soziokulturelle Zusammenhänge und Traditionen zu stimmten, wobei nationale »Identität« sich in der Regel auf den Gegensatz zum
einem neuen Konstrukt zusammengesetzt werden. Nicht nur Sprache wird kon- Fremden sowohl außerhalb als auch innerhalb der staatlichen Grenzen bezieht.
struiert, sondern ebenso Abstammung und Geschichte, was sich dann in Lehr- Der moderne Rassismus geht aus dem Nationalismus hervor und richtet sich in-
büchern, wissenschaftlichen Abhandlungen, Museen und Denkmälern nieder- folge der gesellschaftlichen Zerrissenheit immer nach innen und außen. Es ist
schlägt. Daß diese Nationalisierung mittels Staatsmacht erfolgreich sein kann, der Staat, der äußere und innere Ausgrenzungen, »Fremde« und ethnische und
hängt allerdings mit gesellschaftlichen Verhältnissen zusammen, in denen – wie kulturelle »Minderheiten« erst schafft. Ohne zentralisierte Herrschaft über ein
gezeigt – »Tradition«, »Zugehörigkeit« und »Identität« für alle Menschen pro- Territorium wären diese nicht denkbar. Der Rassismus »durchdringt nicht die
blematisch geworden sind. Die Widersprüchlichkeit dieses Vorgangs besteht im staatlichen Institutionen, sondern ist institutionell« (Balibar 1993, 67). Er kann
übrigen darin, daß der Staat als bürokratischer Gewaltapparat soziokulturelle als eine Art »staatlicher Psychostruktur« verstanden werden: Die Individuen, die
Zusammenhänge nicht selbst schaffen, sondern nur benutzen, re-konstruieren der Ideologie nach »souveräne« Staatsbürger, in Wirklichkeit aber Untertanen,
und neu zusammensetzen kann, also immer auch an deren Eigenheit und Eigen- genau in diesem Sinne eben »Subjekte« sind, können dadurch, »daß sie sich hin-
sinn gebunden bleibt. »Nationalstaaten« im strikten Sinne des Wortes, d. h. ter dem Staat verstecken, diese Ohnmacht aggressiv auf die ›rassisierten‹ Grup-
Staaten mit wirklich einheitlicher Sprache, »Kultur«, »Tradition« und »Ab- pen lenken« (Balibar 1993, 70). Durch diesen Mechanismus von Unterdrückung
stammung«, hat es deshalb auch nie gegeben. und Herrschaft begründet sich das Volk als Nation. Dadurch, daß staatliche
Die Herstellung von Nationalität durch zentralisierte Machtapparate kann Grenzen immer durchlässig sind und die »ethnische« Einheit grundsätzlich un-
im Kern als »Strategie der Ethnisierung« beschrieben werden, als Durchsetzung bestimmt und unsicher bleiben muß, gewinnt der Rassismus seine fortwährende
der Fiktion einer kulturell-biologischen Abstammungsgemeinschaft (vgl. Köß- Wirksamkeit und Dynamik.
ler/Schiel 1993, vgl. auch Gellner 1991). »Keine moderne Nation hat eine gege- Der Begriff der Staatsbürgerschaft hängt deshalb eng mit dem der Nation
bene ›ethnische‹ Basis ..., und andererseits gibt es keine moderne Nation, wie zusammen. Zunächst einmal gibt es bekanntermaßen keine »allgemeine«, für al-
›egalitär‹ sie auch sein mag, in der es keine Klassenkonflikte gibt. Das grundle- le Menschen geltende Staatsbürgerschaft und damit auch faktisch keine allge-
gende Problem besteht folglich darin, das Volk zu schaffen ... Oder anders ge- mein durchsetzbaren Menschenrechte. Die Vorstellung grundlegender, allge-
sagt: es gilt die einheitsstiftende Wirkung zu erzeugen, durch die das Volk allen meiner und gleicher Rechte der Menschen hat sich mit der Entstehung der mo-

40 41
dernen Nationalstaaten, der Durchsetzung des Kapitalismus und durch die da- erlaubt, grundsätzlich auf innere und äußere Diskriminierung, auf Rassismus,
mit verbundenen Kämpfe herausgebildet und bricht sich zugleich daran. Men- internationale Unterdrückung und Abhängigkeit gegründet bleibt und – der
schenrechte sind – soweit überhaupt – faktisch immer nur als Staatsbürgerrech- grundlegenden Logik von »Nationalität« folgend – auch bleiben muß. Die Her-
te wirksam. Und diese Staatsbürgerschaft beruht grundsätzlich auf vielfältigen ausbildung des modernen Sozialstaats, der die Entstehung einer politisch-sozial
Diskriminierungen und Ausgrenzungen: der Trennung von »öffentlich« und halbwegs einheitlichen Nation über Klassen- und Geschlechtergrenzen hinweg
»privat« und der damit verbundenen Begründung eines ungleichen Geschlech- ermöglicht hat, blieb deshalb grundsätzlich mit Rasssismus und Imperialismus –
terverhältnisses, dem Ausschluß von »Fremden« innerhalb und außerhalb der auch innerhalb der Arbeiterbewegung selbst – verbunden. Dies erklärt aber
nationalen Grenzen und auf der Ungleichheit sozialer Möglichkeiten und Rech- auch, weshalb die Beseitigung relativer sozialer Gleichheit auf sowohl inner-
te. Prinzipiell bedeutet daher die durch Macht hergestellte Zugehörigkeit zu ei- staatlicher wie auch internationaler Ebene, die ein entscheidendes Merkmal der
nem Gemeinwesen noch lange nicht die Möglichkeit zur Ausübung politischer gegenwärtigen »postfordistischen« Umstrukturierung des globalen Kapitalis-
Beteiligungsrechte (Balibar 1993, 87 ff.). Diese müssen erst erstritten werden. mus darstellt, den »Bürgerkrieg« innerhalb und zwischen den Nationen und
Die sozialen und politischen Kämpfe, die in einigen entwickelten kapitalisti- Staaten erneut mobilisiert. Damit verändert sich auch die historische Bedeutung
schen Staaten zur Herausbildung eines »demokratischen Sozialstaats« führten, von Nationalismus: Auch in den kapitalistisch entwickelten Ländern werden sei-
haben historisch eine gewisse Verallgemeinerung der Staatsbürgerschaft über ne zumindest nach innen hin relativ »zivilisierten«, auf sozialen Ausgleich und
Klassen- und Geschlechtergrenzen hinweg geschaffen. Sie haben die wenigstens materielle Gemeinschaftlichkeit gerichteten Inhalte durch diskriminierende und
halbwegs einheitliche »Nation« rechtlich und materiell begründet. Zugleich wa- aggressivere ersetzt. Die universalistische Bedeutung von Staatsbürgerschaft,
ren sie die Grundlage für die Durchsetzung einer Klassenhegemonie, in der die der darin enthaltene Anspruch gleicher Rechte für alle Menschen, wird faktisch
herrschende Klasse den Anspruch einer über alle sozialen Spaltungen hinausge- immer mehr in Frage gestellt. Damit nehmen die Tendenzen zu einer ethnisch-
henden national-populären »politischen Führung« erheben konnte (Jessop rassistischen »Besetzung« der Nationalstaaten zu, und zugleich gehen einmal
1985, 55). »Die ›gefährlichen Klassen‹ konnten damit den Zugang zur Staats- unternommene Ansätze zur Schaffung nicht primär ethnisch begründeter Staa-
bürgerschaft erlangen – und überhaupt erst beginnen, den ›Rechten am Arbeits- ten in Gemetzeln unter. Die »fordistische« Phase des Kapitalismus nach dem
platz‹ als einem notwendigen Bestandteil derselben Anerkennung zu verschaf- Zweiten Weltkrieg war mit dem weltweit geltend gemachten Versprechen auf
fen –, indem sie sich selbst in Glieder des nationalen ›Körpers‹ transformierten« allgemeine materielle Wohlfahrt, fortschreitende soziale Gleichheit und »Ent-
(Balibar 1993, 82). Der nationale Sozialstaat »ist ein Staat, der die Klassenkämp- wicklung« verbunden und schien dies eine Zeit lang tatsächlich einlösen zu kön-
fe nicht unterbindet ..., ihnen aber die ›nackte‹ Form einer Konfrontation von nen. Nationalismus und Rassismus als grundlegende Elemente kapitalistischer
einander äußerlichen Kräften nimmt, die Form des Bürgerkriegs« (Balibar 1993, Nationalstaatlichkeit konnten damit etwas in den Hintergrund treten. Die in
94). Die politischen Vertretungen der Arbeiterklasse, einstmals als Vereinigun- den siebziger Jahren ausgebrochene Krise des Fordismus hat dem ein Ende be-
gen »vaterlandsloser Gesellen« abgestempelt – heute könnte man eher sagen: reitet. Mit der Verschärfung von innerstaatlichen und internationalen Ungleich-
gewürdigt –, konnten damit allmählich zu Stützen des nationalen Staates wer- heiten und mit wachsenden materiellen Diskriminierungen kam es zu einer er-
den. Im Sozial- und Interventionsstaat der kapitalistischen Metropolen manife- neuerten Konjunktur von Nationalismus und Rassismus.
stiert sich so nicht nur ein entscheidender Schritt zur historischen Durchsetzung Wie unabdingbar ist der Nationalstaat? Ist der Zusammenhang zwischen
des Kapitalismus, indem die Arbeiterklasse mittels demokratischer Mitsprache, Kapitalismus, Nationalstaat, Nationalismus und Rassismus unüberwindbar?
sozialer Sicherungen und Massenkonsum zu einem integralen Bestandteil des Zunächst einmal darf er nicht als Ausdruck einer einfachen, die geschichtliche
Kapitalverhältnisses wird, sondern auch als Vollendung des relativ homogenen Entwicklung eindeutig bestimmenden »Logik« begriffen werden. Wie schon
Nationalstaats, der sozialen »einen Nation«. Wesentlicher Angelpunkt dafür ist angedeutet, gibt es zumindest historische Veränderungen in der Bedeutung von
die staatliche Kontrolle des Geldes, das damit in den Rang eines nationalen Nationalstaat, Nationalismus und Rassismus, die von sozialen Kämpfen, histo-
Symbols aufsteigt, Nationalität und nationale Zusammengehörigkeit auch mate- risch durchgesetzten Kompromissen und Kräfteverhältnissen bestimmt werden.
riell begründet (Polanyi 1990, 274 ff.). Entscheidend ist allerdings, daß diese – Geschichte ist grundsätzlich das Ergebnis sozialer Handlungen von Individuen,
etwa im »DM-Nationalismus« zum Ausdruck kommende – »nationale« Ge- Gruppen und Klassen, die allerdings, sobald das kapitalistische Produktionsver-
meinsamkeit, die einen gewissen Ausgleich der gesellschaftlichen Antagonismen hältnis einmal herrscht, strukturellen Zwängen unterliegen, die nicht ohne wei-

42 43
teres durchbrochen werden können. Es gibt also keinen einfachen und »funktio- duell wie kollektiv so handeln, daß sowohl der Akkumulations- und Verwer-
nalen« Zusammenhang von Kapitalismus, Nationalstaat und Demokratie. Die tungsprozeß des Kapitals als auch die gesellschaftlich-politische Ordnung über-
»relative Autonomie« des Staates und die Regulierbarkeit antagonistischer so- haupt gewährleistet bleibt. In die Struktur der kapitalistischen Gesellschaft sind
zialer Verhältnisse wird zwar durch demokratische Strukturen erleichtert, ist zwar allgemeine, den gesellschaftlichen Zusammenhalt stützende Legitimati-
aber nicht notwendig an sie gebunden. Wenn Klassenauseinandersetzungen onsmuster wie die Vorstellung vom Staat als Verkörperung des »Gemeinwohls«,
nicht mehr durch Kompromisse im Rahmen der bestehenden gesellschaftlichen Nationalismus oder Rassismus eingeschrieben. Sie können aber kaum bestimm-
Organisationsformen und Institutionen befriedet werden können, steht die De- te Formen sozialen Handelns, die Verschiebung materieller Interessenlagen und
mokratie zur Disposition. Nationalismus und Rassismus können, je nach den so- Veränderungen in der Form der Interessenartikulation, der sozialen Auseinan-
zialen Kräfteverhältnissen und internationalen Konflikten, »sanftere« oder ag- dersetzung und Kompromißbildung erklären. Die Frage, was der kapitalisti-
gressivere Formen annehmen, und die Objekte, auf die sie sich fixieren, verän- schen Gesellschaft über ihre Konflikt- und Krisenhaftigkeit hinweg Bestand und
dern sich historisch. Allerdings geht die Hoffnung auf eine immanente zivilisa- Dauer verleiht, ist deshalb mit dem Verweis auf diese allgemeinen Struktur-
torische Tendenz in der kapitalistischen Entwicklung fehl, da Nationalismus, merkmale noch nicht zureichend beantwortet.
Rassismus und in spezifischer Weise auch der Sexismus in die soziale und politi- Um einer Antwort näher zu kommen, müssen wir den Prozeß der kapitalisti-
sche Grundstruktur eingebettet sind und daher immer wieder hervorbrechen. schen »Regulation« genauer betrachten. Wir müssen uns vor allem mit der Fra-
Die Situation in der kapitalistischen Peripherie, wo es häufig weder ausgebildete ge beschäftigen, was den geschichtlichen Wandel der kapitalistischen Gesell-
und konsolidierte Nationalstaaten noch demokratische Verhältnisse gibt, macht schaft, ihre »säkularen« Krisen und Umbrüche verursacht. Tatsächlich hat der
deutlich, daß die dargestellten Zusammenhänge zwar eine strukturell bedeutsa- Kapitalismus seit seiner Entstehung trotz gleichbleibender Strukturmerkmale
me und für entwickelte kapitalistische Länder sogar einigermaßen typische, aber sowohl räumlich wie auch zeitlich höchst unterschiedliche »Gesichter« ange-
dennoch keineswegs allgemeine Gültigkeit haben. Allerdings liegt die Vermu- nommen: Was die Arbeitsverhältnisse und Lebensformen, die sozialen Struktu-
tung nahe, daß die Zentralität eines Landes innerhalb des globalen Kapitalismus ren, die gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen und die konkrete Gestalt des
etwas mit der Fähigkeit zur Herausbildung dieser typischen politischen Form zu Staates angeht, sind die Verhältnisse, die im 19. Jahrhundert bestanden haben,
tun hat. Dort, wo es gelingt, die relative Trennung von »Staat« und »Gesell- von denen in der Mitte dieses Jahrhunderts offensichtlich höchst verschieden.
schaft« durchzusetzen und durch »demokratische« Beteiligungsverfahren abzu- Und wir erleben derzeit, daß sich auch der »fordistische« Kapitalismus, der das
sichern, wo eine erfolgreiche »Nationalisierung« interne Kompromisse begün- ökonomische, soziale und politische Bild des 20. Jahrhunderts bestimmt hat, in
stigt und die politische Einbindung widerstreitender Klassen und Gruppen er- einer tiefgehenden Krisen- und Umbruchphase befindet, an deren Ende die
leichtert, sind erst die wesentlichen Voraussetzungen für eine internationale po- Herausbildung einer wiederum historisch veränderten kapitalistischen Formati-
litische und ökonomische Vorherrschaft vorhanden. on stehen könnte. Entsprechende Unterschiede lassen sich in räumlicher Hin-
sicht feststellen, wenn man einzelne Länder, insbesondere solche des kapitalisti-
schen »Zentrums« und der »Peripherie«, vergleicht. Mit der Frage der Konti-
5. Staat und Regulation nuität, der Krisen und des historischen Wandels kapitalistischer Gesellschaften
Stabilität, Krise und Wandel kapitalistischer Gesellschaften hat sich in jüngster Zeit vor allem die »Theorie der Regulation« beschäftigt. Sie
Wir haben gesehen, daß die durch ökonomische Konkurrenzverhältnisse, tiefge- ist vor dem Hintergrund der in den siebziger Jahren ausgebrochenen zweiten
hende soziale Spaltungen und Gegensätze geprägte kapitalistische Gesellschaft Weltwirtschaftskrise dieses Jahrhunderts entwickelt worden und stellt den Ver-
immer in ihrem Bestand gefährdet und von Krisen bedroht ist. Und wir haben such dar, den damit verbundenen theoretischen Verunsicherungen – sowohl auf
gezeigt, daß die Herausbildung des gegenüber der Gesellschaft verselbständig- dem Feld der etablierten Nationalökonomie als auch im Umkreis der Marxschen
ten Staates als zentralisiertem Gewaltapparat, die Trennung von »Politik« und Theorie – Rechnung zu tragen (vgl. dazu vor allem Aglietta 1979, Boyer 1986,
»Ökonomie«, die Möglichkeit schafft, daß diese Widersprüche im Zaum gehal- Lipietz 1985, 1987, Jessop 1990, Hirsch 1990, Esser u.a. 1994). Die Regula-
ten, gewaltförmig oder kompromißhaft ausgeglichen werden können. Dies ist tionstheorie versteht sich nicht als Ordnungs-, Gleichgewichts- oder Entwick-
allerdings nur eine Voraussetzung der Regulierbarkeit sozialer Konflikte und er- lungstheorie im traditionellen Sinne, sondern richtet ihre Aufmerksamkeit auf
klärt noch nicht, wieso die Menschen diese Verhältnisse akzeptieren und indivi- die problematischen Bestands- und Entwicklungsbedingungen einer durch

44 45
strukturelle Gegensätze zerrissenen kapitalistischen Gesellschaft. Sie fragt, wie Exkurs: Zum historischen und theoretischen
Gesellschaftlichkeit, d. h. Sicherung der materiellen Versorgung und soziales Hintergrund der Regulationstheorie
Zusammenleben unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen, überhaupt
möglich und von relativer Dauer sein kann. Dabei geht sie davon aus, daß das Die Theorie der Regulation wurde ursprünglich von einigen französischen Wis-
Wirken des Marktmechanismus dies keinesfalls zureichend erklären kann, ge- senschaftlern entwickelt, die sich mit der kritischen Überprüfung herrschender
nausowenig wie die Existenz des zentralisierten staatlichen Gewaltapparats eine wirtschaftstheoretischer und wirtschaftspolitischer Konzepte beschäftigen. Hi-
hinreichende Bedingung für die Stabilität und Entwicklung der Gesellschaft ist. storischer Hintergrund waren die in den siebziger Jahren ausgebrochene Welt-
Die allgemeine Antwort auf diese Frage lautet, daß es dazu eines weitverzweig- wirtschaftskrise und die damit verbundenen theoretischen Verunsicherungen,
ten, durch die Begriffe »Markt« und »Staat« nicht zureichend erfaßbaren Kom- insbesondere die Krise der bis dahin beherrschenden keynesianischen Theorie.
plexes gesellschaftlich-politischer Institutionen und Normen bedarf, in die alle Mit dieser war die bis dahin verbreitete Annahme einer weitgehenden politi-
ökonomischen und politisch-administrativen Prozesse »eingebettet« sind. Diese schen Steuerbarkeit und damit der Möglichkeit einer relativ krisenfreien Ent-
sorgen dafür, daß die gegensätzlichen und konfliktorischen Handlungen von In- wicklung des Kapitalismus praktisch widerlegt, obwohl sich an der Tatsache ei-
dividuen, Gruppen und Klassen in Übereinstimmung mit den Bedingungen des ner hochvermachteten, staatsinterventionistisch und monopolistisch regulierten
Gesellschaftserhalts – was unter kapitalistischen Verhältnissen vor allem heißt: Wirtschaft nichts änderte. Die Auseinandersetzung mit der keynesianischen
der Kapitalverwertung – gehalten werden können. Die Sicherung der Kapital- Theorie verband sich mit einer Kritik an den Modellkonstruktionen der neo-
verwertung, das heißt einer ausreichenden Profitrate, ist zwar die grundlegende klassischen Wirtschaftstheorie und an dem monetaristisch-neoliberalen Markt-
Bestandsbedingung jeder kapitalistischen Gesellschaft, aber sie darf nicht als ein radikalismus, der vom sozialen Zusammenhang der gesellschaftlichen Produkti-
objektiv vorausgesetzter Zwangsmechanismus verstanden werden, dem sich so- on, gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Institutionalisierungsformen sy-
ziales Verhalten einfach nur anpaßt. Die Ergebnisse der widerstreitenden gesell- stematisch absieht. Die Konstruktion abstrakter Marktmodelle unter ebenso ab-
schaftlichen Handlungen, die sich in institutionalisierten Kompromissen, Wert- strakten Rationalitätsannahmen blendet aus, daß ökonomische Strukturen und
orientierungen und Verhaltensroutinen niederschlagen, bestimmen selbst wie- Prozesse durch soziale Beziehungen und Machtverhältnisse geprägt sind, die im
der sehr wesentlich die jeweiligen historischen Bedingungen der Kapitalverwer- theoretischen Gerüst der herrschenden Wirtschaftswissenschaft nur höchst un-
tung, d. h. die konkrete Gestalt des ökonomischen Produktions- und Zirkula- zulänglich berücksichtigt werden (vgl. Cartellier/De Vroey 1988, Polanyi 1990,
tionsprozesses, die darin zum Ausdruck kommenden sozialen Lagen und Kon- Hodgson 1994). Nach der Erschütterung des Glaubens an die wohltätige Wir-
fliktfronten. Die sozialen Formen und Gesetzmäßigkeiten, die für die kapitalisti- kung sowohl staatlicher Steuerung als auch der sich selbst überlassenen Markt-
sche Gesellschaft typisch sind – Wert- und politische Form, Zwang zur Akku- kräfte versucht die Regulationstheorie dem Tatbestand Rechnung zu tragen,
mulation, Markt- und Preismechanismus usw. –, kommen immer in einer histo- »daß die moderne Gesellschaft kein Steuerungszentrum hat« (Beck 1986, 368) –
risch spezifischen Gestalt zum Ausdruck. Das bedeutet, daß die Art und Weise was sie freilich von früheren Gesellschaften auch nicht so wesentlich unterschei-
der materiellen Produktion und Verteilung immer von der jeweiligen Form der det. Wichtiger theoretischer Bezugspunkt der Regulationstheorie ist die Marx-
Regulation sozialer Verhältnisse abhängig ist und umgekehrt. Die Regulations- sche Theorie, die in Frankreich vor allem in der von Louis Althusser geprägten
theorie, die sich in wichtigen Teilen auf Elemente der Marxschen Theorie be- »strukturalistischen« Variante bedeutsam war. Sie war dort nie so stark akade-
zieht und als eine ihrer derzeit interessantesten Weiterentwicklungen angesehen misch isoliert und ghettoisiert wie in der Bundesrepublik. In diesem Zusammen-
werden kann, stellt somit nicht nur eine deutliche Alternative zu dem die ökono- hang ist auch eine theoretisch angeleitete sozialgeschichtliche Forschungsrich-
mische Theorie derzeit beherrschenden Neoliberalismus, sondern auch zu den tung zu nennen, die unter dem Namen »Annales«-Schule internationale Bedeu-
aktuellen Spielarten der Modernisierungstheorie und des »methodischen Indivi- tung und Anerkennung gefunden hat.
dualismus« in den Sozialwissenschaften dar. Bei genauerem Hinsehen kann man allerdings kaum von einer einheitlichen
»Regulationsschule« sprechen, sondern es existiert eine Vielfalt von Ansätzen,
die sich jedoch in einigen zentralen Fragestellungen und Grundkonzeptionen
ähneln (vgl. dazu Jessop 1990). Soweit sich die RegulationstheoretikerInnen aus-
drücklich auf die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie beziehen, vertreten

46 47
sie eine ganz spezifische Interpretation dieser Theorie. Es wird nämlich davon daß die Art und Weise der Akkumulation und Regulation in der geschichtlichen
ausgegangen, daß es weder eine sich linear in der Geschichte durchsetzende Entwicklung des Kapitalismus nicht gleichbleibt, sondern – angetrieben durch
»Logik« der kapitalistischen Entwicklung noch ein »reines«, aus abstrakten Ka- die krisenhafte Dynamik des Akkumulationsprozesses selbst und durch die damit
tegorien ableitbares Wirken des Wertgesetzes gibt. Beide sind vielmehr immer verbundenen sozialen Auseinandersetzungen und Konflikte hindurch – unter-
schon politisch, durch das Handeln widerprüchlicher gesellschaftlicher Akteure schiedliche Formen annimmt. Das sind die historisch verschiedenen Akkumula-
und dessen Verdichtung in einem Komplex sozialer Institutionen bedingt und tionsregime und Regulationsweisen, die sowohl in zeitlicher als auch in räumli-
geformt. Gleichwohl unterliegt aber jedes soziale Handeln strukturellen, in den cher Hinsicht die jeweiligen »Gesichter« der kapitalistischen Gesellschaft kenn-
materiellen Produktionsverhältnissen wurzelnden Bedingungen und Zwängen. zeichnen. Mit dem Begriff Akkumulationsregime bezeichnen wir demnach einen
Die Regulationstheorie versucht, das Verhältnis von objektiver gesellschaftlicher bestimmten Modus der Produktion, »der über eine längere Periode hinweg ein
»Struktur« und bewußtem sozialem »Handeln« – eine problematische Leerstel- Entsprechungsverhältnis zwischen den materiellen Produktionsbedingungen
le nicht nur in der Marxschen Theorietradition – theoretisch neu zu fassen. Eine und ihrer Entwicklung (d. h. dem Volumen des eingesetzten Kapitals, der bran-
Grundannahme der Regulationstheorie besteht also darin, daß der historische chenmäßigen Struktur des Produktionsapparats sowie den Produktionsnormen)
Entwicklungsprozeß der bestehenden Gesellschaft nicht allein mit Hilfe allge- sowie dem gesellschaftlichen Verbrauch (Konsumausgaben der Lohnabhängigen
meiner kapitalismustheoretischer Begriffe und Kategorien untersucht und er- und anderer Klassen, kollektiver, d. h. durch ›sozial‹-staatliche Maßnahmen ver-
klärt werden kann. Die damit beschreibbaren Strukturen und Gesetzmäßigkei- mittelter Konsum) gewährleistet« (Lipietz 1985, 120). Ein Akkumulationsregi-
ten kommen nämlich immer in einer historisch bestimmten, durch soziale Kräf- me kann nur Bestand haben, wenn eine ausreichende Rate und Masse des Mehr-
teverhältnisse, institutionelle Konfigurationen, kulturelle Bedingungen und die werts bzw. Profits erzeugt wird, weil sonst der Akkumulationsprozeß gar nicht
politisch-strategischen Orientierungen handelnder Akteure bestimmten Form stattfinden könnte und der Kapitalismus zusammenbrechen würde. Dies ist zwar
zum Ausdruck. Dies macht es notwendig, ein Analyse- und Begriffsinstrumenta- in unterschiedlicher Weise möglich, zum Beispiel von vorhandenen Technologi-
rium zu entwickeln, das in der Lage ist, jenseits der allgemeinen Strukturen und en und sozialen Kräftverhältnissen abhängig, unterliegt aber immer dem Zwang
Gesetzmäßigkeiten kapitalistischer Gesellschaften ihre konkreten historischen der Verwertung und bleibt insofern der strukturellen Logik des Kapitalverhält-
Formationen zu erfassen. Dazu dienen der Regulationstheorie vor allem die als nisses unterworfen. Zugleich enthält der Begriff des Akkumulationsregimes ein
»intermediär« bezeichneten Kategorien des »Akkumulationsregimes« und der ebenso bestimmtes wie veränderliches Verhältnis kapitalistischer und nichtkapi-
»Regulationsweise«. talistischer Produktionsverhältnisse und – wie noch ausführlicher gezeigt wer-
den wird – eine spezifische Verbindung zwischen dem »nationalen« Produkti-
Die Regulation kapitalistischer Gesellschaften ons- und Reproduktionszusammenhang und dem Weltmarkt. Abstrakt gespro-
Jede kapitalistische Gesellschaft ist grundlegend durch den Akkumulationsprozeß chen, kennzeichnet ein Akkumulationsregime also nichts anderes als die »forma-
des Kapitals geprägt. Dieser wird durch eine bestimmte Form der Mehrwertpro- le Kohärenz« der Wertströme (Lipietz 1985, 120) einer in den Weltmarkt ein-
duktion – abhängig von der Produktionstechnik, der Arbeits- und Unterneh- gebundenen Ökonomie, die unter der objektiven Bedingung der Kapitalverwer-
mensorganisation, den Marktverhältnissen usw. – gekennzeichnet. Er schließt tung steht und in seiner jeweiligen Gestalt durch spezifische soziale Kräftever-
eine spezifische Art und Weise der Verteilung der produzierten Werte auf sozia- hältnisse bestimmt wird.
le Gruppen und Klassen, der Lebensweisen und Konsummuster sowie der Ver- Ein bestimmtes Akumulationsregime kann nur Bestand haben, wenn es in ei-
bindung »kapitalistischer« und »nichtkapitalistischer« Produktionsweisen – z.B. ner seiner Struktur und Dynamik entsprechenden Weise sozial reguliert wird.
kleinhandwerkliche und häusliche – ein. Der Akkumulationsprozeß weist dann Wenn also beispielsweise die Kapitalverwertung wesentlich auf der Verallgemei-
eine relative Stabilität und Dauerhaftigkeit auf, wenn er in ein Netz gesellschaft- nerung der Warenproduktion, der Ausbreitung regulärer Lohnarbeit, Massen-
licher Institutionen und Normen eingebettet ist, die dafür sorgen, daß sich die produktion und Massenkonsum beruht (was nicht immer der Fall ist und bislang
Menschen in Übereinstimmung mit den jeweiligen Bedingungen der Akkumula- nur eine kurze Periode der kapitalistischen Entwicklung gekennzeichnet hat),
tion verhalten, also entsprechende Arbeits-, Lebens- und Konsumweisen sowie dann bedarf es sozialer Institutionen und Normen, die dieses ökonomische Ver-
bestimmte Formen der Interessenwahrnehmung praktizieren. Er muß mit ei- wertungsverhältnis abstützen, also beispielsweise für allgemeine Arbeitsdiszi-
nem System der gesellschaftlichen Regulation verbunden sein. Wichtig ist nun, plin, stabile und stetig steigende Lohneinkommen und soziale Sicherungssyste-

48 49
me als Mittel der Konsumstabilisierung sorgen. Dies ist eine Regulationsweise, folgen der beteiligten Akteure abhängt. Jede historische kapitalistische Gesell-
die durch Konsumismus, »Wachstum« und »Fortschritt« als beherrschende schaftsformation erhält ihre vorübergehende Stabilität dadurch, daß sich eine
Werte, starke Gewerkschaften, sozialpartnerschaftliche Aushandlungsprozesse miteinander vereinbare Akkumulations- und Regulationsweise herausbildet. Ak-
und ein ausgebautes Netz sozialstaatlicher Sicherungen gekennzeichnet ist. Re- kumulationsregime und Regulationsweisen stehen aber nicht in einem kausalen
gulation bedeutet, daß die gegensätzlichen Interessen sozialer Klassen und oder funktionalen, sondern in einem »Artikulationsverhältnis«. Sie müssen als
Gruppen so geformt, kanalisiert und miteinander verbunden werden, daß so- Verbindung komplexer und relativ selbständiger Handlungs- und Praxiszusam-
wohl der Zusammenhalt der Gesellschaft als auch die Vereinbarkeit der sozialen menhänge betrachtet werden. Insofern hat Lipietz recht, wenn er die verschie-
Handlungen mit den Bedingungen der Kapitalverwertung innerhalb des gege- denen bisher entstandenen kapitalistischen Formationen als »Fundsachen« be-
benen Akkumulationsregimes gewährleistet bleiben. Lipietz definiert Regulati- zeichnet. Dies bezieht sich darauf, daß die Entwicklung des Kapitalismus ein
onsweise demnach als »die Gesamtheit institutioneller Formen, Netze, expliziter grundsätzlich offener Prozeß ist: Ob sich aus der Krise einer vorhandenen Akku-
oder impliziter Normen, die die Vereinbarkeit von Verhältnissen im Rahmen ei- mulations- und Regulationsweise überhaupt eine neue herausbildet und wie die-
nes Akkumulationsregimes sichern, und zwar sowohl entsprechend dem Zustand se aussieht, ist das Ergebnis sozialer Handlungen und Kämpfe und damit nicht
der gesellschaftlichen Verhältnisse als auch über deren konfliktuelle Eigenschaf- vorherbestimmt. Inwieweit also die kapitalistische Gesellschaft sich über Krisen
ten hinaus« (Lipietz 1985, 121). Zum institutionellen System der Regulation und Brüche hinweg immer wieder neu stabilisiert, krisenhaft zusammenbricht
gehören die Unternehmen und ihre Verbände, Gewerkschaften, Wissenschafts- oder aber politisch überwunden wird, darf nicht als Ergebnis einer objektiven
und Bildungseinrichtungen, Medien, die gesamte Apparatur des politisch-admi- Gesetzmäßigkeit, sondern muß als die Folge sozialen Handelns betrachtet wer-
nistrativen Systems und nicht zuletzt die Familie als Ort der Reproduktion der den. Dieses ist allerdings innerhalb kapitalistischer Verhältnisse nicht frei und
Arbeitskräfte. Es umfaßt ein komplexes Netzwerk sozialer und kultureller Mi- beliebig wählbar, sondern bleibt strukturellen Bedingungen und sozialen Form-
lieus, in denen sich die bestimmenden gesellschaftlichen Ordnungs- und Ent- bestimmungen unterworfen: Wenn der Akkumulations- und Verwertungspro-
wicklungsvorstellungen herausbilden. Wie schon für das Akkumulationsregime zeß des Kapitals unterbrochen wird, stehen der materielle Bestand der Gesell-
gilt auch hier, daß es zwar unterschiedliche Regulationsweisen gibt, ihre Heraus- schaft überhaupt, die Arbeitsplätze ebenso wie die Konsummöglichkeiten, in
bildung aber nicht beliebig ist. Ebenso wie das Akkumulationsregime unterliegt Frage, und bestimmte soziale Formen, wie sie sich beispielsweise in der Gestalt
auch die Regulationsweise strukturellen Bestimmungen. Sie wird geprägt von des Staates ausdrücken, sind nicht zu beseitigen, solange die kapitalistische Ge-
den sozialen Formen (Wert- und politische Form), die aus der Eigenart der ka- sellschaftsstruktur bestehen bleibt.
pitalistischen Vergesellschaftungsweise hervorgehen, und sie bleibt daran ge-
bunden, daß der Akkumulationsprozeß des Kapitals im Rahmen eines entspre- Staat und Regulation
chenden Akkumulationsregimes gewährleistet bleibt. Mit »Akkumulationsre- Akkumulationsregime und Regulationsweisen bilden sich grundsätzlich in natio-
gime« und »Regulationsweise« werden demnach nicht in sich abgeschlossene nalstaatlichen Räumen heraus, weil innerhalb dieses zentralisierten Machtzusam-
und nur äußerlich miteinander verbundene gesellschaftliche Räume oder Ebe- menhangs am ehesten die soziokulturellen Voraussetzungen für das Enstehen
nen bezeichnet, sondern spezifische Praxiszusammenhänge, die durch jeweils ei- gemeinsamer Wert- und Ordnungsvorstellungen sowie darauf gegründeter so-
gene strukturelle Bedingungen, Regelmäßigkeiten, soziale Formen und Hand- zialer Kompromißbildungen vorhanden sind und weil nur hier die institutionel-
lungsmöglichkeiten gekennzeichnet sind. Entscheidend ist, daß Akkumulations- len Rahmenbedingungen – Beteiligungsregeln, Entscheidungsverfahren usw. –
regime und Regulationsweisen in keinem einfachen Verursachungsverhältnis existieren, in denen diese wirksam werden können (Lipietz 1985, 1993). Weil
stehen, also nicht voneinander »ableitbar« sind. Weder bringt ein Akkumulati- Regulation aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher und relativ voneinander
onsregime mit Notwendigkeit die ihm entsprechende Regulationsweise hervor unabhängiger Institutionen und Prozesse entsteht, hat sie zwar kein steuerndes
noch umgekehrt. Ein stabiles Akkumulationsregime kann sich allerdings nur Subjekt, besitzt im Staat jedoch ein institutionelles Zentrum, weil die physische
herausbilden, wenn sich zugleich ein entsprechender Regulationszusammenhang Zwangsgewalt Grundlage für den Erhalt der Klassenverhältnisse, ihrer sozialen
durchsetzt. Beides muß als Ergebnis sozialer Auseinandersetzungen und Kämpfe Formen und institutionellen Ausdrucksweisen ist und weil soziale Kompromisse
auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen betrachtet werden, deren Ausgang nur dort verbindlich festgeschrieben werden können. Falsch wäre indessen die
nicht objektiv vorbestimmt ist, sondern von der Stärke, den Strategien und Er- Annahme, der Staat steuere die Gesellschaft. Vielmehr garantiert er den Prozeß

50 51
Edited by Foxit Reader
Copyright(C) by Foxit Corporation,2005-2009
For Evaluation Only.
der Regulation mit Hilfe seiner Zwangsmittel und ist selbst Gegenstand der Regu- maßen fortwährend selbst. Krisen der Regulation tragen daher immer die Wahr-
lation (Jessop 1990, 367 ff.). Veränderungen in den Akkumulationsbedingungen scheinlichkeit von Krisen des Staates und des politischen Systems in sich. Will
und in den sozialen Kräfteverhältnissen führen immer auch zu Modifikationen man den Prozeß der Regulation und die Rolle des Staates dabei verstehen, dann
im Netzwerk des politischen Systems, d. h. im Verhältnis der administrativen darf allerdings nicht nur der Staatsapparat im engeren Sinne, das sogenannte po-
Apparate zueinander, in den Formen der Repräsentation, der Art und Weise par- litisch-administrative System betrachtet werden. Neben diesem »engeren« kann
teilicher oder verbandsförmiger Interessenvermittlung (Jessop 1982, 238 ff.). man mit Gramsci von einem »erweiterten« Staat sprechen, der den ganzen
Die konkrete Gestalt des Staates, das bestimmte Verhältnis von »Staat« und Komplex der »zivilen Gesellschaft« umfaßt. Das ist das verzweigte Netzwerk
»Gesellschaft«, die Form staatlicher Interventionen und die Institutionalisie- der vom Staat formell mehr oder weniger unabhängigen Organisationen und
rung gesellschaftlicher Beziehungen sind also nicht festgeschrieben, sondern freiwilligen Zusammenschlüsse, die der Formulierung und Vertretung gesell-
verändern sich mit den Bedingungen der Regulation. Damit läßt sich auch das schaftlicher Interessen, der politischen Willensbildung, der Meinungsäußerung
Verhältnis von »Politik« und »Ökonomie«, von »Staat« und »Wirtschaft« ge- und der öffentlichen Diskussion dienen: Parteien, Verbände, Interessengruppen,
nauer bestimmen: Es gibt keinen ökonomischen Bereich unabhängig von Regu- Kirchen, Universitäten, Medien, Vereine, Clubs, Bürgerinitiativen u.v.a.m. Ne-
lation und Staat, der Akkumlationsprozeß des Kapitals ist immer schon in die ben und mit dem Staat im engeren Sinne ist diese »zivile Gesellschaft« ein we-
Regulation mit dem Staat als institutionellem Zentrum eingebunden, auch wenn sentlicher Bestandteil des regulativen Systems, insofern dort Interessen organi-
sich dessen Funktion und Bedeutung entsprechend des jeweiligen Akkumulati- siert, gesellschaftliche Prozesse – zum Beispiel durch Tarifverträge – geregelt,
onsregimes und der Regulationsweise historisch verändern. Und zugleich bleibt allgemeine Wert- und Ordnungsvorstellungen herausgebildet werden und inso-
Regulation abhängig von Verlauf und Entwicklung des Akkumulationsprozesses. fern zwischen »Staat« und »Gesellschaft« vermittelt wird. Nicht alle Formen
Vorstellungen, die die »Wirtschaft« als von der »Politik« gesteuert betrachten politischer – im Gegensatz zu marktförmiger – Regulation vollziehen sich direkt
(oder umgekehrt), sind daher grundsätzlich falsch. »Akkumulation« und »Regu- mit Hilfe des Staatsapparats, denn immer besteht daneben ein wesentlicher Be-
lation« bilden eine durch jeweils eigene soziale Praxen und Dynamiken be- reich gesellschaftlicher »Selbstverwaltung«, wie in der Lohnpolitik. Der Staats-
stimmte und somit widerprüchliche Einheit. Analog zum Begriff des »integralen apparat bleibt indessen als Garant der »Spielregeln« und als Bestätigungs- und
Staates« bei Gramsci könnte man bei der Regulationstheorie von einem Kon- Sanktionsinstanz auch hier immer gegenwärtig. Dies weist noch einmal darauf
zept der »integralen Ökonomie« sprechen – oder anders ausgedrückt: Sie ver- hin, daß die geläufige Entgegensetzung von »Staat« als Zwangsapparat und »zi-
sucht zu verdeutlichen, was »politische Ökonomie« eigentlich heißt (Jessop viler Gesellschaft« als Ort von Freiheit und Demokratie unhaltbar ist. Bei ge-
1990, Delorme 1992). Wichtig ist, daß Regulation nicht nur auf dem Einsatz nauerer Betrachtung handelt es sich bei beiden um von der Struktur der kapita-
staatlicher Gewaltmittel beruht, sondern immer eines gewissen gesellschaftli- listischen Gesellschaft bestimmte Bestandteile des institutionellen Regulations-
chen Konsenses, einer »freiwilligen« Folgebereitschaft bedarf, um einiger- systems, mittels dessen Herrschaft stabilisiert und der Akkumulationsprozeß des
maßen dauerhaft zu sein. Wenn Max Weber den Staat als Inhaber des Monopols Kapitals garantiert wird. Die Institutionen der zivilen Gesellschaft sind selbst
legitimer physischer Gewaltsamkeit bezeichnet, so verweist er – wie später vor al- von ökonomischen Macht- und politischen Herrschaftsverhältnissen geprägt,
lem Gramsci – auf den engen Zusammenhang von Zwang und Konsens in jedem und bei allen Gegensätzen und Reibungen bleiben beide Sphären eng aufeinan-
Herrschaftsverhältnis (Gramsci 1986). Schon die Form des Staates als von der der bezogen: Der Staat garantiert die Strukturen der zivilen Gesellschaft (etwa
Gesellschaft, ihren sozialen Antagonismen und Klassen formell getrennte, den die gewerkschaftliche Koalitionsfreiheit oder das Privateigentum an Medien-
individualisierten StaatsbürgerInnen verselbständigt gegenübertretende Instanz konzernen), und ohne diese, d. h. ohne die durch sie bewirkten Prozesse der po-
ist eine entscheidende Grundlage der politischen Legitimation. Dadurch kann litischen Legitimation und der Interessenkanalisierung, könnte politische Herr-
der Staat als ein neutraler Sachwalter des »Gemeinwohls« wahrgenommen wer- schaft keine lange Dauer haben. Die »zivile« – oder wohl genauer: »bürgerli-
den. Unter bürgerlich-demokratischen Verhältnissen erweist sich dieser Legiti- che« – Gesellschaft ist daher ein Teil des »integralen Staates«. Gramsci definiert
mationszusammenhang in der Regel als besonders wirksam. Indem der Prozeß ihn als »den gesamten Komplex praktischer und theoretischer Aktivitäten, mit
der Regulation den Klassenkonflikt in eine mit der Akkumulation des Kapitals denen die herrschende Klasse ihre Dominanz nicht nur rechtfertigt und auf-
verträgliche Form einbindet und eben dadurch den materiellen Produktionspro- rechterhält, sondern den aktiven Konsens der Beherrschten gewinnt« (Gramsci
zeß stabilisiert, rechtfertigt er sich bei den betroffenen Menschen gewisser- 1986, 244, Übers. d. d. Verf.). Und in der Tat sind die Übergänge zwischen

52 53
»Staat« und »ziviler Gesellschaft« höchst fließend, wie sich an der formellen daran gekrankt, daß dieser Widerspruch überhaupt nicht wahrgenommen wor-
oder informellen Staatsförmigkeit von Verbänden und Medien (Handelskam- den ist (vgl. stellvertretend für viele Rödel u.a. 1989).
mern, Kirchen, Rundfunkanstalten usw.), aber auch daran leicht erkennen läßt, Auch die Struktur und Funktionsweise des regulativen Systems wird durch
daß viele Massenverbände und insbesondere die Parteien längst zu – auch finan- den für die kapitalistische Gesellschaft bestimmenden Widerspruch von »Klas-
ziell weitgehend abhängigen – Quasi-Staatsapparaten geworden sind. sen«- und »Marktvergesellschaftung« bestimmt. Die Menschen nehmen »ob-
Gleichwohl bilden »Staat« und »zivile Gesellschaft«, also der Gesamtkom- jektive« Stellungen in der vorhandenen Sozial- und Klassenstruktur ein und ver-
plex des institutionellen Regulationssystems, keinen einheitlichen und geschlos- fügen zugleich als formell freie und gleiche Markt- und Rechtssubjekte über ei-
senen, sondern einen höchst komplexen und konfliktreichen Zusammenhang, nige Spielräume für die Art und Weise ihrer Interessenäußerung und Lebensge-
geprägt durch unterschiedliche Zugangs- und Aktionsmöglichkeiten, Interes- staltung. Dies erst ermöglicht es, daß gesellschaftliche Antagonismen – nicht nur
sengegensätze und institutionelle Konfliktebenen. Gerade diese Offenheit und die Klassenkonflikte, sondern ebenso Geschlechterverhältnisse, ethnische, reli-
die damit bewirkte Institutionalisierung gegenläufiger und sich überlagernder giöse und kulturelle Gegensätze »regulierbar«, d. h. mit dem Zusammenhalt der
Interessen macht Regulation, den vorübergehenden Ausgleich antagonistischer Gesellschaft und dem Akkumulationsprozeß des Kapitals vereinbar gemacht
Interessen und die Anpassung konfliktorischen Handelns an die Bedingungen werden können. Die kapitalistische Vergesellschaftungsweise bestimmt sehr we-
der Kapitalakkumulation möglich. Das gilt beispielsweise für die »Tarifpartner«, sentlich die Ausdrucksformen und Verbindungen dieser Gegensätze. Frauen
die unter dem Druck der Regierung, der Medienöffentlichkeit oder einschlägi- bleiben beispielsweise als Geschlechtsangehörige in ihren sozialen Orientierun-
ger wissenschaftlicher Sachverständiger »standortsichernde« Lohnvereinbarun- gen und Handlungsmöglichkeiten an die bestehenden gesellschaftlichen For-
gen schließen und dabei versuchen müssen, deren Folgen ihren jeweiligen Mit- men gebunden: Lohnverhältnis, Familie, Geld, Recht und Staat. Unternehmer-
gliedern plausibel zu machen. Und es gilt ebenso für die Parteien, die im Wech- verbände sind Vertreter »des« Kapitals und Zusammenschlüsse konkurrierender
selspiel von Regierung und Opposition die Hoffnung aufrechterhalten, Wahl- Privatproduzenten, Gewerkschaften sowohl Organisationen »der« Arbeiterklas-
versprechungen würden irgendwann einmal erfüllt. se als auch freie Vereinigungen miteinander konkurrierender Arbeitsplatzbesit-
Bildet die »zivile Gesellschaft« somit im Sinne Gramscis den entscheidenden zerInnen. Die Familie schließlich ist der Ort, in dem Klassenpositionen produ-
»Kitt« für die Stabilisierung kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse, so ist sie ziert und reproduziert werden, Individualität und Emotionalität sich entwickeln
aber auch das Feld, auf dem demokratische Prozesse und emanzipative Bewe- kann und geschlechtsspezifische Sozialisation und Arbeitsteilung ihre Basis ha-
gungen überhaupt erst entstehen können. Hier besteht zumindest prinzipiell die ben. Der für die kapitalistische Vergesellschaftungsweise charakteristische Indi-
Möglichkeit des politischen Zusammenschlusses, der Meinungsäußerung, der vidualisierungs- und Vereinzelungseffekt schafft die Möglichkeit einer quer zu
Diskussion und Überzeugung. Insofern ist die Herausbildung »zivilgesellschaft- den den sozialen Antagonismen und Klassenstrukturen liegenden Herausbil-
licher« Strukturen in der Tat der Dreh- und Angelpunkt von Demokratie unter dung, Verbindung und Aufspaltung von Interessen, etwa in Gestalt des katholi-
bürgerlich-kapitalistischen Verhältnissen. Zugleich bleibt aber der institutionel- schen Arbeitnehmers oder der lohnabhängigen Frau (vgl. Poulantzas 1978, Jes-
le Komplex der Regulation selbst ein Herrschaftsverhältnis, das von den sozialen sop 1985, 63 ff., Holloway 1991, 242 ff.). Dies ist eine entscheidende Bedingung
Strukturen und Gegensätzen der kapitalistischen Gesellschaft geprägt wird. Wer der Möglichkeit, soziales Handeln mit den Bedingungen der Kapitalakkumulati-
die Wirksamkeit seiner politischen Überzeugung mit der eines Medienkonzerns on vereinbar zu machen. Individualisierung und Vereinzelung werden von den
vergleicht, wird das ebenso schnell herausfinden wie diejenigen, die sich nicht an Institutionen des regulativen Systems bestätigt und verfestigt, zugleich aber
die Regeln des liberaldemokratischen politischen Spiels halten und zu »außer«- auch in spezifischer Weise – etwa mittels des Staates oder verbandlicher Zusam-
oder gar »anti«-parlamentarischen Formen von Politik greifen. Das heißt, daß menschlüsse – aufgehoben. Konkurrenz, sozialer Antagonismus und Gemein-
sich demokratische Prozesse innerhalb dieses Feldes zwar herausbilden, aber nur schaftlichkeit gelangen im Prozeß der Regulation zu einer widersprüchlichen
insofern weiterreichende Bedeutung gewinnen können, wenn sie die herrschen- und konflikthaften Einheit. Die Interessen, die darin zum Ausdruck kommen,
den institutionellen Strukturen – also die gegebenen ökonomischen und politi- wurzeln zwar in den gegensätzlichen gesellschaftlichen Lagen, werden aber
schen Formen, das Verhältnis von »Staat« und »Gesellschaft«, von »Politik« durch die herrschende Vergesellschaftungsweise in eine bestimmte Ausdrucks-
und »Ökonomie« – praktisch in Frage stellen. Die in der Bundesrepublik vor ei- form gebracht: Es entstehen nach Marktstellung, Geschlecht, Religionszu-
nigen Jahren wiederaufgeflammte »Zivilgesellschafts«-Debatte hat wesentlich gehörigkeit usw. voneinander geschiedene und sich gegenüberstehende Einzel-

54 55
interessen, die in der staatlichen Apparatur, bürokratischen Organisationen, sondern Ansammlungen teilweise konkurrierender und gegensätzlicher Institu-
kommerzialisierten Medien usw. in jeweils besonderer Weise »berücksichtigt« tionen, Apparate und Organisationen. Dieses regulative System stellt den Rah-
werden und zum Ausdruck kommen. Daraus ergibt sich, daß es kein ursprüngli- men bereit, in dem die in vieler Hinsicht gegensätzlichen sozialen Lagen und In-
ches soziales Interesse außerhalb des existierenden Systems von Regulation gibt. teressen sowohl gegeneinander ausgespielt als auch kompromißhaft miteinander
Welche Interessen wie, wann und wo tatsächlich zum Ausdruck kommen, hängt verbunden werden können. Dies allerdings bedeutet, daß sein Zusammenhalt,
sehr wesentlich von dessen jeweiliger Struktur ab. Der Regulationsprozeß bein- sein »Funktionieren« im Sinne des Erhalts und der Weiterentwicklung der Ge-
haltet immer ein komplexes Verhältnis von Integration und Ausschluß, von Ein- sellschaft grundsätzlich unsicher bleibt. Es stellt sich also immer noch die Frage,
bindung und Spaltung. Er beinhaltet gewissermaßen ein Auswahlraster, das wie über alle institutionellen Gegensätze und Konflikte hinaus die relative Ein-
maßgebend dafür ist, welche Interessen auf welchen Ebenen und in welcher heitlichkeit der Staatsapparatur, die Verbindung von »Staat« und »ziviler Ge-
Form zum Ausdruck kommen und wirksam werden können. Dadurch entstehen sellschaft« und damit zusammenhängend die Zustimmung und Folgebereit-
regelmäßig »korporative« Strukturen, die quer zu grundlegenden sozialen Ge- schaft der in viele Interessengegensätze verstrickten Individuen gewährleistet
gensätzen liegende Interessenverbindungen privilegieren, also etwa »deutsche« bleiben kann. Die komplizierte Struktur des regulativen Systems schafft dafür
ArbeitehmerInnen gegenüber »AusländerInnen«, Männer gegenüber Frauen, wichtige Voraussetzungen, aber keine Garantie. Auch staatliche Gewaltanwen-
»Modernisierungsgewinner« gegenüber »Modernisierungsopfern«. Jedes Re- dung, bürokratische Verfahrensregeln, Gesetze oder materielle Leistungen wer-
gulationssystem ist in seiner konkreten institutionellen Gestalt das Ergebnis von den dies allein kaum bewirken können. Es bedarf darüber hinaus immer noch ei-
sozialen Kräfteverhältnissen und Kämpfen, und gleichzeitig wirkt es auf diese, nes die vorhandene institutionelle Apparatur und die darin eingeschriebenen so-
die Ebenen der Auseinandersetzung, die politischen Möglichkeiten unterschied- zialen Praktiken stützenden und legitimierenden, die Individuen und sozialen
licher sozialer Gruppen, zurück. Beispielsweise hat die Existenz von Gewerk- Gruppen einbeziehenden »Konsenses«. Dieser Konsens bildet sich im Prozeß
schaften, Tarifverträgen und sozialstaatlichen Einrichtungen gewisse Auswir- der Regulation nicht von selbst heraus, sondern entsteht dann, wenn es gelingt,
kungen bezüglich dessen, was »Klassenkampf« konkret heißt und wie er zum verallgemeinerte und übergreifende Vorstellungen von der Ordnung und Ent-
Ausdruck kommt. wicklung der Gesellschaft durchzusetzen. Historische Formationen des Kapita-
Fassen wir noch einmal zusammen: Wenn davon ausgegangen werden kann, lismus sind daher immer mit »hegemonialen Projekten« (Jessop 1982, 243 ff.)
daß Regulation im Grundsatz die Herstellung von sozialen Beziehungen und die verbunden, die die jeweilige Akkumulations- und Regulationsweise zu einem
vorübergehende Festschreibung von Kräfteverhältnissen durch die bestehenden »historischen Block« (Gramsci) zusammenfügen. Grundsätzlich sind es die so-
gesellschaftlichen Antagonismen hindurch und über diese hinweg bedeutet, zialen Formen der kapitalistischen Gesellschaft selbst, auf denen die Hegemonie
dann geschieht dies immer und notwendig durch ein komplexes System von In- der ökonomisch herrschenden Klassen beruht und die sie möglich machen. Die
teressenspaltungen und sozialen Ausgrenzungen. Dies vor allem macht es mög- »Besonderung« des Staates als Verkörperung des Gemeinwesens gegenüber al-
lich, daß die kapitalistische Gesellschaft über ihre Antagonismen und Wider- len Klassen und gegenüber den individualisierten StaatsbürgerInnen ist eine
sprüche hinweg Bestand und Dauer erhält. Ein Zustand allgemeiner Harmonie, entscheidende Voraussetzung dafür, daß eine umfassendere »Politik des Kapi-
von Freiheit und Gleichheit ist dies nicht, wie die Rede von »demokratischer Zi- tals« über Konkurrenz und Klassengegensatz hinweg überhaupt formulierbar
vilgesellschaft« manchmal unterstellt. Kapitalistische Regulation bleibt ein Aus- und durchsetzbar ist. Dies schließt in der Regel materielle Zugeständnisse an die
beutungs- und Unterdrückungszusammenhang, der nur durch soziale Kämpfe Beherrschten ein, die indessen den einzelnen Kapitalisten durch die staatliche
veränderbar ist und dessen Aufhebung an die Beseitigung der herrschenden ge- Zwangsgewalt aufgezwungen werden müssen (Poulantzas 1978, Gramsci 1986,
sellschaftlichen Strukturen gebunden bleibt. 161). Der Charakter des Staates als formeller Verkörperung des gesellschaftlich
Allgemeinen macht es möglich und notwendig, eine die herrschenden gesell-
Regulation und Hegemonie schaftlichen Strukturen und den Kapitalverwertungsprozeß garantierende Poli-
Entwicklung und Erhalt kapitalistischer Gesellschaften ist also an die Existenz tik in die Form eines »national-populären« Programms zu kleiden. Damit kann
eines Regulationssystems gebunden, das in seinen institutionellen Formen plausibel gemacht werden, daß die Durchsetzung kapitalistischer Ziele zugleich
äußerst komplex, verzweigt und widersprüchlich ist. Sowohl der Staat im enge- allgemeinen, »nationalen« Interessen dient. Dies darf freilich nicht als willkürli-
ren Sinne als auch die »zivile Gesellschaft« sind keine geschlossenen Einheiten, che Strategie der Herrschenden verstanden werden. Weil konkrete Interessen

56 57
Edited by Foxit Reader
Copyright(C) by Foxit Corporation,2005-2009
For Evaluation Only.
nicht unabhängig von und vor der Regulation existieren und sich erst in dieser »Sitz einer Pluralität von Bestimmungen ist« (Mouffe 1982, 32), die von höchst
selbst herausbilden, bildet der Regulationsprozeß in seiner jeweils bestehenden unterschiedlichen Klassenpositionen, Geschlechterverhältnissen, kulturellen
Form die Grundlage hegemonialer Strategien und bestimmt ihre Inhalte und und Milieubindungen geprägt sind. Dies bedeutet, daß die Menschen sozusagen
Möglichkeiten. Wenn also der Staat als »Organ« einer Klasse angesehen werden im Schnittpunkt einer Vielzahl sehr unterschiedlicher und oft gegensätzlicher
kann, dann nur in dem Sinne, als deren Entfaltung, die er politisch abstützt, als »Diskurse« stehen, sei es als Autofahrerinnen, Arbeitnehmer, Hausfrauen, Ei-
Grundlage und Motor einer allgemeinen, nicht nur ihre bornierten Interessen genheimbesitzer, Kirchgänger oder als Besitzerinnen eines deutschen Passes.
berücksichtigenden gesellschaftlichen Entwicklung erscheint (Gramsci 1986, Hegemonie beruht darauf, diese vielfältigen und widersprüchlichen Orientie-
182). Sowohl die allgemeine Struktur der kapitalistischen Gesellschaft als auch rungen in bestimmter Weise zu formen, zusammenzufügen und so zu verbinden,
die jeweils herrschende Akkumulations- und Regulationsweise bilden die daß daraus eine allgemein prägende und das gesellschaftlich-politische Bewußt-
Grundlage von Hegemonie, ohne allerdings notwendigerweise ein bestimmtes sein bestimmende Vorstellung von der Welt, ihrer richtigen Ordnung und der
»hegemoniales Projekt« hervorzubringen. Vielmehr bezeichnen sie eine Bedin- wünschbaren Entwicklung ihrer Verhältnisse entsteht. Hegemoniale Projekte
gungskonstellation, die durchaus unterschiedliche hegemoniale Strategien zuläßt. oder Diskurse werden nicht erfunden oder einfach geschaffen, sondern aus ei-
Zugleich ist die Herausbildung einer bestimmten Akkumulations- und Regulati- nem bereits vorfindlichen und gestaltbaren ideologischen Material konstruiert,
onsweise selbst nicht unabhängig von der Art und Weise, wie ein hegemoniales und dieser Prozeß ist als ein nie endender Kampf, als eine Auseinandersetzung
Projekt formuliert und durch soziale Kompromisse stabilisiert wird. Die Her- zwischen verschiedenen Personen und Gruppen zu verstehen. Hegemonie im
ausbildung von Hegemonie und die Durchsetzung konkreter Akkumulations- Sinne einer »organischen Ideologie« ist somit das Ergebnis einer diskursiven
und Regulationsweisen ist damit ein sich wechselseitig bedingender und vermit- Formung, Mobilisierung, Spaltung, Dethematisierung und Kombination von
telnder Prozeß: Jede Akkumulations- und Regulationsweise bedarf einer hege- Interessen, ein Prozeß, der viele Akteure und offene Spielräume hat, aber von
monialen Abstützung, um Kontur und eine relative Stabilität zu gewinnen, und der konkreten Gestalt der herrschenden Akkumulations- und Regulationsweise
zugleich bildet sie deren institutionelle und materielle Grundlage. bedingt und geprägt wird. Hegemoniale Strategien beziehen sich im Kern im-
Die Fähigkeit zur Formulierung und Durchsetzung eines »national-po- mer auf den Staatsapparat und sind – als sogenannte »politische Führung« – ei-
pulären« Programms beruht auf der tatsächlichen Vielfältigkeit und Gegensätz- ne wesentliche Bedingung seiner Kohärenz und Einheitlichkeit. Aber sie haben
lichkeit der sozialen Lagen und der Herausbildung dazu querliegender Formen in diesem weder ihre entscheidende Basis noch ihren Ursprung. Wie schon
von Interessenartikulation und -organisation. Damit wird es möglich, »eine Gramsci gezeigt hat, entsteht Hegemonie vor allem auf dem Feld der »società
Vielzahl ideologischer Elemente, die von unterschiedlichen sozialen Kräften civile«, der Parteien und politischen Gruppierungen, der »ideologischen Appa-
ausgedrückt werden, erfolgreich zu einem relativ einheitlichen ideologischen rate« wie Universitäten, Schulen und Medien, in Intellektuellenzirkeln, For-
Ganzen zusammenzuführen« (Jessop 1985, 345 f., Übers. d. d. Verf.). Jessop be- schungseinrichtungen und »think tanks«, in Werbeagenturen und Kirchen.
zeichnet Hegemonie als »Entwicklung eines politischen Projektes, das von an- Wenn Parteien erfolgreich eine »geistig-moralische« Führerschaft reklamieren,
deren Subjekten als wichtig für die Realisierung ihrer Interessen anerkannt wird, dann stützen sie sich dabei in der Regel auf ein intellektuelles Umfeld, das sie
und einer ›organischen Ideologie‹, die als gemeinsamer ideologischer Bezugs- selbst weder geschaffen haben noch unbedingt genau kennen. Die Bedeutung
rahmen dienen kann, in dem eine Vielzahl von Subjekten Bedürfnisse redefinie- dieser Felder ideologischer Praxis für die Herausbildung von Hegemonie ist
ren und verhandeln kann« (Jessop 1982, 199, Übers. d. d. Verf.). Dies geschieht ganz zentral, und dies verweist auf die wichtige Position der Intellektuellen im
nicht naturwüchsig, sondern ist das Ergebnis durchaus bewußter Strategien. Al- Prozeß der Regulation. Die Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit und
lerdings verbietet gerade die kapitalistische Vergesellschaftungsweise die Her- die immer weitere Ausdifferenzierung dieser Arbeitsteilung gehören zur Grund-
ausbildung eines einheitlichen und bestimmenden Akteurs, der in der Lage ist, struktur des kapitalistischen Produktionsverhältnisses. Damit verbindet sich die
die Gesellschaft auch im ideologischen Sinne bewußt zu gestalten. Hegemoniale Möglichkeit zur Entstehung sehr unterschiedlicher Arten professioneller Ge-
Projekte entstehen deshalb aus einer Kombination und Verdichtung durchaus sellschaftsinterpreten und Konzeptemacher, die ein wichtiges Fundament von
widersprüchlicher Diskurse, die ihren Ort und ihre Träger im institutionellen Regulation darstellt. Dies erst erlaubt nämlich die Formulierung von Diskursen,
System der Regulation haben und von dessen Struktur geprägt werden. Grund- die von unmittelbaren Interessenlagen und sozialen Kräftekonstellationen rela-
lage dafür ist, daß jedes Individuum im Hinblick auf seine »objektive« Lage tiv unabhängig sind, neu geformt und kombiniert und damit zur Grundlage he-

58 59
gemonialer Projekte gemacht werden können. Der Raum für die Verselbständi- mit ihnen verbundenen Regulationsweisen jeweils eigene Strukturen und Ent-
gung ideologischer Diskurse ist indessen begrenzt: Immer bleiben sie rückge- wicklungsdynamiken aufweisen. Dies führt mit einer gewissen Notwendigkeit
bunden an materielle soziale Lagen, Praktiken und Erfahrungen. Sie können dazu, daß ihre einmal hergestellte, eine spezifische historische Gesellschaftsfor-
nicht unabhängig von der konkreten Struktur der Akkumulations- und Regulati- mation kennzeichnende Verbindung nicht dauerhaft sein kann, sondern früher
onsweise und der Position der Individuen innerhalb dieser entwickelt werden. oder später zerbrechen muß. Etwas vereinfacht ausgedrückt, kann man davon
Die Verdichtung widersprüchlicher und sich überschneidender Diskurse zu ausgehen, daß der vom Zwang zur Profitmaximierung angetriebene und im
einem hegemonialen Projekt ist immer das Ergebnis ideologischer Kämpfe. He- Rahmen eines Akkumulationsregimes voranschreitende Akkumulationsprozeß
gemoniale Projekte können sich nie unabhängig von der materiellen Struktur ei- des Kapitals zu einer fortwährenden Veränderung der Kapitalzusammensetzung,
ner gegebenen Akkumulations- und Regulationsweise entwickeln und prägen der Branchenbeziehungen, der Produktionstechnologien, der Arbeits- und Klas-
diese gleichzeitig in ihrer konkreten Gestalt. Deshalb sind es vor allem die Kri- senstrukturen sowie des Verhältnisses der Warenproduktion zu den natürlichen
sen historischer kapitalistischer Formationen, die ideologische Kämpfe aufflam- und gesellschaftlichen Produktionsbedingungen führt. Dies muß schließlich zu
men lassen und die zugleich die materiellen Bedingungen schaffen, auf die sich einem Zusammenstoß mit dem vorhandenen System der Regulation führen. Re-
neue hegemoniale Projekte beziehen können. gulationsweisen zeigen als institutionalisierte Formen von Klassenbeziehungen,
die durch bestimmte Ausschlußmechanismen, Beteiligungs- und Zugangsrechte
»Säkulare« kapitalistische Krisen: Ursachen und Wirkungen sowie spezifische gesellschaftliche Wertorientierungen geprägt sind, eine gewis-
Die Geschichte des Kapitalismus ist durch eine Reihe großer, »säkularer« Kri- se institutionelle und normative Starrheit, die der Trägheit der Organisationen,
sen gekennzeichnet, die von den kleineren, konjunkturellen Stockungen des der Beständigkeit von Routinen und Handlungsorientierungen sowie der Wirk-
Wirtschaftsablaufs unterschieden werden können und die jeweils grundlegende samkeit »eingebauter« Interessen geschuldet ist. Das heißt, die bestehende
Umbrüche in den gesellschaftlichen Verhältnissen nach sich gezogen haben. In Form der Institutionalisierung von Klassenbeziehungen und sozialen Kräftever-
diesem Jahrhundert war dies zunächst die Weltwirtschaftskrise der dreißiger hältnissen ist nicht unbeschränkt flexibel und auch nicht einfach graduell verän-
Jahre. Dieser folgte in den siebziger Jahren die zweite große Krise, die immer derbar. Dies muß früher oder später dazu führen, daß die Profitabilität des Kapi-
noch andauert und die in ihren Auswirkungen ebenso weltumspannend ist. Wie tals im Rahmen der bestehenden Akkumulations- und Regulationsweise ab-
schon damals, so stehen auch heute grundlegende gesellschaftliche Strukturen, nimmt, das kapitalistische Wachstum ins Stocken gerät und damit eine Krise der
Wertorientierungen bis hin zur Gestalt und Bedeutung des Staates zur Disposi- ganzen gesellschaftlichen Formation entsteht. So erklärt sich, weshalb die
tion. Wie wir gesehen haben, hängen Struktur und Funktionsweise des Staates, »Selbstrevolutionierung« der kapitalistischen Gesellschaft, die sich in der histo-
der Zustand des politischen Systems sowie die Art und Weise politischer Ausein- rischen Umwälzung aller Produktionsbedingungen, der Technologien und der
andersetzungen und Prozesse sehr wesentlich von der jeweils existierenden Ak- gesellschaftlich-politischen Verhältnisse äußert, sich nicht kontinuierlich, son-
kumulations- und Regulationsweise ab. Es muß deshalb gefragt werden, wie es dern eben in der Form »säkularer« Krisen und Brüche vollzieht. Die kapitalisti-
zu den säkularen Krisenprozessen kommt, aus denen die unterschiedlichen hi- sche Akkumulationsdynamik und die in ihr enthaltenen gesellschaftlichen Wi-
storischen kapitalistischen Formationen hervorgehen. dersprüche und Konflikte begründen demnach die Krisenhaftigkeit der kapitali-
Folgt man dem Konzept der Regulationstheorie, so ist zunächst einmal da- stischen Gesellschaft. Aber die Form des Ausbrechens, die Erscheinungsweise
von auszugehen, daß die kapitalistische Gesellschaft aufgrund ihrer strukturellen und der Verlauf von Krisen hängen immer vom Zustand der jeweils vorhande-
Antagonismen und Konflikte grundsätzlich krisenhaft ist und deshalb in ihren nen Akkumulations- und Regulationsweise ab. Dies bedeutet, daß die großen ka-
sozialen, politischen und institutionellen Strukturen auch nur für beschränkte pitalistischen Krisen niemals einfach nur »ökonomische« sind. Ebenso unbefrie-
Zeiträume stabil sein kann. Daraus ergibt sich die Tatsache, daß die Entwicklung digend bleiben die in verschiedenen Varianten der »Theorie der langen Wellen«
des Kapitalismus nicht linear und kontinuierlich verläuft, sondern daß Phasen vorgetragenen Erklärungen, die diese mit periodischen technologischen Schü-
relativer Stabilität immer wieder durch große Krisen unterbrochen werden. Wie ben in Zusammenhang bringen, sofern sie die gesellschaftlichen Regulationsbe-
also kommt es dazu, daß eine einmal durchgesetzte und hegemonial stabilisierte dingungen außer acht lassen (Mandel 1983). Auch das »Gesetz vom tendenziel-
Akkumulations- und Regulationsweise zusammenbricht? Ganz allgemein for- len Fall der Profitrate«, das den Kern der Marxschen Krisenerklärung darstellt,
muliert, geschieht dies deshalb, weil sowohl Akkumulationsregime als auch die erlaubt keine Aussage über konkrete Krisenentstehungen und -verläufe, solange

60 61
nichts über die Wirksamkeit seiner »Gegentendenzen« gesagt werden kann (vgl. Die großen, »säkularen« Krisen des Kapitalismus sind also immer als Einheit
dazu ausführlicher Hirsch 1974, 29 ff.). Gerade diese »Gegentendenzen«, bei- von ökonomischen, politischen und ideologischen Entwicklungen zu verstehen,
spielsweise die Entwicklung des realen Lebenshaltungsniveaus der Lohnabhän- als Auswirkung eines komplexen Akkumulations- und Regulationszusammen-
gigen, kapitalvernichtende Staatsinterventionen wie im Rüstungssektor, der hangs, der strukturell krisenhaft ist. Krisen der Regulation sind zugleich immer
Außenhandel oder der Fortschritt der Produktionstechnologie, hängen ganz auch Krisen der Hegemonie, in denen die bestehenden sozialen Kompromisse,
entscheidend von der Art und Weise der Regulation ab. In der Tat wäre unge- die Integrations- und Ausschlußmechanismen, die gesellschaftlichen Wertorien-
achtet der umwälzenden Dynamik des Akkumulationsprozesses eine relativ tierungen und Ordnungsvorstellungen zur Disposition stehen. Die Kapitalakku-
störungsfreie Entwicklung des Kapitalismus denkbar, wenn sie von entspre- mulation stockt, wenn ihre Dynamik mit dem bestehenden Regulationssystem in
chend kontinuierlichen Veränderungen der institutionellen Konfigurationen Kollision gerät und dessen davon ausgelöste Krise die bestehenden gesellschaft-
und Klassenverhältnisse – etwa der Betriebs- und Produktionsorganisation, der lichen Übereinkünfte untergräbt. Mit dem Zerbröseln des »ideologischen
gewerkschaftlichen Organisationsformen, der sozialstaatlichen Strukturen und Kitts«, der die staatliche Apparatur und die »zivile Gesellschaft« zusammenhält,
der Konsumgewohnheiten – begleitet wäre. Dies würde die flexible Durchset- zerfällt auch die Einheit und Funktionsfähigkeit des regulativen Systems: Ein-
zung sowohl neuer Technologien als auch veränderter materieller Lebensver- zelne Teile verselbständigen sich, die Konflikte zwischen den Institutionen neh-
hältnisse ermöglichen und auf diese Weise die Stabilität der Profitrate ungeach- men zu, die politische Führung wirkt desorientiert, und »Regierungsfähigkeit«
tet der von Marx diagnostizierten Veränderung in der Wertzusammensetzung wird insgesamt problematisch (Jessop 1985, 90 ff.). Einheit von ökonomischer,
des Kapitals – dem Verhältnis von vergegenständlichter und lebendiger Arbeit – politischer und ideologischer Krise heißt auch, daß es keine von vornherein fest-
gewährleisten. Konkreter: Einem Sinken des Kapitalprofits könnte etwa durch stehende Ebene der Krisenentstehung gibt. Wie schon gezeigt, läßt sich aus der
fortwährende Reallohnsenkungen, Sozialabbau oder die kontinuierliche Durch- widersprüchlichen Dynamik des Akkumulationsprozesses allein das Entstehen
setzung produktionstechnologischer Veränderungen begegnet werden, die die großer Krisen nicht zureichend erklären, auch wenn dieser bei der Entstehung
Arbeitsproduktivität, also den technischen Ausbeutungsgrad vergrößern. Im und Entwicklung von Krisen eine grundlegende Bedeutung zukommt. Auf der
Rahmen einer einmal durchgesetzten Regulationsweise mit ihren institutionell anderen Seite gibt es Prozesse im regulativen System – etwa die Eigendynamik
verfestigten Kräfteverhältnissen, Interessenkompromissen, Konsumstandards sozialstaatlicher Regelungen, ideologische Auseinandersetzungen oder Formen
und »Ansprüchen« ist das jedoch nicht ohne weiteres und nicht ohne größere der Parteikonkurrenz –, die, wenn nicht krisenverursachend, so doch krisenaus-
gesellschaftliche und politische Kämpfe möglich. Die allgemeine Feststellung, lösend und -verschärfend wirken können. In den großen Krisen und den damit
daß der Akkumulationsprozeß des Kapitals immer Klassenkampf ist, kann somit verbundenen ökonomischen, politischen und ideologischen Auseinandersetzun-
dergestalt konkretisiert werden, daß diese Auseinandersetzungen eben nicht nur gen verschieben sich die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse, werden soziale
auf dem Feld der Löhne und Arbeitsbedingungen, sondern auch im gesamten Kompromisse aufgekündigt und zerbricht das vorhandene institutionelle Gefü-
politischen Raum stattfinden: Es gibt keinen Politikbereich, der nicht in irgend- ge der Regulation. Auf diesem veränderten gesellschaftlichen und politischen
einer Weise auf den Akkumulationsprozeß des Kapitals bezogen wäre. Das regu- Feld entwickeln sich die Kämpfe um die Neuordnung der Gesellschaft. Ob und
lative System, das den Akkumulations- und Verwertungsprozeß des Kapitals in welcher Weise aus der Krise einer kapitalistischen Formation eine neue, wie-
trotz der ihm zugrundelegenden Antagonismen und Widersprüche überhaupt der relativ bestandsfähige hervorgeht, bleibt dabei grundsätzlich offen. Zu wel-
erst möglich macht, erweist sich somit also zugleich als Auslöser – wenn auch chem Ergebnis die neuen Kräftekonstellationen und Kämpfe führen, läßt sich
nicht auch unbedingt als Verursacher – seiner säkularen Krisen. Aus regulations- nicht vorhersagen. Sowohl der Zusammenbruch der kapitalistischen Gesell-
theoretischer Sicht läßt sich auf diese Weise sowohl die Notwendigkeit des peri- schaft als auch revolutionäre Prozesse, aber auch die Herausbildung einer neuen
odischen Auftretens als auch der allgemeine Verursachungszusammenhang der Akkumulations- und Regulationsweise sind möglich. Wenn aus der Krise der al-
großen kapitalistischen Krisen erklären. Dies bedeutet allerdings, daß die Art ten eine neue kapitalistische Formation entsteht, so ist dies insofern also tatsäch-
und Weise der Krisenentstehung, ihre konkreten Erscheinungsformen und Ver- lich eine »Fundsache«. Allerdings muß davon ausgegangen werden, daß die öko-
läufe keiner allgemeinen Gesetzmäßigkeit folgen, sondern von der jeweils beste- nomischen, sozialen und politischen Verhältnisse der krisenhaft zusammenbre-
henden Akkumulations- und Regulationsweise abhängig sind: Jede historische chenden alten einen wesentlichen Einfluß auf die Gestalt der neuen Gesellschaft
Formation des Kapitalismus hat ihre eigene Krise. haben und daß die strukturellen Formbestimmungen der kapitalistischen Ge-

62 63
sellschaft ihre Wirksamkeit auch dann behalten, wenn das bestehende institutio- kulare« gesellschaftliche Krisen werden dann Realität, wenn die bestehenden
nelle System brüchig wird. Die Herausbildung einer neuen kapitalistischen For- Lebens- und Arbeitsweisen, Institutionen, sozialen Konsense, Leitbilder und
mation geschieht in einem komplizierten Kampf- und Auseinandersetzungspro- Wertvorstellungen umfassend in Frage gestellt werden, ihre Legitimation und
zeß, an dem viele widerstreitende soziale Akteure beteiligt sind. Sie folgt daher Gültigkeit verlieren. Dieser Vorgang ist es, der vorhandene Akkumulations- und
keiner eindeutig vorformulierten »Strategie«, sondern bleibt daran gebunden, Regulationsweisen schließlich zum Zusammenbruch bringt und der die politi-
daß ihre Strukturen durch handelnde Individuen und Gruppen – Intellektuelle, schen und ideologischen Kämpfe, die institutionellen Reorganisations- und die
Gewerkschaften, Unternehmerorganisationen, Regierungen oder soziale Bewe- ideologischen Reorientierungsprozesse vorantreibt. Und dieser erst verdichtet
gungen – bewußt gestaltet und ideologisch konsolidiert werden, ein neues »he- die Krise einer Akkumulations- und Regulationsweise zu einer »hegemonialen«
gemoniales Projekt« sich entwickelt. Das regulationstheoretische Konzept er- Krise der ganzen sozialen Formation. Insofern, um noch einmal auf ein konkre-
laubt es prinzipiell, zwischen »kleinen« Krisen innerhalb einer vorhandenen Ak- tes Beispiel zu verweisen, ist es müßig, die Frage nach dem Ende oder dem Wei-
kumulations- und Regulationsweise – konjunkturellen Schwankungen, institu- terbestehen des fordistischen Nachkriegskapitalismus an einigen objektiven Da-
tionellen Reibungen und Konflikten – und den »großen« Krisen der Akkumula- ten, etwa den Wachstumsraten, dem Fortbestand tayloristischer Arbeitsorgani-
tions- und Regulationsweise selbst zu unterscheiden. Gleichwohl bleibt über al- sationsweisen oder bestimmter Formen der Staatsintervention, festzumachen.
le formationellen Krisen hinweg die kapitalistische Grundstruktur erhalten – so- Entscheidend ist vielmehr das sich allgemein durchsetzende Bewußtsein, daß das
fern sie nicht revolutionär überwunden wird oder in einem allgemeinen Zusam- bis dahin herrschende Gesellschaftsmodell ausgedient hat, seine Grundlagen
menbruch endet. Krisen sind das Vehikel, mit dem sich der Kapitalismus trotz entfallen sind und daß es keine Perspektive mehr zu bieten vermag. Diese Er-
seiner Widersprüche im Zeitablauf erhält. Gerade für die kapitalistische Gesell- kenntnis war am Ende der siebziger Jahre kapitalistischen Unternehmern, radi-
schaft gilt, daß sich alles verändern muß, damit das Alte erhalten bleibt. Das be- kalen Ökologen und linken Staatskritikern durchaus gemein. Damit wird auch
deutet auch, daß über alle historischen Brüche hinweg die grundlegenden sozia- die Bedeutung der sogenannten »neuen sozialen Bewegungen« in der Krise des
len Strukturen und Dynamiken wirksam bleiben. Die für die kapitalistische Ge- Fordismus deutlich. Gerade sie waren es, die nach der gelungenen Einbindung
sellschaft charakteristische Form des Politischen erhält sich gerade dadurch, daß der Lohnabhängigen in den fordistischen Klassenkompromiß die ideologische,
die konkrete Organisation des Staates und des politischen Systems immer wie- theoretische und praktische Kritik an diesem Gesellschaftsmodell und die Suche
der umgewälzt wird, ebenso wie das kapitalistische Klassenverhältnis dadurch nach neuen Formen der Vergesellschaftung entschieden vorangetrieben haben
stabilisiert wird, daß sich seine konkrete Struktur, die Formen seiner Institutio- (vgl. dazu Hirsch/Roth 1986, 168 ff., Roth 1994). Daß das, was sich in und durch
nalisierung und Regulation verändern. Kein sozialer Antagonismus, auch nicht die Fordismus-Krise gesellschaftlich herausbildet, mit ihren Vorstellungen nur
die grundlegenden Natur- und Geschlechterverhältnisse, verschwindet mit der wenig zu tun haben mag, daß sie also möglicherweise gegen ihren Willen zu Ge-
Krise und Neubildung der Akkumulations- und Regulationsweise: Auch sie wer- burtshelfern des »postfordistischen« Kapitalismus geworden und schließlich
den nur in neuen Formen institutionalisiert und miteinander verbunden. selbst den Krisen- und Umstrukturierungsprozessen zum Opfer gefallen sind,
Dieses komplizierte Verhältnis von Kontinuität und Bruch in der kapitalisti- die sie mit vorangetrieben haben, verweist noch einmal darauf, daß die gesell-
schen Entwicklung macht es unmöglich, Krisen und Übergänge zwischen den schaftlichen Prozesse im Kapitalismus kein steuerndes Zentrum haben, ihre
historischen Formationen dieser Gesellschaft allein an einzelnen ökonomischen Entwicklung das Produkt widersprüchlicher und gegenläufiger Handlungen ist
Merkmalen wie z.B. Wachstumsraten oder bestimmten Formen der Produkti- und daß sich die Akteure und ihre Aktionsfelder mit den gesellschaftlichen Um-
onsorganisation festzumachen. Jede Akkumulations- und Regulationsweise be- brüchen selbst radikal verändern (vgl. Esser u.a.1994, 85 ff.).
sitzt gewisse Anpassungsspielräume und verändert sich dadurch im Zeitablauf.
Ohne diese Flexibilität hätte sie selbst auf kurze Sicht keinen Bestand. Deshalb Staatensystem und internationale Regulation
ist die Unterscheidung von Krisen »in« der Regulation und Krisen »der« Regu- Auf der Ebene der einzelnen Staaten und in Abgrenzung nach außen können
lation praktisch gar nicht so einfach. Noch grundlegender gilt, daß Krisen- und sich am ehesten die auf eine institutionalisierte Einheit von Konsens und Zwang
Umbruchprozesse zwar strukturelle, vom Handeln der Betroffenen relativ unab- gestützten Regulationsweisen herausbilden, die dem kapitalistischen Akkumula-
hängige Ursachen haben, aber erst dann Wirklichkeit werden, wenn sie in deren tionsprozeß Bestand und eine relative Stabilität verleihen. Dies ist der Grund
Bewußtsein als solche wahrgenommen werden. Noch schärfer ausgedrückt: »Sä- dafür, weshalb die einzelstaatlich organisierten Gesellschaften einen wesentli-

64 65
Edited by Foxit Reader
Copyright(C) by Foxit Corporation,2005-2009
For Evaluation Only.
chen Ausgangspunkt der Kapitalismusanalyse darstellen (Lipietz 1985). Eine den. Im globalen Maßstab kann demnach von einem doppelten Verknüpfungsver-
entscheidende Veränderungsdynamik der internationalen politischen und öko- hältnis ausgegangen werden: Die Verbindung von Akkumulations- und Regula-
nomischen Beziehungen geht von den Entwicklungs- und Krisenprozessen na- tionsweise, die ein nationales »Wachstumsmodell« kennzeichnet, hängt von der
tionaler Formationen aus (Mistral 1986, 170 ff.). Weil damit die Bedeutung na- Art und Weise ab, wie diese in die internationale Arbeitsteilung eingebettet sind,
tionaler Regulationszusammenhänge und der sie charakterisierenden politischen und letztere wird wiederum selbst von der Struktur und Entwicklung der natio-
Institutionen und Prozesse besonders hervorgehoben werden, steht der Regula- nalen Formationen bestimmt. Der globale Kapitalismus ist demnach als eine
tionsansatz in einem gewissen Gegensatz zur sogenannten Weltsystemtheorie komplexe Verbindung von Prozessen auf mehreren Ebenen und mit unter-
(vgl. dazu insbesondere Wallerstein 1979) und hebt sich auch von traditionellen schiedlichen und gegensätzlichen Akteuren – Unternehmungen, Regierungen,
imperialismus- oder dependenztheoretischen Beschreibungen des globalen Ka- Verwaltungen, nichtstaatlichen Einrichtungen, internationalen Organisationen
pitalismus stark ab (vgl. Boeckh 1992). Gleichwohl bilden sich die nationalstaat- usw. – zu verstehen (Lipietz 1987, 25). Innerhalb dieses globalen Systems beste-
lichen Akkumulations- und Regulationszusammenhänge von Beginn an im Rah- hen prinzipiell, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, Spielräume für eigene
men eines kapitalistischen Weltmarkts heraus und sind in grenzüberschreitende nationale Entwicklungen (Mistral 1986, 172 ff.). Für die einzelnen Staaten »exi-
Verflechtungszusammenhänge und Austauschprozesse, ökonomische, politische stiert ein Feld möglicher Positionen, in anderen Worten: eine Reihe sich wech-
und militärische Abhängigkeiten eingebettet. Internationale ökonomische und selseitig entsprechender nationaler Regime, aber diese Positionen sind nicht von
politische Prozesse sind nicht einfach Folgen des Zusammenspiels isolierter na- vorneherein festgelegt. Die herrschenden Klassen der verschiedenen Länder
tionaler Gesellschaften, sondern weisen eigene Strukturen und Dynamiken auf, können sich auf eine ganze Reihe von ›Modellen‹ beziehen« (Lipietz 1987, 24,
die auf diese zurückwirken. Das bedeutet, daß sich das Problem des Zusammen- Übers. d. d. Verf.). Welche Strategie diese herrschenden Klassen jeweils ein-
hangs und der Verbindung von Akkumulation und Regulation sowie der Krise schlagen, hängt wiederum von ihrer Position im globalen Konkurrenzverhältnis
der kapitalistischen Formation nicht nur auf nationalstaatlicher, sondern ebenso sowie von den internen politisch-sozialen Kräfteverhältnissen und den daraus
auf internationaler Ebene stellt. Der globale Kapitalismus stellt eine komplexe resultierenden Bedingungen für den Umgang mit den beherrschten Klassen ab.
Verknüpfung gesellschaftlich-politischer Einheiten mit je eigenen, aber mitein- Daraus folgt, daß die Stellung einzelner Länder im internationalen System – der
ander in Beziehung stehenden und voneinander abhängigen Akkumulationsregi- Grad von Dominanz oder Abhängigkeit – ganz wesentlich von diesen internen
mes und Regulationsweisen dar. Wichtig ist, wie diese miteinander verknüpft Verhältnissen, den sozialen Konflikt- und Kompromißstrukturen und der Form
sind und wie sich die Dynamik der globalen Akkumulation mit der Regulation ihrer Institutionalisierung abhängt. So ist es für die ökonomischen Entwick-
des Weltmarkts und mit den einzelstaatlichen Regulationszusammenhängen lungsmöglichkeiten äußerst bedeutungsvoll, wie die »nationale« kapitalistische
verbindet. Grundsätzlich hängt die Stabilität einzelner kapitalistischer Gesell- Klasse zusammengesetzt ist – etwa ob das Industrie- oder das Finanzkapital do-
schaften davon ab, daß es gelingt, den jeweiligen Akkumulations- und Regulati- miniert oder ob mächtige konkurrierende Klassen zum Beispiel in Form von
onszusammenhang so mit den Weltmarktprozessen zu verkoppeln und in die in- agrarischen Großgrundbesitzern existieren. Und ebenso wichtig ist, wie weit
ternationale Arbeitsteilung einzugliedern, daß eine relativ störungsfreie Akku- entwickelt die Lohnarbeit ist und ob die Lohnabhängigen organisatorisch und
mulation des Kapitals und ökonomisches Wachstum innerhalb des nationalstaat- politisch stark genug sind, dem Kapital einige materielle Zugeständnisse abzu-
lichen Rahmens gewährleistet werden. Die internen ökonomischen Kreisläufe ringen. Im Gegensatz zur klassischen Imperialismus-, zur Weltsystem- oder De-
müssen so mit den Außenbeziehungen verbunden werden, daß sie einen relativ pendenztheorie begreift der Regulationsansatz das globale kapitalistische Sy-
gleichgewichtigen und expansiven Verlauf annehmen können. Voraussetzung stem also nicht als von einem Zentrum gesteuertes und in seiner Struktur raum-
dafür ist, daß das Kapital grundsätzlich nicht nationalstaatlich fixiert ist, sondern zeitlich festgeschriebenes Dominanz- und Unterordnungs- bzw. Zentrum-Peri-
von vornherein im globalen Maßstab operiert. Das Kapital ist prinzipiell inter- pherie-Verhältnis, sondern als veränderliches Netzwerk gegensätzlicher und zu-
national und steht in seiner Verwertungsdynamik in einem gewissen Gegensatz gleich miteinander verbundener national-regionaler Akkumulations- und Regu-
zu den räumlich fixierten politischen Organisationsformen. Die Durchsetzung lationszusammenhänge. Der globale Akkumulationsprozeß wird durch die kon-
einer nationalen Akkumulations- und Regulationsweise ist daher immer an die kurrierenden nationalen Formationen mit ihren spezifischen Akkumulations-
Bedingung geknüpft, daß damit im internationalen Vergleich günstige »Stand- und Regulationsweisen gestützt und in seinem konkreten Verlauf bestimmt.
ort«-, was heißt: Profitabilitäts- und Verwertungsbedingungen geschaffen wer- Gleichzeitig bleiben diese in ihrer inneren Struktur von den globalen ökonomi-

66 67
Edited by Foxit Reader
Copyright(C) by Foxit Corporation,2005-2009
For Evaluation Only.
schen Prozessen und der Möglichkeit ihrer Eingliederung in den Weltmarktzu- (vgl. dazu die Analyse der USA durch Aglietta, 1976). Maßgebend für interna-
sammenhang abhängig. Wenn man berücksichtigt, daß die internationale Positi- tionale Dominanz sind somit keineswegs allein militärische Stärke, die Größe
on einzelner Länder wesentlich von der Art und Weise abhängt, wie sie ihre Re- der Bevölkerung oder der Reichtum an natürlichen Ressourcen. Eine gewisse
gulationsweisen politisch und institutionell herausbilden, wie Klassenverhältnis- Größe des Binnenmarkts ist zwar eine ebenso wichtige Voraussetzung für eine
se festgeschrieben werden und wie sich die konkrete Struktur des Staates und international beherrschende Stellung wie ein ausreichendes militärisches Poten-
des politischen Systems entwickelt, dann wird es auch möglich, sowohl den Nie- tial. Letztlich entscheidend sind aber die inneren politischen Verhältnisse, die
dergang einstmals dominierender Metropolen (wie Großbritanniens) als auch sozialen Kräftekonstellationen und die Art ihrer Institutionalisierung, die die
Phänomene einer erfolgreichen »nachholenden Entwicklung« (wie etwa im Fal- Voraussetzung eines stabilen Akkumulations- und Regulationszusammenhangs
le Singapurs, Taiwans oder Südkoreas) zu erklären. In beiden Fällen spielen die bilden. Dem »erweiterten« Staat als Zentrum der Regulation, der Kräfteverhält-
internen sozialen und politischen Kräfteverhältnisse, die Struktur der Klassen nisse stabilisiert, soziale Kompromisse institutionalisiert und gesellschaftliche
und die Art und Weise, wie ihre Beziehungen reguliert werden, eine entschei- Konflikte reguliert, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Bekannt ist bei-
dende Rolle. spielsweise, daß die Existenz einer starken Agraroligarchie, die im Gegensatz zur
Die Entwicklung des globalen Kapitalismus ist höchst ungleichmäßig und industriekapitalistischen Bourgeoisie steht, die Herausbildung einer kohärenten
war immer schon von erheblichen internationalen Ungleichheits- und Abhän- Regulationsweise nicht gerade fördert. Deshalb hat sich die Durchsetzung von
gigkeitsverhältnissen geprägt, die sich auf längere Sicht sogar zu verstärken Landreformen vielfach als entscheidende Voraussetzung einer erfolgreichen ka-
scheinen. Diese entstehen nicht zufällig, sondern sind eine grundlegende Vor- pitalistischen Entwicklung erwiesen, wie sich bei einem Vergleich südostasiati-
aussetzung der Kapitalverwertung im Weltmaßstab, von Ausbeutung und Klas- scher und lateinamerikanischer Länder leicht zeigen läßt. Auf der anderen Seite
senspaltung. Der globale Akkumulationsprozeß ist an die Existenz unterschied- erscheinen diktatorische Regime zwar auf den ersten Blick als besonders stark,
licher und ungleicher nationaler Akkumulations- und Regulationsweisen gebun- können sich aber schließlich als Hemmschuh einer kapitalistischen Entwicklung
den und stützt sich auf die Möglichkeit, diese gegeneinander auszuspielen. Seine erweisen, wenn sie die Herausbildung der sozialen Strukturen und Institutionen
Dynamik führt deshalb dazu, daß diese Ungleichheiten – beeinflußt durch poli- verhindern, die eine friedliche Regulierung von Klassenkonflikten und das fle-
tische Prozesse auf nationaler wie internationaler Ebene – immer wieder neu xible Zustandekommen sozialer Kompromisse ermöglichen. Internationale Do-
hergestellt werden. Abhängigkeit, »Unterentwicklung« und Peripherisierung minanz ist also, insoweit sie auf einer besonderen ökonomischen Entwicklungs-
sind somit keine vorübergehenden Fehlentwicklungen, sondern ein Struktur- dynamik im Weltmarktzusammenhang beruht, ein höchst komplexes Phäno-
merkmal des globalen Kapitalismus, ohne allerdings in ihrer konkreten Ausprä- men. So ist es durchaus möglich, daß gerade die im Rahmen eines etablierten
gung ein für allemal festgeschrieben zu sein (Beaud 1987, 17 ff.). Im historischen militärisch-industriellen Komplexes ausufernden Rüstungskosten die ökonomi-
Verlauf sind solche Länder international beherrschend geworden, die politisch- sche Stellung eines international dominierenden Staates untergraben, wie an der
sozial einen starken, geschlossenen und relativ eigenständigen Akkumulations- Entwicklung der USA zu zeigen versucht wurde (Kennedy 1989). Auf der ande-
und Regulationszusammenhang entwickeln und dergestalt international verzah- ren Seite können der Reichtum an natürlichen Ressourcen und die Konzentrati-
nen konnten, daß ein selbsttragendes, stetiges und starkes wirtschaftliches on auf deren Ausbeutung im Rahmen der »internationalen Arbeitsteilung« zu
Wachstum möglich wurde. Internationale ökonomische Dominanz ist dadurch einer abhängigen Form der Weltmarktintegration führen und es schwierig ma-
gekennzeichnet, daß es gelingt, im nationalen Rahmen einen Akkumulations- chen, einen eigenständigen und kohärenten nationalen Akkumulations- und Re-
und Regulationszusammenhang zu entwickeln, der derart international ver- gulationszusammenhang zu entwickeln.
flochten ist, daß das betreffende Land für eine gewisse Zeit zum Direktionszen- Abhängigkeit läßt sich somit in ähnlicher Weise erklären wie Dominanz. Sie
trum internationaler Waren-, Geld- und Kapitalströme werden kann und in der beruht auf der Herausbildung einer Akkumulations- und Regulationsweise, die
Lage ist, technologische Vorsprünge und die Verfügung über die Schlüsselpro- gespalten und unzusammenhängend ist und damit die Entwicklung eines auf
duktionen der jeweiligen Epoche zu behaupten (Beaud 1987, 17 ff.). Dadurch längere Sicht sozial abgestützten, selbsttragenden und dynamischen Wachs-
werden diese Länder in die Lage versetzt, Produktions-, Arbeits-, Technologie- tumsmodells nicht zuläßt. Dadurch unterbleibt die Entwicklung eines Regulati-
und Konsumnormen weltweit zu bestimmen und damit die wirtschaftlichen onssystems, das einen eigenständigen Kapitalakkumulationsprozeß stützen
Ressourcen anderer Länder zur Grundlage ihrer eigenen Expansion zu machen kann, und dies führt wiederum zu sozialen Spaltungen und Konflikten, die die

68 69
Edited by Foxit Reader
Copyright(C) by Foxit Corporation,2005-2009
For Evaluation Only.
Herausbildung einer dem Akkumulationsprozeß adäquaten Regulationsweise – nicht herausbilden. Dennoch bedarf der Akkumulationsprozeß im Weltmaß-
erschweren. Die ökonomischen und sozialen Prozesse in solchen Ländern wer- stab eigener, zwischen-, neben- und überstaatlicher regulativer Mechanismen
den deshalb besonders stark durch die von den dominanten Ökonomien gesetz- zur Gewährleistung eines einigermaßen stabilen internationalen Waren-, Ar-
ten Bedingungen – Produktionstechnologien, Akkumulationsweisen, Konsum- beitskraft-, Geld- und Kapitalverkehrs. Auch im globalen Maßstab muß daher
modelle, Ressourcenbedarf usw. – bestimmt. Diese organisieren ihr Wachstum der Akkumulationsprozeß politisch-institutionell reguliert werden, was aber an-
in einem globalen Zusammenhang von Produktion und Zirkulation, dem die ab- gesichts der einzelstaatlichen politischen Verfaßtheit des Kapitalismus auf be-
hängigen Ökonomien untergeordnet eingegliedert werden (Beaud 1987, 47). sondere Schwierigkeiten stößt. Das internationale Regulationssystem besteht
Die international beherrschende Stellung eines nationalen Wachstumsmodells deshalb sehr viel stärker als die nationalen aus einer Vielzahl höchst unterschied-
erzeugt nicht nur ökonomische, sondern auch politische und kulturelle Abhän- licher und nur sehr locker miteinander verbundener Institutionen, Organisatio-
gigkeiten (Cox 1993). Untergeordnete Länder werden einem starken Konkur- nen und Gruppierungen: Regierungen und Zentralbanken, internationale Insti-
renz- und Anpassungsdruck ausgesetzt, der zur Herausbildung einer globalen tutionen wie etwa der Internationale Währungsfonds, die Welthandelsorganisa-
historischen Formation, d. h. einer gewissen Verallgemeinerung der dominanten tion (WTO) oder die Weltbank, mehr oder weniger lockere Staatenzusammen-
Akkumulations- und Regulationsmuster führen kann. Die einfache Kopie eines schlüsse wie Opec, OECD, G7 oder G10, internationale Unternehmungen und
beherrschenden Akkumulations- und Regulationsmodells ist aber angesichts un- Verbände, Gewerkschaften, Parteien u.v.a.m. Weil die Regulation der Klassen-
terschiedlicher ökonomischer Ausgangslagen, politisch-sozialer Systeme und verhältnisse indessen grundsätzlich an den nationalstaatlichen Rahmen gebun-
Kräfteverhältnisse kaum möglich. Übergreifende kapitalistische Formationen, den bleibt und zugleich die Widersprüche und Dynamiken des globalen Akku-
die über gewisse gemeinsame Grundzüge in den Akkumulations- und Regulati- mulationsprozesses permanent zu unterschiedlichen ökonomisch-sozialen Ent-
onsweisen verfügen, bleiben immmer von erheblichen nationalen Unterschie- wicklungen und zwischenstaatlichen Konflikten führt, kann ein internationales
den und voneinander abweichenden Wachstumsmodellen gekennzeichnet. Der Regulationssytem eine nur sehr beschränkte Einheitlichkeit und Dichte ent-
Fordismus, der sich unter der Vorherrschaft der USA nach dem Zweiten Welt- wickeln. Es wird noch sehr viel mehr als auf nationalstaatlicher Ebene fragmen-
krieg als global beherrschende Akkumulations- und Regulationsweise herausge- tiert und unvollständig bleiben (Robles 1992, 253 ff.). Die Bestandsfähigkeit na-
bildet hat, war zwar von einigen gemeinsamen Strukturmerkmalen und Ent- tionaler Akkumulations- und Regulationsweisen ist somit an die Existenz eines
wicklungstendenzen – z.B. tayloristische Arbeitsorganisation, Massenprodukti- internationalen Regulationszusammenhangs gebunden, der von ihrer eigenen
on und Massenkonsum, gewisse sozialstaatliche Entwicklungen – geprägt, ent- Dynamik immer wieder unterminiert wird. Dessen konkrete Gestalt – also etwa
hielt jedoch immer erhebliche nationale Unterschiede, so zwischen den nord- die für den internationalen Nachkriegs-Fordismus zentralen Institutionen des
westeuropäischen Ländern und den USA, ganz zu schweigen von den Staaten Bretton-Woods-Systems, der Internationale Währungsfonds und die Weltbank
der »Dritten Welt«, in denen die fordistischen Strukturen, wenn überhaupt, – hängt von der Art der international dominant durchgesetzten Akkumulations-
dann nur höchst unvollkommen ausgeprägt waren. Die konkrete Gestalt inter- und Regulationsweise ab und verändert sich mit dieser.
nationaler Abhängigkeits- und Konkurrenzverhältnisse hängt sehr stark vom Diese das Verhältnis von nationaler und internationaler Regulation bestim-
global herrschenden Akkumulations- und Regulationsmodus ab und verändert menden Widersprüche bewirken, daß internationale Regulationszusammenhän-
sich mit diesem. Ein Beispiel dafür ist der Übergang vom klassischen kolonialen ge bisher nur dann auf längere Dauer stabil blieben, wenn sie von einer Vor-
Imperialismus zum »Neokolonialismus«, der sich im Zuge der Durchsetzung macht garantiert wurden, wie etwa von Großbritannien unter der Herrschaft des
des von den USA beherrschten fordistischen Kapitalismus nach dem Zweiten internationalen Goldstandards bis zum Anfang dieses Jahrhunderts oder von den
Weltkrieg herausgebildet hat. Er beruht darauf, politisch formell selbständige USA mit dem Dollar als »Weltgeld« im Zeitalter des Fordismus. Eine solche
und über eigene Staatsapparate verfügende Länder dem dominierenden Akku- Hegemonie gründet sich darauf, daß das beherrschende Land nicht nur sein Ak-
mulations- und Regulationszusammenhang ein- und unterzuordnen. kumulations- und Regulationsmodell als international bestimmend durchsetzen
Da das globale kapitalistische System durch verschiedene und sich unter- und damit den globalen Akkumulations- und Regulationsmodus prägen kann,
schiedlich entwickelnde ökonomisch-soziale Räume sowie durch die Existenz sondern darüber hinaus bereit und in der Lage ist, diesen mit seinen materiellen
konkurrierender Staaten geprägt ist, kann sich ein kohärentes Regulationssy- Möglichkeiten und institutionellen Mitteln zu stützen. Dies unterscheidet eine
stem – ähnlich wie es im nationalstaatlichen Rahmen in der Regel vorhanden ist bloße Machtstellung von einer hegemonialen Position. Deren Aufrechterhal-

70 71
tung schließt immer die Notwendigkeit ein, auf kurzfristige Vorteile zugunsten in der Regel nicht deshalb erfolgreich, weil sie das dominierende Wachstums-
der längerfristigen Stabilität der bestehenden internationalen Regulationsweise modell einfach kopieren, sondern weil es deren interne politisch-soziale Struk-
und der damit verbundenen Weltmarktbeziehungen zu verzichten. Die Anwen- turen erlauben, eigene und effektivere Alternativen zu entwickeln. So konnte
dung einfacher militärischer und ökonomischer Macht reicht grundsätzlich man in der Nachkriegszeit in gewissem Sinne von einem eigenen »europäi-
nicht aus, um die Bestandsfähigkeit des internationalen Akkumulations- und Re- schen« und »japanischen« Modell des Fordismus in Konkurrenz zum US-ame-
gulationsmodus zu gewährleisten. Diese bleibt vielmehr an die Möglichkeit zur rikanischen sprechen (vgl. Boyer 1992, McGrew u.a. 1992, 174 ff.). Die Krise ei-
Herausbildung von internationalen Ausgleichs- und Kompromißverhältnissen ner globalen kapitalistischen Formation wie etwa die des Fordismus seit den
gebunden, die im Prinzip auch den untergeordneten und abhängigen Ländern siebziger Jahren kann somit als ein sich auf nationaler und internationaler Ebene
eine Wachstums- und Entwicklungschance einräumen (Mistral 1986, 180). Daß wechselseitig bedingendes und verstärkendes Entkoppeln von Akkumulationsre-
auch die Übernahme derartiger hegemonialer Positionen keine willkürliche gimes und Regulationssystemen betrachtet werden, das zu einem Zusammen-
Entscheidung ist, sondern selbst wieder auf internationalen politischen Zwän- bruch der bestehenden hegemonialen Strukturen nicht nur auf nationaler, son-
gen beruhen kann, wird an der Stellung der Vereinigten Staaten in der Mitte dern auch auf internationaler Ebene führt. Die Folgen sind nicht nur ein welt-
dieses Jahrhunderts deutlich. Diese beruhte in entscheidendem Maße auf dem weites Stocken von Kapitalakkumulation und Wachstum sowie sich verstärkende
Konflikt mit der Sowjetunion. Dadurch mußten sich die herrschenden Klassen internationale ökonomische und politische Konflikte, sondern auch eine Krise
Westeuropas und Japans unter den militärischen Schutz der westlichen Vor- der Institutionen in nationalem wie internationalem Maßstab. Eine kapitalisti-
macht stellen, und gleichzeitig waren sie unter dem Diktat der Systemkonkur- sche »Lösung« säkularer Krisen setzt daher nicht nur eine Reorganisation der
renz zu einer Politik gezwungen, die auf eine gleichmäßige und sozial integrati- nationalen Akkumulations- und Regulationszusammenhänge voraus, sondern
ve Entwicklung ihrer Einflußsphäre gerichtet war. Unter dem Blickwinkel der bleibt auch daran gebunden, daß eine funktionierende internationale Regulation
internationalen Regulation lassen sich die Aussagen über den kapitalistischen wiederhergestellt werden kann. Bisher muß noch als offen gelten, ob dies ohne
Krisenprozeß ergänzen und präzisieren. Die »säkularen«, in längeren Abständen die Herausbildung einer neuen hegemonialen, den internationalen Regulations-
auftretenden Weltwirtschaftskrisen dürfen weder als zufällige Addition nationa- zusammenhang garantierenden Macht überhaupt möglich ist. Eine Konsequenz
ler Krisenprozesse noch als unmittelbarer Ausdruck einer allgemeinen Krisen- daraus ist jedenfalls, daß kapitalistische Krisenlösungsstrategien auf nationaler
haftigkeit des globalen Akkumulationsprozesses verstanden werden. Vielmehr Ebene prinzipiell zu kurz greifen.
handelt es sich um sich wechselseitig bedingende und verstärkende Störungen,
die aus den unterschiedlichen Strukturen und Dynamiken nationaler wie inter-
nationaler Akkumulations- und Regulationszusammenhänge und der Art und
Weise ihrer Verkoppelung resultieren. Dies erklärt, weshalb auch die großen ka-
pitalistischen Krisen die einzelnen Länder höchst unterschiedlich und oft zeit-
lich verschoben treffen, manchmal sogar weitgehend unberührt lassen können.
Wie oben beschrieben wurde, kann die Krise einer nationalen kapitalistischen
Formation etwas vereinfacht damit erklärt werden, daß die Dynamik des Akku-
mulationsprozesses im Rahmen eines Akkumulationsregimes mit dem existie-
renden Regulationssystem in Konflikt und dadurch der Kapitalverwertungspro-
zeß strukturell ins Stocken gerät. Je mehr nun ein Akkumulations- und Regula-
tionsmodus sich unter der Hegemonie eines Landes global durchsetzt, desto
übergreifender und umfassender werden die in ihm angelegten Krisentendenzen
zum Ausdruck kommen. Gleichzeitig weist das internationale regulative System
eigene und sehr vielfältige Instabilitätsmomente auf. Zum Beispiel kann die Po-
sition der Macht, die seinen Bestand und Zusammenhalt »hegemonial« garan-
tiert, durch das Auftreten starker Konkurrenten untergraben werden. Diese sind

72 73
II. Die Krise des Fordismus und ihre Folgen

1. Fordismus: Der Kapitalismus des 20. Jahrhunderts


Mit »Fordismus« wird die historische Gestalt des Kapitalismus bezeichnet, die
seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die siebziger Jahre dieses Jahrhun-
derts hinein für die globalen gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen
Verhältnisse – nicht nur im kapitalistischen Teil der Welt – bestimmend war. An
seinem Beginn stehen die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre und die dar-
auffolgenden katastrophischen Umbrüche: der europäische Faschismus, die Na-
zi-Herrschaft in Deutschland und schließlich der Zweite Weltkrieg. Zu seinem
Entstehungszusammenhang gehören aber auch die russische Oktoberrevoluti-
on, die Errichtung des »sozialistischen Lagers« und der damit verbundene Ost-
West-Konflikt. Durch diese Ereignisse wurden die gesellschaftlichen Struktu-
ren, die sozialen Kräfteverhältnisse und die politischen Systeme in weiten Teilen
der Welt grundlegend verändert. Die Umwälzungen, die auf die Weltwirt-
schaftskrise der dreißiger Jahre folgten, schufen die politischen und sozialen Be-
dingungen dafür, daß sich die neue, »fordistische« Formation des Kapitalismus
in langen und oftmals blutigen Kämpfen durchsetzen konnte.
Der Fordismus war mit der internationalen Vorherrschaft der USA verbun-
den, die aus den beiden Weltkriegen nicht nur als beherrschende Militärmacht
hervorgegangen war, sondern mit ihrer zuerst etablierten neuen Akkumulations-
und Regulationsweise über ein überlegenes und höchst expansives Gesellschafts-
und Wirtschaftsmodell verfügte. Es war also nicht allein die militärische Überle-
genheit, sondern viel mehr noch die ökonomische und gesellschaftliche Struk-
tur, die die international beherrschende Stellung der Vereinigten Staaten be-
gründete. Ihre hegemoniale Position erwuchs daraus, daß sie nach dem Ende des
Zweiten Weltkriegs und angesichts des beginnenden Kalten Krieges mit der So-
wjetunion bestrebt waren, zwecks Sicherung ihres militärischen Machtbereiches
und ihres ökonomischen Umfeldes den zusammengebrochenen Weltmarkt neu
zu organisieren und der kapitalistischen Gesellschaftsordnung weltweit eine ma-
terielle Legitimation und eine Entwicklungsperspektive zu verleihen. Die Ent-
stehung des »globalen« Fordismus war also wesentlich der internationalen Kräf-
tekonstellation nach der russischen Oktoberrevolution geschuldet.
Neben der militärischen und ökonomischen schloß dies die politische und
kulturelle Dominanz der Vereinigten Staaten ein. Sie wurden nicht nur zum

75
wirtschaftlichen und politischen Vorbild, sondern prägten auch maßgeblich und ten »inneren Landnahme« (Lutz 1984) angetreten. Der ökonomische Prozeß
weltweit die gesellschaftlichen Wertorientierungen, Lebensweisen und kulturel- konzentrierte sich unter den Bedingungen des neuen, »intensiven« Akkumulati-
len Muster. Global struktur- und entwicklungsbestimmend wurden nicht nur die onsmodells auf die Erschließung des Binnenmarkts, was auch bedeutete, daß die
Fließbänder der Detroiter Automobilindustrie und die High-Tech-Waffen- gesellschaftlichen Verhältnisse mehr und mehr kommerzialisiert, also geld- und
schmieden Kaliforniens, sondern ebenso die Eigentümlichkeiten des amerikani- tauschförmig organisiert wurden. Diese Durchkapitalisierung der Gesellschaft
schen »way of life«, präsentiert von den Filmfabriken Hollywoods. Auf diese beinhaltete eine starke Ausweitung der Lohnarbeit. Persönliche Dienstleistun-
Weise wurde das zwanzigste tatsächlich zum »amerikanischen« Jahrhundert. gen wurden durch industriell produzierte Waren oder kommerzialisierte Dien-
Die Bezeichnung dieser historischen Periode des Kapitalismus als »fordi- ste ersetzt. Erst jetzt wurde die kapitalistische Gesellschaft überwiegend zu einer
stisch« geht auf die Einführung der tayloristischen Massenproduktion in Henry Gesellschaft von Lohnabhängigen. Mit der Auflösung vorkapitalistischer Pro-
Fords Automobilwerken zurück. Dies revolutionierte nicht nur die kapitalisti- duktionsweisen veränderten sich auch die Familienstrukturen grundlegend: Die
sche Arbeitsorganisation und die gesamtwirtschaftlichen Prozesse, sondern auch auf Warenkonsum und Arbeitskraftreproduktion beschränkte Kleinfamilie ent-
Klassenstrukturen, Wertvorstellungen und Lebensweisen. Das Automobil als wickelte sich in den kapitalistischen Metropolen zur allgemeinen und klassen-
Massenkonsumgut kann gewissermaßen als Schlüsselprodukt dieser Epoche gel- übergreifend herrschenden Beziehungs- und Lebensform.
ten. Die soziale, ökonomische und politische Struktur des Fordismus weist trotz Zugleich wurde die Klasse der Lohnabhängigen tiefgreifend umgeschichtet
aller regionalen und nationalen Unterschiede einige Gemeinsamkeiten auf, die und neu zusammengesetzt. Die Einführung des Taylorismus hatte eine Ent-
hier nur ganz allgemein und auf die wichtigsten Grundzüge beschränkt skizziert machtung der noch handwerklich ausgebildeten und über eine umfassende
werden können (vgl. dazu ausführlicher Hirsch/Roth 1986 sowie Hirsch 1990): Kenntnis der Produktionsabläufe verfügenden qualifizierten Arbeiter bedeutet.
Das neue, auf tayloristische Arbeitsprozesse und die Massenproduktion stan- Erst dadurch konnte das Kapital die Arbeitsprozesse seiner Kontrolle völlig un-
dardisierter Konsumgüter gestützte Akkumulationsregime enthielt zunächst er- terwerfen, und erst dies wiederum schuf das enorme Produktivitätspotential der
hebliche Produktivitätsreserven und ermöglichte ein relativ starkes und bestän- neuen Akkumulationsweise.
diges ökonomisches Wachstum. Damit war eine Voraussetzung für beträchtliche Der Anteil der weniger qualifizierten, nicht zuletzt weiblichen »Massenar-
Lohnsteigerungen als Grundlage des sich entwickelnden Massenkonsums ge- beiterInnen« in der industriellen Produktion dehnte sich aus, und der wachsen-
schaffen. Die hohen Produktivitätsfortschritte machten zum erstenmal in der de Arbeitskräftebedarf führte nicht nur zu einer zunehmenden Einbeziehung
Geschichte des Kapitalismus die andauernde Steigerung der Lohneinkommen von Frauen in den kapitalistischen Produktionsprozeß, sondern war auch
und einen gewissen Massenwohlstand nicht nur mit der Rentabilität des Kapitals Grundlage großer Wanderungsbewegungen und einer starken Arbeitsemigrati-
vereinbar, sondern bildeten sogar ihre Grundlage. Der »Traum immerwähren- on aus der industriellen Peripherie sowohl von innerhalb wie außerhalb der na-
der Prosperität« (Lutz 1984) und vom allmählichen Ausgleich der Klassenunter- tionalen Grenzen. Durchkapitalisierung, Industrialisierung und Massenarbeit
schiede schien Wirklichkeit zu werden. Der Konsum der Lohnabhängigen schuf hatten schließlich eine erhebliche Nivellierung und Standardisierung der Ar-
neue Absatzmärkte und Kapitalanlagemöglichkeiten. In ökonomischen Begrif- beitsverhältnisse zur Folge. Relative gesellschaftliche Gleichheit in einer umfas-
fen ausgedrückt, wurde die Reproduktion der Arbeiterklasse, d. h. ihr immer senden »Arbeitnehmergesellschaft« schien Wirklichkeit zu werden.
mehr in Warenform stattfindender Konsum, zu einem unmittelbaren Bestand- Die Durchsetzung des fordistischen Akkumulationsregimes führte nicht nur
teil der Kapitalverwertung. Der Fordismus bedeutete insofern auch eine ent- dazu, daß die Eingliederung in das Lohnverhälntis und damit die direkte Abhän-
scheidende Etappe bei der vollen historischen Durchsetzung des Kapitalismus. gigkeit vom Kapitalverwertungsprozeß zum Massenschicksal und damit die so-
Jetzt erst wurde die Gesellschaft in allen ihren wesentlichen Bereichen dem Ka- zialen Lagen gleichförmiger und standardisierter wurden, sondern brachten –
pitalverhältnis unterworfen. durch die Ausdehnung industrieller Frauenlohnarbeit und Kleinfamiliarisierung
Die Folge davon war eine tiefgehende Umwälzung der gesellschaftlichen – auch weitreichende Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen und in
Strukturen, der sozialen Beziehungen und der Lebensverhältnisse. Hauswirt- den Geschlechterrollen mit sich. Eine entscheidende Grundlage von Industriali-
schaftliche, kleinbäuerliche und handwerkliche Produktionsweisen konnten der sierung, Durchkapitalisierung, Wachstum und Massenkonsum war schließlich
industrialisierten Massenproduktion immer weniger standhalten und gingen die ungehemmte Ausnutzung natürlicher Ressourcen. Schrankenlose Naturaus-
nach und nach unter. Das Kapital war, wenn man so will, zu einer großangeleg- beutung – beispielhaft der Zusammenhang von Automobilisierung, Ölverbrauch

76 77
und Luftverschmutzung – ist mit dem fordistischen Akkumulationsregime un- politik gerichteten politischen Apparaturen. Sie lösten die traditionellen, welt-
trennbar verbunden. anschaulich und klassenmäßig ausgerichteten »bürgerlichen« und kommuni-
Auch wenn der Taylorismus ein zentrales, die Formen der Arbeitsorganisati- stisch-sozialistischen Parteien allmählich ab. Mit dem Fordismus begann auch
on, die Klassenverhältnisse und Lebensweisen prägendes Merkmal des fordisti- die Ära der im weitesten Sinne »sozialdemokratisch« orientierten Reformpartei-
schen Akkumulationsregimes darstellt, so blieb seine Durchsetzung ungleich- en, die es sich zum Ziel setzten, mittels einer systematischen Wachstums-, Kon-
mäßig und unvollkommen. Nicht nur existierten erhebliche Unterschiede zwi- junktur- und Sozialpolitik eine allmähliche Verbesserung der Lebensverhältnisse
schen den verschiedenen Ländern, sondern wichtige Sektoren der gesellschaftli- breiter Schichten und damit eine strukturelle Milderung kapitalistischer Risiken,
chen Produktion wie etwa der Maschinenbau oder Teile des Dienstleistungsbe- Abhängigkeiten und Ungleichheiten durchzusetzen.
reichs blieben, da auf der Basis der vorhandenen Technologien nicht taylori- Die fordistische Regulationsweise beruhte entscheidend auf der Existenz von
stisch rationalisierbar, davon zunächst ausgenommen. Dies sollte sich mit der umfassenden gesellschaftlichen Großorganisationen, einem in weite gesell-
Zeit als wichtige Barriere des Produktivitätsfortschritts erweisen. schaftliche Bereiche intervenierenden Staat, bürokratischen Massenparteien,
Das fordistische Akkumulationsregime konnte sich nur deshalb erfolgreich Gewerkschaften, Unternehmer-, Bauern-, Ärzte- und sonstigen Interessenver-
durchsetzen, weil die Formen gesellschaftlich-ökonomischer Regulation grundle- bänden, die den Anspruch erhoben, die kapitalistischen Marktprozesse ebenso
gend umgestaltet wurden. Das Verschwinden traditioneller Produktions- und wie die gesellschaftlichen Strukturen und Entwicklungen durch zentralisierte
Lebensweisen, die Verallgemeinerung des Lohnverhältnisses und die Verände- Verhandlungssysteme politisch zu steuern. Die Legitimation dieses politischen
rung der Familienformen brachte massenhafte soziale Risiken – etwa bei Krank- Systems beruhte wesentlich auf seiner Fähigkeit, auf der Grundlage eines be-
heit, Arbeitslosigkeit und Alter – mit sich, die kollektive soziale Schutzmaßnah- ständigen wirtschaftlichen Wachstums materielle Verteilungspolitiken zugun-
men immer notwendiger machten. Die Einführung sozialstaatlicher Sicherun- sten fast aller gesellschaftlicher Schichten zu betreiben. Man bezeichnet diese
gen war nicht nur erforderlich, um die Arbeitskräfte physisch zu erhalten, son- Regulationsweise deshalb auch als »monopolistisch«. Charakteristisch für sie ist
dern bildete auch ein wichtiges Mittel zur Stabilisierung des Massenkonsums. ein hoher Grad an zentralisierter Normierung und Steuerung, eine fortschrei-
Auf der Basis verallgemeinerter und standardisierter Lohnarbeitsverhältnisse tende »Durchstaatlichung« vieler Lebensbereiche und ein erhebliches Maß an
konnten sich starke und übergreifende Gewerkschaften herausbilden, denen un- bürokratischer, partei- und verbandsmäßiger Kontrolle der Lebensweisen, des
ter den Bedingungen einer enorm wachsenden Wirtschaft gewisse Spielräume politischem Verhaltens, der Interessenartikulation und der Interessendurchset-
zur Verbesserung der Einkommens- und Arbeitsbedingungen zur Verfügung zung. Der fordistische Staat ist »Sicherheitsstaat« im doppelten Sinne des Wor-
standen. »Sozialpartnerschaftliche« und »korporative«, das heißt Gewerkschaf- tes: als »Wohlfahrts«- und als »bürokratischer Kontroll- und Überwachungs-
ten, Unternehmerverbände und den Staat umfassende kollektive Verhandlungs- staat« (vgl. dazu Hirsch 1986).
systeme setzten sich mehr und mehr durch und wurden zu einer wichtigen Es wäre falsch anzunehmen, die Durchsetzung des fordistischen Akkumula-
Grundlage für die Steuerung des Wirtschaftsablaufs. Die fordistische Regulati- tionsregimes hätte diese Form der »monopolistischen« Regulation und des
onsweise beinhaltete damit eine zentralisierte und staatlich vermittelte Institu- »keynesianischen Staates« sozusagen automatisch nach sich gezogen. Vielmehr
tionalisierung des kapitalistischen Klassengegensatzes. Während so zentralisier- mußten sozialstaatliche Errungenschaften, gewerkschaftliche Organisations-
te sozialpartnerschaftliche Aushandlungsprozesse zu einem wichtigen Bestand- und Verhandlungsmacht und »volksparteiliche« Reformpolitik in harten ökono-
teil der Regulation wurden, dehnte sich die soziale und ökonomische Interventi- mischen, sozialen und politischen Kämpfen durchgesetzt werden, und erst diese
onstätigkeit des Staates aus: Sozial-, Wachstums-, Forschungs-, Industrie- und allmähliche Etablierung fordistischer Regulationsformen schuf die Vorausset-
Konjunkturpolitik, Unterstützungszahlungen und Subventionen sowie die An- zung dafür, daß das entsprechende Akkumulationsregime bestands- und trag-
wendung eines immer weiter ausgebauten gesamtwirtschaftlichen Steuerungsin- fähig wurde. Die große Krise der dreißiger Jahre läßt sich darauf zurückführen,
strumentariums – vor allem im Bereich der Geld- und Fiskalpolitik – wurden daß die in Teilen der Wirtschaft bereits in den zwanziger Jahren durchgesetzten
zum Merkmal des sich nun herausbildenden »keynesianischen« Staates. Diese tayloristischen Formen der Produktions- und Arbeitsorganisation noch nicht
Entwicklung wurde durch die sich herausbildenden »Massen«- oder »Volkspar- mit einer ihnen entsprechenden, vor allem den Massenkonsum stabilisierenden
teien« gestützt, d. h. von ideologisch eher diffusen und ihrem eigenen Anspruch Regulationsweise verbunden waren. Dies wurde erst allmählich durch den ame-
nach »klassenübergreifenden«, bürokratischen und auf materielle Verteilungs- rikanischen »New Deal« und den »Wohlfahrtsstaat« nordwesteuropäischen

78 79
Typs nachgeholt und hatte die gesellschaftlichen Zerrüttungen durch den Zwei- system und den Staat. Da die quasi automatische Geldmengenregulierung durch
ten Weltkrieg, aber vor allem den Kalten Krieg zur Grundlage. Von Anfang an den Goldstandard wegfiel, gingen die Aufgabe der Festsetzung von Währungs-
bildete eine gigantische Rüstungsproduktion den entscheidenden Eckpfeiler des paritäten, die Bestimmung von Konvertibilitätsregeln und die Kontrolle des
neuen Akkumulationsregimes. Die Systemkonkurrenz mit dem »sozialistischen Kreditschöpfungsspielraums der Banken an die einzelnen Staaten bzw. die Zen-
Lager« zwang die herrschenden Klassen der entwickelten kapitalistischen Län- tralbanken über. Das schuf wesentliche Voraussetzungen für eine eigenständige,
der jedoch zu sozialen Zugeständnissen, die sich als weiterer Mechanismus zur »nationale« Wirtschafts- und Sozialpolitik. »Niemals zuvor war der Raum des
Stabilisierung des neuen und zunächst höchst profitablen Akkumulationsregi- Kapitals so eng mit dem nationalen Institutionensystem, charakterisiert durch
mes erwiesen. Auch der Fordismus ist also ein Produkt höchst unterschiedlicher die Gültigkeit des rechtlich geregelten Kreditgeldes und wohlfahrtsstaatlicher
und gegensätzlicher Interessen und Strategien. Und er ist in entscheidendem Einkommensumverteilung, zusammengefallen« (Lipietz 1994, 38). Das Kredit-
Maße ein Produkt des Kalten Krieges. Die fordistische Ära war schließlich durch geldsystem war insofern eine entscheidende Grundlage der fordistischen Akku-
einen tiefgreifenden Wandel der gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Ver- mulations- und Regulationsweise, als damit auch erst die Voraussetzungen für
haltensorientierungen gekennzeichnet. Nicht nur bildete der Antikommunis- inflationsträchtige monopolitische Preisbildungsprozesse, »sozialpartnerschaft-
mus einen wichtigen ideologischen Kitt des fordistischen Gesellschaftsmodells. liche« Tarifpolitik sowie eine oftmals in hohem Maße schuldenfinanzierte Aus-
Allgemein verbreitet war der Glaube an einen unendlichen Fortschritt im Sinne dehnung des Massenkonsums und der sozialen Sicherungssysteme möglich wur-
des materiellen Warenreichtums, an die politische Machbarkeit aller gesell- de (Guttmann 1994).
schaftlichen Verhältnisse, an die Wohltaten der technischen Entwicklung, an Unter den Bedingungen dieser »Nationalisierung« der ökonomischen Pro-
fortschreitende gesellschaftliche Gleichheit und das Vertrauen in eine staats- zesse bedurfte es ganz neuer Formen der internationalen Regulation, um den in
bürokratisch garantierte soziale Sicherheit. Gesellschaftliche Solidarität und die der Krise der dreißiger Jahre zusammengebrochenen Welthandel neu zu bele-
Eindämmung des Klassenkonflikts schienen durch den Ausbau bürokratischer ben und der Kapitalakkumulation im Weltmarktrahmen wieder eine sichere Ba-
Regulierungsmechanismen und Vorsorgesysteme verwirklichbar zu sein. Ein sis zu verleihen. Vor allem die USA waren daran interessiert, um ihre eigene
etatistischer Reformismus, die Vorstellung von einer positiven Veränderbarkeit ökonomischen Expansion zu gewährleisten und um ihre globale Einflußsphäre
der Gesellschaft mit Hilfe von Wahlen, Parteien und Staat, wurde beherrschend. zu stabilisieren. Der auf der Grundlage der Abkommen von Bretton Woods ge-
Das hegemoniale Projekt des Fordismus beruht auf der Durchsetzung dieser schaffene Internationale Währungsfonds (IWF) wurde, zusammen mit der
neuen Vorstellungen von Ordnung und Entwicklung der Gesellschaft. Seine Weltbank, zur Grundlage eines Systems fester, die nationalen Währungen in be-
Spuren lassen sich bis in die Bereiche der Ästhetik hinein verfolgen, zum Bei- stimmten Austauschrelationen festschreibender Wechselkurse, indem er im Fal-
spiel in der seriellen Kunst, Pop-Art, »neuer Sachlichkeit«, dem Funktionalis- le vorübergehender Zahlungsbilanzdefizite Kredite an die einzelnen Staaten ge-
mus in Städtebau und Architektur. Der Fordismus war die gesellschaftliche und währen konnte. Die Weltbank sollte die ökonomische Entwicklung zurückge-
ökonomische Grundlage der »Moderne«, und sie mußte deshalb in all ihren bliebener Länder durch entsprechende Kredite unterstützen. Mit dem GATT
Aspekten fragwürdig werden, als dieser in die Krise geriet. (General Agreement on Tarifs and Trade) wurde schließlich eine Einrichtung
Die volle, die Struktur des Kapitalismus im globalen Maßstab bestimmende geschaffen, die auf dieser Grundlage einen allmählichen Abbau protektionisti-
Durchsetzung des Fordismus war an die Herausbildung eines internationalen scher Zoll- und Handelsschranken ermöglichen sollte. Die Vereinigten Staaten
Regulationssystems geknüpft, in der den Nationalstaaten eine besondere Bedeu- erklärten sich bereit, das System der internationalen Geld- und Kreditregulation
tung zukam. In der Krise der dreißiger Jahre war der internationale Goldstan- mit ihrem wirtschaftlichen Potential zu stützen. Der US-Dollar, der als einzige
dard zusammengebrochen, der die nationalen Währungen an die jeweils verfüg- Währung zunächst noch in bestimmtem Umfang an das Gold gebunden blieb,
baren Goldreserven gebunden hatte und den einzelnen Staaten nur geringe wurde damit faktisch zum Weltgeld. Die internationalen Liquiditätsengpässe,
wirtschaftspolitische Spielräume ließ (Polanyi 1990). Das am Ende des Zweiten die durch den strukturellen Außenhandelsüberschuß der Vereinigten Staaten in
Weltkrieges mit den Abkommen von Bretton Woods geschaffene, vom Zwang den Nachkriegsjahren verursacht wurde, konnten damit bis zu einem gewissen
der Golddeckung befreite internationale Kreditgeldsystem ermöglichte eine im Grade ausgeglichen werden, und dies schuf eine sichere Grundlage für beständi-
jeweiligen nationalstaatlichen Rahmen autonome, von externen Zwängen ge und hohe amerikanische Kapitalexporte. Diesem internationalen Regulati-
zunächst einmal relativ unabhängige Geldschöpfung durch das private Banken- onssystem lag die Vorstellung zugrunde, unter der Führung der USA eine relativ

80 81
gleichgewichtige Entwicklung der kapitalistischen Welt zu gewährleisten und Stellung als »Frontstaaten« im Kalten Krieg, die hohe amerikanische Wirt-
durch einen zunehmend liberalisierten Welthandel dem globalen Akkumula- schaftshilfen nach sich zog, aber auch ihre besonderen politisch-sozialen Struk-
tionsprozeß eine neue, stabile Grundlage zu verschaffen. Die amerikanischen turen, beispielsweise das Fehlen einer Grundbesitzeroligarchie als Folge durch-
Kapitalexporte in Form von Direktinvestitionen führten dazu, daß sich die fordi- geführter Bodenreformen, ein besseres Ausbildungssystem und eine starke, von
stische Akkumulationsweise schnell ausbreiten konnte. Die neue Form der inter- den gesellschaftlichen Klassen relativ unabhängige Position der Staatsapparate.
nationalen Kreditgeldsteuerung ermöglichte die Durchsetzung entsprechender Viele Länder, besonders in Afrika, blieben allerdings von dieser Entwicklung
nationaler Regulationszusammenhänge. Damit konnte sich ein globaler Akku- weitgehend unberührt und behielten – wenn überhaupt – im Rahmen der »in-
mulationsprozeß etablieren, der zugleich in relativ hohem Maße nationalstaat- ternationalen Arbeitsteilung« die Position einfacher Rohstofflieferanten. Wenn
lich und durch nationalstaatliche politische Übereinkünfte und Institutionen re- also von einem »peripheren Fordismus« (Lipietz) gesprochen werden kann,
guliert blieb. Dadurch wies der globale Fordismus eine Reihe allgemeiner Struk- dann nur insofern, als die ökonomische und soziale Entwicklung der kapitalisti-
turmerkmale und Entwicklungstendenzen auf. Unter der Wirksamkeit der spe- schen Peripherie sehr stark von der Durchsetzung der fordistischen Akkumulati-
zifischen nationalen Akkumulations- und Regulationsweisen konnten sich aber ons- und Regulationsweise in den Zentren bestimmt wurde. Noch weniger als in
auf einzelstaatlicher Ebene durchaus unterschiedliche »Wachstumsmodelle« diesen kam es aber zur Herausbildung relativ einheitlicher sozialer, ökonomi-
herausbilden. Die sozialstaatliche Entwicklung und der planmäßige Staatsinter- scher und politischer Verhältnisse.
ventionismus waren in Westeuropa unter den dort herrschenden gesellschaftli- Der »globale Fordismus« blieb also gerade wegen seiner ökonomisch-sozia-
chen Kräfteverhältnissen sehr viel stärker ausgeprägt als in den USA. Davon hob len Struktur und wegen der Eigenart seiner internationalen Regulation durch
sich das durch hoch entwickelte und fest installierte korporative Strukturen ge- erhebliche Unterschiede in den nationalen Entwicklungs- und Wachstumsmo-
kennzeichnete »Modell Deutschland« noch einmal besonders ab. Ebenso konn- dellen bestimmt. Dies ließ es auch zu, daß sich in einigen Ländern – insbesonde-
te sich in Japan ein relativ eigenständiges »fordistisches« Akkumulations- und re in Westeuropa und Japan – eigene fordistische Akkumulations- und Regulati-
Regulationsmodell entwickeln. Die USA wiesen infolge ihrer ökonomisch be- onsweisen herausbilden und so erfolgreich werden konnten, daß sie schließlich
herrschenden Position einen insgesamt sehr viel geringeren Grad an korporativ die ökonomische Dominanz und die politische Hegemonie der USA in Frage
und staatlich vermittelter Regulierung der wirtschaftlichen und gesellschaftli- stellten und damit auch die Grundlage der fordistischen internationalen Regula-
chen Prozesse auf. Vor allem fand hier eine weltmarktorientierte staatliche Indu- tion untergruben. Nicht zuletzt diese Entwicklung war es, die schließlich zur
striepolitik außerhalb des militärisch-industriellen Komplexes praktisch über- Krise des Fordismus führte.
haupt nicht statt. Noch größer waren die Unterschiede in der kapitalistischen
Peripherie. Einige lateinamerikanische Länder versuchten, im Rahmen einer
protektionistischen »Importsubstitutionspolitik« eine Entwicklungsstrategie 2. Von der Krise des Fordismus zur globalen
einzuschlagen, die im wesentlichen auf eine Kopie des fordistischen Akkumula- Restrukturierung des Kapitalismus
tions- und Regulationsmodells hinauslief. Infolge des starken Wachstums in den Die Krise des fordistischen Kapitalismus, deren erste Anzeichen sich Ende der
Zentren mit dem entsprechenden Bedarf an Rohstoffen und einfachen Indu- sechziger Jahre bemerkbar machten und die Mitte der siebziger Jahre offen aus-
strieerzeugnissen erschien dies zunächst als aussichtsreich, blieb aber besonders brach, kann nicht auf einen einfachen Verursachungszusammenhang zurückge-
aufgrund ihrer inneren gesellschaftlichen Strukturen insgesamt wenig erfolg- führt werden. Sie muß mit den komplexen ökonomischen, gesellschaftlichen
reich (Hirsch 1993). Vor allem in einigen südostasiatischen Regionen bildete und politischen Dynamiken erklärt werden, die in die Struktur dieser Akkumu-
sich ein »blutiger Taylorismus« (Lipietz 1987, 69 ff.) heraus, bei dem sich taylo- lations- und Regulationsweise sowohl auf nationaler wie auch auf internationaler
ristische Massenproduktion mit extremer Arbeitskraftausbeutung und dem weit- Ebene eingelassen sind. Es war eine ganze Reihe voneinander relativ unabhängi-
gehenden Fehlen sozialstaatlicher Regulation verband. Dennoch entwickelten ger Prozesse, die sich zu einer Krise der gesamten Formation verdichteten. Da-
sich in den sogenannten »Tigerstaaten« Akkumulations- und Regulationsmo- bei ist vor allem der Zusammenhang und die wechselseitige Verstärkung von kri-
delle heraus, die ungeachtet wichtiger Differenzen – insbesondere was demokra- senträchtigen Entwicklungen auf nationalstaatlicher und internationaler Ebene
tische und sozialstaatliche Strukturen angeht – sich eher den Verhältnissen in von Bedeutung. Sie führten zu einem tendenziellen Stocken der Kapitalakkumu-
den kapitalistischen Zentren anglichen. Maßgebend dafür waren einerseits ihre lation, zunehmenden internationalen Ungleichheiten und Konflikten und mün-

82 83
deten in eine Krise der politischen Institutionen auf nationaler wie auf interna- Deutschland, deren ökonomische Stabilität schon immer auf einem starken Ex-
tionaler Ebene. Im Kern wurde die Krise des Fordismus durch einen strukturel- portsektor und anhaltenden Außenhandelsüberschüssen beruht hatte. Zugleich
len Rückgang der Kapitalrentabilität in allen kapitalistischen Metropolen verur- entstanden aus der kreditfinanzierten Schuldenexpansion wachsende inflationä-
sacht (Lipietz 1987, 29 ff., Hirsch/Roth 1986, 78 ff., Marglin/Schor 1991). Dies re Tendenzen. Die internationalen Handels- und Kapitalströme gerieten immer
war die Folge eines – wenn auch branchenmäßig und länderweise unterschied- mehr aus dem Gleichgewicht, und der auf den Institutionen des Bretton-
lich – starken Rückgangs der Profitrate, der aber nicht allein unter Rückgriff auf Woods-Systems beruhende internationale Regulationsmodus kam ins Wanken
eine allgemeine Kapitalgesetzlichkeit, sondern nur unter Berücksichtigung der (Guttmann 1994).
ökonomischen und politischen Gesamtstruktur dieser Gesellschaftsformation Dessen schließlicher Zusammenbruch hing wesentlich damit zusammen, daß
zureichend erklärt werden kann. Grundlegend dafür war, daß sich die im fordi- die USA ihre auf ökonomischem Gebiet international beherrschende Stellung
stisch-tayloristischen Akkumulationsregime liegenden Produktivitätsreserven verloren und einige europäische Staaten sowie Japan einen erfolgreichen wirt-
allmählich zu erschöpfen begannen. Das Wachstum der Arbeitsproduktivität schaftlichen Aufholprozeß in Gang gesetzt hatten (Altvater 1992, 23 ff.). Auf die
schwächte sich allmählich ab. Einen offen krisenhaften Charakter erhielt dieser Liberalisierung des Welthandels gestützt, auch durch amerikanische Technolo-
Prozeß aber erst dadurch, daß er die Fundamente des herrschenden staatsinter- gie- und Kapitalexporte fordistisch »modernisiert«, hatten diese sich neu her-
ventionistischen Regulationsmodus untergrub. Der institutionalisierte sozial- ausbildenden kapitalistischen Zentren vergleichsweise hohe Produktivitätsfort-
staatliche Verteilungsmechanismus und die strukturkonservierenden Subventi- schritte erzielt und dies mit einem viel dichteren und vergleichsweise effektiven
onspolitiken der monopolistischen Regulation konnten nicht mehr aus starken System staatsinterventionistischer Regulation verbunden. Ihr Erfolg beruhte
Sozialproduktzuwächsen finanziert werden und erzeugten damit ihrerseits einen nicht so sehr darauf, daß sie das US-amerikanische Gesellschaftsmodell einfach
zusätzlichen und immer mehr wachsenden Druck auf die Profitrate. Die fordi- kopierten, sondern daß es ihnen ihre internen gesellschaftlichen und politischen
stisch-sozialstaatlich-»keynesianische« Regulationsweise, die über Jahre hinweg Strukturen erlaubten, alternative Ausprägungen fordistischer Akkumulations-
eine Stütze der Kapitalakkumulation dargestellt hatte, wurde damit zu deren und Regulationsweisen zu entwickeln und diese erfolgreich mit dem Weltmarkt
Hemmnis (Guttmann 1994). Die enge Verbindung von Massenkonsum, Sozial- zu verbinden. Damit konnten sie die beherrschende internationale Konkurrenz-
staat und Akkumulation, die das »Goldene Zeitalter« des Fordismus gekenn- position der USA allmählich untergraben (Lipietz 1987, 39 ff., Froebel u.a.
zeichnet hatte, zerbrach. 1986, 92 ff.). Verschärft wurde diese Entwicklung durch die ökonomische Über-
Die Ursachen der Krise lagen allerdings nicht nur im Inneren der einzelnen lastung, die der kapitalistischen Führungsmacht durch die Aufrechterhaltung ih-
nationalen Ökonomien, die von der Krise zunächst auch in höchst unterschied- res gigantischen Militärapparates erwuchs (Kennedy 1987). Nicht zu Unrecht
lichem Ausmaß betroffen waren. Sie müssen vielmehr auch in einer wachsenden gilt der unter großen Verlusten verlorene Vietnamkrieg als historischer Wende-
Destabilisierung der internationalen Regulation gesucht werden, die wiederum punkt und als Markstein bei der Entwicklung der Fordismus-Krise.
auf die ökonomischen Prozesse innerhalb der einzelnen Länder zurückwirkten. Sich vergrößernde Handels- und Zahlungsbilanzdefizite und die wachsende
Das aufgrund seiner hohen Arbeitsproduktivität international enorm konkur- internationale Verschuldung der USA bewirkten eine Schwächung des Dollars
renzfähige US-Kapital war stark an der Liberalisierung des Welthandels und ei- und stellten seine Funktion als stabiles Weltgeld mehr und mehr in Frage. Dies
ner Öffnung neuer Investitionsgebiete interessiert gewesen. Die Liberalisierung zwang die US-Regierung schließlich dazu, die Golddeckung ihrer Währung auf-
der Märkte und die wachsende Internationalisierung des Kapitals setzte aber der zugeben, was Anfang der siebziger Jahre zum Zusammenbruch des Bretton-
für das fordistische Akkumulationsregime typischen Binnenmarktorientierung Woods-Systems führte. Damit war der institutionalisierten politischen Regulie-
allmählich ein Ende. Multinationale Unternehmungen wurden zu immer be- rung des Weltmarkts eine entscheidende Grundlage entzogen (vgl. dazu aus-
stimmenderen ökonomischen Akteuren. Innerhalb der nationalen Ökonomien führlicher Strange 1986, 25 ff., Altvater 1987, 211 ff., Altvater und Hübner 1989,
nahm die Bedeutung des Exportsektors wieder zu, was dazu führte, daß die Ver- Dunford 1990 sowie Guttmann 1994). Das System der festen, durch internatio-
wertung des Kapitals von der Entwicklung der Masseneinkommen im nationa- nale Institutionen kontrollierten Wechselkurse löste sich auf. Eine wichtige Ur-
len Rahmen nicht nur unabhängiger wurde, sondern daß die Höhe der Löhne sache für die Krise des internationalen Kredit- und Finanzsystems lag in dem
als Kostenfaktor im internationalen Wettbewerb immer wichtiger erschien Überschuß an liquiden Mitteln, der durch die zunehmenden ökonomischen Sta-
(Dunford 1990, 317 ff.). Dies berührte auch Länder wie die Bundesrepublik gnationsprozesse hervorgerufen wurde. Diese wanderten in Form von »Euro«-

84 85
oder »Petro-Dollars« in gewaltigen Summen und staatlich weitgehend unkon- die importsubstituierende Entwicklungs- und Industrialisierungspolitik der pe-
trolliert über die nationalen Grenzen hinweg. Dadurch blähten sich die interna- ripheren Länder in noch größere Schwierigkeiten brachte und sie mit zuneh-
tionalen Kreditmärkte in einem Umfang auf, der weit über dem Zuwachs der menden Handels- und Zahlungsbilanzdefiziten konfrontierte. Auf der anderen
Produktion lag. Ebenso nahmen die spekulativen Wechselkursschwankungen Seite schuf der spekulative Überschuß liquider Mittel auf den internationalen
zu. Die nationalen Zentralbanken begannen ihrerseits, eine immer unabhängi- Finanzmärkten, der sich aufgrund zunehmender Verwertungsschwierigkeiten in
gere Geld- und Kreditpolitik zu betreiben. Gerade Deutschland und Japan ver- den Metropolen ansammelte, das Reservoir für eine gigantische und kaum noch
folgten ohne Rücksicht auf die Stabilität des kapitalistischen Weltmarkts eine ri- kontrollierte Kreditvergabe gerade auch privater Banken an viele periphere Län-
gorose, auf vergleichsweise rigide Geld- und Kreditkontrollen sowie systemati- der, mit denen diese ihre ökonomischen Schwierigkeiten noch eine Zeitlang
sche Exportförderung gegründete Wettbewerbs- und »Standort«-Politik. Dies überdecken konnten. Da das einfließende Geld weniger zum Um- und Ausbau
vergrößerte die internationalen Instabilitäten zusätzlich. Als Folge des Zusam- der Produktionsapparate und eher zum Profittransfer ins Ausland, zur Subven-
menbruchs der internationalen Regulation geriet die Steuerung des Geld-, Kre- tionierung des Mittelschichtkonsums und zum Ausbau der Repressionsinstru-
dit- und Devisenverkehrs immer stärker in die Hände privater Banken und Fi- mente benutzt wurde, konnten die strukturellen Ungleichgewichte damit in kei-
nanzunternehmen und unterlag damit zunehmend deren kurzfristigen und hoch ner Weise beseitigt werden. Der unumgängliche Kollaps dieses Schuldensy-
spekulativen Profitinteressen (Altvater 1992). Die Gewinnerzielung nicht aus stems wurde dadurch ausgelöst, daß Anfang der achtziger Jahre die Reagan-Ad-
produktiven Investitionen, sondern durch Ausnutzung von Wertpapier-, Wech- ministration in den USA eine neokonservativ-monetaristische wirtschaftspoliti-
selkurs- und Zinsdifferenzen wurde immer bedeutsamer – ein Vorgang, der sche Wende vollzog und versuchte, die bedrohte internationale Vorherrschaft
nicht ganz unzutreffend mit dem Begriff »Casino-Kapitalismus« charakterisiert der USA mittels eines gigantischen Aufrüstungsprogramms wiederherzustellen.
wurde (Strange 1986). Der Dollar war dadurch »nicht mehr reguliertes Welt- Dies führte zu einer weltweiten Zinserhöhung und einem starken Anstieg des
geld, also Medium der Steuerung des Weltmarkts durch politische Instanzen, Dollarkurses, was vielen hochverschuldeten Ländern Zinszahlungen und Kre-
sondern Vehikel zur Durchsetzung privater Interessen auf den internationalen dittilgungen nun vollends unmöglich machte. Auf diese Weise schlug die Krise
Finanzmärkten« (Altvater 1987, 233 f.). Der Internationale Währungsfonds hat- des Fordismus, die in den siebziger Jahren in den kapitalistischen Zentren einge-
te als Regulationsinstanz des internationalen Geld- und Kapitalverkehrs prak- setzt hatte, erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung, dann allerdings mit
tisch ausgedient. Während er zuvor so etwas wie die Rolle einer internationalen noch gravierenderen Wirkungen auf die kapitalistische Peripherie durch (vgl.
Zentralbank in einem »keynesianischen«, auf Vollbeschäftigung und Wohl- dazu ausführlicher Hirsch 1993).
standssteigerung abzielenden internationalen Regulationszusammenhang ge- Die Krise des Fordismus hat allerdings nicht nur ökonomisch-politische Ur-
spielt hatte, verwandelte er sich nun in eine Art gemeinsamer Kreditüberwa- sachen, sondern beruht auch darauf, daß diese Entwicklungen mit einem Zer-
chungsbehörde der international mächtigsten staatlichen und privaten Banken. bröseln des ideologischen Kitts verbunden waren, der diese Gesellschaft zusam-
Er fungierte nun hauptsächlich als Interessenvertetung privater und öffentlicher menhielt. Der durch Bürokratisierung, Reglementierung und Normierung ge-
Gläubiger gegenüber einer Reihe von Staaten, die sich auf den entregulierten kennzeichnete »Sicherheitsstaat«, der auf standardisierten Warenkonsum ge-
Finanzmärkten hoch verschuldet hatten. Ihnen wurden im Zuge einer die Inter- gründete Wohlstand, die ausufernde Ressourcenverschwendung und Naturzer-
nationalisierung des Kapitals vorantreibenden »Strukturanpasungspolitik« wirt- störung sowie die fordistisch – durch wachsende Frauenerwerbstätigkeit und
schafts- und sozialpolitische Auflagen diktiert, mit denen die Aufbringung des Kleinfamiliarisierung – modifizierte Form patriarchaler Herrschaft wurden Ziel
Schuldendienstes und die wirtschaftspolitische Öffnung gegenüber dem Welt- einer wachsenden öffentlichen Kritik, die in einem beginnenden allgemeinen
markt durchgesetzt werden sollten (Altvater 1987, 29, 270). Deren Folgen – Ab- »Wertewandel« und in den sich seit dem Ende der sechziger Jahre herausbilden-
bau ohnehin dürftiger sozialer Sicherungen, Ruin der kleinen Landwirtschaft, den »neuen sozialen Bewegungen« ihren Ausdruck fand (vgl. dazu Hirsch/Roth
sich verschärfende soziale Ungleichheiten und Konflikte – sind nicht mehr zu 1986, Roth 1994). Ökonomische Krisenerscheinungen, das Zerbröckeln des So-
übersehen (vgl. Hirsch 1995). Die Schuldenkrise in der kapitalistischen Periphe- zialstaats und das Ende des einstmals für unendlich gehaltenen ökonomischen
rie steht in einem engen Zusammenhang mit der Fordismus-Krise in den Me- Wachstums verbanden sich im Kontext neuer Wertorientierungen und Protest-
tropolen. Einerseits ließ das dort nachlassende ökonomische Wachstum die bewegungen zu der sich allmählich ausbreitenden Überzeugung, daß das fordi-
Nachfrage nach Rohstoffen und einfacheren Industriegütern zurückgehen, was stische Gesellschaftsmodell – seine ökonomischen Strukturen und die von ihm

86 87
bestimmten Lebensverhältnisse – keine Perspektive mehr habe. Die Krise des dustriellen Produktion, brauchen hier nicht im einzelnen ausgeführt zu werden
Fordismus war also nicht nur eine Krise der Kapitalverwertung, sondern damit (vgl. dazu u.v.a. Hirsch/Roth 1986). Prinzipiell geht es darum, die Profitabilität
verbunden auch eine der Hegemonie, der herrschenden gesellschaftlichen Ord- des Kapitals durch eine strukturelle Senkung der Lohnkosten, durch die Ein-
nungs- und Entwicklungsvorstellungen. Diese hegemoniale Krise, die keines- führung neuer Stoffe und Verfahrenstechniken und durch eine ebenso grundle-
wegs parallel zu den ökonomischen Krisenprozessen verlief und zweifellos auch gende Erhöhung von Laufzeit und Nutzungsintensität der immer kapitalintensi-
nicht einfach nur ökonomisch bedingt war, nahm in den verschiedenen Ländern veren Produktionsanlagen wiederherzustellen. Diese technologische Offensive
unterschiedliche Formen an. Die Kräfte und Bewegungen, die sie vorantrieben, dient nicht nur der umfassenden Rationalisierung des kapitalistischen Produkti-
waren ein wesentliches Antriebsmoment für die nun einsetzenden kapitalisti- ons- und Zirkulationsprozesses, sondern beinhaltet – nicht zuletzt durch eine
schen Restrukturierungsprozesse – auch wenn sie durchaus andere Ziele als die massive Freisetzung von Arbeitskräften – vor allem auch einen Angriff auf die
Wiederherstellung des Kapitalprofits verfolgt haben mochten. Weder die Krise institutionalisierten gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse der fordistischen Re-
des Fordismus noch die seit dem Ende der siebziger Jahre einsetzende Restruk- gulation. Unter erheblichen Auseinandersetzungen, aber mit zunehmendem Er-
turierung des Kapitalismus folgten also dem Plan eines einzelnen gesellschaftli- folg werden gesellschaftliche »Deregulierungs«-Maßnahmen durchgesetzt, de-
chen Akteurs oder einer einheitlichen Strategie, sondern erwiesen sich als das nen viele der einmal erreichten Standards in bezug auf Arbeitsplatzgarantien,
Ergebnis durchaus widersprüchlicher Handlungen und resultierten aus den rechtliche und tarifvertragliche Normierungen der Arbeitsverhältnisse, Rege-
Zielsetzungen höchst verschiedener Kräfte. Zu einfach ist jedenfalls die Vorstel- lung von Arbeitszeiten, soziale Absicherung und Entlohnung zum Opfer fallen.
lung, die Krise des Fordismus und die dadurch eingeleiteten globalen Restruktu- Diese Umwälzung der ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den
rierungsprozesse seien von »dem« internationalen Kapital strategisch inszeniert kapitalistischen Zentren wurde unterstützt und begleitet von einem neuen
worden. Schub der Internationalisierung, dem der Charakter einer neuen historischen
Festzuhalten bleibt jedoch, daß der Akkumulation des Kapitals grundsätzlich Phase der Globalisierung des Kapitalverhältnisses zukommt. Diese drückt sich
die Tendenz innewohnt, die Profitabilität und damit den Bestand und die Ent- in einer radikalen Liberalisierung vor allem der Geld- und Kapitalmärkte, einer
wicklung der kapitalistischen Gesellschaft zu untergraben. Die Krise des Fordis- weltweit wachsenden Mobilität der Arbeitskräfte, der Verdichtung und Be-
mus war nur die historisch bestimmte Form, in der diese allgemeine Gesetz- schleunigung der Kommunikationsnetze, der Vereinheitlichung kultureller Mu-
mäßigkeit zum Ausdruck kam. Das bedeutet, daß eine »Lösung« der Fordismus- ster und Konsumstandards, der wachsenden Bedeutung transnationaler Unter-
Krise – eine radikale, nicht-kapitalistische Alternative stand und steht bekannt- nehmungen und in einer fortschreitenden Internationalisierung der Produktion
lich nicht auf der Tagesordnung – in einer strukturellen Wiederherstellung der aus. Mit der Abkehr von der staatlich zentrierten Form von Akkumulation und
Kapitalverwertungsbedingungen, was heißt in der Durchsetzung einer ganz Regulation verliert das Kapital seinen scheinbar »nationalen« Charakter, den es
neuen kapitalistischen Gesellschaftsformation bestehen muß. Dieser höchst um- im Zeitalter des Fordismus angenommen hatte. Das bedeutet nicht, daß natio-
kämpfte Prozeß ist immer noch im Gang und sein Ausgang offen. Einige seiner nalstaatliche Regulationszusammenhänge als politische Institutionalisierungs-
Dimensionen und Entwicklungsrichtungen werden jedoch allmählich deutli- weisen globaler Klassenverhältnisse bedeutungslos geworden wären. Das inter-
cher. In der Krise des Fordismus wurde damit begonnen, ein neues, »postfordi- nationale Kapital beginnt nur, sich in ganz anderer Form und in einer sehr viel
stisches« Akkumulationsmodell durchzusetzen, das durch die Einführung neuer flexibleren Weise auf diese zu beziehen. Das schließt ein, daß sich multinationa-
Produkte, neuer Produktions- und Kommunikationstechnologien, eine grundle- le Unternehmungen im Zuge interner Dezentralisierung auf durchaus national-
gende Veränderung der Formen von Betriebs- und Arbeitsorganisation und die staatlich sehr unterschiedliche soziale und kulturelle Zusammenhänge beziehen.
damit verbundene »Flexibilisierung« der Arbeitsverhältnisse gekennzeichnet ist. Sie nehmen also weniger einen anationalen als einen tatsächlich multinationalen
Die Einzelheiten dieser Entwicklung, etwa der breite Einsatz neuer Datenverar- Charakter an (Ohmae 1985, 1992, Lipietz 1987, 26). Seine entscheidende Di-
beitungs- und Informationstechnologien auch in bisher vom Taylorismus noch mension gewinnt der neue Schub der Internationalisierung des Kapitals da-
nicht erfaßten Zweigen der Wirtschaft, eine auf die neuen Techniken gestützte durch, daß es durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien
Rationalisierung des Dienstleistungssektors, die biotechnologische Industriali- möglich geworden ist, verschiedene Unternehmungsaktivitäten in bisher nicht
sierung der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion, die Einführung bekanntem Umfang räumlich zu zerlegen. Dies schafft eine neue internationale
von Methoden des »Toyotismus« und der »lean production« nicht nur in der in- Arbeitsteilung, die die alte, auf Kapitalexport und Warenhandel gegründete,

88 89
weitgehend überlagert. Die Tatsache, daß heute etwa ein Drittel des statistisch gung der keynesianisch-staatsreformistischen Regulationsweise des Fordismus
gemessenen Welthandels aus konzerninternen Lieferungen multinationaler Un- abzielte. Eine Folge dieser Entwicklung besteht in einer starken Verschiebung
ternehmungen besteht, kennzeichnet den veränderten Stellenwert von »Natio- der internationalen ökonomischen und politischen Strukturen sowie der welt-
nal«-Ökonomien im globalen Kapitalverhältnis. Im Zuge einer Strategie des weiten kapitalistischen Dominanz- und Abhängigkeitsverhältnisse. Die unum-
»worldwide sourcing« (weltweite Ressourcenabschöpfung) können multinatio- schränkte Vorherrschaft der USA wurde von einer kapitalistischen »Triade« mit
nale Konzerne dazu übergehen, flexibel und schnell Teile ihrer Unternehmun- Westeuropa und Japan als konkurrierenden Zentren abgelöst. Das Ende der in-
gen an die Orte der Welt zu verlagern, die sich von den Lohnkosten, den Ar- ternationalen fordistischen Hegemonie führte zu einer Regionalisierungsten-
beitskraftqualifikationen, den Umweltbedingungen, der staatlichen Gesetzge- denz, in der die drei Zentren – Japan im pazifischen Raum, die sich erweiternde
bung oder von den Marktverhältnissen her am jeweils günstigsten erweisen. Da- Europäische Union und die USA mit Hilfe des nordamerikanischen Freihan-
durch wird es möglich, nicht nur arbeitsintensive, einfache, sondern auch hoch- delsabkommens – ihre jeweiligen ökonomischen Einflußgebiete und Märkte zu
technologische Arbeitsprozesse mit hohen Qualifikationsanforderungen und erweitern, abzugrenzen und zu stabilisieren versuchen. Damit verbunden ist die
umweltgefährliche Produktionen in solche Länder zu verlagern, die über relativ Tendenz zu einem neuen, jetzt aber ganze Weltregionen umfassenden Protek-
billige und gut ausgebildete Arbeitskräfte, eine ausreichende Infrastruktur, un- tionismus, der allerdings im Widerspruch zur gleichzeitigen Internationalisie-
ternehmerfreundliche Regierungen und natürlich auch genügend »politische rung des Kapitals über die Grenzen der »Triade« hinweg steht.
Stabilität« verfügen. Autoritäre und diktatorische Regime in der kapitalistischen Der Zusammenbruch der Sowjetunion verlieh dieser Entwicklung zusätzli-
Peripherie erwiesen sich vielfach diesbezüglich als besonders gut geeignete che Dimensionen. Auch er steht in einem engen Zusammenhang mit der Krise
»Standorte«. Die neue Beweglichkeit des Kapitals eröffnet nicht nur erhebliche des Fordismus, zumal das »realsozialistische« ökonomische System durchaus als
Rationalisierungsspielräume, sondern vergrößert auch die Möglichkeit, auf na- eine deformierte Variante dieses Gesellschaftsmodells betrachtet werden kann
tionaler Ebene organisierte Arbeitnehmergruppen und Gewerkschaften gegen- und in verschärfter Form auch eine Reihe seiner strukturellen Defizite teilte. Ei-
einander auszuspielen. Sie erweist sich als besonders wirksames Kampfmittel ne wesentliche Ursache des Zusammenbruchs kann darin gesehen werden, daß
beim Versuch, auch in den kapitalistischen Zentren Löhne und Arbeitsbedin- es der staatssozialistischen Machtelite allmählich klar wurde, daß die Expan-
gungen zu verschlechtern. Voraussetzung für den Erfolg dieser Strategie der sionsspielräume des dort herrschenden ökonomischen Modells definitiv ausge-
Flexibilisierung und Globalisierung war eine ganze Reihe institutioneller, recht- schöpft waren und es aufgrund der vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnisse
licher und politischer Maßnahmen zu einer weiteren Liberalisierung der Wa- nicht mehr möglich sein würde, der neuen technologischen Restrukturierungs-
ren-, vor allem aber der Kapital- und Finanzmärkte. Dies war nicht nur zur Ge- offensive des Kapitals nach der Krise des Fordismus irgendetwas entgegenzuset-
währleistung der neuen Beweglichkeit des Kapitals, sondern darüber hinaus des- zen. Nicht nur die Beherrschten, sondern auch die Herrschenden scheinen also
halb notwendig, weil die Durchsetzung der neuen Technologien die Kapitalin- zu der Überzeugung gekommen zu sein, daß ein radikaler »Umbau« der Gesell-
tensität und die industriellen Kapazitäten stark ansteigen ließ, was einen Zwang schaft notwendig war. Deshalb vollzog sich hier wie zuvor schon im kapitalisti-
zur massiven Erweiterung der Absatzmärkte beinhaltet (Ohmae 1985, 13 ff., schen Westen eine durch ökonomische Krisenprozesse vorangetriebene »passi-
1992, 20 ff.). Die Logik der neuen, »postfordistischen« Akkumulationsstrategie ve«, im wesentlichen durch die herrschenden Eliten selbst in Gang gesetzte ge-
besteht also im Kern in einer Rationalisierung und Flexibilisierung durch Glo- sellschaftliche »Revolution«. Aufgrund der starren und autoritären politischen
balisierung. Dies mußte politisch vorbereitet und durchgesetzt werden, was Strukturen des osteuropäischen Staatssozialismus erhielt diese allerdings einen
durch die weltweit an die Macht gelangten neoliberalen und neokonservativen sehr viel explosiveren Charakter als die gesellschaftlich-politischen Umwäl-
Regierungen nach und nach auch bewerkstelligt wurde. Die Globalisierung zungsprozesse im kapitalistischen Westen. Wenn man berücksichtigt, in wie
steht schon deshalb nicht in einem einfachen Gegensatz zur Nationalstaatlich- starkem Maße die politisch-ideologische Stabilität des Fordismus und die Hege-
keit, weil sie selbst von nationalen Regierungen durchgesetzt und ermöglicht monie der USA vom Ost-West-Gegensatz und der damit verbundenen System-
wurde. Sie hat, was die nationalstaatliche politische Form angeht, also einen konkurrenz abhing, so wird auch verständlich, wie sehr der Untergang der So-
durchaus widersprüchlichen Charakter. Im Grunde handelt es sich bei der kapi- wjetunion auch die hegemoniale Position der USA berührte. In spezifischer und
talistischen Globalisierungsoffensive um eine Strategie, die nicht so sehr auf die höchst komplizierter Weise ist also das amerikanische wie das russische Imperi-
Auflösung einzelstaatlicher Regulation überhaupt, sondern auf eine Zerschla- um der Krise des Fordismus zum Opfer gefallen. Der Zusammenbruch der So-

90 91
wjetunion verschärfte die mit der Pluralisierung und Regionalisierung des Kapi- tionsprozesses – etwa in Form spekulativer Kapitalbewegungen und Wechsel-
talismus verbundenen internationalen Spannungen, weil die Überreste ihres kursschwankungen – auch nur relativ unabhängig wäre. Die Alternative besteht
Macht- und Einflußbereichs sich häufig in militärische Auseinandersetzungen nicht zwischen »Abhängigkeit« oder »Autonomie«, sondern zwischen der passi-
um ihre Position innerhalb der neuen, nun eindeutig kapitalistischen »neuen ven Unterwerfung unter die Dynamik des globalen Akkumulationsprozesses und
Weltordnung« verstrickten. Die oft die Form »ethnischer« Konflikte anneh- der Bewahrung oder Gewinnung von Spielräumen, die es ermöglichen, die Art
menden und auf die Etablierung separater Nationalstaaten abzielenden Ausein- und Weise der Eingliederung in den Weltmarkt zu beeinflussen. Dafür sind so-
andersetzungen, nicht zuletzt der Krieg im ehemaligen Jugoslawien, sind ohne wohl die Folgewirkungen der alten fordistischen Ausbeutungs- und Unterwer-
Berücksichtigung dieses Zusammenhangs nicht zu verstehen (vgl. dazu Balibar fungsverhältnisse – das Erbe des Kolonialismus und Neokolonialismus – als auch
1993, 187 ff.). Während die Überbleibsel der ehemaligen »Zweiten Welt« noch die inneren gesellschaftlichen Kräftekonstellationen entscheidend. Die Position
darum kämpfen, nicht zu einer neuen kapitalistischen Peripherie herabzusinken, nationaler Ökonomien im Weltmarkzusammenhang läßt sich immer weniger
kann die einstmalige »Dritte Welt« weniger denn je als ökonomische und politi- nach dem Muster eindeutig polarisierter Dominanz- und Abhängigkeitsverhält-
sche Einheit angesehen werden. Innerhalb der kapitalistischen Zentren bilden nisse beschreiben, sondern ergibt sich aus einem komplexen, durch »Nationali-
sich im Zuge der produktionstechnologischen Umbrüche und der gesellschaftli- sierung« und »Globalisierung« zugleich bestimmten Prozeß, der eine
chen Flexibilisierungsmaßnahmen teilweise nun auch »Drittwelt«-Zonen mit grundsätzlich instabile und sich verhältnismäßig rasch verändernde Hierarchie
entsprechenden Arbeits- und Lebensverhältnissen heraus. Zugleich nimmt die untereinander verbundener nationaler und regionaler Räume hervorbringt. Es
Spaltung der ehemaligen Peripherie in sich erfolgreich industrialisierende, zum gibt nicht nur einen Typ von »Entwicklung«, sondern eine ganze Skala mögli-
Teil mit hochtechnologischen Produktionen in den Weltmarkt eingebundene cher, mehr oder weniger »aktiver« Formen der Weltmarktintegration (Beaud
oder weitgehend marginalisierte, bestenfalls noch als Rohstofflieferanten oder 1987, 103 ff., McGrew u.a. 1992, 226 ff.). Im übrigen kann die – erzwungene –
Mülldeponien taugliche Länder immer krassere Formen an (Ohmae 1985, Abkoppelung vom Weltmarkt eine Form von »Unabhängigkeit« darstellen, die
143 ff., Beaud 1987, 97 ff., McGrew u.a. 1992, 226 ff.). nichts anderes als ein ökonomisches und soziales Desaster bedeutet. Unter den
Die auf die Krise des Fordismus, den Zusammenbruch der Sowjetunion und Bedingungen des sich globalisierenden Kapitalverhältnisses erscheint es deshalb
die Umschichtung der internationalen Dominanz- und Abhängigkeitsverhält- den Menschen oftmals als vorteilhafter, wenigstens der direkten Ausbeutung
nisse folgenden Wanderungs- und Fluchtbewegungen hat diese Form der »Re- durch das Kapital unterworfen zu sein, als völlig abgehängt zu werden. Dies er-
gulierung der Arbeitskraft« zu einem wichtigen Moment der neuen internatio- klärt zum Teil die weltweite Anziehungskraft dieser Gesellschaftsordnung und
nalen Arbeitsteilung werden lassen. Die praktisch weltweite, zumeist erzwunge- den offensichtlichen Drang der Menschen und Völker zum Kapitalismus. Die
ne Mobilität der Arbeitskräfte ist die Folge der globalen ökonomischen Um- Misere besteht nur darin, daß gerade das globale Kapitalverhältnis eine in den
strukturierungsprozesse und bildet eine wesentliche Basis der »Flexibilisierung« Arbeits- und Lebensverhältnissen einigermaßen einheitliche »Entwicklung«
der Produktion und der Ausweitung peripherer, informeller und illegaler Ar- nicht zuläßt, sondern die gesellschaftlichen und ökonomischen Umgleichheiten
beitsverhältnisse. In diesen Zusammenhang gehören auch Veränderungen der immer weiter vertieft. Eine Folge davon ist, daß nach der relativen internationa-
geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und die damit verbundenen Formen der len Stabilität, die den Fordismus im Rahmen des hegemonial stabilisierten Ost-
Einbeziehung »peripherer«, nicht oder nur beschränkt lohnförmiger weiblicher West-Gegensatzes ausgezeichnet hatte, eine Welle von Kriegen und Bürgerkrie-
Arbeitskraft in den globalen Akkumulations- und Verwertungsprozeß. »Ge- gen gegenwärtig das Bild der Welt bestimmt.
schlecht« und »Rasse« als Hebel einer Umschichtung der weltweiten Klassen- Die Durchsetzung eines neuen, globalen kapitalistischen Akkumulationsre-
verhältnisse werden zu immer wichtigeren Merkmalen der sich neu herausbil- gimes kann jedoch so lange nicht erfolgreich sein und führt nicht zur Errichtung
denden kapitalistischen Weltgesellschaft (vgl. dazu v. Werlhof u.a. 1988, Ward einer stabilen kapitalistischen Formation, wie es nicht zur Etablierung einer ent-
1990). sprechenden Regulationsweise auf sowohl nationaler als auch internationaler
Deutlich wird, wie ungenügend der Begriff »Abhängigkeit« ist, um die Ebene kommt. Diese ist momentan nicht erkennbar, was ein wesentlicher
Strukturen des globalen Kapitalismus zu beschreiben. Angesichts des sich globa- Grund für das lange Andauern der Fordismus-Krise ist. Die internationale De-
lisierenden Kapitalverhältnisses gibt es überhaupt kein Land mehr, das von der regulierung der Geld- und Kreditmärkte hat die Struktur des internationalen Fi-
Dynamik des weltumspannenden kapitalistischen Akkumulations- und Zirkula- nanzsystems erheblich verändert und die Stellung der Zentralbanken ge-

92 93
schwächt. Die gewachsenen Möglichkeiten zu internationalen Finanzspekulatio- wicklung eine materiell abgestützte demokratische Entwicklung ermöglicht hat-
nen vergrößern die Neigung, »Papierprofite« zu machen, und verstärken insge- te, befindet sich offenbar in Auflösung. Der neue Schub der Globalisierung hat
samt stagnative Tendenzen im Bereich der materiellen Produktion (Altvater den wirtschafts- und sozialpolitischen Spielraum nationaler Regierungen und in
1992, Guttmann 1993). Damit zeichnet sich die Tendenz zur Entstehung eines diesem Sinne ihre »Souveränität« deutlich beschnitten (Held 1991,
wirklich »globalen« Akkumulationsregimes ab, dem aber keine ebenso globale Cartilleri/Falk 1992). Damit verbunden ist das Auseinanderbrechen der hege-
Regulationsweise entspricht, solange das System nationaler Währungen mit fle- monialen Blöcke, die im Zeichen der Systemkonkurrenz und des Kalten Kriegs
xiblen Wechselkursen bestehen bleibt und eine neue Hegemonie nicht in Sicht dem bestehenden Staatensystem eine gewisse Stabilität verliehen hatte. Wenn
ist (Guttmann 1994). Noch ist nicht zu sehen, wie eine stabile Regulierung des Demokratisierung die Ausweitung von und die Beteiligung an staatlichen Ent-
internationalen Geld- und Kapitalverkehrs bei Abwesenheit sowohl eines scheidungsprozessen über gesellschaftliche Verhältnisse und Entwicklungen
»Weltstaats« als auch einer international dominierenden Garantiemacht mög- heißt, dann wird sie durch diesen Prozeß von zwei Seiten her problematisch: In
lich sein sollte. Bislang wird die internationale Entwicklung insgesamt eher von Frage steht nicht nur, was bei abnehmenden staatlichen Spielräumen demokrati-
starken Tendenzen zu einer Renationalisierung und Regionalisierung bestimmt sche Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse im nationalen Rahmen über-
und erhält so einen insgesamt chaotischen Charakter. Unter den Bedingungen haupt noch bewirken können, sondern wird im Zuge wachsender Migrationsbe-
der jetzt beherrschend gewordenen kapitalistischen »Triade« wäre internationa- wegungen und angesichts des Umstands, daß viele auf nationaler Ebene getrof-
le Regulation von der Bereitschaft dieser drei Zentren abhängig, sich längerfri- fene politische Entscheidungen höchst globale Auswirkungen haben, auch die
stig kooperativ zu verhalten und ein entprechend neu aufzubauendes internatio- Kategorie der Staatsbürgerschaft und der politischen Zugehörigkeit immer un-
nales Institutionensystem gemeinsam zu garantieren. Dem steht aber die eher sicherer. Die Prinzipien der »Symmetrie« und »Kongruenz« von Wählenden
zunehmende Konkurrenz zwischen den kapitalistischen Metropolen entgegen und Entscheidenden, die Voraussetzung, daß es die real Betroffenen sind, die
(Altvater 1991, Amin 1992, McGrew u.a. 1992, 197 ff.). Daß es einstweilen noch politische Entscheidungen (mit-)bestimmen (was in den herkömmlichen Demo-
gelingt, gefährlichere Konflikte zwischen den konkurrierenden Zentren der ka- kratietheorien in der Regel unhinterfragt unterstellt wird), gelten faktisch im-
pitalistischen »Triade« zu vermeiden, hängt vor allem damit zusammen, daß die mer weniger (Held 1991, Scharpf 1991). Nimmt man hinzu, daß – besonders in
USA – neben ihrer nach wie vor beherrschenden Stellung auf den Finanzmärk- Form multinational operierender Großkonzerne – ganz neue Akteure einen im-
ten – die unangefochten stärkste Militärmacht geblieben sind. Ob dies allerdings mer maßgeblicheren Einfluß gewinnen, so scheint die Gestalt des Staates als
ausreicht, eine Art dauerhafter »kooperativer internationaler Hegemonie« im souveräner und in diesem Sinne überhaupt erst »demokratisierbarer« Inhaber
Zusammenwirken der kapitalistischen Metropolen zu bewirken, erscheint frag- des »Gewaltmonopols« über ein fest umrissenes Territorium und das darin le-
lich. Die Internationalisierung des Kapitals ist kein automatischer, in der »Lo- bende »Volk« endgültig der Vergangenheit anzugehören. Wenn die gewohnten
gik« des Kapitals liegender Prozeß, sondern er ist historisch spezifischen Kräfte- Kategorien von staatlicher Souveränität und politischer Staatsbürgerschaft nicht
konstellationen geschuldet und bleibt durch politische, und das heißt nicht zu- mehr greifen, dann steht mehr denn je in Frage, was eigentlich die Gemeinsam-
letzt nationale Interessenformations- und Konkurrenzverhältnisse bestimmt. keit und Einheit »nationaler« Gesellschaften begründet. Tatsächlich wird es im-
mer schwieriger, nationalstaatliche Politik als ein die gesamte Gesellschaft um-
greifendes und einbeziehendes »Projekt« zu formulieren (Bonder u.a. 1993,
3. Funktionswandel des Staates und des Staatensystems 339). Diese Entwicklungen können das Paradox erklären, daß die Schwächung
Im Prozeß der Krise und Restrukturierung des globalen Kapitalismus kommt es der Nationalstaaten mit einer gleichzeitig hochschwappenden Welle des Natio-
zu einer tiefgreifenden Veränderung der Rolle, die die Nationalstaaten und das nalismus einhergeht. Wenn die ökonomische Einheit und der Zusammenhang
Staatensystem bei der Regulation ökonomisch-sozialer Prozesse und der diesen der Gesellschaft wegbrechen und soziale Ungleichheiten überall zunehmen,
zugrundeliegenden sozialen Konflikte und Klassenverhältnisse haben. Der Ty- bröckeln wesentliche Grundlagen des bestehenden Staatensystems. Es kommt
pus des fordistischen, durch einen relativ abgegrenzten ökonomischen und ge- zu mehr oder weniger gewaltsamen Spaltungen, und das Bedürfnis wächst, poli-
sellschaftlichen Raum und durch eine gewisse soziale Sicherheit und Gleichheit tische Zugehörigkeiten als Grundlage materieller Teilhaberechte neu zu definie-
gekennzeichneten Staates, der innerhalb der Schranken der herrschenden Pro- ren. Der kriegerische Staatenbildungs-Wettlauf vor allem in Ost- und Südosteu-
duktionsverhältnisse im Vergleich zu früheren Phasen der kapitalistischen Ent- ropa hat viel mit dem Interesse zu tun, im chaotischen Auseinanderbrechen be-

94 95
stehender ökonomischer und politischer Ordnungen sowohl politische Hand- Bedeutung. »Erste« und »Dritte« Welt lassen sich immer weniger anhand der
lungsfähigkeit als auch materielle Sicherheiten notfalls mittels gewaltsamer Aus- politischen Landkarte unterscheiden, sondern vermischen sich sehr viel komple-
und Abgrenzungen zu bewahren oder wieder zu erringen (Narr/Schubert 1994, xer und kleinräumiger (Bonder/Röttger 1993, 63 ff.). Von einem »Ende der
156 ff.). Im Hinblick darauf hat Balibar recht zutreffend den Begriff »Identitäts- Dritten Welt« zu sprechen (so Menzel 1992), ist allerdings etwas vorschnell.
panik« gebraucht, wobei er darauf hinweist, daß es dabei nicht in erster Linie um Auch innerhalb der entwickelten kapitalistischen Länder des Nordens verstärkt
sozialpsychologische oder ideologische Phänomene, sondern vor allem um ma- sich nämlich sozial und regional die Kluft zwischen »Zentren« und »Peripheri-
terielle Interessen geht (Balibar 1993, 187 ff.). Dies gilt für das Wiederaufleben en«, zwischen »Modernisierungsgewinnern« und »Modernisierungsverlierern«,
von Nationalismus, Rechtsradikalismus, Rassismus und »Wohlstandschauvinis- während sich gleichzeitig inmitten der ehemaligen Peripherie einige »metropo-
mus« in den kapitalistischen Zentren in ähnlicher Weise. Bezeichnend für die litane« Inseln herauszubilden scheinen (Bonder u.a. 1993, 337 ff.). Die »Global
veränderte Stellung der Nationalstaaten ist die zunehmende Neigung, ange- Cities«, die technologischen und finanziellen Direktionszentren des Weltkapita-
sichts globaler Krisen, Kriege, Katastrophen und Menschenrechtsverletzungen lismus, sind mehr und mehr dadurch charakterisiert, daß sich in ihnen auf klein-
nach der Verantwortung einer nebulösen »Völkergemeinschaft« zu rufen. Es ist stem Raum ökonomisch fortgeschrittene, periphere und marginalisierte Pro-
der Appell an eine Instanz, der angesichts der globalen Ungleichheiten, der duktions- und Lebensverhältnisse verbinden (vgl. dazu z.B. die Analyse der Ent-
Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse kaum reale Existenz zukommen wicklung von Los Angeles bei Keil 1993, Davis 1991).
kann. Hinter den Appellen steht die Erkenntnis, daß die Einzelstaaten immer Durch diese Entwicklungen werden nationale Grenzen für die ökonomisch-
geringere Fähigkeiten für die Bewältigung existentieller Probleme besitzen, so- soziale Lage der Menschen zunehmend weniger bestimmend. Je mehr die natio-
fern die nationalstaatliche Politikform nicht überhaupt als wesentliche Problem- nalistische Metapher vom gemeinsamen »Boot« die populären Diskurse be-
ursache angesehen werden muß. Jenseits des nationalstaatlichen Rahmens fehlt stimmt, desto deutlicher wird, daß die in den nationalstaatlichen Räumen zu-
es aber an allen institutionellen Voraussetzungen für demokratische politische sammenlebenden Menschen real längst nicht mehr zusammen in einem solchen
Prozesse. Die bestehenden internationalen Organisationen – nicht zuletzt die sitzen (Reich 1991, 208). Während auf der einen Seite sich so etwas wie eine
Vereinten Nationen – als konfliktorische, von erheblichen Machtungleichge- »internationale Managerklasse« mit eigenen Arbeitsweisen, Lebensgewohnhei-
wichten geprägte Zusammenschlüsse nationaler Regierungen können diese ten, kulturellen Mustern und sozialen Verbindungen herausbildet, vertieft sich
Lücke nicht füllen. im Inneren der nationalen Gesellschaften die Kluft zwischen den privilegiert Be-
Versucht man, die aktuellen Veränderungen der Staaten und des Staatensy- schäftigten prosperierender High-Tech- und Global-Finance-Sektoren, den in
stems auf den Begriff zu bringen, so lassen sich mehrere Ebenen eines zusam- niedergehenden Branchen Tätigen, den bereits Marginalisierten und den legal
menhängenden Prozesses unterscheiden (vgl. Held 1991, 222 f.): Zum einen oder illegal lebenden und arbeitenden Flucht- und Migrationsbevölkerungen
sind dies die Auswirkungen des Globalisierungsprozesses auf einzelstaatliche (Cox 1993, 259 ff.). Der Kapitalismus hat sich immer schon »durch die systema-
Regulationsspielräume und der Bedeutungswandel nationalstaatlicher »Souve- tische Ausnutzung eines Mechanismus der differentiellen Reproduktion der Ar-
ränität«, zum zweiten die sozialen Heterogenisierungsprozesse innerhalb der beitskraft« (Balibar 1993, 149) und der damit verbundenen sozialen Hierarchi-
staatlich verfaßten Gesellschaften und ökonomisch-sozial-kulturelle Regionali- en, Spaltungen und Interessengegensätze innerhalb der Lohnabhängigen auf in-
sierungs- und Spaltungstendenzen quer zu den herkömmlichen staatlichen ternationaler Ebene ausgezeichnet. Der neue Globalisierungsschub führt nun
Grenzen sowie zum dritten schließlich die Herausbildung neuer Akteure und dazu, daß vormals politisch, sozial und kulturell relativ getrennte »Menschhei-
Handlungszusammenhänge unterhalb und neben den nationalstaatlichen politi- ten« sich räumlich zusammenballen und zugleich in ihrer ökonomisch-sozialen
schen Institutionensystemen. Lage mehr und mehr auseinanderdriften. Ökonomische und soziale Ungleich-
Fest steht, daß kapitalistische Globalisierung keineswegs zu einer gleich- heiten, die einstmals noch stark durch nationale Grenzen definiert wurden, neh-
mäßigen und ökonomisch-sozial vereinheitlichenden »Durchkapitalisierung« men immer mehr die Form »innerer« Ausschließungen an, und es fällt zuneh-
der Welt führt, sondern die räumlich und sozial ungleichen Entwicklungen noch mend schwer, überhaupt noch zu definieren, was unter einer »nationalen« Ge-
erheblich verstärkt. Mit der Zunahme der ökonomischen Entwicklungsdifferen- sellschaft zu verstehen sei (Balibar 1993, 149). Um so konflikthafter, irrationaler
zen sowohl zwischen als auch innerhalb der nationalstaatlichen Räume verliert und ausufernder wird die Suche nach sozialen und politischen »Identitäten«.
auch die herkömmliche Unterscheidung von »Zentrum« und »Peripherie« an Neben den regionalen Ungleichheiten, die sich innerhalb und quer zu den

96 97
bestehenden nationalstaatlichen Grenzen herausbilden, steht die globale Regio- same Rolle spielen und in dem neue Formen der politischen Entscheidung, der
nalisierung der Weltwirtschaft in Gestalt der aus Nordamerika, Westeuropa und Kooperation und vor allem des Aushandelns zwischen quasi gleichberechtigten
Südostasien bestehenden kapitalistischen »Triade«. Ihre Entstehung beruht auf Instanzen entstehen (Messner/Meyer-Stamer 1993, 108 f., Cox 1993, 263).
dem Versuch der nach dem Zusammenbruch der fordistischen Hegemonie ver- Wenn man so will, so könnte man im Kontrast zur bis gegen Ende des 20. Jahr-
bliebenen kapitalistischen Zentren, ihr jeweiliges ökonomisches und politisches hunderts noch relativ geordneten Welt des auf seinem Territorium relativ sou-
Kontrollterrain zu befestigen und dies zur Grundlage einer abhängigen Einbin- veränen Nationalstaates von einer Art politischer und ökonomischer »Feudali-
dung ihres peripheren Umfelds zu machen. Die dabei entstehenden politischen sierung« sprechen, in deren Verlauf ökonomische und politische Zugehörigkei-
Gebilde oszillieren zwischen rein wirtschaftlichen Freihandels- und Einflußzo- ten und Abhängigkeiten fortschreitend komplexer und diffuser werden. Das ein-
nen wie in Nordamerika und dem Pazifik und formell institutionalisierten föde- zelstaatliche System bleibt zwar erhalten, Nationalismus und nationalstaatliche
rativen Systemen mit supranationalen Elementen wie im Falle der Europäischen Auseinandersetzungen nehmen sogar erheblich zu, aber Rolle und Funktion der
Union, wobei aber selbst im letzteren Falle von einer Auflösung der bestehen- Staaten verändern sich beträchtlich. Immer weniger entspricht dem einzelstaat-
den Nationalstaaten zumindest in absehbarer Zeit kaum zu sprechen sein wird lich kontrollierten Territorium innerhalb der nationalen Grenzen eine ebenso
(Cox 1993, 263, Pooley 1991, Bonder/Röttger 1993, 67 ff., Messer/Meyer-Sta- geschlossene und räumlich abgegrenzte Ökonomie und Gesellschaft. Als Folge
mer 1993, 108 f.). dieser Entwicklungen ist festzuhalten, daß mit dem Fordismus und im Zuge des
Ausdruck und Folge des neuen Globalisierungsschubs ist auch, daß neben von seiner Krise vorangetriebenen Globalisierungsschubs auch der historische
dem System der nationalen und internationalen Staatenorganisation andere, for- Typus von nationalstaatlicher Demokratie zu Ende geht, der sich im 20. Jahr-
mell »private« Akteure zunehmend die ökonomischen und politischen Prozesse hundert herausgebildet hat und der immer noch die gängigen theoretischen und
bestimmen. Das gilt vor allem für die multinationalen Konzerne, die zwar nicht politischen Vorstellungswelten und Handlungsorientierungen prägt. Die ent-
unabhängig von den bestehenden politischen Regulationszusammenhängen scheidende Problematik liegt darin, daß mit der Erosion der Nationalstaaten das
operieren können, aber in der Lage sind, in den verschiedenen ökonomischen mit ihnen verbundene demokratische Institutionensystem ebenfalls mehr und
Zentren der »Triade« gleichzeitig präsent zu sein, damit »Standortunterschie- mehr ausgehebelt wird. Es bleibt zwar formell erhalten, kann aber immer weni-
de« im Rahmen globaler Expansionsstrategien flexibel zu nutzen und regionale ger die einmal erreichten Standards von demokratischer Beteiligung und Mitbe-
Entwicklungs- und Differenzierungsprozesse zu beeinflussen (Porter 1990, 19, stimmung gewährleisten. Weil aber das einzelstaatliche System als struktureller
Piciotto 1993). Daneben wächst aber auch die Bedeutung international operie- Ausdruck des kapitalistischen Produktionsverhältnisses nicht nur bestehen
render »Nichtregierungsorganisationen« der verschiedensten Art, etwa von par- bleibt, sondern sich mit dessen globaler Ausbreitung und Vertiefung und im Zu-
teinahen politischen Agenturen, Verbandszusammenschlüssen, Forschungsver- ge des Zusammenbruchs internationaler Hegemonialstrukturen in gewisser
bünden, Entwicklungs-, Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen (Balibar Weise sogar noch schärfer ausprägt, sind praktisch keinerlei Ansätze zur Ent-
1993, 96 ff.). War die Herausbildung eines Netzwerks nichtstaatlicher Institu- wicklung eines demokratischen Institutionensystems jenseits der nationalstaatli-
tionen und Projekte innerhalb der kapitalistischen Metropolen z.B. im Bereich chen Ebene erkennbar. Das »globale Dorf« oder die »Weltgesellschaft« haben
der Umweltpolitik bereits eine Reaktion auf abnehmende staatliche Bewegungs- keine den herrschenden Globalisierungstendenzen entsprechende politische
spielräume und das immer unvermitteltere Durchschlagen globaler Weltmarkt- Form. Das bedeutet, daß die auf nationalstaatlicher Ebene schon einmal er-
mechanismen, so muß sich ihr Operationsfeld angesichts der herrschenden Kri- kämpften Möglichkeiten zu einer politisch-demokratischen Beeinflussung der
sen und Konflikte notwendig über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg aus- kapitalistischen Akkumulations- und Marktdynamik wieder verloren zu gehen
dehnen. Durch diese Entwicklungen verlieren die Nationalstaaten tendenziell drohen. Obwohl im Zuge dieser Entwicklung die Unterscheidung von »Zen-
ihre Position als Zentren der Regulation sowohl auf nationaler wie internationa- trum« und »Peripherie« schwieriger geworden ist, bleibt allerdings zu berück-
ler Ebene. Die Globalisierung erzeugt ein vielstufiges, heterogenes und institu- sichtigen, daß die Voraussetzungen für demokratische Entwicklungen und
tionell höchst ungleichmäßig ausgebildetes Regulationssystem, in dem auf der Kämpfe in den verschiedenen Teilen der Welt immer noch höchst ungleich sind.
einen Seite multinationale Unternehmungen und »Nichtregierungsorganisatio- Sie sind in den alten kapitalistischen Metropolenstaaten, in denen sich stabile
nen« unterschiedlichsten Charakters, auf der anderen regionale und nationale und expansive »National«-Ökonomien im Kontext demokratischer und sozialer
Staaten, internationale Organisationen und supranationale Blöcke eine bedeut- Fortschritte in einem langen historischen Prozeß durchsetzen konnten, anders

98 99
gelagert als beispielsweise in den »newly industrializing countries« insbesondere III. Der nationale Wettbewerbsstaat
des pazifischen Raums, wo im Gefolge gänzlich anderer ökonomischer, sozial-
struktureller, politischer und kultureller Bedingungen nach dem Zweiten Welt-
krieg ein dezidiert nicht-demokratischer und diktatorischer kapitalistischer Ent-
wicklungsweg eingeschlagen wurde. Generell gilt, daß im Bereich der ehemals
kolonialen Peripherie angesichts einer nach wie vor wesentlich von den Metro-
polen bestimmten und abhängigen ökonomischen Entwicklung, einer sozial und
regional höchst segmentierten Durchsetzung kapitalistischer Verhältnisse, oft- 1. Gesellschaftliche und politische Folgen der Globalisierung
mals von außen auferlegter Grenzziehungen, massiver äußerer politischer und
militärischer Einflußnahmen und der damit verbundenen Unmöglichkeit, de- SPIEGEL: Eine Regierung unter einem Bundeskanzler Scharping
mokratisch-»zivilgesellschaftliche« Strukturen herauszubilden, sich die Frage wäre für Sie kein Unglück?
der Demokratie immer noch ganz anders stellt. Die Auswirkungen des Globali- Dormann: Nein.
sierungsprozesses schlagen jedenfalls dort viel härter und unvermittelter durch.
Und wenn Scharping nur mit einer rot-grünen Mehrheit regieren
Entsprechend unvollständig und schwach sind die Demokratisierungsprozesse,
könnte, würden Sie dann schnurstracks die Firmenzentrale nach Ame-
die im Zusammenhang der Beendigung des Ost-West-Konflikts, des Zusam-
rika verlagern?
menbruchs des Staatssozialismus in Osteuropa und der massiv durchgesetzten
Nein.
neoliberalen Strukturanpassung insbesondere in Lateinamerika, aber auch in
Afrika stattgefunden haben. Inzwischen ist sehr deutlich geworden, daß ein im Nach Bayern?
Zuge der kapitalistischen Globalisierung durchgesetzter und auf die politische Nein, auch nicht. Die Firmenzentrale ist hier. Ich habe auf eine
Ebene übertragener Marktliberalismus noch keine demokratische Selbstbestim- ähnliche Frage dem Oberbürgermeister von Frankfurt neulich ge-
mung begründet (vgl. Polanyi 1990, 225 ff., Müller-Plantenberg 1991, Hippler sagt ...
1994). Die Länder des ehemaligen sowjetischen Imperiums stehen vor ... ach, der sorgt sich auch schon?
grundsätzlich ähnlichen, wenn auch durch die eigene Tradition und die Beson- ... ich habe ihm gesagt: Wir bleiben hier. Ich habe ihn allerdings
derheiten der beschleunigten ökonomischen und politischen Systemtransforma- erst ein bißchen gequält.
tion gekennzeichneten Problemen. Wie denn?
Ich hab’ gesagt, Hoechst als Stadtteil von Frankfurt bleibt für die-
ses Jahrtausend.
Und das Unternehmen Hoechst?
Bleibt ein Weltkonzern mit deutschen Wurzeln.
(Aus einem SPIEGEL-Gespräch mit Jürgen Dormann, Vorstandsvor-
sitzender der Hoechst AG)

Internationale Fluggesellschaften mit Sitz in den USA oder Europa verlagern


ihr Rechnungswesen und ihr Controlling nach Indien, weil dort qualifiziertes
Computerpersonal reichlich vorhanden und billig ist. Die Datenverbindung mit
den Unternehmenszentralen geschieht via Satellit. Die US-amerikanische City-
bank verlegt ihr Abrechnungswesen in die Niederlande, weil dort die Postge-
bühren niedrig sind und Sonntagsarbeit erlaubt ist (Wirtschaftswoche Nr. 49,
1993). Ganze Forschungslabors werden in Länder verlagert, die über laxe Si-

100 101
cherheits- und Schutzbestimmungen verfügen. Die Bayerischen Motorenwerke entscheidend verändert. Grob gesprochen, konzentriert sich staatliche Politik
haben durch Gewinnverschiebungen ins steuergünstigere Ausland zwischen zunehmend darauf, einem global immer flexibler agierenden Kapital in Konkur-
1988 und 1992 ihre Steuerzahlungen an deutsche Finanzämter von 545 auf 31 renz mit anderen Staaten günstige Verwertungsvoraussetzungen zu verschaffen.
Millionen DM reduziert (SPIEGEL Nr. 51/1993). Solche Meldungen finden Genau dies kollidiert aber zunehmend mit den Bedingungen einer sozialökono-
sich praktisch jeden Tag in der einschlägigen Presse. Sie deuten an, was »Globa- misch ausgewogenen und demokratischen innergesellschaftlichen Entwicklung.
lisierung« für das Verhältnis zwischen internationalen Konzernen und National- In diesem Sinne kann von der Herausbildung eines neuen Typs des kapitalisti-
staaten praktisch bedeutet. Der Umsatz von General Motors übertrifft mit schen Staates: dem »nationalen Wettbewerbsstaat« gesprochen werden.
knapp 134 Milliarden Dollar mittlerweile das Bruttoinlandsprodukt mittlerer Der Begriff »Globalisierung« bedarf allerdings einer Präzisierung. Die Ent-
Industriestaaten wie Norwegen oder Finnland. Der Gesamtbestand an ausländi- wicklung des Kapitalismus hat sich von Anfang an im Weltmarktzusammenhang
schen Direktinvestitionen stieg von 1975 bis 1994 von 282 auf 2125 Milliarden vollzogen, »Globalität« ist eines seiner grundlegenden Merkmale. Zu fragen ist
Dollar. Ein Drittel davon entfällt auf die 100 größten Unternehmen der Welt. also, was an diesem Prozeß eigentlich neu ist. Technisch ist damit zunächst einmal
Die Zahl der multinationalen Konzerne hat sich in den letzten zwanzig Jahren eine Entwicklung der Verkehrs-, Transport- und insbesondere der Kommunika-
vervielfacht. Heute gibt es etwa 37 000 länderübergreifende Muttergesellschaf- tionssysteme gemeint, die es gestattet, entfernte Orte des Globus mit relativ ein-
ten mit mehr als 200 000 Tochterunternehmen (Wirtschaftswoche Nr. 38/1994, fachen Mitteln »online« zu verbinden. Daher rührt das anheimelnde Bild vom
zu weiteren Daten vgl. Esser 1993). Was sich in diesen Zahlen widerspiegelt, ist »globalen Dorf«, das gleichzeitig verschleiert, daß dessen Bewohner sich weder
das Ende der traditionellen »National«-Ökonomien. Die Zeiten, in denen sich frei bewegen noch beliebig miteinander in Kontakt treten können, daß ihre
die großen Unternehmen vor allem auf nationale Arbeitskräfte, Märkte und In- Häuser und Viertel durch politische Grenzen getrennt sind und ihre Kommuni-
frastrukturen stützten und ihre Prosperität gleichbedeutend mit Wachstum, Be- kation monopolistisch kontrolliert wird. Diese technische Entwicklung bildet
schäftigung und Wohlstand innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen war, sind die Basis einer ökonomischen Umwälzung, deren Kern in einer weitgehenden in-
vorbei. Es ist, einem bekannten Slogan folgend, nicht mehr unbedingt gut für ternationalen Flexibilisierung des Kapitalverkehrs besteht. Die politische Öffnung
die USA, was für General Motors gut ist. Die kapitalistischen Eigentumsverhält- der Geld-, Kapital- und Finanzmärkte nach dem Zusammenbruch des Bretton-
nisse, die sich mit den Begriff des »nationalen Kapitals« verbinden, verlieren in- Woods-Systems hat die weltumspannende Beweglichkeit des Kapitals geschaf-
sofern an Bedeutung, als nicht so sehr der formelle Firmensitz, sondern die fen, die zum wichtigsten Kennzeichen des nach-fordistischen Kapitalismus ge-
räumlichen Investitionsstrategien maßgebend für die ökonomische Entwicklung worden ist. Sie verbindet sich mit einer weiter fortschreitenden Liberalisierung
der verschiedenen Regionen werden (Reich 1991, 11 ff.). Auf den ersten Blick des Waren- und Dienstleistungsverkehrs, die in ihren Dimensionen allerdings
erscheint es zunächst einmal gleichgültig, ob ein »britischer« oder »japani- sehr viel beschränkter ist und nach wie vor durch eine Vielzahl protektionisti-
scher« Automobilkonzern in England eine Produktionsstätte errichtet. Wesent- scher Praktiken gebrochen wird. Alle Bemühungen zur Herstellung eines ein-
lich für die Engländer und die englische Politik ist, daß er es dort und nicht wo- heitlichen globalen Waren- und Dienstleistungsmarkts – zuletzt in der soge-
anders tut. Damit ist die Ära zu Ende gegangen, in der sich staatliche Wirt- nannten Uruguay-Runde des GATT und mit der Gründung der Welthandelsor-
schaftspolitik im Bund mit Gewerkschaften und »nationalem« Kapital auf die ganisation WTO – haben nationale und regionale Abschottungsmaßnahmen
Regulierung der inneren Nachfrage und den handelspolitischen Schutz heimi- höchst unterschiedlicher Art nicht beseitigen können. Vielmehr ist gerade die
scher Industrien konzentrieren konnte. Dies heißt allerdings nicht, daß die mul- Tendenz zur Regionalisierung der Weltwirtschaft und zur Herausbildung konkur-
tinational operierenden Konzerne quasi »staatenlos« und von sozial-räumlichen rierender Wirtschaftsblöcke ein wesentliches Antriebsmoment der Internationa-
Umweltbedigungen unabhängig geworden wären. Was sich vielmehr grundle- lisierung des Kapitals. Sie zwingt die großen Unternehmen dazu, in mehreren
gend verändert, ist das Verhältnis von »Staat« und »Kapital« und die Bedeutung, Wirtschaftsräumen gleichzeitig präsent zu sein und ihre Investitionen entspre-
die Staaten im kapitalistischen Akkumulations- und Verwertungsprozeß haben. chend regional zu verteilen. »Globalisierung« bedeutet für die multinationalen
Die Entwicklung des Kapitalismus ist tatsächlich durch einen widersprüchlichen Konzerne demnach vor allem die Besetzung nach wie vor voneinander getrenn-
Prozeß von Globalisierung und Regionalisierung gekennzeichnet, der dazu ten- ter nationaler bzw. regionaler Märkte. Was aus dieser Globalisierung weitge-
diert, die bestehenden ökonomischen Räume aufzulösen, und der die staatlichen hend herausfällt, sind die Arbeitsmärkte. Nationalstaatliche oder (wie im Falle
Funktionen und die nationalstaatlichen politischen Strukturen und Prozesse der Europäischen Union) regionale Grenzziehungen beschränken noch immer

102 103
eine Mobilität der Arbeitskräfte, die der des Kapitals entspräche. Dies bedeutet, sourcen, Marktbedingungen, soziokulturelle Wertorientierungen und Verhal-
daß eine entscheidende Funktion der nationalstaatlichen Organisation, die Auf- tensmuster, politische Stabilität, Zugriffsmöglichkeiten auf ökologische Res-
rechterhaltung höchst unterschiedlicher Einkommens- und Lebensbedingungen sourcen, administrative Unterstützungsmaßnahmen und Subventionen (Kamp-
auf dem Weltmarkt, erhalten bleibt. Die damit verbundene Segmentierung und peter 1993, Messner/Meyer-Stamer 1993). In gewissem Sinne verbindet sich
Spaltung der Lohnarbeit bildet im Prinzip unverändert eine entscheidende deshalb die Tendenz zur globalen Flexibilisierung des Kapitals mit einer wach-
Grundlage des globalen Akkumulations- und Verwertungsprozesses. Deutlich senden Abhängigkeit der Unternehmen von »soziokulturellen« Standortbedin-
wird dies etwa an der Anfang 1994 in Kraft getretenen nordamerikanischen gungen (Porter 1990, Reich 1991, Messner/Meyer-Stamer 1993, Scott/Storper
Freihandelszone, die zwar eine recht weitgehende Liberalisierung des Kapital-, 1992, Sally 1994). Die Strategie der globalen Ressourcenausnutzung (»world-
Waren- und Dienstleistungsverkehrs vorsieht, den am Rio Grande gezogenen wide sourcing«) und der Internationalisierung der Produktion beruht auf der
eisernen Vorhang für die Arbeitskräfte aus dem Süden aber festschreibt. Anders Verfügbarkeit politisch und sozial unterschiedlich strukturierter Räume, die
verlöre die als verlängerte Werkbank der USA fungierende Maquiladora-Indu- wahlweise genutzt und unternehmensstrategisch miteinander verbunden wer-
strie im Norden Mexikos ihre billigen ArbeiterInnen. Erhöhte Flexibilität des den. Diese Räume sind nicht beliebig herstellbar, sondern in ihrer Entwicklung
Kapitals bei gleichzeitig weiterbestehender nationalstaatlicher Fixierung der Ar- an spezifische politische, kulturelle und soziale Vorbedingungen und Traditio-
beitskräfte bildet das wesentliche Merkmal der aktuellen Entwicklung. Die In- nen gebunden. Und umgekehrt wird dadurch die räumliche sozioökonomische
ternationalisierung des Kapitals ist weder eine simple Folge der technischen Spezialisierung zu einem wesentlichen Faktor internationaler Standortkonkur-
Entwicklung – sie setzt diese eigentlich erst in Gang und treibt sie voran – noch renz. Schon von daher verbindet sich die Globalisierung des Kapitals mit regio-
eine ökonomische Zwangsgesetzlichkeit, sondern Ausdruck politischer Strategien, nal höchst ungleichen Entwicklungen.
die auf eine grundlegende Erneuerung der Kapitalverwertungsbedingungen Entscheidend ist nun, daß sich derartige Standortbedingungen am ehesten in
nach der Krise des Fordismus abgezielt haben. Die Flexibilisierung des interna- regional oder lokal begrenzten Räumen herausbilden, in denen die notwendigen
tionalen Geld- und Kapitalverkehrs sowie die Liberalisierung der Waren- und sozioökonomischen und politischen Voraussetzungen vorhanden sind und in de-
Dienstleistungsmärkte sind die Mittel, mit denen weltweit politische, soziale nen sich günstige Rahmenbedingungen zu einem dichten und zusammenhän-
und ökonomische Restrukturierungsprozesse in Gang gesetzt wurden, die dem genden Netzwerk verbinden. Zum Beispiel bedeutet dies, daß hochqualifizierte
Kapital neue Rationalisierungs- und Ausbeutungsspielräume eröffnen. Die Un- Arbeitskräfte verfügbar sind, die entsprechende Wohn-, Freizeit- und »Kultur«-
terwerfung nationaler Regierungen unter das Diktat der »Standortpolitik« hat angebote vorfinden, ein vielfältiges System von Serviceunternehmen vorhanden
Folgen, die denen der berüchtigten Auflagen (»Konditionalitäten«) des Interna- ist und geeignete Transport- und Kommunikationsverbindungen bereitstehen.
tionalen Währungsfonds für ökonomisch abhängige Länder entsprechen, aller- Dadurch kommt es zur Herausbildung industrieller »Cluster« oder »Distrikte«
dings mit dem Unterschied, daß sie ohne besondere institutionelle Mechanis- aus einem komplexen Gefüge sich ergänzender Produktions- und Dienstlei-
men auskommen und somit politisch weniger verortbar und zugleich umfassen- stungsunternehmen (Porter 1990, 131 ff., Reich 1991, 81 ff., Messner/Meyer-
der wirksam sind (vgl. Grinspun/Kreklewich 1994). Eine Folge dieser Entwick- Stamer 1993, 105 ff., Castells 1994, Lorenz 1994, Bianchi 1994). »Auf der einen
lung sind einschneidende Veränderungen der unternehmerischen Konkurrenz- Seite besteht die globale Wirtschaft aus einer Reihe regionaler Produktionssy-
bedingungen. Die Wettbewerbsfähigkeit auf dem globalen Markt hängt immer steme, von denen jedes einzelne ein dichtes Gewebe regionaler Unternehmens-
weniger allein von günstigen Faktorkosten – also billigen Arbeitskräften, niedri- beziehungen und Arbeitsmarktaktivitäten aufweist. Auf der anderen Seite sind
gen Bodenrenten oder preiswerten Rohstoffen – und immer stärker von der Er- diese einzelnen Regionen in ein weltweites Netz industrieller Beziehungen, In-
zielbarkeit hoher Produktivitätsfortschritte auf der Basis systemischer Rationalisie- vestitionsflüsse und Wanderungsbewegungen eingebettet ... Im Licht dieser
rung ab. Diese setzt das Vorhandensein eines höchst komplexen Systems von Entwicklung erscheint die wirtschaftliche Geographie der gegenwärtigen Welt
Rahmenbedingungen voraus, die von den Unternehmungen weder einfach ge- weniger als Zentrum-Peripherie-Verhältnis oder als System von Nationalstaa-
kauft noch unmittelbar selbst produziert werden können: Energieversorgungs- ten, sondern als globales Mosaik regionaler Ökonomien« (Scott/Storper 1992,
und Transportsysteme, soziale und administrative Infrastrukturen, speziell quali- 11, Übers. d. d. Verf.). In den Zentren dieses Netzwerks sind relativ hohe Löhne
fizierte Arbeitskräfte, daran angepaßte Wohn- und Lebensbedingungen, Zulie- durchaus mit der Rentabilität des Kapitals vereinbar, sofern es gelingt, diese un-
ferer- und Dienstleistungsbetriebe, wissenschaftliche und technologische Res- ternehmensstrategisch mit dazu passenden peripheren Zonen – etwa mit billigen

104 105
Arbeitskräften oder niedrigen Umweltstandards – zu verbinden. Die Strategie Wirtschaftspolitik kann zwar darauf gerichtet sein, die Herausbildung mehrerer
international operierender Konzerne ist daher darauf gerichtet, zugleich in meh- und miteinander verbundener produktiver Zentren als Motor einer umfassenden
reren und unterschiedlich ausgeprägten »Standorten« präsent zu sein. ökonomischen Entwicklung der nationalen Wirtschaft zu benutzen. Der Erfolg
Daraus ergibt sich, daß der globale Akkumulationsprozeß keineswegs und einer auf regional gleichmäßiges Wachstum gerichteten staatlichen Strategie ist
weniger denn je auf der reinen Dynamik einzelunternehmerischer Konkurrenz aber angesichts der Tatsache, daß sie nicht mehr tun kann, als dem global ope-
und dem ungehinderten Wirken der Marktkräfte beruht, sondern nach wie vor rierenden Kapital Angebote bereitzustellen, grundsätzlich zweifelhaft (Porter
wesentlich von politischer Regulierung abhängt. »Märkte« sind keine Naturphä- 1990, Sally 1994).
nomene, sondern politisch-institutionell hergestellte Gegebenheiten (Scott/Sor- Gegenüber einer unreflektierten Verwendung des Begriffs »Standortkonkur-
per 1992, Sally 1994). Die Globalisierung des Kapitals verbindet sich deshalb renz« muß also daran festgehalten werden, daß es Firmen und nicht Nationen
mit einer zunehmenden Bedeutung administrativer Staatsintervention. »Multi- sind, die miteinander in Wettbewerb stehen und in denen das Kapital sich ver-
nationale Unternehmungen befinden sich in einer wachsenden Abhängigkeit wertet (Porter 1990). Eine auf Wachstum und Beschäftigung zielende staatliche
von den Infrastruktureinrichtungen und Wissensressourcen nationaler Ökono- Wirtschaftspolitik muß sich also darauf konzentrieren, neben der direkten Un-
mien, die sehr weitgehend eine Funktion industrieller, technologischer und son- terstützung investitionsbereiter Unternehmen deren ökonomisch-soziales Um-
stiger Regierungspolitiken sind, mit denen Produktionsfaktoren geschaffen und feld so zu entwickeln, daß optimale Voraussetzungen für technologische Innova-
entwickelt werden; Regierungen befinden sich mehr und mehr in einem techno- tions- und systemische Rationalisierungsprozesse bereitstehen. Dazu kann
logischen Wettlauf um günstige Bedingungen für diese Unternehmen, wobei die durchaus auch die Förderung eines Geflechts innovativer Kleinunternehmen
Spielräume für eine nationale Politik dahinschwinden, die die multinationalen und »Risikokapitale« gehören, denen als Bestandteil industrieller »Cluster« eine
Unternehmungen nicht berücksichtigt« (Sally 1994, 177 f., Übers. d. d. Verf.). wachsende Bedeutung zukommt. Dies allerdings steht in einem deutlichen Ge-
Auf diesen Zusammenhang stützt sich die im Gegensatz zu den landläufigen gensatz zu den traditionellen Formen gesamtwirtschaftlicher Regulation, sozial
Vorstellungen gelegentlich aufgestellte These von einer zunehmenden Bedeu- motivierter – z.B. Arbeitsplätze erhaltender – Subvention und handelspolitischer
tung der Nationalstaaten im Rahmen der globalen kapitalistischen Ökonomie Abschottungspolitik. Nicht mehr der Schutz »nationaler« Industrien, sondern
(so z.B. Messner/Meyer-Stamer 1993, Kamppeter 1993). Tatsächlich kann regi- die aktive Gewährleistung der globalen Konkurrenzfähigkeit ausgewählter Sek-
striert werden, daß sich die Zentralen multinationaler Konzerne immer noch in toren, Marktliberalisierung in Verbindung mit einer auf unternehmerisches In-
wenigen – metropolitanen – Staaten und innerhalb dieser wiederum in bestimm- vestitionsverhalten gerichteten »Angebotspolitik« steht an der Spitze einschlä-
ten Regionen konzentrieren. Internationale Konzerne sind deshalb nicht einfach giger Sachverständigenempfehlungen (vgl. Porter 1990, Reich 1991). Neben
»a«- oder »trans«-, sondern eben »multinational«, weil sie von der staatlichen globale Handelspolitiken treten bilaterale Aushandlungsstrategien, die sich vor
Unterstützung und Förderung bei der Entwicklung produktiver Rahmenbedin- allem auf die Garantie von Marktzugängen, die Verfügbarkeit nationalstaatlich
gungen abhängig bleiben, und auch weil gerade global diversifizierte Investiti- regulierter Investitionsstandorte richten (Cowhey/Aronson 1993). Im globalen
onsstandorte nur durch politische und gegebenenfalls militärische Intervention Zusammenhang zielt staatliche Politik daher immer weniger auf territoriale Ex-
gesichert und kontrolliert werden können. Daher rührt die auffällige Verbin- pansion und Protektion, sondern darauf, ausgewählte ökonomische Sektoren
dung zwischen den ökonomisch, politisch und militärisch mächtigsten National- mit den in sie eingebetteten und sie bestimmenden multinationalen Unterneh-
staaten oder Staatenzusammenschlüssen mit den großen multinationalen Kon- mungen systematisch zu fördern und ihnen Investitionsräume jenseits der natio-
zernen. Der globale Akkumulationsprozeß bleibt eben grundsätzlich auf die nalen Grenzen zu erschließen. Auch in dieser Beziehung unterscheidet sich der
Einsetzbarkeit physischer Gewaltmittel gegründet, die nach wie vor im wesent- nach-fordistische Kapitalismus wesentlich von früheren Formen des Imperialis-
lichen staatliches Monopol sind. Allerdings ist diese scheinbare Symbiose von mus. An die Stelle territorialer Expansion ist die Sicherung einer dem neuen Ak-
Staaten und Unternehmen höchst widersprüchlich, weil die Herausbildung in- kumulationsmodell entsprechenden marktliberalen »Weltordnung« getreten,
dustrieller Distrikte und Direktionszentren zwar wesentlich von administrativer die in letzter Instanz militärinterventionistisch durchgesetzt wird. Die neolibe-
Regulierung und Förderung abhängt, aber keineswegs den gesamten national- rale Konzeption, die nach der Krise des Fordismus auf eine globale Entfesselung
staatlichen Raum umfaßt. Sie überschreitet oft dessen Grenzen und tendiert da- der Marktkräfte als Mittel einer neuen Expansion des Kapitals setzt, kalkuliert
zu, ihn ökonomisch zu segmentieren und auseinanderzureißen. Die staatliche somit einen intensivierten, freilich im Kern nicht mehr sozialpolitisch orientier-

106 107
ten Staatsinterventionismus durchaus ein. Sie baut auf die Aktivität von Staaten, von Lohnabhängigeninteressen zu schwächen. Deshalb bleibt letztlich auch für
deren Stärke in der Fähigkeit zur Mobilisierung umfassender gesellschaftlicher ihn nur die Hoffnung auf ein so starkes und tragfähiges Wachstum der welt-
Potentiale für den Konkurrenzkampf multinationaler Konzerne liegt. Daraus er- marktintegrierten Spitzensektoren, daß diese in der Lage sind, qua staatlich re-
gibt sich ein wirtschaftspolitisches Konzept, das auf permanenten »Strukturwan- gulierter Umverteilungspolitik die ökonomisch abgehängten Teile der Gesell-
del«, die Förderung von High-Tech-Sektoren zu Lasten technologisch rück- schaft wenigstens noch halbwegs auszuhalten. Sein Appell an einen »neuen Pa-
ständiger oder nicht entwicklungsfähiger Produktionen, systematische Export- triotismus« und die Warnung vor einer »sozialen Sezession« der »Besserver-
diversifizierung und die Eröffnung von »Marktzugängen« setzt (Porter 1990, dienenden« stehen freilich im deutlichen Gegensatz zu der ökonomisch-gesell-
617 ff.). Die Folge davon sind gesellschaftliche Spaltungsprozesse, in denen schaftlichen Entwicklung, die er insgesamt für unvermeidlich hält. Die Funkti-
hochqualifizierte, in technologisch innovativen und expansiven Sektoren be- onslogik des nationalen Wettbewerbsstaates beruht also, etwas überspitzt ausge-
schäftigte »Modernisierungsgewinner« denen gegenüber stehen, die schlecht drückt, in der alle sozialen Sphären umgreifenden Ausrichtung der Gesellschaft
oder falsch ausgebildet sind, in traditionellen und zurückbleibenden Industrien auf das Ziel globaler Wettbewerbsfähigkeit, deren Grundlage die Profitabilität
oder im persönlichen Dienstleistungsbereich arbeiten oder aber im Zuge der von »Standorten« für ein international immer flexibler werdendes Kapital ist. Es
forcierten Rationalisierungsprozesse ihre Arbeitsplätze überhaupt verlieren geht um die umfassende Mobilisierung der Bevölkerung für einen »Wirtschafts-
(Reich 1991, 208). Erscheint so unter den Bedingungen des neuen Akkumulati- krieg«, der dann am ehesten zu gewinnen ist, wenn sich die Nation selbst als ka-
onsmodells die Arbeitskraftqualifikation als entscheidend sowohl für die indivi- pitalistisches Unternehmen begreift: hierarchisch strukturiert, auf ein ökonomi-
duelle soziale Lage als auch für die Qualität eines »Standortes«, so bietet sich für sches Ziel ausgerichtet, in Profit-centers unterteilt, glatt und effizient funktio-
nationale Wirtschaftspolitik eine Strategie genereller Höherqualifizierung an, nierend, autoritär geführt, mit Kern- und Randbelegschaften, beschränkten Mit-
deren Vorteil nicht nur in allgemeiner Wohlfahrtssicherung, sondern zugleich in bestimmungsrechten, loyalen Innovations-, Produktivitäts- und Qualitätszirkeln
der systematischen Verbesserung der »nationalen« Wettbewerbsfähigkeit läge. (Balibar 1993, 98). Insoweit enthält die Entwicklung eine deutlich totalitäre
Oder wie Reich es ausdrückt: »Die ökonomische Wohlfahrt der Amerikaner ... Komponente, allerdings unter Bedingungen, die sich von den barbarisch gewalt-
hängt nicht mehr von der Profitabilität der sich in amerikanischem Besitz be- tätigen Regimes des Faschismus und des Stalinismus wesentlich unterscheiden.
findlichen Unternehmungen oder dem Mut ihrer Industrien, sondern von ihrer Es ist deshalb kein Zufall, daß sich einige ostasiatische »Tigerstaaten« in den
auf Geschicklichkeit und Kenntnis beruhenden Wertschöpfungskapazität inner- letzten Jahren als besonders erfolgreich im internationalen Standortwettbewerb
halb der globalen Wirtschaft ab« (Reich 1991, 196, Übers. d. d. Verf.). Hohe Ar- erwiesen haben. Ihr Erfolg beruht auf der politisch höchst konsequent und mit
beitskraftqualifikation und hohes Innovationspotential könnten, so meint er, auf Hilfe staatsmonopolistischer Organisationsgeflechte durchgesetzten Strategie
längere Sicht hohe Einkommen und nationale Wohlfahrt auch unter den Bedin- einer auf spezialisierte Hochtechnologien gegründeten Exportdiversifizierung,
gungen globaler Kapitalmobilität garantieren. Sehr viel wahrscheinlicher er- die nur unter den Bedingungen eines ausgeprägten politischen Autoritarismus
scheint allerdings die Entfesselung eines ruinösen Qualifikationswettlaufs zwi- durchsetzbar war. Die Frage bleibt, ob und inwieweit der Typus des »nationalen
schen den verschiedenen »Standorten«. Schon die Tatsache, daß in einigen peri- Wettbewerbsstaats« sich in Zukunft mit den parlamentarisch-demokratischen
pheren Regionen des Weltkapitalismus immer mehr qualifizierte und billige Ar- Verhältnissen verbinden läßt, die bislang noch in den meisten kapitalistischen
beitskraft angeboten wird, läßt auch diese Hoffnung als fragwürdig erscheinen. Zentren existieren. Die Widersprüche und Konflikte, die sich dabei auftun, sind
Gilt auf diese Weise die aggressive Sicherung internationaler Standortvortei- unverkennbar: Zum einen gibt es innerkapitalistische Spaltungsprozesse, wenn
le als Ultima ratio von »Sozialpolitik«, so ist sich indessen auch Reich darüber im etwa das international operierende Hochtechnologiekapital dem Staat anders
klaren, daß ein derartiger wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Kurs zwar zur und unabhängiger gegenübertritt als die traditionelleren, technologisch rück-
erfolgreichen Eingliederung relevanter gesellschaftlicher Sektoren in einen pro- ständigeren, stärker auf den inneren Markt ausgerichteten Sektoren. Dazu kom-
sperierenden Weltmarkt führen kann, aber schon deshalb kaum geeignet ist, ge- men regionale und soziale Spaltungsprozesse, die den auf Wahlerfolg angewiese-
sellschaftliche Spaltungsprozesse zu verhindern, weil eine liberale Flexibilisie- nen Regierungen zu schaffen machen können. Die dieser Situation angemessene
rungs- und Strukturwandelstrategie gerade auf diesen beruht und sie voraussetzt: Strategie der metropolitanen Staaten besteht darin, den ökonomischen Struktur-
Geht es doch darum, innovationsfeindliche soziale »Besitzstände« systematisch wandel so weit als möglich subventionierend abzustützen, durch Entwicklung ei-
abzubauen und die Position von Gewerkschaften als umfassende Vertretungen nes dichten Netzes industrieller Distrikte und Wachstumspole größere Teile des

108 109
Produktionsapparats international konkurrenzfähig zu halten und der Bevölke- sollte die Voraussetzungen nicht nur für zunehmenden allgemeinen Waren-
rung plausibel zu machen, daß es sich unter diesen Bedingungen trotz erhebli- reichtum, sondern auch für eine sozialstaatlich abgestützte Angleichung der
cher materieller Opfer vergleichsweise immer noch besser lebt als in den vom Einkommens- und Lebensbedingungen garantieren. Der kapitalistische Klas-
Kapital abgehängten Zonen der Weltwirtschaft. Dennoch kann sich auch der na- senkonflikt wurde sozialpartnerschaftlich-korporativ institutionalisiert, in ho-
tionale Wettbewerbsstaat nicht so einfach der ökonomischen Logik des neuen, hem Maße verrechtlicht und damit relativ stillgestellt, die negativen Auswirkun-
globalisierten Akkumulationsregimes unterwerfen, wie dies einige neoliberale gen der Marktindividualisierung in wachsendem Umfang bürokratisch kompen-
Ideologen für richtig halten (vgl. z.B. Ohmae 1992). Trotz aller Bekenntnisse siert. Soziale Spaltungs- und Ausgrenzungsprozesse konnten dadurch bis zu ei-
zum freien Welthandel und zur unbeschränkt globalen Konkurrenz setzen sich nem gewissen Grade materiell abgefedert und so politisch entschärft werden.
daher protektionistische Praktiken faktisch fort, wird der Weltmarkt durch wi- Der Ausbau des Sozialstaats und steigende Masseneinkommen galten unter den
dersprüchliche Tendenzen von Globalisierung und Regionalisierung, Liberali- Bedingungen der herrschenden fordistischen Akkumulationsweise als Grundla-
sierung und Abschottung gekennzeichnet und bricht sich die Strategie eines fle- ge der Kapitalprofitabilität und des ökonomischen Wachstums. Relative materi-
xibilisierenden Sozialstaatsabbaus immer noch an der Notwendigkeit, Wahler- elle Gleichheit, die staatliche Absicherung ökonomischer Risiken und die »Ein-
folge durch gewisse materielle Konzessionen abzusichern. Freilich handelt es heitlichkeit der Lebensbedingungen« innerhalb des nationalstaatlichen Raums
sich dabei eher um Modifikationen eines ansonsten bestimmenden Trends. Ist galten als vorrangige politische Ziele.
aber der nationale Wettbewerbsstaat durch ein fortschreitendes räumliches und Der fordistische Sicherheitsstaat präsentierte sich indessen nicht nur als
soziales Auseinanderbrechen der Gesellschaft und die Unmöglichkeit gekenn- »Wohlfahrts«-, sondern zugleich auch als immer weiter perfektionierter »Über-
zeichnet, noch für ein umfassenderes gesellschaftliches Projekt einzustehen, wachungsstaat«, der die Bevölkerung weitreichenden administrativen Kontroll-
dann stellt sich die Frage nach der Vereinbarkeit von Kapitalismus und Demo- maßnahmen unterwarf. Parteien und Gewerkschaften fungierten mehr und
kratie nicht nur in historisch neuer, sondern auch in verschärfter Form. mehr als »massenintegrative Apparate«, die – gestützt auf materielle Zugeständ-
Der durch die Krise des Fordismus hervorgerufene Strukturwandel des glo- nisse für große Teile der Lohnabhängigen – Disziplin und Folgebereitschaft für
balen Kapitalismus führt zu einer Gestalt- und Funktionsveränderung der Staa- das Projekt des »keynesianischen Staates« zu gewährleisten hatten. Entschei-
ten und des Staatensystems. Eine ganze Reihe neuer politikwissenschaftlicher dende Voraussetzung für das Funktionieren dieses bürokratischen Masseninte-
Konzepte versuchen, dies zu berücksichtigen. Dazu gehören neo-institutionali- grationssystems war die Sicherung des Politikmonopols des herrschenden Par-
stische Ansätze, Theorien der »Selbststeuerung« des politisch-administrativen teien- und Verbandskartells, was durch einen immer weiter ausgebauten staatli-
Systems oder die Konzeptionalisierung von staatlicher Politik als »Aushand- chen Kontroll-, Überwachungs- und Repressionsapparat gegenüber politisch,
lungsprozeß« ebenso wie die etwa bei Reich oder Porter vorzufindenden und gesellschaftlich und ideologisch Abweichenden gewährleistet werden sollte.
von Jessop auf den Begriff des »workfare-state« (im Gegensatz zum vergange- Dies wurde um so bedeutungsvoller, je stärker sich soziale Protestbewegungen
nen »welfare-state«) gebrachten neo-schumpeterianischen Theorien (Jessop entwickelten, die gegen die Folgen des fordistischen Gesellschaftsmodells, ge-
1993, Esser 1993, 417 ff.). Es ist also notwendig, genauer herauszuarbeiten, wo gen ökologische Zerstörung, geschlechtliche Diskriminierung oder bürokrati-
die Kontinuitäten und Brüche in der Entwicklung vom fordistischen »Sicher- sche Gängelung opponierten. Das Parteiengefüge war durch starke Konzentra-
heits«- zum »nationalen Wettbewerbsstaat« liegen. tionsprozesse gekennzeichnet. In der Bundesrepublik entwickelte sich ein fakti-
Der fordistische Sicherheitsstaat (vgl. dazu vor allem Hirsch 1980) war öko- sches Zweiparteiensystem. Mit der Herausbildung des neuen Typs der »Volks-
nomisch wesentlich durch eine auf die Entwicklung des Binnenmarkts, Wachs- partei« verlor das Parteiensystem viel von seinen weltanschaulichen und klassen-
tum und Vollbeschäftigung gerichtete und über relativ weitgehende wirtschafts- mäßigen Gegensätzen. Die bürokratische und von ihrer Mitglieder- und
politische Spielräume verfügende staatliche Interventionspolitik charakterisiert. Wählerbasis her eher unspezifische, von sozialen Milieus und Interessenlagen
Eine wichtige Grundlage der Wirtschafts- und Sozialpolitik waren korporative stark abgekoppelte Massenpartei wurde zur bestimmenden politischen Organi-
Verhandlungssysteme zwischen Staat, Unternehmerverbänden und Gewerk- sationsform. Über alle noch bestehenden idologischen Differenzen hinweg wie-
schaften. Die staatsadministrativen Interventions- und Planungsinstrumente sen die Parteien insofern einen »reformistischen« Grundzug auf, als Wachstum,
wurden erheblich ausgebaut und perfektioniert. Ein durch »keynesianische« Wohlstandssteigerung und der Ausbau administrativer sozialer Sicherungen zu
Globalsteuerung reguliertes und permanent hohes wirtschaftliches Wachstum ihrem gemeinsamen Programm gehörten.

110 111
Normalisierung des Verhaltens, Standardisierung der Lebensverhältnisse, rismus im gesellschaftlichen Bewußtsein hinzu, so wird erklärbar, weshalb das
Fortschritt, schrankenloses Wachstum, Gleichheit und die etatistische Gestalt- demokratisch eher defizitäre, aber durch eine höchst leistungsfähige staatsadmi-
barkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse waren die leitenden Prinzipien. Der nistrative Apparatur und eine extrem hoch organisierte Wirtschaft und Gesell-
»Traum immerwährender Prosperität« (Lutz 1984) versöhnte vorübergehend schaft ausgezeichnete »Modell Deutschland« sich als eine besonders erfolgrei-
mit den negativen – nicht zuletzt ökologischen – Folgen der sich ausdehnenden che Variante des fordistischen Staats präsentieren konnte.
Produktionsmaschinerie und mit der administrativ kontrollierten Funktionali- Der Übergang vom fordistischen »Sicherheits«- zum »nationalen Wettbe-
sierung der Menschen für die Notwendigkeiten von »Wachstum« und »Fort- werbsstaat«, vom »Modell Deutschland« zur »Deutschland GmbH«, vollzieht
schritt«. Grundzüge dieser Entwicklung zum »Sicherheitsstaat« lassen sich in sich in einem komplexen Verhältnis von Kontinuitäten und Brüchen. Als
der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in allen entwickelten kapitalistischen Län- Grundlage der Entstehung des fordistischen Sicherheitsstaats wurde der für den
dern feststellen. In Westdeutschland war sie allerdings besonders ausgeprägt. Kapitalismus strukturbestimmende Zusammenhang von Durchkapitalisierung
Dafür waren sowohl die Position als vorgeschobener Frontstaat im Kalten Krieg und Verstaatlichung der Gesellschaft benannt (vgl. Hirsch 1980, 54 ff.). Damit
als auch die nationalsozialistische Vergangenheit maßgebend. Deren Verdrän- ist gemeint, daß es mit fortschreitender Entwicklung der kapitalistischen Pro-
gung durch Konformismus und Leistungsdisziplin prägte die politische Kultur duktionsverhältnisse immer notwendiger wird, die natürlichen und gesellschaft-
der Nachkriegszeit in besonderer Weise. Der Antikommunismus als Integrati- lichen Voraussetzungen der profitgesteuerten Privatproduktion – natürliche
onsideologie – gestützt auf Kommunistenverfolgungen, Berufsverbote und eine Ressourcen, willige und qualifizierte Arbeitskräfte, Wissen, infrastrukturelle
ausufernde politische Überwachungsapparatur – spielte hier eine ganz starke Einrichtungen usw. – gesellschaftlich bereitzustellen und ihre in Form von öko-
Rolle als ideologischer Kitt und als politisch-soziales Disziplinierungsmittel. Er nomischen Krisen, sozialer Desintegration, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Ver-
bildete in Verbindung mit den materiellen Wohlstandsversprechen eine wesent- schleiß und Umweltzerstörung auftretenden negativen Folgen zu kompensieren.
liche politische Legitimationsgrundlage des westdeutschen Staats. Dazu kamen Dies begründet die in der historischen Entwicklung des Kapitalismus fast unge-
die kriegsbedingten gesellschaftlichen Umwälzungen und die Zerschlagung der brochene Zunahme des Staatsinterventionismus, unbeschadet aller ideologi-
organisierten Arbeiterbewegung durch den Nationalsozialismus, die die »fordi- scher Auseinandersetzungen und politischer Programmatiken. Allerdings be-
stische« Neuformierung des Parteien- und Gewerkschaftssystems erheblich er- deutet dies nicht, daß die institutionellen Formen und die konkreten Inhalte der
leichterte. Staatstätigkeit unverändert blieben: Sie wandeln sich mit den historischen Ge-
Auf der anderen Seite spielte der seit dem 19. Jahrhundert entwickelte und in stalten, die der Kapitalismus im Laufe seiner Entwicklung annimmt.
der Zeit des Nationalsozialismus noch weiter konsolidierte, für die Durchset- Ungeachtet aller neoliberalen Marktrhetorik von »Privatisierung« und »De-
zung korporativer Strukturen höchst förderliche Organisationsgrad des Kapitals regulierung« stellt deshalb die Entwicklung vom »Sicherheits«- zum »nationa-
mit den damit verbundenen Fähigkeiten zur planerischen Selbstregulierung eine len Wettbewerbsstaat« nichts anderes als eine neue Phase der Durchstaatlichung
wichtige Rolle im sicherheitsstaatlichen Regulationszusammenhang. Ein beson- der Gesellschaft dar. Im Zusammenhang mit der wachsenden Bedeutung staats-
deres Merkmal des deutschen Fordismus war seine von Anfang an verhältnis- interventionistischer »Standortpolitik« gerade auch für multinationale Unter-
mäßig starke Exportorientierung. Diese wiederum war vor allem eine Folge der nehmen ist dies bereits dargestellt worden. So kann generell von einem »Rück-
sozialen Kräfteverhältnisse in der Nachkriegszeit, die anfänglich durch eine er- zug« des Staates aus der Gesellschaft keine Rede sein, auch wenn sich die For-
hebliche Schwäche der Lohnabhängigen gekennzeichnet waren. Die Entwick- men staatsadministrativer Regulierung erheblich verändern, also z.B. polizeili-
lung des Binnenmarkts und die Dynamik des ökonomischen Wachstums blieben che Überwachung an die Stelle von materiellen Sozialleistungen tritt, private
dadurch stärker als bei vergleichbaren Staaten vom Export und von der – Schulen subventioniert statt staatliche errichtet werden oder wenn statt einfa-
zunächst durch sehr niedrige Löhne gewährleisteten – internationalen Wettbe- cher Ge- und Verbote im Umweltschutzbereich staatlich regulierte Marktme-
werbsfähigkeit abhängig. Internationale Konkurrenzfähigkeit gehörte schon chanismen eingesetzt werden, d. h., wenn der Staat durch Steuer- und Subventi-
frühzeitig zu den bestimmenden gesellschaftlichen und politischen Leitformeln onspolitik die Voraussetzungen dafür schafft, daß die Beseitigung von Umwelt-
der Bunderepublik. Ganz unverkennbar bildete so die imperiale Dominanz eine schäden selbst noch einmal ein profitables Geschäft werden kann. Das deutsche
entscheidende Grundlage der sozialen Integration. Nimmt man schließlich den »Duale System« in der Abfallwirtschaft ist nur eines von vielen Beispielen für ei-
ebenfalls in der deutschen Tradition stark verwurzelten Etatismus und Autorita- nen staatlich geschaffenen (Monopol-)Markt.

112 113
Nicos Poulantzas hat die politische Struktur des Sicherheitsstaats recht tref- schaftlicher Teilsysteme einen Grad relativer Autonomie, Eigenkomplexität und
fend als »autoritären Etatismus« bezeichnet (Poulantzas 1978). Dies bezog sich gesamtsystemischer Unverzichtbarkeit erreicht haben, welcher ihnen erlaubt,
auf die Quasi-Verstaatlichung des Parteien- und Gewerkschaftssystems, die Ein- Steuerungsimperativen des Staates eigene Optionen entgegenzusetzen« (Willke
beziehung sozialistischer und sozialdemokratischer Parteien in den kapitalisti- 1983, vgl. auch ders. 1993, 1994). Der »ungebremste Egoismus der Subsyste-
schen Regulationszusammenhang sowie auf den Ausbau der staatsbürokrati- me« führe angesichts der Tatsache, daß der gesellschaftliche »Steuerungsbe-
schen Präventions- und Kontrollapparatur. Seine Hoffnung, auf diesem politi- darf« mit zunehmender Komplexität ständig wachse, zu einer Entwicklung, die
schen Terrain könnten sich neue Formen demokratischer und sozialer »Volks«- immer unkontrollierbarer, unvernünftiger und tendenziell zerstörerisch werde
und Klassenkämpfe entwickeln, die zu einer emanzipatorischen gesellschaftli- (Willke 1993, 63). »Von Vernunft läßt sich erst dann sprechen, wenn die Einheit
chen Veränderung führen, hat sich als vergeblich erwiesen. Vielmehr hat sich einer Gesellschaft überhaupt gegenüber der zentrifugalen Dynamik der ... sich
der fordistische Sicherheitsstaat in der Krise dieser kapitalistischen Formation selbst gefährdenden Funktionssysteme zur Geltung kommen kann. Genau dies
entscheidend transformiert, und zugleich haben sich auch die Akteure, Ebenen aber ist gegenwärtig ungewiß. Von Systemintegration kaum eine Spur. Die un-
und Formen politisch-sozialer Konflikte grundlegend verändert. Der autoritäre gebremsten Egoismen der Subsysteme vereinen sich zu einer ›Risikogesell-
Etatismus ist damit nicht verschwunden, hat aber eine neue historische Gestalt schaft‹ ungeahnten Ausmaßes, gekennzeichnet durch normale Katastrophen, or-
angenommen. ganisierte Unverantwortlichkeit, die Unterversorgung mit zentralen kollektiven
Gütern ...« (Willke 1994, 25).
Abhilfe für diese effizienz- und demokratiegefährdende Entwicklung ist aus
2. Ein neuer Typ des kapitalistischen Staates dieser Sicht schwer zu erkennen. Willke glaubt sie darin finden zu können, daß
»Der Staat ist nicht mehr das, was er früher einmal war. Weder ist er eine be- »Staat« und »Gesellschaft« wenn schon nicht als konkrete Einrichtungen, so
sondere Autorität mit eigentümlicher Macht, noch ist er die zentral-hierarchi- doch als quasi regulative Ideen, als »interne Modelle« und »virtuelle Realität«
sche Steuerungs- und Koordinationsinstanz, die am besten weiß und verwirkli- fungieren könnten, die die auseinanderdriftenden »Teilsysteme« zur reflexiven
chen kann, wohin ›es‹ gehen soll« (Böhret 1993). Diese Äußerung kennzeichnet Selbstbindung, d. h. zur »Einsicht in die Notwendigkeit der Vermeidung selbst-
ebenso einfach wie treffend den gegenwärtigen Stand der politikwissenschaftli- gefährdender Optionen« veranlassen könnten (Willke 1994, 25 f.). Scharpf, der
chen Staatsdiskussion. Diagnostiziert wird eine historische Tendenz zur Dezen- das Problem nicht system-, sondern eher handlungstheoretisch angeht, verweist
tralisierung des Staates, zum Schwund seiner Kompetenzen und Ordnungsbe- hingegen darauf, daß sich zwischen den auseinanderdriftenden gesellschaftli-
fugnisse, zur Zersplitterung seiner Apparate und zu einer Verwischung der chen Institutionen und Machtzentren »Verhandlungssysteme« herausbilden
Grenzen zu privaten Institutionen (Offe 1987, 313). Die Vorstellung eines nach könnten, die durchaus zur Herstellung eines gesellschaftlichen »Wohlfahrtsop-
außen souveränen, nach innen durch hierarchische Unterordnungsverhältnisse timums« in der Lage wären. Ähnlich, aber noch einfacher setzt Offe auf ein
geprägten Staates, der sich durch demokratische Willensbildungsprozesse legiti- »neues institutionelles Design«, das den Staat von überschießenden Aufgaben
miert und fähig ist, Ordnung und Entwicklung der Gesellschaft zu gestalten, entlastet und ihn auf die Funktion von Regelsetzungen für verhandlungsförmige
wird mehr und mehr verabschiedet (Scharpf 1991, vgl. auch Offe 1987, Esser Interessensausgleichprozesse zurückschneidet (Offe 1987, 316 f., vgl. auch
1993, Ronge 1994). Die »Wiederentdeckung« des Staats durch die Politologie Böhret 1993).
in den achtziger Jahren (vgl. dazu v.a. Evans/Rueschemeyer/Skocpol 1985) hat Alle diese Hoffnungen, sei es auf eine Wiederherstellung des starken Staats,
also recht schnell in seiner erneuten theoretischen Beseitigung geendet. auf die reflexive Einsicht und Selbstbindung der »Teilsysteme« oder auf das
Die Grundlage dieser Entwicklung wird in einer zunehmenden Verselbstän- Wirken einer in pluralistischen Aushandlungsprozessen irgendwie zum Aus-
digung sozialer »Teilsysteme«, von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft usw. gese- druck kommenden »unsichtbaren Hand«, sind freilich nicht sonderlich gut be-
hen, die – ihren jeweils eigenen Logiken folgend – die Einheit und den Zusam- gründet. Da nicht angegeben werden kann, auf welche Weise, wie und von wem
menhalt der Gesellschaft immer fragwürdiger werden lassen und die sich steu- die angegebenen Veränderungen realisiert werden sollen, und solange die dem
ernden Einflüssen von außen grundsätzlich entziehen. Es habe sich ein Zustand Problem zugrundeliegenden gesellschaftlich-ökonomischen Prozesse hinter
herausgebildet, in dem »Handlungsfähigkeit nicht mehr Prärogative (d. h. Vor- höchst abstrakten Formeln wie »Komplexitätssteigerung« oder »systemische
rechte, d. Verf.) des staatlichen Teilsystems ist, sondern eine Mehrzahl gesell- Ausdifferenzierung« eher verborgen denn wirklich zur Kenntnis genommen

114 115
Edited by Foxit Reader
Copyright(C) by Foxit Corporation,2005-2009
For Evaluation Only.
werden, handelt es sich im Kern um normative Postulate, die in deutlichem Ge- oder weniger formalisierter »Verhandlungen« zwischen verschiedenen staatli-
gensatz zur realen gesellschaftlichen Entwicklung stehen. chen Organisationseinheiten, Unternehmen und gesellschaftlichen Gruppen
Diese Erkenntnisse, mit denen die politikwissenschaftliche Theorie auf die annehmen, deren Ergebnisse von der Übereinstimmung aller Beteiligter abhän-
Folgen der Globalisierung mit den damit verbundenen innergesellschaftlichen gen (Scharpf 1991, 623). Euphemistisch wird dies als »Entlastung« des Staats
Strukturveränderungen reagiert, bezeichnen immerhin den Abschied von der von Aufgaben beschrieben, die er mit seinen Mitteln allein ohnehin nicht mehr
altehrwürdigen Staatsillusion der Politikwissenschaft. Sie haben natürlich er- zu bewältigen in der Lage sei. In der Theorie bleibt dem Staat die Aufgabe, der-
hebliche Konsequenzen für eine Demokratietheorie, für die die gesellschaftsge- artige »Verhandlungssysteme« regulierend zu gestalten, »Prozeßsteuerung« zu
stalterische Handlungsfähigkeit des auf demokratischen Willensbildungsprozes- betreiben, d. h. die institutionellen und verfahrensmäßigen Voraussetzungen
sen beruhenden Staates eine zentrale Annahme war. Wenn die eigenständige dafür zu schaffen, daß überhaupt etwas geschieht. Seine verbleibende Macht
Handlungskompetenz des Staates grundsätzlich in Zweifel steht, dann laufen die wird darin gesehen, daß er mit der Androhung gesetzlicher und administrativer
demokratischen Prozesse, so wie sie bislang theoretisch begriffen wurden, Maßnahmen ergebnisreiche Verhandlungen möglicherweise erzwingen kann
tatsächlich ins Leere. Daß es für die Disziplin insgesamt indessen nicht leicht ist, (Scharpf 1991, 629). Wenn man so will, könnten diese Aushandlungsprozesse
diesen Umstand anzuerkennen – und Kritiker wie beispielsweise Scharpf und zwischen selbständigen staatlichen und gesellschaftlichen Akteuren als der Mo-
Willke es schwer haben, ihre etwas realistischere Sicht zur Geltung zu bringen –, dus angesehen werden, durch den sich die von den Systemtheoretikern für mög-
hängt wohl stark damit zusammen, daß die Verabschiedung traditioneller Staats- lich gehaltene »Selbstbindung« der prinzipiell ihren eigenen Logiken folgenden
vorstellungen auch an die Grundfesten der herrschenden politischen Legitimati- »Teilsysteme«, d. h. die Berücksichtigung gesamtgesellschaftlicher Erfordernis-
onsmuster rührt. Hintergrund des von der Politikwissenschaft diagnostizierten se, konkret realisiert. Nun sind allerdings »Aushandlungsprozesse« zwischen
Funktions- und Bedeutungsverlusts des Staates sind die Entwicklungen, die als Staat und gesellschaftlichen Machtgruppen keinesfalls eine ganz neue Erschei-
Folge des postfordistischen Internationalisierungs- und Globalisierungsprozes- nung. Schon für den fordistischen Kapitalismus waren z.B. korporative Abkom-
ses beschrieben worden sind. Ein entscheidender Faktor ist schließlich der ra- men zwischen dem Staat und den »Sozialpartnern« in der Wirtschafts-, Sozial-
sante Aufstieg der multinationalen Konzerne, der einen qualitativ neuen Schub und Einkommenspolitik üblich. Und immer schon spielten unternehmerische
im Monopolisierungsprozeß des Kapitals darstellt und der private Unternehmen Monopole und kapitalistische Machtgruppen die Rolle eigenständiger »Ver-
immer stärker zu zumindest gleichberechtigten und gleichmächtigen Partnern handlungspartner« des Staates. Neu ist, daß sich diese Politikform auf immer
der Nationalstaaten werden läßt. Wenn in der einschlägigen Theoriesprache weitere Bereiche, z.B. die Technologie-, Kommunikations-, Städtebau-, Um-
von »Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Teilsysteme« und »Komplexitätsstei- welt- und Gesundheitspolitik ausdehnt und daß dabei die Macht der multinatio-
gerung« die Rede ist, dann bezieht sich dies vor allem auf diesen Zusammen- nalen Konzerne entscheidend anwächst. Waren diese unter den Bedingungen ei-
hang, auf eine Entwicklung also, die in der Tat wachsende »teilsystemische Ei- ner vorherrschend auf den nationalstaatlichen Raum bezogenen Regulierung
genlogiken«, z.B. in Gestalt von nationale Gesellschaften übergreifenden Un- fallweise noch zu sozialen Kompromissen gezwungen, so verleiht ihnen ihre glo-
ternehmensverbünden, hochfraktionierten sozialen Interessenblöcken oder fest- bale Beweglichkeit und die simple Drohung des Auswanderns heute eine Positi-
gefügten industriell-wissenschaftlichen Komplexen hervorbringt. Veränderte Bedeutung des Staates, on, die gegenüber Staat, Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen Grup-
Die immer schon irreleitende Vorstellung, der Staat gestalte die gesellschaft- der Verhandlungen pen immer bestimmender wird. Die Verlagerung der politischen Prozesse in ein
Organisiert
liche Entwicklung auf der Grundlage parlamentarisch beschlossener Gesetze, Geflecht regionaler, lokaler und supranationaler Instanzen führt zu einer weite-
muß also wohl endgültig aufgegeben werden. Nationalstaaten sind nicht mehr ren Entmachtung der Parlamente und stärkt die staatlichen Bürokratien auf al-
als Teile einer komplex verzweigten politischen Apparatur, in der mehr oder we- len Ebenen. Sie eröffnet damit global operierenden Unternehmungen zusätzli-
niger formell institutionalisierte supranationale Politikebenen eine ebenso che Spielräume, etwa wenn es der deutschen Chemieindustrie gelingt, die natio-
wachsende Bedeutung erhalten. Zugleich entwickeln regionale und lokale politi- nale Umweltpolitik mittels der EU-Bürokratie zu unterlaufen. In diesem Sinne
sche Einheiten eine fortschreitende Eigendynamik und können immer weniger hat Politik als »Verhandlungssystem« die nationalstaatlichen Grenzen längst
als bloß verlängerte Arme der Zentralstaaten begriffen werden. Da sich gleich- hinter sich gelassen. Das bedeutet allerdings, daß unter diesen Bedingungen die
zeitig vor allem die multinationalen Unternehmungen als eigenständige Akteure Chancen zu einer »reflexiven Selbstbindung der Teilsysteme« und für die staat-
mit globaler Reichweite etabliert haben, kann Politik nur noch die Form mehr liche Erzwingbarkeit von Verhandlungsergebnissen als ebenso beschränkt ange-

116 117
sehen werden müssen wie die Hoffnung, daß aus diesem Prozeß so etwas wie ein davon betroffenen Bevölkerung zu vertreten und durchzusetzen hat. Dies wird
vertretbares Maß allgemeiner Wohlfahrt entstehen könnte. Die insbesondere allerdings um so schwieriger, je größer die materiellen Opfer sind, die den Inter-
bei Scharpf (1991) diesbezüglich anklingende neue Variante der Pluralismus- essen des internationalen Kapitals gebracht werden müssen. Der institutionelle
theorie krankt schon daran, daß von einer annähernden Symmetrie in den Ver- Rahmen des parlamentarischen Repräsentativsystems enthält nur noch sehr be-
handlungspositionen der verschiedenen Akteure überhaupt keine Rede sein schränkte Möglichkeiten für die Organisation von Klassenkompromissen, und
kann. In der materialistischen Theorie wird der Staat als die Instanz aufgefaßt, zwar sowohl was das Verhältnis der verschiedenen »Kapitalfraktionen« als auch
die aufgrund ihrer relativen Autonomie gegenüber gesellschaftlichen Gruppen was deren Beziehung zu den LohnarbeiterInnen und sonstigen abhängigen
und Klassen sowohl die Formulierung einer relativ einheitlichen, über den bor- Klassen und Schichten angeht. Ebenso irreleitend wie die undifferenzierte The-
nierten Interessenhorizont der konkurrierenden Einzelkapitale hinausreichen- se vom Bedeutungsverlust der Nationalstaaten wäre allerdings die simple Unter-
den Politik als auch die Herstellung der dafür notwendigen sozialen Kompro- stellung eines Verschmelzens von Staat und internationalem Kapital, d. h. eines
misse ermöglicht. Diese politische Form, die Trennung von »Staat« und »Ge- völligen Verschwindens seiner relativen Autonomie. Nach wie vor bleibt, jeden-
sellschaft«, von »Politik« und »Ökonomie«, macht danach den Kapitalismus falls in den kapitalistischen Zentren, der Staat die Instanz, die – gestützt auf sei-
überhaupt erst bestands- und entwicklungsfähig. Durch die skizzierten Tenden- ne Fähigkeit zur Steuererhebung – maßgebende infrastrukturelle Voraussetzun-
zen ist diese Form, wenn nicht grundsätzlich aufgehoben, so doch entscheidend gen des kapitalistischen Produktions- und Verwertungsprozesses zu gewährlei-
modifiziert worden. Einerseits wird immer unbestimmter, was unter »Staat« sten hat, der die Geldzirkulation wegen seiner Abhängigkeit vom internationa-
und »Gesellschaft« angesichts von Globalisierung, Internationalisierung und len Finanz- und Bankensystem zwar immer weniger kontrolliert, aber nach wie
Regionalisierung konkret zu verstehen ist, und zum anderen treten sich als Fol- vor garantiert, der die wie auch immer zustandegekommenen politischen Ent-
ge des internationalen Monopolisierungsprozesses Staat und Kapital in durchaus scheidungen durchzusetzen hat und dessen Personal sich über Wahlen rekrutiert
veränderten Konstellationen gegenüber. Man wird davon ausgehen müssen, daß und damit unter spezifischen politischen Legitimationszwängen steht. Er ge-
die Staaten – selbst große und mächtige – nachhaltiger und unmittelbarer von währleistet nach wie vor entscheidend die Regulation der Klassenverhältnisse
einer relativ kleinen Gruppe multinationaler Unternehmungen abhängig ge- auf nationaler wie internationaler Ebene, und er steht gleichzeitig unter dem
worden sind und daß deren Interessen in wachsendem Maße die Politik bestim- Zwang, den politisch-sozialen Zusammenhalt einer ökonomisch sich spaltenden
men. Dazu bedarf es keiner besonderen institutionellen Vorkehrungen oder per- und auseinanderdriftenden Gesellschaft halbwegs zu gewährleisten. Ebenso
soneller Verflechtungen, sondern es genügt, daß jede staatliche Politik, die auf bleibt auch das internationale Kapital darauf angewiesen, daß das ökonomisch-
die Interessen des internationalen Kapitals keine Rücksicht nimmt, unter den technische und gesellschaftliche Umfeld seiner unterschiedlichen Produktions-
Bedingungen eines sich globalisierenden Weltmarkts zum Scheitern verurteilt standorte politisch-institutionell garantiert wird. Dies mag eine Frage von mo-
ist. Je stärker und direkter aber der Einfluß des internationalen Kapitals wird, nopolistischen Aushandlungsprozessen geworden sein, aber diese müssen immer
desto mehr verselbständigt sich der Staat in bezug auf die Interessen nicht nur noch andere gesellschaftliche Gruppen miteinbeziehen, um wirksam zu werden.
der Lohnabhängigen, sondern auch von Teilen der nicht in den Internationali- Auch kapitalistische »Standortpolitik« bleibt auf gesellschaftliche Kräfteverhält-
sierungszusammenhang einbezogenen Unternehmen, kleinen Selbständigen nisse bezogen, muß politisch legitimiert und durchgesetzt werden. Deshalb sind
und auch der Landwirte. Ihnen gegenüber werden die Zwänge der kapitalisti- Staaten tatsächlich eher »Partner« denn schlichte Instrumente des internationa-
schen Standortpolitik immer härter und kompromißloser durchgesetzt. len Kapitals, und dies begründet die Möglichkeit durchaus unterschiedlicher ge-
Dadurch verliert der parlamentarische Prozeß mit seinen Legitimations-, sellschaftlich-politischer Strategien im Konkurrenzkampf der Standorte, die
Entscheidungs- und Kompromißbildungsverfahren weiter an Bedeutung. Wenn vom Kapital allein, und zwar gerade je mehr es sich internationalisiert, keines-
wesentliche politische Entscheidungen in parlamentarisch nicht oder nur wenig falls entwickelt werden können. Die Fähigkeit dazu ist letzten Endes eine Frage
beeinflußbaren internationalen Bürokratien oder in meist informellen Verhand- der Verfügung über physische Gewaltmittel. Was deshalb bei allen Internationa-
lungszusammenhängen unter maßgeblicher Beteiligung der multinationalen lisierungs- und Globalisierungsprozessen weitgehend unangetastet bleibt, ist das
Konzerne getroffen werden, so verwandelt sich die repräsentativ-demokratische einzelstaatliche Gewaltmonopol, d. h. die staatsadministrative Verfügung über
Apparatur, also Parlament, Parteien usw., in eine Instanz, die mehr und mehr be- das polizeiliche und militärische Potential. Die Existenz einer Vielzahl von Staa-
reits feststehende Fakten und Kompromisse zu bestätigen und gegenüber der ten als Gewaltapparate ist und bleibt eine entscheidende Voraussetzung des glo-

118 119
balen Akkumulations- und Verwertungsprozesses. Nach wie vor ist von einer ge- in ein deutliches Konkurrenz- und Spannungsverhältnis zu dem, was im Feuille-
sellschaftlichen »Besonderung« des Staates als entscheidender Bestands- und ton unter »nationaler Identität« gehandelt wird. Jedoch taucht dadurch gewiß
Entwicklungsbedingung der kapitalistischen Gesellschaft auszugehen. Im Pro- kein neues Mittelalter am Horizont auf, wie literarisch gelegentlich kolportiert
zeß der Globalisierung verschiebt sich aber das Verhältnis zwischen »Staat« und wird. Die »Moderne« bleibt auch insofern bestehen, als die gesellschaftliche
»Wirtschaft« bzw. »Gesellschaft« nachhaltig. Während im Zusammenhang Struktur und Entwicklung nach wie vor maßgeblich vom sowohl markt- wie
staatsmonopolistischer Verhandlungssysteme die Grenzen zwischen »Staat« und staatlich-politisch regulierten Kapitalverwertungsprozeß bestimmt wird.
»Gesellschaft« zu verschwimmen scheinen, wächst die Abgehobenheit der poli-
tisch-administrativen Maschinerie gegenüber wichtigen sozialen Milieus und
Interessenlagen. Damit wird in der Tat die gesellschaftliche Entwicklung insge- 3. Kapitalismus ohne Klassen?
samt krisen- und katastrophenträchtiger. Es entsteht eine strukturelle »Risiko- Die Fragmentierung der Gesellschaft
gesellschaft« in einem durchaus nicht nur symbolischen Sinne. Die meist unausgesprochene Grundlage aller Demokratietheorien ist die Exi-
Wenn Poulantzas in bezug auf den fordistischen Sicherheitsstaat mit seinen stenz einer relativ geschlossenen und abgrenzbaren »nationalen« Gesellschaft.
Tendenzen zur Etatisierung von Parteien und Verbänden, zur bürokratischen Sie macht die Vorstellung einer eindeutigen Beziehung zwischen Regierten und
Stillstellung und präventiven Unterdrückung sozialer Konflikte vom »auto- Regierenden, WählerInnen und Entscheidenden denkbar, die Begriffen wie
ritären Etatismus« als Normalform des entwickelten kapitalistischen Staates ge- »Partizipation« und »demokratische Legitimation« erst ihren Sinn verleiht
sprochen hatte (Poulantzas 1978), so ist heute festzustellen, daß sich auch dieser (Held 1991). Erst wenn klar bestimmbar ist, wer zum »Volk« gehört, und erst
Herrschaftstyp im Zuge der globalen ökonomischen Strukturveränderungen wenn der »Regierung« eine gewisse souveräne Handlungskompetenz unterstellt
grundlegend verwandelt. Staaten können weniger denn je als umfassende Ge- werden kann, wird theoretisch ein demokratischer Prozeß möglich, der allen Be-
sellschaftsgestalter und -kontrolleure betrachtet werden. Eher verschärft hat troffenen Mitwirkungs- und Kontrollrechte darüber verleiht, was politisch über
sich dabei allerdings die autoritäre Entwicklung im Rahmen des überkomme- sie entschieden wird. Wenn von politischen Entscheidungen Betroffene nicht
nen, aber immer leerer laufenden parlamentarisch-demokratischen Institutio- wählen können, weil sie keine Staatsbürgerrechte besitzen, wenn sie außerhalb
nensystems. Insofern bedarf Poulantzas’ Analyse zwar keiner grundsätzlichen der staatlichen Grenzen leben oder wenn die relevanten Entscheidungen über-
Revision, aber einer Weiterentwicklung. haupt nicht im institutionellen Rahmen des Nationalstaats fallen, so verliert of-
Des öfteren werden die beschriebenen Entwicklungen zum Anlaß genom- fensichtlich das nationalstaatlich-liberaldemokratische System seine Substanz.
men, die Herausbildung eines neuen Feudalismus zu diagnostizieren (so u.a. bei Die Vorstellung eines »Gesellschaftsvertrags«, das Grundmotiv aller bürgerli-
Scharpf 1991 und Held 1991, 223 ff.). Dies ist zweifelsohne nicht ganz falsch. Je chen Politik- und Demokratietheorie, hat in der Entsprechung von »Volk« und
mehr sich die Form des ökonomisch-gesellschaftlich einigermaßen geschlosse- »Regierung« ihre entscheidende Rechtfertigung und Begründung. Natürlich
nen und Souveränität nach innen wie außen beanspruchenden Territorialstaates hat die Realität dieser unterstellten Einheit von Regierenden und Regierten nie
auflöst, desto deutlicher kommt es im Geflecht der lokalen, regionalen, nationa- entsprochen: Immer schon verfügte nur ein Teil der innerhalb der staatlichen
len und internationalen Institutionen zu einer Zersplitterung der politischen Grenzen lebenden Menschen selbst nur formell über sämtliche staatsbürgerli-
Autoritäten, werden politische Zugehörigkeiten fluktuierender und unsicherer, chen Rechte, waren politische Mitwirkungsmöglichkeiten durch soziale Un-
explodieren gewalttätige Konflikte, treten den Staaten in vieler Hinsicht eben- gleichheiten und ökonomische Herrschaftsverhältnisse beschränkt und blieb die
bürtige Machtzentren auf den Plan und verliert die Gesellschaft ihre hierar- Reichweite des staatlichen Handelns durch wirtschaftliche Machtstrukturen be-
chisch-bürokratische Gliederung. Wenn internationale Konzerne nach Mög- grenzt. Nicht zuletzt hatte jede nationalstaatliche Politik ebenso grenzüber-
lichkeit grenzüberschreitend ihre loyalen Betriebsgemeinschaften organisieren, schreitende Auswirkungen, wie die inneren gesellschaftlichen Entwicklungen
ganze Netzwerke abhängiger Zulieferer- und Serviceunternehmen dirigieren, durch internationale Machtverhältnisse bestimmt wurden.
politische Entscheidungen maßgeblich bestimmen, Informationen weltweit Inzwischen sieht es aber so aus, als würden der Prozeß der kapitalistischen
kontrollieren und durch ihre Sponsoraktivitäten auch noch die kulturelle Ent- Globalisierung, die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen sowie
wicklung immer nachhaltiger beeinflussen, dann lassen sich darin in der Tat der Funktionswandel der Nationalstaaten die Grundlagen dieses Modells end-
»neofeudale« Tendenzen erkennen. »Corporate Identity« tritt jedenfalls heute gültig aushebeln. Diese Entwicklung polarisiert und zerreißt die Gesellschaften

120 121
sowohl im nationalstaatlichen wie im internationalen Maßstab (Narr/Schubert postmodernen Wertewandel, sondern in der Dynamik des globalen Akkumula-
1994, 74 ff.). Begriffe wie »Volk«, »Wählerschaft«, »Verantwortlichkeit«, »Par- tionsprozesses und in den damit verbundenen gewaltsamen Umstrukturierun-
tizipation« werden damit grundsätzlich fragwürdig (Held 1991, 197). »Wir sind gen zu suchen ist.
das« oder gar »ein Volk«, diese gefeierten Parolen des deutschen Umbruchs von Entscheidend ist vor allem die Veränderung der Arbeitsverhältnisse. Der zur
1989 waren ideologische Versicherungen, die mit der Realität nur noch wenig zu Bereinigung der Fordismus-Krise weltweit in Gang gesetzte Rationalisierungs-
tun hatten – was sich in Form der Nach-Vereinigungs-Misere dann ja auch schub hat in fast allen entwickelten kapitalistischen Ländern ein Maß von struk-
schnell herausstellte. »Zugehörigkeit« – sei es zu einer Wohlstandsfestung, einer tureller Dauerarbeitslosigkeit erzeugt, das zwei Jahrzehnte zuvor noch für aus-
Sicherheitszone, zum »besserverdienenden« Gesellschaftsdrittel, zu einer geschlossen und im übrigen auch für politisch systemgefährdend gehalten wor-
»Wertegemeinschaft« oder zu einem kulturellen Milieu – wird auf nationaler den wäre. Entgegen allen verbalen Versicherungen gibt es heute keine staatliche
wie internationaler Ebene zu einer zunehmend prekären und umkämpften Exi- Beschäftigungspolitik mehr, die über notdürftige Kompensations- und Verschie-
stenzfrage. bemaßnahmen hinausginge. Die administrativ eingerichteten Parkplätze und
In der fordistischen Phase der kapitalistischen Entwicklung, also um die Mit- Zwischenlagerstätten für Arbeitslose in Gestalt von sozialen Unterstützungszah-
te dieses Jahrhunderts, konnte es noch den Anschein haben, als käme es zu einer lungen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und ähnlichem werden im Verhältnis
Verwirklichung der ökonomischen und sozialen Voraussetzungen einer relativ zur Menge der Betroffenen immer knapper. Der Grund für diese Entwicklung
egalitären Demokratie im nationalstaatlichen Rahmen. Die Arbeiterklasse hatte liegt nicht nur darin, daß die traditionellen Instrumente der keynesianischen
sich substantielle soziale Sicherungen und demokratische Mitwirkungsrechte er- Globalsteuerung nicht mehr greifen. Eine staatliche Politik, die vorrangig auf
kämpft, und die Durchsetzung eines standardisierten Massenkonsummodells eb- die Verbesserung der Kapitalverwertungsbedingungen und die Gewinnung in-
nete regionale und soziale Unterschiede ein. Die Herausbildung des modernen ternationaler »Standortvorteile« setzt, muß Massenarbeitslosigkeit entgegen al-
Interventionsstaates, der auf die Entwicklung des inneren Markts gerichtet war ler rhetorischer Versicherungen bewußt und strategisch einkalkulieren. Diese
und sich im Rahmen eines einigermaßen funktionierenden internationalen Re- dient dazu, Widerstände gegen die umfassende Restruktuierung des Produk-
gulationszusammenhangs als halbwegs eigenständig handlungsfähig erwies, ver- tionsprozesses zu brechen. Je stärker Arbeitslosigkeit anwächst und je mehr
lieh der Vorstellung einer einen und einheitlichen Nation zumindest in den ka- gleichzeitig das System der sozialen Sicherung löcherig wird, desto weniger ge-
pitalistischen Zentren einen gewissen Realitätsgehalt. Die Krise des Fordismus lingt es, die aus dem Arbeitsprozeß ausgegrenzten sogenannten »Modernisie-
und die im Zusammenhang der Globalisierung des Kapitals durchgesetzte post- rungsopfer« sozialstaatlich aufzufangen. Marginalisierte, Nicht- oder Unterbe-
fordistische Umstrukturierung von Wirtschaft und Gesellschaft haben dem ein schäftigung verbindet sich deshalb immer massenhafter mit materieller Armut.
recht unvermutetes Ende bereitet. Die dauerhafte Spaltung der Gesellschaft in, wie so schön gesagt wird, »Arbeits-
Die »postfordistische« Gesellschaftsstruktur ist insgesamt dadurch gekenn- platzbesitzerInnen« und Arbeitslose ist zu einem ihrer hervorstechendsten
zeichnet, daß sich verstärkte soziale Spaltungstendenzen auf nationaler wie glo- Merkmale geworden.
baler Ebene mit anwachsenden internationalen Flucht- und Wanderungsbewe- Das von den einschlägigen Wirtschaftsexperten propagierte Gegenmittel
gungen verbinden (Narr/Schubert 1994, 74 ff.). Damit wird die Vorstellung von heißt »Deregulierung«. Gemeint ist damit die Lockerung oder Auflösung tarif-
einer einheitlichen »nationalen« Gesellschaft zunehmend fiktiv. Während in vertraglicher und gesetzlicher Sicherungen und Beschränkungen, die Abschaf-
den Sozialwissenschaften neuerdings wieder einmal über die Brauchbarkeit des fung des standardisierten Normalarbeitsverhältnisses sowie eine »Flexibilisie-
Gesellschaftsbegriffs überhaupt debattiert wird (vgl. z.B. Willke 1994), können rung« der Arbeitsbeziehungen im Sinne wachsender Lohndifferenzierungen
alle Beschwörungen von »Nation« und »Gemeinschaft« nicht darüber hinweg- und eines erhöhten Mobilitätszwangs. Diese Strategie zielt auf eine so weitge-
täuschen, das deren materielle Grundlagen mehr als je zuvor fragwürdig gewor- hende Senkung der durchschnittlichen Realeinkommen, daß Investitionen wie-
den sind. Dem unverdrossen positiven soziologischen Blick erscheint diese Ent- der profitabel werden, also auf eine strukturelle Verschiebung der Einkommens-
wicklung je nachdem als »Individualisierung«, »Multikulturalität« oder »Plura- verteilung. Von steigenden Kapitalprofiten werden neue Investitionen und ein
lisierung der Lebensstile«. Wie auch immer dies zu bewerten ist, es bleibt verstärktes Wachstum, mithin neue Arbeitsplätze erwartet. Wären die Men-
zunächst einmal festzuhalten, daß die Grundlage dieser Entwicklungen weniger schen gezwungen, zu jedem Lohn und unter allen Bedingungen zu arbeiten,
in einem selbstbestimmten Verhalten der Individuen oder in einem allgemeinen würden sie auch Arbeit finden, so lautet relativ übereinstimmend die herrschen-

122 123
de, von der neoklassischen Sichtweise geprägte Politiker- und Sachverständigen- stungs- und Mobilitätsanforderungen, sondern auch mit erheblichen Verdienst-
meinung. Verwiesen wird dabei auf das Beispiel der USA, wo die entschlossenen einbußen verbindet und so die Rede von der »Existenzgründung« in vielen Fäl-
Deregulierungsmaßnahmen der Reagan-Administration zu einem deutlichen len zum zynischen Euphemismus stempelt (vgl. K. H. Roth 1994). Das Einkom-
Beschäftigungsboom geführt haben. Dies allerdings um den Preis rückläufiger men von fast der Hälfte dieser »Selbständigen zweiter Klasse« liegt unter dem
Masseneinkommen und wachsender Armut. Wie realistisch solche Kalküle auch durchschnittlichen Arbeitnehmerlohn. Die Zahl solcher »Einpersonenunter-
immer sein mögen, so kalkulieren sie in jedem Falle die faktische Ausweitung nehmungen« nimmt ständig zu und umfaßt immer mehr Berufsbereiche, von
der »industriellen Reservearmee« und fortschreitende gesellschaftliche Spal- LKW- und TaxifahrerInnen über Bauarbeiter bis hin zu den vielfältigen
tungsprozesse bewußt ein. Diese schreiten allerdings ohnehin beschleunigt vor- »Dienstleistungsunternehmungen« im Text-, Informations- und Datenverarbei-
an. Die Wirkungen von weltmarktbestimmter Rationalisierung und Deregulie- tungsbereich (Wirtschaftswoche Nr. 28/1994, 21 ff.). Die Annäherung an das
rung zeigen sich in der betrieblichen Personalpolitik, die immer weniger auf sta- amerikanische Modell des »workfare state«, die durch starke Gewerkschaften
bile »Stammbelegschaften« mit entsprechenden Personalreserven und statt des- und das in Europa traditionell besser ausgebaute sozialstaatliche System etwas
sen immer stärker auf mobile und vielfältig einsetzbare »flexible Mindestbeleg- verlangsamt war, prägt sich nun auch hierzulande deutlicher aus, was allerdings
schaften« setzt, die durch befristet und Teilzeitbeschäftigte, LeiharbeiterInnen keinen nennenswerten Einfluß auf die Arbeitslosenzahlen zu haben scheint.
oder das Personal von Subkontraktfirmen ergänzt werden. Der Verleih von Ar- Sichtbar wird nur, daß hier wie dort die sogenannte »Dienstleistungsrevoluti-
beitskräften durch Firmen aus Billiglohngebieten prägt den Arbeitsmarkt nicht on«, die vor allem der rationalisierenden Ausgliederung von Servicefunktionen
nur in der Bauindustrie immer nachhaltiger. Auch die Privatisierung öffentlicher aus den Industriebetrieben geschuldet ist, eine massive Senkung des Einkom-
Unternehmen hat in der Regel die Auflösung garantierter Beschäftigungsver- mensniveaus und eine ebenso drastische Rücknahme sozialer Sicherungen bein-
hältnisse zum Ziel. Die Verringerung der Produktionstiefe durch Inanspruch- haltet.
nahme von »just in time«-angebundene, wirtschaftlich weitgehend abhängige Je größer unter den Bedingungen des postfordistischen Akkumulationsregi-
und unter starkem Kostendruck stehende Dienstleistungs- und Zuliefererfirmen mes die internationalen ökonomischen, sozialen und politischen Ungleichheiten
vermehrt die Zahl schlecht bezahlter und sozial ungesicherter Beschäftigungs- werden, ökonomische Abhängigkeit, Verarmung und politische Repression der
verhältnisse, zumal diesen Unternehmen und ihren Beschäftigten permanent Herausbildung weniger Inseln relativen Wohlstands gegenübersteht, desto stär-
mit der Produktionsverlagerung in Billiglohnländer gedroht werden kann. Ge- ker werden die erzwungenen Wanderungs- und Fluchtbewegungen: aus Krisen-,
rade auf diesem Gebiet hat das »Modell Japan« besonders nachhaltig gewirkt. Katastrophen- und Kriegsgebieten in die vor dem Kollaps stehenden Megastäd-
Die der anwachsenden Masse marginalisierter Lohnabhängiger gegenüberste- te der kapitalistischen Peripherie, von Süd nach Nord und von Ost nach West.
henden, relativ privilegierten Kernbelegschaften schmelzen zusammen und ste- Trotz verschärfter Abschottungsmaßnahmen fließt ein Teil dieser Migration
hen mit der auch sie nicht mehr ausnehmenden Drohung des Arbeitsplatzver- auch in die kapitalistischen Metropolen und versorgt den dortigen Arbeitsmarkt
lusts unter einem durch Gruppenarbeit, Qualitätszirkel u.a.m. untermauerten mit billigen, wesentliche politische und soziale Rechte entbehrenden oder völlig
Anpassungs-, Leistungs- und Loyalitätsdruck. Fügsame »Betriebsgemeinschaf- illegalen Arbeitskräften. Diese Form der »Multikulturalität« vergrößert die ge-
ten« lassen sich um so leichter formieren, je stärker auch die Kernbelegschaften sellschaftlichen Spaltungen und Konflikte entscheidend (Castells 1994). Die
unter der permanentem Rationalisierungsdrohung und in immer schärferer Tatsache, daß das internationale Kapitalverhältnis immer schon auf der Kombi-
Konkurrenz zu den Billigarbeitskräften in- und außerhalb der nationalen Gren- nation einer Vielzahl von Produktions-, Herrschafts- und Ausbeutungsformen
zen stehen (Elam 1994, Tomaney 1994). beruht hat (Balibar/Wallerstein 1992, 215 ff.), drückt sich im Zuge der Globali-
Was »Marginalisierung« heißt, läßt sich unter anderem an der steigenden sierung immer deutlicher auch in den kapitalistischen Zentren selbst aus, deren
Zahl der sogenannten geringfügig Beschäftigten ohne Arbeitsplatzgarantien und Gesellschaften nicht nur durch wachsende soziale und kulturelle Unterschiede,
soziale Sicherungsansprüche ablesen, die in der Bundesrepublik inzwischen auf sondern durch die Ausbreitung »informeller« und peripherer Arbeitsverhältnis-
etwa 4 Millionen geschätzt wird. Dazu kommt das Phänomen der »neuen se auch bei der einheimischen Bevölkerung geprägt werden. Der gefestigte und
Selbständigkeit«, das heißt der unter dem Druck von Rationalisierung und Ar- gesicherte Lohnarbeiterstatus, der in der fordistischen Phase des metropolitanen
beitslosigkeit stattfindende Wechsel von Lohnabhängigen in eine formelle »Un- Kapitalismus zumindest für den überwiegenden Teil der männlichen und quali-
ternehmer«- und Selbständigenposition, die sich oft nicht nur mit erhöhten Lei- fizierteren Lohnabhängigen bestimmend war, bröckelt immer deutlicher.

124 125
In der alten Bundesrepublik Deutschland hatten die fordistischen Strukturen dere im Rahmen von Analysen des Wahl- und Konsumverhaltens, ist es deshalb
mit relativ starken Gewerkschaften und einem ausgebauten sozialen Sicherungs- üblich geworden, statt »Klassen« oder »Schichten« verschiedene soziale »Mi-
system die Krise noch verhältnismäßig lange überdauert. Hier war es vor allem lieus« zu unterscheiden. Dabei spielt der von Bourdieu entwickelte Begriff des
der Anschluß der ehemaligen DDR nach 1989, der den entscheidenden Durch- »Habitus«, d. h. die von der objektiven materiellen Lage zwar nicht unabhängi-
bruch zur postfordistischen Restrukturierung brachte. Die mit der ehemaligen ge, aber in spezifischen soziokulturellen Zusammenhängen aktiv geformte Art
DDR eingegliederte und durch die Deindustrialisierung des Ostens stark ange- und Weise, wie Menschen ihr gesellschaftliches Dasein verstehen und gestalten,
wachsene industrielle Überschußbevölkerung hat, verbunden mit der Möglich- eine wichtige Rolle (vgl. Vester u.a. 1993, v. Oertzen 1994). Die Verwendung des
keit, die Lohnabhängigen in Ost und West gegeneinander auszuspielen, den Milieukonzepts geht interessanterweise ursprünglich auf Arbeiten eines kom-
Prozeß der Deregulierung der Arbeitsverhältnisse erheblich beschleunigt. Unter merziellen Marktforschungsunternehmens (SINUS) zurück, das ein »gehobenes
dem Druck drohender Betriebsschließungen konnten Lohnsenkungs- und »Fle- konservatives«, ein »technokratisch-liberales«, ein »alternatives«, »kleinbürger-
xibilisierungs«maßnahmen – ob mit oder ohne formelle gewerkschaftliche Tole- liches«, ein »Aufsteigermilieu«, ein »hedonistisches Milieu«, ein »traditionel-
rierung – sehr viel reibungsloser und oft mit Zustimmung der Beschäftigten les« und ein »traditionsloses« und schließlich ein »neues« Arbeitermilieu unter-
selbst durchgesetzt werden. Zu den größer werdenden sozialen Spaltungen kam scheidet. Eine von Michael Vester geleitete Forschungsgruppe teilt dagegen die
auf diese Weise eine regionale Disparität hierzulande bislang nicht gekannten Gesellschaft in die Milieus der »progressiven Modernisierungsgewinner«, der
Ausmaßes hinzu. Von der fordistischen Programmatik einer materiellen Gleich- »deklassierten Modernisierungsverlierer«, der »skeptischen modernen Arbeit-
heit und Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse ist inzwischen praktisch nicht nehmer« und der »zufriedenen konservativ-ständischen Mitte« ein, die jeweils
mehr die Rede. etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung umfassen sollen (Vester u.a. 1993, ein
Die soziale Struktur erhält dadurch einen Grad an Zersplitterung, dem mit weiteres und ähnliches Klassifikationsschema findet sich bei Schulze 1992). Ge-
den herkömmlichen Klassen- und Schichtmodellen kaum noch beizukommen meinsam kommen diese Untersuchungen zu dem Schluß, daß sich die Polarisie-
ist. Angesichts der Unterschiede zwischen multinationalen Konzernen, innova- rung der Gesellschaft zwischen »unten« und »oben« zunehmend auflöse und es
tiven Hochtechnologiefirmen, abhängigen Zulieferern, spezialisierten Dienst- statt dessen zur Herausbildung eines breiten, aber im sozialen Habitus höchst
leistungsbetrieben und vom Aussterben bedrohten traditionellen Industriebran- unterschiedlichen gesellschaftlichen Mittelfeldes komme.
chen läßt sich schon von den ökonomischen Bedingungen her immer schwerer Ob solche Analysen über ihren vorrangigen Zweck – nämlich Daten über
von »dem« Kapital als einer einheitlichen Klasse sprechen. Wenn auf der ande- gruppenspezifisches Konsum- und Wahlverhalten zu liefern – das Bild der rea-
ren Seite die marginalisierten Lohnabhängigen unterschiedlichster Art und die len und überdies in rascher Veränderung befindlichen gesellschaftlichen Struk-
»Selbständigen zweiter Klasse« zunehmen, sich aber zugleich eine relativ privi- tur richtig zeichnen, kann dahingestellt bleiben. Wenn es darum geht, werbe-
legierte Schicht hochqualifizierter und hochbezahlter, im international verfloch- technisch brauchbare Daten über gesellschaftliches und politisches Verhalten zu
tenen High-Tech-, Finanz- und Managementsektor beschäftigter Arbeitskräfte gewinnen, können Forscher nämlich gar nicht umhin, relativ einheitliche »Mi-
herausbildet, so wird auch das statistische Merkmal der Lohnabhängigkeit für lieus« herauszudestillieren. Täten sie es nicht, so könnten sie ihre Arbeit einstel-
die soziale Lage immer aussageloser. Zwischen den avancierten Angestellten im len. Zu fragen ist also, ob diese Milieus nicht eher Konstrukte sind, die die rea-
internationalen Management-, Kommunikations- und Servicesektor, qualifizier- len Fragmentierungen der Gesellschaft nur sehr oberflächlich beschreiben und
ten industriellen Kernbelegschaften, den Resten der traditionellen Arbeiter- sich in ihrer konkreten Ausgestaltung vorrangig den jeweiligen Forschungsin-
schaft, kleinen Selbständigen, vom Agrobusiness noch nicht ruinierten Landwir- teressen verdanken. Dies gilt schon deshalb, weil die Bevölkerung der Migran-
ten, Jobbern, Leih- und TeilzeitarbeiterInnen und der Welt der Flüchtlinge und tInnen und Flüchtlinge, die weder wahlberechtigt noch besonders konsumstark
ArbeitsemigrantInnen klaffen derart große Unterschiede, daß auch die traditio- ist, bei den Untersuchungen in der Regel ohnehin ausgeklammert wird. Wie we-
nelle Unterscheidung von »Arbeiterschaft« und »alter« bzw. »neuer Mittelklas- nig sich aus den Milieukonstruktionen brauchbare Aufschlüsse über politisches
se« kaum noch eine Bedeutung hat. Verhalten gewinnen lassen, zeigt sich an den immer unsicherer werdenden
Dies bedeutet allerdings nicht, daß kollektive soziale Lagen, die sich durch Wahlprognosen. Richtig bleibt allerdings die Beobachtung, daß die soziale
Gemeinsamkeiten der Alltagskultur, der Lebensweise und der Weltdeutung aus- Struktur sich im Zuge der ökonomischen Umwälzungen immer weiter ausdiffe-
zeichnen, verschwunden wären. In der einschlägigen Sozialforschung, insbeson- renziert, ohne dabei freilich von einer abstrakten »Individualisierung« gekenn-

126 127
zeichnet zu sein. »Objektiv« ungleiche sozioökonomische Bedingungen bleiben schreitend knapper oder unbezahlbarer wird. Der Besitz eines Autos kann sich
für soziale Lagen und Wahrnehmungen weiterhin entscheidend, werden aber sehr wohl mit elenden Wohnverhältnissen verbinden, und der Versuch, diesen zu
soziokulturell unterschiedlich verarbeitet. Angesichts der fortschreitenden entfliehen, endet üblicherweise in Stau und Gestank. Es breitet sich damit eine
Kommerzialisierung des Lebens und der sozialen Beziehungen scheint soziales neue Form gesellschaftlicher Armut innerhalb einer scheinbar unendlichen Wa-
»Distinktionsverhalten«, d. h. der Versuch, gesellschaftliche Zugehörigkeiten renfülle aus, die natürlich vor allem diejenigen trifft, deren Einkommen nicht
und Unterschiede mittels demonstrativen Konsums deutlich zu machen, immer ausreicht, sich die kompensatorischen Güter und Dienste privat über den Markt
wichtiger zu werden. Die Gesellschaft wird »multikulturell« auch in dem Sinne, zu beschaffen. Ungebrochen bleibt indessen der konsumistische Zirkel, dessen
daß das Tragen einiger Nobelmarkenetiketten zum oft teuer erkauften Ausweis Logik darin besteht, immer mehr zu arbeiten, um immer mehr und immer weni-
sozialer Zugehörigkeit wird. Diese Entwicklung wird von der Konsumindustrie ger Nützliches (oder eher: immer Schädlicheres) kaufen zu können, wofür das ei-
aktiv vorangetrieben, und ihr verdankt sie einen guten Teil ihres wirtschaftlichen gene Auto nach wie vor das herausragende Symbol ist. Der Unterschied ist aller-
Erfolgs. Mit dem Begriff »Zweidrittelgesellschaft« wird eine Entwicklung be- dings, daß ein größer werdender Teil der Gesellschaft aufgrund von Arbeitslosig-
schrieben, in der ein verarmendes und sozial ausgegrenztes Drittel der Gesell- keit oder Unterbezahlung nur noch an den Rändern dieser High-Tech-Konsum-
schaft einer saturierten Mehrheit gegenübersteht, die kraft ihrer Mehrheitsposi- welt existieren kann. Während die einen nach wie vor und gegebenenfalls immer
tion die wesentlichen gesellschaftlichen Entwicklungen bestimmt. Diese Be- länger und intensiver arbeiten, um immer mehr und immer demonstrativer zu
zeichnung ist nicht nur deshalb schief, weil sie immer noch die Existenz relativ konsumieren, bleiben die anderen auf die Wahrnehmung von Billigangeboten
geschlossener sozialer Gruppen unterstellt, sondern sie verzeichnet auch die der Massenindustrie verwiesen. Italienische Textil-Edelmoden und deren Imita-
tatsächlichen Proportionen. Wenn Reich die US-amerikanische Gesellschaft tionen aus China oder Hongkong ergänzen sich so auf’s Beste.
zwischen einem oberen Fünftel und einem niedergehenden oder schon margina- Weiter oben wurde darauf hingewiesen, daß die kapitalistische Gesellschaft
lisierten Rest gespalten sieht, ist das schon realistischer. Auf jeden Fall gilt, daß grundsätzlich durch eine widersprüchliche Verbindung von »Klassen«- und
»nationale Grenzen nicht mehr unser ökonomisches Schicksal bestimmen. Wir »Marktvergesellschaftung« gekennzeichnet ist. Unter den Bedingungen der
sitzen jetzt in verschiedenen Booten, einem, das schnell sinkt, einem, das langsa- postfordistischen Restrukturierung erhält dieser Zusammenhang eine besondere
mer untergeht und einem dritten, das flott vorankommt« (Reich 1991, 208, Dynamik. Faktisch bedeutet der Übergang zur »Dienstleistungsgesellschaft« ei-
Übers. d. d. Verf.). nen neuen Schub der Durchkapitalisierung. In Verbindung mit der Auflösung
Mit dem Fordismus verschwindet auch das für ihn typische, auf stetige Ein- der durch Gewerkschaften und »Volksparteien« vermittelten Klassenkompro-
kommenszuwächse sowie sozialstaatliche Transferleistungen gestützte und rela- misse sowie der Differenzierung der sozialen Lagen wird der »Markt« zur domi-
tiv standardisierte Konsummodell. Größer werdende materielle Unterschiede nierenden Erfahrung. Die individuelle Verkäuflichkeit der Arbeitskraft wird ent-
schlagen sich, verstärkt durch die bewußte Demonstration sozialer Differenzen, scheidender, und ohne privates Lohneinkommen bleibt der Zugang zu wesentli-
auch im Konsumverhalten nieder. Trotzdem bleibt auch für den postfordisti- chen Gütern des gehobenen Konsums und damit sozialer Anerkennung ver-
schen Kapitalismus der Massenkonsum ein bestimmendes Merkmal. Die Kon- sperrt. Tendenziell verwandelt sich jedeR in eineN UnternehmerIn, und sei es
summuster und damit auch die Lebensweisen werden aber aufgrund wachsender eben nur des eigenen Arbeitsvermögens. Wer die vom Markt geforderten Lei-
materieller Ungleichheit und einer Verkaufsstrategie, die drohenden Marktsätti- stungen nicht erbringt – sei es als (Schein-)Selbständiger, als Mitglied einer »Be-
gungen durch eine »individualisierende« Vervielfältigung des Warenangebots triebsgemeinschaft« oder als Angehöriger eines betriebsinternen »profit cen-
begegnen will, zunehmend unterschiedlicher. Möglich wird diese Differenzie- ters« –, dem oder der droht soziale Marginalisierung oder der Wechsel in eines
rung durch die postfordistische Flexibilisierung der Massenproduktion, die die der diversen »subkulturellen« Milieus.
Unternehmen in die Lage versetzt, das Immergleiche in unzähligen Designvari- Die Annahme, aus den beschriebenen Tendenzen ergäbe sich die Entwick-
anten anzubieten. Insgesamt verschiebt sich allerdings der Konsum noch stärker lung zu einer »neuen Proletarität« und damit zur Wiederkehr von »Klassenpo-
zu kapitalistisch profitablen Waren und Dienstleistungen, Videos und Compu- litik« (K. H. Roth 1994) ist gewiß irreleitend und erinnert fatal an längst über-
tern, Kleidung, Fast food und Autos, während Güter des »kollektiven Konsums« holte Verelendungstheorien. Zweifellos wachsen Armut und soziale Marginali-
wie Wohnungen, Gesundheitsvorsorge, Bildung und Ausbildung, eine intakte sierung, breiten sich Formen extremer Ausbeutung auch in den kapitalistischen
Umwelt und vieles andere angesichts des laufenden Sozialstaats»um«baus fort- Metropolen weiter aus. Aber dies geschieht unter den Bedingungen einer sich

128 129
quer zu den traditionellen Klassenlinien spaltenden Gesellschaft, die immer we- Durchsetzungsvermögen die individuellen Chancen und gesellschaftlichen
niger übergeifende ökonomische, soziale und kulturelle Gemeinsamkeiten auf- Wahlfreiheiten. Relativer Wohlstand und einmal erkämpfte soziale Sicherungen
weist. haben den Kampf ums schiere Überleben, gegen Not und materielle Bedrohung
Das vorherrschende soziologische Deutungsmuster dieses Prozesses heißt im allgemeinen gesellschaftlichen Bewußtsein in den Hintergrund treten lassen,
»Individualisierung« (vgl. vor allem Beck 1986, 1993). Wie gezeigt, meint dies und zugleich sind herkömmliche soziokulturelle Bindungen im Zuge einer be-
nicht, daß es keine kollektiven sozialen Lagen mehr gibt, sondern bezieht sich schleunigten kapitalistischen Modernisierung abgeschwächt worden. Die Beob-
eher auf deren wachsende Differenzierung. Diese Entwicklung ist keineswegs achtung, daß damit subjektive Lebensgestaltung, Selbststilisierung und »Erleb-
neu, sondern war bereits ein grundlegendes Merkmal des fordistischen Kapita- nisorientierung« wichtiger werden, ist sicher nicht ganz falsch. Gleichwohl
lismus. Die mit diesem verbundenen Tendenzen zur Entstehung einer relativ bleibt das Schlagwort von der »Erlebnisgesellschaft« (Schulze 1992) nicht nur
egalitären Arbeitnehmer-Massenkonsumgesellschaft, die fortschreitende Auflö- deshalb irreleitend, weil dabei die zugrundeliegenden ökonomischen Prozesse
sung überkommener soziokultureller Milieus, die wachsende bürokratische Re- ausgeblendet werden. Wenn individuelle Lebensgestaltung bedeutungsvoller
gulierung aller gesellschaftlicher Bereiche und ein allgemein höheres Einkom- wird, so hat dies jedenfalls aktuell weniger den Charakter kreativer und sponta-
mens- und Ausbildungsniveau haben zweifellos die Chancen zur individuellen ner Selbstbestimmung als einer eher passiven Wahrnehmung des sich im Zuge
Gestaltung von Lebensweisen und Biographien vergrößert (vgl. Hirsch 1980). der flexiblen Produktionsspezialisierung immer weiter differenzierenden und
Diese für den Fordismus bestimmende Tendenz wirkt weiter. Sie wird durch den immer aggressiver vermarkteten kapitalistischen Waren- und Dienstleistungsan-
Übergang zum postfordistischen Kapitalismus nicht aufgehoben, aber entschei- gebots. Die subjektive »Ästhetisierung des Alltags« (Schulze 1992) besitzt deut-
dend akzentuiert und modifiziert. Der Abbau sozialstaatlicher Sicherungen, die liche Züge einer sich totalisierenden Warenästhetik. »Erleben« ist, was auch die
fortschreitende Kommerzialisierung der sozialen Beziehungen und die Frag- entsprechenden empirischen Untersuchungen hervorheben, zu allererst Kon-
mentierung der Gesellschaft verbinden sich mit erheblich härter werdenden sum. Insofern bleibt der »Individualisierung« und »Pluralisierung« der Gesell-
ökonomischen Zwängen und größeren sozialen Ungleichheiten. Globale Wan- schaft kapitalistische Eindimensionalität nicht nur weiter eingeschrieben, son-
derungs- und Fluchtbewegungen erzeugen eine Form der »Multikulturalität«, dern scheint sich sogar noch zu verstärken.
die explosiven Charakter anzunehmen beginnt. Abstrakt gesehen, prägt die »In- »Pluralisierung« oder »Individualisierung« der Gesellschaft darf schließlich
dividualisierung« das Leben einer als Single lebenden qualifizierten Informati- nicht einfach als objektive Entwicklungstendenz begriffen werden, sondern wird
kerin ebenso wie das eines illegalen Ausländers, der abends in den Kneipen Blu- durch veränderte gesellschaftliche Wahrnehmungen erzeugt und vorangetrie-
men oder Zeitungen verkauft. Die jeweiligen sozialen Chancen unterscheiden ben, wenn traditionelle soziokulturelle Zugehörigkeiten verblassen und die indi-
sich allerdings kraß, zumal wenn individuelle Entfaltung am Zugang zum geho- viduelle Mach- und Gestaltbarkeit der Lebensschicksale ungeachtet weiterbeste-
benen Warenkonsum und an den damit verbundenen Möglichkeiten zur De- hender sozialer Ungleichheiten zuzunehmen scheint. Sie ist auch eine Folge po-
monstration sozialer Differenz gemessen wird. Auch die durch berufliche Quali- litischer und ideologischer Entwicklungen, bei denen das Zerbrechen bürokra-
fikation erreichbaren Möglichkeiten stellen sich anders dar, wenn Abschlüsse tisch institutionalisierter und übergreifender Klassenkompromisse eine ebenso
nicht mehr bedeuten als die Eintrittskarte für einen unsicheren Arbeitsmarkt. große Rolle spielt wie die von sozialen Protestbewegungen thematisierte Kritik
Sie nehmen sich jedenfalls für einen taxifahrenden Sozialwissenschaftler ebenso an der bürokratisierten und standardisierten und dabei grundlegende soziale
mäßig aus wie für eine akademisch ausgebildete Putzfrau. Formelle Qualifikatio- Ungleichheiten – z.B. zwischen den Geschlechtern – festschreibenden Massen-
nen bieten längst keine Einkommens- und Statusgarantie mehr, sondern sind konsumgesellschaft. Eine entscheidende Bedeutung hat vor allem die nach dem
höchstens noch Zugangsberechtigungen für einen durch sehr ungleiche Kon- Zusammenbruch des fordistischen Gesellschaftsprojekts etablierte neoliberale
kurrenzbedingungen gekennzeichneten Arbeitsmarkt. Der Fahrradbote, dieser Hegemonie, bei deren Durchsetzung nicht nur die kapitalistische Restrukturie-
Inbegriff von Mobilität und Freiheit, übt nicht nur einen höchst ungesunden rungsoffensive, sondern auch eine »alternative« Gesellschaftskritik eine wichti-
und bescheiden bezahlten Beruf aus, sondern geht auch enorme Risiken bei ge Rolle gespielt hat. Dieser Komplex ökonomischer, politischer und ideologi-
Krankheit und im Alter ein. Zweifellos erhöhen die allgemeine Durchsetzung scher Prozesse und Kämpfe trägt maßgeblich zur Legitimierung der aktuellen
der Marktvergesellschaftung und die Auflösung festgefügter sozialer Klassen- gesellschaftlichen Umwälzungen bei den Betroffenen bei. Die Entwicklung
und Schichtzugehörigkeiten bei ausreichendem Geschick, Leistungs- und bleibt aber höchst widersprüchlich, spiegelt sich in ihr doch zugleich eine reale

130 131
Erweiterung individueller Spielräume wider. Reale Freiheit setzt immer einen 4. Das veränderte Geflecht der Räume
gewissen Grad an Gleichheit und Sicherheit, was heißt materiell begründeter
Gemeinschaftlichkeit voraus. Gleichzeitig beinhaltet sie aber auch das Recht auf Daß soziale Zugehörigkeit und »Identität« angesichts eines global entfesselten
und die Möglichkeit von »Differenz«, z.B. im Verhältnis der Geschlechter oder Kapitalismus problematisch werden, drückt sich auch in der räumlichen Struktur
zwischen verschiedenen kulturellen Orientierungen und Lebensweisen. Unter und in der Raumwahrnehmung der Menschen aus. Wenn das »wer sind wir?« zu
den Bedingungen einer sich radikal durchsetzenden Marktvergesellschaftung einer beherrschenden Frage geworden ist (Agnew 1994), so gilt dies auch für das
wird dieses widersprüchliche Verhältnis von Freiheit, Gleichheit und Differenz »wo?«. Jede Gesellschaft existiert im Raum, und zugleich werden Räume gesell-
insgesamt kritischer (Balibar 1993, 99 ff.). Die Entstehung nationalstaatlich um- schaftlich, durch die jeweils vorhandenen Technologien, Produktions- und Klas-
grenzter und damit relativ homogenisierter Gesellschaften war eine wichtige senverhältnisse erzeugt. Die soziale Stellung hat immer auch einen räumlichen
Voraussetzung und ein Ergebnis der kapitalistischen Entwicklung. Nun wird Bezug, z.B. die »besseren Viertel«, die »Vorstädte« oder im globalen Maßstab
deutlich, daß die globale Durchkapitalisierung diesen Prozeß umzukehren be- der »Nordwesten« der derzeitigen Welt. Die aktuellen gesellschaftlichen Um-
ginnt. Das Kapitalverhältnis untergräbt nicht nur seine Naturgrundlagen, son- wälzungsprozesse lassen das gewohnte räumliche Gefüge unsicher werden.
dern auch seine bisher existierenden gesellschaftlichen Voraussetzungen. Die Nicht nur die modernen Massenfluchtbewegungen deuten darauf hin, daß die
Auflösung überkommener sozialer Zusammenhänge kann durchaus als befreien- gesellschaftliche Existenz der Menschen droht, immer mehr raum- und damit
de »Individualisierung« begrüßt werden. Paradox scheint dabei nur, daß gerade tatsächlich bodenlos zu werden. Räume sind gesellschaftliche Konstrukte, und
diejenigen, die den zugrundeliegenden ökonomischen Restrukturierungsprozeß jede komplexe Gesellschaft bildet ein Netzwerk unterschiedlicher räumlicher
so entschlossen vorantreiben, die Entwicklung gleichzeitig als gefährlichen Zugehörigkeiten aus: Nachbarschaften, Viertel, Währungsgebiete, Stadt und
»Werteverfall« brandmarken. Der dem Begriff »Klassengesellschaft ohne Klas- Land, Sprach- und Kulturregionen, Staaten, Wohn- und Arbeitsorte, Wirt-
sen« scheinbar innewohnende Widerspruch kann somit durchaus aufgelöst wer- schaftsräume, Tarif-, Verkehrsverbund- und Telefongebührenzonen. Diese Räu-
den. Kapitalismus bezeichnet eine Gesellschaft, in der materielle Ausbeutungs- me sind keineswegs deckungsgleich und wohlgeordnet, sondern überlappen und
verhältnisse und die damit verbundenen sozialen Konflikte den entscheidenden widersprechen sich, passen zusammen oder schließen einander aus. Die Vielfalt
Motor ihrer Entwicklung und Strukturveränderung darstellen. Gerade an der der gleichzeitig existierenden Räume ist sozusagen ein Konstruktionsprinzip der
Krise des Fordismus und den darauffolgenden globalen Strukturveränderungen modernen Gesellschaft. Wenn diese in strukturelle Krisen- und Umbruchphasen
wird dies augenfällig. Kapitalismusanalyse muß daher notwendig Klassenanalyse gerät wie jetzt, verschiebt sich auch das gewohnte Raum-Gesellschaftsgefüge.
sein (Ritsert 1988). Gleichzeitig werden »objektive« Klassenlagen, die sozialen Ganz grob können wir ökonomische, politische und soziokulturelle Räume
Positionen im Prozeß der Produktion und bei der Aneignung des gesellschaftli- unterscheiden. Ökonomische Räume sind definiert durch die Dichte der Aus-
chen Mehrprodukts durch eine Vielzahl von kulturellen, rassistischen, nationa- tauschverhältnisse, die Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen, die geltenden Wäh-
len, geschlechtlichen und sozialen Spaltungen und Differenzierungen überla- rungsstandards oder die Reichweite unternehmerischer Verfügungsgewalt, poli-
gert, und dies ist eine Tendenz, die sich in der aktuellen Restrukturierungsphase tische durch die von staatlichen Herrschaftsapparaten gezogenen und behaupte-
des globalen Kapitalismus zunehmend bemerkbar macht. Deshalb läßt sich aus ten Grenzen ihrer Macht und soziokulturelle durch regionale Gemeinsamkeiten
der materiellen ökonomisch-sozialen Lage immer weniger auf gesellschaftliches von Sprache, Gebräuchen und Wertvorstellungen. Diese Räume stehen in ei-
Bewußtsein und politisches Verhalten schließen. Die Klassenzugehörigkeit im nem durchaus widersprüchlichen Verhältnis zueinander. So haben sich beispiels-
ökonomischen Sinne wird durch kulturelle und politische Verhältnisse, etwa die weise die kapitalistischen »National«-Ökonomien immer innerhalb und gegen
Wirkungen der Konsum- und Medienindustrie oder die Struktur des politischen den Weltmarkt, in und gegen vorhandene politische Herrschaftsräume ent-
Systems, überlagert und so umgeformt, daß sie in der sichtbaren gesellschaftli- wickelt. Die Räume sind aber auch in spezifischer Weise aufeinander bezogen,
chen Realität und im Bewußtsein der Menschen kaum noch eine Rolle zu spielen insofern etwa eine funktionierende Demokratie eine gewisse Übereinstimmung
scheint. Wirksam ist sie, was die individuellen Chancen und Lebensschicksale von politischem und kulturellem Raum, das heißt die Existenz halbwegs gemein-
angeht, trotzdem, und zwar um so nachhaltiger, je mehr die Durchkapitalisie- samer Werte und Normen voraussetzt. Multinationale Unternehmungen, deren
rung der Welt voranschreitet. Aktionsfeld gegebenenfalls der ganze Globus ist, können heute als besonders
herausragende Beispiele für das Auseinanderfallen von ökonomischen und poli-

132 133
tischen Räumen angesehen werden. So neu ist dies allerdings nicht. Der moder- Auch innerhalb der kapitalistisch entwickelten Länder nehmen mit den so-
ne Nationalstaat hat es mit seinen gewaltgestützten Homogenisierungs-, Stan- zialen auch die regionalen Ungleichheiten zu, verschärft sich die Polarisierung
dardisierungs- und Normalisierungsbemühungen niemals vermocht, die ver- zwischen ökonomisch niedergehenden und aufstrebenden Zonen. Lokale Indu-
schiedenen gesellschaftlichen Räume wirklich in Übereinstimmung zu bringen. strie-, Finanz- und Direktionszentren mit ihrer Ballung von Kommunikations-
Weder hat die Durchsetzung einer Hochsprache regionale Idiome und Dialekte netzen, kommerziellen Dienstleistungsangeboten, Hochtechnologie und quali-
beseitigt, noch ist es jemals gelungen, mit den staatlichen Grenzen völlig über- fizierter Arbeitskraft bilden ein internationales Netzwerk, das von nationalstaat-
einstimmende »National«-Ökonomien zu schaffen. Ökonomisch-kulturelle Ge- lichen und selbst regionalen Verbindungen immer unabhängiger wird. Für die
gensätze wie die zwischen Nord- und Süditalien, Bayern und dem Ruhrgebiet, ökonomische Entwicklung Frankfurts beispielsweise ist es oft wichtiger, was in
Andalusien und dem Baskenland gibt es überall. Dies ist bekanntlich ein prinzi- New York oder Tokio passiert als in Kassel oder Berlin. Gerade auch in diesen
pieller Einwand gegen alle Versuche, »Nation« entweder ökonomisch als weltmarktvernetzten Städten und Ballungsgebieten leben aber Menschen zu-
»Wirtschafts«- oder rassistisch-kulturell als »Volksgemeinschaft« zu definieren. sammen, deren ökonomisch-soziale Räume zunehmend auseinanderklaffen:
Allerdings scheint es so, als treibe die Krise des fordistischen Kapitalismus und Zwischen den »gentryfizierten« Wohn- und Arbeitsräumen der manageriellen,
die mit ihr verbundene Globalisierungs- und Internationalisierungstendenz die- technischen und politischen Eliten, den Resten traditioneller Arbeiterquartiere
se räumlichen Gegensätze und die damit verbundenen Konflikte auf die Spitze. und neuen Immigrantenghettos liegen oft nur wenige Meter, aber soziale Wel-
Was dabei jedenfalls verlorengeht, ist die relativ festgefügte Hierarchie von ten (Castells 1994, 26 ff.). Damit kommt es zu neuen räumlichen Konflikten:
Welt-, nationalstaatlicher, regionaler und lokaler Ebene (Lipietz 1994, Castells zwischen Zentren und Peripherien in globalem Maßstab, in traditionellen Re-
1994, Agnew 1994). Internationale Institutionen und Zusammenschlüsse über- gionen, die die kapitalistische Modernisierung als gewaltsame Invasion wahr-
nehmen nationalstaatliche Funktionen, supranationale politische Strukturen nehmen oder im Zuge der Hochsanierung innerstädtischer Quartiere, die mit
weiten sich aus, regionale und lokale Zentren gewinnen an Bedeutung. Je mehr der Vertreibung ihrer bisherigen Bewohner verbunden ist und denen gleichzei-
die ökonomischen Prozesse von multinationalen Industrien, Banken und Fi- tig die Ausbreitung marginalisierter Ghettos gegenübersteht. »Dem Kosmopo-
nanzinstitutionen gesteuert werden, desto deutlicher prägen sich ökonomisch- litanismus der Elite, die in alltäglicher Verbindung mit der gesamten Welt
soziale Räume quer zu den nationalstaatlichen Grenzen aus. Prosperierende Zo- steht ..., steht der Tribalismus lokaler Gemeinschaften gegenüber, die – einge-
nen schotten sich gegen niedergehende ab, und selbst innerhalb der kapitalisti- zwängt in ihren verbliebenen Räumen – versuchen, diese als letzten Zufluchtsort
schen Zentren mischen sich Erst- und Drittweltverhältnisse. Die Ausbreitung gegen globale Prozesse zu verteidigen, die ihnen die Kontrolle über ihre Le-
von Drittweltzonen in New York, Los Angeles oder auch Berlin steht in Kon- bensbedingungen entziehen« (Castells 1994, 30, Übers. d. d. Verf., vgl. auch Li-
trast zu den gleichzeitig aufstrebenden ostasiatischen »Tigerstaaten«. Immer pietz 1994).
weniger werden jedenfalls die Lebensbedingungen der Menschen durch »natio- Damit werden nicht nur soziale, sondern auch räumliche Identifikationen
nale« Räume definiert. Die staatlich beherrschte und zusammengehaltene »eine fragmentierter und unsicherer. Der soziale Raum eines Düsseldorfer Finanzma-
Nation«, die im 20. Jahrhundert zumindest in den kapitalistischen Zentren an- nagers, der alltäglich in engem Kontakt mit seinen KollegInnen in Los Angeles
satzweise verwirklicht war, gehört der Vergangenheit an. Die Globalisierung mit oder Melbourne steht, sieht jedenfalls ganz anders aus als der einer überausge-
den damit verbundenen ökonomisch-sozialen Ausgrenzungsprozessen zerreißt beuteten Bandarbeiterin in einem südostasiatischen Montagebetrieb oder eines
die gewohnte Raummatrix. Die Gesellschaft »enträumlicht« sich in dem Sinne, deutschen Facharbeiters mit Eigenheim und Kleingarten, der die Stillegung
daß sich die ökonomischen Beziehungen und Verflechtungen gegenüber den oder Verlagerung seines lohnkostenintensiven Arbeitsplatzes befürchten muß.
herkömmlichen Lebenswelten zunehmend verselbständigen. Ökonomisch privi- Was sie gleichzeitig zusammenbindet und trennt, ist der politisch kaum mehr
legierte Räume werden gegen Wanderungs- und Fluchtbewegungen abgeschot- kontrollierte Fluß des internationalen Kapitals. Dem Finanzmanager, der mit
tet, relativ prosperierende Regionen versuchen, aus ihren bisherigen national- gut funktionierendem Flughafenanschluß, Fax und E-Mail im Frankfurter
staatlichen Bindungen auszubrechen, niedergehende besinnen sich auf ihre »na- Westend wohnt, liegt San Francisco sozial und kulturell jedenfalls erheblich
tionale Identität«. Dem aggressiven Nationalismus und Regionalismus, der den näher als der wenige Kilometer entfernte Vorort Zeilsheim. Die ideologischen
Ballast schwächerer Kostgänger abzuschütteln sucht, steht ein defensiver ge- Konsequenzen dieser räumlich-kulturellen Fragmentierung der Gesellschaft
genüber, der sich gegen den Einbruch kapitalistischer Modernisierung stemmt. sind unübersehbar. Die neue Welle des Nationalismus, Wohlstandschauvinis-

134 135
mus, Rassismus und Tribalismus ist eine unmittelbare Folge davon. Sie verbin- siebziger und achtziger Jahre, abgesehen von einigen bedauerlichen Überbleib-
det sich auf widersprüchliche Weise mit kosmopolitischen Orientierungen, die seln, allmählich der Vergangenheit anzugehören. Die politischen Systeme der
aufgrund der ökonomischen, kulturellen und kommunikativen Vernetzung der Volksrepublik China oder Nordkoreas gelten als Fossilien einer vergangenen
Welt ebenfalls anwachsen und die vor allem in den gesellschaftlichen Sektoren Zeit, die vor der Wahl stehen, entweder unterzugehen oder sich demokratisch
bedeutsam werden, die in ihrer materiellen Existenzweise längst globalisiert zu wandeln. Die Globalisierung des Kapitalismus scheint mit einer weltweiten
sind. Insofern tritt auch der Nationalismus nicht mehr in einer umgreifenden Welle der Demokratisierung verbunden, die Formel Kapitalismus gleich Demo-
und geschlossenen, sondern in höchst gebrochener, milieu-, raum- und kratie aufgegangen zu sein. Daß die bürgerlich-liberale, auf Privateigentum und
schichtspezifischer Form auf. Weltweit werden aber gerade da, wo ökonomisch Marktwirtschaft gegründete Repräsentativ- und Parteiendemokratie nach dem
und politisch einigermaßen stabile und geschlossene Nationalstaaten nie ent- Untergang des Staatssozialismus praktisch alternativlos geworden sei, gilt allge-
standen oder zu schwach geworden sind, ethnisch begründete Nationalismen mein als ausgemacht. Und wenn heute von »Demokratie« geredet wird, ist nur
mit fatalen Konsequenzen neu produziert. Dieser quasi defensive Nationalis- noch diese gemeint. Alle anderen Formen gelten als historisch gescheitert. Den-
mus, der in einer politisch und sozial zerfallenden Welt materielle Wohlfahrt si- noch tauchen gelegentlich noch Zweifel auf, etwa wenn darauf verwiesen wird,
chern oder die Verteidigung gewohnter Lebensweisen begründen soll und dabei daß sich die »gelenkten Demokratien« Südostasiens oder gar die Volksrepublik
neue Herrschaft legitimiert, ist keinesfalls friedlicher als der, der den Imperialis- China gerade wegen ihrer autoritären politischen Strukturen als ernstzuneh-
mus des 19. und 20. Jahrhunderts geprägt hat. Er ist um so aggressiver und erup- mende Konkurrenten auf dem Weltmarkt etablieren könnten. Schon dies ver-
tiver, je »bodenloser« er wird und je weniger national-räumliche Grenzen für weist darauf, daß die Konkurrenz der Wettbewerbsstaaten demokratischen Ver-
»Zugehörigkeit« im ökonomisch-sozialen Sinne bedeutsam sind. Der postmo- hältnissen nicht unbedingt förderlich ist, ist damit doch implizit gemeint, daß
dernen und euphemistisch gefärbten Entdeckung der kleinen Gemeinschaften, ein Zuviel an Demokratie sich als kapitalistischer Standortnachteil erweisen
der Regionalität und Lokalität entgeht, daß diese in ihrer konkreten Ausprägung könnte. Vieles spricht dafür, daß die historisch höchst widersprüchliche und
Wirkungen des globalen Kapitalverhältnisses sind, das die Gesellschaften aus- schon von Max Weber theoretisch nachdrücklich bezweifelte Verbindung von
einanderreißt, Klassenlagen national und regional aufspaltet und das sich den In- Demokratie und Kapitalismus um so mehr zerbricht, je globaler sich dieser
dividuen gegenüber als immer weniger beeinflußbarer und durchschaubarer durchsetzt (Narr/Schubert 1994, 190 ff.). Immer offenkundiger laufen die beste-
Zwangszusammenhang darstellt (Amin/Malmberg 1994, Narr/Schubert 1994). henden nationalstaatlichen demokratischen Systeme selbst da, wo sie halbwegs
fest gegründet und funktionsfähig scheinen, politisch leer, werden »die alten li-
beraldemokratischen Formen fast wie verfassungsmäßige Windmühlen am
5. Die Transformation der Demokratie Klappern gehalten« (Narr/Schubert 1994, 194). Jenseits ihrer allgemeinsten
»Demokratie hat sich nur gelegentlich der Zustimmung erfreut, die sie heute er- Merkmale – Parlamentarismus, Mehrparteiensystem, eine relativ funktionieren-
hält; und ihre verbreitete Popularität und ihr Glanz währen kaum mehr als hun- de Gewaltenteilung und die Realisierung einiger grundlegender rechtsstaatli-
dert Jahre. Die Revolutionen, die Ende 1989 und Anfang 1990 über Mittel- und cher Prinzipien – hat »Demokratie« sowohl historisch als auch geographisch
Osteuropa hinweggingen, haben eine Atmosphäre der Lobpreisung erzeugt. Die höchst Verschiedenes bedeutet. Und entsprechend unterschiedlich waren die
liberale Demokratie wurde zum Träger des ›Endes der Geschichte‹ proklamiert: Bedingungen für die Realisierbarkeit von Freiheit, Selbstbestimmung und
Ideologische Konflikte, so wurde erklärt, würden durch die universelle demokra- Wohlfahrt. Weil die reale Gestalt der politischen Systeme so vielfältigen Verän-
tische Vernunft ersetzt. Mehr und mehr politische Anliegen werden im Namen derungen unterworfen gewesen ist, verbietet sich eigentlich die Rede von »der«
von Demokratie vorgetragen, und eine wachsende Zahl von Staaten ist in demo- Demokratie. Nach wie vor ist Demokratisierung ein vielschichtiger, unabge-
kratische Formen zurückverwandelt worden« (Held 1991, 197, Übers. d. d. Verf.) schlossener und vor allem heftig umkämpfter Prozeß mit ungewissem Ausgang.
In der Tat gibt es heute nur noch wenige Staaten, die sich nicht als demokra- Dies schließt ein, daß sich einmal entstandene demokratisch-politische Institu-
tisch bezeichnen und sich formell zu liberaldemokratischen Prinzipien beken- tionensysteme bei veränderten gesellschaftlichen Bedingungen ebenfalls wan-
nen. Und kaum ein Krieg, der nicht für Demokratie, Menschenrechte und na- deln müssen. Wenn deshalb Demokratie ernst genommen wird, dann muß sie als
tionale Selbstbestimmung geführt wird. Diktaturen gelten als rückständig und grundsätzlich unvollendetes Projekt gelten. Der Zusammenbruch der diktatori-
zum Untergang verdammt. In Lateinamerika scheinen die Mörderregime der schen und totalitären Systeme, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, garantiert

136 137
noch keineswegs einen gesicherten demokratischen Fortschritt. Johannes Agno- Globalisierung des Kapitals erzwungene Schaffung größerer Wirtschaftsräume
li hat in seiner Demokratie- und Parlamentarismuskritik Ende der sechziger Jah- wie die Europäische Union hat zur Stärkung supranationaler Bürokratien, Orga-
re gezeigt, in welch nachhaltiger Weise der Übergang zur fordistischen, büro- nisationen und Institutionen geführt, die sich parlamentarischer Kontrolle weit-
kratisch kontrollierten, sozialstaatlich gestützten und durch ein Kartell von gehend entziehen und dadurch zu leichter handhabbaren Verhandlungspartnern
»Volksparteien« regulierten kapitalistischen Massendemokratie trotz gestiege- ökonomischer Interessengruppen und multinationaler Konzerne werden (Narr/
ner Wohlfahrt und formell ausgedehnter Beteiligungsrechte deutliche Zeichen Schubert 1994, 169 ff.). Die nationalstaatlichen Parlamente sehen sich mit sol-
einer demokratischen Rückentwicklung, einer »Involution« materiell demokra- chen bürokratisch vermittelten Entscheidungen als nicht mehr hintergehbaren
tischer Verhältnisse trug (Agnoli 1990). Heute ist auch dieser »fordistische« De- »Sachzwängen« konfrontiert, die bestenfalls noch Detailkorrekturen zulassen.
mokratietypus ein ausgelaufenes Modell. Die Frage nach den Ursachen und der Auf internationaler Ebene bestehen parlamentarische Organe entweder über-
Bedeutung einer neuerlichen »Transformation der Demokratie« stellt sich nach haupt nicht oder führen ein weitgehend einflußloses Schattendasein wie im Fal-
dem Ende des Fordismus neu. le des europäischen Parlaments. Schon dies beeinträchtigt den Anspruch der
Wenn Demokratie nicht gleich Demokratie ist, so gilt dies insbesondere im Parlamente, Repräsentationsorgane des »Volkes« zu sein, immer nachhaltiger.
Vergleich zwischen den kapitalistischen Zentren und der Peripherie, den »west- Längst sind sie auch nicht mehr der Ort, wo im Wege von parteiförmigen Aus-
lichen Demokatien« und dem Rest der Welt. Es ist vielfach darauf hingewiesen einandersetzungen und Kompromissen über die konkurrierenden Interessen
worden, daß die in jüngster Zeit wieder verstärkt feststellbare Etablierung for- einzelner Kapitale und Kapitalfraktionen hinweg die »Politik der herrschenden
mell demokratischer Verhältnisse in ökonomisch und politisch abhängigen Län- Klasse« formuliert und damit die politische Einheit des kapitalistischen »Macht-
dern mangels grundlegender gesellschaftlicher Voraussetzungen kaum mit einer blocks« hergestellt werden kann. Kapitalfraktionelle Kompromisse werden heu-
materiellen Demokratisierung einherging. Oftmals war sie nicht viel mehr als te im wesentlichen »selbstorganisiert«, also beispielsweise innerhalb monopoli-
das Vehikel zur Durchsetzung neoliberaler Strukturanpassung oder taktische stischer Industrie-Finanzkomplexe, in Verbänden oder in staatsadministrativ ko-
Konzession der herrschenden Eliten an die veränderten globalen Machtverhält- ordinierten Verhandlungssystemen gefunden. Auch in dieser Hinsicht haben die
nisse nach dem Untergang der Sowjetunion (Müller-Plantenberg 1991, Smith Parlamente ihre Repräsentativität weitgehend eingebüßt. Parlamentarische Ar-
1993, Hippler 1994). Dieser Aspekt des Problems bleibt hier ausgeklammert. beit erhält dadurch mehr als je zuvor den Charakter einer hauptsächlich büro-
Wir beschränken uns auf eine Skizze der Veränderungen, denen die demokrati- kratischen und bürokratisch kontrollierten Tätigkeit. Die Flut der bezeichnen-
schen Institutionen und Strukturen in den entwickelten kapitalistischen Ländern derweise sehr oft einstimmig verabschiedeten Gesetze verhält sich umgekehrt
und insbesondere in Deutschland im Zuge der Etablierung des »nationalen proportional zur Macht der Legislative (Narr/Schubert 1994, 188ff). Soweit
Wettbewerbsstaats« unterworfen sind. dort überhaupt noch Politik gemacht wird, reduziert sie sich auf die Aushand-
Dies bezieht sich zunächst einmal auf die institutionelle Struktur des parlamen- lung von Interessen, die gegenüber denen des internationalen Kapitals nachran-
tarischen Parteiensystems. Dieses ist zwar – sieht man von einem Fall wie Italien gig sind. Wenn etwa der abbauende »Umbau« der sozialen Sicherungssysteme
ab, wo die Entwicklung die Form einer offenen Staatskrise angenommen hat – den Charakter eines weltmarktbestimmten »Sachzwangs« erhält, dann be-
äußerlich scheinbar gleich geblieben, in seiner Funktionsweise und in seiner Be- schränkt sich die parlamentarische Auseinandersetzung im wesentlichen auf die
deutung aber nachhaltig verändert worden. Unter dem Eindruck abnehmender Ausgestaltung der Details. Politik im Sinne von Gesellschaftsgestaltung, als Ent-
Handlungsspielräume des Staates, einer durch die Globalisierung entscheidend scheidung über grundlegende gesellschaftliche Ziele und Entwicklungswege,
veränderten Struktur des kapitalistischen »Machtblocks« und um sich greifen- findet in den Parlamenten praktisch überhaupt nicht mehr statt. Die Folgen ei-
der gesellschaftlicher Spaltungsprozesse treten die immer schon vorhandenen nes längst jenseits der nationalstaatlichen parlamentarischen Institutionen ange-
strukturellen Defizite der liberalen Demokratie noch deutlicher hervor. Der siedelten globalökonomischen Managements werden dort nur noch ratifiziert
schon lange diagnostizierte »Funktionsverlust« der Parlamente hat sich durch und symbolisiert. Dies alles ist, wie gesagt, nicht ganz neu, sondern kennzeich-
die Internationalisierung politischer Entscheidungsprozesse und angesichts der net die Entwicklung zum bürokratischen Parteienstaat innerhalb einer staatsad-
Tatsache, daß wesentliche politische Inhalte in eher informellen Verhandlungs- ministrativ regulierten, hochorganisierten und vermachteten kapitalistischen
systemen zwischen der Staatsbürokratie und dominierenden gesellschaftlichen Gesellschaft schon seit längerem. Ihren besonderen Akzent erhält die Entwick-
Machtgruppen festgelegt werden, weiter fortgesetzt. Die als Reaktion auf die lung jedoch durch einige wichtige Strukturveränderungen des Parteiensystems im

138 139
Übergang vom fordistischen Sicherheits- zum nationalen Wettbewerbsstaat. en, Deutsche, Naturschützer, Autofahrer, Jugendliche, Alte, Eigenheimbesitzer,
Entscheidend dabei ist, daß sich die Parteien immer stärker von Instanzen einer Wohnungssuchende, Familien oder Arbeitslose – und populistischer Feinder-
materiellen Interessenberücksichtigung und -vermittlung zu oligopolistisch, un- klärungen – z.B. gegen Sozialstaatsschmarotzer, Mobilitätsscheue oder Auslän-
ter beschränkten Wettbewerbsbedingungen konkurrierenden und vornehmlich der – in den Vordergrund. Daß die Parteien immer mehr zu Transmissions- und
medial operierenden Propagandamaschinen entwickelt haben. Maßgebend Legitimationsapparaten von Entscheidungen werden, die außerhalb des reprä-
dafür ist, daß auf der einen Seite im Zuge der Globalisierung und unter dem sentativ-demokratischen Institutionensystems getroffen werden, heißt nicht,
Diktat kapitalistischer Standortsicherung die politischen Spielräume und insbe- daß Interessen- und Verteilungspolitik völlig verschwindet. Immer noch wird
sondere die materiellen Konzessionsmöglichkeiten dahinschwinden, die eine versucht, Klientele zu bedienen. Aber diese werden fließender und vielfältiger,
wichtige Voraussetzung der auf soziale Reform und umfassenden Interessenaus- sind mannigfach gespalten und damit auch gegeneinander ausspielbar. Die Poli-
gleich setzenden »Volksparteien« waren. Da sich andererseits die korporativ-so- tik der Wahlversprechen wird dadurch nicht nur erratischer und widersprüchli-
zialpartnerschaftlich zusammengehaltenen gesellschaftlichen Lager des fordisti- cher, sondern auch folgenloser. Ihre Schlagkraft und Konkurrenzfähigkeit ver-
schen Zeitalters aufgelöst haben und Fragmentierung der Gesellschaft voran- danken die Parteien weniger der Vertretung definierbarer und übergreifender
schreitet, wird es immer schwieriger, sich durch globale Verteilungspolitiken zu Wählerinteressen oder ihrer Verankerung in sozialen Zusammenhängen und
legitimieren und damit eine gesicherte Wählerbasis zu schaffen. Die Stabilität Milieus, sondern immer stärker medialer und werbetechnischer Kompetenz,
des fordistischen Volksparteiensystems beruhte nicht zuletzt darauf, daß es sich d. h. der Fähigkeit, verschiedene Öffentlichkeiten und wahltaktische »Zielgrup-
auf relativ homogene und klar voneinander abgrenzbare soziale Gruppen und pen« schnell zu bedienen, Funktionäre und Mitglieder sozusagen »just in time«
soziokulturelle Milieus stützen konnte, wodurch zugleich wahltaktisch wirksame über die Strategien und Optionen der Zentrale zu informieren. In umgekehrter
Profilierungen und Unterscheidungen möglich waren. Die Parteien »mußten Richtung funktionieren bezeichnenderweise die in den Apparaten verstärkt ein-
den Konsens nicht schaffen, sondern konnten ihn abrufen« (Beck 1993, 220). gesetzten neuen Kommunikationstechnologien kaum. Es geht vor allem darum,
Die Bürokratisierung und Oligarchisierung der Parteien wurden dadurch eben- situativ passende Propagandakonzepte zu entwickeln, persönliche Images auszu-
so nachhaltig gefördert wie eine allgemeine Depolitisierung und Demobilisie- bilden und mit der hoch monopolisierten Medienindustrie zu kooperieren. Dem
rung der Bevölkerung. Aber eben dies schuf gleichzeitig kalkulierbare »Stamm- paßt sich die zunehmend auf »lean management« getrimmte innerorganisatori-
wählerschaften« mit stabiler Loyalität. Die soziokulturelle Fragmentierung der sche Struktur an. »Alle Parteien organisieren ihr Management zunehmend nach
Gesellschaft, die Verringerung staatlicher Handlungsspielräume und die wach- industriellem Strickmuster, bauen ihre Zentralen mit Hilfe modernster Kom-
sende Unmöglichkeit, soziale Ungleichheiten und Konflikte durch sozialstaatli- munikationstechniken immer mehr zu Dienstleistungsbetrieben aus« (Wirt-
che Verteilungsmaßnahmen kompensatorisch aufzufangen und zu befrieden, hat schaftswoche Nr. 35/1991, S. 37). Was dabei »Dienstleistung« heißt, ist von der
wesentliche Grundlagen des fordistischen Volksparteiensystems zerstört. Die üblichen Konsumwerbung kaum noch zu unterscheiden. Daß bei diesen Organi-
Folge ist, daß Stammwählerschaften ebenso zerbröseln wie die Mitgliederzahlen sationsreformen die SPD seit den siebziger Jahren der CDU weit hinterherge-
schrumpfen, parteipolitische Loyalitäten insgesamt abnehmen, die Wahlbeteili- hinkt ist, erklärt wahrscheinlich einen Teil ihrer Wahlmißerfolge (Häusler/
gung zurückgeht und Wahlpräferenzen fluktuieren. Was im Hinblick auf diese Hirsch 1988). Aber nicht nur sie, sondern auch die GRÜNEN holen diesbezüg-
Erscheinungen als »Partei«- oder »Politikverdrossenheit« gehandelt wird, lich inzwischen unverkennbar auf. Bei dieser Verwandlung der Parteien in me-
drückt die Erkenntnis aus, daß staatliche Entscheidungen für das eigene Schick- diale Kommunikationsapparate verschränken sich die Wirkungen gesellschaftli-
sal entweder nicht sehr bedeutsam oder aber ohnehin durch Wahlen nicht be- cher Strukturveränderungen aufs engste mit den Umwälzungen, die die postfor-
einflußbar sind. Bei der »Verdrossenheit« handelt es sich eher um Gleichgültig- distische »Informationsrevolution« mit sich gebracht hat. Nicht zuletzt die Ent-
keit. stehung einer hoch monopolisierten und global vernetzten privatkapitalistischen
Je mehr die großen sozialen Blöcke und Stammwählerschaften zerbröseln, Medienindustrie und die zunehmende Bedeutung der elektronischen Kommu-
desto wichtiger wird für die Parteien eine flexible und situationsbezogene Taktik nikation beeinflußt den Charakter der Parteien nachhaltig. Abgekoppelt von den
der Stimmaximierung, verliert der Bezug zu definierbaren gesellschaftlichen In- sich fragmentierenden Interessen- und Bewußtseinslagen und sich gleichzeitig
teressenblöcken an Bedeutung, schiebt sich eine Mischung von propagandisti- den Zwängen einer kapitalistischen Standortpolitik fügend, reduziert sich Par-
scher Zielgruppenansprache – seien es Besser- oder Geringerverdienende, Frau- teipolitik zunehmend auf systematische Problemverschiebung, eine mediale In-

140 141
szenierung von Differenzen, die kaum politische Substanz haben, und auf die stem der traditionellen Volksparteien noch charakteristisch war: der zwischen
Herausstellung werbetechnisch präparierter Persönlichkeiten, die mangels un- der »Partei in der Regierung« und der »Mitgliederpartei«. Der strukturelle Ge-
terscheidbarer politischer Inhalte Vertrauen erzeugen und Kompetenz suggerie- gensatz zwischen der an den herrschenden Machtstrukturen und Systemzwän-
ren sollen. Ob sie es tun, hängt freilich weniger von ihren persönlichen Bega- gen orientierten Regierungs- bzw. Fraktionspolitik und den Interessen der Par-
bungen als von dem Geschick der Werbeagenturen ab. Dies ist der Grund für teimitglieder war zumindest für gut organisierte Massenparteien wie die SPD
das scheinbare Paradox, daß Wahlen um so stärker personalisiert werden, je be- typisch. Er hatte zum Beispiel noch einiges dazu beigetragen, Bundeskanzler
stimmender die Systemzwänge und je austauschbarer die konkreten Personen Helmut Schmidt Anfang der achtziger Jahre über die Nachrüstungspolitik zu
werden. Mangels Substanz gerät Politik im besseren Falle noch zum anregenden Fall zu bringen, weil die Friedensbewegung innerhalb der Parteimitgliedschaft
Unterhaltungsereignis, das vom Image der Stars lebt und vornehmlich für Talk- breite Resonanz gefunden hatte. Ein derartiger Konflikt ist heute viel unwahr-
shows und gelegentliche Wahlschlachten taugt. Je weniger Wahlen als für das ei- scheinlicher. Die Regierungs- und Fraktionspolitik setzt sich weitgehend wider-
gene Lebensschicksal bedeutsam erachtet werden, desto entspannter lassen sie standslos durch, produziert eher Absentismus und Verdrossenheit denn offene
sich als sportives Ereignis begreifen. Der richtige Tip in der Wahlwette wird innerparteiliche Auseiandersetzungen. Die Partei als (Quasi-)Regierungsappa-
dann wichtiger als das Wahlergebnis selbst. Politische Programme bleiben weit- rat, die allein noch als Wahlmaschine und als Vehikel der Ämterbesetzung fun-
gehend unbekannt, Proklamationen werden kaum ernst genommen. Entspre- giert, hat sich erfolgreich durchgesetzt.
chend bedeutungslos sind offene Lügen und notorisch gebrochene Wahlver- Agnoli hatte das fordistische System der »Volksparteien« als Erscheinungs-
sprechen. Entsprechend leicht werden sie dann auch verziehen. Was zählt, ist form einer »virtuellen Einheitspartei« bezeichnet, das grundlegende Fragen der
die Präsentation von Personen, die als Projektionsfläche von Hoffnungen und gesellschaftlichen Ordnung und Entwicklung ausblendet, indem es soziale Anta-
Ressentiments dienen können. Durchsetzungsvermögen gilt auch dann noch als gonismen und Herrschaftskonflikte auf Führungsquerelen zwischen konkurrie-
Kompetenzbeweis, wenn es sich krimineller Mittel bedient. Eine Folge davon, renden Personengruppen reduziert, nicht mehr Inhalte, sondern relativ aus-
daß reale Interessenlagen und die aktive Beteiligung der »Basis« für die Politik tauschbare Personen zur Auswahl präsentiert (Agnoli 1990). Diese Entwicklung
der Parteien immer bedeutungsloser werden und die kommunikations- und me- hat sich nachhaltig verstärkt. Mit dem Übergang vom Typus der reformpolitisch
diengerecht organisierten Apparate wachsende Geldsummen verschlingen, ist orientierten »Volkspartei« zur medialen Apparatepartei sind die politisch-ideo-
eine wachsende Abhängigkeit von staatlicher Finanzierung und von Großspen- logischen Gemeinsamkeiten noch größer geworden, wenn man einmal von den
den. Damit eröffnet sich ein höchst vielfältiges Feld politischer Korruption. Die immer notwendigen werbetechnischen Profilierungsbemühungen absieht. Wel-
Parteien unterliegen einem gleichzeitigen Prozeß der Etatisierung und Privati- che Partei oder Koalition regiert, macht im allgemeinen Bewußtsein nur noch
sierung. Schon längst zu rechtlich privilegierten und öffentlich finanzierten wenig Unterschiede aus. Während die traditionellen »Volksparteien« bei allen
Quasi-Staatsapparaten geworden, drohen sie nun auch zu faktischen Anhängseln ideologisch-politischen Differenzen ein eher sozial-demokratisches Profil hat-
eines ökonomischen Monopolgeflechts zu werden, das Finanzmittel und media- ten, dominiert heute ein konservativ-liberaler Grundkonsens quer über alle Par-
le Unterstützungsleistungen kontrolliert. Dem fällt das politische Leben der Ba- teigrenzen hinweg. Entscheidende Basis des herrschenden Parteienkartells ist
sisorganisationen, der Regional- und Ortsverbände zum Opfer. Diese dienen das gemeinsame Interesse aller Beteiligter, die oligopolistische politische Wett-
weniger denn je einer innerorganisatorischen politischen Willensbildung und bewerbsstruktur mit minimaler Produktdifferenzierung als Zugang zu und zur
bleiben, sofern sie überhaupt noch existieren, Empfänger einschlägigen Propa- Absicherung von politischen Positionen aufrechtzuerhalten. Die sogenannte
gandamaterials, Betätigungsfeld von Karrierehungrigen und lokalen Interessen- »Solidarität der Demokraten« bewährt sich deshalb vor allem in der Verteidi-
ten, gegebenenfalls auch noch einiger unverdrossener Plakatekleber. Gelegentli- gung des staatsparteilichen Politikmonopols: gegen außerinstitutionelle Formen
che plebiszitäre Inszenierungen wie etwa die Urwahl von Kanzler- und Mini- der Interessenwahrnehmung und soziale Bewegungen, die die herrschenden
sterpräsidentenkandidatInnen in der SPD widersprechen dem nicht, sondern Spielregeln stören, und gegen neu aufkommende parteiförmige Konkurrenten,
sind gerade Ausdruck dieser Entwicklung, geht es dabei doch weniger um die die das bestehende Kartell bedrohen könnten. Sowohl die »neuen sozialen Be-
Entscheidung zwischen unterschiedlichen politischen Inhalten als um einen ver- wegungen« der siebziger und achtziger Jahre wie auch das verstärkte Auftreten
gleichsweise großangelegten persönlichen Marketingtest für den oder die aus- neuer Parteien hatte eine wesentliche Ursache in den immer deutlicher werden-
sichtsreichsteN BewerberIn. Damit entschärft sich ein Konflikt, der für das Sy- den gesellschaftlichen Fragmentierungen, den eingeschränkten staatlichen

142 143
Handlungsspielräumen und der Reaktionsunfähigkeit der politischen Apparatur weniger nach ideologischen und Interessenvertretungs-Gesichtspunkten und
gegenüber realen Problemen und Interessen. Während die sozialen Protestbe- statt dessen nach individuellen Karrierechancen geplant werden, die parteipoli-
wegungen inzwischen mit einer Mischung von Repression und Integration – et- tischen Erfolgs- und Aufstiegsbedingungen sich angleichen, eine wachsende
wa in der Form einzelner Karriereangebote oder der medienwirksamen Über- Zahl öffentlicher Ämter der Parteipatronage unterliegen, die berufspolitische
nahme ihrer Themen – recht erfolgreich neutralisiert worden sind, treffen neue Spezialisierung einen Wechsel in andere Tätigkeitsfelder erschwert und damit
Parteien ungeachtet ihrer ideologischen Ausrichtung regelmäßig auf systemati- die Sicherung einmal erworbener politisch-administrativer Positionen zum vor-
schen Ausschluß, Diskriminierung und Kooperationsentzug. In besonders kriti- herrschenden Ziel wird. Die Verwendung des Klassenbegriffs hat in bezug auf
schen Situationen können sie allerdings auch die Aufgabe bekommen, Protest- die »politische Klasse« durchaus seine Berechtigung, treffen für sie doch immer-
bewegungen zu neutralisieren und zu integrieren, wie es im Falle der bundesre- hin das Kriterium der Gemeinsamkeit in den materiellen Grundlagen und in der
publikanischen GRÜNEN der Fall war. Indem diese sich nach dem Abflauen »Lebensführung« recht deutlich zu. Ihre Einheitlichkeit wird durch die ver-
des außerparlamentarischen Protests allmählich normalisierten, mehr und mehr schwimmenden politischen Unterschiede zwischen den Parteien untermauert,
ihre »Politikfähigkeit« bewiesen, »Radikalismus« und »Irrationalismus« ableg- ihre Abgehobenheit gegenüber den zu Konsumenten degradierten Bürgern
ten, erlangten schließlich auch sie den Zugang zum Kreis der Etablierten: Das durch die politische und finanzielle Abhängigkeit von den zentralen Apparaten
Parteienkartell wurde neu formiert, eine neue Partnerin im Spiel akzeptiert. verstärkt.
Wie dieser neue Typus von Parteiensystem funktioniert, hat vielleicht am Diese Entwicklung begünstigt die Ausbreitung vielfältiger Formen der poli-
schärfsten der sogenannte »Asylkompromiß« im Jahr 1993, die zwischen Regie- tischen Korruption, die nicht nur mehr oder weniger legale Formen persönli-
rungskoalition und SPD ausgehandelte und von den GRÜNEN parlamenta- cher Vorteilsnahme, sondern ebenso die Gestalt eines prinzipienfesten politi-
risch-geschäftsordnungsmäßig hingenommene Demontage des Grundgesetzar- schen Opportunismus annimmt. Das Dilemma, daß der soziale Status politi-
tikels 16 gezeigt. Mit einer in der Geschichte der Bundesrepublik fast beispiello- scher Repräsentanten grundsätzlich an den Mechanismus der Parteienkonkur-
sen Mobilisierung von Rassismus und Nationalismus durch die herrschenden renz gebunden und damit unsicher bleibt, wird durch Kartellabsprachen gelöst,
Parteien selbst konnten diese nicht nur erfolgreich von sich ausbreitenden sozia- die den Wettbewerb in kalkulierbaren Grenzen halten. Je mehr Anpassungs-
len Mißständen und eigenem politischem Versagen ablenken, sondern auch der fähigkeit und »Ideologiefreiheit« zum hervorstechenden Erfolgskriterium wer-
rechtsradikalen Partei der »Republikaner«, die die bestehenden parteipoliti- den, desto eher gelingt die Unterwerfung unter »Sachzwänge«, die in überge-
schen Gleichgewichte zu bedrohen begann, erfolgreich die Wählerbasis entzie- ordneten Entscheidungszusammenhängen und Machtzentren formuliert wer-
hen. Der Rassismus und Nationalismus der rechtsradikalen Partei wurde damit den, und desto deutlicher wird die Abkoppelung der repräsentativ-demokrati-
in etabliertere und glattere Formen gegossen. Die nach 1989 verstärkt einge- schen Apparatur von realen Problemen und Interessenlagen der Bevölkerung.
setzte Strategie, das herrschenden Parteienkartell mittels rechtspopulistischer Die Existenz dieser »politischen Klasse« sorgt dafür, daß der liberaldemokrati-
Propaganda abzusichern, war in jeder Beziehung erfolgreich. Der Vorgang zeigt, sche politische Prozeß der Form nach immer stärker den Charakter einer auf
daß die allgemein diagnostizierte »Rechtsverschiebung« des deutschen Partei- taktische Wahlmobilisierung gerichteten Marktstrategie bei eingeschränkter
ensystems wesentlich eine Folge seiner eigenen Dynamiken ist. Konkurrenz annimmt. Dem Inhalt nach beschränkt er sich zunehmend auf die
In diesen Zusammenhang gehört auch die Entstehung dessen, was in der öf- manipulative Vermittlung der in den bürokratisch-kapitalistischen Verhand-
fentlichen Diskussion neuerdings gerne als »politische Klasse« bezeichnet wird. lungskomplexen zustandegekommenen Entscheidungen zu den Betroffenen hin.
Gemeint ist damit die Herausbildung einer relativ einheitlichen, auch sozial eng Die Parteien sehen ihr Geschäft also vor allem darin, Politik nicht zu machen,
miteinander verbundenen Gruppe von BerufspolitikerInnen, die über alle Par- sondern zu verkaufen. Insofern haben sie den Wandel von der »Industrie«- zur
teigrenzen hinweg das gemeinsame Interesse an Karriere-, Positions- und Privi- »Dienstleistungsgesellschaft« perfekt nachvollzogen. Indem die Politik ebenso
legiensicherung eint und die nicht nur im materiellen, sondern auch im ideolo- wie die Wirtschaft immer deutlicher die Form eines monopolitisch kontrollier-
gischen Sinne immer weniger »für« und immer stärker »von« der Politik lebt. ten und geschlossenen »Markts« annimmt, der von höchst gleichförmigen, ent-
Diese »Nomenklatura der real existierenden Demokratie« (Tudyka 1994) ist der weder profit- oder wahlstimmenmaximierenden Unternehmungen kontrolliert
soziale Ausdruck der vorrangig an taktischer Stimmaximierung orientierten me- wird, läßt sich durchaus von einer Parallelität kapitalistischer und demokrati-
dialen Apparatparteien. Ihre Entstehung gründet darauf, daß Parteikarrieren scher Entwicklung sprechen. Die Gemeinsamkeit besteht darin, daß Bürger wie

144 145
Konsumenten zwar als »souverän« deklariert werden, faktisch aber über die auf nationalstaatlicher, sondern vor allem auf Branchen-, Länder-, Regionen-
Auswahl aus einem monopolistisch kontrollierten Warenangebot hinaus nichts und kommunaler Ebene. Er verstärkt damit die ökonomisch-soziale Segmentie-
zu sagen haben. Demokratie reduziert sich auf einen formalen Konkurrenzmo- rung und Polarisierung der Gesellschaft. So schaffen – völlig unberührt von der
dus, der von »Selbstbestimmung« weiter entfernt ist denn je. liberalen Marktrhetorik der Bundesregierung – die einzelnen Bundesländer un-
Bereits die fordistische Form der liberalen Demokratie war von einem kom- geachtet ihrer parteipolitischen Richtung »Denkfabriken«, in denen Unterneh-
plizierten Neben- und Gegeneinander parlamentarisch-repräsentativer und kor- mens- und Wissenschaftsvertreter industriepolitische Konzepte ausarbeiten. Als
porativer Politikformen gekennzeichnet. »Sozialpartnerschaftliche« Aushand- Vorreiter gilt hier das Land Baden-Württemberg, das im Zuge seiner »dialog-
lungsverfahren und »Konzertierte Aktionen« zwischen der staatlichen Bürokra- orientierten Wirtschaftspolitik« eine »Konzertierte Aktion« installiert hat, in
tie und großen Interessenverbänden standen in Konkurrenz zum parlamenta- der Unternehmer, Gewerkschaften, Techniker und Wissenschaftler zusammen-
risch-demokratischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozeß und über- arbeiten. Dabei geht es z.B. um die Erprobung neuer Arbeitsorganisationsfor-
nahmen wesentliche gesellschaftliche und ökonomische Regulierungsfunktio- men, die Erschließung zukunftsträchtiger Exportmärkte mit staatlicher Hilfe,
nen auf dem Feld der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Hervorragendstes Beispiel die Entwicklung von Leitprojekten für Schlüsseltechnologien und gezielte staat-
waren die auf ein gleichgewichtiges ökonomisches Wachstum ausgerichteten liche Innovationsförderung (Wirtschaftswoche Nr. 37/1993, S. 14 ff.). Besonde-
Lohnleitlinien, die die Eimkommenszuwächse der Lohnabhängigen mit den re Bedeutung haben dabei die Bemühungen, die Kapazitäten von Universitäten
Profitinteressen der Unternehmer vereinbar machen, den ArbeitnehmerInnen und staatlichen Forschungseinrichtungen möglichst nahtlos mit der industriel-
aber zugleich auch einen Anteil am gesamtgesellschaftlichen Produktivitäts- len Forschung und Entwicklung zu verzahnen. Auch Gewerkschaften werden
wachstum sichern sollten. Diese Regulationsweise stützte das fordistische, auf dabei durchaus gebraucht. Sofern sie sich als »Co-Manager« verstehen und be-
wachsende Massenproduktion und Massenkonsum ausgerichtete Akkumulati- reit sind, die aus den weltmarktbestimmten Restrukturierungsbemühungen re-
onsmodell. Der sozialpartnerschaftliche Korporatismus stellte eine Form der sultierenden Anforderungen zu den Belegschaften hin zu vermitteln, werden ih-
politisch-bürokratischen Institutionalisierung kollektiver (Klassen-)Interessen nen selbstverständlich Mitspracherechte eingeräumt (ebenda, S. 15). Neben die-
dar, die so lange bestandsfähig war, als unter den Bedingungen einer national- sem regionalstaatlichen Korporatismus, der auf kommunaler Ebene seine Ent-
staatlich zentrierten und noch über größere Handlungsalternativen verfügenden sprechungen hat, wächst der betriebliche: Die Flexibilisierung des Arbeitskräfte-
Wirtschafts- und Sozialpolitik ausreichende Kompromißspielräume zur Verfü- einsatzes, Lohnkürzungen oder Personalabbau lassen sich mit gewerkschaftli-
gung standen. Er zerbrach, als wachsende gesellschaftliche Spaltungs- und Aus- chem »Co-Management« zweifellos leichter und erfolgreicher durchsetzen
grenzungsprozesse und andauernde Massenarbeitslosigkeit die Position der Ge- (ebenda, S. 15 ff.). Geleitet vom Ziel, die Arbeitsplätze wenigstens eines Teils der
werkschaften untergruben, die unternehmerische Krisenbereinigungsstrategie Belegschaften zu retten, arbeiten die Gewerkschaften damit aktiv an den gesell-
die integrative und umfassende Politik der Sozialpartnerschaft beendete und das schaftlichen Spaltungsprozessen mit und reduzieren sich zu Interessenvertretun-
Interesse des sich globalisierenden Kapitals an sozialen Kompromissen auf na- gen eines immer »schlanker« werdenden privilegierten Beschäftigtensegments.
tionalstaatlicher Ebene geringer wurde. Gleichwohl bedeutet dies nicht das En- Umfassende Tarifverträge werden dabei unterlaufen, ausgehöhlt und immer
de korporativer Politikformen überhaupt. Vielmehr entsteht ein dezentraler und stärker »flexibilisiert«. Hervorstechendes Kennzeichen dieses zwar nicht unbe-
segmentierter Korporatismus, der staatliche Bürokratien, Unternehmen, Teile dingt neuen, aber immer bestimmender werdenden Korporatismus ist, daß er
der Belegschaften und fallweise auch die Gewerkschaften in neuer Weise zusam- die weltmarktkonkurrenzbestimmte Modernisierung einzelner Unternehmen,
menbindet. Er bezieht sich nicht mehr auf eine umfassende und sozial abgefe- Branchen und regionaler Kapitalstandorte zum Ziel hat. Fragen gesamtgesell-
derte Regulierung von Wirtschaft und Gesellschaft, sondern zielt auf die Stär- schaftlicher Regulierung, etwa die Sorge um die »Modernisierungsverlierer«,
kung der Konkurrenzposition multinationaler Unternehmungen durch Schaf- stehen dabei ebensowenig zur Debatte wie die globale Einkommensverteilung
fung sektoraler wie regionaler produktiver Komplexe. Hier geht es um den Auf- oder die Sozialpolitik. Der sektorale und dezentrale, politische Administrationen
bau staatlich-industrieller Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationsverbun- und Unternehmen, Kernbelegschaften und fallweise auch noch die kooperati-
de, die Durchsetzung neuer Managementstrukturen und die Herstellung welt- onswilligen Teile der Gewerkschaften einbeziehende Korporatismus reißt nicht
marktintegrierter industrieller »Cluster« insbesondere im Bereich der High- nur die ökonomischen Zusammenhänge innerhalb des nationalen Wirtschafts-
Tech-Produktion. Folgerichtig etabliert sich dieser Korporatismus nicht mehr raums auseinander, sondern geht vor allem an Parteien und Parlamenten, dem

146 147
gesamten demokratischen Institutionensystem, praktisch vorbei. Die Tätigkeit New-Age-Gewerbes. Je unbeeinflußbarer gesellschaftliche Risiken erscheinen
der staatlichen Administration reduziert sich darauf, industrielle Innovations-, und je zwanghafter der soziale Zusammenhang wird, desto mehr wächst die Nei-
Rationalisierungs-, Investitions- und Exportstrategien möglichst nahtlos zu flan- gung, den vielfältigen Bedrohungen durch individuelle Therapien und quasi-re-
kieren. Dies sind die »Verhandlungssysteme«, die die ökonomisch und sozial ligiöse Sinnstiftungen zu begegnen. Wer kaufkräftig genug ist, versucht sich
höchst folgenreichen »Sachzwänge« produzieren, denen sich die politischen In- durch Gesundheitskost vor der um sich greifenden Umweltvergiftung zu retten,
stitutionen anzupassen und zu unterwerfen haben. und wer das Leben in der »postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft« nicht
Bei allen gesellschaftlichen Fragmentierungen und trotz einer zunehmenden mehr aushält, flüchtet sich in den ebenso vielfältigen wie expansiven Markt der
Abgehobenheit der politischen Apparatur gegenüber sozialen Problemen und Psychotherapien. Höchst gefährliche Implikationen einer sich im kapitalisti-
Interessen müssen jedoch immer noch Wahlen abgehalten und gewonnen, was schen Verwertungszusammenhang immer mehr verselbständigten Wissen-
heißt, die herrschenden Verhältnisse bei der Bevölkerung legitimiert werden. Da schafts- und Technologieentwicklung – etwa im Bereich der Gendiagnostik und
das fordistische, auf scheinbar grenzenloses Wachstum, fortwährende Steige- Genmanipulation – werden in der Hoffnung auf Verlängerung der individuellen
rung der Masseneinkommen und Ausbau der sozialen Sicherungssysteme ge- Lebenszeit um so eher akzeptiert, je mehr dieses Leben als selbstbestimmtes und
stützte politische Legitimationsmuster seine Grundlagen verloren hat, bedarf es selbstgestaltetes bedroht ist. »Gesundheit« wird damit zu einem entscheidenden
eines neuen »hegemonialen Projekts«. Dabei läßt sich erkennen, daß es gerade Bestandteil des herrschenden Legitimationsdiskurses.
die beschriebenen gesellschaftlichen Strukturveränderungen und die Transfor- Die Einschränkung staatlicher Handlungsspielräume unter den Bedingun-
mationen des politischen Systems sind, die neue Legitimationsmuster heranrei- gen globaler Standortkonkurrenz ist zweifellos real. Sie dient aber darüber hin-
fen lassen. aus als ideologisches Legitimationsmuster, das eine weitgehend politische Alter-
Eine entscheidene Bedeutung haben die Folgen dessen, was im einschlägigen nativlosigkeit suggeriert und dem faktischen Handeln von Parteien und Regie-
soziologischen Jargon als »Individualisierung« bezeichnet wird. Die gesell- rungen den Schein unbeeinflußbarer Notwendigkeit verleiht. Nach neoliberaler
schaftlichen Fragmentierungen und die Privatisierung sozialer Risiken und Logik wird »Wirtschaft« eben in der »Wirtschaft« gemacht, wie ein freidemo-
Chancen entlasten die politische Apparatur um so mehr von Ansprüchen, je be- kratischer deutscher Minister dies vor einiger Zeit so trefflich formuliert hat.
stimmender sich damit individuelles Konkurrenzverhalten ausprägt und je nach- Dem hat die Politik zu folgen. Daß der »Sachzwang Weltmarkt« politisch her-
haltiger das persönliche Durchsetzungsvermögen der Marktsubjekte allgemeine gestellt wird, verliert sich aus dem Blick. Die Globalisierung des Kapitalismus
Leitvorstellung wird. Die Folgen der politisch erzwungenen ökonomischen und zieht eine Art von Internationalisierung des Legitimationsdiskurses nach sich,
sozialen Strukturveränderungen werden individualisiert, gesellschaftliche Un- der die Strukturen des Weltmarkts und die in internationalen Bürokratien ge-
gleichheiten privatisiert. Je weniger soziale Probleme und Konflikte auf der troffenen Entscheidungen für das verantwortlich erklärt, was auf nationalstaatli-
Ebene des etablierten politischen Institutionensystems ausgedrückt und bearbei- cher Ebene politisch geschieht. Ökonomische Krisen, Brüche und Fehlentwick-
tet werden können, desto massiver wird alltägliche Konkurrenz, Aggression und lungen, die in der Ära des fordistisch-keynesianischen, die Kompetenz umfas-
Gewalt mobilisiert. Die Vorstellung von Emanzipation, Freiheit und Glück wird sender ökonomischer und politischer Regulierung beanspruchenden Staates
quasi entgesellschaftlicht und auf den Möglichkeits- und Wahrnehmungshori- grundsätzlich als politische und politisch verursachte angesehen wurden, gewin-
zont des kapitalistischen Markts zurückgeschnitten, auf dem sich im Zweifel nen im allgemeinen Bewußtsein den Charakter unbeeinflußbarer Naturereignis-
eben der oder die Stärkere durchsetzt. Eingezwängt zwischen ökonomischem se. Katastrophale Währungs- und Finanzkrisen, die unmittelbare materielle Fol-
Konkurrenzdruck und scheinbar nicht mehr beeinflußbaren Bedrohungen glo- gen für viele haben, gelten als das Werk der Zauberlehrlinge in den anonymen
baler Dimension, vollzieht sich die »Innenwendung« der Subjekte, die Schulze Büros internationaler Banken und Finanzinstitutionen. Daß es die Politik ist, die
als das Grundmerkmal der aufkommenden »Erlebnisgesellschaft« bezeichnet ihnen ihre profitablen Spielwiesen geschaffen hat, wird verdrängt. Daß es eben
hat (Schulze 1992). Je weniger die sozialen Verhältnisse als gestaltbar erschei- das ideologische Legitimationsmuster der Standortkonkurrenz ist, das massive
nen, desto stärker prägt sich Individualität als Selbststilisierung aus, wird gesell- »Politikverdrossenheit« nach sich zieht, hat indessen selbst noch ambivalente
schaftliche Praxis durch das konsumistische Erlebnis ersetzt. Diese Wendung Wirkungen. Es beeinträchtigt zwar bis zu einem gewissen Grade die eingespiel-
nach innen wird besonders deutlich am Boom der Gesundheits- und Thera- ten Routinen der Parteienkonkurrenz, macht ihre Verläufe und Wirkungen un-
pieindustrie, der Quasi-Religionsunternehmen und Sekten, des Esoterik- und kalkulierbarer und hat rufschädigende Folgen für die »politische Klasse«. Es

148 149
sorgt aber für eine enorme legitimatorische Entlastung des politischen Apparats hänge oder internationaler Abhängigkeits- und Machtstrukturen. Und ebenso
von gesellschaftlichen Ansprüchen. Auch mit verdrossenen WählerInnen läßt sorgt die einfache Scheidung von Gut (hier) und Böse (dort) für eine die Konsu-
sich regieren, solange privates Ressentiment vorherrscht und die Institutionen menten beruhigende Übersichtlichkeit, die Irritationen vermeidet und Nach-
intakt bleiben. »Realistische« Varianten der etablierten Demokratietheorie ha- denken erpart. Für die Berichterstattung über den Krieg im ehemaligen Jugosla-
ben dementsprechend ein geringes politisches Engagement und niedrige Wahl- wien gilt ähnliches. Während die interessierte Öffentlichkeit mit Kriegsgreueln
beteiligungsquoten immer schon als demokratischen Stabilitätsausweis betrach- und militärinterventionistischen Sandkastenspielen unter der Flagge von Huma-
tet. Der Tendenz zur Privatisierung gesellschaftlicher Ungleichheiten und Kon- nität und Menschenrechten unterhalten wurde, war von den widerstreitenden
flikte entspricht ein »Strukturwandel der Öffentlichkeit«, in dem Information und Absichten und Kalkülen der interessierten Großmächte ebensowenig die Rede
Kommunikation den Charakter eines sich globalisierenden, hoch expansiven wie von den andauernden Waffenlieferungen der selbsternannten Friedensstif-
und dabei immer stärker monopolistisch kontrollierten Markts für rasch ver- ter. Was und wieviel der Konflikt mit den Folgen ökonomischer Peripherisie-
gängliche Produkte annimmt. Zwar ist es noch etwas schwierig, die langfristigen rung im Gefolge der »neuen Weltordnung« zu tun hat, wurde überhaupt nicht
Wirkungen der mit einer kommunikationstechnischen Revolution einhergehen- thematisiert. Die Welt schrumpft zum medial verbundenen »global village« zu-
den Privatisierung und Kommerzialisierung insbesondere der elektronischen sammen und nimmt dabei immer mehr die Form einer konstruierten Realität an.
Medienindustrie genau abzuschätzen, doch sind einige gravierende Entwicklun- Sie besteht aus einer chaotischen Anhäufung von Ereignissen, die bestenfalls
gen unübersehbar. Dazu gehört eine schnell wachsende Informationsflut, die in- noch nach ebenso simplen wie falschen ideologischen Schablonen – sei es nun
haltlich immer stärker vom Prinzip der Marktgängigkeit bestimmt wird. Der »Fundamentalismus«, »ethnischer Konflikt« oder »Terrorismus« – geordnet
Kampf um die werbetechnisch wichtigen Einschaltquoten bestimmt das Verhal- werden.
ten der Medien selbst dort immer mehr, wo sie einen formell öffentlich-rechtli- Die mediale Öffentlichkeit erzeugt damit eine »virtuelle Realität«, die sich
chen Status behalten haben. Im härter werdenden internationalen Kampf um aufgrund eines alles beherrschenden Warenmechanismus selbst reproduziert.
Marktanteile verwandeln sie sich von Vermittlungsinstanzen zum eigentlichen »Ereignisse werden wahrgenommen, weil sie sofort weltweit verbreitet werden.
Inhalt von Öffentlichkeit. Die Werbung für das Medium selbst bestimmt und Und sie erzeugen massenhaft individuelle und politische Reaktionen, die, erneut
überlagert die Vermittlung des einzelnen Informationsprodukts. Die intellektu- medialisiert, die Ereigniskette weiterschwingen lassen, bis diese nur noch aus oft
elle und kulturelle Öffentlichkeit insgesamt wird nachhaltig von den Funktions- höchst wirksam vermittelten Reaktionen auf Reaktionen besteht. Der originale
mechanismen der kapitalistischen Medienindustrie geprägt. Anlaß verschwindet. Entsprechend gilt: Ereignisse haben nicht stattgefunden,
Je mehr gesellschaftliche und politische Information zur Unterhaltungsshow wenn nicht über sie berichtet wird« (Narr/Schubert 1994, 219). Die Prinzipien
oder zum Transportmittel kommerzieller Werbung wird, desto deutlicher der Marktgängigkeit und der Einschaltquote legitimieren die Zerstückelung und
gleicht sie sich dieser in ihren Präsentations- und Vermittlungsformen an. Pro- Verzerrungen der Information. So ist eine »normale« Massendemonstration,
dukt- und Wahlwerbung wird nicht nur von den gleichen Agenturen erledigt, und nähmen auch Zehntausende daran teil, von erheblich geringerem Nachrich-
sondern benutzt zunehmend auch identische Bilder und Slogans. Das heißt vor tenwert als ein paar eingeschlagene Schaufensterscheiben, ein blutrünstiges At-
allem, daß das spektakuläre Ereignis, der Skandal, die Katastrophe und der Per- tentat oder ein ordentlicher Bullen-Putz. Der globale Informations- und Unter-
sonal touch die Analyse der ohnehin schlecht bebilderbaren Hintergründe, der haltungsapparat produziert tatsächlich eine Vielzahl von Realitäten, deren Ver-
strukturellen und historischen Zusammenhänge verdrängt. Der Skandal der hältnis zueinander und zur persönlichen Erfahrungswelt kaum noch bestimmbar
Golfkriegsberichterstattung – um ein in diesem Zusammenhang oft diskutiertes ist. Ob die Bewohner der »Lindenstraße« nun Darsteller einer Fernsehserie
Beispiel zu nennen – liegt nicht so sehr darin, daß sich fast sämtliche Medien ei- oder reale Nachbarn sind, ist bekanntlich schon lange ungewiß.
ne Zeitlang zur hilfswilligen Propagandatruppe der US-Militärmaschinerie mit Zweifellos bringt die kommunikationstechnische Revolution eine enorme
ihren Zensurpraktiken haben machen lassen, sondern daß sie diesen Rollenwan- quantitative Steigerung des Informationsangebots, und sie stellt mittels interna-
del selbst aktiv betrieben haben. Die Ausschlußmechanismen des sich ausbrei- tionaler Informationshighways, global abrufbarer Datenbanken, Computernetz-
tenden informationellen Konsummarkts wirken nachhaltiger und perfekter, als werke und E-Mail-Anschlüsse individuell nutzbare Kommunikationsverbindun-
politische Zensur dies je könnte. Die Bilder nächtlicher Raketenfeuerwerke sind gen in einem bisher überhaupt nicht gekannten Ausmaß zur Verfügung. Die po-
nun mal eingängiger als die Vermittlung komplizierter historischer Zusammen- litische Qualität der sich herausbildenden »Informationsgesellschaft« wird je-

150 151
doch entscheidend nicht nur von den sie bestimmenden kommerziellen Struktu- möglich geworden. Die Datennetze werden darüber hinaus in dem Maße stör-
ren, sondern auch von der gesellschaftlichen Form der Technologie selbst be- anfällig und manipulierbar, je mehr sie sich verzweigen und komplizieren. Diese
stimmt. Im informationellen Cyberspace kursiert eine in ihrer Qualität und Be- im Prinzip demokratisierende Wirkung wird allerdings durch die ökonomisch-
deutung nur noch schwer einschätzbare Menge von Informationen, und es wird technische Struktur des Informations- und Kommunikationsapparates und die
schwieriger, sie miteinander in Verbindung zu bringen und einzuordnen. sich durchsetzenden gesellschaftlichen Heterogenisierungs- und Spaltungspro-
Kriegsgreuel, Hunger, die Intimitäten von Königshäusern oder die Eßgewohn- zesse gebrochen. Die Formen politischen Handelns passen sich dieser Entwick-
heiten von Politikern vermischen sich fast unterschiedslos. In den Datennetzen lung an, wenn z.B. die medienwirksame Inszenierung spektakulärer Ereignisse
kursiert alles, vom Kochrezept und Porno bis zur der aus CIA-Beständen ge- zum Leitprinzip von politischen Aktionen wird. Daß etwa eine Organisation wie
klauten Geheimdatei. Diese Tendenz muß zunehmen, wenn sich die Individuen Greenpeace, die als gut gemanagte Firma mit eben diesen Mitteln operiert, den
als isolierte Knotenpunkte eines technischen Netzwerks begreifen müssen und Zerfall der Ökologiebewegung erfolgreich überlebt hat, verdeutlicht diese Ent-
unmittelbare Kontakte, persönliche Diskussionszusammenhänge und der Erfah- wicklung.
rungsaustausch in praktischen Handlungsfeldern erlischt. Alternative Öffent- Der Legitimationszusammenhang, der sich nach dem Zusammenbruch des
lichkeiten jenseits des politik- und medienindustriellen Komplexes haben unter fordistisch-wohlfahrtsstaatlichen Hegemonieprojekts durchzusetzen beginnt,
einer solchen Perspektive kaum Entwicklungs- und Wirkungschancen, werden wird entscheidend dadurch geprägt, daß das bestehende politische Institutionen-
in fragmentierte subkulturelle Milieus abgedrängt und erreichen höchstens dann system immer weniger dazu in der Lage ist, die sich ausdifferenzierenden gesell-
noch breitere Aufmerksamkeit, wenn sie gelegentlich kommerziell vermarktbar schaftlichen Interessen zu integrieren und übergreifende materielle Kompro-
sind. Der politisch-soziale Zusammenhang der Menschen wird tendenziell zu ei- misse herzustellen. Das Handeln der »politischen Klasse« konzentriert sich da-
nem unmittelbaren Ausfluß der Technologie. Diese selbst erzeugt im gesell- durch immer stärker auf taktischen Selbsterhalt, was aber keinesfalls bedeutet,
schaftlichen Bewußtsein eine Wirklichkeit, die aus geschichtslosen Ereignissen, daß institutionelle Politik dadurch »inhaltsleer« würde, wie Beck meint (Beck
zerhackten Zusammenhängen und real unidentifizierbaren Teilnehmern be- 1993, 149 ff.). Sie wird im Gegenteil immer eindeutiger von den Prinzipien
steht. Mediale Wahrnehmung und soziale Realität entkoppeln sich. Die weltwei- weltmarktorientierter, auf die Bedürfnisse des multinationalen Kapitals zuge-
te Informationsgesellschaft ist gekennzeichnet von einem »banalen Realismus«, schnittener ökonomisch-sozialer Strukturanpassung bestimmt. Je größer die
der »anti-utopisch im Extrem« ist (Bill McKibben, zit. nach Narr/Schubert Kluft zwischen dieser und manifesten gesellschaftlichen Bedürfnissen und Inter-
1994, 220). Wenn ein emphatischer Begriff von Individualität historisches Be- essen wird, desto mehr bestimmt mediale Inszenierung den Inhalt politischer
wußtsein, Erfahrungsverarbeitung und kollektive Verständigung in unmittelba- Öffentlichkeit. In ihr dominieren die Skandale, die persönlichen Querelen und
ren Praxiszusammenhängen voraussetzt, so gewinnt unter diesen Bedingungen die Inszenierung publicityträchtiger Konflikte. Es entsteht eine symbolische Po-
die vielbeschworene »Individualisierung« eine höchst eigentümliche Note. Fi- litik, deren Bezug zu realen Interessenlagen und gesellschaftlichen Problemen
xiert auf passiven Informationskonsum und die Wahrnehmung der Angebote ei- schwindet. Und je mehr Politik medialisiert wird und damit die Parteien in Ab-
ner expandierenden Informationsdienstleistungsindustrie, wird sie zum Aus- hängigkeit von den Machtstrukturen und Mechanismen der kommerziellen Me-
druck einer nach kapitalistischen Verwertungsprinzipien und den damit verbun- dienapparatur geraten, desto deutlicher prägt sich die Tendenz zu einem aggres-
denen globalen Herrschaftsstrukturen gestalteten Technologie. Diese Tenden- siven Populismus aus, der gesellschaftliche Krisen, Probleme und Unsicherhei-
zen lassen sich nicht als gradlinige Entwicklung zu einer »eindimensionalen Ge- ten fiktiven Verursachern anlastet. Die äußerliche Stabilität des liberaldemokra-
sellschaft« untereinander bezugsloser und manipulierter Informationsmonaden tischen Institutionensystems scheint angesichts der tiefgreifenden gesellschaftli-
interpretieren. Die technische Verbesserung der Informations- und Kommuni- chen Umbrüche erstaunlich und verdankt sich einer Anpassungsflexibilität, die
kationsmöglichkeiten bietet ebenso politische Chancen wie eine Informations- offenkundig einen sehr weitreichenden Funktionswandel des Parteiensystems
flut, in der sozusagen nichts mehr unveröffentlicht bleibt. Medienwirksame und der politischen Öffentlichkeit innerhalb der bestehenden Strukturen zuläßt.
Skandalisierung ist allemal besser als staatliche Zensur. Die Wirkung medialer Je mehr die Integrationskraft der traditionellen »Volksparteien« abnimmt, desto
Botschaften wird dadurch auch für diejenigen unkontrollierbarer, die sie produ- stärker pluralisiert sich das Parteiensystem. Die einstmals vorhandene Tendenz
zieren. Schneller Informationsaustausch und die Schaffung entsprechender poli- zum Zweiparteiensystem gehört der Vergangenheit an. Zugleich ist die struktu-
tischer Zusammenhänge sind grundsätzlich jederzeit und in globalem Maßstab relle Veränderung der Parteicharaktere unverkennbar. Die Unterschiede zwi-

152 153
schen »konservativen«, »liberalen« und »sozialdemokratischen« Orientierun- sich um eine Mixtur aus Neoliberalismus, Restbeständen des sozialdemokrati-
gen verschwimmen. Während die recht wirksam verapparatete und medialisier- schen Staatsinterventionismus und libertären Strömungen, die als Zerfallspro-
te CDU und in gewissem Umfang auch die CSU den Übergang von der sozial- dukte der Nach-68er-Protestbewegungen intellektuellen Einfluß gewinnen
reformerischen »Volks«- zur neoliberalen »Standort«-Partei zwar mit einigen konnten. Ohne deren eigenen Beitrag zur »geistig-moralischen Wende« wäre
Reibungen, aber einigermaßen glatt zu bewerkstelligen scheinen, zerbricht die das neue Hegemonieprojekt sehr viel schwerer durchzusetzen gewesen. Was da-
SPD an der Polarisierung zwischen den Resten traditioneller Milieus, einer bei herauskommt, ist – nur scheinbar paradox – ein Art von marktliberalem Eta-
wachsenden Masse von »Modernisierungsverlierern« und privilegierten »neuen tismus. Bestimmende gesellschaftliche Leitvorstellungen sind nicht mehr wie
Mittelschichten«. Eingeklemmt zwischen den Zwängen einer kapitalkonformen ehemals staatsbürokratisch garantierte Sicherheit, Gleichheit und allgemeine
Standortpolitik und ihrer traditionellen Rolle als Sozialstaatspartei, verliert sie materielle Wohlfahrt im Rahmen einer egalitären Massenkonsumgesellschaft,
allmählich jedes politische Profil. Auch eine Politik der Personalisierung und der sondern vor allem die Mobilisierung sämtlicher gesellschaftlicher Ressourcen im
populistischen Mobilisierung wird dies nicht aufhalten können. Erfolgverspre- Kampf der Standorte. Dazu bedarf es eines starken Staats, der in der Lage ist, so-
chender wäre wohl eine noch radikalere Anpassung an das CDU-Modell, was al- ziale Konflikte – wenn nötig mit Gewalt – zu befrieden, soziale Interessen zu
lerdings bislang an innerparteilichen Beharrlichkeiten scheitert und vor allem neutralisieren und Ansprüche abzuwehren. Je mehr dies gelingt, desto leerer
die werbetechnisch notwendige Produktdifferenzierung erschwert. Die FDP läuft die liberaldemokratische Maschinerie. Die sozialen Opfer und die gesell-
wiederum wird immer mehr zwischen der neoliberal gewendeten CDU und den schaftlichen wie natürlichen Schäden, die dies verursacht, gelten als unvermeid-
GRÜNEN zerrieben, die als bundesweite Oppositionspartei liberale Inhalte lich und müssen notdürftig versorgt und repariert werden. Ungleichheit gilt als
zwar relativ wirkungslos, aber gerade deshalb glaubwürdig thematisieren und ökonomisches Stimulans, das den gesellschaftlichen Modernisierungs- und
zugleich in der Lage sind, auf regionaler und kommunaler Ebene im Rahmen ei- Strukturanpassungsprozeß vorantreibt. Der rechtspopulistische Diskurs mobili-
nes »gentryfication deal« die Interessen materiell privilegierter und moderni- siert die Hoffnung, innerhalb des vielbeschworenen Bootes lebe man selbst dann
sierter Mittelschichten zu vertreten. Als spezifische Ausdrucksform eines neuen noch besser, wenn man zu den Benachteiligten gehört. Er suggeriert die Erwar-
Liberalkonservatismus scheinen die GRÜNEN durchaus eine politische Zu- tung, erfolgreiche Standortpolitik schaffe zu einem späteren Zeitpunkt wieder
kunft zu haben, während die FDP in der Tat überflüssig geworden ist, sieht man materielle Spielräume für soziale Konzessionen. Diese entspricht allerdings
einmal von einstweilig noch vorhandenen taktischen Koalitionskalkülen ab. An- kaum der tatsächlichen Entwicklung der postfordistischen Gesellschaft und der
gesichts unverändert starker gesellschaftlicher Krisen- und Marginalisierungser- Dynamik eines globalen Akkumulationsregimes, das auf zunehmenden sozialen
scheinungen bleiben Erfolge rechtsradikaler und neofaschistischer Parteien um Ungleichheiten, Ausgrenzungen und Spaltungen auf nationaler und internatio-
so wahrscheinlicher, je mehr ihnen der von den Etablierten inszenierte Nationa- naler Ebene beruht. Daß aus Gewinnern schnell Verlierer werden und diese wie-
lismus und Populismus in die Hände arbeitet. Dies gilt unabhängig von Ent- derum glauben, daß sie doch gewonnen haben, weil es anderen noch schlechter
wicklungen innerhalb der etablierten Parteien, die deren Grenze zum Rechtsra- geht, ist keine sehr stabile Legitimationsgrundlage, und der Abnutzungsgrad
dikalismus zumindest durchlässig machen. Gleichzeitig fördern die zunehmen- medialer Inszenierungen und populistischer Ablenkungsmanöver ist nicht ge-
den ökonomischen, sozialen und kulturellen Ungleichheiten innerhalb des »na- ring. Die von Anfang an deutliche Krisenhaftigkeit und Labilität des wettbe-
tionalen Wirtschaftsraums« die regionale Ausdifferenzierung des Parteiensy- werbsstaatlichen Hegemonialprojekts resultiert allerdings nicht nur aus diesen
stems, worauf die Erfolge der PDS in Ostdeutschland hinweisen. Grundsätzlich materiellen Entwicklungen, sondern wird durch eine politische Apparatur ver-
spiegeln sich also die sozialen Spaltungs- und Heterogenisierungsprozesse in der stärkt, die – auf abstrakte Wahlkonkurrenz fixiert – jenseits der Beschwörung
Struktur des Parteiensystems wieder. Sie werden von diesem aber immer weni- von Sachzwängen völlig unfähig geworden zu sein scheint, weiterführende und
ger im Sinne übergreifender und integrativer Kompromisse verarbeitet, sondern über das Management des Status quo hinausgehende Konzepte gesellschaftli-
weiter verstärkt. Und je mehr dies passiert, desto deutlicher werden die Tenden- cher Ordnung und Entwicklung hervorzubringen.
zen zur Abkoppelung und medialen Verapparatung des Parteiensystems.
In gewiß noch vorläufigen Konturen zeichnet sich nach der Krise des Fordis-
mus ein neues hegemoniales Projekt ab, dessen materielle Basis wie ideologische
Ausdrucksform der »nationale Wettbewerbsstaat« ist. Ideologisch handelt es

154 155
6. Zwischen autoritärem Etatismus untereinander mobilisiert und »Leistung« als Bereitschaft zur Übernahme un-
und zivilgesellschaftlichem Totalitarismus angenehmer oder schlecht entlohnter Arbeiten erzwungen werden. Der Staat
selbst organisiert also die gesellschaftlichen Spaltungsprozesse, die seine liberal-
Die Erosion des nationalen Staates verbindet sich mit einer räumlichen und so- demokratische Substanz untergraben. Wir haben gesehen, daß dies zu einer
zialen Entgesellschaftlichung der Gesellschaft. Je mehr die im Laufe der historischen Transformation des fordistischen »Sicherheitsstaates« führt, die durch ein kom-
Entwicklung erkämpften sozialen Garantien eingeschränkt und nach sozialem plexes Verhältnis von Kontinuitäten und Brüchen gekennzeichnet ist. Entfessel-
Status und Staatsangehörigkeit ungleich verteilt werden, desto deutlicher ver- te Marktkonkurrenz tritt mehr und mehr neben oder an die Stelle bürokratisch-
liert sich der Begriff der »einen Nation«, der ein grundlegender Bestandteil des repressiver Kontrolle. Nachdem sich das volksparteilich-korporative System der
Konzepts der bürgerlich-liberalen Demokratie im fordistischen Zeitalter war. Interesseninstitutionalisierung aufgelöst hat, entfällt auch die Notwendigkeit,
Real demokratische Verhältnisse könnten unter diesen Bedingungen nur erhal- dieses von politisch-ideologisch Abweichenden freizuhalten, was ein wesentli-
ten, gesichert und ausgebaut werden, wenn das überkommene, nationalstaatlich cher Zweck der von Staat, Parteien und Verbänden gemeinsam betriebenen
begrenzte demokratische Institutionengefüge grundlegend umgebaut würde. westdeutschen Berufsverbotspraxis seit Beginn der siebziger Jahre war. Je mehr
»Entweder transformiert sich der Sozialstaat in Richtung auf ein erweitertes sich die »Volksparteien« in mediale Propagandaapparate und die Gewerkschaf-
Staatsbürgertum, oder er transformiert sich in Richtung auf eine neoliberale und ten in unternehmerische Co-Managements verwandeln, wenn innerorganisato-
autoritäre ›Reprivatisierung‹, in einen ›Nachtwächterstaat‹, allerdings in einem rische Diskussionen, Konflikte und Richtungsauseinandersetzungen entspre-
deutlich repressiveren Sinne als im Verständnis derer, die diesen Ausdruck auf- chend versiegen, desto überflüssiger ist es, mögliche politische Radikalisierungs-
brachten« (Balibar 1993, 55). prozesse innerhalb dieser Organisationen durch sicherheitsdienstliche Kontrol-
Das Bild vom »Nachtwächterstaat« ist allerdings mißverständlich. Keines- len und repressive Eingriffe zu verhindern. Deutlich prägen sich diese Entwick-
falls wird die staatliche Apparatur auf die repressive Gewährleistung von »Si- lungen in den Veränderungen des herrschenden »Sicherheits«-Diskurses aus.
cherheit und Ordnung« beschränkt, sondern der »erweiterte«, d. h. alle gesell- Besonders in Westdeutschland war die Systemkonkurrenz zum Staatssozialismus
schaftlichen Sphären durchdringende und kontrollierende Staat dehnt sich eher eine entscheidende Legitimationsgrundlage des fordistischen Staats. Diesem ge-
noch aus. Das Programm des »schlanken Staates« kann sich durchaus mit einem genüber konnten nicht nur liberale Freiheiten und demokratische Strukturen,
erweiterten Interventionismus verbinden. Im Widerspruch zum herrschenden sondern auch ein relativer Massenwohlstand und ein einigermaßen gut funktio-
neoliberalen Diskurs, der den »Markt« als perfekte Regulationsinstanz und Pri- nierendes soziales Netz ins Feld geführt werden. Dies alles ist spätestens mit
vatisierung als Allheilmittel für alle gesellschaftlichen Probleme preist, wird die dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums verschwunden. Der Anti-
umfassende Organisierung und Mobilisierung der Gesellschaft für die Zwecke kommunismus als Integrationsideologie, die sich aus der Existenz eines klar lo-
der Standortkonkurrenz durch den Staat zum immer entscheidenderen Faktor. kalisierbaren äußeren Systemgegners einschließlich seiner wie immer definier-
Weniger der liberale »Nachwächterstaat« als das neokonservative Projekt eines ten innerstaatlichen Handlanger und Sympathisanten speiste, hat seine Wirkung
neu formierten autoritären Etatismus steht also auf der Tagesordnung. Welt- eingebüßt und wird inzwischen nur noch höchst mühsam und immer weniger
marktorientierte Industrie-, Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik erfolgreich aufrechtzuerhalten versucht. An die Stelle dieser Feindkonstruktion
zählen inzwischen zu den vorrangigen staatlichen Aktivitäten. Privatisierung ist ist ein fast unüberschaubares Feld von Gefährdungen und Bedrohungen getre-
selbst eine staatlich-politische Strategie, der Markt wird innergesellschaftlich als ten, das aus international organisierten kriminellen Banden, obskuren Mafias,
Steuerungsmittel planmäßig eingesetzt. Eine durchgängige Beseitigung sozial- »Asylanten«, »Wirtschaftsflüchtlingen«, Fundamentalisten und Terroristen un-
staatlicher Sicherungen ist angesichts des Bedarfs an qualifizierten und loyalen terschiedlichster Provenienz besteht. Die Gemengelage von inneren und äuße-
Arbeitskräften und des Risikos brisanter sozialer Konflikte überhaupt nicht ren Feinden ist also erheblich unübersichtlicher geworden. Der Sicherheitsdis-
möglich. Was vielmehr ansteht, ist ein »Umbau des Sozialstaats«, der neben ei- kurs verschiebt sich damit von politischer Systemgegnerschaft auf »Krimina-
ner allgemeinen Senkung des Leistungsniveaus auf vergrößerte Selektivität zielt. lität« im weitesten Sinne. Nicht mehr die kommunistische Unterwanderung,
Mit der systematischen Ausweitung der Ungleichheiten und Diskriminierungen sondern das allgegenwärtige Verbrechen gilt nun als die wichtigste Gefährdung
im sozialstaatlichen System sollen nicht nur Kosten gespart und der Staat von Freiheit, Leben und Eigentum. Der Wandel der sicherheitsstaatlichen Legi-
»schlanker« gemacht, sondern vor allem auch die Konkurrenz der Arbeitskräfte timitätsideologie hat seine realen Grundlagen. Gesellschaftliche Spaltungen und

156 157
Marginalisierungsprozesse wirken ebenso »kriminalitätsfördernd« wie das Ab- »Verfassungsfeind« oder gar politischer »Terrorist« war, was die Versuche zum
drängen ganzer Bevölkerungsgruppen in die Untergrundökonomie. Dasselbe Ausbau eines umfassenden politischen Überwachungsnetzes mit dem idealen
gilt für die Etablierung eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses, das indivi- Ziel des »gläsernen Bürgers« rechtfertigte, tritt heute die Bekämpfung einer
duelles Durchsetzungsvermögen um jeden Preis zur Leitformel erhebt. Wenn ebenso diffusen wie allgegenwärtigen gewöhnlichen Kriminalität in den Vorder-
das Tragen eines bestimmten Marken-Kleidungsstücks zum entscheidenden grund. Dies legitimiert den weiteren Ausbau flächendeckender Datenerfas-
Ausweis sozialer »Identität« gemacht wird, darf es nicht wundern, wenn es man- sungs- und Informationsverbundsysteme ebenso wie die Beseitigung der verfas-
gels entsprechender Kaufkraft mit illegalen Mitteln beschafft wird. Das reale sungsmäßigen Trennung von Polizei und Geheimdiensten. Die Feindbilder ha-
Auseinanderfallen der Gesellschaft in sich bekämpfende Individuen und Grup- ben sich verschoben, aber der Überwachungsstaat dehnt sich trotzdem weiter
pen und die fortschreitende Aushöhlung des Systems demokratischer Interes- aus. Die fortschreitende »Informatisierung« der Gesellschaft, also die allmäh-
senvermittlung sind zweifelsohne ein herrschaftstechnisches Problem, weil un- lich alle Lebensbereiche umgreifende Erfassung, Speicherung und Verarbeitung
kalkulierbare und durch die bestehenden Institutionen nicht mehr auffangbare persönlicher Daten durch eine Vielzahl staatlicher und privater Stellen, ver-
Konflikte wahrscheinlicher werden. Ob es durch diese Entwicklungen tatsäch- größert die Möglichkeiten zur Schaffung weitgehend unkontrollierbarer Infor-
lich zu einer generellen Vergrößerung individueller Risiken und Bedrohungen mationsverbunde drastisch. Die vom Bundesverfassungsgericht in den Grund-
kommt, ist schwer feststellbar und bleibt wissenschaftlich höchst umstritten. rechtsrang erhobene »informationelle Selbstbestimmung« droht dadurch in der
Kaum ein Zweifel besteht allerdings daran, daß die durch internationale Finanz- Praxis zum bedeutungslosen Postulat zu werden. Auch hier zeigt sich eine Ver-
spekulation, Subventionsbetrug und ähnliches angerichteten materiellen Schä- schiebung der Grenzen von Staat und Gesellschaft, die es unerkennbar macht, in
den in keinem Verhältnis zu den Folgen alltäglicher Kriminalität stehen, auf die welche Netzwerke man gerade eingespeichert ist und wer darauf Zugriff hat –
sich die öffentliche Aufmerksamkeit vor allem richtet. Deutlich ist nur, daß kri- sei es eine Direct-Mailing-Agentur, der Bundesnachrichtendienst oder eine Ver-
minelle Bedrohungen medial und politisch systematisch produziert, aufgebaut sicherung. Datenschutzbeauftragte oder Gerichte sind gegenüber dieser Ent-
und eingesetzt werden (vgl. Kunz 1995). Der Gewaltdiskurs ist universell gewor- wicklung weitgehend machtlos. Das Verschwimmen der Grenzen von Staat und
den. Dies folgt der Funktionslogik einer Medienindustrie, die das Verbrechen Gesellschaft zeigt sich auch an dem Aufblühen privater Sicherheitsdienste, mit
als vermarktungsträchtiges Produkt – günstigstenfalls als live geschaltete Reality denen sich Firmen, gutverdienende Privatleute und auch staatliche oder kom-
show – inszeniert, und eines damit eng verflochtenen politischen Legitimations- munale Behörden einen zielgenauen und überdies kostengünstigen, weil ge-
diskurses, der die Kriminalitätsabwehr zur staatlichen Hauptaufgabe stilisiert. genüber dem öffentlichen Dienst schlecht entlohnten Schutz kaufen. Diese ex-
Ein Beispiel für die systematische Inszenierung von Kriminalität bietet die staat- emplarische Wachstumsindustrie der »postindustriellen Dienstleistungsgesell-
liche Drogenpolitik, die darauf angelegt ist, nicht nur eine Masse gewöhnlicher schaft« ist eine durchaus anerkannte und legale Form der Aushöhlung des an-
Straftäter zu erzeugen, sondern die dem internationalen Drogenhandel über- sonsten mit allen Mitteln verteidigten staatlichen »Gewaltmonopols«.
haupt erst seine wirtschaftliche Grundlage verleiht. Auf eine kurze Formel ge- Paradigmatisch für die neue Entwicklung des Sicherheitsstaats ist der soge-
bracht, produziert hier also der Staat das, was er zu bekämpfen vorgibt. Damit nannte »große Lauschangriff«, d. h. die faktisch kaum noch eingrenzbare Be-
gelingt es, die gravierenden Probleme sozialer Unsicherheit, von Ausgrenzung rechtigung staatlicher Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden, Gespräche
und Marginalisierung auf die Kriminalitätsebene zu verschieben. Symptoma- in Privatwohnungen abzuhören. Dieser Eingriff in den absoluten Kernbestand
tisch für diese Entwicklung ist, daß in den Koalitionsverhandlungen zwischen bürgerlicher Freiheitsrechte wird mit dem Kampf gegen die »organisierte Kri-
CDU/CSU und FDP nach der Bundestagswahl 1994 ungeachtet von Massenar- minalität« gerechtfertigt, obwohl erkennbar ist, daß seine diesbezüglichen Wir-
beitslosigkeit, sich ausbreitender Armut und Wohnungsnot die »innere Sicher- kungen eher bescheiden sein werden. Übrig bleibt ein Instrumentarium, das
heit« zum politischen Schwerpunkt der neuen Legislaturperiode erhoben wur- prinzipiell gegen beliebige »Objekte« einsetzbar ist, und damit eine qualitativ
de, zumindest in der medialen Selbstdarstellung. Ein besseres Beispiel für das, neue Stufe des Überwachungsstaates (vgl. zu diesem ganzen Komplex Kamp-
was Legitimationsbeschaffung durch reaktionäre populistische Mobilisierung meyer/Neumeyer 1993). Ebenso kennzeichnend ist die Serie von Maßnahmen,
heißt, läßt sich kaum finden. die zur Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung ohne deutsche Staatsan-
Entsprechend verändert sich die Struktur des staatlichen Repressions-, Kon- gehörigkeit in Gang gesetzt worden ist. Legaler Ansatzpunkt dafür war die fak-
troll- und Überwachungsapparats. Während einstmals jede(r) ein potentieller tische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl im Jahre 1993 mit den damit ver-

158 159
bundenen Verschärfungen der Asyl- und Ausländergesetzgebung. Das hat nicht Opposition und gesellschaftlicher Abweichung werden, desto schwerer fällt es,
nur dazu geführt, daß Grenzen und Flughäfen zu hochgerüsteten Sicherheits- ihre Strukturen sicherheitstechnisch zu erfassen. Die üblich gewordene Kon-
gürteln und -schleusen ausgebaut und ein Netz von Abschiebegefängnissen ein- struktion von Bedrohungsszenarien durch den Staatsschutz – z.B. in Gestalt der
gerichtet wurden. Alle AusländerInnen unterliegen inzwischen einer lückenlo- allseits gewaltbereiten »Autonomen« – beinhaltet deshalb bemerkenswerte Rea-
sen Überwachung, der gegenüber es praktisch keine geschützte Privatsphäre litätsverzerrungen. Eine wachsende Datenflut schafft nicht unbedingt leicht ver-
mehr gibt (vgl. DER SPIEGEL, Nr. 43/1994, S. 65 ff.) wertbare »Erkenntnisse«. Das hat sich bereits daran gezeigt, daß die aufwendige
Damit rundet sich das Bild eines neuen Typus von »Sicherheitsstaat«. Seine Rasterfahndung im Zuge der Terroristenjagden vergleichsweise geringe Erfolge
Mechanismen zielen nicht mehr vorrangig auf die Einpassung einer politisch zeitigte. Dies hindert freilich nicht daran, das Datenerfassungsnetz tendenziell
passiv gehaltenen Bevölkerung in den Produktions- und Konsumzirkel einer über die ganze Bevölkerung oder zumindest über größere soziale Gruppierun-
fordistischen Wachstums- und Wohlstandsgesellschaft, sondern arbeiten mit gen wie jugendliche Subkulturen oder diejenigen ohne deutschen Paß auszu-
Ängsten und Bedrohungen, die, propagandistisch mobilisiert, auf Kriminelle breiten. Je mehr die gesellschaftliche Sensibilität für die vielfältigen Kontroll-
jedweder Couleur, internationale Banden, Terroristen und im Prinzip auf alle und Überwachungsmanöver anwächst, desto leichter fällt auf der anderen Seite
AusländerInnen projiziert werden. Die staatliche Aufrüstung gegen die so defi- die öffentliche Skandalisierung. Und schließlich ist es nicht unerheblich, daß mit
nierten Gefahren beinhaltet nicht nur eine grundsätzliche Veränderung des po- der Vermassung der Informations- und Kommunikationstechniken diese prak-
litischen Legitimationsdiskurses, sondern begründet sich selbst, indem sie ten- tisch allgemein verfügbar werden, von den wachsenden Möglichkeiten für ein-
denziell erzeugt, wogegen sie sich richtet. Je mehr die Ausländergesetze ver- schlägige Sabotageaktionen ganz abgesehen. Dies verweist darauf, daß der insti-
schärft werden, desto eher wachsen die Verstöße dagegen an. Ideologisch und tutionalisierte Sicherheits- und Überwachungsstaat nicht unbedingt die ent-
faktisch wird eine sicherheitsstaatliche »Wohlstandsfestung« konstruiert, die ih- scheidende Bedrohung demokratischer Verhältnisse darstellt. Wichtiger ist die
re Grenzen schließt und mit technisch immer ausgefeilteren Maßnahmen über- Entwicklung einer historisch neuen Form von Totalitarismus, die überhaupt nicht
wacht, sich auf militärische Interventionen zwecks Befriedung einer zunehmend mehr entscheidend vom Staatsapparat ausgeht, sondern in den Strukturen der
konflikthaft werdenden Peripherie einrichtet und die auf die Folgen gesell- »Zivilgesellschaft« wurzelt. Hannah Arendt hat schon sehr früh darauf hinge-
schaftlicher Spaltungen und Polarisierungen nur noch mit den Mitteln repressi- wiesen, »daß die außerordentliche Gefahr der totalen Herrschaft für die Zu-
ver Überwachung und »Kriminalitätsbekämpfung« reagieren zu können glaubt. kunft der Menschheit weniger darin besteht, daß sie tyrannisch ist und politische
Die Alternative zu einem erweiterten Sozialstaat, der unter den Bedingungen ei- Freiheit nicht duldet, als daß sie jede Form der Spontaneität, das heißt das Ele-
nes sich globalisierenden Kapitalismus und der Durchsetzung des nationalen ment des Handelns und der Freiheit in allen Tätigkeiten, zu ertöten droht. Es
Wettbewerbsstaats immer unwahrscheinlicher erscheint, ist demnach nicht der liegt im Wesen dieser furchtbarsten Form der Tyrannis, daß sie ... die Möglich-
liberale »Nachtwächterstaat«, der privates Glück und ungebundenes marktwirt- keit des Ereignisses aus der Politik auszuschalten strebt, um uns jenen automati-
schaftliches Erwerbsstreben garantiert, sondern ein interventionistisch erweiter- schen Prozessen zu überantworten, von denen wir ohnehin umgeben sind«
ter, vor allem in seinen Eingriffs-, Überwachungs- und Kontrollmöglichkeiten (Arendt 1994, 223). In der Tat wird das »Ereignis« als Ergebnis eines freien, von
entscheidend erweiterter Sicherheitsstaat. ökonomischen und institutionellen Strukturen nicht völlig vorbestimmten Han-
Gleichwohl bleibt der perfekt funktionierende und alles umgreifende Über- delns autonomer Subjekte zusehends durch mediale politische und kommerziel-
wachungsstaat schon deshalb eine Staatsschutz-Utopie, weil auch sein noch so le Inszenierungen ersetzt. Diese – ob sie nun ein neues Lebensgefühl durch den
zügiger Ausbau den gesellschaftlichen Entwicklungen immer nur hinterherlau- Genuß einer bestimmten Parfüm- oder Kaffeemarke oder demokratische Selbst-
fen kann. Das Auseinanderfallen der Gesellschaft in ein komplexes Gemenge bestimmung mittels personalisierter Medienshows suggerieren – verdrängen das
von Gruppen, Szenen und Milieus, die Erosion der überkommenen Integrati- Bewußtsein von der Möglichkeit und Notwendigkeit einer praktischen Gestal-
onsinstitutionen von der Familie bis zu den Parteien und die Vervielfältigung tung gesellschaftlicher Verhältnisse. Gesellschaft wird in ihrer vorfindlichen Ge-
der Formen »unkonventionellen« politischen Handelns – also all das, was mit stalt zum nicht mehr hinterfragbaren Schicksal. Herbert Marcuses Diagnose
dem Begriff der »Individualisierung« umschrieben wird – stellen die Überwa- vom Heraufziehen einer Gesellschaft »eindimensionaler Menschen« ist heute
cher selbst dann vor unlösbare Aufgaben, wenn ihre technischen Mittel immer aktueller denn je (Marcuse 1967). Grundlage dieser Entwicklung ist die Durch-
perfekter werden. Je vielfältiger und unüberschaubarer die Formen politischer setzung eines »postfordistischen« Vergesellschaftungsmodus, der durch Privati-

160 161
sierung, soziale Zersplitterung und Konkurrenz bei gleichzeitiger Funktionali- tete Staatsideologie, sondern sehr viel wirksamer als Produkt der real existieren-
sierung und Mobilisierung der Menschen für den Wirtschaftskrieg der Wettbe- den »demokratischen Zivilgesellschaft« durch, wird produziert von konkurrie-
werbsstaaten gekennzeichnet ist (Balibar 1993, 97 f.). Dem Vorbild der »Japan renden Medien- und Parteiapparaten, Wissenschaftsinstitutionen oder Intellek-
AG« folgend, geht es darum, die Gesellschaft in ein schlagkräftiges Unterneh- tuellenzirkeln. In ihm verschmilzt das beherrschend gewordene neoliberale Ge-
men umzuformen, in dem konkurrierende Teams und Profit centers Höchstlei- sellschaftskonzept mit sozialwissenschaftlichen Theoremen wie denen von der
stungen erbringen und das permanent dabei ist, unrentable und nicht mehr sa- »postindustriellen«, »Freizeit«-, »Risiko«- »Individualisierungs«- oder »Erleb-
nierbar erscheinende Bereiche und Sektoren abzustoßen, stillzulegen oder abzu- nisgesellschaft« und den ideologischen Zerfallsprodukten einstiger Protestbe-
wickeln. So gesehen ist der vielbeschworene freie Markt weniger der Ort, auf wegungen, etwa in Form des Ökoliberalismus, des Biologismus oder der Propa-
dem sich unabhängige Privatproduzenten treffen und das freie Spiel der Kräfte gierung einer »neuen Mütterlichkeit«. Der gemeinsame Nenner dieser ideolo-
wirkt, sondern ein quasi innerstaatsbetrieblich eingesetztes, administrativ regu- gischen Konstrukte ist die Vorstellung von der Unabänderlichkeit des gesell-
liertes und inszeniertes Steuerungsmittel zwecks weltmarktorientierter Lei- schaftlichen Status quo, die Behauptung, es gäbe zur bestehenden Vergesell-
stungsmaximierung. Reinhard Kößler hat darauf hingewiesen, daß die gegen- schaftungsweise keine Alternative, was heißt, die Geschichte sei zu Ende (Hin-
wärtigen demokratietheoretischen Diskussionen generell daran kranken, daß sie kelhammert 1993). Dieses Bewußtstsein wird der Gesellschaft nicht von außen
das kapitalistische Unternehmen als strukturell despotischen Herrschaftszusam- aufgepfropft, sondern entsteht aus ihren innersten Strukturen heraus. In diesem
menhang ausblenden und daß die politische Despotie daher auch keinesfalls ein Sinne trifft der Begriff des »Totalitarismus der Mitte« (Ziebura) in einer ganz
vormodernes, auf die kapitalistische Peripherie beschränktes Überbleibsel, son- pointierten Weise zu.
dern ein integrales Moment auch entwickelter industrieller Gesellschaften dar- Damit scheint es zu gelingen, ein der materiellen Struktur des Wettbewerbs-
stellt (Kößler 1993). Der sowjetische Versuch, die gesamte Gesellschaft als hier- staates entsprechendes hegemoniales Projekt zu etablieren, in dessen Zentrum
archisch strukturierten Betrieb zu organisieren und große Menschenmassen in nicht mehr allgemeiner Fortschritt und kollektive Wohlfahrt, sondern individu-
einen industriellen Kooperationsverbund zu zwingen, erscheint weniger als elles Durchsetzungsvermögen in einer chaotisch zerfallenden, aber in dieser
grundsätzlicher Gegenentwurf zum Kapitalismus, sondern eher als ein ver- Entwicklung auch nicht mehr beeinflußbar scheinenden Gesellschaft steht. Die
gleichsweise rückständiges, grobes und untaugliches Modell, das infolge seiner von den ökonomisch und politisch Herrschenden nach dem Zusammenbruch
ressourcenverschwendenden Ineffizienz im Wettbewerb der Systeme schließlich des Fordismus eingeleitete »geistig-moralische Wende« konnte nur deshalb so
scheitern mußte. Der postfordistische kapitalistische Wettbewerbsstaat bezieht erfolgreich sein, weil sie sich auf höchst komplexe Weise mit einem widerprüch-
seine Überlegenheit demgegenüber aus seinen ökonomisch sehr viel rationelle- lichen Konglomerat anderer und zunächst durchaus gegenläufiger ideologischer
ren Organisations- und Managementstrukturen, die auf internem Wettbewerb, Strömungen verband. Dies war um so eher möglich, je schwächer die »neuen so-
loyalitätsbildender Mitarbeitermotivation, Schaffung von »corporate identi- zialen Bewegungen« wurden, aus deren Zusammenhang zunächst noch Ansätze
ties«, taktischem Auseinanderdividieren von Kern- und Randbelegschaften und für alternative Gesellschaftskonzepte entwickelt wurden. Vieles spricht dafür,
kanalisierter Mitbestimmung im Rahmen der sich durchsetzenden »lean de- daß diese Bewegungen ganz eng mit den fordistischen Gesellschafts- und Poli-
mocracy« beruhen. Die industrielle Despotie, die auch seine Grundlage ist, tikstrukturen verbunden waren, somit sehr wesentlich als Symptome ihrer Krise
äußert sich weniger umfassend und sichtbar in unmittelbarem Zwang und offe- zu begreifen sind und von eben den ökonomischen, gesellschaftlichen und poli-
ner Repression, sondern in der freiwilligen Unterwerfung unter eine gesell- tischen Prozessen unterminiert wurden, die den Übergang zu einem postfordi-
schaftliche Realität, zu der es keine Alternative mehr zu geben scheint. »Frei- stischen Kapitalismus kennzeichnen. Unter diesen Bedingungen erschien es im-
heit«, ökonomisch als Marktindividualismus und politisch als Wahl- und Mei- mer schwieriger, gesellschaftliche Alternativen zu formulieren, und der Druck
nungsfreiheit innerhalb einer wirtschaftlichen wie politischen Monopolstruktur, zur Anpassung an die bestehenden Vergesellschaftungs- und Politikformen wur-
wird zum Moment eines tendenziell totalitären Unterwerfungs- und Einpas- de größer. Entscheidend war vor allem der – in vieler Hinsicht selbstverschulde-
sungsmechanismus. Das auf diese Weise geschaffene, nicht unbedingt glückli- te – Niedergang der politischen Linken in allen kapitalistischen Metropolen, der
che, sondern eher fatalistische und auf jeden Fall radikal antiutopische Bewußt- es weder theoretisch-analytisch noch politisch-praktisch gelungen ist, den Cha-
sein, das einen wesentlichen Bestandteil des ideologischen Korsetts des Wettbe- rakter der stattfindenden gesellschaftlichen Umwälzungsprozesse zu erkennen
werbsstaates darstellt, setzt sich nicht als eine mit totalitären Methoden verbrei- und unter kritischer Aufarbeitung der eigenen Geschichte neue Handlungskon-

162 163
zepte zu entwickeln. Gerade deshalb wurde sie durch den Zusammenbruch des gen eines hoch monopolisierten und globalisierten Kapitalismus ernsthaft disku-
osteuropäischen Staatssozialismus ebenso nachhaltig getroffen wie durch das mit tiert und zur Kenntnis genommen wurden. Schließlich blieb bei dieser theoreti-
der Krise des Fordismus verbundene Ende des sozialdemokratischen Zeitalters schen Volte auch die gesamte kritisch-materialistische Theorietradition ausge-
im Westen. Das Ergebnis ist eine Demokratie, deren institutionelle Mechanis- blendet. So wurde der Beitrag Gramscis, der den widerpüchlichen Charakter der
men zwar immer noch relativ reibungslos funktionieren, deren parteipolitischer »società civile« als permanent umkämpfter Ursprung und Fundament bürgerli-
Pluralismus aber auf Varianten der kapitalistischen Standortverwaltung unter cher Klassenherrschaft am präzisesten herausgearbeitet hatte, praktisch über-
Ausblendung aller grundsätzlicheren gesellschaftlichen Alternativen zusammen- haupt nicht wahrgenommen. Die von der Neuen Linken in den sechziger und
geschrumpft ist. Eine Opposition, die eine Debatte und Auseinandersetzung um siebziger Jahren formulierte Staats- und Parlamentarismuskritik hatte – als spä-
alternative Konzepte gesellschaftlicher Ordnung und Entwicklung möglich ma- ter Reflex auf den Niedergang und die parlamentarische Reintegration der Pro-
chen würde, gibt es auf institutioneller Ebene überhaupt nicht mehr und testbewegung – ihre entschieden affirmative Wendung erfahren. Was man sozi-
»außerparlamentarisch« bestenfalls noch in rudimentären Resten. Symptoma- alpsychologisch als »Liberalismus der Erschöpften« kennzeichnen konnte (Narr
tisch für die Art und Weise, wie diese neue Form des »zivilgesellschaftlichen« 1991), erwies sich im Effekt als ein Bekenntnis zur formell existierenden und zu-
Totalitarismus als ideologisches Hegemonieprojekt durchgesetzt werden konn- gleich real immer stärker ausgehöhlten liberalen Demokratie. Deren theoretisch
te, ist der Begriff der Zivilgesellschaft selbst, der besonders in Deutschland nach aufwendig begründete Alternativlosigkeit wurde zu einem nicht unwichtigen
1989 die linksliberale und linke staats- und demokratietheoretische Debatte eine Bestandteil und Versatzstück einer allgemeinen ideologischen Wende, deren
Zeit lang stark bestimmt hatte (beispielhaft etwa Rödel u.a. 1989). Ausgangs- Kern in der bedingungslosen Anerkennung der gesellschaftlichen und politi-
punkt waren die Diskussionen vor allem osteuropäischer Dissidenten über die schen Realitäten eines globalisierten Kapitalismus besteht. Die Möglichkeit,
Wege zu einer Überwindung der bürokratischen Parteiherrschaft, die sich ange- ähnlich wie in Osteuropa einen kritischen, gegen die herrschenden Strukturen
sichts der dort herrschenden Machtstrukturen ganz zu Recht auf die Entwick- von Staat und Gesellschaft gerichteten und die herrschenden institutionellen
lung selbstorganisierter politischer Zusammenhänge und autonomer Öffentlich- Formen radikal in Frage stellenden Begriff von »Zivilgesellschaft« zu ent-
keiten konzentrierten und – aufgrund der Erfahrungen mit dem nach der russi- wickeln, wurde völlig versäumt. Der neue »Totalitarismus der Mitte« hätte sich
schen Oktoberrevolution etablierten bürokratischen Staatssozialismus – das ohne die Mitwirkung ehemals linker Intellektueller kaum so erfolgreich durch-
Konzept einer »sich selbst beschränkenden«, d. h. nicht auf die Eroberung der setzen können, wie es tatsächlich der Fall war.
Staatsmacht gerichteten Revolution entwickelten (vgl. Keane 1988, Michalski Theoretisch wie politisch ernster zu nehmen sind demgegenüber die gesell-
1989). Diese Vorstellungen waren ganz eindeutig auf die ökonomischen und po- schaftskritischen Diskussionen, die von den sogenannten »communitarians« vor
litischen Verhältnisse in Osteuropa bezogen und verbanden sich mit der Pro- allem in den USA geführt wurden (vgl. z.B. Bellah u.a. 1987, Taylor 1988, Wal-
grammtik eines gesellschaftlich »dritten Wegs« zwischen Staatssozialismus und zer 1990). Auf wichtige Differenzen zwischen den maßgebenden Autoren kann
liberalem Kapitalismus. Daß gerade diese Vorstellungen an den Realitäten des hier nicht eingegangen werden. Gemeinsam ist ihnen aber eine grundsätzliche
sich ausbreitenden Kapitalismus scheiterten und die stattfindenden Umwäl- philosophische Auseinandersetzung mit dem liberalen, auf Besitzindividualis-
zungsprozesse am Ende weniger den Charakter einer Revolution denn einer mus, konkurrenzbestimmter Marktvergesellschaftung und abstraktem Utalita-
schlichten Elitentransformation besaßen, wurde hierzulande kaum beachtet. Ab- rismus beruhenden Gesellschaftskonzept. Die kommunitaristische Kritik richtet
gelöst von diesem Zusammenhang und gestützt auf eine historisch und gesell- sich auf eine gesellschaftliche Entwicklung, die die moralische und kulturelle Ba-
schaftstheoretisch völlig unreflektierte Rezeption frühbürgerlicher Klassiker der sis der bürgerlichen Tugenden von Solidarität und Gemeinschaftlichkeit und da-
politischen Theorie, gedieh »Zivilgesellschaft« zu einem gegen revolutionäre mit die Grundlagen der liberalen Demokratie zerstöre. Sie thematisiert damit
Mythen jeglicher Art gewendeten Schlüsselbegriff, der die grundsätzliche immerhin einen der bürgerlich-kapitalistischen Demokratie strukturell inne-
Rechtfertigung und Unhintergehbarkeit des existierenden liberaldemokrati- wohnenden Widerspruch. Je mehr die sozialmoralischen Beschränkungen einer
schen Institutionengefüges begründen sollte. Kennzeichnend war, daß weder das entfesselten Verwertungs- und Akkumulationsdynamik von dieser selbst unter-
widersprüchliche Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie noch die Theo- graben werden, desto offenkundiger erscheinen die Menschen als atomisierte
rie des bürgerlich-kapitalistischen Staates und schon gar nicht die konkret beste- Anhängsel einer ökonomischen Maschinerie, die sich ihrer auf gemeinsamen so-
henden Strukturen von »Staat« und »ziviler Gesellschaft« unter den Bedingun- zialen Normen und Werten beruhenden Gesellschaftlichkeit nicht mehr versi-

164 165
chern können. Recht genau wird damit der Prozeß der Entgesellschaftlichung Polarisierungs- und Spaltungsprozesse ideologisch legitimierenden Hegemonie-
der Gesellschaft benannt, der durch die postfordistische Restrukturierung einen projekts.
entscheidenden Schub erhält. Der »zivilgesellschaftliche« Totalitarismus unterscheidet sich allerdings sehr
Im Gegensatz zur hierzulande geführten »Zivilgesellschafts«-Debatte ist der grundlegend von den großen totalitären Systemen dieses Jahrhunderts, dem Na-
Kommunitarismus nicht nur sozialphilosophisch genauer und fundierter, son- tionalsozialismus und Faschismus, aber auch vom Stalinismus. Er stellt eine neue
dern zunächst einmal durchaus kapitalismuskritisch. Statt die bestehenden politische Form des Kapitalismus dar, die über den Fordismus des 20. Jahrhun-
Strukturen von Gesellschaft und Staat schlicht als prinzipiell unveränderbar zu derts hinausweist. »Zivilgesellschaftlicher Totalitarismus« kann als Herrschafts-
legitimieren, wird nachdrücklich darauf verwiesen, daß eine sich immer totaler form des vollen und zu sich selbst gekommenen Kapitalismus begriffen werden.
durchsetzende kapitalistische Marktvergesellschaftung darauf gerichtet ist, die Eine gewisse Gemeinsamkeit mit den alten totalitären Systemen besteht darin,
sozialmoralischen Fundamente des liberaldemokratischen Institutionengefüges daß es auch im Wettbewerbsstaat vor allem darum geht, ganze Bevölkerungen
zu unterhöhlen. Bestimmendes Thema ist die Zerstörung eben der Strukturen, im Sinne eines umfassenden Wirtschaftsprojekts für den internationalen Kon-
die eine demokratische »Zivilgesellschaft« überhaupt erst möglich machen sol- kurrenzkampf zu mobilisieren. Dies geschieht indessen weniger durch eine auf
len. Freilich bleibt der Kommunitarismus im wesentlichen bei dieser philoso- physische Gewalt und politischen Terror gestützte Diktatur, sondern im institu-
phischen Kritik stehen. Eine Auseinandersetzung mit den realen Strukturen und tionellen Rahmen der liberalen Repräsentativdemokratie und auf der Basis einer
Dynamiken des sich globalisierenden Kapitalismus unterbleibt, und ebenso fehlt global freigesetzten Marktökonomie. Die militärische Massenmobilisierung ist
es an Vorstellungen für eine alternative ökonomische und politisch-institutionel- der mit ökonomischen Mitteln arbeitenden gewichen. Raumbeherrschungs- und
le Ordnung. Übrig bleibt bei den meisten Vertretern der etwas hilflose und eher Autarkiepolitik – sei es nun in der Gestalt des stalinistischen »Aufbaus des Sozia-
kulturkritisch gewendete Appell zu einer moralischen Erneuerung der Gesell- lismus in einem Lande« oder der faschistischen Mitteleuropakonzeption – wird
schaft unter Rückgriff auf die traditionellen Werte der Familie, der Religion und unter den Bedingungen der Globalisierung durch eine wettbewerbsstaatliche
der kleinen Gemeinschaften, im Kern also eine eher romantisch gefärbte Kapi- »Standortpolitik« ersetzt, was aber ebenfalls recht schwerwiegende Konsequen-
talismuskritik, deren konservative Züge unverkennbar sind. Ähnlich wie in der zen für die Struktur der politischen Systeme und den Modus der politischen In-
deutschen Zivilgesellschaftsdebatte setzen die »communitarians« auf die Revita- tegration hat. Unter diesen Bedingungen bedarf die gesellschaftlich-politische
lisierung einer »Zivilreligion«, die allerdings weniger abstrakt und individuali- Einpassung der Individuen nicht der allumfassenden Überwachung oder des ro-
stisch gedacht wird, dafür aber zugleich höchst partikularistische und anti-uni- hen Terrors, sondern geschieht mittels der Gesetze des Markts und stützt sich
versalistische Züge aufweist. Die Kapitalismuskritik bleibt damit nicht nur ideo- auf die damit verbundenen Prozesse der privatistischen Konkurrenzmobilisie-
logisch beschränkt, sondern auch politisch zahnlos. Ungeachtet der Absichten rung, der sozialen Heterogenisierung und Spaltung. An die Stelle totalitärer
der jeweiligen Autoren wird eine gesellschaftliche Entwicklung legitimiert, in Staatspropaganda tritt die Wirkung eines mit den staatlichen Institutionen eng
der sich die Globalisierung des Kapitalverhältnisses und ein quasi tribalistisches verflochtenen, die verschiedenen Sektoren der »Zivilgesellschaft« umgreifenden
Auseinanderfallen der Gesellschaften mit Versuchen zur gewaltsamen Abschot- und einbeziehenden bewußtseinsindustriellen Apparats, der ebenfalls primär der
tung verbleibender Wohlstandsinseln und einem damit zusammenhängenden Logik der Kapitalverwertung und Profitmaximierung gehorcht. Der Totalitaris-
Wiederaufleben von »kulturellem« Rassismus und »ethnischem« Nationalismus mus des Wettbewerbsstaats ist zwar staatlich-gewaltförmig unterlegt und ent-
verbinden (vgl. dazu Fach/Ringwald 1993). Unter den Bedingungen eines sich behrt keineswegs der unmittelbaren Gewaltanwendung gegen politisch und so-
globalisierenden Kapitalismus ist die Postulierung kultureller Wertegemein- zial Unangepaßte, Abweichende oder Überflüssige. Im Kern ist er aber vor al-
schaften notwendig mit Ausgrenzung, Unterdrückung und (Selbst-)Marginali- lem dadurch charakterisiert, daß er die bestehenden gesellschaftlichen, ökono-
sierung verbunden. Die Hoffnung auf eine moralische Erneuerung der Gesell- mischen und politischen Verhältnisse erfolgreich als unveränderlich erklärt und
schaft bleibt ebenso unbestimmt und unbegründet wie die anscheinend durch gleichzeitig die Nationen, Regionen und Gemeinschaften in einen sich verschär-
keinerlei Realität enttäuschbare Erwartung einiger Zivilgesellschaftstheoretiker, fenden Kampf um die Sicherung oder Schaffung relativer Privilegien verstrickt.
der Kapitalismus ließe sich bis zu seiner Unkenntlichkeit zivilisieren (so Rödel Die Freiheitsbedrohung resultiert nicht vorrangig aus staatlichem Zwang, son-
u.a. 1989). Insofern erweist sich auch diese Variante der neueren Demokratie- dern daraus, daß die Möglichkeit einer gesellschaftsgestaltenden und -verän-
theorie durchaus als Bestandteil des herrschenden, die globalen Ausgrenzungs-, dernden Praxis schon aus dem Bewußtsein der Menschen ausradiert wird. Dies

166 167
bedeutet, daß Nationalismus, Rassismus und Rechtsradikalismus als strukturelle mokratischer Institutionen hat sich der Widerspruch zwischen bürgerlich-de-
Momente kapitalistischer Herrschaft ganz offensichtlich nicht verschwinden, mokratischer Repräsentativverfassung und den Kapitalverwertungsinteressen im
aber ihren Inhalt, ihre Bedeutung und ihre Form verändern. Weil das Herr- Vergleich zur Ära der »nationalen« Kapitalismen entscheidend abgeschwächt.
schaftssystem des Wettbewerbsstaats wesentlich auf Privatisierung und markt- Die Massenmobilisierung gegen einen Systemgegner ist spätestens nach dem
wirtschaftlicher Konkurrenzmobilisierung beruht, wirkt jede Form staatsunab- Zusammenbruch der Sowjetunion einer generellen Entpolitisierungs- und Pri-
hängiger politischer Massenbewegung eher destabilisierend. Die einzig legitime vatisierungsstrategie gewichen. Die sich herausbildende Form der »lean de-
politische Erscheinungsform der Massen scheint die abstrakte Summe der mocracy« erweist sich kaum noch als Gefährdung, sondern eher als Stütze kapi-
WahlbürgerInnen, bestenfalls noch die von Staat und Medienindustrie gemein- talistischer Interessen im Sinne der Etablierung nationaler »Betriebsgemein-
sam inszenierte Demonstration nach Lichterkettenart zu sein. Politische Legiti- schaften«. Während die Masse der Lohnabhängigen entlang nationalstaatlicher
mation stützt sich zwar schon aufgrund der Mechanismen der Parteienkonkur- Grenzen gespalten bleibt, entsteht eine durchaus multinationale, in ihrem Habi-
renz auf populistische Mobilisierung und die Produktion von Rassismus und tus, ihrer kulturellen Orientierung und in ihren politischen Zielsetzungen relativ
Nationalismus. Gleichzeitig aber bleiben rechtsradikale und faschistische Bewe- homogene kapitalistische Managerklasse. Ihre nationalistischen Orientierungen
gungsansätze Objekt sicherheitsstaatlicher Überwachung und werden gegebe- sind gering und ihr Umgang mit Demokratie eher taktischer Art. Die Globali-
nenfalls gewaltsam unterdrückt. Alle Bemühungen richten sich darauf, politi- sierung des Kapitals steht schließlich in klarem Gegensatz zum historischen Im-
sches Handeln im Rahmen der liberaldemokratischen Institutionen zu halten perialismus, in dem nationale Kapitale ihre Verwertungsbedingungen durch ge-
oder, etwas vereinfacht ausgedrückt, auf Wahlen innerhalb eines oligopolisch waltsame territoriale Expansion und wirtschaftliche Abschottung gesichert ha-
beschränkten Parteienkartells zu reduzieren. Der Rechtsradikalismus der klei- ben. Der Status der kapitalistischen Peripherie hat sich vom kolonial zu unter-
nen Gewalttäter, der faschistischen Gruppen und Organisationen ist zwar Pro- werfenden ökonomischen Ausbeutungsobjekt zum politischen Krisenherd ge-
dukt, Resonanzboden und Verstärker einer vom herrschenden Parteienkartell wandelt, den es durch ein Gemisch von »humanitärer Hilfe« und fallweiser Mi-
betriebenen Herrschaftsstabilisierungs- und Legitimationsstrategie, bleibt aber litärintervention unter Kontrolle zu halten gilt. Der neue Imperialismus, der
gleichzeitig so unter Kontrolle, daß der liberaldemokratische Mechanismus sich in Form der weltbeherrschenden »Triade« von Nordamerika, Japan und
funktionsfähig gehalten, das existierende Parteienkartell stabilisiert und vor al- Europa herausgebildet hat, zeichnet sich durch eine komplexe Verbindung von
lem überschießende Politisierungsprozesse – und sei es auch von rechts – ver- Regionalisierung und Globalisierung aus, d. h., das multinationale Kapital ist
hindert werden. Auch insofern trifft der Begriff des »Totalitarismus der Mitte« darauf angewiesen, in jedem dieser metropolitanen Zentren präsent zu sein. Da-
zu. Was hier vorläufig als zivilgesellschaftlicher Totalitarismus bezeichnet wird, mit verbietet sich die Politik einer vorrangig nationalstaatlichen Organisation
unterscheidet sich daher deutlich vom historischen Faschismus und Nationalso- von Kapitalverwertungsinteressen von vornherein.
zialismus. Die politischen und ökonomischen Bedingungskonstellationen, in de- Dies heißt allerdings nicht, daß das postfordistische politische System mit
nen dieser enstanden ist, existieren zu großen Teilen nicht mehr. Anders als zu seiner Verbindung von Multinationalisierung des Kapitals und Reduzierung de-
Beginn dieses Jahrhunderts taugt die Gefahr einer proletarischen Revolution an- mokratischer Prozesse besonders stabil wäre. Es bleibt daran gebunden, daß po-
gesichts der realen gesellschaftlichen Polarisierungen und Spaltungen sowie des litisches Handeln dauerhaft auf der Ebene der »low-intensity-democracy« ge-
desillusionierenden Scheiterns des russischen Experiments nicht einmal mehr halten werden kann, daß die Mobilisierung der Bevölkerungen für den globalen
als ideologisches Drohbild. Entscheidend ist vor allem, daß sehr viel weniger als Krieg der Standorte sowohl dauerhaft als auch ohne systemgefährdende politi-
noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von einem »nationalen« Kapital sche Mobilisierungsexzesse – nicht unbedingt nur nationalistische oder chauvi-
ausgegangen werden kann, das darauf verwiesen ist, eine nationale Arbeiterklas- nistische – gelingt und daß die Mechanismen der internationalen Regulation so
se zu kontrollieren und auf nationaler Ebene seine Verwertungsbedingungen ge- weit intakt bleiben, daß verheerende Weltwirtschaftskrisen, wenn schon nicht
gebenenfalls mit terroristischen Mitteln zu organisieren. Für das multinationale vermieden, so doch in ihren Auswirkungen eingeschränkt und abgefedert wer-
Kapital sind die nationalen Gesellschaften bis zu einem gewissen Grade aus- den können. Dagegen spricht, wie gezeigt, einiges: Die internationale Regulati-
tauschbar geworden, und unterschiedliche politische Systeme können leichter on ist nach dem Niedergang der US-Hegemonie und noch verstärkt durch den
gegeneinander ausgespielt werden. Unter der Wirksamkeit einer global mobili- Zusammenbruch der Sowjetunion hoch instabil, unvollständig und krisenanfäl-
sierten Konkurrenz der Standorte und der damit verbundenen Aushöhlung de- lig. Abzusehen ist auch, daß die verheerenden Folgen einer global freigesetzten

168 169
kapitalistischen Akkumulationsdynamik mit ihren Auswirkungen auf die Gesell- IV. Neue Weltordnung
schaft und ihr Naturverhältnis nicht endlos und unbeschränkt hingenommen
werden können. Die alles beherrschende Leistungs- und Konkurrenzmobilisie-
oder globales Chaos?
rung bleibt prekär, wenn immer größere Teile der Bevölkerung vom Genuß ih-
rer simpelsten Früchte in Form des kapitalistischen Warenreichtums ausge-
schlossen bleiben. Zwar haben die sozialen Protestbewegungen gerade durch die
Krise des Fordismus und die dadurch vorangetriebenen ökonomisch-gesell- Daß das von US-Präsident Bush nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion
schaftlichen Restrukturierungsprozesse einen Niedergang erlebt. Dieser muß und anläßlich des zweiten Golfkriegs verkündete Heraufziehen einer »neuen
aber nicht endgültig sein, zumal ihre Entstehungsbedingungen, die Zerstörung Weltordnung« nichts als eine Schimäre war, gilt inzwischen als Gemeinplatz.
der gesellschaftlichen Naturgrundlagen, Konsumismus, Erosion sozialer Milieus Verglichen mit der Ära des Kalten Kriegs und der relativen Stabilität des von der
und Lebenswelten, sexuelle Unterdrückung oder das Wuchern sicherheitsstaat- Vormachtstellung der USA und der UdSSR bestimmten Blockgegensatzes, trägt
licher Kontroll- und Überwachungsnetze, ebensowenig verschwunden sind wie der heutige Zustand der Welt eher die Merkmale eines sich ausbreitenden Cha-
fortlaufende Entdemokratisierung der liberaldemokratischen Systeme. Der neo- os. Die Krise des fordistischen Kapitalismus hat der in der Nachkriegszeit ver-
liberale Wettbewerbsstaat als postfordistisches Herrschaftsmodell steht damit breiteten Vorstellung von der Möglichkeit einer allgemeinen, gleichgewichti-
auf einigermaßen schwachen Füßen. Seine Rückbildung zu rigide autoritären, gen, durch staatliche Regulierung angeleiteten industriellen Entwicklung der
die liberaldemokratischen Mechanismen und Institutionen völlig beseitigenden Welt nachhaltig den Boden entzogen (Smith 1993, Wallerstein 1994). Die natio-
oder staatstotalitären Formen ist durchaus möglich, wenngleich dies eine nalen Befreiungsbewegungen in der kapitalistischen Peripherie sind durch die
grundsätzliche Veränderung des gerade erst sich durchsetzenden globalen Akku- offenkundige Unmöglichkeit eines halbwegs autonomen, auf relative Abkoppe-
mulationsmodells bedeuten würde. lung vom Weltmarkt gestützten Industrialisierungsprozesses entscheidender
Grundlagen und Perspektiven beraubt worden. Gescheitert sind sowohl Staats-
sozialismus als auch das Konzept eines »sozialdemokratischen« Staatsreformis-
mus als gesellschaftliches Wachstums- und Entwicklungsmodell. Die neolibera-
le Deregulierung und Flexibilisierung hat mit der damit verbundenen Unter-
höhlung nationalstaatlicher Regulationszusammenhänge dazu geführt, daß es
für die verschiedenen Länder und Regionen der Welt nicht einmal mehr die Il-
lusion einer gemeinsamen Entwicklungsperspektive gibt. Die Globalisierung
des Kapitalismus läßt die Welt damit politisch, ökonomisch und sozial in ein Ge-
menge konkurrierender und von ihren Möglichkeiten und Ausgangsbedingun-
gen her höchst ungleicher »Wettbewerbsstaaten« zerfallen. Die aggressive
»Standortpolitik« von Staaten und Wirtschaftsblöcken vertieft die ökonomi-
schen und sozialen Ungleichheiten sowohl innergesellschaftlich wie im Welt-
maßstab. Die Politik weltmarktorientierter Produktionsspezialisierung, der För-
derung produktiver Wirtschaftszonen und industrieller Distrikte führt zu einer
sozial-räumlichen Polarisierung auf nationaler wie internationaler Ebene (Jessop
1994, 69 ff., Narr/Schubert 1994, 196 ff.). Eine entscheidende und nicht nur de-
mokratietheoretisch brisante Konsequenz der wettbewerbsstaatlichen »Stand-
ortpolitik« besteht in der sich verschärfenden Mobilisierung regionaler ökono-
mischer und politischer Konkurrenzen. Je mehr nationale oder regionale
»Standorte« um die Herstellung günstiger Verwertungsbedingungen für das in-

170 171
ternationale Kapital konkurrieren müssen, desto stärker wird der Druck zur büßer. Sie treten an die Stelle zerhackter sozialer Traditionen, die nicht von neu-
Identifizierung der jeweiligen Bevölkerung mit der Logik des kapitalistischen en Formen demokratischer Teilhabe und Anerkennung abgelöst worden sind.
Akkumulationsprozesses über alle Klassengrenzen hinweg (Lipietz 1994). Die Ihre konstruierte Eigenart, die einige mehr oder minder willkürliche geschicht-
Vorstellung, innerhalb der jeweiligen lokalen, regionalen oder auch national- liche, nicht selten ihrerseits rückprojizierte Merkmale als ethnisch-nationale
staatlichen »Gemeinschaft« tatsächlich in dem vielbeschworenen »einen Boot« ›Identität‹ zusammenfügt, läßt ethnisch-nationale Orientierungen trefflich für
zu sitzen, dessen Fahrtüchtigkeit entscheidend von einer reibungslosen Koope- Herrschaftszwecke mobilisieren und einsetzen« (Narr/Schubert 1994, 198 f.).
ration mit dem internationalen Kapital abhängt, hat jenseits aller ideologischen Es läßt sich zwar argumentieren, daß Nationalismus, Rassismus und »Wohl-
Überhöhungen eine harte materielle Grundlage. Sie besteht darin, daß das Ein- standschauvinismus« im Kern nichts anderes als verzerrte Ausdrucksformen ka-
lassen auf regionale »Produktivitätspakte« mit dem internationalen Kapital zu- pitalistischer Ausbeutungsverhältnisse unter den Bedingungen eines globalisier-
mindest eine wie immer vorläufige Garantie dafür bietet, weniger verlieren zu ten Kapitalismus darstellen, doch darf dabei nicht vergessen werden, daß dieses
müssen als die anderen. Sie umgreift im Zweifel selbst noch die ökonomisch Bewußtsein im sich herausbildenden wettbewerbsstaatlichen System eine sehr
Marginalisierten, die als Anhängsel einer prosperierenden Region wenigstens handfeste materielle Grundlage besitzt. So kann zwar nach dem Zusammen-
auf gewisse Arbeitsmarktchancen oder einige Minima sozialer Sicherung hoffen bruch des fordistischen Integrations- und Wachstumsmodells durchaus eine
können. Dies ist eine wesentliche Grundlage für die fortschreitende Aushöhlung weltweite Tendenz zur materiellen »Proletarisierung« weiter Bevölkerungsteile
der liberaldemokratischen Institutionensysteme und für die Bedeutung, die Re- selbst in den kapitalistischen Metropolen konstatiert werden. Wenn aus dieser
gionalismus und Nationalismus – wie auch immer im einzelnen »kulturell« oder Entwicklung allerdings auf die Wiedererstehung eines nun wirklich internatio-
ethnisch symbolisiert – gewonnen haben. Diese bezeichnen ein über Klassen- nalen proletarischen »Klassensubjekts« geschlossen wird, wie es in einigen lin-
grenzen hinweg sich im globalen Maßstab etablierendes System von Zugehörig- ken Zirkeln derzeit wieder diskutiert wird (vgl. z.B. K. H. Roth 1994), so handelt
keiten und Ausschlüssen, das die Ungleichheits- und Abhängigkeitsstruktur der es sich dabei um ein Wunschdenken, das die Struktur und Dynamik des »post-
»neuen Weltordnung« bestimmt. Statt an den Kategorien ökonomischer Grup- fordistischen« Kapitalismus und den Charakter der damit verbundenen gesell-
pen oder Klassen werden materielle Interessen zunehmend an regionalen oder schaftlichen Spaltungsprozesse überhaupt nicht zu begreifen vermag. Nun
nationalen Zugehörigkeiten festgemacht (Agnew 1994, 74 ff.). Was imperialisti- könnte dies alles als Ausdruck eines krisenhaften Übergangs von einer kapitali-
sche Kriege historisch schon immer geleistet haben, bringt auch die neue Form stischen Formation zur anderen, vom globalen »Fordismus« zu einem »Postfor-
des wettbewerbsstaatlichen Wirtschaftskriegs hervor: die keine Klassenge- dismus« betrachtet werden, ähnlich wie es in den dreißiger und vierziger Jahren
gensätze mehr kennende »nationale« Gemeinschaft in welch räumlicher Di- dieses Jahrhunderts der Fall war. Es ist also eine wichtige Frage, ob sich inner-
mension auch immer. Die Zugehörigkeit zu den wenigen Inseln relativen Wohl- halb dieses als ökonomisches und politisches Chaos erscheinenden Weltsystems
stands entscheidet mehr und mehr über die Möglichkeit, ein materiell halbwegs so etwas wie die Durchsetzung eines neuen globalen Regulationsmodells ab-
gesichertes Leben führen und gewisse politische und demokratische Rechte ge- zeichnet, aus der gegenwärtigen Weltunordnung sich also möglicherweise ein
nießen zu können. Dadurch nimmt die vom Kapital geschaffene »Weltgesell- neues und relativ stabiles internationales Regime und damit ein sich wieder für
schaft« tendenziell die Form eines globalen Apartheidregimes an, mit allen da- eine längere Dauer konsolidierender kapitalistischer »historischer Block« her-
mit verbundenen ideologischen Konnotationen. Im Gegensatz zur Ära des For- ausbildet. Die in der Krise des Fordismus beherrschend gewordene neoliberale
dismus mit seinen allgemeinen Entwicklungs- und Wachstumsversprechen er- Theorie und Politik hat eben dies angezielt: Die universalisierte Herrschaft des
scheint der »Weltmarkt« als ökonomisches Nullsummenspiel: Was die einen ge- Markts sollte eine Ära weltweiten Wohlstands, von Frieden und Demokratie be-
winnen, verlieren die anderen. Diese politische und ideologische Entwicklung, gründen. Inzwischen darf jedoch als gesichert gelten, daß die bedingungslose
die die postfordistische »neue Weltordnung« auszeichnet, hat ihre vorrangige Entfesselung der Marktkräfte keine Antwort auf die Frage der kapitalistischen
Ursache in den anhaltenden ökonomischen Positions- und Verteilungskämpfen. Regulation im Weltmaßstab darstellt. Zum Beispiel hat die jüngste Entwicklung
Das sich scheinbar verselbständigende Wuchern nationalistischer, rassistischer in Lateinamerika – paradigmatisch das Scheitern des neoliberalen Vorzeigemo-
und fundamentalistischer Ideologien verdeckt diesen simplen materiellen Verur- dells Mexiko – gezeigt, daß neoliberale Strukturreformen und Freihandelsab-
sachungszusammenhang. »Gerade in Zeiten wachsender Konkurrenz und ver- kommen weder brisante soziale Konflikte noch größere internationale
schärfter Ungleichheit wirken ethnisch-nationale Orientierungen wie Lücken- Währungs- und Finanzkrisen verhindern können (Hirsch 1995). Ein überzeu-

172 173
gendes Regulationsmodell für den nachfordistischen Kapitalismus ist weder auf prozesses und die Permanenz einer sich sich verschärfenden politisch-sozialen
nationaler noch auf internationaler Ebene erkennbar. Sichtbar sind bestenfalls Krise mit entsprechend eskalierenden militärischen und sozialen Konflikten ist
einige Entwicklungen und Tendenzen, die aber einen höchst widersprüchlichen zumindest ebensogut denkbar. Weltweit zeichnen sich derzeit als Folge unter-
Charakter tragen. Das neoliberale Konzept beruht im Kern auf der Annahme, schiedlicher sozialer Kräfteverhältnisse, kultureller Traditionen und der spezifi-
die Durchsetzung eines globalisierten Akkumulationsregimes erzeuge quasi von schen Verhältnisse von »Staat« und »Gesellschaft« einschließlich der damit ver-
selbst eine stabile und ihm entsprechende Regulationsweise. Die Vorstellung, bundenen Formen des politischen Systems sehr stark voneinander abweichende
die Verallgemeinerung von Privateigentum und Marktregulierung in alle gesell- nationale und regionale »Regulations«-Muster ab. Einem »Hyper-Liberalis-
schaftlichen Bereiche hinein stelle für sich genommen ein tragfähiges soziales mus« vor allem auf dem amerikanischen Kontinent stehen in Europa und Sü-
Regulationsmuster dar, ist freilich nicht nur praktisch widerlegt, sondern auch dostasien in sich noch einmal sehr unterschiedliche Formen des Etatismus ge-
theoretisch anfechtbar. Tatsächlich produziert die Marktvergesellschaftung in genüber, die sich durch eine wesentlich staatlich vermittelte Strategie der Welt-
bezug auf die sozialen Strukturen einschließlich des gesellschaftlichen Naturver- marktanpassung, relativ planmäßige Industriepolitiken und teilweise durch die
hältnisses mit Notwendigkeit eine Serie negativer »externer Effekte«, die auf ei- Aufrechterhaltung gewisser institutionalisierter sozialer Kompromißstrukturen
ne nicht einmal sehr lange Sicht die natürlichen und sozialen Grundlagen der und sozialstaatlicher Regulierungen auszeichnen (Cox 1993). Dieser Etatismus
kapitalistischen Produktion weltweit in Frage stellen müssen. Weder können die hat allerdings in Japan oder Südkorea ein anderes Gesicht als z.B. in Deutsch-
naturzerstörenden Folgen des Akkumulationsprozesses beliebig externalisiert land, wo sich ein konsequent neoliberales Regime wie etwa in den USA oder
werden, noch bietet die Privatisierung und/oder repressive Unterdrückung sich Großbritannien nie durchsetzen konnte und wo es offensichtlich zu verstärkten
verschärfender sozialer Konflikte eine mit den Bedingungen einer industriell Anstrengungen zur Reorganisation eines sozial allerdings höchst selektiven
hochtechnisierten Produktionsweise langfristig vereinbare und tragfähige Lö- Neo-Korporatismus kommt. Dieser etatistisch regulierte Neoliberalismus
sung. Die kapitalistische Marktökonomie bedarf nach wie vor einer institutionell zeichnet sich durch die Stabilisierung selektiv-korporatistischer Staat-Industrie-
abgesicherten sozialen Einbettung, um funktionsfähig zu sein, und sie produ- Verflechtungen unter Einbeziehung relevanter sozialer Gruppierungen – auch
ziert diese nicht automatisch von selbst. Das institutionelle Regulationssystem politisch geschwächter und sich tendenziell immer stärker auf privilegierte
muß politisch, d. h. in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Kämpfen Lohnabhängigenkerne beziehender Gewerkschaften – , die Aufrechterhaltung
entwickelt werden. Auf die Eigendynamik existierender »zivilgesellschaftlicher« minimaler sozialer Garantien und den Versuch zur Gewährleistung einer gewis-
Strukturen wird dabei kaum zu setzen sein. Die z.B. von Lipietz genährte Hoff- sen Kohärenz der Räume aus. Es gibt einige Gründe für die Annahme, daß die-
nung, die »Reproduktion des Sozialen« könne, wenn schon nicht mehr auf na- se Form der Regulation bei der Entwicklung international konkurrenzfähiger
tionalstaatlicher Ebene, so doch von sich neu herausbildenden regionalen oder Innovations- und Produktionssysteme auf längere Sicht erfolgreicher sein könn-
lokalen »zivilgesellschaftlichen« Verhältnissen garantiert werden, scheint ange- te, selbst wenn auch sie sich mit tiefgreifenden sozialen Spaltungs- und Entde-
sichts der sozial destruktiven Dynamik des globalen Akkumulationsprozesses mokratisierungsprozessen verbindet. Ob sich aber dieser mit den wettbewerbs-
und angesichts der Tatsache, daß entscheidende regulative Kapazitäten unverän- staatlichen Elementen einer »lean democracy« verbundene Neo-Etatismus
dert bei den mit den entsprechenden institutionellen und gewaltförmigen Mit- tatsächlich als bestimmend durchsetzen kann, ist freilich völlig offen. Dies schon
teln ausgestatteten Staaten liegen, mehr als vage (Lipietz 1994). Das institutio- deshalb, weil die globale Dynamik des postfordistischen Akkumulationsregimes
nelle Gefüge des Staates stellt den bisher einzig verfügbaren Rahmen bereit, in- jede Form einer auf die nationalen Staatsapparate gestützen politisch-sozialen
nerhalb dessen einigermaßen bestandsfähige gesellschaftliche Kompromisse Regulierung permanent untergräbt und eine Revitalisierung sozialer Ausgleichs-
überhaupt möglich sind. Nur die Existenz der staatlichen politischen Form kann und Kompromißstrukturen auf jeden Fall die Möglichkeit voraussetzt, den kapi-
verhindern, daß ökonomische und soziale Reproduktion im Kapitalismus völlig talistischen Weltmarktprozeß in entscheidendem Umfang wieder einer politi-
auseinanderbrechen. Der nationalstaatliche Rahmen wird deshalb ein entschei- schen Kontrolle zu unterwerfen.
dendes Feld der sozialen Auseinandersetzungen bleiben. Von deren Ausgang Damit ist der Punkt bezeichnet, der die Herausbildung eines stabilen Akku-
hängt es ab, ob sich überhaupt eine tragfähige kapitalistische Formation heraus- mulations- und Regulationsmodus bislang am nachhaltigsten verhindert: die in-
bildet und welche konkrete Gestalt Akkumulationsregime und Regulationsweise ternationale Regulation. Das fordistische, im Kern durch die Bretton-Woods-Ab-
dann annehmen. Eine zunehmende Deregulierung des globalen Akkumulations- kommen am Ende des Zweiten Weltkriegs installierte internationale Regulati-

174 175
onssystem ist in der Krise dieser Formation und durch den Niedergang der US- dann, wenn sich die militärisch und ökonomisch dominierenden Staaten fallwei-
Hegemonie zusammengebrochen und konnte bis heute nicht durch eine neue, se auf bestimmte Maßnahmen einigen können (Albrecht 1994). Das heißt, ihre
halbwegs stabile internationale Wirtschaftsordnung ersetzt werden. Gleichwohl Existenz als global regulierende Institution setzt voraus, was eigentlich erst zu
hat die neue Weltsituation nach dem Ende der US-Hegemonie offensichtlich erklären wäre: konsensuale Kooperationsmuster innerhalb des prinzipiell anar-
nicht zu einer totalen internationalen Anarchie geführt, sondern es ist – wie im- chisch strukturierten Staatensystems.
mer unvollkommen und krisenhaft – gelungen, so etwas wie eine halbwegs funk- Etwas plausibler ist dagegen der Erklärungsansatz, der von der sogenannten
tionierende internationale politische und ökonomische Koordination, insbeson- »Theorie internationaler Regime« verfolgt wird (vgl. dazu den informativen
dere eine gewisse Übereinkunft zwischen den beherrschenden Triade-Metropo- Überblick bei Rittberger 1993). Ihre Fragestellung konzentriert sich darauf,
len aufrechtzuerhalten. Die Suche nach einer Erklärung für dieses Phänomen wieso nach dem Niedergang der US-Hegemonie, also dem Wegfallen eindeuti-
und den daraus ableitbaren strategischen Konzepten hat erhebliche wissen- ger internationaler Dominanz- und Führungsverhältnisse, das internationale Sy-
schaftliche Bemühungen nach sich gezogen. Auf diese kann hier nur sehr kurso- stem nicht in einen Zustand der völligen Anarchie zurückgefallen ist. Der Grund
risch eingegangen werden. Eine Erlärungsvariante geht, etwas grob gesprochen, dafür wird darin gesehen, daß sich, zumindest in einigen wichtigen internationa-
von der Herausbildung einer in sich relativ homogenen internationalen Kapita- len Problem- und Konfliktfeldern, von den beteiligten Staaten freiwillig aner-
listenklasse aus, der sowohl die planmäßige Durchsetzung des neoliberalen Re- kannte, implizit oder explizit formulierte und anerkannte Prinzipien, Normen,
strukturierungsprogramms als auch prinzipiell die Fähigkeit zu einer globalen Regeln und Entscheidungsprozesse herausgebildet haben, die die Erwartungen
ökonomisch-politischen Regulierung zugesprochen wird. Dafür spricht nicht der beteiligten Akteure strukturieren und damit gewisse übereinstimmende Ver-
nur die tatsächlich feststellbare Tendenz zu einer Internationalisierung der Ma- haltensweisen erzeugen (Keohane 1993, 26 f.). Solche »Regime« können, müs-
nagements, sondern auch die Existenz einer Serie mehr oder weniger formali- sen aber nicht eine institutionalisierte Form annehmen. Sie werden wirksam,
sierter Gesprächskreise, Koordinationsgremien und »think tanks« auf der Ebe- »wenn Staaten oder andere internationale Akteure die Existenz von Verpflich-
ne unternehmerischer und politischer Führungseliten, denen zweifellos eine tungen anerkennen und sich veranlaßt sehen, ... diesen in ihrem Verhalten ge-
nicht unwichtige Funktion bei der internationalen ökonomischen Koordination recht zu werden« (Mayer/Rittberger/Zürn 1993, 393). Diese Verpflichtungen
zukommt. Dieser Erklärungsansatz leidet allerdings stark an seiner handlungs- entspringen nach Auffassung der RegimetheoretikerInnen prinzipiell nicht ei-
theoretischen und instrumentalistischen Verkürzung, die vor allem die wider- nem hierarchischen Unterordnungsverhältnis zwischen den Staaten, sondern
sprüchliche Struktur des kapitalistischen Produktionsverhältnisses unberück- freiwilligen Übereinkommen, die ihrerseits wieder konvergierende Erwartun-
sichtigt läßt (zur Kritik vgl. Drainville 1994). Diese wird durch eine wie immer gen erzeugen. Daraus entstehe der in der bisherigen Forschung kaum berück-
geartete »Internationalisierung« des Kapitals bzw. seiner Funktionäre nicht auf- sichtigte Zustand einer internationalen »governance without government«, »ei-
gehoben. Es ist vor allem nicht zu sehen, wie die in einem scharfen ökonomi- ne politische Autoritätsebene jenseits des Nationalstaats« (Mayer/Rittberger/
schen Konkurrenzverhältnis stehenden Konzerne ohne Dazwischenkunft eines Zürn 1993, 393 ff.). Solche »Regime« bezögen sich allerdings nicht auf umfas-
Staates in der Lage sein sollten, auch nur ansatzweise eine gemeinsame politi- sende Regelungskomplexe, sondern beschränkten sich auf bestimmte Problem-
sche Strategie zu formulieren und durchzusetzen (vgl. dazu insbesondere Pou- felder der internationalen Politik, vor allem die (militärische) Sicherheits- und
lantzas 1978). Die These von der Internationalisierung der Kapitalistenklasse neuerdings ansatzweise auch die Umweltpolitik – also Bereiche, in denen unmit-
übersieht, daß es erst die von der Ökonomie getrennte politische Form – eben telbar drohende Katastrophen ein gewisses kooperatives Handeln nahelegen.
der Staat, und zwar gerade die Vielzahl von Staaten – ist, die »das« Kapital über Die Existenz solcher Regime läßt sich nicht nur empirisch nachweisen, sondern
alle konkurrenzbedingten Spaltungen und Gegensätze hinweg als politisch auch – z.T. unter Zuhilfenahme spieltheoretischer Kalküle – analytisch begrün-
handlungsfähige Klasse zu konstituieren vermag. Daran ändert auch seine »Glo- den: Rationales Verhalten der beteiligten Staaten vorausgesetzt, kann die Aner-
balisierung« nichts. kennung der Spielregeln, die ein internationales Regime beinhaltet, im Ver-
Ein »Weltstaat« existiert freilich nicht, und die Vereinten Nationen, denen gleich zu einseitiger Interessendurchsetzung zumindest auf längere Sicht zu bes-
eine solche Funktion bisweilen zumindest der Möglichkeit nach zugeschrieben seren Resultaten für alle Beteiligten führen.
wird, sind nichts anderes als eine Vereinigung selbständiger Nationalregierun- Es besteht kein Zweifel daran, daß die Regimetheorie die in einigen Berei-
gen und gewinnen ihre ohnehin höchst beschränkte Handlungsfähigkeit nur chen der internationalen Politik herrschenden Prozesse einigermaßen zutref-

176 177
fend beschreibt und daß sie recht gut begründen kann, daß das Fehlen einer ein- derzeit die kapitalistische Welt kennzeichnet, ist ein System notdürftiger Quasi-
deutigen Hegemonie nicht unbedingt zum Zustand eines absoluten internatio- Regulationen. Diese werden vor allem durch das von der Internationalisierung
nalen Chaos führen muß. Sie kann zeigen, wie und weshalb in einem System des Kapitals erzeugte und insofern gemeinsame Interesse der führenden kapita-
konfliktorischer Einzelstaaten unter bestimmten Bedingungen kooperative Poli- listischen Metropolen an der Aufrechterhaltung eines einigermaßen geregelten
tikmuster zustande kommen und bestandsfähig sein können. Dennoch sind ihre und kalkulierbaren internationalen Waren-, Geld- und Kapitalverkehrs getra-
theoretischen Prämissen und Aussagen in vielfacher Hinsicht kritisierbar. Frag- gen. Wenn die Wirtschaftspolitik der bestimmenden Staaten auf weltmarktori-
würdig sind zunächst ihre simplen staatstheoretischen Annahmen. Staaten wer- entierte ökonomische und soziale Restrukturierung abzielt und daraus ihren so-
den recht schlicht als isolierte und eigenständig handelnde Akteure und eben zialen Rückhalt und ihre politische Legitimation bezieht, bedarf es dazu entspre-
nicht als Formen ökonomisch-gesellschaftlicher (Klassen-)Verhältnisse betrach- chender internationaler Voraussetzungen. Gleichzeitig ist anzunehmen, daß das
tet. Wie sich »Staat« zu »Gesellschaft«, »Politik« zu »Ökonomie« verhält, ist sich fortschreitend internationalisierende Kapital entsprechende Interessen ent-
der Regimetheorie kaum einer theoretischen Überlegung wert. Dieses gesell- wickelt und politisch zur Geltung bringt. Dieses Kapitalinteresse hängt aller-
schaftstheoretische Defizit – zweifellos ein Erbe des sogenannten Neorealismus dings davon ab, daß der Akkumulations- und Verwertungsprozeß unter den
in der Theorie der internationalen Politik – prägt sich am offenkundigsten am herrschenden Bedingungen von Globalisierung, Liberalisierung und Deregulie-
weitgehenden Fehlen selbst einfachster ökonomietheoretischer Erwägungen rung tatsächlich garantiert bleibt. Das Kapital ist nicht notwendig freihändlerisch
aus. Von der Krise des Fordismus, die ja die wissenschaftliche Konjunktur der und friedfertig eingestellt. Es sind daher die besonderen ökonomischen und po-
Regimetheorie sozusagen erst begründet hat, wird ausschließlich der Zusam- litischen Bedingungen des postfordistischen Akkumulationsregimes, die eine
menbruch der internationalen Hegemonie in Form eines Ordnungsproblems Konstellation erzeugen, die in Teilbereichen einigermaßen funktionsfähige öko-
wahrgenommen. Die Dynamik der internationalen Kapitalakkumulation bleibt nomische »Regime« ermöglicht. Entscheidend für das derzeit existierende Sy-
theoretisch ausgespart, »Globalisierung« und ihre Folgen stellen rein deskripti- stem der Quasi-Regulation ist das prekäre Abhängigkeits- und Kräfteverhältnis,
ve Begriffe dar. Aus diesen Defiziten folgen einige mit den Realitäten nur das sich zwischen den kapitalistischen Metropolen ebenso wie in ihrer Bezie-
schlecht vereinbare Prämissen und Aussagen der Regimetheorie, so etwa die An- hung zur Peripherie nach dem Ende der US-Hegemonie und dem Zusammen-
nahme einer prinzipiellen Gleichheit der Staaten ohne Berücksichtigung struk- bruch der Sowjetunion herausgebildet hat. Zwar haben die USA einiges an öko-
tureller ökonomischer Beziehungen und Abhängigkeiten, eine etwas simple nomischer Dominanz eingebüßt, sind aber gleichzeitig nun auch die fast unan-
Trennung von »Innen«- und »Außen«-Politik und damit zusammenhängend die gefochten beherrschende Militärmacht. Eben dies hat bisher verhindert, daß der
Schwierigkeit, die nun gewiß nicht unwichtige Existenz nichtstaatlicher Akteure latente Wirtschaftskrieg zwischen den kapitalistischen Metropolen in offene
in der internationalen Politik zu berücksichtigen. Wahrgenommen werden am kriegerische Konflikte umgeschlagen ist. Zugleich wird dadurch die militärische
ehesten noch politische Nichtregierungsorganisationen, z.B. im Umweltbereich und ökonomische Dominanz der vereinigten Metropolen über die Peripherie
(vgl. Haufler 1993). Wie sich aber z.B. multinationale Konzerne zu Staaten ver- befestigt. Die USA können als gemeinsame (und gelegentlich auch gemeinsam
halten, diese entscheidende Frage bleibt theoretisch weitgehend unthematisiert. finanzierte) militärische Interventionsmacht der Metropolen, sozusagen als eine
Dies bedeutet, daß die Regimetheorie zwar die Existenz und die Funktions- Art »rent cop«, fungieren. Dies verweist darauf, daß die These vom Hegemo-
weise einiger regulativer Mechanismen in speziellen Politikfeldern erklären, nieverlust der USA mit einiger Vorsicht behandelt werden muß. Zwar gibt es
aber zur Frage der Bedingungen und Möglichkeiten eines umfassenden interna- heute kein eindeutiges sowohl ökonomisches, politisches, militärisches wie kul-
tionalen, vor allem ökonomischen Regulationszusammenhangs »after hege- turelles Hegemonialverhältnis im internationalem Maßstab, gleichwohl aber im-
mony« nur sehr wenig beitragen kann. Dies resultiert vor allem daraus, daß sie mer noch eindeutige internationale Macht- und Dominanzverhältnisse. Insofern
schon von ihren theoretischen Grundlagen her keine Möglichkeit hat, die Pro- charakterisiert der zweite Golfkrieg tatsächlich so etwas wie das Szenario der re-
blematik einer Regulation der globalen kapitalistischen Ökonomie auch nur zu al existierenden »Weltordnung« nach dem Zusammenbruch des Fordismus. Das
erfassen. Der in der wissenschaftlichen Diskussion ebenso geläufig gewordene ökonomische, politische und militärische Kräfteverhältnis, das aus der Krise der
wie inflationär gebrauchte Begriff des »Postfordismus« bezeichnet also keine fordistischen Formation hervorgegangen ist, zieht zumindest vorläufig so etwas
neue und kohärente kapitalistische Formation, sondern eher das inzwischen wie den Zwang zu einer »kooperativen Hegemonie« der beherrschenden kapita-
recht lange anhaltende Fortdauern einer globalen kapitalistischen Krise. Was listischen Staaten nach sich. Freilich ist dieses Verhältnis recht labil und nimmt

178 179
keinesfalls die Form eines relativ festgefügten und kohärenten internationalen die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt, die Voraussetzungen der sozialen
Regulationszusammenhangs an. Dies vor allem deswegen, weil koordinierte in- Reproduktion zu sprengen drohen. Ökologische Zerstörungen sind nur die eine
ternationale ökonomische Entscheidungen und Maßnahmen, soweit sie über- und im Rahmen eines »ökologischen Kapitalismus« in gewissem Umfang viel-
haupt stattfinden, sich im wesentlichen darauf beschränken, die krisenhaften Fol- leicht sogar kompensierbare Folge der herrschenden Verwertungsdynamik. Die
gen eines im Kern weitgehend unregulierten globalen Akkumulationsprozesses grundlegendere Destruktivität der herrschenden ökonomischen Verhältnisse be-
zu verwalten. An der weiter oben beschriebenen Funktionsveränderung interna- steht in einer fortschreitenden Fremdbestimmung, der Unterwerfung von Le-
tionaler ökonomischer Institutionen wie des IWF oder der Weltbank wird dies bensweisen, Interessen und Bewußtseinsformen unter die technologischen Pro-
besonders deutlich. Die strukturelle Instabilität der internationalen Ökonomie dukte, der Tatsache, daß die Menschen Technik nicht nach ihren Bedürfnissen
verstärkt sich dadurch, daß die Dynamik des globalen Akkumulationsprozesses entwickeln können, sondern daß diese, den kapitalistischen Verwertungsmaxi-
nicht nur die regionalen Ungleichheiten permanent vertieft, sondern auch in- men unterworfen, ihrerseits immer mehr die Bedürfnisse, Lebensformen, Inter-
nerhalb der Metropolen zu einschneidenden sozialen Polarisierungen und Spal- essen und Weltbilder bestimmt. »Globalisierung des Kapitalismus« heißt in der
tungsprozessen führt. Dies wiederum kann einzelstaatliche Politiken nach sich Tat nicht zuletzt, daß die Menschen endgültig zum Anhängsel der von ihnen
ziehen, die im Sinne der Aufrechterhaltung kalkulierbarer internationaler Ko- selbst produzierten technischen Maschinerie zu werden drohen. Dieser Aspekt
operationszusammenhänge nicht unbedingt »rational« erscheinen mögen. Die- des Begriffs »Proletarisierung« ist grundlegender und bedeutungsvoller, als alle
se Instabilität vergrößert sich im übrigen, je mehr sich auf nationaler oder regio- gewiß nicht zu vernachlässigenden materiellen Armuts- und Elendsstatistiken
naler Ebene Ansätze unterschiedlicher Regulationsmodi herausbilden. Dies aufzeigen. Karl Polanyi (1990) hat gezeigt, daß eine kapitalistische Gesellschaft,
kann dazu führen, daß die konkurrierenden Akteure – regimetheoretisch ausge- die aufgrund ihrer ökonomischen Dynamik ihre eigenen sozialen Grundlagen zu
drückt – ihr Handeln immer weniger nach den gleichen Spielregeln ausrichten. zerstören droht, politische und soziale Gegenkräfte zu entwickeln vermag. Die-
Zusammengefaßt bleibt eine Situation bestehen, in der die Herausbildung kon- ser Zusammenhang erklärt in gewisser Weise den Übergang vom frühkapitalisti-
sistenter Regulationsmuster auf nationaler oder regionaler Ebene durch das schen Marktliberalismus zum politisch und sozial kontrollierten fordistischen
Fehlen einer kohärenten internationalen Regulation ebenso behindert wird wie Kapitalismus durch die langen politisch-sozialen Kämpfe und Revolutionen bis
umgekehrt. Ob dieser Widerspruch mit dem traditionellen Instrumentarium na- zur ersten Hälfte dieses Jahrhunderts hindurch. Derartige gesellschaftliche
tionalstaatlicher Politik – über das ja auch die Konzepte der Regimetheorie nicht Selbstschutzreaktionen kommen freilich weder automatisch noch im Gefolge ei-
hinausweisen – überhaupt noch bearbeitet werden kann, ist eine offene Frage. ner historisch wirkenden Vernunft zustande, sondern sind daran gebunden, daß
Da gegenwärtig weder die Konzepte noch die sozialen Kräfte für eine Über- es Kräfte gibt, die andere Vergesellschaftungsformen gegen die Dynamik des
windung des umfassend gewordenen kapitalistischen Produktionsverhältnisses Kapitals durchzusetzen vermögen. Der Fordismus ist insofern ein Produkt der
sichtbar sind, kann es zunächst einmal nur darum gehen, eine politische Kon- Kämpfe der internationalen Arbeiterbewegung, der Kriege und Revolutionen in
trolle des globalen Akkumulationsprozesses wiederherzustellen. Es geht um den der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Eine Arbeiterbewegung besteht freilich in
Kampf um die Durchsetzung von Formen der Regulation, die diejenigen Mini- dieser Form heute nicht mehr. Im Fordismus politisch institutionalisiert, büro-
malstandards von sozialer Sicherheit, materieller Freiheit und demokratischer kratisiert und etatisiert, ist sie dessen Krise zum Opfer gefallen, ideologisch und
Selbstbestimmung gewährleisten, ohne die eine emanzipative Entwicklung, politisch geschwächt, zersplittert und – nicht zuletzt national – gespalten. Nicht,
letztlich die Durchsetzung neuer und humanerer Produktionsverhältnisse, nicht daß es keine sozialen Konflikte und Kämpfe mehr gäbe, aber diese sind – sowohl
möglich ist. Insofern bedeutet der Gegensatz von »Reform« und »Revolution« was die Akteure als auch was die Inhalte angeht – zersplitterter und vielfältiger
eine falsche und jedenfalls historisch vergangene Alternative. Die postfordisti- geworden und weniger denn je auf ein gesellschaftliches Projekt zu »vereinheit-
sche Wiederentfesselung der kapitalistischen Akkumulationsdynamik in nun- lichen«. Der Fordismus und seine Krise haben dazu geführt, die Widersprüch-
mehr globalem Maßstab verdeutlicht eines: Der Kapitalismus erweist sich kei- lichkeit der gesellschaftlichen Antagonismen – nicht nur das Klassen-, sondern
neswegs als Fessel der Produktivkraftentwicklung, sondern er treibt deren auch das Geschlechter- und das Naturverhältnis – auf die Spitze zu treiben. Die
Wachstum in sich immer weiter beschleunigendem Tempo und in fast unglaub- postfordistische Globalisierung führt zu einem tatsächlich weltumfassenden
lichen Dimensionen voran. Er zwängt die technologische Entwicklung indessen Vergesellschaftungszusammenhang, der durch sich vertiefende politische, sozia-
in Formen, die nicht nur die gesellschaftlichen Naturgrundlagen, sondern auch le und kulturelle Spaltungen, durch Rassismus, Sexismus, Nationalismus und da-

180 181
mit verbunden durch eine sich ausbreitende soziale Apartheid gekennzeichnet V. Politische Perspektiven:
ist. Blickt man auf die Kämpfe traditioneller ArbeiterInnen in den kapitalisti-
schen Metropolen, ihrer Ländereien beraubter oder vom Weltmarkt um ihre Demokratie jenseits des Wettbewerbsstaats
Existenz gebrachter lateinamerikanischer Campesinos, amerikanischer Umwelt-
schützer, europäischer Mittelklassefrauen oder der im »blutigen Taylorismus«
ausgebeuteten Arbeiterinnen asiatischer Weltmarktfabriken mit ihren höchst
unterschiedlichen und sich teilweise sogar fundamental widersprechenden Inter-
essen und Zielen, dann läßt sich ein gesellschaftsveränderndes »Subjekt« im tra-
ditionellen Sinne jedenfalls um so weniger ausmachen, je »einer« die Welt zu Mit seiner weltweiten Durchsetzung scheint der Kapitalismus alternativlos ge-
werden scheint. worden zu sein. Und gleichzeitig wird immer deutlicher, daß diese Produktions-
Ein Unterschied gegenüber früheren Phasen der kapitalistischen Entwick- und Vergesellschaftungsweise ein globales Katastrophenprogramm beinhaltet,
lung ist entscheidend: Konnten ehemals die Kämpfe um soziale und demokrati- ökologisch, sozial und politisch. Paradoxerweise ist es gerade sein 1989 besiegel-
sche Rechte noch wesentlich im nationalstaatlichen Rahmen geführt werden, so ter »Sieg«, der die Frage nach gesellschaftlichen Alternativen erneut und noch
ist das im Zuge der fortschreitenden Gobalisierung heute nicht mehr möglich. drängender auf die historische Tagesordnung gesetzt hat. Daß die augenblickli-
Die nationalstaatliche politische Form erweist sich mehr als je zuvor als Hinder- che Entwicklung der Welt so nicht weitergehen kann, wird immer deutlicher.
nis für eine demokratische Entwicklung, bleibt aber nichtsdestotrotz wesentli- Umstritten sind allerdings die Wege zu einer gesellschaftlichen Veränderung. Ist
cher Bedingungsrahmen und entscheidendes Feld der politisch-sozialen Ausein- es möglich, den Kapitalismus politisch zu »zivilisieren«? Gibt es Chancen für ei-
andersetzungen. Das kapitalistische Produktionsverhältnis kann ebensowenig ne andere Weltwirtschaftsordnung im kapitalistischen Rahmen? Bedarf es nicht
von einem Standpunkt außerhalb seiner selbst her überwunden werden wie der viel mehr einer revolutionären Umwälzung der gesamten ökonomischen, sozia-
kapitalistische Staat. Es geht um eine Perspektive des Kampfes innerhalb und len und politischen Verhältnisse? Wie und durch wen sollte diese in Gang ge-
gegen den Kapitalismus, innerhalb und gegen den Staat. Dies bedeutet aller- setzt werden? Wo sind die sozialen Kräfte und die gesellschaftsorganisatorischen
dings die Notwendigkeit, nicht nur die politischen und sozialen Kämpfe aus ih- Vorstellungen zu finden, mit denen die (Welt-)Gesellschaft auf die Gefahr ihrer
rer nationalstaatlichen Beschränkung und Verzerrung zu befreien, sondern vor Selbstzerstörung reagieren könnte?
allem ganz neue demokratische Formen jenseits des Nationalstaats und jenseits Darauf gibt es keine einfache und plausible Antwort. Die herrschende Krise
der institutionellen Grenzen einer bürgerlich-demokratischen Repräsentativ- des kapitalistischen Weltsystems bewirkt, daß alte Frontstellungen zerbrechen,
verfassung zu entwickeln. vertraute politische Strategien und Programme hinfällig werden, soziale Koali-
tionen zerbröseln, neue Antagonismen wie das Natur- und Geschlechterverhält-
nis bestimmender hervortreten und das Feld der sozialen Konflikte und Bewe-
gungen vielfältiger und unübersichtlicher wird. Allen Versicherungen zum Trotz
ist nach der Krise der siebziger Jahre keine neue und stabile kapitalistische Welt-
ordnung, kein »Postfordismus« entstanden, geht der Kampf um die Gestaltung
der gesellschaftlichen Verhältnisse weiter. Dessen Ausgang ist offen. Es gibt kei-
ne einfache Logik der kapitalistischen Entwicklung, sondern diese wird be-
stimmt von sozialen Kämpfen und den aus ihnen hervorgehenden Kräfteverhält-
nissen. Grundsätzlich fraglich bleibt, ob eine halbwegs stabile und zur Bewälti-
gung der globalen Probleme geeignete politisch-soziale Ordnung auf kapitalisti-
scher Grundlage überhaupt noch möglich ist.
In einer solchen Situation kann es nicht darum gehen, strategische Blaupau-
sen und politische Rezepte zu entwickeln. Vielmehr kommt es darauf an, die be-
stimmenden gesellschaftlichen Strukturen und Entwicklungen mit ihren Wider-

182 183
sprüchen zu erkennen, sich mit konkreten politischen Ansätzen und Bewegun- dem Natur- und Geschlechterverhältnis, prinzipiell der widersprüchliche Zu-
gen auseinanderzusetzen und Konsequenzen aus den Erfahrungen gescheiterter sammenhang von »Gleichheit« und »Differenz« innerhalb einer demokrati-
Revolutionen und zerbrochener Sozialismusvorstellungen zu ziehen. Die heute schen Gesellschaft ist weit entfernt von einer praktischen Lösung. Angesichts
bestehende Zersplitterung in den weltweiten Oppositions- und Protestbewe- der komplexen Verwobenheit der gesellschaftlichen Antagonismen, von Kapi-
gungen sowie die Vielfältigkeit der politisch-sozialen Fronten und Konflikte tal-, Natur- und Geschlechterverhältnis, liegt im Auseinanderfallen der zersplit-
können auch als Chance für die allmähliche Herausbildung einer neuen ökono- terten, sich nur auf eine dieser Konfliktebenen beziehenden Bewegungen die
mischen, gesellschaftlichen und politischen Struktur begriffen werden. Dabei Gefahr, daß der gesellschaftliche Zusammenhang und damit der Blick auf die
geht es nicht nur um die gewiß weltweit drängenden Fragen der Armut und der Notwendigkeit einer grundlegenden Umgestaltung der ökonomischen und so-
materiellen Verteilung. Angesichts sich ausweitender Kriege, einer fortschrei- zialen Verhältnisse verloren geht. Darauf deuten auch die manifesten Tendenzen
tenden Brutalisierung der Gesellschaft, wachsender Bedrohungen der Men- zu einer liberal-konservativen Wende in der neuesten Frauen- und Ökologiebe-
schenrechte und einer durch die Entwicklung zum globalen High-tech-Kapita- wegung hin. Wurde der traditionellen Arbeiterbewegung zu Recht vorgeworfen,
lismus extrem gesteigerten Abhängigkeit und Fremdbestimmung kommt es vor mit der Ausblendung des Natur- und Geschlechterverhältnisses das Ziel einer
allem auf die Schaffung ökonomisch-sozialer sowie politisch-institutioneller Be- umfassenden Emanzipation von vornherein verfehlt zu haben, so gilt dies mehr
dingungen an, die – gegen den herrschenden Trend – eine materielle Auswei- und mehr auch für die »neuen« sozialen Bewegungen, aus denen heraus genau
tung und Weiterentwicklung von Demokratie ermöglichen. dieser Mangel kritisiert wurde. Auch bei ihnen gibt es im Gefolge der gesell-
Die Chancen dafür erscheinen zumindest auf den ersten Blick allerdings schaftlichen Heterogenisierungs- und Spaltungsprozesse starke Tendenzen, sich
nicht besonders gut. Die Dynamik der globalen Akkumulation und die Gewalt auf die Vertretung spezieller Gruppeninteressen innerhalb der gegebenen gesell-
der mit ihr verbundenen gesellschaftlichen Umwälzungsprozesse untergraben schaftlichen Verhältnisse zurückzubilden. Wenn sich aber soziale Auseinander-
alle gesellschaftlichen und institutionellen Fundamente, auf denen sich bislang setzungen dergestalt auf »korporative« Kämpfe reduzieren, die die grundlegen-
demokratische und soziale Kämpfe entwickeln und erfolgreich sein konnten. Ist den gesellschaftlichen Strukturen unangetastet lassen, besteht die Gefahr, daß sie
der im allgemeinen Bewußtsein dominierend gewordene und sich immer aggres- selbst zu einem Vehikel kapitalistischer Restrukturierung werden. Die Ein-
siver durchsetzende liberale Besitzindividualismus demokratischen Entwicklun- führung von Elementen eines ökologischen oder geschlechtlichen Gleichstel-
gen ohnehin nicht eben förderlich, so sorgen räumliche und gesellschaftliche lungs-Kapitalismus würde die grundlegenden gesellschaftlichen Strukturen und
Spaltungsprozesse, die Konkurrenz der Standorte und zunehmende soziale Un- Dynamiken ebenso unberührt lassen wie sozialdemokratische Reformpolitik al-
gleichheiten im nationalen wie internationalen Maßstab für nationalistische und ter Prägung. Betrachtet man die Entwicklung der »neuen sozialen Bewegungen«
rassistische Konjunkturen, in denen demokratische Gleichheits- und Solida- seit den siebziger Jahren, so fällt auf, daß sie, sowohl was ihre politischen Aus-
ritätspostulate vollends unterzugehen drohen. Die politisch-soziale Heterogeni- drucksformen als auch was ihre inhaltlichen Ziele angeht, ihre damals zumindest
sierung führt tendenziell zu einer immer weiteren Zersplitterung der Konflikte ansatzweise vorhandenen antiinstitutionellen und kulturrevolutionären Züge
und Kämpfe sowohl auf nationalstaatlicher wie auf internationaler Ebene. Selbst mehr und mehr verloren haben. In vielfacher Hinsicht, sowohl theoretisch wie
in den Teilen der Welt, wo liberaldemokratische Institutionen im nationalstaatli- politisch, haben sie sich zurücknormalisiert und reintegriert. Die Tatsache, daß
chen Rahmen wenigstens eine gewisse Bedeutung erlangt haben, werden sie sie sowohl politisch wie auch kulturell immer stärker in die herrschenden gesell-
durch die Folgen des Globalisierungsprozesses mehr und mehr ausgehöhlt. Ob schaftlichen Formen zurückfallen, daß die Kritik »bürgerlicher« Politik und Le-
unter diesen Bedingungen der Nationalstaat überhaupt noch als institutioneller bensweise an theoretischer wie praktischer Bedeutung verloren hat und die Ge-
Rahmen demokratischer Prozesse und sozialer Kompromisse taugt, ist höchst walt der kapitalistischen Vergesellschaftungsweise auch hier immer unmittelba-
zweifelhaft geworden. Unklar ist allerdings auch, was unter gesellschaftlicher rer durchschlägt, hat wesentlich zu ihrem Niedergang beigetragen.
Emanzipation überhaupt zu verstehen sein soll. Daß sie durch eine Beseitigung Allerdings sorgen die Widersprüche des kapitalistischen Globalisierungs-
des Privateigentums an Produktionsmitteln und des kapitalistischen Klassenver- und Restrukturierungsprozesses dafür, daß diese Entwicklungen nicht so ein-
hältnisses allein nicht gewährleistet ist, wurde durch die Erfahrung mit dem deutig sind, wie sie auf den ersten Blick vielleicht erscheinen. Die gewalttätige
Staatssozialismus und dessen Scheitern nachhaltig belegt. Die Frage einer kon- Umwälzung der sozialen Lagen, die kaum mehr einen gesellschaftlichen Bereich
kreten Realisierung von Demokratie und Menschenrechten, des Umgangs mit ausläßt, und der damit verbundene Verlust von traditionellen Sicherheiten und

184 185
Orientierungen erzwingen auch die Herausbildung neuer Verhaltens- und Be- Revolutionen dieses Jahrhunderts – derzeit weder die politischen Konzepte noch
wußtseinsformen. Insoweit steckt in den gängigen »Individualisierungs«-The- die sozialen Akteure einer grundlegenden gesellschaftlichen Umwälzung auszu-
sen ein wahrer Kern. Die Vielfältigkeit der sozialen Konflikte, der Initiativen machen sind, gibt es zumindest einen andauernden Kampf um das »neue Ge-
und Bewegungen muß nicht nur zu gesellschaftlichen Spaltungen und korpora- sicht« des Kapitalismus. Daß sich dabei in den verschiedenen Weltregionen auf-
tiven Regressionen führen, sondern eröffnet auch die Chance für neue Erfah- grund der jeweiligen ökonomischen, politischen und kulturellen Voraussetzun-
rungs- und Lernprozesse. Das Problem von Nationalismus, rassistischer und se- gen sehr unterschiedliche »Regulations«-Modelle abzeichnen, zeigt immerhin,
xistischer Unterdrückung hat selbst die etablierten Gewerkschaften nicht ganz daß die kapitalistische Gesellschaft sehr wohl politisch und sozial gestaltbar ist.
unberührt gelassen, genauso wie in der Frauenbewegung gelegentlich noch in- Wenn dabei allerdings mehr herauskommen soll als die Zementierung der
ternationale ökonomische Strukturen und Produktionsverhältnisse thematisiert grundsätzlich bestehenden Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse in verän-
werden. Trotz eines grassierenden Neo-Nationalismus und Wohlfahrtschauvi- derter Gestalt, bedarf es der Entwicklung politischer Praxisformen und Orien-
nismus existiert immer noch eine beachtliche internationale Solidaritätsbewe- tierungen, die sich von den gewohnten radikal unterscheiden. Es geht darum, ei-
gung. nen neuen Begriff demokratischer Politik theoretisch zu formulieren und prak-
Gleichzeitig erzeugt die kapitalistische Globalisierung soziale, ökologische tisch wirksam werden zu lassen.
und kriegerische Bedrohungen, denen weder mit den Möglichkeiten des Natio- Den Ausgangspunkt dafür bilden die bestehenden gesellschaftlichen Verhält-
nalstaats noch mit einer auf lokale und gruppenspezifische Interessen beschränk- nisse. Aus dem globalen Kapitalismus und seinen institutionellen Strukturen wie
ten Politik beizukommen ist. Und sie entwickelt die kommunikations- und ver- Staat und Staatensystem kann nicht einfach ausgetreten werden, weder theore-
kehrstechnischen Möglichkeiten so vehement, daß soziale und lokale Bornierun- tisch in Form der Entwicklung abstrakter Gegenentwürfe noch praktisch im
gen immer weniger aufrechterhalten werden können. Zwar ist es unsinnig, ange- Sinne der Schaffung »autonomer« Lebenswelten. Dies gilt schon deshalb, weil
sichts der herrschenden Polarisierungen und Spaltungen von einer ökonomisch, die herrschenden gesellschaftlichen und institutionellen Verhältnisse nicht nur
sozial, politisch und kulturell »einen« Welt oder einer bereits existierenden die Handlungsmöglichkeiten, sondern auch die Subjektprägungen aller ihnen
»Weltgesellschaft« zu reden. Aber nicht nur der materielle Zusammenhang der Unterworfenen, die Verhaltensroutinen, Weltbilder, Bedürfnisse, Bewußtseins-
globalen Entwicklung drückt sich immer deutlicher und gewaltsamer aus, son- formen und Interessen nachhaltig prägen. Die Universalisierung kapitalistischer
dern zugleich wachsen auch die persönlichen Verbindungen, der Informations- Ästhetik- und Konsumnormen über alle politischen und kulturellen Grenzen
fluß und die Möglichkeiten des Erfahrungsaustauschs über nationale, regionale, hinweg – versinnbildlicht etwa an Coca-Cola, Nintendo oder MTV – weist auf
kulturelle und soziale Grenzen hinweg. Bedeutsam ist schließlich, daß das neoli- dieses Zwangsverhältnis hin. Eben dies ist es auch, was die Entstehung und Ent-
berale Konzept einer grenzenlosen, von politisch-sozialen Beschränkungen be- wicklung gesellschaftsverändernder Bewegungen so schwierig macht. Emanzi-
freiten Durchkapitalisierung der Welt weder auf nationaler noch auf internatio- pative Politik muß aus der bestehenden Gesellschaft und ihren Widersprüchen
naler Ebene eine halbwegs bestands- und konsensfähige Regulationsweise her- heraus entstehen und ist deshalb nur als schwieriger und langwieriger Erfah-
vorbringen kann. Dies stellt die Stabilität des globalen Akkumulationsprozesses rungs-, Aufklärungs- und Lernprozeß zu begreifen.
grundsätzlich in Frage und sorgt zunächst einmal nur für die Fortdauer der Kri- Eine Erfahrung verdient indessen nachdrücklich festgehalten zu werden: die
se. Der »Aufschwung«, der nach der Weltwirtschaftskrise der siebziger und Untauglichkeit aller Versuche, die Gesellschaft in ihren Grundstrukturen mit-
achtziger Jahre des öfteren diagnostiziert worden ist, mag sich zwar in einer Er- tels staatlicher Macht verändern zu wollen. Daran ist die Arbeiterbewegung so-
höhung der Kapitalprofite niederschlagen, verhindert aber nicht den allgemei- wohl in ihren kommunistisch-revolutionären als auch sozialdemokratisch-refor-
nen Einkommensrückgang und erzeugt politische und soziale Verwerfungen, die mistischen Ausprägungen gescheitert. Das hat mehrere Gründe. Einmal ist der
nachhaltig auf die ökonomische Entwicklung zurückschlagen und zu einer per- Staat, wie oben gezeigt wurde, nicht ein für beliebige gesellschaftliche Zwecke
manenten Destabilisierung des globalen kapitalistischen Systems führen. Auch einsetzbares Instrument, sondern die Institutionalisierung grundlegender gesell-
aus diesem Grunde sind die Auseinandersetzungen um neue gesellschaftliche schaftlicher Machtbeziehungen von spezifischen, d. h. nicht zuletzt klassen- und
Ordnungs- und Entwicklungsmodelle keinesfalls beendet. geschlechterförmigen Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnissen. Selbst die
Insgesamt bleibt also die gesellschaftliche und politische Entwicklung durch- Existenz liberaldemokratischer politischer Systeme gewährleistet unter den Be-
aus offen. Selbst wenn – gerade nach den Erfahrungen der staatlich versteinerten dingungen kapitalistischer Produktionsverhältnisse keinesfalls umfassende

186 187
Selbstbestimmung, sondern bestenfalls beschränkte Mitbestimmungs- und Ein- rung des Kapitalismus sich tendenziell noch verfestigenden sozialen Strukturen
flußmöglichkeiten. Immer schon und grundsätzlich beruht die bürgerlich-kapi- und Subjektprägungen richten muß. Der Widerspruch, daß ein demokratischer
talistische politische Form, die sich in der Gestalt des Staates ausdrückt, auf spe- Prozeß nicht auf die bestehenden gesellschaftlichen und institutionellen Struk-
zifischen Trennungen und Spaltungen: zwischen Produktionsmittelbesitzern turen setzen und sich dennoch aus ihnen heraus entwickeln kann, wird durch die
und Lohnabhängigen, privat und öffentlich, Politik und Ökonomie, Regieren- massive Einschränkung nationalstaatlicher Handlungsspielräume im Zuge der
den und Regierten, StaatsbürgerInnen und AusländerInnen. Der komplexe Be- Globalisierung weiter verschärft. Dem Diktat der Standortkonkurrenz unter-
dingungszusammenhang von Staat und Politik braucht hier nicht noch einmal worfen, scheinen die Spielräume demokratischer Politik und Gesellschaftsge-
entfaltet zu werden. Es genügt schon der Hinweis auf die Unwahrscheinlichkeit, staltung im vorhandenen institutionellen Rahmen immer enger zu werden. Die-
daß ein einmal etablierter Herrschaftsapparat in der Lage sein sollte, die gesell- se Entwicklung wird durch den Ausbau internationaler und supranationaler öko-
schaftlichen Verhältnisse zu beseitigen, auf denen er beruht. Dies ist keinesfalls nomischer und politischer Regulationsinstanzen kaum aufgehalten. Ihre Wir-
nur eine Frage des politischen Wollens: Gerade die Tatsache, daß in der bürger- kungsweise bleibt nach wie vor wesentlich durch einzelstaatliche Herrschaftsin-
lich-kapitalistischen Gesellschaft »Politik« und »Ökonomie«, »privat« und »öf- teressen bestimmt. Eine institutionell gewährleistete demokratische Legitimati-
fentlich« strukturell getrennt sind, begründet die Unmöglichkeit, allein mittels on geht ihnen – wie im Fall der Vereinten Nationen – entweder gänzlich ab oder
des Staates in die grundlegenden Gesellschaftsstrukturen, die Produktions-, Ge- ist – wie in der Europäischen Union – bis zur Unkenntlichkeit beschnitten. Die
schlechter- und Naturverhältnisse einzugreifen. Dies gilt im übrigen nicht nur des öfteren euphemistisch beschworene »Völkergemeinschaft« ist, nüchtern be-
für eine sich als revolutionär verstehende Politik. Selbst Reformen, die mehr trachtet, nicht viel mehr als ein konfliktorischer Verband von Herrschafts- und
sein sollen als passive Anpassungen an veränderte Verwertungsbedingungen des Unterdrückungsapparaten. Allein dies sorgt dafür, daß die internationalen Orga-
Kapitals, bedürfen des Drucks gegeninstitutioneller Initiativen und Bewegun- nisationen in der Regel nur dann und insoweit handlungsfähig sind, als sie den
gen, und je mehr sich diese – partei- und verbandsförmig – selbst »verstaatli- Interessen der ökonomisch und militärisch dominierenden Staaten folgen. Der
chen«, desto mehr verlieren sie ihre Kraft. Dies zeigt nicht nur die Geschichte Umgang mit Demokratie und Menschenrechten bleibt grundsätzlich national-
der Arbeiterbewegung sehr nachdrücklich, sondern wird auch durch die Ent- staatlichen Macht- und Interessenkalkülen untergeordnet. Prinzipiell hat sich
wicklung der »neuen sozialen Bewegungen« seit den siebziger Jahren dieses bis heute nichts daran geändert, daß die aggressive und in letzter Instanz kriege-
Jahrhunderts eindrucksvoll bestätigt. rische Konkurrenz der Nationalstaaten der entscheidende Mechanismus ist, mit
Zum anderen bleibt festzuhalten, daß emanzipative Veränderungen in den dem politische Herrschafts- und ökonomische Ausbeutungsverhältnisse nach in-
sozialen Bewußtseins- und Lebensformen, den Arbeitsteilungs- und Produkti- nen und außen immer wieder stabilisiert werden können. Dies gilt auch dann,
onsverhältnissen, den Familien- und Geschlechterbeziehungen, den Wertvor- wenn sich der permanente Wirtschaftskrieg nicht zum militärischen ausweitet.
stellungen und Konsumnormen durch staatlichen Eingriff und Zwang kaum zu Eine Politik der Befreiung kann sich daher nicht auf staatliche Institutionen und
bewerkstelligen sind. Daß die Verstaatlichung der Produktionsmittel Ausbeu- Strukturen gründen, sondern bedarf der gesellschaftlichen Selbstorganisation,
tung und Herrschaft nicht beseitigt, ist im praktischen Experiment bestätigt eines Netzwerks von praktischen Initiativen und Projekten, einer autonomen,
worden. Die Umwälzung gesellschaftlicher Verhältnisse ist eine Angelegenheit von Staat und Medienmonopolen unabhängigen politischen Öffentlichkeit, der
der Menschen selbst, eine Frage konkreter Praxis, die im unmittelbaren Lebens- Produktion von Wissen und der Vermittlung von Erfahrungen jenseits staatli-
zusammenhang ansetzen muß. Die eigentliche bürgerliche Revolution, d. h. die cher Macht- und ökonomischer Verwertungsinteressen. Mit anderen Worten:
Durchsetzung kapitalistischer Produktions- und Vergesellschaftungsverhältnis- Emanzipative gesellschaftliche Veränderung verlangt nicht nur eine Umwälzung
se, war schon weit fortgeschritten, als sie schließlich durch den revolutionären von Institutionen und Eigentumsformen, sondern eine »Kulturrevolution« im
politischen Umsturz bestätigt und vollendet wurde. Allerdings ist es sehr un- umfassenden Sinne. Sie bedarf vor allem auch eigener Formen der politischen
wahrscheinlich, daß sich die Geschichte in dieser Weise wiederholt. Die bürger- Institutionalisierung, die pluralistisch und dezentral sind, der Vielfalt der Inter-
lich-kapitalistische Gesellschaft wird nicht automatisch, aufgrund ihrer eigenen essen und der Komplexität der gesellschaftlichen Antagonismen Rechnung tra-
Widersprüche und ihrer Zerfallsdynamik, neue gesellschaftliche Formen aus gen und die damit zugleich Auseinandersetzung, Kooperation, Verständigung,
sich heraustreiben. Dazu bedarf es eines bewußten gesellschaftlichen und politi- die Diskussion umfassenderer gesellschaftlicher Politiken und Entwürfe ermög-
schen Handelns, das sich gegen die herrschenden und im Zuge der Globalisie- lichen. Sie bedarf ganz neuer Formen demokratischer Selbstorganisation und

188 189
gesellschaftlicher Praxis. Eine Politik der Befreiung muß sich also innerhalb der Wirklichkeit recht wenig dem Prinzip autonomer Selbstorganisation. Das vor-
bestehenden sozialen Strukturen und Institutionen entwickeln und sich zugleich handene Spektrum umfaßt auch hierarchisch geführte Politikunternehmungen,
gegen sie richten, sie muß eine Politik »in und gegen Staat und Kapital« sein kaschierte ökonomische Interessenlobbys oder Quasi-Staatsbürokratien, die eng
(Hirsch 1990, 118 ff., Clarke 1991, Esser u.a. 1994, Roth 1994). Dies ist nur mit den Staatsapparaten verflochten und finanziell von diesen abhängig sind. So-
möglich durch die Entwicklung gesellschaftlicher und politischer Formen, die wohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene – beispielsweise auf dem Feld
sich den herrschenden entziehen. Es geht mithin darum, die Trennung von der sogenannten Entwicklungshilfe – hat die abnehmende staatliche Eingriffs-
Ökonomie und Politik, von privat und öffentlich, die in den bürgerlich-demo- und Regelungskapazität dazu geführt, daß sich Regierungen zunehmend »priva-
kratischen Strukturen verwurzelten Spaltungs- und Ausschließungsmechanis- ter« Organisationen als Mittel ihrer Politik bedienen müssen, um überhaupt
men durch praktische Organisations- und Kooperationsansätze zu überwinden. noch etwas bewirken zu können. Und gerade in der kapitalistischen Peripherie
Der sich globalisierende Kapitalismus und die mit ihm verbundenen national- haben »Nichtregierungsorganisationen« des öfteren als Instrumente neolibera-
staatlichen Herrschaftsformen stellen eine Realität dar, die nicht voluntaristisch ler Privatisierungsstrategien, als Mittel zum Unterlaufen demokratisch legiti-
überspielt werden kann. Es ist notwendig, gegen die bestehenden institutionel- mierter Regierungen oder als Vehikel zwischenstaatlicher Machtkämpfe gedient
len Strukturen anzugehen, ohne bereits auf fertige alternative Formen zurück- (vgl. dazu Pfeifer 1992, Gill 1993, 113 ff., Bünte 1993, Wellmer 1993, Bruck-
greifen zu können. Dieses Programm, das wir als »radikalen Reformismus« be- meier 1994). Nicht selten sind die Fälle, wo Regierungen selbst solche Einrich-
zeichnet haben (Hirsch 1990, Esser u.a. 1994), ist allerdings schon auf national- tungen für ihre Zwecke, z.B. zur Abschöpfung internationaler Hilfsgelder, schaf-
staatlicher Ebene nicht einfach zu denken und noch schwieriger zu realisieren. fen. Dazu kommt, daß auch staatsunabhängige Organisationen nationalstaatli-
Auf dem Feld der internationalen Politik stößt es auf noch erheblich größere chen Spaltungs- und Ausgrenzungsprozessen unterliegen, die politischen und
Probleme. materiellen Interessengegensätze zwischen kapitalistischen Zentren und Peri-
Die gegenwärtige Situation ist dadurch gekennzeichnet, daß das national- pherien, zwischen dem »Norden« und dem »Süden« widerspiegeln und durch
staatlich bestimmte und fragmentierte Gefüge der internationalen Institutionen, spezifische ökonomische Interessen und Klassenlagen geprägt sind. Je eigen-
das parlamentarisch ohnehin kaum kontrollierbar und beeinflußbar ist, um so ständiger und politisch autonomer sie sind, desto mehr unterliegen sie im übri-
mehr an demokratischer Substanz verliert, als auch die nationalen politischen gen organisatorischen Destabilisierungsprozessen und desto unvermittelter blei-
Systeme angesichts der kapitalistischen Globalisierungstendenzen einem schlei- ben sie ökonomischen Zwängen unterworfen. Es fehlen ihnen garantierte Zu-
chenden Entdemokratisierungsprozeß unterliegen. Um so unvermittelter schla- gänge und institutionalisierte Einflußmöglichkeiten auf die nationalen wie inter-
gen staatliche Kontroll- und Herrschaftslogik sowie die internationalen Un- nationalen staatlichen Politikprozesse. Auf der anderen Seite drohen sie um so
gleichheiten und Abhängigkeiten auch hier durch. Angesichts der materiellen mehr ihre Eigenständigkeit zu verlieren, je stärker sie sich in die herrschenden
Verelendung ganzer Subkontinente, überhandnehmender Menschenrechtsver- institutionellen Strukturen einklinken und zu akzeptierten Verhandlungspartne-
letzungen, von Kriegen und überlebensbedrohenden Umweltzerstörungen rinnen der Regierungen und der internationalen staatlichen Organisationen
scheinen die traditionellen Instrumente und Mittel staatlicher Politik immer un- werden. Die allgemeine Wertschätzung, der sich die »Nichtregierungsorganisa-
tauglicher zu werden. Aufgrund dieser Entwicklung haben sich sowohl auf na- tionen« derzeit erfreuen, bedarf also auf jeden Fall einer kritischen Überprü-
tionaler wie auf internationaler Ebene in wachsendem Umfang selbstorganisier- fung.
te politische Initiativen und Bewegungen – »Nichtregierungsorganisationen« Dennoch bezeichnet das Prinzip autonomer Selbstorganisation und Koope-
im weitesten Sinne – herausgebildet, die sich der staatlichen Herrschaftslogik zu ration außerhalb und gegen staatliche Strukturen auf nationaler wie internatio-
entziehen trachten und dabei unverkennbar einen zunehmenden Einfluß ausü- naler Ebene einen entscheidenden und unverzichtbaren Ansatz für demokrati-
ben. Eine wichtige Frage ist, ob sich in diesen Gebilden zukunftsweisende An- sche Politik. Eine folgenreiche Thematisierung globaler ökologischer Proble-
sätze für eine neue Form demokratischer Politik auf internationaler Ebene fin- me, der durch neue Bio- und Gentechnologien drohenden Risiken und ökono-
den lassen. mischen Abhängigkeiten, die Kritik herrschender Nicht- oder Fehl-»Entwick-
Zweifel daran sind durchaus berechtigt. Selbst wenn man einmal davon ab- lungs«-Konzepte sowohl in den Metropolen wie in der Peripherie oder der
sieht, daß auch multinationale Konzerne natürlich »Nichtregierungsorganisa- Kampf gegen nationalstaatliche Kriegslogiken und Menschenrechtsverletzun-
tionen« sind, gehorchen viele der sich selbst so nennenden Einrichtungen in gen wären ohne die damit verbundene Herstellung einer eigenen internationa-

190 191
len Öffentlichkeit, die Erzeugung eines von Staaten und multinationalen Unter- Bemühungen eines europäischen Netzwerks von Hilfs- und Menschenrechtsor-
nehmen unabhängigen Wissens und eine dies alles stützende internationale Ko- ganisationen wäre es nie zur Anklage der türkischen Regierung vor dem Eu-
operation überhaupt nicht denkbar. Vor allem eröffnet sich dadurch erst die ropäischen Gerichtshof wegen fortdauernder Menschenrechtsverletzungen im
Möglichkeit, Menschenrechte aus ihren etatistischen Beschränkungen und In- Zusammenhang mit dem Kurdistankonflikt gekommen. Selbst wenn eine Verur-
strumentalisierungen herauszulösen, d. h. den historischen Zwangszusammen- teilung der Türkei keine unmittelbaren Sanktionen nach sich ziehen würde, ist
hang von »Nationalstaat« und »Staatsbürgerrechten« zu lockern. In der Forde- die politische Wirkung dieses Verfahrens für die internationale Stellung und die
rung nach »offenen Grenzen« in der jüngsten deutschen Asyldebatte ist dieser innere Entwicklung dieses Landes keinesfalls zu unterschätzen. Überhaupt muß
Gegensatz von Staat und sozialer Bewegung besonders deutlich zum Ausdruck davon ausgegangen werden, daß eine funktionsfähige internationale Menschen-
gekommen, genauso wie dieses Beispiel auch zeigt, wie komplex selbstorgani- rechtsgerichtsbarkeit nur möglich ist, wenn sie sich auf die Unterstützung
siert-radikaldemokratische mit institutioneller Politik, in diesem Falle dem außerstaatlicher Ermittlungs- und Untersuchungsgruppen zu stützen vermag
Kampf um durchaus »bürgerliche« Verfassungsprinzipien, verbunden ist. Schließ- (vgl. Eckhart 1995). Wenn schließlich die großen internationalen Konferenzen
lich sind gerade die Gewährleistung und der Schutz von Differenzen, von sozia- der letzten Jahre wie beispielsweise die Rio-Konferenz, die Wiener UN-Men-
len, kulturellen und regionalen Besonderheiten, der sich mit der Geltung grund- schenrechts-, die Kairoer Weltbevölkerungs-, die Berliner Klima- oder die Pe-
legender demokratischer und menschenrechtlicher Prinzipien verbindet, nur kinger Frauenkonferenz wenigstens ein paar bescheidene Ergebnisse und Wir-
möglich, wenn es gelingt, nationalstaatliche Herrschaftsverhältnisse zumindest kungen hatten oder haben, dann vor allem wegen der dort selbst und in der po-
einzuschränken und zu relativieren. litischen Vorbereitung präsenten nichtstaatlichen politischen Gruppen. Von ei-
Daß auch »alternative«, selbstorganisierte politische Strukturen zunächst ner bloßen Zusammenkunft der Regierungsvertreter, sollte sie überhaupt zu-
nationalstaatlich geprägt und von entsprechenden Gegensätzen und Konflikten stande gekommen sein, wäre zweifellos so gut wie überhaupt nichts zu erwarten
durchzogen sind, spricht nicht grundsätzlich gegen die Möglichkeit einer wach- gewesen. Selbst wenn sich die Wirkung einer solchen Politik auf öffentliche
senden internationalen Kooperation und Verständigung auf dieser Ebene, die Skandalisierung oder die Verabschiedung von zunächst mehr oder weniger un-
den Unterdrückten, den Marginalisierten und den ausgegrenzten Interessen po- verbindlichen Programmen, Standards und Absichtserklärungen beschränkt, er-
litischen Rückhalt und die Chance einer öffentlich wirksamen Artikulation ge- zeugt sie zumindest einen auf längere Sicht wirksamen Legitimationsdruck,
gen die herrschenden politischen und ökonomischen Machtstrukturen gibt. kann politische Initiativen und Ansätze auf nationaler Ebene stärken, vermag
Voraussetzung dafür ist, daß jenseits der staatlichen Institutionen festere For- wichtige Informationen zu verbreiten und das öffentliche Bewußtsein allmählich
men internationaler Kooperation und Kommunikation entstehen. Mangels öko- zu verändern. Es gibt eine Wirksamkeit dieser Ebene internationaler Politik, die
nomischer Machtpositionen und angesichts des Fehlens einer institutionellen an formellen Macht- und Entscheidungskompetenzen nicht zu messen ist und
demokratischen Struktur auf internationaler Ebene kommt es zunächst vor al- diese doch erheblich beeinflußt.
lem darauf an, eine unabhängige Öffentlichkeit gegen die Staatsapparate und ge- Die schon heute sichtbaren Ansatzpunkte eines unabhängig vom System der
gen das kapitalistische Unternehmensgeflecht, nicht zuletzt auch gegen eine sich Nationalstaaten operierenden Geflechts von Projekten, Initiativen, Bewegungen
international beschleunigt monopolisierende Medienindustrie zu entwickeln. und Netzwerken sind höchst vielfältig. Sie reichen von den nationalen und in-
Ansätze dazu gibt es immerhin. Nicht nur in der praktischen Arbeit vieler Hilfs- ternationalen Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen über gewerkschaftliche
und Menschenrechtsorganisationen, die darauf abzielt, die Unterdrückung und Kooperationszusammenhänge, Ökologie- und Frauengruppen, internationale
Entwürdigung von Menschen öffentlich zu skandalisieren und lokale und regio- Solidaritätsbewegungen, Organisationen zum Schutz und zur Unterstützung
nale soziale und politische Strukturen zu stärken. Indigene Gruppen und Völker von Flüchtlingen gegen staatliche Gewalt bis hin zu Initiativen, die sich mit dem
kooperieren verstärkt über nationalstaatliche Grenzen hinweg und treten an die Aufbau eigener Produktions- und Handelsnetze und dem Schutz vor ökonomi-
internationale Öffentlichkeit. Der schließlich erfolgreiche Boykott des südafri- scher Diskriminierung und Ausbeutung befassen. Dazu kommen Initiativen und
kanischen Apartheidregimes wäre ohne die zähe Arbeit von Solidaritätsgruppen Projekte, die sich kritisch mit der Politik internationaler Organisationen wie
– vor allem in den USA – kaum zustande gekommen, genauso wie diese bei- dem IWF, der Weltbank oder der WTO befassen. Eine ganz entscheidende Be-
spielsweise einen wichtigen Anteil an der Änderung der Politik der Vereinigten deutung haben die Bemühungen um die Herstellung einer internationalen Pro-
Staaten gegenüber dem salvadorianischen Militärregime hatten. Ohne die duktionsöffentlichkeit, d. h. die Beschaffung und Verbreitung von Informatio-

192 193
nen über Forschungsaktivitäten, Technologie- und Investitionsstrategien, über zureichende Kräfte gibt, muß es zunächst einmal um eine Erweiterung der poli-
Lohn- und Arbeitsverhältnisse vor allem der internationalen Konzerne. Dies tischen Kontrolle und eine Veränderung der sozialen Rahmenbedingungen der
dürfte der einzige Weg sein, eine politische Kontrolle kapitalistischer Unterneh- kapitalistischen Akkumulationsdynamik gehen. Das ist, nachdem das fordisti-
mungen durchzusetzen, die sich der Beeinflussung durch nationalstaatliche Po- sche Regulationsmodell zerbrochen ist, nur durch eine umfassende Demokrati-
litik fast völlig entzogen haben. Der Kampf um Demokratie kann sich heute ge- sierung möglich, die über die herrschenden staatlichen Strukturen hinausgeht.
nausowenig auf eine Verbesserung der Nationalstaaten beschränken wie auf die Und erst aus einem solchen Prozeß heraus können sich auch sowohl die konkre-
Errichtung eines »Weltstaates« zielen. Was not tut, ist die Überwindung der über- ten politischen und institutionellen Formen als auch die sozialen Träger einer
kommenen Gestalt des Staates überhaupt. Es gilt, in globalem Maßstab für die neuen Gesellschaftsordnung entwickeln. Gar nicht einfach zu beantworten ist
Durchsetzung politischer Formen zu kämpfen, die jenseits des Gegensatzes von allerdings die Frage, auf welche Kräfte sich ein solcher Prozeß heute noch stüt-
»National«- und »Welt«-Staatlichkeit durch ganz neue und komplexere Verbin- zen könnte. Eine Politik der Befreiung kann jedenfalls nicht mehr nur als Klas-
dungen regionaler und globaler, zentraler und dezentraler politischer Organisa- senpolitik im nationalen Rahmen verstanden werden. Die Krise des Fordismus
tion gekennzeichnet sind. Es geht nicht um einen neuen und noch perfekteren hat »die« Linke weiter gespalten. Zwischen einer sozialdemokratisch-konserva-
Staat, sondern um die Schaffung neuer, dezentraler und kooperativ verflochte- tiven Linken, die defensiv an nationalstaatlichen Klassenkompromissen und der
ner Strukturen. Ein »Weltstaat« – selbst wenn er möglich wäre – würde notwen- subalternen Einbindung in das kapitalistische Modernisierungsprojekt festhält,
dig eine Instanz sein, die soziale Ungleichheiten befestigt und bestenfalls ge- immer noch vorhandenen orthodox-sozialistischen und den stärker gewordenen
waltsam befriedet. Die existierende Vielzahl der Staaten ist nicht nur eine Ga- libertär-alternativen Strömungen gibt es immer weniger politische Gemeinsam-
rantie für die Aufrechterhaltung kapitalistischer Klassen- und Herrschaftsver- keiten (Lipietz 1994). Gesellschaftliche Antagonismen jenseits des kapitalisti-
hältnisse, sondern – indem sie wesentlich die strukturelle »Besonderung« des schen Klassenverhältnisses und dennoch eng damit verkoppelt, insbesondere das
Staates und die Trennung von ökonomischer und politischer Herrschaft vermit- Natur- und Geschlechterverhältnis, sind bedeutsamer geworden. Mit der Erosi-
telt – auch Grundlage wenigstens liberaldemokratischer Verhältnisse. Ein on nationalstaatlicher Herrschaftsverhältnisse zerbricht die Vorstellung einer
»Weltstaat« böte demgegenüber weniger die Perspektive einer globalen »Zivili- abstrakten Freiheit und Gleichheit staatsbürgerlicher, d. h. einer normierenden
sierung« denn von universeller Unterdrückung und permanentem Bürgerkrieg. Zwangsgewalt unterworfener »Subjekte«. Differenzen des Geschlechts, des
Das freiheitliche Element, das in der Möglichkeit des Austritts aus einem politi- Wissens, der kulturellen und normativen Orientierung werden bestimmender
schen Herrschaftsverband – dem Exil – immerhin noch ruht, wäre mit ihm ver- (Balibar 1993, 99 ff.). Die Frage, auf was sich demokratische Gemeinschaftlich-
loren. Er müßte deshalb notwendig autoritäre oder totalitäre Strukturen aufwei- keit normativ gründen kann, stellt sich angesichts der kapitalistischen Globali-
sen (vgl. Narr/Schubert 1994, 233 ff.). sierung und der Transformation des Nationalstaatensystems deshalb schärfer
Eine revolutionäre Politik im traditionellen Verständnis ist nicht nur deshalb denn je, und damit wachsen auch die ethnisch und kulturell kodierten Konflikte.
unmöglich, weil Menschen nicht mittels Herrschaft und Zwang befreit werden Daher muß von der traditionellen Vorstellung privilegierter sozialer Akteure, ei-
können, sondern weil die Staaten entscheidende Politikspielräume eingebüßt nes »Zusammenfließens« und einer »Vereinheitlichung« der sozialen und de-
haben und die globale Machtstruktur durch ein komplexes Gefüge nationalstaat- mokratischen Kämpfe (so Roth 1994) endgültig Abschied genommen werden
licher, regionaler und supranationaler politischer Institutionen und von diesen (Laclau/Mouffe 1991, 207 ff.). Wenn es darum geht, die demokratische Revolu-
immer unabhängiger operierender multinationaler Unternehmen bestimmt tion auf immer weitere gesellschaftliche Bereiche auszudehnen, so werden damit
wird. Daß Macht ein Zentrum hätte, vom dem aus die Gesellschaft kontrolliert auch die Begriffe von Demokratie, Freiheit und Emanzipation anders, komple-
und gesteuert werden kann, entspricht weniger denn je der Realität. Gesell- xer und vielfältiger. Demokratisierung ist nur als Kampf und Auseinanderset-
schaftliche Veränderung bedarf deshalb nicht nur der Entwicklung ganz neuer zung um divergierende Demokratie-, Gesellschafts- und Emanzipationsvorstel-
politischer Formen und Institutionen, sondern auch einer Revision des Revolu- lungen denkbar. Entscheidend ist, politische und institutionelle Formen zu fin-
tionsbegriffs selbst. Es geht um einen Prozeß gesellschaftlicher Veränderung, den, in denen diese Konflikte offen und öffentlich ausgetragen werden können
der prinzipiell dezentral und vielfältig, auf mehreren gesellschaftlichen Ebenen und in denen es möglich wird, Übereinstimmungen zu erarbeiten und Kompro-
gleichzeitig ansetzen muß. Da es für die unmittelbare Durchsetzung einer nicht- misse zu formulieren. Während alte politische und »Klassen«-Fronten zerbro-
kapitalistischen Gesellschaftsverfassung derzeit weder plausible Konzepte noch chen oder geschwächt sind, wächst die Forderung nach der Realisierung von

194 195
Demokratie und Menschenrechten weltweit. Es gibt inzwischen unverkennbar rer Verhältnisse, komplexer infrastruktureller Vorbedingungen, administrativer
eine Art übergreifender und international orientierter Demokratie- und Men- Organisationspotentiale und der – wenn auch unterschiedlich – qualifizierten
schenrechts»bewegung«, die sich aus ihren etatistischen und imperialistischen und motivierten ArbeiterInnenschaft (Polanyi 1990). Die technologische Revo-
Fesseln zu befreien beginnt. Sie hat ihre Wurzeln in der Krise des fordistischen lution, die Grundlage und Ausdruck des neu sich durchsetzenden globalen Ak-
Kapitalismus und in dem dadurch ausgelösten Globalisierungsschub, im Nieder- kumulationsregimes ist, macht die multinationalen Unternehmen auch von
reißen nationalstaatlicher Grenzen durch das Kapital selbst, in der Schwächung ihren »Standorten« abhängiger. Gerade deshalb steht der Kampf um materielle
der Nationalstaaten, dem Scheitern etatistischer Wachstums- und Entwick- Lebensbedingungen, Arbeitsplatzsicherheit, einen schonenden Umgang mit
lungsmodelle, wachsenden Wanderungs- und Fluchtbewegungen sowie dem natürlichen Ressourcen oder den Ausbau sozialer – wenn auch in ihren beste-
Zerfall überkommener Gemeinschaften und sozialer Bindungen. Dies gilt trotz henden Formen sicher reformbedürftigen – Sicherungssysteme keinesfalls in ei-
der regressiven Entwicklungen, die als Folge der Widersprüche des Globalisie- nem einfachen Gegensatz zur »Logik« des Kapitals und zur Dynamik des globa-
rungsprozesses in Form von Rassismus, Nationalismus und Fundamentalismus len Akkumulationsprozesses. Es kommt darauf an, die Auseinandersetzungen
zu verzeichnen sind. Die einen Demokratisierungsprozeß antreibenden Kräfte um die Gestalt eines »postfordistischen« Akkumulations- und Regulationsmo-
sind dadurch zwar uneinheitlicher, gespaltener und heterogener, aber potentiell dells so zu führen, daß dieses eine demokratischere und sozialere Gestalt an-
auch stärker geworden. Eine Demokratisierung, die die Schranken des Natio- nimmt. Daß die gesellschaftlichen Konfliktachsen komplexer sind als früher, daß
nalstaats überschreitet, erfordert nicht nur die Entwicklung und Institutionali- neben dem Kapitalverhältnis – und mit diesem eng verknüpft das Natur- und
sierung neuer ökonomisch-sozialer Strukturen auf internationaler Ebene, son- Geschlechterverhältnis – Nationalismus und Rassismus bestimmender gewor-
dern auch eine politisch-institutionelle Reorientierung auf dem Feld des Natio- den sind, verlangt eine ganz andere Verbindung der gesellschaftlichen Akteure,
nalstaats selbst. Daß der politische Prozeß dahin tendiert, den Kategorien des von traditionellen Interessenorganisationen und »neuen« Bewegungen. Ent-
Nationalstaats zu entgleiten (Held 1991, 204), heißt nicht, daß dieser als Hand- scheidend wird sein, daß dabei erkannt wird, daß die Strategie des nationalen –
lungszusammenhang vernachlässigt werden könnte. Globale demokratische oder auch europäischen – »Festungsbaus« grundsätzlich nicht zukunftsweisend
Strukturen brauchen ein Fundament und einen Rückhalt dort, wo immer noch ist. Eine wohlfahrtschauvinistische Politik der Abschottung metropolitaner
wesentliche Machtpotentiale und Regulationskompetenzen liegen, ein ausgebil- High-tech-Inseln, die die Sicherung relativer materieller Privilegien zu Lasten
detes institutionelles Gefüge vorhanden ist, soziale Kompromisse wirksam kodi- der Peripherie zu erreichen versucht, ist schon deshalb zum Scheitern verurteilt,
fiziert und durchgesetzt werden können (Lipietz 1994). Der Kampf um die weil sie innergesellschaftliche Spaltungsprozesse notwendig weiter vorantreibt,
Durchsetzung eines Regulationsmodells, das eine demokratischere und sozialere internationale Ungleichheiten verschärft, gewaltsame Konflikte eskalieren läßt
Alternative zum neoliberalen bietet, muß deshalb hier, auf nationalstaatlicher und ökonomisch ebenso wie sozial und ökologisch extrem krisenträchtig ist.
Ebene, ansetzen. Dabei gilt es zu erkennen, daß die geläufigen Thesen von der Es geht also darum, auf nationalstaatlicher Ebene soziale Kompromisse zu
»Aushöhlung« des Nationalstaats und von einer radikalen Beschneidung natio- erkämpfen, die mit anderen Formen der Weltmarkteinbindung und der interna-
nalstaatlicher Politikspielräume einer genaueren Überprüfung kaum standhalten tionalen Kooperation verbunden sind: eine neue Weltwirtschaftsordnung, die
und insgesamt eher ideologische – wenn auch oft im wissenschaftlichen Gewand der sich faktisch durchsetzenden »internationalen Arbeitsteilung« Alternativen
vorgetragene – Propagandaformeln darstellen, mit deren Hilfe die Durchset- entgegensetzt, eine Umweltpolitik, die sich nicht auf die schlichte Externalisie-
zung kapitalistischer Rationalisierungs- und Restrukturierungsprozesse legiti- rung ökologischer Kosten und Belastungen reduziert, ein Menschenrechte und
miert werden soll. Die Behauptung, Regierungen hätten in entscheidenden Fra- soziale Standards achtender Umgang mit Migrations- und Fluchtbewegungen
gen der Wirtschafts,- Sozial- und Umweltpolitik angesichts der kapitalistischen und vieles andere mehr. Dies allerdings erfordert eine Veränderung der Arbeits-
Globalisierung überhaupt keine Spielräume mehr, konstruiert einen »Sach- und Lebensformen, der Konsumstile und Wertemuster, die auch materielle Op-
zwang Weltmarkt«, der zumindest in dieser Schärfe nicht vorhanden ist. Wie fer und den Bruch mit herkömmlichen materiellen und kulturellen Orientierun-
gezeigt, ist das Kapital, was die Wahl seiner »Standorte« angeht, keinesfalls un- gen einschließt. Voraussetzung dafür ist ein gesellschaftlicher Konsens, der nur
beschränkt flexibel. Der Akkumulationsprozeß bedarf auch im globalen Maßstab demokratisch erreicht werden kann. Damit stellt sich die Frage nach der Taug-
einer lokalen, regionalen und nationalstaatlichen politisch-sozialen Einbettung, lichkeit des bestehenden politischen Institutionengefüges angesichts der globa-
d. h. einer krisen- und konfliktvermeidenden Regulation, politisch kalkulierba- len ökonomischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in zugespitzter Form.

196 197
Zwar gilt auf der nationalen wie auf der internationalen Ebene, daß eine demo- Die existierende kapitalistische Demokratie verbindet Freiheit und Gleich-
kratische Veränderung gesellschaftlicher Strukturen von außerstaatlichen Initia- heit mit dem Prinzip einer abstrakten, durch nationalstaatliche Ausgrenzung
tiven und Bewegungen ausgehen muß, daß Selbstorganisation, eigenständige In- und Normierung bestimmten Staatsbürgerschaft unter Ausblendung realer so-
teressenwahrnehmung und unmittelbare gesellschaftliche Praxis die Wurzel zialer Lagen und gesellschaftlicher Differenzen. Dies ist die Grundlage der fun-
emanzipativer Umwälzungsprozesse sind (Wolin 1992). Darüber hinaus schließt damentalen Beschränkungen, die diese kennzeichnet. War es möglich, ökono-
eine reale Veränderungsperspektive, die die augenblicklichen Tendenzen zur mische Ungleichheiten durch staatliche Umverteilungspolitiken wenigstens par-
Ghettoisierung der radikaleren Protestbewegungen bei gleichzeitiger Abschot- tiell auszugleichen, so gilt dies nicht mehr auf die gleiche Weise für die Ge-
tung der bürokratischen Apparate gegenüber gesellschaftlichen Interessen auf- schlechter- oder Generationendifferenz oder divergierende lebensweltliche, kul-
hebt, nicht nur die Entwicklung eigener institutioneller »Bewegungsnetzwerke« turelle und moralische Orientierungen, die im Zuge der Spaltung, Heterogeni-
(Roth 1994), sondern vor allem auch eine durchgreifende Veränderung der exi- sierung und »Individualisierung« der Gesellschaft bestimmender werden. Bali-
stierenden staatlich-politischen Apparatur und der sie tragenden Verfassungs- bar umschreibt diesen Zusammenhang mit der Frage: »Wie kommt man von der
prinzipien ein. Die Durchsetzung einer neuen Regulationsweise, die auf natio- universellen zur singulären Wahrheit, das heißt, wie läßt sich in die Singularitä-
naler Ebene Grundlage einer demokratischeren und sozialeren Weltordnung ten das Programm von Freiheit-Gleichheit ... einschreiben?« (Balibar 1993,
sein könnte, bedarf einer institutionellen Reform der real existierenden Demo- 123). Dieses Problem läßt sich nicht abstrakt lösen, sondern nur durch konkrete
kratie, die die Beschränkungen des liberaldemokratisch-nationalstaatlichen Mo- institutionelle Veränderungen angehen.
dells allmählich überwindet. Angesichts einer Entwicklung, die zur Herausbil- Das Problem verschärft sich durch die Entwicklung zu einer immer komple-
dung eines neuen Typs des autoritären Etatismus innerhalb des formellen Rah- xer »verwissenschaftlichten« Gesellschaft, die kaum mehr mit den traditionellen
mens der überkommenen demokratischen Institutionen zu führen scheint, ist Mitteln zentralisierter politischer Macht, Recht und Geld zu steuern ist und die
dies von höchster Aktualität. Ein »radikaler Reformismus«, wie er oben skizziert zu ihrer Reproduktion statt Unterwerfung unter das Gesetz die aktive Mitwir-
wurde, schließt deshalb notwendig auch eine institutionelle Politik und institu- kung der Menschen bei der Gestaltung der sozialen Verhältnisse verlangt (Preuß
tionelle Kämpfe ein. 1990, Offe/Preuß 1991). Die Umwälzungen, denen die Gesellschaft durch die
Bereits Ulrich Beck hat nachdrücklich auf die Untauglichkeit des bestehen- wissenschaftlich-technische Entwicklung unterliegt, hat diese praktisch zu ei-
den liberaldemokratischen Institutionengefüges angesichts der Tendenzen hin- nem Experimentierfeld staatlich-industrieller Komplexe mit immer unkalkulier-
gewiesen, die er mit »Individualisierung«, der Erosion stabiler gesellschaftlicher bareren Risiken und Folgen werden lassen, einem Experimentierfeld, das sich
»Lager«, der Herausbildung einer aktiven »Bürgergesellschaft« und einer »Re- aufgrund der vorgegebenen institutionellen Macht- und Entscheidungsstruktu-
naissance der politischen Subjektivität« beschreibt (Beck 1993, 149 ff.). Sieht ren durch eine zunehmende »organisierte Unverantwortlichkeit« auszeichnet
man über die höchst ideologische Konnotation dieser Begrifflichkeit hinweg, die (Preuß 1990, 73 ff.). Mit der Entkoppelung von wissenschaftlichem und gesell-
sich der systematischen Ausblendung der diese Prozesse vorantreibenden gesell- schaftlichem Fortschritt ist auch die Fiktion eines allgemeinen Konsenses be-
schaftlichen Widersprüche und Zwänge verdankt, so weist dies doch darauf hin, züglich der Gestalt einer vernünftigen Ordnung und Entwicklung der Gesell-
daß die gesellschaftliche Entwicklung über die Form des nationalstaatlichen, von schaft zerbrochen. Für das soziale Paradigma des Fordismus – Wachstum des
übergreifenden politischen Parteien verwalteten Repräsentativsystems längst Warenreichtums, technischer Fortschritt und grenzenlose Naturausbeutung –
hinweggeschritten ist. Zwar kann das Auftreten der »neuen sozialen Bewegun- gibt es keinen Nachfolger. Diese Entwicklung hat nicht nur grundlegende ent-
gen«, auf das Beck sich bezieht, als eine Reaktion auf dieses Dilemma gesehen scheidungstechnische Probleme, sondern Betroffenheiten und sozialmoralische
werden, doch selbst da, wo es eine entwickelte Bewegungspolitik gab – wie in Konflikte aufgeworfen, denen mit den Mitteln parlamentarischer Mehrheitsent-
der Bundesrepublik Deutschland –, blieb die institutionelle Struktur des politi- scheidung, soweit sie jenseits einer formellen Bestätigung anderswo getroffener
schen Systems völlig unangetastet. Real hat sich eher die Tendenz zur Absorpti- Festlegungen überhaupt noch stattfindet, kaum beizukommen ist. Die staatli-
on der Bewegungen durch die Institutionen durchgesetzt. Gerade dies verweist chen Organe können über die dafür notwendigen Kriterien und Informationen
nachdrücklich auf den Stellenwert einer nicht an einzelnen Problemfeldern und überhaupt nicht mehr verfügen, zumal wenn die Auswirkungen ihrer Entschei-
Interessen orientierten institutionellen Reformpolitik, die sowohl auf eine prak- dungen zum Zeitpunkt der Ratifizierung kaum absehbar sind, noch können sie
tische Ausweitung wie auf eine Reformulierung des Demokratiebegriffs zielt. auf eine verallgemeinerte moralische Legitimität bauen (Preuß 1990). Aus die-

198 199
sen Überlegungen resultiert eine Reihe sowohl verfassungstheoretischer als sich nicht nur nicht innerhalb der bestehenden politischen Institutionen ent-
auch institutionenpolitischer Folgerungen. Zunächst einmal verbietet sich unter wickeln, sondern muß darüber hinaus auch als regel- und institutionenverän-
Berücksichtigung eines konsequenten Begriffs von Volkssouveränität bei gleich- dernde, als »Politik der Politik« begriffen werden, wie Beck dies nennt (Beck
zeitiger Anerkennung nicht aufhebbarer gesellschaftlicher Differenzen eine in- 1993, 204 ff., vgl. dazu auch Preuß 1990, Maus 1992, 203 ff., Narr/Schubert
haltliche Festlegung gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen und Ziele auf der 1994, 202 ff.). Demokratische Politik kann sich weniger denn je auf die Verab-
Ebene des Verfassungsrechts. Eine demokratische Verfassung kann kein Werte- schiedung von Gesetzen auf der Basis parlamentarischer Mehrheitsentscheidung
kodex sein, sondern muß als System von Verfahrensregeln begriffen werden, und auf deren administrative Ausführung beschränken. Angesichts des Über-
durch die eine in ihren konkreten Inhalten nicht vordefinierte Volkssouveränität handnehmens von Ermächtigungs-, Opportunitäts- und Generalklauseln in der
zum Ausdruck kommt (Maus 1992, 203 ff., Preuß 1990). Dies steht in einem kla- herrschenden Gesetzgebung ist demokratisch legitimierte legislative Steuerung
ren Gegensatz zur herrschenden Tendenz einer Resubstantialisierung des Ver- ohnehin oft genug nur noch eine Fiktion. Sie muß statt dessen vor allem Verfah-
fassungsrechts, wie sie beispielsweise bei den Entscheidungen des Bundesverfas- rensregelungen und Prozeduren festlegen, die die Beteiligung unterschiedlicher
sungsgerichts zur Reform des Paragraphen 218 StGB, aber auch vielen anderen Gruppen an öffentlichen Diskussions- und Aushandlungs- und Kompromißbil-
und weniger spektakulären zum Ausdruck gekommen ist. Inhaltliche Staatsziel- dungsprozessen (»runde Tische«) festlegen, die unter bestimmten Bedingungen
bestimmungen, mögen sie aktuell auch noch so progressiv erscheinen, haben Vetorechte, Moratorien oder die kontinuierliche Überprüfung einmal getroffe-
deshalb keinen Platz in einer Verfassung. Die der politischen Auseinanderset- ner Entscheidungen ermöglichen und sowohl plebiszitäre Entscheidungsrechte
zung entzogene Kodifizierung ethisch-moralischer Fragen oder gesellschaftli- als auch einen qualifizierten Minderheitenschutz garantieren. Entscheidend da-
cher Ordnungsvorstellungen steht im Widerspruch zu einem Konzept von De- bei wäre, gleiche Rechte auf Verfahrensbeteiligung gegen die existierenden ge-
mokratie, das sich nicht auf die in feudalen Kategorien begriffene »Mitwirkung« sellschaftlichen Ungleichheiten zu gewährleisten (Maus 1992, 219). Das einfa-
des Volkes beschränkt, sondern Volkssouveränität als Grundlage eines offenen che und durch den parlamentarischen Repräsentationsmechanismus vermittelte
politischen Prozesses ernst nimmt. Die Existenz einer Vielzahl von in ihren Le- Mehrheitsprinzip hat angesichts der Komplexität von Interessen und Problemen
bens- und Wertvorstellungen unterschiedlichen Menschen steht in einem klaren erheblich an demokratischer Legitimität und politischer Rationalität eingebüßt.
Gegensatz zur Fiktion eines inhaltlich definierten »Allgemeinwillens«. Die ein- Sie können von den bei einer Wahl zur Verfügung stehenden (partei-)politi-
zige gemeinsame normative Grundlage, auf der Volkssouveränität beruhen schen Alternativen schon lange nicht mehr ausgedrückt werden (Preuß 1990).
kann, ist die Anerkennung dieses Prinzips selbst und damit zusammenhängend Dies ist ein wesentlicher Grund für die aktuellen Erscheinungen von »Poli-
die Verständigung über die Geltung grundlegender Menschenrechte. Erst der tikverdrossenheit« und der tendenziellen Erosion der traditionellen volkspartei-
Verzicht auf einen – entweder vorausgesetzten oder herzustellenden – »Allge- lichen Blöcke. Und schließlich geht es nicht nur um eine plebiszitäre Reform der
meinwillen« läßt es zu, gesellschaftliche Differenzen im Rahmen von Freiheit institutionalisierten Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse, sondern an-
und Gleichheit auszudrücken und wirksam werden zu lassen. Der scheinbare gesichts einer wachsenden Komplexität des gesellschaftlichen Regulationszu-
Widerspruch zwischen dem Begriff der Volkssouveränität und der Realität einer sammenhangs zugleich um deren weitgehende Dezentralisierung, das heißt die
durch eine Vielzahl von Trennungen geprägten Gesellschaft wird aufgehoben, Rückverlagerung politischer Kompetenzen auf die lokale und regionale Ebene.
wenn Volkssouveränität nicht als vorgegebener Inhalt, sondern als Fähigkeit zur Regionale und lokale ökonomisch-gesellschaftliche Zusammenhänge innerhalb
Schaffung eigener Aushandlungs-, Kompromiß- und Entscheidungsverfahren und quer zu den nationalstaatlichen Grenzen gewinnen im Zuge der Globalisie-
im Rahmen einer aufklärenden öffentlichen Diskussion begriffen wird. »Das rung des Kapitals ohnehin eine wachsende Bedeutung (Lipietz 1992, Castells
Allgemeine der heutigen Gesellschaft kann angesichts ihrer extremen inhaltli- 1994). Die damit verbundene Aushöhlung nationalstaatlicher demokratischer
chen Parzellierung nur noch ein Prozedurales sein« (Maus 1992, 226, vgl. auch Systeme wird durch die Ausbreitung internationaler Organisationen keinesfalls
Preuß 1990). kompensiert. Schon deshalb ist die Stärkung demokratischer Institutionen auf
Dies berührt allerdings nicht nur das herrschende liberaldemokratische Ver- lokaler und regionaler Ebene notwendig. Sie ist aber vor allem auch eine we-
fassungsverständnis, sondern hat institutionelle Konsequenzen, die zur Revision sentliche Voraussetzung dafür, die Möglichkeiten zu einer demokratischen
einiger Grundprinzipien des bestehenden Repräsentativsystems und zu dessen Selbstbestimmung in unmittelbar praktischen Angelegenheiten materiell weiter
institutioneller Umformung zwingen. Gesellschaftsverändernde Politik kann zu entwickeln (Lipietz 1991, 491 ff., Held 1991, 227 ff.). »Fest steht ..., daß die

200 201
globalen Größenordnungen nur dann demokratisch-menschenrechtlich bear- Menschen- und Bürgerrechten zu überwinden, politische und soziale Men-
beitet werden können, wenn die Größenordnungen regional und lokal verklei- schenrechte unabhängig von Staatsbürgerschaft nicht nur besser zu garantieren,
nert und politisch bearbeitbar gemacht werden« (Narr/Schubert 1994, 255). sondern vor allem weiterzuentwickeln und damit auch der Forderung nach »of-
»Föderalisierung« ist deshalb ein wesentlicher Bestandteil institutioneller De- fenen Grenzen« näher zu kommen. Gerade wenn fortschreitende Demokratisie-
mokratisierung. Sie gewinnt nur dann reale Substanz, wenn regionale und loka- rung das Ziel ist, kann es nicht darum gehen, politische Grenzen als Grundlage
le politische Einheiten über ausreichende eigene und unabhängig verfügbare po- überschaubarer und kontrollierbarer Institutionen und Verfahren einfach abzu-
litische Entscheidungskompetenzen und materielle Mittel verfügen. Und sie schaffen. Wichtiger ist es, Grenzen sowohl neu und anders zu definieren als
müßte mit einer Abrüstung des nationalstaatlichen »Gewaltmonopols« zumin- auch durchlässig zu machen und das grundlegende Freiheitsrecht, territoriale
dest in bezug auf die Militär- und Polizeiapparate verbunden sein, ohne die eine politische Einheiten sowohl verlassen zu können als auch darin Aufnahme zu
halbwegs friedliche »Weltordnung« überhaupt nicht zu denken ist. finden, generell anzuerkennen und zu stärken. Wenn die aktuellen kapitalisti-
Wichtig ist allerdings, daß durch einen solchen politischen Dezentralisie- schen Globalisierungstendenzen eine fortschreitende Aushöhlung demokrati-
rungsprozeß der Wettlauf der Standorte und die damit verbundenen Tendenzen scher Institutionen und eine rapide Vergrößerung internationaler sozialer Un-
der räumlichen Abschottung und des Errichtens immer neuer Mauern und gleichheiten beinhalten, dann können bestehende politische Strukturen nicht
Grenzen nicht noch unterstützt werden (vgl. dazu Peck/Tickell 1994). National- einfach niedergerissen, sondern müssen neu entwickelt, dezentral, förderativ
staatliche und internationale politische Institutionen sind daher nicht überflüs- und kooperativ verbunden werden. Die herrschende Logik des globalisierten
sig, sondern müßten mit veränderten Funktionszuweisungen sowohl demokrati- Kapitalismus besteht darin, das Kapital international zu flexibilisieren, die Men-
siert als auch gestärkt werden, etwa durch erweiterte Kompetenzen zur Festle- schen in nationalstaatlichen Grenzen festzuhalten, vorhandene demokratische
gung rechtlicher, sozialer und ökologischer Mindeststandards und zur verbindli- Institutionengefüge zerbröseln zu lassen und damit profitable politisch-soziale
chen Kodifizierung übergreifender Übereinkommen und sozialer Kompromis- Ausgrenzungs- und Spaltungsprozesse zu vertiefen. Dem kann nicht allein durch
se. Darüber hinaus würde es zu ihren wesentlichen Aufgaben gehören, analog die Forderung nach einer umfassenden Mobilität, sondern muß auch durch das
zur oben beschriebenen nationalstaatlichen Ebene institutionelle Rahmenbedin- Bemühen um die Rekonstruktion demokratischer Verhältnisse jenseits von Na-
gungen und Verfahrensregeln für demokratisch kontrollierte Kooperations- und tional- und »Welt«-Staat begegnet werden. Ein den neuen globalen Bedingun-
Verhandlungssysteme zwischen regionalen und lokalen politischen Einheiten zu gen vielleicht angemessener »weltbürgerlich geöffneter Lokalismus« (Narr/
garantieren (Maus 1992, 225). Schubert 1994, 256) ist nicht nur eine Frage des richtigen Bewußtseins, sondern
Es käme also darauf an, die mit der Globalisierung des Kapitals verbundene der praktischen Neugestaltung der politischen Institutionen.
Funktionsveränderung des Nationalstaatensystems nicht passiv hinzunehmen, Was dies bedeutet, kann nochmals an der Forderung nach »offenen Gren-
sondern aktiv politisch-institutionell zu gestalten. Dies umfaßt sowohl eine grund- zen« verdeutlicht werden, die in den Auseinandersetzungen um die Abschaffung
legende Revision der politischen Beteiligungs- und Entscheidungsverfahren als des deutschen Asylrechts 1993 eine wichtige Rolle gespielt hat. Als radikale Ge-
auch die räumliche Neudefinition politischer Gemeinschaften, also Föderalisie- genposition zur herrschenden Politik der bewaffneten Abschottung einer kapita-
rung im weitesten Sinne. Was auf der Tagesordnung stünde, wäre die Errich- listischen Wohlstandsfestung war sie zweifellos richtig und angemessen, konnte
tung eines gänzlich neuen und komplexeren Systems demokratischer Entschei- sich aber nur schwer dem Vorwurf des abstrakt Utopischen und damit politi-
dungsrechte sowie »checks and balances« in sowohl räumlicher wie auch funk- scher Unverbindlichkeit entziehen, solange sie auf nichts anderes als die – in lo-
tionaler Hinsicht, verbunden mit einer völlig veränderten Funktions- und Kom- gischer Konsequenz darin angelegte – Beseitigung des Nationalstaats zielte.
petenzdefinition der verschiedenen politischen Ebenen. Im Zuge der Globalisie- Diese liegt nun allerdings – zumindest was die auf dieser Ebene mögliche Ga-
rung des Kapitals haben die traditionellen bürgerlich-demokratischen Kategori- rantie von Demokratie und Menschenrechten angeht – in gewissem Sinne oh-
en von »Staat«, »Volk« und »Nation« entscheidend an Bedeutung verloren nehin in der Logik der herrschenden Entwicklung. Die Tatsache, daß die existie-
(Preuß 1990, Balibar 1993, 98). Dieser Entwicklung muß auch bei der Gestal- rende Form der Demokratie einschließlich ihrer Grenzen und Beschränkungen
tung der politischen Institutionen Rechnung getragen werden. Erst ein institu- historisch und strukturell an die Herausbildung des bürgerlichen Nationalstaats
tioneller Umbau, der die bestehenden nationalstaatlichen Formen überschreitet, gebunden war, läßt sich nicht einfach überspielen. Wenn durchaus zu Recht die
schafft schließlich eine Voraussetzung dafür, die herrschende Trennung von Aufhebung der politischen Form des Nationalstaats verlangt wird, so gewinnt

202 203
diese Forderung zumindest in längerer Perspektive nur dann Plausibilität und pathie und Unterstützung, die sie gewonnen hat, zumindest einen Vorschein
Überzeugungskraft, wenn sie sich mit Überlegungen zur institutionellen Neu- dessen vermittelt, was eine radikal demokratische Politik im globalen Maßstab
gestaltung demokratischer Strukturen und Prozesse auf globaler Ebene verbin- bedeuten könnte. Eine demokratische Bewegung kann zweifellos auf viele schon
det. Es geht also auch darum, was politisch an die Stelle der nationalstaatlich-li- bestehende Ansätze und inzwischen auch auf langen Erfahrungen aufbauen, und
beralen Demokratie gesetzt werden kann. Das Dilemma besteht darin, daß alle sie gewinnt Rückhalt durch die wachsende Einsicht in die zerstörerische Irratio-
Versuche zu einer auf politische Institutionalisierungsformen jenseits des Natio- nalität der herrschenden ökonomisch-politischen Weltordnung. Ohne sie wird
nalstaats gerichteten Neubegründung von Demokratie in klarem Widerspruch sich die Entwicklung der Welt auf das reduzieren, was in großen Bereichen be-
zu der Realität der sich globalisierenden kapitalistischen Produktionsverhältnis- reits Wirklichkeit ist: sich ungehemmt durchsetzender Kapitalismus als globales
se stehen. In der Tat ist, wie Narr und Schubert betonen, die Politisierung der Katastrophenprogramm.
Ökonomie, d. h. ein Zustand, in dem unternehmerische Strategien und Ent-
scheidungsprozesse zum Gegenstand einer folgenreichen öffentlichen Diskussi-
on und Kontrolle gemacht werden, die entscheidende Voraussetzung eines De-
mokratisierungsprozesses, der die Schranken des liberaldemokratischen Natio-
nalstaats durchbricht. Eine »Repolitisierung der Politik« (Narr/Schubert 1994,
254) muß die bestehende, auf der Trennung von »privat« und »öffentlich«, von
»Politik« und »Ökonomie« beruhende politische Form und damit den Staat im
hergebrachten Sinne aufheben. Erst unter diesen Voraussetzungen wären insti-
tutionelle Reformen im oben angedeuteten Sinne wirklich durchsetzbar. Dieser
Widerspruch läßt sich nur im Sinne eines »radikalen Reformismus« aufheben,
d. h. eines politischen Kampfs, der auf eine international verflochtene politische
Selbstorganisation unabhängig von den herrschenden Institutionen begründet
ist und der gleichwohl schrittweise institutionelle Reformen zum Ziel hat. Eine
Politik, die auf die Realisierung und Ausweitung von Demokratie und Men-
schenrechten gerichtet ist, kann nicht von den bestehenden politischen Institu-
tionen ausgehen und muß trotzdem institutionell sein, d. h. auf den Umbau des
politischen Systems zielen. Erst in einem solchen Kampf und mit den dabei ge-
machten Erfahrungen kann das Konzept einer neuen und freieren Gesellschaft
jenweits von Kapitalismus und Staatssozialismus konkretere Züge annehmen.
Gerade deshalb, weil die Globalisierung des Kapitals die Grundlagen historisch
einmal erkämpfter demokratischer Verhältnisse und damit die Voraussetzungen
einer darüberhinausgehenden Politik der Befreiung zu zerstören droht, bedarf es
einer umfassenden und radikalen, das nationalstaatliche System überschreiten-
den demokratischen Bewegung. Ihre Möglichkeit gründet in der Annahme, daß
über bestehende politische, ökonomische und kulturelle Grenzen hinweg eine
Verständigung über die inhaltlichen Bestimmungen von Demokratie und Men-
schenrechten möglich ist, selbst wenn dies harte Auseinandersetzungen und
Konflikte einschließt. Die zapatistische Rebellion im südmexikanischen Bundes-
staat Chiapas – nicht ganz zu Unrecht des öfteren als erste »postsozialistische«
Befreiungsbewegung charakterisiert – hat mit ihrer Verbindung von materiell-
sozialen und politisch-demokratischen Zielen und mit der internationalen Sym-

204 205
Literaturverzeichnis Bobbio, Norberto 1988: Gramsci and the concept of civil society, in: J. Keane (Ed.), Civil so-
ciety and the state, London
Boeckh, Andreas 1992: Entwicklungstheorien: Eine Rückschau, in: D. Nohlen, F. Nuscheler
(Hg.), Handbuch der Dritten Welt, 3. Auflage, Bonn
Böhret, Carl 1993: Funktionaler Staat, Frankfurt/M.
Aglietta, Michel 1976: Régulation et crises du capitalisme. L’expérience des États-Unis, Paris
Bonder, Michael u. a. 1993: Vereinheitlichung und Fraktionierung in der Weltgesellschaft, in:
Agnew, John 1994: The territorial trap: the geographical assumptions of international theory, PROKLA Nr. 91, S. 327 ff.
in: Review of international political economy, Vol. 1, Nr. 1, S. 53 ff.
Bonder, Michael und Röttger, Bernd 1993: Eine Welt für alle? Überlegungen zu Ideologie und
Agnoli, Johannes 1990: Die Transformation der Demokratie, Freiburg Realität von Fraktionierung und Vereinheitlichung im globalen Kapitalismus, in: Nord-
Albrecht, Ulrich 1994: Weltordnung und Vereinte Nationen, in: PROKLA Nr. 95, S. 242 ff. Süd-aktuell, Jg. VII, Nr. 1, S. 60 ff.
Altvater, Elmar 1987: Sachzwang Weltmarkt, Hamburg Boyer, Robert 1986: La théorie de la régulation: une analyse critique, Paris
Altvater, Elmar 1991: Die Zukunft des Marktes, Münster Boyer, Robert 1992: Neue Richtungen von Managementpraktiken und Arbeitsorganisation, in:
Altvater, Elmar 1992: Fordist and post-fordist international division of labor and monetary re- A. Demirovic u. a. (Hg.), Hegemonie und Staat, Münster
gimes, in: M. Storper, A. J. Scott (Eds.), Pathways to industrialization and regional deve- Braunmühl, Claudia v. 1973: Weltmarktbewegung des Kapitals, Imperialismus und Staat, in:
lopment, New York C. v. Braunmühl u. a., Probleme einer materialistischen Staatstheorie, Frankfurt/M.
Altvater u. a. 1987: Die Armut der Nationen. Handbuch zur Schuldenkrise, Berlin Bruckmeier, Karl 1994: Nichtstaatliche Umweltorganisationen und die Diskussion über die
Altvater, Elmar und Hübner, Kurt 1989: The end of the U. S. american empire?, in: W. Väth neue Weltordnung, in: PROKLA, Nr. 95, S. 227 ff.
(Hg.), Political regulation in the »great crisis«, Berlin Bünte, Michael 1993: Möglichkeiten und Grenzen der Entwicklung durch Süd-NRO, in: M.
Amin, Ash und Malmberg, Andersson 1995: Competing structural and institutional influences Massarat u. a. (Hg.), Die Dritte Welt und Wir, Freiburg
on the geography of production in Europe, in: A. Amin (Ed.), Post-Fordism, Oxford und Buntzel, Rudolf 1995: Vom neuen Welthandelssystem haben die Armen wenig zu erwarten, in:
Cambridge, Mass. Frankfurter Rundschau v. 1.11.1995, S. 16
Amin, Ash 1995: Post-Fordism, Oxford und Cambridge, Mass. Camilleri, Joseph A. und Falk, Jim 1992: The end of souvereignity? The politics of a shrinking
Amin, Samir 1992: Das Reich des Chaos. Der neue Vormarsch der ersten Welt, Hamburg and fragmenting world, Aldershot und Brookfield
Anderson, Kym und Blackhurst, Richard 1993: Regional integration and the global trading sy- Cartelier, Jean und De Vroey, Michel 1988: Der Regulationsansatz: ein neues Paradigma?, in:
stem, New York PROKLA Nr. 72, S. 72 ff.
Anderson, Perry 1974: Die Entstehung des absolutistischen Staates, Frankfurt/M. Castells, Manuel 1994: European cities, the informational society, and the global economy, in:
New Left Review, Nr. 204, S. 18 ff.
Arendt, Hannah 1994: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Den-
ken, hg. v. U. Lutz, München und Zürich Clarke, Simon 1991: The state debate, Houndmills und London
Balibar, Etienne 1993: Die Grenzen der Demokratie, Hamburg Cox, Robert 1987: Production, power and world order. Social forcers in the making of history,
New York
Balibar, Etienne und Wallerstein, Immanuel 1992: Rasse-Klasse-Nation. Ambivalente Identitä-
ten, Hamburg und Berlin, 2. Auflage Cox, Robert W. 1989: Production, the state, and change in world order, in: E. O. Czempiel, J.
N. Rosenau (Eds.), Global changes and theoretical challenges . . . . .
Beaud, Michel 1987: Le système national/mondial hiérarchisé. Une nouvelle lecture du capita-
lisme mondial, Paris Cox, Robert 1993: Structural issues of global governance: imlications for Europe, in: St. Gill
(Ed.), Gramsci, historical materialism and international relations, Cambridge
Beck, Ulrich 1986: Risikogesellschaft, Frankfurt/M.
Davis, Mike 1991: The City of Quartz. Excavating the Future in Los Angeles, London
Beck, Ulrich 1993: Die Erfindung des Politischen, Frankfurt/M.
Delorme, Robert 1992: Staat und ökonomische Entwicklung, in: A. Demirovic u. a. (Hg.), He-
Beer, Ursula 1990: Geschlecht, Struktur, Geschichte, Frankfurt/M. und New York
gemonie und Staat, Münster
Bellah, Robert N. u. a. 1987: Gewohnheiten des Herzens. Individualismus und Gemeinsinn in
Drainville, André C. 1994: International political economy in the age of open Marxism, in: Re-
der amerikanischen Gesellschaft, Köln
view of international political economy, Vol. 1, Nr. 1, S. 105 ff.
Bianchi, Patrizio 1992: Levels of policy and the nature of post-fordist competition, in: M. Stor-
Dunford, M. 1990: Theories of regulation, in: Environmemt and planning: society and space,
per, A. J. Scott (Eds.), Pathways to industrialization and regional development, New York
Nr. 8, S. 297 ff.
Blanke, Bernhard u. a. 1975: Das Verhältnis von Politik und Ökonomie als Ansatzpunkt einer
Eckardt, Franz 1995: Menschenrechte vor Gericht, in: links Nr. 298/299, S. 24 ff.
materialistischen Analyse des bürgerlichen Staates, in: Dies. (Hg.), Kritik der politischen
Wissenschaft 2, Frankfurt/M. und New York

206 207
Elam, Mark 1994: Puzzling out the post-fordist debate: technology, markets and institutions, in: Holloway, John und Picciotto, Sol 1978: State and capital. A Marxist debate, London
A. Amin (Ed.), Post-Fordism, Oxford und Cambridge, Mass. Holloway, John 1991: The state in everyday struggle, in: S. Clarke (Ed.), The state debate,
Elias, Norbert 1978: Über den Prozeß der Zivilisation, Bd. 1, 6. Auflage, Frankfurt/M. Houndmills und London
Esser, Josef 1993: Die Suche nach dem Primat der Politik, in: S. Unseld (Hg.), Nachdenken Horkheimer, Max 1972: Autoritärer Staat, in: M. Horkheimer, Gesellschaft im Übergang, hg. v.
über Deutschland, Frankfurt/M. W. Brede, Frankfurt/M.
Esser, Josef, Görg, Christoph und Hirsch, Joachim (Hg.) 1994: Politik, Institutionen und Staat. Jackson, Peter und Penrose, Jean (Eds.) 1993: Constructions of race, place and nation, London
Zur Kritik der Regulationstheorie, Hamburg Jessop, Bob 1982: The capitalist state. Marxist theories and methods, Oxford
Evans, Peter B. u. a. 1985: On the Road towards a more adequate understanding of the state, in: Jessop, Bob 1985: Nicos Poulantzas. Marxist theory and political strategy, London
Dies. (Ed.), Bringing the state back in, Cambridge
Jessop, Bob 1990: Regulation theories in retrospect and prospect, in: Economy and Society, Vol.
Fach, Wolfgang und Ringwald, Annette 1993: Postmoderne Stammesfehden, in: links, Nr. 273, 19, Nr. 2, S. 153 ff.
S. 31 ff.
Jessop, Bob 1993: The transition to Post-Fordism and the Schumpeterian workfare state, in: R.
Froebel, Folker u. a. 1986: Umbruch in der Weltwirtschaft, Reinbek Burrows, B. Loader (Eds.), Towards a Post-Fordist welfare state, London und New York
Gellner, Ernest 1991: Nationalismus und Moderne, Berlin Jessop, Bob 1994: Veränderte Staatlichkeit, in: D. Grimm (Hg.), Staatsaufgaben, Baden-Baden
Gerstenberger, Heide 1973: Zur Theorie der historischen Konstitution des bürgerlichen Staa- Kampmeyer, Eva und Neumayer, Jürgen (Hg.) 1993: Innere Unsicherheit. Eine kritische Be-
tes, in: Probleme des Klassenkampfs, H. 8/9, S. 207 ff. standsaufnahme, München
Gill, Stephen und Law, David 1993: Global hegemony and the structural power of capital, in: Kamppeter, Werner 1993: Fertility rents, the nation-state and the world economic system, in:
St. Gill (Ed.), Gramsci, historical materialism and international relations,, Cambridge Nord-Süd-aktuell, Nr. 1, S. 85 ff.
Gramsci, Antonio 1986: Selections from prison notebooks, ed. Q. Hoare, G. N. Smith, London Keane, John (Ed.), Civil society and the state, London
Grinspun, Ricardo und Kreklewich, Robert 1994: Consolidating neoliberal reforms: »free tra- Keil, Roger 1993: Weltstadt - Stadt der Welt. Internationalisierung und lokale Politik in Los
de« as a conditioning framework, in: Studies in political economy, Nr. 43, S. 33 ff. Angeles, Münster
Guttmann, Robert 1994: Money in regulation theory, in: La lettre de la régulation (CEPRE- Kennedy, Paul 1989: Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und mi-
MAP), Nr. 10, Paris litärischer Konflikt von 1500 bis 2000, Frankfurt/M.
Häusler, Jürgen und Hirsch, Joachim 1987: Regulation und Parteien im Übergang zum »Post- Keohane, Robert O. 1993: The analysis of international regimes, in: V. Rittberger (Ed.), Regi-
Fordismus«, in: Das Argument, Nr. 165, S. 651 ff. me theory and international relations, Oxford
Haufler, Virginia 1993: Crossing the boundary between public and private: international regi- Knieper, Rolf 1993: Staat und Nationalstaat - Thesen gegen eine fragwürdige Identität, in:
mes and non-state actors, in: V. Rittberger (Ed.), Regime theory and international relations, PROKLA Nr. 90, S. 65 ff.
Oxford
Kößler, Reinhart 1993: Despotie in der Moderne, Frankfurt/M. und New York
Held, David 1991: Democracy, the nation state and the global system, in: Ders. (Ed.), Political
Kößler, Reinhart und Melber, Henning 1990: Afrika vor der demokratischen Frage, in: Blätter
theory today, Cambridge
für deutsche und internationale Politik, H. 9, S. 1052 ff.
Hinkelhammert, Franz J. 1993: Markt ohne Alternative?, in: D. Dirmoser u. a. (Hg.), Markt in
Kößler, Reinhart und Schiel, Tilmann 1993: Modernisierung, Ethnizität und Nationalstaat, in:
den Köpfen, Bad Honnef-Unkel
M. Massarat u. a. (Hg.), Die Dritte Welt und Wir, Freiburg
Hippler, Jochen (Hg.) 1994, Demokratisierung der Machtlosigkeit, Hamburg
Kunz, Thomas 1995: Der aktuelle Diskurs über »Innere Sicherheit« in der BRD. Gesellschaft-
Hirsch, Joachim 1974: Staatsapparat und Reproduktion des Kapitals, Frankfurt/M. liche Ursachen und Funktionen. Diplomarbeit, Universität Frankfurt, Fachbereich Gesell-
Hirsch, Joachim 1980: Der Sicherheitsstaat. Das »Modell Deutschland«, seine Krise und die schaftswissenschaften
neuen sozialen Bewegungen, Frankfurt/M. Laclau, Ernesto und Mouffe, Chantal 1991: Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekon-
Hirsch, Joachim 1990: Kapitalismus ohne Alternative?, Hamburg struktion des Marxismus, Wien
Hirsch, Joachim 1993: Internationale Regulation. Bedingungen von Dominanz, Abhängigkeit Lipietz, Alain 1985: Akkumulation, Krisen und Auswege aus der Krise. Einige methodologische
und Entwicklung im globalen Kapitalismus, in: Das Argument, Nr. 35, S. 195 ff. Anmerkungen zum Begriff der »Regulation«, in: PROKLA Nr. 58, S. 109 ff.
Hirsch, Joachim 1995: Mexico: El fracaso del neoliberalismo, in: links Nr. 289/299, S. 47 ff. Lipietz, Alain 1987: Mirages and miracles. The crises of global Fordism, London
Hirsch, Joachim und Roth, Roland: Das neue Gesicht des Kapitalismus, Hamburg Lipietz, Alain 1991: Demokratie nach dem Fordismus, in: Das Argument Nr. 189, S. 677 ff.
Hodgson, Geoffrey M. 1994: Some remarks on »economic imperialism« and international po- Lipietz, Alain 1994: The national and the regional: their autonomy vis-a-vis the capitalist world
litical economy, in: Review of international political economy, Vol. 1, Nr. 1, S. 21 ff. crisis, in: R. Palan, B. Gills (Eds.), Transcending the state global divide: a neostructuralist
agenda in international relations, Boulder

208 209
Lutz, Burkart 1984: Der kurze Traum immerwährender Prosperität, Frankfurt/M. und New Ohmae, Kenichi 1985: Die Macht der Triade. Die neue Form des weltweiten Wettbewerbs,
York Wiesbaden
Mandel, Ernest 1983: Die langen Wellen des Kapitalismus. Eine marxistische Erklärung, Ohmae, Kenichi 1992: Die neue Logik der Weltwirtschaft. Zukunftsstrategien der internatio-
Frankfurt/M. nalen Konzerne, Hamburg
March, James G. und Olsen, Johan P. 1984: The new institutionalism: organizational factors in Paschukanis, Eugen 1970: Allgemeine Rechtslehre und Marxismus, 3. Aufl., Frankfurt/M.
political life, in: The American Political Science Review, Vol. 78, S. 734 ff. Peck, Jamie und Tickell, Adam 1994: Searching for a new institutional fix: the after-Fordist cri-
Marcuse, Herbert 1967: Der eindimensionale Mensch, Neuwied und Berlin sis and the global-local disorder, in: A. Amin (Ed.), Post-Fordism, Oxford und Cambridge,
Mármora, Leopoldo 1983: Nation und Internationalismus. Probleme und Perspektiven eines Mass.
sozialistischen Nationsbegriffs, Bremen und Lüdinghausen Pfeifer, Karl-Ernst 1992: Nichtregierungsorganisationen - Protagonisten einer neuen Entwick-
Marx, Karl 1969: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: Marx-Engels-Werke lungspolitik?, Münster und Hamburg
(MEW), Bd. 8, Berlin Picciotto, Sol 1991: The internationalization of the state, in: Capital and Class, Spring, S. 43 ff.
Marx, Karl 1970: Kritik des Hegel’schen Staatsrechts, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 1, Polanyi, Karl 1990: The great transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Ge-
Berlin sellschaften und Wirtschaftssystemen, 2. Aufl., Frankfurt/M.
Maus Ingeborg 1992: Zur Aufklärung der Demokratiehtheorie, Frankfurt/M. Pooley, Sam 1991: The state rules, o. k. ? The continuing political economy of nation states, in:
Mayer, Peter u. a. 1993: Regime theory. State of the art and perspectives, in: V. Rittberger (Ed.), Capital and Class, Spring, S. 65 ff.
Regime theory and international relations, Oxford Porter, Michael E. 1990: The competitive advatage of nations, London und Basingstoke
McGrew, Anthony G. u. a. 1992: Global politics. Globalization and the nation state, Cambrid- Preuß, Ulrich K. 1990: Revolution, Fortschritt und Verfassung. Zu einem neuen Verfassungs-
ge verständnis, Berlin
Menzel, Ulrich 1992: Das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der großen Theorie, Przeworski, Adam 1991: Democracy and the market, Cambridge
Frankfurt/M. Poulantzas, Nicos 1978: Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, sozialistische Demokra-
Messner, Dirk und Mayer-Stamer, Jörg 1993: Die nationale Basis internationaler Wettbewerbs- tie, Berlin
fähigkeit, in: Nord-Süd-aktuell, H. 1, S. 98 ff. Reich, Robert 1991: The work of nations. Preparing ourselves for 21st-century capitalism, New
Michalski, Krysztof (Hg.) 1989: Europa und die Civil Society, Stuttgart York
Mistral, Jacques 1986: Régime international et trajectoires nationales, in: R. Boyer (Ed.), Capi- Ritsert, Jürgen 1988: Der Kampf um das Surplusprodukt, Frankfurt/M. und New York
talismes fin de siècle, Paris Rittberger, Volker 1993: Regime theory and international relations, Oxford
Mouffe, Chantal 1982: Arbeiterklasse, Hegemonie und Sozialismus, in: Neue soziale Bewegun- Robles, Alfredo C. 1992: French theories of regulation and conceptions of the international di-
gen und Marxismus. Argument-Sonderband AS 79, Berlin vision of labor, MS., Wellesley College, Wellesley, USA
Müller-Plantenberg, Urs 1991: Marktwirtschaft und Demokratie in Lateinamerika, in: PRO- Rödel, Ulrich, Frankenberg, Günter und Dubiel, Helmut 1989: Die demokratische Frage,
KLA Nr. 82, S. 74 ff. Frankfurt/M.
Narr, Wolf-Dieter 1991: Vom Liberalismus der Erschöpften, in: Blätter für deutsche und inter- Ronge, Volker 1994: Politische Steuerung - innerhalb und außerhalb der Systemtheorie, in: K.
nationale Politik, Nr. 2, S. 216 ff. Dammann, D. Grunow, K. P. Japp (Hg.), Die Verwaltung des politischen Systems, Fest-
Narr, Wolf-Dieter und Schubert, Alexander 1994: Weltökonomie. Die Misere der Politik, schrift für N. Luhmann, Opladen
Frankfurt/M. Roth, Karl-Heinz (Hg.) 1994: Die Wiederkehr der Proletarität, Köln
Neumann, Franz 1967: Zur Funktionsweise des Gesetzes im Recht der bürgerlichen Gesell- Roth, Roland 1988: In und gegen Institutionen, in: W. Luthardt, A. Waschkuhn (Hg.), Politik
schaft, in: Ders., Demokratischer und autoritärer Staat, Frankfurt/M. und Wien und Repräsentation, Marburg
Oertzen, Peter v. 1994: Klasse und Milieu als Bedingungen gesellschaftlich-politischen Han- Roth, Roland 1990: Regulationstheorie und neue soziale Bewegungen, in: V. Bornschier u. a.
delns, in: M. Greven u. a. (Hg.), Politikwissenschaft als kritische Theorie. Festschrift für (Hg.), Diskontinuitäten des sozialen Wandels, Frankfurt und New York
Kurt Lenk, Baden-Baden
Roth, Roland 1991: Herausforderung demokratischer Institutionen durch neue Formen politi-
Offe, Claus 1975: Berufsbildungsreform. Eine Fallstudie über Reformpolitik, Frankfurt/M. scher Mobilisierung. Zur Situation in der Bundesrepublik Deutschland, in: Schweizerisches
Offe, Claus 1987: Die Staatstheorie auf der Suche nach ihrem Gegenstand, in: Th. Ellwein, J. J. Jahrbuch für Politische Wissenschaft, Nr. 31, Bern und Stuttgart, S. 209 ff.
Hesse (Hg.), Jahrbuch zur Staats- und Verwaltungswissenschaft, Bd. 1, Baden-Baden Roth, Roland 1994: Demokratie von unten. Neue soziale Bewegungen auf dem Wege zur poli-
Offe, Claus und Preuß, Ulrich K. 1991: Democratic institutions and moral resources, in: David tischen Institution, Köln
Held (Ed.), Political theory today, Cambridge Rueschemeyer, Dietrich u. . a. 1992: Capitalist Development and Democracy, Cambridge

210 211
Sally, Razeen 1994: Multinational enterprises, political economy and institutional theory: do- Wolf, Klaus Dieter 1993: Dauerhafte Aufwertung des Systems der Vereinten Nationen im Rah-
mestic embeddedness in the context of internationalization, in: Review of international po- men einer »Neuen Weltordnung«?, in: Nord-Süd-aktuell, H. 1, S. 121 ff.
litical economy, Vol. 1, Nr. 1, S. 161– 192 Wolin, Sheldon 1992: What revolutionary action means today, in: Ch. Mouffe (Ed.), Dimen-
Scharpf, Fritz 1991: Die Handlungsfähigkeit des Staates am Ende des zwanzigsten Jahrhun- sions of radical democracy, London und New York
derts, in: Politische Vierteljahresschrift, Jg. 22, S. 621 ff. Ziebura, Gilbert 1992: Nationalstaat, Nationalismus, supranationale Integration: der Fall
Schulze, Gerhard 1992: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frank- Frankreich, in: Leviathan, H. 1, S. 467 ff.
furt/M. und New York
Schumpeter, Joseph A. 1950: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 2. Aufl., Bern
Scott, Allen J. und Storper, Michael 1992: Industrialization and regional development, in Dies.
(Eds.), Pathways to industrialization and regional development, New York
Skocpol, Theda 1985: Bringing the state back in, in: P. R. Evans, D. Rueschemeyer, Th. Skoc-
pol (Eds.), Bringing the state back in, Cambridge
Smith, William C. 1993: Neoliberale Restrukturierung und die neuen Demokratien in Lateina-
merika, in: PROKLA, Nr. 90, S. 72 ff.
Strange, Susan 1986: Casino Capitalism, Oxford und New York
Taylor, Charles 1988: Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus, Frank-
furt/M.
Tomaney, John 1994: A new paradigma of work organization and technology?, in: A. Amin
(Ed.), Post-Fordism, Oxford und Cambridge, Mass.
Tudyka, Kurt 1994: Von der Parteiendemokratie zur Herrschaft einer politischen Klasse. Ver-
schleiß, Irrweg und Fehlentwicklung moderner Demokratie, in: M. Th. Greven u. a. (Hg.),
Politikwissenschaft als kritische Theorie. Festschrift für K. Lenk, Baden-Baden
Vester, Michael u. a. 1993: Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Integration
und Ausgrenzung, Köln
Voigt, Rüdiger 1993: Abschied vom Nationalstaat - Rückkehr zum Nationalstaat?, in: Ders.
(Hg.), Abschied vom Staat - Rückkehr zum Staat?, Baden-Baden
Wallerstein, Immanuel 1979: The capitalist world economy, London usw.
Wallerstein, Immanuel 1994: The agonies of liberalism: what hope progress, in: New Left Re-
view, Nr. 204, S. 3 ff.
Walzer, Michael: Kritik und Gemeinsinn, Berlin
Ward, Kathryn (Hg.) 1990: Women workers and global restructuring, Ithaca
Weber, Max 1964: Wirtschaft und Gesellschaft. Studienausgabe, Köln und Berlin
Wellmer, Gottfried 1993: Nicht-Regierungsorganisationen und staatliche Organisationen am
Beispiel Mosambiks, in: M. Massarat u. a. (Hg.), Die Dritte Welt und Wir, Freiburg
Werlhof, Claudia v. u. a. 1988: Frauen, die letzte Kolonie, 2. Aufl., Reinbek
Williams, Michael 1988: Competitive subjects, state and civil society, in: M. Williams (Ed.), Va-
lue, social form and the state, Basingstoke
Willke, Helmut 1983: Entzauberung des Staates, Königstein
Willke, Helmut 1993: Abwicklung der Politik, in: S. Unseld (Hg.), Politik ohne Perspektive?,
Frankfurt/M.
Willke, Helmut 1994: Staat und Gesellschaft, in: K. Dammann, D. Grunow, K. P. Japp (Hg.),
Die Verwaltung des politischen Systems. Festschrift für N. Luhmann, Opladen

212 213