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Werner Herbst

Das Geheimnis der Familie Kruft

Roman

Das Geheimnis der Familie Kruft

Autor: Werner Herbst

München 2004

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtgesetzes ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig und strafbar. Das gilt besonders für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Aufnahme in elektronische Datenträger und Systeme.

Umschlaggestaltung: Werner Herbst

Printed in Germany

Copyright © 2004 by Werner Herbst

Mein besonderer Dank gilt

Maria Greindl

die diesen Roman lektoriert hat

Prolog

Das blonde Mädchen saß still auf der Mauerkante des Klosterbrunnens. Ihre weit geöffneten Augen schauten auf den großen Baum im Hintergrund des Anwesens. Der Blick des Mädchens war sehr klar. Aber sie sah den Baum nicht. Ihre Sicht war nach Innen gekehrt. Behutsam näherte sie sich den entscheidenden Stationen dieser Welt. Der Wandel war unverkennbar. Vieles wurde gut, was noch vor Jahren als verloren galt. Es war erst ein Anfang. Es gab noch sehr viel zu tun.

»Das gibt es doch gar nicht. Das ist ja ganz unmöglich!« Sabine Kruft sah erstaunt an sich herunter. »Was gibt es nicht?« Marcel, ihr Mann, las ungerührt seine Zeitung weiter. Ungehalten über seine Interessenlosigkeit schnappte sie. »Stell dich doch nicht so dumm an und schau mal her.« Gemächlich wendete Marcel seinen Kopf zu ihr hin. »Ich sehe nichts.« Sabine trat näher an den Küchentisch. »Typisch für dich. Schau mal genau auf meinen Gürtel.« »Na und?« Marcel gähnte ungeniert. Man merkte, wie Sabine ihre Wut mühsam zurückhielt. »Sag einmal, bist du so blöd oder tust du nur so?« Marcel schüttelte seinen Kopf. »Ich sehe nichts Außer-gewöhnliches.« Sabine trat noch näher an den Tisch. »Männer natürlich. Siehst du nicht, dass ich mindestens fünf Kilo abgenommen habe? Der Sporn geht jetzt schon in das sechste Gürtelloch.« »Na prima, nur weiter so. Vielleicht kommst du ja doch nicht ganz nach deiner Mutter.« Marcel wendete sich wieder seiner Zeitungs-lektüre zu. Seine Frau wendete sich abrupt von ihm ab. »Manchmal könnte ich dich erwürgen. Ich bemühe mich, wieder in Form zu kommen und dir scheint das völlig egal zu sein. Mir auch recht, vielleicht interessiert es andere Männer mehr? Wir werden sehen.« Nun schaute Marcel doch erstaunt hoch. »Als ob sich andere Männer für dich interessieren würden. Hausfrau und Mutter und total abhängig von der Kohle, die der brave Ehemann Monat für Monat und Jahr für Jahr nach Hause schleppt.« Sabine wendete sich ihm wieder mit plötzlich bösartigem Lächeln zu. »Deine Kohle! Dass ich nicht lache. Wer soll denn von den paar Kröten leben? Wenn ich nicht die Erbschaft von meinem Onkel Karl bekommen hätte, sähen wir ganz schön alt aus. Dein Verdienst reicht ja kaum aus, um die monatliche Miete für dieses Haus und die sonstigen, laufenden Kosten abzudecken. Geschweige für ein bisschen Luxus, den eine Frau in meinem Alter eigentlich in ihrem Leben erwartet. Irgendwie hatte meine Mutter doch recht, als sie mich vor der Heirat mit dir gewarnt hat. Sie hat gleich gesagt, dass du nur ein kleines Licht bist und es nie zu etwas bringen wirst. Jetzt, sieben Jahre nach unserer Hochzeit, gehen mir langsam auch die Augen auf. Mensch, muss ich blind gewesen sein. Sicher, du siehst nicht schlecht aus und ich war damals verdammt eifersüchtig, wenn meine Freundinnen dir schöne Augen gemacht haben. Vielleicht hat mich das auch in Zugzwang gebracht und ich habe übereilt deinem Heiratsantrag zugestimmt. Mein Gott, war ich blöd. Hätte ich doch nur Harald genommen. Der war die ganze Zeit hinter mir her. Heute ist er Chefarzt in der Luitpold-Klinik, besitzt mehrere Miethäuser und seine Villa in Pullach, oben am Isarufer. Ich habe ihn erst kürzlich zufällig in der Fußgängerzone getroffen. Er sah blendend aus, viel besser als damals. Ach, er hat übrigens noch erwähnt wie zufrieden er mit Melissa ist. Deine Schwester muss recht gut in ihrem Job sein. Er hat richtig von ihr geschwärmt. Na, wie auch immer, vielleicht nehme ich sein Angebot an und gehe mal mit ihm aus.« Marcel knallte seine Zeitung auf den Tisch. »Bist du jetzt total übergeschnappt? Dieser Fatzke, dieser Bettelstudent! Ich weiß noch genau, wie wir damals am Chinaturm im Englischen Garten waren und er sich noch nicht einmal eine Maß Bier bestellen konnte, weil sein Bafög schon am 10ten jeden Monats verbraucht war. Wer hat ihn denn die ganze Zeit über Wasser gehalten und ihm auch noch die Joints am Monopteros bezahlt? Das war ich, das kleine Licht. Sicher, der feine Student machte sich die Finger nicht schmutzig, lungerte den ganzen Tag in der Uni herum und machte abends im Mutti-Bräu auf hochintellektuell. Den brauchst du mir nicht als Rivalen unter die Nase zu halten, der ist damals für mich gestorben, als er die stinkreiche Tochter von zu Hohenstein geheiratet hat und uns, seine alten Freunde, noch nicht einmal zum Polterabend, geschweige denn zur Hochzeit eingeladen hat. Nee, nee, hör bloß auf. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass wir seiner adeligen Braut ein paar Details aus seiner Studentenzeit flüstern würden. Nachdem er den Nachnamen seiner Frau annehmen konnte, heißt er jetzt natürlich Harald von Hohenstein, anstatt Harald Metzger. Wäre ja auch Scheiße gewesen, der Name Metzger bei einem Chirurgen.« Sabine lächelte süß. »Du bist ja nur eifersüchtig, weil er es zu mehr gebracht hat als du. Ich werde mir auf jeden Fall mal durch den Kopf gehen lassen, ob ich sein Angebot nicht annehme. Wer weiß, vielleicht hat er ja inzwischen Probleme mit seiner Blaublütigen? Er sagte, dass sie für zwei Wochen bei Verwandten in England ist und er ihre Abwesenheit sehr genieße.« »Mach, was du willst, ich muss jetzt zur Arbeit. Servus!« Krachend schlug die Küchentür hinter Marcel zu. Sabine zuckte zusammen und verschüttete etwas Kaffee über den Tisch. Hoffentlich war Lara nicht aufgewacht. Sie war jetzt über ein Jahr alt und hielt die Eltern nachts häufig vom Schlaf ab. Sabine war jedes mal froh, wenn sie ein paar Stunden durchschlief. Fast geistesabwesend schaute sie auf die sich langsam wieder öffnende Küchentür. Tanja, die ältere

Tochter, stand da und rieb sich verschlafen die Augen. Tanja war knapp über 4 Jahre alt und schon ziemlich groß für ihre Alter.

»Was war denn das für ein Lärm, Mami?« Sabine streichelte ihrer älteren Tochter über die zerzausten Haare. »Ach nichts, geh nur wieder ins Bett, ach nein, halt, es ist ja schon fast sieben Uhr. Geh ins Bad, wasch dich und putz dir gründlich die Zähne. Lass aber bloß nicht wieder die Zahnpastatube offen.« Tanja verschwand und ließ die Küchentür angelehnt. Sabine überlegte kurz was sie sich für heute vorgenommen hatte. Also zuerst würde sie Tanja um acht Uhr in den Kindergarten bringen, anschließend hatte sie einen Termin bei ihrer Kosmetikerin und dann Ein fast diabolisches Lächeln erschien auf Sabines Gesicht.

Marcel konnte sich kaum auf den Straßenverkehr konzentrieren. Immer wieder diese wie aus dem Nichts kommenden Angriffe von Sabine. Langsam war er es leid. Ausgerechnet Harald musste sie aus dem Hut zaubern. Dieses studierte Arschloch konnte ihn mal kreuzweise. Früher war Harald mal sein bester Freund gewesen. Im Nachhinein fühlte er sich aber von Harald total ausgenutzt. Solange Harald kein Geld gehabt hatte, waren Sabine und er gut genug für ihn gewesen. Aber kaum hatte er seinen Doktortitel in der Tasche, war er wie verwandelt. Obwohl es da eigentlich noch gegangen war. Sie hatten sich wenigstens ab und zu getroffen und manchmal auch noch viel Gaudi zusammen gehabt. Aber ganz aus war es mit der guten Laune, als Harald seine Professur an der Uni-Klinik bekam und dort diese Hilla von

Hohenstein kennen gelernt hatte. Nur kurze Zeit später heiratete Harald dann seine blaublütige Tussi und stieg sehr schnell zum Chefarzt der Luitpold-Klinik auf. Ganz mit rechten Dingen konnte das ja wohl kaum zugegangen sein. Man munkelte, dass nur die Beziehungen seiner angeheirateten Familie zur politischen und adeligen Gesellschaft diesen ungewöhnlich rasanten Aufstieg ermöglicht hatte. Sabine musste nicht mehr ganz dicht sein, wenn sie meinte, dass Harald neues Interesse für sie entwickeln würde. Immerhin hatte ihre gemeinsame Bekanntschaft mit Harald wenigstens seiner Schwester Melissa etwas gebracht. Dank Harald war sie in das Universitätsteam, das sich mit Genforschung beschäftigte, aufgenommen worden. Im Gegensatz zu ihm hatte seine Schwester ihr Abitur mit Auszeichnung bestanden und studierte jetzt an der Maximilians- Universität Medizin. »Verdamm !« Er hatte keine Chance. Die Bremslichter am Lastwagen vor ihm funktionierten nicht. Zu spät bemerkte er, dass der Wagen vor ihm praktisch stand. Er versuchte noch das Lenkrad herum zu reißen, aber diese Reaktion kam viel zu spät. Mit einem explosionsartigen Knall und lautem Kreischen von Blech, bohrte sich sein Ford unter das Heck des Lastwagens. Das Auto hinter ihm konnte gerade noch rechtzeitig abbremsen. Die junge Fahrerin dieses Geländewagens blieb zitternd hinter ihrem Steuer sitzen. Nach ihr kamen weitere Autos mit kreischenden Bremsen zum stehen. Die Frau im Geländewagen sah mit wachsbleichem Gesicht, wie zwei Männer auf die Unglücksfahrzeuge vor ihr zurannten. Fast gleichzeitig stieg der Fahrer des am Unfall beteiligten Lastwagens aus. Die drei Männer versuchten an das eingequetschte Führerhaus des Ford zu gelangen. Selbst aus der Entfernung sah man, das der Fahrer des Lastwagens sichtbar bleich wurde. Er fing an zu würgen und übergab sich vornüber gebeugt neben dem nur noch halb sichtbaren Wagen. Einer der Männer kam schwerfällig zu ihrem Auto gerannt und klopfte kräftig an die Seitenscheibe. Wie in Trance drückte die junge Frau auf den Knopf für die Scheibenautomatik und die linke Scheibe senkte sich langsam in die Seitentür. Der dicke Mann schwitzte. »Haben Sie ein Handy?« »Ich, ähhh, ich, ,ja, ja, natürlich, oh mein Gott.« Fahrig ergriff die Frau ihre Handtasche und tastete nach dem Handy. »Na geben Sie es schon her!« Nervös trommelte der Mann mit seinen Fingern auf das Wagendach.

»Ja Moment, ist er, ich meine ist er

Die Frau zitterte jetzt am ganzen Leib.

Der Mann wurde laut. »Geben Sie jetzt endlich das Handy her, verdammt noch mal!« Die verstörte Frau reichte ihm zitternd ihr Handy und verkrampfte anschließend wieder ihre Hände im Schoß. Der Dicke tippte eine kurze Ziffernfolge in das Tastenfeld des Handy ein. Die gewünschte Verbindung kam erstaunlich schnell

zustande.

»Hier auf der Donnersbergerbrücke ist ein Auffahrunfall passiert. Sieht gar nicht gut aus. Ein Mann ist mit seinem Auto unter das Heck eines Lastwagen geraten. Er ist eingeklemmt.«

Der noch immer heftig schnaufende Mann lauschte kurz und antwortete dann: »Auf der rechten Seite, auf der Höhe der S-Bahn Treppen, in Richtung Landsberger Straße.« Er reichte der Frau das Handy zurück und lief wieder zu der inzwischen zu einer kleinen Traube angewachsenen Menschengruppe, die um den Unfallort herumstand. Er zwängte sich durch die Menge und schaute noch einmal in den Unglückswagen. Als er sich wieder aufrichtete schüttelte er den Kopf und machte eine wegwerfende Handbewegung.

Sabine musste sich vor Lachen etwas aufrichten. Sie lag auf einer Behandlungsliege bei ihrer Kosmetikerin. Die Kosmetikerin schob Sabine wieder vorsichtig in die Ursprungslage zurück. »Ja und das Beste kommt noch. Er kniet da also wie ein Depp, splitternackt außer den weißen Socken und schaut sie von unten mit seinem Hundeblick an. In diesem Augenblick wird die Schlafzimmertür aufgerissen und seine Frau stürmt herein. Moment mal.« In der Diele klingelte das Telefon. Die Kosmetikerin verschwand durch die Tür. Kurze Zeit später kam sie zurück in den Behandlungsraum. »Frau Kruft, sie sollen schnell nach Hause kommen. Ihre Nachbarin hat angerufen. Sie hat nicht gesagt, was los ist. Sie klang aber ziemlich aufgeregt.« So ein Mist, dachte Sabine. Kaum hat man mal etwas ganz Besonderes vor, schon kam wieder was dazwischen. Eine Nachbarin sollte während ihrer Abwesenheit auf Lara aufpassen. Hoffentlich war da nichts passiert. Als Sabine in die Auffahrt ihres Hauses fuhr, sah sie da schon ihre Nachbarin Frau Hoffmann stehen und aufgeregt winken. Lara hatte sie an der Hand. Gott sei Dank schien der wenigstens nichts zu fehlen. Sie sprang aus ihrem Wagen. »Was ist denn los, Frau Hoffmann?« Die Nachbarin schaute Sabine mit wirrem Blick an. »Die Polizei hat angerufen. Sie sollen schnellstens in die Uni- Klinik kommen. Ihr Mann hatte einen Unfall. Mehr weiß ich auch nicht.« Sabine erbleichte. »Unfall? Wo und wie?« Frau Hoffmann schluckte. »Weiß ich doch auch nicht. Sie haben nur gesagt, dass Sie schnellstens in die Zielstraße zur Unfallchirurgie kommen sollen. Mein Gott, hoffentlich ist Ihrem Mann nicht all zuviel passiert.« Sabine wendete sich wieder ihrem Auto zu. »Na gut, ich fahre gleich weiter. Können Sie noch etwas auf Lara aufpassen, Frau Hoffmann?« »Aber ja, natürlich. Fahren sie nur los, ich kümmere mich hier um alles.« Die Nachbarin schaute dem Wagen von Sabine nach.

Als Sabine vor der Klinik ankam, hatte sie Glück, dass gerade ein anderes Auto einen Parkplatz freimachte. Sie stürmte in die Rezeption. Ein kurzer Blick auf die Wandtafel genügte ihr, um den Weg zur Unfallchirurgie auszumachen. Endlich stand sie vor der gesuchten Abteilung. In einem der Räume konnte sie hellblaues, flackerndes Licht durch die Milchglasscheibe

erkennen. Ob Marcel darin

Sabine machte einen Schritt auf ihn zu. »Entschuldigen Sie bitte. Ich bin Frau Kruft. Mein Mann hatte einen Unfall

und

?

Die Tür wurde schwungvoll geöffnet und ein Arzt in grüner OP-Kleidung stürmte heraus.

«

Der Arzt machte eine abwehrende Handbewegung. »Ja, ja ich weiß. Wir sind dran.«

Sabine bemerkte erst jetzt, wie gestresst dieser Arzt aussah. Dicke Schweißperlen quollen von seiner Stirn.

»Können Sie mir nicht

« Er brach den Satz ab,

stürmte den linken Gang entlang und verschwand hinter dem Durchgang. Sabine schaute ihm mit immer größerer Besorgnis hinterher. Kurz darauf wurde die Tür zur Chirurgie wieder aufgestoßen und ein anderer Arzt in Begleitung einer Krankenschwester eilte heran. Die Schwester riss die Tür zum

Operationssaal auf und ließ den Arzt an sich vorbei. Sie warf einen kurzen, nachdenklichen Blick auf Sabine und folgte dann dem Arzt. Sabines Angst wuchs nun noch mehr. Mensch, wenn sie daran dachte, was sie heute eigentlich vorgehabt hatte und nun das. In die Cafeteria, der hatte gut reden. Wie sollte Sie sich jetzt ruhig irgendwo hinsetzen. Der erste, gestresste Arzt kam den langen Gang zurückgelaufen. Ungnädig herrschte er Sabine an. »Ich habe ihnen

doch gesagt, Sie sollen

Sabine überlegte, dass sie hier wohl doch eher im Weg war. Sie verließ die Unfallchirurgie und folgte den Wegweisern zur Cafeteria. Wenigstens war diese geöffnet. Sie holte sich einen Kaffee hinter der Theke ab und setzte sich an

einen kleinen, runden Tisch. Das Cafe war gut gefüllt. Zwei junge Krankenschwestern schauten sich suchend um und setzten

« Der Arzt drängte Sabine zur Seite. »Nein, nein, gehen Sie am besten in die Cafeteria, wir

« Schon war er wieder im OP verschwunden.

sich dann zu ihr an den Tisch. Beide sprachen bayerisch, obwohl die eine Krankenschwester vom Aussehen her koreanischer Abstammung sein musste. Na ja, wahrscheinlich in Bayern aufgewachsen, dachte Sabine. Alle möglichen Gedanken über Marcel schossen ihr durch den Kopf und sie achtete zuerst nicht besonders auf das Gespräch, das die beiden Krankenschwestern führten, bis diese sich plötzlich über einen aktuellen Unfall unterhielten. Die Koreanerin sagte. »So etwas habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen. Da braucht man schon Nerven.«

Die andere Krankenschwester, auf deren Kittel ein Namensschild angebracht war und sie als Schwester Elke auswies, antwortete. »Hör bloß auf! Der arme Kerl, noch relativ jung und dann das. Für ihn wäre es tatsächlich das Beste ,

aber

Sabine war jetzt hellwach. Sprachen die vielleicht über Marcel? Sie wandte sich an Schwester Elke. »Was fehlt ihm denn, dem Mann, von dem Sie gerade sprechen?« »Tut mir leid, darüber dürfen wir leider keine Auskunft geben.« Die Krankenschwester sah sie aufmerksam an. Sabine holte tief Atem. »Aber ich bin vielleicht seine Frau.« Erschrocken sahen die beiden Mädchen sie an. Man merkte wie sie nach Worten suchten. »Wie gesagt wir dürfen nicht, komm.« Die beiden Krankenschwestern standen abrupt auf. Sabine bemerkte plötzliche Tränen in den Augen der Koreanerin. »Alles Gute, ich bete für Sie«, sagte sie mit heiserer Stimme und folgte dann schnell ihrer Kollegin. Sabine wurde es ganz übel im Magen. Stand es um Marcel tatsächlich so schlecht? Plötzlich fiel ihr ein, dass sie ja unbedingt ihre Schwiegermutter informieren musste. Neben der Cafeteria befand sich eine Telefonbox. Leider war sie gerade belegt. Eine junge Frau in einem rosaroten Morgenmantel telefonierte anscheinend sehr aufgeregt. »So, ich mache jetzt Schluss, du Schwein. Hol dir doch selber einen runter!« Wütend knallte die Frau den Hörer auf die Gabel und verließ mit hochrotem Kopf die Zelle. Na ja, dachte Sabine, wenigstens ist die Box jetzt frei. Sie schob ihre Telefonkarte in den Schlitz und wählte mit leicht zitternden Fingern die Privatnummer ihrer Schwiegermutter. Hoffentlich war die zu Hause und nicht schon wieder im Reitstall oder sonstwo. Der Freiton schien ewig zu kommen. Sie wollte gerade wieder auflegen, als sich endlich jemand am Ende der Leitung meldete. »Hier bei Kruft.« Verdammt, das war der Freund ihrer Schwiegermutter. »Hallo Sascha, ist mein Schwiegertiger zu Hause?« »Nein, natürlich nicht, sonst wäre sie wahrscheinlich ans Telefon gegangen.« Dieser blöde Giftzwerg, dachte Sabine. »Wo ist sie denn? Es ist dringend.« »Sie ist im Reitstall, kommt aber wahrscheinlich so in einer Stunde wieder. Was ist denn los?« Sabine ging nicht auf die Frage von Sascha ein. »Hat sie ihr Handy dabei?« »Nehme ich schon an, kannst es ja mal versuchen.« »Sascha, kannst du ihr etwas ausrichten, falls ich sie nicht erreichen sollte?« »Natürlich. Um was geht es denn nun eigentlich?« »Marcel hatte einen Autounfall und befindet sich jetzt in der Klinik in der Zielstraße. In der Unfallchirurgie. Ich rufe auch von dort an.« Sabine vernahm Saschas überraschtes Schnaufen. »Einen Autounfall? Ist wohl mal wieder zu schnell gefahren, der Herr Kruft. Wie geht es ihm denn?« »Weiß ich noch nicht. Er ist noch im OP. Aber ich habe ein ganz schlechtes Gefühl.« Sabine unterdrückte mühsam das Aufkommen ihrer Tränen. Sascha schien dies durch das Telefon zu spüren. »Kopf hoch, Sabine. Wie ich Marcel kenne, ist der nicht klein zu kriegen. Wenn Angie kommt richte ich es ihr natürlich sofort aus. Kann ich inzwischen etwas für euch tun?« Sabine war überrascht. So einfühlsam kannte sie Sascha gar nicht. »Nein, danke Sascha. Es reicht wenn du meinem Schwiegertiger Bescheid sagst.« Traurig legte Sabine den Hörer auf. Dieser Sascha war ja sonst wirklich ein eiskalter Typ. Zwischen Ihnen war deshalb noch eine Rechnung aus der Vergangenheit offen. Sie suchte in ihrer Tasche nach dem Notizbuch und wählte anschließend die Handynummer ihrer Schwiegermutter an. Immerhin hörte sie ein Freizeichen. »Hallo!« Sabine seufzte erleichtert auf. »Schwiegertiger?« »Ach, Sabine? Was ist denn los?« »Marcel hatte einen Autounfall und ich rufe aus der Klinik in der Zielstraße an.« »Autounfall? Um Gottes Willen. Ist ihm viel passiert?« Die Stimme ihrer Schwiegermutter zitterte jetzt leicht.

«

Sabine lehnte sich an die Zellenwand. »Ich weiß es noch nicht, die Ärzte sind noch am operieren. Ich glaube, es sieht nicht gut aus.« »Ich komme sofort zu Dir, Sabine. Ich kenne die Klinik. Am besten treffen wir uns in der Cafeteria.« »Da bin ich gerade sowieso.« »Gut, dann treffen wir uns dort. Ich bin in spätestens einer halben Stunde da.« Langsam legte Sabine den Hörer wieder auf. Sollte sie noch jemanden informieren? Ihre Mutter vielleicht? Nein besser nicht. Oder den Großvater? Nee, bloß nicht! Marcels Schwester Melissa? Ach die war mit Sicherheit in der Uni beschäftigt und jetzt schlecht erreichbar. Sie ging zu ihrem Tisch zurück. Der Kaffee war inzwischen natürlich auch nicht mehr warm. Sie wanderte zum Tresen und holte sich gleich eine ganzes Kännchen Kaffee. Es würde doch noch eine Zeitlang dauern, bis ihre Schwiegermutter in der Klinik auftauchen würde. Um die Wartezeit zu überbrücken, kaufte Sabine sich zusätzlich noch eine Tageszeitung. Die Schlagzeile berichtete von einem schweren Zugunglück in Russland. Nein, dass war jetzt nicht die richtige Lektüre für sie. Sie legte die Zeitung wieder beiseite und schaute dem Treiben zu. Ein älteres Ehepaar stritt am Nachbartisch. »Du musst mich nicht für so blöd halten, wie ich aussehe«, sagte der Mann. »Das wäre ja auch allzu tragisch«, antwortete die Frau. Trotz ihrer angespannten Nerven, musste Sabine lächeln. Doch dann schrak sie auf. Da kam doch tatsächlich dieser gestresste OP-Arzt in die Cafeteria und sah sich suchend um. Sie wollte schon aufstehen, als der Chirurg auf einen Tisch am gegengesetzten Ende der Cafeteria zusteuerte. Erst jetzt bemerkte Sabine eine Frau, die etwa in ihrem Alter war und auch ungefähr ihr Aussehen hatte. Der Mediziner sagte leise etwas zu ihr. Die Frau stand sofort auf und folgte ihm. Sabine erhob sich ebenfalls und schloss sich den beiden an. Etwas weg von der Cafeteria drehte sich der Arzt zu der Frau um. »Ja. Er ist tot. Wir haben alles versucht, was in unserer Macht stand, aber die Verletzungen waren einfach zu schwer. Wenn es Ihnen als Trost dienen kann, er wäre Zeit seines Lebens ein furchtbar verunstalteter Krüppel geblieben. Vielleicht ist es besser so. Mein herzliches Beileid.« Er reichte der Frau die rechte Hand, drückte sie fest und verschwand dann um die Ecke. Die Frau war ganz blass geworden und lehnte sich zitternd gegen eine Wand. Sabine fand es empörend, in welcher kühlen Art man der Frau so einen tragischen Verlust mitgeteilt hatte. Spontan ging sie zu der hilflosen Frau hin und nahm sie fest in den Arm. »Kommen Sie, wir setzen uns da hinten auf die Bank.« Willenlos ließ sich die Frau von Sabine zu der Bank führen. Sabine drückte sie fest an sich und spürte das Zittern des anderen Körpers. Die Frau sah sie dankbar an. Irgendwie hatte sie den Tod ihres Mannes noch nicht ganz aufgenommen. Sie wirkte wie abwesend. Das Erkennen würde später einsetzen und die Trauer dann mit ganzer Gewalt ausbrechen. Sabine sah eine Krankenschwester vorbeigehen und rief sie zu sich. »Diese Frau hat gerade ihren Mann verloren. Ich glaube nicht, dass man sie in diesem Zustand hier so allein lassen sollte. Sie steht noch unter Schock. Kümmern Sie sich doch bitte darum. Geben Sie ihr ein starkes Beruhigungsmittel und vielleicht einen Raum, wo sie sich hinlegen kann.« Die junge Krankenschwester sah Sabine freundlich an. »Ja natürlich. Schön, dass Sie sich um sie gekümmert haben.« Die Schwester beugte sich jetzt zu der zitternden Frau hinunter. »Wie heißen Sie bitte?« Ganz leise sagte diese. »Kraft, Sabine Kraft.« »Kommen sie Frau Kraft, Sie bekommen jetzt eine Beruhigungsspritze. Ich werde ihre Angehörigen informieren. Die können sie dann in ein paar Stunden abholen.« Die Schwester hakte Frau Kraft fest unter den Arm und führte sie in einen Raum am Ende des Ganges. Sabine saß wie vom Donner gerührt da. Kraft. Sabine Kraft. Der gestresste Arzt, der nicht zu ihr gekommen war. Dann war das vielleicht alles nur eine Verwechslung? Aber wo war Marcel?

Der Wolf stand nur fünf Meter von ihm entfernt. Keine Chance mehr zum Ausweichen oder für eine Flucht. Langsam senkte das Tier seinen mächtigen Kopf und zog die Lefzen zurück. Ganz tief in seinem Inneren baute sich ein dunkles Grollen auf. Er war groß dieser Wolf. Verdammt groß und schwarz wie die Nacht. Marcel sah wie ihn die gelben Augen taxierten. Was sollte er tun. Wenn er nur irgendeine Waffe gehabt hätte, oder auch nur eine starken Ast. Er sah sich vorsichtig um, ohne seinen Kopf zu bewegen. Nichts, nur Bäume, Büsche und das weiche,

grüne Gras auf dem er stand. Gegen diesen Wolf konnte er nichts ausrichten. Wie im Zeitlupentempo setzte jetzt das riesige Tier eine Pfote vor die andere und kam näher, unendlich langsam näher. Das Grollen wurde lauter und bedrohlicher. Als der Wolf jetzt leicht den Kopf anhob, sah Marcel die blendend weißen Reißzähne blitzen. So, als ob er sicht nicht in einer großen Gefahr befände, überlegte Marcel, dass das Tier noch nicht alt sein konnte. Höchstens zwei Jahre, bei diesen weißen Zähnen. Aber sie würden nicht mehr lange weiß bleiben. Spätestens wenn sie ihn packten, würden sie rot werden, sehr rot. Der Wolf sprang ab. Marcel versuchte einen Satz zur Seite zu machen, zu spät. Die Wolfszähne bohrten sich in seinen Hals. Er schrie vor Schmerz auf. Der Schmerz ließ nicht nach, im Gegenteil er wurde schlimmer. Dann wachte er auf. Er lag in einem Bett. Der Schmerz war da, ein furchtbarer Schmerz und er war im ganzen Körper, nicht nur am Hals. Das gedämpfte Licht im Zimmer ließ ihn Apparaturen, Schläuche und diverse Monitore erkennen. Ein Mann und zwei junge Frauen, alle in weißer Bekleidung und mit Atemmasken versehen, erschienen vor seinem Bett. Der Mann sagte. »Er ist aufgewacht. Schwester Erika, schnell die Spritze.« Eine der Schwestern reichte ihm eine Glasspritze. »Sooo, diese Dosis wird ihn vorerst wieder in den Schlafzustand versetzen.« Marcel spürte trotz der rasenden Schmerzen in seinem Körper einen zusätzlichen Stich, dann wurde es erneut schwarz um

ihn.

»Gut so. Wir müssen trotzdem langsam die Dosis verringern. Schwester Heidi, bleiben Sie bei ihm. Wenn er wieder aufwacht, geben Sie ihm gleich noch einmal eine halbe Spritze. Morgen werden wir dann an die erste Transplantation gehen. Wir haben in ihm einen ausgezeichneten Spender.«

Angie sah sich suchend in der Cafeteria der Klinik um. Sabine war nirgendwo zu sehen. Sie ging zur Rezeption und hoffte,

dort erfahren zu können, wo sich Marcel und damit sicherlich auch Sabine aufhielten. »Entschuldigen Sie bitte, können sie mir eine Auskunft erteilen?« Mürrisch wendete sich die weißgekleidete Nonne von ihrem Monitor ab. »Ja, natürlich, dafür sitze ich ja hier. Worum geht es denn?« Angie bemühte sich freundlich zu bleiben. »Ich habe einen Anruf von meiner Schwiegertochter bekommen, dass mein Sohn einen Autounfall hatte und hier eingeliefert worden ist.« »Wie heißt denn ihr Sohn? »Kruft.« »Moment.« Die Ordensschwester wandte sich erneut dem Monitor ihres Personalcomputers zu und tippte einige Daten in die Tastatur. »Hmmm, hmmm, also hier habe ich keinen Eintrag. Heute Morgen, sagen sie? Dann sind die Daten sicher noch nicht in unsere Datenbank aufgenommen worden. Ich schau mal eben im Karteikasten nach.« Die Ordensschwester stand mühsam auf und ging zu einem offenen Aktenschrank. »So, da sind die heutigen Aufnahmen,

ja hier haben wir ihn schon. Ohhh Angie erschrak. »Was ist?«

Die Nonne sah sie unsicher und ein wenig schuldbewusst an. »Ja das tut mir jetzt unendlich leid für Sie. Er hat es leider nicht geschafft.«

«

Angie ergriff ein plötzlicher Schwindel. »Wie, nicht geschafft? Er ist doch nicht etwa

Er ist doch nicht

tot?«

Die Ordensschwester flüsterte fast. »Ja.« Angie stützte sich schwer auf. »Mein Gott, kann denn das überhaupt sein? Haben Sie auch richtig nachgeschaut? Kruft, Marcel Kruft?« Die Nonne stutzte und schaute noch einmal auf die Karte. »Wieso Marcel? Er heißt Marcus. Oh ja Entschuldigung, hier steht Kraft, Marcus Kraft.« Angie sah, wie das Gesicht der Ordensschwester puterrot vor Verlegenheit wurde. Diese wandte sich abrupt ab und ging jetzt noch einmal zu dem Aktenschrank. Sie suchte in einem Karteikasten und zog dann kurz darauf eine weitere Karte heraus. »Ja hier, endlich, Kruft Marcel. Hmmm, hier steht, dass er schon wieder entlassen worden ist. Ein paar Prellungen und Schnittwunden, aber sonst unverletzt.« Gott sei Dank, dachte Angie. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Dann war Sabine sicher schon mit Marcel nach Hause gefahren. Warum hatte sie ihr über Handy nicht Bescheid gesagt? Naja, die Aufregung, irgendwie verständlich. Sie wandte

sich erneut an die Nonne. »Hat sich denn meine Schwiegertochter, Sabine Kruft, nicht bei Ihnen nach ihrem Mann erkundigt?« Die Ordensschwester schüttelte verneinend den Kopf. »Nein, ich bin erst seit etwa zehn Minuten im Einsatz, vielleicht bei einer anderen Schwester.« Erleichtert bedankte sich Angie bei der Nonne und machte sich auf den Weg zur Cafeteria. Jetzt noch schnell einen Kaffee zur Erholung trinken und dann wieder zurück in den Pferdestall. Sabine und Marcel würde sie von unterwegs über Handy anrufen. Sie musste bei ihrem Pferd noch die Abschwitzdecke entfernen. Angie holte sich eine Tasse Kaffee von der Verkäuferin hinter dem Tresen und setzte sich an einen freien Tisch. Sie nahm gerade ihren ersten Schluck als ihr vor Überraschung fast die Tasse aus der Hand gefallen wäre. Sabine kam langsam durch die Eingangstür und schaute sich suchend um. Allein. Angie stand auf und winkte. Sabine kam an ihren Tisch und setzte sich wie abwesend auf einen freien Stuhl. Angie ergriff Sabines linke Hand und presste sie leicht. »Was ist denn los, Sabine? Wo hast du Marcel gelassen?« Sabine sah ihre Schwiegermutter mit großen Augen an. »Wo ich Marcel gelassen habe? Er ist weg, verschwunden, einfach verschwunden. Ich habe schon Gott und die Welt angerufen, hier mich überall erkundigt, nichts. Dabei hat mir eine Krankenschwester mitgeteilt, dass er schon vor einer Stunde, nach einer kurzen, ambulanten Behandlung wieder entlassen worden ist.« Angie nickte. »Ja, das habe ich auch an der Rezeption erfahren. Erst wurde er mit einem Kraft verwechselt.« Sabine verzog ihr Gesicht. »Hör bloß auf! Mit dieser Verwechslung habe ich auch schon einiges hinter mir.« »Vielleicht ist er zu mir gefahren?« Sabine wirkte genervt. »Wie denn? Dann hätte dir doch Sascha über dein Handy Bescheid gesagt. So blöd ist er auch nicht, dass er nicht wüsste, dass wir uns alle Sorgen machen.« Angie gab ihr Recht. »Tja, rätselhaft, äußerst rätselhaft. Was machen wir jetzt?« Sabine stand auf. »Weiß ich auch nicht. Ich muss sowieso zurück. Tanja vom Kindergarten abholen.« Angie trank noch schnell den Kaffee aus und stand dann ebenfalls auf. »Na gut, fahr du nach Hause und ich werde Sascha informieren. Manchmal hat der die besten Ideen.« Sabine konnte ein boshaftes Lachen nicht unterdrücken. »Sascha? Na wenn du meinst. Obwohl, da hast du nicht ganz unrecht. Wenn ihn einer findet, dann Sascha. Der ist knallhart. Habe ich ja leider auch schon öfter erfahren.« Sie verließen die Cafeteria und gingen zum Ausgang. Angie zog Sabine zu sich heran und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Also, Sabine, wir bleiben in Verbindung. Ich rufe dich spätestens heute Nachmittag an. Vielleicht meldet sich Marcel ja bald. Pass bloß gut auf dich auf, dass nicht noch mehr passiert.« »Ist gut, Schwiegertiger«. Es gelang Sabine solange die Tränen zurückzuhalten, bis ihre Schwiegermutter in ihr Auto gestiegen und davongefahren war.

Marcel hielt seine Augen geschlossen. Er stellte sich weiter schlafend. Dabei war er schon seit über fünf Minuten wach. Als er aufwachte, wollte er sich schon bemerkbar machen, aber da hörte er, wie eine Frauenstimme sagte: »Morgen nehmen wir ihm zuerst seine rechte Niere raus. Unser Kunde ist schon ganz ungeduldig. So ein Glück, dass wir den hier reinbekommen haben.« Eine andere Frauenstimme hatte geantwortet: »Dass wir ihn reinbekommen haben, war kein Glück, sondern geplant. Glück ist, dass seine Organe in Ordnung sind und tatsächlich die passenden Werte für unseren Kunden aufweisen.« »Da hast du recht. Ich glaube, wir können ihn noch gut eine halbe Stunde ohne Aufsicht lassen. Die Spritze war ganz schön stark. Bis der wieder aufwacht, vergeht noch eine Weile.« Marcel hörte, wie sich die Schritte entfernten und eine Tür geöffnet und anschließend wieder geschlossen wurde. Zur Vorsicht behielt er seine Augen weiter geschlossen. Vielleicht war doch noch jemand da. Aber jetzt nach fünf Minuten war er sicher, dass niemand mehr im Zimmer war. Verdammt, wenn nur die Schmerzen nicht wären. Gut, der Unfall. Die Rettungs- Sanitäter hatten ihm gesagt, dass er unglaubliches Glück gehabt hatte. Front- und Seiten-Airbag hatten ihn gerettet. Schnittwunden im Gesicht, Prellungen am ganzen Körper, aber sonst nichts Ernsthaftes. Er konnte sich an den Unfallhergang nicht mehr erinnern. Nach einer kurzen Ohnmacht war er im Sanitätswagen wieder zu sich gekommen. Das schrille Martinshorn hatte den Aufwachvorgang beschleunigt. Was sollte er jetzt tun? Offensichtlich wollten sie ihn hier als Organspender verwenden. Er musste weg. Raus hier und zwar schnell.

Vorsichtig öffnete er seine Augen und sah sich um. Ganz klar ein Krankenzimmer auf einer Intensivstation. Die ganzen Geräte und Vorrichtungen im Zimmer wiesen darauf hin. Langsam richtete er sich auf. Ein stechender Schmerz durchzuckte seinen Kopf. Ganz so gut war er anscheinend doch nicht davongekommen. Eine Gehirn-erschütterung? Er musste sich zwingen. Leise stöhnend setzte er sich im Bett auf. Schneller, bloß schneller. Wer wusste, wann die Schwestern zurück kamen? Die Schmerzen im ganzen Körper ignorierend streifte er die Bettdecke zur Seite und stieg langsam aus dem Bett. Der Boden war kalt. Überhaupt war er vollständig nackt. Wo war seine Kleidung? Marcel sah sich genauer um. Nein, keine Kleidung. Egal, nur raus hier. Er schlich zu der einzigen Tür im Zimmer, presste sein linkes Ohr an das Holz und lauschte. Nichts. Für eine Klinik, war es hier sowieso erstaunlich ruhig. Vorsichtig öffnete er die Tür ein wenig und schaute durch den Spalt hinaus. Ein spärlich erleuchteter Gang war zu sehen. Er öffnete die Tür soweit, dass er durchschlüpfen konnte. Links war eine Wand. Weiter rechts sah er zwei weitere Türen. Er schlich den Gang hinunter. Welche Tür sollte er nehmen? Die Entscheidung wurde ihm abgenommen. Er sah, wie die rechte Tür langsam geöffnet wurde. Blitzschnell öffnete er die linke Tür, glitt hindurch und schloss sie sofort wieder hinter sich. Marcel drehte sich ganz langsam um und erstarrte vor Entsetzen.

Sascha bewegte die Computermaus über das Pad, bis sich der Mauszeiger in dem Eingabefeld der Internet-Suchmaschine befand. Er tippte die Wörter Klinik und Software ein und startete durch Betätigung der Enter-Taste den Suchvorgang. Nur wenige Augenblicke später bekam er die Ergebnisse angezeigt. Die Trefferquote lag bei diesen beiden Worten natürlich sehr hoch. In über dreitausend Dokumenten waren beide Begriffe in dieser Kombination vorhanden. Durch den Begriff Klinik waren auch jede Menge Sexseiten dabei. Zur Freude von Sascha wurde unter den Top Ten auch seine eigene Homepage angezeigt. Darauf hatte er monatelang hingearbeitet. Ein Blick auf den Zugriffszähler ließ bei ihm noch mehr Freude aufkommen. Der Zähler wies über dreitausend weitere Zugriffe innerhalb eines einzigen Tages auf. Damit war seine Homepage erst einmal im World Wide Web bei diesem Themengebiet mit an führender Stelle. Nachdem er jahrelang in der Informationstechnik in einer Münchner Großfirma tätig gewesen war, hatte er sich vor zwei Jahren selbständig gemacht. Durch diverse Kontakte im medizinischen Bereich, Ärzte, Heilpraktikerinnen und einer angesehenen Münchner Klinik, war er auf die Idee gekommen, eine integrierte Computer-Software für Arztpraxen und Kliniken zu entwickeln. Der Start war eher mühsam, da es auf diesem Gebiet bereits viele Angebote anderer Softwarefirmen gab. Deshalb entwickelte er seine Software gleich für das Internet. Das hatte den riesigen Vorteil, dass seine Kunden automatisch mit den neuesten Programmversionen und den Vorzügen der weltweiten Vernetzung arbeiten konnten. Der Datenaustausch mit anderen Praxen oder Kliniken wurde durch individuelle Verschlüsselungstechniken vor unbefugtem Zugriff geschützt. Nach der ersten Durststrecke hatte er sich jetzt immerhin in ganz Deutschland einen kleinen Kundenstamm aufgebaut, der ihn redlich nährte. In seiner aktuellen Homepage bot er die neuen Highlights seiner Software an und hoffte natürlich auf reges Interesse der potentiellen Kunden. Sascha überlegte, dass er jetzt unbedingt eine Mitarbeiterin anstellen musste, die seine eigene Buchführung und andere Tätigkeiten übernahm. Zum Beispiel musste die neue Gebührenordnung für Heilpraktiker eingearbeitet werden. Der elektronische Zugriff auf die Rote Liste war unbedingt zu verbessern, Statistiken über die noch zur Verfügung stehenden Mittel für diverse Behandlungen im Quartal und im Vergleich zu anderen Praxen pro Bundesland und vieles mehr. Ideen hatte er genug, doch als Freiberufler war er jetzt an die zeitliche Arbeitsgrenze gestoßen. Er hatte sich vorgenommen, mal bei Sabine anzufragen, ob sie nicht Lust hätte, ein paar Stunden am Tag für ihn zu arbeiten. Das konnte sie auch von zu Hause aus tun. Er würde ihr dann einen Personalcomputer an das Internet anschließen und schon könnte sie loslegen Das kleine Gehalt für diese Tätigkeit würde sie sicher auch gut gebrauchen können. Für den Kontakt mit Kunden war sie sowieso bestens geeignet, weil sie eine schöne Frau war, eine super Stimme hatte und auch sonst nicht gerade auf den Kopf gefallen war. Das Problem war Marcel. Ob der einverstanden war, dass seine Frau für ihn arbeitete? Hoffentlich war der Unfall einigermaßen glimpflich für ihn abgelaufen. Außerdem war da noch die andere Sache zwischen Sabine und ihm, die jetzt einige Jahre zurück lag. Aber das sollte doch wohl verjährt sein. Wenn Sabine nicht ansprang, musste er per Annonce jemanden suchen. Besser war allerdings Sabine. »Hallo, ich bin vom Krankenhaus zurück.« Angie war in sein Arbeitszimmer getreten. Sascha drehte sich in seinem Schreibtischstuhl zu ihr um. »Na, wie geht es Marcel denn?« Seine Lebenspartnerin machte eine ratlose Geste. »Er ist verschwunden.« Sascha lachte leise auf. »Soll das ein Witz sein? Ich denke, er hatte einen Autounfall.«

»Ja,. hatte er. Aber jetzt ist er weg. Seine Verletzungen waren nicht so schlimm und er konnte nach einer kurzen, ambulanten Behandlung wieder entlassen werden.« Angie setzte sich auf eine Schreibtischkante. Sascha sah sie jetzt ungläubig an. »Und Sabine? Was sagt die dazu?« »Die hat sich überall in der Klinik erkundigt und bei allen möglichen Leuten angerufen. Nichts.« Angie zündete sich eine Zigarette an. Sascha schüttelte nachdenklich seinen Kopf. »Hier hat er sich auch nicht gemeldet. Komisch.« Angie stieß den Rauch der Zigarette aus. »Hast du eine Idee?« Sascha antwortete nicht gleich. Er stand aus dem Sessel auf. »Nein, so schnell nicht, aber lass mich mal kurz überlegen.« Nachdenklich setzte er sich wieder hin, meldete sich vom Internet ab und schaltete anschließend den Computer aus. »In welcher Klinik war er denn?« »In der Uni-Klinik, in der Zielstraße.« Sascha stand wieder auf und lief in dem kleinen Zimmer hin und her. »Uni-Klinik, Uni-Klinik, da kenne ich den Verwaltungsleiter ganz gut. Ich habe ihm vor einiger Zeit meine Software vorgeführt. Weißt du was, ich fahre da mal hin und höre mich ein bisschen um. Außerdem kenne ich da ein paar Krankenschwestern, weil die meine Software an praktischen Beispielen testen mussten. Leider nicht meine Hardware.« Seine Lebenspartnerin wurde unmutig. »Hör mit den Zwei-deutigkeiten auf. Ich werde jetzt Sabine anrufen und ihr Bescheid sagen, dass du in die Klinik fährst.«

Die beiden Leichen lagen auf flachen Edelstahltischen. Der ganze Raum war hell erleuchtet. Mit hervorquellenden Augen sah Marcel die weit auseinander klaffenden Brustkörbe. Spender! Trotz allen Grauens bewegte sich Marcel zwischen die beiden Tische und schaute zuerst auf die linke Leiche. Diese war offensichtlich ein Mann gewesen, auch wenn von den Merkmalen nicht mehr viel vorhanden war. Die Hoden fehlten ganz und vom Rest war nur noch der Ansatz vorhanden. Er blickte widerwillig genauer hin und sah, dass der ganze Brustraum leer war. Die Rippen waren weit auseinandergebogen. Spender! Er wandte sich der rechten Leiche zu. Eindeutig war dies eine Frau gewesen. Eine junge Frau, fast noch ein Mädchen. Hier dasselbe. Leerer Brustraum und zu seinem weiteren Entsetzen, keine Augen mehr. Spender! Man konnte auch die Hornhaut der Augen verwenden. Wusste ja jeder inzwischen, Dritte Welt. Seine Gedanken verwirrten sich. Er musste bei Verstand bleiben, unbedingt. Jetzt bloß nicht in Panik geraten. Er zwang sich, den Blick von der Leiche des Mädchens zu nehmen und schaute sich genauer in dem Raum um. Eine Seite bestand nur aus einer Regalwand mit geschlossenen Fächern. Auf der gegenüberliegenden Seite waren zwei Arbeitstische. Er entdeckte darauf mehrere verschlossene Glasbehälter mit einer leicht bläulichen Flüssigkeit. Und in der Flüssigkeit schwammen Marcel kämpfte, um sich nicht übergeben zu müssen. Jetzt wusste er, wo die Hoden und Augen geblieben waren. Er hatte keine Zeit seinen Ekel zu verarbeiten. Laute Schritte näherten sich von außen. Marcel sah sich gehetzt um. An der dritten Wand stand noch eine Liege, die mit einem weißen Tuch, das fast bis zum Boden hing, abgedeckt war. Blitzschnell rannte er sich zu der Liege und hechtete darunter. Das Tuch verdeckte ihn vollständig. Keine Sekunde zu früh. Kaum hatte er sein Versteck eingenommen, öffnete sich die Tür und jemand betrat den Raum. Er konnte von seinem Platz aus nichts genaues erkennen, aber offensichtlich handelte es sich bei der Person um eine Krankenschwester. Unter dem Tuchrand hervorschielend, sah er ihre Füße und einen Teil eines weißen Kittels. Sie machte sich bei den Tischen mit den beiden Leichen zu schaffen. Marcel hörte wie eine weitere Person den Raum betrat. Eine zweite Krankenschwester trat zu den Tischen und half der anderen Schwester bei ihrer anscheinend mühevollen Tätigkeit. Diese arbeiteten mehrere Minuten schweigend, dann hörte Marcel plötzlich eine Schwester sagen. »So, das hätten wir. Sie werden in fünf Minuten weggeschafft. Hast du den Fahrern Bescheid gesagt, Heidi?« »Ja natürlich. Doktor Franz braucht doch bald Platz für unseren neuen Spender.« Die beiden Frauen verließen den Raum wieder und schlossen die Tür hinter sich. Marcel überlegte fieberhaft. Vorsichtig kroch er unter der Liege hervor und sah, dass die beiden Leichen jetzt offensichtlich in grünen Plastiksäcken verstaut waren. Wenn es hier nur nicht so kalt wäre. Er fror ohne seine Kleidung erbärmlich. Dann kam ihm der Einfall. Wahnsinn, aber vielleicht die einzige Möglichkeit um hier ungeschoren heraus zu kommen. Ohne noch lange zu überlegen hastete er zu dem linken Plastiksack, packte ihn fest und hob ihn von dem Stahltisch. Die Leiche war schwer. Mühsam schleppte er den Sack zu der Wandliege und legte ihn dort auf dem Boden ab. Er öffnete den Klettverschluss und zog angewidert den Leichnam langsam aus dem Sack. Er hatte die männliche Leiche erwischt. Wieder überkam ihn ein Würgegefühl, das er mühsam zu

überwinden suchte. Er kniete sich neben den toten Spender und schob ihn unter die Liege. Marcel zog noch etwas an dem weißen Tuch, bis die Leiche absolut nicht mehr zu sehen war. Dann griff er sich den Sack, eilte zu dem nun leeren Stahltisch und kletterte hinauf. Er stieg in den Plastiksack hinein, legte sich langsam hin und zog den Sack über seinen Kopf zusammen. Gerade noch rechtzeitig, denn die Tür wurde laut aufgestoßen und erneut waren Stimmen zu hören. »So, nun mal los.« Das war eine männliche Stimme, die er bis jetzt in der Klinik noch nicht gehört hatte. Irgendwie kam ihm die seltsame Aussprache aber bekannt vor. Marcel spürte wie er angehoben und dann offensichtlich auf eine Rolltrage gelegt wurde. Eine weitere männliche Stimme. »Verdammt schwer, als ob noch alles drin wär.« Der erste Mann antwortete. »Red jetzt keinen Mist und weg mit den beiden.« Die Rolltrage setzte sich in Bewegung.

Die kleine Lara brüllte wie am Spieß. Sabine nahm sie vorsichtig aus dem Laufstall heraus und wiegte sie sanft in ihren Armen. Das Gesicht der Kleinen war vor lauter Schreien ganz rot angelaufen. Durch die permanente Schaukelbewegung beruhigte sich Lara langsam wieder. Ihre Mutter setzte sich auf die Couch und behielt die Kleine weiter im Arm. Gott sei Dank war Tanja nicht auch noch anwesend. Eine etwa gleichaltrige Freundin aus der Nachbarschaft hatte sie zum Spielen abgeholt. Nach dem Anruf ihrer Schwiegermutter, mit der Information, dass Sascha sich auf den Weg zur Klinik befand, um dort vielleicht etwas über das Verschwinden von Marcel herauszufinden, hatte sie sich die nächsten Schritte durch den Kopf gehen lassen. Sie war nach wie vor im Zweifel, ob es bereits zu diesem Zeitpunkt sinnvoll war, die Polizei mit der Sache zu konfrontieren. Jetzt schon eine Vermisstenmeldung aufzusetzen war doch wohl etwas verfrüht. Was war, wenn Marcel vor lauter Freude über den glimpflichen Verlauf des Unfalls, eine Kneipe angesteuert hatte und sich dort voll laufen ließ? Zugegebenermaßen war das sonst nicht seine Art. Marcel war kein Trinker. Eher rauchte er zuviel. Der Zigarettenkonsum hatte in der letzten Zeit ganz schön zugenommen. Er wirkte neuerdings sowieso sehr fahrig und nervös. Zu ihrer Schande musste sie sich eingestehen, dass sie mit ihren immer häufigeren Vorwürfen auch nicht gerade zu seinem Wohlbefinden beitrug. Aber andererseits war sie es leid, nur die brave Hausfrau und Mutter zu spielen. Sie war noch zu jung und sie brauchte unbedingt Abwechslung. Sobald Marcel wieder aufgetaucht war, holte sie mit Sicherheit das nach, was sie sich für heute eigentlich vorgenommen hatte. Sie würde die Belle de Jour von München.

»Na wie geht’s denn so, Herr Jonas?« Sascha klopfte dem Verwaltungsleiter vertraulich auf die Schulter. »Wie es einem nun mal so geht, Herr Sommer. Mal gut, mal schlecht. Heute eher schlecht.« Sascha schaute dem Klinikkaufmann jetzt genauer in das Gesicht. »Wieso, ist was Besonderes passiert?« Der Verwaltungsleiter machte eine abwehrende Handbewegung. »Nein, nein. Aber die Arbeit wächst mir langsam über den Kopf. Leider haben wir keinen Etat mehr frei, um eine zusätzliche Bürokraft einstellen zu können.« Sascha nickte. »Ja überall das Gleiche. Aber dann finde ich es ja besonders nett von Ihnen, mir ein paar Minuten ihr Gehör zu leihen.« »Worum geht es denn Herr Sommer? Wieder neue Software?« Der Verwaltungsleiter deutete auf einen freien Stuhl und Sascha setzte sich ihm gegenüber hin. »Nein diesmal nicht, Herr Jonas. Es handelt sich mehr oder weniger um eine Privatsache.« »Schießen sie los.« Leo Jonas lehnte sich in seinem Sessel zurück. Sascha sah auf den Boden. »Der Sohn meiner Lebenspartnerin, Marcel Kruft, war heute Morgen bei Ihnen in der Klinik. Er hatte einen Autounfall und anscheinend noch viel Glück dabei. Außer ein paar Schnittwunden und Prellungen ist er praktisch unverletzt davongekommen. Nach einer kurzen, ambulanten Behandlung wurde er wieder von hier entlassen. Aber nun kommt das Seltsame. Er ist seitdem verschollen.« Der Verwaltungsleiter beugte sich vor. »Verschollen? Wie gibt es denn so was? Ist doch nicht möglich.«

Sascha nickte zustimmend. »Ja, das verstehen wir ja auch nicht. Seine Frau hat hier in der Klinik nachgeforscht und überall, bei Freunden, Verwandten und so weiter, herum telefoniert. Nichts. Gemeldet hat er sich bisher auch nicht. Sie müssen zugeben, dass das doch sehr ungewöhnlich ist.« Leo Jonas erhob sich aus seinem Sessel. »Allerdings. Kann es nicht sein, dass ihr Marcel zu Leuten gegangen ist, die sie nicht kennen, oder in eine Kneipe, oder dass er einfach nur erst mal seine Ruhe haben will und irgendwo rumläuft?« Sascha nickte wieder. »Tja, im Grunde alles möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich. Schließlich hat er Frau und Kinder und müsste doch seine Verantwortung kennen. Er müsste doch wissen, dass sich alle Sorgen um ihn machen.« Der Verwaltungsleiter sah Sascha fest an. »Wie kann ich ihnen helfen?« »Herr Jonas, ich brauche eine Liste aller heute Morgen in der Ambulanz beschäftigten Mitarbeiter. Außerdem eine Info, welcher Notarzt oder Sanitätswagen Marcel hier eingeliefert hat.« Leo Jonas schaute nachdenklich. »Sie wissen ja, dass ich Ihnen diese Informationen aus rechtlichen Gründen nicht geben darf.« Er machte eine kurze, nachdenkliche Pause. »Aber da fällt mir ein, dass Sie doch Computerexperte sind. Wir haben da seit einigen Tagen ein kleines Problem mit unserer Datenbank. Wenn sie so nett wären und mal einen Blick darauf werfen würden.« Sascha stand nun ebenfalls auf und drückte dem Verwaltungsleiter fest die Hand. »Ich verstehe. Vielen Dank, Herr Jonas. Wenn sie mal ein Problem haben, meine Telefonnummer haben Sie ja.« Der Verwaltungsleiter verließ sein Büro und schloss die Tür hinter sich. Sascha setzte sich sofort an den Personalcomputer. Der PC war eingeschaltet, aber er verlangte für den Dialog ein Passwort. Kein Problem. Durch jahrelange Erfahrung geschult schaute Sascha unter die Schreibtischauflage und tatsächlich befand sich dort eine kleine Liste mit Passwörtern. Ja, ja, die sogenannte Sicherheit. Das menschliche Gedächtnis brauchte Stützen. Er tippte ein Passwort ein. Sofort nach Betätigung der Enter-Taste kam er in den Dialog hinein. Irgendwie war die Software aller Anbieter doch sehr vergleichbar. Er fand sich sofort zurecht. Dienstplan. Was hatten wir heute für ein Datum? Ach ja, der 10.03. Ambulanz? Nein besser gleich alle Stationen.

Der Drucker war eingeschaltet und fing sofort an zu arbeiten, als Sascha den Druckvorgang startete. Schön detailliert wurden alle Stationen mit den zugeordneten Mitarbeitern ausgegeben. So, das war der erste Streich. Jetzt die Privatdaten aller Mitarbeiter. Sehr schön, neben Namen, Geburtsdaten und Adressen waren auch die Ausbildungen und aktuelle Funktionen in der Klinik eingetragen. Ausdruck! Nun noch die heutigen Zugänge. Ja hier, so eine schön gepflegte Datenbank. Vorbildlich. Nächster Ausdruck. Was fehlte noch? Zur Sicherheit mal auch alle Abgänge. Jawohl, da haben wir sie schon. Neuer Ausdruck. Was noch? Sascha fiel plötzlich eine Menge ein, was er noch an Informationen brauchen könnte. Das würde aber

, ja das müsste gehen. Ein Versuch war es wert. Er verließ den Dialog und wechselte in

alles viel zu lange dauern. Wenn er

das Betriebssystem des Computers. Die Datenbanken lagen auf einem Server, dem Hauptrechner in der Klinik. Er hätte sich leichter getan, wenn die Klinik damals seine Software gekauft hätte. Aber es ging auch so. Sascha stellte die Verbindung zum Internet her und schickte sich sämtliche Datenbankdaten als Anhang zu seiner privaten E-Mail-Adresse. Eine Klinik hatte zwar viele Daten, aber nachdem die Datenbanken offen-sichtlich erst seit einem Jahr gefüllt wurden, waren die Dateigrößen akzeptabel. Nach etwa fünfzehn Minuten, war der Übertragungs-vorgang beendet. Sascha schaltete den PC aus, nahm die vor-genommenen Ausdrucke aus dem Drucker und verließ den Raum.

»Smoke on the water, fire in the sky, da, da, daaa, da, da, dadaaa, da, da, da, daaaa, smoke on the water, fire in the sky.« Deep Purple, dachte Marcel. Nicht schlecht, außer man befand sich in einem Leichensack. Er musste sich auf der Ladefläche eines Klein-Transporters befinden. Die Musik aus den Lautsprechern im Führerhaus hämmerte auf ihn ein. Die beiden Männer, Fahrer und Bei-fahrer sangen laut und teilweise unmelodisch mit. »Genau die richtige Musik für die nahe Zukunft unserer Sackpatienten.« »Halts Maul, du blöde Sau! Mir macht es keinen Spaß, die armen Schweine immer so zu entsorgen.« Das war die Marcel irgendwie bekannte Stimme gewesen. Wer war das nur? Woher kannte er nur diese Stimme mit der eigenartigen Aussprache? »Wieso? Stell dich nicht so an. Sie werden rückstandslos beseitigt. Wir sind ja eigentlich richtige Umweltschützer, müssten fast in die Partei der Grünen aufgenommen werden.« »Auf so ein Arschloch wie dich, haben die gerade noch gewartet. Wenn ich nicht die hohen Schulden hätte, würde ich diese Scheiße gar nicht mitmachen. Aber der Doc zahlt nun mal gut und ich bin davon leider abhängig.«

»Gong, Gong, Gong, Gong.« Langsam und getragen setzten die Gitarren und das Schlagzeug passend zu dem Glockenläuten ein. Hells Bells. AC-DC. Plötzlich wurde Marcel an die Wand gedrückt. Der andere Sack presste sich gegen ihn. Der Wagen hatte eine scharfe Kurve genommen und rollte nun langsam aus. Verdammt, waren sie etwa schon am Ziel angekommen? Er hatte vorgehabt sich langsam aus dem Sack zu befreien und dann vom Auto zu springen. Zu spät. Das Fahrzeug stand bereits. Die Türen am Führerhaus wurden auf-gemacht. Kurz darauf wurde die Heckklappe geöffnet und ein Mann sprang auf die Ladefläche. »Komm, pack mit an.« Marcel spürte, wie er an Schulter und Beinen angehoben und dann fortgetragen wurde. Die beiden Träger schnauften nicht schlecht. Nach etwa einer Minute setzten sie ihn wieder ab. Er hörte an den Schritten, dass sich die Männer wieder entfernten. Jetzt war die Chance da. Nichts wie raus aus dem Sack. Mit einer schnellen Bewegung, öffnete Marcel den Sack über seinem Kopf und drehte sich hinaus. Kalt war ihm eigentlich nicht, trotz seiner körperlichen Blöße. Ganz im Gegenteil. Hier war es sehr warm. Geradezu heiß war es. Und es stank fürchterlich. Der Geruch nahm ihm fast den Atem. Er sah sich gehetzt um. Leichen, überall Leichen, Tierleichen. Offensichtlich eine Tierkörper-Beseitigungssstelle. Der Verbren- nungsofen befand sich direkt vor ihm. Er konnte in die Glut hineinsehen. Also da wäre er jetzt gelandet. Fire in the sky. Hells Bells. Wie passend. Raus hier. Marcel drehte sich um und lief zur Eingangstür. Direkt in die Arme der beiden Männer, die gerade den anderen Sack anschleppten.

Der mittelgroße Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf der saaleigenen Tribüne stand ein massives Rednerpult. Ein kleiner, dicklicher Mann mit Halbglatze der ganz in schwarz gekleidet war, beendete dort gerade seine Rede. »Und nun meine Kameradinnen und Kameraden, begrüßt mit mir zusammen unseren Vorsitzenden Harald von Hohenstein!« Die letzten Worte schrie der schwarzgekleidete Dicke geradezu in das Mikrofon. Der dicke Alex Brunner trat hinter dem Pult hervor und stellte sich rhythmisch in die Hände klatschend rechts daneben. Das Auditorium klatschte begeistert mit, als ein großer Mann daraufhin vom ersten Tisch aufstand und schwungvoll über die kurze Treppe die Bühne erklomm. Harald von Hohenstein war eine imposante Erscheinung. Er war fast 40 Jahre alt, über 1,90 Meter groß, sehr schlank, besaß eine halblange, blonde, modern geschnittene Frisur und trug einen weißen, gutsitzenden Designer-Anzug. Er reichte seinem Vorredner die Hand und bedankte sich bei ihm. Dieser verließ darüber glücklich lachend die Bühne und nahm dann am ersten Tisch Platz. Harald von Hohenstein klopfte kurz prüfend gegen das Mikrofon und begann seine Rede. »Meine lieben Parteifreunde. Als Erstes möchte ich mich bei euch für das zahlreiche Erscheinen am heutigen Abend bedanken. Wie ihr sicher wissen werdet, stand diese Versammlung zunächst unter einem schlechten Stern. Nachdem uns die Presse permanent totschweigt und andererseits massiver Druck der Behörden auf alle Sympathisanten unserer Partei ausgeübt wird, haben wir diesen Saal nur durch die Unbeugsamkeit unseres Parteifreundes Alex Brunner reservieren und halten können. Alex, von dieser Stelle noch mal ein herzliches Dankeschön von uns allen. Unsere Deutsche-Interessen-Partei befindet sich noch im Aufbau. Bis heute haben wir genau fünfhundertzweiundachtzig Mitglieder. Aber jeden Tag werden es mehr. Zur Zeit leben wir hauptsächlich noch von der Mundpropaganda. Leider werden unsere Plakate ständig von den angeblich doch so toleranten Demokraten zerstört. Wir dürfen uns davon nicht aufhalten lassen. Sicher ist es ungleich schwerer, den Bürger zu erreichen, wenn alle Medien uns ausgrenzen, aber es kann auch eine Chance sein. Irgendwann werden sie uns nicht mehr totschweigen können. Es kommt der Tag an dem wir überall präsent sein werden und glaubt mir, liebe Freunde, dieser Tag ist gar nicht mehr so weit wie es jetzt dem einen oder anderen von Euch noch erscheinen mag. Wie es der Name unserer Partei schon ausdrückt, stellen wir die Interessen der in Deutschland lebenden Menschen in den Vorder-grund. Es muss endlich Schluss sein mit der Gängelung unseres Landes von Brüssel aus. Ihr wisst, dass ich kein Gegner der gemeinsamen europäischen Währung war und nach wie vor nicht bin. Wer nur ein wenig über den Tellerrand hinausschauen kann, weiß, dass nur eine gemeinsame, europäische Währung in Konkurrenz zu den anderen Weltwährungen und da hauptsächlich zu dem amerikanischen Dollar treten kann. Nein, gegen den Euro an sich ist überhaupt nichts einzuwenden. Was stört ist, dass die Kriterien zur Einhaltung des Vertrages von Maastricht von vielen Ländern nicht mehr ernstgenommen werden. Deutschland steht da leider Dank unserer katastrophal schwachen Regierung mit an erster Stelle.

Unsere Gesamtverschuldung wird immer größer und erreicht langsam schwindelerregende Höhen. Zukünftige Generationen werden diese Schulden aufgebürdet bekommen und abzutragen haben. Selbst-verständlich mit einem hohen Verlust an der eigenen Lebensqualität. Woher kommt nun diese unglaublich hohe Verschuldung? Einerseits sicherlich aus der dilettantisch durchgeführten Deutschen Einheit. Hunderte Milliarden Euro wurden per Gießkannenprinzip einfach verschleudert. Blödsinnige Projekte und Unternehmungen wurden finanziert. Dabei haben gar nicht mal so sehr die ostdeutschen Firmen einen Vorteil gehabt. Nein, eine elitäre, westeuropäische Industrie hat sich an der Wiedervereinigung mit unseren Steuergeldern bereichert. Nehmt nur mal die ganzen Bauprojekte. Alles mit einer irrwitzigen Steuerförderung. Heute stehen die Bauten massenweise leer und gammeln vor sich hin. Ein anderer Grund für die hohen Schulden sind die vielen Arbeitslosen. Wer keine Arbeit hat, zahlt auch keine Steuern und keine Sozialabgaben. Andererseits bezieht er aber Arbeitslosengeld oder später Sozialhilfe. Nachdem natürlich die ostdeutschen Bürger früher nie in unsere Renten- und Sozialkassen einzahlen konnten, haben sie aber selbstverständlich die gleichen Ansprüche wie die westdeutschen Bürger. Die Renten- und Sozial-kassen sind nach der Wiedervereinigung von den Politikern für den Aufbau Ost regelrecht geplündert worden. Anstatt alle Verdienst-gruppen finanziell an den Vereinigungskosten zu beteiligen, wurden ausschließlich die abhängig Beschäftigten zur Kasse gebeten. Kein Selbständiger, kein Beamter musste sich beteiligen. Jetzt, wo alle Sozialkassen absolut leer sind, müssen diese jährlich mit 100 Milliarden Euro bezuschusst werden. Natürlich alles über neue Schulden. Gerade in den neuen Bundesländern liegt die Arbeits-losenquote teilweise bei 30 Prozent. Das liegt nicht an den Menschen in diesen Bundesländern. Die meisten würden sicher liebend gern eine Arbeit annehmen. Aber es gibt dort keine Arbeit. Was läuft da eigentlich so falsch? Anstatt auf Forschung und Entwicklung neuer Produkte zu setzen und dies auch massiv zu fördern, eben durch moderne Industrieeinrichtungen in den neuen Bundesländern, schleudert unsere Regierung lieber unsere hart erwirtschafteten Steuergelder für rückständige Subventionen heraus. Was mich auch wahnsinnig stört, ist die offensichtlich von Brüssel gesteuerte Niveausenkung unseres hart erarbeiteten, jetzigen Lebens-standards auf ein Niveau, wie es jetzt in Portugal oder Polen herrscht. Fleiß, Einsatz und Zuverlässigkeit werden nicht mehr belohnt. Wartet es nur ab. Wenn das so weitergeht, haben wir bald die Einheitsrente. Und zwar auf dem Niveau der Sozialhilfe. Dann hat der Rumlungerer und jeder Zuwanderer im Alter das gleiche Einkommen, wie derjenige Arbeiter oder Angestellte, der treu und brav sein ganzes Leben lang in Deutschland geschuftet hat. Schon jetzt wird ständig das Rentenniveau gesenkt. Die Durchschnittsrente beträgt mal gerade 900 Euro, und das, liebe Freunde, nach fünfundvierzig Berufs- und Einzahljahren! Von wegen die Renten sind sicher. Mag ja sein, dass das Rentensystem an sich bestehen bleibt. Aber in welcher Höhe, meine lieben Freunde, in welcher Höhe sind die Renten bald, frage ich euch? Mit einer unglaublichen Frechheit werden anstehende Rentenerhöhungen einfach ausgesetzt. Sogenannte Nullrunden wird es in Zukunft immer mehr geben. Warum lassen sich das unsere Rentner überhaupt gefallen? Warum gibt es keine Protestzüge nach Berlin? Ich will es euch verraten. Die Regierung weiß ganz genau, dass die Rentner sich schlecht organisieren können - sei es aus Altersgründen oder auch aus der Einsicht, niemanden in der Politik zu haben, der wirklich ihre Interessen vertritt. Und genau das nutzt die Regierung schamlos aus. Ich rufe von diesem Podium allen Rentnern zu. Wählt bei den nächsten anstehenden Wahlen die Deutsche-Interessen-Partei. Wir werden uns um euch kümmern. Armut im Alter, für alle die ein Leben lang in die Rentenkasse eingezahlt haben, wird es bei uns nie mehr geben. Wie weit sind wir in diesem Land eigentlich gekommen? Dann noch ein Thema. Unser Gesundheitswesen. Ihr wisst ja, dass ich selber Arzt bin. Mir geht es wirtschaftlich gut. Sogar sehr gut. Den meisten Ärzten in unserem Lande geht es materiell nicht schlecht. Gut, es mag hier oder dort, gerade in Ballungszentren, die eine oder andere Praxis geben, die nicht so gut läuft, aber im Schnitt geht es uns Ärzten ganz prima. Und was macht unsere Regierung? Sie belastet die Arbeitnehmer mit immer höher werdenden Eigenbeteiligungen an ihrer Gesundheitsvorsorge. Da werden nicht die unnötig vielen Krankenkassen mit ihren immens hohen Verwaltungskosten und unverschämten Vorstandsgehältern auf ein Normalmaß reduziert. Da werden nicht die Kassenärztlichen Vereinigungen auf ihre Wirksamkeit überprüft. Da wird nicht die Pharmaindustrie zurecht-gestutzt. Nein, immer werden alle Lasten dem abhängigen Arbeit-nehmer aufgedrückt. Gerechtigkeit bei der Verteilung der Gesund-heitskosten? Fehlanzeige! Nun noch etwas, was mir sehr am Herzen liegt. Ich weiß, dass auch unter euch etliche Beamte sind. Trotzdem muss ich hier mal massiv Kritik an dem Missverhältnis zwischen den Renten der Arbeitnehmer und den Pensionen der Beamten üben. Die Beamten haben einen unkündbaren Arbeitsplatz, sichere Gehaltserhöhungen, Zulagen und Beihilfen, nicht immer einen Traumjob, aber einen mit eindeutigen Privilegien. Sie werden auch nach ihrer Pensionierung von der öffentlichen Hand großzügig bedacht. So kassieren sie nach ihrem Ausscheiden aus dem Dienst viel mehr als andere Arbeit-nehmer, ohne dafür

jemals in eine Versorgungskasse eingezahlt zu haben. Monatlich 2.300 bis 2.800 Euro Pension sind die Regel. Beamte werden also rundherum versorgt. Dazu kommen die vielen Frühpensionierungen. Wenn ein Beamter bereits nach 5 Dienstjahren ausscheidet, bekommt er trotzdem eine Pension von etwa 1.200 Euro. Also 300 Euro mehr als ein Arbeiter oder Angestellter nach 45 Arbeitsjahren. Nicht umsonst wird dadurch dem Missbrauch des Beamtentums Tür und Tor geöffnet. Aber der Missbrauch wird nicht abgestellt. Warum? Weil die meisten Politiker selber ehemals Beamte waren oder noch sind. Diese überhöhten Beamtenpensionen, werden unser Land schon in wenigen Jahren in den endgültigen Ruin treiben. Um wenigstens erst einmal notdürftig über die Runden zu kommen, wird nur bei den Renten gekürzt, weil dort der Widerstand wesentlich geringer ist. Wo bleibt der Aufstand der Arbeitnehmer, frage ich euch? Warum gehen die Leute nicht massiv auf die Strasse? Eine Aufgabe unserer Partei wird es sein, diesen Widerstand zu organisieren und diesen Versagern in Berlin mal ordentlich Dampf unter dem Arsch zu machen! Schon jetzt liegt Deutschland an letzter Stelle des Wirtschafts-wachstums innerhalb der Europäischen Union. Unsere DIP muss auch da dringend einen Riegel vorschieben. Deutsche Interessen müssen wieder in den Vordergrund gerückt werden, und das zum Wohl aller. Ich sage euch, ein wirtschaftlich starkes Deutschland nutzt auch allen anderen EU Staaten.« Harald von Hohenstein nahm einen großen Schluck aus einem Maßkrug, dem ihm eine dralle Bedienung auf das Pult gestellt hatte und setzte dann seine Rede fort.

Die Überraschung stand den Männern ins Gesicht geschrieben. Vor Schreck ließen sie den Leichensack fallen. Marcel warf nur einen kurzen Blick auf sie. Jetzt wusste er plötzlich, warum ihm eine Stimme bekannt vorgekommen war. Er erkannte in einem der Männer einen ehemaligen Ausfahrer seiner Firma. Kurt Klose. Hasenscharten-Kurti, der Säufer. Zweimaliger Verlust seines Führerscheins und damit endlich auch der Verlust seines Arbeitsplatzes. Das alles ging Marcel blitzschnell durch den Kopf. Er hielt in seinem Lauf nicht inne. Mit einem Satz war er an Kurti und dem anderen Mann vorbei und rannte zu einem VW-Transporter. Das musste der Wagen sein, mit dem sie hergeschafft worden waren. Marcel riss die linke Tür zum Führerhaus auf und sprang in den VW. Sein Stoßgebet wurde erhört. Der Schlüssel steckte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie beide Männer angehetzt kamen. Er drehte den Zündschlüssel um. Der Wagen sprang an. Gas! Der Transporter machte einen Satz nach vorne. Marcel trat mit aller Kraft auf das Bremspedal. Verdammt, er musste zurück. Wo war der Rückwärtsgang? Da! Nur schnell, schnell. Mit aufheulenden Reifen setzte der VW zurück. Kurti konnte sich gerade noch mit einem Satz zur Seite retten. Marcel achtete nicht auf seine Verfolger. Er fuhr weiter rasant rückwärts, bremste und trat dann erneut auf das Gaspedal. Wieder machte der Transporter einen Satz nach vorne. Er steuerte die Ausfahrt an, erhöhte weiter das Tempo und befand sich im Nu auf einer Schnellstraße.

Die Villa lag in einem der vornehmsten Stadtbezirke von München, in Bogenhausen. Das Gebäude stand auf einem riesigen Grundstück mit kleinem Wäldchen, See, ausgedehnten Rasenflächen und großen Blumenbeeten. Zur Villa führte vom Haupttor eine Allee, die von alten Eichenbäumen eingerahmt wurde, fast wie in den amerikanischen Südstaaten. Jetzt im März, waren die Bäume natürlich kahl und auch die Frühlingsblumen wie Tulpen, Narzissen und Osterglocken würden erst nächsten Monat aus ihrem Winterschlaf erwachen. Vereinzelt waren aber durchaus schon Krokusse und Schneeglöckchen zu sehen. Sabine konnte dies alles nur von außen durch ein imposantes, geschmiedetes Eingangstor betrachten. Soweit sie schauen konnte, war das gesamte Grundstück von meterhohen Tujen umgeben, die keinen Blick auf die Villa zuließen. Ihr zitterten plötzlich leicht die Hände. Sollte sie wirklich diesen Schritt gehen. Sollte sie jetzt auf die Torglocke drücken und damit einen unvermeindlich neuen Abschnitt in ihrem Leben beginnen. Einen Abschnitt, den sie vielleicht noch einmal sehr bereuen würde. Fast wäre sie zu ihrem Auto zurückgegangen und hätte diese Sache als für sie undurchführbar abgetan. Sabine drehte sich bereits halb um, als sie in plötzlicher Entschlossenheit doch die Torglocke betätigte. Jetzt war es geschehen. Zu lange hatte sie auf diesen Augenblick gewartet. Wenn sie jetzt nicht handelte, würde sie wahrscheinlich nie mehr den Mut aufbringen, hier in diese Villa einzutreten. Marcel hin, Marcel her, sie konnte nicht warten, bis er wieder auftauchte.

Kurze Zeit später meldete sich eine weibliche Stimme aus dem Lautsprecher, der neben der Glocke angebracht war. »Ja bitte, was wünschen Sie?« Sabine erschrak fast und ihre Stimme zitterte leicht. »Mein Name ist Kruft, Sabine Kruft. Ich habe einen Termin bei Frau Elsen.« Die Lautsprecherstimme reagierte sofort. »Einen Moment bitte.« Es dauerte etwa zwei Minuten, bis sich die gleiche Stimme wieder aus dem Lautsprecher meldete. »Frau Kruft, fahren Sie bitte auf den Parkplatz hinter der Villa. Sie werden dort abgeholt.« Sabine ging zu ihrem Wagen und sah wie die Flügel des Tores aufschwangen und den Weg zur Villa freigaben. Sie fuhr langsam durch das Tor. Im Rückspiegel beobachtete sie, wie sich die Torflügel hinter ihr wieder automatisch schlossen. Sie folgte der Allee und bog dann auf den Weg ein, der um die Villa herumführte. Sabine sah den Parkplatz, auf dem drei weitere Autos standen und parkte neben einem schwarzen Landrover. Nachdem sie ausgestiegen war, blieb sie zunächst abwartend stehen. Sie sah zu der Villa hin und bemerkte, wie sich eine große Tür oben an dem zweiseitigen Treppenaufgang öffnete. Zwei große Dobermänner schossen aus der Tür heraus, liefen die rechte Treppe herunter und kamen sehr schnell aber fast lautlos auf sie zu. Sabine rührte sich nicht. Sie hatte keine Angst vor Hunden, ganz im Gegenteil, sie liebte Hunde, aber Vorsicht war bei fremden Hunden immer angebracht. Die Dobermänner blieben etwa drei Meter von Sabine ruhig stehen und beobachteten sie aufmerksam. Auf der Balustrade erschien nun eine hochgewachsene Frau. »Kommen Sie ruhig hier herauf, Frau Kruft. Die Hunde werden Sie nicht angreifen.« Sabine setzte sich in Bewegung und ging mit ruhigen Schritten zu dem rechten Treppenaufgang. Oben angekommen, streckte ihr die Frau zur Begrüßung ihre rechte Hand entgegen, die Sabine kräftig drückte. Die Frau zuckte etwas zusammen. »Oh, Sie haben Kraft, Frau Kruft, das ist schön.« Sie lächelte dabei, was ihr überaus schönes Gesicht noch etwas schöner erscheinen ließ. Sabine betrachtete die Frau jetzt genauer. Diese besaß dunkelgrüne Augen, war leicht über 1,80 Meter groß und trug schulterlanges, kupferrotes Haar. Das Alter schätzte Sabine auf Mitte bis Ende Dreißig. Sie war nicht zu schlank, sondern wies ausgesprochen weibliche Rundungen an den richtigen Stellen auf. Donnerwetter, dachte Sabine, Männer mussten auf diese unglaublich attraktive Frau fliegen. Auch die Kleidung, die sie trug, war sehr geschmackvoll. Ein schwarzes Kostüm, das ihren Körper besonders gut betonte und einen Ausschnitt aufwies, der die vollen Brüste dieser Schönheit gut zur Schau stellte. Sie trug hochhackige, schwarze Schuhe. Außer einer dünnen Halskette, an der sich ein kleines, goldenes Kreuz befand, sah Sabine keinen Schmuck an der Frau. »Ich bin Ilona Elsen und leite dieses Institut.« Die Frau machte eine auffordernde Handbewegung in Richtung Tür und ließ Sabine vorangehen. Meine Güte, welcher Luxus! Sabine sah sich erstaunt in dem großen Raum um. »Nehmen Sie doch bitte irgendwo Platz, Frau Kruft.« Sabine ging zu einer kleinen Couch und setzte sich vorsichtig hin. Sie sah, wie Ilona Elsen sich umdrehte und einen lauten Pfiff ausstieß. Kurz danach sausten die beiden Dobermänner in das Luxuszimmer und legten sich ruhig vor eine Glasvitrine hin. Dabei ließen sie Sabine keine Sekunde aus den Augen. Ilona Elsen schloss die Terrassentür wieder. »Was darf ich Ihnen zum Trinken anbieten, Frau Kruft?« »Ja nun, ich weiß jetzt auch nicht. Vielleicht ein Fruchtsaftgetränk?« Frau Elsen lächelte Sabine sanft an. »Wie wäre es denn zusätzlich mit einem kleinen Cognac? Ich meine, nur so zur Entspannung.« »Das wäre vielleicht gar nicht so schlecht. Ich bin doch ein wenig aufgeregt.« Sabine krampfte nervös ihre Hände ineinander. »Müssen Sie nicht sein.« Die Institutsleiterin ging zu einer Sprechanlage und betätigte einen Schalter. »Evelyn, bring uns doch bitte zwei Fruchtsaftgetränke und französischen Cognac.« Sabine bewunderte den ungewöhnlichen Gang dieser Frau. Diese ging so geschmeidig wie eine Katze durch den Raum. Ilona Elsen schien kurz nachzudenken und setzte sich dann in einen Sessel, Sabine genau gegenüber. Auf dem kleinen Couchtisch lag eine Fernbedienung die Frau Elsen jetzt mit der linken Hand bediente. Kurz darauf erfüllte leise Instrumentalmusik den Raum. »Frau Kruft, Sie sind mir von einer Freundin, Ihrer Kosmetikerin, empfohlen worden und deswegen habe ich dieser Begegnung überhaupt zugestimmt. Ich muss sagen, Kompliment. Sie sind wirklich eine sehr schöne Frau. Es wäre total schade, wenn sie diese Schönheit nicht ausleben würden.«

Sabine wurde verlegen. »Danke, Frau Elsen, dieses Kompliment kann ich uneingeschränkt zurückgeben.« »Oh, ich habe an mir gearbeitet und sie werden sehen, dass wir hier in der Villa die besten Voraussetzungen dafür haben unser Aussehen zu halten oder gar noch zu verbessern.« Eine Tür wurde geöffnet und hindurch trat ein etwa 20jähriges Mädchen in einem knappen, schwarzen Kostüm, das ihre pralle Weiblichkeit sehr betonte. Sie trug ein Tablett, auf dem sich die angeforderten Getränke befanden. Auch dieses Mädchen war eine Schönheit. Sie hatte lange, bis zu den Hüften fallende, blonde Haare und war etwa so groß wie Sabine. Ilona Elsen winkte Evelyn an den Couchtisch. »Stell das Tablett bitte hier ab, Evelyn. Ich möchte dir Frau Kruft vorstellen. Frau Kruft wird wahrscheinlich hier bei uns anfangen. Täglich, außer am Wochenende, zwischen neun und dreizehn Uhr.« Evelyn stellte das Tablett auf dem Tisch ab, beugte sich dann zu Sabine vor und reichte ihr sehr feminin die rechte Hand. »Schön. Das freut mich für Sie Frau Kruft. Sie werden sehen, es wird Ihnen bei uns gefallen.« Sabine bewunderte die strahlend blauen Augen von Evelyn und sog dabei den Hauch eines sehr teueren Parfüms ein. Dabei flüsterte sie fast. »Danke, Evelyn.« Frau Elsen bemerkte Sabines zunehmende Verlegenheit. »Ist gut, Evelyn. Nimm bitte die Hunde mit nach draußen.« Ilona Elsen war sehr dominant. Ohne Frage. Evelyn ging mit leichtem Schritt und schwingenden Hüften zur Tür und winkte den Dobermännern. Ohne einen Laut folgten sie ihr. Für Sabine unbemerkt, hatte die Institutsleiterin schon die Cognacgläser gefüllt. »So, Frau Kruft. Lassen wir den Cognac nicht verkommen. Herzlich willkommen.« Ilona Elsen stieß ihren Cognacschwenker leicht gegen den von Sabine und beide Frauen nahmen einen kleinen Schluck. Sabine musste sofort leicht husten. Sie war Alkohol nicht gewohnt. Aber dieser französische Cognac war nicht schlecht, er würde hoffentlich ihre immense Nervosität mildern. Ilona Elsen behielt ihr Glas in der Hand und lehnte sich bequem in den Sessel zurück. Sie lächelte Sabine wieder freundlich an. »Am besten erzähle ich ihnen erst einmal etwas näheres über dieses Institut und Ihre Arbeit hier. Sie sind hier

absolut freiberuflich tätig. Das heißt, dass Sie keinerlei Verpflichtungen, mir oder jemand anderem gegenüber, in dieser Villa haben werden. Sie bekommen ein voll möbliertes Appartement, inklusive kleiner Wohnküche, Bad, Toilette, Dusche, Wanne und Bidet. Für dieses Appartement zahlen Sie monatlich 5.000 Euro. In dieser Summe sind auch sämtliche Nebenkosten wie Reparaturen, Säuberung, Heizung, Wasserverbrauch und so weiter enthalten. Die Zahlung der 5.000 Euro ist die einzige Verpflichtung, die Sie mir gegenüber eingehen werden.« Sabine sah ihre Gastgeberin erschrocken an. »Nur keine Angst, Frau Kruft. Ihre Einnahmen werden um ein Vielfaches höher liegen. Wahrscheinlich drei bis viermal so hoch. Übrigens können Sie Ihre ersten Mieten im Nachhinein bezahlen. Ich nehme, glaube ich, zurecht an, dass Sie derzeit nicht über soviel Eigenkapital verfügen.« Sabine nahm einen großen Schluck Cognac. »Ja, vielen Dank. Es ist nur, soviel Geld Ilona Elsen nickte verstehend. »Ich weiß, ich weiß. 5.000 Euro hört sich jetzt sehr viel an. Aber Sie werden, wie bereits gesagt, wesentlich mehr einnehmen. Bei den anderen Frauen hier war es am Anfang ganz genau so. Keine hatte jemals vorher so viel Einnahmen. Aber Sie glauben gar nicht, wie schnell Sie sich an das viele Geld gewöhnen werden. Meine letzte »Belle de Jour« hat es jährlich auf über 300.000 Euro gebracht. Sie war allerdings in einigen Sachen auch sehr begabt, aber, ehrlich gesagt, längst nicht so schön wie Sie, Frau Kruft. Die Kunden werden Sie anbeten.«

«.

Sabine schluckte. »Die Kunden

»Weil wir gerade dabei sind, Frau Kruft. Wir haben hier eine feste Stammkundschaft. Frauen und Männer. Ausschließlich nur Personen mit besten Empfehlungen. Wir inserieren nicht. Über uns gibt es nur Mundpropaganda. Das gesellschaftliche Niveau unserer Kundschaft ist sehr hoch, irgendwie auch ganz klar bei unseren Preisen. Politiker, Künstler, hohe Beamte, Industrielle und so weiter. Sie werden sich Fragen, warum auch Frauen zu uns kommen? Also zuerst einmal, hier in dieser Villa sind keine Männer tätig. Die Frauen, die in diese Villa kommen, suchen den Kontakt mit Frauen. Eine unserer besten Kundinnen ist zum Beispiel die Eigentümerin eines großen Münchner Modehauses. Sie hat Geld im Überfluss und möchte ihre gleichgeschlechtlichen Neigungen hier ausleben. In der Villa kann sie es, ohne dass sie negative Folgen zu befürchten hätte. Absolute Diskretion ist unser oberstes Gebot. Eine andere Kundin leitet zwei Ballettschulen. Für sie ist es ungemein frustrierend, den ganzen Tag die vielen, hübschen Mädchen um sich zu haben und aus rechtlichen und gesellschaftlichen Gründen nicht sexuell agieren zu dürfen. Bei uns kann sie ihre heimlichen Wünsche ausleben. Es gibt noch mehr Frauen, die regelmäßig hierher kommen. Sie werden sie mit Sicherheit im Laufe der nächsten Zeit kennen lernen.« Oh Gott, oh Gott, dachte Sabine. Was mache ich bloß hier. Mit Frauen habe ich absolut keine Erfahrung.

Ilona Elsen prostete Sabine aus dem Sessel aufmunternd zu. »Haben Sie bitte keine Angst, Frau Kruft. Es ist alles sehr viel angenehmer als es Ihnen jetzt vielleicht erscheinen mag.« Sie machte eine kurze, nachdenkliche Sprechpause. »Ja und dann unsere männlichen Kunden. Die sind natürlich in der Überzahl. Mehrere Politiker, ein Staatsminister und so fort. Sie haben manchmal schon ausgefallene Wünsche. Die Frauen übrigens auch. Klar, die bekommen sie zu Hause nicht erfüllt, oder trauen sich nicht, die Wünsche offen zu äußern. Bei uns geht das alles. Aber nur freiwillig. Wie ich schon sagte, agieren Sie hier absolut selbstständig. Wenn sie etwas nicht machen möchten, lassen Sie es einfach sein. Keine unserer Kundinnen und unserer Kunden wird deshalb unangenehm werden. Die gehen dann zu einer anderen Frau in dieser Villa, wo sie ihre Wünsche erfüllt bekommen. Aber Sie werden schon sehen, wie schnell Sie sich an die ganzen Sachen gewöhnen werden. Nach kurzer Zeit ist alles normal, was Ihnen jetzt vielleicht noch als pervers vorkommt. Das verspreche ich Ihnen.« Sabine war ganz rot im Gesicht geworden. Schnell trank sie noch einen Schluck aus dem Schwenker. »Na ja, wir werden sehen. Mir ist schon ein wenig mulmig zumute. Ich weiß wirklich nicht, ob ich das überhaupt bringe.« »Kein Wunder, Frau Kruft, das ging uns am Anfang sicher allen so. Ganz im Gegenteil, es wäre überhaupt ungewöhnlich, wenn eine normal veranlagte Frau, nicht zuerst Bedenken bei dieser auf sie zukommende Tätigkeit hätte. Jetzt aber eine ganz wichtige Frage an Sie Frau Kruft. Können sie bereits Morgen hier anfangen?« Sabine erschrak sichtlich. »Morgen schon? So schnell? Ich wollte mir die ganze Sache eigentlich erst noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Außerdem habe ich da noch ein anderes Problem.« »Raus damit, wir werden es lösen.« Ilona Elsen sah, das Sabines Cognacglas leer war und schenkte ihr unaufgefordert noch einmal nach. Sabine sah sie dankbar an. Der Cognac half ihr in dieser Situation sehr. »Ich habe doch zwei Töchter. Gut, die Vierjährige geht morgens in den Kindergarten, aber was mache ich mit meiner einjährigen Tochter? Ich müsste sie irgendwo unterbringen, während ich hier arbeite.« Frau Elsen lächelte. »Aber das ist doch überhaupt kein Problem, Frau Kruft. Ich beschäftige hier zwei Hausmädchen, Cindy und Evelyn. Die eine haben Sie ja schon kennen gelernt. Eine von Beiden kann auf ihre Tochter aufpassen, während Sie Kundschaft haben. Es gibt hier noch zwei Frauen, die ab und zu ihre Kinder zur Aufsicht mitbringen. Das geht auf jeden Fall in Ordnung. Alles klar soweit?« Sabine gab sich einen Ruck. »Ja gut, dann fange ich bereits morgen an.«

Die Datei war jetzt aufgebaut. Sascha hatte alle interessanten Daten aus den Datenbanken der Klinik in eine eigene, integrierte Datenbank übernommen. Nun besaß er die Möglichkeit, sich jede Information in jeder Kombination anzeigen zu lassen. Zuerst suchte er den Namen Kruft. Nach Betätigung der Enter-Taste wurden alle Fundstellen angezeigt. Kruft kam in den verschiedensten Datensätzen vor. Es handelte sich dabei immer um Marcel Kruft. Alle Einträge stammten vom 10.03., also dem heutigen Tag. Sascha schaute sich jede Fundstelle genau an und hielt dann die ihm wichtig erscheinenden Daten in einem Editor fest. Nach weiteren Suchaktionen hatte er endlich eine vollständige Liste aller Vorgänge, die Marcel Kruft betrafen.

Einlieferung: 10.03. um 7 Uhr 32. Behandelnde Ärzte: Oberarzt Dr. Jan Gruß, Assistenzärztin Dr. Andrea Winter. Krankenschwestern: Liane Theuerkauf, Gunda Macho, Marikka Schramm. Rettungswagen: Dr. Ralf Hanke, Dr. Jana Melcova, Fritz Oberscheider, Joachim Plage. Entlassen: 10.03. um 9 Uhr 50.

Sascha suchte sich von allen Beteiligten die Privatdaten zusammen. Adresse, Telefonnummer, Geburtsdatum, Geburtsort, Familienstand, Ausbildung, Werdegang, Verdienstübersicht, Bankverbindung, Arbeitszeiten, Fehlzeiten. Jetzt galt es, jede einzelne Person auf der Liste zu durchleuchten. Er würde mit der Assistenzärztin Frau Doktor Andrea Winter anfangen.

Der Wagen schoss aus der Einfahrt heraus und schleuderte auf der Schnellstraße hin und her. Dann hatte er sich endlich gefangen. Marcel sah im Rückspiegel wie ein BMW schnell näher kam. Das waren Kurti und der andere. Ganz klar, kein Zweifel. Marcel erinnerte sich, den BMW neben dem VW-Transporter vor der Halle stehen gesehen zu haben. Als er das Gaspedal ganz durchtrat, erhöhte sich die Geschwindigkeit des Transporters nur noch unwesentlich. Er war sowieso schon fast bei der Höchstgeschwindigkeit gewesen. Nein, so konnte er die Verfolger nicht abschütteln. Wann kam endlich eine Ausfahrt? Im Rückspiegel sah er das andere Fahrzeug jetzt schon direkt hinter sich. Es setzte offensichtlich zum Überholen an. Marcel zog den Transporter nach links, was ein lautes Kreischen der Bremsen des überholenden Autos hervorrief. Ein Blick in den rechten Seitenspiegel zeigte ihm,

dass der BMW jetzt versuchte, rechts an ihm vorbeizukommen. Er zog den VW sofort nach rechts. Wieder hörte er hinter sich die Bremsen kreischen. Jetzt hatte er endlich Gegenverkehr. Da kamen die Typen nicht an ihm vorbei. Wo blieb eine Ausfahrt? Endlich ein Schild. Neuried 5 km. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er sich auf der Schnellstraße im Forstenrieder Park befand. Er kannte die Gegend sehr gut. Gleich musste die Einfahrt zu der Waldgaststätte kommen. Und da war sie auch schon. Marcel verringerte etwas die Geschwindigkeit und riss dann das Lenkrad nach links. Der VW brach hinten aus, aber er konnte gegensteuern und schlitterte in die Einfahrt hinein. Seine Verfolger waren von der plötzlichen Aktion überrascht worden. Marcel sah im Rückspiegel, wie der BMW ebenfalls versuchte, die Einfahrt zu nehmen. Es klappte nicht. Die Geschwindigkeit war einfach zu hoch. Zunächst schoss das Fahrzeug zwar in die Einfahrt hinein, brach dann aber seitlich aus und krachte mit der Beifahrerseite gegen den Stamm einer großen Fichte. Wie in Zeitlupe sah Marcel, wie sich der BMW an dem dicken Stamm hochschraubte, sich dabei fast um den ganzen Baum wickelte und dann wieder auf den Boden zurückfiel. Marcel trat auf die Bremse und der Transporter kam sofort zum Stehen. Er öffnete die Fahrertür und sprang heraus. Eisige Kälte schlug ihm entgegen. Erst jetzt wurde ihm wieder richtig bewusst, dass er vollständig unbekleidet war. Langsam, fast wie in Trance, ging Marcel auf das Unglücksfahrzeug zu. Als er näher zu dem Fahrzeug kam, sah er, wie in dem Autowrack ein Mann, mit hervorquellenden Augen und aufgerissenem Mund, verzweifelt gegen die Fahrertür drückte. Es war Kurti. Marcel zögerte keine Sekunde. Er stemmte seinen rechten Fuß gegen die hintere Autotür und zerrte an dem vorderen Türgriff. Tatsächlich gab die verklemmte Tür nach und schwang nach außen. Ehe Marcel reagieren konnte, fiel Kurti aus dem schräg am Baum haftenden Auto heraus. Marcel beugte sich herunter, griff dem Verletzten unter die Arme und zog ihn etwas vom Unglücksfahrzeug weg. Dann wandte er sich wieder dem Fahrzeug zu. Der andere Mann war tot. Er saß vom Autometall eingequetscht auf dem auf etwa 10 cm Breite zusammengeschobenen Beifahrersitz. Sein Kopf hing zur Seite und die Augen starrten Marcel gebrochen an. Marcel wandte sich wieder Kurti zu. Dieser lag krampfartig atmend auf dem Rücken. Als Marcel ihn in eine stabile Seitenlage bringen wollte, stöhnte Kurti tief auf. Hellrotes Blut lief ihm plötzlich aus Mund und Nase. Seine nach wir vor groß aufgerissenen Augen starrten Marcel an. Plötzliches Erkennen war darin abzulesen. Er versuchte etwas zu sagen. Marcel, der neben ihm kniete, beugte sich noch etwas weiter vor.

»Mar

,

Marcel, Sch

,

Doktor Sch

«

Blubbernd kamen die Worte aus Kurtis vom Blut gefüllten Mund.

Gerade als Marcel nachfragen wollte, lief ein krampfartiges Zittern durch Kurtis Körper. Dann streckte er langsam seine Füße aus. Es war vorbei. Marcel stand mühsam auf und ging mit schleppenden Schritten auf das Gasthaus zu. Er nahm kaum wahr, dass dort vor dem Eingang mehrere Menschen standen, die ihn wie das achte Weltwunder anstarrten. Er sah sich noch einmal nach dem Unglücksfahrzeug um. Plötzlich war er wieder da, der Schmerz im ganzen Körper. Marcel versuchte, noch einen Schritt auf die Leute zuzumachen und brach dann ohnmächtig zusammen.

»Liebe Parteifreunde, lasst mich jetzt, nach fast zwei Stunden, langsam zum Ende meiner Rede kommen.« An dem geröteten Gesicht des Harald von Hohenstein erkannte man das Engagement des Vortragenden. »Etwas will ich noch ansprechen, was in unserem Staat wirklich nicht mehr zu tolerieren ist. Der Sozialmissbrauch. Die Beamten und Angestellten in unseren Ämtern sind total überfordert. Seit Jahren wissen sie, dass die Sozialkassen geplündert werden und nichts geschieht. Man kann das nur noch als Wahnsinn bezeichnen. Ich rede hier nicht von Kleinigkeiten, meine Freunde, nein, es geht hier um rund 100 Milliarden Euro, die Jahr für Jahr in undurchsichtige Sozial- Kanäle verschwinden. Zusätzlich entgehen dem Staat jährlich noch einmal etwa 380 Milliarden Euro durch die Schattenwirtschaft sprich Schwarzarbeit.

Die Schwarzarbeit wird von dieser Regierung noch immer als Kavaliersdelikt abgetan. Aber das ist kein Kavaliersdelikt, meine lieben Freunde. Jede Schwarzarbeit ist ein Verbrechen am ehrlichen Steuerzahler. Wenn wir an der Regierung sind, wird jeder Schwarzarbeiter und vor allen Dingen jeder Arbeitgeber der Schwarzarbeiter bei sich arbeiten lässt, gnadenlos mit Gefängnis bestraft. Wofür könnte man diese entgangenen Steuern nicht alles einsetzen. In der Forschung. In Zukunftstechnologien. In eine bessere Ausbildung unserer Kinder. In der Versorgung wirklich Bedürftiger. Wo bleibt da der Aufschrei unserer Gesellschaft? Wo bleibt die Gegenwehr des ehrlichen Steuerzahlers? Derjenige, der Jahr für Jahr brav seine Abgaben bezahlt, muss sich langsam wie ein Volltrottel vorkommen. Hunderte von Verordnungen und Unterverordnungen für die Vergabe von staatlichen Geldern vernebeln selbst engagierten Verwaltungsbeamten die klare Sicht. Das Schlimme daran ist, dass viele in Deutschland lebende Menschen, die tatsächlich mal Hilfe benötigten, eine große Hemmschwelle überwinden müssen, um überhaupt zum Sozialamt zu gehen. Vor allen Dingen ältere Menschen schämen sich regelrecht, die ihnen zustehenden Zuschüsse für Wohngeld, Heizkosten oder Kleidung zu beantragen. Dann noch der immer mehr zunehmende Asylmissbrauch. Nehmt nur einmal das Beispiel aus Bremen. Fünfhundert Türken geben sich als Libanesen aus, um Asyl zu bekommen. Über 13 Millionen Euro an Sozialhilfe haben sie sich damit erschlichen. Gleiches ist in Nordrheinwestfalen passiert. Ja, sind denn die Beamten in den Sozialämtern noch normal? Wie leicht wäre es doch festzustellen gewesen, dass es sich nicht um Libanesen handelt. Ein libanesischer Dolmetscher hätte

genügt, um diese Betrüger zu entlarven. Nein, da wird lasch und verantwortungslos mit unseren hart erarbeiteten Steuergeldern umgegangen. Und wer weiß wo sonst noch überall in Deutschland derart offensichtlicher Asylmissbrauch passiert. Die Behörden werden ja wohl nicht freiwillig damit an die Öffentlichkeit gehen, wenn sich herausstellt, dass sie bei der Vergabe von Sozialhilfe mal wieder Mist gebaut haben. Übrigens gibt es auch genug Deutsche, die in der ganzen Welt herumlungern, von der Sozialhilfe leben und höchstens mal alle drei Monate zum Sozialamt kommen, um eine Verlängerung der Hilfe zu beantragen. Die derzeitige Praxis zur Vergabe der Sozialhilfe muss sofort auf den Prüfstand. Es darf auf keinen Fall mehr so sein, dass sich der Ertrag aus Arbeit nicht mehr lohnt, nur weil der Abzocker der Sozialhilfe genauso viel Geld in der Tasche hat wie der ehrlich zur Arbeit gehende Bürger. Der Erhalt von Sozialhilfe muss die absolute Ausnahme bleiben. Die unkontrollierte Zuwanderung muss auch sofort gestoppt werden. Obwohl wir heute mindestens doppelt soviele Ausländer im Land haben wie Anfang der 70er Jahre, waren damals mehr ausländische Mitbürger erwerbstätig als heute. Wir haben heute also eine Zuwanderung in unsere Sozialkassen. Es reicht, liebe Parteifreunde. Wenn die anderen Parteien nicht handeln, wir werden mit Sicherheit handeln. So lasst uns denn zum Ende dieser Veranstaltung noch gemeinsam den Bierkrug erheben und auf unsere gemeinsame, erfolgreiche Zukunft anstoßen. Auf Bayern! Auf Deutschland!« Donnernder Beifall brandete auf. Die Anwesenden standen auf und klatschten rhythmisch in die Hände. »Harald, Harald,

Harald

«

Es klingelte. Angie ging in das Arbeitszimmer und nahm das Telefon in die Hand. »Kruft.« »Spreche ich mit Frau Angelika Kruft?« »Ja?« »Hier ist die Polizeistation 74 in Fürstenried. Oberwachtmeister Huber. Frau Kruft, wir haben hier einen Mann, der behauptet, Ihr Sohn Marcel zu sein. Er hat keinerlei Ausweispapiere bei sich. Können Sie hier bei uns vorbeikommen und Ihn identifizieren?« Angie schluckte. »Marcel. Wieso ist er denn bei Ihnen auf der Polizeiwache? Wir suchen ihn bereits seit Stunden.« »Alles zu seiner Zeit, Frau Kruft. Können Sie also herkommen?« Nervös drückte Angie ihre Zigarette aus. »Sicher, ich komme gleich vorbei. Muss ich noch irgendetwas mitbringen?« »Bringen Sie bitte ihren eigenen Ausweis mit, Frau Kruft. Und, wenn es geht, auch noch ein neueres Bild von Ihrem Sohn Marcel.« »Haben Sie denn nicht bei seiner Frau, Sabine Kruft, angerufen?« »Selbstverständlich. Aber da geht niemand an den Apparat.« Angie zog sich schon ein paar Straßenschuhe an. »Ist gut. Ich bin in etwa einer halben Stunde bei Ihnen.«

Die tiefe, bayerische Stimme im Hörer hüstelte. »Ah, da ist noch etwas Frau Kruft. Ihr Sohn hatte keinerlei Kleidung an, als wir ihn übernahmen. Können Sie vielleicht irgend etwas Passendes mitbringen?« »Keine Kleidung? Geht es ihm denn wenigstens sonst soweit gut?« »Ja doch, den Umständen entsprechend schon. Er muss einiges mitgemacht haben. Ist auch leicht verletzt und hat Schmerzen. Aber auf den ersten Blick nichts Schlimmes. Unser Polizeiarzt untersucht ihn gerade. Ich glaube, dass Sie sich keine Sorgen machen müssen. Bis gleich dann.« Angie legte nachdenklich das Telefon auf die Konsole zurück.

Das Haus lag mitten in Schwabing, in der Franz-Joseph-Straße. Sascha schaute auf die goldenen Namensschilder neben der Haustür. Zehn Schilder. Wo war Andrea Winter? Ah da, ganz oben. Vom Dienstplan her musste sie eigentlich zu Hause sein. Ihre Bereitschaft in der Klinik ging von 6 Uhr Früh bis 14 Uhr 30. Er betätigte die passende Klingel. Er wartete etwa eine Minute auf irgendeine Reaktion. Als diese ausblieb, drückte er erneut auf den Klingelknopf. Nichts geschah. War die Winter vielleicht nicht in ihrer Wohnung? Was sollte er tun? Er probierte es noch einmal. Zwei weitere Minuten vergingen. Nein, sie schien nicht da zu sein. Dann musste er eben die nächste Person aus der Klinik aufsuchen. Gerade wollte er sich von der Eingangstür abwenden, als hinter ihm ein raschelndes Geräusch entstand. Er drehte sich um und schaute direkt in die Augen von Frau Doktor Andrea Winter. Er erkannte sie sofort, auch wenn das digitalisierte Bild in der Datenbank eine etwas jüngere Frau dargestellt hatte. Im Original sah die Ärztin aber einfach umwerfend aus. Ihr langes, blondes Haar trug sie offen. Ein ärmelloses, fliederfarbenes Top betonte ihre langen, schlanken Arme. Ein pastellgrüner Rock. Die leichtgebräunten Beine lässig in Flip-Flops. Kaum Schmuck, wenig Make-up, kein Parfüm. Sie wirkte unglaublich natürlich, das Selbstbewusstsein pur. Der Blick aus ihren blaugrünen Augen musterte Sascha selbstsicher und forschend. »Grüß Gott, Frau Doktor, ich wollte gerade schon wieder gehen.« Die Ärztin wirkte überrascht. »Sie haben hier auf mich gewartet?« Sascha wurde plötzlich leicht nervös. »Ja, Entschuldigung. Ich muss mich ja noch vorstellen. Meine Name ist Sommer, Sascha Sommer.« »Sommer? Echt wahr? Wie passend. Sommer und Winter.« Sascha nickte. »Fehlen nur noch der Herbst und der Frühling. Obwohl der Name Frühling ganz selten ist. Die meisten heißen Lenz.« Die Ärztin winkte ab. »Na, wie auch immer. Was kann ich für Sie tun, Herr Sommer?« »Ich hätte da ein paar Fragen an Sie. Darf ich Sie dafür zu einem kleinen Getränk einladen? Vielleicht gegenüber im Cafe?« Frau Doktor Winter zog unmutig ihre Stirn in Falten. »Nein, also vielen Dank, wirklich nicht. Ich bin froh, dass ich endlich zu Hause bin. Habe nur noch schnell etwas zum Beißen geholt.« Sie schwang eine prall gefüllte Plastiktüte. »Ich brauche jetzt unbedingt meine Ruhe.« »Ja, das ist verständlich. Darf ich Sie trotzdem etwas fragen?« Sascha sah der Ärztin zutraulich in die Augen. »Gehen Sie doch mal zur Seite! Zefix noch einmal!« Eine ziemlich korpulente Frau zwängte sich zwischen der Ärztin und Sascha hindurch und schloss die Haustür auf. Als die Tür aufschwang, kam ein älterer Mann mit Krückstock aus dem Haus und drängte sich ebenfalls mühsam an ihnen vorbei. »Ich glaube, wir stehen hier im Weg. Wie wäre es, wenn Sie einfach kurz mit hoch zu mir kommen, Herr Sommer?« »Wenn es Ihnen nichts ausmacht. Sehr gern natürlich.« Doktor Winter hatte vorsichtshalber mit einer Hand die Tür aufgehalten, durch die sie nun beide in das Haus gelangten. »Leider besitzen wir keinen Aufzug in diesem Altbau. Wir müssen also Treppen steigen.« Während sie eine Treppe nach der anderen überwanden, ließ sich Sascha noch einmal die auswendig gelernten, persönlichen Daten von Frau Doktor Winter durch den Kopf gehen. Sie wurde in Nürnberg geboren. War jetzt knapp 30 Jahre alt. Sie hatte nach ihrem Abitur zuerst in Würzburg und dann in München Medizin studiert, bestand ihren Abschluss mit besonderer Auszeichnung, arbeitete jetzt in ihrer ersten Anstellung als Assistenzärztin, war ledig und 1,72 m groß. Und, dachte Sascha für sich, sie ist äußerst attraktiv mit ihren blaugrünen Augen, hellblonden, langen Haaren und den sehr weiblichen Formen. Geradezu sensationell fand er aber ihre dunkle, rauchige Stimme. Da müsste man Patient oder Freund sein.

»So, da sind wir.« Das kam etwas atemlos hervor. Auch Sascha musste schwerer atmen. Andrea Winter steuerte auf die rechte der zwei Wohnungstüren zu. Sie nahm einen Schlüssel aus der Plastiktüte und schloss die Eingangstür auf. Sascha sah sich neugierig um. Wie mochte diese schöne Ärztin wohl wohnen? Fast alle Türen in der Wohnung waren geöffnet. Ja, dies war eine der schönen Altbauwohnungen mit sehr hohen Decken und großzügigen Wohnflächen. Alles war in weiß gehalten. Decken, Wände, Böden, Möbel. »Kommen Sie bitte mit, Herr Sommer?« Andrea Winter machte eine auffordernde Handbewegung. Sascha folgte ihr in ein Wohnzimmer. Dieses war mit Möbeln nicht gerade überladen, aber was an Einrichtung vorhanden war, sah sehr geschmackvoll aus. Auch hier herrschte die Farbe weiß vor. »Nehmen Sie doch bitte Platz.« Frau Doktor Winter deutete auf einen Sessel und Sascha ließ sich nicht lange bitten. »Ich komme gleich wieder zu Ihnen, muss nur noch mal schnell wohin.« Sie verschwand wieder im Hausflur und Sascha sah sich vom Sessel aus weiter um. Etwas fiel ihm besonders auf. Ein imposanter, weißer Flügel stand hinten an der Fensterseite. Es konnte keinen Fernsehapparat noch sonstige Errungenschaften der modernen Elektronik in dem Zimmer entdecken. »Möchten Sie etwas trinken, Herr Sommer?« Sascha schrak auf. Er war ganz in seinen Betrachtungen versunken gewesen. »Gerne. Irgendwas, nur nichts Alkoholisches, ich bin absoluter Antialkoholiker.« Die Ärztin lächelte ihn an. »Das ist schön. Trifft man heutzutage leider nur noch äußerst selten an. Rauchen Sie etwa auch nicht?« »Nein, das habe ich früher nur mal ab und zu aus Spaß gemacht. Aber ich bin tatsächlich auch Nichtraucher.« Jetzt lachte Andrea Winter leise auf. »Da bleibt Ihnen ja nicht mehr viel von den üblichen Vergnügungen übrig.« »Die nutze ich dafür aber umso intensiver.« Sascha grinste sie an. »Oha, na auf dieses Thema gehe ich jetzt am besten nicht ein.« Sie verschwand im Gang und man konnte Schranktüren klappen hören. Kurz darauf erschien sie wieder mit einem Tablett, auf dem sich zwei Flaschen Orangensaft und zwei Gläser befanden. Nachdem sie das Tablett auf den Tisch gestellt hatte, setzte sie sich ihm genau gegenüber, wobei sie ein Bein über das andere legte. Sascha bewunderte diese unversehens schöne Aussicht. Sie bemerkte die Richtung seiner Blicke und ihr hübsches Gesicht errötete leicht. Sie deutete auf die Getränke. »Gießen Sie sich bitte ein, Herr Sommer, nur keine falsche Bescheidenheit.« Sascha nahm eine Orangensaftflasche, goss beide Gläser voll und reichte der Ärztin ein Glas über den Tisch »Dankeschön. Also, kommen wir endlich zur Sache. Was wollen Sie von mir, Herr Sommer?« »Ich weiß, dass Sie als Assistenzärztin in der Uni-Klinik arbeiten. Woher ich diese Information habe, möchte ich jetzt noch nicht preisgeben. Jedenfalls hatten Sie heute Morgen einen Patienten namens Marcel Kruft.« Andrea Winter nahm einen Schluck aus ihrem Glas. »Marcel Kruft? Kann ich mich nicht daran erinnern. Wissen Sie, in Notfällen erfahren wir eigentlich erst später die Namen der Patienten, wenn überhaupt. Das regeln alles die von der Verwaltung.« Sascha hakte nach. »Er hatte einen Autounfall und wurde in Ihrer Notaufnahme behandelt.« »Ach der Autounfall, mein Gott, der arme Kerl.« Das Gesicht der Ärztin wurde ernst. »Wir haben ja wirklich alles versucht, aber er war einfach nicht mehr zu retten. Wenn ich ehrlich bin, war es für ihn auch besser so.« »Nein, diesen Unfall meine ich nicht. Es gab heute Morgen noch einen Autounfall, mit glimpflicherem Ausgang. Er hatte anscheinend nur leichte Verletzungen.« »Ah ja, jetzt erinnere ich mich. Sie müssen schon entschuldigen, Herr Sommer, dass ich nicht gleich darauf gekommen bin, aber heute war mal wieder sehr viel los bei uns.« Sascha nickte zustimmend. »Ich weiß, ich weiß.« Der Kopf der Ärztin fuhr überrascht hoch. »Wieso? Woher können Sie wissen, was heute bei uns in der Klinik los war?« »Wie ich Ihnen schon anfangs sagte Frau Doktor, kann ich die Quelle meiner Informationen nicht preisgeben oder noch nicht.« Der Gesichtsausdruck der Ärztin wurde abweisend. »Meinetwegen. Ja, Er wurde kurz versorgt. Schnittwunden und ein paar Prellungen am ganzen Körper. War keine große Sache. Wundversorgung, Röntgen, das Übliche halt.« »Er ist verschwunden.« »Wer ist verschwunden?« »Ihr Patient, Marcel Kruft, der mit den leichten Verletzungen.« »Wohin?«

»Das ist es ja gerade, warum ich Sie aufsuche, Frau Doktor. Ich muss das unbedingt herausfinden.« Frau Doktor Winter stand jetzt sichtlich erregt, schwungvoll aus ihrem Sessel auf. »Woher soll ich wissen, wohin dieser Marcel verschwunden ist? Nach seiner Behandlung musste ich gleich an den nächsten Fall. Glauben Sie etwa, ich halte meinen Patienten das Händchen und begleite Sie anschließend auch noch nach Hause?« »Bitte nicht aufregen, Frau Doktor. Die Familie macht sich halt Sorgen über seinen Verbleib.«

Die Ärztin setzte sich wieder. »Kann ich ja verstehen, aber was wollen Sie da ausgerechnet bei mir? Ich weiß nicht, wo er jetzt ist!« »Haben Sie schon einmal gehört, dass ein Patient aus ihrer Klinik plötzlich spurlos verschwunden ist?« »Nein, ganz gewiss nicht. So etwas ist ja auch völlig absurd.« »Ich bin mir an dieser Stelle gar nicht so sicher, Frau Doktor.« Die Ärztin sah Sascha mit sprühenden Augen an. »Wissen Sie was, Herr Sommer? Eigentlich sind Sie mir ganz sympathisch, aber Patienten verschwinden bei uns nicht so einfach aus der Klinik.« Sascha stand auf. »Ich werde Ihnen das Gegenteil beweisen, Frau Doktor, auch wenn ich mir sicher bin, dass Sie mit dem Verschwinden von Marcel nichts zu tun haben. Ich glaube, eine gute Menschenkenntnis zu besitzen.« »Da kann ich mich ja glücklich schätzen.« Frau Doktor Andrea Winter stand ebenfalls auf. Sascha sah die Ärztin treuherzig an. »Ich muss wieder weiter, den nächsten Mitarbeiter der Klinik aufsuchen.« »Was? Sie besuchen alle Mitarbeiter der Uni-Klinik wegen diesem Marcel?« »Nicht alle. Aber alle Mitarbeiter, die mit ihm zusammengekommen sein könnten.« »Na dann, viel Erfolg!« »Noch etwas Frau Doktor Winter. Ich möchte Sie unbedingt wiedersehen.« »Mich? Warum?« Sascha sah, wie das Gesicht dieser schönen Ärztin wieder rot wurde. »Weil Sie mir auch sehr sympathisch sind, besonders sympathisch sogar. Und wenn ich schon keinen Alkohol trinke und

nicht rauche, muss ich doch

»Das reicht jetzt, Herr Sommer. Darf ich Sie hinausbegleiten?« Sascha folgte ihr bis zur Wohnungstür. Dann drehte er sich einer plötzlichen Eingebung folgend um, beugte sich vor und gab der Ärztin einen leichten Kuss auf die rechte Wange. »Vielen Dank, Frau Doktor, ich melde mich.« Als er die Treppen hinunterging, sah er nicht mehr den verträumten Blick, den ihm die Ärztin nachwarf.

«.

»Ich glaube es einfach nicht. Die biedere Hausfrau und Mutter, Sabine Kruft, steigt in die Münchner Unterwelt ein.« »Wer redet denn von Unterwelt, Susanne? Ab sofort ist High Society angesagt« »Das ich nicht lache. High Society! Und dann auch mit Frauen. Ich habe gar nicht gewusst, dass du darauf stehst.« Sabine wurde zornig. »Red jetzt keinen Unsinn. Wir kennen uns, weiß Gott, lange genug, um zu wissen, dass ich bisher mit Frauen nichts am Hut hatte. Jedenfalls nicht sexuell. Oder bin ich dir in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren mal zu nahe gekommen?« Susanne lächelte verschmitzt. »Hast sie vielleicht gut verborgen, deine geheimen Neigungen, wie soll ich’s wissen?« Sabine funkelte ihre Freundin böse an. »Dafür, dass du meine beste Freundin bist, redest du einen ganz schönen Unsinn.« Susanne beugte sich ebenfalls vor. »Ich rede Unsinn? Und dann mit den Kerlen. Werden schon so dickbäuchige, glatzköpfige Manager sein, die dich ficken wollen, oder denen du ihre perversen Wünsche erfüllen musst.« »Also Susanne, jetzt tut es mir fast schon leid, dass ich mich hier im Cafe Münchner Freiheit mit dir getroffen habe, um dir von meinem neuen Job zu erzählen. Anstatt mich ein bisschen aufzubauen, machst du mich noch mehr fertig. Meinst du nicht, dass ich auch Probleme mit derartigen Vorstellungen habe? Aber von nichts kommt nichts und es gibt zwei Gründe, warum ich es machen werde. Erstens Abwechslung. Raus aus dem alltäglichen Trott. Und zweitens Geld. Ich werde mit dem Verdienst unabhängig. Außerdem will ich es nicht lange machen. Höchstens zwei Jahre.« Susanne lachte auf. »Ja, ja, das sagen sie alle in dem Gewerbe. Aber wenn man erst einmal drin ist, kommt man auch so leicht nicht wieder raus. Du weißt ja, was mit unserer Schulfreundin Karin passiert ist. Die hatte sich in den blöden Typ, wie hieß er doch gleich, ach ja, Johann, also die hatte sich doch total in den Jo verknallt und ist für ihn auf den Strich gegangen. Er war der Zuhälter überhaupt. Am Anfang war er ja noch nett zu ihr, aber jedes Mal, wenn sie mit dem Anschaffen aufhören

wollte, hat er sie durchgeprügelt. Zuckerbrot und Peitsche. Solange sie genügend Kohle ranschaffte, war die Welt in Ordnung. Kam sie mal an einem Tag mit weniger Geld nach Hause setzte es gleich Hiebe. Immer wieder hat sie versucht von ihm loszukommen. Sie hat es nicht geschafft. Die war tatsächlich so naiv, dass sie ihm seine ständigen Lügen geglaubt hat. Große, einzige Liebe, nur noch kurze Zeit anschaffen gehen, gemeinsam ein Haus mit Grundstück in der Karibik beziehen und den Rest des Lebens im Luxus verbringen. Heute liegt sie nicht an einem heißen Strand, sondern auf dem Westfriedhof in einem kühlen Grab. War ganz schön traurig die Beerdigung damals. Fast niemand wollte selbst nach ihrem Tod noch etwas mit ihr zu tun haben. Gerade mal fünf Leute gingen hinter ihrem Sarg her. Ihre Mutter, ihre Schwester, ich, der Pfarrer und ein Ministrant. Tolles Leben, kann man nicht meckern. Und dieses Arschloch von Jo kam natürlich auch nicht zur Beerdigung. Hat sie in den Tod getrieben und sich dann still und heimlich davongemacht.« Sabine sah ihre Freundin nachdenklich an. »Wie ist Karin eigentlich gestorben?« »Weißt du das denn nicht? Sie hat Selbstmord begangen. Hat sich aus einem Fenster ihrer Wohnung auf den Gehweg vor dem Haus gestürzt. Vierter Stock. Sie war sofort tot. Hatte angeblich über 3 Promille Alkohol und Drogen im Blut. »Dass sie tot ist, wusste ich ja. Aber so ein Ende?« »Ja, so ein Ende! Und jetzt fängt meine beste Freundin Sabine auch mit so einer Scheiße an.« Sabine wurde nun doch merklich nervös. »Aber das ist doch etwas ganz anderes. Ich bin selbständig, kein Zuhälter oder dergleichen. Außerdem verkehre ich in einer anderen Gesellschaft. Nicht Gosse, Arbeiter, sondern wie schon gesagt, in der High Society.« »Verkehren passt gut. Ich kann dir nur dringend davon abraten. Noch bin ich deine beste Freundin. Was wird denn eigentlich dein Marcel dazu sagen?« »Marcel? Glaubst du denn, ich bin verrückt und sage dem etwas davon? Der wäre tödlich beleidigt. Er bemüht sich ja nun wirklich beruflich und finanziell weiterzukommen, aber es langt einfach nicht. Meinst du, es ist schön, wenn man jeden Cent zweimal umdrehen muss, wenn man zur Bank zitiert wird, weil mal wieder das Konto zu weit überzogen ist oder die Scheckkarte im Geldautomaten einbehalten wird? Ich will mehr Luxus. Will auch den beiden Mädchen eine bessere Zukunft ermöglichen und will vor allen Dingen meine Abwechslung. Nein, nein, morgen beginne ich den Job.« Susanne seufzte. »Der arme Marcel!« »Ach, das habe ich dir ja noch gar nicht erzählt, Susanne. Er hatte heute Morgen einen Autounfall. Es ist ihm anscheinend nicht so viel passiert dabei, aber seitdem ist er verschollen.« Susanne sah Sabine an, als ob die plötzlich den Verstand verloren hätte. »Verschollen? Und da sitzt du hier herum, heuerst als Tagesnutte an und machst auf High Society? Du bist wirklich nicht mehr ganz dicht!« »Susanne, Susanne, eines Tages wirst du mich noch einmal beneiden.« »Das glaube ich kaum. Am liebsten würde ich dir meine Freundschaft aufkündigen. Aber ich kenne dich so lange, dass mir dieser Schritt jetzt noch zu weit geht. Vielleicht kommst du ja doch noch zur Vernunft, ich wünsche es dir auf jeden Fall.« Sabine lächelte unmerklich. »Wahre Freundschaft hält ewig, Susanne.«

»Rate mal wer hier ist?« Angie kam Sascha schon in der Eingangstür entgegen. Sascha antwortete missmutig. »Der Osterhase wird es wohl kaum sein, ist noch einen Monat zu früh.« »Marcel ist wieder da!« Sascha verschlug es fast die Sprache. »Was? Marcel ist da? Ist ja großartig. Ich laufe mir die Hacken auf der Suche nach ihm ab und er springt hier munter herum.« »Springen tut er nicht. Ganz im Gegenteil. Er ist ganz schön fertig. Er liegt im Gästezimmer.« »Na, den werde ich mir mal anschauen.« Sascha stampfte ins Haus. Angie kam nicht mit. »Gut, dass du da bist, Sascha. Ich muss noch einmal schnell zum Reitstall, komme aber spätestens in zwei Stunden wieder. Mir erzählt er ja nichts. Vielleicht kriegst du mehr aus ihm heraus.« Angie ging zu ihrem Auto und fuhr davon. Sascha überlegte kurz, ging dann zum Gästezimmer und öffnete die Tür. Ein müde grinsender Marcel hob zur Begrüßung seine rechte Hand. »Hi, mein Freund!« »Du siehst ja wirklich gut aus, war die Dampfwalze tatsächlich so groß?« Die blauen Flecken und Abschürfungen in Marcels Gesicht waren nicht zu übersehen. »Sehr witzig, Sascha. Wenn du wüsstest, was ich heute alles hinter mir habe.«

»Du wirst es mir gleich erzählen und zwar detailliert, mein Junge. Ich hole uns erst einmal etwas zu trinken. Soll ich dir ein Fruchtsaftgetränk mitbringen?« »Ja gerne und ein paar Zigaretten. Meine Mutter hat sicher noch irgendwo welche herumliegen.« Sascha verschwand, entnahm dem Kühlschrank eine Flasche alkoholfreies Weißbier und eine Fruchtsaftflasche. Dann schaute er ins Arbeitszimmer und nahm von dort eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug mit. Weißbierkrug und Glas besorgte er aus dem Wohnzimmerschrank. So beladen kam er in das Gästezimmer zurück und stellte alles auf den Tisch. »So, nun leg mal los. Wo hast du die ganze Zeit gesteckt?« Marcel schnappte sich die Schachtel, holte eine Zigarette heraus, zündete sie an und nahm genüsslich einen tiefen Zug. In knappen Sätzen erzählte er alles, was er seit heute früh erlebt hatte. Sascha unterbrach ihn nicht ein einziges Mal. »Ist ja ne tolle Geschichte! Mein lieber Mann! Aber weißt du, was mir noch für eine Information fehlt? Was ist deine letzte Erinnerung in der Klinik? Ich meine, in der Notaufnahme. Irgendwie musst du ja betäubt und fortgeschafft worden sein. Du bist ja erst wieder in dieser anderen Klinik aufgewacht.« Marcel nickte. »Ja, darüber habe ich auch schon ständig nachgedacht. Also, das Letzte, woran ich mich erinnere ist, dass mir ein Sanitäter oder Krankenpfleger angeboten hat, mich wieder nach Hause zu fahren. Ich bin ihm dann bis zum Hinterhof der Klinik gefolgt. Seitdem fehlt mir jegliche Erinnerung. Ich bin in dieser Intensivstation, oder was es auch immer war, erst wieder zu mir gekommen.« Sascha kam eine Idee. »Würdest du den Sanitäter wieder erkennen?« »Ich glaube schon.« »Pass mal auf. Ich habe da ein paar Daten aus der Klinik abgezogen. Unter anderem auch sämtliche Fotos der Mitarbeiter, in digitalisierter Form natürlich. Ich verschwinde mal kurz zum Computer und drucke alle Fotos aus.« Sascha hatte schon vorher die ganzen Fotos mit einem Programm zusammengestellt und brauchte sie nur noch auf dem Farbdrucker auszugeben. Es wurden immerhin zehn DIN A4 Seiten, mit genau 120 Fotos. Er kehrte mit dem Ausgedrucktem zu Marcel zurück. »Hier. Schau dir mal alle Fotos genau an. Vielleicht haben wir Glück. Oder halt, warte mal. Ich gebe dir einen Bleistift und du machst einen kleinen Haken an jedes Foto, bei dem du meinst, einen Mitarbeiter der Klinik zu erkennen.« Sascha stellte eine Stehlampe hinter Marcel und schaltete sie ein. Der Lichtkegel fiel jetzt genau auf die Blätter. Marcel setzte sich etwas auf, und begann mit der Betrachtung der Fotos. Sascha ließ ihm seine Ruhe und schenkte sich zwischendurch wieder sein alkoholfreies Weißbier ein. Marcel sah sich alle Aufnahmen sehr gründlich an. Der Farbdrucker von Sascha war gut. Die Fotos waren gestochen scharf. Ab und zu machte er einen kleinen Haken an einem Foto. »Daaa!« Sascha verschluckte sich bei Marcels plötzlichem Ausruf vor Schreck an seinem Weißbier und fing an zu husten. Marcel deutete aufgeregt mit dem Bleistift auf ein Foto. »Hier, das ist der Typ. Ich habe ihn gleich wieder erkannt.« Sie schauten jetzt gemeinsam auf das Bild. Ein junger Mann mit kurzen, roten Haaren und auffallend abstehenden Ohren. Foto Nummer 86. Sascha nahm eine andere Liste zur Hand und sah nach, wen er unter 86 gespeichert hatte. Kevin Clark. Ire. 25 Jahre alt. Seit gut einem Jahr als Fahrer in der Uni-Klinik angestellt. Die Angaben in seiner Liste waren vollständig. Auch die Adresse dieses Clark war vermerkt. Er sah Marcel von der Seite an. »Das ist Kevin Clark. Hast du eigentlich der Polizei etwas von deiner Entführung erzählt? Ich meine, schließlich haben die dich in unbekleidetem, schlechtem Zustand aufgegriffen, während deine Verfolger in ihrem BMW starben. Die müssen doch äußerst neugierig gewesen sein?« »Nein. Ich habe gesagt, dass ich sie am Montag zur Erstellung eines Protokolls aufsuchen werde. Ich müsste mich erst einmal erholen. Damit waren sie einverstanden.« »Erstaunlich. Aber gut, sogar sehr gut. Sascha sah Marcel eine Weile nachdenklich an und setzte sich dann neben ihm auf die Couch. »Marcel was hältst du davon, wenn wir diese Organ-Mafia selber zur Strecke bringen? Ich meine nämlich, dass unser sogenannter Rechtsstaat dazu nicht mehr in der Lage ist. Da brauchen nur ein paar prominente Ärzte drin verwickelt zu sein und schon wird die ganze Sache unter den Teppich gekehrt.« Marcel sah überrascht auf. »Wir? Ist das nicht viel zu gefährlich? Ich meine, wir haben doch überhaupt keine Erfahrung mit solchen Kriminellen. Wie sollen wir allein diese Mafia hoch gehen lassen?« Sascha klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. »Irgendwann kann man ja so eine Erfahrung sammeln. Und weißt du was? Mir würde es direkt Spaß machen. Mal festzustellen, wozu man in der Lage ist. Außerdem möchte ich gerne unserer korrupten Gesellschaft in den Arsch treten. Wir werden die Sache aber nicht überstürzen. Unser einziges Verbindungsglied

zur Mafia ist dieser Kevin. Am Besten ruhst du dich hier erst einmal ordentlich aus und ich werde inzwischen Kevin Clark zu Hause aufsuchen.« Marcel richtete sich aus seiner liegenden Stellung auf. »Nein, ich finde das viel zu gefährlich. Wenn der tatsächlich an meiner Entführung beteiligt war, kommst du unter Umständen in Teufels Küche.« »Keine Sorge, ich mache das schon richtig. Ganz unauffällig. Erst einmal schauen, ob seine Adresse überhaupt stimmt. Dann sehen wir weiter. Sobald du wieder fit bist, gehen wir die Sache gemeinsam richtig an.«

Sascha fuhr noch am späten Freitagnachmittag zu der in der Datenbank angegebenen Adresse ins Lehel. Das Haus, in dem Clark wohnte, war ebenfalls ein Altbau, allerdings nicht runderneuert wie der schöne Altbau in Schwabing, in dem Frau Doktor Winter wohnte. Dieser Altbau sah sehr heruntergekommen aus. Gleich im Parterre entdeckte er den Namen des Gesuchten. Es waren noch weitere Namen, teilweise in unleserlicher Handschrift zur gleichen Klingel gehörend, aufgeführt. Anscheinend lebte dieser Clark in einer Wohngemeinschaft. Was sollte er jetzt machen? Einfach klingeln und irgendeinen Vorwand erfinden um an Clark heranzukommen? Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er sich über seine weitere Vorgehensweise zu wenig Gedanken gemacht hatte. Eigentlich wollte er ja nur eruieren, ob Clark hier auch wohnte. Kurz entschlossen betätigte er die Glocke. Überraschenderweise ging sofort der Summer an der Tür. Sascha drückte gegen die Haustür und machte ein paar Schritte in das modrig riechende Treppenhaus. Altbau konnte auch furchtbar sein. Er nahm die paar ausgetretenen Holztreppen zum ersten Flur in zwei Sätzen und sah, dass die linke Wohnungstür einen Spalt offen stand. Er erwartete fast, dass die Tür ganz aufgemacht wurde, aber es geschah nichts weiter. Aus der Wohnung war laute Musik zu vernehmen. Velvet Underground. Venus in Furs. Sascha kannte das Stück ausgesprochen gut. Seine Erinnerung ging automatisch an das Ende der 60iger Jahre zurück. Studentenrevolte, Paris, Berlin, Andy Warhol, Haschisch und die passende Musik dazu. Er lauschte noch einen Augenblick und machte dann kurzentschlossen die Tür weiter auf. In dem Gang hinter der Wohnungstür war niemand zu sehen. Was nun? Vom Gang gingen mehrere Türen ab. Aus einer dieser Türen kam die laute Musik und diese war auch nur angelehnt. Sascha näherte sich vorsichtig, öffnete sie ein wenig weiter und sah sich plötzlich genau in die Zeit versetzt, an die er sich gerade zurückerinnert hatte. Vier Personen lagen mehr oder weniger auf zwei Couches. Jeweils ein Paar hielt sich eng umschlungen. Der Rauch im Raum war durchdringend und es roch süßlich nach Rauschmittel. Auch das Aussehen der Bewohner entsprach dem der Hippies. Meine Güte, dachte Sascha, was will die heutige Jugend mit den Riten der damaligen Zeit? Im Gegensatz zur aktuellen Mode trugen sowohl die beiden Mädchen als auch die Jungen schulterlange Haare. Sascha schätzte ihr Alter kurz ab und vermutete, dass alle noch keine zwanzig Jahre alt waren. Die Mädchen eher wesentlich jünger. Der Gesuchte war nicht bei der Gruppe. Eines der Mädchen sah ihn in der Tür stehen. Sie hatte wohl schon auf ihn gewartet. Langsam hob sie ihren rechten Arm und krümmte den Zeigefinger nach ihm. Die anderen Personen beobachteten ihn regungslos. Sascha stieg vorsichtig über mehrere Jeanshosen, die am Boden lagen und ging näher zu der Couch, auf dem das schwarzhaarige Girl fast unbekleidet lag. Ihre nackten Beine hatte sie quer über die Beine des Jungen gelegt. Sascha bewunderte ihren schönen, vollen Busen. Die linke Hand des Burschen steckte in ihrem rosafarbenen Slip. »Kommst du von Chris?« Die Frage drang unnatürlich laut aus dem stark geschminkten Mund des Mädchens hervor. Trotzdem hatte Sascha Mühe, die Worte zu verstehen. Die Bassreflexboxen gaben dem Sound von Velvet Underground, mit ihrem Sänger Lou Reed, den passenden Rahmen. »Äh, nein, ja, ja. Natürlich von Chris.« Das Mädchen betrachtete ihn mit plötzlichem Misstrauen. »Und? Hat er dir das Zeug mitgegeben?« Sascha wich ihrem fast feindlich wirkenden Blick aus. »Ja, äh, nein, er sagte, ihr sollt bis morgen warten.« Die schwarzhaarige Jugendliche kreischte plötzlich ohne Ansatz los und riss wütend die Hand des aufgeschreckten Jungen aus ihrem Slip. »Dieser Scheißkerl! Lässt uns hier verrecken! Wann morgen?« Sascha wich vorsichtshalber einen Schritt von der Couch zurück. »Tja, äh, so um Zehn herum hat Chris gemeint.« Die Wut des Mädchens steigerte sich noch. »Um Zehn? Verdammter Mist! So eine Scheiße! So eine verdammte Scheiße! Wie soll ich das denn bis dahin aushalten? Diese Sau! Das Scheiß Haschisch hier taugt ja noch nicht mal zum Kotzen! So ein Dreck!« Sascha merkte wie auch die anderen, bisher unbeteiligt gebliebenen Jugendlichen plötzlich sichtbar nervös wurden. Er sah sich die Tobende noch etwas genauer an. Sie war höchstens fünfzehn Jahre alt und hatte ein schönes, aber schon sehr verlebtes Gesicht. Ihre Augen waren groß auf ihn gerichtet. Irgendwie wirkten diese Augen aber fieberhaft und stumpf. Ihre

Mundwinkel zitterten. Dieses Mädchen war total drogensüchtig. Und zwar nicht auf Haschisch. Für diese Diagnose brauchte man kein Experte zu sein. Laut fragte er. »Ist Kevin nicht zu Hause?« Statt einer Antwort sank das Mädchen auf die Couch zurück. Ihre rechte Hand fuhr in den Slip des neben ihr liegenden Jungen und bewegte sich kräftig hin und her. Der Junge sah Sascha mit glasigen Augen an. »Kevin ist heute Nachmittag nach Irland geflogen. Kommt wahrscheinlich erst nächste Woche wieder.« Sascha schaute sich noch einmal um, bevor er den Raum verließ. Ja, fast wie damals.

Josef Ulitzka sah vorsichtig zu dem anderen Jungen hin. Hinter Ihnen war die marmorne Gedenktafel mit den goldunterlegten Namen aller Soldaten von Ratibor angebracht, die im ersten Weltkrieg für ihr Vaterland gefallen waren. Vor der Tafel stand eine große Bronzebüste des Führers Adolf Hitler. Ulitzka und Kolonko hielten die aktuelle Wache. Zwischen ihnen befand sich eine große Hakenkreuzflagge, deren massive Stange sie in die dafür vorgesehene Öffnung im Boden stemmten und im vorgeschriebenen Winkel nach vorne hielten. Um sie herum waren die Geräusche des Schulbetriebes zu hören. So eine Wache ging an die Kondition. Sie mussten heute zur Strafe vier Stunden anstatt nur die übliche einstündige Wache stehen. Josef merkte, wie Kolonko langsam unruhig wurde. Vier Stunden ohne jegliche Bewegung blieben selbst bei diesem starken, großgewachsenen Jungen nicht ohne Wirkung. Plötzlich kippte Kolonko, ohne einen Laut von sich zu geben, nach vorne weg. Uli, so nannten ihn seine Kameraden von der Hitlerjugend in Abkürzung des Namens Ulitzka, hatte große Mühe, die Fahne alleine aufrecht zu halten. Er blickte sich schnell um. Normalerweise durfte er keine Reaktion zeigen, aber jetzt ging es um seinen besten Freund. Er lauschte noch einmal kurz, ließ langsam die schwere Flagge auf den Boden gleiten und kniete sich dann zu Kolonko hin. »Willi, was ist?« Er schüttelte seinen Freund an der Schulter. Keine Reaktion. »Willi, komm hoch! Wenn die dich so sehen!« Kolonko war anscheinend von der ungewöhnlichen Anstrengung ohnmächtig geworden. Das Wachestehen ohne Frühstück war zuviel für ihn gewesen. Ja, wenn sie beide gestern Abend nicht so unter die Räder gekommen wären. Aber der Stress von gestern steckte ihnen natürlich auch heute noch in den Knochen. Warum hatten sie sich auch so einfach erwischen lassen? »Was ist denn hier los?« Uli zuckte vor Schreck zusammen. Blitzschnell erhob er sich vom Boden und sah den kleinen, dicken, schwitzenden Mann in Uniform vor sich an. »Herr Oberfeldwebel, mein Kamerad ist ohnmächtig geworden!« »Nimm gefälligst Haltung an, wenn du mit mir sprichst.« Uli legte seine Arme vorschriftsmäßig am Körper an und schlug die Hacken zusammen. »Jawohl, Herr Oberfeldwebel!« »Name?« »Ulitzka, Herr Oberfeldwebel!« »Ulitzka, du läufst jetzt zur Krankenstation und holst eine Schwester her. Verstanden?« »Jawohl, Herr Oberfeldwebel!« »Und zwar ein bisschen plötzlich, Ulitzka! Abmarsch!« Uli drehte ein wenig seinen Kopf zur Seite, weil der Oberfeldwebel eine äußerst feuchte Aussprache hatte. Dann rannte er los. Er nahm immer zwei Treppen auf einmal. Im Untergeschoss der Schule war ein Sanitätsraum. Hoffentlich war eine der beiden Schwestern da. Hastig klopfte er an die Tür mit dem roten Kreuz. Keine Reaktion. Er klopfte noch einmal. Wieder nichts. Uli drückte die Klinke herunter. Die Tür war nicht verschlossen. Im Raum dahinter standen mehrere Liegen und Instrumentenschränke. Keine Menschenseele war zu sehen. Er hörte leise Geräusche aus dem Nebenzimmer. Vorsichtig öffnete er die bereits einen Spalt offen stehende Tür zum Nebenraum etwas weiter. Was er sah, ließ ihn vor Scham erröten. Schwester Lena lag mit dem Oberkörper vorn übergebeugt auf einem Schreibtisch. Ihr Rock war hochgehoben und um den rechten Fuß war ihr Höschen gewickelt. Hinter ihr stand mit herunter gelassenen Hosen der Ortsgruppenleiter Neumann. Paul Neumann. Die Handlung war eindeutig. Gerade als sich Uli wieder leise zurückziehen wollte, drehte Schwester Lena ihren Kopf in seine Richtung. Überrascht richtete sie sich auf, was dem Ortsgruppenleiter ein unzufriedenes Grunzen entlockte. Auch er folgte dem Blick der Krankenschwester und sah den Hitlerjungen Uli mit hochgerötetem Gesicht in der Tür stehen.

Sabine war schlecht gelaunt. Die Vorwürfe, die sie von Susanne zu hören bekommen hatte, nagten doch sehr an ihrem Selbstbewusstsein. Sicher, Susanne hatte nicht ganz unrecht, wenn sie von Risiken sprach. Klar war es ein Risiko, ab morgen ein Doppelleben zu führen. Frühmorgens, nachmittags, abends und nachts die brave Mutter und dazwischen von 9 – 13 Uhr die Belle de Jour von München. Jetzt war sie auf dem Weg zu Marcels Großvater, Josef Ulitzka. Sie brauchte für ihren Job noch einiges an Ausstattung. Schließlich war sie ab sofort selbstständig und hatte für das Equipment selbst zu sorgen. Dafür brauchte sie Geld. Sie schätzte, dass etwa 500 Euro für die Erstausstattung genügen würden,. aber sie war mal wieder total pleite. Diese Tatsache bestärkte sie für ihren Entschluss zum Doppelleben noch mehr. Opa musste ihr das Geld leihen. Sie würde es ihm vielleicht gleich nächsten Monat zurückzahlen können, wenn sie dann einen Überblick über ihre Einnahmen hatte. Sabine parkte ihren Opel in einer Parklücke und überquerte die Strasse, um zu dem gegenüberliegenden Mehrfamilienhaus, das direkt an der Dachauerstrasse in Moosach lag, zu gelangen. Sie läutete an der Haustürklingel und wartete auf den automatischen Türöffner. Kurz darauf erklang ein Summen und nachdem Sabine die Haustür aufgedrückt hatte, erklomm sie ein Stockwerk, um zu der Wohnung von Oma und Opa zu gelangen. Der Großvater begrüßte sie herzlich an der Wohnungstür und bat Sabine herein. Sabine steuerte gleich das Wohnzimmer an, nahm die in einem Sessel sitzende Oma in den Arm und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Oma ging es gesundheitlich überhaupt nicht mehr gut und die ganze Familie war froh, dass der Großvater noch so rüstig war, um die Pflege seiner Frau fast in Eigenregie übernehmen zu können. »Das ist aber schön, Sabine, dass du uns auch mal wieder besuchen kommst.« Josef Ulitzka deutete auf einen Sessel. Sabine kam der lautlosen Aufforderung nach und setzte sich. »Ja ich war gerade in der Nähe und habe mir gedacht, schau doch mal schnell bei Oma und Opa vorbei.« »Du hast doch hoffentlich etwas Zeit mitgebracht?« »Leider nicht, Opa. Ich muss gleich wieder weiter. Die Läden schließen in einer Stunde und ich habe noch einiges zu besorgen.« »Schade! Wenn du schon mal in der Gegend bist? Möchtest du etwas trinken?« Sabine nickte. »Für einen Kaffee reicht die Zeit immer noch. Wie geht es euch denn so?« »Na ja. Omas Zustand kennst du ja. Da ist leider keine Besserung zu erwarten. Aber ich bin soweit fit, auch wenn mich neuerdings mein Gedächtnis und meine Konzentration etwas im Stich lassen.« »Ach Opa, ich wäre froh, wenn ich in deinem Alter noch so gut drauf wäre. Ihr müsst uns unbedingt mal wieder besuchen.« »Das ist mit Oma nicht so einfach. Du weißt ja, dass man sie kaum noch transportieren kann.« Sabine nippte an der Kaffeetasse, die ihr Großvater während des Gespräches gefüllt hatte. »Da werden wir schon noch eine Lösung finden. Mach dir mal keine Sorgen. Übrigens fange ich ab morgen eine Weiterbildungsmaßnahme an. Jeden Tag muss ich zwischen 9 und 13 Uhr zu einer Schulung.« Uli sah sie plötzlich aufmerksam an. »Was lernst du denn?« »Buchhaltung und Computer-Grundwissen.« »Ja, das ist nicht schlecht. Heutzutage muss man sich mit Computern auskennen. Ich bin leider zu alt dafür, dabei würde es mir wahrscheinlich Spaß machen. Damals bei BMW haben wir sehr früh mit den ersten Computern angefangen. Ich weiß

noch, wie ich in der Produktion

Sabine winkte schnell ab. »Ist gut Opa, ich kenne die Geschichte ja schon. Ich habe eine Bitte an dich. Kannst du mir 500 Euro leihen? Ich zahle sie dir gleich nächsten Monat zurück. Ich brauche noch unbedingt ein paar Sachen für den Kursus und auch für Tanja und Lara muss ich noch schnell etwas besorgen. Bei uns ist diesen Monat mal wieder finanziell Ebbe. Ihr wisst ja, Marcel bemüht sich, aber es reicht manchmal halt hinten und vorne nicht. Deshalb bilde ich mich jetzt auch weiter, um anschließend etwas dazuverdienen zu können.« Der Großvater stand auf. »Natürlich, Sabine. Warte, ich hole schnell das Geld.« Sabine fiel ein Stein vom Herzen. Vorsichtig schaute sie auf Oma, die zusammengesunken in ihrem Rollstuhl saß. Eigentlich kam sie sich unheimlich mies vor, die Großeltern so zu belügen. Aber es ließ sich nicht ändern. Sie konnte ja wohl kaum erzählen, dass sie ab morgen anschaffen ging.« »So, hier. Steck es gut ein.« Der Großvater reichte ihr ein Kuvert, das Sabine sofort in ihrer Handtasche verschwinden ließ. »Danke euch. Ihr seid wirklich die besten. Wie gesagt, wir müssen bald mal wieder zusammenkommen. Jetzt muss ich aber los!«

«.

Sabine trank die Kaffeetasse aus und drückte beiden schnell noch ein Bussi auf die Stirn. Dann machte sie sich auf den Weg. Sie überlegte, dass sie am besten ihr Auto vor dem Haus stehen ließ und mit der Trambahn zum Hauptbahnhof fuhr. Während sie auf die Linie 25 wartete, überlegte sie sich, was sie alles besorgen musste. Ihr fielen viele Sachen ein, die sie für die sowohl männliche wie auch für die weibliche Kundschaft benötigen würde. Aber es musste ja nicht gleich alles auf einmal sein. Als die Trambahn endlich kam, stieg sie ein und fuhr zum größten Sex- Shop am Münchner Hauptbahnhof .

Uli trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Jetzt stand er schon eine geschlagene Stunde vor dem Büro des Ortsgruppenleiters von Ratibor. Seine zwei Kameraden von der Hitlerjugend waren bereits nacheinander in das Büro gerufen worden. Trotz der dicken Eichentüren konnte man das Gebrüll des Obergebietsführers Heinrich Wimmer deutlich vernehmen. Was war da drin bloß los? Die Karriere in der Hitlerjugend konnten sie getrost vergessen. Wahrscheinlich verloren sie auch noch ihren Ausbildungsplatz. Gestern war aber auch wirklich alles schief gelaufen. Erst hatte er mit Willi gewettet, dass er mit dem Karabiner seines Vaters den Aufklärungsballon vom Himmel holen könne. Es war eigentlich gar nicht möglich gewesen. Die Wette hätte nur ein Spaß sein sollen. Doch dann traf seine Kugel tatsächlich und der Ballon explodierte in einem riesigen Feuerball. Sie hatten sich sofort versteckt. Wenn Willi bloß wenigstens darüber sein Maul hielt. Abends dann hatte er seinen beiden Freunden vorgeschlagen, heimlich in das Lager der BDM Mädchen einzudringen, um sie beim abendlichen Duschen zu beobachten. Sie schnitten den Zaun an dem hinteren Barackenbau mit einem Seitenschneider auf und robbten hinter die Badebaracke. Der Eingang des Lagers wurde von zwei BDM Mädchen in ihrer typischen Uniform mit weißer Bluse, blauem Rock und blauem Halstuch bewacht. Auf dem Exerzierplatz übte noch eine Gruppe von Mädchen unter den lautstarken Anordnungen ihrer Jungzugführerin Antreten und Marschieren. Aus einer der Baracken drang Gesang. Erfreulicherweise war das Plätschern von Wasser in der Badebaracke zu vernehmen. Es mussten also Mädels ihrem Sauberkeitstrieb nachgehen. Hoffentlich waren es die etwas Älteren. Die Mädchen ihrer eigenen Altersgruppe interessierten sie nicht besonders. Aber so siebzehn- oder gar achtzehnjährige Mädels hatten sicher optisch eine Menge zu bieten. Vorsichtig zogen sie sich am einzigen, offenstehenden Fenster der Badebaracke hoch und schauten hinein. Ihre heimlichen Wünsche wurden zur Realität. Sieben Mädchen im besten Alter standen splitternackt unter den dampfenden Duschen und wuschen sich mit Kernseife die aufregenden Körperpartien. Sie lachten fröhlich und riefen sich gegenseitig die eine oder andere anzügliche Bemerkung zu. Er und seine Freunde waren so sehr in den berauschenden Anblick vertieft, dass sie die Annäherung der BDM Lagerstreife zu spät bemerkten. Plötzlich spürte Uli den kalten Lauf einer Pistole im Nacken. Er drehte sich vorsichtig um. Vor ihm stand die bildschöne, aber in Ratibor allgemein gefürchtete, Scharführerin Roswitha Bukowski. In ihrer rechten Hand, hielt sie eine kleinkalibrige Pistole im Anschlag. Uli reagierte blitzschnell. Er duckte sich und entriss der Scharführerin die Waffe. Diese war über die Aktion so überrascht, dass ihr zunächst keine Gegenwehr einfiel. Auch die sie bei der Wache begleitenden Mädchen, wichen erschrocken einen Schritt zurück. Uli warf die Pistole schwungvoll über die Baracke und stürmte Richtung Lagereingang. Seine beiden Freunde rannten hinter ihm her. Mit keuchendem Atem sahen sie das Lagertor näherkommen. Die beiden Wachmädchen waren durch den Lärm, den die Verfolgerinnen machten, bereits aufmerksam geworden. Sie schlossen blitzschnell von außen die Torflügel. Der Fluchtweg war damit abgeschnitten. Das ganze Lager war jetzt in hellem Aufruhr. Aus allen Baracken strömten Mädchen heraus. Teilweise sehr leicht bekleidet, aber das konnten sie jetzt leider nicht genießen. Uli sah sich verzweifelt nach einem Ausweg um. Es gab keinen. Sie waren von den Mädchen und deren Führerinnen umzingelt. Sie gaben die Flucht auf. Die Hauptmädelführerin im Lager kam langsam auf sie zu. Mit strengem Blick nahm sie ihre Personalien auf. Mit der Bemerkung, dass ihnen ihr Eindringen in das BDM-Lager noch sehr leid tun würde, wurden sie aus dem Areal entlassen. Die Nacht hatte er sehr unruhig verbracht. Er fand kaum Schlaf. Gleich am Morgen wurden er und Willi von ihrem Klassenlehrer zum Wache stehen abkommandiert. Vier Stunden. Es war ihnen klar, dass dies erst ein kleiner Teil der Strafe war, die sie noch zu erwarten hatten. Nach der Schule wurden sie zum Ortsgruppenleiter geschickt. Uli dachte daran, wie er genau diesen Ortsgruppenleiter mit Schwester Lena erwischt hatte. Er hatte sich einfach wieder aus dem Behandlungszimmer zurückgezogen und

anschließend dem Oberfeldwebel berichtet, dass keine Krankenschwester anwesend gewesen sei. Inzwischen war Willi Kolonko sowieso schon wieder auf den Beinen gewesen und sie hatten ihre Wache vorschriftsmäßig beendet. Nun stand er also hier und hörte das Gebrüll ihres Obergebietsführers. Einer plötzlichen Eingebung folgend, suchte er hastig seine Taschen ab und fand tatsächlich das wertvolle Abzeichen. Schnell steckte er es an seine Brust. Endlich ging die schwere Eichentür auf und er wurde auch hineinzitiert. Mit einem Blick sah er, dass es seinen beiden Freunden psychisch nicht gut ging. Sie standen wie begossene Pudel in der linken Raumecke und wagten nicht, ihn anzusehen. »Ulitzka! Hierher!« Der Obergebietsführer Wimmer hatte ein rot angelaufenes Gesicht und seine Augen schauten ihn wild an. »Ulitzka, wir wollen gar nicht mehr hören, was ihr gestern Abend alles so angestellt habt. Deine Kameraden haben bereits alles sehr detailliert geschildert. Das Interessante ist aber, Ulitzka, dass du der Anführer bei dieser ruchlosen Tat warst. Ist das richtig?« »Jawohl, Herr Obergebietsführer!« »Lauter, Ulitzka! Ich höre dich nicht! Ist das richtig?« »Jawohl!« »Was jawohl?« »Jawohl, ich war der Anführer, Herr Obergebietsführer. Ich habe meine Kameraden gezwungen, mitzumachen!« »Gezwungen? Das ist ja wohl die bodenloseste Frechheit, die ich je gehört habe, Ulitzka! Gezwungen! Dass ich nicht lache! Geil wart ihr Saukerle! Wolltet euch wohl beim Anblick der nackten Mädchen einen runterholen, was?« »Nein, Herr Obergebietsführer!« »Euch werde ich zeigen, unsere sauberen BDM Mädchen zu bespitzeln! So eine Sauerei ist mir ja in meinem ganzen Leben noch nicht untergekommen! Ich werde an euch ein Exempel statuieren, von dem ganz Ratibor noch Jahre sprechen wird! Wenn ich mit euch fertig bin, wisst ihr nicht mehr, ob ihr Jungen oder Mädchen seid!« Bisher hatte sich der Ortsgruppenleiter Neumann nicht in die Gespräche eingemischt. Jetzt stand er ruhig hinter seinem Schreibtisch auf und kam langsam auf Uli zu. »Ist das dein Abzeichen, Ulitzka?« Er deutete auf die Brust von Uli. »Jawohl, Herr Ortsgruppenleiter!« Dieser wendete sich an den Obergebietsführer. »Haben Sie das nicht gesehen, Wimmer? Hier steht ein Mitglied der NSDAP!« »Was? NSDAP?« Der Obergebietsführer erschrak sichtlich. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Herr Ortsgruppenleiter. Ist mir irgendwie entgangen.« »Entschuldigen Sie sich lieber beim Scharführer Ulitzka.« »Scharführer? Aber er ist doch nur ein normaler Pimpf.« »Gewesen, mein Lieber, gewesen. Ab heute ist er Scharführer der HJ. Ich habe seine Beförderung umgehend durchgesetzt, nachdem ich erfahren habe, dass unser Ulitzka den englischen Spionageballon abgeschossen hat. Großartige Leistung!« Der Ortsgruppenleiter ging zu seinem Schreibtisch und nahm ein Abzeichen aus der Schublade. Er kam zu Uli zurück und heftete ihm das Abzeichen des Scharführers an das linke Revers der Uniform. »Herzlichen Glückwunsch, Scharführer Ulitzka!« Uli salutierte und schlug die Hacken zusammen. »Danke, Herr Ortsgruppenleiter!« Paul Neumann ging wieder zu seinem Ledersessel und setzte sich bequem hin. »So und nun alle Abmarsch!« Uli sah sich auf dem Weg zur Tür noch einmal zum Ortsgruppenleiter Neumann um. Dieser hatte sein Gesicht zu einem Grinsen verzogen und zwinkerte ihm mit dem linken Auge zu. Uli verstand. Eine Hand wäscht die andere. Das Techtelmechtel des Paul Neumann mit der Krankenschwester Lena würde durch ihn mit Sicherheit nicht ans Tageslicht kommen.

Sabine und Sascha kamen fast gleichzeitig vor Saschas Haus an. Gerade als Sascha in eine seiner Garagen fuhr, bog Sabine mit ihrem Opel um die Grundstücksecke und stellte den Wagen in der Auffahrt ab. Sascha schloss die Garagentür hinter sich ab. »Hallo, Sabine. Wo warst du denn die ganze Zeit?« Sabine zog eine Schnute. »Na hier und da und natürlich auch dort.«

»Aha. Sehr aufschlussreich.« Sie gingen gemeinsam zur Haustür. Sabine stieß Sascha mit ihrem Ellenbogen von der Seite an. »Habt ihr inzwischen etwas über Marcel erfahren?« »Ja. Er ist hier bei uns.« Sascha öffnete die Haustür und wollte Sabine voran gehen lassen. Sabine blieb aber wie angewurzelt stehen. »Was, tatsächlich? Wo ist er denn abgeblieben?« »Na hier und da und natürlich auch dort.« Sabine schmollte. »Witzig, witzig! Wirklich sehr witzig.« Sascha deutete auf die Tür zum Gästezimmer. »Am besten lässt du dir das von ihm selber erzählen.« Angie kam aus der Küche und begrüßte Sabine. Diese hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und sah sie unsicher an. »Ist Marcel schlimm zugerichtet?« »Nein, nein. Geh nur rein zu ihm. Alles halb so wild.« »Na gut, dann will ich mal.« Sabine verschwand im Gästezimmer.« Sascha wandte sich an seine Lebenspartnerin. »Ich war eben im Lehel, um einen Typen aufzusuchen, der unter Umständen mit Marcels Entführung etwas zu tun hat.« »Was? Tatsächlich? Und, hast du ihn angetroffen?« »Nein, leider nicht. Nur eine rauschgiftsüchtige Wohngemeinschaft. Dieser verdächtige Kevin Clark ist nach Irland geflogen und kommt voraussichtlich erst nächste Woche zurück.« Angie machte ein besorgtes Gesicht. »Du und Marcel solltet diese Sache besser der Polizei überlassen. Ihr habt doch überhaupt keine Chance gegen solch eine kriminelle Organisation.« »Hat dir denn Marcel inzwischen auch etwas erzählt?« »Ja, es hat aber lange gedauert, bis er mit der ganzen Geschichte raus gerückt ist.« Sascha setzte sich auf einen Küchenstuhl. »Ich habe eigentlich kein großes Vertrauen mehr in unsere Justiz. Ich glaube fast, dass unsere Polizeibeamten inzwischen auch schon resigniert haben. Kaum greifen sie mal durch, machen ihnen die Richter und Anwälte wieder einen Strich durch die Rechnung. Mühsam und unter höchster Gefahr gefasste Kriminelle werden gleich wieder freigelassen, wenn sie einen festen Wohnsitz nachweisen können. Da muss sich doch jeder Polizeibeamte echt bescheuert vorkommen. Bei uns haben die Täter schon viel mehr Rechte als die Opfer. Ständig werden Psychologen hinzugezogen, die nachweisen, dass der Täter durch seine schlimme Jugendzeit praktisch zum Verbrecher werden musste. Im Grunde ist die Gesellschaft an seiner kriminellen Karriere schuld. Und greifen unsere Beamten mal etwas härter zu, bekommen sie gleich einen Prozess an den Hals. Ich denke, wir verlassen uns bei der Aufklärung dieses Falles, doch besser auf uns. Wer weiß, wer in unserem undurchsichtigen Staat seine Finger beim Organhandel im Spiel hat und gewisse Dinge lieber verschleiern möchte. Sicher, wenn wir genug Beweise gesammelt haben und es dann hart auf hart kommt, müssen wir selbstverständlich die Behörden einschalten.« Sabine und Marcel gesellten sich zu ihnen. Marcel tat es seiner Frau nach und setzte sich auch auf einen Küchenstuhl. »Ich habe Sabine alles erzählt. Sie meint, wir sollten diese Sache unbedingt der Polizei überlassen.« Angie nickte zustimmend. »Das habe ich gerade auch zu Sascha gesagt.« Sascha schüttelte abwehrend seinen Kopf. »Eins ist sicher. Marcel ist nach wie vor sehr gefährdet. Er ist der einzige, der einen Teil der Mafia, wie den Krankenpfleger, oder die Krankenschwestern und sogar einen Arzt in der unbekannten Klinik, wenigstens für einen Moment gesehen hat. Außerdem hat er zwei Namen mitbekommen. Eine der Krankenschwestern heißt Erika und ein Arzt wahrscheinlich Franz. Ob mit Vor- oder Nachnamen wird noch rauszufinden sein. Eher mit Vornamen. Diesen Kurti hat er auch erkannt. Aber der und sein Spezl sind ja bei der Verfolgung von Marcel umgekommen. Die geben also keine Zeugen mehr ab. Was haben wir sonst noch an Erkenntnissen? Marcel, glaubst du, dass du in der Uni-Klinik für die Organentnahmen festgehalten worden bist?« »Nein, garantiert nicht. Diese Organentnahme-Klinik oder was auch immer für eine Institution in Frage kommt, muss irgendwo im Süden von München liegen. Nicht weit vom Forstenrieder Park entfernt. Mein Transport im Leichensack zur Verbrennungsanlage war ja nur relativ kurz. Vielleicht zehn Minuten. Wir nehmen uns also am besten einen Stadtplan von München und ziehen mit einem Zirkel einen Kreis im Radius von etwa zehn Minuten normaler Autogeschwindigkeit um diese Tierverwertungsanstalt. Dann schauen wir mal, ob wir in diesem Kreis irgendwo eine Klinik oder etwas Ähnliches finden.« Sascha nickte. »Gute Idee. Die müssen dein Verschwinden an sich schnell festgestellt haben. Nachdem du nicht mehr in dem Intensivzimmer warst, haben sie sicher gleich die anderen Räumlichkeiten durchsucht und den ausgenommenen Spender unter dem Tisch entdeckt. Messerscharf werden sie darauf geschlossen haben, dass du mit der Leiche den Platz im Sack getauscht hast. Danach sind sie sicher sofort hinter euch hergefahren, um dich wieder zu erwischen. Das haben sie zwar nicht

geschafft, aber sie sind inzwischen mit Sicherheit darüber informiert, dass die Leichentransporteure bei deiner Verfolgung tödlich verunglückt sind. Die anderen Verfolger werden deine Sackpartnerin im Ofen verbrannt und anschließend möglichst alle anderen Spuren in der Verbrennungsanlage, die irgendwelche Hinweise auf ihre Taten geben könnten, vernichtet haben. Was hältst du davon, wenn wir jetzt gleich mal zu dieser Verwertungsanstalt fahren und trotzdem noch versuchen, irgendwelche Spuren in Bezug auf die Organ-Mafia zu entdecken?« Marcels Mutter mischte sich ein. »Kommt ja gar nicht in Frage! Ihr seid wohl verrückt? Was ist, wenn die euch genau da abpassen und dann nicht nur Marcel, sondern auch dich als willkommene Organspender einfangen, verwenden und anschließend im Ofen beseitigen? Nein, das ist viel zu gefährlich! Außerdem ist es jetzt fast 20 Uhr und schon dunkel.« Sascha dachte kurz nach. »Ja, gut. Irgendwie hast du recht. Jetzt im Dunkeln können wir da nicht mehr viel ausrichten. Wir werden morgen bei Tageslicht vorsichtig nachforschen. Bei dieser Tierverwertungsstelle sind doch bestimmt noch mehr Arbeiter oder Angestellte beschäftigt. Die müssen wir geschickt aushorchen. Vielleicht sind noch andere Leute als Kurti und sein Spezl von dieser Verwertungsstelle in der Organ-Mafia tätig. Da fällt mir im Zusammenhang mit Kurti und dem anderen Mann noch etwas ein. Hast du sie eigentlich unter den Passfotos der Uni-Klinik entdeckt, Marcel?« »Nein, ich glaube, sie waren nicht dabei. Selbst wenn die Fotos älter waren. Ich meine, sie waren nicht bei den Aufnahmen.« »Und der Arzt und die Krankenschwestern aus der Organ-Klinik?« »Auch nicht. Aber wie gesagt, ganz sicher kann man sich da nie sein.« Sascha schlug leicht auf die Tischplatte. »Na denn! Verschieben wir alle weiteren Aktionen auf morgen.« Angie wandte sich an Sabine und Marcel. »Wollt ihr heute bei uns übernachten? Das Gästezimmer ist sowieso schon vorbereitet.« »Danke für das Angebot,« Sabine winkte ab, »wir müssen ja zu Tanja und Lara. Frau Hoffmann kann nicht die ganze Nacht auf beide aufpassen. Außerdem beginnt Morgen mein Kursus.« Marcel sah Sabine erstaunt von der Seite an. »Was für ein Kursus?« »Der Buchhaltung und Computer Kurs. Den wollte ich doch schon lange machen und jetzt hat es endlich geklappt.« »Am Samstag beginnt ein Kurs?« »Natürlich! Nur Sonntags ist kein Kurstag. Sei doch froh, dass ich mich weiterbilde und uns finanziell vielleicht bald unter die Arme greifen kann.« Marcel wirkte ungehalten. »Wie lange geht denn der Kurs?« »Ein halbes Jahr. Täglich von 9 - 13 Uhr. Das Arbeitsamt übernimmt die Kosten dafür.« »Und die Kleinen? Was ist mit Tanja und Lara?« »Lara kann ich mitnehmen und Tanja ist morgens im Kindergarten. Samstags bist ja du zu Hause. Wenn du mal nicht kannst, können wir noch immer meine Mutter oder Frau Hoffmann fragen, oder auch dich Schwiegertiger, was?« Angie nickte. »Ab und zu kann ich da sicher aushelfen.« Marcel sah jetzt noch wütender aus. »Wir fahren jetzt. Servus Mama, Tschau Sascha. Wir telefonieren uns morgen zusammen.« »Passt gut auf euch auf! Wenn diese Organ-Mafia Marcels Adresse rausbekommen hat, kann es gefährlich werden.« Sascha begleitete die beiden hinaus.

Das eintönige Rattern des Zuges ließ Uli beinahe einschlafen. Aber er fand keinen Schlaf. Immer wieder musste er an die vergangenen Wochen zurückdenken. Mit welcher Genugtuung ihm der Obergebietsführer Heinrich Wimmer den Einberufungsbefehl zur Deutschen Wehrmacht übergeben hatte. Unverhohlen drückte dessen Grinsen seine nachträgliche Rache an dem ehemaligen Pimpf Josef Ulitzka aus. Er hatte die Zurechtweisung des Ortsgruppenleiters Paul Neumann vor den Jugendlichen niemals verwunden. Am 1. April 1944, am Rathaus von Ratibor, wartete bereits ein Unteroffizier auf die neuen Soldaten, die an ihren Persilkartons und an ihrem jugendlichen Aussehen zu erkennen waren. Er marschierte mit ihnen ins Ausbildungslager, das sich außerhalb des Ortes befand. Sie wurden dort in die Bekleidungskammer geführt und eingekleidet, nachdem sie ihre Zivilsachen abgeben mussten. Mit dem Wort »passt« wurden ihnen Uniformen, Stiefel und andere Ausrüstungsutensilien zugeworfen, obwohl diese entweder zu groß oder zu klein waren. Wenn wirklich etwas passte, war es reiner Zufall. Bei der anschließenden Begrüßung durch den Oberfeldwebel erfuhren sie, dass sie ab sofort »Männer« waren.

Nach einer sehr harten Ausbildung, sowohl im Gelände als auch in der Theorie, waren die sechs Wochen Grundausbildung wie im Fluge vergangen. Abends saßen sie auf einem Holzschemel und waren froh, wenn sie um 22.00 Uhr ins Bett, Strohsack mit Stroh gefüllt, mussten. Die Härte der Ausbildung war gewollt brutal. Die angewandten Methoden sollten abstumpfen und aus denkenden Menschen hirnlose Befehlsempfänger machen. Während des Unterrichts in einer tristen Barackenstube wurde Willi Kolonko von einem primitiv unterrichtenden Obergefreiten gefragt, welche Farbe die Decke habe. Als dieser wahrheitsgemäß antwortete, dass sie weiß sei, wurde er angeschrieen. Die Decke sei schwarz. Er musste so lange Liegestütze machen, bis seine Wahrheitsliebe gebrochen war und er ebenfalls behauptete, die Decke sei schwarz. Nach diesem Vorfall wagte es niemand mehr, die Richtigkeit der Worte eines Vorgesetzten anzuzweifeln. Denn Liegestütze machen war noch die geringste Form der Bestrafung. Nach der Grundausbildung bekamen sie ihren Marschbefehl. Nun saß er also in diesem Zug, der ihn immer näher an die Westfront brachte.

»Kommt herein!« Die beiden Männer blieben an der Tür stehen und sahen sich unsicher um. Beide waren hochgewachsen, etwa 20 Jahre alt und glichen sich wie ein Ei dem anderen. Offensichtlich Zwillinge. Sie trugen nur unterschiedlich farbige Pullover. Harald von Hohenstein wirkte ungeduldig. »Macht die Tür zu und setzt euch hierher.« Der Mann mit dem braunen Pullover zog die Tür ins Schloss. Beide gingen durch den großen Raum und setzten sich vorsichtig auf die schwarzen Ledersessel vor dem altdeutschen Schreibtisch. »Was habt ihr euch dabei gedacht? Predige ich nicht jeden Tag, dass ihr euch in der Öffentlichkeit unauffällig verhalten sollt?« Der links gegenüber dem Professor sitzende Zwilling übernahm deren Konversation. »Äh, ja schon, aber wir konnten irgendwie nicht anders.« »Wie, ihr konntet nicht anders?« »Es war einfach zu krass, was die Jugendlichen da angestellt haben.« Harald von Hohenstein zog seine Stirn in zornige Falten. »Komm, Stefan, red jetzt nicht in Rätseln und erzähl mir eure Version der Geschichte von Anfang an. Ich bin von einem guten Bekannten über euer Problem informiert worden. Gerade von euch hätte ich erwartet, dass ihr vernünftiger seid. Wofür, meint ihr wohl, lasse ich euch alle ausbilden, wenn ihr bei der ersten Kleinigkeit versagt? Also legt los.« »Na gut. Also. Maximilian und ich sind gestern Abend mit der letzten S-Bahn vom Hauptbahnhof nach Neuperlach gefahren. Der Zug wird dort über Nacht abgestellt. Wir haben uns noch etwas im Wartehäuschen unterhalten. Plötzlich tauchen fünf Gestalten auf und beginnen die Waggons mit Spraydosen zu besprühen. Alle hatten sie diese Rapper Klamotten an. Übergroße Kleidung und verkehrt herum sitzende Käppchen auf dem Kopf. Wir dachten, wir sehen nicht richtig. Im Nu waren zwei Waggons versaut. Nicht nur das Blech, sondern auch die Scheiben. Maxi und ich haben uns kurz abgesprochen und sind dann rübergesaust. Die Sprayer bemerkten uns und wollten abhauen. Drei der Typen konnten flüchten, aber zwei konnten wir festhalten. Sie haben sich vehement gewehrt, um sich getreten und geschlagen. Wir hatten sie letztlich jedoch fest im Griff. Nachdem wir die beiden zum nächsten Telefonhäuschen geschleppt hatten, haben wir von dort die Polizei angerufen. Diese sagten zu, sofort einen Streifenwagen vorbeizuschicken. Kaum waren wir aus der Telefonzelle wieder heraus, wurden wir von den drei vorher Geflüchteten angegriffen. Maxi bekam einen Stich in den Unterarm und mir schoss jemand mit einem Gasrevolver ins Gesicht. Wir beide haben daraufhin natürlich wesentlich massiver hingelangt. Zwei der Angreifer lagen schließlich am Boden. Kurz darauf kam der Streifenwagen. Die anderen drei Rapper gaben gleich Fersengeld. Die Beamten zogen sofort ihre Dienstwaffen und wir beide mussten uns mit erhobenen Händen und mit dem Gesicht zur Hauswand aufstellen. Die vorher zu Boden gegangenen Sprayer waren inzwischen wieder auf den Beinen und mussten sich ebenfalls einreihen. Die Polizeibeamten hatten per Funk inzwischen Hilfe angefordert. Kurz darauf kam ein Kastenwagen, in den wir alle einsteigen mussten und zur zuständigen Wache gefahren wurden. Dort wurden unsere Personalien aufgenommen. Das heißt eigentlich nur die von Maxi und mir. Die Sprayer waren noch Jugendliche und hatten keine Ausweispapiere bei sich. Die Eltern wurden aus den Betten telefoniert und erschienen im Laufe der Nacht auf dem Revier. Maximilians Stichwunde wurde inzwischen von einem Sanitäter versorgt. Mir fehlte nicht viel, weil ich den Kopf noch zur Seite reißen

konnte, als der Typ mit dem Gasrevolver auf mein Gesicht gezielt hatte. Ich habe nur eine leichte Entzündung am rechten Auge davongetragen. Aber jetzt kommt der eigentliche Hammer. Nachdem wir den ganzen Vorgang zu Protokoll gegeben hatten und auch die Jugendlichen im Beisein Ihrer Eltern ihre Version erzählten, wurde uns mitgeteilt, dass die Eltern uns wegen schwerer Körperverletzung an ihren Kindern angezeigt haben. Unser Protest nützte gar nichts. Die Jugendlichen waren laut ihren Eltern angeblich erst dreizehn Jahre alt, und eine Polizeibeamtin erklärte uns daraufhin, dass die beiden Burschen damit nicht strafrechtlich wegen der Verunreinigung der S-Bahn Waggons belangt werden konnten. Unser Eingreifen wurde als übertrieben hart dargestellt. Nachdem bei den beiden keinerlei Waffen gefunden wurden, hatten sie natürlich auch nichts mit unseren Verletzungen zu tun. Die geflüchteten drei anderen, kannten sie angeblich nicht. Sie hätten sich mit denen durch Zufall in der S-Bahn getroffen. Die Burschen konnten mit ihren Eltern nach Hause gehen und nachdem wir natürlich auch einen festen Wohnsitz nachweisen konnten, durften wir endlich das Revier verlassen. So weit sind wir gekommen in unserem Staat. Recht und Ordnung wird auf den Kopf gestellt. Jetzt müssen wir uns wegen unseres Eingreifens auch noch vor Gericht verantworten. Das ist doch langsam alles eine große Sauerei und nicht mehr normal.« Stefan beendete mit vor Zorn gerötetem Gesicht seinen Vortrag. Es entstand ein minutenlanges Schweigen. Harald von Hohenstein wippte nachdenklich in seinem Ledersessel hin und her, dann beugte er sich plötzlich nach vorne und fasste die Zwillinge fest ins Auge. »Ich werde euch helfen. Ich glaube nicht, dass es zu einem Verfahren gegen euch kommen wird. Aber seid in Zukunft vorsichtiger, verdammt noch mal! Wir haben ganz andere Sachen vor. Da dürfen wir uns nicht im Vorfeld mit solchen Kleinigkeiten aufhalten. Habt ihr das verstanden?« Die beiden antworteten wie aus einem Mund. »Jawohl, Herr Professor.«

»Gut. Das war's. Ihr könnt jetzt gehen. Ich werde die Sache in die Hand nehmen.« Als die Zwillinge gegangen waren, blieb Harald von Hohenstein noch nachdenklich in seinem Ledersessel sitzen. Langsam zog er die Schreibtischschublade auf, holte ein Zigarillo heraus und zündete dieses mit einem Streichholz an. Anschließend tat er einen tiefen Zug, lehnte sich in seinen Sessel zurück und blies den Rauch senkrecht in die Luft. Die Zwillinge mussten schnellstens aus dem Schussfeld gebracht werden. Hoffentlich gelang es ihm, die Sache ohne Verfahren zu regeln. Er musste deswegen gleich einmal mit Paul reden. Wofür hatte man einflussreiche Freunde. Die Presse durfte auf keinen Fall Wind von dem Vorfall bekommen. Die würden nichts lieber tun, als die Mitglieder der Deutschen-Interessen- Partei als Schläger darzustellen, die sogar nicht davor zurückschreckten, sich mit Kindern anzulegen. Diese Art Aufmerksamkeit konnten sie jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Klar war das Recht bei den Zwillingen gewesen, aber wer fragte in diesem seltsamen Rechtsstaat noch danach. Nein, die Zeit war noch nicht reif für die DIP. Aber sie würde kommen, und wenn es nach ihm ging, war sie gar nicht mehr so weit entfernt. Und, wenn sie erst einmal an der Regierung waren, würde es unter anderem diese kriminellen, jugendlichen Sprayer nicht mehr geben. Das war ganz sicher.

Uli bestrich von der Vogesen Berghöhe mit seinem MG 42 den Grabenrand der amerikanischen Linie. Neben ihm lag der Gefreite Christian Schultz, der den Patronengurt ständig auf Spannung hielt. Hinter ihnen im Graben lehnten noch drei weitere Kameraden, der kleine Rest von ihrem ehemaligen Zug. Sie sahen mit fiebrigen Augen dem ungleichen Kampf zu. Von der amerikanischen Seite wurde das Feuer ohne Unterbrechung erwidert. Feuerstoß auf Feuerstoß jagte der Hauptgefreite Ulitzka aus seinem MG in die Richtung der feindlichen Linien hinaus. Von der amerikanischen Seite stiegen jetzt Leuchtraketen auf. Der Berghang wurde dadurch taghell erleuchtet. Kurz darauf begannen die Amerikaner ihre Artillerie einzusetzen. Fontänen von Erde und Schnee wirbelten rund um sie herum auf. Uli und Schultz pressten sich ganz tief in den Schnee hinein, während sie weiterhin ihr MG betätigten. Die Kameraden hinter ihnen drückten sich eng an den Grabenrand. Der Boden bebte von den Einschlägen der amerikanischen Granaten. Das MG 42 streikte jetzt. Der letzte Patronengurt war aufgebraucht. Sofort ließ sich der Gefreite Schultz seitlich in den Graben hinunter fallen, um neue Gurte aus dem Munitionskasten zu holen. Ein weiterer Granateinschlag folgte. Uli wurde in die Höhe gerissen und rückwärts in den Graben geschleudert. Er wusste sofort, dass er schwer getroffen war. Sein rechtes Bein lag abgeknickt unter seinem Oberkörper. Er verspürte keine Schmerzen. Seine Kameraden robbten zu

ihm hin. Kurz über ihnen schlug eine weitere Granate in den Grabenrand ein. Eine große Schneelawine stürzte auf sie hinunter und begrub sie vollständig. Plötzlich hörte der Beschuss der amerikanischen Artillerie auf. Die leicht verschütteten Soldaten sahen nicht, wie aus den gegnerischen Gräben dunkle Gestalten auftauchten und im Zickzack auf die deutschen Stellungen zuliefen. Hinter ihnen hämmerte jetzt ein weiteres Maschinengewehr los. Dort mussten also doch noch Soldaten aus ihrem Zug überlebt haben. Der Gefreite Schultz befreite sich schnell vom Schnee und lugte vorsichtig über den Grabenrand. Er zog aber sofort seinen Kopf wieder zurück und deutete mit einer Geste den inzwischen ebenfalls aus dem Schnee schauenden Kameraden an, bloß den Mund zu halten. Uli und seine Kameraden blieben daraufhin still im Graben liegen. Schultz merkte wie schwer Uli plötzlich seine Verletzung zusetzte und presste eine Hand auf dessen Mund. Über ihnen überwanden jetzt amerikanische Soldaten den Graben im Sprung. Handgranaten und Salven aus amerikanischen Maschinenpistolen ließen die schwache Gegenwehr der restlichen deutschen Soldaten auf der Berghöhe schnell verstummen. Der wie irrsinnig durch seinen Körper jagende Schmerz raubte Uli das Bewusstsein. Seine Kameraden verhielten sich weiterhin still. Nach einer Viertelstunde waren sie sicher, dass die Amerikaner nicht zurückkamen. Vorsichtig richteten sie das schwer verletzte Bein von Uli gerade und schienten und verbanden es notdürftig. Er hatte viel Blut verloren. Nur die arktische Kälte hatte bisher ein Verbluten verhindert. Als der Hauptgefreite Ulitzka aus seiner Ohnmacht aufwachte, lag er auf einer provisorischen Trage, die seine vier Kameraden schleppten. Es ging steil bergabwärts. Wenn sie den schwer verletzten Hauptgefreiten nicht mit Gurten an der Trage befestigt hätten, wäre dieser mit Sicherheit heruntergerutscht. Nach etwa einer halben Stunde gelangten die deutschen Soldaten an einen Fluss. Vorsichtig und schwer keuchend, legten sie die Trage mit dem Verletzten auf den Boden. »Hands up!« Es gab kein Entrinnen für sie. Aus den Büschen waren über ein Dutzend amerikanische Soldaten mit Maschinenpistolen im Anschlag aufgetaucht. Der zweite Weltkrieg war für Uli und seine Kameraden damit zu Ende.

Sascha wollte gerade sein Arbeitszimmer verlassen, als das Telefon klingelte. Er setzte sich wieder hinter den Schreibtisch und nahm den Hörer ab. »Sommer.« »Hallo, hier ist Andrea Winter.« »Ah, Frau Doktor!« Sascha lehnte sich freudig überrascht in seinem Schreibtischsessel zurück. »Er ist seit heute wieder im Dienst.« Die dunkle Stimme der Ärztin klang irgendwie abweisend. »Endlich! Ich habe schon gedacht, dass er überhaupt nicht mehr auftaucht.« »Gut. Ich hoffe, ich habe Ihnen ein wenig helfen können?«

Das klang tatsächlich sehr kurzangebunden. Sascha versuchte, es zu ignorieren. »Sehr sogar. Vielen Dank. Äh

Doktor Winter?« »Ja, was ist?« Sascha versuchte es einfach. »Ich möchte Sie wiedersehen.« »Mich? Tatsächlich?« Die Stimme der Ärztin klang ehrlich überrascht. »Ja, unbedingt. Ich muss Sie wiedersehen. Sie gehen mir überhaupt nicht mehr aus dem Kopf. Ich bin schon ganz verwirrt.« »Diesen Eindruck habe ich jetzt allerdings auch von Ihnen.« Immerhin meinte Sascha einen humorvollen Unterton in ihrer Stimme mitschwingen zu hören. »Frau Doktor. Tun Sie mir bitte den Gefallen. Lassen Sie mich nicht mit meiner Verwirrung allein.« »Also eigentlich schon, Herr Sommer. Wie Sie wissen, bin ich Internistin und verstehe mich nicht so gut auf die Psychiatrie. Andererseits, wenn Sie mich so nett bitten, kann ich ja Ihren Wunsch fast nicht ablehnen, ohne Sie in ein noch tieferes, gefühlsmäßiges Chaos zu stürzen. O.K., rufen Sie mich einfach morgen abend so gegen 19 Uhr zu Hause an. Ich werde mir bis dahin vielleicht etwas überlegen.« Sascha atmete erleichtert auf. »Sehr lieb von Ihnen. Mir geht es schon gleich viel besser. Ich rufe bestimmt an.« »Schön. Ich muss jetzt wieder auf die Station. Bis morgen also.« Klick, die Telefonverbindung war unterbrochen. Sascha legte gedankenverloren den Hörer auf. Verliebt bis über beide Ohren. So ein verdammter Unsinn. In seinem Alter! Er zwang sich, an etwas anderes zu denken. Der Fall Marcel. Endlich war dieser Kevin Clark wieder aufgetaucht. Von

, Frau

wegen eine Woche Irland! Heute war der 23. März. Fast vierzehn Tage war der Typ weggeblieben. Was war nicht alles in der Zwischenzeit passiert. Trotz seiner hohen Arbeitsbelastung hatte Sascha mit Marcel zusammen versucht, Licht in die dunkle Entführungsgeschichte zu bekommen. Fast jede freie Minute verbrachten sie damit, etwas mehr über diese Organ-Mafia herauszubekommen. Erfolglos. Marcel hatte der Polizei irgendeine wilde Geschichte über seine Fahrt im Forstenrieder Park aufgetischt. So recht glaubten sie ihm wohl nicht, aber anscheinend hielten sie es für besser, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Was war auch schon interessant an einem nackten Fahrer, der mit einem Fahrzeug der Tierkörperbeseitigungsstelle in einer Waldgaststätte gelandet war? Den Tod der beiden Mitarbeiter dieser Verbrennungsanlage brachten sie mit Marcel nur in einen anderen Zusammenhang. Marcel erzählte ihnen, dass er diesen Klose, einen ehemaligen Mitarbeiter seiner Firma, nur durch Zufall wiedergetroffen habe und dass eine alte Wette mit ihm einzulösen war. Teil dieser Wette war es gewesen, zur Waldgasstätte zu fahren und dort nackt ein Bier am Tresen zu trinken. Sascha war noch am Samstag, einen Tag nach der Entführung, allein zur Beseitigungsstelle gefahren und hatte sich dort vorsichtig umgehört. Der Besitzer dieser Privatanlage war sehr verschlossen und Sascha bekam das Gefühl, dass dieser ehrlich erschüttert über den Tod seiner beiden Mitarbeiter war. Der andere Tote hieß Johannes Klein und war seit über zwei Jahren dort beschäftigt gewesen. Hasenscharten-Kurti war erst vor etwa einem halben Jahr angestellt worden. Zwar konnte man sich immer täuschen, aber Karl Richter, der Eigentümer der Anlage, machte einen ehrlichen, offenen Eindruck und hatte wohl keine Ahnung von der Nebentätigkeit seiner tödlich verunglückten Mitarbeiter gehabt. Das gleiche traf auf die Sekretärin und noch einen weiteren Angestellten zu. Nein, wahrscheinlich waren wirklich nur Kurt Klose und dieser Johannes Klein die Handlanger der Organ-Mafia gewesen. Letzten Donnerstag waren Marcel und er bei den Beisetzungen der beiden zugegen gewesen. Getrennt, weil die Trauerfeiern fast zur gleichen Zeit, aber auf verschiedenen Friedhöfen stattfanden. Marcel war zum Nordfriedhof zur Beisetzung von Kurti gegangen, weil er ihn ja irgendwie gekannt hatte. Sascha hatte der Beisetzung von Klein auf dem Ostfriedhof beigewohnt. Beide hofften sie, dort weitere Hinweise zu bekommen. Der Zeitpunkt, die jeweiligen Angehörigen wegen der illegalen Tätigkeit der jetzt Toten auszuhorchen, war natürlich denkbar schlecht gewählt und sie mussten das auf später verschieben. Wahrscheinlich würden die Angehörigen aber sowieso keine Auskunft geben, auch wenn sie etwas von den Nebeneinkünften gewusst hatten. Auch die vorsichtige Befragung mehrerer Mitarbeiter der Uni-Klinik, brachte sie in der Sache nicht weiter. Irgendwie merkte man, dass keiner von den Befragten etwas mit der Organ-Mafia zu tun hatte. Blieb erst einmal nur Kevin Clark. Marcel hatte tagelang das Haus im Lehel beschattet, aber Clark war nicht wieder aufgetaucht. Endlich hatte Sascha ihm vorgeschlagen, dass er Frau Doktor Andrea Winter bitten würde, ihn anzurufen, wenn Clark wieder in der Klinik zur Arbeit erschien. Dieser Anruf war nun eben erfolgt. Jetzt konnten sie endlich wieder aktiv werden. Wie viel Uhr war es? 9 Uhr 10. Also schnell Marcel anrufen. Sascha griff wieder zum Telefon und wählte die Verbindung zu Marcels Arbeitsstelle. »Marcel? Hier ist Sascha.« »Hi. Was ist los? Neue Erkenntnisse?« »Kevin Clark ist wieder in der Klinik.« »Hat die Winter dich angerufen?« »Genau.« »Wie gehen wir vor?« »Wir schnappen ihn uns am besten, wenn er von der Arbeit ins Lehel zurückkehrt.« »Ja gut, ich kann jetzt hier sowieso nicht weg. Wann denkst du denn, das wir vor dem Haus Stellung beziehen müssen?« »Also ich denke, so spätestens um vierzehn Uhr.« »Gut, ich werde versuchen, rechtzeitig da zu sein. Was machen wir mit ihm, wenn wir ihn haben?« Sascha überlegte kurz, ob er seine Pläne Marcel bereits am Telefon sagen sollte. »Ich habe schon einige Sachen vorbereitet. Auch eine passende Unterkunft, in der wir ihn ungestört zu einer Aussage bringen können. Und er wird aussagen, dass kann ich dir versprechen.« »Na, mal sehen. Wir treffen uns dann also um vierzehn Uhr vor dem Altbau. Ach Sascha, da ist noch etwas.« »Was denn?« »Es geht um Sabine. Die ist in der letzten Zeit irgendwie so komisch. Wie ausgewechselt. Hat ständig gute Laune und turtelt um mich herum. Bin ich gar nicht mehr gewohnt. Weißt du vielleicht, was da los sein könnte?«

»Keine Ahnung. Vielleicht gefällt es ihr, dass sie im Kursus etwas Neues lernt, unter die Leute kommt, oder sie ist einfach nur froh, dass du den Unfall so gut überstanden hast.« »Mag sein. Also dann bis nachher, Sascha.«

»Komm setz dich zu mir, Sabine.« Sabine suchte sich einen Platz, von dem aus sie einen guten Überblick über das große Grundstück der Villa hatte. Sie nahm deshalb direkt neben Doris Platz, die es sich bereits am Gartentisch bequem gemacht hatte. Heute war herrliches Frühlingswetter und jetzt am Mittag war die Sonne schon besonders stark. Sabine kannte die andere Frau inzwischen ganz gut. Sie agierte natürlich ebenfalls selbstständig und auch nur stundenweise in dem Institut. Doris arbeitete in ihrem Hauptberuf als freie Journalistin für verschiedene Frauenzeitschriften. Sabine blinzelte in die Sonne und schaute dann zu dem kleinen Wäldchen, weil von dort plötzliches Hundebellen zu hören war. Die beiden Dobermänner jagten spielerisch hintereinander her. Ja, hier ließ es sich aushalten. Als sie nach rechts blickte, sah sie, wie die Gärtnerin von Ilona gerade eine Schubkarre voller Frühlingsblumen zu dem entferntesten Blumenbeet schob. In die näher liegenden Beete hatte sie anscheinend schon frische Blumen gepflanzt, denn überall schauten die bunten Köpfe der Pflanzen hervor. Sabine lächelte froh. Ach, war das heute ein schöner Frühlingstag. Die Atmosphäre war erfüllt vom Zwitschern und Singen der Vögel, die sich offenbar auch an diesem besonders schönen Tag erfreuten. Ihre geflügelten Gedanken wurden von Doris unterbrochen. »Evelyn bringt uns gleich Getränke, Sabine. Ich habe schon welche geordert.« »Prima, ich könnte tatsächlich jetzt etwas Flüssiges vertragen.« »Wie lief es denn heute bei dir so, Sabine?« »Bei mir war nicht besonders viel los. Nur zwei Kunden. Der Letzte war der Professor.« Doris sah Sabine von der Seite verschmitzt an. »Das ist wirklich einer unserer dankbarsten Kunden. Kriegt schon seit Jahren keinen mehr hoch, kommt aber regelmäßig, um sich zu vergewissern, dass sich die Anatomie von Mädchen, seit seiner nun doch schon etwas zurückliegenden Jugendzeit, nicht verändert hat.« Sabine nickte. »Stimmt. Ich finde ihn aber ganz nett. Er ist immer ausgesprochen höflich und zahlt vor allen Dingen sehr gut.« »Er war Professor an der technischen Hochschule. Hat angeblich auch ein paar Erfindungen gemacht und sich diese patentieren lassen. Jetzt, in seinem Ruhestand, weiß er anscheinend nicht, wohin mit dem ganzen Geld. Uns kann es nur recht sein, wenn er es teilweise hier abliefert.« »Wirklich leicht verdientes Geld.« Sabine legte ihre Füße auf einen anderen Stuhl. Doris tat es ihr nach. »Zu mir kommt nachher diese Modezarin. Jeden Donnerstag Mittag erscheint sie hier und lässt sich nach Strich und Faden verwöhnen.« »Die habe ich noch nicht kennen gelernt.« »Du bist ja auch noch nicht lange bei uns. Wirst sie aber sicher noch kennen lernen. Sie hat sich nämlich schon nach dir erkundigt.« Evelyn erschien auf der Terrasse und stellte ein Tablett mit diversen Erfrischungsgetränken und Gläsern auf den Tisch. »Haben die Damen sonst noch einen Wunsch?« Doris drehte sich leicht zu ihr um. »Nein, danke Evelyn, oder warte, doch. Wo ist heute eigentlich Ilona, äh, ich meine Frau Elsen?« »Die hat einen Termin in der Ettstraße. Polizei. Es geht, glaube ich, um Sabrina.« »Ist gut Evelyn, wenn wir noch etwas brauchen, rufen wir dich.« »Sehr wohl.« Das Hausmädchen ging wieder in die Villa zurück. Sabine nahm ein Getränk und wandte sich an Doris. »Wer ist Sabrina?« »Die hat hier auch gearbeitet und ist seit vier Wochen verschwunden.« »Verschwunden?« »Ja, spurlos. Ilona hat alles auf den Kopf gestellt, um herauszufinden, wo sie abgeblieben ist. Ohne Erfolg. Ich kann mir eigentlich auch nicht vorstellen, dass sie einfach so sang- und klanglos abgehauen ist. Sie hat sich hier bei uns nämlich so richtig wohl gefühlt. Wir sind eigentlich so etwas wie ihre Familie. Sie hat ja sonst niemanden. Ein hübsches Ding. Sie ist erst achtzehn Jahre alt und wohnt hier in der Villa. Normalerweise mag es Ilona ja nicht, wenn wir hier unseren

Hauptwohnsitz haben, obwohl die Appartements ja eigentlich von uns bezahlt werden. Bei Sabrina hat sie aber eine Ausnahme gemacht, weil die wirklich ganz allein in München ist. Keine Angehörigen und so.« Cindy, das andere Dienstmädchen, erschien auf dem Balkon. »Frau Becker, können sie bitte hochkommen? Ihre Kundschaft ist jetzt da.« Doris stand auf, trank ihr Glas leer und drückte Sabine noch schnell ein Bussi auf die Wange. »Also, ich muss dann, vielleicht sehen wir uns morgen.« Sabine sah, wie Doris schwungvoll den rechten Treppenaufgang überwand und dann mit Cindy in der Villa verschwand. Sie stand nun ebenfalls auf. Wenn jetzt noch ein spontaner Kunde kam, wäre es sowieso zu spät. Anmeldungen hatte sie keine. Sie musste nach Hause. Wieso war Sabrina einfach so spurlos verschwunden? Sie hatte gleich an das Erlebnis von Marcel gedacht. Gab es hier etwa einen Zusammenhang?

»Mehr Äther.« »Nein! Bitte nicht! Ich will mein Bein behalten!« Josef Ulitzka versuchte, sich von der Liege aufzurichten. Mehrere Lederbänder, die seinen Körper fixierten, verhinderten das. Stabsarzt Dr. Weber schnaubte ungeduldig. »Stellen Sie ihn endlich ruhig, verdammt noch mal! Wie soll ich denn sein Bein amputieren können, wenn der hier so einen Wirbel aufführt? Wir haben heute noch mehr zu tun. Er soll endlich

zählen!« »Ganz ruhig Soldat. Zählen Sie bitte. Bei eins anfangen.« Die junge Narkoseärztin strich dem Patienten beruhigend über das Gesicht.

»Eins, zwei

»Skalpell.« Dr. Weber streckte seine rechte Hand fordernd aus. »Ruhig Soldat, ruhig weiterzählen. Kommen Sie, das schaffen wir doch.«

»Eins

,

bitte nicht das Bein

,

ich brauche

«

, nein, nicht das Bein!«

»Stellen Sie ihn endlich ruhig, verdammt und zugenäht! Mehr Äther. Schneller tropfen lassen. Puls?« »Hundertdreißig. Er ist gleich weg. Puls hundertdreißig konstant.« Der Verwundete lag jetzt ruhig da. Der Äther tat seine Wirkung. Rasch zog der Stabsarzt einen tiefen Schnitt oberhalb des Wundbrandes. »Haken.« Der Assistenzarzt setzte die Wundhaken an den Seiten des klaffenden Schnitts an und zog die Wunde weiter auseinander. Dr. Weber lehnte sich schlagartig zurück. Der Faulgeruch, der ihm entgegenschlug, raubte ihm fast den Atem. Mühsam deutete auf den nun freiliegenden Knochen. »Schauen Sie sich das bloß an. Klemmen. Säge. Es ist wirklich allerhöchste Zeit. Die Ostitis ist schon verdammt weit fortgeschritten.« Der Assistenzarzt Dr. Breitenbach schluckte nervös. »Ist der Mann überhaupt noch zu retten?«. Die Narkoseärztin schaute auf den Oberschenkelknochen, an dem der Stabsarzt nun bereits die Säge angesetzt hatte. »Dieser unselige Krieg. Junge Soldaten, fast noch Kinder wie dieser Ulitzka, haben jetzt eine lebenslange Behinderung. Wenn er es überhaupt schafft.« »Was sagen Sie da? Wie heißt dieser Soldat? Ulitzka?« Dr. Weber hielt in seiner Bewegung plötzlich inne. Die Narkoseärztin nickte zustimmend. »Ja. Ulitzka. Josef Ulitzka.« »Sie meinen, dieser Soldat heißt Ulitzka? Er ist doch wohl nicht etwa mit unserem Oberstabsarzt verwandt?« »Natürlich. Er ist sein Neffe. Der Chef hat sich bereits mehrmals nach ihm erkundigt. Wussten sie das denn nicht?« »Nein woher denn?« Stabsarzt Dr. Weber nahm die Säge langsam zur Seite. »Wir amputieren nicht!« »Wieso, was ist los? Dieser Knochenfraß ist lebensgefährlich.« Der Assistenzarzt sah den Stabsarzt Doktor Weber erstaunt an. »Das weiß ich selber, Sie Schlaumeier. Dazu brauche ich keine Belehrung von ihnen. Ich werde versuchen, dieses Bein noch zu retten. Immerhin können wir jetzt ein entzündungshemmendes Mittel am Knochen direkt anwenden. Vernähen Sie danach den Schnitt und beenden sie dann umgehend die Narkose. Geben Sie ihm Morphium, damit er erst mal schmerzfrei wird.« Der Assistenzarzt schüttelte missbilligend seinen Kopf, begann dann aber doch sofort mit der angeordneten Arbeit.

Die Narkoseärztin hörte auf, Äther auf den Mundfilter des Patienten zu träufeln. Da schau her, dachte sie sich. Jetzt ist das Bein plötzlich doch noch zu retten. Hat der Hauptgefreite Ulitzka aber ein Glück, dass er mit unserem Oberstabsarzt, dem Professor Ulitzka, verwandt ist. Stabsarzt Dr. Weber warf die OP-Handschuhe schwungvoll in einen Behälter und trat dann an ein Waschbecken. »Ich kenne da einen sehr guten Arzt, der unter anderem Spezialist für einen derartigen Knochenfraß ist. Ich rede gleich einmal mit dem Oberstabsarzt Ulitzka. Sein Neffe wird mit Sicherheit sofort in die Chirurgie nach Possenhofen, zu Professor Metzger verlegt.«

»Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder, das ist zu schön um wahr zu sein. So wie ein Wunder, fällt auf uns nieder, vom Paradies ein goldener Schein. Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder, das ist vielleicht nur Träumerei, das kann das Leben, nur einmal geben, vielleicht ist’s morgen schon vorbei, das kann das Leben, nur einmal geben, denn jeder Frühling hat nur einen Mai.« »Siehst du dir schon wieder diesen alten Schrott an?« Professor von Hohenstein sah schmunzelnd zu seiner plötzlich im Wohnzimmer aufgetauchten Frau hin. »Das waren wenigstens noch Filme, Hilla. Nicht so ein Mist, wie er heutzutage zum größten Teil produziert wird. Bei den alten Filmen kann ich mich ausgezeichnet entspannen.« »Ich möchte nicht wissen, wie häufig du dir die DVD Der Kongress tanzt schon angeschaut hast?« »Mindestens sechs Mal, Hilla. Wie auch die anderen, alten Filme. Nimm doch nur mal das filmische Meisterwerk Gilda mit Rita Hayworth, her. Aus der Reihe Film noir. Ein klassisches Beispiel hervorragender Filmkunst. Diese Filme sind zeitlos, weil bei ihnen einfach alles stimmt. Regie, Drehbuch, Umfeld und natürlich die hervorragenden Schauspieler.« »Du und deine Hayworth! Sicher, selbst als Frau muss ich zugeben, dass sie damals verdammt gut ausgesehen hat. Nicht umsonst galt sie jahrelang als schönste Frau der Welt. Sie würde auch heute noch unter den Top Ten der schönsten Frauen sein. Die Hayworth war wirklich zeitlos schön. Tragisch war nur ihr langsames Ende, mit der immer weiter fortschreitenden Alzheimer Krankheit.« Harald von Hohenstein sog genüsslich an seiner Zigarre. »Ja und dass unsere amerikanischen Freunde ihr Foto auf die Spitze der ersten Atombombe, die am 1. Juli 1946 über dem Bikini-Atoll explodierte, geklebt haben und der Bombe auch noch den Spitznamen Gilda verpassten. Das hat Rita damals ganz schön in Rage gebracht. Sie wollte deshalb sogar die Staaten verlassen.« Hilla von Hohenstein scharrte plötzlich nervös mit dem rechten Fuß auf dem dicken Teppichboden. »Harald, warum ich dich eigentlich störe. Meine Familie und meine Freunde finden es überhaupt nicht in Ordnung, dass du diese Deutsche- Interessen-Partei gegründet hast.« »So, deine Familie findet das nicht in Ordnung? Ich will dir mal etwas sagen, Hilla. Die Meinung deiner Familie ist mir scheißegal! Für die bin ich doch sowieso nur ein geduldeter Emporkömmling. Die sollten sich mal besser unser Parteiprogramm anschauen, bevor sie ihr Maul aufreißen. Vieles von dem, was da drin steht, dürfte doch in ihrem ureigensten Interesse sein.« »Brauchst du denn diese Partei überhaupt, Harald? Ich meine, du hast doch wohl genug mit deinen Forschungsarbeiten in der Universität und deiner Arbeit in der Klinik zu tun. Jedenfalls hast du mir das früher immer erzählt.« »Habe ich auch. Weiß Gott. Aber die Forschung in der Uni geht bei mir sowieso absolut vor. Die Amis tönen ja schon rum, dass sie das menschliche Erbgut zu 99 Prozent entschlüsselt hätten. Ich bezweifle das doch sehr. 99 Prozent des menschlichen Genoms sequenziert zu haben, traue ich denen zur Zeit einfach nicht zu. Das ist von den amerikanischen Wissenschaftlern doch nur eine Masche, um weitere Forschungsgelder bewilligt zu bekommen. Die Industrie ist ja auch äußerst interessiert an den Ergebnissen. Ebenfalls die Versicherungen. Die Biotech- und Pharmabranchen hoffen natürlich auf Riesengewinne in der Zukunft. Mit der Kenntnis der menschlichen Gene kann man wesentlich schneller geeignete Medikamente entwickeln. Diese Unternehmen sparen in Zukunft an der Entwicklungszeit und an den hohen Forschungskosten und bringen wesentlich schneller als heute neue und bessere Produkte auf den Markt. Die Aktien der Biotech-Firmen werden genau den gleichen rasanten Aufschwung nehmen wie damals die Aktien der New Technology. Da wird ein richtiger Kaufrausch bei den Aktionären entstehen.« »Und wie weit seid ihr?« »Darüber, meine liebe Hilla, mache ich zur Zeit bestimmt keine Aussagen. Ich kenne ja inzwischen zur Genüge deine Profilierungssucht gegenüber deinen Freundinnen und deinen Eltern. Nachher erzählst du denen noch ungefiltert etwas über

unsere Fortschritte bei der Genforschung. Das würde mir gerade noch fehlen, dass unsere Konkurrenten erfahren, wie weit wir bei der Gen-Entschlüsselung sind.« »Du hast ja anscheinend eine recht gute Meinung von mir, Harald! Aber noch einmal zurück zu deiner Partei. Kannst du das nicht andere machen lassen? Ich bekomme wirklich echt Probleme mit der Familie.« »Warum denn? Nur weil wir Tatsachen ansprechen und aufzeigen, was in Deutschland alles schief läuft. Man versucht ja ständig, uns in die rechtsradikale Ecke zu drängen. Aber nicht mit mir. Die Wahrheit lassen wir in diesem Land nicht mehr unterdrücken, auch wenn es einigen Leuten aus der Gesellschaft und diesen Umwelt- und Sozial-Phantasten nicht gefällt.«

Langsam verließen sie die Kräfte. Dabei hatte sie erst zwei Drittel der Strecke zurückgelegt. Sie schaute abermals nach der spärlichen Beleuchtung, die vom Schloss Possenhofen ausging. Das hellere Licht der Laternen am Ufer kam nur langsam näher. Neben dem Schloss konnte sie einige bunte Lampions erkennen, die sicher zu dem Sommerfest gehörten. Nur noch einen Kilometer schwimmen. Das war für sie doch normalerweise überhaupt kein Problem. Komisch, dass sie heute solch eine schlechte Kondition hatte. Andererseits trainierte sie natürlich längst nicht mehr so viel wie in ihrer aktiven BDM-Zeit. Immerhin schrieb man nun schon das Jahr 1947 und das tausendjährige Reich lag schon über zwei Jahre hinter ihr. Es gab jetzt sowieso kein Zurück mehr. Entweder sie schaffte den Rest der Strecke noch, oder es gab auf dieser Erde keine Irmgard Lorenz mehr. Sie musste es einfach packen. Die ganze Woche hatte sie sich so auf diesen Samstagabend gefreut. Die wenige Freizeit, die sie im Haushalt des Grafen De Osa genoss, musste sie unbedingt gut nutzen. Wie häufig war sie eigentlich schon von Berg nach Possenhofen geschwommen? Im Bund Deutscher Mädchen, hatte sie zur Schwimmerstaffel Starnberger See gehört. Die Mädchen trugen laufend Meisterschaften mit anderen BDM Schwimmstaffeln des Großdeutschen Reiches aus. Hier am Starnberger See war ihre Staffel absolut unschlagbar gewesen. Und die beste Schwimmerin der Staffel war sie. Durch ihre herausragenden, sportlichen Leistungen war sie schnell zur Hauptmädelführerin aufgestiegen. Irgendwie erfüllte es sie immer noch mit Stolz, als Jüngste ihres Jahrgangs, derartige Auszeichnungen bekommen zu haben. Etwas behindert wurde sie heute auch von dem wasserdichten Beutel, den sie während des Schwimmens vor sich herschob. In diesem Beutel befand sich ein Badetuch, ihre Unterwäsche, die hohen Schuhe, eine Bluse und das Abendkleid. Hoffentlich blieb das Kleid wenigstens einigermaßen glatt. Sie hatte es sich, genau wie die Schuhe, von der Komtesse Jutta von De Osa geliehen. Trotz ihrer Standesunterschiede waren sie sehr eng befreundet. Es musste jetzt schon weit nach 21 Uhr sein. Der schöne Spätsommertag ging langsam zu Ende. Das Sommerfest war sicherlich schon voll auf seinem Höhepunkt, bevor sie überhaupt erschien. Dieser Soldat hatte gesagt, dass er auf jeden Fall hingehen werde. Sie hatte seine Einladung zunächst ausgeschlagen, weil sie keine Möglichkeit sah, am Samstagabend von Berg nach Possenhofen zu kommen. Er hatte zwar vorgeschlagen, sie abzuholen, aber da war auch noch die Kleiderfrage, die ihr absolut unlösbar erschien. Mit ihrem spärlichen Gehalt als Köchin konnte sie sich keine Ausgehkleidung erlauben. Die ganze Woche hatte sie gegrübelt, bis sie von der Komtesse angesprochen wurde, der ihr Unbehagen aufgefallen war. Als sie Jutta ihre Probleme geschildert hatte, nahm diese sie spontan an die Hand und führte sie in ihr Ankleidezimmer. Irmgard probierte die verschiedensten Kleider an. Es war für ein Mädchen die reinste Schatztruhe. Die Komtesse wurde von ihren Eltern wahrlich verwöhnt. Aber sie verstand zu teilen. Es machte ihr eine wirkliche Freude, der Köchin eines ihrer schönsten Kleider zu leihen. Die Schuhprobe gestaltete sich da schon ein bisschen schwieriger, weil Irmgard das Tragen von hochhackigen Schuhen nicht gewöhnt war. Sie entschied sich dann für ein Paar, das nicht ganz so hohe Absätze hatte und übte jeden Abend, mit den Schuhen sicher zu gehen und auch Tanzschritte zu vollführen. Während sie so ihren Gedanken nachhing, war das Ufer von Possenhofen jetzt doch schon sehr nahe gekommen. Höchstens noch 100 Meter und es war geschafft. Auch die Musik vom Fest war nun sehr viel deutlicher zu vernehmen. Sie erkannte die Melodie von Lili Marlen, das Lied das Millionen von Soldaten im Krieg begleitet hatte. Irmgard überlegte kurz, wo sie am besten an das Ufer steigen sollte. Der beste Platz würde das alte Bootshaus sein. Dort konnte sie sich auch gut abtrocknen, umziehen und den Beutel verstecken. Danach brauchte sie nur noch die etwa 50 Meter bis zum Fest zu gehen. Das Sommerfest war wirklich schon auf seinem Höhepunkt. Auf dem kurzen Weg vom Bootshaus bis zur Standpromenade kamen ihr mehrere eng umschlungene Paare entgegen. Einige schienen auch ein bisschen zu viel Alkohol genossen zu haben. Irmgard blieb vor dem provisorischen Eingang stehen. Links von ihr hatte man ein kleines Podium aufgebaut, auf dem eine sechsköpfige Kapelle flotte Weisen spielte. Sie sah kurz an sich herunter um in dem jetzt besseren Licht das Kleid zu überprüfen. Das Kleid hatte den ungewöhnlichen Transport ganz gut überstanden. Die Schuhe drückten

ein wenig, aber was nahm man nicht alles in Kauf, um diesen Soldaten wieder zu sehen. Vorsichtig schaute sie sich um. Die bunten Laternen gaben auch nicht so ein gutes Licht ab. Auf der Tanzfläche drängten sich die Paare und trotzdem waren die Stühle auch noch gut besetzt. Hier mussten mindestens fünfhundert Menschen dem festlichen Treiben frönen. Wo mochte der Soldat sein? Langsam schlängelte sie sich zwischen den Tischen, Bänken und Stühlen hindurch. Einige Pfiffe und anzügliche Bemerkungen quittierte sie mit einem Lächeln. Fast alle Männer trugen noch eine Uniform. Klar, Geld für Zivilkleidung besaß knapp zwei Jahre nach dem Krieg fast niemand. Wo war der Soldat? Wieso sagte sie eigentlich Soldat? Vielleicht weil er ihr einiges über seinen kurzen Kriegseinsatz und der schlimmen Verwundung erzählt hatte, wegen der er auch bis heute in Possenhofen geblieben war? Sie kannte nur seinen Vornamen. Uli. Dann sah sie ihn. Er trug eine amerikanische Uniform. Hatte er ihr nicht erzählt, dass ihm damit die Flucht aus der Gefangenschaft gelungen war? Er saß mit einer stark geschminkten Frau an einer der drei aufgebauten Theken und schien sich blendend zu unterhalten. Irmgard gab es einen Stich ins Herz. Wieso hatte sie eigentlich geglaubt, dass er hier auf sie warten würde? Es war doch mehr eine lockere Einladung von ihm gewesen, die sie auch noch abgelehnt hatte. Langsam drehte sie sich wieder um und sah zur Kapelle hin. Diese hatte gerade das Musikstück beendet und der Bandleader ging an das Mikrofon. »So meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Sommerfestgäste. Es ist soweit. Für die nächsten drei Tänze ist Damenwahl angesagt. Also los, meine Damen, schnappen sie sich den Mann ihres Lebens, kommen sie zur Tanzfläche und lassen sie ihn nie wieder los.« Irmgard sah sich noch einmal zur Theke um. Jetzt hatte dieser Soldat auch noch seinen rechten Arm um die Hüfte dieser Dame gelegt. Sollte sie ganz umsonst den weiten Weg hergeschwommen sein? Nein, nicht mit ihr. Resolut ging sie zu der Theke und klopfte dem Soldaten auf die Schulter. Dieser drehte sich leicht verwundert auf seinem Barhocker um. »Darf ich zum Tanz bitten, Uli? Es ist Damenwahl!«

»Jedes Genom ist eine Art Bauplan. Es enthält die Anleitung dafür, wie aus einer befruchteten Eizelle ein Mensch, ein Hund oder auch eine Fliege entsteht. Beim Menschen sind diese Informationen in 46 Chromosomen gespeichert. Zwei dieser Chromosomen sind die sogenannten Gonosomen, die darüber bestimmen, ob ein Lebewesen weiblich oder männlich wird. Jede Zelle enthält alle 46 Chromosomen. In jeder Zelle ist also der Bauplan für das gesamte Lebewesen vorhanden. Eine menschliche Hautzelle enthält also auch die Chromosomen, die zum Beispiel die Haarfarbe festlegen. Hauptbestandteil der Chromosomen ist ein langes, fadenförmiges Molekül, die Desoxyribonukleinsäure, die sogenannte DNS. Würde man alle DNS-Fäden einer Zelle aneinander reihen, ergäbe sich eine etwa zwei Meter lange Kette. Diese Kette passt nur in die Zelle hinein, weil sie wie ein Wollknäuel aufgewickelt ist. Auf der DNS befinden sich die Gene. Das sind Abschnitte, die den Bauplan für Eiweißstoffe enthalten. Das Erbgut des Menschen besteht aus etwa 40.000 Genen. Diese setzen sich bei allen Lebewesen aus nur vier Grundbausteinen zusammen. Das sind die Basen Adenin, Thymin, Cystosin und Guanin. Die Anfangsbuchstaben dieser Basen, also A, T, C und G, werden zur Darstellung für die Entschlüsselung der Gene aneinandergereiht. Zum Beispiel könnte ein Gen so beginnen. ATGCGCGCACCGGAA und so fort. Bestimmte Abfolgen markieren den Beginn und das Ende eines Gens. Der Beginn ist immer ATG. Jeweils drei Basen kodieren einen bestimmten Bestandteil eines Eiweißstoffes, eine Aminosäure. CGC steht zum Beispiel für den Eiweißbaustein Arginin. GCA für Alanin. Übersetzt wird der Gen-Code in den Eiweißfabriken der Zelle, den Ribosomen. Diese enthalten eine Kopie des Codes und bauen dann den Anweisungen entsprechend eine Kette von Aminosäuren zusammen. Wenn sie fertig ist, faltet sich daraus ein Eiweiß.« Professor Harald von Hohenstein griff zu einem Glas Wasser, trank es mit einem Schluck leer und setzte dann seinen Vortrag fort. »Wenn nun behauptet wird, dass das menschliche Erbgut mit diesen Erkenntnissen bereits entschlüsselt ist, so ist das eine Unwahrheit. Bekannt sind heute nur die genauen Reihenfolgen der vier Basen A, T, C und G auf der DNS. Wo genau welche Gene liegen, welche Eiweiße sie kodieren und welche Aufgaben diese wiederum haben muss die Wissenschaft erst noch herausfinden.« Der Professor schaltete den Spot auf dem Rednerpult aus und rückte das Mikrofon etwas zurecht. Während er seine Notizen zusammenlegte, ergriff er noch einmal das Wort.

»Meine sehr verehrten Studentinnen und Studenten, meiner Meinung nach wird es noch eine geraume Zeit in Anspruch nehmen, bis wir auch das letzte Geheimnis des Lebens entschlüsselt haben. Glauben sie also nicht irgend welchen amerikanischen Presseverlautbarungen, dass dieses bereits geschehen ist, oder in Kürze bevorsteht. Den Computer, den wir zur Entschlüsselung von derartigen Datenmassen benötigen, diesen Computer gibt es leider noch nicht. Ich wünsche Ihnen allen ein ruhiges, friedliches Osterfest.« Nach kurzem Applaus verließen alle Studenten den Hörsaal. Harald von Hohenstein setzte sich noch einmal auf einen Stuhl hinter das Pult. Er streckte seine Beine aus und starrte konzentriert vor sich hin. Fast nebenbei bemerkte er, dass sich die Tür zum Hörsaal wieder öffnete. Ein langhaariges, blondes Mädchen kam auf ihn zu. Melissa. Melissa Kruft. Die Schwester eines alten Bekannten. Sie arbeitete unter seiner besonderen Förderung bei den Forschungen mit. Sie war hochbegabt und vor allen Dingen mit Feuer und Flamme bei der Sache. »Entschuldigen Sie bitte die Störung, Herr Professor. Wir sind jetzt so weit.« »Was? Tatsächlich? Ich komme gleich mit. Was für ein Gefühl haben Sie, Melissa?« Es könnte klappen, aber das haben wir in der Vergangenheit schon öfter gedacht, nicht wahr?« »Schauen wir es uns an. So viel ich weiß, hat Gott hat die Welt auch nicht an einem Tag erschaffen.«

»Du hörst ab sofort mit dem Unsinn auf. Schließlich hast du eine Familie zu versorgen. Was denkt sich dieser Sascha überhaupt. Um ihn ist es ja nicht besonders schade, aber wenn dir etwas passiert, stehe ich ganz allein mit den Kindern da. Wenn du dich an dieser angeblichen Organ-Mafia rächen willst, geh doch zur Polizei, wie es jeder normale Mensch machen würde und zeige diesen Arzt einfach an.« Sabine schaute Marcel böse ins Gesicht. Marcel schlug seinerseits wütend auf den Tisch. »Wie denn? Ich habe doch überhaupt keine Beweise gegen diesen Doktor Franz Schultheiss und seine Schönheitsklinik in Fürstenried. Nur weil dieser Kevin, mit unserer kleinen Nachhilfe, ausgepackt hat, wird er das Geständnis mit Sicherheit nicht vor der Polizei wiederholen. Der ist doch nicht blöd. Wenn der den Beamten mitteilt, dass er der Lieferant von unfreiwilligen Spendern ist, sperren die ihn doch gleich wegen mehrfachen Totschlags ein.« »Hat er denn zugegeben, dass er außer dir noch andere Patienten ausgeliefert hat?« »Nein, so direkt nicht. Aber im Grunde ist das ja ganz klar. Er hat uns fast freiwillig gestanden, dass er in unregelmäßigen Abständen aufgefordert wird, nach einem geeigneten Spender Ausschau zu halten.« »Was heißt geeignet?« »Na ja, ich kenne mich damit ja auch nicht so aus. Irgendwie müssen die Erbinformationen des Spenders und des Empfängers einigermaßen zusammenpassen, damit der aufnehmende Körper nach Möglichkeit nicht die fremden, eingesetzten Zellen abstößt. Kevin hat von Dr. Schultheiss irgendeine Möglichkeit zur schnellen Übereinstimmungsanalyse erhalten. Damit konnte er, wenn auch nur sehr grob und ungenau, schon mal Spender selektieren.« »Und du warst durch Zufall gerade passend?« »Anscheinend. Der Doktor muss zahlungskräftige Kunden haben, sonst würde er so ein Risiko nicht eingehen. Es gibt ja Leute, die für eine passende Niere 100.000 Euro und mehr bezahlen.« »Und was hat Kevin als Anteil bekommen?« »Weiß ich nicht. Wir haben ihn nicht danach gefragt. Aber er dürfte einen enormen, finanziellen Bedarf haben. Wir glauben nämlich, dass er rauschgiftsüchtig ist. Kevin hat jede Menge Einstiche in den Venen.« »Wo ist der Typ jetzt überhaupt?« »Ich nehme an, zu Hause. Er wird sich ein bisschen von unserer Vernehmung erholen müssen.« Marcel grinste. »Hoffentlich hat er dich nicht erkannt.« »Auf gar keinen Fall. Durch den Strumpf konnte er nichts sehen und ich habe keinen Ton gesagt.« Sabine sah ihren Mann mit einem seltsamen Blick an. »Was für ein Strumpf? Wie und wo habt ihr überhaupt sein Geständnis erpresst?« Marcel winkte unwirsch ab. »Ist jetzt egal. Musst du nicht wissen. Jedenfalls haben wir ihn zum Sprechen gebracht.« »Erlaubt ist das ja wahrscheinlich nicht gerade gewesen, was ihr alles mit ihm angestellt habt?« »In einem solchen Fall darf man nicht zimperlich sein. Ist die Organ-Mafia ja auch nicht. Immerhin haben wir ihn bei relativ guter Gesundheit zurückgelassen, während er mich im wahrsten Sinne des Wortes ans Messer geliefert hat.« »Mami, ich kann nicht schlafen.« Tanja stand plötzlich neben ihnen im Wohnzimmer. »Warum denn nicht, mein kleiner Schatz?« Sabine gab ihrer Tochter einen Kuss.

»Weiß ich auch nicht.« Tanja rieb sich verschlafen die Augen. »Na gut, ich gehe mit und lese dir noch eine Gutenachtgeschichte vor.« »Oh ja! Aber nicht schon wieder die mit dem bösen Wolf.« »Nein. Heute nehmen wir etwas mit der guten Fee.« Marcel blieb allein auf der Couch zurück. Sabine hatte gar nicht mal so ganz unrecht. Zwar hatte Kevin ihn mit Sicherheit nicht erkannt, aber wenn der eins und eins zusammenrechnen konnte, kam eigentlich nur der entwichene Patient Kruft in Frage. Die vorherigen Spender waren wohl nicht mehr in der Lage zu agieren. Marcel sah den Verbrennungsofen vor sich und ihn schüttelte es leicht bei dem Gedanken, dass er jetzt auch leicht ein Teil der Asche am Ofenboden sein könnte. Es gab jetzt eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder hakte die Organ-Mafia den Fall Marcel Kruft ab, weil der ihnen sowieso nichts nachweisen konnte, oder sie würden versuchen den einzigen Zeugen doch noch loszuwerden. Fast war Marcel geneigt, die erste Version als die Wahrscheinlichere anzunehmen, aber sicher konnte man sich da nicht sein. Sascha hatte ihm vorgeschlagen, am Wochenende gemeinsam eine Stippvisite zu der Klinik von Doktor Schultheiss zu machen und sich dort mal vorsichtig umzusehen. Marcel musste unbedingt dabei sein, weil nur er ein paar Räumlichkeiten und einige Personen identifizieren konnte. Aber was sollte dieser Ausflug eigentlich nützen? Selbst wenn er die Räumlichkeiten wieder erkannte, hatte er nach wie vor keine Beweise gegen die Klinik. Die würden einfach alles abstreiten. Zumal er der Polizei ja noch die komische Wette aufgetischt hatte. Nein, das einzige Mittel gegen diese Mafia vorzugehen, war sie auf frischer Tat zu ertappen. Möglichst dann in Gegenwart der Polizei oder anderer glaubwürdiger Zeugen. »Marcel, ich möchte jetzt auch ins Bett gehen.« Sabine war wieder im Wohnzimmer aufgetaucht und in durchsichtiger, erotisch aufreizender Unterwäsche gekleidet. Donnerwetter, dachte Marcel, die geht in der letzten Zeit aber ran. Was war da los? Oder war er vielleicht abgestumpft gewesen?. Jedenfalls regte sich bei ihm jetzt etwas. »Ja natürlich. Geh nur schon mal vor. Ich komme gleich.« »Das hoffe ich doch sehr. In jeder Hinsicht.«

Irmgard kuschelte sich noch einmal fest an Josef. »Schade, dass ich schon wieder nach Berg zurück muss. Aber um sechs Uhr beginnt meine Tagesarbeit. Wenn der Graf und seine Familie morgens nicht ordentlich mit Frühstück versorgt werden, bekomme ich Probleme.« »Ich habe mir für heute Morgen ein Ruderboot ausgeliehen, Irmgard. Du brauchst also nicht zurück zu schwimmen. Ich fahre dich rüber. Da haben wir jetzt noch etwas Zeit füreinander.« »Viel mehr Zeit macht das auch nicht aus. Ich schwimme schnell, wie du inzwischen weißt.« »Ja, da komme ich allerdings nicht mit. In den zwei Jahren unserer Beziehung ist das Schwimmen zwar auch bei mir wieder besser geworden, aber das ist nichts gegen früher. Das operierte Bein macht mir ab und zu doch noch sehr zu schaffen.« »Und der Arzt, der dich damals wieder hingekriegt hat, lebt tatsächlich auch hier im Schloss?« »Natürlich. Nur zwei Dachkammern weiter.« »Als Professor und dann in einer Dachkammer? Ich meine, der Krieg ist doch jetzt auch schon immerhin vier Jahre vorbei.« »Er muss sich nach wie vor verstecken. Die Amerikaner, die Juden und die deutsche Justiz sind hinter ihm her. Schließlich war er ja auch kein unbeschriebenes Blatt bei den Nazis. Immerhin SS-Obergruppenführer. Natürlich auch aktiv beteiligt bei Versuchen am sogenannten unwerten Leben. Während der vergangenen Jahre habe ich mich ziemlich oft mit ihm unterhalten können. Ich verdanke ihm immerhin Einiges. Er hat mir immer wieder versichert, dass er nicht, wie zum Beispiel Josef Mengele, solche unmenschlichen Versuche in den Konzentrationslagern vorgenommen hat. Fast bin ich geneigt, ihm zu glauben, aber genau weiß man so etwas natürlich nicht. Mir gegenüber hat er sich jedenfalls immer äußerst korrekt verhalten. Jetzt ist er einfach nur noch zu bedauern. Hochgebildet, mit überdurchschnittlichem, medizinischen Wissen, muss er es nun schon seit vier Jahren fast nur in dieser kleinen Dachkammer aushalten. Der Schlossherr besorgt ihm ab und zu Fachbücher und andere Literatur. Er hat ihm sogar im Keller ein kleines Versuchslabor eingerichtet. Metzger ist ihm sehr dankbar dafür.« »Warum verbirgt ihn eigentlich der Schlossherr?« »Angeblich hat ihm Professor Metzger mal das Leben gerettet. Jüdischer Abstammung zu sein war vor ein paar Jahren, wie du ja weißt, in Deutschland noch absolut unerwünscht. Abbi Sorgenfrei hätte, wenn es nach den Nazis gegangen wäre, in

ein Konzentrationslager abtransportiert werden sollen. Metzger hat ihn und seine Familie, mehrere Jahre vor den Nazis versteckt und damit sicher das Leben gerettet. Er ist damals ein großes, persönliches Risiko eingegangen. Jetzt ist es halt umgekehrt.« »Warum hat der Professor das damals gemacht? Er war schließlich selbst ein hohes Tier bei der SS.« »Weiß ich auch nicht ganz genau. Wahrscheinlich kommen mehrere Dinge zusammen. Einmal weiß ich, aus Gesprächen mit ihm, dass er die von Himmler propagierte Rassenlehre immer schon als schwachsinnig ablehnte und dann nehme ich an, dass er mit der Tochter von Sorgenfrei ein intimes Verhältnis hatte. Jedenfalls hat er mir mal vorgeschwärmt, was für eine ausgesprochen schöne Jüdin das ist. Ich habe mich bei Sorgenfrei mal nach ihr erkundigt. Er sagte, dass seine Tochter Angela jetzt in München wohnt. In der Nähe vom Englischen Garten. »Ohne den Professor Metzger hättest du wohl dein Bein verloren?« »Mit Sicherheit. Wenn nicht noch mehr. Gott sei Dank kannte Stabsarzt Weber diesen Professor Metzger und mein Onkel hat mich mit besten Empfehlungen zu ihm hier in das Schloss geschickt. Manchmal braucht man eben auch Glück im Leben.« »Hier im Schloss, oder besser gesagt auf dem Seegrundstück, war tatsächlich ein großes Lazarett. De Osa hat mich ja oft genug mit Lebensmitteln für die Soldaten herübergefahren. So habe ich dich schließlich auch kennen gelernt. Hast du mir nicht mal erzählt, dass dein Onkel in der Freisinger Klinik auch einen Anteil an deiner Gesundung hat?« »Nur insofern, dass Stabsarzt Weber sich damals nicht getraut hat, dem Neffen seines Chefs ein Bein zu amputieren.« »Ach Josef, warum sind wir nur so arm? Du mit deinem kleinen Verdienst als Schlossverwalter und ich als Haushälterin in der Villa des Grafen De Osa. Nicht, dass Geld alles wäre, aber manchmal wünsche ich mir schon mal irgendwo hin zu reisen um die ganze Arbeit zu vergessen.« »Kommt Zeit, kommt Rat Irmgard. Wir können froh sein, wenn wir überhaupt Arbeit haben. Wenn du in den Zeitungen liest, wie viele Menschen in Deutschland arbeitslos sind und wie viele noch in Trümmern hausen müssen, können wir uns eigentlich hier am Starnberger See nicht beklagen. Wir haben eine saubere Unterkunft, Essen und Trinken und noch ein wenig Geld, um ab und zu mal auszugehen. Irgendwann werde ich mir einen anderen Beruf suchen. Aber jetzt bin ich noch nicht soweit.« »Ist schon gut, Josef. Ich träume halt manchmal gerne.« »Komm Irmgard, wir müssen los. Dein Graf wartet.«

»Kann ich Sie mal einen Moment sprechen, Frau Elsen?« »Aber natürlich Frau Kruft! Kommen Sie doch bitte herein.« »Danke.« »Nehmen Sie einfach irgendwo Platz. Darf ich Ihnen etwas zum Trinken anbieten?« »Nein danke, Frau Elsen. Ich muss gleich nach Hause. Es ist ja schon fast dreizehn Uhr.« »Ach, Frau Kruft, wollen wir uns nicht duzen?« »Ja, aber natürlich! Sehr gerne sogar.« »Gut. Dafür brauchen wir aber nun doch etwas zum Anstoßen.« Ilona Elsen ging zu der Fernsprechanlage. »Hallo Cindy. Bring mir bitte eine Flasche Champagner und zwei Gläser. Die bessere Sorte, du weißt schon?« Ilona Elsen setzte sich gegenüber Sabine auf eine Couch. »Cindy kommt gleich mit dem Champagner. Wie kann ich ihnen helfen?« »Ich habe gehört, dass hier ein Mädchen namens Sabrina gearbeitet hat, die plötzlich verschwunden ist.« Ilona Elsen schaute Sabine merkwürdig an. »So, das haben Sie gehört. Von wem?« Sabine druckste etwas herum. »Ich hoffe, Sie sind ihr deswegen nicht böse. Ich hab’s von Doris.« »Von Frau Becker? So, so. Gut es stimmt. Sabrina ist seit mehreren Wochen verschwunden. Sie hat hier gearbeitet und auch gewohnt. Einen erkennbaren Grund für ihr Verschwinden gibt es eigentlich nicht. Nachdem sie keine Familie hat, bin ich zur Polizei gegangen und habe eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Hat Doris Ihnen noch mehr von Sabrina erzählt?« Sabine bemerkte den plötzlich fast lauernden Blick, den ihr die Villenbesitzerin zuwarf. »Nein. Wir haben nicht weiter über Sabrina gesprochen. Doris hatte eine Kundin und musste weg.« Es klopfte leise an der Tür, bevor diese langsam aufging und Cindy vorsichtig ein Tablett mit den georderten Sachen hereintrug. Sie stellte alles auf den kleinen Couchtisch.« »Danke, Cindy. Schenke Frau Kruft und mir bitte zwei Gläser ein.«

Nachdem Cindy der Aufforderung gefolgt war und wieder leise die Tür hinter sich geschlossen hatte, nahm Ilona Elsen die beiden gefüllten Sektkelche in die Hand und ging zu Sabine an die andere Seite des Tisches hinüber. Sabine stand ebenfalls auf und nahm ein Glas entgegen. »Ilona.« »Sabine.« Die beiden Frauen gaben sich gegenseitig Küsschen auf beide Wangen und stießen dann mit den Gläsern an. Ilona setzte sich nun direkt neben Sabine. »Zurück zu deiner Frage, Sabine. Es ist tatsächlich seltsam, dass Sabrina so sang- und klanglos verschwunden ist. Sie hat sich hier bei uns sehr wohl gefühlt. Ich war sogar so etwas wie ein Mutterersatz für sie. Es ist mir ein absolutes Rätsel.« »Kann vielleicht ein Kunde oder eine Kundin dahinter stecken?« »Die Frage habe ich mir natürlich auch schon oft gestellt. Ich grübele schon die ganze Zeit herum, mit wem sie engeren Kontakt gehabt haben könnte. Direkt Freunde hatte sie eigentlich keine. Jedenfalls habe ich davon nichts mitbekommen. Die meiste Zeit hat sie hier in der Villa verbracht. Insofern käme ein Kunde schon in Frage.« »Hast du mal durchgecheckt, wen sie vor ihrem Verschwinden als Kunden hatte?« »Soweit es ging schon. Aber das ist nicht so einfach. Ich kontrolliere euch ja nicht. Auch wenn ich auf Sabrina natürlich etwas mehr geachtet habe. Schließlich seid ihr hier alle selbstständig.« »Aber alle Kunden müssen doch, so viel ich weiß, eine gewisse Referenz nachweisen.« »Ja, natürlich. Aber nur durch Empfehlung. Ich führe keine Kundenkartei. Manche Kunden sind ja auch sehr prominent. Jeder Kunde bekommt ein Passwort, mit dem ihm oder ihr überhaupt erst der Zugang zu dieser Villa gewährt wird. Aber ich führe, wie gesagt, nicht Buch über Häufigkeit und Zeitpunkt der Anwesenheit unserer Kunden.« Wann genau ist sie denn verschwunden?« »Das letzte Mal ist sie am 18. Februar hier gesehen worden.« »Und die Kunden an dem Tag?« »Also Sabine, bevor ich jetzt irgendetwas sage, warum interessierst du dich so für den Fall?« »Weil mein Mann vor knapp vier Wochen auch plötzlich verschollen war.« »Tatsächlich? Was war da los?« Ilona sah Sabine mit großen Augen an. »Er wurde nach einem Autounfall in einem Krankenhaus ambulant versorgt und ist dann von einer Organ-Mafia entführt worden.« »Organ-Mafia? Entführt?« »Ja. Wir haben inzwischen herausgefunden, dass es in München eine Klinik gibt, in der auch unfreiwilligen Spendern Organe entnommen werden. Dort war Marcel gelandet.« »Ist ja Wahnsinn! Und wie ist er entkommen?« Sabine schilderte nun in allen Einzelheiten ihr Wissen von der Entführung und den Recherchen, die Marcel und Sascha anschließend angestellt hatten. Als sie zum Schluss den Namen von Dr. Franz Schultheiss erwähnte, merkte sie, wie Ilona sichtlich zusammenzuckte. »Schultheiss? Mein Gott!« Ilona Elsen sprang aufgeregt von der Couch auf. »Was ist?« »Ein Doktor Schultheiss ist Kunde bei uns. Warte mal einen Moment. Ich hole nur schnell meine Unterlagen.« Sabine war nun doch etwas überrascht. Hatte Ilona ihr nicht kurz zuvor erzählt, dass sie keine Kundendatei führe? Ilona Elsen verschwand und Sabine trank nervös erneut ihr Sektglas leer. Sie füllte es gleich wieder auf und nahm noch einen großen Schluck. Zufälle gab es im Leben. Fast unwahrscheinlich. Kurze Zeit später erschien wieder Ilona mit einem Aktenordner unter dem linken Arm. »So, dann wollen wir mal sehen. Ja hier. Franz Schultheiss. Arzt. Chirurg. Spezialgebiet Schönheits-Chirurgie. Vorlieben: SM. Speziell Klinik.« Sabine erschauerte leicht. »Klinik? Wo er selber Arzt ist und den ganzen Tag damit zu tun hat?« »Sicher. Das sind oft die Schlimmsten. Können sich im Alltag nicht gehen lassen und holen das bei Instituten wie dem unseren nach. Du hast ihn wohl noch nicht als Kunden gehabt?« »Nein. SM habe ich noch nicht gemacht. Und Klinik? Da kenne ich mich überhaupt nicht aus.« Ilona nickte verständnisvoll. »Spezialistin auf diesem Gebiet ist ja auch unsere Sonja. Ihr Appartement ist dafür auch extra eingerichtet. Aber hatte auch Sabrina Kontakt zu ihm?« »Anscheinend. Kannst du nicht mal Sonja befragen?«

»Natürlich. Aber die fängt erst so um neunzehn Uhr an.« »Gut. Ich muss jetzt leider weiter. Halt! Da fällt mir doch noch etwas ein. Hast du nicht irgendein Foto von Sabrina? Ich möchte es meinem Mann einmal zeigen. Er hat doch die zwei toten Organspender gesehen. Ein Spender war ein junges Mädchen. Ich hoffe es ja nicht, aber vielleicht wissen wir bald, wo Sabrina abgeblieben ist.« »Sabine. Sabine. Ich bin ja hart im nehmen. Wenn du recht hättest? Moment, ich hole mal schnell ein neueres Foto von Sabrina.« Sabine trank in der Zwischenzeit erneut ihr Sektglas leer und füllte ihr Glas und auch das von Ilona nach. Langsam spürte sie den Alkohol doch schon sehr. Kurze Zeit später erschien Ilona wieder. Sie reichte Sabine ein Foto. Das Foto zeigte ein bildschönes, junges Mädchen mit langen, schwarzen Haaren und dunkelbraunen Augen. »Danke, Ilona. Ich werde es gleich heute Marcel zeigen. Ich hoffe, dass wir uns beide täuschen.« »Nichts zu danken. Wenn Sabrina wirklich der Organ-Mafia in die Hände gefallen ist, werde ich mir diesen Schultheiss persönlich vornehmen. Seine SM Spielchen sind ein Dreck gegen das, was er dann tatsächlich zu spüren bekommt.«

»Was machen die Ergebnisse von Ihrem Team, Fräulein Kruft?« »Herr Professor? Haben sie mich jetzt erschreckt!« Die blonde Studentin war merklich vor ihrem PC zusammengezuckt. »Entschuldigen Sie bitte, Melissa. Das war nicht meine Absicht. Anscheinend hängen sie tief in unseren Forschungsarbeiten drin?« »Ja sicher. Ich stelle gerade noch einmal die Informationen über die Gene, die wir in den Chromosomen gefunden haben, unter den notwendigen Gesichtspunkten für die neue Versuchsreihe zusammen. Ich bin eben bei den beiden Gonosomen angekommen. « »Lassen sie mich mal sehen, Fräulein Kruft.« Professor von Hohenstein lehnte sich mit seinen Ellenbogen auf den Computertisch und schaute seitlich mit auf den Monitor. Er betrachtete konzentriert die Eintragungen in den verschiedenen Tabellenelementen. Er griff sich willkürlich ein Beispiel heraus. »Wenn ich die Tabelle richtig lese, soll eine der Mäuse also männlichen Geschlechts werden, einen Wachstumsfaktor von 3 bekommen, blaue Augen besitzen und etwa vier mal so alt werden wie eine gewöhnliche Maus.« Melissa nickte eifrig. »Genau, Herr Professor. Und intelligenter soll sie auch werden. Das Gen IGF2R im Chromosom 6, wird dementsprechend moduliert werden. Die Alterung beeinflussen wir mit dem Telomerase Enzym auf Chromosom 14. Am meisten bin ich gespannt darauf, wie uns das mit den blauen Augen gelingen wird. Die zuständigen Gene im Chromosom 19 sind nicht so einfach zu manipulieren.« »Nur weiter so, Melissa. Was ist sonst noch so während meiner Abwesenheit vorgefallen?« »Eigentlich nichts besonderes. Wir haben die ersten drei Versuchsreihen einigermaßen erfolgreich abgeschlossen. Für die weiteren Versuche brauchen wir jedoch eine wesentlich bessere Technologie. Mit der Hard- und Software hier in der Uni haben wir keine Chance mehr.« Der Professor nickte zustimmend. »Ja, das ist klar. Ich habe mich schon darum gekümmert. Was halten sie davon, Fräulein Kruft, wenn sie für die nächsten zwei Jahre nach Griechenland ziehen?« »Nach Griechenland? Ich? Wohin da?« »Es gibt dort eine sehr schöne, grüne Insel. Nicht sehr groß. Nur ein paar Quadratkilometer. Aber sie hat den unglaublichen Vorteil, dass sie mir gehört.« Melissa sah ihren Professor erstaunt an. »Eine ganze Insel gehört Ihnen? Ich dachte, in Griechenland können nur Griechen Land erwerben? Trotz der neuen EU-Richtlinien.« »Im Normalfall ist das auch so, aber die griechische Regierung, und nicht nur die, hat äußerstes Interesse an unserer Arbeit. Dort gibt es keine Auflagen, wie sie bei uns hier in Deutschland herrschen. Wir werden nicht von irgendwelchen, zweifelhaften Gesetzen, die sich gegen den Fortschritt richten, ausgebremst. Und es kommt noch ein anderer, wichtiger Aspekt hinzu. Ich besitze die griechische Staatsbürgerschaft.« »Sie sind Grieche, Herr Professor?« »Ich bin Deutscher und Grieche. Mein Vater ist Deutscher und meine Mutter ist Griechin.« »Das kommt jetzt alles ein bisschen plötzlich. Und was ist mit den anderen Teammitgliedern?« »Die machen hier mit den üblichen Forschungsaufgaben weiter. In Griechenland arbeiten sie mit einem internationalen Top-Team zusammen. Absolute Elite. Ist das nicht eine schöne Herausforderung für Sie?« »Natürlich. Ich entnehme Ihren Worten, dass dort auch schon länger geforscht wird.«

»Selbstverständlich. Und ich bin dort genau wie hier der Forschungsleiter. Sie behalten also ihren Chef.« »Und was ist mit meinem Studium, Herr Professor? Ich möchte nicht vier ganze Semester verlieren.«

»Da machen sie sich mal keine Sorgen, Fräulein Kruft. Wo kann man besser studieren als bei neuen, aufregenden Forschungsarbeiten? Sie bekommen von mir von Haus aus ihren Universitätsabschluss und zwar mit summa cum laude.«

»Dann bin ich selbstverständlich einverstanden. Wann denken sie, soll ich in Griechenland auf ihrer Insel »Amalos.«

» auf ihrer Insel Amalos anfangen?«

«

»Wenn es ihnen möglich ist, schon in den nächsten Wochen. Wir haben dort bereits mit der Phase 4 begonnen und sie sollten gleich von Anfang an mit dabei sein.« »In ein paar Wochen schon? Sie wissen, dass ich hier in Neuhausen ein Appartement gemietet habe? Da sind gewisse Kündigungsfristen einzuhalten.« »Sie brauchen doch ihr Appartement deswegen nicht zu kündigen. Die Kosten für Ihre Wohnung und natürlich für Ihre Lebenshaltung sowie ein guter Verdienst werden ab sofort von mir übernommen.« »Von Ihnen, Herr Professor?« Harald von Hohenstein räusperte sich kurz. »Na ja, nicht ganz von mir. Wie gesagt haben viele Leute Interesse an unseren Forschungsarbeiten. Von den Sponsoren wird unsere Arbeit auch finanziell großzügig unterstützt. Machen Sie sich deswegen mal keine Gedanken, Melissa.« »Gut, Herr Professor. Ich freue mich sehr über Ihr Angebot. Ab Pfingsten fange ich auf ihrer Insel Amalos an.«

Sascha sah nervös auf seine Armbanduhr. Wo blieb sie nur? Hatte er sich in der Zeit geirrt, oder war der Treffpunkt falsch? Einen Scherz machte sie sich ja hoffentlich nicht mit ihm, obwohl heute der 1. April war. Schade, dass sie ihre letzte Verabredung wegen eines kurzfristig angesetzten Lehrgangs nicht einhalten konnte. Aber heute hatte sie ihm fest versprochen zu kommen. Dann sah er sie endlich auf das Lokal zusteuern. Durch die Terrassenscheibe hatte er einen guten Blick auf den Lokaleingang. Sie betrat schwungvoll das Restaurant und sah sich suchend um. Sascha stand auf und ging zu ihr hin. »Entschuldigen Sie bitte meine Verspätung, Herr Sommer. Ich pflege sonst pünktlich zu sein, aber ich habe noch unerwarteten Besuch von einer Freundin bekommen, die ich erst einmal abwimmeln musste. Ich habe versucht Sie über Ihr Handy zu erreichen, aber es war nur die Mailbox dran.« »Ach, das Handy. Liegt im Auto. Habe ich glatt vergessen.« Sascha half Frau Doktor Winter aus dem Regenmantel. Sie sah wieder einmal bezaubernd aus. Er warf einen kurzen Blick zu den besetzten Tischen und meinte tatsächlich so etwas wie Neid in den Augen der anwesenden Männer zu erblicken. Sascha ging zu dem reservierten Tisch voran. »Sind Sie mit dem Platz zufrieden, Frau Doktor, oder sollen wir uns einen anderen Tisch suchen?« »Nein, nein, alles bestens. Von hier haben wir doch einen prima Ausblick auf die Leopoldstraße.« Sascha setzte sich gegenüber der Ärztin hin. »Ich bin ab und zu ganz gerne hier. Bei schönem Wetter kann man auch vor dem Lokal gut sitzen, aber heute regnet es ja ohne Unterbrechung.« »Ja schlimm. Muss man direkt aufpassen, dass man da nicht depressiv wird.« »Hoffentlich kann ich sie ein wenig aufheitern?« Sascha lächelte seine Tischpartnerin an. »Ist nicht nötig. Mit dem Depressiven habe ich es nicht so. Wäre auch gar nicht gut in meinem Job.« »Ja, da haben sie wohl recht.« »Möchten die Herrschaften etwas zu sich nehmen?« Ein Ober war an ihren Tisch getreten. An seinem Revers wies ihn eine Namenskarte als Stephen King aus. Er hielt zwei Speisekarten in der Hand. Sascha nickte zustimmend. »Ja bitte.« Der Ober reichte jedem von ihnen eine Karte. Sascha wandte sich an seine Begleitung. »Was möchten sie gerne trinken, Frau Doktor?« »Am liebsten wäre mir jetzt ehrlich gesagt ein ganz normales Hefeweißbier.« Der Ober notierte fleißig. »Einmal Hefeweißbier. Und was darf ich dem Herrn bringen?« »Haben sie alkoholfreies Weißbier?« »Selbstverständlich mein Herr. Also einmal Hefeweißbier und einmal Alkoholfrei.« Der Ober Stephen King zog sich zurück. Sascha sah dem Ober hinterher. »So einen berühmten Ober hat man auch nicht alle Tage.«

»Sie meinen wegen dem Namen Stephen King?« »Genau.« »Noch einer von der alten Schule. Aber ganz amüsant.« »Erstaunlich für Schwabing. Dann wollen wir doch mal schauen was es hier gutes zum Essen gibt.« Beide vertieften sich in die Speisekarten. Nachdem sie die Gerichte ausgewählt hatten, erschien der Ober mit den Getränken, nahm die weiteren Bestellungen entgegen und verschwand wieder in der Küche. »So, dann auf Ihr Wohl, Frau Doktor. Ich freue mich sehr, dass es endlich geklappt hat.« »Auf Ihr Wohl, Herr Sommer.« Frau Doktor Winter sah Sascha aufmerksam an. »Schmeckt denn so ein alkoholfreies Weißbier überhaupt?« »Ich finde es genauso gut wie das mit Alkohol, wenn nicht sogar besser. Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich gar nicht mehr genau weiß, wie es mit Alkohol schmeckt. Wenn man seit Jahren keinen Tropfen Alkohol zu sich nimmt, verliert man den Vergleich. Aber es schmeckt tatsächlich ausgezeichnet. Das Bier ist der Brauerei sehr gut gelungen.« »Muss ich wohl auch einmal probieren. Aber heute brauche ich was Gescheites.« »Warum? Ist heute was besonderes los?« »Na ja, ich habe Wochenende und kann mich endlich mal etwas gehen lassen. Außerdem bin ich zu Fuß hierher gekommen. Ist ja nur ein Katzensprung bis zu meiner Wohnung.« »Deswegen habe ich auch dieses Lokal vorgeschlagen.« »Gute Idee. Ach Herr Sommer, darf ich sie mal etwas zu diesem Kevin Clark fragen?« »Natürlich. Nur los.« »Was haben sie eigentlich mit dem angestellt? Der ist am nächsten Morgen des Tages, an dem ich Ihnen Bescheid gegeben hatte, mit einigen Verletzungen in unsere Ambulanz zur Behandlung gekommen.« Sascha lachte leise auf. »Nun, wir mussten ein wenig härter zugreifen, um sein Geständnis zu bekommen.«

Die Ärztin sah ihn misstrauisch an. »Ein wenig härter zugreifen? Ich fühle mich direkt mitschuldig, weil ich Ihnen über sein Auftauchen bescheid gegeben habe.« »Wegen der Sache brauchen sie sich nicht schuldig zu fühlen. Dieses Schwein hätte noch eine ganz andere Behandlung verdient gehabt.« »Sie wollten ihn doch wegen dieser Entführungsgeschichte ausfragen. Hat er denn wenigstens verwendbare Angaben gemacht?« Sie wurden in ihrem Dialog durch Stephen King unterbrochen. »So, meine Herrschaften. Einen Moment bitte. Darf ich

, ja danke, so komme ich schon hin. Ich wünsche allerseits einen guten Appetit!« Sascha schnalzte mit der Zunge. »Danke. Das sieht ja gut aus. Da läuft einem ja gleich das Wasser im Mund zusammen.

ach ja, wir haben tatsächlich eine wichtige Information bekommen. Am besten erzähle ich Ihnen

Wo waren wir stehengebl

, alles während des Essens. Werden sonst kalt die schönen Steaks und das wäre doch zu schade.« Sascha erzählte Frau Doktor Winter die gesammelten Erkenntnisse. Diese hörte mehr oder weniger schweigend zu. Ab und zu warf sie ein paar Fragen ein. Man merkte ihr an, wie sehr sie die Geschichte berührte. Sascha tat es schon fast leid, diesen schönen Abend mit so einer Story zu versauen. Aber er brauchte ihre Hilfe. Irgendeinen Verbündeten aus der Medizin mussten sie haben. Warum dann nicht diese attraktive Ärztin? Fast gleichzeitig mit dem Ende der Geschichte hatten sie beide ihr Essen beendet. »Ich hoffe, dass ich Ihnen nicht den Appetit mit einigen Details verdorben habe?« »Nein, nein. Ich bin durch meinen Beruf an einiges gewöhnt. Schultheiss sagen Sie? Ich kenne zwar den Namen dieser Tagesklinik und weiß auch, dass dort Schönheitsoperationen durchgeführt werden, aber von einem Doktor Schultheiss habe ich noch nie etwas gehört.« Der Ober mit dem berühmten Namen war lautlos an ihren Tisch getreten. »Hat es ihnen geschmeckt?« »Ja danke, wie immer sehr gut.« »Das freut mich meine Herrschaften. Haben Sie noch einen Wunsch?« »Bringen Sie uns bitte noch einmal das Gleiche zum Trinken. Sie sind doch dabei, Frau Doktor?« »Gerne. Ich kann jetzt durchaus noch ein Weißbier vertragen.« »Sehr wohl, die Herrschaften.« »Und Sie vermuten also, dass dieser Clark rauschgiftsüchtig ist, Herr Sommer?« »Ja, mit Sicherheit. Ich habe ihnen ja die Sache mit der Kommune erzählt, in der dieser Kevin lebt. Die Mitglieder dieser Kommune sind, meiner Meinung nach, ebenfalls alle vom Rauschgift abhängig.«

»Ich habe bei seiner Behandlung nichts derartiges festgestellt. Allerdings habe ich auch nicht seine Unterarme unbekleidet gesehen. Sonst wäre es mir mit Sicherheit aufgefallen.« »Ich nehme an, dass Clark das Geld für seinen Rauschgiftkonsum, zumindest teilweise, mit der Lieferung von unfreiwilligen Organspendern finanziert.« »Schon möglich. Ich werde ihn in der Klinik auf jeden Fall mal genauer ins Visier nehmen lassen. Montag spreche ich deswegen gleich mit unserem Chefarzt. Mal sehen, was sich da machen lässt. Ihr Freund will ihn wohl nicht wegen der Entführung anzeigen?« »Nein. Jedenfalls vorerst noch nicht. Die Beweislage ist ja auch ungemein schwierig. Unsere kleine Vernehmung, können wir auch nicht als Beweis hernehmen. Es ging uns ja auch mehr darum, endlich den oder die Auftraggeber von Clark kennen zu lernen.« »Nun, das ist Ihnen gut gelungen. Wenn auch nicht gerade auf einem rechtmäßigem Weg.« Sascha griff über den Tisch und legte vorsichtig seine Hände über die Hände der schönen Ärztin. »Werden Sie uns bei den weiteren Aktionen helfen?« Frau Doktor Winter sah ihn lange ernst, mit leicht zur Seite geneigtem Kopf an. Sie zog ihre Hände nicht zurück. Dann erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. »Na schön, ich werde Ihnen helfen. Allein mein Berufsethos zwingt mich schon, diesen Verbrechern das Handwerk zu legen. Solche Kollegen gehören hinter Gitter.«

»Gut, dass Sie von der Tagung wieder zurück sind, Herr Professor! Sie glauben ja gar nicht, was in der Zwischenzeit hier alles passiert ist!« Melissa wirkte äußerst aufgeregt. Nervös nestelte sie an ihrer langen Halskette herum. »Nur immer mit der Ruhe. Was ist denn so Wichtiges geschehen?« »Sie werden es nicht für möglich halten, Herr Professor. Wir haben es geschafft!« »Was? Tatsächlich? Das ist ja endlich mal wirklich eine positive Meldung. Wer ist noch informiert?« »Nur das Kernteam, Herr Professor. So wie wir es abgesprochen hatten.« »Sehr gut, Melissa. Sehr gut! Schauen wir es uns also an.« Die Studentin eilte voraus und Professor von Hohenstein musste sich anstrengen, um mit ihr Schritt halten zu können. Sie gelangten schnell zu dem Forschungstrakt der Universität und betraten dort den kleinen Sicherheitsbereich, der extra für das Team angelegt worden war. Zutritt war nur mit einer Keycard möglich, deren Code täglich verändert wurde. Deswegen ließ der Professor auch seine inzwischen ungültige Karte stecken und wartete, bis seine Einser-Studentin ihre Karte in den Kartenleser eingeführt hatte. Kurz darauf ertönte ein leises Summen und sie konnten in den Vorraum des Sicherheits- bereiches eintreten. Es folgte noch eine weitere Stahltür. An der Wand neben der Tür, war ein Nummernblock angebracht, in den die Studentin jetzt eine achtstellige Ziffernfolge eingab. Wieder ertönte ein Summen und sie konnten endlich den Forschungsraum betreten. Der Raum wurde hell von Neonröhren ausgeleuchtet. »Kommen sie bitte, Herr Professor? Hier hinten.« Er folgte der Studentin zu der hinteren Regalreihe. Melissa Kruft nahm einen kleinen Käfig aus einem Regal und stellte ihn auf einen Labortisch. In dem Käfig befanden sich fünf junge Mäuse. Alle putzmunter und anscheinend äußerst wohlauf, wie Harald von Hohenstein gleich positiv bemerkte. »Sehen sie es, Herr Professor?« Die Studentin zog eine Laborlampe näher zu dem Käfig hin und leuchtete ihn damit besser aus. Professor von Hohenstein ging leicht in die Hocke und schaute jetzt direkt in den Käfig hinein. »Donnerwetter! Dass übertrifft ja fast unsere Erwartungen. Gigantisch!« Melissa nickte aufgeregt. »Jede hat verschieden farbige Augen. Genau wie wir es geplant haben. Blau, grün, braun, rot und einmal natur belassen. Wir haben sie erst jetzt in einen Käfig zusammengetan. Vorher waren sie getrennt, damit wir genau analysieren konnten, dass auch bei jeder Maus der gewünschte Effekt gezielt zur Wirkung kam. Jetzt können wir sie ja leicht anhand der Augenfarbe und der anderen Merkmale unterscheiden.« »Großartig! Auch die anderen Effekte. Zwei sind ja schon richtige Riesen.« »Wir haben es wirklich geschafft, Herr Professor. Augenfarbe, Körpergröße und nicht zu vergessen, die Geschlechtsfestlegung.« »Habt ihr es untersucht?«

»Selbstverständlich. Genau wie geplant. Zwei männliche Mäuse, zwei weibliche und ein Hermaphrodite. Beachten sie auch die kurzen Schwänze bei zwei Exemplaren.« »Ich bin begeistert! Ich sehe, dass ich die richtigen Leute für unser Team ausgesucht habe. Ihr habt genau das umgesetzt, was wir gemeinsam erarbeitet haben. Das ist eine Sensation, dass uns das jetzt so schnell geglückt ist. Damit haben wir weltweit einen meilenweiten Vorsprung in der Genforschung erreicht. Bei Mäusen sind uns jetzt anscheinend alle Gen- Informationen bekannt. Jetzt gilt es, höhere Ziele anzusteuern, Melissa! Aber nicht hier, sondern auf Amalos.«

Die kleine Lara Kruft quiekte vor Vergnügen. Marcel hielt sie an den Füßen gepackt und drehte sich dabei schnell um die eigene Achse. Das menschliche Karussell schien voll im Sinne der Kleinen zu sein. Langsam bremste Marcel nun seine Drehbewegung ab und legte Lara vorsichtig auf das Sofa. Diese schaute ihn mit großen, lebhaften Augen freudig an. Das intensive blau ihrer Augen verblüffte Marcel immer wieder. Er selber besaß braune Augen. »So, mein Püppchen, jetzt werde ich dich schön in dein Bettchen bringen.« »Mama!« »Die Mama kommt gleich nach Hause. Inzwischen wirst du dein Mittagsschläfchen halten.« Marcel nahm Lara auf den Arm und trug sie zu ihrem Kinderbett. Er hatte jetzt über eine Stunde mit seiner jüngsten Tochter gespielt. Dementsprechend müde war die Kleine. Kaum hatte er sie ins Bett gelegt und ihr die Bettdecke bis zur Brust hochgezogen, steckte Lara ihren rechten Daumen in den Mund und schlief umgehend ein. »Träum was Schönes, mein Püppchen.« Marcel ließ die Tür zum Kinderzimmer offen und ging in das Wohnzimmer zurück. Er legte sich auf das Sofa und schaute auf die Wanduhr. Schon fast 15 Uhr. Wo blieb Sabine nur wieder solange? Gut, dass er diese Woche Urlaub genommen hatte. Den hatte er auch dringend nötig. Der Stress in seinem Job nahm ständig zu. Vor ein paar Wochen hatte er es endlich geschafft und war zum Serviceleiter in seiner Firma aufgestiegen. Dieses neue Aufgabengebiet verlangte aber auch viel mehr an persönlichem Einsatz. Zusätzlich war er natürlich auch noch durch die Vorgänge mit seiner Entführung und den anschließenden Aktionen gestresst worden. Tanja war zur Nachbarin gegangen, um dort mit ihrer Freundin zu spielen. Insofern hatte er jetzt ein bisschen Ruhe. Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf und langsam glitt sein erschöpftes Bewusstsein in einen erholsamen Schlaf. »Marcel, hallo Marcel!« Er öffnete seine Augen und kehrte aus der Traumwelt in die Realität zurück. Sabine saß neben ihm auf dem Sofa und hielt Lara im Arm. Erst langsam wurde er wieder richtig wach. »Na, du hast aber einen gesunden Schlaf. Lara hat einen richtigen Wirbel veranstaltet. Ich habe sie schon vor der Haustür schreien hören.« Marcel sah auf die Wanduhr und stellte mit Erschrecken fest, dass es bereits weit nach 18 Uhr war. Da hatte er doch glatt über drei Stunden fest geschlafen. Ausgeruht fühlte er sich aber trotzdem noch nicht. Ganz im Gegenteil. Spätestens nach der Tagesschau würde er heute ins Bett gehen. Er musste diese Woche unbedingt zur Regeneration nutzen, sonst würde sein Körper bald streiken. »Wann bist du denn nach Hause gekommen?« »So gegen 16 Uhr. Ich habe dich aber nicht geweckt, weil ich weiß, dass du deine Ruhe dringend nötig hast.« »Ja, danke, das kann man wohl sagen.« Sabine schaukelte die ganze Zeit über Lara in ihren Armen. Diese war inzwischen auch wieder eingeschlafen. Vorsichtig wurde sie nun von ihrer Mutter wieder in ihrem Kinderbett untergebracht. Heute war bereits der 4. April. Sabine überlegte, ob sie jetzt endlich Marcel das Bild von Sabrina zeigen sollte. Die ganze Zeit hatte sie sich nicht getraut. Ilona hatte sie schon mehrfach darauf angesprochen und beide hatten überlegt, wie Sabine am besten mit Sabrina in Verbindung zu bringen sei, ohne dass Marcel von der wahren Tätigkeit seiner Frau erfuhr. Ilona hatte ihr dann gestern vorgeschlagen, dass Sabine sagen solle, sie sei eine neue Freundin aus dem Kursus und Sabine hätte ihr von der Organ Mafia berichtet. Daraufhin habe Ilona ihr das Foto gegeben und gesagt, dass Sabrina, eine gute Bekannte von ihr, ebenfalls seit Februar verschollen sei und ob Marcel nicht mal einen Blick darauf werfen könne. Vielleicht würde er ja in ihr die Tote aus der dubiosen Klinik wieder erkennen. Sabine ging zu ihrer Handtasche und nahm das Foto von Sabrina heraus. Sie hatte es sich in der letzten Zeit schon öfter angesehen. Was war das doch für ein schönes Mädchen. Hoffentlich hatten sie unrecht und Sabrina lebte noch.

Marcel hatte inzwischen den Fernseher eingeschaltet und schaute sich auf einem Privatsender einen Western an. Der nasale Gesang von Bob Dylan erfüllte leise das Wohnzimmer. »Knock knock knockin’ on heavens door. Knock knock knockin’ on heavens door.« Aha, dachte Sabine, Pat Garrick jagt Billy the Kid kein schlechter Western. »Du Marcel?« »Was ist?«

»Schau dir doch mal dieses Foto an.« Sie reichte ihm das Foto von Sabrina und Marcel, abgelenkt von dem Western, warf nur einen flüchtigen Blick darauf. »Wer soll das sein?« »Erkennst du sie nicht?« »Nie gesehen! Sieht aber nicht schlecht aus.« »Schau doch mal genauer hin. Warte mal, ich hole die Stehlampe näher heran.« Sabine schob die Lampe näher zur Couch hin und richtete den beweglichen Strahler auf das Foto.

»Hmmm. Also irgendwie kommt sie mir jetzt doch bekannt vor. Wo hab ich die nur

? Das Gesicht ja, aber die Augen

verdammt die Augen!« Marcel sprang mit einem Satz von der Couch auf. »Das ist das Mädchen aus dem Leichenraum!«

Marcels Hände zitterten. »Ich habe sie nicht gleich erkannt, weil sie keine Augen

Sabine war auch ganz blass geworden. Es war also leider wahr. Auch Sabrina war Opfer dieser verdammten Organ-Mafia

geworden. Dieses arme Mädchen. Ilona würde toben. Gnade Gott den Schuldigen, wenn sie der Elsen unter die Finger kamen. Diese selbstbewusste Frau würde Kleinholz aus ihnen machen. »Woher hast du das Foto?«

»Von einer Freundin aus dem Kursus. Ich habe ihr von deinem Abenteuer erzählt und sie bat mich, dir ein Bild einer seit

Februar verschollenen Bekannten vorzulegen. Wir haben natürlich gehofft, dass sie nicht die Tote ist. Aber jetzt »Knock knock knockin’ on heavens door. Knock knock knockin’ on heavens door.« Marcel nahm die Fernbedienung in die Hand und schaltete den Fernseher aus. Dann ging er zum Wandschrank und nahm eine Flasche Jack Daniels und zwei Gläser heraus. »Komm Sabine, jetzt können wir einen vertragen.«

, mein Gott, ist das eine Scheiße!«

«

Ilona Elsen weinte hemmungslos. Sabine saß neben ihr auf dem Sofa und drückte fest die Hand der Villenbesitzerin. Diese offene, emotionale Reaktion hätte sie von der nach außen sonst so stark wirkenden Frau nicht erwartet. Sie musste Sabrina wirklich sehr in ihr Herz geschlossen haben, so dass die Nachricht über deren Tod, diesen tränenreichen Gefühlsausbruch hervorrief. Ilona griff in ihre Kostümtasche und nestelte ein Taschentuch hervor. Sie wischte sich die Tränen ab und sah Sabine wie durch einen Schleier an. »Das werden die büßen! Wenn ich mit denen fertig bin, wären sie froh, nie geboren worden zu sein!« Sabine leerte die Cognacflasche, indem sie Ilona deren Cognacglas nachfüllte und es ihr anschließend auffordernd hinhielt. »Ilona, woher konnte dieser Doktor Schultheiss wissen, dass Sabrina eine geeignete Spenderin für einen seiner Empfänger war?« Ilona nahm mit leicht zitternden Fingern das Glas dankbar entgegen. Ja woher? Vielleicht haben wir Glück. Es gibt unter Umständen eine Möglichkeit, das herauszufinden.« »Wie das?« Sabine war überrascht. »Ich habe dir doch erzählt, dass er Kunde bei Sonja, unserer Spezialistin für außergewöhnlichen Sex, ist?« »Ja und?« »Ich habe mich inzwischen mit Sonja unterhalten. Sie hat mir ihre Hilfe zugesagt, wenn Sabrina etwas passiert sein sollte. Vielleicht ist Sonja schon in ihrem Appartement. Ich werde gleich einmal nachfragen.« Ilona verließ den roten Salon und kehrte etwas später wieder zu Sabine zurück. »Sonja wird gleich kommen. Irgendwie ist mir immer noch ganz schlecht. Wie ist es Sabine, trinkst du noch einen Cognac mit?« »Ja, danke, sehr gerne.« Ilona holte aus einem schmalen Wandschrank eine neue Flasche Cognac heraus. Sie setzte sich wieder und füllte die Gläser jeweils etwa ein Drittel voll. Die beiden Frauen stießen die Schwenker leicht gegeneinander und tranken. Sie saßen mehrere Minuten schweigend nebeneinander und hingen ihren Gedanken nach. Dann klopfte es leicht an der Tür. »Herein!«

Evelyn trat in Begleitung einer hochgewachsenen, ganz in schwarzem Leder gekleideten, jungen Frau ein. Die Frau trug sehr kurze, schwarze Haare, was unglaublich gut zu ihrem anderem Outfit passte. Sie hatte ein schönes, aber strenges Gesicht und Sabine konnte sich gut vorstellen, dass sie für ihre Tätigkeit bestens geeignet war. »Danke Evelyn. Du kannst wieder gehen.« Ilona erhob sich und ging zu der Frau hin. »Sonja, ich möchte dir Frau Kruft vorstellen. Ihr habt euch doch noch nicht kennen gelernt?« »Nein.« Sabine war ebenfalls aufgestanden und beide Frauen reichten sich die Hand. »Sabine.« »Sonja.« »Sonja, darf ich dir auch einen Cognac anbieten?« »Gerne. Mein erster Kunde kommt erst in etwa einer Stunde. Ich habe also Zeit.« Nachdem Ilona Elsen dem Wandschrank ein weiteres Glas entnommen hatte, füllte sie es ebenfalls zu einem Drittel und reichte es Sonja, die ihnen gegenüber in einem Sessel Platz genommen hatte, über den Tisch. Sabine hatte aufmerksam den geschmeidigen Gang von Sonja bewundert. Sie bewegte sich wie eine Raubkatze. Wahrscheinlich war ihr Körper sehr durchtrainiert. Fast wie bei Ilona. »Warum hast du mich gerufen, Ilona?«

« Ilona konnte nicht weitersprechen. Erneut

füllten Tränen ihre Augen und ein gequältes Schluchzen drang aus ihrem Brustkorb. »Entschuldigung. Einen Moment bitte.« Ilona stand abrupt auf und verließ schnell den Raum. Sonja und Sabine sahen sich betroffen an. Sie musste dieses Mädchen unheimlich gern gehabt haben. »Sie war fast wie eine Mutter zu Sabrina.« Sonja nahm einen Schluck Cognac. Sie warteten schweigend, bis Ilona wieder erschien. »Ich hoffe, es geht jetzt. Also der Mann von Sabine, ich habe dir ja die ganze Geschichte erzählt Sonja, hat Sabrina als das tote Mädchen aus der Klinik wiedererkannt.« »So eine Scheiße!« »Ja. Du hast mir gesagt, dass du mir unter Umständen bei der Aufklärung helfen kannst?« »Sicher! Wenn es dieser Schultheiss war, kann ich vielleicht etwas dazu beitragen.« Sie trank wieder von dem Cognac. Die beiden anderen Frauen taten es ihr nach. Ilona schenkte dann allen nach. Sonja sah abwechselnd Ilona und Sabine mit durchdringenden Augen an. »Ich erzähle es nur euch beiden und ich möchte, dass es auch unter uns bleibt. Die anderen Frauen wissen nichts davon. Ich fotografiere heimlich meine Kunden mit einer versteckten Digital Kamera. Warum ich das tue, ist meine Sache. Aber ich habe Schultheiss natürlich auch auf meinen Speicherkarten.« »Und? Ist dir etwas aufgefallen?« »Ich schaue mir nicht alle Aufnahmen genau an. Nur wenn ich einiges verwerten möchte.« »Wie verwerten?« Ilona schaute Sonja mit großen Augen an. »Nicht was du jetzt vielleicht denkst, Ilona. Ich erpresse niemanden. Ich treibe Studien. Ich möchte meinen Job so gut wie möglich ausführen. Die Aufnahmen helfen mir dabei, auf die Wünsche meiner Kunden und Kundinnen immer ausgefeilter und gezielter einzugehen.« »Na schön. War denn Sabrina mal mit dem Doktor in deinem Appartement zusammen?« »Mehrmals sogar. Sie musste für ihn dann eine devote Patientin spielen. Ich meistens die strenge Ärztin. Manchmal wollte er eben selber aktiv werden und nicht nur der Patient sein.« »Mag ja alles sein. Aber woher konnte er wissen, dass Sabrina eine geeignete Spenderin war?« »Ich schlage vor, dass wir uns die entsprechenden Aufnahmen gemeinsam anschauen. Vielleicht finden wir dann die Lösung.« »Aber natürlich. Wie ist es mit dir, Sabine?« Sabine rutschte unruhig auf dem Sofa hin und her. »Na ja, also, meinetwegen. Es kann nicht schaden, wenn ich mich auch mal mit der Materie befasse.« Sonja sah Sabine merkwürdig von der Seite an. »Soll dass heißen, dass du nur normale Kunden hast?« »Was ist schon normal? Aber Klinik habe ich noch nie gemacht.« »Dann solltest du mir mal bei Gelegenheit assistieren. Ich hole jetzt mal das Modul und die Karten.« Es dauerte eine Weile, bis Sonja wieder erschien. »Hier habe ich die Chipkarten mit Schultheiss und Sabrina. Es kann gleich losgehen.«

»Sabrina ist tot. Sabine hat ihrem Mann das Foto von ihr gezeigt und

Sonja verband ihr Speicherkartenmodul per Kabel mit dem Fernseher, schaltete den Fernseher ein und betätigte dann eine kleine Fernbedienung.

»Marcel, wir brauchen jetzt endlich die Sicherheit, dass Doktor Schultheiss wirklich hinter den kriminellen Organentnahmen steckt. Eigentlich haben wir uns bisher nur auf die Aussage von Kevin Clark verlassen.« »Dein Bemühen, in die Klinikdatenbank von Schultheiss einzudringen ist ja nun eben kläglich gescheitert, Sascha.« »Ich weiß. Leider. Ein Versuch war es immerhin wert. Aber die haben eine ganz gute Firewall für ihre Daten aufgebaut. Auf die Schnelle kommt man da nicht durch.« »Habe ich dir eigentlich erzählt, dass Sabine durch eine Freundin aus ihrem Kurs vielleicht auch noch einen Beweis gegen Doktor Schultheiss hat?« Sascha sah Marcel überrascht an. »Nein wieso? Was für einen Beweis?« »Im Prinzip ist das eine irre Geschichte. Also die neue Freundin von Sabine, Ilona, kannte Sabrina, die Tote aus der Klinik. Nun hat Ilona eine Chipkarte aufgetrieben, auf der klar zu erkennen ist, dass Doktor Schultheiss bei Sabrina eine Blut- und Gewebeentnahme vorgenommen hat.« »Was? Tatsächlich? Woher kennt denn diese Ilona Doktor Schultheiss?« »Keine Ahnung, habe ich nicht nachgefragt. Vielleicht hat sie sich auch mal bei ihm einer kleinen Schönheitsoperation unterzogen.« »Kann sein, aber war denn Sabrina bei ihm auch in der Schönheitschirurgie? Und wieso wird eine Blut- und Gewebeentnahme auf einer Chipkarte aufgezeichnet? Und wie ist Ilona dann an die Karte gekommen?« »Langsam, langsam. Ich habe auch gemerkt, dass da ziemlich viel Ungereimtes zusammenkommt. Ich bin bei Sabine noch nicht näher auf das Thema eingegangen. Irgendwie wirkte sie unheimlich verlegen. Aber ich werde da mit Sicherheit noch einmal genauer nachhaken. Tatsache ist jedenfalls, dass sie diese Bilder selbst gesehen hat.« »Ist ja toll. Hat sie dir die Chipkarte mitgebracht?« »Nein.« »Was? Warum denn nicht? Hast du uns nicht erzählt, dass du bei deinem Aufwachen im Intensivraum, einen Arzt und zwei Krankenschwestern gesehen hast? Vielleicht hättest du Schultheiss auf den Bildern wiedererkannt?« »Ehrlich gesagt, traue ich mir nicht zu, diese Personen genau wieder zu erkennen. Dafür war ich noch zu benebelt. Außerdem trugen alle diese Atemmasken.« »Ein Versuch wäre es aber wert gewesen. Du musst dafür sorgen, dass Sabine die Karte ranschafft. Dann schauen wir uns die Bilder gemeinsam an.« »O.K. Wird Sabine ja nichts dagegen haben. Obwohl sie mir eigentlich immer wieder sagt, dass wir uns nicht mit dieser verdammten Mafia anlegen sollen.« »Immerhin ist Sabines Aussage ein Beweis dafür, dass sich Sabrina und Schultheiss gekannt haben. Diese auf der Chipkarte festgehaltene Blut- und Gewebeentnahme, kann tatsächlich ein Hinweis darauf sein, dass Schultheiss wieder gezielt einen Spender mit bestimmten Eigenschaften gebraucht hat. Er hat es bei Sabrina versucht und durch Zufall stimmten die erwarteten Werte überein. Das war wohl ihr Todesurteil.« Marcel schluckte. »Er hat sicher jede Menge Patienten. Oft sind es bestimmt auch Unfallpatienten, die sich zum Beispiel ein entstelltes Gesicht wieder richten lassen. Dann gibt es natürlich die Heerscharen von irgendeinem Schönheitsideal nachhängenden Frauen, die sich in so einer Klinik vermeintliche größere oder kleinere Unebenheiten ihres Körpers ausgleichen lassen. Also Auswahl hat er wohl genug. Anscheinend müssen trotzdem mehrere Bedingungen zusammentreffen, bis jemand als Spender in Frage kommt. Die Frage ist tatsächlich, was Sabrina bei ihm in der Klinik wollte?« »Nicht nur das! Warum nimmt er überhaupt keine Rücksicht, ob ein Spender Familie, Verwandte, Freunde, Kollegen oder so hat, die sicher eine Anzeige aufgeben und nach dem oder der Vermissten polizeilich suchen lassen werden?« Marcel nickte. »Sicher. Ihr hättet das ja bei mir auch gemacht. Scheint die Organ-Mafia aber überhaupt nicht zu stören. Ich kann mir nur denken, dass so viel Kohle dabei herausspringt, dass sie jedes Risiko eingehen.« »Da fällt mir ein, dass es vielleicht doch nicht sehr wahrscheinlich ist, dass er eigene Patienten, also Patienten aus seiner Klinik, als Organspender missbraucht. Wenn die dann verschwinden, weiß die Polizei doch genau, wo sie zuerst zu suchen hat. Dann müsste er ja erklären, warum eine Nasenkorrektur zum plötzlichen Ableben führt. Wenn dann die Patienten verschollen sind, hätte er auch Erklärungsbedarf. Tot darf er sie auch nicht übergeben, denn eine veranlasste Obduktion würde die fehlenden Organe feststellen. Nein, logischerweise wird er keine eigenen Patienten verarbeiten.«

»Warum hat er es dann bei Sabrina gemacht?« »Gute Frage. Entweder war er sich sicher, dass für sie niemand eine Suchanzeige aufgibt, oder sie war nicht Patientin in seiner Klinik.« »Wo hat er dann die Testdaten entnommen? Also Sabine muss mir unbedingt die Chipkarte mitbringen. Vielleicht erkennen wir etwas von der Umgebung.« Sascha stand hinter seinem Schreibtisch auf. »Ja natürlich. Ich schlage vor, dass Sabine uns auch mal mit Ilona zusammenbringt. Die kann uns über Sabrina und Doktor Schultheiss mit Sicherheit einiges mehr erzählen.«

»Hör mal Rolf, ihr macht mir in letzter Zeit viel zuviel Kompromisse. Wir brauchen von euch mehr politischen Zündstoff. Du musst gegen die Realos in eurer Parteispitze mehr agieren. Aktiviere die Fundamentalisten von der Parteibasis. Macht in aller Öffentlichkeit eure Führung fertig. Am Besten gleich auf eurem nächsten Parteitag. Da sind Funk und Fernsehen vertreten und bringen den Zwist zwischen euren Flügeln schön unter das Volk.« Harald von Hohenstein stand am Wohnzimmerfenster seiner Villa und schaute auf die Isar hinunter, während er in sein Handy sprach. »Wo kommen wir denn hin, wenn ihr plötzlich die Position der politischen Mitte einnehmt und anfangt, vernünftige Politik zu betreiben? Lasst eure Basis agieren. Stellt wieder Forderungen, die auf euere Ursprünge zurückgehen. Je blödsinniger und weltfremder euere Vorschläge sind, desto besser ist es für unsere Partei. Deine Parteifreundin aus Brüssel, die Europa-Abgeordnete, hat ja letzte Woche schon wieder so einen tollen Vorschlag gemacht. Ich habe mich halb totgelacht. Abzug aller Grenzbeamten von den Ostgrenzen, um den Schleusern von Flüchtlingen die Geldbasis zu entziehen, weil dann alle illegalen Einwanderer keine Schleuser mehr benötigen, die sie sonst sehr teuer bezahlen müssen. Ganz tolle Idee, du musst diesen Vorschlag deiner Parteifreundin unbedingt öffentlich unterstützen, Rolf. Wir brauchen noch viel mehr solcher wahnsinnigen Vorschläge von euch.« Der Professor lauschte kurz auf die Erwiderungen seines Gesprächpartners. »Ja, ja. Auch mit der Energie- und Rüstungsindustrie muss eure Partei sich noch viel mehr anlegen. Jedem Bürger muss beigebracht werden, dass deutsche Atomkraftwerke so schnell wie möglich abgeschaltet gehören und öffentliche Ausgaben für Rüstungsvorhaben gnadenlos gestrichen werden. Am besten gleich die Abschaffung der ganzen Bundeswehr propagieren. Wieso sich an teuren Auslandseinsätzen beteiligen? Das können die anderen Länder doch viel besser. Wir Deutschen sind jetzt Pazifisten und das lassen wir uns eben auch was kosten. Dann beteiligen wir uns eben bei den Rüstungskosten unserer Verbündeten. Rolf, mach bitte mehr Dampf in diese Richtung. Dann können wir mit unserer Deutschen-Interessen-Partei viel schneller zum Erfolg kommen. Wir werden aufzeigen, dass eure Vorschläge offensichtlich direkt gegen die deutsche Wirtschaft, gegen die notwendige Sicherheit und damit gegen den deutschen Bürger gerichtet sind. Das euere Politik Millionen von Arbeitsplätzen kostet. Auch die zukunftsträchtige Gen-Technologie. Macht sie nieder, diese menschenverachtende, gefährliche Forschung. Nichts für Deutschland. Lasst den anderen Industriestaaten den Know-how Vorsprung und damit das Geld und die Arbeitsplätze der Zukunft, wir säen wieder Sonnenblumen und ernähren uns redlich.« Harald von Hohenstein ging zu der Ledercouch und legte sich darauf, während er seinem Telefonpartner lauschte. »Ich rechne in dieser Beziehung fest mit dir. Hast du eigentlich ausreichend Kontakt mit unseren trojanischen Pferden?« Der Professor lauschte wieder. »Prima. Das höre ich gerne. Ich kann mich zur Zeit leider nicht so sehr um unsere Aktionen kümmern, wie ich es eigentlich gern möchte. Die Forschung nimmt mich ganz schön in Anspruch. Also Rolf, ich verlasse mich auf dich und noch einen schönen Gruß an deine Freundin.«

»Schön, dass sie Zeit für mich gefunden haben, Frau Doktor Winter.« Sascha sah die schöne Ärztin verliebt an. Diese reagierte auf seinen Blick mit einem hintergründigen Lächeln. »Ich habe ihnen doch versprochen, bei der Aufklärung der illegalen Organentnahmen mitzuhelfen. Ich stehe generell zu meinen Versprechen.« »Das habe ich auch nicht angezweifelt. Ich habe eine Menge Fragen an sie.« »Gut. Dann sollten wir es uns irgendwie bequemer machen. Was darf ich ihnen denn zum Trinken anbieten? Vielleicht ein alkoholfreies Weißbier?« »Donnerwetter, ich bin überrascht!«

»Nachdem sie das letzte Mal so davon geschwärmt haben, habe ich mir gleich einen ganzen Träger kommen lassen. Ich muss sagen, es schmeckt wirklich ausgezeichnet. Abends trinke ich jetzt auch ab und zu das eine oder andere Glas.« »Ja, dann also Weißbier alkoholfrei.« »Ich hole mal schnell zwei Weißbiergläser aus der Küche und das zugehörige Bier aus dem Kühlschrank.« Sascha setzte sich inzwischen in einen weichen Ledersessel an ein Fenster und schaute auf die Franz-Joseph-Straße hinunter. Der Autoverkehr ebbte hier wohl nie so richtig ab. Schwabing war nach wie vor ein Anziehungspunkt für die Münchner Freizeitgesellschaft. Inzwischen war es auch schon dunkel geworden. Die Fenster dieser Wohnung mussten gut isoliert sein, denn vom Straßenverkehr war akustisch so gut wie nichts zu hören. Er wurde aus seinen Betrachtungen aufgeschreckt, als die Ärztin wieder in der Wohnzimmertür erschien. Sie trug vorsichtig ein Tablett mit dem gewünschten Weißbier und zwei Weißbiergläsern herein. Langsam setzte sie das Tablett auf dem Wohnzimmertisch ab. »Herr Sommer, ich möchte mir mal eben etwas Bequemeres anziehen. Wären sie bitte in der Zwischenzeit so lieb, uns die Gläser aufzufüllen? Ich habe nach wie vor Schwierigkeiten, ein Weißbier einzuschenken. Bei mir sieht das immer wie ein Glas Milch aus und es dauert ewig bis sich der Inhalt der Flasche vollständig im Glas befindet.« »Kein Problem, Frau Doktor. Ich mache das inzwischen für uns.« Die Ärztin verschwand wieder im Wohnungsflur und Sascha machte sich ans Einschenken. Das Bier war schön gekühlt und es gelang ihm deshalb leicht, beide Gläser komplett aufzufüllen. Kaum war er fertig, erschien auch bereits Doktor Winter wieder im Zimmer. Sascha sah überrascht auf ihr neues Outfit. Sie trug ein sehr leichtes, weißes Gewand, welches vom Schnitt her sehr an die Kleidung von griechischen Göttinnen der Antike angelehnt war. Dieses Gewand betonte die weiblichen Rundungen der Ärztin ausgesprochen gut. Sascha war begeistert. »Mein Kompliment Frau Doktor! Das steht ihnen ja wirklich ganz ausgezeichnet.« Die Ärztin sah Sascha etwas verlegen an. Eine leichte Röte überzog jetzt ihr Gesicht. »Ich hoffe, meine Kleidung ist nicht allzu gewagt und ich irritiere sie nicht damit.« »Ganz im Gegenteil!« »Ich trage es abends sehr gerne, weil es so leicht und bequem ist. Es ist ein Mitbringsel von meinem letzten Griechenland Urlaub.« »Darf ich fragen, wo sie dort waren?« »Ich habe mit einer Freundin den gesamten Peloponnes abgegrast. Athen, Korinth, Mykene, Olympia und so weiter.« »Da war ich auch schon mal. Gerade im Tal der Könige, bei Mykene, hat es mich mal fast zerbröselt.« »Wie das?« »Ich war im Hochsommer dort und die Hitze hat mir mehr zu schaffen gemacht, als mir lieb war. Ich bekam einen Herzanfall und wurde in einer Praxis in Mykene sehr zuvorkommend und professionell behandelt. Dort agierte eine junge Ärztin, die mehrere Jahre in Deutschland Medizin studiert hatte. Dementsprechend sprach sie ausgezeichnet Deutsch und freute sich, mir helfen zu können. Ich habe ihr dann, als ich wieder in München war, noch eine kleine Anerkennung nach Mykene in die Praxis geschickt.« »Da haben sie wirklich Glück gehabt. Macht ihnen denn jetzt ihr Herz noch etwas zu schaffen?« »Eigentlich nicht. Ich lebe ja auch ziemlich gesund. Wie schon gesagt, kein Alkohol, kein Tabak und einigermaßen Bewegung.« »Gut. Kommen wir jetzt zu ihren Fragen. Legen sie los, Herr Sommer!« Frau Doktor Winter setzte sich quer auf die Couch und zog ihre Beine an ihren Körper heran. Sie wirkte in dieser Stellung jetzt sehr entspannt. Sascha nahm einen Schluck Weißbier und fing an. »Marcel und ich haben darüber gerätselt, warum Doktor Schultheiss ohne Skrupel einfach Menschen entführt und nach den illegalen Organentnahmen spurlos verschwinden lässt. Es scheint ihn überhaupt nicht zu stören, dass zum Beispiel Angehörige existieren, die nach dem oder der Vermissten durch die Polizei suchen lassen werden. Irgendwie muss er sich seiner Sache sehr sicher sein. Wir sind aber von der Überlegung ausgegangen, dass er keine eigenen Patienten als unfreiwillige Spender verwendet, denn dann würde man ihm schnell auf die Spur gekommen.« Die Ärztin nickte zustimmend. »Da ist was Wahres dran. Er muss Zuträger haben, die ihm die Spender mit den gewünschten Werten liefern, ohne dass man eine Verbindung zu ihm oder seiner Klinik ziehen kann.« »Wir haben übrigens einen Beweis, dass er auch selber bei der Auswahl eines Spenders aktiv war.« »Nicht möglich?« Andrea Winter sah Sascha ungläubig an.

»Es existieren Aufnahmen, auf denen man sieht, wie Doktor Schultheiss von einem jungen Mädchen eine Blut- und Gewebeprobe nimmt. Dieses Mädchen hat Marcel als die tote Spenderin aus der dubiosen Klinik erkannt. Sie hieß Sabrina und war erst achtzehn Jahre alt.« »Das ist ja ein Ding! Ist das auch tatsächlich wahr?« Sascha wurde etwas verlegen. »Nun gut. Ich selbst habe die Bilder noch nicht gesehen. Die Frau von Marcel Kruft, Sabine, hat in ihrem Fortbildungskurs eine Frau kennen gelernt, die wiederum eine nahe Bekannte bei der Polizei als vermisst gemeldet hat. Wie es der Zufall will, handelte es sich dabei um diese Sabrina. Wie sie dann zu den Bildern gekommen ist, wissen wir auch noch nicht.« »Dann sollten sie das aber schnellstens klären, Herr Sommer! Das ist doch ein super Beweismittel gegen Schultheiss.« »Wir sind dabei, die Bilder, die sich auf einer Chipkarte befinden, zu besorgen. Aber ich habe noch ein paar andere Fragen an Sie, Frau Doktor. Wer könnte die Kundschaft von Doktor Schultheiss sein? Wie läuft das eigentlich bei regulären Organtransplantationen ab?« Die Ärztin trank etwas Weißbier und nahm dann wieder ihre bequeme Stellung ein. »Normalerweise melden Kliniken, die ein Organ für einen Patienten benötigen, ihren Bedarf in einer europäischen Sammelstelle für Transplantationen an. Die Organisation nennt sich Eurotransplant und hat ihren Sitz in Leiden, Holland. Dort werden die Daten von Spendern gemeldet und per Computer die Werte des Spenders und des möglichen Empfängers verglichen. Auf diese Weise wird der bestgeeignete Patient ermittelt. Kriterien dafür sind zum Beispiel die Übereinstimmung von Gewebemerkmalen, die Berücksichtigung der genetischen Chance, sprich seltene Blutgruppe oder seltene Gewebemerkmale, die Wartezeit, die Entfernung zwischen dem Ort der Entnahme und dem Empfängerzentrum und noch einige andere Bedingungen.« »Was für Organe können denn eigentlich so verpflanzt werden?«

»Nun da sind Herz, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse, Niere und auch die Augenhornhaut.« »Wieviel Zeit hat man dann zur Übertragung?« »Von der Entnahme beim Spender bis zur Einsetzung beim Empfänger dürfen bei den meisten Organen höchstens drei Stunden vergehen.« »Interessant! Aus ihren Worten entnehme ich, dass die Zuteilung auch ein gewisses Glücksspiel ist.« »Glücksspiel würde ich das jetzt nicht nennen. Es gibt aber viel zu wenig Spender und damit viel zu wenig Organe. Insofern ist es schon ein gewisses Glück, ein passendes Organ zu finden und zugeteilt zu bekommen.« »Das könnte dann also der Grund sein, warum so eine Organ-Mafia illegale Transplantationen vornimmt. Ein Kunde, der es sich finanziell erlauben kann und auf normalem Weg keine Chance hat an ein geeignetes Organ zu kommen, wendet sich an diese Mafia und wird bestens versorgt.« »Ja, das wird so sein. Kollegen wie Schultheiss machen dann auch ihren finanziellen Schnitt. Ich habe ihnen ja meine Hilfe angeboten, Herr Sommer. Aber sind sie wirklich in der Lage, sich mit einer derartigen Mafia anzulegen? Ist das nicht viel zu gefährlich?« »Wahrscheinlich schon. Aber ich habe überhaupt kein Vertrauen in unser Rechtssystem mehr. Da wird viel zu viel verschleiert. Wenn der Schultheiss zum Beispiel einflussreiche Gönner hat, passiert ihm garantiert nichts.« »Vielleicht haben Sie da recht. Sie wollen also nicht die ganze Sache einfach auf sich beruhen lassen?« »Nein, auf keinen Fall.« »Na schön. Ich überlege schon die ganze Zeit, wie wir gegen Schultheiss vorgehen können. Wir müssten einen Lockvogel einsetzen. Jemand, der so tut, als würde er ein bestimmtes Organ benötigen und der sich hilfesuchend an die Mafia wendet.« »Leicht gesagt. Wer ist die Mafia? Wie sollen wir da rankommen? Zum Schultheiss direkt kann man ja wohl kaum gehen? Es muss aber irgendwo ein Netzwerk bestehen, denn sonst wüssten ja auch die anderen Organempfänger nicht, wie sie illegal an ihr benötigtes Organ kommen.« »Habe ich mir auch schon überlegt. Ein Knotenpunkt des Netzwerks ist aber bestimmt in der Schönheitsklinik von Schultheiss zu finden. Wie wäre es, wenn zum Beispiel ein Lockvogel in seiner Schönheitschirurgie erscheint und sich irgendetwas Belangloses richten lässt? Nebenbei erzählt der Lockvogel, dass ein naher Verwandter unbedingt ein Organ, sagen wir mal eine Niere, zum Überleben benötigt. Man müsste auch erwähnen, dass Eurotransplant derzeit nicht in der Lage ist, zu helfen. Dann sollte der Lockvogel auch durchblicken lassen, dass der Empfänger selbstverständlich bereit ist, eine hohe Summe für das Organ auszugeben.«

Sascha nippte an seinem Weißbierglas. »Hmmm, hmmm. Keine schlechte Idee. Aber wie geht es weiter? Außer dem Lockvogel, brauchen wir dann auch noch jemanden, der den Empfänger spielt. Dieser Schultheiss wird ja seine Werte aufnehmen müssen, um einen geeigneten Spender zu ermitteln. Dann ermittelt die Mafia diesen unfreiwilligen Spender, entnimmt ihm oder ihr das gewünschte Organ, setzt dann das Organ unserem Empfänger ein und beseitigt anschließend den armen Spender.« Die Ärztin schüttelte abwehrend den Kopf. »Soweit darf es natürlich niemals kommen. Sobald Schultheiss auf den Handel eingeht, muss er bereits hochgenommen werden.« »Im Grunde könnte es so laufen. Wir müssen das aber alles noch sehr viel detaillierter ausarbeiten. Wer macht den Lockvogel und wer mimt den Empfänger? Was ist, wenn Schultheiss bei seinen vorbereitenden Untersuchungen erkennt, dass der Empfänger organisch gesund ist?« »Da gibt es schon Mittel, einen Organschaden vorzutäuschen. Diese Einstellungen beim Empfänger würde ich selber vornehmen. Wie wäre es mit Ihnen als Empfänger, Herr Sommer? Doktor Schultheiss kennt sie ja noch nicht.« Sascha wurde es nun doch etwas mulmig. »Ich würde mich schon zur Verfügung stellen. Gar keine Frage. Brauchen wir nur noch eine Frau, die sich als Lockvogel in der Schönheitschirurgie vorstellt. Es sind ja wohl meist Frauen, die sich irgendetwas am Körper richten lassen. Ich muss da einmal mit Sabine reden. Vielleicht kennt die ja eine Freundin, die da mitmacht.« Die Ärztin schaute Sascha plötzlich sehr ernst und etwas unsicher an. »Herr Sommer, ich möchte Ihnen gerne das Du anbieten.« Sascha sah wieder einmal, wie ein leichtes Rot die Wangen von Frau Doktor Winter färbte. Er lächelte und sah ihr fest in die Augen. Ganz leise sagte er: »Ich freue mich sehr.« Er stand auf, nahm sein Weißbierglas und ging zu der nun schon fast auf dem Sofa liegenden Ärztin hin. Er nahm auch ihr Weißbierglas vom Tisch und reichte es ihr. Frau Doktor Winter richtete sich ein wenig auf und beide stießen die Gläser an. »Andrea.« »Sascha.« Sie nahmen jeder einen Schluck Weißbier. Sascha beugte sich zu der schönen Ärztin herunter. Er fand ihre warmen Lippen und die Zeit blieb für beide eine Weile stehen.

Sabine stieg aus ihrem Auto aus und ging zu dem großen Tor hinüber. Routiniert zog sie ihre Keycard hervor und steckte diese dann in den dafür vorgesehenen Schlitz im rechten Torpfeiler. Nach wenigen Sekunden war das übliche, leise Klicken zu vernehmen und die beiden Torflügel gingen langsam nach hinten auf. Nachdem sie ihre Keycard wieder eingesteckt hatte, stieg Sabine in ihren Wagen und fuhr durch das Tor auf die Villa zu. Hinter ihr schlossen sich die Torflügel leise. Heute war bereits der 20. April und Sabine überlegte, wie schnell die sieben Wochen, die sie hier arbeitete, doch vergangen waren. Der Job machte ihr eigentlich viel Spaß und er brachte vor allen Dingen gutes Geld. In den paar Wochen, hatte sie schon weit über 30.000 Euro verdient. Wenn sie die Unkosten und vor allen Dingen die Miete abrechnete, blieben ihr locker 20.000 Euro übrig. Dem Großvater hatte sie auch schon längst die 500 Euro Startkapital zurückgezahlt und ihm und der Oma zusätzlich ein sehr großzügiges Geschenk überreicht. Auf dem Parkplatz hinter der Villa stand wieder der Landrover von Ilona und mehrere andere PKW. Ausschließlich Mitarbeitern des Instituts gehörend. Kunden durften mit ihren Autos nicht auf das Villengelände. Als Sabine ausstieg, sausten die beiden Dobermänner freudig heran. Sabine bückte sich zu ihnen hinunter und streichelte beiden Hunden synchron über die Köpfe. »Na, Ihr zwei. Was treibt ihr denn so?« »Hast du Lust mit mir zu frühstücken, Sabine?« Ilona Elsen erschien oben auf der Treppenempore. »Sehr gerne, Ilona. Ich bin zu Hause noch zu nichts Gescheitem gekommen.« »Komm hoch. Bei dem schönen Wetter, können wir auf der Terrasse bleiben. Ich habe schon gehofft, dass du zustimmst und bereits für uns den Tisch decken lassen. Lass aber bitte die Hunde im Garten. Die sollen sich ruhig austoben.« Sabine bückte sich nach einem Holzzweig und zeigte diesen den Hunden. Diese verfolgten jede ihrer Bewegungen mit aufmerksamen Augen, dabei freundlich mit dem Schwanz wedelnd. Sabine holte aus und warf ihn weit in Richtung der Blumenbeete. Beide Dobermänner stoben davon. Sie ging zum linken Treppenaufgang und wurde dort von Ilona begrüßt. Nachdem sich beide Frauen an den Terrassentisch gesetzt hatten, erschien Evelyn und nahm weitere Bestellungen entgegen.

»Komm. Sabine. Kaffee können wir jetzt schon mal trinken.« Ilona schenkte zwei Tassen voll und reichte Sabine Milch und Zucker hinüber. »Ich hoffe, du hast ein wenig Zeit. Ich habe über deine Frage nach einem Lockvogel für Schultheiss

nachgedacht. Die Frauen, die hier arbeiten, kommen nicht in Frage, weil der Doktor sie vielleicht kennt. Mir ist eine alte Freundin eingefallen. Sie ist Lehrerin an einer Hauptschule. Ich kenne sie schon seit einigen Jahren. Wir haben viel zusammen unternommen. Schultheiss kennt sie sicher nicht, weil Iris mich hier nie besuchen kommt. Sie hat da so ihre moralischen Vorstellungen. Na ja, muss man halt akzeptieren. Aber sie ist sonst prima in Ordnung. Ein richtiger Kumpel.« »Und? Hast du sie schon gefragt?« »Ja, gestern. Ich habe mich mit ihr in der Stadt getroffen und die ganze Story erzählt. Zuerst war sie sehr betroffen. Sie fragte mich, ob ich wüsste, dass allein in Deutschland jährlich über fünftausend Menschen spurlos verschwinden.« »Spann mich nicht so auf die Folter. Hat sie nun zugesagt?« »Ja. Sie macht mit. Ich habe ihr gesagt, dass die Sache für sie nicht ganz ohne Risiko ist. Wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass Doktor Schultheiss Verdacht schöpft, kann es ihr natürlich auch an den Kragen gehen.« »Und sie macht trotzdem mit?« »Sie hat Mut. Hat sie schon immer gehabt. Deshalb ist sie ja auch eine meiner besten Freundinnen. Außerdem ist sie sehr intelligent. Wir brauchen einen cleveren Lockvogel, der unsere Botschaft gut rüberbringen kann.« »Was will sie sich denn in der Schönheitsklinik richten lassen?« »Ach, sie hat schon immer ein Problem mit einem Leberfleck unter ihrem Kinn. Den will sie sich wegmachen lassen.« »Und dann?« »Ich habe mit Iris abgemacht, dass wir uns alle morgen zu einer ersten Planungsrunde treffen. Dazu brauchen wir auch deinen Mann und den Freund deiner Schwiegermutter, diesen Sascha, der ja als Empfänger fungieren soll.« »Morgen? Ist zwar ein bisschen knapp, aber es passt ganz gut, weil ja Karfreitag und damit Feiertag ist. Du hast aber noch eine wichtige Person vergessen.« »Wen?« »Die Ärztin. Frau Doktor Winter. Sie will uns ja auch helfen und bei der Sache mitmachen.«

»Ja sicher. Ohne die geht es überhaupt nicht. Sie muss deinen

, ja was ist eigentlich dieser Sascha für dich?«

»Ich nenne ihn liebevoll, oder vielleicht doch etwas boshaft, den Ersatz-Opa, auf Tanja und Lara natürlich hin bezogen.« »So, so, auch nicht schlecht. Sascha wird ja von der Winter als Empfänger eingestellt. Er muss ein Organleiden simulieren. Ich kann mir dass nicht einfach vorstellen. Ich meine, diesen organischen Trick. Wir können nur hoffen, das die Ärztin in dieser Beziehung was drauf hat.« »Da solltest du mal diesen Ersatz-Opa hören. Der schwärmt von der Winter in den höchsten Tönen. Ich glaube fast, dass er ein Verhältnis mit ihr hat.« »Ist nicht wahr?« »Ich weiß es natürlich nicht genau, aber als Frau spürt man ja so etwas immer eher.« »Und was sagt deine Schwiegermutter dazu? Sascha ist doch ihr Lebensgefährte, oder?« »Die hat natürlich keinen blassen Schimmer. Wie gesagt, ich weiß ja auch nicht, ob es stimmt. Ich vermute es nur.« Evelyn trat auf die Terrasse und brachte die Frühstücks-Utensilien herbei. »Danke Evelyn. Du kannst uns noch mal eine Kanne Kaffee kochen.« Evelyn deutete einen kleinen Knicks an und ging in die Villa zurück. »Greif zu, Sabine. Alles vom Feinsten. Am Besten ist diese selbst gemachte Kirsch-Marmelade und natürlich die frischen Semmeln. Ich lasse sie mir jeden Morgen von einer um die Ecke liegenden Bäckerei liefern.« Die beiden Frauen vertieften sich in ihr Frühstück. Nach einer Weile wandte sich Sabine wieder an Ilona. »Was machen wir jetzt mit diesen Bildern von Sabrina und Schultheiss? Marcel, Sascha und auch die Ärztin wollen sie unbedingt sehen.« Ilona schüttelte abwehrend ihren Kopf. »Das geht eben nicht. Wir können denen doch nicht Sonja in voller Aktion in ihrem Appartement zeigen. Die dominante Ärztin Sonja mit der devoten Krankenschwester oder Patientin Sabrina und den aktiven oder passiven Schultheiss. Da bekommst du mit Sicherheit immense Schwierigkeiten.« »Ich weiß, ich weiß. Das ist ja der Mist. Was wäre, wenn wir nur ein Bild hernehmen und daraus genau den Part auf ein neues Bild kopieren, auf dem Doktor Schultheiss Sabrina die Blutprobe und etwas Gewebe entnimmt?« »Ich weiß nicht, Sabine. Man sieht ja trotzdem fast den ganzen Raum dahinter und damit die Utensilien. Frau Doktor Winter wird sich wundern, welche altmodischen Behandlungsgeräte da herumstehen und herumhängen.« »Da hast du recht. So geht es nicht. Wir dürfen also die Bilder nicht weitergeben. Müssen wir uns halt noch eine Ausrede einfallen lassen.«

Ilona Elsen schaute auf. »Was ist, Cindy?« Das zweite Dienstmädchen war unauffällig an ihren Tisch getreten. »Entschuldigen sie bitte die Störung, Frau Elsen. Es ist Kundschaft für Frau Kruft da.« Sabine sah auf ihre Armbanduhr. 9 Uhr 45. Plötzlich nervös geworden, trank sie schnell ihren Kaffee aus. »Ich muss dann, Ilona. Ich komme nachher noch einmal vorbei, um den genauen Termin für morgen mit dir abzusprechen.« »Ist gut. Wen hast du denn?« »Ach, Frau Reuter. Die Ballett-Leiterin.« »Oha. Dein erstes Mal? Ich meine mit einer Frau?« »Ja.« »Viel Erfolg Sabine.« »Danke. Kann ich gut gebrauchen.«

Harald von Hohenstein erhob sich von seinem Platz und nahm das Mikrofon entgegen, das ihm einer seiner Parteifreunde reichte. »Meine lieben Freunde. Der Wahlausgang hat gezeigt, dass wir gegen die etablierten Parteien überhaupt keine Chance gehabt haben. Gut, einige unserer strategischen Planungen sind nicht so umgesetzt worden, wie wir das im Vorfeld ausführlich besprochen hatten. Das darf bei den anstehenden Landtagswahlen im nächsten Jahr auf gar keinen Fall wieder passieren. Obwohl ich weiß, dass ein großer Teil von Euch sich vehement in unsere Parteiarbeit hineinkniet, müssen wir doch alle noch viel mehr Einsatz zeigen. Das gilt natürlich auch für mich selbst. Wir müssen diese unzufriedenen Wähler mit unseren Botschaften endlich erreichen. Die größte Partei sind zur Zeit sowieso die Nichtwähler. Das sind doch zum großen Teil die Bürger, die den etablierten Parteien, nach den ganzen aufgedeckten Affären, nach den ganzen Lügen, überhaupt nicht mehr über den Weg trauen, oder die schon resigniert haben, weil keiner dieser Politiker ihre Sorgen und Nöte wahrhaftig in die Hand nimmt. Wir müssen da ran an diese Unzufriedenen. Die Deutsche-Interessen-Partei muss die Heimat für all diese Alleingelassenen werden. Wir werden die Ängste unserer Mitbürger ernst nehmen und nicht vor unseren Lobbyisten und den Bürokraten in Brüssel kuschen. Nehmt doch zum Beispiel nur einmal die Erweiterung der Europäischen Union her. Nach einer EU-Studie unabhängiger Wissenschaftler kommen allein aus Mittel- und Osteuropa über 330.000 Einwanderer pro Jahr in den Westen. Davon lassen sich etwa 220.000 in Deutschland nieder. Schon allein wegen der Grenznähe. Unser Arbeitsmarkt und vor allen Dingen unser Sozialsystem wird damit noch mehr überlastet. Das sind doch keine Computer-Experten, Ingenieure oder ausgebildete Fachkräfte, die zu uns kommen, das sind zu einem großen Prozentsatz reine Wohlstands-Auswanderer, die glauben in Deutschland fliegen ihnen die gebratenen Tauben in den Mund. Nachdem wir Deutschen uns unseren Wohlstand seit Generationen durch harte Arbeit, Zuverlässigkeit und Fleiß erworben haben, ist es überhaupt nicht einzusehen, dass irgendwelche Zugereisten unsere mühsam errungenen, sozialen Sicherungssysteme noch weiter ausplündern. Die anderen Parteien trauen sich natürlich nicht ihr Maul aufzumachen. Immer mit der Klausel ausländerfeindlich zu sein, wenn man die Realitäten anspricht, ducken sie sich vor einer ganz bestimmten Lobby im In- und Ausland. Wie gesagt, wir haben nichts gegen Ausländer. Wir haben nur etwas gegen die Ausnutzung unseres sozialen Sicherungssystems von Leuten, die selber nie einen müden Euro dazu beigetragen haben. Wir haben auch noch nicht zuviel Ausländer in Deutschland. Wir haben nur zum großen Teil die falschen Ausländer in Deutschland. Die ausgebildeten Fachkräfte kommen nicht zu uns. Die bleiben entweder in ihrem Land, weil sie auch da guten Lohn für ihre Arbeit bekommen, oder sie gehen in die USA. Zu uns kommen fast nur die Sozial-Schmarotzer. Ich sage aber auch, dass ebenfalls ein Großteil der deutschen Arbeitslosen überhaupt kein Interesse hat, wieder eine Arbeit aufzunehmen, weil das Arbeitslosengeld oder nachher die Sozialhilfe, fast genau so viel ist, wie ihnen netto übrig bleibt, wenn sie normal einen Job annehmen würden. Da müssen wir auch etwas ändern, meine lieben Freunde. Es geht nicht an, dass all die fleißigen Mitbürger diese Herumlungerer noch förden. Bei uns gibt es keine Arbeitslosigkeit. Wer keine Arbeit in der Industrie, im Gewerbe oder beim Staat bekommen kann, wird für gemeinnützige Aufgaben eingesetzt. Anstatt Arbeitslosengeld gibt es dann Lohn vom Staat. Wer eine zumutbare Arbeit nicht annimmt, bekommt gar nichts mehr. Und zumutbar, meine lieben Freunde, ist jede Arbeit! Herumlungern auf Kosten der Allgemeinheit gibt es bei uns mit Sicherheit nicht mehr!«

Harald von Hohenstein schaute sich in dem kleinen Saal um. Wie gebannt hingen die Blicke seiner Parteigenossen an seinen Lippen. Ja, so musste es sein.

Der Hirschgarten war gut besetzt. Für einen Tag im April sogar sehr gut. Dieser Karfreitag glich eher einem Sommertag. Sabine, Marcel und Sascha hatten sich einen Tisch direkt vor der Gaststätte ausgesucht. Im Gegensatz zu den meisten anderen Tischen im Garten, wo man sich seine Brotzeit und Getränke selbst besorgen musste, wurde man hier von Bedienungen versorgt. Sabine hatte sich extra so gesetzt, dass sie einen guten Blick auf den Haupteingang des Biergartens hatte. Wenn Ilona auftauchte, würde sie dies gleich bemerken. Sie hatten zwar zuvor verabredet in der Nähe der Gaststätte einen Platz einzunehmen, aber wenn viele Menschen im Biergarten waren, konnte das Auffinden von Personen manchmal sehr lange dauern. »Der Karfreitag ist auch nicht mehr das, was er früher war.« Sascha lehnte sich bequem zurück. »Wie war er denn früher?« Marcel nahm einen Schluck Augustiner Weißbier. »Ich denke da nur an meine Ministranten Zeit zurück. Da war man Karfreitag und über Ostern voll im Einsatz. Und auch allgemein wurde nicht so viel Freizeit gelebt wie heute. Die Kirche stand da noch viel mehr im Vordergrund. Heute wird Karfreitag von den meisten Menschen praktisch nur noch als willkommener, zusätzlicher Urlaubstag gesehen. Man muss sich nur mal die Blechlawinen anschauen, die sich hauptsächlich vom Norden unserer Republik nach dem Süden bewegen. Vor Feiertagen wird das deutsche Volk zum fahrenden Volk.« Marcel nickte. »Fahrend wäre ja noch ganz gut. Meist ist das Ganze doch nur noch ein großer Stau.« »Da ist sie ja!« Sabine sprang auf und winkte Richtung Biergarteneingang. Ilona Elsen sah sich aufmerksam um. Als sie Sabine bemerkte, sagte sie etwas zu der Frau neben sich und beide kamen zum Tisch. Sabine ging zu Ilona hin. Sie umarmten sich und gaben sich gegenseitig einen Kuss auf die Wange. Ilona deutete auf die Frau neben sich. »Darf ich vorstellen? Das ist Iris. Iris, das ist Sabine.« Nachdem sich auch die anderen gegenseitig bekannt gemacht hatten, nahmen alle am Tisch Platz. Sabine schaute auf ihre Armbanduhr. »Schön, dass ihr pünktlich seid. Jetzt fehlt nur noch Frau Doktor Winter. Du hast ihr doch richtig Bescheid gesagt, Sascha?« »Natürlich. Ich beobachte schon die ganze Zeit den Hauptweg. Sie wollte von der anderen Parkseite kommen.« Marcel sah heimlich bewundernd Ilona von der Seite an. So eine attraktive Frau. Donnerwetter, wen Sabine alles in ihrem Kurs kennen lernte. Iris dagegen machte eher einen biederen Eindruck. Hübsch war sie schon auch, aber längst nicht so herausragend wie Ilona Elsen. Sascha winkte der Kellnerin. Diese bewegte sich daraufhin nicht gerade schwungvoll zu ihrem Tisch. »Was darf’s denn sein?« Ilona und Iris bestellten jeweils eine Maß Augustiner Edelstoff. Sabine und Marcel nahmen Weißbier und Sascha orderte noch einmal eine Maß Augustiner alkoholfrei. »Wir haben Riesenglück mit einem Parkplatz gehabt. In der De-La-Paz-Straße schleppen sie schon die falsch parkenden Autos ab.« Ilona zog ihr Jackett aus und hängte es hinter sich an der Stuhllehne auf. »Gute Idee, es ist ja richtig heiß heute.« Iris zog ebenfalls ihre Kostümjacke aus.

Sabine entgingen die bewundernden Blicke, die Marcel Ilona zuwarf, nicht. Gott sei dank hatte sie ihre Mutter heute zur Betreuung von Tanja und Lara aktivieren können. Diesen Vorteil musste sie sich leider damit erkaufen, dass ihre Mutter dies als Einladung aufgefasst hatte, die gesamten Osterfeiertage bei ihnen im Haus zu verbringen. Na was sollte es. Dann hatte sie wenigstens ein bisschen mehr Zeit für sich selbst. Sie wandte sich an die Runde. »Sollen wir mit der Besprechung noch warten, bis die Winter antanzt, oder legen wir gleich los?« Sascha schüttelte abwehrend den Kopf. »Wir warten. Sonst müssen wir alles doppelt besprechen.« »Wie der Herr befiehlt!« Sabine warf einen bösen Blick zu Sascha hinüber. Marcel begann ein Gespräch mit Ilona. »Wie geht es Ihnen denn so im Kursus?«

ach so ja, der Kursus! Ja wie es einem so ergeht, wenn man mit etwas konfrontiert wird, was

man bis dahin noch nicht gekannt hat.«

»Im Kursus? Was für ein

»Hoffentlich lernen sie ein bisschen fleißiger als Sabine. Die habe ich zu Hause noch nie mit einem Lehrbuch in der Hand gesehen.« Ilona warf Sabine einen schnellen Blick zu. »Marcel. Ich darf Sie doch Marcel nennen?« »Ja, gerne. Natürlich.« »Also Marcel, Sabine ist eine der fleißigsten Schülerinnen. Da kommen wir alle nicht mit. Dagegen bin ich direkt faul. Sie gibt im Kursus alles. Da ist es doch klar, dass sie zu Hause mal ihre Ruhe vor dem Lernstress haben will.« Marcel winkte ab. »Wenn sie damit klarkommt, mir soll es nur recht sein.« Sabine sah Marcel wütend an. »Du brauchst hier gar nicht über mich rum zu mosern. Den ganzen Abend hängst du am PC oder schaust dir irgendwelche blöde Shows im Fernsehen an, während ich mich auch noch um die Kinder und den Haushalt kümmern muss.« Gerade als Marcel spitz antworten wollte, erschien die Bedienung und stellte die Getränke auf den Tisch. »Kassieren tu ich nachher. Habt ihr noch einen Wusch?« Alle schüttelten verneinend den Kopf und die Bedienung verschwand wieder. »Da kommt Andrea.« Sascha stand auf und schlängelte sich neben den Tischen und Stühlen in Richtung der Brotzeitstandl durch. Alle sahen, wie sich die Ärztin und Sascha zur Begrüßung einen Kuss gaben. Sascha nahm Andreas rechte Hand in seine linke Hand und führte sie zum Tisch, von dem die anderen ihnen neugierig entgegen sahen. Ilona stieß einen anerkennenden, leisen Pfiff aus und sah Sabine bedeutungsvoll an. Auch Sabine war die ungewöhnliche Attraktivität von Andrea Winter gleich aufgefallen. Wie kam ein alter Depp wie Sascha zu so einer bildhübschen, jungen Freundin? Er hatte die Sache mit Marcel anscheinend sehr zu seinem Vorteil genutzt. Sascha hatte inzwischen mit der Ärztin den Tisch erreicht. »Darf ich euch Frau Doktor Andrea Winter vorstellen?« Alle machten eine begrüßende Hand- oder Kopfbewegung. »Komm Andrea, neben mir ist noch ein Stuhl frei.« Die Ärztin ging aber zuerst zu Marcel hin. »Hallo, Herr Kruft. Ich erkenne sie tatsächlich wieder. Auch wenn es damals bei uns in der Aufnahme ein bisschen hektischer zuging, und ihr Aussehen, na sagen wir mal, ein wenig desolater war.« Sie gab Marcel die Hand, die dieser fest drückte. »Noch einmal vielen Dank für die Hilfe damals, Frau Doktor.« »Keine Ursache, Herr Kruft. Ist ja mein Job. Aber was danach mit ihnen passiert ist. Alle Achtung, dass sie da wieder so sauber rausgekommen sind.« Die Ärztin setzte sich neben Sascha, der auch sofort wieder das Wort ergriff. »So. Nachdem wir nun alle beisammen sind, schlage ich vor, dass wir uns ab sofort alle duzen. Das macht die Konversation erheblich leichter und beseitigt unnötige Hemmschwellen. Alle einverstanden?« Zustimmendes Gemurmel. »Wer soll den Taktschläger für unser Gespräch spielen? Wenn ihr einverstanden seid, übernehme ich das für diese Runde.« Erneutes zustimmendes Gemurmel. »Bis jetzt ist noch nichts passiert. Ich meine jetzt uns persönlich. Abgesehen von der Entführung von Marcel und dem tragischen Tod von Sabrina, können wir die Sache noch immer auf sich beruhen lassen, oder die Polizei auf die Fälle ansetzen. Wir müssen uns im Klaren sein, dass wir uns mit einer kriminellen Organisation anlegen werden.« Sascha sprach extra gedämpft, um nicht die Leute an den Nachbartischen auf das Thema aufmerksam zu machen. Ilona hob leicht ihre rechte Hand. »Für mich gibt es in diesem Fall keine Polizei. Ich werde Sabrina persönlich rächen. Wenn es sein muss, auch allein. So heroisch sich das jetzt auch anhören mag. Meine Erfahrungen mit der Polizei und vor allen Dingen mit der Justiz schließen deren Beteiligung absolut aus.« Sabine schüttelte abweisend ihren Kopf. »Ich für meinen Fall bin eigentlich dafür, dass wir nichts weiter unternehmen. Entschuldige Ilona, aber ich habe eine Familie mit kleinen Kindern und die kommen immer noch vor irgendwelchen Rachegefühlen.« Marcel nahm einen Schluck aus seinem Weißbierglas. »Du musst ja auch gar nicht mitmachen, Sabine. Höchstens als koordinierende Station. Anrufe entgegennehmen und weiterleiten und so. Aber an die Front, sprich Kontakt mit der Organ- Mafia aufnehmen, musst du nicht.« »Ich weiß. Aber es reicht schon, dass du da mitmischen willst. Sei doch froh, dass du letztlich so glimpflich davongekommen bist. Beim nächsten Mal geht es vielleicht schief. Du hast schließlich auch eine Verantwortung gegenüber deiner Familie.« »Langsam, langsam.« Sascha mischte sich wieder ein. »Direkt beteiligt sind erst einmal nur Iris und ich. Wobei mein Part wahrscheinlich der Unangenehmste ist. Ich habe ja großes Vertrauen zu dir, Andrea, aber wenn Schultheiss nur irgendwie auffällt, dass er gelinkt werden soll, kann ich in Teufels Küche geraten.«

Andrea nickte. »Ein Restrisiko bleibt immer. Ich verstehe zwar mein Handwerk, aber es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass ein erfahrener Arzt etwas bemerkt. Ein Nierenschaden ist zwar relativ einfach vorzutäuschen, aber eine hundertprozentige Sicherheit kann ich dir auch nicht garantieren.« Sascha sah Andrea überrascht an. »Niere? Hast du dich da schon festgelegt?« »Ja. Ich bin alle Möglichkeiten durchgegangen. Sicher, Herz wäre auch möglich gewesen, aber ich denke, dass auch für die Mafia eine geeignete Niere leichter zu besorgen sein wird und sie deshalb auch eher auf unseren Lockruf eingehen werden. Außerdem, wenn aus irgendwelchen Gründen tatsächlich etwas schief geht und du operiert werden solltest, ist eine Nierentransplantation nicht annähernd so gefährlich wie eine Herztransplantation.« Sascha wurde etwas blass im Gesicht. »Du machst mir Spaß, Andrea! Zur Operation darf es natürlich nicht kommen, egal bei welchem Organ. Das wäre ja noch schöner!« Andrea lächelte, ergriff Saschas Hände und drückte sie fest. »Entschuldigung, ich wollte dich nicht erschrecken, aber ich habe im Leben gelernt, alle Möglichkeiten ins Auge zu fassen. Dazu gehört nun einmal auch der unwahrscheinliche Fall, dass alles total schief läuft und du auf dem Operationstisch landest. Aber mach dir mal keine unnötigen Sorgen. Es wird schon nichts schief gehen.« Sascha wirkte plötzlich überhaupt nicht mehr überzeugt. Er versuchte Andrea anzulächeln, aber irgendwie merkten alle, dass er plötzlich Bedenken über seine Rolle bekommen hatte. Die Hauptschullehrerin Iris lehnte sich etwas vor. »Wenn ich dort meine Schönheitsoperation durchführen lasse, woher weiß ich, dass dieser Doktor Schultheiss mich operiert? Ich meine, in so einer Klinik gibt es doch sicher mehrere Ärzte.« Sascha schüttelte den Kopf. »Es ist klar, dass du dich bei der Anmeldung zur Operation darauf berufst, nur von Doktor Schultheiss operiert zu werden, weil das der beste Chirurg sein soll. Du musst natürlich als Privatpatientin auftreten. Er wird dann sowieso mit dir ein Vorgespräch führen und alle Voruntersuchungen veranlassen.« Ilona nickte. »Iris, ich habe dir ja auch schon gesagt, dass ich die Operationskosten übernehmen werde. Du hast von dieser Sache tatsächlich auch persönlich etwas.« »Stimmt. Dieses Muttermal stört mich schon seit meiner Kindheit. Ich bin froh, wenn es endlich beseitigt ist. Aber ich hätte auch sonst mitgemacht. Du kennst mich ja.« »Sicher. Du bist halt doch meine beste Freundin.« Sascha schaute Iris nun doch etwas genauer an. Das Muttermal unter ihrem Kinn war kaum zu erkennen. Hoffentlich dachte der Chirurg nicht genauso. »Ich habe mir einen Plan ausgedacht, den ich mit euch abstimmen möchte.« Ilona sah zu Sascha hin. »Was hast du eigentlich von der Sache? Mir ist immer noch nicht ganz klar, wieso du dich da so rein hängst? Bei Marcel ist das etwas anderes. Er war schließlich selber Opfer.« Sascha wirkte plötzlich nachdenklich. »Ja, warum eigentlich? Gute Frage. Ich meine, ich gehöre doch inzwischen irgendwie zur Familie Kruft und sehe in Marcel eigentlich einen guten Freund. Außerdem möchte ich dieser Mafia unbedingt eins auswischen. Mal schauen, ob man im Leben genug gelernt hat, um solchen Strolchen für immer das Handwerk zu legen.« Iris lächelte fast boshaft. »Sehr edel. Herzlichen Glückwunsch, Frau Doktor Winter, äh, ich meine Andrea, zu solch einem mutigen Ritter.« Die Ärztin wurde leicht rot im Gesicht. Verlegen schaute sie in ihren Bierkrug. Marcel mischte sich ein. »Wir können froh sein, wenn uns Sascha überhaupt hilft! Ich jedenfalls würde ohne ihn in der Sache nicht weitermachen.« Ilona griff in das Gespräch ein. »Wie auch immer. Los Sascha, erzähl uns deinen Plan.« »Gut. Also passt auf.«

Die Klinik war leicht zu finden. Sie lag an einer Nebenstraße der Münchner Straße im Fürstenrieder Wald. An der Münchner Straße standen mehrere Schilder, die auf die Einfahrt zur Klinik hinwiesen. Der weiße Neubau hatte nur ein Stockwerk und war U-förmig angeordnet. Die beiden Schenkel des U gingen bis zur Straße, während die Basis des Gebäudes fast an die vorderen Bäume des Waldes anstieß. Es gab nicht sehr viele Parkplätze für Besucher und diese waren alle besetzt. Iris stellte ihren Wagen einfach auf einen mit Nummernschild reservierten Parkplatz ab. Mit gemischten Gefühlen betrat sie den Haupteingang der Klinik. Links in der großzügigen Eingangshalle befand sich die Rezeption. Alles war sehr geschmackvoll eingerichtet und vermittelte einen sauberen, luxuriösen Eindruck. Überall standen große Pflanzenkübel, mit teilweise exotischen Gewächsen und sogar ein kleiner Teich mit Springbrunnen war in der Mitte des Forums angelegt. In der

Rezeption sah sie zwei Frauen an Computern arbeiten. Sie ging zu der thekenartigen Holzabschirmung, die die Rezeption von der Eingangshalle trennte und wartete. Eine der uniformierten Frauen hob ihren Kopf und als sie Iris gewahr wurde, stand sie auf und kam mit einem freundlichen Lächeln näher. »Was kann ich für Sie tun?« »Ich möchte mich hier nach einem Operationstermin erkundigen.« »Waren sie denn schon einmal bei uns?« »Nein. Ich habe von einer Freundin von dieser Klinik erfahren und habe mich über Ostern dazu entschlossen, hier eine kleine Schönheitskorrektur vornehmen zu lassen.« »Ach so, sie haben sich noch gar nicht bei uns angemeldet?« »Bisher nicht. Ich wollte mir erst einmal ein Bild von dieser Klinik machen. Ich muss sagen, der erste Eindruck ist äußerst positiv.« »Danke. Wir bemühen uns unseren Patienten den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich zu gestalten. Darf ich fragen, welche Art Operation sie bei sich vornehmen lassen wollen?« »Mein Muttermal, hier unter dem Kinn.« Iris legte leicht ihren Kopf in den Nacken und zeigte auf das Mal. »Ich möchte es entfernen lassen. Es stört mich schon sehr lange und jetzt an Ostern wurde es mir zu bunt und ich habe mich zu der Entfernung entschlossen.« »Ein Muttermal? Da haben wir jetzt ein Problem. Wissen sie, dass wir hier eigentlich andere Operationen vornehmen?« »Nein, welche denn?« »Nasen-, Lippen-, Augenlid-, Ohrmuschel-Korrekturen. Sowie Facelifting, Brustvergrößerungen, Bruststraffungen, Brusthebungen und Fettabsaugungen. Natürlich auch noch ein paar andere Sachen.« »Tja, da bin ich hier wohl tatsächlich am falschen Ort.«

»Nun mal langsam, Frau

»Engel. Iris Engel.« »Also Frau Engel, so schnell sollten sie nun doch nicht die Flinte ins Korn werfen. Ich schaue mal eben in meinen Computer, ob wir hier schon einmal eine derartige Operation durchgeführt haben. Moment mal, bitte.« Die junge Krankenschwester ging zu ihrem Arbeitsplatz zurück und tippte ein paar Befehle über die Tastatur ein. Dann nahm sie die Computermaus zur weiteren Bearbeitung. Iris konnte von ihrem Platz nicht den Bildschirminhalt erkennen. Nach etwa drei Minuten kam die Schwester zu Iris zurück. »Nein, so eine Operation ist tatsächlich nicht aufgezeichnet. Außerdem haben wir noch ein weiteres Problem. Wann wollten sie denn die Operation durchführen lassen, Frau Engel? Wir sind hier immer so gut wie ausgebucht.« »Am besten sofort. Wenn ich mich mal endlich zu etwas entschließe, dann muss es möglichst auch sofort passieren.« Die Schwester machte eine abwehrende Handbewegung. »Sofort geht es auf gar keinen Fall! Jetzt ist diese Operation wahrscheinlich zwar kein so großes Problem, aber trotzdem müssen ein Vorgespräch und diverse Untersuchungen im Vorfeld geleistet werden. Ich schaue noch mal schnell auf den Terminplan. Noch einen Moment, bitte.« Während Schwester Monika wieder zu ihrem Computer ging, drehte Iris sich ein wenig um und erschrak fürchterlich. Hinter ihr stand eine Mumie. Oder der Kopf sah wenigstens wie die einer Mumie aus. Voll bandagiert, waren nur für die Augen, Mund und Nase kleine Öffnungen gelassen worden.« »Ja was gibt es denn, Frau Weber?« Die andere Krankenschwester von der Rezeption war herangekommen. Schwester Heike, wie das Schild auf ihrer Brust auswies. Aus dem Mumienkopf drangen dumpfe Laute. Iris musste sich anstrengen, um die paar Worte überhaupt zu verstehen. Schwester Heike schien da besser klar zu kommen. »Ja, Frau Weber, sie bekommen gleich ihre Beruhigungsmittel, dann können sie auch wieder besser schlafen. Sie sollten aber hier nicht so herumlaufen. Ich sage Schwester Ingrid auf ihrer Station Bescheid. Die kommt dann gleich bei Ihnen vorbei. Gehen sie jetzt bitte in ihr Zimmer zurück.« Iris sah, wie die Patientin langsam zu der linken Tür des Atriums ging. »Diese Weber! Lässt sich den ganzen Kopf richten und wundert sich, dass die Heilung so lange dauert. Sie sind wohl sehr erschrocken?« Schwester Monika deutete in die Richtung, in die Frau Weber gegangen war. »Ja bin ich. Es war so unvorbereitet.« »Dann möchte ich mich bei Ihnen dafür entschuldigen. Aber unsere Klinik legt Wert darauf, dass sich die Patienten überall frei bewegen können. Außer in den OP’s natürlich. So jetzt zu Ihnen Frau Engel. Sie haben Glück. Morgen fällt ein OP-Termin flach. Ich werde mal gleich Doktor Franz anrufen, ob er sie als Ersatz dran nimmt.«

Ehe Iris etwas sagen konnte, ging Schwester Monika zu ihrem Telefon und drückte auf eine Schnellruftaste. Es vergingen nur wenige Sekunden bis die Verbindung zu Stande kam. »Doktor Franz? Hier ist Monika von der Rezeption. Ich habe gerade gesehen, dass sie morgen eine OP storniert haben. Hier bei mir ist eine Patientin, die sich ein Muttermal am Kinn entfernen lassen möchte. Wie sieht es aus?« Schwester Monika hörte sich kurz die Antwort an und legte dann den Hörer auf. Sie kam zu Iris zurück. »Ja. Geht klar. Der Doktor nimmt sie rein. Da haben sie tatsächlich viel Glück gehabt. Normalerweise haben wir Wartezeiten von bis zu zwei Monaten.« »Äh, ich habe von meiner Freundin eigentlich Doktor Schultheiss empfohlen bekommen.« Schwester Monika runzelte etwas die Stirn. »Doktor Schultheiss? Ja, da muss ich sie jetzt leider enttäuschen. Unser Klinikleiter arbeitet seit mehreren Wochen wieder in unserer Partnerklinik in Griechenland.« »In Griechenland?« »Ja auf Rhodos. In Rhodos Stadt genauer gesagt. Dort haben wir eine internationale Kundschaft. Viele Frauen verbinden ihre Schönheitsoperation mit einem anschließenden Urlaub, oder ihren Urlaub mit einer Schönheitsoperation. Wie man es auch sehen will. Ist ja auch irgendwie praktisch. Was ist? Ist Ihnen nicht gut?« Iris hatte sich schwer gegen die Rezeption gelehnt. »Doch, doch. Ich überlege nur gerade. Wann soll ich denn morgen kommen?« »Am besten so gegen 8 Uhr in der Früh. Nüchtern, wegen der Blutabnahme.« »Gut. Ich werde pünktlich sein. Muss ich irgendetwas mitbringen oder etwas besonderes beachten?« »Nein. Ich möchte jetzt noch kurz ihre Daten aufnehmen. Wenn sie bitte diesen Vordruck ausfüllen würden, Frau Engel.« »Ja sofort. Da fällt mir ein, dass ich ja draußen auf einem reservierten Parkplatz stehe. Es war kein anderer Platz mehr frei.« »Ach, das ist egal. Übrigens haben wir hier eine Tiefgarage. Die Einfahrt ist im linken Kliniktrakt.« »Oh pardon, da habe ich nicht darauf geachtet.« »Macht nichts. Hauptsache ist, dass sie es sich für morgen merken. Haben sie ihre Krankenkassenkarte dabei, Frau Engel?« »Natürlich. Aber ich bin privat versichert.« »Ach so. Dann erübrigt sich das ja. Sie bekommen die Liquidation dann nach Hause geschickt. Füllen sie jetzt bitte das Anmeldeformular aus. Wenn sie ihre Blutgruppe wissen, tragen sie die gleich mit ein, aber sie wird aus Sicherheitsgründen sowieso noch einmal ermittelt. Vergessen Sie auch möglichst keine eventuellen Krankheiten oder Operationen. Wenn sie etwas nicht mehr genau wissen, machen Sie lieber ein Fragezeichen, als das Feld leer zu lassen. In Doktor Franz bekommen sie einen ausgezeichneten Chirurgen. Er vertritt Doktor Schultheiss mit Sicherheit gut.«

Am Freitag dem 11. August 1950 ging die Sonne um 5:01 Uhr auf und um 19.36 Uhr wieder unter. Um 14:35 wurde in der Söckinger Klinik am Starnberger See ein neuer Mensch geboren. Das Baby blinzelte freundlich in die neue Welt. Das Mädchen wurde später auf den Namen Angelika getauft und war die Tochter von Josef und Irmgard Ulitzka geb. Lorenz.

Ungläubig schauten Millionen Fernsehzuschauer auf die Szene, die ihnen live nach Hause übertragen wurde. Die Talkshow am Sonntagabend war fast an ihrem Ende angelangt, als plötzlich mehrere Gestalten in die Objektive der Studiokameras gerieten. Jeweils eine Gestalt stellte sich hinter einen der sechs Teilnehmer der Talkrunde und setzte den Lauf einer Maschinenpistole an den Kopf der vor ihm sitzenden Person an. Hinter der Moderatorin tauchte eine hochgewachsene, langhaarige, blonde Frau auf und hielt ihr ebenfalls eine Waffe an den Kopf. Während die anderen Eindringlinge durchweg vermummt waren, war die noch junge Frau auffallend leicht bekleidet, was die Vorzüge ihres sehr weiblichen Körpers gut zur Geltung brachte. Die blonde Frau ergriff auch sofort das Wort. »Mein Name ist Jessica. Rühren sie sich bitte nicht von ihrem Platz. Keinem wird etwas geschehen, wenn er sich an meine Anweisungen hält. Jede von mir nicht erlaubte Aktion wird allerdings sofort mit der Waffe beantwortet. Wir gehören zu einer Gruppe, die endlich der Wahrheit über die innerdeutschen Verhältnisse zu ihrem öffentlichem Recht verhelfen möchte. Die folgenden Worte sind an die Regie gerichtet. Sollten sie versuchen die Live-Sendung zu unterbrechen, werden ihre Talkgäste und ihre Moderatorin diese Abschaltung nicht überleben.« Man sah, wie die Moderatorin der Sendung bleich im Gesicht wurde. Sie wollte etwas zu der blonden Frau hinter sich sagen. Diese schnitt ihr aber sofort das Wort ab.

»Sie hatten heute Abend Gelegenheit genug, endlich mal ungeschminkte Antworten Ihrer Talk-Gäste zum Thema Ausländer in Deutschland zu bekommen. Sie haben diese Möglichkeit, wie so häufig in ihren Sendungen, nicht genutzt. Jetzt werde ich die Fragen stellen! Ausschließlich an unseren Innenminister, der mal wieder vor lauter Diplomatie und Angst vor der Reaktion gewisser Interessengruppen nichts aussagen wollte. Sie fordern ihn nicht durch detaillierte Fragen, verehrte Moderatorin. Ich werde das nun an Ihrer Stelle nachholen. Die anderen Mitglieder dieser Talkrunde verhalten sich bitte während meiner Fragen und den Antworten des Innenministers still.« Eine Kamera wurde nun auf den Innenminister gerichtet, die ihn mit hochrot angelaufenem Gesicht zeigte. Plötzlich wurde das Fernsehbild dunkel und es war nur noch Schneegestöber zu sehen. Dann erschien eine Schrift mit der Meldung Störung. Wir bitten um etwas Geduld. Nach etwa 5 Minuten flackerte das Bild zuerst, dann wurde es wieder stabil und man sah erneut die Gesprächsrunde. Die Kamera zoomte auf die blonde Frau, die nach wie vor ihre Waffe an den Kopf der Moderatorin hielt. Jessica übernahm wieder das Wort. »Ich hatte Sie gewarnt. Beim nächsten Versuch gibt es ein Blutbad.« Sie machte eine Kopfbewegung nach links. Eine Kamera übernahm die Richtung und man sah den Herausgeber eines politisch linksgerichteten Wochenmagazins zusammengesunken in seinem Sessel sitzen. Seine Augen starrten weit geöffnet zur Decke. Aus seiner rechten Kopfhälfte tropfte Blut auf das hellblaue Sakko und den ehemals weißen Hemdkragen. Das Blickfeld des Kameraobjektivs wurde vergrößert und man sah die verkrampft in ihren Sesseln sitzenden Gesprächsteilnehmer. Die Kamera schwenkte wieder zu der blonden Jessica hin. »Gut. Fangen wir jetzt endlich an. Herr Innenminister beantworten sie mir doch bitte folgende Frage. Wie hoch ist der Ausländeranteil an der organisierten Kriminalität in Deutschland?« Das Gesicht des Innenministers hatte seine rote Farbe verloren und war blass geworden. Dunkle Schatten lagen plötzlich unter seinen Augen. Er richtete seinen Blick fest auf die Fragestellerin. »Ich verachte sie zutiefst. Wie weit muss man kommen, um öffentlich einen unschuldigen Menschen regelrecht hinzurichten?« Die Augen von Jessica blitzten wütend auf. »Ich habe Sie etwas gefragt, Herr Innenminister. Wären sie so nett und antworten ab sofort einfach auf meine Fragen. Ihre Moralvorstellungen interessieren hier niemanden.« Der Innenminister versuchte aufzustehen, wurde aber gleich von der vermummten Gestalt hinter ihm daran gehindert. Mit festen Griff wurde der Minister in den Sessel zurück gedrückt. Dieser beugte sich nach vorne und ergriff mit seiner zitternden rechten Hand ein Wasserglas. Vorsichtig führte er das Glas zum Mund und nahm einen großen Schluck. »Ich werde Ihnen nicht Rede und Antwort stehen. Von mir aus können sie mich genauso erschießen.« Jessica verließ nun ihren Platz hinter der Moderatorin und bewegte sich geschmeidig hinter den Sessel des Innenministers. Die zuvor dort stehende, vermummte Gestalt übernahm dafür den Platz hinter der Moderatorin. Die blonde Frau beugte sich nun weit nach vorne und sah dem Minister von der Seite in das Gesicht. Der Fernsehzuschauer konnte den üppigen, fast entblößten Busen von Jessica bewundern. »Ich würde sie nur zu gerne persönlich erschießen, mein lieber Herr Innenminister. Aber dann bekommen wir keine ehrlichen Antworten, die wir doch in Deutschland so dringend benötigen. Nein. Ich erschieße an ihrer Stelle jetzt ihre rechte Nachbarin. Die sogenannte Ausländerbeauftragte.« Bei diesen Worten drückte sie der rechts vom Innenminister sitzenden Politikerin ihre Maschinenpistole an das linke Ohr. Die Ausländerbeauftragte saß nach wie vor wie erstarrt in ihrem Sitz. Man sah, wie ihre Lippen zu zittern anfingen. Dann bebte plötzlich ihr ganzer Körper. »Sehen sie sich Ihre Nachbarin noch einmal genau an, Herr Innenminister, es ist die letzte Gelegenheit.« Langsam zog die blonde Frau am Abzug ihrer Waffe. Es war klar, dass sie ernst machen würde. Im Studio wurde es plötzlich totenstill. Jeden Moment musste die Waffe losgehen. »Gut. Ich werde antworten, Sie mieses Stück.« Das Wasserglas zerbrach in der rechten Hand des Innenministers. Die innere Anspannung seines Körpers hatte Wirkung gezeigt. Fast erstaunt starrte er auf das Blut, dass aus einer tiefen Schnittwunde auf seine Hose lief. »Schön, dass Sie endlich vernünftig werden. Also, ich wiederhole meine Frage gerne noch einmal. Wie hoch ist der Ausländeranteil an der organisierten Kriminalität in Deutschland?« Der Innenminister schluckte und würgte. Endlich kamen kaum zu verstehende, gepresste Worte aus seinem Mund. »Etwa 80 Prozent.« »80 Prozent. Gut. Dass deckt sich mit unseren Informationen. Nächste Frage. Wie hoch ist der Ausländeranteil bei den Sozialhilfeempfängern?«

Der Innenminister griff zitternd in seine rechte Hosentasche und zog ein Taschentuch hervor, das er sich um seine blutende Hand wickelte. »Man kann das nicht so genau sagen, weil die Sozialhilfe Sache der Kommunen und Bundesländer ist.« »Wie hoch?« »Verdammt noch mal. Ich schätze knapp 30 Prozent.« Jessica drückte ihren wallenden Busen an die linke Gesichtshälfte des Innenministers. »Genau sind es 38 Prozent. Bei nur etwa 8 Millionen Ausländern in Deutschland. Ganz schön hoher Anteil, nicht wahr? Nächste Frage. Stimmt es, dass die meisten ausländischen Sozialhilfeempfänger unter 25 Jahre alt sind?« Ein dumpfes Stöhnen entrang sich der Brust des Innenministers. »Ja. Das stimmt. Was sollen solche Fragen? Wollen sie den Stammtischen wieder neue Nahrung geben?« »Was haben sie gegen Stammtische, Herr Minister? Sie drücken nur die Volksmeinung aus und die sollte ihnen

mindestens genauso am Herzen liegen wie uns. Schließlich sind sie vom Volk gewählt worden, um es ordentlich zu vertreten.

Aber weiter. Stimmt es, dass die Anzahl der Asylan

Ein Blitz erhellte das Studio. Der Donner einer Explosion ließ die Membranen der Fernsehlautsprecher erzittern. Dann erlosch das Bild und erneut war nur Schneegestöber zu sehen. Kurz darauf erschien wieder die Schrift Störung. Wir bitten um etwas Geduld.

Diesmal dauerte es fast eine halbe Stunde, ehe eine Nachrichtensprecherin auf der Mattscheibe erschien. Man sah ihr an, wie aufgeregt sie war. »Meine Damen und Herren. Wie sie vielleicht mitbekommen haben, ist vor etwa einer Stunde eine bislang unbekannte Terrorgruppe in unser Aufnahmestudio in Berlin eingedrungen und hat sich Zugang zu der sonntäglichen Talkrunde verschafft. Es gab mehrere Tote und viele Verletzte. Sobald neue Nachrichten über den Terroranschlag vorliegen, werden wir die nachfolgenden Sendungen unterbrechen, um sie ständig mit aktuellen Informationen zu versorgen. Wir machen jetzt mit der anschließend geplanten Kultursendung weiter.

«

»Marcel?« »Was ist denn jetzt schon wieder?« »Ein bisschen freundlicher, mein Herr. Iris ist am Telefon.« »Iris? Ach so, Iris!« Sabine reichte Marcel das schnurlose Telefon durch das Terrassenfenster. Marcel lag nur mit Badehose bekleidet auf einer Liege und nahm die letzten Sonnenstrahlen der langsam hinter den hohen Bäumen verschwindenden Sonne auf. »Iris? Hier ist Marcel.« »Hallo Marcel. Ich rufe dich an, weil ich Sascha nicht erreiche. Ich habe morgen einen Termin in dieser sogenannten Schönheitsklinik bekommen. Doktor Schultheiss ist aber nicht mein Arzt.« »Wieso? Hatte er keinen Termin frei?« »Er ist in Griechenland, genauer gesagt auf der Insel Rhodos.« »Der hat’s schön, macht schon Ende April Urlaub.« »Nein, kein Urlaub. Diese Schönheitsklinik, sie heißt übrigens offiziell Waldklinik, hat dort eine Partnerklinik und da arbeitet er.« »Schlecht. Sehr schlecht. Was machen wir jetzt?« »Das wollte ich ja gerade dich fragen.« »Du hast aber anscheinend trotzdem einen Operationstermin vereinbart?« »Ja, ich wusste auf die Schnelle auch nicht, wie ich mich verhalten sollte. Den Termin kann ich immer noch absagen, aber ich wollte vorher mit Sascha und dir darüber sprechen.« »Ohne Schultheiss hat das keinen Sinn. Wir müssen uns wohl einen anderen Plan ausdenken. Schade dass Sascha nicht zu erreichen ist. Hast du schon deiner Freundin Ilona Bescheid gesagt?« »Nein. Wir hatten doch im Hirschgarten verabredet, dass Sascha die Koordination übernimmt und du der zweite Ansprechpartner bist.« »Sicher. Hmmm, hmmm. Was machen wir jetzt? Du kannst ja schlecht nach Rhodos fliegen, nur um dir ein Muttermal beseitigen zu lassen.« »Die Schwester an der Rezeption hat gesagt, dass Doktor Franz auch ein guter Chirurg sei. Nur nützt uns das ja nichts.«

Marcel setzte sich ruckartig auf. »Doktor Franz? Hast du eben Doktor Franz gesagt?« »Habe ich. Was ist los? Du wirkst so aufgeregt.« »Mensch, Iris. Weißt du denn nicht, dass bei meiner Entführung ein Doktor Franz eine Hauptrolle gespielt hat?« »Nein. Woher sollte ich das wissen? Bisher war immer nur von Doktor Schultheiss die Rede.« Marcel schüttelte ungläubig den Kopf. »Das ist ja ein Ding! Bisher waren wir nur von einem Arzt ausgegangen. Durch Zufall heißt dieser Schultheiss auch Franz mit Vornamen. Ich höre noch genau, wie die eine Schwester in dem Leichenraum zu der anderen Schwester sagte: Doktor Franz braucht Platz für seinen neuen Spender.« »Dann ist dieser Doktor Franz vielleicht genau der Richtige für mich als Lockvogel?« »Mag sein. Mit Sicherheit ist aber Doktor Schultheiss auch Auftraggeber zur Ermittlung unfreiwilliger Spender. Wir haben da ja die Auskunft von dem Sanitäter Kevin Clark erhalten. Vielleicht sind alle Mitarbeiter in der Waldklinik beteiligt.« »Soll ich nun morgen zur Operation gehen?« »Ja unbedingt. Ich werde nachher noch einmal versuchen, Sascha zu erreichen. Du hältst morgen den Operationstermin auf jeden Fall ein. Deine Botschaft bekommt nun eben dieser Doktor Franz zu hören. Wenn er in der Sache mit drin steckt, was ich eigentlich hundertprozentig annehme, dann ist es fast egal, ob Schultheiss oder Franz geködert werden.« »Gut. Dann melde ich mich wieder, wenn ich morgen aus der Klinik zurück bin. Ist ja nur eine kleine Sache. Servus Marcel und schönen Gruß an Sabine.« »Ähhh, halt, Iris. Warte bitte noch einen Moment. Ich habe da noch etwas anderes.« »Was denn?« Marcel flüsterte fast. »Du bist doch mit Ilona eng befreundet?« »Ja. Wir kennen uns schon seit ewigen Zeiten.« »Versteh’ mich jetzt bitte nicht falsch, aber meinst du, ob sie sich mal mit mir treffen würde?« Marcel hörte Iris leise lachen. »Aha. Wieder einer, der von Ilonas Anblick gefesselt wurde.« »Äh, ja nun. Sie hat schon eine außerordentliche Wirkung auf Männer. Das muss ich schon sagen. Ob ich sie mal einfach besuchen kann?« Am anderen Ende der Leitung blieb es still. Marcel wartete eine Weile. »Iris, bist du noch dran?« »Ja, ja, aber ob das mit dem Besuch so eine gute Idee ist? Rufe Ilona doch erst einmal an.« »Warum nicht? Hast du denn ihre Nummer?« »Mir kann es ja egal sein. Du musst mit Sabine klar kommen. Ich fördere nicht gerne Seitensprünge. Da habe ich so richtig schöne, alte Moralvorstellungen. Hast du etwas zum Schreiben da?«

»Frau Engel, würden Sie mir bitte folgen?« Iris folgte der Krankenschwester, bis diese vor einer Tür stehen blieb und eine auffordernde Handbewegung machte. »Hier bitte, Frau Engel.« Schwester Erika öffnete die Tür und ließ Iris in das Sprechzimmer eintreten. »Herr Doktor, das ist Frau Engel. Wir haben schon eine Blut- und Urinabnahme gemacht. Sobald die Analysen durch sind, stellen wir die Ergebnisse wie üblich in die Datenbank. Ich schätze, dass Sie die Werte in gut zehn Minuten abrufen können.« »Danke, Schwester Erika.« Die Krankenschwester verließ den Raum wieder und machte die Tür hinter sich zu. Doktor Franz stand schwungvoll hinter seinem Schreibtisch auf und reichte Iris zur Begrüßung die rechte Hand. Iris war über das Erscheinungsbild von Doktor Franz sehr überrascht. Sie hatte eigentlich, warum auch immer, einen kleinen, älteren, leicht verknitterten Arzt erwartet. Doktor Franz war das genaue Gegenteil. Er war fast zwei Meter groß, höchstens 35 Jahre alt und sah für Iris Begriffe blendend aus. Er machte einen äußerst sportlichen Eindruck auf sie. Auch als er ihre Hand ergriff, merkte sie, dass er sich bemühte nicht allzu fest zu drücken. Trotzdem musste sie einen kleinen Schmerzensschrei unterdrücken. »Entschuldigen Sie bitte, Frau Engel. Ich bemühe mich, meine Patienten so sanft wie möglich anzufassen, manchmal gelingt es mir aber nicht immer ganz.« »Keine Ursache, Herr Doktor. Sie haben Kraft, das sieht man.«

»Ja, ich versuche mich fit zu halten. Leider geht es nicht mehr so, wie zu meiner Studentenzeit. Da habe ich noch an Zehnkämpfen teilgenommen.« Iris hatte schon beim Eintreten die kleine Glasvitrine mit den Pokalen und Urkunden entdeckt. Jetzt wusste sie, was diese zu bedeuten hatten. »Nicht ganz erfolglos.« Sie deutete auf die Vitrine. »Ach, eigentlich ist es mir schon fast peinlich, aber ich brauche Ansporn. Da hilft mir manchmal ein Blick auf vergangene, sportliche Leistungen.« »Kann ich gut verstehen, Herr Doktor.« »So, nun zu Ihnen, Frau Engel. Nehmen sie doch bitte Platz. Warum wollen sie sich unbedingt ein Muttermal entfernen lassen?« Iris setzte sich in einen der beiden bequemen Lederstühle vor dem Schreibtisch und legte ihren Kopf in den Nacken. Sie deutete auf das Muttermal. »Hier. Es stört mich schon lange. Es ist so groß.« Doktor Franz stand auf und kam zu ihr herüber. »Lassen sie den Kopf bitte in der jetzigen Stellung, Frau Engel. Einen Moment bitte. Er ging zu einem Wandschrank und entnahm diesem ein Vergrößerungsglas mit Beleuchtungseinrichtung. Er besah sich das Muttermal sehr intensiv. Dabei fuhr er mehrmals leicht mit seinem rechten Zeigefinger über das Mal. »In Ordnung, Frau Engel. Sie können ihren Kopf wieder in Normalstellung bringen.« Doktor Franz setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch. »Es ist schon groß, dieses Mal. Aber aus rein medizinischer Sicht ist eine Entfernung absolut nicht notwendig. Ich würde Ihnen sogar davon abraten.« »Ja aber, es sieht doch nicht besonders gut aus.« »Sie laufen doch nicht ständig mit dem Kopf im Nacken herum, Frau Engel. Das sieht doch kaum ein Mensch.« »Aber ich. Ich sehe das mehrmals täglich. Immer, wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich dieses blöde Muttermal. Ich will’s nicht mehr haben.« »Sehen Sie mal, Frau Engel. Es gibt durchaus Muttermale, die bösartig sind. Sogenannte Melanome. Sie entstehen übrigens immer häufiger. Aber Ihr Naevuszellnaevus ist absolut gutartig. »Mein was?« »Entschuldigen Sie. Ihr Muttermal ist absolut gutartig.« »Ach so.« »In ihrem Fall, würde ich eines unserer High-Tech-Lasergeräte einsetzen. Damit können wir Ihr Muttermal schonend und vor allen Dingen narbenfrei entfernen. Es ist nur eine kurze, örtliche Betäubung der Region notwendig. In einer Stunde wäre alles vorbei.« Iris nickte zustimmend. »Dann sollten wir das auch so machen, Herr Doktor.« »Gut, wenn sie es unbedingt wollen. Wie gesagt, notwendig ist es aus medizinischer Sicht nicht. Schauen wir mal kurz auf ihre Werte.« Der Arzt betätigte die Leertaste an der Computer Tastatur und der Monitor wurde hell. Nachdem er ein paar Befehle eingetippt hatte, erschien die elektronische Karteikarte von Iris Engel in einem Bildschirmfenster. »Hmm, hmm. Soweit scheint mir bei Ihnen alles in Ordnung zu sein. Sie haben aber eine äußerst seltene Blutgruppe, wussten Sie das?« »Ja. Gruppe AB.« »Sehr richtig. Haben nur knapp 5 Prozent der Menschheit. Also Frau Engel, packen wir’s an.« Doktor Franz drückte auf einen Knopf seines Telefons. »Hier Rezeption. Schwester Heike«. »Heike, ist der Laser-OP in den nächsten zwei Stunden frei?« »Moment, ich schau mal schnell in den PC. Ja, ist frei. Wird erst heute Nachmittag wieder benutzt.« »Sehr gut. Tragen sie mich gleich einmal für heute morgen ein. Patientin Frau Engel.« »Geht klar.« Ein Klicken beendete die Verbindung. Doktor Franz stand auf. »Wenn Sie mir dann bitte in den OP folgen würden, Frau Engel?«

»Hast Du eigentlich Probleme mit Marcel, Sabine?« Ilona schaute Sabine nachdenklich an. »Nicht, dass ich wüsste. Ausser den üblichen Nicklichkeiten. Aber die kommen ja angeblich in jeder besseren Familie vor.« »Ich meine nur, weil er bei mir angerufen hat und sich tatsächlich mit mir verabreden wollte.«

Sabine musste fast lachen. »Da schau her. Mein Herr Gemahl. Geht plötzlich wieder auf Freiersfüßen. Ich scheine ihm nicht mehr zu genügen.« »Du brauchst dir wegen mir keine Sorgen zu machen, Sabine. Ich habe ihm ganz klar gemacht, dass er eine Nummer zu klein für mich ist.« Sabine schmunzelte. »Ach, der Arme. Dann hast du ihn ja sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Hoffentlich ist er nicht zu hart gefallen?« »Kann schon sein. Irgendwie war ich grantig über seine Vorgehensweise. Außerdem sehe ich in dir inzwischen eine gute Freundin.« »Danke Ilona. Ich mag dich auch sehr. Du stehst wenigstens mit beiden Beinen im Leben, hast anscheinend selbst schon viel durchgemacht und kannst Menschen ganz gut führen. Ich bin froh, wenn du mich als Freundin siehst.« »Wirst du zu Marcel etwas sagen, Sabine?« »Auf keinen Fall. Das würde ihn nur dir gegenüber aufbringen. Am besten lassen wir die Angelegenheit einfach auf sich beruhen. Schauen wir lieber, wie es mit der Mafia weitergeht.« »Weil du es gerade sagst. Iris hat mich vor etwa einer Stunde angerufen. Sie hat sich das Muttermal entfernen lassen und ist schon wieder zu Hause. Sie hat gefragt, ob wir uns nicht noch mal alle zusammensetzten sollen, damit sie von ihrer Lockvogel Aktion berichten kann und wir weitere Schritte beraten? Sie wartet auf meinen Rückruf.« »Hat sie Sascha auch schon Bescheid gesagt?« »Sie hat es versucht, aber es war nur deine Schwiegermutter am Telefon. Er macht gerade einen Besuch bei einem Kunden. Irgendwas mit Computern oder so.« »Mein Schwiegertiger?« »Dein was?« »Mein Schwiegertiger. Ich nenne meine Schwiegermutter so.« »Aha. Nicht schlecht, wenn ihr alle so ein gutes Verhältnis untereinander in der Familie habt.« »Sie hat zur Zeit ziemliche Probleme mit ihrem Pferd. Eine Krankheit jagt die nächste.« »Ich bin auch mal geritten. Da habe ich einen Reitkurs in der Universitäts-Reitschule am Englischen Garten gemacht. War ganz lustig. Damals habe ich mir auch überlegt, ob ich mir nicht ein Pferd zulegen soll, aber irgendwie bin ich dann davon abgekommen. Heute würde es wieder gehen. Ich könnte sogar ein Teil des Villen Grundstückes für eine Koppel mit Stallung herrichten lassen. Das Isargelände zum Ausritt wäre auch nicht weit. Muss ich mir direkt noch mal durch den Kopf gehen lassen. Was ist mit dir, Sabine? Kannst du reiten?« »Selbstverständlich. Ich habe ziemlich viele Reitstunden im Eschenhof bei Eschenried genommen.« »Eschenried? Ist das nicht irgendwo in der Dachauer Gegend?« »Sehr richtig. Karlsfeld. Dachauer Moos. Marcel kann übrigens auch ganz gut reiten.« »Ihr seid ja eine richtige Reiterfamilie.« »Weist du was? Wenn wir diesen ganzen Mist mit der Organ-Mafia hinter uns haben, machen wir mal alle gemeinsam einen schönen Tagesausritt. Pferde kann ich besorgen. Was hältst du davon?« »Gute Idee. Das machen wir. Aber jetzt noch mal zurück zu dem Vorschlag von Iris. Sollen wir uns nun irgendwo zu einer Besprechung verabreden?« »Meinetwegen. Wäre vielleicht angebracht. Ich habe jetzt noch einen Kunden und fahre anschließend gleich mal zu Sascha hin. Ihr hört dann von uns.«

Wieder war es das Fernsehen, das bei den Zuschauern der abendlichen Sendungen reines Entsetzen und tiefe Betroffenheit hervorrief. Fast alle Fernsehsender unterbrachen die aktuell laufenden Programme und ließen ihre Korrespondenten direkt von dem Tatort berichten. An den vielen Versprechern der Reporter merkte der Zuschauer, wie aufgeregt und bewegt die Journalisten waren. Anschlagsort war Berlin, die deutsche Hauptstadt. Dort waren mitten im Sony-Center, am Potsdamer-Platz, die Sprengsätze hochgegangen. Die Sprengkraft war so groß gewesen, dass sie die über dem Forum schwebende, gigantische Dachkonstruktion aus Stahl, Glas und Gewebebahnen einfach weggerissen hatte. Von dem gesamten Innenraum war nicht mehr viel übrig geblieben. Die riesigen Glasfronten waren allesamt komplett zerstört. Besonders schlimm hatte es das Filmhaus getroffen. Wie viel Menschen in dem Center getötet oder verletzt wurden konnte zur aktuellen Stunde nur geschätzt werden. Ein Reporter befragte einen blutenden Passanten, der kurz vor den Explosionen noch in einer der Gaststätten im

Innenraum des Centers gewesen war und beim Herausgehen von Glassplittern getroffen wurde. Dieser Passant sagte aus, dass alle Restaurants, Cafes und Einzelhandelsgeschäfte kurz vor dem Anschlag gut gefüllt waren. Unablässig heulten die Sirenen der Rettungswagen und der Feuerwehr. Anscheinend war auch Feuer im Center ausgebrochen. Als die Kamera von dem aufgeregten Reporter wegzoomte und sich nach oben richtete, konnte man dichten Rauch aus dem Sony-Center aufsteigen sehen. Eine Kollegin des Reporters befragte einen Rettungssanitäter. Dieser gab an, dass man wahrscheinlich mit mehreren hundert Toten und Verletzten rechnen musste.

»Hallo Andrea. Entschuldigung, dass ich dich in der Klinik anrufe. Hast du in drei Stunden Zeit? Es gilt, neue Schritte vorzubereiten. Sabine hat schon mit Ilona und Iris gesprochen. Wir treffen uns diesmal im Biergarten am Chinesischen Turm. Ist ja nicht weit von deiner Wohnung entfernt und das Wetter macht auch mit. Wie sieht es bei dir aus? Deine Schicht ist doch gleich zu Ende.« »Leider ganz unmöglich, Sascha. Du hast ja sicher von dem Anschlag in Berlin gehört. Wir haben heute Nacht 22 Schwerstverletzte aus Berlin reinbekommen. Die vielen Verletzten von dem Bombenanschlag werden bundesweit auf geeignete Kliniken verteilt. Es sind so viele.« Sascha musste schwer schlucken. So ein Unsinn. Da kam er mit dieser Organ-Mafia daher, während Andrea und andere um das Leben dieser Schwerverletzten kämpften. Er schämte sich jetzt direkt. »Entschuldige bitte, Andrea. Ich wünsche dir viel Kraft. Melde dich einfach, wenn es bei dir wieder geht.« »O.K. Sascha. Bis dann.« Die nächsten Stunden in seinem Arbeitszimmer und dann auf dem Weg zum Biergarten, war Sascha tief in Gedanken versunken. Was war die Organ-Mafia gegen den Terror der seit Jahren überall in der Welt aufbrandete? Jetzt war auch Deutschland direkt betroffen. Hatte es überhaupt Sinn gegen die Mafia weiter vorzugehen? Noch so in zweifelnden Gedanken versunken kam er im Biergarten an. »Entschuldigt bitte, dass ich erst so spät komme.« Sascha sah sich in der kleinen Runde um. Außer Andrea waren alle anwesend. Marcel stand auf. Er schien zu merken, dass Sascha nicht ganz bei der Sache war »Was soll ich dir zum Trinken besorgen?« »Am liebsten wäre mir jetzt ein alkoholfreies Weißbier.« »Gut. Will sonst noch jemand etwas?« »Bring mir bitte auch noch eine Halbe mit. Ich muss ja nicht fahren.« Sabine sah Marcel bedeutungsvoll von der Seite an. »Gut, also ein Weißbier bleifrei und eine Halbe Helles, sonst noch jemand irgendwas?« Marcel sah sich in der Runde um und als keine weiteren Wünsche geäußert wurden, machte er sich auf den Weg zum Ausschank. »Sehr vorbildlich, dein Marcel.« Iris sah Sabine herausfordernd an. Ohne auf diese Bemerkung einzugehen, zog Sabine ihr Jackett aus und hängte es über die Stuhllehne. Sie sah Marcel nach, der sich der Warteschlange vor dem Getränkeausschank anschloss. »Hör sofort mit deinen Provokationen auf. Ich kann das nicht leiden!« Ilona warf Iris einen bösen Blick zu. »Oder sollen wir vielleicht annehmen, dass du selber gerne an Sabines Stelle wärst?« »Ich? Was soll ich denn mit Marcel? Oh Entschuldigung. Ist mir nur so rausgerutscht.« »Es langt jetzt! Erzähl uns lieber etwas über deine Erfolge als Lockvogel. Wir haben da noch einen gewissen Aufklärungsbedarf.« »Gut. Meinetwegen. Ich war also in dieser Waldklinik und habe mir das Muttermal entfernen lassen.« Iris deutete auf ein kleines Pflaster unter ihrem Kinn. »Wie abgesprochen habe ich nach der Operation erzählt, dass ein Onkel von mir unbedingt eine neue Niere benötigt und man ihm trotz des vielen Geldes, das er für die Niere angeboten hat, keine Chance einräumt, rechtzeitig eine Niere aus Organspenden zu bekommen. Ich habe ihm erzählt, dass Eurotransplant zwar alle seine Daten hat, aber das der Onkel so weit hinten in der Warteschlange ist, dass es für ihn wohl zu spät sein wird, bevor er an die Reihe als Empfänger kommt.« »Und wie hat Doktor Franz darauf reagiert?« Ilona sah Iris fragend an. »Überhaupt nicht. Oder besser gesagt, fast nicht. Ich habe schon irgendwie gemerkt, dass er plötzlich nachdenklich wurde, aber nur für einen kurzen Moment. Er ist dann mit ein paar lapidaren Sätzen einfach über meine Botschaft hinweggegangen.«

Sascha nickte. »Tja, was haben wir eigentlich erwartet? Wenn man richtig überlegt, wäre es doch ganz unwahrscheinlich gewesen, dass Doktor Franz gleich eine Niere anbietet. Wir müssen abwarten, ob er aktiv wird. Sollst du noch einmal mit ihm Kontakt aufnehmen?« »Er hat nur gesagt, dass er sich in einer Woche noch einmal die operierte Stelle anschauen möchte. Die angewandte Lasertechnik hinterlässt normalerweise keine Bleibeschäden, aber er möchte sich von dem Heilungsprozess selbst überzeugen.« Ilona nippte an ihrem Bierglas. So richtig schien ihr das Bier aber nicht zu schmecken. »Immerhin ist damit der Kontakt nicht abgerissen. Vielleicht überlegt er sich inzwischen, wie er dir eine Niere anbieten kann?« »Hoffen wir’s.« »So, da ist das Bier.« Marcel stellte die Maßkrüge auf dem Tisch ab. Nachdem sich Sascha und Sabine ihre Gläser genommen hatten, prosteten sich alle zu und tranken. Marcel wandte sich an Sascha. »Wo ist eigentlich Andrea? Du hast mir doch am Telefon gesagt, dass du sie wegen heute informieren willst.« Sascha überlegte sich kurz seine Antwort. Alle sahen ihn neugierig an. »Andrea kann heute leider nicht kommen. Und in den nächsten Tagen wahrscheinlich auch nicht. Sie haben in der Klinik mehrere Anschlagsopfer aus Berlin reinbekommen.« »Ich habe gestern den ganzen Abend die Sonderberichte im Fernsehen verfolgt«, Iris schüttelte sich leicht, »der reinste Wahnsinn. Heute Mittag haben sie in den Nachrichten bereits von fast 400 Toten und über 1.000 Verletzten gesprochen.« Ilona nickte. »Inzwischen soll sich eine bisher angeblich unbekannte, islamistische Gruppierung zu dem Anschlag bekannt haben. Ganz Berlin ist in hellem Aufruhr. Der Innenminister hat sofort härteste Maßnahmen gegen alle bekannten, fanatischen Islamisten in Deutschland angekündigt.« »Ist ja irgendwie schon erstaunlich, dass erst immer etwas Furchtbares passieren muss, bevor die Politik einschreitet. Wenn der Innenminister wusste, dass bei uns in Deutschland radikale Islamisten ihr terroristisches Süppchen kochen, warum hat er sie dann nicht schon längst des Landes verwiesen? Der Verfassungsschutz wird ihn doch wohl ständig über die illegalen Aktivitäten dieser Gruppierungen unterrichten. Mal sehen, was diesmal dabei herauskommt. Angekündigt haben sie solche Maßnahmen in Berlin ja schon öfter. Aber immer werden geeignete Schritte von gewissen politischen Gruppen in unserem Lande blockiert. Na, vielleicht werden diese Abwiegler diesmal endlich wach. Im Grunde trifft sie nun eine Mitschuld an dem Anschlag. Ich möchte jetzt nicht in der Haut eines Politikers stecken, der härteres Vorgehen und geeignete Kontrollen gegen gewaltbereite Islamisten konsequent abgelehnt hat. Es war doch irgendwie klar, dass der Terror auch nicht vor Deutschland halt macht.« Sascha nahm lustlos einen Schluck Weißbier. »Uns haben sie auf der Fahrt hierher auch schon angehalten. An allen Ausfahrtstraßen stehen Polizeiwagen. Auch die Bundeswehr haben sie anscheinend schon mobilisiert. Überall sind Kontrollen.« Sabine sah Sascha auffordernd an. »Was schlägst du jetzt vor? Sollen wir unter diesen Umständen mit unserer Aktion gegen die Organ-Mafia überhaupt weitermachen?« »Tja, gute Frage, Sabine. Einerseits kommt mir unser Einsatz gegen die Mafia im Vergleich zu diesem massiven, weltweiten Terror jetzt auch fast lächerlich vor. Andererseits kämpfen auch wir gegen offensichtliche Mörder. Durch diese Mafia werden noch viele Menschen zu unfreiwilligen Opfern. Am besten ist es, wenn wir jetzt darüber abstimmen, ob wir weitermachen oder nicht. Einverstanden?« Alle murmelten ihr Einverständnis. Die Abstimmung ergab, dass bis auf Sabine, alle Beteiligten für die Fortführung des Kampfes gegen die Organ-Mafia waren.

Der große Konferenzsaal des bayerischen Hotels war bis auf den letzten Platz besetzt. Eine angespannte Stimmung lag in der Luft. Langsam gingen die Deckenleuchten aus und der Raum wurde nur noch spärlich von den ebenfalls dunkler werdenden Wandleuchten erhellt. Zwei kleine Spots gingen an den Seiten des Rednerpultes an und beschienen den Oberkörper und das Gesicht eines hochgewachsenen Mannes, der in den Lichtkegel der kleinen Scheinwerfer getreten war. Der Mann klopfte versuchsweise gegen das Mikrofon am Rednerpult. »Grüß Gott. Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich freue mich sehr, das Sie meiner Einladung zu dieser Informationsstunde so zahlreich gefolgt sind. Denjenigen, die mich noch nicht persönlich kennen gelernt haben möchte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Harald von Hohenstein. Ich bin Chefarzt der Chirurgie in der hiesigen Luitpoldklinik und betätige mich noch nebenbei als Professor an der hiesigen Universität. Mein Spezialgebiet ist dort die Erforschung der menschlichen Gene. Damit komme ich auch gleich ohne Umschweife zum Hauptpunkt dieser Veranstaltung.

Wie sie aus meinem Einladungsschreiben ersehen konnten, möchte ich sie hier und heute für etwas ganz Außergewöhnliches gewinnen. Die Genforschung steckt zwar nicht mehr gerade in den Kinderschuhen, aber sie braucht trotzdem hin und wieder einen ordentlichen Anschub. Nun weiß jeder, dass die staatlichen Mittel für Forschung und Lehre nicht gerade üppig sprudeln. Um weltweit bei dieser Forschung nicht ins Hintertreffen zu geraten, wird es deshalb in Zukunft immer wichtiger werden, das neue Projekte von Teilen der Gesellschaft mitfinanziert werden. Und zwar von einer Gesellschaft, die erstens die finanziellen Voraussetzungen dafür mitbringt, so wie Sie, meine Herrschaften, und die zweitens äußersten Wert auf die Vermehrung ihres eingesetzten Kapitals legt. Ich nehme wohl zurecht an, dass dies auch auf Sie alle zutrifft? Ehe ich auf dieses Finanzierungsmodell genauer eingehe, möchte ich Ihnen in einem gerafften Vortrag den heutigen Stand und die Zukunft der Genforschung darstellen.« Professor Hohenstein griff zu dem großen Glas auf dem Rednerpult und nahm einen Schluck Wasser. »Bevor ich nun anfange, erst noch einen Hinweis, meine Herrschaften. Ich möchte Sie bitten, meinen Vortrag nach Möglichkeit nicht mit Fragen zu unterbrechen, weil sonst der sehr kompakte Inhalt, den ich Ihnen in der nächsten halben Stunde übermitteln möchte, vielleicht verloren geht. Im Anschluss an den Vortrag wird selbstverständlich genug Gelegenheit sein, Fragen an mich zu richten, die ich dann auch hoffentlich zu ihrer vollsten Zufriedenheit beantworten kann. Die moderne Biowissenschaft wird die führende Wissenschaft dieses Jahrhunderts sein. Die biologische Revolution wurde durch die neuen Methoden der Gentechnologie ermöglicht. Sie erlaubt es, die Grundbausteine des Lebens, die DNA und ihre Gene, zu analysieren, gezielt zu verändern, neu miteinander zu kombinieren und von einer Spezis auf die andere zu übertragen. Mit dieser Technologie werden Krankheiten, Umwelt- und Ernährungsprobleme endgültig der Vergangenheit angehören. Wenn man sich einmal vor Augen führt, wie jung die moderne Biologie ist, sind die Fortschritte schon jetzt sehr beachtlich. Die Entdeckung der molekularen Feinstruktur, der DNA, durch James Watson und Francis Crick liegt gerade erst einmal knapp 50 Jahre zurück. Noch jüngeren Datums ist die Entzifferung des genetischen Codes, mit dem unsere Erbinformation in der DNA verschlüsselt vorliegt. Die Entschlüsselung gelang 1967. Im Jahre 1970 entdeckte der Schweizer Werner Arber die Restriktionsenzyme. Das sind die molekularen Werkzeuge, die das präzise Zerschneiden von DNA Molekülen erst ermöglichen. All diese Entwicklungen bildeten die Voraussetzung für das erste gentechnische Experiment, das zwei Amerikanern, Boyer und Cohen, 1973 gelang. Indem sie ein fremdes Stück DNA in eine Bakterienzelle verpflanzten, entwickelten sie das erste rekombinante Bakterium, das unter Anleitung der fremden DNA fortan auch ein fremdes Protein herzustellen vermochte. Insulin und der Blutgerinnungsfaktor acht, sind zwei Beispiele von therapeutisch wichtigen Proteinen, die man bis vor kurzem nur unter großem Aufwand und in nur sehr geringen Mengen aus Kadavern und Spenderblut gewinnen konnte, was zudem mit einem potentiellen Infektionsrisiko verbunden war. Heute lassen sich diese Substanzen mittels rekombinanter Proteinfabriken in reichlichen Mengen und zufriedenstellender Reinheit herstellen. Im Blickpunkt der heutigen Wissenschaft steht die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts. Spätestens in 5 Jahren soll das Human Genome Project fertiggestellt werden. Dann wird jeder Baustein der menschlichen DNA entziffert sein.« Wieder nahm Professor Hohenstein einen großen Schluck Wasser. »Neben der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts laufen gleichzeitig noch zahlreiche andere Genomprojekte auf Hochtouren, welche das Erbgut von Bakterien, Pflanzen und Tieren untersuchen. Denn darin sind sich alle Wissenschaftler einig, wenn man die in den drei Milliarden Bausteinen des menschlichen Genoms enthaltene Information von Grund auf verstehen will, muss diese Information auch im evolutionären Kontext betrachtet werden. Zur Zeit lässt sich noch nicht abschätzen, was man an den etwa 30.000 menschlichen Genen alles wird ablesen können. Ständig werden neue Krankheitsgene aufgespürt. Doch noch sind unsere Kenntnisse zu unvollständig vom Zusammenspiel der Gene, Zellen und deren Organisation untereinander und mit ihrer Umwelt, als dass sich diese Daten schon heute zur Behandlung weitverbreiteter Zivilisationskrankheiten nutzen ließen. Es lässt sich aber voraussagen, dass die Gentechnologie unser Leben ebenso grundlegend verändern wird wie die Elektrizität und das Automobil. Denn nach Abschluss der monotonen Sequenzierarbeiten wird die anspruchsvollere, aber auch sehr viel interessantere Phase der Genomforschung einsetzen.

Dann dürfte das heute angewendete reduktionistische Prinzip, nach dem zum Beispiel mit Hilfe von transgenen Mäusen die Funktion einzelner Gene zu deuten versucht werden, einer ganzheitlicheren Denkweise Platz machen. Die größte Herausforderung wird es sein, die heute zusammenhanglos erscheinenden Datenfluten zu einer bedeutungsvollen Biologie zusammenzufügen.« Harald von Hohenstein trank sein Wasserglas leer. Sogleich erschien eine Bedienstete des Hotels und tauschte das leere Glas gegen ein volles aus. »Dankeschön. Sehr aufmerksam. Nun wieder zu uns, meine Herrschaften. Ich will sie jetzt nicht mit zu vielen technischen Einzelheiten vom Kernpunkt unserer Veranstaltung abbringen. Ich als Wissenschaftler bin natürlich hauptsächlich an der Arbeit mit den Genen interessiert. Aber wie sieht das bei Ihnen aus? Ich nehme an, dass auch sie ein gewisses Interesse an diesem Meilenstein in der menschlichen Geschichte haben, aber noch mehr werden Sie daran interessiert sein, wie man das erworbene Wissen zu Geld machen kann. Ich möchte Ihnen kurz die Bereiche aufzählen, die sich alle mit der Gentechnologie beschäftigen. Da ist zuerst einmal die Genomik. Da entschlüsseln sogenannte Sequenzierroboter das Erbgut. Genomfirmen verkaufen den Zugang zu ihren Datenbanken und melden Patente auf Gensequenzen an. Dann kommt die Bioinformatik. Um die Datenflut der Molekularbiologen zu bewältigen, wird immer bessere Software und werden immer leistungsstärkere Computer benötigt. Dann haben wir die Diagnostik. Die DNS-Chips gelten als gewaltiger Zukunftsmarkt. Sie identifizieren Mikroben anhand ihres Erbguts, erkennen Genmerkmale von Menschen und erlauben es so, individuelle Krankheiten vorherzusagen. Nun die Pharmakogenetik. Wenn das Genprofil eines Menschen bekannt ist, lässt sich künftig die Arzneimitteltherapie individuell daran anpassen. Jetzt kommen wir zur Gentherapie. Durch den Eingriff in das Erbgut einzelner Zellen entsteht eine kaum absehbare Zahl neuer Therapieformen. Ein weiteres Gebiet ist die Organzucht. Stammzellen sollen in einer Kulturschale zu Haut, Leber, Nieren, Herzen und anderen Organen reifen. Das wird eine Revolution für die Organtransplantation. Ein weiteres großes Gebiet sind die Arzneimittel. Schon heute sind Proteine aus dem Genlabor ein Milliardenmarkt. Künftig sollen beim Gene-Pharming gentechnisch veränderte Kühe arzneimittelhaltige Milch produzieren. Und nun zum Schluß die Impfstoffe. Viele neue Impfstoffe stammen schon jetzt aus dem Gentechnik-Labor. Als vielversprechende neue Generation gilt vor allem die Injektion nackter DNS. Sie sehen, meine sehr verehrten Damen und Herren, dass sich was rührt durch die Gentechnologie. Es werden neben den eben aufgeführten Zweigen, eine ganze Reihe von neuen Produkten und Firmen entstehen. Die Arbeitsplätze der Zukunft, werden sich zu einem großen Teil in diesem neuen Markt wiederfinden. Ich will Ihnen kurz an einem Beispiel verdeutlichen, wie sich für uns alle die Lebensbedingungen ändern werden. Sind erst einmal alle Gene definiert und ihre Funktionen bekannt, werden Computer in wenigen Augenblicken die Anlagen jedes Menschen entziffern können. Es wird handliche Geräte geben, mit denen Lebensversicherer ihre Kunden und Firmen ihre Bewerber testen können. Per Knopfdruck entschlüsseln diese kleinen Geräte dann, ob eine Testperson ein hohes Alzheimer- Risiko hat, ob sie zu Depressionen neigt, schneller als der Durchschnitt altert oder ein hohes Risiko trägt, mit Mitte fünfzig an Darmkrebs zu sterben. Ein Tröpfchen Blut, ein bisschen Speichel oder ein Stück Haut werden genügen, um einen Menschen komplett zu durchleuchten. Mal ganz abgesehen von der Aufklärung bei kriminellen Delikten. Ein Täter hat so gut wie keine Chance mehr, seinen Beitrag an einem Verbrechen zu verbergen. Jeder Bürger auf dieser Erde wird verpflichtet werden, seine Gendaten in einer Datenbank erfassen zu lassen. Hinterlässt ein Täter nur irgendein gentechnisch auswertbares Material, wird er sofort von diesem Gen-Computer identifiziert. Bevor ich jetzt langsam zum Schluss komme, möchte ich noch ein Thema aufwerfen. Die Gentechnik wird es uns ermöglichen, unseren körperlichen Alterungsprozess, wenn nicht gleich zu stoppen, aber mit Sicherheit sehr zu verlangsamen. Ein Mensch wird locker 200 Jahre alt werden können. Aus dieser Sicht, werden eine Menge neuer Aufgaben und Probleme von der künftigen, menschlichen Gesellschaft zu bewältigen sein. Ich habe vor, zu diesem speziellen Thema, noch einmal eine extra Veranstaltung zu machen. Ich nehme an, dass ein großer Teil von Ihnen, ein hohes Interesse am Fortschritt gerade dieser Entwicklung hat.« Professor von Hohenstein trank auch das zweite Glas leer. Wie vorher erschien sofort eine Hotelangestellte und ersetzte das leere Glas Wasser durch ein Volles.

»Und nun zum eigentlichen Grund unseres heutigen Beisammenseins. Ich möchte Ihnen allen den finanziellen Einstieg in das Genzeitalter ermöglichen. Ich möchte mit Ihnen eine neue Gesellschaft gründen. Dazu bedarf es viel Geld! Ihr Geld! Sie werden sich fragen, wieso sie in eine Gesellschaft investieren sollen, die neu auf den Markt will? Warum sie so ein Risiko eingehen sollen? Warum nicht in bereits bestehende Aktiengesellschaften oder Fonds investieren? Da ist ja vielleicht auch ein ganz guter Gewinn rauszuholen. Sicher. Alles richtig, meine Damen und Herren. Nur wie hoch ist dieser Gewinn? Wer

sahnt denn da tatsächlich ab? Wer steckt wirklich hinter all diesen Gesellschaften? Die Führenden am Markt sind zur Zeit die Amerikaner. Wir Deutschen spielen da noch keine große Rolle. Die amerikanische Regierung fördert auch viel mehr die Zukunftstechnologien, als es unsere Regierung zur Zeit macht. Dazu kommt, dass diese US-Amerikaner vollmundig erklärt haben, dass menschliche Erbgut bereits zu 99 Prozent entschlüsselt zu haben. Ich versichere Ihnen, dass dies nicht der Fall ist. Und selbst wenn? Was nützt die Entschlüsselung, wenn das Zusammenspiel der Gene, Zellen und deren Organisation untereinander und mit ihrer Umwelt noch nicht erforscht ist? Richtig Geld kann man erst machen, wenn auch diese Zusammenspiele offen liegen.« Harald von Hohenstein machte eine leichte Handbewegung nach oben. Dieses Signal musste einem Hotelangestellten gegolten haben. Langsam verlosch nun auch das Licht der Wandleuchten. Im großen Konferenzraum wurde es totenstill. Die zwei kleinen Spots am Rednerpult beleuchteten jetzt nur noch das konzentrierte Gesicht des leicht nach vorne gebeugten Professors. Seine Stimme drang leise, fast flüsternd an die Zuhörer. »Wir sind weiter als die Amerikaner. Mein Forschungsteam und ich haben das menschliche Erbgut bereits zu 100 Prozent

entschlüsselt und was noch viel wichtiger ist

Harald von Hohenstein legte eine kunstvolle Pause ein. Dann schrie er plötzlich in das Mikrofon. »Wir haben auch bereits das Zusammenspiel der Gene, Zellen und deren Organisation untereinander erforscht!!!« Man hätte ein Blatt Papier auf den Boden fallen hören können, so still war es jetzt in dem Konferenzraum des bayerischen Hotels. Die Ruhe dauerte nur fünf Sekunden. Dann brach ein unbeschreiblicher Jubel los. Die Lichter gingen überall im Saal wieder an. Einige der Zuhörer stürmten auf das niedrige Podest und klopften Professor Hohenstein begeistert auf die Schulter. Dieser hatte Mühe alle Hände zu schütteln und die Küsse der anwesenden Damen nicht ausufernd werden zu lassen. Ja, das war ein Knaller. Das hatte er vorher gewusst. Nun konnte er ruhig weiterplanen. Die finanzielle Basis würde stehen. Nun ging es erst richtig los.

Diesmal hatte Iris Glück. Direkt vor der Waldklinik wurde ein Parkplatz frei. Sie brauchte also nicht die Tiefgarage in Anspruch zu nehmen. Iris ließ die Fenster von ihrem Auto ein wenig offen. Seit Wochen herrschten in München fast sommerhafte Temperaturen. Auch heute machte das Wetter wieder keine Ausnahme. Im Vorbeigehen schaute Iris auf das Thermometer, dass am Eingang zur Klinik angebracht war. Die Spitze der Quecksilbersäule stand bei 25 Grad Celsius. Wenn das so weiterging, stand den Münchnern ein ganz besonders heißer Sommer bevor. Nachdem sie den Eingangsbereich der Klinik betreten hatte, wandte sich Iris gleich an die Rezeption. Schwester Monika war diesmal allein. Sie sah auf, als Iris sich verhalten räusperte und kam mit einem freundlichen Lächeln zum Tresen. »Hallo, Frau Engel. Haben Sie heute wieder einen Termin?« »Ja. Aber nur für eine kurze Nachkontrolle bei Doktor Franz.« »Einen Moment bitte, Frau Engel, ich schau mal kurz, ob Doktor Franz schon für Sie frei ist.« Schwester Monika ging wieder zu ihrem Schreibtisch zurück und betätigte eine Schnellwahltaste an ihrem Telefongerät. Kurz darauf war durch den Gerätelautsprecher eine Stimme zu hören. Von ihrem Platz konnte Iris den Inhalt des nun folgenden, kurzen Dialogs nicht verstehen. Die Krankenschwester kam nach dem kurzen Gespräch wieder zu ihr zurück. »Es wird leider noch einen Moment dauern, Frau Engel. Doktor Franz ist noch mit einer Patientin beschäftigt. Darf ich Ihnen inzwischen einen Kaffee anbieten?« »Ja danke. Sehr gerne.« »Wenn sie hier links durch die Tür gehen und dann gleich danach die nächste Tür rechts nehmen, gelangen sie in unseren Klinikgarten. Er hat schöne schattige Plätze und der Aufenthalt dort ist bei diesem Wetter bestimmt besonders angenehm. Ich lasse Ihnen den Kaffee gleich nach draußen servieren.« Iris folgte der Wegbeschreibung und gelangte ohne Probleme in den Garten. Sie sah sofort, wie liebevoll dieser Bereich angelegt worden war. Kleine Grünflächen mit verschieden geformten Blumenbeeten und sehr viele Blütensträucher machten einen heimeligen Eindruck. Hinter dem Garten ragten die hohen Bäume des Mischwaldes hervor. Im Schatten standen ein

paar weiße Gartentische mit den dazu passenden Stühlen. Komischerweise war sie allein im Garten. Sie hatte hier eigentlich ein paar Patienten oder Personal erwartet. Iris suchte sich einen Platz an einem der Tische aus und sah sich weiter um. Fast direkt neben ihr, in einem der Blütenbüsche, sang ein Buchfink aus voller Kehle. Auch aus dem naheliegenden Wald drang der vielstimmige Gesang von Vögeln. Frühling war doch mit die schönste Jahreszeit, dachte Iris und legte ihre Füße bequem auf einen anderen Gartenstuhl. Sie musste nicht lange warten, bis die Glastür zur Klinik aufging und sich eine junge Krankenschwester mit einem Tablett näherte. Sie stellte es vor Iris auf den Tisch und fragte, ob diese noch weitere Wünsche hätte. Als Iris verneinte, verließ die Schwester wieder den Garten. Iris goss sich eine Tasse Kaffee aus der Kanne ein und griff zu einem der mitgelieferten Plätzchen. Schlecht wurde man hier nicht versorgt. Sie war mit ihrem Privatpatienten Dasein durchaus zufrieden. Iris überlegte, ob und wie sie Doktor Franz noch einmal auf das Thema Organspende ansprechen sollte. Zu auffällig durfte sie da nicht vorgehen. Sie hatte sich gerade ihre zweite Tasse eingegossen, als Doktor Franz plötzlich in der Tür erschien. Er sah sich kurz um und steuerte dann schwungvoll auf ihren Platz zu. Etwas verlegen nahm Iris ihre Füße von dem anderen Stuhl und stand auf. »Bleiben sie nur bequem sitzen, Frau Engel. Unsere Patienten sollen sich hier wohlfühlen! Darf ich mich ein wenig zu Ihnen setzen?« »Aber sicher, Herr Doktor.« Doktor Franz nahm ihr gegenüber Platz und beugte sich nach vorne. Dabei nahm er genau ihre untere Gesichtshälfte in Augenschein. »Darf ich mal?« Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er das Kinn seiner Patientin in die linke Hand und fuhr mit dem rechten Zeigefinger über die kaum noch sichtbare Operationsstelle. »Ich denke, das ist uns gut gelungen, Frau Engel. In zwei Wochen werden sie gar nicht mehr wissen, dass da jemals ein Muttermal war.« »Ich bin auch sehr zufrieden. Wenn ich mir mal wieder etwas richten lassen will, komme ich mit Sicherheit wieder auf diese Klinik zurück.« »Das ehrt uns sehr, Frau Engel. Zufriedene Patientinnen sind die beste Reklame für uns. Ja das wär es dann. Ich habe noch eine kleine Operation zu machen. Eine Patientin möchte sich unbedingt ihre Brüste vergrößern lassen.« Doktor Franz stand auf und reichte Iris zum Abschied seine rechte Hand. »Ach, da fällt mir noch etwas ein, Frau Engel. Hatten sie mir nicht erzählt, dass irgend ein Verwandter von Ihnen dringend eine Ersatzniere braucht?« »Ja. Mein Onkel. Er ist schon ganz verzweifelt.« »Unter Umständen gäbe es eine Möglichkeit Ihrem Onkel zu helfen, Frau Engel. Ich habe da so meine Beziehungen. Wird aber nicht ganz billig sein.« »Mein Onkel ist vermögend. Der ist froh, wenn er überhaupt noch eine Chance bekommt.« »Dann passen sie mal gut auf, Frau Engel. Haben sie etwas zum Schreiben dabei?« »Ja, Moment, natürlich.« Iris kramte hastig ihr Notizbuch und einen Kugelschreiber aus ihrer Handtasche hervor. »Ihr Onkel soll mal folgende Nummer anrufen.« Iris schrieb sich die Nummer auf und sah Doktor Franz an. »Meinen Sie, dass meinem Onkel schnell geholfen werden kann? Es eilt wirklich sehr!« »Wie gesagt, Frau Engel. Ihr Onkel soll am besten umgehend diese Nummer anrufen. Alles weitere wird sich dann schon finden.« »Dann möchte ich mich schon im Voraus bei ihnen bedanken, Herr Doktor Franz.« »Danken Sie mir noch nicht, Frau Engel. Erst wenn ihr Onkel wieder gesund ist. Kann ich sonst noch irgend etwas für Sie tun?« »Nein danke. Ich bin erst einmal sehr zufrieden.« Doktor Franz drückte noch einmal kräftig die rechte Hand von Iris und verschwand wieder mit großen Schritten durch die Glastür in den Innenbereich der Klinik. Iris trank noch langsam ihren Kaffee aus. Donnerwetter, dachte sie. Wir sind am Ball. Ihre Mission hatte sie erfolgreich abgeschlossen.

»Now some men like the fishin’ and some men like the fowlin’ And some men like to hear a cannon ball a roarin’ Me I like sleepin’ specially in my Molly’s chamber But here I am in prison here I am with a ball and chain yeah Mush-a ring dum-a do dum-a da Wack fall the daddy-o, wack fall the daddy-o

There’s whiskey in the jar-o«

Sascha sang die letzten Zeilen des Refrains laut mit und startete dann auf seinem PC die Übersetzung dieses englischen Textes in Deutsch. Sekunden später wurde das Ergebnis auf dem Monitor ausgegeben. Auf dem ersten Blick war das, was er sah, wieder unbefriedigend. Aber schon wesentlich besser als die vorherige Version. Die Software gehörte noch besser eingestellt. Er fand es sowieso schon sensationell, dass der Computer über das angeschlossene Mikrofon einen englisch gesungenen Text automatisch in ein Word Dokument aufnahm und man anschließend diesen Text gleich in eine beliebige Sprache übersetzen konnte. Aber, wie man sah, galt es noch einige Hürden zu überwinden. Sascha hatte sich extra den Song Whiskey in the Jar von Thin Lizzy ausgesucht, weil der Text nur schwer verständlich war und er damit die Software an einem extremen Beispiel gut testen konnte. Sein Telefon klingelte. »Sommer.« »Hallo Sascha, hier ist Iris. Ich bin gerade aus der Waldklinik zurückgekommen. Unser Fisch hat angebissen.« »Wie das?« »Doktor Franz ist von sich aus noch einmal auf die Organspende eingegangen. Er sagte, dass es unter Umständen eine Möglichkeit gibt, meinen Onkel mit einer neuen Niere zu versorgen.« »Toll! Wir sind also dran. Hat er dir mitgeteilt, wie dein Onkel mit ihm in Kontakt treten soll?« »Nein. Er hat mir nur eine Telefonnummer gegeben, die mein Onkel, also du, so bald wie möglich anrufen sollte.« »Eine Telefonnummer? Gib sie mir mal kurz durch. Ich sitze hier gerade sowieso vor dem PC und kann über die Rufnummernsuche unter Umständen sofort die Adresse rausbekommen. Also leg los!« Sascha schrieb sich die Nummer auf und gab sie gleich danach in das Suchprogramm auf seinem PC ein. Die Suche dauerte nicht einmal eine Sekunde, dann wurde der Name des Teilnehmers am Monitor ausgegeben. »Dr. med. Elena Katanis, Praxis für Sexualdiagnostik und Therapie. Gautinger Straße 133.« »Ha, ha, ha, ha, Sascha. Da kommst du ja gleich an die richtige Adresse. Da wird aber deine Andrea sehr begeistert sein.« »Witzig, sehr witzig, Iris. Aber Andrea werde ich jetzt tatsächlich als Erste informieren. Ich schlage vor, dass wir uns alle am Montagabend treffen, um die weiteren Schritte zu beratschlagen. Du hast deine Sache jedenfalls schon mal gut gemacht.« »Danke. Ich höre also noch von dir wegen Montagabend, Treffpunkt, Uhrzeit und so?« »Ja klar. Ich rufe dich spätestens morgen Abend an. Servus Iris.« »Servus Sascha.« Sascha schaute auf die Uhr an seinem PC. Jetzt war es knapp siebzehn Uhr. Andrea hatte heute Spätschicht. Diese begann um achtzehn Uhr. Vielleicht war sie noch zu Hause. Er wählte ihre Nummer. Mehrmals ertönte das Freizeichen. Sascha wollte schon wieder auflegen, als die dunkle, rauchige Stimme von Andrea erklang. »Hier Andrea Winter.« »Andrea! Gut, dass ich dich noch erreiche. Iris hat bei Doktor Franz Erfolg gehabt.« »Das ist gut. Ich bin jetzt leider nur sehr in Eile, Sascha. Du weißt ja, dass bei uns in der Klinik einiges los ist. Ich rufe dich gleich morgen in der Frühe an.« »Geht klar, Andrea. Pass gut auf dich auf.« »Du auch auf dich.«

Am 29. Mai passierte genau um 8 Uhr 30 im Hafen von Piräus ein tragischer Autounfall. Ein LKW-Fahrer versuchte einem plötzlich über die Straße laufenden Mann auszuweichen und geriet bei diesem Versuch ins Schleudern. Der Fußgänger erreichte unverletzt die andere Straßenseite, der LKW aber durchbrach die Kaimauer und stürzte in das an dieser Stelle etwa zehn Meter tiefe Hafenbecken. Ein zufällig anwesender Reporter der Athener Tageszeitung hatte den Unfall mitbekommen und benachrichtigte mit seinem Handy die Hafenpolizei. Als diese mit mehreren Einsatzfahrzeugen in relativ kurzer Zeit am Unfallort erschien, war der LKW bereits vollständig im Becken versunken. Der Reporter blieb an der Unfallstelle und verfolgte die sich anschließende Bergung des Lastwagens. Taucher befestigten Stahlseile an dem versunkenen LKW und ein Kranwagen holte das Unfallfahrzeug wieder auf die Hafenstraße zurück. Der Fahrer war tot. Er war offensichtlich in seinem Führerstand ertrunken. Als mehrere Polizeibeamte mit Metallspreitzern die verklemmten Türen des Frachtraums endlich aufbekamen, bot sich den anwesenden Zuschauern ein erschreckendes Bild. Im Frachtraum des LKW lagen mehrere Leichen. Nach der Größe der Körper, musste es sich bei den

Ertrunkenen um Kinder handeln. Die Polizeibeamten holten die Leichen aus dem LKW und legten die toten Körper der Kinder nebeneinander vor die Kaimauer. Der Reporter zählte insgesamt zwölf Kinder. Er wollte Aufnahmen von den Leichen machen, wurde aber von einer Polizeibeamtin rigoros daran gehindert. Trotzdem gelang ihm ein naher Blick auf die Kinderleichen. Das, was er sah, erschreckte ihn noch mehr als das traurige Ende des Unfalls. Die toten Kinder waren alle im gleichen Alter, etwa zehn Jahre alt. Das war es aber nicht, was den Reporter zutiefst erschreckte. Was ihn leicht erzittern ließ, war die Tatsache, dass alle Kinder genau gleich aussahen. Die Toten glichen sich wie ein Ei dem anderen.

»Praxis Doktor Katanis.« »Grüß Gott. Mein Name ist Sommer. Ich würde gerne mit der Frau Doktor sprechen.« »Worum geht es denn?« »Das würde ich ihr lieber selber sagen. Es ist mehr oder weniger privat.« »Ach so, dann einen Moment bitte.« »Katanis.« »Grüß Gott, Frau Doktor. Mein Name ist Sascha Sommer. Ich habe Ihre Rufnummer von Doktor Franz erhalten.« »Ja, worum geht es denn?« »Ich weiß nicht, ob ich das jetzt am Telefon mit Ihnen besprechen soll. Vielleicht wäre es besser, wenn ich persönlich bei Ihnen vorbeikäme.« »Warum so geheimnisvoll? Wenn Sie sexuelle Probleme haben, können Sie die mir durchaus kurz am Telefon schildern. Wenn ich sehe, dass ich Ihnen dann irgendwie helfen kann, machen wir selbstverständlich einen Termin aus.« »Nein, nein. Es geht nicht um sexuelle Probleme. Mehr um eine defekte Niere.« Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause. Dann hörte Sascha wieder die Stimme von Frau Doktor Katanis. »Ich glaube, Sie haben recht, Herr Sommer. Wir sollten den Vorgang hier in der Praxis besprechen. Wann könnten Sie denn bei mir vorbeikommen?« »Jederzeit, Frau Doktor. Nennen sie mir einen Termin. Ich richte mich da ganz nach Ihnen.« »Ich nehme an, dass Sie es sehr eilig haben. Können Sie gleich morgen in der Frühe vorbeikommen?« »Gleich morgen? Ja gut. Um welche Uhrzeit?« »Sagen wir um neun Uhr. Wäre Ihnen das recht, Herr Sommer?« »Na klar. Muss ich irgend etwas mitbringen oder beachten?« »Wenn Sie irgendwelche, frühere Untersuchungsergebnisse greifbar haben, bringen Sie die bitte mit. Und noch eins, Herr Sommer. Kommen Sie unbedingt nüchtern zur Praxis. Ich werde wahrscheinlich gleich ein paar Tests an Ihnen vornehmen.« »Bis morgen dann, Frau Doktor.« »Bis morgen, Herr Sommer.« Verdammt, dachte Sascha, das wird knapp. Er schaute auf seine Armbanduhr. Hoffentlich war Andrea schon zu Hause. Er wählte ihre Nummer. Das Freizeichen wiederholte sich mehrmals. Sascha ließ es sehr lange klingeln. Was jetzt? Sie musste doch längst von ihrer Nachtschicht zurück sein. Wahrscheinlich hatte sie sich gleich ins Bett zum Schlafen gelegt und das Telefon ausgesteckt. Die letzten Wochen, mit den vielen zusätzlichen Verletzten aus Berlin hatten sie sichtbar mitgenommen. Andrea hatte ihm erzählt, dass sie für die Vortäuschung seines Nierenschadens mindestens acht Stunden zur Einstellung brauchte. Am besten war es wohl, wenn er gleich zu ihr nach Schwabing fuhr. Die Türklingel würde sie ja wohl kaum abgestellt haben. Der Straßenverkehr in Schwabing war sehr dicht. Sascha kam nur langsam voran. Immer wieder musste er im Stau oder an einer roten Ampel stehen bleiben. Gott sei Dank kannte er sich in der Gegend gut aus und als er von der Ludwigstraße abbog, kam er durch ein paar Nebenstraßen etwas schneller zur Franz-Joseph Straße. Vor dem Haus, in dem Andrea wohnte, war natürlich kein Parkplatz mehr frei. Ganz im Gegenteil. Mehrere Fahrzeuge parkten auch verbotenerweise in Ausfahrten und an gesperrten Stellen. Aber Sascha kannte einen Trick. Auf der anderen Straßenseite, schräg gegenüber dem Altbau von Andrea, lag die Einfahrt zu einem Bestattungs-Unternehmen. Im Innenhof gab es fast immer freie Parkplätze. Etwas forsch drehte Sascha am Lenkrad seines Autos und fuhr auf die andere Straßenseite. Damit stoppte er abrupt den Verkehrsfluss auf dieser Seite. Ihm war das wütende Gehupe, das gleich darauf einsetzte, ziemlich egal. Er hatte keine Zeit zu verlieren.

Als er in den Hof des Beerdigungs-Instituts einbog, sah er erfreulicherweise gleich zwei freie Parkplätze. Eigentlich reserviert für Besucher des Instituts, aber was sollte es. Nachdem er seinen Wagen auf einen der freien Parkplätze abgestellt hatte, ging Sascha schnell durch die Einfahrt zurück und überquerte die Franz-Joseph-Straße. Sein Glück verließ ihn nicht. Gerade kam jemand aus dem Altbau, in dem Andrea wohnte und Sascha nutzte die Gelegenheit, so das Haus ohne Wartezeit zu betreten. Er hastete die Treppen hoch, bis er vor der Wohnungstür von Andrea angelangt war. Keuchend betätigte er die Wohnungsglocke. Wie erwartet dauerte es etwas, bis die Tür aufgemacht wurde. Andrea hatte sich einen Morgenmantel übergeworfen und sah ihn mit verschlafenem Blick an. »Sascha? Was ist denn passiert? « »Entschuldige bitte die Störung, Andrea. Aber ich muss morgen zu der Untersuchung wegen meines angeblichen Nierenschadens. Du wolltest mich ja darauf einstellen.« »Gut, wir reden gleich darüber. Geh derweil bitte ins Wohnzimmer, oder halt, wie wäre es, wenn du uns, während ich mich ein wenig frisch mache, einen starken Kaffee kochen würdest? Ich verschwinde jetzt mal kurz.« Sascha kannte sich inzwischen in Andreas Wohnung ganz gut aus. Er setzte den Kaffee auf und ging dann in das Wohnzimmer. Er nahm seinen Lieblingsplatz am Eckfenster ein und schaute auf die Franz-Joseph-Straße hinunter. Der Verkehr schien noch dichter geworden zu sein. Er hing eine Weile irgendwelchen Gedanken nach und wurde durch Andrea wieder in die Gegenwart zurück geholt. Sie war mit der Kaffeekanne und zwei Tassen in das Wohnzimmer gekommen. Nachdem sie alles auf den Tisch abgestellt hatte, ging sie noch einmal in die Küche zurück und kehrte mit Kaffeelöffeln, Zucker und Dosenmilch zurück. »So Sascha, jetzt bin ich schon wieder klarer, erzähl noch einmal, was los ist.« »Ich hatte doch von Iris die Telefonnummer der Praxis von Frau Doktor Katanis bekommen. Vor etwa zwei Stunden habe ich die Katanis angerufen und ihr gesagt, dass ich eine Empfehlung von Doktor Franz habe.« »Und? Wie hat sie reagiert?« Sascha erzählte Andrea in wenigen Worten den Dialog mit der Praxis Katanis. Andrea zog nachdenklich eine Schnute und sah Sascha von der Seite an. »Also morgen schon. Hm, hm. Gut dass du gleich zu mir gekommen bist. Viel Zeit bleibt uns wahrlich nicht, deine terminale Niereninsuffizenz vorzubereiten. Hat sie gesagt, dass du irgendwelche, bisher erstellten Untersuchungsergebnisse mitbringen sollst?« »Ja, davon war auch die Rede.« »Gut. Ich habe die Unterlagen ja schon in den letzten Wochen vorbereitet. Deine Urämiedaten sind stichhaltig. Auch die Daten, warum man bei dir keine Dialyse und Hämofiltration anwenden konnte. So, Sascha. Leider werden die nächsten Stunden nicht ganz so lustig für dich werden. Ich muss sehr langsam vorgehen, damit deine Nieren nicht tatsächlich geschädigt werden. Erinnere mich bitte daran, dass ich dir zum Abschluss noch ein paar Kapseln für morgen früh mitgebe. Die musst du dann, so etwa eine Stunde vor dem Praxisbesuch, einnehmen. Das darfst du auf gar keinen Fall vergessen, sonst wird es dir sehr schlecht gehen. Lass uns also loslegen. Am besten ziehst du dich ganz aus. Ich muss überall an deinen Körper hin.« »Hört sich ja eigentlich nicht schlecht an, Andrea.« »Wie ich schon sagte. Ein Vergnügen wird das für dich nicht werden. Entblättere dich! «

Melissa Kruft erreichte die Insel Amalos am späten Pfingstmontag Nachmittag. Nachdem die Temperaturen über Pfingsten in München sehr hoch gewesen waren, kamen ihr die Temperaturen in Griechenland fast niedrig vor. Das würde sich aber wohl bald wieder ändern. Der Flug von München nach Athen war problemlos verlaufen. Von Athen hatte sie dann eine kleine Maschine nach Rhodos genommen und war dort im Hafen von einer Motoryacht abgeholt worden. Unterwegs nach Amalos war ein starker Wind aufgekommen und die Yacht hatte im plötzlich hohen Wellengang sehr schwer zu arbeiten. Melissa bekämpfte die aufkommende Übelkeit und war froh, als sie nach etwa zwei Stunden endlich in einem kleinen Hafen der Insel anlegten. Sie bemerkte gleich den Mann, der winkend in der Nähe des Landungssteges stand. Im noch immer böigen Wind, wehten die schulterlangen, weißen Haare wild um seinen Kopf herum. Melissa bedankte sich bei den beiden Männern, die sie mit der Yacht hergebracht hatten und ging mit ihrem Koffer und einer großen Tragetasche zu dem wartenden Mann hinüber. »Herzlich Willkommen auf Amalos, Fräulein Kruft. Ich hoffe, Sie hatten während ihrer Reise keine allzu großen Unannehmlichkeiten?« Der Mann reichte Melissa seine rechte Hand. Diese musste einen Schmerzensschrei unterdrücken, weil der Händedruck sehr kraftvoll ausfiel.

Laut sagte sie. »Sie müssen Professor Metzger sein.« »Oh, Entschuldigung. Wie unhöflich von mir. Wir haben uns ja noch gar nicht persönlich kennen gelernt. Ja, ich bin der alte Metzger.« Melissa betrachtete sich jetzt den Professor doch etwas genauer. Er war ziemlich groß, fast ein Meter neunzig und machte einen äußerst rüstigen Eindruck für sein Alter. Sein Sohn, Professor von Hohenstein, hatte ihr erzählt, dass sein Vater über neunzig Jahre alt war. Davon war wirklich absolut nichts zu bemerken. Das braungebrannte, scharf geschnittene Gesicht wies zwar schon einige Falten auf, aber wenn sie nicht sein wahres Alter gewusst hätte, würde sie ihn höchstens auf siebzig Lebensjahre geschätzt haben. Professor von Hohenstein hatte ihr ebenfalls erzählt, dass sein Vater mit 55 Jahren eine zwanzigjährige, griechische Krankenschwester geheiratet hatte. Aus dieser Ehe war dann Harald hervorgegangen, der später den Namen seiner adeligen Frau von Hohenstein annahm. Die Mutter von Harald war aber inzwischen verstorben. Melissa war so in Gedanken versunken, dass sie die Frage, die Professor Metzger an sie richtete, nicht verstand. »Entschuldigen sie bitte, Herr Professor, was sagten Sie?« »Ich habe gefragt, ob die Reisebedingungen gut für Sie waren.« »Ja, ja. Die Reise war ganz O.K. Das Einzige, was mich ein bisschen gestört hat, war die lockere Dienstauffassung der Piloten von Athen nach Rhodos.« »Wie das, Fräulein Kruft?« »Nun, kaum hatten wir unsere Flughöhe erreicht, gingen beide Piloten in die kleine Bordküche und schäkerten mit den Stewardessen herum. Sie haben sich voll auf den Autopilot verlassen. Erst kurz vor Rhodos sind sie wieder ins Cockpit gegangen.« »Ja, das habe ich auch schon öfter hier in Griechenland erlebt. Einerseits ist es ja ganz schön, wenn nicht alles so perfekt abläuft, andererseits hat man als Passagier tatsächlich manchmal ein mulmiges Gefühl. Ich habe mich inzwischen an solche Vorfälle gewöhnt und nehme es einfach so hin.« »Sind sie eigentlich schon lange in Griechenland, Herr Professor?« »Über fünfzig Jahre. Ich hatte nach dem Krieg einige Probleme in Deutschland und habe hier eine neue Heimat gesucht und auch gefunden.« Melissa merkte, dass der Professor anscheinend nicht gerne über dieses Thema sprach. »Kommen Sie, Fräulein Kruft. Geben Sie mir ihren Koffer und die Tasche. Ich habe den Jeep da unter den Akazien geparkt. Es ist zwar heute nicht besonders warm, aber Schatten schadet nie.« »Die Tasche behalte ich besser auf meinem Schoß, Herr Professor.« Melissa folgte dem Professor zu seinem Fahrzeug. Der Jeep musste aus einem militärischen Bestand kommen. Er wies den typischen Tarnanstrich in grün und braun auf. Während der Fahrt sprachen sie kaum miteinander. Obwohl die Insel nicht sehr groß war, hatte sie doch einen ziemlich hohen Berg in ihrer Mitte aufzuweisen. Vom Bootssteg ging die Fahrt fast ständig bergauf. Üppig war hier die gesamte Flora des Mittelmeerraums vertreten. Die Straße, wenn man sie denn so bezeichnen wollte, wies riesige Schlaglöcher auf. Hier erwies sich der Jeep als äußerst nützlich. Ein normaler PKW hätte sicherlich große Probleme bekommen. Einmal mussten sie über eine sehr enge Brücke fahren, die über ein tiefes Flussbett gebaut worden war. Melissa merkte, wie die Brücke schwankte und hielt sich krampfhaft am Türgriff fest. Als sie aus dem Fenster schaute, sah sie weit unter sich einen wilden Fluss strömen. Der Professor musste ihren Blick mitbekommen haben. »Wir haben mit dieser Insel ein riesiges Glück gehabt. Sie hat ein großes, natürliches Süßwasseraufkommen, das selbst in den heißesten Monaten nie versiegt.« Melissa nickte zustimmend. Sie konzentrierte sich auf den Weg und die Landschaft, die vor Ihnen lag. Außer zwei zusammengefallenen Steinhütten gab es keinen Hinweis auf irgendeine Form von Zivilisation. Nach etwa einer halben Stunde hatten sie endlich die Bergkuppe erreicht. Die hohen Bäume wichen zurück und machten einer Art Alm mit Buschwerk und großen Grünflächen Platz. Inmitten der Alm standen mehrere flache, weiße Gebäude. Rechts von diesen Flachbauten, etwa 200 Meter davon entfernt, am Rande der Alm, sah Melissa weitere Gebäude. Diese waren wohl ursprünglich auch einmal weiß gewesen, wirkten jetzt aber, auch schon aus der Entfernung, ziemlich zerfallen. Sie wurden weitläufig von einer hohen, teilweise auch bereits zerfallenen Mauer eingerahmt.

»So da sind wir. Unser Institut. Forschungs- und Wohnräume.« Der Professor deutete auf die weißen Flachbauten. Melissa nickte abwesend. Sie konnte ihren Blick nicht von den anderen zerfallenen Gebäuden nehmen. »Und die alten Gebäude da rechts, Herr Professor? Was ist mit denen? «

»Das war ehemals ein Kloster.« Melissa spürte beim Anblick der alten Klostergebäude eine unerklärliche Unruhe. »Nicht schlecht. Ich bin wirklich überrascht. Wo sind denn die Mönche oder Nonnen hin?« »Es waren Nonnen. Der Orden hat sich allerdings schon lange vor unserem Kauf der Insel aufgelöst. Sie fanden anscheinend keinen Nachwuchs mehr. Persönlich finde ich das sehr schade, weil die Fähigkeiten, die hier vermittelt wurden, jetzt wohl in Vergessenheit geraten werden.« »Was für Fähigkeiten meinen Sie, Herr Professor?« »Weiße Magie.«

»Komm mal mit ins Arbeitszimmer, Sabine.« Marcel wirkte bestimmt. Sabine schüttelte unwillig ihren Kopf. »Warum? Ich habe jetzt keine Zeit. Tanja und Lara sind noch bei Frau Hoffmann. Ich muss sie langsam rüberholen. Es ist schließlich schon fast achtzehn Uhr.« »Was nimmt die Hoffmann eigentlich für die Betreuung? Ich meine Lara ist den ganzen Morgen bei ihr und manchmal auch am Nachmittag, mit Tanja zusammen. Das wird sie doch wohl nicht seit Wochen umsonst machen?« »Ich gebe ihr etwas Geld dafür. Sie kann es gut gebrauchen. Gott sei Dank bekommst du ja durch deine neue Funktion in der Firma mehr Gehalt. Ich zweige einen Teil meines erhöhten Haushaltgeldes halt für die Kinderbetreuung ab. Dann brauche ich wenigstens Lara nicht immer in den Kurs mit zu schleppen und habe dadurch auch nachmittags mehr Zeit für den Haushalt.« »Schön, komm jetzt trotzdem mal eben mit in das Arbeitszimmer. So viel Zeit muss sein.« »Gut. Wenn du es unbedingt willst.« Sabine folgte Marcel und sah gleich den großen Monitor, eine Tastatur und eine Computer-Maus auf dem Schreibtisch stehen. Unter dem Schreibtisch stand ein Personalcomputer. »Was sagst du jetzt? Ich habe dir von meiner Prämie einen PC gekauft. Neuestes Modell mit allem Drum und Dran. Die Lautsprecher habe ich hinten unter dem Tisch angebracht. Jetzt kannst du endlich zu Hause üben, was du im Kursus beigebracht bekommst. Du musst ja inzwischen schon sehr fit im Umgang mit Computern sein.« Sabine schluckte. »Äh, ja, natürlich. Das ist aber wirklich lieb von dir, Marcel. Dankeschön auch.« Sabine stellte sich etwas auf die Zehenspitzen und drückte Marcel einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Los, Sabine. Zeig mir mal, was du schon so drauf hast.« »Also, äh, ich muss doch jetzt die Kleinen abholen, Marcel. Verschieben wir das doch auf etwas später.« »Na gut. Meinetwegen. Aber nachher will ich etwas sehen. Ich bin ja schon ganz gespannt, wieviel du gelernt hast.« Das Telefon klingelte. Marcel ging zum Sideboard und nahm den Hörer ab. »Kruft.« »Hallo Marcel, hier ist Iris. Doktor Franz hat mir eine Telefonnummer für meinen nierengeschädigten Onkel mitgegeben. Sascha hat da schon angerufen. Es handelt sich um eine Praxis für sexuelle Störungen oder so was. Doktor Elena Katanis.« »Na, da ist Sascha ja endlich an die richtige Adresse geraten!« »Diesen Scherz habe ich auch schon gemacht. Aber jetzt im Ernst. Er hat mich noch mal zurückgerufen und gesagt, dass er bereits Morgen einen Termin bei der Ärztin bekommen hat. Jetzt ist er bei Andrea, wegen der Vorbereitung zum Nierenschaden.« »Hoffentlich geht das gut. Können wir noch irgendetwas tun?« »Ich glaube nicht. Wir müssen abwarten, wie es Morgen mit der Untersuchung läuft und was für weitere Schritte diese Katanis vorschlägt.« »Gut. Danke für die Informationen Iris. Wir telefonieren morgen wieder.« »Servus Marcel und schönen Gruß an Sabine.« »Danke. Ich werde es ihr ausrichten.« Marcel drehte sich um. Sabine war nicht mehr im Raum. Sie war wohl inzwischen zur Nachbarin gegangen, um Tanja und Lara endlich abzuholen. Irgendwie hatte sie merkwürdig auf den PC reagiert. Was war da los?

»Hört sich eigentlich nicht schlecht an, Andrea«, hatte Sascha schelmisch gesagt. Aber jetzt war es ihm doch ganz schön mulmig ums Herz. Er stand bis auf die Unterhose entkleidet in Andreas Wohnzimmer und hatte sich fest vorgenommen, dieses letzte Stück Stoff mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. »Na, was ist denn, Sascha? Gibt es an deinem Schniedelwutz irgendetwas, das du vor mir verbergen möchtest?« Andrea lehnte am Türrahmen und schlürfte betont langsam ihren Kaffee.

»Nein, nicht das ich wüsste, aber tief in meinem Innersten ist ein kleiner Rest Schamgefühl erhalten geblieben. Ich hoffe sehr, dass dir das recht ist.« »Keineswegs«, konterte Andrea lächelnd, »runter mit der Hose.«

»Aber

«

Sascha wollte den Satz eigentlich beenden, doch Andrea fiel ihm sofort in die Parade.

»Du bist es doch, der sich zum Hobbykommissar ernannt hat. Jetzt solltest du auch die Konsequenzen tragen. Als erstes muss ich dir einen Katheter setzen und in deine Harnblase schauen. Wenn sich nämlich in deinem Urin die geringste Spur von Blut zeigt, können wir die ganze Geschichte gleich vergessen. Dann wäre das Risiko viel zu groß, dass du wirklich einen Nierenschaden bekommst. Also, was ist jetzt?« Sascha sah seinen Kampf um die Unterhose als aussichtslos an. Er musste sich entscheiden: Entweder blamierte er sich vor Andrea, weil er im letzten Moment einen Rückzieher machte, also im wahrsten Sinne des Wortes den Schwanz einzog, oder er blamierte sich, weil vielleicht genau das Gegenteil passierte, nämlich dass sich `Klein Sascha` bei der Behandlung zu standhaft zeigte. Beide Möglichkeiten gaben nicht gerade Anlass zum Jubeln. Aber auf genau diese Alternativen hatte er in den vergangenen Tagen ja hingearbeitet. Jetzt musste er die Suppe auslöffeln! Er gab seinem Herzen einen Ruck und entledigte sich möglichst elegant seiner Unterhose. Selten hatte er sich so nackt gefühlt! Sascha war eigentlich kein prüder Typ, aber irgendwie hatte er sich in seinen Träumen die Situation anders ausgemalt, in der er Andrea das erste Mal seine Männlichkeit präsentieren würde. »Na also, so schwer war das doch nicht, oder?«, fragte Andrea mit einem sachlichen Blick auf Saschas bestes Stück. Sascha fand ihren Blick fast schon zu sachlich. Nicht gerade sehr schmeichelhaft für sein Ego. Aber was konnte er erwarten? Andreas Verhalten entsprach genau der Situation. »So, Sascha, am besten setzt du dich da drüben auf den Schreibtischstuhl und spreizt die Beine etwas auseinander. Ich hole schnell alles, was ich für die Behandlung brauche.« Nie zuvor waren Sascha zwei Minuten so lang vorgekommen. Er kauerte verloren auf dem Stuhl, während Andrea diverse Instrumente auf dem Schreibtisch drapierte. Und dann kam er, der Moment, vor dem er sich so gefürchtet hatte. Andrea nahm mit einem beherzten Griff sein Gemächte in die Hand und führte vorsichtig den Katheter ein. »Kann sein, dass das ein bisschen unangenehm ist, aber du wirst dich schnell daran gewöhnen«, behauptete sie. Sascha hätte am liebsten ein langgezogenes Jaulen von sich gegeben. Er zog es dann aber doch lieber vor, die Zähne zusammenzubeißen. Andrea schaute mit einem Endoskop in seine Harnblase. »Sieht gut aus, Sascha, keine Entzündung und auch kein Blut zu sehen. Wir können dir also ohne Bedenken eine Niereninsuffizienz andichten.« Andrea zog den Katheter wieder zurück. Etwas zu ruckartig. Sascha drängte sich wieder ein Schmerzgeschrei auf die Lippen, aber er verbiss sich tapfer jegliche Lautäußerung. Er atmete dreimal tief durch. »Das war ja echt herzerfrischend, und wie geht’s jetzt weiter, Andrea?« Saschas Galgenhumor war unüberhörbar, aber Andrea ignorierte ihn geflissentlich. »Ich werde dir jetzt ein Medikament in die rechte Niere spritzen. Keine Angst, es wird nicht wehtun. Das Medikament wird die Funktion der Niere für zwei Tage stark beeinträchtigen und sich dann ohne jegliche Nachwirkungen wieder abbauen. Du musst es dir gut einprägen: Es ist die rechte Niere, die kaputt ist.« »Rechte Niere. O.K. Lässt sich merken.« Sascha war zwar absolut nicht nach flotten Sprüchen zumute, aber das musste Andrea ja nicht unbedingt merken. Andrea wusste natürlich genau, wie Sascha sich fühlte. Sie honorierte Saschas Tapferkeit mit wohlwollendem Schweigen und zog die Spritze auf. Dann vereiste sie den Bereich der Bauchdecke, durch den sie die Nadel stechen wollte. »Bist du denn sicher, dass du die Niere auch findest? Immerhin ist so eine Niere ziemlich klein«, meinte Sascha zaghaft. Nun musste Andrea doch laut lachen. »Also, mein Lieber, falls ich tatsächlich daneben steche, reiche ich morgen meine Kündigung ein und suche mir einen Job als Parkettkosmetikerin.«

Zwischen halb zugekniffenen Augen sah Sascha, wie sich die lange Nadel durch seine Bauchdecke bohrte. Wie hatte er nur auf den absurden Gedanken kommen können, dass sein kleiner Freund da unten eventuell seine Gefühle für Andrea verraten könnte? Sascha schossen alle möglichen Gedanken durch den Kopf, aber der eine ganz gewiss nicht!

Das ehemalige Frauenkloster besaß riesige Ausmaße. Bei ihrer Ankunft vor einer Woche auf Amalos, hatte Melissa die wahre Größe des klösterlichen Geländes noch nicht abschätzen können. Das Kloster bestand aus fünf Hauptgebäuden und 20 Nebengebäuden. Die Mauer, die um das ganze Klostergelände lief, war an mehreren Stellen schon sehr brüchig geworden. Es gab insgesamt fünf reguläre Durchgänge, die mit schmiedeeisernen Toren abgesichert waren. Diese Tore und auch Teile der Mauer wurden von dichten Schlinggewächsen wie Efeu und wilder Wein überwuchert. Professor Metzger teilte ihr bei dem ersten Besichtigungsgang mit, dass sämtliche Klostergebäude leer stünden und zur Zeit nicht von Interesse für das Institut seien. Melissa hatte aus ihrem Zimmer im Wohngebäude des Instituts einen guten Blick auf die innere Klosteranlage. Die Anlage des großen Klostergartens, um den alle Gebäude in Form eines Pentagramms angelegt waren, wies ebenfalls die Strukturen eines Pentagramms auf. Im Verlauf der letzten Woche war sie immer wieder auf dieses Symbol gestoßen. Die Marmorböden und die teilweise noch gut erhaltenen, kunstvoll bemalten Wände und Decken in den Klostergebäuden wiesen es genauso aus, wie auch die im ganzen Klostergelände vorhandenen, schmiedeeisernen Gitter und Türen. Als sie Professor Metzger auf ihre Beobachtung aufmerksam machte, erklärte er ihr, dass das Pentagramm das Zeichen der weißen Magierinnen war, die zuvor Jahrhunderte lang diese Klosteranlagen bewohnt und bewirtschaftet hatten. Melissa ging langsam zu dem kleinen Käfig, der auf einer eichenen Kommode neben ihrem Bett stand und nahm die überhaupt nicht ängstliche Maus vorsichtig heraus. Sie streichelte ihr zärtlich mit einem Finger über den kleinen Kopf und meinte, in den azurblauen Augen des Tieres so etwas wie Wohlbehagen zu entdecken. Melissa hatte diese Maus aus der ersten gelungenen Genmanipulation als Maskottchen aus München in ihrer Reisetasche mitgenommen. Sie hatte der Maus den Namen Blueboy gegeben. Etwas müde von dem anstrengenden Tag im Forschungslabor legte sich Melissa angekleidet auf ihr Bett und starrte zur Zimmerdecke. Sie setzte Blueboy auf ihre Brust und die kleine Maus stellte sich sogleich auf die Hinterfüße und schaute neugierig und schnuppernd herum. Was hatte Melissa in dieser Woche alles für Erfahrungen gemacht? Das Forschungsteam bestand insgesamt aus fünfzehn Männern und drei Frauen. Eine davon war Melissa. Neben diesem Kernteam gab es noch etliche Mitarbeiter, die für zuarbeitende oder verwaltungstechnische Aufgaben angestellt waren. Das betraf unter anderem auch die Betreuung der riesigen Computeranlage im Keller des nordwestlichen Hauptgebäudes. Laut Aussage des Rechenzentrumleiters Doktor Mustafa Akkus handelte es sich hierbei um die leistungsstärkste Computeranlage der Welt. Die Rechenleistung dieser zusammengeschalteten Computer übertraf alles bisher Vorstellbare. Die komplizierten von Bioinformatikern entwickelten Programme, die mit Logarithmen die genetische Rohmasse nach allen möglichen Geninformationen durchforsteten, führten Rechenoperationen in der Größenordnung einer Eins mit 500 Nullen aus. Melissa war die einzige Deutsche im Kernteam, wenn man mal von Professor Metzger absah, der aber mehr eine koordinierende Funktion wahrnahm. Das Gros der Mitarbeiter kam aus dem Iran und aus Indien. Nur eine der Frauen war noch Westeuropäerin. Sie kam aus Paris, war Biochemikerin und hatte an der Sorbonne in Paris studiert um anschließend auch an der gleichen Universität einen Lehrauftrag anzunehmen. Yvonne Chateau lebte schon seit über zwei Jahren auf Amalos und war anscheinend sehr froh über das Erscheinen von Melissa gewesen. Zwar hatten sie noch keine Gelegenheit gehabt, um sich mal in Ruhe zu unterhalten, aber bei den wenigen, berufsbedingten Zusammentreffen, merkte Melissa, wie Yvonne begierig darauf war, näheren Kontakt mit ihr aufzunehmen. Wahrscheinlich waren die mentalen Unterschiede zu den Nichteuropäern doch sehr groß. Die dritte Frau war eine Jugoslawin aus Belgrad. Sie hatte dort an einer Universität unterrichtet und war seit gut einem Jahr als Genforscherin im Team. Was Melissa gleich gefallen hatte, war ihre insgesamt sehr freundliche Aufnahme, auch bei den anderen Mitarbeitern im Institut. Man merkte besonders an den kleinen Gesten und Gefälligkeiten, dass man sie voll akzeptierte. Außerdem hatte sie eine klar umrissene Aufgabe bekommen, was ihr sehr entgegenkam. Nichts hasste sie mehr als ungenaue Zielvorgaben. Morgen war Samstag und damit ihr erster frei zur Verfügung stehender Tag auf der Insel. Sie hatte sich vorgenommen, entweder ein wenig in den Klostergebäuden herumzustöbern oder aber mal etwas die Insel zu erkunden. Vielleicht würde sie Yvonne fragen, ob diese bei dem Rundgang mitmachte, oder ihr sogar schon einiges von der Insel zeigen könne.

Melissa merkte, wie es in ihrem Zimmer fast dunkel geworden war. Hier ging die Sonne sehr viel schneller unter als das in München der Fall gewesen war. Bevor sie sich von ihrem Bett erhob, schaute sie nach Blueboy. Der bewegte sich putzmunter am Matratzenrand und überlegte wohl gerade, ob er den Sprung auf den Zimmerboden wagen sollte oder nicht. Melissa legte ihre linke, geöffnete Hand neben Blueboy und voller Vertrauen sprang die kleine, blauäugige Maus in ihre Hand. Die Studentin schloss vorsichtig ihre Finger um den kleinen Nager und setzte diesen wieder in seinen Käfig zurück. Sie schaute kurz, ob noch genug Trinkwasser und Futter für Blueboy vorhanden war und ging dann zu dem geöffneten Zimmerfenster. War das wieder eine schöne, lauwarme Nacht. Das Zirpen der Zikaden erfüllte die abendliche Stimmung. Im Licht der wenigen Gartenlaternen sah sie ab und zu die flüchtigen Schatten von Fledermäusen auftauchen. Die Sonne war jetzt tatsächlich schon ganz untergegangen. Bevor sie im Zimmer Licht anmachte und sich auf ihren spannenden Roman stürzte, wollte sie lieber die Fenster schließen. In der ersten Nacht hatte sie gelernt, dass jede Menge Stechmücken von dem Licht angezogen wurden. Sie war böse von den Moskitos zerstochen worden. Gott sei Dank verfügten alle Zimmer über Klimaanlagen, so dass man zur Kühlung nachts nicht unbedingt das Fenster auflassen musste. Gerade als Melissa die beiden Fensterflügel schließen wollte, fiel ihr Blick noch einmal auf die Klosteranlage. Zuerst meinte sie, sich getäuscht zu haben, aber dann sah sie noch einmal genauer hin. Tatsächlich! Hinter einem der Fenster war ein schwaches Licht zu erkennen. Wie gab es das? Hatte Professor Metzger ihr nicht gesagt, dass diese Gebäude vollkommen leer standen? Sollte das Licht eine Spiegelung eines anderen Lichts aus den Institutsgebäuden sein? Fast unwahrscheinlich bei der Entfernung. Melissa ging zu ihrem Bett und entnahm dem Nachtischschränkchen ihr kleines Fernglas. Sie ging zum Fenster zurück und suchte mit dem Fernglas das beleuchtete Fenster im Kloster. Dann sah Melissa plötzlich die Gestalt. Sie erschien an dem beleuchteten Fenster und schien zu ihr herüber zu schauen. Melissa fröstelte es plötzlich. Die Gestalt war ganz mit einem weißen Umhang bekleidet und trug auf dem Kopf eine spitze, weiße Kapuze. Das Gesicht war nicht zu erkennen. So plötzlich sie aufgetaucht war, so plötzlich verschwand die Gestalt auch wieder vom Fenster. Kurz darauf ging das Licht in dem Klosterzimmer aus. Melissa verharrte noch weiter in ihrer Stellung und beobachtete durch ihr Fernglas jetzt auch die anderen Fenster der Klostergebäude. Der Vorgang wiederholte sich aber nicht mehr. Nach etwa zehn Minuten gab Melissa ihren Posten am Fenster auf. Ob sie Professor Metzger morgen wegen dieser weißgekleideten Gestalt ansprechen sollte? Hatte er sie bewusst belogen, oder wusste er nichts von einer Bewohnung des Klosters?

Sascha saß im Wartezimmer der Praxis von Doktor Elena Katanis. Außer ihm waren noch eine jüngere Frau und ein älterer Mann anwesend. Die Tür zur Rezeption stand offen. Eine der beiden Arzthelferinnen kam herein und sagte zu dem anderen Mann. »Kommen Sie bitte mit Herr Vogl, Sie bekommen jetzt ihre Tantra Massage.« Der Mann, der Vogl hieß, schaute sichtlich beschämt zu der anderen Patientin hinüber und folgte der Schwester durch die Tür zur Rezeption. Sascha griff jetzt doch zu dem Informationsblatt, das ihm schon vorher auf dem Glastisch ins Auge gestochen war. Der Titel lautete Die moderne Sexualtherapie im Überblick. Konnte ja nicht schaden, wenn man sich auch auf diesem Sektor ein wenig weiterbildete. Tantra und Ganzkörpermassage: Sexuelle Energie als Potential zur Transzendenz und Heilung. Verspannungen im Becken und Intimbereich. Sex als Kunst: Einbeziehung von Körper-, Atem- und Meditationsübungen. Lösen der Verspannungen durch Intimmassage. Stimulation durch Therapeut/in. Aha, sehr interessant. Dann bekam der andere Patient jetzt eine schöne, stimulierende Handmassage. Sascha grinste vor sich hin. Kurz darauf verging ihm aber wieder seine Fröhlichkeit. Der dumpfe Schmerz in seinem Körper wurde jetzt doch immer stärker. Hoffentlich kam er bald an die Reihe. Die schmerzhemmenden Kapseln schienen langsam ihre Wirkung zu verlieren. Wenn er nur an seine Behandlung durch Andrea gestern Abend dachte. Irgendwie spürte er immer noch die Nachwirkungen von dem Katheter. »Herr Sommer, kommen Sie bitte mit mir mit?« Die andere Sprechstundenhilfe war in dem Durchgang aufgetaucht. Sascha folgte ihr in einen Behandlungsraum. Gleich nach seiner Ankunft in der Praxis hatte er einen kleinen Becher mit Urin füllen müssen und die gleiche Krankenschwester, die ihn jetzt zu diesem Behandlungsraum führte, hatte ihm mehrere Ampullen Blut aus der Armvene entnommen. Inzwischen war

über eine Stunde Zeit vergangen. Wahrscheinlich lagen jetzt schon die ersten Ergebnisse aus der Urin- und Blutuntersuchung vor.

»Entkleiden Sie sich bitte ganz und legen Sie sich hier anschließend auf die Liege. Frau Doktor kommt dann gleich zu Ihnen.« Die Schwester schloss beim Hinausgehen die Tür hinter sich und Sascha zog sich langsam aus. Nur seine Unterhose behielt er erst einmal an. Es dauerte ein paar Minuten, bis er hörte, wie die Tür wieder geöffnet wurde. Er wollte sich schon von der Liege erheben, als sich ein blondes, äußerst hübsches Mädchen über ihn beugte. »Bleiben sie nur so liegen. Ich bin Schwester Vicky. Ich habe gerade erst meinen Dienst angetreten, deshalb kennen wir uns noch nicht. So dann wollen wir mal sehen, wie schnell wir zum Erfolg kommen.« Schwester Vicky zog gekonnt seine Unterhosen herunter, legte ein Papierhandtuch auf seinen Bauch und streifte sich dann einen Latexhandschuh über die rechte Hand. Sie setzte sich neben ihm auf die Liege und griff nach seinem Glied. Sascha zuckte zusammen. »Ähhh, halt, halt! Was machen Sie da?« »Na was schon? Wir wollen doch Ihre Fähigkeit zum Orgasmus testen. Entspannen Sie sich einfach und lassen Sie es über sich ergehen. Es gibt wohl Schlimmeres!« »Allerdings. Normalerweise hätte ich ja auch keine Einwände, aber ich warte hier auf Frau Doktor Katanis.« Das Mädchen schaute ihn ungläubig an. »Was? Unsere Chefin will es Ihnen selbst besorgen?« »Nein, nein. Die Sache ist anders.« Wieder ging die Tür auf. »Vicky! Das ist der falsche Patient. Herr Vogl liegt im Nebenzimmer.« Sascha sah, wie Schwester Vicky rot im Gesicht anlief. »Oh, Entschuldigung.« Sie verschwand ohne weiteren Kommentar aus dem Behandlungsraum und an ihrer Stelle beugte sich jetzt die andere Frau über seine Liege und reichte ihm ihre rechte Hand. »Grüß Gott. Katanis!« »Hallo Frau Doktor. Da sind Sie ja gerade noch im rechten Moment gekommen, oder vielleicht doch im falschen?« Die Ärztin lächelte. »Also, wenn sie wollen, Herr Sommer, kann ich Ihnen nach der Untersuchung durchaus wieder eine meiner Assistentinnen hereinschicken, um das fortzusetzen, was ich eben unterbrochen habe.« »Nein, nein. War nur ein Scherz, Frau Doktor. Meine Niere ist jetzt wichtiger.« »Gut. Wie ich aus den Unterlagen, die Sie mitgebracht haben ersehen konnte, ist hauptsächlich ihre rechte Niere betroffen. Wie ihr Blut zeigt, liegen die Kreatinwerte weit über zehn Milligramm. Ich werde jetzt noch eine Ultraschalluntersuchung vornehmen. Bleiben sie bitte so liegen.« »Kann ich meine Unterhose wieder anziehen?« »Warum? Ich schaue Ihnen nichts weg. Bleiben Sie nur so wie sie sind, ich muss Ihnen nachher zur weiteren Untersuchung sowieso noch einen Katheter einführen.« Nicht schon wieder, dachte Sascha. Auf was hatte er sich da eigentlich eingelassen. Doktor Katanis schob inzwischen das Ultraschallgerät neben die Liege und begann mit der Untersuchung. Sascha konnte auf dem kleinen Monitor des Gerätes die Untersuchung mitverfolgen. Ein ebenfalls angeschlossener kleiner Drucker gab ständig Daten aus. Nach einer Weile schaltete die Ärztin das Gerät wieder aus und vertiefte sich in die Ausdrucke. »Hmm, hmm, ihre rechte Niere ist tatsächlich äußerst schwer geschädigt. Auch die linke Niere hat schon einen Schaden, wenn auch längst nicht so schlimm wie die andere Niere. Ihnen geht es wirklich nicht gut. Nach diesen Werten ist eine Transplantation absolut unumgänglich. Zur letzten Klarheit mache ich jetzt noch eine Blasenuntersuchung, aber im Grunde ist sowieso schon alles klar.« Ergebungsvoll sah Sascha zu, wie die Ärztin zum Wandschrank ging und einen hygienisch verpackten Katheter herausnahm.

»Was ist mit dir los, Sabine? Du sitzt heute so unruhig?« Ilona Elsen schaute auf Sabines Unterleib. Sabine errötete leicht. »Ach nichts. Nur eben der Kunde. An einige Sachen muss ich mich erst noch gewöhnen!« Ilona nickte verstehend. »Aha. Na, ich frage nicht weiter. Ich weiß schon, was du meinst.« »Ilona, weshalb ich kurz bei dir vorbeischaue, bevor mein nächster Kunde kommt. Die Sache mit der Organ-Mafia nimmt langsam konkrete Formen an. Sascha war schon bei Doktor Elena Katanis und wartet auf seinen Transplantations-Termin.

Sie hat wahrscheinlich nichts von der Manipulation an seinen Nieren bemerkt. Wir haben jetzt nur ein großes Problem. Über kurz oder lang müssen wir die Polizei in diesen Fall mit hineinziehen. Es darf natürlich auf keinen Fall zu dieser Transplantation kommen. Dem wahrscheinlich unfreiwilligen Spender darf auch nichts passieren. Sascha startet zur Zeit einige Aktionen, auf die ich jetzt aus Zeitmangel nicht eingehen kann. Wir treffen uns ja sowieso heute Abend alle zur nächsten Besprechung. Ich wollte dich eigentlich nur fragen, ob du jemanden von der Polizei in München kennst, dem wir voll vertrauen können. Am besten wäre natürlich einer von der Kripo. Ehe wir den ganzen Apparat in Gang setzen, brauchen wir einen kompetenten Berater, der mit uns den weiteren Ablauf, mit späterer Einbeziehung weiterer Polizeibeamter, plant.« »Ich werde mal darüber nachdenken. Vielleicht weiß ich heute Abend schon mehr.« »Prima, wie gesagt, ich muss wieder in mein Appartement. Bis heute Abend beim Aumeister. Servus!« »Servus Sabine. Bis 18 Uhr dann.«

Melissa konnte lange nicht einschlafen. Immer wieder dachte sie an die seltsame, weiße Kapuzengestalt am Fenster des Klosters. Das musste eine der Nonnen gewesen sein. Aber die gab es doch angeblich schon seit Jahrzehnten nicht mehr auf dieser Insel. Ihre Gedanken verwirrten sich und dann glitt sie doch in einen ruhelosen Schlaf. Durch irgend etwas wurde sie plötzlich wach. An ein Geräusch konnte sie sich nicht erinnern. Zunächst ließ sie ihren Kopf ruhig auf dem Kopfkissen liegen und ihren Blick vorsichtig im Zimmer herumschweifen. Der Raum war stockdunkel. Bevor sie ins Bett gegangen war, hatte sie die lichtundurchlässigen Übergardinen vor dem Fenster zugezogen. Immer mehr beschlich sie ein mulmiges Gefühl. War jemand in ihrem Zimmer?. Sie versuchte ruhig weiter zu atmen, merkte aber, wie ihr Herz plötzlich wesentlich schneller und vermeintlich lauter schlug. Dann blieb ihr fast das Herz stehen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Melissa auf das immer heller werdende Licht, das die kleine Gestalt, die neben ihrem Bett erschien, wie von Innen beleuchtete. Es war ein kleines Mädchen, mit langen, blonden Haaren. Mit ernsten Augen schaute sie Melissa mehrere Sekunden an. Dann erlosch das innere Licht langsam wieder. War sie wach? War das ein Traum? An Schlaf konnte sie vorerst nicht mehr denken. Sie schaltete ihre Nachttischlampe an und schaute zu Blueboy rüber. Der schlummerte friedlich auf seiner Holzwolle. Melissa nahm ein Buch zur Hand und las bis zum Morgengrauen durch. Viel bekam sie aber von dem Inhalt nicht mit. Die beiden Vorkommnisse, erst diese weiße Gestalt im Kloster und dann dieses seltsame Traum-Mädchen, das ihr irgendwie bekannt vorgekommen war, ließen ihre Gedanken immer wieder abschweifen. Was ging hier vor?

»Na ihr Lieben. Wie geht es euch denn so?« »Komm rein Sascha und sülz hier nicht so herum.« Sascha folgte Marcel in das Wohnzimmer. »Nimm Platz. Was darf ich dir zum Trinken anbieten? Sabine hat gerade Kaffee gekocht. Nur so als kleiner, dezenter Hinweis.« »Kaffee wäre jetzt gar nicht schlecht. Hauptsache er ist nicht so stark. Du weißt ja, dass ich als Nierengeschädigter keinen starken Kaffee vertrage.« »Hast du tatsächlich noch immer Probleme mit deinen Nieren?« »Eigentlich nicht. War nur als Scherz gemeint.« »Gut. Setz dich derweil. Ich sage Sabine Bescheid.« Sascha setzte sich so auf die Ledercouch, dass er einen schönen Ausblick in den Garten hatte. Das Wetter war heute nicht gerade berauschend. Sonne wechselte mit kurzen Hagel- und Regenschauern. »Hallo Sascha.« »Grüß dich Sabine. Wo sind denn die Kinder?« »Lara ist in ihrem Bett und Tanja ist bei einer Freundin. Schadet nicht, dann haben wir wenigstens unsere Ruhe.« Sabine stellte das Tablett mit den Kaffeeutensilien auf den Wohnzimmertisch und verschwand wieder in der Küche. Marcel kam herein und stellte die Stereoanlage an. »Was willst du denn hören? Wie ich annehme wieder Oldies aus den sechziger Jahren.« »Country Musik wäre mir jetzt ehrlich gesagt viel lieber.«

»O.K. also Country Musik.« Marcel suchte eine CD aus dem Regal und legte diese in den CD-Player ein. Kurz darauf setzte die Stimme von Johnny Cash mit dem Song Ring Of Fire ein. »Was ich dich schon immer fragen wollte, Sascha? Du hast doch verdammt viel Ahnung von Computern. Hättest du nachher noch ein bisschen Zeit, Sabine bei ihren PC Aktivitäten über die Schulter zu schauen?« »Ja natürlich. Aber warum? Ich denke, sie macht jetzt schon ein paar Monate einen Computer Kursus mit?« »Das ist es ja gerade! Ich kenne mich nicht so besonders gut mit einem PC aus, aber was Sabine kann, bringe ich schon lange. Irgend etwas stimmt da nicht.« »Warum sollte etwas nicht stimmen? Vielleicht tut sie sich nur etwas schwer?« »Habe ich auch am Anfang gedacht, aber ich bin misstrauisch geworden, weil sie noch nicht einmal die Formatierungsfunktionen von Word beherrscht. Sie sollte für mich einen Brief schreiben. Nichts Besonderes. Ein paar Absätze mit implantierten Grafiken. Ja glaubst du, die hätte das zustande gebracht?« »Das ist allerdings seltsam. Wo findet der Kurs denn überhaupt statt?« »Angeblich am Rosenheimerplatz. Gefördert vom Arbeitsamt. Institut zur beruflichen Weiterbildung. Ich habe gestern dort angerufen. Und jetzt pass gut auf. Eine Sabine Kruft ist dort überhaupt nicht bekannt.« »Donnerwetter!« »Es kommt noch viel besser. Man kennt dort auch keine Ilona Elsen. Was ist da bloß los, Sascha?« »Keine Ahnung. Hast du denn Sabine noch nicht zur Rede gestellt?« »Ich weiß noch nicht genau, wie ich vorgehen soll. Es gibt da nämlich noch ein paar andere, merkwürdige Dinge, die mir in letzter Zeit aufgefallen sind.« »Und die wären?« »Sie kauft sich neuerdings ausgesprochen teure Klamotten. Nur Modedesigner. Alles vom Feinsten. Ich frage mich, woher hat sie plötzlich so viel Geld?« »Vielleicht hat sie was gespart, oder gewonnen oder geschenkt bekommen, was weiß ich?« »Kann sein. Vorsicht, sie kommt.« Sabine betrat wieder das Wohnzimmer und trug neben der Kaffeekanne auch noch einen Topfkuchen herein. »So, jetzt wollen wir erst einmal ordentlich Kaffee trinken. Wie geht’s denn meinem Schwiegertiger so, Sascha?« »Ach, die hat nach wie vor immense Probleme mit Foxi, ihrem Wallach. Nach seinen Nierenbeschwerden und der Halsentzündung ist jetzt auch noch eine Hufrehe hinzugekommen. Ich war eben erst im Stall. Er kann kaum richtig auftreten. Das tut einem schon selber weh, wenn man das so mit ansehen muss.« »Und, was sagt der Tierarzt?« »Man muss abwarten. Er bekommt jeden Tag eine Spritze. Hoffentlich bessert sich sein Zustand bald. Das ist so ein netter Bursche.« »Ja hoffentlich. Bestell meinem Schwiegertiger einen schönen Gruß von uns.« »Mache ich. Jetzt aber zu unserem Thema. Organ-Mafia.« »Hast du schon Reaktionen?« »Am besten erzähle ich euch alles im Zusammenhang. Nachdem ich im Internet den Chatroom für Organspender und Organempfänger aufgemacht hatte, habe ich ja sämtliche Kliniken in München über die neue Homepage im Internet schriftlich informiert mit der Bitte mir ein E-Mail als Kommentar und eventuellen Verbesserungsvorschlägen zu schicken. Ein paar Kliniken haben bereits reagiert. Die meisten Kommentare in den eingehenden E-Mails nahmen aber eher eine abwartende Haltung ein. Die wissen noch nicht so recht, was sie davon halten sollen. Vielleicht fühlen sie sich auch ein wenig in ihrer Hoheit angegriffen. Der Hintergrund dieser Aktion war ja, über die E-Mails und den sich dahinter verbergenden Absenderdaten Zugriff auf die Datenbanken der Kliniken zu bekommen. Ich habe doch bei unserer gemeinsamen Gesprächsrunde im Aumeister gesagt, dass ich mich bei den Kliniken als Hacker versuchen werde, um weitere Informationen über Organtransplantationen und überhaupt Patientendaten zu bekommen. Irgendwo liegt vielleicht schon mein Nierenspender, der noch gar nichts von seinem Glück weiß. Ich nehme an, dass die Katanis meine Daten an die Organisation weitergegeben hat und die Mitarbeiter der Organisation jetzt versuchen werden, einen geeigneten Spender für mich aufzutreiben.« Marcel trank seinen Kaffee aus. »Hat die Katanis dir eigentlich fest eine Niere versprochen?

»Das habe ich doch schon im Aumeister erzählt. Fest zusagen kann sie eine passende Niere nicht, aber sie will ihre Beziehungen spielen lassen. Das waren jedenfalls ihre Worte.« »Und der ganze Spaß soll dich 150.000 Euro kosten?« »Ja, so ungefähr. Was ist das schon, wenn man anschließend wieder ein normales Leben führen kann? So etwa werden die richtig betuchten Organgeschädigten denken.« Sabine nahm einen Bissen vom Topfkuchen und deutete auf Saschas Bauch. »Duhmm, sollmmtsm dirm gleicmh deinmm Baucmm mitenfenem lassemm.« Sascha sah Sabine böse an. Er konnte es nicht leiden, wenn jemand mit vollem Mund sprach. »Was beliebtest du eben so undeutlich zu sagen, meine liebe Sabine? Ich habe dich beim besten Willen nicht verstanden.« Sabine schluckte den Kuchen mit Hilfe von Kaffee hinunter und sagte. »Ich habe gesagt, dass du dir gleich deinen dicken Bauch mit entfernen lassen sollst.« »Ich hätte mir ja denken können, dass so etwas wieder von dir kommt. Mein Bauch ist nicht dick. Alles Muskeln. Na, vielleicht sollten wir beim Thema bleiben. Meine Versuche, in die diversen Klinik-Datenbanken einzudringen, haben sowieso bisher noch nicht funktioniert. Ich habe einfach zu wenig Zeit. Schließlich muss ich auch noch meine Kunden bedienen. Irgendwoher muss der Rubel ja rollen.« »Wie sollen wir rechtzeitig erfahren, welcher Patient für dich seine Niere opfern soll? Das ist mir immer noch nicht klar.« Marcel legte seine Füße auf einen Schemel. »Das ist ja der Mist! Es könnte ein Patient sein, der gerade zuvor ganz normal verstorben ist, oder der im Koma liegt, oder im Prinzip auch jeder Andere. Natürlich auch ganz normale Bürger, die jetzt noch putzmunter irgendwo herumlaufen. Wir brauchen bloß an Sabrina zu denken. Die war schließlich topfit und ist von der Mafia für Organspenden umgebracht worden. Unser Problem ist nach wie vor tatsächlich, dass es fast schon ein Wunder wäre, wenn wir rechtzeitig den unfreiwilligen Spender ermitteln könnten.« Sabine schluckte erst, bevor sie sich äußerte. »Was ist, wenn du jetzt plötzlich einen Anruf erhältst und da oder dort innerhalb der nächsten Stunde zur Transplantation erscheinen sollst? Dann haben die ja den Spender mit Sicherheit schon fest im Griff. Was sollen wir dann machen?« »In diesem Fall informiere ich sofort unseren Kontaktmann bei der Kripo. Er hat uns ja im Aumeister erklärt, wie er und seine Kollegen dann vorgehen werden.« »Wen Ilona alles kennt? Schon erstaunlich, aber der Typ machte selbst auf mich einen guten Eindruck.« Marcel stand auf und legte eine neue CD ein. Sabine nickte. »Hättet ihr vermutet, dass Ilona früher selbst bei der Kripo war? Ich war jedenfalls sehr überrascht, als sie uns den Thomas als einen ehemaligen Kollegen vorgestellt hat. Irgendwas muss vorgefallen sein, weshalb sie diesen Job aufgegeben hat. Vielleicht frage ich sie mal zu einer geeigneten Zeit.« Marcel sah Sabine fest an. »Weil du es gerade sagst. Wie geht es denn Ilona in eurem Kurs so?« »Äh, nicht schlecht. Gar nicht schlecht. Sie kommt ganz gut mit.« »Hoffentlich lernt sie mehr als du. Mit dem Wissen, was du bisher hast, brauchst du dich nirgendwo zu bewerben.« Sabine haute wütend mit der flachen Hand auf den Tisch. »Jetzt hör aber auf! Nur weil ich ein paar Probleme mit deinem blöden Word Dokument gehabt habe, brauchst du hier nicht so dämlich herum zu reden!« »Ich meine ja bloß.« Marcel stand auf und winkte Sascha. Beide gingen auf die Terrasse. Marcel schloss die Terrassentür hinter sich. »Sie lügt wie gedruckt. Sollen wir mal Ilona fragen? Du hast doch ihre Adresse. Am besten fahren wir bei ihr vorbei und stellen sie zur Rede.« »Du nicht Marcel. Das mache ich alleine. Auf die diplomatische Art. Ich bekomme schon raus, welchen Kursus die beiden besuchen.«

Yvonne Chateau lag, mehr als das sie saß, in einem bequemen Ledersessel und hatte ihre Füße auf den kleinen Couchtisch platziert. Lässig führte sie ab und zu ein dünnes Zigarillo zum Mund, sog fest daran und stieß dann den Rauch in Ringen spielerisch wieder aus. Melissa Kruft lag auf ihrem Bett, den Körper in eine leichte Seitenstellung gedreht, damit sie während der Unterhaltung mit Yvonne auch Blickkontakt zu ihr halten konnte. Die beiden jungen Frauen legten gerade eine Gesprächspause ein. Melissa schaute wieder mal, was ihr Blueboy trieb, aber die Maus hatte ihren Posten auf dem Rand des hölzernen

Bettkopfteils noch nicht verlassen. Die Studentin griff zu dem Glas Metaxa, das auf ihrem Nachttisch stand und machte eine auffordernde Bewegung in Richtung von Yvonne. »Zum Wohl Yvonne, auf dass deine Cognac Flasche leer wird!« Yvonne beugte sich ein wenig vor, ergriff ihr Cognacglas und trank es mit einem Zug leer. »Zum Wohl, ma Cherie, auf dass unsere neue Freundschaft ewig halte!« Yvonne formte mit ihren Lippen einen Kussmund und machte das Geräusch eines schmatzenden Kusses nach. Melissa merkte, dass die Französin langsam einen Rausch bekam. Warum auch nicht. Jetzt war Freitagabend und hinter ihnen lag mal wieder eine harte Arbeitswoche. Die Studentin fand es schade, dass sie wegen der intensiven Forschungsarbeiten so wenig Zeit fand, die ganze Insel mal etwas näher zu erkunden. Yvonne hatte ihr zwar am letzten Wochenende bei einem gemeinsamen Spaziergang ein wenig von der Insel zeigen können, aber auf einem der dichtbewachsenen Waldwege waren sie an eine Weggabelung gekommen, an der Yvonne darauf bestand, auf dem linken Pfad zum Institut zurückzukehren. Als Melissa fragte, wohin denn der rechte Pfad führen würde, bekam sie von Yvonne die Antwort, dass manche Wege nicht von allen Mitarbeitern benutzt werden dürften. Erst jetzt hatte Melissa die zwei Warnschilder rechts und links an den Bäumen des rechten Pfades bemerkt. Sie akzeptierte erst einmal diese Anweisung, hatte sich aber geschworen, in Zukunft beim Professor noch genauer nachzuharken. Das war innerhalb einer Woche schon der dritte merkwürdige Vorfall gewesen, den sie auf dieser Insel erlebte. Zuerst die Sache mit der weißen Gestalt an einem Fenster, in dem angeblich leerstehenden Kloster. Dann die Sache mit dem Geistermädchen und schließlich diese merkwürdige Sperre gewisser Wege auf der Insel. Als sie am nächsten Tag Professor Metzger wegen der Gestalt und den verbotenen Wegen ansprechen wollte, erfuhr sie, dass der Professor für zwei Wochen nach Rhodos gefahren war. Jemanden vom Forschungsteam wollte sie nicht befragen. Diese Sache musste also warten, bis der Professor wieder auftauchte. So dachte sie noch vor einer Woche. Jetzt entschloss sie sich aber, die günstige Gelegenheit zu nutzen und mal bei Yvonne vorsichtig anzuklopfen. Das war wirklich ein sehr guter Zeitpunkt. Die Französin war nicht mehr ganz nüchtern und würde vielleicht doch etwas mehr zu den Vorgängen sagen können. Melissa überlegte kurz, wie sie anfangen sollte. »Du Yvonne, ich hab da mal eine Frage an dich.« Die Französin räkelte sich noch mehr in den bequemen Ledersessel. »Schieß nur los, Cherie, ich bin für alles zu haben.« Melissa bemerkte sofort die Zweideutigkeit dieser Antwort, ignorierte dies aber erst einmal. »Hast du schon mal jemanden in den Klostergebäuden gesehen?« Anstatt einer Antwort griff Yvonne zur halbvollen Metaxaflasche und goss sich noch einmal ihr Glas voll. »Du auch, Cherie?« »Nein danke, ich hab noch. Was ist nun mit dem Kloster, Yvonne?« »Was soll damit sein. Es steht leer. Warum fragst du?« »Ich meine, letzte Woche jemandem an einem beleuchteten Klosterfenster gesehen zu haben. Eine Gestalt in weißer Kutte und mit weißer Kapuze.« Melissa beobachtete jetzt genau die Reaktion von Yvonne. Diese nahm erst einmal einen Schluck Cognac, bevor sie antwortete. »Puhhh, so langsam merke ich den Cognac, Cherie. Eine weiße Gestalt, sagst du? Merkwürdig. Ich habe da noch nie jemanden gesehen und ich wohne schon etwas länger auf dieser Insel als du.« Yvonne zog wieder an ihrem Zigarrillo, merkte aber, dass dieses inzwischen ausgegangen war. Brummend legte sie den Rest des Zigarrillos in den Aschenbecher. »Ich habe auch noch nie gehört, dass da im Kloster noch irgendjemand wohnen soll. Die Nonnen, die da mal gelebt haben, sind doch längst Vergangenheit.« Melissa hatte sich jetzt auf die Bettkante gesetzt. »Ja eben. Umso komischer war das Erscheinen dieser weißen Gestalt. Von der Bekleidung her, hätte es durchaus eine Nonne sein können.« Yvonne kramte nach ihren Streichhölzern. Endlich fand sie die flache Packung und zündete sich das Zigarillo erneut an. Melissa überlegte schon, wie sie heute nacht diesen Rauch aus ihrem Zimmer herausbekommen sollte. Wenn sie das Fenster öffnete, kamen die Moskitos wieder in Scharen hereingeflogen. Oder vielleicht doch nicht, bei diesem Qualm? Genüsslich stieß Yvonne den Rauch wieder in kleinen Wolken aus. »Ich glaube, da hast du dich getäuscht, Melissa. Im Kloster wohnt bestimmt niemand mehr. Die Gebäude sind zum Teil ja auch schon sehr baufällig. Wäre wahrscheinlich verdammt gefährlich, dort zu wohnen. Da kannst du ständig die Decke auf den Kopf bekommen.« »Also so leicht lasse ich mich nicht von meinem Erlebnis abbringen. Sobald Professor Metzger wieder auftaucht, werde ich eine logische Erklärung von ihm verlangen. Warst du schon mal in dem leeren Kloster?« »Natürlich. Sonst wüsste ich ja nicht wie baufällig das ganze Anwesen inzwischen ist. Allerdings war ich nur in ein paar Gebäuden. Die Klosteranlage ist ja so riesig.«

»He, halt!« Dieser Ruf von Melissa galt Blueboy, der vom Bett auf den Boden gesprungen war. Als ob er ihren Ruf verstanden hätte, setzte sich der kleine Mäuserich auf die Hinterfüße und wartete geduldig, bis Melissa ihn vorsichtig in die rechte Hand nahm. Sie setzte Blueboy in seinen Käfig und verschloss anschließend sorgfältig die kleine Drahttür. Yvonne trank ihr Cognacglas wieder leer. »Er ist so süß, dein Blueboy. Schade, dass ich nicht auch so ein Kuscheltier zum Knuddeln habe. Gmmmh. Ich werde jetzt doch ganz schön müde, Melissa. Ich glaube, ich geh jetzt schlafen, was meinst du?« Melissa merkte, dass Yvonne von dem Metaxa schon ganz schön benebelt war. Die Worte kamen nur noch sehr stockend und undeutlich aus ihrem Mund. Sie stand von ihrem Bett auf und ging zu Yvonne hin. »Gut, komm. Ich bringe dich in dein Zimmer zurück.« Sie half Yvonne aus dem Sessel und hakte sie leicht unter. Der Weg war nicht weit. Die Französin bewohnte das übernächste Zimmer. Direkt nebenan wohnte die Jugoslawin Katka Milosevic. Als sie an deren Zimmer vorbei kamen, sagte Melissa zu Yvonne. »Dass so viele Jugoslawen Milosevic heißen? Fast wie bei uns Meier oder Müller.« Yvonne schüttelte den Kopf. »Sie heißt aber nicht nur so. Sie ist auch eine.« »Was meinst du damit, sie ist auch eine?« »Nun, sie ist die Nichte von Slobodan Milosevic.«

»Hallo Ilona, hier ist Sascha Sommer, kann ich dich heute mal kurz besuchen?« »Mich?. Worum geht es denn, Sascha?« »Das möchte ich lieber nicht am Telefon sagen. Teilweise hat es mit der Organ-Mafia zu tun, aber es gibt da auch noch etwas anderes.« Es entstand eine kurze Pause. Ilona schien sich ihre Antwort zu überlegen. »Nun gut. Warum nicht? Was soll’s. Wann möchtest du denn bei mir vorbeikommen?« »Na ja, so gegen 17 Uhr. Vorher wird es bei mir nicht gehen.« »Gut. Weißt du denn überhaupt, wo ich wohne?« »Steht doch alles auf deiner Visitenkarte, Ilona. Muss irgendwo in Bogenhausen sein, wenn mich mein Straßengedächtnis nicht sehr trügt.« »Da hast du ganz recht. Bis 17 Uhr also.« »Ich versuche pünktlich zu sein. Servus Ilona.« »Servus Sascha.« Sascha wählte die nächste Telefonnummer. »Winter.« »Hallo Andrea. Wie geht’s?« »Nicht besonders. Ich bin irgendwie total überarbeitet. Es wird Zeit, dass ich mal ein paar Tage Urlaub mache. Von gestern auf heute waren es wieder 18 Stunden ohne Pause.« »Das ist allerdings hart. Mir ist unverständlich, wie eure Klinikleitung so etwas zulassen kann.« »Nun gut. Der Anschlag von Berlin mit den vielen Verletzten, da kann man nicht einfach Dienst nach Vorschrift machen. Zusätzlich muss angeblich überall gespart werden. Auch am Personal. Ich sage ja nichts, wenn es ab und zu mal vorkommen würde, aber in letzter Zeit häufen sich die Überstunden, auch ohne Sonderfall Berlin, doch allzu sehr.« »Dann bist du wohl nicht in der Stimmung, heute Abend mit mir irgendwo essen zu gehen?« »Nein leider, Sascha. Wie gesagt, ich muss mich unbedingt ausruhen, sonst fall ich morgen während des Dienstes um.« »Schade, aber nicht zu ändern. Ich werde heute Nachmittag mal bei Ilona vorbeischauen. Es gibt da noch einige Punkte zu klären.« »Wegen der Organ-Geschichte?« »Ja, auch. Ich will mit ihr noch mal genauer die Aufgaben ihres Kollegen von der Kripo durchgehen. Es darf auf keinen Fall passieren, dass ich plötzlich zum Organ-Empfang gerufen werde und unser ganzer Plan ins Wanken gerät.« »Und was noch?« »Wie, und was noch?« »Du sagtest doch eben, dass du auch wegen der Organ Sache zu Ilona gehst. Was gibt es noch für einen Grund?« »Ach so. Wie soll ich es ausdrücken. Da ist noch eine Sache mit Sabine. Marcel hat herausgefunden, dass sie gar nicht zu dem angegebenen Weiterbildungs-Kursus geht. Und Ilona auch nicht.«

»Hat er sich denn auch bei der richtigen Schule erkundigt?« »Nehme ich doch schwer an.« »Oha. Das ist allerdings sehr seltsam. Und du willst jetzt bei Ilona deswegen auf den Busch klopfen?« »Ja. Ich habe es Marcel versprochen. Mal sehen was dabei herauskommt.« »Sei bitte vorsichtig. Manchmal ist es im Leben besser, wenn man nicht alles weiß.«

»Stimmt. Aber irgendwie bin ich doch ins Grübeln geraten. Woher soll plötzlich so viel Geld kommen? Ob Sabine auch

mit der Organ Mafia

»Jetzt hör aber auf. Du meinst, sie hat damals ihren eigenen Mann als Spender an die Organ-Mafia verkauft?« »Kann doch sein. Wer weiß das schon? Immerhin war sie die einzige, bei unserer Abstimmung, die gegen die Fortführung der Ermittlungen war. Das gibt doch schon zu denken. Jedenfalls muss ich mich bei Ilona schlau machen. Vielleicht gibt es ja noch eine Möglichkeit, die wir bisher gar nicht in Betracht gezogen haben. Wenn Ilona etwas über das Geld weiß, bekomme ich es auch heraus.« »Na, ich weiß nicht so recht, Sascha. Ilona kommt mir sehr stark und selbstbewusst vor. Wenn die nicht will, sagt sie dir auch nichts.«

»Das lasse ich jetzt erst mal auf mich zukommen. Planen kann man da nicht viel. Ich werde mein Bestes versuchen.« »Schön Sascha. Ich rufe dich morgen an. Ich bin auch sehr gespannt, was da mit Marcel und Sabine und auch mit Ilona los ist. Jetzt lege ich mich aber ins Bett. Mir fallen schon ständig die Augen zu.« »Schlaf schön, Andrea und träum was Schönes.« »Werde ich versuchen. Bis morgen dann und viel Erfolg.« »Danke. Bis morgen.« Sascha legte das mobile Telefonteil auf die Station zurück und schaute auf seine Armbanduhr. Knapp 16 Uhr. Er musste jetzt erst einmal anhand eines Stadtplans die genaue Lage der Straße von Ilona ausfindig machen und dann gleich losfahren.

Leise vor sich hin fluchend rappelte Melissa sich erneut auf. Das war nun schon der dritte Sturz innerhalb der letzten zehn Minuten gewesen. Die Sonne war, wir üblich in diesen Breitengraden, mal wieder sehr schnell untergegangen und der Pfad, dem sie nun schon seit über einer Stunde folgte, lag durch die dichte Vegetation, die ihn umgab, in fast absoluter Dunkelheit. Obwohl sie eine Taschenlampe mitgenommen hatte, traute sie sich nicht, diese auch zu benutzen. Schließlich ging sie auf verbotenen Pfaden. Warum nur ließ sie sich so von ihrer Neugierde treiben? Warum wartete sie nicht einfach bis Professor Metzger zurückkam und ließ sich von ihm erklären, warum manche Wege auf der Insel nicht zur Benutzung für alle Mitarbeiter des Instituts freigegeben waren? Der schmale Pfad war jedenfalls nicht gut geräumt. Ständig stolperte sie über herumliegende Äste oder Steine. Manchmal trat sie auch in Bodenvertiefungen. Melissa hoffte inständig, dass die Vertiefungen so relativ flach blieben wie bisher. Was war, wenn sie in ein tieferes Loch geriet? Sie musste unbedingt vorsichtiger auftreten. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gebracht, merkte sie, wie ihr rechter Fuß nicht den erwarteten Halt auf dem Boden fand. Melissa versuchte ihr Körpergewicht auf ihr linkes Bein zu verlagern, aber es war zu spät. Das rechte Bein verschwand in einer Vertiefung und Melissas Körper schlug erneut schwer auf den Boden. Sie merkte sofort, dass sie diesmal nicht so glimpflich davongekommen war. Als sie ihr Bein aus der Vertiefung zog, zuckte ein stechender Schmerz durch ihren ganzen Körper. Hoffentlich hatte sie sich nichts gebrochen? Vorsichtig tastete sie ihr rechtes Bein ab. Nein, es schien noch alles in Ordnung zu sein. Mühsam stand sie wieder auf. Bei der Belastung ihres rechten Fußes spürte sie erneut einen stechenden Schmerz. Wahrscheinlich hatte sie sich eine Zerrung zugezogen. Ohne Benutzung der Taschenlampe weiterzugehen, wäre jetzt absoluter Wahnsinn gewesen. Melissa griff in die linke Innentasche ihres Anoraks und zog die kleine Taschenlampe heraus. Als sie den Schaltknopf betätigte, leuchtete die Birne auf und erhellte das nähere Umfeld. Sie richtete den Strahl der Taschenlampe auf die Sturzstelle und sah mit Unbehagen das tiefe Loch im Waldpfad. Melissa leuchtete etwas voraus und beglückwünschte sich zu dem Entschluss, die Lampe jetzt herausgenommen zu haben. Soweit die Leuchtkraft der Birne reichte, waren Vertiefungen im Boden zu erkennen. Waren diese Löcher absichtlich angebracht worden, oder waren sie durch einen natürlichen Vorgang entstanden? Wie auch immer. Sie wollte auf keinen Fall aufgeben und jetzt bereits zum Institut zurückkehren. Ihre Neugierde wurde immer stärker. Was würde sie am Ende des Pfades erwarten? Langsam setzte sie sich wieder in Bewegung.

Die Benutzung des rechten Fußes verursachte ihr Schmerzen und sie humpelte, mit zusammengepressten Lippen weiter den Pfad entlang, dabei immer vorsichtig den Hindernissen ausweichend. Der Weg wurde jetzt noch schmaler. Melissa fiel plötzlich die seltsame Stille im Wald auf. Das sonst auf der ganzen Insel übliche Zirpen der Zikaden war hier nicht mehr zu vernehmen. Sie merkte auch, wie der Weg jetzt immer stetiger bergab ging. Nach einer weiteren halben Stunde Fußmarsch traten plötzlich die Bäume weiter vom Pfad zurück. Die Umgebung wurde nun ausreichend vom hellen Mond beschienen. Melissa schaltete ihre Taschenlampe aus. Sie konnte den Pfad nun auch ohne künstliches Licht gut erkennen. Langsam ging sie weiter, bis sie zu einer steil abfallenden Kante im Gelände kam. Der Fußweg teilte sich und ging nun anscheinend rechts und links an den Flanken des Berghangs weiter nach unten. Unentschlossen welchen Weg sie nehmen sollte, ging die Studentin sehr vorsichtig noch näher an die Bergkante heran und schaute hinunter. Sie blickte auf eine Bucht. Das Mondlicht beschien silbern das anrollende Meerwasser. Melissa bemerkte auch sofort den kleinen Hafen. Zwei größere Motorschiffe lagen dort vor Anker. Sie beugte ihren Oberkörper noch weiter vor und erblickte eine Ansammlung vieler flacher Gebäude. Das Ganze sah von hier oben wie ein Lager aus. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch mehrere gleichmäßig um das Lager herum angeordneter Türme, die durchaus Wachtürme sein konnten. Das Lager wurde nur vom Mondlicht beschienen. Nirgendwo war ein künstlicher Lichtschein zu erkennen. Melissa entschloss sich, vorerst nicht weiter zu gehen. Von hier oben, hatte sie einen ausgezeichneten Blick über die ganze Bucht. Langsam ließ sie sich auf ihre Knie nieder und legte sich dann flach auf den Boden. Vorsichtig robbte sie soweit an die Kante heran, bis sie nun das ganze Lager überblicken konnte. Sie strengte ihre Augen noch mehr an. Bei so einer großen Ansammlung von Gebäuden, musste doch trotz der großen Entfernung irgendwo ein Lebewesen zu erkennen oder zu hören sein. Aber nichts rührte sich dort unten im Lager. Dann zuckte Melissa plötzlich zusammen. Der Ton der diese Reaktion verursacht hatte, kam mit Sicherheit aus dem Lager. Sehr leise, aber deutlich vibrierte er in der klaren Nachtluft. Melissa hielt ihren Atem an und lauschte noch einmal. Ja, da gab es gar keinen Zweifel. Da unten im Lager weinte laut ein Baby.

Sascha parkte sein Auto direkt vor dem Anwesen, das als Adresse von Ilona Elsen angegeben war. Er stieg aus und ging auf das große, schmiedeeiserne Tor zu. Beeindruckt schaute er auf das riesige Gelände dahinter, mit der Allee, den vielen Blumenbeeten und der in einiger Entfernung liegenden Villa. Sascha konnte kein Namensschild am Tor ausmachen. Ob die Elsen hier allein residierte? Er griff zu dem Toröffner und drückte ihn herunter. Wie er schon vermutet hatte, war das Tor verschlossen. Im rechten Torpfeiler war eine Keykarten-Einheit eingebaut. Nicht schlecht, sehr zeitnah. Gerade als er auf den darunter angebrachten Klingelknopf drücken wollte, hörte Sascha, wie hinter ihm ein Auto hielt. Er schaute sich um und sah einen jungen Mann aus einem Jaguar schwungvoll aussteigen. Der Mann kam ebenfalls zum Tor. Sein kurzes Kopfnicken, sollte wohl als Gruß gelten. Irgendwie kam Sascha der Neuankömmling bekannt vor. Fast unhöflich drängte dieser nun Sascha etwas zur Seite und betätigte energisch den Klingelknopf. Kurze Zeit später, drang eine Stimme aus dem Lautsprecher der Keykarten-Einheit. »Ja, bitte?« Der Typ schaute Sascha jetzt leicht nervös von der Seite an. »Hopfendolde!« Wieder die Stimme aus dem Lautsprecher. »Einen Moment, bitte.« Kurz darauf ertönte ein Summen und die Torflügel gingen langsam auf. Aber nur soweit, dass ein Mensch gerade hindurchkam. Der Unbekannte marschierte durch die Öffnung. Sascha wollte es ihm nachtun, wurde aber gleich von der Stimme aus dem Torpfeiler gebremst. »Bleiben sie bitte zurück und weisen sie sich aus.« Irgendwo musste auch noch eine Kamera angebracht sein, die den Zugang zur Villa kontrollierte. Diese Elsen war aber gut abgesichert. Was das mit der Hopfendolde sollte? Seltsam, sehr seltsam. Inzwischen hatte sich das Tor wieder geschlossen. Jetzt betätigte Sascha den Klingelknopf. »Ja, bitte?« »Mein Name ist Sascha Sommer. Ich bin mit Frau Elsen verabredet.« »Einen Moment, bitte.« Es dauerte etwas, bis sich die gleiche Stimme wieder aus dem Lautsprecher meldete. »Herr Sommer, fahren sie bitte auf den Parkplatz hinter der Villa. Dort wird sie Frau Elsen in Empfang nehmen.«

Sascha ging zu seinem Auto zurück. Als er anfuhr, sah er, wie die Flügel des Tores aufgingen. Er fuhr vorsichtig durch das Tor, folgte der Allee und parkte dann sein Auto zwischen zwei anderen Fahrzeugen, auf dem Platz hinter der Villa. Nachdem er ausgestiegen war, sah er sich erst einmal um. Er bemerkte zwei schwarze Gestalten, die von dem kleinen Wald, am Ende des Villengrundstücks, auf ihn zuliefen. Als die dunklen Gestalten sehr schnell näher kamen, erkannte er in ihnen zwei große Dobermänner. Sascha blieb ruhig stehen. Etwa drei Meter von ihm entfernt hielten die Dobermänner an. Leise hechelnd, beobachteten sie aufmerksam jede seiner Bewegungen. Wie von einem inneren Zwang geleitet, blickte Sascha zu der Treppenempore der Villa hin. Dort oben stand Ilona Elsen. Sie verfolgte das Schauspiel unbeweglich. Sascha dachte gleich an eine Prüfung. Sie wollte sehen, wie er mit dieser Situation fertig wurde. »Ist ja gut, ihr beiden. Prächtige Burschen seid ihr. Passt nur schön auf den Garten auf und lasst den lieben Onkel Sascha möglichst unbehelligt.« Sascha sprach beruhigend auf die Dobermänner ein. Dann setzte er sich vorsichtig in Richtung Villa in Bewegung. Wie er aus seinen Augenwinkeln erkennen konnte, liefen die Dobermänner leicht versetzt mit wenigen Metern Abstand hinter ihm her. Sascha steuerte den rechten Treppenaufgang an. Als er ihn erreichte, kam ihm Ilona bereits entgegen. »Nicht schlecht. Es gibt nicht viele Menschen, die sich das trauen.« Ilona reichte Sascha ihre rechte Hand, die er fest drückte. »Ich komme mit Hunden gut zurecht. Eigentlich mit allen Tieren.« »Lass uns reingehen, Sascha. Zum draußen Sitzen, ist es heute einfach nicht schön genug.« Sascha folgte Ilona durch die Terrassentür. War er schon durch das Anwesen beeindruckt gewesen, so verschlug ihm der Reichtum, den die Einrichtung in dem riesigen Zimmer ausstrahlte, fast den Atem. Ilona deutete auf eine Couch. »Setz dich bitte. Was darf ich dir zum Trinken anbieten?« »Ach egal, Weißbier alkoholfrei wirst du ja wohl nicht haben?« »Wieso nicht? Ich trinke es auch ab und zu.« Ilona ging zu der Sprechanlage und betätigte einen Schalter. »Evelyn, bring uns doch bitte zwei Flaschen Weißbier. Alkoholfrei. Mit zwei Weißbierkrügen.« Sascha hatte sich auf die Couch gesetzt und machte eine kreisende Bewegung mit dem Arm. »Hier bist du also Zuhause, Ilona? Ich muss sagen, alle Achtung. Ohne unhöflich sein zu wollen. Gehört das alles dir?« »Ja.« Diese kurze Antwort bremste Sascha erst einmal für weitere Fragen. Offensichtlich hatte Ilona nicht vor, sich über ihren Besitz auszulassen. Es klopfte leicht gegen die Zimmertür und ein Mädchen in einem enganliegendem, roten Kostüm erschien. »Die gewünschten Getränke, Frau Elsen.« »Danke, Evelyn. Stell sie bitte hier ab.« Evelyn stellte das Tablett, auf dem sich die Getränke und die Krüge befanden, auf den Tisch. Sascha bemerkte sofort die Schönheit dieses blonden Mädchens, das sich jetzt, nach einem leichten Knicks vor Ilona, wieder aus dem Raum entfernte. Das waren hier ja geradezu hochherrschaftliche Sitten. Dieser Elsen schien es ausgesprochen gut zu gehen. »Sascha, würde es dir etwas ausmachen, uns das Weißbier einzuschenken? Ich beherrsche diesen Vorgang nicht besonders.« »Aber klar. Mal sehen ob es mir einigermaßen gelingt.« Nachdem Sascha beide Krüge gekonnt gefüllt hatte, reichte er einen Krug über den Tisch zu Ilona hinüber. »Dann auf unser gemeinsames Wohl, Sascha.« Sie stießen die Krugböden gegeneinander und nahmen jeweils einen Schluck. Sascha überlegte, ob er Ilona wegen des seltsamen Vorgangs am Tor ansprechen sollte. Warum nicht? Er war auf die Antwort sehr gespannt. »Ilona, ich habe gedacht, dass du Besuch bekommen hast. Vor mir ist noch ein anderer Mann in diese Villa gegangen. Er sagte am Tor so eine Art Passwort Hopfendolde.« Ilona sah Sascha plötzlich mit scharfen Augen an. »Ich wohne hier nicht allein. Mir gehört zwar das Grundstück und auch die Villa, aber ich habe ein paar Appartements vermietet. Sonst könnte ich mir das hier alles gar nicht leisten.« Das erklärte zwar, dass der Mann nicht unbedingt ihr Besuch war, aber nicht die Sache mit dem Passwort. Sascha wollte später noch einmal darauf eingehen. Jetzt gab es erst einmal Wichtigeres. »Hast du mit Thomas noch einmal wegen unserer Sache gesprochen?« »Ja, natürlich. Er hat auch schon Nachforschungen angestellt. Immerhin sind im Großraum München seit Anfang des Jahres über 100 Personen spurlos verschwunden. Er hat sich dann auch über seine Dienststelle an Eurotransplant gewendet.

Von allen Personen, die im Münchner Großraum ansässig sind und die auf irgendein Organ warten oder im letzten Halbjahr warteten, hat er sich die Namen und Daten geben lassen. Das sind immerhin über zweitausend Menschen. Um die Auswahl einzugrenzen, hat er versucht, Zusammenhänge zu finden. Er hat erst einmal alle Personen außer Betracht gelassen, die bereits offiziell ein Organ bekommen haben. Denn die sind mit Sicherheit nicht von der Mafia bedient worden. Dann hat er alle Personen selektiert, die inzwischen bereits gestorben sind. Letztlich hat er sich auf die Leute beschränkt, die sich nach ihrer Anmeldung bei Eurotransplant nie wieder dort um ein Spender-Organ bemüht haben. Er ist davon ausgegangen, dass diese Kranken entweder aufgegeben haben, oder auf irgendeine andere Art zu einem Organ gekommen sind. Und genau das ist der Kreis, der für uns von Interesse ist. Wir haben die Namen von sieben Personen, die inzwischen illegal ein Organ eingepflanzt bekommen haben. Thomas ist dabei die Vorgänge zu analysieren. Er will die Empfänger einschüchtern, um Aussagen über die Spender, Ärzte und so weiter zu bekommen. Wenn wir Glück haben, kommen wir auch auf diesem Weg an die Mafia heran und haben zudem noch mehrere Zeugen.« Sascha war echt beeindruckt. »Nicht schlecht. Da haben wir ja anscheinend den richtigen Kripomann für unsere Sache erwischt.« »Ich hoffe schon. Thomas ist außergewöhnlich hilfsbereit und ein ganz besonders ehrlicher Kerl.« »Und er war dein Kollege?« Ilona blickte überrascht auf. »Woher weißt du das?« »Von Sabine.« »Von Sabine? Da schau her. Ich hätte ihr mehr Verschwiegenheit zugetraut. Aber es stimmt, ich war bei der Kripo. Ist aber jetzt auch schon eine ganze Weile her.« »Darf man fragen, wieso du nicht mehr im Amt bist?« Ilona überlegte eine Weile. »Nein, jetzt nicht. Vielleicht ein anderes mal.« Sascha merkte, wie Ilonas Augen bei der Antwort traurig wurden. Er wechselte schnell das Thema. »Um noch mal auf die Mafia zurückzukommen. Ist bei euch alles klar, wenn mich der Ruf zur Transplantation erreicht? Klappt das wie abgesprochen? Ist Thomas mit seinen Leuten dabei?« »Sicher! Wir sind doch das Szenario schon mehrfach durchgegangen. Alle Eventualitäten haben wir nach menschlichem Ermessen berücksichtigt. Es kann eigentlich gar nichts mehr schief gehen.« »Hoffentlich! Immerhin geht es mindestens um ein Menschenleben.« »Wieso mindestens?« »Na ja, mein Leben ist bei der Sache auch nicht gerade ungefährdet.« Ilona nickte zustimmend. »Vielleicht hast du da recht.« Sascha nahm einen weiteren Schluck aus seinem Krug. »Wenn ich mich hier so umschaue Ilona, frage ich mich, wofür du dich eigentlich noch ausbilden lassen willst. Du hast doch weiß Gott alles, was man so im Leben erreichen kann.« »Worauf willst du hinaus?« Ilona blickte ihn ungehalten an. »Auf deinen Kursus, mit Sabine. Ihr habt euch doch im Kursus kennen gelernt, oder?« Gerade als Ilona antworten wollte, stimmte das Handy von Sascha eine Melodie an. Sascha nahm es aus seiner Jackentasche und drückte den Empfangsknopf. »Sommer.« »Hallo, Herr Sommer. Hier ist Katanis. Ich habe eine gute Nachricht für sie. Wir haben eine passende Niere. Kommen sie gleich zu mir in die Praxis. Dort nehme ich die Operationsvorbereitungen bei Ihnen vor. Anschließend werden sie zur OP gefahren.« Sascha schluckte nervös. »Und wo ist das?« »Erfahren sie später, Herr Sommer. Ist jetzt nicht so wichtig. Kommen sie nur gleich vorbei. Sie sind doch noch interessiert?« »Selbstverständlich. Ich mache mich gleich auf den Weg. In spätestens einer Stunde bin ich bei Ihnen.« »Gut so. Viel Zeit haben wir nämlich nicht zu verlieren. Die Vorbereitungen dauern auch noch mindestens eine Stunde. Bis gleich dann.« Klick. Die Verbindung war beendet. Sascha trank schnell seinen Krug leer und stand auf. »So, nun geht’s los. Hast du alles mitbekommen?« »Ja. Ich werde die anderen und vor allen Dingen Thomas informieren. Viel Glück.« »Danke. Ich vertraue auf euch.«

Aufgeregt starrte Melissa, auf die herausgeklappte Karte in dem alten Buch. Ihr wurde sofort bewusst, dass diese Karte genau das war, was sie seit Tagen gesucht hatte. Immer wieder war sie abends in die riesige Institutsbibliothek gegangen und hatte versucht, so etwas wie Grundbücher über die Klosteranlage zu finden. Jetzt war sie anscheinend endlich fündig geworden. Sie klappte die Karte wieder zusammen und stieg mit dem schweren Buch auf der an der Regalwand angelehnten Leiter nach unten. Das Buch hatte in einem der oberen Regalfächer gestanden. Nachdem es zwar mehrere Karteikästen mit so einer Art Inhaltsverzeichnis über die in dieser Bibliothek untergebrachten Bände gab, war dieser Fund jetzt trotzdem ein großer Zufall. Sie ging zu einem Lesetisch und legte dort das schwere Buch ab. Melissa überlegte kurz, ob sie in der Bibliothek bleiben sollte, oder ob sie nicht doch besser gleich das Buch mit in ihr Zimmer nahm. Ja, der letzte Gedanke, war wohl die bessere Lösung. Sie nahm das Buch unter den Arm und ging durch den großen Raum zur Eingangstür. Bevor sie das Deckenlicht in der Bibliothek ausschaltete, schaute sie sich noch einmal kurz um. Die Bibliothek war wirklich groß. Hier mussten mehrere, tausend Bände untergebracht sein. Bei ihren Nachforschungen, hatte sie festgestellt, dass die hier untergebrachten Bücher internationaler Herkunft waren. Sie hatte unter anderem auch in deutsch abgefasste Bände in den Händen gehalten. Die meisten Werke schienen sich mit medizinischen oder religiösen Themen zu befassen. Sie nahm an, dass die religiösen Bände alle aus dem Kloster stammten. Wahrscheinlich waren sie von einem Bücherfreund vor dem Verderben gerettet worden. Melissa schaltete das Licht aus und verließ die Bibliothek. Um zu ihrem Wohngebäude zu gelangen, musste sie durch den großzügig angelegten Institutsgarten gehen. Der Garten wurde nur schwach durch wenige Laternen beleuchtet. Mehr zufällig als geplant schaute sie beim Durchqueren der Grünanlagen zu dem alten Kloster hinüber. Abrupt stoppte sie ihren Gang. Da war es wieder. Das Licht in einem der Klosterfenster. Selbst aus dieser Entfernung meinte Melissa, wieder eine Gestalt am Fenster erkennen zu können. Der Studentin fröstelte es, trotz der durchaus hohen Nachttemperatur. Langsam und fast unbewusst, ging sie nun auf die Klosteranlage zu. Was war das nur für ein Licht? Und was war das für eine Gestalt? Irgendwie fühlte sie sich von dem erleuchteten Klosterfenster magisch angezogen. Als sie nur noch wenige Meter von der Klostermauer entfernt war, wurde das Licht in dem Klosterfenster plötzlich noch heller. Melissa konnte nun deutlich die hohe, in eine weiße Kutte gehüllte Gestalt erkennen. Dann erschrak die Studentin zutiefst. Sie vernahm eine leise Stimme. Melissa wusste sofort, dass die Stimme von der weißen Gestalt kam. Und sie war nur in ihrem Kopf. Nicht real. Eine Art von Telepathie. »Besuch mich, besuch mich bald.« Melissa vernahm die Botschaft klar und deutlich. Erschreckt und trotzdem merkwürdig berührt schaute sie zu der weißen Gestalt hin. Diese schien ihr mit einer Hand zuzuwinken. Dann erlosch das Licht in dem Klosterfenster und Melissas Bewusstsein war mit einem Schlag wieder frei. Sie schüttelte sich. Was war das nun wieder gewesen? Sie starrte noch eine Weile auf das inzwischen dunkle Fenster, bevor sie zu ihrem Wohngebäude zurückging. Was bedeutete diese ungewöhnliche Botschaft? Wohnte die Gestalt in dem zerfallenen Kloster? In ihrem Zimmer angekommen, legte sie das schwere Buch auf ihren Tisch und nahm Blueboy vorsichtig aus seinem kleinen Käfig. Sie streichelte ihn sanft, während sie sich an ihr Fenster stellte und konzentriert zu dem Kloster hinüber schaute. Alle Fenster blieben dunkel. Melissa verharrte mehrere Minuten bewegungslos und beobachtete das Kloster weiter, wobei ihre Gedanken teilweise wirr durcheinander schossen. Diese telepathische Botschaft. Wo und wie sollte sie diese Gestalt besuchen? War das alles überhaupt noch real? Die Studentin setzte Blueboy in seinen Käfig zurück. Nachdem sie ihm noch etwas von seiner Lieblingsspeise in das Fressnäpfchen gegeben hatte, machte sich der kleine, blauäugige Mäuserich gleich intensiv über das Essen her. Melissa legte sich auf ihr Bett, grübelte noch ein wenig und schlief dann fast ohne Übergang sofort ein.

»Sie glauben ja gar nicht, Herr Sommer, welches Glück Sie haben. Ungefähr zehntausend Menschen, allein in Deutschland, warten auf eine passende Niere und Sie werden heute eine neue Niere bekommen.« »Ja, da habe ich wohl tatsächlich Glück gehabt. Gut, dass ich ihre Adresse bekommen habe.« Sascha sah sich etwas nervös in dem Behandlungszimmer von Frau Doktor Katanis um. Hoffentlich liefen die Aktionen seiner Mitstreiter wie abgesprochen. Wenn da was schief ging! »Ich werde Sie jetzt für die Operation vorbereiten, Herr Sommer. In spätestens zwei Stunden, müssen Sie im OP sein. Haben Sie heute schon etwas gegessen?« »Äh, ja sicher. Ich wusste ja nicht, dass ich heute operiert werde.« Die Ärztin nickte. »Ist klar. Gehen wir es an.«

»Sascha ist jetzt bei der Katanis. Sie hat eine Niere für ihn. Die Operation soll schon in den nächsten Stunden erfolgen. Ich habe bereits Thomas informiert. Marcel wollte doch auch bei der Aktion mitmachen.« »Ja klar Ilona. Ich hole ihn sofort ans Telefon.« »Warte noch einen Moment, Sabine. Kann es sein, dass Marcel Verdacht geschöpft hat? Ich meine wegen dem Kursus.« »Ich weiß nicht genau. Kann schon sein. Irgendwie schaut er sehr misstrauisch meine Computerkenntnisse an.« »Sascha hat bei mir deswegen auch schon anklopfen wollen. Gott sei Dank kam gerade der Anruf von der Katanis dazwischen. Wir müssen uns da unbedingt noch etwas einfallen lassen, Sabine. Aber jetzt erst mal die Aktion gegen die Mafia. Hol mir mal schnell Marcel ans Gerät.« »Tschau Ilona. Bis Morgen.« »Servus Sabine.« Sabine ging in das Kinderzimmer. Marcel hockte auf dem Boden und spielte mit der kleinen Lara. »Marcel, Ilona ist am Telefon. Sascha hat einen Anruf von der Katanis erhalten. Er soll innerhalb der nächsten Stunden eine neue Niere bekommen.« Marcel sprang auf und eilte ans Telefon. »Ilona?« »Ja Marcel. Sascha ist schon bei der Katanis. Wir müssen uns beeilen. Thomas ist bereits von mir informiert worden. Wir treffen uns am besten am verabredeten Treffpunkt, in der Fürstenrieder Straße.« »Willst du tatsächlich auch mitmachen, Ilona?« »Natürlich. Ich habe doch gesagt, dass ich Sabrinas Tod nicht so einfach hinnehmen werde. Da kann mich absolut nichts mehr aufhalten.« »Gut. Ich zieh mir nur noch schnell die passenden Klamotten an und sause dann gleich los.« »Schön Marcel. Bis gleich.« Marcel legte den Hörer auf die Gabel zurück und eilte ins Schlafzimmer.

»Ha, ha. Das glaube ich einfach nicht, Rolf. Ist das tatsächlich wahr?« Harald von Hohenstein verlor beim Lachen fast sein Handy und konnte es gerade noch auffangen. »Wenn ich es dir doch sage, Harald. Diese Umweltapostel verlieren immer mehr an Profil. Eigentlich ist es schon gemein von uns, deren Basis so für unsere Zwecke auszunutzen.«

»Wieso gemein, Rolf? Denen gehört es doch nicht anders. Aber so langsam bekommen sie tatsächlich Schwierigkeiten, ihre Linie zu halten. Ich bin in den letzten Tagen nur ins Grübeln gekommen, ob wir da nicht ein wenig zu schnell vorgehen. Der beste Zeitpunkt für den großen, parteiinternen Krach ist mit Sicherheit erst kurz vor der nächsten Landtagswahl. Bis dahin müssen wir aufpassen, dass die Umweltpartei nicht vorher zu Bruch geht. Geht also mit euren Aktionen möglichst sehr dosiert um. Was hast du eigentlich für die Staatssekretärin im Auswärtigen Amt in Berlin angeleiert?« »Macht es dir etwas aus, wenn ich dir davon noch nichts erzähle? Ich möchte nur zu gerne deine Überraschung erleben. Schau auf jeden Fall mal Übermorgen die Nachrichten an. Du wirst dich wundern.« »Übermorgen bin ich schon in Griechenland. Aber wir haben dort ja Satellitenempfang. Da kann ich mir die deutschen Sender anschauen. Ich lasse mich gerne überraschen. Ist es hart?« »Ich glaube schon. Sowohl für diese Dame, als auch für ihre Unterstützer. Unsere Partei hat auf jeden Fall ihren Nutzen davon. »Was hältst du eigentlich von den rechten, politischen Gruppierungen, die jetzt so vehement in unsere DIP eintreten wollen, Rolf?« »Uns kann es nur recht sein. Weniger Konkurrenz im Parteiengetümmel. Und was meinst du dazu?« »Ich weiß noch nicht so recht. Die Deutsche-Interessen-Partei hat ganz andere Ziele als die Rechten. Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung von Minderheiten wird es mit uns nicht geben. Wir wehren uns nur vehement gegen die Ausnutzung unseres Sozialsystems. Egal ob von einem Deutschen oder von einem Ausländer. Außerdem sind wir eine moderne Partei. Mit der Heraufbeschwörung von vergangenen Zeiten haben wir absolut nichts am Hut. Ganz im Gegenteil. Wir setzen auf die Technik und die Möglichkeiten der Zukunft. Wenn wir schon am Ruder wären, gäbe es zum Beispiel längst den Wasserstoffmotor in Serie. Da hätten wir sehr viel mehr Geld für die Forschung und Entwicklung zur Verfügung gestellt, um uns so weit es geht, von den ölproduzierenden Staaten unabhängig zu machen. Außerdem würden wir

die Weltraumerforschung viel schneller vorantreiben. Dazu kommen noch die zukunftsträchtigen weiten Felder der Gentechnologie und der Telekommunikation.« »Bei der Erforschung der Gene hast du ja angeblich weltweit die Spitzenstellung erreicht?« »Na ja. Es wird viel gequatscht. Lass uns lieber bei unserer Partei bleiben. Wir müssen unheimlich aufpassen, dass die extremen Rechten in Deutschland nicht unsere Partei als ihre neue Heimat auswählen. Diese Springerstiefel tragenden Glatzköpfe, will ich auf keiner unserer Veranstaltungen sehen. Auch nicht die alten Deutschnationalen. Wir müssen denen klar aufzeigen, dass wir nicht die richtige Partei für ihre Interessen sind.« »Das könnte tatsächlich ein Problem werden. Aber das kriegen wir in den Griff, da bin ich mir ganz sicher. Gibt es sonst noch irgendetwas, Harald?« »Nein, eigentlich nicht. Ich werde morgen, wie gesagt, für einige Wochen wieder nach Griechenland fahren. Ich schätze, dass ich spätestens im Herbst wieder in München bin. Du hast ja meine Handynummer, wenn irgendetwas ist. Ansonsten werde ich mich sowieso mindestens einmal wöchentlich bei dir melden.« »O.K. Harald. Dann gute Reise.« »Danke und einen schönen Gruß an unsere trojanischen Pferde und an deine Freundin.« »Werde ich ausrichten.« »Servus Rolf.« Harald von Hohenstein steckte sein Handy wieder in die rechte Hosentasche und schaute nachdenklich auf die Isar hinunter. Hinter sich vernahm er plötzlich ein Geräusch. Er bemerkte erst jetzt, dass seine Frau Hilla in sein Arbeitszimmer gekommen war. »Du willst also morgen wieder nach Griechenland? Warum erfahre ich das immer als Letzte?« »Aber Hillachen, ich habe doch auch erst vor einer Stunde erfahren, dass meine Anwesenheit dort dringend erforderlich ist. Wir haben da ein paar Probleme bei unserer Genforschung. Da kann ich mich nicht einfach zurücklehnen. Da muss ich nach Möglichkeit mithelfen, die Probleme schnellstens zu überwinden.« »Ich werde mir das merken. Ich darf also wieder mal alleine auf das Sommerfest am kommenden Samstag gehen?« »Ach so, das Sommerfest? Tja, das ist jetzt wirklich schade. Andererseits komme ich mit deiner hochgestochenen, blaublütigen Verwandtschaft und Bekanntschaft sowieso nicht besonders klar. Als Finanzgeber für unsere neue Gesellschaft mögen sie ja noch taugen, aber die Gesprächsthemen dieser Herrschaften sind an sich nicht meine Themen. Amalos ist da sehr viel wichtiger.« »Wenn du meinst. Irgendwann werde ich mal meine Konsequenzen ziehen, darauf kannst du Gift nehmen.«

»Wir haben den Kontakt verloren.« »Seid ihr denn wahnsinnig? Wie konnte denn das passieren?« Marcel schaute Thomas wütend an. »Wir haben die Praxis von Frau Doktor Katanis sofort nach dem Anruf von Ilona beschatten lassen. Das Signal des Senders, den Sascha von mir bekommen hat, ist klar von uns empfangen worden. Nachdem wir über eine Stunde gewartet haben, sind wir allerdings misstrauisch geworden. Die Operation würde ja wohl kaum hier in der Praxis stattfinden. Also sind wir rein in das Gebäude. Es war kein Mensch mehr anwesend. Die Kleider von Sascha liegen schön sauber zusammengelegt auf einem Stuhl in einem Behandlungsraum. Nur von Sascha ist keine Spur mehr vorhanden. Der Sender befindet sich noch in seiner rechten Hosentasche. Auch die Katanis ist verschwunden. Die Praxis war heute sowieso für normale Sprechstunden geschlossen.« Marcel schlug mit der rechten Faust wütend gegen eine Wand. »So ein verdammter Mist! Was machen wir jetzt? Ich kann Sascha ja gar nicht mehr in die Augen schauen, wenn die Sache schief geht.« »Hat er nur den einen Sender von dir bekommen?« Ilona sah Thomas fragend an. »Er hat noch den Signalgeber, den ihm Andrea unter die Haut eingepflanzt hat. Aber der funktioniert nur über eine kurze Distanz. War ja nur dafür gedacht, dass wir unter Umständen den OP-Raum schneller ausfindig machen können.« Marcel schüttelte den Kopf. »Und den habt ihr natürlich erst einmal nicht mit angepeilt?« »Nein leider nicht. Meine Kolleginnen und Kollegen sind bereits ausgeschwärmt und versuchen eine Lokalisation. Aber das ist bei der geringen Sendestärke dieses Signalgebers, leider nur ein schwacher Hoffnungsschimmer.« Marcel trat wütend gegen einen Stuhl, der daraufhin krachend an der gegenüberliegenden Wand zerbrach. »Was sollen wir jetzt machen? Wir stehen hier blöd herum, während irgendwo durch unsere Schuld, ein Mensch geschlachtet wird, um Sascha eine neue Niere zu spenden, die er überhaupt nicht benötigt. Toller Erfolg! Da kann man überhaupt nicht meckern!«

Ilona wandte sich wieder an Thomas. »Wie ist die Katanis mit Sascha denn überhaupt hier rausgekommen? Ich dachte, ihr hättet das Gebäude rundherum beobachtet?« »Es gibt hier einen Keller mit Durchgang zu den Nebengebäuden. In einem der Nebengebäude befindet sich eine kleine Tiefgarage. Da muss sie ein Fahrzeug stehen gehabt haben, mit dem sie Sascha fort geschafft hat.« »Warum hat Sascha denn seine Kleidung in der Praxis gelassen? Er wusste doch, dass ihr den Sender zur Peilung unbedingt benötigt?« Thomas sah Ilona nervös von der Seite an. »Vielleicht hatte er keine Gelegenheit mehr, sich um seine Sachen zu kümmern. Unter Umständen wurde er während der Operationsvorbereitungen betäubt, um ihm keine Möglichkeit zu geben, den Weg zum Operationsort kennen zu lernen.« »Dann muss die Katanis hier noch Helfer gehabt haben. So leicht ist ein betäubter Mensch ja nicht zu transportieren.« »Ja wahrscheinlich.« »Scheiße, Scheiße!« Marcel lief unruhig in der Praxis hin und her. »Das ist aber gründlich schiefgelaufen. Wir haben doch gedacht, dass wir das Fahrzeug verfolgen können, um endlich diese verdammte Klinik zu finden und anschließend die ganze Bande hochgehen zu lassen.« Ilona lehnte sich an eine Wand. »Wir dürfen jetzt nicht in Panik geraten. Was schlägst du vor Thomas?« »Wir müssen warten, bis meine Kollegen mit dem kleinen Signalgeber Kontakt bekommen. Das wir drei jetzt auch noch wie wild in der Gegend herumfahren, hat meiner Meinung nach keinen Sinn.« »Hast du denn nicht auch eine Fahndung nach dem Auto der Katanis angeleiert?« »Nein. Ihr Auto steht noch vor der Tür. Das ist ja auch mit ein Grund, warum wir so lange mit dem Eingreifen gezögert haben. War echt ein Fehler. Das mit der Tiefgarage hätten wir vorher checken müssen.« Marcel kam eine Idee. »Was ist mit den Nachbarn? Vielleicht hat einer eine Beobachtung in der Tiefgarage gemacht. Unbekanntes Fahrzeug, unbekannte Leute oder so?« »Haben meine Kollegen schon eruiert. Es sind um diese Zeit, nicht viele Nachbarn anwesend, aber von denen, die wir ansprechen konnten, war keiner in der betreffenden Zeit in der Garage. Und selbst wenn. Wer passt schon so genau auf? Autotyp. Kennzeichen und so weiter?« Ilona blickte betroffen auf den Boden. »Dann bleibt uns leider nichts anderes übrig, als abzuwarten ob deine Kollegen den Sender orten können. Wenn das nicht in der nächsten halben Stunde passiert, ist sowieso alles zu spät.«

»Wo bin ich?« »Ah, gut, dass Sie wieder unter uns sind, Herr Sommer. Sie hatten bei den Operationsvorbereitungen leider einen kleinen Schwächeanfall. Sie befinden sich hier in der Transplantations-Praxis. Wir konnten keine Zeit verlieren und haben sie deshalb während ihrer Ohnmacht hierher gebracht. Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Es wird alles gut werden.« Saschas Blick wurde immer klarer und er sah jetzt woher die Ansprache kam. Eine offensichtlich weibliche Person sah auf ihn hinab. Sie trug grüne OP-Kleidung und hatte neben dem Mundschutz auch noch einen Haarschutz übergezogen. Sascha sah sich um. Er lag auf einem OP-Tisch. Ringsherum standen verschiedene medizinische Geräte. An seinem Brustkorb, an den Armen und an den Beinen waren Saugnäpfe befestigt, von denen Kabel zu diversen Geräten gingen. Auf mehreren Monitoren liefen digitale und analoge Diagramme. Erst ganz langsam wurde sich Sascha seiner Situation bewusst. Seine OP stand anscheinend kurz bevor. Wieso war er ohnmächtig geworden? Das letzte, woran er sich erinnerte, war, dass er bei Frau Doktor Katanis eine Spritze bekommen hatte. Die Wirkung dieser Spritze musste ihn ins Traumreich versetzt haben. Die hatten nicht gewollt, dass er den Weg zu dieser Praxis mitbekam, das war jetzt ganz klar. Die Bande ging kein Risiko ein. Auch die medizinisch getarnte Vermummung seiner Ansprechpartnerin passte in dieses Bild. Er sollte anscheinend keine an der OP beteiligten Personen erkennen und danach wieder identifizieren können. All diese Gedanken schossen blitzschnell durch seinen Kopf. Was sollte er jetzt machen? Wieso hatten Thomas und seine Leute noch nicht eingegriffen? Wenn die OP gleich losging, dann war sein Spender jetzt mit Sicherheit schon unter dem Messer. Das hatten sie doch unbedingt vermeiden wollen. Was war da los? Die Einsatztruppe musste doch wissen, wo er sich jetzt befand. Das Sendegerät? Wo war seine Kleidung? Er trug jetzt nur ein sogenanntes OP-Hemd. Wenn die das Gerät in seiner Hose entdeckt hatten! Wieso waren sie bei ihrer Planung nicht auf die Idee gekommen, dass er unter Umständen nicht mehr Herr seiner Taten war? Schwach, schwach, was sie sich da ausgedacht hatten. Was war mit dem Signalgeber, den ihm Andrea letzte Woche eingepflanzt hatte? Vorsichtig tastete er mit der rechten Hand zwischen seine Beine. Er fühlte sofort die

leichte Wölbung unter der Oberschenkelhaut. Gott sei Dank. Der Signalgeber war noch an seinem Platz. Was sollte er bloß machen? Eigentlich war der richtige Zeitpunkt zum Eingreifen schon vorbei. Wie zur Bestätigung, kam eine weitere, ebenfalls in OP-Kleidung vermummte Gestalt in den Raum. »Wir werden jetzt bei Ihnen die Narkose einleiten, Herr Sommer. Ihre Ersatzniere steht bereit.« Sascha versuchte, sich von dem OP-Tisch zu erheben. Er musste weg hier. Irgendwie. Das war ja alles Wahnsinn. Was sollte er mit einer neuen Niere? Außerdem war die Operation auch nicht gerade risikolos. Ihr Plan war gründlich fehlgeschlagen. Das war jetzt ganz klar. Also weg hier. Raus aus dem OP. Sein Versuch, sich schnell zu erheben, misslang kläglich. Fast war es, als sei sein ganzer Körper plötzlich gelähmt. »Nur ruhig, Herr Sommer. Sie brauchen sich nicht aufzuregen. In zwei Stunden haben Sie eine gesunde Niere und dann beginnt wieder ein neues, hoffentlich noch sehr langes Leben für Sie. Bleiben Sie jetzt bitte ruhig liegen.« Sascha sank verzweifelt auf den OP-Tisch zurück. Sein Körper machte nicht mehr mit. Die Muskeln versagten ihm den Dienst. Er spürte, wie eine Nadel in seine linke Armvene gestochen wurde. Kurz darauf wurde es Nacht in seinem Bewusstsein.

»Hallo Thomas. Wir haben ihn!« Klar und deutlich drangen die Laute aus dem Lautsprecher im Einsatzwagen der Kripo. Kommissar Thomas Reichenbach griff zu dem Mikrofon. »Wo ist er?« »In der Angelsrieder-Straße 209, Maxhof. Direkt am Forstenrieder Park. Das Gebäude ist ein weißer Flachbau. Wir vermuten, mit Tiefgarage.« »Habt ihr das Signal?« »Natürlich! Sonst wüssten wir ja nicht, wo sich unsere Zielperson befindet.« »Gut. Unternehmt noch nichts. Wir kommen gleich hin.« »OK.« Thomas sah sich zu seinen Fahrgästen um. Ilona und Marcel saßen hinten im Einsatzwagen. Sie hatten es so tatenlos in der Praxis der Katanis nicht mehr ausgehalten und Thomas gebeten, bei der Suche nach dem Signalgeber mithelfen zu dürfen. »Ihr habt es gehört. Sie haben Sascha gefunden. Ist ja fast hier um die Ecke.« Thomas betätigte das Gaspedal und der BMW machte einen Satz nach vorne. Innerhalb von zwei Minuten erreichten sie die Angelsrieder-Straße. Vor dem Gebäude 209 hielten sie an. Fast zeitgleich mit ihnen kamen noch zwei weitere Einsatzfahrzeuge an. Thomas versammelte seine Kollegen vor der Garagen-Einfahrt. »Also, wir machen es folgendermaßen. Saskia und Gerd bleiben hier vor dem Garagentor. Wenn jemand raus will, haltet ihr ihn auf. Wenn es nicht anders geht, auch mit Gewalt. Rosi und Klaus bleiben vor der Eingangstür zum Gebäude. Annika und Andreas gehen hinter das Gebäude. Die anderen gehen mit mir rein.« »Und wir?« Marcel deutete auf Ilona und sich. »Ihr bleibt hier bei meinem Fahrzeug. Für euch ist das zu riskant. Vor allen Dingen für dich, Marcel. Außerdem habt ihr keine Schutzwesten an. Wer weiß, wie radikal unsere Mediziner reagieren werden?« Thomas wendete sich an seine Leute. »Auf geht’s. Packen wir es an!«

Marcel spazierte nervös auf dem Gehsteig hin und her. Immer wieder warf er einen Blick zu dem Flachbau hin, in den vor etwa fünf Minuten Thomas und vier seiner Kollegen eingedrungen waren. Aus der Entfernung hatte er mitbekommen, wie ein Beamter sich an dem Türschloss des Gebäudes zu schaffen gemacht hatte. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis er sah, wie die Tür vorsichtig geöffnet wurde und alle fünf Kriminalbeamten geduckt in dem Gebäude verschwanden. Sie zogen die Eingangstür wieder hinter sich zu. Am liebsten wäre Marcel mit von der Partie gewesen. Hier tatenlos zu warten, war kaum auszuhalten. Mit leicht zitternden Fingern griff er erneut zu seiner Zigarettenschachtel und zündete sich eine neue Marlboro an. Ilona hatte sich seitlich auf die Motorhaube des BMW gesetzt und beobachtete von dort aus das Gebäude. Marcel trat zu ihr hin und bot ihr eine Zigarette an. »Danke Marcel, ich rauche ja sonst nicht, aber das ist jetzt vielleicht eine gute Idee.« Marcel zündete die Zigarette von Ilona an und diese nahm gleich einen tiefen Zug. Marcel beobachtete wie sie gekonnt den Rauch ausstieß. Er vermutete, dass sie früher auch mal geraucht hatte. Das sah zu professionell aus. »Ich weiß nicht, wie

es dir geht Ilona, aber ich bin furchtbar nervös. Es kann soviel schief gehen bei dieser Aktion. Ob das Ganze nicht eine Nummer zu groß für uns war?« »Jetzt ist es schon zu spät für solche Gedanken. Da müssen wir jetzt durch. Ich bin auch nicht gerade sehr ruhig. Nicht auszudenken, wenn die Sascha schon aufgeschnitten haben, oder gar schon direkt bei der Transplantation sind. Thomas muss blitzschnell anhand der Situation, die er dort drinnen vorfindet, handeln. Unter Umständen geht es für Sascha tatsächlich um Leben oder Tod. Von dem armen, unfreiwilligen Spender will ich erst gar nicht reden.« »Du tröstest mich ja sehr. Die gleichen Gedanken gehen mir auch ständig im Kopf herum. Ob ich mal mit meiner Mutter telefoniere? Sascha hat sie ja über unser Vorgehen ziemlich im Dunkeln gelassen. Er wollte sie nicht zusätzlich beunruhigen, wo sie doch solche Probleme mit der Gesundheit ihres Pferdes hat.« »Ich weiß nicht, ob das jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist, Marcel? Du machst deiner Mutter vielleicht nur unnötige Angst. Warten wir erst mal ab, was hier in den nächsten Minuten passiert.« Kaum hatte Ilona die Worte ausgesprochen, sahen sie, wie die Garagentür schnell nach oben wegklappte und ein dunkles Fahrzeug mit hohem Tempo heraus schoss. Saskia und Gerd, die vor der Garage standen, retteten sich mit einem schnellen Satz zur Seite. Das Fahrzeug kam mit quietschenden Reifen an dem BMW vorbei. Marcel sah, dass nur ein Mann im Fahrzeug saß. Der Mann trug grüne Kleidung. Wahrscheinlich OP-Kleidung, schoss es Marcel durch den Kopf. Das musste einer der Ärzte sein. Ohne lange zu überlegen, sprang Marcel zur Fahrerseite des BMW, riss die Tür auf und saß sofort hinter dem Lenkrad. Er griff nach rechts und öffnete die Beifahrertür. »Komm rein!« Ilona schwang sich geschmeidig auf den Beifahrersitz und Marcel betätigte die Zündung. Gut dass Thomas den Zündschlüssel stecken gelassen hatte. Mit aufheulendem Motor, folgte Marcel dem hinten links an der Straße abbiegenden Rover. »Schau mal, ob du irgendwie das Blaulicht auf das Dach bringst, Ilona.« Marcel musste sich ganz auf den Verkehr und das Fluchtfahrzeug konzentrieren. Ilona drückte auf einen Schalter in der Armlehne und die rechte Seitenscheibe glitt herunter. Dann packte sie das Blaulicht und setzte es auf das Dach. Der starke Magnet hielt es fest. Als sie die Scheibe wieder hochfuhr, achtete sie darauf, dass dabei das Kabel vom Blaulicht nicht beschädigt wurde. Ilona schaute auf die diversen Knöpfe und Schalter im Einsatzfahrzeug und fand schnell das Gesuchte. Nachdem sie die entsprechenden Schalter betätigt hatte, fing das Blaulicht mit der Rotation an und das Martinshorn erklang furchterregend laut. »Jetzt bekommen wir hoffentlich Platz.« Marcel wich gekonnt einem aus einer Seitenstraße kommenden Fahrzeug aus und setzte dann die Verfolgung des Rovers mit erhöhtem Tempo fort. Offensichtlich versuchte der Fahrer auf die Garmischer Autobahn zu gelangen. Marcel kannte sich mit Autos sehr gut aus. Dieser BMW war mit Sicherheit leistungsstärker als der Rover, den sie verfolgten. Die Autobahn war für den Flüchtenden eher schlecht. Ständig kamen irgendwelche Meldungen über das eingeschaltete Funkgerät. Marcel machte das ganz nervös. »Schalt bitte den Scheißkasten ab, Ilona! Ich packe diesen Funkverkehr jetzt nicht.« Ilona drückte auf die linke Taste des Funkgeräts und die Meldungen verstummten. »Sind wir nicht ein großartiges Team?« Marcel pfiff leise vor sich hin. Offensichtlich hatte er Spaß an der Verfolgung. Ilona bewunderte seine Fahrsicherheit. Tatsächlich erreichte der Rover die Einfahrt zur Autobahn. Rigoros quetschte er sich zwischen zwei Autos auf der rechten Fahrbahn durch und wechselte dann sofort auf die linke Fahrspur. Obwohl hier in der Nähe des Stadtbereichs nur 80 Stundenkilometer erlaubt waren, gab der Verfolgte wieder Vollgas. Marcel hatte Mühe dran zu bleiben. Die anderen Fahrzeuge machten ihm, so gut es ging, die linke Fahrbahn frei. Das Blaulicht und das Martinshorn zeigten Wirkung. Langsam kamen sie näher an den Rover heran. Der Fahrer fuhr wie wahnsinnig. Er überholte die anderen Fahrzeuge rechts und links und nahm dabei auch die Standspur nicht aus. Teilweise musste Marcel deshalb auch Slalom fahren. Manche der anderen Autofahrer hielten einfach ängstlich ihr Fahrzeug auf der Spur an, auf der sie sich gerade befanden. Plötzlich scherte der Rover nach rechts auf einen Rastplatz aus. Marcel folgte ihm sofort. Was hatte der Verfolgte vor? Dieser bremste sein Fahrzeug brutal ab und sprang heraus. Marcel stellte den BMW quer vor den Rover und löste seinen Sicherheitsgurt. Gerade als er aussteigen wollte, riss der Grünbekleidete die Fahrertür des BMW auf, packte Marcel an der Lederjacke und zog ihn kraftvoll aus dem BMW. Der Mann war ein Riese. Gut zwei Meter groß. Und er sah äußerst athletisch aus. Marcel wusste sofort, dass er gegen diesen Muskelprotz keine Chance hatte. Mit brutaler Gewalt stieß ihn der Athlet zurück an den BMW. Marcel prallte seitlich mit der Schulter auf. Er spürte einen rasenden Schmerz in seinem rechten Schulterbein. Ihm wurde es leicht schwarz vor den Augen.

Er versuchte wieder einen klaren Blick zu bekommen. Fast wie im Zeitlupentempo sah er den Hünen auf sich zukommen. Dann tauchte hinter dem Hünen plötzlich Ilona auf. »Versuch’s mal mit mir!« Der große Mann wandte sich langsam zu Ilona um. Ilona stand ganz ruhig da. Die Arme hingen bewegungslos an ihrem Körper herunter. Marcel bemerkte trotzdem die ungeheure Spannkraft, die sich in ihrem Körper aufbaute. Der Gesichtausdruck von Ilona war höchst konzentriert. Ihre Augen waren halb geschlossen. Ohne Ansatz trat sie dem Riesen zwischen die Beine. Das geschah derart blitzschnell und mit solcher Wucht, das weder Marcel noch das Opfer darauf gefasst waren. Es dauerte mehrere Sekunden, bis aus dem Mund des Hünen erst ein dumpfes Stöhnen und dann ein schriller Schrei drang. Er beugte sich nach vorne und griff sich mit beiden Händen zwischen die Beine. Ilona trat erneut zu. Sich geschmeidig leicht seitlich drehend, traf sie den Mann mit dem rechten Fuß genau gegen das Kinn. In diesem Tritt musste unheimliche Kraft gesteckt haben. Marcel hörte Knochen splittern. Der Kopf des Hünen wurde zur Seite gerissen. Fast im Schneckentempo, sank der große Körper zu Boden. Aus dem Mund liefen Strähnen von Blut. Mit stierem Blick sah der Mann, wie Ilona auf ihn zukam. Sie setzte ihren rechten Fuß auf den Hals des Riesen. »Und nun das Finale. Ich werde dich jetzt töten!« Marcel schaute Ilona ungläubig an. Er sah wie ihre Augen vor Wut blitzten. Den Schmerz in seiner Schulter ignorierend, stürzte er auf Ilona zu und umklammerte ihre Arme von hinten. »Hör auf, Ilona! Hör sofort auf damit!« Ilona schüttelte abweisend ihren Kopf. »Lass mich los. Er war mit Sicherheit an der Ermordung von Sabrina beteiligt. Ich brauche keine Rechtsprechung. Er hat in diesem Augenblick seinen irdischen Richter gefunden.« »Ilona, ich bitte dich! Hör auf! Das ist der doch gar nicht wert!« Marcel zerrte an Ilonas Schulter. Seine verletzte Schulter ließ ihn die Aktion sofort wieder beenden und laut aufstöhnen. Ilona beachtete ihn gar nicht. »Man braucht gar nicht so viel Kraft. Wenn man es geübt hat, reicht ganz wenig Druck aus, um ein Genick zu brechen.« Marcel sah, wie die Augen des Mannes vor Angst fast aus den Höhlen traten. Er versuchte sich zu bewegen, wurde aber von Ilona gestoppt. »Rühr dich bloß nicht, du Schwein! Noch eine kleine Bewegung und ich überlege mir, ob du so einen schnellen Abgang überhaupt verdient hast. Vielleicht mache ich es nur so, dass du anschließend vom Hals ab querschnittgelähmt bist. Wie wäre das denn, mein Großer?« Der Mann öffnete seinen Mund. Anscheinend versuchte er, etwas zu sagen, aber es drangen nur unartikulierte Laute hervor. Ilona musste ihm das Kinn gebrochen haben. Marcel sah, wie verschoben die untere Gesichtshälfte aussah. »Nein, Ilona, nein!« Marcel versuchte erneut Ilona von dem am Boden liegenden Mann wegzuziehen. Seine geprellte Schulter ließ ihn auch diesen Versuch sofort wieder aufgeben. Plötzlich nahm Ilona den Fuß vom Hals ihres Opfers. »Ist schon gut, Marcel. Er hat diese Gnade mit Sicherheit nicht verdient. Wenn ich allein wäre, würde ich ihn jetzt auf der Stelle töten. Aber du wärst rechtlich auch beteiligt und das ist dieses Schwein nun wirklich nicht wert. Hoffentlich muss ich meine Güte nicht noch einmal bedauern! Kannst du mal nachschauen, ob im Handschuhfach Handschellen sind?« Marcel ließ Ilona los und ging um den BMW herum. Im Handschuhfach lagen tatsächlich mehrere Handschellen. Er nahm ein Paar heraus und ging zu Ilona und dem inzwischen am Boden knienden Hünen zurück. Ilona nahm die Handschellen und hatte im Nu damit die Hände des Mannes fixiert. »Aufstehen! Aber plötzlich!« Ilona versetzte dem bereits vor Schmerz stöhnenden Mann noch mal einen leichten Tritt zwischen die Beine. Marcel half dem Verletzten beim Aufstehen und führte ihn langsam zum BMW. Er öffnete die hintere, linke Tür und der Mann quetschte sich mühsam hinter den Fahrersitz. Er musste vor Schmerz halb betäubt sein. Seine Bewegungen gingen wie in Zeitlupe vor sich. Nach wie vor lief ein leichtes Blutrinnsal aus dem verzerrten Mund. Unaufhörlich drang qualvolles Stöhnen aus seiner Brust. Mit Sicherheit hatte er neben dem Kieferbruch auch noch einige Zähne eingebüßt. Wie es den Hoden des Mannes ging, daran wollte Marcel lieber erst gar nicht denken. Ilona hatte sich inzwischen an dem Rover zu schaffen gemacht. Marcel setzte sich auf den Fahrersitz des BMW und wartete bis Ilona hinten neben den verletzten Mann einstieg. Sie hatte dem Rover eine Aktentasche und ein Notebook entnommen. »Wir können, Marcel. Zurück zum Ausgangspunkt.« Marcel startete den BMW und fuhr zum Ausgang des Rastplatzes. Ihm fiel erst jetzt richtig auf, dass sie ganz allein den Rastplatz benutzt hatten. Außer ihnen hatte kein Mensch den Kampf verfolgt. »Hast du den Rover abgeschlossen, Ilona?«

»Ja klar. Diese Sachen hier schienen mir interessant zu sein. Deshalb habe ich sie mitgenommen. Das Auto können ja die Kollegen von Thomas oder die normale Streife abholen.« Marcel stöhnte plötzlich laut auf und griff sich an die rechte Schulter. »Hat es dich sehr schlimm erwischt? Soll ich dann nicht besser fahren?« »Nein, nein, es geht schon Ilona. Pass du nur auf unseren Gast auf. Ich weiß jetzt, dass er bei dir in den besseren Händen ist.« Die Fahrt zurück verlief relativ problemlos. Als sie wieder vor dem Gebäude 209 in der Angelsrieder-Straße ankamen, erhob sich gerade ein Rettungshubschrauber vom Flachdach des weißen Gebäudes. Thomas kam auf sie zugelaufen. »Wo habt ihr denn solange gesteckt?« Marcel deutete hinter sich. »Wir haben den ausgeflogenen Vogel wieder eingefangen. Was ist mit Sascha?« »Er wird gerade mit dem Rettungshubschrauber ins Klinikum Großhadern gebracht.« »Wieso? Was ist mit ihm los?« »Sieht leider schlecht aus. Wir sind zu spät gekommen!«

Melissa, Yvonne und Katka verstauten die Liegestühle und Sonnenschirme in der kleinen Holzhütte am Sandstrand und machten sich auf den Weg zurück zum Institut. Die drei hatten ihren freien Nachmittag für einen Badeausflug genutzt. In spätestens einer Stunde würde die Sonne untergehen und es wurde allmählich Zeit, den Rückweg anzutreten. Selbst wenn sie die steilere Abkürzung durch den Pinienwald nahmen, war noch mindestens eine Stunde Fußweg bis zum Institut zurück zu legen. Während sie zügig den schmalen Anstieg zum ersten Hügel in Angriff nahmen, wandte sich Yvonne an Melissa. »Und du hast tatsächlich bis heute nicht gewusst, dass wir hier auf Amalos für unsere Forschungen menschliche, embryonale Stammzellen verwenden?« »Nein, woher denn? Professor von Hohenstein hat mir davon in München nichts mitgeteilt. Er sprach nur von der Phase vier. Die Phase vier hat aber für mich eine andere Bedeutung.« »Und welche?« »Nun, nachdem es uns gelungen war, die Gene von Mäusen so zu manipulieren, dass wir deren Größe, Augenfarbe und so weiter bestimmen konnten, dachte ich bei der Phase vier an die Vervollständigung und Vertiefung dieser Forschungsreihe. Aber mit tierischen Embryonen, nicht mit menschlichen.« »Du bist ganz schön naiv, Cherie. Entschuldigung, dass ich das jetzt so hart sage. Über die Forschung an Tieren sind wir hier doch schon lange hinweg. Ab und zu testen wir auch da noch etwas herum, aber die Hauptforschungsarbeit liegt ganz klar bei der Manipulation von menschlichen Genen. Aber daran arbeitest du ja auch noch nicht mit. In deiner Abteilung finden tatsächlich nach wie vor nur Forschungen an Tiergenen statt. Sozusagen als Entwicklungsarbeit für die anderen Labore bei uns im Institut. Wahrscheinlich wollte dich Professor Hohenstein erst langsam auf die anderen Forschungstätigkeiten vorbereiten.« Katka griff Melissa an die Schulter. »Weil du gerade von deiner Mäuseforschung in München gesprochen hast, Melissa. Sei mir jetzt bitte nicht böse, wenn ich dir sage, dass diese Ergebnisse hier auf Amalos schon vor über fünfzehn Jahren gelungen sind. Der Vater von Professor von Hohenstein, Professor Metzger, war schon immer eine Kapazität auf dem Gebiet der Genforschung. Er hat schon damals bei den Nazis an den ersten Experimenten in dieser Richtung mitgearbeitet und er hat diese Forschung nach dem zweiten Weltkrieg extrem weit nach vorne getrieben. Sein Sohn hat euch in München nur das nachvollziehen lassen, was seinem Vater hier schon lange vorher gelungen ist. Eigentlich gar nicht schlecht der Gedanke. So konnte er dich zum Beispiel gezielt auf vermeintlich eigene Erfolge hinsteuern. Du und deine Kollegen haben das natürlich gar nicht mitbekommen. Ihr habt gedacht, welche großartigen Forschungsergebnisse ihr ihm liefert. Aber als Ausleseverfahren für gute wissenschaftliche Mitarbeiter taugt diese Methode schon. Wahrscheinlich warst du die Beste in München und deshalb hat er dich für höhere Aufgaben hierher gebracht.« Melissa war wie benommen. Was sie da von Katka und Yvonne hörte, übertraf ihr gesamtes Vorstellungsvermögen. Schon vor über fünfzehn Jahren hatten die hier praktisch einen Blueboy gehabt. Wie weit war denn dann die Genforschung hier auf dieser Insel schon tatsächlich gediehen? Ihr wurde fast schlecht bei dem Gedanken, dass sie und ihre Kollegen in München so von ihrem Professor an der Nase herum geführt worden waren. Er mochte ja Gründe für sein Vorgehen haben, aber die wollte sie nachher selbst von ihm erfahren. Beide Professoren sollten heute Abend wieder auf Amalos ankommen. Heute Abend wollte sie die ganze Wahrheit über den aktuellen Stand der Genforschung erfahren.

»Zu spät gekommen?« »Ja leider. Aber lasst mich den Rest auch noch erzählen.« Marcel nahm einen Schluck aus seinem Maßkrug. Die kleine Gruppe hatte sich kurzfristig zusammengerufen und saß nun am Seehaus im Englischen Garten um einen Tisch herum. Neben Marcel, waren noch Sabine, Iris und Ilona anwesend. »Thomas hat mich und Ilona dann in das Gebäude geführt. Im Erdgeschoss gibt es zwei Operationsräume und zwei Krankenzimmer. Das Kellergeschoss ist ebenfalls voll eingerichtet. Ich habe die unteren Räumlichkeiten sofort wieder erkannt. War überhaupt kein schönes Gefühl erneut mit einer meiner unangenehmsten Stunden im Leben konfrontiert zu werden. Der Kühlraum im Kellergeschoss, in dem ich die tote Sabrina und den anderen toten Spender gefunden habe, beherbergte diesmal Gott sei Dank keine Leichen.« »Und der Nierenspender für Sascha? Wo war der?« Sabine schaute Marcel fragend an. »Der lag oben im rechten Operationsraum. War tot. Außer einer Niere haben ihm aber keine weiteren Organe gefehlt. Der Arzt von der Kripo vermutet, dass der Spender vielleicht schon etwas länger tot war. Er wies auch mehrere schwere äußere Verletzungen auf. Doktor Klein, dieser Kripoarzt, geht davon aus, dass es sich bei dem noch Unbekannten um einen Unfalltoten handelt. Sie wollen jetzt ermitteln, ob der Tote vielleicht kurzfristig aus einer anderen Münchner Klinik entwendet wurde. Kann aber auch sein, dass er gezielt zum Unfallopfer wurde, nachdem man ihn zuvor als passenden Spender ausgewählt hatte.« »Aha, eine ganz neue Variante.« Iris schüttelte erstaunt den Kopf. »Diese Mafia versucht mit allen Mitteln, an Spender ranzukommen.« Marcel lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Jedenfalls hatten sie Sascha schon aufgeschnitten und seine rechte Niere entfernt, als Thomas und seine Mannschaft in den OP eindrangen. Die Spenderniere lag in einem Kühlbehälter auch schon bereit. An der Operation waren zwei Ärzte und zwei Krankenschwestern beteiligt. Sie haben sich höllisch über das Eindringen der Kripo in den OP erschrocken. Nur Doktor Franz hatte eine erstaunlich kurze Schrecksekunde. Ehe die Kripo zugreifen konnte, war er durch eine zweite Tür im OP verschwunden. Wie wir ihn dann doch noch erwischt haben, habe ich euch ja schon vorhin erzählt. Der andere Arzt und die Krankenschwestern wurden vorläufig festgenommen.« Marcel erzählte aber nicht alles. Er verschwieg, dass er Ilona nur mühsam von der Tötung des Doktor Franz abhalten konnte. Er wollte Ilona vor den anderen nicht als so brutal darstellen. Immerhin war ihr die Ermordung von Sabrina tief unter die Haut gegangen. Er war aber trotzdem überzeugt, dass sie den Arzt, ohne seine Anwesenheit, gnadenlos umgebracht hätte. Diese Frau war sicher äußerst gefährlich. Gut, wenn man sie nicht zum Feind hatte. »Und Sascha ist jetzt im Klinikum Großhadern? Weiß meine Schwiegermutter schon Bescheid.?« »Ja, natürlich. Ich habe sie gleich informiert, Sabine.« »Und? Was hat sie gesagt?« »Na ja. Das wiederhole ich am besten nicht. Jedenfalls war sie noch nie von unseren Aktionen gegen diese Mafia begeistert. Das es aber so schief geht, hatte wohl selbst sie nicht vermutet.« Ilona meldete sich zu Wort. »Einen kleinen Teilerfolg haben wir aber immerhin. Doktor Franz und der andere Arzt sowie die beiden Krankenschwestern befinden sich bereits in Haft. Damit ist uns gegen die Mafia immerhin ein Achtungserfolg gelungen.« Marcel wiegte nachdenklich den Kopf hin und her. »Schon, schon, aber Doktor Schultheiss läuft noch frei herum und wer weiß, wie groß die Organisation insgesamt überhaupt ist? Unter Umständen haben wir nur ein paar Handlanger dingfest gemacht.« Iris sah Ilona an. »Das du Doktor Franz so leicht fertig gemacht hast? Alle Achtung! Der ist doch Zehnkämpfer gewesen und ich hatte bei meinen Terminen bei ihm, nicht den Eindruck, dass er vor Schwäche gleich zusammenbrechen wird. Eigentlich schade, dass er bei dieser Mafia mitgemacht hat. So ein attraktiver, großer Mann. Unter Umständen hätte ich mich sogar in ihn verlieben können.« Ilona starrte Iris mit plötzlich wütend werdenden Augen an. »Nur zu, Iris. Besuch ihn doch in seinem Knast. Halt ihm sein Händchen durch das Gitter und mach einen Hochzeitstermin mit ihm aus.« »Ich mein ja nur. Nicht böse sein, Ilona. Trotzdem irgendwie schade, dass er auf der falschen Seite war.« Marcel mischte sich schnell ein. Er wollte keinen Streit aufkommen lassen. »Andrea ist jetzt bei Sascha. Sie war ganz aufgeregt, als ich ihr die Sachlage geschildert habe. Obwohl sie gerade erst vom Dienst nach Hause gekommen war, ist sie

gleich nach Großhadern gesaust. Sie hat versprochen hierher nachzukommen, um uns Neues über Saschas Gesundheitszustand zu berichten.« Sabine räusperte sich. »Ist es nicht eigentlich pervers, dass wir hier im Biergarten sitzen und nicht auch wie Andrea in Großhadern bei Sascha sind?« »Der Vorschlag kam ja von Andrea. Wahrscheinlich wollte sie uns nicht dabei haben. Sie sagte, wir würden nur im Wege stehen. Jetzt brauchten wir uns auch nicht mehr um Sascha zu kümmern. Die Gelegenheit hätten wir vorher zur Genüge gehabt. Die war richtig stocksauer am Telefon.« Marcel trank wieder etwas Bier. Ilona nickte zustimmend. »Recht hat Andrea. Wir haben total versagt.«

Iserlohn sah von oben noch sehr viel schöner aus. Sascha bewunderte die vielen, in verschiedenem Grün scheinenden Mischwälder. Zwischen diesen großen Wäldern kam ihm die Stadt fast klein vor. Als er über den Seilersee flog, war sein Ziel nicht mehr weit entfernt. Vor Freude, bald wieder daheim zu sein, stieß er einen lauten Jubelschrei aus. Es schien ihm, als ob der Schrei von den Wäldern beantwortet würde und das Echo klang wie der Schrei eines Adlers. Langsam senkte er seine Flughöhe. Er überflog das Buchenwäldchen und folgte der Eichenallee bis zur Heinrichs-Allee. Sein Heimathaus lag jetzt direkt unter ihm. Sascha setzte zum Sturzflug an und er landete sicher auf einer der Wiesen im Garten. Dort standen zwei Liegestühle. Der weite Flug hatte ihn doch mehr angestrengt, als er vermutet hatte. Die Begrüßung musste noch etwas warten. Zunächst brauchte er unbedingt Erholung. Kaum hatte er sich in einen der Liegestühle begeben, fiel er in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Er wusste nicht wie lange er geschlafen hatte, doch jetzt wurde er durch eine Stimme ganz nah vor seinem Gesicht geweckt. Noch immer verschlafen, öffnete er seine Augen. Verschwommen sah er das Gesicht seiner Mutter vor sich. Seine Mutter sprach zu ihm. Er verstand ihre Worte nicht, aber diese klangen sehr besorgt und es war ein warnender Unterton in ihnen. Wieso verstand er sie nicht? Langsam wurde das Gesicht über ihm klarer. Aber es veränderte sich. Wieder diese mahnenden, besorgten Worte. Sein Bewusstsein kehrte mit einem Schlag zurück. »Andrea!« »Gott sei Dank, Sascha.« Sascha sah, wie sich die Augen von Andrea mit Tränen füllten. Er spürte erst jetzt, dass sie seine Hände ganz fest mit ihren Händen umklammerte. Er versuchte sich aufzurichten. Wo war er? »Ruhig Sascha, bleib ganz ruhig liegen. Es wird alles gut werden. Du bist hier auf der Intensivstation in der Großhadener Klinik. Es kommt wieder alles in Ordnung.« Sascha wollte etwas sagen, aber dann fühlte er eine irrsinnige Übelkeit in sich aufsteigen. »Schwester schnell!« Andrea blickte gehetzt über ihre Schulter zurück. Sascha sah noch wie hinter Andrea eine in weiß gekleidete Gestalt auftauchte, bevor er erneut das Bewusstsein verlor.

Melissa schaute unruhig auf ihre Armbanduhr. Jetzt war es 19 Uhr 25. Noch immer fehlten gut 30 Minuten bis zur vereinbarten Gesprächszeit mit Professor von Hohenstein. Sollte sie solange hier in ihrem Zimmer warten oder schon einmal zum Nordgebäude hinübergehen? Es konnte ja nicht schaden, wenn sie etwas früher dort auftauchte. Bevor sie losging, schaute sie noch einmal kurz nach Blueboy, der wieder mal friedlich, in einer Ecke seines Käfigs auf Sägemehlschnitzel schlummerte. Ein warmes Gefühl entstand in ihrem Herzen, als sie den vertrauensvollen, kleinen Kerl ansah. Hoffentlich hatte die Genmanipulation nicht nur seine Augen blau werden lassen, sondern auch wie geplant, seine Alterung verdreifacht. Normalerweise wurden Mäuse ja nicht älter als zwei Jahre. Wenn alles geklappt hatte, würde Blueboy locker sechs Jahre alt werden. Melissa überlegte, ob sie noch etwas für ihre Besprechung mitnehmen sollte. Nein, eigentlich nicht. Sie hatte ihre Fragen im Kopf. Sie schloss die Zimmertür hinter sich ab und machte sich auf den Weg zur Treppe. Als sie dann ins Freie trat, fühlte sie sofort die wohltuende Abendwärme am ganzen Körper. Diese Institutsgebäude waren durch die Klimaanlagen innen doch sehr kühl. Fast schon aus Gewohnheit schaute Melissa zum alten Kloster hinüber. Aber wie schon erwartet, ließ sich dort keine weiße Gestalt blicken. So schlenderte sie durch den Institutsgarten langsam zum Nordgebäude hinüber. Sollte sie beim Professor von Hohenstein gleich mit der Tür ins Haus fallen, oder erst einmal vorsichtig anklopfen?

Nachdem dieser gestern angekommen war und Melissa an ihrem Arbeitsplatz im Labor aufsuchte, hatte sie ihn gleich um ein persönliches Gespräch gebeten. Sie wollte endlich die Wahrheit über den Stand der Genforschung auf dieser Insel erfahren. Dazu kamen noch die Fragen zu den verbotenen Wegen, zu dem Lager auf der anderen Inselseite und nicht zuletzt die Sache mit dem Licht und der Gestalt im Kloster. Also Fragen genug. Sie war auf die Antworten gespannt. Melissa betrat das Nordgebäude durch den Haupteingang. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie auf dem ganzen Weg, keinen Menschen angetroffen hatte. Waren die alle beim Baden wie Yvonne und Katka auch? Wahrscheinlich. Das Büro vom Professor, befand sich im ersten Stock. Melissa erklomm gleich immer zwei Treppen auf einmal und nahm dann den linken Gang zum Büro. Schon bevor sie das Zimmer erreichte, hörte sie laute, erregte Stimmen. Beim Näherkommen, konnte sie die Stimme ihres Professors und die Stimme seines Vaters unterscheiden. Mehr unbewusst als geplant, blieb sie an der Gangseite vor der Bürotür stehen und lauschte dem heftigen Dialog. »Und ich sage dir Vater, dass sie noch nicht so weit ist! Die dreht uns doch durch, wenn sie die ganze Wahrheit auf einmal erfährt! Denk doch nur mal an ihre Vorgängerin. Da haben wir auch den Fehler gemacht, weil wir dachten, dass sie stark genug ist, die Wahrheit zu vertragen. Nun, wir haben uns tüchtig geirrt. Die sitzt jetzt in Athen, in der Psychiatrie. Ich habe Yvonne und Katka befragt. Die meinen auch, dass sie längst noch nicht so weit ist. Dummerweise haben sie ihr schon verraten, dass die Forschungen in München eine Farce waren. Deshalb kommt sie ja sicher gleich zu mir. Ich weiß schon, dass sie nun alles erfahren will. Aber es geht einfach noch nicht!« »Warum, Harald? Ich finde schon, dass sie stark genug ist, mit der Wahrheit konfrontiert zu werden. Sicher wird es ein kleiner Schock für sie sein, aber in ein paar Tagen ist sie darüber hinweg. Da bin ich mir ganz sicher. Die ist nicht so labil, wie ihre deutsche Vorgängerin.« »Ich weiß nicht recht. Ich möchte sie auf keinen Fall verlieren. Sie ist das Beste, was wir seit langem reinbekommen haben. Da ist eine Menge Potential enthalten. Wenn die erst einmal beim Stand unserer jetzigen Forschung mitmischt, können wir endlich auch einmal die genetisch bedingten Krankheiten ins Visier nehmen. Wir haben zwar schon das Wissen, aber für die Patentanmeldungen, mit den ganzen dafür auch rechtlich notwendigen Aufbereitungen, brauchen wir so Mitarbeiter wie Melissa.« »Pass auf Harald, ich mache dir jetzt einen Vorschlag. Wir geben ihr noch vier Wochen Zeit. Während dieser vier Wochen lassen wir sie so nebenbei durch Katka und Yvonne immer mehr über die Forschungen hier aufklären. Dann geht das ganze gleitend und nicht schockartig vor sich.« »OK. Einverstanden. Aber wirklich langsam und keine Infos über das Lager und die Versuche dort! Ach, da fällt mir gerade noch etwas ein, Vater. Der Schultheiss, möchte sie ja auch für seine Versuche ausleihen. Wie soll ich mich da verhalten, wenn er nach ihr fragt?« »Nun, Schultheiss geht vor. Wenn er sie will, bekommt er sie auch. Er ist schließlich einer unserer besten Sponsoren. Ich fahre jetzt zum Lager rüber. Nächste Woche treffen wir uns dort wie verabredet. Ich habe eine kleine Überraschung für dich vorbereitet.« »Na, da bin ich ja mal gespannt. Oh, es ist schon fast 20 Uhr. Sie muss gleich kommen.« Melissa hörte Schritte zur Bürotür kommen und drückte sich eng in eine Wandnische. Der alte Professor Metzger ging aber in die andere Richtung davon. Sie wartete, bis er außer Sichtweite war und trat dann extra fest auf, um Geräusche zu verursachen. Professor von Hohenstein kam ihr in seiner offenen Bürotür entgegen und hielt ihr zur Begrüßung die rechte Hand hin. »Na, da sind sie ja, Fräulein Kruft. Kommen Sie nur herein und machen Sie es sich bequem.«

»Und wie geht es Sascha jetzt?« Marcel sprach nervös in sein Handy. »Wie heißt es doch immer so schön? Den Umständen entsprechend gut.« »Er kommt doch wieder in Ordnung, Andrea?« »Ja, ich denke schon. Tut mir leid, dass ich nicht mehr ins Seehaus kommen konnte, aber es gab noch ein paar Probleme in Großhadern.« »Also doch! Sag schon. Was ist genau mit Sascha los?« »Na gut. Ich werde versuchen, es so einfach wie möglich zu formulieren. Dummerweise habt ihr bei eurem Einsatz, zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt eingegriffen. Nämlich genau da, wo die rechte Niere von Sascha bereits entfernt worden war und die neue Niere noch nicht eingesetzt worden ist. Ein äußerst kritischer Zustand. Diese beiden Chirurgen haben eine orthotope Verpflanzung vornehmen wollen. Das ist in der modernen Organchirurgie absolut nicht mehr üblich.«

»Was für eine Verpflanzung? Ortho ?« »Orthotop. Das heißt, dass die kranke Niere durch die neue Niere an gleicher Stelle im Körper ersetzt wird. Im Gegensatz dazu nimmt man heutzutage heterotope Verpflanzungen vor. Dabei wird die fremde Niere an einer anderen Stelle im Körper, nämlich in die Leistengegend, hinter das Bauchfell verpflanzt. Sie liegt dann auf der Darmbeinschaufel auf und wird an die großen Blutgefäße des Beckens angeschlossen. Der Harnleiter der neuen Niere wird dann mit der Harnblase vernäht.« »Meine Güte. Und diese Deppen haben natürlich bei Sascha die alte Methode angewandt.« »Ja. Die Notärzte haben beide Nieren, also die Niere von Sascha und die Niere des Spenders, in eine Kühlbox gegeben und haben Sascha während des Rettungsfluges nach Großhadern so gut es ging versorgt. Gott sei Dank hatten die Mafia- Chirurgen wenigstens die Gefäße ordentlich präpariert, sonst hätte euer Einsatz Saschas Ende bedeuten können.« »Und hat er jetzt seine eigene Niere wieder?« »Ja, auch das war wohl mehr Zufall. Die Entfernung wurde so vorgenommen, als ob die Niere noch einmal zum Einsatz kommen würde. Es war reines Glück.« »Na wenigstens etwas.« »Trotzdem ist Saschas Zustand nach wie vor noch sehr kritisch. Er hat sehr viel Blut verloren. Seine eigene Niere ist zwar ein riesiger Vorteil, weil sein Körper keine Abstoßung vornehmen wird, aber er wird im Idealfall mindestens 8 Wochen im Krankenhaus bleiben müssen.« »Kann denn jetzt noch irgend etwas schief gehen?« »Ich will dir ja keine Angst machen, Marcel, aber unter diesen Umständen ist eine Infektionsgefahr überhaupt nicht auszuschließen. Und wer weiß, was sonst noch alles für Komplikationen auftreten werden.« »Gut, oder besser nicht gut. Jedenfalls bin ich jetzt trotzdem etwas beruhigter. Außerdem weiß ich ja, dass du dich auch um seine Gesundung kümmern wirst.« »Werde ich. Aber eins kann ich euch allen schon jetzt sagen, noch einmal mache ich bei so einer Sache nicht mit! Wie konntet ihr ihn nur aus den Augen verlieren? Hätte ich vorher gewusst, wie dilettantisch die Sache abläuft, hätte ich nie mein Einverständnis dazu gegeben!« Marcel merkte erst jetzt so richtig, wie wütend Andrea werden konnte. »Nachher ist man immer etwas schlauer. Aber du hast recht. Die Sache war eine Nummer zu groß für uns.« »Der einzige Leidtragende ist ja nun Sascha.« »Leider. Wann meinst du denn, können wir ihn mal in Großhadern besuchen?« »Also in den nächsten Tagen am besten nicht. Ich sage euch Bescheid.« »Wenn du hingehst, bestelle bitte die besten Genesungswünsche von uns.« »Werde ich gerne machen.« »Servus Andrea und noch mal vielen Dank.« »Servus.« Marcel meinte einen Kloß im Hals zu haben. Mühsam schluckte er. Diese Aktion war wirklich gründlich schief gelaufen. Bei den nächsten Aktionen mussten sie sehr viel professioneller vorgehen.

»Haben Sie eine Ahnung, warum wir Sie heute vorgeladen haben, Frau Elsen?« Kriminalrat Zangl schaute neugierig diese ungewöhnlich attraktive Frau an. »Nein, aber ich nehme an, das Sie mir gleich den Grund nennen werden.« Ilona Elsen schlug provokativ ihre Beine übereinander. Sie trug nur einen kurzen Kostümrock. Zangl versuchte sich auf die Befragung zu konzentrieren. »Allerdings. Es liegt hier eine Anzeige gegen sie vor.« »Eine Anzeige?« »Jawohl. Und zwar wegen versuchten Totschlags.« »Wegen versuchten Totschlags? Von wem sollte solch eine Anzeige wohl sein?« »Von einem Herrn Doktor Uwe Franz.« »Von Doktor Uwe Franz? »Doktor Franz hat zu Protokoll gegeben, dass Sie und ein gewisser Marcel Kruft ihn ohne Grund angegriffen und schwer verletzt haben. Letztlich hätten sie ihn sogar töten wollen.« »Das ist ja ein Ding! So eine Frechheit! Woher hat er überhaupt unsere Namen?« »Sie geben also zu, Doktor Franz zu kennen?«.

»Sicher! Ich habe nie etwas anderes behauptet. Nur die Umstände waren ein wenig anders.« »Und wie waren die Umstände aus Ihrer Sicht, Frau Elsen?« »Hat Ihnen denn Kriminalhauptkommissar Thomas Reichenbach nicht erzählt, was für Vorgänge zu den Verletzungen von diesem Franz geführt haben?« »Doch hat er. Aber ich möchte gerne Ihre Aussage dazu hören. Herr Reichenbach ist seit gestern vorläufig vom Dienst suspendiert worden. Es läuft ein internes Verfahren gegen ihn.« »Gegen Thomas? Spielen denn hier alle verrückt?« »Vorsicht, vorsicht Frau Elsen. Sie haben absolut keinen Grund, hier große Töne zu spucken. Herr Reichenbach hat ohne Informationen an seinen nächsten Vorgesetzten und ohne Erlaubnis der Staatsanwaltschaft eine große Polizeiaktion ausgelöst, bei der er nicht nur ohne Befugnis Kollegen mit einbezogen und in Gefahr gebracht hat, sondern auch noch die Freiheit und Rechte angesehener Bürger unserer Stadt mit den Füßen getreten hat.« »Ich muss wohl träumen.« »Sie träumen keineswegs, Frau Elsen. Geben sie zu, dass die Anschuldigungen von Doktor Franz der Realität entsprechen?« »Ich gebe gar nichts zu.« »Sollten sie aber tun, Frau Elsen. Es gibt Zeugen.« »Zeugen? Wer sollte das sein?« »Tut noch nichts zur Sache. Entscheidend ist, dass die Aussagen von Doktor Franz bestätigt worden sind.« »Bevor Sie mir nicht sagen, Herr Kriminalrat Zangl, wer der Zeuge ist oder wer die Zeugen sind, kriegen Sie von mir auch keine weiteren Aussagen.« »Kommen Sie endlich von Ihrem hohen Ross herunter, Frau Elsen. Sie sind nicht in der Position, hier irgendwelche Forderungen zu stellen. Ich darf Sie nur daran erinnern, dass Sie bereits einschlägig vorbestraft sind.« »Worauf wollen Sie hinaus?« Ilona Elsen sah den Kriminalrat mit blitzenden Augen an. »Aus Ihren Akten geht hervor, dass Sie vor etwa zehn Jahren ebenfalls vom Dienst bei der Münchner Kripo suspendiert worden sind. Und zwar wegen Totschlags.« »Wenn Sie meine Akten so genau gelesen haben, müssten Sie auch wissen, welche Umstände damals dazu geführt haben.« »Sie haben einem Zuhälter das Genick gebrochen.« »Richtig. Und das leider viel zu schnell. Das tut mir noch heute leid. Dieses Schwein hätte viel langsamer verrecken müssen.« »Nehmen Sie sich mit Ihren Aussagen in acht, Frau Elsen. Das zeigt mir, dass Sie sich kein bisschen seit damals geändert haben.« »Weil ich im Recht war. Stand in den Akten auch, warum ich diese Sau umgebraucht habe?« »Ja, er hatte eines seiner Mädchen bei lebendigem Leib gehäutet. Die anderen Mädchen, die für ihn anschaffen gingen, mussten zur Abschreckung dabei zusehen.« »Dann wissen Sie ja, warum ich damals so gehandelt habe. Ich war die erste, die in die Wohnung eindrang. Er hatte das Mädchen an den Händen und Füßen mit Nägeln an eine Zwischentür genagelt. Als ich dazukam, lebte das Mädchen noch. Ich werde nie ihre schrillen Schreie und die wahnsinnig schauenden Augen vergessen. Die ganze Haut hing ihr vom Leib. Nur noch rohes Fleisch. Und dieses Schwein von Zuhälter stand daneben und lachte sich halb tot. Da bin ich tatsächlich ausgerastet.« Kriminalrat Zangl sah Ilona tief in die Augen. »Ich kenne die Geschichte, Frau Elsen. Ihre damaligen Kollegen haben noch versucht, Sie aufzuhalten, aber Sie haben sie sogar mit ihrer Dienstwaffe bedroht und den Kerl dann mit mehreren Karatetritten getötet.« »Es war damals richtig und es wäre auch noch heute richtig. Ich stehe nach wie vor dazu. Leider kam für das Mädchen jede Hilfe zu spät. Sie ist verdammt elendig gestorben.« Kriminalrat Zangl stand hinter seinem Schreibtisch auf und stellte sich an das Bürofenster. »Glauben sie nicht, Frau Elsen, dass ich diesen brutalen Zuhälter in Schutz nehmen will, aber Selbstjustiz ist nun einmal in unserem Staat verboten. Schon gar von einer angehenden Kommissarin der Kripo. Wie schon gesagt, Sie sind seit damals einschlägig vorbestraft. Ich möchte aber jetzt von Ihnen die Story, wie es zu den schweren Verletzungen von Doktor Franz kam, hören. Wenn es geht, vergessen sie keine Details, Frau Elsen. Noch gehe ich neutral an die Sache ran. Das kann sich aber sehr schnell ändern, wenn sie nicht kooperativ sind, oder wenn ich merke, dass sie mir etwas verschweigen wollen. Schiessen sie also los.«

Ilona schwieg mehrere Minuten. Kriminalrat Zangl ließ ihr Zeit. Er setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch und las sich noch einmal die Akte von Ilona Elsen durch. Dann erzählte Ilona die ganzen Vorgänge und Aktionen, die ihre Gruppe gegen die Organ-Mafia unternommen hatte. Der Kriminalrat hörte ihr ruhig zu. Ab und zu, stellte er kurze Zwischenfragen und machte sich Notizen. Außerdem lief ein Tonband mit, dass das ganze Gespräch aufzeichnete. Nach etwa einer Stunde kam Ilona zum Ende. »So, jetzt wissen sie alles, Herr Kriminalrat. Kann ich jetzt gehen?« »Nur immer mit der Ruhe, Frau Elsen. Ich habe auch Marcel Kruft zur Anhörung herbestellt. Er wird in etwa zehn Minuten hier erscheinen. Ich werde mir seine Version der Geschichte anhören und dann meine Entscheidungen treffen. Fräulein Engelbrecht, bringen Sie bitte Frau Elsen in einen unserer Warteräume und bleiben Sie bei ihr. Ich melde mich dann, wenn ich mit dem Kruft fertig bin.« Die junge Polizistin, die still bei der ganzen Anhörung zugegen war, bat Ilona, ihr zu folgen und beide verschwanden durch die Tür. Nachdenklich lehnte sich Kriminalrat Zangl in seinem Sessel zurück. War schon eine tolle Frau, die ehemalige Kollegin. Schade, dass sie oft so unbeherrscht reagierte. Ihre Zeugnisse, die ihren Akten beilagen, wiesen alle Bestnoten aus. Sie hätte bei der Kripo eine große Karriere machen können, wenn diese verdammte Sache nur damals nicht passiert wäre. Die Elsen war zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. Nach drei Jahren war sie auf Bewährung wieder freigekommen. Diese neue Sache war gar nicht gut für sie. Er hoffte, seine ehemalige Kollegin da irgendwie raus halten zu können. Thomas hatte ihm ja auch schon einiges berichtet. Das meiste deckte sich mit den Angaben der Elsen. Mal schauen, was dieser Kruft aussagen würde.

Unruhig wälzte sich Melissa auf ihrem Bett herum. Sie konnte einfach keinen Schlaf finden. Immer wieder gingen ihr die Schilderungen des Professors zu den Forschungsarbeiten im Institut durch den Kopf. Gut, er hatte die Aussagen von Katka und Yvonne im Prinzip bestätigt und zugegeben, dass die Forschungsarbeiten in München eine Farce waren. Hier auf der Insel wurden schon Forschungen direkt am Menschen durchgeführt. Was genau Inhalt dieser Forschungen war und welche Ergebnisse zu verzeichnen waren, erzählte er ihr nicht. Der Professor sagte ihr zu, sie so bald wie möglich in diese Arbeiten mit einzubeziehen. Was sollte sie machen? Schließlich war sie Studentin und konnte keinen Druck auf ihren Arbeitgeber ausüben. Richtig zornig war er geworden, als sie ihn nach dem Lager befragen wollte. Wie sie dazu käme, die Anordnungen auf der Insel zu missachten. Wenn die Wege für die meisten Bewohner gesperrt waren, hatten die sich gefälligst an diese Richtlinien zu halten. Er drohte ihr sogar indirekt damit, sie nach Deutschland zurückzuschicken, falls sie sich noch einmal dem Lager nähern sollte. Als Melissa ihn auf das Licht und die Gestalt im Kloster ansprach, hatte der Professor sie vollkommen entgeistert angeschaut. So als hätte sie nicht mehr alle Tassen im Schrank. Sie sei wohl ein bisschen überarbeitet. Da käme es schon mal vor, dass man Dinge sähe, die gar nicht vorhanden seien. Nein, das Kloster stünde schon seit Jahrzehnten leer. Eine Bewohnung wäre bei dem maroden Zustand auch viel zu gefährlich. Sie solle sich mal ordentlich ausruhen und zwei, drei Tage Urlaub machen. Die Sache mit dem seltsamen Mädchen in ihrem Zimmer, erzählte sie ihm daraufhin schon gar nicht mehr. Sie verkniff sich auch die Frage, was Doktor Schultheiss von ihr wollte. Vielleicht war es ja wirklich so, wie der Professor sagte. Vielleicht sah sie Dinge, die gar nicht real waren. Etwas Pause konnte wirklich nicht schaden. Morgen würde sie auf jeden Fall den ganzen Tag faulenzen. Melissa fiel in einen unruhigen Schlaf. Tief in ihrem Innern war sie sicher, dass das Licht und die Gestalt real gewesen waren.

Sascha lag schlaff in seinem Bett. In einem Einzelzimmer für Privatpatienten in der Großhadener Klinik. Diese Nierentransplan-tation machte ihn körperlich wesentlich mehr fertig, als er eigentlich erwartet hatte. Erst vor zwei Wochen hatte er die Intensivstation verlassen dürfen, nachdem sich doch immer wieder die verschiedensten Komplikationen eingestellt hatten. Zwar arbeitete seine alte, neue Niere wieder einwandfrei, aber es war zu schweren Entzündungen im Bauchraum gekommen. Die ganzen Umstände nach der Operation waren ja nun auch wirklich nicht berauschend gewesen. Immerhin ging es langsam wieder aufwärts. Außer von Angelika seiner Lebensgefährtin und von Andrea, seiner ärztlichen Freundin, hatte er keine Besuche zugelassen. Er war noch immer stocksauer auf das Team, das im entscheidenden Moment so sehr versagt hatte. Sowohl Angelika, als auch Andrea, erzählten ihm sehr wenig über Dinge, die hauptsächlich die Organ- Mafia betrafen. Irgendwie hatte er das Gefühl, das noch viel mehr schiefgelaufen war, als nur die Sache mit ihm.

Wahrscheinlich wollten sie ihn nicht mit negativen Details aufregen. Gerade als er überlegte, ob er nicht die Tageszeitung weiterlesen sollte, klopfe es leise an der Tür. »Herein!« Die Tür zu seinem Krankenzimmer wurde vorsichtig geöffnet und der Kopf von Ilona Elsen wurde sichtbar. »Darf ich hereinkommen?« Jetzt musste Sascha innerlich doch ein bisschen lachen. Die sonst so selbstbewusste Ilona, schien seine Botschaft, niemanden von dem Team sehen zu wollen, doch sehr ernst zu nehmen. »Natürlich. Komm nur herein Ilona.« Ilona Elsen hielt einen kleinen Sommerblumenstrauß in der Hand, den sie sogleich in eine passende Vase gab. Sie ging zum Waschbecken und füllte die Vase mit Wasser auf. Anschließend stellte sie die Blumen auf den Fenstersims. Dann setzte sie sich in einen der beiden Sessel am kleinen Couchtisch und schlug die Beine übereinander. Sascha bewunderte einmal mehr die Grazie, mit der diese Elsen ihren Körper bewegte. Ilona sah ihn schweigend an. Anscheinend wartete sie darauf, dass er die Kommunikation beginnen würde. Also tat er ihr den Gefallen. »Vielen Dank für die Blumen, Ilona. Ich nehme an, dass du nicht nur deshalb zu Besuch gekommen bist?« »Sehr richtig, Sascha. Es gibt einige Sachen zu besprechen und außerdem brauche ich deine Hilfe als Computerfachmann.«

»Oh Gott, Ilona! Eigentlich bin ich ganz froh, dass ich seit ein paar Wochen mal weg von der Diktatur des Personalcomputers bin. Das ist fast noch das Beste an dieser verdammten Nierengeschichte.« »Kann ich mir gut vorstellen. Ich kenne das auch aus anderen Bereichen. Manchmal kann man sich nur durch äußeren Zwang von einigen liebgewonnenen Gewohnheiten lösen.« Sascha setzte sich vorsichtig im Bett auf. »Nun gut. Computer sind und werden auch weiterhin Teil meines Lebensunterhaltes sein. Insofern nehme ich zur Zeit nur eine erzwungene, schöpferische Pause. Aber die genieße ich tatsächlich sehr. Wenn man den Abstand nicht hat, weiß man gar nicht, was einem sonst noch so entgeht. Ich lese jetzt zum Beispiel wieder Bücher. Habe ich vorher jahrelang nicht mehr gemacht. Kurioserweise lese ich gerade einen spannenden Krimi, bei dem es auch um illegale Organentnahmen geht.« »Und? Geht da auch alles schief?« »Weiß ich noch nicht. Aber bisher läuft da jedenfalls alles viel glatter. Die Realität sieht aber, wie wir ja nun aus eigener Erfahrung wissen, etwas anders aus.« »Weil ich gerade schief gesagt habe, Sascha. Bist du eigentlich über die Vorkommnisse nach deiner Operation informiert?« »Kann ich schlecht beurteilen. Ich habe aber eher das Gefühl, dass mich Angelika und Andrea nicht so sehr mit diesen Dingen belasten wollten.« »Tja, das hat ja auch wirklich etwas für sich. Ich weiß jetzt gar nicht, ob ich dir mit meiner Anwesenheit einen Gefallen tue?« »Mach dir keine Sorgen, Ilona. Ich bin schon wieder relativ fit und vertrage sicher auch nicht so positive Botschaften.« »Na schön. Dann will ich dir mal kurz die ganzen Ereignisse nach deiner Operation schildern.«

Sascha legte sich zurück und hörte kommentarlos den Bericht von Ilona an. Diese schloss ihre Ausführungen mit den Worten: »Und jetzt brauche ich dich eben als Computerexperten, um die Daten auf dem Notebook von Doktor Franz zu entschlüsseln.« »Hast du das Notebook dabei?« »Ja. Unten im Auto. Ich wollte dich aber erst vorher fragen und dir nicht gleich die Pistole auf die Brust setzen. Nachdem ich mich wahrscheinlich gegen den Vorwurf des versuchten Totschlags zur Wehr setzen muss, sind auf der Festplatte vielleicht Daten, die Doktor Franz und vielleicht auch andere, in einer anderen Rolle zeigen, als die, die sie der Kripo vorspielen.« »Dein inzwischen sicher enorm angewachsenes Wissen durch den Computerkurs, scheint für eine derartige Aktion also noch nicht auszureichen, Ilona?« Sascha sah, wie Ilonas Gesicht leicht rot wurde. Er bemerkte ihre plötzliche Verlegenheit. »Ich möchte dir nachher etwas erzählen, Sascha, was ich bisher verschwiegen habe. Aber jetzt hole ich erst einmal das Notebook aus meinem Auto. Bis gleich also.«

Melissa Kruft schaute sich noch einmal in dem hohen Saal des östlichen Klostergebäudes um. Draußen begann bereits die Dämmerung und die Farben der Klosterfenster leuchteten nicht mehr so beeindruckend wie zu dem Zeitpunkt, als sie durch die zerfallene Eingangstür in den Saal gekommen war. Den ganzen Nachmittag hatte sie in den unterschiedlichsten Räumlichkeiten des alten Klosters herumgestöbert. Auch das Zimmer, wo sie mehrmals das Licht und die Gestalt gesehen hatte, wurde von ihr nicht ausgelassen. Nichts wies auf eine Bewohnung hin. Sie entdeckte zwar hier und da in dem angesammelten Staub auf manchen Böden Fußspuren, aber die konnten auch von anderen Institutsmitarbeitern stammen, die vor einiger Zeit vielleicht auch einmal neugierig diese Räume angeschaut hatten. Sie hatte das alte Buch aus der Institutsbibliothek vorher gut studiert. Sie wusste genau, wo in diesem Kloster was zu finden war. Zum Abschluss für die heutige Besichtigung, hatte sie sich diesen kolossalen Saal ausgesucht. Hier fanden früher die mystischen Riten der Magiebeschwörung statt. In dem Marmorboden waren neben dem standardmäßigen Pentagramm, viele geheimnisvolle Zeichen und Bilder mit bunten Edelsteinen eingelassen. In dem großen Raum wurde es nun zusehends dunkler. Sie musste zum Institut zurück. Im Dunkeln war hier nichts mehr zu erforschen. Gerade als sie sich auf den Rückweg machen wollte, überfiel sie eine plötzliche, unerklärliche Müdigkeit. In etwa zehn Meter Entfernung hatte sie vorher ein paar gepolsterte Stühle ausgemacht. Sie musste sich jetzt unbedingt irgendwo hinsetzen. Ihr Körper wurde immer schwächer. Melissa ging vorsichtig in Richtung der Stühle. Diese waren nur noch schemenhaft zu erkennen. Langsam ließ sie sich auf dem ersten Stuhl nieder. Die hohe, steife Rückenlehne erlaubte keinen bequemen Sitz. Draußen gingen nun die Lichter der Parkbeleuchtung des Instituts an. Immerhin reichte das Licht aus, um jetzt nicht ganz im Dunkeln zu sitzen. Die Studentin wartete darauf, dass ihre plötzliche Müdigkeit und Körperschwäche wieder zurückging. Ihre Gedanken schweiften dabei ab. Eigentlich hatte sie Yvonne von ihrem Besuch im Kloster unterrichten wollen, aber als sie vor drei Stunden vor deren Tür stand, war wieder einmal dieses laute Gestöhne zu hören gewesen. Yvonne trieb es anscheinend mal wieder mit dieser Jugoslawin. Bei ihr hatte sie es ja auch schon öfter versucht, wurde bisher aber immer abgewiesen. Yvonne interessierte sich nicht für Männer. Katka war wohl bisexuell. Sie hatte Melissa einmal verraten, dass die Männer hier auf der Insel nichts für sie waren. Vielleicht war sie deshalb sogar froh über Yvonnes Annäherungsversuche. Melissa wurde plötzlich hellwach. Sie spürte förmlich, dass sie von jemandem heimlich beobachtet wurde. Vorsichtig schaute sie sich um. Dann sah sie es. Etwa fünf Meter von ihr entfernt trat eine Gestalt aus der Dunkelheit in die etwas hellere Umgebung vor Melissa. Es war eine Frau im weißen Nonnengewand. Sie trug eine große Haube mit langer Spitze. Die Studentin kannte sich etwas mit Orden aus und wusste sofort, das vor ihr eine Äbtissin stand. Sie schaute fast ehrfürchtig in das bildschöne Gesicht der Ordensfrau. Diese sah ihr direkt in die Augen. Es war ein sehr nachdenklicher und doch sehr milder Blick. Melissa spürte sofort die große Zuneigung, die ihr von dieser Äbtissin entgegengebracht wurde. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Herzen aus. »Schön, dass du gekommen bist, mein Kind. Ich habe lange auf dich gewartet.« »Auf mich? Gewartet? Woher kennst du mich?« »Du würdest es jetzt nicht verstehen. Lass uns Zeit. Du gehörst zu uns, wie viele andere Frauen vor dir.« Die Äbtissin machte eine kurze Pause und es entstand der Eindruck als ob sie einer inneren Stimme lauschte. »Ich werde jetzt wieder gehen. Komm morgen erneut zu mir. Es gibt so viel zu regeln. Pass gut auf dich auf, mein Kind.« Melissa sah, wie sich die Gestalt der Äbtissin wieder in die Dunkelheit des Raumes zurückzog und dann ganz verschwunden war. Sie spürte förmlich, dass sie nun wieder allein in dem Saal war. Noch fast benommen von dieser Begegnung, blieb Melissa noch eine Weile still auf dem Stuhl sitzen. Was waren das für merkwürdige Worte der Äbtissin gewesen? Sie hätte seit langem auf sie gewartet. Wie konnte das sein?

»Ah, Sabine, komm herein!« Josef Ulitzka hielt der mit zwei Einkaufstüten bepackten Sabine die Haustür offen und Sabine zwängte sich an ihm vorbei in die Wohnung. »Komm, gib die Tüten her, ich stelle sie derweil ins Schlafzimmer. Erinnere mich nur daran, wenn du nachher wieder gehst.« »Die werde ich schon nicht vergessen. Wo ist denn Oma?«

»Wie immer in ihrem orthopädischen Sessel. Sie ist nach wie vor fast bewegungsunfähig. Obwohl ich der Meinung bin, dass sich ihr Zustand in der letzten Zeit sogar etwas verbessert hat.« Sabine öffnete die Tür zum Wohnzimmer und ging zu der in dem großen Sessel klein wirkenden Großmutter hin. Sie drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Hallo Oma, ich habe gehört, dass es dir etwas besser gehen soll?« Sabine musste sich anstrengen um die flüsternde Antwort ihrer Großmutter zu verstehen. »Es geht schon, Sabine. Es geht schon.« Was für eine tapfere Frau, dachte Sabine. Da konnten sich andere Menschen glatt eine Scheibe von abschneiden. »Setz dich. Was darf ich dir zum Trinken anbieten?« Der Großvater kam schwungvoll in das Wohnzimmer. Sabine setzte sich auf die Couch, die neben dem Sessel ihrer Großmutter stand. Sie nahm die linke Hand der alten Frau in beide Hände und drückte sie vorsichtig. »Äh, ja. Was trinke ich denn? Am liebsten wäre mir jetzt eine Tasse Kaffee.« »Gut, dann koche ich uns allen mal eine Kanne voll.« Uli, der Großvater verschwand in der Küche. Sabine merkte, wie die Großmutter sie aufmerksam von der Seite beobachtete. »Ist was nicht in Ordnung, Oma?« Wieder musste sich Sabine etwas vorbeugen, um die flüsternd gesprochene Antwort zu verstehen. »Du siehst irgendwie unglücklich aus, Sabine. Ist was los?« Donnerwetter, dachte Sabine. Die körperliche Behinderung hatte anscheinend keine negativen Auswirkungen auf den wachen Geist ihrer Großmutter genommen. »Ach nichts, Oma. Es ist nichts. Ich bin halt im Augenblick ein wenig im Stress. Wird Zeit, dass ich mir mal eine längere Ruhepause gönne. Die Kinder, der Haushalt, der Computerkurs, das ist eben alles auf einmal ein bisschen viel.« Sabine schaute vorsichtig in die Augen der alten Frau. Sie sah, wie besorgt die klugen Augen auf sie gerichtet waren. Wieder diese flüsternde Stimme. »Es ist etwas anderes, nicht wahr?« Sabine wandte den Blick von ihrer Großmutter ab. »Ja, es ist etwas anderes.« »Hängt es mit Marcel zusammen? Habt ihr Probleme miteinander?« Es strengte die alte Frau sichtlich an, etwas Konversation zu führen. Die Worte kamen sehr langsam und zögerlich aus ihrem Mund. »Ja, mit Marcel hängt es auch zusammen. Aber wir haben keinen Streit, wenn du das meinst. Es ist nur, dass er sich beruflich so sehr engagiert und trotzdem wird es von seiner Firma in keiner Weise honoriert. Mit dem Geld, das er nach Hause bringt, kommen wir mal gerade so über die Runden. Deshalb bilde ich mich ja auch weiter. Vielleicht kann ich dann etwas zum Haushaltsgeld beitragen.« Sabine schaute ihre Großmutter wieder vorsichtig an. Sie merkte, wie diese leicht ihren Kopf schüttelte. »Es ist gut, Sabine. Du brauchst es mir jetzt nicht zu sagen. Vielleicht ein anderes mal. Ich werde dir zuhören.« Sabines Gesicht war plötzlich leicht gerötet. Diese Großmutter! Mit der Weisheit des Alters schien sie Sabine zu durchschauen. Sie ließ die Hand ihrer Oma los und ging in die Küche. »Kann ich dir irgendwie helfen?« »Nein, eigentlich nicht. Der Kaffee ist gleich fertig. Es sei denn, das du Sahne dazu haben willst. Dann müsstest du dir erst welche schlagen.« »Ne, ne, Kaffee mit Milch und Zucker reicht vollkommen.« »Gut. Gib mir mal bitte das Tablett dort neben dem Schrank her. Ich bringe gleich alles rüber.« Nachdem Sabine ihm das Tablett gereicht hatte, verschwand sie erst einmal auf die Toilette. Beim Blick in den Spiegel, erschrak sie heftig. Das Make-Up war schon sehr provokativ aufgetragen. Die männlichen Kunden liebten eben stark geschminkte Frauen. Sabine schaute sich nach irgendwelchen Reinigungstüchern um. Nichts da. Was sollten ihre Großeltern auch damit? Kurzentschlossen ging sie zur Toilettenrolle und riss ein paar Blatt Papier ab. Nachdem sie ihr Make-Up einigermaßen auf einen Normalzustand gebracht hatte, ging sie in das Wohnzimmer zurück. Sie vermied es, ihre Großmutter anzuschauen. Der Großvater schenkte allen Kaffee ein und Sabine trank ihn vorerst schweigend. Uli schaute sie jetzt auch etwas nachdenklich an. Er merkte, das seine Schwiegerenkelin heute irgend wie nicht so wie sonst war. Um das allgemeine Schweigen zu brechen, zeigte er auf seinen rechten Oberschenkel. »Seit gestern spüre ich wieder mal meine alte Kriegsverletzung. Das ist jetzt schon lange nicht mehr vorgekommen. Aber immerhin. Hauptsache, dass das Bein noch dran ist.« Sabine nahm vorsichtig einen Schluck von dem heißen Kaffee. »Ach ja. Deine alte Kriegsverletzung. Du hast uns ja schon öfter erzählt, dass du Glück hattest, mit dem Chefarzt in Freising verwandt gewesen zu sein. Sonst hätten sie dir wohl damals dein Bein abgenommen?«

, wie hieß er doch noch gleich

Irmgard?« »Metzger. Professor Ludwig Metzger.« »Richtig Irmgard. Professor Metzger. Also Glück war es, dass dieser Metzger unter anderem auch eine Kapazität auf dem Gebiete der Knochenfrassbekämpfung war. Sonst hätte mir auch die Verwandtschaft zu meinem Onkel nicht viel geholfen.« »Metzger sagst du, Opa? Ich kenne auch einen Professor Metzger. Harald Metzger. Ist ein Freund von Marcel und mir, oder sagen wir mal besser, war damals ein guter Freund von uns. Jetzt ist er Professor an der Luitpoldklinik hier in München. Seinen Namen hat er auch durch seine Heirat verändert. Er heißt jetzt Harald von Hohenstein.« »Harald? Das könnte der Sohn von meinem Professor Metzger sein. Erinnerst du dich noch, Irmgard, wie wir nach Jahren durch Zufall den SS-Arzt in Possenhofen wieder getroffen haben? Das muss jetzt über dreißig Jahre her sein. Er hatte eine sehr junge Frau und einen kleinen Jungen bei sich. Wir haben uns sofort wieder erkannt. Ich glaube, dass er erzählt hat, dass er nicht mehr in Deutschland lebt und nach Griechenland ausgewandert ist, oder so ähnlich. Auf jeden Fall war er an dem Wochenende zu Besuch am Starnberger See, um seiner jungen, griechischen Frau und seinem kleinen Sohn, seine alte Wirkungsstätte in Possenhofen einmal zu zeigen. Ja, jetzt erinnere ich mich genau. Er hat seinen Sohn Harald genannt.« Sabine schüttelte erstaunt ihren Kopf. »Zufälle gibt es im Leben. Aber es stimmt. Harald hat uns damals erzählt, dass sein Vater als Professor in einer Athener Universitätsklinik tätig ist und sich sehr gefreut hat, dass sein Sohn auch diesen Berufsweg einschlägt. Und ausgerechnet der Vater von Harald hat also damals dein Bein gerettet?«

»Genau so ist es. Aber mein richtiges Glück war, dass ich damals diesen Nazi-Arzt

Uli klopfte sich fest auf den rechten Schenkel. »Und wie. Ich bin ihm noch heute unendlich dankbar dafür. Was auch immer er früher bei den Nazis angestellt hat.« »Ich bin ihm auch sehr dankbar.« Sabine sah erstaunt zu ihrer Großmutter hin, so laut hatte diese schon lange nicht mehr gesprochen. »Du natürlich auch, Oma.« Sabine leerte ihre Tasse. »Ich muss jetzt leider wieder weiter. Die Kinder warten sicher schon ungeduldig.« Uli brachte Sabine die beiden Plastiktüten und Sabine drückte ihrer Großmutter zum Abschied noch einmal einen festen Kuss auf die Wange. »Pass gut auf dich auf, Oma. Ich glaube, ich muss mir bei dir mal bald einen Rat holen.« Irmgard Ulitzka drückte Sabine die Hand zum Abschied. Die Hand zitterte leicht. »Sei vorsichtig, Sabine. Geld ist nicht so wichtig. Wenn die Seele schaden nimmt, hast du im Leben nichts erreicht.«

Ilona Elsen betätigte den Knopf an der Gegensprechanlage im grünen Salon. Kurz darauf meldete sich eine Frauenstimme. »Hier ist Cindy.« »Cindy, pass mal auf. Weißt du, ob Frau Kruft gerade mit Kundschaft beschäftigt ist?« »Nein, tut mir leid, ich kann aber mal schnell Evelyn fragen, vielleicht weiß die etwas. Haben Sie einen Moment Zeit?« »Ja, klar. Ich warte.« Ilona nahm einen Schluck aus ihrem Sektglas, das sie mit zur Rufeinrichtung genommen hatte. Es dauerte nur eine Minute, bis die Stimme von Cindy wieder aus dem kleinen Lautsprecher drang. »Frau Elsen?« »Ja, Cindy?« »Frau Kruft hat seit etwa einer Stunde eine Kundin. Ich schätze, dass sie spätestens in einer halben Stunde frei ist.« »Gut. Wenn die Kundin geht, sagst du bitte Frau Kruft, dass sie mal bei mir vorbeischauen möchte. Ich bin im grünen Salon.« »Geht in Ordnung, Frau Elsen.« Ilona setzte sich wieder auf die Biedermeier Couch und legte ihre Füße auf den kleinen Polsterschemel. Erneut nahm sie sich die Dokumente zur Hand. Was Sascha da alles an Informationen aus dem Notebook von Doktor Franz rausgeholt hatte, war wirklich bemerkenswert. Jetzt galt es die Informationen auszuwerten. Neben einer Menge rein medizinisch ausgerichteter Daten gab es unter anderem auch eine Tabelle mit Organspendernamen. Die zugehörigen Tabellenfelder enthielten diverse Kennzeichen. Leider gab es in keinem der Dokumente einen Index, der die Kennzeichen erläutert hätte. Ob Sascha ihr nicht alles auf dem kleinen, portablen Drucker ausgedruckt hatte? Am besten rief sie ihn mal kurz im Krankenhaus an. Ilona Elsen holte sich das mobile Teil des Telefons zur Couch und nahm wieder ihre entspannende Körperlage ein. Sie tippte die

Nummer vom Klinikum Großhadern inklusive der Durchwahl zu Saschas Zimmer in die Telefontastatur und wartete auf die Verbindung. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sie zustande kam. »Sommer.« »Hallo Sascha, hier ist Ilona.« »Ah, hallo Ilona. Was für eine Überraschung.« »Ich hoffe, dass ich dich nicht gerade bei einer Behandlung oder beim Mittagsschläfchen störe?« »Nein, nein. Ich bin wieder beim Stöbern in dem Computer von Franz.« »Das passt ganz gut. Ich schaue mir gerade mal die Dokumente an, die du aus dem Notebook rausgeholt hast. Irgendwie fehlt mir da noch eine erläuternde Indexdatei. Zum Beispiel bei den Namen der Organspender. Dahinter sind zehn Spalten, die verschiedenste Symbole und Zahlen enthalten. Die Spalten haben keine Überschrift. Es wäre wahrscheinlich sehr aufschlussreich für uns, wenn wir diese Symbole zuordnen könnten.«

»Na ja, Ilona, wir wissen noch nicht, ob es sich bei diesen Personen um Organspender oder Empfänger handelt. Könnten ja auch die ganz normalen Daten seiner Privatpatienten sein. Aber warte mal kurz, ich gehe gleich in die Tabelle.« Nach etwa einer Minute meldete sich Sascha wieder. »So, jetzt habe ich auch die Tabelle aufgerufen. Mal sehen, ob es eine Verknüpfung von den Symbolen zu einem erläuternden Text gibt. Ich klicke mal gleich zum Beispiel auf diese Raute, ja doch, tatsächlich, ich bekomme einen zusätzlichen Text angezeigt. Komisch, das mir das vorher durch die Lappen gegangen ist.« »Ist ja jetzt egal, Sascha. Und was steht bei der Raute zur Erläuterung?« »Clon.« »Clon?. Meinst du Clown?« »Nein Clon. C L O N.« »Komisch. Nehme doch mal das Symbol mit dem lachenden Gesicht.«

»Moment. Lachendes Gesicht ist

»Wahrscheinlich die Blutgruppe. Jetzt nimm noch mal irgendeine Zahl, zum Beispiel 10.«

»Zehn ist

, A positiv.«

, Alter 10 Jahre.«

»Ach du Scheiße, oh Entschuldigung. Wenn die Zahlen in dieser Spalte immer das Alter der Spender angeben, sind es aber verdammt viel sehr junge Spender gewesen.« »Das mit dem Alter fällt mir jetzt auch auf. Ich nehme noch mal die Zahl 5. Ja, Alter 5 Jahre. Wenn es sich hierbei tatsächlich um Spender handelt, heißt das nach dieser Tabelle, dass fast alle Spender noch Kinder waren. Es gibt zwar Ausnahmen, aber das Gros der Spender war unter 12 Jahre alt. Merkwürdig. Moment, da fällt mir gerade noch etwas anderes auf.« Es dauerte eine kurze Zeit, bis sich Sascha wieder meldete. »Hast du eigentlich bemerk, dass der Name Sabrina in dieser Tabelle überhaupt nicht aufgeführt ist?« »Nein, so detailliert bin ich da noch nicht durchgegangen. Sicher, danach hätte ich eigentlich zuerst schauen müssen.« »Ich klicke jetzt auch mal einen Namen an, irgendwie kommt mir da etwas komisch vor.« Es entstand wieder eine kurze Gesprächspause. Ilona vernahm nur etwas entfernt einen erstaunten Ausruf von Sascha. Dann war seine Stimme wieder deutlich zu hören. »Wie ich fast vermutet habe. Die Namen die in der Tabelle stehen, sind auch nur Indizes. Ich habe jetzt mal testweise auf den Namen Nikos Michailidis gedrückt. Als erläuternder Text erscheint AM00107.« »Was? Was soll das denn heißen?« »Keine Ahnung. Oder sagen wir mal besser, noch keine Ahnung. Das M könnte ja für Michalidis stehen, aber das A mit Sicherheit nicht für Nikos. Nehmen wir noch einen Namen, zum Beispiel den hier, Gertrud Wilms. Ja, wieder eine seltsame Benennung, MU00064. Vielleicht bekomme ich die Hintergründe für die Indizes auch noch aus diesen Laptopdaten heraus. Ich glaube, dass wir auf eine sehr heiße Spur gestoßen sind.« »Da kannst du recht haben. Ich werde auch weiter an den ausgedruckten Tabellen arbeiten. Wir werden der Organ-Mafia schon noch die Hölle heiß machen, darauf kannst du Gift nehmen. Den ersten Kampf haben wir zwar verloren, aber noch nicht den Krieg. Jetzt will ich dich aber nicht weiter stören, Sascha. Wie geht es dir überhaupt, so gesundheitlich? Ich habe gestern kurz mit Andrea telefoniert und die wirkte irgendwie sehr bedrückt.« »Na ja. Vor der Operation ging es mir mit Sicherheit sehr viel besser. Ich hoffe, das bald wieder alles beim alten ist.« »Das wünschen wir dir alle, Sascha. Ach, da fällt mir gerade noch etwas sehr Wichtiges ein. Die Kosten für die Nierentransplantation habe ich ja damals übernommen. Selbstverständlich möchte ich dir auch deine beruflichen

Ausfallzeiten finanziell ausgleichen. Du kannst jetzt ja überhaupt nicht deine Kundschaft betreuen und verdienst damit auch kein Geld.« »Ich habe eine gute Versicherung die das alles abdeckt. Danke für dein Angebot. Aber es reicht schon, dass du die 150.000 Euro praktisch aus dem Fenster geworfen hast. Die Katanis hat das Geld ja nur in bar entgegengenommen. Wir haben leider keinerlei Nachweis für die Forderung und für die Übergabe. Wir haben nur eine Chance, das Geld wiederzubekommen, wenn wir es doch noch irgendwie schaffen, diese Mafia auszuhebeln.« »Da sind wir dabei. Diese Notebook-Daten werden uns weiterhelfen. Da bin ich mir ganz sicher. Und noch einmal, wenn du irgendwie Geld brauchst, sag es mir ohne Scham, ich habe genug davon und werde es dir sehr gerne geben.« »Wie gesagt. Danke, aber derzeit nicht notwendig. Ich melde mich spätestens morgen wegen dieser Notebook-Daten wieder bei dir. Mal schaun, was es noch alles an Geheimnissen preisgibt!« »Servus Sascha.« »Tschau Ilona.« Ilona legte nachdenklich die Ausdrucke und das Mobilteil auf den kleinen Couchtisch und ergriff wieder das Glas mit dem Sekt. Sie musste daran denken, wie sie Sascha bei ihrem letzten Besuch im Krankenhaus das Geständnis über ihren nicht vorhandenen Computerkurs gemacht hatte. Sie hatte ihm die ganze Wahrheit erzählt, auch die Sache mit Sabine. Irgendwie brachte sie es nicht mehr fertig, den sich für ihre Sache fast aufgeopferten Sascha weiterhin zu belügen. Erstaunlicherweise war Sascha ganz ruhig bei ihrer Beichte geblieben. Er schien viel Erfahrung im Leben gesammelt zu haben. Die meisten Sorgen machte er sich über eine vielleicht anstehende Aussprache mit Marcel. Er kannte ihn nicht gut genug, um beurteilen zu können, wie dieser auf die Wahrheit reagieren würde. Sascha hatte versprochen, erst einmal Stillschweigen zu bewahren. Er wollte sich etwas überlegen. »Hi, Ilona! Du wolltest mich sprechen?« Ilona blickte erstaunt zu Sabine hoch. »Ich habe dich gar nicht kommen hören. Meine Dienstmädchen klopfen immer an, bevor sie eintreten.« »Oh Entschuldigung Ilona. Soll ich noch einmal zurück gehen und anklopfen?« »Nein, nein. Blödsinn. Ich war jetzt nur ein wenig überrascht. Wie geht es dir?« »Nun. Ich habe dieser Tussi fast eineinhalb Stunden eine Ganzkörpermassage verpasst, mit abschließender Entspannung. Sie wollte, dass ich das Bienengift Gel an alle Körperstellen einmassiere. Du weißt ja selber, was dieses Gel für eine Hitze entwickelt. Ist ja normalerweise nur für Verspannungen und Verstauchungen gedacht. Mei, hat die gestöhnt. So richtig eine Mischung aus Schmerz und Lust. Meine Hände sind auch noch ganz heiß und rot.« »Du musst sie dir gut abwaschen und komm bloß nicht damit in die Augen. Doris hat mal dadurch eine schlimme Bindehaut-entzündung bekommen.« »Ich habe mir die Hände schon mindestens drei mal gewaschen. Das müsste reichen.« »Wer war es denn?« »Ach, Mabel Collins, die Gattin von dem Boss dieses Elektronikunternehmens.« »Die kommt noch nicht lange zu uns. Ich habe sie erst einmal kennen gelernt. Zahlt sie gut?« »Gut ist gar kein Ausdruck. Im Grunde spinnt sie, das sie für eine solche Behandlung soviel Geld ausgibt. Na, mir kann es nur recht sein.« »Setz dich doch bitte, Sabine. Möchtest du auch einen Sekt?« »Nein danke. Ich muss gleich nach Hause. Marcel hat doch Urlaub und da muss ich pünktlich sein.« »Gut. Ich mache es kurz. Ich wollte dir nur fairerweise sagen, dass ich Sascha über deine Tätigkeit hier aufgeklärt habe. Ich konnte nicht anders.« Sabine wurde merklich blass im Gesicht. »Was hast du? Warum das denn? Weißt du denn nicht, was das für mich bedeuten kann? Wirklich ganz toll, Wahnsinn, ausgerechnet Sascha, mit dem ich sowieso noch eine Rechnung offen habe!« »Was für eine Rechnung?« »Ach nichts. Ist jetzt auch egal. Dass du mir so in den Rücken fällst? Was ist, wenn er Marcel sein neues Wissen schonungslos unterbreitet?« »Tut er nicht. Da bin ich mir ganz sicher. Ganz im Gegenteil. Er macht sich um Marcel die größten Sorgen, wenn er es durch Zufall erfahren sollte.« »Ach, wie herzig. Sascha macht sich Sorgen um Marcel. Hätte er lieber damals machen sollen!« »Was war denn nun zwischen euch beiden?« »Das, meine liebe Ilona, das erzähle ich dir heute nicht. Dazu brauche ich dann sehr viel Alkohol. Tschau bis morgen.«

»Servus.«

Melissa lag auf ihrem Bett und starrte die Zimmerdecke an. Auf ihrer Brust kletterte der Mäuserich Blueboy herum. Sie ließ gedanklich den gestrigen Tag noch einmal Revue passieren. Gleich würde sie erneut die Begegnung mit der Äbtissin suchen. Sie war schon ganz gespannt darauf und hatte sich diesmal ein paar gezielte Fragen an die Oberin zurechtgelegt. Vorsichtig nahm sie Blueboy in die linke Hand und trug ihn in seinen Käfig zurück. Sie verschloss sorgfältig die kleine Drahttür und setzte sich dann auf ihre Bettkante. Gerade als sie sich ihre Schuhe anzog, hörte sie ein leichtes Klopfen an der Zimmertür. »Ja, bitte!« Die Tür wurde langsam aufgemacht und Yvonne schaute vorsichtig herein. Melissa bemerkte sofort, dass ihre hübsche Kollegin nicht mehr ganz nüchtern war. Dunkle Schatten umrahmten ihre Augen. Sie musste eine heiße Zeit mit Katka verbracht haben. »Darf ich hereinkommen?« »Klar, komm nur herein. Du siehst aber gut aus!« Yvonne antwortete nicht und setzte sich auf die kleine Couch am Fenster. Seufzend streckte sie ihre Beine aus und legte die Füße auf einen Stuhl, der neben dem Couchtisch stand. »Hast du irgend etwas zu trinken für mich, Melissa? Ich habe eben meine letzte Reserve vernichtet.« »Viel habe ich nicht da. Wie wäre es mit einem Gläschen Sekt?« »Oh ja. Nicht schlecht. Das bringt mich vielleicht wieder auf die Beine.« Melissa ging zu ihrem Kühlschrank und entnahm ihm eine große Flasche Sekt. Sie reichte Yvonne die Flasche und holte zwei Wassergläser aus dem Sideboard neben ihrem Bett. »Sektgläser habe ich nicht. Aber es wird auch so gehen.«

»Klar.« Yvonne hatte bereits den Korken freigelegt und drehte ihn nun kräftig aus dem Flaschenhals. Mit einem knallenden Geräusch kam der Korken heraus und Sekt sprudelte aus der Flasche auf Yvonnes Hände. Diese leckte sich die Finger ungeniert ab und schenkte gekonnt die Gläser voll, die Melissa inzwischen auf den Tisch gestellt hatte. »Na dann, Prost. Auf dein Wohl, Cherie!« Yvonne trank ihr Glas in einem Zug aus und schenkte sich gleich wieder nach. »Ahh, das tut gut. Da geht es mir gleich wieder viel besser.« Melissa nahm das andere Glas mit Sekt und setzte sich wieder auf ihr Bett. »Eigentlich wollte ich gerade los. Ich habe noch eine wichtige Verabredung.« Yvonne schaute sie überrascht an. »Eine Verabredung? Wohl mit einem Mann? Na du machst Sachen, Cherie.« »Nein, nein. Nicht mit einem Mann.« »Also mit einer Frau? Da gibt es hier aber nicht sehr viel Auswahl. Du machst mich neugierig.« Melissa erhob sich von ihrem Bett und ging zum geöffneten Fenster hin. »Es ist zwar eine Frau, aber es ist nicht so, wie du dir das vorstellst.« »Nicht? Wie denn dann?« Draußen wurde es bereits dunkel. Melissa lehnte sich mit dem Rücken an das Fenster und blickte zu Yvonne hin. »Ich habe das Gefühl, dass du immer nur an Sex denkst. Kannst du dir nicht auch eine andere Beziehung vorstellen?« »Vorstellen schon. Aber nicht gerne. Ehrlich gesagt bin ich zur Zeit so geil, dass ich wirklich nur noch in erotischen Gedanken schwelge.« Yvonne spreizte leicht ihre Beine und Melissa konnte genau in ihren Schritt sehen. Die Wissenschaftlerin trug kein Höschen.

Melissas Wangen färbten sich leicht rot. »Irgendwie verstehe ich dich schon. Du kannst deine sexuellen Wünsche in dieser eingeschränkten Umgebung wirklich nicht richtig ausleben. Darf ich dich einmal etwas fragen?« »Nur zu. Tu dir keinen Zwang an.« Melissa nahm einen Schluck Sekt. »Warst du eigentlich schon immer so? Ich meine lesbisch.« Yvonne sah Melissa schelmisch an. »Nein, sicher nicht. Veranlagt vielleicht schon. Aber ich habe es auch mit Männern gemacht. Und das nicht zu knapp. Warum ich jetzt nur noch auf meine Geschlechtsgenossinnen stehe, hat einen anderen Grund. Während meiner Studienzeit an der Sorbonne habe ich mir die Scheine auf sehr spezielle Weise erarbeitet. Ich war nicht dumm. Nur sehr faul. Wenn ich es zusammenrechne, muss ich Wochen auf den Knien verbracht haben, nur um den

, na du verstehst schon. Dafür gab es dann gute Noten und ich bekam meine

verschiedensten Professoren einen

Semesterscheine praktisch nachgeschmissen. Aber da waren teilweise auch ganz schöne Schweine dabei. Na, ich will jetzt nicht detaillierter darauf eingehen, aber ich kann dir sagen, dass ich seitdem sehr genau weiß, wo ein Mann sein Ding bei einer Frau überall reinstecken kann. Irgendwann hat es mir dann gereicht. Nachdem ich das Studium erfolgreich abgeschlossen hatte, habe ich es mal mit einer Frau probiert. Eigentlich wurde ich von ihr verführt. Ich hatte damals im Quartier Latin ein Zimmer bei einer Kosmetikerin. Sie besaß mehrere Geschäfte in Paris. Eines abends ist es dann passiert. Es ging irgendwie ganz schnell. Sie klopfte bei mir an. Wir kamen ins Gespräch. Ich merkte gleich, dass sie etwas Bestimmtes wollte und habe mich nicht verweigert. Außerdem war ich sehr neugierig. Es wurde die heißeste Nacht meines Lebens. Die Kosmetikerin, Chantal

Charrois, so hieß sie, war unersättlich. Am nächsten Morgen war ich auch total fertig, aber zum ersten Mal in meinem Leben auch wirklich sexuell richtig befriedigt. Es ging mit uns eine ganze Zeit lang so weiter. Bis ich in einen anderen Stadtteil zog und wir uns dann irgendwann aus den Augen verloren. Aber seit dieser Verbindung habe ich nur noch Sex mit Frauen gesucht.« Melissa bemerkte den auffordernden Blick von Yvonne und drehte sich etwas verschämt um. Sie schaute aus dem Fenster auf das Klostergebäude, das nun schon fast vollständig im Dunkeln lag. Sie musste langsam los. »Yvonne, ich muss dich jetzt leider allein lassen. Du kannst hier ruhig den Sekt austrinken. Mach nur nachher meine Zimmertür wieder zu. Tschau.« Die Begegnung mit der Äbtissin verlief diesmal ganz anders. Kaum hatte Melissa das Gebäude betreten, sah sie schon am hinteren Ende der großen Halle die weiße Gestalt stehen. Langsam ging Melissa auf die Oberin der weißen Magie zu. Wie weit sollte sie sich ihr nähern? Die Frage wurde gleich beantwortet. »Komm ganz zu mir her. Ganz nah.« Vorsichtig näherte sich Melissa der Äbtissin. Jetzt war sie höchstens noch zwei Meter von ihrer Gastgeberin entfernt. Die Oberin war viel größer, als sie bisher angenommen hatte. Sie überragte Melissa um gut einen Kopf. »Noch näher.« Der Blick der Äbtissin drang tief in sie ein. Die Konzentration und die liebevolle Wärme, die ihre dunklen Augen ausstrahlten, ließ Melissa auch den letzten Meter Abstand überwinden. Langsam hob die weiße Gestalt nun ihren rechten Arm und legte ihre Hand bei Melissa auf die linke Schulter. Alles war plötzlich so sanft, so warm und so unglaublich leicht. »Pass gut auf, mein Kind. Wir haben viel weniger Zeit, als ich bisher angenommen habe. Du bist in großer Gefahr. Er hat dich damals erkannt. Er weiß, dass du zu uns gehörst. Er hat dich bereits benutzt und er will dich weiter benutzen, so wie er es mit einigen von uns versucht hat. Soviel Schmerz. Soviel Verzweifelung. Soviel Dunkelheit. Das Licht, der Schutz, er ist noch da. Aber ich bin nur noch allein. Die anderen mussten alle gehen. Sie liehen mir das übrig gebliebene Licht, so dass ich bleiben konnte. Ich konnte Ihnen nicht helfen, ohne selbst auf die dunkle Seite zu geraten. Er ist stark. Sehr viel stärker als noch vor Zeiten. Alles wird endgültig dunkel werden. Alles was bisher rein war oder bereits wieder rein wurde. Die erreichten Werte wird es dann niemals mehr geben. Wir müssen helfen, ihn vorher zu vernichten.«

»Ich

, ich verstehe dich nicht.«

»Ich werde an deiner Seite sein. Lasse ihn nicht zu nahe an dich herankommen. Er hat Probleme mit deinem Abbild. Fast hätte er es auch mit uns geschafft, aber alle sind gegangen, bevor es ihm gelang. Das hatte er nicht berechnet. Er weiß noch so wenig über uns. Nur ich bin geblieben. Ich ließ ihn nicht an mich heran. Seine bisher letzte noch reale Hoffnung. Ich bin zu stark für ihn. Aber jetzt bist du da und es kann ihm gelingen. Du kommst von uns, aber du bist nicht erfahren. Ich würde so viel mehr Zeit brauchen, um dich alles zu lehren. Vielleicht bekommen wir noch einmal die Zeit. Zuerst muss er aber vernichtet werden.« »Wen meinst du mit Er?« »Er hat keinen Namen bei uns. Du wirst es wissen, wenn er in deine Nähe kommt. Ich werde es dich spüren lassen. Gehe nun, mein Kind. Ich werde bei dir sein.« Die weiße Äbtissin nahm die Hand von Melissas Schulter, beugte sich leicht vor und hauchte einen Kuss auf deren Stirn. Melissa spürte die Kraft, die plötzlich durch ihren Geist und Körper drang. Und da war auch noch etwas anderes. Sie merkte direkt, wie sie mit einer anderen Ebene verbunden wurde. Die Äbtissin erschien ihr jetzt wie eine Göttin. Die Studentin wollte sich sperren, aber dann ließ sie es einfach geschehen. Sie schloss ihre Augen. Das Gefühl war unglaublich. Sie schwebte in einem unbeschreiblich weichem, warmen Licht. Sie war nicht mehr in dieser Welt. Dann war es plötzlich vorbei. Melissa öffnete ihre Augen und sah, dass sie alleine in dem großen Raum war. Die Äbtissin war verschwunden. Die Parkbeleuchtung, die durch die Klosterfenster von außen fiel, reichte aus, um ihr den Weg hinaus zu erleichtern. Wer war Er?

Sascha pfiff leise die Melodie mit, die aus den Lautsprechern seines alten Kofferradios drang. Es war eines der ersten tragbaren Stereogeräte gewesen und Sascha hing sehr an dem alten Ding aus den sechziger Jahren. Angelika hatte es ihm, auf seine Bitte hin, in das Krankenhaus gebracht. Passend zum Alter des Gerätes lief gerade eine Oldie Sendung, die hauptsächlich die Hits der sechziger Jahre zum Inhalt hatte. Irgendwie ging es ihm heute schon sehr viel besser als in all den vergangenen Wochen. Zum erstenmal konnte er sich wieder frei bewegen, ohne die lästigen Schläuche und Kabel, die ihn sowohl psychisch wie physisch unheimlich gestört hatten. Zunächst abgelenkt von dem alten Hit, wandte er sich jetzt wieder seiner Geschenkplanung zu. Es wurde langsam Zeit. Immerhin war es bereits fast 22 Uhr und morgen am 10.08. feierte Andrea ihren 30. Geburtstag und übermorgen hatte Angelika ihren fünfzigsten. Für Angelika hatte er sich schon etwas Passendes ausgedacht. Nachdem ihr Wallach nach wie vor nicht mehr gut zu Fuß war und deshalb in Zukunft mehr oder weniger nur noch sein Gnadenbrot genießen konnte, war es doch ein prima Gedanke, Angelika ein neues Pferd zu schenken. Dann konnte sie endlich wieder ihre geliebten Freizeitritte unternehmen. Die Stute kannten sie beide. Tara, stand zum Verkauf bereit. Morgen würde er sich mit dem Stallbesitzer telefonisch in Verbindung setzen und den Deal klar machen. Aber was sollte er Andrea schenken? Das war schon sehr viel schwieriger. Zum einen sollte es kein teueres Geschenk sein, weil sie das bestimmt abgelehnt hätte und zum anderen musste es ihr wirkliche Freude bereiten. Gerade als er sich Alternativen auf einen Zettel schreiben wollte, klopfte es an seiner Zimmertür. »Herein.« Sascha sah mit großer Freude Andrea eintreten. Aber dann erschrak er doch. Was war denn mit seiner Freundin los? Sie war ganz blass in ihrem hübschen Gesicht. Ihm war schon bei ihrem letzten Besuch aufgefallen, dass sie eine ungewöhnliche Gesichtsfarbe aufwies. Er hatte aber nicht weiter darauf geachtet. Andrea kam an die rechte Bettseite und stellte vier Flaschen alkoholfreies Weißbier auf den Nachttisch. Dann griff sie noch einmal in die Plastiktüte und holte zwei Weißbiergläser hervor. »Ich habe mich heute hier erkundigt und gehört, dass es dir jetzt endlich etwas besser geht. Ich denke, nach all den Wochen der Entbehrungen ist es angesagt, mal wieder einen ordentlichen Schluck Weißbier zu nehmen.« Andrea setzte sich auf die Bettkante und sah Sascha an. »Schenkst du sie uns ein? Ich beherrsche den Vorgang nach wie vor nicht so gut.« Sascha setzte sich im Bett auf, öffnete die Schublade an seinem Nachttisch und entnahm ihr einen Flaschenöffner. Der Einschenkvorgang ging relativ schnell vor sich. Er überreichte Andrea ein gefülltes Glas und sie stießen beide an. Während sie tranken, schaute Sascha Andrea noch einmal genauer an. Ja tatsächlich, ihre Gesichtsfarbe war fast weiß. Andrea bemerkte seinen Blick und setzte ihr liebes Lächeln auf. »Was ist? Gefalle ich dir heute nicht?« »Doch, doch. Ich freue mich nur so sehr über deinen Besuch. Du weißt doch, das ich das brauche. Es ist nur « »Ja?«

»Geht es dir gut? Ich meine, bist du ganz in Ordnung, Andrea?« »Sicher. Aber man wird nicht jünger. Jetzt, wo ich bald dreißig bin.« Wieder erschien das Lächeln auf ihrem Gesicht, das Sascha so besonders an ihr liebte. Aber es war nicht echt. Irgendetwas war mit Andrea nicht in Ordnung. Er wollte aber jetzt nicht weiter nachbohren. Vielleicht kam sie nachher selber mit der Sprache raus. »Dass du mich noch so spät besuchst, finde ich toll.« »Schöne Musik hast du, Sascha. Alles vor meiner Zeit. Sechziger Jahre, oder?« »Ja. Manche dieser Songs sind bis heute Evergreens geblieben. Das war damals wirklich eine sehr kreative, musikalische Zeit. Wenn ich nur daran denke, wie viel Beatgruppen aus dem Boden geschossen sind und was für tolle Ideen die alle entwickelt haben. Heute ist leider nur noch vieles ein Remake auf damals. Meist in irgendeine Rapform gepackt, damit die jetzigen Kids das auch akzeptieren. Aber wirklich neue Songs, die mir gefallen, gibt es leider nur noch ganz selten.« »Da hast du wohl recht, ich glaube die sechziger Jahre hätten mir auch gut gefallen. Was man da so alles von hört. Muss eine sehr aufregende Zeit gewesen sein.« »Ja, aber bleiben wir lieber bei heute. Jede Zeit hat ihr Gutes. Ich muss gleich noch einmal trinken. Ich merke erst jetzt, wie mir alkoholfreies Weißbier abgegangen ist. Eine wirklich liebe Idee, uns ein paar Flaschen mitzubringen. Prost, Andrea.« »Prost Sascha.« Andrea setze ihr Glas wieder auf den Nachttisch ab und sah Sascha mit ihren großen Augen tief an. »Würdest du dich freuen, wenn ich über Nacht bei dir bleibe?«

Sascha war zu überrascht, als das er hätte gleich antworten können. Dann fing er sich wieder. »Du weißt hoffentlich, dass du mir damit die größte Freude machst. Ich weiß gar nicht, wie ich es genau ausdrücken soll.« Andrea lehnte sich ein wenig zur Seite und umfasste Sascha fest. Dann presste sie ihre Lippen auf seinen Mund und Sascha erwiderte den tiefen, leidenschaftlichen Kuss. Plötzlich merkte er, wie Andreas Körper, der jetzt eng an ihn gepresst war, leicht zu zittern anfing. Nicht erst als ihre Tränen an seinem Gesicht herunterliefen, wusste er, das sie weinte. Er hielt ihren zitternden Körper ganz fest, bis sie sich ein wenig beruhigt hatte. Sie löste sich wieder von ihm. Als sie merkte, dass er sprechen wollte, legte sie vorsichtig einen Finger auf seinen Mund. Sascha verfolgte schweigend, wie Andrea aufstand und sich langsam entkleidete. Dann kam sie zu ihm ins Bett. Sie griff über das Kopfteil und zog an der Schnur. Das Licht erlosch im Zimmer. Sie liebten sich mehrmals wild und ausgehungert. Als im Radio der Hit Nights in white satin von den Moody Blues gespielt wurde, lagen sie schließlich eng umschlungen beieinander und streichelten sich gegenseitig in den Schlaf. Sascha wachte kurze Zeit später noch einmal auf. Andrea lag neben ihm und er war glücklich. Er schaltete das Radio aus und schlief bald darauf wieder ein. Er merkte nicht, dass Andrea etwas später leise aufstand und sich wieder ankleidete. Sie griff in ihre Handtasche und legte ein Kuvert auf den Nachttisch. Dann ging sie zur Tür. Sie überlegte kurz und ging noch einmal zu dem nun tief schlafenden Sascha zurück. Vorsichtig beugte sie sich nach vorne und hauchte einen Kuss auf sein Gesicht. Sascha wachte nicht auf. Dann ging sie wieder zur Tür und öffnete sie leise. Sie blickte noch einmal zu ihm zurück und verharrte so mehrere Sekunden. Dann schloss sie die Tür hinter sich. Sascha wachte plötzlich auf. Der laute Ruf seines Vaters hatte ihn geweckt. Sein Vater war seit 24 Jahren tot. Trotzdem war ihm sofort klar, das dieses eindringliche »Sascha« nur von ihm stammen konnte. Verwirrt blickte er um sich. Wo war Andrea? Er schaute auf den Radiowecker. Fünf Uhr morgens. Ob sie zur Toilette gegangen war? Er zog an der Lichtschnur und das Deckenlicht ging an. Er sah sofort, dass Andreas Kleidung und ihre Handtasche nicht mehr auf dem Sessel lagen. Also war sie tatsächlich schon gegangen. Dann fiel sein Blick auf das Kuvert auf dem Nachttisch. Es war nicht verschlossen. Das Kuvert enthielt einen Brief und noch ein kleineres, zugeklebtes Kuvert. Darauf stand in Großbuchstaben RECHERCHE. Sascha nahm sich zuerst den Brief vor. »Mein lieber Sascha. Ich habe dir diesen Brief geschrieben, weil ich genau wusste, dass ich es dir niemals persönlich sagen könnte. Seit letzter Woche weiß ich, dass ich an Leukämie erkrankt bin. Leider schon in einem Stadium, wo es absolut keine Hoffnung mehr gibt. Ich habe vorher keine Warnungen meines Körpers erhalten. Erst als ich vor mehreren Wochen immer müder und leistungsunfähiger wurde, habe ich mich zu einer Untersuchung entschlossen. Ich dachte, diese Müdigkeit läge an der Überbelastung in meinen Beruf und so habe ich dem Bericht über meine Krankheit zuerst nicht getraut und an anderer Stelle eine neue Untersuchung vornehmen lassen. Aber das Ergebnis war das gleiche. Lieber Sascha, ich bin Ärztin und weiß, dass ich mein Leben durch einige medizinische Maßnahmen etwas verlängern könnte. Aber ich bin nicht so mutig, wie es manchmal erscheinen mag. Ich habe unheimliche Angst vor dem langsamen Sterben. Wenn es wenigstens noch ein wenig Hoffnung gäbe, würde ich das alles auf mich nehmen, denn ich hänge auch sehr an meinem Leben. Aber so? Ich weiß, das du mich sehr liebst. Es tut mir so leid für dich. Ich habe Angelika, deine Lebenspartnerin, nie kennen gelernt, habe aber an deinen Äußerungen gemerkt, dass du sie auch besonders lieb hast. Das ist mir ein wirklicher Trost. Du hast damit einen Menschen, für den du Verantwortung übernommen hast. Gestalte dir und Angelika nach Möglichkeit ein friedliches, erfüllendes Leben. Bevor ich jetzt den Brief beende, habe ich noch eine große Bitte an dich. Überlegt euch bitte sehr genau, ob ihr bei dieser Sache mit der Organ-Mafia weitermacht. Moralisch wäre das keine Frage, aber ich habe Angst um euch und besonders um dich. Ich habe in den letzten Wochen einige Recherchen zu dem Thema angestellt. Es steckt viel mehr hinter der Sache, als wir bisher vermutet haben. Wenn ihr weitermacht, könnten euch meine Recherchen vielleicht von Nutzen sein. Die Zusammenfassung habe ich dir in das zweite Kuvert getan. Viel lieber wäre es mir allerdings, wenn ihr euch alle ab sofort von dieser Sache zurückzieht. Mein lieber Sascha. Es gäbe noch so viel mehr zu sagen, aber es muss auch so reichen. Bleib stark! Deine Andrea.« Sascha schossen die Tränen in die Augen. Hastig stieg er aus dem Bett und zog sich seinen Trainingsanzug an. Dann steckte er sich noch seine Geldbörse ein und fuhr mit dem Aufzug hinunter zur Rezeption. Gott sei dank hielt gerade ein Taxi vor dem Ausgang. Die Fahrt bis zur Franz-Joseph-Straße kam ihm ewig vor. Endlich waren sie da. Sascha zahlte eilig die Beförderungsgebühr und lief zum Hauseingang. Er betätigte die Glocke von Andrea ununterbrochen. Nichts geschah. Kurzentschlossen hämmerte er nun gleich mehrmals auf die Klingel für die Parterrewohnung. Endlich ertönte der Summer

und Sascha riss die Tür auf. Der Hausmeister stand in seiner halbgeöffneten Wohnungstür und sah ihn mit verschlafenen Augen an. Er hatte sich nur einen Morgenmantel übergeworfen. »Kommen sie schnell! Wir müssen in die Wohnung von Frau Doktor Winter. Ich glaube, dass ein Unglück geschehen ist!« »Ich komme gleich!« Erstaunlicherweise reagierte der Hausmeister sehr schnell. Nachdem er den Zweitschlüssel für Andreas Wohnung aus dem Schlüsselkasten geholt hatte, hasteten sie beide schnell die Treppen hoch. Schwer atmend standen sie vor Andreas Wohnungstür. Der Hausmeister drückte noch mehrmals auf die Türglocke. Nichts. Kein Geräusch drang aus der Wohnung. Endlich öffnete er die Tür mit dem Zweitschlüssel. Sascha stürmte sofort in Andreas Schlafzimmer. Sie lag im Bett. Schnell beugte er sich über sie. Andrea war tot. Das spürte er sofort. Trotzdem nahm er verzweifelt ihr Gesicht in die Hand und bewegte es leicht hin und her. Er presste seinen Mund auf ihre Lippen. Sie waren kalt. So wie das Gesicht auch. Sascha sah nichts mehr. Die Tränen, die aus seinen Augen schossen, tropften langsam auf das bleiche Gesicht seiner Freundin. Wie im Nebel sah er die Spritze, die auf der Bettdecke lag.

Andreas Todesspritze.

Marcel parkte sein Auto direkt an der Dachauerstrasse und ging langsam den Weg zum Haus seines Großvaters zurück. Zwei Sachen beschäftigten ihn sehr. Zum einen hatte ihm Sabine von der alten Verbindung seiner Großeltern zu Professor Metzger erzählt und zum anderen wollte er mal vorsichtig nachforschen, ob sein Opa oder seine Oma etwas genaueres über Sabines Kursus wussten. Als er vor der Haustür seiner Großeltern angekommen war, verharrte Marcel einen Moment und drückte dann auf den Klingelknopf. Es dauerte eine Weile, bis der Summton ertönte, der die Öffnung der Haustür anzeigte. Schwungvoll nahm Marcel die Treppen bis zur gesuchten Wohnungstür. Sein Großvater schaute ihn erstaunt an. »Ja, der Marcel. Was verschafft uns die Ehre?« »Tag, Opa. Ich habe vorher nicht angerufen, weil ich noch nicht genau wusste, ob es mir mit der Zeit ausgeht. Gut dass ihr Zuhause seid.«

»Ich bin allein zu Hause. Ich musste Oma gestern Abend wieder in die Klinik einliefern lassen. Es sieht gar nicht gut aus. Sie befindet sich auf der Wachstation.« »Was? Warum hast du uns nicht angerufen?« »Was hättet ihr tun können? Ich hätte euch schon noch im Laufe des Tages informiert.« »Gehst du nachher wieder zu ihr?« »Ja. Etwas später. Sie schläft jetzt. Ist schon fast wie im Koma.« »Das tut mir sehr leid. Darf ich dich begleiten?« »Wenn du willst. Gerne. Komm jetzt aber erst einmal herein.« Marcel folgte seinem Großvater in das Wohnzimmer, wo er es sich auf dem Sofa bequem machte. »Was magst du trinken? Kaffee, Bier, Wasser?« »Ach, gib mir ein Bier. Ich habe jetzt richtigen Durst.« Während sein Großvater in der Küche verschwand, überlegte Marcel, mit welchem Thema er das Gespräch anfangen sollte. Am besten fing er erst einmal mit Harald an. Das war das einfachere Gesprächsthema. Sein Großvater erschien mit zwei Flaschen Bier und zwei Bierkrügen in der Hand. Er stellte alles auf den Tisch und setze sich Marcel gegenüber auf das andere Sofa. »So, nun schieß los. Du bist doch nicht ohne Grund hier bei mir vorbeigekommen.« »Nein, das bin ich nicht. Sabine hat mir erzählt, dass du einen Professor Metzger kennst.« »Wenn sie den Metzger vom Starnberger See meint, kenne ich ihn tatsächlich. Ist aber schon eine Weile her, dass ich ihn durch Zufall mal wieder am See getroffen habe. Er hat mir gegen Ende des zweiten Weltkriegs mein Bein gerettet. Ist eine absolute Kapazität. Hohes Tier bei den Nazis. SS-Obergruppenführer. Hat sich nachher jahrelang versteckt halten müssen. Die Amis hätten ihn gerne vor ein Kriegsgericht gestellt. Deine Oma und ich haben ihn dann vor gut 30 Jahren mal wieder in Possenhofen getroffen. Was willst du wissen?« »Ich kenne den Sohn von ihm gut. Harald. Heißt jetzt aber Harald von Hohenstein und nicht mehr Metzger. Melissa arbeitet bei ihm an der Uni. Er hat sie sogar zu Forschungsarbeiten nach Griechenland eingeladen. Sie hat mich vor ihrer Abreise kurz angerufen.«

»So Melissa. Ja, aus der wird einmal etwas. Aber zurück zu Professor Metzger. Einen kleinen Jungen haben er und seine junge Frau damals am See dabeigehabt. Er hieß, glaube ich, Harald. Sabine hat uns auch schon danach gefragt.« »Mit was für Forschungen war denn der Vater von Harald bei den Nazis betraut? Weißt du das vielleicht?« »Genau weiß ich es nicht. Aber wir haben damals jahrelang unter dem gleichen Dach im Schloss Possenhofen zusammen gelebt. Er bewohnte eine Dachkammer nur ein paar Meter von meiner Kammer entfernt. Wir haben abends häufig Schach zusammen gespielt. Ich gewann selten. Über seine Arbeit bei den Nazis hat er eigentlich nur sehr wenig gesprochen. Ich weiß nur, dass er auch Versuche an Menschen gemacht hat. Er war aber nach seinen eigenen Aussagen kein Schlächter. Ich habe ihm das geglaubt. Er war kein Unmensch. So etwas habe ich im Gefühl. Er hat während seiner Versteckjahre häufig gejammert, wie sehr er jetzt in seinen Forschungen zurückgeworfen wird. Ich erinnere mich an einen besonderen Abend. Ich hatte von den Amis eine Flasche Whiskey organisiert und die haben wir dann an jenem Abend zusammen ausgetrunken. Er war sehr schnell blau. Vertrug überhaupt keinen Alkohol. Ich hatte da wesentlich mehr Übung, deshalb kann ich mich auch noch gut an das Gespräch erinnern. Metzger erzählte plötzlich etwas über die Herstellung von Supermenschen. Das er bei der Eugenik führend sei. Ich kannte den Begriff nicht und er erklärte mir, dass es sich bei der Eugenik um die Forschung im menschlichen Erbgut handelt. Er und andere Ärzte, waren mit der genetischen Verbesserung des Menschen durch Zucht beschäftigt. Sie wollten die Übertragung von Krankheits- oder anderen schädlichen Genen verhindern. Die Menschheit sollte binnen weniger Generationen der Erbhygiene in einen völlig anderen Zustand erhoben werden. Frei von Krankheit und Siechtum. Frei von Erscheinungen wie Alkoholismus und Kriminalität. Sogar frei von Armut. Ich weiß noch, wie ich ihn damals ungläubig angeschaut habe. Aber er schien es nicht zu bemerken und redete sich richtig in Rage. Ich merkte, wie sehr ihn das Thema beschäftigte. Ohne Eugenik drohe die genetische Vermüllung und der sichere Untergang des Menschen. Mit Eugenik stehe der Menschheit eine glorreiche Zukunft bevor. Minderwertige Genträger müssten sterilisiert werden, damit die negativen Gene im Laufe der Zeit ausgemerzt werden. Als er das sagte, erinnerte ich mich daran, dass kurz nach Hitlers Machtübernahme ein Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erlassen wurde. Es hatte die Zwangssterilisation tausender Schizophrener, Epileptiker, Blinder, Tauber, Missgebildeter, Alkoholiker und geistig Behinderter zur Folge. Das Ehegesundheitsgesetz verbot die Eheschließung von Erbbelasteten. Erbgesunde Bürger bekamen dagegen Ehestandsdarlehen in der Hoffnung, damit die Reproduktion von genetisch Höherstehenden anzukurbeln. Marcel hörte staunend zu. »Ist ja interessant. Dass du dich an das Gespräch noch so gut erinnerst?« Uli nickte. »Metzger kam dann auf ein Lebensbornlager in Oslo zu sprechen, in dem er auch die medizinische Leitung gehabt hatte. Der Gedanke der Menschenzüchtung im Lebensborn war ein Geheimprojekt von Himmler. Arische Frauen sollten dort möglichst von SS-Männern geschwängert werden und arisch-erbreinen Nachwuchs in Serie produzieren. Metzger war inzwischen so blau, dass er mir lallend und lachend gestand, selber äußerst aktiv bei der Zucht gewesen zu sein. Er muss seinen eigenen Worten nach mindestens 10 Frauen geschwängert haben. Hauptsächlich in Norwegen. Ich kann mich nur noch an drei Orte erinnern, in denen er, außer in Oslo, noch als Zuchthengst agiert hat, Drontheim, Stalheim und Bergen.« Marcel trank nachdenklich seinen Bierkrug aus. Das passte alles ins Bild. Schon der Vater von Harald war mit Manipulationen am Menschen aktiv gewesen. Er hatte die Forschung in Griechenland sicherlich weiter getrieben. Aber wie weit? Harald galt jetzt als der beste Genforscher Deutschlands. Bestimmt hatte ihm sein Vater viel Wissen mitgeben können. »Ist was, Marcel?« Marcel schreckte aus seinen Gedanken auf. »Nein, nein, ich habe nur gedacht, dass deine Geschichte gut in mein Bild passt.« »Was für ein Bild?« »Ach, das führt jetzt zu weit. Du hast mir aber sehr geholfen.« »Na, dann bin ich ja froh. Magst du noch ein Bier?« »Klar. Nur her damit. Augustiner Edelstoff lasse ich nicht stehen.« Uli stand auf und holte zwei neue Flaschen Bier aus dem Kühlschrank. Marcel öffnete beide Flaschen mit der Kante seines Feuerzeugs und schenkte sich selber sein Bier ein. »Nun noch etwas, Opa. Hat euch Sabine eigentlich etwas über ihren Kursus erzählt?« »Nur, das sie sich Buchhaltungs- und Computerwissen aneignen will. Sonst eigentlich nichts.« Marcel sah seinen Großvater scharf an. »Tatsächlich? Nichts weiter?«

Uli druckste ein wenig herum. »Also, wenn ich ehrlich sein soll, Marcel. Sie hat uns erst letzte Woche noch einmal besucht und deiner Oma mehr erzählt. Was genau, weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, dass Irmgard danach sehr aufgeregt war. Sie hat aber Sabine versprochen, niemanden etwas davon zu erzählen. Mir auch nicht.« »So, so. Dann gibt es also doch noch etwas bei Sabine, von dem ich nichts weiß. Ich werde nachher mit dir Oma im Krankenhaus besuchen.«

Auch sechs Tage nach dem Tod von Andrea, hatte Sascha sich psychisch noch nicht gefangen. Der Tod seiner Freundin ging ihm so nah, dass auch die gesundheitliche Besserung nach der Nierentransplantation einen Rückschlag erlitt. Er versuchte diesen nachteiligen Effekt, so gut es ging, in Grenzen zu halten, zumal er wusste, dass Andrea über diese Verschlechterung sehr traurig gewesen wäre. Was hatte sie sich in den vergangenen Wochen Sorgen um seine Gesundheit gemacht und was für Vorwürfe wegen ihrer Beteiligung an der letztlich schiefgelaufenen Aktion. Vor drei Stunden war dann der Anruf gekommen. Die Mutter von Andrea hatte ihren Besuch für Mittag angekündigt. Sie musste also jeden Moment eintreffen. Nachdem er Andrea tot in ihrem Bett aufgefunden hatte, war Sascha noch stundenlang in ihrer Wohnung geblieben. Erst als die Leute vom Beerdigungsinstitut, die der Hausmeister verständigt hatte, kamen, hörte er auf, ihr Gesicht zu streicheln. Der Hausmeister Bauer war auf seinen Vorschlag eingegangen, nichts von Andreas Suizid gegenüber Außenstehenden zu erwähnen. Als Andrea in einem Sarg fortgeschafft worden war, suchte Sascha die Handtasche von seiner Freundin und fand dort auch ein Notizbuch. Er wusste aus vergangenen Gesprächen mit Andrea, dass ihre Mutter in Nürnberg wohnte. Von ihrem Vater oder eventuellen Geschwistern hatte sie nie etwas erwähnt. Sascha hatte die Nürnberger Telefonnummer gefunden und schweren Herzens die Nummernfolge an Andreas Telefon gewählt. Nachdem er, nach wie vor selber um Fassung ringend, der Mutter den Tod ihrer Tochter möglichst schonend beigebracht hatte, war am anderen Ende der Leitung erst einmal für fast eine Minute Stille eingetreten. Als sich Andreas Mutter wieder meldete, zitterte ihre Stimme und Sascha spürte förmlich das tiefe Leid, das seine Nachricht bei der Frau ausgelöst hatte. Nach ein paar hilflosen Floskeln gab er ihr seine Handynummer durch und bot ihr seine uneingeschränkte Hilfe an. Am gleichen Abend rief sie ihn dann noch im Krankenhaus zurück. Sehr leise und immer wieder durch lange Pausen unterbrochen erzählte sie ihm, dass in Nürnberg kein Familiengrab existiere und das Andrea einmal davon gesprochen hatte, wie schön der Waldfriedhof in München sei. Sascha merkte während des kurzen Gespräches, dass Andreas Mutter anscheinend völlig allein lebte. Nachdem ihm immer mehr die Hilflosigkeit der Frau klar wurde, schlug er ihr vor, die Formalitäten für Andreas Beerdigung zu übernehmen. Sie fragte ihn nicht, in welcher Beziehung er zu ihrer Tochter gestanden hatte. Entweder hatte Andrea ihr davon erzählt oder sie nahm es einfach als gegeben hin, das er sich nun um sie kümmerte. Selbst konnte er wegen seiner erneut schlechten, gesundheitlichen Verfassung nicht viel organisieren und deshalb rief er gleich nach dem Gespräch bei Sabine und Marcel an. Beide waren ebenfalls über den plötzlichen Tod von Andrea sehr geschockt. Sascha erzählte ihnen extra noch keine Einzelheiten über die Umstände ihres Todes. Sie merkten wohl, dass er noch nicht darüber sprechen konnte und boten sofort ihre Hilfe an. Marcel besorgte gleich am nächsten Tag ein Grab im Waldfriedhof und wickelte auch die sonstigen Formalitäten ab. Nachdem der Beerdigungstermin auf den 17. August gelegt worden war, übernahm Sabine anhand Andreas privatem Telefonverzeichnis die Benachrichtigung aller dort aufgeführten Personen. Außerdem informierte sie Ilona und Iris. Sascha fühlte bei dem Gedanken an die bevorstehende, morgige Beerdigung eine tiefe Furcht in sich. Wie würde er mit der Situation umgehen können? Die vergangenen Nächte hatte er kaum geschlafen. Und wenn er tatsächlich mal Schlaf gefunden hatte, stand ihm gleich nach dem Aufwachen wieder der Tod von Andrea vor Augen und dann kam gleich wieder dieses Gefühl der ausweglosen Leere. Es klopfte leise an der Tür. »Herein.« Vorsichtig wurde die Krankenzimmertür geöffnet und Andrea trat in das Krankenzimmer.

Der Wind wurde immer stärker. Er glich schon fast einem Orkan. Harald von Hohenstein hatte Mühe den Geländewagen auf der schmalen Küstenstraße zu halten. Das Meer warf ununterbrochen seine Wellen über das schlingernde Fahrzeug. Die Scheibenwischer schafften es kaum noch, den Blick auf die überschwemmte Uferstrasse freizuhalten. Ärgerlich brummend

kommentierte der Professor jeden Stoß, den der Sturm dem Fahrzeug versetzte. Nur noch etwa ein Kilometer. Aber der konnte lang werden, denn die Strasse wurde zum Lager noch schmaler und lag dazu noch näher am Wasser. Sollte er nicht besser umkehren? Es war ja fast Wahnsinn, jetzt noch weiter zu fahren. Aber einerseits hatte er seinem Vater versprochen, im Lager bei ihm vorbeizuschauen und andererseits war der Rückweg ungleich länger und damit vielleicht noch gefährlicher. Er war auf die Überraschung gespannt, die ihm von seinem Vater angekündigt worden war. Also weiter. Immer weiter. Es musste einfach gehen. Vorsichtig passte er das Tempo des Jeeps den widrigen Umweltverhältnissen an und setzte seine Fahrt fort. Er brauchte für den einen Kilometer tatsächlich noch über eine halbe Stunde, bis er endlich den ersten Wachturm des Lagers vor sich auftauchen sah. Harald von Hohenstein steuerte den Geländewagen durch das große Holztor und hielt dann auf die flache Steinbaracke am hinteren Ende des Lagers zu. Er stellte das Fahrzeug direkt vor dem Eingang zum Gebäude ab. Als er aus seinem Jeep ausstieg, war von der Gewalt des Sturmes nicht mehr viel zu spüren. Die großen Holzpalisaden, die das gesamte Lager umgaben, hielten viel von dem Unwetter ab. Eigentlich hatte er erwartet, gleich nach seiner Ankunft von seinem Vater begrüßt zu werden. Harald von Hohenstein öffnete die Tür der Steinbaracke und war erleichtert, wenigstens eine Angestellte vorzufinden. Es handelte sich um die bildschöne, zwanzigjährige Griechin Maria, deren lange, schwarze Haare ihr fast bis zum Gürtel reichten. »Ah, Herr Professor. Ihr Vater lässt ihnen ausrichten, dass er sie in seinem Lagerbüro erwartet. Sie möchten gleich nach ihrer Ankunft zu ihm kommen.« Harald von Hohenstein betrachtete sich die attraktive Griechin wieder einmal genauer. Sein Vater hatte damals ausgezeichnete Arbeit geleistet. An dem Mädchen stimmte einfach alles. Er wusste, dass sie seinem Vater in jeder Hinsicht zur Verfügung stand. Er selbst hatte sich bisher immer zurück gehalten. Aber jetzt, nach der gefährlichen Fahrt, überkam ihn beim Anblick der weiblichen Formen von Maria plötzlich eine sehr starke sexuelle Lust. Die Griechin bemerkte seine gierigen Blicke und errötete leicht. Ohne noch lange zu überlegen, stürzte sich der Professor auf sie. Er drehte das Mädchen um und legte sie mit ihrem Oberkörper über einen Schreibtisch. Er schob ihr den kurzen Rock hoch und zog ihr das weiße Höschen herunter. Dann machte er sich an seiner eigenen Hose zu schaffen. Im Nu hatte er den Gürtel gelöst und ließ die Beinkleider fallen. Das Mädchen stöhnte auf, als er brutal von hinten in sie eindrang. Mit wilden Stößen erreichte Harald von Hohenstein in wenigen Sekunden einen schmetternden Orgasmus. So schnell er sich der Griechin bedient hatte, so schnell zog er sich auch wieder aus ihrer engen Öffnung zurück und kleidete sich an. »So. Das habe ich jetzt gebraucht.« Er beobachtete, wie sich das Mädchen wieder ihr Höschen anzog, ihr Kleid richtete und ihn dann mit geröteten Wangen ansah. Irgendwie wirkte sie aber überhaupt nicht überrascht. Anscheinend nahm sie sein Vater öfter in dieser Form her. »Maria, ich gehe jetzt zum Lagerbüro. Kochen Sie uns doch bitte in der Zwischenzeit einen schönen, starken Kaffee und bringen Sie ihn rüber. Nach der Sturmfahrt, kann ich den jetzt gut vertragen.« Mit schnellen Schritten überwand der Professor den Zwischenraum von der Verwaltungsbaracke bis zum Lagerbüro. Er öffnete die Tür zum Büro und blieb vor Überraschung wie angewurzelt stehen.

Die Menschen setzten sich langsam hinter den Sargträgern in Bewegung. Von dem kleinen Glockenturm der Friedhofskapelle ertönte der eintönige Klang der Totenglocke. Die Trauerfeier in der Kapelle war recht kurz gewesen. Auf Wunsch von Sarah Winter, Andreas Mutter, wurde auf eine Totenmesse verzichtet. Der Organist spielte ein Ave Maria und der Pfarrer betete mit den Anwesenden ein Vaterunser. Direkt hinter dem Sarg schritt nun Frau Winter mit Sascha. Nachdem Andrea keinerlei andere Verwandte gehabt hatte, war Sascha von Andreas Mutter gebeten worden, ihr bei der Beerdigung zur Seite zu stehen. So ging er jetzt direkt hinter den Sargträgern, dem Pfarrer und den beiden Ministranten neben Sarah Winter her. Es folgten einige Freundinnen, relativ viele Studienkollegen und fast das ganze Personal der Universitätsklinik, in der Andrea zuletzt als Notärztin gearbeitet hatte. Ganz am Ende der Trauergemeinde folgten Sabine, Marcel, Ilona und Iris dem Sarg. Zum Grab war es nicht sehr weit. Bereits nach fünf Minuten bogen die Sargträger in einen Seitenweg ein, um kurz darauf den Sarg neben dem ausgehobenen Grab abzustellen. Sie traten ein wenig zurück und der Pfarrer wartete, bis sich alle Trauernden eingefunden hatten. Sascha spürte die tastende Hand von Andreas Mutter und ergriff sie fest. Ihm wurde es noch schwerer ums Herz, als er das Zittern in der anderen Hand spürte. Er erinnerte sich wehmütig an den zitternden Körper von Andrea, als sie in ihrer letzten Nacht, eng an seinen Körper gepresst, ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.

Die ganze Beerdigung kam ihm irgendwie irreal vor. So als ob er nur ein äußerer Beobachter wäre und gar nicht direkt beteiligt. Den tiefen Schmerz, den er seit Tagen über den Tod von Andrea in sich trug, konnte er hier nicht ausleben. Was wussten schon die anderen Trauergäste, wie leer und hilflos er sich jetzt fühlte. Wie sehr hatte er diese Frau geliebt. Es war fast unglaublich, dass dieses liebe Wesen jetzt dort in dem Sarg lag und gleich für immer mit Erde bedeckt wurde. Sascha versuchte krampfhaft, sich wieder auf das Geschehen zu konzentrieren. Neben den vielen anderen Kränzen fand er den Kranz, den er für Andrea ausgesucht hatte. Er bestand zum großen Teil aus roten Rosen. Auf der linken Schleife stand In ewiger Liebe, dein Sasch. Auf der rechten Schleife Danke für Alles. Ein hochgewachsener Mann mit silbergrauem Haar trat nun neben den Sarg und begann, eine Rede zu halten. Sascha kannte ihn aus der Universitätsklinik. Es war der Chefarzt von Andreas Abteilung. Als er anfing die Verdienste von Andrea aufzuzählen, schweiften Saschas Gedanken wieder ab. Was wussten denn die alle schon über Andrea? Er selbst hatte ja auch so wenig gewusst. Als vor ein paar Tagen Andreas Mutter in sein Krankenzimmer gekommen war, hatte er sie tatsächlich zuerst für Andrea gehalten. Er war nicht schlecht erschrocken, merkte aber dann doch sofort den Altersunterschied. Die Mutter hatte Andreas Figur, die gleiche Haartracht, das gleiche, bildschöne Gesicht, wenn auch etwas gereifter, und vor allen Dingen besaß sie den gleichen Körpergang. Andrea war das totale Abbild ihrer Mutter gewesen. Frau Winter hatte ihn vorsichtig gefragt, ob sie ihn auch nicht störe und Sascha war aufgestanden und hatte die Frau spontan in seine Arme genommen und ganz fest an sich gedrückt. Beide hatten ihren Tränen freien Lauf gelassen. Als sie sich wieder ein wenig gefangen hatten, fing Sarah Winter an, ihm etwas über Andrea zu erzählen. Sie hatte eine ruhige, sanfte und fast zu leise Stimme. Sascha hörte ihr zu, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen. Sarah Winter war erst siebzehn Jahre alt gewesen, als sie Andrea bekommen hatte. Sie arbeitete aushilfsweise, während ihrer Schulferien, am Nürnberger Flughafen und hatte sich dort bei einem Weihnachtsfest Hals über Kopf in einen russischen Piloten verliebt. Als feststand, dass sie schwanger war, schmiedeten die beiden Verliebten ihre Heiratspläne. Kurz vor der Hochzeit verunglückte Andreas Vater bei einem Transportflug tödlich. Sie bekam dann das Kind im August. Die Geburt war nicht schwer, nur das Leben davor und danach. Sie selbst war als Waisenkind in einem Nürnberger Waisenhaus aufgewachsen. Ihre Eltern hatte sie nie kennen gelernt. Da sie aber anscheinend ein sehr aufgewecktes Mädchen gewesen war, wurde sie von der Heimleitung gefördert und man ermöglichte ihr sogar den Besuch eines Gymnasiums. Als sie ihre Schwangerschaft nicht mehr verbergen konnte, wurde sie kurzerhand aus dem Heim gewiesen. Von nun an war sie vollständig auf sich alleine gestellt. Da sie keinerlei Verwandte hatte, an die sie sich hätte wenden können, musste sie fortan für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen. Sie brach die Schule ab und jobbte in den verschiedensten Berufen. So kam sie mehr schlecht als recht über die Runden. In den ersten Monaten nach Andreas Geburt lebte sie von der Sozialhilfe. Auch die nachfolgenden Jahre waren nicht mit Reichtum gesegnet. Sie sparte sich alles vom Mund ab, um Andreas Wissensdrang zu fördern und ihr letztlich eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Was war sie stolz gewesen, als Andrea als Jahrgangsbeste ihr Abiturzeugnis mit lauter Einsen nach Hause brachte. Andrea wollte unbedingt Medizin studieren. Sie bekam in Würzburg wegen ihres herausragenden Zeugnisses auch sofort einen Studienplatz. Dann beantragten sie Bafög und es wurde finanziell ein wenig besser. Andrea arbeitete, wenn es nur irgendwie ging, noch neben ihrem Studium. Sie wollte ihre Mutter finanziell nicht mehr belasten. Sascha schrak aus seinen Gedanken auf. Der Pfarrer gab gerade den Sargträgern ein Zeichen und diese ließen den Sarg langsam in das Grab hinunter. Er spürte wieder, wie sich die Hand von Andreas Mutter in der Seinigen verkrampfte. Das Absenken des Sarges war mit Sicherheit der schlimmste Augenblick bei einer Beerdigung. Das Geschehen war so endgültig. Diesen Moment hatte er seit Tagen gefürchtet. Er sah wieder Andreas Gesicht vor sich. Dieser liebevolle Mund, mit dem sie ihn anlächelte. Mühsam schluckte er. Er musste jetzt stark bleiben. So wie es sich Andrea in ihrem Abschiedsbrief von ihm gewünscht hatte. Der Geistliche trat nun zur Grabkante und segnete den Sarg mit Weihwasser. Er reichte das Gerät einem Ministranten zurück und griff zu der Schaufel. Nachdem er ein wenig Erde auf den Sarg gegeben hatte, steckte er die Schaufel wieder in die ausgehobene Erde und kam auf sie zu. Er reichte Frau Winter seine rechte Hand und sagte: »Gott sei mit Ihnen.« Dann verließ er mit den Ministranten den Beerdigungsort. Sascha führte Andreas Mutter zum Grab. Wie in Trance nahm sie nun ebenfalls die Schaufel und warf ein wenig Erde auf den Sarg ihrer toten Tochter. Sascha sah sie vorsichtig von der Seite an. Ihr Gesicht war ganz bleich, aber sie hatte jetzt keine Tränen mehr in den Augen. Die Trauer war zu groß.

»Grüß Gott, Theo. Das ist aber nun wirklich mal eine Überraschung. Was machst du denn auf unserer Insel?« »Dein Vater hat mich eingeladen, Harald. Dein Vater und ich, wir kennen uns nun ja auch schon seit ewigen Zeiten. Was

Ludwig?« Professor Metzger nickte eifrig. »Und ob. Wir haben in der gleichen Einheit gedient. Theo ist aber noch viel jünger als ich. Er gehörte damals zum Offiziersnachwuchs.« »Und ich kenne Theo auch schon seit Jahren gut, Vater. Er ist ein intensiver Förderer unserer Genforschung an der Münchner Universität.« Professor Metzger deutete auf einen leeren Sessel an seinem Schreibtisch. »Setz dich zu uns, Harald. Theo ist heute Morgen von Rhodos rübergekommen.« »Von Rhodos? Mit dem Schiff? Bei dem Sauwetter würde ich mich nicht aufs Meer trauen.« Theo Dom lächelte. »Nein, nein Harald, ich habe mich mit einem Hubschrauber herfliegen lassen. War aber auch nicht ganz lustig.«

»Kann ich mir gut vorstellen. Ich bin

, ah Maria, stellen die Sachen nur hier ab, wir bedienen uns schon selber.«

Maria, die Griechin, war mit einem Tablett, auf dem sich eine Kaffeekanne, Tassen, Löffel, Zucker, Milch und Plätzchen befanden, in das Büro getreten. Verschämt schaute sie den Professor von Hohenstein von der Seite an. Professor Metzger entgingen diese Blicke nicht. Als die Griechin wieder das Büro verlassen hatte, sah er seinen Sohn merkwürdig an. »Harald. Sie gehört mir. Ist das klar?« Harald von Hohenstein nickte. »Natürlich Vater.« Er beeilte sich, allen Kaffee einzuschütten. Professor Metzger sah zu Theo Dom hin. »Harald, schau dir doch mal unseren Theo an. Kannst du dir vorstellen, dass er seit acht Wochen zwei neue Nieren besitzt?« »Ist nicht möglich! Wohl doch beim Schultheiss, was?« Theo Dom nahm einen Schluck Kaffee. »Genau, Harald. Der Schultheiss vollbringt wahre Wunder. Nicht nur, dass er in kürzester Zeit passende Nieren für mich gefunden hat, nein, er hat nach der Operation auch eine Versorgung organisiert, die mich jetzt schon wieder ganz normal am Alltag teilnehmen lässt. Dein Tipp von damals, Harald, war Gold wert für mich.« Harald von Hohenstein warf seinem Vater einen fragenden Blick zu. Dieser verstand. »Ich habe Theo vor und nach der Operation auf Rhodos mehrmals besucht. Schultheiss hatte mich rechtzeitig informiert. Ach, wo ich gerade Schultheiss sage, der kommt morgen auch hierher. Dann können wir alle zusammen noch einmal kräftig auf Theos neue Nieren anstoßen.« Professor Metzger sah seinen Sohn plötzlich verschmitzt an. »Harald, der Theo war nicht die Überraschung, die ich dir versprochen habe.« »Nicht?« »Nein. Bleib mal hier bei Theo sitzen. Ich komme gleich wieder.« Es dauerte etwa fünf Minuten, bis Professor Metzger wieder zurück kam. In seiner Begleitung befand sich eine bildschöne, junge Frau. Beim Anblick der Frau sprang Professor von Hohenstein mit einem Satz von seinem Sessel auf. Mühsam suchte er nach Worten. »Das gibt es doch gar nicht, Vater.« Mit zitternder, rechter Hand deutete er auf die junge Frau. »Doch, mein Junge. Wie du siehst, gibt es das sehr wohl. Sie ist mein nachträgliches Geburtstagsgeschenk an dich. Herzlichen Glückwunsch, Harald.« Harald von Hohenstein ging zu der Schönheit hin und berührte sie fast scheu im Gesicht. Ja, sie war tatsächlich real. Die junge Frau lächelte ihn an. »Sie heißt Rita. Ist ja wohl klar, was Harald?« »Ja, ja, ganz klar Vater. Aber, wie ist dir das nur gelungen? Wie konntest du ein genaues Abbild von meiner Lieblingsschauspielerin Rita Hayworth erschaffen? Sie sieht ja aus wie Gilda.« »Ich bin mit den Forschungen weit gekommen, Harald. Weißt du ja selber am besten. Ich habe Kontakt mit einem alten Kollegen in New York aufgenommen. In der Klinik, in der er arbeitet, wurde Rita Hayworth damals monatelang behandelt. Sie haben natürlich auch Blutproben von ihr entnommen. Gerade als sich das mit ihrer Alzheimer Krankheit immer mehr herauskristallisierte. Nun, ich hatte Glück. Die Blutproben waren noch vorhanden. Gut gekühlt gelagert und durchaus noch verwendbar. Gary Scott, mein Freund in den Staaten, kennt meine Ambitionen hinsichtlich der Genforschung sehr gut. Es war nicht schwer, ihm klarzumachen, dass ich gerne eine Blutprobe von der Hayworth hätte, um der Alzheimer Krankheit auf die Schliche zu kommen. Und zwar von einer Patientin, die schon vor 40 Jahren daran erkrankt war. Allein schon wegen der

Vergleichsmöglichkeiten zu den heute an Alzheimer erkrankten Menschen. Ich habe mit meinem Wunsch bei Gary offene Türen eingerannt. Zumal ich ihm zugesagt habe, ihm meine Erkenntnisse und ein eventuell von mir entwickeltes Gegenmittel zur Alzheimer-Krankheit zukommen zu lassen. Mit allen Rechten für die USA. Nun, so bin ich an das Blut der Hayworth gekommen. Den Rest kannst du dir ja denken. Schließlich kennst du unsere Möglichkeiten hier auf der Insel.« »Und der Faktor, Vater?« »Leider Faktor 4. Aber wir können es ja bremsen. Wird aufwendig genug werden, aber es lohnt sich. Schließlich willst du deine Rita ja wohl etwas länger haben.« »Natürlich.« »Übrigens hatte ich mehr Mühe damit, deine Rita wie Gilda hinzubekommen. Aber wie du siehst, ist mir auch das gelungen. War nicht ganz einfach. Aber es hat sich gelohnt. Ich wollte dir schließlich zum Geburtstag mal eine ganz besondere Freude machen. Schön, dass die Geheimhaltung auch so gut geklappt hat. Ich habe allen Beteiligten verboten, dir auch nur irgend etwas über das Projekt Rita zu verraten.« Harald von Hohenstein schaute Rita glücklich an. »Und möchtest du tatsächlich ein Mittel gegen Alzheimer entwickeln, Vater? Schließlich könnte meine Rita hier auch daran erkranken, wenn sie schon ein genaues Abbild ihrer Clonmutter ist.« »Natürlich Harald. An der Sache bin ich sowieso schon länger dran. Wird medizinisch und auch finanziell der große Renner werden, wenn endlich ein wirksames Gegenmittel gegen diese Alzheimer-Krankheit auf den Markt kommt. Im Grunde bin ich schon fertig. Aber es muss natürlich noch ausgiebig getestet werden, bevor wir es uns patentieren lassen können. Wenn es dann soweit ist, gehört Alzheimer endgültig der Vergangenheit an.« »Na dann hat die menschliche Gesellschaft meiner Rita ja einiges zu verdanken. Und dir natürlich auch.« »Na ja. Übrigens hat Theo hier auch schon seinen Bedarf an Rita angemeldet. Er denkt über ein Remake von Rita- Hayworth-Filmen nach. Wäre natürlich mit einem genauen Abbild nicht schlecht, so Neuverfilmungen, was?« »Aber nicht mit meiner Rita.« Harald von Hohenstein nahm seine Rita fest in den Arm, beugte sich etwas herunter und küsste sie leidenschaftlich. Professor Metzger lachte. »Was habe ich dir gesagt, Theo. Die gibt er nicht mehr her. Da muss ich dir wohl für deine Filme noch eine Rita erstellen.«

Kriminalrat Zangl ging unruhig in seinem Büro hin und her. Ab und zu nahm er einen tiefen Zug aus einer Zigarre. Plötzlich musste er husten. Warum hatte er nur wieder mit dem Rauchen angefangen? So ein verdammter Blödsinn, wo er doch schon fast entwöhnt gewesen war. Missmutig schaute er auf die teure Zigarre in seiner rechten Hand. Schwäche konnte er nicht leiden. Am wenigsten bei sich selbst. Gerade als er seinen Rundgang in dem engen Büro fortsetzen wollte, summte das Telefon. Zangl klemmte sich hinter seinen Schreibtisch und nahm den Telefonhörer ab. »Hier Zangl.« »Oberstaatsanwalt Griese hier.« Kriminalrat Zangl legte seine Füße auf den Schreibtisch und klopfte die Asche seiner Zigarre im Aschenbecher ab. »Herr Oberstaatsanwalt. Womit kann ich dienen?« »Reden Sie nicht so geschwollen, Zangl. Wir haben neue Informationen über den Überfall im Fernsehstudio bekommen.« »Tatsächlich? Und die wären?« »Nun sieht es so aus, als ob diese Jessica in Verbindung mit der Deutschen-Interessen-Partei stünde. Einer unserer V- Männer hat uns einen heißen Tipp geben können.« Zangl nahm einen Zug von seiner Zigarre. »Schießen sie los, Herr Oberstaatsanwalt, ich bin ganz Ohr.« »Nun, unser V-Mann hat die blonde Terroristin, die sich Jessica genannt hatte, bei einem geheimen Treffen der Führungsriege der DIP wieder erkannt. In Wahrheit heißt sie Jasmin Kaplan und ist in München an der Kunsthochschule als Studentin im siebten Semester eingeschrieben. Ihr Aussehen ist aber im Studio verändert gewesen. Sie hat in Wirklichkeit kurze, schwarze Haare. Die blonde Langhaarperücke war nur Tarnung. Auch die übermäßige Schminke. Gar keine schlechte Idee mit der lockeren Aufmachung. Viele haben fast nur auf ihren Busen geschaut. Das Massaker, was die Gruppe damals im Fernsehstudio angerichtet hat, scheint sie köstlich zu amüsieren. Sie hat auf Rückfragen der DIP-Führung angeblich behauptet, dass einer der Sprengsätze, den die Gruppe im Zuschauerraum angebracht hatte, aus Versehen losgegangen sei. Die Toten und die vielen Verletzten berühren Sie aber in keinster Weise. Ganz im Gegenteil. Unser V-Mann hat das Gefühl, dass bald eine neue und noch viel spektakulärere Aktion der Terrorgruppe geplant ist.« Zangl nahm erneut einen Zug und hustete prompt los. »Verdamm !«

»Was ist los, Zangl? Haben Sie sich vor Schreck verschluckt?« Der Kriminalrat würgte den Hustenreiz hinunter und keuchte, »Ja, ja, so ähnlich. Hat denn ihr V-Mann nicht mehr über die neue Aktion herausbringen können? Oder können wir nach den jetzigen Erkenntnissen die DIP und Jessica nicht sofort hochgehen lassen?« »Er muss bei seinen Ermittlungen natürlich unheimlich vorsichtig sein. Wenn er auffliegt, ist er mit Sicherheit in kürzester Zeit unter der Erde. Nein, hochgehen lassen können wir die Terrorgruppe und die DIP noch nicht. Dazu fehlen uns noch die schlagkräftigen Beweise. Außerdem brauchen wir noch viel mehr Informationen über die heimlichen Aktivitäten der DIP. Der Parteichef ist Professor Harald von Hohenstein von der hiesigen Luitpold-Klinik. Wir dürfen da keine Fehler machen. Immerhin ist er ein äußerst beliebtes Mitglied der Münchner Gesellschaft und hat internationales, hohes Ansehen wegen seiner Genforschungen. Aber bei der Verbindung der DIP mit Jessica scheinen wir auf eine riesige Sache gestoßen zu sein. Ich stehe deswegen schon im Kontakt mit einigen bundesdeutschen Kollegen.« Zangl drückte seine Zigarre im Aschenbecher aus. »Weil sie gerade dran sind, Herr Oberstaatsanwalt. Was soll jetzt mit der Elsen und dem Kruft passieren? Nachdem Doktor Franz plötzlich seine Anzeigen zurückgezogen hat, könnten wir nur noch von Staats wegen diese Sache weiter verfolgen. Beide haben einen Antrag auf volle Reisefreiheit gestellt. Sie dürfen München ja zur Zeit wegen der Ermittlungen gegen sie nicht verlassen.« Am anderen Ende der Telefonleitung blieb es eine Zeitlang still. Dann räusperte sich der Oberstaatsanwalt. »Eh, nun, wie soll ich sagen. Passen sie mal auf, Zangl. Geben sie den beiden grünes Licht. Ich kann das verantworten.« Der Kriminalrat Zangl zog überrascht seine Augenbrauen zusammen. Da schau her, dachte er. Wie sich doch plötzlich die Umstände ändern können. Laut sagte er: »Geht in Ordnung, Herr Oberstaatsanwalt. Ich werde dann dem Antrag der beiden stattgeben.« »Ist gut, Zangl. Ich rühre mich wieder, sobald wir mehr von der neuen Aktion von Jessica in Erfahrung gebracht haben. Servus.« Zangl legte langsam den Hörer auf. Dann drückte er auf einen Knopf am Telefon. Eine Frauenstimme erklang aus dem kleinen, internen Lautsprecher. »Ja, Herr Kriminalrat?« »Fräulein Hofer, rufen sie doch bitte einmal Frau Ilona Elsen an. Sie soll in den nächsten Tagen mal bei mir vorbeischauen.«

Sascha öffnete das Kuvert von Andrea und entnahm den Inhalt. Es handelte sich um drei eng beschriebene Din A4 Seiten. Ihm fiel gleich auf, dass die Schrift nur von einer Schreibmaschine stammen konnte. Andrea hatte ja auch privat auf jede Errungenschaft der modernen Industrie verzichtet. Er sah zu Marcel hinüber. »Ich fang jetzt also an:

Recherche. Die Vorkommnisse der vergangenen Monate haben mir keine Ruhe gelassen und so habe ich versucht, auf eigene Faust zu recherchieren. Dabei habe ich Verbindungen in meiner jetzigen Tätigkeit und auch Beziehungen zu ehemaligen Studienkollegen und Professoren genutzt. Es kam den Ermittlungen sehr zugute, dass eine ehemalige Freundin von mir bei Eurotransplant angestellt ist. Dort gibt es inzwischen auch eine eigene Kommission, die Missbräuche beim internationalen Organhandel unter die Lupe nimmt. Sylvia hat mir einige interessante Informationen zukommen lassen. Im Visier steht zum Beispiel die Prager Firma – Transpla Cent -, die ganz offen chronisch kranken Nierenpatienten ihre Hilfe mit den Worten anbietet, - Setzen Sie sich über moralische oder ethische Grenzen hinweg, dann haben wir für Sie die Möglichkeit der Soforthilfe -. Das Unternehmen präsentiert sich als – Internationale Selbsthilfeorganisation für Nierenkranke -, die den Kontakt zwischen Organspendern und Empfängern vermittelt. Sie versprechen keinerlei Wartezeiten auf eine Niere. Die Firma agiert als Ableger einer – Internationalen TransplaCent Clinic – im amerikanischen Nevada. Die Geschäftsführer der tschechischen Firma sind Deutsche, die damit die Gesetzeslücken zur Organtransplantation in der Tschechei ausnutzen. Sie finden genug Kunden, nachdem allein in Deutschland über 50.000 Dialysepatienten auf eine gesunde Niere warten, aber maximal 2.000 Nieren jährlich zur Verfügung stehen. Transpla-Cent vermittelt angeblich nur zwischen Spender und Empfänger. Die Operationen sollen von Spezialisten in Lateinamerika und Russland durchgeführt werden. In Russland gibt es gleich mehrere dubiose Transplantations-Kliniken. Eine davon ist in Tschetschenien in Nischnij Nowgorod angesiedelt. Sie nennt sich – Russia-Transpla-Klinik. Der Standort scheint gut gewählt zu sein. Immer wieder werden Massengräber entdeckt, bei denen den Leichen, Herz, Nieren und Leber oder gleich alle inneren Organe fehlen. Die unfreiwilligen Organspender sind aber keine Soldaten, die bei den dort herrschenden Unruhen getötet worden sind. Es handelt sich bei den Opfern ausschließlich um Zivilisten.

Ein ägyptischer Professor, von dem ich wusste, dass er sich seit Jahren mit der Thematik beschäftigt, hat mir erzählt, dass in seinem Land inzwischen auch der illegale Organhandel blüht. Ein ganz gravierender Fall wird dort derzeit von der Staatsanwaltschaft untersucht. In der Nildeltaprovinz Monufiya hat ein Weisenhaus jahrelang Handel mit den Organen seiner Kinder betrieben. Aufgefallen sind die Betreiber des Weisenhauses nur, weil innerhalb der letzten drei Monate fast alle Kinder im Weisenhaus gestorben waren. Die Kinder wurden für umgerechnet 8.000 Euro jeweils an private Krankenhäuser verschachert und dort regelrecht ausgeweidet. Ihre Organe wurden reichen Patienten eingepflanzt. Ich habe bei meiner Recherche unter anderem auch mit einer chinesischen Kollegin gesprochen, die bis vor zwei Jahren im Sun Yat Sen-Krankenhaus in Hongkong gearbeitet hat. Diese erzählt von einem lukrativen Handel mit Organen von hingerichteten Häftlingen. Dabei würden schon teilweise vor der Hinrichtung Organe und Hornhaut entnommen. Nach der Hinrichtung würden die Toten komplett ausgeschlachtet. Die Hinrichtungen werden inzwischen terminlich nach den Wünschen und Bedürfnissen der Organ-Empfänger ausgeführt. Um Wartezeiten zu vermeiden, würden Exekutionen auch schon mal gezielt vorgezogen. Die Häftlinge sind als Spender gut geeignet, weil sie meistens noch jung sind. Die beste Zeit für Organ-Transplantationen sei die Zeit vor chinesischen Feiertagen, weil dann üblicherweise zahlreiche Hinrichtungen ausgeführt werden. Die Empfänger kommen aus den reichen Ländern dieser Erde. Ich habe sämtliche Adressen und Gesprächspartner auf dem letzten Blatt in einer Matrix dargestellt. Für illegale Transplantationen werden meist solche Länder gewählt, in denen es noch keine Regelungen gibt und in denen große finanzielle Not herrscht. Es gibt schon einen sogenannten Organtourismus. Eins war mir nach meinen Recherchen klar, der Organhandel wird inzwischen international koordiniert. Es handelt sich um Mafia ähnliche Strukturen, bei denen auch Politiker, Klinikleiter, hohe Staatsbeamte und Polizeipräsidenten ihre Finger im Spiel haben. Unser Fall in München ist im Vergleich zu den weltweiten Vorgängen nur ein kleiner Fisch. Doktor Schultheiss gehört sicher der weltweiten Mafia an. Genauso wie Doktor Franz. Inwieweit das Personal involviert war, konnte ich nicht herausbekommen. Ist wahrscheinlich bei der kriminellen Dimension auch unerheblich. Ich bin aber durch mehrere Hinweise noch auf eine andere Person gestoßen, die eine führende Rolle, zumindest in Europa, bei der Organ-Mafia einnimmt. Es handelt sich um einen bekannten Professor der Münchner Universität. Er beschäftigt sich eigentlich mehr mit der Gentechnik. Zusammenhänge zwischen Gentechnik, Organtransplan-tationen und künstlicher Züchtung von Organen sind allerdings gegeben. Sein Name ist Professor Harald von Hohenstein.« »Halt!« Sascha zuckte bei Marcels Ausruf direkt zusammen. »Wieso, was ist?« »Wiederhole doch bitte noch einmal den Namen.«

»Professor Harald von Hohenstein.« Marcel stand jetzt aufgeregt von seinem Stuhl auf, nahm Sascha den Brief aus der Hand und las selbst. »Tatsächlich, der Harald.« »Wieso? Kennst du ihn etwa?« »Ob ich ihn kenne? Er war mal mein bester Freund.«

»ZM00023?«

»Ja. ZM00023.« Ilona schaute bei Sascha über die Schulter. »Und das bedeutet?« Sascha deutete auf das Notebook. »Z steht für Zufall und M steht für München. Also ist dieser Patient der Zufallsspender Nummer 23 aus München gewesen.« Ilona verließ ihre Stellung hinter Sascha und setzte sich wieder auf ihren Platz ihm gegenüber. »Hast du einen Namen zum Code?« »Warte mal. Erst einmal die anderen Daten checken. Keine Raute. Also kein Clon, das ist logisch bei Zufallspatienten. Dann w für weiblich. 35 für das Lebensalter. N2 bedeutet, dass beide Nieren entnommen wurden. Dann diese Spalte. Hmmm. Ah ja, hier. K steht für Koma. Also Komapatient. Nachher rufen wir uns noch einmal die Schlüsseltabelle für alle Indizes auf. Aber jetzt wollen wir doch erst einmal schauen, ob wir nicht irgendwo einen Namen finden. Hmmm, hmmm, nur Indizes, keine echten Namen, obwohl, warte mal, hier ist eine versteckte Tabellenspalte. Leer. Oder Moment. Genau. Weiße Schrift

auf weißem Grund. Das haben wir gleich. Donnerwetter. Ja, tatsächlich. Regina Schönberger. Oh, sogar mit mehreren Datumsangaben. OP-Datum und, ach wie sinnig, ein Kreuz. Also wohl der Todestag.« Ilona hielt es nicht mehr auf ihrer Couch. Sie stand auf und ging erneut zu Sascha hinüber. »Beim OP-Datum stehen ja zwei Termine. 23.05. und 01.06.« Sascha schaute genauer hin. »Die haben ihr also die beiden Nieren im Abstand von etwa einer Woche entnommen. Die Datumsangabe vom Todestag ist identisch mit der letzten Nierenentnahme. Fast logisch.« Ilona setzte sich jetzt direkt neben Sascha hin. Dieser bemerkte nicht erst jetzt, welch verführerisches Parfüm diese benutzte. Außerdem erregte ihn der weiche Druck ihres Körpers, der sich an ihn lehnte. »Du riechst nicht schlecht, Ilona. Ich habe direkt Schwierigkeiten, mich auf unser Thema zu konzentrieren.« »Soll ich mich wieder rüber setzen?« »Nein, nein, bleib nur. Lass uns weitermachen. Also, wo waren wir stehen geblieben? Todesdatum. Was fehlt noch? Vielleicht steht irgendwo die Herkunft der Patientin? Krankenhaus, Unfall, Leichenhalle oder wie auch immer. Ahhh,. natürlich. Hier. Noch mehr versteckte Spalten. Schwabinger Krankenhaus. Und noch mehrere Spalten mit, wie ich vermute, medizinischen Erläuterungen. Wahrscheinlich Daten zur Organgüte oder Operationsverlauf oder so. Zur Erklärung brauchen wir dann wohl einen Mediziner.« Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, musste Sascha schwer schlucken. Sofort sah er wieder Andreas liebes Gesicht vor sich. »Was ist mit dir?« Ilona sah ihn besorgt von der Seite an. »Ach nichts. Machen wir weiter.« »Es ist Andrea, nicht wahr?« »Ja, schon. Gut, also weiter.« Ilona nestelte plötzlich nervös an ihrem hochgerutschtem Rocksaum. »Kannst du jetzt mal versuchen, Sabrina zu finden?«

Sascha spürte ein leichtes Zittern von Ilona, die nach wie vor eng neben ihm saß. Er blickte sie von der Seite an und merkte, wie diese krampfhaft auf den Monitor schaute. »Ja gut, Ilona. Wir brauchen wegen der Anzeigen gegen dich und Marcel dringend Beweise gegen diesen Doktor Franz und seinen Chef. Mit Sabrina hätten wir den besten Beweis. Du hast mal gesagt, dass sie erst 18 Jahre alt war.« »Ja. 18 Jahre.« »Mal sehen.« Sascha schaute die Alterspalte durch. Die Zahl 18 war nicht aufgeführt. »Bist du sicher? 18 Jahre?« Sascha schaute direkt in Ilonas große Augen. Er glaubte zum ersten Mal, seit er sie kannte, eine gewisse Unsicherheit darin zu erkennen. Ilona suchte offensichtlich nach den richtigen Worten. »Nun, gut. Es nützt ja nichts. Sie war erst 16 Jahre alt.« »Erst 16 Jahre? Und dann hier?« »Ja, ich weiß. Du denkst jetzt, dass es von mir nicht richtig war, sie hier arbeiten zu lassen. Aber es ist nicht so, wie du denkst. Die Sache lag viel komplizierter. Sie hatte mir auch zuerst gesagt, dass sie 18 Jahre alt ist. Wieso hätte ich ihr nicht glauben sollen? Ihr Körper war bereits voll entwickelt. In den ersten Wochen hat sie noch nicht hier in der Villa gewohnt. Sie wohnte zur Untermiete in einem möblierten Zimmer in Ramersdorf. Dann wurde ihr das Zimmer gekündigt und sie musste kurzfristig eine neue Bleibe finden. Natürlich hätte sie sich bei ihrem neuen Einkommen eine richtige Wohnung oder sogar ein Haus mieten oder kaufen können. Aber ich mochte Sabrina von Anfang an sehr. Deshalb bot ich ihr an, doch hier in der Villa auch ihre offizielle Wohnung anzumelden. Ich übernahm das für sie beim Einwohnermeldeamt. Genau für diesen Vorgang bekam ich zum ersten Mal ihren Ausweis zu Gesicht. Ich kann dir sagen, was ich für einen Schock bekommen habe, als ich ihr wahres Alter sah.« »Kann ich mir gut vorstellen.« »Ich habe sie dann gebeten, mit ihrer Beschäftigung aufzuhören. Ich bot ihr stattdessen mehrere andere Jobs an. Beziehungen hatte ich ja genug. Sie wollte aber nicht. Sie sagte sogar, wenn ich sie weiter bedrängen würde, hätte sie keine andere Wahl, als die Villa zu verlassen um ihrem Job woanders nachzugehen. Sie liebte dieses Leben. Für sie war es absolut aufregend, ständig neue Männer und Frauen in intimsten Situationen kennen zu lernen. Sabrina war auch immer sexuell äußerst rege. Sie behauptete, dass sie die vielen Kontakte brauche, weil sie sonst unbefriedigt sei. Nun, eigentlich kein Wunder in dem Alter. Andere Mädchen beschränken sich dabei auf einen oder höchstens zwei Partner. Aber genau das wollte sie nicht. Überhaupt keine feste Bindung. Nur zu mir suchte sie ein engeres Verhältnis. Es war eine Verbindung wie von Tochter zur Mutter.«

»Du hast sie also anscheinend hier weiter machen lassen?« »Ja. Was blieb mir letztlich anderes übrig? Hier hatte ich sie wenigstens unter Kontrolle. Ich wollte nicht, dass sie von irgendeinem Zuhälter abhängig wird, oder an miese Kunden gerät.« »Tja, was soll ich dazu sagen? Jetzt ist sie jedenfalls tot.« Ilona sprang erregt von der Couch auf. »Hör bloß auf! Ich mache mir seit Monaten die größten Vorwürfe! Verdammt noch mal!« »Entschuldigung, Ilona. Ich wollte dir nicht weh tun. Ich weiß ja, wie sehr du an ihr gehangen hast. Es war nicht deine Schuld.« Sascha sah zu, wie Ilona aufgeregt hin und her ging. Ihr Gesicht war ganz gerötet. Dann ging sie zur Sprechanlage und betätigte einen Knopf. »Evelyn, bring mir bitte einen Cognac. Du auch?« Ilona hatte sich leicht umgedreht und diese Frage an Sascha gerichtet. Gerade als Sascha antworten wollte, fiel ihm Ilona ins Wort. »Ach, du trinkst ja keinen Alkohol. Weißbier, alkoholfrei?« »Ja, bitte.« Ilona wandte sich wieder der Sprechanlage zu. »Also, Evelyn. Einen großen Cognac und eine Flasche Weißbier alkoholfrei. Mit Glas natürlich.« Ilona kam zu der Sitzgruppe zurück. Sie überlegte kurz und setzte sich dann erneut neben Sascha. Fast provokativ drückte sie sich wieder eng an ihn. »Komm, lass uns weitermachen. Such Sabrina.« Sascha schaute die Altersspalten durch und fand zwei Einträge mit der Zahl 16. Er suchte die passenden Namensspalten dazu. »Hier haben wir es. Rosanna Vichi und Sabrina Sabel. Hieß Sabrina so?« Sascha sah Ilona von der Seite an. Diese war ganz bleich geworden. Mit leiser Stimme, kaum hörbar, sagte sie. »Ja, Sabel. Sabrina Sabel.« Sascha schaute betreten weg. Ilonas Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Er fragte ebenfalls leise. »Soll ich weitermachen?« »Ja, mach nur. Ich schaffe das schon.« »Also gut. Schauen wir uns die anderen Daten auch noch an. Entnommen wurden bei ihr folgende Orga

Sascha wurde von der eintretenden Evelyn unterbrochen. »Frau Elsen. Hier sind die gewünschten Getränke.« »Ja danke, Evelyn. Stell sie bitte hier auf den Tisch. Herr Sommer schenkt sich sein Weißbier schon selber ein.« Evelyn stellte das Tablett auf den Tisch und ging wieder zum Ausgang. Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, drehte sie sich noch einmal um. »Ach, Frau Elsen. Frau Becker lässt fragen, ob sie irgendwo einen Irrigator haben? Ihre Kundin möchte eine Spezialbehandlung.« Ilona sprang wütend von der Couch auf. »Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du in Anwesenheit meiner Gäste keine derartigen Äußerungen machen sollst? Doris soll bei Sonja nachsehen. Die hat doch eine Menge von dem Zeug.« »Entschuldigung, Frau Elsen.« Mit einem angedeuteten Knicks in Richtung ihrer Chefin verschwand Evelyn wieder aus dem Salon. Ilona schaute ihr böse hinterher. Dann wandte sie sich wieder Sascha zu. »Lass uns weitermachen. Welche Organe und in welchem Zeitraum sind Sabrina entnommen worden?«

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Nachdenklich verließ Melissa Kruft das Klostergelände. Die Äbtissin war nicht erschienen. Über eine Stunde hatte sie vergeblich in dem Zeremoniensaal auf sie gewartet. Wieso war sie nicht gekommen? Gab es da vielleicht einen Zusammenhang mit dem heutigen Besuch, den Professor von Hohenstein mit in das Institut gebracht hatte? Melissa trug unter dem linken Arm das dicke Grundbuch des Klosters. Irgendwie ließ es ihr keine Ruhe, nicht zu wissen, wo die Äbtissin ihre Unterkunft in dem riesigen Kloster hatte. Eins hatte sie auf jeden Fall heute endgültig festgestellt. Im ganzen Kloster gab es keinerlei funktionierenden Strom. Auch nicht in dem ehemals, kurzfristig erleuchtetem Zimmer. Dieses Licht musste einen anderen Ursprung gehabt haben. Wasser gab es allerdings zur Genüge. Die Handpumpe im Klosterhof funktionierte noch ausgezeichnet. Sie pumpte das Grundwasser nach wie vor anstandslos nach oben. Außerdem gab es ein paar Meter daneben einen tiefen Ziehbrunnen. Sie hatte Spaßeshalber die Kurbel solange betätigt, bis der Wassereimer erschien. Melissa war überrascht über die Frische, die dieses Wasser aufwies. Na, sie würde morgen einen neuen Versuch starten. Die Äbtissin würde ihr vielleicht ihr Fernbleiben erklären. So in Gedanken versunken schrak Melissa plötzlich auf. Vor ihr standen drei Männer.

»Guten Abend, Fräulein Kruft. Darf ich Ihnen Herrn Dom vorstellen. Doktor Schultheiss kennen sie ja schon aus der Uni.« Harald von Hohenstein wies jeweils auf einen der Herren. Melissa reichte zuerst Herrn Dom die Hand. Irgendwie kam er ihr auch bekannt vor. War das nicht dieser Medienmogul aus München, Theo Dom? Als sie die Hand von Doktor Schultheiss ergriff, überfiel sie ein plötzlicher Schwindel. Ihr wurde schwarz vor Augen. Eine unerklärliche Schwäche befiel ihren Körper. Professor Hohenstein fing die taumelnde Studentin auf. »Was ist los, Melissa? Kommen Sie, setzen Sie sich erst einmal hier hin.« Der Professor führte Melissa zu einer Parkbank und ließ sie sich vorsichtig hinsetzen. Melissas Kräfte kamen langsam wieder. »Es geht schon wieder, Herr Professor. Danke.« Harald von Hohenstein schaute sie besorgt an. »Wirklich? Ich glaube langsam, dass Sie doch zuviel arbeiten, Melissa. Ich fühle mich direkt mitschuldig. Wie wäre es, wenn sie mal ein paar Wochen richtig ausspannen? Fliegen sie nach München und machen sie dort in ihrer Heimatstadt Urlaub. Wenn sie sich wieder fit fühlen, kommen sie wieder her. Na, wie wäre das?« Melissa antwortete ihm nicht. Sie schaute Doktor Schultheiss entgeistert in das Gesicht. War es nur Einbildung oder sah sie tatsächlich, dass er sie bösartig und hungrig anlächelte? Sie zwang sich, ihren Blick von diesem Doktor zu nehmen und sah dafür ihren Professor an. »Nein, Herr Professor. Ich kann hier nicht weg. Jetzt schon gar nicht mehr.« Harald von Hohenstein sah sie merkwürdig an. »Jetzt schon gar nicht mehr? Was soll das heißen?« Melissa nahm sich zusammen. »Ach, nichts. Ich bin morgen wieder fit. Ich möchte doch gerne mit in die neuen Forschungen einbezogen werden. Da kann ich nicht wochenlang wegbleiben.« »Ja, ja, unsere Einser-Studentin wieder. Aber gut. Sie werden einbezogen werden in die neuen Forschungen. Das verspreche ich Ihnen.« Melissa nickte. Sie hörte nicht, wie Doktor Schultheiss leise sagte. »Und wie sie einbezogen werden wird.«

Behende schwang sich Sascha aus dem Westernsattel und sprang zu Boden. Lachend schaute er zu Angie hin. Seine Lebenspartnerin hatte es mal wieder geschafft. Sie ritt einfach zu gut. Ihren Reiterfähigkeiten hatte er nur wenig entgegen zu setzen. Nun gut. Sie war ein paar Jahre jünger, aber das war es nicht alleine. Immerhin hatte er auf dem schnelleren Pferd gesessen. Aber auch das reichte nicht, um endlich mal nach einem Ausritt als Erster im Stall anzukommen. Er führte die Stute in die Stallgasse und begann damit, dem Pferd das Sattel- und Zaumzeug abzunehmen. Angie war damit bei ihrem Wallach Foxi schon fertig und führte ihn bereits in die Offenbox. Gott sei Dank war die Hufrehe bei dem Tier inzwischen komplett ausgeheilt. Das Horn an den Hufen war gut nachgewachsen und diese wiesen nun keine krankhaften Ausbeulungen mehr auf. Lediglich an den helleren Ringen konnte man noch erkennen, dass dort die Krankheit mal vorhanden gewesen war. Die Stute Tara, die er geritten hatte, war sein Geburtstagsgeschenk an Angie gewesen. Sascha verstaute die Reiterutensilien in der Sattelkammer, legte der Stute einen Führstrick locker um den Hals und begleitete sie ebenfalls in die Offenbox, die sie sich gemeinsam mit dem Wallach teilte. Seine gute Laune verflog sofort, als er sah, dass der Stallbesitzer mal wieder nicht seiner Pflicht nachgekommen war, die Pferdebox sauber zu halten. Fast das gesamte Einstreu war mit Pferdemist und Urin versaut. Da kassierte dieser Betrüger für beide Pferde rund 500 Euro Stallmiete im Monat und leistete kaum etwas dafür. Diese faule Sau würde er bei der nächsten Gelegenheit packen. Auch wenn ihnen dann gekündigt wurde. So ging es jedenfalls nicht mehr weiter. Nicht nur, dass der Stallbesitzer seit Wochen kaum noch die Boxen sauber hielt, nein, er vernachlässigte auch zusehends die geregelte Fütterung der Pferde. Sascha überlegte, ob er nicht rechtliche Schritte gegen diesen Vertragsbruch einleiten solle. Sicher gab es in fast keinem Pferdestall einen schriftlichen Vertrag. Die Einstellung eines Pferdes ging meist mündlich ab. So auch in diesem Fall. Die gegenseitigen Kündigungsfristen waren auch äußerst kurz und beliefen sich auf nur 4 Wochen. Äußerst knapp um einen gescheiten, anderen Stall zu finden. So in Gedanken verloren hörte Sascha eine leise Melodie spielen. Sie kam anscheinend vom Handy seiner Lebenspartnerin. Er sah, wie sie in den Taschen ihrer Reiterweste suchte und dann das Handy herauszog. Sascha kümmerte sich nicht weiter darum und öffnete das Gatter zur Pferdekoppel. Obwohl die beiden Pferde gerade erst vom Ausritt zurückgekommen waren, stürmten sie auf die große Koppel hinaus. Der Wallach stieß dabei ein freudiges Wiehern aus. Ja, das musste ihm gefallen, so ohne den lästigen Westernsattel, den Reiter und das Zaumzeug seinem Bewegungsdrang nachkommen zu können.

Sascha schloss das Gatter zum Offenstall wieder, um ungestört von den Pferden selbst die Säuberung der Box vornehmen zu können. Angie kam aufgeregt auf ihn zu. Sie war ganz blass im Gesicht. »Wir müssen sofort zum Krankenhaus. Meine Mutter liegt im Sterben.«

Der Nebenraum des altbayerischen Lokals war gut gefüllt. Die Tische waren vor Eintritt der Besucher von den Angestellten zu einem großen Karree zusammengestellt worden. Daran hatten sich die Trauergäste in lockeren Gruppierungen niedergelassen. Während die beiden Bedienungen die verschiedensten Bestellungen entgegennahmen, entwickelten sich unter den Anwesenden schnell Gespräche. Manche Verwandte und Bekannte hatten sich jahrelang nicht mehr gesehen und dementsprechend tauschten sie nun die in der Zwischenzeit gemachten Erlebnisse untereinander aus. Am Kopfende saß Josef Ulitzka und unterhielt sich mit der Schwester seiner verstorbenen Frau. Im Karree gegenüber saß der Rest der engeren Familie. Marcel hatte sich neben seine Mutter gesetzt und starrte vor sich hin. Seine Gedanken waren bei der Toten. Er war der Einzige der Familie, der dem Tod von Irmgard Ulitzka beigewohnt hatte. Sein Großvater war an dem Abend erschöpft von den voraus gegangenen, tagelangen Wachzeiten bei seiner Frau bereits nach Hause gefahren. Marcel blieb aber am Bett seiner Oma. Diese lag seit vielen Stunden in einem todesähnlichen Koma. Obwohl die medizinischen Anzeigegeräte auf der Intensivstation keinerlei Verschlechterung des physischen Zustandes anzeigten, spürte Marcel instinktiv, dass die Zeit seiner Großmutter heute Nacht zu Ende ging. Ab und zu war eine Krankenschwester vorbeigekommen, um den Inhalt der Infusionsflaschen zu erneuern. Während Marcel unkonzentriert die Seiten einer Computerzeitschrift durchblätterte, griff er ab und zu nach der rechten Hand seiner Oma und berührte diese leicht. Erstaunlicherweise wies die Hand seiner Großmutter eine angenehme Wärme aus. Ihr Kreislauf war also anscheinend sehr stabil. Gerade als er wieder einmal nach der Hand seiner Oma tastete, spürte er plötzlich den festen Druck ihrer Finger. Erstaunt blickte Marcel seiner Großmutter in das Gesicht. Er erschrak fast, als er ihren konzentrierten und überaus wachen Blick auf sich gerichtet sah. Ihre Lippen bewegten sich und Marcel konnte leise Laute vernehmen. Sofort beugte er sich zu ihr herunter um die geflüsterten Worte besser verstehen zu können. »Marcel?« »Ja Oma. Ich bin bei dir.« Er spürte, dass sich seine Großmutter etwas aufrichten wollte und er half ihr dabei, indem er seine linke Hand hinter ihren Rücken schob und sie dadurch stützte. »Marcel?« »Ja, Oma?« Er merkte, wie sie nach Worten suchte. Ihr Blick schweifte dabei durch den Raum. Dann sah sie ihn wieder

an.

»Gut, das du da bist. Ich weiß, dass du mich etwas fragen willst. Etwas, was du nicht einordnen kannst.« Leise und sehr langsam kamen die Worte aus dem Mund seiner Großmutter. Ihr Blick glitt wieder von ihm fort. Marcel drückte leicht ihre Hand. »Oma, was ist mit Sabine?« Er spürte, wie ein Zittern den Körper seiner Großmutter durchlief. »Sabine, ach ja Sabine. Pass gut auf sie auf. Sie braucht dich dringender denn je. Und sei ihr nicht allzu böse. Sie tut es auch für dich und für die Kinder. Aber es geht nicht um Sabine. Sie hat sie geerbt. Meine Urgroßmutter hatte sie. Ich nur ganz, ganz wenig. Meine Mutter und deine Mutter nicht. Aber sie hat sie wieder. Erstaunlich. Ich dachte es wäre vorbei. Es muss etwas sehr Schlimmes bevorstehen. Dann wird sie geweckt.« Marcel rutschte nervös auf seinem Stuhl herum. »Wer wird geweckt, Oma? Ich verstehe überhaupt nichts.« Die Augen seiner Großmutter sahen ihn jetzt groß an. »Die Magie. Die Magie wird geweckt.« Marcel schluckte mühsam. War seine Oma etwa schon im Dilirium? »Magie, Oma?«

Er spürte, dass sich seine Großmutter wieder hinlegen wollte und er ließ ihren Kopf vorsichtig auf das Kissen zurück gleiten. Ihre Lippen bewegten sich und ein Lächeln erschien auf ihrem Mund. Marcel beugte sich wieder über sie. Ganz leise, fast wie ein Hauch, hörte er ihre Worte. »Es ist Melissa? Sie hat die Magie. Sie ist in großer Gefahr. Ich spüre es, ich spüre es

ganz stark

Ein Zittern ging wieder durch den Körper der alten Frau und Marcel merkte, wie ihre Finger sich in seiner Hand verkrampften. Seine Oma sah ihn noch einmal lächelnd und aufmerksam an, dann brach ihr Blick. Das Lächeln blieb auf ihrem Gesicht.

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Marcel behielt die Hand seiner Großmutter fest in seiner Hand. Langsam füllten sich seine Augen mit Tränen. Er bemerkte kaum, wie die Nachtschwester angestürmt kam und ihn von seiner Oma wegzog. Erst jetzt hörte er den gleichmäßigen Pfeifton des Kontrollgerätes, das den Herzstillstand eines Patienten anzeigte. Die Schwester beugte sich über seine Großmutter und schüttelte dann leicht den Kopf. »Gut, dass sie es überstanden hat. Die letzten Jahre waren nicht leicht für sie. Mein herzliches Beileid.« Marcel schreckte aus seinen Gedanken auf. Plötzlich nahm er wieder den Geräuschpegel in der Gaststätte war. Er merkte, wie ihn seine Mutter seltsam anschaute. »Ist was mit dir Marcel? Du hörst gar nicht zu, wenn ich mit dir rede?« »Nein, nein. Ich habe nur gerade noch einmal an die letzte Nacht bei Oma gedacht.« »Schön, dass wenigstens du bei ihr warst, als es zu Ende ging.« »Mama?« »Ja, Marcel?« »Glaubst du an Magie?« Seine Mutter schaute ihn nachdenklich an. »Magie? Wie kommst du jetzt darauf?« »Ach nichts. War nur so ein Gedanke.«

Die kleine Lara schlief friedlich in ihrem Bettchen. Marcel stand am Fußende des Kinderbettes und betrachtete liebevoll seine tief schlafende Tochter. Er erschrak nicht schlecht, als seine Frau ihm plötzlich an die Schulter fasste. »Entschuldigung, Marcel. Ich wollte dich nicht erschrecken.« »Äh, ja. Macht nichts. Ich habe nur noch einmal nach Lara geschaut.« »Ist sie nicht süß, wie sie da so friedlich in ihrem Bettchen schlummert?« »Und wie.« »Komm, lass Lara weiter schlafen. Gehen wir in das Wohnzimmer. Ich muss dir noch etwas von Ilona ausrichten.« Marcel schloss leise die Kinderzimmertür hinter sich und folgte Sabine in das Wohnzimmer. Dort ging er erst einmal zum Wandschrank und nahm die Whiskyflasche heraus. »Magst du auch einen?« »Warum nicht. Kann nicht schaden. Vielleicht werde ich dann ein bisschen ruhiger.« »Ruhiger? War was los im Kursus?« Marcel kam mit zwei Gläsern zum Couchtisch und schenkte beide Gefäße voll Whisky. »Na dann, Prost!« Sabine nahm ebenfalls einen kräftigen Schluck. »Ilona lässt fragen, ob du mit nach Griechenland fliegst. Du weißt schon. Wegen dem Schultheiss.« »Wann?« »Das hat sie mir nicht gesagt. Sie fragt nur, ob du überhaupt noch Interesse hast. Reisen dürft ihr beiden ja nun wieder.« »Na, die ist gut. Ich habe ihr doch gesagt, dass ich in den nächsten Wochen auf keinen Fall Urlaub nehmen kann.« »Kannst es ihr ja selber sagen. Du möchtest sie morgen mal anrufen. Ich weiß ja auch nicht genau, welchen Termin sie im Sinn hat. Außerdem wäre es mir sowieso ganz recht, wenn du nicht mit nach Rhodos fliegst. Lass sie ihren Rachefeldzug ruhig allein bestreiten. Sie ist dafür mit Sicherheit stark genug. Dieser Schultheiss tut mir jetzt schon leid.« »Ich werde zuerst einmal mit ihr reden. Mal sehen, wann sie fliegen will . Hat sie denn noch jemanden wegen der Sache angesprochen?« »Sascha natürlich. Sie war ganz froh, dass er zugestimmt hat, auf jeden Fall mitzumischen. Er soll sich nach eigenen Angaben auf Rhodos gut auskennen.« »Hmm, hmm. Also wenn Sascha mitmischt, brauche ich vielleicht nicht unbedingt mit von der Partie zu sein. Dann ist Ilona ja nicht ganz auf sich alleine gestellt. Aber ich werde das morgen mit ihr abklären.« Sabine trank ihr Whiskyglas aus und hielt es Marcel zum Nachschenken hin. »So, jetzt bin ich schon ein wenig ruhiger. Hast du eigentlich deine Schwester angerufen?« »An ihr Handy geht sie nicht ran. Immer kommt die blöde Meldung, dass der Teilnehmer leider derzeit nicht zu erreichen ist.« »Und im Institut auf Amalos?« Marcel schüttelte den Kopf. »Nein, leider auch nicht. In diesem verdammten Institut, scheint kein Mensch deutsch zu verstehen. Mit meinem schlechten Englisch konnte ich nur herausbekommen, dass es ihr anscheinend gut geht. Wenn sie

tatsächlich in Gefahr ist, wie Oma sagte, wäre es doch eigentlich gar nicht schlecht, wenn ich doch mit Ilona nach Rhodos fliege. Amalos ist von Rhodos nicht weit entfernt. Dann könnte ich gleich einmal selber nach Melissa schauen.« »Tja, wenn diese seltsame Sache mit deiner Oma nicht gewesen wäre, würde ich mir auch keine Gedanken machen. Obwohl ich an den Blödsinn mit der Magie sowieso nicht glaube. Aber wenn es vielleicht doch nicht nur Spinnerei war?« Marcel füllte Sabines Glas neu auf. »Ich werde morgen noch einmal versuchen, Melissa per Handy zu erreichen. Wenn wieder kein Kontakt zustande kommt, werde ich bei Ilona mitmachen.« Sabine sah ihn nicht an, als sie sagte, »Pass auf bei Ilona. Sie will diesen Schultheiss auf jeden Fall umbringen. Und ich wäre sehr froh, wenn du nicht zum Mittäter wirst.«

Dem politisch interessierten Menschen in Deutschland fiel auf, dass in den Nachrichtensendungen der meisten privaten Fernsehsender immer häufiger die Vertreter einer neuen Partei zu Worte kamen. Es handelte sich dabei um die Vertreter der Deutschen-Interessen-Partei. Auch in den diversen Talkrunden, war diese Partei nun gut vertreten. Im Gegensatz zu den Vertretern der etablierten Parteien brachten die durchweg rhetorisch gut geschulten Politiker der DIP wieder Schwung in die Sendungen. Mit fundierten Kenntnissen über die aktuellen Geschehnisse in Europa und der Welt, mit ausgezeichnetem, geschichtlichen Hintergrundwissen und vor allen Dingen immer mit einem Schuss Humor bei ihren Statements, gewannen die Frauen und Männer der DIP schnell viele Sympathien bei den Zuschauern. Auch in den anderen Medien wie Tageszeitungen und Boulevardblättern kamen immer mehr die Thesen dieser neuen Partei zur Sprache. Dabei stießen die Vorstellungen der DIP auf ein sehr positives Echo in der Bevölkerung. Die in Deutschland lebenden Bürger fühlten sich schon längere Zeit von den etablierten Parteien und deren Vertretern belogen und betrogen. Nicht umsonst wurde die Zahl der Nichtwähler bei Gemeinde-, Landtags- und Bundestagswahlen immer größer. Der Bürger bekam nun das Gefühl, dass die Deutsche-Interessen-Partei ihre Sorgen und Nöte ernst nahm. Vor allen Dingen wirkten alle Politiker dieser Partei sehr kompetent. Am Besten kam der politische Führer der DIP bei den Zuschauern an. Harald von Hohenstein wurde im privaten Fernsehen fast allgegenwärtig. Sein lockeres, sympathisches, intelligentes Auftreten kam bei den Menschen aller Generationen gut an. Es gab kaum einen Werbeblock, in dem nicht ein kurzes Statement von dem Professor zu aktuellen, politischen Themen erfolgte. Dabei sprach er der Mehrheit der Bevölkerung aus dem Herzen. Die Deutsche-Interessen-Partei deckte gnadenlos alle Missstände in Brüssel und Berlin auf. Der Bürger merkte, dass bei der DIP die Lobbyisten keinerlei Chancen mehr hatten. Über fehlgeleitete Investitionen, unsinnige Subventionen, Missmanagement bei deutschen Firmen und Behörden, Ausländerkriminalität, Asylmissbrauch, Zuwanderung und viele andere Themen mehr, wurde gnadenlos offen, mit Beweisführung, berichtet. Die Führung anderer Parteien versuchte mit Gewalt die Deutsche-Interessen-Partei als rechtsradikal abzustempeln. Aber wenn es in den Talkrunden darüber zur Diskussion kam, blieben meist die Vertreter der DIP mit ihrer offenen Art die Sieger. Die Zuschauer solcher Talkshows merkten, wie nervös und angespannt die Vertreter der etablierten Parteien bei solchen Begegnungen immer waren. Diese merkten anscheinend selbst, dass ihre übertrieben, diplomatischen Reden keinen Menschen im Lande mehr interessierten. Auch der Versuch der etablierten Parteien, bei den Fernsehanstalten durchzusetzen, dass sie die Vertreter der DIP nicht mehr in die Talkrunden einluden, kehrte sich in das Gegenteil um. Harald von Hohenstein wies diesen Versuch in einer extra aktuell dafür angesetzten Talkrunde nach. Die Zuschauer waren über diese Unterdrückungsversuche der freien Meinungsäußerung sehr empört. Wenn in den nächsten Tagen Bundestagswahlen gewesen wären, hätte die Deutsche-Interessen-Partei keinerlei Probleme gehabt, über die 5-Prozent-Hürde zu kommen. Manche aktuellen Umfragewerte ergaben sogar, dass mindestens 20 Prozent der deutschen Bevölkerung die DIP wählen würde. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender, kamen bei diesem Zuspruch nicht mehr umhin, Vertreter der Deutschen-Interessen-Partei in ihre Sendungen einzuladen.

Melissa ging seit über einer Woche Abend für Abend in den klösterlichen Zeremoniensaal. Die Äbtissin erschien aber nicht mehr. Die Studentin grübelte über die Ursache nach. Oft stand sie nun nach ihren Besuchen im Kloster, den weiteren Abend am Fenster und beobachtete die Front des alten Klosters, immer in der Hoffnung, irgendwo ein Licht zu sehen.

Melissa gab Blueboy frisches Wasser und legte sich auf ihr Bett. Sie musste noch einmal alles gründlich überdenken. Die Äbtissin hatte sie vor einem Unbekannten gewarnt. Seit der Begegnung mit diesem Doktor Schultheiss war Melissa klar, wer mit Er gemeint gewesen war. Die Botschaft der Äbtissin war nicht zu übersehen gewesen. Sie hatte ihr ja versprochen, es sie fühlen zu lassen, wenn Er vor ihr stand. Dieser plötzliche Schwindelanfall und vor allen Dingen dieses fast dämonische Grinsen im Gesicht von Schultheiss waren Hinweis genug. Andererseits konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen, wieso dieses schmächtige Männchen mit dieser unmodernen Nickelbrille eine Gefahr für sie bedeutete. Die Äbtissin war ja der Meinung, dass Melissa magische Fähigkeiten besaß. Komischerweise hatte sie noch keinerlei Kennzeichen dieser Art an sich festgestellt. Vielleicht lag es auch daran, dass sie immer zu logisch an alle Sachen ranging. Wie war das doch noch in dieser Nacht mit dem seltsamen Geistermädchen gewesen? Wo lagen die Ursachen für derartige Vorkommnisse? War sie unbewusst vielleicht selbst die Verursacherin dieser Phänomene? Und was war unter der Andeutung der Äbtissin zu verstehen gewesen, das Er Probleme mit ihrem Abbild hatte? Es half alles nichts. Sie musste wieder Kontakt mit der Ordensfrau bekommen. Diese wollte sie ja auch in der Anwendung der Magie schulen. Aber wo war die Äbtissin nur? Melissa wäre bei ihrer Grübelei fast eingeschlafen, als es leise an ihrer Tür klopfte. Sie stand auf, drehte den Schlüssel herum und öffnete die Tür. Vor ihr stand Doktor Schultheiss. »Guten Abend, Fräulein Kruft. Ich hoffe, ich störe Sie nicht bei irgendwelchen Studien?« Melissa schaute auf den kleinen Arzt hinunter. Sie versuchte, ihr immer mehr ansteigendes Unbehagen zu verdrängen. »Nein, nein. Ich wollte nur gerade zu Bett gehen.« »Darf ich Sie trotzdem noch für ein paar Minuten in Anspruch nehmen, Melissa?« »Wenn es sein muss.« Melissa deutete auf die kleine Sitzgruppe in ihrem Zimmer. Doktor Schultheiss ließ sich nicht lange bitten und nahm in einem der Sessel Platz. »Ach, Melissa, wenn sie hier ein paar Gläser und einen Korkenzieher haben, ich habe aus Rhodos einen ganz hervorragenden Rotwein mitgebracht. Den möchte ich eigentlich gerne mit Ihnen zusammen probieren.« Der Arzt entnahm der mitgebrachten Plastiktüte zwei Flaschen Rotwein. »So, eine ist ganz allein für Sie und die andere köpfen wir jetzt gemeinsam.« Melissa fühlte sich direkt überfahren. Sie kannte Doktor Schultheiss schon aus der Münchner Uni. Er war ein paar Mal bei der Präsentation von Forschungsergebnissen anwesend gewesen. Anscheinend war er auch gut mit den beiden Professoren befreundet. Deshalb konnte sie ihn jetzt nicht einfach rauswerfen, obwohl sie das liebend gerne gemacht hätte. Sie holte aus dem kleinen Sideboard einen Korkenzieher und zwei Wassergläser und stellte die Gläser auf den kleinen Tisch. Den Korkenzieher reichte sie dem Doktor. Dieser machte sich sofort daran, den Korken aus der Weinflasche zu entfernen. Er füllte beide Gläser randvoll. »So, Fräulein Kruft, bevor ich Ihnen die Ursache für mein spätes Erscheinen erläutere, trinken wir doch erst einmal von dem guten Nass.« Melissa tat wie geheißen und nahm einen kleinen Schluck Wein. Der war ausgezeichnet temperiert und schmeckte wirklich hervorragend. »Nicht schlecht, Herr Doktor. Wobei kann ich Ihnen also helfen?« »Es geht um Folgendes Melissa. Ich will gar nicht lange um den heißen Brei herumreden. Da gibt es eine ganz unangenehme Sache in München. Ihr Bruder, der ja auch mal mit Professor von Hohenstein befreundet war, oder noch ist, hat mich und einen Arzt meiner Klinik wegen angeblich illegaler Organverpflanzungen angezeigt. Inzwischen haben wir eine Gegenanzeige laufen. Es kam da zu einigen Gewalttätigkeiten, bei dem mein bester Arzt, Doktor Franz, fast umgebracht worden wäre. Ihr Bruder war bei dieser Sache beteiligt.« Melissa schaute ihr Gegenüber ungläubig an. »Marcel soll ihren Arzt fast umgebracht haben? Das kann ich mir nicht vorstellen. Der tut doch keiner Fliege, geschweige denn einem Menschen, etwas zu Leide.« Doktor Schultheiss drehte das Weinglas spielerisch in seiner Hand. »Nun, er war auf jeden Fall beteiligt und ist nun wegen versuchten Totschlags angeklagt.« Melissa wurde es ganz mulmig zumute. »Totschlag? Marcel? Also ich glaube das einfach nicht.« »Warum sollte ich Sie belügen, Melissa? Was hätte ich davon? Ich bin ja hier, um Ihrem Bruder zu helfen.« »Warum haben Sie ihn dann überhaupt erst angezeigt, wenn Sie ihm nun helfen wollen?« »Langsam, langsam, Melissa. Ich habe ihren Bruder ja gar nicht angezeigt. Das hat der schwer verletzte Doktor Franz gemacht. Es ist nur so, wie ich schon sagte, dass dieser Doktor Franz einer meiner besten Mitarbeiter ist. Gut, ich hätte ihren Bruder auch wegen Verleumdung anzeigen können, aber so was bringt ja nichts. Verstehen sie mich da jetzt bitte nicht falsch, wenn ich sage, dass man da auch etwas den gesellschaftlichen Abstand wahren muss. Ihr Bruder ist nur ein normaler Arbeitnehmer, es wäre unter meinem Niveau, mich mit ihm anzulegen.«

Melissa wurde von einer Sekunde auf die andere wütend. »Nicht auf ihrem Niveau? Na, Gott sei Dank, dass es auch noch einfache, ehrliche Angestellte gibt! Ich kenne Sie nicht gut genug, Herr Doktor, aber wenn sie nur den halben Anstand von meinem Bruder besäßen, wären sie ein reicher Mann.« Melissa ging zornig an das Fenster und schaute in die Dunkelheit hinaus. Sie sah sofort das Licht im alten Kloster. Ein Zimmer war hell erleuchtet und sie meinte sogar, die Gestalt der Äbtissin am Fenster zu erkennen. Gerade als sie noch genauer hinschauen wollte, erlosch das Licht. Melissa wartete noch einen Moment und ging dann zu dem Tisch zurück. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen, Herr Doktor Schultheiss. Meine Zeit ist zu kostbar, um mir Ihren Mist anzuhören.« Der Arzt stand abrupt auf. »Wie sie wollen Fräulein Kruft. Wir sprechen uns noch!« Er verließ sehr schnell das Zimmer. Melissa griff aufatmend zu ihrem Weinglas. Immerhin hatte er beide Flaschen dagelassen. Sie nahm einen großen Schluck. Fast im gleichen Augenblick drehte sich der ganze Raum um sie. Das Letzte, was sie gewahr nahm, war, dass ihr das Weinglas aus der Hand fiel und sie sich gerade noch auf ihr Bett fallen lassen konnte.

Die Flüge nach Rhodos waren allesamt ausgebucht. Sascha beglückwünschte Ilona Elsen dazu, rechtzeitig die Flugkarten via Reisebüro bestellt zu haben. Jetzt im zu Ende gehenden Sommer waren die Reisen nach Griechenland und in die Türkei natürlich besonders beliebt. Dort gab es selbst Ende September noch angenehme Temperaturen. Beide saßen sie in einer Cafeteria, im Terminal 2 des Münchner Flughafens und warteten auf Marcel. Dieser hatte sich nun doch entschlossen mitzufliegen, nachdem er über eine Woche keinerlei Verbindung zu seiner Schwester Melissa bekam. Er hatte Sascha von der seltsamen Botschaft seiner Großmutter erzählt. Sascha wiederum erzählte diese Geschichte auch Ilona. Diese wurde danach sehr nachdenklich. Sie berichtete Sascha, dass sie sich vor ein paar Jahren auch mit dieser Materie sehr beschäftigt habe. Was sie ihm nicht sagte war, dass dies während ihrer Zeit im Frauengefängnis geschah. Sie glaubte seitdem fest an diesen noch wissenschaftlich weitgehend unerforschten Bereich. Sowohl an die schwarze Form als auch an die weiße Form der Magie. Sascha hatte da eher noch so seine Zweifel. Aber warum nicht. Es gab unerklärliche Dinge. Wie sonst wäre er zum Beispiel durch den Ruf seines lange zuvor verstorbenen Vaters in Andreas Todesstunde aufgewacht? »Ah, da kommt Marcel ja endlich.« Ilona stand von ihrem Stuhl auf und winkte heftig mit beiden Armen. Marcel steuerte auch sofort ihren Tisch an. Er hatte genau wie Sascha nur eine Reisetasche bei sich. Nur Ilona kam nicht ohne größeres Gepäck aus. Ihr Koffer war wohl bereits in der Maschine. Marcel reichte beiden die Hand. »Na, ihr sitzt so ruhig hier, dabei ist doch unser Flug schon aufgerufen worden. Ich bin in der Eingangshalle ganz nervös geworden, weil ich wusste, dass es knapp wird. Dieser verdammte Verkehr in München. Der mittlere Ring war mal wieder dicht. Dann war noch die Autobahnausfahrt nach Moosinning wegen einem Unfall gesperrt. Wir sind nur über Erding – Eitting auf Umwegen hergekommen. Aber die verstärkten Kontrollen, seit dem Anschlag in Berlin, hätten mich trotzdem fast endgültig den Flug vergessen lassen können.« Sascha klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. »Na, jetzt bist du ja da. Das ist die Hauptsache. Ich glaube, wir checken jetzt tatsächlich besser ein, sonst starten die noch ohne uns. In 3 Stunden sind wir schon auf Rhodos.« Die Drei machten sich auf den Weg zum Gate und bestiegen, freundlich begrüßt von den Stewardessen, das Flugzeug nach Rhodos.

»Nun, Fräulein Kruft, wie fühlen sie sich?« Melissa versuchte, ihre Müdigkeit abzuschütteln und öffnete die Augen. Dabei schaute sie direkt in das lächelnde Gesicht von Doktor Schultheiss. Sie wandte ihren Blick von den seltsam hungrigen Augen des Arztes ab und schaute sich um. Die Einrichtung des Raumes erinnerte sie sehr an die Einrichtung von Intensivstationen. Mehrere Monitore, helle Neonleuchten und diverse technische Geräte, deren Funktionalität sie nicht kannte, waren im Raum und um sie herum angeordnet. Sie lag auf einer Liege. Als sie sich erheben wollte, stellte sie fest, dass ihr Körper mit mehreren Bändern an der Liege fixiert war. Melissa erschrak innerlich, was den Vorteil hatte, dass ihr Geist mit einem Schlag wieder ganz wach war. Nach außen versuchte sie kühl und unerschrocken zu wirken. »Was soll das hier werden, Doktor?« Das Lächeln von Doktor Schultheiss wurde noch intensiver. Er blickte die Studentin scharf durch seine Nickelbrille an. »Ja, was soll das werden? Sagen wir mal so. Ich habe das Gefühl, dass Sie gewisse Fähigkeiten besitzen, meine werte Studentin, die ich dringend für den Fortschritt bei meinen Forschungen benötige. Um nicht sogar zu sagen, für den Abschluss meiner Forschungen.«

Melissa stellte fest, dass ihre Arme nicht fixiert waren. Sie tastete vorsichtig den stramm angezogenen Gurt unter ihrer Brust ab. Aber wie sie schon vermutet hatte, fand sie keinen Ansatz, um den Gurt öffnen zu können. Die Schnallen befanden sich sicher unter der Liege. »So, ich habe also gewisse Fähigkeiten? Würden Sie mir bitte auch verraten, Herr Doktor, um was für Fähigkeiten es sich dabei handeln soll.« »Nur langsam, Melissa. Wir haben viel Zeit. Sie werden das Vergnügen haben, mich in den nächsten Wochen bei meinen Forschungen aktiv unterstützen zu dürfen. Wenn Sie kooperativ sind, kann diese Zeit auch für Sie sehr interessant werden. Sie werden eine Menge über sich erfahren, von dem sie bisher keinerlei Ahnung hatten. Dabei werde ich Sie leider manchmal bis an die Grenze ihrer Leidensfähigkeit bringen müssen. Aber wie schon gesagt. Wenn sie schön mitmachen, können wir diese für Sie äußerst unangenehmen Momente auf das wirklich notwendige Maß begrenzen.« Melissa verlor bei diesen Worten des Arztes nun doch etwas ihren Mut. Grenze ihrer Leidensfähigkeit. Das hörte sich verdammt schlecht an. Am besten war es wohl für sie, wenn sie zum Schein erst einmal kooperativ wirkte. »Schön, Herr Doktor. Da bin ich ja mal selber gespannt. Aber wo befinde ich mich hier eigentlich?« »Sie befinden sich in meiner Klinik auf Rhodos. Leider musste ich Sie erst ein wenig außer Gefecht setzen. Ich hatte das Gefühl, dass Sie nicht freiwillig mit mir hierher kommen würden. Deshalb dieses traumhafte Mittel im Rotwein. Und ehe Sie mich fragen, warum ich sie auf der Liege festgeschnallt habe? Für manche Übungen ist dies leider unumgänglich, aber ich kann Sie beruhigen, die meiste Zeit werden Sie sich frei bewegen können. Hier unten natürlich nur.«

»Hier unten?« Melissa sah den Doktor überrascht an. »Ja, hier unten. Meine Klinik befindet sich in der Altstadt von Rhodos und der Keller dieses Gebäudes ist mit den Katakomben unter der alten Stadtmauer verbunden. Und da kommen nun mehrere Vorteile auf einmal zusammen. Ich kann hier unten absolut störungsfrei arbeiten, weil der Zugang zu diesem Teil der Katakomben nur durch den Keller meiner Klinik möglich ist. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Mauern hier mehrere Meter dick sind. Teilweise über zehn Meter. Und diese Tatsache hat nun wiederum zwei neue, angenehme Vorteile. Erstens den Vorteil, dass keinerlei Laute nach außen dringen können und zweitens, dass keinerlei Strahleneinflüsse meine Ergebnisse beeinträchtigen. Ich habe jahrelang gebraucht um hier unten die Infrastruktur einer praktisch zweiten Klinik aufzubauen. Stromversorgung, Wasser, Operations-, Versuchs- und Aufenthaltsräume und so weiter und so weiter.« Melissa schluckte mühsam. »Ich soll also hier unten in den Gewölben meine nächsten Wochen verbringen? Was sagt denn eigentlich der Professor von Hohenstein, mein Chef, dazu?« Doktor Schultheiss beugte sich zu der Studentin herunter und flüsterte ihr ins Ohr. »Er ist einverstanden.« Der Arzt streichelte Melissa über die rechte Wange und sagte wieder lauter. »Er hat Sie ja extra nur für mich nach Griechenland gebracht. Ich habe Sie angefordert. Leider hat es ein wenig gedauert, bis ich mich um Sie kümmern konnte. Aber jetzt haben wir alle Zeit der Welt, um meinen Forschungen den letzten Schliff zu geben.« Der Arzt zog ein kleines Funkgerät aus seinem Kittel und schaltete es ein. »Ihr könnt Melissa jetzt in ihren Raum bringen.« Kaum hatte er das Funkgerät in seinem Kittel wieder verstaut, ging die Tür auf und zwei in weiß gekleidete Krankenschwestern traten ein. Sie gingen zu der Liege von Melissa hin und rollten diese aus dem Zimmer.

»Kali mera, wohin möchten Sie?« »Kali mera. Nach Faliraki. Hotel Calypso.” Sascha stieg vorne in das Taxi, während der Fahrer ihr Gepäck mühsam im Kofferraum verstaute. Nachdem dies gelungen war und auch Ilona und Marcel im Font platzgenommen hatten, ging eine ziemlich wilde Fahrt vom Flughafen Rhodos zum Badeort Faliraki los. Die drei Münchner waren froh, als sie gesund und munter vor dem Hotel Calypso mit ihrem Gepäck wieder ausgeladen wurden. Sascha bezahlte die 10 Euro Transportkosten und legte noch ein paar Euro als Trinkgeld dazu. »Efkaristo, und noch viel Erfolg.« »Parakalo, mein Herr.« Schon sauste das Taxi wieder davon. Marcel schnappte sich seine Reisetasche und Ilonas Koffer und beide folgten Sascha zur Rezeption des Hotels. Dort waren die Formalitäten schnell erledigt und sie bekamen ihre Zimmerschlüssel ausgehändigt. Die Zimmer lagen alle nebeneinander im ersten Stock. Ilonas Zimmer lag zwischen den Zimmern von Marcel und Sascha.

Bevor sie ihre Räume in Beschlag nahmen, wandte sich Sascha an die beiden. »Ich glaube, wir ruhen uns alle erst einmal eine Stunde aus. Dann ist es etwa 18 Uhr. Vergesst übrigens nicht, eure Uhr auch um eine Stunde vorzustellen. Ich kenne am Strand eine prima Taverne. Taverne Maria. Da gehen wir dann hin und besprechen das weitere Vorgehen.«

Die Reportage über den Medienmogul Theo Dom wurde von mehreren Millionen Zuschauern zur besten Sendezeit im ersten Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gesehen. Dom besaß den größten Medienkonzern Europas mit knapp 7 Milliarden Euro Jahresumsatz. Trotz der allgemeinen, wirtschaftlichen Flaute ging es dem Konzern sehr gut. Viele Firmen, Beteiligungen und Kooperationen waren in dem Unternehmen enthalten. Der Medienmogul wurde im Oktober 1924 in München geboren und promovierte nach einem Betriebswirtschaftstudium an der Universität München zum Doktor. Er fing ganz von unten an. Nach dem Kauf von diversen Spielfilmen und Filmlizenzen und jahrelanger Partnerschaft mit den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, gründete er eigene, private Fernsehanstalten. Dazu kamen noch mehrere Pay-TV-Sender sowie verschiedene Buch- und Zeitschriftenverlage. Nach der Vorstellung des bisherigen Lebensweges des Medienmoguls interviewte die Reporterin Theo Dom zu aktuellen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Themen. Danach ging sie zu privateren Fragen über. »Herr Dom, wie geht es Ihnen eigentlich gesundheitlich? Sie sind ja monatelang nicht in der Öffentlichkeit aufgetreten. Von Ihren engsten Mitarbeitern war nur zu erfahren, dass Sie sich mal eine kleine Ruhepause nach all den erfolgreichen Jahren gönnen.« »Meine liebe Dame. Normalerweise rede ich öffentlich nicht über mein Wohlbefinden. Aber nachdem Sie mich bisher fair behandelt haben, will ich Ihnen verraten, dass ich dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen bin.« Die Reporterin wirkte plötzlich aufgeregt. »Tatsächlich Herr Dom? Kann man da mehr erfahren?« »Ja, können Sie. Meine beiden Nieren haben plötzlich nicht mehr mitgespielt. Es war nur noch eine Frage von wenigen Wochen, dass sie total ausgefallen wären. Ich habe mich dann notgedrungen zu einer Transplantation entschlossen. War gar nicht so lustig. Zwei Nieren gleichzeitig zu ersetzen, birgt ein großes, medizinisches Risiko in sich. Aber ich hatte zweimal viel Glück. Erstens, dass zwei passende Nieren für mich gefunden wurden und zweitens, dass mir die besten Ärzte für diese Art der Operation zur Verfügung standen.« »Herr Dom, darf ich fragen, wo die Transplantation durchgeführt wurde?« »Ich war in Griechenland. Genauer gesagt auf Rhodos. Dort gibt es ein ganz ausgezeichnetes Chirurgenteam. Ich muss allerdings für diesen Tipp auch meinem langjährigen Freund, Professor Metzger, danken.« Die Reporterin rutschte nervös auf ihrem Sessel herum. »Professor Metzger? Ist das nicht der Vater von Professor von Hohenstein, über den wir vor kurzem ebenfalls eine Reportage gemacht haben?« Theo Dom nickte. »Ganz genau. Den Harald kenne ich auch schon von klein auf. Der hat sich wirklich prima gemacht. Nicht nur bei seinen Genforschungen, sondern auch politisch. Ich unterstütze jedenfalls seine Deutsche-Interessen-Partei. Den Harald könnte ich mir sehr gut als neuen Bundeskanzler vorstellen.«

Melissa Kruft starrte auf die Decke in dem kleinen, engen Raum. Sie lag auf einem durchaus bequemen Bett. Auch sonst mangelte es ihr eigentlich an nichts. Das einzige Problem war die fehlende Bewegungsfreiheit. Sie konnte zwar ihr Zimmer verlassen und zum Beispiel ein Bad oder die Toilette aufsuchen, auch ein paar andere, durchweg unbewohnte Zimmer betreten, aber sie war eben unter der Erde eingeschlossen. Wie sehr sehnte sie sich danach, endlich einmal wieder in den abendlichen Sternenhimmel schauen zu können. Essen und Getränke, bekam, sie von Krankenschwestern gebracht. Sie hatte schon oftmals versucht, ein Gespräch mit ihnen anzufangen, aber die Schwestern sprachen und verstanden anscheinend ausschließlich griechisch. An eine Flucht war auch nicht zu denken. Die Krankenschwestern kamen immer zu zweit. Außerdem trug Melissa Fußfesseln, mit denen sie sich zwar langsam bewegen, aber keinesfalls einen Kampf eingehen konnte. Melissa war kein ängstlicher Typ, aber dieses eingesperrt sein, ging doch sehr auf ihre Psyche. Seit ihrer Ankunft hier in den Katakomben unter Rhodos, hatte sie Doktor Schultheiss nicht wiedergesehen. Der schien tatsächlich viel Zeit zu haben. Oder wollte er sie nur richtig mürbe machen? Gut, es gab hier unten sogar eine kleine Bibliothek, aus der sie sich bedienen konnte. Klassiker der deutschen Literatur, Biografien, Bildbände, Romane, alles war vorhanden. Insofern konnte sie sich wenigstens etwas von ihren Grübeleien ablenken. Aber viel half das auch nicht. Immer wieder fragte sie sich, warum Professor Harald von Hohenstein, sie an diesen Doktor Schultheiss praktisch ausgeliefert hatte. Was war der Hintergrund dafür?

Selbst wenn sie magische Fähigkeiten besaß, von denen sie bisher aber noch nichts bemerkt hatte, was wollten die Ärzte damit eigentlich anfangen? Melissa erinnerte sich nur zu gut an die beiden Gespräche mit der Äbtissin. Sie begann langsam zu begreifen, dass Doktor Schultheiss die Nonnen der weißen Magie bei seinen bisherigen Versuchen alle geopfert hatte. Nur die Äbtissin war übrig geblieben, weil sie zu stark für ihn war. An sie war er nicht herangekommen. Von wegen, das Kloster wäre seit Jahrzehnten unbewohnt gewesen. Doktor Schultheiss und wahrscheinlich die beiden Professoren hatten die Nonnen in den letzten Jahren durch ihre Versuche praktisch ausgerottet. Die Oberin der weißen Magie hatte sie ja vor ihm mehrmals gewarnt. Melissa wusste jetzt auch, warum beim Besuch des Doktor Schultheiss bei ihr im Zimmer das weiße Licht in einem der Klosterfenster so hell leuchtete. Es war als Warnung gedacht gewesen. Aber wie hätte sie ein Betäubungsmittel ahnen können? Auf jeden Fall war ihre Entführung mit langer Hand vorbereitet worden. Doktor Schultheiss musste ebenfalls besondere Kenntnisse besitzen. Vielleicht hatten ihm seine Forschungen an den Nonnen schon magische Begabung vermittelt. Wie sonst hätte er feststellen können, dass Melissa magische Fähigkeiten besaß. Sie musste ihm schon damals in der Münchner Uni aufgefallen sein. Melissa wollte gerade zu ihrem Getränk greifen, als zwei Krankenschwestern in ihre Zelle traten. Sie sagten etwas zu Melissa, was diese aber nicht verstand und deuteten mit Gesten an, ihnen zu folgen. Behindert durch die Fußfesseln ging Melissa hinter der einen Krankenschwester her, während die andere Schwester in ihrem Rücken blieb. Die erste Schwester schob eine Keykarte in den dafür vorgesehenen Schlitz an der Tür zum Klinikbereich, worauf diese Tür mit einem Summen in der Wand verschwand. Doktor Schultheiss schaute ihr lächelnd entgegen. »Na, meine liebe Melissa. Wie gefällt es Ihnen bei uns?« Er machte den Krankenschwestern ein Zeichen, woraufhin diese wieder den Klinikbereich verließen. Die Tür schloss sich automatisch hinter ihnen. »Kommen sie Melissa, setzen sie sich zu mir.« Der Arzt deutete auf einen Stuhl vor einem Schreibtisch. Melissa nahm Platz, während sich Doktor Schultheiss locker auf die Schreibtischkante setzte. »Wir fangen heute mit den Versuchen an. Meiner Meinung nach haben sie einen ganz außergewöhnlichen PSI-Faktor, Melissa. Wir werden ihre Fähigkeiten zur Telikenese, Telepathie, Hellseherei und so weiter testen.« Melissa wurde von einer Sekunde auf die andere wütend. »Sie können mich am Arsch lecken, Doktor. Sie sind ja krank. Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie mich entführt haben? Ich bringe Sie hinter Gitter.« Doktor Schultheiss schien äußerst amüsiert über Melissas Wutausbruch zu sein. »Aber, aber kleine Studentin. So zornig? Es gefällt mir, wenn Sie wütend werden, dass wird ihre PSI-Kräfte umso besser aktivieren.« »Scharlatan! Ich werde bei keiner Ihrer blödsinnigen Übungen mitmachen. Meinetwegen bringen sie mich um, aber von mir kriegen sie keinerlei Unterstützung.« Doktor Schultheiss erhob sich vom Schreibtisch und ging in ein Nebenzimmer. Nach einer kurzen Zeit kam er mit einem breiten Grinsen zurück. In der rechten Hand hielt er den Käfig mit dem kleinen Mäuserich Blueboy darin. Melissa erschrak fürchterlich. »So, ich kann Sie also ruhig umbringen? Das hilft mir aber absolut nicht bei meinen Forschungen weiter, Melissa. Nein, das bringt nichts. Ich habe erfahren, wie sehr Sie hier an dem kleinen, blauäugigen Burschen hängen. Ich nehme auch schwer an, dass ihnen sehr daran gelegen ist, dass dem Nager nichts passiert. Ist das so, Melissa?« »Sie dreckiges Schwein!« Melissa schrie ihre Angst um Blueboy hinaus. Der Arzt stellte den Käfig auf den Schreibtisch und setze sich wieder auf die Tischkante. »Ich mache Ihnen folgenden Vorschlag, Melissa. Sie zeigen sich kooperativ, auch wenn ich Ihnen, wie schon erwähnt, manchmal starke Schmerzen zufügen muss und dafür bekommen Sie ihren geliebten Mäuserich zurück. Sie können ihn hier unten in ihrer Zelle hegen und pflegen. Futter für ihn bekommen Sie natürlich auch. Na wie ist es?« Melissa suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Es war aussichtslos. »Gut, sie Schwein. Ich werde mitmachen. Aber Gnade ihnen Gott, wenn ich hier rauskomme.« Doktor Schultheiss lächelte Melissa wieder freundlich an. »Na also. Es geht doch.« Er stand auf und stellte sich vor Melissa hin. Dann schlug er der Studentin plötzlich mit der rechten Hand kraftvoll in das Gesicht. Melissas Kopf wurde dabei zur Seite gerissen. Sie stieß einen lauten Schmerzensschrei aus. Aus ihrer Nase tropfte Blut. »Wenn du mich noch einmal Schwein oder Scharlatan nennst, du kleine Schlampe, werde ich dir zeigen, wofür Frauen eigentlich gemacht sind.« Melissa sah mit tränenden Augen in das nahe Gesicht des Arztes. Dessen Lächeln war vollkommen verschwunden. Ein wahnsinniger Ausdruck hatte den Platz eingenommen.

Die Taverne Maria hatte kaum Gäste. Ilona, Marcel und Sascha fanden deshalb leicht einen Platz, der ihren Wünschen entsprach. Aus den Boxen an der Hauswand, wurde die abendliche Stimmung, mit der im Meer untergehenden Sonne, durch einen melancholischen Sirtaki unterstützt. Sie hatten es sich kaum am Tisch gemütlich gemacht, als auch schon Maria aus der Taverne trat und auf ihren Tisch zusteuerte. Die Wirtin war knapp dreißig Jahre alt, mit sehr weiblichen Rundungen und langen, fast bis auf die Hüfte fallenden, schwarzen Haaren. Sie wirkte zunächst ein bisschen mürrisch, doch als ihr Blick auf Sascha fiel, klatschte sie freudig in die Hände. »Ja, ist das wahr? Sascha. Du bist wieder auf Rhodos? Welche Freude!« Sie ging um den Tisch herum und drückte Sascha einen dicken Kuss auf die Wange. Dabei schielte sie vorsichtig zum Taverneneingang hinüber, ob auch Nikos nicht zuschaute. Der war immer gleich so eifersüchtig. Sascha stand auf und umarmte Maria kurz. Ganz schnell gab er ihr auch einen kleinen Kuss auf die Lippen. »Ja, Maria. Kaum bin ich auf Rhodos, schon sitze ich wieder bei euch in der Taverne. Wie geht es denn so?« »Schau dich um, Sascha. Kaum Gäste. Ich bin schon stocksauer. In Faliraki haben einfach zu viele Tavernen und Gaststätten aufgemacht. Da verlaufen sich die Gäste. Aber es ist auch noch früh. Vielleicht kommen noch ein paar Touristen. Schön warm ist der Abend ja. Aber egal. Wann warst du das letzte mal bei uns, Sascha? Ich denke, dass es vor drei Jahren war, kann das sein?« »Auch etwa um diese Jahreszeit. Darf ich dich mit meiner Begleitung bekannt machen. Das ist Ilona und das ist Marcel. Beide auch aus München.« Maria reichte den beiden die Hand. »So, zur Begrüßung bringe ich euch erst einmal unseren besten Kokkino Krasi. Und natürlich einen Ouzo. Halt, da fällt mir ein, dass du ja keinen Alkohol trinkst, Sascha. Oder bist du inzwischen zum Besseren bekehrt worden?« »Nein, nein, Maria. Nach wie vor kein Alkohol. Aber den beiden bringst du deinen Rotwein. Die sollen auch mal was Gescheites trinken. Mir bitte nur Mineralwasser.« Maria entschwand elegant vom Tisch und Ilona wandte sich an Sascha. »Donnerwetter, Sascha. Du hast wohl deine Freundinnen international? « »Maria ist eine ganz Liebe. Ich habe sie übrigens in München kennen gelernt. Ihr Vater hat über 20 Jahre bei BMW gearbeitet. Sie ist praktisch in Deutschland aufgewachsen. Bis ihr Nikos über den Weg gelaufen ist. Ihm ist sie dann nach Rhodos gefolgt. Aber sie ist auch mit Leib und Seele Griechin. Sie gehört nicht nach Deutschland.« Bis tief in die Nacht saßen die Drei in der Taverne. Maria und Nikos setzten sich zu ihnen an den Tisch und es wurde ein unterhaltsamer und lustiger Abend. Nikos war besonders von Ilona angetan. Als sein Alkoholpegel stieg, redete er Ilona nur noch als meine Göttin an. Sascha kam auch bald hinter den Zusammenhang. Als er zur Toilette ging, sah er ein großes Bild von Aphrodite an der Wand hängen. Und tatsächlich. Die Aphrodite auf dem Bild hatte große Ähnlichkeit mit Ilona. Figur, Gesicht und vor allen Dingen die langen, roten Haare. Der einzige Nachteil des Abends war, dass sie überhaupt nicht zur weiteren Planung ihrer Aktionen kamen. Weit nach Mitternacht hakte er die durch Ouzo, Metaxa und Rotwein schwer angeschlagenen Ilona und Marcel unter und führte beide in das Hotel zurück.

Sabine legte sich ermattet auf die mit einem dunkelroten Bettuch überzogene Matratze. Gerade war ihre letzte Kundin aus dem Appartement verschwunden. Frauen waren wesentlich anstrengender als Männer. Sabine hatte Durst. Sie stand wieder auf und holte sich aus dem Kühlschrank eine Flasche Apfelsaft. Gierig trank sie die halbe Flasche leer. Dann schaltete sie den Fernseher ein und legte sich wieder zurück auf die Matratze. So viel Geld für knapp eine Stunde Liebesdienst waren nicht schlecht. Aber ging das noch lange so gut? Was war, wenn Marcel eines Tages doch einmal hinter ihren wahren Job kam? Sie wünschte es vor allen Dingen Marcel nicht. Es würde ihn sehr schwer treffen. Das hatte er nicht verdient. Vielleicht sollte sie doch so bald wie möglich als Belle de Jour aufhören. Geld genug hatte sie ja schon verdient. Sie musste mal ernsthaft darüber nachdenken. Am besten beriet sie sich einmal mit Ilona, wenn diese aus Griechenland zurück war. Sabine wurde bei ihren Gedanken von der Nachrichtensprecherin im Fernsehen abgelenkt. »Meine Damen und Herren, wir unterbrechen die laufende Sendung wegen einer aktuellen Meldung. Vor etwa einer Stunde wurde die Staatssekretärin im Auswärtigen Amt Kirsten Maier von bisher unbekannten Tätern entführt. Zeugen berichten, dass das Fahrzeug der Staatssekretärin in einer Einbahnstrasse von zwei anderen Fahrzeugen gestoppt wurde. Die beiden Leibwächter und der Fahrer der Staatsekretärin wurden von den Kidnappern erschossen. Die Staatssekretärin kam

gerade von einer Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten bedürftiger Kinder in Afghanistan. Wir setzen jetzt unser Programm fort. Aktuelle Meldungen zu diesem Vorfall können Sie in unserer Nachrichtensendung um 13 Uhr sehen.«