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Martina Jung Tholpetty Nationalpark

Es ist warm, sehr warm, und die Luft ist feucht und schwer. Ich liege auf einem Rattanbett. Über mir hängt unordentlich zusam- mengeknotet ein Moskitonetz von der Decke herunter, das einmal weiß gewesen sein muss. Mein dünnes Baumwollhemd klebt mir auf der Haut. Im Nacken unterm Haaransatz sammelt sich Schweiß und läuft in einem Rinnsal den Rücken hinunter. Diffuses Licht fällt durch das Palm- dach und die Fensterläden hindurch, die aus Kokospalmwedeln geflochten sind. Auch die Seitenwände sind aus diesem Material. Während ich auf dem Rücken ausgestreckt liege und meinen Ge- danken dabei zusehe wie sie sich langsam auflösen, rieche ich, dass es Mittagszeit ist. Ich ahne, dass draußen die Sonne gleißt. Nur wenige Vögel zwitschern. Ein leichter Windhauch trägt den betörenden Duft von Kaffeeblüten zu mir in die Hütte. Der Duft der Kaffeeblüte ähnelt dem des Jasmin, nur ist er sanf- ter und zarter. Ich sehe die duftigen Blüten vor mir, wie sie wie weiße Schaumkrönchen auf dem dunkel glänzenden Laub des Kaffeebusches sitzen und ich weite meine Nasenlöcher, um ihren Duft tief in mich hineinströmen zu lassen. Von draußen, von der Zufahrt zur Plantage her rattert ein Motor- roller vorbei und bringt, nachdem er schon kaum mehr zu hören ist, noch einen Schwall Abgase zu mir herein. Durch die angelehnte Tür zur Toilette riecht es nach Fäkalien und Kloake, unzureichend überdeckt vom scharfen Geruch großzügig verwendeter Chemikalien.

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Ich stehe auf und gehe zum Fenster – öffne einen Spalt weit die Fensterläden. Eine weißhelle Bahn aus Sonnenlicht fließt jetzt in den Raum und übergießt mich heiß. Ich sehe hinaus in den Mittag und verfolge mit zu Schlitzen zu- sammengekniffenen Augen den schattenlosen Weg, der von hin- ten her auf das Haupthaus zu führt.

Auf einer langen Leine aufgereiht hängen aufwändig geschmückte Kostüme zum Lüften hinter dem Haus. Das Herrenhaus ist im Kolonialstil aus roten Ziegeln gebaut. Es ist ein stattliches Haus und erinnert an die Zeit vor der Unabhängigkeit Indiens. Überwiegend rot und orange, in vielfältigen Variationen leuchten die heiligen Kostüme in der Sonne. Mit Borten, gestickten und applizierten Ornamenten, mit Glas- perlen und Pailletten geschmückt, glitzern sie mir entgegen. Gestern Nacht, beim Tempelfest, als ich ganz nah dran war, konnte ich sehen, dass sie an vielen Stellen, durch den häufigen Gebrauch ausgebessert worden waren. Jetzt dünsten sie die vergangene Nacht und viele Nächte davor in die heiße Mittagsluft hinein. Sie mischen hinein den Schweiß ihrer Träger. Das, was die leise Mittagsbrise zu mir herüber trägt, erzählt von nächtlichen Tempelprozessionen. Von Fackelzügen, Trommlern und Fahrzeugen, auf denen grellbunte, mechanisch bewegte Pup- pen Szenen aus der hinduistischen Götterwelt zeigen. Der Wind trägt aber auch den muffigen Geruch von Naphtalin zu mir herüber, und ich muss daran denken, wie schnell in diesem

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Klima solche Pracht angefressen und unbrauchbar wird. Eine Ah- nung von Vergänglichkeit trübt meine Stimmung. Ich sehe den Elefanten vor mir, der gestern Nacht, über und über geschmückt, inmitten der Tempelprozession zu Ehren von Bha- gavawati mitgeführt wurde. Seine weichen, bedächtigen und laut- losen Schritte inmitten des Treibens, während schrille Musik aus eigens mitfahrenden Lautsprecherwagen tönte und erregende Trommelschläge meinen Herzschlag beschleunigten, zuckende Tänzer und aufblitzende Lichter vielerlei Art die Zeit hatten still stehen lassen. Ich erinnere das Leuchten von kleinen, tönernen Öllämpchen, ge- tragen auf den Händen von Frauen und Kindern im Festtagsge- wand, Jasmingirlanden im schwarzglänzenden Haar, das Lodern der Fackeln und das beinahe taghelle Licht von Scheinwerfern, die auf eigens mitgeführten Wagen montiert waren. Mittendrin al- so in all dem Trubel schritt lautlos der Elefant. Obenauf, hinter seinem großen Kopf, sehe ich die drei Jungen sit- zen. Sie mögen im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren gewesen sein. Sie trugen weiße Dhotis; ihre Oberkörper waren nackt, die dunkle Haut schimmerte im wechselnden Licht. Es waren Jungen auf der Schwelle zum Mann. Ihre Gesichter strahlten, für kurze Zeit so weit über die Menschenmenge hinaus- gehoben, glücklich in die Nacht. Der Elefant aber, grau und faltig, schien unter seinem üppigen Schmuck blind und taub für all das Treiben um ihn herum seinen eigenen Rhythmus weiter zu gehen. In der Festsaison feiert jeder der zahlreichen Hindutempel sein ei- genes Tempelfest. Tagsüber, festgebunden auf einem Lastwagen,

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wird der Elefant über die holprigen Straßen Keralas von einem Einsatzort zum nächsten gefahren. Immer noch stehe ich am Fenster. Durch alle die Gerüche hin- durch, die mir der Mittag bringt, nehme ich jetzt einen ganz deut- lich wahr, einen Geruch, der sich niemals vollständig überdecken lässt. Irgendwo, nicht weit von hier, verwest ein Tier.

Martina Jung. Ich bin 1955 in Ulm geboren. Mein Patenonkel war Buchhändler, und so wurde ich früh zur Leseratte. Nach dem Abitur habe ich einige Semester Germanistik und Romanistik in Freiburg und Tübingen studiert, wollte aber nicht Lehrerin werden. So bin ich Physiotherapeutin geworden. Da fehlte mir dann jedoch der Bezug zum komplexen, prallen Leben, wie ich ihn in der Literatur immer fand. 1990 stieß ich auf die Feldenkraismethode und damit auf eine Arbeit, die geistige und körperliche Bewegung verbindet. Das Selberschreiben von Texten hat mir persönlich Auftrieb gegeben.

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