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«durch» — Michael Günzburger

«durch» — ein museal gerahmter Blick auf über 100 Jahre städtische und städtebauliche
Entwicklung. «durch» — ein vergoldetes Scharnier zwischen Stadtplanung, historischem
Arbeiterquartier und städtebaulicher Entscheidung.

Der Zürcher Künstler Michael Günzburger drängt uns mit seiner Skulptur «durch» an
einem essenziellen Moment im Wandel des Stadtgefüges, der geplanten Verzahnung der
City mit Aussersihl, teilzunehmen. Eine einfache künstlerische Geste, die uns die
konzipierte Europaallee heute leben, erleben, annehmen, reflektieren und kritisieren lässt.
Jenseits der kühlen Architekturvisualisierungen ermöglicht «durch» eine nahezu haptische
Erfahrung: Die Europaallee wird zum konkret erlebten Raum im Langstrassenquartier.

Lange Zeit wurde nach Aussersihl verbannt, was sich für die reiche Kernstadt nicht ziemte:
gesellschaftliche Aussenseiter und stigmatisierte Bevölkerungsgruppen ebenso wie die
militärische Infrastruktur, Industrie- und Gewerbeanlagen. Im Zuge der Industrialisierung
lebten hier die ArbeiterInnen und ArbeitsmigrantInnen. Der einfache Alltag, die klein
parzellierten Grundstücke und Mietskasernen prägen die städtebauliche Struktur im Kreis
4 bis in unsere Gegenwart.

Mit «durch» hebt Günzburger den Kreis, seine Arbeiterinnen und Arbeiter, seine dunklen
Ecken, seine Orte der glücklosen Leidenschaften und lustvollen Stunden und schliesslich
seine unwirtlichen Orte des Autoverkehrs auf eine quasi museale Ebene. Er hängt einen
mit goldenen Kordelschlaufen üppig gezierten Rahmen an die dunkelblaue,
abgasbeschichtete Fassade des Dienstgebäudes 6 der SBB. Ein funktionaler Bau,
welcher ohne symbolische Aufladungen ausschliesslich von seinem Zweck zu erzählen
scheint. Ein Bau, der wohl zu keiner Zeit schön war. Eine Fassade, die der
Kanonengasse-Achse ein abruptes Ende bietet. Ein Gebäude, das sich dennoch, vielleicht
durch die Analogie bezüglich der Dimensionen zu den nahe gelegenen Zeughäusern, als
Abschluss des Kreises Richtung Gleisfeld gut ins Quartierbild integriert hat. Im Museum
wiederum hängt, manchmal von dicken Kordeln vom allzu nahen Blick geschützt, was
mehr oder weniger historisch ist und was von den Kennern als des Kanons der Geschichte
würdig erkannt und aufgenommen wurde. Doch der Blick, den die Skulptur «durch» für
uns ausrichtet bleibt nicht bei der Würdigung des Einfachen, des traditionellen
ArbeiterInnenquartiers. Auch nicht bei der assoziativen Kette einer musealen
Historisierung der Quartiergeschichte.
Eines Tages freistehend, umrahmt «durch» einen gänzlich neuen, einen weiten Blick.
Zwischen Vedute und Tableau vivant zeigt «durch» die Verlängerung der Sichtachse der
Kanonengasse: im Bildvordergrund sehen wir den Standort des künftigen Gustav-Gull-
Platzes, im Hintergrund wird dereinst die Fussgänger- und Velofahrer-Passerelle — der
Negrellisteg — über das Gleisfeld führen. Die neuen städtebaulichen Elemente werden
vielschichtig auf die Wahrnehmung unseres Stadtraums einwirken. Vorrangig und
offensichtlich durch ihre Funktionen und ihre repräsentative Gestaltung. Am anderen Ende
der Wahrnehmungsskala aber auch in der Ehrung der Namensgeber. Der einflussreiche
Zürcher Stadtbaumeister und ETH-Professor, Gustav Gull, prägte die Stadtplanungspolitik
und setzte als Architekt mehrerer, repräsentativer öffentlicher Bauten Akzente. Gustav
Gulls Architekturen haben sich längst im kollektiven Bild unserer Stadt eingeschrieben.
Eine spezifische Bedeutung für das Quartier dürfte der Ingenieur und Verkehrsbauten-
Pionier, Alois Negrelli, haben. Als Projektleiter beim Bau der ersten schweizerischen
Eisenbahn, der Spanisch-Brötli-Bahn, half er mit, den Boden für das prosperierende Zürich
zu ebnen.

«durch» setzt prägnante Zeichen: In seiner Dimension, Materialität und Form. Die Masse
des Rahmens sind mit 370 x 520 x 40 cm im buchstäblichen und im übertragenen Sinn
schwerwiegend, die Goldkordel lässt einen an Museumsabschrankungen und Schiffstaue
denken. Das Museum, auch heute eine repräsentative Institution, in welcher die kühnste
Avantgarde diszipliniert und dem vorherrschenden Diskurs einverleibt wird. Das Schiffstau
bzw. das Schiff, das älteste Handelstransportmittel schlechthin, war lange Zeit die
Voraussetzung für kulturellen und materiellen Reichtum, befördert Massen von Gewicht.
Schliesslich der Rahmen als funktionales und symbolisch aufgeladenes Objekt. Er schützt
und exponiert das Bild in einem Zug, lädt das Gerahmte zusätzlich mit Bedeutung auf.

«durch»markiert dieses einschneidende Momentum: das städtebaulich schwierige


Vorhaben, mit dem Durchbruch der Kanonengasse-Achse ein Kontinuum zu schaffen, eine
Kohärenz zwischen dem historisch auf Distanz gehaltenen Aussersihl und der Innenstadt
herzustellen. Der barock anmutende Rahmen inszeniert leicht und spielerisch diese
gewichtige Herausforderung. «durch» wertet das Quartier sicherlich mit auf, lädt aber
gleichzeitig ein, über Aufwertung und Stadtplanungspolitik zu reden. Nicht im
institutionellen Rahmen, sondern beim Tatort, auf der Strasse, der Kreuzung, dem Trottoir,
im 31er-Bus, im öffentlichen Raum.
Michael Günzburger positioniert eine künstlerische Anregung — schafft einen Raum, der
die Gelegenheit offeriert, unseren Stadtorganismus mit seiner komplexen Geschichte zu
denken und schliesslich zu erleben.

Evtixia Bibassis, April 2011