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Die eigentliche Szene beginnt mit der Suche nach den verschwundenen

Rappen, deren Finden und Wiederherstellung dem Zweck dienen soll,


„dem Rosshändler [...] Genugtuung zu verschaffen“ (S.50, Z. 18-19). Ein
Gerücht gibt dem Kämmerer Kunz und seinem Vetter, dem Junker, den
entscheidenden Hinweis, dass die Pferde sich auf dem Dresdner
Marktplatz beim Abdecker befinden würden. Eine Menschenmenge, der
Pöbel, hat sich bereits auf dem Marktplatz versammelt, als die beiden
Adligen den Schauplatz betreten. Das arrogante und zornige Verhalten des
Kämmerers und die scheinbare Gleichgültigkeit, mit welcher der Schinder
dem Anliegen der beiden Adligen entgegentritt, löst bei dem Volk
höhnendes Gelächter aus, was die Stellung dieser eher niedrigen sozialen
Schicht gegenüber dem Bürgertum und dem Adel sichtbar macht. Sie
haben den Respekt verloren, was Kohlhaas in seinem Rachefeldzug zugute
gekommen ist. Kunz ist mit der Situation gänzlich unzufrieden, weil er nun
die Missetaten des Junkers ausbaden muss, was den Junker selbst in eine
sehr zurückhaltende Position treibt. Wie in vielen Anderen Szenen des
Werkes werden auch hier Emotionen hauptsächlich über Körpersprache
ausgedrückt, und jeglicher Kommentar des Erzählers vermieden. Zur Wut
des Kämmerers beitragend ist es nun dem Junker nicht möglich, die
Rappen in ihrem am Tiefpunkt angelangten Zustand, welcher als Symbol
und Synonym für den Zustand der Gerechtigkeit gesehen werden kann, zu
identifizieren, was dazu führt, dass Kohlhaas selbst hierzu auf den Markt
gebeten wird. Der Rosshändler, der sich den Anweisungen vollkommen
beugt, kaum Interesse zeigt, und dessen Entschlossenheit vollkommen
verschwunden zu sein scheint, inspiziert die Rappen lediglich „flüchtig,
aus einer Ferne von zwölf Schritt“ (S. 48, Z. 32). Dieses Verhalten
Kohlhaas’, der jeglichen Konflikt zu vermeiden scheint, impliziert eine
gewisse Gleichgültigkeit, die den Leser auf eine zerstörte Hoffnung des
Rosshändlers und einen möglichen Wendepunkt der Geschichte hinweist.
Da die Pferde nun identifiziert sind, müssen sie noch weggeführt werden,
Problem dabei ist, dass Abdecker in der Gesellschaft als sozial extrem
nieder gelten und ein Kontakt mit einem solchen bzw. seinen Pferden als
„unrein“ angesehen wird, und diese Unreinheit übertragen werden kann.
Aus diesem Grund weigert sich der mit dem Abführen der Rappen
beauftragte Knecht des Kämmerers, nach einer Einmischung seines
Vetters, Meister Himboldt, diese Pferde anzufassen. Ein weiterer
Wutausbruch des Kämmerers und das gewaltsame Vertreiben seines
Knechtes führt zu einer Eskalation des Volkes und Meister Himboldts, der
Kunz brutal zu Boden bringt. Dies ist ein weiterer Grund für die Wichtigkeit
dieser Szene, auch unabhängig vom Gesamtwerk, da diese Szene als
Miniaturausgabe dessen angesehen werden kann. Meister Himbolt, eine
oftmals als Parallelgestalt von Kohlhaas betitelte Person, bringt das Volk
genau wie Kohlhaas zuvor dazu, sich gegen den arroganten Adel
aufzuhetzen. Genau das ist der Wendepunkt, da er fatale Folgen hat
mitunter eine „höchst gefährliche Stimmung im Lande“ (S. 50, Z. 31-32).
Das Volk, vor allem das Bürgertum, ändert seine Meinung gegenüber
Kohlhaas und bevorzugt es, ein „offenbares Unrecht an ihm zu verüben,
[...] als ihm Gerechtigkeit [...] zukommen zu lassen“, da es diese
Eskalation als übertrieben ansieht, nach der Erkenntnis, dass dieses Unheil
nur wegen zwei Rappen ausgelöst wurde. Hier bestätigt sich die von
Kohlhaas vorausgesehene Wendung und sein Wille ist gebrochen. Auch die
Tatsache, dass die Rappen „niemals wieder in den Stand, wie sie aus dem
Stall zu Kohlhaasensbrück gekommen waren, hergestellt werden würden“
(S. 51, Z. 1-2), deutet darauf hin, dass die Gerechtigkeit des Kohlhaas für
immer beschädigt bleiben wird.